ngiyaw-eBooks Home

Alfons Petzold – Der Pilgrim

Gedichte

Staatl. Graphische Lehr- und Versuchsanstalt, Wien, 1922


DEM
FREUNDE
FRANZ KARL
GINZKEY




DER PILGRIM.


Ich bin ein Pilgrim, zu Beginn der Zeit

kam ich in diese Welt aus einem Tor;

ich weiß noch, seine Inschrift «Ewigkeit»

trat oberhalb der Wölbung glänzend vor.

Der Nachtgestirne Feuer jäh verblich,

ich frug die Sonne nach dem Sinn der Reise –

Antwortend tönte es im weiten Kreise:

               Suche Dich!


Ich hob das Haupt, des Morgenwindes Hand

entriß mich schwerstem Sinnen, fern und nah

wanderten viele durch das offne Land,

in denen ich geliebte Brüder sah.

Ich rief sie an, doch siehe – jeder wich

mir finster aus, umsonst war all mein Fragen;

nur einen Alten hört' ich leise sagen:

               Suche Dich!


Der Mittag kam, die gelbe Hitze floß

auf mich in unbarmherz'ger Flut herab.

Da – unter dichten Bäumen stand ein Schloß.

Hart an die Türe schlug mein Wanderstab.

Jedoch keine Riegel an der Pforte wich,

umsonst mein Warten und gespanntes Lauschen,

nur im versperrten Brunnen sang ein Rauschen:

               Suche Dich!


Als nun des Mondes Sichelflamme bleich

und silbern in das blaue Schweigen stieg

und in den Hütten an des Wegs Bereich

der Lärm des Tags allmählich sich verschwieg,

fragte ich wieder: Wind des Abends, sprich,

Welch' Ziel ist mir gestellt, warum dies Wandern?

Da wehte es von einem Baum zum andern:

               Suche Dich!


Die Wolke Nacht umgab mich weich und kühl,

ich lehnte mich in ihre Dunkelheit

und schlief darinnen wie in einem Pfühl,

bald stand auch eines Traumes Lied bereit,

in doppelter Gestaltung sah ich mich.

Fragte nach meinem Ziel mit eignem Munde

und gab mir selbst darauf die dunkle Kunde:

               Suche Dich!


So geh ich Pilgrim auf der Straße Zeit

wohl schon an viele hunderttausend Jahr';

es seufzt' mein altes Herz, der Busen schreit

nach einer Ruhestatt' für immerdar

doch einmal muß es kommen, sicherlich,

daß mich, den Suchenden, empfängt die Erde

und ich zu einem ander'n sprechen werde:

               Suche Dich!





MORGENLIED.


Steh' auf, mein Gottgefühl,

aus irdischer Not;

schon leuchtet um dein Pfühl

das Morgenrot!


Hörst du den Glockenschlag

in deiner Brust?

Er kündet deinen Tag

und deine Lust!


Es zwingt dich keine Pflicht,

kein fremdes Recht,

denn selbst dem Sonnenlicht

bist du kein Knecht!


Steh' auf, mein Gottgefühl,

aus irdischer Not;

schon leuchtet um dein Pfühl

das Morgenrot!





BEGEGNUNG.


Das war wohl Gott, der Mann, den ich heut morgen

auf schmalem Weg im Fichtenwalde traf;

von seinem Leibe kams, wie süßer Schlaf

und hob von mir den Mantel grauer Sorgen.


Daß ich in leichten, unbeschwerten Träumen

durch diesen Tag die munt'ren Schritte lenke

und mich, um nicht dies Seltne zu versäumen,

ganz in den Himmel alter Heil'gen denke.


Als ich an Gott vorbeiging, sprach er leise

ein Wort zu mir, das dann zum Donner stieg

und bis zu dieser Stunde nicht mehr schwieg,

als herrlich tönender Gesang im Kreise.


Zu dem auch ich muß eine Stimme geben,

ekstatisch im alltäglichen Getriebe.

Ich fühle mich auf Engelsschwingen schweben

und sing das Wort der Worte jauchzend: Liebe!





DIE WELT.


Spiegelndes Licht, das strömend niederfällt

und mir die Hände silbern übersprüht,

ich seh' in dir die aufgeteilte Welt,

in jeden Tropfen ist sie eingeglüht.


Da stürmen Menschen Berge auf und ab,

Fabriken lärmen in qualvollem Chor,

Aurikeln blühn auf einem Kindergrab

und Wälder staunen still und groß hervor.


