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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Der Maskenball in der Ca' Torcelli

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Der Maskenball in der Ca' Torcelli, Meister Verlag, Rosenheim, [o. J.]
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



1

»Angelo!«

Keine Antwort. Draußen flimmerte und schimmerte der glorreiche Spätsommersonnenschein auf dem breiten Wasserstrom des Kanals Grande und überzog die ihn einsäumenden Paläste mit dem eigentümlichen, silbernen, schleierartigen Licht, das man nur in Venedig sieht und ganz besonders auffallend um die Mittagsstunden beobachten kann. Mit leisem, kaum hörbarem Ruderschlag zogen Gondeln und Barken den Kanal herauf und herab; dann und wann schnob und pustete ein Motorboot vorbei, ertönte ein Zuruf sich begegnender Ruderer, und das war das ganze Geräusch der Großstadt Venedig, das der Fremde, in dessen gemarterten Ohren der Höllenlärm seiner Städte widerhallt, als die Totenstille empfindet, die ihn glauben läßt, daß die ehemalige Königin der Meere eine tote Stadt wäre, die ihrem Untergang entgegensähe.

Die leichte Seebrise, die wie eine leis streichelnde Hand über den Kanal wehte, flüsterte in den Weiden, Zypressen, Steineichen, Hex- und Lorbeerbäumen, deren wunderbar frisches Grün die hohe, lanzenförmig gezinnte Mauer des Gartens am Palazzo Torcelli dal Giglio überragte; sie raunte leiser noch in den Ranken der wilden, virginischen Weinrebe, die an der Gartenseite den Palast bis hinauf zu den Spitzbogenfenstern des zweiten Stockwerkes überzog.

An einem dieser Fenster, hinter der halb zugestellten Markise war dies scharfe, ungeduldige »Angelo!« erklungen, das unbeantwortet geblieben war. Vielleicht absichtlich, denn der Angerufene saß in demselben Raum, doch schien er so in seine Lektüre versenkt und konnte ebensogut den Anruf überhört haben. Es war der derzeitige Besitzer des Palastes, Principe oder zu deutsch Fürst Angelo Torcelli dal Giglio, ein 30jähriger Mann mit einer wahren Antinoosgestalt und einem Rassekopf, in dem die venezianischen Eigentümlichkeiten durch ein paar römische Züge zu einem Ganzen zusammengeschmolzen waren, an dem des aufmerksameren Beobachters Blick sicher nicht ohne Verwunderung vorüberschweifte. Den römischen Einschlag hatte Angelo Torcelli von seiner Mutter, der verwitweten Principessa, die eine Römerin aus dem feudalsten Blut der Ewigen Stadt, den Corleone war. Donna Fabiola war einst eine berühmte Schönheit gewesen, stolz, wie nur eine römische Aristokratin sein kann, arm wie eine Kirchenmaus. Jugendlich schlank und schön, wenn auch vielleicht nur für den Liebhaber dieses Typs, war sie noch heute, trotz ihrer achtundvierzig Jahre. Ihr Stolz war durch ihre Verbindung mit einem der ältesten Geschlechter des venezianischen Uradels noch gewachsen, und ihre Verschwendungssucht hatte zuwege gebracht, die vorher sehr soliden, wenn nicht gar brillanten Finanzen des Hauses Torcelli zugrunde zu richten.

»Angelo!« Der zweite Anruf Donna Fabiolas hatte zur Schärfe und Ungeduld noch eine Gereiztheit im Ton, die den anscheinend so sehr in sein Buch vertieften Leser wie ein Peitschenschlag traf, daß er in die Höbe fuhr und fragend aufsah. Mit einem kleinen Seufzer der Resignation, der nicht viel mehr als ein tieferer Atemzug war, legte er das Buch auf das kleine Tischchen, an dem er saß, und machte mit seinem Kopf eine verbindliche Bewegung nach der Sprecherin.

»Du befiehlst, liebe Mama?«

»Ja, ich befehle«, kam es noch um einen Grad gereizter zurück. »Ich will heute ein für allemal wissen, was du zu tun gedenkst!«

»Was ich – oh, wegen des Verkaufs der Villa am Brentakanal? Ja, der Intendant meint, da doch niemand dort wohnt und die Erhaltungskosten sehr groß sind, wäre es wohl angezeigt, dem Wiener Bankier den Zuschlag auf sein Angebot zu erteilen – –«

»Dieser Hebräer besitzt schon zwei Paläste des Uradels in Venedig; auf dieses Haus hat er längst sein Auge geworfen«, fiel Donna Fabiola heftig ein. »Aber wenn es dir so leichtfällt, diesen Besitz in solche Hände gelangen zu lassen, der noch dazu von deinem Vater als mein Witwensitz bestimmt wurde –«

Ein ausdrucksvolles Achselzucken vollendete die Rede, die nicht nur nicht korrekt, sondern vor allem höchst ungerecht war, da nicht der Leichtsinn des Principe, sondern ihre eigene, glänzende Unkenntnis pekuniärer Mittel die historische Villa am Brentakanal dem Meistbietenden zur Verfügung stellte. Angelo Torcelli erwiderte nichts auf den Ausfall. Er schloß nur den Mund fester und senkte den Blick seiner dunklen, venezianisch samtigen Augen auf die Spitzen seiner eleganten braunen Schuhe herab; er wußte ganz genau, daß er sich noch gegen andere Geschosse zu wappnen hatte, und er tat das mit den allerbesten Vorsätzen, was ihm zur Ehre gesagt werden muß.

»Aber tut, was ihr wollt! Wenn der Herr Intendant dekretiert, dann ist ja doch nichts mehr zu machen«, fuhr die Fürstin ungeduldig fort. »Davon wollte ich auch gar nicht reden, aber du mißbrauchst mich absichtlich, Angelo! Gut denn: Ich will wissen, was du wegen Daphne beschlossen hast!«

Nun war aber »Daphne« niemand anders als Angelo Torcellis leibliche Cousine, die einzige Tochter des Bruders seiner Mutter, des Fürsten Corleone. Dieser hatte als junger Mann seinen mit Hypotheken überlasteten historischen Palast mit der Gemäldegalerie darin, auf die der Staat schon seine Hand gelegt hatte, durch seine Verheiratung mit einer englischen Erbin vor dem Zusammenbruch bewahrt. Die vielbewunderte Engländerin, Herzogin »im eigenen Recht«, hatte allen warnenden Stimmen zum Trotz den ruinierten Römer geheiratet. Zur Ehre von Gaetano Corleone muß aber gesagt werden, daß er die junge Herzogin so leidenschaftlich liebte, wie sie ihn, und daß ihr fabelhafter Reichtum nicht die mindeste Rolle dabei spielte. Daß er ihn ohne Bedenken mitnahm, um damit den lang verblichenen Glanz seines alten Hauses wieder zu erneuern, verdachte ihn in seinen Kreisen niemand; die übergroße Feinfühligkeit, die in dem Reichtum der Erwählten ein Hindernis sieht, ist zudem kein Erbteil der lateinischen Rassen, und da auch die angelsächsischen Magnaten begonnen hatten, ins Land der Dollars zu ziehen, um mit dieser angenehmen Münze ihre Schlösser wieder aufzubauen, so fand auch eigentlich jenseits des Kanals »die Gesellschaft« nichts Tadelnswertes in der Annahme der Einkünfte der vielbegehrten Erbin, die gelassen den Tag ihrer Volljährigkeit abgewartet hatte, um ohne gesetzlichen Einspruch dem Zug ihres Herzens folgen zu können. In den fünf kurzen Jahren ungetrübten Eheglücks hatte sie nicht einen Tag Ursache, ihren Schritt zu bereuen, und mit der tiefen Trauer im Herzen, die äußere Schaustellungen meidet, zog die junge Witwe sich mit ihrem einzigen Kind in ihre schottischen Hochlande zurück, und folgte dann nach zehn Jahren dem Unvergessenen ins Grab. Dies einzige Kind aber war »nur« ein Mädchen, auf dessen Kinderschultern schon nach dem Tod seines Vaters die Last des Titels einer Principessa Corleone, Herzogin von Roccosanto, geladen wurde mit der Bedingung, daß der künftige Gatte ihn mit dem alten Namen anzunehmen und fortzuführen hatte in seiner eigenen Deszendenz. Mit dem Tod ihrer Mutter wurde die junge Principessa dazu noch Herzogin von Heatherstone im eigenen Recht. Zwei Vormünder, ein italienischer und ein englischer, wachten über die Wahrung ihrer Rechte und über ihre Erziehung, die eine ganz englische war, weil ihre Mutter bei aller Liebe für ihren Gatten nicht so blind war zu erkennen, daß in ihrer Heimat die jungen Mädchen besser erzogen wurden als in den Kreisen der italienischen Aristokratie; jedenfalls freier, selbständiger und gesünder. Und so wurde aus der mit Titeln beladenen italienischen Fürstin keine Treibhauspflanze, sondern eine Heideblume, gestärkt in der belebenden Luft der freien Berge, ein nur flüchtiger und seltener Gast in den Mauern Roms. Als sie achtzehn Jahre alt geworden war, fand der römische Vormund aber, daß es nun Zeit wäre, sein Mündel mit ihrem Vaterland vertraut zu machen, die Italienerin in ihr zu wecken, welche die Engländerin nachgerade zu ersticken drohte. So wurde die junge Erbin zunächst für ein Jahr der Obhut ihrer Tante Fabiola Torcelli dal Giglio anvertraut. Sie war eine Dame von tadellosem Ruf und die nächste italienische Anverwandte, die in Betracht kam; der Umstand, daß sie einen unverheirateten Sohn hatte und der natürliche Wunsch in ihr rege werden konnte, ihm die Erbin zu sichern, wurde selbstredend nicht außer acht gelassen, aber schließlich von keiner Seite beanstandet, und so hielt Daphne Corleone zunächst ihren Einzug in Venedig, wo sie zum ersten Mal die Bekanntschaft ihres Vetters machte.

Donna Fabiola war es bislang noch nie in den Sinn gekommen, mit Daphne Corleone zu rechnen. Sie hatte angenommen, daß man ihr schon längst einen englischen Gatten bestimmt hatte. So war es Sitte in Italien, und wohlerzogene junge Aristokratinnen finden sich darein. Als ihr aber plötzlich die Anfrage der Vormundschaft ins Haus schneite, sah sie darin geradezu einen Wink des Himmels, eine Rettung aus Schwierigkeiten, die gar nicht abzusehen waren. Wäre Donna Fabiola eine Diplomatin gewesen, so hätte sie den Ereignissen erlaubt, sich mit geschickter Nachhilfe zu entwickeln. Aber sie war gewöhnt, ihren Willen als den allein möglichen und maßgebenden zu betrachten. Kaum hatte sie den Brief der Vormundschaft in den Händen, in welchem Daphne Corleone ihrer Obhut zunächst auf ein Jahr anvertraut wurde, und zwar ohne jede Reserve und Bedingung, da flog sie auch schon zu ihrem Sohne und sagte ihm: Du wirst sie heiraten –! Angelo Torcelli, der ganz genau wußte, daß seine Mutter keinen Widerspruch vertrug, hatte sie reden, planen, bestimmen lassen, ohne auch nur ein Sterbenswort dazu zu sagen, – eine längst von ihm befolgte Diplomatie, die ihm ohne stürmische Szenen erlaubte, zu tun, was er für recht fand. Das war nicht ganz eigene, selbsterrungene Weisheit: sein Vater hatte es schon so gemacht. Außerdem aber war er, – was seiner Mutter durch aus entgangen war, – durch Nachdenken und ernste Lektüre, wozu ein schwerer Unfall ihm Zeit und Geschmack gegeben hatte, stark von der breitgetretenen Bahn traditioneller Anschauungen abgewichen. Während er nach einem Sturz mit dem Pferd bei einem Übungsritt des Gardereiterregiments, in welchem er diente, lange, lange Monate an sein Schmerzenslager gebannt lag, war ihm so manches, das er bisher als richtig und selbstverständlich angenommen hatte, in einem anderen Lichte erschienen. Als er, aus dem Hospital entlassen, für immer in seine Heimat Venedig zurückkehrte, war er innerlich und äußerlich ein anderer geworden. Das erstere nannte seine Mutter, falls sie es überhaupt bemerkte, »den Torcelli'schen Eigensinn«, und das letztere verletzte ihre Eitelkeit, denn ihr Sohn, auf dessen elegante Figur sie bisher so stolz gewesen war, hinkte! Freilich, wohl deckte ihrer Meinung nach sein großer, historischer Name mit der Dogenkrone über dem Wappenschild diesen Defekt reichlich zu, aber doch war sie sich's ständig bewußt, daß ein hinkender Gatte für ihre Eitelkeit Gift und Galle gewesen wäre.

Donna Fabiola lag nun ihrem Sohn dauernd in den Ohren mit der Notwendigkeit seiner Vermählung – und zwar einer reichen Heirat – zwecks Erhaltung seines im Erlöschen begriffenen Namens und des Palastes, dessen Veräußerung sonst nicht zu umgehen war. Dieses Thema hatte sie durchgepaukt, bis sie das Ohr ihres Sohnes glücklich für die immer wiederkehrende Weise abgestumpft hatte. Allmählich aber brachte der Name von Daphne Corleone einen Doppelklang in den einschläfernd gewordenen Ton, der die Nerven vibrieren machte. Das war zwar ihre Absicht, aber sie täuschte sich in dem Erfolg, denn sie erreichte damit nur, daß sich Angelo gegen seine Cousine auflehnte, noch ehe er sie von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte, weil eben der Freiheitsdrang zur Selbstbestimmung in jeder menschlichen Seele die Opposition gegen seine Beschränkung zum Zwillingsbruder hat. Als sie dann kam und sich frank und frei von der ersten Stunde an in ein rein-schwesterlich herzliches Verhältnis zu ihm stellte, in völliger Harmlosigkeit es bedauerte, daß sie ihn so spät erst kennenlernte, da atmete er auf und fühlte sich nach dieser Richtung hin gedeckt; seine Mutter aber nahm im Gegenteil die harmlose Herzlichkeit ihrer Nichte für ein vollkommen planmäßiges Entgegenkommen, das nur nach einer Richtung zielen konnte, und bohrte energisch weiter.

»Ich will wissen, was du wegen Daphne beschlossen hast!« Das war heute ein neuer Refrain, der dem täglichen Pensum angehängt wurde, gewissermaßen der Peitschenschlag, der den bisher stummen, passiven Widerstand zu einer direkten Äußerung zwang.

»Ich habe beschlossen, das warme, geschwisterliche Verhältnis, das zwischen ihr und mir herrscht, nie und nimmer auch nur durch die leiseste Andeutung nach der von dir gewünschten Richtung hin zu stören«, war die Antwort, deren künstliche Ruhe durch langsames Skandieren der Silben sozusagen unterstrichen wurde.

Donna Fabiola lachte laut und unharmonisch auf.

»Geschwisterliches Verhältnis! Angelo, bist du denn blind? Das Mädchen kommt dir in einer Weise entgegen, die es In unseren Kreisen unmöglich machen würde –«

»Pardon, Mama, wenn ich widerspreche, aber ich, als der zunächst Beteiligte, muß das besser wissen, um so mehr, als mir von jungen Damen aus unseren Kreisen Avancen gemacht worden sind, die geeignet waren, mich über das vollkommen aufzuklären, was sie bedeuten sollten. Daphne ist in einem anderen Lande erzogen worden und vollkommen natürlich. Es hieße sie mißverstehen, wollte man ihrem Benehmen mir gegenüber andere Motive unterschieben, zumal sie bei ihrer Stellung und ihrem Reichtum nicht nötig hat, sich Hals über Kopf einen Krüppel zu angeln, der ihr nichts anderes bieten kann als einen alten Namen und einen reparaturbedürftigen Palast.«

»Warum mußtest du auch diesen unseligen Ritt mitmachen!« stürzte Donna Fabiola sich nach der Art gewisser Frauen auf den einzigen angreifbaren Punkt in dieser Antwort.

Das Blut stieg dem Fürsten bei der ungerechten und unzarten Attacke in das mit einem gleichmäßigen, warmen Bronzeton getönte Gesicht, aber er beherrschte sich wie immer.

»Das Kommando zu diesem Ritt war eine Auszeichnung, denn es waren nur die besten Reiter dazu ausgewählt worden. Du mußt dich wirklich daran gewöhnen, mamma mia, es nicht zu vergessen, daß ein Gesuch um Entbindung von diesem Kommando so gut wie ausgeschlossen war. Frage lieber, warum gerade mein Pferd bei dem Sprung über jene Mauer mit dem Vorderhuf in ein Maulwurfsloch geraten und zu Sturze kommen mußte, der tödlich für das Tier und verhängnisvoll für mich verlief.«

»Ja, ja, ja, – ich weiß alles! Wer wird denn gleich jedes Wort auf die Goldwaage legen!« rief Donna Fabiola hastig, vielleicht weil ihr einfiel, daß ihre Art, über den Unfall zu reden, immer die gleiche war. »Darum handelt es sich auch gar nicht. Du bist solch ein Silbenstecher, Angelo! Das ist eine unausstehliche Angewohnheit von dir. Ich sprach von Daphne, dächte ich. Also gut, wenn du nicht findest, daß sie dir entgegenkommt – ich bin eben an eine andere Art und Weise bei wohlerzogenen jungen Damen unserer Kreise gewöhnt, – nun, was hindert dich, es deinerseits zu tun?«

»Erstens der Wohlanstand und das Gefühl der Selbstachtung, die mir verbieten, mich wie die Spinne auf die Fliege zu stürzen, die in ihr Netz geraten ist. Gewiß, Mama, das Gleichnis hinkt, wie alle Gleichnisse, denn Daphne ist nicht in unser Haus ahnungslos geraten, sondern ihm sehenden Auges anvertraut worden. Gerade darum sollten Wohlanstand und Selbstachtung sie als ein Rührmichnichtan betrachten –«

»Aber, das sind doch ganz verrückte Ansichten, die kein Mensch begreifen wird«, fiel Donna Fabiola erregt ein.

»Vielleicht. Wahrscheinlich sogar«, gab Angelo Torcelli zu. »Aber die Hauptsache ist doch, daß wir sie begreifen, und wenn ich allein damit stehe, nun, so kann ich mir eben nicht helfen. Daphne übrigens liebt mich sicher nicht in dem Sinn, den du meinst. Ich bin für sie ein Gegenstand des Mitleides, vielleicht auch ein besonders werter und angenehmer Verwandter, den sie schätzt, für den sie eine schwesterliche Zuneigung hat – ich hoffe, daß sie diese Gefühle für mich hegt, denn ich habe sie meinerseits sehr gern. Aber ich weiß von ihr selbst, daß sie niemals einem Manne ihre Hand reichen würde, den sie nicht liebt, und bin darin eines Sinnes mit ihr, weil ich es für direkt unmoralisch halte, eine Ehe äußerer Motive wegen zu schließen. Daphne ist mir eine liebe Cousine, sonst aber nichts. Und damit, liebe Mama, bitte ich, dieses Thema ein für allemal ruhen zu lassen. Es ist vollkommen nutzlos, wieder darauf zurückzukommen.«

Angelo Torcelli war kein phlegmatischer Mensch, – im Gegenteil. Wäre er heftig aufgefahren, hätte er seine Opposition herausgesprudelt, hätte er mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit sich verwahrt gegen die Pläne seiner Mutter, so hätte diese mit der gleichen Art ihre Wünsche verfochten, mit Heftigkeit auf der Notwendigkeit dieser Verbindung bestanden. Aber die Ruhe, mit der ihr Sohn zum ersten Male sich überhaupt zu der Sache äußerte, der Klang seiner Stimme und ein Etwas in seinem Blick, von dem sie vage empfand, daß es gefährlich sein könnte, auch nur einen Schritt weiter zu tun – das alles warnte Donna Fabiola und flößte ihr unbewußt – den Respekt ein, der sie dazu zwang, wenigstens zur Stunde die Waffen zu strecken. Mutter und Sohn sahen sich sekundenlang stumm in die Augen, und die Warnung, die sie in den seinen las, zeigte ihr blitzähnlich, daß sie schon zu weit gegangen war und mit weniger wahrscheinlich mehr erreicht hätte. Auch Leute, die ganz und vollkommen von sich und der Wirksamkeit ihrer Strategie überzeugt sind, haben manchmal einen Moment der Erleuchtung, in dem sie erkennen müssen, daß sie mit den Mitteln, die sie angewandt haben, nur den Widerspruch erweckt und genährt haben.

»Nun, dann hat es ja gar keinen Zweck, daß Daphne bei uns ist«, sagte Donna Fabiola naiv, indem sie tatsächlich die Augen vor dem Blick ihres Sohnes senkte.

Der Fürst lächelte unwillkürlich, aber es war kein Lächeln der Heiterkeit.

»Du mußt dich eben an die offizielle Parole halten: daß deine Nichte dir anvertraut worden ist, damit sie durch dich und unter deinem Schutz ihren Platz in der italienischen Gesellschaft einnimmt. Du kannst ganz überzeugt davon sein, daß man eine andere Vertrauensperson für diesen verantwortlichen Posten gefunden hätte, wenn dein Sohn – kein Krüppel wäre!«

»Nun, ich hoffe doch, daß dies bißchen Lahmheit meinen Sohn nicht zum Zölibat verurteilt«, fuhr Donna Fabiola auf, froh, einen Ausweg aus der Verlegenheit dieser verlorenen Schlacht gefunden zu haben. »Mein Gott, Angelo, bist du denn nicht imstande, einzusehen, daß es deine Pflicht ist, dich zu vermählen! Den alten, großen Namen zu erhalten, den Glanz deines Hauses wieder herzustellen –«

Das war sonst die Einleitung und die Begründung, wenn die Principessa ihren Sohn mit Gewalt zu seiner Cousine bekehren wollte. Er hatte das eine wie das andere bisher mit stoischem Schweigen aufgenommen; heute aber war er geneigt, auch über diesen Punkt Aufklärung zu geben.

»Meinst du?« unterbrach er sie, oder vielmehr, er fiel da ein, wo sie nach Worten suchend aufhörte. »Nun, ich will über die Pflicht nicht streiten; das ist Ansichtssache. Meine Privatmeinung ist: ein alter Stamm fällt besser, solange er noch grünt, statt daß er verdorrt oder degeneriert. Eine Pflicht läge für mich nur vor, wenn es sich um die Erhaltung unschätzbarer Familiengüter handelte, wie zum Beispiel die Bildergalerie im Palazzo Corleone. Es ist wahr, dieses Haus hier ist historischer Boden, aber ich darf mir das Zeugnis ausstellen, daß ich für seine Erhaltung wie für die der wenigen, aber erlesenen Kunstwerke darin bisher mannhaft gefochten habe. Darum mag auch lieber die Villa am Brentakanal dahingehen, ehe ich erlaube, daß zum Beispiel der Tizian drunten bei Nacht und Nebel verschwindet, um die Sammlung eines gewissen amerikanischen Millionärs zu schmücken –«

»Angelo –!« Donna Fabiola war leichenblaß in ihren Sessel zurückgesunken, aus dem sie in der Erregung aufgesprungen war. »Was – was willst du damit sagen?«

»Genau das, was ich ausgesprochen habe«, war die betonte Erwiderung. »Ich bin überzeugt, daß der erfolgreiche Schweinehändler eine durchaus entsprechende Phantasiesumme für das Gemälde geboten hat, denn schon die Belohnung, die er meinem Majordomo für das Herauseskamotieren versprochen, ist sehr anständig in Anbetracht dessen, daß er das Bild ja nicht stehlen, sondern von der – Herrin des Hauses kaufen wollte, wenn er auch über die Legalität des Verfahrens einige Bedenken gehabt haben muß. Zum Glück für mich – und es hat mich das wirklich so gefreut, wie seit Jahren nichts, ist der Majordomo mehr torcellisch gesinnt, als – als andere, die mich an meine Pflichten als Letzten meines Stammes mahnen. Nach der Meinung der Fremden sind ja alle Italiener bestechlich, aber ich wurde doch von der Gefahr unterrichtet, in welcher der Tizian geschwebt hat und vielleicht noch schwebt, denn ich kann die Hilfe des Gesetzes nicht zum Schutze anrufen oder die Behörden von der geheimen Ausfuhr des Gemäldes verständigen, weil ich ja damit die Person bloßstellen würde, mit welcher der Amerikaner im Einverständnis handelt. Aber vielleicht kann die Person den Handel noch rückgängig machen. Meine Einwilligung zu dem »Kauf« ist ja nicht eingeholt worden. Und da wir gerade von Geld und von Geschäften reden, liebe Mama, darf ich mir erlauben, dich zu fragen, ob der Kaufpreis für die Villa am Brentakanal zur Begleichung deiner Pariser Schneiderrechnung ausreichend sein dürfte? Das beißt natürlich, falls es dir keine Mühe macht und du eine ungefähre Ahnung von der Summe hast.«

Aber Donna Fabiola war, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, jenseits der Fähigkeit des ihr sonst so geläufigen Wortes. Um zehn Jahre gealtert lehnte sie in ihrem Sessel, die Hände wie abwehrend von sich gestreckt, die Augen von Furcht und Entsetzen erfüllt auf ihren Sohn geheftet, der von seinem Stuhle aus mit gleichmäßig gedämpfter Stimme, jede Silbe gewissermaßen unterstreichend, gesprochen hatte, während die Finger seiner kraftvollen, muskulösen, aber schlanken Rechten zwischen den Blättern seines Buches spielten, auf das er die Augen gesenkt hielt. Als keine Antwort kam, erhob er sich, griff nach dem Stock, der neben seinem Stuhl lehnte, und machte einen Schritt vorwärts, der seine Lahmheit offenkundig machte, aber auch bewies, daß die Selbstbezeichnung »Krüppel« mehr der Bitterkeit über sein Unglück als dem Augenschein entsprach, denn die schlanke Gestalt hätte in ihrem Ebenmaß einem Praxyteles zum Modell dienen können, und der ausdrucksvolle Kopf mit der kühnen Hakennase fesselte mehr als die Schönheit des Antinoos.

Das Bild sprachlosen Entsetzens, das Donna Fabiola bot, lockte keinen weicheren Ausdruck in seine Augen, die für gewöhnlich zwar fest und frei im Ausdruck, aber doch durchaus nicht hart waren, wie seit dem Beginn dieses Gespräches, bei dessen Eingang er noch nicht die Absicht gehabt hatte, es so enden zu lassen.

»Ich bedaure, dich in Unruhe versetzt zu haben«, sagte er im gleichen Tone wie vorher. »Es war meine Absicht, diese peinliche Angelegenheit persönlich mit dem Amerikaner zu ordnen und dir gegenüber Stillschweigen zu beobachten. Aber auch ein Sohn ist eben nur ein Mensch, und ein einziger Tropfen kann den Becher zum Überlaufen bringen. Dieser Tropfen war für mich die Mahnung an meine Pflicht.«

Das war das Stichwort, an dem Donna Fabiolas Lebensgeister sich wieder aufrichteten.

»So erfülle sie, – heirate Daphne, und ich – ich will dem Amerikaner selbst Bescheid geben!« rief sie triumphierend, allen Schrecken, alles Entsetzen vergessend.

Wenn ein Tropfen den Becher zum Überlaufen bringen kann, so genügt auch ein Strohhalm, um den Rücken des Kamels zu brechen. Nach allem, was gesagt worden war, langte Donna Fabiola über den Umweg durch die Hölle, die sie selbst sich geheizt hatte, genau auf dem Standpunkt an, den sie eingenommen hatte, als sie heute zum ersten Mal »Angelo« sagte. Ihren Sohn überkam das Gefühl des Schwindels, das einen Menschen überfällt, der den Boden der Selbstbeherrschung unter sich nachgeben fühlt – für eine heftige Natur, die sich mit dem Aufgebot ihrer ganzen Willenskraft so lange bezähmt hat, ein kritischer Augenblick, in dem von einer Verantwortlichkeit nur noch bedingt die Rede sein kann.

»Nein«, rief er laut, hart und atemlos im Banne eines Zornes, der ihn von Kopf bis zu Füßen schüttelte, »nein, ich werde Daphne nicht heiraten, denn ich liebe sie nicht, und sie steht mir zu hoch, als daß ich ihr meine Hand ohne mein Herz bieten würde. Aber da es dir gleichgültig ist, was mein Herz zu dem sagt, was du – du! für meine Pflicht erachtest, da es sich eigentlich ja nur noch darum handelt, daß der Name Torcelli dal Giglio nicht erlischt, indem die Villa deine Schneiderrechnung decken dürfte und du für künftige immer noch den Amerikaner in Reserve hast, gut! So werde ich heiraten, und zwar das erste weibliche Wesen, das mich in der nächsten Stunde auf dem Weg von diesem Hause bis San Marco anreden wird!«

Angelo Torcelli war zum äußersten getrieben durch die unablässigen Quälereien und Bohrereien seiner Mutter und an erster Linie durch ihren perfiden Plan, den Stolz seines Hauses, den Tizian hinter seinem Rücken zu Geld zu machen. Er war sich kaum bewußt, daß er mit seinen letzten Worten einen ungeheueren Unsinn ausgesprochen hatte, dessen Folgen, wenn er ihn zur Ausführung brachte, nur für ihn selbst zur Strafe werden mußten. Wen aber der Zorn peitscht, den hat die Unvernunft so gut wie ganz in ihrer Macht. Was Angelo Torcelli noch vollends die Besinnung raubte, war das höhnische Lächeln seiner Mutter, mit dem sie sagte: »Nun, dann können wir alle beide ruhig sein über die Person der künftigen Principessa! Weibliche Wesen pflegen Herren auf der Straße nicht anzureden, oder? Bettlerinnen und Blumenmädchen! Die dürfen wir von den »weiblichen Wesen« wohl von vornherein in Abzug bringen, nicht?«

»Durchaus nicht!« erwiderte Fürst Torcelli und stieß zur Bekräftigung seinen Stock auf dem Estrich auf – er war in diesem Augenblick jenseits aller Überlegung und Vernunft, in seinem Zorn zu jedem Widerspruch gereizt.

»Bettlerin oder Blumenmädchen, jung oder alt, schön oder häßlich, – das erste weibliche Wesen, das mich – mich! in der nächsten Stunde auf dem Weg von hier bis San Marco anredet, werde ich zur Fürstin Torcelli machen! Ob sie mich will oder nicht – gleichviel, ich werde sie zu zwingen wissen, und ist sie schon vermählt, so wird sie sich scheiden lassen, um mich zu heiraten! Nur, damit ich endlich Ruhe vor dir bekomme! Nur deshalb! Ich gebe dir mein Ehrenwort und schwöre dir beim Andenken meines Vaters, daß ich tun werde, was ich dir gesagt habe! Vielleicht tritt sein Geist zwischen mich und die Frau, die den Mund öffnet, um mich anzureden, vielleicht auch nicht! Vielleicht ist's ein Engel, der auf mich wartet, um mich zu retten, vielleicht der Teufel, der mich verderben will. Und dann lege ich mein vernichtetes Leben vor deine Schwelle, Mutter! Ja, wenn in deinem Herzen sich die Mutter noch für mich regt, dann bete, während ich meinen Gang tue, daß Gott der Frau den Mund versiegelt, die den Blick auf mich richtet, um mich anzureden, gleichviel aus welchem Grunde!«

Donna Fabiola, die ihren Sohn eigentlich von allen Menschen am wenigsten kannte, oder ihn auch nur halbwegs verstand, weil er ganz, ganz anders als sie geartet war, wußte aber doch, daß sie seiner Geduld zuviel zugemutet hatte, sie wußte auch, daß er leere Worte selbst im Scherz nicht zu machen pflegte, und sicherlich nicht melodramatische Szenen aufführte. Darum fuhr ihr bei diesem elementaren Ausbruch doch ein Schreck durch die Glieder, den seine beherrschte Bitterkeit nicht auszulösen vermocht hatte. Mit einem leisen Aufschrei war sie mit zwei Schritten neben ihrem Sohne.

»Angelo, Lieber!« stammelte sie. »Ich will ja nur dein Bestes, ich, deine Mutter! Bleib' bei mir, geh' nicht aus, – du kannst doch nicht im Ernste –«

»Ich habe beim Andenken meines Vaters geschworen und habe dir mein Wort verpfändet, scherzt man damit?« rief er gereizt. »Also, es bleibt dabei«, setzte er im nächsten Augenblick ruhiger, mit einem seltsamen Gefühl von Hoffnungslosigkeit hinzu. Und mit einem kurzen Kopfnicken ging er hinaus, zunächst in sein Zimmer, um seinen Hut zu holen.

Ein schreckliches Gefühl der Ernüchterung begleitete ihn auf dem Weg durch die langen Korridore und über die Loggia des ersten Hofes, in dem weiße Marmorbilder zwischen Orangen- und Lorbeerbäumen in Kübeln standen und Efeu und Clematis sich über die zierlich durchbrochene Steinbrüstung rankten. Hier über diesem Hof hatte der Fürst seine Zimmer, zu denen er aus der Loggia gelangte. Als er über seine Schwelle trat und die Tür hinter sich schloß, wallte es noch einmal in ihm auf, diesmal aber gegen sich selbst. »Wie der Held einer Schauertragödie hab ich mich aufgeführt!« knirschte er. »Ich, der ich mir so viel auf meine Selbstbeherrschung zugute getan habe! Aber, da ich mich verschworen, so muß es auch ausgefressen werden. Aber es ist nicht anzunehmen, daß ein weibliches Wesen mich anspricht. Es war wohl mein guter Engel, der diese Einschränkung mir auf die Zunge legte.«

Dann griff Angelo Torcelli nach Hut und Handschuhen und verließ entschlossen sein Zimmer. Als er die Tür aufmachte, huschte oder vielmehr tanzte eine weiße Gestalt daran vorüber, stand aber still, als er auf der Schwelle erschien.

»Guten Morgen, Vetter!« rief sie laut und lustig und streckte ihm die Hand entgegen. »Guter Gott! Du siehst ja aus wie ein wandelndes Gewitter! Was ist denn passiert?«

»Guten Morgen, Cousine! Du kommst ja daher wie die frische Seebrise nach dem Gewitter«, erwiderte er mit einem tiefen Atemzug, als hätte eben diese Brise etwas Dunkles in ihm verjagt, indem er kräftig die gereichte Hand drückte, die ihm die Erbin von einem halben Dutzend Titeln »im eigenen Rechte« so frank und frei gereicht hatte, wie es so unkonventionell nie eine seiner Landsmänninnen fertigbringen konnte. Daphne, die Hoffnung seiner Mutter, hatte vom Inselland des Nordens das reiche, silberblonde Haar, den klaren, unvergleichlichen Teint und von ihrer römischen Abstammung die großen, dunklen Augen, deren enorme Iris kaum etwas von dem bläulichen Weiß darum sehen ließ, die geraden, für die feinen Züge und den lachenden Mund fast zu schweren, schwarzen Brauen, die feine, gebogene Nase, wie man sie auf den Büsten der Römerinnen des Altertums sieht, und über ihrer ganzen Erscheinung lag ein Hauch von Jugendkraft, geistiger und körperlicher Gesundheit, der in der Tat etwas von einer Mut einflößenden, erfrischenden Seebrise hatte.

»Kein Wunder, ich komme ja eben von der See«, sagte sie fröhlich. »Und einen Hunger habe ich mir angerudert – Cecco, der Koch, hat mir unten schon verraten, daß es Makkaroni mit Tomaten zum Lunch gibt und frischen, gestovten Tunfisch. Wenn ich's nur bis dahin aushalte, ohne die Ca' Torcelli anzubeißen. Warum bist du denn nicht mitgekommen, Angelo? Ich hab dir doch sagen lassen, daß ich heut rudern wollte! Soll ich dir etwa eine gedruckte Einladung auf Büttenpapier schicken, damit ich wieder einmal die Ehre deiner hoben Gesellschaft auf hoher See habe?«

»Ich – ich konnte nicht kommen, Cousine« wich er aus, denn die frei erzogene Erbin hätte nicht begriffen, wie schnell man in ihrem legalen Vaterland ein solches Stelldichein mißdeutet hätte.

»Konnte nicht!« wiederholte sie vorwurfsvoll. »An solch einem Morgen wie der heutige muß man können. Was hattest du denn so entsetzlich Wichtiges zu tun?«

»Ich – ich mußte das Buch beenden, dessen Umfang schon dein Mißfallen erregt hat«, erwiderte er.

»Warum nicht gar!« protestierte sie lachend. »Jetzt soll ich am Ende noch an deiner Ungenießbarkeit schuld sein! Hast du dich glücklich durch den Gallimathias durchgearbeitet?«

»N–nein«, gestand er mit der Wahrheitsliebe, die ihm im Blute lag, und die er an Daphne so zu schätzen wußte. »Ich beging den Fehler, mich mit dem Buch in den Salon zu setzen, weil ich den gelegentlichen Blick auf den Kanal liebe, und meine Mutter kam und bestand darauf, von – Geschäften zu reden.«

»Tante Fabiola und Geschäfte!« rief Daphne. »Ich begreife, daß dir der Kopf davon brummt! Und du, wie es scheint, jetzt das Bedürfnis hast, ihn in die frische Luft zu führen! Nun denn, auf Wiedersehen beim Lunch, Vetter!«

Damit nickte sie ihm zu und sprang durch die Loggia, ein Bild strahlender Jugend.

Angelo Torcelli setzte den Stock, der ihn stützte, fester auf und ging seines Wegs der Treppe zu, die Daphne heraufgekommen war. Es war ihm besser zumute nach dieser Begegnung, und doch wieder schien er sich mühsamer als sonst zu bewegen.

»Gott erhalte ihr den frohen Mut und lasse sie nicht das Opfer eines Mannes werden, der nur ihr Geld begehrt«, dachte er mit einem Seufzer. »Ich hab' sie lieb, die blonde Daphne – wie eine Schwester. Ich wollte, ich hätte das Recht, ihr wie ein Bruder zur Seite zu stehen –«

»Gehst du aus, Angelo?« unterbrach ihn eine tiefe Stimme, und der Fürst sah, als er aufblickte, Don Orso Torcelli, einen kleinen, dünnen, mit peinlichster Sorgfalt gekleideten Herrn. Er war einer der permanenten »Gäste« des Hauses, ohne die ein großer italienischer Palazzo unvollständig wäre, vielleicht weil er Raum genug hat, die armen Verwandten zu beherbergen, für die man sonst anderweitig zu sorgen hätte. Don Orso war ein Vetter von Angelos Vater, ein Gelehrter und kompetenter Kenner der Geschichte des großen Hauses, dem er angehörte, und daneben ein so hoffnungslos fürs praktische Leben unpraktischer Mensch, daß man ebensogut ein Wickelkind hätte auf der Straße aussetzen können, als diesen Sechziger, der es nach den Begriffen seines Landes für ganz selbstverständlich hielt, in der Ca` Torcelli Asylrecht zu genießen. »Gehst du aus, Angelo?« wiederholte er, als sein Neffe ihn, in Gedanken versunken, verständnislos ansah.

»Sage mir, Onkel«, stammelte nun der Fürst, »glaubst du, daß ein Mensch, ein Mann meine ich, verpflichtet ist, ein Gelübde zu halten, das eine maßlose Erregung ihm erpreßt hat?«

Don Orso nahm den Hut ab und kratzte sich mit dem kleinen Finger das bürstenartig aufstrebende Haar seines Kopfes, indem er die buschigen, weißen Brauen hochzog.

»Das ist eine kitzlige Frage«, meinte er, indem er seinen Neffen zärtlich ansah. »Eine Gewissensfrage, und ehe man die näheren Umstände nicht kennt – aber ich sollte meinen, Gelübde ist eben Gelübde, von dem nur ein Gewissensrat oder aber das eigene Gewissen entbinden kann. Es kommt eben dabei alles auf die Umstände an.«

»Ja, freilich – ich verstehe«, murmelte Fürst Torcelli mit einem Seufzer und ging weiter, indem er seinem Verwandten zunickte. Das Treppensteigen war für seine lahme Hüfte immer ein Stück mühseliger Arbeit. »Gelübde ist Gelübde«, klang es ihm auf jeder Stufe in den Ohren. Unten in der Halle stand er still und zündete sich eine Zigarette an, um sie nach dem ersten Zuge wieder fortzuschleudern, hinaus auf das glitzernde Wasser, das durch die geöffneten, kassettenartig geschnitzten, mit bronzenen Beschlägen verzierten Torflügel sichtbar war; der Tabak, der geliebte Tröster, wollte ihm jetzt nicht munden. Doch genügte der kurze Aufenthalt, um vor seinem Heraustritt einer Dame Einlaß zu gewähren, die von einem Ausgang in den Palast zurückkehrte. Ganz jung war sie nicht mehr, die Dame, sie war eine andere, permanent in der Ca' Torcelli residierende Verwandte das Hauses, Donna Laura Torcelli, die als das einzige Kind eines älteren Bruders des verstorbenen Fürsten das erste Anrecht auf dies Asyl hatte, das freilich groß genug war, um noch ein ganzes Regiment von Verwandten zu beherbergen, die meist Dornen im Fleisch der Familie sind. Donna Laura war um weniges älter als ihr Vetter und Gastfreund, ein stolzer Typus einer stolzen Rasse, eine der Lilien des Feldes, die zwar nicht spinnen, aber sich mit Gelassenheit im Bewußtsein ihres guten »Rechtes« an den Tisch des Hauses setzen und scharf kritisieren, was ihnen nicht behagt. Zwar, einer Lilie glich sie nicht, eher war sie schon mit einer der prächtigen, aber duftlosen Dahlien zu vergleichen, die nichts zu tun haben, als den Garten zu schmücken, in den sie gepflanzt wurden. Regelmäßige, aber scharfe Züge, Augen, die unzufrieden und unbefriedigt vor sich schauten, nicht rückwärts und nicht nach innen, eher gelegentlich seitwärts nach unerreichbaren Früchten, nachtschwarzes, wohl-frisiertes Haar, eine hochaufgerichtete, königliche Figur, das alles nannte Donna Laura ihr eigen und ohne eigentlich schön zu sein, machte sie doch einen rassigen Eindruck.

»Ah – Angelo!« rief sie, indem sie ein verbindliches Lächeln auf ihren schmalen Mund zauberte, ohne damit die verbitterten Falten, die um ihn eingegraben waren, zu verwischen. »Willst du ausgehen? Soll ich dich begleiten?«

»Sehr gütig, – danke vielmals, aber es ist mir viel besser und gesünder, mich im Alleingehen zu üben«, erwiderte er hastig und irritiert, denn es ärgerte ihn, sich als hilfsbedürftig angesehen zu wissen.

»Aber ich meine es doch so gut«, fiel Donna Laura mit einer demütigen Hingabe ein, die sie nicht kleidete.

»Selbstverständlich – ich bin dir auch sehr dankbar, aber es geht sehr gut so«, entgegnete der Fürst, indem er zeremoniell den Hut zog.

»Ist Tante Fabiola zu Hause?« rief sie ihm nach. Das Lächeln war von ihrem Munde verschwunden und die Falten darum tiefer eingegraben denn je.

»Ja. Meine Mutter war noch vor zehn Minuten droben im Salon«, antwortete er kurz und ohne sich umzusehen.

»Oh –! Ich eile zu ihr, um zu fragen, ob ich ihr mit irgend etwas behilflich sein kann.«

»Ja, tue das nur«, sagte er grimmig. Seine Cousine ging ihm immer auf die Nerven, heute aber doppelt, und in dieser Stimmung gönnte er ihr den Empfang, dessen sie heute bei seiner Mutter mehr denn je sicher war, denn Donna Fabiola pflegte kein Hehl daraus zu machen, daß sie diese Verwandte, die so tat, als ob sie die eigentliche und legitime Herrin der Ca' Torcelli wäre, gelegentlich herzhaft ins Pfefferland wünschte.

Gottlob, dachte er aufatmend, als die Tür hinter ihm zugefallen war, gottlob, daß das verlängerte Zwiegespräch mit meiner Mutter mich vor der Szylla wie vor der Charybdis bewahrt hat! Denn zehn Minuten eher auf der Straße und mir wäre vielleicht Daphne bei ihrer Landung am Campo begegnet, sicher aber Laura! Er schauderte zusammen. Lieber die greulichste Bettlerin von der nächsten Kirchentür als Laura. Vor Daphne bewahrt mich meine brüderliche Zuneigung, vor Laura aber bewahre mich der Leibhaftige, wenn's nicht so schon mein guter Engel getan hätte. Herrgott! Ein Leben mit einer Frau wie Laura! Ich habe so schon Neigung, unhöflicher gegen sie zu sein, als in meiner Natur und in meiner Eigenschaft als Herr dieses Hauses liegt, um mich durch keinen Blick, keine Bewegung zu kompromittieren – oder sie! Denn sie geht darauf aus wie die Spinne auf die unglückliche Fliege, die harmlos an ihrem Netz vorübersurrt. Arachne! Ich weiß nicht, warum sie mich immer an diese klassische Spinne erinnert! Und meine Mutter – sie wäre in Krämpfe gefallen, wenn ich ihr jetzt, in diesem Augenblicke Laura als Schwiegertochter gebracht hätte. Und doch wird sie vielleicht noch schlimmere Krämpfe bekommen, wenn ich von meinem Ausgang heimkehre.

Er wandte sich vor der Tür nach rechts, schwenkte aber ab, denn trotz seiner eben gerühmten Bevorzugung der »greulichsten alten Bettlerin« erinnerte er sich mit Schaudern einer gewissen alten Hexe, die den lieben langen Tag der Rückseite des Palastes gegenüber auf einer Türschwelle saß und die sich mit tödlicher Sicherheit ihren Obulus von ihm eintrieb, falls er einmal in Gedanken an ihr vorüberging, ohne die erwartete Steuer der Nachbarschaft zu entrichten. Nein, es konnte keine Umgehung des Gelübdes sein, wenn er die alte Rita vermied. Freilich, die Gefahr war mit Donna Laura Torcelli und der alten Rita keineswegs überwunden. Sie lauerte überall, besonders vor der Markuskirche, die sein Ziel war.

Der Gedanke an die Bettlerinnen, Andenkenverkäuferinnen und Blumenmädchen erfüllte seine Seele mit bitteren Selbstvorwürfen über die Zorneswallung, die ihn das rasche Wort hatte aussprechen lassen, das ihm zum Verhängnis für das ganze Leben werden konnte, welches nach menschlichem Ermessen noch vor ihm lag. Aber er biß die Zähne zusammen und setzte den Stock fester auf: hundertmal war er den Weg gegangen, ohne daß eine Bettelnde ihn angesprochen hatte – warum nicht auch heute? Nur um ihn für einen Schwur zu strafen, den ein unerträglich gewordener Druck, die Entrüstung und Qual ihm erpreßt hatten?

Als er weiterging, sah er eine Dame ihm entgegenkommen, die er als die noch junge, sehr garstige, aber sehr liebenswürdige Frau seines Advokaten erkannte, und er wußte, daß die ihn, falls er stumm grüßend an ihr vorüberging, unfehlbar ansprechen würde, denn sie war eine entfernte Verwandte und der Verkehr zwischen beiden Häusern auf einem freundschaftlichen Fuße. Dem Fürsten wurde es beim Anblick dieser Dame, die ihn aber noch nicht gesehen zu haben schien, erst heiß, dann kalt, und dann hätte er fast laut aufgelacht über das Absurde und Unmögliche dieser Begegnung! Signora Vivari, die mit ihrem Gatten in der glücklichsten Ehe lebte, vier Kinder hatte, das allgemeine Ansehen genoß – diese Frau sollte er dazu bringen, ihn durch den Pfuhl eines Riesenskandals hindurch zu heiraten? Das ist ja der Unsinn in siebenfacher Potenz! stöhnte er, und doch – wie hatte Don Orso gesagt? »Ein Gelübde ist ein Gelübde –!« Es ist wahrlich keine Feigheit, wenn jemand einen fallenden Balken sieht und einen Schritt zur Seite tritt, um sich nicht von ihm zerschmettern zu lassen; Angelo Torcelli, der in seinem Leben schon genug Proben seines Mutes abgelegt hatte, bedachte sich nicht einen Augenblick, diesen Schritt zu tun: so schnell wie seine Lahmheit es erlaubte, schwenkte er nach links ab und trat unter das Portal der Kirche San Stefano. Und er hatte Glück; keine Bettlerin, nur ein alter Mann hockte neben dem Portal. In seiner Erleichterung ließ er einen größeren Geldschein in dessen ausgestreckte Hand gleiten und trat dann rechts in den Schatten der ersten Säule des majestätischen gotischen Domes, in den eine allzu große Zahl von Fremden sich nicht zu verirren pflegt, obwohl er sicher eine der schönsten, an Kunstwerken reichsten Kirchen Venedigs ist. In einer der Seitenkapellen brannten noch die Kerzen von der letzten, späten Messe her, die eben beendet sein mochte, denn die Andächtigen knieten noch da und dort. Wo der Schatten einer Säule am tiefsten war, sah Angelo Torcelli am Boden etwas rot in dem Lichte glühen, das die Kerzen hineinwarfen. Es war ein eigentümliches, ins Violette spielendes Rot, doch feurig wie das phosphoreszierende Auge eines ungekannten, unnennbaren Geschöpfes, voll Leben und einer versteckten Meinung, die sich nicht in Worte fassen ließ. Erst glaubte er, es wäre der Reflex einer bunten Fensterscheibe, aber ein näheres Hinschauen belehrte ihn, daß dies an dieser Stelle unmöglich wäre und daß etwas wie eine Fassung dieses rote Licht umgab. Er trat näher und bückte sich: es war ein Schmuckstück, in dem in dunkles Gold gefaßt ein Juwel glühte von der Größe eines Lirastückes, doch in der Form eines Dreiecks geschliffen; also ein Gegenstand, den jemand an dieser Stelle verloren hatte, wofür auch das zerrissene, feingliedrige Goldkettchen sprach, das wie ein gleißendes Schlänglein auf den Steinfliesen ringelte. Der erste Impuls, den Angelo Torcelli hatte, war, sich umzudrehen und den Schmuck liegen zu lassen; zwar wußte er, daß es eigentlich seine Pflicht war, den sicherlich kostbaren Gegenstand aufzuheben und ihn in der Sakristei abzugeben, wo sein Eigentümer, oder vielmehr seine Eigentümerin sicher nachfragte, aber eine eigentümliche, unerklärliche Scheu hielt ihn davon ab, das rotglühende Juwel aufzuheben, als könnte er sich die Finger daran verbrennen; ja, es war etwas wie Widerwille, das sich in ihm regte und ihn zurückfahren machte. Aber eben bewegten sich einige Leute der Stelle zu, wo er stand. Da überwand er sich und nahm mit spitzen Fingern seinen Fund auf; doch kaum daß er ihn in der Hand hatte, überkam es ihn wie ein Schwindel, und es schnürte ihm etwas die Kehle zu . . . Aber das Gefühl ging ebenso rasch vorüber, wie es ihn überkommen hatte. Er trat mit dem Schmuck aus dem Schatten heraus in das einfallende Tageslicht, und fast wäre ihm ein Ausruf des Staunens laut entschlüpft, als er hier einen Blick auf seinen Fund warf: das rotleuchtende Juwel war grün, von dem tiefen, dunklen Grün einer Schwarzwaldtanne! Wie war das möglich? Er machte wieder einen Schritt zurück, um das Kerzenlicht auf den Stein fallen zu lassen, und sogleich glühte er in dem eigentümlichen, bläulichen Rot auf, das auf den Steinfliesen sein Auge gefangen hatte. Im Tageslicht wandelte es sich wieder in das schöne, dunkle Grün, jedoch ohne etwas von der Leuchtkraft zu verlieren, die ein von rückwärts durchleuchtetes Juwel annimmt.

Es war überhaupt ein sehr merkwürdiges Schmuckstück, wie Angelo Torcelli es noch niemals gesehen hatte, denn die Fassung des dreieckigen Steines, der in einer ihm fremden Manier geschliffen war, zeigte in seinem dunklen, matten, wie erloschenen Gold eine Zeichnung, die den Orient als Ursprung vermuten ließ. Es war als Anhänger gedacht, wofür der Haken sprach, den die in seltsamen Verschlingungen den Stein umwindende Schlange im Rachen hielt, und von dem noch das zerrissene Goldkettchen, das ebenfalls in ungewöhnlicher Weise geflochten war, herabhing. Auf alle Fälle mußte das Juwel einen hohen Wert haben und seine Besitzerin über seinen Verlust sicherlich sehr erschrocken sein.

»Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie anrede, aber ich sah Sie den Schmuck hier aufheben, den ich verloren habe und schon seit einer Viertelstunde in allen Ecken und Winkeln suche«, sagte leise, dem Ort entsprechend, eine wunderbar melodische Stimme vom schönsten Alttimbre, und als er sich umwandte, sah Angelo Torcelli eine Dame vor sich stehen, von einer so strahlenden Erscheinung, daß er sie wie geblendet anstarrte, wie nur ein Südländer imstande ist, einer Dame ins Gesicht zu sehen. Aber diese nationale Eigentümlichkeit war nicht allein die Ursache, sondern eher der Schrecken, der ihm wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder fuhr.

»Also doch!« sagte er unwillkürlich laut, weil das, was er gefürchtet und zweimal auf seinem Gange heut schon willkürlich vermieden hatte, nun eingetreten war: ein weibliches Wesen hatte ihn angesprochen! Und doch hätte jedem anderen eine Anrede aus diesem Munde geschmeichelt und ihn beglückt, ihn selbst wahrscheinlich zu einer anderen Stunde auch, in dieser aber trafen die Worte, die er dem Sinne nach nur vage erfaßte, wie ein Donnerschlag, und wieder kam der Schwindel über ihn, der ihn vorhin für einen Moment betäubt hatte. Doch auch dieser zweite Anfall ging so rasch vorüber wie der erste, das Blut, das ihm für einen Augenblick gestockt hatte, ergoß sich ihm im heißen Strome über das Gesicht und pochte und hämmerte ihm in den Adern, als wollte es sie zersprengen. Nur die Macht der Gewohnheit vermochte, daß er sich leicht und mit dem Anstand, den selbst der gemeine Mann seiner Nation besitzt, verbeugte und der Dame die offene Hand, darin der Schmuck lag, hinhielt. Diese Fremde umfloß ein ganz eigener Zauber; das lag wohl an dem Lächeln des lieblichen Mundes, den träumerischen, rotbraunen Augen, die das schmale, blasse Gesicht beherrschten, an der hohen, schlanken Gestalt, vielleicht auch an den krausen, dunkelkupferfarbenen Haaren, deren Spitzen wie poliertes Gold leuchteten, daß es aussah, als wären sie mit Goldstaub gepudert. Ein vages, fernes Erinnern an dieses Gesicht zog durch Angelo Torcellis Seele, als er wortlos vor der Fremden stand, die mit einer schmalen Hand im tadellos sitzenden Handschuh den Schmuck von der hingehaltenen Hand nahm und mit einem neuen Lächeln, das zwei süße Grübchen in ihren zarten Wangen sehen ließ, verbindlich flüsterte:

»Vielen, vielen Dank! Ich habe schon Todesängste ausgestanden, daß ich meinen Alexandrit verloren haben könnte! Der Schmuck ist ein Erbstück – ich trenne mich nie von ihm, meinem Amulett – oh, die Kette ist gerissen, sie ist so alt. Da war es kein Wunder, daß der Anhänger herabglitt.«

»Nein, da war es kein Wunder«, wiederholte Torcelli mechanisch und ärgerte sich dabei über sich selbst, weil er nichts anderes zu sagen wußte. »Aber«, setzte er hastig hinzu, »aber Sie müssen mir erlauben, Madame, die Kette wieder reparieren zu lassen – ich kenne einen Goldschmied hier, der mit diesen zarten Arbeiten vertraut ist –«

»Ich bitte Sie, mein Herr! Das ist meine Sache«, erwiderte sie verbindlich, aber doch mit der unbetonten Abweisung der großen Dame, die dieses junge Wesen sicherlich war, indem ihr Blick über den Finder ihres Schmuckes flog, der zwar die Merkmale seiner Rasse nicht verleugnete, aber doch schließlich nichts war als eine flüchtige Bekanntschaft. »Nochmals, besten Dank für Ihre Mühe«, setzte sie leicht hinzu, neigte den Kopf kaum merklich zum Gruße und wandte sich dem Ausgange zu. Zu jeder anderen Zeit hätte Angelo Torcelli diese unzweideutige Entlassung mit dem Takte des wohlerzogenen Mannes endgültig anerkannt, anerkennen müssen, aber seine Lage war zu dieser Stunde eine anomale und forderte gebieterisch von ihm die Überschreitung konventioneller Gesetze, die ungeschrieben von den gebildeten Kreisen beobachtet werden. So schnell als es sein körperlicher Zustand erlaubte, folgte er der eleganten Gestalt in ihrem mit raffinierter Einfachheit geschnittenen Kleid und stand neben ihr, als sie auf der Schwelle des Portals zögerte.

Welches Profil! Wie aus einer Muschel geschnitten, dachte er mit dem immer gegenwärtigen Schönheitssinn des Italieners. »Madame«, sagte er auf französisch, denn in dieser Sprache hatte sie ihn angeredet, »Madame, halten Sie mich, bitte, nicht für einen unerzogenen oder zudringlichen Menschen, wenn ich mir noch einmal gestatte, meine Dienste für die Wiederherstellung der Kette anzubieten. Ich bin ein wenig Kenner und weiß, daß nur ein Meister imstande war, eine solche feine und fremdartige Arbeit herzustellen – was man so gewöhnlich einen Goldschmied nennt, wird ein solch feines Werk nicht restaurieren können. Sie dürfen mir die Kette ruhig anvertrauen«, setzte er mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, »es kennt mich in Venedig jedes Kind. Mein Name ist Torcelli – Principe Torcelli dal Giglio.«

»Wie?« fragte sie überrascht, indem die anfänglich hochmütige Abweisung von ihren zarten Zügen verschwand. »Der – der glückliche Besitzer der Ca' Torcelli am Kanal Grande?«

»Das ist mein Haus«, erwiderte er mit der ganzen stolzen Bescheidenheit des Patriziers auf seine vier Mauern, aus denen die Republik im Meere zwei ihrer größten Dogen empfangen hatte. Dann aber zog ein Schatten über sein Gesicht. »Ob ich als sein Besitzer aber gerade glücklich zu preisen bin, steht auf einem anderen Blatt. Wenn man ein Krüppel ist –« er vollendete nicht, sondern deutete nur auf seinen Stock, auf den er sich schwer stützte.

»Oh«, machte sie, aber es lag eine ganze Welt von ungeheuchelter, warmherziger Sympathie in dem kurzen, konventionellen Ausruf. »Ich habe es gar nicht gesehen, daß Sie sich – nicht ganz normal bewegen. Principe«, setzte sie mit ihrem reizenden, lieblichen Lächeln großmütig hinzu.

»Dann wollen Sie, Madame, das Unglück Ihrer Nebenmenschen nicht sehen«, entgegnete er dankbar. »Das ist eine schöne Gabe, wenn man's kann. Ich war auch nicht – nicht immer so – so wie jetzt. Ein Sturz vom Pferde, und die Ca' Torcelli, die Sie zu bemerken so gütig waren, hatte mich auf immer wieder.«

»Ich hätte sie an Ihrer Stelle überhaupt nie verlassen«, rief die Fremde lebhaft. »Ich sah den Garten neben dem Palast über die zinnengekrönte Mauer ragen und lasse mich oft und gern daran vorüberrudern. Die grünen Wipfel, die sich im Wasser widerspiegeln, haben es mir angetan, und der Palast daneben mit den zwei Portalen, über deren Schwellen die Flut steigt, mutet mich an wie kein anderer in Venedig. Ich habe seit meiner Kindheit geschwärmt für diese Paläste hier und muß gestehen, daß ich mich schon in meinem Hotel erkundigt habe, ob die Ca' Torcelli zugänglich ist – man hat mir die Frage verneint und zur Verschärfung der Abweisung hinzugefügt, daß sie kostbare Gemälde besitze.«

»Sie müssen kommen, sie zu sehen«, fiel Torcelli lebhaft und mit blitzenden Augen ein. »Aber, Sie müssen keine ›Galerie‹ erwarten, Madame, – nur einiger Perlen, zerstreut in den Räumen, dürfen wir uns rühmen: ein Tizian, ein Tintoretto, ein Giorgione, ein Gian Bellini – oh, und jetzt weiß ich's auch, an wen Sie mich erinnern! Es ist ganz wunderbar, wie sehr, und wäre es nicht unmöglich, so würde ich fragen: haben Sie Gian Bellini jemals zu einem Bilde gesessen, einen Kranz von weißen Blütensternen im Haar, eine Violine im Arm, mit dem Bogen leise, leise über die Saiten streichend?«

Sie lachte, und es klang wie Musik.

»Wie wunderbar!« rief sie aus. »Es ist wahr, ich spiele Violine und habe auch schon einen solchen Kranz getragen – er ist längst verwelkt – aber daß ich dem Gian Bellini jemals Modell gestanden habe, darf ich in Anbetracht dessen, daß ich noch nicht ganz vierhundert Jahre alt bin, mit Bestimmtheit verneinen. Und dieses Bild, das mir ähnlich sieht, besitzen Sie?«

»Ja, aber nur eine Studie des Kopfes zu dem Gemälde, dem die ganze Figur angehört«, sagte Torcelli, ohne den Blick von ihr zu wenden – er sprach wie im Traume, denn er konnte das Gefühl des Unwahrscheinlichen dieser Stunde nicht loswerden. »Das Original hängt, leider arg vernachlässigt, in der Kirche San Pietro in Murano und heißt die Madonna des Hauses Barbarigo.«

»Das muß ich sehen«, lächelte sie, ein klein wenig ungläubig. »Und, wenn Sie es wirklich erlauben, auch die Studie dazu. Und wenn Sie in der Tat meine zerrissene Kette Ihrem Goldkünstler übergeben wollen – hier ist sie.«

»Und wo, bei wem darf er sie abgeben, wenn sie fertig ist?« fragte Torcelli diskret.

»Ja so!« meinte sie lachend, »das hätte ich fast vergessen, daß ich ja für Sie noch die ›große Unbekannte‹ bin. Ich bin die Fürstin Sarakow und wohne im Grand Hotel.«

Er verbeugte sich, respektvoll die Vorstellung quittierend. Aber sie las die stumme Frage in seinen Augen, als sie ihren Namen nannte.

»Ja, – ich bin die Witwe des Gouverneurs von . . ., dessen Tragödie die ganze Welt kennt«, fügte sie leise hinzu, indem ein tiefer, tiefer Schatten über ihr Gesicht flog. »Und Sie wundern sich gewiß, daß ich, kaum ein Jahr danach, keine Trauerkleider mehr trage. Alle Leute wundern sich, und viele haben es mir gesagt. Darum bin ich auch fortgereist, weit, weit von der Heimat, die mir lange schon keine mehr ist. Aber ich kann nicht, ich kann nicht! Ich hasse Trauerkleider, hasse die schwarze Farbe –«

»Es ist kein Wunder«, murmelte er traumverloren. »Was haben schwarze Kleider mit Ihnen zu tun, dem Inkarnat des Lichtes?«

Sie schien nicht auf ihn gehört zu haben.

»Was sind Trauerkleider«, sagte sie, »wie die sogenannte Sitte sie vorschreibt? Ein ganz äußerliches Futteral, in dem sich oft nichts als Gefühlsarmut verbirgt. Ginge es nach mir, müßte man in Weiß trauern, wenn es schon wahr ist, daß die Verstorbenen zur ewigen Freude im ewigen Leben eingegangen sind. Warum soll man dann überhaupt trauern? Weil die Menschen sich vor dem Tod fürchten, der nichts ist als ein Übergang. Wenn wir nur wüßten, in welcher Gestalt er zu uns kommt – aber die Ungewißheit, die Ungewißheit ist es –«

Sie brach jäh ab, und der Ausdruck eines gehetzten Wildes trat an die Stelle des Träumerischen in ihren Augen. Aber mit Anstrengung, als deren äußeres Zeichen ein Zucken über ihr zartes Gesicht ging, zwang sie sich zu einem Lächeln.

