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Mia Holm – Verse

Gedichte

Albert Langen Verlag, Paris, Leipzig, München, 1900



Weiche Winde


Eisig rings die Welt, und eisig

Auch mein Herz, das gramerstarrte,

Ohne Thränen, ohne Lieder

Sitz ich regungslos und warte.


Singend kommen weiche Winde,

Streichen lösend hin und wieder,

Ströme blitzen, Thränen funkeln,

Und die Schmerzen werden Lieder.




Frühlingszauber


Der Frühling springt zu mir herein

Durchs offne Fenster,

Da fliehn vor seinem hellen Schein

Die Sorgen wie Gespenster.


Verwundert streift sein blauer Blick

Die grauen Wände,

Verzaubert alles mit Geschick

In grünende Gelände.


Das Sonnenstrahlenfeuer rinnt

In dunkle Wälder,

Und duftbeladen geht der Wind

Geräuschlos durch die Felder.




Liebeshass


Weiss nicht, ist es Liebe, Hass,

Was ich für dich fühle,

Weiss nur, brennet weh und heiss,

Was ich für dich fühle.


Weiss nicht, ist es Segen, Fluch,

Was du mir gegeben,

Weiss nur, dass du schwer und reich

Mir gemacht das Leben.


Weiss nicht, ob du je und je

Mir wirst Liebe reichen,

Weiss nur, dass, wenn ich es denk,

Meine Wangen bleichen,


Dass ich dich mit kaltem Mut

Würde gehen heissen,

Lachen deiner Liebesglut

Und dein Herz zerreissen.




An den Gebirgsbach


Halte, lustiger Gesell,

Gieb mir Antwort kurz und schnell,

Sag mir, allerliebster Bach,

Denkst du niemals ernstlich nach?

Gern um deinen leichten Sinn

Gab' ich meine Weisheit hin.


Seht, da lacht der kleine Wicht,

Spritzt mir Tropfen ins Gesicht,

Springt dann fort im Sonnenschein.

Soll das eine Antwort sein?




Die Liebe


Die Liebe willst du finden?

So suche sie im Mai,

Da sitzt auf Blütenbäumen

Die wunderholde Fei.


Da flattert allerwegen

Ihr weiches, grünes Haar,

Aus jeder Blume lächelt

Ihr Schelmenaugenpaar.


Doch soll ich gut dir raten,

So bleib ihr lieber fern,

Denn Necken und Betrügen,

Das hat sie gar zu gern.


Sie kost mit dir ein Weilchen

Und lässt dich dann allein,

Sie giebt für kurze Wonne

Dir lange, bange Pein.




Ihr beide


Der Mond ist blass und du bist bleich,

Ihr beide seid einander gleich,

Und beide steht ihr hoch und fern

Und beide, beide hab ich gern.


Der schöne Mond, so still und gross,

Fällt nie herab in meinen Schoss,

Und nimmer neigst du dein Gesicht,

Ob auch mein Herz in Sehnsucht bricht.




Endlich


Träumerisch ergossen

Liegt das Meer,

Sonnenlichter funkeln

Drüber her.


Gleich dem Meer, dem stillen,

Liegt mein Sinn,

Liebesstrahlen zittern

Drüber hin.


Kam nach all den Stürmen

Endlich Ruh,

Endlich eins geworden

Ich und du.




Halte still


Halte still, Geliebter, still,

Lass das Küssen, Neigen,

Nur in Stille kann der Gott

Seine Wunder zeigen.

Das Gefühl Unendlichkeit,

Echter Liebe eigen,

Fühl ich still von dir zu mir

Auf und nieder steigen.




Dich in ihnen


Ich liebe die Wasser mit stürzendem Fall,

Sich bäumende schäumende Flut,

Ich liebe den Sturm und des Donners Hall,

Der Blitze entfesselte Wut.

Ich liebe in ihnen mit jauchzender Lust

Nur deine verzehrende Glut,

Trägst Blitze im Herzen, den Sturm in der Brust

Und wallende Wogen im Blut.




Stehe still, du süsse Nacht


Lieblich warst du schon am Morgen

Und zu Mittag, süsse Maid,

Doch am holdesten und schönsten

Bist du jetzt, zur Abendzeit.


Einen Kranz von Mondenstrahlen

Trägt dein sonnengoldnes Haar,

Und in weisse Schleier hüllet

Dich der Nebel wunderbar.


Kranz und Schleier, liebes Mädchen,

Das ist bräutlich holde Tracht.

Nebel, Mondschein, zaubert weiter,

Stehe still, du süsse Nacht!




