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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Komtesse Käthe in der Ehe

Humoresken

Eufemia Gräfin Ballestrem, Komtesse Käthe in der Ehe, Humoresken, Philipp Reclam jun., Leipzig, o. J.
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Tante Kukis Hochzeitsgeschenk.

Liebes Knickerchen!

»Ich könnte Ihnen ja englisch schreiben, wenn ich wollte, aber ich thu's nicht, denn Sie würden meinen Brief dann als ein englisches Exercitium betrachten und ihn mir mit den rot angestrichenen Fehlern zurückschicken, und das würde mich scheckig ärgern. Wenn Sie bloß einmal aufhören wollten, mich als Baby zu behandeln, Sie, die auf meiner Hochzeit beinahe getanzt haben! Hätten Sie's nur wirklich gethan! Es ist nichts so gesund, als wenn man sich gelegentlich mal die alten Knochen zusammenschüttelt, wie der gute Tiefenthal sagt. Sie brauchen also über die Redensart nicht gleich Zetermordio zu schreien, denn sie ist, wie Sie sehen, leider nicht von mir. Nun, Ihre alten Knochen können Sie sich immerhin aber noch zusammenschütteln, und zwar auf der Eisenbahn bis Hundeloch in den alten, stoßenden Waggons, denn Sie sollen reisen, nach Nordland reisen, zu uns! ›Well, I never!‹ höre ich Sie im Geiste sagen, aber es hilft Ihnen nichts, Sie müssen. Und warum müssen Sie, Sie liebes, altes Knickerchen? Weil das Haus Kirchwald Sie als Blitzableiter braucht, je rostiger desto besser, denn da schlägt's um so sicherer ein, wissen Sie. ›I am much obliged to you,‹ werden Sie wiederum sagen, aber ich bekenne, großmütig, wie ich nun einmal bin, daß ›to be obliged‹ ganz auf meiner Seite ist. Also schnüren Sie Ihr Bündel, vergessen Sie Ihr gutes Sonntagnachmittag-Schwarzseidenes nicht, gürten Sie sich auch meinetwegen mit dem ganzen Stolze Old-Englands, lassen Sie die Gouvernante hübsch in Hellberg bei Papa, geben Sie ihm einen tüchtigen Kuß von mir – na, in Ihrem Alter wird's Ihnen nichts mehr schaden, liebes Knickerchen – und dann verdösen Sie den richtigen Zug nicht und kommen Sie. – Aber warum?

»Na, zum Kuckuck, das ist doch klar wie Kloßbrühe: auf unser junges, kaum ein Vierteljahr altes Eheglück ist der erste Schatten gefallen, und Sie sollen hier als Wolkenschieber, Blitzableiter und Schneepflug verwendet werden, wenn's not thut, auch als Drachentöter. Sie brauchen aber gar kein so schrecklich entsetztes Gesicht zu machen, denn wenn die Sache für uns ja auch verflixt ernst ist, so brauchen Sie's noch lange nicht ›längst geahnt zu haben, daß ich, Ihre teure Lady Kate, »this most dreadful and impudent child«, auch in der Ehe nimmer gut thuen und mit ihrem Glück bald »at bay« sein würde!‹ Denn im tiefsten Schrein Ihres Herzens haben Sie doch meinen Mann aufs tiefste bemitleidet, daß er so verblendet sein konnte, mich zur Frau zu nehmen, nicht wahr? Leugnen Sie nicht, Knickerchen, denn ich habe Ihnen diesen Gedanken an meinem Hochzeitstage an der Nase angesehen, aber großmütig, wie ich Ihnen gegenüber nun einmal immer bin, habe ich Ihnen diese gute Meinung nicht nachgetragen, sondern Sie nur einfach ins Pfefferland gewünscht.

»Nein, Knickerchen, der Friede unserer Ehe ist bis dato ungestört geblieben, mein Mann und ich leben zusammen wie Philemon und Baucis! Jawohl, wie Philemon und Baucis; noch nicht einmal haben wir uns gezankt, denn wir sind uns sehr gut! Ich habe ihm sogar sein Monokel wieder gegeben, denn er riß das respektive Auge aus alter Gewohnheit immer so weit auf, und mit dem Glase sieht das nicht so gräßlich dämlich aus, you know! Er fängt jetzt sogar schon an, Slang zu schwatzen, also können Sie die Größe und Tiefe meines wohlthätigen Einflusses auf ihn voll und ganz ermessen.

»Und trotzdem ist der erste Schatten auf unseren Frieden gefallen! Denken Sie nur, vorhin, als wir nichts Böses ahnend beim Frühstück sitzen, kommt der Postbote mit einem eingeschriebenen Briefe an meinen Mann. Er liest ihn, läßt das Monokel fallen und sitzt dann düster und blaß wie ein betrübter Lohgerber da und ißt dazu, als ob er bezahlt würde.

»›Schneiderrechnung?‹ frage ich, auf den Brief deutend.

»›Ich wollte, es wäre eine,‹ sagt er mit einem Ausdruck, der mich an den erinnert, wenn Sie die Güte hatten, mir zu prophezeien, daß aus mir niemals was werden würde. Na, Sie können sich denken, was für einen Schreck ich kriegte, und der fuhr mir vollends in den Magen, als mein Mann aufstand, mir einen Kuß gab und sagte:

»›Arme Käthe – deine erste Prüfung beginnt – das Malheur ist schon unterwegs zu uns!‹

»›Die alte Müllern?‹ gapste ich und fühlte, wie ich blaß wurde.

»›Ach was, alte Müllern,‹ sagte mein Mann dumpf, ›das ist noch nichts. Aber hier, hier – Käthe lies mal den Brief!‹

»Damit reichte er mir den schönen glatten Bogen mit den feinen, pedantischen Schriftzügen, und ich las.

»Sie können ihn auch lesen, Knickerchen – hier ist er:


»Mein teurer Neffe!


Daß ich meines leidenden Zustandes wegen Deiner Hochzeit mit der Hofdame der Prinzessin von Nordland nicht beiwohnen konnte, hat mich, wie Du weißt, tief geschmerzt, und wenn Du auch nicht für gut befunden hast, mich durch eine Zeile darüber zu trösten, so will ich über diesen scheinbaren Mangel an Pietät für die einzige Schwester Deines Vaters gern hinwegsehen, in Anbetracht dessen, daß junges Glück ja stets egoistisch ist und in seinem ersten, ach! so vergänglichem Rausche ja allzuleicht vergißt, was die Pflicht und die Ehrfurcht gebeut. Tout comprendre c'est tout pardonner, mein lieber Neffe. Ach, ich habe Dich ja stets ein wenig verzogen. Nun aber will es ein günstiger Zufall, daß mein Arzt mir dringend eine Kur in Kissingen verordnet hat, und da finde ich, daß ich auf dem Wege dahin Nordland berühre. Wie glücklich mich das macht, wie glücklich es Dich und Deine liebe Frau machen wird, denn ich habe beschlossen – nein, nein, nicht etwa einen Zug zu überschlagen, um in Eure Arme zu eilen – wie könnte ich Euch durch solch einen Bettelbrocken in Euren heiligsten Gefühlen betrüben und kränken – nein, ich will, trotzdem es mich in meinen Plänen ein wenig stört, eine vierzehntägige Vorkur in Eurer Mitte zubringen, und wenn ich von Kissingen zurückkehre, dann vier Wochen bei Euch bleiben.

»Lisette, meine treue Kammerjungfer, die Du ja auch kennst, packt schon meine Sachen, und wenn Du diese Zeilen erhältst und mit glückstrahlenden Augen Deiner lieben Frau vorliesest, so eile ich vielleicht schon auf Flügeln des Dampfes Euch entgegen. Ich telegraphiere übrigens noch Zeit und Stunde; denn wenn Ihr in Erwartung meiner auch kaum mehr das Haus verlassen werdet, so bin ich doch billig genug, nicht zu verlangen, daß Du zu jedem Zug zur Bahn eilst, und Deine liebe Frau in freudiger Erregung Dich begleitet.

»Ich komme auch nicht mit leeren Händen zu Euch, Ihr Lieben! Denke Dir, daß ich mich nun für das Hochzeitsgeschenk entschieden habe, das ich Euch verheißen hatte! Aber ich verrate noch nicht, was es ist, es soll eine Überraschung sein, doch so viel will ich schon sagen, daß es Euch unbeschreiblich erfreuen, überraschen und glücklich machen wird, und ich freue mich schon im voraus über die Ergießungen Eures überwältigten Dankgefühles.

»Und nun lebt wohl und auf ein recht, recht fröhliches und köstliches Wiedersehen! In treuer Liebe Deine Dich liebende Tante


Habakukine, Gräfin Kirchwald.«


»Ich war zuerst, als ich den Brief gelesen, einfach starr, liebes Knickerchen, und zwar zunächst über den Namen Habakukine! Haben Sie schon je so was gehört? Mein Mann belehrte mich, daß sie in der Familie einfach »Tante Kuki« genannt wird! Ich habe mir die Seiten halten müssen vor Lachen. Das nahm nun mein Mann höllisch krumm und meinte, das könnte ich ein anderes Mal besorgen, jetzt wäre nicht die Zeit zu solchem Unfug, die Sache an sich wäre schon genug, um einen Menschen in Angst und Fieber zu bringen, denn Tante Kuki hätte nun mal zweifellos ihre Eigenheiten, und ich müßte mich tüchtig zusammenreißen, sie entsprechend zu empfangen, weil das nicht nur ›so‹ wäre, sondern, weil sie meinen Mann als ihren dereinstigen Erben betrachtete und ihm auch schon zweimal die Schulden bezahlt hätte, wie er noch ein junger Lieutenant war etc. etc.! »Also da säßen wir denn in der Sauce, und an unserem Himmel ist die erste Wolke aufgezogen! Was soll ich denn nun mit dieser Tante Kuki anfangen? Aber Sie, liebes Knickerchen, Sie verstehen so gut mit solchen Leuten umzugehen, und wären es auch die widerborstigsten Kreaturen der Welt – das haben Sie ja an mir so glänzend bewiesen! Ich flehe Sie also auf den Knieen an: kommen Sie her, so schnell als unsere Sekundärbahn fahren will, und helfen Sie mir mit Tante Kuki – ich bin ganz ratlos, was ich überhaupt mit ihr anfangen soll!

»Jetzt kann ich aber nicht mehr schreiben, habe noch nie einen so langen Brief zusammengedoktert, und es ist mir Wurscht, wie Sie über den Stil denken, vorausgesetzt, daß Sie auf Flügeln des Dampfes, wie Tante Kuki sagt, zu uns eilen. Immer Ihre Sie treu liebende


»P.S. Vergessen Sie nicht, etwas Proviant mitzubringen.

 

P.S. Nr. 2. Vergessen Sie auch Ihren Kopf nicht in Hellberg, liebes Knickerchen, und geben Sie den Pferden im Stalle einen Kuß von mir. Sagen Sie dem Johann auch, er wäre ein alter Esel, weil er mir das falsche Zaumzeug geschickt hat.« –


* * *


»So, das wäre geschehen,« sagte Gräfin Käthe Kirchwald, als der Brief an ihre ehemalige schwer geprüfte Erzieherin, die im Hause ihres Vaters jetzt das Amt einer Haus- und Ehrendame versah, adressiert und abgeschickt war. Graf Kirchwald, der immer noch dem Prinzen Heinrich von Nordland als Adjutant zugeteilt war, hatte seine junge Frau gleich nach dem Frühstück verlassen, zu seinem täglichen Vortrag bei seinem fürstlichen Herrn, und nun stand sie für einen Moment unthätig da und versuchte, dem drohenden Besuche der unbekannten Tante mit Fassung entgegenzusehen. Daß die Sache nicht so ganz »ohne« war, hatte sie aus der ersichtlichen Aufregung ihres sonst so vornehm ruhigen Herrn und Gebieters ersehen können, aber der Brief an Miß Knickerbocker hatte sie bedeutend erleichtert, und sie beschloß mit dem Gaste »schon fertig zu werden.« Was ein solcher Entschluß bei ihr bedeutete, wird jeder zu ermessen verstehen, der unsere Heldin noch als Käthe Hellberg gekannt hat. Aber trotzdem wollte es ihr noch nicht ganz behaglich bei dem Gedanken werden. Nicht, daß das wirtschaftliche Moment ihr Sorgen bereitet hätte – die alte Hellberger Köchin hatte sich herabgelassen, die junge Frau in ihren neuen Haushalt zu begleiten, und Küchenüberraschungen, wie sie in jungen Ehen allgemein üblich sind, waren daher ausgeschlossen, die Wohnung war hübsch und behaglich eingerichtet, der Bursche hatte sich der Pflichten eines servierenden Dieners mit unleugbarem Talente angenommen, ein nettes Stubenmädchen, auch aus Hellberg stammend, sorgte für Ordnung, und im Stalle machte ein früherer Bursche dem in ihn gesetzten Vertrauen alle Ehre – kurz, selbst eine Fehler suchende Tante hätte in diesem jungen Haushalt nichts ernstlich zu trüben Weissagungen verlockendes ausschnüffeln können.

Freilich, Gräfin Käthe hatte mit dem Species »Tante« ihre Erfahrungen gemacht, und ihr Mann schien auch die seinigen genossen zu haben – das war schon aus seiner Aufregung beim Empfang des ominösen Briefes zu ersehen. Na, vorläufig konnte man sich seines Lebens ja noch erfreuen, noch war die angekündigte Depesche nicht da, und Käthe versuchte zunächst das Bild des drohenden Gespenstes, als welches sie Tante Kuki ziemlich respektlos bezeichnete, durch allerhand angemessene Beschäftigungen zu verscheuchen. Sie schlenderte nämlich zunächst durch ihre Zimmer, hier einer Pagode durch einen leichten Stoß die erforderliche wackelnde Bewegung verleihend, dort ein paar zu pedantisch »ausgerichtete« Sofakissen genial durcheinander werfend, da probierend, ob auch die dünne Lehne eines vergoldeten Salonstühlchens sich stark genug für Turnübungen erwies, und mit solchem Zeitvertreib kam sie dann in der Küche an, um mit der alten Köchin das »Menü« zu machen, das heißt eigentlich sich von der guten Frau Schnörkel erzählen zu lassen, was letztere heut' zu kochen gedachte. Frau Schnörkel aber hatte sich gerade mit dem Fleischer geärgert und war gar nicht geneigt, auf eine Konversation einzugehen; Käthe war daher weise genug, einen eleganten Rückzug anzutreten und lieber nach den Pferden zu sehen; ehe sie die Küche aber verließ, steckte sie noch ein paar Mohrrüben zu sich und sagte im Gehen: »Schnörkeln, jetzt müssen wir uns zusammenreißen, wir kriegen Logierbesuch!«

»Was denn sonst noch?« brummte das alte Faktotum, das ehedem schon Käthens Kinderfrau war, höchst mißgelaunt.

»Das wissen wir noch nicht, das ist eine Überraschung,« sagte Käthe geheimnisvoll.

Aber auch das verfing heut' nicht bei der sonst so neugierigen Frau Schnörkel – freilich wenn man sich schon frühzeitig über den Fleischer ärgern muß, da ist für den Tag kein Stecken mehr gerade. Käthe konzentrierte sich daher ohne weitere Redensarten rückwärts, stieg zum Stall hinab und verbrachte dort ein halbes Stündchen bei den Pferden, und als diese die mitgebrachten Mohrrüben und Zuckerstückchen programmäßig erhalten, ging sie wieder hinauf und warf sich mit der neuesten Zeitung in der Hand auf ihres Gatten ledernes Sofa. –

Indessen hatte Graf Kirchwald seinen Vortrag beendet, hatte für sich und Käthe eine Aufforderung zum Spazierritt mit dem Prinzenpaare für den Nachmittag erhalten und schlenderte nun seinen heimischen Penaten wieder zu, den Kopf voll von dem angekündigten Besuch der Tante Kuki. Er rekapitulierte in Gedanken alles, was seine Erfahrung ihn im Verkehr mit dieser kostbaren Verwandten, die ihn stets ihren Erben genannt, gelehrt hatte, und beschloß zunächst, Käthe eingehend über ihr Verhalten zu unterrichten, denn was hing nicht alles davon ab! Käthe mußte die ganze hinreißende Liebenswürdigkeit, die sie gegen ihn entfaltete, auch auf die Tante übertragen, sie mußte deren Lieblingsgerichte machen lassen, sie mußte – ja was mußte sie nicht alles! Das war schon keine Liste mehr, das war eine ganze Encyklopädie von Pflichten, die, wenn sie ihr vielleicht auch nicht leicht wurden, doch aus Liebe zu ihm erfüllt werden mußten. Und mit diesen Gedanken hatte er sein Haus fast erreicht, da fuhr ihm gegenüber eine hoch mit alten, ledernen, soliden Reisekoffern, Felleisen und Taschen beladene Droschke um die Ecke.

»Na, Gott sei Dank!« dachte Graf Kirchwald, unwillkürlich lächelnd, »die zwölf Personen zu dem Gepäck können doch nicht auch alle drin sitzen?«

»Brr!« machte der Kutscher, welchem Gebot seine magern Rosse mit fabelhafter Bereitwilligkeit gehorchten, und – das Vehikel hielt vor seiner, Graf Kirchwalds, Hausthür.

Eine furchtbare Ahnung zog damit a tempo durch die Seele des jungen Offiziers.

»Grundgerechter Strohsack das wird doch nicht am Ende gar – –« Doch ehe er noch ausdenken konnte, war das »Unzulängliche schon Ereignis« geworden – die Droschkenthür ward geöffnet, heraus sprang eine dicke, ältliche Person mit sauertöpfischem Gesichte. Ihr Kostüm verriet sie als der besseren dienenden Klasse zugehörig. Sie half einem zweiten weiblichen Wesen beim Aussteigen, einer wohlkonservierten langen, hageren Dame mit schmalen Lippen, halbgeschlossenen Augen, über denen sich hochgezogene Brauen wölbten, die dem etwas scharfen Gesicht einen permanent erstaunten Ausdruck gaben, umrahmt von glänzenden tadellosen Wellenscheiteln, die sich am Hinterkopf in ein Lockenchignon verloren, wie es ehedem die Kaiserin Eugenie in Mode gebracht hatte. Auf dieser etwas antiken Frisur trug die Dame einen mit grauen Straußenfedern überladenen Hut von länglichrunder Form, wie er auch zur Zeit der eleganten französischen Monarchin beliebt gewesen. Ein ganz moderner grauseidener Staubmantel vollendete die Toilette der Dame, zu der nun Graf Kirchwald mit einem halben Dutzend stark beschleunigter Schritte gelangte.

»Tante Kuki! Welche Überraschung!« rief er, hochrot vom eiligen Lauf, indem er sich auf die elegant behandschuhte Hand der Reisenden herabbeugte, um mit einem Zoll Distance zwischen seinen Lippen und dem Objekt seiner Devotion einen Kuß in die Luft zu hauchen.

»Überraschung?« fragte die Dame mit flötenden, aber etwas scharfen Tönen. »Ja, ich habe dir doch geschrieben, lieber Horst, daß ich komme!«

»Gewiß – gewiß! Wir haben den Brief eben erst erhalten – aber du versprachst noch zu telegraphieren – wir hätten dich doch so gerne von der Bahn abgeholt!«

»Ich habe telegraphiert, lieber Horst, und muß gestehen, daß es mich doch recht befremdet hat, niemand zu meinem Empfange auf der Bahn vorzufinden. Wenn ihr mir damit aber andeuten wollt, daß ich euch nicht gelegen komme –«

Graf Kirchwald unterdrückte heroisch ein Stöhnen.

»Aber Tante Kuki, wie kannst du das denken!« rief er mit etwas forcierter Lustigkeit. »Wir sind ja so glücklich über deinen Besuch! Was aber die Depesche betrifft –«

Gräfin Kuki wandte sich nach ihrer Zofe um, die merkwürdig rot geworden war.

»Lisette, wann war es doch, daß ich dir das Telegramm zur Bestellung übergab?« fragte sie scharf.

»Na, heut' Nacht war's, gnädige Komtesse, wo wir auf der großen Station so lange warten mußten,« polterte Lisette hervor – eine Art und Weise, die Graf Kirchwald schrecklich war.

»Ah – und du hast das Telegramm natürlich richtig aufgegeben?«

»Natürlich,« polterte Lisette grob heraus, »daß heißt, ich ließ mir in der dritten Klasse eine Tasse Kaffee geben, und da fand ich eine Bekannte vor und – da habe ich eigentlich die Depesche vergessen. Gnädige Komtesse entschuldigen, aber wie's zum Einsteigen läutete, war's zu spät dazu – was kann ich davor?«

»Du hättest eher daran denken müssen –«

»Ich kann doch meinen Kaffee nicht kalt werden lassen,« war die sonderbare Entschuldigung der alten langjährigen Dienerin.

»Ein excellenter Grund, liebe Lisette,« sagte Graf Kirchwald sarkastisch, und Gräfin Kuki seinen Arm reichend, meinte er lächelnd: »Nachdem nun festgestellt worden ist, daß wir die Depesche also nicht erhalten haben, erlaubst du wohl, daß ich dich hinaufführe! Käthe wird sich so freuen!«

»Ich hoffe es, lieber Horst,« flötete die Tante und setzte vertraulich hinzu: »Ich finde, die gute Lisette läßt in manchem recht nach!«

»Das hab' ich schon gefunden, als ich noch Kadett war, liebe Tante,« war die etwas trockene Antwort. »Dafür legt sie aber auch an Unverschämtheit recht zu – so gleicht sich's wieder aus!«

»O, das mußt du nicht so auffassen,« war die lebhafte Erwiderung. »Alte Dienstboten haben leicht ihre Eigenheiten, und Lisette ist mir wirklich ganz unentbehrlich!«

»Wenn du nur mit ihr zufrieden bist, kann's mir schon recht sein. Doch hier sind wir vor unsrer Thür – nun wollen wir Käthe mal recht gründlich überraschen. Hier im Salon ist sie nicht – sie wird wohl in ihrem Boudoir sein!«

Tante Kuki durchschritt am Arm ihres Neffen mit prüfend scharfem Blick den hübschen, eleganten Salon mit seinen zahllosen Nippes gefüllt – meist Hochzeitsgeschenke, Nichtigkeiten, die einen Raum aber sogleich behaglich und wohnlich machen.

»Sehr nett, diese Rokokomöbel,« meinte sie gnädig. »Ich liebe diesen Stil, er ist so elegant. Nur die Wände sind noch etwas leer – hier z. B. in der Ecke wäre ein excellenter Platz für ein lebensgroßes Bild von mir –«

»Ah – das verheißene Hochzeitsgeschenk,« sagte Kirchwald mit plötzlicher Erleuchtung, doch ohne sonderlichen Enthusiasmus.

»Doch nicht ganz, lieber Horst – es ist eine Extra-Idee von mir,« war die gnädige Erwiderung. »Ah – also dies ist das Boudoir deiner Frau – mon Dieu, comme c'est drôle pour une jeune femme –! –! –!«

Kirchwald wußte nun, woran er war, denn wenn Tante Kuki französisch sprach, dann stand ihr ganzes Empfinden sozusagen auf den Hinterbeinen vor einem Etwas, gegen das sie ein Vorurteil hatte. Ihr Mund kniff die Lippen ein, die schweren Augenlider bedeckten fast ganz die großen, etwas vorstehenden Augen, und die Augenbrauen machten den Versuch, den glänzenden braunen Wellenscheitel zu berühren. Und doch war Käthens Boudoir eigentlich sehr hübsch, und besonders war's charakteristisch: matte Eichenholzmöbel mit grünem Saffianbezug, Bärenfelle als Teppiche, Perserteppiche an den Wänden und in den Zwischenräumen davon Pferdeporträts, Sportscenen, Trophäen von gefundenen Hufeisen, Reitgerten, Fuchsruten, Eichen- und Tannenbrüchen. Aber trotz der ausgeprägten Vorliebe für Sport, der in einer Nische durch ein paar mächtige norwegische Schneeschuhe von Sandelholz noch ergänzt wurde, war's doch das Zimmer einer Dame; denn eine Schußwaffe fehlte, der zierliche Hirschfänger auf dem Schreibtisch war nur ein harmloses Papiermesser, die Schreibgarnitur von Meißener Porzellan wies zarte Blumenmuster auf, und als Briefbeschwerer fungierte der bewußte silberne Bär auf der Lapis-Lazuli-Kugel und präsentierte noch ebenso stolz, wie vordem sein ominöses Quadrat mit dem diamantstrahlenden »J'y pense« darauf als sichtbarlichen Zeugen jener Episode aus Käthes Leben, die unsere Leser aus dem »Bärenführer« kennen.

»Originell, Tante Kuki, nicht wahr?« nahm Graf Kirchwald die Bemerkung als Bewunderung hin, »aber doch eigentlich ein sehr behagliches Zimmer. Wo nur Käthe stecken mag?«

Er öffnete die Thür, die zu seinem eigenen Zimmer führte.

»Da ist sie endlich! Käthe komm nur – denke, Tante Kuki ist eben angelangt!«

»Potztausend,« tönte es aus dem Nebenzimmer hervor, und im nächsten Moment stand Käthes jugendschöne, siegende Gestalt im Thürrahmen. – Einen Augenblick maßen sich beide Frauen mit den Blicken, dann trat die junge Hausfrau näher und streckte ihre Hand aus.

»Willkommen in unserem Hause,« sagte sie kurz und schlicht, aber herzlich um ihres Mannes willen, denn Tante Kukis Physiognomie war im Moment nicht gerade sehr einladend.

Tante Kuki legte etwas zögernd ihre schmale Rechte in die ausgestreckte schöne, aber kräftige Hand, die sich mit einer Kraft um die ihrige schloß, daß sie leise aufschrie.

»Nicht so stürmisch, liebe Nichte,« rief sie mit sauersüßem Lächeln. »Kann man seine Freude nicht sanfter äußern?«

»Natürlich,« sagte Käthe trocken und machte eine tadellose Hofverbeugung.

»Sehr schön,« lobte Tante Kuki. »Nun, ich hoffe, wir werden recht gute Freunde werden, nicht wahr?«

Nun mußte Käthe lachen.

»Miß Knickerbocker sagt: ›It depends all on mutuality,‹ war ihre prompte Erwiderung.

Tante Kuki kniff den Mund wieder ein.

»Ich spreche nicht englisch,« sagte sie ausweichend.

»O, das thut nichts,« versicherte Käthe, »ich spreche auch lieber deutsch.«

»Wirklich? Nun, um so besser!«

Eine kleine Pause entstand, während welcher Tante Kuki an ihren Handschuhen nestelte. Dann sagte sie: »Du hast meinen Wagen nicht vorfahren hören, liebe Nichte?«

»Nein, ich war im hinteren Zimmer, da hört man nicht, was vor dem Hausthor vorgeht. Ich bin gern dort, wenn Horst nicht zu Haus ist, denn dann ist's mir immer, als wäre ich dem lieben guten alten Kerl näher,« antwortete Käthe, und es lag so viel Herz und so viel Liebe in den mehr als einfachen Worten, daß Kirchwald ein Stock gewesen wäre, wenn er nicht, wie jetzt eben, seine schöne junge Frau gerührt in die Arme geschlossen hätte. Doch in Tante Kukis altjüngferlicher Seele fand der schlichte Herzenston kein Echo.

»Ich bewunderte schon eueren Salon,« sagte sie, sich abwendend.

»Nett, nicht wahr?« rief Käthe lebhaft, »aber hier ist doch meine Lieblingsbude – –«

»Lieblingsboudoir,« unterbrach sie Tante Kuki, als ob sie das Wort nur wiederholte.

»Ach was, Boudoir,« meinte Käthe lachend, »das klingt so geziert und paßt nicht zu mir und nicht auf die liebe Bude hier. Sieh 'mal, diese Fuchsschwänze habe ich alle auf den Schnitzeljagden selbst erbeutet, alle! Famos, nicht?«

Tante Kukis Mund wurde immer schmaler.

»Ich bin in diesen Dingen allzusehr Laie,« sagte sie kühl. »In meiner Zeit fand man den Sport für junge Damen nicht passend.«

»Ja, ja, ich weiß,« rief Käthe mitleidig. »Häkeln, sticken, nähen – und so weiter. Man hat mir das oft erzählt – es muß mordslangweilig gewesen sein!«

»Im Gegenteil,« meinte Tante Kuki scharf. Doch ehe sie in ihrer Rede fortfahren konnte, fiel der Unheil ahnende Kirchwald mit der Bemerkung ein, Tante Kuki würde jedenfalls Sehnsucht nach einem Gabelfrühstück haben und ihr Zimmer aufsuchen wollen.

»Natürlich,« stimmte Käthe enthusiastisch ein. »Ich lasse sofort das Fremdenzimmer herrichten und zum Futtern blasen!«

Und hinaus war sie wie der Wirbelwind, doch nur, um im nächsten Moment den Kopf wieder zur Thür hereinzustecken.

»Ich wollte nur fragen, ob Tante Kuki in Federbetten schläft,« rief sie lustig.

»Ich danke,« war die kühle Erwiderung, »ich pflege meine Betten mit mir zu führen, wenn ich auf Reisen bin!«

»Riesig praktisch,« lobte Käthe und setzte mit dem unschuldigsten Gesichte von der Welt hinzu: »Da hast du natürlich auch Sprungfeder- und Roßhaarmatratze mit, nicht?«

»Welche Idee!« rief Tante Kuki, getäuscht durch Käthes Unschuldsmiene, während Kirchwald sich umwenden mußte, um sein Lächeln nicht zu zeigen.

»Also nicht? Bon,« meinte die junge Frau voll Biederkeit und verschwand.

Eine kleine, aber drückende Pause entstand zwischen Tante und Neffe.

»Nun, Tante, gesteh' es, ist meine Frau nicht reizend?« begann Kirchwald endlich das Gespräch.

»Ich wage nach so kurzer Bekanntschaft noch kein endgültiges Urteil abzugeben,« war die reservierte Antwort. »Das Äußere allein macht es nicht, lieber Horst, und ich hoffe, du hast dich durch äußere Schönheit nicht blenden lassen. Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang!«

»Also gestehst du doch damit ein, daß Käthe schön ist,« rief Kirchwald lächelnd, ohne auf das übrige einzugehen.

»Wenn du sie so findest, ist es wohl die Hauptsache!« sagte Tante Kuki spitz.

»Selbstverständlich – doch man hört auch gern, wenn andere es anerkennen. Und was ihren Charakter anbetrifft – da kannst du ohne Sorgen sein.«

»Das ist mir lieb zu hören,« meinte Tante Kuki kühl, »um so mehr lieb, lieber Horst, als ich große Dinge mit dir vorhabe und deine Frau natürlich dabei auch in Frage kommt. Ich meine das dir verheißene Hochzeitsgeschenk. Ich fühle nämlich, daß die Verwaltung meines Gutes mir mehr und mehr zur Last wird – der stete Ärger mit dem Inspektor und der Verwaltung überhaupt greift meine Gesundheit an, und da mein Vermögen von dem Gute ja gottlob unabhängig ist, so habe ich die Absicht, es dir zu übergeben und es auf deinen Namen übertragen zu lassen.«

Kirchwald glaubte nicht recht zu hören. Tante Kukis Gut, wie sie es nannte, war eine Herrschaft ersten Ranges, ein fast fürstlicher Besitz, den ein Erbonkel ihr unerwartet vermacht hatte – der mußte ihn mit einem Schlage zum reichen Manne machen.

»Aber das ist ja ein kaiserliches Geschenk,« sagte er noch ganz benommen von dem oben gehörten.

»Freilich müßte ich daran eine Bedingung knüpfen,« fiel die Tante schnell ein. »Du mußt den Abschied nehmen, lieber Horst, und selbst auf das Gut ziehen. Denn ich habe an mir selbst erfahren, daß die Verwaltung per Distance ihre großen Schattenseiten hat – doch, da ich es nicht über mich bringen kann, so allein in dem großen Schlosse in der Einsamkeit des Landes zu leben, so mußte eben alles seinen Weg gehen. Nun, ich denke aber, der Entschluß wird dir nicht allzuschwer werden, und wenn du erst Gutsherr von Steinbach bist, so komme ich immer, die Sommermonate bei euch zu verleben.«

Kirchwald hörte diese frohe Verheißung kaum – es war ihm siedend heiß geworden. Er hatte eigentlich keine Neigung zum Landwirt, dafür aber war er gern Soldat. Freilich Steinbach war ein Äquivalent für manches Luftschloß, und wenn es ihm auch schon eingefallen war, daß er den Besitz vielleicht einmal von Tante Kuki erben könnte, Gott, so war doch damit vorläufig noch nicht zu rechnen, denn Tante Kuki war noch nicht fünfzig Jahre alt.

»Ich bin nur neugierig, was Käthe dazu sagen wird,« war sein erster lauter Gedanke nach Tante Kukis Rede. »Donner und Doria! wird sie sagen.«

»Nun, das hoffe ich nicht,« sagte Tante Kuki spitz. »Die künftige Schloßherrin von Steinbach und vormalige Hofdame der Herzogin von Nordland wird sich jedenfalls – – feiner ausdrücken.«

Kirchwald ging auf diese Hoffnung der Tante vorläufig nicht ein.

»Sprachlos wird sie sein,« versicherte er erregt. »Aber das Abschiednehmen – was wird sie dazu sagen? Sie ist so gern Soldatenfrau.«

»Wenn sie nur deinen Rock geheiratet hat, so seid ihr, du und sie, tief zu beklagen,« klang es schon bedeutend gereizter zurück.

»Nun Tante, sei 'mal gerecht,« erwiderte Kirchwald ruhig. »Es wechselt keiner seinen Stand und sein ganzes Leben so ohne jede Vorrede – das wäre Leichtsinn, oder, was schlimmer ist, Gleichgültigkeit. Im übrigen ist Käthe auf dem Lande aufgewachsen und weiß mehr davon als ich.«

Während dieses wichtige, tief in Kirchwalds Leben einschneidende Gespräch stattfand, war Käthe hinausgeschossen in die Küche, um bei Frau Schnörkel vorsichtig, aber eindringlich für das leibliche Wohl der Tante zu sorgen; denn die alte Köchin haßte all jene Dinge, welche aus dem gewöhnlichen Kreislaufe des täglichen Lebens hinausgingen, Extraleistungen mußten ihr immer abgeschmeichelt werden. Das Terrain schien aber für heute schon stark besetzt, denn in der Küche stand Lisette, die Jungfer, mit hochrotem Gesichte vor der scheinbar ebenso erregten Frau Schnörkel, und beide schienen ihre Bekanntschaft eben durch einen herzhaften Zank eingeleitet zu haben.

»Nanu, was ist denn hier los?« fragte Käthe erstaunt, als die beiden a tempo redenden Stimmen bei ihrem Eintritt auch a tempo schwiegen.

»Ach!« brach Frau Schnörkel wutentbrannt los. »Der Teufel hat uns ein Kuckucksei ins Haus gelegt, gnädige Frau Gräfin!«

»Wie hat er denn das gemacht?« erkundigte sich Käthe lachend.

»Kommt so 'ne Kammerjungfer, nee, Jammerjungfer ins Haus und will mir kochen lehren,« zeterte Frau Schnörkel, ohne das wissenschaftliche Problem weiter zu erörtern.

»Na nur sachte,« polterte Lisette hervor. »Wenn ich mit meiner Komtesse zu jemandem zu Besuch komme, dann sage ich immer, wie wir's gern gekocht haben wollen, und kein Mensch wird mir dabei den Mund verbieten.«

»Das werden wir sehen,« grölte Frau Schnörkel. »Was für meine Herrschaft gut ist, wird für Ihre Komtesse auch noch zureichen. Wann ich mich nach jeder hergelaufenen Person richten wollte, das könnte einen hübschen Fraß geben.«

»Hergelaufene Person!« kreischte Lisette empört. »Ich bin die Tochter eines Kaufmanns und ehrlichen Bürgers, verstehen Sie mich, und wer sind denn Sie, wenn man fragen darf?«

»Ich bin die Tochter vom Hellberger Grobschmied,« erwiderte Frau Schnörkel sehr von oben herab.

»Na, das merkt man,« gab Lisette höhnisch zurück.

Käthe merkte auch, daß beide Parteien auf dem Punkte standen, nun in Thätlichkeiten überzugehen.

»Mund gehalten,« kommandierte sie sehr energisch. »Sie,« zu Lisette gewendet, »Sie können ganz ruhig darüber sein, wie die Komtesse bei mir aufgenommen werden wird, und wenn Sie sich noch einmal Einmischungen erlauben, so werde ich mich bei Ihrer Herrin darüber beschweren. Sie, Frau Schnörkeln, Sie machen uns jetzt ein recht nettes Frühstück zurecht, nicht wahr? Machen Sie's nur so gut wie immer und lassen Sie sich nicht hineinreden. Und nicht mehr zanken, Schnörkelchen! Sie wissen: Lärm in der Küche – da versteht mein Mann keinen Spaß! Kammerjungfer, kommen Sie, ich werde Ihnen das Fremdenzimmer zeigen!« –

Mit offenem Munde folgte Lisette der jungen Frau, doch die giftigen Blicke, mit denen sie's that, verhießen nichts Gutes. Da sie hier augenscheinlich mit ihren Unverschämtheiten nichts ausgerichtet hätte, so ergriff sie den Ausweg die gekränkte Unschuld zu spielen, und ließ eine Serie allzeit bereiter Krokodilsthränen über ihre fetten Wangen rieseln. Da aber Käthe auch hiervon keine Notiz nahm, so begann sie leise zu schluchzen, während ihr das Domizil ihrer Herrin gezeigt wurde.

»Gnädige Komtesse logieren nie auf der Südseite,« sagte sie mit Duldermiene.

Käthe sah die dicke Person erstaunt an.

»Wie sagten Sie?«

Lisette fand es für geraten, ihre Ansicht nicht zu wiederholen.

»Meine Schuld ist's aber nicht, wenn Komtesse ihre Kopfschmerzen bekommen,« polterte sie zwischen Thränen hervor, »Komtesse sind es eben so anders gewöhnt! Ich bin jetzt schon zwanzig Jahre bei Komtesse und muß es doch wissen, was Komtesse braucht. Zwanzig Jahre, ja ich darf wohl sagen, daß Komtesse mich in allem mit ihrem Vertrauen beehren, mich oft sogar um meinen Rat fragen. Und ich habe schon manches gute Wörtchen eingelegt für den Herrn Grafen Horst – und Komtesse hören in allen Dingen gern auf mich.«

»Dann kann Komtesse mir leid thun,« sagte Käthe kurz und ließ die Kammerjungfer allein, die nun die Schleuse ihrer Thränen voll aufzog, so daß Tante Kuki, als sie gleich darauf ihr Zimmer betrat, um abzulegen, ihre Donna in einem Zustande vorfand, von dem der Dichter des »Struwwelpeter« so treffend sagt:


»Und ihre Thränlein fließen,
Wie's Bächlein auf der Wiesen.«


Nach einer halben Stunde war das Gabelfrühstück serviert, und Tante Kuki von ihrem Neffen dazu abgeholt, erschien mit einem Gesicht, in dem Gewitterwolken sich mit Donner und Blitz anmutig vermischten. Schweigend, mit niedergeschlagenen Augen und zusammengekniffenen Lippen nahm sie die Tasse Bouillon zu sich, zu der Frau Schnörkel warme holländische Käseschnitten delikat und knusprig serviert hatte. Unter Seufzen genoß sie zarte Kalbskoteletts á la Nelson mit jungem Gemüse, die eigentlich das heutige Mittagessen von Kirchwalds ausmachen sollten, und mit der Miene schwerer, innerer Leiden legte sie sich zum Schluß von den erlesenen Gartenerdbeeren vor, die das Dessert bildeten.

Nun hielt es Kirchwald aber nicht länger aus – da war ja eine Begräbnismahlzeit das reine Freudenmahl gegen dieses Frühstück. »Fehlt dir etwas, Tante Kuki, oder bist du nur müde?« fragte er teilnahmsvoll.

Die Angeredete warf einen Seitenblick auf Käthe, welche seelenruhig ihre Erdbeeren löffelte.

»Ich hätte diese Frage, offen gesagt, eher erwartet,« hauchte sie. Nun sah auch Käthe auf.

»Ja?« fragte sie verwundert. »Ich dachte, du wärst immer so schweigsam!«

»Du mußt bedenken, meine Frau kennt dich noch nicht,« fiel Kirchwald ein.

»Ich bedenke alles, was billig und recht ist,« war die steife Entgegnung. »Nein, deine Frau kennt mich nicht, aber das hat sie nicht verhindert, meine arme Lisette gleich bei ihrem Eintritt in dieses Haus in einer Weise zu behandeln, daß ich das arme Geschöpf in Thränen gebadet vorfand. Als du mich abholtest, lieber Horst, war es mir noch nicht gelungen, sie zu beruhigen.«

Kirchwald sah seine junge Frau erstaunt an, die nun den Blick voll und blitzend auf ihre Angreiferin heftete.

»Käthe?« fragte er ungläubig.

»Jawohl,« erwiderte Tante Kuki erregter werdend. »Das erste Wort, was deine Frau an die arme Lisette zu richten beliebte, war, daß sie ihr gebot– – ich bringe den vulgären Ausdruck kaum über die Lippen – das – – das Maul zu halten!«

In Käthens Gesicht begann es zu zucken.

»Das ist eine poetische Licenz,« sagte sie ruhig. »In diesem Specialfalle habe ich nämlich aus Rücksicht für diese arme Lisette – Mund gesagt!«

»Ja, was ist denn überhaupt passiert?« fragte Kirchwald unruhig.

»Passiert? Nischt ist passiert,« meinte Käthe lachend.

»Ich kam gerade dazu, wie in der Küche –«

Tante Kuki machte eine abwehrende Bewegung.

»Bitte, ich kenne die Sache – Lisette hat mich vollauf davon unterrichtet,« sagte sie scharf.

Käthes Augen begannen wieder zu blitzen.

»Ich wünsche an Glaubwürdigkeit mit dieser kostbaren Lisette gar nicht zu konkurrieren,« sagte sie, sich aufrichtend. »Es steht dir vollständig frei, ihre, wie es scheint doch recht merkwürdige Version der Sache als die allein richtige aufzufassen. Ich bitte dich aber um die Erlaubnis, meinem Manne die Geschichte, die ich für erledigt gehalten hatte, erzählen zu dürfen!«

Und mit einer ihrer unnachahmlichen Kopfbewegungen wandte Käthe sich an ihren Gatten und gab ihm eine humoristische Beschreibung der Küchenscene und eine fast wörtliche Wiedergabe von Lisettens Worten.

»Aber das klingt ja ganz anders,« stammelte Tante Kuki, als Käthe geendet hatte.

Jetzt konnte Käthe wieder lachen.

»Das will ich meinen, trotzdem ich die eigentliche Version von Lisette in ihrem vollen Umfange noch nicht zu kennen die Ehre habe,« meinte sie. »Mein Fehler war, daß ich ihr nicht gleich den Kopf gründlich wusch, als sie die Unverschämtheit hatte, mir zu sagen, daß ich ihre Gunst erlangen müßte, um bei dir, liebe Tante, gut angeschrieben zu sein. Aber das kann ich, wenn du erlaubst, immer noch gut machen!« Und damit hatte sie schon die Hand an der elektrischen Klingel.

»O, nein, bitte,« rief Tante Kuki ängstlich. »Die arme Lisette – es würde sie so schlechter Laune machen, und dann ist nichts mit ihr anzufangen. Sie ist so leicht erregt – aber so gutmütig dabei, und meinen Plan wegen des Gutes, Horst, hat sie in jeder Weise unterstützt!«

»Na ich danke, Tante – wie kannst du dich nur so in die Hände dieser Person geben,« rief Kirchwald empört. »Noch zehn Jahre so, und du hast überhaupt keinen freien Willen mehr. Nein, ich glaube fast, Käthe hat recht mit ihrer Idee des Kopfwaschens –«

Darauf hatte Käthe nur gewartet. Noch während ihr Gatte sprach, war der Bursche eingetreten, und sie befahl ihm, Lisette sogleich herein zu schicken. Tante Kuki protestierte zwar noch, aber dazu war's zu spät. – Mit verweinten Augen erschien die Kammerjungfer in dem Speisezimmer, und ohne ihr Zeit zu geben, sich ihrer Herrin zu bemächtigen, trat Käthe vor sie hin.

»Wie können Sie sich unterstehen, der gnädigen Komtesse hier einen dermaßen entstellten Bericht über das zu geben, was sich vorhin in der Küche zugetragen!« rief sie ihr zu. »Ich rate Ihnen, in diesem Hause sich jeder Entstellung zu enthalten, oder ich werde Sorge dafür tragen, daß Komtesse, so lange sie unser Gast ist, eine andere Bedienung erhält. Ich danke Ihnen – Sie können jetzt wieder gehen.«

Kalkweiß vor Wut im fetten Gesichte verschwand die Kammerjungfer wieder, denn ihre Bewegung, sich an ihre Herrin zu wenden, wurde von der jungen Frau mit einer sehr deutlichen und energischen Handbewegung abgeschnitten. Als sie gegangen war, setzte Käthe sich lachend wieder an den Tisch.

»So, nun wir diese kochende Giftbolle kalt gestellt haben, nimmst du vielleicht noch ein paar Erdbeeren, Tante,« sagte sie gemütlich.

Aber für Tante Kuki war die Sache noch lange nicht erledigt – sie fürchtete sich im Grunde ihres Herzens vor ihrem nächsten Tete-a-tete mit Lisette und lagerte ihre Furcht zunächst auf ihren Verwandten ab. »Ich sehe, meines Bleibens wird hier nicht lange sein,« sagte sie mit Resignation. »Ich bin es nicht gewohnt, daß über mich hinweg in einer Art gehandelt wird, wie deine Frau sie beliebt, lieber Horst!«

»Na, Tante, eigentlich kannst du Käthe nur dankbar sein, daß sie dir's abgenommen hat, das Deutsch mit Lisette zu sprechen, das du in dem Umgange mit ihr verlernt hast,« erwiderte Kirchwald, dem nun auch bald die Geduld riß.

»Hätten wir nicht jetzt genug von dieser Lisette, Horst?« fragte Käthe ganz seelenruhig. »Sie hat verhindert, daß wir Tante Kuki von der Bahn abholten, sie fängt, kaum ins Haus gekommen, Streit an mit unserer Köchin, sie heult Tante Kuki was vor und lügt ihr die Hucke voll, sie verdirbt ihr den ganzen Genuß an dem guten Frühstück – – na, wenn sie uns jetzt noch das Haus über dem Kopfe anzündet, dann können wir alle ja ganz zufrieden sein. Aber bis es brennt, schlage ich vor, von was hübscherem zu sprechen.«

Und damit füllte Käthe ihr Glas, hob es in die Höhe und rief lustig: »Willkommen bei Kirchwalds, Tante Kuki – du sollst leben!«

Damit hätte der »Empfang der Gäste auf der Wartburg« füglich erledigt sein können, doch fand Tante Kuki in den herzlichen Worten nur neuen Grund zum Groll.

