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Christian Morgenstern – Wir fanden einen Pfad

Gedichte

R. Piper & Co., München, 1914.


Für Dr. Rudolf Steiner




So wie ein Mensch, am trüben Tag, der Sonne vergißt, –

sie aber strahlt und leuchtet unaufhörlich, –

so mag man Dein an trübem Tag vergessen,

um wiederum und immer wiederum

erschüttert, ja geblendet zu empfinden,

wie unerschöpflich fort und fort und fort

Dein Sonnengeist

uns dunklen Wandrern strahlt.




Nach der Lektüre des Helsingforser Cyklus


1911


Zur Schönheit führt Dein Werk:

denn Schönheit strömt

zuletzt durch alle Offenbarung ein,

die es uns gibt.

Aus Menschen-Schmerzlichkeiten

hinauf zu immer höhern Harmonien

entbindest Du das schwindelnde Gefühl,

bis es vereint

mit dem Zusammenklang

unübersehbarer Verkünder GOTTES

und SEINER nie gefaßten Herrlichkeit

mitschwingt im Liebeslicht

der Seligkeit ...

Aus Schönheit kommt,

zur Schönheit führt

Dein Werk.




I




O Nacht ...


O Nacht, du Sternenbronnen,

ich bade Leib und Geist

in deinen tausend Sonnen –


O Nacht, die mich umfleußt

mit Offenbarungswonnen,

ergib mir, was du weißt!


O Nacht, du tiefer Bronnen ...




Erblinden mag ich, sprach ich kühn, –

mir bleibt nichts Neues mehr zu schauen! ...

Da wandelt sich der Erde Grün

zum odemraubend kühlen Grauen.


Ein Schleier fällt auf die so recht

geliebten Wesen und Gelände,

und zu der – Geister Lichtgeschlecht

erhebt – ein Blinder seine Hände ...




Nun wohne DU darin,

in diesem leeren Hause,

aus dem der Welt Gebrause

herausfloh und dahin.


Was ist nun noch mein Sinn, –

als daß auf eine Pause

ich einzig DEINE Klause,

mein Grund und Ursprung, bin!




Die zur Wahrheit wandern,

wandern allein,

keiner kann dem andern

Wegbruder sein.


Eine Spanne gehn wir,

scheint es, im Chor ...

bis zuletzt sich, sehn wir,

jeder verlor.


Selbst der Liebste ringet

irgendwo fern;

doch wer's ganz vollbringet,

siegt sich zum Stern,


schafft, sein selbst Durchchrister,

Neugottesgrund –

und ihn grüßt Geschwister

Ewiger Bund.




Leis auf zarten Füßen naht es,

vor dem Schlafen wie ein Fächeln:

Horch, o Seele, meines Rates,

laß dir Glück und Tröstung lächeln –:


Die in Liebe dir verbunden,

werden immer um dich bleiben,

werden klein und große Runden

treugesellt mit dir beschreiben.


Und sie werden an dir bauen,

unverwandt, wie du an ihnen, –

und, erwacht zu Einem Schauen,

werdet ihr wetteifernd dienen!




Evolution


Kaum daß sich, was sich einst von Dir getrennt,

in seiner Sonderwesensart erkannt,

begehrt zurück es in sein Element.


Es fühlt sich selbst und doch zugleich verbannt

und sehnt sich heim in seines Ursprungs Schoß ...

Doch vor ihm steht noch ehern unverwandt


äonengroß sein menschheitliches Los!




Überwinde! Jede Stunde,

die du siegreich überwindest,

sei getrost, daß du im Pfunde

deines neuen Lebens findest.


Jede Schmach und jede Schande,

jeder Schmerz und jedes Leiden

wird bei richtigem Verstande

deinen Aufstieg mehr entscheiden.


Ohne Erbschuld wirst du funkeln,

abermals vor Enkeln rege,

ungezähltem Volk im Dunkeln

weist ein Sieger Sonnenwege.




Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken,

des Willens Herr, nicht mehr in Willens Frone,

der flutenden Empfindung Maß und Meister,


zu tief, um an Verneinung zu erkranken,

zu frei, als daß Verstocktheit in ihm wohne:

So bindet sich ein Mensch ans Reich der Geister:


So findet er den Pfad zum Thron der Throne.




II




I.