Maienmorgen


Der Maienmorgen schimmerte,

Sie sassen stumm und blass,

Ihr süsses Auge flimmerte

Und wurde langsam nass.


Wehschatten überdunkelten

Ihr weisses Angesicht

Und grosse Thränen funkelten

Wie Tau im Sonnenlicht.


Ein Schmetterling um gaukelte

Das traurig stille Paar

Und setzte sich und schaukelte

In ihrem blonden Haar.


Sein Blick, der düster sinnende,

Sog ihren Liebreiz ein,

Die Stunde, die verrinnende,

Gab ihnen Pein um Pein.


So schwiegen sie, zwei Leidende,

In gleicher bittrer Qual,

So sassen sie, zwei Scheidende,

Vereint zum letztenmal.




Deingedenken


Deine lieben klaren Augen

Grüssen mich aus weiter Ferne,

Schimmern sanft zu mir herüber,

Wie durch Nebel helle Sterne.


Denk ich dein, so kehren wieder

Märchenglanz und Kinderträume,

Durch die Seele geht ein Rauschen,

Wie durch grüne Waldesbäume.




Dämmerstunde


Süsse, zaubersel'ge Dämmerstunde!

Im Kamine helles Flackerlicht,

Freude blitzt aus deinem Angesicht,

Scherze sprühn aus deinem roten Munde.


Jetzt nur glimmend hier und da noch Funken,

Scherz und Lachen allgemach verstummt,

Ganz in weiche Dunkelheit vermummt,

Bist du lautlos mir ans Herz gesunken.




Im Boot


Ich sitze still im kleinen Boot

Und blicke in die Tiefen,

Mir ist, als ob mit Schmeichellaut

Mich Schwesterstimmen riefen.


Es missverstehn, verhöhnen mich

Die andern Menschenkinder,

Gebrechlich bin ich, leicht verletzt,

So fremd, und scheuer, blinder.


Wie zieht es mich von Welt und Licht

Zur Tiefe unermessen,

Ich stieg gewiss aus Meeresgrund

Und hab' es nur vergessen.




Komm


Komm zum Walde! Falter wiegen

Sich im grünen Dämmerschein,

Zärtliche Gedanken fliegen,

Und die Vögel schmettern drein.

An der Quelle will ich liegen,

Deine Hand mein Becherlein,

Und mein Arm soll dich umschmiegen

Und mein Aug' dein Spiegel sein.

Komm, o komm! wir wollen lauschen,

Was der Wald von Liebe spricht.

Er wird rauschen – Küsse tauschen

Werden wir im Dämmerlicht.




Ich hasse die Sterne


Ich hasse die Sterne, sie leuchten,

Doch wärmen sie nicht,

So täuschend wie deins und so gleissend

Ihr schimmernd Gesicht.


Ich hasse die Sterne, sie strahlten

In höhnender Ruh,

Da du mich zu Tode getroffen,

Und nickten dazu.




In schimmernder Nacht


Die Flügel

Und Füsse

Der seligen Engel

Durchrauschen

So leise

Die schimmernde Nacht.


Es huschen,

Es flattern,

Es tanzen die Träume

Und füllen

Mit Lachen

Die schlafende Welt.


Nun kommst du,

Mein Mädchen,

Es lockte der Vogel,

Der nächtlich

Nur singet,

Für mich dich herab.


Gegrüsset,

Mein Mädchen

In schimmernder Schöne,

Wie passest

Du lieblich

Zum Leben der Nacht


Du bist wie

Die Blume,

Die zärtlicher duftet

Und still sich

Entfaltet

Im Hauche der Nacht.


Es blicken

Die Sterne,

Die Augen der Götter,

Nicht neidisch,

Nur freundlich

Auf menschliche Liebe.


So öffne

Den Kelch mir

Und dufte mir Liebe

Und ruh mir

Am Herzen

In schimmernder Nacht.




Ich danke dir


Du hast in Jammer mich geführt,

Erst da, in Finsternissen

Hab ich die eigne Kraft verspürt,

Der Halbheit mich entrissen,

Und da erst wuchsen Flügel mir,

Die mich zur Sonne tragen,

Ich zürne nicht, ich danke dir,

Dass du mein Herz zerschlagen.




Leidensglück


Seh sie glücklich und geliebt,

Kann sie nicht beneiden,

Gab um ihre Seligkeit

Niemals meine Leiden.


Leiden giebt's, so tief und schön,

Dass sie nicht mehr schmerzen.