»Liebe Nichte,« sagte sie mit flüchtigem Neigen des Kopfes, »zu meiner Zeit fand man es für unpassend, wenn eine Dame einen Toast ausbrachte. Verzeih die Korrektur, aber mir scheint, als wäre deine Erziehung nicht das, was ich mir für die Frau meines lieben Horst geträumt. Nun, du wirst von seiner Tante und mütterlichen Freundin gewiß gern jede Zurechtweisung annehmen, die ich dir nicht vorenthalten darf, wollte ich damit nicht eine heilige Pflicht verletzen.«

Käthe war dunkelrot geworden.

»Schönen Dank für den Rüffel,« sagte sie aufstehend. »Ich gehe jetzt, um mich für die nächste Standpauke würdig vorzubereiten. Vielleicht hast du indes die Güte, Horst auseinander zu setzen, wie dein Ideal seiner Frau beschaffen ist – vielleicht werde ich nochmal so – man kann das alles nicht verreden. Auf Wiedersehen!«

Sprach's und verschwand in ihr Zimmer, wo Kirchwald sie zwanzig Minuten später fand, zornsprühend, außer sich.

»Tante Kuki hat sich etwas zur Ruhe begeben,« sagte er, Käthe lächelnd von der Seite ansehend.

»Ich wollte, sie hätte sich zum Kuckuck begeben,« war die heftige Erwiderung. »Na, ich danke, das kann ja eine nette Zeit werden, Horst, mit dieser kostbaren Verwandten. Da ließe ich mich ja lieber das ganze Leben lang von der Knickerbocker tyrannisieren! Wenn ich's verdient habe, dann mag man mir die Leviten lesen – das heißt natürlich nur von denen, die's was angeht, lasse ich's mir gefallen. Wenn das mit der Tante Kuki aber so weiter geht, dann reise ich ab und du kannst dich allein mit ihr amüsieren!«

Kirchwald seufzte und versuchte es, seine Frau zu beruhigen, trotzdem die Last, die sich während dieser kurzen Stunden auf seine Seele gelegt hatte, auch ihn mit Schauern düsterer Ahnungen bedrückte. Er erzählte Käthe nun von dem großartigen Hochzeitsgeschenk der Tante, konnte ihr aber natürlich die Bedingungen, die sich daran knüpften, nicht verschweigen. Darüber geriet sie wieder außer sich.

»Das ist eine nichtsnutzige Tyrannei,« rief sie, vielleicht nicht ohne jedes Recht aus. »Das sind mir hübsche Geschenke, die man nicht genießen darf, wie man will, sondern bei denen man sich vorschreiben lassen muß, wie man sie verwerten soll. Womit ich nicht thun kann, was ich will, dafür bedanke ich mich höflichst. Deine ganzen Arbeiten zum Generalstab sollen umsonst sein! Ja, was denn noch? Und ich hatte mich schon so auf Berlin gefreut. Gott, im Grunde kann's mir Wurscht sein, ich bin ans Land gewöhnt und amüsiere mich dort auf eigene Faust – wir können auch dort ein Gestüt errichten, Horst – natürlich wenn's die Tante gnädigst erlaubt. Du, denk' an mich: mit dem Hochzeitsgeschenk legen wir uns eine Kette um den Hals, daß ein Galeerensklave gegen uns ein Waisenknabe ist! Aber freilich, wenn die Tante Kuki uns dann in jedem Jahre zwölf Monate lang besucht, da werde ich noch ein Muster an Zimperlichkeit, Strietzigkeit, Langweiligkeit und sogenannter guter Erziehung werden, und wenn das dich nicht reizt, dann müßtest du ja unter meinem schlechten Einflusse schon ganz verloren sein!«

Horst Kirchwald sah ein, daß sich mit Käthe fürs erste schwer reden ließ, so lange ihr gerechter Zorn noch nicht verraucht war, aber daneben hatte der Teufel ihm nicht umsonst die Falle gelegt – er dachte an nichts anderes als an »seinen« künftigen Besitz, und die Wagschale seiner Entschlüsse neigte sich bedeutend Tante Kukis Bedingungen zu. Das sah Käthe wohl ein, und es verbesserte ihre Laune nicht, denn sie war sich ganz klar, daß ihr Gatte für das Landleben nicht paßte.

Tante Kuki erschien um vier Uhr zu dem verspäteten Mittagbrot in gnädigerer Laune, denn sie hatte ein kleines Schläfchen gemacht, und Lisette hatte nicht gewagt, sich in der Weise vor ihr rein zu waschen, wie sie's zu gelegenerer Zeit noch vorhatte. Im Grunde ihres Herzens war die Tante ihrer getadelten Nichte doch etwas dankbar, daß die häusliche Scene ihr erspart geblieben. Käthe sprach fast gar nicht, und als die Stunde kam, in der sie mit Horst sich zum Spazierritt mit dem Prinzenpaare zurechtmachen mußte, atmete sie wie befreit auf. Tante Kuki hatte sich wohl oder übel in das Arrangement finden müssen, denn sie kannte die Hofetikette, wenn sie dieselbe auch rücksichtslos gegen ihre Person fand. Doch daran war nichts mehr zu ändern, und sie begnügte sich damit, Käthe dafür zu tadeln, daß sie überhaupt ritt, fand ihr Reitkleid zu kurz und ihre Stiefeln zu hoch und einen Federhut wohlanständiger als den eleganten Cylinder. Da Käthe die gerügten Übelstände weder sofort korrigierte, noch deren Abstellung für die Zukunft verhieß, setzte Tante Kuki ihre verschnupfteste Miene auf. Begleitet von diesem lieblichen Bilde ritt das junge Paar davon.

Doch so heiter und liebenswürdig der Prinz von Nordland und seine reizende junge Gemahlin waren, und so fröhlich, ja fast übermütig sonst dieses Quartett auf seinen Spazierritten zu sein pflegte – Käthe war heut' zum erstenmal in ihrem Leben einsilbig, ja fast melancholisch, und als dann im schattigen Walde die Prinzessin mit Graf Kirchwald die Tete nahm, da sah der Prinz seine Partnerin eine Weile lächelnd an und sagte dann:

»Nun 'mal 'raus mit der wilden Katze, Gräfin: was fehlt Ihnen? Aber sagen Sie, bitte, nicht ›nichts', ich muß sonst glauben, der erste eheliche Zwist habe Sie dergestalt verändert, daß Sie heute zum erstenmal ungenießbar sind!«

Käthe seufzte und ließ den Kopf hängen.

»Nein, Hoheit, wir haben uns noch immer nicht gezankt,« erwiderte sie düster, »aber das hängt schon in der Luft wie das Schwert des Buchbindermeisters Kleister. Und wenn das Haar reißt, und es muß reißen, dann wird's auch ein großartiger Zwist, Hoheit, der nur mit Trennung, Scheidung, Vergiftung und was weiß ich sonst noch enden kann. Drunter werden wir's gar nicht leisten können.«

»Und wie heißt die Parze, die das Haar, an welchem das Schwert hängt, durchschneiden wird?« fragte der Prinz gespannt.

»Parze ist gut, Hoheit,« sagte Käthe lobend. »Und die Parze heißt Tante Kuki.«

»Gott bewahre, wer ist denn das?«

»Habakukine, unverehelichte Gräfin von Kirchwald und Tante meines Herrn und Gebieters,« erklärte Käthe ernst. »›Überraschend wie zumeist, kommt die Tante angereist,‹ singt Wilhelm Busch, und so kam sie denn heut' an, den Frieden unserer Ehe und unseres Hauses zu stören, mich post festum zu erziehen und meinem Manne als Hochzeitsgeschenk einen Floh ins Ohr zu setzen.«

»Das ist ja höchst interessant,« rief der Prinz, »das müssen Sie mir ausführlicher erzählen, Gräfin!«

»Was nützt's?« meinte Käthe melancholisch. »Oder haben Hoheit vielleicht ein Rezept gegen solche Tanten in petto?«

»Nun wer weiß –,« war die lächelnde Antwort.

Wie elektrisiert richtete Käthe sich im Sattel auf, und in ihren Augen begann es zu leuchten.

»Hoheit!« rief sie lebhaft, »wär's möglich? Nein, wenn Hoheit solch ein Hexenmeister wären – – –! Meine schönste Fuchsrute gäbe ich her, wenn Hoheit mich aus der Sackgasse herausholten, mich gründlich und für immer von Tante Kuki befreiten –«

»Das ist freilich viel verlangt und wäre würdig, als Vorwurf für eine dreizehnte Arbeit des Herkules zu dienen. Aber mich haben große Aufgaben immer gereizt, und den Preis, den Sie mir verheißen, nehme ich an, Gräfin! Diese Fuchsrute würde die schönste meiner Trophäen sein, wenn auch nicht im roten Felde errungen, so doch in Ihrem Dienste!«

»Papperlapapp,« sagte Käthe ungeduldig und mit gänzlicher Ignorierung der Etikette. »Was ich versprochen habe, habe ich versprochen und werde es hergeben, auch ohne, daß ich beim point d'honneur genommen werde. – So 'ne schöne Fuchsrute! Und nie eine Motte drin gewesen!«

»Diese letztere Versicherung spornt meinen ganzen Eifer an,« versicherte der Prinz ernsthaft, doch zuckte es verräterisch um seine Mundwinkel. »Vor allem aber beichten Sie, Gräfin!«

Und Käthe erzählte, schüttete das übervolle Herz aus und verweilte mit besonders ausgeprägtem Schmerze auf dem Hochzeitsgeschenk der Tante Kuki und der damit verknüpften Bedingung. Aufmerksam hörte der Prinz zu.

»Ja,« sagte er dann, »hier ist Rettung freilich dringend geboten. Erstens für Sie, Gräfin, denn wenn Sie Ihre gute Laune dabei verlieren, so wäre das ein Unrecht an der ganzen Menschheit, und dann Ihres Herrn Gemahls wegen.«

»Ach,« rief Käthe mit Thränen in den Augen, »schade was um mich! Mag Tante Kuki mich zum Muster nach ihrem Herzen drillen, ich will gern so sauertöpfisch und strietzig werden, wie sie will, wenn nur mein Mann nicht in ihre Schlinge geht!«

»Nein, er paßt meiner ehrlichen Überzeugung nach nicht zum Landwirt,« meinte der Prinz nachdenklich. »Und dann – ich könnte Ihnen was sagen, Gräfin, aber ich darf nicht – Amtsgeheimnis u. s. w« na, Sie werden ja schon verstehen!«

Käthe machte große Augen!

»Ja?!« sagte sie flüsternd wie ein Kind, wenn von der Weihnachtsbescherung die Rede ist. »Ach Hoheit, Hoheit, helfen Sie mir, bitte, bitte! Denn sehen Hoheit: die Lockung ist ja groß. – Mein Mann sagt, das Gut wäre eins der schönsten, die es giebt und – und – er ist schon halb und halb entschlossen, zu thun, was die Tante wünscht.«

»Geld und Gut sind eben eine Macht, Gräfin,« meinte der Prinz.

»Was kümmert mich Geld und Gut!« rief Käthe verächtlich. »Ich mache mir nichts daraus – die Schlinge würde der Teufel mir umsonst legen. Ja, ja, ich weiß schon: ›Reichtum ist keine Schande und Armut macht nicht glücklich,‹ aber mich dafür verkaufen – nimmermehr!«

»Ihr Herr Gemahl denkt eben auch an die Zukunft,« erwiderte der Prinz, über Käthes Eifer lächelnd. »Doch wie gesagt, ich bin ganz Ihrer Meinung, und was ich thun kann, Ihnen zu helfen, das soll sicherlich geschehen. Das erste und nächste wäre, daß ich persönlich versuchte, Tante Kuki von ihrer Bedingung abzubringen!«

»Das wäre unbeschreiblich nett, Hoheit! Aber ich fürchte, es wird eine Sisyphusarbeit, denn Tante Kuki scheint mir obstinat und stätsch zu sein wie – wie – nein, nein, ich schlucke meinen Vergleich ja schon herunter!«

»Ja, offen gesagt, verspreche ich mir auch nicht viel davon,« erwiderte der Prinz, »denn das ist nun einmal eine charakteristische Eigenschaft älterer, unverheirateter Damen –«

»Gott, wie elegant ausgedrückt, Hoheit!«

»– – unverheirateter Damen, daß sie ihre Geschenke gern mit Bedingungen austeilen. Das macht die Sache zur Generalfrage und giebt ihr eine Wichtigkeit in aller Augen. Aber es macht nichts, ich werde dennoch versuchen, mit einem Siebe nach berühmten Mustern Wasser in ein bodenloses Faß zu schöpfen, denn erstens giebt mir das Gelegenheit, das Terrain gründlich zu rekognoszieren und zweitens verschafft es uns die nötige Zeit zu einer Haupt- und Staatsaktion. Also Gräfin, fort mit diesem Schleier düsterer Melancholie, der Ihnen steht, wie –«

»Wie einem Nilpferde ein Kleid von Worth,« half Käthe dem Prinzen aus dem reichen Schatze ihrer Vergleiche aus.

»Auch das. Hier gilt jeder Vergleich. Denn Sie und Melancholie: ein ganz unmögliches Ding! Also nochmals: den Mut nicht sinken lassen, noch ist Polen nicht verloren, noch sind Ihre Freunde da, sich Ihrer würdig zu zeigen, und: ceterum censeo, Carthaginem esse delendam! Wir, die beiden Verschworenen, verstehen, was unter dieser Formel gemeint, und daß Tante Kuki mit Karthago identisch ist!«

Mit einem Jubelruf schlug Käthe in die dargereichte Hand des Prinzen ein, Feuer und Flamme für den Feldzug, der ihr damit verheißen wurde, und als Graf Kirchwald und die Prinzessin sich ob dieses Jubelrufs ganz erstaunt umwandten, da schwenkte Käthe ihren Hut und lachte so hell und frisch, daß die anderen einstimmten, ohne zu wissen warum, denn es wirkt nichts ansteckender, als solch ein lustiges, ungekünsteltes Lachen.

»Ja um alles, was giebt es denn?« fragte die Prinzessin heiter.

»Ein Komplott,« rief Käthe lustig zurück.

Kirchwald, dem Käthes Niedergeschlagenheit längst schon ein Stich ins Herz gewesen war, atmete tief auf.

»Das wäre noch eine Rechtsfrage,« meinte er, »ob eine Ehefrau ohne Einwilligung ihres Ehemannes sich in ein Komplott einlassen darf.«

»Wenn sie aber damit das Glück ihrer eigenen Ehe retten will?« fragte Käthe zurück, den ganzen Übermut alter Tage in den leuchtenden Augen.

»Na, dann frägt sich's doch noch, ob der Ehemann das Glück für bedroht ansieht,« sagte Kirchwald, dem es zu dämmern begann.

»Du, selbst die Götter des Olymps waren manchmal mit Blindheit geschlagen,« versicherte Käthe treuherzig.

Die Prinzessin, die indessen nicht ohne Glück versucht hatte, Kirchwald über Käthes seltsame Verstimmung auszuhorchen, lachte, und der Prinz rief: »Wir trotzen allen feindlichen und freundlichen Einflüssen, und unsere Devise ist, neben einem nur uns verständlichen Kriegsrufe: durch dick und dünn! Intrigante Seelen wie wir sind, wollen wir nun einmal komplottieren, und da Sie, lieber Kirchwald, der Gewinnende dabei sein sollen, so haben wir beschlossen, jedes von Ihnen gestammelte ›wenn und aber‹ glänzend zu ignorieren!«

»Glänzend zu ignorieren!« bestätigte Käthe, strahlend und bildschön in der Vorfreude des Kampfes, zu dem sie sich rüstete wie die Walküren Wotans.

»Und,« fuhr der Prinz fort, »da wir der Ansicht huldigen, daß frische Fische immer gute Fische sind, ganz abgesehen davon, daß man das Eisen schmieden soll, so lange es warm ist, so sage ich mich, des Einverständnisses meiner Frau sicher, mit dieser heut' Abend bei Graf und Gräfin Kirchwald zum Thee an!«

»Ah, charmant!« rief die Prinzessin, »das paßt ja herrlich, da wir heut' ganz über unsere Zeit zu verfügen haben. Wir kommen also um acht Uhr und bringen meine Hofdame, Ihre Nachfolgerin im Amte, liebe Gräfin, mit.«

»Pardon, wenn ich widerspreche, liebe Olga,« fiel der Prinz ein, »aber ich bin der Ansicht, daß wir Fräulein von Dornberg heut' Abend freie Verfügung über ihre Zeit lassen. Ich brauche heut' stärkeres Geschütz und werde mir die Begleitung des Kammerherrn von Diestelcamp erbitten!«

»Ah!« machte Käthe mit großen Augen.

»Und er heißt mit Vornamen: Habakuk!« fügte der Prinz mit tiefem Tone hinzu.

»Ah!« machte Käthe wieder, diesmal aber ganz atemlos. Dann aber lachte sie wieder, lachte, daß sie sich auf den Hals ihres Pferdes beugen mußte, lachte, daß es nur so durch den stillen Wald schallte, und schrie dann in hellem Entzücken auf.

»Kostbar sind Sie, Hoheit, geradezu ein Unikum!«

»Aber Käthe,« murmelte Kirchwald ganz verlegen, und die Prinzessin rief hell auflachend:

»Lassen wir die beiden, Graf, und setzen wir unseren Ritt fort. Mir scheint, als ob man uns doch nicht ganz in diese Mysterien einzuweihen gedenkt, und vielleicht ist's auch besser, wenn wir ›ahnungslos und reine Thoren‹ ein wenig abseits stehen von diesem höchst verdächtig schwarzen Komplotte. Nur um eins bitte ich: nicht zu toll, liebe Käthe!«

»Aber Hoheit,« entgegnete diese strahlend, »dafür bürgt doch die Teilnahme des Prinzen!«

»Eh – wer auf die Brücke tritt!« machte die Prinzessin abwehrend, indem sie ihrem Gemahl mit den Augen zuzwinkerte und eine kleine Grimasse machte – – ein Gesicht schnitt, wie Käthe behauptete.

Und auch Graf Kirchwald konnte einen vorwurfsvollen Blick nicht zurückhalten.

»Das Vertrauen meiner Frau müßte Hoheit eigentlich tief rühren,« meinte er flehend, »denn wenn ich an die Einquartierung in Hellberg zurückdenke –«

»Nein, so alte Geschichten!« rief Käthe und wurde rot. Doch der Prinz legte ganz ernsthaft die Hand auf die Brust und sagte:

»Das war eben was ganz besonderes, lieber Kirchwald, und ich gelobte Ihnen, die Hummermayonnaise nur im äußersten Notfalle als Kitt zu einer ewigen Freundschaft zu benutzen!« (Der geneigte Leser wird zum näheren Verständnisse dieser mysteriösen Worte auf die Humoreske: »Der Bärenführer« in dem ersten Bande des Cyklus »Komtesse Käthe« hingewiesen. D. V.)

Kirchwald merkte wohl, daß hier nichts weiter zu machen war, und in der heitersten Stimmung beendete man den gemeinsamen Spazierritt. –––––

Zu Hause angekommen, sprang Käthe singend die Treppe hinauf, als gäbe es in der Welt keine Tante Kuki. Doch die kam ihnen schon entgegen in sichtlich schlechter Stimmung.

»Wie vulgär, auf der Treppe zu singen,« tadelte sie auch sofort. Käthe aber rief lustig:

»Bitte Tante, zum Predigen ist jetzt keine Zeit, denn ich muß mich mit größter Schnelligkeit umziehen und noch rasch einiges besorgen, weil der Prinz und die Prinzessin sich bei uns zum Thee angesagt haben!«

»Mein Gott, da muß ich ja auch –« sagte Tante Kuki aufgeregt, »und dazu Lisette in einem ganz unbrauchbaren Zustande – – – doch ich verstehe, ich bin wohl gebeten, mich in mein Zimmer zurückzuziehen, nicht?«

»Na, das fehlte noch,« sagte Käthe entsetzt. »Im Gegenteil, der Prinz brennt ja darauf, dich kennen zu lernen!«

»Brennt?« fragte Tante Kuki zweifelnd.

»Lichterloh!« versicherte Käthe.

»Ja, dann werde ich mich wohl auch etwas zurechtmachen müssen,« meinte Tante Kuki plötzlich in sehr guter Laune. »Wenn ich das nur früher gewußt hätte –!«

Kirchwald beeilte sich, zu versichern, daß sie's eben selbst erst erfahren hätten. Käthe stob indes davon, und zwar zunächst nach der Küche, um mit Frau Schnörkel einen Staatsrat abzuhalten. Sie fand das alte Faktotum sehr absprechend vor, denn, wurde ihr vertraut, »die olle Komtesse wäre inzwischen bei ihr gewesen und hätte wenig gelobt, aber viel getadelt und gute Ratschläge gegeben. »Der Kompost – womit Frau Schnörkel unweigerlich das Kompot bezeichnete, wäre ihr zu süß gewesen und der Salat zu wenig sauer, und die Koteletten liebte sie gebacken und nicht gebraten, und Schleien lägen ihr allemal im Magen, aber Aal liebte sie sehr, als ob der grade von Biskuit wäre!«

Käthe gab ihrer ehemaligen Kinderfrau aber einen Kuß auf die runzlichen Wangen und tätschelte sie und schmeichelte, bis Frau Schnörkel ihre junge Herrin zur Küche hinausschob und ihr schwor, daß alles gut und ordentlich sein würde, so wahr sie Schnörkeln hieße.

Aufatmend über den gewonnenen Sieg, huschte Käthe in das Schlafzimmer, um sich umzukleiden, und während sie ihre jugendschöne Gestalt in ein Kleid von weichem, weißem Wollstoff hüllte, sagte sie leise vor sich hin:

»Na, warte, Tante Kuki, ich werde dich lehren, hier zu hetzen, zu petzen und zu dominieren. Jetzt heißt's die Zähne zusammengebissen und den Humor nicht verlieren!«

Trotz dieser guten Vorsätze wurde der Humor Käthens doch arg ins Wanken gebracht, denn als kurz vor acht Uhr Tante Kuki im eleganten grauseidenen Kleide erschien, eine Theerose in den Kaiserin-Eugenien-Locken, da war ihr erstes Wort: »Den Platz am Theetisch wirst du mir heut' Abend überlassen, liebes Kind! Reifere Personen versehen ihn gemeiniglich mit weit mehr Grazie und Würde, als junge und fahrige Wesen, die von der Poesie des Theetisches keine Ahnung haben.«

»Darauf kommt's ja gar nicht an,« gab Käthe zornbebend zurück. »Hier bin ich aber die Hausfrau!«

Tante Kuki lachte leise und melodisch auf – eine Sorte von »Theaterlachen,« die Käthe überhaupt haßte.

»Zur Hausfrau wirst du noch viel zu lernen haben, liebes Kind,« war die kühle Erwiderung. »Danke dem Himmel, der eine erfahrene und weltgewandte Anverwandte auf deinen Platz stellt, und begnüge dich damit, als hübsches junges Lärvchen den Salon zu zieren. Sind wir erst in Steinbach, dann stehe ich ja doch so wie so an der Spitze des Haushaltes!«

»Nu eben,« meinte Käthe trocken. »Das habe ich mir ja gleich gedacht. Und was darf ich dann dort machen?«

»Du?« Tante Kuki begann ein Liedchen zu trällern. »Nun, du bist eben die Zierde des Salons!«

»Schönen Dank für das Kompliment,« erwiderte Käthe, der der Humor wieder kam. »Und dann?«

»Dann?« Tante Kuki zog die Augenbrauen in die Höhe. »Nun, ihr werdet ja voraussichtlich auch Kinder haben, die dich zunächst an die Kinderstube fesseln werden, bis sie soweit sind, daß ich die Leitung ihrer Erziehung übernehme.«

»Und dann?« fragte Käthe noch einmal.

»Dann werde ich sie zu Mustermenschen erziehen, dessen sei sicher.« Und damit setzte sich Tante Kuki an den offenen Flügel und begann das »Frühlingslied« von Mendelssohn zu spielen.

»So, nun weiß ich genug,« murmelte Käthe vor sich hin. »Jetzt, Tante Kuki, jetzt giebt es einen Krieg bis aufs Messer. Und wenn ich auch glaube, Horst wird es nicht dulden, daß du mich in dieser Weise kalt stellst, so hat er doch deine Kette um den Hals und muß an der tanzen, wie ein dressiertes Murmeltier, wenn wir diese Kette nicht beizeiten zerreißen. ›Auf in den Kampf, Torero, Mut in der Brust, siegesbewußt!‹«

Damit ging sie leise in den Korridor hinaus und traf dort ihren Gatten. »Du, Horst,« tuschelte sie ihm zu, »sie hat mir eben gütigst meinen Platz als Hausfrau in deinem Hause abgenommen und mir gesagt, daß sie unsere Kinder erziehen wird. Aber, ehe ich das dulde, eher erwürge ich die armen Würmer mit eigenen Händen!«

»Donnerwetter,« sagte Kirchwald, man wußte nicht, ob im Entsetzen über Tante Kuki oder über das Schicksal seiner Kinder, die er noch nicht einmal hatte. Käthe aber schlüpfte in die Speisekammer, nahm einen hohen, engen Topf, füllte ihn bis beinahe zum Rande mit Erbsen, goß dann Wasser hinein und schlich vorsichtig mit ihrer Last bis an die Thür des Fremdenzimmers, die nur angelehnt war. Lisette befand sich nicht darin, und Käthe huschte leise hinein, stellte ihren Topf hart an den Rand auf einen ungewöhnlich hohen, alten Kleiderschrank und verließ ebenso leise und ungesehen das Zimmer.

»So, nun wünsche ich dir eine geruhsame Nacht, Tante Kuki,« murmelte sie, machte der Thür noch einen wild-graziösen Knicks und stürmte in den Korridor zurück. Da hörte sie wie Kirchwald unten eben seine Gäste begrüßte, denen sie nun ihrerseits auch entgegenflog. Hatte Kirchwald vorher gefunden, daß der Rede Sinn seiner Gattin etwas dunkel war, so wurde er sehr bald erleuchtet, als er sah, wie Tante Kuki ohne weiteres die Pflichten der Hausfrau am Theetische übernahm. Er wechselte mit Käthe einen Blick, Käthe sah den Prinzen an, und dieser schlug die Augen nieder mit einer Miene, die ihr trostreich zu sagen schien: »Sei ruhig, ceterum censeo, Carthaginem delendam ist nicht vergessen.«

Aber Tante Kuki strahlte indessen, denn sie war sichtlich die Gefeierte des Abends. Der Prinz unterhielt sich lange und eingehend mit ihr, und wer ihr überhaupt nicht von der Seite wich, das war der Kammerherr von Diestelcamp, dessen Bekanntschaft wir in »Syndetikon« ja schon gemacht haben. Er litt immer noch an seinem chronischen Schnupfen, aber seit ihm seine Brautwerbung um Käthe nicht gelungen war, hatte er sich, was seine äußere Person betraf, auf die leichtsinnige Seite gelegt und trug sich nun, wenn auch nicht gerade gigerlhaft, so doch immerhin auffallend jugendlich, auch hatte er sich eine neue Perücke zugelegt, mit ganz kurzen Haaren á la brosse frisiert, die ihn zwar nicht jünger machte, aber doch eine gewisse »Schneidigkeit« hervorbrachte. Es war, als wollte er nun mit seinem äußeren Menschen für Käthe ein gewisser wandelnder Vorwurf sein, der ihr zu sagen schien: »Siehste, so'n Kerl bin ich! Und du warst thöricht genug, den zu verschmähen.«

Nach dem Abendbrot, das übrigens der guten Frau Schnörkel alle Ehre machte, fand Herr von Diestelcamp Gelegenheit, ungehört von den andern einige Worte mit seiner jungen Wirtin zu wechseln.

»Sie müssen die Gnade haben, Gräfin,« sagte er, »mir einige Aufklärungen zu geben. Ehe wir nämlich hierherkamen, hat die Prinzeß mich rufen lassen und es sich als eine ihr persönlich zu erweisende Liebenswürdigkeit in den gnädigsten Worten von mir erbeten, ihr einen ›großen‹ Dienst, wie sie es nannte, zu erweisen. Und wissen Sie, worin der bestehen soll? Sie hat mich unter Handschlag verpflichtet, täglich, so lange Ihre Gräfin Tante bei Ihnen ist, Ihr Haus zu besuchen, um letzterer Gesellschaft zu leisten! Auf meine Bemerkung, daß Sie ja eigentlich die Nächste dazu wären, meinte die Prinzessin, Ihre Gräfin Tante wäre etwas ›komisch,‹ und wie gesagt, ich verstünde ja schon und thäte ihr den größten Dienst damit.«

»Ja, was soll ich denn dabei noch erklären?« fragte Käthe lachend, denn die Idee der Prinzessin, oder eigentlich die des Prinzen schien ihr ganz herrlich und zweckentsprechend.

»Hm,« machte Herr von Diestelcamp, mit seinem Stockschnupfen kämpfend, »man kann nicht leugnen, daß die Sache für mich noch ihre dunklen Seiten hat. Erstens: Warum können Sie Ihre Gräfin Tante nicht unterhalten?«

»Weil Sie sich von mir nicht unterhalten läßt. Ich bin ihr viel zu dumm und zu jung dazu,« erklärte Käthe.

»In der That!« rief Herr von Diestelcamp erstaunt. »Und weshalb nannte die Prinzessin Ihre Gräfin Tante ›komisch?‹ Ich erwartete in ihr eine Karikatur von einer alten Jungfer zu finden, mit etwas untraktablem Charakter, und finde nun eine sehr vornehm und sehr angenehm aussehende ältere junge Dame mit gereiften und gediegenen Lebensanschauungen. Was ist da komisches dabei?«

»O,« machte Käthe, »das ist nur so ein Wort zur Bezeichnung von – – na ja, von Eigentümlichkeiten, die Tante im Verkehr mit nahen Verwandten, in specie mit angeheirateten Nichten zu entfalten pflegt. Nun sind aber angeheiratete Nichten auch bloß Menschen, sehen Sie, mit Auflehnungsgelüsten gegen tantliche Übergriffe! Na, da Tante aber doch nun mal Gast in, so soll Friede ›unser erst‹ Geläute sein, und je mehr Tante Zerstreuung und Ablenkung hat, destomehr ist auf diesen ersehnten Frieden zu rechnen. Und wenn Sie, lieber, guter Herr von Diestelcamp uns dazu verhelfen könnten, so wäre unbegrenzte Dankbarkeit unsererseits Ihr schönster Lohn!«

Herr von Diestelcamp nieste.

»Wie beredt Sie sein können, Gräfin,« sagte er mit nassen Augen – nicht aus Rührung, sondern des Schnupfens wegen.

Als der Prinz und die Prinzessin bald darauf aufbrachen, flüsterte der Prinz seiner Verbündeten zu:

»Ich habe recht gehabt, und Sie auch natürlich: die Tante Kuki läßt sich die Abschiedsidee Ihres Herrn Gemahls nicht ausreden. Sie hat mir, und wie ich hörte, auch unserem guten Kammerherrn des längeren und breiteren auseinandergesetzt, daß die inneren Pflichten äußeren Vorteilen und weltlichen Verlockungen nicht weichen dürften. Ich habe gethan, was ich konnte, und das Resultat ist gleich Null!«

»Natürlich – bei Tante Kuki kann man sich, glaube ich, den Mund fußlig reden und es nutzt doch nichts. Die ist eben nun mal stätsch!« sagte Käthe verächtlich.

Und sie versuchte, nachdem Tante Kuki sich mit einigen Seitenhieben auf Käthe zur Ruhe begeben hatte, selbst ihr Heil bei ihrem Gatten, doch der Dämon des Besitzes hatte sich schon fest bei ihm eingenistet, und er hatte hundert Widerlegungen für jedes von Käthes Bedenken. Über die Idee, daß Tante Kuki Käthe in der von ihr selbst geschilderten Art behandeln würde, lachte er nur und meinte, dazu wäre er doch da, um das zu verhindern und schließlich wäre Käthe doch durchaus nicht so hilflosen Charakters, um sich ohne Widerstand unterdrücken zu lassen, und darin hatte er wieder recht. Kurz, als Käthe endlich todmüde und unglücklich schlafen ging, hatte sie eigentlich nichts erreicht.

Am anderen Morgen erschien Tante Kuki übernächtig und übellaunig beim Frühstück und gestand endlich auf eindringliches Befragen, daß es in ihrem Zimmer »umgehe.« Sie hätte die ganze Nacht nicht schlafen können, denn eine unsichtbare Hand hätte fortwährend Erbsen in ihrem Zimmer gestreut. Es hätte lange gedauert, ehe sie sich entschlossen hätte, Licht zu machen, um die Ursache des unheimlichen und nervös machenden Geräusches in ihrem Zimmer zu ergründen, hätte endlich Lisette gerufen und mit ihr alles untersucht, doch nichts gefunden, was als eine natürliche Ursache anzusehen gewesen wäre, und so müsse sie sich wohl der Ansicht zuneigen, daß Geisterhände im Spiel gewesen. Lisette hätte sich übrigens so gefürchtet, daß sie, Tante Kuki, not gehabt hätte, die Arme zu beruhigen.

Kirchwald hörte den Bericht kopfschüttelnd an, und Käthe stürmte hinaus, um sich durch den Augenschein von dem eben gehörten zu überzeugen. Richtig, da lag der ganze Erbsensegen, von Lisette zusammengefegt, auf einem Häufchen. Während die Kammerjungfer hinausging, eine Kehrichtschaufel zu holen, nahm Käthe schnell den bewußten Topf mit dem Rest der Erbsen, die trotz Aufquellens nun nicht mehr hinausspringen konnten, weil sie das Plus ihrer Kameraden schon hinausbefördert hatten, und verbarg diesen Zeugen ihrer That schleunigst.

Kirchwald mußte bald darauf zum Vortrag aufbrechen, doch als Käthe ihn, wie gewohnt, herabbegleitete, nahm er sie des Erbsenspukes wegen ins Gebet.

»Käthe, das hast du gethan,« sagte er vorwurfsvoll.

»Richtig,« gestand diese lachend.

»Das darf nicht mehr vorkommen.«

»Im Gegenteil,« versicherte Käthe. »Die nächste Nacht lasse ich sie schlafen – Gott, ich bin ja so rücksichtsvoll! Aber übermorgen giebt's wieder Erbsen und so fort, bis sie's satt kriegt und die Flucht ergreift. Rache ist süß. Zwickt sie mich, zwick' ich sie! Du siehst ja, wie sanft und elegisch sie heut' morgen ist – zum Zweck der Verteidigung gilt eben jedes Mittel.«

»Nun, wir reden schon noch darüber,« meinte Kirchwald lächelnd.

»Sag' mir was bessres und ich lasse die Erbsen,« meinte Käthe lustig.

Tante Kuki war heut' sanft und elegisch, darin hatte Käthe recht, aber das verhinderte sie nicht, in leiser aber ohne Unterbrechung fließender Rede, Käthens Benehmen vom Abend vorher zu tadeln und ihr umfassende Belehrungen auf diesem Gebiet zu teil werden zu lassen.

Käthe ihrerseits, geschwellt von Befriedigung über ihren gelungenen Streich und in Erwartung der Dinge, die ja kommen mußten, hörte scheinbar andächtig zu, dachte dabei aber an ganz andere Sachen.

Um elf Uhr erschien der Kammerherr von Diestelcamp, um die Damen zu einem »kleinen Spaziergange« aufzufordern. Das gab der Sache nun nach Käthens Ansicht eine »feine« Wendung, die zur reinen Raffinade wurde, als der Kammerherr der Gräfin Kuki von seiten der Herzogin sagte, daß die hohe Dame ihre Bekanntschaft zu machen wünschte und sie zu diesem Zwecke morgen empfangen wollte. Das gab nun einen schönen Spaziergang für das junge Paar, das unbehelligt den Spuren der strahlenden Tante Kuki folgen durfte, die an der Seite des Kammerherrn voranschritt und sich herrlich mit diesem zu unterhalten schien. Das Mittagbrot verlief infolgedessen auch ganz ruhig, und als die gute Laune am Nachmittage gerade wieder nachzulassen begann, da erschien wiederum der Kammerherr als rettender Engel zum gemütlichen Theestündchen und um sich zu erkundigen, wie den Damen der Spaziergang bekommen sei.

»Nun, ist unser Prinz nicht ein herrlicher Freund?« fragte Käthe selig ihren Gatten.

»Ah – also das ist das Komplott?« lachte dieser. »Käthe, aber eins sage ich dir: Tante Kuki hört das Gras wachsen und ist mißtrauisch wie ein Kolkrabe: wenn sie den Braten merkt, dann wehe uns!«

»Ach, woher soll sie denn das merken?«

»Na, und dann wird der Kammerherr die Geschichte doch auch mal satt kriegen!«

»Ein furchtbares Heupferd wäre er, Horst, wenn er's nicht thäte – aber weißt du, wir sprechen ja da auch nur von unserem Standpunkte aus. Vielleicht findet er Tante Kuki reizend. Über den Geschmack läßt sich nun mal nicht streiten.«

Die Sorge Kirchwalds war überflüssig, denn Tante Kuki merkte erstens nichts davon, daß diese krampfhafte Unterhaltung ihrerseits ein wohlarrangiertes Spiel war, und dann schien der Kammerherr auch nicht im mindesten gelangweilt von dem ihm aufgebürdeten Ritterdienste. Die Vorstellung bei Hofe fand statt. Tante Kuki machte einen Thee bei der Herzogin und einen bei der Prinzessin mit, ließ sich von dem Kammerherrn spazieren führen, papelte über die Theetasse hinweg Dinge mit ihm, die sie nicht verstand, korrigierte und rüffelte Käthe wo sie konnte und wich nicht ein Haar breit von ihrem Verlangen ab, daß ihr Neffe zur Übernahme des Gutes den Abschied nehmen mußte.

Vom Abreisen sprach Tante Kuki überhaupt nicht und ihre Tyrannei im Hause wuchs mehr und mehr, so daß Käthe schon alle Hoffnung aufgab und wieder anfing melancholisch zu werden. –

Es war ein recht heißer, schwüler Tag, sonnenlos und gewitterdrohend, als der Kammerherr nachmittags kam und zum Spazierengehen aufforderte.

Dazu hatte bei der Temperatur eigentlich niemand Lust, außer Tante Kuki, aber die wollte gehen und da galt kein Zaudern. Abgespannt von der drückenden Luft und verstimmt schlichen Kirchwalds hinter der Tante her, die neben dem Kammerherrn voranschwebte.

Und als man sich dem Schloßparke, dem Ziele der Wanderung näherte, da seufzte Käthe aus tiefster Brust.

»Du hast gut seufzen,« murrte Kirchwald mit düsterm Blick. »Was soll ich denn thun? Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer – – hol's der Fuchs, länger halte ich's auch nicht mehr aus.«

»Wie willst du denn das machen?« fragte Käthe gespannt.

»Na, wenn du's nicht weißt, wenn dir der Witz ausgegangen ist, was bleibt dann mir?« erwiderte Kirchwald verzweifelt. »Das habe ich, offen gesagt, nicht geglaubt, daß solch ein Unterschied darin ist, ob man als Junggeselle Tante Kuki gelegentlich besucht, oder ob man als Ehemann von ihr besucht wird. Übrigens – wenn's auch nicht zu leugnen ist, daß dein und des Prinzen gemeinsam ausgehecktes Mittel zur Beschäftigung der Tante seine unleugbaren Vorzüge hat, so hat es doch auch seine Gefahren, wie wir sehen, und daß man nie und nimmer, weder vormittags noch nachmittags und abends vor diesem ewigen Kammerherrn mehr sicher ist, das fängt an, mir mein eigenes Haus zu verleiden.«

»So! Wenn du damit erst anfängst, dann bin ich dir über – mir gehört überhaupt mein eigenes Haus nicht mehr,« seufzte Käthe.

»Und weshalb wir auf diesen dämlichen Spaziergängen auch noch jedesmal hinterdrein zumpeln müssen, das geht schon ganz über mein bissel beschränkten Unterthanenverstand,« begann Kirchwald nach einer Pause wieder ingrimmig.

»Da bin ich dir wieder über,« antwortete Käthe unwillkürlich lachend, »denn Tante Kuki hat mir das genau auseinander gesetzt. Sie erklärte mir nämlich, es wäre unpassend für eine unverheiratete Dame, mit einem unverheirateten Herrn allein spazieren zu gehen, und es wäre der Usus der Schicklichkeit, daß eine verheiratete Frau die Begleitung abgäbe. Und da habe ich mir nun wieder in meinem beschränkten Unterthanenverstande gedacht, daß es doch eigentlich ulkig ist, wenn man sich, wie ich, in seinem eigenen Hause wie ein unerzogenes und unmündiges Kind behandeln lassen, und auf der Straße mit seinen achtzehn Jahren eine reichlich reife alte Jungfer ›beschützen‹ muß. Na, wie gesagt, wenn Tante Kuki uns in Steinbach erst für immer besuchen wird, da werde ich schon noch manches dazu lernen. – Reißen wir doch mal aus!« schlug Käthe nach einer Weile vor.

»Kein schlechter Vorschlag,« lobte Kirchwald, »und ich thät's auch unbedingt, wenn es dir nicht nachher böse Stunden machte.«

»Na, über welches Thema das tägliche Pensum abgepredigt wird, das ist Jacke wie Hose, gehupft wie gesprungen,« sagte Käthe lachend. »Der Tag hat doch nun mal seine bestimmte Stundenzahl und läßt sich deswegen nicht ausdehnen wie ein Gummiband. Also wenn du wirklich Lust hast – – ich möchte zu gern wieder einmal wissen, wie es ist, wenn ich mit dir ohne Tante Kuki in die Konditorei gehe, um Eis zu essen!«

»Ganz mein Gedanke,« stimmte Kirchwald zu. »Wart', das wäre jetzt so der Moment zur schnöden Flucht!«

Tante Kuki und der Kammerherr verschwanden eben hinter der Mauer, welche sich dem breiten Schloßgartenportal anschloß. Kirchwald und Käthe ließen das Paar erst einige Schritte weiter gehen, um sich zu vergewissern, daß man sich nach ihnen nicht umdrehte, dann legten sie im Sturmschritt eine kurze Strecke zurück und verschwanden in der nahegelegenen Konditorei. Kirchwald bestellte Käthes geliebtes Panacee-Gefrorenes und sich selbst einen Eiskaffee, und bald saßen die beiden seelenvergnügt an einem der kleinen Marmortischchen, Tante Kuki vollständig und ausschließlich dem Schutze des Kammerherrn anvertrauend. Käthe hatte ihr Eis noch nicht ausgelöffelt, als es plötzlich anfing zu donnern und einige schwere Regentropfen gegen die Scheiben klatschten, und es dauerte gar nicht lange, da tobte ein herzhaftes Gewitter über der Residenz, und dazu goß es aus des Herrgotts großer Gießkanne vom Himmel herab, was es konnte.

»Der Kammerherr hat wie gewöhnlich einen Regenschirm mit und Tante Kuki einen Entoutcas,« sagte Käthe ruhig, als Kirchwald sich die zu reißenden Strömen angeschwollenen Gossen betrachtete. »Das war aber schlau von uns, daß wir das Sturzbad nicht mitgenommen haben.« Dann aß sie mit Seelenruhe noch ein köstliches Schaumtörtchen. – Allmählich ließ der Regen nach, das Gewitter verzog sich und bald lachte die liebe Sonne sogar wieder auf die erquickte Erde herab. Kirchwalds schlenderten nun gemütlich von dannen und ihrem Hause zu, ohne sich weiter auf das Donnerwetter vorzubereiten, das sie dort erwartete. Zu Hause angelangt, fanden sie Tante Kuki nicht vor. Nach einem halben Stündchen kam sie aber, etwas durchnäßt vom Regen, von dem sie ein reichlich bemessenes Teil erwischt haben mußte, hingegossen in eine Droschke und begleitet von dem dito stark verregneten Kammerherrn, der seine holde Schutzbefohlene nun an Kirchwald übergab, um dann in der Droschke nach Hause zu fahren und durch den Wechsel der Kleider dem verfrühten Ausbruche der Nieseperiode seines Schnupfens vorzubeugen.

»Wo seid ihr geblieben,« war Tante Kukis erstes Wort, als sie im Zimmer stand.

»Wir haben uns auf polnisch gedrückt,« erklärte Kirchwald heiter. »Es war ja eigentlich ein Kinderstreich, Tante, aber du wirst auch seinen Humor zu würdigen wissen.«

»Ich weiß es zu würdigen, wie unerhört rücksichtslos, respektlos und pietätlos ich von euch behandelt werde,« war die scharfe Entgegnung, »aber das beiseite gesetzt, worüber ich mich nachher noch äußern werde, so danke ich es euch, daß ich für den Rest meines Lebens unrettbar kompromittiert worden bin?«

»Kompromittiert?« fragte Kirchwald erstaunt.

»Ja, kompromittiert, entwürdigt, moralisch vernichtet,« begann Tante Kuki sich zu ereifern. »Ahnungslos, ein gläubiges, vertrauendes Geschöpf, wandle ich in Seelenruhe dahin, um mich plötzlich, im einsamen Schloßgarten schnöde und hinterlistig verlassen zu sehen, allein mit dem Kammerherrn, preisgegeben der bösen Zunge des ersten besten uns Begegnenden!«

»Pardon, liebe Tante, aber das begreife ich nicht ganz,« erwiderte Kirchwald sehr ruhig. »Es wäre ungemein gütig von dir, mir das zu erklären, nur muß ich dich bitten, dabei in der Erwähnung unserer Personen mit etwas mehr – Rückhalt zu sprechen.«

»O, ich finde gar keine Worte, euer Benehmen genügend zu kennzeichnen,« rief Tante Kuki immer erregter werdend. »Ich finde keine Bezeichnung, um zu erläutern, was ich empfand, als ich mich plötzlich, meiner Ehrengarde beraubt, allein sah mit einem Herrn, der zwar ein Kavalier, aber doch unverheiratet, kompromittierend ist als Gesellschaft für eine Dame, die noch bei weitem nicht zu den alten zählt! Und dieser schrecklichen Erkenntnis folgt der strömende Regen, und ich bin gezwungen, mit Herrn von Diestelcamp Schutz zu suchen in einem einsamen Pavillon, den zum Überfluß später auch noch andere aufsuchten und sich an meiner Verlegenheit weiden konnten! O, eine unerhörte Schmach ist mir geschehen. Ich weiß nicht, wo ich mein Angesicht vor den Menschen verbergen soll!«

Kirchwald warf Käthe kopfschüttelnd einen Blick zu, der ernstliche Besorgnisse über den geistigen Zustand der Tante Kuki ausdrückte. »Das verstehe ich immer noch nicht,« sagte er hilflos. »Ich kenne Herrn von Diestelcamp doch schon längere Zeit – – – ja, hat er sich denn in irgend welcher Weise tadelnswert dir gegenüber benommen?«

Tante Kuki warf ihrem Neffen einen vernichtenden Blick zu. 

