ngiyaw-eBooks Home


Kunigunde Ansion Hasatty – Ein Distanzrittpreis.

Novelle

aus: Frauen-Werke. Herausgegeben von Marianne Nigg, Kornenburg, 1. Jg., Nr. 4, Juni 1894, S. 30; Nr.5, Juli 1894, S. 38 f.; Nr.6, August 1894, S. 51

Gegensätze berühren sich – dies erklärt die innige Freundschaft zwischen dem eleganten, lebenslustigen, witzsprühenden Oberlieutenant Baron Otto G. und dem herzensguten, aber etwas schwerfälligen Rittmeister Hans von D. In der Ergänzung ihrer Charaktere lag der Zauber, welche sie gegenseitig so mächtig anzog, daß man sie bald allenthalben die Dioskuren nannte.

Zu Weihnachten und Ostern fuhr Hans stets für einige Tage auf sein Gütchen, dessen Verwaltung der angrenzend begüterte Oheim übernommen. Es währte lange, ehe er selbst dem Freunde vertraute, daß die Anwesenheit seiner Cousine Herda der eigentliche Anziehungsgrund für ihn war.

Die beiderseitigen Eltern hatten seinerzeit schon eine Verbindung geplant, doch Hans belächelte den Einfall – bis er Herda nach mehrjähriger Abwesenheit als holderblühtes Mädchen wiedersah; da hätte er ihr sofort Hand und Herz zu Füßen gelegt, wenn der Oheim nicht zu warten geboten, bis sie die Schule vollkommen beendet habe. Nun endlich war die Frist verstrichen, in fieberhafter Aufregung harrte er der nahen Weihnachten. »Ich möchte Dich so gerne einmal mitnehmen, Otto«, meinte er, »aber du wirst begreifen ...«

»Gewiß, gewiß, zu dergleichen braucht man keinen Elephanten, außer dem Monde und einer Zitatauswahl deutscher Dichter«, beruhigte Otto lachend den Freund. Er verbrachte noch ein paar frohe Tage mit ihm, geleitete ihn zur Bahn und rief als Scheidegruß: »Ich will hoffen, daß Alles gut abläuft!«

Hans gab nur kurze Nachrichten von seinem körperlichen Befinden, die der Oberlieutenant mit verlockenden Berichten über die Zerstreuungen der Herbstsaison beantwortete. Erst als er den Freund bei der Rückkehr freudestrahlend umarmte, ward sein Herzensverhältnis wieder berührt: »Deine Miene zeigt, daß ich Dir zur Verlobung gratulieren – muß«.

»Es ist noch nicht ganz fix – Herda ist mir recht gut, will aber durchaus einen Fasching in Wien verbringen und ein Bischen reisen, ehe sie sich verlobt. Den Eltern gelte ich unbedingt als künftiger Schwiegersohn. Haben mich auch beauftragt, für sie hier sofort eine hübsche Privatwohnung zu suchen – wirst mir an die Hand gehen dabei?«

»Gerne – aber mußt auch mir gefällig sein, wenn ich Ritterdienste von Dir heische!«

Wenige Tage nach der Ankunft der Familie stellte Hans den Freund vor; er hatte die Genugthuung, zu sehen, daß ihn Herda's Erscheinung überraschte. Sie sah auch so wunderlieb aus in dem duftigen hellblauen Kleid, die dunklen Wimpern, in leichter Verlegenheit ein wenig stärker gesenkt, hoben bei jähem Aufblicken das grünliche Grau der Augen, und das kindliche frohe Lächeln ließ die spitzen Zähnchen so neckisch zwischen den frischen rothen Lippen erschimmern, daß es ihm wirklich große Ueberwindung kostete, blos Cousinchens Hand zu küssen.

Der Baron verhielt sich sehr förmlich und dankte für die herzliche Einladung, recht oft mit Hans zu kommen, nur durch eine stumme Verbeugung. Er grüßte die Damen im Theater und wechselte mit ihnen auf dem Empfangsabend der Gräfin M. einige Worte, wie es die Artigkeit gebot. Tags darauf überbrachte ihm Hans eine Einladung zu Tantens Thee en petit comite und machte ihm leise Vorwürfe über sein steifes Wesen, das Herda arg verstimmt habe. Man hätte eine rasche Annäherung seines besten Freundes erwartet, von dessen Unterhaltungsgabe er so viel erzählt, und nun stehe er beinahe blamiert da. – Der Baron lachte froh, er gestand, in den letzten Tagen durch »Pferdegeschichten« verstimmt worden zu sein, – nun wolle er es schon gut machen!

Von da an war Herda mit Otto zufrieden, und Hans freute sich aufrichtig des Wohlgefallens, das sie dem Freunde widmete. Doch eines Abends fand ihn Otto recht niedergeschlagen. »Es ist doch groß, was für Launen solch ein Mädchen hat!« rief er mit bebender Stimme, »Herda erklärte dem Vater, sie wolle nicht nur als frei gelten, sondern sich auch frei fühlen. Darum habe sie sich ihre Antwort auf meine Werbung bis zur Rückkehr nach Hause vorbehalten – ich dürfe mich daher nur als Vetter betrachten«.