»Da stehe ich und philosophiere, – oder schwatze, wie Sie's nennen werden. Principe, und vergesse ganz, daß meine arme Freundin und Reisegefährtin auf dem sonnigen Platze herumläuft, um meinen Alexandrit zu suchen, von dem sie sicher war, daß ich ihn schon vor dem Eintritt in die Kirche verloren haben müßte – ah, da ist sie! Hier, Olga – ich habe ihn!«

Dies rief sie einer Dame zu, welche eben auf das Portal zuschritt. Es wäre schwierig gewesen, ihr Alter zu bestimmen; zwischen dreißig und vierzig, dachte Angelo Torcelli, aber sie konnte auch ebensogut jünger oder älter sein, nach der Art von Personen mit starken Zügen und jener grauen Gesichtsfarbe, welche die Jahre unsicher machen. Schön war sie auf keinen Fall mit ihren vorstehenden Backenknochen, der Stumpfnase und dem großen Mund, der dazu nicht einmal schön geschnitten war, doch sahen die kleinen Augen mit den langen Wimpern und den breiten Augenbrauen darüber klug aus, zu klug, wie Torcelli feststellte, dessen Schönheitssinn noch extra dadurch beleidigt wurde, daß die Dame entschieden verwachsen war und lange, wenn auch wohlgepflegte Spinnenfinger hatte. Aber sie verschönte sich entschieden, als sie lachte und dabei wundervolle Zähne zeigte, und das tat sie denn auch, als sie nähertrat und gutgelaunt ausrief:

»Du hast ihn? Also doch in der Kirche gefunden? Ich gratuliere, – geschieht mir schon recht, daß ich für meine Rechthaberei in diesem Sonnenbrand herumgekrochen bin. Wo hast du –«

Sie brach ab, als sie die Gestalt Torcellis neben der Fürstin Sarakow stehen sah; das Lächeln verschwand von ihrem Munde, und mißtrauisch blitzten die kleinen, dunklen Augen ihn an.

»Dieser Herr hat ihn gefunden«, erklärte die Fürstin. »Principe Torcelli dal Giglio – meine Freundin, Olga Petrowna Vareskoi. Denk nur, Olguschka, der Principe ist der Besitzer ›meines‹ Palazzo am Kanal Grande, und wir dürfen kommen, seine Gemälde zu sehen. Es war also gut, daß ich den Alexandrit verloren habe. Ich soll nun für die Angst, die ich deswegen ausstehen mußte, belohnt werden. Meine Freundin ist doch in Ihre gütige Einladung eingeschlossen, Altezza?«

»Aber sicherlich«, beeilte sich Torcelli zu versichern. »Meine Mutter wird es sich zur Ehre anrechnen, den Damen die Honneurs meines Hauses zu machen.«

»,Oh«, rief die Fürstin mit großen Augen, »Ihre Frau Mutter – –? Ihre – Ihre Gemahlin ist abwesend?«

»Permanent«, erwiderte er lachend. »Ich habe nämlich gar keine. Aber meine Mutter versieht den vakanten Posten nach allgemeinem Dafürhalten durchaus würdevoll, und in ihrer Abwesenheit tritt eine Cousine, Donna Laura Torcelli, an ihre Stelle. Auch ist meine Cousine, die Fürstin Corleone, zum Besuch anwesend, – die Damen sehen also, daß ich Sie in keine frauenlose Junggesellenhöhle locken will.«

»Es scheint so. Ist Ihnen denn nicht bange unter den vielen Damen?« lachte die Fürstin mit ihrer ganzen bezaubernden Lieblichkeit.

»Oh, mit dem gehörigen Mut gewappnet und an den Mast angebunden, ist ja auch Odysseus heil an der Sireneninsel vorbeigekommen«, gab er im gleichen Ton, aber mit einem gewissen Galgenhumor zurück, welcher der scharf beobachtenden Olga Petrowna nicht entging, denn sie zog lachend die Augenbrauen hoch.

»Mit dem Mut des Odysseus war es nicht weit her, sonst hätte er sich nicht anbinden lassen und seinen Gefährten die Ohren mit Wachs verstopft«, bemerkte sie trocken.

»Ah – es ist immer gut, ein Schutzmittel gegen Möglichkeiten in Bereitschaft zu haben«, meinte er, unwillkürlich lächelnd. »Schon weil man mit dem bloßen Mut allein bei Frauen selten etwas ausrichtet.«

»Also, es lebe das Wachs!« rief Olga Petrowna heiter. »Mir scheint aber, Zoe, mein Herz, daß es Zeit wär, auch ›es lebe unser Lunch‹ zu rufen, nicht?«

»Ach ja, weil wir doch am Nachmittag nach Burano und Torcello fahren wollen!« sagte die Fürstin mit einem Blick auf ihre Uhr. »Da müssen wir wirklich eilen. Also, nochmals vielen Dank, Principe, für Ihre Güte, besonders aber dafür, daß Sie meinen Alexandrit wiederfanden. Auf Wiedersehen.«

Angelo Torcelli stand noch einige Minuten wie angewurzelt auf der Stelle und sah den Damen lange nach, das heißt nur der einen, denn sein scharfer Blick hatte der »Freundin« ihre Abhängigkeit von der Fürstin sicher genug angesehen. Er verwies sie daher kurz unter die Rubrik: Gesellschafterin und sah über ihre Person, die trotz aller Schönheitsmängel durchaus nicht unbedeutend war, einfach hinweg.

Rascher, als er gekommen war, legte Torcelli den Weg zu seinem Palast wieder zurück.

»Ist schon serviert?« fragte er den Diener, der entgegenkam, ihm den Hut abzunehmen.

»Noch nicht. Eccellenza haben befohlen, dem Herrn Principe zu melden, daß sie ihn in ihrem Boudoir erwarten«, meldete der Mann mit dem Ton des wohlgeschulten Dieners. Über Torcellis Gesicht flog ein Zucken.

»Auf in den Kampf, Torero!« pfiff er leise vor sich hin und begann den für ihn so mühsamen Aufstieg in das zweite Stockwerk.

»Angelo, du kommst so spät und ich sitze hier in Ängsten!« mit diesen Worten kam ihm seine Mutter entgegen. »Was hat dich so lange auf diesem – diesem wahnsinnigen Gang aufgehalten?«

»Am wirkungsvollsten hätte es – Laura um ein Haar getan, wenn mir mein guter Engel nicht vorher eingegeben hätte, mir eine Zigarette anzuzünden«, erwiderte er grimmig und durchaus nicht weich gestimmt durch den Ton, mit dem sie ihn empfing.

»Laura!« Es kam fast wie ein Schrei von Donna Fabiolas Lippen. »Das hätte noch gefehlt!« stöhnte sie. »Die Fioraja, die dir ihre Blumen wahrscheinlich aufdringlich angeboten hat, wäre ja das kleinere Übel.«

»Darin stimmen wir also völlig überein, Mama«, sagte er noch grimmiger als vorher. »Mir sitzt der Schrecken vor der Möglichkeit noch in allen Gliedern.«

»Ja, ja, ja!« machte sie ungeduldig. »Aber so erlöse mich doch endlich von dieser unerträglichen Pein. Es hat dich – keine Frau angeredet, nicht wahr?«

»Doch, Mama. Das Unwahrscheinliche geschieht ja immer dann, wenn man es gern vermeiden möchte.«

»Angelo, spanne mich nicht auf die Folter.«

»Also, ich fand einen Gegenstand, dessen Natur ja nicht zur Sache gehört, hob ihn auf und wollte ihn dem Fundbüro abliefern, als die Besitzerin auf mich zutrat und ihn als ihr Eigentum reklamierte. Selbst mit der schärfsten Sophistik ist nicht wegzudisputieren, daß es eine ›Anrede‹ war, die sie an mich richtete.«

Donna Fabiola sank mit einem Aufschrei in einen Sessel – ihre Füße trugen sie nicht mehr, und angesichts ihrer ungespielten Qual wurde Torcellis Herz etwas weicher.

»Die Götter verlassen ihre Lieblinge nicht«, sagte er indes mit der ganzen Bitterkeit, die das Ergebnis seines Unglücks war. »Es war weder eine Frau aus dem Volk, noch eine Touristin im unmöglichen Lodenrock, sondern eine bildschöne, elegante, junge russische Fürstin, von der ich sogar erfahren habe, daß sie Witwe ist, denn ich habe pflichtgemäß die Bekanntschaft sogleich weitergesponnen –«

»Angelo, sprich nicht so frivol«, fuhr Donna Fabiola auf, aber trotz alledem stieg doch ein Seufzer der Erleichterung aus ihrer Brust auf.

»Frivol?« wiederholte Torcelli scharf. »Nun ja, – nein

mein Gelübde wäre, genau besehen, dann auch frivol gewesen, wenn nichts mir ferner gelegen hätte, als es zu sein. Ich war einfach außer mir, als ich es tat, und wenn du gerecht sein kannst, Mama, so mußt du mir zugestehen, daß die Urheberschaft dabei nicht mir zur Last zu legen ist.«

»Mir etwa?« fuhr sie von neuem auf. »Mir, die ich nichts anderes wollte und noch will als dein Bestes? Aber Undank ist der Welt Lohn und der Dank der Mütter«, schloß sie jammernd und felsenfest von ihrem Recht überzeugt, wie es ja meist die Leute sind, die aus egoistischen Motiven »zum Besten« ihrer Nächsten handeln. »Eine russische Fürstin –

eine Fremde«, fuhr sie nach einer Pause fort, »wer weiß, ob es nicht eine Abenteuerin ist. Ich habe immer ein Mißtrauen gegen hergeschneite russische Fürstinnen, die von keiner Gesandtschaft eingeführt sind.«

»Nun, dies Mißtrauen ist nicht ganz unberechtigt«, gab Torcelli zu. »Man hat genug Beispiele dafür. Aber der Name, den die Fremde bei unserer gegenseitigen Vorstellung nannte, ist zu bekannt, um ihn zu Abenteuerzwecken mißbrauchen zu können, ich halte das einfach für ausgeschlossen. Der Name Sarakow müßte unfehlbar die Person bloßstellen, die auf ihn reisen wollte.«

»Sarakow? Sarakow? Wo habe ich den Namen doch gleich gehört?« sagte Donna Fabiola. »Oh, ich weiß – ein Sarakow war Botschafter beim Quirinal in Rom. War es nicht derselbe, der dann Gouverneur von . . . war und im vergangenen Jahr von den Nihilisten ermordet wurde?«

»Es war derselbe. Du hast seine Feste in Rom oft genug durch deine Gegenwart verherrlicht.«

»Aber dieser Sarakow war in Rom unverheiratet und ein ältlicher Herr.«

»Das wäre kein Grund, warum er sich nicht als Gouverneur eine junge und schöne Frau genommen haben sollte«, erwiderte Torcelli achselzuckend. »Die Dame, die mich anredete, hat sich wenigstens als seine Witwe bekannt, und wie es schien, kann sie ihm im Range wohl kaum nachstehen. Es trifft sich gut, daß sie darauf brennt, unsere Gemälde und den Garten zu sehen; ich habe sie natürlich dazu eingeladen mit der Versicherung, daß du dir eine Ehre daraus machen würdest, sie zu empfangen.«

»Natürlich!« sagte Donna Fabiola ganz einverstanden und halb davon überzeugt, daß sie diese Begegnung eigentlich arrangiert hatte. Im nächsten Moment war sie auch schon Feuer und Flamme dafür, diese »Partie« zu arrangieren. »Wann kommt sie?« fragte sie eifrig.

»Ich weiß nicht. Mit solchen Siebenmeilenstiefeln sind wir nicht gleich marschiert«, brach bei ihm die ganze Bitterkeit wieder hervor. In diesem Augenblick verkündete der dröhnende Ton des Tamtam, daß der Lunch serviert sei, und Torcelli öffnete seiner Mutter die Tür, um sie in den Speisesaal zu geleiten. In tiefes Nachdenken versunken, sagte sie im Flüsterton:

»Fürst Sarakow galt in Rom für immens reich.«

»Selbstverständlich«, erwiderte er trocken. »Als russischer Grandseigneur hatte er die moralische Verpflichtung, immens reich zu sein.«

Donna Fabiola nickte befriedigt und rauschte hinaus, um ein paar Minuten später mit einem strahlend gnädigen Lächeln ihren Sitz an der Spitze der Tafel einzunehmen. Für sie war der stürmische Morgen vergessen.

Als Daphne ihren Vetter begrüßte, lachte sie ihn schelmisch an.

»Ist das Gewitter vorüber?« fragte sie halblaut.

»Es grollte noch, als ich heimkam«, erwiderte er im gleichen Ton, »aber jetzt steht ein Regenbogen am Himmel – und die Sonne zieht neuen Regen.«

»Angelo und Daphne haben immer Geheimnisse miteinander«, rief Donna Laura scherzend, aber die helle Eifersucht lohte aus dem Ton ihrer Stimme. »Man sollte wirklich meinen –« und bedeutungsvoll brach sie ab.

»Was sollte man meinen?« erkundigte sich Daphne, und sah die Verwandte dieses gastlichen Hauses herausfordernd an.

»Oh, es gibt Dinge, die man besser nicht ausspricht«, erwiderte Donna Laura mit dem vielsagenden Achselzucken, das der lateinischen Rasse eigen ist.

»Dann soll man die Leute auch nicht mit Andeutungen neugierig machen«, meinte Daphne, schnell versöhnt und ganz harmlos.

»Es gilt bei uns nicht als guter Ton, in Gegenwart anderer mit jemand zu flüstern«, gab Donna Laura spitz zurück. »Ist das eine englische Sitte?«

»Flüstern! Haben wir miteinander geflüstert, Angelo?« lachte Daphne gutmütig. »Aber natürlich, ihr Italiener denkt immer gleich an Komplotte!«

»Ihr Italiener!« wiederholte Don Orso, lachend mit dem Finger drohend. »Bitte, ist die Principessa Corleone von einer anderen Nation?«

Daphne nahm sich bei der Nase und zog sich daran.

»So«, sagte sie drollig, »so muß ich's immer machen, damit ich nicht vergesse, daß ich ja auch eine Italienerin bin. Meine Schuld ist's nicht, wenn ich's immer vergesse, denn ich hatte wirklich weder Sitz noch Stimme, als man mich aus dem Treibhause Rom ins freie Land da drüben versetzte. Aber seid getrost, meine Lieben! Schon regt sich das südliche Blut in mir, denn beinahe hätte es mich gerade eben verleitet, Cousine Laura an die Kehle zu springen und ihr zu sagen, daß sie mich mit ihren Erziehungsversuchen lieber in Jericho suchen, als meine Vendetta herausfordern soll. Aber ich hab's dank dem englischen Teil meines Bluts, Gott sei Dank, leider nicht getan!«

Das kam so lustig, so ohne jede Spitze über die jungen Lippen, daß sowohl Torcelli wie Don Orso laut herauslachten, ganz abgesehen davon, daß sie beide Donna Laura diese Abfuhr gönnten. Und die letztere war klug genug, mitzulachen, – erst etwas gezwungen und dann ohne Reserve, denn was dem Italiener in den Augen anderer Nationen immer auch fehlen mag, der Humor gehört nicht zu dem Manko. Donna Laura hatte überdies noch ihre besonderen Gründe, es mit Daphne Corleone nicht zu verderben: sie wünschte aus ihrem venezianischen Einerlei herauszukommen und etwas von dem Gesellschaftstreiben Roms zu sehen und mitzugenießen, und dazu wäre der Palazzo Corleone, der seine Pforten der großen Welt wieder öffnen sollte, ganz der geeignete Ort gewesen.

»Apropos, Onkel Orso«, wandte sich nun Torcelli dem alten Herrn zu, »du bist ja eine Autorität in diesen Dingen: kannst du mir sagen, ob es Edelsteine gibt, die gleichzeitig zwei Farben haben?«

»Ja freilich«, erwiderte Don Orso, selig, seine Kenntnisse auskramen zu dürfen. »Man nennt diese eigentümliche Erscheinung Dichroismus, der sich bei gewissen Steinen nur durch ein Instrument, das Dichroskop, feststellen läßt, während ihn andere ganz offen dem bloßen Auge zeigen. Zum Beispiel der Wassersaphir oder Cordierit, bei dem man deutlich die blaue Farbe neben der weißen, besser gesagt, farblosen unterscheiden kann. Es gibt aber auch Trichroite –«

»Ah, ich glaube, das ist es nicht, was ich meine«, fiel Torcelli ein. »Ich will mich präziser ausdrücken und lieber fragen: gibt es einen Edelstein, den man einmal rot und dann wieder grün sehen kann; dunkelgrün, wie eine Zypresse?«

»Du meinst bei Kerzen – oder künstlichem Licht rot, bei Tageslicht grün?« rief Don Orso lebhaft. »Oh, mein Sohn, ich habe mir immer gewünscht, diesen Stein zu sehen. Aber er ist sehr, sehr selten. Kaum ein Juwelier »führt« ihn in seinem Lager, diesen wunderbaren Chrysoberyll, den wir hier als Alexandrit nur dem Namen nach kennen –«

»Richtig! Alexandrit! Ich konnte mich auf den Namen nicht mehr besinnen!« rief Torcelli.

»Er tritt nur im Ural auf als hexagonale Pyramide, gehört aber trotzdem nicht diesem System an, sondern dem der rhombischen Kristalle«, fuhr Don Orso ganz in seinem Fahrwasser fort. »Man schleift ihn treppenartig und dann verschwindet er, der Seltene, in den Schmuckkästen und Schatzkammern des russischen Zarenhauses. Begünstigte erhalten ihn dann wohl manchmal in kunstvoller Fassung als vielbegehrtes Geschenk, das fast wie ein Orden verliehen wird. Es kommt aber wohl auch vor, daß kleinere Steine gestohlen werden, in den Bergwerken oder beim Schleifer, und diese verirren sich dann ins Ausland. Ich habe mir immer gewünscht, einmal einen Alexandriten sehen zu können, seiner seltenen mineralischen und – und anderen Eigenschaften wegen.«

»Was sind das für Eigenschaften, Don Orso?« fragte Daphne interessiert.

»Ah, meine Teure, das läßt sich mit zwei Worten nicht sagen«, erwiderte Don Orso geheimnisvoll. »Der Alexandrit kann mehr als andere Edelsteine seinem Besitzer Glück oder Weh bringen – je nachdem.«

»Und können Sie die Person bestimmen, bei der er das eine oder das andere tut?«

Don Orso zögerte einen Moment mit der Antwort.

»Ich kann es«, sagte er dann, »wenn ich gewisse Daten dieser Person habe. Aber deshalb müssen Sie mich nicht für einen Hexenmeister halten. Der Glaube von dem geheimnisvollen Einfluß der Steine auf den Menschen ist uralt.«

»Wie kommst du auf diesen – wie heißt der Stein? – diesen Alexandriten? Hast du einen gesehen?« fiel Donna Fabiola ein.

»Oh, es war nur eine Frage, die mir gerade so in den Sinn kam«, erwiderte Torcelli ausweichend, und mit einem Blick auf die Uhr erhob er sich. »Pardon, Mama, wenn ich mich vor der Aufhebung der Tafel entferne. Ich habe eine Verabredung, werde aber zum Diner wieder zurück sein.«

Donna Fabiola nickte gnädig, aber mit einem scharfen Blick auf ihren Sohn, und als er hinausgegangen war, führte sie mit vielsagendem Lächeln ihr Weinglas an die Lippen.

»Angelo hat eine Verabredung! Das kommt doch nur alle Jubeljahre einmal vor!« konnte Donna Laura sich nicht enthalten, sondierend zu bemerken.

»Ist er denn solch ein Einsiedler?« fragte Daphne harmlos.

»Sein Unglück hat ihn dazu gemacht«, erwiderte Don Orso mit tiefem Mitgefühl. »Er war in seinen Leutnantsjahren gesellig genug, der Ärmste!«

»Was würde der Besitz eines Alexandriten über ihn vermögen?« forschte Daphne halb im Scherz, halb neugierig.

»Er würde sein Unglück zu einer Tragödie machen«, entgegnete Don Orso ernst.

Angelo Torcelli aber ließ sich in seiner Gondel bis zur nächsten Dampferstation am Kanal Grande rudern; fuhr von dort bis zur Riva del Schiavoni, wo der Dampfer nach Burano und Torcello abgeht. Bald stand er auf dem Deck erster Klasse und musterte das Publikum nach einer hohen, schlanken Gestalt. –

Nach einigem Suchen, währenddessen sich seiner schon das Gefühl der Enttäuschung bemächtigte, fand er sie seitwärts auf einem windgeschützten Platz neben der kleineren Gefährtin, und dann stand er vor den Damen und zog vor ihnen seinen Hut. Mit einem gewissen Gefühl der Berauschung sah er nur das liebliche Lächeln, das zu seiner Begrüßung auf dem Munde der Fürstin Sarakow erschien, nicht aber den fester sich schließenden Mund und den stechenden Blick, mit dem Olga Petrowna Vareskoi ihn musterte; es ward ihm eigentümlich zumute, und er freute sich, daß er gekommen war, das Eisen zu schmieden, solange es warm war, nachdem er sich auf dem Weg zum Dampfer mit grimmiger Selbstverspottung fast der »Siebenmeilenstifel« geschämt hatte, mit denen er dem Ziele zustrebte, das ihm so abenteuerlich und unwahrscheinlich vorkam. Er wußte auch gar nicht, warum er dabei immerzu hatte an Daphne denken müssen. Aber sie war versunken und vergessen, als ihn die braunen Augen mit den eigentümlichen, roten Lichtern darin ansahen, einen Moment überrascht, dann aber so freundlich, wie er kaum zu hoffen gewagt hatte.

»Wie? Sie beteiligen sich auch an dieser Karawane, Principe?« fragte die Fürstin und gab ihm die Hand. »Ich dachte, die Venezianer, besonders die Patrizier des »goldenen Buches« verschmähten in herzhafter Verachtung den Strom und insbesondere die Vehikel der Fremden!«

Torcelli lachte.

»Der Wahrheit die Ehre zu geben, sie tun es«, gestand er. »Aber, was wollen Sie? Seitdem Napoleon das »Goldene Buch« verbrannt hat, ist unsere Exklusivität auch stark in Rauch und Asche aufgegangen, und dann und wann haben wir Patrizier vom alten Stamme schwache Stunden plebejischer Anwandlungen. Doch Scherz bei Seite: der wahre Grund, warum wir durch unsere Abwesenheit bei diesen Karawanen glänzen, ist der, daß wir zu dieser Jahreszeit fern von Venedig auf unseren Landsitzen zu sein pflegen; und dann besitzen meine Kollegen aus den Palazzi meist ihre eigenen Motorboote. Ich besitze keines, und wenn ich die Wiege meines Geschlechtes, das melancholische Torcello wiedersehen will, dann muß ich mich schon dazu bequemen, einen Omnibus der Lagunen zu benutzen, falls ich der Fahrt mit der Gondel nicht mehr Zeit opfern will, als ich übrig habe.«

»Offen gesagt: wir haben angesichts des Gedränges und dieser gemischten Gesellschaft eigentlich schon etwas bereut, das uns angebotene Motorboot des Hotels nicht angenommen zu haben«, sagte die Fürstin mit einem Blick auf das vollgepfropfte Deck.

»Aber es ist ganz lustig, einmal seinen Isolierschemel zu verlassen und auf der allgemeinen Bank Platz zu nehmen. Es gab Zeiten, wo ich die Menschenwürde nur dort suchte.«

»Denkende Menschen haben immer einmal solche Anwandlungen«, bemerkte Olga Petrowna. »Wir in Rußland sind ihnen besonders stark unterworfen. Bei manchen ist's aber nur eine Kinderkrankheit, die heftig auftritt und schnell vergeht.«

»Zuweilen läßt diese Kinderkrankheit Spuren zurück, an denen man ein Leben lang zu tragen hat«, sagte die Fürstin, indem ein Schatten über ihr zartes, reizendes Gesicht flog.

»Kinderkrankheiten werden Erwachsenen oft verhängnisvoll«, meinte Olga Petrowna achselzuckend, und Torcellis feines Ohr glaubte aus ihren Worten einen versteckten Unterton herauszuhören.

»Es gärt überall in der Welt«, sagte er und sah die Freundin zum ersten Male aufmerksamer an. »Auch in unsere Kreise haben die Fermente vielfach Eingang gefunden, ohne freilich den günstigen Boden zu finden wie in Ihrem Vaterland.«

»Das ist kein Wunder, denn Sie sind uns eben schon um ein paar Schritte voraus«, erwiderte sie, gewarnt durch diesen Blick, im leichtesten Konversationston.

»Um Gottes willen, verderben wir uns nicht diese schöne Fahrt und diesen einzigen, wunderbaren Rückblick auf Venedig durch Politik!« rief die Fürstin mit erhobenen Händen. »Als ob wir nicht davon genug in Rußland hätten, genug zum Krankwerden! Ich hasse das Thema, es macht mich ganz elend! Und ich warne Sie, Principe, vor Olga Petrowna dürfen Sie fortschrittliche Ideen nicht auskramen; sie gehört zu den Konservativsten der Konservativen! Ich wage nur, durch die Anwesenheit anderer gedeckt, manchmal damit zu renommieren, daß ich im Enthusiasmus meiner zarteren Jugend einmal für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schwärmte –«

»Ja, welcher vernünftige Mensch täte das nicht im lautersten Sinne des Wortes und in den Grenzen des Gesetzes?« fiel Torcelli lebhaft ein.

»Und warum auch nicht, – wenn das Gesetz gut ist«, stimmte Olga Petrowna zu. Und wieder meinte sein Ohr den Unterton zu hören, dessen Meinung er nicht fassen konnte. »Die Patrioten«, wie sich die Revolutionäre ja auch nennen, behaupten aber, daß es nicht gut ist, sondern eine Fessel für die Freiheit, die mit allen Mitteln gebrochen werden muß.«

»Mit allen Mitteln! Darin liegt es ja! Dadurch wurden die einen zu Tyrannen, die anderen zu kaltblütigen Mördern«, rief die Fürstin. »Wessen Auge nicht durch Fanatismus verblendet ist, der kann sich unmöglich auf ihre Seite stellen, nicht wahr?«

»Sicherlich nicht«, sagte Torcelli, frappiert durch diese Heftigkeit, die doch kein derartiges Ansinnen herausgefordert hatte.

»Aber lassen wir das jetzt«, erwiderte die Fürstin. »Ich bin ja so heilfroh, sowohl den Revolutionären als auch den Konservativen entflohen zu sein und freiere Luft atmen zu können – mit deiner gütigen Erlaubnis«, wandte sie sich an ihre Freundin, »du eingefleischte Autokratin, du!«

»Woraus man lernt, daß es die Zuneigung einer echten Freundschaft nicht beeinträchtigt, politisch anderer Ansicht zu sein«, meinte Torcelli lächelnd und die süßen Grübchen bewundernd, die der große Hut nicht mehr beschattete.

»Nein, denn wir haben nach unausgesprochener Übereinkunft die Politik auf den Index unserer Themata gesetzt«, rief die Fürstin lebhaft. »Ich trage gar kein Verlangen, über etwas zu sprechen, was mir längst und gründlich verleidet worden ist, uns verbinden so viel andere Interessen und Sympathien, daß wir dies leidige Thema wahrlich nicht vermissen, nicht wahr, Olguschka? Zum Beispiel die Literatur und besonders die Musik, denn Sie müssen wissen. Principe, daß meine Freundin eine vollendete Pianistin ist.« –

»Und du eine vollendete Geigerin«, gab Olga Petrowna zurück.

»Die Musik war der Beginn und der Kitt unserer Freundschaft, als wir uns vor einem Jahr kennenlernten«, sagte die Fürstin, »in einer großen Gesellschaft, in der man mich zum Flügel schleifte unter der Versicherung, daß ich in einem Fräulein Vareskoi eine geradezu ideale Begleiterin finden würde. Sie ist mir's nicht nur am Flügel, sondern auch im Leben geworden.«

»Bei Ihrem Namen, gnädiges Fräulein, fällt mir ein«, bemerkte der Fürst nachdenklich, »daß ich unlängst eine sehr interessante philosophische Broschüre von einem Professor Vareskoi las, über die Grenzen der Naturwissenschaften. Darf ich mir die Frage erlauben, ob der Verfasser mit Ihnen verwandt ist?«

»Georg Petrowitsch Vareskoi ist mein Bruder«, erwiderte Olga Petrowna, indem ihre Augen blitzten. »Er ist Privatdozent an der Universität Moskau. Ja, diese Broschüre hat einigen Staub aufgewirbelt und viel vornehmes Achselzucken und Kopfschütteln in den Kreisen der Gelehrten ausgelöst.«

»Ich kann das verstehen. Sie hat meinen Onkel, Don Orso Torcelli, der in meinem Hause lebt, lebhaft interessiert, und er wird sich freuen, die Schwester des kühnen Mannes kennenzulernen, der die Wahrheit so unumwunden ausspricht.«

»Das wird auch mich sehr interessieren«, fiel die Fürstin lebhaft ein. Ich brenne darauf, deinen Bruder kennenzulernen, Olguschka!«

»Du wirst seine Bekanntschaft unfehlbar machen, mein Herz«, erwiderte Olga Petrowna in einem Ton, der Torcelli wiederum ganz eigen berührte, weil er eine versteckte Meinung herauszuhören vermeinte. »Du darfst sogar deine Erwartung ziemlich hoch spannen, aber ob dir eine reine Freude daraus erblüht, das steht freilich auf einem anderen Blatt.«

»Wie ist das zu verstehen?«

»Oh, ich meine nur so, weil man doch niemals wissen kann, in welcher Weise eine Persönlichkeit in unser Leben eingreift, deren Bekanntschaft man macht.«

Befremdet blickte Torcelli auf Olga Petrowna, dann auf die Fürstin, die ihn groß und erschrocken ansah, während auf dem süßen Mund das Lächeln erstarb und ein tiefer Leidenszug sich darum grub, – eine Rune, die auf dieses zarte, junge Gesicht nicht gehörte.

Eine lange Pause folgte, und zum zweiten Male sah Torcelli die »Freundin« der Fürstin aufmerksamer an und legte sich die Frage vor: »Ist sie ihre Freundin? Oder nutzt sie nur die ihr entgegengebrachte Sympathie aus Bedürftigkeit oder – anderen Motiven?« Sein Blick, der sich mit dem der äußerlich so wenig einnehmenden Russin kreuzte, bewies ihm, daß diese etwas von seinen Gedanken erriet, denn ein feines Rot zog über ihre grauen Wangen, und sie biß sich auf die Lippen, als hätte sie eine Mahnung erhalten, die Harmlosigkeit dieses venezianischen Kavaliers nicht zu sehr zu überschätzen.

»Je weniger wir von dieser – Freundin in Zukunft sehen werden, desto besser dürfte es sein«, fuhr es ihm durch den Sinn, und Olga Petrowna schaute ihn an, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Ihr Blick drückte eine Überlegenheit aus, die ihm das Blut in die Stirn trieb und einen Zug der Entschlossenheit in sein männliches Gesicht brachte.

Es war ein sekundenlanges Duell, das die zwei Augenpaare, stumm und doch so beredt miteinander ausfochten; dann aber streckte die Russin die Waffen – für heut, denn sie sagte, mit einer Handbewegung auf den schiefen, schlanken Turm der näherkommenden Insel Burano deutend:

»Wollen Sie auch dort aussteigen, Principe, um die Spitzenschule zu besuchen?«

»Das hieße meinem lahmen Fuße ein wenig zuviel zumuten«, erwiderte er. »Ich nehme mir in Burano eine Gondel und lasse mich bis zum Dom und dann zurück zum Dampfer rudern, wenn die Barbaren erscheinen und den stimmungsvollen und weihevollen Ort mit ihren meist sehr abfälligen Bemerkungen unerträglich machen. Im Dom von Torcello muß man allein sein – oder mit Personen, die es verstehen, was er einem sagt. Sie sollten es machen wie ich, Fürstin, oder besser noch, einen Platz in meinem Boote annehmen.«

»Ja, gern«, erwiderte sie einfach und ohne Redensarten. »Ich habe John Ruskins Kapitel von Torcello in seinem »Steinen von Venedig« gelesen; es ist wunderbar!«

»Du wolltest in Burano Spitzen kaufen, Zoe«, erinnerte Olga Petrowna scharf.

»Das können wir bei Jesurum in Venedig auch noch haben«, meinte die Fürstin leichthin.

»Meine Mutter besitzt altvenezianische Spitzen, die Sie interessieren werden, wenn Sie Liebhaberin und Kennerin sind«, begann Torcelli nach einer Weile. »Die Spitzen erregen die Bewunderung der Kenner und haben sicher meine Mutter geschmückt, als sie in Rom die Empfänge des damaligen Botschafters Fürst Sarakow besuchte. Auch ich war als junger Leutnant öfter Gast des Würdenträgers, den viele Mütter damals viel zu schade für den Junggesellenstand hielten.«

»Der Botschafter war mein Vormund«, sagte die Fürstin. »Er konnte sich infolge seiner Abwesenheit aus Rußland nicht viel um mich kümmern, obschon ich die Tochter seines besten Freundes war. Auf dem Sterbebett hat mein Vater mich ihm anvertraut, in einem Alter, das eine Leitung besonders nötig gehabt hätte. Dann bei seiner Heimkehr hat der Botschafter die unfreiwillige Vernachlässigung dadurch gutgemacht, daß er mich – heiratete. Oh, Sie müssen nicht denken, daß irgendwelcher Zwang dabei eine Rolle gespielt hat, gar nicht. Ich habe den Fürsten sehr verehrt und habe ihm viel zu verdanken – mehr, als ein Mensch es ahnen kann –«

Olga Petrowna hustete.

»Das dürfte Fürst Torcelli kaum interessieren«, sagte sie mahnend und – war's die Beleuchtung oder etwas anderes – sie sah dabei grauer aus denn je.

»Pardon, es interessiert mich sehr – da ich die Ehre hatte, den Fürsten zu kennen und ganz unerwartet nun auch seine Gemahlin kennenlernen durfte«, widersprach Torcelli mit einer Verbeugung.

»Durch die gütige Vermittlung meines Alexandriten«, lächelte die Fürstin.

»Sie sagten, der Schmuck sei ein Erbstück«, bemerkte Torcelli und mußte dabei dessen gedenken, was ihm Don Orso über diese Steine gesagt hatte.

»Nikolaus I. schenkte den Alexandriten meinem Vater, der sein Adjutant war, und dieser ließ ihn für meine Mutter als Brautgeschenk in Tiflis fassen«, erzählte Zoe Sarakow mit träumerischem Blick. »Ich liebe den Schmuck, denn sie trug ihn noch am Tage ihres frühen Todes. Zwar, wenn ich mir's manchmal überlege, muß ich oft denken, daß der Alexandrit seinen Besitzern eigentlich kein Glück gebracht hat, und wenn man abergläubisch sein wollte – aber wer wollte heutzutage noch so unmoderne Regungen haben? Nikolaus I., der den Stein in eine Tabatiere gefaßt immer bei sich trug, – ihn hat das Unglück des Krimkrieges getötet. Meine Mutter starb durch einen Sturz aus dem Wagen, mit dem die Pferde durchgingen, man weiß heute noch nicht, aus welcher Ursache, da die Straße, auf der es geschah, menschenleer war. Mein Vater, der den Schmuck dann für mich verwahrte, da ich noch zu jung war, um ihn zu tragen, wurde unter Alexander I. durch eine Koterie gestürzt und starb in der Verbannung in Sibirien, und ich –«

Sie brach ab, und Olga Petrowna hustete wieder, obwohl Torcelli nicht begriff, weshalb, denn das tragische Ende des ehemaligen Gouverneurs von . . . durch die Hand der Nihilisten, die er so energisch bekämpft hatte, war weltbekannt, und es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß seine junge Witwe darauf anspielte. Ein tiefes Mitleid mit ihr, die so viel schon in ihrem jungen Leben hatte durchleiden müssen, ergriff ihn, und sein eigenes Unglück kam ihm gegen das ihrige mit einem Male sehr unwesentlich vor.

Bald saßen die drei in der Gondel, die über das sonnenflimmernde, spiegelglatte Wasser der stillen Insel zusteuerte. Torcello, die Wiege Venedigs, einst hochbedeutsamer Hafenort, lag zerfallen bis auf den riesigen Dom und die bereits dem Untergang geweihte Kirche von Santa Fosca. Die Melancholie, die über Torcello liegt, empfindet man aber erst an einem sonnenlosen Tag, wenn zur Zeit der Ebbe ein leichter Seewind wie ein Klagelied über den toten Kanal hinwegstreift –

Heut glänzte die Sonne über Torcello und vergoldete die grauen Mauern des Domes mit ihrem alles verklärenden Licht, und seine gewaltigen Umrisse auf dem Hintergrund des tiefblauen Himmels, die so überwältigend und ehrfurchtgebietend auf den wirken, der Torcellos Geschichte kennt, verfehlten auch ihren Eindruck nicht auf die drei Insassen des Bootes.

Im Innern des Domes herrscht auch an sonnenhellen Tagen eine stimmungsvolle Dämmerung, aus der das uralte Mosaikbild überwältigend hervortritt: die riesenhafte, in den strengen Linien der byzantinischen Kunst gebildete Gestalt der »weinenden Madonna«, umgeben von vier Heiligen, darunter das Brustbild Christi und der zwölf Apostel.

Die Hände ausgebreitet, Tränen in den Augen, blickt die Madonna von Torcello herab auf den Beschauer und zwingt ihn, still zu stehen und aufzublicken zu der Gestalt auf goldenem Grund: ein unendlich feierlicher, ergreifender Anblick, verstärkt durch die primitiven Linien altchristlicher Kunst, die nirgends einen packenderen Ausdruck gefunden hat als hier; stumm und ergriffen standen auch die drei Weggenossen davor, die an diesem Morgen eine seltsame Fügung zusammengeführt hatte. Über das zarte Gesicht der Fürstin Sarakow aber rannen unaufhaltsam die Tränen herab, stille, durch kein Schluchzen unterbrochene Tränen einer Ergriffenheit, die in diesem Maße nur Auserwählte empfinden können oder solche, auf deren Herzen ein tiefes Leid lastet. Torcelli wagte nicht, sie anzusehen, während sie mit dieser tiefen Ergriffenheit rang, aber es war ihm eine Genugtuung, daß andere, nein, gerade diese, dasselbe Empfinden hatte wie er selbst. Ihre Ergriffenheit ließ in seinem Herzen eine Saite erklingen, die bisher, trotz aller Bewunderung ihrer physischen Vorzüge stumm geblieben war.

Laute Stimmen draußen lösten den Bann.

»Gehen wir«, sagte Zoe Sarakow, wie aus einem Traum erwachend.

»Hier also stand die Wiege Ihres Geschlechtes?« fragte sie träumerisch, als sie wieder über den stillen, grünüberwucherten Platz ihrem Boote zuschritten.

»Ja«, nickte er. »Es gingen viele Geschlechter damals mit fliegenden Fahnen in das aufblühende Venedig über – sie heißen dort alle ›die Torcelli‹, und um sie auseinanderzuhalten, gab man ihnen den Namen des Wahrzeichens ihres Hauses. Zum Beispiel die Torcellesen mit der Armbrust blieben als ›Balestra‹ drüben, bis sie sich landeinwärts wandten und noch in Italien und in Deutschland blühen; wir, die wir eine Lilie führten, nannten uns nach ihr ›dal Giglio‹.«

Das Gespräch wurde durch einen scharfen Knall unterbrochen, der aus nächster Nähe zu kommen schien und die Wirkung hatte, daß die Fürstin Sarakow zusammenfuhr und sich an den Arm Torcellis festklammerte.

»Fürstin, was ist Ihnen?« fragte er bestürzt. »Ein Knabe hat mit einer Knallbüchse geschossen, mit einem Kinderspielzeug! Der unnütze Bengel hätte auch warten können, bis wir etwas weitergegangen waren –«

»Oh«, machte sie mit einem tiefen Atemzug, aber immer noch die Hand auf seinem Arm, blaß bis an die Lippen. »Ich – ich dachte, es wäre ein Schuß und er gälte mir –«

»Ihnen?« wiederholte Torcelli erstaunt. »Ja, um alles in der Welt, wer sollte Ihnen –?« Fragend sah er Olga Petrowna an, die mit einem eigenen Lächeln ihre Freundin betrachtete und dann achselzuckend weiterschritt. Sie ist nicht ihre Freundin, – wie könnte sie sonst so teilnahmslos sein und noch dazu lächeln, fuhr es ihm mit einer Anwandlung von Wut über diese »garstige Russin« durch den Sinn.

»Ja, wer – –?« murmelte Zoe Sarakow. »Sie werden mich für eine recht feige Seele halten«, setzte sie beherrscht hinzu. »Aber seit dem Attentat auf den Fürsten – so etwas wirkt nach und die Nervenerschütterung ist noch nicht überwunden –«

»Ich verstehe«, sagte er leise, mit einem Blicke des innigsten Mitleides. »Aber Sie müssen bedenken: jenes Attentat war eines aus politischen Motiven. Es kann ganz unmöglich eine Ausdehnung auf Ihre Person bedeuten.«

»Oh, ich weiß nicht – ich war doch seine Frau, und diese – Mörder sind so furchtbar«, ein Schauer schüttelte sie, und scheu sah sie sich noch einmal um, wo der Junge eben wieder den Pfropfen in seine Büchse lud.

»Zoe!« mahnte Olga Petrowna mit einer Schärfe, gegen die Torcelli sich in seinem Innern empörte.

»Ja, ja – ich bin töricht«, erwiderte die Fürstin, scheinbar ganz ruhig. »Wir müssen alle einmal sterben – das willst du doch sagen, Olguschka, nicht? Nur, siehst du, wenn man jung ist, geht der philosophische Gleichmut über solche Dinge noch manchmal in die Brüche. Auch bin ich keine Pessimistin wie du und finde die Welt und das Leben sehr schön und begehrenswert.«

Olga Petrowna erwiderte etwas, das Torcelli nicht verstand, denn es war russisch; und danach traten sie schweigend die Überfahrt an. Die Sonne sank schon, als das Schiff wieder in Venedig eintraf, und auf der Riva nahm Torcelli Abschied von den Damen, – eigentlich nur von der einen, denn Olga Petrowna war für ihn wieder in das Nichts ihrer zurückstehenden Person herabgesunken.

»Habe ich Ihnen eigentlich schon gesagt, Fürstin, daß meine Mutter sich freuen wird, Ihnen die Honneurs der Ca' Torcelli zu machen?« fragte er beim Abschied. »Wann dürfen wir Ihren Besuch erwarten?«

»Die Principessa ist zu gütig«, erwiderte sie freundlich, aber mit Zurückhaltung. »Was hatten wir morgen vor, Olguschka? Ich glaube, wir wollten nach Murano, dann könnten wir in der Kirche feststellen, ob der Bellini'sche Engel mir wirklich ähnlich sieht, oder vielmehr ich ihm. Wann empfängt die Fürstin?«

»Sie ist zum 5-Uhr-Tee immer daheim«, sagte Torcelli.

»Oh, – ja dann – aber Sie müssen uns nicht erwarten«, war die vage Antwort. »Ich möchte die Principessa nicht stören.«

Damit neigte sie leicht den Kopf zum Gruß und ging, gefolgt von Olga Petrowna, dem Halteplatz der Gondeln zu, um sich in Ihr Hotel zurückrudern zu lassen.

Torcelli aber stand auf derselben Stelle still. Alles, was er heute erlebt hatte, erschien ihm so unwahrscheinlich, daß er keinen Boden unter sich fühlte, und doch war er nicht glücklich. Im Gegenteil, es wollte ihn etwas niederdrücken, was eigentlich einer Last glich und doch ein ungreifbares Etwas war, dem er keinen Namen geben konnte. Zoe Sarakow hatte ihn bezaubert, aber er wußte nichts von ihr, nichts über ihren Ruf, ihre Stellung zur sogenannten Gesellschaft, ihre sonstigen Verhältnisse. Er wußte nicht einmal, ob sie überhaupt die war, für die sie sich ausgab, wenn er auch gerade diesen Punkt vor seiner Mutter zu Gunsten der Fürstin verfochten hatte. Aber was tat das? Er hatte geschworen, die zu heiraten, die ihn auf dem Wege nach San Marco anreden würde. Aber war er nicht frei und seines Gelöbnisses ledig, wenn sie ihn ablehnte? Ob es eine Umgehung seines Gelübdes war, wenn er es zum Beispiel darauf anlegte, abgewiesen zu werden? Selbst die spitzfindigste Sophistik hätte ein solches Verfahren nicht rechtfertigen können, wo alle sonstigen Bedingungen entsprachen, und er hatte auch gar nicht den Wunsch, es auf einen Korb anzulegen. Und doch, und doch –

Donna Fabiola verbrachte den ganzen nächsten Morgen in einer Aufregung, die ihrer Umgebung den Atem raubte. Sie hatte den gestrigen Nachmittag dazu benützt, einen vertraulichen Brief an die Gemahlin des italienischen Botschafters in St. Petersburg, die ihre Cousine war, zu schreiben und hätte die Antwort gern vor dem bewußten Besuche empfangen. Also entlud sie wegen Angelos voreiliger, sie unvorbereitet treffender Einladung ihre Aufregung auf ihre ganze Umgebung, ohne daß diese die Ursache kannte. Der Herr des Hauses hatte sich durch seine Abwesenheit dem Ungewitter entzogen, denn er war nach Murano gefahren und hatte vor der Kirche geduldig gewartet, bis die Doppelgängerin des geigenspielenden Engels auf dem Gemälde des Gian Bellini erschienen war, natürlich mit ihrem mißgeformten Trabanten. Sie schien weder über seine Anwesenheit erstaunt zu sein noch suchte er sie zu erklären oder gar zu entschuldigen; sie begrüßten sich, als hätten sie sich verabredet oder als wäre es ganz natürlich, daß Torcelli die Honneurs der »Madonna des Dogen Agostino Barbarigo« übernahm. Die Fürstin fand, daß ihr mit dieser Ähnlichkeit geschmeichelt worden war, konnte aber nicht umhin, ein wenig frappiert davon zu sein, während Olga Petrowna ohne Rückhalt ihrem Staunen Ausdruck gab und feierlich erklärte, Zoe müsse in einem früheren Dasein leibhaftig dem Bellini Modell gestanden haben, sonst wäre es ja ganz unmöglich, daß ein Kopf, der vor mehr als vierhundert Jahren porträtiert worden war, einem lebenden Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts in einer so erstaunlichen Weise gliche. Streng genommen ist dieser Engel keine Schönheit, aber von wunderbarer Lieblichkeit. Der verträumte Ausdruck der unsichtbare Herrlichkeiten sehenden Augen mit den roten Lichtern darin, der süße und doch charakteristische Mund machen den Kopf zu dem schönsten und ausdrucksvollsten, den der große venezianische Meister gemalt hat. »Ich gebe alle seine Madonnen und Heiligen für diesen einen Engel hin«, sagte Torcelli.




2

Im Gegensatz zum Vormittag war Donna Fabiola nach der Siesta außerordentlich gnädig gestimmt. Schon waren die Damen zum Tee versammelt, als ein Diener eintrat und zwei Visitenkarten auf silberner Platte überreichte.

»Ein Besuch?« fragte die Principessa mit gutgespieltem Erstaunen. »Unsere Bekannten sind doch alle noch verreist, wer kann denn – Zoe Alexandrowna, Prinzesse Sarakow, nee Comtesse Berdischeff und Olga Petrowna Vareskoi –? Ich kenne die Damen nicht. Wie kommen sie darauf, mir Besuch zu machen? Was wollen sie von mir? Ich weiß wirklich nicht – man muß mit diesen Fremden so vorsichtig sein –«

»Der Herr Fürst haben die Damen unten in der Halle begrüßt; Altezza scheinen sie zu kennen«, erlaubte der Diener sich zu bemerken.

»Oh, in der Tat, – nun, dann lasse ich die Damen bitten«, erwiderte Donna Fabiola scheinbar gleichgültig, und als der Diener sich entfernt hatte, fragte sie: »Sollte diese Fürstin die Witwe des früheren Botschafters in Rom sein? Ihr wißt, er wurde voriges Jahr von den Nihilisten ermordet –«

»Wie interessant!« rief Donna Laura, völlig getäuscht durch die gutgespielte Überraschung der Principessa. »Aber ich weiß nicht, woher es kommt: ich habe ein Vorurteil gegen Russinnen. Wer weiß –«

»Nun, wenn Angelo sie kennt –?« warf Daphne ein. »Er ist ihnen unten einfach in die Arme gelaufen«, behauptete Donna Laura. »Warum hat er auch so lange gezögert? Da blieb natürlich nichts anderes übrig, als sie melden zu lassen. Männer verstehen sich eben nicht auf Ausflüchte.«

»Warum sollte er auch welche suchen?« fragte Donna Fabiola, indem sie sich der Tür zubewegte, die in den riesenhaften Saal führte, durch den man die Zimmerflucht des Piano nobile betrat. Dieser Saal war das Paradestück des Palastes – ein Raum, wie er nur in einem venezianischen Patrizierhause zu finden ist, von den Dimensionen des Thronsaales in einem Königsschlosse, mit spiegelglattem Marmorfußboden, die Wände mit reichvergoldetem Stuck und eingelassenen Spiegelpaneelen, in den reichumrahmten, vergoldeten Kassetten der Decke auf grünem Grunde die heraldische silberne Lilie, das Wahrzeichen der Torcelli, in unzähliger Wiederholung wiederkehrend, wo nicht an ihrer Stelle ein Kristallkronleuchter mit seinen schimmernden Prismen herabhing. An den Wänden entlang standen mit purpurnem Seidendamast bezogene, weißlackierte, vergoldete Sessel, hie und da unterbrochen durch ein breites Sofa und von einigen schweren, geschnitzten und vergoldeten, konsolenartigen Tischen mit Marmorplatten, auf denen bronzene Kandelaber, kostbare japanische Vasen und eingelegte Uhren standen; nirgends ein Teppich, nur vor den hohen Fenstern, die auf den Balkon hinausführten, rotseidene Damastvorhänge, und doch ein imponierender königlicher Raum, in dem tausend Personen sich bewegen konnten, ohne irgendwie beengt zu sein.

In die Tür dieses für ein venezianisches Patrizierhaus typischen Raumes trat Donna Fabiola, ihre Gäste zu erwarten. Sie war eine imposante, noch sehr jugendlich aussehende Erscheinung im langschleppenden Teekleid von grauem Chiffon und silbergestickter Samtpasse, eine »letzte Schöpfung« aus Paris. Da ihr die unscheinbare, mißgestaltete Erscheinung Olga Petrownas zuerst in die Augen fiel, weil deren schwarze Kleidung auf die erst so jung verwitwete Fürstin hinzuweisen schien, durchfuhr sie ein gelinder Schrecken, aber die schlanke, jugendliche Gestalt neben ihr im weißen Schneiderkleid und dem großen, schwarzen Hut, neben der Angelo Torcelli schritt, gab ihr sozusagen den Atem zurück.

»Oh, – welche eisige Kälte!« rief die Fürstin Sarakow zusammenschaudernd aus, als sie kaum den ersten Fuß in den Saal gesetzt hatte, indem sie beklommen den Schritt hemmte.

Torcelli sah sie erstaunt an und Olga Petrowna desgleichen, denn es war in dem Raum zu dieser Jahreszeit nicht kalt, da durch die vier geöffneten Türen des Balkons die Spätsommersonne hereinströmte.

»Kalt? Hier?« gab Olga Petrowna ihrem Erstaunen Worte. »Mein Herz, du mußt krank sein, wenn es dir hier kalt vorkommt.«

»Ich – ich weiß nicht«, murmelte die Fürstin beschämt, aber dabei von neuem zusammenschaudernd. »Ich kann mir nicht helfen – o Gott, diese Kälte. Wie in einer Gruft – solche großen Säle haben das manchmal an sich – achten Sie nicht darauf, Principe, es ist so unhöflich von mir, das zu bemerken – ah. Ihre Frau Mutter, nicht wahr?« Mit sichtlicher Anstrengung, blaß bis an die Lippen, wollte sie den anderen voraus der Principessa entgegeneilen, aber mitten in dem Saale blieb sie wie angewurzelt stehen, weil eine Art von Schwindel sie ergriff, und wie nach einer Stütze suchend, streckte sie die Hände aus, ein roter Schleier legte sich vor ihre Augen – aber ehe noch Olga Petrowna zu ihr geeilt war, hatte Fürstin Sarakow den sonderbaren Anfall überwunden und konnte, wenn auch nur unter äußerster Selbstbeherrschung, Donna Fabiola begrüßen, welche die Bewegung ihres Gastes für eine ausländische Zeremonie hielt und mit weltgewandtem Takt darüber hinwegsah.

»Der Principe, dessen Bekanntschaft ich der Vermittlung eines von mir verlorenen und glücklicherweise von ihm wiedergefundenen Gegenstandes verdanke, hat mir den Mut gegeben, Ihnen einen Besuch zu machen, Altezza«, hörte sich Zoe Sarakow wie aus einer weiten Ferne sagen. »Ich hoffe nur, daß meine Kühnheit nicht über Ihrer Liebenswürdigkeit, mich zu empfangen, steht.«

»Sie kommen als Trägerin eines Namens, Fürstin, dem ich manche schöne Stunde in Rom verdanke«, erwiderte Donna Fabiola verbindlich. »Es gereicht mir zur Genugtuung, mich dafür unter meinem eigenen Dache revanchieren zu dürfen.«

Der »gesellige Drill« ist eine unfehlbare und zuverlässige Stütze der menschlichen Schwächen. Durch ihn gehalten, brachte es Zoe Sarakow zuwege, ihre Freundin vorzustellen, wenngleich ihr die Zähne durch die eingebildete oder wirklich empfundene Kälte zusammenschlugen und alles sich dabei um sie drehte, daß sie die Personen kaum zu unterscheiden vermochte. Zu ihrer Überraschung war die sonderbare Anwandlung, die sie im Saal gehabt hatte, total verschwunden, kaum daß sie die Schwelle des Salottos betreten hatte. Fort war die Empfindung der Kälte, das Singen in ihren Ohren, der rote Schleier vor ihren Augen, der entsetzliche, ungewohnte Schwindel. Sie hatte die fremden Empfindungen beinahe schon vergessen, als sie Donna Laura eine Verneigung machte und Daphne die Hand reichte, die ihr mit allen ihren Titeln vorgestellt wurde. Sonderbarerweise legte die junge Erbin nur zögernd und ganz flüchtig ihre Hand in die ihr mit einem reizenden Lächeln hingehaltene Rechte und zog sie danach mit einer Eile zurück, was Torcelli mit Verwunderung bemerkte, denn Daphne erwiderte sonst jede Freundlichkeit mit der gleichen Münze. Das ärgerte ihn, wie er sich selbst sagen mußte unvernünftigerweise, aber er hatte eigentlich gehofft, Daphne würde eine Altersgenossin, die sie in diesem Hause entbehren mußte, freudig begrüßen.

Mit Olga Petrowna wechselte sie überhaupt nur aus der Entfernung einen kühlen Gruß, und wieder ärgerte sich Torcelli, daß man seine Cousine, die das einfachste, natürlichste Wesen der Welt war, für hochmütig und arrogant halten könnte, besonders da sie sich auch an der Unterhaltung kaum beteiligte. Warum ihn diese ungewohnte Zurückhaltung ärgerte, war ihm eigentlich nicht recht klar.

Die Unterhaltung floß beim Tee dahin als ein wohlreguliertes, aber seichtes Bächlein. Die Heimat der Fürstin Sarakow wurde nur einmal berührt, als Don Orso nebenher erzählte, daß die Eremitage in Petersburg viele der größten Kunstwerke Venedigs besäße, die in der Zeit, da die gesetzliche Sperre noch nicht bestand, unverantwortlicherweise von ihren Besitzern, Patriziern der alten Republik, dahin verkauft worden waren. Don Orso fügte mit einigem Stolz hinzu, daß er diese alten Gemälde selbst in der berühmten Gemäldesammlung der nordischen Residenz gesehen habe, und daß sein Führer damals ein General Graf Berdischeff gewesen war, Adjutant des Kaisers. Vielleicht ein Verwandter der Fürstin?

»Er war mein Vater«, hatte Zoe Sarakow erwidert, aber nichts hinzugefügt, was ja Angelo Torcelli verstand, nach dem sie ihm gestern selbst einige Andeutungen über das tragische Schicksal ihres Vater gemacht hatte, und mit dem Takt der Gebildeten verschwand das Thema Petersburg sofort aus der Unterhaltung.

Nachdem der Tee eingenommen war, besichtigte die Gesellschaft die Gemälde des Palastes, für die Zoe Sarakow ein brennendes Interesse hatte; wieder ärgerte sich Torcelli, daß Daphne zurückblieb und sich ausschloß. Im großen Saal überkam die Fürstin abermals das Gefühl der eisigen Kälte. Zum Schluß der Besichtigung schritten die Gäste die monumentale Treppe hinab zum Garten, und diesem Gang schloß sich nun auch Daphne wieder an, still und unbeteiligt, wie um einer Pflicht zu genügen, der sie sich als ein Mitglied der Familie nicht entziehen konnte.

Der Garten mit den alten, hohen Bäumen begeisterte die Fürstin mehr als die Staatsräume der Ca' Torcelli mit ihrer verblichenen Pracht, denn der Hauch melancholischer Öde, der in allen für gewöhnlich unbewohnten Gemächern liegt, der leise Moderduft, der sie durchzieht, hatte sie beklommen gemacht, obgleich sie nicht zu den phantasielosen Menschen gehörte, die den Zauber nicht empfinden, der durch solch ein italienisches Patrizierhaus weht, das von vergangener Größe erzählt und sich mit Palästen des Auslandes nicht vergleichen läßt. Im Gegenteil, – der Gang durch die Staatsgemächer der Ca' Torcelli hatte sie, trotz aller Beklommenheit, deren sie darin nicht Herr werden konnte, in einem Beschlusse bestärkt, der sie schon länger insgeheim beschäftigt hatte. Nun gab sie diesem Donna Fabiola gegenüber zum erstenmal Worte:

»Das Ziel meiner Sehnsucht, das Venedig immer für mich war, hat mich so wenig enttäuscht, im Gegenteil so alle meine Erwartungen übertroffen, daß ich mir gern eine Zufluchtsstätte hier zulegen möchte, wohin ich flüchten kann, wenn's mir im Norden zu kalt und zu kahl wird.«

»Aber Zoe! Davon weiß ich ja noch kein Wort«, rief Olga Petrowna. »Du hast doch nicht die Absicht –«

»Ja, Olguschka«, nickte die Fürstin heiter. »Ich träume davon, mir einen alten Palast, je älter, desto besser, zu kaufen, an dem Ebbe und Flut sinken und steigen, neben dem solch ein verträumter Garten liegt. Von dem ich mit meiner eigenen Gondel hinausrudern kann in die Lagunen bei Sonnenuntergang –! Was willst du? Es hat eben jeder Mensch seine Träume.«

Don Orso wußte einen solchen Palast draußen am Canareggio, der zum Verkauf stand und versprach der Fürstin, sich danach zu erkundigen.

»Aber umsonst ist der Tod«, fügte er lächelnd hinzu. »Ich tue es nur gegen Belohnung, und die besteht darin, daß Sie mich ein andermal den Alexandrit in der Nähe sehen lassen, den Sie in dieser eigenartigen Fassung um den Hals tragen. Ich bin ein leidenschaftlicher Liebhaber von Edelsteinen –«

»Mehr als das, Don Orso«, fiel Daphne ein. »Diese für andere, gewöhnliche Sterbliche leblosen Mineralien sind für Sie Persönlichkeiten, die zu Ihnen sprechen und Ihnen, wie mir scheint, wundersame Dinge erzählen, nicht?«

Es war das erste Mal, daß sie sich in die Unterhaltung mischte. Don Orso widersprach nicht; er lächelte nur still vor sich hin, während seine verträumten Blicke wie gebannt an dem Stein auf der Brust der Fürstin Sarakow hingen, der mit seinem tiefgrünen Glanz, aus dem hie und da ein rotes Licht brach, aus seiner dunklen Goldfassung fremdartig leuchtete. Zoe Alexandrowna versprach mit lächelnder Bereitwilligkeit die erbetene »Belohnung«, und Donna Fabiola benutzte die Gelegenheit zu einer Einladung der russischen Damen für einen der nächsten Abende. Eigentlich hatte sie diese Einladung verzögern wollen, bis der bewußte Brief aus Petersburg eintraf, aber impulsiv, wie sie nun einmal war, hatte sie sich selbst vorgegriffen. Wenn sich diese angebliche Fürstin hier einen Palazzo kaufen wollte, dann mußte sie wohl die sein, für die sie sich ausgab und einen sehr gediegenen Hintergrund besitzen, der vielleicht an Daphnes Erbschaft nicht heranreichte, aber doch hinreichend sein mußte, den alten Glanz der Torcelli wieder herzustellen. Langsam ging der Principe an der Seite der Fürstin durch die Halle nach dem Portal, vor dem ihre Gondel lag.

»War das Ihr Ernst mit dem Ankauf eines Palastes?« fragte er sie unvermittelt.

»Aber gewiß«, versicherte sie eifrig. »Freilich wird das Ideal wohl etwas hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, falls nicht einer seines Palazzos müder Herr ihn mit seiner Einrichtung zu verkaufen willens ist, denn was tue ich in solch einem Hause mit einer modernen Einrichtung? Sie würde mir alle Illusionen nehmen.«

»Wenn es das ist, was Sie wünschen, Fürstin, so steht die Ca' Torcelli, wie sie steht und liegt, zu Ihrer Verfügung«, erwiderte er mit einer vor Bewegung schwankenden Stimme. Zoe Sarakow blieb vor Überraschung stehen.

»Sie – Sie wollen den Palast – verkaufen?« fragte sie mit unwillkürlich gedämpftem Ton.

»Das«, entgegnete er ebenso, indem er ihr fest in die Augen sah, »das wäre die dunkelste Stunde meines Lebens, in der ich das Haus meiner Väter verlassen müßte. Sie hinaus zuschieben, würde ich kämpfen wie ein Löwe um sein Junges.«

»Verzeihen Sie«, bat sie verlegen, »ich habe Sie mißverstanden. Aber wie ist es dann möglich, daß Sie mir die Ca' Torcelli zur Verfügung stellen?«

»Ich lege sie Ihnen zu Füßen mit mir selbst«, erwiderte er mit einem respektvollen, ritterlichen Anstand, der seine unerwarteten Worte zu einer Ehre, nicht zu einer Bitte machte. Dennoch aber wich sie in der ersten Überraschung einen Schritt zurück, die Röte vertiefte sich auf ihrem zarten Gesicht, um jäh einer schneeigen Blässe zu weichen, und ihr Atem ging schwer und stockend, als sie, scheinbar beherrscht und kühl sagte:

»Verzeihen Sie noch einmal. Principe, denn ich habe mich wohl wieder verhört. In meiner Heimat ist man mit solchen – solchen Fragen langsamer und – diskreter.«

»Es war keine Frage, sondern ein Faktum«, entgegnete er unbewegt. »Ich wiederhole es: Dieses Haus steht zu Ihrer Verfügung – mit mir selbst. Ich würde mir nicht erlauben, Ihnen eine Frage vorzulegen, auf die ich jetzt eine Antwort – wenigstens eine für mich günstige, nicht erwarten kann, aber ich erbitte mir die Erlaubnis dazu – für eine andere Stunde. Bis Sie diese selbst bestimmen oder – mir verweigern, werde ich nicht mehr versuchen, Ihnen meine Gegenwart aufzudrängen; aber ich werde die Minuten zählen.«

Der Eintritt der übrigen Gesellschaft in die Halle überhob Zoe Sarakow einer Erwiderung, die sie auch ohnedies nicht gefunden hätte, denn sie fühlte vage, daß ihre Weltgewandtheit sie im Stiche ließ, daß sie weder ein Wort zorniger Entrüstung noch hochmütiger Kühle finden konnte, wie es ihr in solchen Fällen sonst zu Gebote gestanden hatte, wenn ein kühner Freier sich ihr genaht hatte. Aber von diesen – Goldsuchern glich auch kein einziger dem Mann, der ernst und respektvoll, ohne Liebesbeteuerungen, ganz unkonventionell vor ihr stand. Keiner. Oder war es die eigenartige, mysteriöse Atmosphäre Venedigs und dieses alten Palastes, die sie betäubte, daß sie den Boden der großen Weltdame nicht mehr unter ihren Füßen fühlte? Wie in einem Traum hörte sie sich mit den üblichen Phrasen Abschied nehmen von den anderen, ja von Angelo Torcelli selbst, dessen Hand ihr in die Gondel half, ohne daß es ihr eingefallen wäre, seine Hilfe unter irgendwelchem Vorwand abzulehnen. Sie sah sich nicht mehr um, aber sie wußte, daß er im Portal stand und ihr nachschaute.