»Ich hatte bereits die Ehre, dir zu sagen, daß Herr von Diestelcamp ein Kavalier ist, von dem du nur lernen könntest!«

»Ja, dann begreife ich die ganze Sache erst recht nicht,« gestand Kirchwald achselzuckend ein. »Daß wir uns heimlich entfernten, das heißt, ohne es erst vorher zu sagen, das bitten wir zu entschuldigen. Warum du aber nicht einmal allein mit Herrn von Diestelcamp spazieren gehen konntest, das fasse ich nicht!«

»Nein, ihr faßt es nicht, weil unsere heutige Generation verroht ist und die Frauen emanzipiert sind und nicht begreifen, wie einer jungfräulichen Seele zu Mute ist, wenn sie sich schutzlos weiß,« klagte Tante Kuki. »Nun, zerbrecht euch über dies Problem die Köpfe nicht – es geht ja doch über euer Begriffsvermögen. Ich aber ziehe mich jetzt zurück, um in der Stille meines Zimmers die mir wiederfahrene Schmach zu beweinen.«

»Na, ich werde ihr das Vergnügen nicht zu trüben versuchen,« versicherte Kirchwald seiner Frau, als Tante Kuki, die wie ein naß gewordener Riesenspatz aussah, das Zimmer verlassen hatte, »alles was rechts und links ist, wie dein guter Vater zu sagen pflegt, aber das geht doch über den Spaß, sich so Tag für Tag wie einen dummen Jungen herunterputzen zu lassen. Das ist selbst für ein Geschenk wie Steinbach zu viel!«

»Aha,« sagte Käthe trocken. »Fängt's dir an zu dämmern, Horst?«

Da wurde Kirchwald ganz rot unter dem Blicke aus den schönen Augen seiner jungen Frau, und ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer.


* * *


Tante Kuki hatte den Abend wirklich auf ihrem Zimmer verlebt, weil niemand kam, sie hinüber zu bitten. Der Bursche hatte ihr das Abendbrot im Zimmer serviert und ihr im Namen seiner Herrschaft guten Appetit und gute Nacht gewünscht. Am andern Morgen erschien sie aber wieder auf der Bildfläche in einem eleganten Schlafrock von rosa Kaschmir und einem Nanonhäubchen von Spitzen und rosa Bändern auf dem Kopfe, spielte die geknickte Lilie mit Geschick und tiefem Gefühl und beehrte Käthens Chaiselongue in deren Zimmer mit ihrer Person, denn das cremeweiße Bärenfell, das darauf lag, bot eine ebenso zarte wie hochmoderne Folie für ihre Toilette. Ein Tischchen mit Eau de Cologne, Pfefferminzküchelchen, englischem Salz und anderen nervenstärkenden Dingen neben sich – so erklärte sie, den Morgen ertragen zu können. Gegen Mittag entführte Kirchwald seine Frau ihrer rosigen Gesellschaft, um einige Besuche zu machen, doch als sie nach etwa zwei Stunden zurückkamen, fanden sie die Tante zwar noch in Rosa, aber daneben in einer ganz merkwürdigen Aufregung vor. Sie nahm zwar an dem Mittagbrote teil, aß aber so gut wie nichts und war einsilbig und zerstreut.

Nach Tisch zog sie sich wie gewöhnlich zurück, erschien aber früher als sonst wieder im Salon, und als dann auch Kirchwald kam, um sich eine Tasse Thee geben zu lassen, da sagte sie mit stockender Stimme:

»Liebe Kinder – ich habe euch eine hochwichtige, tiefeinschneidende Mitteilung zu machen.«

»Wird was Rechtes sein,« dachte Käthe unbewegt.

Tante Kuki verschränkte ihre dünnen weißen Finger ineinander.

»Heut' Vormittag nämlich, als ihr fortgegangen wart,« begann sie mit niedergeschlagenen Augen, »da war der Kammerherr von Diestelcamp hier und ließ sich bei mir melden.«

»Ach, und da konntest du ihn nicht empfangen, weil ich nicht da war,« sagte Käthe bedauernd. Sie hätte die Bemerkung nicht um die Welt unterdrücken können.

»Doch – ich – der Kammerherr drang darauf, mich zu sehen,« erklärte Tante Kuki zögernd, »und trotzdem ich allein und im Negligé war – – mein Gott nach den gestrigen Ereignissen konnte ich es wohl riskieren, ihn im Schutze eurer Mauern zu empfangen. Und da geschah es – daß – ich mich mit ihm verlobte!«

Kirchwald sah seine Frau an, Käthe sah ihren Gatten an, und dann starrten beide fassungslos auf Tante Kuki – – – war sie übergeschnappt?

»Ich gestehe gern, daß ich halb und halb überrumpelt worden bin,« fuhr Tante Kuki fort, »Herr von Diestelcamp – euer künftiger Onkel Habakuk – er war aber so dringend, so stürmisch fast und schien so berauscht von dem Eindruck, den ich ihm in meiner Toilette zu dieser Stunde machte, und er liebt mich so innig, daß ich gar nicht das Herz haben konnte, ›nein‹ zu sagen. Und nun drängt es mein Herz, eure Glückwünsche entgegen zu nehmen! Im Herbst soll die Hochzeit sein – ich brauche so viel Zeit, um meinen Trousseau zu besorgen.«

Langsam und allmählich nur löste sich der Bann geistiger Starrheit, der über Kirchwald und Käthe durch die Wirkung von Tante Kukis Eröffnung lag, und da die Annahme einer plötzlichen geistigen Störung hinfällig schien, so gratulierten sie der Tante auch wirklich zu einem Schritte, der schließlich nicht als Unikum in der Welt dastand. Das übrige ging sie ja eigentlich nichts an, weder das Positivum noch die Konsequenzen oder gar der Beweis der Wahrheit für das Sprichwort, daß Alter vor Thorheit nicht schützt. Als aber die ersten Glückwünsche gestammelt waren, da schoß ein Strahl des Lichtes durch Käthes Herz.

»Ach,« rief sie mit einem tiefen Atemzuge, indem sie Tante Kukis Hand fast zärtlich drückte, »wenn du nun heiratest und dein eigenes Heim gründest, so braucht Horst doch nicht den Abschied zu nehmen, wenn er Steinbach übernimmt, nicht wahr?«

Tante Kuki bekam plötzlich einen Husten.

»Ja apropos, Steinbach,« sagte sie, sich räuspernd, »ich bin froh, daß ich dir, lieber Horst daraufhin noch kein bindendes Versprechen gegeben habe, denn du wirst begreifen, daß es gewissenlos von mir wäre, jetzt einen Besitz hinzugeben, der mir als Heiratsgut vermacht wurde. Ich habe auch schon an meinen Rechtsanwalt telegraphiert, daß die Urkunde nicht ausgefertigt zu werden braucht. Mein Hochzeitsgeschenk an euch bleibt natürlich eine ideale Schuld für mich, die auszulösen meine vornehmste Sorge sein wird.«

Zum Erstaunen Kirchwalds, der mit einem Gefühl, das er vorläufig noch gar nicht hätte beschreiben können, zugehört hatte, brach Käthe in ein lautes herzliches Lachen aus.

»Hurra!« jauchzte sie und tanzte im Zimmer herum, »das nenne ich gut und gründlich handeln! Jetzt komme ich mir vor wie Hans im Glücke, als er den Mammon glücklich gegen handlichere Dinge umgetauscht hatte. Schenk' uns statt des fürstlichen Rittergutes ein Spiel Karten, Tante Kuki, damit können wir dann Patience darauf legen, ob du uns im nächsten Jahre wieder besuchen wirst!«

»Ich werde mein Geschenk nach eigenem Ermessen, meiner würdig und euch nützlich und angenehm wählen,« sagte Tante Kuki steif, doch ehe sie sich noch des weiteren darüber auslassen konnte, wurde die Thür geöffnet und kein Geringerer als der Prinz von Nordland erschien. Er verneigte sich mit einem liebenswürdigen Lächeln vor den Damen und sagte nicht ohne einen kleinen triumphierenden Seitenblick auf Tante Kuki:

»Mein lieber Kirchwald, das vage Gerücht, das über eine Fahnenflucht Ihrerseits umging, hat mich veranlaßt, den Herzog zu bitten, sich dafür zu interessieren, daß man Ihnen fürs erste diesen schnöden Plan vereitelt, der Sie zunächst selbst am meisten unglücklich gemacht hätte. Die Bemühungen des Herzogs sind von Erfolg gekrönt gewesen, und wenn ich selbst auch nur mit großem Bedauern Ihnen sagen muß, daß Sie in Ihrer Stellung als mein Adjutant abgelöst werden, so darf ich Ihnen doch zugleich die frohe Botschaft bringen, daß Sie zum Generalstab der Armee versetzt worden sind.«

Mit einem Jubelruf fiel Käthe ihrem Gatten trotz der Gegenwart seines bisherigen fürstlichen Brotherrn um den Hals, gab ihm einen herzhaften Kuß und schüttelte dann dem Prinzen beide Hände, als wollte sie diese absolut vom Körper trennen.

»Nun, hab' ich's so gut gemacht?« fragte er halblaut.

»Famos, Hoheit,« lobte Käthe strahlend. »›Nichts halb zu thun ist edler Geister Art', sagte schon Goethe. Oder war's Schiller? Oder gar Shakespeare? – Wieland war es? Na, 's kommt ja auch nicht darauf an, die Hauptsache ist, daß wir entschieden ein Patent auf unsere Komplotte nehmen müssen, Hoheit.«

»Das wollen wir bestimmt thun, Gräfin,« lachte der Prinz, »zuvor aber bestehe ich, wie Shylock, auf meinen Schein, und das ist wirklich von Shakespeare. Sie wissen schon: die Fuchsrute.«

»Die werden wir teilen müssen, Hoheit,« erwiderte Käthe, indem ihre Augen vor Übermut tanzten.

»Ei, ganz bestimmt nicht – ich will meinen Lohn ganz haben,« entgegnete der Prinz neckend.

»Darüber läßt sich streiten,« war Käthes lustige Antwort.

»Nun ich dächte doch –«

»Ah, es ist ja wahr, daß Horst durch die gnädige Mitwirkung Eurer Hoheit daran verhindert worden ist, den Abschied zu nehmen,« sagte Käthe, »hingegen ist es aber auch Thatsache, daß unsere liebe Tante hier sich heut' mit Herrn von Diestelcamp verlobt hat und ihre Herrschaft Steinbach infolgedessen selbst behält.«

»Waaas?« dem Prinzen fiel im ersten Schrecken der Kneifer von der Nase, doch als ein Mann des Hofes und der Welt war seine Fassung auch sogleich wieder gewonnen. »Und das ist keiner Ihrer berühmten, gnädigen Scherze, Gräfin,« raunte er Käthe zu.

»Na, haben Hoheit uns vor Überraschung nicht noch selbst auf dem Rücken liegen sehen?« war Käthes prompte Antwort.

Tante Kuki aber, der das Gespräch der beiden längst schon zu lange dauerte, wendete sich nun an ihren Neffen.

»Sollten wir hier nicht zu viel sein, lieber Horst?« sagte sie scharf, »ich verstehe nicht ein Wort von dem Sinn dieses Gespräches!«

»Dafür ist es, glaub' ich, auch gar nicht berechnet,« gab Kirchwald gut gelaunt zurück. »Nicht verstehen ist oft lauter Glück, Tante Kuki!«

Doch nun kam der Prinz auch schon mit seinen Glückwünschen, die Tante Kuki geschmeichelt hinnahm und sich dabei ganz als junge, strahlende Braut benahm.

Käthe aber ging inzwischen in ihr Zimmer, wählte dort ihre schönste, längste und buschigste Fuchsrute aus und präsentierte diese stumm dem Prinzen.

»Gut,« sagte dieser und nahm den verheißenen Preis entgegen, »sei es denn, ich nehme sie zum Andenken an diese Stunde, die mich fast um ein Jahr früher, als es sonst geschehen wäre, um einen mir lieben und werten Adjutanten gebracht hat. Aber Sie haben recht, Gräfin, es gebührt mir nicht der ganze Preis, und ich werde mir erlauben, Ihnen Ihren Anteil daran wieder zuzusenden und Sorge tragen, das Patent auf unsere Begabung zum Komplotteschmieden zu erlangen. Denn wo das Resultat so großartig ist, wie in dem vorliegenden Falle, da muß schon ein Übriges geschehn.«

»Ich verstehe aber nicht –« fiel Tante Kuki ein.

»Das Unverständliche birgt oft den großartigsten Sinn,« sagte der Prinz liebenswürdig, indem er sich den Damen empfahl. –

Gerade, als Tante Kuki einige Tage darauf abreisen wollte, kam ein kleines Paket für Käthe an: der Prinz sandte ihren Anteil an der Fuchsrute, wie das Begleitschreiben erläuterte, zurück. Ein Büschel der Fuchshaare war mit grünseidenem Faden zu einem Ringe geschlungen und wurde von einem mit Diamanten gepflasterten Knopfe, der eine Brosche war, umschlossen. Auf der Rückseite der Brosche war eingraviert: Patent Nr. 0 1/2. Vor Nachahmungen geschützt.«

»Das ist mir unverständlich,« sagte Tante Kuki, und da niemand Miene machte, ihr eine Aufklärung zu geben, so reiste sie pikiert ab. – –

Als Kirchwalds von der Bahn zurückkehrten, sah Käthe ihren Gatten schelmisch lächelnd an.

»Nun, Horst,« sagte sie, »hast du den Verlust von Steinbach jetzt verwunden?«

Kirchwald lächelte flüchtig.

»Du hast gut reden, Käthe,« erwiderte er,« aber der Schlag war hart, ich gestehe es offen. Einem erst solch eine Herrschaft zu schenken und sie einem dann ohne Vorrede wieder vor der Nase wegzunehmen, dazu muß man wirklich schon starke Nerven haben.«

»Ja, ja,« gab Käthe teilnahmsvoll zu. »Ich hab's auch immer gemein gefunden, wenn man einem Hunde eine Wurst zu riechen giebt, und sie ihm dann wieder fortnimmt –«

»Ein hübsches Gleichnis, Käthe! Aber es ist ›analog dasselbe, nämlich gleichsam quasi das Gegenteil,‹ wie mein alter Wachtmeister zu sagen pflegte.«

»Ach Horst, laß dir zureden,« rief Käthe herzlich. »Scherz beiseite, aber es ist doch wirklich besser, keinen Mammon zu haben, als einen, bei dem mit jedem Schritte, den man gern thun möchte, die Kette klirrt, an die man sich dafür hat anbinden lassen. Kreuzunglücklich wärst du an dieser Kette geworden, Horst, das ist meine feste Überzeugung, und darum bin ich auch so froh, daß der Alp von meiner Seele genommen ist. Es bleibt dir ja noch so viel, Horst!« –

»Ja, vor allem du!« sagte Kirchwald froh und gerührt, indem er seine schöne junge Frau in die Arme schloß.


* * *


Tante Kuki hat Wort gehalten und Kirchwalds richtig das verheißene Hochzeitsgeschenk geschickt: es bestand aus einem silbernen Käfig mit einem lebendigen Papagei darin, der nach der Aussage seines Verkäufers alle lebenden Sprachen reden konnte und sicherlich schweres Geld gekostet hatte. Die sämtlichen lebenden Sprachen verschwieg der Papagei nun zwar, wahrscheinlich aus Bescheidenheit und um mit seiner Gelehrsamkeit nicht zu prunken, wie es dem Weisen ziemt, und das einzige Wort, das er oft und mit wunderbarer Klarheit von sich gab, war: »Rhinozeros!« Wen er damit meinte, hat er nie verraten, vielleicht war's ein guter Bekannter aus seiner Tropenheimat, vielleicht auch eine neue, europäische Bekanntschaft – kurz, es blieb jedem, der es hörte, überlassen, zu glauben, daß er selbst gemeint war. Nach dem Urteil hervorragender Ornithologen ist besagtes Wort aber ungemein schwierig für Papageienzungen auszusprechen, ja fast unmöglich, so daß Tante Kukis Hochzeitsgeschenk an Kirchwalds wirklich einen besonderen Wert repräsentiert. Und da kann man sich schon trösten, wenn man für eine großartige Herrschaft einen Papageien bekommt, der »Rhinozeros« sagen kann.




Die Anna.

Ja, das Chrysanthemum ist eine sehr haltbare und dauerhafte Blume – schade, daß man dasselbe von der Männertreue nicht sagen kann, meinte Frau von Diestelcamp, alias Tante Kuki, indem sie ihre lange, spitze Nase höchst überflüssigerweise in einen vielfarbigen aber duftlosen Strauß der japanischen Astern versenkte und ihrer Nichte, der Gräfin Käthe Kirchwald, dabei einen vielsagenden Blick zuwarf.

Die Scene war, was die Möbel betraf, genau dieselbe wie in der Erzählung von Tante Kukis Hochzeitsgeschenk, nur die Außenwelt war eine andere, denn Graf Kirchwald war längst beim Generalstab in Berlin und sein Haus hatte abermals die Ehre und Freude, Tante Kuki und ihren Gatten Gäste zu nennen, denn das »junge« Paar war zur Besorgung von Weihnachtsgeschenken nach Berlin gekommen und da Frau von Diestelcamps Haupteigenschaft entschieden die ökonomische Ader war, so zog sie vor, statt in ein teures Hotel zu gehen, ihren Lieblingsneffen heimzusuchen, in dessen Hause sie ja das Glück ihres Lebens, ihren späten Liebesfrühling gefunden, wie sie sich poetisch auszudrücken beliebte.

Käthe hatte sich gegen diesen Besuch energisch gesträubt – sie war sogar, wie sie sich selbst gestehen mußte, in eine »feine Wut« bei der höchst peremtorischen Ansage desselben geraten, kräftig unterstützt von ihrem Gatten, aber was half das alles? Die Faust mußte im Sack geballt und der saure Apfel süß gefunden werden.

»Das sage ich dir,« gelobte Käthe ihrem Gatten mit blitzenden Augen, »bei dem ersten Versuch deiner kostbaren Tante, in meine Rechte einzugreifen oder sonstwie unverschämt zu sein, räuchre ich sie zum Tempel 'naus, daß sie das Wiederkommen auf immer vergißt!«

»Sehr richtig!« stimmte Graf Kirchwald lobend zu mit einem Seitenblick auf den Papageien im silbernen Käfig, dem Hochzeitsgeschenk der Tante, unvergeßlichen Angedenkens.

Und es kam, das Diestelcampsche junge Ehepaar – er in einer ganz frivol jungen Perücke, im übrigen ganz der Alte mit seinem ewigen Schnupfen, seinen tadellosen Hofmanieren und seiner altmodischen Galanterie, sie entschieden verjüngt durch ihre späte Frauenwürde und bedeutend weniger gallig und zu Übergriffen geneigt, ja ausgesprochen liebenswürdig und in Gnade überfließend gegen die Nichte, deren Hausfrauenrechte sie zu wahren geneigt war, vielleicht weil sie diese jetzt besser zu würdigen verstand. Kurz, die ersten Tage verflossen in eitel Sonnenschein, Besorgungen und Theaterbesuchen, bis heut' beim Frühstück ein Wölkchen am Himmel erschien, gar nicht sichtbar für Unbefangene, aber heraufbeschworen von der armen Käthe in ihrer unverbesserlichen Harmlosigkeit. Graf Kirchwald hatte nämlich für den Abend das Opernhaus vorgeschlagen, doch Tante Kuki sich zu ermüdet erklärt, um täglich das Theater zu besuchen. Da hatte Herr von Diestelcamp gemeint, es sei vielleicht angezeigt, den Damen ganz ihre Ruhe zu gönnen, und er nebst seinem Neffen und Gastgeber könnten einmal die Reichshallen oder den Wintergarten besuchen. Dazu hatte Käthe gelacht und zu Tante Kuki neckend gesagt: »Dahin darfst du dem Onkel keinen Urlaub geben, denn was dort vom ewig Weiblichen auf Trapez, rollenden Kugeln und Seilen herumgaukelt, dürfte ihm doch etwas zu gefährlich werden!«

Damit hatte sich Käthe natürlich gar nichts Böses gedacht, ebensowenig wie der schmunzelnde Kammerherr oder Kirchwald diese Worte für Ernst nahmen, doch Tante Kuki war dennoch verstummt, hatte die zweite Tasse Thee verweigert und die Lippen ominös zusammengekniffen, welche Zeichen der Wolkenbildung die andern gar nicht bemerkten. Nach dem Frühstück war Graf Kirchwald in sein Bureau gegangen, begleitet von Herrn von Diestelcamp, der schäkernd seiner Frau versicherte, das Christkind auch 'mal allein besuchen zu wollen, und die beiden Damen waren allein geblieben.

Käthe hatte dann allerlei erzählt, ohne damit Tante Kukis Interesse erwecken zu können und zuletzt den Strauß Chrysanthemen gelobt, den Onkel Diestelcamp ihr vor ein paar Tagen galant überreicht und der heut' noch so frisch war, wie damals, worauf dann Tante Kuli jene Worte gesprochen, mit denen unsere Geschichte eröffnet wurde.«

»Chrysanthemum riecht nicht,« bemerkte Käthe trocken, als Tante Kukis Nase einen verlängerten Aufenthalt in den farbenprächtigen herrlichen Blumen nahm.

»Auch der Männertreue fehlt – sehr bezeichnend – der Duft,« erwiderte Frau von Diestelcamp spitz.

»Männertreue?« fragte Käthe verwundert. »Wie kommst du denn auf die, Tante? Es ist ja gar keine hier.«

»Das weiß ich,« entgegnete Frau von Diestelcamp mit einem Blick gen Himmel. »Und doch – es giebt noch Männertreue, trotzdem sie von dir angezweifelt wird!«

»Von mir?« sagte Käthe erstaunt. »I Gott bewahre – in Hellberg wuchs sie massenhaft!«

Tante Kuki richtete sich kerzengerade auf.

»Du willst mir entschlüpfen, liebes Kind,« flötete sie.

»Entschlüpfen?« wiederholte Käthe ratlos.

»Ja, entschlüpfen,« rief Tante Kuki scharf. »Im übrigen – es ist nun zum drittenmal, daß du mir das Wort aus dem Munde nimmst und es wiederholst und ich erlaube mir, dir zu bemerken, daß das weder wohlerzogen noch höflich ist!«

»Na, da schlage 'ne scheckige Pudelmütze drein,« sagte Käthe, sich rückwärts überlehnend in ihrem Stuhl. »Du bist wohl heut' mit dem linken Bein zuerst aus dem Bette gestiegen, Tante? Was?«

»Ich wüßte nicht, was dich zu dieser frivolen Bemerkung veranlaßt haben könnte,« gab Frau von Diestelcamp zurück. »Ich stehe auch nicht auf der Höhe der Zeit, welche derartige Redewendungen toleriert und begreift. Doch ich sollte nun nachgerade daran in diesem Hause gewöhnt sein. Kehren wir daher zu unserem Thema zurück. Wir sprachen von der Männertreue!«

Käthe schüttelte resigniert den Kopf.

»Ich begreife gar nicht, warum du heut' fortwährend auf der Männertreue herumreitest,« sagte sie mit einem Seufzer, der einem unterdrückten Gähnen verzweifelt ähnlich sah.

Tante Kuki fuhr mit gemachter Nervosität mit beiden Händen an ihre Ohren.

»O Gott, diese Ausdrücke,« murmelte sie, wie unter einem physischen Schmerze.

»Also – Männertreue!« sagte Käthe nun wirklich gähnend. »Was ist's damit, schieß los!«

Tante Kuki sprang gereizt auf.

»Willst du mich durchaus aus diesem Hause vertreiben?« rief sie zornbebend. Doch auch Käthe erhob sich.

»Na hör' 'mal, Tante, ich werde dir jetzt was sagen,« meinte sie ganz ruhig. »Wenn du in der Laune bist, Streit vom Zaune zu brechen, dann werde ich dich 'mal 'n Bissel allein lassen, dann zanke dich hübsch mit dem Papagei da aus. Da kriegst du wenigstens bloß eine Antwort, die dich wohl bald beruhigen wird, denn weißt du, für mich stehe ich nun nicht länger und kann dir nicht versprechen, deine Attacken immerzu ruhig hinzunehmen, wenn du auch mein Gast bist. Denn siehst du, man ist immerhin ein Mensch, und menschlich ist's schließlich doch, heftig zu werden, wenn einem plötzlich aus heiler Haut Redensarten an den Kopf geworfen werden. Wenn du also was auf der Seele hast, da sag's doch ohne Ziererei, oder laß mich heraus gehen, bis dir wieder besser ist!«

Tante Kuki warf sich wieder in ihren Lieblingslehnsessel zurück und zog ein Taschentuch hervor, das sie an ihre Augen drückte.

»Warum hast du auch meines Gatten Treue angezweifelt,« rief sie jammernd aus.

Käthe sah sie verdutzt an.

»Na, da hört sich doch Verschiedenes auf!« sagte sie dann halb lachend.

»Ja, du!« brach Tante Kuki nun los.« Du hast mir gesagt, ich solle meinen Gatten nicht in das Varieté-Theater gehen lassen, weil die Tänzerinnen und Akrobatinnen – – o, es ist schändlich!«

Käthe machte ein Gesicht, als ob sie nicht wüßte, ob sie lachen oder böse werden sollte, aber sie entschied sich für die Mittelstraße.

»Blech!« sagte sie mit den Achseln zuckend.

»Bitte, meinst du dich oder mich?« fuhr die gekränkte Gattin auf, was Käthe nun zur offenen Heiterkeit führte.

»Wir teilen uns redlich darein,« lachte sie hell auf. »Meine Redensart war doch auch nur Blech, denn wenn ich's wirklich gemeint hätte, dann hätte ich's sicherlich nicht gesagt. So – also darauf bezog sich deine blumenreiche Wendung von der Männertreue? Na, dann kannst du ruhig schlafen gehen, Tante!«

Frau von Diestelcamp war aber dazu gar nicht geneigt.

»Nun,« rief sie scharf, »wenn deine Worte nichts waren, als eine jener gedankenlosen Phrasen, welche charakteristisch für dich sind –«

»Dankend quittiert,« knickste Käthe mit gefährlich blitzenden Augen.

»Charakteristisch für dich sind, sage ich,« fuhr Tante Kuki mit erhobener Stimme fort, »so muß ich darin doch eine Anspielung sehen, welche mich verletzen sollte.«

Käthe machte noch einen Knicks.

»Tante,« meinte sie dann mit künstlicher Ruhe, »man hat Exempel von Beispielen, daß aus Mücken Elefanten gemacht wurden. Du scheinst in dieser interessanten zoologischen Operation Virtuosin zu sein. Bon! Den Elefanten hätten wir glücklich, aber die Mücke kann ich positiv nicht sehen. Setz' mir mal vorher deine Brille zu diesem Zwecke auf, eh' ich dir antworte.«

Frau von Diestelcamp tupfte nervös mit ihrem Taschentuch über ihre Stirn.

»Ich bin nicht so schwer von Begriffen, wie du anzunehmen scheinst,« sagte sie mit einem Blick gen Himmel, der wahrscheinlich ein Flehen um Geduld markieren sollte, »ebensowenig bin ich so im Dunkeln wandelnd, wie du glauben müßtest, wenn deine Worte für mich wirklich beziehungslos sein sollten, was sie aber nicht waren. Gut denn, ich will so klar werden, wie du es scheinbar haben willst. Ich weiß, daß mein Gatte, lange bevor er mich kennen lernte, eine Hofdame, ein junges, frivoles und gewissenloses Geschöpf, verehrte und sie sogar heiraten wollte, und nur das unwürdige Betragen dieser Person hat Herrn von Diestelcamp verhindert, sie zum Altar zu führen.«

Käthe setzte sich wieder.

»Wer hat dir denn das erzählt?« platzte sie, puterrot werdend, heraus.

»Das werde ich nicht sagen – es finden sich immer Leute, welche sich zu solchen Mitteilungen berufen fühlen,« erwiderte Tante Kuki, ihre Nichte scharf beobachtend.

»Und wie hieß diese Hofdame?« fragte Käthe etwas unsicher.

»Ich habe es bisher nicht erfahren können,« war die gemessene Antwort.

Käthe atmete tief auf und ärgerte sich zugleich über ihr dummes Rotwerden, aber die Syndetikonaffaire war eben ein dunkler Punkt in ihrem Leben, an die sie, wenn auch nicht gerade reuevoll, doch mit einem kleinen Zwicken ihres Gewissens zurückdachte.

»Du aber scheinst den Namen dieses Geschöpfes zu kennen,« fuhr Tante Kuki nach einer Pause fort.

»Ich?« fragte Käthe, wieder ganz auf der Höhe der Situation. »Vielleicht,« gab sie übermütig werdend, zu.

»Dachte ich's doch,« rief Tante Kuki sich aufrichtend. »So war denn meine Annahme, daß du auf diese Epoche im Leben meines Gatten anspielen wolltest. richtig!«

»Ist ein bißchen weit hergeholt, Tante!«

»Nicht doch, ich kenne dich und deine Bosheit – Tücke, wollte ich sagen –«

»Ist gehupft wie gesprungen, Tante, aber ich rate dir nun meinerseits, mit deinen Ausdrücken etwas gewählter zu werden,« rief Käthe in ehrlichem und gerechtem Zorn aufflammend. »Ich habe die Anspielung, deren du mich beschuldigst, nicht machen wollen – ist mir nicht im Traume eingefallen – das muß dir genügen. Und nun dächt' ich, wären wir fertig mit diesem Kapitel und du wirst die eben gefallenen Ausdrücke sofort zurücknehmen!«

Frau von Diestelcamp fühlte, daß sie zu weit gegangen war – für ihre Zwecke nämlich, denn sonst huldigte sie der weitverbreiteten Ansicht, daß der Titel einer Tante sie auch zu den unqualifizierbarsten Ausfällen gegen die inferiore Kaste der Nichten und Neffen berechtigte.

»Man legt Worte, in der Erregung gesprochen, nicht auf die Goldwage,« ließ sie sich herab zu sagen.

Jetzt konnte Käthe schon wieder lachen.

»Soll das eine Entschuldigung sein?« fragte sie heiter.

»Ich habe es als Tante nicht nötig, mich zu entschuldigen,« wurde sie mit der sichtlichen Anstrengung ruhig zu bleiben, belehrt.

»So?« machte Käthe, wieder kriegerisch werdend. »Darüber wollen wir meinen Mann entscheiden lassen, wenn es dir recht ist.«

»Ich unterwerfe mich keiner Entscheidung meiner Neffen, denn ich stehe über ihnen,« war die stolze Erwiderung. »Doch ich habe gesprochen. Nun noch eine Frage: kanntest du jene Hofdame, von der wir vor deiner nicht sehr respektvollen Unterbrechung sprachen?«

Käthe erhob sich abermals, machte Tante Kuki eine Verbeugung und wandte sich der Thür zu.

»Die Unterbrechung kam von dir,« sagte sie zornbebend. »Das wollte ich, um Irrtümer zu vermeiden, nur konstatiert haben, und da du mir keinen Respekt schuldest, so habe ich eine andere Benennung dafür. Ich habe aber nicht nötig, mich in meinem Hause boshaft und tückisch nennen zu lassen, selbst nicht von einer Tante meines Mannes, die gottlob aber nicht meine Tante ist. Was deine Frage betrifft – ja, ich habe diese Hofdame gekannt!«

Und damit schritt sie nun, den Kopf hoch, dem Ausgange zu, aber mit einem Satz, der jeder Hauskatze Ehre gemacht hätte, war Tante Kuki aufgesprungen und hinter ihrer Nichte her.

»Der Name, der Name dieses Geschöpfes!« schrie sie, Käthe beim Arme fassend.

»Mhm! Jawohl! So frägt man die Bauern aus,« sagte diese sehr überlegen.

»Käthe, liebe Käthe, sag' mir, wie sie hieß,« verlegte sich Tante Kuki nun aufs Bitten, aber Käthe bekam dadurch nur Oberwasser.

»Fällt mir ja gar nicht im Traume ein,« erwiderte sie mit blitzenden Augen. »Aber nur soviel sage ich dir: du brauchst gar nicht so verächtlich von ihr zu sprechen, denn ich weiß, ich, daß nicht sie den Onkel Diestelcamp heiraten wollte, sondern er sie, und wenn das junge Ding so thöricht war, diese verlockende Offerte nicht mit beiden Händen und mit Dank gegen ihren Schöpfer in Demut anzunehmen, sondern –«

»Sondern sie unter ganz besonders unwürdigen Umständen abzuweisen, wie man mir sagte –« zischte Tante Kuki dazwischen.

»Hm – kennst du diese Umstände?« sagte Käthe, wieder rot werdend.

»Ich kenne sie nicht, man munkelte nur so, als ob dieses Geschöpf sich dabei krummer Wege bedient hätte –«

»Von krumm weiß ich nichts – sie mochte ihn eben nicht und damit basta,« entgegnete Käthe aufatmend, indem sie ihren Weg fortsetzte, mit Tante Kuki an ihrem Arm.

»Käthe, den Namen! Wie hieß sie?« flötete die letztere mit einem zuckersüß sein sollenden Lächeln, das aber mordssauer ausfiel, weil Zorn, Neugierde und das Bewußtsein, sich etwas zu vergeben, in ihrem Busen kämpften.

Doch auch in Käthe kämpfte es, denn ein Gedanke durchzuckte sie wie ein Blitz: »Wenn ich ihr sage, daß ich's bin, dann reist sie umgehend ab auf Nimmerwiedersehen, dann bin ich sie los ein für allemal, denn nie läßt sie ihren Habakuk unterm Dache seiner alten Flamme!« Aber noch ehe sie Gebrauch machte von dieser kostbaren Waffe, sagte ihr der Verstand: »Man sachte! Damit kannst du losschießen, wenn die Not größer wird, denn schließlich ist die Waffe zweischneidig!« – Deshalb erwiderte sie nur ganz vergnügt: »Diskretion ist Ehrensache, Tante!«

»O ja, gewiß, sicher! Aber es giebt Fälle, in denen die Diskretion ein Verbrechen ist,« plädierte Tante Kuki noch süßer.

»Das Verbrechen nehm' ich auf mich,« meinte Käthe kaltblütig.

Doch Frau von Diestelcamp ließ sich nicht abschrecken.

»Ich habe aber meine besondern Gründe, den Namen zu erfahren,« flehte sie jetzt mit einem honigsüßen Lächeln.

»Jawohl, um den armen Kammerherrn fester an die Strippe zu kriegen,« dachte Käthe, sagte aber nur achselzuckend: »Und ich habe meine Gründe, ihn nicht zu nennen!«

»O du böses Kind!« schmollte die Tante, indem Zornesröte auf ihre schmalen Wangen trat.

»Frag' doch deinen Mann,« schlug Käthe vor.

Tante Kuki hustete – sie konnte diesem jungen Dinge doch nicht sagen, daß ihr Gatte trotz aller Bohrversuche von einer merkwürdigen, aber unerschütterlichen Diskretion war.

»Ach,« sagte sie deshalb mit einer naiven Schelmerei, die ihr gar nicht stand, »ach, wir jungen Frauen dürfen, wie Elsa ihren Lohengrin, nicht zu viel fragen – gewisse Dinge über ihre Vergangenheit erfährt man besser aus zweiter Hand.«

»So?« meinte Käthe trocken. »Würde ich nie thun. Und nun laß mich gehen, Tante, ich muß 'mal mit der Köchin reden!«

»Nicht eher, bis du mir den Namen gesagt hast!«

»Da kannst du lange warten,« versicherte Käthe lachend.

»Du wirst ihn mir sagen, Käthe, ich als Tante befehle es dir!«

Aber da kam sie schlecht an.

»Na dann befiehl 'mal immerzu,« rief Käthe erbost, »ich kann's aushalten – nun schon gerade nicht!«

Tante Kuki ließ den Arm ihrer Nichte los.

»Soll ich etwa auf den Knieen bitten?« fragte sie mit fliegendem Atem.

»Und wenn du auf allen Vieren bittest,« hyperbelte Käthe, »ich sag' den Namen nicht

»So geh', du ungeratenes Geschöpf,« rief Frau von Diestelcamp bebend vor Zorn, »geh' und verharre in deiner Verstocktheit. Ich aber im Grunde meines vergebenden Gemütes, ich wünschte dir, daß dein Horizont nur solches Gewölk aufzuweisen hätte, wie die Werbung meines Gatten, ehe er mich gekannt, für unsere Ehe sein kann! Mein Gatte wird mir makellos die Treue halten und niemals wie der deine – gewisse grüne Billets erhalten, die er vor den Augen seiner Frau verbergen muß!«

Käthe warf den Kopf zurück und ihre schlanke Gestalt wuchs förmlich, so hoch richtete sie sich auf.

»Was soll das heißen?« fragte sie scharf.

»Diskretion ist Ehrensache,« erwiderte Tante Kuki mit einem triumphierenden Achselzucken. »Auch ich kann schweigen.«

»Aber schlecht,« sagte Käthe verächtlich, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Zimmer.

»Olle Giftbolle,« brummte sie mehr wahrheitsgetreu, als höflich, als sie die Thür geschlossen und in gewissem Sinne als Sieger das Feld geräumt. Dann ging sie aber nicht zu der Köchin, sondern in ihres Gatten Zimmer und warf sich mit einem: »Uff! Das war ja ein recht heitrer Morgen!« in den Sessel vor dem Schreibtisch.

»Ich wußte 's ja im voraus, daß das alte Besteck nicht Frieden halten kann,« brach sie dann los. »Aber das gelobe ich: das war Tante Kukis letzter Besuch! Das könnte mir gerade passen, mich in meinem Hause knechten zu lassen – – erst purer Honig, dann Krallen, dann Injurien, dann nochmal Honig ums Maul, und zuletzt beißt die alte Klapperschlange auch noch und spritzt Gift um sich. Unnötig verschossenes Pulver, Madame! Grüne Billets? Ja, warum soll er denn keine grünen Billets kriegen – – wenn sie rosa wären, wär's ihr wahrscheinlich auch nicht recht. Ist grün 'ne verdächtige Farbe? Wieso denn?«

Und Käthe versank in tiefes, zorniges Brüten, und gerechterweise muß man sagen, daß sie Grund dazu hatte. Aber durch all' ihre innerlichen Anklagen gegen das Schicksal, das ihr eine Tante Kuki mit als Hochzeitsgabe geben mußte, spukte es in grünen Nuancen vom schreienden Giftgrün bis zum allermodernsten Moos- und Chartreusegrün vor ihren Augen – der Stich hatte ihr, wenn er sich auch nicht gerade tief in ihr Herz gebohrt, doch die Haut geritzt, wie solche Stiche, die im Moment des Zornes, in der Rache versetzt werden, leider gern zu thun pflegen. Moosgrün, hell moosgrün waren die zwei oder drei Billets im eleganten länglichen Format gewesen, welche Graf Kirchwald erhalten hatte. Käthe war durch die merkwürdig auffallende, merkwürdig geschmacklose Farbe – für eine Korrespondenz nämlich – aufmerksam gemacht worden darauf. Doch da Graf Kirchwald diese Billets ohne Kommentar entgegen nahm, sehr rasch las und sie dann in den Ärmelaufschlag seines Überrockes steckte, ohne ein Wort darüber zu verlieren, so war es Käthe auch nicht in den Sinn gekommen, ihren Gatten darüber auszufragen – was er ihr sagen wollte, sagte er ihr ungefragt, und was er nicht sagte, darüber machte sie sich keine Kopfschmerzen, denn sie hatte zuviel Vertrauen zu ihm, um gleich und ohne Grund an Unrechtes zu denken und neugierig war sie überhaupt nicht. Vor allem aber war sie nicht feige und darum empörte sie Tante Kukis Attacke aus dem gesicherten Hinterhalt besonders – das war schon gerade das rechte, solche niederträchtige Andeutungen zu machen, ohne eine Begründung dazu zu geben, bloß um Mißtrauen und Unfrieden zu stiften. Mißtrauen! Als ob sie, Käthe Hellberg, ihrem Gatten mißtrauen könnte, und wenn er alle Tage seines Lebens grüne Billets erhielte.

Käthe lachte verächtlich auf bei diesem Gedanken und dabei schweifte ihr Auge über den großen Papierkorb neben dem Schreibtisch ihres Gatten und – blieb darauf haften, denn zwischen dem durchbrochenen Flechtwerk schimmerte es tief unten grün – hell moosgrün durch.

»Eine schöne Farbe für Samt und Seide – aber einfach gräßlich für Papier,« murmelte Käthe und zog den Papierkorb neben ihren Stuhl – nicht etwa, um ihres Gatten Korrespondenz einer Kontrolle zu unterziehen, Gott bewahre, nein, nur um das grüne Papier in der Nähe zu betrachten! Aber der kleine grüngelbe Teufel, den Tante Kuki mit ihrem Pfeil abgeschossen, der Käthe zwar nicht verwundet, aber doch getroffen hatte, freute sich, wie sich eben nur Dämone seines Schlages freuen, als Käthe anfing, in dem fast gefüllten Korbe zu stöbern. Und siehe da, ganz oben, nur verdeckt durch ein paar zerknüllte Papiere lag auch solch grünes Couvert, bedeckt durch die mit großer, kühner Hand geschriebene Adresse, beklebt mit zwei 5-Pfennigmarken, deren helles Giftgrün gräßlich mit dem Moosgrün des Papiers disharmonierte. Der Brief war ein Stadtbrief und kam aus Berlin – das Papier war dick und von bester Güte, und auf der Rückseite, über dem Verschluß war ein roter Johanniskäfer eingeprägt.

»Natürlich, der fehlte auch noch drauf,« murmelte Käthe mißbilligend. Aber was war das? In dem Umschlage steckte ja noch der Bogen! Sie legte das Billet, als ob es brennte, auf den Schreibtisch und begann ihre Razzia nach dem grünen Couvert, das unten durch das Flechtwerk leuchtete, von neuem, doch ehe sie bis dahin gelangte, hatte sie ein zweites grünes Billet in der Hand und wieder steckte in diesem der Bogen Papier! Merkwürdig! Sie legte Nr. 2 auf Nr. 1 und fischte nach einiger Mühe Nr. 3 aus dem Papierchaos hervor – genau dieselbe Geschichte wie mit den beiden andern Briefen. Erhitzt vom Bücken stieß Käthe den Papierkorb nun an seine Stelle zurück und betrachtete mit hochgezogenen Brauen die drei kleinen grünen Ungeheuer, die sie nun in den Händen hielt.

»Scheußlicher Geschmack!« konstatierte sie zunächst. Dann überlegte sie. Warum hatte ihr Gatte diese Couverts samt Inhalt in den Papierkorb geworfen? Wahrscheinlich weil der Inhalt eben ganz unwichtig war. Natürlich – das war doch klar wie Kloßbrühe. Das Geschäft, den Korb auszuleeren und die Papiere entweder zu verbrennen oder sonstwie ins Gemülle zu befördern, lag dem Burschen ob, und dieser konnte, wenn er sonst wollte, alle die Schriftstücke lesen, welche in den Korb als überflüssig und unwichtig geworfen wurden. Folglich konnte er, wenn der Papierkorb heute endlich mal geleert wurde, auch diese drei Billets lesen, und es war doch hundert gegen eins zu wetten, daß die grüne Farbe dieser Billets ihn dazu reizen mußte – noch folglicher also durfte sie, Käthe, diese Briefe erst recht lesen. Es lagen soviel Briefe dort im Korbe, welche zerrissen worden waren, damit der Bursche sie beim Räumen nicht las – warum also waren diese drei ganz? Weil es egal war, ob der Bursche sie las oder nicht. Also –!

O Käthe, Käthe – der Teufel ist ja nie um Gründe verlegen, wenn es ihm gilt, Versuchungen zu erfinden. Käthe aber dachte natürlich nicht an den Teufel, sie war nun ihres Rechtes ganz sicher – was dem Burschen recht war, konnte ihr doch schon lange billig sein. Aber sie ging damit nach einer Methode vor, indem sie die Briefe nach dem Datum des Poststempels ordnete, dann zog sie aus dem Couvert, welches das entfernteste Datum aufwies, den Bogen vor. Er war grün wie sein Mantel und trug in der oberen linken Ecke den geprägten roten Johanniskäfer und hatte nur eine Zeile Inhalt nebst Unterschrift:


Tgkskuvt, nfsltu Ev xbt? Anna.


»Das ist ja reiner Blödsinn, bis auf die ›Anna‹,« sagte Käthe laut, nachdem sie sich vergeblich bemüht, die geschriebenen Worte auszusprechen. »Sollte es am Ende polnisch sein? Papa sagte immer, daß die polnische Sprache meist aus Konsonanten besteht, die für sich ausgesprochen werden. Er kann zwar nicht polnisch, aber er hat's gesagt. Tegekaskuvt, enefesltu ev xbete? Ja, aussprechen läßt sich's so schon, schlecht aber doch. Aber was heißt's auf deutsch? Ob ich rasch polnisch lerne?«

Kopfschüttelnd zog Käthe den zweiten Bogen aus dem Couvert mittleren Datums, und was stand darin? Zwei Zeilen des Inhalts: l


Fcn luv byglvg Ogvkgfg wputgt Igkglouektlhv.

Cqqc.


»Hm,« machte Käthe verblüfft, »hier sind mehr Vokale drin. Hauptworte auch, weil diese beiden groß geschrieben sind. Ob's auch polnisch ist? Oder hindostanisch? Ich möchte doch nicht gern die falsche Sprache lernen. Das Papier ist dasselbe, die Schrift ist dieselbe – warum schrieb das Wesen nicht auch ihre kühngeschwungene ›Anna‹ darunter?« Unter diesen Betrachtungen zog Käthe den dritten Bogen aus dem dritten Couvert, und da stand das dritte Rätsel:


Ghdq Mq. Cqch. Gds Zadmc zbgs Tgq adhl kbgxdgdm Vzfmdq.

Znnz.


»I, da schlag doch der Kuckuck drein,« schimpfte Käthe los, »was soll man denn aus dem Geschmiere machen? Das muß ja die Sprache irgend eines wilden Völkerstammes sein – da konnte Horst natürlich diese kostbaren grünen Wische in den Papierkorb werfen, wie sie gebacken sind, das kann der Bursche nicht lesen, und wenn er drei Jahre darüber sitzt. Ich kann's auch nicht lesen. Ob Horst es überhaupt selbst versteht? Ach was, ich werde ihn einfach danach fragen. Punktum!«

Wenn Käthe bei diesem guten und richtigen Entschluß geblieben wäre, so mußte diese Geschichte ungeschrieben bleiben ; zum Glück für den Schriftsteller aber thun die Leute nicht immer, was sie sollen und liefern dadurch den Stoff, daraus Romane, Novellen und – Humoresken entstehen. Der kleine grüngelbe Teufel aber, der in Tante Kukis Rachepfeil verborgen gesessen, jener Teufel, den die Menschen Eifersucht nennen und der ein besonders guter Freund der Schriftsteller sein muß, weil er nicht müde wird, sie mit dem alten, ewig neuen Stoff zu versehen, ihm machte es besondern Spaß, die guten Vorsätze, welche Käthe ihre Vernunft eingab, wie ein Kartenhaus über den Haufen zu werfen.

»Aber die Anna!« raunte der Teufel ihr ins Ohr.

