ngiyaw-eBooks Home

E. von Adlersfeld-Ballestrem – Der grüne Pompadour

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Der grüne Pompadour, Max Seyfert Verlagsbuchhandlung, Dresden, 1913


Erstes Kapitel.

Ich hasse alle sogenannten Wohltätigkeitsveranstaltungen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ich ihre Zweckdienlichkeit durchaus in Abrede stellen will – im Gegenteil: wenn man zur Linderung irgend eines Elends einer größeren, ja großen Summe bedarf, dann sind sie ein notwendiges Übel. Aber wenn man bedenkt, daß von fünfzig Mitwirkenden kaum zehn sich auch nur annähernd des Zweckes bewußt sind, für den sie oft tagelang kokettieren, intrigieren, sich amüsieren – – doch nein, ich will keine Moralpredigt halten, sondern die ebenso geheimnisvolle wie merkwürdige Geschichte des grünen Pompadours erzählen, und überdies muß ich schon gestehen, daß eine solche Predigt entschieden an Wert einbüßen würde, wenn ich's gleich sage, daß mein Haß auf alle Wohltätigkeitsbasare einen sehr persönlichen Hintergrund hat.

In meinen Leutnantstagen, da lag meiner Stellungnahme gegen dergleichen Veranstaltungen ein anderes Motiv zugrunde: ich war ein armer Teufel und besaß die Mittel nicht, Phantasiesummen für Gegenstände von äußerst zweifelhaftem Wert auszugeben, und dann – dann erhielt ich einmal auf einem Wohltätigkeitsbasar einen Schlag, den ich für einen Todesstoß hielt, der aber nur eine Wunde war, an der ich ein paar Jahre krankte und die immer noch nicht ganz zur Ruhe kommen will.

Die Sache ist mit ein paar Worten erzählt und gehört durchaus zu dieser Geschichte. Ich war mit Lili v. Lahr, der einzigen Tochter der immer noch schönen und stattlichen Majorswitwe verlobt, die in der Gesellschaft eine Rolle spielte, denn wo eine Geige gestrichen wurde und eine festliche Veranstaltung stattfand, da stand sie immer mit an der Spitze der Bewegung. Man muß es ihr lassen, sie verstand ihre Sache; sie war energisch, organisatorisch hochbegabt, aber – lassen wir das. Lili und ich waren nur heimlich verlobt. Sie hatte nichts, ich ebensoviel, und da fand denn die kluge Mama, daß es bis zu meinem Aufrücken ins höhere Gehalt eine »ewige« Verlobung geben würde, unter der ihre Tochter zu leiden hätte. Ich sah das schließlich auch ein, Lili fügte sich wie immer dem stärkeren Willen ihrer Mutter. Jetzt weiß ich's übrigens, daß diese überhaupt nur zugestimmt hatte, um Zeit zu gewinnen, sich nach einem besseren Schwiegersohn umzusehen, und der fand sich bald, denn Lili war nicht nur lieb und gut, sie war auch eine Schönheit von jener zarten, durchsichtigen Art, für die sich so viele begeistern.

Um es kurz zu machen: bei einem Wohltätigkeitsbasar, bei dem Frau v. Lahr ihrer Gepflogenheit gemäß eine Rolle spielte, eröffnete sie mir mit ein paar sehr scharfen Worten, daß ich ihre Tochter nicht durch meine beständige Gegenwart kompromittieren möge und daß sie die Verlobung überhaupt für aufgelöst betrachte, weil Lilis ganze Jugend darunter leiden müßte. Ich erwiderte etwas heftig, daß ich Lili selbst darüber befragen würde, und tat es auch, trotzdem Frau v. Lahr eine Aussprache mit allen Mitteln zu verhindern suchte, aber ich konnte es leider nicht verhindern, daß sie dabei war und für das weinende Mädchen das Wort führte.

Gott allein weiß, wie sehr ich sie geliebt habe, meine schöne aber leider so widerstandslose Lili, die ihrer Mutter gegenüber keinen Willen hatte und vor ihr in einer Furcht lebte, die ich zwar nicht begriff, deren Resultat ich aber greifbar vor mir hatte. Das war sozusagen »zwischen den Schlachten« dieser furchtbaren Basartage, an denen das arme, gequälte Wesen in griechischer Tracht, schön wie ein Traum aussehend, in einem Zelte stehen und Blumen verkaufen mußte. Am dritten Tage früh erhielt ich des Rätsels Lösung: die Verlobungsanzeige Lilis mit dem Grafen Meersburg, dem steinreichen Majoratsherrn. Er hatte ihr schon lange in seiner faden Weise den Hof gemacht, aber ich hatte nur lächelnd zugeschaut, weil ich ja meiner Sache so ungeheuer sicher war.

Am Nachmittage ging ich, vernichtet, empört, zum äußersten gereizt, wie ich war, auf diesen furchtbaren Basar und sah Lili bleich wie der Tod in ihrem Zelte stehen, neben dem sich Graf Meersburg, dieser blasierte Sproß eines uralten, zur Neige gehenden Hauses, die Hände in den Hosentaschen, auf einem Stuhle rekelte – ich hätte den Kerl erwürgen können. Endlich fand sich in dem ganzen tollen Treiben doch ein Augenblick in dem ich mich Lili nähern konnte. Ich machte ihr keine Vorwürfe, denn ich sah, wie sie litt, und daß sie durchaus nicht wie eine glückliche Braut aussah. Ich sagte nichts wie »Lili!« zu ihr, und da sah sie mich mit ihren großen, dunklen, traurigen Augen an.

»Schilt mich nicht,« bat sie leise. »Du weißt nicht, was ich durchgemacht habe. Mama war so hart, so erbarmungslos, und ich – ich konnte einfach nicht mehr. Ich konnte nicht. Ich hab' dich geliebt, ich liebe dich immer noch und werde dich ewig lieben.«

Ich wußte das, ohne daß sie mir's erst zu sagen brauchte, denn Lili war, obwohl sie keine Kraft hatte zum Kampfe, nicht von der Art, die ihr Herz ändert.

Wenn ich nur kein so armer Teufel gewesen wäre!

»Ich werde dir treu bleiben in Zeit und Ewigkeit,« flüsterte ich mit erstickter Stim­me, »und wenn du mich jemals brauchen solltest –«

Da sah sie mich groß an mit ihren traurigen Augen, die nicht mehr weinen konnten. »Ich werde dich rufen,« sagte sie fast feierlich. Es klang wie ein Versprechen, das mir durch Mark und Bein ging.

So trennten sich unsere Wege.

Um dem Teufel sein Recht zu geben; Frau v. Lahr hat vielleicht damals nicht ganz so eigennützig gehandelt, wie es scheinen mag. In ihrer Seele trug sie wohl zu lebhaft eingeprägt den Schrecken ihrer eigenen, mittellosen, hartbedrängten Existenz mit der künstlich zur Schau getragenen äußeren Eleganz, die in sich das größte Elend der täglichen kleinen und kleinlichen Sorgen, den Kampf ums Dasein barg. Wie viele solcher Existenzen gibt es nicht! Sie wollte vielleicht ihrem einzigen Kinde den Jammer ersparen, den sie selbst durchzumachen hatte, aber sie vergaß nur eines dabei: das Herz ihres Kindes. Herzen lassen sich durch Geld und Gut nicht zur Ruhe bringen.

Die Ironie des Schicksals spielte auch bei uns ihre wohlbekannte Rolle, denn kaum war Lili Gräfin Meersburg geworden, da machte ich eine Erbschaft von einer wunderlichen alten Tante, die jedermann für arm gehalten hatte, und die mir nun ein Vermögen hinterließ, das zwar nicht fürstlich, aber doch groß genug war, um mich zu einem sehr wohlhabenden Manne zu machen. Zuerst war ich so entrüstet über diese Schicksalsironie, daß ich das Geld gar nicht nehmen wollte; als ich aber erfuhr, daß die Erblasserin in diesem Fall die Summe zur Errichtung eines Katzenasyls bestimmt hatte, da besann ich mich und nahm es doch, zog die Uniform aus und gönnte mir den Luxus, von dem ich immer geträumt: in Muße mein Lieblingsstudium der Kunstgeschichte zu treiben, zu reisen und die Welt zu sehen.

Aus dem armen Leutnant Fritz Eichwald war nun ein unabhängiger Rentner und Rittmeister a. D. geworden, der es aber nicht unter seiner Würde fand, eifrig zu studieren und die Hörsäle zu besuchen, was übrigens seinen Neigungen besser entsprach, als Rekruten zu drillen und Felddienst zu üben.

Ich zog mich nicht etwa ganz vom geselligen Lehen zurück – o nein, aber ich vermied, was mir niemals Spaß gemacht: Bälle, Generalabfütterungen und – Wohltätigkeitsbasare. Ich blieb auch in schriftlicher Verbindung mit mehreren meiner früheren Regimentskameraden und erfuhr aus solcher Quelle, daß Frau v. Lahr sich bald nach der Hochzeit ihrer Tochter selbst wieder vermählt hatte – mit irgend einem Großindustriellen. Womit der sein Geld verdiente, hatte ich nicht erfahren oder ich habe es vergessen. Es war mir auch ganz gleichgültig; aber ich wußte aus eigener Erfahrung, wie es tut, wenn man jeden Groschen erst zehnmal umdrehen muß, ehe man ihn ausgibt, und darum gönnte ich ihr das Glück, wenn's eines ist, der Sorge ums tägliche Leben enthoben zu sein. Wenn ich ihr nur nie wieder begegnete, dann mochte sie meinetwegen Kaiserin von China werden.

Von Lili hörte ich so gut wie nichts mehr. Die Universitätsstadt, in der ich lebte, Heidelberg, lag durch das ganze Deutsche Reich getrennt von den Meersburger Besitzungen – ich fragte nicht nach ihr oder scheute mich vielmehr, nach ihr zu fragen, und sie mußte sich wohl in ihr Geschick gefunden haben und zufrieden, vielleicht sogar glücklich sein, denn sie rief mich nicht.

Wenigstens durch kein Wort, keine Zeile, keine Botschaft.

Aber so ungefähr zwei Jahre nach unserer Trennung fing ich an von ihr zu träumen, was ich bisher niemals getan. Erst war's nur ein leises Vorüberhuschen ihres Bildes, wie ich es kannte, dann wurden die Umrisse schärfer, und ich sah sie im Schlafe so deutlich vor mir, daß ich sie wachend danach hätte malen können. Aber das war eine ganz andere Lili, als ich sie gekannt: schön und liebreizend zwar, aber doch so bleich und so leidend, mit einem Ausdruck im Blick, den ich mir nicht deuten konnte. Schließlich verging fast keine Nacht, ohne daß mir von ihr träumte, und wenn ich abergläubisch gewesen wäre, hätte ich wohl glauben können, sie riefe mich durch das Medium des Traumes. Aber diese stete Wiederholung derselben Träume kam wohl daher, daß ich mich beim Schlafengehen immer schon fragte, ob ich sie heute nacht wiedersehen würde.

Einmal aber – es war im dritten Jahre nach unserem Scheiden – träumte mir in einer Herbstnacht so lebhaft von ihr, daß ich mir das Datum dieses Traumes am nächsten Morgen in meinem Kalender anzeichnete. Ich sah sie in einem weißen, lang herabfließenden Kleide, das wie ein japanischer Kimono geschnitten und mit goldgestickten Borten besetzt war, um den Kopf mit dem weichen dunklen Haar hatte sie ein weißes Spitzentuch geschlungen, von dem ein Zipfel in ihre Stirn hereinhing. Sie war blaß wie der Tod, ihre großen dunklen Augen umzogen bläuliche Ringe. Sie hob den linken Arm in die Höhe und streifte mit der rechten, durchsichtigen Hand den weiten Ärmel des goldbordierten Kimono zurück, daß der überschlanke Arm bis zum Ellbogen frei wurde. Und sie sah mich an, und ihre Lippen formten Worte, die ich nicht verstand.

Dieser Traum wiederholte sich genau in derselben Weise von Zeit zu Zeit; während ich sonst eine Erinnerung an irgendwelchen Anzug, in dem ich sie sah, beim Wachen nie erhalten hatte, war mir dieser elegante, aus weicher, weißer Seide gemachte Kimono so lebhaft im Gedächtnis geblieben, daß ich das Muster der goldenen Borten hätte zeichnen können. Arme Lili – ich hätte sie jetzt auch in solch' kostbares Gewand hüllen können!

Später – es war kurz vor Weihnachten – sah ich im Lesesaal der Universitätsbibliothek die eben neu erschienenen Gothaischen Taschenbücher, gemeinhin Grafen-, Hof- und Freiherrenkalender genannt, liegen, und da kam mir's zum ersten Male in den Sinn, den Artikel »Meersburg« aufzuschlagen. Der Artikel war kurz. Neben den historischen Notizen über den Ursprung des Hauses stand nur ein einziger Name noch, der des Majoratsherrn Hermann Graf v. Meersburg und Altenbergen, vermählt am 15. Mai 1903 mit Lili v. Lahr, geb. 1. Mai 1883, gest. 18. September 1906.

Ich starrte wie im Traume auf dieses Datum und wiederholte es mir wieder und wieder, ohne es zu verstehen. Gestorben am 18. September – Lili tot!

Der Kalender entfiel meinen eiskalten Fingern und machte die stillen Leser verwundert mißbilligend aufsehen. Lili tot! Und am 18. September! Aber das war ja das Datum, an dem ich in jener Herbstnacht von ihr geträumt, sie zum ersten Male in dem weißen Kimono gesehen hatte!

Wie ein Schlafwandelnder ging ich aus dem Lesesaal fort und nach Hause. Lili tot! Lili tot! Das war das einzige, was ich denken konnte, und wenn ich in den nächsten Tagen, die ich in meiner stillen Stube verlebte, auf das Ticken der Wanduhr hörte, dann sagte der rastlose Pendel immer nur: Lili tot – Lili tot!

Ich kam schließlich aber doch darüber hinweg. Es ist merkwürdig, was der Mensch ertragen kann, ohne daß es ihn tötet.

Ich ging auch wieder aus und in Gesellschaft – o ja. Die Leute hätten schließlich doch gefragt, warum ich mich zurückziehe, und die richtige Antwort hätte ich ihnen ja weder geben können noch auch wollen. Also heulte ich mit den Wölfen weiter, und wenn ich aus einer recht großen Gesellschaft kam, in der ich mich so einsam fühlte wie auf einer wüsten Insel, dann freute ich mich darauf, von Lili zu träumen. Es gelang nicht immer, aber doch oft, und dann sah ich sie immer in dem weißen Kimono, von dem sie den linken Ärmel aufstreifte.

Als der Karneval im vollen Gange war, wurde ich von einer Dame, deren Gastfreundschaft ich manche angenehme Stunde zu verdanken hatte, zum Besuch eines Basars aufgefordert, der in diesen Tagen für ein abgebranntes Dorf abgehalten werden sollte. Sie rechnete bestimmt auf mein Erscheinen – mit wohlgefüllter Börse natürlich. Ich bot ihr diese für den guten Zweck an und bat sie, von meiner Person abzusehen, die dabei ganz nebensächlich und überflüssig wäre, aber sie behauptete, keine Geschenke nehmen zu wollen; die Leute, die für den Zweck beisteuerten, sollten für ihr gutes Geld gute Ware zu entsprechenden, festen Preisen und daneben einen hübschen Anblick haben. Da sie im Ausschuß wäre und dabei etwas zu sagen hätte, sei dafür gesorgt worden, daß dieser Basar keine privilegierte Räuberhöhle, sondern eine anständige Kaufgelegenheit würde; den Verkäufern wäre verboten worden, Phantasiepreise zu fordern. »Und,« schloß sie, »wir werden eine Bude haben, in der nur Sachen im Empirestil verkauft werden, vielleicht reizt Sie das, der Sie für diesen Stil ja eine so besondere Liebhaberei haben. Freilich sind die Gegenstände meist Imitationen, aber nur wirklich wertvolle und künstlerische. Übrigens haben sich auch einige echte Sachen darunter gewagt, von denen sich um des guten Zweckes willen Leute getrennt haben, die keinen großen Wert darauf legen. Es muß auch solche Käuze geben!«

Die imitierten Empiregegenstände, die im Kunstgewerbe jetzt den Markt überschwemmen und so gemein geworden sind wie Brombeeren, reizten mich nicht, und über die »echten« hegte ich meine stillen Zweifel; aber ich schuldete der so freundlich Zuredenden manchen Dank und sagte ihr darum meinen Besuch zu. Ich wunderte mich über mich selbst, daß ich diese Schwäche haben konnte und nicht doch lieber versuchte, mich mit ein paar blauen Lappen zugunsten des guten Zweckes loszukaufen. Aber so oft ich mich deshalb auch an den Schreibtisch setzte, ebenso oft ließ ich's wieder, und innerlich reichlich schimpfend, aber dennoch, ging ich am ersten Basartage dem dazu bestimmten Lokale zu und war wirklich überrascht, wie nett und originell man den Wohltätigkeitsunfug diesmal gestaltet hatte. Ich fand auch das Empiremagazin bald genug; man hatte ihm ein ganzes, großes Zimmer gewidmet, weil ja auch Möbel zum Verkaufe kamen, und die in Empiretracht gekleideten Verkäuferinnen zeigten mir nur zu willig und beflissen die wenigen »echten« Stücke. Ich erstand unter diesen für einen hohen, aber immerhin nicht unvernünftigen Preis ein zierliches Kommodchen aus Rosenholz – der frühere Besitzer mußte ein Vandale gewesen sein, daß er sich von diesem Möbel trennen konnte – ließ ein Täfelchen mit dem Worte »Verkauft« an dem Schlüssel befestigen und in dem Gefühl, nun meine Pflicht getan zu haben, dachte ich daran, mich wieder und zwar so schnell als möglich zu drücken.

In diesem Augenblicke, da ich auf schnöde Flucht sann, kam wie ein Wirbelwind ein kleines, zierliches Persönchen in das Zimmer, das der frühen Stunde wegen noch fast menschenleer war, hereingeschossen, warf einen kostbaren, langen und schmalen orientalischen Schal, den es um die Schultern trug, ab und rief lustig und atemlos: »Ihr habt doch noch nichts ohne mich verkauft? Ich konnte nicht früher kommen, denn eines der Kreuzbänder an meinen Schuhen platzte ab und riß wie Schafleder. Wir mußten erst nach neuen Bändern schicken, und bis die angenäht waren, dauerte es eine Ewigkeit. Ich bin vor Ungeduld fast zum Fenster 'rausgehupft – –«

Sie hielt aus Mangel an Atem ein, aber es langte doch noch zu einem lustigen Lachen, das so herzerfrischend klar und natürlich klang, daß ich einfach auf dem Flecke, auf dem ich stand, stehen blieb und mir dies lebendige Empirepersönchen ansah, wie ich selbst mein Kommodchen nicht betrachtet hatte, trotzdem dessen Marmorplatte noch rosiger war, als die weichen Pfirsichwangen dieses Kindes. Aber die blauen, richtig kornblumenblauen Augen in dem süßen Gesichtchen leuchteten noch mehr als die glänzenden Messingbeschläge des Kommodchens, und weil der Mensch doch, genau wie die Dohlen und Raben, sich vom Leuchtenden angezogen fühlt – kurz und gut, ich habe nie etwas Reizenderes gesehen, als dieses junge Mädchen, das von der Schwelle, auf der die Backfische stehen, eben heruntergetreten sein mochte. Höchstens achtzehn Jahre war sie alt klein, fein, zierlich, wie ein Lichtelf, in ihrem weißen, gestickten Musselinkleidchen über hellblauer Seide, hellblaue Bänder von dem Gürtelband, das unter den Armen die kurze Empiretaille abschloß, herabflatternd, ein ebensolches Band in dem lichten Blondhaar, das um das feine Gesichtchen mit dem süßesten Munde in wirren Locken flatterte und jenen goldbraunen Schein darüber hatte, wie man ihn über einem reifen Ährenfeld kurz vor der Ernte sieht. Kein Schmuck, kein Ring, kein Armband suchte diesen Liebreiz zu heben, nichts als weißer, gestickter Musselin über hellblauem Taft, hellblaue Bänder, goldblonde Haare, strahlende blaue Augen, eine Haut wie Pfirsichblüte.

»Nichts verkauft hätten wir? Freilich haben wir verkauft!« wurde ihr lachend erwidert. »Dort, das Kommodchen zum Beispiel, in das Sie so verliebt sind!«

»Das Kommodchen!« rief sie aus und schlug zwei kleine Händchen mit ganz rosigen Fingerspitzen zusammen. »Und ich habe gestern noch an mein Alterchen geschrieben und gefragt, ob ich's nicht kaufen dürfte. Mein Kommodchen! Solche – solche – solche – Niederträchtigkeit! Wer ist denn das Ungeheuer, der 's verschlungen hat?«

»Es steht vor Ihnen, gnädiges Fräulein,« sagte ich, einen Schritt näher tretend und Flucht Flucht sein lassend.

»Geschmack haben Sie wenigstens, das muß Ihnen der Neid lassen, wer immer Sie auch sonst sind,« erwiderte sie ohne die mindeste Spur von Verlegenheit und machte dazu einen Knicks, der entschieden noch ein Überbleibsel der Backfischzeit war.

»Ich nehme das Kompliment mit Dank an – wer immer ich sonst auch sein mag,« sagte ich, mich meinerseits verbeugend. »Und zum Beweis meiner Aufrichtigkeit verzichte ich feierlich zu Ihren Gunsten auf die Kommode.«

»Das fehlte noch!« rief sie. »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aber konnte Ihr Geschmack nicht auf einen anderen echten Gegenstand fallen? Zum Beispiel auf das grüne Scheusal in meiner Abteilung? Mit dem bleibe ich doch so sicher sitzen, wie zwei mal zwei gleich vier ist!«

»Nun vielleicht kann ich mein Verbrechen wieder gut machen, indem ich mir das grüne Scheusal, was immer es auch ist, ebenfalls noch beilege,« schlug ich vor.

»Wollten Sie das wirklich?« jubelte sie. »Nein, wenn das mein erster Verkauf hier wäre! Nachdem ich zehnmal gewettet habe, daß mir das Ding auf dem Halse bleibt. Aber Sie werden sich bedanken – und außerdem ist's ja ein Damengegenstand.«

»Das ist einerlei. Ich kaufe das grüne Scheusal, und wenn's nur für die Katze wäre,« erklärte ich feierlich.

»Hat man je schon solch' eine Großmut erlebt?« rief sie mit ihrem hellen Kinderlachen. »Aber nun schnell zum Geschäft, eh's Ihnen wieder leid wird!« Sie lief auf die Wand des Zimmers zu, an der ihre Abteilung sich befand. »Da hängt's in seiner ganzen Pracht. Und wenn Sie's gesehen haben, dann bleiben Sie gefälligst, wie Turandot sagt, »Ihrer Sinne Meister.«

Damit deutete sie auf einen grünen Pompadour, der an einem Nagel an der Wand hing und mir unbegreiflicherweise auf meinem Rundgang entgangen war; ich muß geradezu mit Blindheit geschlagen gewesen sein, diesen Gegenstand übersehen zu haben, der so echt »Empire« war wie nur irgend möglich: ein ziemlich umfangreicher Beutel, Ridikül oder Pompadour genannt in dem die Damen damals wie auch heute noch, besonders in den französischen Ländern, alles das mit sich führten, was man bei einem Ausgang, im Konzert oder Theater sonst in den Kleidertaschen trägt; aber die Machart, der Stoff, aus dem er hergestellt war . . .

Um einen ovalen, festen Boden bauschte sich ein etwas verblichener und abgenutzter, aber kostbarer Brokat in starren Falten zur Tasche aus und wurde oben durch eine doppelte grünseidene Schnur zusammengezogen, deren Schlingen vor hundert Jahren von Gott weiß welchem mehr oder minder schönen Frauenarm getragen worden waren. Der Brokat zeigte auf seinem moosgrünen Grunde von schillerndem Atlasgewebe ein Muster, das aus versetzten halbgeschlossenen, ovalgeformten goldenen Lorbeerkränzen mit silbernen Schleifen bestand, und in jedem dieser Lorbeerkränze war ein goldenes »N« mit einem französischen Kaiserkrönchen darüber eingewirkt. Und einen solchen Stoff konnte mein kleines Empirepersönchen ein »Scheusal« nennen!

»Der Himmel verzeihe Ihnen Ihre üble Meinung von diesem Pompadour, gnädiges Fräulein. Der Kenner kann so weit nicht gehen,« versicherte ich ihr, den Beutel vom Nagel nehmend und die Schnur auseinanderziehend, so daß ich auch noch den schweren, wenn auch etwas verschlissenen, altrosa Atlas bewundern konnte, mit dem er gefüttert war. Dabei erfaßte mich eine derartige Leidenschaft für diesen Zeugen einer längstverklungenen Zeit, daß ich's mit Gewißheit wußte: ich mußte ihn besitzen um jeden Preis!

Ob es aber an der Luft des jetzt doch durchaus noch nicht überfüllten Raumes lag, oder an mir selbst, weiß ich nicht, kurz, als ich den Beutel in den Händen hielt, überkam es mich wie ein Schwindel, ich fühlte, wie mir der Schweiß auf die Stirn trat, wie etwas mir die Kehle zuschnürte. Es ging rasch vorüber, aber es blieb mir eine leichte Benommenheit und eine Sehnsucht nach frischer Luft. Ich hörte nicht recht, was die junge Dame mir erwiderte, ich sah sie nur lachen.

Sie nahm mir den Pompadour aus der Hand, wickelte ihn fein säuberlich in weißes Seidenpapier ein und machte ein sehr wichtiges Gesichtchen dazu. »Ich gebe Ihnen meinen Segen,« versicherte sie, mir das Paket überreichend. »Nehmen Sie das Scheusal und seien Sie glücklich in seinem Besitz. Es kostet übrigens nur zwanzig Mark.«

Ich legte ihr das Goldstück in die kleine, rosige Handfläche, die wie das Innere einer Muschel aussah.

»Und die Kommode?« fragte ich dabei. »Wenn gnädiges Fräulein sie noch mögen, so zahlen Sie den Preis noch einmal an die Basarkasse, die die Summe wohl nicht ungern nehmen wird.«

»Womit Sie mir die Kommode eigentlich schenken,« unterbrach sie mich.

Daran hatte ich nicht gedacht und widersprach energisch.

»Nein, nein, daraus wird nichts. Hin ist hin!«

Natürlich konnte ich nicht weiter in sie dringen. Ich nahm also das Paket unter den Arm, bedankte mich und stellte mich nun auch noch gebührend vor.

»Eichwald? Das ist ein hübscher Name!« sagte sie harmlos, frei und frank. »Er klingt so kräftig und gesund. Ich mag gern was kräftig und gesund ist. Ich heiße Ilse Möller.«

Es kam mir ganz natürlich vor, daß sie Ilse hieß; sie konnte gar nicht anders heißen, und ich dachte dabei unwillkürlich an die Ilse, die so lustig, sprudelnd und vor Jugendlust schäumend vom Brocken herabspringt ins Ilsetal im Harz.

Ich ging nun auch heim, wie ich mir's vorgenommen, ohne mich weiter um die sonstigen »Attraktionen« des Basars zu kümmern. Meine Pflicht für die leidende Menschheit hatte ich getan und dabei noch entschieden gewonnen. Ich dachte aber gar nicht einmal an die reizende kleine Kommode, sondern nur an den grünen Pompadour, den ich unterm Arm trug. Kaum erwarten konnte ich es, ihn in näheren Augenschein zu nehmen, wobei ich das sonderbare, widerspruchsvolle Gefühl hatte, ihn unterwegs beim Überschreiten der Neckarbrücke in den Fluß schleudern zu müssen. Ich mußte entschieden krank sein, denn derartige Launen, die sich besser für eine Weltdame paßten, die nicht wußte, was sie wollte, gehörten durchaus nicht zu meinen sonstigen Untugenden. Im Gegenteil – ich pflegte die Leute, die ihnen unterworfen waren, eigentlich recht abfällig zu beurteilen.



Zweites Kapitel.

Als der Pompadour daheim vor mir auf dem Tische stand, denn der feste Boden und der starre Brokat erlaubten das, da fing mich sofort ein halb verlorenes Erinnern zu quälen an. Wo hatte ich nur das Ding, wo diesen Stoff schon gesehen? Den Stoff vielleicht in einem der französischen Schlösser, in denen man noch viele Möbel und Vorhänge aus diesen Brokaten sehen kann mit dem gekrönten »N« im Lorbeerkranze, dieser redenden Erinnerung an den gewaltigen, den großen Napoleon, der sein Monogramm nicht nur dort, sondern allenthalben der Geschichte aufgedrückt hat, aber den Beutel selbst, diesen Beutel – hatte ich ihn nicht von einem weißen, vollen Frauenarm herabhängen gesehen? Phantasie natürlich, nichts als Phantasie, angeregt durch die Umgebung, in der ich ihn erstanden! Und doch, und doch – – vor dem grünen Pompadour saß ich und sann dieser Erinnerung nach, die mich nicht mehr loslassen wollte, bis mir der Kopf schmerzte. Aber es half nichts: der Schleier, der über diesem halb verwischten Bilde lag, wollte sich nicht heben lassen, und je mehr ich mich abquälte, desto dichter wurde er, desto verschwommener erschienen die Umrisse, aus denen nur das Greifbare, der Beutel vor mir, herausragte. Es war sonderbar: was ich auch tat, oder tun wollte, was ich auch begann, immer schob sich der grüne Pompadour dazwischen und nahm mir alle meine Gedanken. Es war, um darüber verrückt zu werden.

In der nächsten Nacht träumte mir wieder von Lili. Ich sah sie in dem weißen Kimono an dem Tische stehen, auf dem in meinem Schlafzimmer der Beutel lag. Sie sah ihn mit großen, entsetzten Augen an und streckte abwehrend beide Hände aus, dann wandte sie sich nach mir um und machte die mir so bekannte Bewegung des Zurückstreifens ihres linken Ärmels und sagte etwas – ich sah es an ihren Lippen, daß sie sprach, aber ich konnte es nicht verstehen, so sehr ich mich auch anstrengte; es war, als ob eine weite Ferne ihre Worte verschlänge.

Nun muß ich aber sagen, daß ich sonst für gewöhnlich nicht zu träumen pflegte, noch weniger den Träumen irgendwelche Bedeutung beilegte, wenn ich ja auch im ganzen eine träumerische Natur war, die in den Soldatenrock wenig paßte. Ich habe übernatürlichen Dingen niemals nachgesonnen, mich nie damit beschäftigt und hatte auch für die Leute kein Verständnis, die es taten. Als ich aber am Morgen erwachte, da wollte mir die Beharrlichkeit, mit der dieser eine Traum mich verfolgte, doch sehr seltsam erscheinen, um so mehr, als ich am Abend vorher gar nicht an Lili gedacht hatte. Aber freilich, das Unterbewußtsein, wie William Walker Atkinson es nennt und es als die Quelle der Träume und Visionen physiologisch in das kleine Gehirn verlegt, arbeitet, vielen unbewußt, im Schlafe weiter.

Schließlich sind das alles auch nur Vermutungen, Versuche zu einer befriedigenden Lösung des Rätsels der Träume, und man muß sich damit zufrieden geben, bis – nun, bis wir da angelangt sind, wo es keine Rätsel mehr gibt.

Ich gab mich also mit dem Versuch zufrieden, aber dafür ließ mir das Rätsel des grünen Pompadours keine Ruhe. Es kann einen geradezu plagen, wenn man eine Erinnerung sucht, und weiß sie doch nirgends unterzubringen, wenn man einen Schatten haschen will, und er flieht vor einem her.

Am Abend, nachdem ich mich den geschlagenen Tag förmlich damit abgehetzt hatte, diesem Schatten nachzujagen, da kam mir wie ein Blitz die Erleuchtung; doch es war ein Licht, das nicht leuchtete, und das scheinbar gelöste Rätsel gab mir nur ein neues auf. Ich sah den grünen Pompadour wieder da, wo ich ihm zum ersten Male begegnet war: auf einem Diplomatenball in Berlin, als ich vor fünf Jahren als »Bärenführer« zu einem Prinzen kommandiert gewesen, dessen erlauchter Vater der Chef meines Regiments war, und wovon die Erinnerung in Gestalt des glänzenden, ausländischen Ordens ja noch heute in meinem Knopfloche weiterlebt. Dort sah ich den grünen Pompadour am Arme einer wundervollen Frauengestalt hängen, die im Kostüm der Kaiserin Josephine, wie wir es von dem Gerardschen Porträt der ersten Gemahlin Napoleons I. kennen, durch die Säle schritt und die allgemeine Neugierde erregte, weil diese Gestalt alle anderen überragte und weil das Kostüm so unzweifelhaft »echt« war. Ich sah sie jetzt wieder ganz deutlich vor mir: das Unterkleid von vergilbtem Atlas mit gesticktem Devant, darüber eine Schleppe von dem gleichen Stoff, aus dem der Pompadour war – richtig, der Stoff mit den vielen gekrönten »N« in den silberbeschleiften, goldenen Lorbeerkränzen war's, der diese Schleppe so auffallend machte. »Ein alter Vorhang- oder Möbelstoff« hatte man damals gemeint, während man der auffallenden Maske nachschaute und sich die Köpfe zerbrach, wer in aller Welt sie sein mochte. Um den blendendweißen Hals trug sie eine Reihe von Irissteinen, die durch die Kaiserin Josephine in Mode gekommen waren, lange Ohrgehänge von dem gleichen schönen Regenbogenquarz und auf dem genau dem Gerardschen Original nachfrisierten Haare statt des Diadems von Steinen ein solches von goldenen Lorbeerblättern. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, denn es war durch eine schwarze Maske verborgen, und als das Zeichen zur Demaskierung gegeben wurde, da war diese imposante »Kaiserin Josephine« plötzlich verschwunden.

Ich war mitsamt meinem Prinzen auch im Gefolge dieser wundervoll imitierten Majestät gewesen, erstens, weil ich das für meine Pflicht hielt, und dann, weil der Stoff ihrer Schleppe und der Schmuck, der zweifellos echt war, mich reizte. Ich habe immer eine Schwäche für dergleichen gehabt. Ich redete sie auch einmal an und erhielt von einer leisen, tiefen Altstimme eine Antwort. Was sie und ich sagten, ist indessen meinem Gedächtnis entschwunden, also wird's wohl nur irgend eine Banalität gewesen sein – was man bei solchen Gelegenheiten eben redet; aber ich weiß noch ganz genau, daß mich dabei aus der schwarzen Maske ein paar Augen ansahen, die einen merkwürdigen, phosphoreszierenden Glanz hatten, wie Glimmer, der im Dunkeln leuchtet, oder wie Katzenaugen.

»Haben Sie die merkwürdigen Augen gesehen? Ordentlich unheimlich!« flüsterte mir ein Bekannter zu.

Jedenfalls wußte kein Mensch, wer diese »Kaiserin Josephine« war oder sein konnte, keine Dame der in Frage kommenden Kreise hatte solch auffallend rotes Haar, aber man entschied, daß es eine Perücke sein müßte, um jedes Erkennen vollkommen unmöglich zu machen. Ich erlaubte mir, anderer Meinung zu sein. Totes Haar oder gefärbtes hat niemals einen solchen metallischen Glanz wie dieses, das an poliertes Kupfer erinnerte und sogar das satte Gold der Lorbeerkrone darin matt erscheinen ließ. Aber es mußte eine Dame der Gesellschaft sein, denn wie wäre sie sonst auf diesen Maskenball gekommen, wie hätte sie sonst Eintritt dazu erlangen können? Der Diener, der die Karten der Eingeladenen abnahm, erklärte, die ihre wäre ganz in Ordnung gewesen, hätte das Monogramm des Botschafters getragen, aber auf welchen Namen sie lautete, wußte er nicht; das war auch schwer zu wissen bei der großen Zahl der Eingeladenen. Wie gesagt, im Augenblick der Demaskierung war die »Kaiserin Josephine« wie vom Erdboden verschlungen gewesen, und ihr Rätsel blieb noch für längere Zeit das Gespräch unseres Kreises.

Wie kam nun der grüne Pompadour auf den Wohltätigkeitsbasar? Nun, das würde sich wohl mit Leichtigkeit feststellen lassen, denn man mußte doch wissen, wer ihn gestiftet hatte. Sinnend betrachtete ich den in damaligen Zeiten unentbehrlichen Toilettengegenstand von allen Seiten. Der feste Boden des Beutels, ein Oval von acht zu zehn Zentimeter im Durchmesser, war sauber mit grünem Seidenstoff bezogen. Der Stoff war dick und schwer und mit doppelter Fadenreihe eingezogen. Bei genauerer Untersuchung kam ich auf den Gedanken, daß der Boden überflüssig hoch gearbeitet sei. Ich zog die Schnüre oben auseinander – sie waren durchweg von Seide und darum noch so gut erhalten – und drehte den Beutel um, dessen Futter stellenweise arg mitgenommen war durch den Gebrauch. Der altrosa Atlas überzog innen die obere Seite des Bodens, der hier leicht gewölbt war, meiner Ansicht nach unnützerweise, denn dadurch mußten kleinere Gegenstände ins Rollen gebracht werden und konnten sich in den dicken Falten verlieren. An der einen Seite dieses gewölbten Ovals war ein doppelt genommenes rosa Seidenbändchen wie eine Schlupfe eingeklebt oder genäht, und ohne diesem Bändchen irgendwelche Bedeutung beizulegen, einfach, wie man etwas spielend in die Hand nimmt, faßte ich diese Schlupfe mit zwei Fingern und zog sie aufwärts. Da gab der gewölbte Boden plötzlich nach und öffnete sich wie ein Schachteldeckel, der auf der Rückseite mit Scharnieren festgemacht ist.

Diese Entdeckung vertrieb mit einem Male die müßige Spielerei, die ich bisher halb unbewußt getrieben, indem ich den grünen Pompadour so eingehend untersuchte. Unwillkürlich zog ich den Atem ein, wie man tut, wenn man sich auf der Schwelle von etwas Unerwartetem befindet, und ich mußte mich erst sammeln, ehe ich den Deckel vollends zurückklappte, um zu sehen, ob und was der verborgene Raum enthielt. Ich war ganz sicher, daß er etwas enthalten mußte und scheute mich fast, es zu sehen, denn was es auch war – es gehörte einer fremden, unbekannten Person, und die Diskretion ist in jedem anständigen Menschen zu stark entwickelt, als daß er ohne Überlegung die Grenze überschreitet, die ihn vom Eindringen in ein Gebiet trennt, das nicht das seine ist.

Aber ich überlegte, daß dieser Beutel zweifellos freiwillig dazu hergegeben worden war, um Dem verkauft zu werden, der den Preis dafür zahlte und bar auf den Tisch legte. Das hatte ich getan. Der Beutel gehörte also mir nach aller Form des Rechtes, und wenn ich etwas darin fand, das vergessen oder übersehen worden war, so war ich verpflichtet, es an mich zu nehmen, um es dem wiederzuerstatten, der vielleicht nicht beabsichtigt hatte, das darin Vergessene mit dem Beutel fortzugeben.

Zu diesem Schlusse gekommen, schlug ich den Deckel des Bodens auf und fand in dem hohlen Raume zwischen ihm und dem Boden so fest geklemmt, daß die Gegenstände sich nicht rühren konnten, zwei Dinge, die der frühere Besitzer dort jedenfalls aus guten Gründen verborgen hatte. Zuoberst ein flaches, ovales Büchschen, eine sogenannte Bonbonniere aus Gold oder Vermeil von wundervoller Arbeit, dessen Deckel fast ganz durch einen schöngeschliffenen Irisstein gebildet wurde, der in der künstlerischen Ziselierung und den bauchig vorspringenden Seiten des Büchschens eingebettet lag. Warum diese schönen Steine total aus der Mode gekommen und aus den Werkstätten der Juweliere verschwunden sind, habe ich nie begreifen können. Sie haben dasselbe irisierende Farbenspiel wie die Opale, nur in wasserhellem Grunde, sie sind Edelsteine, so gut wie ihre halbtransparenten, vornehmen Verwandten – und doch verschmäht man sie. Als zur Zeit des großen Napoleon in Frankreich einmal ein größeres Lager dieser Steine gefunden und geschliffen wurde, nahm die Kaiserin Josephine sich ihrer an und ließ sich einen Schmuck davon machen, der eine gewisse Berühmtheit erlangt hat und in allen Büchern über Edelsteine erwähnt wird; aber der Stein verschwand mit ihr. Seit einigen Jahren findet man in den Basaren, namentlich in der Schweiz, Imitationen dieses schönen Steines, gefärbtes Glas oder Kristall, die wohl eine Idee von den echten geben, aber auch nur eine solche, denn das sanfte und doch wieder feurige Spiel der Regenbogenfarben in dem wasserhellen echten Iris erreichen sie niemals.

Also ein solcher Stein schmückte den Deckel des Büchschens, das ich in dem verborgenen Gelaß des grünen Pompadours fand. Der glatte, goldene Boden war mit einer französischen Marquiskrone und dem Monogramm A. O. graviert. Gott weiß, wie lange dieses kleine Kunstwerk schon hier versteckt war! Es gehörte sicherlich der Empirezeit an. Als ich es aufnahm, schien mir's, als bewegte sich darin etwas leise, kaum bemerkbar – vielleicht war es noch halb mit »Cachous« gefüllt, oder mit winzigen Pfefferminzzeltchen. – Nein, es enthielt, noch zu dreivierteln seines Raumes, winzige farblose Kristalle, halb zu Pulver zerbröckelt, für die ich keinen Namen hatte und die etwa zu kosten ich mich wohl hütete. Wer weiß, was es war.

Der zweite Gegenstand, der unter diesem niedlichen und auch kostbaren Büchschen lag, war ebenso wertvoll, aber zu meiner Überraschung ganz modern: eines jener zierlichen Notizbüchelchen mit federndem goldenen Deckel oder Einband, wie elegante Damen es mit Portemonnaie und anderen Utensilien an der Gürtelkette tragen, drei zu fünf Zentimeter groß, mit einem Sprengringe zum Anhängen versehen; die obere Seite des massiv goldenen Deckels war auf der oberen linken Ecke mit einem Adelskrönchen und dem Buchstaben »N« darunter in kleinen Diamanten inkrustiert. Das sagte viel und doch wieder nichts, aber vielleicht fand sich innen ein Name, eine Adresse, und schon der Kostbarkeit der beiden gefundenen Gegenstände wegen war ich verpflichtet, die Indiskretion weiter zu betreiben und das Büchelchen zu öffnen. Es enthielt, wie ich vermutet, ein auswechselbares Heft mit weißen Blättern, die zum größten Teil mit einer zierlichen Handschrift in lateinischen Lettern, die jede abgesetzt und für sich standen, in Blei beschrieben waren. Zitate waren's, mit Quellenangabe. »Macbeth« stand auf dem ersten Blatt, »Macbeth« auf dem zweiten, dem dritten, dem vierten. Also alle aus »Macbeth« in Schillers Übersetzung des grausigen Shakespeareschen Dramas. Kein Name, keine Adresse, keine sonstige Notiz, die einen Anhalt hätte bieten können.

Nachdem ich mich davon überzeugt, las ich die Zitate der Reihe nach, in der ich sie hier wiedergebe, denn sie gehören zu dieser Geschichte. Aber dessen wurde ich mir erst später ganz klar.


1. Du bist zu sanft
Geartet, um den nächsten Weg zu gehen.

2. Der Versuch
Und nicht die Tat vernichtet uns.

3. Du fürchtest Dich, in Kraft und Tat derselbe
Zu sein, der du in deinen Wünschen bist.

4. Du möchtest gern das haben, was dir zuruft:
Das muß geschehn, wenn man mich haben will!
Und hast doch nicht die Kühnheit es zu tun.
O eile, eile her!
Damit ich meinen Geist in deinen gieße – –

5. Komm, laß uns
Den blut'gen Vorsatz mit der schönsten Larve
Bedecken. Falsche Freundlichkeit verhehle
Das schwarze Werk der heuchlerischen Seele.

6. Wie töricht, das ein traurig Bild zu nennen!

7. Schlafende und Tote
Sind nur Gemälde; nur ein kindisch Auge
Schreckt ein gemalter Teufel – –

8. Man muß dergleichen Taten hinterher
Nicht so beschau'n. Das könnt uns rasend machen.

9. Auf Dinge, die nicht mehr zu ändern sind,
Muß auch kein Blick zurück nicht fallen. Was
Getan ist, ist getan und bleibt's.

10. Dein Gebein ist marklos.
Dein Blut ist kalt; du hast nicht Kraft zu sehn
In diesem Aug', mit dem du mich anstarrst.

11. Arabiens Wohlgerüche alle
Versüßen diese schöne Hand nicht mehr.

12. Ich hab' zu Nacht gegessen mit Gespenstern
Und voll gesättigt bin ich von Entsetzen.

13. Weit besser wär' es, bei den Toten sein,
Die wir zur Ruh' geschickt, uns Platz zu machen,
Als fort und fort in ruheloser Qual
Auf dieser Folterbank der Todesfurcht
Zu liegen – – –


Mit einem Empfinden wachsenden Grauens, das mir kalt durch die Glieder kroch, las ich diese Zitate. Zwar versuchte ich mir einzureden, daß es vielleicht eine Schauspielerin war, die sich aus ihrer Rolle der Lady Macbeth diese Stellen notiert hatte, um sie durch ein besonderes Studium zu ihrer vollen, grausigen Geltung zu bringen, aber die Zitate 10, 12, und 13 sind Stellen, die Macbeth selbst spricht. Nun, am Ende hatte sie die Rolle mit dem Darsteller des schuldbeladenen Schottenkönigs studiert und seinen besonderen Nachdruck auf diese Worte gewünscht oder vorgeschlagen. Indes, das wollte mir nicht recht einleuchten, der Gedanke schien mir nicht annehmbar, schien der Wahrscheinlichkeit zu entbehren, ich wußte nicht recht, warum, aber die Annahme, daß zwischen den Zeilen dieser Zitate aus einer langverklungenen Zeit sich eine Tragödie aus der gegenwärtigen verbarg, wollte mir nicht aus dem Sinn.

Ich warf mich die ganze Nacht im Bette herum, um darüber nachzugrübeln, ohne doch eine Lösung finden zu können. Aber ich mußte sie finden, ich mußte, es ließ mir keine Ruhe.

Ich schalt mich selbst darüber aus. Was ging's mich an? War ich ein Untersuchungsrichter? War ich ein Detektiv, dem man diese Dinge in die Hand gegeben, damit er ihrem Ursprung, ihrer Bedeutung nachforschte?

Es half nichts. Je weiter diese lange, verwachte Nacht ihrem Ende zurückte, desto dringender, fieberhafter wurde das Verlangen in mir, eine Detektivarbeit zu tun, die kein Mensch von mir verlangte, die mich nichts, gar nichts anging, mich nur Zeit und Geld kosten würde für nichts und wieder nichts. Zudem war ich gerade sehr beschäftigt mit meinen Studien; ich durfte kein Kolleg versäumen, wenn ich noch meinen Doktor machen wollte, um mich dann als Privatdozent an einer Universität niederzulassen. Das war mein Ziel. Und nun mußte mir der Zufall diesen verwünschten grünen Pompadour in den Weg werfen!



Drittes Kapitel.

Am Vormittag, als ich wußte, daß der Basar zum dritten und letzten Tage seines Daseins wieder eröffnet wurde, ging ich also zum zweiten Male freiwillig dahin und fand die Räume schon recht ausgeleert, da die meisten Käufer die kleineren Gegenstände, wie ich den grünen Pompadour, gleich mitgenommen hatten. Aber es blieb immer noch genug abzusetzen, und ich fand alles mit der Zubereitung der berüchtigten »Krabbelsäcke« beschäftigt, durch deren Hilfe – zehn Pfennig der Griff – man die absolut unverkäuflichen kleineren Gegenstände loszuwerden pflegt.

Im Empirezimmer fand ich die kleine Ilse Möller mit der Ausführung eines Solotanzes beschäftigt. Sie hatte nämlich alle Gegenstände ihrer Abteilung verkauft und feierte diesen glücklichen Umstand auf die erwähnte Art. Ich sprach sie sofort an, allein sie wußte nicht, wer der Geber des grünen Pompadours war, denn sie weilte nur auf Besuch in dieser Stadt. Ebensowenig konnten mich die anderen Verkäuferinnen aufklären, und nachdem ich noch ein paar Minuten gezögert, um – ja wirklich, um Ilse Möller noch lachen zu hören, suchte ich meine Freundin vom Ausschuß auf und fand sie auch endlich im Bureau des Basars unter Rechnungen und Listen vor.

Sie kannte den Geber des grünen Pompadours, denn er stammte aus ihrer eigenen Kollekte. Es war der Assessor v. Nemsky beim Landgericht.

Ehrlich verwundert verließ ich den Basar. Ich kannte den Assessor gut, aber wie kam der gute, dicke, joviale Junggeselle zu dem grünen Pompadour? War es denn möglich, daß er auch der Besitzer des Notizbüchelchens mit dem gekrönten »N« darauf war und die grausigen Zitate aus Macbeth geschrieben hatte?

Ich beschloß, jedenfalls zu ihm zu gehen und ihn zu sondieren. Aber die erstere Mühe wurde mir erspart, denn um die nächste Ecke biegend, rannte ich hart mit dem Assessor zusammen. Wir entschuldigten uns gegenseitig lachend, dann wollte er weiter stürmen, aber ich benützte die gute Gelegenheit und hielt ihn fest.

»Schon auf dem Basar gewesen?« fragte ich.

»Gestern. Halbes Vermögen am Büfett verfuttert. Blumenmädchen ausreichenden Tribut gezahlt!« rief er vergnügt.

Er war ja immer vergnügt, der gute Assessor. Und der sollte aus Macbeth »Weit besser wär' es, bei den Toten sein, die wir zur Ruh' geschickt, uns Platz zu machen –« zitiert haben?

»Ich habe dort einen Gegenstand erstanden, den der Basar Ihrer Freigebigkeit verdankt,« verfolgte ich meinen Zweck weiter. »Einen grünen Pompadour –!

»Gratuliere!« fiel er mir lachend ins Wort. »Nicht zu den zwanzig Emmchen, die Sie dafür geblecht haben, sondern zu der Verkäuferin, der kleinen Möller! Süßer kleiner Käfer – nicht? Schwatzt wie ein Wasserfall und fährt einem über den Schnabel, daß es eine Art hat, wenn man ein bissel heftig die Chur schneidet. Kann sich das aber leisten bei dem Mammon! – Was aber meine Freigebigkeit betrifft, mit der Sie mir zu schmeicheln belieben – wissen Sie, so'n Basar ist doch die Stätte, auf der man alle Jahre so hübsch seinen Schutt ablagern kann. Diesmal habe ich fürchterliche Musterung gehalten, und der Krabbelsack kann sich freuen. Daß man den grünen Beutel so hoch im Wert geschätzt hat, darüber habe ich nicht schlecht lachen müssen.«

»Sagen Sie mir nur, wie kamen Sie zu dem Ding? Das ist doch ein Damentoilettenartikel,« fragte ich, auf seine Art eingehend.

»Na, Sie sind auch keine Dame und haben ihn doch gekauft,« erwiderte er, vergnügt mit den kleinen Äuglein blinzelnd. »Aber begreiflich, lieber Eichwald, ganz begreiflich. Aus solchen Händen kauft man, was einem angeboten wird. Den Beutel? Den hat mir 'ne alte Tante als Tabaksbeutel verehrt! Sie ist eine gute Seele, die Tante Mieze, aber sie schiebt auch gern Sachen, die sie nicht brauchen kann, an andere ab und vermeidet ebensogern überflüssige Kosten für ihre Geschenke. Mein Tabak täte mir leid und ich mir dazu, wenn ich ihn in einem muffigen Stoffbeutel, in dem das Futter obendrein ganz zerrissen ist, aufbewahren sollte. Ja, wenn sie noch ein neues, ledernes Futter dazu spendiert hätte! So mußte ich meinen diskreten Wunsch nach einem echten, rechten Tabaksbeutel durch das Ding da büßen und durfte mich auch noch dazu schönstens dafür bedanken. – Was wollen Sie denn damit anfangen?«

»Meiner Sammlung einverleiben. Sie wissen doch, ich habe eine Leidenschaft fürs Empire, und der Pompadour ist echt,« entgegnete ich. »Wohl ein Erbstück – nicht?«

»Keinen Schimmer!« meinte der Assessor. »Erbstück? I woher! Tante Mieze – im bürgerlichen Leben Frau v. Schwabing genannt und mit einer schönen Villa in Wiesbaden behaftet, wird ihn wohl auch in irgend einer Wohltätigkeitslotterie gewonnen haben. Hat aber keinen Sinn für Antiquitäten, für die sie den summarischen Ausdruck ›Plunder‹ zu gebrauchen pflegt. Fehlt mir entschieden auch der Sinn dafür, und darum: es lebe die Wohltätigkeit! Muß aber auch solche Käuze geben, womit ich Ihnen aber keine Beleidigung an den Kopf werfen will, weil ich jedem Tierchen sein Pläsierchen von Herzen gönne. – Na, aber jetzt guten Morgen, lieber Eichwald, sonst komme ich zu spät zu meinem Termin!«

Damit schoß er davon, und ich ließ ihn ruhig schießen, denn ich hatte erfahren, was ich wissen wollte: die Adresse der ursprünglichen Besitzerin des grünen Pompadours. Daß der Assessor nichts von dem verborgenen Schatze darin wußte oder ahnte, schien mir ganz sicher zu sein, und das gekrönte »N« auf dem Notizbuch hatte sicher nichts mit dem Namen Nemsky gemein. Zwar noch weniger mit dem Namen Schwabing, aber diese Spur konnte doch auf eine andere Fährte leiten.

Ich zog meine Uhr. Punkt elf ging ein Zug nach Frankfurt ab. Da hatte ich noch eine halbe Stunde Zeit, und wenn ich gemütlich bis zum Bahnhofe bummelte, brauchte ich nicht mehr lange zu warten.

Das Schild einer Apotheke, an der ich vorbeiging, erinnerte mich daran, daß ich mir ja sagen lassen wollte, was der Inhalt des Büchschens, das ich mit dem Notizbuch bei mir trug, sei; ich ging also hinein und zeigte meinen Fund. Der Apotheker, der mich persönlich kannte, war keinen Augenblick im Zweifel, als er die farblosen Kristalle sah, und behauptete, keiner chemischen Analyse zu bedürfen, um seine Behauptung zu erhärten. Es war reines Morphium oder Morphin, wie der wissenschaftliche Name dieses Alkaloids des Opiums genannt wird. Er leckte zum Überfluß an einer der Kristallnadeln und war seiner Sache danach durchaus sicher.

»Ein gefährlicher Besitz – das,« meinte er, »denn was Sie hier haben, reicht aus, zehn Menschen zum ewigen Schlaf zu befördern. Löslich in Wasser und Alkohol. Ich begreife nur nicht, wie jemand zu dieser Menge kommen konnte, denn wir Apotheker dürfen den Stoff rein gar nicht abgeben und in der Lösung nur nach der Vorschrift des Arztes. Sie haben doch selbst nicht etwa die Gewohnheit, Morphium­einspritzungen zu machen, Herr Rittmeister?«

Ich beruhigte den Apotheker vollkommen darüber, denn ich hatte diese gefährliche Arznei niemals nötig gehabt. Aber welcher Morphiumsüchtige gesteht denn seine Leidenschaft ein, und darum nahm ich es dem Manne auch weiter gar nicht übel, daß er mir den Vorschlag machte, mir den Stoff abzunehmen. Ich versicherte ihm aber nochmals, daß ich nur durch Zufall in seinen Besitz gelangt wäre und mich aus gewissen Gründen vorläufig nicht davon trennen wollte, und dann ging ich, um ein Wissen reicher, rasch nach dem Bahnhof und erreichte den Zug nach Frankfurt auch noch rechtzeitig.

Als ich im Wagen saß, hatte ich reichlich Muße, über den Zweck der neugemachten Entdeckung nachzudenken. Wozu und zu welchem Ende war das Morphin in dem goldenen Büchschen? Sein verborgener Aufbewahrungsort deutete darauf hin, daß der Inhaber oder die Inhaberin es als einen Besitz betrachtet hatte, den sie geheim zu halten wünschte; schließlich wäre es ja auch ein gar zu großer Leichtsinn gewesen, den Stoff nicht aufs sorgsamste zu verwahren. Hatte sie die üble Gewohnheit der Morphiumsucht und sich deshalb diesen Vorrat zu verschaffen gewußt? Zur Selbstbereitung der Lösung? Dazu gehörte dann auch eine jener feinen Wagen, wie die Apotheker sie haben, denn ein einziges Gramm mehr kann schon verhängnisvoll werden. Aber warum sollte jemand eine solche empfindliche Wage auch nicht besitzen? Oder war der giftige Stoff in dem Büchschen für einen anderen Zweck, eine andere Person bestimmt gewesen?

Das war ein schlimmer Gedanke, den mir das eine der Macbethzitate aufdrängte, die in dem goldenen Notizbuch standen:


»Komm, laß uns
Den blut'gen Vorsatz mit der schönsten Larve
Bedecken. Falsche Freundlichkeit verhehle
Das schwarze Werk der heuchlerischen Seele.«


Gewaltsam schüttelte ich den bösen Verdacht von mir ab, denn eine Reihe von Zitaten aus einem Drama, welches Gemeingut jedes Gebildeten durch den Dichter wie durch den Übersetzer war, und soundsoviel Gramm reines Morphin gaben immer noch keinen Beweis oder das Recht zu einem solchen Verdacht.

In Frankfurt angelangt, hatte ich fast Lust, wieder umzukehren, aber ich tat's doch nicht, weil die gefundenen Gegenstände mir in der Tasche brannten und ich mir einbildete, daß sie es taten, weil sie fremdes Gut waren, auf das ich mit dem grünen Pompadour kein Anrecht hatte, das vielmehr seinem Besitzer wiedergegeben werden mußte. Und das war doch nur möglich, wenn ich wußte, wer es war.

Ich stieg also in den soeben abgehenden Zug nach Wiesbaden, aß dort zunächst zu Mittag und machte mich dann nach der Villa Marie auf, die ich aus dem Adreßbuch als Besitz der Frau v. Schwabing, des Assessors Tante Mieze, ausfindig gemacht hatte. Ich hatte ihr eine gewisse Zeit für einen Nachmittagsschlaf bemessen, bei dem ältere Leute nicht gern gestört werden, um dann neugestärkt ihren Kaffee trinken zu können.

Sie saß auch richtig dabei, als ich mich melden ließ, und hatte noch das Muster ihres Sofakissens auf den runden, rosigen Wangen, als sie mich ohne weiteres in ihrer behäbigen Rundlichkeit empfing. Sie sah so gemütlich und hausbacken und respektabel aus, die Tante Mieze, daß ich meinen übrigens nur sehr flüchtig genährten Verdacht, sie könnte die Besitzerin des Büchschens und des Notizbuches sein, ohne weiteren Beweis fallen ließ. Ich kam sofort zur Sache, aber, wie ich zu meiner Schande gestehen muß, auf dem krummen Pfade zweier Unwahrheiten, die man in diesem Falle ja wohl »Diplomatie« zu nennen pflegt.

»Gnädigste Frau,« sagte ich, »zunächst muß ich tausendmal um Entschuldigung bitten, wenn ich es wage, Sie zu belästigen. Aber zufällig in Wiesbaden anwesend (Lüge Nummer eins), konnte ich nicht widerstehen, mit einer vielleicht etwas indiskreten Frage und Bitte zu Ihnen zu kommen. Sie hatten die Güte, Ihrem Herrn Neffen, meinem Freunde Nemsky, ein Geschenk mit einem grünseidenen Beutel zu machen, der mich als Liebhaber von Antiquitäten dermaßen interessiert, daß ich für mein Leben gern wissen möchte, wo Sie das geradezu unerhörte Glück hatten, dieses interessante Stück aufzutreiben.«

Das war, genau besehen, nicht geradezu eine Unwahrheit, aber immerhin eine Umgehung, denn ich wollte den guten Nemsky doch nicht in des Teufels Küche bringen, indem ich der gütigen Geberin erzählte, daß er sich ihres Geschenkes bei der ersten passenden Gelegenheit wieder entledigt hatte.

Frau v. Schwabing schlug ihre fetten Hände zusammen, und ihr Blick strahlte. »Man soll nicht sagen, was 'ne Sache ist,« meinte sie ganz glücklich. »Also, der grüne Beutel ist ein interessantes Stück! Nehmen Sie mir's nicht übel, aber was ihr Antiquitätensammler für einen Geschmack habt, das geht doch schon über die Hutschnur. Woher ich ihn habe? Na, um die Wahrheit zu gestehen – aber das bleibt ganz unter uns, nicht wahr? – ich habe ihn selber geschenkt bekommen. Als Zwiebelsack.«

»Als was?« fragte ich entsetzt.