Ein Schiff trägt Hoffnungen weit über See,

Haß stöhnt und wütet, Liebe singt und lacht,

viel Bauern sensen töten Korn und Klee,

auf grünen Wiesen liegt mondhelle Nacht.


Urwüsten schauern leblos hingestreckt

um der Gebirge niebezwungne Wucht,

indes ein Sturm zum Ritt die Flanken reckt

in einer erdvergess'nen Meeresbucht.





IM SCHUTZ DER NACHT.


Erhab'ne Nacht, gestirnte Schweigerin,

Du, von allem Nüchternen erlöste,

nimm des Menschen arme Seele hin,

die des Tages Grausamkeit entblößte.


Wer wie sie in seiner Nacktheit friert,

hemdlos deinem Dunkel kommt entgegen,

hat noch stets dein großes Herz gerührt

und erwärmte sich an deinem Segen.


Hilfreich legst du deines Mantels Samt

um den Zitternden und so Geringen,

sei er auch von Gott und Welt verdammt,

müd gehetzt von roten Teufelsschwingen.


Kein Erzürnter aus der Götter Schar,

wird die Faust zum bösen Schlage heben

über den, der unter deinem Haar

hemmt der Füße zages Vorwärtsstreben.





SELIGE NACHT.


Über mir die Sterne des Kummers

Bleich in ihrem unirdischen Wahn,

Unter mir die Wogen des Schlummers

Rollend im nächtlichen Ozean.


Schiff des Mondes, laß dich besteigen

Im Gewände des wachenden Traums,

Lockend tönen die göttlichen Geigen

Aus dem Tag deines leuchtenden Raums.


Über die Stufen der innersten Gnade

Steig' ich aufs Schiff, das den Äther verdrängt,

Bis ein schimmerndes Wundergestade

Meine tanzenden Füße empfängt.


Und die Augen, entblößt von der Nähe

Aller irdischen Dinge der Zeit,

Laufen wie zwei himmlische Rehe

In die Gärten der Ewigkeit.





WANDERN.


Fern allem, was im Jargon der Städte Leben heißt,

wandert mein Geist.


Über Gebirge, durch Urwälder hin,

zu den Gestaden ewig brausender Meere

trage ich meinen armseligen Menschengewinn,

daß ihn die wogende Flut verkläre.


Auf einer Steppe, ganz nahe der Erde,

Inmitten wilder Büffel und Pferde,

Fern den Kerkern aus Eisen und Stein

Werde ich mir am nächsten sein,

Staunend durch Tage und Nächte gehn

und in Sonne und Sternen mein Bildnis sehn.





ERSCHEINUNG.


Oft ist es so, als seh' ich plötzlich einen Hügel

aus flacher Landschaft steigen, darauf ein Haus

die steinerbauten grauen Riesenflügel

wirft in die Unermeßlichkeit hinaus.


Und alles, was vor mir an Häusern, Leuten

und fremden Dingen steht, prunkt, wirkt und spricht,

enträtselt sich für mich zu dem Bedeuten:

Wir bergen Gott vor deinem Angesicht.





UNRUHIGE SEELE.


Unruhig bist du Seele, wie ein Vogel in seinem Drahtpalast,

Wenn der Mond mit leblosem Lichte die dünnen Stäbe beglänzt.

Du spannst die Flügel, riechst Frühling, aber es stirbt deine flatternde Hast

An dem Gitter des Wissens, das deine Menschheit umgrenzt.


Es ist Nacht. See Erinnerung brandet rauschend heran,

Steigt an dem Hause empor, wilde Möven beginnen zu schrein.

Seit einer Stunde, Seele, dein schmerzliches Lauschen begann

In das vergangene Leben, den nahenden Tod hinein.


Du horchst eine lange Zeit, grausam wach, deines Elends bewußt,

Frühling in Wäldern zu wissen, die nimmer erreichbar sind,

Legst wie der Vogel die schlagenden Flügel schlaff an die Brust

Im Flaum der Sehnsucht schauernden Morgenwind.





SPRUCH.


Gib Dich keinem in die Hände,

Sei im Kreise Deiner Wände

Eine unentdeckte Welt.

Rollt Dein Leben aus der Enge

In die Gassenflucht der Menge

Wird es bald wie abgegriffnes Geld.

Aus dem Grabe Deiner Ahnen

Höre immerfort das Mahnen:

Unser Adel ist nicht der,

Daß wir mit den andern sangen,

Doch daß wir uns selbst erklangen,

Machte unser Dasein wirkungsschwer.





