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Alfons Petzold – Totentanz

Gedichte

Feuer Verlag, Leipzig, o. J. [1923]


Dem Freunde Simon Abram zugeeignet





DER DICHTER


Oft habe ich die seltsamsten Gefühle

von Menschen, die im Wahnsinn stehn und sinnen,

und alle meine wachen Stunden rinnen

in eine tiefe, ungesehne Kühle.


Ich staune, wenn dann einer kommt und kündet,

so menschenähnlich, blind und tagbezwungen,

von seinem äußerlichen Sinn gedungen:

»Wach auf, daß nicht Dein Geist im Dunkel mündet!«


Er sieht es nicht, was meine Nerven fassen,

und es dem inneren Gesicht zulenken

in diesem wundervollen In-sich-selbst-versenken,

mitten im Lärm der Plätzen und der Gassen.


Er sieht es nicht, dies In-die-Ferne-schreiten

durch das bekränzte Tor der eignen Seele.

Ein Schrei des Schreckens sitzt ihm in der Kehle

und läßt ihn zitternd meinen Gang begleiten.





TOTENTANZ


Erlahmen uns die Hände vom Gebet?

Sind wir schon blind vom sorgenvollen Wachen?

Hat uns die Qual die Lippen zugenäht?

Verzerrt nicht mehr den Mund grämliches Lachen?

Da diese Zeit auf unserm Nacken steht

mit Raubtiertatze und gezähntem Rachen

und uns zu Boden drückt mit harter Miene:

Besiegte Kreatur, nun diene, diene!


Ist unser Schlaf nur eine Folterbank,

auf der wir hingestreckt verzehnfacht fühlen,

wie in den Körper, ausgelaugt und krank,

sich immer gieriger die Messer wühlen,

indes die Henkersknechte mit Gezank

an jedem Muskel sich ihr Mütchen kühlen,

und rundumher schon müdgewordne Schlächter

dem Fest zusehn mit teuflischem Gelächter?


Streun wir vom Morgen bis zur Abendzeit

der Reue Asche auf die Scheitelhaare?

Umschreiten wir im grauen Büßerkleid

des Vaterlandes ungeheure Bahre?

Und sind wir allem bittern Menschenleid

gewaltigste und furchtbarste Fanfare,

vor derem Tone alle Klänge schweigen

und seltne Zeichen sich am Himmel zeigen?


Und geben die, die unter uns noch voll

kostbarster Dinge ihre Truhen haben,

das Letzte her, auf daß des Hasses Groll

der Witwen, Waisen, Krüppel wird begraben?

Und beugen sich die Stirnen demutsvoll,

wenn einer von den dargereichten Gaben

nichts wissen will und mit des Zornes Beben

hinweist auf sein vom Krieg geschändet Leben?


Und sind wir alle Diener eines Sinns,

der Arbeit heißt und nimmermüdes Schaffen?

Und wolln wir nicht um Zins und Wiederzins

der Erde Gut aufs neu zusammenraffen,

auf daß die Fülle klingenden Gewinns

nicht mehr zugute kommt geputzten Laffen

und geilen Dirnen, die mit ihren Händen

die letzte Würde unsrer Tage schänden?


O nein, o nein, nichts, nichts von alledem!

Wir pfeifen auf den Stolz und auf die Ehre!

Wir sitzen da, gelassen und bequem,

als wenn die Welt voll deutscher Sonne wäre

und unser Haus nicht aus zerschossnem Lehm,

berannt von einem wilden Sorgenheere.

Gebälk stürzt ein, die schmalen Fenster splittern,

indes wir um verbuhltes Lächeln zittern.


Wir hüllen uns in Seide, Samt und Gold,

Champagner schäumt mit fröhlichem Gezische,

der weiße Würfel aus dem Becher rollt,

die Karten klatschen auf die grünen Tische.

Indes Verderben donnernd uns umgrollt,

verspeisen wir Pasteten, Braten, Fische

und lassen zwischen dürren Totenkränzen

den heißen Trank rasender Lust kredenzen.


Bacchantisch wirbeln wir im Tanz einher,

die Glieder zucken wild im Shimmysprunge,

die Stunde ist für uns ereignisleer,

wo nicht im Niggertanze keucht die Lunge.

O, uns ist nicht ein Tanz zu dumm, zu schwer –

sind wir nur einmal mitten drin im Schwunge.

Die Seide klitscht am weißen Frauenfleische,

den Saal durchirrt hysterisches Gekreische.


Und Fest jagt Fest. Wenn auch mit Bettlerhand

die Krüppel kauern an den Straßenecken,

sich Blinde über graues Städteland

hintasten mit den abgetretnen Stecken

und hinter mancher dünnen Zinshauswand

der Armen Kinder massenhaft verrecken –

was macht dies aus? Wir wollen ja vergessen

und nicht mit Sonden unser Elend messen!


Was gilt die Arbeit? Ach nur so viel, wie

das Dasein braucht für dies Gespensterleben;

sie hat nicht Rhythmus mehr und Melodie,

und wo sich Muskeln noch im Schaffen heben

und wieder senken, da geschieht es nie

in einem edlen In-die-Höhe-Streben.

