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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Die weißen Rosen von Ravensberg

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Die weißen Rosen von Ravensberg, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, [um 1930]
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Einleitung

Es ist ein großes, weites, schmuckloses Haus, ein Haus mit starkvergitterten Fenstern und Toren, die einer Festung hätten angehören können – dennoch ist aber dies Haus kein Kastell, dem Feinde Trotz zu bieten, sondern nur ein Gefängnis mit vielen, vielen Zellen für Einzelhaft. Und in einer dieser Zellen stand ein junges Weib an dem schmalen, vergitterten Fenster und ließ die Luft über ihr lichtes, blondes Haupt hinwegstreichen und sah mit trocknen, traumverlorenen Augen hinaus auf das Fleckchen blauen Himmels, das sich dort zeigte, wo die hohe, graue Gefängnismauer endlich aufhörte – diese furchtbare Mauer, die in den Himmel zu wachsen schien.

Und das junge Weib schaute zur Höhe, bis die Augen sie schmerzten und sie den Blick herabsenken mußte bis zu der Stelle, wo man wilden Wein gepflanzt hatte, die graue Mauer zu verkleiden mit den Reizen einer immer schmückenden Natur. Dicht kletterten die Ranken empor an dem kahlen Gemäuer, und da es Herbst wurde, hatte sich das einst dunkle Grün der Blätter rot gefärbt.

»Wie mit Blut überrieselt«, sagte sie erschauernd und wandte sich ab. Doch nichts Freundlicheres als jene liebreich verhüllenden Ranken fand hier ihr Auge: kahle, weißgetünchte Wände, ein niederes, schmales und hartes Bett mit sauberem, aber grobem Linnenzeug, Becken und Krug auf einem Schemel, und in der Mitte der engen Zelle ein Tisch und ein Stuhl davor, und auf dem Tisch ein Tintenfaß, Federn und ein paar Bogen billigen Papieres – das war alles.

Und in dieser Umgebung die Gestalt dieser Frau! Groß, schlank, gebietend, wie eine Königin, nicht wie eine Gefangene stand sie in dem engen Raume und schien ihn zu erhellen durch den Glanz ihrer Augen und den metallischen Schimmer ihres lichten Haares. Ihr schönes Gesicht war wohl schmäler geworden und blaß durch die lange Haft, aber vielleicht darum noch schöner, und die Hände, welche sie jetzt mit einer heftigen Gebärde der Ungeduld zusammenschlug, waren lilienschlank, wohlgepflegt und edel geformt – es waren die Hände einer vornehmen Dame, die in ihrem Dasein vielleicht nie härtere Arbeit damit getan als höchstens in Gold und Seide gestickt, Spitzen geklöppelt oder Klavier gespielt. Wie aber kam diese Frau in die Zelle eines Gefängnisses für Einzelhaft?

»Es ist unerträglich!« stöhnte sie.

Dann warf sie sich auf den Stuhl vor dem Tische und begann nervös mit dem Federhalter zu spielen.

Dabei fiel ihr Blick auf das Papier.

»Schreiben!« murmelte sie verächtlich. »Sie wollen mich durch diese unerträgliche Einsamkeit und Langeweile zum Schreiben zwingen. Als ob ich mich jemals durch eine Zeile kompromittiert hätte! Schlafen ist besser!«

Und sie stand auf, um sich sofort wieder auf das Bett niederzuwerfen. Aber der Schlaf kam nicht am hellen Tage – kam er doch selten genug des Nachts zu ihr, wenn sie mit brennenden Augen und fieberndem Blut auf dem harten Lager lag und nicht einmal Licht machen konnte, um die Gedanken damit zu verjagen oder ihnen eine andere Richtung zu geben.

Die Gedanken!

»Wenn ich nur nicht  denken  müßte«, ächzte sie, setzte sich in ihrer Rastlosigkeit wieder auf und wühlte mit den schlanken, weißen Fingern in der üppigen, welligen Fülle ihres lichten Blondhaares. »Denken, immer denken, immer dasselbe denken! Dasselbe – –! Werde ich denn immer das eine nur denken müssen? Auch wenn ich heraus sein werde aus diesem Schreckensort von Gefängnis, wenn ich wieder frei sein werde, gefeiert, umworben, verwöhnt wie früher? Nein, nein, dann werde ich es vergessen haben. Ach! wenn ich doch heut schon vergessen könnte!«

Und wieder sank sie, das Gesicht mit den Händen bedeckt, auf das harte Pfühl zurück, den schönen Leib durchschauert wie von einem namenlosen Entsetzen.

Draußen auf den Steinfliesen des Korridors erschollen Schritte, Schlüssel rasselten, und die Tür der Zelle ward geöffnet. Doch die Gefangene sah nicht auf. Wer konnte es anders sein als der Aufseher, der ihr das spartanisch-einfache Mahl brachte oder die Frau hereinließ, die Wasser trug und frische Wäsche brachte? Und dennoch war es keine dieser Personen, sondern ein Priester mit weißem Haar, ein ehrwürdiger Mann, aus dessen Antlitz eine Milde und Güte leuchtete, wie die Kinder dieser Welt sie nur selten besitzen und noch seltener üben. In seiner Hand trug er ein kleines, schwarzgebundenes Buch und einen kleinen Strauß weißer Moosrosen, wie sie der Herbst noch so schön spendet – beides sollten Liebesgaben bedeuten, denn das Buch, das er jetzt leise und geöffnet auf den Tisch legte, war ein Andachtsbuch, und die weißen Rosen legte er auf die offenen Seiten, nicht als einen Gruß aus der Welt, der die Gefangene entrückt war, sondern als einen beredten Hinweis auf Gottes Größe, Güte und Allmacht. Über Buch und Blumen deckte er einen der auf dem Tisch liegenden Papierbogen.

Das leise Knistern des Papieres aber machte die Gefangene aufhorchen – das war nicht ihr Kerkermeister, der die Zelle betreten hatte! Unwillkürlich richtete sie sich empor, aufgestört aus ihrer dumpfen Träumerei, und stand Aug' in Aug' dem Priester gegenüber. Da richtete sie sich hoch auf, ein seltsamer Zug, gemischt aus Hochmut, Spott und Zorn, flog um ihren schönen, stolzen Mund, und ihre Augen sprühten.

»Wer hat Sie zu mir geschickt?« fragte sie mit verletzender Kühle, »ich habe Sie  nicht  rufen lassen!«

Aber ein Gefängnisgeistlicher besucht die Zellen für Einzelhaft nicht in der Hoffnung auf höfliche Reden und demütiges Entgegenkommen; – Demut und Reue sind die Gaben, die er mitbringt, um sie in die Herzen zu pflanzen, welche hier an diesem Ort oft hoffnungslos versteint und verstockt zu finden sind. Und darum nickte der Priester auch nur zu den kalten Worten.

»Nein, meine Tochter, Sie haben mich nicht rufen lassen«, sagte er dann mild, »aber ich habe auf Ihren Ruf gewartet, Sehnsucht im Herzen, und ich habe Ihren Ruf unter heißen Gebeten erfleht – vergebens!«

»So scheint es«, erwiderte sie noch um einen Hauch kühler und unnahbarer.

Da trat er einen Schritt näher an sie heran. »Wenn ich trotzdem zu Ihnen komme, meine Tochter«, sagte er, »so geschieht es, weil ich als verordneter Priester dazu verpflichtet bin, weil mein Gewissen und mein Herz mich zu Ihnen treiben. Und als Priester ist es meine heilige Pflicht, vor Sie hinzutreten und Sie zu mahnen an die letzten Dinge, deren wir stets gewärtig sein sollen –«

»Ich danke Ihnen«, unterbrach sie ihn kalt und mit der Kopfbewegung einer Königin, die einen Untertan entläßt. »Sobald ich das Bedürfnis nach geistlichem Zuspruch empfinden sollte, werde ich Sie rufen lassen, Herr Pfarrer. Ich fürchte nur«, setzte sie spöttisch hinzu, »daß ich dann diesem Hause und mithin auch Ihnen schon weit entrückt sein werde.«

»Das fürchte ich auch«, erwiderte der Priester ernst und traurig. »Dennoch aber, meine Tochter, muß ich versuchen, Ihr Herz dem Ewigen zuzuwenden, wie Gott es von uns fordert zur ewigen Seligkeit unserer unsterblichen Seele. Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Heile gereichen, sagt der Prophet. Nun denn, meine Tochter, öffnen Sie Ihr Herz, damit es sich zu Gott wende, und auch Ihnen kann noch zum Heile gereichen, was Ihrem kurzsichtigen, irdischen Auge als der Gipfel des Elends erscheint. Denn Sie dürfen nicht vergessen, daß die irdische Gerechtigkeit Sie zum Tode verurteilt hat!«

»Eine bloße Form, Herr Pfarrer«, erwiderte sie kühl und unbewegt, »eine Form, welche in ihrer plumpen Machart gut und wirksam sein mag für jene Gefangenen, deren Bildung nicht so weit reicht, um unter der Hülle des Fürchtemachers das harmlose Geschöpf zu erkennen. Mich aber kann diese Form aus dem Apparat juristischen Humbugs weder erschrecken noch täuschen. Mein Verteidiger war ein Schwachkopf, und der Staatsanwalt schmetterte ihn daher mit seinen Gemeinplätzen als öffentlicher Ankläger einfach nieder – aber wer hat mich bei dieser Rede zittern oder erbleichen sehen? Ich habe nur dazu gelächelt!«

»Leider, meine Tochter, leider taten Sie's!«

»Leider?«

»Ja, denn es hat Ihre Sache sehr verschlimmert.«

Jetzt lachte die Gefangene wirklich – ein leises, melodisches Lachen, das aber nicht von Herzen kam.

»Ah, Sie meinen, weil der Staatsanwalt es bemerkte und deshalb in seine Rede einen schwungvollen Satz über meine Verstocktheit, die ein Beweis meiner Schuld sein sollte, einflocht? Und das sollte mich erschrecken?«

Mit einem unsäglich traurigen Blick sah der alte Priester auf das schöne junge Weib.

»Ich verlasse Sie wieder, meine Tochter«, sagte er dann seufzend, »denn Sie würden in dem jetzigen Zustand Ihres Herzens nicht nur allein nicht auf mich hören, sondern meinen Worten auch jenen kühlen Trotz entgegenstellen, der Ihrer Sache vor dem irdischen Richter so geschadet hat, daß ein Gnadenspruch wohl kaum für Sie zu erwarten ist. Ich gehe deshalb jetzt wieder und lasse Ihnen ein Buch zurück, dessen Inhalt Ihr Herz vielleicht mehr bewegen wird als mein gesprochenes, armes Wort. Wollen Sie mir versprechen, in diesem Buche zu lesen, was ich für Sie darin aufgeschlagen habe.«

»Vielleicht tue ich's nicht, vielleicht aber doch«, erwiderte sie nachlässig.

»Wohl, so sei es, denn Sie wissen nicht, wie oft Sie die Nacht noch kommen sehen werden, der bisher stets ein Morgen folgte!« rief der Priester ernst. »Schon steht die Sonne tiefer, und schnell verrinnt Stunde um Stunde. Wenn dann die ewige Nacht für Sie gekommen ist, dann ist es zu spät, zu bereuen und Gottes Barmherzigkeit zu erbitten. Halt – nicht dieses überlegene Lächeln, meine Tochter«, fuhr er mit erhobener Stimme und abwehrender Hand fort, als sie, die Achsel zuckend, den lieblichen Mund zu schrecklicher Lustigkeit verzog, »nicht dies überlegene Lächeln, das Ihre Waffe ist gegen die Schmerzen Ihrer Seele, gegen die Todesangst des Weltkindes, gegen die irdische Gerechtigkeit! Aber Sie täuschen mich nicht damit, denn ich bin's geübt, die Hieroglyphen zu entziffern, die das menschliche Antlitz mir in meinem schweren Berufe zu raten gibt. Und ich lese auch in Ihrem Auge Schuld und Todesfurcht – Schuld, trotz Ihres nicht einen Moment schwankenden Leugnens, und Todesfurcht trotz Ihrer gemachten Gleichgültigkeit gegen ein Urteil, das schon starke Männer zu Boden geschmettert und bezwungen hat.«

»Feiglinge«, warf sie ein, unbewegt, ruhig, als spräche sie über das Gleichgültigste. »Ich kann Sie, Herr Pfarrer, nicht verhindern, in meinen Zügen zu lesen, was Ihnen beliebt, aber Sie fangen mich nicht in dieser Schlinge, wie ich mich in keiner anderen habe fangen lassen. Die ganze Anklage gegen mich ist absurd, das Urteil noch mehr, und es kann jeden Augenblick der mich auf freien Fuß stellende Gnadenerlaß des Königs eintreffen, bei dem mein Name hoch angeschrieben steht. Wozu also die Aufregung?«

Da wandte der Priester sich ab.

»Gott sende Ihnen sein Licht«, sagte er, »denn Sie sind noch nicht reif, sein Wort zu hören. Lesen Sie, was ich Ihnen bezeichnet habe, dort in jenem Buch – vielleicht, ehe es ganz Abend wird, bin ich wieder bei Ihnen, und Sie sehen durch die zerrissenen Nebel der Weltlust einen Strahl des Lichtes, das auch dem Sünder verheißen ist, wenn er Buße tut.«

Und damit wendete er sich ab und pochte an die Tür, die alsbald für ihn aufgeschlossen wurde; doch kaum hatte der Priester noch die Schwelle überschritten, so ward auch schon wieder ein anderer eingelassen, den der Direktor des Gefängnisses selbst bis an die Tür der Zelle geleitet hatte. Dieser andere war ein noch junger Mann, um zehn Jahre älter vielleicht als die Gefangene und ihr so ähnlich, wie eben nur Geschwister sich ähnlich sehen können. Er war als Mann fast ebenso schön wie sie als Weib, und beide trugen die Zeichen einer edlen Geburt unverkennbar in ihren Zügen und ihrem Wesen ausgeprägt. Blaß vor innerer Erregung betrat er die Zelle, und wie sie ihn erblickte, flog die Gefangene ihm mit einem Jauchzen der Freude entgegen.

»Bruder Ludwig! Bruder Ludwig!« lachte sie glückselig, mit geöffneten Armen und jenem Tonfall der Stimme, der auf eine zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung der Nerven deutet. »Kommst du endlich? Bringst du mir die Freiheit?«

Was auch seine Antwort sein mochte, sie wurde ihm erspart. Denn als die Gefangene ihm entgegentrat, die wenigen Schritte bis zur Tür in fliegender Eile zurücklegend, stieß sie an den Bogen Papier, den der Priester über die Seite des Buches gebreitet, die er für sie aufgeschlagen und mit dem Zartgefühl seines warmen Hirtenherzens mit Rosen bedeckt hatte. Und als das Papier von ihrer schnellen Bewegung herabflog, wandte sie unwillkürlich den Blick auf das Buch und die Blumen – da überzog Leichenblässe ihre Wangen, und mit entsetztem Blick streckte sie beide Hände aus wie abwehrend gegen die zarten, stark duftenden Blüten.

»Die weißen Rosen von Ravensberg!« schrie sie auf, daß es gellte, und dann, mit einem scheuen, heiseren Flüstern, wiederholte sie: »Die weißen Rosen von Ravensberg! Und die Sage geht, daß weiße Rosen den Männern, Frauen, Töchtern und Söhnen aus dem Hause der Ravensberg den nahen Tod ankündigen. Wie kamen die weißen Rosen auf  seine  Decke, als – als er starb? Sie waren dort, ich habe sie gesehen – er griff nach ihnen im letzten Augenblicke. Es war im Mai. Und jetzt will's Herbst werden – –«

Mit kalter, bebender Hand, scheu und doch wie magnetisch angezogen griff sie nach den schneeweißen Moosrosen und las mechanisch die ersten Worte der aufgeschlagenen Seite: »Die Gebete für einen Sterbenden. Der 110. Psalm: ›Aus der Tiefe rufe ich zu dir; Herr, erhöre meine Stimme‹ –«

Sie brach jäh ab und wandte ihr blasses Antlitz mit den weitgeöffneten starren Augen dem Manne zu, der schweigend und traurig hinter ihr stand, den sie so freudejauchzend begrüßt und urplötzlich vergessen hatte – um ein paar weißer Rosen willen.

»Muß ich wirklich sterben, Ludwig?« fragte sie leise, herzzerreißenden Jammer in der Stimme, mit gerungenen Händen.

Der Mann seufzte tief auf und trat nahe zu ihr heran. »Ja«, sagte er mit Überwindung, aber fest. »Es ist alles vorbei, jede Hoffnung dahin. Der König macht von seinem Rechte, Gnade zu üben, keinen Gebrauch und läßt der Gerechtigkeit freien Lauf.«

 Da sank das schöne, stolze Weib, das noch vor einer Viertelstunde so trotzig auf ihre Überlegenheit gepocht, so fest an eine andere Lösung geglaubt, wie gefällt in die Knie und rang die Hände über ihrem Haupt.

»Sterben, sterben! Und ich bin noch so jung!« stöhnte sie.

»Auch dein Gatte war es«, sagte er leise, so leise wie ein Hauch, aber sie hatte es doch verstanden. Wie getroffen fuhr sie empor und trat einige Schritte zurück.

»Ich tat es nicht«, flüsterte sie heiser, aber mit schrecklicher Deutlichkeit.

Der Mann trocknete sich mit dem Tuche den kalten Schweiß von der Stirn. »Denk an die Ewigkeit, Marie! In wenig Stunden wirst du vor Gott stehen, und –«

»Sterben?« unterbrach sie ihn entsetzt. »Wirklich sterben, und so bald schon? So bald –«

»Es ist eine besondere königliche Gnade, daß ich es dir vor der Bekanntmachung der Resolution des Monarchen mitteilen durfte, um dich vorzubereiten. Meine Mission – die schwerste meines Lebens – den König um Gnade für dich zu bitten, ist gescheitert. Zwar hat mein Name mir die Privataudienz verschafft, um die ich bat, und Seine Majestät waren gnädig wie nur je und gütig wie ein Vater und hat jedes einzelne mit mir beraten und besprochen – doch in dem einen Punkte blieb er fest: die Gerechtigkeit soll nicht behindert werden, die Schuldige zu treffen. Hättest du freimütig deine Schuld bekannt, so war alles bereit, für eine Verirrung deinerseits einzutreten; du aber leugnetest mit solch verstocktem Herzen, zeigtest dich so fühllos, so oft dein Opfer genannt wurde, und trotz der erdrückenden Wucht der Zeugenaussagen leugnetest du mit solch dreister Stirn, daß deine Richter und die öffentliche Meinung sich empört von dir abwendeten als von einem Ungeheuer in menschlicher Gestalt. Hier Gnade zu üben vermochte der König nicht, denn sein Volk hätte ihn, sehr mit Recht, einer Parteinahme für den Adel bezichtet, der durch dich ein Brandmal erhalten hat, das nur dein Tod auszulöschen vermag – ja, deine Begnadigung hätte das Murren des Volkes erweckt. Und so ist alles vorbei! Ich komme, Abschied von dir zu nehmen, Marie!«

Er reichte ihr seine Hand. Aber sie sah diese Hand nicht. Stieren Blickes rang sie die schmalen, weißen, durchsichtigen Hände ineinander, und über ihre Lippen zitterte es kaum hörbar: »Sterben! Sterben! Oh, die weißen Rosen von Ravensberg!« Da trat der Mann hart vor sie hin.

»Ja, sterben«, wiederholte er mit starker Stimme. »Marie, zeige, daß du eine Tochter unseres Stammes, daß du eine Erlenstein bist. Denn es hat noch niemals ein Erlenstein vor dem Tode gezittert, und keiner ist mutlos durch die dunkle Pforte in die Ewigkeit getreten. Gott ist ein strenger Richter, aber er ist auch unendlich gütig und mild, er wird aus deinem Herzen die Goldkörner heben, die wir Menschen mit unserem schwachen Auge nicht gefunden haben und die dennoch für dich das Mittel werden können zum ewigen Leben. Es bleibt dir noch Zeit genug, zu bekennen und zu bereuen. Und vergiß auch nicht, daß es auf Erden noch ein Band für dich gibt, das zu lösen ist: dein Kind!«

Sie fuhr auf, wie getroffen.

»Mein Kind!« rief sie, »wo ist mein Kind?«

Es war das erstemal, daß sie nach ihrem Kinde rief, seit sie gefangen war.

»Dein Kind ist wohlgeborgen«, sagte er traurig. »Ich habe wohl daran gedacht, es dir zu bringen zum letzten Lebewohl, aber ich wollte das zarte Geschöpf den Gefahren einer langen Reise nicht aussetzen – solch ein leise flackerndes Lebenslicht ist leicht verlöscht. Und so sage ich dir denn zum Trost für den Moment, wo dein Herz sich um das Kind beunruhigen könnte – es ist in meiner Obhut und wird als mein Kind gelten. Es wird durch die Gnade des Königs meinen Namen tragen, damit sein unschuldiges Dasein nicht von Kindheit an mit dem Kainszeichen gebrandmarkt werde und das junge Leben vergifte. Meine Frau und ich verlassen Deutschland für Jahre – im Süden soll unser Kind geboren werden, und dann wird das deine sein erstes Lebensjahr überschritten haben. Wir werden dann ein Zwillingspaar haben, denn unten kennt uns kein Mensch, und wenn wir zurückkehren, wird der Unterschied des einen Jahres nicht bemerkbar sein. So ist unser Plan, und wir haben uns gelobt, dem Kinde liebende, pflichtgetreue Eltern zu sein, als ob es unser eigen Fleisch und Blut wäre, und es zu vergessen, welches unser eigenes und welches dein Kind ist. Und es soll nie erfahren, wer seine Mutter war, wenn auch der ehrliche, fleckenlose Name seines Vaters dabei mit versinken muß in das Meer ewigen Vergessens. Und wenn nichts dein Herz berührt, Marie, so muß das es treffen wie ein zweischneidiges Schwert: daß dein Kind den Namen seines liebenswerten Vaters nicht kennen darf – um deinetwillen. Und nun leb wohl!«

»Leb wohl«, wiederholte sie mechanisch, den Blick auf den weißen Rosen, als seien diese ein Magnet, der alle ihre geistigen Kräfte im Banne hielte.

Doch ehe er an die Tür klopfte, trat er noch einmal vor sie hin.

»Und du hast mir nichts, wirklich  nichts  zu sagen, Marie?«

»Ich tat es nicht!« sagte sie hastig und ohne aufzusehen.

»Bedenk es, Marie! Es ist vergebens, zu leugnen, denn jede Hoffnung ist dahin für dich. Nichts kann dich mehr retten, nichts, nichts! Und morgen früh, wenn die Sonne aufgeht, bist du schon jenseits ihres ewigen Lichtes.«

»Morgen schon?« schrie sie auf, und ein trostloser, gehetzter Blick aus ihren Augen irrte zu dem Fenster. »Die Sonne ist am Untergehen – und nur noch eine Nacht?«

»Nur noch eine Nacht, deine letzte«, wiederholte er.

Nervös tasteten ihre Hände nach den weißen Rosen.

»Die Todesrosen von Ravensberg«, flüsterte sie. »Nein, es ist keine Hoffnung mehr. Alles dahin, alles! Unschuld, Reinheit, Ehre, Liebe – nichts ist geblieben.«

Und sie sprang auf und drückte die Hände gegen die pochende Schläfe und irrte umher in der engen Zelle.

»Nichts!« wiederholte sie, »nichts als Nacht und Grauen und Todesangst. Und das ist das Ende! Wie soll es geschehen?« fragte sie scheu und tonlos, plötzlich vor dem Bruder stehen bleibend. Und er verstand sie und wendete sich erschüttert ab. Doch auch sie hatte verstanden.

»Also so?« fragte sie kaum hörbar. Und dann sprach sie laut und gleichgültig: »Ja, ich habe davon gelesen und im Theater immer weinen müssen, wenn Schillers Maria Stuart zur Hinrichtung ging und Leicester oben alles mit anhörte. Und wer wird bei mir weinen? Leicester wohl nicht, trotzdem er mich in den Tod getrieben! Erst Samt und Seide und Zobel und Juwelen, und jetzt –? Ein Block und ein Beil und ein Armesündersarg! Und ich bin immer noch so jung! Werdet ihr mich in eine Gruft legen oder muß ich hinter der Kirchhofsmauer schlafen?«

»Marie! Marie!« bat er leise. »Du mußt nicht so irre reden. Fasse dich! die Zeit verrinnt!«

»Ja, die Sonne will untergehen«, erwiderte sie und trat an den Tisch, um wieder die weißen Rosen aufzunehmen. »Noch eine kurze Stunde, und es ist Nacht – ewige Nacht. Ob es ein Jenseits gibt?«

»Es ist uns verheißen worden vom Heiland selbst, Marie!«

»Aber man hat keinen Begriff davon. Ist es ein neues Leben, in dem es keine Schuld, kein Elend und kein Ende gibt? Und werden wir dort alle die wiedersehen, die vorangingen durch die dunkle Pforte? Und werde ich ihm dort begegnen, und wird er als Ankläger wider mich auftreten?«

»Es bedarf vor Gott keines Anklägers. Er hat deine Tat gesehen.«

»Meine Tat!« wiederholte sie. »Wer sagt mir, ob mein Tod diese Tat sühnt?«

»Wenn du sie bereuest – gewiß!«

»Reue! Was ist Reue? Oh, ich weiß, das Bedauern über eine begangene Sünde. Dann habe ich keine Reue. Und Gewissensbisse? Ich bin zu all diesen Gefühlen noch nicht gekommen, weil ich gewartet habe, gewartet auf die Stunde der Erlösung und der Freiheit – umsonst, umsonst. Kannst du mir nicht zur Flucht verhelfen?« fügte sie flüsternd, heimlich hinzu mit stockendem Atem und blitzenden Augen.

»Flucht?« lächelte er mitleidig. »Flucht aus diesen Mauern? O Schwester, unmöglich!«

»Unmöglich für dich – ich glaube es«, fuhr sie erregt fort, »aber er, er hätte es für mich tun können, und er hätte mich befreien müssen, denn ich habe es doch für ihn getan, um ihn! Und kein Wort von ihm diese ganze lange Zeit, keine Zeile, keine Botschaft –«

»Marie, Marie – so ist es wahr, was der Ankläger als wahrscheinlich hinstellte – daß du um einen anderen die dunkle Tat vollbrachtest?«

»Das hab' ich nicht verraten – nicht einen Moment, nicht mit einem Atemzuge«, fiel sie rasch ein.

»Nein, du hast seinen Namen wohl zu verschweigen gewußt –«

»Freilich, jetzt könnte ich mich rächen und diesen Namen nachträglich durch den Schmutz schleifen!« rief sie heftig, doch schnell erlosch dieses Feuer wieder in ihren Augen. »Es würde nicht viel helfen, denn man würde ihm nichts beweisen können. Er ist schuldlos – denn was kann er dafür, daß er mir unbewußt zum Versucher wurde? Nein – dieser Name wird begraben mit mir in dem Armensündersarge –«

Ein Geräusch an der Tür mahnte den Mann zum Abschiede.

»Leb wohl, Marie«, sagte er. »Möge Gott dir ein gnädiger Richter sein.«

»Bleib!« schrie sie auf, »laß mich nicht allein – die Sonne geht unter, und es wird finster – und dort, dort in der dunkeln Ecke im Bett, dort liegt er mit dem blassen Totengesicht. Bleib – ich fürchte mich vor ihm. Siehst du das kleine, blutige Mal dort an seiner Schläfe?« flüsterte sie scheu. »Von diesem blutigen Male habe ich Nacht für Nacht träumen müssen. Ist das Reue? Bleib – o Gott im Himmel, bleib!«

Doch schon ward die Tür geöffnet – noch ein letzter Blick, und erschüttert, verhüllten Angesichts verließ der Graf von Erlenstein seine unglückliche Schwester, die noch vor Monden so vielgefeierte und umworbene Freifrau von Ravensberg, die jetzt in ihrer engen Zelle unter der furchtbarsten Anklage zum erstenmal zusammenbrach – jung und schön, und blühend wie eine Maienrose, trotz monatelanger Kerkerhaft.

Und der Mond, der in stiller Nacht emporstieg am sternenhellen Himmel, er sah auch hinein in die enge Zelle, wo ein greiser Priester vor einem schluchzenden jungen Weibe stand und ihr von Gottes Gnade und Allgüte sprach, unermüdlich, voll Milde, Mitleid und heiligen Feuers. –

Des Mondes sanftes Licht verblich allmählich in der opalbleichen Dämmerung des neuen Tages; und als ein siegender Lichtstrahl im Osten die Ankunft der Sonne verkündete, da begann ein Glöckchen leise, klagend zu läuten, und in der Zelle droben hob der Priester an, die Gebete für Sterbende zu beten.

Mond und Sterne waren ganz verblaßt. Das Frührot tauchte die grauen Gefängnismauern wie in Purpur und Gold. Die Sonne war emporgestiegen, einen glorreichen Tag verheißend. Das Glöckchen war verstummt. Und als die Tageskönigin leuchtend zur Höhe stieg und über die graue Mauer ihr siegendes Licht warf, da trug man auf einer Bahre einen schwarzgetünchten, schmucklosen Sarg hinweg. Drinnen in der Zelle nahm der Graf von Erlenstein in Empfang, was man ihm jetzt bedingungslos aushändigte: einen Brief, ein Spitzentuch, das sie zuletzt über dem blonden Haar getragen, dies schöne, seidenweiche Haar selbst, eine kleine Schatulle, mit Gerichtssiegeln verschlossen, die die Pretiosen enthielt, die seine Schwester bei ihrer Verhaftung getragen, und – einen kleinen Strauß weißer Moosrosen, die sie bis zuletzt in den Händen gehalten und in Purpurrosen verwandelt hatte.

Der Priester aber berichtete aufs tiefste bewegt, wie sie gestorben war – reuig und gefaßt, ohne Todesfurcht, aber demütig und ergeben – ein Sühnopfer für schwere Schuld.

»Requiescat in pace«, schloß er, und wie er es sagte, hob das Glöcklein noch einmal an und zitterte seine leisen, klagenden und wimmernden Klänge in die Morgenluft des goldigen Herbsttages hinein, läutete einen kurzen Puls und verstummte dann.

Das war die Mahnung zur Fürbitte für die arme Seele, die jetzt schuldbeladen vor Gottes Throne stand.

Verdorben und gestorben – – –




Erster Teil

Hoch im Norden Deutschlands, dicht am Meer, liegt Schloß Hochwald. Seinen Hintergrund bilden herrlich bestandene, wildreiche Wälder von gemischten Hölzern, meist Eichen und Buchen, während die dunklen Föhren, vereinzelt oder gruppenweise darin verteilt, nur dazu da zu sein scheinen, um den Schattierungen des Waldes einen besonderen Reiz zu verleihen. Die Ausläufer dieser Wälder sind sehr geschickt zum Schloßpark umgewandelt worden, und in der Tat, einen Naturpark von großartigerer Schönheit als Schloß Hochwald besitzt wohl kein zweiter Herrensitz im ganzen Deutschen Reiche. Man hat dem Wald- und Heideboden vor der Parkfront des Schlosses einen herrlichen smaragdgrünen Rasenplatz abgewonnen, in dessen Mitte eine der gewaltigsten Eichen, mit Runenschriften in der brüchigen Rinde, sich erhebt, während eine tief dunkelgrüne Föhre mit breitem Geäst, kerzengerade gewachsen, dicht vor dem Schlosse einen köstlichen Tannenduft verbreitet, der sich mit dem Rosenflor, welcher hier besonders gepflegt wird, auf das angenehmste vermischt.

Das Schloß selbst hat so viel Stile in seinem Bau aufzuweisen, daß man es einfach stillos nennen kann. Vielen Leuten ist das lieber als das langweilig und regelmäßig Stilvolle, mit dem heutzutage so viel Unfug getrieben wird. Kurz Schloß Hochwald war ein vielgetürmter und beerkerter Bau dessen älteste Teile aus dem 13. Jahrhundert stammten und nur noch einen Flügel bildeten, während der Mittelbau aus dem 16. Jahrhundert die spitzen, schiefergedeckten Mansardendächer mit den gleichfalls zugespitzten Türmen der Schlösser von Fontainebleau und St. Germain zeigte. Daß sich zwischen diesem eigentlichen Hauptbau und einem überreich mit Stuck dekorierten heitern Rokokopavillon ein Bankettsaal im reinsten Tudorstil der englischen Gotik drängte, mit spitzenartig durchbrochenen Strebe- und Dachpfeilern, erfüllte Sachverständige zwar mit Kopfschütteln, Mißbilligung und Entrüstung, sah aber trotzdem sehr malerisch aus.

Auf der Seeseite spülten die Wellen direkt an die schräg abfallenden Mauern des Schlosses, doch brach die Brandung sich schon an den spitz aus dem Wasser ragenden Felsenriffen, während nach rechts das Terrain sich verflachte. Eine breite Terrasse, mit direkt ins Meer führender Treppe an der Nordseite des Schlosses, gab für sonnige Sommertage einen köstlich-kühlen Aufenthalt mit dem Blick auf die unendliche Fläche, deren Wellen im immerwährenden Einerlei kamen, sich rauschend und zischend an den Riffen und an der weißen Marmortreppe brachen und ihren Gischt oft heraufschleuderten bis zu den Füßen derer, die oben saßen und sich nicht satt sehen konnten an dem einzigen Schauspiel und dabei wohlig die kühle, klare und reine Seeluft einatmeten.

Das Geschlecht, das auf dem Schlosse erblühte, waren die Grafen von Hochwald, auch die Seegrafen genannt, denn sie hatten als Dynasten an der Küste gesessen seit undenklichen Zeiten und den Wechsel der Tage sattsam durchgemacht. Die kleine Souveränität, die ihrem Ahn vorzeiten der böse König Abel von Dänemark verliehen, weil er ihm geholfen hatte, den König Erik Plochpenning, seinen Bruder, zu erschlagen, war natürlich nur ein leerer Begriff, von dem der Besitzer auch nichts weiter hatte als eine eigene Münze. Später war ein Hochwald so klug, seine Souveränität gegen großes Gelände zu vertauschen, ehe er ohne dieses mediatisiert wurde, und in neuester Zeit, bei Gelegenheit einer Thronbesteigung und in Anbetracht dessen, daß die Hochwalds trotz ihrer unzweifelhaft bestandenen Souveränität vermöge ihres Tauschvertrages es verscherzt hatten, jemals in die Zahl der Reichsunmittelbaren und Ebenbürtigen aufgenommen zu werden, ward ihrem Hause der Fürstentitel nach dem Rechte der Erstgeburt nebst einer Hofcharge verliehen. Das war alles ganz schön und gut für den ersten Fürsten und Vater des jetzigen, der auch beständig in der Residenz lebte und seine Revenuen nicht nur voll, sondern übervoll verzehrte. Dadurch hatte das Haus Hochwald einmal eine kritische Zeit durchzumachen. Aber die schlimme Zeit ging vorüber, man sagte, durch Vorschüsse aus der königlichen Schatulle, kurz, als der alte Fürst nach mehreren Jahren völliger Zurückgezogenheit starb, waren die finanziellen Angelegenheiten Hochwalds so geordnet als je zuvor.

Der Sohn des ersten Fürsten von Hochwald hatte seine Laufbahn sehr jung im Heere, und zwar bei der Leibgarde, begonnen und galt nicht nur für einen geistig bedeutenden und wahrhaft herzgewinnenden, liebenswürdigen jungen Mann, sondern auch für äußerlich schön und für einen flotten, schneidigen und guten Kavallerieoffizier, der sich in den höchsten und hohen Kreisen der Residenz einer wohlverdienten Beliebtheit erfreute. Und in der Tat hatte er etwas so Sonniges im Wesen, das die Herzen zu ihm hinzog; selbst wenn er auch ohne Titel schlichtweg Marcell Hochwald geheißen hätte, seine Gesinnungen, seine freie, offene und ehrliche Natur würden ihn doch zum vornehmen Mann gestempelt haben.

Als er sein Erbe dann antrat und dennoch erklärte, der Armee treubleiben zu wollen, begrüßte man diesen Entschluß mit freudiger Genugtuung: um so größer ward daher das Erstaunen, Bedauern und Kopfschütteln, als er kurz darauf plötzlich ernst und zurückhaltend wurde, als es sich wie ein schwarzer Schleier auf sein sonniges Wesen legte und er ein paar Monate später den weißen Koller auszog und den Adlerhelm einpackte – kurz, den Abschied nahm. Über die Gründe, die ihn dazu bewogen, sprach er sich nur im allgemeinen aus, selbst seine nächsten Bekannten und Verwandten erfuhren nichts Bestimmtes, nichts Einleuchtendes, denn die Antwort des Fürsten auf die an ihn heranstürmenden Fragen, daß er sich vollständig dem Landleben und genealogisch-heraldischen Studien, die ihn stets sehr angezogen, widmen wolle, fanden nur ungläubiges Kopfschütteln, weil der Entschluß zu schnell, die Wandlung seines Wesens zu plötzlich gekommen war.

Aber jedes Staunen nimmt ein Ende, wie alles in der Welt. Die Leute beruhigten sich nach und nach über »die Verrücktheit des Fürsten Hochwald«, weil andere Dinge passierten, die ihr Interesse in Anspruch nahmen und ihre Zungen in Bewegung setzten, und nach Jahr und Tag wunderte man sich höchstens über das Einsiedlerleben des jungen Magnaten, der nur einige Male im Jahre ein paar intime Bekannte zur Jagd in seinen herrlichen Wäldern einlud, und nur dann in der Residenz gesehen wurde, wenn fremder fürstlicher Besuch bei Hofe seine Anwesenheit dort erforderte, um seines Erbamtes als Oberstjägermeister seiner Provinz zu warten. Den bald nach seinem Ausscheiden aus der Armee ausgebrochenen Krieg hatte er bei seinem früheren Regiment mitgemacht und dabei eine nicht gewöhnliche, fast an Todesverachtung grenzende Tapferkeit bewiesen, die andere, sehr tapfere Offiziere für unvernünftig und zwecklos erklärten, während sie beim gemeinen Mann Begeisterung und Nachahmung erregte. Ein Säbelhieb im Gefecht streckte ihn wochenlang auf das Krankenbett, doch auch im größten Wundfieber verriet sein Mund nichts, was über die Wandlung seines Wesens Aufklärung geben konnte, und nach dem Feldzuge zog er, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse, in sein Schloß am Meere zurück, stiller, ernster denn je; doch verhinderte seine glücklich angelegte, sonnige Natur, daß er hart wurde und schroff und wunderlich in seiner Einsamkeit.

Fürst Hochwald hatte nun schon zwanzig Jahre sein stilles Leben geführt, unterbrochen von weiten, einsamen Reisen, die ihn monatelang fern hielten von der nordischen, meerumspülten Heimat. Er war jetzt fast fünfundvierzig Jahre alt – ein Mann in den besten Jahren, aber allein.

Es war im zeitigen Frühjahr. Am Meere hoch im Norden rasten die eisigen Stürme noch durch das Laubholz und umpfiffen unheimlich das einsame Schloß. Diesem Kampf des Winters mit dem Frühling war, wie fast alljährlich, Fürst Marcell Hochwald entflohen, und er weilte die Monate Februar, März und April meist im Süden – in Spanien, Tunis, Kairo oder Italien, je nachdem es ihm gerade einfiel, nur gefolgt von seinem Kammerdiener, der vor vierundzwanzig Jahren Bursche bei ihm gewesen in der schönen, lustigen Leutnantszeit und vier Jahre jünger als sein Herr war, mit ihm kapituliert hatte und dann mit ihm gezogen war. Sie hatten beide diese Unzertrennlichkeit nicht zu bereuen gehabt, denn der Fürst war ein gütiger, wenn auch strenger, so doch gerechter Herr, und Rataiczak, der trotz der Jahre sein gebrochenes Deutsch aus den Rekrutentagen nicht verbessert hatte, war eine goldehrliche und goldtreue Seele. Freilich hatte auch Rataiczak seine Eigentümlichkeiten, welche man bei langjährigen Dienern findet – im übrigen war er wie sein Herr, eine Hünengestalt mit blitzenden schwarzen Augen und gewichstem Schnurrbart, dem die kleidsame Jägerlivree, die er stets auf Reisen trug und nur daheim mit dem schwarzen Frack, kurzen Beinkleidern, Strümpfen und Schnallenschuhen vertauschte, vortrefflich, und für die Herzensruhe von Spanierinnen, Italienerinnen und Nubierinnen gleich gefährlich, stand.

Ganz allein, wie er es liebte, war Fürst Hochwald an einem köstlich warmen Märztage durch die engsten Gassen von Florenz geschlendert, um gelegentlich aus den finsteren Höhlen der Trödelbuden Perlen zu fischen für seine Sammlungen – alte Majoliken, Gläser, Stoffe, Möbel – kurz Antiquitäten. Und sein sicheres Auge trügte ihn selten: oft schon hatte er unter dem greulichsten Wuste von allen möglichen und unmöglichen Dingen Gegenstände gefunden, welche der Verkäufer gar nicht achtete, und noch heimlich lachte, wenn der verrückte »Inglese«, unter welchem Sammelnamen der Italiener alle zahlungsfähigen Leute versteht, mit einem Lumpen, einem zerschletterten Stuhl oder einer runden, bemalten Tonscherbe abzog und dafür auch noch einen anständigen Preis gezahlt hatte.

Jetzt eben trat er aus einer Seitengasse der Via Maggio, in der Rocktasche sorgsam eine kleine Dose von Sevresporzellan mit dem Bilde und dem Fabrikzeichen der Pompadour bergend, die er in einer nach Zwiebeln riechenden Spelunke von Laden herausgestöbert hatte. Mit dem Taschentuch den gratis mitgebrachten Staub von den Kleidern klopfend, wandte sich Fürst Hochwald nach dem Arno zu, überschritt Ponte San Trinita, unter dessen Pfeilern der Arno seine gelbgefärbten Fluten majestätisch durchwälzte – schwankte dann einen Moment, ob er rechts zu den Uffizien oder links nach den Caseinen den Lungarno hinabgehen sollte, und schritt schließlich geradeaus, um an dem gezinnten Palazzo Spini vorbei die Via Tornabuoni mit ihrem reichen Lädenschmuck zu betreten. Eigentlich wollte er nur sehen, ob Brogi, der berühmte Photograph und Kunsthändler, neues in seinem Laden habe, um dann nach dem San-Marco-Kloster zu schlendern, wo ein Maler die berühmte Krönung Mariä von Fiesole für ihn auf Elfenbein kopierte.

Wer weiß, wie alles gekommen wäre, hätte er sich für den sonnigen Lungarno entschieden! Aber ahnungslos überschritt Fürst Hochwald die Straße und stand sehr bald vor dem Schaufenster von Brogi, wo im schweren, reichgeschnitzten Goldrahmen eine vorzügliche Kopie der berühmten Tizianschen Königin von Zypern seine Aufmerksamkeit erregte. Und wie er noch so stand und das Bild betrachtete und sich überlegte, ob er nicht als Pendant zur »Bella« eigentlich auch die schöne Catarina Cornaro besitzen müsse, trat aus der Ladentür eine sehr starke, hübsche, ältliche Dame, gefolgt von einer jüngeren, die im Gegensatz zur ersteren sehr schlank und durchaus nicht hübsch mit ihrem gelben Kalmückengesicht und schwarzem, krausem Negerhaar war. Die ältere Dame, deren schneeweißes Haar ihrem noch sehr frischen Teint wohl zu statten kam, blinzelte beim Heraustreten, geblendet von dem grellen Sonnenlichte, mit den Augen und wollte sich eben den Schirm aufspannen, als ihr Blick nach rechts fiel.

»Nein!« sagte sie erstaunt, und dann: »Marcell, bist du's denn wirklich?«

Auf die Nennung seines Namens hin wandte sich Fürst Hochwald rasch um.

»Olga!« rief er überrascht. »Wie kommst du hierher? Ich glaubte dich in Petersburg!«

Die Dame war die einzige Schwester des Fürsten und das junge Mädchen mit dem Kalmückengesicht ihre Tochter. Olga Hochwald war ein sehr hübsches Mädchen gewesen, aber, wie so viele Majoratstöchter, mittellos im Vergleich zu den Ansprüchen, in denen sie meist erzogen werden. Eine reiche Heirat war also auch eine Notwendigkeit für die verwöhnte und aller Orten gern gesehene Komtesse, die indes nur die Herzen solcher zu besiegen verstand, die so viel hatten wie sie selbst – also zu viel zum Verhungern und zu wenig zum Leben, wenigstens indem von Olga Hochwald gewöhnten großen Stile. Da lernte sie in Karlsbad, wohin sie ihre Eltern begleitet hatte, durch Vermittelung eines Herrn der russischen Botschaft einen alten Stockrussen mit einem Kalmückengesicht kennen, den steinreichen General Chrysopras, der trotz seiner sechzig Jahre sein Herz an ihr entzündete und ihr seine Schätze nebst seiner Hand zu Füßen legte. Nach kurzem Schwanken nahm sie beides an, denn wenn der Adel des Generals auch nur allerneuesten Datums und mit einer seiner Ordensdekorationen verknüpft war, so war er dafür sehr reich und sie fünfundzwanzig Jahre alt und nur im Besitz eines hübschen, frischen Gesichtes und des Trousseaus, den das Majorat den Töchtern der Hochwalds aus einem besonderen Fonds bewilligte.