Sieh nicht, was andre tun,

der andern sind so viel,

du kommst nur in ein Spiel,

das nimmermehr wird ruhn.


Geh einfach Gottes Pfad,

laß nichts sonst Führer sein,

so gehst du recht und grad,

und gingst du ganz allein.




II.


Verlange nichts von irgendwem,

laß jedermann sein Wesen,

du bist von irgendwelcher Fehm

zum Richter nicht erlesen.


Tu still dein Werk und gib der Welt

allein von deinem Frieden,

und hab dein Sach auf nichts gestellt

und niemanden hienieden.




O wie gerne lern ich Milde,

liebes Herz, von deinem Munde,

folge dir in stillem Bunde

in geläuterte Gefilde!


Und wir schaun zurück zusammen

auf die Welt, samt ihrem Schelten,

und anstatt sie zu verdammen,

lassen wir sie gehn und gelten.




Du Weisheit meines höhern Ich,

die über mir den Fittich spreitet

und mich vom Anfang her geleitet,

wie es am besten war für mich, –


Wenn Unmut oft mich anfocht: nun –

Es war der Unmut eines Knaben!

Des Mannes reife Blicke haben

die Kraft, voll Dank auf Dir zu ruhn.




O gib mir Freuden, nicht mit dem verstrickt,

was ich als niedres Ich in mir empfinde,

gib solche Freuden mir zum Angebinde

wie Geist sie Geist, der Seele Seele schickt.


O nicht mehr dieser schalen Freuden Pein,

die doch erkauft nur sind von fremden – Leiden!

Schenk Herzen mir, die sich für DICH entscheiden,

so wird auch meines wahrhaft fröhlich sein.




Mit-Erwacht ...


Dein Wusch war immer – fliegen!

Nun naht dir die Erfüllung.


Du wirst den Raum besiegen,

nach jener Weltenthüllung,

die uns zu Freien machte

vom Schlaf der blinden Runden.


Nun hast du, Mit-Erwachte,

dein Schwingenkleid gefunden!




Stör' nicht den Schlaf der liebsten Frau, mein Licht!

Stör' ihren zarten, zarten Schlummer nicht.


Wie ist sie ferne jetzt. Und doch so nah.

Ein Flüstern – und sie wäre wieder da.


Sei still, mein Herz, sei stiller noch, mein Mund,

mit Engeln redet wohl ihr Geist zur Stund.




An den Andern


Ich hatte mich im Hochgebirg verstiegen.

Die Felsenwelt um mich, sie war wohl schön;

doch konnt ich keinen Ausgang mir ersiegen,

noch einen Aufgang nach den lichten Höhn.


Da traf ich Dich, in ärgster Not: den Andern!

Mit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.

Von neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,

und siehe da: Das Schicksal war uns gut.


Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam

empor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.

Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam ...

Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.


Mag sein, wir stehn an unsres Lebens Ende

noch unterm Ziel, – genug, der Weg ist klar!

Daß wir uns trafen, war die große Wende.

Aus zwei Verirrten ward ein wissend Paar.




III




O ihr kleinmütig Volk, die ihr vom Heute

nicht loskommt, die ihr meint: so ist es, war es

und wird es sein, so lange Menschen leben –.


O würdet ihr doch andrer Hoffnung Beute

und lerntet wieder schauen Offenbares

und Hirn und Herz zu höchstem Ziel erheben!




»Ich will aus allem nehmen, was mich nährt,

was übereinstimmt mit mir längst Vertrautem;

so wird mir manches stille Glück gewährt.


In Eurer Weisheit fand ich manch geheime

Bestätigung zu von mir selbst Geschautem

und brachte sie zu meiner Art in Reime.


Es gibt so vieles Schöne, Gute, Wahre;

wie bin ich dankbar, daß ich Mensch sein darf

und immer Neues solcher Art erfahre!«


Erfahre denn noch dies dazu: entfernt

bist du vom Ernst noch. Dein Gewissen warf

dir noch nicht vor, daß Weisheit sich nur – lernt.


Mit solchem Blumenpflücken, Kränzchenwinden –

was ist getan? sieh dir ins Angesicht

und prüfe, ach, solch allzu lau Empfinden.


Du fühlst der Weisheit Weg noch nicht als – Pflicht.

Und so: ob von Glühwürmchen oder Sternen

dir Licht zufließt – dir ist's das gleiche Licht.