WOLKENFAHRT.


Eine weiße Wolke schwebt

Über mich dahin,

Ihrer Fläche Leuchten hebt

Mich aus trübem Sinn.


Meine Sehnsucht rief sie her,

Die – gestirnumglänzt –

Segelt durch das fernste Meer,

Das kein Strand begrenzt.


Aus der Erde Schmutz und Not

Steig' ich Menschenknecht,

Setz' mich in das Sternenboot

Reisefroh zurecht.


Laß das Steuer gradaus steh'n,

Weiß ich doch zur Zeit:

Alle, alle Winde weh'n

Hin zur Ewigkeit.





WELTLIEBE.


So mußt du lieben, daß die Wesen lechzen

nach deines Daseins schüchternem Gesang,

daß alles stumm wird, jedes Schrei'n und Ächzen,

bei deiner Stimme leisem Klang.


So mußt du lieben, daß die Dinge lauschen,

von ihrer toten Starrheit zugedeckt,

darunter auf einmal die Adern rauschen,

von deinem Atem aufgeweckt.


So mußt du lieben, daß die Sterne steigen

zu dir herab, weil du der Hellste bist

und zwischen Tag und Nacht ein großes Schweigen

vor deiner hohen Menschheit ist.





VATERLIED.


Bist bloß mein Töchterlein

und nicht mein Söhnchen,

trägst aber dennoch ein

goldenes Krönchen.


Ganz heimlich hat es Dir

Gott zugetragen;

ist mit gar wenig Zier

außen beschlagen.


Und glänzt doch wunderbar

ins schwarze Heute!

Blondes Haar, heiliges Haar,

sagen die Leute.


Laßt einen goldnen Schein

nachts auf mich regnen –

mein süßes Töchterlein,

mög es Dich segnen.





DAS LEBENSLIED.


O, immer dieses eine Lied,

dies eine Lied in Baum und Strauch,

die Stunde flieht, das Leben flieht

und alles ist mir wie ein Hauch!


Dort läuft ein Kind, ein Greis wankt hier,

sie kommen nicht zu früh, zu spät;

sind beide doch nur eine Tür

durch die das Leben sterben geht.


Schlägst Du ein Kreuz dir vor's Gesicht,

höhnst Du der ganzen Litanei,

das allerletzte Rätsel bricht

vor Dir nicht seinen Kern entzwei!


Nur dieses Lied, dies eine Lied,

umsummt, um tönt Dich allezeit:

Die Stunde flieht, das Leben flieht

und nur das Nichts ist Ewigkeit!





AUF DEM HEIMWEG.


Aus der Villa trat ich, aus dem Zimmer,

wo ich mit der Freunde Schar gezecht

Silbern sickerte der Sterne Schimmer

durch der alten Bäume Blattgeflecht.


Und ich fühlte all die schweren Worte,

die wir vorhin sprachen in dem Raum,

mit mir wandern durch die Gartenpforte,

wie Verstorbene in einem Traum.


Bei dem Nachtgesang des Sommerwindes

ging die «Not», das «deutsche Volk», der «Haß»

und der «Hunger eines Großstadtkindes»

mit mir heim ins dunkle Schlafgelaß.


Und ich schämte mich des goldnen Weines,

den ich mit den guten Freunden trank,

und des warmen, hellen Lampenscheines,

wo die Welt so finster war und krank.





DAS TELEPHON.


Da hängt der schwarze Muschelmund

an weißer Wand und gähnt mich an,

doch plötzlich gibt ein Läuten kund,

daß er zum Sprechen aufgetan.


Im hastenden Gedankensprung

rast es durchs lauschende Gehirn –

ist es die Liebste, frühlingsjung,

der Freund mit der Gelehrtenstirn'?


Da dröhnt's mir schon ins Ohr hinein,

vertausendfacht ein jedes Wort,

und ein mir fremdes Menschensein

verkündet mir gescheh'nen Mord.


In einer Elendsgasse schoß

Der Sohn des Vaters Dirne tot – – –

O Leben, das ich blind genoß,

wie wach ich auf vor deiner Not!





DER BLINDE.


Er hat zwei wilde Vögel im Kopf, die wollen fliegen und können es nicht,

Er irrt durch finstere Wälder im engsten Stubenraum.

Jeder Nerv seines Körpers ist ein verlornes Gesicht.

Und immer umgibt ihn ein qualvoll drückender Traum.