Nein, alles feilscht und handelt, wie der Jude

es einst getan in seiner Ghettobude.


So taumeln wir dahin und sehen nicht

der Warnung Lettern an der Wand erscheinen

und hören nicht die Stimme, die da spricht

gewaltig aus den Balken und den Steinen:

Ich bin die Zeit, und schreckliches Gericht

wird hier die Sonne und der Mond bescheinen,

muß ich verkünden es aus meinen Wunden:

Gewogen, Volk, und viel zu leicht gefunden!





HERBSTLICHE ELEGIE


In diesen Tagen, die so still hingehn,

wie müde Frauen, die dem Welken nahe,

sich einmal noch für den Geliebten schmücken –

in diesen Tagen denke ich an eine,

die nichts so liebte, wie den Herbst. –


Wenn sie, auf ihrem Liegestuhl gebettet,

im Garten lag, von milder Luft umflutet,

ging über ihr Gesicht ein stetes Lächeln

und eine fröhliche Gelassenheit

kam uns, den Sorgenden, von ihr entgegen.

Wir wußten, daß ihr Ende nahe war,

und sie wohl auch, denn oft sprach sie davon –

und dennoch, dennoch diese Fröhlichkeit?


An einem Nachmittage, da um sie

der Georginen legten Blüten sprangen,

saß ich bei ihr; da nahm sie meine Hand

und sprach zu mir: »Mein Heißgeliebter,

nun wird der Bäume Atmen immer leiser,

die Blumen bleichen hin, des Weines Laub

glüht feurig auf im legten Schlag des Pulses,

die Bienen tragen nicht mehr Honig heim,

sie flüstern mit den Fliegen von dem Schlaf,

dem großem Schlaf, der allem nahe ist,

was einen Frühling hatte, einen Sommer.

Selbst Pan, der schöne, grüne Gott verläßt

der Gärten säuselnde Gebüsche, um sein Haupt

im fernen Walde Sehnsucht hinzulegen

und einzuschlafen – einzuschlafen.


Ja, ja, die ganze Welt schläft ein,

schläft für mich ein, um wieder aufzuwachen,

für sich und mich – und Ihr, Ihr meint, ich sterbe,

versteckt die Tränen hinter glatter Miene.

Ist das nicht lustig, keines Lächelns wert?

Ich gehe so wie Pan von Euch und werde

mit Tanz und Singen wieder zu Euch kommen,

und schöner, Freund, und freudiger als je,

wird unser Frühling, unser Sommer sein.

Schön ist der Herbst mit seinem Abschiednehmen

und Wissen, daß es wiederkommt:

Die Bäume und die Blumen, unsre Bienen,

das kühle, grüne Laub des Weins, Gott Pan,

der Kränze schwingende und ich, Geliebter,

und auch ich!« –


In diesen Tagen, die so still hingehn,

gedenk ich einer, die von uns gegangen.

Sie liebte so den Herbst, er nahm sie mit,

vielleicht zu ihm. dem grünen, schönen Gott

im Walde Sehnsucht.





DER PILGRIM


Ich bin ein Pilgrim. Zu Beginn der Zeit

kam ich in diese Welt aus einem Tor;

ich weiß noch, seine Inschrift: »Ewigkeit«

trat oberhalb der Wölbung glänzend vor.

Der Nachtgestirne Feuer jäh verblich,

ich frag die Sonne nach dem Sinn der Reise –

Antwortend tönte es im weiten Kreise:

Suche Dich!


Ich hob das Haupt. Des Morgenwindes Hand

entriß mich schwerstem Sinnen. Fern und nah

wanderten viele durch das offene Land,

in denen ich geliebte Brüder sah.

Ich rief sie an, doch siehe – jeder wich

mir finster aus, umsonst war all mein Fragen.

Nur einen Alten hört´ ich leise sagen:

Suche Dich!


Der Mittag kam, die gelbe Hitze floß

auf mich in unbarmherz'ger Flut herab.

Da – unter dichten Bäumen stand ein Schloß.

Hart an die Türe schlug mein Wanderstab.

Jedoch kein Riegel an der Pforte wich;

umsonst mein Warten und gespanntes Lauschen.

Nur im versperrten Brunnen sang ein Rauschen:

Suche Dich!


Als nun des Mondes Sichelflamme bleich

und silbern in das blaue Schweigen stieg,

und in den Hütten an des Wegs Bereich

der Lärm des Tags allmählich sich verschwieg,

fragte ich wieder: »Wind des Abends, sprich,

welch' Ziel ist mir gestellt, warum dies Wandern?«

Da wehte es von einem Baum zum andern:

Suche Dich!


Die Wolke Nacht umgab mich weich und kühl,

ich lehnte mich in ihre Dunkelheit

und schlief darinnen wie in einem Pfühl.