»Potzblitz – die Anna hätte ich über dem blödsinnigen Geschreibsel fast vergessen,« nahm Käthe sofort diesen blitzähnlichen Gedanken auf. »Wer ist sie überhaupt? Anna kann jede heißen. Ich könnte ja Horst auch danach fragen, aber – – aber nach dem dummen Gerede von Tante Kuki – – und es ist ein dummes Gerede! Wenn er mir hätte von dieser Anna erzählen wollen, hätte er's ja sicher gethan – Horst hat keine Geheimnisse vor mir, ich keine vor ihm. Wenn ich ihn so, wie aus der Pistole geschossen, frage, dann geniert es ihn vielleicht – vielleicht auch nicht, aber er hält mich am Ende für neugierig! Zu dumm wär's. Aber um Tante Kuki zu beweisen, was für Kohl sie gequatscht hat, muß ich wissen, was in diesen Briefen steht, muß ich erfahren, wer diese Anna ist. Ich bin nicht etwa eifersüchtig auf sie – i, wo werde ich denn, aber Tante Kuki muß ich diese Briefe unter die Nase reiben, daß ihr die Augen übergehen, die olle Giftbolle, die!«

Und mit diesem schönen Eifer, Tante Kuki eines Besseren belehren zu müssen, betrog die gute Käthe sich selbst mit Erfolg, und wer ihr gesagt hätte, daß im Grunde ihres tapferen Herzens auch nur ein Funke von Eifersucht schlummerte, daß sie auch nur ganz von weitem an der Treue ihres Gatten zweifelte, der hätte es mit ihr zu thun bekommen, daß er das Wiederkommen für immer vergaß. Zunächst hieß es handeln. Sie stopfte die leeren grünen Couverts zurück in den Papierkorb und die grünen Bogen in ihre Kleidertasche und während sie dann stand und sann, was sie zuerst thun müßte, kam ihr ein Gedanke.

»Ob die Briefe am Ende chiffriert, in Geheimschrift geschrieben waren!« Das mußte zuerst festgestellt werden. In tiefem Sinnen verließ sie ihr Zimmer und traf im Korridor mit Tante Kuki zusammen, welche zum Ausgehen angekleidet war.

»Nun,« sagte diese spitz, »hast du dich besonnen, mein Kind?«

»Besonnen?« fragte Käthe, die mit ihren Gedanken ganz wo anders war. »Worauf denn?«

»Immer Ausflüchte!« rief Frau von Diestelcamp ungeduldig. »Ich meine, hast du dich besonnen, daß du dich unmanierlich gegen mich betragen und willst du mir den Namen der Hofdame nun nennen?«

»I Gott bewahre,« erwiderte Käthe sehr ruhig.

»Ah – du hast also nur über die gewissen grünen Billets nachgedacht,« fauchte Tante Kuki maliziös.

»Die grünen Billets kenne ich besser wie du,« gab Käthe prompt zurück, »aber ich habe darüber nachgedacht, wie schön es doch ist, wenn ältere Leute gegen Jüngere Rache üben, indem sie ihnen feig hinter den gesicherten Palissaden ihrer sogenannten Würde hervor ein Kuckucksei ins Nest legen. Ich nenne das ruppig und bin sicher, daß Onkel Diestelcamp es sogar poplig nennen wird.«

Käthe kannte, so jung wie sie war, ihre Leute per Instinkt, denn Tante Kuki erbleichte.

»Poplig!« wiederholte sie ein Wort, das sonst nie über ihre hochdeutschen Lippen gekommen wäre. »Willst du damit sagen, daß du gedenkst meinem Gatten unsere Konversation zu wiederholen?« stammelte sie.

»Wenn du unter Konversation deine injurienreichen Ausfälle auf mich verstehst, so habe ich allerdings im Sinne, sie Onkel Diestelcamp und meinem Manne zur gefälligen Kenntnisnahme vorzulegen,« entgegnete Käthe pompös. »Ich muß mich gegen deine tantlichen Übergriffe schützen, denn die nächste Nummer ist ja Keile!«

Wenn Tante Kukis Aufenthalt am nächsten Tage abgelaufen gewesen wäre, so hätte sie's sicher auf Käthes Drohung ankommen lassen, so aber gedachte sie noch vierzehn Tage zu bleiben und hatte durchaus nicht die Absicht, durch einen Krach mit diesem volens volens gastfreien Hause in ein teures Hotel verpflanzt zu werden.

»Liebes Kind,« sagte sie deshalb süß, »ich sagte dir schon vorher, daß man nicht jedes Wort auf die Goldwage legen muß, das in der begreiflichen Erregung gesprochen wird –«

»Und ich sagte dir schon vorher,« fiel Käthe ein, »daß das keine Entschuldigung ist. Was mein Mann darüber denkt, weiß ich im voraus und wir werden ja hören, was Onkel Diestelcamps Meinung ist.«

Tante Kuki schien ihrerseits darüber nicht im unklaren zu sein, denn nach kurzem Kampfe sagte sie: »Nun wohl – wenn du darauf bestehst – – es ist nicht richtig, weder von dir noch von mir, aber keine Regel ohne Ausnahme – – ich bitte dich, meine Worte zu entschuldigen, wenn sie hart gewesen sein sollten!«

»Na, ich danke,« gab Käthe trocken zurück. »Aber es schad't nischt. Ich entschuldige, das heißt ich acceptiere deine Entschuldigung mit dem Vorbehalt, daß ich sofort die große Glocke läuten werde, sobald du einen Rückfall hast. Injurien sind nicht, gnädige Frau, und ich gebe dir mein Wort: die heutigen waren deine letzten!«

Was kein Mensch für möglich gehalten hätte, geschah – Tante Kuki acceptierte stumm den energischen Protest und ging ganz demütig ab, um ihrerseits mal allein mit dem »Christkind zu sprechen.« Aber so geht's häufig, daß die insolentesten Leute die Segel streichen vor einem festen Wort.

»Jeder Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird,« murmelte Käthe indigniert, als die Entreethüre hinter ihrer prinzipiellen Widersacherin zuklappte, dann aber zog sie sich in ihr Zimmer zurück und vertiefte sich in den rätselhaften Inhalt der drei grünen Briefe, bis es ihr ganz wirr im Kopfe wurde.

Herr von Diestelcamp kehrte an diesem Tage früher zurück, als seine Frau und Graf Kirchwald, und nachdem er seine diversen Einkäufe in seinem Zimmer deponiert, begab er sich in den Salon, um sich damit zu beschäftigen, dem Papagei Coco einen Satz reden zu lehren – eine Sisyphusarbeit, denn das edle Tier – Tante Kukis Hochzeitsgeschenk, wie wir wissen, huldigte dem Grundsatz, daß der Weise sich in Schweigen hüllen muß, um noch weiser zu scheinen und beharrte eigensinnig auf dem einzigen Worte, das seinen Sprachschatz bildete.

»Will Coco Zucker?« girrte der Kammerherr den exotischen Vogel an. »Wenn Coco Zuckerchen will, muß Coco erst sagen: ›Schön' guten Morgen!‹«

»Rhinoceros,« kreischte der Vogel mit gesträubten Federn.

»O, pfui, baba,« redete Herr von Diestelcamp dem Tiere zu, wie einem kleinen Kinde. »Coco muß nicht eigensinnig sein. Sieht Coco das schöne Zuckerchen hier? Ein Bonbon, ein süßer Fondantbonbon, den Coco so gern ißt. Also: ›Schönen – guten – Morgen‹ –«

»Rhinoceros!« murmelte der Vogel im Tone sanften Vorwurfs.

»Geben Sie sich keine Mühe, Onkelchen,« lachte Käthe eintretend,« es ist bei Coco alles umsonst. Ich habe mich schon geplagt, ihm die Worte: ›Olles Kamel‹ beizubringen, aber er thut's absolut nicht. Apropos, Onkelchen, ich hätte eine Frage an Sie.«

»Stehe ganz zu Ihren Diensten, Nichtchen,« versicherte der Kammerherr mit seiner exquisiten Höflichkeit.

»Gut. Ich stelle Sie auf die Probe,« rief Käthe eifrig. »Also zunächst die Frage: Können Sie ein Geheimnis bewahren?«

Herr von Diestelcamp lächelte fein.

»Ich sollte es meinen,« sagte er, Coco den Bonbon bedingungslos überlassend.

»Ja natürlich,« beeilte sich Käthe zu sagen, »ich meine auch nur: würde selbst Tante Kuki nichts davon erfahren?«

»Wenn ein Geheimnis mir nur für mich selbst anvertraut wird, dann erfährt es selbst meine liebe Frau nicht,« versicherte der Kammerherr feierlich.

»Großartig,« rief Käthe enthusiastisch. »Ich würde mit Horst unter allen Umständen davon reden, aber das steht natürlich auf einem andern Blatte, weil Horst eben ein Mann ist und Tante Kuki – nicht wahr, Onkel, Sie glauben auch nicht, daß Tante Kuki den Mund halten kann, was?«

Herr von Diestelcamp nieste und schneuzte sich umständlich.

»Sprachen wir eigentlich davon?« fragte er dann mit thränenden Augen, die Antwort diplomatisch umgehend.

»Nein,« erwiderte Käthe ehrlich. »Das war nur so ein Seitensprung, der überflüssig war, weil Sie mir ja versicherten, daß Tante Kuki nichts von dem Geheimnis, das ich Ihnen allein – hören Sie, allein anvertraue, erfahren wird.«

»C'est entendu,« nickte der Kammerherr mit der Hand auf dem Herzen.

»Na, das ist schön,« versicherte Käthe, indem sie einen Zettel aus der Tasche zog. »Also seien Sie so gut, lesen Sie mal, was hier geschrieben ist und übersetzen Sie's mir ins Deutsche.«

Damit reichte sie ihm das Blatt Papier, auf das sie den Inhalt des dritten und längsten der grünen Briefe sorgsam kopiert hatte. Herr von Diestelcamp zog seinen Kneifer vor, hauchte die Gläser an, putzte sie umständlich rein und sah dann lange mit hochgezogenen Brauen auf das Schriftstück herab.

»Hm!« machte er endlich, »wenn dies nicht ein gnädiger Scherz von Ihnen ist, verehrte Nichte, so möchte ich sagen: das kann nur ein Verrückter geschrieben haben.«

»Aha, also polnisch scheint's nicht zu sein,« rief Käthe enttäuscht. »Polnisch?« wiederholte Herr von Diestelcamp.

»Nein, polnisch ist es sicherlich nicht, das darf ich wohl sagen, so wenig ich auch von dieser Sprache verstehe. Aber – da kommt mir ein Gedanke: ob es wohl eine Geheimschrift ist?«

»Onkel Habakuk!« rief Käthe gerührt. »Zwischen uns beiden besteht sicher eine Seelenharmonie. Denken Sie, ich habe selbst diesen Gedanken schon gehabt. Ist das nicht verblüffend?«

»Fabelhaft!« gab der Kammerherr zu.

»Nun?« fragte Käthe atemlos.

»Nun?« wiederholte Herr von Diestelcamp.

»Na, zum Kuckuck,« rief Käthe, ihre ohnehin kurze Geduld verlierend, »was es heißt, frage ich!«

»Ja so! Was es heißt? Aber teure Nichte, wie soll ich das wissen? Ich verstehe mich nicht auf Geheimschriften,« war die hilflose Erwiderung. »Ich dachte, Sie selbst wüßten es und wollten mich erleuchten.«

»Ach, Stuß! Onkel Habakuk, sehen Sie denn nicht, was ich will? Ich will wissen, was auf diesem Papier steht und muß es wissen,« rief Käthe außer sich.

»Wenn ich's lesen könnte, würde ich Sie doch nicht danach fragen. Ist das klar?«

»Vollkommen,« gab Herr von Diestelcamp zu. »Da ich aber ebenso unwissend bin, wie Sie – das heißt natürlich nur in dieser Sache, gnädigste Nichte –«

»Der Kuckuck ist Ihre gnädige Nichte,« rief Käthe verzweifelt, »das heißt nur in dieser Sache, gnädigster Onkel,« setzte sie mit unwiderstehlicher Parodierlust hinzu. »Ja, aber wer soll mir denn nur sagen, was dieses konfuse Zeug bedeutet, wenn Sie's nicht können?« schloß sie in der zuerst angeschlagenen Tonart.

Herr von Diestelcamp räusperte sich.

»Vielleicht weiß Horst Rat,« schlug er vor.

»Warum nicht gar der Kaiser von China,« jammerte Käthe. »Horst! Aber Menschenkind, Onkel und Gönner, Horst soll ja nichts davon wissen, nicht ein Sterbenswort!«

»Nein –?!«

»Keinen Schimmer! Eine Überraschung für ihn – verstehen Sie? Ein Weihnachtsgeschenk!«

»Weihnachts – – –«

»Na ja natürlich, was denn sonst?« rief Käthe, mit merkwürdig rotem Kopfe den Salon auf- und abrennend, das heißt mit merkwürdiger Geschicklichkeit um die Möbelfülle darin balancierend! »Haben Sie das nicht gleich gemerkt, Onkel Habakuk? Horst zerbricht sich seit Jahrhunderten den Kopf über diese Hieroglyphen, ich schenke ihm den Schlüssel dazu zu Weihnachten – – na, das ist doch einfach wie – wie, wie irgendwas. Lösung jedenfalls höchst wichtig, staatsrettend, epochemachend etc. Darum muß der den Mund halten können, der mir dazu verhilft. Auch klar, was? Na, Onkelchen, nu mal raus mit Ihrer Weisheit!«

Herr von Diestelcamp hatte mit einem Erstaunen zugehört, das sich unverhohlen ausprägte. Klar war ihm die Sache nicht, sie wurde ihm, die Wahrheit zu sagen, durch Käthes sichtliche Erregung immer dunkler. Aber in solchen Momenten tappt der Blinde mitunter doch gerade auf die richtige Stelle.

»Hm,« sagte er sinnend, »wenn man Horst nicht fragen darf und wir beide es doch nicht wissen, so müßte man sich eben an einen Experten wenden!«

»An einen – was?« sagte Käthe, still stehend.

»Experto credite, wie der Lateiner sagt,« nickte der Kammerherr.

»Ganz meine Meinung,« lobte Käthe ermutigend. »Fragen wir also den Ex– Ex– Ex–, wie hieß der Kerl?«

»Einen Sachverständigen,« half Herr von Diestelcamp ein. »Es giebt Sachverständige in allen Fächern, warum sollte es nicht auch solche in Geheimschriften geben?«

»Tadelloser Gedanke!« rief Käthe, für den Vorschlag enthusiasmiert. »Kennen Sie solch' ein Gewächs, Onkelchen?«

»Das nicht, dürfte aber im großen, vielseitigen Berlin unschwer zu finden sein!«

»Ganz einfach – wir gehen rasch den Adreßkalender durch und suchen den Menschen,« rief Käthe und war schon unterwegs, den Folianten zu holen, in dessen Millionen Namen sie den Gesuchten »leicht« zu finden hoffte, doch Herr von Diestelcamp erhob mit entsetztem Blick beide Hände empor.

»Um Gottes willen,« rief er, »so lange können wir beide gar nicht mehr leben, bis wir das Berliner Adreßbuch durchgesucht haben. Faktische Unmöglichkeit, und dann fragt sich's noch, ob ein Mann unter dem Titel: Sachverständiger für Geheimschriften überhaupt existiert!«

Käthe schlug die Hände zusammen.

»Ja, warum schlagen Sie denn dann solch' ein halb unmögliches Wesen vor?« jammerte sie.

»Weil es einen näheren und sicheren Weg giebt, nämlich ein Auskunftsbureau,« erwiderte der Kammerherr schmunzelnd ob der eignen Findigkeit.

Mit einem Satze war Käthe an seiner Seite.

»O Sie Perle von einem Onkel,« jubelte sie. »Und Sie werden gehen, nicht wahr? Gleich nach dem Essen werden Sie gehen und in dem bewußten Auskunftsbureau nach solchem Sachverständigen fragen, ja? 's wäre auch jetzt noch Zeit – vor einer halben Stunde essen wir doch nicht. Onkelchen, ich gebe Ihnen einen Kuß, wenn Sie das für mich thun, zwei, wenn Sie wollen – oder soll ich Ihnen einen schon vorher applizieren?«

Der Kammerherr schmunzelte.

»Ihrer Großmut setze ich für den geringen Dienst keine Schranken, gnädigste Nichte,« sagte er mit altmodischer Galanterie. »Indes, bedenken Sie die Berliner Entfernungen und damit die Grenzen, die meinem Eifer für Sie gesetzt sind. Zunächst müßte ich die Adresse eines Auskunftsbureaus erfahren und dazu wäre das Adreßbuch die rechte Schmiede!«

Wie ein Sturmwind raste Käthe von dannen und kehrte alsbald mit dem dickleibigen Buche zurück, in dessen Inhalt sie sich mit dem Kammerherrn vertiefte, indem beide, die Köpfe zusammengesteckt, sich über die rätselreichen Seiten neigten und darin methodisch zu suchen begannen. Ein bestimmteres Ziel im Auge, war es nicht allzuschwer, das Gesuchte zu finden und ohne ihre Stellung zu verändern, diskutierten die beiden Verschworenen über den Inhalt der zu verlangenden Auskunft, Käthe glühend vor Ungeduld, Erwartung und Freude über eine bald zu erreichende Gewißheit, der Kammerherr sich liebenswürdig, gefällig und schmunzelnd in der Sonne der Augen seiner reizenden Nichte labend. Und während die beiden so halblaut redeten und berieten, da ging die Thüre auf und in ihrem Rahmen erschien – Tante Kuki, gefolgt von ihrem Neffen Graf Kirchwald. Wie gestochen fuhr die erstere einen Schritt zurück, errötete, erblaßte und warf letzterem einen Blick zu, welcher zu flehen schien:

»Schieße ihn, meinen Gatten, nicht gleich nieder – nicht vor meinen Augen!«

Aber Graf Kirchwald schien das Furchtbare der kleinen Scene gar nicht zu erfassen, denn er lächelte ganz vergnügt und rief: »Guten Tag, meine Herrschaften – melde mich ganz gehorsamst vom Dienst zurück nebst einem fabelhaften Hunger!«

Hui – fuhren die beiden Köpfe über dem Adreßbuch auseinander – »schuldbewußt,« wie es Tante Kuki deuchte, deren ältliches Herz alle Qualen der Eifersucht durchzuckten, und dazu beging Käthe noch die Unvorsichtigkeit, den Zeigefinger ihrer rechten Hand, Stillschweigen heischend auf die Lippen zu legen und Herr von Diestelcamp war leichtsinnig genug, devot zurückzulächeln – –!

»Schon zurück?« fragte er, sich die Hände reibend – aus Verlegenheit, meinte Tante Kuki in der Tiefe ihres geplagten Herzens.

»Schon?« wiederholte sie mit einem Blick gen Himmel, wie um diesen zum Zeugen anzurufen wider ihr Unrecht. »Wir kommen nach der Zeit – die euch sehr rasch vergangen sein muß – –«

»In der That,« versicherte der Kammerherr verbindlich, aber Graf Kirchwald schien in seiner Blindheit auch dieses Schuldzugeständnis nicht zu sehen und zu hören, denn er sagte heiter: »Na, da giebt's wenigstens keine Standpauke wegen übertretener Zeit. Komm, Tante, wir wollen uns rasch ausschälen aus unsern Straßenhüllen, indes bestellt Käthe die Suppe, was?«

»Mit dem größten Frachtwagen!« versicherte Käthe und Tante und Neffe verschwanden wieder im Korridor, wo Graf Kirchwald der Tante, die er auf dem Heimwege getroffen, galant aus ihrem eleganten Pelze verhalf.

»Hast du's gesehen, Horst?« flüsterte sie ihm dabei mit fliegendem Atem zu.

»Was gesehen?« fragte er seelenruhig.

»O – diese – diese unziemliche Vertraulichkeit meines Gatten mit deiner Frau?« hauchte sie.

»Waaas?«

»Doch er ist unschuldig – ich versichere es dir,« kam es in beschwörendem Tone zurück.

»Natürlich, natürlich,« beruhigte Graf Kirchwald, ohne zu wissen warum, nur um des lieben Friedens willen.

»Sie ist es, die ihn in ihrem Netze fangen will,« drohte Tante Kukis Stimme in Angst und Entrüstung überzuschnappen.

Jetzt erst ging Graf Kirchwald das nötige Licht auf und er lachte nolens volens hell auf bei dem bloßen Gedanken.

»Ach, Tante, das ist ja zum Begraben,« versicherte er, geschüttelt von einer nicht zu unterdrückenden Heiterkeit.

»Das ist es, aber zum Begraben vor Entsetzen,« gab Tante Kuki empört zurück. »Und du kannst lachen! O, ich verstehe sie nicht, diese heutige Zeit, die solche Dinge mit Lachen auffaßt.«

»Na siehst du, Tantchen, und ich verstehe deine Zeit wieder nicht, die jede harmlose Zufälligkeit zum Verbrechen macht,« entgegnete Graf Kirchwald, mühsam seine Lachlust bekämpfend. »Wir sind also quitt.«

Frau von Diestelcamp stülpte wütend ihren eleganten Hut auf den Kleiderrechen.

»Gut, lache du und stürze dich und deinen ehelichen Frieden mit sehenden Augen ins Verderben,« schnaubte sie im Flüstertone. »Ich aber werde meine Augen geöffnet halten und meinen armen Mann vor der Sirene warnen, die ihn mit ihrer Jugend zu bethören versucht!«

»Thue, was du nicht lassen kannst,« erwiderte Graf Kirchwald ärgerlich, aber doch sehr ruhig. »Es ist mein Grundsatz, keinen Menschen in seinem Vergnügen zu hindern. Was du mit deinem Manne thust, ist mir egal, aber Käthe wirst du dabei besser aus dem Spiele lassen – ich bitte darum. Und nun zum Essen. Deinen Arm, liebe Tante!«

Etwas eingeschüchtert, aber doch noch zornbebend ließ Tante Kuki sich in das Speisezimmer führen, wo die beiden »Schuldigen« ihrer schon warteten, und das Mahl begann. Käthe, gehoben von der Aussicht, den Schleier des Geheimnisses von den grünen Briefen bald gelüftet zu sehen, schwatzte in bester Laune das Blaue vom Himmel, der Kammerherr strahlte, und Graf Kirchwalds Heiterkeit kehrte beim Anblick der beiden unwiderstehlich zurück, denn er kannte ja die Epoche im Leben seiner Gattin, die wir in der Geschichte »Syndetikon« annährend zu schildern versuchten und seine Lachmuskeln wurden durch die Erinnerung daran und Tante Kukis evidente Eifersucht mächtig gereizt. Nur diese würdige Dame verhielt sich still und in melancholischer Laune, wobei sie ihrerseits Gatten und Nichte scharf im Auge behielt, was Käthe natürlich sehr gut merkte und mit ihrem Gatten darob einen verständnisvollen Blick wechselte, der das junge Paar zu einer Lachsalve veranlaßte, zu welcher sie mühsam eine halbwegs glaubhafte Erklärung erfinden mußten.

»Apropos,« knüpfte Kirchwald daran an, »heut' Abend gehen wir nicht aus, denn Boob hat sich bei uns zum Thee angesagt.«

»Boob – o charmant,« rief Käthe, »da muß ich sein Leibgericht rüsten: Schinken und Bratkartoffeln, denn darin ist er einfach groß. Groß, sage ich!«

»Boob? Wer ist Boob?« Mit dieser Frage geruhte Tante Kuki ihr Schweigen zu brechen. »Nicht, daß ich mich für einen Menschen interessierte, der eine so vulgäre Geschmacksrichtung hat –«

»Boob vulgär!« lachte Käthe, »na, ich danke! Piekfein ist er, Tante, er ist sogar eine Hyperbel der Feinheit, trotzdem ihm Schinken mit Bratkartoffeln schmecken!«

»Ich verstehe nicht –« sagte Tante Kuki gekniffen.

»Jonkheer von Boob ist Attaché bei der Niederländischen Gesandtschaft,« erklärte Kirchwald, »ein lieber, netter Mensch und unser Hausfreund.«

Tante Kuki acceptierte denselben stumm, doch ihr Gatte sagte: »Ich kenne ihn, er hat einmal den Botschafter nach Nordland begleitet. In der That, sein äußerer Mensch ist das Muster tadelloser Feinheit, dabei sein Benehmen natürlich, sicher und gewinnend.«

»Boob ist eine Perle,« nickte Käthe und Tante Kuki zog die Augenbrauen hoch.

»Es hört sich eigentümlich an, wenn eine junge Frau in Gegenwart ihres Mannes einen andern Mann eine Perle nennt,« sagte sie scharf.

»Nun,« erwiderte Kirchwald prompt, »das ist doch besser, als wenn sie es in meiner Abwesenheit thäte – was im übrigen auch nichts schadete. Außerdem giebt's doch auch sehr verschiedene Perlen, selbst unter den echten, und es bleibt mir meine superiore Stellung darunter unbenommen.«

»Es war nur meine ganz unmaßgebliche Meinung,« sagte Tante Kuki mit jener demütigen, resignierten Bescheidenheit, die imstande ist, rasend zu machen, wenn man weiß, daß das genaue Gegenteil damit gemeint ist.

Zum Glück wurde aber niemand rasend, nicht einmal die mit etwas kurzer Geduld ausgerüstete Käthe, denn die Gewohnheit stumpft ab, und niemand widersprach, was ja eigentlich unhöflich, aber trotzdem Thatsache war.

Nach Tisch zog sich das Diestelcampsche »junge« Paar zum gewohnten Nachmittagsschläfchen zurück, aber zwischen Thür und Angel erhielt der Kammerherr von Käthe noch die hastig getuschelte Ermahnung, um vier Uhr prompt zur Stelle zu sein.

Das geschah denn zwar auch, aber nicht zum Ausgang gerüstet erschien der Gute, sondern er schlich sich mit höchst verlegenem Gesicht in den Salon, in welchem ihm Käthe glühend vor Erwartung entgegentrat.

»So, also nun kann's losgehen!« Mit diesem Zuruf deponierte sie ihre Ansicht von der Lage der Dinge.

Der Kammerherr hustete, nieste dreimal und schneuzte sich dann. »Jawohl,« krächzte er, »das heißt ich wäre ungemein glücklich, Ihnen, teure Nichte, dienen zu können. Indes – ja – hm – meine liebe Frau ist der Ansicht, daß ich diesen Gang besser nicht unternehme –«

»Was?« schrie Käthe wütend. »Sie haben gepetzt?«

»Ge – –« stammelte der Kammerherr.

»Jawohl, gepetzt, geplappert, was weiß ich!« war die stürmische Erwiderung.

Herr von Diestelcamp setzte seine würdigste Miene auf.

»Gnädigste Nichte, wenn mir ein Ding unterm Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt wird, dann würde es mir selbst die Folter nicht entreißen,« sagte er gemessen. »Indes hatte ich doch meiner lieben Frau mitzuteilen, daß ich für Sie eine Kommission übernommen. Welcher Art diese wäre, habe ich nicht gesagt, trotz des Drängens meiner lieben Frau, welche sich aber der Ausführung mit einer Entschiedenheit widersetzte, der gegenüber mir nur das Nachgeben blieb. Als Hauptgrund führte meine liebe Frau an, daß Horst meine Mittlerrolle falsch auffassen könnte –«

»Den Kuckuck hat sie gethan,« schnob Käthe ihren neuen Onkel an, daß dieser unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. »Wenn Tante Kuli ihren leiblichen Neffen für einen so ausgewachsenen Esel hält, so ist doch noch immer nicht die Folge, daß Sie derselben Ansicht sein müssen.«

»Nein, das folgt nicht daraus,« bestätigte der Kammerherr. »Trotzdem ist es aber doch am Ende wohl angezeigt, wenn ich mich dem Wunsche meiner lieben Frau füge, und – – –«

»Und so weiter,« schloß Käthe verächtlich und setzte unwillkürlich lachend hinzu: »Das gab wohl eine feste Gardinenpredigt, Onkelchen, was? Na, verdauen Sie die nur mit Genuß und küssen Sie hübsch demütig den Pantoffel, den sie Ihnen aufs Genick gesetzt. Das Joch ist ja so süß, was?«

Der Kammerherr wand sich unbehaglich unter Käthes Sarkasmus, halb froh, daß er so leichten Kaufs losgekommen, halb sich schämend wie ein Pudel, daß er also durchschaut wurde.

»Verfügen Sie ein anderes Mal über mich,« sagte er, eine direkte Antwort vermeidend, »und seien Sie überzeugt, daß ich nur schweren Herzens in diesem einen Falle mich meinem gegebenen Versprechen entziehe –«

»Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe,« citierte Käthe, indem sie zur Thür ging, diese öffnete, hinaussah, und ihrem verlegnen Verwandten über die Achsel die tröstliche Versicherung gab: »Sie hat diesen schönen Satz nicht gehört, Onkelchen, Sie können sich also ohne Sorge zurück in die Höhle des – ich wollte sagen in die Nähe der verehrten Tante verfügen!«

Das war eine prompte Rache – Käthe bediente in solchen Fällen immer prompt – Onkel Diestelcamp räumte das Feld mit einer tiefen Verbeugung und Käthe blieb als Siegerin, aber eine etwas geknickte, zurück.

»Na, wenn das so fortgeht, dann, Habakuk, freue dir,« dachte sie nicht ohne Schadenfreude. »Was nun thun? Selbst in das olle Auskunftsbureau gondeln? Wird wohl nichts andres übrigbleiben. Denn wer könnte sonst für mich gehen? Wer? Ach –!« Käthe schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

»Boob muß es thun!« rief sie laut. »Natürlich Boob! Wie konnte ich auch nicht gleich an Boob denken, statt gemeinsame Sache machen mit dem alten Pantoffelhelden drüben! Boob! Kein andrer als Boob!«

Dieser erleuchtende Gedanke machte Käthe wieder ganz vergnügt und wenn Tante Kuki gehofft hatte, die mißliebige Nichte mürrisch, schlechter Laune oder gar aggressiv vorzufinden, als sie zur Theestunde herübergerauscht kam, so irrte sie sich glänzend, denn Käthe sprühte vor guter Laune und schwatzte solch' entsetzlichen Slang, daß Tante Kuki es zuletzt aufgab, zu korrigieren und nur noch resigniert zuhörte. Gegen acht Uhr erschien dann Graf Kirchwald mit dem angesagten Hausfreunde und Käthe stellte der Tante mit sichtlichem Stolz den Gesandtschaftsattaché Jonkheer von Boob vor, der es in wenig Minuten vermochte, das gekniffene Gesicht der Frau von Diestelcamp trotz ihrer vorgefaßten schlechten Meinung über einen Sprossen der Aristokratie, dessen Lieblingsgericht Schinken, Bratkartoffeln und saure Gurken war, in ein gnädiges Lächeln zu verwandeln. Herr von Boob war zwar entschieden dem Äußern nach ein junger Mann fin de siécle, der seine kleine, geschmeidige Gestalt in den chiksten Smoking der Welt hüllte, die tadelloseste Wäsche und Krawatte, die frischeste Gardenia im Knopfloch aufwies und einen Scheitel zur Schau trug, der mit einer Accuratesse gezogen war, welche es in allen Sprachen verkündete, daß sein Besitzer mit sonstigen Geschäften nicht überbürdet sein konnte. Aber in seinem frischen, runden Gesichte mit dem bestgepflegten, kühn aufgezogenen Schnurrbart leuchteten ein Paar kindgute, lustige Augen, die im Verein mit seiner schon angedeuteten kulinarischen Geschmacksrichtung die ganze giggerlhafte Erscheinung zu einer liebenswürdigen, harmlosen machten, und dem alten Spruch, daß man den Menschen nicht nach seinem Äußern beurteilen soll, recht gab.

Käthe begrüßte den Gast mit jener stürmischen Freude, die allemal der schlagendste Beweis für ein geschwisterliches Verhältnis ist, um so mehr, als die gleiche Begrüßung auch von der andern Seite erfolgte. Graf Kirchwald fing dabei einen Blick und ein säuerliches Lächeln seiner Tante auf, das ihn höchlich amüsierte, und er konnte nicht umhin, ihr zuzuflüstern: »Siehst du nun, Tante, wie zärtlich wir hier unsern guten, alten Boob lieben?«

»Ich sehe und bewundere es,« gab sie zurück. »Meine Augen sind offen, liebster Horst.«

»Desto besser,« meinte Kirchwald gut gelaunt.

Das Abendessen verging äußerst heiter und vergnügt. Zwar, Herr von Diestelcamp war etwas gedrückt, aber stürmisch war seine Konversation ja nie und fiel deshalb nicht auf, doch Tante Kuki konnte sich dem heitern Ton nicht verschließen, denn Boob kannte eine Menge von ihren Bekannten und erschöpfte sich in Diensteifer für sie. Die Masse drolliger Geschichten, die er wußte und ungebeten zum besten gab, waren auch nicht dazu angethan, eine »gekniffene« Stimmung aufkommen zu lassen, Kirchwalds sekundierten ihm dabei brav und ohne Reserve, und trotzdem Boob neben aller Unterhaltung einen Appetit entwickelte, den unsere heutige Zeit gottlob für gesund hält, der aber von früheren Generationen für »vulgär« und »unschicklich« erklärt wurde, so stand er, das heißt Boob, doch hoch in Tante Kukis Gnade, als die Tafel aufgehoben wurde und man in den Salon zurückkehrte.

Jetzt war aber Käthes Augenblick gekommen und in ihrem Eifer, dem Geheimnis der grünen Billets auf den Grund zu kommen, opferte sie herzlos den eigenen Gatten, das heißt sie arrangierte mit Blitzesschnelle einen Spieltisch und ehe es sich nur einer versah, hatte sie die beiden Diestelcamps mit ihrem Manne an denselben bugsiert und zu einem Rubber Whist mit Strohmann überredet.

»So 'n Rubberchen nach dem Abendbrot, das ist Tante Kuki ihrer Gesundheit schuldig,« erklärte sie liebenswürdig, aber mit merkwürdiger Hast und Volubilität. »Horst wäre unglücklich, wenn er Tante darum bringen müßte und Herr von Boob wird schon ein Viertelstündchen mit mir allein fürlieb nehmen, nicht wahr, Herr von Boob?«

Dieser versicherte natürlich, daß es ihn selig mache, mit seiner gnädigen Wirtin plaudern zu dürfen, aber Tante Kuki lud ihn süß lächelnd ein, als Vierter einzutreten – Käthe könnte ja zusehen. Aber das war gar nicht nach Käthes Geschmack und lag auch überhaupt nicht in ihrem Plan.

»I bewahre,« protestierte sie für ihren Gast, ehe dieser nur den Mund aufmachen konnte. »Herr von Boob spielt gar nicht Whist – oder doch? Na, jedenfalls spielt er nicht so gut, wie du, Tante! Ihr spielt ja doch alle lieber mit dem Strohmann – fangt nur rasch an, damit wir uns bald alle zusammen unterhalten können. Davor hätte ich Sie glänzend gerettet mit Verleugnung Ihrer Whistbegabung,« raunte sie Boob lachend zu, indem sie ihn einer entfernten Ecke zuzog. »Aber was wollen Sie? In solchen Fällen gelten alle Finten!«

Während Tante Kuki die Karten austeilte, stand Kirchwald aber noch einmal auf, eine Lampe zu holen und kam damit an dem Paar vorüber, das sich in einer Ecke etablierte.

»Käthe, das war schändlich von dir,« flüsterte er seiner Frau zu. »Konntest du mir das heut' nicht mal schenken?«

Käthe sah ihren Gatten nicht ohne Reue und Gewissensbisse an, denn Tante Kuki gehörte zu den furchtbaren Whistspielern, die ihre Zeit am Spieltische hauptsächlich damit ausfüllen, daß sie weitschweifig auseinandersetzen, wie es hätte kommen können, wenn der und der diese oder jene Karte gezogen hätte, die nie wissen, was Atout ist, wer ausspielt und was gespielt ist, und die positiv und grundsätzlich auf die Inviten ihres Aide nicht eingehen. Alles das wußte Käthe, sie wußte, welche Geduldsprobe für ihren Gatten ein Rubber mit Tante Kuki war, aber die Billete und die geheimnisvolle Anna darin hatten Besitz ergriffen von ihrer besseren Erkenntnis und die Reue wurde im Keime erstickt.

»Ach, hab' dich doch nicht so,« machte sie leichthin. »Ein Rubber ist schnell vorbei!«

»Jawohl, und wenn der Löwe Blut geleckt hat, folgt der zweite und der dritte,« murrte Kirchwald hinter seiner Lampe, während er diese zum Spieltisch trug.

Tante Kuki, die so saß, daß sie Käthe und Boob beobachten konnte, hielt sich moralisch für verpflichtet, das Tete-a-tete zu stören.

»Vielleicht sieht Herr von Boob doch lieber zu,« schlug sie vor.

»I bewahre, Herr von Boob haßt die Kiebitze und will auch selbst keiner sein,« antwortete Käthe. »Was du nicht willst, das man dir thu', das füg' auch keinem andern zu. Ja! Das ist einmal Herrn von Boobs Grundsatz!«

»Horst, willst du Käthe dort sitzen lassen?« tuschelte Tante Kuki nun ihrem Neffen über den Tisch zu.

»Käthe? O, die sitzt dort sehr gut,« erwiderte Kirchwald ruhig, und das Spiel begann.

Kaum fing aber Tante Kuki dort an, eine Predigt über Inviten zu halten, als auch Käthe mit vollen Segeln auf ihr Ziel steuerte.

»Sagen Sie mal, Herr von Boob,« unterbrach sie ihr Visavis mitten in einer Schilderung des letzten Hofballs. »Ehe ich's vergesse: interessieren Sie sich für Chiffreschriften?«

Boob machte ein erstauntes Gesicht.

»Ich, Gräfin? I bewahre, gar nicht,« gestand er offen ein. »Sehen Sie – wenn man's lesen soll, ist's gräßlich mühsam und langweilig, und soll man's schreiben, da muß man wie der Teufel aufpassen, daß man's richtig macht. Sonst setzt's Nasen!«

»Na, ich danke,« machte Käthe teilnahmsvoll, aber doch nicht ganz bei der Sache, denn sie überlegte, ob es nicht kürzer wäre, sich die Billets von Boob übersetzen zu lassen, weil er's nun doch einmal verstand. Aber nein, das ging nicht – wer weiß, was in den Billets stand, und die Anna überhaupt – nein, dieser Weg war ausgeschlossen. »Ich frage nämlich deshalb,« fuhr sie fort, indem ihr thätiges Gehirn sich eine plausible Erklärung ausdachte. »Ich bin von – von einer Freundin gefragt worden, ob's hier in Berlin nicht einen Menschen giebt, der die Chiffreschrift lehrt oder liest, oder so was. Nein, ein Gutachten über ein chiffriertes Dokument will man haben. Woher soll ich denn aber solch einen Menschen kennen? Und da kam mir die Idee, ob Sie vielleicht einen wissen!«

»Hm – ja – warten Sie mal, Gräfin – – mir ist so, als wenn mir jemand gesagt hätte, es gäbe einen Mann hier, den man in zweifelhaften Fällen um sein Gutachten befrägt – – wenn  ich  nur  wüßte,  wer  mir  das  erzählt hat –«

»Ach, das ist ja Schnuppe, wer's war,« unterbrach ihn Käthe. »Die Hauptsache ist, wie der Mann heißt. Ich meine den Chiffre-Menschen.«

»Ja, natürlich, Gräfin, darauf kommt's an. Es war ein spaßiger Name –«

»Schulze? Müller?« schlug Käthe vor.

»Nein, ein Sammelname war's nicht,« durchstöberte Boob sichtlich sein Gedächtnis. »Wenn ich nur wüßte, wer mir's erzählt hat –«

»Aber Herr von Boob –«

»Ja, dann könnte ich den doch fragen. Am Engelufer wohnt er, das weiß ich –«

»Wer?«

»Na, der Chiffre-Experte. Aber die Nummer hab' ich vergessen.«

»Und den Namen auch,« seufzte Käthe. »Was nutzt mir das Engelufer, wenn ich den Engel nicht habe! Es ist leicht gesagt, für'n Sechser Käse, aber welche Sorte.«

»Schimpfkäse!« schrie Boob auf mit strahlendem Gesicht, daß Käthe ordentlich einen Satz machte vor Schrecken und drei paar erstaunte Augen sich vom Spieltisch herüberwandten.

»Was?« machte Käthe. »Warum schimpfen Sie denn auf den Käse? Ich habe ja nur eine bekannte schnoddrige Berliner Redensart citiert!«

»Ich kenne sie, jawohl, ich kenne sie,« strahlte Boob weiter, »aber eben Ihr Citat, Gräfin, hat mich ja auf den Namen gebracht! Der Mann heißt Schimpfkäse. Scheußlich, nicht? Wenn ich das Pech hätte, so zu heißen, ich reichte ein Immediatgesuch um Namensänderung ein!«

»Ich auch,« stimmte Käthe bei. »So, das wäre also erledigt, und Sie brauchen auch nicht weiter darüber zu reden, denn meine Freundin thut furchtbar geheimnisvoll damit. Na, und nun erzählen Sie mir die Geschichte vom Hofball weiter, Herr van Boob.«

Und Boob that, wie ihm geheißen und hatte Käthes Zwischenfrage auch glücklich in fünf Minuten vergessen.

Der Rubber hatte sein Ende und der Abend endlich auch, da die drei Herren sich beizeiten empfahlen, um noch ein Stündchen beim Schweren Wagner zuzubringen, wozu der Kammerherr wider sein eignes Erwarten unter ausdrücklicher Zeitlimitierung auch gnädigen Urlaub erhielt, und nachdem Käthe die Tante summarisch, wenn auch sehr liebenswürdig in ihrem eignen Zimmer kalt gestellt, das heißt sich auf gute Manier ihrer und des mit ihr drohenden Plauderstündchens erledigt hatte, stürzte sie sich mit ein paar wilden Sprüngen in ihres Gatten Zimmer, verbrannte eine halbe Schachtel Schwedenstreichhölzer, bis in der Hast eines endlich Feuer fing und schlug beim Schein der entzündeten Kerze das Adreßbuch auf.

»O, P, Q, R, S« – – murmelte sie, den gewünschten Buchstaben suchend. »S, c, h, Schulze – nee, Schi – – – Schiller – Herrgott, was giebt's für 'ne Masse Schillers hier – Schimpf, Schimpff mit zwei f – ha! Schimpfkäse! Natürlich, der Name steht einzig, selbst im Berliner Adreßbuch. Schimpfkäse, Daniel, Dr., Engelufer 177, vierter Stock. Der vierte Stock ist hart – na, aber was thut man nicht alles, um so 'ner alten Giftunke von Tante zu beweisen, daß grüne Billets mit Johanneskäfern darauf das allerunschuldigste Papier der Welt sind!«

Und mit dieser glücklichen Selbsttäuschung ging Käthe zu Bett – morgen war das Rätsel der Anna gelöst, Gott sei Dank! Merkwürdigerweise war ihr bei dem Gedanken aber gar nicht so leicht ums Herz, wie sie erwartet hatte. Die Geschichte war und blieb nun einmal ein Spiel hinter Horsts Rücken und wenn die Billets auch zehnmal nichts waren als weggeworfenes Papierkorbfutter – – sie blieben nun einmal, zu diesem Zweck ausgenutzt, stibitztes Gut. Freilich, die »Anna« rechtfertigte auch das, mußte es rechtfertigen notabene! Direkt nach der »Anna« fragen mochte Käthe ihren Mann nicht, aber den Schatten dieser verflixten »Anna« wollte sie auch nicht zwischen sich und ihm stehen lassen. Eifersüchtig? Und auf diese »Anna«? Na, was denn noch, aber – aber – aber – – –

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück trödelte und nöhlte Tante Kuki, wie's Käthe schien, dreimal so lange als sonst, ehe sie zum verabredeten Ausgange mit dem Kammerherrn fertig war, aber kaum war sie »zum Tempel 'naus,« als Käthe wie der Blitz in ihre Sachen fuhr – Horst war längst auf dem Bureau – zum Hause heraussauste und in die nächste Pferdebahn sprang. Nach einigen Irrfahrten gelangte sie auch glücklich bis ans Engelufer – eine ihr bisher total unbekannte Gegend, und suchte nun das Haus Nr. 177, das sich ihr als ein höchst wenig verlockender, verräucherter und unfashionabler Steinkasten vorstellte. Einen Moment zauderte sie, als der schwarze, aufwärts strebende Schlund der stockdunkeln, steilen, verwahrlosten Treppenflucht sich vor ihr aufthat, aber wer A gesagt hat, muß auch B sagen und ihre Nase gegen die Mißdüfte dieses Palastes wappnend, begann sie den Aufstieg. Ein paar schlumpigen Weibern und sonstigen Bassermannschen Gestalten, die ihr auf den verschiedenen Etagen begegneten, bot sie einen »Guten Morgen,« der nur notdürftig und wie es schien, widerwillig und mißtrauisch erwidert wurde, und endlich war der vierte Stock erreicht, d. h. sie war damit glücklich unterm Dach angelangt. Der Treppe gerade gegenüber war auf einer Thür mit vier Reißnägeln eine schmutzige Visitenkarte angeheftet, auf der zu lesen stand: »Dr. phil. Daniel Schimpfkäse,« und Käthe, die sonst naturgemäß wenig Weltkenntnis besaß, dachte unwillkürlich, daß die Wissenschaft diesen Dr. phil. zwar sehr hoch, nämlich in den vierten Stock einer Spelunke, aber nicht weit gebracht haben mußte. Eine andere junge Dame wäre vielleicht noch vor dieser Thür umgekehrt wegen plötzlich versagenden Mutes, aber Käthe versagte der Mut nie. In ihrer souveränen Unkenntnis und Verachtung etwaiger persönlicher Gefahren dachte sie gar nicht daran, in welche Räuberhöhle sie vielleicht fallen könnte ; wenn ihr etwas Unbehagen verursachte, dann war's nur der Gedanke, daß der gute Boob ihr eine falsche Adresse gegeben haben könnte – na, aber dann sagte man »pardon« und »schrammte« wieder ab. Sie klopfte also ganz energisch an und auf ein dröhnendes »Immer 'rin in die jute Stube« von einer enormen, wenn auch etwas belegten Baßstimme betrat sie das Zimmer.

Zunächst sah sie vor Tabaksdampf – sehr übel duftendem Dampf von einer grausigen »Knäller«-Sorte, nichts; dann unterschied sie in dem zwiefachen Dämmer des Rauches und des Lichtes, das durch ein seit Jahrzehnten nicht mehr geputztes Fenster fiel, ein entsetzlich unordentliches Gemach mit schräg abfallenden Mansardenwänden, ein ungemachtes Bett, einen eisernen Waschständer mit schmutzigem Wasser in dem spucknapfgroßen Becken, ein mit Papieren und Büchern vollgestopftes Regal und endlich einen eisernen Ofen, gegen den sich zwei mit Filzparisern bekleidete Füße stemmten und zu diesen unförmigen Extremitäten gehörig den Körper eines so fabelhaft dicken Mannes, wie Käthe ihn in ihrem Leben noch nicht gesehen. Dieser Koloß saß, Pfeife rauchend, in einem Lehnstuhl mit zerfetztem Überzug, gehüllt in einen Schlafrock, von dem die Lumpen geradezu herabhingen, auf dem Kopf einen türkischen Fes, und auf den schmierigen Kragen seines ehemals türkischen Schlafrocks quollen eine Genickfalte, zwei Hängebacken und ein doppelter sogenannter Kohlbraten höchst dekorativ über.