General Chrysopras lebte noch zehn Jahre, und seine Frau blieb als eine recht lebenslustige Witwe im Vollbesitz ihres ererbten Vermögens und mit zwei Kindern zurück, von denen der »süße« Boris die hübschen Züge seiner Mutter und die »arme« Sascha leider die Kalmückenphysiognomie ihres Vaters geerbt hatte. Als Sascha dann heranwuchs und »ausgeführt« werden sollte, machte dieser Umstand der Generalin vielen Kummer, denn, nachdem sie, um ihrer Mutterrolle ein besonderes Relief zu geben, ihr zum Ergrauen neigendes Haar mit Eau de Cologne und Poudre de rix zu der schneeigen Weiße gezwungen hatte, die ihr so gut stand, und sie sich eingestehen mußte, daß sie wirklich immer noch viel hübscher war als ihre Tochter, da sank ihr oft das Herz.

»Wie soll ich sie mit dem Gesicht verheiraten?« pflegte sie zu sagen. »Hätte nicht Boris lieber seinem Vater ähnlich sehen können? Bei Männern verdeckt der Bart so viel.«

Und Sascha war nun auch schon fünfundzwanzig Jahre alt, ohne daß sie auch nur einen Korb ausgeteilt hätte, trotz ihres Geldes, trotzdem der persönliche Adel ihres Vaters in Erbadel umgewandelt worden war, trotz der gesicherten und angenehmen gesellschaftlichen Stellung, die ihre Mutter in Petersburg einnahm, trotzdem ihr Bruder in der diplomatischen Karriere reüssierte und trotz des jährlichen Besuches aller Weltbäder, gegen das unausrottbare Übel, eine alte Jungfer zu werden. Da hatte die Generalin Chrysopras eine Idee: sie versuchte es mit den großen Städten Italiens, wo alle Welt sich Rendezvous gibt und wo vornehme italienische Granden mit alten Namen schon so oft reiche Erbinnen gegen ihre zerrütteten Vermögensverhältnisse gesucht und gefunden hatten. Vielleicht, vielleicht fand Sascha auch solch einen Marchese oder Duca oder Conte. Das war aber trotz allen darin liegenden Chancen ein Rechenfehler, denn der Italiener mit seinem angeborenen Schönheitssinn muß schon sehr gedrängt sein, wenn er trotz seiner Liebe zum Gelde eine häßliche Frau damit kauft, denn Stumpfnasen, hohe Backenknochen und Schlitzaugen rechnet er absolut zu den Häßlichkeiten, während der Kalmückenstamm wiederum edelgeformte Nasen und große Augen für unannehmbar erklärt.

Aus diesem Grunde traf also Fürst Hochwald mit seiner Schwester und seiner Nichte in Florenz am Schaufenster von Brogi in der Via Tornabuoni an jenem schönen, warmen Märztage zusammen.

»Ich glaubte dich in Petersburg«, hatte er im ersten Erstaunen gesagt.

Die Generalin machte ein entsetzliches Gesicht.

»Ich bitte dich, Marcell, das wäre ja gar nicht schick!« rief sie. »Wenn die Fastenzeit beginnt, kann man ja eigentlich in Petersburg nicht bleiben, denn als gute Russin muß man da in Sack und Asche gehen. Ist das amüsant? Nicht? Also – ich reise schon den dritten Winter nach dem Süden. Voriges Jahr waren wir in Rom – jetzt wollen wir erst zu Ostern dorthin. Es ist hier in Florenz eigentlich viel mehr Verkehr, die richtige Winterstadt. Man kann sich einen ganz internationalen Salon konstruieren, sage ich dir, und besonders jetzt, wo mein süßer Boris in Rom der Botschaft attachiert ist –«

»Boris in Rom! Davon wußte ich auch nichts«, unterbrach der Fürst den Redestrom.

»Seit zwei Monaten«, nickte die Generalin stolz, und indem ein Blick ihre Tochter streifte, setzte sie mechanisch hinzu: »Sascha, halt dich gerade!«

»Und weil Boris in Rom ist, bist du in Florenz?« fragte der Fürst lächelnd.

»Wir gehen auch hin«, entgegnete die Generalin, »denn siehst du, Boris hat einen Monat Urlaub und ist auch in Florenz –«

Sie brach kurz ab und seufzte.

»Nun und –?«

»Sascha, halt dich gerade«, ermahnte Madame Chrysopras, indem sie ihrem Bruder den Arm reichte und mit ihm dem Lungarno zuschlenderte, gefolgt von Sascha, die gelangweilt aussah und mürrisch wie ein Landregentag. »Entre nous, Marcell – Boris hat Feuer gefangen und seinen Urlaub nach hier genommen, bloß weil die betreffende Familie auch hier ist.«

»Das scheint dich nicht sehr zu entzücken, Olga.«

»Oh – eine deutsche Komtesse wäre mir ja keine unwillkommene Schwiegertochter, siehst du, aber sie hat zu wenig, ich weiß es aus bester Quelle.«

»Was braucht Boris danach zu fragen!« warf der Fürst ein.

»Ah, er hat viel verbraucht«, flüsterte die Generalin. »Siehst du, Marcell, er hat eben sein Leben genießen wollen, der arme Junge, nun, und – und da ist sein väterliches Erbteil fast ganz dahin! Was sagst du dazu?«

»Daß ein jeder so liegen muß, wie er sich bettet », meinte der Fürst trocken.

»Nein, daß er eine gute Partie machen muß, sage ich«, ereiferte sich die Generalin. »Und er war auch ganz überzeugt davon, bis er dieses blonde Komteßchen sah – oh, Marcell, ich habe wirklich großen Kummer – bin eine arme, unglückliche Witwe!«

»Unsinn, Olga«, tröstete der Fürst. »Daß Boris mit seinen Erbteil fertig geworden ist, ist ja tragisch genug –«

»Ja aber, soll denn der arme Junge wie ein Kartäuser leben?« unterbrach ihn Madame Chrysopras empört. »Warum soll mein Boris, mein süßer Boris sich um Rubel und Kopeken kümmern? Er, der sich in den höchsten Kreisen bewegt, soll dabei ein Leben führen, das ihn einfach vom high life ausschließen würde? Mein Boris hat ein Recht an das Leben, und er soll's genießen!« 

»Es scheint ja, als ob er es redlich täte«, erwiderte der Fürst.

»Nun, und wenn auch? Wen geht es etwas an? Niemand!«

»Richtig, liebe Olga. Also um auf das abgebrochene Thema zurückzukommen – daß Boris sein Erbteil verbraucht hat, ist für dich zwar eine wesentliche Beruhigung und Freude –«

»Nein, Marcell, du bist zu schlecht!« rief die Generalin ernstlich böse.

»Also auch nicht«, meinte der Fürst resigniert, und begann abermals: »Daß Boris sein Erbteil auf den Kopf geschlagen hat, ist zwar sehr lobenswert –«

Ein unterdrücktes Lachen von der hinter ihnen gehenden Sascha belehrte den Fürsten, daß er in der Tat die Achillesferse der Schwester getroffen und sich aufs Glatteis begeben habe.

»Sascha, was ist da zu lachen – halt dich gerade!« rief die Generalin scharf verweisend über die Schulter zurück. Aber Sascha benutzte das betäubende Geräusch eines vorüberfahrenden Lastwagens, um dem Fürsten warnend zuzurufen: »Onkel, du stichst in ein Wespennest! Was Boris tut, ist wohlgetan!«

»Also du begreifst, daß Boris eine reiche Partie machen muß«, fuhr die Generalin fort, als der Wagen vorüber war, »denn mein Geld kann ich ihm nicht geben, wenn ich einigermaßen ein Haus machen will, und Saschas Erbteil – ja, wenn Sascha überhaupt heiraten soll, muß sie wenigstens Geld haben, da ihr die äußere Attraktion fehlt –«

Erschrocken über die Rücksichtslosigkeit der Schwester sah der Fürst sich nach seiner Nichte unwillkürlich um. Doch diese nickte ihm zu und zeigte lachend ihre spitzen, weißen Zähne.

»Wenn's mir Mama nicht sagt, so erzählt mir's der Spiegel, daß ich häßlich bin«, sagte sie gleichmütig.

»Sie ist dem guten, seligen Chrysopras so ähnlich«, murmelte die Generalin seufzend. »Und Boris ähnelt mir – so soll's ja eigentlich Glück bringen, aber mir wär's umgekehrt lieber, denn Häßlichkeit –«

»Häßlichkeit entstellet immer, selbst das schönste Frauenzimmer«, deklamierte Sascha ohne Bitterkeit, aber mit so viel Humor, daß es dem Fürsten ganz warm ums Herz wurde.

»Sascha, unterbrich mich nicht!« rief die Generalin scharf. »Halt dich gerade und laß mich endlich ausreden. Was wollt' ich denn eigentlich sagen? Ja – Häßlichkeit ist solch ein Fluch für ein Mädchen. Also muß sie wenigstens Geld haben, und dieses Geld ist nebenbei auch noch so sichergestellt, daß es für Boris gar nicht zu erlangen ist.«

»Sonst wär's auch schon fort«, tuschelte Sascha an des Fürsten Seite.

»Und nun dieser Unsinn mit der kleinen Komtesse – es ist zum Weinen!«

»Hm«, machte der Fürst. »Und wie heißt diese Angebetete?«

 »Sie ist die Tochter von dem Erlenstein, der seiner Frau wegen erst so lange in Kairo lebte und sich jetzt hier ganz ansässig gemacht hat, weil die Frau das deutsche Klima nicht vertrug.«

»So so! Und erwidert die junge Gräfin diese Gefühle von Boris?«

»Das kann weder er noch sein bester Freund behaupten«, meinte Sascha.

»Was redest du da für Unsinn?« fuhr die Generalin auf. »Gefühle? Was sind Gefühle? Natürlich wird sie nach Boris mit beiden Händen greifen, denn erstens ist er ein sehr schöner Mensch – er sieht mir ähnlich – und zweitens ist er eine brillante Partie.«

»Du sagtest aber doch eben, daß er sein Erbteil verbraucht habe«, fiel der Fürst trocken ein.

»Er ist auch, abgesehen davon, eine brillante Partie vermöge seiner Talente und Begabungen.«

»Er soll unter anderm einen wundervollen Tempel legen können«, stimmte die unverbesserliche Sascha ein.

Boris muß in den letzten Jahren eine Perle geworden sein, dachte der Fürst, der sich jetzt auch der Affenliebe, die seine Schwester stets für den Knaben gehegt, erinnerte. Er war daher eigentlich froh, wie Madame Chrysopras nach dem letzten Einwurf Saschas etwas unvermittelt das Thema fallen ließ und ihrem Redestrom eine andere Richtung gab, indem sie plötzlich frug: »Wie lange bist du denn eigentlich schon hier, Marcell? – Seit vierzehn Tagen? Großer Gott, was hätte man in dieser Zeit nicht alles unternehmen können – Landpartien, Picknicks, Galeriebesuche – entre nous, Galerien sind das sträflich Langweiligste, was es gibt, aber es gehört nun einmal zum guten Ton, sie zu besuchen. Italien ohne Galerien wäre ein Eldorado, Marcell! Dabei fällt mir ein, Sascha nimmt hier Unterricht im Pastellmalen – das ist fabelhaft schick, und sie war so vernünftig, es selbst zu wollen, trotzdem sie sich sonst allem widersetzt, was Mode ist. Sascha, halt dich gerade und rede nicht, es ist so«, warf sie mit einem Blick nach rückwärts ein, obgleich Sascha gar nichts gesagt hatte. »Warum wolltest du voriges Jahr nicht die Geige spielen lernen?«

»Weil ich kein Gehör habe, Mama, kein Talent zur Musik!« »Gehör! Talent! Welcher Unsinn! Was ist Talent? Ein dummes, landläufiges Wort. Man nimmt einen Lehrer, bezahlt ihn und macht ihm alles nach. Das kann jeder Affe!«

Nun aber lachte der Fürst laut auf.

»O Olga, du hast dich entsetzlich russifiziert!« rief er, »so sehr, daß alles schon bei dir per Muß gehen muß. Sogar das Talent. Arme Sascha, mußt du Pastellmalerei durch die Knute lernen, nur weil es Mode ist?«

»Du wirst's ja sehen, Onkel«, erwiderte Sascha im gleichen Tone.

»Pastell ist eine Kunst, die vor Ölmalerei zwar den Vorteil hat, daß sie geruchlos ist und die Bilder gleich fertig sind«, plauderte die Generalin, die mitgelacht hatte, weiter, »aber ich kann nie dabei sein, wenn Sascha malt, weil der Ton, den die trockenen Stifte auf dem rauhen Papier hervorbringen, und das schreckliche Geräusch des Wischens mir entsetzlich auf die Nerven gehen. Aber Saschas Kunst ist ein Erfolg, sage ich dir, Marcell! Sie malt jetzt die beiden Erlensteins – deliziös!«

»Beide Erlensteins?« fragte der Fürst. »Es sind also zwei Töchter da? Und welche betet Boris an, die ältere oder die jüngere?«

»Das weiß er selbst nicht, Onkel«, rief Sascha, »denn einmal sind die beiden Schwestern Zwillinge, und dann schwankt sein Herz noch zwischen beiden hin und her, wie – wie – nun, du kennst ja das Sprichwort von dem Esel mit den beiden Heubündeln.«

»Sascha, welche Vergleiche! Ich bin entsetzt!« rief Madame Chrysopras; doch als sie ihren Bruder harmlos genug lachen sah, lachte sie mit. Urplötzlich blieb sie aber stehen. »Ich habe eine Idee«, sagte sie, förmlich atemlos vor innerer Erregung.

»Oh, die mußt du uns auch zum besten geben, Olga«, meinte der Fürst amüsiert.

»Nein, du darfst nicht lachen«, sagte sie, und da man inzwischen an den Caseinen, dem herrlichen, öffentlichen Park von Florenz, angelangt war, deutete sie auf eine Bank unter einer mächtigen Steineiche. »Wir wollen hier einen Moment ruhen, Marcell – indes sieht Sascha, ob der Wagen uns langsam gefolgt ist, denn leider wohnen wir nicht vor Porta del Prato, sondern in der Viale Regina Margherita, dort haben wir eine Villa gemietet, dicht an der Piazza Cavour!«

»Wie konntest du, Olga!« meinte der Fürst vorwurfsvoll. »Moderne Straßen und Häuser kannst du überall haben. Aber wenn man nach Italien kommt, da sucht man sich einen alten Palazzo aus, möglichst nah an den Galerien und möglichst historisch.«

»Larifari«, sagte die Generalin, sich erschöpft setzend, »was gehen mich die alten Spelunken an und all der historische Unfug, den ihr Archäologen treibt! Ich fühle mich in Italien erst wohl in den neuen Häusern an der Piazza Cavour, wo man sich wenigstens einheizen lassen kann, wenn man friert. Doch davon ein andermal. Was ich sagen wollte – ist Sascha weit genug? Sie spottet immer über meine Pläne, ach! und wenn sie doch dem seligen Chrysopras nicht so ähnlich sehen möchte! Doch was ich sagen wollte – Marcell, ich will dir nicht mit Einleitungen und Gemeinplätzen kommen, ich will dir auch keine Vorwürfe darüber machen, daß du noch Junggeselle bist – – Marcell, du wirst dieses Jahr fünfundvierzig Jahre alt, und Krähenfüße bekommst du auch schon um die Augen, und graue Haare gewiß auch, nur daß man sie bei dieser Frisur nicht sieht – – sage, Marcell, weißt du denn nicht, daß du verpflichtet bist, dich zu verheiraten?«

»Man sagt so«, erwiderte der Fürst lächelnd, »aber das, liebe Olga, ist nicht gut zu befehlen und nicht gut zu untersagen. In dieser Beziehung bin ich Lessings Meinung: Kein Mensch muß müssen, wenigstens in gewissen Dingen.« –

»Und die Erbfolge in Hochwald? Soll sie an die jüngere Linie fallen? Das fehlte noch!« sagte die Generalin, ihren Sonnenschirm energisch in den Sand stoßend.

»Was geht mich die Erbfolge an? Die soll mir keine grauen Haare machen, denn bei der jüngeren Linie gibt's Söhne genug. Man muß anderen Leuten auch etwas gönnen«, meinte der Fürst ruhig lächelnd.

»Nein, das kann dein Ernst nicht sein, Marcell!« rief die Generalin mit ungeheucheltem Entsetzen.

»Er ist's im Wortlaut und gewissermaßen auch im Sinne«, entgegnete er ruhig; »aber«, fügte er träumerisch hinzu, »du hast ja ganz recht. Hochwald hat sich seit Jahrhunderten vom Vater auf den Sohn vererbt, und in die jüngere Linie ist viel Blut gekommen, das den Stamm nicht veredelt hat. Doch meine Zeit habe ich versäumt. Ich fange an, alt zu werden. Aus Liebe wird ein junges Mädchen mir nicht zum Bunde fürs Leben die Hand reichen, und um mich wegen des Fürstentitels heiraten zu lassen, dazu fehlt mir jede Neigung. Also wird die jüngere Linie doch wohl die Erbfolge antreten.«

»Nous verrons, nous verrons«, meinte die Generalin mit geheimnisvoller Miene, und da Sascha mit dem Wagen erschien, setzte sie hinzu: »Wir besprechen das wohl noch einmal, Marcell, nicht wahr? Denn dein letztes Wort war das doch nicht? Einstweilen mußt du mir versprechen, heute abend mein Gast zu sein. Es ist mein jour fixe, und du sollst sehen, über welch interessanten internationalen Salon ich verfüge.«

»Also das ist immer noch dein Ideal, diese kosmopolitische Gesellschaft?«

»Aber ich bitte dich, was gibt es Interessanteres! Es kommt auch ein Liebhaber alten Plunders, wie du, ein Mr. Marstone.«

»Ist er Herren- oder Damenschneider?« fragte der Fürst. »Man kann das bei diesen ›innocents abroad‹ niemals wissen.«

»Oh, du bist so schlecht, Marcell!« rief die Generalin mit Überzeugung. »Also du kommst? Au revoir!«

Und dann rollte sie mit Sascha in ihrem gemieteten Landauer die Via del' Re Umberto hinauf.

»Also ein Teil meiner schönen persönlichen Freiheit wäre verkauft und dahin«, murmelte der Fürst seufzend, als er den Lungarno wieder herabzuschreiten begann. »Nur Rom oder Venedig kann mich jetzt von den internationalen Salons der guten Olga retten. Da wird Rataiczak wohl bald wieder packen müssen! Und mein schöner, alter Palazzo in der Via Maggio – ja – es gibt keine reine Freude in der Welt!« Angelangt an der Piazza Manin, überlegte er, ob er nun doch noch nach dem San-Marco-Kloster fahren oder ob er den fast ganz verlorenen Morgen lieber im nahen Palazzo Corsini beschließen sollte. Er wußte dort eine Madonna von Filippino Lippi und Soustermansche Porträts, die einen schon trösten konnten über verlorene Stunden in Florenz. Und während er stillstand, um in seiner Brieftasche die Eintrittskarte zu suchen, die ihm den Palazzo Corsini sogar um Mitternacht geöffnet hätte, sagte plötzlich jemand dicht an seinem Ellenbogen: »Fürst Hochwald, wenn ich nicht irre!«

Überrascht wandte sich der Angeredete um und sah neben sich einen jungen Mann stehen, groß gewachsen und hübsch von Angesicht, aber durch den »pschüttesten« aller »pschütten« Anzüge bis zur Möglichkeit karikiert. Alles war an diesem jungen Manne kariert, von dem merkwürdig geschnittenen Anzug an, den man, hätte ihn ein armer Gymnasiast getragen, dürftig genannt hätte. Aber hier waren die Karos noch klein, während sie sich auf dem sackförmigen und viel zu kurzen Überzieher zu fabelhafter Größe erweiterten. Den Hut hintenübergesetzt, an den Füßen gelbe, rindlederne Schnabelschuhe, aufgekrempelte, maßlos weite Unaussprechliche, rot gefüttert, und blaue Strümpfe mit aufgedruckten Sportemblemen, mit leuchtend zimtfarbenen Handschuhen bekleideten Händen, über die Manschetten mit Riesenknöpfen fielen, ein Stöckchen wie für einen dreijährigen Jungen: so stand das wandelnde Modell eines verrückten Pariser Schneiders vor dem erstaunten Fürsten.

Dieser verbeugte sich leicht.

»Allerdings«, sagte er, »ich weiß aber nicht, mit wem ich die Ehre habe –«

Doch bevor er ausgeredet hatte, war ihm das karierte und karikierte Wesen schon um den Hals gefallen und applizierte ihm auf offener Straße einen Kuß.

»Aber Onkel, kennst du mich nicht mehr? Ich bin ja Boris – Boris Wassilijewitsch Chrysopras, dein Neffe!«

»Nun eben«, war alles, was der Fürst in den Armen dieses Neffen hervorbringen konnte, und als dieser endlich seinen verwandtschaftlichen Gefühlen genug getan hatte, steckte er resigniert seine Karte für den Palazzo Corsini wieder ein und besah sich den Sohn seiner Schwester.

»Du also bist Boris, die Perle des Hauses«, sagte er. »Hm! schön angezogen bist du jedenfalls.«

»Alles Pariser Modelle, Onkel!«

»Scheint so. Habe eben deine Mutter und Schwester verlassen, nachdem wir uns aus Zufall getroffen.«

»Lebst du inkognito hier, Onkel?«

»Nicht doch. Ich schreibe mich in die Fremdenbücher M. F. Hochwald ein. Das ist mein ganzes Inkognito, denn ich werde auf die zwei mystischen Lettern M. F. hin meist für einen Reisenden in irgendeiner Branche geschätzt von Oberkellner und Portier. Und da Rataiczak nicht plaudert und ich mir meine Briefe stets poste restante bestelle, so entgehe ich meist der mir so widerlichen Servilität und dem ewigen ›Durchlaucht‹, für das ich so teuer bezahlen muß.«

»Merkwürdig!« sagte Boris Chrysopras in seiner Ahnungslosigkeit, daß Leute mit Titeln im Gegensatz zu Titellosen sich's meist nur mit dem Bewußtsein genügen lassen, dieselben zu besitzen, während jene anderen ängstlich hervorsuchen, wie sie sich nennen könnten. Aber Grübeln über menschliche Schwachheiten und andere Probleme, Grübeln und Sinnen überhaupt war nicht die Sache von Boris Chrysopras. Er sagte also erstaunt über seines Oheims Sonderbarkeit: »Merkwürdig!« und setzte sogleich hinzu: »Ich habe einen scheußlichen Hunger, Onkel – Gemütsbewegungen machen mir immer Hunger und wirken auf Leere des Magens. Merkwürdige Konstitution, was? Du hast doch auch Hunger, Onkel? Es ist auch fast Lunchzeit, und ehe wir so langsam bis zu Doney schlendern – was meinst du dazu?«

»Einverstanden«, sagte der Fürst gutgelaunt; denn nach dem seine erste schwere Enttäuschung, den Besuch des Markusklosters betreffend, überwunden war, fand er sich in die zweite, die ihm den Besuch der Galerie Corsini entrückte, schon leichter, um so mehr, als sein Neffe mit seinem Pschütt entschieden den sehr starken Sinn für Humor in ihm weckte. Er legte also seinen sehr unauffällig bekleideten Arm in den in allen Farben spielenden des jungen Diplomaten, und beide schlenderten zurück nach der Via Tornabuoni, zu dem vornehmsten Restaurant von Florenz, wo man für hohe Preise vorzüglich speisen kann.

Sie saßen auch sehr bald an einem Tische des eleganten Restaurants und sahen hinab auf die Straße mit ihrem bewegten Treiben, mit ihren einander drängenden Passanten, ihren Equipagen, ihren strahlenden Juwelen-, Mosaik- und Kunstläden – und siehe da, da kam auch eines der »Wunder« von Florenz, der ältliche Amerikaner, der von einem turmhohen Wagen herab vierundzwanzig paarweise davor gespannte Pferde mit vierundzwanzig Leinen kutschiert und den Schaden, den er durch diese sonderbare und unbequeme Passion täglich anrichtet, dem Magistrat durch Vereinbarung monatlich bezahlt.

»Donnerwetter, wer so viel Geld hätte wie dieser Kerl!« seufzte Boris Chrysopras über seiner Tasse Beeftea aux Truffes.

»Nun, dein Vater konnte es sich seinerzeit auch wohl gestatten, mit sechsundneunzig Pferdebeinen spazierenzufahren«, erwiderte der Fürst.

»Papa? O ja. Aber erstens ist sein Geld in drei Teile gegangen für Mama, Sascha und mich – na, und ich –«

 Er vollendete nicht, denn der Kellner kam und setzte eine kleine Terrine Straßburger Gänseleberpasteten auf den Tisch und eine Flasche Steinberger Kabinett.

»Ja, es ist so unangenehm, daß das Geld rund ist«, meinte der Fürst, indem er einschenkte.

»Scheußliche Eigenschaft«, murmelte der junge Diplomat. »Mama wird dir natürlich schon vorgejammert haben«, setzte er mißtrauisch hinzu, und als der Fürst hierauf nichts erwiderte, meinte er tröstend: »Na, eine Weile hält es schon noch vor, und dann werden wir ja Rat schaffen. Kolossal reiche Partie in petto – fürchte nur, daß die unseren Stammbaum nicht gerade mit Edelreisern okulieren wird.«

»So?« machte der Fürst. »Deine Mutter sprach doch aber von einer deutschen, jungen Gräfin, die – –«

Boris Chrysopras wehrte mit der Linken lebhaft ab, während die Rechte den Rest der Pasteten auf seinen Teller legte.

»Siehst du, Onkel, das ist mir ja eben so auf den Magen gegangen, hat mir diesen unnatürlichen Hunger gemacht! Gemütsbewegungen vertrage ich einmal nicht!«

»Nein?« fragte der Fürst, amüsiert der verschwindenden Pastete nachsehend.

»Nein«, bestätigte der junge Russe mit tragischem Kopfschütteln, »denke dir meine Lage, Onkel! Hier – ein immer mehr schwindendes Vermögen – – habe scheußliches Pech gehabt im Spiel und auf dem Turf – und die Aussicht, nächstens brichst du nieder. Dort – eine äußerst pikante Amerikanerin mit blödsinnigem Mammon, und dazwischen eine blonde Elfe, die nichts, oder doch zu wenig für mich hat. Nun stell dir das mal vor, und stelle dir vor, daß ich diese blonde Elfe gerade lieben muß!«

»Ja, ja, es ist schrecklich«, sagte der Fürst, insgeheim lächelnd, indem er an Saschas drastischen Vergleich von dem Esel zwischen den Heubündeln dachte. »Ich glaube gern, daß dieses Dilemma dich aufregt.«

»Ah, du weißt noch nicht alles«, unterbrach ihn Boris, dem Kellner zusehend, der eben delikat aussehende Hammelkoteletten a la Maintenon servierte nebst einer staubbedeckten Flasche alten Burgunders. »Onkel, diese Koteletten kann dein Koch nicht besser machen – sie sind einfach in der Perfektion. Und diese Haricots vert flageolets dazu werden nach meinem Rezept bereitet, denn vom Gemüsekochen haben diese elenden Italiener keine Ahnung.«

Er zerlegte eines der saftigen, talergroßen, aber dicken Koteletten in ihrer Panade von Parmesankäse und aß mit Kennermiene.

»Gut«, sagte er, indem er langsam ein paar Schluck des alten Burgunders schlürfte. »Also Onkel«, fuhr er fort, »ich sage dir, du weißt noch nicht alles. Stelle dir vor, daß ich, alle pekuniären Bedenken beiseite schiebend, nur meinem Herzen folgen will und mich heut früh entscheide. Geld hin, Geld her – die oder keine andere, sage ich mir. Und da ich weiß, daß die Erlensteins heute früh nach den Uffizien wollen, gehe ich auch dahin, rase durch alle Säle wie ein Besessener, sehe den Vater mit der anderen Tochter natürlich erst im Niobidensaal, und wie ich mich in die leere Sala del Baroccio zurückkonzentriere, um einen Kriegsplan zu entwerfen, wer, meinst du wohl, steht an dem schönen Mosaiktisch in der Mitte und zeichnet sich ein Ornament davon ab in ein kleines Skizzenbuch – Sie! Sie! Sie!«

»Woraus man ersieht, daß ein junger Mensch Glück haben muß«, meinte der Fürst ernsthaft. »Und was tatest du?«

»Ich?« Boris Chrysopras sah tiefsinnig zu, wie der Kellner nach raschem, geräuschlosem Tellerwechsel erst eine Flasche Roederer, extra dry, in Eis vergraben in silbernem Kübel auf bronzenem Gestell herbeibrachte und dann einen zarten gebratenen Fasan mit Kaviar-Beilage servierte, begleitet von ausgesuchtem Endiviensalat und Kompott von grünen Mandeln. »Siehst du, Onkel, der Kaviar ist recht gut hier – das Beste vielleicht, was ins Ausland kommt, aber Kaviar, wie wir ihn essen, ist es nicht: grau, großkörnig, perlend und mild – kurz, Kaiserkaviar. Aber auch dieser ist, wie gesagt, passabel und meiner Ansicht nach die beste Beilage zum Fasan, obgleich viele Sauerkraut in Sekt gekocht mit Austern darin vorziehen. Das ist nicht meine Passion. Ich weiß ja nicht, wie du über diesen Punkt denkst, aber –«

Er zuckte bezeichnend mit den Achseln.

»Ich finde deinen Geschmack gut«, erwiderte der Fürst, mit Anstrengung ernsthaft bleibend. Und indem er seinem Neffen zutrank, sagte er: »Also du fandest ›Sie‹ in der Sala del Baroccio?«

»Ja, ein Ornament kopierend«, begeisterte sich Boris für seine »jungen Leiden« wieder, nachdem er den schwachen Leib gestärkt. »Wir schüttelten uns die Hand, besprachen den Mosaiktisch, wurden ganz darüber einig, daß die ›Magdalena‹ von Carlo Dolci widerlich süßlich sei und fanden beide Rubens zweite Frau schöner als die erste. Und während wir noch verglichen, faßte ich mir ein Herz, schoß mit einer Liebeserklärung los und bot ihr Herz und Hand.«

»Nun, und ›Sie‹?« fragte der Fürst, als Boris sich von neuem mit einem Glase Sekt stärkte, ein Fasanenbruststück dick mit Kaviar bestrich und es in seinen Mund schob.

»Sie?« kam es dumpf zurück, weniger aus Herzensqual, als weil er seinen Mund voll hatte. »Sie?« wiederholte er dann mit hellerer Stimme, »nun, sie gab mir einen klippklaren, unverzuckerten und unzweideutigen Korb!«

»Ah –« machte der Fürst überrascht. Dann erhob er das Glas. »Cheer up, old boy », sagte er, »es lebe die Amerikanerin.«

 »Noch nicht, Onkel«, erwiderte Boris wiederum dumpf aus naheliegenden Gründen. »Wie ich also so stehe, bildlich genommen, mit offenem Munde über die unglaubliche Geschmacksverwirrung dieser blonden Borste von einem kleinen Satan, wer tritt in den Saal? Der Papa mit seiner anderen Tochter. Und wie die über die Schwelle tritt, da bricht die furchtbare Erkenntnis über mich herein, daß ich nicht die Korbspenderin, sondern deren Zwillingsschwester liebe!«

»Mein Gott, das ist ja ein Stoff für Ibsen!« rief der Fürst überrascht. »Doch ich sage dir noch einmal, alter Junge: cheer up, denn Schlimmeres kann dir dabei ja gar nicht passieren, als daß du dir noch einen Korb holst, den Zwillingskorb.«

»Onkel, spotte nicht«, erwiderte Boris mit Pathos, der ihn aber nicht verhinderte, eine eben aufgetragene, köstlich nach Aprikosen duftende Schaumtorte, wie sie eben nur in Florenz gebacken werden kann, einer näheren Betrachtung zu würdigen. »Ich sagte dir schon, solche Gemütsbewegungen gehen mir nah zu Herzen.«

»Ich dachte, sie machten dir Hunger?« unterbrach ihn der Fürst, »denn ich sehe, daß du trotz unseres reichlichen Frühstücks diese Torte allein zu verzehren gedenkst.«

»Sie ist aber auch köstlich!« gestand Boris, eine zweite Schnitte des aromatischen süßen Gebäcks auf seinen Teller schiebend, »ich meine die Torte, denn die Erlensteinschen Zwillinge sind mehr elfenhaft als überwältigend. Ach, und ich mußte mich stärken nach dieser Offenbarung meines Herzens, Onkel, und darum erlaubte ich mir, die eben servierten Speisen auszuwählen als Stammgast dieses Lokals – –«

Als dann die Reste der Torte abgetragen waren und der Kellner Butter, Pumpernickel, Radieschen, Selleriestengel, Stracchino und Roquefort brachte und schon die Mokkatassen zu einem Zuge des wahrhaft vollkommenen Doneyschen Kaffees hinstellte, da fragte der Fürst noch einmal: »Nun, Boris, und die Amerikanerin?«

»Klotzig reich, sehr pikant«, brummte Boris achselzuckend. »Manchem zu ausländisch, zu sehr ›free country girl‹. Wirst sie ja heut bei Mama sehen, Onkel, denn daß du nicht in dem internationalen Salon eingefangen sein solltest, ist doch nicht anzunehmen.«

»Nein, leider richtig erraten«, sagte der Fürst seufzend.

»Na, ja eben«, meinte Boris mit bezeichnender Handbewegung, »scheußliche Erfindung, Mamas Routs. Allerdings wird Sie auch da sein –«

»Ah so – die neuentdeckte ›Sie‹ deines Herzens?«

»Und die Korbspenderin auch. Sie stehen alle nicht in so großer Gunst bei Mama wie die pikante Miß ›l reckon‹, wie ihr Spitzname ist, aus ›N'York‹. Mag wohl noch ein Tropfen Negerblut in ihr sein. Der Vater war jedenfalls Schweinehändler, der Großvater Schweinetreiber.«

Fürst Hochwald fiel's unwillkürlich ein, daß der Großvater seines Neffen, des »guten, seligen Chrysopras« Vater, Schneider gewesen sein sollte – aber »mein Himmel!«, das war ja am Ende der alte Derfflinger auch vor grauen Jahren.

Nachdem Boris noch seinen Kaffee geschlürft, der nach seiner Angabe »heiß wie die Hölle, schwarz wie die Nacht und süß wie die Liebe« sein mußte, um gut zu sein, verließen die Herren Doneys Restaurant und trennten sich unten auf der Straße, Boris, um in seinem Hotel Siesta zu halten, der Fürst, um sich einen Wagen zu nehmen und hinaufzufahren nach Fiesole, wo er im Garten des alten Franziskanerklosters auf der Höhe ein paar Stunden verträumte. Er hatte sich die wenigen Mönche, die das zypressenbekränzte, malerische alte Kloster bewohnen, zu Freunden gemacht, und sie ließen den signore tedesco gern hinein in den Klostergarten mit seinem schwermütigen Haine von Zypressen, Lorbeer und Steineichen, mit seinem Fernblicke in den grandiosen Bergkessel des Apennin. Von dieser Stätte geht die Sage, daß Atlas sie errichtete für solche, die die Ruhe des Geistes und die Heiterkeit des Herzens verloren haben.

Die Sonne neigte sich schon, als Fürst Hochwald sich von dem Block von Pietra Serena erhob, der zu Füßen des Kreuzes liegt, von dem aus man in die großartige Bergschlucht hinabschaut. Nur schwer trennte er sich von der Aussicht in die Tiefe, in der schon dunkelviolette Schatten lagerten und aus der es anfing, eisig kalt emporzusteigen. Langsam durchschritt er den Hain, dessen Laubkronen schwermütig flüsterten und rauschten, dessen Zauber sein Herz stets neu umspann und ihm zu sagen schien: Bleib hier, denn hier wohnt der Friede!

Der Friede – ein anderer, tieferer Friede noch als in seinem Schloß am Meer, wo die Wogen unablässig rauschten und brandeten – wie sein eigenes Herz – der Friede der Entsagung, der Friede der Ergebung und der Erwartung eines besseren Lebens, in dem das Herz nicht mehr irrt und nicht mehr zu bereuen braucht.

Reue! Oh, die schwere Kette; die, im Feuer der Seelenqual geschmiedet, nimmer nachläßt, wenn auch der Dichter sagt:


»Kummer und Reue,
Alles zerstiebt,
Es vergißt selbst die Treue,
Wie treu sie geliebt.«


»Ja, vergänglich ist auf Erden alles – nur zwei sind's, die uns überdauern – die Liebe und der Schmerz, denn die erstere höret nimmer auf, und der zweite läutert uns fürs bessere Leben, und mit ihm müssen wir oft die irdische Glückseligkeit erkaufen.

Fürst Hochwald zögerte, bevor er in den malerischen Klosterhof trat, hinter dessen Pforte sich ihm die Welt wieder öffnete, diese schöne Welt mit ihren Wundern der Natur und Werken von Menschenhand, in der nichts unvollkommener ist als der Mensch selbst.

»Die Abende sind noch so kalt«, meinte der Superior, als sich der Fürst von ihm im Kreuzgange verabschiedete. Und er versteckte fröstelnd die Hände in den Ärmeln seiner groben Kutte. »Unsere Zellen droben, nach Norden und Westen gelegen, sind gar nicht zu bewohnen. Freilich langen die südlichen Zellen reichlich hin für meine kleine Herde, aber auch im Refektorium ist's eisig kalt zu dieser Jahreszeit.«

»Und doch hätt' ich am liebsten eine von diesen nördlichen Zellen«, erwiderte der Fürst mit einem Seufzer.

Der Superior sah den Fremden prüfend an, denn er kannte nicht den Namen des Signore tedesco.

»Armut kann Euch solchen Wunsch nicht eingeben«, sagte er, der reichen Gaben gedenkend, die dieser häufige Gast stets in der Sammelbüchse an der Klosterpforte zurückließ. »Und Gott dienen kann man auch ohne Kutte und Klosterzelle. Nicht alle sind dazu berufen. Den Frieden des Herzens aber müßt Ihr mitbringen in die stille Zelle, denn nicht jeder, der ihn dort sucht, wird ihn finden – wenigstens nicht ohne Kampf. Manchen Gemütern ist die Einsamkeit wohl wünschenswert, aber dennoch unerträglich.«

»Die Einsamkeit allein tut's nicht«, erwiderte der Fürst und nahm Abschied von dem Superior, der ihm lange nachsah und dazu oft den grauen Kopf schüttelte.

Was ist's mit dem Manne? dachte er. Weltschmerz oder Seelenschmerz! Hm! hm! Sieht nicht aus, als ob dem der Erdenstaub zu schwer, die Sonne zu dunkel wäre. Und Seelenschmerz? Davor sind auch die Besten unter uns nicht geschützt!

Es war spät geworden, als Fürst Hochwald bei seiner Schwester in der Viale Regina Margherita anlangte, aber er machte sich darüber weiter keine Vorwürfe, da er die ketzerische Meinung hegte, daß er noch viel zu zeitig käme für dieses Konglomerat von »Spezialitäten«, wie Madame Chrysopras sie liebte. Es war eine neue und elegante Villa, die sie bewohnte, mit elektrischem Lichte, viel Vergoldung und Marmor heuchelnden Gipsstatuen. Die Einrichtung des nur der Geselligkeit geweihten Erdgeschosses mit seinen großen und hohen Räumen war modern und elegant, denn Seidenstoffe überzogen die Polstermöbel und dekorierten in steifen Falten Türen und Fenster – aber es war alles so alltäglich, so mietskasernenmäßig, so ganz im Geschmack jener Dekorateure, deren unerträgliche Falten- und Bogendekorationen einem jedes Zimmer verleiden können, daß es Fürst Hochwald nach dem ersten Blicke in diese elektrisch beleuchtete Pracht ganz elend zumute wurde, worauf aber das Gefühl: Gottlob, daß du hier nicht wohnen mußt! sich wohltuend bei ihm geltend machte.

In den geräumigen Salons war eine elegant gekleidete, Gelato und süße Kuchen speisende, schwatzende Menge versammelt, die zunächst an den babylonischen Turmbau erinnerte, denn die sehr lebhafte Konversation wurde in allen erdenklichen Sprachen geführt, die vom Sakramento bis zum Bosporus zu hören sind. Uniformen waren nur vereinzelt vertreten – der schwarze Frack mit der weißen Binde und der chapeau claque dominierten, nur spärlich unterbrochen durch die Uniformen einiger Bersaglieri-Offiziere oder die violette Schärpe eines Monsignore und belebt durch den roten Mantel und das gleichfarbige Käppchen eines Kardinals, um den sich eine gewählte Gruppe gebildet hatte. Madame Chrysopras, in prächtiger, taubengrauer Brokatrobe, Diamantsterne im schneeweißen Haar, rauschte ihrem Bruder schon im ersten Salon entgegen. »Mein Gott, Marcell, wie spät«, rief sie vorwurfsvoll, »ich hätte dich so gern früher hier gehabt, damit du mir bei dem Empfange helfen möchtest.«

Na, das hätte mir gerade noch gefehlt, dachte er, und überreichte seiner Schwester mit einem »Pardon, Olga!« einen Strauß prächtiger Orchideen, der sie sofort versöhnte.

»Wie reizend von dir, an mich zu denken!« rief sie erfreut. »Und noch dazu Orchideen! Orchideen sind so modern. Nun aber komm – ich muß dich dem Kardinal vorstellen und ein paar Leuten von Einfluß, die gerade mit ihm sprechen – mitgefangen, mitgehangen, lieber Marcell – hier gibt's keine Einsiedeleien.«

Fürst Hochwald machte mit Vergnügen die Bekanntschaft des kunstsinnigen und als Redner berühmten Kirchenfürsten und mit Entsagung die mehrerer abgedankter Minister und Staatsmänner verschiedener Nationen, aber Madame Chrysopras wich vorläufig nicht von seiner Seite.

»Und jetzt zur Königin«, sagte sie, den Arm ihres Bruders ergreifend, nachdem sie ihn noch einem halben Dutzend Damen vorgestellt hatte.

»Also auch Königinnen hast du in deinem Musterlager moderner Gesellschaftsmenschen?« fragte der Fürst belustigt.

Die Generalin nahm's für ein Kompliment.

»Die Königin Darja, weißt du«, flüsterte sie mit stolzem Lächeln hinter ihrem Fächer. »On se mêle un peu aux affaires politiques – cela nous donne un certain haut goût diplomatique, wenn ich's so ausdrücken darf. Die Königin verbringt den Winter hier offiziell á cause de sa santé, aber wir alle wissen, daß es eine Art von Verbannung ist. Und da sie unserer Nation von Geburt angehört, so haben wir uns ostentativ bei ihr eingeschrieben – das war ein Wink von oben, weißt du, durch Boris, der doch eingeweiht ist. Oh, es hat doch sein Schönes, wenn man einen Sohn hat, der mit der haute diplomatique ganz au fait ist!«

Marcell Hochwald hätte das nun nicht gerade blind unterschreiben mögen, aber er hütete sich, es zu sagen. Er wurde im nächsten Augenblick auch schon der Königin vorgestellt, die in einem kleineren Salon Cercle abhielt und den ihr dem Namen nach wohlbekannten deutschen Magnaten sehr freundlich begrüßte. Sie hielt ihn wohl eine Viertelstunde lang im Bann ihrer tiefen, verschleierten Stimme und ihrer wunderschönen, traurigen, dunkeln Augen, und dann durfte er weiter fortfahren im Durchforschen der terra incognita des Salons seiner Schwester, wobei er halb belustigt und halb entrüstet nicht umhin konnte zu bemerken, daß sie »allen Tod und Teufel« eingeladen hatte.

 »Aber Marcell, ich bitte dich«, erwiderte Madame Chrysopras etwas zerstreut, denn ihre Augen suchten offenbar etwas, oder vielmehr, jemanden in der Menge. »Nur noch in Deutschland hat man diesen Kastengeist, der sich immer in demselben Kreise langweilt.«

»Nein, Olga, gegen diese Beschuldigung erhebe ich Widerspruch«, sagte der Fürst lächelnd. »Nur vermeiden wir Deutschen allerdings gern zweifelhafte Existenzen in unseren Salons. Du aber hast ja hier eine förmliche Ausstellung Bassermannscher Gestalten!«

»Welche Übertreibung, Marcell! Aber hast du Boris noch nirgends entdeckt? Der Schlingel sitzt sicher mit seiner blonden Komtesse in irgendeiner Ecke oder Nische und raspelt Süßholz!«

»Lassen wir ihn! Er muß sich doch seinem schweren diplomatischen Amte entsprechend erholen. Und Süßholz zu raspeln ist solch unschuldiges Vergnügen!« meinte Marcell Hochwald mit leisem Spott. Madame Chrysopras aber fing sofort Feuer.

»Ich begreife nicht, wie man in solchen Dingen scherzen kann!« rief sie entrüstet. »Und das, nachdem ich dir erst heut früh auseinandergesetzt, daß Boris solch kleinen Habenichts nicht heiraten kann! Ah, da ist unsere liebe Miß Grant. My dear child, hier bringe ich Ihnen meinen Bruder, den Fürsten Hochwald! Marcell, ich lasse dich jetzt hier zurück, denn meine Pflicht als Wirtin ruft mich zu der Königin – und wenn du meinen süßen Boris siehst –«

Das übrige verlor sich in der Begrüßung anderer, und das eben vorgestellte Paar blieb allein zurück, falls man ein Nebeneinanderstehen, Ellbogen an Ellbogen inmitten einer schwatzenden, Sandwich verzehrenden Menge mit »Alleinsein« bezeichnen kann.