»Das hat sie gesagt!« jubelte Otto.

Hans ward todtenbleich – wie entgeistert starrte er auf den Freund, der, verwirrt zu Boden blickend, stammelte: »Wenn ihr Herz Dir nicht ganz gehören kann, ist es doch besser, sie entdeckt es jetzt –«

»Ihr liebt Euch?« fragte der Rittmeister dumpf.

»Ich kann nur für meine Person antworten,« entgegnete der Baron, ihm ehrlich ins Auge blickend.

»Du – mein Freund!« schrie der andere bitter auf und Thränen der Enttäuschung füllten seine Augen.

»Ich habe gekämpft – umsonst! – Doch ich räume das Feld,« damit verließ er das Zimmer. Hans sank ächzend auf einen Stuhl, kreuzte die Arme auf den Tisch und ließ den Kopf schwer darauf niederfallen.

Andern Tags waren beide krank gemeldet. Der Arzt wollte den Oberlieutenant nach Abbazia schicken, da schlich Hans zu ihm hinüber: »In eifersüchtiger Aufwallung habe ich Dich angeklagt, Otto, und Du willst fort,« sagte er, »aber was möchte es helfen, wenn sie Dich lieb hätte! – Komm', lass uns in ehrlichem Wettbewerb neben einander stehen – wie ihr Herz auch entscheide, unsere Freundschaft zerstöre es nicht.«

Der Baron fiel ihm um den Hals: »Angenommen, mein guter, treuer Hans!«

Lächelnd gewahrte die Gesellschaft, wie die Freunde ein und demselben Mädchen huldigten. »Hans sollte doch einsehen, dass er mit Otto nicht concurrieren kann!« meinten die Leute. Doch als Otto an Herda selbst die entscheidende Frage stellte, bat sie verwirrt um Geduld. Sie hoffe, während der Entfernung, die die geplante Reise biete, sich selbst erst über ihre Gefühle klar zu werden.

Die Officiere lebten in fieberhafter Aufregung dahin, obgleich anstrengende Berufspflichten die Wartezeit scheinbar verkürzten. Da erhielt Hans ein Schreiben von Herda. Kaum vermochten seine zitternden Finger das Couvert zu öffnen, dann tanzten die zierlichen Buchstaben so bunt vor seinen Augen, dass er wiederholt lesen musste, ehe er den seltsamen Inhalt begriff. Das Mädchen schrieb:

»Als ich von dem geplanten großen Distanzritt vernommen, kam mir die Idee, dass ich nicht selbst zwischen Euch wählen soll. Gleich meiner Ahnfrau, die den Ritter erkor, der im Turnier gesiegt, will auch ich demjenigen von Euch beiden, der Berlin zuerst erreicht, als dem mir bestimmten Gatten folgen.

Herda.«

Mit sehr gemischten Gefühlen schritt Hans der Wohnung des Freundes zu. Auf Otto übte der Brief eine ganz andere Wirkung. Er pries Herda's edle, echt aristokratische Gesinnung und war gleich Feuer und Flamme für den Vorschlag. – – – – – – – – – – – –

Auf wohl trainierten, vorzüglichen Pferden wagten die Dioskuren den Ritt. Niemand außer ihnen und dem Mädchen ihrer Liebe kannte den Preis, der sie zog. Das leise Wiegen im Sattel erhöhte ihren Kampfesmuth; stundenlang hielten sie sich in gleicher Höhe, ohne ein Wort zu wechseln; fest drückten die Schenkel die Weichen der Thiere, der fiebernde Blick suchte in grauer Ferne das Ziel.

Erst am zweiten Tage bekam Hans Record. Gegen elf erreichte er das vorbestimmte Nachtquartier; obgleich der Diener seiner wartete, bemühte er sich doch um sein abgehetztes Pferd, half's mit stärkendem Fluid einreiben, überwachte die Fütterung, reichte ihm einige Leckerbissen und Verdauung förderndes Salz. Selbst nahm er nur Wein und so viel Brot und kaltes Fleisch zu sich, damit er ersteren ohne Nachtheil trinken konnte. Die Aufregung erstickte alle körperlichen Bedürfnisse, ruhelos schritt er auf und ab, mechanisch Cigarette um Cigarette rauchend. Dann vertiefte er sich wieder in die Pläne und suchte erneute Kürzungen. Endlich vermochte er der Ungeduld nicht länger Herr zu werden und ließ zum Aufbruch rüsten.

Der scharfe Morgenwind schnitt empfindlich, aber wirkte erfrischend auf Ross und Reiter. Froh blickte Hans über die Landschaft hin, er ritt ja schon auf deutschem Boden.

Bei einer Wendung der Straße gewahrte er weiter vorne einen Reiter. Sollte Otto etwa nachts voraus geritten sein? Siedend heiß stieg es ihm zu Kopf, er fasste den Feldstecher und lugte scharf nach dem Vordermann.