»Dr. Schimpfkäse?« fragte Käthe, nachdem sie sich von ihrem ersten Erstaunen über den merkwürdigen Anblick gefaßt hatte.

Der Koloß, welcher durch die dicke Atmosphäre nun wohl auch erkannt hatte, daß eine Dame – eine vornehme Dame sein Tuskulum betreten, erhob sich schwerfällig, stellte die Pfeife zur Seite, versuchte seine mangelhafte Unterkleidung mit seinem Schlafrock zu verbergen und legte sein glattrasiertes Gesicht (mit mindestens dreitägigen Bartstoppeln darauf) in verbindliche Falten und verbeugte sich sogar.

»Der bin ich. Womit kann ich dienen?« fragte er mit seinem Baß, um den jeder Darsteller des »Sarastro« ihn beneidet hätte.

»Ich habe gehört, daß Sie ein Sachverständiger in Geheimschriften sind,« erklärte Käthe ihren Besuch, »und da bin ich gekommen, Sie um die Dechiffrierung dreier Billets zu bitten.«

»Man hat Sie richtig gewiesen,« erwiderte Dr. Schimpfkäse pompös. »Wenn einer solch' eine Schrift lösen kann, so bin ich's. Es ist meine Specialität. Zunächst bitte Platz zu nehmen.«

Käthe dachte, das wäre leichter gesagt, wie gethan, denn außer dem Lehnstuhl an dem Ofen, in den sie sich nicht um die Welt hätte setzen wollen, sah sie keine andere Sitzgelegenheit. Der Koloß aber wandte sich um, wobei Käthe zu ihrem entsetzten Staunen bemerkte, daß auf der Stelle, wo der Mensch zu sitzen pflegt, der Schlafrock in seiner ganzen Tiefe fehlte, d. h. weggesessen war und das Unterzeug wie durch einen Rahmen sehen ließ – der Koloß also die Schäden seiner Garderobe enthüllend, zog einen wackligen Stuhl aus einer Ecke, warf die darauf liegenden Kleidungsstücke einfach auf den ungefegten Boden und bot die Sitzgelegenheit mit imposanter Handbewegung seinem Besuche an.

»Danke schön,« sagte Käthe, den Stuhl mißtrauisch betrachtend. »Ich stehe ganz gern. Hier sind die drei Billets und nun sagen Sie mir, bitte, auf deutsch, was drauf sieht!«

Dr. Schimpfkäse streckte seine fette Rechte nach den drei grünen Bogen aus, nahm wieder auf seinem Lehnsessel Platz, klemmte einen Kneifer auf seine kartoffelförmige Nase und betrachtete stirnrunzelnd die Schrift. »Augenscheinlich drei verschiedene Systeme,« sagte er dann aufsehend.

»Aber es ist doch Chiffreschrift?« fragte Käthe. »Nicht etwa Botokudisch oder Polnisch oder sonst was?«

»Natürlich ist es Geheimschrift, aber wie gesagt, es sind drei verschiedene Systeme,« nickte der Koloß. »Aber wir werden ihnen schon auf den Grund kommen. Daniel Schimpfkäse kann sich rühmen, daß er bisher noch jedes Chiffresystem gelöst hat. Jedes, sage ich Ihnen.«

»Na, dann los,« kommandierte Käthe, vor Ungeduld zitternd.

Dr. Schimpfkäse ließ den Kneifer von der Nase fallen.

»Meine verehrte junge Dame,« sagte er gönnerhaft, »selbst ein Expert wie ich es bin, löst solche Rätsel nicht, wie man reife Pflaumen vom Baume schüttelt. Dazu braucht man Zeit.«

»Wie lange?«

»Das hängt von der Schwierigkeit der Aufgabe ab. Ich habe für eine Zeile Chiffreschrift schon Wochen zur Lösung gebraucht, mehr denn hundert Systeme probieren müssen, bis eines stimmte. Aber vertrauen Sie mir diese Zettel nur ruhig an – sie ruhen bei mir unter dem Siegel des Amtsgeheimnisses!«

Käthe seufzte tief auf.

»Das heißt, es bleibt mir nichts weiter übrig, wenn ich die Lösung haben will,« sagte sie. »Na, dann gut, ich lasse Ihnen die Billete zurück. Kann ich morgen wieder mal nachfragen kommen?«

»Das können Sie – ob mit Erfolg, dafür kann ich nicht gutsagen,« war die herablassende Antwort.

»Also auf Wiedersehen,« sagte Käthe kurz und wandte sich zur Thür.

»Pardon, noch eins, meine Gnädigste,« rief Dr. Schimpfkäse. »Es ist Geschäftsprinzip von mir, eine kleine Anzahlung auf meine Mühewaltung zu erheben. Dieselbe wird natürlich bei der Liquidation in Abrechnung gebracht!«

»Aha,« sagte Käthe, der es bisher gar nicht eingefallen war, daß die Sache auch etwas kosten könnte. »Was verstehen Sie unter einer kleinen Anzahlung?«

Dr. Schimpfkäse zuckte mit den Achseln.

»Eine Lappalie – des Prinzips wegen,« entgegnete er wegwerfend. »Sagen wir – hm – zehn Mark.«

Käthe zog stumm ihr Portemonnaie und legte das verlangte Geldstück in die ausgestreckte Rechte des Schriftgelehrten.

»Sonst noch was?« fragte sie dann trocken.

»Gewiß, meine verehrte Dame,« war die verbindliche Erwiderung. »Eine Hauptsache sogar –: mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?«

Käthe trat mißtrauisch einen Schritt zurück.

»Meinen Namen wollen Sie wissen?« fragte sie. »Aber das ist doch ganz überflüssig! Ich hole mir die Auflösung der Schrift, und zahle, was ich Ihnen schuldig bin, aber ob ich Müller oder Schulze heiße, kann Ihnen doch ganz egal sein.«

Mit einer grandiosen Handbewegung hielt der Koloß Käthe die drei grünen Zettel hin.

»In diesem Falle kann ich den Auftrag nicht übernehmen,« sagte er kühl. »Daniel Schimpfkäse ist kein Pirat, kein dunkler Ehrenmann, der im Trüben fischt – er arbeitet nur für Klienten, die ihm ihren Namen nennen. Wer damit hinterm Berge halten muß, für den bin ich nicht zu haben!«

Käthe hatte, wie gesagt, naturgemäß keine Welt- und Menschenkenntnis, sonst hätte sie ihre drei grünen Briefe sicherlich eingesteckt und wäre ruhig gegangen mit Hinterlassung vielleicht der zehn Mark, die Daniel Schimpfkäse jedenfalls vergessen hatte, mit den Briefen zurückzugeben. Aber da sie den Koloß infolge dieser mangelnden Menschenkenntnis nicht durchschaute, so ging sie richtig auf den Leim.

»Ich muß ganz und gar nicht mit meinem Namen hinterm Berge halten,« sagte sie empört. »Ich heiße Gräfin Kirchwald und wohne Potsdamer Straße Nr. 1, und wenn Sie sonst noch was wissen wollen, dann sagen Sie's rasch, denn in dem verflixten Tabaksrauch hält's ja keine Katze länger aus.«

»Aber meine gnädigste Gräfin,« grinste Dr. Schimpfkäse über sein ganzes, fettes Gesicht, »verzeihen Sie mir, doch seinen Grundsätzen darf kein ehrlicher Mann untreu werden! Nein, ich habe keine Frage weiter – darf ich Sie herab zu Ihrem Wagen führen?«

»Danke,« sagte Käthe kurz mit einem entsetzten Blick auf diesen Kavalier in dem durchgesessenen Schlafrock »Ich gehe schon ganz allein – Sie – Sie könnten sich erkälten!«

Dr. Schimpfkäse murmelte etwas, das sie gar nicht mehr verstand, so eilig flog sie die winkligen Treppen herab. Und hierher sollte sie wieder kommen, wer weiß wie oft noch, um nachzufragen, ob der schreckliche Mensch die Lösung gefunden hatte! Entsetzlicher Gedanke! Keine zehn Pferde hätten sie wieder in den Salon Dr. Schimpfkäses zurückgebracht, wenn – wenn nicht eben die mysteriöse »Anna« gewesen wäre. Ja, diese Anna! Na, nur getrost, arme Käthe, bis morgen Abend macht sie dir keine Kopfschmerzen mehr!

Käthe mußte sich, zu Hause angelangt, total umziehen, so vollgezogen waren ihre Kleider von dem Rauch des furchtbaren Krautes, das Dr. Schimpfkäse zu seiner Erbauung rauchte und wahrscheinlich unter dem Namen Tabak kaufte.

»Wahrscheinlich raucht er das Seegras aus seiner Matratze,« murmelte sie, als sie unter Zeichen des Ekels ihre Garderobe wechselte. »So hat ja nicht mal die Pfeife gestunken, die unser Kutscher daheim qualmte!«

Aber wahrscheinlich war auch der Hellberger Kutscher ein Kapitalist gegen den verlumpten Dr. phil. im vierten Stock des Engelufers Nr. 177 und in der Not frißt der Teufel nicht nur Fliegen, sondern er raucht sogar Seegras.

Für Käthe verging der Tag mit tödlicher Langsamkeit. Es schauderte ihr vor dem erneuten Gange zu dem Geheimschrift- Experten und doch brannte sie vor Ungeduld auf das, was sie von ihm hören sollte. Unter Predigten von Tante Kuki und Weisheiten aus dem Munde dieser lobwürdigen Verwandten schlichen die Stunden hin. Unbegriffen dröhnte der Strom der Worte an Käthes Ohr, denn ihre Gedanken weilten in dem schmutzigen Gemache am Engelufer, wo Dr. Schimpfkäse vielleicht jetzt saß und über dem Rätsel der grünen Briefe grübelte.

Und um den Kelch voll zu machen, brachte die Post am Abend wiederum solch einen grünen Brief für ihren Gatten! Wahrhaftig, genau dieselbe Farbe, genau das Format, genau denselben roten Johanniskäfer auf dem Verschluß des Couverts. Es rieselte kalt über Käthens Rücken, als sie ihren Gatten diesen grünen Brief aufnehmen und ruhig in die Klappe seines Überrockärmels schieben sah – kälter noch wurde ihr's, als sie Tante Kuki maliziös lächeln sah mit einem Blick auf sie, der Bände sprach. Warum mußte diese verwünschte Anna auch solch greulich ausfallendes Briefpapier benutzen – konnte sie nicht auf Weiß schreiben wie andere vernünftige Leute? Hundertmal kam es Käthe auf die Lippen zu fragen, von wem denn ihr Gatte diesen »herzigen« grünen Brief erhalten, aber immer wieder drängte sie die Frage zurück, weil sie sich bewußt war, daß es keine harmlose war, und weil sie sich scheute, ihre Gedanken damit zu verraten.

Überhaupt, es war alles wie verhext, denn am nächsten Morgen war keine Idee daran, fortzukommen. Graf Kirchwald blieb zu Hause, Diestelcamps hatten keine Lust auszugehen – unter welchem Vorwande hätte Käthe sich zu solch langer Reise bis ans Engelufer entfernen können? Also hieß es, die Zähne zusammenbeißen, irgendwo Geduld hernehmen und warten. Zum Abend erwartete man Gäste, und als Käthe das Menu zum Abendessen entwarf und dabei zum Dessert eine »Himmelstorte« von Josty proponierte, da kam ihr ein Gedanke: sie konnte die süße Labe selbst bestellen und dabei ein bißchen lange ausbleiben, d. h. nach dem Engelufer per Droschke »erster Güte« eilen. Aber das Unglück wollte, daß Tante Kuki dem jungen Kirchwaldschen Paare kurz vorher ein Gastgeschenk gemacht hatte in Gestalt einer silbernen Tortenplatte und als sie hörte, was Käthe vorhatte, bestand sie, d. h. die Tante, sofort darauf, daß die Platte heute eingeweiht würde. Da mußte nun der Diener mit besagtem Objekt sofort die Bestellung machen, denn solch ein fragiles Ding wie eine Himmelstorte verträgt keine Dislozierung und muß gleich auf das zum Servieren bestimmte Gefäß gebracht werden, und Käthe mußte sich mit heimlichem Zähneknirschen in ihr Geschick finden. O, warum hatte sie nur mit ihrer Vorliebe für »Himmelstorten« gerade eine solche vorgeschlagen, die auch Tante Kukis Lieblingsdelice war! Zu Nutz und Frommen meiner verehrten Leser, die nicht wissen, woraus eine Himmelstorte besteht, und dann auch, weil es hierher gehört, sei verraten, daß dies köstliche Gebäck aus vier ganz dünnen, knusprigen Platten von mürbem Teig besteht, zwischen die Lagen von Himbeergelee, Vanillecreme, Aprikosenmarmelade und Croquante-Sahnenschaum gestrichen werden. Die letzte, oberste Teigplatte deckt ein kunstvoll gespritztes Gebäude dicken Sahnenschaums, das der Konditor erst aufrichtet, wenn die Torte zum Gebrauch abgeschickt wird.

Käthe verwünschte die Kuchenplatte, die ihr überhaupt nicht gefiel, sie verwünschte die Torte sogar im voraus und das sollte ihr teuer zu stehen kommen.

Aber ahnungslos des kommenden Unheils verlebte sie den Tag. Als die frühe Dämmerung anbrach, entschlossen sich Diestelcamps noch zu einem kurzen Ausgange, an dem teil zu nehmen Käthe sich mit der Entschuldigung drückte, daß sie für den Abend noch zu thun hätte. Graf Kirchwald war auf seinem Bureau seit dem Essen – sie war also allein zu Haus und berechnete, ob die Zeit noch reichen würde, um zum Engelufer hin und zurück zu kommen, ehe ihr Gatte heimkehren konnte. Wenn keine Hindernisse eintraten, konnte es gehen, aber wer bürgt dafür, daß alles glatt ging? Während Käthe noch so im Entree stand und das Für und Wider ihrer Expedition überlegte, hörte sie einen schweren Tritt die Treppe heraufkommen und da sie dicht neben der Glasthür stand, schob sie die Scheibengardine ein wenig zurück, um nachzusehen, welch' Mammut wohl da heraufstampfe. Aber ein Blick genügte, um in dem geräuschvoll emporpustenden Individuum den Dr. Schimpfkäse zu erkennen. Käthe wäre vor Schreck fast in die Kniee gesunken – da hörte denn doch alles auf, daß dieser Mensch sie hier in ihrem Hause aufsuchte! Und ehe er draußen noch die Hand ausstreckte, um auf den Knopf der elektrischen Klingel zu drücken, riß sie die Thür von innen mit einer Vehemenz auf, daß der also unerwartet Attackierte vor Schrecken einen Satz nach rückwärts machte, der ihm um ein Haar das Gleichgewicht raubte und ihn fast kopfkegel die Treppe herabbefördert hätte.

»Warum kommen Sie hierher? Hab' ich Ihnen nicht gesagt, daß ich bei Ihnen nachfragen würde?« fuhr Käthe auf den Erschrockenen los.

»Nun, das muß man sagen,« entgegnete er jedoch schnell gefaßt, »das ist eine nette Begrüßung für Daniel Schimpfkäse! Ich scheue den Weg nicht, um Ihnen, gnädige Gräfin denselben zu mir zu ersparen, um Ihrer aristokratischen Nase nicht zum zweitenmal den mir so lieben Tabaksrauch zuzumuten, von dem Sie sagten, daß keine Katze ihn aushalten könnte, und statt eines mit Europas Höflichkeit übertünchten Grußes werde ich von Ihnen angefahren, noch ehe ich Ihre Klingel berührt?«

Käthe hatte sich während dieses mit dröhnender Baßstimme dahinrollenden Redestromes zunächst überzeugt, daß ihr Besuch den berüchtigten Schlafrock daheim gelassen hatte und einen Anzug wie andere Menschen trug, wenn auch einen sehr schäbigen, sehr wenig weiße Wäsche zeigenden: aber eine Art Leibrock, den kein Winterpaletot deckte, umhüllte doch seinen enormen Körper mit einer schwachen Prätension von gentlemanliken Anstand. In ihrer nicht ganz ungerechtfertigten Angst, daß die andern Stockwerke des Hauses herbeieilen dürften, der dröhnenden Baßstimme zu lauschen, die einen die vornehme Ruhe unliebsam unterbrechenden Lärm verursachte, fand sie, daß es geraten sei, höflicher mit dem ungebetenen Gaste zu reden.

»Jawohl, Sie haben vollständig recht,« rief sie hastig. »Bitte, wollen Sie nicht eintreten? Guten Tag, Herr Doktor – es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, sich hierher zu bemühen – – na, zum Kuckuck, Sie müssen doch gesehen haben, daß mir nur der Schreck so in die Glieder gefahren war.«

»Schreck vor mir, vor Daniel Schimpfkäse?« lächelte der Koloß nun schon hinter der glücklich geschlossenen Vorsaalthür.

»Gnädige Gräfin, Daniel Schimpfkäse hat in seinem Leben noch keinem Wurm etwas zuleide gethan.«

»Na, das ist nett von Daniel Schimpfkäse,« gab Käthe wütend zurück, indem sie überlegte, wohin sie den Menschen führen sollte. Denn hier im Korridor konnte sie doch nicht mit ihm stehen bleiben. In ihr Zimmer? Der Kerl stank so nach kaltem Tabakrauch, daß er ihr's für Stunden hinaus verpesten würde. In den Salon? Damit Tante Kuki ihn vielleicht dort fand, wenn sie unerwartet zurückkehrte? Halt, neben dem Schlafzimmer lag Horsts Ankleidezimmer, dort konnte man noch vor Abend die Fenster aufmachen. Ja, das war eine Idee. »Bitte hier einzutreten,« sagte sie, die betreffende Thür öffnend, indem sie voranging und die Gasflamme über dem Tisch in der Mitte entzündete. Das Zimmer war nur mäßig groß, aber ganz nett eingerichtet. An dem Tisch, der mit Toilettengegenständen und Milltäreffekten zwar etwas wild überhäuft war, weil der Bursche noch nicht aufgeräumt hatte, standen zwei bequeme, ältere Fauteuils, an den Wänden hatte ein dito älteres Schlafsofa Platz gefunden, eine Waschtoilette, ein Toilettenspiegel zwischen den Fenstern, und ein enorm großer, zweiteiliger Kleiderschrank barg die Militär- und die Civilanzüge Graf Kirchwalds.

Käthe deutete auf einen der Fauteuils und setzte sich selbst auf die Lehne des andern.

»Sie sind wegen der chiffrierten Billets gekommen, nicht?« fragte sie, zitternd vor Ungeduld.

»So ist es – und ich habe die Lösung der Chiffren mitgebracht,« bestätigte Dr. Schimpfkäse mit würdevollem Triumph.

Käthe fuhr wie gestochen empor.

»Wo? Geben Sie her – schnell doch!« rief sie atemlos, mit blitzenden Augen.

»Sogleich, meine Gnädigste,« winkte Dr. Schimpfkäse graziös mit seiner fetten Rechten ab. »Lassen Sie mich der Auslieferung nur vorausschicken, daß die Chiffren in der That, wie ich vermutet hatte, nach drei verschiedenen Systemen angewendet sind. Dennoch werden Sie es begreiflich finden, wenn ich sage, daß meine Aufgabe keine ganz leichte war, und nur ein Experte von meinen Kenntnissen und Erfahrungen konnte es ermöglichen, den Schlüssel zu finden. Infolgedessen –«

Hier fuhr Käthe, die nur mit Mühe einen Ausbruch ihrer Ungeduld unterdrückt hatte, sichtlich zusammen, denn ihr für alle Nebengeräusche trotzdem weit geöffnetes Ohr hatte gehört, wie die Entreethür von Außen durch einen Drücker geöffnet wurde und ein spornklirrender Schritt das Entree betrat und jetzt hörte sie gar die Stimme ihres Gatten, der den Diener fragte, ob die Herrschaften zu Hause seien.

»Mein Mann!« unterbrach sie die Rede des Doktors im Flüsterton. »Still, kein Wort weiter, er darf nicht wissen, daß Sie hier sind!«

Dem Dr. Schimpfkäse blieb thatsächlich der Mund offen stehen vor Erstaunen.

»Aber –,« brachte er endlich, selbst unwillkürlich flüsternd, hervor.

Käthe fuhr sich mit beiden Händen in die Haare.

»Er darf Sie hier nicht finden und wird wahrscheinlich gleich hereinkommen,« tuschelte sie mit wildem Blick. »Sie müssen verschwinden, verduften, zum Fenster hinausspringen –«

»Und mir alle Knochen brechen?« flüsterte Dr. Schimpfkäse entrüstet zurück.

»Lassen Sie ihn doch kommen, was soll er mir denn thun? Bin ich zu einem Rendezvous mit Ihnen hier?«

»Er darf Sie hier nicht finden,« gapste Käthe verzweifelt. »Fort mit Ihnen, oder er massakriert Sie! Kriechen Sie unter das Sofa –«

»Machen Sie mich erst dünn genug dazu,« schnob der Doktor, den nun eine sichtliche Angst ergriff und der sich, aufspringend, wild umsah.

»Er mordet Sie, wenn er Sie hier findet,« versicherte Käthe in höchster Aufregung. »Halt – ich hab's! Schnell hier in den Kleiderschrank, aber fix – ich lasse Sie dann wieder heraus!«

Damit hatte sie auch schon die Civilabteilung des großen tiefen Möbels geöffnet, der Doktor kletterte pustend vor Angst und Aufregung hinein und Käthe hatte auch eben nur die Doppelthür wieder geschlossen und drehte gerade den Schlüssel um, als auch die Thür aufging und Graf Kirchwald in ihrem Rahmen erschien.

»Ach, hier bist du, Käthe?« sagte er gemütlich. »Ich habe dich schon in allen Zimmern gesucht – bin heut' mal etwas früher heimgekehrt. Was machst du denn da?«

»Ich?« fragte Käthe puterrot im Gesicht. »O, ich habe doch heut' früh auf deinen Wunsch deinen großen Jagdpelz aus der Mottenkiste geholt, und da hab' ich bloß nachgesehen, ob ihn der Bursche auch in den Schrank gehängt hat!«

»O, ich danke dir,« sagte Graf Kirchwald herzlich. »Das ist mir sehr lieb, denn die Jagd im Grunewald ist schon für morgen früh angesagt, und Boob hat mir gestern Abend noch geschrieben, daß das Rendezvous eine Stunde früher ist, als sonst. Um sieben Uhr – das heißt ich denke doch!«

Damit zog er aus dem Ärmelaufschlag seines Überrockes – den grünen Brief mit dem Johanniskäfer darauf, den die Post ihm gestern Abend gebracht, und aus dem Couvert vor Käthes sichtigen Augen das gleiche grüne Blatt!!!!

»Dieser – dieser Brief ist von Boob?« stotterte sie ganz entgeistert.

»Ja – 's ist richtig, Rendezvous zur Jagd um sieben Uhr,« las Graf Kirchwald ohne Käthes Aufregung zu bemerken und warf das Briefblatt auf den Tisch.

»Der – grüne – Brief – von – Boob?« wiederholte Käthe mit merkwürdig langem Gesicht.

Graf Kirchwald lachte.

»Ja, der gute Boob bedient sich immer solch' excentrischen Modepapiers, genau wie ein Backfisch,« meinte er. »Ich muß jedesmal lachen, wenn unter den Postsachen solch' eine grüne Raupe ankommt, die förmlich um Beachtung schreit. Na, jedes Tierchen hat eben sein Pläsirchen!«

»Aber die Anna –,« stotterte Käthe unbedacht, doch ehe noch Graf Kirchwald fragen konnte, was sie gesagt, klopfte es an die Thür und der Bursche erschien, eine silberne Platte, mit Schlagsahne-überdeckter Torte darauf, in beiden Fäusten haltend.

»Der Konditor läßt sich scheen empfehlen und hier wäre die Himmelstorte,« meldete er strahlend.

Auch das noch! Kaum wissend, was sie that, nahm sie dem Burschen, der umgehend wieder verschwand, die Torte ab und sah sich nach einem Plätzchen dafür um. Der Tisch war voll und die Gegenstände darauf durften auch nicht mit der Schlagsahne in zu nahe Nachbarschaft gebracht werden. Der Waschtisch war kein geeigneter Platz für eine Torte, aber Horst konnte am Ende damit aus dem Zimmer gelockt werden. In diesem Augenblicke ereignete sich etwas Unerwartetes, Sonderbares – es nieste nämlich jemand wie aus weiter Ferne und doch so stark, so entsetzlich, daß der Kleiderschrank davon zu zittern schien.

»Nanu?« sagte Graf Kirchwald aufhorchend und Käthe fühlte eine solche Schwäche über sich kommen, daß sie die Platte mit der Torte rasch auf den nächststehenden Fauteuil stellen mußte, denn ihr ahnte das Was, Wer und Warum dieses Ausbruches! In dem Schrank hing wirklich der Jagdpelz von dem sie gesprochen, und der war mit weißem Pfeffer eingemottet gewesen und wahrscheinlich nur ungenügend ausgeklopft worden und der unselige Schimpfkäse mußte den feinen, beißenden, kitzelnden Staub einatmen, und – – – »Hapschi! Atsch! Hatschuh! Abschick! – –!« dröhnte es in dem Schrank in unaufhaltsamer, ununterdrückbarer Reihenfolge los, daß das ganze schwere Möbel hin- und herschwankte, als wäre ein Erdbeben unter ihm losgebrochen.

Mit einem Schritt stand Graf Kirchwald vor dem Schrank und schloß ihn auf, doch wäre er fast hinten über gestürzt, denn aus der geöffneten Thür flog ihm die Gestalt eines ungeheuer dicken Mannes in die Arme, das fette, glattrasierte Gesicht blau von der Anstrengung des unterdrückten Niesens und des Luftmangels in dem geschlossenen Raum, die kleinen Schweinsaugen verschwollen und überströmend von unfreiwilligen Thränen, die Weste nur noch unvollkommen geschlossen mit einem einzigen Knopf, der bei der Wucht der Körpererschütterung nicht abgeplatzt war, wie seine sechs Kollegen. Zum Glück indes hielt Graf Kirchwald den Anprall noch halbwegs auf und brachte den Mann auf seine Beine.

»Herr!« begann er, aber der Fremde wehrte mit beiden Armen fuchtelnd ab, indem er von neuem zu niesen begann, zehn-, zwanzigmal hintereinander. Dabei torkelte er kraft und willenlos umher und sank zuletzt ächzend und stöhnend in den einen Fauteuil.

Stumm hatten Käthe und Kirchwald den Paroxismus abgewartet; nun der Ausbruch scheinbar vorüber war und der bei alledem doch arme Mensch seine zur doppelten Größe aufgelaufene Nase mit einem höchst zweifelhaft reinem, rotem Taschentuche zu bearbeiten begann, da hielt Kirchwald den Moment für gekommen, Aufklärung zu heischen.

»Herr,« rief er, »wollen Sie mir jetzt sagen, wer Sie sind und was Sie dort in meinem Schranke zu suchen haben?«

»Fragen Sie Ihre Frau,« krächzte Dr. Schimpfkäse, in welchem sich nun auch der getretene Wurm zu krümmen begann. »Unter Drohungen hat sie mich dort hinein gezwungen und Pfeffer atmen lassen! Im übrigen sitze ich hier auf etwas,« fügte er mit zurückkehrendem Gefühl für sonstige äußere Einwirkungen hinzu, und sich mühsam erhebend enthüllte er den entsetzten Blicken des Paares das von ihm empfundene Etwas: nämlich die Himmelstorte, die sich in ihren ganzen köstlichen Bestandteilen aus Schlagsahne, Himbeergelee, Aprikosenmarmelade, Vanille- und Croquantecreme samt den zu Atomen zerquetschten Kuchenteigscheiben auf seiner Kehrseite befand, während die stark verbogene silberne Platte mit einem Knall auf den Boden fiel, dem Gesetze der Schwere gehorchend.

»Donnerwetter,« schrie Dr. Schimpfkäse, über seine Schulter rückwärts blickend. »Bin ich denn hier in eine Räuberhöhle geraten, daß man mir Fallen legt, mich in einen Schrank mit Pfeffer einsperrt und dann mit klebrigen Massen besudelt? Herr, dafür werde ich Genugthuung fordern,« brüllte er in ehrlicher Entrüstung los.

Käthe war längst halb ohnmächtig in den andern Sessel gefallen und sah mit Entsetzen, daß sich ihres Gatten Gesicht nun mit dunkler Röte bedeckte. Doch was sie für Zorn annehmen mußte, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand, war nur die gewaltsame Unterdrückung einer krampfhaften Lachsalve. Kirchwald hat später oft erklärt, daß er nicht wußte, wie er es gemacht, ihrer Herr zu werden, doch Thatsache war's, daß es ihm gelang, den Ausbruch zu unterdrücken und statt aller Antwort rief er den Burschen herbei, dem er befahl, den Fremden von dem zu reinigen, was noch vor fünf Minuten eine Himmelstorte gewesen. Mittels eines Lappens und anderer feuchter Tücher gelang das Werk zwar unvollkommen, aber doch einigermaßen unter dem Schweigen des Kirchwaldschen Ehepaars, während der Bursche eins ums andere Mal rief: »Nee ak, nee ak über die scheene Torte,« und Dr. Schimpfkäse grunzende, drohende und stöhnende Töne aus seinem Brustkasten heraufholte.

Als der Bursche sich dann endlich kopfschüttelnd mit seinen Lappen, der verbogenen Platte und dem lieblich mit Himmelstorte verziertem Fauteuil entfernte, da fand Dr. Schimpfkäse Worte.

»Mein Anzug ist unrettbar ruiniert,« wetterte er los.

»O nicht doch,« erwiderte Kirchwald höflich. »Spindler reinigt das ausgezeichnet!«

»So? Und bis der Anzug von Spindler zurück ist, soll ich wohl im Bett liegen bleiben?« fragte Dr. Schimpfkäse ironisch. »Armut ist keine Schande und darum erniedrigt es mich nicht zu gestehen, daß ich nur diesen einen Anzug besitze!«

Käthe stöhnte leise auf, aber Graf Kirchwald verstand den Wink mit dem Zaunpfahl.

»Nun, die ›Goldene 110‹ kann in solchen Fällen aushelfen,« sagte er, das Portemonnaie ziehend, und wenn ich Ihnen hierfür einen kleinen Schadenersatz –«

»Ein kleiner wird bei meiner Figur nicht weit reichen,« fiel der Koloß ein.

Kirchwald zog unbewegt einen Fünfzigmarkschein aus seinem Portemonnaie, wozu ihn weniger die Torte, als der Pfeffer im Schranke veranlaßte.

»Das dürfte genügen,« meinte Dr. Schimpfkäse nachlässig, indem er den Schein an sich nahm und in eine fettige Brieftasche praktizierte, in der Käthe die grünen Billets leuchten sah. Und er nahm diese, wog sie einen Moment mit wichtiger Miene in der Hand und legte sie auf den Tisch.

»Hier,« sagte er, »sind die drei Billets, Frau Gräfin! Ich habe mir erlaubt, die Lösung mit Blei direkt unter die Chiffren zu schreiben. Mein Honorar beträgt á 20 Mark, also abzüglich des mir vorausgezahlten Vorschusses 50 Mark!«

Kirchwald sah kopfschüttelnd erst die grünen Zettel an, dann den wie ein antiker Imperator dastehenden Schimpfkäse und zuletzt seine Frau.

»Stimmt es, Käthe?« fragte er ruhig.

Aber Käthe befand sich in einer geistigen Verfassung, welche sprachraubend wirkt. Sie nickte nur bejahend.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, nahm er einen zweiten Fünfzigmarkschein aus dem Portemonnaie und reichte ihn dem gierig zugreifenden Schimpfkäse hin.

»Haben Sie noch sonstige Forderungen?« fragte er mit jener Höflichkeit, hinter der sich die Lust verbirgt, die Muskeln des rechten Armes zu einer kräftigen Ohrfeige in Bewegung zu setzen.

»Vorausgesetzt, daß die Erschütterung meines Systems keine ärztliche Behandlung nach sich zieht, nein,« war die unverfrorene Antwort und Dr. Schimpfkäse spielte mit dem einzigen Knopf seiner Weste.

»Ah!« machte Kirchwald, »ich vergaß, daß Sie außer Spindler noch den Schneider werden für Ihren Anzug gebrauchen müssen. Meinen Sie, daß für beide Instanzen fünf Mark genügen dürften?«

Der Koloß hob sein fettes Haupt empor, schloß die Augen und rechnete. »Sagen wir sieben Mark, dann reicht es bestimmt,« meinte er dann wohlwollend.

Kirchwalds Gesicht überzog sich wiederum mit einer tiefen Röte, aber er blieb vollkommen ruhig und zog ein Zehnmarkstück aus dem Portemonnaie. »Da Sie mir indes jedenfalls noch Abnützung Ihres Schuhmaterials in Anrechnung bringen werden für Ihren Weg hierher, so erlaube ich mir Ihnen zehn Mark zu überreichen,« sagte er mit überwältigender Höflichkeit und setzte plötzlich mit einem enorm scharfen Ton hinzu: »Und nun habe ich die Ehre, Ihnen einen guten Abend zu wünschen, ehe es mir einfällt, bei unsrer genauen Abrechnung nun auch meinerseits die zersessene Torte und die Reparaturkosten für die Platte in Abzug zu bringen!«

Dr. Schimpfkäse riß seine kleinen Schweinsaugen zu unnatürlicher Größe auf, aber er begriff, daß es nun Zeit für ihn sei, zum Rückzug zu blasen, trotzdem wappnete er sich noch einmal mit seiner ganzen Würde, das heißt mit dem, was er dafür hielt.

»Ich habe mich in Ihnen getäuscht, mein Herr,« sagte er mit Pathos, »denn ich sehe, daß Sie einen von Pfefferdunst halb erblindeten Menschen auch noch dafür verantwortlich machen wollen, wohin er sich setzt. Ob nun gerade ein Sessel der passende Ort zur Aufbewahrung einer Torte ist –«

Weiter kam er nicht, denn Kirchwald hatte die Thür geöffnet und Dr. Schimpfkäse verstand diesen stummen Einwand doch so gut, daß er plötzlich verstummte und mit einer Verbeugung vor Käthe schnell das Zimmer verließ, dem voranschreitenden Herrn des Hauses über den Korridor folgte und ohne weiteres seine enorme Gestalt durch die geöffnete Glasthür zur Treppe schob. Hier, wo ihm das Terrain öffentlich, mithin auch sicherer schien, kam ihm seine ganze Unverschämtheit zurück.

»Ich habe im Drange der Ereignisse ganz verfehlt, mich Ihnen vorzustellen,« sagte er großartig. »Mein Name ist Schimpfkäse – Dr. Daniel Schimpfkäse! Vielleicht haben Sie die Güte, mich dem Kreise Ihrer Bekannten als Experten für Geheimschriften, zum Aufsetzen von gerichtlichen Klagen und zur Verfassung von Flugschriften jeglicher politischen Richtung in empfehlende Erinnerung zu bringen.«

Die großartige Unverschämtheit des Kerls machte, daß Kirchwalds gerechter Zorn verrauchte und einer unwiderstehlichen Lachlust Platz machte.

»Ich werde nicht verfehlen, Sie rühmend ob solcher Vielseitigkeit zu nennen,« sagte er. »Nur zweifle ich, daß meine Bekannten sich als eine ebenso lukrative Kundschaft erweisen dürften, als ich es bin. Guten Abend.«

Damit klappte er kurz die Entreethür zu und kehrte in sein Ankleidezimmer zurück, wo er Käthe noch in ihrem Sessel sitzend fand in einem Zustand gänzlicher Verstummung und geistigen Stumpfsinns, der beredt ihre völlige Geknicktheit verkündete.

»Den Kerl wären wir glücklich los,« sagte er, die Uhr ziehend. »Onkel und Tante Diestelcamp müssen jeden Augenblick zurückkommen und es dürfte Zeit werden, uns für unsere Gäste fein zu machen. Na, Käthe, mach' kein solches zerknirschtes Gesicht – du hast in deinem Leben schon so viel gute Streiche geliefert, daß man schon 'mal was Bares für einen weniger gelungenen bezahlen kann. Soweit ich bisher klug aus der Geschichte geworden bin, hast du dir von dem schmierigen Kerl mit dem unästhetischen Namen etwas dechiffrieren lassen, das, wie ich sehe, dort auf den grünen Zetteln steht. Wie du dazu gekommen bist, ahne ich nicht, außer du müßtest denn meinen Papierkorb danach ausbaldovert haben. Du wirst rot? Na, der Papierkorb ist schließlich ein öffentliches Lokal und was da hinein kommt, hat man vogelfrei gemacht!«

Käthe stöhnte auf.

»Ach, Tante Kuki hatte solche niederträchtige Bemerkungen gemacht,« jammerte sie.

»Tante Kuki? So, so!« sagte Kirchwald mit dem Kopfe nickend. »Und daraufhin hast du diese grünen Wische gesucht und gefunden, was? Aber, Käthe, meinst du nicht, daß es einfacher und kürzer gewesen wäre, mich danach zu fragen?«

Käthe wurde rot und schlug die Augen nieder.

»Ich mochte nicht, weil der eine Brief doch die Unterschrift ›Anna« trug,« murmelte sie.

Kirchwald pfiff leise vor sich hin.

»Aha! So, so!« meinte er lächelnd. »Na, und diese ›Anna‹ schien der Tante Kuki recht zu geben und darum wandtest du dich lieber an dieses dicke Scheusal. Gut, ich fange an zu begreifen, nur das bleibt mir unverständlich, warum du den Menschen in den Schrank dort gesperrt hast!«

»Weil er zu dick war, um unter das Sofa zu kriechen,« sprudelte Käthe jetzt los, »und weil du ihn nicht sehen solltest – – Herrgott, das ist doch klar wie Tinte!«

»Na ja, natürlich,« stimmte ihr Kirchwald bei. »Aber nun alles so fabelhaft einfach erklärt ist, wollen wir mal sehen, ob uns dieser billige Schriftgelehrte die drei Liebesbriefe von der ›Anna‹ auch richtig dechiffriert hat. Ich habe die Lösung hier in meinem Taschenbuch stehen und werde sie dir vorlesen. Nimm du indes die Zettel und vergleiche.«

Mechanisch griff Käthe nach den grünen Unglückszetteln und entfaltete sie.

»Also Nr. 1,« begann Kirchwald, sein Taschenbuch aufschlagend. »Spiritus, merkst du was? Boob!«

»Spiritus, merkst du was? Boob,« wiederholte Käthe, mit langem Gesicht den ersten Zettel fallen lassend.

»Nr. 2. ›Das ist die zweite Methode unserer Geheimschrift. Boob,‹« las Kirchwald vor.

»Das ist die zweite Methode unserer Geheimschrift. Boob,« las Käthe von ihrem Zettel ab.

»Nr. 3. ›Hier Nr. drei. Heut' Abend acht Uhr beim Schweren Wagner. Boob,‹« las Kirchwald, sein Buch zuklappend.

»Hier Nr. drei. Heut' Abend acht Uhr beim Schweren Wagner. Boob,« las auch Käthe ab und setzte aus tiefem Herzensgrunde hinzu:

»O, ich Heupferd!«

»Also alles richtig – der Mann hat sein Geld verdient,« konstatierte Kirchwald mit feinem Lächeln. »Nun muß ich noch erklären, daß Boob mich in die Kunst des Chiffrierens eingeweiht hat und mir zur Übung diese Briefe auf seinem momentan bevorzugten Briefpapier schrieb. Wie du siehst, wird nun sein Name nach den drei verschiedenen Methoden in ›Anna‹, ›Cqqc‹ und ›Znnz‹ verwandelt, beziehungsweise umbuchstabiert. Die Methoden scheinen mir alle indes den Nachteil zu haben, daß sie von in der Chiffreschrift Erfahrenen zu lesen sind. Doch halt, draußen klingelt es – das sind Diestelcamps und es wird Zeit, uns für unsere Gäste zu rüsten. Da diese grünen Briefe uns nun aber außer 120 Mark bar, einem schwarzen Verdachte in Tante Kukis liebevoller Seele und einigem Herzweh deinerseits auch unser heutiges Dessert gekostet haben, so dürfte es gut sein, wenn du die Köchin zu einem Ersatz zu bereden suchst, also zu der mit Recht so beliebten Not- Plinze oder einer Omelette- soufflée. Wie denkst du darüber?«

»Natürlich denke ich,« versicherte Käthe schnell aufspringend. »Und, sag' mal Horst, darf ich dir, ehe ich gehe, erst einen Kuß geben?«

Kirchwald breitete die Arme aus.

»Zwei, Käthe,« rief er, »das heißt die Zahl wird überhaupt in solchen Fällen nicht limitiert!«

Käthe drückte ihr glühendes Gesicht einen Moment fest an des Gatten Brust und dies stumme Verfahren machte mehr wieder glatt, als stundenlange Aussprachen, eidliche Versicherungen und Ausbrüche gekränkter Unschuld.

»Aber,« sagte sie, als sie sich losmachte aus seinen Armen, »aber deine Tante Kuki, die mir längst gestohlen werden konnte, kann mich von jetzt ab in Jericho suchen.«

»Da wir zusammen reisen – mich auch!« versicherte Kirchwald mit Nachdruck.


* * *


Noch am selben Abend hatte er übrigens eine Unterredung mit dem Kammerherrn, welche diesen würdigen und durchaus einsichtigen Gentleman veranlaßte, seiner lieben Frau vorzustellen, daß die Berliner Luft nicht bekömmlich für ihn und seinen chronischen Schnupfen sei und er im übrigen früher als er gedacht seinen Dienst am Hofe zu Nordland wieder übernehmen müsse. Dieser diplomatische Eingriff in Tante Kukis Pläne veranlaßte denn auch die Abreise des Diestelcampschen Paares am Nachmittag des übernächsten Tages und Kirchwald brachte seine Gäste nebst einem Rosenstrauß für Tante Kuki nach dem Anhalter Bahnhof.

Als er von dieser Expedition heimkehrte, fand er Käthe an ihrem Schreibtisch vor; er wartete geduldig, bis sie die Feder hinlegte.

»Ein Brief nach Hellberg?« fragte er dann.

»Nein, ein Brief an Tante Kuki,« war die überraschende Antwort.

»Alle Wetter, das nenne ich innige Liebe,« meinte er lachend. »Tante Kuki ist noch keine fünfzig Kilometer weit, und schon drängt es dein Herz an sie zu schreiben. Darf man diese Epistel lesen?«

»Man darf,« sagte Käthe und reichte ihm das Blatt.

 

»Liebe Tante!« las er laut vor, »du hast unter Anwendung gröblicher Injurien von mir zu erfahren gesucht, wie die Hofdame geheißen, die dein Mann am Hofe von Nordland heiraten wollte. Ich hab' dir den Namen damals nicht gesagt, weil du ihr alle möglichen Ehrentitel gegeben hast, aber ich bin dir für die Verdächtigung Horsts in betreff der grünen Briefe noch was schuldig und das löse ich hiermit ein. Die Hofdame hieß Katharina Gräfin Hellberg und heißt heut' deine dich hochverehrende Nichte

Käthe Kirchwald.«

 

Graf Kirchwald lachte laut auf.

»Tante Kuki scheint stark auf deinem Kerbholze zu stehen,« meinte er ergötzt, »und Rache ist süß, süßer noch als Himmelstorte. Ich bin jedoch dafür, daß dieser Brief nicht abgeht, denn wenn du die Tante damit auch gründlich los wirst – der arme Diestelcamp hat das Nachsehen davon und die Eifersuchtshölle auf Erden sein Lebtag. Und eigentlich hat er sich's um dich verdient, daß du um seinetwillen Rücksicht nimmst. Meinst du nicht auch?«

»Bon,« sagte Käthe rot werdend. »Du kannst den Brief wieder zerreißen, aber das sag' ich dir, wenn sie wieder kommt, mir das Leben zu verbittern, dann erfährt sie, was darin geschrieben steht. Es ist mein letzter Trumpf, in der Notwehr ist alles erlaubt.«

Kirchwald warf die Fetzen des Briefes in den Papierkorb.

»Heut' Abend trinken wir Sekt, Käthe,« rief er vergnügt, »und wenn du schon mal im Schreiben bist, dann setz' dich hin und lade Boob dazu ein. ›Die Anna‹ hat's zwar nicht verdient, daß wir sie noch extra fetieren, aber schließlich ist sie doch ganz unschuldig daran.«

Käthe zog ein Gesicht.

»Du, Horst, gestichelt wird nicht,« sagte sie pikiert. »›Die Anna‹ kann ein anderes Mal kommen, heut' wollen wir den Sekt allein trinken. Wenn du noch 'mal auf die gräßliche Geschichte anspielst, dann muß ich denken, daß du mir den jammervoll schnöden Verdacht auf dich nachträgst, aber ich geb' dir mein Ehrenwort, daß ich weniger das gedacht habe, als daß ich Tante Kuki beweisen wollte, welch' alte, sich unbefugt einmischende, niederträchtige Giftbolle sie ist.«

»Käthe, ich weiß das alles besser als du – siehst du denn nicht, daß ich dich nur habe necken wollen?«

»Natürlich,« gab Käthe schnell versöhnt zu, indem sie aufsprang und die Arme um ihres Gatten Hals schlang. »Neck' du mich nur weiter, und wenn's wieder 'mal bei mir rappeln sollte, was ich zwar nicht glaube, obgleich man's ja nie wissen kann, dann erinnere du mich nur gleich an, die Anna'.«

»Topp,« sagte Kirchwald lachend.

Und damit endete Käthes erstes und wie wir hoffen, einziges Eifersuchtsdrama und wenn das auch keinen Stoff für Ibsen giebt, so kann Käthe positiv nichts dafür.




Also spricht Zarathustra

Käthe! rief Graf Kirchwald, indem er mit einem Briefe in der Hand in das Zimmer  seiner Frau trat. »Na, wo steckt sie denn nur?« setzte er hinzu, als er das Zimmer leer fand, doch ahnte er wohl, wo sie »steckte,« denn ohne wieder zu rufen, durchschritt er die folgenden Räume und öffnete vorsichtig die Thür zu einem geräumigen Zimmer, in dessen Mitte ein winziges, spitzenverhangenes, schleifengeschmücktes Bettchen stand, darin ein wenig Monate altes Menschenkind mit rosigen, geballten Fäustchen und noch rosigeren Bäckchen den Schlaf der Gerechten schlief. Und um dieses Bettchen standen bewundernd drei Frauengestalten –: eine kräftige Spreewälderin in der bunten, kleidsamen Tracht ihrer Heimat, deren junges, gesundheitstrotzendes, rundes Gesicht das weiße Kopftuch wohl kleidete ; die Mutter des kleinen Weltbürgers, Käthe Hellberg, Gräfin Kirchwald in der ganzen, alten, siegreichen Schönheit ihrer herrlichen Walkürengestalt und endlich noch eine alte Bekannte, lang, dürr, pedantisch, aber gutmütig aussehend wie immer, kurz, Miß Knickerbocker, Käthes ehemalige, vielduldende Gouvernante.