Aha, das ist also die Schwiegertochter nach dem Herzen meiner Schwester, dachte der Fürst, sein Gegenüber diskret musternd. Miß Fuxia Grant war zweifellos sehr hübsch und sehr pikant – daß ihr rotes Haar zu goldigeren Tinten gezwungen worden und infolgedessen zwar heller, dafür aber glanzlos geworden war, machte ihr pikantes Gesichtchen, das dem bekannten Porträt der Dubarry auffallend ähnlich war, noch eigenartiger, und wenn sie ihren blassen Brauen und Wimpern mit chinesischer Tusche zu dem frappanten Kontraste mit ihrem Haar verhalf und ihren großen braunen Augen durch einen sehr diskreten bläulichen Ring einen besonderen Reiz verlieh, so war das eben ihre Sache, und der diese kleinen Korrekturen der Natur durchschauende Beobachter mußte notwendig zugeben, daß das Gemälde äußerst geschickt und wirksam war. Miß Fuxia Grant war ferner gut und geschmackvoll gekleidet, in ein sehr einfach gearbeitetes Kleid von weicher, cremeweißer, indischer Seide, deren glanzlose Falten sich um ihre wunderbar schön gewachsene Figur und wahrhaft klassische Büste mit jener Vollkommenheit des Arrangements legten, wie nur Worth in Paris sie imstande ist zu »komponieren«. Und zu diesem Kleide schmückte nur eine Schnur kirschgroßer echter Perlen den schlanken Hals, ein Stern von Brillanten das Haar, und ein ebensolcher Stern dieser kostbaren Steine schloß vorn die etwas tief ausgeschnittene Taille.

Hm – in dieses Yankee-girl würde ich mich verlieben, wenn – sie mein Genre wäre, dachte der Fürst weiter. Leider mag ich Gemälde aber nur im Rahmen oder auf der Staffelei!

Indes hatte »Miß I reckon of N'York« den Fürsten ihrerseits sehr ungeniert durch eine sogenannte Pompadour- oder Stock-Lorgnette gemustert.

»Oh, also Sie sind der Bruder der Madame Chrysopras?« begann sie dann das Gespräch. »Aber viel jünger als diese, I reckon!«

»Eine Tatsache, die der Gothaische Kalender erhärtet, von meiner Schwester aber nicht gern gehört wird«, erwiderte der Fürst lächelnd.

»Aber Frau von Chrysopras ist doch eine geborene Gräfin Hochwald, denke ich, keine Prinzessin«, fuhr Miß Grant fort.

 »Gewiß. In unserem Hause führt nur der Chef des Hauses den Fürstentitel, und ›Prinz‹ ist nur sein ältester Sohn und Erbe. Die übrigen Glieder des Hauses sind Grafen und Gräfinnen!«

»How interesting«, meinte Miß Grant mit großen Augen. »Ähnlich ist's ja wohl auch in England, I reckon! Und Sie sind also ein wirklicher, richtiger Fürst?«

»Es kommt darauf an, was Sie darunter verstehen«, war die Erwiderung des Fürsten.

»Nun, ich meine, solch ein Fürst wie in England die Herzöge!«

»Ganz richtig – im Prinzip sind wir dasselbe – landsässige Fürsten ohne die Rechte der Ebenbürtigkeit mit den regierenden Häusern!«

 »How strange!« machte Miß Grant und nahm die Lorgnette wieder vor die Augen. »Ich habe mir immer gewünscht mit den europäischen Herzögen und Fürsten bekannt zu werden. Wir haben drüben eine kleine Schwäche für solche Titel, you know! Sind Sie verheiratet, Fürst?«

»Gott sei Dank, leider noch nicht«, erwiderte Marcell Hochwald mit völlig ernstem Gesicht. Aber die schöne Fuxia Grant merkte nichts von dem Doppelsinn der Antwort: Sie schlug die Augen nieder und neigte den fuchsroten Kopf etwas zur Seite – sinnend, nachdenklich. Dann holte sie tief Atem und sagte mit schönem Freimut: »Ich habe mir nämlich vorgenommen, einen deutschen Fürsten zu heiraten!«

Marcell Hochwald verneigte sich, ohne daß in seinem Gesicht eine Muskel gezuckt hätte.

»Sie erweisen meinem Vaterlande zu viel Ehre, meine Gnädigste«, erwiderte er ernsthaft. In diesem Moment kamen mehrere Herren, die durch einen von ihnen der amerikanischen Millionärin vorgestellt werden wollten, und Fürst Hochwald benutzte diesen günstigen Moment, um sich nach Boris und Sascha umzusehen.

Das nehme mir kein Mensch übel, dachte er, sich durch die Menge windend. Da muß man sich ja vollständig über die Art des Korbes klar sein, wenn diese reizende Miß mit ihrem Antrage noch deutlicher werden sollte. Aber wer, um alles in der Welt, ist dort jener alte Herr? Den muß ich irgendwo schon gesehen haben!

Dieser innere Ausruf galt einem Herrn, der an einem Türpfosten stand und die Gesellschaft ziemlich teilnahmslos betrachtete. Sein Haar war weiß, doch konnte er noch nicht alt sein, was ein gewisses Etwas in seinen schönen, vornehmen und ruhigen Zügen verriet, und die blauen Augen unter den weißen Brauen waren noch zu wenig eingesunken, um von hohem Alter zu zeugen. Gefesselt von dem Aussehen des Herrn, dessen Züge ihn, er wußte nicht, an wen erinnerten, trat Hochwald vor ihn hin und stellte sich, seinen Namen nennend, vor.

Überrascht sah der Fremde auf.

»Wir sind alte Bekannte, lieber Fürst«, erwiderte er in deutscher Sprache. »Freilich werden Sie mich kaum mehr wiedererkennen, denn in den zwanzig Jahren, seit ich Sie zum letztenmal sah, bin ich weiß geworden, während Sie fast unverändert sind. Ich bin Ludwig Erlenstein.«

»Darum also zog's mich zu Ihnen hin, als ich Sie sah, Herr Graf«, entgegnete Hochwald bewegt. »Zwanzig Jahre! Die Zeit vergeht uns oft zu langsam, und wenn wir auf sie zurückblicken, scheint sie so kurz. Wir sahen uns zum letztenmal im Klub, wenn mir recht ist.«

»Ja – ganz recht, im Klub. Es war an jenem Abend«, Graf Erlenstein dämpfte die Stimme, »an jenem Abend, als meine Schwester verhaftet wurde. Oh, man vergißt solche Tage nicht.«

»Nein, man vergißt solche Tage nicht«, wiederholte der Fürst, indem ein Zug tiefsten Schmerzes über sein Gesicht ging. Und erst nach einer beredten Pause setzte er hinzu: »Sie haben den Süden ganz zu Ihrer Heimat gemacht, Graf Erlenstein?« 

»Die Gesundheit meiner Frau erforderte damals einen Winter im Süden – die Ereignisse haben ihn dann für eine neue Heimat wünschenswert gemacht«, erwiderte der Graf. »Wir haben mehrere Jahre in Kairo zugebracht und sind dann nach der italienischen Küste des Mittelmeeres gezogen, wo wir so lange blieben, bis unsere Töchter schulreif wurden. Dann lebten wir in Neapel, später in Rom, und dort starb meine Frau. Sie ruht auf dem Cimitero del Tedeschi am Vatikan. Rom wurde mir durch diesen schweren Verlust verleidet, und nun sind wir hier und haben vor kurzem ein schönes altes Haus gemietet. In zwanzig Jahren haben wir also viermal den Wohnort gewechselt – für uns seßhafte Deutsche ist das fast ein Nomadenleben. Aber Rom wurde unerträglich für mich, der den guten Geist des Hauses begraben mußte, und nachdem ich's fast zwei Jahre versucht, mich zu beherrschen, mußte ich nachgeben. Solche Schicksalsschläge machen weiß vor der Zeit. Aber ich darf nicht undankbar sein, denn meine Zwillinge machen mein Haus heiter und füllen es mit Sonnenschein – wenn's nur immer so bliebe«, schloß er mit einem Seufzer.

Fürst Hochwald hatte mit dem größten Interesse zugehört. Er war durch diese Begegnung mit dem einst lieben und sympathischen Bekannten – zu einer Freundschaft in diesem Sinne war es noch nicht zwischen ihnen gediehen – aufs tiefste bewegt, und manche Frage drängte sich ihm auf die Lippen, die er indes nicht aussprach. Hier war nicht der Ort dazu, darum kehrte er zu dem leichteren Umgangston zurück.

»Sind die jungen Gräfinnen, Ihre Töchter, hier, und wollen Sie die Güte haben, mich Ihnen vorzustellen?«

Graf Erlenstein sah sich prüfend um.

»Sie gingen, um ein von Fräulein Chrysopras gemaltes Bild anzusehen«, meinte er. »Ich glaube, es war in dem kleinen Boudoir am Ende der Zimmerflucht, das als Atelier dient. Dort müssen wir meine Mädchen noch finden.« –

Fürst Hochwald folgte dem Grafen durch einen kleinen Salon, den eine schwere, herabgelassene Portiere von dem erwähnten Raume trennte. Er schlug den Vorhang zurück und trat in das allerdings kleine, aber reizend eingerichtete Atelier mit seinen die Ecken füllenden Palmen, seinen alten Stoffen, Gefäßen und Möbeln – alles Saschas Eigentum, das Madame Chrysopras als »Gerümpel« bezeichnete, den Fürsten aber gleich wohltuend anmutete und ihm die Nichte sofort näherbrachte.

Vor einer Staffelei stand eine kleine Gruppe von fünf Personen: Boris und Sascha Chrysopras, ferner ein großer Herr mit sehr dunkler Gesichtsfarbe, schwarzem Haar, schwarzem Schnurrbart und merkwürdigen hellen, dunkelverschleierten Augen – Augen, die weder zu übersehen noch auch zu vergessen waren. Zwei junge Mädchen in einfachen, weißen Kleidern von weichem Wollstoff vervollständigten die Gruppe und erfüllten das nur matt erleuchtete Atelier wie mit einem Sonnenzauber. Sie waren beide fast gleich groß, kaum Mittelhöhe erreichend, beide gleich schlank, beide blond, beide von zarter, aber reizender Schönheit. Sie sahen einander auch ähnlich durch Familienähnlichkeit, aber hier trat der Unterschied zwischen beiden hervor. Die größere mit dem goldblonden Haare hatte schärfere Züge, der Mund war fester geschlossen durch einen eigentümlich reizvollen Zug von Energie, die nur etwas dunkler als das Haar getönten Brauen und Wimpern umrahmten große und schöne, aber etwas kalt blickende graue Augen, die wohl sehr weich, aber wohl auch sehr hart blicken konnten. Die kleinere hatte flachsfarbenes Haar, fast weiß, so licht war's, und duftig und fein dazu wie gesponnenes Silber, nur mit jenem Hauch von Farbe darüber wie Mondlicht im Mai. Fast ganz dunkel waren dazu ihre Brauen und Wimpern, so dunkel, daß die Leute sie schwarz nannten, und ihre großen, lachenden Kinderaugen waren so veilchenblau, daß sie im Schatten auch schwarz erschienen. Der süße Mund war hier nicht herb wie bei der anderen, sondern weich und von unbeschreiblichem Liebreiz, den die Grübchen in den rosigen Wangen nur noch erhöhten.

»Kinder, Fürst Hochwald wünscht euch vorgestellt zu werden«, sagte Graf Erlenstein im Eintreten. »Lieber Fürst – meine Töchter Sigrid und Iris!«

 Die jungen Gräfinnen reichten dem Fürsten mit unbefangener Freundlichkeit die Hand – Boris begrüßte ihn lebhaft, Sascha herzlich, aber ruhig. Der noch anwesende Herr stellte sich selbst vor als Cavaliere Spini.

»Onkel, was sagst du? Ist sie nicht entzückend?« – tuschelte der in einem unglaublich modernen Frack mit noch unglaublicher hohem Hemdkragen steckende Boris hinter seinem »Claque« dem Fürsten voll Ungeduld zu.

Der Fürst antwortete nur durch ein Lächeln – er streifte Gräfin Sigrid eben nur mit dem Blick, während er das Auge kaum von ihrer Schwester wenden konnte. Ja, er kannte sie, diese wunderschönen Erlensteinschen, veilchenblauen Augen – der Graf selbst besaß solche, und eine, die lang schon tot war, eine andere Erlenstein hatte sie auch besessen – – –! Nur die liebreizenden Züge waren nicht Erlensteinsches Erbgut, sie dünkten ihm bekannt und doch fremd zugleich. Ihm war, als hätte er dies Antlitz schon einmal gesehen, nur anders umgeben, aber wann und wo?

Sie ähnelt wohl ihrer Mutter, dachte er.

»Es ist sehr nett von dir, Onkel, daß du uns in meinem buen retiro aufgesucht hast«, sagte Sascha. »Eigentlich ist's ja wohl unhöflich, daß wir unsere Gäste ja schnöde verlassen haben, aber der Cavaliere wollte gern sehen, wie mein Bild von Sigrid und Iris geraten ist. Ich habe es heut vollendet!«

Und damit deutete sie auf die Staffelei, wo in einem geschnitzten und vergoldeten Florentiner Rahmen ein Pastellbild stand: – – auf dem Hintergrunde einer dunkel-moosgrünen Samtportiere die blonden Köpfe der Erlensteinschen Zwillinge aneinandergelehnt.

»O Sascha, nach dem, was deine Mutter über deine Kunst gesagt, hatte ich recht mäßiges Dilettantenwerk erwartet und finde nun, daß du eine Künstlerin bist!« rief der Fürst freudig überrascht.

»Ich weiß, daß ich Talent habe, Onkel«, erwiderte Sascha ruhig. »Das ist die Entschädigung, die mir der Himmel für mein garstiges Gesicht gegeben«, setzte sie lächelnd und ohne Bitterkeit hinzu.

Fürst Hochwald drückte der häßlichen Nichte warm die Hand. »Du hast das bessere Teil erhalten«, sagte er herzlich.

»Das denke ich auch, nun ich's gefunden habe«, nickte sie freundlich.

»Die Signorina hat in der Tat hier ein Kunstwerk geschaffen«, fiel der Cavaliere mit tiefem, vibrierendem Organ ein. »Nicht in der Technik und in der Ähnlichkeit allein, sondern vor allem in der Charakteristik der beiden Köpfe, die sie so fein individualisiert hat. Es ist zu beklagen, daß die Signorina trotz alledem nur in den Reihen der Amateure bleiben soll.«

»Wer sagt Ihnen das, Cavaliere?« fragte Sascha ruhig. »Halten Sie mich für so töricht, das mir verliehene Talent nur darum zersplittern und vertändeln zu wollen, weil ich zufällig zur Aristokratie gehöre und weil doch jetzt alle Welt Pastell malt?«

»O Sascha, was würde Mama sagen, wenn sie dich hörte!« murmelte Boris hilflos.

»Oh, sie würde und wird auch Lärm machen«, war die phlegmatische Erwiderung. »Aber ich habe ja gute Nerven und weiß auch, daß ich dem Sturm nicht allein trotzen werde. Nicht wahr, Onkel Marcell? Ah, das wußte ich, als ich dich heut früh sah! Nun, der Hochwaldsche Eisenkopf und das zähe Strebertum Chrysopras' in mir vereint, müßten sich eigentlich doch den Weg durch eine chinesische Mauer bahnen!« schloß sie lächelnd, indem sie Spini ansah.

»Nun sag mir bloß, Papa, was würdest du tun, wenn Sigrid oder ich irgendein großes, ungewöhnliches Talent hätten?« rief Gräfin Iris lebhaft. »Ich meine natürlich solch ein Talent, das wie bei Sascha empordrängt ans Licht!«

»Zeigt mir solch ein Talent, Kinder, und die Antwort will ich euch nicht schuldig bleiben!« erwiderte Graf Erlenstein mit einem glücklichen Blick auf seine beiden Blondköpfe. »Ich muß freilich bekennen«, fügte er hinzu, »daß ein gewisser Heldenmut dazu gehört, ein uns liebes Wesen auf den dornigen Pfad des Künstlers hinausziehen zu lassen.«

»Welcher Vogel bleibt aber stets im Nest?« wandte Spini ein.

»Oh, überhaupt – eins schickt sich nicht für alle«, meinte Gräfin Sigrid mit einer nur ihr eigenen Kopfbewegung. Es erschien dabei auf ihrem jungen Antlitz ein überraschender Zug von Hochmut und Verachtung.

»Und doch glaube ich, daß Sie, Gräfin, wie keine andere imstande wären, den Stürmen des Lebens zu trotzen«, sagte der Cavaliere halblaut, indem er sich etwas zu dem goldblonden Kopf an seiner Seite herabneigte. »Das ist Rasse-Erbteil!«

»Ein ungleich-verteiltes Gut, Cavaliere«, erwiderte sie.

 »Oder meinen Sie, daß meine Schwester Kraft hätte, in einem Sturm zu stehen?«

»Vielleicht nicht, vielleicht doch. Solch biegsame und zarte Gestalten werden oft nur gebeugt, nicht aber gebrochen«, meinte Spini.

»Ja, es gibt aber Naturen, die schon erlöschen, wenn sie nur gebeugt werden. Meine Schwester würde einen Sturm nicht überleben.«

»Und Sie, Gräfin Sigrid?«

»Ich? Oh, ich weiß nicht. Ich würde mich wehren – bis zum äußersten. Es kommt dann darauf an, ob ich siege oder unterliege!«

»Wunderbares Mädchen!« murmelte der Cavaliere mit einem Blick auf die junge Gräfin, daß Boris, der zwar die Worte nicht gehört, dem Fürsten, der seinerseits das halblaute Gespräch genau verfolgt hatte, einen leisen Stoß versetzte und dazu entrüstet flüsterte: »Ekelhafter Geck, dieser Spini, was?«

Geckenhaft kam der Cavaliere dem Fürsten nun zwar nicht vor, aber die Bezeichnung gab ihm doch einen Wegweiser.

»Aha – er hat also denselben guten Geschmack wie du?«

 »Nicht wahr, Onkel? Nun begreifst du doch, wenn ich sage: wie konnt' ich so mit Blindheit geschlagen sein und mir von Iris einen Korb holen«, tuschelte Boris. »Schade nur, Gräfin Sigrid ist wie ein Eiszapfen.«

»Das freut mich«, sagte der Fürst zerstreut.

»Freut dich? Wieso?«

»Nein doch – ich meine, es freut mich, daß Gräfin Iris dir den Korb gab, denn wenn sie deine Hand nahm und du entdecktest erst dann, daß du die andere liebst – denk an diese Verwirrungen!«

»Ja, es wäre scheußlich geworden!« gestand Boris mit einem Seufzer der Erleichterung.

Der Fürst hatte mit den Schwestern noch kein Gespräch gewechselt, doch er fing jetzt einen lachenden Blick voll Schelmerei auf, mit dem die Gräfin Iris seinen Neffen streifte, und dieser Blick aus den unschuldigen Kinderaugen machte ihm das Herz ganz warm, als wäre ein Sonnenstrahl hineingefallen. Da aber sah sie's, daß ihr Blick aufgefangen worden war, und errötete tief, wie eine ertappte Sünderin; der Fürst aber trat jetzt an sie heran.

»Der arme Boris!« sagte er, »wenn er ahnte, daß Ihr Blick, Gräfin, mit dem Sie seinen pschütten äußeren Menschen maßen, mir erst Ihren Ausdruck auf dem Bilde dort überraschend wiedergab!«

»Seien Sie ruhig, Durchlaucht! Er ahnt es nicht«, gab sie mit mühsam unterdrückter Heiterkeit zurück.

»Ich bewundere meine Nichte«, erwiderte Hochwald lächelnd. »Sie hat in der Tat die Gabe der Auffassung in hohem Grade. Besonders solch ein flüchtiger Ausdruck, der so schnell kommt und geht und den Menschen oft am meisten charakterisiert, ist nicht leicht wiederzugeben, denn, Gräfin, so sehen Sie doch sicher nicht immer aus mit dem Schelm im Nacken.«

»Auf die Gefahr hin, Saschas Kunst zu schmälern, muß ich leider sagen, daß ihr das leicht gemacht worden ist. Herr von Chrysopras hat nämlich fast allen Sitzungen beigewohnt. Sie werden also verstehen, Durchlaucht!«

»Ich verstehe«, lachte der Fürst mit einer Herzlichkeit wie seit lange nicht.

In diesem Augenblick erschien das weiße, diamantgeschmückte Haupt der Dame des Hauses zwischen den Portieren.

»Sascha! Boris! Die Königin hat ihren Wagen befohlen, und ihr seid nicht zu finden!« rief sie. »Aber an meine Verlegenheit dabei denkt niemand von euch. Sascha, halt dich grade. Boris, du sollst doch Miß Grant zum Singen begleiten – die Königin wünschte sie zu hören! Was! Auch du hier, Marcell? Nein, es ist zu schlecht von euch, mir armen Frau die ganze Last der Repräsentation allein zu überlassen!«

»Und ich habe bei diesem Akt der Unmenschlichkeit noch Vorschub geleistet! Wollen Sie mir verzeihen, gnädigste Frau?« sagte der Graf von Erlenstein, indem er seiner Wirtin den Arm bot. »Darf ich Sie zu der Königin zurückführen?«

»Oh, es soll Amnestie erlassen werden, vorausgesetzt, daß Saschas Trödelbude hier geräumt wird«, meinte Madame Chrysopras rasch versöhnt, aber nicht ohne einen verächtlichen Blick in das kosige Atelier zu werfen. »Sehen Sie, Graf«, setzte sie, davonrauschend, hinzu, »es ist ja hochmodern, solch ein Simmelsammelsurium von altem Trödelkram, wie Sascha es zusammengeschleppt hat, und deshalb lasse ich auch ihren Geschmack gelten. Aber mir sind moderne Sachen lieber!«

Die Antwort des als Altertumssammler berühmten Grafen verlor sich im Gemurmel der Menge.

»Papa versucht's wieder einmal, Wasser mit einem Siebe zu schöpfen«, flüsterte Gräfin Sigrid dem Cavaliere zu. Spini konnte aber nicht mehr antworten, denn schnell wie der Blitz war Boris da und reichte seiner Herzdame neuesten Datums den Arm. Da nun Fürst Hochwald neben Iris Erlenstein stand, so wurde er naturgemäß ihr Führer, und mit Staunen sah er, wie der finster blickende Cavaliere seiner Nichte den Arm reichte und Saschas häßliches Gesicht sich dabei ganz wundersam verklärte. Doch er verweilte nicht allzulange bei dieser Entdeckung, wohl aber ertappte er sich selbst bei dem Wunsch, allein zu sein inmitten dieser großen, geräuschvollen Gesellschaft, allein mit dem süßen, holdseligen Geschöpfe an seinem Arm und dabei auf das harmlose Geplauder des reizenden Kindermundes zu lauschen wie auf höhere Offenbarungen. Ein ganz eignes, nie gekanntes Glücksgefühl zog ihm dabei warm durchs Herz, und es schien ihm wie ein schwerer, längst geträumter Traum, daß er sich nur wenig Stunden früher so einsam gefühlt und so schweren Herzens.

Dicht vor ihm schritt Boris mit Sigrid Erlenstein am Arm, doch sie schien wenig darauf zu achten, was er ihr mit der ihm eigenen Zungenfertigkeit vorschwatzte, wohl aber wandte sie mehrfach den Kopf nach ihrer Schwester um, die ihr dann harmlos lächelnd zunickte.

»Sigrid ist so ernst und kühl«, meinte Iris, als sie ihr Lächeln unerwidert sah. »Sie macht ihrem nordischen Blut alle Ehre, während ich entschieden etwas vom lachenden Süden darein vermischt habe. Meine gute selige Mama meinte zwar immer, Sigrids ernst angelegte Natur sei für mich ein Segen, denn sie dämpfe etwas meinen Übermut. Papa nimmt's nicht so scharf, denn im Haus bin ich's doch allein, die ihn zum Lachen bringt. Natürlich meint's Sigrid ebenso gut, vielleicht noch besser als ich, aber ein jeder muß doch seiner Natur folgen, nicht wahr?«

Doch noch ehe der Fürst antworten konnte, wandte sich Gräfin Sigrid um, diesmal mit halbem Lächeln. »Nicht so laut, Iris«, sagte sie scherzend. »Wer bringt denn alles wieder ins Geleise, wenn Fräulein Sonnenschein ein Kunterbunt gestiftet?«

»O Sigrid, du bist ja auch viel, viel besser und klüger als ich«, war die reuig-übermütige Erwiderung.

»Reue hat sie immer, die Sünderin, aber keine Besserung!« rief Sigrid dem Fürsten über die Schulter zu, und die Weichheit, die ihre Züge dabei annahmen, kleidete sie sehr gut.

»Man sollte meinen, Ihre Gräfin Schwester wäre mindestens zwanzig Jahre älter als Sie und dazu berufen, Sie zu bemuttern«, sagte Hochwald lächelnd.

»Oh, das tut sie auch«, erwiderte Iris ernsthaft. »Sie ist überhaupt unser guter Hausgeist und führt, seit Mama nicht mehr ist, ganz allein unsere Wirtschaft.«

Inzwischen war man in das Musikzimmer gelangt, dessen Wände mit heiteren Amorettengruppen bemalt waren, die zwar mehr guten Willen als künstlerische Vollendung zeigten, aber doch in jeder Linie den angeborenen Schönheitssinn der Italiener verrieten, der auch den Dekorationsmaler kaum verläßt. Teppiche und Portieren fehlten hier, ein prachtvoller Steinway-Flügel nahm die schmale Längswand ein, und im Nu waren Stühle im Halbkreis gestellt für ein kleines, sitzendes Publikum. Die schöne Königin mit den traurigen Augen saß in der ersten Reihe und unterhielt sich gerade mit Miß Fuxia Grant, deren Energie ihr eine Vorstellung verschafft hatte – ein Unterfangen, dem Madame Chrysopras bei jeder anderen mit schneidender Verachtung begegnet wäre, die es aber in diesem Falle für vorteilhaft erachtete, den kühnen Flug der unabhängigen Republikanerin zu unterstützen. Und da dieses free country-girl nun einmal vorgestellt war, so hatte Madame Chrysopras der Königin auch ihren Gesang gepriesen und Miß Fuxia durch den allerhöchsten Wunsch nach einer Probe ihrer Kunst in den siebenten Himmel der Seligkeit befördert. Aber nun mußte auch Boris kommen, um zu begleiten. Als die kleine Gesellschaft aus dem Atelier im Musikzimmer anlangte, hatten gefällige Kavaliershände schon den Flügel geöffnet, Miß Grants Notenmappe geholt und ihre »Spezialität«, ihre Negerlieder, auf das Pult gelegt, vor dem Boris alsbald Platz nahm und präludierte, um eine verhältnismäßige Ruhe damit zu erzielen. Und war Boris Chrysopras sonst schon unwiderstehlich – am Flügel war er geradezu erhaben, und hätte Schiller ihn statt seiner Laura die Saiten meistern sehen, statt des Namens Laura würde sicher jetzt der Name Boris in den »Gedichten der ersten Periode« der Unsterblichkeit geweiht sein. Aus seinen viel zu kurzen Ärmeln fielen ihm die Manschetten bis an die Fingerknöchel trichterförmig herab und verursachten mit den Riesen-Hufeisenknöpfen ein angenehmes Accompagnement an den Tasten – die dürftigen Frackschößlein, die bei anderen kümmerlich ausgesehen hätten, hier aber kolossal pschütt wirkten, flatterten an dem Taburett herab wie zwei sterbende Schmetterlingsflügel, und der rechte Fuß im kurzen Lackleder-Schnabelschuh trat das rechte Pedal mit so viel Grazie, daß er dem staunenden Publikum dabei einen diskreten Blick auf seine rotseidenen Strümpfe gewährte. Neben diesen pschütten Begleiter trat jetzt Miß Fuxia Grant und vergaß ihre republikanische Unabhängigkeit dabei so weit, daß sie sich tief vor der Königin verneigte. Und dann sang sie ihre Negerlieder, mit kleiner, aber gutgeschulter Stimme und mit noch besserem Vortrage, der den Eindruck natürlichen Empfindens machte. lang=EN-US Sie sang erst das melancholische:


»The sun shines bright in the old Kentucky-home
't is Summer, the Darkies are gay –
The corn-tops ripe and the meadows in the bloom,
While the birds make music all the day –«


dann das traurig-naive: »Master's in the could, could ground« – und zuletzt das übermütige: »Wait for the Waggon.« Und als dann der Beifall kein Ende nehmen wollte, sang sie noch das Lied der Yum-Yum aus dem »Mikado« von der Sonne und dem Mond – sehr graziös und reizend sang sie's, aber es erinnerte doch stark an eine Vorstadttheater-Soubrette mit seinen das Künstlerische etwas hintenansetzenden Pointen. Die Königin nickte sehr gnädig – sie rechnete das etwas ungezwungene Wesen der Amerikanern als eine Spezialität an, was ein paar andere Amerikaner aus gutem, altem Haus mit Recht schwer verdroß und zu recht unschmeichelhaften Bemerkungen über ihre Landsmännin veranlaßte, die ihr Vaterland hier zum Mißkredit desselben repräsentierte. Man tröstete sie damit, daß andere Nationen sich solcher »Repräsentanten« auch nicht erwehren könnten, und die Königin fragte, ob man noch mehr Musik hören würde. Da trat Sascha, einen Geigenkasten in der Hand, vor die hohe Dame hin.

»Gräfin Iris Erlenstein ist eine wunderbare Geigenfee« sagte sie. »Aber ich fürchte, um sie zu hören, bedarf es erst eines Befehles Eurer Majestät!«

»Ich habe hier nichts zu befehlen, aber bitten kann man ja überall«, erwiderte die Königin mit einem freundlichen Lächeln zu der tief errötenden Iris gewendet, die Sascha vorwurfsvoll ansah und ihr dann zuflüsterte: »Das ist Verrat an der Freundschaft, Sascha! Hinter meinem Rücken meine Amati holen zu lassen! Oh, oh!«

Aber Sascha triumphierte, denn Iris spielte immer nur im engsten Kreise. Graf Erlenstein selbst blickte etwas finster, aber er war viel zu sehr Kavalier, um der Bitte der Königin nicht sofort Erfüllung entgegenzubringen, und er flüsterte seiner etwas unruhig gewordenen Tochter nur zu: »Mache gute Miene zum bösen Spiel, Iris! Und Ruhe vor allem! Denk nicht an die Menschen hier, sondern nur an die Musik!«

»Danke, Papa!« nickte sie zurück und folgte Sigrid, die ihr Spiel stets begleitete, zum Flügel. Die Schwestern einigten sich rasch, daß eine Reverie von Vieuxtemps das Passendste für Zeit und Ort sei, und Iris legte die kleine braune Geige gegen den schlanken Hals und hob den Bogen – –

Da fiel ihr Blick auf die neugierig aus den Nebenzimmern hereindrängende Gesellschaft, die alle die blonde deutsche Contessa in ihrem lieblichen Jugendzauber sehen wollten – sie wurde blaß bis an die Lippen, und die Hand mit dem Bogen sank wieder herab. Da sah sie auf Marcell Hochwald, der in der nächsten Fensternische stand, und er grüßte sie, wie ermutigend, mit einem für andere kaum sichtbaren Neigen des Kopfes – aber Iris hatte es doch bemerkt und ihn verstanden, denn ein liebreizendes Lächeln dankte ihm – sie hob den Bogen von neuem, und dann klang es wie Sphärenmusik von den Saiten, goldrein, voll und ergreifend. Schon nach den ersten Takten hatte sie ihre Befangenheit überwunden, sie ließ sich ganz von der Macht der Musik fortreißen, so daß Raum und Menschen verschwanden, und ihre großen, sonst so lachenden Kinderaugen blickten mit einem Ernst, der etwas von Verklärung in sich hatte, wie in einen leeren Raum, oder in ein nur ihrem Blick erschlossenes Heiligtum.

Eine ohrenbetäubende Salve von Applaus, Bravo- und »Bisbis«-Rufen folgte dem letzten, traumhaft leisen Ton und erschreckte das junge Mädchen fast bis zu Tränen. Doch ehe sie noch recht zur Besinnung gekommen war, hatte die Königin sie schon feuchten Auges in die Arme geschlossen und auf die jäh erglühenden Wangen geküßt.

»Wie reich sind Sie mit dieser Himmelsgabe«, sagte sie bewegt. »Sie haben mein armes Herz mit Ihrer Musik erquickt und gelabt, wie seit langer Zeit nicht mehr! Hier –«, sie streifte dabei den Handschuh von der linken und zog einen Ring vom Finger –«hier diesen Ring bitte ich Sie zum Andenken an mich zu tragen – möchte er Ihnen Glück bringen, mehr Glück als mir!«

Dann brach die hohe Frau auf. Als sie sich, geleitet von der Dame des Hauses und deren Kindern, entfernt hatte, mußte Iris eine wahrhaft betäubende Flut von Lobeserhebungen über ihr Spiel über sich ergehen lassen. Schweigend hörte sie zu und zog sich dann bescheiden zurück, um ihre Geige sorgsam in den Kasten zu legen. Plötzlich stand Fürst Hochwald vor ihr.

»Ich habe eine Entdeckung gemacht«, sagte er.

»Ja? Oh, ich bitte darum!« rief sie mit heiterem Lächeln.

»Sie werden böse darüber werden, Gräfin!«

»Ja? Dann erst recht heraus mit Ihrer Entdeckung, Durchlaucht! Ich brenne jetzt natürlich durch Ihre Einleitung vor Neugierde!«

»Nun denn, ich habe entdeckt, daß Sie blasiert sind, Gräfin!«

Ein lustiges, helles Lachen antwortete ihm besser als alle Gegenbeweise in Druck, Schrift und Sprache.

»Das ist brav, Durchlaucht, das hatte ich gar nicht gewußt!« lachte sie. »Und darf ich fragen, was Ihnen zu dieser Erkenntnis verholfen hat?«

»Nun natürlich Ihre bewundernswerte Gleichgültigkeit, mit der Sie alle Komplimente über Ihr Spiel entgegennahmen. Ich habe Sie dabei beobachtet«, erklärte der Fürst ernsthaft.

»Nein, wirklich?« fragte Iris naiv. »Aber da sind Sie doch zu falschen Schlüssen gelangt, Durchlaucht. Denn sehen Sie, nicht Gleichgültigkeit habe ich bei all diesen Phrasen gefühlt, sondern nur Bedauern und, wenn Sie wollen, auch ein wenig Ärger, weil unter all diesen Leuten nicht einer und nicht eine war, aus deren Worten ich die wirkliche Freude an der Kunst und die echte Liebe zur Musik heraushören konnte. ›Charmant!‹ ›Reizend!‹ ›Entzückend!‹ ›Ravissante!‹ ›Splendid!‹ und ›Molto bellissimo!‹ das war alles!« – schloß sie fast traurig.

Der Fürst lächelte.

»Gräfin, Sie werden erst lernen, das dies das Höchste ist, was die große Masse gibt«, sagte er. »Aber daß nicht einer darunter tiefer fühlen sollte, ist doch ein hartes Urteil. Und ich kam gerade, um Ihnen zu sagen, wie Ihr Spiel mich im tiefsten Herzen bewegt und gerührt hat. Aber nun –«

»Ich danke Ihnen«, unterbrach sie ihn leise und reichte ihm die Hand, die er einen Moment länger festhielt als vielleicht nötig war, während sein Blick den ihren suchte. Sie hielt diesen Blick fest aus, aber jähes Erröten und tiefste Blässe wechselten dabei auf ihrem reizenden Gesicht. Als Fürst Hochwald die kleine, schlanke Hand mit den zarten Fingern freigab, sah er daran den Ring der Königin glänzen – ein länglicher, wunderbar schöner Opal, mit Diamanten umfaßt, schmückte ihn.

»Und noch eine müssen Sie von der großen Menge ausnehmen, Gräfin«, sagte er. »Ich meine die Spenderin dieses Ringes. Ihr Spiel hat echte Tränen in ihr Auge gebracht, und diese Gabe war spontan und impulsiv – wie ja leider all ihre Handlungen.«

»Ja, Sie haben recht – was die Königin mir sagte, hat mich herzlich erfreut. Und darum auch dieser Ring« – Iris ließ das elektrische Licht in dem Farbenmeer des Opals spielen und in den ihn umgebenden köstlichen Diamanten blitzen, »ein schöner Ring«, setzte sie mit naiver Freude hinzu.

»Und doch möchte ich nicht, daß Sie ihn tragen, Gräfin!«

 »Warum?«

»Aus zwei Gründen. Erstens, weil dem Opal nach alten Traditionen geheimnisvolle Kräfte innewohnen sollen, die seinen Trägern Unglück bringen«, erwiderte der Fürst.

»Aber«, meinte Iris mit ganz erstaunten Augen, »aber das ist ja –«, sie stockte.

»Aberglaube, wollen Sie sagen«, vollendete er. »Ja, Gräfin, der Mensch hat seine schwachen Seiten, besonders wenn es sich um bestimmte Dinge handelt.«

»Das verstehe ich nicht ganz –«, sagte sie verwundert.

»Ich glaube es schon. Vielleicht verstehen Sie mich nicht einmal zur Hälfte«, erwiderte er mit einem halben Lächeln.

»Nun, und Ihr zweiter Grund, Durchlaucht?«

»Ah, der hängt mit dem ersten eng zusammen!«

»Aber Fürst, die berühmte Sphinx von Theben war ja gegen Sie ein reines Kinderrätselbuch«, lachte Iris heiter.

»Doch nicht, Gräfin – ich streiche vor dieser Dame die Segel«, war die gleiche Erwiderung.

»Aber Ihr Grund, Ihr zweiter Grund gegen diesen Ring! Nein, hören muß ich ihn wenigstens, selbst auf die Gefahr hin, daß der Rede Sinn dunkel für mich bleibt!«

»Mein zweiter Grund ist klar, wie Sonnenlicht. Ich bilde mir nämlich ein, daß für Ihre Hände nur zwei Arten von Ringen passend – nein, bestimmt sind –«

»Nun –?«

»Für die Rechte ein einfacher, breiter, goldener Reifen –«

»Ein Trauring?« fragte Iris lächelnd und ganz harmlos.

»Ja«, sagte der Fürst.

»Nun, und für die Linke –?«

»Für die Linke –«, wiederholte er und stockte dann. »Nein, Gräfin, Sie dürfen diesen Opal nicht tragen, wirklich nicht«, setzte er lebhaft hinzu. »Sie sind nicht geschaffen für Unglück und Leid und Nacht – denken Sie, wenn dieser Opal Ihnen wirklich die Sonne erlöschen ließe, die Sie zum Leben brauchen. Ich würde sagen, geben Sie mir den Ring, und ich will Ihnen einen anderen dafür geben – aber ich bin beinahe ein alter Mann, jedenfalls ein Mann im Herbste des Lebens, und Sie würden mir dies kostbare Andenken an die Träne einer Königin, an eine von Ihrer Kunst entlockte Träne nicht anvertrauen –«

»Man sagt aber doch immer, daß das Alter zuverlässiger ist als die Jugend«, unterbrach sie ihn lächelnd.

Er sah ihr ernst und sichtlich bewegt in die klaren, unschuldigen Kinderaugen.

»Gott segne Sie«, sagte er leise, so leise, daß sie ihn kaum verstand, und in diesem Augenblicke kam Graf Erlenstein, um seine Tochter zu benachrichtigen, daß es Zeit sei, heimzufahren. Er hatte Sigrid schon aus der Menge hervorgeholt und blieb nur noch, um sich von der Dame des Hauses verabschieden zu können. Fürst Hochwald benutzte diese Gelegenheit, den Grafen um die Erlaubnis zu bitten, ihn aufsuchen zu dürfen.

»Aber das wird mir ja eine besondere Freude sein«, war die freundliche Entgegnung, »nur ist's noch ziemlich kunterbunt bei uns, weil noch nicht alles vom Umzuge her an Ort und Stelle steht, aber ein Fleckchen zum Plaudern wird sich ja mit Hilfe meiner Töchter schaffen lassen!«

Als dann alles gegangen war und Hochwald der erschöpften, aber von dem Erfolg ihres Abends ganz seligen Madame Chrysopras gute Nacht gesagt, traf er in der Garderobe seinen Neffen, der sich mit wütendem Gesicht in einen fabelhaft kurzen Überzieher, aus dem sogar seine Frackschöße noch hervorsahen, einzwängen ließ.

»Gehst du noch aus, Boris?« fragte er verwundert, denn es war schon, selbst für eine italienische Abendgesellschaft, reichlich spät.

»Nur nach Hause«, pustete Boris, der den Überzieher nicht über die Schultern brachte.

»Du wohnst nicht hier?«

»Na, Onkel, das könnte mir passen! Damit Mama jeden Ausgang von mir kontrollierte, nicht wahr? I wo! Weit vom Schuß ist gut. Ich wohne im ›Angleterre‹ am Lungarno!«

»Gut, dann haben wir denselben Weg. Ich gehe aber, denn ich muß Luft haben und Bewegung nach diesem Massenmord in solcher Atmosphäre!«

»Bon, Onkel, ich gehe mit! Atmosphäre? Na, da sei noch froh, daß hier elektrische Beleuchtung ist und kein Gas. Uff na, nun wären wir so weit!«

Boris war richtig in seinen Überzieher gelangt, der ihn nun mit beängstigender Enge umspannte, dann ließ er sich noch ein Paar Gummigaloschen von dem Umfang kleiner Panzerkorvetten über seine Schnabellackschuhe ziehen, stülpte seinen atlasgefütterten Claque auf und folgte nun dem Fürsten, schlürfend und latschend infolge seiner Fußbekleidung, sonst aber stumm und vor sich hinbrütend.

»Boris, du bist ja so schlechter Laune, brauchst du Geld?« fragte der Fürst, als sie nach einer Weile nach der Via Faenza einbogen.

»Na, Onkel, kennst du einen, der keins braucht?« war die prompte Erwiderung.

»Das möchte ich doch nicht so schroff hinstellen«, meinte Fürst Hochwald lachend. »Aber jedenfalls hoffe ich, du wirst dich nicht genieren und meinen leider stets vergessenen Paten- Obolus mit Zinsen von mir annehmen!«

»Donnerwetter, das nenn' ich ein taktvolles Geschenk!« rief Boris mit aufrichtiger Bewunderung. »Onkel, daraus sieht man, Noblesse ist angeboren und läßt sich nicht verleihen – hupp la!« setzte er überlaut hinzu und verschwand von der Bildfläche, das heißt, er fiel der Länge nach aufs Trottoir.

»Gott steh mir bei, was machst du denn da?« rief der Fürst entsetzt.

»Schad't nischt, Onkel«, murmelte Boris, sich emporraffend und die Knie abklopfend. »Ich bin bloß über meine Galoschen gestolpert! Nee, das ist rührend von dir«, setzte er aufrichtig hinzu und fiel dem gänzlich unvorbereiteten Fürsten um den Hals.

»Aber deswegen, des Geldes wegen war ich nicht schlechter Laune, wahrhaftig nicht. Hab' ich welches, na, dann ist's gut– hab' ich keins, na, da hab' ich halt keins. Ich habe mich bloß geärgert, weil der Lump, der Spini, sich mit solch aalglatter Gewandtheit an die Erlensteins ´rangemacht hat, daß er die kleine Sigrid zum Wagen führen durfte statt meiner. Gerade um eine Nasenlänge kam ich zu spät!«

»Holla, holla, alter Junge! Du wirst wieder fallen«, hielt der Fürst seinen Neffen von einem zweiten Sturze über seine Galoschen auf. »Ja«, setzte er dann hinzu, »auf dem Turf, im Spiel und in der Liebe muß man sich an die Spitze der Bewegung setzen, wenn man gewinnen will. Übrigens, wer und was ist dieser Cavaliere Spini?«

»Was wird er sein? Solch ein eleganter Pflastertreter, wie's in allen Großstädten genug gibt. Er ist wie die alte Marquise in Sardous ›Dora«, die keine andere Ressource hat, als ihres Seligen unverkaufte Flinten – er hat ein unerreichbares Marquisat irgendwo im Monde oder in Parma, was weiß ich!«

»Also so eine Art von vornehmem Abenteurer?«

»Ganz problematische Existenz! Kein Mensch weiß, wovon er lebt und wo! Zeigt sich in allen Klubs, und keiner wagt's, ihn rauszuschmeißen – ganz gefährlicher Duellant. Macht's halt mit seinem Namen. Man nennt ihn im Klub zu Rom, »die Lilie des Feldes«, weißt du, weil er weder sät noch erntet usw.«

»Ah – sehr gut! Aber wieso in Rom? Ich denke, er lebt hier in Florenz!«

»Das heißt, er ist den Erlensteins nachgegangen! War schon in Rom immer Sigrids Schatten! Na, das war mir höchst gleichgültig, weil ich der Schatten von Iris zu werden gedachte. Habe mich deshalb in so 'ne Art von Freundschaft mit Spini eingelassen. Aber seit ich heut – nee, gestern, in den Uffizien erkannt habe, daß es ja eigentlich Sigrid ist, die ich liebe –«

»Höre, Boris, laß dir raten und nimm die Amerikanerin! Wenn sie dich nimmt, vorausgesetzt! Spini wird unangenehm, wenn er merkt, daß du ihm in den Weg trittst!«

»Na, was denn noch! I, wo werde ich mich denn von solch einem Mensch in meinen Courmachereien stören lassen – überhaupt –«

»Hier ist dein Hotel!« rief der Fürst. »Gute Nacht, alter Junge, und komme morgen früh zu mir, oder wenn dir's sonst paßt – du weißt ja, Via Maggio!«

»Gute Nacht, Onkel, und noch schönen Dank! Nee, wahrhaftig, du bist zu nett – ganz normal!«

Die Hoteltür schloß sich hinter Boris, und der Fürst ging weiter, um über Ponte San Trinitá die Via Maggio zu erreichen.

»Geck mit sehr beschränktem Untertanenverstand, leichtsinnig, aber gutes Herz und dankbaren Gemüts«– das war des Fürsten Urteil über seinen Neffen, und es tat ihm leid, daß er sich seiner nicht früher angenommen und ihn ein wenig gelenkt hatte. Aber das kam von seinem einsamen Leben, seiner Zurückgezogenheit von der Welt, die ihn alles vergessen ließ, was in ihr lebte und webte.