Bald stand auch eines Traumes Bild bereit:

In doppelter Gestaltung sah ich mich,

fragte nach meinem Ziel mit eignem Munde

und gab mir selbst darauf die dunkle Kunde

Suche Dich!


So geh ich Pilgrim auf der Straße Zeit

wohl schon an viele hunderttausend Jahr.

Es seufzt mein altes Herz, der Busen schreit

nach einer Ruhestätt' für immerdar.

Doch einmal muß es kommen, sicherlich,

daß mich, den Suchenden, empfängt die Erde,

und ich zu einem andern sprechen werde:

Suche Dich!





GERICHTSTAG


An einem Tage werden die Steine künden

von Menschenleid, das ihre Fläche trat,

das sich in ihrem Schatten blutig weinte

unendlich oft zu Haß und Fluch versteinte,

wenn es aus seiner Tage Höllenschlünden

vergebens um der Güte Balsam bat.


An einem Tage werden die Bäume sprechen

von Knechten, Mägden, die in ihrem Kreis

von ihrer Schmach zuckenden Munds erzählten,

aus harter Hülle ihre Herzen schälten,

um sie wie volle Nüsse aufzubrechen –

als Kern darin die Liebe, still und heiß.


An einem Tage werden alle Dinge

voll Stimme über schwarzen Wolken sein,

und nur die Menschen müssen stumm verharren,

indes sie in das Auge Gottes starren,

ob ihnen wird die goldne Engelsschwinge,

ob ihnen wird der Hölle bittre Pein.





NAECHTLICHE ERSCHEINUNG


In Finsternis und Nacht

hab ich das Licht gesucht.

Um mich hat Lust gelacht

und wilder Zorn geflucht,

Leib einer Dirne strich wie

fetter Rauch vorbei,

und aus dem Dunkel wich

ein halberstickter Schrei.


Aus feuchten Häusern schwoll

des Lebens ekle Schmach,

und böser Haß und Groll

lief meinem Schatten nach.

Durchmodertem Gelaß

entsprang ein Stimmenchor,

und im Diskant und Baß

schrie's in die Nacht empor:


»Uns zeugte Dunkelheit

mit Ratte, Maus und Wurm,

des Lebens Haß und Neid

umsteint uns wie ein Turm.

Was uns an Speis und Trank

wird täglich vorgesetzt,

hat uns in Stirn und Wang

das Zeichen Kains geätzt!


»Wir kriechen nackt und wild

um das, was glücklich lebt,

wo unsers Gottes Bild

an goldner Mauer klebt.

Ihr hebt kaum euren Fuß,

wenn ihr uns Bettler seht.

Wir sind euch nur wie Ruß,

vom Winde hingeweht!


»Was aus uns klagt und stöhnt,

ist euch wie Tiergeschrei,

und von den Aengsten höhnt

ihr eure Seele frei.

Ihr wendet euch nicht um,

wenn eines von uns stirbt

und röchelnd oder stumm

gleich einem Hund verdirbt!


»Die Hure und der Dieb,

die alte Kupplerin,

der, dem ins Antlitze schrieb

der Schnaps das Urteil hin.

Wie ekler Krankenschleim

und Unrat wirken sie

und euer letzter Reim

auf uns ist: Armes Vieh!


»Ja, armes Vieh, sonst nichts

sind wir auf dieser Welt,

im Strahl des Sonnenlichts,

vom Lampenschein erhellt.

Geboren von der Nacht,

Teil ihrer Dunkelheit,

schrein wir aus unserm Schacht:

Fluch, Fluch! in diese Zeit!«


Der schrille Chor verklang –

ich wankte in ein Haus.

Gesang und Weinduft drang

von seinem Tor heraus.

Der hellste Lichtschein lag

auf jedem Tun und Ding.

Hier blieb ich, bis der Tag

mit mir nach Hause ging.





DIE VERDAMMUNG


Sechs Tage war ich ganz allein,

am sieb'ten aber trat er ein,

der ewige und große

Schüttler der Menschenlose.


Mit Donnerwort kam er aus mir

und sprach: »Was du an Stein und Tier,

an Wolke und Gebirg gefunden,

was gab es dir für große Stunden?


Zeig her, was hast du dir errafft

aus jener heiligen Leidenschaft,

die aus den Einsamkeiten lodert

und mich selbst zu Gerichte fordert!«


Da war ich stumm und war wie tot,

doch mich spie an, wie faules Brot,

der ewige und große

Schüttler der Menschenlose.





NACHTBALLADE


Ich ging durch die Nacht, die schwere Geheimnisse fühlte,

sie hockten im Baum, im Strauch und liefen an Häusern empor,

sie stiegen aus Brunnen, die der eisige Nachtwind kühlte

und sprangen aus düster dräuenden Türen hervor.

Bleichflutendes Mondlicht die Straßen mit Tropfen bespülte,

und jeder Laut, der erstand, erstarb, indem er sich wühlte

in erdfernem Stern und in die Wüste der Nacht sich verlor.