Graf Kirchwald sah, in der Thür stehend, lächelnd die Gruppe an, freundlich weilte sein Auge auf der guten Miß und der strammen Amme, aber stolz und glücklich auf seiner schönen jungen Frau und fast noch stolzer auf den ruhevollen Zügen seines Sohnes und Erben. Der junge Mann und Kriegsheld in spe hatte es sich einfallen lassen zur Welt zu kommen, als eben Graf Kirchwald von Berlin abberufen wurde, um als Generalstabsoffizier dem Generalkommando in einer süddeutschen Stadt attachiert zu werden – man hatte daher den Buben bald und ohne besondere Festlichkeiten taufen lassen und Miß Knickerbocker war berufen worden, der jungen Mutter beim Umzuge nach der neuen Garnison beizustehen und das neue Heim einrichten zu helfen. Das war vor dem letzten Weihnachtsfest geschehen, an welchem Kirchwald junior den zweiten Monat seines irdischen Lebenslaufes vollendet hatte, und nun war es Faschingszeit und die gute Miß war noch da, sich nützlich machend und bedingungslos vor dem Schreine dieses neuen Hausgottes anbetend. Die durch das fühl- und erbarmungslose Militärkabinett gestörte Tauffeierlichkeit sollte nämlich nachträglich gefeiert werden und Graf Hellberg, der glückliche Großvater, wurde mit seiner Tochter Felicitas und deren Gatten, Herrn von Wendenburg, dazu erwartet und sollte die Miß dann wieder mitnehmen, um dem Hellberger Schloß seinen dirigierenden ersten Hausminister in ihr zurückzugeben – auch Cousine Theone und ihr Gatte, Baron Tiefenthal, wurden erwartet, da dieses würdige Muster-Landwirtspaar sowieso nach Frankfurt reisen wollte, um eine neue landwirtschaftliche Maschine zu besichtigen und eventuell anzukaufen. Daß man die Winterszeit zu diesem Besuche und zur Nachfeier gewählt, hatte seine guten Gründe in dem Umstande, daß Wendenburgs eine Reise nach der Riviera vorhatten und diese jetzt blühenden Gestade leicht von hier mit der Gotthardsbahn erreichen konnten; da war es gewissermaßen gegeben, daß Hellberg sich ihnen anschloß und sich dabei 'mal den süddeutschen Karneval ansah, der als extra Anziehungskraft auch Tiefenthals von Frankfurt herüberlockte.

Kirchwalds hatten sich bald in der fremden Umgebung eingelebt, die »Gesellschaft« hatte das junge Paar mit offenen Armen aufgenommen, die Garnison lag huldigend zu Käthes Füßen, ebenso auch die Künstlerschar, welche einerseits hierorts angesessen den Ruhm der bewährten Künstlerstadt vertrat, anderseits noch auf der Akademie studierte. Käthe fühlte sich ganz in ihrem Element in diesen harmlos-fröhlichen Kreisen und betrachtete mit ihrem Gatten die Versetzung von Berlin nicht als ein Mißgeschick, sondern als eine höchst angenehme Abwechslung.


»Immer an der Scholle kleben,
Trübt den Blick, wenn noch so klar –
Fremdes Land und fremdes Leben
Stechen Dir allein den Star.«


citierte sie gern, den sinnigen Spruch eines der Gelehrten der »Fliegenden Blätter«, wenn sie angeregt, amüsiert und seelenvergnügt aus einem der gastfreien Künstlerhäuser heimkehrte, die ihre Pforten gern den Kreisen öffneten, welche den ihrigen homogen und sympathisch gegenüberstanden. Käthes ganze Natur mußte sich selbstredend wohlfühlen inmitten dieses Künstlervölkchens, das bei allem eifrigen Ringen, Streben und ernsthaftem Arbeiten so harmlos vergnügt und nie um besonders lustige Intermezzi verlegen ist; ihr in dieser Richtung allzeit thätiger Kopf schaute nicht nur belustigt zu, sondern half mit fördern – was Wunder also, wenn sie bei Künstlern und Akademikern allseitig beliebt und begehrt war wie ein guter Kamerad, der sie natürlich vor allem denen blieb, die des Königs Rock trugen und nur zu gern das Kirchwaldsche Haus besuchten, das keinen Kommißton kannte, sondern allen die gleichen Rechte einräumte.

»Du, Horst, komm nur und schau dir den Jungen an!« rief Käthe sotta voce ihrem Manne zu. »Wir haben ihn nach dem Bade heute wieder gewogen – er hat letzte Woche fast ein Pfund zugenommen. Großartig, nicht? Selbst die Miß sagte, er sähe schon gar nicht mehr aus wie eine Kaulquappe.«

»O!« machte die Miß abwehrend. »Ich habe nur ausgedruckt, wie sehr ich ent–verzückt bin von die kleine Gentleman. Ich weiß gar nicht, was das ist, eine Quappenkaul.«

»Kaulquappe, Knickerchen,« korrigierte Käthe lachend. »Sie wissen, Papa behauptete immer, daß kleine Kinder so aussähen! Aber Heinz sieht nun schon wirklich wie ein Mensch aus, nicht?«

»Jedenfalls wie das Leben,« konstatierte Graf Kirchwald stolz.

»Unberufen, unberufen, unberufen!« murmelte die Spreewälderin, indem sie dreimal rechts und dreimal links das Ausspucken markierte – in dem Glauben Vieler, auch Gebildeter, heute noch ein ganz sicher wirkendes Mittel gegen den Umschlag des Bestehenden.

»Oh yes, unberufen!« imitierte die Miß umgehend das ländliche Vorbild, ohne eigentlich eine rechte Ahnung davon zu haben, was nicht »berufen« werden sollte.

»Mit einem Worte: ein Wunderkind,« lächelte Graf Kirchwald. »Aber wenn du jetzt hier abkömmlich bist, Käthe – ich habe nämlich einen Brief erhalten –«

»Ich – natürlich komme ich gleich mit dir. Heinz schläft und Mißchen hütet, eine Jacke für ihn strickend, seinen Schlummer.«

»Yes, von weißer Wolle,« nickte die Miß strahlend und Käthe folgte ihrem Gatten in dessen Zimmer.

»Horst,« sagte sie unterwegs, »du machst solch' ein Gesicht – ich hoffe nicht, daß wir wieder versetzt sind oder daß die Bank verkracht ist, die unsre irdischen Schätze in Verwahrung hat. Viel ist's ja nicht, aber dumm wär's doch!«

»Nein, so schlimm ist's nicht, Käthe. Der Brief ist nur vom Onkel Diestelcamp –«

»Onkel Hofmarschall, bitte! Ehre, wem Ehre gebührt!«

»Vollkommen einverstanden. Also, Onkel Hofmarschall hat eine ›diplomatische‹ Mission am Hofe zu H. – es handelt sich um eine Einladung der dortigen Herrschaften zur Taufe in Nordland – und da beabsichtigt er unterwegs bei uns Station zu machen zur Überreichung eines Patengeschenkes des Prinzen an unsern Jungen. Riesig nett von dem Prinzen, daran zu denken, nicht?« erzählte Kirchwald.

»Der Prinz ist immer nett,« sagte Käthe leichthin. »Den Rest des Briefes kannst du dir schenken, mir tropfenweise beizubringen,« fügte sie mit zurückgeworfenem Kopfe hinzu, »denn es gehört nicht viel Clairvoyance dazu, ihn durch das Couvert zu lesen. Tante Kuki bringt es natürlich nicht über sich, ihren Habakuk 'mal von der Strippe zu lassen und begleitet ihn selbstredend. Hab' ich's erraten?«

Graf Kirchwald sah seine Frau lächelnd an.

»Käthe, wenn du Anno dazumal in Theben gelebt hättest, dann wäre die Sphinx bald ein überwundener Standpunkt gewesen,« sagte er lobend. »Du hast es in der That erraten. Tante Kuki kommt unter dem Vorwande, ihr Patchen sehen zu müssen, weil ihre Seele in Sehnen nach ihm sich verzehrt und um auch ihrerseits dem Knaben ein kleines Angebinde zu überreichen.«

»Wird was Nettes sein,« brummte Käthe. »Ich taxiere sie auf eine tombakene Uhr oder einen dünnen silbernen Becher, der bis zum Nimmermehrstage im Silberschrank ›zur ewigen Erinnerung‹ aufbewahrt wird. Bah!«

»Nun, das ist ja schließlich egal –«

»Gar nicht egal ist es!« behauptete Käthe. »Heute, wo ich die Interessen unsres Sohnes zu vertreten habe, kann ich mich gar nicht genug wundern, mit welcher unverhältnismäßigen Seelenruhe wir damals das lockend vorgehaltene Hochzeitsgeschenk der Tante Kuki uns vor der Nase fortnehmen ließen. Heutzutage könnte das einen netten Tanz geben, wenn sie ein Patengeschenk für Heinz wieder kalt lächelnd entführen wollte! Wie ein Löwe würde ich selbst 'ne tombakene Uhr verteidigen, darauf kannst du dich verlassen!«

»Ich bin davon überzeugt, Herz!« nickte Graf Kirchwald und fügte mit einem unterdrückten Seufzer hinzu: »Hm, die in so lockender Nähe gezeigte Herrschaft würde freilich ein recht solider Hintergrund für Heinzens Zukunft sein – na, aber was hilft's, daran zu denken? Hin ist hin!«

»Noch lange nicht,« behauptete Käthe. »Wer weiß, ob mir nicht noch 'mal ein genialer Gedanke kommt, mittels dessen ich von Tante Kuki das schnöde entrissene Geschenk wieder erobere?«

»Ist ohne Gewalt kaum möglich, Käthe,« entgegnete Graf Kirchwald lachend, »und Gewalt ist in unsern Kulturstaaten ungesetzlich.«

»Hab' ich die Gesetze gemacht?« fragte Käthe verächtlich. »Was ich nicht gemacht habe, dafür bin ich nicht verantwortlich!«

»Aber, um des Himmels willen, Käthe –«

»Und für Heinz bin ich zu allem fähig, selbst zu einem Kampfe mit dem R. - Str. - G. - B.« schloß sie triumphierend. »Aber,« fügte sie dann nachdenklich hinzu, »aber so 'was kann man nicht ausgrübeln, das muß wie der Blitz über einen kommen – vielleicht kommt's, vielleicht auch nicht. Also die Tante Kuki kommt. Na, jedenfalls beehrt sie diesmal nicht unser Haus, denn Papa wohnt natürlich in dem einen unserer Fremdenzimmer und in dem andern hat Miß Knickerbocker ihren Wigwam. Da werden Onkel und Tante Hofmarschall wohl mit Wendenburgs und Tiefenthals ins Hotel müssen!«

Graf Kirchwald räusperte sich.

»Hm – Käthe, du weißt, welches Vorurteil Tante Kuki gegen Hotels hat,« versuchte er einzulenken. »Wenn wir es der Miß plausibel machen, für die kurze Zeit, sagen wir mit dem Kinderzimmer oder mit meinem Ankleidezimmer fürlieb zu nehmen, damit auch meine nächste Verwandte bei uns wohnen kann –«

»So thut sie's gern. Selbstredend,« fiel Käthe trocken ein. »Nur, siehst du, Horst, ich hab's gar nicht vor, der guten Knickerchen solch' einen Vorschlag plausibel zu machen.«

»Das glaub' ich nicht,« sagte Graf Kirchwald liebenswürdig.

Mit den Worten »Nein? Na, da wirst du wohl recht haben, Horst!« ergab Käthe sich seufzend in ihr »Schicksal,« das heißt in den Wunsch ihres Gebieters, wie immer, wenn sie sah, daß er wirklichen Wert darauf legte. Und wie immer, versuchte sie noch einen stürmischen Appell zu Gunsten ihres Wunsches: »Ach Horst, das hättest du mir wirklich ersparen können!«

Graf Kirchwald sah sie lächelnd an, doch ehe er etwas sagen konnte, war sie aufgesprungen.

»Na ja, ich weiß schon, was du sagen willst: es hat gar keinen Zweck, auch noch Tante Kukis Jammern über gestörte Hotelnächte anzuhören nebst einigen Seitenhieben über herzlose Verwandte, die es über sich bringen, die arme Märtyrerin zu foltern. Hat es auch nicht. Also denn man tau!«

Miß Knickerbockers Dislozierung ging sogleich ohne Schwierigkeit von statten, da es die gute Seele ganz begreiflich fand, den nächsten Verwandten des Hausherrn Platz zu machen, was Käthe zu dem innerlichen Kommentar veranlaßte, daß die Miß wie der Blinde von der Farbe redete, indem ihr eine nähere Bekanntschaft mit Tante Kuki eben noch fehle. Käthe wäre selig gewesen, wenn die Miß die Pikierte gespielt hätte, und der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte sie ihr den Vorschlag einer Übersiedlung ins Kinderzimmer so gemacht, daß eine weniger harmlose Person gestutzt hätte. Aber das that die Miß ganz und gar nicht und Käthes kleine List fiel elend ins Wasser – der Tante Kuki war eben nicht zu entrinnen.

Am folgenden Tage trafen die vorher erwarteten Gäste in corpore ein – Graf Hellberg, etwas grauer geworden, aber sonst frisch und liebenswürdig wie immer, der Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle – Frau Fee von Wendenburg schöner, liebreizender denn je, ihr Gatte auch ganz der alte. Baronin Theone von Tiefenthal war noch runder geworden als zu der Zeit, da wir in »Quarks Lieblingsname« ihre Bekanntschaft machten und strickte nun, statt für Käthe, Strümpfe für Frau Fees Kinder, wenn Baron Tiefenthal nicht gerade Mangel an Socken hatte. Dieser Würdige war unverändert im Aussehen und im Wesen – laut, taktlos, ungeniert seinen schlesischen Dialekt redend, aber der goldene Kern in der rauhen Schale sorgte dafür, daß seine Verwandten ihm manches nachsahen, was sie bei einem andern kaum vertragen hätten.

»Na, was machste denn, altes Mädel?« begrüßte er seinen Liebling Käthe laut auf dem Perron des Bahnhofes. »Siehst ja ganz lampern aus! Dunnerkiel noch eens – die Krabbe wird jedes Jahr hübscher!«

»Aber Onkel, schrei doch nicht so!« sagte Käthe rot werdend.

»Schreien? Jekersch nee, ich pischbere ja bloß!« erwiderte der Mustergutsherr mit einem Stimmaufwande, daß alles sich nach ihm umsah. »Man wird doch hier noch reden dürfen! Na, Gott sei Dank, daß wir da sind! Das Eisenbahngezumple ist nicht meine Sache. Zwar von Zumpeln war nicht die Rede, der Zug fuhr wie verbrannt, daß man kaum Zeit hatte, irgendwo Einen hinter die Halsbinde zu gießen und meine Kehle ist so trocken wie 'n wollener Strumpf!«

Käthe versicherte lachend, daß man diesem Übel schon abhelfen wollte, was Tiefenthal sichtlich beruhigte und nachdem er mit einem Dienstmann noch einen lebhaften Strauß ausgefochten, bei dem beide Streitenden nur sich selbst verstanden, da sie sich beide ihrer respektiven Dialekte bedienten, wurden die Ankömmlinge in Droschken »verladen« und in die für sie reservierten Zimmer im Hotel gebracht, während Graf Hellberg bei seinen Kindern abstieg und dort zum erstenmal seinen jüngsten Enkelsohn umarmte.

Bald trafen auch die beiden andern Paare ein und nachdem der kleine Heinz eine Weile der Mittelpunkt dieses Familienkreises gewesen, versammelte sich alles um den Theetisch und man war so heiter und vergnügt, als man eben nur in vollster Harmonie sein kann.

Inmitten dieses lustigen Geplauders hörte niemand, wie unten auf der Straße vor dem Hause eine Droschke vorfuhr; es achtete auch keiner darauf, daß draußen im Korridor die elektrische Klingel ertönte, aber gleich darauf wurde die Thür des Speisezimmers geöffnet und in ihrem Rahmen erschien, wohlverhüllt in kostbare Pelze, als wollte es eine Spritzfahrt an den Nordpol unternehmen, ein älteres Paar –: Hofmarschall von Diestelcamp mit Gemahlin.

Käthe ließ vor Schreck ein Stück Kuchen fallen, das sie gerade verspeisen wollte.

»Tante Kuki!« schrie sie auf, wie gestochen. »Ich denke, ihr wolltet erst morgen kommen!«

»Ein gedankenloser Gedanke, wie gewöhnlich, meine Liebe,« kam es scharf über die schmalen, zusammengekniffenen Lippen der pelzumhüllten Dame, »denn wir haben uns durch ein Billet von mir nachträglich für heute angemeldet. Wenn du uns aber durch diesen Empfang andeuten willst, daß wir heute unwillkommen sind, dann können wir uns so wieder empfehlen!«

»Hab' ich das gesagt?« wandte sich Käthe empört an die Anwesenden, doch Graf Kirchwald hatte sich rasch gefaßt und führte seine Tante vollends in das Zimmer, indem er versicherte, keinen solchen Brief erhalten zu haben.

»Ich habe ihn meinem Gemahl selbst zur Beförderung übergeben,« erwiderte Tante Kuki, immer noch voll Mißtrauen mit einem Seitenblick auf Käthe, die mit zurückgeworfenem Kopfe aus ihrer Entrüstung keinen Hehl machte.

»Gewiß, meine Teure, gewiß – ich habe ihn doch auch selbst mit den anderen Briefen in den Postkasten geworfen,« versicherte der Hofmarschall. »Ich hatte sie alle in meinem Portefeuille« – hier produzierte er diesen nützlichen Gegenstand – »hier hatte ich ihn gestern noch, und – ja – wie konnte mir denn das passieren – hier ist er noch!« Und mit konsterniertem Gesicht brachte er das fragliche Schreiben heil und unberührt von jeglichem Poststempel ans Licht.

Ein geräuschvoller Heiterkeitsanfall Tiefenthals machte der folgenden verlegenen Pause ein jähes Ende.

»So was passiert in den besten Familien!« lachte er ungeniert heraus. »Machen Sie kein solch' betrippstes Gesicht, oller Schwede, und lassen Sie sich 'nen Kuß von mir aufbrummen – ich bin in der Beziehung genau solch 'n tapriger Konfusionsrat wie Sie!«

Tante Kuki machte ein Gesicht, als ob sie unversehens in eine Citrone gebissen hätte, erstens weil ein Mensch, den sie nur oberflächlich kannte, es wagte zu lachen, ehe er ihr unterthänigst die Hand geküßt und dann, weil eben dieser selbe Mensch, den ihr Gatte noch gar nicht kannte, ihn in einem Atem kurzweg mit »oller Schwede« anredete und ihm einen Kuß anbietend einen »taprigen Konfusionsrat« nannte. Aber da ihr Gatte alles das scheinbar ganz vergnügt in seiner Verwirrung entgegen nahm und sie über aller Gesichter ein Lächeln huschen sah, machte sie gute Miene zum bösen Spiel.

»Nun, ich sehe, daß hier ein Irrtum sich schnell genug aufgeklärt hat,« sagte sie gezwungen lächelnd. »Liebe Nichte, ich finde dein Erstaunen über unser plötzliches Erscheinen jetzt ganz erklärlich und würde dir dankbar sein, wenn du uns unser Zimmer anwiesest!«

»Das soll nämlich eine Entschuldigung sein,« raunte Käthe ihrer Schwester ins Ohr und setzte laut hinzu: »Na, lege nur einstweilen ab, Tante, und erwärme deine Seele mit einer Tasse Thee, denn das Zimmer muß erst geheizt werden –«

»O! Das Zimmer muß erst geheizt werden?« wiederholte Tante Kuki gedehnt. »Du hättest besser gethan, dies schon früher thun zu lassen – man erkältet sich so leicht in frisch geheizten Räumen.«

Käthe zuckte mit den Achseln – sie war es gewohnt, immer von Tante Kuki getadelt zu werden und machte sich wenig genug daraus, aber die Miß sah chokiert aus und fühlte sich verpflichtet, sich ihrer ehemaligen Schülerin anzunehmen.

»I beg your pardon,« wandte sie sich an Frau von Diestelcamp. »In unsere nordische Klimate sein das eine andere matter. Dort, man muß tagelang keep up a fire, um eine unbewohnte Zimmer warm zu machen. Hier im Süden braucht man dazu nur eine kurze Zeit.«

»So? Wie interessant!« ließ Tante Kuki sich herbei zu erwidern, indem sie ihre Reisehüllen ablegte, und bald hatten die Ankömmlinge am Theetisch Platz genommen und Graf Hellberg sorgte dafür, daß die neben ihm placierte Frau von Diestelcamp bald behaglich genug aussah, die Schleusen ihrer bedingungsreichen Liebenswürdigkeit öffnete und die Sonne ihrer Gnade über die Gerechten und Ungerechten dieser kleinen Runde aufgehen ließ. Ja, bei der dritten Tasse und einem besonders delikaten Stückchen Kuchen ließ sie sich sogar herbei, Käthe huldreich anzulächeln, indem sie sagte: »Du ahnst nicht, liebe Nichte, wie sehr ich mich schon danach sehne, unsern lieben, süßen Habakuk an mein Herz zu drücken!«

Käthe machte erst ein erstauntes Gesicht, dann lachte sie lustig auf.

»Aber Tante,« sagte sie heiter, »das kannst du doch alle Tage haben! Na, euer Zimmer ist ja bald soweit bereit, wenn du's aber gar nicht mehr aushalten kannst – wir haben nichts dagegen, wenn du den Onkel auch hier schon ans Herz drücken willst, vorausgesetzt, daß es ihm nicht genierlich ist!«

»Ich verstehe nicht!« replizierte Tante Kuki. »Wer spricht von dem Onkel? Ich meine den kleinen Habakuk!«

Käthe sah sich hilflos um.

»Das verstehe ich wieder nicht,« gestand sie. »Wo ist denn ein kleiner Habakuk?«

Tante Kuki faltete ergeben ihre Hände.

»Sie kennt ihren eigenen Sohn nicht!« hauchte sie mit einem Blick um die Tafelrunde.

»Mein Sohn?« wiederholte Käthe. »Ja, der heißt aber doch nicht Habakuk!«

»Wie?« rief Tante Kuki blaß werdend und sich kampfbereit aufrichtend. »Höre ich denn recht? Ich, seine Pate, habe ihm ausdrücklich diesen teuern Namen gegeben! Sollte da nicht ein Irrtum obwalten?«

»Ich glaube kaum, liebe Tante,« fiel Graf Kirchwald ein. »Unser Junge hat unter andern Namen auch ganz richtig den deinen, der zugleich auch der Name deines Gatten ist, in der Taufe erhalten – sein Rufname ist aber Heinrich – nach Papa und dem Prinzen – wir nennen ihn aber kurz nur Heinz!«

Tante Kuki verfärbte sich noch mehr. »Ich traue meinen Ohren nicht!« rief sie mit bebender Stimme und zitternden Nasenflügeln. »Natürlich – Graf Hellberg hier ist ja freilich der Großvater – indes – das Kind ist ein Kirchwald und ich bin seine nächste Anverwandte von väterlicher Seite und spiele als solche wohl hier die erste Rolle. Wie ist es daher möglich, dem Knaben einen andern Rufnamen zu geben, als den, welchen ich ihm bestimmt habe?«

»Den Rufnamen bestimmen die Eltern!« grunzte Tiefenthal dazwischen.

Tante Kuli ignorierte den Einwurf vollständig.

»Die Abänderung eines Rufnamens ist eine Sache, die keine Schwierigkeit macht,« fuhr sie fort. »Wenn man mir also – trotzdem ich es nur ungern glauben möchte, den Affront angethan hat, dem Kinde einen andern Namen zu geben, so wird diese Abänderung am besten sogleich vorgenommen werden –«

»Aber Tante –« fiel Graf Kirchwald ein, doch Frau von Diestelcamp erhob abwehrend ihre Hand.

»Bitte,« sagte sie spitz. »Wenn das Kind überhaupt Habakuk getauft wurde, so wird es auch so genannt!«

»Heinz heißt er und wird er genannt,« rief Käthe mit blitzenden Augen. »Der Name Habakuk mag ja sehr ehrwürdig sein – schön ist er aber nicht! Hab' ich nicht recht, Onkelchen?«

»In der That,« lächelte der Hofmarschall verlegen. »Ich habe mich zwar mit der Zeit an ihn gewöhnt und finde die Abkürzung ›Kuki‹ in der weiblichen Anwendung ganz reizend sogar« – dies mit einem Kompliment gegen seine »liebe Frau« – »aber offen gestanden – ich habe in jungen Jahren oft gegen das Geschick gehadert, das mich mit diesem – hm – reichlich ungewöhnlichen Namen fürs Leben bedacht hat.«

»Habakuk! Du wirst frivol!« rief Tante Kuki streng. »Ich bin erstaunt und empört, dich also deiner Nichte nach dem Munde reden zu hören! Mein Gott, kehrt sie denn das Herz meines eigenen Gatten gegen mich? Doch davon ein anderes Mal. Ich frage jetzt nur: wird das Kind Habakuk gerufen werden, oder nicht?«

»Natürlich nicht, da es schon Heinz heißt,« gab Käthe prompt zurück.

»Horst – und du hast die unsägliche Schwäche, dich in diesem heiligen, ernsten, pflichtenreichen Falle dem Willen dieses Geschöpfes unterzuordnen?« wandte sich die Tante bebend vor Zorn an ihren Neffen.

»Dies Geschöpf ist meine Frau und die Mutter meines Sohnes,« gab Graf Kirchwald vollständig beherrscht zurück. »Wir haben den Rufnamen des Kindes in absolutem, gleichberechtigtem Übereinkommen gewählt. Das ist unser gutes Recht, nicht wahr, liebe Tante?«

»Ich habe aber ausdrücklich gewünscht, daß der Knabe auf den Namen Habakuk getauft werde!«

»Ist auch geschehen, verehrte Tante. Ich werde mir erlauben, dir den Taufschein vorzulegen, aus dem du ersehen kannst, daß der Junge Heinrich, Johannes, Albert, Habakuk heißt!«

»Ist dies die richtige Reihenfolge der Namen, wie sie im Taufregister eingetragen sind?«

»Ganz wohl! Du kannst dir denken, daß wir sie mit Stolz auswendig wissen!«

Tante Kuki erhob sich.

»Man erlaube mir, mich zurückziehen zu dürfen,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Also nicht allein, daß man so herzlos war, meinen Namen dem Kinde als Rufnamen nicht zu geben – nein, man hat mir die Schmach angethan, diesen Namen auch zuletzt zu nennen. Ich sehe darin eine beabsichtigte Kränkung, die nur von diesem schlechten Geschöpf dort, das den Namen Kirchwald unwürdig führt, ausgegangen sein kann. Ich ziehe mich zurück, um einsam in der Stille meines Zimmers zu weinen!«

Und in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, rauschte sie hinaus, von der Miß gefolgt, die sich verpflichtet fühlte, ihr wenigstens die richtige Thür zu zeigen.

Die Zurückbleibenden sahen sich stumm einen Augenblick an.

»Na, da schlag' doch gleich der Popelmann drein!« brach Tiefenthal zuerst los.

»Gott,« rief Käthe seelenruhig. »Unwürdiges und schlechtes Geschöpf war noch Tante Kukis schlimmste Injurie nicht. Da hab' ich noch ganz andere auf ihrem Kerbholz. Das ist ihr Lieblingsname für mich!«

»Aber lieber Herr von Diestelcamp,« wandte sich Graf Hellberg an den Hofmarschall, »meinen Sie nicht, daß Ihre Frau Gemahlin zu weit gegangen ist? Verzeihen Sie, wenn ich mir erlaube daran zu erinnern, daß meine Tochter doch hier Hausfrau ist und –«

»Bester Graf – Sie haben tausendmal recht!« entgegnete der Hofmarschall. »Meine liebe Frau besitzt ein so leicht erregbares Temperament und überlegt ihre Worte dann nicht. Ich eile zu ihr und werde die Angelegenheit sogleich in Ordnung bringen!«

 »Auch wieder einer, der mehr verspricht, als er halten kann,« sagte Käthe, als Herr von Diestelcamp das Zimmer verlassen hatte. »Reg' dich nicht auf, Papa, und du, Horst, mach' kein solch wütendes Gesicht. Ich bin nun 'mal für Tante Kuki das rote Tuch, das sie zu blinder Wut reizt, sobald sie es sieht. Beruht, wie alle Gefühle, auf Gegenseitigkeit. Wer trinkt noch eine Tasse Thee?«

»Nee, 'nen Cognac auf den Schrecken!« schrie Tiefenthal. »Haste noch viele solche liebe Tanten, mei Herzepünktel? Die laden wir uns ein, Theone, und machen sie zahm und lassen sie auf Kandare gehen, bis sie vor dem roten Tuch nicht mehr scheut! So'n altes Besteck!«

Käthe lachte.

»Horst ist an dem ganzen Salat schuld,« erklärte sie. »Er kannte Tante Kuki länger als ich und läßt sich von Satanas verleiten, ihr die Taufnamen des Jungen in der richtigen Reihenfolge vorzutragen! So 'n unvorsichtiger Jüngling! Horst, an dir ist ein Diplomat verloren!«

Kirchwald mußte unwillkürlich lachen.

»Na ja, ich hätte gleich hinter Heinrich Habakuk sagen können,« gestand er.

»Denn also spricht Zarathustra: ›Man muß sich der Menschen Schwäche zu nutze machen,‹« citierte Wendenburg.

»Hat er das wirklich gesagt?« erkundigte sich Käthe.

»Unmöglich ist es nicht – Zarathustra hat soviel gesprochen, daß er das auch ganz gut gesagt haben kann,« erklärte Wendenburg, von dem die Sage ging, daß er 'mal einen Blick in Nietzsches Werke geworfen.

»Zarathustra muß eine ganz vernünftige alte Tante gewesen sein,« sagte Tiefenthal im Protektorenton, aber mit Überzeugung.

»Höchstens ein Onkel,« erklärte Frau von Wendenburg lächelnd. »Zarathustra ist keine Dame, sondern ein Herr.«

»I wo?« sagte Tiefenthal erstaunt. »Ist mir auf alle Fälle noch nicht vorgestellt. Jedenfalls ein Kerl, der seine Pappenheimer kennt, denn wenn man eines Menschen schwache Seite bekomplimentiert, dann hat man ihn auch in der Tasche. Kolossal vernünftig, weeß der Deibel!«

»Meinst du wirklich?« fragte Käthe zweifelnd. »Da gehört doch aber Heuchelei dazu?«

»I woher denn?« wehrte Tiefenthal ab. »Meine schwache Seite zum Beispiel ist ein guter, alter Cognac und wenn du mich mal gelegentlich auf einen stoßen willst, so zur rechten Zeit, da denke ich noch lange nicht, daß du bei mir erbschleichen willst. Er thut mir lampern im Magen, hält mich warm an deiner grünen Seite und macht, daß ich liebreich deiner gedenke. Das ist folgerichtig von mir und klug von dir. Jedes Menschen Cognac hat einen anderen Namen – vielleicht steht auf der Tante Kuki ihrer Etikette Marasquino oder Zuckerplätzel. Gieb ihr doch Zuckerplätzel – Jekersch nee! Wenn sie weiter nischt will!«

Käthe sah den sonderbaren Philosophen nachdenklich an, ehe sie aber seiner Weisheit näher treten konnte, öffnete sich die Thür und beide Diestelcamps erschienen auf der Bildfläche – er etwas erhitzt, aber Befriedigung auf dem glattrasierten, gutmütigen Diplomatengesicht, sie mit verschwollenen Augen und der Miene einer geknickten Lilie.

»Meine liebe Frau,« begann der Hofmarschall unter umständlichem Räuspern, »meine liebe Frau hat eingesehen, daß ihre momentane Enttäuschung – hm – über den veränderten Rufnamen ihres Patchens sie – hm – zu einer Erregung hingerissen hat, welche – hm, hm – gar nicht im Verhältnis zu der Sache stand. Wir bitten noch um eine Tasse Thee, gnädigste Nichte!«

Aber die gnädigste Nichte stand stocksteif vor ihrem Platze und sah ihren Gatten an, der seiner Tante nun den Arm reichte, und sie an ihren Platz zurückführte.

»Ich freue mich unendlich,« sagte er mit tadelloser Höflichkeit, »daß der kleine Zwischenfall so befriedigend erledigt ist, und Käthe ist darüber nicht minder froh. Wenn du, verehrte Tante, nun noch die Gnade haben wolltest, meiner Frau ein verbindliches Wort zu widmen, so wird sie dir einen Thee reichen, mit welchem du in Ermangelung eines anderen Getränkes inzwischen mit ihr auf Heinzens Wohl trinken kannst!«

Die Aufforderung war fein, die Brücke glänzend geschlagen, unglücklicherweise aber waren diese festen, bedeutungsvollen Worte in Tante Kukis Ohr nur ein feuerfangender Stoff.

»Wünscht Käthe, daß ich diese Worte auf den Knieen vor ihr spreche?« fragte sie scharf und leider so hohnvoll, daß Käthe sofort vergaß, was Zarathustra sprach und mit rotem Kopf wie gestochen auffuhr.

»Ich betrachte die Worte für genossen und quittiere dankend,« sagte sie mit erhobenem Kopfe. »Hier hast du deinen Thee, Tante, und schone deine Kniee, damit sie recht geschmeidig sind, wenn du 'mal in die Verlegenheit kommen solltest, sie freiwillig vor mir zu beugen!«

»In der That, sehr gütig!« höhnte Tante Kuki. »Was sie doch immer für originelle Einfälle hat, diese liebe Käthe. Eine Tante, die vor ihrer Nichte freiwillig in die Kniee sinkt –! Das wäre ein Unikum, nicht wahr, lieber Graf?«

»Na, man darf nichts verreden,« meinte Käthe schon wieder beruhigt.

»Gewisse Dinge doch,« replizierte Tante Kuki, ihren Thee mit zitternder Hand umrührend. »Und dieses mit tödlicher Sicherheit!«

»Nichts soll man verreden!« behauptete Käthe, zum vollsten Widerspruch gereizt. »Alles ist möglich in der Welt.«

»Nur dieses Eine nicht,« rief Tante Kuki schon erregter, indem sie aber ihr hohnvolles Lächeln behauptete.

»Kommst du mir so, dann komm ich dir so,« entgegnete Käthe eifrig. »Ich habe bis jetzt nur gesagt, alles ist möglich, aber nun spreche ich's geradezu aus: Du wirst noch eines Tages freiwillig vor mir auf den Knieen rutschen! Ich bin hellsehend in diesem Momente und sehe das ganze Tableau vor mir!«

Tante Kuki brach in ein krampfhaftes Lachen aus.

»Es sollte ein Gesetz geben, das Tanten vor hellsehenden Nichten schützt,« rief sie schrill.

»Na, wollen wir wetten?« proponierte Käthe zum Gaudium aller, Herrn von Diestelcamp ausgenommen.

»Ja ja, wetten – ich schlage durch!« schrie Tiefenthal. »Das heißt,« fügte er vorsichtig hinzu, »man muß erst wissen, um was die Wette gilt!«

Tante Kuki sah ihn indigniert an.

»Ich weiß nicht – soll ich hier wieder insultiert werden?« fragte sie mit bebender Stimme.

»O nicht doch – ein Scherz unserer Nichte, weiter nichts!« beeilte sich der Hofmarschall einzufallen.

»Als was ihr's auffaßt, ist ganz egal, vorausgesetzt, daß der Verlierende zahlt,« nahm Käthe den kapitalen Spaß voll Eifer auf, ohne zu bedenken, daß dem Hausfrieden dadurch eine neue Scene drohen konnte. Alle lachten und erklärten die Wette für eine absolut originelle, noch nie dagewesene. Tante Kuki wußte nicht recht, ob sie beleidigt sein sollte oder besser thäte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und Tiefenthal versicherte ihr, daß sie ruhig »eine Million gegen einen faulen Appel« einsetzen könnte, wenn sie ihrer Sache doch so sicher sei.

»Na, Tante, das wäre schneidig von dir,« ermunterte Käthe ihre mißvergnügte Verwandte. »Nun zeig' 'mal, daß du nobel bist, und setze deine Million ein! Vetter Tiefenthal schlägt durch, da ich's ihm an der Nase ansehe, daß er meinen faulen Apfel zu riskieren geneigt ist, sintemalen er von dieser Sorte sicher viel auf Lager hat!«

Tante Kuki sah sich zweifelnd im Kreise um – man schien die Sache nicht so aufzufassen, als wollte man ihr eine Demütigung wünschen, sondern behandelte diese eigentlich unerhörte Wette als einen harmlosen Spaß. Tante Kuki hatte, trotz ihrer Arroganz und trotz ihres in vieler Hinsicht stark beschränkten Unterthanenverstandes, auf die Vorstellung ihres Gatten eingesehen, daß sie vorhin zu weit gegangen, aber sie war zu stolz, das einzugestehen, und überließ es ihm, ihre Entschuldigung zu stammeln. Eine solche vor Käthe auszusprechen, hätte sie in ihrer tantlichen Würde nie über die Lippen gebracht und der Ernst in ihres Neffen Gesicht und in seinen Worten berührte sie nur oberflächlich. Auch was die andern dachten, war ihr insofern einerlei, als sie sich weit erhaben über Leute wie Wendenburgs und Tiefenthals wähnte, nur die ernste Mißbilligung und kühle Reserve Graf Hellbergs waren ihr nicht gleichgültig, denn sie hatte einen entschiedenen Respekt vor dem vornehmen alten Herrn, der sie bei ihrer Ankunft so chevaleresk, jetzt so höflich kühl behandelte. Sich also die Zuneigung dieses einen zurückzuerobern, war für Tante Kuki entschieden von größtem Wert – sie wandte sich also süß lächelnd zu ihm und flötete ihm zu:

»Mein lieber Graf, was meinen Sie zu dieser höchst ungewöhnlichen Sache? Ist es nicht gegen meine Würde als Tante, selbst nur im Scherz auf eine solche Wette einzugehen?«

»Meine gnädigste Frau,« erwiderte Graf Hellberg kühl, »die Wette ist eine jener tollen Ideen, an denen das Köpfchen meiner Jüngsten immer so reich ist. Käthe ist aber ein so harmloses Geschöpf, daß sie eine Kränkung damit sicher nicht bezweckt hat und wenn Sie an Ihr Herz schlagen und an Ihr Gerechtigkeitsgefühl appellieren, so werden Sie sich zugestehen müssen, daß Sie den Geist des Widerspruchs und den eines natürlichen Revanchegefühls doch in ihr hervorgerufen haben durch sehr, sehr harte Worte, die Käthe nicht verdient hat. Und wenn sie statt eines freundlichen Blickes, für den Käthe zu jeder Zeit zugänglich ist, Ihrer Rede noch ein Tröpflein bittern Hohnes zuzusetzen für gut fanden, so dürfen Sie sich nicht wundern, wenn die menschliche Natur dagegen Widerspruch erhebt. Daß dieses letztere drastische Form annahm, ist eben eine Eigentümlichkeit meiner Tochter, deren Charakter Ihnen leider so wenig homogen und sympathisch scheint!«

Käthe hätte ihren Vater für diese »herrliche Standpauke« am liebsten umarmt, trotzdem sie die feinen Pointen lieber mit stärkerem Geschütz vertauscht gesehen hätte – sie warf ihm nur einen blitzenden, dankbaren Blick zu und Graf Kirchwald lächelte, denn ihm schien es, als hätte Tante Kuki in seinem Schwiegervater ihren Meister gefunden. Und so war es in der That. Frau von Diestelcamps Herz schlug entschieden beunruhigt – nicht aus Reue, sondern aus Furcht, die gute Meinung dieses überlegenen Kavaliers aus der alten Schule verloren zu haben.

»Mein teurer Graf, darin thun Sie mir sicher unrecht,« rief sie mit noch süßerem Lächeln, »und zum Beweise dafür will ich zeigen, daß ich auch einen Spaß verstehe und selbst einem bizarren Übermut der Jugend verständnisvoll gegenüberstehe. Meine liebe Käthe« – dies mit sichtlicher Überwindung – »ich bin wirklich nicht so schlimm, als ich mich selbst oft malen mag – gut denn, ich acceptiere dein Propos mit der Auffassung deines teuern Vaters und nehme deine Wette an!«

»Bravo!« schrie Tiefenthal.

»Ist das dein Ernst?« fragte Käthe mißtrauisch über diese Wandlung.

»Soweit ein Spaß überhaupt Ernst sein kann – sicherlich,« beeilte sich Tante Kuki zu versichern.

»Na, da fällt der Mond 'runter!« rief Käthe in ehrlichem Staunen, welche Bemerkung Frau von Diestelcamp mit neckisch sein sollendem Kopfnicken hinnahm.

Tiefenthal streckte seine riesengroße Rechte über den Tisch und versicherte, daß er bereit zum Durchschlagen sei, wenn die Bedingungen perfekt wären, die er nochmals als eine Million gegen einen faulen Apfel proponierte.

»Nicht doch – eine Million wäre denn doch zuviel,« opponierte Tante Kuki und Theone Tiefenthal, die längst schon den Strickstrumpf vorgezogen hatte, bemerkte lachend: »Na, na, Frau von Diestelcamp, so sicher sind Sie Ihrer Sache wohl doch nicht!«

»Wie können Sie das denken!« flammte Tante Kuki auf, fügte aber in scherzhaftem Ton hinzu: »Man darf doch nur einsetzen, was man wirklich geben kann!«

»Die Sage geht aber, daß Sie ein paar Milliönchen schwer sind,« bemerkte Tiefenthal harmlos, aber da Tante Kuki nicht gern hörte, wenn man die Tiefe ihres Säckels taxierte, den sie gern etwas fest zusammenschnürte, so fiel Kirchwald ein: »So laßt meine Tante doch selbst ihren Einsatz bestimmen!«

»Nun denn – vielleicht zwei faule Äpfel,« beeilte sich Frau von Diestelcamp nicht ohne Hohn vorzuschlagen, was einen Sturm von Gelächter hervorrief, in das auch Graf Hellberg so herzlich einstimmte, daß Tante Kuki es bereute, durch den Sturm der Gefühle in ihrem Herzen zu solch glänzendem Propos hingerissen worden zu sein, das den wahren Stand ihrer geheuchelten Anteilnahme bloßlegte. Ehe sie noch wußte, wie sie das wieder gutmachen sollte, trat wiederum ihr Gatte vermittelnd ein.

»Laßt uns doch Käthes Vorschlag hören,« meinte er schmunzelnd und diese erhob sich sogleich mit funkelnden Augen.

»Was thue ich mit einer Million – ich bin zufrieden mit dem, was ich habe,« rief sie im Volksrednerton. »Darum, meine verehrten Damen und Herren, hochgeachtete Anwesende, erkläre ich, daß ich um der Sache willen auch mit zwei faulen Äppeln zufrieden gewesen wäre, wenn es mir nur um den Triumph der Genugthuung zu thun wäre. Indes erfüllen jetzt heiligere Pflichten meinen Busen, nämlich die Zukunft unseres Sohnes und Erben. Darum schlage ich folgendes vor: Tante Kuki verhieß uns einstens ein splendides Hochzeitsgeschenk unter gewissen Bedingungen, welche Horst leider nahe daran war zu erfüllen, als Tante Kuki durch das Ereignis ihrer eigenen Vermählung besagtes Geschenk wieder zurückzog und durch einen höchst seltenen Papageien ersetzte – einen merkwürdigen Vogel, der das Wort ›Rhinoceros‹ tadelfrei aussprechen konnte. Da dieses sonderbare Vieh indes infolge eines Diätfehlers leider das Zeitliche gesegnet hat – er fühlte sich nämlich gezwungen, ein schlangenledernes Portemonnaie mit grünem Futter zu stehlen und aufzufressen samt einem etwas schmutzigen Zwanzigmarkschein darin, der jedenfalls mit Bacillen durchsetzt war – so hat sich in meinem Herzen die Sehnsucht nach dem erstverheißenen Hochzeitsgeschenk wieder geregt. Ich proponiere daher, daß Tante Kuki dieses als Einsatz für unsere Wette bestimmt und im Falle des Verlierens uns für unsern Sohn bedingungslos sogleich überläßt!«

Tante Kuki war während dieser Rede rot und blaß geworden und vermied den Blick ihres Gatten, der indes, ganz auf den Ton Käthes eingehend, lächelnd sagte: »Ich meine, das läßt sich hören. Meine liebe Frau ist so doch der Meinung, daß sie nichts zu riskieren hat, und wenn ihre bewundernswerte Gewissenhaftigkeit gegen die proponierte Million Einspruch erhob, so hat sie damit ihre Sicherheit noch nicht in Frage stellen wollen.«

Tante Kuki kämpfte noch einen schweren Kampf, dann wandte sie sich wieder an Graf Hellberg mit der süß lächelnden Frage, was er dazu sage.

»Gnädige Frau,« erwiderte er heiter, »Käthes thätiger Kopf spinnt den luftigen Faden lustig weiter. Da ich indes, was den Ausweg dieser bizarren Wette betrifft, ganz Ihrer Meinung bin und alle Chancen des Gewinnens auf Ihrer Seite mit tödlicher Sicherheit sehe, so denke ich, daß Sie ruhig alle Schätze Golcondas auf Ihre Karte setzen können, ohne auch nur einen Moment der Unruhe über ihren Verlust zu empfinden. Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, daß Käthe ihre Kosten an der Wette mit unendlichem Vergnügen entrichten wird – das Exemplar eines faulen Apfels, das Sie erhalten, wird sicher seinesgleichen suchen!«

Diese Rede gab Tante Kuki ihre ganze Sicherheit, ihre ganzen Nerven wieder und fast übermütig erklärte sie sich mit Käthes Vorschlag einverstanden. Unter dem Lachen und Scherzen der andern zog Tiefenthal sein Taschenbuch hervor, riß ein Blatt daraus und schrieb mit Tintenstift folgenden Vertrag darauf:

 

Zwischen den beiden unterzeichneten Kontrahenten einerseits und dem dito unterzeichneten Zeugen andrerseits ist folgende Wette vereinbart worden: Gräfin Käthe Kirchwald wettet, daß Frau von Diestelcamp freiwillig vor ihr auf die Kniee fallen wird, während die letztere darauf wettet, daß das nie und unter keinen Umständen erfolgen kann. Die Dauer für den Bestand der Wette bis zu ihrem Austrage läuft ein Jahr und muß dieser Vertrag dann erneuert werden. Verliert Gräfin Käthe die Wette, dann zahlt sie an Frau von Diestelcamp einen faulen Apfel, verliert die letztere, so tritt sie an Gräfin Käthe ihre Herrschaft Steinbach mit allem lebenden und toten Inventar, allen Einkünften und Lasten bedingungslos ab.


Die Kontrahenten:


Katharina Gräfin Kirchwald

geb. Gräfin Hellberg.


Habakukine von Diestelcamp

geb. Gräfin Kirchwald.


Der Zeuge:


Konrad Freiherr von Tiefenthal.