»Für meine Perlzwiebeln, wissen Sie. Oder für die Schalotten,« erklärte Frau v. Schwabing wohlwollend. »Aber dafür ist der Stoff doch viel zu dick da würden die Zwiebeln ja darin verfaulen und muffig werden, denn die Luft kann nicht dazu. Davon hat freilich meine Freundin, von der ich ihn habe, keine blasse Ahnung, denn was die Wirtschaft betrifft, darin ist sie unwissend wie ein Wickelkind. Sie wollte mal die Spargeln ungeschält kochen. Daraus können Sie schon sehen, wie sie ist. Aber sie hat es gut gemeint, und das ist doch schließlich die Hauptsache. Sie hatte das Wort »Zwiebelsack« sehr hübsch und sauber auf ein rotes Band mit gelber Seide gestickt, denn das versteht sie, und das Band hat sie dann quer auf den Beutel genäht. Na, wie gesagt, zu gebrauchen war der Sack für die Zwiebeln nicht, und da hab' ich das Band abgetrennt und auf einen richtigen, ordentlichen Beutel von fester Gaze genäht und die Zwiebeln da hineingetan. Und weil auf dem grünen Beutel doch lauter »N« mit einer Krone darüber eingewebt sind, da dachte ich: das paßt ja wie gemacht auf meinen Neffen, den Fritz Nemsky, und hab' ihm den Beutel für seinen Tabak geschenkt.«

Ich mußte mich erst ein bißchen sammeln und die Behauptung verdauen, daß die mit der französischen Kaiserkrone gekrönten Chiffren des großen Napoleon »wie gemacht« für den guten Nemsky waren, denn dieser Grund für das Geschenk des grünen Pompadours wäre mir im Traume nicht eingefallen. Ich überwand aber heroisch den Lachkrampf, der mich zu ersticken drohte, und nickte energisch Beifall. »Ausgezeichnet!« sagte ich bewundernd. »Gnädigste Frau haben einen so richtigen Blick für das – das Praktische. Woher Ihre Freundin den Beutel hatte, wissen Sie wohl nicht?«

»Keinen Schimmer,« erwiderte sie kopfschüttelnd. »Diese gute Luise, hm – ich habe sie im Verdacht, daß es ein Reisegeschenk war, das sie loswerden wollte. Ich habe sie aber natürlich nicht gefragt, woher der Beutel stammte, weil sie so tat, als ob sie ihn selbst gemacht hätte, aber man sah doch, daß er nicht neu war. Das Futter war schon mächtig zerrissen. Ich wollte eigentlich ein neues hineinmachen, hab's aber ganz vergessen und mich eigentlich vor meinem Neffen hinterher ein bißchen geschämt.«

»Und darf ich fragen, wer Ihre Freundin ist, gnädige Frau?«

»Warum denn nicht?« erwiderte Frau v. Schwabing gemütlich. »Das heißt,« setzte sie hinzu, »Sie wollen doch nicht etwa gar zu ihr gehen, damit es herauskommt, daß ich ihr Geschenk weitergegeben habe? Hören Sie, das wäre mir doch peinlich.«

»Ich könnte ja sagen, daß ich den Beutel hier bei Ihnen gesehen habe,« schlug ich vor.

»Hm ja – das ginge, wenn es Ihnen nicht darauf ankommt, ein bißchen Wind zu machen,« lachte Frau v. Schwabing. »Eine Lüge ist's ja, streng genommen nicht. Sie könnten den Beutel schon bei mir gesehen haben. Ganz gut könnten Sie das. Aber warum in aller Welt wollen Sie denn absolut wissen, woher das Ding ist, wenn's Ihnen doch nicht einmal gehört?«

»Rein archäologisches Interesse, gnädige Frau,« versicherte ich. »Dagegen ist nichts zu wollen, so sind wir Antiquitätennarren nun einmal.«

»Aber was sehen Sie denn nur um Gottes willen an dem alten, plumpen Dinge?«

»Die vielen »N« mit der Krone darüber!« erwiderte ich sanft. »Ich bilde mir ein, das »N« soll Napoleon heißen, und es läßt mir keine Ruhe, zu wissen, wie und auf welchem Wege der Beutel aus der Zeit dieses Kaisers – ich denke natürlich dabei an den ersten Napoleon – bis in die Hände meines Freundes, Ihres Neffen gelangt ist.«

»Na, da schlag einer lang hin!« rief Frau v. Schwabing in ehrlichstem Staunen. »Sie müssen ja schrecklich neugierig sein und sonst gar nichts zu tun haben, wenn Sie solchem unnützen Zeuge nachschnüffeln wollen! Aber das geht mich nichts an, das ist Ihre Sache. Ein jeder, wie er muß – das ist mein Grundsatz. Wenn Sie mich also nicht verraten wollen, dann gehen Sie meinethalben nur immer ruhig zu meiner Freundin. Sie wird sich riesig freuen, daß ihr Geschenk noch jemand so begeistern kann. Sie heißt Frau Rühle und wohnt in Heidelberg, Hauptstraße Nr. 116.«

»Danke tausendmal,« erwiderte ich aufatmend, aber nicht ohne eine leise Klage wider das Schicksal, das mir eine so unnütze Reise beziehungsweise eine Reihe vergeudeter Stunden aufgeladen hatte, denn aus Heidelberg kam ich ja gerade! Freilich gab ich gleich dabei gerechterweise zu: Frau Rühle wußte ja nicht, daß Herr v. Nemsky, den sie doch zweifellos kannte, der jetzige Inhaber des grünen Pompadours war, und Herr v. Nemsky wußte auch nicht, daß er von Frau Rühle stammte. Aber es war doch möglich, ja eigentlich anzunehmen, daß sie den Basar besucht und dort ihr einstiges Eigentum wiedergefunden hatte – nein, das war wohl nicht gerade nötig, denn ich war ja einer der ersten Besucher gewesen und hatte ihn gleich mitgenommen. Die Schlacht stand noch nicht schlecht für beide oder vielmehr für alle drei Parteien, wenn ich mich als vierte nicht mitzählte.

Diese süße Hoffnung wurde aber im Keime erstickt, denn Frau v. Schwabing rief mir, als ich mich empfahl, noch nach: »Ich wundere mich übrigens, daß Sie meine Freundin nicht kennen, denn sie ist doch in Heidelberg bei allem dabei, besonders bei Wohltätigkeitsveranstaltungen. Jetzt ist sie mit im Ausschuß für den großen Basar. Ich habe eine Sandtorte fürs Büfett dazu gestiftet und einen Zwiebelkuchen!«



Viertes Kapitel.

Je größer die Schwierigkeiten waren, auf die ich stieß, desto rascher steigerte sich der Wunsch, das Geheimnis des Pompadours zu lösen, in mir zur Leidenschaft. Schon früh am andern Tage ließ ich mich bei Frau Rühle melden, die mich in einem behaglich und vornehm eingerichteten Heim, das aber jeglichen Interesses für den Antiquitätenliebhaber entbehrte, sehr freundlich empfing. Sie war eine ältere, gut aussehende Dame mit angenehmen Umgangsformen, die ich beim ersten Blicke gleich davon freisprach, die etwaige Besitzerin meines Fundes in dem grünen Pompadour zu sein.

»Ihr Besuch freut mich,« sagte sie. »Ich habe schon von Ihnen gehört und bewundere Ihre Energie, mit der Sie einen von Ihrem ursprünglichen so himmelweit verschiedenen Beruf eingeschlagen haben.«

»Besser spät als niemals,« ging ich, warm berührt, auf das angeschlagene Thema ein, das ich sonst lieber vermied. Aber es kommt eben alles auf die Art und Weise an, und die der Frau Rühle berührte mich durchaus sympathisch.

Wir sprachen noch eine Weile darüber, und dann ging ich zur Attacke über.

»Gnädige Frau,« begann ich, »darf ich mir eine Frage erlauben? Ich bin ein leidenschaftlicher Antiquitätenliebhaber und habe einen Gegenstand gesehen, der aus Ihren Händen in den Besitz der Frau v. Schwabing in Wiesbaden gekommen ist und mein ganzes, brennendes Interesse erregt hat. Es ist dies ein Beutel, ein sogenannter Pompadour von grüner Seide mit eingewirktem Muster von –«

»Ich weiß – ich weiß!« unterbrach sie mich lachend. »Ich habe den Beutel meiner Freundin geschenkt, sie hat ihn wieder ihrem Neffen, dem Herrn v. Nemsky, gegeben, und dieser ist ihn glücklich an unsern Basar losgeworden, wo Sie ihn für zwanzig Mark gekauft haben. Ich habe nicht wenig gelacht, als ich das grüne Ungeheuer dort wiederfand, und Nemsky hat gebeichtet. Er war gräßlich verlegen, aber mich hat's großartig amüsiert, diesen wandernden Beutel wiederzutreffen und zu erfahren, daß er wirklich einen Wert hat. Denn ich hatte ihn selbst geschenkt bekommen, diesen seidenen Ahasver, und muß zu meiner Schande meine Unwissenheit in derlei Dingen eingestehen, die mich seinen Wert durchaus unterschätzen ließ, weil ich Grund zu haben glaubte, seine Echtheit in Zweifel ziehen zu dürfen. Ich erhielt ihn nämlich von einer Verwandten, deren Lebenszweck es ist, Antiquitäten zu sammeln, die aber meist keine sind, sondern wirklich nur alter, wertloser Plunder. Nun, bei ihrem unfehlbaren Blick dafür glaubte ich ihrer Versicherung, daß es ein Tabaksbeutel des alten Napoleon gewesen ist, natürlich keineswegs. Ich verstehe aber nichts von diesen Dingen, und darum schien mir der grüne Beutel gerade gut, um bei meiner Freundin Schwabing sein Dasein als Zwiebelsack zu beschließen. Wenn man ihr etwas schenkt, muß es nämlich einen praktischen Wert haben: Luxusgegenstände läßt sie nicht gelten. Na, jeder nach seinem Vergnügen – nicht wahr?«

Ich stimmte dem gern bei, und, offen gesagt, mir war ein Stein von der Seele gefallen, daß ich mein Ziel weiter verfolgen konnte, fragte daher ohne Umschweife nach dem Namen und Aufenthaltsorte der Spenderin des grünen Pompadours, indem ich aber wohlweislich keinen anderen Zweck nannte, als mein Interesse daran, woher er gekommen und wie sie in seinen Besitz gelangt war. Frau Rühle, die alles, selbst das, was ihrem eigenen Interessenkreise fern lag, ganz gut begriff und, was noch mehr war, auch gelten ließ, gab mir die Adresse der Dame mit der größten Bereitwilligkeit. Es war ein Fräulein Niedermüller in Braunschweig.

»Ich könnte ihr ja schreiben und sie selbst fragen,« meinte sie, »aber eine Antwort ist doch nicht von ihr zu erlangen. Sie ist eben ein Original ersten Ranges, meine gute Base. Eines von der Art, die man im gewöhnlichen Leben schlankweg eine »verdrehte Schraube« zu nennen pflegt. Aber sonst harmlos und –«

Hier wurden wir jäh unterbrochen, denn die Tür wurde aufgerissen, und herein platzte wie ein Wirbelwind, daß die Pelzboa nur so um sie herumflog, eine junge Dame, in der ich zu meinem Erstaunen niemand anders erkannte als Fräulein Ilse Möller, meine Empireverkäuferin vom Basar! Und sie sah »in Zivil«, wenn ich so sagen darf, gerade so reizend und herzig aus als in der Empiretracht, die Wangen gerötet von der kalten Winterluft draußen, die kornblumenblauen Augen blitzend.

»Tante, ich bin wütend!« rief sie, in das Zimmer stürzend. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen, als sie mich sah. Dann aber flog ein schelmisches Lächeln über ihr junges Gesicht, und mit harmloser Freundlichkeit gab sie mir die Hand. »Na, Sie werden ja wohl auch schon einmal wütend gewesen sein,« meinte sie.

»O ja – man hat leider manchmal Grund dazu, oder glaubt ihn zu haben,« gab ich ohne weiteres zu.

»Ich habe aber wirklich einen,« behauptete sie. »Denk' dir, Tante, ich ging vorhin hinter ein paar Studenten – Saxoborussen waren's – her und hörte, wie sie sich über mich unterhielten! Das fuchste mich schon, denn erstens haben sie sich überhaupt nicht über mich zu unterhalten, und dann nannte mich der eine die »kleine Möller« und der andere einen »süßen Käfer«! Solch eine Unverschämtheit! Aber das ist noch gar nichts. Der mit dem »süßen Käfer« fragte den anderen: »Was ist denn der Alte?« – »Knallprotz!« war die Antwort. Na, ich schoß an ihnen vorbei, drehte mich dann um und sagte: »Pardon, meine Herren,« sagte ich würdevoll – du brauchst gar nicht so ein Gesicht zu machen, Tante, ich habe es in der Tat sehr würdevoll gesagt – »pardon, meine Herren, mein Vater ist kein Knallprotz – nicht einmal ein einfacher Protz!« Die machten ein paar Gesichter wie die Katzen, wenn's blitzt, rissen die weißen Stürmer von den Köpfen und murmelten etwas; aber ich ließ sie stehen und ging meiner Wege, innerlich zitternd vor Entrüstung! – Ich zittere sogar noch,« schloß sie und sah dabei nichts weniger als »zitternd« aus.

Ich rang mit allen Geistern der Lachlust, beherrschte mich aber, trotzdem Frau Rühle ganz offen herauslachte.

»Das kommt davon, wenn man zuhört, was die Leute sprechen,« hielt sie sich aber für verpflichtet, erziehlich zu wirken.

»Was soll ich denn machen, wenn sie auf meinem Wege vor mir hergehen und mich nicht sehen und ich nicht vorüber kann, ohne auf dem schmalen Steig einen in den Rinnstein zu stoßen.« verteidigte sich Ilse Möller. »Ich wollte ja auch schon in ein Haus treten, um ihnen einen Vorsprung zu lassen, aber da – da kam der »Knallprotz«. Hättest du das ruhig mit angehört, frag' ich? Ich werde doch nicht mein liebes, gutes einfaches Alterchen beschimpfen lassen, ohne aufzumucken? Ich nicht!«

Enthusiastisch gab ich ihr recht. Zwar, ob die Studenten nicht auch recht hatten, konnte ich nicht wissen, da ich ja nicht die Ehre hatte, den alten Herrn Möller zu kennen, aber mein Herz flog mit gespannten Segeln sozusagen der Tochter entgegen, die so tapfer für ihren Vater eintrat. Ich hätte am liebsten auch getan, was Frau Rühle machte, die ihrer Nichte freundlich die glänzenden Wangen streichelte und sie küßte. Aber dazu hatte ich leider kein Recht. Nur zum Mitnicken nahm ich mir die Freiheit.

»Was werden aber die Herren von dir denken, daß du sie so – so angefahren hast!« meinte dann Frau Rühle mit einem Tadel, der gar keiner war, schon des Tones wegen. »Na, so ist nun einmal unser Ilsekindchen: immer impulsiv und gleich von sich gebend, was ihr auf dem Herzen und auf der Zunge liegt. Und es wird doch nachgerade Zeit, weise zu werden, wenn man den achtzehnten Geburtstag hinter sich hat und wie eine Erwachsene bei einem Basar mitwirken durfte. Ich freue mich schon auf die Predigt, die ich deswegen von deiner Mama zu erwarten habe.«

»Was würden die Herren von mir denken, wenn ich nichts gesagt hätte?« gab Ilse zurück. »Für eine feige Seele hätten sie mich gehalten, wenn sie selbst auf ihre Väter etwas halten. Und was Vaters Frau sagt, ist mir egal, solange du, mein Tanting, etwas für richtig findest. Frau Möller ist überhaupt nicht meine Mama. Meine – meine Mama war mein Mutting, und Frau Möller mag meinetwegen darauf bestehen, daß ich »Mama« zu ihr sage – sie ist's aber doch nicht!«

Frau Rühle brachte taktvoll das Gespräch in andere, unpersönliche Bahnen, und dann empfahl ich mich mit der erhaltenen Einladung, wiederzukommen, wovon ich auch Gebrauch zu machen dachte – wirklich und wahrhaftig der mir so sympathischen Frau Rühle wegen, und nicht etwa, weil Ilse Möller ihre Nichte war. So weit war ich damals noch nicht, denn ich hatte mich von dem Schlag, daß Lili tot war, noch nicht erholt, trotzdem ich sie so lange schon verloren, unwiderruflich verloren hatte, und ihr Scheiden aus dieser Welt keinen Unterschied mehr für mich ausmachte. Aber ich stehe auch nicht an, zuzugeben, daß Ilse Möller mir sehr gut gefiel. Sie war ein Charakter, das stand fest, ein gerader, furchtloser Charakter, der es sicher nicht nur mit dem Teufel, sondern auch noch mit der Welt und – mit Frau v. Lahr obendrein aufgenommen hätte, wenn es galt, ihre Liebe zu behaupten und zu verteidigen. In diesem Kampfe würde dieses kleine Mädchen siegen – diese Gewißheit hatte ich ihr gegenüber. Es ist immer ein frohes Gefühl, solchen Menschen zu begegnen. Aber trotzdem trat sie doch damals noch in den Hintergrund vor meinem nächsten Ziel, und dieses war der grüne Pompadour. Man mag mich für so verrückt halten, so überspannt, wie man will, aber die Tatsache bleibt, daß ich keinen anderen Gedanken als die Lösung dieses Rätsels hatte, daß mich ein Etwas, das stärker war als ich, antrieb, den Spuren zu folgen, die mir es ja auch ermöglichen sollten, dem Eigentümer die beiden wertvollen Gegenstände, auf die ich kein Recht hatte, wieder zurückzugeben.

Fräulein Kathinka Niedermüller in Braunschweig hielt ich übrigens nicht für einen Augenblick für die Besitzerin der mit Morphin gefüllten Büchse und des Notizbuches. Sie hätte sich den Pompadour gewiß zurückgefordert, wenn sie diese Gegenstände selbst darin verborgen hätte. Das »N« auf dem Büchelchen stand allerdings merkwürdig in Übereinstimmung mit dem Anfangsbuchstaben ihres Namens, den ich gegen meine Empfindung ins Gefecht führte. Ich kenne zudem viele Leute, die sich mit der größten Harmlosigkeit Kronen über ihrem Monogramm anbringen lassen, einfach, weil es hübscher aussieht. Warum sollte sich also Fräulein Kathinka Niedermüller nicht ein einfaches Krönchen mit bescheidenen fünf Perlen gönnen? Aber trotz dieses Einwandes konnte ich sie mir nicht als die Besitzerin der Büchse, nicht als die Schreiberin der Macbethzitate vorstellen. Frau Rühle hatte sie »eine verdrehte Schraube« genannt, und was ich mir damit von ihr vorstellte, paßte durchaus nicht zu dem Inhalte des grünen Pompadours. Aber sehen und sprechen mußte ich sie, das stand fest, denn nur sie konnte mir weiter helfen.

Ich fuhr also noch mit dem Nachtzuge nach Braunschweig, denn ich wollte mein Eisen schmieden, solange es warm war, immer die Zeitverschwendung vor mir selbst damit entschuldigend, daß ich die gefundenen Gegenstände ihrem Eigentümer zurückgeben müßte, und doch ganz darin sicher, daß es etwas anderes war, das mich trieb, etwas Unwiderstehliches, ein Muß, dem gegenüber die Vernunft die Segel strich.

In Braunschweig noch vor Tagesgrauen angelangt, genehmigte ich mir zunächst ein Bett, in dem ich auch wirklich noch ein paar Augen voll Schlaf fand, bis es Tag geworden war. Dann litt es mich aber nicht mehr in dem ungemütlichen Hotelzimmer, und ich ging aus, um bis zu der Zeit, in der ich mit einigem Anstand bei Fräulein Niedermüller anklopfen konnte, in der interessanten alten Welfenstadt herumzubummeln und die schönen alten Häuser und Kirchen zu bewundern, an denen das historische Braunschweig so reich ist. Dabei kam ich an der Ägidienhalle vorbei, jener uralten, durch einen zur einen Hälfte romanischen, zur anderen gotischen Kreuzgang verbundenen Doppelkirche, in der das Vaterländische Museum untergebracht ist, und brachte in dieser interessanten Sammlung eine Stunde der auf mir lastenden Zeit unter, aber länger litt es mich doch nicht darin, und ich beschloß, nun direkt meinem Ziel entgegenzuziehen.

Dabei kam ich durch eine der schmalen, langen Gassen der alten Stadt, die von hochgiebeligen Häusern eingesäumt sind, und in einem derselben entdeckte ich den Laden eines Althändlers, halb Trödler, halb Antiquar, und blieb natürlich an der Auslage desselben stehen – gewohnheitsgemäß, denn in solchen Geschäften kann man oft unter dem Wust doch noch einmal eine Perle finden. In dem mit kleinen Scheiben versehenen, breiten und niederen Schaufenster stießen sich im Raume hart die Sachen, um mit Schiller zu reden: altes, wertloses Zeug, Messingleuchter, Zinnkrüge, angeschlagenes Porzellan und anderes irdenes Geschirr, Büchsen, Holzschnitzereien, verblichene Bänder. Halb verborgen durch die letzteren auch die Ecke eines flachen Etuis von goldgepreßtem rotem Maroquin, das meine Neugierde erregte, weil es mir wie »Empire« auszusehen schien. Indem ich noch überlegte, ob ich hineingehen sollte in den finstern und, wie mir schien, tiefen Laden, kam ein Mann, wohl der Inhaber des Geschäftes, heraus und hing ein paar alte Kleidungsstücke auf einen Haken an der Ladentür. Er grüßte mich und fragte, ob ich nichts brauchen könnte.

»Bitte, was ist das?« fragte ich, auf das Etui deutend. »Ist etwas darin?«

»Freilich ist was darin,« erwiderte er. »Ein Schmuck. Wollen Sie ihn sehen?«

»Wenn Sie so freundlich sein wollen, ihn mir einmal zu zeigen, gern,« sagte ich und folgte ihm in den Laden, der zum Ersticken mit altem Trödel vollgestopft war. In einem eisernen Öfchen brannte ein frisch angezündetes Feuer, und die Luft war dick und angefüllt mit dem widerlichen Geruch, den alte Kleider auszuströmen pflegen. Es roch außerdem noch entschieden nach Knoblauch, ein Geruch, der mir besonders unangenehm ist.

Der Mann wischte sich erst die dessen sehr bedürftigen Hände an einem Handtuch ab und holte dann das Etui unter den Bändern hervor; es war ziemlich groß, flach und arg abgestoßen.

Ehe er es noch öffnen konnte, nahm ich es ihm ohne weiteres aus der Hand, denn die Prägung darauf machte, daß mein Interesse plötzlich lichterloh brannte: um den Rand herum lief ein schmaler, gemusterter Streifen von Goldprägung und oben auf dem Deckel war ein Monogramm, ein reichverziertes »J« mit der französischen Kaiserkrone darüber! Auf der Rückseite aber, dem Boden des Etuis, der gleichfalls mit rotem Maroquin überzogen war, stand ein anderes Monogramm eingeprägt, ein »A.O.« mit einer französischen Marquiskrone darüber – genau wie auf dem goldenen Büchschen, das ich in meinem grünen Pompadour gefunden.

Ich machte vor Überraschung unwillkürlich eine Bewegung und blickte den Mann an, der mir gespannt zusah.

»Ja, ja,« meinete er. »Ich hab' mir auch schon manchmal gedacht, was diese Buchstaben wohl zu bedeuten haben mögen.«

Schweigend öffnete ich das Etui, das nur durch einen kleinen, bronzenen Haken an der Schmalseite geschlossen war, und – machte wieder eine Bewegung, denn auf dem Futter von weißem Samt lag ein Halsband, eine sogenannte Riviere von nach hinten sich verjüngenden, in Gold gefaßten, tafelförmig geschliffenen Irissteinen, von deren größtem in der Mitte vorn ein gleicher in Birnenform herabhing. Ich hätte schwören mögen, daß es dieselbe Riviere war, die ich auf dem weißen Halse der geheimnisvollen Dame im Kostüm der Kaiserin Josephine auf jenem Maskenball in Berlin gesehen hatte.

»Woher und von wem haben Sie diesen Schmuck?« fragte ich den Händler nach einer Pause.

»Ja, das ist mehr, als ich Ihnen sagen kann,« erwiderte er, sich den Kopf kratzend. »Wenigstens, was die Person betrifft. Sehen Sie, ich gebe hin und wieder Geld auf Wertsachen, und wenn sie dann nach einer bestimmten Zeit nicht eingelöst werden, dann sind sie mein. Das ist ein ganz ehrlicher und sauberer Handel, wie ihn jedes Leihhaus treibt. Ich habe auch eine Konzession dafür von der zuständigen Behörde – in gewissen Grenzen. Die habe ich nie überschritten, mein Herr, und –«

»Ich bin davon überzeugt,« unterbrach ich ihn, weil ich das gar nicht wissen wollte. »Wer hat Ihnen also diesen Schmuck versetzt?«

»Eine Dame, mein Herr. Vor vier Jahren kam sie und bot mir den Schmuck an, nachdem sie wohl eine Viertelstunde draußen am Fenster gestanden, wieder weggegangen und nach fünf Minuten wiedergekommen war. Ich habe sie beobachtet. Die Leute, die etwas versetzen wollen, machen es oft so. Es reut sie erst, da gehen sie von der Türschwelle wieder weg, aber weil sie das Geld notwendig brauchen, da kommen sie doch wieder zurück. Ich kenne das und warte ruhig ab, bis sie soweit sind. Das sind die, die nicht genau wissen, ob sie den Gegenstand, den sie bringen, wieder einlösen können. Na also, sie kam wieder, die Dame nämlich – sie war ganz fein angezogen, eine große Person, einen Schleier vor dem Gesicht – und bot mir den Schmuck an, ob ich ihr Geld darauf geben wollte. Ich sah wohl, daß es gefärbte Kristalle waren, aber die Fassung ist echt. Ich habe sie mit einem Probierstein untersucht. Sie schwor mir, daß es echte Edelsteine wären – ich weiß nicht, wie sie sie nannte, aber ich ließ mir nichts weismachen. Wer hat denn je solche Edelsteine gesehen? Das Ende vom Liede war, ich gab ihr Geld darauf, und der Schmuck sollte mein sein zur freien Verfügung, wenn sie ihn nach anderthalb Jahren mit den Zinsen für das Geld nicht wieder einlöste. Sie ist nicht wiedergekommen. Ein paar Goldschmiede, denen ich das Halsband anbot, lachten mich aus; ich hätte das Gold zu teuer bezahlt und für die Steine gäben sie nichts. Da hab' ich nun das Ding auf dem Halse und muß froh sein, wenn ich in der Karnevalszeit manchmal ein paar Pfennige damit verdienen kann, daß ich es zu Maskeraden verleihe. Aber dazu hängen sich die Damen auch lieber Glasschmuck für Diamanten auf als diese Steine, die doch kein Mensch benennen kann.«

»Die Dame hat ihren Namen nicht genannt?« fragte ich.

»Doch. Sie meinte zwar erst, es wäre nicht nötig, aber das war es doch des Scheines wegen. Sie sagte, sie hieße Anna Müller, aber ich denke mir, es wird wohl nicht ihr richtiger Name gewesen sein, denn sie besann sich erst eine Weile, ehe sie ihn nannte. Das war aber ihre Sache, wenn ich nur einen Namen für den Schein hatte.«

»Wie sah sie aus?«

»Na, sie war gut angezogen, groß – ihr Gesicht konnte ich so deutlich nicht sehen des Schleiers wegen, aber mich dünkt, es war blaß, mit sehr roten Lippen und sehr glänzenden Augen. Jung mochte sie auch noch sein. Und rote Haare hatte sie, ja, das fiel mir am meisten an ihr auf. Nicht eigentlich rot, aber glänzend, wie ein gut polierter kupferner Kessel.«

Solche Haare hatte die »Kaiserin Josephine«, nicht die echte – denn diese hatte schwarze Haare – aber die imitierte, auf dem Maskenball auch gehabt. Ich nickte, als ich daran dachte und dabei das stolze Haupt mit dem Diadem von goldenen Lorbeerblättern so deutlich vor mir sah, als wäre es erst gestern gewesen.

»Was wollen Sie für den Schmuck haben?« fragte ich nach einer Pause, währenddessen ich die Irissteine mit ihrem schönen Regenbogenglanze betrachtete.

Der Händler kratzte sich wieder den struppigen Kopf. »Ja,« meinte er, »das ist so 'ne Sache. Ich bin ein armer Mann und kann nichts verlieren. Aber ich bin ein ehrlicher Mann und mag niemand übers Ohr hauen. Beileibe nicht. Ich habe der Dame fünfzig Taler, also hundertfünfzig Mark, für das Halsband bar ausgezahlt –«

»Gut,« unterbrach ich ihn. »Rechnen wir noch für vier Jahre fünf Prozent als Zinsen zu dieser Summe hinzu, dann haben Sie nichts verloren. So wird es wohl stimmen.«

»Ja,« meinte er etwas zögernd, indem er an den Fingern eine Berechnung machte. »So ungefähr würde es gehen. Aber es ist schon etwas über vier Jahre, daß ich den Schmuck habe. Legen Sie noch die Zinsen für ein halbes Jahr zu, und dann mögen Sie das Ding dafür haben.«

Ich stimmte zu. Der Mann sah wirklich ehrlich aus, und überdies waren die Steine unter allen Umständen mehr wert, wenn sie ja auch außer Mode waren und eigentlich nur noch eine Kuriosität bildeten. Ich zahlte also das Geforderte, steckte das Etui in meine Paletottasche und ging meiner Wege, ohne mir der großen Ausgabe wegen Gewissensbisse zu machen. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, einen Schatz gefunden zu haben, ein Glied der zerrissenen Kette, die ich ja wieder zusammenfügen wollte.

Wenn nun auch Fräulein Kathinka Niedermüller – aber da war ich ja schon auf der breiten Leonhardbrücke, unter der die Oker hinwegfließt, und ich mußte mir nun die Nummer suchen, die Frau Rühle mir angegeben. Ich fand sie endlich auf einer kleinen, in einem Gärtchen stehenden Villa, an deren Haustür ein aller Klopfer neben der modernen elektrischen Klingel angebracht war. Eine ältliche Person, die ich für die Dienerin hielt, in großer blauer Schürze, Schlappen von mächtiger Größe an den Füßen öffnete mir und fuhr mich an, ob ich denn dächte, daß man hier taub wäre, weil ich klingelte, als ob ich das Jüngste Gericht anzumelden hätte.

Wenn jemand grob wird, werde ich immer sanft, und ich fragte also in schmelzenden Tönen, ob Fräulein Niedermüller zu sprechen wäre, ich käme mit Empfehlungen von Frau Rühle aus Heidelberg. –

»Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?«» schnob die Person mich an.

»Dann hätte ich's vor der Tür schreien müssen, ehe ich klingelte, denn bisher beliebten Sie zu reden,«» erwiderte ich lachend.

Nun lachte sie auch. »Na, denn man rin in die jute Stube!«» lud sie mich zum Nähertreten ein und öffnete eine Tür zu ebener Erde. Ich folgte ihr und – nein, der Trödelladen, den ich eben verlassen, war ein geordnetes Prachtgemach gegen diesen Raum, vollgestopft mit den menschenunmöglichsten Sachen, die im wilden Sammelsurium hier hereingepfercht waren. Schöne, alte Stücke von Möbeln, und darum herum, an den Wänden bis hinauf zur Decke, ein Plunderkram von Dingen, die geradezu namenlos waren.

»Da ist das Sofa,« sagte die Person, auf einen Rokokoschlitten mit zerfetzten roten Samtpolstern und vergoldet gewesenem Schnabel deutend, der eine grinsende mythologische weibliche Person darstellte. »Nehmen Sie Platz.«

Der Schlitten stand auf sehr hohen Kufen und hatte längst den Tritt verloren, der sein Besteigen einst möglich gemacht. Ich sah mir die Sache prüfend an, ob meine Turnkunst den langen Schritt wohl ermöglichen würde, aber ehe ich ihn wagte, meinte ich noch: »Würden Sie nicht Fräulein Niedermüller lieber vorher fragen, ob sie mich auch empfangen will?«

»Na, setzen Sie sich man ruhig – ich bin ja die Niedermüllern selber,« erwiderte die Person mit einer dröhnenden Lachsalve und nahm dabei selbst auf dem Rücken eines lebensgroßen heraldischen Löwen Platz, dessen unmöglich lange Zunge zur Hälfte abgebrochen war. Dafür trug er aber einen spanischen Maultiersattel, von dessen verschossener Samtbekleidung die Füße meiner Wirtin in ihren riesigen Schlappen ehrwürdigsten Alters grotesk herabbaumelten.

Ich setzte mich nun auch, aber zunächst vor Staunen um ein Haar auf den Boden. Das war also Fräulein Niedermüller in eigener Person!

Sie sah mir meine Überraschung wohl an, denn sie lachte. »Na, hat Ihnen meine Base denn keine Personalbeschreibung von mir gegeben?« fragte sie, sich die Augen, die ihr vom Lachen tränten, mit der Schürze abwischend. »Das nimmt mich wunder, denn sie regt sich immer über meine Eleganz auf und hat besonders diese lieben, alten Schuhe –« damit warf sie einen davon hoch in die Luft und fing ihn mit der Fußspitze wieder auf – »in Acht und Bann getan. Aber mir sind sie bequem, und damit basta! Nun machen Sie aber keine langen Faxen, sondern setzen Sie sich in den Schlitten. Marie Antoinette ist einst in ihm spazieren gefahren. Also setzen Sie sich mit Andacht. Der Löwe hier« – damit gab sie dem entsetzlichen Monstrum einen Patsch auf die Kruppe – »das ist der Löwe von Sankt Markus. Er stammt aus dem Palazzo Morosini und stand neben seinem Privatthrone, nämlich dem des Dogen Francesko Morosini. Der Händler hat mir's schriftlich gegeben. Ich habe ihn selbst von Venedig hergebracht. Nicht den Händler, sondern den Löwen natürlich. Auf dem Sattel ist die Königin Isabel, des Don Carlos schöne Stiefmutter, auf ihrem Zelter spazieren geritten.«

Ich stand noch immer starr vor Erstaunen. Der Löwe war sicher hundert Jahre später zur Welt gekommen als der Doge und Seeheld Morosini, und der Sattel war auch mindestens zweihundert Jahre jünger als die Stiefmutter des Don Carlos. Aber das war nebensächlich, Frau Rühle hatte jedenfalls recht: ihre Base war eine verdrehte Schraube – sie übertraf sogar meine kühnsten Erwartungen.

»Sie fürchten sich wohl vor dem Klettern?« fragte sie. »Nur Mut – es wird schon gehen.«

Unter den freundlich anfeuernden Worten war ich wirklich hinaufgeklettert auf den Schlitten.

»So, nun schießen Sie los und erzählen Sie mir, was die Rühle mir sagen läßt,« rief Fräulein Niedermüller, indem sie mir zusah, wie ich vorsichtig den Sitz befühlte, um herauszukriegen, was der zerfetzte rote Samtüberzug barg.

»Wo haben Sie denn die Deichsel?« konnte ich mich nicht enthalten zu fragen.

»Draußen, im Hausflur, in der Ecke. Sie nahm hier zuviel Platz weg. Das heißt, ich hatte sie trotzdem daran gelassen und mit einem Kelim behängt, um sie als Sitz zu benützen, aber sie war morsch, und eine Besucherin brach mal damit zusammen. Die Person ist seitdem niemals wieder zu mir gekommen, weil sie die Sache für einen schlechten Witz, den ich mir mit ihr erlaubte, gehalten hat. Na, da habe ich sie vom Stellmacher wieder flicken lassen und in den Hausflur gestellt. Die Deichsel nämlich. Aber Sie wollten mir erzählen, was –«

»Jawohl,« beeilte ich mich einzufallen. »Frau Rühle läßt Sie herzlichst grüßen und Sie bitten, mir auf eine Frage, die ich mir erlauben wollte, gütigst zu antworten.«

»Raus mit der Katze aus dem Sack!« war die ermunternde Antwort.

Die Pilgerfahrt des grünen Pompadours unerwähnt lassend, erklärte ich ihr nun mein Interesse für dieses Stück und fragte, wo sie ihn erworben habe.

»Der grüne Pompadour!« schrie Fräulein Niedermüller, dunkelrot im Gesicht, und schlug sich dabei schallend mit den Händen auf beide Kniee. »Herr, wissen Sie denn auch, daß es der Tabaksbeutel des großen Napoleon war?«

»Das wußte ich wirklich nicht,« gab ich zu. »Napoleon hat nämlich überhaupt nicht geraucht.«

»Dann hat er eben seinen Schnupftabak darin gehabt!« erklärte Fräulein Niedermüller mit Entschiedenheit. »Geschnupft hat er, das ist historisch erhärtet und sogar in der Ballade ›Die Schlacht bei Leipzig‹ von Edwin Bormann dichterisch verwertet worden . . .


Eine Prise nach der andern
Läßt er in die Nase wandern –
Lächelnd kloppt er auf die Dose:
›Völkerschlacht, du bist mir Soße!‹


Und zuletzt bietet er dem Marschall Ney noch eine Prise an. Und diesen Beutel habe ich in einem Anfall von Großmut der Rühle geschenkt, die von solchen Dingen und von Altertümern überhaupt weniger versteht als der Affe vom Gurkensalat! Na, ich werde ihr den Beutel schon wieder abjagen. Sie selber scheinen übrigens ein vernünftiger Mensch zu sein, weil Sie den historischen Wert doch erkannt haben. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Ich verbeugte mich stumm. Dann aber ging ich, durch diese freundliche Gesinnung ermutigt, energisch auf mein Ziel los. »Wenn Sie nun die große Güte haben wollten, mir zu sagen, wo Sie das Glück hatten, den grünen Pompadour aufzutreiben, dann will ich nicht länger stören.«

»Woher ich den Beutel habe? Den habe ich im vergangenen Herbst in Venedig gekauft, wo Napoleon ihn jedenfalls bei der Abreise vergessen hat mitzunehmen.«

»Jedenfalls,« bestätigte ich gedankenabwesend. In Venedig also? Und im vergangenen Herbst? Am 18. September war Lili in Venedig gestorben. Es durchzuckte mich, als ob zwischen diesem traurigen Ereignis und dem grünen Pompadour irgend ein dunkler, unaufgeklärter Zusammenhang sein müßte. Meine groteske Umgebung versank, mir war, als ob ich in einem Dunkel tappte und nach einem Ausgang suchte und doch keinen Lichtschimmer sah, der mich leiten konnte.

»In Venedig,« hörte ich Fräulein Niedermüller wie aus einer weiten Ferne wiederholen. »Auf dem Rückwege war ich in Heidelberg bei meiner Base, und weil sie sich über den Stoff mit den vielen N verwunderte, da ritt mich der Teufel, daß ich ihr den Beutel schenkte. Der Mensch hat manchmal solch blödsinnige Anwandlungen. Es reute mich auch schon, als ich heimfuhr. Der wären ein paar Knackwürste oder 'ne Kiste mit Braunschweiger Honigkuchen lieber gewesen. Dabei fällt mir ein: ich habe welchen. Wollen Sie ein Stück essen? Er schmeckt, dick mit Butter beschmiert, sehr gut.«

Ich kam wieder so weit zur Gegenwart zurück, die angebotene Delikatesse mit höflichstem Danke ablehnen zu können. »Von wem haben Sie denn in Venedig den Beutel gekauft?« setzte ich hastig hinzu.

»Von irgend einem Antiquar,« erwiderte sie ohne Zögern. »Zwanzig Lire hat er haben wollen, und sechs habe ich ihm bezahlt. Zwei wird er dafür gegeben haben.«

»Vermutlich,« meinte ich zerstreut. Die italienischen Händler müssen ja ihre Preise in dieser Art vorschlagen, weil die Fremden unter allen Umständen feilschen wollen und dadurch diesen Unfug eingeführt haben. Und dann schimpfen sie über die braven Leute und glauben wunder wie klug sie selbst gewesen sind. Übrigens sank meine Hoffnung auf Aufklärung bedeutend. Es gibt in Venedig mehr Antiquare als Eulen in Athen; es war ohne irgend einen Anhalt wahrscheinlich ganz unmöglich, gerade den herauszufinden, der den grünen Pompadour verkauft hat. Nur eine schwache Möglichkeit gab es dafür und an sie klammerte ich mich, indem ich fragte, in welcher Gegend der Mann sein Geschäft betreibt.

»Ja,« meinte Fräulein Niedermüller mit dem Finger an der Nase, »wenn ich bloß wüßte, wie die Gasse hieß! Nein, es war auf einem kleinen Platz. Eine Ecke war's. Sind Sie in Venedig bekannt? Na, dann kann ich Ihnen ja eine ungefähre Beschreibung machen. Ich kam aus der Akademie und ging über die eiserne Brücke, die dort über den Kanal führt. Erst kam ich an einer Kirche vorbei –«

»San Vitale!« warf ich erfreut ein.

»So? Heißt sie so?« fragte Fräulein Niedermüller. »Also von da kam ich auf einen riesengroßen Platz mit wieder einer Kirche darauf und einer Statue –«

»Der Platz heißt Morosini, weil der Palast des Dogen darauf steht, von dem Ihr Löwe stammen soll – stammt wollte ich sagen –, die Kirche darauf heißt San Stefano, wo der Doge begraben liegt, und die Statue ist die des Tommaseo.«

»An der Kirche ging ich rechts durch eine enge Gasse und kam wieder an eine Kirche –«

»San Maurizio!« rief ich triumphierend.

»Möglich,« gab sie zu. »Jedenfalls ist mir, als ob diese Kirche an einem ganz kleinen Platze stünde, und dort habe ich den Beutel gekauft.«

»Sind Sie dessen sicher?« fragte ich, indem ich aufstand und mich zum Abstieg von meinem Thron anschickte.

»Ich denk's,« erwiderte Fräulein Niedermüller, von ihrem Löwen herabrutschend. »Wissen Sie, ich habe kein besonders gutes Ortsgedächtnis, aber ich weiß noch ganz genau, daß ich mit dem Beutel dann auf den Markusplatz kam, ihn dort fallen ließ und dem dreckigen Bengel, der ihn mir aufhob, einen Soldo dafür gab. Ich kam aber vorher noch an zwei Kirchen vorbei. Auf der Fassade der einen standen statt Heiligen die Statuen von Feldherren –«

»Santa Maria del Giglio!« rief ich.

»Na, und die andere war dicht bei der Post, wo ich mir Briefmarken kaufte.«

Die Beschreibung ließ zwar ein bei dieser Sammlerin höchst mangelhaftes Interesse für die Stätten vermissen, in denen in Venedig die Kunstschätze aufgespeichert sind, aber es gibt ja am Ende so viele Leute, die an allem vorübergehen und niemals ahnen, was sie gesehen und woran sie vorbeigegangen sind. Auf alle Fälle hatte ich über viele Hindernisse hinweg wenigstens einen Anhalt gefunden, immer vorausgesetzt, daß Fräulein Niedermüller wirklich in diesem Stadtteil den Beutel gefunden hatte und nicht anderswo in dem Gewirr der engen Gassen Venedigs. Doch wie dem auch war, ich mußte mich mit dem zufrieden geben, was ich erfahren hatte, und empfahl mich ihr mit vielem Danke für die genußreiche Unterhaltung, die auch wirklich alles schlug, was ich jemals in dieser Richtung erlebt hatte.

Aber sie ließ mich nicht so leichten Kaufes locker. »Da Sie sich auf diese Sachen verstehen, muß ich Ihnen noch was Hübsches zeigen,« sagte sie großmütig. »Sie kennen nun meinen Salon –«

»Was?« unterbrach ich sie entsetzt. »Das hier ist Ihr Salon?«

»Ja, was dachten Sie denn, wo ich Sie empfange?« fragte sie zurück. »Ich möchte wissen, ob ein anderer Mensch solchen Salon hat!«

Ich verstummte vor dieser Wahrheit.

»Ich schlafe nämlich in dem Bette von Coligny, aus dem man ihn in der Bartholomäusnacht herauszog,« fuhr sie triumphierend fort. »Das muß ich Ihnen noch zeigen.«

Sie schlurfte mir voraus, öffnete eine Tür und ließ mich in den geöffneten Raum eintreten. Dort sah es ebenso kunterbunt aus wie in dem furchtbaren »Salon«, aber es standen doch wenigstens Stühle aller Altersstufen mit zersessenen Sitzen darin herum, ein Waschtisch war da und ein Spiegel, der so erblindet war, daß ich mich nun nicht mehr über das Aussehen von Fräulein Niedermüller wunderte. Das Bett von Coligny war zwar eine niedersächsische Bauernbettlade, aber darum doch wieder ein sehr schönes Stück; der Inhalt war noch nicht geordnet, jedoch da es die Eigentümerin nicht zu stören schien, so genierte mich's auch nicht weiter. Daß sie aber ein Pluvial von Genueser Samt als Bettdecke benützte, empörte mein Sammlerauge, und ich sagte ihr das auch, worauf sie meinte, es gäbe ihr ein gewissermaßen fürstliches Gefühl, unter dieser verblichenen Pracht zu schlafen. Dagegen ließ sich nun wieder nichts einwenden, und nachdem Fräulein Niedermüller mir noch mit einer Nilpferdpeitsche um die Ohren gefuchtelt hatte, mit der nach ihrer Behauptung Kleopatra ihre Sklaven verhauen hatte, empfahl ich mich und kniff mich auf der Straße in den Arm, um mich zu vergewissern, daß mein Besuch bei Fräulein Kathinka Niedermüller kein Alpdrücken infolge des Genusses von irgend etwas Unverdaulichem gewesen, sondern eine erfrischende Wirklichkeit. Man sagt unserer Zeit nach, daß sie arm an, wenn nicht gar bar von Originalen sei; nun, ich konnte jetzt mit gutem Gewissen das Gegenteil behaupten.

Mein Besuch hatte aber Zeit gekostet; ich mußte eilen, um noch zu meinem Zuge zurecht zu kommen, und als ich darin saß, kam ich erst dazu, mir darüber klar zu werden, daß meine Reise in der Tat nicht umsonst gemacht worden war.

Erstens hatte ich das Kollier von Irissteinen. Ich ließ meine Hand in der Tasche über das rote Maroquinetui gleiten, denn ich wollte den Schmuck vor meinen Mitreisenden nicht herausnehmen. Das war ein Fund, den mir das Geschick geradezu in den Weg geworfen hatte, denn ich zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß es derselbe Schmuck war, den ich am Halse der Unbekannten auf dem Maskenballe gesehen.

Schritt für Schritt führte mich mein Weg weiter. Das Herz klopfte mir bis zum Halse hinauf. Was würde ich nun in Venedig noch erfahren? Daß ich nach der alten Lagunenstadt, die noch so viele Geheimnisse birgt, reisen mußte, war für mich keine Frage mehr.



Fünftes Kapitel.

Als ich wieder daheim war, hatte ich den Gedanken, zunächst das Notizbuch auf ein etwaiges Goldschmiedezeichen zu untersuchen, was mir bisher nicht eingefallen war. Ein Gegenstand aus diesem edlen Material konnte schon ein solches tragen. Die Arbeit des goldenen Deckels und der diamantenbesetzten Monogramme war eine höchst sorgfältige und gediegene, nur eine Werkstätte ersten Ranges konnte sie ausgeführt haben.

Auf der Rückseite des Deckels, unter dem Ringe, fand ich das Karatzeichen des verwendeten Goldes, das danach ein hohes Feingehalt hatte, aber sonst nichts. Ich löste nun vorsichtig das auswechselbare Papierheft aus dem Gummiband, das es innen festhielt, und entdeckte richtig auf der Rückseite des Deckels das eingeprägte Firmenzeichen. Ich kannte das Geschäft, denn es war eine der größten und glänzendsten Goldschmiedefirmen unter den Prokuratien des Markusplatzes, und schon oft hatte ich vor den Schaufenstern gestanden, um die Pracht der ausgestellten Edelsteine und die wundervolle Zeichnung ihrer Fassung zu bewundern. Diese Leute mußten wissen, wem sie dieses wertvolle Notizbuch verkauft, für wen sie es angefertigt hatten. Und wenn sie sich nicht mehr der Person erinnerten, so mußte ihr Name doch in ihren Büchern stehen. Also ein zweiter Grund, um nach Venedig zu fahren.

Heute und morgen war mir das freilich nicht möglich, denn gerade jetzt hatte ich eine Reihe wichtiger Kollegien zu hören, und wie sehr ich auch im Banne des grünen Pompadours stand, blieb mir doch noch so viel Vernunft und Überlegung, um meine eigenen Angelegenheiten nicht ganz beiseite zu schieben, meine Pflichten gegen mich selbst zu vergessen.

Zunächst ging ich zu Frau Rühle, um ihr Bericht über meinen Besuch bei ihrer Base zu erstatten. Sie war daheim und empfing mich sehr freundlich, aber allein, und als ich mich bei der Begrüßung pflichtschuldigst nach dem Befinden ihrer Nichte erkundigte, erfuhr ich mit einem durchaus lebhaften Gefühl des Bedauerns, ja der Enttäuschung, daß Ilse Möller abgereist sei.

»Sie mußte,« setzte Frau Rühle in ihrer offenen Art hinzu. »Meine Schwägerin, das heißt die zweite Frau meines Schwagers, hat es mir sehr übel vermerkt, daß ich das Kind bei dem Basar habe mitwirken lassen, trotz eines Trauerfalls in der Familie, und ich habe einen gehörig beißenden Rüffel bekommen über meine Taktlosigkeit! Du lieber Himmel, ich hatte mir nichts Schlimmes dabei gedacht, denn erstens war der Basar doch kein Maskenball, und dann hat Ilse ihre Stiefschwester kaum gekannt. Sie hat sie nur einmal flüchtig gesehen, da sie ja schon verheiratet war, als mein Schwager die Dummheit machte, sich eine zweite Frau zu holen. Wenn Ilse daheim die Trauer ihrer Stiefmutter respektiert, dann ist das ja nur richtig, aber hier ist's doch etwas anderes. Ich dachte mir, der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit, das arme Ding wird daheim so kurz gehalten und möchte das Näschen doch gar zu gern in die Welt stecken. – Nun, vielleicht habe ich wirklich unrecht damit getan, sie in das Getreibe zu bringen, aber ich hab's nicht böse gemeint und nur an den guten Zweck gedacht, mit dem es mir heiliger Ernst ist und nicht, wie so vielen, nur das Mittel, mich und andere zu amüsieren. Man sucht aber keinen hinter dem Ofen, wenn man nicht selbst dort gesteckt hat,« ereiferte sich die gute Frau noch nachträglich an dem gehabten Ärger, »denn meine liebe Schwägerin hat die Wohltätigkeit, früher wenigstens, ganz geschäftsmäßig und zu sehr egoistischen Zwecken getrieben.«

Ich mußte unwillkürlich an Frau v. Lahr denken, aber sie war ja nur ein Beispiel für die Regel, keine Ausnahme davon. »Fräulein Möller scheint mit ihrer Stiefmutter nicht sehr einverstanden zu sein,« meinte ich, ermutigt durch die vertraulichen Mitteilungen.

»Das kann ich ihr, unter uns gesagt, auch nicht übelnehmen,« war die Erwiderung. »Meiner Nichte gegenüber lasse ich so etwas natürlich nicht laut werden, schon um des lieben Friedens willen. Als meine gute Schwester starb, mit der mein Schwager so unendlich glücklich gelebt, da war Ilse doch schon zwölf Jahre alt, und niemand hätte geglaubt, daß Möller sich zu einer zweiten Ehe entschließen könnte. Er hatte ja das Kind, und wenn man weiß, was Vater und Tochter sich sind, wie zärtlich sie sich lieben, da mußte sein Entschluß doppelt überraschend kommen. Aber gerade aus Liebe zu dem Kinde hat er es getan, wie er mir sagt, damit sie unter den Einfluß einer klugen, gütigen Frau komme, die auch imstande sei, ihre Stieftochter mit den besten gesellschaftlichen Formen vertraut zu machen, da sie selbst eine gesellschaftliche Stellung besaß. Aber wie es diese, wohl freilich noch schöne und imposante, aber egoistische und kalte Frau zuwege gebracht hat, meinen Schwager, der das gerade Gegenteil von ihr ist, einzufangen, das bleibt eines der ungelösten psychologischen Rätsel, an denen das Leben so reich ist . Ihre Erziehung ist kein Werk der Liebe, sondern ein Drill nach dem Schema, eine bedingungslose Unterordnung unter ihre Autorität. Zum Glück hat Ilse eine viel zu stark ausgeprägte Eigenart, um sich zu einer Marionette in den Händen ihrer Stiefmutter machen zu lassen, aber dadurch ist auch leider ein Krieg erklärt worden, für den mein armer Schwager die Kosten zu tragen hat. Ja, es war keine glückliche Stunde, in der er die schöne Frau v. Lahr als seine zweite Gattin heimführte.«

»Frau v. Lahr?« wiederholte ich entsetzt.

»Wie? Sie kennen sie?« rief Frau Rühle.

»O ja, ich kenne sie,« sagte ich bitter. »Von allen Seiten ihres vielseitigen Charakters. Als glänzende Salondame, als unentbehrliche Veranstalterin von Wohltätigkeitsfesten, als brillante Unterhalterin, als musterhafte Hausfrau, als liebreiche und vorsorgliche Mutter.«

»Nun, sie hat es wenigstens verstanden, ihre Tochter glänzend zu versorgen,« bestätigte Frau Rühle. »Sie hat ihre Lili mit einem der reichsten Majoratsbesitzer Deutschlands verheiratet, dem Grafen Meersburg, dem ich meine Tochter, wenn ich eine besäße, niemals gegeben hätte. Ich habe ihn nur einmal gesehen, bei der Hochzeit seiner Schwiegermutter, aber daß er mir gefallen hätte, kann ich nicht sagen. Er sieht so – so degeneriert aus, um es modern auszudrücken, als ob er kein Mark in den Knochen hätte, kein rechtes Blut mehr. Sie wissen doch, daß die arme junge Frau im letzten Herbste gestorben ist. Sie siechte dahin, ohne den Mut oder doch den Wunsch zu haben, noch länger zu leben. Ich glaube nicht, daß sie glücklich war. Man munkelt so allerlei: ihr Gatte hätte eine Liebschaft gehabt mit der Gesellschafterin, die sie im Hause hatte, aber zu seiner Ehre müssen wir annehmen, daß das nichts als Geschwätz war, und daß nur die Skandalsucht die böse Geschichte aufgebracht und aus der Mücke einen Elefanten gemacht hat. Wie das so geht. Die Leute müssen ja etwas zu reden und zu verdächtigen haben, sonst ist ihnen nicht wohl. Lili Meersburg starb in Venedig, wohin die Ärzte sie geschickt hatten, das arme junge Ding. Sie ist auch dort begraben worden, auf ihren Wunsch. Es graute ihr immer vor der düsteren Familiengruft der Meersburger. Sie hatte keine Kinder.«

Ich hätte beinahe laut aufgeschluchzt und gestehe das unumwunden ein. Meine arme, süße Lili! Weil ich sie doch so sehr geliebt, hatte ich gehofft und gewünscht, daß sie ein Glück finden würde, das ihr an meiner Seite versagt worden war. Und nun dieser Ausgang! Was für Vorwürfe mußte diese Frau, ihre Mutter, sich machen!

Frau Rühle mochte mir meine Bewegung, die ich kaum bemeistern konnte, wohl ansehen, denn sie wechselte nach einer kleinen Pause das Gespräch. »Sie sagten mir bei Ihrem Kommen, daß Sie in Braunschweig gewesen sind,« begann sie. »Das nenne ich Eifer! Nun aber erzählen Sie mir, ob Sie meine Base getroffen haben, und wie es bei ihr war. Sie haben gewiß Zeit gebraucht, sich von den Überraschungen, die man bei ihr erleben kann, zu erholen.«

Ich gab das ohne weiteres zu und fand mich dabei so weit zurecht, um dieser liebenswürdigen Frau eine drastische Schilderung meiner Bekanntschaft mit Fräulein Kathinka Niedermüller geben zu können. Ich beschrieb ihr meine Schlittenfahrt und ihren Löwenritt, ihre Reue über das Geschenk des grünen Pompadours, bis Frau Rühle sich die Augen trocknen mußte, aus denen ihr die Tränen vor Lachen liefen.

»Ja, das ist sie, die ganze Kathinka!« stöhnte sie. »Ich habe sie sonst recht gern, denn sie ist ein anständiger Charakter, aber es gehört Überwindung dazu, sich mit ihr auf der Straße zu zeigen. Sie ahnen nicht, wie komisch sie aussieht mit ihren unmöglichen Hüten und Mänteln. Und dabei ist sie schwer reich. Sie redet auf der Straße ungeniert jeden an, der ihr in den Weg läuft. Und in welchen Ausdrücken! Bei aller Liebe bin ich immer froh, wenn ich sie wieder glücklich im Eisenbahnwagen habe, nachdem sie meist auf dem Bahnhofe noch gewettert hat, daß alle Leute sich nach ihr umsehen.«

»Sie ist ein richtiges Original,« bestätigte ich. »Es wäre mir interessant, wenn ich einmal eine Schriftprobe von ihr sehen könnte. Nicht daß ich mich direkt auf den Graphologen aufspielen möchte, aber ich denke mir ihre schriftlichen Ergüsse ihrer Persönlichkeit entsprechend.«

»Der Genuß kann Ihnen werden,« meinte Frau Rühle lachend. »Ich habe nämlich heute früh einen Brief von ihr erhalten, in dem von Ihnen die Rede ist, und da ich weiß, daß Sie Humor haben, so will ich Ihnen diesen Brief nicht vorenthalten. Aber wappnen Sie sich immerhin auf das Unmöglichste und stärken Sie sich vorher, damit Ihnen nicht schwach wird.«

»Ich bin, wenn es sich um Fräulein Niedermüller handelt, auf alles vorbereitet,« versicherte ich, trotzdem meinen Tee trinkend, den Frau Rühle mir reichte.

Dann holte sie den Brief und reichte mir ihn mit einer gewissen Feierlichkeit. Um es vorweg zu sagen: die Handschrift glich nicht im entferntesten der in dem goldenen Notizbuch. Sie war aber doch charakteristisch und ganz ihrer Inhaberin würdig. Die großen, steilen, dicken Buchstaben liefen kraus durcheinander, fast jedes Wort war unterstrichen, die Interpunktion willkürlich. Der Inhalt des Briefes lautete: »Heut hat mich ein männliches Individuum besucht, um mir Grüße von Dir zu bringen, und um mich allerlei zu fragen. Es, das heißt das Individuum, sah ganz gut aus und scheint auch was von Altertümern zu verstehen. Mit Beschränkung natürlich, denn er zweifelte an der Echtheit der Nilpferdpeitsche der Kleopatra. Gesagt hat er's nicht, aber ich hab's ihm an der Nase angesehen. Es ist ja möglich, daß die Nilpferdpeitsche nicht so alt ist, wie ich mir denke. Du kannst dem Individuum das sagen, wenn Du es siehst. Wie heißt's denn eigentlich? Lindenbaum oder so was, dünkt mich. Irgend ein Baum war's. Ist ja schließlich auch schnuppe. Jedenfalls ist er von dem grünen Beutel, den ich so dämlich war, Dir zu schenken, ganz begeistert, und das hat ihm mein Herz gewonnen. Wer mein Herz hat, der hat's. Es war eine Dämlichkeit, Dir den Beutel zu schenken, denn Du machst Dir doch nichts draus. Weißt Du was? Ich werde Dir ein Postpaket mit Braunschweiger Honigkuchen, Mumme und Piepwurst schicken, schick Du mir den Beutel dafür wieder. Du liebst ja die Piepwurst. Ich ziehe freilich die Pinkelwurst vor, die Du so scheußlich findest. Für Pinkelwurst mit Grünkohl lasse ich mich hängen. Eigentlich verstehen sie nur in Bremen, sie gut zu machen. Dabei fällt mir ein: ich muß mal nach Bremen fahren, man hat mir dort eine Damastrobe zum Kauf angeboten, die von der Prinzessin von Ahlden, der mütterlichen Großmutter Friedrichs des Großen, stammt. Ich hätte es fast vergessen, aber bei der Pinkelwurst bin ich wieder drauf gekommen. Sag dem Individuum mit dem Baumnamen, daß ich die Robe als Decke über den Schlitten legen werde. Also übermorgen bin ich wieder daheim und hoffe dann den grünen Beutel vorzufinden, wonach das Wurstpaket an Dich abgehen soll. Auge um Auge, Zahn um Zahn – das steht ja schon in der Bibel.

deine Kathinka.«


»Na, dann hätte ich Sie, gnädige Frau mit meinem Besuche ja in eine recht nette Patsche gebracht,« meinte ich, nun meinerseits Tränen lachend.

»O bewahre,« versicherte Frau Rühle, das Schreiben ihrer Verwandten wieder an sich nehmend. »Ich werde ihr mitteilen, daß Sie den Beutel jetzt haben und ihn als Kenner und Sammler nicht wieder hergeben. Damit wird sie sich schon beruhigen und den Pompadour über ihrer Robe vergessen.

Mit der guten Kathinka braucht man kein Federlesens zu machen. Ich bin nur froh, daß ich nicht dabei zu sein brauche, wenn sie über die Besitzveränderung des Beutels schimpfen wird. Die Sache wird aber dann, nachdem sie ihr ganzes, reichhaltiges Register gezogen hat, erledigt sein.«



Sechstes Kapitel.

Sie war aber nicht erledigt, denn mehrere Tage später erhielt ich einen nicht minder charakteristischen Brief von Fräulein Niedermüller, in welchem sie mir einen Tausch anbot: die Nilpferdpeitsche gegen den grünen Pompadour.

