In Claires Hände
Menschen surren über die Straße.
Ein Dichter ersäuft im Kot.
Lebensmittelschieber hocken im Café.
Ein Mädchen schlägt Sahne. (Aus seinem Unterleib.)
Selbst die Zeitungen gestehen ein:
Solch eine Verwirrung war
Noch nie.
Sozusagen.
Eine Sauerei.
(Selbst die Zeitungen – – –)
* * *
Es ist nichts dagegen zu sagen:
Daß getanzt wird.
(Es wird zur Erhöhung der Bevölkerungsziffer beitragen.)
Aber:
Daß man hier tanzt,
Dort tötet,
Hier heiter hurt.
Dort frech vergewaltigt:
Das geht über Hutschnur
Und Bettrand.
(Bettschnur Betschnur Rosenkranz und Güldenstern.)
* * *
Knaben stehen ständig mit Mädchen im Hausflur.
Was sie wohl
Dort treiben?
Ob sie wohl?
Wohl!
In Paris gehen ja auch
Mädchen für einen Franc (mit Damen) in Flure
Und.
Und ein Franc ist viel.
Aber Paris ist weit.
(»Lümmel!«)
* * *
Es sollte zur Hebung der Sittlichkeit
Mehr für Volkswohlfahrt getan werden.
Denn die Liebe höret nimmer auf.
Und wer Andern eine Grube gräbt,
Tut wohl und scheuet niemand.
Wer sich mir aber entgegenstellt, fällt selbst hinein.
* * *
Kontrerevolutionare, vereinigt Euch,
Gründet einen Bund
Zur Hebung der Bodenständigkeit.
Wißt Ihr, wie viel Mädchen gehen
Am ––––––?
GOTT, der HErr, hat sie gezählet.
(Ja, wenn das der Petrus wüßte!)
Und:
Auch die Gesellschaft zur Bekämpfung
Des Bolschewismus,
Der Geschlechtskrankheiten
Und anderer Fremdenverkehrserscheinungen
Zieht die Fahne auf.
(Die Rooote Faahne!«
»Tribihne!«
»Freieit!«)
* * *
Warum –
So frage ich mich hundertmal –
Sind wir in Schlünde gefallen,
Unendlich,
Tief, noch tiefer?!
Haben wir zu glauben verlernt
Und zu lieben
Und – zu hassen?!
* * *
Vielleicht kommt morgen
Ein Weißgardist
Und schießt uns lachend
Eine vor den Kopf.
Seitwärts steht Einer und knipst.
Für Ullstein.
Blühet, Magnolien, o blühet!
Draußen haben sie ein Grab aufgeschüttet:
Nicht für den Gardisten,
Nicht für den Knipser,
Nicht für Ullstein.
Sondern: für mich.
* * *
Alle Juden, die
Zu meinen Lebkuchenzeiten
Über mich herzogen,
(»Sparkatus!«)
Sind jetzt – tun so! – gerührt
Und drücken
Meines Bruders schweißige Hand.
Warum?
* * *
Ick will es Euch sagen, künden:
Euch auftun die Gemache
Niedriger, scheelsüchtiger
Gedankenflucht.
Vom Toten haben sie nichts zu fürchten.
Alles vom Lebenden!
Uns: WIR SIND.
Noch sind wir.
Leuchtend geht das Auge rundum:
Amo mundum. Amo mundum.
* * *
Alle sind sie irre geworden:
An sich, den Nachbarn und der Welt
Nur ich nicht;
Denn ich glaube.
Sie aber haben zu glauben verlernt
Und zu lieben
Und – zu hassen.
Der Bär, aufs Eis geführt,
(Eisbär: ich weiß!)
Schäkert mit dem Goldfasan
Und saniert
Seine Verhältnisse.
Das Perlhuhn hält den Fuchs aus.
Mitten
Unter den Goldregenbaum
Hockt sich Ami der Hund
Und droht mit Bellen:
So fallen die Dolden.
Um den Granatenkaum
Tanzen idiotisch
Rhinozeros und Dromedar
Und singen:
»Sehn Sie, das ist ein Geschäft!«
Und die Kupfernatter
Hat ihn:
Den Platz an der Sonne!
Taumelnd
Zählen Tausendfüßler
Ihre tausend Füße.
Zählen und verheddern sich.
Beginnen aufs Neue
Und geraten wiederum in Verwirrung.
Drei-, fünf-, siebzehn-,
Tausendmal.
Bis sie in
DALLDORF
Landen.
* * *
Es ist nicht leicht, sich zu gewinnen
Und grün des Lebens goldner Baum.
Du mußt,
Um dir selbst zu gehören,
Dich versuchen.
* * *
Nachts locken dich
Zwei dunkle Augen.
Du steigst ihnen nach.
Sie stecken in seidenen Strümpfen.
Zu 34 Mark.
Aber zu Hause mangeln die Kartoffeln.
– Hyacinthen blühen hinter einem Fenster.
Du
Siehst sie nicht; riechst sie nicht.
Ahnst sie nur.
Langsamer geht das Mädchen.
Und du
Trittst an sie heran und sprichst:
»Meine Blume! Lachen Sie nicht über mich!
Ich bin ein Dichter.
Einer, der an die Güte der Menschen glaubt.