N. N. am: 25. Februar 189 . . .


»Bitte,« sagte Herr von Diestelcamp lächelnd, als dieser sonderbare Vertrag unter dem Jubel der andern vollzogen war. »Nach dem Gesetz ist die Unterschrift meiner Frau ohne meine Gegenzeichnung ungültig!«

Er nahm daher ruhig das Blatt und den Stift und schrieb darunter:

»Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben: Habakuk von Diestelcamp, Hofmarschall Sr. Hoheit des Prinzen Heinrich von Nordland.« Nun mußte auch Graf Kirchwald seinen Namen daruntersetzen und nachdem das sonderbare Dokument also vollzogen war, reichten die Wettenden sich die Hände und Tiefenthal schlug durch. Käthe, die über dem Ulk natürlich längst ihren Zorn hatte verrauchen lassen, lief um den Tisch, legte der Tante beide Hände auf die Schultern und sagte in ehrlicher, naiver Anerkennung: »Tante Kuki, du hast famosen Schneid bewiesen! Ich hätte gar nicht gedacht, daß du so nett sein kannst, wenn du 'mal willst!«

Frau von Diestelcamp nahm mit säuerlichem Lächeln dieses zweifelhafte Kompliment hin – Kompliment war aber Kompliment für sie und ihre Seele dafür allzeit empfänglich.

»Mein liebes Kind,« sagte sie sententiös, »man muß einen Menschen nie nach seinem eigenen Maße messen – über dieses hinaus zu gehen, müssen wir bei Beurteilung anderer bestrebt sein!«

Käthe schnitt hinter dem Rücken der Tante ein Gesicht über diese Herabdrückung ihrer selbst unter das Piedestal ihrer Antipathie, aber um des lieben Friedens willen begehrte sie nicht über die ihr gezogene Linie hinaus – die Grimasse, die sie sich dazu genehmigte, genügte ihrem Selbstgefühl. Frau von Diestelcamp aber wandte sich wieder dem Grafen zu und reichte ihm die Hand.

Mit den Worten: »Bin ich nicht tapfer?« forderte sie sein Lob heraus. »Und nun: soyons amis, Cinna!«

Graf Hellberg küßte chevaleresk diese Hand, die sich ihm gewissermaßen abbittend bot, und hörte geduldig den lieben langen Abend zu, was ihm Tante Kuki von ihrer philanthropischen Thätigkeit in Nordland vorkolkte, er ließ eine genaue Beschreibung ihres Mägdeheims über sich ergehen, nach dessen Muster so und so viele Königinnen, Fürstinnen und sonstige Potentatinnen gleiche Anstalten eingerichtet, er mußte ein Exemplar der Statuten entgegennehmen und kaufte sich endlich durch Zeichnung eines Beitrages für den letzten Rest des Abends von seiner übereifrigen Peinigerin los, die nun, beruhigt darüber, ganz das Herz dieses Kavaliers erobert zu haben und felsenfest in seiner guten Meinung zu stehen, ihr Schlafgemach aufsuchte, wo die Gardinenpredigt des armen Diestelcamp noch gnädig genug ablief und nur die Frivolität beanstandet wurde, mit der der eigene Gatte zum Eingehen einer Wette zugeredet hatte, deren Erfolg zwar auf der Seite seiner Gattin stand, die aber nichtsdestoweniger ihrer Würde zu nahe trat, ganz abgesehen davon, daß diese Wette an sich respektlos, dumm und kindisch zugleich war.

Herr von Diestelcamp aber war noch weiser als sein berühmter, durch Schaden klug gemachter Vorgänger, Herr Kaudel. Denn während dieser laut der hinterlassenen Gardinenpredigten seiner unsterblichen Gattin doch stellenweise Einwände machte, schwieg er gänzlich still, froh, daß seine Autorität wenigstens einen unheilbaren Bruch verhütet, und in seiner Seele geheimstem Schrein die zwar schwache, aber doch lebendige Ansicht hegend, daß seiner oft recht gewaltigen bessern Hälfte ein ungünstiger Austrag der »frivolen« Wette gar nichts schaden und ihr ein ganz heilsamer Denkzettel sein könnte.

Käthe ihrerseits begab sich in übermütiger Laune zur Ruhe.

»Du, Horst,« meinte sie, sich mitten in einem sehr kunstreich gepfiffenen Musikstück unterbrechend, »wenn wir erst Steinbach wieder haben werden, das wird nicht dumm sein, was?«

»Steinbach?« wiederholte Kirchwald gähnend. »Ach so, du spielst auf deine verrückte Wette an!«

»Verrückt? Na höre, das ist Tusch!« rief Käthe empört.

»Wie man nur auf so etwas kommen kann!« erwiderte Kirchwald lachend. »Solch eine unglaubliche Idee kannst nur du allein haben. Ich wundre mich nur, daß Tante Kuki darauf eingegangen ist!«

»Weil sie Angst vor Papa hatte,« sagte Käthe, die oft merkwürdig tief und klar sah.

»Möglich,« gab Graf Kirchwald zu. »Eigentlich aber war's doch die reine Komödie – eine Scene fürs Kasperletheater. Jedenfalls hast du damit die Situation glänzend gerettet!«

»Und Steinbach dazu!« triumphierte Käthe.

Graf Kirchwald sah seine Frau starr an.

»Aber Käthe!« rief er dann lachend, »du thust ja, als ob Tante Kuki die unsinnige Wette wirklich verlieren könnte!«

»Wird sie auch!« war die vergnügte Antwort.

Graf Kirchwald schüttelte mit dem Kopf.

»Du vergißt, scheint mir, daß Tante Kuki freiwillig vor dir auf den Knieen liegen muß – – rohe Gewalt wäre also ungültig,« sagte er langsam.

»Weiß ich, wird sie auch,« tönte es noch vergnügter zurück.

»Na, wenn du dir darüber klar bist –« meinte Kirchwald achselzuckend.

»Ganz klar, Horst! Gute Nacht!«

»Gute Nacht! Käthe, du brütest doch nicht etwa über einem entsetzlichen Streich? Gieb mir dein Wort, daß du keinen Gewaltakt vorhast!«

»Ich brüte nicht, Horst, und gebe dir mein Wort. Aber du weißt, mein kleiner Finger ist ein famoser Prophet, und der sagt mir immerzu: ›Steinbach! Steinbach!‹ Gott verläßt die Seinen nicht und die Gerechtigkeit siegt immer zuletzt. Gute Nacht!«

»Gute Nacht,« wiederholte Graf Kirchwald mechanisch, aber noch in seinen Träumen plagte ihn der Gedanke, daß Käthe etwas auf der Pfanne haben mußte. Ihre zahllosen Streiche zogen wild als Alpdrücken an seiner schlummernden Seele vorüber – er sah die Miß eingeschlossen in Käthes Zimmer auf Hellberg ; er sah Herrn von Diestelcamp angeklebt wieder in Käthes Zimmer im Schlosse zu Nordland, er sah, wie sie der Kammerfrau die Bettdecke nächtlicherweile durchs Schlüsselloch vom Leibe zog, sah Tante Kuki in seinem Hause mit einem Erbsenregen überschüttet und hörte Tiefenthal entsetzt aufschreien, als er sich auf eine Sammlung grüner Gurken und stacheliger Möbelbürsten in sein Bett warf. Er sah endlich, wie Käthe die Tante an den Schultern faßte und in die Kniee zwang, aber er konnte bei alldem nicht ahnen, daß sie im Einschlafen murmelte:« Gewalt? I, wo werde ich denn! Überhaupt weiß ich noch soviel wie nichts, aber da kennt ihr Käthe schlecht, wenn ihr glaubt, daß sie in solchen erhabenen Momenten nicht auf der Höhe der Situation stehen wird. Was sagt der alte Nachtwächter, der Zarathustra? Man soll sich des Menschen Schwäche zu nutze machen? Zwar, Wendenburg weiß nicht genau, ob Zarathustra das wirklich gesagt hat. Aber darauf kommt's ja gar nicht an. Vielleicht giebt Zarathustra mir im Traum einen kleinen Wink.«

Ob der Nietzschesche Weise wirklich so freundlich war, das zu thun, werden die folgenden Seiten lehren – jedenfalls hatte Graf Kirchwald am folgenden Morgen die ganze Sache vergessen und wenn er noch daran dachte – er hatte ja Käthes Wort darauf, daß sie keine Gewalt ausüben wollte


* * *


Wenn in Graf Kirchwalds Seele der schwarze Gedanke aufgedämmert war, daß es Käthe darauf anlegen wollte, Tante Kuki so zu reizen, daß ihr die Zunge derartig durchging, um sie schließlich zu einer fußfälligen Abbitte zu zwingen, so hatte er seiner Frau sichtlich unrecht damit gethan; denn letztere begrüßte Frau von Diestelcamp am folgenden Morgen in einer Weise, als wäre sie immer nur ein Herz und eine Seele mit ihr gewesen, und da Graf Hellberg zugegen war, so vergalt Tante Kuki den herzlichen Empfang sogar dadurch, daß sie ihr einen Kuß gab. »Das heißt,« erklärte Käthe später, »sie hat ihre Nasenspitze im Zickzack an meiner Backe abgewetzt!« – Tante Kuki schien diese Manipulation indes durchaus als Kuß aufzufassen und Käthe that, als hätte sie desgleichen gethan nach dem Grundsatze:


»A bißerl Lieb und a bißerl Treu,
Und a bißerl Falschheit sind allweil dabei.« –


Tante,« sagte sie heiter, »laß' uns noch einen Kontrakt machen: Ich nehme dich, wie du bist, und du nimmst mich, wie ich bin, und über die Klippen setzen wir, bildlich geredet, im langen Sprunge hinüber. Mit diesem Vorschlag setze ich zwar für mich den Erfolg unserer Wette aufs Spiel, garantiere dir dafür aber den deinigen. Und nun sag' noch einmal, daß ich kein guter Kerl bin!«

Tante Kuki schloß die Augen halb und runzelte die Stirn, aber sie sah Graf Hellbergs Augen auf sich gerichtet und zwang sich zu einem Lächeln.

»An dem Ausgang der – der sogenannten Wette für mich zweifle ich auf keinen Fall,« sagte sie, »aber du scheinst es ehrlich zu meinen.

Daher sehe ich über den Ausdruck dafür hinweg und werde gleichfalls bemüht sein, dich so zu nehmen, wie du bist!«

»Na, das ist vernünftig,« meinte Käthe ernsthaft, was Tante Kuki nur einen resignierten Seufzer entlockte ob solch' ausgesprochener Unverbesserlichkeit. Aber abgesehen von diesem kleinen Intermezzo war Käthe heut' doch nicht so in ihrer Umgebung aufgehend wie sonst. Sie, die sonst thätig und rastlos überall und nirgends und immer auf dem »Qui vive?« war, schien stiller und nachdenklicher, ja sie war stellenweise sogar so tief in Gedanken versunken, daß man ihr oft eine Frage oder Anrede zweimal wiederholen mußte, ehe sie den Sinn erfaßte. Den Verwandten, die sie lange nicht gesehen, fiel dies wieder nicht auf – sie nahmen's für ein Stadium von Gesetztheit und für eine Folge ihrer noch so neuen Mutterwürde und meinten, die Gedanken der jungen Frau ganz auf die Kinderstube konzentriert. Nur Tiefenthal vermißte lebhaft Käthes frühere Schlagfertigkeit und als sie ihn dreimal ganz geistesabwesend nach derselben Sache gefragt, da platzte er ungeniert mit seiner Meinung heraus.

»Käthe, du thust ja heute ganz tälsch!« versicherte er ihr mehr deutlich als höflich. »So trübe timplich warste doch im Leben nicht! Was ist dir denn über die Leber gefahren? An was denkste denn?«

»Ich denke an Zarathustra,« antwortete Käthe zerstreut.

»An wen?« fragte Tiefenthal erstaunt. »Wer ist denn das? Ein Pferd? Nee, wart' e Bißel, das ist ja der Kerl, von dem Wendenburg immer quatscht. Du, laß dir 'n guten Rat geben und denk' lieber an was anderes – man soll riesig leicht über den ollen Onkel überschnappen können. Na, ich dachte mindestens, daß du über der ulkigen Wette von gestern simulierst und wie du das alte Reff, die Diestelcampen, auf die Kniee kriegen könntest. Unter uns, Käthe – das würde ich ihr gönnen!«

»Ich ihr auch!« versicherte Käthe aus vollem Herzen.

»Ich glaub's nicht, daß sie's thut,« meinte Tiefenthal kopfschüttelnd. »Die alte Diestelcampen, siehste, die ist so von der Sorte, die lieber auf'm Ziegenbock reiten würde, ehe sie sich ›herabläßt.‹ Ich kenne mich auf die Art aus! Scheint außerdem auch höllisch fest auf ihren Knöppen zu sitzen, der alte Geizhammel der, und wenn's der an den Kragen ginge, die kniete nicht, schon um bloß nicht rausrücken zu müssen. Wie du die Papageiengeschichte erzähltest, hat sie 'n Gesicht gemacht, wie die Katze, wenn's blitzt – nee, es war dir zum Schreien! Na, wie gesagt, die Wette war ein kostbarer Ulk, aber leider wird dabei für dich nischt 'raus kommen, denn eh' die vor dir kniet, da müßtest du mindestens schon vorher Kaiserin von China werden!«

Käthe sah den guten Tiefenthal an, als hätte er statt schlechtes Deutsch chinesisch gesprochen.

»Waaas?« stammelte sie erstaunt.

»Nanu? Geht das Gefrage wieder los? Ich wette, die kleene Krabate hat nicht 'n Sterbenswort gehört, während ich mir's Maul fußlig rede,« lachte Tiefenthal neckend. »Mädel, ist denn der Popelmann in dich gefahren?«

»Nee, ganz was andres!« rief Käthe wie elektrisiert, und dem verblüfften Tiefenthal unversehens um den Hals fallend, gab sie ihm einen höchst verwandtschaftlichen Kuß. »Vetter, Freund und Kupferstecher – du bist die kostbarste Perle und wenn ich dich in Gold fassen könnte, ich thäte es auf dem Fleck!«

»Dunnerkiel!« rief der erstaunte Mustergutsherr. »Sie ist wahrhaftig übergeschnappt!«

»Na, Kinder, bei solchen Liebesscenen muß ich doch gefragt werden!« rief Theone vom Sofa herüber, indem sie mit der Stricknadel drohte. Aber Käthe hatte das Opfer ihrer plötzlichen Zärtlichkeit schon losgelassen und chassierte im Galopptempo durch das Zimmer, indem sie sang:


»Und wenn du denkst, du hast'n,
Dann springt er aus dem Kasten!«


»Bei dir scheint auch was aus dem Kasten gesprungen zu sein,« lachte Wendenburg seiner Schwägerin zu. »Da bilde ich harmloser Europäer mir ein, daß die Ankunft des Kronprinzen von Kirchwald eine enorm gesetzte zurückhaltende Dame aus dir gemacht hatte – ja Proste Mahlzeit – mit einem Mal hopst die alte Käthe herum wie in jenen schönen Tagen, da sie mit langem Zopfe und roten Strümpfen im Hellberger Schlosse herumsauste und sich umsah, an wem sie ihr Mütchen kühlen konnte! Käthe, ich fühle mich enttäuscht in dir!«

»Und ich fühle wieder mich selbst!« rief Käthe mit einem übermütigen Knicks.

»Das heißt, du fühlst Thatendurst in dir,« meinte Graf Hellberg mit stolzem Blick auf seine »Jüngste,« die mit blitzenden Augen und eingestemmten Armen siegreich wie eine Walküre in dem Kreise stand.

»Recht geraten, Papa!« erwiderte sie. »Und wenn ich Thatendurst spüre, dann bin ich einfach großartig!«

»Ich verstehe nicht – was ist der Grund dieser lebhaften Demonstration?« fragte die wieder eintretende Tante Kuki achselzuckend.

»Der Grund?« wiederholte Käthe, sich mit einer Pirouette zu Frau von Diestelcamp wendend. »Eine Gegenfrage, Tante; bist du schon mal auf dem Holzwege gewesen? Ich nehme an, ja! Denn jeder Mensch kennt diesen berühmten Weg, auf dem er gründlich schief gewickelt ist. Na, siehst du, wenn du nun so darauf herum wandelst in der festen Überzeugung, daß du ganz richtig gehst, und es kommt plötzlich ein elektrisches Licht, das dir zeigt, wo du eigentlich bist, nämlich auf dem Holzwege, was thust du da? Du machst, daß du herunter kommst und freust dir 'nen Ast, daß du plötzlich im richtigen Fahrwasser bist. Ist dir das klar?«

»Eigentlich nicht,« gestand Tante Kuki spitz. »Ganz abgesehen davon, daß es mir unklar ist, wie man sich über einen Ast freuen kann!«

»O – dies sein nur slang« sagte die Miß, um auch ihren Senf dazuzugeben.

Käthe ließ eine nähere Erklärung auf sich beruhen – aber sie war wie ausgewechselt; sie lachte, schwatzte den größten Unsinn, neckte alle Welt und überhäufte den guten Tiefenthal mit Zärtlichkeiten, daß er schon fast grob werden wollte.

»Entweder, du willst mich anpumpen, dann sag's nur gleich, oder ich hab' dir ohne es zu wissen, ein Rittergut geschenkt,« behauptete er.

»Du ahnungsvoller Engel, du!« erwiderte Käthe neckend. »Was dein Alter heut' hellsehend ist, Theone! Rein zum Abküssen!« – zu welcher Behauptung Theone zwar den Kopf schüttelte, Tiefenthal aber einen Seitenblick in den Spiegel riskierte, um sich von der Unwiderstehlichkeit seiner Person besser überzeugen zu können.

Das Programm des im Kirchwaldschen Hause versammelten Verwandtenkreises war heute beim Mittagessen dahin geregelt worden, daß die offizielle Taufnachfeier unter Hinzuziehung diverser anderer Gäste am folgenden Tage statthaben sollte. Kirchwalds hohe und höchste Vorgesetzte hatten zugesagt, das Familienfest durch ihre Gegenwart zu verherrlichen und ein paar inoffizielle, aber dafür um so amüsantere Persönlichkeiten waren in den feierlichen Kreis mit eingeschmuggelt worden. Den Tag darauf beabsichtigte Herr von Diestelcamp seine diplomatische Sendung nach der Nachbarresidenz auszuführen und war sein Verweilen dort auf zwei bis drei Tage berechnet. Gleichzeitig mit ihm mußte leider Graf Kirchwald auch in dienstlichen Angelegenheiten verreisen und Käthe sollte während der Zeit ihrer Strohwitwenschaft von ihren Verwandten getröstet werden, die erst nach Zurückkunft der beiden Herren ihre Heimreise antreten wollten. Für den heutigen Abend hatten Kirchwalds eine Einladung zu einem Künstlerfest in den Räumen der Kunstschule erhalten, doch ihrer Gäste wegen abgesagt. Indes bei der Beliebtheit des Kirchwaldschen Paares in den Kreisen der Malerakademie hatte man sich damit nicht begnügt, sondern die Einladung auch auf die Gäste des jungen Paares ausgedehnt, was gern und mit Begeisterung angenommen wurde, da Wendenburgs sowohl wie Tiefenthals noch nie ein derartiges Fest gesehen. Was Tante Kuki sich darunter in ihrem beschränkten Unterthanenverstande hinter den Palissaden ihrer Vorurteile vorstellte, gab sie leider zum allgemeinen Bedauern nicht zum besten, aber sie wies das Ansinnen, dieses Fest mit ihrer Gegenwart zu beehren, entsetzt von sich und gab nur an, daß ihre Person in den Rahmen »derartiger frivoler Belustigungen« nicht passe, wodurch sie fast zum Spielverderber für die andern geworden wäre, wenn der allzeit vermittelnde, besänftigende und friedenstiftende Hofmarschall nicht den Vorschlag gemacht hätte, ihn und seine bessere Hälfte »zum Ausruhen« ohne Sorge daheim zu lassen. Nach einigen schwachen und durchaus nicht ernst gemeinten Protesten wurde der Vorschlag denn auch dankend angenommen und als die ganze Gesellschaft dann abends wohlvermummt zu dem Feste abzog und Diestelcamps an einem reichbesetzten Theetisch zurückließ, da war es zu spät für Tante Kukis Reue, die sie nur schlecht hinter ihren scheinbar unerschütterlichen Prinzipien verbarg und die sich am folgenden Morgen heftiger nagend einstellte, als sie den Erzählungen der andern von dem reizenden Feste und seinen ebenso glänzenden wie ergötzlichen Veranstaltungen lauschte. Und in der That hatten sich Kirchwalds mit ihren Gästen herrlich amüsiert. Die Kunstakademiker hatten die großen Räume mit der nur ihnen eigenen Erfindungsgabe zu einem Zauberpalast umgewandelt, in welchem es mehr zu sehen gab, als man schier an einem Abend erfassen konnte. In der zu einem Tannenwalde verwandelten Vorhalle wurden die Gäste feierlich empfangen und die Damen von tadellos befrackten Künstlern und Akademikern nach oben geleitet zu den in verschiedenen Stilen ausgeschmückten Sälen und Zimmern. In dem Hauptraume verhieß eine kleine Bühne Darstellungen, deren Programm die wunderbarsten Nummern vom Klavier-Orchestervirtuosen bis zum nie dagewesensten Akrobaten aufwies, ein anderer Raum enthielt eine Kunstausstellung von Secessionisten, zu deren Persiflage die größten Künstler, gleichviel ob sie selbst zu den Secessionisten zählten oder nicht, ihren Beitrag geliefert. Eine mitten darin aufgestellte »Malmaschine« war zu dem Zwecke aufgerichtet, die neue Kunstrichtung in staunenswerter Weise unter Entwicklung enormer Reden und noch enormeren Dampfes zu demonstrieren. Ein Raritätenkabinett, in welchem sogar das Haar zu sehen war, das Napoleon III. im Kriege 1870/71 gefunden, lockte Staunende ohne Ende an und ein Boudoir im »Zopfstil« – hergestellt aus vom Bäcker knusperig und appetitlich gebackenen Zopfsemmeln, Hörnchen und Brezeln, sollte gar zur Verlosung kommen und den glücklichen Gewinner mit einem Semmelvorrat überschütten, an dem ein ganzes Kadettencorps sich hätte satt essen können. Da fehlten die »Puffs,« gebildet aus enormen süddeutschen sogenannten Dampfnudeln, nicht, der Rahmen eines Trumeau wurde kühn aus Weckzöpfen und Hörnchen gebildet, gebackene Kissen lagen auf dem zierlichen Sofa und zwischen den barocken Rahmen riesiger Brezeln erschienen kokette kleine Bildchen. Ein furchtbar »echt« aussehendes Zigeunerlager mit wahrsagenden alten Hexen und einem Bärenführer, der von gemaltem Schmutz zu starren schien, hatte sich in dem breiten Korridor etabliert; Bänkelsänger und sonstig »Fahrendes Volk,« ja sogar eine Rotte Cowboys machten ihn sonst unsicher – kurz, man wußte nicht, was man zuerst sehen sollte. Den geladenen Damen war aber zur besseren Übersicht je ein cavaliere servente attachiert worden und Käthe wandelte vergnüglich dahin am Arme eines Kunstschülers, der sogleich Theones angelegentliche Aufmerksamkeit erregt hatte. Nicht etwa, daß sein Anzug dazu berechtigt hätte – seines schwarzen Frackes mit der Gardenia im Knopfloch hätte sich kein Gesandtschaftsattaché zu schämen brauchen; er trug den Chapeau claque mit derselben Grazie unterm Arm wie ein Gigerl comme il faut, und seine strohgelben Glacéhandschuhe wie jeder andere Sterbliche, dennoch aber war man versucht zu fragen wie jene biedere Leipzigerin den Mohr: »Ei Herrcheses, mei kutestes Herrchen, Sie sinn wohl nich von hier?« – denn sein Kopf, der auf dem kleinen, spärlichen Körper saß, war das Fremdartige an ihm. Die kohlschwarzen Haare waren wohl nach europäischem Muster geschnitten, aber sie hingen seltsam straff herab, seine Gesichtsfarbe war braungelb, seine Backenknochen hoch, die Nase stumpf, die Augenbrauen über den schwarzen, blitzenden Äuglein von der Nasenwurzel hochgezogen – er gehörte der kaukasischen Menschenrasse evident nicht an. In der That war dieser als hochbegabt geltende Kunstakademiker ein Asiate, seine engere Heimat war Japan, sein wohlklingender Name Hei-Tsu-Sing. Wie er zum Studium der Kunst in dieses ferne Land geraten, erzählte er in tadellosem Deutsch, das sich nur gern in Superlativen erging, gern jedem, der's wissen wollte ; da es aber heutzutage grade nicht mehr ungewöhnlich ist, daß Asiaten in Europa ihre Kulturbedürfnisse befriedigen, so können wir getrost darüber zur Tagesordnung übergehen – uns genügt, daß Herr Hei-Tsu-Sing zu den glühendsten Verehrern Käthes gehörte und vermöge seiner originellen Grandezza, seines Talentes und seiner guten Manieren ein gern gesehener Gast im Kirchwaldschen Hause war. »Dieses Fest wäre ohne Sonne gewesen, wenn Sie gefehlt hätten, allergnädigste Frau Gräfin,« versicherte er Käthe schon beim Empfang ganz harmlos vor allen, und da Käthe ebenso harmlos und fremd jeder Koketterie war, wie ihr unbezopfter Verehrer, so nahm sie's auch ebenso hin, wenn sie auch lachend meinte:

»Gut gebrüllt, Löwe! Sie sind schuld, wenn ich das nun für Ernst nehme!«

»Als ob ich es anders gemeint hätte!« war die eifrige Gegenrede. »Sie wissen, herrlichste Frau Gräfin, daß ich, wir alle hier, zu Ihren Füßen liegen und für Sie durchs Feuer gehen würden!«

»Das ist reizend – so viel würde ich aber gar nicht verlangen,« erklärte Käthe ganz bei der Sache.

»So sagen Sie, was Sie verlangen zum Beweise meiner – unserer – Ergebenheit und es soll geschehen!«

Käthe sah sich um – sie war längst von den Ihrigen durch den Menschenstrom getrennt, der durch die Räume wogte, aber sie that das nicht aus Schüchternheit oder gar Furcht vor ihrem Kavalier – im Gegenteil, ein befriedigtes Lächeln huschte über ihr schönes, junges Gesicht und sie begann dem Japaner etwas zu erzählen, wozu sie die Stimme dämpfte, weshalb wir auch kein Recht haben, das Gesagte wieder zu erzählen, sonst hätte sie ja wohl laut gesprochen. Indes spiegelte sich doch manches davon in Hei-Tsu-Sings gelber Physiognomie ab: erst der Ausdruck eines Menschen, der nicht recht begreift, dann dämmerndes Verständnis, zuletzt völliges Begreifen, das in einem breiten, aber doch nicht unschönen Lächeln gipfelte, weil es viel Intelligenz, Sinn für Humor und jugendlichen Übermut verriet, welch' letzterer ja gottlob in allen Völkerstämmen sich als ganz entwicklungsfähig erwiesen hat. Zwar darf nicht verschwiegen werden, daß Herr Hei-Tsu-Sing auch mit dem Kopfe schüttelte, aber aus seinen schwarzen Äuglein blitzte es doch sehr lustig dabei, während Käthes blaue Augen förmlich zu sprühen schienen. Es währte auch gar nicht lange, so stand sie, ihr Kavalier und der Bärenführer samt seinem Bären in scheinbar höchst animiertem Gespräch zusammen, wobei der Bär mit inbegriffen ist, da er aus seinem Rachen heraus in ganz verständlichem Deutsch versichern konnte, es sei »niederträchtig heiß in dem blödsinnigen Felle.« Nach einer Weile ergänzte der Japaner den Kreis noch  durch ein herbeigeholtes, fürchterlich verwahrlost aussehendes Zigeunerweib mit Baßstimme und schließlich wurde noch ein smart aussehender Herr im tadellosen Smoking herangerufen. Wendenburgs, die zufällig des Weges kamen, blieben starr vor Staunen vor dieser Gruppe stehen, die höchst grotesk aussah: Käthe in eleganter weißer Abendtoilette, die beiden chic aussehenden Gentlemen im Verein mit dem schmutzigen Bärenführer, dem mit den Vordertatzen herumfuchtelnden Bären und endlich mit dem unglaublich »echt« aussehenden Zigeunerweibe, das war ein Anblick, vor dem man schon Halt machen konnte. Der das Wendenburgsche Paar begleitende Professor beruhigte seine Gäste aber, indem er ihnen zuflüsterte, daß hinter den Masken der beiden Proletarier und hinter dem Felle der wilden Bestie ganz gesittete Jünger Apelles' steckten und der Herr im Smoking sei der Chefredakteur einer höchst angesehenen politischen Zeitung allhier. Trotz der Verschiedenheit der Gewandung sah das Sextett in der Korridorecke indes ganz d'accord aus, ja mißtrauischen Menschen hätte es sogar scheinen können, als ob sich zwischen ihnen unter dem Deckmantel einer lustigen Maskerade eine Verschwörung entwickelte, so eifrig steckten sie die Köpfe zusammen. Wendenburg gab diesem Gedanken auch lächelnd Worte, und der Professor meinte heiter, so ganz unmöglich wäre das nicht, denn wenn ein lustiger Streich ausgeführt würde, dann dürfte man den Herd sicher bei den vier Kunstschülern vermuten, die in der Erfindung dergleichen ihren Meister suchten.

»Gott bewahre uns, wenn auch Käthe werkthätig in diesen Kreis tritt,« meinte Wendenburg. »Denn wenn meine Schwägerin verwandte Seelen findet, dann hebt sie die Welt aus ihren Achsen und löscht die Sterne mit einem Blasebalg aus.«

»Nun, meine vier Schüler dort wären ganz geeignet, ihr zu helfen,« war die tröstliche Erwiderung, »und das um so mehr, als Gräfin Kirchwald es verstanden hat, sich unsere Akademiker durch ihr fröhliches und reizendes Eingehen auf all ihre Schwänke zu Sklaven zu machen, die ihr durch Dick und Dünn folgen würden.«

»Das glaub' ich gern,« sagte Frau von Wendenburg mit einem Seufzer. »Aber die Gegenwart dieses politischen Chefredakteurs beruhigt mich einigermaßen über ein zu planendes Komplott. Er sieht mit seinem Vollbart und seinen Brillengläsern ganz onkelhaft aus, patriarchalisch fast!«

»Ich danke Ihnen für die gute Meinung, denn er ist mein Bruder,« sagte der Professor, sichtlich belustigt. »Hoffentlich schade ich ihm nicht, wenn ich verrate, daß er den patriarchalischen Onkel gern auf der Redaktion zurückläßt und es außerhalb derselben versteht, jung mit der Jugend zu sein.«

Über dem vielen Schauen, Hören und Genießen vergaßen Wendenburgs bald die groteske Gruppe, die sich um Käthe gebildet hatte, und Mitternacht war längst vorüber, als man sich endlich verabschiedete und unter der chevaleresken Hilfe liebenswürdiger Maler unten in der Vorhalle in die Abendmäntel schlüpfte zur Heimfahrt. Im letzten Moment fanden sich dazu auch noch der Chefredakteur im Smoking und der Japaner ein, die beflissen Käthes Spitzentuch, das sie sich um den Kopf schlang, herumrissen, und Frau von Wendenburg, welche der kleinen Scene lächelnd zusah, hörte dabei, wie Hei-Tsu-Sing mit strahlendem Gesichte sagte: »Allerherrlichste Frau Gräfin, die Sache ist in vollem Schwunge, der Stab ist gebildet. Um militärisch zu sprechen: die Generalidee ist ausgearbeitet und findet bei allen große Begeisterung, während die Specialidee noch einer Beratung bedarf. Sie ahnen aber nicht, welcher Lungengymnastik es bedurft hat, diesen tintenschwarzen Doktor hier zu überzeugen.«

»Ja, so wie Hei-Tsu-Sing es wollte, ging's auch wirklich nicht,« sagte der Chefredakteur. »Denn sehen Sie, gnädige Gräfin, meine Zeitung ist doch kein Ulkblatt, und wenn mir's auch nicht so schwer fallen würde, meine Abonnenten 'mal zu nasführen, so fürchte ich, könnten es die Abonnenten doch übelnehmen und falsch auffassen.«

»Na, und?« fragte Käthe gespannt.

»Man muß es eben anders anfassen,« war die lächelnde Antwort.

»Damit ist aber nicht geholfen,« meinte Käthe.

»Nein und ich gestehe auch, daß mein philiströser, europäischer Dickkopf nicht recht wußte, wie er es thuen solle. Aber Hei-Tsu-Sings leichtdenkendes, erfinderisches asiatisches Gehirn hat für mich gearbeitet – kurz, er hat die Idee gehabt und ich leihe ihr die Werkzeuge. Sie sollen zufrieden mit uns sein. Ehe Sie vierundzwanzig Stunden älter sind, meine Gnädige, werden Sie die Beweise davon haben!«

»Sie sind ein reizender Mensch und Herr Hei-Tsu-Sing ist einfach ein Engel!« rief Käthe begeistert.

»Aber einer, den sich nur ein Ultra-Realist als Modell dafür nehmen würde,« entgegnete Hei-Tsu-Sing lachend mit der ihm eignen liebenswürdigen Selbstkritik.

»Na ich danke,« sagte der Chefredakteur heiter. »Ich sehe Sie schon auf dem Titelblatte der ›Jugend‹ in gekringelten Wolken mit grünen Flügeln über einer Sonnenblume schweben. Möglich ist es auf alle Fälle!«

Als man dann nach Hause fuhr, war Frau von Wendenburg merkwürdig still.

»Bist du sehr müde, Lieb?« fragte ihr Gatte über die schlafenden Tiefenthals herüber.

»Auch das,« gestand Frau Fee, »aber,« fügte sie gepreßt hinzu, »ich dachte eigentlich an Käthe. Sie führt wieder etwas im Schilde, und zwar hat sie sich diesmal Verbündete genommen.«

»Nun, das hat etwas Beruhigendes,« meinte Wendenburg heiter. »Mir bangt nur vor dem, was Käthe allein ausführt – unter Verbündeten aber findet sich immer ein Kopf, der besonnener ist als die andern. Übrigens geht's uns nichts an – Kirchwald hat die Kosten zu tragen und trägt sie anscheinend ganz getrost.«

Und damit gab sich Frau Fee auch zufrieden.

Der folgende Festtag verlief harmonisch und glänzend dazu. Ehe die fremden Gäste zum Diner erschienen, erhielt Käthe einen dicken Stadtpostbrief, den sie für eine Rechnung erklärte, gelassen in die Tasche steckte und sich damit bald unter einem Vorwande entfernte. Wir dürfen auch nicht verschweigen, daß sie sich zur Lektüre dieser »Rechnung« in ihr Zimmer einschloß, indes mußte die Höhe der Summe sie sehr erleichtert haben, denn als sie nach einer Weile wieder erschien, strahlte sie förmlich vor Übermut und Heiterkeit, welch frohe Laune auch bei ihr für den Rest des Tages zum größten Vorteil ihrer Gäste anhielt. Daß man sich immer herrlich bei Kirchwalds amüsierte, war längst eine bekannte und ausgemachte Sache, aber das heutige Fest übertraf darin alle seine Vorgänger und es war schon spät, als die letzten Gäste sich endlich verabschiedeten.

Am nächsten Morgen reisten Herr von Diestelcamp und Graf Kirchwald verabredetermaßen gleichzeitig ab und etwas später nahm Käthe mit ihrem Vater und Tante Kuki allein Platz am Frühstückstisch. Wendenburgs und Tiefenthals wollten in etwa einer Stunde eintreffen zu einem gemeinsamen Besuch der Museen und sonstigen Sehenswürdigkeiten der Stadt, woran sich ein Mittagbrot bei Bekannten anschließen sollte. Da Tante Kuki diesen aber fremd war, so hatte sie ein »Mitbringen« ihrer selbst für unstatthaft und ihrer Würde nicht entsprechend mit gewohnter Steifheit abgelehnt und Käthe hatte es für ganz selbstredend erklärt, Tante Kuki nicht verlassen zu wollen, und Gegeneinwände nicht gelten lassen, wie es sich für sie als Hausfrau natürlich schickte und gebührte.

Als sie sich nun mit ihrem Vater und Frau von Diestelcamp zum Frühstück setzte, erschien der Diener mit der neuesten Lokalzeitung, Käthe ließ ihn damit aber nicht bis zum Tisch kommen, sondern sprang auf und lief ihm entgegen, nahm ihm die Zeitung ab und trat damit an einen Seitentisch und niemand bemerkte es, wie sie dort das Blatt unter ein großes Buch schob und unter demselben ein anderes hervorzog, mit welchem sie wieder an den Frühstückstisch trat.

»Hier ist die neueste Zeitung, Papa,« sagte sie, Graf Hellberg das Blatt reichend, »und nun lies uns vor, was sich seit gestern Neues in der Welt zugetragen hat.«

Graf Hellberg setzte sich den Kneifer auf und da er ein sehr gewissenhafter Zeitungsleser war, so vergewisserte er sich erst des Datums und begann dann beim Leitartikel.

»Die Engländer im Sudan,« las er den Titel desselben ab, aber Käthe erhob abwehrend die Hände.

»Um Gottes willen, Papa, verschone uns mit Dr. Müllers politischer Weisheit,« rief sie lachend. »Er ist zwar mein Freund und auch sonst ein riesig netter Mensch, aber wenn er Leitartikel schreibt, ist er einfach gräßlich. Bitte, trag' uns zuerst wenigstens das Lokale und die Depeschen vor!«

»Die Leitartikel, liebes Kind, sind aber der bildende Teil der Zeitungen,« warf Tante Kuki mit sanftem Tadel ein.

»Wenn sie nur nicht so sträflich langweilig wären,« sagte Käthe treuherzig.

Graf Hellberg schlug lächelnd das erste Blatt um.

»Aha, etwas Fettgedrucktes,« rief er. »Hört: ›Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß die Kaiserin von Japan, eine sehr einsichtsvolle, gebildete und reformfreundliche Dame, im strengsten Inkognito seit einigen Wochen Europa bereist, um sich mit den Wohlthätigkeitsanstalten der europäischen Kulturstaaten bekannt zu machen, da die hohe Frau beabsichtigt, in ihrem Reiche ähnliche Institute zu errichten. Namentlich sind es die Kleinkinderbewahranstalten, Mägdeheime und dergleichen, welchen sie ihre besondere Aufmerksamkeit widmet und sich darüber Vortrag von den einschlägigen Vorständen halten läßt –‹«

»Na, das ist doch nichts Interessantes!« fiel Käthe mit einem Seitenblick auf Tante Kuki ein.

»Doch,« nickte diese sehr bestimmt. »Es ist vom höchsten, menschlichen Interesse zu erfahren, wie unsere philanthropischen Bemühungen sich Bahn brechen in andern, unkultivierten Weltteilen.«

»– – halten läßt,« fuhr Graf Hellberg in seiner Vorlesung fort. »Wie man uns aus Paris schreibt, wird die Kaiserin auf ihrem Wege von dort nach Wien auch unsere Stadt berühren und sich daselbst, einem noch unverbürgten Gerücht zufolge, kurze Zeit aufhalten. (Siehe auch die Telegraphischen Nachrichten.) – Wo stehen die Telegramme? Hm – folgende Seite. Aha – richtig: »Die Kaiserin von Japan trifft im strengsten Inkognito heute Nacht in X. ein. (Anmerkung der Redaktion: Wie wir hören, sind für die Kaiserin und deren Gefolge Zimmer im Hotel ›Kronprinz‹ bestellt.)«

»Meinetwegen!« sagte Käthe gähnend. »Man bekommt sie ja doch nicht zu sehen!«

»O,« meinte Tante Kuki nachdenklich, »wenn sie nach Nordland gekommen wäre – – aber freilich, es ist nur eine kleine Residenz und die Kaiserin weicht wohl von der großen Route nicht ab.«

»Ja, es ist ja wahr – du hättest dann dein Mägdeheim präsentieren können!« rief Käthe mit einem Blick auf ihren Vater, dessen Kopf schleunigst hinter der Zeitung verschwand – er hatte sichtlich genug von Tante Kukis Mägdeheim. »Das ist aber wirklich schade,« fuhr Käthe bedauernd fort, »es wäre doch ein Triumph für dich gewesen, dein Institut – denn es ist doch das deinige, da du es begründet hast und an der Spitze der Verwaltung stehst – also dein Institut als Muster für ein ähnliches, im fernen Asien einzuführendes hinstellen zu können. Und vielleicht gar auch unter dem Namen ›Habakukinenstift!‹«

»Ja, das wäre in der That eine Gelegenheit gewesen,« meinte Tante Kuki mit niedergeschlagenen Augen. »Nicht um meinen Ruhm in ferne Weltteile zu tragen – es sei ferne von mir, das zu wollen – sondern um der Sache willen.«

»Hm! Die Mägdefrage soll in Japan noch höllisch im argen liegen,« bestätigte Käthe mit einem Gesichte, als wären die japanischen Kulturzustände der Gegenstand ihres täglichen Studiums.

»Wie interessant! Wer sagte dir das?« fragte Tante Kuki lebhaft.

»Ach, ich hab's irgendwo 'mal in einer Zeitung gelesen,« erwiderte Käthe. »Schauderhaft werden die Mägde dort behandelt und wenn sie ausgedient haben, einfach auf die Straße geworfen!«

»Empörend!« rief Tante Kuki. »Man sollte gegen solche Zustände rücksichtslos von uns aus einschreiten!«

»Das sollte man wirklich!« ereiferte sich Käthe mit merkwürdiger Energie. »Tante, das wäre etwas für dich! Du müßtest ein Komitee bilden zu einer Gesellschaft zur Einführung von Mägdeheimen in Japan! Das wäre etwas für dich!«

»In der That – ich weiß nicht – man müßte der Sache wirklich näher treten,« erwiderte Frau von Diestelcamp nachdenklich. »Jedenfalls freue ich mich von Herzen, diesen Eifer bei dir zu entdecken, liebe Nichte – ich hatte, offen gestanden, solche ernsthafte Regungen gar nicht in dir vermutet.«

Käthe ging mit einer großartigen Handbewegung über diese persönliche Bemerkung hinweg.

»Man möchte heulen, wenn man an die maltraitierten japanischen Mägde denkt,« fuhr sie mit schöner Begeisterung fort. »Denke nur, Tante, die armen Wesen einfach auf die Straße zu werfen, wenn sie nicht mehr schaffen können. Mit einem Fußtritt obendrein! O Tante, dagegen mußt du was thun! Freilich, leichter wäre es ja geworden, wenn du der Kaiserin dein Institut selbst hättest zeigen können, aber – – na, da falle doch gleich der Mond wie'n Plumpsack herunter! Ich habe eine Idee, Tante, eine Idee – –«

Käthe sprang mit blitzenden Augen auf, warf ihre Theetasse um und fiel ihrer erstaunten Verwandten um den Hals.

»Ich muß dir einen Kuß geben!« rief sie stürmisch. »Weißt du, was mir eingefallen ist? Na, rate 'mal!«

»Aber wie kann ich wissen –«

»Natürlich, gar nischt kannste wissen,« jubelte Käthe. »Auf so was kann ein vernünftiger Mensch auch gar nicht kommen! Merkst du das Kompliment, Tante? Na, da höre 'mal zu: Da die Kaiserin von Japan doch 'mal hier ist und du zufällig oder vielmehr absichtlich auch, da ist doch die Sache so einfach, daß sie einfacher gar nicht sein kann, so einfach ist die Sache! Du gehst zu der Kaiserin hin und sprichst mit ihr, setzest ihr die Geschichte auseinander – basta!«

»Aber liebe Käthe – –« brachte Tante Kuki endlich hervor.

»Da ist gar nichts zu ›abern‹ dabei,« behauptete Käthe in vollstem Eifer. »Natürlich, ich kenne ja die Hofregeln und weiß sehr gut, daß du dich nicht bloß vom Zimmerkellner bei der Kaiserin anmelden lassen kannst. Aber schriftlich kannst du's. Bittest kalt lächelnd um eine Audienz, erklärst, wer du bist und was du thust – Mägdeheim etc. etc. etc. und die Geschichte ist im Gange und kommt zum Klappen. Und schließlich: mehr wie ›nee‹ sagen kann die Kaiserin doch auch nicht; wir sind hier in Europa und Kopfabschlagen und Bauchaufschlitzen giebt's hier nicht. Na, was sagste nu dazu?«

Tante Kuki strich sich mit bebenden Händen ihren Scheitel glatt.

»Eine ganz wilde Idee von dir, liebe Nichte,« sagte sie unsicher. »Aber ich erkenne deine gute Absicht an – wirklich, das thue ich. Welch' erfinderischen Kopf du hast! Was sagen Sie dazu, lieber Graf?«

Graf Hellberg warf über die Zeitung einen Blick auf seine Tochter und dann einen zweiten auf Tante Kuki.

»Ja, meine gnädige Frau, was soll man denn dazu sagen?« fragte er ziemlich orakelhaft zurück und verschwand wieder hinter seiner papiernen Schutzmauer.

»Papa ist ganz meiner Ansicht, ich weiß es,« behauptete Käthe kühn. »Ich müßte doch erst mit meinem Gemahl Rücksprache nehmen,« wandte Tante Kuki ein.

»Jawohl, so lange wird die Kaiserin gerade hier warten – wer weiß, ob sie morgen noch da ist,« entgegnete Käthe. »Wenn ich wie du wäre, ich setzte mich gleich hin und schriebe – denk' doch 'mal bloß: ein Mägdeheim nach deinem Muster in Japan! Was sag' ich denn: eins! Aus einem würden bald zwei, drei, ein Dutzend! Und die armen Mägde brauchten nicht mehr auf der Straße herumzukrabbeln!«

Tante Kuki neigte sinnend ihr Haupt.

»Dieser Gedanke wäre ja wohl des Versuches wert,« meinte sie zögernd, »und, wie du sehr richtig bemerktest: mehr als einen Refus hätte ich dabei nicht zu fürchten. Ich liebe es nicht, abgewiesen zu werden, aber um der guten Sache willen darf man keiner persönlichen Empfindlichkeit Raum geben. Indes weiß ich doch nicht, wie mein guter Mann über die Sache denken würde.«

»Ach, für den Onkel sag' ich gut,« rief Käthe leichtsinnig, »der will doch immer, was du willst,« verbesserte sie indes prompt ihre leichtfertige Behauptung. »Und nun, frische Fische, gute Fische! Schreib' 'mal rasch, ehe die andern kommen – wenn wir mittags heimkehren, hast du vielleicht schon deine Antwort.«

»O – aber ich kann doch nicht Japanisch –«

»Aber Französisch kannst du und Englisch. Ja, ja, Englisch sprechen alle Japaner! Natürlich, Englisch! Na, komm nur rasch und schreibe – ich kann dir 'nen Bogen Papier, Fürstenformat, geben – Horst hat welches –«

Und ehe Tante Kuki es sich versah, hatte Käthe die nur schwach Widerstrebende vom Stuhle in die Höhe gezogen und sie mit sanfter Gewalt in das Arbeitszimmer ihres Gatten gedrängt. Als sie allein ins Eßzimmer zurückkehrte, fand sie ihren Vater noch am Frühstückstisch vor.

»Nun sag' 'mal bloß, was das heißen soll?« fragte er heiter.