Ich ging durch die Stadt und trug mein Herz in den Händen,

mein Herz, das zernagt von den Schmerzen des Tages war;

ich trug es hinaus auf des Berges grünende Lenden,

hinein in der schweigenden Blumen zitternde Schar;

und ich suchte die Quelle, die aus granitenen Wänden

entspringend, ihr heiliges Dasein der Erde muß spenden

und reichte mein Herz ihr zur kühlenden Heilung dar.


Doch als ich so stand und in die raunende Quelle schaute,

da deckte auf einmal den Mond eine riesige Hand,

und mächtiges Dunkel über die Tale und Berge graute

und ward mir, als wäre mein Herz den fiebernden Händen entwandt.

Ich hörte weltfremde, der Hölle entstiegene Laute –

und, als ich im Banne der Angst zur sternlosen Höhe schaute,

ein Geier mit meinem zuckenden Herzen entschwand.





ZUR RECHTEN HAND GOTTES


Wir werden einst zur rechten Hand Gottes stehn,

sind wir auch Zuchthäusler, Dirnen und Knechte

dunkler Begierden, und der unendlich Gerechte

wird uns segnen trog allem bösen Geschehn.


Engel, mit dem Prunke der Himmel bedacht,

werden für uns die silbernen Lyren greifen,

ihre Gewänder werden die unseren streifen,

wie der Tag am Morgen die düstere Nacht.


Es wird fallen von uns jedes böse Gesicht,

alle Härte und Schmach unsrer irdischen Pflichten,

wir werden nimmer von den Drangsalen berichten,

vor denen hier so manche Seele zerbricht.


Es wird kein Sinken aus Traum und Stille sein

zurück in den Lärm der Händler, Sünden und Kerker

treten wir einmal als heilige Tagewerker

in den Raum der letzten Ewigkeit ein.


Wir werden einst die rechte Hand Gottes schaun

segnend über unsere Massen erhoben,

wir werden unser vergangenes Dasein loben

als Diebe, Mörder, Knechte, gefallene Fraun,


die einmal unter gewaltigem Zwang

sich aufheben mußten aus täglichen Dingen,

um mit dem Teufel einsam, verstoßen zu ringen,

Brust an Brust ein ganzes Leben lang.





DER BAUER


Gar viele, unzählige Male verfluchte Wochen

stand er im Kriege und lebte verruchtestem Mord,

fraß sich düsterbrütenden Haß in die Knochen

gegen das ehemals so liebe, göttliche Wort.


Als er am Ende, noch monatelang gefangen,

in der Baracke viel schlaflose Nächte durchsann,

er tief mit glühenden Hacken und Zangen

Gott aus der blutenden Seele zu reißen begann.


Als er, der harte, schweigsame Inntaler Bauer,

kehrte heim nach Tirol, da fand er sein Weib

gelehnt an die mit dem Christus geschmückte Mauer,

in heißem Gebete zuckte sein hagerer Leib.


Er trat, ohne Wort an sie, aus der dämmrigen Kammer,

nach einer Weile kehrte er wieder zurück;

in seinen Händen trug er Nagel und Hammer,

in seinem Auge funkelte richtender Blick.


Er nahm das Gebetbuch, mit dem er selbst oft gelegen

vor seinem Gott, die Finger krampfig gespannt,

und nagelte es mit ein paar wuchtigen Schlägen

ganz oben an die eigene Laubenwand.


Dann ging er hinaus zu seinen Kühen und Pferden,

hörte nicht auf seines Weibes irres Rufen und Schrei'n,

und ackerte später mit ruhigen Pflügergeberden

auf herbstlicher Erde bis in den Abend hinein.





DER LAEUFER GOTTES


Segeln Sturmwolken so schnell durch das himmlische Meer,

brausen so eilig die Wellen im Strome einher,

wie ich, der Läufer Gottes dränge in Euere Reihn,

um der Verkünder göttlichen Zornes zu sein?


Ich bin dem Sturme in brennender Wüste gleich

und färbe Euere Wangen und Stirnen bleich,

aus Eueren Herzen und Hirnen scheucht mein Wort

die Lügen der Andacht und Schande der Demut fort.


Ihr schlagt an die Brüste bei meinem nahenden Schritt,

denn ich bringe die Kunde von Gottes Verfluchungen mit.

Aus Eueren Kehlen schleudert die Furcht ihren Schrei

stürm ich, der Läufer Gottes, an Eueren Häusern vorbei.


Ihr, die Ihr dem Armen nicht gönnt, was Ihr vom Leben verlangt,

Ihr, die Ihr den Säufer beschimpft, der trunken vorüberwankt,

Dir, die Ihr die Dirne im Schlamme versinken seht

und dazu murmelt ein heuchelndes Dankgebet,

Ihr, die Ihr das Kind in die Wildnis des Alters hetzt,

Ihr, die Ihr den Tag hoch über die Ewigkeit setzt,

Ihr, die Ihr die Tiere mit gierigen Händen quält,

Ihr, die Ihr die Dinge mit wuchernder Zunge zählt,

Ihr, die Ihr das Blühen der Welt mit Eueren Schatten deckt,

Ihr, die Ihr die Sinne mit Euren Gedanken befleckt,

Ihr, die Ihr die Herzen aufreißt, und darinnen nach Schätzen sucht,


seiet verflucht – seiet auf ewig verflucht!