Solch ein zaubersel'ges Leid

Lebt in meinem Herzen.




Es wogt der Kampf


Das Atmende zu Boden streckend,

Wie Winterstürmen, Nordgetos,

Mit starrer Kälte alles deckend,

Braust hin der Tod erbarmungslos.


Doch ihm entgegen lenzgewaltig

Nimmt Lebensfreude ihren Lauf,

Wohin sie tritt, springt vielgestaltig

Ein Glanzgewirr von Schönheit auf.


Das ist ein Rennen, Wetten, Wagen,

Ein wechselnd Sinken, Auferstehn,

Es wogt der Kampf, unausgetragen,

Und wie wird er zu Ende gehn?




Die Lawine


Allgewaltig, allzermalmend

Donnert die Lawine hin,

Eine zarte weiche Flocke

War sie im Beginn.


Und das Weh, das mich zertrümmert,

Das entsetzliche Geschick,

War im Anfang nur ein stiller,

Kaum verstandner Blick.




Zweieinig


Nun Dunkel rings und Schweigen,

Nun Stille allerwärts,

Die Uhr nur ticket leise,

Und ruhig schlägt dein Herz.


Die Flamme unsrer Liebe

Steht still und sternenklar,

Von dir zu mir herüber

Weht Friede wunderbar.




Waldgang


Was der Wald mir heut gerauscht,

Kann ich keinem sagen,

Was ich Seliges erlauscht,

Muss ich schweigend tragen.


Trug ein stilles Herz nach Haus,

Jeder Streit geschlichtet,

Was in mir noch wirr und kraus,

Liegt nun klar, gelichtet.


Meine Klugheit ward zu Spott,

Bebend sank ich nieder,

Waldwärts ging ich ohne Gott,

Mit ihm kehrt ich wieder.




Wie ein Spiegel


Wie ein Spiegel, rein und glänzend,

War mein Herz in seinem Glück,

Warf in hellen Liebesstrahlen

Mir dein schönes Bild zurück.


Du doch schlugst in diesen Spiegel

Zornig, ein bethörter Mann.

Und dein Bild ist mit zerbrochen,

Tausend Fratzen sehn mich an.




Tote Sinne


Kam der erste Schmerz des Lebens,

Lenzgewaltig, voller Sehnen,

Nahm mir Frohsinn, Ruhe, Lächeln,

Gab mir nichts als heisse Thränen.


Kam der zweite Schmerz des Lebens,

Sank gewalt'ger auf mich nieder,

Nahm mir Sehnen, Glut und Thränen,

Gab mir all mein Lächeln wieder.


Kalt mein Herz wie Eisesscholle

Und mein Lächeln Wintersonne,

Ohne Tiefe mein Entzücken,

Ohne Liebe meine Wonne.


Schicksalsmächte, kommt wie Blitze!

Schlagt in meine toten Sinne,

Dass vom Auge brennend wieder

Eine einz'ge Thräne rinne.




Gespenster


Draussen lockt der Sonne Schimmer,

Lockt mich nimmermehr hinaus,

Voll von Geistern dieses Zimmer

Und voll Spuk das ganze Haus.


An der Decke und am Fenster,

Über mir und um mich her

Flattern liebliche Gespenster,

Machen mir die Seele schwer.


Und sie lächeln und sie grüssen,

Flüstern von Vergangenheit.

Geister sind es deiner süssen,

Längst gestorbnen Zärtlichkeit.




Einst und jetzt


Wie eine losgerissne Ranke

Erlag ich deiner Sturmeskraft,

Verfiel wie eine schwache Planke

Den Wellen deiner Leidenschaft.


Jetzt aber rag ich, eine Eiche,

An der dein Stürmen machtlos bricht,

Und, eine Felsenklippe, weiche

Ich deinem Wogendrange nicht.




Unterschied


Lichter Tau die hellen Thränen,

Die mein holder Knabe weint,

Schnell getrocknet, wann die warme

Sommersonne wieder scheint.


Aber mir wie Regentropfen

In die herbstlich öde Welt,

Über Nacht zu Eis gefrierend,

Thrän' um Thräne niederfällt.




Ich weiss nicht was


Es kommt zu mir, ich weiss nicht, was,

Es kommt zu mir, ich weiss nicht, wie,

Es steigt mir in die Augen nass,

Es füllt mein Herz mit Harmonie.


Es weht mich an wie Blütenwind,

Blickt rätselhaft und doch so klar,

Es ist nicht Gott, ist nicht mein Kind,

Und gleicht doch beiden wunderbar.