Da stolperte sein Pferd und sank in die Knie. Rasch riss er es empor, doch es hatte sich auf dem steinigen Boden stark aufgerissen. Er sprang ab, streichelte das zitternde Thier, führte es lange Zeit, wusch dessen Risswunden beim nächsten Bache und verband sie kunstgerecht. Aber das Ross vermochte nicht mehr schmerzlos auszugreifen – bis abends war es schulterlahm.

Resigniert schritt er, das humpelnde Pferd nach sich ziehend, dem nächsten Marktflecken zu. Jetzt erst überholte ihn Otto.

»Armer Freund«! rief er langsam vorüber reitend, »aber in der Liebe und im Kriege –«

Hans nickte wehmüthig, wandte sich um und barg den Kopf am Leib des Rosses, bis der Freund außer Sicht war.

Die Gewissheit, Herda verloren zu haben, wirkte auf ihn wie ein betäubender Schlag. Unsäglich müde und abgespannt erreichte er einen Gasthof, befahl einen Thierarzt zu rufen und ließ sich sofort ein Zimmer weisen. Dort sank er erschöpft auf das reinliche Lager und bald darauf in tiefen traumlosen Schlaf.

Wunderbar gestärkt erwachte er am andern Morgen; jene angstvolle Unruhe, die ihn seit Monaten gequält, war gewichen. Es kam ihm vor, als ob sich nur erfüllt hätte, was er lange voraus gesehen.

Auf die Gasse tretend, ward er von einem Engländer angesprochen, der den Reitern von Berlin aus entgegenfuhr und jeden notierte, den er begegnete. Er folgte Hans in den Stall, betrachtete das Pferd, ließ sich alles genau erklären und bat ihn schließlich, mit ihm zu frühstücken. Der Rittmeister nahm dankend an, ihn unterhielt der durch das rege Sportinteresse dem sprichwörtlichen Phlegma seiner Nation vollkommen entrissene Sohn Albions.

Am Frühstückstisch wartete eine schlanke Blondine, die Sir James als seine Tochter vorstellte und der er das Missgeschick seines Begleiters in englischer Sprache mittheilte. Sie bezeugte ihr Bedauern durch Empfindungslaute, wobei sie den Officier voll inniger Theilnahme anschaute. Ihm that der offene Blick der großen klaren Mädchenaugen so wohl.

Herda pflegte stets nur ein wenig unter den schweren seidenen Wimpern hervorzulugen, wohl bewusst des überraschenden Contrastes mit den Grauaugen, wenn sie diese hob. Die geraden, willenskräftig aufgebogenen Wimpern der Engländerin hingegen zeigten, dass diese junge, herbe Knospe jegliche Koketterie verschmähe. Unbefangen erwiderte der Rittmeister ihren freundlichen Blick; seine Gesprächigkeit wuchs, – er spielte alle englischen »Brocken« aus, deren er sich erinnern konnte und gieng nach kurzem Besinnen auf Sir James Vorschlag ein, mit ihnen nach Berlin zu fahren.

So erreichte er die Spreestadt per Doppelgespann. Den ihn ob solchen Pechs herzlich bedauernden Kameraden dankte er bloß mit Händedruck – da er doch nicht gut eingestehen konnte, dass die zu Wagen zurückgelegte Strecke der bei weitem angenehmere Theil des Weges gewesen.

Den Engländer litt es nicht in Berlin, er wollte die deutschen Reiter und ihre Pferde nach Ankunft in Wien sehen. Seine Tochter freute sich, bei dieser Gelegenheit die ihr noch unbekannte schöne Kaiserstadt kennen zu lernen, und Hans, der ja als Verunglückter den Festlichkeiten ferne stand, bot sich mit Vergnügen als Cicerone an.

In den folgenden frohen Tagen ward man vollkommen vertraut; das Interesse der jungen Leute für einander wuchs zusehends; es gelang ihnen kraft Mimik und gegenseitigen Radebrechens, sich bald ganz gut zu verständigen.

Die gemüthvolle Lady erkundigte sich stets nach dem Ergehen seines Pferdes, und als Hans nach einem eingehenden Berichte des Thierarztes, in dessen Pflege er es belassen hatte, versicherte, es dürfte wieder vollkommen hergestellt werden, freute sie sich so herzlich, dass er nicht umhin konnte, ihre Hand stürmisch an die Lippen zu pressen und seiner Bewunderung für sie beredten Ausdruck zu leihen.

Die klugen Augen prüfend auf ihn geheftet, sagte sie: »Ich glaube – ich verstehe – Sie lieben mich zum Heiraten«. »Yes, Yes!« rief der junge Officier.

Der zarte Teint färbte sich einen Schatten röther. »So Vater will«, meinte sie, den Druck seiner Hand erwidernd.

Abends kam eine Depesche von Otto, der sich nach den Berliner Festtagen direct auf des Oheims Gut begeben; sie enthielt nur das eine Wort: »Verlobt«.

Hans telegraphierte zurück: »Desgleichen«!


ngiyaw-eBooks Home