Indessen pflückte sich Daphne Corleone purpurne Clematisblüten von den Ranken ab, die an der Mauer zu den zwei Loggiengeschossen hinaufkletterten. Sie sah sich nicht um, als Torcelli in den Hof hinaustrat, obwohl sein Stock seinen Schritt charakteristisch genug verkündete. Erst als er neben ihr stand, sah sie auf zu ihm.

»Bei uns blüht die Clematis violett«, sagte sie. »Aber ich finde diese purpurroten schöner. Darf ich ein paar Ableger davon nach Heatherstone schicken?«

»Soviel du willst«, erwiderte er abwesend. »Was hast du gegen die Fürstin Sarakow?« setzte er unvermittelt hinzu.

»Ich? Was sollte ich denn gegen sie haben? Ich kenne sie ja gar nicht«, antwortete Daphne mit ehrlichem Erstaunen.

»Eben deswegen. Du hast sie erst so steif begrüßt wie – wie eine Engländerin –«

»Oh, – Tante Fabiola und Donna Laura sind ihr auch nicht gleich um den Hals gefallen, soviel ich gesehen habe –«

»Zwischen beidem gibt's doch noch eine Mittelstufe, nicht? Du hast kaum ein Wort gesprochen und am Rundgange durch die Zimmer nicht teilgenommen –«

»Ich weiß nicht, warum ich das alles getan oder nicht getan habe«, bekannte Daphne kleinlaut. »Es tut mir leid, wenn du mich unhöflich gefunden hast gegen einen Gast von dir. Es war nicht mein Wille, es zu sein. Es war nur – ich weiß nicht, was es war. Der Mund war mir wie zugefroren, und ich war so dumm, daß mir gar nichts einfiel. Was sollte ich denn gegen die Fürstin haben? Ich finde sie wunderhübsch. Sie sieht deinem Bellini'schen Engel ähnlich.«

»Woher willst du denn das wissen? Du bist ja nicht mitgewesen, als wir die Ähnlichkeit mit dem Bild besprachen.«

»Es fiel mir ein, ehe ihr den Rundgang machtet«, behauptete Daphne. »Es hat mich sofort geplagt, herauszufinden, wem in aller Welt die Russin ähnlich sieht. Wahrscheinlich war's das, weshalb ich nicht reden konnte.

»Es ist eine wunderbare Ähnlichkeit«, murmelte Torcelli nachdenklich.

»Sehr«, nickte Daphne. »Nur – nur hat die Fürstin etwas anderes in den Augen. Nicht immer. Aber als sie eintrat in den Salotto, da hatte sie ein Paar Augen, als hätte sie – wie soll ich's nur ausdrücken? als hätte sie Angst – eine wahnsinnige Angst vor irgend etwas. Ich habe einen ordentlichen Schrecken vor der Furcht in ihren Augen bekommen. Ich dachte erst, sie wäre nicht ganz – ganz richtig im Kopf, aber dann hatte sie wieder so schöne schwärmerische Augen wie der Engel auf dem Bild. Du kannst mir glauben, sie hat etwas auf der Seele, wovor sie sich fürchtet.«

»Ihr Gatte ist einem Attentat zum Opfer gefallen, Daphne. Ihre Nerven mögen dadurch erschüttert worden sein.«

,Die Arme. Nein, Angelo, du tust mir Unrecht, wenn du glaubst, ich hätte ein Vorurteil gegen sie – ich hoffe wenigstens, daß ich keins habe. Im Gegenteil, ich fühle, ich könnte die Fürstin lieb haben. Aber ihre Freundin –«

Torcelli machte eine Bewegung, als ob er eine Fliege verscheuchen wollte. »Ja, schön ist Fräulein Vareskoi nicht«, meinte er zerstreut.

»Schön. Angelo, schäme dich. Als ob es zur Wertschätzung einer Person notwendig wäre, daß sie schön ist. Ist Onkel Orso schön? Meiner Ansicht nach sicher nicht, und doch liebe ich ihn zärtlichst. Aber dieses Fräulein Vareskoi – ist sie eigentlich häßlich? Sie sieht sehr klug aus. Doch ist sie galgenfalsch. Ich hatte die ganze Zeit, als sie da war, das Gefühl als ob eine riesige, grausige Schlange sich um uns alle ringelte und uns mit Fräulein Vareskois Augen hohnvoll-überlegen ansähe, als wollte sie sagen: ich brauche nur zu wollen, und ich zerquetsche euch alle. Ihr seid in meiner Macht.«

»Welche Phantasie, Daphne. Ich halte Fräulein Vareskoi einfach für eine Schmarotzerpflanze, wie's ihrer ja so viele gibt. Ich habe keine Beweise für diese Behauptung, es ist mir auch gleichgültig, weil Fräulein Vareskoi mich sehr wenig interessiert.«

»Mich desto mehr, Angelo! Ich habe sie immerzu ansehen müssen, indem ich mich fragte, wie man sich dies falsche Galgenholz zur Freundin aussuchen konnte. Der schaut ja der ganze Judas aus den Augen heraus – ich würde ihr nicht bis über die Türschwelle trauen, geschweige denn die Treppe hinunter und über die Straße. Ich nicht. Dumm sieht doch die Fürstin Sarakow nicht aus, aber wenn sie sich von dieser Freundin hat umgarnen lassen, dann muß sie es sein.«

Torcelli lächelte unwillkürlich.

»Warum nicht gar!« rief er halb belustigt, halb ärgerlich. »Die Fürstin macht mir den Eindruck großer Intelligenz.«

»Ich sagte dir ja, sie sieht nicht dumm aus. Was aber zieht sie dann zu dieser – dieser Person?«

»Ich glaube verstanden zu haben, daß es die Musik war, welche diese beiden Frauen zusammengeführt hat.«

»Dann muß es die Teufelssonate gewesen sein«, erwiderte Daphne mit solcher Überzeugung, daß Torcelli sie ganz erstaunt ansah und sich fragte, ob es Instinkt sei, der dieses junge Mädchen dazu verleitete, in solcher Weise von einer Persönlichkeit zu reden, die sie vor zwei Stunden noch gar nicht gekannt hatte.

»So schwarz möchte ich Fräulein Vareskoi doch nicht gleich an die Wand malen«, meinte er mit einem flüchtigen Lächeln.

»Würdest du sie gern bei dir im Hause haben wollen?« fragte Daphne. Torcelli wich unwillkürlich einen Schritt zurück, so sehr weckte diese Frage seine eigentlich bisher nur latente Aufmerksamkeit.

»Gern? In meinem Hause?« wiederholte er, indem er mit der Hand über die Augen fuhr, als blendete ihn ein plötzliches, unangenehm grelles Licht. »Ich habe darüber wirklich noch nicht nachgedacht. Fräulein Vareskoi hat in mir bis jetzt irgendein besonderes Interesse nicht erweckt –«

»Weil sie nicht mehr jung und neben der Fürstin doppelt garstig ist«, stellte Daphne mit einem leisen Anklang an ihre gewohnte Neckfreudigkeit fest. »Natürlich gefällt dir die Fürstin besser. Mir gefällt sie auch besser, wieviel mehr erst dir, weil sie doch deinem Frauenideal, dem Engel des Bellini, ähnlich sieht. Ich finde sie auch sehr interessant, denn es liegt etwas in ihren Augen, das ich gern lösen möchte – ein Rätsel. Aber die Augen können einen sehr lieben Blick haben – ich habe ihn ein- oder zweimal gesehen, und dann wäre ich gern zu ihr getreten und hätte ihr die Hand gegeben. Natürlich ging das nicht, und ich mußte es lassen.«

»Wie so vieles, was man bleiben läßt, weil es nicht konventionell ist«, fiel Torcelli ein. »Ach, Daphne, wie anders würden sich unsere Geschicke gestalten, wenn wir diesen guten und freundlichen Eingebungen ohne Angst vor einer Übertretung der ungeschriebenen Gesetze der Gesellschaft Folge leisten würden! Ich bin überzeugt, die Fürstin Sarakow wäre dir dankbar gewesen, während sie jetzt vielleicht das Empfinden hat, daß du ihr zum mindesten kalt und hochmütig gegenüberstehst.«

»Hochmütig!« wiederholte Daphne empört. »Ich möchte bloß wissen, auf was ich hochmütig sein sollte! Auf meine Titel? Von denen ich keinen einzigen mir erworben, sondern die ich ganz einfach geerbt habe? Ich habe mich ordentlich geschämt, als deine Mutter sie bei der Vorstellung droben alle hersagte, als wollte sie damit die Russinnen niederschmettern, bei denen zu Lande es ja eigentlich eine Auszeichnung ist, ausnahmsweise kein Fürst zu sein. Also den Hochmut streiche nur gleich in der Liste meiner Laster; nur dumme Leute sind hochmütig auf ererbte Titel oder Geld; nur mit Größenwahn behaftete sind hochmütig auf ihre geistigen Errungenschaften und Erfolge. Und kalt – nein, ich stand ihr nicht kalt gegenüber, denn du hast sie selbst in dein Haus eingeladen, folglich mußtest du ein Interesse für sie haben und – ich – ich hoffe, du gestattest mir, dieses mit dir teilen zu dürfen, weil ich dir doch so nahe verwandt bin, nicht?«

Die Logik war nicht nur schwach, sondern sie lahmte auf allen Füßen, denn der Himmel weiß es, daß gerade unsere nächsten Verwandten oft diejenigen sind, die nicht den geringsten Anteil an unseren Interessen nehmen; aber es lag etwas in Daphnes Worten, das nie einen Zweifel an ihrer Aufrichtigkeit aufkommen ließ. Im Gegenteil, Angelo Torcelli hatte vor diesen dunklen und doch so klaren und durchsichtigen Augen immer das Gefühl unbedingter Zuverlässigkeit, auf die man Häuser bauen kann.

»Daphne! Angelo!« tönte aus der Loggia des zweiten Stockes eine scharfe, zornbebende Stimme herab, und aufblickend sahen die beiden Donna Fabiola sich über die Brüstung neigen.

»Sind wir beide befohlen?« fragte Daphne verdutzt. »Vetter, Vetter, mir scheint, das Gewitter von heute morgen ist wiedergekommen!«

Er zuckte mit den Schultern, und dann stiegen beide die Treppe hinauf und traten in das Boudoir der Principessa.

»Wünschest du etwas, liebe Tante?« fragte Daphne harmlos.

»Ich habe dich nicht gemeint, sondern meinen Sohn sprechen wollen«, war die schneidende Erwiderung, »aber da du dich von ihm nicht trennen zu können scheinst, so ist es ganz gut, daß auch du hörst, was ich zu sagen habe! Ich hätte dich sowieso unter vier Augen davon unterrichtet. Ich will wissen, was das für ein unerhörtes Benehmen ist; unter freiem Himmel, vor den Augen aller Dienstboten, die Köpfe zusammenzustecken und ohne jede Scheu zu flirten –«

»Mutter!« rief Torcelli erschrocken und unwillkürlich vor Daphne hintretend, aber diese fand den Vorwurf, der ihr noch niemals gemacht worden war, so komisch, daß sie lachen mußte.

»Flirten! Nein, was du für Einfälle hast!« rief sie belustigt, ohne jede Spur von Entrüstung oder Kränkung, weil der Vorwurf ganz von ihrer Harmlosigkeit abglitt.

»Lach nicht!« befahl Donna Fabiola, nur noch mehr aufgebracht. »Es ist mir bitterer Ernst in meiner Eigenschaft als deines Vaters Schwester, ich, die ich deine Hüterin bin! Schäme dich lieber, deine Absichten mit solch unmädchenhafter, unzarter Stirn zur Schau zu tragen! Und du, Angelo, schäme dich, diesem Mädchen, deiner Cousine, Dinge in den Kopf zu setzen, Gefühle in ihr zu erwecken, die du gar nicht die Absicht hast, jemals in dem Sinne zu erfüllen, in dem jeder im Hause sie deuten muß –«

Sie hielt inne, denn Daphne streckte beide Hände abwehrend gegen sie aus, und dieser stumme Appell brachte ihr zum Bewußtsein, daß sie in ihrer zügellosen Leidenschaftlichkeit, mit der sie heut verhindern wollte, was gestern noch ihr heißester Wunsch gewesen war, einen Schleier zerrissen hatte, dessen Unverletzlichkeit sie bisher mehr vage empfunden als bewußt gehütet hatte.

»Ich meine ja natürlich nur«, sagte sie dann wieder, aber völlig ernüchtert, doch Daphne, über deren Gesicht sich eine glühende Röte ergossen hatte, wandte sich ab und verließ langsam und leise das Zimmer, die Blumen zurücklassend, die zu Boden gefallen waren.

Als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, bückte sich Torcelli und las den kleinen Strauß zusammen, ohne daß seine Mutter ein Wort dazu gesagt hätte, und als er sich wieder aufrichtete, sah er ihr stumm einen Moment in die Augen und ging dann auch hinaus.

Im linken Flügel der Loggia sah er noch die Gestalt seiner Cousine entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit langsam dahinschreiten. Er wartete, bis sie in der Tür zu ihren Gemächern verschwunden war und suchte dann die seinen auf. Dort verschloß er die Blumen in einer Kassette.

»Im Wasser hätten sie noch lange geblüht«, murmelte er. »Aber wozu diese Erinnerung an ein Erwachen pflegen, das kaum geboren, auch schon eingesargt werden muß! Warum erwacht man immer zu spät, wenn alles daran hängt, daß es rechtzeitig geschieht? Warum läßt man Blumen, noch ehe sie Knospen ansetzen, sich nicht ruhig und naturgemäß entfalten, sondern trägt sie in das Treibhaus seiner egoistischen Wünsche und erhitzt die künstliche Wärme darin bis zu dem Grade, der die Knospe abfallen lassen muß? Doch ich darf niemandem einen Vorwurf machen als mir selber, denn ich habe mich des Rechtes der Selbstbestimmung und das freien Entschlusses beraubt. Ach, Mutter! Mutter! Ich kann nicht mehr zurück. Ich selbst habe die Brücken abgebrochen, und wenn nicht das Unerwartete geschieht – es wird nicht geschehen, ich habe kein Glück. Ich habe in ihren Augen keine Abweisung gelesen und weiß auch jetzt, warum ich darauf gehofft habe, obgleich sie ja mein »Frauenideal« verkörpert, dieser russische Engel des Bellini.

Die beiden Freundinnen hatten in ihrer Gondel den größten Teil ihres Weges schweigend zurückgelegt. Olga Petrowna sah zwar diskret seitwärts ins Wasser, warf aber öfter einen scharfen, forschenden Blick auf das weiße kameenartige Gesicht ihrer Freundin, deren beunruhigter Ausdruck ihr nicht entging. Als ihr Hotel bereits in Sicht war, deutete Olga Petrowna auf den Palazzo Cavalli:

»Schade, daß er aus dem Besitze der bourbonischen Erben jetzt in festen Händen ist, denn das wäre doch wohl solch ein venezianisches Haus nach deinem Herzen, nicht?«

»Vielleicht – aber vor der sogenannten ›Restaurierung‹, die sicherlich innen alle Stimmung zerstört hat«, sagte Zoe Sarakow bedauernd. »Meinen Palazzo will ich so haben, wie ihm die Familie, die ihn errichtete, ihren Stempel seit Jahrhunderten aufgedrückt hat, mit ihren Geistern durch seine Räume wandelnd, in dunklen Ecken und Korridoren flüsternd und webend – ich glaube fest, daß der moderne Komfort die Geister der Vergangenheit vertreibt.«

»Du sprichst, als ob diese Idee keine momentane Kaprize, sondern eine beschlossene Sache wäre«, lächelte Olga Petrowna. Sie war ja am hübschesten, geradezu einnehmend, wenn sie lächelte; nur konnte sie nicht verhindern, daß gerade jetzt ihre Augen einen stechenden Blick hatten.

»Es ist keine Kaprize, durchaus nicht«, erwiderte Zoe Sarakow lebhaft. »Freilich ob's gerade eine beschlossene Sache ist, das hängt noch davon ab, ob ich einen solchen Palazzo finde, wie ich ihn mir denke, mit allem Inventar, mit historischer Vergangenheit, mit einem verträumten Garten!«

»Ah, ja, natürlich – das gehört dazu«, nickte Olga Petrowna zustimmend und fuhr dann wie beiläufig fort: »Der Direktor unseres Hotels, mit dem ich mich heut unterhielt, als ich vor unserer Abfahrt vorhin auf dich wartete, erzählte mir, daß die Torcelli wohl auch über kurz oder lang ihren Palast würden verkaufen müssen. Ein Wiener Bankier und ein Konsortium für Hotelbauten spekulierten schon darauf. Vielleicht – aber was solltest du mit einem Hause anfangen, das zweihundert Räume, die Treppen ungerechnet, enthält, wie der Onkel mir stolz erzählte!«

»Warum werden die Torcelli ihren Palast über kurz oder lang verkaufen müssen?« fragte die Fürstin, indem sie sich aufrichtete.

Olga Petrowna zuckte die Achseln.

»Wenn das Muß daneben steht, ist wohl der Grund nicht gar zu weit zu suchen«, meinte sie gleichmütig. »Der Direktor sagte, der Fürst trage keine Schuld, obschon er als Offizier bei den Gardereitern in Rom wohl auch nicht gerade Ersparnisse hätte machen können, denn es wäre das teuerste Regiment im ganzen Heer. Die alte Fürstin – sie sieht nebenbei für eine ›alte‹ noch verzweifelt jung aus, wirtschafte so toll darauf los mit ihrem Toilettenluxus. Hast du es übrigens bemerkt: das Kleid, das sie trug, war ein Gedicht, das ich in Gedanken dir anpaßte – dabei fällt mir ein: was hat doch diese Donna Laura – hieß sie nicht so? – für einen Rassekopf! Die würde ich mir als Maler zum Modell für eine Medea nehmen! Ein bißchen verblüht ist sie freilich schon, aber das war Medea wohl auch schon, als ihre Tragödie begann. Dafür ist aber die junge Dame mit den vielen Titeln, bei denen es einem im Kopfe schwirren konnte, so gewissenhaft wurden sie hergesagt, noch eine kaum erschlossene Knospe. Sie ist zum mindesten gefährlich interessant, wenn keine Schönheit, mit ihrem Flachshaar und ihren schwarzen Augen! Man braucht, glaube ich, nicht gerade eine Sibylle zu sein, um die Prophezeiung vom Stapel zu lassen, daß sie – vorausgesetzt, daß sie ebensoviel Geld wie Titel hat, dazu berufen scheint, dem Hause Torcelli den alten Glanz zurückzugeben, den ich wirklich etwas erblindet und abgeschabt gefunden habe. Der Stuhl, auf dem ich saß, hatte einen ganz zerschlissenen Überzug. Aber es kann ja auch möglich sein, daß solche Kleinigkeiten die Leute hierzulande nicht weiter stören –«

Hier wurde das im leichtesten Konversationstone vorgetragene Geplauder durch das Anlegen der Gondel vor dem Hotel unterbrochen, und als die Damen in die Vorhalle traten, sagte Olga Petrowna mit einem Blick, auf die Uhr:

»Noch einundeinehalbe Stunde bis zum Diner? Ich dachte, wir wären viel länger fort gewesen, – die Besichtigung der etwas ruppigen Pracht schien mir gar kein Ende nehmen zu wollen. Stelle dir vor, wenn man einen »ersten Besuch« bei uns so lange ausdehnen wollte! Aber für die Fremde gibt es ja keine gesellschaftlichen Gesetze. Hast du nicht auch noch das Bedürfnis nach etwas Bewegung und Luft? In dem Palazzo war solch eine schwüle, muffige Luft – dabei fällt mir ein: du fandest es ja dort so kalt, und ich hatte wirklich Angst, daß du krank werden könntest, denn das Gefühl war doch ein ganz unnatürliches, bei dieser Sommertemperatur! Bist du sicher, daß du dich ganz wohlfühlst, oder täten wir nicht besser, einen Arzt zu fragen –«

»Um alles in der Welt nicht!« unterbrach Zoe Sarakow zum ersten Mal das »harmlose« Geplauder, in dem Olga Petrowna eine solche Meisterin war. »Es war ja nichts als – als ein Gefühl, das man manchmal hat. Unsere Bauern sagen, wenn man über die Stelle geht, auf der die Totenträger unseren Sarg niederstellen, um auszurasten, dann überläuft's einen kalt. Oder wenn der Tod über unser Grab läuft.«

»Welche Idee! Wenn das Volk eine natürliche Erklärung nicht finden kann, dann muß irgend etwas Übernatürliches herhalten, was übrigens für eine Ballade ganz poetisch zu verwenden wäre. Mir liegt die nüchterne Erklärung, daß du dich mit der Eiscreme heut Mittag verkühlt hast, näher. Wollen wir noch ausgehen?«

»Ich möchte mich vor dem Diner lieber etwas hinlegen, ich bin müde und angegriffen«, erklärte die Fürstin entschuldigend. »Bist du böse, Olguschka, wenn ich dich allein gehen lasse?«

»Ich bitte dich! Lege dich, mein Herz, und lies nicht, sondern mache die Augen zu, ruhe, ruhe! Also auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!« Und mit einem Kopfnicken setzte Zoe Sarakow sich in den Aufzug, während ihre Freundin das Hotel verließ und sich ziemlich eilig nach dem Markusplatze zu begab, und zwar so tief in Gedanken versunken, daß sie mehrmals mit anderen zusammenstieß. Vor dem Markusplatze trat sie dann in das Postamt ein, nahm an dem Tische in der Mitte Platz und begann auf einem Depeschenformular zu schreiben, doch mußte der Wortlaut ihr Mühe machen, denn sie knüllte drei oder vier Blätter zusammen und steckte sie in die Tasche, bis sie ihr Telegramm nach Wunsch aufgesetzt und dann noch einmal abgeschrieben hatte, worauf sie die Depesche mehrmals aufmerksam durchlas, indem sie mit dem Stift immer gewisse Zwischenworte übersprang.

Sie chiffriert, dachte der Herr, der auf ihren Platz wartete, mit der müßigen Verwunderung des ungeduldigen Zuschauers.

Das Telegramm aber, das Olga Petrowna endlich aufgab, trug die Adresse: Professor Vareskoi, Moskau, und enthielt in französischer Sprache so fabelhaft unwichtige Fragen und Mitteilungen, daß die niedliche kleine Telegraphistin, die es abnahm und mit gerunzelter Stirne zehnmal durchlas, zu dem Schlusse kam, es müsse doch hübsch sein, so viel Geld zu haben, um für derartige Lapalien, die auf jeder Ansichtspostkarte noch rechtzeitig ankämen, eine so große Summe hinauswerfen zu können.

Über dem Schreiben und Wiederschreiben der Depesche war so viel Zeit vergangen, daß Olga Petrowna ihre Sehnsucht nach Bewegung nicht mehr befriedigen konnte, sondern wieder recht eilig nach dem Hotel zurückkehren mußte, wollte sie ihre Freundin nicht mit dem natürlich extra für sie servierten Diner warten lassen. Sie hatte gerade noch Zeit, nachdem sie die vielen zerknüllten Depeschenformulare in ihrer Tasche fürs erste in ihre Reisetasche verschlossen und den Schlüssel in ihr Portemonnaie getan hatte, in fliegender Eile das Kleid zu wechseln und dann mit zehn Minuten Verspätung bei ihrer Freundin einzutreten.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung, mein Herz!« rief sie noch in der Tür. »Es war aber so wunderschön in den Giardini – ja, ja, ich bin bis hin und zurück über die ganze Riva gelaufen und habe einen Hunger mitgebracht, einen Hunger –! Schade, daß du nicht mit warst, es war ein köstlicher Spaziergang in der silbrigen Abenddämmerung, und die Silhouette der Stadt von der Terrasse des Gartens aus – geradezu einzig!«

Zoe Sarakow war eine durchaus wahrhafte Natur; Erziehung und Beispiel hatten damit nichts zu tun, – die Liebe zur Wahrheit war ein angeborener Instinkt bei ihr, dem sie soweit gehorchte, als nicht Einflüsse sie bedrängten, die stärker waren als ihr Charakter. In jedem Falle aber verschmähte sie die Lüge in ihrer kleinlichen und schmutzigen Gastalt, weniger als Sünde, denn als Unwürdigkeit und Feigheit, und es wäre ihr nicht im Traum eingefallen, sie bei anderen zu vermuten oder mißtrauisch zu suchen, besonders in einem Falle wie diesem, denn hätte Olga Petrowna ihr entweder gar nichts gesagt, oder einfach erzählt, sie wäre im Postbüro eingekehrt, um »Korrespondenzen zu erledigen«, so hätte sie weder nach der Natur dieser Korrespondenzen gefragt, weil sie diskret und gar nicht neugierig war, noch auch darüber nachgedacht, aber es hätte ihrer Wertschätzung der Freundin sicherlich einen argen Stoß versetzt, hätte sie auch nur ahnen können, daß diese ihr eine Lüge erzählte, die sie nicht herausgefordert hatte. Das Mißtrauen aber ist die natürliche Zwillingsschwester der Lüge; da Zoe nichts darauf erwiderte, schoß es durch Olga Petrownas Kopf: Sie glaubt mir nicht. Ist sie mir nachgegangen, und weiß sie, daß ich die ganze Zeit auf dem Postbüro zugebracht habe? Sie mußte darüber Gewißheit haben und erlangte sie später, indem sie die Kammerjungfer ihrer Freundin geschickt darüber ausforschte. Sie atmete auf, als sie hörte, Durchlaucht habe die Zeit bis zum Diner im Lehnsessel am Fenster zugebracht. Worauf dann Olga Petrowna ihre zerknüllten Depeschenformulare mit einer Schere in Atome zerschnitt und diese in Zwischenräumen in den Kanal warf, der unter ihrem Fenster vorbeifloß. Dann stand sie noch lange am Fenster und dachte darüber nach, was Zoe so zerstreut und geistesabwesend gemacht haben konnte, daß sie den ganzen Abend schweigsam und in sich gekehrt dagesessen und oft ganz verkehrte Antworten gegeben hatte, um dann sichtlich erleichtert das ungewöhnlich frühe Zurückziehen ihrer Freundin anzunehmen. Olga Petrowna wußte ganz genau, daß ihrer Eigenschaft als »Freundin« Grenzen gezogen waren, die sie Takt genug hatte, zu respektieren, oder – weil sie ihre Gründe hatte, es zu tun. Was sie bei Zoe Sarakow erreicht, war ja schon mehr, als viele Leute begreifen konnten. Ihre ungewöhnliche musikalische Begabung, die schon die höheren Regionen des Genies streifte, eine Begabung, die sie zu einer geradezu idealen Begleiterin machte für ein ausgesprochenes aber ungeschultes Genie, wie die junge, schöne Gemahlin des Gouverneurs es war, deren regellosen Fantasien und Gedanken sie mühelos auf dem Flügel folgen konnte, begeisterte die Autodidaktin auf der Geige dermaßen, daß davor ihre – zum mindesten gesagt – Gleichgültigkeit für die Person des Fräulein Vareskoi ganz in den Hintergrund trat. Die letztere, deren physische Kräfte, nach ihrer Aussage, einer Laufbahn im Konzertsaal nicht gewachsen waren, hatte früher die bescheidene Stellung einer Begleiterin in dem Hause inne, in dem die Fürstin Sarakow ihre Bekanntschaft machte. Es war wie ein Wunder, daß die völlig Fremde, die sie nie zuvor gesehen, nie gesprochen hatte, ihren Gedanken folgen konnte, die ihr Instrument in Harmonien erklingen ließ, die jeder Lehre spotteten. Und doch geschah das Unerwartete in einer Weise, welche diese ungeschulte Künstlerin derart begeisterte, daß sie nicht eher ruhte, bis sie den Schatz, dem sie so unerwartet begegnet war, für sich errungen hatte. Olga Petrowna zögerte mit ihrer Einwilligung nicht einen Augenblick, und es wurde schließlich auch der einflußreichen Persönlichkeit des Gouverneurs nicht schwer, durch seine Vermittlung den Vertrag des Fräulein Vareskoi mit ihren bisherigen Arbeitgebern in aller Freundschaft zu lösen. Zoe Alexandrowna entführte also die gefundene Perle in ihr eigenes Palais, dessen Mauern der eigenartige Genuß der Musik dieser beiden genial veranlagten Frauen damit gesichert war. Olga Petrowna war aber nicht nur eine Meisterin auf dem Flügel, sondern eine sehr vielseitig gebildete Persönlichkeit von großer Intelligenz, durch die sie auch den Gouverneur für sich einnahm, und ihr Anpassungsvermögen, verbunden mit einem feinbesaiteten Taktgefühl, gaben Ihr bald das Vorrecht der Unentbehrlichkeit, das sie, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen, für die Gesellschaft zu einer Ziffer machte, mit der man im Gouvernementspalais als einer der Hauptfaktoren rechnete. Das Attentat auf den Gouverneur mit seinem tragischen Ausgange gab Olga Petrowna Gelegenheit, der jungen Witwe näherzutreten durch ihre unaufdringliche Teilnahme und taktvollen Hilfeleistungen – sie war in Wahrheit in diesen Tagen ratlosen Wirrwarrs wie der Fels im Meer, an den die Gestrandeten sich hilfesuchend klammerten. Zoe Sarakow, die in ihrem Entsetzen zeitweise ganz den Halt verloren hatte, ergriff dankbaren Herzens die gebotene Hand, und verlieh der bisherigen »Gesellschafterin« den Freundinnentitel, der diese mit einem Male gesellschaftlich in eine ganz andere Sphäre versetzte – vor der Welt nämlich in die der sozialen Gleichberechtigung, die man einer Person in einer abhängigen Stellung nicht zugesteht, mag ihre Bildung sie auch dazu berechtigen. Die Leute der Petersburger Gesellschaft erinnerten sich nun plötzlich wieder, daß die Vareskoi »eigentlich« ein altes Bojarengeschlecht waren, das freilich den Fehler begangen hatte, wenn man es nicht Verbrechen nennen wollte, total zu verarmen. Dem Vater von Olga Petrowna hatte das gütige Väterchen Zar den Posten eines Adelsmarschalls in irgendeinem Gouvernement verliehen, doch dieser hatte sich dadurch unmöglich gemacht, daß er eine Ballettänzerin von zweifelhaftem oder vielmehr zweifellosem Rufe heiratete und mit ihr ins Obskure verschwand. Aber schließlich war das so lange schon her, und sein Sohn, Professor Vareskoi hatte sich nicht nur einen Namen in der Wissenschaft gemacht, er war auch ein so schöner interessanter Mann mit der wundervollsten Stimme, die man sich denken konnte. So war denn Olga Petrowna »anerkannt«; sie regierte eigentlich, wenn auch immer sehr diskret, im Palais Sarakow, gewissermaßen als Staatsminister für die inneren und äußeren Angelegenheiten, sie besorgte die Geschäfte ihrer Freundin, und doch – Olga Petrowna wußte, daß sie deren ganzes Vertrauen nicht besaß, daß es verborgene Winkel in Zoes Seele gab, die ihr verschlossen blieben und daß diese keine Ahnung davon hatte, daß Olga Petrowna ihre Existenz kannte und sich wohl hütete, sich einen Eintritt darin zu erzwingen, weil sie ja sowieso wußte, welch »Skelett im Schranke« vor ihr verborgen wurde, das heißt, sie hatte sich bis heute eingebildet, es zu wissen, es gab aber doch noch andere Dinge darin, wie es schien. Zum Beispiel einen Palast in Venedig, freilich vorläufig wohl nur im Entwurfe, aber dennoch etwas, das sie, Olga Petrowna, nicht gewußt, nicht vermutet hatte, davon sie vor anderen nur so beiläufig gehört, darum sie nicht um Rat gefragt worden war wie um alle anderen Angelegenheiten! Und dann diese Nachdenklichkeit, diese Geistesabwesenheit, kaum, daß man den Palazzo Torcelli verlassen hatte! Olga Petrowna konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, daß auch, nur ein Wort gefallen war, welches eine solche Nachwirkung hätte haben können! Es war ihr sicherlich nichts entgangen, sie war doch bei allem und jedem dabeigewesen, was gesprochen worden war, sie hatte Zoe nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen.

Jeder Mensch hat »eine Stelle, wo er sterblich ist«, und zwar liegt dieselbe immer außerhalb der Grenzen seines Berufes. Dieser war Olga Petrowna die Musik – aber daneben hatte sie ein Steckenpferd, eine Leidenschaft: die alten Ziehbrunnen und Zisternen vergangener Tage, um die sich eine ganze, eigene Poesie gebildet, deren Romantik berühmte Dichter bezaubert hat. Olga Petrowna besaß eine ganze Sammlung selbstaufgenommener Fotografien solcher alter malerischer Brunnen aus Dorf und Stadt, und die Zisternen von Venedig bereicherten diese durch ganz besonders eigenartige Bilder. Die berühmten erzenen Brunnen im Hofe des Dogenpalastes fesselten sie mehr als die Gemälde in demselben, und vor dem Brunnen im vorderen Hofe der Ca' Torcelli hatte sie für ein paar kurze Minuten auf ihre Freundin vergessen und es gar nicht bemerkt, daß diese allein mit dem Herrn des Hauses vorn in der Halle gestanden und gesprochen hatte, während sie sich die Erlaubnis ausbat, das zum Brunnenrand verwendete, antike Riesenkapitäl korinthischen Stils, ein marmornes Wunderwerk, fotografieren zu dürfen. Steckenpferde sind manchem schon zur Falle geworden, die sie selbst sich gelegt, was sie mit bitterer Reue zu spät erst erkennen müssen. Olga Petrowna ahnte gar nicht, daß ihr etwas entgangen war, und darum konnte sie auch keinen, gar keinen Anhalt finden für die auffallende Nachdenklichkeit und Insichgekehrtheit ihrer Freundin, die sie zwar in einem idealen, absolut unanfechtbaren Sinne war, obgleich sie gewisse Dinge ungeteilt für sich behielt. War das Instinkt, eine angeborene Reserve oder unbewußte Furcht? Olga Petrowna konnte nicht dahinterkommen und beschloß darum, die doch unumgängliche Entwicklung ruhig abzuwarten. Sie mußte sich damit zunächst in Geduld fassen, denn die Fürstin Sarakow erklärte am folgenden Morgen, ganz unfähig zu sein zu irgendeiner Besichtigung von Gemälden, und wirklich sah sie übernächtig und elend aus, dunkle Schatten lagen unter ihren fieberhaft glänzenden Augen und um ihren Mund ein Zug unsäglichen Schmerzes. Olga Petrowna war lebhaft besorgt um das Befinden ihrer Freundin, wenigstens gab sie diesen Gefühlen beredten Ausdruck und drang darauf, einen Arzt rufen zu lassen.

»Bitte, quäle mich nicht!« bat Zoe endlich, nachdem sie das Anerbieten ein halb dutzendmal abgelehnt, mit nervöser Ungeduld. »Ich werde schon selbst sagen, wenn ich einen Arzt brauche! Du meinst es so gut«, setzte sie reuig hinzu, indem sie der Freundin abbittend die Hand reichte, »Ich bin dir ja auch so dankbar, aber meine Nerven sind heute so unbotmäßig, daß du mich schon entschuldigen mußt, du liebe, treue Seele! Ich glaube, ich bleibe besser heut früh allein und versuche, den Schlaf ein wenig nachzuholen!«

»Gut, versuche es, mein Herz«, erwiderte Olga Petrowna zögernd. »Wir werden dann ja sehen, wie es dir geht. Irgend etwas muß aber in Unordnung sein, – ich wußte es gleich, nachdem du gestern diesen Frostanfall im Palazzo Torcelli hattest –«

»Bewahre. Ich bin physisch so gesund wie immer!«

»Du mußt das freilich wissen. Liebste! Aber dann – dann lastet etwas auf deinem Gemüte, mein armes Seelchen, – hast du schlechte Nachrichten erhalten?«

»Nein, Olguschka! Ich habe seit vierundzwanzig Stunden überhaupt nichts mehr mit der Post erhalten – die Zeitungen ausgenommen. Aber es gibt Stimmungen, die über einen kommen wie der Dieb in der Nacht. Das muß überwunden werden.«

»Wenn ich dir nur helfen dürfte, deine Last zu tragen! Bin ich nicht deine Freundin, die ein Recht darauf hat, ihr Teil daran zu beanspruchen? Wer weiß, ob es mir nicht gelänge, die Wolken ganz zu verjagen, die dir diesen schönen venezianischen Himmel trüben wollen!«

Zoe Sarakow schüttelte den Kopf.

»Es gibt Dinge, die keines Menschen Hand in einem berühren kann – und darf«, erwiderte sie freundlich, aber fest. »Dinge, die entweiht werden würden, wenn man sie dem Rate anderer unterwürfe, den zu fordern, selbst von seinem besten Freunde, man das Recht nicht hat, der Verantwortung wegen, die man damit auf des Freundes Schultern lüde. Dinge, von denen den Schleier des Heiligtums zu ziehen man nur dann vermag, wenn sie aufgehört haben, ein Heiligtum zu sein, oder es nie gewesen sind.«

»Es sei fern von mir, den Anspruch erheben zu wollen, den Fuß in ein Heiligtum zu setzen, auf das ich kein Recht habe«, entgegnete Olga Petrowna resigniert, indem sie ein leises Beben in dem Klange ihres angenehmen, diskreten Organes markierte, da sie auf das feine, jeder Stimmung zugängliche Ohr der Fürstin rechnete. Aber sei es, daß deren Gehör heut für äußere Klänge verschlossen war oder daß sie absichtlich überhören wollte – sie senkte den Blick und sagte nach einer kaum bemerkbaren Pause:

»Ich danke dir, Olguschka, obgleich es des Danks wohl kaum bedarf, da ich ja sicher sein konnte, das Verständnis bei dir zu finden, das mir deine Freundschaft so wert macht. Aber ich bitte dich – laß dich durch mich nicht abhalten, einen Spaziergang auf eigene Faust zu machen«, fuhr sie liebenswürdig fort, »und wenn du schöne Brunnen dabei entdeckst, dir die Lage zu merken, damit du mich später einmal hinführen kannst!«

Olga Petrowna merkte, daß Zoe das Gespräch abbrechen wollte, empfahl ihr, ohne eine Spur von Empfindlichkeit zu zeigen, völlige Ruhe und glitt mit einem lächelnden »Auf Wiedersehen, mein Herz!« aus dem Zimmer.

»Sie hat ein Geheimnis vor mir«, dachte sie, als sie ihr Zimmer betrat, das den Räumen der Fürstin gegenüberlag. »Ein Geheimnis, welches mit dem anderen, das ich besser kenne als sie, nichts zu tun hat. Oder doch? Ein »Heiligtum!« Also soweit wären wir noch nicht, um Eintritt in Heiligtümer zu finden! Vielleicht, wenn man mit Trennung drohte – unter Tränen – Damit hat es noch Zeit, bis sie weicher geworden ist; sie war jetzt irritiert, ich sah es in ihren Augen, sie hätte jetzt am Ende angenommen. Wahrscheinlich sogar. Vielleicht hat sie sogar gehofft, mit mir brechen zu können, als sie mich davor warnte, weiterzugehen, als sie mir erlaubte. Bei dem anderen – pah! das ist begreiflich. So etwas wagt man ja nicht einmal seinem Gatten zu sagen, wie wir wissen. Aber sie zieht mir Grenzen, die ich nicht erwartet hätte. Man lernt eben einen Menschen niemals ganz kennen. Sie will mich fort haben heute morgen, ich soll ausgehen! Nein, mein Schatz, wir werden hierbleiben und als getreuer Eckhard deinen – Schlummer bewachen.

Hinter dem Vorhang der halbgeöffneten Tür beobachtete Olga Petrowna mit der Geduld des zur Wache befohlenen Hundes oder – des gewerbsmäßigen Spions den ganzen Vormittag die Türreihe auf der anderen Seite des teppichbelegten Korridors, doch niemand ging dort aus noch ein, mit Ausnahme der Kammerjungfer, welche die Kleider bürsten ging und wiederbrachte – eine sehr beschränkte, aber pflichttreue Person, von der Olga Petrowna sicher war, daß man sie unmöglich zu irgendwelchem Auftrage brauchen konnte, der außerhalb ihres Kammerdienstes lag. Gegen Mittag kam der Portier mit den eingegangenen Postsachen, und Olga Petrowna, die ihn in das Zimmer eines anderen Gastes treten sah, kam ihm dann »zufällig« entgegen und nahm ihm die Mühe, bei der Fürstin zu klopfen, ab. Er hatte nichts für sie als die Zeitungen und einige indifferente Geschäftsanzeigen. Endlich war die Stunde des Lunch gekommen, und als Olga Petrowna das kleine, separate Speisezimmer betrat, das zu den Räumen der Fürstin gehörte, trat ihr diese zum Ausgehen gekleidet entgegen, sie sah wohler aus, jedenfalls völlig beherrscht und der Stunde gewachsen.

»Ich habe etwas geschlafen, und meine dummen Nerven erlauben mir jetzt wieder, vernünftig zu sein«, erklärte sie liebenswürdig. »Ich schäme mich fast, dir Dummheiten vorgeschwatzt zu haben, die eine Ausgeburt des Schirokkos waren, den wir heut nacht gehabt haben sollen. Hast du neue Brunnen entdeckt? Und bist du nicht zu müde zu einem Ausflug? Dann möchte ich einen nach dem Brentakanal vorschlagen, um die Villa Malinconica zu besuchen – die »Schwermütige«, von der mein Reisebuch erzählt, daß sie so malerisch in ihrer Vereinsamung liegen soll. Es geht ein Schiff um zwei Uhr ab, wir haben also Zeit.«

Olga Petrowna zeigte sich von dem Plan begeistert.

So fuhren sie denn mit dem Schiff nach Fusina und von dort am Brentakanal entlang. Sie fragten sich unterwegs, warum die Venezianer sich mit solcher Vorliebe diese flache, melancholische Landschaft für ihre Sommersitze ausgewählt und ihre manchmal palastähnlichen Häuser an die weiden besetzten Ufer dieses langsam dahinfließenden Wassers gebaut haben. Umgeben von Zypressen, Weiden und Maulbeerbäumen erhob sich die »Malinconica«, wie eine steingewordene Ballade über dem Kanal. Ein Hauch unsäglicher Melancholie, eine fast trostlose Verlassenheit ging von dem Palaste aus, vor dem die Steinstufen der eleganten Freitreppe abbröckelten in der feuchtwarmen Luft und das Gras aus den Ritzen darin sproßte, ungehindert von erhaltenden Händen. Moos wuchs auch in warmen, grünen Tönen auf den Marmorquadern, die das Gebäude mit seinen festgeschlossenen, modernden Fensterläden bekleideten, hinter denen man etwas mehr vermutete, als leere, unbewohnte Zimmer.

»Es könnte ein Katafalk dahinter stehen«, murmelte Zoe Sarakow mit einem leisen Schauer. »Und auf dem Katafalk ein offener Sarg mit – mit jemand darin, den eine unbekannte Hand gefällt, und rings umher hohe, brennende Wachskerzen. Und keine lebende Seele um den Katafalk, als nur der Kapuziner, der kniend seine Gebete für die arme, arme Seele murmelt, die vielleicht schon verloren war, ehe sie fortmußte ins unbekannte Land, aus dem niemand mehr zurückkehrt. Und dort um die Ecke über den grasverwachsenen Kiesweg kann jeden Augenblick der Leichenwagen biegen mit sechs schwarzverhängten Rossen davor –«

»Gott bewahre, Zoe, welche Phantasie!« unterbrach Olga Petrowna ihre Freundin mit einem mißglückten Lachen, indem sie unwillkürlich nach der angedeuteten Ecke blickte. »Man sieht schon, du bist mit deinen Nerven ganz fertig. Das ist nicht der Ort, um dich zu erheitern, zu zerstreuen! Es ist wahr, dieses Landhaus gleicht mehr einer riesigen Familiengruft als einem Ort der Erholung; kein Wunder, daß er unbewohnt ist. Laß uns ein schattiges Plätzchen unter den Bäumen suchen, oder vielleicht hat die Ortschaft hinter dem Park eine Osteria.«

Aber Zoe Sarakow wollte das Haus inwendig sehen.

»Nur damit ich mich überzeuge, daß der Katafalk nicht darin steht«, meinte sie mit einem matten Lächeln, und schulterzuckend folgte ihr Olga Petrowna um den verlassenen Palast, auf dessen Gartenseite richtig im Erdgeschoß die Wohnung des Aufsehers lag, der beim Anblick der beiden Damen einen Bund rostiger Schlüssel holte.

»Die Signora will die Villa wohl kaufen?« fragte er. »Es sind in letzter Zeit schon mehrere Kauflustige dagewesen, der österreichische Ebreo sogar schon zweimal.«

Zoe widersprach der Annahme nicht, daß auch sie eine Kauflustige auf die »Malinconica« sei; wozu auch? Schweigsam folgte sie ihm durch eine Flucht von Zimmern und Sälen, die wohl eingerichtet waren, aber erfüllt mit dem Moderhauch der Verlassenheit. Auf dem steinernen, teppichlosen Estrich hallten die Schritte von den hohen Wänden wider, die zum Teil mit seidenen, aber stark beschädigten Tapeten bespannt waren, oder zersprungene Freskomalereien mit Moderflecken darauf zeigten. Als sie in eines der Gemächer dieser fast endlosen Zimmerflucht traten, fuhr Zoe mit einem leisen Ausruf zurück: »Der Katafalk!« Freilich versuchte sie über den Irrtum zu lachen, denn das verkannte Möbel war nur ein breites Himmelbett, das von grünsamtnen Vorhängen halb verhüllt auf einer Estrade stand, aber es hatte in dem Dunkel, ehe der Aufseher die Läden öffnete, wirklich etwas von einem Katafalk.

»Und hier wohnt niemals jemand?« fragte Zoe beklommen. »Wer ist eigentlich der Besitzer?«

»Der Principe Torcelli dal Giglio«, erwiderte der Mann, erstaunt darüber, daß jemand das Haus kaufen wollte, ohne zu wissen, von wem.

»Ah!« Die beiden Damen sahen sich an, beide ehrlich überrascht, denn weder das allgemeine Reisehandbuch, das den Namen der »Malinconica« am Brentakanal nur eben mit einem Stern vor dem Namen führt, noch auch der treffliche englische Führer durch Venedig und seine Umgebung, der ausführlicher über die Geschichte und den edlen Bau dieses Landhauses berichtet, nennen den Namen seines Besitzers; nur den des Baumeisters, der zu den »Unsterblichen« gehört.

»Wir wollen gehen«, sagte Zoe Sarakow zu ihrer Freundin. »Hätte ich das ahnen können, so hätte ich nicht unterlassen, den Besitzer um die Erlaubnis zur Befriedigung meiner Neugierde zu bitten.«

Olga Petrowna nickte.

»Deines Interesses«, verbesserte sie.

»Wer weiß denn, wo jenes aufhört und dieses anfängt?« erwiderte die Fürstin, sichtlich peinlich berührt.

»Die Familie kümmert sich sicher nicht darum, wer dies Haus besucht«, redete ihr Olga Petrowna zu, »und erfährt es auch kaum, daß zwei fremde Damen hier waren –«

»Doch, denn ich werde der Principessa sagen – oder schreiben, daß ich hier war, und um Entschuldigung für meine unwissentliche Indiskretion bitten«, entgegnete Zoe kurz und wandte sich, sehr zum Erstaunen des Aufsehers, der durchaus noch die berühmte freskengeschmückte »Galleria« zeigen wollte, zum Gehen. Draußen auf der Terrasse der Freitreppe trat sie aber doch noch bis an die Balustrade heran und sah hinab in den verwilderten, verträumten Park, dem die hohen, dunklen Säulenzypressen etwas Feierliches, Melancholisches verliehen, das für die Weltabgeschiedenheit eines Klosters besser gestimmt hätte als für ein Landhaus, welches der Erholung und dem frohen Naturgenusse dienen soll. Dem Südländer freilich ist die Zypresse ein schmückender Baum wie jeder andere und besonders beliebt durch den malerischen Kontrast ihres dunklen, fast schwarz gegen die Laubbäume abstechenden Grüns, während wir gewohnt sind, sie nur auf den Friedhöfen zu finden, in denen sie ernst und schlank neben Gräbern zum Himmel ragen wie eine Trauernde, ein Symbol des ewigen Lebens. Weit hinten, am Ende des nicht allzugroßen Parks stand eine ganze Gruppe von Zypressen, zwischen denen ein Gebäude zu erkennen war, das einem der Barockzeit angehörigen Pavillon glich, mit anscheinend reichverzierter Fassade und breitem Portal; das Dach mit seiner Giebelkrönung verschwand ganz hinter den dichtstehenden, aufstrebenden Bäumen.

»Was ist das für ein Gebäude?« fragte Olga Petrowna, die neben ihre Freundin getreten war. »Wohl ein Sommerhaus?«

»Das ist die Familiengruft der Torcelli«, erwiderte der Aufseher bereitwillig. »Sie wurde vor hundertfünfzig Jahren gebaut, als kein Platz mehr in San Stefano war, wo sie eingepfarrt sind. Es lieben aber nicht alle, immer ihre letzte Wohnung vor Augen zu haben, und darum steht das Haus so oft und lange leer. Deswegen hat es auch den Namen »La Malinconica«, die Schwermütige, erhalten. Erst haben's die Leute nur so genannt, und heute weiß kein Mensch mehr, daß es eigentlich »Mia Gioia«, meine Freude, hieß. Der Frau Prinzessin-Witwe, der Mutter unseres Herrn, ist das Haus eigentlich als Witwensitz verschrieben, aber lieber Himmel, sie war noch nicht einmal hier, seit der Herr Principe, ihr Gemahl, starb, – das heißt, um hier zu wohnen, denn zum Requiem an seinem Todestage kommt sie natürlich immer her. Sie ist eben noch verhältnismäßig jung und lebenslustig und macht nur immer wieder, daß sie fortkommt – ja, ja, – die Gruft dort unten hat schon manchen Käufer vertrieben! Was aber, mit Erlaubnis zu sagen, töricht ist, denn was gehen einen Fremden die toten Torcelli an, frage ich? Nichts, denn sie brauchen sich da drinnen nicht begraben zu lassen, dürfen's gar nicht, selbst wenn sie wollten, denn die Gruft ist natürlich nicht verkäuflich. Der Wiener Ebreo –« dabei spuckte der Mann aus, wie es sich für einen Venezier oder Lombarden schickt, wenn er von einem Österreicher redet in der Erinnerung an die Herrschaft dieses Reiches, »der Wiener Ebreo sprach davon, eine Mauer aufführen zu lassen, welche die Aussicht auf die Gruft verstecken soll – meinetwegen, denn wenn er kommt, gehe ich sowieso. Einem Österreicher und einem Hebräer diene ich nicht. Ich bin ein Christ, und mein Großvater schon hat den Torcelli gedient. Ich hab's dem Principe gesagt, und er hat mir versprochen, ein Häuschen für mich zu bauen, zehn Schritte neben der Gruft, und dort bleibe ich Kustode für die Toten Torcelli, wenn ich schon aufhören soll, es für die Lebenden zu sein. Er ist ein guter Herr, unser Principe Don Angelo! Das ist er, und ein Mensch mit einem Herzen von Gold für unsereins, und sein Unglück – er ist mit dem Pferde gestürzt und seitdem lahm – trägt er wie ein Mann. Wer die Dame auch immer ist, der er die Ehre erweisen wird, seine Frau zu werden, die ist bei ihm geborgen wie in Vater Abrahams Schoß.«

Das Trinkgeld, das aus Zoes Hand in die bereitwillig hingestreckte Rechte des Mannes glitt, war derart, daß er mit offenem Munde stand und den Damen nachsah, als diese durch den Park dann noch bis zur Gruft hinwandelten. Nachdem er sich von diesem unerwarteten Gottessegen etwas erholt hatte, rannte er den Damen nach und fragte, ob er ihnen die Gruft aufschließen dürfe wegen des Altarblattes von Tiepolo, auf dem die Madonna schützend ihre Hände über die Lilien der Torcelli ausbreitet. Nach einem kurzen Zögern erlag Zoe der Versuchung – den Tiepolo zu sehen, der über dem Barockaltar der stimmungsvollen Grabkapelle mit seinen entzückenden Engeln auf sonnengolddurchglühtem Wolkenhintergrunde vielleicht besser in ein Hausoratorium oder – in ein Boudoir gepaßt hätte als zu der Stätte der Toten.

Zoe Sarakow, die wortlos durch den Palast gewandelt war und unter den Bäumen des Parkes einsilbig blieb, schwieg auch in der Gruftkapelle.

»Die Malinconica übt, wie es scheint, auch auf dich ihre Wirkung aus«, konnte Olga Petrowna sich nicht enthalten mit einem leisen Hauch von Spott zu bemerken. »Seit du durch die Mauer des Hauses die düstere Vision von dem Katafalk mit den flackernden Kerzen hattest, sind keine zehn Worte mehr aus deinem Munde gekommen.«

Zoe antwortete nicht.

Fräulein Vareskoi warf einen scharfen Blick auf das feine, durchsichtige Gesicht mit den eigentümlich leuchtenden Augen, die geradeaus vor sich hinsahen.

»Du hast doch ein wenig Fieber, mein Herz«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich gebe aber zu, daß einem diese Atmosphäre hier auf die Nerven geht; sie ist niederdrückend und beklemmend. Schon aus diesem Grunde hätten wir besser nicht herkommen sollen. Unser Ausflug war ein Mißerfolg, ein verfehltes Unternehmen.«

»Er war eine Offenbarung«, erwiderte Zoe mit einem so strahlenden Lächeln, daß Olga Petrowna nun wirklich, trotz aller Klugheit, nicht mehr wußte, woran sie war.

Als sie am Abend bei einem glorreichen Sonnenuntergange in ihr Hotel zurückkehrten, wurden ihnen Karten überreicht: die Herrschaften hatten sehr bedauert, die Damen verfehlt zu haben, und ließen bitten, gütigst eine Antwort senden zu wollen.

»Torcelli dal Giglio« stand nach der Gepflogenheit der italienischen Granden ohne jede Titelnennung unter einer sehr diskret aufgeprägten Fürstenkrone auf der einen dieser doppelt abgegebenen Karten; auf der anderen, unter demselben Emblem: Fabiola Torcelli-Corleone. Auf dieser waren die Worte gekritzelt: Bittet die Fürstin Sarakow und Fräulein Vareskoi morgen den Pranzo bei ihr zu nehmen. 8 Uhr.

»Sehr liebenswürdig«, murmelte Olga Petrowna, nachdem sie die Einladung gelesen hatte. »Werden wir annehmen?«

»Ich werd's mir noch überlegen«, erwiderte die Fürstin, indem sie müde in einen Sessel sank.

»Aber die Principessa bat um Antwort, nicht? Du bist angegriffen, Herz, ruhe dich jetzt etwas aus, ich werde natürlich in deinem Namen schreiben – wie immer, wenn Einladungen zu beantworten sind.«

»Ich danke dir für deine Liebenswürdigkeit, Olguschka, ich werde der Principessa selbst Antwort geben«, fiel Zoe freundlich ein.

»Aber, liebes Herz, das wäre doch das erste Mal, seit du mir diesen Teil deiner Korrespondenz anvertraut hast –«

»Ausnahmen vorbehalten, natürlich«, lächelte die Fürstin. »Wir sind im Ausland, in Italien, und Fürst Sarakow hat mir gesagt, daß man hier sehr großen Wert auf gewisse Zeremonien legt. Es wird besser und höflicher sein, wenn ich selbst schreibe.«

»Ich hätte es natürlich sehr höflich gemacht, aber wie du denkst, Herz! Ich wollte dir nur eine immer so lästige Arbeit ersparen.«

»Wofür ich dir dankbar bin, Olguschka.«

Fräulein Vareskoi mußte den Grund für die Ablehnung ihrer Dienste gelten lassen, – äußerlich; innerlich hatte sie mehrere Einwendungen. Beim Pranzo, das der Engländer wegen natürlich »Dinner« im Hotel genannt wurde, fragte sie dann so nebenher wieder an, welcher Bescheid der Principessa Torcelli gegeben worden war. Noch gar keine, es eilte nicht so sehr, wurde ihr sehr freundlich erwidert. Dann sprach man von anderen Dingen, und nach dem Mahl erklärte Zoe so müde zu sein, daß sie sich gleich zurückziehen müsse.

Olga Petrowna hatte an diesem Abend in der Stille ihres Kämmerleins den Rätseln des letzten Tages noch einige neue hinzuzufügen, die ihr schweres Kopfzerbrechen machten. Klug wie sie war, und so viele Lösungen sie sich ausdachte, es wollte ihr keine so recht stimmen, und sie beschloß, zur geeigneten Stunde Saiten aufzuziehen, die den gewünschten Ton vielleicht erklingen ließen.

In Zoes Seele waren aber inzwischen ganz andere Saiten zum Klingen gebracht worden. Zwar fand sie in dieser Nacht die Ruhe ebensowenig wie in der vorigen, aber es waren nicht nur Dissonanzen, die sie quälten, denn die große Tonmeisterin Hoffnung löste sie in Harmonien auf, wie sie in solchen wundervollen Akkorden nur die erklingen machen kann, von welcher der Apostel gesagt, daß sie »die größte unter den großen Dreien sei«. Bei dem Besuch von Torcelli hatte Zoe zum erstenmal Olga Petrownas Gesellschaft als überflüssig empfunden, als eine Kette, die ihr unbequem war, die sie irgendwo drückte. Zwar war ihr die Freundin unentbehrlich in ihrer Einsamkeit, doch war sie niemals so weit gegangen, ihr jede Kammer ihres Herzens zu öffnen; nicht nur, weil sie es überhaupt nicht durfte, sondern weil sie gar nicht zu den vertrauensbedürftigen Naturen gehörte, die sich einer Freundschaft derart in die Arme werfen, daß sie ihr ganzes Inneres entschleiern und nichts für sich zurückbehalten können, was ihr Eigentum bleibt. Im Gegenteil: seit sie vorgestern die Ca' Torcelli verlassen, hatte sie, vielleicht mehr instinktiv als gewollt, den deutlich gefühlten Wunsch, einem Vertrauensaustausch mit Olga Petrowna auszuweichen, ihn sogar abzulehnen, wenn es nicht anders ging, denn hingezogen wie sie sich zu ihr durch ihre ungewöhnliche musikalische Begabung fühlte, dankbar wie sie ihr für die erwiesenen taktvollen Aufmerksamkeiten in schwerer Zeit war, sympathisch, weil sie viele gemeinsame Interessen berührten, so gab es Momente, in denen sie flüchtig und vorübergehend wünschte, die Freundschaft weniger intim geschlossen zu haben. Sie konnte nicht einmal genau sagen, woran das lag, sie wußte nur, daß sie nicht alles geben konnte und wollte.

Zoe war zu sehr vom Hauche der Welt berührt worden, um sich im Unklaren darüber zu sein, welche Bedeutung es haben konnte, daß der venezianische Magnat im Verlaufe von 24 Stunden zum zweitenmal bewußt ihren Pfad kreuzte. Sie fühlte sich sehr zu ihm hingezogen, denn sie hatte in seinen Augen die unheilige, verzehrende Flamme nicht gefunden, die ihr so oft entgegengeschlagen war, ohne sie zu versengen. Sie hatte auch nichts von dem grob gemalten Feuer gesehen, mit dem sehr bald nach dem Tode des Fürsten die professionellen Goldfischjäger die reiche, junge Witwe zu betören kamen. Deshalb hatte sie auch nicht erwartet, daß er seine Absichten so bald und so unverhüllt zum Ausdruck bringen würde. Aber die vornehme Art und Weise, ohne die gewohnten Beteuerungen, hatten sie so gefesselt, daß sie nicht imstande gewesen wäre, Olga Petrowna etwas davon zu sagen, geschweige denn sie mit der Abfassung des Korbes zu beauftragen. Sie wollte selbst schreiben, und keine Seele sollte darum wissen. Aber mit der Feder in der Hand begann sie ihre Gefühle zu analysieren und kam erschrocken zu dem Schlusse, daß der Principe ihr nicht mehr gleichgültig war. Sie hatte die ganze Nacht mit sich gerungen, und fühlte dabei etwas ganz Ungewohntes in sich sprechen: ihr Herz. Zum ersten Male in ihrem Leben! So blieb der Brief zunächst ungeschrieben, und als in der Malinconica der Aufseher von seinem Herrn sagte: »Er ist ein Mensch mit einem Herzen von Gold – wer die Dame auch immer ist, der er die Ehre erweisen wird, seine Frau zu werden, die ist bei ihm geborgen wie in Vater Abrahams Schoß« – da kam es wie die Offenbarung über sie, und zugleich blendete sie ein solcher leuchtender Hoffnungsstrahl, daß sie die Augen vor ihm schloß. Als aber die Entscheidung von ihr durch die Einladung der Principessa gefordert wurde, da kam das Heer der Zweifel wieder über sie, und erst der neue Morgen brachte ihr den Mut eines Entschlusses, zu dem die Zuversicht und das Vertrauen sie unaufhaltsam führten.

Heiter und scheinbar ganz wieder hergestellt, trat sie am Morgen der Freundin entgegen, die sie forschend ansah, und brach mit ihr nach dem Frühstück in die Akademie auf. Olga Petrowna hatte außer den Fragen nach ihrem Befinden keine anderen an sie gerichtet, ehe sie aber in die Gondel stiegen, sagte sie, als ob sie sich von ungefähr darauf besänne:

»Halt, da fällt mir ein: müßtest du nicht am Vormittag eigentlich der Principessa Torcelli eine Antwort schicken?«

»Dank für die Erinnerung. Es ist schon geschehen«, erwiderte Zoe leicht. »Ich habe natürlich angenommen.«

»Natürlich?« fragte Olga Petrowna gedehnt. »Ich dachte – es ist freilich nur eine ganz unmaßgebliche Meinung – aber der Principe ist doch schließlich ein unverheirateter Mann und hat dir Aufmerksamkeiten erwiesen, die – die mich wieder einmal in die Lage versetzen könnten, einen der bewußten Briefe zu schreiben –«

»Ich würde ihn dir nicht zumuten, Olga.«

»Zumuten! Ich tue es ja sehr gern, nur –«

»Willst du die Beurteilung, ob ich die Einladung annehmen soll oder nicht, mir überlassen?« fragte Zoe Sarakow mit liebenswürdigem Lächeln, indem sie ihre Freundin voll ansah.

Olga Petrowna schlug die Augen nieder, und ein fahles Rot flog über ihre farblosen Wangen. Sie hatte verstanden, daß sie einen Übergriff getan, aber nun mußte sie weitergehen, um ihren Ruf zu retten – oder aus anderen Gründen.