»Sie schreibt,« sagte Käthe lakonisch.

»Vermutlich. Ich begreife nur deinen Eifer für diese Geschichte nicht!«

»Ach, weißt du, Papa,« erwiderte Käthe, sich eine neue Tasse Thee einschenkend, »Tante Kuki gehört zu den Leuten, die man beschäftigen muß, wenn man Ruhe vor ihnen haben will. Warum soll man sich zu diesem Zweck nicht ihre Schwäche zu nutze machen? Wendenburg behauptet ja, daß Zarathustra dieses Mittel rekommandiert hat.«

»Und wenn die alte Diestelcampen sich unsterblich damit blamiert?«

»Das ist ihre Sache, Papa, das geht keinen Menschen was an.«

»Außer dich selbst, Tochter, denn einen Mißerfolg wirst du auszubaden haben.«

»Was ich mir davor koofe! Ich bade sowieso alles aus, was Tante Kuki über die Leber läuft.«

»Nun, dann thue, was du nicht lassen kannst. Aber wenn sie selbst den andern nichts davon sagt, dann laß uns auch still davon sein – die Geschichte ist ja zu thöricht!«

Und Tante Kuki sagte, wenigstens vorläufig, wirklich nichts davon. Noch ehe Wendenburgs und Tiefenthals erschienen, hatte sie ihren Brief abgefaßt und Käthe mit seiner Beförderung betraut, die das Schreiben zunächst, wahrscheinlich um den Umschlag vom dicksten Elfenbeinpapier nicht der Gefahr auszusetzen, von des Burschen Händen befleckt zu werden, in ein zweites Couvert steckte, den Burschen persönlich aufsuchte und ihn mit seiner Mission vertraut machte.

Nachdem noch der kleine Heinz Miß Knickerbockers Fürsorge anvertraut war, machte die Karawane sich auf den Weg und genoß gemeinsam alle Sehenswürdigkeiten, die auf dem Programm standen.

Wie verabredet trennte sich Käthe mit Tante Kuki zur festgesetzten Zeit von der übrigen Gesellschaft unter dem Versprechen, den Abend gemeinsam im Theater zuzubringen, und während Graf Hellberg mit Wendenburgs und Tiefenthals den gastlichen Tisch ihres Freundes aufsuchten, fuhr Käthe die todmüde Frau von Diestelcamp in einer Droschke zurück an den eignen Herd.

»Ein Brief für die gnädige Frau gekommen?« war ihre erste Frage, als die Entreethür sich hinter den beiden Damen geschlossen.

»Zu Befehl, nein,« war die prompte Antwort des Dieners. »Aber ein – ein komischer Herr ist eben gekommen und verlangte die gnädige Frau zu sprechen. Ich wollte ihn erst nicht hereinlassen, aber er meinte, es wäre schon recht und da hab' ich ihn einstweilen in den Salon geführt.«

»Ein komischer Herr?« fragte Käthe anscheinend sehr erstaunt. »Wieso denn komisch?«

»Befehl – ich dachte, weil es eine Maske wäre. Morgen ist ja Faschingssonntag und da laufen die Masken doch so auf der Straße 'rum und kommen in die Häuser. Aber er sagt, er ist keine, sondern ein wirklicher und ginge immer so.«

»Das ist spaßig. Na komm nur Tante und laß uns sehen, wer es ist!«

Frau von Diestelcamp, die mit hochgezogenen Brauen zugehört hatte, betrat mit ihrer Nichte den Salon, in dessen Mitte eine Figur stand, welche allerdings einen für europäische Augen ungewohnten Anblick bot – kurz ein Asiate in der ebenso kostbaren wie imposanten Tracht eines japanischen Großen. Das Untergewand von schwerem, blauem Damast fiel ihm in reichen Falten bis an die Knöchel seiner Schnabelschuhe, das geschlitzte Oberkleid von schwarzem Atlas zeigte prächtige Goldstickerei, den Kopf bedeckte die barettartige schwarze Mütze. Beim Anblick der beiden Damen verbeugte er sich würdevoll und trat ihnen mit sicherm Anstand entgegen.

»Verzeihen Sie mein Eindringen in dieses hochherrliche Haus,« sagte er in fließendem Deutsch mit leiser, melodischer Stimme. »Mein Name ist Marquis Tsing-Tsu-Hei, meine Würde Oberhofmeister Ihrer Majestät der Kaiserin von Japan. An welche der Damen habe ich mich zu wenden?«

»Jedenfalls wohl an meine Tante, Frau von Diestelcamp. Ich bin die Gräfin Kirchwald,« erklärte Käthe liebenswürdig.

Der Marquis verbeugte sich erst tief vor ihr, dann zweimal ebenso tief vor Tante Kuki, welche beide Komplimente unwillkürlich ebenso tief erwiderte, ohne natürlich eine Ahnung davon zu haben, welch groteskes Schauspiel sie damit gab, dessen Wirkung hinter ihrem Rücken sich in Käthes Gesicht nur zu deutlich widerspiegelte, während dem Japaner die Ceremonie durchaus natürlich und selbstverständlich zu sein schien. Nachdem die Komplimente erledigt waren, nahm man Platz.

»Meine gnädigste und glorreichste Herrin, die Kaiserin hat den Brief Eurer Excellenz in Gnaden angenommen und höchst interessant zu finden geruht,« begann der Marquis, sich abermals sitzend vor Tante Kuki verneigend.

»O, in der That –« murmelte diese, vor Freude und Stolz errötend.

»Die Kaiserin,« fuhr der Marquis mit wiederholten Komplimenten fort, »die Kaiserin hatte schon von dem von Eurer Excellenz begründeten Institute gehört und es in allerhöchster Gnade bedauert, dasselbe nicht besichtigen zu können. Der Reiseplan meiner glorreichen Herrin berührte indessen nur die großen Städte – um so mehr ist meine Gebieterin erfreut, bei ihrem durch eine Ruhepause notwendig gewordenen Aufenthalte hier die großherzige Begründerin des Habakukinenheims zu finden. Meine erhabene Herrin hat mich beauftragt, Euer Excellenz zu sagen, daß sie die Gnade haben wollte, Eure Herrlichkeit zu empfangen, um aus Ihren Händen die Beschreibung und Statuten der Anstalt entgegenzunehmen!«

Tante Kuki war überwältigt.

»O – diese Gnade – ich hätte darauf nie gerechnet,« stammelte sie ganz konfus. »Aber die Broschüre ist deutsch verfaßt – und – und – ja, mein Himmel, es fällt mir jetzt erst auf, daß auch Sie Deutsch sprechen, Herr Marquis.«

Der Oberhofmeister verbeugte sich wieder.

»Wir gebildeten Japaner beherrschen fast alle europäischen Umgangssprachen,« erwiderte er. »Die Kaiserin, meine glorreiche Gebieterin, liest das Deutsche, spricht es aber nicht und wird sich zweifellos meiner als Dolmetsch bedienen. Ihre Majestät haben die Gnade gehabt, für den Empfang Euer Excellenz in Allerhöchstihren Gemächern die vierte Stunde mitteleuropäischer Zeitrechnung am morgigen Tage zu bestimmen.«

Tante Kuki, rot wie eine Puthenne vor Stolz und Freude, verbeugte sich so tief auf ihrem Sessel, daß sie mit der Nasenspitze ihre Kniee berührte.

»Ich werde nicht verfehlen, pünktlich zur Stelle zu sein,« versicherte sie. »Indes, Herr Marquis – meine Erfahrung im Hofceremoniell beschränkt sich auf die europäische Etikette – dieselbe wird doch bei Ihrer Majestät keinen Anstoß erregen?«

»Die europäischen Hofgebräuche weichen von den unsern allerdings in Einigem ab,« erklärte der Japaner, »und es dürfte unerläßlich erscheinen, sich unserer Etikette zu unterziehen. Euer Excellenz mögen indes ganz ohne Sorge sein – ich werde die hohe Ehre und das ausgezeichnete Vergnügen haben, Euer Excellenz eine Viertelstunde vor der festgesetzten Zeit im Vorzimmer Ihrer Majestät zu empfangen und mir dort die Freiheit nehmen, Eurer Excellenz die allernotwendigsten Anweisungen zu erteilen, die so einfach wie möglich sind. Es wird meine Sorge und Verantwortung sein, daß das Ceremoniell absolut richtig beobachtet wird.«

»O – ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Güte und Mühe,« murmelte Tante Kuki. »Doch noch eine Frage, Herr Marquis! In welcher Toilette habe ich zu erscheinen?«

Der Marquis legte den Zeigefinger seiner Rechten an die Nase und runzelte die Stirn.

»Hm –« murmelte er. »Diese wichtige Frage scheint ganz übersehen worden zu sein –« seine funkelnden Äuglein streiften Käthe, welche stumm und unbeweglich, aber mit sonderbar zitternden Nasenflügeln dasaß. »Thatsache ist, daß man bei uns vor der Majestät nur in seinem besten Gewande erscheint, respektive ein allerbestes dafür in Bereitschaft hält – – indes haben wir hier mit europäischen Begriffen zu rechnen – so – hm – Euer Excellenz werden daher wohl Courtoilette anzulegen haben!«

»Mein Gott – und ich habe keine Courrobe mitgenommen,« jammerte Tante Kuki in Agonie. »Aber – halt! Wenn ich nach Hause telegraphierte, könnte das Kleid morgen früh hier sein – meinst du nicht, liebe Käthe?«

»Aber sicherlich,« krächzte die liebe Käthe mit ganz rotem Gesicht in ihr Taschentuch hinein, das einen plötzlichen Ausbruch, der wie ein schlecht unterdrücktes Niesen klang, nur unvollkommen der Aufmerksamkeit entzog.

»Ihre hochherrliche, glorreiche Gesundheit!« beeilte sich der Japaner mit unerschütterlichem Ernst unter einem tiefen Kompliment der Dame des Hauses zu wünschen.

»O, hast du dich erkältet?« fragte Tante Kuki mit auffallend mäßigem Interesse. Käthe krächzte wieder etwas und bearbeitete ihre hübsche Nase unbarmherzig mit dem Taschentuche, doch der Marquis erhob sich und begann sich rückwärts unter Komplimenten zur Thür zu bewegen, indem er sich unter gewählten Ausdrücken empfahl und die Hoffnung aussprach, Frau von Diestelcamps Angesicht morgen, ein Viertel vor vier Uhr, wieder erblicken zu dürfen. Überwältigt von dieser großartigen, orientalischen Höflichkeit, knickste und verbeugte sich Tante Kuki wie ein aufgezogener Automat, bis die Thür sich hinter dem Oberhofmeister geschlossen, dann erst gönnte sie ihren Knieen wieder die wohlthätige europäische Ruhe und wandte sich triumphierend nach Käthe um, die mit thränenden Augen hinter ihr stand.

»Nun, liebes Kind, siehst du deutlich, in welchem Ansehen ich stehe,« rief sie mit berechtigtem Stolz. »Mein Name, meine Werke öffnen mir wie durch Zauber selbst die Pforte zum Gemache orientalischer Herrscher. Ich –«

Hier öffnete sich noch einmal die Pforte des Salons und der Marquis erschien auf der Schwelle.

»Möge die Gnade Eurer Excellenz mir dieses wiederholte Eindringen in diesen erhabenen Raum verzeihen,« sagte er. »Möge Ihr unterthänigster Knecht wegen Vergeßlichkeit nicht eine schlechte Meinung Eurer Excellenz verdient haben. Indes, da Ihre Majestät, meine glorreiche Gebieterin, inkognito hier weilt, habe ich die Pflicht, Euer Excellenz zu bitten, diese Audienz so lange geheim zu halten, bis die Kaiserin das Weichbild dieser Stadt wieder verlassen hat.«

»Natürlich, bester Herr Marquis, natürlich,« beeilte Tante Kuki sich liebenswürdig zu erwidern. »Ich hatte auch nur die Absicht, meinen Gemahl von der mir bevorstehenden Ehre zu unterrichten!«

»Wollen Euer Excellenz die Gnade haben, dies nachträglich zu thun,« entgegnete der Marquis eindringlich. »Ihre Majestät würde sich sehr peinlich berührt fühlen, wenn der beabsichtigte Empfang, bevor er stattgefunden, schriftlich in eine andere Stadt mitgeteilt würde.«

»O dann – natürlich ist der Wunsch Ihrer Majestät mir Befehl,« erklärte Tante Kuki und der Marquis empfahl sich definitiv.

»Seltsam sind sie doch, diese fremdländischen Monarchen,« meinte Tante Kuki achselzuckend, als er gegangen. »Als ob eine Silbe von dem, was ich meinem Gatten schreibe, in die Welt dringen könnte, wenn dies nicht der Fall sein soll. Doch mag es sein – ich kann morgen nach der Audienz telegraphieren. Doch nun die Depesche um meine Courrobe. Man denke nur: eine Audienz in Courrobe! Doch es ist eben ein Ausnahmefall, und ich werde zeit meines Lebens von der Erinnerung an ihn zehren!«

»Ich denke auch,« murmelte Käthe ihrer schleunigst nach ihrem Zimmer entschwebenden Tante nach.

Vor den Hausgenossen konnte indes kein Geheimnis aus der Sache gemacht werden, soviel wurde von Tante Kuki festgestellt und darum wurden sowohl Graf Hellberg als auch Tiefenthals und Wendenburgs unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit in die hochwichtige Sache von Tante Kuki höchstselbst eingeweiht.

»Na, da schlag' doch gleich das Donnerwetter in die frische Milch!« schrie Tiefenthal im ersten Staunen aus. »Was man hier nicht alles erlebt! Aber ich hab' die Zeitung doch auch gelesen – Hans will ich heißen, wenn was von der Kaiserin von Japan drin stand!«

»Hast es übersehen, weil's dich nicht interessierte,« meinte Graf Hellberg, »hier liegt die Zeitung noch.«

Kopfschüttelnd las der brave Tiefenthal die fettgedruckten Stellen.

»Muß ich rein den Hühnerplinz gehabt haben, das nicht zu sehen,« meinte er verblüfft. »Datum stimmt. Sollt' ich schon solch ein alter Tapermichel sein?«

»Scheint so,« meinte Theone trocken.

Tante Kuki war den ganzen Abend in sehr gehobener Stimmung und ganz geneigt, Gnaden auszuteilen. Sie hatte indes eine schlechte Nacht, teils aus Aufregung, teils aus Furcht, das Kleid möchte nicht ankommen und der folgende Morgen wurde Käthe förmlich verbittert durch das unablässige Fragen der Tante, ob der Eilbote immer und wirklich noch nicht erschienen sei und ob sie sich aufhängen oder erschießen sollte, wenn das Kleid nicht käme. Höchst erbittert und verdrießlich gab Käthe ihr den guten Rat, beides zu thun, was ein Zetergeschrei über herzlose Verwandte zur Folge hatte, in eine etwas warme Scene überging und in einem Weinkrampfe gipfelte, der indes auf der Stelle aufhörte, als mitten darin wirklich der Eilbote mit dem mächtigen Pappkarton erschien.

Völlig beruhigt und voll überströmender Gnade verzieh Tante Kuki ihrer Nichte die voreilige Rede und breitete vor ihren staunenden Augen das Festgewand aus: eine silberbroschierte, zartlila Damastrobe, dekolletiert und mit Spitzen geputzt und dazu eine meterlange Courschleppe von violettem Sammet mit Garnitur von lila Straußenfedern – nein, Tante Kuki war nicht knickrig, wenn es galt, ihren sündigen Leib zu schmücken, wie Käthe, gottlob nur inwendig, konstatierte.

Gleich nach dem zeitigen Mittagessen begann Tante Kuki die Toilette und gewährte den versammelten Verwandten die Gnade, sie in ihrem Glanze bewundern zu dürfen. Käthe hatte sich dienstfertig erboten, die Tante im Wagen bis zu dem Hotel zu begleiten, sie half ihr, den kostbaren, zobelbesetzten grünsamtnen Abendmantel umlegen und fuhr mit ihrem geputzten Gaste davon, während die andern ausgingen, um das heute schon herrschende bunte Maskentreiben auf den Straßen in nächster Nähe zu sehen.

Mit dem Schlage ¾ 4 Uhr rollte der Wagen mit Tante Kuki und Käthe vor der Einfahrt des Hotel Kronprinz vor – ein evident bereitstehender junger Herr in europäischer Tracht riß den Schlag auf und reichte Frau von Diestelcamp den Arm, um sie die Treppe hinaufzuführen – was aus Käthe geworden und wohin sie gekommen, fiel Tante Kuki gar nicht ein, sich zu erkundigen – sie hatte an anderes zu denken, als an ihre unbedeutende Nichte.

Ein kleiner Salon im ersten Stock nahm sie zuerst auf – hier nahm ihr ein japanischer Diener den Mantel ab, hier empfing sie der Marquis mit einem solchen Strome japanischer Höflichkeitsphrasen, daß sie beim besten Willen nicht dazu kam, auch nur etwas anderes, als: »Ja, ja,« »Gewiß!« »Sehr, sehr gütig« zwischendurch zu murmeln. Der Marquis bewunderte in unablässig dahingleitendem Redestrom die kostbare Toilette, das blühende Aussehen der Trägerin dieses Glanzes, erzählte von dem Interesse seiner glorreichen Herrin für sie, kam aufs Wetter zu reden, konstatierte, daß es hier bedeutend kälter sei, als bei ihm daheim, enthusiasmierte sich für europäische Kultur – kurz er redete, redete und redete, daß das Zimmer sich anfing, um Tante Kuki zu drehen, indem sie vergeblich versuchte, einige ihr am Herzen liegende Fragen anzubringen. Und dabei hörte sie's draußen vier Uhr schlagen, sie hörte es ein Viertel nach schlagen und lauschte gespannt auf den Glockenschlag der halben Stunde und immer noch sprach der Marquis weiter in ungehemmtem, unhemmbarem, unversieglichem Redestrom.

»Wahrscheinlich ist das japanische Etikette,« dachte Tante Kuki halbverzweifelt und total mürbe gemacht.

Da ertönte der ohrenzerreißende Schlag eines japanischen Gong dreimal dröhnend im Nebenzimmer, die Thür öffnete sich und ein pompös kostümierter Würdenträger erschien, strotzend von goldgestickten Gewändern, und schrie in einem Tante Kuki unverständlichen Idiom etwas ins Zimmer hinein.

»Die Kaiserin ist bereit,« übersetzte der Marquis die Botschaft und erhob sich.

»Aber das Ceremoniell – was habe ich zu thun?« gapste Tante Kuki kreidebleich vor Aufregung und Angst.

»O, haben Sie keine Sorge,« versicherte der Marquis lächelnd, wenn auch sichtlich etwas erschöpft von seinen oratorischen Anstrengungen.

»Machen Sie nur jede Bewegung nach, die ich mache – Sie wissen ja, daß man vor unsrer Majestät nur knieend spricht, ihr nur auf den Knieen nahen darf – kommen Sie, kommen Sie schnell, der Gong ruft wieder – wir dürfen die Kaiserin nicht warten lassen!«

Schon war die Thür von zwei bunt gekleideten Dienern aufgerissen worden und auf der Schwelle stehend, sah Tante Kuki in dem großen Salon, der sich vor ihr öffnete, ein ebenso farbenreiches wie prächtiges Bild. Der ganze Raum war mit japanischen Schirmen, Fächern, bunten Ampeln, Makartbouquets und Guirlanden von künstlichen Blumen feenhaft dekoriert; auf einem erhöhten Thronsessel unter einem seidnen Baldachin mit Pfauenfederbouquets gerafft, saß die Kaiserin im goldgestickten, gelben Sammetgewande, einen Fächer von Pfauenfedern in der Hand, hinter ihr hockten auf niedern Taburetts prächtig geschmückte Würdenträger, vor ihr, im Halbkreise, lagen wohl ein Dutzend andrer Personen auf den Knieen, das Gesicht zur Erde geneigt. Es war ein ebenso fremdartiger, wie prächtiger und etwas beklemmender Anblick.

Tante Kuki bemerkte zur Not, daß die Kaiserin ein gelbes, wenn auch noch ziemlich junges Gesicht hatte, daß ihre Augenbrauen von der Nasenwurzel hochgezogen waren und in ihrem schwarzen, kunstreich frisierten Haar eine Masse glitzernder Pfeile und Nadeln schwankten, dann fühlte sie sich mit sanfter Gewalt zu Boden gezogen.

»Knieen Sie, Unglückliche, knieen Sie,« tuschelte der Marquis ihr ins Ohr. Er selbst lag der Länge nach schon auf dem Teppich.

Entsetzt von der Bezeichnung »Unglückliche,« sank Tante Kuki auf die Kniee und neigte ihr federngeschmücktes Haupt bis zur Erde.

»Nun rutschen Sie mit mir vorwärts, bis ich ›Halt' sage,« flüsterte der Marquis und begann sich auf Händen und Knieen vorwärts zu bewegen. Aber das war leichter gesagt, wie gethan, denn Tante Kukis Kleid hinderte sie so erfolgreich an der ersten Bewegung, daß sie unsanft mit der Nase den Teppich berührte. 

»Ziehen Sie Ihr Kleid etwas vor und kommen Sie! Was zögern Sie, Unglückliche? Man zaudert nicht vor der Kaiserin von Japan,« tuschelte der Marquis dicht an ihrem Ohr. Tante Kuki stöhnte und versuchte, ihre Füße von dem Kleide zu befreien. »Es geht nicht, es sitzt fest,« hauchte sie in den Teppich, aus dem der Staub ihr in der Nase zu kitzeln anfing. Aber es ging doch, denn ein auf dem Bauche herankriechender Diener löste den widerspenstigen Kleidersaum von ihrem Fuße und hielt den Stoff so, daß ein Vorwärtsrutschen dadurch wenigstens nicht zur Unmöglichkeit wurde.

»Halt,« gebot der Marquis nach einigen qualvollen Momenten ungewohnter Fortbewegungsweise und tief aufatmend stellte Tante Kuki nur zu gern ihre Kriechversuche ein.

»Tscheitschun hakischtschun kischstunsch hei, hei!« ertönte nun eine näselnde, etwas entfernt klingende Stimme.

»Ihre Majestät die Kaiserin heißt Euer Excellenz willkommen,« übersetzte der Marquis laut.

»Ich ersterbe in Dankbarkeit und Ergebenheit vor Ihrer Majestät,« antwortete Tante Kuki in den Teppich herein.

»Li Hung Tschang, Ite, mei-hei-wei!« klang es wieder wie aus der Ferne herab.

»Ihre Majestät die Kaiserin wünscht Ihnen Frieden, Glück und langes Leben,« übersetzte der Marquis.

Tante Kuki dachte, es wäre ihr lieber, wenn die Kaiserin ihr Aufstehen wünschte, aber damit war es leider nichts, denn noch eine ganze Weile lang mußte sie ähnliche Wohlfahrtswünsche über sich ergehen lassen und gebührend beantworten. So viel gute Sachen hatte man Tante Kuki noch niemals in einem Atem gewünscht und es hätte sie sicher auch ganz anders beseligt, wenn ihre Stellung auf den Knieen mit der Nase in dem schrecklich nach Staub riechenden Teppich nicht so verzweifelt unbequem gewesen wäre. Indes erhielt sie keine Order, sich zu erheben, nur die leisen Ermahnungen des Marquis, unter keinen Umständen die Stellung zu verändern. Sie erfuhr dann nach den vielen Heils- und Segenswünschen der scheinbar sehr gnädigen Monarchin, daß dieselbe Beschreibung und Statuten des Mägdeheims entgegennähme und beides eingehend prüfen wollte, hörte, daß sie zur Belohnung für ihre unendlichen Verdienste auf dem Gebiete der Humanität den japanischen Orden der aufgehenden Sonne erhalten sollte, und dann kam eine Pause, in der es klang, als ob jemand mit rauschenden Gewändern einherginge.

»Bitten Sie noch um eine Gnade,« tuschelte der Marquis.

»Ich – o – ach! Darf ich der Kaiserin die Hand küssen?« fragte Tante Kuki.

»Ich werde versuchen, den Wunsch in passende Worte zu kleiden,« versicherte der Marquis. Es erfolgte dann wieder ein japanisches Kolloquium, dann faßte jemand Tante Kuki an den Schultern und hob sie mit dem Oberkörper empor, eine kräftige, weiße Hand wurde ihr vorgehalten, auf die sie halb blind von ihrer langen, gebückten Lage, halbwegs einen Kuß hauchte, dann wurde ihr Kopf wieder herabgedrückt, schwere Stoffe rauschten, eine Thür ging – –

»Die Kaiserin hat sich entfernt, Sie dürfen sich aufrichten,« sagte der Marquis.

Ganz betäubt, mit schmerzendem Rücken und Genick sah Tante Kuki auf – richtig, der Thron war leer, die Kaiserin mit der Hälfte ihrer Suite verschwunden. Zwei dienstfertige Herren des Hofes halfen freundlich lächelnd der Knieenden wieder auf die eingeschlafenen Füße, der Marquis empfahl sich unter tausend Komplimenten, und ehe Tante Kuki noch ein Wort reden konnte, hatte ihr der Herr im europäischen Civil schon den Mantel umgehängt, sie sorglich die Treppe herabgeleitet, in den bereitstehenden Wagen verladen und war dann verschwunden, ehe sie noch »danke« gesagt hatte.


* * *


Es war kurz nach sechs Uhr abends an diesem für Tante Kuki so denkwürdigen Tage, als Käthe nach Hause zurückkehrte. Ob sie sich das Maskentreiben auf den Straßen auf eigene Faust angesehen, war schwer zu entscheiden, jedenfalls schien sie außerordentlich vergnügt zu sein, denn sie sprang die Treppen, nach altgewohnter Art immer zwei Stufen auf einmal nehmend, empor und pfiff dazu die bekannte Melodie aus »Carmen«:


»Auf in den Kampf, Torero!
Mut in der Brust, siegesbewußt!«


Und in der That sah sie auch ganz aus, als ob ihr ein großer Coup schon gelungen wäre und ein noch größerer so gut wie gelungen. Oben an ihrer Entreethür angelangt, klingelte sie nicht, sondern öffnete sich mit eignem Drücker, fuhr in ihrer gleichfalls sattsam bekannten Wirbelwindmanier hinein in das Entree und – stand Herrn von Diestelcamp gegenüber, der sich, anscheinend stark erhitzt, im kühlen Korridor mit dem Taschentuch größere Kühlung zufächelte.

»Nanu, Onkel, wo kommst du denn her?« fragte Käthe endlich mit merkwürdig langem Gesicht.

»Guten Abend, liebe Nichte – dein unterthänigster Diener,« erwiderte der Hofmarschall den unceremoniellen Gruß mit nie versagender Höflichkeit. »Meine Geschäfte haben sich schneller erledigen lassen, als ich gemeint und ich kam daher, kurz entschlossen, eher zurück, ohne mich vorher anzumelden, wofür ich deine gnädige Entschuldigung erbitte.«

»O,« stotterte Käthe zerstreut – die Melodie vom siegesbewußten Torero schien ihr auf den Lippen erstorben.

»Ja – hm!« räusperte sich Herr von Diestelcamp, sein Taschentuch wie eine Parlamentärsflagge schwenkend, »ich kam hier so gegen fünf Uhr an und fand das ganze Nest leer – total ausgestorben und hörte von der Dienerschaft einen höchst konfusen Bericht über einen komischen Besuch, den meine liebe Frau empfangen hätte, und daß sie um halb vier Uhr mit dir ausgefahren sei. Nun gut, ich warte also, da ich nicht weiß, wo ich sie suchen soll. Gegen halb sechs Uhr kommt sie dann allein an – hm – ich denke, der Schlag soll mich rühren – in Courtoilette und überstürzt mich mit einer Erzählung von einer Audienz, die sie bei der Kaiserin von Japan gehabt haben will. Unter uns, gnädigste Nichte – ich habe fest geglaubt, der Verstand meiner lieben Frau habe sich ein wenig derangiert, wahrhaftig, das habe ich geglaubt – der Himmel verzeihe mir den schändlichen Verdacht!«

»Natürlich!« gab Käthe zu. »Die Sache ist ganz in Richtigkeit!«

»Hm!« sagte der Hofmarschall nachdenklich und fuhr lebhafter fort: »Ja, und dann kam dein verehrter Vater mit den Tiefenthalschen und Wendenburgschen Herrschaften zurück, und nun sitzt meine liebe Frau immer noch in Courtoilette mitten unter ihnen und schwatzt, pardon, erzählt von der Audienz, von dem scharmanten Marquis, der gnädigen Kaiserin und dem ganzen japanischen Prunk und Ceremoniell, daß mir's endlich siedend heiß geworden ist und ich hinausgelaufen bin –«

»Warum denn, wenn Tante Kuki doch so begeistert von der Audienz ist?« fragte Käthe leicht.

»Warum?« wiederholte Herr von Diestelcamp, sein Taschentuch schwenkend. »Gnädigste Nichte, du bist eine sehr kluge kleine Frau und wirst es begreifen, daß es deprimierend ist, wenn man die einem sehr nahe Stehenden – hm – hm – weniger klug finden muß. Hm! Ich möchte um nichts in der Welt mit der Affaire von der Kaiserin von Japan etwas zu thun haben – nicht um eine Milliarde. Ich weiß von nichts und will von nichts wissen, aber verdenken wirst du es mir nicht, wenn ich trotzdem den Wunsch hege, die Situation zu retten. Und als ich dich eben die Treppe hinaufkommen hörte – ›Mut in der Brust, siegesbewußt!‹ – Da kam mir der Gedanke, daß du ein gutes Wort zu guter Zeit nicht verschmähen wirst, denn du bist wie gesagt, eine kluge kleine Frau.«

»Na, und der langen Rede kurzer Sinn ist –? Schieß' los, Onkelchen, schieß' ungeniert los,« ermunterte Käthe, deren Gesicht sich wieder aufzuhellen begann.

»Ja, liebe Nichte, siehst du, eitle Menschen, deren Horizont eben seine Grenzen hat – ohne Namen nennen zu wollen – siehst du – hm! Solche Menschen vertragen es positiv nicht, wenn man sie exponiert. Das ist nun einmal nicht anders! Wenn man von solchen Menschen etwas erlangen will, muß man sich eben in sie schicken und sich ihre Schwächen zu nutze machen –«

»Also spricht Zarathustra, Onkelchen!«

»In der That? Nun, er hat damit eine höchst alte, abgenutzte Weisheit ausgesprochen und hätte hinzufügen müssen: so zu nutze machen, daß es den Anschein hat, als wären sie die Schiebenden gewesen statt der Geschobenen. Ich weiß nicht, ob du mich verstehst.«

»Es dämmert wenigstens, Onkelchen. Fahr nur fort!« nickte Käthe heiter.

»Ich habe gesprochen, gnädige Nichte!«

»Nur halb, wie ein echter Diplomat,« erwiderte Käthe. »Aber es genügt – die andere Hälfte kann ich mir schon allein dazu denken.«

»Ah!« flötete der Hofmarschall mit feinem Lächeln. »Ich habe es ja immer gesagt, daß du eine kluge, sehr kluge kleine Frau bist!«

»Und ich,« fiel Käthe ein, »ich habe es mir hundertmal gedacht, daß du ein sehr lieber, kluger, vortrefflicher Onkel bist, der, wo andere Leute – ohne Namen nennen zu wollen – mit einem Zaunpfahl dreinschlagen wollen, ihnen geschickt ein goldenes Zauberstäbchen dafür in die Hand drückt! Also schönen Dank, Onkelchen – ich werde mich schon vorsehen, daß ich über den Zaunpfahl, der kurzer Hand über Bord geworfen ist, nicht noch stolpere. Geh' du nur inzwischen wieder hinein – ich lege bloß ab und sehe 'mal nach Heinz und komme dann in den Salon – ›Mut in der Brust, siegesbewußt.‹ Nur das eine laß mich noch aus vollster Überzeugung konstatieren: Zarathustra war ein Waisenknabe gegen dich! Er hat gesprochen, du hast's ergänzt! Auf Wiedersehen!«

Und Käthe verschwand in ihre Gemächer, wo sie erst einen Moment sinnend stand mit gerunzelter Stirn. Dann lachte sie leise vor sich hin, warf ihre Straßenhüllen ab, applizierte Heinz einen Kuß und ging dann geradeswegs mit erhobenem Kopfe in den Salon, wo Tante Kuki graziös im vollen Courstaate in einem Fauteuil lehnte, eine Tasse Thee in der Hand, umringt von dem Kreise der Verwandten, die ihrem leicht dahinfließenden Vortrage mit Gesichtern zuhörten, denen man ansah, daß sie nur widerwillig einen Zaunkönig für einen Kolibri acceptierten.

»Da bist du ja endlich!« rief Tante Kuki ihrer Nichte entgegen. »Wo bist du denn nur geblieben?«

»Ich habe die Masken gesehen – 's ist ja heut' Faschingssonntag,« erwiderte Käthe, den Kreis mit einem Knicks begrüßend. »Guten Abend, ihr edlen Damen und Herren! Giebt's noch eine Tasse Thee für mich? Ja? Na, das ist schön! Danke, danke, liebe Fee! Kuchen, Theone? Natürlich viel Kuchen! So was macht Hunger. Na, hat euch Tante Kuki ihre Erlebnisse erzählt? Alles?«

»Haarklein,« bestätigte Theone trocken.

»Wirklich? Was der Marquis gesagt, was die Kaiserin gesprochen? Auch das Ceremoniell hat sie beschrieben?«

»Na, ich danke,« lachte Tiefenthal. »Ich freue mich bloß, daß ich nie in die Lage kommen werde, einem außereuropäischen Monarchen meinen Kratzfuß machen zu müssen. Auf die Kniee käme ich zur Not noch, aber mit dem Kopfe runter, daß man aussieht wie eine Ente, die im Dorftümpel taucht – Donner Wachsstock noch eins! Da könnte mich einer jagen!«

»Ah – das hat Tante Kuki auch genau beschrieben?« erkundigte sich Käthe interessiert.

»Beschrieben! Vorgemacht hat sie's eben auf allgemeines Verlangen!« schrie Tiefenthal, enorm belustigt.

Da sprang Käthe empor und fiel Tante Kuki mit einer Vehemenz um den Hals, daß die ganze Coiffure der würdigen Dame sofort eine Linksschwenkung machte.

»Küssen muß ich dich, küssen, du liebe, goldne, einzige Tante,« jubelte sie und applizierte der vor Überraschung wehrlos Dasitzenden hintereinander ein Dutzend geräuschvoller Küsse, von denen die Wangen ihres Opfers zu brennen anfingen, als hätte sie sich mit Zinnober geschminkt.

»Aber Käthe – bist du übergeschnappt?« rief Graf Hellberg entsetzt.

»Total – vor Freude und Seligkeit,« jauchzte Käthe weiter, den Kußprozeß fortsetzend. Dann richtete sie sich auf und setzte sich, den rechten Arm um den magern Hals der Tante schlingend, auf die Seitenlehne des Fauteuils neben sie. »Seht sie an,« rief sie, sich im Kreise umsehend. »Seht sie hier, die beste, klügste, reizendste Tante von der Welt. Tante, heute hast du mich dir zur Sklavin gemacht – durch Dick und Dünn gehe ich für dich und wer mir auf Tante Kuki etwas sagt, der kriegt's mit mir zu thun!«

»Aber Käthe!« erhob Graf Hellberg nochmals seine Stimme, während die andern total verblüfft dreinschauten und nicht wußten, was sie denken sollten, ausgenommen den Hofmarschall, der mit einem fragenden Diplomatenlächeln auf dem glattrasierten Gesicht dasaß.

»Da giebt's kein Aber, Papa,« rief Käthe entschieden. »Tante Kuki ist das liebste, beste, klügste Tantelchen der Welt. Ja, ahnt ihr alle denn gar nicht, was sie gethan hat? Meine Wette hat sie mich gewinnen lassen und dabei noch gethan, als durchschaute sie nichts, so daß ich fast irre an ihr wurde. O Tante Kukerle, du goldiger Liebling du!«

Und wieder regnete es Küsse auf das brennende Gesicht der Frau von Diestelcamp und die Coiffure mußte sich eine Rechtsschwenkung gefallen lassen. Die Attackierte erhob beide Hände, doch ehe noch ein Wort über ihre Lippen kommen konnte, schwatzte Käthe schon wieder weiter, als wäre sie bei dem liebenswürdigen Marquis in der Lehre gewesen, während es vielleicht umgekehrt der Fall war.

»Jawohl, da sitzt ihr und staunt, aber wir sind die Wissenden, Tante Kuki, was?« strömte es hastig und fließend von ihren Lippen. »Die gestrige Zeitung mit der Notiz über die Kaiserin von Japan, das war der erste Streich! Ihr natürlich seid darauf hereingefallen, aber ich hab's Tante Kuki sofort angemerkt an ihrem gewissen schlauen Augenblinzeln – (notabene, Tante Kuki hatte noch nie in ihrem ganzen Leben schlau mit den Augen geblinzelt. Anm. d. V.) daß sie's durchschaute, daß mein Freund, der Chefredakteur, diese Extranummer nur für mich hatte abziehen lassen. Mehr noch, Tante Kuki hat gesehen, wie ich die wirkliche Nummer rasch mit der falschen vertauschte – ja, ja, Tante Kuki, ich hab's im Spiegel gesehen, wie du die Manipulation beobachtet hast! Na, dachte ich mir, nun sind wir perdu, aber den Kopf konnte es nicht kosten und da wagte ich kühn meinen Vorschlag mit dem Briefe an die Kaiserin! Die gute Tante, sie wollte mir den Spaß nicht verderben, sie wollte mich gewinnen lassen, sie schrieb den Brief, sie empfing meinen andern Freund, den Maler Hei-Tsu-Sing als Oberhofmarschall, sie heuchelte mir ihre Verzweiflung vor, daß das Kleid nicht kam – nein, Tante, daß du den Spaß durch das Kleid auch noch so urnett vervollkommnet hast! Zu lieb war's von dir! Und als ich so als Kaiserin von Japan mit aller aus den Requisiten zum »Mikado« geborgten Pracht auf dem Thron saß, wo sie mich ja natürlich auf dem Fleck erkannte, da vollendete sie ihr reizendes Werk und beugte die Kniee vor mir, küßte mir zum Überfluß noch die Hand und wartete hier, bis ich zurückkam, um mich die Geschichte selbst erzählen zu lassen, um mir die Freude darüber nicht zu verderben und ihre eigene, einzig dastehende Liebenswürdigkeit so grundbescheiden nicht selbst zu verkünden. Dafür liege ich auch jetzt zu deinen Füßen, du liebes, kluges Tantchen – wahrhaftig! So viel Humor hab' ich dir im Leben nicht zugetraut!«

Und mit einem Ruck lag Käthe wirklich auf den Knieen vor Tante Kuki und sah ihr lachend ins Angesicht.

»Na, Tante, nun sag' 'mal selbst – ist nicht alles so, wie ich sagte?« fragte sie heiter.

Tante Kuki saß in ihrem Courkleide, mit von Käthes Küssen brennenden Wangen und schiefer Coiffure da und sah sich mit, gelinde gesagt, sanft blödsinnigem Ausdruck im Kreise um. Sie sah da lauter gespannt nach ihr gerichtete Augenpaare, sie fühlte vage das noch größere Spannung ausdrückende Schweigen aller – denn selbst dem guten Tiefenthal war die Sprache ausgegangen vor dem furchtbaren Gelächter, das ihm in der Kehle aufzusteigen anfing. Da stand der Hofmarschall in seiner geräuschlosen Weise auf, trat hinter seine Frau und drückte einen Kuß auf ihre Stirn.

»Käthe hat recht,« sagte er heiter, »das war sehr lieb und nett von dir, teures Weib! Da sehe man aber an, wie solch' junges Frauchen in Abwesenheit ihres Gatten übermütig werden kann. Nun, nun, liebste Kuki, mich freut's von Herzen, daß du bewiesen hast, wie liebenswürdig du zu geben verstehst und was mich betrifft, so zahle ich froh und vergnügt an Käthe den Einsatz ihrer Wette mit aus.«

Tante Kuki ließ ihre Augen mit einem Ausdruck über ihren Gatten schweifen, als wollte sie sagen: »Auch du, Brutus?« Aber wenn sie auch arrogant, eitel und beschränkt war – für sich selbst die Situation zu retten und statt als genasführte Komödientante als großmütige Spenderin dazustehen, dazu war sie doch klug genug, dafür besaß sie schon die sogenannte »Bauernklugheit,« die den Säckel im gegebenen Momente, wenn auch widerwillig, aufschnürt. Und Herr von Diestelcamp schien fest von Käthes Version überzeugt zu sein!

Etwas mühsam zwar, aber doch scheinbar gefaßt erhob sie sich.

»Natürlich ist es genau so, wie du gesagt hast, du Wildfang,« sagte sie zu Käthe. »Wie hättest du auch anders diese Wette gewinnen können, als durch meine wissentliche Mithilfe? Steinbach ist dein – war es schon, als ich beschloß, an deinem Fastnachtsschwank mitzuwirken. Nun, lieber Graf, werden Sie einsehen, wie gut ich mich auf Ihre Tochter verstehe. Aber nun es ausgedient, will ich doch das Kleid ablegen – o, keine Küsse mehr, Käthe – ich glaube auch ohne sie an deine Dankbarkeit!«

Und Tante Kuki rauschte an ihres Gatten Arm unter dem »Hoch« der Anwesenden, das Tiefenthal natürlich ausgebracht, mit einem vortrefflich gespielten Lächeln zur Thür. Dort drehte sie sich aber noch einmal um.

»Eins ist mir nur unklar,« sagte sie wie benommen. »Wo hast du die vielen Menschen hergehabt, Käthe, und wie kam es, daß ich deine Stimme nicht wiedererkannte, als du – die Kaiserin von Japan so vortrefflich mimtest?«

»Die vielen Leute,« lachte Käthe, »das waren natürlich alles Kunstschüler, die Hei-Tsu-Sing geworben und denen die Sache ein exquisiter Ulk war. Und meine Stimme? Ja, ich habe den Mund überhaupt nicht aufgemacht, denn Hei-Tsu-Sing ist Bauchredner und hat die Konversation ganz allein besorgt!«

»Ein enorm vielseitiger Mann, dieser Herr Hei-Tsu-Sing, oder wie er heißt,« sagte Tante Kuki trocken. »So, so, also so war es. Nun denn, auf Wiedersehen!«

Kaum hatte sich die Thür hinter Diestelcamps geschlossen, als sich Käthe auch von ihren Verwandten umringt sah, die ihr Glück wünschten.

»Aber nu 'mal ehrlich, altes Mädel,« tuschelte Tiefenthal im Theaterflüsterton. »Hat sie wirklich alles gewußt und mitgespielt, oder hast du's ihr nur so weiß gemacht!«

Käthe erhob beschwörend beide Hände.

»Kinder,« sagte sie lachend und mit blitzenden Augen, »wenn ich euch etwas gelte und ihr mich lieb habt, so beschwöre ich euch bei der Nase eurer Ahnen im allgemeinen und bei der der Tiefenthals im besonderen: glaubt, was man euch sagt. Wenigstens glaubt's so lange, bis ich Steinbach verbrieft und besiegelt besitze!«

»Wir schwören!« sagte Graf Hellberg mit leisem Lächeln und einem tiefen, prüfenden Blicke auf seine Jüngste. »Mehr noch: wir geloben, überhaupt nie etwas anderes zu glauben!«

»Never,« sagte die Miß, die überhaupt nur die Hälfte von allem verstanden hatte.

»So ziemt sich's für Käthe Hellbergs Tafelrunde,« nickte Käthe befriedigt. »Aber jetzt laßt mich 'mal rasch eine Zeile per express an Horst schreiben. Der arme Mensch ahnt nicht einmal, was ich für seinen Erben eingesetzt, gewagt und gewonnen habe!«

Und sie eilte zum Schreibtisch und schrieb folgendes:

 

»Liebster Horst, Gatte und Gebieter! In Eile melde ich dir nur, daß Tante Kuki ihre Wette an mich verloren hat – nach offiziell ausgegebener Parole auf eignen Wunsch und Willen, um mich gewinnen zu lassen. Wonach du dich zu richten hast. Details gebe ich dir nach deiner Rückkehr unter vier Augen im verschlossenen Zimmer. Thue mir aber den einzigen Gefallen und platze nicht vor Lachen.


In Liebe deine Käthe.


P.S. Apropos, übermorgen, zum Faschingsabend habe ich ein paar nette Kerls eingeladen, Dr. Müller, Hei-Tsu-Sing und noch eine Zaspel junger Maler. Wir wollen eine Champagnerbowle machen. Natürlich alles in Maske. Wir werden den Hofstaat der Kaiserin von Japan repräsentieren. Spielverderber giebt's ja nicht, denn Tante Kuki wollte doch übermorgen Vormittag abreisen. Zur Darstellung gelangt: Eine Audienz bei der Kaiserin von Japan. Schneidige Idee, was?

 

P.S. Nr. 2. Apropos, Onkel Diestelcamp ist ein mordsschlaues altes Huhn! Du wirst dich biegen, wenn ich dir's erzähle! Kolossal nett etc. etc. Aber doch mehr zu seinem eignen, häuslichen Vorteil. Ob er's ahnt, daß ich ihn durchschaue?

 

P.S. Nr. 3. Du, hat das Schmeicheleien heute Abend hier geregnet. Das muß auf fünfzig Jahre vorhalten! Pardon für die Kleckse!


* * *


»Ich kann den Brief mitnehmen und auf die Post bringen, denn ich gehe noch einmal in unser Hotel,« sagte Wendenburg, als Käthe ihre Epistel beendet hatte.

»Schön,« meinte sie, ihrem Schwager den Brief reichend. Der sah sie lächelnd an und wandte sich dann zu den andern.

»Käthe ist doch ein Blitzmädel,« sagte er nicht ohne einen gewissen verwandtschaftlichen Stolz. »Was die zuwege bringt, grenzt geradezu ans Wunderbare. Wenn ich bloß wüßte, wie du das nur eigentlich gemacht hast.«

»Das geht keinen Menschen was an,« behauptete Käthe mit einer Pirouette.

»Aber die Idee! Wie bist du nur auf die Idee gekommen?«

»Man bildet sich, Schwager Hans, und aus der Wissenschaft entspringen die Gedanken,« meinte Käthe stolz. »Seitdem ich mir Zarathustra mit seiner Weisheit, daß man sich die Schwächen der Menschen zu nutze machen soll, zum Vorbilde genommen, dürft ihr euch auf unsterbliche Thaten von mir gefaßt machen!«

»Na,« entgegnete Wendenburg, »das kann ja noch nett werden. Aber auf alle Fälle scheinst du dich zur Virtuosin im Kampfe mit Drachen und ähnlichen Ungetümen auszubilden. Zwar, siegreich war Käthe auf diesem Felde immer – meinen Sie nicht auch, liebe Miß?«

»Yes,« sagte Miß Knickerbocker, trotzdem sie natürlich nicht hingehört, sondern wie gewöhnlich gedöst hatte, und womit wir Käthe mit dem Lorbeer einer Pallas vixtrix geschmückt dem freundlichen Wohlwollen des Lesers ein für allemal empfehlen.