Ich war so herzlos, das Anerbieten abzulehnen, und zwar in ihrer eigenen, blumenreichen Sprache, was ihr einen diebischen Spaß gemacht haben muß, denn sie schickte mir unter der Versicherung, daß ich ein »gemütliches, altes Haus« wäre, als Zeichen ihrer Anerkennung eine umfangreiche Piepwurst als geschmackvolles Angebinde, wofür ich mich durch eine Schachtel jenes süßen Gebäckes revanchierte, das den sonderbaren Namen »Mannheimer Dreck« führt.

Damit besiegelte ich meinen Freundschaftsbund mit Fräulein Kathinka Niedermüller, den die Zeit nicht mehr trennte.

Die Piepwurst war übrigens ausgezeichnet. Ich war natürlich nicht untätig in der Angelegenheit meines Fundes. Zunächst schrieb ich, allerdings mit wenig Hoffnung auf Erfolg, an die Botschafterin, auf deren Maskenball ich vor mehreren Jahren die vermutliche Besitzerin des Irishalsbandes und des grünen Pompadours gesehen hatte, und fragte bei ihr an, ob man über die geheimnisvolle Fremde nichts erfahren hätte.

Der Botschafter war schon seit zwei Jahren in den fernen Osten versetzt, und darum vergingen Wochen, ehe eine Antwort kam. Aber sie kam. Die als sehr liebenswürdig bekannte Dame schrieb mir sogar sehr eingehend über den Fall, der damals so viel Neugierde erregt hatte. Es wäre nie herausgekommen, wer diese Maske gewesen. Der Verdacht hätte sich vorübergehend auf die Vorleserin einer Dame gerichtet, deren Gatte dem diplomatischen Korps angehörte. Das Paar hatte damals dem Balle nicht beiwohnen können, weil es eines Familienereignisses wegen kurz vorher verreisen mußte; die Gesellschafterin war zurückgeblieben und konnte die Einladungskarte ganz gut für ihr eigenes Erscheinen mißbraucht haben. Sie war eine auffallend schöne Person aus guter Familie mit wundervollem roten Haar, die Nachforschung hätte auch ergeben, daß sie in jener Nacht, angeblich von einem Besuche bei Freunden, sehr spät in das Haus der Gesandtin, bei der sie angestellt gewesen, zurückgekehrt war. Aber mit diesem Verdacht wäre man zu spät gekommen, denn die Person hätte ihre Stellung wenige Tage nach der Heimkehr ihrer Prinzipalin Knall und Fall verlassen; über den Grund ihrer plötzlichen Entlassung habe die Gesandtin Schweigen beobachtet. Wie die Vorleserin geheißen, dessen konnte meine Korrespondentin sich nicht mehr erinnern, aber sie gab mir die Adresse ihrer früheren Kollegin an und riet mir, mich an diese zu wenden, falls die Annahme, daß die Besprochene die Kühnheit gehabt, sich auf die Einladungskarte ihrer Brotherrin auf dem Maskenball einzuschleichen, mir glaubwürdig erschiene.

Darüber konnte ich mir natürlich kein Urteil erlauben, aber ich dankte für die erhaltene Auskunft und schrieb an die angegebene Adresse, deren Inhaberin immer noch in Berlin war, unter Bezugnahme auf den Brief der Botschafterin, indem ich wie an diese angab, daß ich zufällig in den Besitz eines Gegenstandes gelangt wäre, den ich mit Sicherheit als damals an der Maske gesehen wiedererkannt hätte und ihr nun wieder zustellen möchte.

Die Antwort kam umgehend, sie war höflich, aber kühl.

Die Gesandtin schrieb mir, sie traue der Person, die sie damals ihrer angegriffenen Augen wegen als Vorleserin engagiert hatte, gern zu, daß sie die Rolle auf dem Maskenballe gespielt; den beschriebenen Schmuck habe sie nie bei ihr gesehen, wohl aber entsänne sie sich genau des grünen Pompadours, dessen Stoff ihr aufgefallen sei durch sein charakteristisches Muster. Der Grund, aus welchem Fräulein v. Orville von ihr entlassen worden war, hätte mit dem Verdacht, daß sie sich der Einladungskarte bedient, nichts zu tun, denn das wäre erst später bekannt geworden. Im übrigen könnte sie über ihren jetzigen Aufenthalt nichts angeben, weil sie nicht wüßte, wohin sie sich gewendet; sie hätte auch kein Verlangen, ihr wieder zu begegnen.

Dieser Schluß sprach Bände und ließ Vermutungen einen weiten Spielraum. Doch bei diesen konnte ich mich nicht aufhalten, sie wären für meinen Zweck auch ohne Belang gewesen. Jedenfalls hatte ich zwei wichtige Aufschlüsse erhalten: die ehemalige Vorleserin der Gesandtin war wirklich die Besitzerin des grünen Pompadours – vorausgesetzt, daß es derselbe war – sie mußte dann auch die geheimnisvolle Maske gewesen sein, und – ihr Name war Orville. Das konnte mit dem Monogramm »A. O.« auf dem Büchschen wie auf dem Etui des Halsbandes stimmen. Aber was bedeutete dann das diamantene »N« auf dem Notizbuch? Meinen ersten Gedanken, daß Fräulein v. Orville vielleicht selbst nicht gewußt habe, was ihr Pompadour so gut verborgen, verwarf ich gleich wieder, denn so alt das Büchschen war, so modern war das Notizbuch. Gesetzt also, das Büchschen war vor hundert Jahren in dem Pompadour verborgen worden, was seines Inhalts wegen schon deshalb unmöglich war, weil das Morphin damals noch gar nicht entdeckt war, das Notizbuch mußte ihm sicher erst ein paar Menschenalter später zugesellt worden sein. Ob von Fräulein v. Orvilles Hand? Das stand auf einem andern Blatte, nachdem der Pompadour schon, wie mir bekannt, durch fünf paar Hände vor mir gegangen war.

Das Rätsel wurde immer dunkler, statt sich zu lichten, und je dunkler es wurde, desto mehr reizte es mich, es zu lösen. Ich zeigte also zunächst die beiden gefundenen Gegenstände in auffallender Weise in mehreren der gelesensten und auch im Auslande stets erhältlichen Zeitungen an, aber niemand meldete sich.

Inzwischen wandte ich mich an eine Auskunftei über die Familie Orville. Es war ein französisches Adelsgeschlecht, das in der großen Revolution durch die Guillotine ausgerottet worden war bis auf einen einzigen, der sich noch retten konnte und später unter dem Konsulat wieder nach Frankreich zurückkehrte in der Hoffnung, die eingezogenen Besitzungen wieder zu erlangen. Napoleon hatte ihn durch eine Hofstellung entschädigt wie durch die Verleihung des Marquistitels und ihn schließlich mit einer Hofdame der Kaiserin Josephine vermählt. Mit dem Zusammenbruch des ersten Kaiserreichs wanderte der nunmehrige Marquis d'Orville nach Deutschland aus. Sein Sohn trat als einfacher Herr v. Orville in ein deutsches Regiment ein und verheiratete sich. Dessen Sohn folgte der Laufbahn seines Vaters, mußte ihr aber noch als Leutnant entsagen, weil er sich mit der Schauspielerin einer umherziehenden Truppe vermählte. Er mußte sich nun dürftig und kümmerlich genug durch das Leben schlagen und war zuletzt Schreiber in einem Bureau, in welcher Stellung er vor etwa fünfzehn Jahren gestorben war. Seine Frau folgte ihm bald nach.

Er hatte nur eine Tochter, die zur Bühne gegangen war, aber trotz ausgesprochenen Talentes in dieser Laufbahn keine Erfolge hatte. Man wußte nicht, was dann aus ihr geworden war.

War diese Tochter die so plötzlich entlassene Vorleserin der Botschafterin? Gab es noch andere Orvilles?

Das Heroldsamt, an das ich mich wendete, behauptete, weitere Mitglieder dieser Familie gäbe es nicht mehr. Nun war aber nicht anzunehmen, daß die Gesandtin eine Person in ihr Haus aufgenommen hätte ohne genügende Empfehlungen. Woher hatte Fräulein v. Orville also solche her – vorausgesetzt, daß sie die Tochter des ehemaligen Leutnants war?

Ich mochte die Dame nicht noch einmal durch eine Anfrage belästigen, besonders da ihre Antwort in einem Tone gehalten war, der keinen Zweifel darüber ließ, daß ihre Erfahrungen mit der Vorleserin peinlichster Natur waren; ich wendete mich daher an ein Detektivinstitut, um dieses Fräulein v. Orville auszukundschaften. Das kostete zwar viel Geld, brachte mir aber nicht die Auskunft, die ich haben wollte. Man konnte mir nur bestätigen, daß die Dame kaum zwei Monate im Hause des Gesandten gewesen und von dort Knall und Fall abgereist war; was es zwischen ihr und ihrer Herrin gegeben, hätten selbst die Dienstboten nicht herausgebracht; aber es schiene, als hätte der Gesandte mehr Gefallen an der schönen Vorleserin gefunden, als seine Frau billigen konnte und wollte. Indes könne das auch nur ein Vorwand gewesen sein. Fräulein v. Orville hatte sich eines Tages bei der Gesandtin wegen der offenen Stelle als Vorleserin gemeldet. Eine Woche später war sie mit Sack und Pack in das Palais eingezogen, dann hätte sie eines Tages, nachdem die Gesandtin sie habe rufen lassen, plötzlich ihren Koffer gepackt, eine Droschke wäre geholt worden, und sie wäre auf und davon gefahren. Wohin sie gekommen, was sie seitdem getrieben, das hatte man nicht ermitteln können.

Das war alles, was ich für mein Geld bekam.

Nun hielt es mich nicht länger, jetzt mußte ich nach Venedig. Ich hatte inzwischen mit einem wahren Fanatismus gearbeitet, weil ich ja keine Zeit zu verlieren hatte; trotzdem war ich doch öfters zu einem gemütlichen Plauderstündchen zu Frau Rühle gegangen und hatte da gelegentlich erfahren, daß Fräulein Ilse Möller ebenfalls nach Oberitalien abgereist sei. Vor ihrer Abreise hätte sie noch einen Korb ausgeteilt. Aus einer kleinen Bemerkung, die der Dame dabei unversehens entschlüpfte, konnte ich ungefähr entnehmen, wer sich diesen Korb geholt: der Assessor v. Nemsky. Ich hatte ihn mehrmals getroffen und nicht dabei den Eindruck gewonnen, als wäre er niedergedrückt durch seine Niederlage, wohl aber, daß er pikiert war, denn wenn er von Ilse Möller sprach, dann war aus dem »süßen Käfer« eine »impertinente kleine Kratzbürste« geworden. Zuerst hatte ich daraus nur geschlossen, daß sie ihm, wie man so sagt, wohl einmal tüchtig über den Mund gefahren war, nun konnte ich ruhig weiter schließen, daß die Sache bei ihm nicht tief saß, sondern die Abweisung seiner Hand und seines Herzens ihn nur mächtig aufgebracht und verletzt hatte.

Ich weiß nicht warum, aber es freute mich, daß sie ihn nicht genommen hatte. Nicht, daß ich ihn nicht für einen sogenannten »guten Kerl« und hauptsächlich für einen ehrenhaften gehalten hätte, er war sicher beides, aber dennoch – Nun, was ging's mich denn an, wen die kleine Ilse Möller heiratete? Über kurz oder lang würde sie sich ja doch mit irgend einem Menschen vermählen, gleichgültig, ob er sie um ihretwillen oder wegen ihres Geldes nahm, und es war eigentlich ganz gleich, wie er hieß.

Aber es freute mich wenigstens, daß sie den ersten besten nicht genommen hatte, es machte, daß ich ganz auftaute und ganz übermütig wurde. Sie gefiel mir, die kleine Ilse Möller, es saß »Mumm« in ihr, sie wußte, was sie wollte.

Na, das hatte sie auch nötig mit einer Stiefmutter wie Frau v. Lahr, und es schien nicht, daß es dieser gelungen war, die Kraft des Entschlusses und der freien Selbstbestimmung aus ihr herauszuerziehen, wie aus meiner armen Lili. Es gibt ja gottlob noch Stoffe, die sich nicht verarbeiten lassen, Charaktere, die zu zielbewußt sind, um ohne Widerstand in die Form zu gehen, in die andere sie pressen wollen. »Und wenn du denkst, du hast 'n, dann springt er aus dem Kasten!« Ich weiß nicht, warum dieser drastische Vergleich sich mir immer aufdrängte, wenn ich an Ilse Möller dachte, aber es freute mich, daß eine solche autokratische Natur wie Frau v. Lahr durch solch kleines Mädchen im Schach gehalten wurde.

Und mit einem Behagen, das mich vor Vergnügen förmlich kitzelte, hoffte ich auch von Herzen, daß der alte Möller von demselben Stoffe war, wie seine Tochter. Das konnte für Frau v. Lahr, wie ich sie immer noch nannte, nur eine heilsame Lehre sein. –

Also, nachdem die Zeit gekommen, wo ich mit gutem Gewissen vor mir selbst Ferien machen konnte, fuhr ich nach Venedig ab. Der Frühling war auch hier mild über das Land gekommen; im Neckartale blühten die Kirsch- und Aprikosenbäume und woben ihm »das schimmernde Brautgewand«, von dem Scheffel uns so schön gesungen hat. Jenseits der Alpen, in der lombardischen Ebene, war es dagegen noch kaum so weit, erst um Verona herum fand ich das duftende Blühen wieder, und in fast sommerwarmem Wetter kam ich in Venedig an – zur Abendzeit, als die Sonne sank und die herrlichste der Städte, die Unvergleichliche, weil wirklich keine andere ihr gleicht, in Glorie tauchte, während die Glocken von allen Türmen das Ave läuteten.

Der alte, nie versagende Zauber umfing mich sogleich wieder, als ich in der Gondel saß, aber diesmal mischte sich darein ein anderes Gefühl, dem ich keinen Namen geben konnte, das ich nie vorher empfunden. Es war etwas wie Erwartung und doch wieder eine Scheu davor – ein seltsames Gemisch, das ich meinen etwas überarbeiteten Nerven zuschrieb, trotzdem ich sonst von ihnen nicht geplagt wurde, gesund und kräftig wie ich überhaupt war.

Und dieses Gefühl, dem ich keinen rechten Namen geben konnte, wuchs und wurde stärker, deutlicher – mir war, als stünde ich vor einem Vorhang, und sähe eine Hand daraus sich vorstrecken, bereit, ihn zurückzuschlagen, und es ergriff mich eine Angst, die mir die Kehle zuschnürte, weil ich mich davor fürchtete, sehen zu müssen, was der Vorhang verhüllte Es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte ich meinem Gondolier zugerufen, umzudrehen und nach dem Bahnhofe zurückzurudern, wenn ich nicht gleichzeitig das Gefühl gehabt hätte, als erwarte mich hier auch etwas anderes, Frohes – und ich müßte durch den Vorhang mit seinen unbekannten Schrecken erst durch, um dazu zu gelangen.

Übrigens verließ mich dieses merkwürdige Gefühl, als ich vor meinem Hotel anlangte und dort auch ein gutes Zimmer mit schöner Aussicht auf die Salute und San Giorgio fand.

Hotels sind im allgemeinen – mit wenigen Ausnahmen – die geeignetsten Orte, um »Stimmungen« zu zerstören oder doch nur Raum zu geben für die des Unbehagens. Ich befreite zunächst also, ganz beruhigt über das Verschwinden meiner Empfindungen, meinen äußeren Menschen von dem Staube der Reise und fand dann, daß es noch Zeit war zu einer friedlichen Zigarre, ehe das Signal zur großen Abfütterung gegeben wurde. Ich zündete mir also den nervenberuhigenden Glimmstengel an und setzte mich auf das Sofa, das eine Tür zu einem anderen Zimmer verstellte, sah hinaus in das Dämmern der nahenden Nacht, hörte dabei halb hin auf das wogende Leben auf der Riva unter meinen Fenstern und freute mich, wieder die Soccoli der Venezianerinnen auf den Marmorquadern des Kais und über die Stufen der Brücken klappern zu hören.

Im Hotel selbst war alles still; die Kokosläufer in den Korridoren dämpften die Schritte, und die Gäste waren wohl jetzt auch alle in ihren Zimmern, um sich für das Essen etwas eleganter zu machen.

Da knisterte es nebenan, hinter meinem Rücken, dicht hinter meiner Tür; ich hörte jemand eintreten und dann eine Männerstimme.

»Was macht denn mein Hunde-Hund-Hundel da?« hörte ich auf gut deutsch fragen, und mußte lächeln, denn die Anrede klang trotz der kindischen Worte sehr lieb und freundlich. »Ich glaub' gar, es futtert glasierte Maronen! Und noch dazu so kurz vor dem Essen! Kitschel, du liebes, nichtsnutziges Ding du! Wenn das die Mama sähe!«

Ein lustiges, silberhelles, herziges Lachen antwortete. Wie elektrisiert setzte ich mich auf und horchte. Ja, wahrhaftig, das tat ich. Woher kannte ich nur dieses Lachen?

»Sie sieht's aber nicht!« lachte es. »Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. Die Maronen sind vorzüglich – natürlich, denn mein Alterchen hat sie mir ja gegeben. Willst du auch eine? Da – mach dein Mundelchen auf! So – fein – was?«

Ein undeutliches Gemurmel der Männerstimme antwortete etwas, das ich nicht verstand. Freilich, wenn man eine glasierte Marone im Munde hat, kann man ja nicht deutlich reden.

»Mama – oder vielmehr deine Frau macht sich wohl noch fein?« plauderte die liebe Stimme weiter.

»Jawohl – und wenn die Katze fort ist, dann tanzen die Mäuse,« brummte die Männerstimme, jetzt wesentlich deutlicher.

»Natürlich. Wenn wir zwei beide mal loskommen von der Strippe, dann machen wir gleich umgehend die Dummheiten, die uns sonst nicht erlaubt sind. Man muß eben seine Zeit ausnützen, so gut man kann,« lachte die helle Stimme mit hörbarem Behagen.

»Na, hör mal, Hundel, das möchte ich mir doch ausgebeten haben,« antwortete die Männerstimme mit einem Verweis, der Pädagogen die Haare auf dem Kopfe gesträubt hätte, denn er wurde von einem hörbaren Kusse begleitet. »Solche respektlose kleine Krabbe! Mama würde –«

»Na, wenn wir uns auch noch ausmalen wollen, was Mama würde! Sie wird ohnehin gleich wieder. Können wir sie nicht indessen ruhig bei ihrer Toilette lassen? Sie ist dabei immer so hübsch und ausgiebig aufgehoben.«

Pause. Dann ein einleitendes Räuspern der männlichen Stimme.

»Hundelchen – du weißt doch, daß du mir mit solchen Reden weh tust!«

»Ach, du liebes, geliebtes, allerherzigstes Alterchen!« kam es mit einem leisen Aufschrei zurück, wobei etwas zu Boden fiel und ein Paar leichter Füße einige rasche Schritte machten. Und dann regnete es Küsse nebenan – gar nicht zum Zählen. »Was denkst du denn,« murmelte es dazwischen, »wie wird dich dein Hundelchen denn kränken wollen! Fällt ihm ja gar nicht im Traum ein! Da täte ich mich doch lieber selber erst in Stücke reißen lassen! – Gelt, das weißt du, Vaterle? Weißt du's? Na, dann ist's schon recht! Siehst du, es fährt mir halt immer so heraus, weil's mich doch so schrecklich wurmt, wenn ich sehe, daß sie dich so behandelt, als wärst du der Wurm zu ihren Füßen, und sie hätte dir Gott weiß welche Ehre erwiesen, zu dir sich herabzulassen –«

»Hat sie auch, Hundel, hat sie auch –«

»Hat sie nicht – hat sie nicht! Du bist's, der ihr die Ehre erwiesen hat, du, mit deinem goldenen Herzen, mit deiner Güte, deiner Langmut, deinem – na, ich hör' ja schon auf und denke mir den Rest. Ich mache mir schon lange nichts mehr aus ihrer Art – es ist ein ganz fröhliches Fechten mit ihr. Es macht mir sogar Spaß – wirklich, das tut es. Aber du – nein, nein, ich werde von nun an ganz brav sein. Ist's wieder gut, Vaterle?«

Ich schämte mich, weiter ein unfreiwilliger Zuhörer zu bleiben, und warf absichtlich etwas zu Boden, um anzuzeigen, daß mein Zimmer bewohnt war. Aber man achtete nebenan nicht darauf, sondern die zwei Stimmen unterhielten sich weiter miteinander, während ich zum Fenster hinaussah, um die Worte im Geräusch von draußen nicht mehr unterscheiden zu können. Warum macht man nicht doppelte Türen oder dämpfte doch wenigstens den Schall durch Vorhänge!



Siebentes Kapitel.

Hungrig war ich zwar nicht, aber heute war ich schon drunten im Speisesaal, ehe die Tischglocke noch kaum ausgebimmelt und das Signal zum Futtern gegeben hatte. Ich sah müßig zu, wie der Saal sich allmählich füllte mit der üblichen Schar der Reisenden, die aus aller Herren Ländern hier zusammenströmen, und hörte den Gesprächen zu, die mir immer so viel Vergnügen machen, trotzdem ich dabei nie ganz die bedauernde Frage an das Schicksal unterdrücken kann, warum es gerade immer den verständnislosen Leuten den Mammon zum Reisen in den Schoß wirft, während die, welche ihr ganzes Leben nach einem solchen Ausflug dürsten, die da wissen, was sie sehen, zumeist arme Teufel sind und daheim bleiben müssen. Kein anderer Ort fordert so sehr die Kritik der Banausen und Unverständigen heraus, als gerade Venedig. Links neben mir hielt sich eine Dame, die mit großer Pracht und Herrlichkeit gekleidet war, darüber auf, warum die Venezianer diese schmutzigen Häuser am Kanal Paläste nennen; wenn man sie wenigstens doch einmal im Jahre hübsch ordentlich mit Seife und Schrubber abwaschen wollte! Rechts ereiferte sich eine andere über die »mangelhafte Gotik« des Dogenpalastes und schloß damit, daß sie das große Wort gelassen aussprach, die Gotik wäre Eigentum der deutschen Nation, und die Leute sollten etwas Besseres tun, als ihre schlechten Nachahmungen auf den Präsentierteller zu setzen. Wenn man nun bedenkt, daß der Bau des Dogenpalastes in seiner jetzigen Gestalt 1173 begonnen wurde – aber das gehört nicht hierher, und zudem betete eine andere schon wieder das abgedroschene Sprüchlein nach, daß Venedig eine Sterbende wäre, ja eine Tote, und ihr Zauber durch die kleinen Dampfer, die Vaporetti, unheilbar zerstört worden sei, trotzdem man nur die Augen aufzumachen braucht, um zu sehen, daß das heutige Venedig wieder eine lebensprühende, blühende Stadt ist, und man gerade auf den kleinen Omnibussen der Lagunen ihr Leben so warm pulsieren fühlt, weil man darauf eben das Volk kennen lernt.

Und ein dritter schimpfte, daß man das ganze Nest ja in einem halben Tage schon abgeklappert hätte, daß es mordslangweilig sei, und das Bier überhaupt hier gar nichts tauge.

Während ich noch belustigt zuhörte, was da in vollster Harmlosigkeit und mit dem guten Bewußtsein der unfehlbaren Meinung, die man ja für sein Geld beanspruchen kann, zur Sprache kam, wurden die drei Plätze an der Tafel mir gegenüber eingenommen. Erst kam ein starker, kleiner, beweglicher älterer Herr mit ein paar kornblumenblauen Augen von fast knabenhaft gutmütigem Ausdruck in dem runden, glattrasierten Gesicht und sah sich, die kleinen, dicken Hände auf der Lehne des mittleren Stuhles, mit lebhafter Ungeduld nach den beiden Damen um, die noch vor der Tür zögerten. Der alte Herr gefiel mir, er hatte so etwas Zutrauenerweckendes, Gediegenes, Behagliches an sich. Es ist nicht gleichgültig, wem man an der Tafel gegenübersitzt, und darum sah ich mir ihn auch so genau an.

»Herr Möller, der bekannte deutsche Schiffsreeder,« flüsterte mir der eben hinter mir vorbeigehende Oberkellner leise ins Ohr, denn ich war Stammgast hier und kannte Luigi seit Jahren.

»Möller!« wiederholte ich nachdenklich, und da kamen auch die beiden Damen näher. Erst eine große, stattliche, noch immer sehr schöne Frau in tiefer, eleganter Trauer – Frau v. Lahr, wie sie leibte und lebte, und hinter ihr ein kleines, zierliches Figürchen mit krausem Blondhaar wie ein reifes Roggenfeld und ein paar frisch und froh ins Leben blickenden kornblumenblauen großen Kinderaugen – Ilse Möller! Und da fiel's mir auch wie Schuppen von den Augen: ihre Stimme war's, die ich droben in dem Nebenzimmer gehört, und die andere gehörte ihrem Vater.

Ich erhob mich grüßend von meinem Stuhle.

»Ah – Herr Eichwald!« machte Frau v. Lahr oder vielmehr jetzt Frau Möller gedehnt, offenbar wenig angenehm berührt von der Begegnung, ein Gefühl, das ganz auf Gegenseitigkeit beruhte. Die Höflichkeit verbot es mir aber, anders als durch eine abermalige Verbeugung zu antworten.

Da tönte auch schon die frische Stimme ihrer Stieftochter in die kleine, beredte Pause hinein.

»Grüß Gott, Herr Eichwald!« rief sie, mir über den Tisch hinweg die Hand reichend. »Nein, das ist aber einmal eine Überraschung! – Papa, das ist Herr Eichwald – du weißt schon, der Herr, der auf dem Basar den ersten Kauf bei mir machte, und den ich dann bei Tante Rühle traf!«

Möller murmelte etwas, indem sein ganzes, rundes, gutmütiges Gesicht von eitel Wohlwollen strahlte; aber was er auch sagte, ging unter in den halblauten Worten, die seine Frau ihrer Stieftochter zuwarf.

»Ilse!« sagte sie streng. »Muß denn das der ganze Tisch hören?«

Aber Ilse lachte nur, lustig und harmlos. »Warum denn nicht?« meinte sie vergnügt. »Es ist ja kein Geheimnis.«

»Aber es interessiert die Leute nicht,« bemerkte Frau Möller mit ihrem vornehmen, diskreten Tonfall.

»Aber mich!« gestand Ilse Möller unumwunden ein. »Tante Rühle hat mir geschrieben, daß Sie, Herr Eichwald, inzwischen öfters bei ihr waren. Sie ist lieb, meine Tante – nicht? Was haben Sie denn mit Ihrem Kauf, für den Sie so großartig zwanzig Emchen auf den Tisch des Hauses legten, gemacht? – Du weißt ja, Papa, es war ein grüner Pompadour, ein reines Ungetüm. Ich hätte nie gedacht, daß der einen Liebhaber finden würde.«

»Es sind immer die unwahrscheinlichsten Dinge, die zuerst zur Wahrscheinlichkeit werden,« erwiderte ich nicht ganz ohne Beziehung, die Frau Möller auch verstand, denn sie zog die Augenbrauen leicht in die Höhe und biß sich auf die Lippen.

»Das ist wahr,« bestätigte Ilse Möller harmlos. »Zum Beispiel, daß wir nachher zur Serenata fahren wollen. Das ist auch eine solche Sache, die ich angefangen hatte für unwahrscheinlich zu halten. Fahren Sie mit, Herr Eichwald?«

»Ilse!« ermahnte Frau Möller wieder.

»Ja – das ist ein guter Gedanke! Schließen Sie sich uns nur an,« fiel der scheinbar ebenso unverbesserliche Vater seiner Tochter mit derselben Harmlosigkeit ein. »Das gibt eine hübsche Partie zu viert!«

»Und dann muß man sich wieder vor dem fünften Rad am Wagen hüten,« lachte Ilse. »Vorausgesetzt natürlich, daß Herr Eichwald überhaupt mitkommen will.«

»Es würde mir ein besonderer Vorzug sein,« versicherte ich, schon nach dem Grundsatze, daß Schadenfreude die reinste Freude ist, mit einem Kompliment gegen Frau Möller, die es aber mit voller Geistesgegenwart umgehend ablehnte.

»Bitte – die Einladung ist von meinem Mann und meiner Tochter ausgegangen,« sagte sie mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig ließ.

Aber ich tat, als hätte nur die reinste Bescheidenheit aus ihr geredet. Ich dehnte also meine Verbeugung auf die Genannten aus wie ein gehorsamer Junge, der sich von seiner Gouvernante auf die rechte Stelle schieben läßt, und fragte nur ablenkend: »Die Herrschaften sind schon lange in Venedig?«

»Eine volle Woche,« erwiderte Ilse. »Und noch nicht einmal zur Serenata gefahren,« setzte sie mit dem Tone des Don Carlos hinzu, der sich beklagt, daß er schon zwanzig Jahre alt wäre und immer noch nichts für die Unsterblichkeit getan hätte. »Aber Papa und ich sind nicht schuld, Mama hat nicht gewollt.«

»Besser spät als niemals,« schnitt ich eine Bemerkung ab, die ich schon auf den Lippen von Frau Möller sah.

Während der Dauer der Mahlzeit verhielt sie sich mir gegenüber in dem Zustande des stummen Protestes gegen meine Anwesenheit, und schließlich konnte ich ihr ja auch eine gewisse Berechtigung dafür nicht ganz absprechen, denn als wir damals voneinander geschieden waren, hatte sie ein paar bitterböse Wahrheiten von mir zu hören bekommen, die ihr wohl lange in den Ohren geklungen haben mußten. Vielleicht waren die Dinge, die ich ihr damals in der natürlichen Erregung des ersten, unerträglichen Schmerzes gesagt, wieder zum Leben erwacht, als Lili gestorben war, und in ihr die Einsicht vielleicht vorher schon gedämmert, daß des Menschen Glück vom Titel und vom Gelde nicht abhängt. Wenigstens bei einigen Menschen nicht.

Während sie sich in die Reserve des Schweigens hüllte, plauderte Ilse desto mehr, heiter, ungeniert durch die Zurückhaltung ihrer Stiefmutter, und auch Herr Möller war ganz bei der Sache und sah seine Frau nur von Zeit zu Zeit fragend an, als wollte er sagen: »Ja, was ist denn eigentlich los?«

Nach der Mahlzeit traf ich wieder mit der Familie in der Halle des Hotels zusammen, zum Ausgang gerüstet, doch ehe wir uns in Bewegung setzten, sprang Ilse noch einmal hinauf, etwas Vergessenes zu holen; Herr Möller trat mit einer eben erhaltenen Zeitung zu einem kurzen Einblick in die neuesten Nachrichten etwas beiseite, und damit befand ich mich seiner Frau für den Augenblick allein gegenüber.

Sie benützte auch sofort die Gelegenheit. »Wußten Sie, daß wir in Venedig sind, Herr Eichwald?« fragte sie, indem sie mich mit einem eigentümlichen Blicke maß.

Ich konnte ihr mit gutem Gewissen versichern, daß ich es nicht gewußt hätte. Ich wäre auch nicht einmal zum Vergnügen, sondern in eigenen Angelegenheiten hier, und, obwohl ein alter Stammgast dieses Hotels, wäre ich gern bereit, es morgen mit einem anderen zu vertauschen, falls meine Gegenwart in diesem ihr unangenehm wäre. Im übrigen wüßte ich auch beim besten Willen nicht, warum ich nach Venedig hätte kommen sollen, um sie zu treffen. Ich konnte mir diese Bemerkung nicht versagen, da sie doch einmal gewillt war, den Degen mit mir zu kreuzen.

»Ich habe mir auch gar nicht eingebildet, daß Sie, um mich zu treffen, hergekommen sein könnten,« entgegnete sie, wieder mit dem eigentümlichen Blicke. »Aber da ich doch nun einmal die Mutter meiner Stieftochter bin –«

Den Schluß drückte ein Achselzucken so deutlich aus, daß ich durchaus begriff, was sie sagen wollte.

»Es war mir allerdings eine ganz unerwartete Freude, Fräulein Möller wiederzusehen,« gab ich ohne weiteres und mit der Harmlosigkeit zu, deren ich mir bewußt war. »Ich habe ja bisher nur zweimal den Vorzug gehabt, sie zu sehen, aber ihr Wesen wirkt so wunderbar erfrischend, – erst nachdem sie von Heidelberg wieder abgereist war, habe ich übrigens erfahren, daß Sie, gnädige Frau, in so nahen Beziehungen zu ihr stehen.«

Frau Möller antwortete nicht. Die Lippen fest aufeinanderkneifend, sah sie vor sich hin, und nach einer ganzen Weile erst sagte sie: »Ich bin hierhergekommen, um das Grab meiner Tochter zu besuchen.«

Ich neigte ernst und mit der Teilnahme den Kopf, die ich wirklich in diesem Punkte für die Frau vor mir empfand. »Es war auch meine Absicht, einen Kranz auf ihrem Grabe niederzulegen,« sagte ich halblaut. »Für mich ist es ja seit Jahren schon geschlossen, aber in dieser Zeit ist es unbekränzt geblieben. Darf ich fragen, woran Lili – ich meine Ihre Frau Tochter – gestorben ist?«

»Sie – sie litt an den Nerven,« erwiderte Frau Möller. »Man hatte ihr zur Linderung Morphium gegeben und – wie es leider so oft schon geschehen, so hat auch sie sich den Gebrauch dieses Medikaments so zur Angewohnheit gemacht, daß sie nicht mehr davon lassen konnte. Und so starb sie schließlich an dem, was zu ihrer Heilung dienen sollte.«

Ich war tief erschüttert. Also Morphium! Das Wort fuhr mir wie ein Blitz durch die Glieder. »Sagen Sie mir nur noch eines, gnädige Frau,« bat ich. »War sie glücklich?«

Frau Möller machte eine abwehrende Bewegung. »Fragen Sie mich nicht,« rief sie rauh. »Ich kann darüber nicht sprechen.«

Das war nun freilich so gut wie eine Bestätigung dessen, was Frau Rühle mir schon erzählt hatte. Ich begriff, daß Frau Möller gerade mir nichts weiter davon sagen wollte.

An diesem Abend hatte ich noch eine Wiederholung der eigentümlichen Empfindung, die ich verspürt, als ich in Venedig ankam. Wir fanden, als wir in der Gondel saßen, daß es reichlich früh für die Serenata war, und Herr Möller schlug vor, uns noch ein Stückchen den Kanal hinabrudern zu lassen. Es war herrlicher Mondschein, der auf dem Wasser wie Millionen Goldflittern lag und die Kuppel der Salute versilberte; Ilse Möller hatte trotz eines pflichtgemäß mechanischen »Aber Ilse!« ihrer Stiefmutter den Hut abgenommen, und das Mondlicht brachte auf ihrem Haar den Effekt von Platina hervor, das in den Vertiefungen eine goldbraune Patina angesetzt hat. Indem ich nicht umhin konnte, diese verschiedenen metallischen Effekte des Mondlichts, die man nur in Venedig beobachten kann, zu betrachten, lag mir nichts ferner, als trüben Empfindungen nachzuhängen, die ich ohnedem in Gesellschaft von Ilse Möller für unmöglich gehalten hätte. Und doch kam es mit einem Male über mich, als wir an der Salute vorbeiruderten. Ich saß auf einem der kleinen Seitenbänkchen der Gondel, Herrn Möller gegenüber, das Gesicht nach Süden richtend, ich hatte also die schöne Kirche gerade vor mir, dann die dunkle Masse von San Gregorio, daran anschließend den Palastneubau, dann den wunderschönen Palazzo Dario und daneben das malerische, grünumrankte Erdgeschoß des unvollendet gebliebenen Palastes, der nach dem Modell im Museo Civico ein Riesenbau mit zwei Höfen werden sollte, aber weil das Fundament sich senkte, nur bis zum Grundstock der Wasserfront gediehen ist. Im Angesichte dieser Palastfronten wurde das seltsame Gefühl des Unheimlichen, der deutlich empfundenen Furcht vor etwas Drohendem so stark in mir, daß es mir förmlich die Kehle zudrückte. Wenn Ilse Möller nur wenigstens jetzt gelacht hätte, aber sie saß ganz still neben ihrer Stiefmutter im Fond der Gondel, und ich sah, daß sie scheu zu dieser aufblickte, die hochaufgerichtet neben ihr saß. Dem Blick der großen, blauen Augen folgend, bemerkte ich, daß Frau Möller totenblaß war und ihre Augen auf die Front des unvollendeten Palastes geheftet hatte – mit einem Ausdruck, den ich mir nicht erklären konnte.

»Wenden!« befahl sie rauh und herrisch, und als die Gondolieri gehorchten und die Gondel zurücklenkten nach dem Eingang des Kanals, da fügte sie heftig hinzu: »Mußten wir denn gerade hier vorbei?«

»Verzeih – ich hatte nicht daran gedacht,« sagte Herr Möller und legte begütigend seine Hand auf die krampfhaft geballten Hände seiner Gattin. »Du wohl selbst im Augenblick auch nicht,« setzte er entschuldigend hinzu.

Es lag so viele Güte und Freundlichkeit in seinen Worten, in Ton und Bewegung, daß es einen warm zu dem Manne hinzog.

Seine Frau aber stieß die gütige Hand mit einer heftigen Bewegung von sich. »Laß mich,« rief sie hart.

Mit einem Seufzer wandte er sein gutes, rundes Gesicht ab und sah zur Seite; Ilse aber beugte sich vor und streichelte leise und liebevoll die Hand ihres Vaters. Es zuckte um ihren nicht allzu kleinen, aber hübschen und süßen Mund, und in ihren Augen stieg es wie zornige Tränen auf.

Schweigend fuhren wir zurück nach dem Bassin di San Marco, und unsere Gondel reihte sich der Schar der anderen Fahrzeuge an, die sich um die bewimpelte und mit bunten Papierlaternen behangene große Barke, auf der die Sänger und Musiker saßen, festgelegt hatten. Der unvermeidliche Bersaglieremarsch, mit dem das Konzert auf dem Wasser eben begann, nahm mit seinem lebhaften Tempo nun erst den Bann von mir, der auf mir gelastet.

»Die guten Leute würden glauben, den Fremden widerrechtlich etwas zu entziehen, wenn sie mit dem Bersaglieremarsch nicht anfingen,« bemerkte Herr Möller, das Schweigen brechend.

»Ja, und dann kommt noch die ebenfalls unvermeidliche »Funiculi-Funicula«, und wenn wir uns durch diesen musikalischen Reisbrei glücklich durchgefressen haben, dann sind wir im Schlaraffenlande des übrigen Konzertes – einige Rückfälle ungerechnet – angelangt,« meinte Ilse mit ihrer alten Munterkeit.

»Man kann auch ebensogut »durchgegessen« sagen,« korrigierte Frau Möller, die sich nun auch zurückgefunden zu haben schien.

Ich konnte nicht umhin, sie mit einem neugierigen Blicke zu streifen. Was hatte sie nur vorhin gehabt? Warum wollte sie vor der Palastreihe hinter der Salute nicht vorüber?

»I bewahre, es steht im Märchen vom Schlaraffenlande ausdrücklich, daß man sich durch die es umgebende Mauer von Reisbrei mit Rosinen durch–fressen muß,« behauptete Ilse wieder mit dem ganzen alten Übermut. »Das wäre nichts für mich. Reisbrei mit Rosinen ist mir etwas Gräßliches. Ihnen auch, Herr Eichwald?«

»Mir auch,« erklärte ich, auf ihren Ton eingehend; man mußte auf Ilse Möllers Ton eingehen, dagegen gab's keine Stimmungen, keine Ausflüchte. »Ja, wenn's noch italienischer Risotto mit Hühnerlebern wäre, dann wollte ich's versuchen, aber süßer Reisbrei mit Rosinen, brrr –«

»Aha,« neckte sie lachend, »nun weiß man doch auch, was Ihr Lieblingsgericht ist. Sage mir, was du ißt, und ich werde dir sagen, wer du bist.«

»Ich taxiere Sie auf glasierte Maronen,« konnte ich nicht umhin, die Neckerei zurückzugeben, doch da sie ja nicht wissen konnte, daß ich sie dabei belauscht, so nahm sie's ganz harmlos auf.

»Mm!« machte sie mit einem schelmischen Blick auf ihren Vater, indem sie eine Düte aus der Tasche zog und sie herumreichte. »Sie sind ja ein famoser Charakterkenner, Herr Eichwald!«

Frau Möller stieß die Düte heftig zurück. »Wo hast du das her?« fragte sie scharf. »Du weißt doch, daß ich das Naschen nicht leiden kann.«

»Ich habe Ilse diese Maronen gegeben,« sagte Herr Möller ruhig. »Sie sind sehr gut. Du solltest sie auch einmal versuchen.«

Frau Möller biß sich auf die Lippen, und heroisch ihre üble Laune oder ihre rebellischen Nerven, oder was immer es war, bekämpfend, rang sie sich ein frostiges Lächeln ab. »Das nennt man nun Erziehung,« meinte sie mit einem Scherze, der wohl nur meiner Gegenwart zu verdanken war, die sie übrigens sonst durchaus ignorierte; ja, sie nahm sogar eine Marone aus der ihr hingehaltenen Tüte, freilich nur, um sie dann seitwärts ins Wasser fallen zu lassen.

Herrn Möller hatte die kleine Szene, in der seine Frau sich so wenig zu beherrschen gewußt, offenbar unangenehm berührt, während Ilse scheinbar ganz unbewegt davon blieb, denn sie plauderte lustig weiter, sprang vom Hundertsten ins Tausendste und klatschte mit dem anderen Publikum lebhaft Beifall, als ein guter Tenor und eine noch bessere Frauenstimme, die beide für italienische Sänger nur wenig tremolierten, das »Miserere« aus dem Troubadour vorgetragen hatten.

»Junge Mädchen klatschen nicht mit,« belehrte Frau Möller.

Aber Ilse kehrte sich nicht daran. »Ich tu's,« erklärte sie und schlug ihre kleinen Hände mit Feuereifer zusammen. »Warum soll man denn nicht zeigen, daß einem etwas gefallen hat? Und die Sänger freut's, je mehr Lärm sie hören. – Papa, wirf nur einen recht anständigen Obolus auf den Teller, wenn der Mann zum Einsammeln kommt. Schau, da springt er schon von einer Gondel zur anderen! – Das haben sie wirklich schön gesungen, nicht wahr, Herr Eichwald?«

Als die Serenata beendet war, fuhren wir zurück nach der Piazzetta, und ich war, trotz Ilses harmlosem Geplauder, eigentlich froh, daß dieser Ausflug beendet war, denn mit Frau Möller an der Spitze der Bewegung war das Vergnügen doch kein ungemischtes, trotzdem ich den Eindruck hatte, als ob sie mehr unter dem Gefühl des Gequältseins litt, als unter einer bloßen schlechten Laune. Von einer solchen war sie früher wenigstens nie beherrscht worden, als sie ihrer Liebenswürdigkeit wegen gesucht und berühmt war. Es hätte mir für ihren guten Mann und ihre Stieftochter auch leid getan, wenn sich dieser schreckliche Charakterzug erst in der zweiten Ehe bei ihr entwickelt hätte.

Ihr Gutenachtgruß für mich war mehr als kühl und stach gegen die Herzlichkeit der beiden anderen um so schroffer ab; aber das war ein Umstand, der mich nicht weiter bekümmerte, obwohl ich fand, daß es eigentlich an mir gewesen wäre, ihre Rolle zu spielen, denn nur sie hatte sich mir gegenüber etwas vorzuwerfen, nicht ich mir vor ihr.

So sind die Menschen nun aber einmal; sie lieben es, den Spieß umzudrehen, auch wenn er sie ins eigene Fleisch schneidet.

Somit beurlaubte ich Frau Möller für heute wenigstens aus meiner Gedankenreihe und legte mich zur Ruhe, ungestört durch irgend eine Nachbarschaft. Vermutlich diente das anstoßende Zimmer den Möllers nur als Wohngemach, denn ich hörte keinen Laut mehr nebenan. Ich schlief auch, müde von der langen Eisenbahnfahrt, bald ein, aber mein Schlaf war unruhig und oft unterbrochen, und so oft ich auch wieder einschlief, immer träumte mir von Lili, immer sah ich sie in ihrem weißen Kimono vor mir, blasser, durchsichtiger denn je, und hinter ihr zwei andere Personen, deren Umrisse aber so verschwommen waren, daß ich mich beim Erwachen ihrer nicht mehr erinnern konnte. Sogar im Schlafe lastete das sonderbare, unbestimmbare Gefühl auf mir, das ich bei meiner Ankunft in Venedig empfunden.



Achtes Kapitel.

Müder als am Abend zuvor stand ich am anderen Morgen auf, und eine gewisse Unlust, meine Forschungen zu beginnen, wegen deren ich überhaupt nur hergekommen, beherrschte mich zunächst. Ich trödelte in meinem Zimmer herum, was ganz gegen meine Gewohnheit ist, und kam spät herab, um zu frühstücken.

Der Tür zunächst, durch die ich den Speisesaal betrat, saß Herr Möller schon und trank seinen Kaffee; er begrüßte mich sehr freundlich und bot mir einen Platz an seinem kleinen Tisch an.

»Ich denke, meine Tochter kommt auch bald herab,« sagte er gemütlich. »Setzen Sie sich aber nur immer hin, es ist Platz für uns drei. Meine Frau frühstückt droben im Zimmer, denn sie steht erst später auf. Das war sonst nicht ihre Gewohnheit, aber seit dem Tode ihrer Tochter ist sie nicht mehr so auf dem Posten wie früher. Ich verstehe ja ihre Stimmung nur zu gut – man muß manche Nachsicht üben, und die Zeit wird ja auch heilend auf sie einwirken. Mein Himmel, wenn ich mir vorstelle, daß ich mein Ilsekindchen so jung, so blühend verlieren sollte, dann bleibt ja nichts als das pure Mitleid mit der armen Mutter, und alles andere tritt in den Hintergrund. Die Jugend kann das freilich nicht so verstehen, und darum müssen Sie sich auch nicht über die kleinen Scharmützel zwischen meiner Frau und meiner Tochter wundern. In dem Alter meiner Tochter waren wir auch egoistisch.«

Ich bestätigte das verständnisvoll; der gute alte Herr hatte es sicherlich nicht leicht, zwischen den zwei Feuern zu stehen.

»Gräfin Meersburg starb in Venedig, wie ich hörte?« setzte ich hinzu.

»Ja, und zwar in dem Hause, dem im Bau stecken gebliebenen Palast am Kanal, bei dem wir gestern abend umkehrten,« antwortete Herr Möller. »Das war's, warum meine Frau so – wie soll ich sagen? – so heftig wurde. Ich hatte nicht daran gedacht, hätte es aber tun sollen. Meine Frau fährt jeden Morgen auf den Friedhof nach der Insel San Michele hinaus, um das Grab zu besuchen. Ganz allein. Sie will nicht einmal, daß ich mit ihr fahre, geschweige denn meine Tochter, die das gern täte, die das sogar sehr gern täte, denn darin fühlt sie ja so warm mit meiner Frau. Aber die läßt niemand an sich heran, sie will allein sein mit ihrem Schmerze, was ich ja am Ende verstehe, aber meine Tochter fühlt sich vor den Kopf gestoßen – wie so die Jugend ist, wenn sie's ehrlich und treu meint und sich abgewiesen sieht mit ihrer Teilnahme. Es war gewiß sehr, sehr hart für meine arme Frau, das einzige Kind zu verlieren. Aber wer weiß, wozu es gut war. Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Sie war nicht glücklich in ihrer jungen Ehe, die arme Lili Meersburg.«

»Was ich vom Grafen Meersburg kenne – und das ist freilich nur wenig – hätte mir allerdings wenig Vertrauen zu ihm eingeflößt,« konnte ich mich nicht enthalten zu sagen, aber als es heraus war, ärgerte ich mich darüber. Denn man muß mit seinen Meinungen nicht so billig sein, wie die Kirschen im Sommer, und dann – ich kannte ja den Mann mir gegenüber kaum.

»Ja,« sagte Herr Möller nach einer kleinen Pause, »was wollen Sie von dem letzten Sprossen eines Stammes, der vor hundert Jahren wahrscheinlich schon faul und morsch war? Zu meiner Zeit, ich meine, als ich noch jung war, gab man solchen Leuten einen anderen Namen; heute, nachdem man entdeckt hat, daß die Degeneration an allem schuld ist und ein Mensch überhaupt für nichts mehr verantwortlich gemacht werden kann, weil er »dekadent« ist, hat das Urteil der Welt sich wesentlich zugunsten solcher Leute geändert. Wird doch das Strafgesetzbuch immer machtloser; jeder Verbrecher, besonders der begüterte, einen »Namen« tragende, wird erst zur Begutachtung seines geistigen Zustandes in ein Asyl gebracht, ehe der Rechtspruch ihn treffen kann, und wenn dann eine »erbliche Belastung« nachgewiesen wird, so ist er, wie man so sagt, schön heraus. Und außer diesen Annehmlichkeiten haben wir ja auch unsere herrliche »Herrenmoral«, die dem Manne gestattet, was der Frau nicht erlaubt ist. Die Opfer, die dieser Moral erliegen, bleiben von der irdischen Gerechtigkeit ungerochen.«

Herr Möller sagte das alles leidenschaftslos, objektiv, und doch schien es Bezug zu nehmen auf Lilis Schicksal. Aber ich unterdrückte die Fragen, die sich mir auf die Lippen drängten. Welches Recht hätte ich auch gehabt, sie auszusprechen? Zudem erschien eben Fräulein Möller im Saal, frisch, blühend, rosig wie ein junger Maimorgen, und begrüßte mich mit ihrer harmlosen Herzlichkeit.

»Das ist aber nett, daß wir zusammen frühstücken!« versicherte sie. »Und nun heraus mit deinen Plänen für heute morgen, Papa! Was unternehmen wir zwei beiden? Oder sind Sie mit von der Partie, Herr Eichwald?«

Ich gedachte meiner Unlust, in meinen eigenen Angelegenheiten heute den ersten Schritt zu tun, und war durchaus nicht abgeneigt, mich diesen »zwei beiden« anzuschließen. »Ich möchte schon, wenn ich darf,« erwiderte ich daher bereitwilligst.

Mir schien, als zögerte Herr Möller einen Augenblick, Ilse aber rief, ehe er etwas sagen konnte: »Natürlich dürfen Sie! Es wäre fein, wenn Sie sich uns anschlössen – nicht wahr, Papa?«

»Das wäre es,« sagte nun Herr Möller mit Bestimmtheit. »Falls Sie also nichts Besseres vorhaben, dann soll's uns freuen, wenn Sie mitkommen. Ich hatte heute an den von meiner Tochter lang ersehnten Spaziergang auf dem Lido gedacht –«

»O Papa, wie herrlich!« jubelte Ilse.

»Wir fahren mit dem Dampfer bis Malamocco, besehen uns dort zunächst die uralte Kirche, in der sich Tintorettos, Tizians, Tiepolos und was weiß ich noch befinden sollen, wandern dann auf der Düne bis zu den Bädern, nehmen den Dampfer zurück nach Venedig und kommen gerade noch recht zum Essen zurück ins Hotel. Ein bißchen nach der Zeit vielleicht, aber ich habe das mit Mama schon besprochen. Der Spaziergang am Meeresstrande wäre für sie zu lang.«

Ich fand den Plan herrlich, denn der Morgen war frisch und angenehm, es wehte, ohne darum windig zu sein, eine köstliche Brise vom Meere her – kurz, es war ein idealer Tag zum Wandern am Meeresstrande, wo die salzige, kräftige Luft meinem müden, unlustigen Kopfe gut tun würde.

Und das tat sie – zusammen mit diesen beiden lieben Menschen, die so innig aneinander hingen, sich immerzu so törichte und dabei doch so rührende Liebesnamen gaben, die eines des anderen Augapfel waren.

Schon als wir in Malamocco aus Land stiegen, fühlte ich mich wunderbar erfrischt und aufgelegt, und die alte Kirche, die nicht im Bädeker steht und sogar mir bisher entgangen war, erweckte mein volles Interesse. Ob der Veronese, den der Küster uns mit dem ganzen Stolze seiner Rasse zeigte, echt ist, wage ich nicht zu entscheiden, vielleicht werden auch Kenner das gemeinsam von Tizian und Tintoretto gemalte, arg zerfloßene Altarbild anzweifeln, aber der Tiepolo schien mir zweifellos echt, und höchst merkwürdig das Kruzifix aus dem fünften Jahrhundert.

Es war ein feiner Zug von Herrn Möller, daß er gern dem von der allgemeinen Heerstraße der Touristen abseits Liegenden nachspürte, wie der ganze Mann mir überhaupt die alte Lehre gab, daß man einen Menschen nicht nach seinem Äußeren beurteilen darf. Wieviel Gemüt, Verständnis, Wissen verbarg dieser kleine, runde, jovial aussehende Schiffsreeder hinter seinem entschieden humoristisch wirkenden Äußeren, um das jeder Komiker ihn beneidet hätte! War Frau v. Lahr dahinter gekommen, oder hatte sie in ihm nur die Versorgungsanstalt gesehen, das Mittel, um zu seinem Reichtum zu gelangen? Auch das Zeugnis, das der Vater seiner Tochter ausgestellt: daß sie sich nicht aus kindischem Trotz und grundsätzlich gegen ihre Stiefmutter auflehne, sondern ihr Teilnahme entgegenbringe, sich aber damit zurückgewiesen sehe, rückte mir die kleine Ilse Möller in ein sehr warm anmutendes Licht, das mir an ihrem Bilde bisher gefehlt, ohne daß ich's mir recht bewußt gewesen wäre. Nein, Frau v. Lahr paßte nicht zu diesen beiden, und sie hatte sich auch die Mühe nicht gegeben, in den Kreis ihres Seelenlebens einzudringen. Sie stand außerhalb desselben, und es hätte mich gewundert, wenn ich mich darin geirrt hätte, daß ich sie des Wahns zieh, darüber zu stehen.

Herr Möller hatte in seinem Leben sicher nicht viele Irrtümer zu verzeichnen, das bewies schon der Erfolg in seinem Berufe, bewies der klare Blick, mit dem er Menschen und Dinge beurteilte, der in ihm fein entwickelte Instinkt für das Wahre, Echte und Schöne – und doch konnte er den Irrtum begehen, eine Frau v. Lahr zur Stiefmutter seiner Tochter zu machen!

Es war wirklich ein Herz und Nerven erfrischender Spaziergang mit diesen »zwei beiden«. Ilse Möller war voller Übermut und tanzte auf dem schmalen Dünenweg vor uns her, lief uns voraus und wieder zurück zu uns, so daß sie den Weg eigentlich doppelt machte. »Wie ein Hundel, wenn's spazieren geführt wird,« meinte Herr Möller strahlend. Was sie dabei zusammenschwatzte, war nicht zu sagen – ein Nichts, und doch wieder dabei so angenehm und erfrischend wie das Rauschen des unermüdlichen Bergbaches, der über Stock und Stein zu Tale springt – nein, aus diesem jungen Wesen hatte Frau v. Lahr weder den Willen noch die Natur herauserziehen können, an der da war Hopfen und Malz verloren in dem Sinne, der eine Tugend aus dem Mangel dieser Würze machte.

Wer nun aber etwa auf den Gedanken kommen möchte, daß ich verliebt gewesen wäre, der irrt sich gründlich. Nichts lag mir ferner als das, nicht mit einem Gedanken verkettete ich dieses junge, blühende Leben mit meinem Dasein, das ich ehrlich und mit vollster Überzeugung nach dieser Richtung hin für abgeschlossen hielt. Nicht, daß ich darum lebensmüde gewesen wäre. Gar nicht. Ich glaubte zuversichtlich an eine Zukunft, glaubte noch an eine Lebensaufgabe, für die ich ja freudig genug arbeitete, aber die Liebe hatte keinen Raum mehr in meinen Plänen und Hoffnungen, sie hatte ich eingesargt, noch ehe sich das Grab auf der Insel San Michele darüber geschlossen. Und weil ich mir dessen bewußt war, ließ ich ohne Rückhalt und ohne Sorge die frische, reizende Persönlichkeit dieses jungen Mädchens auf mich einwirken, wurde ich selbst wieder jung und frisch in ihrer Gegenwart. Nicht der Schimmer eines Gedankens wäre mir dabei gekommen, daß ich selbst irgendwelchen Eindruck auf Ilse Möller machen könnte. Die Anmaßung war nie mein Fehler gewesen; ich habe mir nie eingebildet, daß ich nur zu kommen und zu wollen brauchte, um zu siegen; diese Rolle hatte ich stets gern anderen überlassen, und selbst Frau Möllers schlecht versteckte Anspielung von gestern abend hatte mir, wenn sie mich auch im Augenblicke geärgert hatte, nichts von meiner eigenen Harmlosigkeit in diesem Punkte rauben können, weil ich meiner ja so sicher war.

Wir kamen nach Venedig zurück, als man im Hotel mit dem Essen fast fertig war.

»Macht nichts, wir exerzieren eben nach,« versicherte Ilse vergnügt, als wir zusammen in den Speisesaal gingen. »Ich habe einen Hunger, der für zwei ausreichen würde.«

Ich teilte dieses Gefühl mit ihr in hohem Maße, denn die Seeluft zehrt, und unsere Promenade war lang gewesen. Ich freute mich aber, daß sie's so ungeniert aussprach, denn der Hunger ist ein gesundes Gefühl, und die Sorte junger Mädchen, die immer »kühsättig« tut, als ob sie von der Luft allein lebt, war mein Genre nicht. Es sind auch immer nur die energielosen Menschen, welche die Nahrung, von der wir nun doch einmal abhängen, in Acht und Bann zu tun vorgeben.

Frau Möller saß noch bei der Tafel vor ihrem Nachtisch, als wir unsere Plätze einnahmen. Sie erwiderte meinen Gruß sehr kühl und schien unangenehm berührt davon, daß ich mit von der Partie gewesen, ein Umstand, den sie jetzt erst erfuhr. Nun war ich ja gerecht genug, das Zugeständnis zu machen, daß meine Gegenwart für diese Frau sicherlich peinlich sein mußte im Hinblick auf die Vergangenheit, aber ich meinte, es wäre auch von ihr ein Akt der Billigkeit gewesen, wenn sie mich nicht hätte fühlen lassen, als wäre ich der Schuldige gewesen.

Zwar suchten Möller und seine Tochter das auszugleichen, indem sie ihrerseits mir jede Liebenswürdigkeit zuteil werden ließen, aber schließlich war Frau Möller doch die Frau und Mutter, und von ihr wurde ich in unzweideutigster Weise abgelehnt; darüber war jeder Zweifel ausgeschlossen, und da blieb mir wohl nichts anderes übrig, als mich zurückzuziehen. Mir einen anderen Platz an der Tafel anweisen zu lassen, schien mir nicht angängig, denn das mußte auffallen; also hatte ich keine andere Wahl, als das Logis zu wechseln. Dies aber Hals über Kopf tun, fiel mir nicht ein, und ich nahm mir vor, offen mit Herrn Möller darüber zu sprechen.

Nach Tisch zog die Familie sich zurück, und auch ich ging auf mein Zimmer, um zunächst etwas auszuruhen und dann meinerseits den Weg nach San Michele anzutreten, denn als ich auf mein Zimmer kam, fand ich die Kiste vor mit dem Kranze, den ich mir hatte schicken lassen, um ihn auf dem teuren Grabe niederzulegen, einen Kranz von Maiglöckchen mit einem Strauß Parmaveilchen – Lilis Lieblingsblumen, lieblich, duftig, anspruchslos, wie sie selbst gewesen war.

Die Gondel brachte mich rasch nach San Michele hinüber, und mit meiner blühenden Last am Arm suchte ich zunächst einen der Mönche zu finden, um ihn nach der Lage des Grabes der Gräfin Meersburg zu befragen. Ich erhielt die gewünschte Auskunft, wurde von dem freundlichen Pater noch ein Stückchen begleitet, und schritt dann allein weiter dem hölzernen Kreuze entgegen, das, wie der Mönch mir sagte, einstweilen das Grab bezeichnete, um später dem monumentalen Denkmale Platz zu machen, das eben im Atelier eines der ersten Bildhauer der jungen venezianischen Schule ausgeführt wurde.

Ich vermißte das Denkmal nicht – das schlichte Kreuz, das ich schon von weitem leuchten sah, hätte ihrem Andenken besser entsprochen; aber damit ist nicht zu rechten, denn ein Grabschmuck ist und bleibt Geschmack- und Gefühlssache. Indes, dem Grabe näher kommend, stand ich unwillkürlich still, denn, den Rücken mir zugewandt, sah ich eine Frauengestalt an dem blumenbedeckten Hügel stehen und glaubte natürlich, daß es Frau Möller sein müßte, der ich hier nicht gern begegnet wäre.

Aber ich überlegte, daß vor einem Grabe der Groll wohl schweigen sollte; entschlossen ging ich weiter, und ein paar Schritte vorwärts belehrten mich, daß diese schwarzgekleidete Dame Frau Möller nicht sein konnte, denn groß und elegant, wie sie zweifellos war, wurde sie darin doch noch von dieser übertroffen, und dann: unter dem riesigen Hut, der von einem dichten, schwarzen Schleier überspannt war, leuchtete kupferrotes Haar mit metallischem Schimmer.