Dir sind die echten Tiefen, wahren Fernen

noch stumm; sie, deren Siegel einzig bricht:

ein tiefdemütig lebenlanges – Lernen.




Das ist der Ast in deinem Holz,

an dem der Hobel hängt und hängt:

dein Stolz,

der immer wieder dich

in seine steifen Stiefel zwängt.


Du möchtest auf den Flügelschuhn

tiefinnerlichster Freiheit fliehn,

doch ihn

verdrießt so bitterlich

kein ander unabhängig Tun.


Er hält dich fest: da stehst du starr:

dürrknisternd-widerspenstig Holz:

ein Stolz-

verstotzter Stock, ein sich

selbst widriger Hanswurst und Narr.




Du hast die Hand schon am Portal

und tastest nach der Klinke Hand

(denn noch erhellt sie dir kein Strahl).


Du wirst erst wach, wenn sie sie fand,

sei's dieses, sei's das nächste Mal; –

dann wirst du weiß stehn wie die Wand,


davor du lange dumpf geirrt;

und wie ein Leichnam hinfällt, wird

dein Leib hinfallen in den Sand.




Wer vom Ziel nicht weiß,

kann den Weg nicht haben,

wird im selben Kreis

all sein Leben traben;

kommt am Ende hin,

wo er hergerückt,

hat der Menge Sinn

nur noch mehr zerstückt.


Wer vom Ziel nichts kennt,

kann's doch heut erfahren;

wenn es ihn nur brennt

nach dem Göttlich-Wahren;

wenn in Eitelkeit

er nicht ganz versunken

und vom Wein der Zeit

nicht bis oben trunken.


Denn zu fragen ist

nach den stillen Dingen,

und zu wagen ist,

will man Licht erringen;

wer nicht suchen kann,

wie nur je ein Freier,

bleibt im Trugesbann

siebenfacher Schleier.


Was klagst du an

die böse Welt

um das und dies?

bist du ein Mann,

der niemals Spelt

ins Feuer blies?


Hat Haß und Harm

und Wahn und Sucht

dich nie verführt,

daß blind dein Arm

der Flammen Flucht

noch mehr geschürt?


Was dünkst du dich

des unteilhaft,

was Weltbrand nährt!

Zuerst zerbrich

die Leidenschaft,

die dich noch schwärt.


In dich hinein

nimm allen Zwist,

der Welt sorg nit;

je wie du rein

von Schlacke bist,

wird sie es mit.




Das bloße Wollen einer großen Güte

ist ganz gewiß ein hohes Menschentrachten.

Doch es erhebt sich erst zur vollen Blüte,


wenn Gnaden eines seherisch Erwachten

den Kosmos nachtentleitetem Gemüte

als Geisterkunstwerk zum Bewußtsein brachten.


Dann wächst aus Riesenschöpfungsüberblicken,

aus Aufschau zu verborgnen Bildnersphären,

aus Selbstmiteinbezug in deren Stufen –


ein Mitgefühl mit dieser Welt Geschicken,

das mehr als dunkle Herzenstriebe nähren,

das höchste Götter mit ans Werk berufen.




Bedenke, Freund, was wir zusammen sprachen.

War's wert, daß wir den Bann des Schweigens brachen,

um solche Nichtigkeiten auszutauschen?


So schwätzen wohl zwei Vögel miteinander,

derweil in unablässigem Gewander

des Stromes strenge Wogen meerwärts rauschen.


Erwacht in dir nicht ein Gefühl der Leere,

erwägst du, wie so auftut Jahre, – Jahre

nichts als Geschwätz aus dir sich und dem andern,


indessen nach der Gottheit Schoß und Meere

der Geistesweisheit sternenspiegelklare

Gewässer ruhlos und gewaltig wandern?




An eine Freundin


»Laß den Helden in deiner Seele nicht sterben!«

Welkst du hin wie die Blume, der Baum im Herbst, –

höre nimmer doch auf, um den Kranz zu werben!


Alle andern Kränze bleiben zurücke,

schwinden hin wie die Glieder, die sie bedecken ...

Dieser bleibt dir allein auf der großen Brücke –


hält dir droben die Geisterstirn noch umschlossen;

und dereinst, wenn du wieder hinabgestiegen,

wirst du gehn, wie von heiligem Schein umflossen.