Was für elende Egoisten sind wir Menschen doch, dachte er bitter. Nur das eigene Ich, nur die eigenen Einbildungen sind für uns maßgebend – ob wir Pflichten haben gegen andere oder nicht. Und heut zum erstenmal seit zwanzig Jahren kommt mir die Erkenntnis, daß ich Pflichten habe, Pflichten hatte gegen die vaterlosen Kinder meiner einzigen Schwester! Tief getroffen von diesen Gedanken blieb er mitten auf der Brücke stehen und lehnte sich gegen das steinerne Geländer. Noch war's Nacht – die helle Frühlingsnacht »des Gartens von Toskana«, aber über den rasch dahinfließenden Arno zitterte von Osten her schon das erste blasse Licht des nahenden Morgens wie ein Gruß aus der anderen Welt. Opalartige Dämmerung lag über Florenz mit jener Stille, jener todesähnlichen Ruhe, die dem ersten Sonnenstrahl vorausgeht und für das menschliche Herz so tief ergreifend ist mit ihrer unsäglichen Erhabenheit. Und doch war's ein Menschenname, der sich beim Anblick dieses ungewissen Lichtes auf die Lippen des einsamen Mannes auf der Brücke drängte – ein Frauenname: »Iris«. –

Und wenn ich darum zwanzig Jahre meines Lebens in krassem Egoismus vergraben hätte in die Einsamkeit, damit inzwischen eine Blume für mich keimte, sproßte und erblühte –? dachte er, denn nichts in der Welt ist der Hoffnung zugänglicher als das menschliche Herz, für das sie ja freilich auch erschaffen wurde, diese freundlichste der drei göttlichen Schwestern. Freilich, im nächsten Augenblicke schon wehrte er dem lieblichen Bilde, und es fiel ihm dabei ein Lied ein, ein jetzt veraltetes Lied, das ihm stets unerträglich sentimental erschienen war:


»Und doch – was soll die Blüte
Am welken Baum?«


 War er ein welker Baum? Schon, jetzt schon? Er dehnte die kräftige Brust und reckte die starken Arme – nein, er war kein welker Baum, er stand auf der Höhe des Lebens, eine Eiche, die zwar einmal ein Blitzstrahl getroffen, doch dünkte ihm die Wunde vernarbt, ohne die Wurzeln und das Mark geschädigt zu haben.

 Dann aber kamen ihm andere Zweifel. Die Kinder seiner Schwester nannten ihn »Onkel« – war's da nicht ganz naturgemäß, daß sie, daß Iris sich ihn auch als solchen nur dachte? »Onkel« – wie ernüchternd, wie schrecklich patriarchalisch, wie jeden raschen Pulsschlag dämpfend ist das Wort. O ja, man liebt einen Onkel, man scherzt und lacht harmlos mit ihm oder vertraut ihm seine Sorgen an und stickt ihm Sofakissen und Schlummerrollen – – –«Saschas Onkel« wird sie ihn nennen, dem ihr holdes, reines Bild so mächtig das totgeglaubte, künstlich begrabene Herz geöffnet, er hörte es sie förmlich neben sich sagen mit ihrer süßen, lieben Stimme – –

Aber in all diese ernüchternden, qualvollen Zweifel drängte sich doch das schönste Wort, das die Sprache für solche Stunden birgt – das kleine Wort: »vielleicht« –. Es hat schon Lehrsätze umgestoßen, Dogmen vernichtet, warum also sollte es in Herzensfragen keine Stimme haben? Freilich hat es sich öfters trügerisch als heilbringend erwiesen, aber dennoch kommt dieses »vielleicht« mit einem solch blendenden Gefolge von süßen, lockenden Zukunftsbildern, daß der schärfste Verstand schon vor ihm geschwiegen und ihm den Platz geräumt hat. Und darum schwiegen auch in Marcell Hochwalds Brust alle Zweifel, als das schmeichelnde »vielleicht –« ihm nahte, und mit der Gier eines Verdurstenden sog er das süße Gift ein, das heilen kann, aber öfter noch vernichtet. Wohl hatte seine Waage zwei Schalen – in der einen lag der »gute alte Onkel« von Boris und Sascha Chrysopras schwer wie Blei, in der anderen aber stand er selbst mit seinem redlichen treuen Herzen, seinem vornehmen Charakter, seinem tadellosen Ich! Und dabei kam's ihm gar nicht einmal in den Sinn, seinen Reichtum und seine Fürstenkrone mit in die Waagschale zu legen, denn was hat das für Wert, wenn das Herz wägt?

Höher richtete er sich auf. – Das Wörtchen: »vielleicht« machte sein Herz hoffnungsfreudig. – »Vielleicht –«

Unter der Brücke rauschte der Arno dahin, hinab gen Pisa zur Vereinigung mit dem blauen Tyrrhenischen Meer. Im Osten stieg jetzt ein blutroter Schimmer auf, und von den Apenninen her strich ein eisiger Hauch über das Wasser. Marcell Hochwald zuckte fröstelnd zusammen, und langsam verließ er die Brücke, Hoffnung und Entsagung in wunderlichem Gemisch im Herzen. Am Morgen, der dem Rout bei Madame Chrysopras folgte, hatte Iris Erlenstein die Zeit verschlafen. Nicht lange, aber für die frühen Gewohnheiten des Hauses immerhin ein Stündchen, und entsetzt fuhr sie beim Erwachen auf, als sie Sonnenstrahlen durch die Jalousien auf dem Fußboden tanzen sah. Verwundert rieb sie sich die Augen – ihr hatte so schön geträumt, sie wußte nicht mehr genau, was; aber sie war durch goldene und rosige Wolken geschwebt, immer höher und höher, trotzdem Sigrid unten stand und sie am Kleide festhielt und Boris Chrysopras verzweifelnd die Hände rang. Wie sie daran dachte, mußte sie lachen, da war alle Müdigkeit fort, und sie stand auf und kleidete sich schnell an. Die Komtessen Erlenstein hatten zwar eine sogenannte »Cameriera«, die sie frisieren konnte und ihre Kleider machte, aber sie bedienten sich meist allein und zogen vor, ihr eigener Herr und unabhängig zu sein. Deshalb ging auch die Morgentoilette der Gräfin Iris flink vonstatten aus Übung – das flachsblonde Haar war im Nu in seinen zierlichen Knoten auf der Höhe des kleinen Köpfchens geordnet, das frisch und reizende, trotz seiner Einfachheit allerliebste Negligé von lichtblauem Flanell übergeworfen –, dann flog die zierliche Elfengestalt durch den breiten, langen Korridor und über die Steintreppe hinab in das untere Geschoß des alten, geräumigen Palastes, den der Graf gemietet.

Unten stand Gräfin Sigrid im gleichen Morgenkleide, eine weiße Schürze sorglich vorgebunden, einen Schlüsselkorb am Arm, und ließ eine umfangreiche Kiste in einen weiten, mit Fresken am Tonnengewölbe geschmückten, getäfelten Raum schaffen, den Graf Erlenstein für seinen Spezialgebrauch bestimmt hatte. Er liebte es, bei seinen Studien auf und ab zu gehen, und deshalb waren ihm die modernen Mietwohnungskäfige ein Greuel, in denen ein Mensch wohl sitzen, aber sich nicht bewegen konnte. Der alte Palazzo am Borgo degli Albizzi war wohlfeil zu haben mit seiner ganzen Einrichtung, und der Graf hatte ihn gemietet unter der Bedingung des Vorkaufsrechtes, falls ein Käufer dafür auftreten sollte. Einmal mußte er doch irgendwo fest ansässig werden, und da sagte ihm Florenz am meisten zu, und vor allem war der Palazzo genau das, was er suchte. Die Einrichtung war im oberen Geschoß, in dem die Schlafzimmer, Diensträume und Werkstätten für Hausarbeit lagen, nur sehr lückenhaft, wurde aber durch die eigenen Möbelstücke ergänzt, während das untere Geschoß mit dem eben beschriebenen Gemach, dem Speisesaal, dem »salone« und zwei kleineren Gemächern für die jungen Gräfinnen vollkommene, wenn auch in den Überzügen stark verblichene Einrichtungen aufwiesen. Auch gab es da allerhand verborgene Schränke, geheime Verstecke und Kabinettchen, wie sie eben nur ein italienischer Palazzo aus der Blütezeit der Medici, dem »Cinquecento«, haben kann. Die Einrichtung der meisten Zimmer, mit Ausnahme des Salons, der im Empirestil eingerichtet war und als Deckengemälde eine Kopie von Guido Renis »Aurora« zeigte, stammte aus der Blütezeit der Medici. All diese Möbelstücke hätte man beim Antiquar mit Gold aufwiegen müssen, aber die Erben hatten über den Verkauf nicht einig werden können, sie hatten die kostbarsten und seltensten Stücke untereinander verteilt und das übrige vorläufig stehenlassen, in der Hoffnung, daß es irgendeinen »Inglese« reizen würde, den ganzen großen alten Steinhaufen von Palazzo mit zu kaufen, zu welchem Zweck auch ein alter Plan des in Rusticamanier erbauten Hauses mit seinen hohen weiten Räumen, breiten Treppen, Verstecken, Kellern, Verliesen und seiner unheimlichen Vorgeschichte die nötige Zugkraft ausüben mußte.

Nun war wieder Leben eingezogen in den alten Palast, frisches, junges Leben. Iris flog lautlos, wie auf Elfenfüßen, die Treppe hinab und der ahnungslosen Sigrid von rückwärts um den Hals, daß diese fast ihr Schlüsselkörbchen fallen ließ. »Liebes Hausgeistchen, laß dir von mir Faulpelz einen Kuß geben!« rief sie. »Nein, wie ich mich schäme, so lange geschlafen zu haben!«

»Ich hab' dich nicht wecken wollen – es war so spät gestern geworden«, erwiderte Sigrid freundlich. »Und nun komm frühstücken, denn Papa kann jeden Augenblick von seinem Spaziergange zurückkommen und will dann diese Kiste ausgepackt haben.«

Iris eilte, mit silberheller Stimme ein Liedchen trällernd, voraus in den Speisesaal und setzte sich an den behaglichen, am Fenster gedeckten Frühstückstisch, den Ubaldo, der Diener, Haushofmeister und Kammerdiener in einer Person bald mit der singenden Teemaschine von schönem, altem Silber versorgte. Während Sigrid einschenkte, ordnete Iris rasch die Blumen in der Jardiniere, rückte die Brötchen, Butter, Honig und Eier in reizender Unordnung zurecht und eilte dann nochmals um den Tisch, um ihre Schwester zu umarmen.

»Nun laß uns recht gemütlich miteinander plaudern«, sagte Iris, indem sie sich setzte.

»Zum Beispiel von der Eroberung, die du gestern abend gemacht hast!« rief Sigrid und heftete ihre großen Augen fest auf die Schwester, die wie mit Blut übergossen schien und den Löffel fallen ließ.

»Ach, du meinst den Ring der Königin«, stammelte sie nach einer Weile, indem sie den Opal an ihrer Hand betrachtete.

»Nein – das war ein Triumph – ein wohlverdienter, Herz, aber keine Eroberung«, entgegnete Sigrid, deren Blässe nun im schärfsten Gegensatz zu den glühenden Wangen ihrer Schwester stand. »Man erobert keine Frauen, wenn man selbst eine ist.«

»Sesam, öffne dich«, lachte Iris etwas verlegen zwar, aber doch wie ein glückliches Kind und mit einem Aufleuchten ihrer wunderschönen Augen, das sein Licht von innen, aus der Seele lieh. Um so starrer war Sigrids Blick geworden, und fest preßte sie die Lippen aufeinander – unbemerkt von Iris, die die Augen nun niedergeschlagen hatte und mit halbgeöffneten Lippen wie traumbefangen vor sich hinsah.

Da ertönte draußen im Korridor die Stimme des Grafen, der von seinem gewohnten Morgengange zurückkehrte und sich erkundigte, ob man die bewußte Kiste in sein Zimmer geschafft. Mit einem hellen »Guten Morgen!« eilte Iris hinaus und ihrem Vater in die Arme.

»Holla, holla, kleiner Käfer, du wirfst mich ja um!« rief er scherzend und doch überglücklich seinen Blondkopf streichelnd, und setzte dann eifrig hinzu: »Nun kommt, Mädels! Jetzt wird ausgepackt. Eine nimmt die Sachen aus der Kiste, die andere reicht sie mir, und ich räume sie ein, in den famosen Wandschrank mit dem geheimen Verschluß. Avanti, avanti – wir müssen heut früh damit fertig werden!«

»Kleinigkeit für uns«, lachte Iris und folgte mit der stummgebliebenen Sigrid dem Vater in dessen schönes Zimmer, wo die Kiste schon geöffnet dastand. Der Graf warf Hut, Paletot und Handschuhe auf den nächsten Stuhl, rieb sich die Hände und trat dann an eines der geschnitzten Eichenpaneele des Tafelwerkes. Dort schob er von der hölzernen, teilweise vergoldeten Fruchtgirlande einen Pinienapfel zur Seite, der eine Feder enthüllte, an der der Graf nun drückte. Ein scharfes, schnappendes Geräusch war hörbar – dann wurde der Pinienapfel an seine Stelle zurückgeschoben und eine davon mäßig entfernte Haselnuß so tief nach innen gedrückt, daß sie eins wurde mit dem Getäfel, auf dem die Girlande ruhte – zugleich aber bewegte sich das Paneel in unsichtbaren Angeln und erwies sich als die Tür eines tiefen Wandschrankes mit Regalen, die herausnehmbar waren, das heißt durch Federn in die Seitenwände herabgelassen werden konnten und so Raum für reichlich zwei Personen schufen.

»Seht, Kinder, das nenne ich ein geschickt verschlossenes Geheimfach«, sagte der Graf höchst zufrieden. »Solch eine Arbeit war auch nur in Italien zur Zeit des Lorenzo möglich! Pinienapfel und Nuß, jedes für sich, öffnen dieses Versteck nicht, und entdeckte einer das Geheimnis der Nuß, so hat er immer noch nichts erreicht ohne den Pinienapfel und umgekehrt. Es ist großartig! Und dann seht diesen Raum! Wir wissen, daß die Verschwörung der Pazzi zum Sturze der Medicäer im Jahre 1478 in diesem Hause ihren Herd hatte– liegt da nicht die Vermutung nahe, daß die Mörder des Giuliano de Medici, der dem Komplott allein zum Opfer fiel, hier ihren gefährlichen Briefwechsel mit ihren Mitwissern aufbewahrten? Und obgleich keine Beweise da sind, möchte ich wetten, daß die Handschrift des Girolamo Riario mit der des Raffaello Sanzoni-Riario hier drinnen geruht hat. Und für den Fall, daß den Verschwörern unwillkommener Besuch drohte, da genügten hier innen ein paar blitzschnell auszuführende Bewegungen – die Papiere fielen von den herabgleitenden Regalen auf den Boden, und die beiden am meisten Verdächtigen verschwanden in diesem Raum, bis die Luft wieder rein war. Man kann sich die Szene vollständig ausmalen!«

»Wundervoll gruselig!« rief Iris mit großen Augen. »Nein, Papa, daß du diesen Palazzo wie für uns bereit fandest! Ist das nicht Glück? Für uns Altertümler ein Haus mit Verliesen, Plätzen zum Einmauern überflüssiger Gönner, Geheimfächern und Gespenstern – Gespenstern sag' ich euch! Ubaldo hat gestern erst wieder um ein anderes Zimmer gebeten, weil's in dem seinen so umgeht! Und dabei gibt's Leute, denen tatsächlich ein modernes Haus mit hübsch ineinanderlaufenden Zimmern lieber ist.«

»Oh, auch da soll's doch oft passieren, daß sich eine Blaubartskammer vorfindet«, meinte Sigrid.

»Ja, nach dem Ausspruch des englischen Dichters: »There is a skeleton in every house««, sagte Graf Erlenstein seufzend. »Aber nun flink, Kinder, laßt uns den Geheimschrank der Pazzi-Verschwörung mit meinen harmlosen Schätzen füllen – und sei vorsichtig beim Herausnehmen, Iris! Das Abstäuben und Zureichen wird Sigrid sicher genug besorgen!«

Mit dem größten Eifer begaben sich alle an die Arbeit, und wohlgeheftete Briefschaften, Manuskripte und eine Handschriften-Sammlung von hohem Wert wurden in dem Schrank wohl untergebracht. Aber wie das so geht, daß man beim Neueinräumen oft Schätze oder interessante Dinge entdeckt, die in ihrem alten Verwahrungsort von uns vergessen oder verräumt waren und nun, neu ans Tageslicht befördert, plötzlich wieder unser Interesse erwecken, so fand der Graf auch hier ein Buch mit seltenen und merkwürdigen Allianzewappen, von ihm selbst nach den Quellen aufgerissen wieder, die er vor Jahren gesammelt und im Laufe der Zeit fast vergessen hatte. Er vertiefte sich daher sogleich so in das Buch, daß er das Einräumen vergaß und die Schwestern die ausgepackten Dinge auf den großen eichenen Tisch in der Mitte des Zimmers häuften, um die Kiste selbst wenigstens aus dem Raum zu schaffen.

Eben nahm Sigrid ein zylindrisches Etui von Pappdeckel hervor, dessen schadhafter Boden herausfiel und eine Pergamentrolle zu Boden gleiten ließ. Sigrid faltete sie im Aufheben auseinander und rief überrascht: »Ah – der Stammbaum der Erlenstein! Wie interessant!«

»Wo stehen wir?« fragte Iris neugierig, indem sie sich auf die Zehenspitzen stellte, um mit in das Blatt zu sehen, das Sigrid nun auf einem kleineren Tisch ausbreitete und die Generationen mit dem Finger abwärts verfolgte.

»Aber Papa, hier stehst du ja noch gar nicht als vermählt!« rief sie nach einer Pause. »Erlaubst du, daß ich Mama und uns nachtrage?«

»Ja, ja«, murmelte Graf Erlenstein, der gar nicht hingehört hatte, und Iris holte ein Schreibzeug vom Arbeitstisch am Fenster und reichte Sigrid die Feder, die nun, sich laut vorsagend, mit ihrer kleinen, runden und sauberen Handschrift folgende Daten eintrug: »Also – Graf Ludwig, geb. 13. März 1840, vermählt 22. Juli 1867 mit Anna Maria Ferdinande von Spittelberg, geb. 17. August 1845, Tochter des usw. usw. usw. gest. 19. September 1886. Kinder: Sigrid Maria Josepha und Iris Maria Josepha, beide geboren am 1. Mai 1869 zu Kairo. Woraus nach Pythagoras und Adam Riese erhellt, Iris, daß wir nächstens neunzehn Jahre alt sind!«

»Ja, die Last der Jahre droht uns zu erdrücken«, seufzte Iris, den Schelm in den Augen.

Inzwischen war Graf Erlenstein doch auf seine Töchter aufmerksam geworden und trat an den Tisch, an dem Sigrid den Stammbaum ergänzt hatte. Sein schönes, edles Gesicht war blaß, und ein Zug wie von Schmerz lag um seinen Mund, so daß Iris ganz erschreckt ein »Was fehlt dir, Papa?« hervorstieß.

»Nichts, nichts, Kleine«, war die leise, schmerzliche Antwort. »Der Name eurer Mutter – –«

»Ja, ja«, sagte Iris und schmiegte sich an den alten Herrn mit jener warmen, tiefgefühlten Sympathie, die, von Herzen kommend, zu Herzen geht. Auch Sigrid wandte sich um und küßte ihres Vaters Hand – es war warm gefühlt und doch nicht so einnehmend wie die sonnige Art von Iris.

Sigrid beugte sich wieder über den Stammbaum und trocknete mit einem Löschblatt die noch feuchte Schrift. Plötzlich wandte sie sich um. »Papa, ich habe nicht gewußt, daß du eine Schwester hast – oder hattest«, sagte sie erstaunt, auf eine Eintragung neben dem Namen ihres Vaters deutend. »Marie, geb. 9. Oktober 1842.« Der schmerzliche Ausdruck in Graf Erlensteins Zügen wurde noch peinvoller – er seufzte tief, tief, daß es fast wie ein Stöhnen klang, und drückte Iris fester an seine Brust.

»Ja«, sagte er müde. »Ich hatte eine Schwester.«

»Daß wir bis heut nichts von ihr hörten – ist es nicht seltsam?« – fragte Sigrid, die das Gesicht ihres Vaters nicht sehen konnte. »Ich erinnere mich auch nicht, daß Mama je von ihr gesprochen hätte. Sie ist – – ist sie tot?« setzte sie zögernd hinzu.

»Ja«, erwiderte Graf Erlenstein so rauh, daß Sigrid erschrocken aufsprang.

»O Papa, wenn ich geahnt hätte, daß meine Frage dich so ergreifen würde –!« rief sie, mit Tränen in den Augen.

Graf Erlenstein löste seinen Arm von Iris' Schultern, küßte sie auf die Stirn und ging dann ein paarmal auf und nieder, indes seine Töchter bestürzt und stumm standen und ihm angstvoll mit den Augen folgten. Nach einer kurzen Pause trat er vor sie hin, ruhig und gefaßt.

»Kinder«, sagte er ernst, aber freundlich, »eure Mutter und ich waren übereingekommen, euch nicht eher von dieser meiner – – verstorbenen Schwester Mitteilung zu machen, ehe es nicht notwendig wurde. Ihre Existenz ist von euch in diesem Stammbaum entdeckt worden – was ich euch also darüber sagen kann, mag denn gesagt werden. Ich habe sie einst sehr geliebt – sie starb jung, in der Blüte ihrer Jahre und auf der Höhe ihrerSchönheit. Wenn ihr mich liebt, so sprecht aber niemals von ihr – es macht mir Schmerz –, und wenn Fremde achtlos oder mit Vorbedacht zu euch von ihr sprechen, so weigert euch kurz, von ihr zu reden. Eine traurige Geschichte ist's, die ihr Name in mir neu wachgerufen – doch das Grab deckt sie, und dort mag sie ruhen. Gebt mir die Hand, daß ihr nicht fragen wollt über das ›Wie‹. Es würde den Blütenstaub von eurer Jugend und die Sonne aus eurem Leben nehmen, denn Wissenschaft ist nicht allzeit heilbringend. Versprecht ihr's mir?«

Ein etwas zögerndes »Ja« aus Sigrids Mund, ein lautes, freudiges »Ja« von Iris folgten dem väterlichen Wunsch, und ein doppelter Handschlag, eine doppelte Umarmung besiegelten das Versprechen.

»Ich bin beruhigt«, sagte der Graf fest. »Ein Erlenstein hat noch nie sein Wort gebrochen. Ihr spracht dies ›Ja« zu eurem Heil, liebe Kinder! Iris«, fügte er im selben Atemzuge rauh, entsetzt den starren Blick auf das junge Mädchen heftend hinzu, »Iris – was soll der Fleck – das Zeichen dort auf deiner Stirn – –?«

Erschrocken eilte Iris zu einem Spiegel – und wandte sich lächelnd zurück. »Ein wenig Blut, Papa«, sagte sie weich, beruhigend, und als der Graf blassen Antlitzes zurückwich, fügte sie fast weinend hinzu: »Ich habe mir den Finger an einem Nagel der Kiste dort verletzt und muß mit der kleinen Wunde die Stirn berührt haben!«

»Ja, ja«, sagte Graf Erlenstein, sich gewaltsam fassend. »Ihr seht, ich bin aufgeregt, nervös! – Es ist am besten, wie nehmen unsere Arbeit wieder auf.«

Langsam, schleppenden Schrittes ging er an seinen Schrank zurück, und lange war kein anderer Laut hörbar als das Rascheln der Papiere, denn die Mädchen waren erschreckt und beschäftigt mit dem Erlebten, das so plötzlich, so unvermutet gekommen wie ein Gewitter über einen Alpensee.

Iris kam äußerlich zuerst über die drückende Schwüle dieses Schweigens hinüber – nicht, daß ihr junges Herz nicht schwer gewesen wäre, aber sie fühlte, so ging es nicht weiter, wenn es sie nicht ersticken sollte.

»Was alles in dieser Kiste ist«, begann sie leicht. »Papa, es ist ein regelrechtes Archiv! Doch nein, ich sehe Grund, das heißt auf dem Boden hier noch diverse andere Dinge – Etuis, Behältnisse, wahrscheinlich vollgestopft mit Papieren. Hier ein flaches Etui mit weißem Leder bezogen und erhabenen Goldornamenten – o weh – da liegt's!« schrie sie auf und sah mit gefalteten Händen zu dem Grafen auf wie ein Kind, dem seine beste Puppe aus den Armen geglitten ist.

Es war schwer, ihrer herzigen, liebreizenden Art zu widerstehen, und der Graf nickte deshalb auch freundlich zu ihr herüber.

»Es ist auf den Teppich gefallen, und der ist weich«, sagte er beruhigend. »Heb's auf, Kleine!«

Iris bückte sich und nahm das Etui sorgsam auf. Doch der Fall auf den Teppich hatte genügt, das Schnappschloß aufspringen zu machen, und so sah sie denn den unverletzten Inhalt – ein Frauenbildnis en miniature gemalt auf Elfenbein unter Glas, im Rahmen von weißem Samt, ein blondes, wunderschönes Köpfchen, im lockigen Haar einen Kranz weißer Rosen, den klassischen, weißen Hals und die herrliche Büste hervortretend aus einem tief dekolletierten weißen Spitzenkleide.

»Papa, Papa, o wie wunder-, wunderschön!« jauchzte Iris entzückt auf, denn ihr feines Schönheitsgefühl war lebhaft angesprochen worden durch das Miniatur. »Und das herrliche gemalte Bild – ein Kunstwerk, Papa! Sieh nur, Sigrid! entzückend, nicht? Ist's ein Porträt, Papa? Siehst du, das möcht' ich dir stehlen.«

»Hier wird nichts gestohlen«, erwiderte Graf Erlenstein freundlich und nahm Iris das Etui aus der Hand. »Ein Porträt? Wahrscheinlich«, fügte er hinzu, indem er das Etui in dem Schrank verschwinden ließ.

»Es sieht fast aus wie ein Porträt der Kaiserin Eugenie«, bemerkte Sigrid unbefangen.

»Du hast recht, Kind, es ist eine entfernte Ähnlichkeit«, gab der Graf zu.

»Nur das Haar schien mir zu hell«, fuhr Sigrid fort. »Es hatte, dünkt mich, mehr das Flachshaar, wie Iris.«

»Ja, Sigrid, du aber hast das richtige Eugenienblond!«

Die Kiste war jetzt leer, denn als letztes Stück hob Iris eine wohlverpackte Kassette heraus, die sie sorglich aus Papier- und Lederhüllen zu wickeln begann. Es war eine lange, schmale Kassette mit gewölbtem Deckel, wie eine Truhe, beschlagen mit schwarzem Samt, Silberbeschlägen und zwei Schlössern.

»Die Truhe hab' ich nie vorher bei dir gesehen, Papa«, sagte Sigrid, als sie dem Grafen den Kasten wohlabgebürstet überreichte. »Der schwarze Samt macht sie so düster.«

Schweigend hob der Graf den Kasten in den Schrank. Dann wandte er sich um und sah seine Töchter voll an.

»Diese schwarze Truhe ist das Eigentum von Iris«, sagte er feierlich. »Es ist ein Vermächtnis, das ich für sie aufzubewahren mich verpflichtet habe, bis – bis ich nicht mehr bin. Mein letzter Wille wird das Nähere darüber kundtun. Sigrid, du haftest mir, daß die Truhe in deiner Schwester Hände kommt!«

Stumm reichte das junge Mädchen dem Vater die Hand, Iris aber hatte das Gesicht auf ihren Arm sinken lassen und saß da wie versteint.

Zum Glück klopfte es – es war Ubaldo, der Sigrid in häuslichen Angelegenheiten herausrief.

Als sie das Zimmer verlassen hatte, trat Graf Erlenstein zu seiner Zwillingstochter heran und hob sanft ihren Kopf in die Höhe. »Mein süßes Kind«, sagte er unendlich liebevoll. »Es muß ja nicht gleich gestorben sein, wenn man auch vom Tod einmal spricht!«

»Nein, Papa«, sagte sie leise, fast mit Anstrengung. »Es ist auch nicht das – du weißt, ich würde mich zusammennehmen, um dir's nicht schwer zu machen. Aber es ist so sonderbar – als ich vorhin den Kasten dort in den Händen hatte, da kam es über mich wie – lach mich nicht aus, Papa – wie ein kalter Schauer, der mich durchrieselte wie ein namenloses Entsetzen, und die Glieder sind mir so schwer geworden –«

Aber der Graf lachte nicht. Liebkosend strich er mit der Hand über den blonden Kopf, der sich wie todesmatt an ihn lehnte. Er fand auch keine Worte, ihre Empfindung zu erklären und zu widerlegen.

»Der Mensch ist oft unerklärlichen Gefühlen unterworfen, seelischen Eindrücken, möcht' ich sagen«, meinte er endlich schlicht und leise. »Fühlst du dich besser, mein Sonnenstrahl?«

»Ja, Papa, danke! Es ist vorbei, aber mir liegt's noch in den Gliedern wie nach einem bösen, schweren Traum – bitte, sag Sigrid nichts davon! Sie würde mich auslachen, und das vertrüg' ich nicht – zum erstenmal nicht!«

»Es bleibt unter uns«, erwiderte der Graf einfach. »Doch, was ich dir jetzt sagen möchte, soll auch kein drittes wissen, nicht einmal Sigrid.«

Er trat an den Geheimschrank zurück und nahm daraus einen wohlversiegelten Brief.

»Nimm dies, Kind, und verwahre es wohl, ungelesen bis nach meinem Tode«, sagte er ernst. »Du selbst bürgst mir dafür, daß diese Siegel nicht früher erbrochen werden – ich bedarf dazu keines Versprechens, keines Schwures, denn ich habe Vertrauen zu dir. Stecke den Brief zu dir, Kind.«

Iris gehorchte und verbarg mit bebenden Händen das Schreiben in der Tasche ihres Kleides. Ihr vor Erregung blasser Mund sprach kein Wort, aber ihre Augen sagten, was jener nicht auszusprechen vermochte, und der Graf verstand diese stumme Sprache wohl, denn er küßte dem jungen Mädchen als Antwort die blassen Wangen.

»Hier aber«, fuhr er dann fort, das weiße Etui mit dem Miniaturporträt vom Schrank entnehmend, »hier, dies Bild sei dein, weil es dich so sehr entzückt hat. Aber es ist ein geheimer Schatz für dich, denn ich möchte nicht, daß Sigrid darum weiß, daß du ihn besitzest – es könnte sie verletzen, daß du es erhalten hast, nicht sie. Es könnte aber eine Zeit kommen, in der sie von dem Original dieses Bildes weniger liebreich zu denken geneigt sein möchte als du mit deinem warmen Herzen, darum schenke ich's dir. Es ist das Bild meiner unglücklichen Schwester.«

Ein leiser Schrei rang sich bei diesen Worten über Iris Lippen, ein Schrei der Überraschung.

»Verbirg das Bild also wohl, meine Iris – es ist nicht für die Augen der Menschen bestimmt. Aber ich habe mich nicht entschließen können, es zu vernichten«, fuhr der Graf fort. »Ob's recht war oder unrecht, ist schwer zu entscheiden. Und nun geh hinauf, mein Kind, eine Stunde des Alleinseins wird für dich gut sein. Du brauchst nicht zu reden – ich bin's ja so gewohnt, in deinem goldklaren Herzen zu lesen wie in einem Buch – zwischen uns beiden bedarf's keiner Worte!«

Und Iris ging. Wie ein Vogel war sie vor mehreren Stunden die Treppe hinabgeflogen, langsam schritt sie die majestätischen Stufen hinan, von denen es heißt, daß Michelangelo sie an Stelle der alten steilen Treppen genial dem Palast einfügte. Oben in ihrem Schlafzimmer schloß sie sich ein und schob auch leise den Riegel vor die Tür, die zu Sigrids Zimmer führte und in dem sie den Schritt der Schwester zu hören glaubte. Dann öffnete sie einen starken, eichenen Kasten mit Schnitzwerk – ein Geschenk des Grafen an seine Töchter, nach eigener Angabe gearbeitet, zur Aufbewahrung ihrer Wertsachen: der wenigen, aber guten Schmuckgegenstände, die sie von der Mutter geerbt, und sonstiger gelegentlicher Geschenke von Wert. Der Kasten von Iris hatte einen doppelten Boden, ein Geheimfach, und in dieses tat sie zunächst den versiegelten Brief des Vaters, der einen kleinen, harten Gegenstand enthielt. Dann nahm sie das weiße Etui aus der Tasche und betrachtete ihren Schatz, das holde Frauenbildnis im weißen Rosenkranz. Aber trotz aller Lieblichkeit des Ausdruckes schien das Bild ihr jetzt einen etwas herben Zug um den schönen Mund zu haben, einen Zug, der sie lebhaft an Sigrid erinnerte. Und nun geschah etwas Seltsames – dasselbe namenlose Entsetzen, derselbe kalte Schauer wie unten in des Grafen Zimmer durchrieselte sie mit dem Gefühl, als trüge sie Bleigewichte in den Gliedern – sie fühlte, es wurde ihr unerträglich, das schöne Bild weiter zu betrachten, und doch mußte sie es ansehen, wie hypnotisiert von den veilchenblauen Augen auf dem Elfenbein, diesen Augen, die den ihrigen so glichen – – – da legte es sich wie ein dichter, grauer Schleier über ihr Denken, sie fühlte ihre Sinne schwinden, und das Etui entglitt ihren zitternden Händen. –

Das brachte sie zu sich. Tief, tief holte sie Atem, wie ein eben erst aus hypnotischem Schlaf Erwachter, und langsam sammelte sie ihre Gedanken, und badete die Stirn mit Kölnischem Wasser, bis sie's wieder vermochte, sich zu erinnern. Dazu half ihr am besten das Etui, das noch am Boden lag. Der Teppich, der hier den Marmorfußboden bedeckte, war nicht so dick und weich wie unten, deshalb war auch der Fall ein härterer geworden, ohne zum Glück das Bild zu beschädigen, doch er hatte den dasselbe umgebenden Rahmen gelockert, und Iris entdeckte zu ihrer Überraschung, daß hinter dem Frauenbild sich ein zweites, unendlich fein und zart und doch kräftig gemaltes Bild befand – das Porträt eines Mannes in schwarzem Rock und weißer Binde –, ein interessanter Kopf, mit melancholischem Ausdruck, der wohl davon herrührte, daß sich die dichten, dunklen Brauen über der kräftigen, klassisch gebogenen Nase vereinten und den Augen einen schwermütigen Blick verliehen. Der Mund verriet vielleicht einen Mangel an Energie, aber er war wohlgeformt und auffallend schön zu nennen, und dieser Eindruck wurde durch den dunklen Bart auf der Oberlippe noch erhöht. Kurz, es war das Bild eines Aristokraten, voll vornehmer Ruhe und gewinnender Güte, so daß Iris sich nicht satt daran sehen konnte. Und wieder geschah etwas Seltsames – sie mußte weinen, weinen, sie wußte nicht warum. Und in diesen Tränen löste sich die Starrheit, die das junge Mädchen noch immer gefangen hielt, und sie fühlte wieder ihr altes, gewohntes Selbst in sich zurückkehren.

Das Etui verschloß sie auch in das Geheimfach ihres Kastens, dessen Schlüssel sie stets bei sich trug, und dann raffte sie sich auf und kleidete sich um für den Tag. Dabei kehrte allmählich der Glanz in ihre Augen und die Farbe in ihr reizendes Gesicht zurück. Eben hatte sie die Toilette beendet, als es leise an ihre Tür klopfte.

»Iris!« rief Sigrids Stimme draußen, »Iris, es ist Besuch unten!«

»Wer?«

»Der Cavaliere Spini und Boris Chrysopras.« »Entschuldige mich unten, Sigrid, bitte! Ich bin noch nicht fertig. Willst du?«

»Gern«, war die Antwort. Und nach einer Pause tönte es wieder hinter der Tür: »Fürst Hochwald ist auch da.«

Und nun war es drinnen eine Weile still, dann klang es etwas unsicher zu Sigrid hinaus: »Bitte, geh voraus! Papa hat die Herren wohl empfangen? Ich komme gleich nach –«

Draußen vor der Tür hielt Sigrid sich an dem Klopfer fest, als müßte sie ohne diese Stütze fallen. Der herbe Zug um ihren Mund wurde noch herber, und ohne Antwort ging sie dann langsam und schwerfällig die Treppe hinab in den Empire-Salon, wo der Graf mit seinen Besuchern saß.

Iris aber steckte noch rasch ihre einfache silberne Hufeisenbrosche an den hohen Stehkragen, der ihren schlanken Hals umschloß, zog aus einer Blumenvase eine schneeweiße Narzisse, die sie vor die Brust steckte, eilte dann hinab und betrat wenige Minuten nur nach Sigrid den Salon.

Als sie dort den Fürsten begrüßte und ihm die Hand gab, erglühten ihre Wangen – sie hätte es nicht um die Welt verhindern können, trotzdem sie dabei Sigrids Augen auf sich gerichtet fühlte. Aber des Fürsten respektvolle Herzlichkeit und gewinnende Freundlichkeit halfen ihr rasch über diese peinlichen Momente hinweg, in denen sie gegen ihren ehrlichen, festen Willen mehr verriet, als ihr lieb war. Doch was sie dabei tröstete, war ja, daß ihr Erröten ihm, dem Fürsten, vielleicht, nein, sicherlich nichts sagte, gar nichts, daß er es überhaupt gar nicht bemerkte, und wenn auch, es nur auf eine törichte Verlegenheit schob – aber Sigrid –! Oh, hätte sie sich vor Sigrid verbergen können! Sie hatte bisher nie ein Geheimnis oder einen verborgenen Gedanken vor ihrer Schwester gehabt, aber hier schien's ihr, als endete das offene Vertrauen, und sie ward sich's bewußt, daß es Dinge gäbe, die der Mensch nur mit sich selbst bereden und beraten dürfe. Ihr im ersten Augenblick voreingenommenes Wesen fiel in diesem kleinen Kreise vielleicht niemand anders auf als Sigrid, die unablässig beobachtete, denn das Gespräch war allgemein und drehte sich zunächst um den Palazzo des Grafen und dann um die Florentiner Paläste im allgemeinen und besonderen.

»Das Rathaus, der jetzige Palazzo del Comune, hieß ja ehedem Palazzo Spini, wenigstens der dem Arno zugewendete Teil«, bemerkte der Graf. »War es das Stammhaus Ihrer Vorfahren, Cavaliere?«

»Er war's – sic transit gloria mundi«, erwiderte Spini mit einem Seufzer und einem Blick auf Sigrid. »Aber noch ist nicht alles verloren. Große Ländereien, die ehedem den Spinis gehörten, sind im Besitz eines alten Verwandten von mir, und ich habe die Aussicht, dieses Marquisat zu erben.«

»Wo liegt es?« fragte der Fürst.

»In der Maremma«, war die kaltblütige und stolze Antwort.

»Um des Himmels willen!« rief Iris entsetzt. »Sie werden sich doch hoffentlich für dieses Danaergeschenk bedanken! Das heißt ja geradezu die Malaria erben.«

»Contessa, die Maremma ist ein Paradies an Schönheit und Vegetation«, erwiderte Spini mit leuchtenden Augen. »Die Malaria aber geht nur vom Juni bis Mitte September verheerend darüber hin und schadet denen nichts, die sie kennen!«

»Aber das Kennenlernen ist doch ein verzweifelt gefährliches Experiment«, sagte Sigrid.

»Man geht in dieser Zeit ans Meer«, verteidigte der Cavaliere mit einem bedeutungsvollen Blick auf Sigrid sein künftiges Erbe.

»Na, ich danke – scheußliche Gegend«, meinte Boris, innerlich wütend über Spinis Gegenwart. »Nicht wahr, Gräfin, Sie würden unser zwar kälteres, aber gesünderes Rußland vorziehen?«

»Ich bin sehr zufrieden mit der Stadt, in der ich bin, und habe keine Spezialwünsche«, war Sigrids kühle, ablehnende Antwort.

»Nein, es ist wahr, du stehst ganz auf dem festen Boden der positiven Gegenwart«, meinte Iris neckend. »Denken Sie, Fürst, meine Schwester tadelt bitter die Leute, die in Poesie, Prosa und Gedanken irgendeine Sehnsucht in die Ferne haben. Sie hat ja insofern recht, als wir uns im schönsten Lande Europas befinden, dem Ziel der Sehnsucht von Künstlern und Laien – aber der Mensch sehnt sich doch einmal gern nach dem, was er nicht hat.«

»Und wohin würden Sie sich sehnen, Gräfin?« fragte Fürst Hochwald gespannt.

»Ich bin in Italien geboren und erzogen – ich habe es nie verlassen – aber ich bin trotzdem eine Deutsche«, war die feste Antwort. »Ja«, fuhr sie erglühend fort, »eine Deutsche im Herzen und im Namen, und das Ziel meiner Sehnsucht ist der deutsche Wald und die deutsche See!«

Der Graf lächelte leise vor sich hin.

»Du bist noch jung und kannst alles noch erreichen«, sagte er gütig.

»Sag mal, Onkel, Hochwald liegt doch an der See, mitten unter Wäldern, was?« krähte Boris dazwischen. »Es ist doch eigentlich ein Skandal, daß ich noch niemals bei dir war.«

»Das läßt sich noch nachholen, Boris«, erwiderte der Fürst. »Ich hoffe sogar mit Bestimmtheit darauf, daß du in meinen Wäldern noch viel jagen wirst.«

»Nun natürlich, Onkel – kolossaler Jäger vor dem Herrn, sag' ich dir«, entgegnete Boris, indem er mit Genugtuung an seine Jagdequipierung dachte. »Dabei fällt mir ein«, fuhr er fort, »daß Sie, Gräfin Sigrid, und ich neulich mal eine kleine Meinungsverschiedenheit über ein Jagdobjekt hatten – Sie wissen noch, beim Diner bei der Fürstin Ukatschin, meiner Tante. Es wurde da solch ein Zeugs serviert mit Trüffeln, von dem ich behauptete, es sei von Schnepfen, und Sie behaupteten, es wäre von Bekassinen bereitet, was ja im Grunde dasselbe ist –«

»Und Sie wollen ein Jäger sein?« unterbrach ihn Sigrid lachend. »Das Salmi war trotzdem aber von Bekassinen.«

»Wir hielten beide so fest an unseren Behauptungen, daß wir wetteten; – der Preis der Wette war uns überlassen, zu bestimmen«, fuhr Boris fort. »Nun denn, Gräfin, ich habe meine Wette verloren, denn ich habe den Koch gefragt. Es waren wirklich Bekassinen.«

»Natürlich, lieber Herr von Chrysopras!« war die ironische Antwort.

»Und da hab' ich mir denn erlaubt, den Preis gleich zu erlegen –«, sagte Boris und zog ein längliches Etui hervor, das er Sigrid überreichte. »Ein alter Fächer für Ihre Sammlung, Gräfin«, setzte er mit einem triumphierenden Blick auf den Cavaliere hinzu.

»Wie liebenswürdig!« erwiderte Sigrid sehr nachlässig und nicht ohne Schadenfreude, »aber leider ist es meine Schwester Iris, die Fächer sammelt, nicht ich!«

Sie nahm Boris, der entsetzlich »paff« aussah, lachend das Etui aus der Hand. »Ich danke Ihnen trotzdem, Herr von Chrysopras«, sagte sie und reichte Iris den einfachen, weißen Pappkasten, ohne ihn auch nur geöffnet zu haben. »Hier hast du ihn, Schwester, für deine Sammlung – ich überlasse ihn dir gern, denn für mich haben nur neue Fächer Reiz und diese auch nur dann, wenn mir warm ist!«

Das war nun freilich eine sehr deutliche Ablehnung, aber sie hätte vielleicht milder gegeben werden können, wie es der anderen schien, vor allem aber dem armen Boris selbst, der wie ein begossener Pudel dasaß und nicht genau wußte, ob er lachen oder beleidigt das Feld räumen sollte. Nur um Spinis Lippen schwebte ein ganz eigenes Lächeln, das Boris zum Glück nicht sah. Iris nahm, ganz erstarrt über die abweisende Rede ihrer Schwester, das Etui entgegen und öffnete es hastig, in dem Gefühle, in irgendeiner Weise den harten Worten die Spitze zu nehmen. Sie wickelte also den Fächer aus dem Seidenpapier und stieß gleich danach in aufrichtigem Entzücken einen kleinen Schrei aus.

»Wie reizend, wie wunderschön!« rief sie, das Elfenbeingestell auseinanderfaltend, das deutliche Spuren des Alters und Gebrauches aufwies, denn die feingeschnitzten Stäbe waren stellenweise ausgebessert und die Vergoldung verwischt. Der Fächer selbst war von lichtblauer Seide, zwar teilweise vergilbt, aber doch noch unverletzt, und zeigte eine guterhaltene, wunderbar duftige Gouachemalerei – eine Amorettenschar darstellend, der von Amor das Schießen auf ein großes Herz als Scheibe mit Pfeil und Bogen gelehrt wird. Die Malerei trug die Marke: »Francois Boucher« und außerdem das Monogramm: J. de P. mit der Marquiskrone – das Zeichen der Pompadour. »Nein, wirklich entzückend. Sieh nur, Papa!« setzte sie hinzu und zeigte dem Grafen den Fächer, dann reichte sie Boris Chrysopras ihre Hand. »Ich bin Ihnen durch den feierlichen Entsagungsakt meiner Schwester zu meinen Gunsten meinen herzlichsten Dank schuldig. Sie sehen, ich bin ganz begeistert und toll vor Freude über meinen Schatz!«

Boris machte ein sauersüßes Gesicht und murmelte etwas Unverständliches; – seine Situation war auch fatal genug, wenn man bedenkt, daß er sich für Sigrid in Unkosten gestürzt hatte und nun dafür den Dank seiner Korbspenderin erntete.