Schlafwandelnd


Auf Traumeshöhen wandelte

Sie ohne Bangen,

Ein Freudenschimmer übergoss

Die zarten Wangen.


Das Mondenlicht umflutete

Die schlanken Glieder,

Verzückt, entrückt sah lächelnd sie

Zu dir hernieder.



Du riefst sie an, da fuhr sie auf,

Sah ihr Verderben,

Zu deinen Füssen liegt sie nun,

Bereit zu sterben.




Mutterglück


Kann ich nicht ein Kindchen sein,

Will ich Kinder haben!

Und es kamen Mägdelein,

Kamen lust'ge Knaben.


Munter wie ein Frühlingsquell

Sprudeln ihre Mündchen,

Und sie laufen froh und schnell

Hinter mir wie Hündchen.


Krähen hell und summen tief,

Pfeifen, springen, lachen,

Und die Röckchen sitzen schief

Und die Nähte krachen.


Spielen Storch auf einem Bein,

Bär auf allen Vieren,

Reizend ist's, Mama zu sein!

Wollt es nur probieren.




Tanne steht voll Sinnen


Tanne steht voll Sinnen,

Silberweide lacht,

Schmetterlinge minnen

Grillen singen sacht.


Kichern tönt und Klingen

Hell im Windeshauch.

Sonnenstrahlen springen,

Schatten tanzen auch.


Zarte Fäden schweben

Licht von Baum zu Baum.

Freude nur ist Leben

Und der Schmerz ist Traum.




Am Fenster


Steh am Fenster, starr der Sonne,

Der versunknen, brütend nach,

Über alles ihre Schleier

Breitet Dämmrung allgemach.


Grau und gram auch mir zu Sinne,

Meine Seele ohne Schwung.

Kehr mich ab, zurück ins Zimmer.

O da schwebt Erinnerung.


Steht so schwarz im trüben Dunkel,

Nickt mir todestraurig zu,

Gleitet langsam durch die Stube

Und an ihrer Hand kommst du.


Zornig blickst du auf mich nieder,

Qualbewegt vom alten Wahn,

Dass ich schnöde dich verraten.

Und ich hab' es nicht gethan!




Gasel


Auf deiner Lippe sprosst der erste Flaum,

In deinem Herzen keimt der erste Traum,

So stehst du scheu und keusch und heilig da,

Ein holder Knabe noch, ein Jüngling kaum.

Der Himmel blaut in deinem tiefen Blick

Und eine Kirche deines Herzens Raum.

Du hebst entzückt des Lebens Taumelkelch

Und schlürfst mit Andacht nur den weissen Schaum,

Du schaust mir selig nicht ins Angesicht,

Du küssest leise meines Kleides Saum.




Welkend


Dein Blick erlöschend, lebensmüde,

Und dennoch ohne Frieden schweift,

Du gleichst dem armen Sommerfalter,

Den frevelnd eine Hand gestreift.


In blassen Lichtern nur umspielet

Dich noch der Jugend goldner Glanz,

Schon sinkt verwelkend manche Blume

Und manches Blatt aus deinem Kranz.


Nicht lieben kann ich, ach, was welkend

Und blassend sich zur Erde legt,

Und doch, es hat dein ganzes Wesen

Die tiefste Seele mir erregt.


Liebreizend warst du einst, holdselig,

Ich fühl's, berauschend jeden Sinn,

Ich gab, mit Jugend dich zu schmücken,

Die eigne goldne Jugend hin.




September


So still wie heute sah ich nie

Die schwanken Baumeswipfel,

Die Luft so klar, als schwebte sie

Um hohe Bergesgipfel.


Du milder Herbst, wie lieb ich dich

In deiner sanften Trauer!

Wie wundersam durchzittern mich,

September, deine Schauer.


Du machst das Herz vom Leben frei,

Du linderst alle Leiden,

Du zeigst, wie schön das Sterben sei,

Und lehrst uns lächelnd scheiden.




Wiedersehn


Wie war, da wir zuerst uns trafen,

Der Himmel sonnenhell und blau,

Wie duftete die Lebensblume,

Und wir in ihr zwei Tropfen Tau.


Nun sehn wir uns nach Jahren wieder,

Der Himmel trübe, wolkenschwer,

Nun schäumen wir, zwei Sturmeswellen,

Im aufgewühlten Lebensmeer.




Nicht Liebe ist's


Nicht Liebe ist's, doch was es ist,

Ich weiss es nicht zu sagen,

Es hält mich sicher, hebt mich hoch,

Es ist so leicht zu tragen.