Bei meiner Annäherung wandte die Dame leicht den Kopf über die Achsel zurück, aber der Schleier, den sie über dem Gesichte trug, war so dicht, daß ich ihre Züge unmöglich darunter erkennen konnte, und als ich neben ihr vor dem Grabe stehen blieb, ging sie den Weg, den ich gekommen war, zurück, langsam, fast schleppend, den Kopf senkend, und ich stand da mit dem Kranze und sah ihr nach mit einem merkwürdig wirren Gefühl, als stünde ich auf keinem festen Boden, und ein Kaleidoskop würde vor meinen Augen geschüttelt. Vergebens sagte ich mir, daß diese Dame wahrscheinlich gar nichts mit dem Grabe zu tun hätte, das Lilis sterbliche Hülle umschloß, sie war gewiß nur, wie jeder andere Besucher der Gräberinsel, im Vorübergehen stehen geblieben, um die Inschrift auf dem weißen Kreuze zu lesen – und doch hatte ich dabei die Überzeugung, daß sie eigens hergekommen war, wie ich selbst, um dieses Grab zu besuchen. Ich sagte mir auch, daß es viele solche große, elegante Gestalten gibt und auch hie und da solch metallisch glänzendes, kupferrotes Haar, und doch war ich überzeugt, daß nur eine das Haar von dieser Farbe besaß, nur eine diese hohe, biegsame und doch volle Gestalt: die »Kaiserin Josephine« vom Maskenball in Berlin, die Besitzerin des grünen Pompadours!

Mit den weihevollsten Gefühlen war ich diesem Grabe genaht, und nun ich vor ihm stand, sagte es mir nichts, sprach die Erde, die meine tote Liebe bedeckte, keine Silbe zu mir, sondern meine Augen und mein Geist folgten der großen, schwarzen Gestalt, die sich langsam dem Eingange zu entfernte. Ein unbezähmbares Verlangen, ihr nachzugehen und sie zu fragen, ob sie den grünen Pompadour nicht vermißt hätte, ergriff mich, und nur die damit verbundene Gewißheit, daß ich mich wahrscheinlich unerhört lächerlich machen würde, hielt mich auf dem Flecke fest, auf dem ich stand.

Erst als die schwarze Gestalt hinter dem Portal verschwunden war, durch das man den Friedhof betritt, kam mir der richtige, erlösende Gedanke: sie zu fragen, ob sie das goldene Notizbuch verloren hätte, das ich bei mir trug, um es dem Goldschmied zu zeigen, der es gemacht hatte. Ich habe immer die Leute nicht verstehen können, die am »Treppenwitz« litten, und nun hatte ich mich selbst zu dieser Gemeinde bekannt, und eine gelinde Wut gegen mich selbst brachte mich in die Wirklichkeit zurück. Aber vielleicht war es noch nicht zu spät.

Hastig, ohne auch nur einen Blick auf das Grab zu werfen, legte ich den Kranz darauf nieder und lief, so rasch ich nur konnte, dem Ausgange zu, um bei meiner atemlosen Ankunft an der Landungsstelle festzustellen, daß sie, die ich suchte, nicht mehr da war. Ein Dampfer hatte weder von noch nach Murano in dieser Zeit angelegt, so viel erfuhr ich von dem Mann, der beim Landen hilft; aber er versicherte auch, daß keine Gondel fortgefahren war, und niemand hatte die schwarzgekleidete Dame mit dem roten Haar gesehen. So viel war sicher, denn in bezug auf Personalien kann man sich auf den Venezianer und auf den Italiener überhaupt verlassen, der alles sieht und namentlich für Personen ein vorzügliches Gedächtnis hat.

Wenn sie also nicht fort war, mußte sie notwendig noch auf der Insel sein – jedenfalls in der Kirche. Doch auch dort fand ich keine Spur von ihr, keine in der Capella Emilia, ratlos stand ich da und fühlte mich so herabgestimmt, daß ich mich in der Kirche in eine dunkle Ecke setzte, um mich zu sammeln, ehe ich wieder an Lilis Grab zurückging.

Ich weiß nicht mehr genau, wie lange ich in der Kirche war, doch mußte eine ganze Weile vergangen sein, als ich wieder ins Freie hinaustrat, und in dem Bewußtsein, daß meine Stimmung dem Orte nicht mehr entsprach, gab ich den Besuch des Grabes für heute auf. Zu meiner Gondel zurückgekehrt, gab ich Befehl, mich im Rio del Palazzo hinter dem Markusplatz abzusetzen.

»Va bene, Signore,« sagte der Gondoliere, sein Ruder ergreifend. »Übrigens ist die Signora in Schwarz mit den roten Haaren, nach der Sie vorhin fragten, eben mit dem Vaporetto nach Venedig zurückgefahren. Sie war ganz atemlos vom Laufen und hatte einen kleinen Strauß Maiglöckchen in der Hand.«

Hatten wir miteinander Verstecken gespielt? War sie eben aus der Kirche, die ja zwei Eingänge hat, herausgetreten, als ich hineinging? Maiglöckchen hatte sie? Sicher trug sie keine Maiglöckchen in der Hand, als ich sie vor dem Grabe stehen sah, wo hatte sie die Maiglöckchen jetzt her? War sie zu dem Grabe zurückgekehrt und hatte sie das Sträußchen dem Kranze entnommen, den ich darauf niedergelegt? Warum? Zu welchem Zweck? Hatte sie Lili nahe gestanden, daß sie die Blumen als Andenken mitnahm, oder hatte es sie nur nach diesen verlangt?

Die erste Annahme wollte mir, ich weiß nicht warum, nicht recht einleuchten, und die zweite verwarf ich ohne Überzeugung und nur aus dem Gefühl des Anstandes und der Bildung, die sich ihren Schmuck oder ihr Vergnügen, ihre Augenweide nicht von Gräbern holt, die Toten nicht beraubt. Aber vielleicht gab es heute noch andere Maiglöckchen auf San Michele als die, welche ich dahin gebracht, und ohne Wert darauf zu legen, ob der Gondoliere mich für verrückt hielt oder nicht, hieß ich ihn noch einmal anlegen und kehrte auf den Friedhof zurück, den ich systematisch nach Maiglöckchen absuchte, ohne auch nur ein einziges zu finden. Auch nicht auf den Fremdengräbern, denn auf denen der Venezianer sind die Blumen überhaupt sehr rar; diese Liebesgaben werden hier, wie im Süden ja meist, durch die schauerlichen Perlenkränze ersetzt, die so hübsch dauerhaft sind. Nein, meine Maiglöckchen auf Lilis Grab waren die einzigen ihrer Art auf der ganzen Toteninsel, folglich konnte die schwarze Dame sie nur aus meinem Kranze genommen haben, der dicht genug geflochten war, um den Raub unbemerkt zu lassen. Zur Erinnerung mitgenommen, hätte wohl ein Zweiglein genügt, aber der Gondoliere war sicher, daß es ein Sträußchen war, das die schwarze Dame in der Hand gehalten, und ich glaubte ihm, denn diese Blume ist in Venedig ein so seltener und teurer Gast, daß der Mann sie sicher genau betrachtet hatte. Ja, die Dame mußte eigens zu dem Grabe zurückgegangen sein, um die Blumen zu holen, die sie mich hatte hintragen sehen.

Ich muß gestehen, daß dieser Gedanke mir so widerwärtig war, daß ich den Kranz am liebsten wieder mitgenommen und ins Wasser geworfen hätte – und doch, war es so etwas Ungewöhnliches, daß man sich Blumen von einem Grabe holte zur Erinnerung? Nur die Person und die Art, wie sie es getan, gewissermaßen hinter meinem Rücken, erbitterte mich, denn ich hatte das unvernünftige Gefühl, als hätte sie mich von dem Grabe weggelockt, um, als ich in der Kirche war, dahin zurückzueilen und nun den Raub auszuführen. Ich bin kein mißtrauischer Mensch und nicht dazu geneigt, etwas herauszutüfteln, für das weder Zweck noch Ziel einzusehen ist, und doch nistete sich dieser Gedanke so fest in mir ein, daß meine bessere Einsicht vergeblich dagegen ankämpfte.

Unter diesem Grübeln erreichte ich Venedig wieder, wesentlich später, als ich gedacht. Meine Gondel setzte mich hinter San Marco ab, gegenüber dem schönen Palazzo Trevisan, den Bianca Capello als Großherzogin von Florenz gekauft, an derselben Treppe, von welcher der Patriarch Giuseppe Sarto, eine Rückfahrkarte nach Rom in der Tasche, herabgestiegen war, um zum letzten Konklave zu reisen. Die Rückfahrkarte verfiel unbenützt, denn der Patriarch bestieg als Pius X. den Stuhl Petri, und sein Fuß betrat die Treppe nicht mehr. Aber sein Herz hat er doch in Venedig zurückgelassen, und wer könnte ihm das verdenken? Ich sicher nicht!



Neuntes Kapitel.

Wenige Schritte brachten mich auf den kleinen Platz mit den antiken Löwen neben dem Nordflügel der Markuskirche und von da unter die alten Prokuratien, wo die gesuchte Firma ihren Laden mit ausgesucht schönen Goldschmiedearbeiten hat. Hier eintretend, zog ich das goldene Notizbuch, sorglich in Seidenpapier gewickelt, aus der Tasche, und indem ich, natürlich ohne Einzelheiten über das Wie und Wo, erklärte, daß ich den Gegenstand gefunden hätte und nun seinem Besitzer wieder zurückzuerstatten wünschte, fragte ich, für wen er gemacht worden wäre, mich auf den eingeprägten Namen der Firma berufend.

Der Inhaber des Geschäftes erkannte den Gegenstand sofort wieder. »Gewiß ist das unsere Arbeit,« sagte er nach kurzer Prüfung des Deckels, denn den Papierblock hatte ich herausgelöst und zurückbehalten. »Aber wer die Besitzerin ist, kann ich Ihnen leider nicht sagen, denn ich weiß es selbst nicht. Vielleicht die Gemahlin des Auftraggebers, was wohl zunächst liegt. Das Büchlein gehörte an eine schwere, lange, goldene Kette, die außerdem noch ein Riechfläschchen, einen kleinen Spiegel, einen Bleistift und eine kleine zusammenklappbare Schere mit goldenen Griffen in goldenem Etui trug. Alle diese Gegenstände trugen das gekrönte »N« in Diamanten. Es war eine der kostbarsten Bestellungen, die wir im Vorjahr ausgeführt haben, und ich darf wohl sagen: auch eine der schönsten und elegantesten. Die Kette war fast zwei Meter lang und so dick wie ein kleiner Finger, nach einem Vorbilde der Renaissance gearbeitet.«

»Nun,« meinte ich, »wenn Sie mir den Namen der mutmaßlichen Besitzerin nicht sagen können, die das Büchlein zweifellos von der Kette verloren hat, so würden Sie mich verbinden, wenn Sie mir wenigstens den des Bestellers anvertrauen könnten, durch den der Gegenstand dann sicher an die Eigentümerin zurückgegeben werden könnte.«

Der Mann war durchaus meiner Meinung, aber der Name war ihm, als der eines Ausländers, entfallen, und er mußte erst in seinen Büchern nachsehen. Nach einer Weile kam er zurück, ein Blatt Papier in der Hand, auf das er den Namen geschrieben hatte.

»Ich muß aber bemerken,« sagte er, mir das Blatt zusammengefaltet übergebend, »daß das nur die vorübergehende Adresse des Bestellers in Venedig war. Ich weiß auch nicht, ob es sein richtiger Name ist, den er da angegeben hat. Das fiel bei uns nicht so sehr ins Gewicht, weil der Herr bei der Bestellung sogleich die Hälfte der Summe und bei der Abnahme der Ware die andere Hälfte bezahlte. Namen und Titel kann sich ja ein jeder beilegen. Unter diesem Vorbehalt können wir Ihnen auch nur die Adresse geben.«

Ich nickte zustimmend und warf einen Blick auf die Adresse. »Graf Meersburg, Ca' del Leone,« stand darauf. Ich nickte wieder, als hätte ich diesen Namen erwartet, und doch traf er mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. »Es wird stimmen,« sagte ich mit merkwürdig trockener Kehle. »Der Graf Meersburg ist in Deutschland eine bekannte Persönlichkeit. Wann, sagten Sie, wurde der Schmuck für ihn gemacht?«

»Er wurde ihm am 3. September des vorigen Jahres abgeliefert,« war die bereitwillige Antwort.

Ich dankte für die Auskunft und ging dann meiner Wege, ging über den Markusplatz, diesen »königlichen Festsaal« mit dem blauen Himmel als Decke, ohne einen der vielen Menschen darauf zu sehen, und bog um die Ecke des Dogenpalastes nach der Riva ein, ganz mechanisch die Richtung nach meinem Hotel einhaltend. Auf dem Ponte della Paglia stand ich still und starrte wie ein eben zum ersten Mal in Venedig angekommener Fremder auf die Seufzerbrücke hin, für einen Beobachter anscheinend ganz hingenommen von dem Anblick, voll von Erinnerungen an Byron und Rogers, in Wahrheit aber, weil der so elegant den düsteren Kanal überspannende Bau sich nicht bewegte und meinen Augen und damit auch meinen Gedanken einen Ruhepunkt gab.

Wer immer also die Dame war, für die der Graf Meersburg den kostbaren Schmuck hatte machen lassen, dessen einen Teil, das goldene Notizbuch, ich in dem grünen Pompadour gefunden – seine Frau, Lili, war die Empfängerin nicht »N« war er in Diamanten gezeichnet. Auf wen also bezog sich dieses »N«? Etwa auf die Gesellschafterin Lilis, deren Frau Rühle als Ursache von Lilis Martyrium erwähnt hatte?

Ich schüttelte den Kopf. Wer wird eine Gesellschafterin in ihrer abhängigen, immerhin bescheidenen Stellung mit solch einem auffallenden Schmuck behängen, der aller Augen auf sich ziehen mußte. Denn wenn eine Frau einen Schmuck erhält, dann will sie ihn auch tragen. Wie aber hätte die fingerdicke Goldkette mit den schimmernden Anhängseln daran auf das notgedrungen bescheidene Kleid einer Dame gepaßt, die doch natürlich nur zu Fremden ging, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen?

Und in welchem Zusammenhange mit dem Grafen, mit Lili standen die Macbethzitate in dem goldenen Büchlein?

Natürlich brauchten sie in gar keinem Zusammenhange mit ihnen zu stehen, sie konnten aus irgend einem harmlosen Grunde darin eingetragen und zusammengestellt worden sein, ja, meine ursprüngliche Annahme, daß eine Schauspielerin sich diese Auszüge gemacht, gewann durch den Wert der schweren Kette sehr an Wahrscheinlichkeit – – und doch war etwas dabei, eine daneben redende innere Stimme, ein Unterton, der mich zwang, ihm Gehör zu geben und seiner Meinung nachzugrübeln. Die an sich schon so düsteren Zitate schienen mir jetzt eine Bedeutung zu gewinnen, die auszudenken ich mich scheute und die doch aus meinem Denken nicht mehr auszuschalten war, die sich zwischen jede vernunftmäßige Erklärung hereindrängte, unwiderstehlich und doch unhaltbar. Ich mußte mich gewaltsam zusammenreißen, um meinen Weg fortsetzen zu können, indem ich's versuchte, mich selbst auszulachen über meine Phantasie, für die ich nicht den kleinsten Beweis, nicht den geringsten Anhalt hatte.

Es galt nun, mir selbst zu beweisen, daß ich unrecht hatte, ich war mir und – und den anderen das schuldig, nachdem so seltsame, so schreckliche Gedanken über mich gekommen waren und ihre Krallen in meine Seele geschlagen hatten mit einem furchtbaren Verdacht.

Sonst gewohnt, alles zu sehen, was um mich vorgeht, ging ich heute durch die über die Riva wogende Menschenmenge, ohne zu sehen und ohne zu hören.

Die Brücke überschreitend, die mich zu meinem Hotel führte, bemerkte ich indes doch, daß eben eine Gondel daneben anlegte, und daß Frau Möller darin saß. Sie kam wohl von ihrer Pilgerfahrt zum Friedhofe zurück, auf den sie, wie so viele andere, Reue und Selbstanklagen zu einem Kultus trieben mit dem kleinen Fleck Erde, Grab genannt, als ob die, die man beweint, wirklich unter dem grünen Rasen lägen – nicht nur mit ihrem sterblichen Leibe, sondern auch mit ihrer unsterblichen Seele. Es ist ja sicher etwas Schönes und Erhabenes um die liebevolle Pflege der Gräber, aber es gibt so viele Menschen, die, sobald die Friedhofsmauer hinter ihnen liegt, den Kultus für die Toten auch hinter sich zurücklassen in dem begrenzten Raume des Gottesackers, weil ihr Kultus eben nur der des Leibes ist und mit dem Geiste in keiner Gemeinschaft steht, der mit uns geht und bei uns bleibt, mögen die Gräber unserer Lieben auch Hunderte von Meilen von uns entfernt sein. Sie werden ja doch stets das Ziel unserer Pilgerfahrten bleiben, aber ihr unsterbliches Teil folgt uns über Land und Meer, und wären wir am Ende der Welt, unser Herz steht zu jeder Stunde vor dem Denkmal, das die Liebe sich uns selbst errichtet, in der Gemeinschaft, die der Tod nicht trennen kann.

Es ist aber eine alte Erfahrung, daß Leute, die sich gegen ihre Toten etwas vorzuwerfen haben, sich nicht genug tun können im Verweilen an ihren Gräbern. Besonders herrische Naturen, die durch ihre Macht und ihren stärkeren Willen im negativen Sinne entscheidend auf das Dasein jener eingewirkt haben, die in diesem Leben abhängig von ihnen waren, suchen ihre Irrtümer gern dadurch zu sühnen, daß sie die Gräber derer, die sie tyrannisiert und gepeinigt, die vielleicht daran zugrunde gegangen sind, zu der Stätte ihres zu späten Kultus machen.

Frau Möller gehörte meiner Überzeugung nach zu diesen Menschen – nicht zu jenen, die wie sie gehandelt und sich dann noch am Grabe ihrer Opfer vorlügen, daß sie »nur zu ihrem Besten« gehandelt hätten. Sie hatte jedenfalls auch zu ihrem eigenen Besten mitgehandelt, sie wußte das, und darum rang sie am Grabe ihres Kindes die Hände, darum mochte sie mich nicht sehen, weil ich der lebendige Vorwurf für das zerstörte Lebensglück der Toten war.

Ich fand das ganz verständlich, aber ich fand daneben auch, daß alles seine Grenzen hat oder doch zum mindesten haben sollte, als ich mit der natürlichen Höflichkeit, nachdem ich sie einmal erkannt und gegrüßt hatte, näher trat, um ihr beim Aussteigen aus der Gondel behilflich zu sein, dafür aber nur mit einem vernichtenden Blicke gestreift wurde.

»Sie sind immer noch hier, Herr Eichwald?« fragte sie mit unverkennbarer Ironie.

»Meine gnädigste Frau,« erwiderte ich, durch diese Anrede vollständig in die Gegenwart zurückversetzt. »Sie sehen es. Ich bin gestern abend erst in eigenen Angelegenheiten in Venedig angelangt und werde voraussichtlich längere Zeit brauchen, um sie zu erledigen. In diesem Hotel bin ich Stammgast, aber wenn Sie befehlen –«

»Oh, befehlen – – ich wünsche nur, Ihnen nicht mehr zu begegnen,« erwiderte sie mit ungewohnter Heftigkeit, denn einstmals als Frau v. Lahr pflegte sie ihre bittersten Pillen stets durch ausgesuchte Liebenswürdigkeit zu verzuckern. Aber – so komisch es klingen mag – sie war mir lieber so, wie sie jetzt war, denn unter dieser ungeheuerlichen Unhöflichkeit lag doch etwas von dem Gefühl versteckt, das sie früher nicht zu besitzen schien.

»Ich wünsche sehr, Ihnen in diesem Leben nicht mehr zu begegnen,« fuhr sie immer heftiger fort, »und darum ist es besser, ich sage es Ihnen gleich und ein- für allemal, daß ich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln und Wegen, geraden wie krummen, zu hintertreiben suchen werde, daß Sie Ilse Möller heiraten! Das fehlte noch, daß ich Sie als – Stiefschwiegersohn jeden Tag unter den Augen hätte!«

Damit ging sie rasch in das Haus und ließ mich mit sehr gemischten Gefühlen stehen. Ihr sicherlich durchaus ungewolltes Geständnis, daß mein Anblick ihr ein Vorwurf war, konnte mir nur eine sehr unvollkommene Genugtuung gewähren, denn wenn eine sonst sich so vollkommen beherrschende Person, wie sie es war, sich dazu hinreißen ließ, solche Worte über ihre Lippen zu lassen, so mußte sie seelisch schwer krank sein und folglich auch das Mitleid jedes billig Denkenden erwecken. Aber beidem, der Genugtuung wie dem Mitleid, hielt die Empörung darüber die Wage, daß sie mich einfach zu einem Hause hinauswarf, in dem ich mit demselben Recht wie sie für mein gutes Geld ein Gast war. Von der törichten Idee zu schweigen, als ob ich wegen Ilse Möller hergekommen wäre, Absichten hätte auf die Erbin des reichen Schiffsreeders. Denn das lag doch in ihren Worten.

Freilich konnte mich das eigentlich kalt lassen, da ich nicht notwendig hatte, eine »reiche Partie« zu machen, aber es empörte mich, daß die eigene Stiefmutter in Ilse Möller nur den Goldfisch sah und nicht das liebe, süße Kind, Vater Möllers würdige Tochter.

Mochte dem aber sein, wie ihm wolle – schon um den Schein zu vermeiden, mußte ich wohl oder übel das Feld räumen, oder vielmehr wollte ich es räumen, denn von einem »Muß« konnte hier doch nicht die Rede sein.

Ich ließ mir also mein Essen auf dem Zimmer servieren – das Verkehrteste, was man unter nicht zwingenden Gründen tun kann – und sagte vorher im Bureau, daß ich morgen das Hotel verlassen und Privatwohnung beziehen würde. In ein anderes Hotel zu gehen, hätte ich in Anbetracht meiner langjährigen Bekanntschaft mit dem Besitzer des Hotels nicht fertig bringen können, und andere Gründe, als höchstens die wünschenswertere größere Ruhe und Zurückgezogenheit des Privatquartiers konnte und mochte ich nicht angeben. Irgend einen Grund war ich dem Besitzer aber schuldig oder glaubte es in angeborener Höflichkeit wenigstens zu sein. Ich schützte also geistige Arbeit vor und fand damit das erhoffte Verständnis. Auf die Frage, ob ich schon eine Wohnung gefunden hätte, antwortete ich wahrheitsgetreu, daß ich noch nicht gesucht, und mein alter Freund, der Hotelbesitzer, holte daraufhin sofort ein Verzeichnis freistehender Wohnungen.

»In die erste beste werden Sie wohl auch nicht ziehen wollen,« bemerkte er dabei. »Und wenn Ihnen, wie Sie sagen, die Riva zu unruhig ist, die Piazza ist's erst recht. Sie werden auch freie Aussicht und Luft haben wollen. Die Fondamenta delle Zattere? Ist jetzt noch zu heiß, und der Kran des Docks macht auch entsetzlichen Lärm. Der Kanal Grande – lassen Sie einmal sehen! Ja, in der Ca' del Leone sind zwei Zimmer frei – Sie wissen, das ist das grünumrankte ›Basimento‹ des unvollendeten Palazzo, dessen Weiterbau die Republik verbot – nicht weil der Grund den Riesenbau nicht getragen hätte, denn die Baumeister von damals begingen darin keine Irrtümer, sondern weil der geplante Palast, dessen hölzernes Modell Sie im Museo Civico sehen können, die Eifersucht des Rates der Zehn erregte. Also dort werden möblierte Zimmer vermietet. Soll ich gleich einmal telephonieren? – Sehr gern! Bitte, einen Augenblick. – – – Sind die Zimmer in Ca' del Leone noch frei? Va bene – welcher Preis? Zehn Lire?« Er wendete sich nach mir um. Ich nickte. – »Ja, der Herr nimmt an. Morgen abend werden die Zimmer erst frei? – Gut. Wir werden das Gepäck mit unserem Motor hinüberschicken. – Tante grazie – buona sera! – Sie werden dort angenehm wohnen,« setzte der freundliche Besitzer befriedigt hinzu. »Die herrliche Lage am Kanal, der Garten – im vorigen Herbst hatte ein deutscher Magnat die ganze Zimmerflucht. Die Herrschaften wohnten erst hier im Hotel, aber die Kontessa war sehr leidend und brauchte auch große Ruhe – –«

»Was Ihnen hinterher nicht unlieb gewesen sein mag, da die Gräfin bald darauf in der Ca' del Leone starb,« vollendete ich den kurz abgebrochenen Satz.

»Ah, Sie kannten die Herrschaften?« fragte mein alter Freund überrascht.

»Ich kannte sie,« bestätigte ich.

»Nun – hoffentlich ist der Umstand, daß die Frau Gräfin dort starb, für Sie nicht – wie soll ich sagen – –?«

»Nein, es ist für mich kein Grund, nicht in die Ca' del Leone zu ziehen,« ergänzte ich das Unausgesprochene.

Ich hatte ganz vergessen, daß der Goldschmied mir die Adresse des Grafen Meersburg in der Ca' del Leone gegeben hatte, vergessen, daß mir Herr Möller erst heute früh gesagt, daß Lili dort gestorben war. Auch noch, während telephoniert wurde, hatte diese sonderbare Ausschaltung meines Gedächtnisses, das sonst doch so gut war, angehalten, und setzte erst wieder ein, als der Hotelbesitzer von dem »deutschen Magnaten« sprach.

Wer weiß, ob ich die Zimmer genommen hätte, wenn ich vorher daran gedacht hätte. Nicht etwa, daß ich die so vielen Menschen eigene Scheu vor den Toten oder vor den Räumen in denen sie aus dieser Welt schieden, teilte – ich hätte nur die unendlich schmerzlichen Erinnerungen gefürchtet, die in diesem Hause zu neuem Leben erwachen mußten, deren unnütze Auferstehung ich wahrscheinlich vermieden hätte, wenn der Name der Ca' del Leone nicht für den Augenblick ein leerer, bedeutungsloser Klang für mich gewesen wäre. Man mag mir dagegen einwenden – und ich habe es selbst schon getan – daß in diesem totalen Vergessen während einer bestimmten Zeitspanne nichts Wunderbares, Geheimnisvolles oder Übernatürliches lag, schon weil der Name »Ca' del Leone« nicht der eigentliche, offizielle dieses unvollendeten Palastes ist, sondern den des Patriziergeschlechtes trägt, das ihn errichten wollte. Vor etwa hundertundfünfzig Jahren war ein Sproß dieses Dogengeschlechtes auf den Gedanken gekommen, in dem Garten, der da entstanden war, wo der Palast sich hätte ausdehnen sollen, Sankt Markus zu Ehren einen gezähmten Löwen zu halten, und von diesem Symbol des Evangelisten, des Patrons von Venedig, hatte der Bau seinen Übernamen erhalten, wie denn das Volk ja auch zum Beispiel den Palazzo Corner oder Cornaro am Kanal Grande, in dem sich jetzt die Präfektur befindet, einfach seiner Dimensionen wegen la Ca' grande – das große Haus nennt. So ist auch »das Haus des Löwen« dem Eingeborenen geläufiger, als der eigentliche Name, unter dem es der Fremde aus Reisehandbüchern und Karten kennen lernt. Es wäre also durchaus nicht wunderbar gewesen, wenn mir der populäre Name meines künftigen Aufenthalts für den Augenblick entfallen war, wenn nicht gerade jetzt alles dazu angetan gewesen wäre, den Namen unter keinen Umständen vergessen zu können. Woher also dieser plötzliche Gedächtnismangel, wenn er nicht in die Kette der Ereignisse gehörte, die mit dem Kauf des grünen Pompadours begannen und mich mit unerbittlicher Konsequenz zum Werkzeuge eines Zieles machten, das ich noch gar nicht kannte!

Jetzt, wo ich wußte, daß Lili vor ihrem Ende hier im Hotel geweilt, daß es ihre vorletzte Station auf ihrer kurzen Lebensreise gewesen, drängten sich mir Fragen auf, die ich mich aber scheute, auszusprechen, trotzdem mir jede Auskunft sicher bereitwilligst gegeben worden wäre. Aber vielleicht – vielleicht hörte ich in der Ca' del Leone etwas über ihre letzten Tage. –

Nach dem einsamem Mahle auf meinem Zimmer nahm ich Hut und Stock und ging noch einmal aus, um einen Brief in den Postkasten hinter der Piazza zu stecken. Dort traf ich mit Herrn Möller zusammen, der zu gleichem Zwecke gekommen war.

»Ei, schönen guten Abend!« rief er überrascht. »Sie haben wohl einen Ausflug gemacht, weil Sie zu Tisch nicht erschienen sind? Ilse meinte, Sie wären gewiß nach Chioggia gefahren – sie ist übrigens eben dort in den Spitzenladen gegangen, um ein paar blaue Lappen, die ich ihr in einer Anwandlung von Großmut gestiftet habe, anzulegen. –

Haben Sie schon gespeist? Ja? Na, dann seien Sie edel, hilfreich und gut, wie der Mensch nun einmal sein soll, und leisten Sie mir Gesellschaft, denn bis meine Tochter ihre Wahl getroffen hat, kann's hübsch lange dauern.«

Ich warf einen Blick in den strahlend erleuchteten Laden, in dem die feenhaften Erzeugnisse der königlichen Spitzenschule verkauft werden, und sah hinter den hohen Spiegelscheiben der Tür ein zierliches, weißgekleidetes Figürchen mit leuchtendem Blondhaar stehen. »Ihre Frau Gemahlin hat Sie nicht begleitet?« fragte ich Herrn Möller.

»Meine Frau hat sich in ihr Zimmer zurückgezogen und wünscht allein zu sein,« erwiderte der Schiffsreeder, indem ein Schatten über sein rundes, rosiges, freundliches Gesicht flog, in dem für den Kenner aber trotz aller fast humoristischen Rundlichkeit ein ausgesprochener Zug von Willenskraft und Festigkeit lag. »Ich weiß nicht, was das mit ihr ist! Seit wir in Venedig sind und sie jeden Tag – oft sogar zweimal – auf den Friedhof hinausfährt, ist sie ganz unzugänglich geworden. Wenn ich das geahnt hätte – aber wie kann man einer Mutter den Wunsch versagen, das Grab ihres einzigen Kindes sehen zu wollen! Wenn nur diese sogenannten ›guten teilnehmenden Freunde‹ nicht wären –«

Er brach ab und verbrannte ein halbes Dutzend Streichhölzer, bis er sich eine Zigarre angesteckt hatte. Ich sah ihm dabei zu, indem ich erwog, ob ich reden sollte?

Und ich tat es.

»Herr Möller,« sagte ich mit einem leichten Zögern, »ich stehe Ihnen mit meiner Gesellschaft natürlich mit tausend Freuden zur Verfügung, aber ich fürchte, Ihrer Frau Gemahlin wird es nicht recht sein, wenn sie hört, daß wir hier, gewissermaßen hinter ihrem Rücken, beisammen sind. Sie hätte Ihnen sagen können, daß ich nicht nach Chioggia gefahren sein konnte, weil ich sie kurz vor dem Essen traf, und sie mir dabei so deutlich wie möglich ihre Gesellschaft verbot. Ich habe infolgedessen auf meinem Zimmer gespeist und verlasse morgen das Hotel, wo Ihre Frau Gemahlin ja stündlich einer Begegnung mit mir ausgesetzt ist.«

Herr Möller sah mich fassungslos an. »Sie wollen doch nicht sagen, daß meine Frau – –«

»Leider ja! Ihre Frau Gemahlin hat mir mit dürren Worten gesagt, sie wünsche mich nicht mehr zu sehen – und noch einiges dazu.«

»Aber das ist ja – das ist unerhört!« ereiferte sich der Schiffsreeder, purpurrot im Gesicht, und fuhr dann fort: »Sie haben das Recht, zu erfahren, was dem zugrunde liegt: eine fixe Idee meiner Frau, die in jedem unverheirateten jüngeren und sogar älteren Manne einen Bewerber um die Hand meiner Tochter wittert. Nicht, daß sie wünschte, meine Tochter verheiratete sich überhaupt nicht – sie hat nur eine so heillose Furcht vor – na ja, vor Goldfischjägern, daß es ein direkter Tollpunkt bei ihr geworden ist, wegen dem sie mir schon manche Unannehmlichkeit bereitet hat.«

»In bezug auf mich ist das nur ein Vorwand, Herr Möller,« fiel ich ein, denn der arme Mann tat mir in seiner Harmlosigkeit leid. »Offenheit gegen Offenheit – der Fall liegt anders.« Und ich erzählte ihm, was er offenbar nicht gewußt hatte, daß ich der Verlobte Lilis gewesen war, und wie Frau v. Lahr uns getrennt hatte.

Er hörte mir sehr aufmerksam zu, und sein rundes, joviales Gesicht nahm dabei einen sehr ernsten Ausdruck an.

»Wenn ich über dieses Kapitel meines Lebens überhaupt spreche,« schloß ich, »so geschieht es nicht, um Ihre Frau Gemahlin anzuklagen, da sie jedenfalls in der besten Absicht, im besten Glauben gehandelt hat, sondern um mich vor Ihnen von dem Verdachte zu reinigen, ein überführter und ausgewiesener Goldfischjäger zu sein. Als ich mit Fräulein v. Lahr verlobt war, war ich so arm wie sie selbst – jetzt bin ich, zu spät für sie und für mich, ein wohlhabender Mann, der es nicht notwendig hat, eine reiche Frau zu suchen, um angenehm leben zu können – ein Umstand, der Ihrer Frau Gemahlin jedenfalls unbekannt ist. Aber auch wenn sie es nicht wissen sollte, was ich annehmen will, so ist es für sie ein willkommener Vorwand, mich fernzuhalten, dessen Anblick natürlich nur trübe und vielleicht auch peinliche Erinnerungen in ihr erwecken muß.«

»Ich verstehe – ich verstehe,« erklärte Möller, mich mit einem Blicke ansehend, dessen Ausdruck ich mir nicht ganz übersetzen konnte – es lag Mitgefühl darin, Bedauern und – ja, was noch? »Nein, was Sie mir da erzählten, das habe ich wirklich nicht gewußt. Meine Frau hat mir einmal erzählt, daß ihre Tochter vor ihrer Verheiratung mit Graf Meersburg eine ›kleine Herzensaffäre‹ gehabt hätte, wie so viele junge Mädchen. Namen hat sie aber nicht genannt, und ich habe auch nicht danach gefragt. Nun – Sie müssen es einer beraubten Mutter nicht zu hoch anrechnen, wenn sie lieber, ehe sie von dem Vergangenen redet, das Odium auf Sie wirft, als ob Sie wegen meinem lieben Ilsekind – na, lassen wir das! – Ihren Quartierwechsel bedaure ich aufrichtig; da wir aber viel auf uns allein angewiesen sind, Ilse und ich, so hoffe ich, wird's kein Hindernis sein, daß wir trotz allem noch manchen hübschen Ausflug miteinander machen. Natürlich nicht ohne das Vorwissen meiner Frau, mit der ich darüber sprechen werde.«

Ich hatte meine eigenen Gedanken über das Ergebnis dieser Aussprache, und Möller mochte wohl etwas davon in meiner Miene lesen.

Er lächelte fein und sagte: »Mein lieber Herr Eichwald, es ist doch schon reichlich genug, wenn ein Mitglied meiner Familie Sie aus dem Hause treibt – nicht? Es wäre noch schöner, wenn wir anderen den Marsch dazu bliesen. Ich denke, ein freundnachbarlicher Verkehr zwischen uns wird sich ermöglichen lassen, ohne uns damit in einen zu schroffen Gegensatz mit meiner Frau zu bringen, die bisher einer vernünftigen und – festen Willensmeinung von meiner Seite immer noch zugänglich gewesen ist. Im übrigen hoffe ich von Herzen, daß ihre jetzige, sehr begreifliche Stimmung bald wieder einer gleichmäßigeren Platz machen wird, denn so kann und darf es ja nicht bleiben. Sie wird sich wiederfinden, wenn sie es erst einmal überwinden lernt, am Grabe ihres einzigen Kindes stehen zu müssen, das sie mehr und tiefer geliebt hat, als wir alle gedacht. Wenn nur auch die ›lieben Freunde‹ es müde würden, mit ihrer – nehmen Sie mir's nicht übel – niederträchtigen, sogenannten ›Teilnahme‹ zu kommen und ihr unter diesem Deckmantel Kapitel aus dem Ehemartyrium ihrer Tochter zuzutragen. Was nützt denn das jetzt, wo es zu spät ist?«

Herr Möller schwieg, aber sein Schweigen war beredter als Worte. Zwar die Entschuldigung seiner Frau überzeugte mich weniger für sie als für sein Zartgefühl, das mir die Ursache der Wirkung aufzuklären versuchte und mich fast zu einer unzarten Frage verleitet hätte. Aber ehe ich sie aussprechen konnte, trat Ilse Möller aus dem Laden, triumphierend ein weißes Paket in der Hand schwenkend.

»Es hat wirklich zu dem Spitzenjäckchen gereicht, von dem ich geträumt habe, seit ich in Venedig bin,« rief sie schon von weitem. »Ich hab' sogar noch zwanzig Lire übrig von dem Mammon, den mir dieser süßeste aller Väter – still, du bist wirklich der süßeste – gestiftet hat. Aus eigener, freier Entschließung, ohne jeden Wink mit dem Zaunpfahl meinerseits! – Haben Sie schon solch einen Vater von fern gesehen, Herr Eichwald, oder in alten Chroniken von einem solchen gelesen? Dann sagen Sie's nur ruhig, denn an mein Alterchen kommt er doch nicht heran. Nicht einmal von weitem. Ausgeschlossen! Was mach' ich nur jetzt mit den zwanzig Lire Überschuß? Die werd' ich dir zu Ehren, Herrlichster von allen, bis auf den letzten Soldo in – Karamelli verfuttern!«

»Aber doch hoffentlich nicht auf einmal?« rief ich lachend. Merkwürdig – Ilse Möller löste immer solch erlösendes, heilendes Lachen aus!

Sie sah mich aber ganz ernsthaft mit schiefgeneigtem Kopfe an, klemmte ihr Paket unter den Arm und begann, an ihren Fingern zu rechnen. »Ein Karamello kostet zwei Soldi – die Lira hat zwanzig Soldi, folglich gibt's dafür zehn Karamelli und noch folglicher nach Adam Riese für zwanzig Lire zweihundert. Nein, zweihundert Karamelli werde ich heute aus Rücksicht für die Meinigen nicht mehr essen.« Sie lachte dabei hell und lustig heraus. »Aber für eine Lira fühle ich die Tatkraft in mir erwachen. Also auf dahin, wo's welche gibt!«

Ich folgte ihr, vergnügt wie ein Gymnasiast, mit ihrem gleichfalls strahlenden Vater zu dem nächsten »fliegenden« Karamellihändler, der seine süße Ware – alle Sorten von frischen Früchten auf Hölzchen gesteckt und in krachenden Karamelzucker getaucht, auf einem sauberen Tablett feilbot. Der größeren Sicherheit wegen vertraute Ilse Möller mir, ehe sie zur Tat überging, sogar ihr Spitzenpaket an, und ich wurde dafür von ihr durch ein Hölzchen voll glasierter Weinbeeren belohnt, die ich mit Genuß verzehrte, was zu tun mir bisher nicht einmal im Traume eingefallen war. Aber ich hatte ja auch noch keinen Menschen getroffen, der so ansteckend auf mich gewirkt, wie dies kleine, blonde Mädchen! Man glaubte ihr nicht nur ihre harmlosen Kindereien, sondern machte sie einfach mit. Welch unverdorbenes, unverbildetes Kinderherz mußte sie besitzen, welche unverwüstliche Frohnatur, daß sie der »Erziehung« ihrer Stiefmutter solch glorreichen Widerstand hatte leisten können!

Es war vermöge der Gegenwart von Ilse Möller ein schöner, heiterer Abend, den wir drei auf der Piazza zubrachten. Nicht nur, daß der Mond herableuchtete auf diesen königlichen Platz mit der goldigen Fassade der Markuskirche als Hintergrund, einen Platz, wie die Welt keinen zweiten kennt – ich empfand heute wirklich etwas von der kindlich fröhlichen Festfreude der Venezianer, für die das Herumgehen auf der Piazza am Abend bei den Klängen der Musik die Krone ihres Tages ist, wo sie die Sorgen daheim lassen, und der Ärmste das gleiche Recht hat an diesem Festsaal unter freiem Himmel, wie der Fremde, der in den großen Hotels Phantasiepreise bezahlt. Ich wunderte mich über mich selbst, daß ich so leichten Herzens, nachdem eben die Schatten eines entsetzlichen Verdachtes darüber gekrochen, unter der plaudernden Menge mit umherzog, aus Ilse Möllers Hand Karamelli aß – aber wenn ich ihr lustiges Lachen neben mir hörte, dann wunderte ich mich nicht mehr, denn die Schatten hatten keinen Raum neben ihrem sonnigen Wesen, das sie zurückscheuchte in ihren dunkelsten Winkel, und wo ihre lieben, kornblumenblauen Augen hinschauten, da bekamen Dinge und Menschen eine Art von Weihe – die Weihe harmloser Unschuld.

Herr Möller, trotzdem er in seiner rührenden Vaterliebe immer und jedesmal auf die tollen und vergnügten Einfälle seiner Tochter einging, schien mir doch nicht immer ganz bei der Sache zu sein; wirklich verstimmt zu werden, das brachte der gütige Mann überhaupt nicht fertig. Es hätte mich ja nicht wundergenommen, wenn er's gewesen wäre nach allem, was ich ihm gesagt, aber ich hätte das auch nicht ändern können und wollen; ich war mir und ihm diese Erklärung schuldig gewesen, und wenn ich sie überhaupt gab, mußte sie auch vollständig sein, um so mehr, als seine Frau es ja absichtlich unterlassen hatte, ihn über meine Stellung zu ihr aufzuklären. Die Motive, die er diesem Verschweigen unterlegte, machten ihm Ehre – ihr lagen sie sicherlich fern. Als wir in das Hotel zurückgekehrt waren und uns gute Nacht gesagt hatten, kehrten all die dunklen Schatten, die mich gequält, wieder zu mir zurück – unbestimmt, aber niederdrückend, drohend.

Nachdem Vater und Tochter die Treppe hinaufgestiegen waren, stand ich unentschlossen in der Haustür still; es war noch nicht sehr spät, und obwohl ich müde war, hatte ich doch keine Lust, schlafen zu gehen. Aber allein mochte ich nicht mehr hinaus unter die ununterbrochen über die Riva wogende Menschenmenge, in der ich mich mehr allein fühlte als in meinen vier Pfählen, und vor der stickenden Luft im Rauchsalon graute mir. In diesem Zustand der Unentschlossenheit war's mir eine Erleichterung, die Stimme Möllers wieder hinter mir zu hören.

»Ich bin heruntergekommen, eine Zigarre zu rauchen,« erklärte er. »Meine Frau ist zwar noch wach, aber sie schreibt Briefe. Ich bin selbst noch nicht schläfrig. Sie, Herr Eichwald, auch nicht, wie es scheint. Desto besser. Rauchen wir also gemeinsam. Es ist eine so schöne Nacht.«

Wir gingen zusammen hinaus und schlenderten, unsere Zigarre rauchend, um das Denkmal Viktor Emanuels herum, ohne viel zu sprechen, und dann den etwas weniger belebten Teil der Riva hinab.

»Wir sehen Sie also morgen nicht mehr bei der Tafel?« fragte Möller etwas unvermittelt.

»Sicher nicht mehr,« erwiderte ich fest. »Wie könnte ich mich nach dem direkt ausgesprochenen Wunsche Ihrer Frau Gemahlin Ihnen noch ohne weiteres gegenübersetzen? Ich verlasse das Hotel zwar erst am Nachmittage, aber ich werde auswärts essen, da es doch wohl auffallen würde, wenn ich mir im Speisesaal einen anderen Platz anweisen ließe.«

Möller murmelte etwas vor sich hin, was ich nicht verstand, dann sagte er freundlich: »Wenn Sie wüßten, wie schrecklich mir das ist, Sie aus dem Hause und von unserem Tische vertrieben zu wissen! Ich verstehe es ja ganz gut, daß Sie nicht anders handeln können und wollen, aber wenn meine Frau nun einsieht, daß sie Ihnen gegenüber jede Grenze überschritten hat, die –«

»Sie wird's nicht einsehen – es ist bei ihr eine Antipathie und damit basta,« fiel ich ein. »Zudem habe ich schon eine andere Wohnung gefunden. Ich ziehe in die Ca' del Leone.«

Möller blieb stehen. »Dort ist meine Stieftochter gestorben,« sagte er ernst.

»Ich weiß es,« erwiderte ich ebenso. »Der Gedanke, in dem Hause, vielleicht in demselben Zimmer zu sein, in dem sie ihren letzten Kampf gekämpft, hat für mich nichts Abschreckendes – im Gegenteil. Aber das bringt mich auf eine Frage: ich habe einen Gegenstand gefunden, lange schon, von dem ich heute erst erfahren habe, daß er dem Grafen Meersburg gehört oder doch gehört hat, und muß deshalb wohl in Verbindung mit ihm treten. Wissen Sie seine augenblickliche Adresse?«

»Nun,« entgegnete Möller nach einer kleinen Pause, »wenn die Klatschbasen recht haben, die sich berufen fühlten, es meiner Frau zu schreiben, so befindet sich Graf Meersburg gegenwärtig in Mailand im Gefolge einer französischen Chansonettensängerin, der er seit Monaten nachreist, und die er willens sein soll, zu seiner zweiten Frau zu machen. Sie muß dazu erst von ihrem gegenwärtigen Gatten geschieden werden, der in irgend einem französischen Neste Seife siedet, und erst wußte, wo seine Frau hingekommen war, als er durch ihre Scheidungsklage erfahren hat, daß sie die ›schöne Odette‹ ist, von der man so viel in den Zeitungen liest. Leider liebt der Mann aber seine weggelaufene Frau so, daß er in die Scheidung nicht willigen mag, und nur daher soll es kommen, daß Graf Meersburg drei Vierteljahre nach dem Tode Lilis immer noch Witwer ist. Sie können sich denken, daß meine Frau über diese Nachricht außer sich ist. Ich für meine Person finde die Sache nicht halb so schlimm als die Aufführung Meersburgs zu Lebzeiten seiner Frau.«

»Nein,« konnte ich nicht umhin, dem beizustimmen. »Graf Meersburg ist ja jetzt frei, seine Liebe zu verschenken, wenn es ihm beliebt: indes gebe ich zu, daß es eine Mutter kränken muß, ihr Kind so rasch vergessen zu wissen. Wenn das Ihre Frau Gemahlin aber so schmerzlich berührt, so kann sie von der Lebensführung ihres Schwiegersohns wohl kaum etwas gewußt haben.«

»Sie hätte es vielleicht nie erfahren, wenn man es ihr nicht hinterbracht hätte,« seufzte Möller ungeduldig. »Die alte Geschichte. Alles aus purer Liebe und Freundschaft – und aus Pflichtgefühl. Ja, ja, man kennt das schon. Meine Stieftochter war kein starker Charakter, aber sie wußte still und verschwiegen zu leiden, wie eine Heldin. Sie hätte sich foltern lassen, ehe sie mit einer Klage zu ihrer Mutter geflüchtet wäre, die ja einer Anklage gleichkam – nicht nur gegen ihre Mutter, deren stärkerem Willen sie aufgeopfert ward, wie ich jetzt von Ihnen weiß, sondern auch gegen sich selbst, weil sie sich so schwach gezeigt hatte. Ja, ja, lieber Eichwald, ich sehe nun ganz klar in dieser Sache. Ich habe mir so manches zusammengereimt und dabei manchen Punkt gefunden, in dem ich meine Frau freisprechen, zum mindesten ihr mildernde Umstände zugestehen muß. Ich habe natürlich nicht gewußt, daß Sie der ›andere‹ waren, der für die ›glänzendere‹ Partie zum Opfer fallen mußte. Nun, meiner Stieftochter hätte das Verhalten ihres Gatten, der sie ja einzig nur ihrer Schönheit wegen genommen hat, so nahe nicht gehen können. Es konnte ihre Eitelkeit verletzen und sie als Frau kränken, aber todunglücklich hätte es sie kaum machen können, weil ihr Herz zu wenig dabei beteiligt war. Was die Sache aber zur unerhörten, unverzeihlichen Brutalität stempelt, ist, daß Graf Meersburg sich nicht entblödete, der Gesellschafterin seiner Frau den Hof zu machen. Ich zweifle nicht einen Augenblick, daß Lili darum gewußt hat.«

»Warum hat sie diese Person dann nicht aus dem Hause gewiesen?« rief ich empört.

»Ja, warum nicht?« wiederholte Herr Möller. »Die Antwort darauf deckt das Grab. Vielleicht hat sie den Mut dazu nicht gehabt, was ich für das wahrscheinlichste halte. Vielleicht fand sie auch einen unüberwindlichen Widerstand, was auch möglich ist, denn sie hatte weder Autorität noch Stimme im Hause Meersburg, die arme Lili, trotzdem sie rechtlich die Herrin darin war. Darin trifft sie sicherlich eine gewisse Schuld. Aber sie hat ja nie einen eigenen Willen gehabt.«

»Und Frau v. Lahr – ich meine Ihre Frau Gemahlin?« warf ich ein.

»Meine Frau hat einmal einen Versuch gemacht, für ihre Tochter einzutreten, trotzdem sie eine – hm – eine gewisse Scheu wollen wir's nennen – vor ihrem Schwiegersohn nie ganz überwinden konnte, denn er war ihr überlegen. Nicht an Verstand, aber an einer niederschmetternden Insolenz, die mir immer das Gefühl gab, ihm an die Kehle springen zu müssen. Nun, der Versuch scheint mißglückt zu sein, wie zu erwarten stand. Meine Frau hat sich darüber nie ausgesprochen. Ich – ich konnte wohl nur dazwischentreten, wenn ich dazu aufgefordert wurde, wenigstens hat mein Taktgefühl mir das gesagt. Ich wurde aber niemals angerufen, weder von meiner Frau noch von ihrer Tochter. Es hätte mir aufrichtige Freude gemacht, dem Grafen Meersburg meine Meinung sagen zu können.«

Ich begriff das, ja ich glaubte es Herrn Möller aufs Wort. »Und die – die Gesellschafterin?« fragte ich nach einer Pause.

»Ach ja – die Gesellschafterin!« fuhr Möller aus seinen Gedanken auf. »Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Er hat sie jedenfalls nicht geheiratet, wie alle Welt fest annahm. Vielleicht war's auch wirklich nur eine Courmacherei. Aber auch dann wär's genug gewesen zur Vergiftung von Haus und Herd. Wer sie war? Ja, ich denke, sie war eine Französin, wenigstens dem Namen nach. Orville, dächte ich, hätte sie geheißen.«

Das traf mich wie ein Stoß. Denn nach allem, was ich erfahren, daß es nur eine Person dieses Namens gab, und daß diese eine möglicherweise die »Kaiserin Josephine« von dem Maskenball und mithin die Besitzerin des grünen Pompadours sein konnte, mußte der Name im Zusammenhange mit Lili mich besonders tief berühren. Und doch gab es Widersprüche dabei. Auf dem goldenen Notizbüchelchen stand ein »N« unter dem diamantenen Krönchen, folglich konnte die Gabe nicht für Fräulein v. Orville bestimmt gewesen sein, und damit zerfiel auch die Annahme, daß der grüne Pompadour ihr gehört hatte. Aber das Büchschen, das alte Büchschen, das die Morphinkristalle enthielt, auf dem dasselbe Monogramm stand, das ich auf dem Etui des Halsbandes mit den Irissteinen gefunden? »A. O.« und eine französische Marquiskrone darüber! Waren die letzte Besitzerin des grünen Pompadours und Fräulein v. Orville doch nicht dieselbe Person? Und doch – und doch – ich hatte mich so fest in diese Idee verrannt, daß es mir schwer fiel, die beiden Personen von einander zu trennen, und nun trat sie auch noch in einer dritten Gestalt in meinen Gesichtskreis: als die Gesellschafterin Lilis, die ihr so viele böse Stunden gemacht haben mußte, ob mit oder ohne Begründung, das mußte ich dahingestellt sein lassen. Was mußte das aber für ein Geschöpf gewesen sein, das sich die Aufmerksamkeit des Hausherrn unter den Augen seiner Frau gefallen ließ, ohne das Feld freiwillig zu räumen, selbst angenommen, sie gehörte zu der Sorte von Frauen, die sich nicht zeigen dürfen, ohne belästigt zu werden, die nicht über die Straße gehen können, ohne ein »Abenteuer« zu haben. Ich kann mir einmal nicht helfen, – die Schuld liegt dabei zumeist an den Frauen selbst, wenn ich auch gerne zugebe, daß es solche gibt, die sich nicht bewußt sind, daß sie, wie die faule Frucht die Wespen, die Männerblicke so auf sich ziehen, daß sie verletzen. Aber wo etwas faul ist, muß auch ein gewisses Bewußtsein dafür da sein.



Zehntes Kapitel.

Es nahm mich nach den Erfahrungen dieses Tages nicht wunder, daß mir wieder die ganze Nacht von Lili träumte, lebhafter denn jemals, aber es war die gleiche Szene, die mein Traum mir immer gezeigt: Lili im weißen Kimono, den linken Ärmel zurückstreifend und mich mit ihren traurigen, ach so traurigen Augen dabei ansehend. Nur die Schatten der zwei anderen Personen im Hintergrunde waren in dieser Nacht deutlicher, weniger verschwommen; sie schienen mir die Umrisse eines Mannes und einer Frau zu sein.

Am Morgen beschloß ich auf die Suche nach dem Antiquar zu gehen, bei dem Fräulein Kathinka Niedermüller ihren Löwen und den grünen Pompadour erstanden hatte. Ich steckte den letzteren in die Tasche, fuhr mit dem Vaporetto bis zur Akademie und ging dort über die fürchterliche eiserne Brücke, für die ich der Stadt Venedig sicher eine andere, stilgemäßere anbieten würde, wenn ich reich genug zu solchem Scherze wäre. Ich mußte zunächst den Weg einschlagen, den Fräulein Niedermüller mir angegeben hatte, um den Antiquar mit einiger Sicherheit finden zu können.

Und ich fand ihn auch, das heißt einen, der es sein konnte, vorausgesetzt, daß meine merkwürdige Freundin keine Seitensprünge gemacht hatte, sondern vom Campo Morosini direkt zum Markusplatz gewandert war. Der Antiquar, den ich dafür ansah, daß er mein Mann sein konnte, hatte kein großes Geschäft, aber auch kein ganz minderwertiges. Ich trat bei ihm ein und kaufte ihm zunächst einen sehr guten französischen Kupferstich für einen ganz annehmbaren Preis ab und fragte ihn dann, ob er sich entsinnen könnte, im letzten Herbst einer Dame den Löwen vom Throne des Dogen Franceseo Morosini verkauft zu haben.

»Sicher – sicherlich!« rief der Mann, in ein lautes Gelächter ausbrechend. »Das war eine Szene, als ich den Löwen ins Hotel brachte! Der Wirt, das Personal, die Gäste – alles lief zusammen. Er nahm die ganze kleine Vorhalle ein. Nie in meinem Leben hab' ich so gelacht, und die anderen auch. Der Portier hat mir später erzählt, daß die Signora mit dem Löwen in der Gondel auf den Bahnhof gefahren ist. Madonna – was gibt's doch für komische Leute! Ich wollte ihr den Löwen ja direkt nach Deutschland schicken, aber er mußte ins Hotel. Unter uns: daß der Löwe vom Throne des Morosini stammte, hab' ich der Signora nicht gesagt; sie hat mich aber so oft gefragt, ob er nicht daher stammen könnte, daß ich ihr's am Ende zugegeben habe. Was wollen Sie? Wenn ich ihr gesagt hätte, daß der Doge Morosini gar keinen Privatthron in seinem Palazzo hatte, so hätte die Signora den Löwen am Ende nicht gekauft, und – man will doch leben!«

Dagegen war nichts einzuwenden. Der Mann hatte Humor und den Blick fürs Komische, Groteske, der den Italiener überhaupt und den Venezianer besonders auszeichnet. Kathinka Niedermüllers Andenken verklärte heute noch sein verwittertes Gesicht.

Ich zog nun den grünen Pompadour aus der Tasche und wickelte ihn aus seiner Hülle von Seidenpapier aus. »Erinnern Sie sich, der Dame auch diesen Beutel verkauft zu haben?« fragte ich den Antiquar.

Es flog etwas wie Mißbehagen über das Gesicht des Mannes. »Kann sein, daß sie das Ding bei mir gekauft hat,« brummte er, in seinen Sachen herumwirtschaftend. »Sie hat damals eine Menge Zeugs zusammengesucht und gekauft. Spitzen, Stoffe – was weiß ich?«

»Es wäre mir sehr lieb, wenn Sie sich des Beutels noch erinnern könnten,« sagte ich in freundlich zuredendem Tone. »In ihm verborgen hat sich nämlich ein Gegenstand gefunden, den der frühere Besitzer wahrscheinlich schmerzlich vermißt hat, und den ich ihm darum gern zurückerstatten möchte.«

»Ein Gegenstand?« fiel der Mann umgehend in die gestellte Falle. »Unmöglich! Der Beutel war leer!«

»Sehen Sie, der Boden ist doppelt,« erklärte ich, den fraglichen Teil zeigend. »Freilich, darauf kommt man nicht von selbst – ich hab's auch nur rein zufällig entdeckt. Der Gegenstand, der zwischen den zwei Böden lag, ist nicht ohne Wert, und wenn Sie mir sagen könnten, von wem Sie den Beutel erstanden, so würde ich den Gegenstand, ein Schmuckstück, auf das weder Sie noch ich ein Recht haben, zurückgeben.«

 

»Ja, wenn man nur wüßte, wer der Besitzer war!« rief der Mann, die Hände zusammenschlagend. »Das kommt davon, wenn man aus Gutmütigkeit aus zweiter Hand kauft! Ich tu's sonst grundsätzlich nie. Warum? Weil man nie wissen kann, ob der Gegenstand rechtmäßig in die Hand des Verkäufers gekommen ist. Doch das Ding schien mir zu geringwertig, um lange zu fragen. Ich merkte sofort, daß etwas damit nicht richtig war, als Sie das Ding auspackten. Ich hab' den Beutel einem Gondoliere abgekauft, der ihn unter dem Sitze seiner Gondel gefunden haben will. Auf dem Fundbureau hätten sie ihn mit dem alten Ding ausgelacht. Das kann richtig sein, denn ich kenne den Giuseppe als einen ehrlichen Mann, der seine Fahrgäste nie überfordert, und darum hab' ich ihm den Gefallen getan und ihm seinen Fund abgekauft, und wiewohl ich ja sehen kann, daß der Stoff einmal kostbar gewesen sein muß, so hab' ich ihn doch mit den zwei Lire, die ich dem Giuseppe dafür gegeben habe, für gut bezahlt gehalten«

O Kathinka Niedermüller!

»Also der Gondoliere konnte sich absolut nicht erinnern, wer der Besitzer des Beutels hätte sein können?« fragte ich enttäuscht.

»Nein,« war die entschiedene Antwort. »Sie können ihn aber selbst fragen, Signore. Er hat seinen Stand eben jetzt beim Traghetto von Santa Maria del Giglio, von wo er mich erst heute früh nach San Gregorio übergesetzt hat. Fragen Sie nur nach dem Giuseppe Nardi.«

Was blieb mir anders übrig, als dem guten Rat zu folgen? Ich setzte zwar keine große Erwartung auf den Erfolg, aber das blieb immerhin abzuwarten.

Ich dankte also dem Antiquar für seine Bereitwilligkeit, mir zu helfen, und versicherte ihm, daß es mir nicht einfiele, ihn in Ungelegenheiten bringen zu wollen, ebensowenig den Gondoliere; mir läge nur daran, den Gegenstand zurückzuerstatten, auf den ich kein Anrecht hätte.

Der Mann glaubte mir und war erleichtert durch meine Versicherung, indem er feierlich erklärte, das wäre das erste und letzte Mal gewesen, daß er eine Ware auf so unsichere Auskunft hin gekauft hätte.

Ich ging also den Gondoliere aufsuchen. Nicht, daß ich den armen Teufeln, denen die Dampfer den Verdienst so sehr geschmälert haben, die paar Kröten, die sie sich über die Taxe zu machen versuchen, mißgönne, denn die gebe ich immer als Trinkgeld, nachdem ich die Taxe richtiggestellt habe, aber einer, der sich das Trinkgeld nicht gleich dazu schlägt, ist mir noch nicht vorgekommen.

Von dem Antiquar bis zu dem bezeichneten Traghetto war's nur ein kurzer Weg, und kaum, daß ich mich der Stelle näherte, boten sich mir schon zehn Gondeln an. Ich wehrte sie alle ab und fragte, ob der Giuseppe Nardi da wäre, und – Glück muß der Mensch haben – er war da, ein großer, schlanker Mann mit schönem, ausdrucksvollem, bronzefarbenem Kopf und ergrauendem Barte.