So was kann auch nur mir passieren, dachte er wutentbrannt. Miß Fuxia Grant – Ihre Aktien steigen!

Graf Erlenstein gab jetzt den Fächer weiter an den Cavaliere mit Worten höchster Anerkennung für das zerbrechliche Kunstwerk und einem Seitenblick auf Boris, verbunden mit einem leisen Kopfschütteln, das dem Leichtsinn des jungen Attaché galt, der für den Fächer sicher eine hohe Summe bezahlt hatte.

»Immerhin möchte es schwer sein, zu entscheiden, ob der Fächer ein Original von Boucher oder eine Kopie nach ihm ist«, meinte er. »Soweit meine Kenntnisse reichen und mein Urteil mich nicht trügt, möchte ich ihn für ein Original halten«, sagte Spini nach eingehender Besichtigung des Fächers, indem er ihn dem Fürsten reichte, der, nachdem er den zerbrechlichen Gegenstand genau betrachtet hatte, ein Lächeln nicht unterdrücken konnte.

»Warum lachen Sie, Durchlaucht?« rief Iris verwundert.

»Nun, ich freue mich über die raffinierte und bewundernswerte Täuschung«, erwiderte Fürst Hochwald ruhig.

»Täuschung?« wiederholten alle wie aus einem Munde.

»Ja, wie anders soll ich's nennen?« fragte der Fürst. »Eine künstliche Antiquität klingt ja vielleicht hübscher, bezeichnet aber die Sache nicht genügend; denn wenn ein imitierter Gegenstand unter vorsätzlicher Täuschung des Käufers verhandelt wird, so ist das in dürren Worten eine Fälschung. Ich setze nämlich voraus, Boris, daß du den Fächer als ›echt‹ gekauft hast.«

»Natürlich, Onkel«, murrte Boris schlecht gelaunt. »Der Kerl, der Antiquitätenhändler schwor bei –, ich weis nicht was, daß der Fächer echt wäre und daß er dies aus Briefen von der Pompadour und Boucher beweisen könnte. Die Briefe hat er mir auch gezeigt – sahen kolossal antik aus!«

»Und worauf begründen Sie Ihre Behauptung an eine Fälschung, Fürst?« fragte Spini mit etwas überlegenem Lächeln.

»Sollten Sie vielleicht eine ›Kopie‹ meinen? Dann wäre ja jede Kopie eine Fälschung des Originals.«

»Der Fächer ist keine Kopie«, erwiderte der Befragte sehr bestimmt. »Als Kopie müßte er nach allem fast so alt sein wie das Original. Dieser Fächer hier ist aber trotz seiner Stockflecken in Elfenbein und Seide kaum älter als ein Jahr.«

Ein allgemeines »Ah!« der Überraschung erscholl von aller Lippen.

»Und worauf stützen Sie dieses Urteil?« fragte Spini, sichtlich sehr mißtrauisch.

»Zunächst auf die Textur der Seide«, war die sehr sichere Antwort. »Im vorigen Jahrhundert – und aus diesem soll der Fächer doch stammen, gleichviel, ob er Original oder Kopie ist – im vorigen Jahrhundert also wob man anders als heute. Das läßt sich ja natürlich nur durch einen Vergleich mit einem Stück französischer Seidenweberei aus dem 18. Jahrhundert klar feststellen – ich bin meiner Sache aber doch sehr sicher.«

»Und dann – die Sache mit der Seide zugegeben – was ist dann noch Ihre Meinung?« sagte Spini kopfschüttelnd.

»Dann die Malerei selbst. Ich kenne die Zeichnung von Boucher, die für diesen Fall als Vorlage gedient hat – aber dies nur nebenbei. Zeichnung, Farbengebung und Technik sind ja auf diesem Fächer meisterhaft, entzückend sogar. Die Farben selbst sind so diskret und »verblichen« wie möglich angewendet, um den Eindruck einer jahrhundertealten Malerei zu machen, was auch vorzüglich gelungen ist. Aber des Teufels Fuß ist die Gouachefarbe. Sie war notwendig, ich gebe das zu, um die vorher künstlich mit Stockflecken präparierte Seide ohne Schaden für die Malerei zu verwerten, aber sie ist der Vogel, der die Geschicht' verrät – sehr Eingeweihten natürlich nur. Die Farbe ist nämlich noch zu frisch für hundertzwanzig Jahre. Die durchsichtige Aquarellfarbe hätte hier bessere Dienste geleistet, die Täuschung selbst für Kenner vollständig zu machen – von der Seide abgesehen!«

»Sie sind ein gewiegter Altertumskenner, Fürst«, entgegnete Spini, den Fächer nochmals betrachtend. »Da hilft wohl nichts, als die Segel zu streichen, wenn auch nicht ohne leise Zweifel und Bedenken –«

»Die sind Ihnen unbenommen, Cavaliere. Ich gebe ja auch nur meine Ansicht zum besten.«

»Oh, da lohnte sich schon eine genauere Untersuchung«, meinte Graf Erlenstein. Er verließ das Zimmer und kam bald darauf mit einer Lupe und einem Stück bestickten Seidenstoffes zurück. »Das ist ein Teil von dem Brautkleide meiner Urgroßmutter«, erklärte er, »und seit mehr als hundertzwanzig Jahren in der Familie. Lassen Sie uns also die Textur vergleichen, denn der Stoff stammt, laut einer Eintragung in dem Ausgabenbuch des Bräutigams, der nach damaliger Sitte das Brautkleid zu schenken hatte, aus Frankreich.«

Das Resultat der Untersuchung war schlagend, denn die Lupe zeigte deutlich den Unterschied der Textur der Handweberei und des mechanischen Webestuhls, der erst nach Bouchers Tode erfunden wurde.

»Was kümmert's mich?« rief Iris vergnügt. »Der Fächer ist eine schöne und künstlerische Bereicherung meiner Sammlung, in deren Katalog er als Kopie nach Boucher stehen soll – meinetwegen auch als ›Fälschung nach Boucher‹.«

»Herr von Chrysopras sieht aber so aus, als ob er den Antiquitätenhändler, der ihm diese künstliche Antike aufgeschwatzt hat, direkt auf dem Municipio anzeigen wollte«, meinte Sigrid spöttisch.

»Ja, das könnte mir gerade fehlen«, erwiderte Boris entsetzt. »Laufereien, Termine, was weiß ich, und dann kriegt der Kerl doch recht, denn daß der die Beweise seiner Unschuld nicht haarklein in der Tasche haben sollte, darauf kann einer Gift nehmen. Aber ich schlage vor, wir lassen endlich den vermaledeiten Fächer und reden von was anderem! Zum Beispiel von einer Partie in die Umgebung. Wollen wir nicht einen Ausflug machen?« »Wir sind dabei«, erklärte Graf Erlenstein. »Nur für heut möchte es dazu zu spät sein, wenigstens für eine größere Entfernung.«

»Ich möchte so gern die Villa Poggio a Cajano sehen, wo Bianca Capello mit ihrem Gemahl an dem höllischen Gastmahl starb, das sie dem Kardinal, ihrem Schwager, bereitete!« rief Iris bittend.

»Ah – bei Prato«, meinte Spini. »Es gehen dahin mehrere Züge.«

»Heut nicht – lassen Sie uns morgen fahren«, fiel der Graf ein. »Ich habe heut nachmittag zu schreiben.«

»Aber dann erlauben Sie doch, daß Sascha kommt, die Komtessen zum Spaziergang abzuholen«, sagte Boris, bei dem seine eben erlittene Niederlage schon zu verblassen begann. »Und ich darf mich wohl anschließen – so als – als – gewissermaßen als dame d'honneur, denn Mama kann nicht mit, sie muß heut zu Tante Ukatschin.«

Man lachte, denn Boris brachte seine Rede drollig genug vor.

»Mein Nachmittag ist auch frei«, fiel Fürst Hochwald ein, mit einem Blick auf Iris, in deren Augen es wie Freude aufblitzte. »Vielleicht könnte ich dann das Ehrenamt des Onkels übernehmen –«

»Famos, Onkel!« rief Boris entzückt. Das schien ihm ja eine Gelegenheit wie keine, Sigrid mit vollen Segeln die Cour zu machen!

Fürst Hochwald lächelte, denn er begriff den Enthusiasmus seines Neffen vollkommen. Trotzdem aber hegte er Zweifel, ob der Cavaliere, der recht finster dreinsah, der kleinen Gesellschaft nicht durch Zufall begegnen und sich ihr anschließen würde. Dem Grafen schien die angebotene Begleitung des Fürsten indes sehr lieb zu sein, und er gab gern die Erlaubnis zum Gange nach dem Giardino Boboli, wohin er vielleicht nachkommen wollte. Auch er forderte den Cavaliere nicht auf, mitzugehen, und war deshalb höchlich erstaunt, als Sigrid es plötzlich tat. Die Wirkung davon war eine ganz unerwartete, denn das dunkle, aber doch blasse Gesicht Spinis färbte sich noch dunkler durch sein jäh zu Stirn und Wangen strömendes Blut, und aus seinen eigentümlichen, hellen Augen brach es wie ein Flammenstrahl des Triumphes. Er ergriff Sigrids Hand, küßte sie stumm und bemerkte es dabei gar nicht, daß die junge Dame erblaßte. Aber noch ein anderer war rot geworden, und zwar aus Wut, das war der arme Boris Chrysopras, der jetzt genau ein Gesicht machte wie ein Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen sind.

Man einigte sich noch rasch über die Stunde der Abholung zum Spaziergang, und dann verabschiedeten sich die Herren.

Als sie den Salon verlassen hatten, schickte Graf Erlenstein sich an, in sein Zimmer zurückzukehren; an der Tür wandte er sich aber nochmals um.

»Sigrid«, sagte er ernst, »es hat mich unangenehm berührt, daß du den Cavaliere zu eurem heutigen Spaziergange auffordertest. Warum plötzlich diese Ermutigung, nachdem du bisher mit so viel Takt gewußt hast, den wenig wünschenswerten Verehrer in angemessener Entfernung zu halten?«

Sigrid schwieg einen Augenblick.

»Ja, es war sehr unvorsichtig von mir, Papa«, entgegnete sie dann ruhig und fuhr heftiger fort: »Der Gedanke, diesen Spaziergang mit Boris Chrysopras machen zu müssen, war mir unerträglich!«

»Wieso mit Herrn Chrysopras?« fragte der Graf befremdet. »Sascha ist dabei und ebenso Fürst Hochwald –«

»Oh – Fürst Hochwald zählt für mich nicht mit!« rief Sigrid nicht ohne Schärfe, indem sie einen bezeichnenden Blick auf ihre Schwester warf. »Es war also ein Desperationscoup, Papa, den ich aber sofort bereute. Der Cavaliere wäre ein so anziehender Umgang – geistvoll, unterrichtet und etwas geheimnisvoll, wie er ist, wenn er nur nicht diese entsetzliche Verehrung für mich hätte«, setzte sie seufzend hinzu. »Aber auch die ist noch erträglicher als die Courmacherei dieses unausstehlichen Boris, Papa, diese seit vierundzwanzig Stunden plötzlich ausgebrochene Courmacherei aus Trotz, weil Iris ihm einen Korb gegeben hat!«

Der Graf schüttelte lachend den Kopf.

»Kinder, ihr habt eine nette Sorte von Freiern«, sagte er nicht ohne Humor und verließ den Salon, gefolgt von einem hellen, lustigen Lachen der Gräfin Iris, die sich nun in ihr Zimmer zur Rechten des Salons begab und ihren Fächer in den für ihre Sammlung bestimmten Schrank legte.

Sigrid aber lachte nicht. Sie verfolgte einen Augenblick mit finsterem Gesicht und einem seltsamen, fast bösen Blick ihre Schwester, dann wandte sie sich kurz um und stieg in die unteren Regionen des Palastes hinab, wo die Köchin unter Entfaltung einer erstaunlichen Zungenfertigkeit gegenüber dem anderen Personal den Pranza bereitete.

Als der Fächer geborgen war, huschte Iris hinüber in des Vaters Zimmer.

»Nun, was gibt's, Kleine?« fragte er freundlich, vom Schreibtisch aufsehend.

»Papa, denke nur, hinter dem schönen Bilde deiner – deiner armen Schwester befindet sich noch ein anderes, das Bild eines Herrn«, flüsterte sie ihm geheimnisvoll zu und legte ihren Arm um seinen Nacken.

»Wie hast du es entdeckt?« fragte Graf Erlenstein zurück, und Iris berichtete treulich, wie es gekommen. Da senkte der Graf den Kopf tief, tief auf die Brust.

»Schicksal«, murmelte er fast unhörbar. »Ob Sigrid wohl das gleiche fühlen würde wie dieses Kind? Und wenn nicht– wer wagte dann noch an der Fortdauer seelischer Kräfte zu zweifeln?«

»Papa, was hast du?« fragte Iris, die die leisen Worte nicht verstand. »Wen stellt dieses Bild dar?«

»Den Gemahl meiner Schwester«, war die schlichte, aber wie mühsam gegebene Antwort. »Er ist tot wie sie. Beide verdorben und gestorben.«

»Wie traurig!« sagte Iris mit dem ganzen tiefen Mitgefühl ihrer jungen, für fremdes Leid noch so zugänglichen Seele, indem ihre süßen Veilchenaugen sich mit Tränen füllten. »Und darf ich auch den Namen dieses Mannes nie erfahren?« fragte sie nach einer Weile. »Er muß gut gewesen sein, Papa, jeder Zug in seinem lieben Gesicht spricht von Güte.«

»Er war's, Iris. Er war ein Ehrenmann, nicht energisch genug vielleicht, aber von hohem Ehrgefühl, ein wahrhaft vornehmer Charakter.«

»So sieht er aus. Ich habe sein Bild gleich liebgewonnen. Es ist darum nicht Neugierde, Papa, sondern Teilnahme, wenn ich frage, wer er gewesen.«

»Besser, du weißt's nicht, mein Töchterchen«, war die traurige Antwort. »Das eben ist ja die Ungerechtigkeit der Welt, daß sie einen guten und ehrlichen Namen, wenn er sich an eine lichtscheue Tat knüpft, auch für seine unschuldigen Träger zum Fluche macht. Was aber hast du, Kind der Sonne, mit den Nachtseiten des Lebens zu tun? Die Schatten kommen noch zeitig genug – laß mir wenigstens das Glück und die Aufgabe meines Lebens, sie lange genug fern von dir gehalten zu haben!«

Und Iris fragte nicht weiter. Sie küßte leise die tiefdurchfurchte Stirn ihres Vaters und verließ ihn, ungefragte Fragen auf den Lippen und die junge Seele beschwert mit einem vagen Gefühl von Unheil, dem aber ein ganz wunderbares, warmes Bewußtsein von Glück noch siegreich die Waage hielt.

 Fürst Hochwald hatte nach dem Besuch bei Graf Erlenstein seinen Neffen absolut unzugänglich für jedes Gespräch gefunden, noch unzugänglicher aber für Vernunftgründe und der guten Rat, Sigrid Erlenstein lieber aufzugeben, nachdem sie ihm mit einer verblüffenden Deutlichkeit gezeigt, daß sie seinen Übergang mit fliegenden Fahnen von Iris zu ihr selbst eigentlich etwas übelgenommen hatte. Boris aber waffnete sich hiergegen mit der ganzen Zähigkeit seines ererbten Dickkopfes derer von Chrysopras, behauptete, er würde sich doch von Spini nicht ins Bockshorn jagen lassen, und erklärte dann, er müßte heut zur Kräftigung seiner Nerven allein speisen, worauf er sich langsam, den Hut tief im Genick, entfernte. Der Cavaliere hatte schon vor der Haustür der »Casa Erlenstein« Abschied genommen.

Fürst Hochwald schlenderte also allein der Via Tornabuoni zu, um dort bei Doney zu speisen, und da es spät war, nahm er den direkten Weg durch die Via Porta Rossa, nach seiner Gewohnheit die Läden rechts und links musternd. Dabei fiel ihm der Laden eines Trödlers auf, der sein Schaufenster mit Antiquitäten angefüllt, seine Ladentür aber mit den üblichen Trödelwaren garniert hatte – also einer jener klugen italienischen Händler, die den Traum ihres Lebens, das einträgliche Antiquitätengeschäft ohne Nebenhandel zu treiben, noch nicht erfüllt sehen und sich den stetigen Aufschwung dazu durch den fortgesetzten Trödelhandel ermöglichen. Dieser Händler, vor dessen Schaufenster Fürst Hochwald jetzt stand, hatte zwar keine der sonst üblichen Zwiebel- und Lauchgirlanden mehr neben seinen gebrauchten Kleidern, Uniformen und sonstigem Gelump zu verkaufen – er gehörte also schon zu der besseren Trödlerklasse, bei der oft neben dem schauderhaftesten Schund ganz wunderbare Perlen altitalienischen Kunstgewerbes zu haben sind. In dem Schaufenster standen alte Monstranzen, hingen verblichene Meßgewänder, lagen alte Spitzen, Dosen, Orden, Becher, Dolche, Fächer – oft sehr beschädigt, oft aber noch gut erhalten. Ein Rokokofächer mit einem gezierten Schäferpaar, auf vergilbtem Pergament gemalt, umgeben von reizenden Ornamenten, erregte des Fürsten Aufmerksamkeit und erinnerte ihn zugleich an die verunglückte Fächergabe des armen Boris. Ein Blick auf das Schild des Händlers aber sagte ihm zu seiner Überraschung, daß er sich an der Quelle des interessanten, so meisterhaft gefälschten Fächers befand– denn er hatte Boris um die Adresse seines Lieferanten gefragt – und der Wunsch, zu erfahren, ob der Händler gewußt, daß der Fächer imitiert war, stieg in ihm auf. Er betrat also den engen, dumpfigen, vollgestopften Laden und fand darin an einem Pult einen geschmeidigen Mann, dessen dunkle Augen eine ungewöhnliche Intelligenz verrieten.

»Commanda qualque roba,Signore?« Mit dieser unvermeidlichen Frage trat Signor Guidobaldini seinem neuen Kunden entgegen.

»Vorei vedere questo ventaglio«, erwiderte der Fürst, auf das Schaufenster deutend.

Der etwas demolierte Fächer war im nächsten Moment in seiner Hand, und er trat damit ans Licht, ihn genau zu besehen, doch vermochte er nichts zu entdecken, was hier auf eine Fälschung schließen lassen konnte.

»Der Fächer ist hübsch, doch nicht so hübsch wie der, den ein Freund von mir heut früh bei Ihnen kaufte«, sagte er, sich umwendend.

»Ha, Signore meinen den von Boucher gemalten? Ja, das ist aber auch ein historischer Fächer!« war die mit verzücktem Augenaufschlag gegebene Erwiderung. »Freilich, dieser hier könnte von Watteau gelten, leider nur fehlt die Künstlermarke, und das nimmt ja viel von seinem Werte.«

»Dennoch behalte ich ihn.« Und der Fürst zahlte zwei Drittel des geforderten Preises, der immerhin noch anständig genug war. Als er das herausgegebene Geld einstrich, fragte er nur so nebenbei: »Woher haben Sie den Boucherschen Fächer bezogen?«

»Pariser Geschäftsverbindung, Signore«, war die prompte Antwort.

Aha, französische Fälschung, dachte der Fürst. Laut setzte er hinzu: »Ich hätte gern einen ähnlichen Fächer besessen. Wäre die Beschaffung eines solchen möglich?«

»Möglich schon, Signore, aber nicht sicher. Solche Kunstobjekte sind immerhin ein Glücksfall für den Händler – sie laufen nicht so gar oft in den Handel. Französische Fächer sind indes noch am leichtesten zu erlangen, denn die Revolutionen haben die Familienschätze herumgestreut wie Spreu im Winde.«

Fürst Hochwald wurde irre an dem Manne, der da alles ganz natürlich hervorbrachte – er schien also selbst der Betrogene zu sein.

»Wenn aber Signore wünschen, so will ich mir Mühe geben, einen schönen Fächer zu erlangen«, fuhr der Händler fort, »Signore mögen nach einer Woche vielleicht einmal vorsprechen!«

»Gut! Ich werde nachfragen«, erwiderte der Fürst.

»Sonst noch etwas gefällig, Signore? Eine schöne, alte, bemalte Kassette, vortrefflich erhalten, mit dem Wappen der Bianca Capello, kam erst heute in meine Hände. Un molto bellissimo prodotto d'arte. Darf ich's zeigen?«

Der Fürst bejahte, und der Händler eilte in ein Nebenzimmer des Ladens, wo man ihn den angeregten Gegenstand auspacken sah. Während er damit beschäftigt war, trat Hochwald an das Pult des Ladeninhabers und nahm von demselben einen Dolch, den er betrachtete, wertlos fand und deshalb wieder hinlegte. Dabei fiel sein Blick auf einen adressierten Brief, der postfertig dalag, und auf der Adresse desselben fiel ihm ein Namen ins Auge, der ihm bekannt schien, – er las also die Adresse – nicht aus Neugier oder gar aus Indiskretion, sondern mehr unwillkürlich, wie es leicht geschieht, wenn man glaubt, einen bekannten Namen getroffen zu haben.

»Signore Cavaliere Spini, Borgo San Jacopo 30.«

Fürst Hochwald trat von dem Pulte zurück und an den Ladentisch. – War das der Spini seiner Bekanntschaft? Der Borgo San Jacobo lag ganz in seiner Nähe, er kannte die enge, schmutzige Gasse, die den Ponte Vecchio mit der Via Maggio verband. –

Der Händler kam zurück mit der Kassette, die zwar wurmstichig war, aber gut erhalten, und die Malerei auf dem Deckel und den Seitenpaneelen zeigte eine tadellos schöne Zeichnung im besten Renaissancestil; das Wappen der Bianca Capello als Großherzogin – ein geteilter und oben gespaltener Schild mit den Palle, den Kugeln der Mediceer, dem rechten Querbalken und dem Capello, dem Hute, war oben auf dem Deckel angebracht, Schlösser und Griffe waren von teilweise vergoldetem Eisen. Der Fürst fand den Kasten schön, aber er zweifelte an seiner Echtheit – ein Einwurf, den der Händler sehr gleichmütig hinnahm, ohne sich nach der Italiener Art hoch und heilig deshalb zu verschwören. Eine Beglaubigung habe er freilich nicht für die Echtheit, meinte er, indes das Wappen sage mehr als ein Dokument. Das Ende vom Liede war, daß der Fürst den Kasten kaufte und ihn nach der Via Maggio an: »Signore Hochwald« schlichtweg schicken ließ.

Dann ging er endlich zu seiner »Collazione« bei Doney, wobei er seinen Einkauf, den Fächer, genau betrachtete, ihn für echt Rokoko befand und ihn wieder zu sich steckte, mit der festen Absicht, ihn demnächst auch in den Besitz der holdesten Sammlerin gelangen zu lassen.

Wie ein verliebter Fähnrich, dachte er dabei in herber Selbstkritik, aber doch lächelnd und ganz glücklich in seiner guten Idee.

Nach eingenommenem Mahle schlenderte er heimwärts, und als er Ponte San Trinitá hinter sich hatte, fiel ihm der Borgo San Jacopo ein, und der Gedanke, den Cavaliere aufzusuchen, kam ihm seit dem Besuch des Trödelladens wohl zum drittenmal. Er bog also links ab und suchte die Nummer dreißig – sie war bald gefunden – und betrat das Haus, eine nach Zwiebeln und Fritto betäubend riechende Spelunke mit finsteren, schlüpfrigen Stufen, die der Fürst heroisch hinaufkletterte, da ihn auf seine Frage ein altes Weib mit ungekämmtem Haar, das ein schreiendes Bambino wartete, hinaufgewiesen hatte nach den Mansarden. Oben unterm Dach wohnten viele Leute; sie hatten ihre Namen mit Kreide an die Türe geschrieben. Wo also »Spini« in zierlicher Rundschrift stand, klopfte der Fürst – erst zweimal vergebens, dann meinte er ein undeutliches »Entrate« gehört zu haben, öffnete die Tür und trat in eine ziemlich große Mansarde, deren einziges Fenster, nach Norden gerichtet, wie ein Atelierfenster aussah. In dem ganzen Raume lagen Öl-, Pastell- und Wasserfarben, Pinsel, Malmittel und Paletten umher, standen Staffeleien und Gliederpuppen, und vor das Fenster war ein Zeichentisch gerückt, der mit Entwürfen bedeckt schien, daneben lagen Bleifedern, Reißzeug, Tusche und Pinsel.

Eine zweite Tür führte zu einem Nebenraum, aus dem jetzt Spinis Stimme scholl, scharf und schneidend.

lang=EN-US style='font-size:14.0pt;font-family:"Gentium Book Basic";layout-grid-mode: line'>»Che si fa qui? Aspetto un' momento!«

lang=EN-US   Fürst Hochwald setzte sich vor den Zeichentisch und wartete. Was er auf dem Tische liegen sah, zeigte eine Künstlerhand– das war schon in den zunächst bemerkbaren Zeichnungen alter Siegel, Münzen und Kunstgegenstände zu erkennen. Er nahm ein Blatt mit sehr sauber und peinlich ausgeführten Mediceersiegeln auf, um es zu betrachten, und dabei fiel sein Blick auf ein darunterliegendes Blatt, das er zunächst wie erstarrt anblickte – denn es war ein genauer, in Aquarell ausgeführter Entwurf zu dem Boucher-Fächer, den Boris heut in das Erlensteinsche Haus gebracht hatte. Am Rande des Blattes war ein anderer Entwurf flüchtig in Tusche und sehr verkleinert nur wie eine Notiz angedeutet – das war Zug um Zug die Zeichnung des Fächers, den er, Hochwald, in der Tasche hatte, der ihn, den feinen Kenner, selbst getäuscht! Der Fürst legte das aufgenommene Blatt wieder auf die Fächerentwürfe und stand dann auf, um vor eine der Staffeleien zu treten –: Spini durfte nicht ahnen, daß er hinter sein Geheimnis gekommen war, daß er ihn als den Verfertiger »echter« Antiquitäten und »echter« Bouchers entlarvt hatte. Wozu auch? Der Cavaliere lebte augenscheinlich von seiner Kunst, die ihm in diesen Bahnen sicher mehr einbrachte als auf dem geraden Wege des Künstlers. Schade nur um dieses große Talent, das, statt selbst zu schaffen, diese krummen Pfade der Kunstfälschung eingeschlagen hatte und dies alles vielleicht nur aus falsch verstandenem Standesgefühl, aus törichtem Namens- und Adelsstolz. Wozu diesen anscheinend maßlosen Stolz so tief und tödlich verletzen? Was ging's ihn an, wovon Spini lebte? Von einer absichtlichen, wohlüberlegten Täuschung des Publikums? Vielleicht faßte er das selbst nicht so auf, weil er ja vielleicht nur im Auftrage jenes schlauen Trödlers in der Via Porta Rossa arbeitete und sich um das Weitere nicht kümmerte. Nein, Spinis Privatangelegenheiten gingen ihm nichts an – trotzdem auch er ja zu den Getäuschten gehörte, wie es ihm jetzt erst recht klar in die Augen sprang, denn auf der Staffelei stand der peinlich und sauber in Aquarell ausgeführte Entwurf zu der Kassette mit dem Wappen der Bianca Capello!

Wie gestochen trat Fürst Hochwald von dieser Staffelei zurück und zu der nächsten hin, auf der zu seiner Erleichterung nur eine treffliche Kopie der Madonna mit dem Stern des Beato Angelica aus dem Markuskloster stand. Und während er noch vor dieser Staffelei stand, trat Spini ein – und fuhr beim Anblick seines unerwarteten Gastes mit einem scharfen Zischlaut zurück, während sein Antlitz sich förmlich verzerrte. Fürst Hochwald schien das nicht zu bemerken.

»Ich komme, Ihnen meinen Besuch zu machen, Cavaliere«, sagte er, von der Staffelei zurücktretend, »und freue mich Sie zu Haus getroffen zu haben.«

Aber Spini ergriff nicht die dargebotene Hand.

»Wo haben Sie mich aufgespürt, Fürst?« fragte er heiser.

»Ich habe wohl nicht recht verstanden«, erwiderte der Befragte kühl. »Ich sah Ihre Adresse auf dem Pult eines Antiquitätenhändlers in der Via Porta Rossa, und da ich vergessen hatte, Sie darum zu fragen, so benutzte ich diesen Zufall zu meinem Besuch –«

»Nun, und der Zweck dieser Drohung?« war Spinis Antwort, der wie ein Raubtier auf der Lauer mit funkelnden Augen dastand.

»Drohung?« wiederholte der Fürst erstaunt. »Cavaliere«, setzte er dann sehr beherrscht hinzu, »ich werde mir das Vergnügen eines Besuches bei Ihnen ein anderes Mal machen. Sie scheinen heut nicht disponiert zu sein.«

Und damit ergriff er seinen Hut und wandte sich der Tür zu – doch schon stand Spini neben ihm.

»Fürst, bleiben Sie, und verzeihen Sie mir – ich bin in der Tat heut indisponiert«, sagte er hastig, doch sein Auge verriet noch den nicht besiegten Argwohn. »Und dann, Ihr Besuch in dieser elenden Kammer, dieser Zeugin meiner Armut – das unerträgliche Gefühl der Demütigung –«

»Cavaliere«, unterbrach ihn Hochwald ernst, »haben Sie wirklich von einem deutschen Edelmanne eine solch schlechte Meinung, daß Sie ihm zutrauen, der Umstand, daß Sie eine Mansarde bewohnen, könnte Sie in seinen Augen erniedrigen? Ich bin dazu erzogen worden, den Wert des Mannes nicht nach seinem Geldbeutel, sondern nach seinem Charakter zu schätzen und den Mann um so höher zu achten, der aus eigener Kraft auf der Oberfläche des Lebens bleibt.«

»Das sind schöne, sind herrliche Worte, Fürst«, erwiderte Spini traurig. »Aber hier denkt man nicht so. Der arme Edelmann ist hier nichts, er darf nicht zeigen, daß er arm ist. Und Sie verzeihen mir?«

»Aber, Cavaliere, das bedarf keiner Worte«, sagte Fürst Hochwald lächelnd, indem er den angebotenen Stuhl annahm.

»Ich bin entzückt von den Arbeiten hier auf diesen Staffeleien; ich hatte nicht gewußt, daß Sie Künstler sind.«

»Es sind nicht meine Arbeiten«, erwiderte Spini herb. »Diese Wohnung gehört einem Freunde, der verreist ist und sie mir während der Dauer seiner Abwesenheit – zur Bewachung seiner Schätze – überlassen hat.«

Hochwald schwieg einen Augenblick betroffen – er wurde irre an diesem Manne.

»Und verkauft Ihr Freund seine Arbeiten?« fragte er dann.

»Er tut es«, war die wie mit Überwindung gegebene Antwort.

»Ah, das freut mich!« rief der Fürst und trat vor die Fiesolesche Madonna hin, »denn, Cavaliere, in diesem Falle möchte ich Sie bitten, mein Vermittler zu sein zum Ankaufe dieser Madonna della Stella. Ich sah selten eine bessere Kopie – sie ist geradezu genial. Wollen Sie mir dazu verhelfen?«

»Gern«, erwiderte Spini kurz und mühsam. »In einigen Tagen sollen Sie die Antwort haben!«

Die Unterhaltung drehte sich nun um die Florentiner Kunst im allgemeinen und wurde dadurch flüssiger. Dann, nach zehn Minuten stand der Fürst auf und empfahl sich mit einem »A rivederci«. Er stieg die Treppe hinab mit einem Gefühl der Verwirrung vor diesem Menschenrätsel, das er eben verlassen. Hatte er dem Cavaliere unrecht getan mit dem Verdachte der Antiquitätenfabrikation? Hatte er überhaupt ein Recht, daran zu zweifeln, daß Spini dieses Atelier oben nicht das seinige nannte?

Unten im Hausflur stand noch das ungekämmte alte Weib mit dem Bambino auf dem Arm, das jetzt aber nicht mehr schrie, weil es einen für unsere Begriffe geradezu grauenerregenden Schnuller oder Zulp im Munde hatte.

»Buon giorno, Signora«, sagte der Fürst stehenbleibend. »Das sind schöne, helle Mansarden droben. Die sind wohl immer von Malern bewohnt?«

Die Alte antwortete nur mit einem sehr ungnädigen »Ja«; doch der Fürst zog die Börse und schenkte dem Bambino eine knisternde, neue Lira-Banknote, wodurch sogleich Sonnenschein eintrat.

»Ja, ja, Signore, die schönen, hellen Mansarden oben! – Sind gottlob jetzt alle vermietet! Oh, es ist ein Elend, wen sie leer stehen, ein himmelschreiendes Elend! Ein halbes Jahr lang hat die Mansarde leer gestanden, die der Signore Spini jetzt hat – die Madonna hat seine Schritte zu uns gelenkt!«

»Gewiß. Aber vor ihm war doch auch ein Maler darin, der jetzt verreist ist und wiederkommt, nicht?«

»O nein, Signore! In der Mansarde des Signore Spini hat drei Jahre lang eine Fächermalerin gewohnt, und die, oi me! Sie hat sich das Leben genommen, la poveretta! Und darum wollte niemand nachher hineinziehen. Aber dem Signore oben ist das egal, hat er gesagt, er glaubt nicht an umgehende, ruhelose Seelen. Schlimm, sehr schlimm für ihn, Signore, aber wir waren doch froh, wie er mit seinem Malerkrimskrams von Rom hier oben einzog – –«

Fürst Hochwald nickte der alten Hexe einen »Guten Tag« zu und ging heim, um eine Erfahrung reicher, die ihn mit Mitleid für das falsch verstandene Standesbewußtsein des Cavaliere erfüllte, dem er eine Dosis von Verachtung nicht vorenthalten konnte, trotzdem er sich sagte, daß die Verhältnisse hier Milderungsgründe erforderten. Vor allem durfte er mit keinem Zucken seiner Wimpern verraten, daß er an den »Malerfreund« Spinis nicht glaubte, denn wozu den Stolz eines Menschen verletzen, wenn keine Notwendigkeit dafür vorlag. Und was die Anfertigung der »Antiquitäten« anbetraf, so war das Spinis eigene Gewissenssache und daneben Sache des dummen Publikums, das sich davon täuschen ließ durch seine Unwissenheit. –

Hochwald berührte unwillkürlich den »Rokoko«-Fächer in der Brusttasche seines Überziehers und lächelte – gehörte er doch auch unter das dumme Publikum Spinis, der selbst Kennern so geschickte und kühne Streiche zu spielen verstand. Nein der Mann fing an, ihn zu interessieren, teils durch sein wirklich künstlerisches Können, teils durch seine ganze Existenz. Daheim in der Via Maggio fand er schon die »Kassette der Bianca Capello«. Nein, dieses Stück verriet selbst dem Wissenden keinen Anachronismus, denn das Holz war alt, durch Vergraben und grelles Sonnenlicht wohl geschwärzt, die Wurmlöcher diskret gebohrt oder mit Schrot hineingeschossen, die Beschläge und Schlösser nach guten, alten Vorbildern augenscheinlich gefertigt und die Farben mit Terpentin und Sikkativ matt und antik aussehend gemacht, die Zeichnung im reinsten Geschmack des Cinquecento.

»Schade um dieses Talent«, sagte der Fürst abermals und dachte dann während seiner Siesta weiter über dieses Problem nach.

Ein paar Stunden später, als es vom Campanile des Doms sechs Uhr schlug, traf er mit dem Cavaliere vor der Haustüre des Grafen Erlenstein zusammen.

»Gute Nachricht, Fürst!« rief ihm Spini entgegen. »Mein Freund ist heut angekommen – vor einer Stunde etwa um seine Sachen nach Rom zu verpacken. Die Madonna della Stella steht zu Ihrer Verfügung.«

»Ah – das freut mich«, sagte Hochwald lebhaft, und da ihm der gespannt auf ihn gerichtete Blick des Cavaliere nicht entging, setzte er hinzu: »Wie schade, daß Ihr Freund Florenz verläßt.«

»Morgen schon«, erwiderte Spini. »Ich ziehe infolgedessen auch um. Der Borgo San Jacopo behagt mir nicht. Eine ruhige Wohnung in der Nähe der Porta al Prato habe ich schon in petto – etwas weit vom Verkehr, aber das paßt mir. Karten, Aufträge und sonstiges nimmt für mich der Oberkellner im Restaurant Rossini in der Via Condotta entgegen, da ich meine Bekannten so weit nicht zu mir bemühen darf.«

»Rossini, Via Condotta 12«, murmelte der Fürst und schrieb die Adresse in sein Notizbuch. »Und wie regele ich meine Schuld mit Ihrem Freunde?«

»Ja so – – oh, am besten durch mich«, entgegnete Spini, seine Vermittlerrolle sehr natürlich spielend. Dabei nannte er einen Preis für die Kopie des Gemäldes, der das Maximalmaß nicht allzusehr überschritt.

Nun aber ist der Italiener aller Klassen das Feilschen und Handeln so gewöhnt, daß er von einem Käufer die glatte Zahlung des zuerst verlangten, meist geschraubten Preises gar nicht erwartet. Als der Fürst daher die geforderte Summe in einer wohlgeglätteten Banknote seinem Portefeuille entnahm und ohne ein Wort dem Cavaliere überreichte, wurde letzterer ordentlich rot.

»Ich hatte mir vorgenommen, meinem Freunde zu sagen, daß die Summe wohl doch zu hoch ist«, sagte er unsicher.

»Aber gar nicht«, erwiderte der Fürst. »Die Kopie ist meisterhaft und würde dem Beato Angelico selbst Bewunderung entlockt haben. Ich erwartete keine niedrigere Summe!«

Schweigend steckte Spini die Banknote zu sich, kritzelte auf eine seiner Visitenkarten »pour acquit für eine Kopie der Madame della Stella von Signore Ferrante Rana« und reichte sie dem Fürsten.

»Es hätte dessen nicht bedurft«, entgegnete Hochwald, diese Quittung ohne zu zucken annehmend, um sie sogleich zu zerreißen. »Bitte, sagen Sie Ihrem Freunde meinen verbindlichen Dank für sein Entgegenkommen.«

Wieder malte sich auf dem dunkeln Gesichte Spinis etwas wie Scham oder Verlegenheit, aber wieder schwieg er und folgte dem Fürsten in den Palazzo, in dessen mit einer köstlich modellierten Zisterne geschmücktem Hofe die Schwestern Erlenstein mit den Geschwistern Chrysopras schon warteten. Boris strahlte, denn Sigrid war annähernd gnädig gewesen und trug sogar die von ihm dargebrachte Teerose im Knopfloch ihres Jacketts. Der Ausdruck strahlenden Glückes aber, der bei Spinis Ankunft das häßliche Gesicht Saschas verklärte, fiel dem Fürsten viel mehr auf. Und doch suchten die eigentümlichen, hellen Augen des Cavaliere nur Sigrids schöne, kühle Züge, die auf den leidenschaftlichen, stummen Appell dieser Augen so gar nichts zu erwidern hatten – und die arme Sascha senkte betrübt den Kopf.

Doch die Natur des Menschen neigt zum Egoismus, und da Gräfin Iris dem Fürsten jetzt die kleine behandschuhte Rechte zum Gruß bot und diesen Gruß dabei mit einem kindlich-reizenden, fast scheuen Aufblick ihrer wunderschönen Veilchenaugen begleitete, vergaß Hochwald die jungen Leiden seiner Nichte, um nur nichts von dem süßen Zauber dieser holden Mädchenblüte zu verlieren.

Die kleine Gesellschaft begab sich alsbald auf den beabsichtigten Spaziergang, dessen Ziel heut der Giardino di Boboli war. Man wählte den kürzesten Weg zum Ponte alle Grazie, passierte den Fondaco San Niccolo und stieg die Via della Costa San Giorgio hinan zum Belvedere. Der herrliche Park des Palazzo Pitti war menschenleer, denn er war heut dem großen Publikum nicht zugänglich; kein Tourist mit rotem Baedeker oder braunem Gsell-Fels bewaffnet, machte die schattigen Laubgänge und Ufer der stillen Teiche unsicher, kein »Reizend!« oder »Nein, wie nett« – kein »Very splendid, indeed« störte heut den unvergleichlichen Genuß, den dieser herrliche Fleck Erde dem Auge bietet. Verstummt ist der Lärm der Großstadt, die uns majestätisch zu Füßen liegt mit ihren Kuppeln und Türmen, überragt von dem blauen, im Höhenduft verschwimmenden Zuge der Apenninen, getaucht in das Gold der westlich sich neigenden Sonne.

»Haben Sie auch bei diesem Anblick Sehnsucht nach der Nordsee, Gräfin Iris?« fragte Fürst Hochwald seine Nachbarin, die, gelehnt an die Galerie des Casino del Belvedere, wortlos hinausblickte auf das großartige Bild zu ihren Füßen.

»Wie eigen – ich dachte gerade an die Nordsee«, erwiderte sie überrascht. »Wahrscheinlich, weil man sich immer nach dem sehnt, was man nicht hat«, setzte sie mit allerliebster Weisheit hinzu.

»Oder was man nicht kennt«, vollendete der Fürst lächelnd.

»Oder was man nicht kennt«, wiederholte sie nachdenklich und fügte lebhafter hinzu: »Aber ich kenne Heines Nordseelieder – kenne sie auswendig, alle, alle! Ist das nicht Sehnsucht oder gar – Heimweh?«

»Vielleicht beides, Gräfin«, sagte Fürst Hochwald. »Auch ich habe sie oft gelesen und wieder gelesen, die Nordseelieder, in meiner Einsamkeit, wenn die graugrünen Wellen mir ihren Schaum fast bis vor die Füße warfen. Aber auswendig weiß ich nicht alle.«

»Natürlich nur die Ihnen liebsten, die Ihrer Nordsee so recht zum Klange und zur Stimmung paßten«, erwiderte Iris eifrig.

»Der Nordsee und mir, Gräfin.«

»O bitte, sagen Sie mir, welches Ihre Lieblinge sind!«

»›An die bretterne Schiffswand‹ – ›Es träumte mir von einer weiten Heide« – ›Der Sturm‹ –«

»Oh, die traurigen Lieder – sind Sie selbst denn gar so traurig?« fragte Iris, mit zwei großen, fragenden Kinderaugen zu ihm empor sehend.

»Nein, meine Lieblinge unter den Nordseeliedern sind der ›Meeresgruß«, ›Thalatta, Thalatta!‹ Aber Sie – warum nur mögen Sie am liebsten, was wie Schiffbruch klingt?«

»Könnte ich nicht selbst Schiffbruch gelitten haben, Gräfin Iris?«

»Sie, Fürst?« – und wieder sahen ihn die großen Augen verwundert an. »Sie haben ja alles in der Welt, was nur ein Mensch begehrt! Oh, Sie und Schiffbruch!«

»Wird der von ›allem in der Welt, was nur ein Mensch begehrt‹, verhindert?« fragte er zurück. »Doch woher sollten Sie das wissen! Sie mit Ihrer Jugend und der Welt offen vor sich! Aber ich, ich bin ein alter Mann –«

»Oh, Fürst Hochwald –!« protestierte sie lachend.

»Ich bin ein alter Mann«, fuhr er, zu ihr herabsehend, fort, »doch freilich auch als solcher noch törichten Träumen unterworfen. Und darum gilt mir als Krone aller Nordseelieder immer jenes ›An die bretterne Schiffswand‹, und wenn die Wellen nachts rauschen, dann rauschen sie mir immer die Worte daraus:


»Betörter Geselle!
Dein Arm ist kurz und der Himmel ist weit,
Und die Sterne droben sind festgenagelt
Mit goldenen Nägeln,
Vergebliches Sehnen, vergebliches Seufzen,
Das beste wäre, du schliefest ein.«


 Iris antwortete nicht, aber sie war ganz blaß geworden und Tränen traten ihr in die Augen, sie senkte das blonde Köpfchen und schlug die Augen nieder, doch ein Erröten flog über ihr holdes Gesicht, und Fürst Hochwald sah dieses Erröten.

»Aber Iris, wir wollen weiter und warten auf dich«, sagte Sigrids Stimme hart und spröde am Ausgang zur Galerie. »Willst du bis Sonnenuntergang hier oben bleiben?«

»Dazu hätten wir zuletzt das Belvedere besuchen müssen, Gräfin«, erwiderte Fürst Hochwald, der Mahnerin entgegengehend, die kühl und blaß und mit glitzerndem Blick in der Tür stand. »Doch auch jetzt schon ist es schön genug hier, um sich nur schwer zu trennen!«

»Und worüber sprachen wir angesichts dieses herrlichen Panoramas?« fragte Iris neckend mit zurückkehrender Schelmerei. »Du wirst's nicht glauben, Sigrid –: von der Nordsee und von Schiffbruch und von festgenagelten Sternen –«

»Oh, die Nordsee – dein altes Lied«, erwiderte Sigrid mit gleichgültigem Ton, den aber ein seltsames Lächeln begleitete. »Avanti, avanti, sonst wird's zu spät bis zu Vasca dell' Isolotto«, setzte sie fast heftig hinzu und begann die Treppe des Belvedere hinabzusteigen.