Spricht jemand von Gottes Güte zu ihm, von dessen schaffender Glut,

Wird er wie ein Raubtier, duckt sich zum Sprunge

und speit

Haß auf die Erde; und sein gemartertes Blut

Rot aus seinen erloschenen Augen stöhnt und schreit.


Nur wenn die Nacht auf die Dinge den Schleier der Ruhe legt,

Den Wesen die glückliche Stimme tönt, dann sinnt

Seine arme Seele, versöhnt und heilig bewegt

Dem Märchen des Lichtes nach, wie ein träumendes Kind.





DER SONNENVOGEL.


Alle Tage sitzt er groß und golden

ernst vor mir und singt sein schweres Lied;

unter ihm die bunte Schar der Dolden

nonnenstumm in tiefer Andacht kniet.


Nach dem mächt'gen Schwunge seiner Flügel,

der ihn trägt vom Land der tausend Hügel

in mein enges Gartenreich,

thront er unbeweglich und gelassen

mitten in der Äste dichten Massen,

als ein Gott und Betender zugleich.


Abends, wenn die ungeheure Ferne

sich zum kleinen Raum zusammenzieht,

rauscht er kaiserlich empor, die Sterne

siehst du zittern dann vor seinem Lied.





STROPHEN IM FRÜHLING.


I.


Die Mandelbäume stehen schwer bereift

vom Blütenschnee und wissen kaum zu tragen

die holde Last, in die mein Schauen greift; –

ich muß ganz leise, leise: Frühling! sagen,

wohl hundertmal des Tages vor mich hin,

muß der Geliebten diese Wunder zeigen

und dann in ihren Armen ruh'n und schweigen,

weil ich der Bäume blühender Bruder bin.


II.


Ich geh' durch diesen Frühling, wie ein Traum

durch eine Welt geht, schwebend unbeschwert.

Ich fühle keine Zeit und keinen Raum

und weiß nur eines: daß mich jeder Baum

zu meinem alten Kindergott bekehrt.


Ich wandere mit Heil'gen Arm in Arm

durch große Stille, fern dem lauten Volke,

und knie in einer hellen Blütenwolke,

indes das Herz schlägt klingenden Alarm.


III.


Ihr wißt es nicht, was das für Tage sind,

sonst würdet Ihr nicht wie die Blinden gehen

und vielmehr, wie ein tieferstauntes Kind

vor diesen hochzeitlichen Dingen stehen.

Laßt die Geschäfte in den Stuben sein,

nehmt Hut und Stock, erhebt den Blick zum Himmel

und reitet mir auf goldschabracktem Schimmel

in dieses Frühlings Märchenland hinein.





DIE AMSEL.


Sang eine Amsel mitten im Gewitter,

das Lied der Sonne von dem Blitz umzündet

mit einem feuerfarb'nen Strahlengitter,

die kleine Brust von dem Gesang geründet.


Verballte Donner sich um sie,

als wollte er die Sängerin erdrücken,

verströmte diese ihre Melodie

mit noch viel größerem Entzücken.


Sturm packte sie, der Regen stäubte über

ihr Schwarzgefieder, doch sie hielt nicht ein,

und sang sich in den Sommertraum hinüber

der voller Ruhe war und Sonnenschein.





STILLER REGEN.


In den Wipfeln der Bäume

hängen die Flügel des Windes.

Der Regen fällt auf die Erde,

wie Worte in die Träume

eines Kindes.


Das Laub raschelt leise im feinen

Abendweh'n

so, als hätte

jedes Blatt Füßchen und würde, wie die kleinen

Kinder beim Schlafengeh'n,

strampeln im Bette.





NOVEMBER.


Ein feuchter Glanz ist in den Dingen

und du spürst Tränen, die du nie geweint,

gleich heißen Tropfen darin singen

und bist mit jedem fremden Schmerz vereint.


Du gehst an einem Baum vorüber,

da bleibst du plötzlich stehn und sinnst –

denn von den Ästen schwebt herüber

auf dich ein graues, nächtliches Gespinst.


Und du sagst leise «Herbst» und schauerst

bis zu des eignen Leibes tiefstem Grund –

dann kann es sein, daß du dich kauerst

in großer Trauer neben deinem Hund.





WINTERLICHE ABENDSONNE.


Ein Stücklein Sonne liegt noch eingezwängt

im winterbraunen Holz des Fichtenschlages.

Im blauen Abend gegenüber hängt

der Venus Stern. Der letzte Schein des Tages


versilbert hier, vergoldet dort ein Dach,

streicht alles Harte aus dem großen Bilde

und gibt dem Tal mit dem umeisten Bach

etwas von einem himmlischen Gefilde.