An ihre Liebe, ihr Mit-Leiden.«
Sie hakt ihren Arm unter und lächelt.
Sie schweigt. Aber:
Sie geht mit.
Eine Heilsarme kriecht über den Weg.
(Nicht lachen, ja nicht lachen!!)
Und alle Poesie geht an der Leinwand pleite.
Wie etwa
Ein begabter Film.
* * *
Dort oben aber
Über die Brüstung lehnt seine Brüstung
Ein Backfisch.
Wach und geweckt.
Von irgend einem Buch
Oder Gymnasiasten.
Und himmelt den Mond an.
Sie denkt an alles:
Nur nicht an die Not
Und geht mit ihr zu Bett!
(Das Mädchen flennt:
Die Kerze brennt.
Blase, mein Mädelchen, blase!
Wage es:
Individualistin zu sein!)
* * *
Über Mond, Wetter und Wolken
Fegt der steile Gang.
Ein Mädchen pointiert.
Zéro.
Und verliert.
Wer Null berührt besudelt sich.
Sechsunddreißig.
Und verliert.
Man soll nicht zu hoch hinaus wollen.
Achtzehn.
Und verliert.
Man soll keine Kompromisse machen.
Lebensextrakt am Roulette-Tisch.
* * *
O, daß Sonne, Mond und aller Gärten Blüten
Auf mich stürzten.
Mich begrüben!
Wer
In Aller Welt
Bin Ich?
Du bist Du!
Und bist
Für dich nur da,
Weil du für Andere da bist.
Bist vorrätig.
Auf Lager.
Feil wie Ware.
Parat für den Moment.
Vergiß es nie:
Du bist
MENSCH.
* * *
Hymne:
Edith,
Stern meiner Nächte,
Vergangener Wonnen,
Ewig Unverlierbare,
Nie Besessene,
Treulose, ewig Treue!
Um dich trauern wir.
Denn du
Warst die Reinheit.
Warst Vergessen, Süße, Traum.
Warst waschendes Bad.
Wo wäre ich,
Kind,
Geblieben ohne dich?!
Ich: Schuft?!
Du gabst mir
Mich wieder.
Dank.
Dich preisen der Himmel
Ewige Chöre.
* * *
Dann aber kriechen
In Stunden der Verlassenheit
Einsamkeit Trostlosigkeit
Burger (Reptilien!) an dich heran.
Auf dich.
Besetzen dich.
Und machtlos
Stehst du vor der Katastrophe.
Denn Einer sagt:
»Aber warum das alles?
Einstens ging es doch auch.
Lassen Sie die Finger davon.
Sie verbrennen sich.
Die Erfahrung lehrt – – –«
Da wendest du dich.
(Oleg!)
* * *
Proletarierkinder hungern auf der Straße.
Mir stülpt es den Magen um.
Es ist umsonst. Gratis.
Ich gehe in ein Restaurant.
Ich habe Hunger.
Fleischlos.
Die Speisekarte:
Schellfisch Marengo!
Da ging ich hin und weinte bitterlich.
* * *
Auf der andern Seite aber
Glänzt
Im Licht der kaum besäumten Sonne
Fenster an Fenster.
Hier ist man nicht.
Aber man ißt.
Aufschrei! Sehnsucht! Qual!
Gebt Friede!!
* * *
Die Faust fehlt,
Die starke,
Die Ordnung schafft.
Die Faust Dessen,
Des Herz stark ist.
(Kugel schoß ihn von hinnen.)
* * *
In den Lüften summen
Segeln, jubilieren
Alle.
Warum sind sie soo glücklich,
Und nur wir
Tragen den Schmerz?!
* * *
Durch Mittag
Segelt Glockenklang.
Und sie tragen
Einen zu Grabe.
Priester betet Litanei.
Vorbei.
Aus. Dies war ein Mensch.
War gewesen.
Wo?
Wo –
Bleibet das Erwachen?
* * *
Denn auf der Straße
Zieht Militär auf.
(Moralisch haben wir gesiegt,
Bitte!)
Stahlhelme blitzen
Und Schnurrbärte
Und Handgranaten.
Glückbestrahlte Zeit!
»Ach wie so kriegerisch!«
(Verdi)
Aber sie spielen:
Den
Pariser
Einzugsmarsch. –
O versuucht's doch mal!
Wann wird Erleuchtung kommen diesem Volke?!
Wissen,
Daß nicht Waffen,
Nicht Hände,
Nicht Taten entscheiden.
Sondern:
Geist, Herz, Demut.
Geist! Herz! Demut!
* * *
Auf den Wegen nach Süden
Und Osten
Taten sich Tore auf dem Dreimalweisen.
Und er sprach:
Zwischen den Dingen zu sein
Ist besser
Als über den Dingen.
Hart wird der Mensch.
Eisern schweißt ihn
Gewalt.
Preßt aus ihm
Lebenssaft.
Scheift ab von ihm
Alltägliches.
Konzentriert in ihm
Kraft.
Drum, Hochmütiger,
Bleibe zwischen den Dingen!
Vergiß dich nicht!
Steile dich! Kompariere dich! Potenziere dich!
Denn in dir ruht
Das Neue,
Das Wissen um das Notwendigste:
Das Gewissen der Welt.