»Ich habe den Signore noch niemals gesehen oder gefahren,« versicherte er, erstaunt darüber, daß ich seinen Namen wußte.

Trotzdem ich sah, daß er vor Neugierde brannte, zu erfahren, warum ich gerade ihn vor den anderen auserwählt, ließ ich ihn vorläufig ruhig brennen, stieg in die Gondel und beauftragte ihn, mich nach der Salute hinüberzurudern, denn es ist um diese Zeit ganz menschenleer dort, und das paßte mir. Ich brauchte auch nach gar keiner Einleitung zu suchen, denn er kam mir, von seiner Neugier getrieben, sehr bald entgegen.

»Ich zerbreche mir noch immer den Kopf, woher der Signore mich kennt,« sagte er, als er mir beim Aussteigen half.

»Ich kenne Sie nicht, aber ich habe mir Ihre Adresse geben lassen, weil ich ein Geschäft mit Ihnen machen will,« erwiderte ich lachend.

»Ein Geschäft? Mit mir? Sie scherzen!« rief er ungläubig.

»Es ist mir ganz Ernst damit,« versicherte ich.

Wir waren ganz allein vor der Salute, wie ich's gehofft. Erst ganz oben, an einer Seitentür der malerischen »Pestkirche«, die wie eine weiße Muschel aus dem Kanal auftaucht mit ihren Kuppeln und Statuen, saß der alte Postkartenverkäufer und gähnte den Küster an, der Ausschau hielt nach Fremden, denen er die Tiziane in der Sakristei zeigen konnte – die ganze weiße Treppenflucht trennte uns von dem Paare.

Ich zog einen funkelnagelneuen Zehnlireschein aus der Tasche und zeigte ihn dem Gondoliere. »Der soll Ihnen gehören, außerhalb der Taxe für unsere Fahrt, wenn Sie mir ganz wahrheitsgetreu sagen, wie Sie zu dem Beutel hier« – ich zog den grünen Pompadour hervor – »gekommen sind. Ist's ein Geschäft?«

Giuseppe Nardi sah mich, die Banknote und den Beutel mit verständnislosem Staunen an. »Einer von uns beiden muß verrückt sein,« meinte er dann mit schöner Unparteilichkeit. »Wahrscheinlich bin ich's, wenn ich für zehn Lire eine solche Frage nicht beantworte. Wenn das derselbe Beutel ist, den ich im vorigen Herbst dem alten Barozzi verkauft habe – und er muß es sein, mit den vielen ›N‹ darauf – dann sind Ihre zehn Lire so gut wie mein. Ich kann aber nicht ums liebe Leben verstehen, warum Ihnen die Antwort so viel wert ist. Ich hätte sie Ihnen umsonst gegeben. Doch jeder, wie er will. Ich habe den Beutel in meiner Gondel gefunden unter dem Sitz dort, auf dem Sie gesessen sind – das ist alles!«

»Wann war das?« fragte ich.

»Den Tag weiß ich nicht mehr. Es war Ende September oder Anfang Oktober,« war die prompte Antwort. »Als ich frühmorgens meine Gondel sauber machte und den Teppich herausnahm, um ihn auszuklopfen, zog ich mit ihm den Beutel unter dem Sitze hervor. Im Fundbureau, wo ich ihn abgeben wollte, schickten sie mich heim: das wäre kein Wertgegenstand, den könnte ich behalten mit seinem zerfetzten Futter. Gut, ich hab's behalten. Heißt das, ich dachte mir, die Althändler stellen oft noch verschlisseneres Zeug aus, und die Fremden kaufen es doch – vielleicht schlägt man aus dem Funde etwas heraus.«

»Das kann Ihnen kein Mensch übelnehmen,« sagte ich überzeugungstreu. »Sie können sich nicht entsinnen, den Beutel bei einem der Leute gesehen zu haben, die sie tags zuvor gefahren?«

»Ja und nein, Signore,« war die ohne Zögern gegebene Antwort. »Das ist so zu verstehen. Der Tag, an dem der Beutel in der Gondel liegen geblieben sein muß, war ein guter Tag, das heißt, ich hatte viele Leute zu fahren, also viel Verdienst. Wenn's so immer ginge, lohnte sich's noch, Gondoliere zu sein. Gut. Was ich damit sagen will, ist das: ich hatte so viele Parteien zu fahren, daß es schwer hielt, sich aller zu entsinnen. Die meisten stiegen irgendwo aus, lohnten mich ab, und ich sah sie nicht wieder. Drei Parteien habe ich vor ihre Hotels gerudert, und dort hab' ich auch angefragt, ob einer der Gäste den grünen Beutel verloren hätte. Keiner von ihnen in keinem der Hotels aber hatte ihn verloren. Ecco! Aber ich habe eine dunkle Erinnerung, als hätte ich den Beutel am Arm einer Dame gesehen, die ich als Rückpassagier von San Giovanni e Paolo hatte, wohin ich ein deutsches Paar gefahren. Eine große, schwarzgekleidete Dame mit roten Haaren, aber sie trug einen so dichten Schleier vor dem Gesichte, daß ich nicht erkennen konnte, ob sie jung oder alt, hübsch oder häßlich war. Ich schätzte sie jung und häßlich. Warum? Weil sie schlank und schön gewachsen war, und man sich das Gesicht nicht so verhängt, wenn man hübsch ist. Ecco! Sie ließ sich zum Ponte hinter San Marco rudern, stieg dort aus, und ich sah sie den Weg zur Piazza einschlagen. Ich hab' sie nie wiedergesehen.«

Ich nickte und tat dann die Frage, die mir vor dem anscheinend ehrlichen Burschen nicht ganz leicht wurde: »Und der Beutel war leer?«

»Wer schleppt denn einen leeren Beutel mit sich herum?« war die überraschende Antwort. »Es war eine Tüte drin mit vorzüglichen Bonbons! Gewiß ein Kilo, und von den feinsten. Wir haben sie daheim aufgegessen. Das war ein Fest! M–m!« Und Giuseppe strich sich noch bei der Erinnerung daran den Magen.

»Nun, dann ist doch wenigstens noch etwas bei dem Funde herausgekommen,« meinte ich unwillkürlich lachend.

»Dafür, daß ich in drei Hotels und das Fundbureau gelaufen, war's wenigstens eine Entschädigung,« versicherte Giuseppe, und ungefragt setzte er hinzu: »Es war auch noch ein Päckchen mit Perlen in dem Beutel und etwas bunter Seidenfaden – wahrscheinlich unterwegs gekauft. Venezianer Glasperlen – keine halbe Lira wert. Sonst nichts.«

Das war, alles in allem, herzlich wenig, aber die Erinnerung des Gondolieres an die schwarzgekleidete rothaarige Dame war doch ein schwaches, halbverlorenes Glied in meiner Kette, denn ich zweifelte nicht daran, daß sie es war, die den grünen Pompadour in der Gondel zurückgelassen hatte. Absichtlich? Sicherlich nicht, denn was sie, so gut versteckt, selbst auf einen Ausgang mitnahm, auf dem sie Bonbons und die Zutaten zu einer Handarbeit gekauft, das läßt man absichtlich nicht liegen. Hätte sie den Inhalt des grünen Pompadours vernichten wollen, so hätte es genügt, den Block aus dem Notizbuch zu lösen und den Inhalt des Büchschens auszuschütten. Als sie den Beutel vermißte, mag es ihr nicht wenig Herzklopfen gemacht haben. Wer weiß, ob sie nicht in den Geschäften, in denen sie ihre Einkäufe gemacht, nachgefragt, den Gondoliere gesucht hat, denn wenn auch die Zitate in dem Notizbuch für andere bedeutungslos, das Morphin für den Finder überflüssig waren, die beiden Hüllen dafür waren kostbar genug, den Verlust zu einem schweren zu machen. Für mich schien es zweifellos, daß der Gondoliere die gefahren hatte, die ich für die Besitzerin des Pompadours hielt – Fräulein v. Orville. Ob es aber dieselbe war, die jene traurige Rolle in Lilis Haus gespielt hatte, das war freilich mehr, als ich vorläufig beantworten konnte – vorausgesetzt, daß es zwei Damen dieses Namens gab.

Um dem guten Giuseppe noch etwas Beschäftigung zu geben, ließ ich mich von ihm zur Ca' del Leone rudern, um mich meiner Padrona dort vorzustellen. Ich schritt die weißen Marmorstufen zu dem mit wildem Wein umrankten »Basimento« hinauf mit einem sehr merkwürdigen Gefühl der Erwartung, als müßte Lilis Gestalt in dem weißen Kimono durch die geöffnete Pforte, durch die man in die grüne Wildnis des Gartens sah, mir entgegenkommen, um mich willkommen zu heißen.

Natürlich konnte ich die mir bestimmten Räume jetzt nicht sehen, weil die Leute noch darin waren, die sie am Nachmittag erst verlassen sollten, aber ich machte die Bekanntschaft der freundlichen und gefälligen Padrona und meines künftigen Zimmermädchens deutscher Zunge, falls man ihren Tiroler Dialekt dafür nehmen wollte.

In mein Hotel zurückgekehrt traf ich mit Frau Möller auf der Treppe zusammen. Ich grüßte und wollte mit diesem Zeichen gewöhnlicher Höflichkeit an ihr vorübergehen.

Aber sie blieb vor mir stehen. »Sie haben meinem Manne den Grund erzählt, aus welchem Sie das Hotel verlassen?« fragte sie mich.

»Da Sie es nicht taten, gnädige Frau, so blieb mir nichts anderes übrig, als ich mit Herrn Möller zusammentraf,« erwiderte ich ruhig. »Nach den Freundlichkeiten, die Ihr Herr Gemahl mir erwiesen, wäre es doch zu viel von mir verlangt, ohne Sang und Klang, wie ein begossener Pudel aus dem Hotel schleichen zu müssen. Daß ich überhaupt weiche, ist eigentlich schon mehr wie hinreichend für mein durchaus reines Gewissen, aber daß ich es ohne Erklärung vor denen tun sollte, die sich durch mein Verschwinden ohne Lebewohl vor den Kopf gestoßen fühlen müssen, das können Sie von mir nicht verlangen, gnädige Frau.«

Sie nickte nur, aber sie ging nicht weiter, sie blieb vor mir stehen, und trotz der wenigen Liebe, die ich für diese Frau hatte, fühlte ich doch ein gewisses Mitleid mit ihr, da ich nicht umhin konnte, es zu sehen, wie verfallen und gealtert sie aussah. Ich zog noch einmal meinen Hut, um an ihr vorbeizugehen und diese peinliche Begegnung zu beenden, aber nun kam wieder Leben in sie.

»Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte sie rauh. »Aber wo? Mein Mann und Ilse sind oben in unserem Wohnzimmer – vielleicht ist der Salon unten jetzt leer. Kommen Sie!«

Und ohne sich um mein erstauntes und wenig erbautes Gesicht zu kümmern, winkte sie mir, die Treppe hinabschreitend, ihr zu folgen, und als höflicher Mensch blieb mir nichts weiter übrig, als es zu tun. Unterwegs aber faßte ich den festen Entschluß, die von mir gezogenen Grenzen auf keinen Fall weiter stecken zu lassen – für den Fall sie etwa Lust hatte, mich auch aus Venedig auszuweisen.

Im Salon drosch eine Engländerin mit großer Energie und sehr falsch auf dem Klavier herum, und wenn sie ja auch in ihre Kunst durchaus versenkt war und laut genug spielte, um einen Marktschreier zu übertönen, so floh Frau Möller doch sofort die Töne des Bersaglieremarsches als die nicht ganz geeignete Begleitung zu dem, was sie mir sagen wollte.

»Kommen Sie heraus!« sagte sie befehlend und verließ von mir gefolgt das Hotel. Aus der geräuschvollen Riva bog sie nach wenigen Schritten in den Sottoportico ein, der unmittelbar zu dem verhältnismäßig immer stillen Campo vor der Kirche San Zaccaria führt, und hier, im Schatten der imposanten Fassade, hielt sie an, wandte sich nach mir um, und ohne meine durchaus nicht einladende Miene zu beachten, fragte sie ohne weitere Einladung, als brenne sie die Frage: »Ist es wahr, daß Sie in die Ca' del Leone übersiedeln wollen?«

»Es ist Tatsache, gnädige Frau,« erwiderte ich kühl genug, um ihr als Warnung zu dienen, nicht gar zu weit zu gehen.

»Sie haben Mut,« war alles, was sie sagte. Aber es klang nicht spöttisch, sondern eher traurig, ja hoffnungslos.

»Es gehört doch kein Mut dazu, den Ort zu suchen, an dem ein von uns über alles geliebtes Wesen durch die dunkle Pforte zur Heimat einging,« erwiderte ich, sie fest ansehend. »Es ist sicher jeder Ort schmerzlich, der uns an den irdischen Verlust erinnert, aber die Stätte, an der ein geliebtes Wesen von der Erde schied, ist geheiligt. Wenn man sich nichts vorzuwerfen hat, wird man eine solche Stätte eher suchen, als meiden.«

»Wenn man sich nichts vorzuwerfen hat!« wiederholte Frau Möller die Worte, die ausgesprochen zu haben mich reute, als ich die verfallenen Züge der einst so glänzenden, imposanten Frau sah und dem Blick ihrer Augen folgte, die, ohne zu sehen, über die Fassade der Kirche irrten. Aber plötzlich heftete sie diese kühlen, überlegenen, besonnenen Augen voll auf mich. »Sie sprechen sehr zuversichtlich, Herr Eichwald! Ja, haben denn Sie sich meiner Tochter gegenüber wirklich nichts vorzuwerfen? Haben Sie um Lili gekämpft, gerungen?«

Ich war bei diesem plötzlichen Angriff zurückgefahren, aber ich faßte mich rasch. »Meine gnädige Frau,« sagte ich gelassen, »haben Sie die Güte, sich zu erinnern, daß ich mit dem Faktum der öffentlichen Verlobung Lilis einfach ausgeschaltet wurde. Finden Sie jetzt, daß ich damals besser den rasenden Roland gespielt hätte – mit meinem Leutnantsgehalt gegen die Millionen des Grafen Meersburg? Ich meine, wir lassen das besser ruhen, um so mehr, als ich mir redliche Mühe gegeben habe, Entschuldigungsgründe für Ihren Treubruch zu finden und nicht ungerecht zu sein.«

Sie schwieg und blickte geradeaus vor sich hin. »Ich bin gewarnt worden vor ihm,« sagte sie endlich heiser. »Aber ich dachte, er hätte ja doch andere, reichere, vornehmere Mädchen finden können als gerade meine Tochter. Sie war nur eine Laune von ihm, das schönste Mädchen weit und breit – das schmeichelte seinem Stolze. Nein, er hatte keinen Stolz. Es schmeichelte seinem bodenlosen Egoismus. Und als er sie hatte, warf er sie fort. Er hat sie getötet. Oh, natürlich nicht wie der erste beste Mörder, denn auch dazu gehört mehr Mut, als er besitzt, aber es kommt auf eins heraus, denn Lili hat Hand an sich selbst gelegt!«

»Gnädige Frau!« fuhr ich zurück, entsetzt, eisig kalt werdend – das traf mich unvorbereitet.

»Es ist schrecklich – nicht wahr?« sagte sie tonlos.

»Aber wie –?« fragte ich mit Mühe, unwillkürlich flüsternd.

»Ja, wie!« wiederholte sie. »Wir wissen ja nichts Sicheres, aber was wir wissen, läßt keine Wahl, das Schreckliche anzunehmen. Sie litt schwer – nicht nur seelisch, auch körperlich, und gegen die Schmerzen, die physischen, brauchte sie Morphiumeinspritzungen. Sie starb an einer Überdosis dieses zweischneidigen Mittels. Man fand sie am Morgen tot im Bett, das Fläschchen geleert am Boden, die Spritze neben ihr im Bett.«

Ich war sprachlos. An diese Möglichkeit hatte meine Seele nicht gedacht, nicht mit einem flüchtigen Gedanken. Hatte Lili, wenn mir von ihr träumte, wie sie den linken Ärmel aufstreifte und auf ihren Arm deutete, hatte sie mir damit sagen wollen, wie es gekommen, daß sie selbst –

»Nun, haben Sie noch den Mut, in dieses Haus zu ziehen, wo sie ihrem Leben ein Ende machte?« fragte Frau Möller nach einer Pause.

»Ich kann das nicht glauben – das nicht!« rief ich entschlossen. »Und ich will es nicht glauben! Lili war nicht die Natur, eine solche Tat zu vollbringen. Es lag nichts Gewaltsames in ihr, sie war zum Dulden geschaffen, sie hätte geduldet und gelitten bis zum natürlichen Ende! Bei aller Zaghaftigkeit lag in ihr doch die Überzeugung von ihrer Unterwürfigkeit, die sie – dem Anscheine nach wenigstens – kampflos entsagen ließ, weil sie es ihrer Mutter schuldig zu sein glaubte. – Oder hat sie es aus Furcht vor Ihnen getan? Hat sie sich später vor ihrem Gatten gefürchtet? Darüber fehlt mir das Urteil, aber soweit ich sie gekannt habe und in ihre Seele blicken konnte, glaube ich fest, daß sie Gott noch mehr fürchtete als die Menschen, die auf ihr Pflichtgefühl hin sich an ihr versündigten. Nein, sie hätte niemals Hand an sich gelegt, das Leben zu zerstören, das ihr nicht allein gehörte. Wenn Sie, ihre Mutter, sie dessen für fähig halten – nun, so ist das Ihre Sache. Ich glaube es nicht. Aber ich werde mir die Gewißheit darüber verschaffen, ich werde alles in Bewegung setzen, um diese Gewißheit zu erlangen –«

Ich hielt ein, teils weil die Bewegung mich zu ersticken drohte, teils weil Frau Möller plötzlich ganz verändert vor mir stand – ein tiefes Rot auf dem eben noch fast grauweißen Gesicht, die eben noch halb erloschenen, fast irren Augen glänzend, groß wie in ihren besten Tagen. Sie war kaum wiederzuerkennen.

»Wenn Sie das könnten, das zuwege brächten, wenn Sie diese furchtbare Last von mir nehmen könnten,« rief sie erregt, »dann – dann –«

Es lag mir auf der Zunge zu sagen: »Um deinetwillen tu' ich's nicht, tät' ich's niemals –« aber ich sprach es nicht aus, denn ich begriff, wie diese Frau litt, was sie gelitten haben mußte, seit Lili starb – und vorher. Und wenn man erst anfängt, zu begreifen, dann ergibt sich der Rest von selbst.

Sie las aber wohl meinen ersten Gedanken, die Abweisung in meinen Zügen, denn sie unterbrach sich und sprach nicht aus, was sie »dann« zu tun gedachte, und nach einem Augenblick des Zögerns fuhr sie fort: »Herr Eichwald, Sie werden mir wahrscheinlich nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich bedaure, mich Ihnen gegenüber habe hinreißen zu lassen. Sie werden das eine so wenig verstehen wie das andere. Ich verstehe mich oft selbst nicht, ich –«

»Ich verstehe Sie sehr gut, gnädige Frau, aber, offen gesagt, erst seit dieser Stunde,« sagte ich, als sie abbrach, weniger steif und abweisend, als ich's von mir selbst für möglich gehalten hätte. »Wenn das auf Ihnen lastet, was Sie mir eben anvertraut haben, dann ist vieles verständlich. Ich verstehe auch ganz gut, daß mein Anblick Ihnen peinlich ist – vielleicht hätten Sie das nur etwas weniger verletzend zum Ausdruck bringen können. Aber es sei ein Strich darunter gezogen – die Sache ist erledigt, und was an mir liegt, soll geschehen, damit Sie mich nicht mehr wiederzusehen brauchen.«

Sie nickte trübe. »Ich erkenne es an, daß Sie sich durch mich gekränkt und verletzt, meinetwegen sogar beleidigt fühlen müssen,« erwiderte sie fast demütig. »Ich habe es so gewollt, ich wünschte Sie vor den Kopf zu stoßen, damit Ihre Gegenwart nicht neue Qualen denen hinzufügte, die ich so schon auszustehen habe. Aber wenn Sie das wirklich tun wollen, wenn Sie imstande wären, die entsetzliche Last von mir zu nehmen, daß mein Kind Hand an sich gelegt hat, dann will ich Ihnen, wenn Sie wollen, vor Zeugen Abbitte leisten – nicht für das, was Sie ja so wie so verstehen und darum entschuldigen können, sondern für – für das andere, das Schlimmere: daß ich Ihnen Lili genommen.«

»Um Gottes willen nicht,« rief ich, entsetzt abwehrend. »Das – das, wovon Sie sprechen, ist ja für mich kein Fall gekränkter Eitelkeit oder verletzter Ehre, daß ich einer Genugtuung vor Zeugen bedürfte! Im Gegenteil – für mich ist es genug, daß mein Anblick Ihnen ein Vorwurf ist, aber es ist nur eine Genugtuung, die mich mit tiefstem Schmerze erfüllt, weil sie mir bestätigt, wie unglücklich Lili gewesen ist. Sie glaubten jedenfalls, Ihre Mutterpflicht zu erfüllen, indem Sie Ihre Tochter überredeten, für den reichen Freier den damals blutarmen Bräutigam durch einen Gewaltstreich zu verabschieden, und – Gott verzeih' mir's, wenn ich damit der Toten einen Vorwurf mache – und Sie fanden in der Charakterschwäche Lilis dabei einen Verbündeten, der Ihnen den Sieg wahrscheinlich leicht gemacht hat.«

»Ja, der Himmel verzeiht Ihnen den Vorwurf,« erwiderte Frau Möller abgewandt, »denn wie könnten Sie denken, daß eine Mutter ihr Kind zu etwas zwingen konnte, von dem sie sah, daß es ihr das Herz brach? Ich glaubte nicht daran, daß man Herzen brechen könnte, ich dachte, ein großer Name, ein Titel und Reichtum entschädigten reichlich für eine sogenannte Liebe, die ich nie kennen gelernt hatte. – Seien Sie ruhig, Lili hat für ihre Liebe so hart gekämpft, als sie dessen überhaupt fähig war mit ihrem sanften, unterwürfigen Charakter, ihrem geringen Mut. Aber ich hatte den stärkeren Willen und die Autorität und – die Härte, sie zu zwingen. Fragen Sie nicht, mit welchen Mitteln – das Grab drüben auf San Michele deckt dieses Geheimnis.«

Ich antwortete nicht gleich. Ich stand in der Sonne, die heiß auf mich herabbrannte, und doch fror mich, und dann stieg es wieder heiß in mir auf, daß ich an mich halten mußte, um ruhig zu bleiben, kein Wort über meine Lippen zu lassen, das mir später wahrscheinlich leid getan hätte, es ausgesprochen zu haben.

»Wollen wir nicht zurückgehen?« überwand ich mich endlich zu sagen.

Frau Möller nahm ohne Gegenrede den Vortritt. Aber als wir in die Gasse traten, die uns zur Riva zurückführte, wandte sie sich noch einmal um. »Sie werden das Hotel nicht verlassen?« fragte sie. »Es täte meinem Manne so leid, Ihre Gesellschaft zu vermissen.«

»Ich reise nicht ab, ich bleibe in Venedig, wo ich eine Aufgabe zu erfüllen habe, und eine andere mir in dieser Stunde geworden ist,« entgegnete ich so ruhig als möglich. »Im Hotel bleibe ich aber nicht – das ist ausgeschlossen. Es ist auch besser, gnädige Frau, wenn wir uns unseren gegenseitigen Anblick über den Tisch bei Suppe, Fisch und Braten ersparen. Ich wenigstens muß erst fertig werden mit dem, was ich eben gehört, ehe ich imstande bin, Gleichgültiges mit Ihnen zu reden. Aber da Sie mehr leiden als ich –«

Ich brach kurz ab, denn das Wort: – so ziehen Sie in Frieden! wollte mir nicht über die Lippen.

»Nun?« fragte sie, stehenbleibend.

»Sie sollen von mir hören, wenn ich etwas erfahren habe,« erwiderte ich ernst.

»Ist's ein Wort?« fragte sie mit verhaltenem Atem.

»Ja – wenn Sie es wollen.«

»Ah!« machte sie mit einer Bewegung, als wollte sie mir die Hand reichen. Aber sie ließ sie auf halbem Wege wieder sinken. »Ich weiß nicht, wie Sie das zuwege bringen wollen und können. Ich habe mir den Kopf darüber zermartert und keinen Weg gefunden, zur Wahrheit zu gelangen. Der Mund, der sie allein sagen könnte, ist verstummt. Was kann man jetzt noch tun – acht Monate nachher?«

»Man hat schon Jahre, nachdem sie geschehen, dunkle Taten aus Licht gebracht,« entgegnete ich. »Es ist nichts Unmögliches, was ich unternehmen will. Meine Übersiedlung in die Ca' del Leone ist vielleicht der erste Schritt dazu. Sie selbst aber, gnädige Frau, können Sie mir nichts anderes, nichts mehr sagen als das, was Sie mir eben mitteilten? Können Sie mir keinen Anhaltspunkt geben, von dem ich auszugehen vermöchte?«

»Einen Anhaltspunkt?« wiederholte sie zweifelnd. »Nein – woher sollte ich den haben? Ich war nicht dabei, war nicht einmal hier, als – es geschah. Ich war überhaupt nur zweimal im Hause meines Schwiegersohns. Ehrlich gesagt: er sah mich nicht gern –«

»Hatten Sie dieses Mißtrauen? Graf Meersburg kann doch unmöglich so unhöflich gewesen sein, das der Mutter seiner Frau zu zeigen!«

»Doch – er hat diese Unhöflichkeit gehabt,« unterbrach sie mich bitter. »Er war nicht offenkundig brutal, sondern sehr vorsichtig; er machte das auf Umwegen sozusagen, wie es so seine Art war. Ich bin nicht etwa als die typische Schwiegermutter der Lustspiele und Witzblätter bei ihm aufgetreten – das werden Sie mir hoffentlich nicht zutrauen –, dafür hielt mich auch Graf Meersburg nicht, im Gegenteil: ich war ihm zu klug und sah ihm zu tief in die Karten. Er merkte das ganz gut. Nun, man braucht jemand nicht direkt zum Hause hinauszuwerfen oder ihm die Tür zu weisen – es gibt aber eine Überhöflichkeit, die das in unseren Kreisen mit der gleichen, wenn nicht besseren Wirkung besorgt. Sie verstehen mich?«

Ich verstand, aber ich verspürte nicht die leiseste Schadenfreude über das Strafgericht, das über diese Frau hinweggezogen war. »Verzeihen Sie eine vielleicht indiskrete Frage, gnädige Frau,« sagte ich »haben Sie Fräulein v. Orville gekannt?«

»Ich habe sie einmal gesehen,« erwiderte Frau Möller hart.

»Und welchen Eindruck hatten Sie von ihr?«

»Den einer vollkommenen Dame mit so bestechenden Manieren, von solcher Liebenswürdigkeit, Zuvorkommenheit und scheinbarer Hingebung an meine Tochter, daß ich mich oft schon gefragt habe, ob man ihr nicht unrecht getan hat, als man sie für fähig hielt – Aber lassen wir dieses Thema!«

»Im Gegenteil, gnädige Frau, lassen Sie uns darüber sprechen. Wer weiß, ob Fräulein v. Orville nicht imstande wäre, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Sie haben nie mit ihr über das Ende Ihrer Tochter gesprochen?«

»Nie,« erwiderte Frau Möller, jetzt sehr aufmerksam. »Ich war ja nicht hier, als Lili starb, habe auch ihrer Beerdigung nicht beigewohnt, weil ich mich unfähig zu der Reise fühlte. Fräulein v. Orville hat das Haus meines Schwiegersohnes, wie ich hörte, gleich nach der Katastrophe verlassen. Das war ganz korrekt – nicht? Ich weiß aber nicht, wohin sie gegangen, wo sie jetzt ist, und aufrichtig gesagt – ich habe auch gar kein Verlangen, es zu wissen. Man glaubte, mein Schwiegersohn würde sie heiraten, aber nach allem, was ich seitdem über ihn gehört, scheint er nicht daran gedacht zu haben. Die Leute fabeln ja so vieles zusammen!«

»Das tun sie,« gab ich zu . »Und Sie selbst, gnädige Frau, glauben Sie auch, daß der Klatsch ihr unrecht getan hat, als man den Namen des Fräuleins v. Orville mit dem des Grafen Meersburg in Verbindung gebracht hat?«

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll,« rief Frau Möller, sichtlich mit sich kämpfend. »Fräulein v. Orville trat vor ungefähr einem Jahre die Stellung der Gesellschafterin bei meiner Tochter an, die damals schon so leidend war, daß sie einer solchen Hilfe bedurfte, und kaum zwei Monate später pfiffen es die Spatzen schon von den Dächern, was ich natürlich auch hörte. Solche Dinge erfahren die nächsten Angehörigen aber natürlich immer erst, wenn die Leute mit Fingern darauf zeigen. Meine Tochter hat nie darüber mit mir gesprochen, weil ich sie in dieser Zeit überhaupt nicht sah, und in ihren spärlichen Briefen erwähnte sie nie ihrer Gesellschafterin. Das hätte mich stutzig machen können, wenn die Briefe Lilis nicht immer ganz unpersönlich, ja eigentlich inhaltslos gewesen wären. Als dann das Gerücht zu mir drang, daß der Graf sich mehr um die Gesellschafterin seiner Frau kümmere, als gerade nötig sei, reiste ich nach Meersburg, um mich persönlich zu überzeugen. Wie die Schwiegermutter im Lustspiel kam ich dort an – unangemeldet. Ich fand Lili leidend und nervös, meinen Schwiegersohn eisig höflich, zum sofortigen Umkehren höflich, aber ich überwand mich und blieb, denn ich wollte sehen und hören. Es war allein Fräulein v. Orville, die für meine Bequemlichkeit sorgte, taktvoll, unaufdringlich, bescheiden. Überbescheiden fast. Ich hatte manchmal das Gefühl, als ob ihre Bescheidenheit mit einem gewissen Hohn gemischt war, zu versteckt aber, um seiner habhaft werden zu können. Ich sah und hörte nichts, nicht das geringste, was jenen Gerüchten hätte recht geben können, trotzdem ich mit geschärften Sinnen aufpaßte. Ich fand im Gegenteil in Fräulein v. Orville eine besorgte Pflegerin meiner Tochter, die jeden ihrer Wünsche zu erraten schien, aber ich hatte doch das Gefühl, als wäre es für Lili eine Qual, das alles über sich ergehen zu lassen. Ich las Mißtrauen, ja Abneigung in ihrem Blicke, mit dem sie der nachsah, die sie eben noch mit der größten Zuvorkommenheit und Sorgfalt bedient hatte, und obwohl ich nirgends eine Verstimmung wahrnahm, sondern mir sagte, es wäre nur mein Mißtrauen, das mich ein ungreifbares Etwas in diesem Hause empfinden ließ, hielt ich es doch für richtig, meinen Schwiegersohn darauf aufmerksam zu machen, was die Welt sich erzählte. Was er mir antwortete, gehört nicht hierher. Ich verließ sein Haus unmittelbar darauf. Es hat eben alles seine Grenzen. Beim Abschied fragte ich Lili wie beiläufig, ob Fräulein v. Orville ihr sympathisch wäre. Sie tat, als hätte sie diese Frage nicht gehört; ich wiederholte sie, und wieder blieb sie mir die Antwort schuldig. Da reiste ich ab. Ich habe Lili nicht mehr wiedergesehen, denn Ende August gingen sie nach Venedig.«

»Können Sie mir eine Personalbeschreibung des Fräuleins v. Orville geben?« fragte ich nach einer Pause.

»Oh, sie war eine schöne Person,« erwiderte Frau Möller. »Mein Schwiegersohn hat in diesem Punkte einen durchaus einwandfreien Geschmack. Lili war ja auch eine Schönheit, nur von einer ganz anderen Art. Fräulein v. Orville war groß, schlank und doch voll; sie hatte einen Kopf wie eine römische Kaiserin, einen durchsichtigen, alabasterartigen Teint, wie er in dieser Vollkommenheit so oft mit rotem Haar zusammengeht. Dieses kupferrote Haar war an sich schon eine Schönheit. Und wundervolle Augen hatte sie, unheimlich groß fast, tief dunkel, sogenannte unergründliche Augen, über denen die Augenbrauen zusammengewachsen waren und ihnen dadurch ein Etwas gaben, das mir Unbehagen machte, das ich nicht enträtseln konnte – etwas, das mich vor ihr auf der Hut sein ließ. Aber das kann ein sehr persönliches Empfinden gewesen sein, denn ich kam ihr ja mit Mißtrauen entgegen und verließ sie mit Mißtrauen.«

Ich hörte sehr aufmerksam und mit rascher schlagenden Pulsen dieser Personalbeschreibung zu. Wollte sich der Ring dennoch schließen, den ich bisher nicht zusammenzubringen vermochte? Und unter diesem Eindruck tat ich eine scheinbar sehr sonderbare Frage: »Haben Sie, gnädige Frau, im Besitze Fräuleins v. Orville einen grünen Pompadour gesehen?«

Frau Möller sah mich erstaunt und befremdet an. »Nicht daß ich wüßte,« erwiderte sie kopfschüttelnd. »Wie kommen Sie darauf?«

»Oh, nur so –« entgegnete ich ausweichend. Der grüne Pompadour mit seinem Muster von gekrönten, goldenen »N« war zu auffallend, als daß er Frau Möller entgangen sein könnte, die sich früher viel darauf zugute tat, eine Kennerin alter Stoffe und Spitzen und derlei zu sein.

»Aber ich verstehe nicht –« sagte sie immer noch befremdet.

»Es ist belanglos, gnädige Frau, – wenigstens für den Augenblick. Und sonst können Sie mir nichts sagen, gar nichts?«

»Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Es ist mehr, als ich selbst meinem Mann erzählt habe. Das übrige weiß alle Welt. Lili starb an einer Überdosis von Morphium. Wie es geschah, können wir nur vermuten. Hat sie, gepeinigt von Schmerzen, die Injektion zu oft wiederholt? Nur in der Hoffnung, Ruhe zu finden oder mit voller Absicht und mit dem Bewußtsein der Wirkung? Mein Schwiegersohn nahm in seinem Brief, in dem er mir den Tod Lilis anzeigte, das erstere an, ohne überhaupt nur die andere Möglichkeit zu streifen, aber die Welt sagte sofort: sie hat sich mit voller Absicht getötet, weil sie, was sich unter ihren Augen abspielte, nicht mehr ertragen konnte. Die Welt trug natürlich Sorge, mich das wissen zu lassen. Venedig war zu dieser Zeit überfüllt von Fremden, unter denen sich viele Bekannte von uns befanden, die meiner Tochter die letzte Ehre erweisen konnten, sie vorher aufgesucht, gesehen und gesprochen hatten. Graf Meersburg hatte des leidenden Zustandes seiner Frau wegen, wie er sagte, das laute Hotel mit der stillen Privatwohnung vertauscht. Die Welt legte ihm natürlich ein anderes Motiv unter. Wer hat nun recht? Mein Herz ist von Zweifeln zerrissen. Die Diagnose des Arztes läßt beides zu, den natürlichen wie den gewaltsamen Tod durch eine Überdosis von Morphium – durch eigene Unvorsichtigkeit.«

»Wie heißt der Arzt, der Gräfin Meersburg hier behandelt hat?«

»Soviel ich weiß, hatte sie hier keinen behandelnden Arzt. Sie wurde nach der Vorschrift des Spezialisten behandelt, der ihr daheim die nötigen Verordnungen mitgegeben hatte. In Venedig erschien nur der Gerichtsarzt zur Ausstellung des Totenscheines in der Ca' del Leone. – Wie er heißt? Folgi, dächte ich.«

Ich merkte mir den Namen, konnte aber nicht umhin, meinem Erstaunen darüber Ausdruck zu geben, daß man einer derart Kranken das gefährliche Linderungsmittel zum eigenen Gebrauch und ohne Aufsicht in die Hände gegeben hatte.

»Das war nicht der Fall,« erklärte Frau Möller entschieden. »Fräulein v. Orville hatte das Medikament wie das Instrument in Verwahrung und machte meiner Tochter die Injektionen immer mit eigener Hand. Am Abend vor dem Ende war beides spurlos aus dem Zimmer der Gesellschafterin verschwunden, die nach langem, vergeblichem Suchen meiner Tochter sagen mußte, daß sie heute das gewohnte Linderungsmittel nicht haben könnte. Mein Schwiegersohn machte den Vorschlag, einen Arzt rufen zu lassen, der die Injektion machen könne, aber meine Tochter lehnte das ab. Sie muß gewußt haben, wo Fräulein v. Orville Spritze und Fläschchen aufbewahrte, denn beides fand sich ja am folgenden Morgen bei ihr, als die Gesellschafterin, beunruhigt von dem außergewöhnlich langen Schlafe Lilis, leise zu ihr ging, um nachzusehen. – Ist das nicht genug, um uns glauben zu machen, daß sie die Tat mit Vorbedacht begangen?«

Es sah danach aus, und der Mut sank mir, nachdem ich erst die Umstände erfahren, auf die man die düstere Annahme stützte. Eigentlich war ja jeder Zweifel ausgeschlossen, und doch sagte mir eine innere Stimme: Wer weiß! Solche Szenen können arrangiert werden, wie man ein lebendes Bild stellt.

Vor der Hoteltür trennte ich mich von Frau Möller, die ihren Ausgang wohl aufgegeben hatte, denn sie ging hinein. Auch ich tat dasselbe, nachdem sie auf der Treppe verschwunden war, und es war sicher eine der dunkelsten Stunden meines Lebens, die ich dann in meinem Zimmer zubrachte. Daß ich Lili verloren hatte, und sie so bald darauf schon aus dem Leben scheiden mußte, das war hart genug, aber der Gedanke, daß sie so – so geschieden war, das dünkte mich das härteste von allem. Und immer wieder kehrte ich zu der Ansicht zurück: Es ist nicht möglich! Es kann nicht sein, es ist nicht wahr! Sie war nun und nimmermehr die Person, einen solchen Schritt zu tun, ich müßte sie denn total verkannt haben. Freilich ist es ja anderseits auch erwiesen, daß es meist sehr willensarme, schwache und mutlose Naturen sind, die zur Selbstzerstörung schreiten, wenn sie nicht mehr aus noch ein wissen und das Leben nicht mehr glauben ertragen zu können; der Mutige beißt die Zähne zusammen und nimmt den Kampf auf, besonders wenn er sich klar darüber ist, daß sein Leben nicht ihm gehört, sondern dem von dem er es empfing. Ich hatte den Eindruck als ob Lili die Festigkeit dieser Überzeugung besessen hätte – wir hatten einmal darüber gesprochen und uns einig gefunden im Hinblick darauf. Freilich, wie konnte ich wissen, welche Seelenleiden inzwischen die Veränderung bewirkt, aber ich glaubte nicht daran.

In diese Zweifel, Qualen und Seelenschmerzen klang plötzlich wie ein überirdischer Gruß eine ganz irdische, menschliche Stimme, eine frische, helle, goldreine Stimme, die dicht neben mir ein Lied anstimmte. Ich weiß nicht mehr den Text des Liedes, ich weiß nur noch, daß der Schluß war: »Und jede dunkle Stunde birgt einen Funken Licht!«

Als die Stimme einsetzte, war mein erstes Empfinden Ärger über die Störung, dann stand ich aber still und hörte zu, und es wurde mir weich und andächtig zumute, weil die schönen Worte mit solch warmer, tiefer Empfindung gesungen wurden, und als die Stimme verklang, da atmete ich tief auf und fuhr mir über die Stirn wie ein Befreiter – ich kannte sie, diese Stimme! Ich kannte sie, und wäre es auch nicht der Fall gewesen, so hätte die Richtung, aus der sie kam, mir doch ihren Ursprung verraten: es war Ilse Möller, die gesungen hatte.

Sie hatte in die dunkelste Stunde meines Lebens den Funken Licht geworfen durch ihre Herzenstöne, da ich fast verzagt war, und dieser eine Funke genügte, mich zu mir selbst zurückzuführen und mir den Weg zu weisen. Die Frage, die sich mir jetzt zum ersten Male aufdrängte: hatte ich das Recht, das Geheimnis von Lilis Tod aufzuklären? legte ich nach kurzem Besinnen zur Seite, weil die Pflicht, es zu tun, wenigstens es zu versuchen, mir vor das Recht zu gehen schien, die Pflicht, das Andenken des geliebten Wesens zu reinigen vor dem schmählichen Verdachte, dem Unrecht, das ihm geschah vor der Welt, vor mir und – nun ja, vor ihrer Mutter, für die ich, wenn auch keine Zuneigung, so doch seit dieser Stunde eine tiefes, menschliches Mitleid empfand. Sie hatte mehr gelitten wie ich, sie war gestraft genug, und als das Pharisäertum, das nun einmal in jedem Menschen in irgend einer tiefen Falte seines Herzens versteckt schläft, mir einreden wollte, daß sie damit ihre gerechte Strafe empfangen hätte, setzte die liebe, klare Stimme nebenan zu einem anderen Liede ein, das in meine Anwandlung geistigen Hochmuts hereintönte wie eine Bergpredigt:


»Der Mensch soll nicht hassen, zu kurz ist das Leben,
Er soll, wenn er gekränkt wird, von Herzen vergeben,
Manch' zwei haben hienieden den Krieg sich erklärt,
Und machen erst Frieden tief unter der Erd'!«


Was jahrelange Kämpfe in mir nicht gezeitigt hatten, das klärte nun dieses einfache, kunstlose Lied, gesungen von einer reinen, süßen Stimme, und ließ mich den Pharisäer in mir endgültig begraben. Es fiel wie Schuppen von meinen Augen: nicht um meinetwillen wollte ich das Andenken Lilis klären, sondern um dem gequälten Herzen ihrer Mutter den Trost zu verschaffen, daß nicht auch diese Schuld auf ihr lastete. Nicht meine Zweifel wollte ich zur Ruhe bringen, schon deshalb nicht, weil ich eigentlich keine hatte, sondern die der Mutter!


Der Mensch soll nicht hassen, zu kurz ist das Leben,
Er soll, wenn er gekränkt wird, von Herzen vergeben –


Von Herzen – das war schwer und wäre mir heute früh noch unmöglich erschienen, aber jetzt glaubte ich an die Möglichkeit und fühlte dadurch eine Befreiung in mir, die das Dunkel um mich in Lichtwellen tauchte und mich zu einem anderen Menschen machte.

Und diese große Wandlung hatte ein zufällig gehörtes Lied vollbracht. Ich dachte darüber nicht nach, ich wußte nur, daß dieses Lied mir ewig in der Seele nachklingen würde, daß ich es nie wieder vergessen konnte. So sehr sind wir Menschen manchmal mit Blindheit geschlagen, so sehr war ich überzeugt davon, daß mein Herz »tief unter der Erd'» auf dem Friedhofe von San Michele begraben lag, und ein neues Glück zu den Unmöglichkeiten gehörte, an die man mit keinem Gedanken denkt – bis die Binde von den Augen fällt.

Aber meine Binde saß noch so fest, so unbegreiflich fest, daß ich die Quelle nicht erkannte, aus der das Licht kam, das meine dunkelste Stunde erhellte. Ich wußte nur, daß mir ganz froh und leicht zumute war, daß die Schwierigkeiten, die sich meinem Vorhaben notgedrungen entgegenstellen mußten, mir durchaus nicht unüberwindlich erschienen und den Sieg über meinen Groll, über meine Abneigung, den schrieb ich Pharisäer mir selbst zu.



Elftes Kapitel.

Gegen Abend hielt ich meinen Einzug in der Ca' del Leone. Meine Zimmer waren hübsch möbliert, groß und hoch, das Schlafzimmer ging nach dem grünen, verträumten Garten hinaus, das Wohnzimmer hatte die Aussicht nach dem Kanal. Hier fand ich auf dem Schreibtisch in einer schlanken Vase einen Strauß silberrosa Lafrancerosen an langen Stengeln vor und war angenehm berührt von dieser zarten Aufmerksamkeit meiner Padrona, für die zu danken ich mich natürlich beeilte. Aber sie lehnte das ab. Diese Rosen, in Venedig so seltene Gäste, wären nicht von ihr: ein Herr und eine Dame, eine junge, blonde Dame, hätten den Strauß gebracht mit der Bitte, ihn dem Signore auf den Schreibtisch zu stellen.

Es war ja nur eine Möglichkeit, wer diese beiden sein konnten, und nun dufteten diese Rosen mir noch einmal so süß und erweckten eine wahre Begeisterung in mir für ihre Schönheit. Dankerfüllt für diese zarte Aufmerksamkeit, stand ich lange davor; es war ja so wohltuend, zu wissen, daß jemand an einen gedacht, an mich gedacht, der ich so einsam meinen Weg ging, dem es so ungewohnt war, solch' freundliche Grüße zu erhalten! Es wurde mir ganz warm ums Herz, und viel fehlte nicht, da wären die Augen mir feucht geworden. Oder war's darum, daß ich die Rosen plötzlich wie durch einen Schleier sah? Mag sein – ich schäme mich der Bewegung nicht und gestehe sie gern ein.

Ob es das allein war, oder ob es an dem Hause lag – es war eine feierliche, erwartungsvolle Stimmung über mich gekommen. Lange, lange stand ich an dem grünumrankten Fenster und sah hinaus auf den Kanal, auf dem die Boote dahinglitten, die Vaporetti vorbeihasteten und sich doch nur durch den leisen Ruderschlag, das Aufrauschen des Wassers unter den Schrauben bemerklich machten – dann hin und wieder ein Zuruf der Gondolieri; das war das einzige Geräusch, das zu mir drang, und in dem Schlafzimmer nach dem Garten hinaus war's noch stiller, bis die Glocken der nahen Salute das Ave läuteten und durch ihren feierlichen Klang mein Herz zur Andacht stimmten. Hier hatte Lili auch diesen Glocken zugehört, hier hatten ihre schönen, sanften, dunklen Augen auch gesehen, wie sich im Abendsonnengold die Wasser purpurn röteten, daß sie aussahen wie geschmolzenes Erz, bis sie in der tiefer herabsteigenden Dämmerung in allen Farben schillerten wie Perlmutter, und dann, allmählich grau werdend, zuletzt dunkel, fast schwarz dahinflossen wie ihr eigenes junges Leben – – –

Da wurde ich durch ein leises Klopfen an meiner Zimmertür aus meinem Sinnen gerissen: es war Miezi, das Zimmermädchen, das fragte, ob sie mir vielleicht beim Auspacken helfen könnte. »Die Mannsleut',« sagte sie in ihrem wohltuenden Dialekt, »sind mit dem Geschäft halt alleweil a bisserl ung'schickt und ung'duldig.«

Das war ich nun zwar wirklich nicht, das Zeugnis durfte ich mir schon ausstellen, aber ich nahm das Angebot doch dankend an, weil ich eine gewisse Müdigkeit in mir verspürte und eine Unwilligkeit für das notwendige Geschäft.

Die Miezi war weder jung noch hübsch, aber sie war freundlich und willig, und bald waren wir umgeben von Kleidungsstücken und Büchern, die ich gegen meine sonstige Gewohnheit im Hotel ziemlich wild und regellos in meinen Koffer gestopft hatte.

Während ich Miezi einen Rock zureichte, damit sie ihn in den Schrank hinge, fiel ein Paket zu Boden, dessen Seidenpapierhülle sich im Fall auflöste, und Miezi schälte, sich danach bückend, den grünen Pompadour heraus. Ich werde nie das Gesicht vergessen, mit dem sie erst den Beutel, dann mich und wieder den Beutel ansah.

»Das Ding da g'hört jetzt Ihnen?« platzte sie mit einem unbeschreiblichen Tonfall heraus.

»Ja,« sagte ich leichthin. »Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?«

»Wo werd' ich denn!« besann sie sich auf ihre Stellung, immer noch abwechselnd den Beutel und mich betrachtend, und ihre Augen hatten dabei einen merkwürdigen Ausdruck von Staunen, Mißtrauen und Widerwillen. »Was geht's mich an, wenn Ihnen die Dame das Ding da g'schenkt hat!«

»Welche Dame?« fragte ich erstaunt tuend. »Ich hab' den Beutel gekauft und weiß nicht, wem er gehört hat.«

Miezi sah mich wieder mißtrauisch an, aber mein Gesicht und mein durchaus nicht ganz geheucheltes Erstaunen schienen sie zu beruhigen. »So, so!« meinte sie. »Also gekauft hat ihn der Herr. Der G'schmack ist halt arg verschieden, aber ich kenn' das schon, denn die Fremden bringen immer so Zeug heim, das sie sich von den Trödlern anschmier'n lass'n und auch noch für Gott weiß was Rares halten. Da hat sie den Beutel gewiß verkauft – es wundert mich, denn sie tat, als ob er von Gold wär', und wenn sie ihn verlegt hatte, da gab's gleich einen Trara, als ob's Gott weiß was wär'.«

»Sie! Wer war sie denn?« fragte ich lachend, um Miezi sicher zu machen, aber das Herz schlug mir dabei in brennender Erwartung. Stand ich auf der Schwelle einer endlichen Gewißheit?

»Wer sie war?« ging Miezi bereitwillig auf die Frage ein. »Sie nannten sie die Gesellschafterin der deutschen Gräfin, die im vorigen Herbst bei uns gewohnt hat, aber der Herr tat – und sie auch – als ob sie die Frau wär«. Na, mich geht's nichts an. Ich hab' schon gesehn, daß man sich seinen Namen auf seinen Arbeitsbeutel stickt, aber doch bloß einmal, und nicht zehnmal, wie auf dem grünen Ding da. Das ist doch zu dumm! Ist's nicht wahr?«

»Zu dumm!« beeilte ich mich, der Miezi recht zu geben, denn was wußte ich von solchen monarchischen Gepflogenheiten. »Da hieß sie wohl Nina, oder Natalie?« fragte ich, auf die goldenen, »N« deutend.

»Nein, sie hatte einen sehr g'spaßigen Namen, sie hieß »Napoleona«,« erwiderte Miezi wichtig. »Wahrhaftig, so hieß sie! Ich wüßt's nicht, wenn – nun ja, wenn der Herr Graf sie nicht so gerufen hätt', denn die Frau Gräfin nannte sie nur Fräulein v. Orville. Wenn der Herr sie Napoleona nannte, war die Frau aber nie dabei. Ich hab's mehr wie zehnmal gehört – sie haben wohl auf mich nicht geachtet. Die arme junge Frau – aber ich will nichts gesagt haben, mich geht's nichts an, hat die Padrona gesagt, die ja auch ein paar Augen im Kopfe hat und ein paar Ohren. Aber die Fremden hatten die ganze Etage gemietet, und was drin vorging, das brauchte der Padrona keine Kopfschmerzen zu machen –«

Mir sang und klang es vor den Ohren. So hatte ich sie denn gefunden, die Besitzerin des grünen Pompadours! Sie war die »Kaiserin Josephine« vom Maskenball, und das »N« auf dem Notizbüchelchen war der Anfangsbuchstabe ihres Vornamens Napoleona – wohl eine Erinnerung an die Größe ihres Hauses unter dem ersten Kaiserreich.

»Ich glaube, ich kenne die Fremden, die im vorigen Herbst hier im Hause wohnten,« sagte ich scheinbar ganz ruhig, »wenn es nämlich dieselben waren, wo die junge Frau starb. Sie hieß Gräfin Meersburg.«

»Ja, das war sie,« bestätigte Miezi abgewandt, um den Pompadour mit unverkennbarer Verachtung auf den nächsten Tisch zu werfen und dann den Rock aufzuhängen. »Ich wundere mich,« fuhr sie, das Gesicht unnötig lange im Schranke, fort, »daß der Herr weiß, daß die Frau Gräfin hier gestorben ist, und doch die Zimmer genommen hat. Ich tät' nicht da schlafen wollen, wo ich weiß, daß eins gestorben ist.«

»Das macht mir nichts,« versicherte ich scheinbar leichthin. »Wenn man nur in den Häusern wohnen wollte, wo nie ein Toter lag, dann müßte man sich überall ein neues bauen.«

»Freilich schon,« gab Miezi zu. »Am End' ist ja auch alles sauber gemacht worden, und das Bett ist ganz neu.«

»Natürlich,« pflichtete ich bei. »Also starb die Gräfin hier in diesem Zimmer?«

»Ja. Aber erzählen Sie's der Padrona nicht, daß ich es Ihnen gesagt hab', – sie hat verboten, daß man's sagt, und wenn einer fragt, dann sollte ich sagen: nein, das war auf der anderen Seite! Weil viele Leute sich doch fürchten und am End' ausziehn würden. Gelt, Sie verraten mich nicht? Die Padrona würde mir aufkündigen, und es geht mir sonst ganz gut bei ihr. Sie ist eine rechtschaffene Frau, die ihre Mädchen recht hält und pünktlich und ordentlich bezahlt. Ich kann nicht klagen.«

Ich beeilte mich, der Miezi zu versichern, daß ihre Mitteilungen wie im Grabe bei mir ruhten, und ließ das Thema fallen. Meine Siebensachen waren bald genug eingeräumt und nachdem Miezi den leeren Koffer in eine freie Ecke geschoben, wäre sie eigentlich entbehrlich gewesen, aber sie hatte allerhand hin und her zu rücken, und ich wußte sehr gut, daß sie noch etwas sagen wollte, aber nicht wußte, wie damit beginnen; doch ich tat, als merkte ich das nicht, und schien ganz mit dem Einräumen der Kommode beschäftigt.

Schließlich machte sie sich an dem Bette zu schaffen, deckte es für die Nacht auf, patschte geräuschvoll auf Kissen und Decke herum, seufzte und sagte endlich: »Also, der Herr hat die arme junge Frau Gräfin gekannt! Sie war am Ende gar eine Verwandte?«

»Nein,« erwiderte ich. »Ich kannte sie nur, als sie noch unverheiratet war.«

»So – so!« machte Miezi und legte die Kissen anders. »Ja, sie war eine sehr freundliche junge Dame, – es war mir schrecklich traurig, als sie so plötzlich starb. Krank war sie ja schon, und arge Schmerzen hatte sie auch, aber sie stand doch jeden Tag auf und machte ihre Gondelfahrten. Niemand hätte gedacht, daß es so schnell aus mit ihr sein würde. Die Leute haben gemeint, daß sie sich selbst das Leben genommen hat. Ich hab' das aber nie geglaubt und hab' meine Ursachen dafür – wo ich doch immer um sie war und sie bedient hab'.«

»So?« sagte ich, als sie einhielt. »Die Herrschaften sind also ohne eigene Dienerschaft gereist?«

»Ei, bewahre!« erwiderte Miezi abwehrend. »Der Herr Graf hatte seinen Kammerdiener mit, und die Frau Gräfin ihre Kammerjungfer; aber die wurde ja weggeschickt, kaum daß sie hier eingezogen waren. Sie war eine ältliche Person, die Kammerjungfer, eine respektable Witfrau war sie – na, die wollte sich von der Gesellschafterin eben nicht kommandieren lassen; deswegen gab's einen Krach, und die Kammerjungfer mußte abreisen. Schrecklich hat sie darüber geweint, denn sie hing sehr an der Frau Gräfin, aber es half nichts; der Herr Graf war unerbittlich. Es wurde zwar nach einem Ersatz gesucht, aber eine Italienische mochte die Frau Gräfin nicht, und die Deutsche, die kommen sollte, kam nicht. Da übernahm ich halt einstweilen den Dienst und ich muß sagen, der Herr Graf hat mich sehr anständig dafür bezahlt. Freilich schlief ich nicht bei der Frau Gräfin im Zimmer auf dem Sofa hier, wie die Kammerjungfer, aber ich war doch tagüber viel um sie, habe ihr die Haare gebürstet und ihr beim Anziehen geholfen. Wie ein Engel sah sie aus in ihrem weißseidenen Schlafrock, der wie das Kleid von einer Japanerin zugeschnitten und rund herum mit Goldborte besetzt war. Wir hatten einmal eine englische Herrschaft mit einem japanischen Kindermädchen hier, die trug auch so zugeschnittene Kleider.«

Der weiße Kimono!

»Aber die Frau Gräfin sah schöner aus, als die gelbe Heidin, das muß ich schon sagen,« schwatzte die Miezi weiter. »Am Abend, ehe sie starb, legte sie sich in dem schönen Schlafrock aufs Bett – sie sagte, sie hätte keinen Schlaf und wollte doch so weit angezogen sein, um herumgehen zu können, wenn die Schmerzen zu arg würden. Ich mußte deswegen auch die Lampe hier und im Wohnzimmer brennen lassen. Sie bekam sonst abends immer eine Einspritzung gegen die Schmerzen von der Gesellschafterin, aber die hatte die Spritze verlegt und behauptete, daß ich's gewesen wär'. Na, mich konnten sie nicht auch wegschicken wie die Kammerjungfer, ich blieb ihr nichts schuldig; aber die arme Gräfin mußte es ausbaden. Nachher kam's heraus, daß sie sich die Spritze selber geholt hätte, da war dann das Unglück geschehn, denn sie soll nicht gewußt haben, wieviel sie von dem Morjum, oder wie das Zeug heißt, nehmen durfte, und hat zuviel genommen. So haben sie gesagt. Es kann ja sein. Aber daß die Frau Gräfin heimlich in das Zimmer der Rothaarigen gegangen sein soll, um sich die Spritze zu suchen, und daß die Gesellschafterin, wie das Gesuche danach losging, nicht »muck« dazu gesagt hat – na, es geht sonderbar in der Welt zu, und die Leut' tun manchmal Sachen, die man ihnen nicht zugetraut hätt'. Die Napoleona war ja am Abend nach dem Essen noch mit dem Herrn Grafen ausgegangen, um Luft zu schnappen, und in der Zeit soll die Spritze verschwunden sein. Aber daß ich die Frau Gräfin nicht gesehen haben sollte, wie sie in das Zimmer der Gesellschafterin auf der anderen Seite vom Hauseingang gegangen sein soll, wo ich doch immer ab und zu lief, um zur Nacht zurechtzumachen, das glaub' ich mein Lebtag nicht. Und sie behaupten, daß es in der Zeit geschehen sein muß.«

Die Miezi machte ganz das Gesicht, als wollte sie eigentlich mehr sagen, doch ich hielt es für weise, ihr keinen Zucker zu geben – heute noch nicht.

»Ah, Fräulein v. Orville wohnte auf der anderen Seite des Hauses?« fragte ich ohne scheinbares Interesse.

»Ja – sie hatte die zwei Zimmer drüben,« erwiderte Miezi bereitwilligst. »Hier in der Stube neben dem Schlafzimmer der Frau Gräfin wurde gegessen, der Herr Graf schlief vorn heraus neben dem Salon. Meine Kammer habe ich neben dem Schlafzimmer der Gesellschafterin drüben gehabt, die Padrona wohnte neben der Küche, und in das Zimmer der Kammerjungfer wurden die Koffer untergebracht, als sie weg war. Der Kammerdiener wohnte im Hause nebenan; es war hier kein Platz mehr für ihn da. Er ging durch die Gartenpforte in sein Logis, wenn sein Dienst hier am Abend fertig war.«

»Haben denn die Herrschaften hier gespeist?« fragte ich erstaunt.

»Die Padrona hat für sie gekocht. Sie hatten's mit ihr ausgemacht, aber sie sagt, sie täte das nicht wieder, es macht' ihr zuviel Arbeit. Sie kocht sehr gut, die Padrona, denn sie war früher Köchin im Hause von einem Principe.«

»Nun, dann wird sie es wohl verstehen,« pflichtete ich bei, dankte der Miezi für ihre Hilfe und erklärte, nun selbst essen gehen zu wollen, womit die Unterhaltung ein Ende hatte.

Ich ging mit dem Eindruck, daß das Mädchen noch mehr zu sagen hatte und auch bei der nötigen Ermunterung mehr sagen wollte, aber ich hielt die Zeit dafür noch nicht gekommen. Unsere Bekanntschaft war doch noch zu neu, als daß sie, schwatzhaft, wie sie war, alles zum besten gegeben hätte, was sie wußte, oder doch zu wissen glaubte. Was ich gehört, war auch für heute genug, um es zurechtzulegen, geistig damit fertig zu werden.

Zunächst mußte ich nach Fräulein v. Orville Umschau halten. Aber wo sie finden? Ich war überzeugt, daß sie es war, die ich gestern auf San Michele gesehen; wenn sie Venedig seitdem nicht verlassen hatte – halt! Auf dem Polizeibureau konnte ich ihre Adresse erfahren. Die Anmeldung der Fremden ist in den großen Städten Italiens eine sehr streng ausgeübte Maßregel; war Fräulein v. Orville also noch hier, so mußte sie in den Listen der Polizei stehen.

Ich ging also bis zur Akademie und erwischte dort glücklich einen eben anlegenden Dampfer, der mich bald zu der gewünschten Station brachte. Aber ich kam zu spät – die Amtstunden waren vorüber, das Bureau geschlossen.

Den Weg über den Rialto nehmend, kehrte ich zu Fuß den weiten Weg zur Ca' del Leone zurück. Die Lust, mich in einem Restaurant zum Essen niederzusetzen, fehlte mir vollständig, denn in meinem Kopfe wirbelte es von dem, was ich gehört, und mehr noch von dem, was ich mir daraus entnahm; von den Fragen, die sich mir dabei aufdrängen mußten, und die immer wieder zu der einen Antwort führten, daß Lili trotz allem, was dafür sprach, ihr Ende nicht durch ihre eigene Hand gefunden hatte.