»Mein Herz, du bist Herrin deiner Handlungen«, sagte sie sanft. »Aber mit dem Rechte der Freundschaft, die du mir geschenkt hast, ist es meine Pflicht, dir vorzustellen, daß es vielleicht nicht weise ist, bei diesen Leuten Erwartungen, wenn nicht Hoffnungen zu erwecken, die zu erfüllen du ganz gewiß nicht gewillt bist, nicht wahr?«

Zoe öffnete die Lippen, um etwas zu sagen – und schloß sie wieder, aber ihr Blick, der sich mit dem Olgas sekundenlang kreuzte, sagte mehr, als die schärfste, mündliche Ablehnung einer Einmischung in persönliche Angelegenheiten, die noch dazu verzweifelt einer moralischen Maßregelung glich, vermocht hätte.

»Steigen wir ein – ich freue mich auf einen langen Morgen in der Galerie«, sagte sie nach dieser sekundenlangen Pause ohne eine Spur von Erregung, ohne ihrem immer freundlichen Tone eine Nuance von Kälte zu geben, als hätte sie die Worte Olga Petrownas gar nicht gehört. Letztere folgte ihr mit einem eigenen Lächeln, das nichts mit dem sonst so sehr verschönenden zu tun hatte, und als die Damen nebeneinander in der Gondel saßen, legte sie ihre Hand auf die der Fürstin und murmelte:

»Zoe, mein Herz, – die Annäherung des Principe war doch zu betont, als daß du sie nicht richtig deuten könntest –«

Der erstaunte Blick, mit dem die Fürstin ihre Freundin ansah, war nicht im mindesten gemacht. Sie traute ihren Ohren einfach nicht. Olga Petrowna, dieses Vorbild des Taktes, war taktlos, und zwar zum zweiten Male binnen zehn Minuten.

»Sieh einmal die Barke da drüben, – das scheint ein Ruderklub zu sein«, sagte sie, scheinbar ganz ruhig, innerlich aber beinahe mehr beunruhigt als verletzt oder enttäuscht. Olga Petrowna schien nun endlich die erhaltenen Marken verstanden zu haben, aber sie folgte der nach rechts deutenden Handbewegung nicht. Zoe hatte ein großmütiges Herz und überwand rasch mit seiner Hilfe den Mißklang, den ersten, in ihrem Beisammensein mit Olga Petrowna, während diese für gut fand, einsilbig und in sich gekehrt zu bleiben. Bei einer anderen Person hätte man das »maulen« genannt; Zoe hielt es einfach für das Resultat einer beschämenden Selbsterkenntnis und glaubte ihrer Freundin, die ja nur im Übereifer für ihr, Zoes, Bestes sich vergessen haben konnte, am leichtesten darüber hinwegzuhelfen, daß sie tat, als wenn nichts geschehen wäre; aber die menschliche Natur kann alles verstehend wohl alles vergeben, indes so schnell nicht auch vergessen, und darum legte Zoe vor die so schon für Olga Petrowna noch nicht geöffnete Kammer ihres Herzens ein zweites Sicherheitsschloß . . .

In der Ca' Torcelli wurden die fremden Gäste am Abend mit der ganzen Grandezza und ausgesuchten Höflichkeit empfangen, die der lateinischen Rasse eigen ist und dem Fremden das Gefühl einer Sonderstellung von höchster Auszeichnung verleiht. Zwar hatte Donna Fabiola den erwarteten Brief aus Petersburg natürlich noch nicht erhalten, aber sie hatte überlegt, daß es auf alle Fälle weise wäre, das Eisen zu schmieden, solange es warm ist; sollte wider Erwarten mit dieser nordischen Magnatenwitwe etwas nicht in Richtigkeit sein, so konnte man die Pforten immer noch verschließen. Nur zu einem hatte Donna Fabiola sich noch nicht verstehen können: die Fürstin Sarakow in der Intimität ihrer Wohnräume des oberen Geschosses zu empfangen; so weit wollte sie nicht gehen, ehe der Brief aus Petersburg ihr die Versicherung verschafft hatte, daß kein Schatten den Ruf der Fremden trübte, denn welche Fehler Donna Fabiola immer auch haben mochte, der Skandal hatte sich an ihren Namen nie geheftet. Über die Identität der Person hegte Donna Fabiola keine Zweifel mehr hinsichtlich der Fürstin Sarakow, denn ehe sie ihren Gegenbesuch im Hotel machte, hatte sie Don Orso mit einer diplomatischen Mission betraut, ohne ihrem Sohne davon etwas zu sagen, und Don Orso, der seinen Auftrag ganz gut begriff, kam von der Polizeibehörde mit der Versicherung zurück, daß die Pässe der Fürstin Sarakow und ihrer Freundin ganz in Ordnung seien und man keinen Grund hätte, an der Richtigkeit der Persönlichkeiten zu zweifeln. Das war wenigstens ein Stein vom Herzen, denn man überwacht aus naheliegenden Gründen die von Rußland kommenden Fremden in Italien schärfer als die aus anderen Ländern.

Angelo Torcelli verstand sehr gut die Meinung in der Anordnung seiner Mutter zum Empfange ihrer Gäste in den Staatsgemächern und machte keine Einwände, die nur eine Kontroverse hervorgerufen hätten, in welcher er schließlich nachzugeben hatte. Es war ja auch ganz gut so und machte sich sehr würdevoll; von der feinen Nuance, die darin lag, konnte die Fürstin Sarakow nichts wissen.

Zoe fand ihren Wirt älter und ernster aussehend, als er sie oben an der Treppe begrüßte und zu seiner Mutter geleitete, die ihren Gästen heute bis in die Mitte des großen Saales entgegenkam, in dem für die junge Fremde wieder jene eisige, beklemmende Kälte herrschte, die sie zwar ohne die Begleitempfindung des ersten Males verspürte, der zu entrinnen sie aber doch sehr froh war. Sie konnte es nicht verhindern, so sehr sie sich darüber ärgerte, daß eine rosige Röte ihr feines Gesicht überzog, als Angelo Torcelli sie mit der zeremoniellen Korrektheit des Romanen begrüßte, doch es berührte sie wiederum sehr wohltuend, daß sie in seinen Augen zwar eine ungeheuchelte Bewunderung ihrer Erscheinung las, aber nichts von jener wirklichen oder künstlichen Glut, die eine vornehme Frauenseele verletzt und zurückstößt. Sie wußte, daß sie heute strahlend schön aussah in ihrer kurzen, der Kleinheit des Kreises entsprechenden Abendtoilette von weißer, mit Spitzen inkrustierter Seide, die weich und anschmiegend ihre tadellose Gestalt umfloß. In dem wundervollen, bronzefarbenen Haar mit den wie Gold schimmernden, krausen Spitzen trug sie hoch über der Stirn einen flammensprühenden Stern von Diamanten und an der Brust den Alexandrit in seiner dunklen Goldfassung, der sein Grün im scheidenden Tage draußen zurückgelassen hatte und in dem elektrischen Lichte die nur diesem Steine eigene, unnachahmliche purpurviolette Farbe seines dichroitischen Charakters zeigte.

Zoe Sarakow hatte vor ihrem Spiegelbild im Hotel eine naive Freude, eine selten verspürte Befriedigung empfunden: denn ihre Schönheit schien ihr einen Zweck zu haben, den sie bisher in trüben Stunden vermißt hatte. Und doch sank diese Freude mit einem eigentümlichen, vagen Gefühle von Enttäuschung und Trauer von ihr, als sie im Salotto der jungen Erbin zweier großer Namen in zwei Reichen zum Gruße die Hand gab. Es war nicht Eifersucht auf die eigenartige, von der ihrigen ganz verschiedenen Erscheinung Daphnes – Zoe hatte sich oft schon siegreich neben ganz einwandfreien, allgemein anerkannten Schönheiten behauptet und sich nie von ihnen in den Schatten gestellt gefühlt, weil der Neid ihr ganz fremd war, aber über der Gestalt und dem Gesicht dieses jungen Wesens mit dem ährenblondem Haar und den schwarzen Augen lag ein Hauch von körperlicher und seelischer Gesundheit und Unschuld, der über den Höhen und Tiefen des Lebens schwebt wie auf starken und reinen Engelsschwingen. Wie Zoe, so war auch Daphne weiß gekleidet in ein einfaches, perfekt sitzendes Kleid von duftigem Chiffon, und als einzigen Schmuck trug auch sie einen Stern aus Diamanten im leuchtenden Goldhaar, der Zoe viel schöner dünkte als der ihrige. Daphne sah der Fremden interessiert ins Gesicht, als erblickte sie sie heute zum ersten Male. Zoe beantwortete den Blick der jungen Erbin mit einem Lächeln, und Daphne gab ihrer Hand den Druck, den sie ihr beim ersten Male nicht geben konnte. Zwar blieb Ihr Mund dabei ohne ein Lächeln, denn noch hatte sie es nicht gelernt, wie man in der »Gesellschaft« verbindlich lächelt, ohne daß das Herz davon etwas weiß, aber der Druck ihrer Hand ersetzte es reichlich.

Kaum daß die allgemeine Begrüßung vorüber war und die konventionellen Phrasen über das gegenseitige Befinden und das herrliche Wetter gewechselt waren, da meldete der Kammerdiener schon in dem üblichen, feierlichen Tone: »Der Pranzo ist bereit.« Angelo Torcelli reichte der Fürstin den linken Arm, da er den rechten für seinen Stock brauchte, und führte sie durch die lange Reihe der Gemächer in den Speisesaal, während Don Orso die Principessa führte und die drei Damen in einer Reihe folgten. Rascher als gewohnt hatte der Herr des Hauses sich vorwärts bewegt, so daß zwischen ihm und seiner Mutter ein Zwischenraum entstand, groß genug, um ein nicht zu lautes Wort unhörbar oder doch unverständlich für die anderen zu machen.

»Ich danke Ihnen, Fürstin, daß Sie gekommen sind«, sagte er halblaut, nachdem sie die Schwelle zum nächsten Raume überschritten hatten. »Sie werden es begreiflich finden, daß ich Ihre Antwort auf die Einladung meiner Mutter mit einer Spannung erwartet habe, die mir eine wache Nacht eintrug, deren Spuren vielleicht unauslöschlich bleiben werden.«

»Auch ich hatte eine – nein, zwei solcher wachen Nächte zu durchkämpfen«, erwiderte Zoe schlicht und offen. »Wenn ich mich nach hartem Kampfe entschloß, die Einladung der Principessa anzunehmen, so geschah es, weil ich Ihnen mündlich zu sagen hoffte, daß ich Sie sprechen muß. Ich konnte und wollte es nicht schreiben – ich bitte Sie nur, aus meinem Hiersein nichts anderes zu folgern, als was ich Ihnen eben sagte. Ich muß Sie sprechen. Wo kann das unauffällig an einem dritten Orte geschehen? Und es wird mir nur möglich sein, zu einer ganz frühen Morgenstunde unbeobachtet das Hotel verlassen zu können.«

Torcelli war viel zu sehr ein Mann von Welt, um sein Befremden über diese ihm unverständliche Heimlichkeit, um nicht zu sagen, Heimlichtuerei auch nur durch ein Zucken mit der Wimper oder einen Blick zu verraten, zu zeigen, wie unverständlich es für ihn sein mußte, daß diese große Dame die Intimität ihrer privaten Zimmer im Hotel unbeobachtet, zu einer ungewöhnlichen Stunde verlassen mußte, um eine Unterredung mit einer Person zu suchen, die sich doch, weiß Gott, nicht zu verstecken brauchte. Aber, wie gesagt, viel zu sehr Weltmann und vor allem Kavalier, verriet er durch keine Bewegung, durch kein Wort sein Befremden. Er dachte einen Augenblick nach und sagte:

»Können Sie morgen früh – vielleicht schon um 7 Uhr – in San Stefano sein, Fürstin?«

»Gewiß, aber –« sie sah ihn fragend an.

»Ich werde mir die Ehre geben, Sie dahin zu führen, wo wir um diese Stunde ungestört sind«, erwiderte er, da er ihren unausgesprochenen Einwand verstand. »Darf ich Sie am ersten Altar links vom Hauptportal, wo die Madonna mit den Engeln von Palma Vecchio steht, erwarten?«

»Ich werde um sieben Uhr am ersten Altar links vom Hauptportal in San Stefano sein«, wiederholte sie zum Zeichen, daß sie verstanden hatte. Dann blieb sie dicht neben der Tür zum Speisesaal vor einem dort aufgehängten Gemälde stehen und sagte laut: »Warum nur hat Crivelli sich immer so häßliche Modelle gewählt? Seine Köpfe sind ja ungemein ausdrucksvoll und für seine Zeit lebendig und bewegt, aber eigentlich doch abschreckend garstig, nicht?«

»Dabei ist diese Madonna noch eine Schönheit – für einen Crivelli«, bemerkte Don Orso dicht hinter ihnen und damit wurde von dem kleinen Kreise der Speisesaal fast gleichzeitig betreten. Olga Petrowna, der Donna Laura unterwegs eine Menge Fragen über russische Gepflogenheiten vorgelegt, hatte nur gesehen, daß Zoe und der Principe sich unterwegs unterhalten hatten, und das Benehmen beider ließ keinen Schluß darauf zu, daß Ihr Gespräch sich um anderes, als die üblichen Banalitäten gedreht haben konnte.

Bei Tisch erzählte Zoe von Ihrem Besuche in der Villa Malinconica und wie sie überrascht gewesen wäre, dort erst zu erfahren, wer der Besitzer sei. Hätte sie das früher gewußt, so hätte sie natürlich nie die Indiskretion begangen, dort einzudringen.

»Der Fehler liegt nicht auf Ihrer Seite, Fürstin, sondern auf der unseres braven alten Giuseppe, der als Zerberus der Malinconica dazu angestellt ist, Unberufenen den Eingang zu verwehren«, meinte Torcelli lächelnd. »Aber das ist ein ungeschriebenes Gesetz, und ich gönne dem treuen Menschen schon den Vorteil, der für ihn dabei herausfällt, wenn Fremde, was sehr selten vorkommt, eine Enttäuschung durch den Besuch des Hauses erleben wollen. Es ist nur zu bedauern, daß Sie ihm so viel von Ihrer kostbaren Zeit haben opfern müssen.«

»Es war ein Opfer, das ich nicht bereue«, erwiderte Zoe. »Ich habe nur bedauert, kein Maler zu sein, um dieses Stimmungsbild am Brentakanal mit dem Pinsel verewigen zu können, oder ein Dichter, um es zum Hintergrunde einer Ballade zu machen.«

»Die Malinconica ist ein monumentaler Bau, der ein besseres Schicksal als das seiner Verlassenheit verdient hat«, bemerkte Don Orso. »Ich kann dir nicht beistimmen, Angelo, daß ein Besuch dort verlorene Zeit ist – für jemand, der sieht und empfindet. Wahrhaft großartig und ergreifend ist das Haus bei Mondlicht; dann wird es wirklich zur Ballade.«

»Aber um darin zu wohnen – entsetzlich!« rief Donna Fabiola, indem sie sich schüttelte. »Mir nimmt das Haus den Atem, mich drückt die Atmosphäre darin nieder. Ich würde an chronischen Weinkrämpfen zugrunde geben, wenn ich verurteilt wäre, in der Malinconica zu leben.«

»Vielleicht liegt das aber nur an dem unbewohnten Zustande des Hauses, Tante Fabiola«, warf Daphne ein. Die Zimmer sind schön, sie haben etwas Großzügiges, Vornehmes. Lasse sie gründlich lüften und wohnlich einrichten, dann sind sie sicher ideal. In dem Parke läßt sich's gut träumen –«

»Und in der Gruft gut schlafen«, fiel Donna Fabiola ironisch ein. »Ich danke, mich schon bei Lebzeiten darauf freuen zu können – mit dem Schlafzimmer vor den Augen.«

Zoe glaubte zu erraten, daß Torcelli das Gespräch über die Malinconica peinlich war; sie erinnerte sich, daß die Besitzung zum Verkaufe stand, und wechselte geschickt das Gespräch. Nach Tisch kehrte man in den Salotto zurück, wo Don Orso die Gelegenheit ergriff, um dem fremden Gaste bedauernd zu sagen, daß es mit dem Verkaufe des Palazzo, an den er für sie gedacht, nichts sei; es hatte sich inzwischen schon ein anderer Käufer gefunden. Zoe dankte dem alten Herrn herzlich für seine Bemühungen; aber auch für deren negatives Resultat wollte sie ihm, wie sie scherzend hinzufügte, den geforderten Lohn nicht vorenthalten. Damit machte sie ihren Schmuck von seiner Kette los und reichte ihm den Alexandrit, auf dem seine Blicke fortwährend schon geruht hatten, zur Besichtigung. Don Orso geriet in eine wahre Extase, als er den Stein betrachtete und dazu einen wahren Dithyrambus über seine Größe und Reinheit, seinen perfekten Treppenschliff anstimmte.

»Er ist ein König unter den Edelsteinen«, rief er enthusiastisch, »nicht nur allein seiner Seltenheit und Kostbarkeit wegen, sondern auch weil seine Eigenschaften ihn dazu machen. Es ruhen in jedem Edelsteine unerklärliche Einflüsse, die aber vielleicht keiner so wuchtig betont wie der Alexandrit, dem auch die Geologen eine Sonderstellung eingeräumt haben, auch wenn sie ihn in die Familie der Chrysoberylle wiesen.«

Sie glauben an diese geheimnisvollen Einflüsse der Edelsteine auf den Menschen?« fragte Zoe erstaunt. »Ich habe es immer für einen Aberglauben, wenn auch für einen sehr poetischen gehalten, was nicht jeder Aberglaube für sich beanspruchen darf.«

»Man pflegt ja zumeist Aberglauben zu nennen, was man nicht begreifen kann«, erwiderte Don Orso mit leichter Ungeduld. »Schon den Alten war bekannt, daß jeder Mensch in dem Sternbilde, in dem er geboren ist, also in dem Zeitraume, den wir Monat nennen, beeinflußt werden muß von den Edelsteinen, welche mit den Gestirnen in einem unerklärlichen Zusammenhange stehen. Ein jedes Sternbild steht im Zusammenhange mit vier Steinen; zwei werden günstig, zwei ungünstig von ihm beeinflußt. Die übrigen Steine sind ohne Einfluß.«

»Also Ihrer Theorie nach, Don Orso, sollte jedermann bestimmte Steine zu tragen oder überhaupt zu besitzen, durchaus vermeiden?« entgegnete Zoe, halb wirklich gefesselt, halb aus Mitleid mit dem sympathischen alten Herrn, der ganz durchdrungen schien von dem, was er sagte.

»So ist es, Fürstin!« erwiderte er feierlich. »Es würde dadurch manches Leid, ja manche Tragödie abgewendet werden, die dem Träger oder Besitzer der ihm ungünstigen Steine mit unerbittlicher Konsequenz folgen, solange er sich nicht von ihnen trennt.«

»Kennen Sie die Steine, Don Orso, die den Menschen Glück oder Unglück bringen?« fragte Zoe, nicht nur, um dem alten Herrn den Gefallen zu tun, sondern wirklich interessiert und durch seinen Ernst beeinflußt.

Er sah sie an, dann wieder den Alexandrit, und indem er den Schmuck sodann mit einer tadellosen, kavaliermäßigen Verbeugung wieder in ihre Hände legte, erwiderte er einfach:

»Ich kenne sie.«

»Orso!« rief Donna Fabiola, welche nur die Höflichkeit für ihren Gast zum Zuhören gezwungen hatte. »Haha. Das wäre nicht übel. Damit könntest du zum reichen Manne werden, wenn du den Gläubigen deine Wissenschaft verkauftest.«

»Könnte, gnädigste Cousine, ja: nämlich wenn ich den Willen hätte, was du meine Wissenschaft nennst, feilzuhalten und – wenn es Gläubige dafür gäbe«, erwiderte Don Orso fein.

»Damit haben Sie wohl den Hauptfaktor genannt«, meinte Zoe lächelnd. »Der Glaube kommt freilich aber nicht von selbst, er muß verkündigt werden. Ich muß gestehen, ich war doch neugierig, die Namen meiner Glückssteine zu hören – und meiner Unglückssteine natürlich erst recht – ohne mich darum doch unbedingt zu den Gläubigen zählen zu wollen.«

»Ihr Glaube oder Unglaube, Fürstin, ist Ihre Privatangelegenheit – die Tatsachen werden dadurch weder beeinträchtigt noch gefördert«, entgegnete Don Orso mit unerschütterlicher, ruhiger Höflichkeit. »Um Ihre Neugierde aber befriedigen zu können, müßte ich wissen, in welchem Monat Sie geboren sind – ich hoffe, im Oktober?«

»Warum gerade im Oktober?« lächelte Zoe belustigt.

»Weil dies der Monat ist, dem der Alexandrit als Glücksstein angehört.«

»Wie schade –! Ich bin im April geboren«, rief sie mit fingiertem Bedauern. »Mein geliebter Alexandrit, mein Amulett soll dadurch zu einem für mich indifferenten Stein herabgesetzt werden. Wie schrecklich! Aber Don Orso, was haben Sie? Warum sehen Sie mich so – so entsetzt an?« unterbrach sie sich selbst, halb belustigt den alten Herrn ansehend, in dessen Gesicht sich wirklich ein Ausdruck von Schrecken malte.

»Sie dürfen den Alexandrit nicht tragen, Fürstin«, sagte er, jede Silbe betonend. »Sie dürfen ihn nicht einmal besitzen, denn er ist einer der Unglückssteine des Monats April.«

»Nein, wirklich?« erwiderte sie, nicht gerade erschüttert von dieser Mitteilung, aber mit der freundlichen Höflichkeit, mit der man eine Botschaft entgegennimmt, für die einem der Glaube fehlt. »Wenn ich's überlege, so haben seine bisherigen Besitzer allerdings nicht viel Glück gehabt, aber das hängt doch sicherlich nicht mit dem Steine zusammen. Verzeihen Sie mir, aber –«

»Sie dürfen den Alexandrit nicht tragen«, wiederholte Don Orso mit eindringlicher Überzeugung. »Beherzigen Sie meine Warnung. Sie müssen auch alle Turmaline vermeiden, alle, besonders aber den rosa Turmalin, Rubelit genannt.«

»Aber nein!« rief Zoe lachend. »Das können Sie nicht von mir verlangen. Ich besitze ein so schönes, altes Collier von rosa Turmalinen und Aquamarinen – ein Sarakowsches Erbstück. Ja, und welche Steine darf ich dann tragen?«

»Alle anderen, aber Ihre Glückssteine sind die Saphire, die blauen aller Schattierungen, die gelben, die Leukosaphire, besonders aber die Sternsaphire. Und den morgenroten edlen Hyazinth des Orients aus der edlen Familie der Korunde. Nur nicht die Turmaline und vor allem nicht den Alexandrit.«

»Don Orso, Sie verlangen Unmögliches von mir. Nicht wahr, Sie sind mir nicht böse, aber von meinem Alexandrit kann ich mich nicht trennen. Sie hätten meine Angst sehen sollen, als ich ihn vor ein paar Tagen verloren hatte.«

Don Orso stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Ich habe Sie gewarnt«, sagte er bekümmert. »Möchten Sie sich dessen nicht erinnern müssen, wenn es zu spät dazu ist.«

Und mit einem seiner kavaliermäßigen Komplimente der alten Schule zog er sich zurück.

»Lassen Sie den guten Orso ruhig seinen Unsinn schwatzen«, meinte die Principessa mit einem vielsagenden Achselzucken. »Nicht allein diese Manie mit den Steinen hat er, denken Sie nur, er sieht auch eine Auriole um die Köpfe der Leute. Ich soll einen lila Schein um mich haben, mein Sohn einen, der wie eine Art von Regenbogen aus Gelb in Rot wechselt und ins Bläuliche verläuft. Daphne – meine Nichte Corleone hat eine schneeweiße Aureole – wie er behauptet.«

»Nein. Ist es möglich?« rief Zoe lachend. »Oh, er muß mir sagen, was ich für eine habe. Verzeihen Sie, einen Moment, ja?«

Und sie sprang auf und ging rasch zu dem alten Herrn hinüber, der neben Daphne getreten war.

»Bitte, bitte, Don Orso, sagen Sie mir, was ich für eine Aureole habe!« bat sie mit ihrem lieblichsten Lächeln.

»Gnädigste Fürstin«, erwiderte Don Orso ernst, »Sie wollen eine neue Quelle des Spaßes aus einem alten Manne machen. Aber sei es darum. Ihr junges Haupt ist von einer blutroten Aureole umgeben. Trennen Sie sich von den Steinen, die Ihnen feindlich sind, und ich bin überzeugt, daß Ihre Aureole sich, wenn auch nicht vielleicht mehr in das reine Weiß der – ja, der Unschuld, so doch in das Blau verwandelt, das wir die Farbe des Himmels nennen.«

»Oh, danke vielmals«, erwiderte Zoe, ein Lächeln unterdrückend. »Blau steht mir leider gar nicht, dafür aber Rot, Purpurrot – mit den rosa Turmalinen zusammen«, schloß sie neckend und ging zu der Principessa zurück. Sie fürchtete nicht, Don Orso gekränkt zu haben, denn sie wußte, daß sie unwiderstehlich war, wenn sie neckte, weil sie es nicht spottend, sondern mit Freundlichkeit tat.

»Sie ist sehr schön, und sehr lieblich«, sagte Daphne neidlos, indem sie ihr nachsah. »Ich möchte wissen –« Mit einem leisen Seufzer, der wie ein zurückgedrängtes Schluchzen klang, hielt sie inne, und ihre dunklen Augen sahen den alten Herrn hilfeflehend an.

»Kind«, entgegnete er traurig, »die Schleier heben sich von der Zukunft für unsere Ruhe immer noch viel zu früh. Wo ist denn Angelo hingekommen? Ah, er zeigt der anderen Russin den Saal.«

Torcelli, der mit Olga Petrowna, indessen die Fürstin mit Don Orso und Donna Fabiola zusammenstand, vor das Dogenbildnis getreten war und ihr die erbetenen Daten über seinen Ahnherrn gab, konnte als Herr des Hauses und wohlerzogener Mann nicht umhin, sie auch in den erleuchteten Saal zu geleiten, als sie diesen imposanten Raum in das Bereich ihres Interesses zog. Nicht daß Angelo Torcelli die Intelligenz der Russin unterschätzt hätte, im Gegenteil, er fand sie in der Geschichte und Kunstgeschichte Venedigs sehr unterrichtet und geistig gewiß bedeutender als ihre Freundin, aber es kam ihm dann in den Sinn, was Daphne über Fräulein Vareskoi gesagt hatte, und die Gesellschaft dieser Dame fing an, ihm unsympathisch zu werden. Ein Geigenkasten, der auf einem Tische stand, brachte ihm eine willkommene Abkürzung des Gespräches.

»Das hier ist eine Amati«, rief er und entnahm dem Kasten eine vor Alter tiefdunkelbraune Geige. »Sie gehörte meinem Großvater, und ich habe neue Saiten aufziehen lassen, um sie der Fürstin zu zeigen. Ich denke, das Instrument wird sie interessieren; meinen Sie nicht auch, Signorina?«

»Interessieren! Meine Freundin wird begeistert sein!« versicherte Olga Petrowna, deren Kennerblick den Wert der Geige sofort erkannt hatte. »Sie wird der Versuchung nicht widerstehen können, sie zu probieren. Ich wollte, sie täte es, denn sie findet durch die Vermittlung der Saiten und des Bogens hinreißende Herzenstöne. Sie hat damit schon manche Eroberung gemacht – nach allen Richtungen – und mit Recht. Es ist ihr zu gönnen nach allem Schweren, was sie erlebt hat. Und bei ihrer Jugend! Es freut mich für sie, daß sie Geschmack am Reisen findet; fremde Länder, fremdes Leben und Eindrücke wie hier in Italien werden ihr den besten, wenn auch immer unvollkommenen Ersatz bieten für die natürliche Bestimmung der Frau, die sie verfehlt hat durch ihre Ehe mit einem alten Mann, der ihr Vater hätte sein können.«

Torcelli sah Fräulein Vareskoi erstaunt an.

»Fürst Sarakow lebt nicht mehr«, sagte er diskret. »Eine Witwe darf sich doch wiedervermählen, nicht? – wenn sie nicht gerade eine indische Buddhistin ist.«

Olga Petrowna ließ den Blick flüchtig über das Gesicht des Principe schweifen und fand darin nichts anderes ausgedrückt als sachliche Höflichkeit. »Zoe Alexandrowna wird sich nie wieder verheiraten«, sagte sie.

»Oh«, machte Torcelli mit höflichem Bedauern, denn Zoes Worte klangen ihm in den Ohren, daß sie ihn an einem dritten Orte zu sprechen wünschte, also jedenfalls ohne das Vorwissen ihrer Freundin, und er war unwillkürlich auf seiner Hut. »Ist es indiskret, zu fragen, ob die Fürstin ein Gelübde abgelegt hat?«

»Das nicht gerade«, erwiderte Olga Petrowna, und Torcellis feines Ohr vermeinte, wie schon einmal so auch heut, und zwar deutlicher betont, eine versteckte Meinung in dem angenehmen Organ seines Gastes herauszuhören. »Nein, kein Gelübde, aber es gibt – Hindernisse, die auf dasselbe herauskommen. Unüberwindliche Hindernisse.«

»›Der Wille kann Berge versetzen‹, würde zwar meine Cousine Daphne Corleone sagen«, meinte der Fürst.

Olga Petrowna blieb stehen, als wäre sie starr vor Staunen.

»Die Principessa Corleone ist Ihre Cousine, Altezza?«

»Ja, gewiß, – wußten Sie das nicht, Signorina?«

»Nein – ja – doch!« besann sich Olga Petrowna. »Ich hatte darauf nur vergessen, weil natürlich, es ist ja zu dumm von mir, denn das eine schließt doch das andere nicht aus, nicht wahr?«

»Was? Daß sie gleichzeitig auch meine Tante ist?« scherzte er in einem Tone, der sie hätte warnen müssen.

»Welche Idee!« wehrte sie lachend ab. »Ich meine, es schließt nicht aus, Altezza, daß Ihre Cousine auch Ihre Braut sein kann.«

»Meine – was?« fragte er scharf. »Darf ich fragen, wer Ihnen diese – Umgehung der Wahrheit aufgebunden hat?«

»Aber alle Welt sagt es!« rief Olga Petrowna mit naiv-erstauntem Schrecken. »Ich wüßte auch nicht, warum wir es nicht hätten glauben sollen –«

»Natürlich nicht – wenn alle Welt es Ihnen sagt«, fiel Torcelli ein. »Ich wußte nicht, daß Sie mit ›aller Welt‹ hier in Berührung getreten sind und ermächtige Sie hierdurch feierlichst, ›aller Welt‹ diese Zeitung der Toren, als welche ich das Wort ›man sagt –‹ immer betrachtet habe, energisch zu dementieren.«

»Aber Altezza –« begann sie wieder, scheinbar betreten, doch er unterbrach sie mit einem:

»Ist es Ihnen gefällig, in den Salotto zu gehen?« mit einer Endgültigkeit, die sie unmöglich mißverstehen konnte. Aber sie tat es doch.

»Es tut mir furchtbar leid, wenn ich indiskret war«, sagte sie bedauernd, »aber wie konnte ich ahnen – und ich habe die Nachricht auch noch dazu in vollster Überzeugung von ihrer Richtigkeit und in vollster Harmlosigkeit in die Heimat geschrieben.«

»Nun, Sie können das im nächsten Brief berichtigen«, erwiderte er kühl. »Ich darf wohl die Erwartung aussprechen, daß Sie die Bagatelle nicht vergessen werden, nicht wahr?«

»Gewiß nicht, Altezza. Ich – es tut mir, wie gesagt, furchtbar leid, aber, am Ende, es ist keine Beleidigung für Sie, Ihren Namen mit dem einer so reizenden und distinguierten Dame in Verbindung gebracht zu wissen. Ohne Feuer kein Rauch, Altezza, sagt man bei uns zu Lande, und – was nicht ist, kann ja noch werden.«

Torcellis Gesicht bedeckte sich mit einer dunklen Röte, seine Augen schossen Blitze, und er öffnete die Lippen, um auf diese unerhörte Taktlosigkeit eine gebührende Abfertigung zu geben; aber er erinnerte sich, daß Olga Petrowna sein Gast war, und schwieg. Nur wartet er nicht mehr auf ihnen Vortritt, sondern ging selbst voraus und kämpfte unterwegs, so gut es gehen wollte, seine Empörung nieder. Sie aber folgte ihm mit einem Lächeln, das nichts gemeinsam hatte mit jenem, das sie zu verschönen pflegte.

Für Angelo Torcellis Gemüt klang dieser Abend dennoch in einer Harmonie aus, die für seine gequälte Seele zu wertvoll war, als daß er sie hätte vermissen mögen: Zoe sprach zu ihm durch die Geige, deren bloßer Anblick schon ihr Entzücken erregt hatte. Die goldreinen Akkorde, die sie probeweise den Saiten entlockte, begeisterten ihre musikempfänglichen italienischen Zuhörer derart, daß sie, zu einem Vortrag bestürmt, gerne nachgab und sich nach einem Flügel umsah, auf dem Olga Petrowna sie begleiten konnte. Und da geschah es, daß die Fremde, deren Leumundszeugnis noch nicht in Donna Fabiolas Händen war, auch ohne dieses Dokument eingeführt wurde in das engere Heiligtum ihrer Intimität, denn der schöne Flügel, auf dem Donna Fabiola musizierte, stand in ihrem Privatsalon, und nach einem kurzen, kaum merklichen Zögern lud sie ihre Gäste ein, ihr in das zweite Stockwerk zu folgen.

Zoe spielte mit ihrer Freundin das schöne »Ave Maria« von Gounod, dem der Meister als Begleitung die »Meditation« von Bach untergelegt hat, beziehungsweise zu welcher er die darüber schwebende Melodie zum Text des »Ave Maria« geschrieben, die nun von der Amati unter Zoes Bogen gesungen, wirklich wie ein Gebet durch den Raum flutete und durch die offenen Fenster über den Kanal zog, auf dem die Barken und Gondeln den Ruderschlag einstellten, um diesen goldreinen, großen und edlen Tönen zu lauschen. Die Geigerin aber in ihrem weißen Kleide, den funkelnden Stern über der Stirn im bronzeschimmernden Haar, mit den schwärmerischen Augen, die über den Raum und durch die Mauern in unbegrenzte Weiten zu schauen schienen, glich mehr denn je dem Engelsbilde des Bellini; ja, die Ähnlichkeit war so groß, daß selbst Donna Fabiola nicht umhinkonnte, durch einen Wink noch besonders darauf aufmerksam zu machen.

Nach dem Ave Maria gab Zoe, die immer noch verträumt den Bogen leise über die Saiten gleiten ließ, gern den Bitten um eine freie Fantasie nach und begann mit einer einfachen Melodie im Volkston, zu der die Begleiterin, auf die Entwicklung wartend und den Gedanken der Geigerin folgend, zuerst nur hier und da einen Akkord anschlug, um dann mehr und mehr in die begleitende Stimme zu verfallen. Diese Fähigkeit war ja das Band, das Zoe Sarakow mit Olga Petrowna verbunden hatte, die sie ihr unentbehrlich machte durch ihr unfehlbares Eingehen auf ihre Gedanken und Empfindungen, die sie in Tönen aussprach. Nie hatte die Begleitung eigene Wege gehen wollen, nie eine Führung versucht; die Geigerin war immer frei und ungehemmt durch Mißverständnis oder technische Korrekturen der geschulten Klavierspielerin in die unbegrenzten Weiten ihrer Phantasie geschweift und hatte nie etwas anderes als die ergänzende Harmonie zu ihrem eigenen Spiel empfunden. Sie wußte, daß sie sich darauf unbedingt verlassen konnte, und darum wußte sie heut nicht, wie ihr geschah, als erst ein Unterton, der sie nach einer anderen Richtung ziehen zu wollen schien, etwas Fremdes in die Flut der Akkorde brachte, auf denen sie gewissermaßen die Höhe erreichen wollte, zu der ihre Seele drängte. Sie machte den Flug in jene Weiten »wo ew'ger Frühling lacht, in gold'gem Licht erstirbt die Nacht« ausgesprochener, dringender, unwiderstehlicher, aber wo sonst die Begleiterin ihr willig und mitgerissen gefolgt war, leis oder jauchzend, aber immer ihr nach, ihr nach mit den ergänzenden Harmonien, da zog sie heut die Geige, ohne Mißklang, aber mit einer gewissen drohenden Gewalt, einer Gegenströmung gleich in eine andere Richtung. Da ließ Zoe die Geige sinken.

»Olga, du folgst mir nicht«, sagte sie verwundert.

»Nicht?« fragte Olga Petrowna erstaunt, ehrlich erstaunt. »Ich – ich habe vielleicht an etwas anderes gedacht. Ich weiß es nicht. Fahre nur fort, ich komme dir schon nach.«

Aber sie kam nicht nach, sie schlug einen ganz anderen, von Zoes Gedanken himmelweit verschiedenen Weg ein; erst subtil und sozusagen auf Umwegen suchte das Klavier die Geige in eine andere Welt zu locken, dann wurde es dringender, drohender, lauter, gewaltsam, und als die Geige versagte und verstummte, da schien es die Spielerin am Klavier gar nicht zu merken, und tosend erklang unter ihren Händen wie die Fanfarenklänge zu Aufruhr und Empörung, wie Sturm, Blitz und Hagelschlag, wie Waffengeklirr eine rhapsodische Folge von Tönen, die eine Art von Lähmung bei den Hörern auslöste und doch wieder ihre Nerven in Aufruhr brachte, daß sie bei der Erinnerung daran noch stundenlang später nachzuvibrieren begannen.

»Es war, als ob die Hölle losgelassen worden wäre und kreischend, unheilig jauchzend über die vielen verlorenen Seelen, stöhnend und mit ihrer Pein ringend und sie verspottend um uns herumfuhr«, sagte Daphne später zu Don Orso, als dieser auf das Spiel der Russin zurückkam. »Ich weiß nicht warum, aber ich freue mich, daß die Fürstin dieser fürchterlichen Freundin nicht in diese Abgründe folgen konnte.«

»Ich freue mich auch, aber ich weiß schon, warum«, hatte Don Orso geantwortet und auf ihren fragenden Blick sehr mild hinzugefügt: »Wir beide, wir freuen uns, weil wir Angelo liebhaben und es uns wehe getan hätte, ihn von der Hölle bestrickt zu wissen. Vielleicht war's auch nicht gerade der Himmel, der die Geige später allein inspirierte, aber es waren doch sehr schöne, irdische Gefilde, in denen es von Blumen blühte, die eines Menschen Herz schon zufriedenstellen können, wenn es sie zu pflegen weiß.«

Und Daphne hatte verständnisvoll genickt, aber es wurde ihr kalt, und sie hatte das Gefühl, als ob der Vorhang gefallen wäre, der das Vorspiel ihres jungen Lebens abschloß.

Zoe hatte noch gespielt, nachdem Olga Petrowna den Flügel verlassen hatte, – allein, ohne Begleitung und der Freundin abgewehrt, als diese, durch die Töne der Geige wie aus einem Rausche erwacht, wieder an das Klavier wollte, um ihre Rolle als Begleiterin zu übernehmen, auf die sie vergessen zu haben schien. Und Zoe spielte allein, und Angelo Torcelli wußte, daß sie für ihn spielte, ihm etwas zu sagen hatte, von dem er verstand, daß es eine Entschleierung ihrer Seele war, die, wie Don Orso sehr richtig gefühlt, vom Himmel selbst vielleicht nicht inspiriert wurde, aber den Flug nicht verlernt hatte, oder aber ihn erst fand, wo in Gefilden, fernab vom Staube der Welt, Blumen blühten, die das Leben schmücken.

Er verstand aber auch aus ihrem Spiele, daß es eine trauernde, von einem unnennbaren Leid zerrissene Seele war, die sich bittend an ihn wandte und dieser Bitte einen rührenden Ausdruck zu geben wußte, der direkt zum Herzen sprach.

Würde er diese Bitte erfüllen können, jetzt noch, da auch ihm das »Wissen seiner tiefsten Not« enthüllt war?

Eine Viertelstunde nachdem der letzte Bogenstrich auf der Amati verklungen, stiegen die beiden Gäste der Ca' Torcelli wieder in die Gondel, um zu ihrem Hotel zurückzufahren, und kaum hatten die ersten Ruderschläge sie von den Stufen des Palastes in die Mitte des Kanals gebracht, als Olga Petrowna auch schon die Bemerkung machte, »es wäre alles in allem doch ein recht schöner und interessanter Abend gewesen – in dieser Umgebung. Man müsse wirklich fremde Länder besuchen, um die Erkenntnis zu erlangen, daß hinter den Bergen auch Menschen wohnen, die zu studieren sich der Mühe lohne; und sie sei ihrer Freundin dankbar, durch ihre Güte, die Gelegenheit dazu erhalten zu haben.«

»Schade nur«, schloß sie, »daß die Amati nicht dein ist, mein Herz! Sie hat unter deinem Bogen einfach gesungen wie ein Seraph. Sag mir nur, was war das, daß wir heut abend nicht zusammen spielen konnten – zum ersten Male. Und noch dazu vor einem Auditorium, das diese Unstimmigkeit enttäuscht haben muß?!«

»Du bist mir nicht gefolgt, sondern wolltest mich in deinen Gedankenkreis ziehen, den ich nicht begriff«, erwiderte Zoe müde. »Was hat dich heut angewandelt mit diesem wilden Hexensabbat, den du auf dem Klavier losgelassen hast?«

»Ich weiß es selbst nicht«, gestand Olga Petrowna achselzuckend. »Es kam so über mich – ich mußte folgen. Hab ich dich mit meinem Spiele erschreckt?«

»Nein – ich bin nicht so furchtsam. Aber, um offen zu sein, du hast mich – abgestoßen. Ich kannte eben diese dämonische Seite in dir noch nicht«, sagte Zoe nach einer Pause fast widerwillig.

Olga Petrowna lachte kurz und hart auf.

»Ah – der Dämon schläft in jedes Menschen Seele mehr oder minder fest. Bei einigen kommt er nie zum Erwachen, bei anderen redet er manchmal im Traume – wieder bei anderen wird er aufgerüttelt, bei einigen erwacht er ganz von selbst. Aber da ist er immer – in irgendeiner Gestalt. Vielleicht hat er heut durch meine Finger auf den Tasten des Klaviers – das übrigens gut war – im Schlafe gesprochen – Apropos, war nicht von einer neuen Einladung die Rede?«

»Wenn du das oberflächliche und nichtssagende, konventionelle ›auf Wiedersehen‹ beim Abschied dafür nehmen willst, vielleicht«, erwiderte Zoe, den Blick auf dem nachtdunklen Wasser. »Zunächst ist es an mir, die Herrschaften einzuladen – nachdem ich meine Karte, und deine natürlich auch bei Donna Laura Torcelli und der Principessa Corleone abgegeben habe.«

»Wie? Du, eine Frau, bei einem solch jungen Mädchen? Das ist doch bei uns nicht Sitte!« rief Olga Petrowna lebhaft.

»In gewissen Fällen doch. Das junge Mädchen in der Ca' Torcelli ist der Chef ihres Hauses in Italien und der des Hauses ihrer Mutter in England. Sie nimmt dadurch eine Sonderstellung ein.«

»Oh, in diesem Sinne freilich ist es etwas anderes. Was doch die hohe Aristokratie für feine Nuancen hat«, lachte Olga Petrowna mit einem Ton, der Zoe auf die Nerven ging, ihr, der das sammetweiche, angenehme Organ der Freundin sonst immer so wohlgetan hatte. »Nun«, fuhr sie mit einem Seitenblicke fort, »die junge, und wie ich sie schätze, herzlich unbedeutende Erbin so vieler Titel wird wohl demnächst noch einen anderen dazu erhalten, wenn auch nicht ›im eigenen Recht‹, – meinst du nicht auch, Zoe, mein Herz?«

»Es läßt sich annehmen, daß sie es wird, falls sie das Zölibat nicht gelobt hat. Erbinnen haben immer die Auswahl«, meinte die Fürstin ohne sonderliches Interesse für die Sache an sich, obgleich sie sich eigentlich zu Daphne hingezogen fühlte.

»Bah. Wenn solch junge Dinger überhaupt ans Zölibat denken, so ist das nur eine romantische Mädchenanwandlung, die davonfliegt, sobald der kommt, der das törichte Herzchen in Bewegung setzt«, scherzte Olga Petrowna in ihrem besten Stil. »Überdies hat der Principe mir so gut wie zugegeben, daß er es ist, der die Braut heimführt.«

Zoe richtete sich auf und sah ihre Gefährtin erstaunt an.

»Der Principe?« fragte sie ungläubig. »Ja, wie ist er darauf gekommen, mit dir darüber zu sprechen?«

»Oh, ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen«, erwiderte Olga Petrowna, indem sie sich ihrerseits behaglich in die Kissen der Gondel zurücklehnte. »Du weißt, ich kann manchmal das Necken nicht lassen – und da habe ich ihn dann mit seiner blonden, schwarzäugigen Base etwas aufgezogen. Natürlich leugnete er erst schlankweg, da die Verlobung, wie es scheint, noch nicht bekannt ist, aber als ich – so im Scherz, weißt du, – sagte: »was nicht ist, kann noch werden«, da hat er nicht mit einer Silbe widersprochen.«

Zoe war für den Moment sprachlos. Sie sah auf ihre Freundin nieder, als wäre diese ein total fremdes Wesen, das sie zum ersten Male erblickte – dann aber schoß ihr das Blut ins Gesicht.

»Und du schämst dich nicht, dich auch noch dieser unerhörten Taktlosigkeit zu rühmen?« fragte sie mit vor Entrüstung halb erstickter Stimme.

»Zoe!« kam es scharf über Olga Petrownas Lippen, aber in demselben Atem lächelten diese wieder. »Bah –! eine harmlose Neckerei zu etwas aufzubauschen, das ich übelnehmen müßte, wenn – –«

»Du kannst es eine harmlose Neckerei nennen, wenn du eines Mannes und eines Mädchens heiligstes Geheimnis unter einem Schleier hervorzerrst und zum Gegenstande eines Gespräches mit ihm machst? Natürlich hat er dir keine Antwort mehr gegeben – ein zartfühlender Mensch hat dafür keine Worte. Olga – welcher Dämon ist denn in dir wach geworden – seit heute morgen? Ich konnte dir vergeben, weil du mir so viel Freundschaft bewiesen hast und weil ich weiß – annehmen will, daß du unter einem Zwange geredet hast, der mir ein Rätsel ist. Aber wie, womit soll dich ein Fremder, wie der Principe Torcelli, entschuldigen? Er muß ja außer sich über dich sein.«

»Was geht es mich an, wie ein ruinierter venezianischer Grande über mich denkt«, sagte Olga Petrowna achselzuckend. Dann, indem sie sich aus ihrer ruhenden Lage aufrichtete, setzte sie leise, jedes Wort betonend, hinzu: »Zoe, mein Herz, es war meine Pflicht, mir darüber Aufklärung zu verschaffen, ob die Ca' Torcelli für dich ein Terrain ist, auf welchem du dich bewegen kannst, ohne dich zu kompromittieren.«

Zoe Sarakow war für einen Moment zu sehr empört, um sprechen zu können. Aber gewohnt, sich zu beherrschen, zwang sie das herbe Gefühl hinab und erwiderte kühl:

»Ich verstehe dich nicht. Es ist ja sehr gütig von dir, bis zu diesem Grade um meinen Ruf besorgt zu sein, aber du vergißt dabei, daß ich kein junges, unerfahrenes Mädchen mehr bin. Fürst Sarakow hat nie der Sorge Ausdruck gegeben, daß ich mich oder ihn kompromittieren könnte. Er hat darin vollkommenes Vertrauen in mich gesetzt, und ich wäre dir dankbar, wenn du seinem Beispiel – dem eines erfahrenen Mannes und Menschenkenners – folgtest.«

»Eine junge, reiche und schöne Witwe wie du ist Gefahren ausgesetzt, die dir als Frau fernstanden.«

»Liebe Olga, ich habe dich heute schon einmal bitten müssen, mir die Beurteilung meiner persönlichen Handlungen zu überlassen. Ich habe dich und deine Begabungen hoch genug eingeschätzt, um dir die Stelle einer Freundin einzuräumen, mit der ich Gedanken austauschen, musizieren und reisen kann – aber ich habe dich als Freundin gewünscht und begehrt, nicht als einen Mentor und als einen Einmischer in meine Handlungen, die, wie ich hoffe, einwandfrei sind. Du hast es gut gemeint, aber so falsch angefangen, daß ich ganz irre an dir geworden bin. Ich fürchte, die Ca' Torcelli hast du dir kaum mehr zu einer Stätte des Willkommens gemacht.«

»Nun, und wenn auch? Zoe, mein Herz, der Mensch muß für seine Überzeugung als Freund alles einsetzen können. Darin bin ich dir überlegen, die du der Freundschaft so scharfe Grenzen ziehst. Du vertraust mir nur halb – wenn das noch. Vielleicht sind meine Ansichten über Freundschaft zu ideal – sie umfassen das volle Vertrauen von Seele zu Seele. Ich bin dir nichts als eine Gesellschafterin unter einem leeren Titel – in deine Heiligtümer und – für andere Gemächer verwehrst du mir den Schlüssel –«

Zoe hob die Hand – sie war totenblaß geworden.

»Du bist heut nicht du selbst, Olga«, sagte sie sehr beherrscht. »Ich fürchte, der Schirokko hat deine Nerven so in Unordnung gebracht, daß sie mit dir durchgehen. Ich mache dir diese Konzession – im Namen der Freundschaft, die du heut zu bezweifeln geneigt bist. Du wirst morgen die erste sein, diese – Verirrung zu bedauern. Ah – wir sind zur Stelle!«

Die anlegende Gondel schnitt jedes weitere Wort ab, und um die Sache abzukürzen, ging Zoe Sarakow ohne Aufenthalt zu dem Aufzug und ließ sich, von Olga Petrowna gefolgt, hinauffahren. Oben im Korridor vor ihrer Tür wandte sie sich um.

»Schlafe wohl, und ruhe dich gut aus. Mich hat der Schirokko auch müde gemacht – ich hoffe auf eine gute Nacht, die ich dir auch wünsche.«

»Ich hätte dir noch etwas zu sagen –«

»Heute nicht mehr – es ist schon spät, und es taugt auch nicht, zu reden, wenn man erregt ist. Gute Nacht.«

Damit ging Zoe in ihre Zimmer – ohne der Freundin, wie gewohnt, die Hand gereicht zu haben. Sie hätte das im Augenblick nicht zuwege gebracht.

In großen Hotels pflegen die Gäste keine Frühaufsteher zu sein. Zoe Sarakow traf mit Olga Petrowna auch für gewöhnlich erst um 9 Uhr am Frühstückstisch zusammen; es hatte aber eine Epoche in Ihrem Leben gegeben, in der sie das Frühaufstehen geübt hatte, und daran mußte sie denken, als sie um 6.30 Uhr ohne die Hilfe ihrer Kammerfrau, angekleidet und zum Ausgehen fertig, leise die Tür zum Korridor aufschloß und hinaustrat. Sie wußte nicht recht, warum sie fürchtete, die gegenüberliegende Tür von Olga Petrownas Zimmer könnte sich öffnen und seine Inhaberin darin erscheinen, als hätte sie darauf gewartet; so stark war diese Furcht in ihr, daß sie einen Moment zögerte, bereit, sich wieder zurückzuziehen. Aber warum und woher sollte Olga Petrowna argwöhnen oder wissen, was sie vorhatte? Woher kam ihr selbst dieser Argwohn? Nichts regte sich natürlich gegenüber, und leise wie ein Dieb schlüpfte sie hinaus und eilte die Treppe hinab, auf der keine Seele ihr begegnete. Unten in der Halle räumten ein paar dienstbare Geister auf; sie sahen erstaunt die russische Fürstin an, dachten aber nichts Arges oder Besonderes über diesen frühen Ausgang; es kam schon vor, daß einmal eine der fremden Damen frühzeitig zur Messe ging, aber nicht oft. Die Tür zur Landseite des Hotels stand offen; sie war mit Besen, Eimern und dergleichen verbarrikadiert, aber Zoe gelangte daran vorüber ins Freie. Sie hatte sich ihren Weg auf der Karte von Venedig wohl angesehen und fand ohne Schwierigkeit zur Kirche von San Stefano. Dort warf sie einen Blick zurück: war man ihr gefolgt? Sie sah niemand, wer hätte auch wissen sollen, daß sie hierhergehen wollte, wer hätte ihr folgen sollen als – als Olga Petrowna, falls sie von ihr beim Verlassen des Hotels gesehen worden wäre. Warum wieder dieser Argwohn, der ihr gestern beim Erwachen noch so fern lag, daß sie ihn nicht für möglich gehalten hätte. Warum verheimlichte sie überhaupt vor ihr, die sie selbst ihre Freundin nannte, diese ganze Angelegenheit? Sie hatte sich eigentlich darüber noch keine Rechenschaft gegeben, nur einem Instinkt gehorcht . . . Beim nochmaligen Umschauen aber sah sie den Principe Torcelli, der gerade um die Ecke der Calle bog, und sie blieb stehen, ihn zu erwarten.

»Ich dachte, früher zu sein als Sie, Fürstin«, sagte er. »Nun beschämen Sie mich durch Ihre Pünktlichkeit. Darf ich mir erlauben, den Vortritt zu nehmen, um Sie zu führen?«

Sie nickte stumm. Nun, als sie vor ihm stand, schlug ihr das Herz vor dem, was sie zu sagen hatte, wie ein Hammer in der Brust, und sie mußte allen Mut zusammennehmen, um im letzten Moment nicht noch umzukehren. Aber die Hoffnung sah sie wieder aus seinen gütigen Augen an, und von ihr ermutigt, folgte sie ihm durch das linke Seitenschiff der Kirche in den mit Grabdenkmalen besetzten Kreuzgang des ehemaligen Klosters, auf dessen innerer Oberwand die fast ganz vom Einfluß des Wetters zerstörten Fresken des Pordenone in grotesken Überresten von der Ost- und Südseite in den stillen Hof heruntersahen.

»Hier sind wir ganz ungestört«, sagte Torcelli, als sie unter den schönen, säulengetragenen Arkaden standen. »Es kommt um diese Zeit wohl hin und wieder jemand, der in die Kirche will, vom Campo San Angelo durch, aber selbst zu den belebtesten Stunden ist der Verkehr gering und auf die Angestellten beschränkt, die in den Magazinen und Büros der Behörde zu tun haben, die das Kloster bewohnt. Keinesfalls wird jemand auf unser französisches Gespräch achten.«

Langsam schritt er neben ihr her, den Kreuzgang entlang und wartete respektvoll auf ihr erstes Wort; er sah wohl, daß sie blaß war vor Erregung und der Anfang ihr schwer wurde. Sie hatte ihn zurechtgelegt, und nun war alles ihrem Gedächtnis entschwunden – sie aber hatte diese Unterredung »am dritten Ort« gewünscht, sie mußte beginnen und wünschte, er möchte es tun und war doch froh, daß er es nicht tat, daß er keine Beteuerungen zur Hand hatte.

»Fürst Torcelli«, sagte sie endlich mit schwankender Stimme, »Sie werden meinen Wunsch um dieses Zusammentreffen für sehr bizarr halten, aber ich hoffe, Sie werden mich bald besser verstehen. Was Sie mir vor zwei Tagen in der Halle Ihres Palastes sagten, hat mich mehr als überrascht, es hat tief in mein Leben eingegriffen, und Sie werden begreifen, daß ich Ihnen nicht gleich eine Antwort geben konnte, denn ich mußte mich selbst erst prüfen. Die indirekte Antwort, die ich Ihnen durch die Annahme der Einladung Ihrer Frau Mutter gab, ist von meiner Seite wohl ein stummes Eingeständnis, daß ich – daß ich tiefer für Sie fühle, als ich selbst es ahnte, vermuten konnte, aber ich weiß nicht, ob ich recht daran tat, sie Ihnen zu geben. Nicht darum, weil die Vermutung mir gekommen wäre, daß Sie, wie so viele schon, die reiche Witwe begehrten –«

»Fürstin, ich hatte keine Ahnung und habe sie sogar jetzt noch nicht, ob Sie reich sind oder nicht«, fiel Torcelli mit dem ruhigen Tone ein, der bei manchen Menschen überzeugender wirkt als eindringliche Versicherungen, bei ihm aber von unantastbarer Wahrheit getragen wurde. »Ihre pekuniäre Lage hat nichts mit dem Antrage zu tun, den Ich die Ehre hatte, Ihnen zu Füßen zu legen.«

»Ich habe das gefühlt«, erwiderte Zoe Sarakow, »ja, gefühlt mit dem Instinkt, den eine höhere Macht wohl für solche nur einmal im Leben wiederkehrenden Augenblicke in die Seele des Menschen gepflanzt hat. Ich weiß, daß dieser Instinkt mich nicht betrogen hat, ich habe die felsenfeste Überzeugung davon.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Torcelli einfach. »Sie haben mir sehr wohlgetan, denn es hätte mich mehr, als ich sagen kann, gedemütigt, zu den verarmenden Patriziern gezählt zu werden, die ihren Namen als Angelrute nach fremdländischem Geld auswerfen. Ich möchte mein Haus lieber niederbrechen sehen, als durch ein solches Mittel seinen Glanz wiederherzustellen. Wohl weiß ich, daß ich mit dieser Auffassung sehr vereinzelt stehe – gottlob aber, und zur Ehre meiner Standesgenossen sei es gesagt, nicht allein. Wenn ich mich nun auch von habgierigen Motiven ruhigen Gewissens freisprechen darf, so bleibt mir aber immer noch der Vorwurf: was kann ich Ihnen bieten, daß es meine Werbung in Ihren Augen rechtfertigt. Ich bin ein Krüppel –«

»Sprechen Sie das Wort nicht aus, es ist eine Übertreibung«, fiel Zoe ihm warm ins Wort. »Ihr Unglück kann doch nur in den Augen einer Frau ins Gewicht fallen, deren Eitelkeit den Menschen und sein Herz über dem lahmen Fuß nicht zu erkennen und zu verstehen vermag. Sie können mich für so oberflächlich nicht gehalten haben, daß der Stock in Ihrer Hand mich gegen Sie beeinflussen könnte, sonst – – sonst stünden wir nicht hier. Ich verstehe sehr gut, daß es Ihr Herz ist, das Sie mir schenken wollen –« Torcelli machte eine Bewegung, und ein Ausdruck von Pein flog über sein Gesicht, aber sie sah beides nicht. – »Doch ehe ich das Herrlichste, Kostbarste, Wunderbarste, das einem Menschen, einer Frau geboten werden kann, anzunehmen wage, müssen Sie meine Geschichte hören, um dann darüber entscheiden zu können, ob Sie diese Opfergabe mir noch widmen wollen, ob ich sie annehmen darf. Denn ich bin – eine Gezeichnete.«

»Fürstin!« Torcelli blieb stehen und sah sie erstaunt an. Wie soll ich das verstehen?«

»Ich bin gekommen, es Ihnen zu erklären«, erwiderte sie mit zuckendem Munde. »Sie sollen erfahren, was außerhalb eines gewissen, fest geschlossenen Kreises kein Mensch je erfahren hat – weder Fürst Sarakow, noch Olga Petrowna Vareskoi noch eine andere Seele, und ich sage es Ihnen auf die Gefahr hin, mein Hotel lebend nicht mehr erreichen zu können –«

»Fürstin!« unterbrach Torcelli sie zum zweiten Male. »Ich hoffe, Sie übertreiben. Denn wie komme ich in einem solchen Falle dazu –«

»Ich bin Ihnen Offenheit schuldig, weil ich bekennen muß, daß ich Ihre Werbung, Ihre Hand und Ihr Herz nicht kampflos aufgeben kann«, rief sie mit einer Bewegung, die so tief empfunden war, daß er nicht unberührt davon bleiben konnte. »Einem jeden Menschen schlägt seine Stunde – mir hat sie geschlagen, als Sie drinnen in der Kirche meinen Alexandrit fanden und den Stein in meine Hand zurücklegten. Ich schäme mich nicht, zu bekennen, was mich ja vor mir selbst erhoben und veredelt hat, und darum kann ich nicht kampflos entsagen. Dieser Kampf ist ja schließlich noch das einzige, was mein Leben wertvoll machen kann. Dadurch, daß ich Ihnen gestand: ich bin eine Gezeichnete, daß ich Ihnen sagte, ich wüßte nicht einmal, ob ich mein Hotel von hier noch lebend erreichen würde – dadurch werden Sie vielleicht schon die halbe Wahrheit erraten haben: daß ich einem Geheimbunde angehöre, vielmehr angehörte, in dessen Dienst vielleicht die Steine stehen, auf die wir treten, oder die scheinbar harmlosen Katzen, die sich dort im Hof im Grase sonnen und dabei zuhören, daß ich – Verrat übe. Haben Sie den Mut, mir zuzuhören, Fürst Torcelli?«

Er sah sie lächelnd an, aber in diesem Lächeln war weder Überhebung noch Verachtung, sondern Zuversicht.

»Ich freue mich, daß Sie mich zum Vertrauten machen wollen für ein Schreckgespenst, das mit seinem ganzen grausigen Apparat von Geheimtuerei, Drohungen und nichtigen Eiden seine Leute im Schach hält und doch nichts ist als eine kindische Spielerei mit den Nerven«, sagte er ruhig. Nur der erste Schritt fällt schwer, ist der Bannkreis einmal gebrochen, sinkt der Schrecken in sich selbst zusammen. Die Geheimbünde, in welche Personen – Damen Ihrer Qualität gezogen werden, sind viel zu harmloser Natur, als daß man die Polizei ihretwegen zu bemühen brauchte.

»Man möchte wirklich aufatmen, wenn man Sie hört« entgegnete Zoe Sarakow dankbar. »Nur muß ich fürchten, daß Sie sich die Sache harmloser vorstellen, als sie ist. Haben Sie jemals etwas von den – Nihilisten gehört?«

»Wie sollte ich nicht von ihnen gehört haben? Sie spuken auch bei uns hier herum. Nur glaube ich nicht an eine organisierte Gesellschaft. Ich denke vielmehr, der Name des Geheimbundes ist nichts als der Deckmantel für die fanatische Tat oder die Rache das Einzelnen; im schlimmsten Falle ein Konsortium, das seine egoistischen Zwecke verfolgt, sich damit hinter dem Sammelnamen verschanzt und damit Terrorismus treibt.«

Zoe Sarakow schüttelte mit dem Kopfe.

»Ich kann mich darüber nicht auslassen«, sagte sie. »Was ich aufs Spiel setze, wenn ich meine Erfahrungen mit diesem Schrecken streife, kann ich nur damit rechtfertigen, daß gegen alles Hoffen die Hoffnung in mir vom Tode auferstanden ist – durch Sie. Ich war noch sehr jung, ein halbes Kind noch, als ich nach meines Vaters Sturz und Verbannung zu Leuten gegeben wurde, die man geeignet hielt, einem jungen Mädchen die Heimat zu ersetzen. Ich bin bei ihnen gewiß gut behandelt worden, das heißt sie waren freundlich zu mir, haben mich gut gekleidet und gespeist, mir Bücher, Musik, Gesellschaft gegeben, und doch haben sie nichts getan, als mein Herz und meine Seele zu vergiften mit ihrer Verneinung alles dessen, was mich früher gelehrt worden war, hoch und heilig zu halten. Diese moralische Vergiftung geschah sehr subtil, aber systematisch. In einem Alter, wenn die Seele noch weich ist wie Wachs, noch nicht gefestigt in sich selbst, wurden ihr Lehren in einer Form eingeprägt, die etwas Faszinierendes hatten: die Lehren des Nihilismus. Ich lernte ihn nur von seiner idealen Seite kennen, und der Eid, den ich ihm schließlich leistete, ohne Apparat, ohne einschüchternde Zeremonie, schien mir nur zu einem idealen Ziel zu führen. Der eigentliche Sinn dieses Schwures ist mir erst später klar geworden. Es war eine Tat geschehen, die nicht nur mich, sondern das ganze Land erbeben gemacht hatte, und da lernte ich verstehen, das heißt, es wurde mir gesagt, daß sie eine Konsequenz desselben Eides war, den auch ich geleistet hatte. Da kam die Wandlung über mich.