Ein Krähenleib entsteigt dem bleichen Schnee,

aus dem ihn eines Menschen Tritte scheuchten.

Er steigt zum Forste und versinkt ganz jäh –

mit ihm der Sonne allerletztes Leuchten.





GROSZSTADTHIMMEL.


Großstadthof und Großstadthaus,

grau die Höh und grau die Breite,

aber drüber weit hinaus

eine ungeheure Weite.


Von den Bergen untertürmt

heldisch im geschwungnen Bogen

fernhin Horizont erstürmt,

von den Wölkchen sanft durchflogen.


Sinnbild meiner Leidenschaft:

grau mein Wirken, grau mein Leben,

aber äber ihm die Kraft,

gänzlich sich der Welt zu geben.





ERSCHEINUNG.


Es trat an mich heran,

Ernst, dunkel und kalt,

Wie eine ruhige Winternacht,

Eine hohe Gestalt

Nur ihre Stimme klang frauenhell.


Aus ihren verschleierten Händen

Fiel Erde auf mein Kleid,

Aus ihrem Munde wehte himmlische Stille,

Die ihre Worte nicht zerbrachen.


Lange stand sie bei mir,

Sprach seltene Dinge,

Heilig und voll der Gräber Weisheit:

Aber je weiter der Morgen durch die Gasse kam,

Auf mein schlafendes Haus zu,

Verblich vor meinen Augen die Gestalt.


Andächtig grüßte ich Sonne und Morgenrot,

Den nahen Wald,

Die schwindenden Sterne

Und den in silberner Ferne

Hinwandelnden Tod.





WAS UND WER.


Gar viele Nächte hab' ich schon durchwacht –

Wie Quadern schieben sich die Stunden um mich her,

In denen meine Seele tagverflacht

Ins Dunkel wirft die Worte: Was und Wer!


Was gilt mein Tun, das alle Welt verlacht?

Bin wie ein Brunnen wohl, versandet, wasserleer!

Wer gibt auf dieses mein Beginnen acht

Und fühlt darin ein Handeln inhaltschwer?


Mein Dichten fällt wie Steine in die Nacht

Der Brunnentiefe und wenn von ungefähr

Ein Echo hallt aus ihrem dunklen Schacht,

Dann horch ich fromm auf seine Wiederkehr.


Das Morgenlicht, vom Tage angefacht,

Läßt mich erst sinken in der Träume Meer,

In das noch immer eine ferne Macht

Die Gottesworte schleudert «Was und Wer»!





DIE QUELLE.


Kam ich einst zu Gott und fragte ihn:

Sage, Herr, was läßt uns meist entflieh'n

deiner Herrlichkeit und großen Stärke,

warum sind wir stets nur deine Werke?


Kam ein Klingen aus der Wolke,

wo der Wunderbare saß,

und ich hörte vor dem Volke

eine Stimme, hell wie Glas:


Glaubt ihr, daß ich aus der Erde

tote Körper formen ließ,

die ich Menschen, Vögel, Pferde,

Schlangen, Fische nennen hieß.


Glaubt ihr, daß ich nur dem Samen

aller Dinge Reife gab,

daß er meines Daseins Namen

sieht als seiner Schwäche Stab?


Jeder Pulsschlag muß euch künden,

daß ihr mehr als Wirkung seid,

eure Tugenden und Sünden

sind ja meine Göttlichkeit.


Mein mir tiefbewußtes Leben

einst als Vielheit von mir wich,

wurde ewiges Sichgeben,

ich bin ihr, und ihr seid ich.


Gleiches ist in euch lebendig,

was an mir die Gottheit schafft,

und so zieht es euch beständig

zu der Quelle aller Kraft.





WAS BIN ICH NUR?


Was bin ich nur: ein Kind das schaut

traumäugig in die Welt hinein,

ein Mann, der stolz sein Leben baut,

ein Greis, der müde und vergraut

sinnt über seinem Leichenstein?


So spür' ich Tag und Jahre lang

dem Dunkel meines Lebens nach.

Was ich an Lüge schon zerbrach

und was an Wissen mir zersprang,

das macht mich manche Nacht so bang,


daß ich nicht weiß, wohin ich geh',

und in gar böser Irrnis steh';

ein Kind, das weiterträumen will,

ein Mann, der Kampf und Siege will,

ein Greis, der über Lust und Weh

versunken lächelt sehnsuchtsstill?



ngiyaw-eBooks Home