Warum hatte man sie ihrer persönlichen Bedienung durch ihre Kammerfrau beraubt und diese fortgeschickt, die für eine so schwer Leidende von der größten Notwendigkeit war? Noch dazu für eine Nervenkranke! Es sah verzweifelt danach aus, als wäre ein Streit eigens in Szene gesetzt worden, um die Kammerfrau zu entfernen. Auch daß nicht umgehend für sie ein Ersatz beschafft wurde, und daß man Lili der Sorgfalt des fremden Stubenmädchens anvertraute, war sicherlich sehr verdächtig. Und warum mußte der Kammerdiener außerhalb des Hauses schlafen, nachdem durch die Abreise der Kammerfrau Platz für ihn in der Ca' del Leone geworden war, der ohnedem leicht dadurch zu beschaffen gewesen wäre, wenn Fräulein v. Orville sich mit einem Zimmer begnügt hätte? Und warum ließ man, wenn wirklich für die Kammerfrau kein geeigneter Ersatz so schnell zu beschaffen war, nicht mindestens das Zimmermädchen nebenan schlafen, um der Leidenden im Notfalle zur Hand zu sein, warum nahm man für die Zeit nicht eine geprüfte Krankenwärterin oder eine Krankenschwester, die des Nachts in unmittelbarer Nähe verblieb?

Das waren alles undenkbare, unbegreifliche, unmögliche Dinge!

So weit die nackte Wirklichkeit. Aber im Namen alles Wunderbaren: wie war es möglich, daß mir von Lili stets geträumt hatte, wie sie auf ihren linken Arm deutete, der den oder die tödlichen Stiche des Injektionsapparates empfangen haben mußte, wie war es möglich, daß ich sie stets in einer Bekleidung sah, von der ich nicht wußte, nicht wissen konnte, daß sie eine solche besaß: den weißseidenen Kimono, von dessen Existenz ich heute zum ersten Male gehört hatte?

Rätsel – Rätsel, die eines Menschen Geist unfähig ist zu lösen, vor denen das menschliche Wissen beschämt die Waffen streckt, die kein Philosoph der Welt erklären oder ergründen kann, und hätte er die Weisheit mit dem Bodensatz in sich aufgenommen. Der Mensch weiß viel, aber alles kann und wird er nie wissen, denn es gibt Dinge, die über sein Fassungsvermögen hinausgehen und seinem geistigen Hochmut einen sehr wirksamen Gegenpart halten. Oder doch halten sollten.

In die Ca' del Leone zurückgekehrt, setzte ich mich hin, um an den Grafen von Meersburg zu schreiben. Seine Mailänder Adresse war durch die Polizei sicher leicht zu ermitteln. Aber ich zerriß den Brief wieder, denn ich überlegte mir, daß er mir wahrscheinlich gar nicht antworten würde, wenn ihm nichts daran lag, Fräulein v. Orville wieder in den Besitz des Notizbuches zu setzen, was sehr anzunehmen war. Aber Auge in Auge mußte er mir doch irgend eine Antwort, wenn vielleicht auch eine negative, geben, und ich beschloß also, am nächsten Morgen mit einem frühen Zuge selbst nach Mailand zu fahren. Von Schlaf war in dieser Nacht keine Rede bei mir, denn die begreifliche Aufregung ließ mir keine Ruhe. Ich wanderte rastlos von einem Zimmer ins andere, vorn hinaus sah ich hinab auf die schwarzen Wasser des Kanals, auf dem nach Mitternacht das Leben aufhörte, und nur hin und wieder eine Barke mit ihrem grünen oder roten Licht lautlos vorüberglitt wie Charons Nachen; hinten hinaus hörte ich auf das Flüstern und Raunen des Nachtwindes in den hohen Bäumen des verwilderten Gartens. Wie oft mochte Lili diesem Blätterflüstern gelauscht haben! Hatte sie nie eine warnende Stimme daraus gehört? Hatten die Fenster, wie bei mir, in jener letzten Nacht ihres Lebens offen gestanden, und hatten die stummen, grünen Zeugen da draußen gesehen, was ich wahrscheinlich nie ergründen würde?

»Ach, könntet ihr reden!« dachte ich mehr als einmal. Offen gesagt, ich wollte mich in dieses Bett nicht legen und den altgewohnten Traum träumen, aber als die Nacht anfing zu verblassen, warf ich mich doch halb angekleidet darauf, und seltsam: traumlos und schwer schlief ich alsbald ein und wachte erst im vollen Tageslicht auf mit dem Gedanken: du hast dich verschlafen. Aber ein Blick auf meine Uhr belehrte mich, daß es noch früher Morgen war, und im Hause regte sich noch keine Seele. Ich hatte reichlich Zeit für meinen Zug, kleidete mich an und verließ das Haus durch den Garten. Bei der nächsten Haltestelle nahm ich den Dampfer, der mich zum Bahnhof brachte, wo ich noch frühstücken konnte, ehe der Schnellzug nach Mailand abging. Ohne wesentliche Verspätung traf ich gegen ein Uhr in der großen, geräuschvollen Hauptstadt der Lombardei ein.

»Da hast du dich denn glücklich auf die Jagd auf Polarfüchse begeben,« dachte ich recht ernüchtert, als ich durch das Menschengewühl dem Ausgange des Bahnhofs zuschritt. Aber ich hatte Glück, denn ein Polizist, den ich um Auskunft bat, brachte mich mit echt italienischer Zuvorkommenheit auf eine ganz nahe Polizeistation, auf der ich in der ausliegenden Fremdenliste ohne Mühe die Adresse des Grafen Meersburg erfuhr: er wohnte in einem der großen Hotels in der unmittelbaren Nähe der Zentralstation, wohin mich keine fünf Minuten Weges brachten, denn mir lag daran, ihn zu treffen, ehe er sich zu Tisch begab.

In dem Hotel angelangt, erfuhr ich die Nummern seiner Zimmer. Man wußte nicht, ob er ausgegangen war, und wollte in die betreffende Etage hinauf telephonieren, aber da mir nicht daran lag, daß der Graf sich am Ende vor einem unbekannten Besuch – er erinnerte sich gewiß meines Namens kaum mehr – verleugnen ließ, so zog ich vor, selbst nachzusehen, ob er anwesend war oder nicht.

Der Aufzug brachte mich schnell in die betreffende Etage, wo ich alsbald die bezeichneten Nummern fand und entschlossen anklopfte. Es wurde nicht »Herein!« gerufen, aber nach einem Moment des Wartens hörte ich Schritte drinnen, und ein Diener in Hemdärmeln öffnete die Tür, durch die ich geöffnete Koffer, anscheinend im Packen begriffen, stehen sah.

»Der Herr Graf ist nicht zu Hause,« sagte der ältliche, angenehm aussehende Mann, ohne meine Frage abzuwarten.

»Wann kehrt er zurück? Ich muß den Herrn Grafen heute noch sprechen,« erwiderte ich.

»Der Herr Graf kann jeden Augenblick zurückkommen. Wenn der Herr vielleicht unten im Salon warten will?« meinte der Diener mit einem Blick auf die Koffer. »Aber der Herr Graf kommt nur auf einen Augenblick, denn er verläßt das Hotel, und ich muß bis dahin gepackt haben –«

»Der Herr Graf will abreisen?«

»Er bezieht nur eine andere Wohnung, ein Privatquartier, solange die – die Frau Gräfin in Mailand beschäftigt ist,« brachte der Mann mit sichtlichem Widerstreben hervor.

»Die Frau Gräfin?« wiederholte ich, förmlich zurückprallend.

»Ja, sozusagen die Frau Gräfin,« meinte der Diener mit einer unsäglichen Verachtung im Ton. »Man muß sie wohl so heißen, denn sie wird es wohl jetzt schon sein. Der Herr Graf ist gerade bei der Ziviltrauung. Hochzeit in der Kirche gibt's nicht. Ach du lieber Gott, wenn ich da an die Hochzeit mit der ersten Frau Gräfin denke – und die liegt noch nicht einmal ein Jahr im Grabe! Aber der anderen da mag ich nicht dienen, und darum gehe ich.«

»Ja aber, Mensch, wovon reden Sie denn?« fragte ich erstaunt, indem die Orville wie eine Vision im Brautkleide an mir vorüberzog.

»Der Graf heiratet die französische Sängerin, die »schöne Odette«, wie sie auf den Zetteln genannt wird,« war die Antwort. »So eine! Ich hab' sie auf der Bühne gesehen: das Kleid bloß bis an die Knie, und oben hat's auch nicht gelangt. Zu Hause trägt sie dafür Schleppkleider, und auf der Straße auch. Und sie stinkt nach Moschus, daß einem übel werden kann, und sie malt sich das Gesicht weiß und die Lippen rot, daß es ein Blinder ohne Brille sehen kann! Nein, bei so einer warte ich nicht auf, da geh' ich lieber meiner Wege. Ich hab's dem Herrn Grafen auch gesagt. Aber wenn einer in sein Unglück rennen will – – da, 's ist schon geschehen, denn dort kommt der Herr Graf!«

Im schwarzen Redingote, eine Gardenie im Knopfloch, perlgraue Handschuhe an den Händen, den Zylinder auf dem Kopf, die stets halbverschleierten Augen mit demselben müden, interesselosen Blick, den ich an ihm kannte, die bewegungslosen Züge um kein Haar frischer als damals, da ich ihn zum letzten Male auf dem Unglücksbasar vor Lilis Blumentempel gesehen, trat der Graf an mich heran.

»Ah, Sie sind wohl der neue Chauffeur, der sich bei mir melden sollte?« fragte er mit gerade eben nur einer Fingerbewegung nach dem Hute und einem gewissen latenten Interesse in dem schleppenden Ton seiner näselnden Stimme.

Ich hätte am liebsten geantwortet: »Ja, ich komme, um dir einzuheizen,« aber natürlich sagte ich es nicht, sondern stellte mich vor, trotzdem er mich ja kennen mußte, wenn ich auch damals Uniform trug, und das Zivil den Menschen recht verändern kann.

»Ah – Pardon,« machte er, nun den Hut abnehmend, aber nicht gerade eilig. »Bitte vielmals um Entschuldigung – aber Licht ist hier so mangelhaft im Korridor, und diese Kerls sehen ohne Dreß so gentlemanlike aus! Womit kann ich dienen?«

»Nur eine kurze Frage, Herr Graf – ich werde Sie nicht lange aufhalten,« erwiderte ich höflich.

»Bitte – stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Herr – äh – Rittmeister! Nur, Sie sehen, bin gerade im Begriffe, zum Abbruch meiner Zelte hier zu blasen. Meine Frau – habe mich eben verheiratet – erwartet mich noch vor ein Uhr. Wie spät haben wir denn? Donnerwetter, nur noch fünf Minuten! Dürfte ich Sie ein anderes Mal zu mir bemühen?«

»Ich brauche keine fünf Minuten, Graf Meersburg, um die Angelegenheit zu erledigen,« unterbrach ich ihn. »Erstens will ich mit dem nächsten Zuge nach Venedig fahren, und dann möchte ich Sie in Ihrer jungen Ehe nicht gleich in den ersten Stunden stören.«

»Wenn ich Sie also bitten darf –«

»Noch einmal, Herr Graf, meine Frage ist kurz und rasch erledigt – aber nicht hier im Korridor,« unterbrach ich ihn, diesmal mit etwas erhobener Stimme.

»Also treten Sie ein,« erwiderte er mit jener Überhöflichkeit, vor der ich eigentlich hätte kurz kehrt machen müssen.

Aber ich bezwang mich und folgte ihm in sein Wohnzimmer, wo es im übrigen ganz ordentlich aufgeräumt aussah, keine Koffer herumstanden.

Trotzdem sagte er mit einer Handbewegung, als läge der ganze Raum voll Sachen: »Sie müssen eben vorlieb nehmen. Wenn man im Aufbruch begriffen ist, geht die Behaglichkeit schon voraus flöten – scheußlich unbehagliches Gefühl, so 'n unordentliches Zimmer. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen keinen Platz anbiete, bin aber faktisch so pressiert – Sie wünschen gewiß eine kleine Hilfe zur Reise – Geld unterwegs ausgegangen –«

»Herr Graf,« unterbrach ich ihn zum dritten Male, »Sie hätten besser getan, diese Bitte erst abzuwarten. Wäre ich in die Notwendigkeit versetzt, sie zu tun, dann wären Sie der letzte, an den ich mich wenden würde. Vielleicht genügt das – ja?«

»Äh – Pardon, nochmals Pardon,« murmelte er, sein Monokel fallen lassend. »Tatsache ist – weiß nicht, wo mir der Kopf steht – kommen so viele Landsleute in momentanen Geldverlegenheiten! Wollte nur damit entgegenkommen – ist immer so eklig auszusprechen und braucht so viele Umschweife – kurzum, bitte sehr um Entschuldigung –«

»Wenn Sie mich statt mich erst für den neuen Chauffeur und dann für einen armen Reisenden zu halten, aussprechen lassen wollten, so erspart Ihnen das jedenfalls eine dritte Entschuldigung,« fiel ich ihm ins Wort. »Die Sache ist kurz die: Ich habe ein Wertstück gefunden, das ich auf den Besitz eines Fräuleins v. Orville – Napoleona v. Orville – zurückführen konnte. Da ich den Aufenthalt der Dame nicht kenne, ihr das Stück aber selbstredend gern zurückerstatten möchte, so wollte ich Sie um die Adresse bitten.«

»Mich?«

»Naturgemäß, da ich bei meinen Ermittelungen in Erfahrung gebracht habe, daß sie den ganzen Schmuck eine sogenannte Trousseaukette, von Ihnen zum Geschenk erhalten hat. Es ist das daran befindlich gewesene Notizbuch, das ich gefunden habe.«

»Sehr interessant, verehrter Herr Rittmeister,« näselte er, sein Monokel wieder in das linke Auge klemmend. »Aber woher soll ich denn die Adresse des Fräuleins wissen?«

»Nun,« erwiderte ich ruhig, trotzdem es in mir zu kribbeln anfing, »wenn man einer Dame ein derartig kostbares Geschenk macht und es mit dem Anfangsbuchstaben ihres Vornamens zeichnen läßt, so liegt die Annahme doch ziemlich nahe, daß man besagter Dame nahe genug steht, um sich für ihren derzeitigen Aufenthalt zu interessieren – nicht wahr?«

»Aber ich interessiere mich gar nicht dafür,« entgegnete Graf Meersburg mit einer Naivität, die ich heute noch für ungeheuchelt halte. »Fräulein v. Orville war die Gesellschafterin meiner Frau – meiner ersten Frau, und hat sich ihrer Pflege so aufopfernd unterzogen, daß man sich schon dafür revanchieren mußte. Wenn sie von dem Geschenke einen Teil verliert – um so schlimmer für sie. Geben Sie doch einfach das Ding auf dem Fundbureau ab oder setzen Sie's in die Zeitung – sie wird sich dann schon melden.«

»Danke vielmals für den guten Rat,« sagte ich trocken. »Aber die Abgabe auf dem Fundbureau widerstrebt mir deshalb, weil das Notizbuch Eintragungen enthält, die Fräulein v. Orville jedenfalls nicht gern von fremden Augen lesen lassen wird.«

Das Monokel fiel dem Grafen Meersburg wieder aus dem Auge, und er trat unwillkürlich einen Schritt näher. »Eintragungen?« wiederholte er, wobei seine Stimme den bis dahin festgehaltenen Ton verlor und eine gewisse Unruhe verriet, die mir nicht entging. »Sie haben diese Eintragungen gelesen?«

»Ich mußte wohl, denn ich hoffte daraus einen Schluß auf die mir damals noch ganz unbekannte Besitzerin des verlorenen Gegenstandes zu ziehen, eine Adresse in dem Block zu finden. Man wird das kaum eine Indiskretion nennen dürfen.«

Graf Meersburg zog das Taschentuch heraus, putzte damit sein Augenglas ab und fuhr sich dann über die Stirne. »Darf man wissen, was in dem Buche steht?« fragte er mit dem sichtlichen Bemühen, seine Haltung wiederzufinden.

»Nein, das darf man nicht,« war meine ruhige Antwort. »Es wäre ein wirklicher Vertrauensbruch von mir, wenn ich auch nur Andeutungen über die Natur dieser – Notizen machte. Daß sie höchst merkwürdig sind, dafür liefert meine Anwesenheit bei Ihnen den Beweis, für die ich eine Fahrt von Venedig nach Mailand nicht gescheut habe. Fällt Ihnen vielleicht jetzt die Adresse von Fräulein v. Orville ein?«

Der Graf stand vor mir und sah mich starr an. Sein farbloses Gesicht hatte einen grünlichen Schimmer bekommen. »Und was wünschen Sie für Ihre – Bemühungen?« fragte er nach einer Pause.

»Vergaß ich, es Ihnen zu sagen?« fragte ich, erstaunt tuend. »Die Adresse von Fräulein v. Orville wünsche ich.«

»Nun – und dann?« fragte er lauernd.

»Wollen Sie noch eine dritte Entschuldigung provozieren?« fragte ich zurücktretend und so scharf, daß auch er zurückwich.

»Haben Sie das Notizbuch bei sich?« war seine nächste Frage.

»Sicherlich nicht,« erwiderte ich nicht ohne Hohn. »Es liegt gut verwahrt in Venedig. Ich halte es für sehr unvorsichtig, mit solchen Wertstücken zu reisen.«

Graf Meersburg warf mir einen für seine blöden Augen merkwürdig scharfen Blick zu, lächelte, das heißt er verzerrte seinen Mund zu einer Grimasse, die wahrscheinlich ein Lächeln sein sollte, sprang dann mit einem Satze gewandt auf die Tür zum Korridor zu, drehte den Schlüssel herum, steckte ihn in die Tasche, sprang dann ebenso gewandt an die Tür zum Nebenzimmer, deren Riegel er vorschob, und stellte sich mit dem Rücken dagegen. Gleichzeitig langte er rückwärts in eine Tasche unter dem Rock und zog einen Revolver heraus. Wozu und warum er die Waffe zu seiner Trauung einzustecken für gut und weise gehalten hatte, verstehe ich nicht. Aber das war auch nicht von mir verlangt worden.

An den beiden letzten Manövern hätte ich ihn mit Leichtigkeit verhindern können, denn ich stand der Tür zum Nebenzimmer nahe genug, um bei der mich allerdings völlig überraschenden ersten Bewegung ohne wesentliche Schwierigkeit dort hinaus entweichen zu können, aber es fiel mir gar nicht im Traume ein, einen Rückzug anzutreten.

»So,« sagte er, den Revolver auf mich richtend, »jetzt wollen wir ernsthaft miteinander reden, mein verehrter Herr Rittmeister a. D. und entlassener Bräutigam meiner teuren Gattin Lili, die ich dumm genug war, Ihnen abspenstig zu machen. Wer aber von uns armen, schwachen Menschen kann von sich sagen, daß er nicht einmal in seinem Leben ein Esel war? Sie zum Beispiel waren es heute, als der Teufel Sie ritt, zu mir zu kommen. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Denn Sie werden dieses Zimmer nicht eher verlassen, als bis Sie mir gesagt haben, was in dem Notizbuch des Fräuleins v. Orville steht, und wehe Ihnen, wenn Sie mir etwas Falsches sagen. Haben Sie mich verstanden?«

Ich zuckte die Achseln und lachte ihm direkt ins Gesicht. »Ich wußte wirklich nicht, daß wir beide so miteinander stehen, daß wir uns mit den Vornamen anreden. Deshalb muß ich lachen,« erklärte ich mit der Seelenruhe, die ich wirklich hatte. »Es ist übrigens doch eine sehr große Weisheit, daß man die Leute immer gern hinter dem Ofen sucht, hinter dem man selbst gesteckt hat! Darin sind Sie, Herr Graf, mir voran, denn Sie haben mich einfach für einen Erpresser gehalten, während ich in Ihnen niemals einen – Buschklepper gesucht hätte, der Reisende aufgreift und nur gegen Lösegeld losläßt. Sie sagten mir vorhin, Sie hätten keine Zeit, Ihre Frau Gemahlin erwartete Sie – nun, wenn Sie also nicht willens sind, die Dame länger warten zu lassen, so werden Sie entweder gehen oder schießen müssen, denn was Sie mit anscheinend so großem Interesse wissen wollen, das erfahren Sie von mir nicht. Ich habe nämlich den Vorteil vor Ihnen, ein Gentleman zu sein, der sich auch vor der Mündung eines Revolvers nicht zu verleugnen pflegt.«

»Dafür werden Sie mir Genugtuung geben!« drohte er, heiser vor Wut.

»Also wollen Sie gar nicht schießen, sondern dachten nur, mich mit dieser Cowboyszene ins Bockshorn zu jagen!« erwiderte ich ohne Hohn, ganz sachlich. »Einem stillen Mann schickt man gewöhnlich keine Sekundanten mehr,« setzte ich hinzu, als er auffahren wollte. »An diesem Vorgehen kann ich Sie ja natürlich nicht hindern, aber ich fürchte, die Herren würden dann Dinge zu hören bekommen, deren Glaubwürdigkeit ich vor ihnen eventuell mit der Pistole vertreten würde, falls ein in diesem Falle notgedrungener Einblick in das bewußte Notizbuch sie nicht überzeugen sollte, einer mindestens fragwürdigen Sache gedient zu haben.«

Graf Meersburg knirschte mit den Zähnen, was ihm wirklich gar nicht stand, ihm aber doch wenigstens etwas Menschenähnliches verlieh. »Wollen Sie reden oder nicht?« brachte er mühsam heraus, aber seine Hand zitterte so, daß er die Waffe senken mußte.

In diesem Moment hatte ich auch schon sein Handgelenk gefaßt, ihm den Revolver entwunden und auf den nächsten Sessel geschleudert.

»Nein!« rief ich im schärfsten Tone. »Haben Sie denn noch nicht begriffen, daß Sie es mit einem Gentleman zu tun haben?«

Dabei zeigte ich mit der Hand auf die verschlossene Tür, und da ich zwischen ihm und der Waffe stand, ihn um fast einen Kopf überragte und ersichtlich der Stärkere war, so schien dies Argument ihn zu überzeugen, denn er ging, jetzt grün und gelb im Gesichte, zur Tür und schloß sie auf.

»Das werden Sie mir teuer bezahlen,« zischte er mich an, als ich ohne ein ferneres Wort zu verlieren, hinausgehen wollte.

»Ich bin in der angenehmen Lage, die Gegenrechnung machen zu können,« erwiderte ich, die Türklinke in der Hand. »Beraubung persönlicher Freiheit, Bedrohung des Lebens und – der Inhalt des Notizbuches sind die Posten, mit denen ich Ihr wertes Konto belastet habe. Da wir ja Landsleute sind, so dürfte eine Anerkennung meiner Nota nicht ausbleiben.«

Damit ging ich, ohne von den neugierigen und erschrockenen Gesichtern des Etagenpersonals Notiz zu nehmen, das sich auf die etwas laut gewordene Unterredung hin prompt vor Nummer acht versammelt hatte.

Eigentlich hatte ich einige Gewissensbisse, denn in dem Notizbuch stand ja nichts, was den Grafen Meersburg auch nur im entferntesten belasten konnte: auf Zitate aus einem klassischen Drama hin wäre wohl kaum etwas auszurichten gewesen, aber ich hatte den Schreckschuß auch nicht vorbereitet, sondern ihn nur im Impuls des Augenblicks abgefeuert, als ich sah, daß er etwas in dem Notizbuch fürchtete und sich selbst damit verriet. Was er fürchtete, das hatte sein Benehmen mir klar genug gezeigt, und wenn ich vor einer Stunde noch Zweifel gehegt hatte, ob das Ende Lilis doch nicht ein natürliches gewesen war, verursacht durch eigene Unvorsichtigkeit und Unkenntnis des Mittels, in dessen Besitz sie vielleicht wirklich durch eine ihr möglicherweise ganz harmlos vorgekommene List gelangt war – jetzt zweifelte ich nicht mehr, daß hier etwas nicht in Ordnung war.

Aber das Wie, die Motive, das lag noch in tiefem, tiefem Dunkel, und ob es mir gelingen würde, es aufzuhellen, das war mehr, als ich sagen oder denken konnte; davon gar nicht zu reden, ob es an mir war, die irdische Gerechtigkeit auf die Spur zur Sühne zu setzen, welche Geschehenes nicht mehr ungeschehen machen konnte. Daß mein Schuß ins Blaue ersichtlich eine hochempfindliche Stelle getroffen hatte, beruhigte mein Gewissen allerdings sehr bald wieder. Wenn aber Graf Meersburg fürchtete, daß die Orville Waffen gegen ihn in der Hand hatte, warum hatte er dann mit ihr gebrochen? Oder bezahlte er sie für ihr Schweigen? Schweigegelder sind immer sehr unsicher angelegte Kapitalien, das schien er auch zu wissen. Oder verweigerte er ihre Adresse, weil er leugnete, sie zu kennen? Das war wohl das wahrscheinlichere.



Zwölftes Kapitel.

Erst nach Mitternacht kam ich wieder nach Venedig zurück, und bis mich eine Gondel nach der Ca' del Leone gebracht, den weiten, weiten Weg, den Canal Grande entlang, da war's längst ein Uhr vorbei. Ich war todmüde, total erschöpft und hoffte nach der letzten, zumeist verwachten Nacht, nach den Aufregungen dieses Tages und der Eisenbahnfahrt auf einen guten Schlaf, der mich bisher in Venedig zur Erquickung noch nicht aufgesucht hatte und der mir nach der angestrengten Arbeit der letzten Monate so nötig war wie's liebe Brot.

Aber wenn man körperlich übermüdet, geistig abgehetzt und aufgeregt ist, dann kommt der Schlaf nicht, wenn man ihm pfeift. Und so ging's auch mir. Ich warf mich im Bett herum, bis die Morgendämmerung kam, und dann erst schlief ich, wie in der vorigen Nacht, schwer und traumlos ein, das heißt ich hatte die Empfindung, als hätte ich geträumt, als ich endlich mit schweren Kopfschmerzen erwachte. Aber ich konnte mich nicht mehr erinnern, was es war.

Zehn Uhr vorbei! Ich machte, daß ich heraus kam, und fühlte mich zerschlagen, müde, nervös, gereizt, als ich in mein Wohnzimmer trat und der Miezi nach dem Frühstück klingelte.

»Gehen Sie immer erst so spät schlafen?« fragte sie teilnehmend, als sie mit dem Servierbrett kam. »Sie sollten zeitiger ins Bett, die langen Nächte bekommen Ihnen nicht.«

»Nein, Miezi, das tun sie nicht,« sagte ich unwillkürlich lächelnd, denn die freundliche Teilnahme der guten Tirolerin, wenn auch nicht gerade sehr gewandt ausgedrückt, tat mir wohl. »Der Zug von Mailand kam halt nicht eher an, sonst wäre ich gern früher schlafen gegangen.«

»Ach so, Sie waren in Mailand!« sagte sie sichtlich darüber beruhigt, daß ich kein Nachtschwärmer war. »Die Padrona meinte schon: »Na, wenn der jede Nacht so spät heimkommt –«

»Sagen Sie der Padrona, es täte mir leid, daß ich sie gestört hätte,« fiel ich ein. »Wenn ihr die Haustür ölen wolltet, so würde sie nicht so niederträchtig quietschen.«

»Ja, ja, die Türen sollten alle geölt werden,« gab die Miezi mir zu. »Es wird immer davon gesprochen, aber die Italienischen sind halt nun so, – sie merken's wohl, aber sie haben keine Eile. Denken Sie nur, Herr Eichwald, gestern war sie hier und wollte das Zimmer mieten, in dem die Frau Gräfin gestorben ist!«

»Wer war hier?« fragte ich, die Tasse wieder wegsetzend, die ich gerade zum Munde führen wollte.

»Die Napoleona – heißt das, ich meine das gnädige Fräulein v. Orville,« erwiderte Miezi triumphierend. »Gott sei Dank, daß das Zimmer schon vergeben war! Die hätte mir gerade noch gefehlt! Hinten und vorn läßt sie sich bedienen – dagegen hab' ich ja nichts, aber niemals ein ›Danke schön!‹ dafür zu hören, das macht den Menschen nicht gerade williger!«

»Nein, sicher nicht,« bestätigte ich geistesabwesend. Also sie war noch in Venedig! Ich mußte sogleich gehen, um nach ihrer Adresse zu fragen. »Wann war sie hier?« erkundigte ich mich.

»So gegen Abend, es läutete gleich darauf zum Ave. Sie wollte sofort einziehen und schien ganz erstaunt, daß das Zimmer nicht frei war und auch kein anderes im Hause. Heißt das, für jemand andern hätte die Padrona ihr eigenes Zimmer aufgegeben und wäre in die Kammer gezogen, aber die Rothaarige mochte sie nicht – sie hat's mir selber nachher gesagt. Sie hat halt auch gesehn, was man sehn mußte, wie sie mit dem Herrn Grafen stand, die Napoleona, und wenn die Padrona auch gern an den Zimmern verdient, so ist sie doch eine anständige Frau und hält was auf sich. Unter uns, Herr Eichwald, ich glaube, die Napoleona ist nicht ganz richtig im Kopfe. Die Augen, die sie macht, mit dicken schwarzen Ringen drunter, als wüßte sie nicht mehr, was Schlaf ist oder – als sähe sie Geister. Aber ich will nichts gesagt haben; mich geht's ja auch nichts an!«

»Geister?« wiederholte ich kopfschüttelnd, mit voller Absicht dem Redestrom der Schwatzbereiten weiterhelfen, ihn zu ermutigen, ohne eine persönliche Neugier zu verraten. »Aber, Miezi, das gibt's doch gar nicht! Was für Geister sollte denn die Orville sehen? Haben Sie schon welche gesehen? – Ich nicht!«

»Hm – ich weiß nicht,« machte Miezi zögernd. »Das ist so eine Sache – das soll man nicht verreden. Zu manchen kommen sie im Traum; mir träumt's oft von der Frau Gräfin, ich sehe sie dann immer in dem weißseidenen Schlafrock, und die Padrona hat auch schon oft von ihr geträumt. Was man halt so träumen nennt. Wer weiß, ob die Napoleona – die hätte doch die erste Ursache dazu!«

»Warum gerade sie? Ah ja, natürlich – sie war ja immer um die Frau Gräfin und hat sie wohl auch zuerst gesehen, als – als sie gestorben war. Von so etwas kann man schon träumen, das glaube ich gern,« gab ich der Miezi den beabsichtigten Zucker, vorsichtig, in kleinen Dosen, damit sie nicht merkte, wo ich hinaus wollte.

»Nein, ich hab' sie zuerst gesehen, als ich endlich hineinging, um ihr das Glas Milch zu bringen, das sie immer früh um neun Uhr im Bett nahm,« berichtete das Mädchen, selig, daß ich sie reden ließ. »Sie klingelte immer um diese Zeit, als es aber halb zehn wurde, ohne daß sie an dem Morgen geklingelt hatte, da dachte ich, du wirst doch lieber nachsehen, und wenn sie schläft, dann geh' ich halt wieder ab.

Ja, schlafen tat sie, aber mit offnen Augen! Ich dachte, ich müßt' vor Schreck die Milch fallen lassen und stieß einen Schrei aus, daß der Herr Graf gleich herausschoß und ganz wütend über den Skandal war. Na – das Gesicht, das er machte. Dann schrie er mich an, ich sollte Fräulein v. Orville rufen, aber die war ganz ruhig und besonnen und telephonierte gleich nach dem Doktor. Sie wollte den von der Padrona, aber die sah gleich, was die Glocke geschlagen hatte und sagte, es müsse der Gerichtsarzt kommen. Es dauerte eine Stunde, bis der da war, und dazwischen machte die Napoleona Umschläge von heißem Wasser und ließ sich's nicht ausreden, trotzdem die arme Frau Gräfin doch schon ganz kalt und steif war, und die Padrona ihr hundertmal sagte, daß hier nichts mehr helfe. Ich hörte dann, wie der Doktor sagte, der Tod müßte schon um Mitternacht eingetreten sein. Die Napoleona sagte dann, sie wäre am Abend nicht mehr zu der Frau Gräfin gegangen, weil sie ihr beim Schlafengehen gesagt hätte, daß sie nichts mehr brauchte, sondern bloß Ruhe haben wollte, und hätte dann selber die ganze Nacht durch so fest geschlafen, daß sie erst spät aufgewacht sei, und der Doktor hat das alles auf einen Bogen Papier geschrieben, und ich mußte auch aussagen, wie ich die Verstorbene früh gefunden, und was sie abends noch gemacht hätte. Der Herr Graf hatte seine Frau zuletzt um zehn Uhr gesehen, sich selber dann zu Bett gelegt und die Nacht durchgeschlafen, ohne etwas zu hören. Das kann gern sein, denn um halb elf, wo ich noch einmal vor das Haus ging, war's finster bei ihm, wogegen die Napoleona noch Licht hatte. Ich war dabei, wie sie vor dem Doktor ihre Aussage machte, und wunderte mich, daß die Lüge ihr nicht im Halse stecken geblieben ist, aber ich sagte nichts, denn mich ging's ja nichts an, und die Padrona sagte mir dann, es wäre recht, daß ich geschwiegen hätt', denn die Frau Gräfin wär' nun einmal tot, sie selbst hätte davon nur Scherereien und Verlust, denn wenn es erst bekannt würde, daß jemand hier gestorben sei, dann würden neue Mieter sobald nicht kommen; wenn aber noch eine große Geschichte aus der Sache gemacht würde und in allen Zeitungen käme, und sie Gott weiß wie oft auf die Questura laufen müßte, dann könnte sie das Geschäft nur gleich aufgeben. Ich aber würde als Zeuge aufgerufen werden, müßte den Eid schwören und vor dem ganzen Gericht daherreden – ich sollte also nur hübsch den Mund halten. Das hab' ich denn auch getan und schweige wie das Grab, was Sie mir bestätigen können, und wenn ich den grünen Beutel nicht bei Ihnen gesehen hätt', dann wär' die Geschichte mir auch gar nicht eingefallen, trotzdem ich schon sagen muß, ich weiß doch nicht, ob man recht daran tut, solche Leute einfach laufen zu lassen und nichts dazu zu sagen, wenn's von einer Toten heißt, sie hat sich selber umgebracht, ob mit oder ohne Absicht, das bleibt sich gleich.«

»Sie haben ganz recht,« sagte ich, als die Miezi endlich Atem schöpfte, was ich bedauerte, denn nun mußte ich weiterforschen. »Sie sind ein braves Mädchen, das das Herz auf dem rechten Fleck hat, wenn man es der Padrona auch freilich nicht übelnehmen kann, daß sie dabei auch an sich denkt, denn der Mensch will doch leben, und wenn es heißt, in dem Hause ist ein Mord geschehen – – das haben Sie doch sagen wollen – nicht?«

»Ich?« fragte Miezi, plötzlich sichtlich erschrocken. »Ich hab' nichts gesagt, ich werd' mich hüten. Die Padrona hat's gesagt, daß es sehr verdächtig wär' – mehr auch nicht. Aber wir haben uns verstanden, das ist wahr, das will ich nicht leugnen. Ich bin nicht dabei gewesen und hab' nichts gesehn.«

»Natürlich nicht, denn sonst hätten Sie ja reden müssen,« sagte ich freundlich, aber sehr ernst. »Sehen Sie, Miezi, ich habe die arme Frau Gräfin gekannt, als sie noch ein sehr schönes junges Mädchen war, und es ist mir sehr nahe gegangen, daß sie durch ihre eigene Hand ein solches Ende hat finden müssen. Wenn Sie mir den Gedanken nehmen könnten, dann würde ich Ihnen sehr, sehr dankbar sein, und um mich erkenntlich zu zeigen, dürften Sie sich dafür schon was recht Großes von mir wünschen.«

»Ach du lieber Gott, wie könnt' ich Ihnen dazu helfen!« meinte die Miezi gerührt. »Sie haben die Frau Gräfin gewiß geliebt und konnten sie nicht heiraten,« fuhr sie mit einer Hellsicht fort, die mich eine unwillkürliche Bewegung machen ließ. »Ja, ja, so geht's oft im Leben. Den ich gern gemocht hätte, der hat sich auch eine andere genommen, weil sie Geld hatte – eine reiche Bauerstochter war sie. Ich kann gut mit Ihnen fühlen, Herr Eichwald. Das kann ich, und tu's auch –« sie fing an zu schluchzen. »Was ich weiß, will ich Ihnen ja gern sagen, auch ohne daß Sie mir was dafür geben, ich bin ja nicht so – – aber Sie müssen mir versprechen, es der Padrona nicht zu verraten, wenn ich schon sagen muß, daß doch genug Zeit darüber hinweggegangen ist, und das Haus hat auch wegen dem Sterbefall nie leer gestanden, denn in Venedig kommt es oft genug vor, daß die Fremden sterben – in den Hotels wie in den Privathäusern – und kein Hahn kräht danach. Dazu ist die Stadt halt zu groß. Ich kann ja auch nichts Sicheres sagen, bloß daß man so seine Gedanken hat.«

Nachdem Miezi einen Augenblick nachgedacht hatte, fuhr sie fort: »Sehn Sie, das ist es! Ich war in jener Nacht um elf endlich ins Bett gekommen und hörte nebenan die Napoleona herumgehen und wirtschaften, trotzdem sie gesagt hat, sie wäre gleich schlafen gegangen. Es ist ihr vielleicht nur so vorgekommen, denn sie ging immer spät ins Bett, lief in ihren Zimmern herum und deklamierte vor sich hin, daß einem oft dabei ganz gruselig werden konnte, mit so hohler Stimme redete sie. Also, es ging bald auf Mitternacht, da hörte ich sie leise die Tür nach dem Gang aufmachen, und – Gott verzeih' mir's, wenn ich sie im Verdacht hatte, auf unrechten Wegen zu gehen – aber ich hab' es doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie sich im Garten hinter den Büschen vom Herrn Grafen küssen ließ, und die Padrona hat's auch gesehen – kurz, ich dachte mir: »Na wart, du schlechtes Dings du!« Und ich stand leise auf, um zu sehen, was sie da draußen noch zu suchen hatte. Es ging mich ja nichts an, aber die Neugier trieb mich, das muß ich schon eingestehen. Ich weiß, es war nicht recht, aber was wollen Sie? Der Mensch ist halt schwach. Also, ich schlich mit bloßen Füßen an meine Tür, die ich ein Ritzchen hatte offenstehen lassen, damit ich es auch hörte, wenn etwa die Frau Gräfin klingelte, denn wenn man einmal schläft, dann wacht man bei zugemachter Tür nicht immer auf, weil meine Kammer am Ende des Ganges liegt und die Glocke vorn ist. Ich guck' also heraus und seh' die Napoleona in ihrem grauen Kleid, wie sie's an dem Tag angehabt hat, den Leuchter mit der brennenden Kerze in der Hand, vor ihrer Schlafstubentür stehen und dann den Gang herab nach der andern Seite zu gehn. Und so wahr ich hier stehe: auf dem breiten Teller von ihrem Leuchter stand das Fläschchen und das kleine Etui mit der Spritze daneben, das verloren gegangen sein sollte! Leise ging sie in ihren Schlafschuhen den Gang hinunter und direkt auf die Schlafstubentür von der Frau Gräfin zu, und ich hab' ihr meinen Verdacht abgebeten, denn ich dacht' mir: »Aha, jetzt bringt sie ihr das Mittel doch, damit die arme Seel' schlafen kann! Wo mag sie's nur gefunden haben?« – Und da packte mich wieder die Neugier, zu hören, wo sie selber das Zeugs so gut versteckt hatte, daß sie's vergessen hat, denn das geht einem manchmal so, wenn man was zu gut aufhebt, findet man's oft selber nicht. – Wie sie also in das Schlafzimmer von der Frau Gräfin hinein ist, schieß' ich wie ein Pfeil hinter ihr drein und horch' – ich tu's wahrhaftig gewöhnlich nicht, an den Türen horchen, aber ich war doch zu neugierig, zu hören, was sie der Frau Gräfin sagen würde! Eine Weile höre ich gar nichts, dann die Stimme von der Frau Gräfin, die ganz schläfrig sagt: »Sie sind es? Was gibt es denn? Ich war so schön eingeschlafen –« »Es tut mir leid, Sie geweckt zu haben,« sagt die Napoleona mit der Stimme, mit der sie immer zu der Frau Gräfin redete, als wollte sie sie streicheln. »Ich fürchtete, Sie würden nicht schlafen können, und weil ich die Spritze und das Morphium eben gefunden habe, wollte ich Ihnen doch die gewohnte Linderung bringen.« Was die Gräfin antwortete, hab' ich nicht gehört oder nicht verstanden, mich fror auch mit meinen bloßen Füßen auf dem steinernen Estrich, und meine Neugier war ganz vorbei. Ich machte also, daß ich in mein Bett zurückkam und schlief gleich ein, noch ehe ich die Napoleona zurückkommen hörte. Am anderen Morgen hatte ich alles vergessen, und es fiel mir erst wieder ein, als die Napoleona dem Doktor sagte, sie wäre gleich schlafen gegangen und hätte die Frau Gräfin von da ab nicht mehr gesehn! Hätt' ich gleich sagen sollen, daß es nicht wahr war, daß sie nachts zu ihr gegangen war und ihr die Spritze gebracht hat? Ich denk' mir, sie hat sie ihr dagelassen und als das Unglück geschehen war, da hat sie sich gefürchtet, es einzugestehen. Recht war's nicht, es auf der Toten sitzen zu lassen, und wenn Sie mich fragen, dann muß ich schon sagen: ich glaub', es kam ihr ganz gelegen, der Napoleona, daß die Frau Gräfin starb. Aber wenn sie geglaubt hat, die zweite Frau zu werden, so muß sie sich doch geschnitten haben, sonst wär' sie nicht gestern hier gewesen, um das Zimmer zu mieten. – So, nun hab' ich alles gesagt, was ich weiß!«

Es war mir genug. Zwar die Zeugenaussage der Miezi hätte kaum hingereicht, denn wer hätte den Beweis bringen können, daß Morphium und Instrument absichtlich versteckt worden waren, um, nachdem beides seinen Zweck erfüllt, bei der Toten so zurückgelassen zu werden, daß es den Anschein gab, als hätte sie selbst sich der tödlichen Dinge bedient? Nur die durch Miezis Zeugnis erwiesene Lüge, daß Fräulein v. Orville die Gräfin Meersburg vom Schlafengehen bis zum Morgen nicht mehr gesehen, konnte zur Falle werden, die sich durch den Vorwand, es vergessen zu haben, daß sie selbst ihr kurz vor Mitternacht die Spritze und das Medikament gebracht, für Fräulein v. Orville zu einem schweren Verdachte gestalten mußte, der sich auch der Padrona der Ca' del Leone aufgedrängt hatte. Mir wurde er zur zweifellosen Gewißheit durch den Inhalt des Notizbüchleins, denn die Zitate darin verdichteten sich jetzt zu einer sehr verhängnisvollen Meinung, die das Benehmen des Grafen Meersburg noch bestärkte. Doch das Buch wie das Büchschen mit dem reinen Morphium, das eine Verstärkung der vorgeschriebenen Dosis nach Belieben gestattete, ohne daß jemand darum wußte, waren wohl zur Zeit der Tat in dem grünen Pompadour schon so gut versteckt, daß keine noch so genaue Durchsuchung zu ihrer Entdeckung führen konnte, die mir durch einen reinen Zufall vorbehalten war.

Was sollte ich nun tun? Was mußte ich tun? Der irdischen Gerechtigkeit zu Hilfe kommen zur Sühne eines Verbrechens, für das ich wohl den Verdacht hatte, aber noch lange keine genügenden Beweise? Dazu bedurfte es mehr, und wenn ich sie erlangte, welches Recht hatte ich, eine Sache aufzuwühlen, in der Lilis Name noch einmal durch den Schmutz gezogen werden würde. Nein, das zu veranlassen, fühlte ich mich weder berufen noch auch geneigt. Tat ich noch weitere Schritte in dieser dunklen Sache, um sie aufzuklären, so sollten sie nur dazu dienen, Lilis Andenken von dem Vorwurf des Selbstmordes zu befreien. Ich hatte mich verpflichtet, Frau Möller das Ergebnis meiner Nachforschungen mitzuteilen, mochte sie dann damit tun, was ihr gut dünkte.

Zunächst wollte ich den Arzt sprechen, der den Totenschein ausgestellt und das Protokoll auf genommen hatte. Das von der Padrona entliehene Adreßbuch belehrte mich, daß Doktor Folgi dicht am Rialto wohnte, und dorthin begab ich mich unverweilt, denn es war fast Mittag geworden und ich hatte die beste Aussicht, ihn um diese Zeit daheim zu treffen. Als ich bei ihm läutete, trat er gerade aus der Tür heraus: ein Mann in den sogenannten besten Jahren, klug, aber überarbeitet aussehend. Er bedauerte sehr, mich gerade jetzt nicht bei sich empfangen zu können, denn er sei telephonisch in das Hospital gerufen worden. Als ich ihm aber sagte, ich sei kein Patient, sondern käme in einer Privatangelegenheit, so forderte er mich mit echt italienischer Zuvorkommenheit auf, ihn zu begleiten, vorausgesetzt, daß ich meine Angelegenheit unterwegs erledigen wolle. Dazu war ich gern bereit, und indem wir zusammen durch das Gewirr von Gassen und Brücken nach dem Hospital zu gingen, erklärte ich, um was es sich für mich handelte. Ich hätte die Gräfin Meersburg gekannt, und das Gerücht, daß sie freiwillig aus dem Leben geschieden sei, täte mir so wehe, daß ich mich entschlossen hätte, vor der rechten Schmiede anzuklopfen, um Gewißheit zu erlangen.

Doktor Folgi schien meine Erklärung vollkommen zu verstehen. »Ich kann Ihnen aber nicht mehr sagen, als Sie wahrscheinlich selbst schon gehört haben,« versicherte er lebhaft. »Als ich zu der Contessa gerufen wurde, war sie schon lange tot – mindestens seit acht Stunden, wahrscheinlich länger.

Die Todesursache habe ich wahrheitsgemäß als eine Überdosis von Morphium angegeben; sie muß an einer Herzschwäche gelitten haben, denn die paar Tropfen der Lösung, die sich in dem Fläschchen, das ich an mich nahm, vorfanden, waren so schwach, daß selbst drei bis vier Einspritzungen im Lauf einer Nacht ihr ohne ein solches Leiden nichts geschadet hätten. Eine Obduktion hat nicht stattgefunden, ich kann also nicht sagen, ob sie an Herzschwäche gelitten hat. Ebensowenig kann ich sagen, ob Selbstmord oder Unvorsichtigkeit vorlag; ich habe angesichts der Jugend, Schönheit und Lebenslage der Verblichenen das letztere angenommen. Daß sie sich nach der Aussage der – übrigens verteufelt schönen Gesellschafterin ohne deren Vorwissen in den Besitz des Morphiums und der Spritze gesetzt hat, ist für mich kein Verdachtsgrund dafür, daß sie sich damit zu töten wünschte, sondern einfach ein Krankheitssymptom, das wir Ärzte alle Tage beobachten können und das auch der Laie unter dem Namen Morphiumsucht kennt. Ich habe übrigens nur zwei Stiche am linken Arm der Verblichenen entdecken können, die ich als frische Marken erkennen konnte die anderen Spuren, die ihre Haut noch aufwies, waren wesentlich älteren Datums und durchaus nicht so zahlreich, wie man sie bei Morphiumsüchtigen sonst findet. Aber das erklärt sich daher, daß die Gräfin das Mittel selbst nicht in der Hand hatte.«

Das klang ganz einfach und wäre überzeugend gewesen – wenn Fräulein v. Orville nicht andere Dinge zu Protokoll gegeben hätte, als die Miezi aussagte, und wenn ich nicht das Gefühl gehabt hätte, als hielte der Doktor mit etwas zurück.

»Ich bin Ihnen dankbar für das, was Sie die Güte hatten, mir zu sagen, denn es klingt beruhigend,« sagte ich, vorsichtig meinen Weg verfolgend. »Da Sie auch das Fläschchen mit dem Morphium an sich genommen haben und den Rest seines Inhalts untersuchten, so bleibt ja wohl für eine etwaige Annahme, als hätte die Gräfin eine andere, stärkere Lösung besessen, kein Raum übrig.«

Folgi antwortete nicht gleich. »Darüber sind mir, offen gesagt, später Zweifel gekommen,« begann er endlich zögernd. »Denn wenn kein Herzleiden vorlag, dann war die Dosis nicht stark genug, um den Tod einer so jungen Person herbeizuführen. Wären die Herrschaften Italiener gewesen, so hätte ich wahrscheinlich eine Obduktion beantragt, trotzdem ein Muß bei der Einfachheit des Befundes nicht vorlag. Aber da die Herrschaften Ausländer waren, so hatte ich gar keine Veranlassung, auf den Fall noch zurückzukommen, nachdem die Beisetzung schon stattgefunden hatte. Ich hatte mit dem Fläschchen auch das Instrument an mich genommen, nachdem ich es in sein auf dem Nachttische liegendes Etui getan. Da ein Kriminalfall nach meiner Überzeugung nicht vorlag, so war es unnötig, das Instrument zurückzuhalten, und ich wollte demgemäß dem Grafen den Apparat wieder erstatten. Ich steckte das Etui zu mir, um es bei einem Krankenbesuch in der Nähe der Ca' del Leone abzugeben, dabei fiel mir aber ein, daß die silberne Spritze noch nicht gereinigt war, und wenn sie etwa wieder gebraucht würde, so konnte diese Unterlassung zu Dingen führen, die mir zur Last gelegt werden konnten, und das mit Recht. Ich legte also die Spritze einstweilen in mein Laboratorium, wo ich die chemischen Untersuchungen vornehme, und dabei kam mir der Gedanke, die Spritze einer solchen zu unterwerfen, was ich bisher für überflüssig gehalten hatte. Um es kurz zu machen: ich erkannte daran eine so wesentlich stärkere Morphiumlösung als die, welche die Flasche enthalten, daß ich die Todesursache darauf zurückführen mußte. Aber wo war die Flasche geblieben, die diese andere Lösung enthalten hatte? War sie nachträglich gefunden worden? – Als ich mit meiner Wissenschaft nach der Ca' del Leone ging – mehrere Tage später, weil gerade damals überhäufte Arbeit die chemische Untersuchung hinausgeschoben hatte – da fand ich das Haus leer. Da hab' ich denn die Sache fallen lassen; ein Leid geschah ja niemand damit, und dem Witwer wurde nur das Unbehagen erspart, zu wissen, daß seine Frau hinter seinem Rücken sich in den Besitz des Mittels in verstärkter Dosis zu setzen gewußt hatte, was ihr nicht einmal schwer gefallen sein kann, da bei uns leider für ein gutes Stück Geld immer Leute zu finden sind, die auch dem Laien ein solches Mittel trotz seiner Gefährlichkeit verabfolgen. Die Absicht war wohl zweifellos: sie fand die verabreichte Dosis wirkungslos und wollte sie auf eigene Faust verstärken; dabei hat sie des sogenannten Guten zuviel getan, aber wie ich fest überzeugt bin, nicht um sich damit zu töten, sondern aus bloßer Unkenntnis der tödlichen Wirkung.« Der Doktor schloß seinen interessanten Bericht: »Jetzt wissen Sie alles, was ich Ihnen sagen kann – es war mir ein Vergnügen, Ihnen dienen zu können.«

Damit empfahl er sich von mir, denn wir standen vor der Tür des Hospitals. Ich bedankte mich und ging denselben Weg wieder zurück, weil ich ja noch auf dem Polizeibureau die Adresse von Fräulein v. Orville erfahren wollte.

Unterwegs hatte ich Zeit, über das Gehörte nachzudenken. Nur mit Kopfschütteln konnte ich darüber nachsinnen, daß dem guten Doktor die Idee, den Apparat chemisch zu untersuchen, etwas spät gekommen war, und er sich mit seiner Entdeckung im Hintergrunde hielt, wobei ich ihm freilich gerne zugab, daß er von seinem Standpunkte mit seiner Theorie recht hatte, aber gleichwohl war mir die Mitteilung zu einem neuen Gliede meiner Kette geworden. Das bis auf wenige Tropfen geleerte Morphiumfläschchen war also nur zur Schau, zur Ablenkung hingelegt worden, die stärkere Lösung aber in den Händen einer andern Person, nicht in denen der Verstorbenen, gewesen.



Dreizehntes Kapitel.

Als ich wieder an den Rialto zurückkam, verspürte ich, wenn auch nicht den rechtschaffenen Hunger eines normalen Menschen, so doch eine Schwäche und Flauheit, die mich daran erinnerte, daß es längst Mittagszeit war. Ich folgte daher dieser Mahnung und trat in ein gut aussehendes Restaurant am Goldonidenkmal ein, das von Einheimischen und Fremden überfüllt schien; indes fand ich noch ein Tischchen mit zwei Gedecken frei und setzte mich erschöpft daran nieder, indem ich, bis mein Essen kam, wie ein verhungerter Handwerksbursche zunächst über das Brot herfiel, und mit einem gewissen milden Gefühl des Mitleids den neuen, einzeln und in Gruppen hereinkommenden Speisebedürftigen zusah, die sich vergebens nach einem Platz umsahen, um dann, je nach ihrem Temperament, schimpfend oder lachend wieder abzuziehen; denn so sehr sich die weißbeschürzten Kellner auch zu zerreißen schienen – den Platz, der nicht da war, konnten sie nicht schaffen. Merkwürdigerweise übersahen sie dabei den leeren Stuhl an meinem Tischchen ganz; dieses lag aber auch so in einem Winkel hinter der nur mit einem Vorhang geschlossenen Tür versteckt, daß es schon möglich war, es zu übersehen.

Gerade als ich mir gratulierte, daß kein beliebiger Messerkünstler kam, mir den Appetit zu verderben, wurde der Vorhang wieder von einer schmalen, schwarzbehandschuhten Hand zurückgeschlagen, und herein trat eine hohe, schlanke, schwarzgekleidete, dichtverschleierte Frauengestalt, eine Dame, bei deren Anblick ich wie gestochen in die Höhe fuhr: es war die Fremde, die ich vor dem Grabe auf San Michele getroffen hatte. Sie überflog das dichtgedrängte Lokal mit den Blicken und schien sich wieder zurückziehen zu wollen; da gewahrte sie den freien Platz an meinem Tische, zögerte einen Moment und trat dann näher.

»Ist der Platz frei?« fragte sie auf italienisch mit einer tiefen, melodischen Stimme, die mir durch Mark und Bein ging, denn ich hatte diese Stimme schon gehört hinter dem Spitzenschleier der Maske, die das Gesicht der »Kaiserin Josephine« verbarg! Ich täuschte mich sicher nicht, denn es war eines der seltenen Organe von dem tiefen metallischen Wohllaut des Kontraaltes, wie man es nicht oft hört.

Auf meine deutliche Erwiderung: »Ja, der Platz ist frei«, neigte sie kaum merklich den Kopf, setzte sich mir gegenüber und bestellte bei dem eben mit meinem Essen erscheinenden Kellner die »Colazione«, das schon zusammengestellte und bereite Gabelfrühstück.

Während ich mit meiner Mahlzeit begann, zog sie ihre Handschuhe aus, ohne mich dabei mit einem Blicke zu streifen, und dann nestelte sie, worauf ich schon mit angehaltenem Atem gewartet hatte, ihren dichten Schleier von dem großen, federngeschmückten Hute los und hing ihn über der Lehne ihres Stuhles auf.

Frau Möller hatte recht; es war ein gemmenartiger Kopf, so regelmäßig und tadellos, wie aus Alabaster geschnitten, ein Kopf, wie man ihn auf den Medaillen und Büsten römischer Kaiserinnen sieht, mit dem durchsichtigen, klaren, farblosen, wunderbaren, milchweißen Teint, der so oft mit dem roten Haar verbunden ist, aber bei meinem Gegenüber nicht eine Spur des sonst üblichen Makels der Sommersprossen hatte. Vielleicht trug sie diesem seltenen Teint, dieser Schönheit zuliebe den dichten Schleier, vielleicht auch anderer Ursachen wegen. Aber dieses Gesicht, das für Bühne und Welt allein schon des Erfolges sicher war, schien mir die Spuren von Sorge oder Leid zu tragen, denn es war überscharf, der jugendlichen Rundung entbehrend, der vielleicht zu schmale rote Mund war zu fest zusammengepreßt und in den Winkeln herabgezogen, die feine Nase trat zu scharf hervor aus dem schmalen Oval, und um die Augen zogen sich dunkelblaue Ringe und ließen sie noch größer erscheinen, als sie in der Tat schon waren mit ihrer fast schwarzen Iris, die kaum noch etwas von dem Weißen sehen ließ.

In diesen merkwürdigen, gefährlichen Augen aber flackerte ein seltsam brennender Ausdruck – es waren wissende, hungrige Augen, als warteten sie auf etwas und wagten darum sich nicht zum Schlafe zu schließen, und sie waren überwacht, brennend von langen, langen Nachtwachen.

Diese Augen begegneten den meinen über den Tisch hinweg ohne das geringste Zeichen eines Wiedererkennens; aber das tat nichts, ich war entschlossen, ihrem Gedächtnis zu Hilfe zu kommen und pries meinen hungernden Magen, der mich hierhergeführt.

Nachdem ich mechanisch mein Essen beendet und die Gabel weggelegt hatte – sie wartete noch, den Blick auf das Tischtuch geheftet, auf ihre Mahlzeit – da hielt ich den Moment für gekommen. Ich erhob mich und machte ihr eine Verbeugung, indem ich sagte: »Fräulein v. Orville, wenn ich mich nicht irre?«

Sie sah mich gleichgültig an und neigte leicht den Kopf. »Sie kennen mich? Ich kann mich nicht erinnern, Sie gesehen zu haben.«

»Das ist allerdings nicht sehr schmeichelhaft für mich,« erwiderte ich im leichten Konversationstone. »Das kommt eben davon, wenn man eine Allerweltsphysiognomie hat.«

»Die haben Sie nun eigentlich nicht,« sagte sie, mich aufmerksamer ansehend. »Aber mein Gedächtnis ist so schlecht geworden – wenn man immer nur an eines denken muß, dann verwischt sich alles andere. – Wo haben wir uns doch gleich gesehen?«

»Zum ersten Male auf einem Maskenball in Berlin vor ein paar Jahren,« erwiderte ich in dem gleichen Tone. »Ich war unmaskiert als Ordonnanzoffizier vulgo Bärenführer für einen fremden Prinzen, den Chef meines damaligen Regiments. Sie, gnädiges Fräulein, trugen ein vielbewundertes Empirekostüm, und wurden allgemein die ›Kaiserin Josephine‹ genannt –«

»Sie täuschen sich in der Person,« unterbrach sie mich kühl.

»Ich hätte nie gewagt, Ihre ausgezeichnete Maske zu lüften, wenn ich nicht dazu gezwungen worden wäre durch eine der merkwürdigsten Verkettungen, die einem der sogenannte Zufall manchmal in den Weg wirft,« erwiderte ich immer im gleichen Tone, aber doch jetzt etwas bedeutungsvoller. »Als ehrlicher Mensch muß ich Ihnen nämlich einen Gegenstand – oder vielmehr zwei – zurückgeben, die mir in die Hände gefallen sind, ohne daß ich wußte, wem sie gehörten. Anzeigen in den gelesensten Blättern blieben erfolglos, und so mußte ich denn Spuren verfolgen wie ein Detektiv von Beruf, der ich indes nicht bin. Aber ich gebe vorgesetzte Ziele nicht so leicht auf und durfte das meinige um so weniger aufgeben, als ich mich ja nicht durch fremden Besitz bereichern konnte.

Nun denn – diese Spuren haben mich über jenen Maskenball nach Meersburg und endlich nach Venedig geleitet, und ich hatte vor, jetzt, nach dem Essen, Ihre Adresse hier zu erfragen, um Sie endlich wieder in den Besitz Ihres Eigentums zu setzen.«

»Nun, wenn Sie alle Ihre Ziele mit der gleichen Beharrlichkeit und Zähigkeit verfolgen, die großen wie die kleinen, dann verdienten Sie öffentlich als lebendiges Beispiel ausgestellt zu werden,« sagte Fräulein v. Orville nicht ohne Hohn. »Irrtümer scheinen Sie nicht abzuschrecken, wie der mir durchaus unverständliche Maskenball beweist –«

»Gnädiges Fräulein,« fiel ich ein, »ich mußte darauf vorbereitet sein, daß Sie den Maskenball verleugnen würden, auf dem Sie mir die Ehre erwiesen, auf ein Gespräch mit ebensoviel Geist als Originalität einzugehen. Daß Sie dieses Fest unter einer – sagen wir erborgten Flagge besucht haben, geht mich nichts an; daß Ihre Erscheinung in dem wundervollen echten Kostüm Aufsehen erregt hat, berechtigtes Aufsehen, dafür bin ich aber Zeuge! Als Liebhaber, und ich darf wohl sagen, Kenner alter Stoffe und Juwelen, habe ich den wundervollen grünen Brokat Ihrer Schleppe mit den eingewirkten, lorbeerumkränzten ›N‹ lebhaft vor Augen. Wo ist es Ihnen nur möglich gewesen, diesen Stoff aufzutreiben – von dem Halsband aus Irissteinen gar nicht zu reden, das wie ein Erbstück aussah, es wohl aber kaum sein konnte, denn ich habe es im letzten Winter bei – einem Trödler in Braunschweig wiedergefunden und erstanden. Ich wollte, der gute Mann hätte den Brokat auch gehabt!«

Fräulein v. Orville saß mir mit fest zusammengepreßten Lippen gegenüber und sah mich mit ihren dunklen Augen, die wirklich etwas Unergründliches hatten, an, daß ich mich zusammennehmen mußte, um meinen leicht plaudernden Ton beizubehalten.