DIE EWIGEN MUETTER


Starb je ein mütterlicher Leib, in dem sich Schmerz

und Lust zu einem neuen Menschen einte?

Verwandelte sich je solch Fleisch in Erz,

wenn es nicht Staub ward oder gar versteinte?

Ich kann nicht glauben, daß er Wolke ward,

Luft, Wasser, Hauch, den niemand sieht und fühlt,

und daß ihn nach der reichen Lebensfahrt

ein Strom hinunter in das Nichtsein spült.


Ein Weinen gibt es, das die Steine sprengt,

doch kommt es nicht aus tollen Männerlenden –

gestorbene Mütter, die der Gram versengt,

weil sie nicht dürfen mehr mit ihren Händen

die Kinder hüten, schenken es der Welt ...

Da geht ein Rauschen Tag und Nacht einher –

bald ist es wie ein Bach, der silbern fällt,

bald wie das tieferzürnte, wilde Meer.


Und mit den Tränen geht die Sehnsucht mit,

noch einmal göttliches Gefäß zu werden;

vergessen ist das Leid, das jede litt,

der Schwangerschaften häßliche Beschwerden.

War es daheim, war's in dem Krankensaal,

auf Stolz gebettet oder nur auf Scham ...

O wie armselig war doch alle Qual

für das, was dann mit einem Kinde kam!


Nicht eine, die, erstarrt vor unserm Blick,

aus ihrem Mutterdasein sank in Erde,

bleibt tot. Ein unbeendigtes Geschick

spricht über ihrem Grab gelassen: Werde!

Von Zeit zur Ewigkeit spannt sich ein Pfad,

drauf wandern immerwährend viele Fraun;

demütig und doch reich an stolzer Tat

sind sie dem inneren Gesicht zu schaun.


Ein Feuer fällt – sie wandern ruhig hin!

Die Erde stöhnt – sie bleiben lächelnd stehen!

Flut steigt empor – jedoch in ihrem Sinn

lebt nur das eine lächelnde Geschehen.

Auf ihren Lippen blüht ein Lobgesang

um das vermorschte Mauerwerk der Zeit ...

Ja, sie sind da, ich höre ihren Gang,

schwer in der Fülle ew'ger Trächtigkeit.





IM KAFFEEHAUS


Auf dem betuchten Feld des Billards

klapperten locker durch den Raum die Bälle.

Das stumpfe Leuchten eines blonden Haars

zwang meinen Blick an eine and're Stelle.


Von ihres Mannes Körper halb verdeckt,

sah eine Dame träumend vor sich nieder.

Das junge Angesicht war krank gefleckt,

und müde war die Haltung ihrer Glieder.


Ein junges Hochzeitspärchen sollt' es sein –

wir alten Gäste raunten freche Sachen

uns gegenseitig zu, und in den Wein

versenkten wir verständnisvolles Lachen.


Am nächsten Tage sah man sie nicht mehr.

Es hieß, sie seien abgereist nach Essen.

Und neue Bilder zogen auf uns her,

die zwei Verliebten waren bald vergessen.


Da, als wir heute saßen beim Kaffee,

kam von des jungen Weibes Tod die Kunde.

Trotz allen Sommers sahn wir plötzlich Schnee

und jeder Laut gefror in unserm Munde.


Und jeder von uns dachte an ein Wort,

das er gedankenlos, gemein gesprochen,

als noch die junge Frau am Tische dort

mit ihrem Haar der Lampe Licht gebrochen.





DER MAERTYRER


Dem Körper Adams wollte er entfliehn

mit einem Lächeln, das dem Schmerz entblühte.

Den Kahn des Todes sah er nahe ziehn

und darin einen stehen, der voll von Güte


und Glanz im reinen Angesichte war.

Der winkte leicht – da bogen sich die Richter

mit Staunen vor, denn um des Opfers Haar

erschien ein Strahlenring, um vieles lichter


und schöner als des Cäsars Kronenreif.

Angst überschattete der Männer Mienen

vor einem Leichnam, blutbedeckt und steif,

vor dem die Henker standen wie zum Dienen.





LIED DER SKLAVEN


Wer hat uns hungern lassen

in lichtlos engen Gassen,

in Löchern feucht und kalt,

und so aus unser'm Hassen

geschmiedet die Gewalt?

Wer hat uns dies Erschauen

der Welt gemacht zum Grauen

und unsre armen Frauen

frühzeitig morsch und alt?


Wer hat in uns das Sehnen

nach froher Brüste Dehnen

verwandelt in ein Leid,

das aus dem Meer der Tränen

verzweiflungsvoll aufschreit?

Wer hat uns jeden Bissen

vom Munde weggerissen,

kam uns ein bessres Wissen

vom Reichtum unsrer Zeit?


Wer hat uns zu den Nöten

des Krieges, um zu töten

mit kaltem Blut gejagt

und bei dem Klang der Flöten

das Mitleid uns versagt?