Ich bin mich selbst so lieblich los,

Ich bin wie neugeboren,

Ich hab mich, wie der Fluss ins Meer,

In dein Gemüt verloren.




Gespensterreigen


Verwelkt der Kranz, verblichen,

Der sie als Braut geschmückt,

Der Schleier ist zerrissen,

Das Hochzeitskleid zerdrückt.


Verschlossen ruht nun alles

In ihrem Schlafgemach,

Und wenn sie nächtlich seufzet,

Vor Leid und Reue wach,


Dann öffnet sich die Truhe,

Es schwebt hervor der Kranz,

Es schweben Kleid und Schleier

Und führen einen Tanz.


Sie drehen sich und kreisen,

Sie spotten ihrer Not,

Da ringt sie wohl die Hände,

Da wünscht sie sich den Tod.


Dann lachen die Gespenster,

Sie haben's oft gesehn,

Der Tod tritt nur zum Glücke,

Das Elend lässt er stehn.




Hinweg


Wie lange Kerkerhaft ist Gram,

Durch Jahre still getragen,

Das Lachen hat man schnell verlernt

Und langsam auch das Klagen.


Ich musste kurzen heil'gen Wahn

Durch lange Leiden büssen,

Nun kommt das reine schöne Glück,

Ich weiss es nicht zu grüssen.


Ich heb' die Hände flehend auf:

Hinweg! Du thust mir wehe,

Wie Blitzesstrahl durchzittert mich,

Wie Sterben deine Nähe.




Sterben


Trüb ihr Blick, der strahlenhelle,

Ihre Pulse gehen schwer,

Eine klare Lebenswelle,

Rollt sie sacht ins Todesmeer.


Ihr voraus in bangen Schlägen

Eilt mein Herz mit wildem Weh,

Ohne Rauschen, ohne Regen

Liegt die eis'ge Todessee.


Ihre fürchterliche Stille

Lastet hart und schwer wie Blei,

Jeder Wunsch und jeder Wille,

Alles Fühlen hier vorbei.


Rastet hier die Lebenswelle

Sonder Lust und sonder Leid,

Oder ist dies nur die Schwelle

Der lebend'gen Ewigkeit?


Ihre süssen Blicke dunkeln

Und ihr liebes Auge bricht.

Ewigkeit, ich seh dich funkeln,

Strahlst in nie geahntem Licht!




Einem Manne


Ich fühle schweres, bittres Weh,

Da ich dir tief ins Auge seh'.

In deinem Auge steht geschrieben,

Was dich so rastlos umgetrieben.


Erloschen deiner Augen Licht,

Entstellt dein schönes Angesicht,

Erblichen, vor der Zeit ermattet,

Von Scham und Reue überschattet.


O meide, was die Kraft zerbricht,

Das Hohe suche, such das Licht!

Trink lautern Trank aus reinen Schalen,

Dann wird dein Auge wieder strahlen.




Wahrheit


Es hastet nach Lust, es ringt um Genuss,

Um Liebesfreuden die Menge,

Nur dich allein, dich seh ich nicht

Im fröhlichen Kampfgedränge.


»Ich jage nicht mehr nach täuschendem Glück,

Ich suche Stille und Klarheit,

Mich reizt ein einz'ges Angesicht,

Das strenge Gesicht der Wahrheit.«




Totenklage


Das war der Tod, mit scharfem Schnitte

Hat er dich jäh von mir getrennt.

O wäre unser jene Sitte,

Die mit dem Mann das Weib verbrennt!


Mir graut, dich in den Sarg zu stecken

Und in der Erde dunklen Schoss,

Ich weiss, du willst die Glieder strecken

Auch noch im Tode fessellos.


Du glaubtest nicht an Holl' und Sünden,

Du warst wie Feuer heiss und rein,

Könnt ich den Holzstoss dir entzünden

Und auch im Tode bei dir sein!




Nur die Tiefe


Bog mich in des Lebens Abgrund,

Schrie hinunter in die Tiefen,

Da bewegte sich das Dunkel,

Geister standen auf, die schliefen.


Fragte sie nach allen Dingen,

Antwort haben sie gegeben,

Anders nun, mit ernsten Augen

Blick ich unbewegt ins Leben.


Wäge ruhig im Gemüte

Menschengrösse, Menschenschwäche,

Seh jetzt immer nur die Tiefe

Durch des Lebens Oberfläche.




Geheimnis


Sacht wie welkes Blatt vom Baum

Sinkt vom Herzen mir ein Traum.