Ich erkannte, daß das Ideal dieser ›Verbrüderung‹ nichts weiter war, als der Firnis für die dunklen Wege des Verbrechens; es empörte mich, daß man meine Jugend und Ahnungslosigkeit in die Falle eines Eides gelockt, dessen düstere Meinung ich nicht verstanden hatte – Grauen und Ekel erfüllte mich vor dem nackten Gerippe der schönen Worte, die mich betört hatten. Es gelang mir, in einem anderen Hause Aufnahme zu finden – besuchsweise zunächst, – dessen reine Luft mich erst recht erkennen ließ, in welchem Sumpf ich gewatet, in dem alles wieder erwachte, was in meiner Kindheit in mein Herz gesät zum Lichte rang, halb erstickt von dem unheiligen Tollkraut, das ich für ein Ideal halten konnte, bis mir die Augen geöffnet wurden. In meiner Harmlosigkeit glaubte ich alles das abtun zu können, indem ich einen – Absagebrief schrieb, in welchem ich erklärte, aus dem Geheimbunde auszuscheiden, weil ich dessen Zwecke und Ziele verkannt hätte. Den Eid erklärte ich für hinfällig, weil ich seine eigentliche Meinung nie beschworen haben würde, wäre sie mir erklärt worden, nur den Teil des Eides, den ich richtig verstanden hätte: nämlich unverbrüchliches Schweigen über die Bruderschaft, ihre Mitglieder, Zusammenkünfte und so weiter fühlte ich mich für verpflichtet zu halten. Das habe ich getan und verletze ihn nicht, indem ich Ihnen dies alles erzähle. Die Leute, bei denen ich in das Netz ging, sind außer Landes und verschollen, – also selbst, wenn ich Ihnen ihren Namen sagte, könnten Sie dadurch nichts mehr wider sie erreichen. Ob meine Absage mit ihrem Verschwinden etwas zu tun hatte, wage ich nicht zu entscheiden, aber ich neige dazu, es anzunehmen. Sie waren nichts als ein Glied in der Kette; das Schloß derselben, das ›Komitee‹ habe ich nicht gekannt und kenne es heute noch nicht dem Namen nach – nur seine furchtbare Wirkungskraft habe ich verspürt. – Mein Absagebrief an die Bruderschaft war verschwendetes Papier. Es wurde mir – aber nicht durch die Hände meiner früheren Gastfreunde, – bedeutet, daß mein Eid unlösbar sei in allen Punkten; zu seinem vollen Verständnis käme man natürlich erst stufenweise. Wo ich lebte, wäre gleichgültig, es wäre aber gutzuheißen, im Lager des Gegners Fuß zu fassen. Befehlen wäre unweigerlich zu gehorchen, widrigenfalls die Strafe des Todes über mich verhängt werden würde. Diesem Briefe, der auf geheimnisvollem Wege in meine Hände kam – ich fand ihn in meinem Schreibtische, zu dem ich den Schlüssel bei mir trug, nebenbei bemerkt – diesem Briefe also wagte ich noch einen Protest entgegenzustellen, in dem ich meine Ungebundenheit mit Ausnahme des Stillschweigens betonte. Er blieb ohne Antwort, und ich Törin betrachtete mich als frei. Aber der Stempel, den mir die Berührung mit – jenen aufgedrückt, war ein Brandmal, das mich durch seine ständige Gegenwart an meine ehemalige ›Verbrüderung‹ erinnerte, das sich nicht mehr austilgen ließ, nicht zu vergessen war. Nicht, daß ihre Lehren mich noch tiefer vergifteten. O nein, ich hatte mir von Ihnen nur das Ideal gerettet, nur das, womit sie ihre ahnungslosen Opfer umgarnen, also das bißchen Gold freiheitlicher Gedanken, das der Lockvogel ist für die Tyrannei eines Schreckensdespotismus, wie er in dieser Kraßheit, mit dieser grausamen Gewalttätigkeit, diesem Absolutismus in der Geschichte keines Staates verzeichnet ist. – Nach einiger Zeit erhielt ich von dem ›Komitee‹ den ›Befehl‹ zur Überwachung einer gewissen Persönlichkeit, die in dem Haus, in dem ich nun lebte, aus- und einging. Ich nahm mir die Freiheit, diesen ›Befehl‹ zu ignorieren, worauf mir eine ›Vermahnung‹ zuging – immer auf dem geheimnisvollen Wege, der mit Übergehung der Post Eingang findet in verschlossene Möbel, Behälter, Gelasse. Auch diese Vermahnung ließ ich unbeachtet, aber das Bedürfnis nach einer schützenden Hand wuchs in mir; wennschon ich von mir sagen darf, daß die bleiche Furcht nicht eben mein Fehler ist, so überkam mich doch oft die Empfindung, daß der Boden mir unter den Füßen weggezogen wurde und ich in einen Abgrund stürzen mußte, in dem es so grauenvoll aussah, daß mir vor Angst die Zähne zusammenschlugen. In dieser Zeit erschien mein mir bisher unbekannter Vormund, Fürst Sarakow, in meinem Gesichtskreise. Ich faßte gleich Zutrauen zu ihm, seine Nähe gab mir das Gefühl der Sicherheit, seine immer respektvolle Freundlichkeit und Güte erinnerte mich an den Vater, den ich zu früh verlor. Daß Fürst Sarakow mir nach sehr kurzer Bekanntschaft seine Hand antrug, hatte für mich nichts Befremdendes, obgleich er dreißig Jahre älter war als ich. Im Gegenteil, ich legte mit vollem Vertrauen meine Hand in seine – ich hatte in ihm eine Heimat, einen Vater gefunden, unter dessen Schutz ich wieder frei atmen konnte. Mein Herz war ungebunden, es hatte nie zuvor Liebe empfunden in dem Sinne, der Mann und Frau vereint – ich kannte die Liebe nicht und vermißte sie daher auch nicht bei diesem Bunde, den ich freilich heut unnatürlich finde. Daß Fürst Sarakow mich geliebt hat mit dem Johannistriebe seines Herzens, daran zweifle ich heut nicht mehr, aber gerade weil er mich liebte, hat er nie meine Jugend dadurch beleidigt, daß er mir seine Liebe aufgedrängt hätte, er war und blieb vor mir der gütige, väterliche Freund, der tadellose Kavalier, und da ich ja nicht wußte, daß ein Frauenherz mehr verlangen kann, so war ich ganz zufrieden und glücklich, wenn der Fürst mir galant versicherte, daß ich mein Teil seines hervorragenden Postens zu seiner vollsten Zufriedenheit ausfüllte. Schon glaubte ich, daß meine Stellung als Frau des Gouverneurs von . . . dem ›Komitee‹ den letzten Rest seiner eingebildeten Gewalt über mich aus den Händen gerissen habe, da wurde ich eines anderen belehrt. Ich fand in meinem verschlossenen Juwelenkasten, zu dem nur ich den Schlüssel besitze, – einen zweiten verwahrte die Bank, in welcher Fürst Sarakow eine Stahlkammer besaß – eines Tages ein Schreiben des ›Komitees‹, in welchem mir nichts mehr und nichts weniger zugemutet wurde, als meines Gatten Korrespondenz auszuspionieren und nebst dem Wortlaut seiner gouvernementalen Dekrete vor deren offiziellen Erlassen dem ›Komitee‹ zur Kenntnis zu bringen. Hinzugefügt war, daß nur im Hinblick auf diesen wesentlichen Dienst mir gestattet worden wäre, mich mit dem Fürsten zu vermählen, den ich, eingedenk meines Eides der Verschwiegenheit, in Unwissenheit darüber gelassen habe, daß ich der ›Bruderschaft‹ dereinst angehört, die er, mit vollem Rechte von seinem Standpunkt aus, mit allen gesetzlichen Mitteln, wie ich sehr wohl wußte, nachsichtslos verfolgte. Ich brauche nicht erst besonders zu versichern, daß ich die Zumutung des ›Komitees‹ nicht erfüllte – der bloße Gedanke an die niedrige, gemeine Handlung, die von mir verlangt wurde, macht mich heut noch schamrot; ich habe damals vor Demütigung Tränen des Zornes, der moralischen Entrüstung und des Jammers vergossen – ich war außer mir über die grausame Frechheit, die einer Frau befehlen konnte, ihren Mann auszuspionieren und seine Angeberin zu werden! Einen zornbebenden Brief an das ›Komitee‹ zerriß und verbrannte ich wieder – schweigende Verachtung dünkte mich die einzige, beste Antwort. Nach einiger Zeit fand ich – wieder in dem Juwelenkasten, den ich seitdem immer selbst geöffnet und geschlossen, dessen Schlüssel ich ständig bei mir trug – ein schwarzgesiegeltes Schreiben des ›Komitees‹. Es enthielt, für den Fall, daß ich binnen achtundvierzig Stunden das Versäumte nicht nachholte, mein Todesurteil wegen Ungehorsams und damit verbundener Verletzung meines Eides. Darauf stand der Tod, das wußte ich. Aber es schüchterte mich nicht ein, machte mich nicht einmal unruhig, weil ich ja ordnungsgemäß, wie ich ehrlich meinte, aus der ›Bruderschaft‹ ausgetreten war. Ich hielt es einfach für eine leere Drohung, darauf berechnet, durch die Furcht auf mich einzuwirken, und so sicher war ich dieser Auffassung, daß ich mein ›Todesurteil‹ sogar mitleidig belächeln konnte. Drei Tage später wurde Fürst Sarakow bei einer Ausfahrt an meiner Seite erschossen . . . Als ich nach dem furchtbaren Ereignis in mein Zimmer zurückkehrte, lag auf dem Kissen des Sofas, auf dem ich erschöpft niedersank, mit einer Nadel daran befestigt, ein Brief, den ich sofort als Schriftstück des ›Komitees‹ erkannte. Ich war ganz allein in dem Zimmer, denn ich hatte mir, um mich zu sammeln, jeden Beistand, selbst den Olga Petrownas verbeten. Und auch in diese Stunde heiligen Schmerzes um meinen väterlichen Freund und Gatten drängte sich der Fluch einer Verirrung, die ich ahnungslos über ihre Tragweite, über ihre eigentlichen Ziele begangen, diese entsetzliche ›Bruderschaft des Schreckens‹. Sie teilten mir mit, daß der Schuß, der meinen Gatten getötet, mir gegolten hätte. Dadurch, daß wir unterwegs die Plätze gewechselt hätten, wäre ich verschont geblieben – für dieses Mal. Das Urteil bestünde noch in voller Kraft – wo und wann der Todesstreich mich ereilen würde, stünde in dem Belieben des ›Exekutivkomitees‹. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß man mir noch Gelegenheit geben würde, meine Verfehlung wiedergutzumachen, jedoch dürfe ich auf diese Nachsicht in Anbetracht meines jugendlichen Starrsinns nicht rechnen, sondern müßte von Tag zu Tag gewärtig sein, daß das Urteil an mir vollzogen würde.

Mein Stolz und mein besseres Bewußtsein verboten mir, auf diesen Brief hin zu Kreuz zu kriechen (wie es wohl erwartet wurde) und um mein Leben zu betteln, auf das ich kein Anrecht mehr zu haben glaubte, nachdem Fürst Sarakow seines dafür hatte hingeben müssen. Ich habe ebenso wenig darauf geantwortet, wie auf die anderen Schreiben des ›Komitees‹; fast ein Jahr ist vergangen und kein weiterer Erlaß der Bruderschaft ist mir mehr zugegangen. Ich lebe noch – aber wie lange? Ich bin eine Gezeichnete . . . Sie, Fürst Torcelli, waren drüben in Torcello Zeuge davon, daß meine Nerven unter der Spannung nachgaben – eigentlich zum ersten Male; ich weiß jetzt, warum es geschah: weil Sie neben mir waren und die Angst, daß auch Sie Fürst Sarakows Schicksal ereilen könnte, daß auch Sie für mich sterben könnten, machte mich sinnlos vor Angst. Olga Petrowna fuhr mich an, daß ich mich zusammennehmen sollte. Das half. Sie dachte natürlich nur, daß mich der Knall des Schusses nervös gemacht in Erinnerung an das Attentat, denn sie ahnt nichts davon, daß ich einst ein Mitglied der ›Bruderschaft‹ war, die sie mit Recht verabscheut. Keine Seele außerhalb dieses Bundes hat es je erfahren, – ich bin auch nie in die Versuchung gekommen, mich mitzuteilen, weil ich es für ausgeschlossen hielt, daß ich jemals wieder eine zweite Ehe eingehen könnte. Sie werden es vielleicht nicht für möglich halten, wenn ich Ihnen sage, daß kaum, nachdem die Familiengruft hinter dem Fürsten Sarakow geschlossen war, die Freier schon kamen, um seine Witwe zu gewinnen. Ganz abgesehen davon, daß ich für diese Zudringlichkeit Ekel und Verachtung empfand, hat nicht einer dieser Männer es vermocht, mein Herz um einen Pulsschlag schneller schlagen zu machen. Nicht einer, und ich war froh darüber, ich, die Gezeichnete! Die Liebe – oh, ich hatte so viel von ihr gelesen, von ihr singen und sagen gehört, aber ich hatte sie nie kennengelernt. In der ›Bruderschaft‹ hatten sie an ihre Stelle ein – ein schamloses Treiben gesetzt, das sie die Liebe, die freie Liebe nannten. Mit instinktivem Ekel wandte ich mich von dem Zerrbilde ab, das in nichts dem wunderbaren Heiligtum glich, von dem ich in den Dichtungen gelesen, das ich in seiner höchsten Verklärung mich so gut erinnern konnte, im Hause meiner Eltern gesehen zu haben. Und diese Liebe ist mir jetzt nahe getreten, hat mein Herz erschlossen –«

Überwältigt hielt Zoe Sarakow ein, und mit einer spontanen Bewegung reichte sie Angelo Torcelli die Hand, die er mit einem großen Gefühle der Unwürdigkeit umfaßte und nicht mehr losließ, gleichviel was die paar alten Weiblein denken mochten, die aus oder nach der Kirche kamen.

»Fürstin – Zoe –!« war auch zunächst nur alles, was er, erschüttert und ergriffen von dem, was er gehört hatte, hervorbringen konnte. Er war aber auch, neben dem Gefühl der Scham über die Ursache seiner Werbung, in tiefster Seele gerührt – und welcher Mensch konnte es nicht sein, wenn ihm offenbart wird, daß ein Herz für ihn in Liebe schlägt? Selbst wenn er nicht im Stande ist, sie zu erwidern, so wird ihn das dargebrachte Geschenk zum mindesten dankbar stimmen und milde; vorausgesetzt natürlich, daß er kein Übermensch ist oder keine rohe Natur. In Angelo Torcelli war neben einer durch sein Unglück gezeitigten Bitterkeit aber auch manch schöne Blüte zur Entwicklung gelangt, die bisher verborgen in ihrem Keim in ihm geschlummert hatte. Sogar die Erkenntnis, daß sein Herz ihr gehörte, die er blind verschmäht durch den Geist »der stets verneint«, hatte ihn nicht gegen jene verhärtet, die ihm in den Weg geführt worden war, nachdem er sein voreiliges Gelübde getan, und daß sie ihn so reich belohnte, rührte ihn in tiefster Seele.

»Zoe«, wiederholte er bewegt. »Ich – ich müßte der letzte der Menschen sein, wollte ich mein ganzes Leben nicht dafür einsetzen, Ihnen das Glück zu geben, das Sie bisher vermissen mußten. Ihre Liebe ist ja mehr, als ich jemals glaubte verdienen zu können –« Er hielt ein, damit die Bewegung ihn nicht zu einer Beteuerung fortriß, die er sich später als Lüge hätte vorwerfen müssen, denn nichts anderes wäre ein Wort von Liebe gewesen, von der er ja nun wußte, daß sie Daphne gehörte. »Sie kennen mich so wenig – Sie wissen nicht, ob ich Ihrer Liebe würdig bin«, schloß er ernst und gehalten.

Zoe lächelte ihn sonnig durch den Tränenschleier an, der ihr die Augen trübte.

»Das kann ich Ihnen zurückgeben, Angelo«, flüsterte sie. »Ich habe manchesmal darüber gegrübelt, was wohl der Dichter gemeint hat, wenn er von der Liebe sagte: ›Sie kommt und sie ist da!‹ – Jetzt weiß ich es. Kennen? Man kennt sich, wenn man sich liebt. Es ist der Funke, der von Herz zu Herzen zündend springt, wenn man seinem ergänzenden Ich begegnet. Aber, Angelo, wenn ich mich darüber auch zur völligen Klarheit durchgerungen habe, so muß ich die eigentliche Entscheidung doch in Ihre Hände legen. Darf ich Ihnen zumuten, mich, die Gezeichnete, zu Ihrer Gattin zu machen, darf ich Sie demselben Schicksal vielleicht überantworten, das Fürst Sarakow hinweggerafft hat? Überlegen Sie es wohl – ich bin eine gefährliche Braut, eine verhängnisvolle Frau. Es kann mich allein treffen, aber es kann auch Sie ereilen, das Schicksal, dem ich verfallen bin.«

Angelo Torcelli sah die Pforte offen vor sich, durch die er mit einem Schritte zur Freiheit gelangen konnte, aber seiner Überzeugung nach waren Zoes Befürchtungen zum mindesten übertrieben, und entschlossen, mit leiser, rücksichtsvoller Hand, schloß er die Pforte wieder.

»Fürst Sarakow ist ebensowenig für Sie, an Ihrer Statt gefallen, als ich dieser Gefahr ausgesetzt wäre, falls es das ›Komitee‹ ernst meinte mit seinen Drohungen – was ich nicht einen Augenblick glaube«, sagte er mit der ruhigen, zuversichtlichen Sicherheit, die Zoe mit warmer Hoffnungsfreudigkeit durchrieselte. »Der Fall war mir nicht mehr ganz gegenwärtig, deshalb habe ich die Berichte darüber gestern erst nachgelesen. Mein Onkel Orso ist Sammler, er schneidet aus den Zeitungen alle interessanten ›Fälle‹ aus. Deshalb war der Fall ›Sarakow‹ mir gleich zur Hand, und ich habe daraus entnommen, daß der Fürst ganz zweifellos einem wohlgeplanten politischen Attentate zum Opfer gefallen ist, dessen Motiv in einem Dekret zu suchen ist, in welchem er im Hinblick auf das Treiben der geheimen Gesellschaften gewisse Freiheiten aufhob, und jenen die Flügel arg beschnitt. Es war zweifellos dieses Dekret und die seinem Erlasse vorangegangene Korrespondenz mit der Regierung, deren Ausspionierung von Ihnen unter Drohungen verlangt wurde, die nur darauf berechnet waren, Sie zur Willfährigkeit zu zwingen, im übrigen aber leer und haltlos waren. Daß Fürst Sarakow nicht irrtümlicherweise für Sie getötet wurde, sondern daß sein Tod geplant war, ersehen Sie schon daraus, daß Sie den Brief des ›Komitees‹ auf Ihrem Kissen vorfanden, als Sie von dem Attentate in Ihr Palais zurückkehrten. Es durfte darüber wohl nur die allerkürzeste Zeit vergangen sein, und in dieser sollte ein ›Komitee‹ im Stande gewesen sein, einen solch langen Brief zu verfassen und in ihr Zimmer zu befördern? Ich halte das für ausgeschlossen. Nein, nein, der Brief ist vor dem Attentate geschrieben worden, einzig und allein zu dem Zwecke, um Sie einzuschüchtern und einer Reue zu überantworten, die Sie der ›Bruderschaft‹ nun in die Arme führen sollte. Hab ich nicht Recht?«

Zoe hatte mit immer mehr aufleuchtenden Augen zugehört.

»O Gott, so nimmt diese traurige Sache ein ganz anderes Gesicht an«, rief sie, tief aufatmend. »Ich – ich habe in dieser ganzen Zeit keine Zeitungen gelesen – es war mir zu schmerzlich, meine Trauer und mein Leid durch die Zeitungsspalten gezerrt zu sehen, und Olga Petrowna hat sie mir, wie alles, was mich aufregen und betrüben konnte, aus dem Gesichtskreise geschafft und mir nur auf meine dringenden Fragen sehr schonend erzählt, daß nach der allgemeinen Ansicht jedes plausible Motiv für einen politischen Mord an Fürst Sarakow fehle, – daß im Gegenteil alle Parteien; selbst die des Umsturzes, alle Ursache gehabt hatten, einen Gouverneur zu erhalten, der die Maßregeln der Regierung so milde gehandhabt habe.«

»So? Das hat Fräulein Vareskoi Ihnen gesagt? Nun, sie sah wohl vielleicht – sicherlich durch diese Brille . . . Wie aber hat sie Ihnen das Dekret und seine Wirkungen erklärt?« fragte Torcelli.

»Das Dekret?« wiederholte Zoe verwundert. »Ich habe – zu meiner Schande muß ich's gestehen – überhaupt nichts von einem – diesem Dekret gewußt: Ich habe mich grundsätzlich nicht um Politik gekümmert, und Fürst Sarakow war es sehr lieb, daß keine Gegenströmung durch seine Frau Eingang ins Gouvernementspalais fand. Er sagte mir selbst, daß die Furcht davor ihn solange davon zurückgehalten hätte, sich zu verheiraten. Es prallten an mir alle Versuche ab, das politische Ohr meines Gatten durch meine Vermittlung zu erreichen. Ich höre zum ersten Male durch Sie von diesem Dekret. Ach, wenn Sie Recht damit hätten – welche Last würden Sie von meiner Seele nehmen.«

»Wenn Sie durch den Schreckschuß Ihres sogenannten Todesurteils nicht eingeschüchtert worden wären, so hätte diese Last Ihre Seele nie bedrücken können«, erwiderte Torcelli sachlich, aber nicht ohne Mitgefühl. »Meines Erachtens war der Fürst als Gouverneur auf alle Fälle ein toter Mann. Gesetzt nämlich, Sie, Zoe, hätten weniger Charakterstärke entwickelt, dem ›Komitee‹ gewillfahrt und die Entstehung, den oder die Entwürfe des Dekretes ihm mitgeteilt, so wäre der Fürst vor dem Erlasse ermordet worden, um ebendenselben zu verhindern. Da dies aber nicht zu erreichen war, fiel der Gouverneur nach dem Erlasse eines Dekretes, das sein Nachfolger wieder aufgehoben hat, weil er, gewarnt durch das Schicksal seines Vorgängers, nicht wagte, es aufrecht zu erhalten. Der politische Mord ist also zweifelsohne und Ihre Unkenntnis der Lage ist einfach ausgenutzt worden, um Sie – für künftige Fälle willfähriger zu machen.« Zoe Sarakow atmete tief und wie erlöst auf.

»Ich wußte es ja, daß durch Sie die Liebe, der Glaube und die Hoffnung in mein Leben getreten sind«, sagte sie mit der schlichten und natürlichen Innigkeit, vor welcher Angelo Torcelli beschämt sein Haupt neigte und wortlose, aber heilige Vorsätze faßte. »So haben Sie mir im zwiefachen Sinne das Leben zurückgegeben, Angelo: erstens, indem Sie mein Herz erweckten, das so lange geschlafen und nur manchmal von einem Glücke träumte, das es für unmöglich hielt, – und dann dadurch, daß Sie mich erkennen ließen, wie ich getäuscht worden bin zu finsteren, ungesetzlichen, gewissenlosen Zwecken –«

»Der beste Beweis dafür ist, daß Sie hier an meiner Seite stehen«, fiel Torcelli ein. »Das sogenannte ›Exekutivkomitee‹ eines solchen Geheimbundes wartet nicht so lange mit der Vollstreckung seiner ›Urteile‹, noch viel weniger gibt es seinen Opfern ›Chancen‹ und schweigt sich dann fast ein Jahr aus. Die Leute wissen sehr genau, daß sie sich auf Sie in puncto des Schweigens verlassen können –«

»O Gott – und das gerade habe ich jetzt gebrochen«, unterbrach sie ihn mit entsetzten Augen. »Aber ich mußte ja reden, mußte es Ihnen sagen. Ich durfte Sie nicht mit verbundenen Augen zu einer Verbindung mit mir locken, – was ich einmal verschwieg, weil ich glaubte, es verschweigen zu müssen, das durfte ich zum zweiten Male nicht verschweigen. O Gott, du bist mein Zeuge, daß ich allein mein Leben weitertragen wollte, aber die Versuchung ist zu groß, zu groß über mich gekommen. Wenn sie erst wissen – und sie werden es wissen, wissen es wahrscheinlich jetzt schon, was ich Ihnen gesagt habe, Angelo, dann sind auch Sie ein Gezeichneter und durch meine Schuld, durch die Schuld jener, die Sie mehr liebt, als ihr eigenes Leben –«

Aufrichtig gerührt, drückte er dankbar ihre Hand und mußte mit Gewalt das Wort zurückhalten, das sich ihm auf die Lippen drängte, denn er wollte nicht durch eine Lüge entweihen, was ihm als Heiligtum einer Frauenseele erschlossen wurde. Daß es sich um eines Menschen Seele handelte, die sich ihm zu eigen geben könnte, daran hatte er bei seinem vorschnellen Gelübde überhaupt nicht gedacht. Erschüttert aber von dieser Entwicklung gelobte er sich innerlich, sie nicht nur wie ein Mann zu tragen, sondern es Zoe niemals um eines Strohhalmsschwere fühlen zu lassen, was ihn zu seiner Werbung gedrängt hatte. Er machte sich schon Vorwürfe, ob der stumme Händedruck nicht mehr ausdrückte, als er wahrheitsgetreu sagen durfte und ließ hastig die kleine, schmale Hand los, die sie ihm vertrauensvoll gereicht hatte.

»Beschwören Sie keine Gespenster herauf, die nichts sind als ein Gebilde Ihrer überhitzten Phantasie, Zoe«, bat er mit der scheinbar unerschütterten Ruhe, die so vertrauenerweckend auf sie wirkte. »Sie wissen, daß über meine Lippen kein Wort von dem kommen wird, was Sie mir eben anvertrauten; wer also sollte es verraten, daß Sie mich zum Mitwisser machten? Und hätte uns jemand belauscht, was ich für ausgeschlossen erkläre, – was haben Sie mir gesagt? Sie haben keinen Namen genannt, durch den ich eine Gewalt über einen Geheimbund erlangt haben könnte, dessen Existenz mir allerdings durch Sie bestätigt worden ist. Aber mit dieser Wissenschaft allein könnte ich nichts gegen diese ›Verbrüderung‹ ausrichten. Die einzige Spur, – das Haus jener Leute, bei denen Sie in die Falle des Bundes gingen, ist, wie Sie selbst mir sagten, ausgelöscht. Jeder Polizist in Rußland weiß wahrscheinlich mehr über die Gesellschaft als ich zu dieser Stunde. Solange Sie in Ruhe gelassen werden, erkläre ich, auch nichts wissen zu wollen. Bei einer Belästigung meiner Frau aber würde ich mich freilich genötigt sehen, den Schutz der Behörden anzurufen und unnachsichtlich für Ihre Ruhe und Sicherheit eintreten –«

»Das wäre Ihre eigene Verurteilung, Angelo«, rief sie leise, angsterfüllt.

»Ich würde das mit Ruhe riskieren«, erwiderte Torcelli unbewegt. »Noch sind wir die Stärkeren, wie ich hoffe und erwarte. Die Principessa Torcelli wird unter dem Schutze von Gesetzen stehen, welche die Volksvertreter gegeben haben, nicht aber die Autokratie, die jene ›Bruderschaft‹ bekämpft. Dadurch, daß Sie – je eher, je besser – die Untertanin eines anderen Staates werden, erlischt sowieso die Macht der ›Bruderschaft‹ über Sie – oder ist sie – international?«

»Ich weiß es nicht. Ich war ja keine ›Eingeweihte‹, erst eine Novize. Aber ich meine verstanden zu haben, daß die Gesellschaft Verbindungen in der ganzen Welt hat.«

»Ja? Vermutlich wohl. Es gibt ja überall Giftschlangen, und der Schierling kommt auf jedem Boden fort. Wir wollen es darauf ankommen lassen. Ich vermute, daß Ihr Wunsch um diese Unterredung am dritten Ort mit der Furcht zu tun hat, daß ›man‹ uns bei Ihnen im Hotel – belauschen könnte.«

»Sie haben es erraten. Man hätte uns belauscht.« »Wer?«

»Ja, wenn ich das wüßte. Wie sind die Briefe des ›Komitees‹ in meinen verschlossenen Schmuckkasten gekommen, zu dessen Schloß nur zwei Schlüssel gemacht wurden, von denen ich einen stets bei mir trage, der andere im Stahltresor der Bank aufbewahrt wird?«

»Sie haben den Schlüssel niemals aus der Hand gegeben, ihn niemals liegen lassen?«

»Das letztere sicher nicht, das erstere geschah zwei Mal, aber stets in meiner Gegenwart. Einmal holte meine Kammerfrau mir etwas aus dem Kasten. Aber Jelisaweta ist Fürst Sarakows Milchschwester und wurde mir von ihm gegeben, weil sie unbestechlich ist und auf die Familie schwört. Das zweite Mal holte Olga Petrowna mir ein vergessenes Schmuckstück aus dem Kasten – also wiederum eine Vertrauensperson, deren Integrität keinem Zweifel unterliegt.«

»Wirklich keinem Zweifel?« warf Torcelli ein.

»Oh – aber –«

»Verzeihen Sie – ich habe vielleicht ein kleines Vorurteil gegen Ihre Freundin gefaßt«, gestand er. »Sie war gestern Abend ein wenig – ein wenig taktlos. Das hat mich etwas verletzt, ich muß es schon offen sagen. Und ich hatte das unangenehme Gefühl, daß sie es bewußt war, einen Zweck damit verfolgte.«

Zoe sah ihn groß an. Hatte sie nicht, ihr selbst unbewußt, dasselbe Gefühl gehabt? War es das, was sie zu einer instinktiven Vorsicht vor ihrer Freundin ermahnt hatte?

»Wenn Olga Petrowna taktlos war, so muß sie freilich damit einen Zweck gehabt haben, denn sie ist sonst ein Muster des Taktes«, murmelte sie kopfschüttelnd. »Ich kann mir nur nicht denken – aber gleichviel, das muß sich aufklären. Auf alle Fälle hat weder sie noch meine Kammerfrau mit den Briefen etwas zu tun, denn nach jenen beiden Fällen, in denen sie und jene den Kasten öffneten, waren sie nicht darin –«

»War das vor- oder nachher?«

Zoe sann einen Augenblick nach.

»Nachher«, sagte sie dann mit Bestimmtheit. »Ich habe den Schlüssel, nachdem ich den ersten Brief fand, nie wieder aus den Händen gegeben. Nun bliebe noch mein Kammerdiener, den ich hierher mitgebracht habe. Er hat meinem Manne 15 Jahre lang gedient; Fürst Sarakow pflegte zu sagen, er wäre der einzige Mensch, auf den er sich verlassen könnte. Iwan und Jelisaweta sind eifersüchtige Diener; zwischen ihnen und Olga Petrowna ist keine Liebe verloren. Sie sieht ja über die Abneigung der beiden hinweg, aber es macht sie hin und wieder ärgerlich, sich von den beiden Familien-Inventarien als Eindringling betrachtet und beargwöhnt zu sehen. Diese beiden habe ich nicht gefürchtet, aber was weiß ich, wer mit mir im Hotel ist, um mich im Auftrage des Komitees zu bewachen und zu belauschen? Ich weiß, daß ›sie‹ Mittel und Wege haben, von denen man nichts ahnt. Ich habe den Beweis dafür durch die Briefe. Aber ich hoffe, ich habe ihre Wachsamkeit getäuscht, wie hoffe ich, denn was sollte sonst werden? Es ist nicht auszudenken. Und nun ich gesagt habe, was ich sagen mußte und durfte, will ich zurück ins Hotel, ehe man mich vermißt. Wie spät ist es? Schon 8 Uhr längst vorbei? Gleichviel, niemand weiß, wo ich hin – ich glaube nicht, daß jemand mir gefolgt ist.«

Angelo Torcelli zog sofort den Hut.

»Es wird besser sein, wenn Sie den Rückweg durch die Kirche antreten, über die eiserne Brücke gehen und bei der Akademie eine Gondel nehmen«, sagte er sachlich. »Im Hotel dürfte jetzt schon mindestens das Personal zur Stelle sein – der offizielle Eingang am Kanal nimmt Ihrem Eintritt in das Hotel jede Spur von Heimlichkeit. Ich selbst gehe über den Campo San Angelo in mein Haus zurück. Wann darf ich Ihnen meinen Besuch machen, um mir offiziell Ihr Jawort zu holen?« –

»Ich werde den Nachmittag heut zu Hause bleiben«, erwiderte sie mit einem sehr lieblichen Erröten, das sie dem Engelsbilde des Gian Bellini noch ähnlicher machte. Ein Händedruck noch, und dann gingen diese sonderbaren Verlobten auseinander – er durch den Kreuzgang, sie durch die Kirche über den langen Campo Morosini, der in ebenso goldiges Sonnenlicht getaucht war wie ihre Seele, die heute ihre Wiedergeburt auf der Erde feierte. Es kam ihr nicht in den Sinn, daß er heut und damals in der Halle der Ca' Torcelli kein Wort von Liebe gesprochen hatte. Wozu auch? Das verstand sich ihrer Meinung nach ganz von selbst. Im Gegenteil, ihr Zartgefühl war ihm unbewußt dankbar dafür, daß sein Mund keine jener Beteuerungen hatte, die sie so oft schon angewidert und abgestoßen hatten. Der Druck seiner Hand hatte ihr viel mehr gesagt, als sein Mund es vermocht hätte, und der Rest verstand sich ja ganz von selbst. Und in dem seligen Gefühl, ein Glück erreicht zu haben, das sie für unmöglich gehalten, schritt sie dahin wie auf einer von Frühlingsblüten übersäten Wiese, dem Licht entgegen, das ihr ganzes Herz mit seinem strahlenden Glanze erfüllte.

Die Gondel, welche sie vor der Akademie nahm, brachte sie rasch vor ihr Hotel – einst einer der schönsten Paläste Venedigs, heute eine Karawanserei mit Phantasiepreisen. Den Aufzug verschmähend, denn sie hätte heut ohne einzuhalten auf den Eifelturm steigen können, ging Zoe Sarakow die Treppe hinauf, und als sie an ihre Schlafstubentür kam, trat Olga Petrowna aus ihrem Zimmer.

»Guten Morgen, Zoe, mein Herz. Wie, du bist schon zum Ausgehen gerüstet?« rief sie überrascht. »Kamst du, mich zu rufen? Ich wollte gerade zum Frühstück herüberkommen.«

Zoe Sarakow hätte nicht um die Welt sagen können, warum sie ihrer »Freundin« in keiner ihrer Annahmen widersprach. Sie hatte sich vorgenommen, ihr einfach zu sagen, daß sie einen Morgenspaziergang gemacht; Olga Petrowna schien aber ahnungslos von diesem Ausgange zu sein, und sie ließ sie bei dieser Ahnungslosigkeit.

»Natürlich wollen wir gleich nach dem Frühstück fort«, sagte sie heiter. »Wir haben heut viel vor: San Trovaso, San Sebastian, den Redentore und wenn möglich San Giorgio. Mach dich gleich fertig, ja, damit wir ohne Verzögerung fortkommen.«

»Schön«, rief Olga Petrowna scheinbar ganz einverstanden mit dem Programm und verschwand wieder in ihrem Zimmer. Zoe trat gleichzeitig in das ihrige ein und fand dort ihre Kammerfrau vor, die auf sie zustürzte und nach russischer Art den Saum ihres Kleides küßte.

»Gottlob, Mütterchen, daß du wieder da bist«, rief sie und zeigte ein Paar ganz verweinte Augen. »Einem solch einen Schrecken einzujagen! Heilige Muttergottes von Kasan, – ich dachte, ich falle tot hin, als ich hereinkam und das Bett der Herrin leer fand –«

»Ich wollte dich nicht stören, Jelisaweta, weil's sehr früh war, als ich aufstand, um einen Spaziergang zu machen«, sagte Zoe freundlich und streichelte die runzelige Wange der alten Dienerin.

»Gott segne dein gutes Herz, Mütterchen. Aber es wäre schon besser gewesen, du störtest mich, als daß du mich eine solche Angst um dich ausstehen ließest«, schalt die Alte mit dem Vorrecht, das sie für ein freies Wort hatte. »Heilige Warwara! Und in einer Stadt, wo Wasser in den Straßen ist. Ich wußte nicht, was ich denken sollte. Iwan Gregoriowitsch meinte, man sollte bis zur Frühstücksstunde warten, bevor man Lärm schlüge, um dich zu suchen – –«

»Na, dann ist's ja ein Glück, daß ich mich nicht verspätet habe«, lachte Zoe. Es war recht von euch, daß ihr Fräulein Vareskoi nicht auch noch alarmiert habt.«

»Die? Pah. Mochte sie schlafen! Wir werden doch nicht unsere Sorge um unsere Herrin mit der teilen. Wir nicht«, machte Jelisaweta mit unbeschreiblicher Verachtung.

»Jelisaweta, Jelisaweta«, drohte Zoe mit dem Finger.

»Wenn ihr wirklich geglaubt habt, daß mir etwas zugestoßen ist, dann wäre Fräulein Vareskoi die richtige Person gewesen, euch Rat bei ihr zu holen. Aber es ist gut, daß ihr sie nicht gestört habt. Sie war noch nicht drüben im Speisezimmer, ehe ich kam?«

»Sie hat einmal verschlafen«, brummte Jelisaweta giftig. »Ich dachte erst, sie wäre fort mit dir, Mütterchen, denn man ist's nicht gewohnt, die hochwohlgeborene Olga Petrowna nicht schon bei Morgengrauen um deine Schlafzimmertür schleichen zu sehen, »damit nichts unsere Durchlaucht stört.« Auch nachts habe ich sie schon als Schildwache vor deiner Tür getroffen; Mütterchen kann aber ohne Sorge sein: die alte Jelisaweta verhängt immer innen die Schlüssellöcher.«

»Schäm dich, Jelisaweta«, rief Zoe, ernstlich erzürnt, was die alte Milchschwester des Fürsten Sarakow indes nicht anfocht, denn sie sagte kichernd:

»Was schämen! Ich würde mich schämen, wenn ich's nicht täte. Du hast ihr ja auch nicht gesagt, Mütterchen, daß du schon aus warst.«

Zoe wandte sich ab, um ihr Erröten nicht sehen zu lassen, und ging schnell hinaus und durch ihren Salon in das Speisezimmer, vor dessen Eingang Iwan stand, um die Flügeltür vor seiner Herrin mit der unnachahmlichen Würde des Dieners eines großen Hauses zu öffnen.

»Olga Petrowna ist eben vom Korridor aus eingetreten«, murmelte er mit seinem diskretesten Tonfalle.

»Wie willst du das wissen, wenn du hier drin bist?« fragte Zoe.

»Ich wartete im Korridor, um Fräulein Vareskoi zu melden, daß serviert ist«, erwiderte Iwan noch diskreter als zuvor. »Damit sie sich nicht erst die Mühe nahm, Durchlaucht im Schlafzimmer zu suchen.«

»Durchlaucht«, verstand sehr wohl, daß Iwan Schildwache gestanden, um Olga Petrowna zu hindern, an ihre Schlafstubentür zu gehen; sie steckten unter einer Decke, diese beiden, Jelisaweta und Iwan. Zum mindesten in allem, wozu ihr gemeinsamer Haß gegen Olga Petrowna sie trieb. Zoe aber nahm sich vor, mit ihrer Dienerschaft nicht gemeinsame Sache gegen ihre Freundin zu machen, sondern ihr offen zu erzählen, daß sie heut früh schon ausgewesen – zu einem Morgenspaziergang, zu dem sie ein anderes Mal mitgehen müsse. Aber es kam nicht dazu, obwohl Olga Petrowna ganz die alte war und der gestrige Tag wie ein schwerer Traum aus ihrem Gedächtnis ausgelöscht schien. Zwei-, dreimal wollte Zoe beiläufig ihren Ausgang erwähnen, aber immer fiel ihr wieder etwas anderes ein, das gesagt werden mußte, und schließlich überlegte sie, daß es befremdlich erscheinen könnte, nachträglich etwas zu erzählen, was sie nicht gleich gesagt hatte. Und so blieb Olga Petrowna zum ersten Male, seit sie unter dem Dache ihrer Freundin lebte, in völliger Unwissenheit über eine ihrer Handlungen.

Am Nachmittag war Zoe Sarakow zu müde zu einem anderen Ausflug.

Die Teestunde war vorbei, das Geschirr hinausgetragen, und Olga Petrowna machte eben den Vorschlag zu einer Gondelfahrt vor – oder nach dem »Diner«, da erschien Iwan im Salon mit einem silbernen Servierteller, auf dem eine Karte lag. Und nun tat Zoe, was jedes junge, ganz junge Mädchen getan hätte: sie ließ ihr Taschentuch fallen, um ihr tiefes Erröten zu verbergen. Es lag etwas mädchenhaft Jungfräuliches in der Bewegung, in dem Erröten, was bei ihr, der großen Dame, der Witwe des allmächtigen Gouverneurs von . . . etwas Rührendes hatte, weil es ihr erstes, junges Glück, ihrer ersten Liebe heiligstes Herzklopfen verriet, weil es so wunderbar spontan war . . .

Noch ganz rot – »vom Bücken« nahm sie die Karte, deren Namen sie kannte, von dem Servierteller.

»Torcelli«, las sie mit schwankender Stimme. »Der Herr Principe ist – ist hier oben, Iwan?«

»Seine Durchlaucht sind in der Gondel und sandten die Karte herauf, ob Euer Durchlaucht ihn empfangen«, erwiderte Iwan feierlich.

»Ich lasse bitten.«

Iwan sagte »sehr wohl« und verließ den Salon.

»Es wird dir peinlich sein, Olga, dem Principe zu begegnen«, sagte sie freundlich und sanft, aber mit einer nicht gut mißzuverstehenden Aufforderung im Tone.

»Im Gegenteil, mein Herz«, entgegnete Olga Petrowna süß. »Du hast mir gestern angedeutet, daß ich gewisse Dinge nicht hätte sagen sollen. Ich habe nun die beste Gelegenheit, das durch ein paar geschickte Wendungen wieder auszugleichen.«

Zoe sah ihre Freundin groß an – sie wußte nicht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte.

»Das ist ein sehr löblicher Entschluß«, neigte sie zu dem ersteren. »Nur – ich würde dir sehr dankbar sein, wenn – wenn du mich mit dem Principe allein lassen wolltest.«

Olga Petrowna erhob sich sofort und schickte sich an, den Salon durch das Speisezimmer zu verlassen. In der Tür wandte sie sich noch einmal um.

»Traust du mir nicht mehr?« fragte sie mit einem klagenden Ton. »Es ist zum ersten Male, daß ich hinausgeschickt werde, wenn du Besuch empfängst.«

»Hinausgeschickt!« wiederholte Zoe lächelnd – sie war viel zu glücklich, um sich zu ärgern oder aufzuregen. »Was du manchmal für Ideen hast. Wenn ich nun sagen wollte: traust du mir nicht mehr, daß du mich mit einem Besuch nicht allein lassen willst? Aber das fällt mir gar nicht ein, so mißtrauisch zu sein, und darum bitte ich dich einfach, mich mit dem Principe allein zu lassen.«

Iwan, der die Tür öffnete, schnitt Olga Petrowna ein ferneres Wort ab – sie verschwand in das Speisezimmer, noch ehe Angelo Torcelli den Salon betreten hatte, und Zoe war viel zu aufgeregt, um zu bemerken, daß Iwan, statt sofort in den Korridor zu verschwinden, die ganze Breite des großen, geräumigen Salons durchmaß, um durch das Speisezimmer hinauszugehen, wo er mit der nach innen sich öffnenden Tür heftig gegen Fräulein Vareskoi stieß. Sein würdevolles Gesicht zeigte nicht den geringsten Ausdruck, als er sich damit entschuldigte, daß er nicht gewußt hätte, daß Olga Petrowna hier sei.

»Warum gehen Sie nicht nach dem Korridor ab, wie es sich gehört?« fuhr sie ihn an.

»Euer Gnaden zu Befehl – ich habe hier zu tun«, war die unbeirrte Antwort, und Olga Petrowna räumte zornrot das Feld. Ein Tablett ergreifend, folgte Iwan ihr auf dem Fuße, stellte das Gerät auf einen Tisch im Korridor und wartete in devotester Haltung, bis Olga Petrowna in ihrem Zimmer verschwunden sein würde.

Da verlor sie, wie man zu sagen pflegt, ihre Nerven.

»Was machen Sie da?« rief sie den Kammerdiener an.

»Wie befehlen?« fragte Iwan mit einem Schimmer von wohltemperiertem Erstaunen, und sie hatte die Frage zu wiederholen, sie wiederholte sie sogar wirklich in ihrem Zorn, geschlagen worden zu sein.

»Ich habe hier zu warten, bis Durchlaucht das Zeichen geben, dem Besuch die Tür zu öffnen«, erwiderte Iwan devot. Da ging Olga Petrowna in ihr Zimmer und schlug die Tür heftig hinter sich zu. Und nun genehmigte Iwan sich den Luxus eines breiten Grinsens.

»Erst geht sie 'raus, und dann will sie horchen«, schmunzelte er. »Denn warum? Weil das ihre Natur ist, zu schnüffeln. Der Puff mit der Tür war ihr sehr gesund – ich hatte darauf gerechnet, daß sie ihn kriegen würde. Was Mütterchen Zoe Alexandrowna mit dem welschen Knäs zu sprechen hat, kann wahrscheinlich das ganze Hotel hier hören. Aber Mütterchen Olga Petrowna sollte sich justament nicht daran erbauen.«

Woraus erhellt, daß Iwan nur dem Genuß einer persönlichen Malice gefrönt hatte, als er seinen und Jelisawetas Dorn im Auge von der allzu nahen Nachbarschaft der dünnen Tür vertrieb, ahnungslos, daß er seiner Herrin damit einen wirklichen Dienst leistete.

Nicht, daß jemand viel von dem Gespräch an sich profitiert hätte – es war, für Zoe wenigstens, ein »Lied ohne Worte«.

Angelo Torcelli hatte die ihm hingehaltene Hand, sich tief auf sie hinabbeugend, geküßt und sie dann festgehalten, als er sich aufrichtete und Zoe ins Auge sah.

»Ich komme, mir Ihr Jawort zu holen«, sagte er schlicht. Das Licht fiel durch die offenen Fenster voll auf sein Gesicht, und sie sah, daß sein Ausdruck überernst war, als hätte er schwere innere Kämpfe gekämpft und – überwunden.

»Haben Sie es wohlüberlegt?« fragte sie angstvoll. »Alles, was ich Ihnen über mich gesagt habe? Sie sehen so – so ernst aus –«

»Es ist eine ernste Stunde, wenn man sich fragt, ob man derer würdig ist, deren Hand man begehrt«, erwiderte Torcelli. »Nicht, daß ich mir etwas vorzuwerfen hätte, das seinen Schatten in die Zukunft werfen könnte; ich bin nicht besser – aber auch nicht schlechter, – als viele andere, die gleich mir jahrelang gedankenlos in den Tag hineingelebt und im Sattel ihren Ehrgeiz befriedigt haben. Aber was kann ich Ihnen bieten, deren Jugend und Schönheit –«

»Angelo!« fiel sie ihm bittend ins Wort, »Sie müssen so nicht reden. Sie tun mir weh. Denn Sie haben mir das geboten, was ich auf dieser Welt am höchsten schätze – Ihr Herz.«

»Mich selbst«, unterbrach er sie, indem es über sein Gesicht zuckte. »Es ist mein heiliger Wille, mich Ihnen ganz zu widmen, was in meinen Kräften steht, für das Glück Ihres Lebens einzusetzen. Wenn Ihnen das genug ist –«

»Mehr als genug – es ist überfließende Glückseligkeit!« fiel sie ihm mit leuchtenden Augen ins Wort. Da zog er sie an seine Brust und küßte ihre Stirn, gerührt, bewegt, dankbar, daß er statt einer schweren, unerträglichen Strafe für sein in der Erregung ausgestoßenes Gelübde ein Herz geschenkt erhalten, das ihn liebte und gläubig ihm vertraute. Aber in dieses Gefühl der Dankbarkeit hinein zog die Reue den Strang des Armensünderglöckleins, das in das Unabänderliche hinein wimmerte und klagte: »Daphne! Daphne!«




3

Iwan hatte auf seinem Posten im Korridor nicht allzulange zu warten, bis er dem Principe Torcelli die Tür öffnen und ihn, wie es sich gebührte, an seine Gondel geleiten konnte; im Salon aber stand Zoe auf der Stelle, an der er Abschied von ihr genommen hatte, noch lange still und sah mit seligem Lächeln herab auf ihre Linke, an deren schlankem, weißem Ringfinger ein seltsamer alter Ring funkelte, mit dem Angelo Torcelli sich ihr verlobt: ein Jahrhunderte altes Erbstück, das die Bräute der Torcelli von der Verlobung bis an den Traualtar trugen; den goldenen Reif des Ringes schmückte eine heraldische Lilie von tafelförmig geschliffenen Diamanten, und auf ihr ruhte, wie ein roter Blutstropfen, ein Herzlein von Rubin . . .

Die Glocken der Salute, die über dem Kanal das »Ave« zu läuten begannen, weckten sie auf aus ihrem seligen Traume von einem für unmöglich gehaltenen Glück. Sie strich mit der Hand über die Stirn, die seine Lippen berührt hatten, wie man eine Reliquie küßt, nicht wie eine jubelnd errungene Braut, aber es genügte ihr, weil sie es nicht anders kannte und heiße Leidenschaft ihr Furcht einflößte und sie abstieß.

Das wunderselige Lächeln auf dem lieblichen Munde, strahlendes Glück in den Augen, trat sie in das Zimmer von Olga Petrowna.

»Ich komme, dich aus deiner Verbannung zu erlösen«, sagte sie herzlich. »Es tut mir leid, dich hereingeschickt zu haben, aber – aber es gibt Momente, wo man seine besten Freunde nicht brauchen kann. Dafür sollst du aber die erste sein, die mir Glück wünscht, denn ich habe mich mit Angelo Torcelli verlobt.«

Olga Petrowna, die sich bei Zoes Eintritt erhoben hatte, mußte sich wieder setzen. Ihr grauer Teint nahm einen fahlen Ton an, und um ihren Mund grub sich ein alter Zug.

»Ist das ein Scherz?« fragte sie mühsam.

»Oh – aber –! Kann man mit solchen Dingen scherzen?« rief Zoe vorwurfsvoll. »Nein«, setzte sie strahlend hinzu, »es ist nicht einmal ein Traum, sondern eine wunderbare Tatsache. Ach Olga – ich bin ganz unbeschreiblich glücklich.«

»Und Fürst Sarakow ist noch kein Jahr tot.«

»Du sagst das in einem Tone, als ob ich seinem Andenken ein Unrecht damit antäte«, rief Zoe verwundert. »Wenn es wahr ist, daß die Toten auf uns herabsehen, dann ist er es sicherlich, welcher sich meines Glückes freut und mich segnet, denn er war hier im Leben sehr gütig zu mir und versteht jetzt alles besser als hinieden schon. Zudem hat er nicht gewollt, daß ich allein bleibe, wenn er von mir schiede. Er hat es mir selbst gesagt.«

»Tat er das? In der Tat«, nickte Olga Petrowna, »man lernt nie aus. Ich habe dich für eine Frau gehalten, um die zu werben nicht leicht wäre, und siehe da! Es erscheint nach zwei-, dreimaliger Begegnung unter Austausch von einem halben Schock von Gemeinplätzen ein Ritter, dem die Burg über dem Kopfe zusammenzufallen droht, wirft mit Tiraden nach berühmten Mustern um sich, und du sinkst ihm hingerissen an die Brust. Es ist eigentlich zum Lachen!«

Zoe war unter diesen Worten tief verletzt zurückgetreten, aber sie nahm sich zusammen.

»Es ist wirklich zum Lachen – wie wenig du mich kennst!« sagte sie sanft und freundlich, ja mit einem gewissen Mitleid. »Oder vielleicht weißt du's nicht, daß eine Zuneigung, daß die Liebe zwischen zwei für einander bestimmten Menschen in dem Augenblick ihrer ersten Begegnung wie ein elektrischer Funken zündend von Herz zu Herzen springt? Doch das ist ein Geheimnis, das freilich nur die Beteiligten ergründen . . . Du dürftest mir schon vertrauen, daß ich nicht ohne tiefe, gründliche Prüfung meiner selbst einen solchen Schritt tun, nicht auf das erste Wort das entscheidende Ja sprechen würde.«

»So hast du mit dem Principe korrespondiert?« rief Olga Petrowna erregt.

»Auf welchem Wege wir uns auch verständigt haben – wir sind einig miteinander geworden«, entgegnete Zoe mit unveränderter Freundlichkeit, doch ihr Blick und ihr Ton zogen ihrem Vertrauen jene feine, aber feste Grenze, die selbst der intimste Freund auf seine eigene Gefahr hin zu respektieren hat. Über Olga Petrownas Züge flog wieder das fahle Rot, das eine sensitive Natur verriet, welche gegen ihr besseres Empfinden Grenzen überschreiten muß. Ob es nun das war, ob ein anderer Grund sie trieb, – sie sprang auf und streckte ihrer Freundin beide Hände entgegen.

»Ich bin ein Ungetüm, ein dummes, auf deine Liebe eifersüchtiges Ungeheuer«, rief sie stürmisch, sich überstürzend. »Du mußt mich tüchtig moralisch schütteln, das wäre mir schon gesund. Natürlich gratuliere ich dir von Herzen. Der Principe ist solch ein gediegener, kluger Mann – ich kann es ja so gut verstehen, daß dein Herz sich zu ihm hingezogen fühlt – Du mußt alles vergessen, was ich gesagt habe in meiner Furcht, du könntest mir verloren gehen – – es war niederträchtiger, gemeiner Egoismus von mir, mit dem ich dich Ärmste bis aufs Blut gepeinigt habe. Aber du bist zu gut, mir etwas nachzutragen! Alles verstehen heißt alles vergeben, nicht wahr?«

»Ja ja, Olguschka – es bleibt alles beim alten zwischen uns«, rief Zoe, schnell versöhnt. Aber es blieb doch das Restgefühl einer Enttäuschung in ihr zurück.


*


Als Angelo Torcelli nach seinem Verlöbnis mit Zoe Sarakow in seinen Palazzo zurückkehrte, wurde ihm gesagt, daß seine Mutter ihn in ihrem Boudoir erwartete. Diese Einladungen pflegten immer die Einleitung zu irgendeiner mit großer Heftigkeit geführten einseitigen Polemik zu sein, wenn Donna Fabiola etwas durchzusetzen wünschte, von dem sie wußte, daß sie es eigentlich nicht durfte. Angelo empfing die Botschaft daher auch ohne allzugroßen Enthusiasmus, da er seiner Mutter aber sowieso die Nachricht seiner Verlobung überbringen wollte, so kam es auf eins heraus.

Donna Fabiola schien ihn mit Ungeduld erwartet zu haben.

»Wo bleibst du denn so lange, Angelo?« kam sie ihm entgegen. »Du hast ein Talent, abwesend zu sein, wenn man mit dir zu reden hat, das wirklich erstaunlich ist. Du hättest auch so viel Rücksicht nehmen können, mich wissen zu lassen, daß du die Gondel benutzen wolltest, denn als ich sie haben wollte, mußte ich mit langer Nase abziehen. Glaubst du, daß es angenehm ist?«

»Pardon Mama, – ich hätte dich fragen sollen, ob du die Gondel brauchst«, fiel Angelo Torcelli ein, der die Unterlassungssünde allerdings mit vollem Bewußtsein begangen hatte, um langen Fragen nach dem »Wohin?« auszuweichen. »Ich hatte verstanden, daß du mit Daphne einen Ausflug in ihrem Segelboot machen wolltest –«

»Segelboote machen mich nervös! Warum haben wir noch kein Motorboot? Alle Welt schafft sich eines an, aber wir Torcelli sind in allem zurück . . . Doch davon wollte ich nicht reden. Daphne ist allein gesegelt – bis es einmal ein Unglück geben wird.«

»Bewahre, Mama! Daphne ist vollkommen Herrin ihres Bootes.«

»Es ist ein unweiblicher Sport«, entschied Donna Fabiola. »Wenigstens von unserem Standpunkt aus; die Engländer haben darüber andere Anschauungen. Dieses Mädchen segelt, reitet im roten Felde, klettert wie eine Gemse in den Bergen herum, behauptet, es würde krank, wenn es nicht täglich so und soviel Stunden bei scharfer Bewegung in freier Luft zugebracht hat und – will nun ins Kloster gehen. Wo bleibt da die Konsequenz, frage ich?«

»Daphne will ins Kloster gehen?« fragte Torcelli so erstaunt, daß er sich setzen mußte. »Ja um alles in der Welt, seit wann denn?«

»Sie behauptet, die Berufung zur Klosterfrau immer gehabt zu haben«, rief Donna Fabiola erregt. »Gesagt hat sie's mir heut nachmittag. Ich wollte dich gleich deswegen sprechen, aber du warst natürlich fort. Du bist immer fort, wenn man mit dir reden will! Sie will hier in Venedig bei Santa Croce als Novize eintreten. Eine Verwandte ihrer Mutter, Suor Chiara, ist dort Nonne – aber du weißt ja, daß Daphne öfter hinüberfährt, sie zu besuchen. Jedenfalls hat diese ihr den verrückten Gedanken in den Kopf gesetzt. Ich habe an sich nichts gegen den Klosterberuf – er ist eine vortreffliche Versorgung für undotierte Töchter, und Laura zum Beispiel könnte gar nichts Besseres tun, als Nonne zu werden . . . aber für eine Erbin wie Daphne . . . Natürlich haben die Vormünder ein Wort mitzureden, und mir ist es sehr unangenehm, denn nun werden sie denken, ich hätte Daphne ins Kloster bugsiert, ich! Und wenn sie ihren Willen durchsetzt – sie setzt ja immer ihren Willen durch, nicht mit Trotz oder Heftigkeit, sondern lachend, gerade wie wenn sie spielte – was soll denn aus ihrem Erbteil werden? Der Fürstentitel der Corleone mit dem Palast in Rom fällt an mich, das weiß ich sehr gut, aber was tue ich damit? Wo nehme ich das Geld her zur Erhaltung des Palastes, eh? Die Bildergalerie ist so gut wie ein totes, fressendes Kapital, seit das dumme Gesetz existiert, das die Ausfuhr der Kunstwerke verbietet und dem Staate im Inland das Vorkaufsrecht sichert. Was zahlt denn der Staat? Eine Bagatelle! Schließlich wäre es schon noch besser als nichts, aber man hat doch auch ein Herz, das sich dagegen sträubt, die Galerie Corleone aus dem Palast herauszulassen und diesen dem Meistbieter zu verkaufen. Und das alles, weil mein Herr Sohn – fahre nicht auf, Angelo! (Der Prinzipe hatte sich nicht gerührt). Ich sage ja nichts mehr darüber – hin ist hin!«

»Die Vormünder werden Daphne ihre Einwilligung verweigern, solange sie minderjährig ist«, meinte Torcelli. Und bis dahin ändert sie ihren Sinn vielleicht noch – vielleicht auch nicht, denn ich halte sie nicht für wankelmütig . . . Was mich betrifft –«

»Gerade darüber hatte ich dich sprechen wollen«, unterbrach ihn Donna Fabiola, indem sie einen Brief mit fremdländischer Marke aufnahm und mehrere engbeschriebene Bogen daraus hervorzog. »Ich habe dir nicht gesagt, daß ich an meine Cousine Bice, die italienische Botschafterin in Petersburg, geschrieben habe, um Erkundigungen über die Fürstin Sarakow einzuziehen. Fahre nicht auf, Angelo – (der Prinzipe hatte sich nur resigniert zurückgelehnt), es war meine Pflicht als Mutter, es zu tun. Und wer könnte bessere Auskunft geben als meine Cousine Bice? Natürlich habe ich nichts davon gesagt, daß du . . . wozu erst die Zungen in Bewegung setzen, und wenn man erst vermutet, daß – daß Absichten nicht ausgeschlossen sind, so erfährt man ja doch nichts mehr. Nein, ich habe nur geschrieben, die Fürstin wäre hier aufgetaucht, und weil doch so viel Abenteurer und Hochstapler gerade in Italien ihr Unwesen treiben . . . und so weiter und so weiter. Nun höre, was Bice schreibt. Wenn hier ist es: Also die schöne Zoe Sarakow habt Ihr kennengelernt! Nach dem gräßlichen Nervenschock durch die Ermordung ihres Gatten – der nebenbei ihr Vater hätte sein können, reichlich sogar, – war es ein guter Entschluß von ihr, auf Reisen zu gehen, namentlich da sie in Fräulein Vareskoi eine vortreffliche Gesellschafterin mitgenommen hat. Es ist viel besprochen worden, daß Sarakow sich eine so junge Frau nahm – ich finde es viel wunderbarer, daß ein so junges Mädchen sich entschließen konnte, einen so alten Mann, den Jugendfreund ihres eigenen Vaters, zu heiraten. Freilich, wohl bedeutete dieser Schritt viel für die damalige Comtesse Berdischeff, die sozusagen ein Blatt im Winde war, nachdem ihr Vater, der Generaladjutant des Kaisers, so jäh von seiner Höhe gestürzt und verbannt wurde. Er starb schon im ersten Jahre in Sibirien, er hat es eben nicht verwinden können. Fürst Sarakow hatte Mut, die Tochter des Verbannten zu heiraten, denn er trat damit für die Unschuld seines Freundes ein, der in der Tat das Opfer eines Klüngels gewesen sein soll, welchem er im Wege war, weil er nicht bestochen werden konnte. Der Zar selbst hat die junge Fürstin Sarakow mit allen Ehren überschüttet, die das Andenken ihres Vaters rehabilitieren sollten: sie wurde Palastdame der Kaiserin, hat den Katharinenorden bekommen, einen Diamantschmuck zur Hochzeit, dessen keine Königin sich zu schämen brauchte, und was weiß ich noch. Übrigens hat Zoe Sarakow sich während ihrer kurzen Ehe und noch kürzeren Witwenschaft ganz einwandfrei benommen; sie war eine taktvolle, ganz neutrale Gouverneurin und scheinbar ihrem Manne sehr zugetan, der sie auf Händen trug. Es liegt nicht der Hauch eines Skandals gegen sie vor, und das will hier viel sagen. Die Leute, die ihre Nase überall hineinstecken, behaupten zwar, sie hätte als Mädchen nicht immer in guter Gesellschaft verkehrt, wäre in verrufenen Stadtteilen mit zweifelhaften Gestalten gesehen worden. Wer weiß denn aber, was Wahres daran ist? Irgend etwas kann nicht ganz richtig, ganz sauber gewesen sein mit der Familie des Hofrates – ich vergaß den Namen – bei dem sie nach der Verbannung General Berdischeffs untergebracht wurde, denn diese Leute verschwanden plötzlich und spurlos, allerdings erst, nachdem Zoe Berdischeff bei der alten Gräfin Rosanow im Hause war. Letztere erzählte, das junge Mädchen wäre gewissermaßen zu ihr geflüchtet, warum aber, hat man nicht erfahren. Also wird schon bei dem Hofrat etwas nicht in Ordnung gewesen sein; ich finde jedoch, es spricht für Zoe Sarakow, daß sie Energie genug hatte, sich diesen Einflüssen, welcher Art sie auch immer waren, zu entziehen. Wenn du sie in der Ca' Torcelli empfängst, so vergiß nicht, euch von ihr etwas vorspielen zu lassen – es ist wunderbar, was sie der Geige entlocken kann, Vielleicht nur noch wunderbarer ist es, wie Fräulein Vareskoi ihre Fantasien ohne Noten begleitet. Zoe Sarakow hat eine ganz eigenartige Schönheit, die einfach hinreißend ist, sobald sie die Violine spielt. Angelo soll nur hübsch sein Herz festhalten, denn es nützt gar nichts, sich in die schöne junge Witwe zu verlieben, die nichts tut, als Körbe austeilen – man munkelt sogar von einem nahen Verwandten des Kaiserhauses, den sie ausgeschlagen hat! Ich finde es auch geradezu unschicklich, dieses Goldfischangeln! Übrigens soll Zoe Sarakow nur den Nießbrauch des Vermögens ihres Gatten haben, und man behauptet sogar, daß auch dieser bei einer zweiten Vermählung ihr entzogen würde .. .