Wer hat uns so zerbrochen,

daß schon in ein paar Wochen

sich hob der Turm der Knochen,

der alles überragt?


Wer schenkt uns früh den Schragen,

wer füllt mit unsern Tagen

die Kerker übervoll?

O bittre Qual der Fragen,

was zeugst du bittern Groll,

der wie durchrußtes Feuer

aus Burg, Fabrik und Scheuer,

aus jeglichem Gemäuer

seit Weltbeginnen quoll?


Uns Hungrigen der Stille

hat ein geweckter Wille

gelockt auf seine Spur.

In dieser Zeit erfülle

sich unser dunkler Schwur –

der Armen, Unterdrückten,

Vergrollten, Glückentrückten,

der früh ins Grab Geschickten

heiliger Racheschwur.


Lang, lang geheim gehalten,

von grausamen Gewalten

in Hütte und Verließ –

nun soll er sich gestalten,

wie Gott ihn uns verhieß:

So Fluch für Fluch gesprochen,

so Zahn für Zahn gebrochen,

so Aug für Aug gestochen!

Auf, fasset Dolch und Spieß!


Doch freigewordne Hände,

die wollen dieses Ende

der alten Herren nicht;

die große Zeitenwende

weiß höheres Gericht.

Sie sollen mit uns bücken

die feinen, weißen Rücken

und mit uns voll Entzücken

erschaun das gleiche Licht!


Das hat die große Stunde,

die uns im neuen Bunde

vom Kettenzwang befreit,

gegeben als die Kunde

der herrenlosen Zeit:

Nicht Mord und neue Schändung,

nicht neue Not und Blendung –

der Inhalt unsrer Sendung

nennt sich: Gerechtigkeit!





DER TAENZER


Gott entlockte mich dem Schlummer,

der mich kühl und sanft umschloß,

und Musik, die aus dem Kummer

und dem Leid der Menschen floß

hüllte mir wie eine Wolke

Leib und Seele feurig ein,

und zum Tanze vor dem Volke

muß ich heben Bein um Bein.


Ueber Straße, Platze und Anger,

an den Menschen gehts vorbei,

denn sie sollen, elendschwanger,

hängts an ihnen auch wie Blei,

so gleich mir die Füße heben

zu der stöhnenden Musik,

während die Dämonen schweben

über zuckendem Genick.


Doch sie bleiben in der Pose

ihres Jammers stumm und steif,

Bürger, Dirnen, Arbeitslose,

Fürsten mit dem Kronenreif,

Bettler, Pfaffen und Proleten,

vogelfrei und stubenblind,

Prasser, Heil'ge und Propheten,

Weib und Mann und Greis und Kind.


Tanzend schwing ich mich vorüber

an Theater und Fabrik,

Zinskasernen sieht mein trüber,

nachtumflorter Irrsinnsblick.

Dreht euch, dreht euch mit im Kreise!

Tanz ist unsres Lebens Sinn!

Ach, sie höhnen mich nur leise,

und allein stürm ich dahin.


Tanz ist Andacht, Tanz ist Beten,

Gott hat mich zu Euch geschickt.

Euer müdes Pflastertreten

jede blüh'nde Stunde knickt!

Fluch und Schimpf schlägt mir entgegen,

der mein Rufen jäh zerbricht,

und aus geiferndem Erregen

speit man mir ins Angesicht.


Doch erfüllt von der Ekstase

Gottes, der mich ganz besitzt,

dreh ich mich herum und rase,

von dem Zorn der Welt umblitzt

taumle ich vom Schwung zum Schwunge

durch die grauenvolle Zeit,

freß ich Feuer mit der Lunge,

mit dem Herzen Gram und Leid.





WIEN


Als ich dich ließ, da ballte ich die Hand

zu einer Faust des Hasses gegen dich.

Du hattest mir ja Herz und Hirn verbrannt,

und in der Lunge saß der böse Stich.

Ich fluchte dir solange, bis der Rand

der letzten Häuser grünen Feldern wich,

und ich den Qualm der hunderttausend Essen

im blauen Himmel suchte zu vergessen.


Selbst in der Ferne grollte ich dir noch.

Und zwischen Wiesenduft und Sonnenschein

sog ich Geruch von nassem Zinshausloch

aus einer plötzlichen Erscheinung ein,

sah ich mich wieder unter deinem Joch

hinkeuchend durch der Straßen graue Pein.

Und ob vor mir auch grün das Land gefunkelt

oft hat dein Schatten drüber hingedunkelt.


Du warst mir Moloch, warst der Sage Tier,

das breit und mächtig auf der Erde saß,

und Tag wie Nacht in ungehemmter Gier

der armen Knechte Blut und Knochen fraß.

Dein glühend Auge ruhte auch auf mir,

der ich in ihm mein nahes Ende las,

und in die Nöte meines Siechtums stampfte

dein Eisenleib, den Feuerdunst umdampfte.