Einen Freund über seinen Liebeskummer zu trösten


Wir müssen immer wieder uns begegnen

und immer wieder durch einander leiden,

bis eines Tages wir das alles segnen.


An diesem Tage wird das Leiden weichen,

das Leiden wenigstens, das Blindheit zeugte,

das uns wie blinden Wald im Sturme beugte.


Dann werden wir in neues Ziel und Leben

wie Flüsse in ein Meer zusammenfließen,

und kein Getrenntsein wird uns mehr verdrießen.


Dann endlich wird das » ... suchet nicht das Ihre«

Wahrheit geworden sein in unsern Seelen.

Und wie an Kraft wird's uns an Glück nicht fehlen.




Der Kranke


»Oft zu sterben wünscht ich mir ...

Und wie dankbar bin ich doch,

daß ich leb und leide noch

im gesetzten Nun und Hier.


Bleibt mir doch damit noch Zeit,

abzubauen manch Gebrest,

komm ich nimmer auch zum Rest,

werd ich besser doch bereit.


Wenn ich jetzt nicht wirken kann,

helf ich also doch dem Mir,

das dereinst nach Nun und Hier

wirken wird im Dort und Dann.«




(An Viele)


Ihr kennt sie, die Leidenschaft,

die uns verbindet:

Helfen, helfen, mit einer Kraft,

die alles überwindet.




(An Manche)


Ihr kennt es, das harte Leid,

heißt es entsagen,

mitzuwirken im Sturm der Zeit

zu neuem Gottestagen.




(An Einige)


Ihr kennt den Trost, der enttrübt,

die fern den Schranken: –

Werden draußen Taten geübt,

entsenden sie – Gedanken.




»Brüder!«


Lied für ein neu Gesangbuch studierender Jugend


»Brüder!« – Hört das Wort!

Soll's ein Wort nur bleiben?

Soll's nicht Früchte treiben

          fort und fort?


Oft erscholl der Schwur!

Ward auch oft gehalten –

doch in engem, alten

          Sinne nur.


O sein neuer Sinn!

Lernt ihn doch erkennen!

Laßt doch heiß ihn brennen

          durch euch hin!


Allen Bruder sein!

Allen helfen, dienen!

Ist, seit ER erschienen,

          Ziel allein!


Auch dem Bösewicht,

der uns widerstrebet!

Er auch ward gewebet

          einst aus Licht.


»Liebt das Böse – gut!«

lehren tiefe Seelen.

Lernt am Hasse stählen –

          Liebesmut!


»Brüder!« – Hört das Wort!

Daß es Wahrheit werde –

und dereinst die Erde

          Gottes Ort.




Ich habe den MENSCHEN gesehn in seiner tiefsten Gestalt,

ich kenne die Welt bis auf den Grundgehalt.


Ich weiß, daß Liebe, Liebe ihr tiefster Sinn,

und daß ich da, um immer mehr zu lieben, bin.


Ich breite die Arme aus, wie ER getan,

ich möchte die ganze Welt, wie ER, umfahn.




IV




Gib mir den Anblick deines Seins, o Welt ...

Den Sinnenschein laß langsam mich durchdringen ...


So wie ein Haus sich nach und nach erhellt,

bis es des Tages Strahlen ganz durchschwingen –

und so wie wenn dies Haus dem Himmelsglanz

noch Dach und Wand zum Opfer könnte bringen –

daß es zuletzt, von goldner Fülle ganz

durchströmt, als wie ein Geisterbauwerk stände,

gleich einer geistdurchleuchteten Monstranz:


So möchte auch die Starrheit meiner Wände

sich lösen, daß dein volles Sein in mein,

mein volles Sein in dein Sein Einlaß fände –

und so sich rein vereinte Sein mit Sein.




Ich bin aus Gott wie alles Sein geboren,

ich geh im Gott mit allem Mein zu sterben,

ich kehre heim, o Gott, als Dein zu leben.


Erst wurde ich aus Deinem Ich gegeben,

dann galt es dies Gegebne zu erwerben,

Dir als ein Du es Brust an Brust zu heben.


Da wollte Stolz es mittendrin verderben,

und es ward Dir, und Du warst ihm verloren ...

Bis daß Du übermächtig mich beschworen!


Da ward ich Dir zum andernmal geboren:

denn ich verstand zum erstenmal zu sterben,

denn ich empfand zum erstenmal zu leben.