Donna Fabiola hielt ein, faltete den Brief wieder zusammen, steckte ihn in den Umschlag und sah ihren Sohn an, der vor sich hinblickte, vornüber gebeugt.

»Hast du gehört, Angelo?« fragte sie scharf. »Du siehst aus, als ob du an etwas ganz anderes gedacht hättest. Ich meine doch, dieser letzte Passus ist so wichtig –«

»Daß Tante Bice ihn eigentlich als ein gekreuztes Postskriptum hätte anhängen müssen«, vollendete Torcelli mit dem Ernst, der seine Mutter immer aufbrachte, weil sie nie recht wußte, wie er es meinte.

»Angelo!« entrüstete sie sich auch sofort, »wie kannst du nur so frivol reden, wo es sich um – um – ja doch, um das Wichtigste handelt.«

»Liebe Mama – die Einkünfte der Fürstin Sarakow haben gar nichts damit zu tun, daß ich durch mein Gelübde gebunden bin, zum mindesten alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ihre Hand zu erringen. Ich habe das Glück gehabt, ohne sonderliche Bemühungen meinerseits, die Zuneigung der Fürstin zu erwerben, und kam, dir zu melden, daß ich mich eben mit ihr verlobt habe.«

Donna Fabiola fehlten, zum ersten Male in ihrem Leben wahrscheinlich, die Worte. Ganz überzeugt davon, daß »ein Gelübde ein Gelübde« war, hatte sie im tiefsten Schreine ihres Herzens den Mangel einer Mitgift doch für ein annullierendes Moment gehalten, eines, das sozusagen die Verpflichtung glatt aufhob.

»Und wenn es nun wahr ist, was Bice schreibt?« sagte sie endlich hilflos.

»So bleibt noch genug, um selbst dir die ersehnte Schwiegertochter zu einem angenehmen Familienmitgliede zu machen«, erwiderte Torcelli mit wider Willen hervorbrechender Bitterkeit. »Sie ist eine sogenannte ›große Dame‹, sie bekleidet ein Ehrenamt bei Hofe, das du stets für begehrenswert betrachtet hast, sie darf einen nur selten verliehenen Orden tragen und besitzt fabelhafte Juwelen. Daß sie nebenbei deinem Sohne ein Herz mitbringt, dessen er selbst sich nicht für wert hält, das fällt freilich nicht ins Gewicht –«

»Und Bice hat geschrieben, sie wäre in verrufenen Stadtteilen in zweifelhafter Gesellschaft gesehen worden!« fiel Donna Fabiola hastig ein, indem sie sich ihrer moralischen Pflichten erinnerte.

»Tante Bice schrieb, soviel ich mich erinnere, ›man sagt‹, erwiderte Torcelli. »Man sagt so viel, liebe Mama! Tante Bice ist doch sicherlich eine der korrektesten und tugendhaftesten Frauen, die ich kenne, und doch hat ›man‹ auch von ihr ›gesagt‹, daß sie ein Rendezvous mit einem Subalternen gehabt hätte, bis es sich herausstellte, daß es die Putzmacherin war, die ihr entschieden ähnlich sieht. Du erinnerst dich der Geschichte? Nun also. Die Comtesse Berdischeff wird sich wohl schwerlich in ›verrufenen Stadtteilen‹ herumgetrieben haben. Aber wenn es dich beruhigt, kann ich sie ja fragen –« »Angelo!«

»Oh, ich zweifle nicht, daß sie mir ganz wahrheitsgetreu antworten wird. Würde – für den Fall, daß ich den Wunsch hätte, diesen Fall aufzuklären. An der Tatsache, daß Zoe meine Verlobte ist, änderte auch ihre Bestätigung nichts. Sie wird morgen zu dir kommen, um sich dir als – Tochter vorzustellen. Vielleicht erwägst du bis dahin, daß es sehr leicht – eine andere hätte sein können. Ihre Freundin, Fräulein Vareskoi zum Beispiel. Ich – ich habe unverdientes Glück gehabt.«

Donna Fabiola gab, wie man so sagt, »klein bei«. – Die ganze Angelegenheit, ihr Verfolg, ihre Lösung erfüllte sie mit einer Art von Furcht und gab ihr einen sehr heilsamen Schreck in punkto voreiliger Gelübde. Es war nicht Angelos Art, sich wegen irgend etwas gleich hoch und heilig zu verschwören, wie sie selbst zum Beispiel es leicht tat. Es lag ihr im Blut; die Corleone waren immer eine sehr leidenschaftliche Rasse gewesen. Was von diesem römischen Blut in Angelos Adern rollte, hatte seine venezianische Abkunft väterlicherseits wohltemperiert; die natürliche Würde, mit welcher der Venezianer zu beherrschen weiß, was immer in ihm kochen und gähren mag, sie hatte ihn vor dererlei Wallungen meist bewahrt – bis ihm eben in einer unbedachten Minute die Entrüstung, der Widerspruchsgeist und die Qual des unerträglich gewordenen Druckes den Boden unter den Füßen fortzogen. Ein dumpfes Schuldbewußtsein gab Donna Fabiola das unbehagliche Gefühl, daß sie eigentlich die Ursache dieses Ausbruches war und dabei irgend etwas gutzumachen hatte, aber das lag zu unterst unter der Last ihrer glänzenden Selbstzufriedenheit und ihres ungeheueren Egoismus, der selbst in dieser Stunde nur die Frage hatte: »Was wird nun aus mir? Wer bezahlt meine Schulden, wenn Angelos Braut nur eine bedingte Mitgift hat oder gar keine?«

Angelo Torcelli deutete sich das Verstummen seiner Mutter, nachdem sie das Unabänderliche begriffen hatte, ganz richtig. Er sah ihr eine Weile zu, wie sie den Brief der Cousine Bice nervös um ihre Finger wickelte, und erhob sich dann.

»Du hattest mir deine Rechnungen geben wollen, Mama«, sagte er geschäftsmäßig. »Falls es dir nicht zu große Mühe macht, würde ich dir dankbar sein, wenn ich sie bald haben könnte. Und alle; nicht wahr, alle! Bitte, vergiß keine, damit ich einmal klar sehen kann, wie es um uns steht.«

»Ich werde sie heute noch zusammensuchen«, erwiderte Donna Fabiola, ohne aufzusehen.

Torcelli verließ ohne weitere Worte das Boudoir seiner Mutter und wandte sich nach seinen eigenen Gemächern. Als er an dem gemeinschaftlichen Salon des oberen Geschosses vorbeiging, hörte er drinnen Klavier spielen – nicht brillant wie seine Mutter und Donna Laura spielten, – eine »altmodische« Romanze von Mendelssohn mit einem Anschlag, der die Saiten klingen und singen ließ, sang ohne Worte ihre eindrucksvolle, mondlichtdurchflimmerte Weise, und er wußte, daß Daphne es war, die drinnen spielte.

Er ging an der Tür vorbei und – kehrte wieder um.

»Besser allein als vor anderen«, dachte er und machte entschlossen die Tür auf.

»Guten Abend, Angelo«, rief Daphne, als sie ihn eintreten sah, ohne ihr Spiel zu unterbrechen.

»Guten Abend, Cousine!« nickte er zurück und setzte sich auf den nächsten Stuhl, bis sie ihre Romanze fertig gespielt hatte. Es fing draußen an zu dämmern, und in dem großen, aber behaglichen Salon krochen die Schatten der Nacht schon schwarz aus den Winkeln und Ecken, aber das war ihm lieb. Wozu sollte sie bei Licht etwas sehen, was er gar nicht gewillt war, ihr zu zeigen. Als sie geendet hatte, aber nicht aufstand, trat er an den Flügel, denselben, auf dem gestern Olga Petrowna ihren Hexensabbath losgelassen, und lehnte sich gegen den aufgeschlagenen Deckel.

»Daphne«, sagte er unbewußt leise, »ich möchte gern von dir ein gutes Wort hören. Ich habe mich verlobt.«

Die schlanken und schöngeformten, aber kräftigen Hände auf den Klaviertasten schlugen einen Akkord an, dessen Tonfolge zu denen gehört, die man danach sein ganzes Leben lang suchen kann und doch nicht wiederfindet – und sanken dann kalt und schwer auf den Schoß der Spielerin herab.

»Mit – mit –« begann Daphne nach einer kleinen Weile.

»Ja – mit Zoe Sarakow«, nickte er bestätigend.

Daphne hatte ein tapferes Herz; es war keine Spur von Sentimentalität in ihr, obschon sie ihre Ideale hatte. In einer gesunden Atmosphäre aufgewachsen, war sie gesund an Leib und Seele, nichts Krankhaftes, Künstliches, Treibhausartiges war in ihr zu finden. Nur eine Portion Romantik, gerade genug, um in der richtigen Höhe über der Prosa des Lebens zu schweben. Aber Daphne Corleone war nicht nur tapfer und unerschrocken, sie war auch loyal – bis an die Grenzen der Unmöglichkeit heran.

Ein kurzes, kaum merkliches Zögern nur, ein momentan verhaltener Atem, und sie streckte ihm ihre kalte Hand entgegen und gab ihm damit einen herzlichen Händedruck.

»Zehn gute Worte für eins«, sagte sie leise. »Hundert, wenn's nach mir ginge. Deine Wahl ist – rasch erfolgt, aber ich kann sie dir nicht verdenken. Die Fürstin Sarakow ist sehr schön – sehr lieblich, was mehr ist. Ich denke auch, sie ist gut. Ich bin dessen sicher, denn sie hat es uns gestern abend selbst gesagt – auf der Amati.«

»Dank, Daphne! Ja, sie ist gut – mehr noch, sie ist mir gut. Sie – sie liebt mich. Sie hat es mir gesagt . . .« Er stockte.

»Das war lieb von dir, Angelo, und ich wünsche dir viel Glück, das allerglücklichste Glück!« sagte Daphne lauter und fester als vorher. »Ich – ich dachte mir, daß es so kommen würde. Es mußte so kommen, denn die Fürstin sieht dem Engel von Bellini so ähnlich, der ja dein Ideal ist. Du hast es mir selbst gesagt, – an meinem ersten Tage in Venedig. Ich dachte natürlich nicht, daß jemand so aussehen könnte nach so langer Zeit. Und daß du die Doppelgängerin des Engels auch gerade in Venedig finden mußtest – gerade in Venedig!«

»Ja – gerade in Venedig!« wiederholte er rein mechanisch und sah über den blonden Kopf seiner Cousine hinweg in den dämmernden Himmel und durch das offene Fenster. »Es geht sonderbar zu im Leben, Daphne! Man kann hundertmal an einer Rose vorübergehen und sieht doch nicht, ob sie weiß ist oder rot. Und dann, wenn man den Jasmin in der Hand hält, weiß man's erst, daß die Rose weiß blühte mit rosigem Kelch und daß man sie vielleicht hätte haben können –«

»Ja – Angelo – ich weiß nicht –«, Daphne ließ die Finger, ohne anzuschlagen, über die Tasten laufen. »Was willst du eigentlich damit sagen? Und warum gerade Jasmin? Es ist eine Totenblume. Oh – ich weiß – der Engel von Bellini hat einen Kranz von Jasminblüten im Haar! Angelo –!« Sie stand auf und lehnte sich zu ihm herüber. »Angelo, lasse die andere, die – wie heißt sie doch? Die gestern auf dem Flügel hier die Hölle losgelassen hat – laß sie nicht über die Schwelle deines Hauses!«

»Du hast eine Antipathie gegen sie gefaßt, Daphne! Nun, ich kann auch nicht sagen, daß ich gerade für sie schwärme – sie war gestern unglaublich taktlos, um es gelind auszudrücken –«

»Sie riecht nach Moschus, Angelo.«

»Dafür haben viele eine Schwärmerei, die ich freilich nicht verstehe. Ich kann nicht sagen, daß mir der Moschusgeruch aufgefallen wäre.«

»N–nein. Vielleicht nicht nach dem Parfüm, das man so nennt. Aber sie riecht nach Moschus. Mir wird ganz elend neben ihr – wie – wie wenn ein Reptil in der Nähe wäre. Ich sagte es dir schon. Und um die Fürstin schwebt es wie Jasminduft. Ich werde immer so schrecklich traurig, wenn ich Jasmin rieche. Aber das ist besser als Moschus. Angelo, lasse diese Olga Petrowna nicht in dein Haus! Ich weiß, sie ist die Freundin der Fürstin – ich weiß aber nicht, wie das möglich ist, außer, daß sie sich um sie herumgeringelt hat – ach, ich schwatze solchen Unsinn! Achte nicht darauf, Angelo! Nur halte dir diese Freundin fern.«

»Herumgeringelt –« wiederholte Torcelli. Ein Verdacht, der ihm heute früh gekommen war, zuckte ihm wieder durch den Kopf. Um ihn loszuwerden, richtete er sich auf und trat einen Schritt vor. »Daphne«, sagte er mit Anstrengung, »was ist das, was meine Mutter von dir behauptet –: du willst ins Kloster gehen?«

»Willst?« wiederholte sie mit einem kurzen Lachen. »Das ist natürlich wieder ganz Tante Fabiola, die gleich sagt, man will auf den Eifelturm steigen, wenn man nebenbei sagt, es soll eine hübsche Aussicht von oben sein. Ich sagte: im Kloster bei Suor Chiara ist's so hübsch ruhig und idyllisch; ich möchte manchmal ganz gern bei ihr leben, schon um – schon um nicht mit dem dummen Geheirate geplagt zu werden.«

»Wer plagt dich?«

»Ach, alle Welt! Wenn ich nicht in Ruhe damit gelassen werde, gehe ich ins Kloster. Ich mag nicht heiraten.«

»Es kann dich niemand dazu zwingen.«

»Ich würd's auch keinem raten! Und in das Kloster käme kolossales Leben, wenn ich drinnen wär'! Wenn ich Suor Chiara besuche, rennen alle Schwestern zusammen und quietschen vor Vergnügen, bei dem Unsinn, den ich ihnen vormache. Natürlich, wenn ich selbst den Schleier trüge, dürfte ich wohl keinen Unsinn mehr machen – ich hab' auch eigentlich die Lust dazu verloren. Und wenn ich hier im Kloster wäre, könntest du – und natürlich auch deine Frau – an das Gitter kommen und mit mir reden – sehen kannst du mich ja nicht, weil man den Schleier bei Besuchen vor dem Gesicht tragen muß, aber das tut nichts, denn ich kann dich sehen – und deine Frau natürlich auch. Ja, das ist eine köstliche Idee! Ich werde im Kloster bei Suor Chiara eintreten, und du kommst mich besuchen!«

»Daphne!« Es klang wie ein unterdrückter Schrei, den Torcelli in ein Lachen umzwang. »Wir können uns hier – ohne Schleier und ohne Gitter sehen!«

»Ich weiß nicht – in spätestens sechs Wochen soll ich ja mit Tante Fabiola nach Rom für den ganzen Winter, damit ich lerne, mich als Principessa Corleone zu fühlen. Ich bin wahrscheinlich sehr »dekadent«, weil's mir so davor graut. Mich friert es, wenn ich an den Palazzo denke mit seinen fünfhundert Zimmern, seinen hallenden Korridoren und Sälen, durch die der Kardinal Corleone allnächtlich seine marmorne Schleppe schleift, wenn er von seinem Sockel herabsteigt, um zu spuken . . . Und wenn ich erst einmal in Rom bin . . . ich meine, es wird schon besser sein, ich bleibe in Venedig im Kloster. Da kommst du – und deine Frau natürlich auch – eher mal nach mir sehen. Aber es wird schon finster, und ich muß gehen, mich zum Pranzo umzuziehen. Auf Wiedersehen, Angelo!«

Damit wollte sie hinaus, doch seine Stimme hielt sie zurück.

»Daphne – willst du mir noch einmal die Hand geben, ehe – ehe es anders wird?«

Sie hatte sich umgewendet, und das letzte scheidende Licht des Tages sammelte sich auf ihrer weißen Gestalt, in ihrem lichten Blonder, in ihrem zartgetönten, charakteristischen Gesicht, in dem die dunklen Augen nun doppelt dunkel erschienen.

»Ehe es anders wird?« wiederholte sie. »Aber es ist ja schon alles anders geworden, seit sie ihren ersten Besuch hier machte. Wenigstens mir kommt es so vor. Dir nicht auch?«

Er antwortete nicht, sondern streckte ihr nur die Hand entgegen, in die sie ohne Zögern die ihrige legte. Und er beugte sich darüber und küßte sie, küßte sie mit einer Inbrunst, unter der es wie ein elektrischer Strom durch sie hindurchrieselte. Hastig entriß sie ihm ihre Hand.

»Das ist eine dumme Sitte, dies Handküssen«, rief sie, indem sie beide Hände auf den Rücken legte. »Bei uns drüben in England küßt man der Königin die Hand – sonst aber niemandem. Ich mag's nicht leiden! Das mußt du nicht wieder tun, Angelo! Versprich mir's! Es ist doch auch nicht nötig zwischen uns beiden!«

»Ich werde es nicht wieder tun. Ich verspreche es. Es ist nicht nötig zwischen uns beiden«, wiederholte er feierlich.

»Also nochmals denn –: alles Glück dir und deiner Erwählten!« Und damit ging sie hinaus.

Eine Stunde später wußten es alle in der Ca' Torcelli, daß Don Angelo endlich eine Braut erwählt, und durch die »unteren Regionen« ging damit ein Seufzer der Erleichterung, und ein lebhaftes Durcheinander der Freude, denn Donna Fabiola war keine leicht zu befriedigende Herrin, und ihr Joch kein sanftes, wohingegen Don Angelo beliebt war und man neben ihm eine gütige Principessa erwartete.

Nach dem Grundsatz, daß »Schadenfreude die reinste Freude« ist, hatte Donna Fabiola es sich nicht versagen können, ihrer Nichte Laura Torcelli das große Ereignis selbst mitzuteilen. Sie kannte sehr genau die Pläne und Hoffnungen Donna Lauras und wußte ebenso genau, daß diese eingebildet und vergeblich waren. Laura Torcelli aber hatte daran mit einer Zähigkeit und einer Blindheit gehangen, die schon an den Fanatismus grenzten, der in ihrer Überzeugung wurzelte, daß es Angelo Torcellis Pflicht war, sie an die Spitze des Hauses zu setzen, dessen Erbrecht sein späteres Erscheinen auf dieser Erde ihr verwirkt hatte. Auf die Erfüllung dieser »Pflicht« hatte sie mit mehr oder weniger Geduld gewartet, zahllose Kerzen und ein silbernes Herz aufgeopfert und sich eingebildet, daß sie ihren Vetter leidenschaftlich liebe. Machte Donna Fabiola sich nun die Freude, die durchaus nicht bequeme Verwandte zu enttäuschen, so machte diese ihr die Gegenfreude, erst in Ohnmacht und dann in Weinkrämpfe zu verfallen, gegen die der Arzt herbeigerufen werden mußte, obwohl ein Eimer kaltes Wasser und ein paar Injurien sicherlich dieselben, wenn nicht die besseren Mittel gewesen wären.

Sehr herzlich war Don Orsos Glückwunsch für seinen Neffen und Gastfreund, wie es nicht anders zu erwarten war bei der Zuneigung, welche beide für einander hegten, und doch entdeckte Angelo Torcellis feines Ohr einen Flor über den freundlichen Segenswünschen für seine Zukunft.

»Welche Einschränkungen deiner Gratulation enthältst du mir vor, Onkel Orso?« fragte Torcelli, als er mit dem Verwandten nach dem Diner allein in der Loggia eine Zigarette rauchte.

Don Orso tat ein paar lange Züge aus seiner Zigarette, ehe er antwortete.

»In Anbetracht meiner kurzen Bekanntschaft mit der Fürstin Sarakow wäre es eine unverantwortliche Überhebung von mir, ein abschließendes Urteil über sie zu fällen«, sagte er. »Das wenige, was ich aber von ihr sah, hat mich sehr für sie eingenommen. Ich meine nicht nur ihre äußere Erscheinung, die schön und eigenartig ist. Ihr Auge hat vielleicht für ihre Jugend einen zu traurig-resignierten Ausdruck. Ich habe es auch einmal wie Furcht daraus hervorbrechen sehen . . . aber ich kann mich darüber getäuscht haben. Jedenfalls möchte ich schwören, daß die Fürstin Sarakow eine edel veranlagte und wahre Natur ist.«

»Ich bin überzeugt davon, Onkel Orso. Und weiter –?«

»Weiter? Willst du noch mehr? Gut, sei es denn, auf die Gefahr hin, von dir ausgelacht zu werden: beschwöre deine Braut, verlange es von ihr als Beweis ihrer Liebe zu dir, daß sie –den Alexandrit nicht mehr trägt. Es ist schon übergenug, daß er in ihrem Besitz ist. Mag sie ihn behalten – fern von ihr aufbewahrt, kann er ihr nicht in dem Maße schaden, wie er es tut, wenn sie ihn ständig bei sich trägt –« »Aber, Onkel Orso –!«

»Ja, ja, ja! Ich weiß schon, was du sagen willst. Aberglauben! Halte es dafür – ich kann nichts tun, um dich zu überzeugen, welch bitterer Ernst es mir mit meiner Warnung ist. Der Alexandrit treibt Zoe Sarakow einem schrecklichen Ende entgegen, wenn sie sich nicht von ihm trennen kann. Es ist furchtbar für mich, der ich es weiß, untätig zusehen zu müssen.«

Und Don Orso trocknete sich mit seinem Taschentuch mit zitternder Hand den Schweiß, der in dicken Tropfen auf seiner Stirn perlte. Angelo Torcelli wußte, daß es der Gute ernst meinte, daß er ganz durchdrungen von seiner Warnung war. Es fiel ihm nicht ein, darüber zu lachen oder zu spötteln oder sich erhaben darüber zu fühlen, schon weil er sich gewisser Dinge erinnerte, in denen Don Orsos eigentümliche Veranlagung oder Begabung eine Rolle spielten, die zum mindesten sehr sonderbar war.

»Der Stein ist wundervoll«, sagte er mit einem mitleidigen Blick auf den sichtlich leidenden alten Herrn. »Ich habe noch nie etwas Ähnliches gesehen. Ich gebe freilich zu, daß der Farbenwechsel mir fast unheimlich vorkommen wollte, das sonderbare Rot einen förmlich drohenden Eindruck auf mich machte. Aber du selbst hast das ja ganz natürlich durch den Dichroismus dieser Steine erklärt. Und das Grün ist so beruhigend für das Auge, so tief und unergründlich.«

»Ja, es ist ein sehr kostbarer, herrlicher Stein«, gab Don Orso halb widerwillig zu. »Laß Daphne ihn zum Beispiel tragen, und sein Einfluß auf sie, auf ihre Gesundheit, auf bestimmte Epochen ihres Lebens, auf an sie herandrängende Ereignisse und Katastrophen wird wunderbar ausgleichend, versöhnend, bewahrend sein, denn der Alexandrit ist einer ihrer Monatssteine. Auf Zoe Sarakow wirkt er vernichtend.«

Angelo Torcelli machte eine ungeduldige Bewegung.

»Sag ihr das selbst, Onkel Orso!«

»Ich habe es ihr gesagt – so deutlich, wie ich durfte. Sie hat mich ausgelacht. Natürlich. Ich habe es nicht anders erwartet, und ich dachte, wenn du – aber ich verstehe es ja sehr gut, daß du dich vor ihr nicht dem Fluch der Lächerlichkeit aussetzen willst, mit dem sie mich jedenfalls schon beladen, falls sie die Sache überhaupt eines Gedankens für wert gehalten hat. Ich habe getan, was ich mußte, indem ich sie und – dich warnte. Kassandra wurde verlacht und verspottet bis – Troja gefallen war. Das ist das Schicksal derer, die sich anmaßen, mehr wissen zu wollen als andere.«

»Es ist nur gut, daß die Warnungen, die ich heute erhalten habe, sich wenigstens nicht auf Zoe – auf meine Verlobte erstrecken«, sagte Torcelli nach einer Weile. »Daphne warnt mich vor Fräulein Vareskoi – auf Grund einer persönlichen Antipathie wenigstens. Das läßt sich hören, obschon auch dabei etwas Seltsames ist, weil sie den direkten Sinneseinfluß des Geruches damit verbindet – sie behauptet, es riecht um Fräulein Vareskoi nach – Moschus. Ich habe davon nichts gespürt, und ich bin sehr empfindlich gegen diesen Geruch –«

»So? Das hat Donna Daphne bemerkt!« nickte Don Orso mehr für sich als für seinen Neffen. »Ich habe mich oft schon gefragt, ob sie nichts geerbt hat von den Gaben ihrer schottischen Heimat. Sie wittert Moschus um die Person der Russin! Moschus!«

»Und Jasmin um Zoe Sarakow«, vollendete Torcelli mit einem leisen Lächeln.

»Jasmin!« wiederholte Don Orso flüsternd. »Angelo, wenn du Einfluß hast auf sie, dann biete ihn auf bis zum Äußersten, damit sie den Alexandriten ablegt. Er darf nicht einmal in ihrer mittelbaren Nähe bleiben, wenn Donna Daphne schon den Jasmin verspürt hat. Angelo, es ist mir solch bitterer Ernst damit.«

Torcelli hätte um nichts in der Welt seinen Onkel kränken wollen, denn er hatte den alten Herrn wirklich zu aufrichtig lieb dazu.

»Ja, ja, Onkel Orso, – ich werde tun, was sich tun läßt«, versicherte er beruhigend. »Rege dich nicht darüber auf. Nur denke nicht, daß ich deine Warnungen in den Wind schlage, wenn Zoe den Alexandrit nicht gleich ablegt. Sie hängt an ihm als an einem teuren Andenken, das dazu einen großen Wert hat, sich durch Seltenheit und Originalität auszeichnet.«

Angelo Torcelli erlaubte sich manchmal seinen sonst sehr lieben und verehrten Verwandten einen »in seine Ideen verrannten Phantasten« zu nennen; trotzdem aber konnte er ja ein Wort wegen des Alexandriten fallen lassen, um Don Orso mit gutem Gewissen sagen zu können, er habe »das Seinige« getan. Daphnes Warnung wegen Fräulein Vareskoi schien ihm viel eher der Beachtung wert. Er prüfte sich selbst mit Bezug auf diese Freundin seiner Verlobten und konnte nicht finden, daß sie ihm in dem Maße unsympathisch war wie seiner Cousine, wennschon sie ihn mit ihren Taktlosigkeiten vom Abend zuvor in eine rechtschaffene Wut versetzt hatte. Und dann war ihm ein Verdacht gekommen – heut früh im Kreuzgange von San Stefano. Warum hatte Fräulein Vareskoi ihrer Freundin weismachen wollen, daß weder ein politisches noch auch ein anderes Motiv für die Ermordung des Gouverneurs vorlag? Wie kommen die Botschaften des »Komitees« in den verschlossenen Kasten Zoe Sarakows?

Angelo Torcelli beschloß, die Augen offen zu halten und – Daphnes Warnung zu beherzigen. An Don Orso und den Alexandriten dachte er nicht mehr.

Zur selben Stunde sagte im Grand Hotel Olga Petrowna ihrer Freundin gute Nacht.

»Süße Träume brauche ich dir nicht erst zu wünschen«, fügte sie scherzend hinzu. »Wenn ich bloß wüßte – du wirst mich für entsetzlich neugierig halten, und ich bekenne, es auch zu sein – wenn ich bloß wüßte, wie du mit dem Principe einig geworden bist! Du bist nie, nicht einen Moment mit ihm allein gewesen – Zoe, lach mich nicht aus, aber ich finde es so furchtbar interessant, zu wissen, wie man sich verlobt.«

Die Fürstin lachte belustigt hellauf. Sie war so glücklich, ihr war so leicht und froh zumute, daß sie heut nur vergnügt machte, was sie gestern noch als eine geschmacklose Taktlosigkeit abgelehnt hatte.

»Diskretion ist Ehrensache!« sagte sie, den Finger auf den Lippen, leuchtendes Glück in den Augen. »Übrigens war ich allein mit Angelo – mit dem Principe. Heute nachmittag, als du beleidigt behauptetest, ich hätte dich hinausgeschickt.«

Olga Petrowna machte ein Gesicht.

»Du hast mich gebeten hinauszugehen – die Form ist unverletzt geblieben, es ist wahr – aber am Ende kommt's doch auf eines heraus. Ich gebe dir, großmütig wie ich nun einmal bin, zu, daß dir nichts anderes übrig blieb; vorausgesetzt natürlich, daß du gewußt hast, weshalb der Principe kam.«

»Es kommt mir ganz so vor, als ob ich's gewußt hätte«, lachte Zoe belustigt.

»Natürlich, es gibt ja eine Post, die solche Dinge vermittelt! Dabei fällt mir ein –: zeige mir doch einmal ein paar vom Fürsten Torcelli geschriebene Worte! Du weißt, ich bin Graphologin, und zwar eine überzeugte!«

»Sobald ich ein Billet oder Brief von ihm erhalte, will ich deinen Wunsch sehr gern erfüllen. Ich habe noch nie ein geschriebenes Wort von ihm gesehen.«

»Zoe!«

»Nein, wirklich! Er kennt auch meine schöne Handschrift noch nicht. Du kennst ja meine chronische Schreibfaulheit. Aber ich will deine neugierige Seele mit Wissenschaft speisen und dir verraten, daß der Weg vom Salotto in der Ca' Torcelli bis zum Speisesaal lang genug ist für die Abmachung eines Besuches, bei dessen Nahen man seine beste Freundin hinausgeschickt.«

»Ah – ich verstehe! Man lernt nie aus! Da hat der Dichter doch recht, der behauptet: ›Wenn zwei sich nur gut sind – keine Sorg' um den Weg‹! Und ich harmloses Geschöpf ziehe hinterdrein und freue mich noch, was ihr zwei für ein schönes Paar seid. Ja, das seid ihr – daran ändert meine Eifersucht nichts. Ich finde sogar, daß die wirklich kaum auffallende Lahmheit des Principe ihm eine ganz charakteristische Distinktion verleiht.«

»Nicht? Ich dachte, es käme mir bloß so vor, Olguschka, und ich freue mich, daß du denselben Eindruck hast! Was deine Eifersucht betrifft, so begreife ich aber wirklich nicht, wie du dazu kommst. Ein Gatte und eine Freundin beanspruchen so verschiedene Gefühle, daß diese doch ganz gut nebeneinander bestehen können.«

Olga Petrowna machte eine ablehnende Bewegung.

»Das bildest du dir ein, mein Herz«, sagte sie mit einem tiefen Seufzer. »Das Ende vom Liede ist aber doch, daß die Freundin Platz machen muß. Ich werde mich beizeiten nach einer Stellung umsehen.«

»Warte es noch ab, Olguschka. Es ist heut noch nicht aller Tage Abend. Und schließlich wäre es meine Pflicht, für dich zu sorgen, wenigstens würde ich mir das nicht nehmen lassen.«

»Wie gut du bist, mein Herz«, murmelte Olga Petrowna; anscheinend tief gerührt, schlug sie die Augen nieder.

»Ja was denn noch? Müde bin ich – und ich meine, diese Frage können wir besser ein andermal besprechen, als beim Gutenachtsagen zwischen Tür und Angel, nicht?«

Olga Petrowna verstand den Wink, behauptete auch, todmüde zu sein, und verfügte sich in ihr Zimmer, wo sie bis nach Mitternacht, ohne aufzusehen, schrieb. Für Zoe Sarakow war es gut, daß dieser lange Brief nicht schon in der vorigen Nacht entstanden war, sonst hätte sie ihren Ausgang am Morgen doch in irgendeiner Weise rechtfertigen müssen, denn ihre Freundin war am folgenden Tage sehr früh auf und stieg gleichfalls über die Reinigungsapparate an der Pforte des Hotels hinweg, um ihren Brief selbst in den Kasten am Postbüro zu stecken, obwohl das Hotel seinen eigenen Briefkasten hatte.

Zoe Sarakow aber wunderte sich wieder über sich selbst, warum sie ihrer Freundin nicht bei dieser Gelegenheit ganz offen erzählte, daß sie sich mit Angelo Torcelli heute früh getroffen hatte, um auf neutralem Boden zur Vermeidung überflüssiger Kommentare mit ihm eine Aussprache zu haben. Es hatte ganz nahe gelegen, diese Begegnung in aller Harmlosigkeit nachträglich zu bekennen, und doch hatte ein Etwas ihr das Wort auf den Lippen zurückgehalten, als hätte eine feste, freundliche Hand sich ihr auf den Mund gelegt.

Sie mußte später daran denken . . .




4

Die Verlobung des Principe Torcelli dal Giglio wurde nicht nur in dem exklusiven Kreise der venezianischen Patrizier lebhaft besprochen, sondern in der ganzen italienischen Gesellschaft und natürlich auch in der russischen Hauptstadt.

Für die »mütterlichen Sorgen«, wie Donna Fabiola ihre Angst um die Mitgift ihrer künftigen Schwiegertochter nannte, war es ein Glück, daß sie in dem fernen Rußland in ihrer Cousine Bice eine getreuliche Berichterstatterin besaß, die umgehend ein Gratulationsschreiben voll des herzlichsten Ausdruckes ihrer Freude und Überraschung sandte und diesem einen Nachtrag beifügte, in dem sie auf Grund authentischer Erkundigungen versicherte, daß Zoe Sarakow der Nießbrauch des enormen Vermögens ihres verewigten Gatten uneingeschränkt zustünde und erst nach ihrem Tode mit den daran verknüpften, ihr zur persönlichen Verfügung stehenden Besitzungen, die freilich für sie unveräußerlich wären, an einen Seitenzweig des Hauses Sarakow fielen. Das Barvermögen des Fürsten – mehrere Millionen Rubel – sei seiner Witwe zugefallen und hätte sie zu einer der reichsten Partien Rußlands gemacht.

Angelo Torcelli hatte seine Verlobte natürlich nicht danach gefragt, aber sie hatte es ihm freiwillig gesagt, indem sie sich das Vorkaufsrecht auf die »Malinconica« erbat, von der sie gehört, daß sie veräußert werden sollte.

»Hat man Ihnen dieses Kapitel aus der Chronik der Torcelli schon erzählt?« hatte er bitter gefragt.

»Nein, nur Ihr alter Kustos, der mich für eine Kauflustige hielt, ehe ich's ahnte, daß die Malinconica – nicht in der Familie bleiben sollte«, erwiderte Zoe leichthin und mit dem schönen, innigen Blick ihrer Augen setzte sie hinzu: »Das darf nicht sein, Angelo – schon der nahen Gruft wegen – die Ruhe der Torcelli soll nicht durch die Stimmen Fremder gestört werden. Wenn die Malinconica schon verkauft werden soll, so lassen Sie mich die Käuferin sein; ich – ich habe so viel überflüssiges Geld –«. Und hier sagte sie ihm, was Tante Bice geschrieben, so ziemlich Wort für Wort.

Er anerkannte mit einem Gefühl der Dankbarkeit den Takt, mit dem sie eine heikle Sache zur Sprache brachte, die er um die Welt nicht hätte berühren wollen und die doch eigentlich nicht zu umgehen war. Aber das einzige, was sein Bewußtsein, ihr von seinem Herzen so blutwenig geben zu können, beruhigte, war wenigstens die unumstößliche Wahrheit, daß ihr Geld bei seiner Werbung keine Rolle gespielt hatte. Seine Empfindlichkeit in diesem Punkte, in dem er mit seiner Mutter niemals zusammenkam, geschweige denn übereinstimmte, war so groß, daß er mit einem wahren Gefühl der Erleichterung nach ihrer Auseinandersetzung erwidern konnte:

»Daß Sie so viel zu Ihrer Verfügung haben, Zoe, freut mich Ihrer eigenen Unabhängigkeit wegen – eine Rolle hat es bei mir nicht gespielt, denn ich habe nichts davon gewußt. Was die Malinconica betrifft, so bleibt sie in meinem – bald unserem – Besitz. Ich habe gestern alle Verhandlungen mit den beiden Kauflustigen definitiv abgebrochen. Diese günstige Wendung danke ich dem Umstande, daß ein kleiner, anscheinend wertloser Besitz, den ich in der Lombardei habe, als Industriegrundstück plötzlich ein Wertobjekt geworden ist, dessen Erlös vollkommen zur Deckung der Verbindlichkeiten ausreicht, die mich zu nötigen drohten, die Malinconica zu verkaufen. Sie würden mich verbinden, Zoe, wenn Sie diesen lombardischen Besitz und seinen gesteigerten Wert vor meiner Mutter unerwähnt ließen. Sie hat ein so sanguinisches Temperament, daß sie daraufhin imstande wäre, den Großmogul oder den Kohinoor zu kaufen.«

Zoe verstand und versprach Schweigen. Das Gespräch fand drei Tage nach der Verlobung gelegentlich eines Rundgangs durch die Ca' Torcelli statt, die ihrer künftigen Herrin dabei in ihrer ganzen Ausdehnung vorgestellt wurde. Zoe sollte natürlich die Räume Donna Fabiolas beziehen, für welche ein ständiges Absteigequartier vorgesehen war. Die Flucht der Fremdenzimmer, in denen Daphne untergebracht war, blieben davon unberührt, ebenso die Wohnungen von je drei Zimmern, welche Donna Laura und Don Orso innehatten.

»Ich möchte Sie nun auch noch bitten, Angelo, eine gleiche Wohnung für Olga Petrowna zu bewilligen«, sagte Zoe, als die ständige Anwesenheit dieser »Pensionäre« erwähnt wurde.

»Ihr Wunsch ist mir natürlich Befehl«, erwiderte er nach einer kleinen Pause, die aber doch lang genug war, um ihr eine tiefe Röte auf die Wangen zu treiben.

»Sie haben keine Sympathie für meine Freundin, Angelo!«

»Das ist ein so persönliches Gefühl, Zoe, daß es Sie unmöglich berühren oder gar verletzen kann. Fräulein Vareskoi hat selbst ihr menschenmöglichstes getan, um – um eine etwaige Sympathie im Keime zu ersticken. Ich muß mich in diesem Punkte absolut frei von Vorurteilen sprechen.«

»Ich weiß – ich weiß, was schuld ist!« rief Zoe lebhaft. »Olga hat mir selbst bekannt, was Sie Ihnen gesagt hat. Es geschah in einer Anwandlung von Eifersucht – sie fürchtete, mich für immer verlieren zu müssen, wenn ich mich verheiratete. Angelo – Sie sind großmütig –: alles verstehen, heißt alles vergeben. Ich habe es auch zuwege gebracht, denn Olgas unbegreifliche Taktlosigkeit hat mich ebenso wenn nicht mehr empört als Sie!«

Der Grund war plausibel, – so plausibel, daß Angelo Torcelli, menschlich gesprochen, ganz gut die Absichtlichkeit der Taktlosigkeit begriff und – großmütig, wie er wirklich war, – auch entschuldigte. Vom Konto Olga Petrownas blieb noch der Verdacht, und er brachte ihn offen zur Sprache.

»Wie Sie vergeben können, Zoe, ist mir eine Pflicht, zu vergessen«, sagte er ohne Zögern. »Aber eine andere Frage gestatten Sie mir: trauen Sie Ihrer Freundin rückhaltlos?«

»Ich weiß nicht!« sagte sie erstaunt. »Trauen – das ist ein schwerwiegendes Wort. Ich habe Olga nicht zur Vertrauten aller meiner Angelegenheiten gemacht. Sie wissen, was ich meine. Ich habe sie auch im Dunkeln gelassen über das Entstehen, die Entwicklung und die Entscheidung meines und Ihres Schicksals. Nicht ein Wort hat sie darüber von mir gehört, denn es gibt Heiligtümer, in welche selbst die Freundschaft keinen Zutritt hat. Ist das Mangel an Vertrauen – mit einem schärferen Wort: Mißtrauen?«

»Die beiden Fälle, Zoe, in denen Sie Fräulein Vareskoi ausgeschlossen haben aus Ihrem Vertrauen, nennen sich im ersteren ›das unerbittliche Muß‹, im zweiten das bewundernswerte Zartgefühl eines Frauenherzens, das sich wie die Mimose vor der Berührung selbst durch die liebreichste Hand schließt. In keinem dieser beiden Fälle kann man von Mißtrauen sprechen. Ich meine: haben Sie Fräulein Vareskoi nie in Verbindung gebracht mit –« er ließ seine Stimme unwillkürlich zum Flüstertone herabsinken – »mit der ›Brüderschaft‹, mit den geheimnisvoll erschienenen Botschaften des ›Komitees‹ –«

»Still!« rief Zoe erbleichend, indem sie sich umsah. »Davon darf man im geschlossenen Raume nicht reden. Sie haben überall ihre Ohren! Bei allem, was Ihnen heilig ist, Angelo, sprechen Sie nie, nirgends, zu keinem Menschen dieses Wort aus, das Sie als Mitwisser verrät. Schwören Sie mir's!«

»Sie sehen zu schwarz, Zoe! Ich schwöre nicht, weil ich nicht wissen kann, ob ich nicht in die Lage kommen werde, durch meine Mitwisserschaft zu Ihrem Schutze eintreten zu müssen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ohne diese Provokation nicht davon sprechen will, nirgends, zu keinem Menschen. Genügt das?«

»Es muß wohl, Angelo. Ich danke Ihnen«, sagte sie mit einem leisen Schauer und einem nochmaligen furchtsamen Blick hinter sich. Sie waren ganz allein in einem langen Korridor, an dessen Ende der Majordomo mit seinem Schlüsselbunde hinter einer eben geöffneten Tür verschwunden war. »Die Gefahr lauert überall«, flüsterte sie, »sie wacht, sie schläft niemals. Darum mußten Sie alles wissen, Sie durften nicht im Dunklen bleiben wie Fürst Sarakow. Ich bin schuld an seinem Ende.«

»Das sind Sie nicht«, erwiderte er mit vollster Überzeugung. »Ich habe die Berichte noch einmal durchgelesen. Das Dekret war die unmittelbare Ursache des Attentates und – wenn man sich auf den Standpunkt des – Feindes versetzen kann, so muß man schon sagen, daß es ihm den Boden unter den Füßen fortzog und ihm keine andere Wahl ließ. Die Aufhebung des Dekretes durch den Nachfolger des Gouverneurs war ein Rückzug, dem man vielleicht einen anderen Namen geben könnte. Wie Fräulein Vareskoi Ihnen dann sagen konnte, daß für das Attentat ein politisches Motiv nicht vorlag, das hat mich zu der Frage veranlaßt, ob Ihnen niemals der Gedanke gekommen ist, daß sie damit absichtlich einen Druck hatte auf Sie ausüben wollen.«

Zoe stand wieder still und sah Torcelli mit großen, erschrockenen Augen an. Dann aber schüttelte sie energisch den Kopf.

»Unmöglich! Ich halte das für vollkommen ausgeschlossen«, sagte sie überzeugt. »Für Olga Petrowna ist jede Maßregel der Regierung so gut wie das Evangelium, so vollkommen und nur zum Wohle aller derer, die es mittelbar oder unmittelbar berührt. Olga ist ultra-konservativ, reaktionär in ihrer politischen Überzeugung. Sie wird nie zugeben, daß ein Regierungserlaß eines der bei uns zum täglichen Brote gewordenen Attentate veranlaßt haben könnte. Sie sind nur ein Ausfluß der Schlechtigkeit der Menschen und ihrer Verblendung. Sie hätte diesen Ansichten selbst widersprochen, wenn sie zugegeben hätte, daß Fürst Sarakow Opfer seiner Politik geworden ist. Das zur Klärung der Wahrheit über Olga Petrownas Verhalten. Von dem Dekret hatte ich nichts gewußt, aber ich habe trotz der Versicherung meiner Freundin das politische Motiv nicht ausgeschlossen. Wie hätte ich das Leben sonst ertragen können? Die Politik ist zwischen Olga und mir nach getroffener Übereinkunft ein Gebiet, das wir nicht betreten, denn wir treffen uns darauf doch nicht, weil ich liberale Ideen habe, die Fürst Sarakow übrigens für ganz vernünftig zu erklären pflegte, weil er sie teilte. Nur nötigte sein Amt ihn oft zu Maßregeln, die sein Liberalismus eigentlich verwarf.« Torcelli hatte aufmerksam zugehört.

»Sie müssen Ihre Freundin besser kennen als ich«, sagte er dann, nicht ohne eine gewisse Reserve im Ton. »In dieser Darstellung ist ihr Verhalten ganz plausibel – wenn auch für den Außenstehenden nicht ohne Einwand. Es gehört ein gewisser politischer Fanatismus dazu, kaltblütig einer Witwe einzureden, daß ein Motiv für den Mord ihres Gatten nicht vorliegt, selbst wenn sie nicht ahnen konnte, daß sie ihre Freundin damit fast unerträglichen Selbstvorwürfen überantwortete. Doch wie gesagt, Sie, Zoe, müssen Ihre Freundin besser beurteilen können, aber auch vielleicht zu mild und – zu sehr nach sich selbst. Sie wünschen also Fräulein Vareskoi in der Ca' Torcelli zu behalten?«

»Nein, so weit geht meine Inanspruchnahme Ihrer Güte nicht«, erwiderte Zoe, indem sie ihm gerührt die Hand reichte. »Ich möchte ihr nur in – in unserem Hause ein Asyl für alle Fälle, ein Absteigequartier für ihre Besuche sichern. Ich bin ihr das schuldig. Es ist meine Absicht, Olga die Oberaufsicht über das Palais Sarakow in Petersburg zu übertragen, – formell, meine ich, denn inoffiziell ist sie längst damit betraut. Ich will ihr damit eine Lebensstellung bieten. Ihr Wohnsitz ist natürlich das Palais Sarakow. Sie verstehen mich?«

»Vollkommen. Was meinen Sie zu den Zimmern neben denen meiner Cousine Laura für Fräulein Vareskoi?«

Zoe meinte, daß sie ganz dem Zweck entsprächen, groß, luftig und angenehm seien, und so wurde diese Angelegenheit geregelt, zu ihrer Befriedigung, während er sich innerlich gelobte, daß Fräulein Vareskoi kein zu häufiger Gast in der Ca' Torcelli sein sollte. Denn voll hatten ihn Zoes Erklärungen nicht überzeugt und sie selbst insofern auch nicht, als aus ihren eigenen Begründungen ein leises Mißtrauen keimte, das freilich noch viel zu tief unter der Erde lag, um bald zum Tageslicht zu dringen . . .

Ehe Torcelli mit seiner Verlobten den Rundgang durch den Palast beendete, brachte sie noch etwas anderes zur Sprache, das sie beschäftigte.

»Donna Fabiola fragte mich, wann wir unsere Vermählung zu feiern gedächten«, sagte sie. »Ich konnte Ihrer Mutter darüber keine bestimmte Antwort geben, da wir dies Thema ja noch nicht besprochen haben. Wenn ich es berühre, so geschieht dies einzig und allein, um Ihnen zu sagen, daß ich nicht gern mehr nach Rußland zurückkehren möchte. Sie werden sich's denken können, warum, Angelo, nicht wahr? Ich hatte Rußland mit der festen Absicht verlassen, es nicht wieder zu betreten. Ich hatte Olga davon nichts gesagt –«

»Ah – also ein dritter Fall, in welchem Sie Ihre Freundin nicht zur Vertrauten machten!« fiel er mit einem bedeutungsvollen Blick ein.

»Ja, es ist wahr. Ich habe daran noch gar nicht gedacht«, bekannte sie. »Ich denke, mein Motiv war, keine Gegenvorstellungen hervorzurufen – gleichviel, Sie haben recht: es ist sonderbar, daß ich es mit Olga nicht besprechen wollte. Jedenfalls war dieser Wunsch der Vater des Gedankens, mir in Venedig einen Palast zu kaufen. Auch das hat Olga erst erfahren, als ich es hier in der Ca' Torcelli zuerst aussprach, und Don Orso sich erbot, Umschau für mich zu halten. Ist es nicht sonderbar? Es hat sie ein wenig gekränkt, glaube ich. Das tat mir leid. Sie haben am Ende doch recht: Olga ist zwar meine Freundin, aber meine Vertraute ist sie nicht – nicht einmal in solch ganz privaten Dingen . . . Doch das gehört nicht hierher, wenigstens nicht jetzt. Angelo, – wann immer Sie es wünschen, daß unsere Vermählung stattfindet: würde es sehr gegen Ihre Gefühle gehen, wenn Ihre Braut aus dem Hotel hier in Venedig mit Ihnen vor den Altar tritt?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich kenne Ihre Motive und füge mich«, erwiderte er ohne Zögern. »Aber die Welt braucht für solche Außergewöhnlichkeiten Erklärungen, wenn sie auch nicht daran glaubt. Zu der ›Welt‹ rechne ich auch meine Verwandten, vor allem meine Mutter. Was wollen wir ihr sagen?«

»Was Sie wollen – ich nehme ja allen Tadel, alles Achselzucken auf mich, muß es auf mich nehmen«, rief Zoe leidenschaftlicher, als Torcelli es ihr zugetraut hatte. »Ich kann nicht mehr nach Rußland zurück, mir graut vor diesem Lande, in dem ich so Schreckliches erfahren, erleben mußte, wo jeder Blick für mich eine Drohung ist! Sagen Sie, es wäre eine Kaprice von mir. Vielleicht ist's auch wirklich eine – auf alle Fälle wird diese ›Erklärung‹ der ›Welt‹ genügen, der wir angehören, die es gewohnt ist, daß verzogene, denkfaule, unmutige Frauen Kapricen haben und diese schreckliche Eigentümlichkeit auch gern verzeiht, wenn die Frauen genügend hübsch, genügend reich und genügend vornehm sind, das heißt einige Titel zu ihrer Verfügung haben. Es wird sich ja wohl eine Erklärung beschaffen lassen, die den bösen Zungen die Möglichkeit nimmt, zu folgern, daß ich landesverwiesen, verpönt oder was weiß ich bin . . .«

Torcelli hatte so recht eigentlich nie über eine etwaige Hochzeitsfeier mit sich selbst als Bräutigam nachgedacht, wenn aber diese Zeremonie vor seinem geistigen Auge gelegentlich einmal vorüberzog, so holte er die Braut natürlich heim . . . Als Daphne ihm noch täglich als einzig annehmbare und pflichtgemäße »Partie« anempfohlen, gepriesen und er damit gründlich in den Widerspruch gegen sie gesetzt wurde, hatte seine Mutter davon geträumt und geschwärmt, daß die Hochzeit natürlich in Rom vom Palazzo Corleone aus stattfinden würde. In Angelos Träumen war später die stattliche Rokokofassade des Palais Sarakow in Sankt Petersburg aufgestiegen. An das Hotel am Kanal Grande in Venedig hatte er nicht gedacht . . . Während er die Motive seiner Verlobten aber verstand, war er nicht so sicher, ob er ihr dankbar dafür sein mußte, daß sie ihm ihr »Skelett im Schranke« gezeigt hatte. Wenn er auch durchaus nicht voll ihre Ansicht über die Furchtbarkeit dieses Gespenstes teilte, wenn er auch ganz und gar davon überzeugt war, daß Fürst Sarakow nicht an ihrer Statt dem Attentate erlegen war und er durchaus nicht an den Todesernst ihrer Lage glaubte, so blieb diese immer noch drohend genug für Erpressungen und andere Versuche unter Einschüchterung der Abtrünnigen. Vielleicht lag der geheimnisvollen Bruderschaft auch nur daran, Zoe in der Furcht zu erhalten, um damit ihr Schweigen zu erzwingen, sich durch Drohungen ihrer Mitarbeiterschaft, das heißt ihrer Spionage zu versichern . . . Dieses Ziel war durchaus zu verstehen, solange Zoe die Gemahlin eines Mannes war, der die Macht besaß, der in engster Fühlung mit der Regierung selbst stand. Nachdem dieser Feind gefallen, war Zoe eigentlich wieder eine für die Bruderschaft bedeutungslose Person geworden, was schon daraus erhellte, daß das sogenannte »Todesurteil« über sie »aufgehoben« wurde. Diese Bedeutungslosigkeit büßte sie durch ihre zweite Ehe eigentlich nicht ein; nach Angelo Torcellis Dafürhalten wurde sie sogar noch unterstrichen, denn er selbst war politisch nie hervorgetreten und hatte auch nicht die Absicht, es zu tun; es war also von ihm nichts zu holen. Er anerkannte Zoes Loyalität, mit der sie ihm ihr gefährliches Geheimnis anvertraute, ehe sie ihm ihr Jawort gab, voll an; seine Achtung vor ihr war dadurch gewachsen und vertieft worden, und er bemitleidete ihre Jugend, die durch die unselige »Bruderschaft« vernichtet und verkümmert worden war, aber dankbar war er für die Mitwisserschaft nicht, da seiner Überzeugung nach bei einer Geheimbündlerei nie etwas Ordentliches herauskommen konnte, noch dazu bei einer solchen, wie Zoe sie angedeutet hatte. Die Versicherung, daß er sich seiner Kenntnis der »Bruderschaft« rücksichtslos bedienen würde, falls sie sich's beikommen ließe, seine Frau zu belästigen, war unüberlegt und mehr zur Beruhigung Zoes gegeben worden; bei näherer Überlegung mußte Torcelli sich sagen, daß er, selbst mit der Polizei hinter sich, nichts ausrichten konnte gegen einen Feind, von dem er wußte, daß er nicht Aug in Aug, sondern meuchlings und aus dem Hinterhalt seiner geheimnisvollen Deckung anzugreifen pflegte. Wenn er also Zoes Geheimnis teilte, so hatte das nur den einen Vorteil, daß er ihr eine Last tragen half, die zu schwer für sie geworden war.


*


»Das war ja ein langer Besuch, Zoe, mein Herz!« – Damit empfing Olga Petrowna ihre Freundin, als diese ins Hotel zurückkehrte, – strahlend, anmutiger, lieblicher denn je und in den Augen das neue, wunderbare Licht, das ihr ganzes Wesen verklärte. Olga Petrowna hatte zu diesem Besuch keine Aufforderung erhalten und war daher allein zurückgeblieben . . .

»Ah – wir haben Zukunftsmusik gemacht«, erwiderte Zoe Sarakow mit einem glücklichen Lächeln. »Der eine Satz dieser Symphonie umfaßte einen Rundgang durch die ganze Ca' Torcelli . . . wer diese Reise nicht gemacht hat, ahnt nichts von der Raumverschwendung in einem venezianischen Paläste – davor dürfen wir daheim uns schon verstecken. Ich glaube, man könnte für 20 größere Haushaltungen ganz gut darin Wohnungen schaffen. Auf alle Fälle haben wir – Principe Torcelli und ich, meine ich – eine sehr mollige kleine Wohnung für eine gewisse Olga Petrowna Vareskoi ausgesucht!«

»Zoe! du willst doch nicht damit sagen, daß du mich bei dir – daß Fürst Torcelli mich bei sich aufnehmen will –?« rief Olga Petrowna scheinbar ungläubig, indem ein Strahl des Triumphs aus ihren kleinen Augen brach.

»Ja, ich will damit sagen, daß der Principe und die Principessa Torcelli dal Giglio sich eine Ehre und ein Vergnügen daraus machen werden, die gewisse hochwohlgeborene Olga Petrowna Vareskoi bei sich zu begrüßen, sooft sie ihnen die Freude machen wird, bei ihnen abzusteigen«, erwiderte Zoe Sarakow beinahe übermütig, indem sie einen tiefen Knix machte.

Olga Petrowna biß sich auf die Lippen und kniff die Augen zu; ihre graue Gesichtsfarbe spielte ins Grünliche hinüber, als ihr für jede Nuance geübtes Ohr die im Gewande des Scherzes erteilte Korrektur, oder was sie als solche auffaßte, herauszuhören vermeinte. Zoe Sarakow hatte eine so merkwürdige Art, die Leute auf den von ihr für richtig erachteten Standpunkt zu stellen – namentlich hatte sich dieses Talent bei ihr in letzter Zeit merkwürdig ausgebildet! Olga Petrowna aber hatte ihre guten Gründe, Beleidigungen, das heißt Redewendungen, die sie als Beleidigungen empfand, zu überhören.

»Ach, ich Arme!« rief sie mit aufgehobenen Händen. »Oder solltest du wissen, daß ich das große Los gewinnen werde? Denn wie sollte ich sonst imstande sein Reisen nach Venedig zu machen?«

»Vom großen Los weiß ich freilich nichts – nur ein kleines, bescheidenes hab' ich für dich bereit«, entgegnete Zoe und erklärte ihrer Freundin dann, wie sie beabsichtigte, für ihre Zukunft zu sorgen. »Du hast selbst gehört, daß Fürst Sarakow sagte, er müsse daran denken, einen Konservator für seine Sammlungen und einen Bibliothekar anzustellen«, meinte sie. »Übrigens möchte ich die Sammlung gern nach Venedig überführen – wir haben ja in Rußland, soviel ich weiß, keine Gesetze, die das verbieten – und da wird es schon notwendig sein, daß du nach Petersburg fährst, einen Katalog machst und die Sachen hierherschickst. Ich selbst – gedenke nicht mehr nach Rußland zurückzukehren.«

»Zoe!« diesmal war Olga Petrowna wirklich ehrlich erstaunt. »Himmlische Güte! Welche Überraschungen werde ich noch an dir erleben? Du kannst dich doch nicht hier verheiraten!«

»Warum kann ich es nicht, Olguschka?«

»Nun, die Leute würden doch denken und sagen – ja, das kann man ja gar nicht aussprechen, was sie sagen würden! Ach – du machst Scherz! Eine Frau wie du, mit einem Schloß auf dem Lande, einem Palast in der Residenz, einem Landhaus an der See, und was weiß ich noch, macht Hochzeit im Ausland, als ob sie daheim oder hier etwas getan hätte, wovor sie sich schämen müßte, oder als wäre sie landesverwiesen, oder als mache sie eine ganz obskure Partie, oder – als fürchtete sie sich, in die Heimat zurückzukehren –«

»Olga, ich denke, man kann es gar nicht aussprechen, was die Leute sagen würden«, unterbrach Zoe ihre Freundin freundlich, aber fest. »Wir wollen uns lieber nicht die Lippen damit beflecken, nicht wahr? Wir beide sind doch mehr als einmal einig darüber gewesen, daß man über den Klatschbasen stehen sollte, und daß der Mensch noch nicht geboren ist, der imstande wäre, sie zu verhindern, ihre Sprachwerkzeuge in Bewegung zu setzen. Übrigens denke ich, daß der Name des Principe Torcelli die Petersburger Gesellschaft eines besseren belehren wird, schon weil die Frau des italienischen Botschafters die Cousine seiner Mutter ist. Ich denke, die Herrschaften werden zur Vermählung hierherkommen, und zwei oder drei nette Leute der Petersburger Kreise werden sich ihnen schon anschließen. Vielleicht tut auch der Zar ein übriges und schickt ein Telegramm, das dann in den Zeitungen gedruckt wird, damit du nicht nötig hast, von Pontius zu Pilatus zu laufen, um zu versichern, daß ich weder in Ungnade noch landesverwiesen bin. Und warum in aller Welt sollte ich mich fürchten, in die Heimat zurückzukehren – ja, weißt du eine Ursache dafür?«

»N – nein«, machte Olga Petrowna gedehnt. »Es müßte denn sein, die Leute glaubten, du fürchtest dich vor den Terroristen, die den Fürsten Sarakow –«

»Olga! die ›Leute‹, die du jetzt mit so viel Gläubigkeit zitierst, haben sich fast ein Jahr davon überzeugen können, daß ich mich nicht vor Terroristen gefürchtet habe, sondern ruhig im Lande geblieben bin, bis mich die Lust zum Reisen überkam«, fiel Zoe mit derselben ruhigen Freundlichkeit ein, indem sie ihrer Freundin fest und gerade ins Angesicht sah. »Man hätte viel zu tun, sich vor einem Schrecken zu fürchten, der ja absolut zwecklos, unnütz verschossenes Pulver bei mir wäre, die ich der Politik so fern stehe – wie du.«

»Ja natürlich – von diesem Standpunkt betrachtet –!« nickte Olga Petrowna. »Aber du kennst meine Angst vor diesen Menschen. Ich kann einmal den Gedanken nicht loswerden, daß der Schuß, der den Fürsten niederstreckte, nicht ihm gegolten hat, der ein Vater des Volks seines Gouvernements war. Die Autoritäten, die Zeitungen waren ja alle einig darüber, daß jeder Schatten eines Motivs für einen politischen Mord, wenn man's schon so nennen will, fehlte –«

»Natürlich, Olguschka, bei uns schreiben und drucken die Zeitungen wie die Papageien, was man ihnen vorsagt – sie müssen's eben.«

»Aber Zoe –«

»Aber Olguschka, wir wissen ja beide, wie's bei uns gemacht wird. Das Dekret gegen die geheimen Gesellschaften, dem der Fürst zum Opfer fiel, weil er es mit seinem Namen decken mußte, sollte totgeschwiegen werden; daher das gedruckte Erstaunen über das mangelnde Motiv des feigen Meuchelmörders!«

Olga Petrowna sah ihre Freundin eine Weile sprachlos blinzelnd an. Sie war wieder grünlich geworden.

»Woher weißt du denn das?« fragte sie mit trockenen Lippen.

»Was, Olguschka?« gab Zoe die Frage ruhig und harmlos zurück, ohne ihre Augen von ihrer Freundin zu wenden.

»Ich meine, daß es ein Dekret gegeben haben soll, das –«

»Gegeben hat«, berichtigte die Fürstin, immer ganz leidenschaftslos und harmlos. »Ja, um solche Dinge zu erfahren, muß man schon ins Ausland gehen; bei uns wagt ja kein Mensch überhaupt mehr zu atmen, wenn es nur einmal in der Stunde erlaubt wird. Mein Informator ist Don Orso Torcelli. Er ist ein Sammler von allen möglichen Dingen, auch von Zeitungsausschnitten der Zeitereignisse. Er hat den Fall Sarakow darunter, in der Darstellung einer offiziösen italienischen Zeitung. Nach dem Berichterstatter, der immer aus einwandfreien Quellen schöpfen soll, liegt der traurige Fall ganz klar. Es ist nicht der Schatten eines Zweifels, daß jenes unselige Dekret die Ursache der Tragödie war.«

»Das – das ist ja sehr interessant«, murmelte Olga Petrowna. »Ja, so etwas erfährt man wirklich bei uns zu Lande nicht. Es wird dich in gewissem Sinne beruhigen, ein Motiv für die – die Tragödie kennengelernt zu haben.«

»Das hat es. Weißt du, der alte Jlgow war auch solch Zeitungsausschnittsammler, und wir haben oft über ihn gelacht. Diese Passion hat doch ihr Gutes, wie man sieht. Ich habe Don Orso dafür gepriesen, denn es ist schrecklich, so im Dunkeln tappen zu müssen.«

»Ja, das ist schrecklich«, bestätigte Olga Petrowna heiser. »Dieser Don Orso ist überhaupt ein Tausendsassa! Ich freue mich schon auf seine nähere Bekanntschaft, obschon ich sagen muß, daß ich es nicht gerade taktvoll finde, die traurige Geschichte, die du kaum verwunden hast, zum Gesprächs- und Unterhaltungsstoff mit dir – ausgerechnet mit dir, zu wählen.«

»Ach, weißt du, Olguschka, die Grenze, wo der Takt anfängt, und wo er aufhört, ist ebenso individuell wie das Gefühl, das die Grenze zieht«, erwiderte Zoe fein, und Fräulein Vareskoi senkte den Kopf.