Man nahm den Weg nun vorbei an der Statue der als Dovizia, Überfluß, dargestellten Großherzogin Johanna von Österreich, Bianca Capellos unglücklicher Rivalin, an der drei Meister gearbeitet – und stieg die Treppe zur Fontana del Neptuno herab, wo Iris sogleich Freundschaft schloß mit den Schwänen, denen sie mitgenommene Brotkrumen streute. Als man dann weiterging, dem Prato dell Uccellare zu, hing Sigrid sich in Saschas Arm, und der stets wachsame Cavaliere trat an ihre Seite. Boris zog sich mit langem Gesicht zurück und wandte sich Iris zu, die neben dem Fürsten einherschritt und nicht umhin konnte, über die wenig diplomatische Schlagfertigkeit verratende Physiognomie dieses russischen Diplomaten zu lachen.

»Er ist im Grunde doch ein guter Junge«, flüsterte ihr der Fürst zu.

Sie wurde sofort ernst.

»Oh, wenn Sie's sagen, Durchlaucht! – Es ist wohl auch unrecht, ihn immer und immer zu hänseln«, meinte sie reuig. »Aber er fordert den Spott geradezu heraus«, fügte sie mit dem alten Übermut hinzu.

Durch das Arrangement Sigrids – ob es nun absichtlich oder zufällig war – wurde das Gespräch allgemein. Boris Chrysopras lieferte eine drastische Beschreibung des römischen Turfs, auf dem er natürlich »scheußliches Pech« gehabt.

»Mit einem Trakehner Vollblut – 'n Gaul zum Küssen, Onkel! Und wer gewinnt den ersten Preis? So'ne krummbeinige mongolikanische Himmelsziege; und der Jockei ritt wie 'n Kümmeltürke. Kolossal reingerasselt – es war, um den Mond als Käse auf'n Butterbrot zu verzehren!«

»Wie gut, daß der Mond sich das nicht gefallen zu lassen braucht«, meinte Iris andächtig und suchte mit den Augen die bleiche Sichel, die schattenhaft am blauen, sonnendurchleuchteten Firmamente stand.

»Sie haben gut spotten, Gräfin«, erwiderte Boris vorwurfsvoll. »Sie spotten überhaupt immer, nur daß es von Ihnen nicht wehe tut wie von Ihrer Gräfin Schwester.«

»Aber Herr Chrysopras –«

»Ja, ja, 's ist wahr. Nee, bei den hohen Damen derer von Erlenstein scheine ich kein Glück zu haben!«

»Scheint's Ihnen nur, Herr Chrysopras?« neckte Iris. »Das heißt«, setzte sie schnell hinzu, »wir haben Sie alle sehr gern – Sie sind immer so nett und gefällig zu uns, daß es ja Undank wäre, wenn wir das nicht einsehen wollten! Also als Freund sind Sie uns wirklich lieb und wert, nur – –«

»Das haben Sie mir schon einmal gesagt, Gräfin Iris.«

»Nun, und Sigrid –?«

»Oh, Gräfin Sigrid hat's nicht so freundlich ausgedrückt!«

»Boris, du bist klassisch!« warf der Fürst lächelnd ein. »Ich an deiner Stelle nähme die dargebotene Freundschaft entschieden an.«

»Ja, reden Sie ihm Vernunft ein, Durchlaucht«, lachte Iris. »Das wäre ja schrecklich, wenn man jeden gleich heiraten müßte, wenn man's mit ihm nicht verderben will!«

Boris lachte mit, widerwillig zwar, aber er lachte doch, und vor seinem geistigen Auge stieg das schneidige Bild von Miß Fuxia Grant auf, lieblich umgeben von ihren Dollars.–

Bei der anderen Gruppe trugen Sigrid und Sascha allein die Kosten der Unterhaltung, denn der Cavaliere war still und in sich gekehrt. Wozu hatte sie ihn aufgefordert, mitzugehen, wenn sie jede Gelegenheit, mit ihm allein zu sein, vermied? Aus Mitleid? Er, ein Spini, brauchte keines Menschen Mitleid, nicht einmal das der Geliebten. Mitleid, wo er um Liebe warb –? Es war, um rasend zu werden! Aber endlich stand er doch einmal allein an ihrer Seite, als sie ungeduldig vorausgeeilt war, während die anderen ihrer lachenden Schwester halfen, einen von ihr gewundenen Kranz von Gräsern dem Oceanus des Giovanni Bologna inmitten des Isolotto aufs bemooste Haupt zu werfen. Sigrid hatte sich niemals an »solch kindischem Tun«, wie sie's nannte, beteiligt, und wenn sie die übermütigen Einfälle von Iris auch mitunter belachte, so nahm sie doch niemals teil daran. Heut aber machte das frohe Kinderlachen der Schwester sie geradezu nervös, und ungeduldig eilte sie voraus über die Brücke des Bassins. Da stand plötzlich der Cavaliere neben ihr.

»Ich habe Ihnen noch nicht danken können, Signorina«, sagte er leise.

»Danken? Mir? Ja, mein Gott, wofür denn?« erwiderte Sigrid, ohne sich umzuwenden, so daß er nur ihr klassisches Profil sah.

»Daß Sie mir erlaubten, mitzugehen, Contessa. Ich darf mir's doch so deuten, wie – wie ich's gern möchte?«

»Gewiß«, sagte Sigrid kühl. »Sie waren zugegen, als dieser schreckliche Spaziergang verabredet wurde, und Sie davon auszuschließen, wäre einfach unhöflich gewesen.«

»Bereuen Sie so schnell den ersten Moment der Güte gegen mich?« fragte Spini traurig.

»Bereuen? Gott behüte! Wir würden Sie morgen genau wieder so auffordern wie heut«, entgegnete Sigrid trocken.

»Wir!« wiederholte Spini leise und eindringlich. »Was frage ich nach den anderen, wenn Ihr Mund schweigt? Warum verstoßen Sie mich Armen, Liebelosen, Einsamen so grausam?«

»Ach, Cavaliere, nicht melodramatisch werden, bitte!« erwiderte Sigrid abweisend. »Ich bin ja unempfänglich dafür, so nüchtern, so unpoetisch. – Im übrigen üben Sie falsche Statistik. Ob und in welchem Sinne Sie arm sind, weiß ich nicht – einsam aber brauchten Sie nicht zu sein, da Sie ein liebendes Herz nur durch eine gnädige Handbewegung das Ihre nennen könnten – wenn Sie wollen, notabene. Oder sollten Sie wirklich noch nicht bemerkt haben, daß unsere liebe Sascha Chrysopras darauf brennt, samt ihrem Mammon Marchesa Spini in der Maremma zu werden?«

Der Cavaliere richtete sich hoch auf und sah blitzenden Auges auf die über das Gitter gelehnte schlanke Gestalt herab.

»Wer gibt Ihnen ein Recht, über mich zu spotten?« zischt er zornig. »Ich etwa, durch meine unsinnige, unselige Leidenschaft für Sie? Durch mein Werben um Ihre Liebe? Spotten Sie über andere Dinge, Contessina! Ich verbiete Ihnen Ihren Mut an jenen zu kühlen!«

»Oh, Sie verbieten mir etwas?« fragte Sigrid kühl und ruhig, indem sie sich umwendete und den Cavaliere mit ihren kalten Blicken maß. »Und mit welchem Rechte verbieten Sie mir, wenn ich fragen darf?«

»Mit dem Rechte der Heiligkeit meiner Gefühle«, war die unbewegte, prompte Antwort. »Sie können meine Gefühle ablehnen, zurückweisen, mit Füßen treten – o ja! Aber darüber zu spotten haben Sie kein Recht!«

»Ah – danke für die Belehrung«, entgegnete Sigrid gleichgültig.

Doch das reizte ihn fast bis zur Besinnungslosigkeit. »Wer weiß«, sagte er, dicht an sie herantretend, »wer weiß, ob der Marchese Spini nicht noch einmal mitsamt seiner Maremma heiß begehrt werden wird von der stolzen, hochmütigen, eiseskalten Contessa Sigrid Erlenstein«, sagte er heiser. »Ja, begehrt, ersehnt, erfleht von der Verlassenen, Heimatlosen – Verachteten. Oh, zucken Sie nicht mit den Achseln über dieses Wort – ich bin manchmal so etwas wie ein Hellseher.«

»Sehr interessant!« sagte Sigrid mit jenem konventionellen Ton, als hätte er ihr ein höchst gleichgültiges physikalisches Experiment erklärt.

»Und wenn Sie sich mit der ganzen Eiseskälte Ihrer Heimat wappnen – Sie werden dennoch mein, mein!« rief Spini leise, aber mit erschreckender Deutlichkeit.

»Bei uns zu Lande gehören dazu zwei«, entgegnete Sigrid mit gut erkünstelter Ruhe, trotzdem sie ganz blaß geworden war bei Spinis letzten Worten.

»Zwei – sehr richtig, zwei!« nickte der Cavaliere mit überlegenem Triumph. »Zwei!« wiederholte er. »Nämlich ich – und Sie!«

Noch ehe Sigrid antworten konnte, kamen die anderen über die Brücke, voran Iris mit hellem Lachen und harmlosem Übermut.

»Es ist geschehen!« rief sie schon von weitem. »Oceanus ist jetzt bekränzt und sieht wundervoll aus – wie ein echter, rechter Jubel-Meergreis. Schau nur mal hin, Sigrid!«

Aber die wendete nicht einmal den Kopf.

»Es ist Zeit, nach Hause zu gehen. Die Sonne ist untergegangen«, sagte sie hart.

»Schon? Ach, wie schade!« rief Iris naiv und sah sich nach der Stelle um, wo ein golden leuchtendes Purpurrot den vollendeten Lauf der Tageskönigin bezeichnete.

»Nun, du kannst ja noch bleiben. Ich gehe nach Haus«, war Sigrids unfreundliche Antwort. Doch Iris lachte hell auf.

»Nein, bist du komisch«, jubelte sie. »Denken Sie nur, meine Herrschaften, diese selbe Sigrid, die mich bis vor vierundzwanzig Stunden verhätschelt, verzogen und verwöhnt, von der ich nie ein hartes oder böses Wort gehört – sie versucht's seit vierundzwanzig Stunden, mich zu beißen. Moralisch natürlich! Und das soll man glauben und für bare Münze nehmen!«

Man lächelte über diesen drolligen Erguß – nur Sigrid zuckte mit den Achseln und begegnete den eigentümlich forschend auf sie gerichteten Augen Spinis mit einem eiseskalten und doch drohenden Blicke. Sie beteiligte sich beim Heimwege nur sehr karg an dem allgemeinen Gespräch und nahm an der Tür des Palazzo kurzen Abschied, während Iris noch auf der Schwelle eine Masse Dinge zu plaudern hatte und allen in der Zerstreuung zweimal die Hand gab. Mit dem Zuruf: »Auf morgen denn!« – da die Partie nach der Villa Poggio a Cajano mit den Chrysopras« verabredet worden war – trennte man sich endlich, und während Iris singend die Treppe hinaufflog, um dem Grafen über ihren Spaziergang zu berichten, folgte Sigrid langsam und war den Abend über schweigsam und mißlaunig. Iris machte ein paar ihrer harmlos heiteren Neckversuche, doch als Sigrid sie dabei durch einen flammenden Blick zurechtwies, eilte sie zu der Schwester und umarmte sie herzlich, trotzdem Sigrid sich mit ganz unmotivierter Heftigkeit dagegen wehrte.

Als dann der Graf und seine Töchter zur Ruhe gegangen waren, schlüpfte Iris im Frisiermantel, die Aschenbrödelfüßchen in kleinen, roten Saffianpantöffelchen, in das Zimmer ihrer Schwester, die mit finsterem Blick vor ihrer Toilette saß und nicht daran zu denken schien, ihr aufgelöstes Goldhaar zu bürsten. »Soll ich helfen?« fragte Iris und hatte auch schon die Bürste genommen zu dem kleinen Liebesdienst, den die Schwestern einander gern erwiesen. »Armes Ding«, plauderte sie, während die leuchtenden Haarsträhnen durch ihre geschickten und zarten Finger glitten, »arme Herzens-Sigi wie blaß du bist! Du hast gewiß gräßliche Kopfschmerzen, und ich dummes Mädel hab's nicht gleich gemerkt.«

Und sich vorbeugend, küßte sie Sigrids weiße Wange.

Die aber stieß sie fast wild von sich.

»Ich habe keine Kopfschmerzen!« sagte sie hart.

»Nein?« fragte Iris erstaunt. »Ja, was hast du sonst? Du wirst doch nicht etwa böse sein – auf mich böse?« – Und sie lachte über diese bloße Idee.

»Ja denn, ich bin böse, auf dich böse«, sagte Sigrid mit schwerem Atem.

»Nein!« wiederholte Iris ganz entsetzt. »Was hab' ich denn verbrochen?«

Mit einer heftigen Gebärde sprang Sigrid empor und schlug ihrer Schwester die Elfenbeinbürste aus der Hand.

»Was du verbrochen hast?« zischte sie mit überquellender Bitterkeit. »Schamlos, entwürdigend hast du dich betragen! Du, eine Erlenstein! O pfui!«

»Sigrid, hast du Fieber?« fragte Iris nach einigen Minuten wortlosen Entsetzens sehr sanft. Aber das entfachte nur noch mehr den Zorn der anderen.

»Schamlos, sage ich!« wiederholte sie außer sich, mit sprühendem Blick. »Oder wie soll ich's nennen, wenn du dem Manne, dessen Heimat und Besitztum am Strande der Nordsee liegt, von deiner verschrobenen Sehnsucht nach derselben vorschwärmst?«

Iris sah mit großen, fragenden Augen die Schwester unverwandt an – dann schüttelte sie den Kopf.

»Das verstehe ich nicht«, sagte sie schlicht. Doch Sigrid achtete nicht darauf.

»Und das alles binnen vierundzwanzig Stunden«, fuhr sie aufstöhnend fort. »Du bist ja schlimmer wie jene Amerikanerin, die es doch offen ausspricht, daß sie nach Europa gekommen ist, um durch ihr Geld einen vornehmen Gatten zu erringen. Und du? Mit gänzlicher Nichtachtung jeder weiblichen Würde angelst du durch ekelhaftes Schwärmen über seine Heimat nach dem ersten reichen und uns ebenbürtigen Manne, der dir in den Weg tritt.«

Iris' reizendes Gesichtchen war um einen Schein blässer geworden, aber sie bewahrte vollkommen ihre Sanftmut.

»Du bist krank, Sigrid«, sagte sie freundlich und mitleidsvoll. »Ruhe dich aus, Liebe. Gute Nacht!« – Nach diesen Worten ging sie zurück in ihre Stube. Doch auf der Schwelle der Tür wurde sie von Sigrid zurückgehalten, die ihr nachgestürzt war und sie heftig bei den Schultern packte.

»Ja, geh, geh, geh, daß ich dich nicht mehr sehe«, schrie sie gellend, »geh, Heuchlerin, geh! Und du willst eine Erlenstein sein! Wenn's nicht Sünde wäre, würde ich sagen, du seiest uns untergeschoben worden – ein Wechselbalg, eine Schande unseres Hauses! Geh – geh – ich hasse dich!«

Bleich und zitternd huschte Iris in ihr Zimmer und machte die Tür leis hinter sich zu. Sollte sie gehen und den Vater davon unterrichten, daß Sigrid krank war, krank sein mußte? Oder sollte sie auf eigene Verantwortung nach dem Arzte schicken? Schließlich entschied sie sich, keines von beiden zu tun – Sigrids Aufregung mußte sich ja legen über Nacht.

Und ohne Groll, nur vom tiefsten Mitleid erfüllt für die seltsam veränderte Schwester, ging sie dann zur Ruhe und schlief bald ein, umgaukelt von süßen Träumen, zu denen die Nordsee ihre fremde, nie gehörte und doch so vertraute Weise rauschte: »Talatta! Talatta – –«.

Und ihr träumte, sie tauche die Hand in die vom Glanz der Abendsonne rotleuchtenden Fluten – aber das Wasser brannte heiß, o so glühend heiß auf der Hand, als sei es flüssiges Erz – »Talatta! Talatta –«, murmelte sie im Schlaf und suchte die Hand zu trocknen. Und dabei wachte sie auf – was war das? Klopfenden Herzens mußte sie sich erst besinnen, wo sie war, mußte sie erst völlig wach werden, aber was sie anfangs im Traume zu schauen gewähnt, es blieb in Wirklichkeit bestehen in dem matten, rötlichen Schein der Nachtlampe – Sigrid, die neben ihrem Bette kniete und ihre heißen Tränen auf die Hand der Schwester rinnen ließ.

»O Sigrid – Sigrid!« murmelte Iris noch ganz traumbefangen.

»Verzeih mir, Liebste, Beste!« schluchzte Sigrid. »Ich bin so schlecht gegen dich gewesen, so ungerecht! Kannst du mir verzeihen?«

Nun war Iris ganz munter und schlang den freigebliebenen Arm um den Hals ihrer Schwester.

»Ich dir verzeihen! Aber davon ist doch gar nicht die Rede! Du bist krank und nervös, mein Schwesterchen, und da legt man doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage! Geh schlafen, Sigrid – das lange Wachen wird dich so angreifen. Oder soll ich kommen und dir helfen?«

»Du bist viel, viel besser als ich«, stöhnte Sigrid. »Ich bin ein Ungeheuer, eine unnatürliche Schwester! Hilf mir, rette mich, denn der Böse selbst hält mich gepackt in seinen Krallen und reißt mir alles aus dem Herzen, was Gutes darin geruht. Neid, Haß und Rache und schreckliche andere Gefühle keimen drin und werden wachsen und reifen, wenn du mir nicht hilfst, du Gute und Reine.«

»Sigrid, Sigrid, rede nicht so wild«, bat Iris sanft. »Warum solltest du mit einemmal so schlecht werden? Es ist ja nichts geschehen, was dich verletzen oder reizen konnte. Geh zur Ruhe, Liebe, und laß deine Nerven ruhig werden – willst du? Gern will ich ja auch bei dir wachen, wenn dir's lieb ist.«

»Nein, o nein!« erwiderte Sigrid, sich erhebend und die Augen trocknend. »Ich will's versuchen, zu schlafen. Nein, es ist nichts geschehen, was mich verletzen konnte – du hast recht. Ich war eine Törin, und du mußt mich auslachen.«

»Ich lachen, wenn du leidest? O Sigrid?« war die liebreiche Entgegnung. Sigrid küßte Iris mit überströmenden Augen, aber dann stand sie sinnend still mit schwer arbeitender Brust. »Liebt er dich?« fragte sie endlich leise und stockend.

»Sigrid –!«

»Liebt er dich?« wiederholte sie lauter, gebieterisch.

»Wie könnt' ich das glauben«, antwortete Iris nach einer kleinen Pause mit leiser Stimme. »Er, ein Mann auf der Höhe des Lebens, voll Geist und Kraft – ich ein junges, dummes Ding, das eben den ersten Flug gewagt – nein, Sigrid, so eitel und so überhebend bin ich nicht!«

»Aber du liebst ihn?« fragte Sigrid mit schwerem Atem.

Iris antwortete nicht. Sie lehnte sich zurück in ihre Kissen und schloß die Augen.

»Liebst du ihn?« wiederholte Sigrid leise, aber drohend wie vorher.

»Geh zur Ruh', Schwesterherz«, bat Iris freundlich. »Es gibt Fragen, auf die man nicht antworten muß, nicht wahr? Fragen, die man auch besser nicht fragt, Sigrid!«

Die ließ die Arme schwer an ihrem Körper herabsinken. »Verzeih«, sagte sie dumpf. »Und nun – gute Nacht.« – Und sie verließ langsam und schleppenden Schrittes das Zimmer und machte die Tür leise und vorsichtig hinter sich zu. Drinnen in ihrem Zimmer aber stand sie still mit wildgerungenen Händen, und dann schüttelte sie die Faust in der Richtung, wo Iris schlummerte.

»Jetzt hasse ich dich wieder«, knirschte sie, »nimm dich vor mir in acht!«

Und sie warf sich auf ihr Bett, raufte ihr Haar und stöhnte, bis der Tag durch die Jalousien schimmerte und ein unruhiger, unerquicklicher Schlaf ihr die übernächtigen Augen schloß.

Am anderen Tage zur Mittagszeit fand sich eine Gesellschaft zu Wagen vor der Porta al Prato auf der Piazza Vittorio Emanuele ziemlich pünktlich zusammen, es waren dies Graf Erlenstein mit seinen beiden Töchtern, Madame Chrysopras mit Boris und Sascha, Fürst Hochwald, der Cavaliere Spini und die Fürstin Ukatschin geb. Chrysopras, des seligen Generals Schwester, welche mit einer Gesellschafterin ständig in Florenz lebte und es heut übernommen hatte, Miß Fuxia Grant zu chaperonieren, obgleich diese unabhängige junge Dame gar nicht die Notwendigkeit einer Ehrendame für sich einsah.

Miß Fuxia Grant, die mit einem Kurier und einer Kammerjungfer allein reiste, war sehr erstaunt, als man ihr klarmachte, daß sie einer älteren Ehrendame bedürfe. Trotzdem sie nun zwar zu jeder annehmbaren Konzession bereit war – gegen die Ehrendame wehrte sie sich mit einer lobenswerten Energie, indem sie erklärte, gegen solche gemietete Theatermütter eine unüberwindliche Abneigung zu haben. Auch gegen den mildernden Titel »Gesellschafterin« machte sie ruhig, aber entschieden Front, denn sie könnte sich ganz allein unterhalten, erklärte sie, und hätte sich in ihrer eigenen Gesellschaft noch nie gelangweilt. Da nun dieser Versuch zu einer höheren europäischen Kultur rücksichtslos an dem Yankeeschädel der holden Fuxia abprallte, so machten Madame Chrysopras und deren Schwägerin, die Fürstin Ukatschin, sich abwechselnd aus eigener Machtvollkommenheit zur Ehrendame dieser jungen »Wilden«. Denn da beide Damen sie zu ihrer Schwiegertochter respektive Nichte ausersehen hatten, so wünschten sie auch, daß sie sich europäisch korrekt betrüge. Miß »I reckon aus ›N'York‹ » merkte natürlich die Absicht, ohne verstimmt zu werden, und lachte sich nur ins Fäustchen über die verlorene Liebesmüh. Boris Chrysopras mit seinen vornehmen Verbindungen und seiner Diplomatenkarriere wäre ihr gar nicht einmal so unannehmbar erschienen – aber sie stellte ihn vorläufig nur in die Reserve ihrer Anbeterarmee für den Fall, daß kein Herzog, Fürst oder Prinz sich finden sollte, seinen alten Namen mit ihren Dollars neu zu vergolden und sie zum reizendsten Mitglied der »oberen Zehntausend« zu machen. Und da er also in der »Reserve« stand und noch nicht a. D. war, so ließ sie sich die Bemutterung der beiden Damen ruhig gefallen, ohne auch nur im mindesten ihre Ansichten und Lebensweise zu ändern. An der Seite der Fürstin Ukatschin langte sie zur bestimmten Zeit, d. h. etwas nachher, vor Porta al Prato an, schon von weitem begrüßt von Madame Chrysopras, die ihren Spitzenschirm schwenkte, daß die Pferde dadurch scheu wurden.

»Nun, changez les places«, rief sie, unbekümmert um das sich versammelnde Publikum, das die »Inglesi« staunend angaffte. »Ja, wir werden doch nicht so weiterfahren, als ob wir alleine wären! Da wäre ja gar kein Scherz bei der Sache! Sind alle Picknickkörbe da? Ja? Bon! Sascha, halt dich gerade! Graf Erlenstein, Sie fahren mit meiner Schwägerin und mir – unser Landauer ist so bequem! Mein Bruder chaperoniert Ihre beiden Töchter – Sascha, du mit unserer süßen Miß Grant, beschützt vom Cavaliere und Boris im letzten Wagen. Voilá!«

Triumphierend über ihre strategischen Talente kletterte Madame Chrysopras zu ihrer Schwägerin, einer wohlkonservierten Dame mit schneeweißem Haar, das ihre Häßlichkeit beinahe verklärte, in den Wagen und räumte dem Graf völlig den breiten und bequemen Rücksitz ein. Die anderen ordneten sich nach der ausgegebenen Order – Miß Grant lächelnd und achselzuckend, aber in bester Laune, Sascha strahlend. Spinis dunkles Gesicht zeigte keine Bewegung, Boris aber, in einem weißen Flanellanzug mit schottischem Seidenfutter, war ganz aus dem Häuschen und sprang wie ein Zinshahn um den Wagen der Erlensteinschen jungen Damen herum.

»Nein, diese Arrangements von Mama sind rein zum Tollwerden«, flüsterte er dem Fürsten zu. »Mich mit dieser Miß und Sascha zusammenzusperren. Lächerlich! Was soll ich mit Sascha? Die hab' ich doch alle Tage! Warum konnte nicht Sigrid Erlenstein mit in dem Wagen sitzen?«

»Nun, deine Mutter wollte dir jedenfalls das unangenehme Gefühl des – bewußten grauen Freundes zwischen den beiden Heubündeln ersparen«, flüsterte Hochwald lachend zurück.

»Kommen Sie nun endlich, Herr Chrysopras«, rief Miß Fuxia Grant lachend, »oder fürchten Sie sich etwa vor mir?«

»Wer würde das Feuer Ihrer schönen Augen nicht fürchten?« erwiderte Boris prompt, indem er auf den Wagen zueilte und seinen Platz einnahm.

Auch noch anderen war das von Frau Chrysopras getroffene Arrangement peinlich und unwillkommen – nämlich den beiden Erlensteins. Iris litt noch unter dem Eindruck der durchlebten Szene in der letzten Nacht. Sie scheute sich vor Sigrids beobachtendem Blick, bangte vor einer Wiederholung des ihr noch rätselhaften Ausbruches und fand daher ihre Harmlosigkeit dem Fürsten gegenüber nicht so recht wieder. Letzterer hingegen bemerkte wohl ihre Befangenheit, er sah den Zug von leiser Furcht in ihrem weichen Kinderantlitz ausgeprägt und fragte sich vergebens nach dem Grund. Der tiefe und lange Blick, mit dem er sie während der Fahrt einmal stumm befragte, machte sie im jähen Wechsel erröten und erblassen und trieb ihr eine heiße Träne ins Auge.

Sigrid hingegen war lebhaft und angeregt, fieberhaft beinahe, und sprach fortwährend, trotzdem die dunkeln Ränder um ihre Augen und die Fieberröte auf ihren Wangen die durchwachte Nacht verrieten. Sie fesselte den Fürsten unaufhörlich durch Fragen und Ansichten über Florenz und seine Geschichte.

Fürst Hochwald ging ruhig auf ihre Ideen ein, beantwortete ihre Fragen und widersprach ihren etwas herben Auffassungen und Ansichten, je nachdem – alles mit der Höflichkeit und Ruhe des Kavaliers, die freilich in nichts eine wärmere Anteilnahme an der schönen Fragerin verriet, während sein Blick oft genug auf Iris abschweifte und ihre erschrockenen Kinderaugen suchte. – Im anderen Wagen hatte Boris Chrysopras sich fast mit seinem Schicksal ausgesöhnt, denn Miß Grant hatte seinen Beistand beim Ankauf von Wagenpferden erbeten. Die Wahl wurde ihr schwer zwischen zwei irischen Halbblutfüchsen und einem neunzölligen Orloff- Traber, Rappe, und daher wollte sie bei Boris Rat einholen – eine sehr anmutige Koketterie, denn sie hatte sich längst für den Rappen entschieden und verstand sich auf den Wert eines Pferdes besser als selbst Boris, der Sportsmann –, sie, die auf ihres Vaters Farm ungesattelt geritten hatte! Das wußte nun Boris freilich nicht, daher schmeichelte ihm Miß Fuxias Bitte. Er versenkte sich mit seinem holden Gegenüber in eine höchst fesselnde Auseinandersetzung über den Vorzug des half-bred gegen das full-bred bei Wagenpferden, und daher hatte Sascha auch die Gesellschaft des Cavaliere ganz für sich. Sie sprachen beide über Kunst und Sascha über ihren Wunsch, ganz der Kunst zu leben, im besonderen, und so verging auch diesem Paar trotz der verschiedenen inneren Gefühle die Fahrt angenehm genug, denn der Cavaliere war wohl unterrichtet und Saschas Wissen nicht gering; nicht weil sie darin einem Wunsche ihrer Mutter folgte, die von der Ansicht ausging, daß Mädchen nur das zu lernen brauchten, was die Mode gerade erforderte, sondern weil sie einem inneren Drange ihres scharfen Verstandes folgte, indem sie ihn rastlos weiterbildete.

Trotz alledem war wohl jedes erleichtert, als die Wagen die Hängebrücke über den Ombrone passierten und dann am Eingange zum Park der berühmten Villa Poggio a Cajano hielten, für den Fürst Hochwald sich einen ausgedehnten Permesso verschafft hatte. Man suchte nun zunächst den Kustode der Villa auf, der den Herrschaften einen der Pavillons im Park öffnete, damit sie dort ihr Picknick abhalten konnten. Die Damen deckten die Tafel mit allem Mitgenommenen verlockend genug, und dann »lunchte« man, wobei die gute Laune das Oberwasser bekam und die kleine Gesellschaft sehr heiter wurde – Miß Fuxia Grant beinahe ausgelassen sogar, denn sie hatte sich ohne weiteres neben den Fürsten gesetzt und suchte ihn durch ihre Unterhaltung, durch das Feuer ihrer Augen und durch jedes irgend angängige Mittel und Mittelchen der Koketterie in ihren Bannkreis zu ziehen. Hochwald gestand später lachend, er sei sich in diesem Kreuzfeuer vorgekommen wie Mephisto, als er der immer deutlicher werdenden Frau Marthe Schwertlein zu wehren hatte, damit sie nicht gleich das Aufgebot in der Kirche bestelle.

Die alte Fürstin Ukatschin war am Ende denn doch ein wenig ungehalten über ihren Schützling, wurde aber von Madame Chrysopras überstimmt.

»Unsinn, Tatiana«, raunte sie ihr zu. »Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen – na, und diese kleine schneidige Person hat's doch von vornherein gesagt, daß sie nach Europa gekommen ist, um sich zu verheiraten. Boris wird ihr das Kokettieren schon anstreichen, wenn sie erst seine Frau ist.«

»Ja, wenn!« murmelte die Ukatschin, der auch daran lag, daß Boris eine reiche Frau nahm. Warum, wußte ihr Geldbeutel am besten! Aber sie hatte noch einen feinen Trumpf zu seinen Gunsten in der Hand, den sie immer aufgespart, aber jetzt auszuspielen für gut hielt. Und als man nach beendeter Mahlzeit sich in den Stühlen zu kurzer Siesta zurücklehnte, während die Herren eine Zigarre anzündeten, da vertraute die Fürstin der aufhorchenden Amerikanerin an, daß sie die letzte des Namens Ukatschin sei und alle Hoffnung hätte, Namen und Titel auf Boris durch einen kaiserlichen Ukas übertragen zu sehen. »Freilich«, setzte sie seufzend hinzu, »freilich das Vermögen fließt nach meinem Tode an eine Stiftung, und Boris erhält nur meine eigene Mitgift, die mit dem Titel in keinem Verhältnis steht. Aber ein Mensch von den Fähigkeiten meines Neffen muß auch dieses Hindernis besiegen.«

Der letzteren Rede Sinn war freilich dunkel genug, doch nicht für die hellsehende Tochter der Yankees. Sie notierte das Gehörte in ihrem Gedächtnis, und dann fragte sie bedächtig »Und sind Sie dieses kaiserlichen Ukas ganz sicher, Fürstin?«

»Doch, ja, das heißt – Boris hat Revenuen bis zu einer bestimmten Höhe nachzuweisen – also die Zinsen von mindestens 500 000 Rubeln«, erwiderte die Ukatschin vertraulich.

»Lumperei«, war alles, was Miß Grant achselzuckend darauf erwiderte. Dann überlegte sie. Eine russische Fürstin würde sie schon werden wollen, lieber aber noch eine englische Herzogin oder eine deutsche, landsässige Fürstin – das war gediegener. Immerhin aber stiegen Boris' Aktien über pari.

Die Zigarren waren zu Ende, Miß Grant hatte zu den eigentümlich schwirrenden Klängen eines von ihr mitgenommenen Banjo, jener Negermandoline, ein paar ihrer Negrosongs zum besten gegeben – und indem man den Leuten aus der Villa das Einpacken der Picknickkörbe überließ, ging's hinaus in den herrlichsten aller italienischen Parks zu Füßen des letzten Hügels des nordöstlich sich abdachenden Monte Albano – in jenen Park, darin Lorenzo der Prächtige gewandelt und seine berühmte »Ambra« gedichtet hatte. Da die Gesellschaft die Neigung zeigte, sich zu teilen, gab man als Parole eine bestimmte Stunde zu Füßen der Villa aus, und dann schwirrte alles auseinander.

Miß Grant hatte sich an Iris Erlensteins Arm gehängt und rief sowohl Hochwald als auch Boris an ihre Seite, denn da sie durchaus keine historischen Erinnerungen aufzufrischen gedachte, so versuchte sie's wenigstens mit der viel schöneren »and far more interesting« Gegenwart. Fürst Hochwald aber hütete sich wohl, interesting zu sein, und überließ diese schöne gesellige Tugend seinem Neffen, und so kam es, daß sich Miß Fuxia bald mehr an den letzteren wendete und, mit diesem vorausschlendernd, Hochwald mit Iris sich folgen ließ. Man befand sich jetzt in einer Art von Labyrinth, wo schmale, schattige Gänge sich rechts und links abzweigten, und als das vordere Paar plötzlich hinter einer dichten und hohen Taxushecke verschwand, da flog über Iris' längst schon mehr und mehr aufgeheiterte Züge das alte, heitere Schelmenlächeln. »Jetzt hätt' ich Lust, durchzubrennen«, flüsterte sie, stehenbleibend, und als Hochwald sie fragend ansah, erklärte sie: »Um allein die Villa zu sehen – allein! Verstehen Sie den Genuß, Durchlaucht? Nicht gefolgt von einem, sein Pensum ableiernden Lakaien, nicht anhören zu müssen, wenn Madame Chrysopras die Möbel für Gerümpel und die Gemälde für verräucherte Schmierereien erklärt, Miß Grant neue Möbel für bequemer und schöner hält, und kein Mensch eine Ahnung hat von dem Geist der Mediceergröße, der dort umgeht, umgehen muß. Ich hab's ja gar nicht gewußt, daß ich mit meiner Idee, die Villa Poggia zu besuchen, in solch ein Wespennest stechen würde«, schloß sie mit drolligem Ärger.

»Nun, Gräfin, ich will's Ihnen gestehen – auch ich habe schon an Flucht gedacht«, erwiderte Hochwald lachend über ihren Eifer. »Denken Sie sich in mir einen Einsiedler, der plötzlich in eine Gesellschaft gerät, von der er sich seit zwanzig Jahren ferngehalten hat! Auch mir sind solche Massenbesuche von Schlössern der Inbegriff alles Entsetzlichen. Wie wär's, wenn wir beide, Sie und ich, auf heimlichen Pfaden flüchteten und die Villa besichtigten, ehe die anderen kommen!«

»Wundervoll!« jauchzte Iris auf. »Das gibt ja einen köstlichen Spaß. Aber«, setzte sie dann stockend hinzu, »aber was wird Sigrid sagen?«

»Das werden wir ja später hören«, erwiderte Hochwald beinahe übermütig. »Kommen Sie, Gräfin, lassen Sie sich entführen!«

»Von Herzen gern«, lachte sie, und mit raschen Schritten bogen sie in eine schmale Allee ein, welche direkt gegen die Südseite der Villa führte. »Jetzt fang« ich erst an, mich auf das Schloß zu freuen, auf diesen Lieblingssitz des Lorenzo, des Cosimo und seiner armen Eleonore, der Bianca Capello –! Und kein Lakai wird mit uns gehen?«

»Das will ich schon verhindern«, versprach Hochwald. »Es gibt noch Fälle, wo der ›Fürst‹ einem gute Dienste tut und als ›Sesam‹ praktisch verwendet werden kann.«

Heiter plaudernd eilten sie weiter, um nur keine Zeit zu verlieren, doch meinte Hochwald, daß die Augen seiner liebreizenden Begleiterin öfter mit dem vorherigen Ausdruck der Angst zur Seite schweiften, indes verlor dieser Blick sich mehr und mehr, als sie weiterschritten, denn der natürliche Zauber von Hochwalds Wesen übte seinen unwiderstehlichen Einfluß auf Iris' sonnige Natur nicht umsonst, und was es auch von Wolken und Wölkchen geben mochte in ihrer jungen Seele – sie flohen dahin in ihr Dunkel, aus dem sie gekommen, und sie konnte sich ohne Rückhalt wie ein Kind freuen an ihrer verstohlenen Expedition.

Wie's Fürst Hochwald versprochen, so geschah es; der Zauber seines Titels auf dem vorgezeigten Permesso, verbunden mit dem nötigen fürstlichen »mancio« öffneten ihm und Iris die Pforten zu diesem Paradiese, und allein schritt er mit ihr durch die großartigen Räume. Sie sprachen von nichts anderem als von jenen dahingegangenen Tagen, in denen die Mediceer hier Hof gehalten zur Sommerszeit, von Kaiser Karls V. Besuch und jenem furchtbaren Mahl, das Bianca Capello ihrem Schwager und Todfeinde, dem Kardinal und späteren Großherzoge hier bereitet haben soll, diesem Mahl, dem der eigene Gatte, der sie auf den Thron gehoben, zum Opfer fiel. Auch das Gemach, in welchem sie selbst, nun alles verloren, den Rest der todbringenden, kandierten Früchte verzehrte und starb, besuchten sie und standen neben dem kostbaren Bette der schönen Venetianerin – dann aber mußte Andrea del Sartos Darstellung der Tributpflichtigen mit seinem Farbenzauber die düsteren Erinnerungen verwischen helfen. Und als sie dann vor dem Wandgemälde des Franciabigio, »Der Triumph Ciceros«, standen und Iris die Frage stellte: »Aber das ist ja auch eine Huldigung für Cosimo l., denn Cicero trägt seine Züge« – da erwiderte Hochwald ganz unvermittelt: »Warum sahen Sie heut während der Fahrt so leidend, fast verstört aus, Gräfin?«

»Sigrid war heut Nacht krank und sprach so wirr – wohl im Fieber – und das hat mich erschreckt«, entgegnete Iris nach einer Pause leise, ohne den Blick von dem Gemälde zu wenden.

»Und was hat Gräfin Sigrid gesagt?« forschte der Fürst mit so liebevollem Interesse, wie wenn man mit einem Kinde spricht, und der warme Herzenston trieb dem gequälten – zum erstenmal in ihrem Leben gequälten jungen Mädchen die Tränen in die Augen. Aber sie antwortete nicht, sondern schüttelte nur mit dem Köpfchen.

»Ich sehe, es hat Sie sehr erschüttert – nicht verstimmt, sondern wirklich ergriffen«, fuhr Hochwald im gleichen Tone fort. »War es denn gar so schlimm? Darf ich's wirklich nicht wissen?«

»Besser nicht«, murmelte sie abgewendet.

»Ich möchte aber so gern Ihren Kummer teilen«, beharrte er auf seiner Frage. »Geteilter Schmerz ist halber Schmerz – und dann, ich kann Sie nicht leiden sehen. Sie nicht!«

»Nein?« fragte sie unter Tränen und sah zu ihm auf mit einem strahlenden, glücklichen Lächeln.

Da ergriff Hochwald ihre kleine, schlanke Hand und sah ihr tief ins Auge.

»Könnten Sie Vertrauen zu mir haben, Gräfin?« sagte er weich.

»O ja!« erwiderte sie ohne Zögern. »Ihnen könnt' ich alles sagen, alles! Ich hatte Vertrauen zu Ihnen in dem Moment, als Sie vorgestern Abend in Saschas Atelier traten. Der Cavaliere würde es den verwandten Magnetismus der Seele nennen, nicht wahr?«

»Wie's genannt wird, bleibt sich gleich, Gräfin – glücklich, sehr glücklich macht's auf jeden Fall«, entgegnete der Fürst warm, indem er immer noch die kleine Hand in der seinen hielt. »Und darum kann ich Sie auch nicht leiden sehen. Sie hatten so erschreckte Augen, wie wenn Sie etwas Niegehörtes, Ungeheures immer noch in sich nachklingen fühlten – war's nicht so?«

»Oh, wie gut Sie das wissen!« rief Iris überrascht. »Ja ich hab's so ganz allein verwinden müssen – Papa wollt ich's nicht sagen, denn ich wollte ihn nicht bekümmern, und am Ende hat Sigrid doch recht –«

Sie sah fragend auf zu ihm, doch er schüttelte mit dem Kopf.

 »Wie kann etwas richtig sein, was Sie so aus dem Gleichgewicht bringen konnte,« meinte er so liebreich, daß es Iris von neuem die Tränen in die Augen trieb. »Vielleicht, wenn Sie mir's vertrauten, könnte ich Ihnen raten. Aber es ist wohl eine zu kühne Bitte?«

Sie kämpfte einen Augenblick mit sich – dann sah sie auf zu ihm, ernsthaft, aber mit dem ganzen Unschuldszauber ihrer reinen Seele in den klaren blauen Augen.

»Ich werd' es Ihnen sagen, ja«, sprach sie leise. »Sie sind ja der beste Richter dafür. Sigrid warf mir vor, ich hätte mich aufdringlich und – unweiblich betragen, indem ich zu Ihnen über meine Nordsee-Sehnsucht sprach. Ist's Ihnen auch so erschienen? Wenn ja – dann verzeihen Sie mir – es geschah bei Gott nicht in der Absicht – deren Sigrid mich zieh – – oh, nun machen Sie solch ein ernstes, fast finsteres Gesicht – Sigrid hat also recht!«

»Nein, Sigrid hat unrecht!« erwiderte Hochwald empört. »Sind Sie denn darum behütet und gepflegt worden im Elternhause wie eine fremde, köstliche Blume, damit die eigene Schwester den Blütenstaub von Ihrer reinen Kinderseele streift? Gottlob – es war nur ein grausamer, aber mißglückter Versuch, der verletzt, aber nicht geschadet hat. Iris, Sie, die holde, reine Blume unweiblich – oder war's gar ein härteres Wort? Gott im Himmel, ist's möglich!« rief er außer sich, als Iris sich errötend abwendete.

»Nein, nein!« sagte sie bittend. »Sie hat's ja nicht so schlimm gemeint, sie war krank, überreizt – sie ist ja sonst so lieb und gut zu mir. Ich hätte es Ihnen doch nicht sagen sollen –?!«

»Bereuen Sie schon Ihr Vertrauen zu mir?«

»Nur, weil es Sie gegen Sigrid aufgebracht hat. Das wollte ich nicht!« war die sanfte Antwort.

Hochwald durchschritt ein paarmal den Saal, ohne zu sprechen. Dann blieb er vor Iris stehen.

»Darum also wollten Sie vorhin nicht mit mir hierher gehen«, begann er. »Und trotzdem es Ihrer Schwester also gelungen ist, Ihnen die Harmlosigkeit und Unbefangenheit zu rauben, trotzdem behaupten Sie, sie hätte es nicht so gemeint? Gleichviel – ich will Ihnen den Glauben an die Schwester nicht trüben. Nur eine Frage erlauben Sie mir: scheine ich Ihnen nicht hinreichend alt, um Sie beschützen zu können?«

»Warum reden Sie nur immer von Ihrem Alter?« fragte sie zurück, mit einem Versuch ihres lustigen Lachens.

»Aber ich bin alt – so alt, daß ich Ihr Vater sein könnte. Daher das Vertrauen, das ich Ihnen erwecke«, erwiderte Hochwald mit merkwürdiger Spannung im Ton und im Blick. Iris aber schüttelte mit dem Kopfe.

»Ich habe schon viele alte Herren kennengelernt, zu denen ich ihres Alters wegen sicher kein Vertrauen gehegt hätte«, erwiderte sie lächelnd.

»Und Ihr Vertrauen zu mir – woher stammt es?«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie einfach. »Es muß wohl aus dem Herzen kommen.«

»Aus dem Herzen«, wiederholte er tief bewegt. »Iris, glauben Sie, daß dieses selbe Herz, Ihr junges, reines, unberührtes Mädchenherz diesen alten Mann, mich auch lieben könnte? Ich meine nicht mit der vertrauenden Kindesliebe, sondern mit der großen, heiligen, unbedingten und schrankenlosen Liebe der Braut –«

Er schwieg in tiefster, mächtigster Bewegung, denn sie war jäh erblaßt und stand vor ihm mit großen, erschrockenen Augen und gefalteten Händen wie erstarrt – – –

Und er nahm sachte ihre beiden Hände in die seinen und beugte sich tief herab zu ihr – –    

»Iris, ich liebe dich von ganzem Herzen«, sagte er schlicht und darum so überzeugend.    

»Aber ist's denn möglich?« stammelte sie mit stockendem Atem. »Ich träume wohl nur –  – Sie lieben mich, Sie der mir wie ein Sonnengott erschienen ist  –  mich, mich armes, dummes Mädchen, das nicht wert ist, von einem Manne, wie Sie es sind, beachtet zu werden! Oh – so müssen Sie nicht mit mir scherzen!«    

Da nahm er sie sanft und liebevoll in seine Arme und küßte ihren blassen Mund.    

»Hab Dank für dieses unbewußte, süßeste Liebesbekenntnis«, sagte er leise. »Und so ist's denn wahr – du willst mein werden, du, der junge knospende Frühling, und ich, der beginnende Herbst? Liebst du mich so sehr, um die zwischen uns liegenden Jahre siegreich zu überbrücken?«

»Ich weiß nichts von Jahren – ich weiß nur, daß ich Sie lieben muß oder – sterben«, erwiderte sie leise, wie erlöschend.