Die Fußwaschung


Ich danke dir, du stummer Stein,

und neige mich zu dir hernieder:

Ich schulde dir mein Pflanzensein,


Ich danke euch, ihr Grund und Flor,

und bücke mich zu euch hernieder:

Ihr halft zum Tiere mir empor.


Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier,

und beuge mich zu euch hernieder:

Ihr halft mir alle drei zu Mir.


Wir danken dir, du Menschenkind,

und lassen fromm uns vor dir nieder:

weil dadurch, daß du bist, wir sind.


Es dankt aus aller Gottheit Ein-

und aller Gottheit Vielfalt wieder.

In Dank verschlingt sich alles Sein.




Luzifer


»Ich will mein Licht vor eurem Licht verschließen,

ich will euch nicht, ihr sollt mich nicht genießen,

bevor ich nicht ein Eigenlicht geworden.


So bring ich wohl das Böse zur Erscheinung,

als Geist der Sonderheit und der Verneinung,

doch neue Welt erschafft mein Geisterorden.


Aus Widerspruch zum unbeirrten Wesen,

aus Irr-tum soll ein Götterstamm genesen,

der sich aus sich – und nicht aus euch – entscheidet.


Der nicht von Anbeginn in Wahrheit wandelt,

der sich die Wahrheit leidend erst erhandelt,

der sich die Wahrheit handelnd erst erleidet.«




Der Engel ...


»Wo bist du hin? Noch eben warst du da –

Was wandtest du dich wieder abwärts, wehe,

nach jenem Leben, das ich nicht verstehe,

und warst mir jüngst doch noch so innig nah.


Ich soll hinab mit dir in deine Welt,

aus der die Schauer der Verwesung hauchen,

ins Reich des Todes soll ich mit dir tauchen,

das wie ein Leichnam fort und fort zerfällt?


Wohl gibt es meinesgleichen, eingeweiht

in eure fürchterlichen Daseinsstufen ...

Doch ich bin's nicht. Nur wie verworrnes Rufen

erschreckt das Wort mich Eurer Zeitlichkeit.


Laß mich mein Haupt verhüllen, bis du neu

mir wiederkehrst, so rein, wie ich dich liebe,

von nichts erfüllt als süßem Geistestriebe

und deinem Urbild wieder strahlend treu.«




Licht ist Liebe


Licht ist Liebe ... Sonnen-Weben

Liebes-Strahlung einer Welt

schöpferischer Wesenheiten –


die durch unerhörte Zeiten

uns an ihrem Herzen hält,

und die uns zuletzt gegeben


ihren höchsten Geist in eines

Menschen Hülle während dreier

Jahre: da Er kam in Seines


Vaters Erbteil – nun der Erde

innerlichstes Himmelsfeuer:

daß auch sie einst Sonne werde.




Faß es, was sich dir enthüllt!

Ahne dich hinan zur Sonne!

Ahne, welche Schöpfer-Wonne

jedes Wesen dort erfüllt!


Klimm empor dann dieser Geister

Stufen bis zur höchsten Schar!

Und dann endlich nimm ihn wahr:

Aller dieser Geister Meister!


Und dann komm mit Ihm herab!

Unter Menschen und Dämonen

komm mit Ihm, den Leib bewohnen,

den ein Mensch Ihm fromm ergab.


Faßt ein Herz des Opfers Größe?

Mißt ein Geist dies Opfer ganz? –

Wie ein Gott des Himmels Glanz

tauscht um Menschennot und –blöße!




Wie macht' ich mich von DEINEM Zauber los

und tauchte wieder nieder in die Tiefe

und stiege wieder in des Dunkels Schoß,

wenn nicht auch dort DEIN selbes Wesen riefe,

an dessen Geisterlicht ich hier mein Sein,

als wie der Schmetterling am Licht, erlabe,

doch ohne daß mir die vollkommne Gabe

zum Untergang wird und zur Todespein.


Wie könnte ich von solcher Stätte scheiden,

wo jeder letzte Glückestraum erfüllt,

verharrte nicht ein ungeheures Leiden,

sogar von diesem Himmel nur – verhüllt.

Und da mir dessen Stachel ist geblieben,

wie könnt' ich nun, als brennend von DIR gehn,

um DICH in jener Welt noch mehr zu lieben,

in der sie DICH, als Sonne, noch nicht sehn.