Da floh ich dich und wandte nicht das Haupt

in Wehmut, da dein Bild vor mir entschwand.

Mir war nicht so, als wärst du mir geraubt

als meines Lebens schönes Heimatland.

Und als geschehn, an das ich nie geglaubt,

daß ich tief glücklich zwischen Wiesen stand

und Berge sah und Wälder rings im Kreise,

frohlockte ich nach alter Kinderweise.


Doch eines Tags nach langer Zeit geschah's –

ich hielt in meiner Hand ein Zeitungsblatt –

daß ich darin von deinem Elend las,

mit dem der Krieg dich überschüttet hat.

Da dorrte vor den Blicken mir das Gras.

Ich sah nur dich, du meiner Kindheit Stadt,

dich und die alten, wohlbekannten Gassen

verraten und von aller Welt verlassen.


Da fiel der Haß von mir wie Zunder ab.

Vergessen war, was mir in dir geschehn.

Am liebsten hätte ich den Wanderstab

zur Hand genommen, um zu dir zu gehn.

Das grüne Alptal war mir wie ein Grab,

die Berge, ach, ich wollte sie nicht sehn,

denn hinter ihnen hörte ich das Jammern

aus deinem Glanz und deinen Elendskammern.


In mir wuchs Sehnsucht stark und groß empor

nach deiner Plätze steinernem Geviert,

nach deiner Gassen lautem Menschenchor,

in den sich selten ein Gesang verirrt,

nach den Fabriken, wo aus jedem Tor

der Räder Eisen daseinsfordernd klirrt,

nach deinen Winkeln und den scharfen Ecken,

daran der Winde Zunge stetig lecken.


Und Rührung faßte mich, als es mir schien,

als spiele auf der Ziehharmonika

ein Nachbar eine deiner Melodien,

bei der ich mich im Walzer drehen sah.

Mein Herz fing an zu singen: Wien, o Wien!

und – war wie nie vorher dem deinen nah.

Die du mir warst in meinem Leid gestorben –

durch deine Not hab' ich dich neu erworben.





VISION


Auf einem meilenlangen Tische duftet Brot,

leuchtet Fleisch in gewaltigen Schüsseln stark und rot

zwischen Körben mit Früchten aus allen erdenklichen Ländern,

schimmert in Gläsern des Weines Purpur und Gold,

indeß die Auster von silbernen Schalen rollt.

Die Armen sitzen davor, in ihren grauen Gewändern.


Jedes Stück Erde gab seine Vergrollten her;

sie stiegen Gebirge herunter, kamen vom rauschenden Meer,

sie tragen des Südens Brand auf Stirne und Wangenflächen,

atmen eisiger Küsten Einsamkeit aus,

riechen nach dörfiger Hütte und Großstadthaus,

ihre Augen sind matt von zermürbenden Schwächen.


Rußige, grindige Hände haben die einen und

die anderen wankende Füße, straßenwund;

unbändiger Schlaf hockt vielen hinter den Stirnen.

Kinder gibt es, wie Greise, verrunzelt und alt,

Knaben blicken darein, wie Tiere voll dunkler Gewalt,

die Mädchen gleichen erkrankten Straßendirnen.


Sie waren alle vom Elend gierig beleckt,

da hatte sie plötzlich eine hämmernde Stimme geweckt:

»Wachet auf, ihr Tauben, ihr jammervoll Stummen und Blinden,

wachet auf in der Kette, im Kerker und Bettlerspital,

wandert und sammelt Euch, Volk, in Jakobs Tal,

dort werdet ihr der Armut Glorie finden!«


Und sie hoben sich auf aus Siechtum und knechtischem Tun,

schritten schweratmig, krochen ächzend, ohne zu ruhn

Tage und Nächte dahin, bis sie in Jakobs Tal standen

und, entflohen ihrem grausigen Daseinswahn,

sie einen Riesentisch zwischen zwei Bergen sahn,

darüber zehntausend silberne Lampen brannten.


Sie setzen sich auf die Zedernholzstühle zurecht,

der Bettler, die Dirne, der Arbeit büßender Knecht;

griffen mit zagenden Händen zu den goldenen Bestecken,

maßen mit schüchternen Blicken die Fülle des Weins,

während um sie in der Rundung des Hains

Bäume aufsproßten und blühende Rosenhecken.


Bald überwuchs die seligen Armen ein Wald,

eine duftende Mauer umschloß ihren Aufenthalt,

sie begannen zu lachen und vergessene Lieder zu singen.

Draußen zerfiel die Welt in nebelndes Nichts,

da vor dem Stuhl des ewigen Gottesgerichts

der Armen Qualen endlos vorübergingen.





DIE KRAEHE


Eine schwarze Krähe

hat in letzter Nacht

dicht in mein Nähe

sich ihr Nest gemacht.


Nun erfüllt ihr Krächzen

übertags mein Ohr,

wie ein traurig Aechzen

dringt's durch Tür und Tor.