»Iris, meine süße Braut –«    

Und wortlos, denn das Glück macht stumm, wenn es so allgewaltig kommt, stand sie an seine Brust gelehnt in dem weiten, stillen Raum, durch dessen offene Fenster der Frühling mit Sonnenschein und Blütenduft eindrang, der frische, herzhafte toskanische Frühling mit seinem fast herben Hauch, als wäre er eins mit dem nordischen Balder.    

Und es waren  Augenblicke reinster Seligkeit für diese Herzen, die sich so schnell, so allgewaltig gefunden durch jenes süße Muß, durch die Wunderkraft jener Liebe, die stärker ist als der Tod.    

Wie Blitz und Schlag, so war's über Iris und den Fürsten Hochwald gekommen – letzterem bewußt und klar wie das Sonnenlicht vom ersten Moment an, für Iris unbewußt, wie ein süßes Rätsel, dessen Lösung sie nicht fand. Erst Sigrids rauhe Hand hatte ihr in letzter Nacht den Schleier von der Seele gerissen mit der Frage: »Liebst du ihn?« Und in den stillen, einsamen Stunden der Nacht war es ihr klargeworden, was sie seit vierundzwanzig Stunden nur mit einem so seltenen, wunderbaren Glücksgefühl erfüllte.

Und nun war's Wirklichkeit geworden – sie war seine Braut! Es schwindelte ihr, daß sie die Augen schließen mußte, so überwältigend war ihr die Gewißheit, daß er sie liebte, und enger umschloß sie seinen Arm, als fürchtete sie, ihn entschwinden zu sehen, wie einen schönen Traum von Glück und Liebe – oder als müsse sie es halten und schirmen, dieses neue, junge Glück. –

Ein helles Gelächter unter den Fenstern schreckte beide aus ihrer kurzen Seligkeit empor – es war ihre Gesellschaft, die sich unten versammelte zum Rundgang durch die Villa.

»Laß uns heut noch Fremde scheinen, mein Liebling«, sagte der Fürst, die Elfengestalt seiner Braut freigebend. »Morgen komme ich, mir die Braut von deinem Vater zu erbitten. Fühlst du dich ruhig genug, um den anderen unbefangen zu begegnen?«

Sie lächelte mit ganz verklärtem Gesicht zu ihm empor. »Oh, es ist so ruhig, so friedlich in mir«, sagte sie innig. »Das macht, weil ich so unendlich glücklich geworden bin durch dich.«

Da küßte er ihre reine Stirn mit einer Ehrfurcht, als berührten seine Lippen eine Reliquie. Dann aber trat er rasch an eines der Fenster und beugte sich hinaus.

»Wenn die Herrschaften auf Gräfin Iris und mich warten sollten – wir sind schon oben!« rief er herab.

»Das ist gegen die Verabredung!« lachte Miß Fuxia. »Separieren gilt nicht!«

»Gut, wir nehmen's zurück«, erwiderte Hochwald, »und versprechen als Buße, all unsre im voraus errungenen Kenntnisse im Dienste der Herrschaften zu verwerten!«

Sigrid war bei den ersten Worten des Fürsten wie gestochen zurückgefahren, und sie war auch nun die erste, die beim Öffnen des Portals die Villa betrat und nach oben eilte, ohne auf den Führer zu warten. Sie fand Iris mit dem Fürsten vor dem Fresko des Franciabigio und stahl sich leise hinter beide, so leise, daß man ihren Schritt auf dem Estrich nicht hörte.

»Der Cicero ist in der Tat das Porträt Cosimos. Es war damals Sitte unter den Mächtigen dieser Welt, sich im Vergleich auf die Antike huldigen zu lassen« – war alles, was sie den Fürsten sagen hörte, und schon wandte sich Iris um – ruhig, heiter und mit wunderbar verklärten Augen.

»War das nicht ein guter Gedanke, statt Miß Fuxias Weisheit zu hören, die Villa recht con amore zu sehen?« fragte sie freundlich.

»Ein sehr guter Gedanke«, erwiderte Sigrid forschend. »Wer hat ihn zuerst gehabt?«

»Eigentlich Gräfin Iris, die mir aus der Seele sprach, indem sie klagte, diese historische Stätte mit interesselosen Menschen durchhetzen zu müssen«, erklärte der Fürst, »und da dies, wie gesagt, ganz meine Ansicht war, so schlug ich eine rasche Flucht vor, und dieser Gedanke hat sich uns köstlich belohnt. Wir haben die ganze Villa gesehen.«

Sigrid nickte mechanisch – oh, wäre sie zur Stelle gewesen! Aber Iris war so ruhig, schien so unbewegt – das törichte Kind würde sich sicher verraten, wenn etwas vorgefallen wäre –! Denn davon ahnte Sigrid Erlenstein nichts, daß Glück auch Ruhe und Sicherheit verleiht.

Die anderen kamen jetzt nach, und nun begann einer jener Gesellschafts-Rundgänge durch die Villa, unter Schwatzen und flüchtigem Besehen, wie er einem geradezu zur Folter werden kann, wenn man gern die besuchte Stätte mit Interesse betrachten will. Nur wenn in alten Schlössern der umgehende Geist an die Reihe kommt, wird die Aufmerksamkeit etwas allgemeiner, um dann den verschiedenen Skeptikern zu Witzeleien Anlaß zu bieten. Der vordem vom Fürsten verbetene Cicerone hatte sich's, in der Hoffnung auf mehr Trinkgeld, nicht nehmen lassen, in der Gesellschaft zu erscheinen. Er berichtete mit einer behaglichen Breite von den rastlos wandernden Geistern des Großherzogs Francesco I. und der Bianca Capello, die den Weg von dem kleinen Speisesaal bis in ihr Schlafgemach Nacht für Nacht zurücklege und von vielen Augenzeugen gesehen und nach ihrem Bilde von Broncinos« Meisterhand erkannt worden sei mit ihrem rotgoldnen Haar, ihrem weißen Gesicht mit dem kleinen Munde und den Grübchen in den Wangen, und ihren großen, braunen Augen – eine gefährliche, unselige, verderbliche Schönheit!

»Wenn unsereins doch mal so 'n schönes Gespenst sehen könnte«, meinte Boris Chrysopras.

»Diese Sehnsucht nach schönen weiblichen Geistern ist ja etwas ganz Neues an Ihnen«, neckte Miß Fuxia kokett.

»Seit wann genügt Ihnen die Schönheit in sterblicher Hülle nicht mehr?«

»Ich möchte wissen, wo bei Bianca Capello die Wahrheit aufhört und die Dichtung anfängt«, warf Sascha ein. »War sie wirklich eine Verbrecherin oder nur eine Ehrgeizige?«

»Sie war beides, gnädiges Fräulein«, erwiderte Spini. »Inwieweit sie schuldig ist am Tode ihrer Nebenbuhlerin, der Großherzogin Giovanna d'Austria und deren Sohn, entzieht sich dem Forscher – daß sie den unglücklichen Bonaventuri beseitigte, dem Großherzoge einen Sohn untergeschoben und Ihrem Todfeinde, dem Kardinal, der sie durchschaute, hier in Poggio jene vergiftete Orange reichte, die der eigene Gatte verzehrte – das scheinen doch historisch erhärtete Tatsachen zu sein. Wenn Sie wünschen, bringe ich Ihnen einmal das Resultat meiner archivarischen Forschungen über die Großherzogin Bianca Capello – sie sind hochinteressant!«

»Wollen Sie eine Geschichte der Venetianerin schreiben, Cavaliere?« fragte Graf Erlenstein mit Interesse.

»Ja und nein, Herr Graf«, entgegnete der Cavaliere. »Ich sammle nämlich Material zu einem Werke: ›Der Dämon im Weib‹ – ein Vorwurf, der mich sehr fesselt und ständig beschäftigt. Zur Illustration meiner Betrachtungen sammle ich Beispiele, berühmte und unberühmte Verbrecherinnen aller Länder, und habe dazu eingehende Archiv- und Aktenstudien gemacht. Ich hoffe, mein Werk wird einst einen wichtigen Beitrag liefern zu den Studien der Psychologie.«

»Hu, welch grausiges Thema«, sagte Iris zusammenschauernd wie vor einem eisigen Winde. »Und diese unheimlichen Forschungen in den Untiefen des Herzens und der Seele machen Ihnen wirklich Freude?«

»Die Tiefen und Ebenen des menschlichen Herzens sind es, woraus man Weisheit schöpft, Gräfin«, erwiderte Spini ernst.

Sigrid zuckte mit den Achseln.

»Es muß auch solche Käuze geben«, murmelte sie.

»Ja, es ist zweifellos, daß das Unheimliche gerade die größte Anziehungskraft ausübt«, meinte Graf Erlenstein seufzend.

»Die Beispiele aus Ihrer schönen Heimat, der bella Italia, werden Ihnen allein mehrere Bände füllen«, rief Sigrid. »Die Liste dieser weiblichen Ungeheuer, Ihrer Landsmänninnen, hat Ihnen wohl die Idee zu diesem Werke gegeben?«

»Höchst wahrscheinlich«, entgegnete Spini sehr ruhig auf diesen kleinen Ausfall – einer von den vielen, mit welchen Sigrid ihn reizen oder ärgern wollte.

»Oder war's Lucrezia Borgia allein, der Sie die Anregung verdanken?« fragte sie etwas spöttisch und ihrerseits durch seine Ruhe gereizt weiter.

»Lucrezia Borgia war, als sie in Rom lebte, eine große Sünderin – eine Verbrecherin war sie nie«, sagte der Cavaliere. »Das wertvolle Werk Ihres Landsmannes Gregorovius hat das aktenmäßig festgestellt. Leider hat aber Victor Hugos Schauerdrama und Donizettis Oper mehr Gläubige gemacht als das Werk des großen deutschen Gelehrten.«

»Und werden Sie uns Deutsche auch mit Beispielen in Ihrem Werk beehren?«

»Gewiß – sonst wäre es ja unvollkommen. Der Dämon im Weibe hat die deutschen Frauen nicht verschont. Da fand ich zufällig vor Wochen eine alte, sehr alte, vergilbte Zeitung bei einem deutschen Maler – sie lag auf dem Boden einer alten Bücherkiste, als Hülle für ein Buch, und da ich ein Zeitungstiger bin, erbat ich sie mir. In diesem Blatte – fünfzehn Jahre oder gar zwanzig mag es alt sein, fand ich den Anfang einer Schwurgerichtsverhandlung gegen eine vornehme junge Frau, die anscheinend ohne jeden Grund, denn sie war als eine glückliche Gattin und Mutter geschildert, ihren Gemahl erschossen hatte. Sie leugnete die Tat mit einer Ruhe, einer Kälte und einem Zynismus, der für ein so junges Geschöpf erschreckend ist, aber es scheint, daß die Zeugenaussagen vernichtend waren.«

»Und wie hieß diese – Dame?« fragte Graf Erlenstein nach einer Pause mit leicht bebender Stimme.

»Oh – ich weiß nicht mehr recht – ich habe den Namen vergessen«, erwiderte der Cavaliere, ganz Feuer und Flamme für sein Thema. »Aber dieser Dämon im Weibe, der sich ihrer Seele so ganz rätselhaft und grundlos – scheinbar wenigstens – bemächtigt, hat mein ganzes Interesse wachgerufen. Ich habe einen Antiquar beauftragt, mir die fehlenden Nummern der Zeitung über diesen Fall zu verschaffen, und will daraus studieren und kombinieren. Auch drängt es mich, zu wissen, ob und wie diese Frau bestraft wurde, oder ob der Lauf der Verhandlung entlastende Momente gebracht hat. Der Name – fast hätte ich ihn gehabt – deutsche Namen machen mir immer noch Schwierigkeiten – so etwas wie Stein – Stein – – nein, Berg – Re – Corbomonte! Ich hatte mir den Namen übersetzt, um ihn besser zu verstehen – Ravensburg oder -berg!«

»Darf ich etwas zur Eile mahnen, meine Herrschaften«, krähte Madame Chrysopras, der Spinis Elaborat längst schon langweilig geworden war. »Wir wollen uns doch nicht das Fieber holen auf dem Heimwege, was nach Sonnenuntergang hier auf den Wiesen sehr leicht möglich ist. Also avanti, avanti!« Und Graf Erlensteins Arm nehmend, schritt sie mit diesem voran.

»Es macht mich immer ganz elend, solche Geschichten zu hören«, rief Iris nachfolgend. »Warum soll denn auch nur Weisheit aus den Nachtseiten des Menschenherzens zu schöpfen sein? Ich lobe mir die Weisheit, die von den Höhen des Lebens aus dem Lichte stammt!«

Fürst Hochwald, der den Cavaliere bisher mit einem seltsam gespannten Blick und einem fast peinvollen Zug des Schmerzes im Antlitz beobachtet hatte, wandte sich nun mit einem matten Lächeln zu der holden Sprecherin.

»Und doch müssen gerade diese Sonnenkinder so oft in die Nachtseiten des Lebens tauchen«, sagte er traurig. »Gott behüte dich davor, mein Liebling«, flüsterte er ihr zu.

Sigrid hatte alles gesehen und zermarterte sich den Kopf um die Lösung dieses Rätsels. Warum der gespannte Blick des Fürsten auf den Cavaliere? Warum der Zug von Schmerz auf seinem offenen Gesicht? Und was hatte er Iris zuzuflüstern?

»Ich wollte, ich wäre zu Hause«, stöhnte sie, ihren schmerzenden Kopf senkend. Und dann kam ihr ein Licht –: Der Fürst hatte gesehen, daß Iris an der Erzählung Spinis keinen Geschmack fand, und er hatte darum angstvoll ausgesehen, um ihr etwas Unangenehmes zu sparen. Ja, so war's gewiß – oh, unerträglich!

Doch auch dieser Tag neigte sich, wie seine Vorgänger sich geneigt hatten, und die Sonne sank, ehe die Gesellschaft wieder am Parkeingang stand, wo die Wagen längst ihrer warteten. Hier wollte Madame Chrysopras wieder das vorige Arrangement wie auf dem Herwege einführen, da man aber direkt, das heißt ein jeder bei sich vorfahren wollte und man auf der Piazza Cavour erst hätte wieder umsteigen müssen, so stieß sie auf Widerspruch, drang aber darauf, daß Boris zu der Fürstin und Miß Grant in den Wagen stieg, da sie ja den Fürsten und den Cavaliere hatte. Im innersten Innern ihres Herzens hätte es Madame Chrysopras nicht ungern gesehen, wenn der Cavaliere sich etwas für Saschas Vermögen erwärmt hätte. Besser solch lumpiger Lazzarone als gar keiner, dachte sie mehr praktisch als zärtlich.

Es wurde nach Sonnenuntergang kalt – kalt und rasch dunkel, soweit man die opalartige Abenddämmerung des toskanischen Frühjahrs mit dunkel bezeichnen darf. Der jähe Wechsel der Temperatur aber war nicht so zu fürchten als die weißen, gespenstischen Nebel, die aus den Wiesen aufquollen und phantastisch hin und her schwebten wie ein Geisterheer. Und während in den Wagen der Madame Chrysopras und der Fürstin Ukatschin das Gespräch munter weitergeführt wurde und kaum eine Pause erlitt, war es bei den Erlensteins ganz still. Der Graf saß sinnend und in sich gekehrt da – Sigrid stützte ihren schmerzenden Kopf gegen das Kissen des Landauers, und beiden gegenüber saß Iris, froh, daß sie ihren seligen Träumen nachhängen durfte, in denen sie erst so recht zum Bewußtsein ihres jungen Glückes kam, das ihr reizendes Gesicht zu geradezu engelgleicher Schönheit verklärte.

Daheim angelangt, zog sich Graf Erlenstein sogleich in sein Zimmer zurück, da er sehr müde sei, und erbat sich einen leichten Imbiß. Sigrid stieg, ohne etwas zu sich zu nehmen, sofort in ihr Schlafzimmer hinauf, und Iris verträumte noch allein ein paar Stunden in ihrem behaglichen Mädchenstübchen. Dann ging auch sie nach oben – leise, ganz leise, um Sigrid nicht zu wecken – doch wie erschrak sie, als sie die Schwester in ihrem eigenen Zimmer fand, blaß und mit demselben finstern, fast haßerfüllten Blick wie in der vorigen Nacht. »Endlich!« sagte sie aufstehend. »Ich fürchtete schon, du würdest gar nicht schlafen gehen.«

»Und ich glaubte dich längst schlafend.«

Sigrid hob die Hand, wie um jedes fernere Wort abzuschneiden, und trat dicht vor Iris hin, so dicht, daß ihr mühsamer Atem ihr Antlitz streifte.

»Hast du mir nichts zu sagen?« fragte sie leise, lauernd.

Aber Iris dachte schaudernd der vorigen Nacht.

»Nichts«, sagte sie zitternd.

Da drehte Sigrid sich kurz um und ging ohne »gute Nacht« in ihr Zimmer. Iris aber schob leise den Riegel vor die Verbindungstür, schloß die andere Tür, die in den Korridor führte und sank dann erst aufatmend und wie befreit von einer unbestimmten, aber schrecklichen Furcht in ihr Bett.

Am anderen Morgen kam eine Botschaft von Sascha, welche die beiden Erlensteinschen Mädchen zu einem Gange ins San-Marco-Kloster aufforderte, die Fresken des Beato Angelico zu sehen. Boris sei mit Miß Grant zum Pferdekauf – fügte das Briefchen vorsorglich hinzu. Iris bat indes, zu Hause bleiben zu dürfen, da der Kopf sie schmerze – in Wahrheit aber wäre sie heut nicht imstande gewesen, die Meisterwerke des frommen Mönches unbefangen zu bewundern, heut, wo in wenigen Stunden ihr Schicksal sich entscheiden sollte! Sigrid folgte der Aufforderung Saschas, trotzdem die Kunst der alten Florentiner wenig Verständnis bei ihr fand. Vielleicht auch reizte sie der von ihr der Schwester verschwiegene Zusatz von Saschas Postskriptum: » – hoffe aber, daß Onkel Hochwald uns begleiten wird.« – Als sie nach zehn Uhr das Haus verließ, um zur Villa Chrysopras zu fahren, nahm Iris ihre Geige und ging damit nach oben, um mit ihrem Spiel den Vater nicht zu stören.

Während sie den Bogen über die Saiten gleiten ließ, legte sich das Klopfen ihres Herzens, und es wurde wieder ruhig, ganz ruhig in ihr. Der Bogen folgte wie immer willig ihren Träumen und Gedanken und gab ihnen Ausdruck in goldklaren Tönen, in süßen, schlichten, keuschen Weisen – dem Widerspiel ihrer reinen Seele, ihres eben erwachten jungen Herzens. Und diese laute, beredte, aber nur ihr verständliche Zwiesprache täuschte sie über die Zeit hinweg, daß sie es gar nicht merkte, wie die sonst in diesen Fällen so flügelschwere auf den Tonwellen dahinglitt. Was sollte sie auch um die Entscheidung bangen? Kam nicht der herrlichste Mann um sie zu werben? Mußte es den Vater nicht stolz machen, wenn sein kleines Töchterchen, sein Sonnenschein von ihm, von ihm begehrt wurde?

Sie lächelte glückselig bei dieser wundersamen Gewißheit, und ihre Geige jauchzte einen förmlichen Siegesmarsch.

Da wurde die Tür geöffnet, und Sigrid trat ein.

»Wie, schon zurück?« fragte Iris erstaunt.

»Es ist ein Uhr«, erwiderte Sigrid trocken.

»Ein Uhr!« Iris strich mit der Hand über die Stirn – so hatte sie sich verträumt mit ihrer geliebten Musik?

»Ich hörte unten, Fürst Hochwald sei hier gewesen«, bemerkte Sigrid leicht, und Iris' erstaunte Augen über diese Nachricht sagten ihr überzeugender, als es Ubaldo schon getan, daß sie den Besuch nicht gesehen, nichts von ihm gewußt.

Verwirrt und befremdet legte Iris ihre Geige in den Kasten und strich ihr Haar zurück; – er war hier gewesen, und der Vater hatte sie nicht holen lassen?

Während des nun folgenden »Pranzo« war Graf Erlenstein still und in sich gekehrt und blieb es auch, als er später mit seinen Töchtern spazierenging. Nur schien es der aufmerksamen Sigrid, als hefte er den Blick oft voll unendlichen Mitleids auf Iris, deren etwas blasses Gesicht und tränenschwere Augen eine solche außergewöhnliche väterliche Zärtlichkeit immerhin noch nicht zu rechtfertigen schienen. Aber weder Sigrid noch ihre Schwester, noch auch der Graf selbst taten eine Frage – es schwebte wie Sturmwolken über dem kleinen Familienkreis, und keines von den dreien wußte, ob sie vorüberziehen oder losbrechen würden. Und so verstrich der Tag – verstrich eine lange, bange Nacht.

Sigrid hatte recht berichtet – Fürst Hochwald hatte sich gegen zwölf Uhr beim Grafen Erlenstein melden lassen, und dieser hatte den ihm lieben und verehrten Landsmann herzlich empfangen und die Rede auf den gestrigen Ausflug gebracht. Aber Hochwald hatte das Gespräch nicht aufgenommen.

»Herr Graf«, begann er, »mich führt heut eine ernste Angelegenheit zu Ihnen – eine so ernste, daß davon das Glück meines Lebens abhängt«.

»Sie spannen mich aufs höchste, lieber Hochwald«, erwiderte der Graf erstaunt, indem er dem Gaste einen Sessel in die Fensternische rückte, in welcher er selbst lesend gesessen. Aber der Fürst nahm nicht Platz, sondern blieb, die Hand auf die Lehne des Stuhles gestützt, neben demselben stehen.

»Herr Graf, ich gebe mir die Ehre, Sie um die Hand Ihrer Tochter, der Gräfin Iris zu bitten«, sagte er feierlich – sichtlich tief bewegt.

Graf Erlenstein sah seinen Gast einen Moment wortlos an, dann sank er im Stuhle zurück und bedeckte das Antlitz mit beiden Händen, und es wurde so still im Zimmer, daß das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims wie Hammerschläge klang.

»Herr Graf, wie soll ich mir dies entsetzliche Schweigen deuten?« unterbrach der Fürst mit gepreßter Stimme die unerträglich werdende, beklemmende, Unheil verkündend Stille. Da ließ Graf Erlenstein die Hände von seinem Gesicht gleiten, dessen Züge tiefsten Seelenschmerz ausprägten, und trocknete mit zitternder Hand die kalten Schweißperlen von der Stirn.

»Ich preise Iris glücklich, daß sie Ihr Herz gewonnen« sagte er endlich mühsam. »Aber ehe ich mich des Glückes dieses geliebten Kindes freuen darf, bin ich mit meiner Ehre verpflichtet, Ihnen ein Geständnis zu machen, das ich wiederum Ihrer Ehre als ein tiefes Geheimnis anvertrauen muß – –«

Fürst Hochwald nickte zustimmend, dazu bedurfte es keiner Worte. Aber warum wurde die Atmosphäre dieses Raumes plötzlich so schwer, so erstickend, warum brauste es plötzlich vor seinen Ohren und flimmerte es rot vor seinen Augen wie Blut?

»Iris ist nicht meine Tochter«, klang Graf Erlensteins Stimme gedämpft herüber.

»Nicht Ihre Tochter?« wiederholte Hochwald mechanisch.

»Nicht meine Tochter dem Fleische nach, aber doch mein Kind im Geiste und im Herzen«, fuhr Graf Erlenstein noch leiser fort. »Wünschen Sie zu wissen, wer sie ist?«

»Ja. Es ist mein gutes Recht«, war die mühsame Antwort.

»Iris ist die Tochter meiner Schwester Marie von Ravensberg.«

»Da faßte die Hand Fürst Hochwalds die Lehne des Stuhles so krampfhaft, daß dieser umschlug, und dann preßte er einen Moment die Hand vor die Augen, als schwindelte ihm, und er lehnte sich gegen die Wand, blaß, hohläugig, gealtert um zehn Jahre. – –

Beide Männer schwiegen lange Zeit. Schließlich ergriff der Graf zuerst das Wort.

»Wir hatten das Kind – Marie Rose Iris – gleich zu uns genommen, als – als seine Mutter das Haus verließ«, begann er leise, wie in Erinnerung verloren; »und weil wir den Jammer nicht ausdenken konnten, dem das arme Wesen in der Welt ausgesetzt war, wenn es für alle sichtbar das Kainszeichen trug, so wagte ich einen Appell an des Königs Gnade. Mit dem vollen Einverständnis des allergnädigsten Herrn vollzogen wir den frommen Betrug, der ein junges Menschenleben vor Elend und Bitternissen bewahren soll – wir sprengten den Tod der kleinen, überzarten Marie Rose von Ravensberg aus und ließen sie unter ihrem dritten Taufnamen Iris auferstehen, als den Zwilling unseres einzigen Kindes Sigrid. Unser zurückgezogenes Leben in Kairo machte die Sache einfach genug – dort galt sie als unsere Älteste – an der italienischen Küste, wo wir dann jahrelang in tiefster Einsamkeit lebten, schmolz die Älteste mit der Jüngsten zum Zwillingspaar zusammen. Sie wissen es beide nicht anders, sie haben unsere Liebe redlich geteilt. Und so ist Iris denn erblüht im Sonnenschein, fern von dem furchtbaren Schatten ihres Ursprungs, und mein einzig Gebet ist täglich, daß sie nie erfahren möchte, wessen Kind sie ist. Dem Manne aber, der ihre Hand begehrt, der mir ein Bürge scheint für ihr Glück, bin ich's mit meiner Ehre verpflichtet, die Wahrheit zu sagen.«

Fürst Hochwald neigte zustimmend das Haupt.

»Verzeihen Sie mir«, sagte er gewaltsam gefaßt, »der Schlag kam so plötzlich, so unvorbereitet – Gott allein weiß, wo er uns Starke der Erde treffen und zu Boden schmettern kann.«

»Ein nur zu wahres Wort«, erwiderte der Graf ernst. »Und«, setzte er zögernd hinzu, »und weiß Iris –?«

»Seit gestern – in der Villa Poggio«, antwortete Hochwald aufstöhnend. »Sie versprach mein Dasein zu teilen, mein Sonnenschein zu werden –«

Er brach kurz ab.

»Arme, kleine Iris«, sagte Graf Erlenstein leise. »Arme, im Erblühen zum Verwelken verurteilte Menschenblüte! Sie wird ja vielleicht nicht gleich daran sterben, aber verwinden wird sie's nie. Sie ist so tiefinnerlich angelegt, wie – wie ihr Vater. Arme, kleine Iris!«

Fürst Hochwald erhob beide Hände, wie um diese peinigenden Worte nicht mehr hören zu müssen.

»Lassen Sie mich gehen, Graf, es allein zu verwinden«, bat er. »Ich bedarf der Sammlung –«

»Ja, gehen Sie«, erwiderte Erlenstein aufstehend. »Es nützt ja doch nichts, darüber zu reden. Iris wird es eben tragen müssen –«

Hochwald entfernte sich nach einem kurzen Händedruck und ließ den Grafen allein zurück mit seinen schmerzlichen Gedanken.

In dem hab' ich mich auch getäuscht, dachte er bitter, dem Fürsten nachblickend. »Ich hatte ihn für stärker gehalten, für vorurteilsfreier – für fester in seinen Gefühlen. Aber anderseits – habe ich denn ein Recht, all das für mein armes Sonnenscheinchen zu verlangen, darf ich denn überhaupt zu denken wagen, daß ein Mann, ein Edelmann, seiner Ahnentafel mit den tadellosen Wappenschildern den vom Henker gebrandmarkten Schild und den Namen mit dem Kainszeichen einfügen würde? Nein, ich bin ungerecht gegen diesen Mann, vor dessen Augen sich die Vererbungstheorie als ein schwarzes Gespenst aufrichtete, das er für seine Nachkommen nicht beschwören kann und darf. Arme, kleine Iris! Was sage ich ihr, wenn sie fragt –?«

Graf Erlenstein hatte dem Fürsten Hochwald in der Tat unrecht getan. Nicht der Name Ravensberg, nicht die Vererbungstheorie hatten ihn für den Augenblick zu Boden geschmettert – Gedanken, Erinnerungen ganz anderer Art waren es, die furchtbarer, schmerzhafter an ihm nagten als der Geier an dem gefesselten Prometheus. Allein sein, allein, fort aus dem Geräusch der Großstadt – das war zunächst sein Streben. Aber wohin? Wo ist man allein? Da fiel ihm das Franziskanerkloster auf der Höhe in Fiesole ein – in seinen Hain verirrte sich selten ein Fremder. Er nahm einen Wagen und ließ sich hinausfahren, ohne etwas von der Aussicht ins Tal, auf Berg und Stadt zu sehen, die der vielgewundene Weg dem Auge darbietet, und war froh, als der Wagen die Terrasse erreicht hatte und nun hielt. Dem Kutscher befahl Fürst Hochwald, auszuspannen und auf ihn zu warten; dann eilte er die Höhe hinan und atmete erst auf, als die Klosterpforte sich vor ihm öffnete und der Bruder Pförtner ihn mit freundlichem Lächeln einließ.

Der Tag war warm, im Lorbeer- und Zypressenhain aber war es kühl, und der Hauch tiefster Melancholie, der über ihm ruhte, tat ihm wohl und packte doch wieder seine Seele mit namenlosem Schmerz. Auf seinem Lieblingsplatz zu Füßen des Kreuzes sank er nieder und preßte das Antlitz in den moosigen Grund, um nicht laut aufzuschreien.

»Das nicht – nicht das!« stöhnte er. »O mein Gott, wie konntest du das geschehen lassen! War es nicht genug, mit diesen zwanzig langen Jahren, muß ich's jetzt erst büßen, wo die Lichtgestalt dieses Kindes in mein Leben tritt, wo ein neues Leben sich mir lockend zeigt und ein namenloses Glück? Ist Menschentum und Menschenbuße so sehr Spreu im Winde, so Stückwerk vor dem Allmächtigen, daß er da treffen muß, wo es am tiefsten schmerzt, am langsamsten und bittersten abtötet?« – Und fast erliegend unter den Schmerzen seiner Seele, klammerte er sich mit der Rechten an den Stamm des Kreuzes und preßte die Linke gegen die schmerzende Stirn.

»Es ist alles eitel – auch der Schmerz«, sagte da eine tiefe, ruhige Stimme hinter ihm. Es war der Superior des Klosters, der, im Haine sein Brevier betend, seinen unbekannten Gast beobachtet hatte. Der Angeredete stand auf und nickte ernst.

»Ich weiß, er endet mit dem Tode«, sagte er. »Aber bis dahin –«

»Bis dahin legen wir ihn als ein Opfer zu den Füßen des Kreuzes nieder«, entgegnete der Superior mild. »Wir sind zum Schmerze geboren, und für die meisten Menschen ist er notwendig, um durch ihn ihre Seele zu Gott zu führen und zur Erkenntnis Gottes. Hingegen ist es wahr, daß für andere das Glück dazu notwendig ist, denn sie finden in ihm den Weg zur Allgüte. Doch das Glück kann nur wenigen zum Heile gereichen.«

»Warum?« fragte Hochwald heftig. »Wenn wir glücklich sind, sollen wir Gott dankbar dafür sein – es ist also eine Gottesgabe, das Glück. Wie aber kann es das sein, wenn es nur wenigen zum Heile gereicht?«

Da trat der Superior einige Schritte beiseite und pflückte den Stengel einer Pflanze ab.

»Seht, mein Freund«, sagte er, »dies ist das Kraut des Stechapfels, der ein furchtbares, verheerendes Gift enthält. Und doch hat Gott auch diese Pflanze wachsen lassen, denn in der Hand des Arztes, des Geprüften, des Wissenden, wird es zum Heilmittel. Versteht Ihr den Vergleich?«

»Doch, mein Vater, und ich danke Ihnen dafür«, erwiderte der Fürst müde und gebrochen. »Leider hat der Vergleich mit dem Glück keinen Bezug mehr auf mich, und eines Tages werde ich doch erscheinen und Sie um eine Ihrer leeren Zellen bitten.«

»Die Zelle könnt Ihr jederzeit haben«, sagte der Superior ruhig. »Aber dennoch – seid Ihr auch sicher, daß Euer Schmerz von Bestand ist? Nichts ist trügerischer als Schmerz und Freude, nichts ist flüchtiger als sie.«

Hochwald senkte den Kopf und dachte nach – nicht über die Beständigkeit seines tiefen Unglücks, denn dieses hatte sich ihm verbunden für dieses Leben, sondern es war ihm plötzlich der Gedanke gekommen, sich diesem schlichten Franziskaner mit den klugen, milden Augen anzuvertrauen. »Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, mein Vater«, sagte er dann kurz entschlossen. »Habt Ihr Zeit, mich zu hören?«

Der Superior heftete seinen klugen Blick durchdringend auf seinen, wie ihn dünkte, recht seltsamen Gast.

»Ihre Geschichte, mein Sohn?« fragte er langsam.

»Sei es, meine«, erwiderte der Fürst nach einer Pause. »Es sind zwanzig Jahre her, daß ich mit jemand darüber gesprochen habe – im Beichtstuhle, Herr Superior – aber er Zweifel ist geblieben, das ist ein Stachel im Herzen, der nimmer ruhen will, und heut, heut ist er so frisch wie am ersten Tage.«

»Wollen wir in die Kirche gehen?« fragte der Franziskaner zögernd.

»Nein«, antwortete Hochwald. »Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich im Beichtstuhle freigesprochen wurde, trotzdem ich nichts beschönigte, keine Falte meines Herzens undurchforscht gelassen habe.«

»Das Menschenherz ist trügerisch, mein Sohn. Es sucht und findet stets etwas, seine Fehler zu beschönigen.«

»Ich habe nichts beschönigt – im Gegenteil, ich habe schwärzer gemalt, als es war. Und nicht in diesem Sinne habe ich den Zweifel genährt zwanzig lange Jahre hindurch – mein Herz war damals zu sehr erschüttert, um unaufrichtig zu sein. Wollen Sie mich hören?«

Statt aller Antwort setzte sich der Superior auf die Rasenbank zu Füßen des Kreuzes.

»Ich höre«, sagte er einfach.

Und Hochwald erzählte, was er allein getragen seit so langer Zeit. Als er geendet, atmete er erleichtert auf – das hatte ihm wohlgetan. Der Superior hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen, doch als sein Gast geendet, da erhob er sich und trat, den Blick voll und bis in die Seele dringend, vor den Fürsten hin und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Können Sie beim Kreuze schwören, mein Sohn, daß Ihre Gedanken rein, Ihre Worte absichtslos waren?«

Hochwald trat einen Schritt näher und legte die Rechte wie zum Schwur auf den Stamm des Kreuzes, vor dem sie standen.

»Ich schwöre es beim Kreuze«, sagte er feierlich.

Und der Superior legte wieder die Hand auf die Schulter seines Gastes, und in seinen Augen glänzte es feucht.

»So geh hinab, mein Sohn«, sagte er mild, »geh hinab, zurück in die Welt, wo dein Platz ist, und führe das liebliche Kind heim in dein Haus und singe Gott ein Halleluja, der es so gefügt, daß die schönste und herrlichste Sühne dir erwuchs in der Zeit deiner Buße!«

Lange noch weilte Hochwald oben im Klostergarten unter Zypressen und Lorbeeren im ernsten Gespräch mit dem Superior, und als er endlich zurückfuhr, da betrat er Florenz als ein Mann, der den Zweifel bekämpft und überwunden hat.

Trotzdem aber suchte er das Erlensteinsche Haus heut nicht mehr auf, denn nach den seelischen Erschütterungen dieses Tages bedurfte er der Ruhe, um sein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Und dazu half ihm am besten der Gedanke an sein Glück. Wie pries er seinen Entschluß, sich dem Superior droben anvertraut zu haben – wie schlagend und wunderbar versöhnend hatte ihm der ergraute, weltfremde und doch so tief in die Seele blickende Mönch bewiesen, daß seine Zweifel Seifenblasen waren, die vor den Wahrheiten der Religion zergingen und zerflossen, und nun dünkte es ihm fast wunderbar, daß er es je anders als in diesem Lichte betrachtet.

Über Nacht kam dann ein großer Frieden über ihn, eine Ruhe, um die er so lange gerungen und die er doch nicht gefunden hatte. Als er am anderen Morgen, so zeitig, als es der gute Ton nur eben gestattete, am Erlensteinschen Palazzo die Glocke zog und dem anmeldenden Diener auf dem Fuße folgte, standen der Graf und seine beiden Töchter – denn so müssen wir sie doch wohl auch ferner nennen – schon angekleidet zum Ausgehen im Korridor, und die förmliche Meldung Ubaldos: »ll Principe tedesco« verhallte ungehört, da die hohe Gestalt Hochwalds gleichzeitig vor ihnen stand.

»Grüß Gott, lieber Fürst, wollen wir nicht in mein Zimmer treten?« fragte Graf Erlenstein, auf den das Erscheinen Hochwalds mächtig, weil gänzlich unerwartet, gewirkt. Aber Hochwald hörte nicht – sein Auge ruhte auf Iris, die bleich, mit großen Augen und klopfendem Herzen am Treppengeländer lehnte, als müsse sie mit einer Ohnmacht ringen. Da trat er zu ihr heran, nahm sie in seine Arme und lehnte ihr blasses Köpfchen sanft an seine Brust, wie man ein krankes Vögelchen bettet, und so trat er mit ihr vor den Grafen hin: »Darf ich sie behalten? Wollen Sie mir Iris geben?« fragte er mit dem nur ihm eigenen, warmen und liebenswürdigen Ton.

Graf Erlenstein sah ihm tief, tief in die Augen, in diese offenen, ehrlichen Augen, die den tiefsten Grund seiner Seele wiederzuspiegeln schienen.

»Marcell, Sohn meines Herzens–mach Sie glücklich, glücklich«, sagte er tiefbewegt.

Und nun traten sie wirklich zurück in des Grafen Zimmer, in dem sich Hochwald aufatmend umsah. Wie anders heut als gestern, dachte er, nach der Fensternische blickend, in der er gestern den Schlag empfangen, den er für den härtesten des Schicksals gehalten. Und nun hatte sich ihm auch der in Segen verkehrt!

Nachdem er Iris freigegeben, hatte sich diese wortlos an die Brust dessen geschmiegt, der ein Vater für sie gewesen, solange sie lebte, den sie als Vater liebte.

»Ist es sehr, sehr undankbar von mir, daß ich ihn so lieb habe und dich verlassen will?« flüsterte sie ihm unter Tränen des Glückes zu.

Graf Erlenstein strich ihr liebkosend über das lichte Blondhaar, von dem sie den Hut wieder abgenommen. »Du folgst dem Naturgesetz und einer urewigen Bestimmung, mein Sonnenscheinchen«, sagte er weich. »Es macht mich ja so glücklich, weil du die beste Wahl getroffen, weil du selbst ja glücklich bist!«

Da umklammerte Iris noch einmal stürmisch den Hals des Grafen und küßte seine herabgeneigte Wange, und dann flog sie auf Sigrid zu, die stumm und steif neben der Tür stand wie ein Automat, den jemand vergessen hat, aufzuziehen.

»O Sigrid, ich bin so überselig«, sagte sie leise, indem sie die Schwester umarmte, »und darum sei mir nicht böse, daß ich nicht früher gesprochen, dir nichts anvertraut habe. Denn siehst du, ich hätte es nicht über die Lippen gebracht, solange es nicht mein Geheimnis allein war!«

»Ich gratuliere«, erwiderte Sigrid laut und maschinenhaft. »Ich gratuliere« wiederholte sie, dem Fürsten die Hand reichend, durch deren Handschuh man die eisige Kälte derselben verspüren konnte. Und zum drittenmal sagte sie: »Ich gratuliere«, indem sie die Wange ihres Vaters küßte, der sie herzlich umarmte.

»Nun bleiben wir allein, Sigrid – es wird sich kaum das Wirtschaften lohnen«, scherzte er, »allein, bis auch du dem guten Beispiel deiner Schwester folgst!«

Aber Sigrid sagte nur noch einmal: »Ich gratuliere«, mit derselben automatenhaften, ausdruckslosen Stimme, und dann verließ sie das Zimmer – ruhig, langsam, beinahe lächelnd.

»Papa, Sigrid ist gewiß krank!« rief Iris beunruhigt. »Sie ist schon seit mehreren Tagen so sonderbar – wie sie niemals war!«

»O Iris, auch du warst so blaß, wie ich kam«, meinte Hochwald; aber eine rosige Röte, die sich über ihr reizendes Gesicht ergoß, behauptete jetzt siegreich das Gegenteil.

»Das machte, weil ich zwei Nächte lang so ängstlich geträumt hatte, und weil – weil ich doch wußte, daß du gestern hier warst und wieder fortgegangen bist«, gestand sie stockend. »Und Papa sah mich immer so mitleidsvoll, so traurig fast an – und – und da glaubte ich, mein Glück wäre dahin und du kämst nicht mehr wieder! Aber ich war zu feig, um eine Frage zu tun, aus Furcht, daß es wahr sein könnte.«

Da wechselte Hochwald mit dem Grafen einen Blick, der bei letzterem deutlich sagte: Gottlob, daß sie nicht gefragt – was hätte ich antworten sollen –? und dann verließ auch er das Zimmer, um den Verlobten den ersten Austausch ihres Glückes unter vier Augen zu gönnen.

Sigrid aber war die Treppe hinabgestiegen und auf die Straße getreten – sie hatte keine Absicht, irgendein Ziel zu verfolgen, sie mußte nur hinaus, denn die Steinmauern des alten Verschwörerpalastes schienen auf sie herabstürzen zu wollen. In die Via del Proconsolo einbiegend, ging sie äußerst langsam, fast feierlichen Schrittes weiter, bis sie vor dem Bargello stand, an dessen Portal eben ein Wagen vorfuhr. Hatte da nicht jemand »Sigrid« gerufen? Um Gottes willen, jetzt keine Bekannte sehen – jetzt nicht! Die Tür zur Kirche der Badia, dem Bargello gegenüber, stand offen – – ein paar hastige, schnelle Schritte, sie schloß sich hinter ihr, und Sigrid stand in der alten Klosterkirche, noch ganz atemlos und nicht wissend, wohin sich zu wenden. Am Hochaltar wurde eben die letzte, stille Spätmesse an diesem Morgen gelesen, und nur wenige, hie und da zerstreute Andächtige knieten vor ihren Strohstühlen. Durch die Luft schwebte es noch schwer duftend vom Weihrauch, und die Sonne schien hell durch die gemalten Scheiben – da sah Sigrid zur Linken eine Kapelle geöffnet, die leer schien – dorthin schritt sie leise, und da sie sich wirklich hier allein fand, sank sie auf einen geschnitzten Betstuhl in einer halbdunkeln Ecke nieder und legte die glühende Stirn auf ihre Hände.

Über ihr auf dem Altarbilde lächelte die lieblichste Madonna des Filippino Lippi auf den verzückten St. Bernhard herab, dem sie als eine himmlische Vision erscheint – Sigrid sah nichts von dem bewunderten, vier Jahrhunderte alten Meisterwerk, dem Stolz der Badia, sie spürte nichts von dem Gottesfrieden, der hier schwebte und webte, sie hörte auch nicht das Glöcklein des Ministranten vor dem Hochaltar, das zum Sanctus läutete – sie spürte nur das Pochen in ihren Schläfen und den stockenden Schlag ihres Herzens, und statt andächtig sich zu sammeln, tanzten ihre Gedanken einen wilden, rasenden, unheiligen Reigen.

Sie fühlte plötzlich, wie ihre Gedanken zurückwichen, wie ihre Glieder schwerer wurden und eine seltsame Willenlosigkeit über sie kam. Es war ihr, als müßte sie ihre fliehenden Gedanken haschen und zurückhalten, aber die wichen immer weiter, weiter, in eine unabsehbare Ferne – da raffte sie ihre letzte Willenskraft zusammen und hob den Kopf, um – mit ihren Augen dem starr auf sie gerichteten Blick des Cavaliere Spini zu begegnen, der in der Tür zur Kapelle stand und auf sie hinschaute.

Die Kapelle schien sich im tollen Reigen um sie herumzudrehen – sie streckte die Arme aus, wie um sich zu halten – vergebens – sie fühlte sich sinken – aber noch ehe sie den Boden berührte, hatte der Cavaliere sie aufgefangen und ließ sie an einem Fläschchen mit englischem Salz riechen. Das brachte sie im Moment zu sich, aber noch ganz bebend kauerte sie auf dem Kniebrett ihres Betstuhles nieder, das Gesicht verstört, den Blick seltsam wirr geradeaus gerichtet.

»Sie sind ein gutes Medium für hypnotische Experimente, aber Sie haben auch viel Willenskraft«, sagte Spini nach einer Weile flüsternd. »Ich hatte nicht einmal gewollt, daß Sie aufsehen sollten – nein, fürchten Sie nichts«, setzte er hinzu, als Sigrid eine entsetzte Bewegung machte, »ich wiederhole das Experiment nicht.«

Wieder war alles still, und Sigrids Atem ging schwer; – da lehnte der Cavaliere sich an den Betschemel an und beugte sich tiefer herab zu ihr.

»Warum sind Sie in eine Kirche gegangen, wenn Sie aus dem Brevier des Teufels beten wollen?« flüsterte er ihr zu, und obgleich sie zusammenzuckte, sah sie doch nicht auf – was las dieser entsetzliche, unheimliche Mensch in ihren Gedanken? Und dennoch konnte sie einer immer heftigeren Versuchung nicht widerstehen – hier, hier hatte sie vielleicht das Mittel gefunden, um – –

Sie erhob sich mühsam und kniete wieder auf dem Betstuhl nieder, so daß das Ohr Spinis dicht an ihrem Munde war, da er immer noch auf der anderen Seite an dem Pulte lehnte.

»Meine Schwester hat sich vorhin verlobt – mit dem Fürsten Hochwald«, flüsterte sie.