Wieder grünen bald die Bäume.

Träume ich auch neue Träume?


Seufzend haucht der Wind: zu spät!

Und mein letzter Traum verweht.


Doch woher und was er war,

Bleibt Geheimnis wunderbar.


Weiss nur, dass er jetzt zerstiebt

Und noch sterbend Wonne giebt.




November


Es zittern all die nackten Bäume,

Es bebt der Strauch,

Es wehn zerfetzte Sommerträume

Im Sturmeshauch.


Vom Himmel hoch mit schwarzen Flügeln

Ein Engel schwebt,

Er sammelt ein auf Flur und Hügeln,

Was ausgelebt.


Nach Ruhe schlägt mit jedem Schlage

Mein müdes Herz,

O süsser Todesengel, trage

Es himmelwärts.




Erster Schnee


Erste Flocken schweben nieder

Zart gleich weissen Schmetterlingen.

Alte Erde, ihre Schwingen

Decken deine Blosse wieder.


Deine Wangen sind erblichen,

In dein Auge kamen Schatten,

Schweres schmerzliches Ermatten

Ist dir tief ins Herz geschlichen.


Trübsinn kauert auf den Hügeln,

Sterben lauert in den Bäumen,

Sollst die böse Zeit verträumen

Unter weichen Falterflügeln.


Freundlich wollen sie dich decken,

Bis die Lüfte wieder linder.

Könnten wir auch, deine Kinder,

Uns so sanft zur Ruhe strecken!


Wir doch, ob sich Nebel ballen,

Müssen rastlos vorwärts schreiten,

Und ich lob es, dass wir streiten,

Bessres Los ist uns gefallen!




Das künft'ge Glück


So still und scheu,

So schmerzerblasst,

So ohne Glück

Und ohne Rast.


Die Sorgen dicht

Um dich geschart,

Wie trübe dir

Die Gegenwart


Dein Köpfchen lehn

An meine Brust

Und träume von

Vergangner Lust.


Am Herzen mir,

Den Blick zurück,

Erwarte so

Das künft'ge Glück.




Das Land der Illusionen


Grüss dich, reizendes Revier,

Land der Illusionen,

Grüsse alle, die in dir

Paradiesisch wohnen.


Bist so schön, so wunderlicht,

Zauberglanzumsponnen,

Ein entzückendes Gedicht,

Uns von Gott ersonnen.


Lange bin ich umgeschweift

Fern von deinen Grenzen,

Kehre wieder frostbereift

Und in Dornenkränzen.


Suchte, wo die Denker gehn,

Eins zu allen Stunden –

Tiefstes habe ich gesehn,

Wahrheit nicht gefunden.


Grüss dich, reizendes Revier,

Land der Illusionen,

Könnt ich wieder still in dir

Paradiesisch wohnen.




Draussen und drinnen


Draussen dunkle Kälte, Sturmes-Tosen,

Drinnen Lachen, neckisches Erbosen,

Wärme, Lichterglanz, ein Fliehn und Haschen

In stets wechselnden graziösen Posen.

Er ein Knabe, frisch und braun und prächtig,

Sie ein Mädchen, zart wie weisse Rosen.

Müde endlich, ruhn sie, plaudern leise,

Ihre Stimmen, ihre Blicke kosen –

O wie süss ist Einsamkeit zu zweien,

Und wie arm sind all die Liebelosen!




Ihre Lieder


Leise kommt die Dämmerstunde,

Kommt so ernst mit bleichem Munde,

Deckt mich zu mit grauen Schwingen,

Hebt so traurig an zu singen.


Ach, es wecken ihre Lieder

Eingeschlafne Schmerzen wieder,

Altes, nie gestilltes Sehnen,

Einen Strom verweinter Thränen.


Menschen giebt es, gramerkoren,

Die zu Schmerzen nur geboren.

Süss, o süss nach all dem Trauern

Wird der Tod mich überschauern.




Deine Augen


Dich verliess ich, dich verstiess ich,

Eh ich dich besessen,

Aber deine Augen kann ich

Nicht vergessen.


Greif ich hastig nach dem Becher,

Jubelfroh zu trinken,

Seh ich sie im klaren Weine

Trübe blinken.


Geh ich irre dunkle Pfade,

Ebbet, sinkt mein Leben,

Deine Augen traurig glänzend

Mich umschweben.


Deine Augen blicken Jammer,

Unversöhnlich herben,

Und ich fühl's, ich muss an ihnen

Langsam sterben.