»Ist es indiskret, nach deinen Motiven zu fragen, die dich veranlassen, dich hier zu vermählen statt von deinem Hause aus?« sagte Olga Petrowna nach einer kleinen Pause.

»Nenn es Kaprize, wenn du willst«, erwiderte Zoe lächelnd.

»Es wäre zum ersten Male, daß du eine hättest.«

»Ja, wahrscheinlich. Aber was willst du? Die Menschen sind aus Unvollkommenheiten zusammengesetzt, und der Beste unter uns erliegt einmal der Schwäche, gegen die er zumeist ankämpft. Ich kann nicht anders. Ich habe dagegen gekämpft, aber es ist stärker als ich.«

»Und Fürst Torcelli? Was sagt er dazu?«

»Offen gesagt –: er hat große Augen gemacht. Und Donna Fabiola noch größere. Die größten aber machte die englisch-italienische Cousine mit den vielen Titeln. Aber das ist ein liebes Wesen, diese Daphne. Wenn ich an der Stelle meines Verlobten gewesen wäre, um keine andere hätte ich geworben, als um sie – zum Glück für mich aber dachte er nicht daran . . . also, die süße Daphne hatte schließlich einen sehr hübschen Gedanken. Sie sagte: wenn Könige oder Thronfolger sich vermählen, müßte die Braut dazu immer nach der Residenz kommen, also wär es ganz gerechtfertigt, wenn unsere Hochzeit in Venedig stattfände, da jeder Principe Torcelli gewissermaßen Thronfolge der Dogenwürde wäre, obschon die Republik zu sein aufgehört hätte . .. Das war hübsch gesagt, nicht?«

»Hm! Man könnte es auch als eine maßlose Arroganz auffassen«, machte Olga Petrowna achselzuckend. »Übrigens ist diese blonde Cousine mit den vielen Titeln wirklich gefährlich hübsch . . . vielleicht mehr pikant als direkt schön durch den Gegensatz ihrer hellen Haare mit den dunklen Augen. Diese Augen können, glaube ich, unbequem werden – sie spiegeln bis zum Grunde wider, was sie sehen, wie die Augen der Kinder. Bleibt die Principessa Corleone auch als eiserner Bestand in der Ca' Torcelli?«

»O nein – sie geht mit Donna Fabiola und Donna Laura nächsten Monat nach Rom in ihren Palazzo. Es bleibt nur Don Orso in der Ca' Torcelli zurück.«

»So so! Nun, es wir für dich angenehmer sein, die Regierung ohne eine Schar weiblicher Anverwandter anzutreten. Ist ein Termin für die Hochzeit festgesetzt?«

»Ja – wir wollen uns Mitte Oktober vermählen. Also in zirka vier Wochen. Und darum, Olguschka, wäre es unendlich lieb und freundlich von dir, wenn du jetzt nach Petersburg reistest, dort alles für mich zu ordnen –«

»Und dann dich hier installieren zu helfen. Aber mit tausend Freuden, Zoe mein Herz! Und die Hochzeitsreise –«

»Geht nicht weit, Olguschka! Nur – bis zur Malinconica!«

»Herr, du meine Güte! Hat man es schon erlebt, daß ein junges Ehepaar sich seine künftige Gruft zum Ziel der Hochzeitsreise aussucht?« – Olga Petrowna war ehrlich entsetzt.

»Auf dem Landgut des Fürsten Sarakow liegt das Mausoleum auch im Park. Vielleicht ein bißchen weiter vom Schloß, weil der Park größer ist«, erwiderte Zoe mit leisem Lächeln. »Donna Fabiola hat mir die Malinconica mit Wonne abgetreten, und morgen fahre ich mit Angelo –dem Prinzen Torcelli, hinaus, begleitet von dem Chef des großen Möbelhauses an der Merceria, um die Einrichtung zu ergänzen oder überhaupt erst zu machen. Man müßte die Sessel mit grünem Brokat beziehen und für das Empirebett Vorhänge von Silberbrokat nehmen. Und mit einem in die Ferne gerichteten Blick setzte Zoe leise, wie für sich, hinzu: »Nein, ich sah den Katafalk mit Weiß bedeckt . . . nur die Wände waren schwarz verhangen . . .

»Zoe«, rief Olga Petrowna scharf, »du willst doch nicht gar in dem Zimmer schlafen, in dem du das Bett als Katafalk zu sehen vermeint hast? Ich weiß ja, es war eine Phantasie, eine Dichteridee zu einer Ballade, aber trotzdem –!«

»Willst? Ich werde dort schlafen, Olguschka!«

»Ah! Jeder, wie er will«, meinte Olga Petrowna achselzuckend. »Mich würde die Malinconica nicht verlocken, und an deiner Stelle ließe ich lieber die Möbel im Salotto der Ca' Torcelli neu überziehen, denn der Stuhl, auf dem ich saß, hatte ein großes Loch, und die Brokatdecke, die auf dem Sofa lag, war auch nichts als das Mäntelchen der christlichen Liebe, das den zerschlissenen Stoff zudecken mußte. Russische Goldrubel sind dafür wesentlich effektvoller.«

»Das war ungütig gesprochen, Olguschka«, erwiderte Zoe, indem sie sich erhob. »Die Eifersucht ist keine edle Leidenschaft. Ich meine, wir wären darüber einmal einig gewesen. Fürst Torcelli hätte vielleicht nur zu wollen brauchen, um seine Möbel mit englischen Guineen überziehen lassen zu können. Eine Guinee gilt mehr, wesentlich mehr als ein Goldrubel, nicht? Und wer weiß, ob jenes Gold nicht besser und begehrenswerter ist. Ich habe den Eindruck von ihm gewonnen, daß Geld ihn überhaupt nicht reizt. Mich auch nicht. Es öffnet viele Türen, es ist ein Sesam für sonst verschlossene Pforten, aber Glück wohnt selten dahinter.«

»Das sagen alle, welche Armut nie gekannt haben«, sagte Olga Petrowna bitter.

»Ich habe sie gekannt – in ihrer schlimmsten Form, der Abhängigkeit«, entgegnete Zoe. »Das Gnadenbrot, das mir, der Tochter des Verbannten, gegeben wurde, war recht bitter und recht karg und vom Teufel gesegnet. Es ist wahr, ich habe nicht zu hungern brauchen, aber man hat mich trotzdem ärmer gemacht als der Ärmsten eine, denn man hat mir – gottlob nicht für immer – den Glauben genommen an alles, was dem Menschen heilig ist und sein sollte. Es gab Jahre für mich, in denen ich sehr arm war. Das weiß ich erst jetzt, wo ich so reich geworden bin – hier in Venedig!« Sie nickte ihrer Freundin zu und trat in ihr Schlafzimmer, in das nur ihre Kammerfrau unangemeldet Zutritt hatte, und selbst Olga Petrowna nur, wenn sie von ihrer Freundin aufgefordert wurde. Dabei war es ihr, als wäre etwas zu Boden gefallen, was sie mehr fühlte als hörte, weil ein dicker Smyrnateppich den steinernen, unter dem Teppich noch mit Strohmatten geschützten Estrich bedeckte. Sie bückte sich, um nachzusehen, was es sein könnte, und fand die Brosche, die sie getragen hatte, am Boden mit zerbrochener Nadel.

Zoe Sarakow legte den zerbrochenen Schmuckgegenstand in eine Schale auf dem Toilettentisch und trat zu ihrem Juwelenkasten, um daraus ein anderes passendes Schmuckstück zu entnehmen. Fürst Sarakow hatte seiner jungen Frau für ihren Schmuck einen Kasten anfertigen lassen, den ein gewöhnlicher Koffer umschloß. Der Kasten war in der Form eines mit Perlmutter, Gold und Silber eingelegten sogenannten »Kabinetts« gearbeitet, eines Flügelschränkchens, das innen eine mit Samt verkleidete Stahlkammer war, deren Schloß nur der öffnen konnte, der das Geheimnis kannte. Dieses bestand zunächst darin, eine an der Zarge angebrachte Feder zu drücken, worauf eine oberhalb der Türen auf der Krönung befindliche, in Gold inkrustierte Sonnenscheibe, deren Strahlen mit Steinen eingelegt waren, aufsprang und ein im Kreise geordnetes Alphabet zeigte, in dessen Mitte ein beweglicher Zeiger war, mit dessen Spitze die Buchstaben berührt werden mußten, durch welche ein gewähltes Wort gebildet wurde. Jeder Buchstabe aber setzte einen Mechanismus zur Sicherung des Schlosses in Bewegung nach dem System der sogenannten diebessicheren Geldschränke; wer also das gewählte Wort nicht kannte, vermochte den Juwelenkasten nicht zu öffnen, den überdies eine sehr sinnreiche Einrichtung, die vielleicht für gewandte Diebe nicht unüberwindlich, jedenfalls aber sehr zeitraubend war, an jede beliebige Wand festklammerte.

In den beiden Fällen, in welchen Zoe nach ihrem eigenen Geständnis die Kassette einmal durch Olga Petrowna, das andere Mal durch ihre Kammerfrau hatte öffnen lassen, mußte sie natürlich das Wort nennen, auf welches der Mechanismus eingestellt war. Seitdem hatte keine andere Hand als die ihre mehr den Kasten geöffnet, und den Schlüssel, der in das Schloß eingeführt werden mußte, ehe das Werk in Bewegung gesetzt werden konnte, hing an einem feinen goldenen Kettchen unter dem Kleide um ihren Hals; eine Dublette dieses kleinen, flachen, nach dem Yale-System gearbeiteten, vielgezähnten Schlüssels befand sich im Depot des Bankhauses zu Petersburg, das die Geschäfte für das Haus Sarakow besorgte. Sollten beide Schlüssel verloren gehen, hätte der Kasten gesprengt werden müssen, da ein Dietrich nicht im Stande war, seine Stelle, selbst in der Hand des geübtesten Schlossers, zu vertreten.

Dieses so raffiniert gegen unbefugte Eingriffe gesicherte, äußerst hochelegante und kostbare Möbel stand auf einem soliden Tisch an der Wand. Zoe hatte es seit dem Abend im Palazzo Torcelli nicht mehr geöffnet und lächelte leise vor sich hin, als sie den Schlüssel in das Schlüsselschild, den Bart nach oben, steckte, die Sonnenscheibe sich öffnen ließ und den Finger auf den Zeiger legte, um das öffnende Wort mit zu formulieren. Sie lächelte, weil dieses Wort: »Angelo« hieß, unter dessen Schutz sie an jenem Abend die benutzten Juwelen wieder einschloß; sie hatte es gewählt in einem Impulse, als sie zwischen Hoffen und Fürchten schwankte, wie er das aufnehmen würde, was sie ihm zu sagen hatte, gewissermaßen als einen Talisman, als ein Symbol des Sesam, das die so lange und fest verschlossenen Schätze ihres Herzens, ihrer Seele geöffnet hatte. Und deshalb lächelte sie selig vor sich hin, als sie den Zeiger den Namen »Angelo« bilden ließ und jeder der berührten Buchstaben mit einem leisen, scharf schnappenden Laut einsprang, das Hindernis beseitigend, das die Flügeltüren an den sechs Punkten festklammerte. Je länger also das Wort, desto fester und besser die Sicherung, gerade wie wenn ein Dutzend Nägel in einen Kistendeckel geschlagen, ihn natürlich besser befestigen als vier.

Als Zoe nach dem »o« den Schlüssel nach links umdrehte, gingen die Türen des Schränkchens wie von selbst auf und zeigten eine Reihe Schubfächer, in denen die Juwelen auf seidenen oder samtenen Polstern aufbewahrt wurden. In der Mitte befand sich eine nischenartige Vertiefung zur Aufnahme der Etuis für Diademe, die sich in den Schüben nicht unterbringen ließen; ein köstlich gearbeitetes, vergoldetes Halbgitter schloß dieses Gelaß ab. Zoe konnte dies kleine Meisterwerk der Goldschmiedekunst nie ohne ein leises Gefühl des Widerwillens betrachten, denn zwischen den lanzenförmig auslaufenden Spitzen des Gitters waren jene beiden Schreiben eingeklemmt gewesen, die ihr die »Bruderschaft« auf diesem unbegreiflich geheimnisvollen Wege zugestellt; immer wenn sie seitdem den Kasten geöffnet, glaubte sie den dreieckig gefalteten Bogen mit dem schwarzen Siegel vor sich zu sehen, und mochte sie sich auch zehnmal sagen, daß die Form und das Siegel mit dem Totenkopf darauf nichts sei als ein plumper und billiger Apparat, um schwache Seelen in Furcht und Zittern zu versetzen, so mußte sie sich doch bekennen, daß auf sie diese »Mätzchen« seine Wirkung nicht ganz verfehlt hatte. Ein Jahr war vergangen, seit Zoe das zweite Schreiben auf diesem Wege erhalten; das dritte, nach dem Tode ihres Gatten war ja auf das seidene Kissen ihres Ruhebettes geheftet worden, das Jelisaweta noch kurz zuvor geordnet und leer gefunden hatte. Seitdem hatte die Bruderschaft sie weder durch ein Schreiben mehr belästigt noch auch ihre Drohung ausgeführt, die wie das Schwert des Damokles über ihrem Haupte hing, an das sie anfing sich zu gewöhnen, denn es ist eine ganz bekannte Tatsache, daß eine ständige oder lang andauernde Gefahr die Nerven abstumpft und das Furchtgefühl des Anfangs in Gleichgültigkeit umwandelt. Darum hatte sie auch jetzt schon einigemale den dreieckigen, schwarzgesiegelten Schrecken beim Beschauen des Schränkchens vergessen, und heute dachte sie erst recht nicht mehr daran, während ihre lächelnden Lippen das liebe Wort: »Angelo« wiederholten – um so jäher, furchtbarer, niederschmetternder war ihr Entsetzen, als sie die gefürchtete Botschaft heut wieder zwischen die Spitzen des goldenen Gitters geklemmt erblickte.

Sie glaubte erst, ihren Augen nicht zu trauen, und brauchte dann Minuten, die ihr wie Stunden vorkamen, ehe sie imstande war, die unter ihr zusammenbrechenden Knie durch den Willen zu ihrem Dienst zurückzuzwingen, um sie zu tragen wie vorher. Noch längerer Zeit bedurfte sie, ehe sie ihren Widerwillen und ihre Furcht soweit überwunden hatte, das ominöse Dreieck mit spitzen Fingern aus dem Gitter zu lösen. Wie lange hatte es schon darin gesteckt? Es war nicht da, als sie den Schrank öffnete, um den Schmuck herauszunehmen, den sie an dem Abend in der Ca' Torcelli trug; es war nicht da, als sie den Schmuck wieder zurücklegte; vier – fünf Tage waren seitdem vergangen. Und nun war es da. Wäre die Brosche nicht zerbrochen, es hätte noch länger ungefunden dort stecken können.

Die Hauptsache war: Der Feind war nach Venedig gefolgt, er war nicht in Rußland zurückgeblieben – sie war auch hier vor ihm nicht sicher. Wenn er Zutritt hatte in das Hotelzimmer, dessen Privatbesitz von zwei treuen Personen bewacht wurde, so würde er auch Eingang finden in der Ca' Torcelli, deren Pforte ebensowenig für jedermann offenstand wie die des Palais Sarakow in Petersburg. Aber diese Residenz galt für durchaus faul und infiziert durch die geheimen Verbände der Terroristen, die auch Eingang fanden im Zarenpalaste . . . doch hier, in einem fremden Lande, das eine Konstitution hatte, von Freunden überschwemmt wurde . . . Zoe Sarakow las keine italienischen Zeitungen, sonst wäre sie längst eines besseren belehrt worden, »daß die Rache der Bruderschaften« vor dem kunstheiligen Boden Italiens nicht zurückscheute und dunkle, mysteriöse, schreckliche Vorgänge, wie der in der Via Frattino in Rom, in den kein Strahl des Lichtes gefallen ist, zur Tagesordnung gehören.

»Hokuspokus!« sagte sie verächtlich, als sie auf das Siegel des Dreiecks in ihrer Hand herabschaute – schwarzes Papier in Gestalt eines Totenkopfes mit gekreuzten Beinen ausgestanzt. »Ekelhafter, erbärmlicher Hokuspokus!« wiederholte sie, indem sie das Dreieck mit kalten, bebenden Fingern auseinanderfaltete.

Das Blatt war wie die vorigen mit Schreibmaschine beschrieben, die dem Experten nichts verrät. Nur die Unterschrift unter »das Komitee« trug in roter Tinte ein eigentümliches Zeichen, das Zoe Sarakow kannte, denn sie hatte sich seiner auch einst mit dem süßen Schauer bedient, welchen der Jugend solche kabbalistischen Hieroglyphe durch die Adern jagt, ahnungslos, welche Kette es ihr werden kann, welche Schlinge um den Hals . . .

Der Brief aber lautete:


Das Komitee gibt Zoe Alexandrowna Sarakow kund und zu wissen, daß das über sie verhängte Todesurteil wegen Abtrünnigkeit und Ungehorsam keineswegs aufgehoben ist, sondern in Kraft besteht, bis das Komitee es für gut finden wird, es zu vollstrecken. –

Wenn dies bisher noch nicht geschah, nachdem der erste Versuch ihren Gatten irrtümlicherweise niedergestreckt, so war dem Komitee die Erwägung maßgebend, daß einer irrenden Schwester noch eine letzte Chance geboten werden durfte, die darin besteht, durch einen ihre Schuld überwiegenden Dienst die Möglichkeit zu gewinnen, sich vor der Bruderschaft derart zu rehabilitieren, daß durch Abstimmung vielleicht eine Annulierung der Strafe zu erreichen wäre. Das Komitee geht dabei von der Ansicht aus, daß die Verurteilte, Zoe Alexandrowna Sarakow, nicht aus Rachsucht oder Feigheit abtrünnig wurde, sondern aus Unwissenheit.

Worin die Dienstleistung besteht, behält das Komitee sich vor, der Verurteilten, aber zur Begnadigung Empfohlenen auf diesem oder anderem Wege nach Ermessen mitzuteilen.

Gegen die zweite Verehelichung Zoe Alexandrowna Sarakows mit dem venezianischen Patrizier Angelo Torcelli hat das Komitee an sich nichts einzuwenden, aber an dem Tage, an welchem Angelo Torcelli von ihr eine Andeutung, geschweige denn ein volles Bekenntnis über ihre Zugehörigkeit zu der Bruderschaft erhält, ist dieser von ihr erwählte zweite Gatte ein toter Mann.

Das Komitee erwartet von Zoe Alexandrowna Sarakow eine schriftliche Erklärung an Eides Statt, daß eine solche halbe oder ganze Mitteilung weder erfolgt ist noch erfolgen wird. Ein Ausbleiben dieser Erklärung wird als Bekenntnis ihrer Schuld betrachtet und demgemäß geahndet. Das erwartete Schriftstück soll an der Stelle niedergelegt werden, an welcher Zoe Alexandrowna Sarakow dieses Schreiben gefunden hat.

Gez.: Das Komitee.


Zoe Sarakow hatte nach Lesung dieser Zeilen zunächst das Gefühl, als wäre sie zu Eis erstarrt, dann aber ergoß sich wie ein Feuerstrom eine fast sinnlose Angst über sie – nicht um sich selbst, nicht, weil sie noch unter dem Todesurteil der Bruderschaft stand, sondern weil sie durch ihre Loyalität den Mann, den sie liebte, dem Tode geweiht hatte, was sie verhindern wollte. Ihn einer Gefahr auszusetzen, welcher er erliegen konnte wie Fürst Sarakow, das gerade hatte sie durch die Offenheit erreicht: Angelo Torcelli, an dem sie mit Leib und Seele, mit Herz und Gemüt hing, den sie mit der ganzen Kraft der ersten, heiligen Liebe liebte – er war ein toter Mann! Und durch sie! Der scharfe, furchtbare Schmerz, der bei diesem Gedanken durch ihre Seele ging, war dermaßen stark, daß er sie gewissermaßen zur Besinnung zurückpeitschte. Sie glättete das in ihrer Hand zusammengeknüllte Papier und las es noch einmal durch, und was ihr in der ersten Aufregung entgangen war, das wurde ihr jetzt zum rettenden Balken: Das allwissende »Komitee« war einmal wenigstens getäuscht worden, es wußte nicht, was sie Angelo Torcelli bekannt hatte, daß sie mit ihm im Kreuzgange von St. Stefano eine Zusammenkunft gehabt!

Zoe atmete auf wie befreit, im nächsten Moment aber erlag sie der Reaktion des Sturmes, der ihre Seele bis zum Grunde erschüttert hatte – sie sank vor der juwelenstrahlenden Ikone in die Knie und brach in einen Strom von Tränen aus – eine Erleichterung, welche die Natur ihr bisher versagt hatte. Es war wie eine Rettung für sie, denn der erlösende Strom schwemmte den Bann der sinnlosen Angst aus ihrer Seele und öffnete ihren Verstand einer ruhigen Überlegung.

Angelo Torcelli mußte gerettet werden, gerettet um jeden Preis. Zoe fühlte zum ersten Mal, daß man mit Begeisterung in den Tod gehen kann für die, welche man liebt. Die Verwöhnung, mag sie nun durch Menschen groß gezogen werden oder durch die Verhältnisse des Lebens, erzeugt auch bei den bestveranlagtesten Naturen einen gewissen Grad von Egoismus, den nur ein reines Empfinden, die selbstlose Liebe, welcher der Apostel Paulus in seinem Korintherbriefe ein unsterbliches Denkmal gesetzt hat, voll zu überwinden vermag. Es kommt für jedes Menschenherz einmal mindestens im Leben die erhabene Stunde, in welcher es die Probe zu bestehen hat, ob die Liebe, zu der es erwacht ist, auch die rechte, alles überwindende ist und besteht sie die Probe, so richtet sie das noch so tiefgebeugte Herz wunderbar auf und führt es zu der siegreichen Höhe jener Begeisterung, aus welcher die vielen, vielen ungenannten, unbekannten Märtyrer erstehen, die der Kalender nicht nennt.

Als Zoe sich von den Knien erhob, die eben vergossenen Tränen noch auf den zarten Wangen, da war auch nicht eine Spur von Selbstsucht mehr in ihr, nicht ein Gedanke galt mehr ihrer Person, ihrem wahrscheinlich unabwendbaren Schicksal – sie wußte nur, daß sie Angelo Torcelli retten mußte um den Preis ihres Lebens oder ihrer Seele. Zunächst mußte sie die letztere opfern – sie mußte lügen. Ihre zarte Jugend war in der Lehre aufgezogen worden, daß die Lüge eine schwere Sünde sei; in den Jahren, in welchen der Charakter sich entwickelt, hatte die gewissenlose Bruderschaft ihr den überwundenen Standpunkt dieser veralteten Lehre gepredigt und die Lüge als die einzig richtige Waffe im Kampfe ums Dasein erklärt. Mit der Jugendlehre geht es aber wie mit gewissen Pflanzen: Man kann das Erdreich, in welchem sie einmal Wurzeln gefaßt hat, umgraben und wieder umgraben, mit ungelöschtem Kalk bestreuen und mit Säuren ätzen, und siehe da! sie sproßt doch wieder, kümmerlich und verkrüppelt vielleicht, aber dennoch aus irgendeiner unberührt gebliebenen Scholle heraus und drängt zu dem Lichte, dem ihr Same entstammt. So war es auch Zoe Sarakow ergangen – die Liebe zur Wahrheit hatte in ihr gesiegt, und sie verabscheute die Lüge nicht nur als Sünde, sondern auch als Feigheit und Niederträchtigkeit. Und nun stand die Lüge, die nackte, zweifellose Lüge vor ihr als eine Notwendigkeit, als eine Sühne für ihre Schuld.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, nahm die Feder und schrieb mit ihren großen, festen Zügen ohne Zögern, ohne abzusetzen, was keine Todesdrohung gegen ihre eigene Person bisher vermocht hatte. Es war zum ersten Mal, daß sie eine »Botschaft« des »Komitees« beantwortete.


Die Bruderschaft weiß sehr genau und hat es in meiner Austrittserklärung schriftlich von mir erhalten, daß ich mich in Bezug auf das unverbrüchliche Stillschweigen über alles, was die Bruderschaft betrifft, für eidlich gebunden erachte. Die darüber hinaus geforderte besondere Erklärung ist mir deshalb ebenso unverständlich wie sie überflüssig ist. Ich wiederhole sie auch nur deshalb, weil ich gleichzeitig meinem Befremden darüber Ausdruck geben möchte, daß die Bruderschaft immer noch meine Austrittserklärung aus ihrem Verbande zu ignorieren beliebt. Ich wiederhole es: ich sage mich freiwillig und für immer von der Bruderschaft und ihren Zielen los, betrachte mich aber in Bezug auf das Stillschweigen über ihre Existenz und alles, was ich über sie und durch sie erfahren habe und weiß, eidlich für verpflichtet.

Über meine sogenannte »Verurteilung« verliere ich kein Wort, geschweige denn bitte ich um Gnade. Ich hoffe, daß man eine derartige Unwürdigkeit von der Tochter des Generals Berdischeff auch nicht erwartet, der mit dem Rufe: »Für Gott und den Zaren« in die unverdiente Verbannung ging. Der Tod aber ist nicht einmal eine solche, sondern die Pforte zur Heimat.

Zoe Alexandrowna Sarakow.


Als sie glühend von der Begeisterung für das Ziel, für das sie die Sünde und Unwürdigkeit der Lüge auf sich lud, wieder vor ihren Schmuckschrein trat, da packte ein ungeheuerer Ekel sie vor der schleichenden Post, die sich durch's Schlüsselloch bei ihr eindrängte und aus dem Hinterhalt ihre giftigen Pfeile auf sie abschoß. Freilich, was war zu erwarten von einer Vereinigung, deren Ziel nichts war als der feige Mord, die Zerstörung und der Umsturz.

Wie aber war es möglich in diesen Kasten zu dringen, den nicht nur dieser eine Schlüssel und die Kenntnis des Mechanismus, sondern hauptsächlich die Kenntnis des Wortes öffnete, auf das er eingestellt war? Wie, im Namen alles Wunderbaren, konnte man wissen, welches Wort sie wählen würde? Wenn schon ein Taschenspielerkunststückchen dabei in Anwendung kam, durch wessen Hand wurde es ausgeführt? Wer war der Helfershelfer? Zoe war von der Integrität Jelisawetas und Iwans vollkommen überzeugt, weil Fürst Sarakow es auch gewesen war; er, dessen Beruf als Diplomat es mit sich brachte, jedermann zu mißtrauen, er hatte diese beiden für zuverlässig, unbestechlich und unwandelbar treu befunden. Sie waren auch nicht aufgelesen, keine »Mietlinge« im Sinne dieses Wortes, sondern durch Jugendbande mit dem Fürsten verknüpft, denn Jelisaweta war seine Milchschwester und Iwan, der Sohn von seines Vaters Kammerdiener, war der Gespiele seiner Kindheit gewesen, hatte den Elementarunterricht mit ihm geteilt, war ihm als Diener aufs Gymnasium, die Universität, auf die verschiedenen Etappen seiner diplomatischen Laufbahn gefolgt und diente nun der Witwe seines Herrn. Zoe wußte, wenn sie Jelisaweta den Befehl gab, den Juwelenschrein nicht aus den Augen zu lassen, daß sie dann davor sitzen blieb wie eine Schildwache; aber dann konnte, wer immer es auch war, nicht zu ihrer Antwort an das »Komitee« gelangen, soviel stand fest. Durch Zauberei war der Brief aus dem Kasten nicht zu locken, es mußte also eine Person von Fleisch und Blut erscheinen, um das an sich scheinbar Unmögliche durch irgendein Mittel zu erreichen. Wer war diese Person? Zoe wollte dem unsichtbaren Feind das Handwerk legen, sobald er und zum letzten Mal, wie sie sich schwor, in dieses unzugängliche Gelaß eingedrungen war, sich seine Antwort zu holen.

Sie steckte also den Brief in das Gitter, schloß den Schrein und stellte ihn auf das Wort: »Petersburg«.

Kaum war sie darauf wieder an ihren Schreibtisch getreten und hatte den Brief des Komitees in ein Schubfach getan, als es an ihre Tür klopfte, und ehe sie »herein« sagen konnte, erschien Olga Petrowna in der Tür.

»Verzeih, wenn ich störe«, sagte sie, »aber mir ist wegen unserer Verabredung ein Gedanke gekommen. Ja, was ist dir, mein Herz?« unterbrach sie sich, »du siehst erhitzt aus und – ja, und verstört! Hast du schlechte Nachrichten erhalten? Du hast geweint, mein armer Liebling.«

»Krokodilstränen. Ich glaube, ich bekomme den Schnupfen«, erwiderte Zoe, die ein vages Gefühl, dessen sie sich nur halb klar war, auch zu dieser Unwahrheit trieb. Weniger, weil sie sich vor ihrer Freundin ihrer Bewegung schämte, als weil sie das unklare Bedürfnis hatte, sie vor ihr zu verbergen. »Ich werde mich zeitig zu Bett legen und Zitronenlimonade trinken.«

»Ja, tue das«, stimmte Olga Petrowna mit einem scharfen Blick auf das Gesicht ihrer Freundin bei, das noch Spuren der eben durchgekämpften und noch in allen ihren Gliedern vibrierenden seelischen Erregung zeigte. »Es war gewiß kalt in den unbewohnten Räumen der Ca' Torcelli und du bist leicht angezogen . . . also zu meinem Gedanken. Wenn ich nach Petersburg zurückkehren und für dich dort alle Geschäfte und das Packen erledigen soll, so muß ich eine Vollmacht dazu haben, die mir dein Sachwalter ausstellen muß. Du mußt dem Mann also schreiben und den Brief mir am besten heut gleich vorausschicken.

»Gut, ich werde heute noch schreiben«, erwiderte Zoe. »Ungefähr so: Ich übertrage Fräulein Olga Petrowna Vareskoi das Recht oder die Vollmacht oder den Auftrag –«

»Wenn es dir recht ist, diktiere ich dir den Wortlaut«, fiel Olga Petrowna ein.

»Das ist sehr freundlich von dir, Olguschka; ich brauche dann nicht selbst zu denken mit meinem schnupfenbenommenen Kopfe«, sagte Zoe mit einem kleinen Seufzer. Sie wäre lieber jetzt allein geblieben, aber sie sah ein, daß Olga Petrowna recht hatte, weil sie Bescheid wußte mit diesen Dingen, und je eher diese Sache erledigt wurde, um so besser für den glatten Verlauf dessen, was getan werden mußte zur Erledigung des Abbruchs ihrer Zelte in der alten Heimat. Sie war nun eigentlich zwecklos geworden, diese Flucht, und Zoe überlegte, ob es nicht besser wäre, die Grenze des Hergebrachten lieber doch nicht zu überschreiten, um den Geliebten zu einem vielleicht nur kurzen Glücke in der orthodoxen Weise an der Schwelle ihres eigenen Hauses zu erwarten und ihm, wie üblich, vom Traualtar unter sein Dach zu folgen. Aber das bedeutete eine Trennung von Wochen vielleicht; und wenn sie auch nur Tage bedeutet hätte, so waren diese viel zu kostbar, als daß sie es über sich vermocht hätte, sie dem Moloch des Brauches zu opfern. Ihre Abneigung vor dem blutgetränkten Boden der Heimat und ihre heiße, hungrige Sehnsucht, von der unmittelbaren Nähe des geliebten Mannes keinen Tag, keine Stunde zu verlieren, entschied. Sie setzte sich an den Schreibtisch, der so ans Fenster gerückt war, daß sie dem Zimmer den Rücken zuwendete und sagte: »Fang an, Olguschka, ich bin bereit.«

Und Olga Petrowna diktierte, indem sie im Zimmer auf- und abging und zuweilen da und dort stehenblieb. Das Diktat war lang, aber präzis und erschöpfend, wie es für den Geschäftsgang erforderlich war und Zoe schrieb es nach, die Gedanken anderswo. Dabei hörte sie die hin- und hergehenden Schritte ihrer Freundin wie ein Nebengeräusch. Einmal gab es einen scharf metallischen Ton, der wie ein drei-viermaliges »Klick-klick! Klick-klick« klang und so deutlich war, daß sie sich unwillkürlich umdrehte – auch eine jener rein mechanischen Bewegungen, die keine Erwartung, kein Mißtrauen, kein Verdacht zu einer voll beabsichtigten macht, sondern in denen das Ohr mit halbem Bewußtsein den Körper zu einer einfachen Muskelbewegung veranlaßt. Zoe sah ihre Freundin vor dem Schmuckschranke stehen, die Linke auf dem Rücken und mit dem Zeigefinger der Rechten, das eingelegte Muster auf einer der Flügeltüren nachziehen. Sie war in diese gleichfalls rein mechanische Beschäftigung so vertieft, daß sie es gar nicht bemerkte, daß Zoe sich umgewendet hatte und gleich darauf den Kopf wieder über ihr Briefblatt beugte.

»Noch mehr, Olguschka?« fragte sie müde, als Olga Petrowna einen neuen Satz begann.

»Nur noch wegen der etwaigen Ausfuhr-Bedenken, Herz. Besser, man gibt gleich die notwendigen Erklärungen als daß der Mann noch einmal darum schreiben muß. Ein paar Worte, aber inhaltsschwer und zeitsparend.«

Und Zoe schrieb die paar Worte, die eine Oktavseite füllten. Mitten darin machte das »Klick-klick! Klick-klick!« von vorhin sie wieder aufhorchen und diesmal wandte sie sich aufmerksamer um. Olga Petrowna stand mit dem Rücken gegen den Schmuckschrein, den Blick auf den Plafond gerichtet, als holte sie sich von den gemalten und vergoldeten Balken desselben ihre Inspiration.

»Was war das?« fragte Zoe, vage beunruhigt.

»Was?« fragte Olga Petrowna erstaunt zurück.

»Das Geräusch – klick-klick!«

»Ja? Wo? Hier im Zimmer? Das müßte ich doch auch gehört haben. Es wird draußen gewesen sein.«

Olga Petrowna schien der Sache gar keine Bedeutung beizulegen, sondern diktierte ruhig den abgebrochenen Satz zu Ende und ging dann mit einem: »Also auf Wiedersehen beim Diner, Herz –« nach dem Salon hinaus.

Als sich Zoe zum Diner fertig machte, bemerkte sie vor dem Spiegel, daß sie über ihrem Schrecken vergessen hatte, die Brosche aus dem Schmuckschrank zu nehmen. Sie öffnete also nochmal den Schrein auf das lange und umständliche Wort »Petersburg«. Die Flügeltüren flogen auf und Zoe hätte fast einen Schrei ausgestoßen: ihr Brief, die Antwort an das »Komitee«, die sie vor einer halben Stunde hineingetan, war daraus verschwunden!

Und sie hatte das Zimmer nicht für einen Moment verlassen, das Unmögliche war in ihrer Gegenwart geschehen, kein Mensch hatte ihres Wissens den Raum betreten – Olga Petrowna!

Heiß schoß Zoe das Blut bei diesem Namen ins Gesicht; im nächsten Augenblicke schon verwarf sie aber den Gedanken als eine Unmöglichkeit. Um den Schrank zu öffnen, bedurfte es immer einer gewissen Zeit und Umständlichkeit. Gesetzt also, daß jemand einen Nachschlüssel hatte und das Wort kannte, so wäre er nicht imstande gewesen, den Schrank so rasch zu öffnen und wieder zu schließen, daß seine Besitzerin auch mit abgewendetem Gesicht es nicht bemerkt hätte; außerdem war die Chance, daß sie abgewendet blieb, sehr gering. Wer aber auch immer seine Hand im Spiele hatte, die Tatsache blieb, daß der Brief aus dem verschlossenen, mit einer langen, umständlichen, nur Zoe bekannten Formel unzugänglich gemachten Kasten in ihrer Gegenwart bei Tageslicht spurlos verschwunden war und ein kalter, abergläubischer Schauer kroch ihr durch die Glieder. Das ging nicht mit rechten Dingen zu, und wenn schon, dann besaßen diese Dämonen in Menschengestalt Mittel und Wege, die der Teufel ihnen segnete.

Zoe fühlte auf einmal, wie ihre Nerven nachgeben wollten, wie die Lust sie überkam, einen Schrei um den anderen auszustoßen, damit das ganze Hotel zusammenlief, um sie vor diesem verkappten Feinde zu retten; aber während sie mit beiden Händen ihren Kopf faßte und sich zu sammeln suchte, trat Jelisaweta in das Zimmer.

»Mütterchen«, begann sie noch in der Tür, »Seine Durchlaucht, der Principe, ist gekommen und fragt, ob du ihn noch empfangen könntest.«

»Angelo!« es kam wie eine Befreiung von ihren Lippen, der Bann wich, der liebe, liebe Name hatte sie vor etwas Schrecklichem gerettet. Mit fliegenden Händen nahm sie die erste Brosche aus dem Schrein, schloß ihn, um es nur rasch zu machen, auf die Buchstaben »A. T.« und lief wie gejagt in den Salon, wo Angelo Torcelli inzwischen eingetreten war. Und als sie ihn sah, schien er ihr wie der Fels in dem Meer, das sie zu ertränken drohte, wie die Zuflucht aus einem Gewimmel von Dämonen zum ersten Male seit sie ihn kannte, warf sie sich ihm an die Brust und schlang die Arme um seinen Hals.

»Angelo! Angelo! Gottlob, daß du da bist«, stammelte sie. Er schlang seinen Arm um die schlanke Gestalt und berührte das brennende Gesicht, das an seiner Brust lag, leicht und ehrerbietig wie ein Heiligenbild mit den Lippen.

»Brauchst du mich, Zoe?« fragte er freundlich. »Es sind noch keine zwei Stunden, daß du die Ca' Torcelli verlassen hast, und schon bin ich dir wieder unter den Augen. Ich kam noch einmal wegen unserer Partie nach der Malinconica. Meine Mutter meinte –«

»Ja ja, wir besprechen das alles noch«, unterbrach sie ihn, ohne ihre Arme von seinem Hals zu lösen. »Nur diesen Moment – es hat mich etwas außer Fassung gebracht – bleib zum Essen bei mir, Angelo! Wenn du da bist, ist alles wieder gut. Wir schicken nach der Ca' Torcelli und lassen sagen, daß du hierbleibst – ich will auch eine Zeile an deine Mutter schreiben. Nur bleib hier, tu mir die Liebe –«

»Aber sicherlich, Zoe, es bedarf nicht dieser Beschwörungen. Du brauchst nur zu sagen bleib und ich bleibe. Sehr gern! Aber sage mir, was –«

»Nichts. Kein Wort, kein Laut, Angelo! Die Wände haben hier Ohren!« flüsterte sie ihm zu. »Und kein Wort vor Olga Petrowna, ich bitte dich darum! Sie – sie plagt mich mit ihrer Fürsorge. Und dann – oh, da ist sie!« Sie war's. Sie glitt durch die Tür aus dem Speisezimmer in den Salon und fuhr mit einem lächelnden »Pardon« zurück beim Anblick des sich umschlungen haltenden Paares, das sofort eine korrekte Haltung annahm.

»Denk nur, welch reizende Überraschung für mich, Olguschka!« rief Zoe mit fieberhafter Heiterkeit. »Mein Verlobter ist gekommen, um mit uns zu dinieren! Würdest du so gut sein, Iwan zu sagen, daß er noch ein Gedeck auflegt?«




5

Der Ausflug nach der Malinconica gestaltete sich nach Angelo Torcellis Vorschlag zu einer Familienpartie, an der nur Donna Laura nicht teilnahm, weil sie vorzog, die Enttäuschte und Gekränkte zu spielen, – eine Rolle, die sie indeß nicht abhielt, ruhig unter dem Dache ihres Vetters zu bleiben, »der ihre Hand verschmäht und seine Pflichten gegen sein Haus dadurch verabsäumt hatte«.

Auch Olga Petrowna nahm an dem Ausflug nicht teil, da sie am Abend nach Petersburg abreisen sollte und ihre Sachen zu packen hatte.

Bevor Zoe das Hotel verließ, sagte sie zu ihrer Kammerfrau:

»Höre, Jelisaweta, mir kommt es vor als ob jemand, wenn ich aus bin, in mein Zimmer ginge und darin herumsuchte. Es wäre mir daher lieb, wenn du dich mit deiner Handarbeit hier hereinsetztest und, wenn du zum Essen oder sonst hinausgehst, die Türen abschließen würdest.«

»Mütterchen, die Türen in diesem Lande, das kein Land sondern Wasser und Marmor ist, haben Schlösser, die ein kleines Kind ohne Mühe mit einem krummen Nagel aufmachen kann«, erwiderte Jelisaweta verächtlich. »Wenn du erlaubst, rufe ich Iwan herein, solange ich beim Essen bin. Er ist freilich, besonders während der Mahlzeiten der Gäste, immer im Gange draußen, weil dann die Hoteldiebe ihre Ernte halten, aber besser ist besser. Es ist mir auch schon so vorgekommen, als besuchte »jemand« dein Zimmer, Mütterchen, der nichts darin zu suchen hat. Wenn man reden dürfte –« »Also gut: du bleibst in dem Zimmer und darfst Iwan hereinrufen, wenn du hinausgehst«, unterbrach Zoe schnell die Gute. Klatsch wollte sie nicht hören, und wer weiß; zu welchen Übertreibungen sich Jelisaweta durch ihren Haß verleiten ließ . . .

Trotz des hellen Tages, der leuchtenden Sonne, des blauen, wolkenlosen Himmels kam die »Malinconica« Zoe bei diesem ihrem zweiten Besuche des Landsitzes noch melancholischer, noch verlassener und öder vor als beim ersten Male.

»Es liegt an der Landschaft, an der ihr eigenen Stimmung und Beleuchtung, welche das Gefühl der Verlassenheit, der Trauer in einem auslöst«, sagte Don Orso, als hätte er ihre Gedanken bei der Landung erraten. »Das eigentümliche, silberne Licht, das um diese Stunde Venedig eigen ist, wird durch die vielen Weiden und Oliven in diesem flachen Lande zu einem ins Grau getönten Schleier, den der langsam, kaum merklich fließende Kanal schnurgrade durchschneidet. Es ist die vom Lande abhängige Beleuchtung, welche die melancholische Stimmung macht. Sie sollten die Malinconica bei Mondlicht sehen, bei Vollmond. Dann ist sie zauberhaft, ein Märchenschloß! Aber auch ohne den verzaubernden Mond verdient sie nicht die Vernachlässigung, die sie seit hundert Jahren über sich hat ergehen lassen müssen, und es freut mein altes Torcelli-Herz, daß Sie, liebe und gnädige Nichte in spe, das erkannt haben und diesem imposanten Bau seinen alten Glanz zurückgeben wollen.«

Zoe ging mit Begeisterung ans Werk. Sie entwarf eine lange Liste von Aufträgen, nicht nur zur Instandsetzung und Ergänzung der Möbel, sondern auch für Restaurationsarbeiten der Plafond- und Wandgemälde, die durch das Unbewohntsein des Schlosses teilweise stark gelitten hatten. Der Takt aber, mit dem sie alles tat, war bewundernswert und gewann ihr die Herzen aller Anwesenden. Zoe veranlaßte nichts, ohne sich vorher mit Donna Fabiola beraten und um ihre Erlaubnis zu Vermehrungen oder Veränderungen, auch geringfügigster Art gebeten zu haben. Obgleich Donna Fabiola alle ihre Rechte an der Malinconica ihrer künftigen Schwiegertochter abgetreten hatte, wurde sie von dieser als die eigentliche Herrin angesehen. Geschmeichelt darüber vergaß sie fast ganz, daß die umfassenden Ausgestaltungen des verödeten Landsitzes mit – russischen Rubeln bezahlt wurden.

Das mitgebrachte Picknick, das in dem großen, fast leeren Speisesaal eingenommen wurde, war heiter und angeregt. Nachdem die Mahlzeit beendet war, ging Zoe nochmal in das Gemach mit dem katafalkartigen Bett, denn sie fühlte sich magnetisch von diesem Raum angezogen, den sie wie in einer Vision gesehen oder geahnt hatte, noch ehe ihr Fuß ihn betreten. Irgend etwas wollte ihr an dem Bild dieses Raumes noch nicht stimmen. Allein, ohne Beisein der anderen, wußte sie's gleich: hier gehört eine Tapete von dem weißen Silberbrokat des Bettvorhangs hinein. Wenn sie weiß ist, brauchen die Wände nicht mehr verhängt zu werden, wenn statt des Bettes ein Katafalk unter dem Baldachin zu stehen kommt.

Sie lachte unwillkürlich, weil die Idee des Katafalks in diesem Zimmer, das ihr Schlafzimmer werden sollte, sich so in ihr festgesetzt hatte – – –

»Ah! Principessa Corleone. Suchen Sie mich, Daphne? Darf ich Daphne sagen?«

Sie war aufgesprungen und trat der jungen Erbin entgegen, die sich verwundert umsah.

»Nein, gesucht habe ich Sie nicht«, erwiderte Daphne in ihrer einfachen Art, die nie Umschweife machte. »Ich habe Entdeckungsreisen im Haus gemacht. Natürlich ›dürfen‹ Sie mich Daphne nennen, ich habe schon lange darauf gewartet, daß Sie mir's anbieten würden, denn da ich doch Angelos Cousine bin, so werde ich auch die Ihrige.«

»Die deinige, Daphne, nicht?« fragte Zoe betont und küßte das junge Mädchen auf die Wange. »Ich wußte nicht, wie es hier Sitte ist, aber es zog mich gleich eine Sympathie zu dir. Ich würde mich freuen, wenn du nicht nur meine Cousine, sondern auch meine Freundin würdest, Daphne, wie du auch sicherlich Angelos Freundin bist. Ich hoffe es, denn mir scheint, daß er sehr allein steht . . .«

»Das tut er. Aber jetzt wird er dich haben«, sagte Daphne tapfer.

»Ja, ja – doch wie lange?« rief Zoe mit zuckenden Lippen, und als sie Daphnes erstaunten Blick sah, setzte sie erklärend hinzu: »Ich meine, weil das Leben so unsicher ist. Du weißt, was diese Wahrheit mir so tief eingeprägt hat, – der Tod des Fürsten Sarakow – wir drüben in Rußland wissen nie, ob wir die Sonne am kommenden Morgen wiedersehen werden – ich selbst – was weiß ich, ob ich nicht auch für irgendeine politische Sünde des Fürsten noch zu büßen habe. Sie – die Feinde der Regierung, suchen diese durch alle Mittel zu treffen. Aber ohne das ich weiß nicht, mir ist manchmal, als würde ich nicht alt werden. Und wenn ich gegangen bin, fort, ins unbekannte Land, Daphne, verlasse Angelo dann nicht! Versprich mir's!«

»Ich weiß nicht, ob ich das versprechen kann und darf«, entgegnete Daphne erblaßt. »Wenn er mich ruft, ja dann –«

»Es gibt Stunden im Leben, in denen man ungerufen kommen darf«, fiel Zoe fast feierlich ein. »Denn es kommen auch Stunden für – für den anderen, in denen er die Macht verliert, zu rufen. Du wirst die einzige sein, die ihm dann helfen kann. Ich habe das gefühlt, als ich dir zum ersten Male die Hand reichte, wie du gefühlt hast, daß ich ihm Leid und Weh bringen werde. Ja, sieh mich nur groß an, süße kleine Daphne – man nennt das Telepthieren. Nur warum damals die Augen meiner Seele noch blind, und ich meinte, er müßte dich gewählt haben, weil du so schön, so apart, so verständnisvoll bist. Aber er hat mich gewählt, und weil ich ihn doch so über alles liebe, so war ich zu schwach, ihm zu widerstehen, obgleich ich die Ahnung habe, als wäre dein Empfinden das richtigere gewesen. Aber was reden wir da für Sachen, während draußen die Sonne scheint. Ob die Luft in der Malinconica daran Schuld ist?«

Daphne antwortete nicht. Sie stand mit großen, glänzenden Augen vor Zoe, und in ihr eben noch so blasses Gesicht stieg eine wunderbare, köstliche Röte. Und dann tat sie, was ihr in England nie eingefallen wäre zu tun, weil ihr dort gelehrt worden war, ihre Gefühle zu beherrschen – sie schlug beide Arme um den Hals von Zoe Sarakow und sagt innig:

»Ich danke dir, daß du ihn so über alles liebst! Du hast mir ein Geschenk damit gemacht, du Schöne, Gute, und mir ist's jetzt ganz leicht ums Herz –!«

Zoe Sarakow sah mit umflorten Augen auf den blonden Kopf an ihrer Schulter nieder.

»Vergiß es nie, Daphne, daß ich ihn so sehr geliebt habe«, flüsterte sie. »Nie! Versprich es mir –«

»Ja-ich-«

»Denn dann wirst du auch vieles verstehen lernen«, fuhr Zoe fort. »Ein jeder Mensch hat ein Anrecht an das Glück. Mancher muß lange darauf warten, lange. Ich denke nicht, daß du sehr lange warten wirst, Daphne, nur verliere nicht die Geduld, nicht den Mut, und wenn die Stunde kommt, dann lasse deinen Stolz und gehe ungerufen zu ihm. Vergiß es nicht. Es ist mein Vermächtnis.«

»Zoe, du sprichst wie – wie –«, Daphne suchte überwältigt nach dem rechten Worte, aber wagte nicht es auszusprechen.

»Wie eine Sterbende«, vollendete Zoe unentwegt. »Wir sind alle Sterbende, denn ›mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben‹, heißt es in der alten Kirchenhymne. Doch man kommt. Gehen wir ihnen entgegen.«

Daphne löste ihre Arme von Zoes Hals, und dabei streifte sie mit der Hand den Alexandrit, der an ihrer Brust mit seinem tiefen, feierlichen Tannengrün glänzte.

»Lege ihn ab, diesen Stein«, sagte sie. »Onkel Orso wünscht so sehr, du möchtest dich von dem Alexandrit trennen. Es ist eigen – es durchrieselt mich ganz wohlig, wenn ich ihn berühre –«

»Ob Onkel Orso recht hat oder nicht mit seinen Kassandrarufen – der Alexandrit hat bei mir wohl den Zenith seiner Wirkungskraft überschritten«, meinte Zoe mit einem leisen, trüben Lächeln. »Wir dürfen es Onkel Orso nicht sagen, um ihn nicht zu kränken, aber mir fehlt wirklich der Glaube für seine Botschaft. Der Alexandrit soll dein Glücksstein sein, kleine Daphne – du sollst ihn haben, wenn ich heimgehe – – »

»Zoe -»

»Was weißt du, ob ich nicht hundert Jahre alt werde«, scherzte Zoe, aber sie seufzte leis dabei. »Dann bist du dreiundneunzig, und der Alexandrit wird zu deinen weißen Haaren wunderbar passen.«

Als Zoe in das Hotel zurückgekehrt war, berichtete ihr Iwan auf ihre Frage, daß er nichts Verdächtiges bemerkt habe. Er eilte seiner Herrin voraus, um ihr die Schlafzimmertür zu öffnen.

»Um Himmels willen!« kam es von den Lippen des entsetzten Dieners, als er die Tür aufgestoßen hatte. Mitten im Schlafzimmer Zoes lag auf dem Gesicht mit ausgestreckten Armen die lange, hagere Gestalt Jelisawetas.

»Sie ist ohnmächtig geworden – komm Iwan, hilf mir, sie auf den Rücken legen, damit wir ihr helfen können, zu sich zu kommen«, rief Zoe nach einem kurzen Moment des Zurückweichens. Sie hatte Hut und Handschuhe von sich geworfen und kniete neben der regungslos daliegenden Dienerin nieder. Mit Iwans Hilfe wurde sie umgewendet und starrte nun mit verglasten Augen aus einem farblosen Gesichte, in dessen Zügen sich ein namenloses Entsetzen ausdrückte, hinauf zur Decke –

»Sie ist ganz kalt, Iwan!« flüsterte Zoe dem Diener zu, der ernst und erschrocken aussah.

»Ich – ich fürchte Durchlaucht, sie ist tot«, erwiderte er halblaut.

»Nein, o nein!« rief sie und rieb die kalte Hand der Dienerin mit ihren beiden Händen. »Sie ist sicher nur ohnmächtig! Sie war ja heut früh noch ganz gesund. Schnell Iwan, lasse einen Arzt rufen. Es soll einer dicht nebenan wohnen – nur rasch! Rasch! Wer weiß, wie lange sie schon so liegt. Sie ist vielleicht betäubt von dem Falle. Eile dich Iwan, eile dich!«

Iwan verschwand, wie ihm befohlen war, aber er schüttelte den Kopf. »Wenn das nicht der Tod ist, dann habe ich ihn nie gesehen«, murmelte er im Gehen.

Zoe netzte drinnen indeß die Stirn Jelisawetas mit Kölnischem Wasser und ließ einige Tropfen Melissengeistes über die blauen Lippen in den halbgeöffneten Mund laufen – umsonst. Sie kniete neben der Ausgestreckten nieder und nahm wieder die festgeschlossene, knochige Hand in die ihrige, hauchte sie an, rieb sie und versuchte, die nach innen gekrallten Finger zu öffnen, aber sie waren ganz steif und unbeweglich. Zwischen ihnen sah ein weißer Fetzen hervor, den die Hand festzuhalten schien; – Zoe zog daran und brachte ein Stück Spitze hervor, das sie achtlos zur Seite warf. Es blieb auf ihrem Hut liegen, den sie neben sich niedergelegt hatte.

Nach einiger Zeit erschien Iwan mit dem Arzt, der nur eines Blickes bedurfte, um den Tod, wahrscheinlich infolge eines Herzschlages, festzustellen.

Zoe war tief und aufrichtig betrübt, – sie fühlte, daß sie ein Wesen verloren hatte, auf das sie sich verlassen konnte, eine treue, ergebene Seele. Daß diese »nur in einer Dienerin« wohnte, machte für sie keinen Unterschied; die Dankesschuld, die sie der so plötzlich Verschiedenen ohne Einschränkung zugestand, wurde in ihren Augen durch »gute Behandlung und hohes Salair« nicht getilgt.

Noch während der Arzt da war und mit Hilfe Iwans den starren Körper in das Zimmer der Verstorbenen trug, erschien Olga Petrowna und war natürlich entsetzt über den peinlichen Fall, der sich vielleicht ereignet hatte, während sie nebenan ruhig den Tee trank. Sollte sie ihre Reise aufschieben und bei Zoe bleiben? Aber selbstredend! Die Arme konnte doch nicht so allein hier mit der Leiche – –

Diesen Einwand schnitt das Erscheinen des Direktors des Hotels ab, der überfließend von Höflichkeiten der »Signora Principessa« erklärte, daß die Überreste der Kammerfrau bei eingetretener Dunkelheit gleich nach der Gräberinsel San Michele überführt werden müßten, was so bewerkstelligt werden würde, daß keine Seele unter den Gästen etwas davon erführe, weil ja alle Welt sofort abreise, wenn ein Todesfall ruchbar würde. Leute, die so unvorsichtig und rücksichtslos sind, in einem Hotel oder einer Pension zu sterben, werden immer als »plötzlich abgereist« den anderen abgemeldet. Es ist ja auch durchaus keine Lüge, nur eine Form, ein zart besaitetes Gemüt nicht zu erschrecken.

Obgleich Olga Petrowna ihrer Freundin sofort die Erledigung aller Formalitäten bereitwilligst abnahm, ließ Zoe doch nach der Ca' Torcelli schicken, um ihren Verlobten zu sich zu bitten. Olga Petrowna hatte sofort davon gesprochen, Zoe einen Ersatz für ihre Kammerfrau aus Rußland zu schicken, aber sie widersetzte sich dem mit Entschiedenheit. Sie wollte eine Italienerin haben, die mit ihr in die Ca' Torcelli übersiedeln konnte.

Während Zoe auf das Kommen Angelo Torcellis wartete, ging sie in ihr Zimmer und bat Olga Petrowna, sie allein zu lassen. Doch diese folgte ihr.

»Besser, ich bleibe bei dir«, bat sie, indem sie den Blick auf dem Boden des Zimmers umherschweifen ließ. »Du bist naturgemäß aufgeregt – ich kann dir über die Zeit hinweghelfen, bis Fürst Torcelli kommt, ich kann die Stelle der armen Jelisaweta bei deiner Toilette vertreten –« sie legte ein Buch von einem Tisch auf den anderen, den Hut Zoes aber, der halb unter diesem Tischchen lag, übersah sie oder fand es nicht der Mühe wert, sich danach zu bücken, denn sie stieß ihn mit dem Fuße noch etwas tiefer darunter. Zoe, die wirklich nur das eine Bedürfnis hatte: allein zu sein, ging an die Tür zum Salon, öffnete sie und sagte freundlich und gelassen, aber entscheidend: »Du hast den besten Willen, und ich erkenne ihn dankbar an. Wir werden wegen deiner Reise noch sprechen, ob es nötig ist, sie aufzuschieben. Nur lasse mich jetzt auf eine halbe Stunde allein, ja? Sei so lieb, Olguschka. Ich weiß ja, wie gut du es meinst.«

Olga Petrowna umarmte stumm ihre Freundin und ging. Sie konnte nichts anderes tun. Ihre Augen schweiften noch einmal über den Fußboden, ehe sie die Tür hinter sich schloß, Zoe war eine ordnungsliebende Natur. Als sie allein war, endlich allein, hob sie erst ihren Hut, ihren Schirm und ihre Handschuhe auf, die noch auf dem Boden lagen. Sie tat es rein mechanisch – das Herumliegen der Sachen störte sie und unterbrach unliebsam ihre Gedanken. Sie legte die Handschuhe in einen Kasten auf dem Ankleidetisch und hing den Hut an einen Haken. Dabei fiel das Fetzchen Spitze herab, das Zoe aus der Hand der Toten gezogen und bei Seite geworfen hatte. Zoe hob das Endchen des feinen Gewebes auf und sah gerührt darauf nieder: die so plötzlich aus diesem Leben Abgerufene war in ihrem Dienst wohl noch beschäftigt gewesen, als der Tod sie überraschte, dies Stückchen Spitze –

Mit einem Gefühl, als hätte etwas sie gestochen, fuhr Zoe zurück und trat rasch an das Fenster, denn das Licht nahm ab, und wo sie stand, herrschte schon halbe Dämmerung. Es war nicht, daß ihr's eben erst auffiel, daß die Spitze an beiden Enden gewaltsam abgerissen war, was bei einem Endchen von 15 bis 20 Zentimeter Länge an sich seltsam erschien, – es war das Muster, das Zoe plötzlich auffiel. Die kostbare Spitze, echt Brüsseler Handarbeit, war etwa zehn Zentimeter breit und das Muster zeigte in jedem Bogen eine Lyra inmitten eines Lorbeerkranzes. Zoe hatte diese Spitze vor fast zwei Jahren bei einem Althändler entdeckt und des originellen Musters wegen gekauft. Olga Petrowna hatte sie so bewundert, daß Zoe für ihre Freundin ein Jabot daraus arbeiten ließ, das Olga Petrowna oft und gern anlegte . . .

Wie kam ein Fetzen dieser Spitze in die krampfhaft geschlossene Hand der Toten? Ein Irrtum war des Musters wegen, das sicher nur einmal und für eine bestimmte Person angefertigt worden war, absolut ausgeschlossen. Hatte Olga Petrowna die Tote gebeten, ihr das Jabot umzuändern, hatte sie die Spitze im Augenblick zerrissen, als der Schlag sie traf? Aber wo war denn der Rest davon? Oder – oder –

Zoe wurde es eisig kalt, als dieses »oder« sich ihr aufdrängte, und in ihre Augen kam ein Ausdruck starren Entsetzens. Aber sie brach nicht darunter zusammen. Sie verschloß den Spitzenfetzen fest in ihrer Hand und ging an die Tür, die auf den Korridor führte, um Iwan hereinzurufen.

»Iwan«, sagte sie leise zu ihm, »du sollst mir eine seltsame Frage beantworten, wenn du kannst. Ich richte sie an dich im Namen deiner Treue für deinen ermordeten Herrn, der dir vertraut hat, wie ich dir vertraue: Kannst du dich erinnern wie Olga Petrowna gekleidet war, als du ihr den Tee heut Nachmittag serviert hast?«

Iwan dachte einen Augenblick nach.

»Sie hatte dasselbe Kleid an, dächte ich, das sie eben noch trägt. Sie geht aber immer in Schwarz, und ich kann mich irren.«

»Sie hatte keine Verzierung an der Taille, keinen Schmuck?«

»Ich meine, Durchlaucht, Olga Petrowna hat dieselbe Brosche mit dem blauen, goldgefaßten Steine getragen, in der ich sie jetzt vor fünf Minuten sah, als sie aus dem Salon in ihr Zimmer ging – doch halt, ja – zu Befehl, meine ich – sie trug zum Tee etwas Weißes vorn am Kleid, so ein Durcheinander von Spitzen.«

»Kannst du dich erinnern, was diese Spitzen für ein Muster hatten, Iwan? Bedenke es genau. Es hängt furchtbar viel davon ab.«

Iwan schüttelte den Kopf.

»Ich kann das nicht beschreiben, Durchlaucht. Ich habe Olga Petrowna oft mit diesen Spitzen gesehen, die mir darum aufgefallen sind, weil solche Dinger darauf waren, wie sie unter den Flügelinstrumenten angebracht sind mit den zwei Tritten daran, damit es laut und schwirrend tönt, was man spielt –«

Zoe machte die Hand auf und zeigte Iwan den Spitzenfetzen.

»Meinst du das, Iwan?«

»Ja, Durchlaucht. Das war die Spitze, die Olga Petrowna vorhin trug.«

Zoe schloß ihre Hand wieder über dem stummen Zeugen und sah Iwan an, blaß, Entsetzen und noch etwas anderes in den Augen, das er sich nicht deuten konnte. Es war aber »nur« der »Menschheit ganzer Jammer«, der einen zu packen pflegt, wenn man plötzlich hinter die Falschheit und Hinterlist derer kommt, die man für seine Freunde gehalten. Das hat jeder mindestens einmal in seinem Leben durchzumachen, und die schmerzhafte Wunde hinterläßt eine tiefe, sogar manche oft sehr entstellende Narbe, die wie alle alten und schweren Wunden manchmal noch nachschmerzt. Man nennt das »Lebenserfahrungen«.

»Ich danke dir, Iwan. Das war alles, was ich wissen wollte«, sagte Zoe nach einer Weile mit schwankender Stimme.

Iwan verbeugte sich und machte einen Schritt rückwärts.

»Olga Petrowna hat befohlen, ihre Koffer wieder heraufzubringen«, sagte er.

Zoe richtete sich auf, und ihr weiches Gesicht bekam einen harten, entschlossenen Ausdruck.

»Olga Petrowna wird heut Abend unter allen Umständen abreisen«, rief sie mit klingender Stimme, und gedämpft setzte sie hinzu: »Du wirst sie auf den Bahnhof begleiten, Iwan, und nicht eher den Bahnsteig verlassen, bis du sie mit eigenen Augen abfahren gesehen hast.«

»Amen!« war die seltsame und ungewöhnliche Antwort eines Kammerdieners auf einen erhaltenen Befehl.

Als sie wieder allein war, flog Zoe auf ihren Schmuckschrein los und öffnete ihn auf die Buchstaben »A. T.« Ein dreieckiges Schreiben mit einem Totenkopf geschlossen steckte in dem goldenen Gitter der Mittelnische. Zoe warf nur einen flüchtigen Blick auf den Inhalt dieses Schreibens, das eine Mahnung des »Komitees«, »sich bereit zu halten« enthielt und eine nochmalige Drohung, den »sogenannten« Fürsten Torcelli auf dem Fleck zu töten, falls sie ihm die »Bruderschaft« und ihre Zugehörigkeit zu derselben verriete.