»Sag' mir, Gast des Schnees,

dem die Kälte frommt,

warum solch ein wehes

Klagen aus dir kommt?«


Rückt der Vogel düster

auf dem Zaun heran,

schmerzliches Geflüster

fängt zu künden an:


»Mensch, dem die Gedärme

noch kein Hunger schlißt,

der in sichrer Wärme

vor dem Schreibtisch sitzt.


Mensch, bevor mich meine

Flügel hergeführt,

haben sie die Steine

einer Stadt berührt.


So wie Wolk' an Wolke

stand hier Haus an Haus

und aus grauem Volke

stieg ein Wortgebraus,


Höher, immer höher,

bis es zu mir kam

und ich schwarzer Späher

Schreckliches vernahm.


Ueber uns geschritten

ist der rote Krieg,

unter seinen Tritten

die Verzweiflung schwieg.


Aber nun der Grimme

ist im Blut erstickt,

sei des Elends Stimme

in die Welt geschickt.


Seht! An unsern Lenden

frißt des Hungers Gier,

Tausende verenden

hilflos wie ein Tier!


Alle, die einst lachten,

weinen Tag und Nacht,

Säuglinge verschmachten,

kaum zur Welt gebracht.


Was die Not als Beute

sackte nimmer ein,

hetzt des Winters Meute

in den Tod hinein.


Kälte schreitet eisern

durch der Gassen Reih'n,

schlägt in allen Häusern

Tür und Fenster ein.


Und nicht Holz noch Kohle

hemmt das weiße Weh,

mit zerriss'ner Sohle

stehen wir im Schnee.


Und der Tod hält wieder

ein besondres Fest,

denn durch unsre Glieder

fiebert heiß die Pest.


Hier, wo einst das Lachen

und der Tanz gelebt,

jetzt des Todes Drachen

seine Schwingen hebt!«


Schweigt die schwarze Krähe

in dem weißen Schnee,

doch in meiner Nähe

sehe ich ein Weh


turmhoch in den weiten

Horizont gestemmt –

Tränen fühl ich gleiten

aus mir, ungehemmt.





DIE KRANKE


Ich habe eine Nachbarin, ein krankes Mädchen.

Fünf lange Jahre schon zerstört das Fieber sie.

Sie weiß kaum noch, was eine Wiese ist, ein Wald,

ein Lerchenflug und eines Rehes Sprung,

ein Spiel, ein Tanz an sommerlichen Abenden.

Ihr wurde fremd des Lebens Melodie.

Sie horcht und horcht – noch schwingt ein Ton in ihr

von irgendwo und wann, ganz leise – leise,

da sie noch Kind, gesund und glücklich war.


Auf schneeigweißen Linnen liegt sie da,

liest Bücher, Zeitungen, spielt mit dem Saum

des Taschentuchs, läßt Menschen um sich sitzen,

läßt sich von ihnen dummes Zeug erzählen;

sagt manchesmal ein seltsam schweres Wort,

auf dem es liegt wie hundert stumme Jahre.

Und manchmal lacht sie, lacht ein tiefes Lächeln

vor dem es kühl in meinem Herzen wird.

Dann wieder ruht sie wie aus Wachs geformt –

kaum daß die kleine Brust sich senkt und hebt.

Und draußen vor dem Hause steht der Frühling.





BALLADE


I.


Der König rief: »Wo ist der Mann,

zu bändigen das Vieh?«

Da kam er düstern Blicks heran

und beugte kaum sein Knie.


Und hob das Aug' zum Throne,

ein schwarzer Strahl sprang vor.

Reichsapfel, Szepter, Krone

erbebten seltsam, ohne

zu wissen doch wovor.



II.


Und was er sprach, war nur Gewalt,

und was er tat, hieß Macht.

Ringsum zerbrach er jeden Halt

und hob die hürnene Gestalt

aus seiner Tage dunklem Spalt

in andrer Menschen Nacht.


Und Blut war ihm nur Regennaß

und Feuer nur ein Spiel,

ein Spiegel nur der Gegner Haß,

und was er sonst an Bösen maß

polierte er mit Hohn, bis daß

es zeigte sein Profil.



III.


Er starb, die Finger in den Griff

des Degens eingekrallt.

Er stand im Traum auf einem Schiff,

vom Segeltuch umknallt.


Umkocht von Gottes Menschenmeer,

allein und ohne Halt,

und auf dem Lande stand sein Heer

mit Fahne und Gewalt.


Er wollte zu ihm hin und schrie –

doch Sturm fraß Wort und Mut.

Da beugte tief er, tief sein Knie

und starb wie seines Königs Vieh

in einer Woge Blut.





DER GOTT DIESER ZEIT


Tage lang, Nächte lang

hab ich geharrt

auf deinen Lichtgesang,

o Gegenwart!


Doch mein Gehör traf nur,

stählern umklirrt,

Kampfschrei der Kreatur,

wild und verwirrt.


Die milden Hände hob

ich voller Qual:

»Hör, Du der Erde Lob,

ein einzigmal!«


Wie Hall vom Weltgericht

stobs auf mich zu;

ich sah nur Dein Gesicht:

Rachegott

Du!



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