Hinab


Lasst die Sonne, lasst die Freude,

Steigt hinunter, steigt hinab,

Geht gefasst durch tiefe Gründe,

Dunkler noch als Tod und Grab.


Fürchtet nicht Verzweiflungsschreie

Und das grässlichste Gesicht,

Denn der Urgrund, Ziel und Ende

Sind Erkennen, Ruhe, Licht.




Vermächtnis


Ob ihre Seele auch erklang,

Als spielten Meister Geigen,

Sie war so still ihr Leben lang,

Könnt nie ihr Innres zeigen.


Es gingen alle ihr vorbei,

Hat keiner sie verstanden,

Geheimnis war es, Zauberei,

Dass wir uns dennoch fanden.


Dann starb sie stumm, wie sie gelebt,

Fast kampflos, ohne Leiden,

Ihr Blick nur hat mich angebebt

Und sprach zu mir im Scheiden.


O könnte, was durch sie mir kam,

Ich singend jauchzen, klagen,

Statt eigne Lust und eignen Gram

In Stammellaut zu sagen.


Doch wurde mir Vermächtnis auch

Ihr zartes keusches Schweigen,

Ich kann mit keinem Lippenhauch

Das beste in mir zeigen.




Sonntag


Stiller Sonntag auf dem Lande,

Ohne Klang der Kirchenglocken

Schwebst du feierlich hernieder,

Ganz gehüllt in weisse Flocken.


Stiller Sonntag auf dem Lande.

Durch das weisse Flockenflimmern

Seh ich unergründlich tiefe,

Seh ich Gottes Augen schimmern.


Stiller Sonntag auf dem Lande,

Gläubig öff'n ich, voll Verlangen,

Meine ruhelose Seele,

Deinen Frieden zu empfangen.




Stille


Tief im Herzen schläft mein Wille,

Schläft mein Gram – nur Freude wacht,

Und in diese Strahlenstille

Fällt kein Schrei der Lebensschlacht.


Zürnt ihr, dass vom Weh der Erden

Meine Seele nichts mehr fühlt?

Nur die flachen Wasser werden

Bis zum Grund vom Sturm zerwühlt.




Neues Licht


Todesschatten sank hernieder

Auf dein Herz,

Und verschattet deine Tage

Ganz von Schmerz.


Leise bricht in deine Kammer

Neues Licht,

Lass den Glanz in deine Seele,

Wehr ihm nicht.


Gottes Wille gab dir Jammer,

Schwerstes Leid,

Nimm nun still aus seinen Händen

Gute Zeit.




Krieg


In dunkler Stille liegt das Meer,

Der Mond erhebt sich rot und schwer,

Als hätt' er Blut getrunken,


Und Blut auch trank der Weltengeist,

Das macht, dass er mein Hirn durchkreist

In tollen, irren Funken.


Zum Sturme plötzlich wird die Luft,

Es klingt, als spränge Gruft um Gruft,

Ein Schwirren und ein Sausen.


Im Auge trübe Hassesglut,

So rast heran die Geisterflut

In wildem Sturmesbrausen.


»Aus unsrem Blute ward gewebt

Der Purpurmantel, dass er schwebt

Um seine Schultern – wehe!


Auf unsrer Leichen Berge stellt

Der Herrscher sich, dass alle Welt

Ihn hoch und herrlich sehe!


Von Jubel überströmt der Held.

Auf uns nur karg die Thräne fällt,

Die alles ihm geboten.


Er trägt die Krone, prasst in Lust,

Wir tragen Kugeln in der Brust

Und darben bei den Toten.«


Ihr frevelt! ruf ich, haltet ein!

Sie lachen auf – des Mondes Schein

Von ihrem Schwarm verdunkelt.


Dann wieder Stille ringsumher,

Der Mond hängt blutigrot und schwer,

Der Stern des Krieges funkelt.




Gedenkst du noch?


Gedenkst du noch der funkelnden

Glücksel'gen Sommernacht,

Die du am See, am dunkelnden,

Allein mit mir verwacht?


Am Himmelsbogen flimmerte

Der Sterne weisser Kranz,

Und dir im Auge schimmerte

Ein überird'scher Glanz.


Die weichen Winde kräuselten

Das Haar dir sacht empor

Und gingen hin und säuselten

Geheimnisvoll im Rohr.


Zwei stille Thränen feuchteten

Dein dunkles Wimpernpaar,

Und ferne Blitze leuchteten

Herüber wunderbar.


Die süsse wunderwebende

Uralte Zauberin,

Die ewig Allbelebende,

Berauschte unsern Sinn.