Ein Mitglied könne wohl abtrünnig werden, ausscheiden aus der Bruderschaft könne es nur durch den Tod. Bevor sie den ihrigen erlitte, wäre sie zu einer großen Tat ausersehen, deren Gelingen ihr die Begnadigung sicherstellte.«

Zoe las kaum diese Botschaft des Dreiecks. Sein Vorhandensein in dem verschlossenen und versicherten Schrein war ihr heut nichts, als die Bestätigung eines furchtbaren Verdachtes. Sie sah die geheimnisvolle Person vor sich, wie sie durch irgendeinen Trick den Schrank öffnete, sie sah die treue Jelisaweta hereinstürzen und mit der – Person ringen, wobei sie ihr von dem Spitzenjabot einen Fetzen abriß, sie sah die Kammerfrau plötzlich zu Boden stürzen, vom Schlage getroffen oder – oder was? Zoe wagte es nicht auszudenken.

Am Abend reiste Olga Petrowna ab. Sie küßte ihre Freundin zärtlich zum Abschied und versprach, sobald als möglich nach Venedig zurückzukehren, um die Vorbereitungen zu der Vermählung zu leiten.

Und Zoe Sarakow stand mit blassem Gesicht und ließ sich geduldig küssen – ein-, zweimal – ein halb Dutzend Male. Sie hätte sich hundertmal von Olga Petrowna küssen lassen, nur um nicht durch ein Zucken den Mann, den sie liebte, der furchtbaren Bruderschaft zu überantworten. Aber als sie allein war, da wusch sie Ihr Gesicht dreimal, so oft, wie sie geküßt worden war und dachte, sie würde nie wieder rein werden, solange sie lebte . . .




6

»Maskenball in der Ca' Torcelli!« – »Sta notte sara un ballo in maschera nella Ca' Torcelli!« –

Die Leute aus dem »Sestiere«, dem Stadtbezirk, in dem der Palazzo lag, riefen sich's zu, wenn sie einander begegneten; es war ein Ereignis und die gegenseitige Mitteilung davon so gut wie eine Verabredung, sich auf dem Campo an der Westfront einzufinden, um die Masken in den Gondeln ankommen zu sehen.

Maskenball in der Ca' Torcelli! Nicht, daß ein Fest in diesem weitläufigen Patrizierpalaste zu den Raritäten gehörte, seit der Prinzipe Don Angelo die russische Fürstin als Herrin heimgeführt! Im Gegenteil, die Ca' Torcelli hatte seitdem ihre nur selten geöffneten Pforten weit und oft genug aufgemacht, um zu zeigen, daß der alte Glanz des Dogengeschlechtes nicht erloschen, sondern frisch wiederhergestellt worden war. Die Patriziergondeln legten wie in früheren, halbvergessenen Tagen oft vor den Wasserportalen an, hinter den Fenstern des »piano nobile« war jeden Abend Licht zu sehen, auch Fremde von höchstem Rang gaben in der Ca' Torcelli ihre Karten ab. Aber ein Maskenball in der Ca' Torcelli – das war etwas, wovon das ganze Sestiere etwas hatte. Man würde die Masken sehen, alle, alle. Oh, Don Angelo war ein Venezianer, er kannte seine Mitbürger und wußte, womit er sie erfreuen konnte. Er hatte befohlen, die Wasserportale zu schließen, das heißt die Gitter an Stelle der schweren Türen vorzuziehen, damit man vom Wasser aus in die große Halle mit dem bunten Treiben darin sehen konnte; alle Gondeln mußten am Campo anlegen, und die ankommenden Masken unter einem zeltartigen mit Teppichläufern belegten Gange durch das Landportal mit dem Wappenbilde darüber im Palazzo ihren Einzug halten. Man würde sie also alle einzeln sehen können, und Don Angelo hatte es extra so bestimmt, um seinen Mitbürgern und Nachbarn im Sestiere eine Freude zu machen. Die Polizeibehörde war eingeschaltet worden, um zu verhindern, daß sich ungebetene Gäste einschmuggelten, um Silber und Juwelen zu stehlen, oder um einmal zu sehen, wie es bei den Großen der Stadt zuging, sich schließlich betranken und gröbliche Szenen aufführten. Solche Sachen waren schon in anderen Häusern vorgekommen und hatten die Vorsichtsmaßregeln veranlaßt. Doch Don Angelo war sehr beliebt in Venedig und für Donna Zoe, »la Russa«, wären die Leute geradezu durchs Feuer gegangen. Die Stadt hallte wider von ihrer großzügigen Wohltätigkeit, ihrer Herzensgüte und ihrer Freundlichkeit. Besonders hoch wurde ihr auch angerechnet, daß sie außer Iwan nur italienische Dienerschaft um sich hatte und daß zu den Instandsetzungsarbeiten in der Ca' Torcelli und der Malinconica keine Ausländer zugezogen worden waren. Natürlich bekam die »Russa« hin und wieder Besuch von ihren Landsleuten. Zwei- oder dreimal war die Dame schon dagewesen, mit der Donna Zoe zuerst nach Venedig gekommen war, aber jedesmal hatten der Prinzipe und seine Gemahlin verreisen müssen, wenn sie kam. Sie hatte kein Glück. Einmal mußten Don Angelo und Donna Zoe eine Stunde vor ihrer Ankunft nach Rom, weil Donna Fabiola erkrankt war. Es war nichts als ein Schnupfen gewesen, aber man wußte ja, daß Donna Fabiola gleich so viel Wesens von allem machte. Dann war es – ja, was war es doch? Kurzum, die Dame mußte in der Ca' Torcelli jedesmal mit Don Orso fürliebnehmen. Hingegen wurde ein russischer Minister, der sich auf der Durchreise nach Rom befand, auf mehrere Tage gastfreundlich aufgenommen. Eingeweihte wußten, daß es ein gefährlicher Gast war, den die Ca' Torcelli beherbergt hatte. In Rußland waren schon mehrere Attentate auf ihn versucht worden; deshalb zogen in der Ca' Torcelli auch mehrere Geheimpolizisten ein, die der Prinzipe sich zur Sicherheit seines Gastes ausgebeten. Seitdem Don Angelo die »Russa« heimgeführt hatte, gab's fortwährend etwas zu sehen und zu besprechen in der Ca' Torcelli, aus der am Abend so wunderbare Geigentöne herausklangen, daß die Gondeln sich auf dem Kanal Grande davor versammelten und ihre Insassen lautlos zuhörten, was drinnen unter den Fingern und dem Bogen der Donna Zoe wie mit Engelsstimmen sang . . .

Und heut war Maskenball in der Ca' Torcelli! Donna Fabiola war eigens dazu von Rom gekommen, wo sie im Palazzo Corleone auf den besonderen Wunsch ihrer jungen Nichte, der blonden Principessa Donna Daphne Wohnung genommen hatte, nachdem diese nach Neujahr als Kandidatin auf das Noviziat im Kloster von Santa Croce auf der Giudecca in Venedig eingetreten war. Eine so süße, wunderbare, junge Himmelsbraut!

»Heute abend ist Maskenball in der Ca' Torcelli«, sagten die Leute erwartungsvoll und hüllten sich fester in ihre Mäntel beziehungsweise Tücher, denn die Februarnacht zog kühl herauf. Endlich kamen die ersten Masken, bewundert und kritisiert von dem Publikum auf dem hellerleuchteten Platz. Nachdem sie ihren Gondeln entstiegen waren, mußten sie die Lästerallee bis zum Portal der Ca' Torcelli zu Fuß zurücklegen, wobei sie von den Schaulustigen je nach der Kostbarkeit ihrer Tracht mit beifälligem Gemurmel oder mit Händeklatschen begrüßt wurden. Besonderes Aufsehen erregte eine Gruppe, die mit einer Pracht ausgestattet war, die eigentlich die naive Freude des Volkes am Schimmernden, Farbenfrohen hätte voll entfachen müssen. Aber ein kurzes Gemurmel wich bald einer tiefen Stille. Es waren vier gleichgekleidete, gleichgroße Männergestalten in den phantastischen Kostümen orientalischer Priester in goldstarrenden Gewändern und gleißenden Kopfbedeckungen von eigentümlicher, konischer Form. Alle vier hatten lange, schneeweiße Bärte, die lockig bis auf die Brust herabwallten, und lange weiße Haare – sie waren einander so ähnlich durch die vollkommen gleiche Kleidung und durch ihre Größe, daß es unmöglich gewesen wäre, sie von einander zu unterscheiden. Auf ihren Schultern trugen die vier eine vergoldete Tragbahre, auf der ein hochlehniger Sessel stand, der mit einem dichten, weißseidenen, weichen Gewebe verhüllt, aber leer war. Mit ernsten, gemessenen Schritten trugen die vier Orientalen ihre Bürde zum Palazzo, gefolgt von vielen tausend Blicken, in einem Schweigen, als ob in San Marco der Patriarch zur Prozession getragen würde, oder als ob etwas Sinistres, Unheimliches von diesen vier gleichen Gestalten ausginge. Am Portal faßte der eine in den Gürtel seines Gewandes und reichte dem Majordomo die Einladungskarte mit dem Alliancewappen Torcelli-Berdischeff, indem er auf die vier darauf verzeichneten Namen deutete und stumm auf sich und seine drei Ebenbilder zeigte. Der Majordomo anerkannte die Karte, las die Titel: »Graf, Baron, Ritter« und nochmals »Graf«, machte eine tiefe Verbeugung und hob die Rechte, zum Zeichen, daß die beiden Schweizer, welche das Portal mit ihren gekreuzten Hellebarden versperrten, die Gäste passieren lassen durften.

Am Fuß der breiten, teppichbelegten Treppe, die zum piano nobile führte, stand der Herr des Hauses Principe Angelo Torcelli in der Tracht, die der letzte Doge seines Namens getragen: dem langschleppenden hermelinverbrämten Gewande von Goldbrokat mit bis zum Boden fallenden Ärmeln, auf dem ausdrucksvollen, rassigen Kopfe die Dogenmütze, den historischen »Corno« von Goldstoff und dem edelsteinfunkelnden diademartigen Rande. Er hatte keine Maske vor dem Gesicht, welche für seine Gäste obligatorisch war bis zur Demaskierung mit dem Schlage der Mitternacht, denn er mußte erkannt werden als Herr des Hauses; sein Gesicht war ernst wie immer, aber sein Auge hatte den oft sehr bitteren Ausdruck verloren und sah klug und wohlwollend drein. Wie Don Angelo auf seinen goldenen Stab, ein Erbstück von seinem Ahnherrn, gestützt stand, war er jeder Zoll das wieder lebendig gewordene Oberhaupt der toten und begrabenen Republik, der Meereskönigin Venezia, die als Großmacht dereinst in Pracht und Herrlichkeit geherrscht hatte. Die vier Orientalen stellten wie auf Kommando ihren Tragsessel nieder, als sie vor dem Herrn des Hauses angelangt waren und verbeugten sich tief und lange vor ihm.

»Sie kommen ja aber mit leerem Throne, hohe Herren«, meinte Torcelli lächelnd, indem er auf den verhängten Sessel deutete, nachdem er den Gruß gebührend erwidert hatte.

»Dieser Schleier birgt ein großes Geheimnis, o Herrscher der hohen Republik«, erwiderte laut der zuvörderst rechts stehende der vier Orientalen, leise aber setzte er rasch in französischer Sprache zu: »Das stand nicht im Programm, Fürst, daß Sie uns hier abfassen sollten! Wir haben mit der Principessa, Ihrer Gemahlin, eine kleine Überraschung verabredet –«

»Ah ja – meine Frau tat sehr geheimnisvoll mit ihrer Maske«, erwiderte Torcelli gleichfalls leise, indem er versuchte, die Larve zu durchdringen, die das Gesicht des Sprechers eng umschloß. »Nun, ich habe nichts gesehen und verspreche, sehr überrascht zu sein. Vorwärts, meine Herren – die Masken fangen an sich zu drängen, wir dürfen keine Stockung verursachen!«

Die Orientalen nahmen ihren Tragsessel wieder auf.

»Wir sollen die Principessa in ihrem Appartement abholen«, flüsterte der Sprecher Torcelli im Vorübergehen zu.

»Schon recht – im zweiten Stock, die Tür rechts von der Treppe – Sie kennen ja wohl jedenfalls den Salon meiner Frau«, gab Torcelli leise zurück, schon mit der Begrüßung der Nächsten beschäftigt.

Und die Orientalen stiegen zum piano nobile hinauf, geleitet von dem Lakaien, dem Torcelli gewinkt, hatte, die Gäste zu führen, wandten sich, ohne in den sich füllenden großen Saal zu treten, direkt zur Treppe des zweiten Geschosses und traten mit ihrer Last in den Salon – demselben, in dem Zoe Sarakow am Vorabend ihrer Verlobung mit Angelo Torcelli auf der Amati gespielt hatte.

»Melden Sie der Principessa, daß ihre Freunde sie hier erwarten«, sagte der Orientale, der unten mit dem Fürsten gesprochen, zu dem Lakaien, der unterwürfig sein »zu Befehl, Exzellenza«, murmelte und verschwand.

Draußen im Korridor kam Iwan ihm entgegen von der Loggia her. »Was machst du im Salon der Herrin?« fragte er. »Du hast deinen Dienst unten, scheint mir!«

»Der Signor Prinzipe hat mich geschickt, ich soll der Signora Principessa ihre Freunde melden«, erklärte der Lakai beflissen, denn ein wenig Dampf hatte die ganze Dienerschaft des Palazzo vor »Ivanno«.

»Was für Freunde?« forschte der Kammerdiener.

»Was weiß ich? Der Signor Prinzipe hat sie mir nicht vorgestellt!«

»Das kann ich mir denken, du Erzesel du«, rief Iwan mit gutmütigem Spott. »Na, wenn der Signor Principe dich geschickt hat, dann tu, was dir befohlen ist. Klopfe dort an jene Tür – die Signora Principessa ist noch bei der Toilette – mache deine Meldung, wie es sich schickt, und trolle dich dann, verstanden?«

Damit trat Iwan ein paar Stufen die Treppe hinab, um, während er auf seine Herrin wartete, ein wenig der Ankunft der Masken zuzuschauen . . . Sie hatte ihm zwar verboten, ihr zu folgen, damit sie nicht gleich erkannt würde, aber er wollte sie doch wenigstens sehen, ehe sie im Gewühl verschwand, denn daß sie heute Abend die Schönste sein würde, das stand fest für ihn.


*


Zoe Torcelli hatte eben ihre Kammerfrau entlassen, um auch sie der Ankunft der Gäste zuschauen zu lassen, und trat noch einmal vor den hohen, dreiteiligen, beweglichen Spiegel, in welchem sie sich von allen Seiten betrachten konnte.

»Angelo wird zufrieden sein«, dachte sie mit ihrem lieblichen Lächeln, als das Spiegelbild ihre strahlende Erscheinung zurückwarf, die im Braut-Kostüm der Elsa aus dem »Lohengrin« wie eine Vision vergangener Tage aussah. Sie freute sich, weil sie glaubte und hoffte, in Angelo Torcellis Augen die Bewunderung und Befriedigung zu lesen, die zu erwecken sie sich einzig und allein geschmückt hatte. Denn was immer auch Zoe Torcellis Fehler und Unzulänglichkeiten sein mochten, die sie besitzen mußte, weil sie »nur ein Mensch« war, – sie wurden alle bei ihr zur Tugend und zur Liebenswürdigkeit, weil alles, was sie tat und dachte, nur auf das Leitmotiv Ihrer großen und tiefen Liebe zu ihrem Gatten gestimmt war.

»Er wird mich an dem Alexandriten gleich erkennen«, dachte sie. »Aber ich denke, ich hoffe, er würde es auch ohne ihn. Zwar, man könnte ihn hinter dem Ausschnitt des Kleides verschwinden lassen – so. Ob ich dafür eine Spange daran stecke? Ach was! Der Schmuckschrank ist schon geschlossen und es würde mir die ganze Freude an dem Feste verderben, wenn inzwischen eine dreieckige Botschaft hineingezaubert worden wäre –«

Sie schüttelte sich leicht, als wenn es sie kalt überliefe und streifte scheu mit dem Blick den Schmuckschrank. Seitdem sie nach dem Tode der armen Jelisaweta das Dreieck mit dem Totenkopf darauf gefunden, hatte sie keine Botschaft durch ihn mehr erreicht. Das »Komitee« hatte einen anderen Weg gewählt, den gewöhnlicher Sterblicher, durch die Post, aber nur einmal. Die französische Briefmarke trug den Stempel »Ambulant«, es war also nicht zu ersehen, woher das Dreieck kam, das von einem Briefumschlag gewöhnlicher Form, aber von sehr starkem Papier umschlossen wurde. Diese Botschaft forderte Zoe auf, daß sie die dem Schreiben in einer besonderen Papierhülle beiliegende, gewöhnliche Stecknadel von geschwärztem Stahl ihrem Gast, dem russischen Minister des Innern, in den unteren Rand eines Ärmels seines Rockes oder seines Überziehers stecke, doch so, daß die Spitze herausragend nach oben zeige. Sie, Zoe, habe nichts dabei zu fürchten; die Wirkung des kleinen, unbedeutenden Stiches oder Risses dieser Nadel sei ebenso unmittelbar wie unnachweisbar, wie das Beispiel mit ihrer Kammerfrau Jelisaweta bewiese. Das »Komitee« sprach die feste Erwartung aus, daß Zoe der Bruderschaft und dem Vaterlande diesen Dienst der Befreiung von einem nachsichtslosen Schergen der Tyrannei freudigen Herzens leisten würde, widrigenfalls sie selbst jede Anwartschaft auf ihre »Begnadigung« verwirken würde.

Zoe hatte nicht für eine Viertelstunde Länge geschwankt, was sie tun müsse. Sie hatte den Brief verbrannt wie alle seine Vorgänger, die unschuldig aussehende Stecknadel mit einer Pinzette aus ihrer Hülle genommen, im Feuer glühend gemacht, und, damit noch nicht zufrieden, die Nadel im Garten in die Erde gesteckt und diese festgetreten. Und dann hatte sie ernstlich ihre Rechnung mit dem Himmel gemacht – die Hoffnung mit ihrem süßen »Vielleicht –« war für immer von ihr geschieden. Angelo Torcelli erfuhr nichts von all den »Botschaften«, die sie seit ihrer Verlobung mit ihm erhalten hatte. Er hatte sie einmal, nur einmal nach der Vermählung gefragt, ob die »Bruderschaft« es gewagt hätte, sich ihr zu nähern, und sie hatte, ohne zu zucken »nein, nie mehr«, geantwortet. Seine ruhige Antwort: »Ich dachte es und sagte es dir schon: sie haben dich nur einschüchtern wollen. Du mußt mir sofort – sofort, Zoe, sagen, wenn sie den Versuch zu einer Erpressung machen«, hatte sie schon in Ängste versetzt, ob auch die Wände in der Malinconica nicht Ohren hatten, um zu hören, daß er es wußte, daß er es wußte!

Seit dem glücklich verlaufenen Besuche des russischen Ministers hatte das »Komitee« geschwiegen, über vier Wochen waren vergangen, ohne daß irgend etwas geschehen war, das Zoes Sicherheit bedroht hätte, und die begrabene Hoffnung begann allmählich wieder aufzuerstehen und mit leiser, leiser Stimme ihre süße Weise »vielleicht – vielleicht« in das willige Ohr zu hauchen. Denn ein Mensch, der nicht gegen alle Hoffnung hofft, wenn es sich um sein eigenes Leben handelt, ist auf der Welt nicht zu finden. Die Hoffnung verlängert ihm den Termin mit ihren immergrünen Griffen, barmherzig wie sie ist, eine der göttlichen drei Schwestern, von denen die Liebe die größte ist. Heute abend, am Abend des Maskenballs in der Ca' Torcelli, hatte die unwillkürliche Feststimmung Zoe mit fortgerissen; sie freute sich auf das bunte Bild unten im piano nobile, weil sie sah, daß es Angelo Freude machte, Venedigs und der Umgebung beste und erlesenste Gesellschaft zu einem der glänzendsten Feste in seinem Hause zu versammeln, wie des Südländers Phantasie sie liebt, weil sie ein leiser Widerhall sind von dem Glanz und der Macht vergangener Tage. Der Maskenball war seine Idee, und sie hatten sie zusammen ausgestaltet – er mit Eifer, weil er glaubte, ihr wenigstens Feste schuldig zu sein für das wenige, das er ihr geben konnte von seinem Herzen – sie, weil sie glaubte, es mache ihm Freude und weil sie nicht um die Welt verraten wollte, daß sie eine rettungslos Totgeweihte war. Wenn Arria, nachdem sie sich den Dolch ins Herz gestoßen hatte, ihrem Gatten ermutigend sagen konnte: »Es schmerzt nicht!« so wurde ihr vielbewunderter klassischer Heldenmut zehnfach übertroffen von dieser Weltdame des neunzehnten Jahrhunderts, die lächelnd und sich schmückend einem ganz unbekannten Tode mit jeder Minute um einen Schritt näher ging und keinen Finger rührte, um sich zu retten, nur damit der Mann, den sie liebte, nicht mit ihr fiel! Die Helden sollen ausgestorben sein, klagen einige Dichter, die Heldinnen sind es nicht, auch wenn sie nicht mit Panzer und Helm zu Roß sitzen wie die Jungfrau von Orleans. Zoe Torcelli sah hinaus in die sternenhelle Nacht, strich mit der Hand über die Augen und griff nach der schwarzen Samtmaske, die auf dem Tisch bereit lag. Da klopfte es an ihrer Tür.

»Wer ist da?«

»Ich – Giulio, Altezza. Ich soll Altezza sagen, daß Ihre Freunde Sie in Ihrem Salon erwarten.«

»Meine – o ich weiß. Es ist gut, Giulio! Natürlich –« Mein »Lohengrin«, Graf Rheinstein, kommt mich holen? dachte sie. Er hat mich mißverstanden – ich sagte ihm ausdrücklich, daß ich um halb neun Uhr im Grünen Zimmer neben dem Salotto sein werde. Aber es tut nichts, wir können auch über die Treppe von der anderen Seite unseren Einzug halten.

Sie ging dann in ihren Salon, zu welchem sie eine kleine Bibliothek durchschreiten mußte, die nur durch eines der sie einschließenden Gelasse Zutritt hatte. Als Zoe die Tür des Salons öffnete, sah sie, daß dieser dunkel war. Sie stieß einen leisen Ruf der Überraschung aus, trat vollends ein und langte nach dem Knopf für die Beleuchtung, – in diesem Moment aber wurde schon von einer anderen Seite die Krone am Plafond entzündet, und Zoe sah sich den vier Orientalen gegenüber, die mitten im Salon standen mit gekreuzten Armen, stumm und unbeweglich wie Statuen. Den Tragsessel hatten sie seitwärts hingestellt.

»Oh –!« machte Zoe überrascht, aber ohne jede Spur des Erschreckens. »Mir scheint, die Herren sind durch ein Versehen hier hereingeführt worden. Dies ist mein Privatsalon – der Maskenball beschränkt sich auf die Räume des piano nobile. Aber da ich selbst bereit bin, hinabzugehen, kann ich die Herren führen –«

Damit deutete sie nach der Korridortür und sah jetzt erst, daß hier, wie über einer anderen, der Bibliothek gegenüberliegenden Tür die schweren Samtportieren herabgelassen und die Vorhänge der Fenster gleichfalls geschlossen waren. Die vier Orientalen hatten sich nicht von der Stelle gerührt bei ihren Worten, kein Laut, kein fröhliches Wort unterm Schutz der Maskenfreiheit antwortete ihr. Hätte sie die acht Augen hinter den Larven nicht blitzen sehen, sie hätte denken können, daß hier vier Wachsfiguren aufgestellt waren. Aber sie sah die Augen und richtete sich hoch auf.

»Die Herren werden die Güte haben, ihre Masken zu lüften«, sagte sie laut und scharf. »Ich weiß nicht, wie Sie hier hereingekommen sind – jedenfalls durch einen Irrtum, ein Mißverständnis. Da dieses Zimmer aber außerhalb des Maskenbereiches steht, und ich hier unmaskiert die Herrin bin, so verlange ich zu wissen, wer die Herren sind. Maskenscherze sind in diesem Stockwerk ausgeschlossen – der Kordon über der Treppe zur zweiten Etage drückt das deutlich genug aus, und ich bitte diesen Wunsch ihrer Wirte zu respektieren.«

Nun kam Leben in die Gruppe. Während der Äußere zur linken einen Schritt vorwärts trat, streckte sein Ebenbild zur äußersten Rechten seine behandschuhte Rechte vor und machte damit eine Bewegung, die ein Dreieck beschrieb.

»Zoe Torcelli«, sagte er mit einem weichen, klangvollen Bariton leise aber deutlich auf russisch, »Zoe Torcelli, nimm eine demütige Haltung an, denn du stehst vor dem Komitee der Bruderschaft, das gekommen ist, dich, die Abtrünnige, die Verräterin, zu richten!«

Zoe Torcelli zuckte nicht zusammen, sie erblaßte nicht und verlor nichts von ihrer stolzen Haltung; wenn man monate-, jahrelang etwas Furchtbares erwartet und nicht weiß, in welcher Gestalt es einen ereilen wird, so ist es eine Erlösung, wenn die Stunde kommt, in der die entsetzliche Spannung von einem genommen wird. Im Gegenteil, statt, wie es vielleicht erwartet wurde, vor Schreck in die Knie zu sinken, feuerte der Mummenschanz ihre lang aufgespeicherte Entrüstung zu offener Verachtung an; statt zu erblassen, bedeckte das Rot der Empörung ihr sonst so zartes Gesicht.

»Ich konnte es mir denken, daß das hohe ›Komitee‹ sich in irgendeiner Vermummung einschleichen würde – lichtscheue Wege brauchen natürlich die Maske. Ich hätte mir aber niemals träumen lassen, die Bekanntschaft des ›Komitees‹ in solch malerischem Aufzug zu machen«, sagte sie mit einer Ruhe, von der sie wußte, daß sie ihre einzige Chance war – wenn es überhaupt noch eine gab. »Sie haben den Augenblick gut gewählt, meine Herren – Sie haben ihn geschickt ausgesonnen. Ich mache Ihnen mein Kompliment. Ach – ich sehe, der eine dieser ehrwürdigen Priester hat mir den Rückzug durch mein Ankleidezimmer abgeschnitten – eine unnütze Mühe, denn ich denke nicht daran, zu fliehen. In meinem eigenen Hause? Ich bin nicht so feig wie die, welche sich maskiert einschleichen, natürlich mit gefälschten Einlaßkarten, um zu viert eine wehrlose Frau zu ermorden! Tun Sie, was Sie wollen – nur das eine verbitte ich mir: Mich eine Verräterin zu nennen. Ich habe, ohne zu wissen, was ich damit tat, der Bruderschaft Stillschweigen geschworen und mit versiegelten Lippen habe ich meine Bürde getragen!«

»Du hast unseren Befehl mißachtet, den Schergen der Tyrannei, den sie Minister nennen, zu richten, als er unter deinem Dache weilte«, erwiderte der weiche Bariton eindrucksvoll, als sänge er ein Liebeslied.

»Mein Dach ist für meine Gäste ein geheiligter Ort«, entgegnete Zoe mutig wie zuvor. »Ich bin keine Meuchelmörderin und habe niemandes Befehlen zu gehorchen, besonders nicht denen der Bruderschaft, aus der ich ausgeschieden bin.«

»Und wer garantiert uns, daß du den Minister nicht gewarnt hast?« sagte der Bariton mit schmelzenden Tönen.

»Ich garantiere dafür mit meinem Worte«, gab Zoe ohne Zögern zurück. »Das Komitee macht sich den Scherz, das Spiel der Katze mit der Maus aufzuführen«, setzte sie hochmütig hinzu. »Was soll das? Mich einschüchtern? Damit sind Sie an die falsche Adresse geraten, und Sie wissen es. Sie wissen sehr genau, daß ich dem Minister keinen Wink geben konnte, weil ich unter dem Schwur des Stillschweigens stehe. Aus diesem Grunde durfte auch Olga Petrowna Vareskoi ungehindert abziehen aus meinem Hause, nachdem sie mir meine Kammerfrau getötet hatte mit einem eurer infernalischen, keine Spur zurücklassenden Mittel. Was sollte ich tun, wenn ich doch keine Anklage gegen sie erheben durfte? Unter der Maske der Freundschaft hat sie es so gut verstanden, mir eure dreckigen Botschaften in meinen Schmuckkasten zu ›zaubern!‹ Natürlich war der Mechanismus von euch darauf eingerichtet worden, soviel kann ich mir schon denken. Nur einmal – nach dem Tode des Fürsten Sarakow, als sie nicht annehmen konnte, daß ich mich in meiner Trauer mit Steinen behängen würde, da heftete sie mir das Dreieck an mein Kopfkissen, das mir die Blutschuld am Tode des Gouverneurs zur Last legte. Ich kann mir alles zusammenreimen, seit ich einen stummen Zeugen in der Hand meiner alten Jelisaweta fand, der so beredt sprach . . . Wenn Sie, meine Herren vom ›Komitee‹, Olga Petrowna sehen, so sagen Sie ihr, daß ich niemals zufällig abgereist war, wenn sie herkam, mich zu besuchen. Ich mochte sie nicht mehr wiedersehen, ich konnte nicht. Ich habe dem Fürsten nie gesagt, daß sie kommen würde, denn er ist viel zu sehr Kavalier, als daß er einen Gast, eine Dame noch dazu, nicht in seinem Hause empfangen hätte. Ich bat ihn einfach, fortzureisen, und er tat es. Ich hoffe, Olga Petrowna hat mich endlich verstanden. Sie, die Kluge mit ihrer raschen Auffassungsgabe, fing an manchmal schwerfällig zu werden. Vielleicht mit Absicht.«

»Und ist Fürst Torcelli ganz ahnungslos, daß seine Frau unserer Bruderschaft angehört?« flötete der Bariton sanft.

Zoe maß den Sprecher mit einem erstaunten Blick.

»Hat das Komitee meine schriftliche Erklärung darüber nicht erhalten? Hat Olga Petrowna sie unterschlagen?« fragte sie.

»Nein. Olga Petrowna ist zwar eine Eingeweihte, aber sie würde nicht wagen, dem Komitee etwas vorzuenthalten, das ihm bestimmt ist. Wir haben diese Erklärung erhalten. Ist Zoe Torcelli bereit, sie mündlich zu beschwören?«

Zoe wußte, daß sie verloren war, wenn nicht ein Wunder geschah – sie wußte, daß sie eine schwere Sünde durch diesen falschen Schwur auf ihre Seele lud, an deren Unsterblichkeit sie fest und unverbrüchlich glaubte, aber sie wußte auch, daß das leiseste Zögern, daß ein Schwanken ihrer Stimme schon das Verderben ihres Gatten sein konnte. Sie konnte diese Schuld nicht auf sich laden, weil sie ihn liebte, und aus Liebe lud sie auf sich, was sie als ewiges Verderben erkannt hatte. Sie hob ohne Zögern, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken die Rechte empor und sagte mit fester, klarer Stimme:

»Ich schwöre, daß Fürst Torcelli nichts über die Bruderschaft von mir erfahren hat.«

Ob es wohl »Lügen« geben mag, bei denen die Engel im Himmel jubilieren?


*


Der Maskenball in der Ca' Torcelli war in seinem Beginn ein zweifelloser Erfolg. Die Masken waren zahlreich, elegant, zum größten Teil originell und paßten mit ihren bunten, oft kostbaren Kostümen prächtig in die lichtstrahlenden Räume des piano nobile, in welchem Olga Petrowna heute vergeblich nach zerschlissenen Möbelstoffen gesucht hätte. Zoe hatte mit ihrem wunderbaren Taktgefühl, das sie nicht nur Menschen, sondern auch Dingen gegenüber bewies, die Restaurierung der Ca' Torcelli so bewerkstelligt, daß scheinbar nichts dadurch berührt schien und doch alles die unsichtbaren Stützen der Erhaltung erhielt, nichts strahlte und protzte mit neuen Vergoldungen, Stoffen, Möbeln und doch war alles ersetzt, was dem Ruin verfallen schien. Wer das kann, ist ein großer Meister, und Angelo Torcelli hatte seiner Frau auch scherzend ein »Diplom« dafür versprochen. Und alles das hatte sie getan mit dem Schwerte des Damokles über ihrem Haupte.

Unter seinen Gästen, doch unmaskiert, bewegte sich Angelo Torcelli in seiner Dogenrobe hin und her, nachdem der Empfang unten in der Halle als beendet gelten konnte. Er suchte seine Frau, die mit ihrem Kostüm so geheimnisvoll vor ihm getan, aber bisher hatte er keine Gestalt entdecken können, die der Zoes glich. Donna Fabiola, in der Tracht ihrer Ahnfrau auf dem berühmten Bilde Van Dycks in der Galerie Corleone zu Rom, sah prachtvoll aus; sie war trotz Maske nicht zu verkennen. Aber Zoe konnte er beim besten Willen nirgends entdecken. Der alle um Haupteslänge überragende »Lohengrin«, der sich bisher abseits gehalten hatte, stand plötzlich an seiner Seite.

»Du, Torcelli«, murmelte er auf ihn herab, »ich weiß nicht, was ich mir denken soll – – ich soll zwar nichts verraten, aber ich sitze und sitze und warte auf deine Frau im grünen Kabinett, und sie kommt nicht! Wir hatten uns als Elsa und Lohengrin verabredet, weißt du, – wenn sie also noch kommt, dann tu' recht überrascht, damit wir ihr die Freude nicht verderben. Um halbzehn Uhr wollten wir uns treffen; jetzt ist's fast elf. Hast du sie nirgends gesehen?«

»Nirgends«, erwiderte Torcelli ruhig. »Sie hat dich vielleicht schon unter einer anderen Maske geneckt, Rheinstein! Vielleicht verrät Iwan etwas – sieh doch mal zu, ob du Ihn in der oberen Loggia erwischen kannst. Oder Onkel Orso. Er hat das Kostüm des ›Rigoletto‹. Es ist in dem Gewühl sehr schwer, jemand herauszufinden, der nicht so lang ist wie du und mit seinem Schwan über den Massen schwebt. Du siehst aber famos aus, mein Junge.«

»Das soll nun ein Pflaster auf eineinhalbstündigen Warteschmerz sein«, brummte Lohengrin und verschwand nach der Loggia zu. Angelo Torcelli, der sich gerade ungefähr in der Mitte des großen Saales befand, ließ seine Augen suchend über die Masken gleiten, die zum Klange des gleichfalls kostümierten Musikkorps lebhaft und mit schönem Eifer um Ihn herumtanzten. Er suchte nicht nur seine Frau, sondern auch noch etwas anderes; es fehlte ihm jemand, den er unten in der Halle begrüßt, und als er eben den Schwan auf dem Helm Lohengrins um die Tür verschwinden sah, da fiel es ihm ein: es waren die vier Orientalen mit dem Tragsessel, die er suchte! Ja, und auch sie behaupteten eine Verabredung mit seiner Frau zu haben, und er selbst hatte sie zu ihr in den oberen Stock geschickt. Es war ihm damit klar, daß Zoe einen doppelten Maskenscherz ausgedacht hatte, aber eigentlich hätte sie den armen Kerl, den Rheinstein, nicht so lange warten lassen brauchen – Wo waren die Orientalen hingekommen? Zu übersehen waren sie nicht durch ihre vierfache Erscheinung, und mit dem Tragsessel mußten sie doch auch etwas vorgehabt haben –

»Aha! Der Wolf in der Fabel«, sagte er vor sich hin, denn in diesem Moment erschien die Gruppe in der breiten Flügeltür des Saales, die auf die Loggia nicht nur geöffnet, sondern ausgehoben war, wodurch der Saal mit ihr zu einem Ganzen verschmolzen werden konnte.

Die vier ganz gleichen Orientalen, den Tragsessel auf den Schultern, blieben im Eingange stehen und warteten, bis die Musik die letzten Takte des eben gespielten Walzers beendet und der Tanz aufgehört hatte. Dann schritten sie langsam und feierlich vor mit ihrer Last und standen mit ihr unter dem mittelsten der fünf Kristalleuchter still.

Neugierig umringten die Masken die seltsame Gruppe, und ein Murmeln des Beifalls erscholl ringsum, das sowohl den vier wie aus einem Stück gegossenen Trägern in ihren priesterlichen Prachtgewändern galt als auch ihrer Last: einem vielleicht echten, jedenfalls aber wohl nur glänzend imitierten, vergoldeten und von eingesetzten, bunten Steinen funkelnden thronartigen Sessel mit purpursamtenen, goldgestickten Kissen belegt, wie sich Königinnen in den Tagen des Glanzes solcher Möbel bei feierlichen Gelegenheiten bedient hatten. Auf diesem Sessel saß aufrecht eine verhüllte Gestalt; der weiße, dichte Seidenschleier, der sie vom Kopf bis zu den Füßen einhüllte, schmiegte sich durch sein weiches, glänzendes Gewebe so dicht ihren Formen an, daß man sie unschwer als die einer Frau erkennen konnte, die eine Krone auf dem Haupte trug. Das voll auf die Thronende fallende Licht lockte durch die Kettenfäden des Gewebes hie und da einen leuchtenden Schein wie von durchscheinenden Juwelen; unterhalb des Kopfes, der an dem Rückenkissen lehnte, hinter dem Schleier, welcher der ganzen Gestalt opalartige, verschwommene Umrisse verlieh, schimmerte und glühte es wie ein rotes Licht.

Minutenlang standen die Träger dieser geheimnisvollen Last mit ihr unter dem strahlenden Kronleuchter unbeweglich still, dann hob der eine der vorn stehenden Orientalen seine weißbehandschuhte Hand und exakt, als wäre es lang geübt worden, setzten sie die Tragbahre mit dem Sessel und der Gestalt darin nieder, grüßten tief zuerst den unmittelbar davor stehenden Herrn des Hauses, dann die anderen Umstehenden, kreuzten die Arme über der Brust und standen still wie bemalte und vergoldete Statuen.

Man sah die eigentümliche Gruppe an, lachte, warf den vieren kecke Reden zu, auf die sie so wenig antworteten, als wären sie nicht für sie bestimmt, und ein paar vorwitzige Masken zupften die verhüllte Gestalt am Schleier, ohne daß sie ein Zeichen gab, daß sie's bemerkt, so regungslos blieb sie sitzen.

»Welch hohe Person – Priesterin oder Göttin – ist es, die mein armes Haus beehrt?« sagte Torcelli, der dem allem unbewegt zugesehen hatte, im Geiste des Festes zu den Orientalen, die offenkundig eine Anrede von ihm erwarteten. Seine Tracht stimmte zu dem Ernst, mit dem er sprach, aber in seine Frage klang ein Unterton hinein, etwas wie eine Warnung, die Grenzen nicht zu weit zu stecken und etwas wie Mißtrauen, das vielleicht am stärksten durch den Ton des Mummenschanzes hörbar war.

Die vier Orientalen verbeugten sich gleichzeitig, als sie angeredet wurden.

»Großer Doge, durchlauchtigster Herr«, begann der vornan rechts stehende Priester mit einer wunderbar melodischen Baritonstimme, die jedes seiner Worte zu einem Liede machten, »auf Befehl Buddhas, unseres Herrn und Meisters, haben wir in dein schimmerndes Haus das verschleierte Bild von Sais gebracht. Wenn du, sobald die Glocke Mitternacht schlägt, seinen Schleier lüftest, wirst du erfahren, was die Menschen oft ihr Leben lang vergeblich suchen – die Wahrheit. Deinem Schutze vertrauen wir dies wunderbare Bild an, damit vor dem zwölften Glockenschlage keine vorwitzige Hand es berührt!«

»Bravo!« riefen die Masken und klatschten in die Hände. Die vier Orientalen aber machten wieder ihre tiefe, feierliche Verbeugung und verschwanden nach den vier verschiedenen Richtungen im Gewühl.

»Noch eine Stunde bis Mitternacht!« rief ein Pierrot lachend und begann um den Tragsessel zu hüpfen. »Das arme Bild von Sais wird sich bis dahin unter seinem Schleier sträflich langweilen!« Und er gab der Gestalt mit seiner Pritsche einen leichten Schlag aufs Knie . . .

»Das Bild rührt sich nicht, es ist eine Puppe!« lachte er.

»Natürlich ist's eine Puppe!« bestätigte eine niedliche Pierette, die eine schelmische, diskrete Kneif-Attacke auf die Schulter der Verhüllten gemacht hatte. »Ein Mensch, besonders ein weiblicher, fährt zusammen, wenn man ihn kneift . . . Bild von Sais! Schüttle deinen Kopf, wenn du lebendig bist!«

Aber die Gestalt regte sich nicht. Nur das rote Licht, das durch den Schleier glühte, als wär's ein lebendiges Feuer, irrte unter dem von den Händen der Neugierigen bewegten Gewebe hin und her.

»Es ist Marmor – die Schulter fühlt sich ganz kalt an«, rief die niedliche Pierette, die ihre Forschungen fortgesetzt hatte, und trat so hastig zurück, als könnte Marmor brennen. Und ihre Augen blickten durch die Maske furchtsam auf die verschleierte Gestalt. Einen Moment lang fiel ein tiefes, seltsam beklommenes Schweigen auf die Gruppen, die sich um den Tragsessel drängten.

»Verkürzen wir dem Bild von Sais die Zeit bis Mitternacht – tanzen wir!« rief dann der Pierrot mit einer Stimme, die lustig klingen sollte, aber nur etwas sonderbar Schrilles hatte. »Musik – spiel auf!«

Die Musiker, die auf der Galerie über den Säulen mit vorgebeugten Köpfen dem Maskenaufzug zugesehen hatten, besannen sich auf ihre Pflichten und stimmten einen rauschenden Walzer an, zu dessen Klängen die Masken sich alsbald rund um den Tragsessel in der Mitte drehten.

Torcelli, der bis dahin schweigend vor der Gruppe gestanden hatte, wich den Tanzenden aus und trat neben die verhüllte Gestalt.

»Zoe, bist du es?« fragte er leise. Keine Antwort.

»Zoe, ich habe die Form deiner Tiara erkannt«, flüsterte er. »Du trägst das Diadem, das der Kaiser dir als Hochzeitsgeschenk schickte. Und den Alexandrit um den Hals – er leuchtet durch den Schleier –«

Keine Antwort, keine Bewegung der Verschleierten.

»Soll ich dem armen Rheinstein sagen, daß er nicht auf dich warten soll?« fragte Torcelli nach einer Pause noch einmal leise.

Keine Antwort.

Torcelli zuckte mit den Achseln und entfernte sich: es war ihm klar, daß Zoe die Puppe mit Diadem und Alexandrit geschmückt hatte, um über ihre wahre Maske zu täuschen und ihn wie die anderen Gäste irre zu führen; das war im Interesse des Maskenscherzes ihr gutes Recht, war schön und gut, aber sie hätte die Mystifikation nicht so weit treiben sollen, den armen »Lohengrin« fern von dem Tanze und dem dicksten Maskentreiben in die relative Einsamkeit des »grünen Kabinetts« zu verbannen, nachdem sie sich mit ihm verabredet hatte. Nein, eine solche Rücksichtslosigkeit, besonders einem geschätzten Freunde gegenüber, sah Zoe doch gar nicht ähnlich!

Etwas verstimmt machte Torcelli sich daran, die Orientalen wieder aufzusuchen, um von ihnen etwas zu erfahren. Sie konnten ihm, dem unmaskierten Herrn des Hauses, eine Antwort nicht gut verweigern. Ihm nicht unter dem Schutze der Maske entschlüpfen. Aber er fand keinen der vier Gleichen. Nirgends. Die er befragte, hatten sie noch im Saal gesehen, als sie wie ein Strahlenquadrat von dem Tragsessel in vier Richtungen sich entfernt hatten, dann waren und blieben sie verschwunden, denn auch das unten in der Halle und an den anderen Türen auf der Landseite des Palastes stationierte Personal wie die Geheimpolizisten hatten nicht gesehen, daß die vier Orientalen die Ca' Torcelli verlassen hatten. Man fand später ihre Gewänder hinter den Fenstervorhängen versteckt vor – sie selbst waren wahrscheinlich lange vor Mitternacht nicht mehr unter den Gästen, sondern über allen Bergen verschwunden –

Dafür fand Torcelli den »Lohengrin«, der ihm zuraunte: »Der Mantel Elsas von Brabant liegt droben in ihrem Salon auf dem Flügel, sagt Iwan. Er weiß nicht, was das bedeuten soll . . . Er hat sie nicht aus ihren Zimmern kommen sehen – irgend jemand hatte ihn irgendwohin gerufen, so daß er's verfehlt hat, sie zu sehen. Ich weiß wirklich nicht, was ich mir denken soll!«

»Es wird sich schon aufklären, Rheinstein«, redete Torcelli dem ersichtlich pikierten Schwanenritter zu. »Ich weiß selber nicht, wie ich mir dieses merkwürdige Verhalten meiner Frau erklären soll! Die Demaskierung wird's ja offenbaren – es kann ja nur ein Mißverständnis vorliegen. Zoe ist wirklich zu einer solchen Nachlässigkeit, solchen Unhöflichkeit ganz unfähig –«

»Na natürlich, das versteht sich ganz von selbst«, lenkte Lohengrin besänftigt ein. »Ich bin auch eigentlich mehr beunruhigt als pikiert –«

Torcelli wußte bei diesen Worten plötzlich, daß er auch beunruhigt war. Es war wirklich seltsam, wo Zoe steckte. Wollte sie erst nach der Demaskierung als Elsa von Brabant erscheinen? Wo waren die Orientalen hingekommen?

Es lag schon wirklich etwas Unheimliches unter diesen verhüllenden schwarzen Samtlarven, die das Gesicht zur selben, undurchdringlichen Maske nivellierten . . .

Die Zeit bis Mitternacht wollte Torcelli ungewöhnlich langsam vergehen. Als die Zeiger der Uhren sich der Zwölf näherten, drängte er sich durch die Reihen der Tänzer in die Mitte des Saales, von wo er das Zeichen zur Demaskierung geben wollte, aber da stand der Tragsessel mit der verschleierten, unbeweglichen Gestalt darauf, um die das fröhliche Treiben, der Tanz unentwegt ihren Fortgang nahmen. Die Musik hatte den Auftrag, mit dem Glockenschlage abzubrechen und einen Tusch zu blasen – endlich war's soweit – Angelo Torcelli hatte gedacht, die letzten fünf Minuten würden nie ein Ende nehmen. Der Tusch schmetterte durch den Saal, durch den ganzen Palast, die Tänzer hielten ein, und er rief laut in den Kreis seiner Gäste hinein:

»Meine Damen und Herren – Demaskierung! Ich erkläre die Maskenfreiheit für aufgehoben! Zum Souper, wenn's Ihnen gefällig ist!«

Ein neuer Tusch, ein allgemeines Abnehmen der Masken, ein lautes, lebhaftes Erkennen und Begrüßen – das war keine Maskenanarchie mehr, sondern eine gebildete Gesellschaft, die lachend, scherzend, amüsiert gegenseitig von einander feststellte, ob das gewählte Kostüm auch kleidete.

Nur die Gestalt auf dem Thronsessel lüftete ihren Schleier nicht. Unbeweglich saß sie da wie ein Rätsel und manch einer der Gäste hat nachträglich erklärt, daß es ihm verdächtig erschienen war – aber nachträglich erklärte Gefühle haben wenig Wert, wenn auch immer noch mehr als nachträgliche Prophezeiungen.

»Durchlaucht, entschleiern Sie das Bild von Sais – es wartet darauf«, rief die niedliche kleine Pierette, die sich als eine der reizendsten Patrizierinnen Venedigs demaskiert hatte. Aber als Angelo Torcelli den seidenen Schleier ergriff, wich sie mit einem Schrei zurück – weil die Schulter sich so kalt angefühlt hatte.

»Bild von Sais – ich enthülle dich«, sagte Torcelli laut, und die demaskierten Masken drängten sich neugierig um ihn und den Tragsessel herum. Ganz vorn hatte »Lohengrin« sich aufgestellt; sein sonnverbranntes Gesicht sah mit einem merkwürdig gespannten Ausdruck aus der blonden Lockenperücke unter dem Schwanenhelm herab auf die Verschleierte, – sein Auge begegnete dem Torcellis und dessen Hand sank wieder herab. Viel später erst haben die beiden Freunde sich's gestanden, daß sie unter dem Schleier etwas zu sehen erwarteten, was sie lieber verhüllt gelassen hätten.

Aber das ging nicht an. Die Maskenfreiheit war aufgehoben, ein paar hundert Augen waren auf das regungslose Bild von Sais gerichtet – ein Ruck – und der Schleier fiel, und dann, und dann – ein Schrei des Entsetzens –

An das Purpursamtpolster des Tragsessels gelehnt, saß Zoe Torcelli im weißen, weitärmeligen Gewande, auf dem Haupt mit dem aufgelösten, krausen Haar ein strahlendes, kronenartiges Diadem von Brillanten, an der Brust den rotflammenden Alexandrit. Ihr Gesicht war weiß wie Marmor, weiß ihre Lippen, um die ein liebliches Lächeln spielte, gebrochen die geradeaus starrenden braunen Augen – eine Tote, um die eine Stunde lang die Masken getanzt und gescherzt und gelacht hatten.

Denn in ihrer linken Brust steckte bis ans Heft ins Herz gestoßen ein Dolch von eigenartiger orientalischer Arbeit, und darunter war ein dreieckiger Zettel mit einem schwarzen Totenkopfe darauf angeheftet, auf dem mit roter Tinte einige fremdartige Charaktere geschrieben standen.


*


In weniger als einer Viertelstunde war keine Maske in dem großen Saal mehr zu sehen, in weniger als einer halben Stunde hatten alle Gäste die Ca' Torcelli verlassen und standen in Ihre Mäntel gehüllt, schweigend, vor Frost und Erregung zitternd auf dem Campo, um ihre Gondeln zu erwarten, die nur eine nach der anderen anlegen konnten. Viele zogen vor, zu Fuß in ihre Behausungen zurückzukehren.

In der Ca' Torcelli erloschen die Lichter, noch ehe die letzten Gäste den Campo verlassen hatten; schweigend, lautlos räumten die Diener die Tafeln wieder ab, an denen sich niemand niedergelassen hatte, verwischten die Spuren des Festes, das so jäh und grausig endete.

Nur in dem großen Saal, demselben, in welchem Zoe bei Ihrem ersten Besuch das Gefühl eisiger Kälte beschlichen hatte, brannten die Lichter weiter und beleuchteten unbarmherzig das lächelnde Gesicht der Toten. Ihre Augen waren jetzt geschlossen; Iwan hatte sie ihr zugedrückt und sich dann in eine Ecke zurückgezogen, von wo er sie sehen konnte.

Angelo Torcelli wehrte es ihm nicht. Er stand, wo er den Schleier von der verhüllten Gestalt fortgezogen, auf derselben Stelle und sah wie erstarrt auf die Tote, er hörte nicht, was man zu ihm sagte, es war, als begriffe er das alles noch nicht, als wäre ein schwerer Traum über ihn gekommen, der ihm den Gebrauch der Glieder, der Sprache raubte, der wie ein Alpdrücken auf ihm lastete.

Graf Rheinstein nahm sich mit Don Orso und Iwan der notwendigsten Anordnungen an, das heißt, er schickte nach einem Arzt, nach der Quästura. Der Arzt konnte natürlich nur bescheinigen, was jedermann sah: daß die Principessa Torcelli tot war. Der Dolchstoß war von einer sicheren, ihres Zieles durchaus kundigen Hand geführt worden, nur einige Tropfen färbten das weiße Kleid von starrem Figurendamast als der Arzt den Dolch, der den Behörden als Korpus delicti zu dienen hatte, aus der Brust der Toten zog; eine dreischneidige, lange, fast nadeldünne Waffe von maurischem Ursprung.

Die Herren vom Gericht, die alsdann erschienen, nahmen den Tatbestand zu Protokoll, fügten das dreieckige Blatt von der Brust der Toten dem Dolche bei und entfernten sich wieder, nicht viel klüger, als sie gekommen waren, nur daß Iwan imstande gewesen war, die roten Charaktere zu lesen und zu übersetzen, weil sie Russisch waren.

»Also, jedenfalls ein Geheimbund, der sich nicht damit begnügte, den Gouverneur von X. aus dem Wege zu räumen, sondern seine Rache auch noch auf seine Witwe ausgedehnt hat«, war ihr Verdikt, bei dem es auch blieb.

Über allen diesem »notwendigen« Hin und Her verging der größte Teil dieser furchtbaren Nacht, und die ersten Morgenglocken begannen schon zu läuten, als endlich alles still wurde in der Ca' Torcelli.

Angelo hatte auf das Zureden Don Orsos und seines Freundes hin sein Zimmer aufgesucht, nachdem er noch nach seiner völlig aufgelösten Mutter gesehen und ein paar zuredende Worte gemurmelt hatte. Als alles still war, ging er leise hinab in den Saal und kniete zu einer ernsten, stillen Vigilie neben der Toten nieder, auf deren blasses, lächelndes Gesicht jetzt nur das Licht zweier Wachskerzen fiel, die Don Orsos vor Schmerz und Weh zitternde Hände für sie entzündet hatten. Im übrigen war sie »bis auf das Weitere« unverändert so gelassen worden, wie die vier Orientalen sie hereingetragen hatten.

Es waren erst ein paar ernste Stunden, die der in tiefster Seele erschütterte Mann vor den irdischen Resten derer zubrachte, von deren Liebe für ihn er nur ein Bruchteil ahnen konnte. Er wußte wohl, daß sie ihn liebte und empfing beschämt und sich seines eigenen leeren Herzens nur zu bewußt, täglich neue Beweise ihrer Liebe, die zu vergelten er redlich bemüht gewesen war. Aber er konnte nicht wissen, daß sie ihr Leben für ihn hingegeben hatte, ihm ihre ewige Seligkeit geopfert hatte dafür, daß sie ihn vor der Gefahr gewarnt, ehe sie seine Werbung annahm.

Was er aber imstande war von der Größe ihrer Liebe für ihn zu begreifen, dafür dankte er ihr in diesen stillen, grauen Morgenstunden, in denen er vor ihr kniete und in das lieblich stille Antlitz blickte, auf dem ein unsagbarer Friede lag, das durch die Majestät des Todes zu wunderbarer Schönheit verklärt wurde. Angelo Torcelli prüfte sich selbst während dieser Vigilie und ging aus der Prüfung gerechtfertigt hervor, aber nicht ohne Reue darüber, daß er sich nicht bemüht hatte, ihr noch mehr zu geben. Denn unseren besten Willen erkennen wir erst dann für unzulänglich, wenn wir vor lieben Toten stehen.

Sie war ihm eine »liebe« Tote, denn sie war ihm eine liebe Lebende gewesen, wenn auch nicht in dem hohen, dem höchsten Sinne des Mysteriums reinster, vollkommenster Gattenliebe. Aber wie er ihre Schönheit bewunderte, so anerkannte er ihre Güte, ihre Freundlichkeit und Sanftmut ohne Rückhalt und war ihr dankbar für die Liebe, die sie ihm gab.

Die ersten, vom Dunkel der Nacht zum Grau übergehenden Morgenstunden des neuen Februartages wichen dem silbernen Lichte, das der spät aufgehenden Sonne vorausgeht; das silberne Licht färbte sich allmählich perlmutterartig, und endlich schoß im Osten wie ein roter Pfeil ein glorioses Morgenrot über den schillernden Horizont –: Der Vorbote eines frostigen Sonnenaufgangs. Durch die offene Tür zum Salotto, der zwei Fenster nach Osten hatte, kam ein Schein dieses Morgenrots in breitem Streifen bis in den Saal und machte das Licht der beiden dicken, geweihten Kerzen erblassen und den Alexandrit auf der Brust der Toten in seinen nebeneinander gehenden Farbtönen, vom Rot zum Grün schwanken.

Angelo Torcelli, das Gesicht in beide Hände vergraben, fühlte mehr als er sah das Licht des Tages in den riesigen Raum dringen – ein Geräusch wie von leichten Schritten machte ihn aufblicken und verständnislos sah er auf eine weiße Gestalt, die auf ihn und die Tote zukam – eine gertenschlanke, leichte Gestalt im weißen, schlichten Wollkleid der Kandidatinnen gewisser Frauenorden. Diese Erscheinung kam mit dem Morgenrot näher, bis sie neben der Toten stand. Da erst begriff Angelo Torcelli, daß er nicht träumte.

»Daphne!« sagte er zweifelnd.

»Ja, ich bin's, Daphne«, erwiderte sie, die wundervollen dunklen Augen auf ihn gerichtet. »Sie – Zoe – hat mir das Versprechen abgenommen, ungerufen zu dir zu gehen in der Stunde, in der es einmal im Leben erlaubt ist, die Schranken zu überschreiten. Ich dachte nicht, daß diese Stunde jemals kommen könnte und ging darum in das Kloster. Aber Zoe war weiser als ich. Ich habe es ihr versprochen, und darum bin ich gekommen.«

»Daphne!« – Es war zum ersten Male, daß ein Schluchzen seine Stimme zu ersticken drohte, und mit einer Mischung von scheuer Ehrfurcht und mühsam unterdrückten Gefühlen fragte er, indem er auf die Tote deutete: »Aber woher weißt du – wer hat dir Nachricht gegeben –«

»Sie selbst«, sagte Daphne, und beugte sich herab, die kalten Hände zu küssen, die übereinander gekreuzt, weißer als der weiße Stoff im Schoß der Toten lagen.

»Sie selbst? Wann war das, Daphne?«

»Sie selbst. Sie kam im Traume zu mir. Dreimal. Erst war's bald nachdem ich eingeschlafen war. Sie hatte einen blauen, mit funkelnder Borte eingefaßten Mantel um und sagte: ›Geh zu Angelo, Daphne! Denk an dein Versprechen!‹ Ich wachte auf und hörte es zehn Uhr vom Turme schlagen. Ich war sehr unruhig, aber ich schlief wieder ein. Und wieder träumte mir, sie stünde an meinem Bette, aber da hatte sie den Mantel nicht mehr um, und wieder sagte sie: ›Geh zu Angelo, Daphne. Du hast es mir versprochen.‹ Ich wachte auf und hörte es Mitternacht schlagen. Die Schwestern gehen da zur Hora mit den Novizen, die Kandidatinnen aber nicht. Ich stand aber doch auf und bat die Oberin, mich in die Ca' Torcelli zu schicken und sagte ihr, wie Zoe mich gerufen habe. Die ehrwürdige Mutter aber sagte mir sehr gütig, ich möchte nur wieder schlafen gehen, man dürfe auf Träume nicht zu viel geben. Wir Kandidatinnen müssen gehorchen lernen. Ich tat, wie mir befohlen wurde, und zum dritten Mal träumte mir dasselbe. Nur daß ich dieses Mal die Augen offen hatte und Zoe so vor mir sah, wie sie hier sitzt. Sie sagte mir, sie wäre von dieser Erde geschieden und käme nicht mehr wieder. Gott, der eine schwere Schuld von ihr in eine strahlende Krone umgewandelt, hätte ihr erlaubt, noch einmal vor mich zu treten, um mich zu bitten, zu dir zu gehen, weil du mich ja nicht rufen würdest, da ich doch schon mit einem Fuße im Kloster wäre. Das war, als der Tag zu dämmern anfing. Da stand ich auf und ging wieder zu der Oberin, die eben zur Mette wollte und sagte ihr, daß ich fort müßte und warum. Da erlaubte sie es mir. Und so bin ich gekommen. Es war Zoes Wille.«

Angelo Torcelli antwortete nicht. Er legte das Gesicht auf den Schoß der Toten, und ein lautloses Schluchzen erschütterte seinen Körper wie unter einem schweren, seelischen Sturm, und auf seinem Haupte brannten die feurigen Kohlen, die eine erst in dieser Stunde voll und ganz verstandene Liebe ihm verständlich machten. Als er es wagte, das Gesicht wieder emporzuheben zu dem stillen, weißen Antlitz, da war das Morgenrot verschwunden und die Sonne aufgegangen.

»Wie glückselig sie aussieht!« sagte er mit verhaltener Stimme. »Man sollte meinen, sie hätte gelächelt, als der Mörder ihr den Dolch ins Herz stieß –«

Daphne beugte sich herab und legte ihr eigenes, lebensprühendes, junges Gesicht gegen das weiße Antlitz der Toten.

»Gewiß hat sie gelächelt, weil sie an dich gedacht und mit deinem Namen auf den Lippen gestorben ist«, sagte sie zuversichtlich. Und mit leichter, liebreicher Hand nahm sie den weißen Schleier vom Boden auf und deckte ihn über die stille Gestalt.

»Komm, Angelo – es ist Tag geworden, und die Fremden werden kommen. Laß uns hinaufgehen«, bat sie. Und er folgte ihr. Draußen in der Loggia trat ihnen ein Diener entgegen: »Der Gondoliere aus dem Kloster, der Donna Daphne hergerudert hat, wollte wissen, ob sie bald zurückkehren würde oder wann er sie wieder abholen solle.«

»Er kann zurückfahren – allein. Ich kehre nicht mehr in das Kloster zurück«, erwiderte sie ohne Zögern und stieg dann die Treppe zur zweiten Etage hinauf.


*


Am Abend dieses Tages lag Zoe Torcelli schon unter dem jetzt weißen Baldachin des katafalkartigen Bettes in der Malinconica aufgebahrt vor ihrer Überführung in die Kapelle – ein »Opfer, gefallen durch eine unbekannte Hand«. Sie hatten ihr die Tiara abgenommen und ihr einen Kranz von weißen Blütensternen in die krausen, goldschimmernden Haare gedrückt. Über die Füße hatten sie ihr die purpursamtene, hermelingefütterte und verbrämte Decke gebreitet, unter der alle Torcelli als einem Zeichen ihres fürstlichen Blutes aufgebahrt wurden. Ringsum brannten in hohen, silbernen Leuchten florumwundene Wachskerzen, deren Licht in den Silberfäden des weißen Brokates spielte, mit dem die Wände bespannt waren, und wenn der Wind von den Lagunen durch die Ritzen der Fensterläden strich, dann flackerten die Flammen der Lichter und knisterten leise . . . Und neben dem Katafalk knieten zwei Kapuzinermönche und beteten unablässig für die arme Seele derer, die wie ein erstarrtes Engelsbild lächelnd im Sarge lag.


*


Die Fensterläden der Ca' Torcelli sind jetzt fast immer geschlossen, der nördliche Trakt ist vermietet, damit das riesige Gebäude nicht durch den Mangel an Benutzung zu Grunde geht. Die Industrie hat sich dort niedergelassen. Den südlichen Trakt hat die Familie sich reserviert, aber sie kommt selten oder nie mehr nach Venedig, seit so schreckliche Erinnerungen sich an das Haus unauslöschlich geheftet haben. Nur Don Orso hat ausgehalten; grau und zusammengefallen lebt er unter seinen Büchern weiter, ein Einsiedler in dem großen, großen Haus, dessen Kunstschätze er unter seiner Obhut hat. Man darf mit ihm gar nicht von jenem furchtbaren Maskenball sprechen – die Tränen stürzen ihm gleich aus den guten alten Augen und alles, was er sagt, ist: »Der Alexandrit ist Schuld an allem! Aber sie hat nicht auf mich hören wollen!«

Der Alexandrit aber ist heut die kostbarste Reliquie, die Daphne besitzt. Sie trennt sich nie von diesem eigenartigen Schmuck, und niemand ist darüber froher als der gute alte Don Orso. Denn der Alexandrit ist ja Daphnes Glücksstein. Seine Kraft dafür hat er schon bewährt, denn vorübergehend im Palazzo Corleone in Rom, dauernd aber im Schlosse zu Heatherstone kann man die schöne blonde Frau mit den klaren, treuen, schwarzen Augen an der Seite ihres Gatten sehen, der den Erben seines alten Namens mit kräftigen Armen zu seiner jungen Mutter emporhebt. Denn die Erbin vieler Titel hat sich noch einen weiteren beigelegt, der ihr der liebste von allen ist; sie heißt jetzt Daphne, Principessa Torcelli dal Giglio.