»Und wo wollen Sie mich zum zweiten Male gesehen haben?« fragte sie, über meine Worte hinweggehend, als wäre es unter ihrer Würde, darauf zu antworten.

»Zum zweiten Male sah ich Sie vor dem Grabe der Gräfin Meersburg auf San Michele,« erwiderte ich, ohne mich in meiner Sicherheit beirren zu lassen. Da kam etwas Leben in ihre starre Erscheinung; sie bog sich ein wenig vor und schien mich jetzt überhaupt erst zu sehen. »Ja – nun erkenne ich Sie wieder,« sagte sie. »Sie brachten einen Kranz von Maiglöckchen auf das Grab! Waren Sie ein Freund vor ihr? Ich habe Sie nie dort im Hause gesehen.«

»Ich kannte die Gräfin, als sie noch unvermählt war. Ja, ich war ihr Freund,« entgegnete ich nicht ohne Überwindung, denn es wurde mir schwer, von ihr zu sprechen – mit dieser hier.

»Darum also brachten Sie ihr Maiglöckchen!« sagte sie wie für sich.

»Von denen Sie ein Sträußchen mit sich nahmen,« vollendete ich, sie fest ansehend.

»Ja,« gab sie ohne weiteres zu. »Es war zum ersten Male, daß jemand ihr diese Lieblingsblume, für die sie geradezu kindisch schwärmte, auf das Grab legte. Daran haben sie alle nicht gedacht, nicht einmal die eigene Mutter! Ich dachte – bah, es ist gleich, was ich dachte. Sie haben mich enttäuscht, Ihre Maiglöckchen!«

»Wieso enttäuscht?« fragte ich erstaunt.

In diesem Augenblick kam der Kellner, und erst als er wieder gegangen war, fragte ich noch einmal: »Warum haben meine Maiglöckchen Sie enttäuscht?«

»Ich hatte anderes von ihnen erwartet – mehr!« war die mich durchaus im Dunkeln lassende Antwort.

»Das verstehe ich nicht,« erwiderte ich kopfschüttelnd.

»Wie sollen Sie auch?« sagte sie achselzuckend, und versank dann in ein Schweigen, das man hätte ablehnend, vielleicht sogar unhöflich nennen können, wenn ich nicht das Gefühl dabei gehabt hätte, daß sie überhaupt gar nicht mehr wußte, wo sie war, so geistesabwesend irrten ihre Augen über Menschen und Dinge hin. Sie wußte augenscheinlich auch gar nicht, ob und was sie aß; meine Gegenwart hatte sie ganz vergessen. Es war kein geflissentliches Übersehen; ich war einfach für sie nicht da, mein auf sie gerichteter Blick berührte sie nicht.

Sie kam mir vor wie eine Person in einem der Umgebung entrückten Zustand der Hypnose, und ich redete sie auch nicht an, weil ich mehr fühlte als wußte, daß meine Worte ganz unverstanden verklingen würden.

Erst als ich den Kellner zum Zahlen rief, wachte sie auf, und in ihre Augen kehrte das Bewußtsein zurück. Auch sie zahlte und stand dann auf, um mit einer kaum merklichen Neigung des Kopfes vor mir hinauszugehen, ihren Schleier zurücklassend, der mir die willkommene Gelegenheit gab, ihr auf dem Fuße zu folgen.

»O danke,« murmelte sie, mir das für die Wärme des Tages unvernünftig dicke Gewebe abnehmend, und wollte weitergehen.

Aber so leicht sollte sie mir nicht entrinnen. »Wollen Sie die Güte haben, mir Ihre Adresse zu sagen, damit ich Ihnen Ihr Eigentum wieder zustellen kann?« fragte ich mit geschäftsmäßiger Höflichkeit.

Auch jetzt erkundigte sie sich mit keinem Worte, was ich eigentlich von ihr in den Händen hatte; und weil mir daran lag, ihr die Gegenstände allein, ohne Zeugen zu übergeben, um sie unbeeinflußt von einer in der Öffentlichkeit immerhin notwendigen Selbstbeherrschung zu beobachten, so sagte ich mit vollem Vorbedacht auch nicht, was es war.

»Meine Adresse?« wiederholte sie, und setzte dann plötzlich hinzu: »Und wenn ich Ihnen meine Adresse nun nicht geben will?«

»Wie Sie wünschen,« erwiderte ich unbewegt. »Ich werde sie dann doch wohl erfahren, denn nachdem ich mir so viele Mühe gegeben habe, zu ermitteln, wer der Besitzer der Gegenstände ist, die ich unter keinen Umständen zu behalten gedenke, so müssen Sie sich schon gefallen lassen, daß ich auch den letzten Schritt dazu tue«

»Natürlich – bei Ihrer Beharrlichkeit muß ich das erwarten,« entgegnete sie mit dem Schatten eines Lächelns, das ich aber erst verstand, als sie hinzusetzte: »Ich fürchte nur, daß Ihre kostbare Zeit unnütz damit vergeudet wird, denn ich bin hier unter einem anderen Namen – inkognito sozusagen.

»Wenn Ihr Inkognito dasselbe ist, wie in Braunschweig auf dem Versatzscheine des Trödlers, so kenne ich es: Anna Müller. Der Name ist ja so ungewöhnlich, daß ich unter den Anna Müllers der Fremdenliste die Auswahl haben werde.«

Es war, gelinde gesagt, wenig großmütig, jemand, noch dazu eine Dame, an die Stunde ihrer Not zu erinnern, aber es war leider das einzige Mittel, durchzudringen.

Es half auch. Der letzte Rest ihrer geistigen Abwesenheit verschwand; sie wurde ein wenig rot, lachte und warf mir dabei einen Blick zu, in dem Haß, aber mehr noch Furcht zu lesen war. »Anna Müller ist ein so harmloser Sammelname,« sagte sie. »Meine Mutter hieß übrigens so – ich bestehle also niemand damit.«

»Wie auch Ihr Inkognito lauten mag, gnädiges Fräulein,« entgegnete ich, »das ist allein Ihre Sache, und wenn Ihre Quartiergeber damit zufrieden sind, und die Behörde keine ihrer neugierigen Fragen stellt, so geht es niemand etwas an, ob und warum Sie Ihren Namen verbergen. In der Ca' del Leone, wo Sie gestern waren, um Wohnung zu suchen, hätten Sie aber doch wieder unter eigener Flagge segeln müssen, weil man Sie dort kennt.«

Fräulein v. Orville fuhr sichtbar zusammen, und die Furcht in ihren Augen war jetzt deutlich erkennbar. »Das wissen Sie auch?« rief sie. »Mein Himmel, warum in aller Welt errege ich denn so Ihr Interesse! Woher wissen Sie, daß ich gestern in der Ca' del Leone war?«

»Dabei ist weder Hexerei noch Spionage,« erwiderte ich ruhig. »Man hat es mir ganz einfach erzählt, denn ich bewohne das Zimmer, das Sie mieten wollten.«

»Sie – Sie bewohnen das Zimmer – dieses Zimmer!« wiederholte sie flüsternd, indem sie sich vorbeugte, um mich anzusehen. »Warum sagten Sie das nicht gleich? Bleiben Sie noch lange in Venedig? Ich muß dieses Zimmer haben, wenn Sie ausziehen –«

»Darüber müssen Sie sich mit der Padrona einigen,« antwortete ich kühl, aber innerlich sonderbar erregt. »Wie lange ich bleibe, weiß ich noch nicht – ich kann darüber keine festen Zusicherungen abgeben. Und wenn Sie nun die Güte haben wollten, mir Ihre Adresse zu sagen, oder sie auch zu verweigern, so will ich Sie nicht länger belästigen.«

Fräulein v. Orville strich sich über die Stirn, ohne den Blick von mir zu wenden. »Meine Adresse ist –« murmelte sie. »Wahrhaftig, ich hab' sie vergessen. Aber ich weiß den Weg. Kommen Sie, ich werde Ihnen das Haus zeigen, in dem ich wohne.«

Damit winkte sie mir, ihr zu folgen, und schritt, ohne meine Zustimmung abzuwarten, voraus, die belebte Straße hinter dem Fondaco bei Tedeschi entlang, über die nächste Brücke, bei der kleinen Kirche von San Giovanni Crisostomo mit ihren großen Meisterwerken vorbei über die folgende Brücke, dann wieder bei San Canciano vorbei in das enge Gassengewirr dieser Parochie, und ich folgte ihr schweigend und verwundert, wo der Weg ein Ende nehmen würde. Wo wir jetzt waren, begegnete man nur wenigen Passanten, und diese waren ohne Ausnahme Venezianer aus dem Volke – hierher verirrte sich selten ein Fremder, keinenfalls ein Tourist, denn hier gibt es für diese Leute nichts zu sehen, sondern nur für jene, welche Venedig, das wirkliche Venedig, sehen und kennen lernen wollen.

Auf einem kleinen, menschenleeren Platze hielt sie an und wandte sich nach mir um, indem sie auf ein Eckhaus mit wunderschönen Spitzbogenfenstern deutete. »Hier wohne ich – im dritten Stock,« sagte sie. »Ich werde morgen früh zu Hause sein. Da können Sie mir die Dinge bringen, die mir gehören sollen und wegen derer Sie sich so viele Mühe gegeben haben, mich ausfindig zu machen.«

»Ich werde morgen früh kommen,« erwiderte ich und zog den Hut zum Abschiede.

»Gut – kommen Sie! Die Treppen sind übrigens steil und dunkel – es ist ein altes, altes Haus, in dem es bei Nacht und bei Tage raunt und flüstert – die Geister der Vergangenheit. Ich habe aber keine Zeit, darauf zu hören, was sie mir sagen wollen. Ich warte. Und bei Nacht, wenn ich schlafen kann, dann träume ich. Träumen Sie auch manchmal? Träumt Ihnen in der Ca' del Leone? In dem Zimmer, dem Zimmer, in dem –«

Ich wußte, was sie meinte, ohne daß sie es aussprach. »Ja,« sagte ich, sie fest ansehend. »Mir träumt auch anderswo von ihr, die in diesem Zimmer starb. Es ist immer der gleiche Traum.«

Sie trat dicht an mich heran und legte mir die Hand auf den Arm, gespannteste Erwartung in den Augen, die geradezu übernatürlich groß und dunkel auf mich geheftet waren. »Wirklich?« flüsterte sie. »O bitte, bitte, sagen Sie mir, was Sie träumen!«

Ich zögerte, denn wir standen unter freiem Himmel auf der Straße – ich hätte das Experiment lieber unter vier Augen in geschlossenem Raume gemacht.

»Es hört's ja niemand,« drängte sie bittend. »Und wenn auch – die Leute hier ringsum verstehen nur Italienisch. Sagen Sie mir, was Ihnen in der Ca' del Leone und auch anderswo träumt. Träume sind so interessant! Oder nicht?«

»Das kann ich nicht behaupten,« erwiderte ich – unwillkürlich auch mit gedämpfter Stimme. »Der Traum, der mir immer wiederkehrt, ist für mich kein abstrakter Begriff, er scheint mir voll von einer Meinung zu sein, die auszudenken mich mit Trauer und Grauen erfüllt. Denn wenn ich von der Gräfin Meersburg träume, dann sehe ich sie vor mir in einem goldbordierten Kimono von weißer Seide, dessen linken Ärmel sie zurückstreift, um mir ihren Arm zu zeigen. Ich kann aber nicht erkennen, was sie mir zeigen oder andeuten will. Und dann –« ich holte tief Atem und fuhr langsam fort, ohne die Augen von ihr zu wenden – »und dann träumt mir, ich sähe sie in dem weißen Kimono im Bette liegen – in demselben, in dem ich jetzt schlafe. Da geht die Tür nach dem Korridor auf, und eine grau gekleidete Frauengestalt gleitet herein, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand und auf dem breiten Teller des Leuchters steht ein Fläschchen und ein kleines Etui. In dem Fläschchen aber ist nichts als eine farblose Flüssigkeit, und die graue Gestalt wirft es achtlos auf den Teppich neben dem Bett. Aus ihrer Kleidertasche aber zieht sie ein anderes Fläschchen, aus dem sie ein nadelartiges Instrument füllt, das sie aus dem Etui nimmt. Da wacht die Schlafende auf und erschreckt, als die graue Gestalt sich mit schmeichelnden Lauten über sie beugt und dann die Nadel in den linken Arm der Liegenden drückt. Die graue Gestalt aber –«

Ich hielt ein, absichtlich, nicht nur, weil Fräulein v. Orville meinen Arm so preßte, daß es schmerzte.

»Die graue Gestalt –?« flüsterte sie mit heißem Atem.

»Ich denke, sie ist der Tod,« vollendete ich.

Sie ließ meinen Arm los und wich einen Schritt zurück, aschgrau im Gesicht. »Was man doch alles zusammenträumen kann!« sagte sie nach einer Pause scheinbar leicht, aber ich sah, daß ihre Hände zitterten, und der Ausdruck von Furcht, mit dem sie mich ansah, war jetzt unverkennbar. »Haben Sie immer so lebhafte Träume?«

»Erst seitdem die Gräfin Meersburg gestorben ist,« entgegnete ich. »Ich habe sie einmal sehr lieb gehabt – da kommt sie wohl jetzt zu mir, um mir zu sagen – gleichviel, was! Träumen Sie, gnädiges Fräulein, auch von ihr? Sehen Sie sie auch in dem weißen Kimono? Es wäre kein Wunder, denn Sie haben sie ja, wie ich höre, so aufopfernd gepflegt – zu Tode gepflegt. Ob wohl Graf Meersburg von ihr träumen mag? Aber der träumt jetzt ganz andere Dinge – freilich mit offenen Augen, falls man es so nennen kann, wenn ein Mensch blindlings den dümmsten Streich seines Lebens begeht.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fiel sie mir mit flammenden Augen ins Wort, und ich wußte, daß ich jetzt die Viper, die in ihr schlummerte, aufgestachelt hatte.

»Ja, wie wollen Sie es denn anders nennen, wenn ein Mensch von seiner Lebensstellung, seinem Namen, keine dreiviertel Jahre nach dem Tode seiner Frau eine Chansonettensängerin von äußerst zweifelhaftem oder vielmehr ganz zweifellosem Rufe heiratet?« erwiderte ich achselzuckend.

»Eine Chansonettensängerin?« wiederholte sie fassungslos, und dann, wieder näher tretend, fuhr sie mich an: »Was reden Sie da für Unsinn?«

»Sie haben recht, gnädiges Fräulein – es ist Unsinn, und Graf Meersburg wird wohl früher oder später dahinterkommen – wahrscheinlich früher, als ihm lieb ist,« sagte ich zustimmend.

»Herr – wie heißen Sie? Was wollen Sie damit sagen?« rief Fräulein v. Orville, mich mit einem harten Blicke voll unsäglichen Hochmutes musternd. »Das – das, was Sie da andeuten wollen, ist doch wohl bloß ein dummes, gehässiges Gerede, und ich wundere mich, daß Sie sich dazu hergeben, eine solche alberne Lüge zu wiederholen!«

»Verzeihung, gnädiges Fräulein,« erwiderte ich kühl auf diese unerwartete Attacke, »es ist nicht meine Gewohnheit, alberne Lügen weiter zu verbreiten. Daß Sie übrigens eine so abenteuerliche Nachricht dafür halten konnten, nehme ich Ihnen nicht übel; ich hätte sie wahrscheinlich auch dafür gehalten, wenn Graf Meersburg mir nicht selbst gesagt hätte – erst gestern – daß er eben Hochzeit gemacht hat.«

»Er selbst hat es Ihnen gesagt? Gestern? Wo?«

»In Mailand. Er kam eben, um seine Sachen aus dem Hotel zu holen, als ich ihn sprach. Ich war eigens hingefahren, um ihn um Ihre Adresse zu bitten, aber er wußte sie nicht –«

»Wußte er sie nicht?« fragte sie mit einem Lächeln, vor dem mich ein Unbehagen beschlich. »Er hat immer ein schrecklich schlechtes Gedächtnis gehabt, der Graf Meersburg. Und wen, sagten Sie, soll er geheiratet haben?«

»Er hat eine Sängerin aus dem französischen Café chantant geheiratet. Wie sie wirklich heißt, weiß ich nicht; auf den Zetteln wird sie»la belle Odette« genannt.«

»Ja, ich habe den Namen gelesen, auch das Bild von ihr in irgend einem französischen Journal gesehen,« sagte Fräulein v. Orville mit dem gleichen fatalen Lächeln. »Wollen Sie mir die Adresse des Herrn Grafen geben, damit ich ihm noch gratulieren kann?«

Ich erschrak innerlich vor diesem Tone. Hatte sie sich denn wirklich eingebildet, Grund gehabt, sich einzubilden, daß der Graf Meersburg sie heiraten würde? Bis zu dieser Stunde? Unbehagliche Bilder stiegen vor meinen Augen auf von sich rächenden Verlassenen, die mit dem Revolver in der Hand das an ihnen begangene Unrecht zu sühnen kamen – und die Frau, die vor mir stand mit ihren brennenden, unergründlichen schwarzen Augen, dem weißen Gesicht mit dem giftbeerenroten Mund und dem kupferfarbenen Haar, das in der Sonne einen blutigen Glanz hatte – sie schien mir ganz geeignet zu solchem Gewaltakt.

»Gern würde ich's tun,« sagte ich scheinbar ganz ruhig. »Aber woher soll ich wissen, wo der Graf Meersburg heute ist? Wahrscheinlich auf der Hochzeitsreise Er reiste ja gestern gerade ab, als ich bei ihm war. Ich habe nicht gefragt, wohin. Es interessierte mich nicht. Wenn Sie mir also gestatten wollen, Ihnen morgen früh Ihr Eigentum wieder zu bringen, so werde ich kommen. Ist neun Uhr zu früh?«

»Neun Uhr?« wiederholte sie zweifelnd; sie hatte offenbar gar nicht gehört, was ich sie fragte. »Ja, dort in dem Hause wohne ich. Kommen Sie nur. – Was war es eigentlich, was Sie mir bringen wollten? Und – sind Sie sicher, daß Graf Meersburg Ihnen nicht gesagt hat, wohin er gereist ist? Glauben Sie nicht, daß er Ihnen mit dieser Nachricht von seiner Verheiratung etwas weisgemacht hat? Oder daß er es erst tun wollte?«

»Ich kann Ihnen nichts anderes sagen. Der Graf Meersburg hat mir – andere Sachen weis machen wollen, aber nicht das. – Verzeihen Sie, wenn ich Sie so lange aufgehalten habe –«

Damit zog ich den Hut, machte meine Verbeugung und ging, ohne mich umzusehen, meines Weges; aber als ich um die Ecke der Gasse bog, die mich nach dem Quartier der Apostoli führte, von wo ich mich besser zurückfand, da sah ich sie noch in der Sonne stehen auf dem gleichen Fleck – die schwarze, elegante Gestalt, mit der ich auf dem Kreislauf, zu dem der grüne Pompadour mich gedrängt, endlich zusammengetroffen war. Und ich wußte auch jetzt, daß sie es war, die in mir das sonderbare Gefühl des Umkehrenmüssens auslöste, als ich nach Venedig kam; ich wußte, daß dieses Gefühl von ihr ausgegangen war und sich in so merkwürdiger Weise meiner bemächtigt hatte. Ich war keine hundert Schritte fern von ihr, da fühlte ich diesen Einfluß wieder und brannte dabei darauf, daß es schon morgen sein möchte, und ich mit Pompadour, Büchslein und Notizbuch vor sie hintreten könnte – zur endgültigen Rechenschaftslegung.

Die Erzählung meines Traumes hatte in gewisser Hinsicht versagt, wenn ich die Furcht in ihren Augen für nichts rechnen wollte, aber das tat ich nicht. Sie war dagewesen, diese Furcht, und sicherlich war sie immer noch eine meiner wirksamsten Waffen. Freilich war sie auf ihrer Hut; sie war's wohl gewohnt, sich und ihre Gefühle in der Gewalt zu haben – wer weiß, vielleicht war der Vogel fortgeflogen, wenn ich morgen kam, um ihr die Dinge zu bringen, nach denen sie nur einmal und zwar ganz nebenbei gefragt hatte. Ich hätte darauf bestehen sollen, heute schon zu kommen, aber freilich, bis ich den Weg aus diesem fernen Stadtteil bis zur Ca' del Leone und zurück gemacht hatte, da konnte sie auch längst über alle Berge sein, zum mindesten aber das Haus verlassen haben und spurlos in dem Häusergewirr Venedigs verschwunden sein.

Ich nahm es als fast sicher an, daß ich sie morgen nicht mehr finden würde – so geht's, wenn man gar zu klug sein will und seinen Haupteffekt für den fünften Akt aufspart wie in einem Drama! Und wenn ich sie wirklich morgen noch antraf – was ich nicht glaubte – würde der grüne Pompadour mit samt seinem Inhalt nicht ein ganz verpuffter Knalleffekt sein, nachdem mein Traum tatsächlich, wenn auch nicht gerade moralisch versagt hatte? Freilich, wohl nahm ich mir vor, morgen rücksichtslos mit Hochdruck vorzugehen, keine halbverschleierten Andeutungen mehr zu machen, sondern klar und deutlich meine Anklage auszusprechen unter Zusicherung »freien Abzuges« gegen ein offenes Geständnis, aber viel versprach ich mir nicht davon, wenn ich Fräulein v. Orville richtig beurteilte als eine Person, die, wie man so sagt, mit allen Hunden gehetzt ist.



Vierzehntes Kapitel.

In der Ca' del Leone drohten die Zimmer mich zu ersticken. Ich mußte wieder hinaus. Das Haus durch den Garten verlassend, schien mir's erst, als wäre diese grüne Wildnis der rechte Ort für meine Stimmung; es war keine Menschenseele darin, und ich setzte mich auf einen Marmorblock, der, zur Hälfte zu einem Säulenknauf behauen, wohl noch von dem begonnenen Bau her liegen geblieben war; aber das Raunen und Weben über mir in den frischgrünen Wipfeln nahm, für mein Ohr wenigstens, eine Bedeutung an, die eine derartige Wirkung auf meine Nerven ausübte, daß ich wieder aufsprang und in die Gasse hinaustrat, die hinter dem Garten des Palazzo Dario vorbei in der Richtung zur Salute weiterführt. Vor der schönen, leider jetzt zum Magazin degradierten Kirche von San Gregorio brachte mich die daneben offenstehende Pforte zum Klosterhof auf den Gedanken, mich dahin zu flüchten; der wunderbare, träumerische Friede, der in diesen verlassenen Kreuzgängen wohnt, die den grasüberwucherten Hof mit dem steinernen »Pozzo«, der ausgetrockneten Zisterne, in seiner Mitte umschließen, die blindgewordenen Scheiben der Zellenfenster, über die dichte Ranken wilden Weines fallen von der Pergola auf dem flachen Dache, über das die Kuppeln der Salute hinüberragen – dieser Friede hatte mich manches Mal schon hergelockt und zum Träumen eingeladen. Und dann der Blick, den man durch die offene gotische Pforte auf den Kanal Grande hat – ja, das war heut der rechte Ort für mich. Fremde verirren sich nur selten in diesen stillen Klosterhof, denn die zur Salute wollen, nehmen nur dann den Landweg dahin, wenn sie's überhaupt wissen, daß man zu Fuß gehen kann, und dann tun sie's auch nur, wenn sie Zeit genug für Venedig haben und die kleine Pforte nicht übersehen, die neben der Kirche in den verträumten Kreuzgang führt.

Es war, wie ich gedacht: der Klosterhof war leer, und ich schritt quer durch, dem Kanal zu, auf dem die Nachmittagsonne glitzerte und leuchtete. Als ich aber in den tunnelartigen Gang trat, der zu der Wasserpforte führt, trat mir eine weiße Gestalt, die ungesehen von mir, dahinter gestanden haben mochte, entgegen, und einen Augenblick dachte ich an schleunigen Rückzug, aber wirklich nur einen Augenblick, denn es war ja Ilse Möller, die mit ausgestreckter Hand auf mich zukam und mit einem Male sogar den dunklen Gang mit hellem Sonnenschein erfüllte.

»Gott sei Dank, daß ich Sie treffe!« sagte ich aus tiefster Seele heraus. »Ich hatte nie im Leben einen Menschen nötiger als in diesem Augenblick.«

Sie sah mich mit ihren lieben blauen Augen ernsthaft an. »Warum sind Sie denn nicht mehr zu uns gekommen?« fragte sie mit leisem Vorwurf, der mich aber, ohne daß ich's wußte, ganz glücklich machte.

»Ich konnte nicht – und hätt' ich's gekonnt, dann hätt' ich's nicht gewagt in der Stimmung, in der ich mich befinde,« gestand ich ehrlich.

»Darin haben Sie unrecht, denn wo man sicher ist, Sympathie zu finden – nicht bloße ›Maulsympathie', wie's eine Verwandte von uns nennt, sondern richtige, echte – dahin kann man immer kommen,« kanzelte sie mich ab und setzte schelmisch hinzu: »Sie werden ja auch nicht, wie weiland König Saul, gleich mit Schwertern um sich werfen – nicht wahr? Aber was ist Ihnen denn eigentlich geschehen? Sie sehen wirklich aus, als – als hätten Sie etwas durchgemacht, etwas Trauriges!«

Mir ging das Herz auf vor dem Blicke dieser reinen, klaren Kinderaugen; mir war's, als fielen die Schatten der letzten Tage ab von mir und ich atmete förmlich auf. »Trauriges und Schreckliches,« sagte ich leise und doch wie befreit.

Da gab sie mir noch einmal die Hand und öffnete die Lippen, als wollte sie eine Frage tun, aber dann schüttelte sie mit dem Kopfe und schlug sich auf den Mund. »Sie werden's schon von selbst sagen, was Sie drückt, wenn Sie's sagen dürfen – nicht wahr?« fragte sie herzlich. »Nämlich wenn Sie erst wissen, was für Menschen wir sind, und welch gute, treue Freunde wir sein können, mein Alterchen und ich. Wissen Sie, von der Sorte ›durch dick und dünn‹ sind wir! Er macht eben einen Besuch, nämlich der Vater, bei einem Geschäftsfreunde – dort bei der Salute, und da warte ich hier auf ihn. Wenn Sie mir also warten helfen wollen –«

Ob ich wollte! So gern, daß ich Herrn Möller großmütig eine ausgiebige Aussprache mit seinem Geschäftsfreunde wünschte, damit der gute Mann seinen Weg doch nicht umsonst gemacht hatte. Wir setzten uns also auf den Rand des Pozzo, mitten in die Sonne, und plauderten, das heißt Ilse besorgte das größtenteils allein, und ich hörte der lieben Stimme zu mit einem Wohlbehagen, vor dem der letzte Rest der Schatten wich und ich wieder das Gefühl bekam, in reiner Luft zu atmen. Dabei kam es mir so recht zum Bewußtsein, durch welchen Schlamm ich gewatet war, noch zu waten hatte, bis – nein! Ich wollte nicht mehr, wollte nicht weiter! Ich wollte Fräulein v. Orville morgen ihr Eigentum durch einen Boten zuschicken. Was ich wissen wollte, war mir zweifellos geworden; was nützte es mir und Lili, wenn ich auch noch das Tüpfelchen auf das i setzte.

»Wissen Sie, Herr Eichwald, daß Sie schrecklich zerstreut sind?« schreckte mich ein energischer Apell von Ilse Möller aus meinen Gedanken auf.

»Im Gegenteil – ich bin ganz gesammelt,« verteidigte ich mich. »Ihre Gegenwart hat mich zu einem Entschluß gebracht, den ich wahrscheinlich sonst nicht gefaßt hätte. Es ist doch schön, wenn man weiß, daß man Freunde hat. Und es ist lieb von Ihnen, mich zu den Ihrigen zu rechnen, mich nicht nur in die Klasse der guten, alten Onkels einzureihen, von denen Sie wahrscheinlich so schon ein Schock haben, das Sie mit Bonbons versorgt. Was ich übrigens auch mit Wonne besorgen würde.«

»Das ist hübsch von Ihnen, aber so eigennützig bin ich denn doch nicht, daß ich bloß auf das Materielle sehe,« erwiderte sie mit einem Zucken ihres Mundes. »Gerade als ob ich ein Backfisch wäre, der – der –« Sie brach ab, und in den kornblumenblauen Augen schimmerte es verdächtig feucht.

»Ich wollte Sie nicht kränken – es war ja bloß eine Neckerei,« versicherte ich reuig. »Fräulein Möller, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie wohl mir's in Ihrer Gesellschaft ist, wie Ihre freundliche Nähe mir immer wie ein Sonnenstrahl erscheint, der mich erwärmt, wenn's so recht kalt in mir geworden ist! Es war mir schrecklich kalt, als ich eben hierher kam, und so dunkel war's um mich! Geben Sie mir die Hand und sagen Sie mir, daß Sie mir immer ein lieber, treuer Kamerad bleiben wollen – ein David für den Saul, der dafür auch versprechen will, nicht mit Schwertern um sich zu werfen, Sie nicht durch dumme Neckereien zu kränken, mag die Versuchung dazu auch noch so groß sein.«

»Das fehlte noch!« lachte sie, während das Feuchte in ihren Augen jetzt in Form von zwei dicken Tränen über ihre weichen Wangen rollte. »Necken Sie immerzu, wenn Sie nur verstehen, wann ich's ernst meine. Halten Sie mich nicht etwa für eine dumme Heulliese, die so nahe ans Wasser gebaut ist,« und energisch schüttelte sie die funkelnden Tropfen ab. »Ich – ich dachte ja bloß, Sie machen sich über mich lustig, während ich's doch so ernst meinte, weil ich sehr gut sah, daß Sie Kummer haben, und weil mir das wehe tat – und noch tut. Also –« sie streckte mir ihre Hand entgegen, »also auf gute Freundschaft denn, bis – bis –«

»Bis einer kommt, der andere, der Herrlichste von allen, der mir das Amt abnimmt,« vollendete ich, die schlanke, kleine Mädchenhand drückend. Und als sie sie heftig zurückzog, setzte ich seufzend hinzu: »Das ist der Lauf der Welt, der natürliche Lauf der Dinge, – es sollte keine Neckerei sein. Ins Kloster werden Sie doch wohl nicht gehen wollen!«

»Nein – schon weil sie mich dort umgehend wieder hinausjagen würden,« erwiderte sie ehrlich. »Wenn Sie damit aber meinen, daß ich – – ich werde mich nie verheiraten, nie, werde mein gutes Alterchen nicht allein zurücklassen –«

»Das glauben Sie selbst jetzt wahrscheinlich noch steif und fest, Fräulein Möller, aber das ändert sich mit einem Schlage, wenn das ›Wunderbare', wie Ibsens Nora sagt, erst kommt. Es kommt für jeden Menschen einmal, das Wunderbare, glauben Sie mir! An vielen geht's ja freilich mit einem kurzen Gruße vorbei, wie bei mir zum Beispiel, um nicht wiederzukommen, aber Sie sind doch ein Sonntagskind, und bei solchen bleibt es gern. Ich will's Ihnen von Herzen wünschen.«

»Woher wissen Sie denn, daß das ›Wunderbare‹ nicht auch schon bei mir vorübergegangen ist?« murmelte sie abgewandt.

Ich antwortete nicht gleich, weil mich etwas schmerzte – ich wußte nicht recht, was und warum. »Nein,« bemühte ich mich dann, recht zuversichtlich und onkelhaft zu sagen, »Sie haben es wohl nur verkannt – und wenn nicht, dann wird, dann muß es schon wiederkommen!«

Sie schüttelte den Kopf, und ich spürte jetzt ganz deutlich, wie sich das Herz in mir zusammenzog – für dieses reizende, blonde Kind natürlich, aus purem menschlichem Gefühl, und weil mir das Lied einfiel von dem Vögelchen: Stürme, ach! haben's entfiedert, Liebe, sie drückt unerwidert – –

Arme kleine Ilse!

Nach einer Pause fingen wir dann an, von anderen Dingen zu reden, und nach einer Weile kam Vater Möller, sein Töchterchen zu holen, und ich begleitete beide zurück bis zur Dampferstation, nachdem wir noch bis zur Salute zusammen gegangen waren und auf dem Kai vor dem Seminar unsere Promenade gemacht hatten.

Bei mir daheim kam dann die alte, graue Stimmung wieder über mich, doppelt grau, nachdem ich Ilse Möllers sonnige Gegenwart nicht mehr um mich spürte. In der Nacht träumte mir lebhafter denn je von Lili, so lebhaft, so eindringlich, so zwingend, daß am Morgen mein Vorsatz vom Tage zuvor nicht nur wankend geworden war, sondern der Entschluß, diese traurige Angelegenheit zum Abschluß zu bringen, sich mir förmlich zum Zwange gestaltete. Und doch steckte ich nur mit Widerwillen das Notizbuch und das Büchschen zu mir und machte mich so gegen halb neun Uhr auf den Weg nach dem fernen Sestiere, wo Fräulein v. Orville wohnte.

Es schlug neun Uhr auf dem Campanile von San Cassiano, als ich den kleinen Platz erreichte und das alte Haus mit den schönen Spitzbogenfenstern betrat – jedenfalls ein ehemaliger Palazzo, von dessen verschwundener Pracht noch die große Eintrittshalle, der loggienumgebene Hof mit dem Pozzo in der Mitte, die breiten Marmortreppen zeugten. Aber alles war verwahrlost, ärmlich, unsauber, von sogenannten »kleinen Leuten« bewohnt, und nur im dritten Stock oben war alles ordentlich gefegt, mit Strohmatten belegt, und eine sauber aussehende ältere Frau öffnete mir den Glasabschluß, an dem ich auf gut Glück die altmodische Drahtklingel zog. Ja, sie war die Padrona der möblierten Zimmer, von denen zwei eben gerade frei wären –

Ich mußte die gute Seele in bezug auf mich als etwaigen Mieter leider enttäuschen, indem ich erklärte, ich käme zu ihrer Mieterin, der Signora – ich murmelte etwas Unverständliches, denn ich wußte ja nicht sicher, wie sich Fräulein v. Orville hier nannte.

»Oh, die Signorina Müller,« machte die Padrona enttäuscht. »Die! Sind Sie ein Verwandter?«

»Nein,« erklärte ich. »Ich kenne die Signorina nur zur Not, aber ich habe ihr etwas zu bringen. Wollen Sie mich bei ihr melden? – Ist sie noch bei Ihnen?« setzte ich nicht ohne Neugier hinzu.

»Ja freilich, sie ist noch bei mir,« erwiderte die Padrona, wie mir schien ohne besonderen Enthusiasmus. »Schade, daß Sie kein Verwandter sind, der ein Auge auf sie haben könnte, denn sie ist sehr sonderbar, die Signorina! Seit sie gestern nachmittag heimkam, ist sie direkt – hm – direkt verrückt.«

»Wieso,« erkundigte ich mich befremdet.

»Eh, wenn das nicht verrückt ist, wenn eines, statt in der Nacht zu schlafen wie jeder andere ordentliche Christenmensch, in der Stube hin und her rennt und laut dazu deklamiert, daß man selber nicht dabei schlafen kann, und wenn man dabei lacht – lacht, daß es einem kalt den Rücken herunterläuft! Misericordia! Ich habe die Mieter nötig wie's liebe Brot, aber am Tage, wo die Signorina auszieht, werde ich der Madonna von Nicopeja in San Marco eine Kerze opfern – so dick wie die Osterkerze!«

»Will sie denn fort?« fragte ich.

»Ja, sie sagte gestern, sie ginge bald fort. Aber wann? Davon kein Wort! Gefragt habe ich schon, aber sie sagte immer nur: ›Bald!‹ Nun, man will doch nicht drücken, Signore – wenn Sie es Ihnen sagt, nicht wahr, Sie geben mir dann einen Wink, denn ich muß doch beizeiten die Zettel wieder drunten an die Tür hängen und das Zimmer anzeigen!«

Ich versprach's gern und bat noch einmal, gemeldet zu werden.

»Klopfen Sie nur bei ihr an – dort, das ist ihre Türe,« wurde ich beschieden.

Ich folgte dem Rat. Aber kein »Herein!« lud mich ein, näher zu treten, und als ich unentschlossen mich wieder umwendete, bedeutete die Padrona mir, einfach die Tür aufzumachen.

»Wenn sie so ist, hört sie doch nichts,« versicherte sie.

Ich war nun eigentlich neugierig, wie das wohl wäre, wenn sie »so« ist, und als ein nochmaliges Klopfen nichts fruchtete, machte ich entschlossen die Tür auf.

Auf dem Fußboden des großen, aber dürftig möblierten Raumes saß Fräulein v. Orville in einem goldstarrenden Kimono, dessen leuchtendes Orangegelb mit ihrer weißen Haut und ihrem kupferroten Haar eine Farbenorgie bildete, die einen Maler begeistern konnte, und dessen Kostbarkeit für die Kaiserin von Japan nicht beschämend gewesen wäre, um sie herum aber herrschten die Greuel der Verwüstung. Auf dem Fußboden über das ganze Zimmer zerstreut lagen in furchtbarstem Durcheinander die grundverschiedensten Gegenstände, die ihre fahrende Habe umfassen mochte: Kleider mit herausgekehrten Taschen, seidene Unterröcke, Wäschestücke jeder Art, Papiere, ihres Inhaltes beraubte Kästchen, Mappen und Täschchen, Bücher und Photographien – alles im schrecklichsten Chaos verstreut.

»Sie sind es?« fragte sie, mich mit einem gleichgültigen Blicke gewissermaßen verständnislos streifend, ohne auch nur die Miene zu machen, als ob sie sich erheben wollte. »Ich suche, suche, suche, und kann nicht finden, was ich suche!« fuhr sie mehr für sich fort, als in der Absicht, mir eine Erklärung dieses Durcheinanders zu geben. »Wo kann ich es nur hingesteckt haben? Und wie soll ich denn mein Drama schreiben, wenn ich die Stichworte nicht finden kann? Haben Sie vielleicht einen Shakespeare? Die Padrona hat natürlich keinen!«

»Natürlich nicht,« murmelte ich mit einer Ironie, die nur aber ganz fern lag, schon weil das Bild vor mir zu außergewöhnlich war.

»Was wollten Sie nur gleich von mir?« sagte Fräulein v. Orville, sich über die Stirn fahrend. »Sie sagten gestern – oder wann war es? Was sagten Sie eigentlich? – Ha – vielleicht ist es hier –« Und damit langte sie nach einem zusammengeknäulten Bündel altrosa Atlasstoffes und schüttelte es wild auseinander. Der rosa Atlas aber war nur das Futter des nach innen gekehrt gewesenen Stoffes, und dieser glich meinem grünen Pompadour wie ein Ei dem anderen: es war die Schleppe der »Kaiserin Josephine«. Und ich stand schweigend davor und sah auf den Brokat hinab wie in einem Traume. Dann aber kam das Bewußtsein über mich, daß ich ja hier eine Aufgabe hatte. Ich zog die beiden mitgenommenen Gegenstände aus der Tasche und reichte ihr zunächst das goldene Büchschen. »Ach, das!« machte sie mit einer ablehnenden Handbewegung. »Der Kaiser Napoleon hat es meiner Urgroßmutter geschenkt. Es ist hübsch – nicht? Aber ich brauche es nicht mehr.«

»Nicht?« fragte ich bedeutungsvoll. »Sie meinen wohl, daß Sie den Inhalt nicht mehr brauchen! Nun, dann wollen wir ihn wenigstens unschädlich machen!« Damit trat ich vor den Kamin, der einen monumentalen Mantel von gelbem Marmor hatte, und schüttete die Morphiumkristalle in die Asche eines längst erloschenen Feuers, das trotz des warmen Tages auch heute hier notwendig gewesen wäre, denn mich fröstelte es in dem saalartigen Raume mit dem nur mit einigen unzulänglichen Strohmatten belegten Marmorestrich.

Fräulein v. Orville aber beachtete gar nicht, was ich tat. Vor sich hinmurmelnd, wühlte sie in den Sachen um sich herum und schien ganz vergessen zu haben, daß ich da war.

»Und hier dieses Notizbuch gehört Ihnen doch auch?« sagte ich nach einer Weile, während der ich sie kopfschüttelnd beobachtete, bitter enttäuscht, daß auch dieser stumme Zeuge versagt hatte.

Wieder ein flüchtiger Blick von ihr – und dann kam Leben in sie. Mit einem Schrei, der mich förmlich zusammenschreckte, fuhr sie auf und riß das goldene Büchelchen förmlich aus meiner Hand. »Aber das ist's ja, das ist's ja, was ich suche!« rief sie mit einem Lachen, das wirklich etwas Irres hatte. »Stundenlang habe ich danach gesucht! Warum haben Sie mir's denn nicht gleich gegeben? Meine Stichworte, meine kostbaren Stichworte für mein Drama! Nun kann ich doch damit anfangen! Habe aber schon viel Zeit verloren! Jede Stunde ist kostbar, denn wie lange dauert's und es ist wieder Mitternacht, und ich muß vor Mitternacht fertig sein!«

Und achtlos über alle auf dem Boden verstreuten Dinge hinwegschreitend, wobei es ein paarmal verdächtig knirschte wie von harten, zertretenen Gegenständen, eilte sie an einen am Fenster stehenden Schreibtisch, auf dem es so wüst aussah wie auf dem Boden, zog eine Schublade heraus, entnahm ihr ein Paket Papiere, und sich hinsetzend ergriff sie eine Feder, tauchte sie in das Tintenfaß und fing an, zu schreiben, indem sie mit der Linken das Notizbuch aufgeklappt auf den Papierrand legte.

Nun wurde es mir aber doch zu bunt. Unter möglichster Vermeidung der herumgestreuten Dinge rückte auch ich bis an den Schreibtisch vor, wobei ich sah, daß ein zierlicher, kleiner, sehr eleganter Revolver in der offen gebliebenen Schublade lag, und sagte: »Gnädiges Fräulein, ich bin nicht hierhergekommen, um mich so abspeisen zu lassen. Ich muß Ihnen zunächst sagen, wie ich in den Besitz des Büchschens und des Notizbuches gekommen bin –«

»Ist mir gleichgültig,« unterbrach sie mich mit einer abwehrenden Bewegung ihrer Rechten, wobei die übervolle Feder einen tüchtigen Spritzer über das Papier machte. »Meinetwegen können Sie es mir ein anderes Mal sagen. Ich muß jetzt schreiben, nachdem ich endlich meine Stichworte wieder habe – die Motto für die einzelnen Kapitel, wissen Sie. Es wird ein sehr interessanter Roman. So etwas haben Sie sicher noch nicht gelesen, darauf möchte ich jede Wette eingehen. Morgen früh, Herr – Herr –«

Sie sah mich mit zusammengezogenen Brauen fragend an, und schweigend zog ich meine Visitenkarte heraus und legte sie neben ihrem Ellenbogen auf den Schreibtisch.

»Danke schön,« sagte sie, ohne einen Blick darauf zu werfen. »Ich habe aber jetzt wirklich keine Zeit. Wenn Sie wüßten, wie diese Arbeit drängt! Also morgen – nicht wahr? Oder ist heute schon morgen? Es ist übrigens ganz egal, wenn ich nur zu meiner Arbeit komme. Also erst die Überschrift, den Titel! Nein, damit kann ich mich jetzt nicht aufhalten. Den Titel kann ich darüber schreiben, wenn alles fertig ist. Ich weiß ihn auch noch gar nicht. Man macht ja das häufig so, wenn man eine Geschichte schreibt. Also –«

Damit tauchte sie die Feder wieder ein, strich das Wort, das sie schon geschrieben hatte, wieder aus und fing ein neues an, strich es wieder aus, murmelte vor sich hin, blätterte dann in dem Notizbüchelchen und stützte den Kopf in die Hand, den Blick geradeaus richtend. Ich schien einfach für sie nicht mehr zu existierend, und das einsehend, drehte ich mich auf dem Absatz herum und ging ohne Gruß aus dem Zimmer hinaus, die Treppe hinab, und erst als ich unter freiem Himmel stand, machte ich meinen Gefühlen dadurch Luft, daß ich die Hände zusammenschlug und etwas Unparlamentarisches laut vor mich hinsagte. Das Frauenzimmer da oben war einfach verrückt. Oder – hatte sie mir nur den »wilden Mann« vorgespielt, um jeder Auseinandersetzung zu entgehen? Nach allem, was ich von ihr wußte, war sie wohl gerissen genug zu solch einer List und lachte sich jetzt wahrscheinlich dort oben ins Fäustchen, daß sie mich so hübsch hinter das Licht geführt hatte.

Kurzum, meine Stimmung war keine sehr rosige, als ich nun meinen schmählichen Rückzug antrat und mir dabei einen Liebesnamen nach dem anderen für meine Dummheit gab, das Spiel nicht durchschaut zu haben. Nun, mochte es damit sein Bewenden haben; die Erkenntnis, daß ich mich zum Detektiv nicht eignete, war ja auch etwas wert, und damit sollte das Buch zugeklappt werden, und wenn der vertrackte grüne Pompadour mir noch einmal unter die Augen kam, dann wollte ich ein Ende mit ihm machen und es zu vergessen suchen, daß er jemals existiert hatte.

Natürlich kam er mir unter die Augen, sobald ich zurückgekehrt war in meine Zimmer, und mit einem Gefühl des Ekels schleuderte ich den verwünschten grünen Beutel vor den elenden eisernen Ofen, der wahrscheinlich im Winter hier »heizen« sollte, und holte die Streichhölzer, um ihm den Garaus zu machen. Aber als ich mich danach bückte, besann ich mich anders, wie das so zu gehen pflegt, wenn man in der Wut etwas tut und dann nur Mühe davon hat. Was konnte der Pompadour dafür, daß ich ein Esel war, mich durch meine Phantasie dazu hatte verleiten lassen, einer zu werden!

Unter diesen angenehmen Betrachtungen brachte ich den Rest des Morgens zu, dann ging ich zu meinem Mittagessen, mehr gewohnheitsgemäß, als weil ich die Lust dazu verspürte, und planlos über die Piazetta zurückschlendernd, sah ich den Dampfer nach Chioggia zur Abfahrt bereit an der Riva liegen, und ohne mich viel zu besinnen, betrat ich ihn, um nur nicht wieder in meine Zimmer zurück zu müssen.

Die ersten Personen aber auf dem Deck die ich sah und die ich gerade heute hatte vermeiden wollen, waren Herr Möller und seine Tochter, und schon wollte ich wieder umkehren, weil ich so gar nicht in der Stimmung war, mich unterhalten zu wollen; aber sie hatten mich schon gesehen und winkten mir, einen Platz neben sich von mitgenommenen Hüllen frei machend.

Da konnte ich nicht gut anders, als bleiben, und gut war's, daß ich blieb. Zwar warf Ilse Möller mir mehr als einmal einen prüfenden Blick zu, aber weder sie noch ihr Vater bemerkten mit einem Wort, daß ich nicht ganz im Gleichgewicht schien, und bis wir über Malamocco hinaus waren, fühlte ich schon den wohltätigen Einfluß dieser beiden sympathischen Menschen; als wir in Chioggia landeten, war ich wieder ein Mensch geworden, kein aufgeregtes Nervenbündel mehr, und gab mich mit vollem Genuß dem schönen Ausfluge hin, fuhr mit den beiden im Nachen zu den Murazzi, besuchte mit ihnen die Kathedrale und trank mit ihnen in der »Luna« das Chioggia eigene, merkwürdige, niederträchtige Gebräu, das sie dort »Kaffee« nennen, mit einem Hochgenuß und einem Behagen, als wenn's Ambrosia gewesen wäre.

Die Heimfahrt bei Sonnenuntergang, dann in der opalartigen silberigen Dämmerung und endlich bei Mondschein war von unbeschreiblicher Schönheit, die Einfahrt in das erleuchtete Venedig zauberhaft, phantastisch. Oh, es gibt doch nur ein Venedig – und eine Ilse Möller, um gerecht zu sein, denn wer weiß, ob ohne sie das oft und immer wieder mit demselben Entzücken Geschaute mir so schön erschienen wäre. Es ist und bleibt doch eigentümlich, wie wohltuend und belebend die Gegenwart gewissen Menschen auf einen wirken kann.

Ilse Möller war für mich solch ein Mensch, dessen war ich mir ganz genau bewußt. Nur den Grund wußte ich nicht und fragte auch nicht danach.

Daheim freilich kam die alte böse Stimmung dann wieder doppelt schwer über mich, und dazu ein Druck, wie die Ahnung vor einem Unheil, dem ich keinen Namen geben konnte.



Fünfzehntes Kapitel.

Nach einer schlimmen, größtenteils unter wildem Herzklopfen verbrachten Nacht stand ich früh auf mit dem felsenfesten Entschluß, noch einmal den Weg zu Fräulein v. Orville zu machen. Ich, ein Mensch, der sich auf seine Konsequenz etwas zugute zu tun pflegte! Aber ich hatte keine Wahl; der Drang, es zu tun, war stärker als ich selbst, und kaum daß ich mein Frühstück erhalten hatte, war ich auch schon draußen und auf dem kürzesten Wege nach San Cassiano.

Auf dem kleinen Platz war das Bild heute verändert. Viele Menschen standen in Gruppen zusammen und sprachen und gestikulierten, wie es eben nur Italiener fertig bringen: es mußte die guten Seelen etwas lebhaft erregt haben, aber da das nicht schwer ist bei diesem Volke, bei dem es nur des geringsten Anlasses zu einem Auflaufe bedarf, so verwunderte mich diese Gruppenbildung nicht weiter, noch auch empfand ich irgendwelche Neugier, zu wissen, um was es sich handelte. Daß der größte Menschenhaufe gerade das stolze Portal des alten Hauses mit den Spitzbogenfenstern versperrte, bei meinem Nahen verstummte und mir durch ein scheues Zurückweichen Platz machte, hätte mich vielleicht aufmerksam machen können, daß es sich um ein Ereignis in diesem Hause handelte, aber ich kümmerte mich tatsächlich nicht darum, sondern stieg die Treppen zum dritten Stocke hinauf, neugierig darauf, was ich heute hier ausrichten würde, und fest entschlossen, mit einer Schlappe, wie die gestrige, nicht wieder abzuziehen.

Die mir öffnende Padrona sah heute auch anders aus als gestern; ihre Haare waren ungekämmt, ihr Anzug vernachlässigt, und auf mein erstes Wort, ob ich die Signorina sprechen könnte, brach sie in ein lautes Jammergeschrei aus.

»Misericordia! Misericordia!« schrie sie ein Mal über das andere. »Ich bin eine unglückliche, geschlagene Frau! Ich bin ruiniert! Wer wird noch bei mir wohnen wollen? In diesen Zimmern? Madre di Dio!«

»Aber, um Gottes willen, was ist denn nur geschehen?« fragte ich mit einem sonderbaren, drückenden Gefühl in der Kehle, indem die Gruppen drunten auf einmal mir wieder vor die Augen traten.

»Sie wissen nichts?« rief die Padrona erstaunt, dann zog sie mich in den Korridor und machte die Glastür hinter uns zu. »Kommen Sie mit in mein Zimmer,« sagte sie und lief mir auf den klappernden Soccoli voraus, den langen Gang entlang bis zu der letzten Tür, vor der sie sich umdrehte und mir mit ganz entsetzten Augen zuflüsterte: »Sie hat sich umgebracht! Ich hab's ja immer gesagt, daß sie verrückt ist!«

»Umgebracht?« wiederholte ich wie betäubt. »Wer? Doch nicht –« und ich deutete nach rückwärts auf die Tür, durch die ich gestern gegangen war.

»Ja, ja, die Signora Müller – und hieß gar nicht einmal so, hat der Karabiniere gesagt, der die Herren von der Questura brachte. Misericordia! Wer weiß, wer sie war, wen ich beherbergt habe! Aber kommen Sie, setzen Sie sich, ich werde Ihnen alles erzählen.«

Ich setzte mich ohne Widerspruch, schon weil ich das Bedürfnis dazu fühlte. Mir war kalt geworden, und mein Herz schlug wie ein Schmiedehammer.

»Täuschen Sie sich nicht? Ist das auch wirklich wahr?« fragte ich.

»Täuschen!« rief die Padrona, die Hände ringend, indem sie sich mir gegenüber auf einen Strohsessel fallen ließ. »Ich möchte wissen, wie das möglich ist, nachdem ich sie so gesehen, nachdem sie in aller Frühe abgeholt worden ist von den Leichenträgern!«

»Wann ist es denn geschehen?«

»Heute nacht, gerade als es Mitternacht schlug. Hab' ich Ihnen nicht gestern schon gesagt, daß sie verrückt ist – total verrückt? Sie haben sie ja gesehen, Signore, mit allen ihren Sachen ringsum auf den Boden verstreut! Welcher vernünftige Christenmensch macht denn solche Unordnung und sitzt den ganzen Tag darin und ißt nicht und trinkt nicht, sondern schreibt und schreibt den geschlagenen Tag lang? Aber sie war kein richtiger Christenmensch, glauben Sie mir, Signore, sie war der Leibhaftige! Oder mindestens eines seiner Kinder. Hat sie einen Augenblick den ganzen Tag aufgehört zu schreiben? Nicht einen Augenblick! Zehn, zwanzig Male hab' ich leise die Tür aufgemacht und hineingesehen, und immer saß sie auf demselben Fleck und schrieb. Endlich, als es finster geworden war, brachte ich ihr die Lampe und setzte sie ihr auf den Schreibtisch, denn sie schrieb immer weiter, und ich dachte mir, das muß ein Kreuz sein, das Geschmiere zu lesen, das sie da vollführte. Sie sagte nichts, gar nichts, sondern schrieb weiter, als hätte sie mich überhaupt nicht gesehen, wüßte gar nicht, daß es wieder hell vor ihr war. Ich weiß nicht warum, aber ich mochte mich nicht schlafen legen. Wenn sie nun die Lampe umwarf! Es war ihr alles zuzutrauen. Zehn Uhr schlug's, elf Uhr, halb zwölf, dreiviertel – da höre ich die Tür gehen. Ich heraus – unruhig, wie ich war. Und nun so allein mit ihr. Da stand sie in der Tür in ihrem gelben Kleid, die Haare, die sie sonst so schön frisierte, wirr um ihr weißes Gesicht wie Feuerflammen, und hatte einen dicken Brief in der Hand. »Wollen Sie so gut sein, diesen Brief gleich in den Postkasten zu stecken?« fragt sie, als ob's eben Mittag läuten sollte. Ich machte schon den Mund auf, um ihr zu sagen, sie sollte sich um Mitternacht ihre Briefe hübsch selbst in den Kasten stecken, aber, um die Wahrheit zu sagen, ich fürchtete mich vor ihr – sie hatte so was Wildes in den großen schwarzen Augen, so etwas – ich weiß nicht recht was. Das heißt, ich wußte es nicht, aber jetzt weiß ich's. Ich nahm also schweigend den Brief, holte mir mein Tuch und ging. Was hätte ich machen sollen? Ich war allein und ich fürchtete mich vor ihr. Der Postkasten ist ja nur wenig Schritte von hier um die Ecke – ich war bald wieder zurück und wie ich die Treppe heraufging, schlug es zwölf. Alles war totenstill im Hause, und gerade, wie ich die Glastür aufmache, fällt der Schuß in ihrem Zimmer! Ich dachte, das Blut gerinnt mir vor Schrecken! Ich über den Gang, reiße die Tür auf, ohne zu klopfen – da liegt sie auf dem Bett – mein Lebtag werde ich das nicht vergessen! Die glasigen Augen, die blutende Wunde in der Schläfe, das gelbe Kleid –«

»Und dann?« fragte ich leise, als die arme Frau schluchzend einhielt.

»Dann?« wiederholte sie. »Ja, dann habe ich Lärm gemacht – das ganze Haus ist zusammengelaufen, und mein Nachbar, der Antonio, hat die Polizei gerufen. Die ganze Nacht ist es hier zugegangen wie im Bienenstock. Und früh sind sie gekommen und haben sie geholt – der Doktor sagte, sie wäre auf der Stelle tot gewesen – und das Gericht hat das Zimmer versiegelt, und ich bin eine ruinierte Frau!«

Ich konnte die Aufregung der Ärmsten wohl begreifen und tröstete sie so gut es ging damit, daß ja der nächste Mieter nicht zu wissen brauche, was sich in dem Zimmer zugetragen. Und dann ging ich – geschlagener noch als gestern.

»Wissen Sie, an wen der Brief war, den Sie forttragen mußten?« fragte ich noch beim Abschied.

»Nein,« war die tränenreiche Antwort. »Das heißt, ich habe wohl beim Schein der Laterne über dem Briefkasten die Adresse gelesen, aber den Namen vergessen. Ein fremder Name war's. Ich weiß nur, daß es ein Stadtbrief war. Eine Marke hatte sie nicht darauf geklebt, und ich dachte noch, daß sie die wohl in der Aufregung vergessen haben mußte, und daß der Empfänger Strafporto zahlen müßte.«

Ein Stadtbrief! Sie hatte also hier in Venedig noch jemand, den sie kannte, an den sie geschrieben. Etwa Frau Möller? Es wandelte mich die Lust an, zu ihr zu gehen und ihr zu erzählen, was sich zugetragen, aber es war noch zu früh dazu, und wenn auch außergewöhnliche Ereignisse außergewöhnliche Stunden rechtfertigen können, so hatte ich vor Frau Möller doch das Gefühl, korrekt bleiben zu müssen Ich ging also wieder nach Hause, natürlich ganz erfüllt von dem Ereignis in dem alten Hause am Campo bei San Cassiano. Das hatte ich nicht geahnt oder auch nur vermuten können, daß der kleine, elegante Revolver, den ich in der offenen Schublade bei Fräulein v. Orville liegen gesehen, für sie selbst bestimmt war. Ich hatte mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, denn erstens war es nichts Ungewöhnliches, daß eine Dame eine Waffe besaß, und dann paßte diese sozusagen zu der ganzen Persönlichkeit, zu der Umgebung, sie war keine falsche Note in dieser Rhapsodie voll ungelöster Dissonanzen. Die Tat hatte wohl schon in ihr geschlummert, oder aber sie war eine beschlossene Sache, als ich Fräulein v. Orvilles Bekanntschaft machte, und eine Erklärung für die befremdlichen Züge, die ich in ihr gefunden, und die ich mir eigentlich jetzt erst klarmachte: ihre offenkundige Geistesabwesenheit, die ich in dem Schreine meines Herzens zum Teil wenigstens für erheuchelt gehalten hatte, die auffallende Tatsache, daß sie nicht mit einem Worte gefragt, was es für Gegenstände waren, die ich ihr zurückzugeben hatte, wo ich sie gefunden und wie. Und nicht zuletzt ihr Benehmen am gestrigen Tage. Was immer auch das Rätsel dieser Tat war, rein menschlich gefühlt und gesprochen ist ein solches Ende immer erschütternd, weil es von dem tragischen Ruin einer Seele spricht, die Schiffbruch gelitten durch eigene oder fremde Schuld, die ihren Halt verloren hatte und entgleist war. Wer will angesichts einer solchen Tragödie den Stab brechen oder den ersten Stein werfen? Sicherlich kein Mensch, der selbst schon durch manche dunkle Stunde gegangen war und dadurch das Pharisäersprüchlein verlernt hatte: Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie jener!

Aber vielleicht war mit dem Ende dieser Frau nicht das letzte Wort für mich gesprochen, denn ich erinnerte mich, daß ich gestern bei Fräulein v. Orville meine Visitenkarte gelassen hatte, an deren Fuß ich meine Adresse in Venedig neben der meines gewöhnlichen Aufenthalts geschrieben. Wenn die Behörden das Zimmer verschlossen hatten, um durch den hinterlassenen Besitz der Verstorbenen deren Herkunft festzustellen, so würden sie sicher diese Karte auch vorfinden, und ich würde zu einer Zeugnisabgabe vorgeladen werden. Dem konnte ich mich natürlich nicht entziehen, so wenig angenehm es war, in eine solche Angelegenheit mit verwickelt zu werden, und ich überlegte, ob es nicht am Ende besser wäre, mich gleich zu stellen und nicht erst abzuwarten, daß man mich aufsuchte – schon um der Vermutung die Spitze zu nehmen, als hätte ich eine Rolle in der Tragödie gespielt.

Noch unentschieden, ob ich diesen Schritt tun sollte, langte ich daheim wieder an und fand in der Haustür die Miezi, die mir sagte, sie hätte das Strafporto für einen Brief an mich ausgelegt, der mit der Morgenpost gekommen wäre.