Gedenkst du noch der funkelnden

Glücksel'gen Sommernacht,

Die du am See, am dunkelnden,

Allein mit mir verwacht?




Nur einen Blick


Glückseligkeit, wann endlich schau ich dich,

Glückseligkeit, wann kommst du über mich?

Ich will ja schwelgen nicht in deinen Armen

Und nicht am Herzen selig dir erwarmen,

Nicht wild berauschen soll mich deine Wonne,

Nicht heiss durchglühen deine Strahlensonne,

Dein Morgenrot nur soll durchs Herz mir ziehn

Wie lichter Traum und wie ein Traum auch fliehn,

Nur süss und leise soll dein Hauch mich streifen

Wie Duft der Blumen im Vorüberschweifen,

Zu schaun verlang ich niemals ohne Hülle

Dein Angesicht in seiner Götterfülle.

Aus deinem sel'gen Auge einen Blick,

Und ruhig trag ich weiter mein Geschick.




Feuerlied


Die dunkelnde Dezembernacht

Durchstrahlt von roten Flammen!

Die Glocke dröhnt, das Dorf erwacht,

Und alles rennt zusammen.


Was lärmt ihr wild und stürzt durch's Haus

Um eure Siebensachen?

Ich wollt, ich wäre Sturmgebraus

Und könnt das Feuer fachen!


Wie schürte ich, wie hülf ich nach

Und jagte auf die Gluten!

So Fürstenhaus wie Bettlerdach

Schlug ich mit Flammenruten!


Ich peitschte zornig jede Stadt,

Ich peitschte alle Lande!

Ich bin des alten Treibens satt,

Der alten Lebensschande!


O grausig schöne Melodie,

Geheult von Feuerzungen!

Die ganze Weltenharmonie

Wie heisses Glas zersprungen.


Und auch der Himmel mag vergehn

Im grossen Weltenfeuer,

Doch aus der Asche soll erstehn

In hellerm Glanz ein neuer,


Den Aberglaube nicht entstellt,

Gespenster nicht umgrauen,

Und kommen soll die bessre Welt,

Die wir im Geiste schauen.




Apologie


Wie, ihr schüttelt eure klugen Köpfe

Und ihr tadelt, dass ich innres Leben,

Meine Lieder, voll von Glut und Lächeln

Und voll Thränen, allen preisgegeben?

O, so wisst ihr nichts von jenen Wellen,

Die dem tiefsten Strome klar entquellen

Und die Brust zum Überfliessen schwellen.

Gleicher Pulsschlag geht durch alle Wesen,

Nichts, was irdisch, ist mir unbewusst,

Meine Seele blickt aus aller Augen,

Aller Leben klopft in meiner Brust

Was mich süss und wehevoll bezwungen,

Ist jedwedem ins Gemüt gedrungen,

Alle sang ich, da ich mich gesungen.




Komm, o Tod


Komm, o Tod, ich fürcht dich nicht,

Seh dir still entgegen,

Will nach harter Wanderfrist

Müde mich zur Ruhe legen.


In die Erde tief hinein

Will ich fröhlich gleiten,

Wo der Bäume Wurzeln sind,

Wo die Kräfte sich bereiten.




Ausgelöscht


Ausgelöscht aus meinem Leben,

Was die Qual ins Herz mir schrieb,

Was an Liebe mir gegeben

Und an Seligkeiten, blieb.


Fort die dunkelsten Geschicke,

Lichter Friede aufgeblüht,

Meines Lebens Silberblicke

Glänzen hell mir im Gemüt.




Ich weiss es noch


Ich weiss es noch, vergesse nimmer,

Wie du, aus süssem Schlaf erwacht,

Vor mehr als zwanzig langen Jahren

Zum ersten Mal mich angelacht.


Ein lautlos Lächeln war dies Lachen,

Ein stilles Leuchten wunderbar,

Es überglänzte deine Züge

Und blieb in deinem Augenpaar.


Wo sind sie hin, die Strahlenblicke?

Aus deinen Augen blickt die Nacht,

Ein einzig Mal nur lächle wieder,

Wie du als Kind mich angelacht!




Nach Haus


Himmelstöne klingen,

Singen mir ins Ohr,

Tragen mich auf Schwingen

Hoch und leicht empor

Über Sterne, Sonnen,

Fort von Leid und Streit,

Dorthin, wo verronnen

Raum und Mass und Zeit.

Strecke voll Verlangen

Meine Arme aus,

Fühle mich umfangen,

Fühle mich zu Haus.




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