Von Liebe so von DIR hinabgezwungen

vom Himmel auf die Erde, weiß ich doch:

nur immer wieder von DIR selbst durchdrungen,

ertrag' ich freudig solcher Sendung Joch.

DU mußtest DICH als Quell mir offenbaren,

der unaufhörlich mir Erneuung bringt.

Nun kann ich auch gleich DIR zur Hölle fahren,

da mich DEIN Himmel ewiglich verjüngt.


Da nimm. Das laß ich dir zurück, o Welt ...

Es stammt von dir. Es sei von neuem dein.

Da, wo ich jetzo will hinaus, hinein,

bin ich nicht mehr auf dich gestellt.

Da gilt der blasse Geist allein,

den ich mir formte über dir

ach, nur wie einen blassen Opferrauch, –

da gilt nur noch der ach, so schwache Hauch,

der von dem CHRISTUS lebt in mir.




Hymne


Wie in lauter Helligkeit

fließen wir nach allen Seiten ...

Erdenbreiten, Erdenzeiten

schwinden ewigkeitenweit ...


Wie ein Atmen ganz im Licht

ist es, wie ein schimmernd Schweben ...

Himmels-Licht – in Deinem Leben

lebten je wir, je wir – nicht?


Konnten fern von Dir verziehen,

flohen Dich, verbannt, verdammt?

Doch in Deine Harmonien

kehren heim, die Dir entstammt.




Ich hebe Dir mein Herz empor

als rechte Gralesschale,

das all sein Blut im Durst verlor

nach Deinem reinen Mahle,

          o CHRIST!


O füll es neu bis an den Rand

mit Deines Blutes Rosenbrand,

daß: DEN fortan ich trage

durch Erdennächt' und –tage,

          DU bist!




R


Die Sonne will sich sieben Male spiegeln,

in allen unsern sieben Leibesgliedern:

daß sie ihr siebenmal ihr Bild erwidern.


Die Sonne will uns siebenmal entsiegeln.



K




V




Im Baum, du liebes Vöglein dort,

was ist dein Lied, dein Lied im Grund?

Dein kleines Lied ist Gotteswort,

dein kleiner Kehlkopf Gottes Mund.


»Ich singe« singt noch nicht aus dir,

es tönt die ewige Schöpfermacht

noch ungetrübt in reiner Pracht

in dir, du kleine süße Zier.




Von zwei Rosen ...


Von zwei Rosen

duftet eine

anders, als die

andre Rose.


Von zwei Engeln

mag so einer

anders, als der

andre schön sein.


So in unzähl-

baren zarten

Andersheiten

mag der Himmel,


mag des Vaters

Göttersöhne-

reich seraphisch

abgestuft sein ...




Mond am Mittag


Der weite blaue Raum

im Mittagsonnenschein,

getrübt von keinem Flaum ...

Der weiße Mond allein


geistert in hoher Ferne,

der Stern des Eloah,

der sich vom Sonnensterne

verbannte, um von da


des Logos Licht zu strahlen,

bis daß er selber kam

und in den dunklen Talen

auf ewig Wohnung nahm ...


Der weite blaue Raum

im Mittagsonnenschein,

getrübt von keinem Flaum ...

Der weiße Mond allein


geistert in hoher Ferne ...



Wasserfall bei Nacht



I.


Ruhe, Ruhe, tiefe Ruhe.

Lautlos schlummern Menschen, Tiere.

Nur des Gipfels Gletschertruhe

schüttet talwärts ihre

Wasser.


Geisterstille, Geisterfülle,

öffnet Eure Himmelsschranke!

Bleibe schlafend, liebe Hülle,

schwebt, Empfindung und Gedanke,

aufwärts!


Aufwärts in die Geisterhallen

taste dich, mein höher Wesen!

Laß des Leibes Schleier fallen,

Koste, seingenesen,

Freiheit!




II.


Unablässig Sinken

weißer Wogenwucht,

laß mich, deine Bucht,

dein Geheimnis trinken.


Engel wölken leise

aus der Wasser Schoß,

lösen groß sich los

nach Dämonenweise.


Strahlen bis zum bleichen

Mond der Häupter Firn ...

Und auf Schläfer-Stirn

malen sie das Zeichen ...


Taufen gern Erhörten

mit der Weisheit Tau.

Und von ferner Schau

dämmert dem Enttörten.


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