Darin war nichts Ungewöhnliches, da ja so viele Leute großartig über die Tatsache hinwegzugehen pflegen, daß Briefe nach dem Ausland anders frankiert werden müssen als für das Inland; zur Hälfte handeln diese Leute aus Unwissenheit, zur Hälfte aus Faselei, und man braucht noch lange kein Geizhals zu sein, wenn man sich über diese unnütz hinausgeworfenen Pfennige ärgert. Ich bin ja kein Geizhals, aber ich erstattete doch nur brummend der Miezi ihre Auslage wieder und ging mit einer gewissen Neugierde in mein Zimmer, um festzustellen, wer wieder einmal vergessen hatte, daß Venedig nicht in Deutschland liegt.

Auf meinem Schreibtisch lag die Zeitung und mehrere Briefe, die mit der Morgenpost gekommen waren, zuunterst ein großer Briefumschlag, den ich darum zuerst hervorzog: es war ein Stadtbrief, und die Adresse darauf war von der Hand geschrieben, die mir aus den Zitaten in dem goldenen Notizbuche so wohlbekannt war. Ich gestehe, daß ich mich vor den Schreibtisch hinsetzte und eine ganze Weile auf diese kleinen, charakteristischen Schriftzüge hinabsah, ehe ich mich entschließen konnte, den Umschlag aufzuschneiden, denn zweifellos war dies derselbe Brief, den die Padrona kurz vor Mitternacht, ehe der verhängnisvolle Schuß fiel, in den Briefkasten getragen hatte. Ich wußte, daß dieser Brief mir Eröffnungen bringen mußte, die das Dunkel erhellen würden, das über Lilis und vielleicht auch über Napoleonas Tod lag, und bedurfte erst der nötigen Fassung, dem entschleierten Bilde in die Augen zu sehen.

Und dann drängte sich mir die Frage auf, ob ich nicht besser tat, diesen Brief überhaupt nicht zu öffnen, sondern ihn bei den Behörden abzugeben, denn was ging mich die Schreiberin an? Doch nein, der Brief war an mich gerichtet: was immer er auch enthielt, es war allein für mich bestimmt und nichts konnte mich hindern, den Inhalt ungelesen zu vernichten, wenn ich es für besser fand. Auch das erwog ich einen Augenblick, dann schnitt ich den Umschlag auf und als ich die vielen engbeschriebenen Blätter herausnahm, fiel mir meine Visitenkarte entgegen, die ich gestern bei Fräulein v. Orville zurückgelassen hatte.

Und das war es, was ich auf den eng beschriebenen Blättern, die nicht eine Spur von geistiger Erregung oder gar Entgleisung in der gleichmäßigen, sauber geformten Schrift verrieten, las:


»Herr Eichwald!

Ich habe eben zum ersten Male Ihren Namen erfahren, von dessen Existenz ich bis gestern keine Ahnung hatte, den zu verschweigen Sie für gut fanden. Es wäre aber auch zum ersten Male gewesen, daß ich nicht erfahren hätte, was ich zu wissen wünschte, und wenn Sie auf meine kleine List nicht hereinfielen, dann blieb mir ja noch eine Erkundigung in der Ca' del Leone übrig, die mir aber viel von der kurzen Zeit genommen hätte, welche mir blieb, um das aufzuschreiben, was Sie durch meine eigene freie Entschließung wissen sollen. Nicht etwa um Ihre Bemühungen zu belohnen und zu krönen, nicht um Ihre augenfällige Wißbegier zu befriedigen, sondern weil ich gern ohne die Last, die auf mir ruht, von hinnen gehen möchte und – weil ein anderer dann doch vielleicht noch einen Teil der Kosten zu tragen haben wird, die ich allein zahlen sollte. Ich bin nicht so verrückt, wie meine gute Padrona von mir glaubt, und Sie wahrscheinlich auch; ich bin nur eine bessere Komödiantin, als man in mir auf den Brettern anerkennen wollte, und mußte es sein, wenn ich irreleiten, ablenken, aufschieben wollte, was unabänderlich schien. Die herumgeworfenen Sachen in meinem Zimmer waren – Theaterrequisiten für den letzten Akt des Dramas, nichts weiter. Ich habe ganz genau gewußt, was Sie mir bringen würden – was konnte es auch anders sein, nachdem ich so unvorsichtig war, den grünen Pompadour zu verlieren, den ich seit Monaten gesucht – vergebens! Ihre – verzeihen Sie mir – reichlich unvorsichtige Anfrage, ob Sie mir diese Dinge bringen könnten, hätte mir ja genügend Zeit gelassen, meine Zelte abzubrechen und zu verschwinden; das war auch eigentlich meine Absicht, aber Ihre Mitteilung von der Vermählung des Grafen Meersburg änderte das Bild vollständig. Diese hinterlistige, feige, niederträchtige Tat entschied über mein Bleiben und – Gehen. Was ich mit einem Genossen, wie ich dachte, mit Leichtigkeit hätte tragen können, das war zu schwer für mich allein geworden, unerträglich mit einem Worte. Und so gehe ich mit dem Selbstvorwurf: ich hätte wissen können, daß es so kommen mußte. Wenn Sie die Ehre haben, den Grafen Meersburg persönlich zu kennen, so werden Sie das verstehen – nachdem Sie die nachstehenden Zeilen gelesen haben. Ich habe damit angefangen, sie in die Form einer Tragödie in fünf Akten einzukleiden. Aber ich habe kein Talent zur dramatischen Schriftstellerei. Ein Roman also in zusammengedrängter Form. Sie können ihn selbst ausarbeiten, falls Sie Lust und Begabung dazu haben: ich vermache Ihnen den Stoff zur freien Benützung, trotzdem das Urheberrecht Ihnen sowieso gebührt, denn was Sie nicht wissen, haben Sie ja doch schon erraten. Aus welchen Motiven, geht mich nichts mehr an; ich bin auch nicht neugierig, sie kennen zu lernen, aber ich kann mir's ungefähr denken, nachdem ich Sie den Maiglöckchenkranz auf das Grab legen sah. Ihre Maiglöckchen haben vollständig versagt. Oder es gibt überhaupt keinen Zusammenhang mit dem Grabe – nur mit dem, was nicht darin liegt. Vielleicht hat die Padrona doch recht, wenn sie denkt, und es den Nachbarn erzählt, daß ich verrückt bin. Ein Wunder wäre es nicht – nach allem, was ich durchgemacht und erlebt habe. Der Graf Meersburg würde mich zweifellos für irrsinnig erklären lassen, wenn ich das sagen wollte, was ich weiß. Ich kenne mein Schicksal, weil ich ebensogut weiß, daß mich meine Natur, die zur Rachsucht in ganz gefährlichem Maße neigt, eines Tages dazu treiben würde, es zu sagen. Es gibt nämlich Dinge, die den Menschen zum Äußersten treiben – und ich bin so weit. Also ist's weiser, ich gehe, denn der Graf würde aus dem größten Skandalprozeß dieses Jahrhunderts hervorgehen unschuldig, blütenweiß, ungreifbar – ein Lämmlein weiß wie Schnee, und für mich wäre der Rest: das Zuchthaus. Ein Zeuge würde sich schon finden, mich hineinzubringen; Sie, mein verehrter Herr Eichwald, haben ihn sogar schon zur Verfügung, wie die Erzählung Ihres sogenannten »Traumes« mich hinreichend gewarnt hat.«


Und nun zu meinem Trauerspiel oder doch zu dem Stoffe dazu.



Einleitung.


s war einmal ein Mädchen, das sehr arm war, dafür aber schön und mit einem Charakter von unbegrenzten Möglichkeiten, in denen aber die, einfach und brav zu leben, nicht mit eingeschlossen war, dagegen ein wahrhaft verzehrender Hunger nach dem Leben, nach den materiellen Höhen des Daseins, nach Geld, Rang, Stellung – und die Fähigkeit, in der Wahl der Mittel dazu nicht wählerisch zu sein. Sie hatte heißes, französisches Blut in den Adern und den Abenteurergeist napoleonischer Zeit. Leider war mit der napoleonischen Herrlichkeit auch die ihres großen Hauses entschwunden, und der Enkel des Marquis, der sein Brot auf der kaiserlichen Seite besser gebuttert fand als auf der legitimistischen und sich gut bei dieser Erkenntnis gestanden hatte, mußte sich als armer Leutnant, nur auf seinen armseligen Sold angewiesen, durch das Leben hungern. Besagter armer Leutnant beging zu seinen mißlichen Verhältnissen noch die Dummheit, sich in eine blutjunge, sehr mäßige Schauspielerin zu verlieben und sie zu heiraten. Die erste Folge davon war der Verlust seiner Uniform, und der Rest ein elendes Dasein in Dürftigkeit und Mangel. Dabei waren die Leutchen noch glücklich. Ein sehr hübsches, rührsames Eingangsbild kann das geben. Sie wären noch glücklicher gewesen ohne die Tochter, die sie hatten, und die sie Napoleona genannt haben in Erinnerung an den Glanz ihres Hauses, dem zu Ehren einige Reliquien aufbewahrt wurden, die kein Mangel, keine Not von ihnen zu trennen vermochten. Sie bestanden aus einem Portierenflügel aus grünem Atlas mit goldenen gekrönten ›N‹ in goldenen Lorbeerkränzen, ferner aus einem goldenen Büchschen, das der große Napoleon einst der schönen Großmutter Marquise selbst verehrt, und einem Halsband aus Irissteinen, das die Kaiserin Josephine ihrer Palastdame, ebendieser schönen Marquise, geschenkt hatte. Das nur so nebenbei zur Ausschmückung. Solche Erbstücke sind immer verwendbare Requisiten für eine Tragödie. Man kann Fluch oder Segen, je nach Bedürfnis, daran knüpfen. Aus einem Endchen des Portierenstoffes hatte sich die Großmama Marquise einen Pompadour machen lassen mit doppeltem Boden, um darin Schriftstücke aufzubewahren, von denen sie nicht wünschte, daß sie etwa in unrechte Hände fielen, denn das Intrigieren konnte sie nun einmal nicht lassen. Das lag ihr im Blute, und dieses Blut hatte sie ihrer Urenkelin vererbt, die, sobald sie nur zum Bewußtsein ihres Namens und ihrer Schönheit kam, und das geschah sehr früh, eifrig tätig war, beides zu verwerten. Über die Mittel dazu befand sich Napoleona in ständigem Widerspruch mit den moralischen und sonstigen altmodischen und kleinbürgerlichen Anschauungen ihrer Eltern, denn trotz ihres früheren Standes war die Mutter entsetzlich engherzig, und nicht die böseste Zunge hätte ihr irgend etwas nachsagen können. Aber in dieser Napoleona steckte die Urgroßmutter, da war nichts zu machen. Die Vererbungstheoretiker hätten ihre helle Freude an ihr gehabt. Und wie sehnte sie sich hinaus aus der schäbigen, ärmlichen Umgebung, aus den täglichen, erbärmlichen Sorgen hinaus in die Welt, die so herrliche Dinge versprach und zeigte – viel zu weit und viel zu hoch, um sie anders als mit Wünschen erreichen zu können! Es war wie in dem Märchen von der Henne, die ein Entlein ausgebrütet hatte und sich dann wunderte, daß es ins Wasser ging und davonschwamm. Es schwamm, das Entlein – da half kein Jammern und Wehklagen am Ufer.

Eines Tages stand es ihm frei, so weit und so lange zu schwimmen, wie es wollte. Es trat seine Erbschaft an, bestehend in den vier Familienreliquien, und ging hinaus in die weite Welt. Zunächst auf die Bretter, so die Welt bedeuten sollen. Es steckte ein ganz hübsches Teil Theaterblut in dem Mädchen, sie war eine geborene Komödiantin, aber merkwürdigerweise mehr fürs Leben als für die Bühne, trotzdem sie dafür schon eins der größten Haupterfordernisse, die Schönheit, mitbrachte. Ich weiß nicht, was ihr fehlte, daß sie auf dem Theater nicht weiterkam, und sie hatte Verstand genug, es einzusehen, daß es damit nichts war. Wenigstens für das Schauspiel nicht. Ja, wenn sie die Mittel gehabt hätte, ihre Stimme auszubilden! Das Halsband von Irissteinen? Die waren aus der Mode, die Juweliere gaben nichts dafür, und die Antiquare auch nicht genug, um damit etwas ausrichten zu können. Aber sie war schön und sie hatte gelernt, sich als eine große Dame zu betragen. So fand sie in einem vornehmen Hause eine Stellung als Vorleserin, und als die Herrschaft einmal verreiste, da machte sie den lustigen Streich, die Einladungskarte für ihre Herrschaft zu benützen und als »Kaiserin Josephine« mit der Brokatportiere als Schleppe auf den Maskenball zu gehen, wohlweislich aber vor der Demaskierung zu verschwinden. Das Aufsehen, das sie dabei erregte, machte ihr eine diebische Freude, und das war ihr auch nicht zu verdenken. War es denn so schlimm? Ei bewahre! Es ist ja auch nie herausgekommen – und wäre auch nie herausgekommen, wenn sie später nicht den grünen Pompadour verloren hätte.

Aber etwas anderes kam heraus, nämlich, daß sie eigentlich unter Vorspiegelungen falscher Tatsachen in ihrer Stellung war. So wurde sie denn eines Tages fortgeschickt.

Damit endet die Einleitung. Nun kommt noch ein kurzes Zwischenspiel, in dem es der schönen Napoleona sehr schlecht geht und sie Unannehmlichkeiten hat mit engherzigen Quartiergebern, die für Wohnung und Kost auch bezahlt sein und sich mit Vertröstungen auf die Zukunft nicht abspeisen lassen wollten. Bei einer dieser Differenzen mußte das Halsband von Irissteinen daran glauben.

Sie hätte nun gern eine andere Anstellung in einem großen Hause gehabt, die schöne Napoleona, denn in solchen Häusern lebt es sich gut und verhältnismäßig bequem, aber auch hier stand die Engherzigkeit der Menschen hindernd im Wege, die allemal sogenannte Referenzen verlangen, ehe sie eine Fremde bei sich aufnehmen wollen. Woher nehmen, ohne zu stehlen? Und woher stehlen, wenn es schon nicht anders geht? Es blieb dem armen Hascherl gar nichts anderes übrig, als sich selber solche Referenzen zu machen, wenn sie schon nicht verhungern wollte. Und so versuchte sie es damit und brachte einige Zeugnisse zuwege, in denen ihre Eigenschaften und Fähigkeiten über den grünen Klee gelobt wurden.

Das Ende vom Liede war, daß diese Referenzen aus dem Monde oder vielmehr aus dem eigenen Atelier ihre Urheberin zum Ziele führten; freilich, wenn sie geahnt hätte, zu welchem! Aber Napoleona hatte keine solche Ahnungen. In dem eleganten Stellenvermittlungsbureau, in welchem sie sich mit ihren Papieren vorstellte, erfuhr sie, daß die Gräfin Meersburg eine Gesellschaftsdame suchte, und das Glück – oder Unglück – wollte, daß grade, als sie da war, der Herr Graf in höchsteigener Person erschien, um sich zu erkundigen, ob immer noch nichts Passendes gefunden sei. Napoleona wurde ihm vorgestellt, er warf einen flüchtigen Blick in die Referenzen, einen oder zwei lange auf Napoleona – und die Sache war entschieden. Zwei Stunden später reisten sie schon zusammen nach Meersburg ab.


Einleitung und Zwischenspiel sind beendet – nun beginnt das Drama.


Erster Akt.


Du bist zu sanft
Geartet, um den nächsten Weg zu gehen.


Eigentlich paßt dieses Motto nicht ganz. Statt ›sanft‹ müßte man »feige« schreiben, aber bei Zitaten darf man den Wortlaut nicht ändern. Dies nur nebenher, um den Vorwurf der Ungenauigkeit abzuwehren.

Man kann den Akt mit einem Bild des Schlosses Meersburg beginnen. Wenn Sie es nicht kennen, so genügt das Bild jedes beliebigen Renaissancelandsitzes von ausgedehnten Dimensionen, mit fürstlichem Luxus eingerichtet. Familiengespenster, Verliese, geheime Gemächer und dergleichen Requisiten können eingeflochten werden, sind aber überflüssig, da sie keine Rolle zu spielen haben. Die Gespenster, die im Schlosse Meersburg umgingen, waren die Geister des Überdrusses, des geheimen Verlangens nach Freiheit, der unausgesprochenen Wünsche Napoleona war keine drei Tage dort, da wußte sie schon vollständig Bescheid und war sich ganz klar über drei Dinge: erstens, daß die Gräfin, eine junge, schöne, aber unbedeutende und energielose Person, an irgendeinem geheimen Kummer litt, der ihr die Lust und den Mut zum Leben mehr nahm als ihr Nervenleiden, das jedenfalls die Ursache in dem ersteren zu suchen hatte; zweitens, daß der Herr Graf seiner Frau herzlich überdrüssig war und es lieber gesehen hätte, wenn sie eher heute dieses irdische Jammertal verließ als morgen, um im Besitz einer Frau von sprühender Lebenskraft sein eigenes Fischblut in Bewegung zu setzen, und drittens, daß sie selbst, Napoleona, die dazu geeignete Frau und auch entschlossen war, es zu werden.


Zweiter Akt.


Der Versuch
Und nicht die Tat vernichtet uns.


Das war ihm schwer beizubringen, aber er war verschlagen genug, die Andeutung zu verstehen und, ohne sich durch ein einziges Wort bloßzustellen, seine Einwilligung zu geben. Und Napoleona war schlau genug, die Blicke zu verstehen und sie in das umzuwerten, was der Mund verschwieg. Sie hatte, wie es so Menschen ihres Schlages geht, die heute nicht wissen, wo sie morgen ihr Haupt niederlegen werden, Schlaf und Vergessen im Genusse von Morphium gesucht und gefunden – sie war mit diesem Freunde aller Ausgestoßenen, Verirrten und Elenden wohl versehen – für alle Fälle, und in ihrer großen und von aller Welt auch anerkannten rührenden Fürsorge für die leidende Gräfin brachte sie dieser in ihren Schmerzen und gegen die langen, schlaflosen Nächte ihren eigenen Trost- und Schlafspender. Auf den ausgesprochenen Wunsch der Gräfin – wohlverstanden, denn dieser war Morphium vom Arzte eigentlich verboten worden, und deshalb hatte sie gerade einen wahren Hunger danach. Zögernd gab Napoleona den Bitten der Gräfin um eine einzige Einspritzung nach – ganz im geheimen natürlich, und an diese eine Ausnahme aus reiner Gutmütigkeit und Gefälligkeit, reihte sich eine zweite, eine dritte, und zuletzt konnte die Gräfin ohne dieses wunderbare Mittel gar nicht mehr auskommen. Das war der Grund, warum die ihr unentbehrlich gewordene Napoleona ihre Stellung im Schlosse Meersburg behauptete, denn auf der anderen Seite mißtraute ihr die Gräfin längst, haßte sie ihre Gesellschafterin sogar, für die sein Wohlgefallen zu verbergen der Herr Graf sich nicht die geringste Mühe nahm, und was sie wahrscheinlich sonst nie mit Gewißheit erfahren hätte, das trugen ihr die lieben Nachbarn zu: nämlich, daß es ratsam wäre, die Gesellschafterin zu wechseln. Aber dazu hatte sie, die Gräfin nämlich, nicht mehr die moralische Kraft. Mit einer anderen hätte sie so dem geliebten Morphium entsagen müssen, das sie wenigstens bei Nacht ins Wunderland des Vergessens führte.


Dritter Akt.


Du fürchtest dich, in Kraft und Tat derselbe
Zu sein, der du in deinen Wünschen bist.


Die Ursache dazu war der unerwartete Besuch der Frau Schwiegermama, die sich nach der Hochzeit ihrer Tochter zum zweiten Male mit einem reichen Schiffsreeder verheiratet hatte und, anscheinend von dritter Seite aufmerksam gemacht, zum Rechten sehen kam. Eine sehr kluge Dame, die Frau Schwiegermama, die das Gras wachsen hörte. Der Herr Graf, der nach altem Rezept nichts für sie übrig hatte, setzte sie mit höflichster Unhöflichkeit vor die Tür. Darin war er wirklich Meister, das muß ihm der Neid lassen. Sie war mit Mißtrauen gekommen und reiste mit Mißtrauen ab, das war in ihren Augen zu lesen, trotzdem der Herr Graf sich mit sittlicher Entrüstung panzerte, die Gräfin sich in Schweigen hüllte, und Fräulein Napoleona so liebenswürdig und zuvorkommend war, wie eben nur sie sein konnte. Der Akt ist interessant und entscheidend.


Vierter Akt.


Du möchtest gern das haben, was dir zuruft:
Das muß geschehn, wenn man mich haben will!
Und hast doch nicht die Kühnheit, es zu tun.
O eile, eile her!
Damit ich meinen Geist in deinen gieße – –


Das tat Napoleona, indem sie dem Grafen vorstellte, daß Deutschland ein unbequemes Land sei, der Nachbarschaft wegen, und nicht die rechte Luft habe für Kranke wie die Gräfin. Das Ausland sei namentlich für die letztere viel günstiger, und besonders Venedig sehr geeignet mit seiner Ruhe, Stille und geheimnisvollen Abgeschlossenheit. Freilich, wohl sei das Venedig von heute nicht mehr das der Republik mit seinem Maskenschutz und seinen Mysterien und der Kanal Orfano diene jetzt anderen Zwecken, aber die Lust sei doch noch die gleiche und würde es bleiben, solange die Stadt in den Lagunen läge. Der Graf kannte Venedig und sah ein, daß Schwiegermütter einen nicht so leicht und einfach in Venedig überraschen können wie in Meersburg. Der Arzt fand auch, daß Venedig ein sehr geeigneter Ort sei, und so brach man denn dahin auf. Der Gräfin war es gleich, wohin sie gebracht wurde, denn sie war ganz apathisch geworden, und vorausgesetzt, daß der Spender des Vergessens mit ihr reiste, wäre sie ohne Widerspruch auch nach Kamtschatka gegangen. Natürlich war ein großes, elegantes Hotel nicht der geeignete Aufenthalt für eine Nervenleidende, schon weil so viele Bekannte dort abstiegen und kamen, sie mit ihrer Teilnahme und Fragen zu plagen, und man fand einen einsamen alten Palast oder doch einen, der es hatte werden sollen, den man ganz allein für sich haben konnte, der aber doch schließlich nicht Raum genug hatte; der Kammerdiener mußte in einem Nachbarhause untergebracht werden.


Fünfter Akt.


Komm, laß uns
Den blut'gen Vorsatz mit der schönsten Larve
Bedecken. Falsche Freundlichkeit verhehle
Das schwarze Werk der heuchlerischen Seele.


Das ist, bis auf die letzten zwei Zeilen, ein ganz falsches Zitat für das Drama. Denn erstens wurde kein Wort von solchen Dingen gesprochen – kein Sterbenswort. Die Zeiten ändern sich und sind seit Macbeths Tagen viel kultivierter geworden. Wer redet denn heutzutage von solchen Sachen unter gebildeten Leuten? Die stumme Sprache der Augen ersetzt solch rohe Worte vollständig. Napoleona verstand sehr gut die stumme Frage in den Augen des Grafen, und er jedenfalls es auch ganz genau, wenn die ihrigen: ›Warte‹ antworteten. Es war da eine sehr unbequeme Person: die Kammerfrau der Gräfin. Sie zurückzulassen ging nicht an, das wäre verdächtig gewesen, denn die arme Kranke brauchte eine Bedienung, und wenn die Kammerfrau ja auch blitzdumm war, so war sie doch nicht blind, und außerdem hatte sich die Gewohnheit ausgebildet, daß sie im Schlafzimmer der Gräfin nachts ihr Lager aufschlug, weil ihr eigenes Zimmer zu weit entfernt von dem ihrer Herrin lag. Die Kammerfrau der Lady Macbeth war zudem ein Faktor, mit dem die Gemahlin des Thans von Fife zu rechnen vergessen hatte, und dazu sind die Fehler anderer doch da, daß man daraus seinen Nutzen zieht. Sie mußte also entfernt werden, diese Kammerfrau. Ein vom Zaun gebrochener Streit, Frau Annemarie wurde aufgepackt, reiste wutschnaubend ab, und die Gräfin wurde von einem Tage zum anderen auf einen Ersatz vertröstet, der natürlich nicht kam. Das dumme Zimmermädchen der Padrona war zunächst eine vollkommen genügende Aushilfe – oder sollte sich Napoleona am Ende in den geistigen Fähigkeiten dieser ihr so stupid erschienenen Tirolerin getäuscht haben? Der Irrtum wäre fatal, aber verzeihlich, denn geistig sehr rege Personen unterschätzen leicht die langsam Denkenden und haben sie gern im Verdacht, daß sie überhaupt nicht denken. Wahrscheinlich tat das diese Tirolerin auch nicht, vielleicht war sie aber neugierig – eine sehr gefährliche Eigenschaft. Auf alle Fälle wird sich die Figur dieses Zimmermädchens effektvoll verwenden lassen.

Man hatte der Gräfin weisgemacht, daß an jenem Abend das Morphium verlegt worden war unauffindbar sei. Denn wenn der Tod durch Morphium eintrat, was ja jeder Arzt leicht feststellen konnte, so mußte der Glaube erweckt werden, daß sie selbst es sich verschafft und heimlich besessen hatte. In der Nacht spielte sich dann der ›Traum‹ des Herrn Eichwald genau so ab, wie er ihn geschildert.

Ich habe das fernere Gebaren der Lady Macbeth nach König Duncans Abreise zu seinen Vätern früher für sehr töricht gehalten. Ich hielt es auch noch dafür, bis sich das Grab auf San Michele geschlossen hatte, und der Herr Graf abreiste, um mit Napoleona nach Ablauf des Trauerjahres wieder zusammenzutreffen. Denn sie hatte darauf bestanden, daß alles ganz korrekt vor sich gehe. Sie wollte von der Gesellschaft, von den Kreisen, in die sie als die zweite Frau eintreten sollte, nicht über die Achsel angesehen werden, sie wollte eine führende Rolle darin spielen. Der Graf war ganz ihrer Meinung, so behauptete er wenigstens im Einklange mit Napoleona, die es jetzt besser weiß: seit gestern hat er sich in jedem anständigen Kreise unmöglich gemacht – bis auf weiteres. Aber darauf kann sie natürlich nicht mehr warten; dazu ist sie nicht blind und nicht töricht genug. Natürlich hat sie bis gestern nicht geglaubt, daß sie nur der Mohr war, der seine Schuldigkeit getan hat und nun gehen kann. Mit Seelenruhe gehen – heißt das, mit Seelenruhe für ihn, den Grafen, gegen den sie auch nicht ein einziges gesprochenes oder geschriebenes Wort geltend machen könnte. Ein weiser, ein vorsichtiger Mann! Und die kluge Napoleona ist die Angeführte! Es sind Monate vergangen, seit sie keine Ansichtspostkarte mit ›freundlichen Grüßen‹ ihres ehemaligen Brotherrn mehr erhalten hat, denn zu mehr hat er sich nie verstiegen; diese Karten könnte man öffentlich ausstellen, ohne daß auch nur der mißtrauischste Mensch den Schatten einer verborgenen Meinung heraustüfteln könnte. Ganz abgesehen davon, daß die Unterschrift ›Graf Meersburg‹ neben vollster Korrektheit völlig unleserlich ist. Das ist alles, was Napoleona Schriftliches von ihm besitzt. Und seit Monaten ist auch das ausgeblieben, und ihre Karten mit kaum mehr als ein paar Worten darauf sind ohne Antwort geblieben.


Aber nicht erst dadurch hat Napoleona gelernt, die Lady Macbeth zu verstehen. Ich glaube nicht, daß Napoleona schlafgewandelt hat; man hat es ihr wenigstens nie gesagt. Aber bei Tag und bei Nacht, im Wachen wie im Traume, hat sie die weiße Gestalt mit dem goldbordierten Kimono gesehen. Sie nahm ihr gegenüber Platz, wenn sie sich zum Essen niedersetzte, sie ging neben ihr her, wohin sie sich wandte sie zwang sie, nach Venedig zurückzukehren und an ihrem Grabe zu stehen, sie trieb sie dazu, in dem Zimmer zu wohnen, in dem sie so gut und schmerzlos eingeschlafen ist, und die Bilder, die Napoleona anschaute, nahmen alle die stillen, blassen Züge an, die auf dem weißen Kissen in jener Nacht gelegen. Sie hoffte fest darauf, diese Vision loszuwerden, wenn sie erst am Ziele sein würde – das heißt, um ehrlich zu sein, ich kann es nicht sagen, ob sie das so sehr fest hoffte. Aber anders mußte es werden, so oder so – weiter konnte es so nicht mehr gehen, wenn sie den Verstand nicht verlieren wollte. Das steht alles in den übrigen Zitaten in dem goldenen Notizbuche, oder vielmehr es stand darin, denn der Block ist herausgerissen und verbrannt. Der Herr Eichwald kann, wenn er wiederkommt, und er wird kommen, ruhig wieder nach Hause gehen. Der Vorhang fällt!

Ob sie immer noch dahinten stehen wird mit ihrem weißen Kimono, das Sträußchen Maiglöckchen in der Hand, mit dem ich sie bannen wollte, damit sie mir Rede stehe? Aber ihr Mund blieb stumm, der Bann versagte, und eben jetzt steht sie vor mir und schüttelt mit dem Kopfe und ringt die Hände, als wollte sie sagen: ›Tu es nicht – es gibt noch andere Wege zur Sühne, um mich zur Ruhe zu bringen!‹

Hab' ich sie recht verstanden?

In wenigen Minuten werde ich's wissen –«



Sechzehntes Kapitel.

Meine rein menschlichen Gefühle, mit denen ich heute früh dem zerstörten Dasein eines Nebenmenschen das Mitleid nicht versagen konnte, weil das Christentum unsere Herzen auf die Sünder lenkt, waren wie ich bekennen muß, beim Lesen dieser Blätter stark ins Wanken geraten. Nicht, weil ich doch hintergangen worden war von der Schreiberin – was ich ihr übrigens nicht zur Last legte, indem ihr Verstand sicher nicht mehr normal war, um den gelindesten Grad anzunehmen –, sondern wegen des grenzenlosen Zynismus, mit dem sie ein Bekenntnis ablegte, von dem sie noch hoffte, daß es ihrem moralisch Mitschuldigen zum Strick um den Hals werden konnte, über die empörende Kaltblütigkeit, mit der sie ihre Tat geplant und ausgeführt hatte, während der passiv zusah, von dessen »Erfüllung unausgesprochener Wünsche« sie den Preis erhoffte, um den er sie, ganz folgerichtig für seinen Charakter, betrog. Denn das war kein Bekenntnis zur Erleichterung einer belasteten Seele, zur Sühne einer dunklen, in der Leidenschaft vollbrachten Tat, für die es immerhin noch menschliche Entschuldigungen gibt.

Eine Jugend, eine Erziehung im und zum Laster wäre noch eine solche Entschuldigung gewesen, aber nach dem eigenen Zeugnis der Schreiberin waren ihre Eltern brave, redliche Menschen gewesen, deren Verbrechen lediglich ihre Armut war, in der sie sich sogar glücklich gefühlt hatten. Da wurde alles dem Blute der Urgroßmutter zur Last gelegt – wahrlich, eine bequeme Art, sich selbst freizusprechen! Mein Ekel vor der Hand, die dieses Bekenntnis niedergeschrieben, war so groß, daß er mich vorerst nicht zu dem befreienden Gedanken, daß Lili nicht Hand an sich selbst gelegt, kommen ließ, der Erschütterung über das Wie ihres Endes keinen Raum gewährte – es dauerte Stunden, bis das bei mir durchdrang und die Oberhand gewann. Und dann packte mich der Menschheit ganzer Jammer, und ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß ich wie ein Kind geweint habe – und daß es mich erleichterte und befreite.

Ich ging an diesem Tage nicht mehr aus; es schien mir unmöglich, mich nach dem Durchlebten unter alle die fremden, gleichgültigen Menschen zu setzen, zu essen und zu trinken.

Gegen Abend klopfte es an meine Tür, und auf mein mehr mechanisches als bewußtes »Herein!« trat Herr Möller bei mir ein. Mein erster Impuls war, ihn zu bitten, lieber ein anderes Mal vorzusprechen, aber ein Blick in seine gütigen, treuen Augen hielt das Wort auf meinen Lippen zurück und stumm schüttelte ich seine Hand.

»Komme ich heut zur unrechten Stunde?« fragte er mit einem prüfenden Blick auf mein Gesicht, in dem dieser Tag wohl seine Spuren hinterlassen hatte. »Dann schicken Sie mich nur ruhig wieder fort. Ich komme als Freund. Ich habe damit einen Augenblick gezögert, aber mein Ilsekind drängte mich. Sie sagte mir, daß Sie Kummer hätten und daß Sie mich vielleicht brauchen könnten. Und da bin ich. Verfügen Sie über mich!«

Das kam so schlicht und dabei doch so wundervoll herzlich heraus, daß ich nachgab. Ich erzählte ihm alles. Am Ende war er auch berechtigt, alles zu wissen, denn Lilis Mutter war seine Frau, und ich hatte begonnen, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was und wieviel ich verpflichtet war, ihr von dem mitzuteilen, was ich wußte. Sie hatte so das größere Anrecht darauf, es zu erfahren, daß die Last die sie drückte, von ihr genommen werden konnte. Ich gab Herrn Möller darum auch das Schriftstück zu lesen.

Als er die Bogen wieder zusammenfaltete, war sein gutes Gesicht sehr ernst, und lange saß er in tiefem Nachdenken versunken da, in das ich kein Wort warf, sondern ich wartete geduldig darauf, bis er reden würde.

Endlich sah er zu mir herüber und reichte mir die Hand. »Ich glaube,« begann er, »es wird besser sein, daß meine Frau diese Blätter hier nicht liest. Wir wollen ihr sagen – ich übernehme das –, daß die Anna Müller, deren Selbstmord heute die Zeitungen berichteten, Fräulein v. Orville war, und diese Ihnen die Versicherung gegeben hat, daß die Gräfin Meersburg den Tod nicht gesucht, sondern durch ihre, der Gesellschafterin, ›Nachlässigkeit‹ gefunden hat. Die Reue darüber hätte Fräulein v. Orville in einem Anfall von Geistesstörung zu dem verzweifelten Schritte geführt. – Ich denke, es wird am besten sein, ihr nur so viel zu sagen. Ich habe bisher wenig oder nichts von den sogenannten ›frommen Lügen‹ gehalten, bei denen das ›fromm‹ mir immer als eine Selbstentschuldigung, mit dürren Worten: eine Feigheit, vorgekommen ist, aber ich fange an, einzusehen, daß sie in gewissen Fällen ihre Berechtigung haben. Es ist ein Akt der Barmherzigkeit, einer Mutter den Jammer zu ersparen, daß ihr Kind kalten Blutes hingemordet worden ist und selbst durch seine physische und moralische Schwäche dazu mitgeholfen hat. Ich habe aber auch noch ein anderes Motiv, das Ihnen ebenso einleuchten wird: meine Frau würde in ihrer Empörung sich zu Schritten hinreißen lassen, die einen Staub aufwirbeln müssen, aus dem der Graf Meersburg jedenfalls rein hervorgehen würde, nicht aber das Andenken der armen Lili. Warum den Zeitungsschreibern Futter geben, das unser aller Namen mit zweifelhafter Berühmtheit bedecken würde? Die arme Lili ist heute von der schnelllebenden Welt schon vergessen, lassen wir ihr die Ruhe ihres vorzeitigen Grabes. Vielleicht, wenn die Nachricht von der zweiten Ehe des Grafen Meersburg die Welt, der er angehört, durchläuft, wird man sagen: Seine erste Frau soll sich ja wegen schlechter Behandlung das Leben genommen haben! Vielleicht erinnert man sich aber schon nicht mehr dieses dunklen Gerüchtes. Die Welt vergißt so rasch, und seine Strafe hat sich der Graf durch die ›schöne Odette‹ selbst aufgeladen. Wenigstens durch seinen Bruch mit dem, was die Welt für schicklich erklärt. Den Rest müssen wir einem anderen Richter überlassen. Hab' ich recht?«

Ich konnte nicht anders, als ihm beistimmen. Er hatte ja nur ausgesprochen, was mir selbst schon vorgeschwebt hatte.

»Wenn Sie können – und ich glaube es und traue es Ihnen zu, daß Sie es können –, so machen Sie damit auch den Strich unter Ihre Rechnung mit meiner Frau,« fuhr Möller herzlich fort. »Sie hat geirrt, schwer geirrt, sie hat Ihnen Jahre Ihres Lebens verbittert und meinetwegen auch geraubt, aber wie hat sie dafür büßen müssen! Sie hat schwerer gelitten als Sie, glauben Sie mir. Und wie ich sie kenne, wird dies der Wendepunkt ihres Lebens werden, denn unter der Last unter der sie gelebt, liegen viele gute und edle Eigenschaften in ihrem Charakter verborgen, die vielleicht nur ein Sturm wie der, welcher über sie dahingezogen ist, zum Hervortreten bringen kann. Mein Ilsekind singt ein Lied, in dem es heißt: Der Mensch soll nicht hassen, denn kurz ist das Leben, er soll, wenn er gekränkt wird, von Herzen vergeben – von Herzen, mein lieber Herr Eichwald, denn anders ist's doch nicht das rechte.«

Ich nickte, denn ich kannte ja dieses Lied und die liebe Stimme, die mir's in schwerer Stunde in die Seele gesungen hatte. »Ja – sagen Sie Ihrer Frau Gemahlin, daß ich von Herzen vergebe,« erwiderte ich mit einer Bewegung, die mir fast die Stimme erstickte.

»Das ist eine Botschaft, die ich gern übernehme,« sagte der Schiffsreeder freundlich. Und dann, aufstehend und nach seinem Hute greifend, setzte er hinzu: »Auch für Sie wird dieser Sturm Segen zeitigen. Es war noch keine Nacht so lang, daß ihr nicht ein neuer Morgen gefolgt, und die Sonne nicht doch noch wiederaufgegangen ist und die blaue Blume des Glückes erschließt, die dem Menschen bestimmt ist. Schütteln Sie nicht den Kopf – Sie sind noch jung und haben das Recht jedes Menschen auf das Glück. Es ist gar nicht nötig, daß Sie die blaue Blume erst suchen gehen; wer weiß, auf welchem wunderbaren, ungeahnten Wege sie schon für Sie blüht!«

Ich schüttelte aber noch einmal den Kopf, als Herr Möller fortgegangen war. Die blauen Blumen standen nicht an meinen Wegen, die gar nicht wunderbar und ungeahnt vor mir lagen, sondern schnurgerade und bewußt, und nirgends in einen grünen Wiesengrund leiteten oder in einen grünen Wald, von dem es zuweilen vorkommen soll, daß man ihn, wie das Sprichwort sagt, vor lauter Bäumen nicht sieht.


–  –  –  –  –  –  –  –  –  –


Am Nachmittage des folgenden Tages streifte ich ziellos durch die Gassen Venedigs. Ich hatte die Blätter mit den Schriftzügen Napoleona v. Orvilles verbrannt und damit auch einen Strich unter die letzten Jahre, besonders aber die letzten Monate meines Lebens gezogen. Die Erschütterung wirkte ja noch nach, wie es nicht anders sein konnte, aber mir war doch zumute, als sei ich über eine Grenze getreten in ein noch unbekanntes, unerforschtes Land, in dem ich von ferne grüne Wiesen und Wälder im Sonnenlichte schimmern sah, und die Wolke, die noch über mir hing, schien nach einer anderen Richtung abzuziehen Ich wollte Venedig verlassen und erst wiederkommen, wenn alles still in mir geworden war. Eigentlich hatte ich das Verlangen nach San Michele in mir – ich konnte jetzt ganz anders vor dem Grabe stehen, das die marmorne Lüge des Grafen Meersburg noch nicht entweihte – nur das Bedenken, dort am Ende mit Frau Möller zusammenzutreffen, ließ mich zögern, eine der mir bei jeder Brücke angebotenen Gondeln zu nehmen und hinauszufahren. Nicht, daß mich der Gedanke an diese Begegnung abgestoßen hätte, denn ich hatte ihr nicht nur mit dem Munde, sondern wirklich von Herzen vergeben, schon um der Ihrigen willen, aber ich wollte nicht gern als ein vielleicht letzter Mißklang in ihre Stimmung treten.

Während ich noch mit mir zu Rate ging, bog ich um eine Ecke und stand mit einem Male stockstill vor einer grotesken Figur, die mir entgegenkam. Wahrhaftig, das war Kathinka Niedermüller, wie sie leibte und lebte, und in einem Aufzuge, der jeder Beschreibung spottete. Einen Hut mit blauen, ausgerechnet blauen Rosen hatte sie schief auf dem Kopf, unter dem Arme trug sie ein Paket aus stark benütztem Zeitungspapier, das an allen Ecken und Enden geplatzt und zerrissen war, und die fabelhaft großen Taschen ihres Mantels standen von ihrem Leibe ab, als ob sie mit Kanonenkugeln vollgestopft wären. Wahrscheinlich waren auch solche darin, die sie sich, als von der Belagerung Venedigs stammend, irgendwo hatte aufschwatzen lassen, denn sie konnte die Last ersichtlich kaum erschleppen.

»Was, Sie sind's, Herr Buchwald?« schrie sie mir entgegen, daß die Leute stehen blieben und sie grinsend betrachteten.

»Eichwald,« verbesserte ich und drückte die mir entgegengestreckte, einigermaßen freie Hand in einem Handschuhe, an dem jeder Finger wie eine Sonnenblume sich entblätterte.

»Eich–?« wiederholte sie zweifelnd. »Unsinn – Lindenwald war's!«

»Erlauben Sie, das muß ich doch besser wissen,« widersprach ich energisch.

»Na, na!« machte sie, »nicht so stolz! Ich muß mich manchmal auch besinnen, ob ich Ober-, Unter-, Nieder-, Mittel-, Wasser- oder Windmüller heiße. Übrigens weiß ich's schon, daß Sie hier sind; Möllers haben mir's gesagt.«

»Kennen Sie die Herrschaften?« fragte ich erstaunt.

»Na, warum sollte ich sie denn nicht kennen?« schnob sie mich an. »Klaus Möller ist mein leiblicher Vetter! Haben Sie was dagegen?«

»Gar nichts – schon deshalb nicht, weil's ja doch nichts nützen würde,« beeilte ich mich zu versichern.

»So? Na, es ist immer ein gutes Zeichen, wenn einer seine Unzulänglichkeit wenigstens einsieht,« lachte Kathinka Niedermüller dröhnend los. »Freut mich übrigens, daß Sie meinen Vetter Klaus Möller kennen. Ein guter, braver Kerl, nicht bloß deshalb, weil er keine Stiefelwichse frißt und nicht mit Bunzlauer Topfdeckeln um sich schmeißt, sondern überhaupt. Ein redlicher Mensch mit einem Wort, was mehr ist, als viele Menschen von ihren Vettern sagen können. Ich hab' ihn auch immer für einen klugen Menschen gehalten, bis er den erzdummen Streich machte, die Frau v. Lahr zu heiraten. Ein erzdummer Streich war's!« donnerte sie.

»Finden Sie?« fragte ich interessiert.

»Finden Sie? Na, wenn ich's nicht fände, würde ich's ja nicht sagen!« schrie Fräulein Niedermüller grob. »Aber,« setzte sie leiser hinzu, »sie ist mürbe geworden. Nicht, daß sie früher getobt hätte – nee, das nicht, aber – na, sie war eben anders. Suchte mich so von oben 'runter niederzuschmettern. Da ist sie aber an die Falsche gekommen. Heute hat sie mich sogar geküßt. War ein sogenannter Genuß. Mannheimer Dreck schmeckt besser.«

»Wobei mir einfällt, daß Ihre Piepwurst vorzüglich war,« warf ich ein.

»War sie? Soll das etwa ein Wink mit dem Zaunpfahl sein? Na, es hat eben jeder Mensch seine schwache Seite,« legte sie mir meine Höflichkeit in einer Weise aus, daß ich ordentlich zurückprallte; ehe ich aber Protest dagegen einlegen konnte, schwatzte sie schon wieder los: »Ja, der Klaus Möller ist ein braver Kerl, der es besser verdient hätte, als auf so 'ne hochnäsige Pflanze 'reinzufallen. Einen Fehler hat er freilich auch: von Antiquitäten versteht er einen blitzblauen Dunst! Hier« – damit fing sie an, das Zeitungspapierpaket auszuwickeln, und brachte daraus eine schmutzige Dogenmütze aus Goldbrokat hervor – »ich zeige ihm diesen meinen letzten Einkauf, den urkundlich beglaubigten Corno, in dem Ludovico Manin die Entsagungsurkunde unterzeichnet hat und damit auch das Ende der Republik, und was sagt er? Der Kerl, der Antiquar, verkaufe das ganze Jahr lang eine Entsagungsdogenmütze Ludovico Manins nach der anderen! So'n Stuß! Langen Sie mal in meine rechte Manteltasche – nee, in die linke – nee, in meine Kleidertasche – hinten ist sie, Mann Gottes! – Na, dann lassen Sie's – kurzum, irgendwo hab' ich sie 'reingestopft, die Beglaubigung, daß es die richtige Mütze ist! Fünfzig Lire hab' ich dafür geblecht!«

»Hm,« machte ich, um doch etwas zu sagen. »Ideelle Werte lassen sich überhaupt nicht berechnen.«

»Da haben Sie recht,« stimmte sie zu, ihre Mütze wieder in die Papierfetzen wickelnd. »Davon versteht der Klaus Möller aber so viel wie der Affe vom Gurkensalat. Ich werde die Mütze daheim tragen.«

»Sie wird Ihnen schön stehen,« sagte ich mit Überzeugung.

»Das behauptet der Frechdachs, die Ilse Möller, auch,« schmunzelte Kathinka, mit ihren Papierfetzen beschäftigt, und als diese absolut nicht mehr die Dogenmütze bedecken wollten, ballte sie die Zeitung zusammen, warf sie mit einer kräftigen Redeblüte auf das Pflaster und zog ihr Taschentuch heraus, in das sie die herzogliche Kopfbedeckung einbündelte, wie der Soldat seine Siebensachen, wenn er zur Reserve entlassen wird. Und ich mußte ihr noch dabei helfen! »Übrigens, wie gefällt Ihnen die Ilse Möller?« nahm sie den abgerissenen Faden wieder auf.

»Wem sollte die nicht gefallen?« gab ich ihr die Frage zurück.

»Nu, das ist doch schließlich Geschmacksache. Sie sagen das verflixt mehlsuppig. Wissen Sie, Herr Buchwald –«

»Immer noch Eichwald!«

»Alle Achtung vor Ihren archäologischen Kenntnissen, aber in gewisser Beziehung sind Sie doch ein ausgewachsenes Heupferd!«

»Wer wäre das manchmal nicht – in gewisser Beziehung,« erwiderte ich sanft. Ich gab es auf, über den Sprachschatz von Fräulein Kathinka Niedermüller moralische Luftsprünge zu machen. Man kam dabei überhaupt nicht mehr auf den Boden zurück.

»Auf wen sticheln Sie denn da?« erkundigte sie sich lachend. Das war noch das Nette an ihr, daß sie wenigstens nichts übelnahm. »Wenn Sie mich etwa gemeint haben sollten – Retourkutschen ziehen nicht! Also, ein Heupferd, sage ich, sind Sie. So, verdauen Sie das, wenn Sie können, oder – bessern Sie sich! Guten Morgen! Ich muß jetzt meinen Tee trinken, sonst hängt mir gleich die Zunge vor Durst aus dem Halse 'raus. – Wollen Sie mitgehen?«

Ich dankte. Diese Straßenszene hatte sowieso schon manches Grinsen der Vorübergehenden hervorgerufen, mich aber in einem Café öffentlich in dieser Weise anschreien zu lassen, das ging denn doch über meine Kräfte. Wir schüttelten uns also die Hände, und sie ging nordwärts, ich südlich ab.

Ich ließ alle Gondelangebote unbeachtet; denn die Lust, nach San Michele hinauszufahren, war mir vergangen, aber ich fühlte nach dieser erfrischenden Begegnung etwas wie Unternehmungslust in mir erwachen, und als ich, ohne recht zu wissen wie, auf der Piazetta ankam, da fiel mir der Campanile von San Giorgio Maggiore auf, wie etwas noch nie Gesehenes.

»Ich werde hinüberfahren und mir von dem Turme aus den Sonnenuntergang ansehen,« beschloß ich.

Eine Minute später saß ich in einer Gondel, und fünf Minuten später stieg ich unter der gedeckten Einfahrt der Insel ans Land und ging dem Kirchenportal zu, mich freuend, daß ich anscheinend ganz allein hier war. Eine andere Gondel hatte wohl auch in der Einfahrt gelegen, aber die konnte einem Offizier gehören, denn der größte Teil des Klosters ist ja jetzt Kaserne.

»Hoffentlich ist niemand auf dem Turm,« dachte ich, die Stufen zur Kirche hinaufschreitend, und als ich die oberste erreicht hatte, ging das Portal auf, und heraus traten – Herr und Frau Möller.

Einen Augenblick standen wir uns stumm gegenüber, dann wollte ich grüßend zur Seite treten, denn über Gemeinplätze konnten wir uns doch nicht unterhalten und zu anderem war hier wohl kaum der Ort.

Da reichte Frau Möller mir ihre Hand, und in dem Blicke ihre großen, dunklen Augen, mit dem sie mich dabei ansah, war zu lesen, was sie nicht aussprach: »Glühende Kohlen hast du auf mein Haupt gehäuft!« Wenn ich diesen Ausdruck je zuvor einmal in ihren Augen gesehen hätte – – aber dann hätte Lili auch niemals den Grafen Meersburg geheiratet. Nun, ich verstand den Ausdruck der Augen, mit denen sie jetzt in die meinen sah, und stumm drückte ich die Hand, die sich mir reichte. Ich wußte es: auch diese wortlose Bewegung kostete der stolzen Frau eine Überwindung als Anerkennung der Botschaft, die ihr Gatte ihr von mir überbracht; aber daß sie sich überwand, war mir ein Zeichen, wie schwer sie gelitten haben mußte, und darum versuchte ich, in meinen Händedruck die Wärme, das Verstehen zu legen, das ich wirklich beim Anblick dieser seit einigen Tagen um Jahre gealterten Frau empfand.

Und sie verstand. Mit überströmenden Augen wandte sie sich ab und schritt die Stufen der Kirche hinab, während Herr Möller mir auch die Hand reichte und bedeutsam mit dem Kopfe dazu nickte.

»Sie wollen auf den Campanile?« fragte er mich.

»Ja,« erwiderte ich, verwundert, daß er, gerade er, in diesem Augenblick eine so banale Frage tat.

»Ah – es wird sicher sehr schön dort oben sein,« meinte Herr Möller. »Ich selbst wäre auch gern hinauf, aber für meine Frau würde es zuviel geworden sein, und da will ich ihr doch lieber Gesellschaft leisten. Mein Ilsekind ist aber droben. Jawohl. Sie ist allein hinauf. Es ist ja ganz sicher keine Gefahr dabei, aber wenn Sie gerade einmal zusehen wollten, daß sie sich droben nicht zu weit über die Brüstung lehnt – im allgemeinen kann man sich ja auf sie verlassen, aber sie ist halt doch noch sehr jung, und – – es ist mir eine Beruhigung, daß Sie auch hinaufgehen.«

»Ja, ja – ich werde schon auf sie aufpassen,« versicherte ich herzlich, denn es freute mich, daß ich Ilse Möller droben finden sollte. Sie hatte gestern ihren Vater zu mir geschickt, gewissermaßen um nachsehen zu lassen, ob mir etwas fehle, das war doch wieder gar zu lieb von ihr. Aber was war denn nicht lieb an ihr? Und diese gute Kathinka Niedermüller behauptete, ich hätte »mehlsuppig« von Ilse Möller gesprochen!

Rasch durchschritt ich die schöne Kirche, ohne auch nur einen Blick auf die Tintorettos rechts und links zu werfen, und mein alter Freund, der Bruder Giuseppe, kam mir schon von weitem entgegen, die Vorhalle zu dem Campanile aufzuschließen. Er liebt es, ein Schwätzchen mit seinen alten Bekannten zu machen und neue Bekanntschaften zu schließen, er ist ein lieber, alter Herr, mit dem ich mich sonst mit Vergnügen unterhielt, aber heute mußte ich ihn auf meine Rückkehr vom Campanile vertrösten, sonst lehnte Ilse Möller sich am Ende wirklich zu weit über die Brüstung hinaus.

Ich stieg die in Absätzen ganz bequem gebaute Holztreppe rascher hinan, als man es eigentlich tun sollte; der letzte Absatz zur Loggia hinauf aber ist hoch und ziemlich steil, und ich wollte ihn gerade in Angriff nehmen, als droben, hoch über mir, eine kleine, zierliche, weiße Gestalt erschien.

»Herr Eichwald? Nein, wie hübsch, daß Sie auch den Gedanken hatten, heut auf den Campanile von San Giorgio zu steigen!« rief sie, mich erkennend, herab. »Aber ich muß jetzt wieder gehen, sonst ängstigt sich mein Alterchen und denkt gar, daß ich irgendwo verunglückt bin. Ist das eine gräßlich steile Treppe! Und so schmale Stufen, daß man kaum den Fuß daraufsetzen kann! Nein, begegnen können wir uns darauf nicht. Warten Sie, bitte, unten, bis ich – sehen Sie, das macht man so!«

Und ehe ich sie daran verhindern konnte, hatte sie sich auf die oberste Stufe gesetzt und rutschte nun die Treppe auf die Weise herab, wie ich es in meinen Kinder- und Lümmeljahren zum Schaden meiner Hosen oft und mit besonderer Virtuosität gemacht. In dem letzteren Punkte schien Ilse Möller es auch zu einem hohen Grade, der auf Übung schließen ließ, gebracht zu haben, denn sie war schon halbwegs herab, ehe ich noch Protest einlegen konnte, weil die Sache auf dieser Treppe wirklich ohne eine gewisse Meisterschaft nicht ganz gefahrlos für ein solches Unternehmen war, und das Tempo, in dem Ilse Möller herabkam, erfüllte mich mit Entsetzen. Ich trat an den geländerlosen Rand mit ausgebreiteten Armen, und richtig neigte sie sich auch etwas nach dieser Seite. Da fing ich sie auf, hob sie vollends herab und – wenn ich bloß wüßte, wie es geschah – ich ließ sie nicht mehr los, sondern drückte die kleine, weiße Gestalt im Gegenteil so fest an mich – so fest, als sollte ich sie ewig so halten.

»Ilse!« sagte ich nach einer Weile mit stockendem Atem.

»Gottlob – er weiß, daß ich Ilse heiße!« kam es etwas unterhalb meiner linken Schulter zurück, und ein süßes, liebes Gesichtchen, dessen Mund lächelte, während die Augen überströmten, sah zu mir auf.

»Ich weiß es ja erst seit heut, hab's eben erst erfahren,« verteidigte ich mich. »Aber was nützt es denn?« setzte ich ordentlich wild hinzu, ohne die weiße Gestalt loszulassen. »Es nützt mir gar nichts, daß ich's weiß, denn es ist ja doch ein anderer da, der – der –«

»Der so blind ist, wie eine junge Katze!« murmelte es etwas undeutlich an meiner linken Schulter. »Denn der andere – der sind Sie ja – bist du –!«

»Bin ich?« wiederholte ich wie betäubt. Aber plötzlich wurde es hell um mich, so hell, daß ich wie geblendet die Augen schließen mußte. »Ilse – geliebtes Ilsekind!« jubelte ich, und weil ich doch mit einem Male so wundervoll sehend und wissend geworden war, so setzte ich laut im Brusttone der tiefsten Überzeugung hinzu: »Kathinka Niedermüller hat recht: ich bin ein ausgewachsenes Heupferd! Oder vielmehr ich war's –«

Da sah das süße Gesicht wieder zu mir auf, um den Mund zuckte es verdächtig, und die kornblumenblauen Augen lachten mich ganz offenkundig an. »Widersprechen ist unhöflich!« sagte sie, die Augen niederschlagend.

In diesem Augenblicke fingen die Glocken des Campanile an, sechs Uhr zu schlagen. Bei dem Höllenlärm, den das macht, ist es vollständig überflüssig zu reden, weil man tatsächlich sein eigenes Wort nicht versteht. Aber auch ohne ein solches verstanden Ilse Möller und ich uns ausgezeichnet.

Wer mir das gestern, heute früh, vor einer halben Stunde noch gesagt hätte, daß ich auf dem Campanile von San Giorgio Maggiore, auf der Treppe zur Loggia, meine blaue Blume des Glückes finden würde!


* * *


Als wir alle vier zusammen in einer Gondel wieder an der Piazetta ausstiegen, war die erste Person, die uns entgegentrat – Kathinka Niedermüller. Sie hatte ihre Taschen zwar inzwischen ihres bombenartigen Inhaltes entleert, aber nun klafften sie, zu unnatürlichen Dimensionen ausgedehnt, beutegierig an ihrem Mantel. Sie war wirklich eine Person, mit der öffentlich auf der Piazetta in Venedig zu zeigen ich mich vor einem Jahre noch entschieden gesträubt hätte, aber heute hätte ich sie sogar öffentlich umarmt, wenn es sonst notwendig gewesen wäre.

Als ich sie sah, machte ich, mit Ilse am Arm, ein paar lange Schritte ihr entgegen und sagte ohne jede überflüssige Einleitung: »Bitte, das Heupferd zurückzunehmen!«

Da stemmte sie die Hände in die Seiten, sah uns beide abwechselnd an, spitzte den Mund erst zum Pfeifen, verzog ihn aber dann zu einem lieblichen Lächeln und stach mich mit dem rechten Zeigefinger, der bis zum ersten Fingergliede aus dem Handschuh herausguckte, in die Magengegend.

»Ilse,« schrie sie, »das Heupferd schenk ich dir – ich hab' keinen Platz dafür.«

Sie schenkte uns aber noch ganz etwas anderes – zu unserer Hochzeit nämlich: erstens den Löwen vom Throne des Dogen Francesco Morosini; wir haben ihn mit ergänzter Zunge in dem Vorraum unserer Villa aufgestellt. Zweitens das Bett in dem Coligny ermordet wurde. Darin kann sie schlafen, wenn sie uns doch einmal besuchen kommt; es ist niederträchtig hart, aber daran ist sie ja gewöhnt. Und drittens die größte und dickste Piepwurst, die ich überhaupt für möglich gehalten habe, mit einem Zettel an dem Zipfel, auf dessen eine Seite sie geschrieben hatte: Meinem lieben Neffen Max Eichwald,« während auf der anderen Seite, rot unterstrichen, das Wort: »Freßsack« stand!

Ich will mich nicht mit meiner Verteidigung aufhalten und den Beweis führen, daß ich der mäßigste Esser bin, den man finden kann, aber ich rufe das Gerechtigskeitsgefühl jedes billig Denkenden an und frage, ob ich nicht in meinem Rechte war, diesen Zettel abzuschneiden, noch ehe ein schadenfrohes Auge ihn gesehen hatte, und ihn heimlich zu vernichten? Das kommt davon, wenn man in der Harmlosigkeit seines Gemüts jemand für sein Geschenk ein Kompliment machen will! O Kathinka!


* * *


An meinem Hochzeitsmorgen machte ich mir trotz des warmen Sommertages in aller Frühe ein Feuer in meinem Ofen, um den grünen Pompadour endgültig zu verbrennen. Aber als ich ihn schon in der Hand hatte, um ihn den Flammen zu übergeben, da sah ich ihn plötzlich in einem ganz anderen Lichte vor mir, und ich besann mich eines Besseren.

Dies neue Licht aber hatte drei Seiten und ließ das Andenken an die Hand, die dereinst das Büchschen und das goldene Notizbüchlein darin verborgen hatte, so in den Schatten treten, daß es nicht mehr wehe tun und abstoßen konnte. Auf der einen Seite schien dieses Licht mich darauf hinzuweisen, daß die ewige Gerechtigkeit auch das scheinbar unbedeutendste und banalste Mittel nicht verschmäht hatte, um das Andenken einer Toten von einem lastenden Verdachte zu reinigen und damit einem Mutterherzen die Ruhe, wenigstens nach dieser Richtung, zurückzugeben, wennschon es nicht zureichend war, die Schuldigen vor die Schranken der irdischen Gerechtigkeit zu rufen.

Die zweite Seite des neuen Lichtes warnte mich davor, den Vandalismus zu begehen und mit dem Stoffe des grünen Pompadours den stummen Zeugen einer denkwürdigen Zeit und eines noch denkwürdigeren Riesen zu vernichten.

Die dritte Seite des neuen Lichtes aber war die ausschlaggebende: ich hatte den grünen Pompadour aus Ilses Hand auf jenem Basar erhalten, auf den ich mit so viel Widerwillen gegangen war, blind und ahnungslos, wie der Mensch so oft ist, indem er sich auflehnt gegen irgendeine konventionelle Höflichkeit, zu der ein »Zufall« ihn hindrängt. Als ob es einen Zufall gäbe!

Und so ist und bleibt denn der grüne Pompadour einer der kostbarsten Gegenstände meiner Sammlung, denn er hat mich, von Ilses Hand mir übergeben, auf merkwürdigen und dunklen Pfaden voll Nacht und Grauen zurückgeführt zu ihr, durch die ich zum glücklichsten Menschen auf Gottes weiter Welt geworden bin.