»Ah, eine edle, eine gute Verbindung zweier alter Häuser«, erwiderte Spini ebenso. »Das wird immer seltener in der Welt!«

»Diese Verbindung darf nicht stattfinden – ich will es nicht!« – stieß Sigrid sprühenden Blickes heraus.

»Warum?« war die kühle Frage des Cavaliere darauf.

»Weil – weil –.« Der Atem stockte ihr so, daß sie nicht weitersprechen konnte.

»Sie brauchen mir das Warum nicht zu sagen, ich weiß es«, sagte Spini dicht an ihrem Ohre sehr ruhig. »Gestern noch hätte die Erkenntnis, daß Sie, Sigrid, den Fürsten Hochwald lieben, mich wahnsinnig gemacht – heut nicht mehr. Nicht mehr nach dieser Nachricht. Ich fühle ja mit Ihnen, wie es tut, wenn man liebt und keine Gegenliebe findet – aber –«

Er vollendete nicht, denn wieder blickte Sigrid auf zu ihm mit eigen glitzernden Augen.

»Wenn Sie mich wirklich lieben, wie Sie sagen, so verhindern Sie diese Heirat«, flüsterte sie mit heißem Atem.

Er fuhr zurück, daß er nun neben dem Pulte stand.

»Wenn Sie mich wirklich lieben!« wiederholte er langsam für sich. »Oh, über den Dämon im Weibe, der zweier Menschen Lebensglück zertrümmern will, weil sie nicht des einen Erwählte ist! Wir leben aber nicht mehr in Cinquecento, dem Zeitalter der Erbschaftspulver und der Aqua Toffana! Wie soll ich denn diese Heirat verhindern? Kenne ich ein Ehehindernis?«

»Suchen Sie eines«, flüsterte Sigrid.

»Das Leben Ihrer Schwester liegt Tag für Tag offen vor Ihnen – dort werden Sie wohl vergebens suchen! Nun, und der Fürst sieht nicht aus, als ob er ein Skelett im Hause hätte«, erwiderte Spini ebenso leise. »Was dann?«

»Dann? Was weiß ich –? Helfen Sie mir, helfen Sie mir diese Heirat verhindern um jeden Preis!« hauchte Sigrid schwer atmend.

»Um jeden Preis!« wiederholte er wieder mit eigentümlicher Betonung. »Sehr verbunden, Signorina! Bin ich ein Bravo?«

Bei diesen Worten fuhr sie auf, zitternd, bleich, entsetzt. Ein Bravo –?!« stammelte sie.

»Nun ja! Was scheuen Sie den Ausdruck, wenn Sie doch die Meinung haben?« fragte Spini kühl. »Ein Bravo erhielt Geld für seine – Arbeit. Was soll ich erhalten?«

Sigrid kniete wieder hin und barg das Antlitz in den Händen – es schwindelte ihr – – was hatte sie gesagt? Mehr noch was hatte sie gedacht, daß dieser Mensch dort es ihr von der Stirne las?

»Was versprechen Sie mir, wenn ich tue, was Sie wollen, wenn ich diese Heirat verhindere?« fragte Spini dicht an ihrem Ohre nach einer Pause.

Da erhob sie den Kopf und sah scheu um sich.

»Ich habe kein Geld – nur die Juwelen meiner Mutter–« begann sie, aber er sah sie so flammenden Blickes an, daß sie sogleich verstummte.

»Weib«, sagte er heiser, »es gibt Dinge, die auch die Geliebte seines Herzens keinem Manne sagen darf! Bin ich Ihnen wirklich nur der Bravo, der die schmutzige Arbeit für Sie tun soll und dem Sie dafür Ihre elenden paar Juwelen hinwerfen? O still! Und hätten Sie die Schätze der Semiramis – ich würde Sie auch elend nennen! Doch nein – das war nicht Ihre Meinung, und Sie haben sich nur gescheut, das rechte Wort auszusprechen, mir den rechten Preis zu nennen, um dessentwillen ich Ihnen das Licht der Sonne oder die Finsternis des Grabes herbeischaffen würde – der Preis Ihrer Hand, Sigrid?«

»Nein – nein – nein!« ächzte sie entsetzt und so laut, daß ein paar Beter im Schiff der Kirche sich verwundert umsahen. Spini richtete sich hoch auf und nahm seinen Hut von dem steinernen Sims herab.

»Nein – dreimal nein!« zischte er ganz blaß und sprühenden Blickes auf sie herab. »Nun, so wünsche ich Ihnen Glück Contessina! Vielleicht – finden Sie noch ein zweifelhaftes Individuum, das Ihren Wunsch erfüllt – für Geld. Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung und wünsche Ihnen eine gesegnete Andacht. Buon giorno madama!«

Und damit glitt er leise, wie er gekommen, aus der Kapellentür. Sigrid sprang auf und machte ein paar Schritte vorwärts, um ihn zurückzuhalten – dann sank sie aber kraftlos in die Knie.

»Ich kann's nicht«, stöhnte sie. »Das wäre ja nur Rache, gemeine niedrige Rache! Ich will mich nicht rächen, was hätte ich davon? Hätt' ich Isoldens Liebestrank – doch nein, es war ein Todestrank, den sie ihm reichen wollte und den die weichherzige Brangäne mit dem Liebestranke tauschte – und neben Tristan stand keine Iris. Und Iris ist meine Schwester. Kann man seine Schwester hassen. O Gott, mein Gott, wohin verirre ich mich – hilf du mir in dieser Herzensnot, hilf mir vor mir selber, vor meinen Gedanken, vor meinen Wünschen – – kann sie dafür, daß sie sein Herz gewann und nicht ich? Hilf mir, mein Gott, hilf mir, daß der Böse nicht den Sieg gewinnt –«

Und so betete, lästerte, weinte und flehte sie, bis endlich die tiefe Stille ringsum sie mahnte, daß es Zeit sei, heimzukehren. Sie nahm ihre ganze moralische Kraft zusammen, um ruhig zu scheinen, und es gelang ihr, denn sie war keine von denen, auf deren Antlitz man jede seelische Regung liest. Als sie dann durch die Kirche schritt, in der die Mittagsstille brütete, und hinaustrat auf die Straße, da sahen ihre regelmäßigen, immer etwas kalten Züge so kühl und ruhig aus, als hätte nie ein Sturm in ihrer Seele getobt und dieselbe aufgewühlt bis zum Grunde.

Und doch, trotz aller äußeren Ruhe stürmte es weiter in ihr – kein Gewittersturm, der die Luft reinigt und erfrischt, kein Orkan, der biegend oder brechend über Land und Wasser braust, das war ein Sturm, der vernichten muß, sei es, was es sei.

Als sie nach wenigen Minuten den Palazzo wieder betrat, flog Iris die Treppe herab ihr entgegen – strahlendes Glück in den süßen dunkeln Veilchenaugen, und den Widerschein ihrer inneren Seligkeit im liebreizenden Antlitz.

»Sigrid, Sigrid! Wo bist du gewesen? Ich habe mich so sehr um dich geängstigt!« rief sie der Schwester entgegen.

»Ich hatte Kopfweh und bin spazierengegangen«, erwiderte Sigrid herb, trotzdem sie zu lächeln versuchte.

»Ach, du Arme!« sagte Iris und drückte ihre rosige Wange gegen die erbleichende ihrer Schwester. Und dann küßte sie zärtlich diese Wange und flüsterte: »Nicht wahr, Sigrid, es ist alles zwischen uns wie früher, wie noch vor wenig Tagen, wo du noch so viel Geduld, so viel Liebe für mich hattest! Ja?«

Heiße Tränen schossen in Sigrids Augen bei diesen herzlichen Worten, und stumm küßte sie Iris' Stirn und drückte das blonde Köpfchen gegen ihre Brust.

»Hab Nachsicht mit mir und Mitleid, du Gute, Sanfte«, bat sie leise. »Ich bin krank – krank, und weiß oft nicht, was ist rede – –«

»Still, Sigrid, still! Ich mache dir ja keine Vorwürfe und will dich gewiß schonen und pflegen mit aller Liebe«, erwiderte Iris herzlich. Und wieder küßte Sigrid ihre reizende Schwester aus vollem Herzen – der Dämon war gewichen, und sie fühlte nur, daß sie Liebe fand und der Genossin ihres jungen Lebens Liebe spenden durfte. Doch die Gegenwart zerstörte mit dem nächsten Worte schon jede gute Regung, jedes weichere Gefühl.

»So – jetzt bist du wieder meine liebe, alte Sigrid«, rief Iris fröhlich, »die Sigrid, deren Rat und Hilfe ich so nötig brauche. Komm« – und sie stieg, die Schwester umfassend mit dieser die Treppe hinan. »Denke dir, während du fort warst, sind wir, das heißt Papa, Marcell und ich, zu Madame Chrysopras gefahren, damit ich ihr als Schwägerin vorgestellt werde. Ist das nicht drollig, daß ›der süße Boris‹ und Sascha mich jetzt Tante nennen? Aber sie waren alle so reizend nett und herzlich zu mir – wirklich! Und nun denke dir, Madame Chrysopras – oder Olga, wie ich sie jetzt nennen muß – sie hielt eine lange, sehr drollige Rede über den Nachteil eines langen Brautstandes – das sei ein zweifelhafter Genuß für das Brautpaar und dessen Umgebung, und Marcell meinte, er hätte überhaupt keine Zeit zum Warten – – aber was ist dir, Sigrid? Bist du wieder krank?«

»Nichts, nichts! Es ist schon wieder vorbei.«

»Du Arme! Ja, und Papa fügte sich und erklärte sich überstimmt, und so wurde unsere Hochzeit auf den ersten Mai festgesetzt. Unsere Hochzeit, denke nur, Sigrid! Und Madame Chrysopras, Olga meine ich, wird meinen Trousseau besorgen – da ist sie ganz in ihrem Effeff – das heißt Leibwäsche und Toilette, alles andere ist ja auf Hochwald aufgespeichert, Marcell sagt, massenhaft. Nur einige Silbergeräte mit meinem Wappen bringe ich mit in den Silberschatz des Majorats, das ist so Sitte in der Familie – aber am ersten Mai, Sigrid! Wenige Wochen noch, und ich bin eine Frau, seine Frau! Mir ist's immer noch, als träumte ich und müßte erwachen und – – kann es denn wirklich sein, Sigrid, kann er, der reiche, herrliche Mann, der die Wahl hatte unter den Besten, Schönsten, kann er mich gewählt haben, deine arme kleine Iris mit ihren vielen, vielen Fehlern, ihren zahllosen Unvollkommenheiten? Ist's möglich, ist's wahr und kein Traum?«

Sie waren während dieses Geplauders hinaufgelangt in ihre Mädchenzimmer, und dort stand Iris vor ihrer Schwester mit ihren vor innerer Bewegung feucht gewordenen Augen, mit gefalteten Händen und den demütigen Worten auf den Lippen – und wieder schmolz Sigrids Herz, und wieder drückte Sie einen Kuß auf Iris Wange.

»Er hätte keine Bessere wählen können als dich«, sagte sie gerührt.

Aber als Iris gegangen war, da wich auch der gute Geist wieder von ihr.

»Judas! Judas!« stöhnte sie mit gerungenen Händen. »Ich habe mit einem dreifachen Kusse dreimal meine Schwester verraten! Nein, er konnte keine Bessere wählen als sie, und doch, und doch, nicht ihn kann ich hassen, nicht ihn –«

Das waren nun bewegte, geschäftige Wochen, die der Verlobung des Fürsten Marcell Hochwald mit der Gräfin Iris Erlenstein folgten, bewegt und geschäftig, wie eben nur ein so kurzer Brautstand verlaufen kann, während man an tausend Dinge zu denken hat. Dies besorgte nun freilich Madame Chrysopras unter Sigrids Beihilfe allein – sie beriet, prüfte und wählte wie eine wirkliche Brautmutter nur kann – ja, sie reiste sogar selbst nach Hochwald, um dort alles zum Empfange der jungen Frau zu rüsten, denn weiter als bis in die Heimat sollte die Hochzeitsreise nicht gehen. Sehr befriedigt von dem Resultat ihrer Inspektion von Schloß, Silber-, Wäsche-, Porzellan- und Gläserkammern kehrte Madame Chrysopras nach Florenz zurück und nahm ihre dortige Tätigkeit wieder auf.

Für das Brautpaar selbst verstrichen diese Florentiner Frühlingswochen wie ein schöner Traum. Der Aufenthalt in der schönen Fremde gab ihren Bewegungen weit mehr Freiheit, als wenn sie in Deutschland gewesen wären, und wenn sie in des Grafen oder Saschas Gesellschaft die Kunstschätze der Blumenstadt bewunderten oder die Gegend durchstreiften in ganzen Tagespartien, so waren dies Standen höchsten geistigen Genusses, Stunden reinen, ungetrübten Beisammenseins, wo Geist und Herz reiche Nahrung fanden und ihre Seelen auf ungezählten Brücken gemeinsamer Interessen sich trafen und ineinanderflossen.

Sigrid war selten bei diesen Ausflügen beteiligt. Sie sah und fühlte nur zu wohl die geistige Verwandtschaft, die Iris mit ihrem Verlobten verband, und sie fühlte sich selbst dabei wie durch eine hohe Mauer von beiden getrennt. Geistig nicht arm, in vielem sogar reich, fehlte ihr doch die warme Begeisterung, die Iris für alle geistigen Interessen hatte. Und doch hatte auch Sigrid mit Fleiß an ihrer geistigen Bildung gearbeitet, immer überflügelt von der warmherzigen Begeisterung, mit der Iris vorwärts eilte. Martas Fleiß – Marias Glut. Darin eben lag der Unterschied, die himmelweite Kluft.

Mit Spini hatte Sigrid kein Wort mehr über jene Szene in der Kirche der Badia gewechselt. Er sprach nach wie vor im Erlensteinschen Hause vor und wurde höflich empfangen, ohne irgendwie ermutigt zu werden in seiner Verehrung Sigrids; auch in der Villa Chrysopras traf er oft mit dem Grafen und seinen Töchtern zusammen, widmete sich jedoch dort mehr der strahlenden, armen Sascha, welche übrigens Iris' Porträt im Brautkranze und Schleier, duftig und zart wie ein Gedicht, heimlich als Hochzeitsgabe für ihren Onkel malte.

»Eine rechte Kunst, wenn man mit Liebe malt«, pflegte sie freudestrahlend zu sagen, wenn Spini, den sie eingeweiht hatte in ihre »Überraschung«, ihr Werk lobte, aus Überzeugung lobte. Da Iris natürlich jeden Morgen mindestens eine Stunde »sitzen« mußte, so war Fürst Hochwald sich über die Natur der Überraschung nicht sehr im unklaren, nur das Wie, die Ausführung blieb ihm als solche vorbehalten.

Gral Erlenstein sonnte sich sichtlich im Glücke des Kindes, das er zu seinem eigenen gemacht, von dem er selbst nicht mehr empfand, daß es sein eigen Fleisch und Blut nicht war. Wenn er trotzdem stiller ward als ehedem, so war das nicht der Egoismus der bevorstehenden Trennung von seinem »Sonnenschein« – er fühlte sich vielmehr leidend und gestand dies auch Sigrid, die ihn oft bis spät in die Nacht schreibend fand und ihn bat, sich zu schonen.

»Wer weiß, ob mir noch Zeit bleibt. Ich habe manches zu ordnen!« hatte er mehrmals gesagt.

Schließlich verging die Zeit wie im Fluge, und der Florentiner Frühling erreichte den Höhepunkt seiner Schönheit. Es war am Vorabend des ersten Mai und um die Dämmerzeit. Iris und Sigrid saßen im Zimmer der letzteren, beide nachdenklich und wenig redend; die junge Braut in der feierlichen, gehobenen Stimmung, die so wohl zum Vorabende ihres Ehrentages paßte – Sigrid müde, traurig und schweren Herzens, in dem sie vergeblich, wenn auch ehrlich kämpfte mit den Dämonen der Eifersucht, des Neides und Hasses, die ihre wilden, lauten Stimmen um so höher erhoben, je näher die Stunde rückte, in welcher Marcell Hochwald und Iris verbunden werden sollten fürs Leben. Ubaldo hatte geräuschlos die Lampe auf einen Seitentisch gestellt und die Jalousien herabgelassen. Iris saß auf einem niederen Sessel, die schlanken Hände nach rückwärts unter den Kopf verschränkt und träumte mit weit offenen Augen von Myrten, Weihrauch und Brautliedern, vom Meere, das ihre neue Heimat umspülte und von ihm, der sie so überselig gemacht.

Sigrid saß in der Sofaecke und sah geradeaus, und da die Lampe sie blendete, stand sie auf und breitete einen roten Schleier über die Glocke, der das Zimmer alsbald in ein rosa Dämmerlicht hüllte und das weiße Kleid von Iris wie mit Abendröte überhauchte. Es war ein liebliches Bild, und Sigrid mußte gleich daran denken, wie es ihn entzücken würde, wenn er bald eintreten wird, und –

Mit einem Ruck riß sie den roten Schleier wieder von der Lampe, warf ihn in ein Schubfach und suchte in demselben herum, bis sie einen grünen Schleier fand, den sie nun über die Lampenglocke breitete. Das Licht tat ihren Augen wohl; es glich dem Mondschein, so mild war es, so gedämpft und magisch – und ihre Augen suchten wieder Iris, deren Kleid jetzt grünlich beleuchtet war wie ihr Gesicht, und wenn ihre offenen Augen nicht gewesen wären, man hätte sie können für tot halten, so sehr nahm das grüne Licht die Lebensfarbe von ihrem zarten und doch so lebensfrischen Gesicht.

Tot! Wenn sie wirklich tot wäre, heute stürbe, am Vorabend ihrer Hochzeit –! Sigrids Herz stockte bei diesem Gedanken, und neben der Lampe stehend, mußte sie unverwandt hinsehen auf das ihr zugewendete zarte Profil von Iris, das sich an dem dunkeln Blau des Sessels wie aus Alabaster geschnitten abhob. Tot –! Was würde Marcell Hochwald sagen, was tun, wenn er heut abend käme und seine Braut tot fände? Oh, sein Schmerz würde ihr, Sigrid, die Seele zerfleischen, aber ihre Sympathie würde ihn stützen, ihn trösten, und am Ende würde sein Herz sich der schönen Trösterin zuneigen, vielleicht vorerst nur, um mit ihr von der Verklärten zu sprechen, und dann – wer weiß! dann auch in Liebe –

Drüben im Sessel seufzte Iris tief, tief und ließ die Arme herabsinken und den Kopf rückwärts auf die Lehne des Sessels gleiten – die Augenlider sanken ihr herab und schlossen fast ganz diese veilchenblauen Augen, in die er immer so entzückt hineinsah, als könnte er sich nicht satt daran sehen – –

Aus Sigrids lichtblauen Augen, die eher den Vergleich mit Türkisen als mit dem sanften Vergißmeinnicht herausforderten, schoß ein fast roter Blitz hinüber auf das stille blasse Gesicht im Lehnsessel, und dieser Blitz schien zu erstarren und zu fixieren.

Iris machte eine Handbewegung, wie um etwas von sich abzuwehren, aber ihre Hand sank schwer und willenlos herab, die Lider schlossen sich, und ihre Züge nahmen eine eigentümliche Bewegungslosigkeit an – –

Mit angehaltenem Atem, den Oberkörper vorgebeugt, stand Sigrid da und sah unverwandten Blickes hinüber – – konnte ein Wunsch, eine Idee schon töten? War Iris tot? Sie lag im Sessel, ohne sich zu regen, kein Atemzug war hörbar, alles still, still wie der Tod –! Oder täuschte nur das grünliche Licht – –? Langsam, lautlos, wie gebannt schritt Sigrid vor, bis sie neben der regungslosen weißen Gestalt stand. Die weißen Rosen, die Iris heut an die Brust gesteckt hatte, dufteten schwül und stark, kein Atemzug bewegte ihre Brust, und war's nur der grüne Lampenschleier, oder lag auf den stillen, sanften Zügen wirklich jene Farbe des Todes? – –

Entsetzen faßte Sigrid – wie, wenn ihre sündhaften, mörderischen Gedanken Erhörung gefunden hätten? Sie wollte Iris' Namen rufen, aber die Zunge versagte ihr, sie wollte die Stirn der Schwester berühren, aber sie vermochte nicht einen Finger zu rühren. Da klopfte es diskret an die Tür – Gott, o Gott, wenn Marcell Hochwald jetzt schon käme –! Schleppenden Schrittes trat Sigrid hinweg von dem Sessel – wie sollte sie ihm entgegentreten, wie sich vor ihm verbergen? Aber es war nicht Marcell Hochwald – es war der Cavaliere Spini, der jetzt, nachdem er noch einmal geklopft, die Tür öffnete.

»Verzeihen Sie, meine Damen«, sagte er eintretend. »Der Graf, bei dem ich mich melden ließ, schickte mich hierher – er wollte mir bald folgen –«

Noch ehe er ausreden konnte, stand Sigrid schon neben ihm, blaß, verstört, mit irrem Blick.

»Sehen Sie, dort – Iris!« flüsterte sie. »Ist sie tot?«

Spini warf einen prüfenden Blick auf Sigrid, die mit ihren starren, kalten Händen wild seinen Arm umklammerte, und trat, sie mit sich ziehend, neben den Sessel hin, in welchem Iris mehr lag als saß.

»Was ist mit ihr geschehen?« fragte er, sich über sie beugend.

»Nichts. Ich habe sie angesehen, und dabei ließ sie die Arme sinken und schloß die Augen –«

»Angesehen! Nur angesehen, ohne etwas zu denken, ohne etwas zu wollen?« fragte der Cavaliere langsam.

Sigrid fuhr zurück wie getroffen.

»Wie kann man es verhindern, zu denken?« fragte sie heiser zurück.

»Und in diesen unvermeidlichen Gedanken, was haben Sie gewollt?« fuhr er mit scharfer Betonung fort, und wieder stellte Sigrid eine andere Frage dagegen:

»Ist sie tot?« Spini heftete einen seltsam forschenden Blick auf Sigrid und fuhr mit der rechten Hand leicht über Iris Stirn. »Nein«, sagte er ruhig, »sie ist nicht tot. Dazu reicht der menschliche Wille zum Glück nicht hin.«

»Wie können Sie wagen –«, fuhr Sigrid auf; aber ehe sie vollendet, senkte sie den Blick vor den voll auf sie gerichteten Augen des Cavaliere, und mit gänzlich verändertem Tone fügte sie hinzu: »Schläft sie?«

»Ja, sie schläft – aber einen künstlichen, unbewußten Schlaf«, erwiderte Spini. »Sie haben Ihre Schwester hypnotisiert, Gräfin – Sie ist willenlos, ein bloßes Werkzeug. Warum nützen sie das nicht aus?«

»Hypnotisiert!« wiederholte Sigrid, wie aus einem Traum erwachend. »Ich hatte gar nicht gewußt, daß ich das in meiner Gewalt habe! Wie soll ich es ausnutzen? Soll ich Iris Kunststücke machen lassen? Oh, das ist unwürdig!« »Es gibt noch anderes –«

»Ihr etwas zu befehlen, im wachen Zustande zu tun, als ob es aus ihrem eigenen Willen entspränge –? Herr des Himmels, führen Sie mich nicht in Versuchung«, stöhnte Sigrid.

Spini lächelte seltsam.

»Ist der Dämon in Ihnen so stark, daß er eine Versuchung, eine Falle in jedem absichtslosen Worte findet?« fragte er. »Woran denken Sie? An ein Verbrechen? Und ich Ihr Berater, Ihr Mitwisser dazu? Sonderbare Logik! Ich meinte anders! Sie wollten ja so gern einen wunden Punkt in Fürst Hochwalds Vergangenheit wissen – nun, dies wäre doch die beste Gelegenheit, durch dieses Medium zu erfahren, ob überhaupt nur ein Schatten den Charakter jenes Mannes trübt. Legen Sie einen Gegenstand in die Hand Ihrer Schwester, der dem Fürsten gehört hat oder von ihm stammt. Und dann fragen Sie, vorausgesetzt, daß –«

Er stockte, doch Sigrid achtete nicht darauf. Ihr Blick irrte im Zimmer umher und blieb schließlich an Iris linkem Handgelenk hängen, das ein dickes, schlichtes, goldenes Kettenarmband umschloß, von welchem ein goldener St.-Georgs-Taler herabhing. Diese Münze hatte Fürst Hochwald an der Uhrkette getragen und für Iris an ein Armband hängen lassen, da sie einmal den Wunsch geäußert, einen Georgstaler zu besitzen. Sigrid kettete das Armband von dem Handgelenk ihrer Schwester los, legte die Münze in ihre Linke und dann die herabhängende Rechte darüber. Dann blickte sie mit fieberhaft erwartungsvollen Augen zu Spini auf.

»Und nun?«

»Nun fragen Sie!«

»Ich weiß nicht, wie ich's anfangen soll«, sagte sie unsicher. »Fragen Sie, bitte!«

Wieder lächelte er sein eigentümliches Lächeln.

»Wie Sie befehlen«, sagte er indes. Dann machte er mit beiden Händen streichende Bewegungen in der Nähe von Iris Stirn und Schläfen. »Sehen Sie!« befahl er ihr dann mit großer Sicherheit.

»Ich sehe«, sagte Iris mit jener fremdklingenden Stimme, die immer ein Resultat jener Experimente ist.

»Sagen Sie, wen Sie sehen.«

Iris bewegte den Kopf unruhig hin und her, dann lächelte sie.

»Marcell!« rief sie ganz glücklich.

»Wo ist er? Allein?«

»Er steht in einem Blumenladen«, fuhr Iris fort. »Oh, er wählt Blumen für mich! Die Verkäuferin zeigt ihm Kamelien – er schüttelt mit dem Kopfe. Nun bringt Sie weiße Rosen – nicht weiße Rosen! Er wendet sich von ihnen ab und sagt – o Gott, ich kann nicht verstehen, was er sagt!«

»Hören Sie aufmerksam zu – was sagt er?« befahl Spini.

»Ich kann nicht«, stammelte Iris.

»Doch. Sie müssen! Was sagt er?«

»Er sprach es leise vor sich hin. Um alles in der Welt keine weißen Rosen für Iris. Die weißen Rosen von Ravensberg!««

»Weiter!«

»Er scheint bewegt – die Verkäuferin holt andere Blumen, weiße Orchideen! Er kauft sie – für mich! Schnell fort mit den weißen Rosen, damit ich seine Blumen gleich anstecken kann, wenn er kommt!«

Sigrid zog den Diamantpfeil, mit dem Iris immer ihre Blumen feststeckte, heraus und legte ihn auf ein Tischchen in eine Schale und das Rosenbukett in die Hände der Schwester zu der Münze.

»Weiter! Was sehen Sie jetzt?« befahl Spini.

»Er läßt die Blumen in Seidenpapier hüllen und geht mit ihnen fort. Ich sehe ihn durch die Straßen gehen. Er sieht nach der Uhr – er geht weiter.«

»Ist er allein?«

»Es geht niemand mit ihm.«

»Sind Sie dessen so sicher? Sehen Sie genau hin!«

»Es ist so finster – er steht jetzt im Schatten des Campanile am Dom obendrein.«

»Geben Sie sich Mühe. Ich will es! Ich befehle es Ihnen! Ist er allein?«

»Ja. Er nestelt an dem Papier der Blumen – halt! Ein Schatten steht hinter ihm. Aber nicht sein Schatten – ein halb zerflossener Schatten, ein – ich sehe nichts mehr!«

»Sie sollen aber sehen. Ich will es!« rief Spini, indem er wieder seine streichenden Bewegungen über die Schläfen der Schlafenden machte, die sich unruhig hin und her bewegte.

»Es ist kein Schatten mehr, nur ein zerfließendes Gebild von Nebeln – ah! Der Mond tritt hinter den Häusern vor, ich sehe«, murmelte Iris. »Marcell steckt die Nadel fest in das Papier, er sieht den Schatten nicht. Aber der Mond scheint durch und durch, ich sehe ihn – es ist eine Frau!«

»Ah!« machte Sigrid unwillkürlich, aber Spini hob warnend den Finger.

»Wie sieht die Frau aus? Was tut sie?« fragte er.

»Sie trägt ein dunkles Kleid und einen weißen Spitzenschleier über dem Kopf und in der Hand – seltsam, in den Händen hält sie ihre langen, blonden Haare – der Mond scheint darauf, und Sie sehen aus wie Sonnengold, so fein, so lang. Oh, ich sehe, unter dem Schleier sind ihre Haare abgeschnitten und um den Hals hat Sie einen schmalen roten Streifen wie ein Band. Es ist aber kein Band. Es tropft daraus und fällt auf die weißen Rosen, die sie an der Brust trägt. Drei weiße Moosrosen. Aber sie leuchten schon ganz purpurn – – ist das Blut?« schloß sie leise zusammenschauernd.

»Weiter!« befahl jetzt Sigrid, und »weiter!« sagte auch der Cavaliere.

»Die Frau lächelt«, begann Iris wieder, aber sehr leise und müde. »Sie lächelt, und – oh! ich bin es selber!« schloß sie lauter, wie überrascht, und überraschter noch sahen Sigrid und Spini sich an.

»Weiter!« befahl letzterer, sichtlich gespannt.

»Nein, es ist Sigrid«, fuhr Iris fort. »Wir beide sind es – und wieder nein! Es ist die Frau im weißen Rosenkranz in dem weißen Etui, das Papa mir gab –«

Der Cavaliere sah fragend nach Sigrid hinüber, die aber zuckte mit den Achseln. »Phantasien!« sagte sie enttäuscht. »Iris, ich, ein Porträt –! Enden wir!«

»Noch eins lassen Sie mich fragen. ›Was tut der Schatten der Frau?««

»Er neigt sich zu Marcell und spricht – Ich sehe die Lippen sich bewegen –«

»Hören Sie die Worte!«

»Ich kann nicht –«

»Sie müssen. Ich will es!«

Iris' Antlitz nahm den Ausdruck angespanntester Aufmerksamkeit an.

»Es ist zu leise«, murmelte sie.

»Hören Sie! Sie sollen hören.«

»Ich höre. Der Schatten sagt: ›Die weißen Rosen sind jetzt rot – sie sind gesühnt«. Ah – jetzt zerfließt der Schatten – er ist fort!«

»Hat der Fürst ihn bemerkt?«

»Nein.«

»Hat er die Worte gehört?«

»Ich weiß nicht. Nein, er hat sie nicht gehört. Er geht jetzt weiter, ganz im Mondlicht –«

»Ist er allein?«

»Ja!«

»Sie sehen keinen anderen Schatten neben ihm?«

»Keinen.«

»Sehen Sie genau hin!«

»Ich sehe nichts, keinen Schatten. Er biegt jetzt vom Domplatz in die Via del Proconsolo – schon ist er am Palazzo von Finito – gleich ist er hier –!«

»Um Gottes willen«, fiel Sigrid ein.

»Wachen Sie auf!« befahl Spini mit einigen raschen Handbewegungen, und Iris schlug sofort die Augen auf.

»Hab' ich geschlafen?« fragte sie, verwundert um sich blickend.

»Doch – eine ganze Weile lang«, erwiderte Sigrid, ihrer Schwester das Armband wieder um das linke Handgelenk legend, und als Iris sie fragend ansah, sagte sie schnell: »Das Schloß war aufgesprungen; ich mache es nur wieder fest!«

»Danke!« sagte sie freundlich. »Oh, da ist ja auch der Cavaliere! Ich habe Sie ja gar nicht hereinkommen sehen, Signore! Guten Abend! Nein, und warum hab' ich denn meine Rosen abgelegt?«

»Die Nadel liegt hier«, meinte Sigrid, auf den Diamantpfeil deutend, und indem sie ging, den grünen Schleier der Lampe mit einem von zartrosa Farbe zu vertauschen, setzte sie hinzu »Du hast wohl Blumen von Marcell erwartet?«

»Das muß ich aber rein im Traume getan haben«, lachte Iris, die Hand nach der Nadel ausstreckend. »Ich habe keinen Schimmer davon – ah!« unterbrach sie sich mit einem Freudenschrei, denn Ubaldo riß eben die Tür zum Korridor auf und schrie strahlenden Gesichtes mit Stentorstimme: »Sua Altezza il Principe Marcello« eine Manier des Anmeldens, die ihm kein Gott und kein Befehl abgewöhnen konnte. In der linken Hand die Rosen, die Rechte ausgestreckt zum Gruße, so eilte Iris ihrem Verlobten entgegen, ein glückseliges Lächeln auf den Lippen und in den Augen eine Welt von Liebe – Sigrid und Spini aber wechselten unwillkürlich einen Blick, denn Fürst Hochwald trug beim Eintreten in der Hand einen kleinen, als Brustbukett gebundenen Strauß weißer Orchideen – –

Über diesen wunderbaren Beweis des Hellsehens im Hypnotismus vergaßen sie ganz, ihr Medium zu beobachten, denn Iris war die kurze Strecke bis zur Tür mit merkwürdig schwankenden Schritten gegangen, dort aber ergriff sie die Hand Hochwalds wie jemand, den schwindelt und der eine Stütze sucht – sie schloß die Augen und wäre zu Boden gefallen, hätten die starken Arme ihres Verlobten sie nicht umfaßt und aufgehalten.

Sigrid holte, heftig erschrocken, eine Flasche Kölnisch Wasser, mit dem sie Iris' Schläfen, Stirn und Hände einrieb, und als sie dann noch das kräftige Aroma dieses köstlichen Erfrischungsmittels eingeatmet hatte, schien sie völlig wieder erholt und nahm nur widerstrebend wieder Platz.

»Ich bin aber so munter wie ein Fisch im Wasser«, versicherte sie lachend. »Sigrid behauptet nämlich, ich hätte vorhin geschlafen, was natürlich eine Verleumdung ist! Aber meine Glieder waren mir so merkwürdig schwer, als hätte ich Gewichte daran hängen, und im Kopf war mir so – so dumm, wie dem guten alten Wagner im Faust, als ihm das berühmte Mühlrad darin herumging. Jetzt aber ist's wieder ganz klar bei mir im Oberstübchen.«

Hochwald mußte unwillkürlich lächeln, aber er schüttelte doch noch mit dem Kopfe. Wie kam Iris, seine frische, jugendkräftige Iris zu solch einem Anfalle?

Ohne weiter zu forschen, ergriff er den Orchideenstrauß, den er beiseite gelegt, und reichte ihn seiner Braut zum »Polterabend«, wie er scherzend meinte.

»Oh, die wundervollen Blumen – wie weiße Schmetterlinge!« rief Iris entzückt, und dem Fürsten die Rosen reichend die sie immer noch in der Linken hielt, sagte sie mit ihrem süßesten Lächeln, ihrem innigsten Blick: »Nimm dafür meine weißen Rosen, Marcell – weiß ist heut abend und morgen auch deine Farbe!«

Der Fürst beugte sich herab, die weißen Hände zu küssen, die die köstlichen Blüten reichten, und tiefer beugte er sich herab, als nötig war, um den Zug des Schmerzes zu verbergen, der sein offenes, männlich-schönes Gesicht dabei verzog. Er war kein abergläubischer Mensch, aber er kannte in großen Umrissen die Sage der weißen Rosen von Ravensberg, die einmal am Kamin zur Dämmerstunde erzählt worden war, und die verhängnisvollen Blumen in Iris' Händen am Vorabend ihrer Hochzeit zu sehen, zog ihm trotzdem und alledem das Herz zusammen.

»Weiße Rosen sind eigentlich keine Brautgabe«, meinte Spini obendrein.

»Aberglauben!« sagte Sigrid achselzuckend.

»Natürlich«, bestätigte Iris. »Aber es ist wirklich merkwürdig, wie alle Welt– außer dir, Marcell – sich gegen meine Vorliebe für weiße Rosen verschworen hat. Mama durften nie welche vor die Augen kommen, ohne daß sie förmlich davor zurückbebte – Papa hat sie sich entschieden verbeten, und nun krächzt auch noch der Cavaliere seinen Text darüber her!«

»Aber Iris, wenn dein Vater weiße Rosen nicht sehen mag«, sagte Hochwald mit leisem Vorwurf, »wäre es da nicht besser, wir täten diese beiseite?«

»Nein, Marcell, und du glaubst wirklich, ich wollte meinen guten, lieben Vater heut noch mit etwas ärgern, was er nicht mag?« fragte Iris halb ernst, halb lachend. »Seht ihr denn nicht alle, daß es keine weißen Rosen sind? ›Maidenblush‹, nannte sie der Gärtner, und bei Tage ist ihr Kelch wirklich so rosig wie –«

»Wie deine Wange«, vollendete Hochwald, eine der Rosen gegen das zarte Inkarnat auf dem Gesichte seiner Braut haltend. »Aber im Ernst, Iris, sie sehen weißen Rosen ähnlicher als gefärbten, und darum wollen wir sie vor deinem Vater lieber verbergen, wenn er sie doch nun einmal nicht mag, nicht wahr?«

Iris protestierte zwar lebhaft gegen die hier herrschende Farbenblindheit, aber sie fügte sich damit doch der Bitte Hochwalds, der die Rosen in Seidenpapier verpackte und so für sich zum Mitnehmen beiseite legte.

Gleich darauf erschien Graf Erlenstein, heiter und behaglich aussehend, und sehr bald nach ihm huschte es rätselhaft und geheimnisvoll durch den Korridor, die Türen zum Salon wurden geöffnet, und das Brautpaar ließ sich auf einer Art von Thron nieder, neben dem Madame Chrysopras schon Platz genommen hatte. Hierauf erschien Sascha im Kostüm als Italiens berühmte Pastellmalerin Rosalba Carriera und überreichte die Skizze zu ihrem Gemälde: Iris im Brautkranze. Dann kam Boris in russischer Nationaltracht, sich und die Seinen der allergnädigsten jungen Tante empfehlend und sein und der Generalin Hochzeitsgeschenk, einen massiv silbernen Samowar mit Teegläsern in kaukasischen, durchbrochenen Silberbechern, und eine silberne Teebüchse auf silberner Platte überreichend – alles in jenen reichen, byzantinischen Formen, die der russischen Silberschmiede ureigene Spezialität sind.

Die nächste Figur, die nun eintrat, war niemand anders als Miß Fuxia Grant, geradezu blendend schön, wenn auch etwas gewagt als Fortuna kostümiert, mit einem goldenen Füllhorn voll der herrlichsten Blumen. Sie sagte halb englisch, halb deutsch ein launiges Gedicht und überreichte ihr Füllhorn, das an seinem gebogenen Ende ein ganz schlichtes aber höchst kostbares porte bonheur trug, dessen vier Reihen in den vier Edelsteinen

Jaspis, Rubin, Jacinth und Smaragd das Akrostichon des Namens Iris bildeten – eine sinnige Gabe, die Fürst Hochwald, um die Geberin zu ehren, sogleich um das Handgelenk seiner Braut legte. – Und wieder ging die Tür auf, und die alte Fürstin Ukatschin erschien als Ahnfrau, der Braut die Fürstenkrone in Form einer kostbaren Brosche überreichend, und nochmals kam Sascha, diesmals als Hausgeist von Hochwald, und legte als solcher im Auftrage des Bräutigams der holden Braut einen Maroquinkasten zu Füßen, der in sechs fächerförmig sich öffnenden Etagen einen wahrhaft fürstlichen Schmuck von Diamanten als Morgengabe enthielt, einen bis ins Detail reichhaltigen Schmuck, in Diadem, Kollier, Korsage, Armbändern, Agraffen und Buketts bestehend, deren künstlerisch schöne Zeichnung das Symbol der Braut, die Lilienform der Iris, und das Heroldszeichen und Kleinod der Hochwald, den Eichenbruch, umschlungen von graziös bewegten Schleifen, wiederholte.

Iris war wie geblendet von dieser königlichen Gabe, in deren Ausführung sie vor allem die liebende Hand des Gebers herausfühlte und damit diesem auch des Gebens rechte und echte Befriedigung gab. Es kommt ja auf das Verstandenwerden im Leben immer und vor allem an! Iris, die ihren strahlenden Schatz, an dem sie sich wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum freute, von allen gern bewundern ließ, schloß den Kasten fast beschämt, als Sigrid später davorstand und seinen Inhalt, wie es schien, fast verächtlich mit dem Blick überflog, in dem der sehr aufmerksame Cavaliere indes Zorn und Neid herausgelesen haben wollte. Jedenfalls hatte sie vorher der Schwester den Brautkranz auf dem weißen Atlaskissen mit so bewegten Worten überreicht, daß sie einen so schroffen Übergang fast undenkbar machten – aber wer ermißt die Tiefen eines Herzens, das mit den Bitternissen der Eifersucht gefüllt ist bis zum Rande?

Der Abend verlief in dem kleinen Kreise heiter und angeregt; Madame Chrysopras ließ nach deutscher Sitte die Unverheirateten um den Brautkranz tanzen, das heißt mit verbundenen Augen um ein kleines, rasch aus Myrtenzweigen hergestelltes Kränzlein haschen, das von den drei Mädchen Miß Grant und von den drei Heiratskandidaten, zu denen Graf Erlenstein nolens volens gerechnet wurde, Boris Chrysopras erhielt – ein Zufall, der etwas nach dem deus ex machina schmeckte, von Miß Fuxia aber mit errötender Koketterie und von Boris mit einem schuldbewußten Seitenblick auf Sigrid aufgenommen wurde.

Der arme Boris! Seit er täglich mit Miß Fuxia ausfuhr, begann Sigrids Bild in seinem Herzen, das der stets veränderlichen und leicht bewegten Meeresfläche glich, zu verblassen. Vor mehr als einer Woche schon hatte er dem Fürsten gelegentlich eines Frühstücks bei Doney gestanden, daß mattrotes Haar bei einer schönen Frau eigentlich immer sein Ideal gewesen sei. Trotzdem war er bei Miß Fuxia nicht weiter gekommen als vorher, denn diese Meisterin in der Koketterie wußte immer das entscheidende Wort zu umschiffen. Tatsache war, daß ihr gegenwärtig ein römischer Prinz den Hof machte und sie Boris nicht eher hören wollte, ehe der bewußte Ukas nicht schwarz auf weiß bewies, daß er dazu berufen war, den Stamm der Ukatschin mit dem seinigen unter der Fürstenkrone weiterzuführen. Nun aber war die alte Fürstin nicht umsonst des seligen Chrysopras gut rechnende und vorsichtige Schwester – sie wollte den entscheidenden Schritt in Petersburg nicht eher persönlich durchsetzen, solange ihrem Gesuch der notwendige Goldgrund fehlte, und so stand vorläufig der römische Prinz noch als trennendes Glied zwischen den Parteien.

Als man sich am Vorabend zum ersten Mai trennte, fiel es niemand auf, daß der Fürst bis zuletzt blieb. Er half, als Mitgefeierter, die Honneurs des Hauses machen und sagte den Mitgliedern desselben als letzter »Gute Nacht«, worauf der Graf selbst die junge Braut zum letztenmal in ihr Mädchenstübchen führte, dem sein eigenes Schlafzimmer gegenüber lag. Als Hochwald Sigrid gute Nacht wünschte, sagte er zugleich leise: »Auf ein Wort«, und öffnete die Tür zu Sigrids Zimmer, in das diese überrascht und klopfenden Herzens eintrat. Aber Hochwald ließ sie nicht lange im unklaren. Nicht unfreundlich, aber scharf und ernst sagte er, vor ihr stehend: »Sigrid, was war das vorhin mit Iris?«

»Was?« stammelte sie, heftig erschrocken.

»Dieser Ohnmachtsanfall, als ich kam. Sie sagte, sie müßte wohl geschlafen haben – wie ist das möglich in deiner und Spinis Gegenwart. Ich wünsche klar in dieser wunderbaren Sache zu sehen!«

Hochwald fühlte wenig Sympathie für seine Schwägerin, daher war wohl auch sein Blick strenger, sein Ton befehlender, als sein gütiges Herz es sonst zugelassen hätte; als aber Sigrid schwieg und den Kopf senkte, kam noch die Sorge um Iris dazu, so daß er seine Frage schärfer wiederholte.

»Ich überlege nur, ob du mir glauben würdest, wenn ich dir sage, wie es kam«, sagte sie bitter.

»Glauben? Seit wann hätte ich Grund, an der Wahrheit deiner Aussagen zu zweifeln?« fragte er kühl.

»Nun denn«, begann Sigrid, »ich war mit Iris allein, sie saß in dem niedrigen Sessel, und ich verschleierte die Lampe. Dabei mußte ich sie ansehen, eine ganze Weile lang – ich weiß selbst nicht warum. Sie schien einzuschlafen – und dann kam der Cavaliere und sagte mir, ich hätte sie unwissentlich hypnotisiert – oh, siehst du nun, daß du mir nicht glaubst?« schloß sie heftig.

»Nur das Wort ›unwissentlich'«, entgegnete Hochwald ruhig, aber mit schwer umwölkter Stirn. »Doch gleichviel. Und dann?«

 »Dann?« stammelte Sigrid, »dann hat der Cavaliere ihr befohlen, aufzuwachen.«

»Ist das die Wahrheit?« fragte der Fürst mit sichtlicher Überwindung.

»Ja.«

»Ihr habt sie nicht, zufällig oder im Scherz – du siehst, ich bin geneigt, Brücken zu bauen – Dinge suchen und verrichten, hellsehen lassen?« fuhr Hochwald fort.

Sigrid richtete sich hochmütig auf.

»Ich brauche keine Brücken«, sagte sie mit feindlichem Blick. »Wir haben in der Tat einige Fragen an sie gerichtet– zum Beispiel, wo du dich befindest, und sie sah dich ohne Zögern in dem Blumenladen den Orchideenstrauß wählen. Im übrigen waren ihre Reden ziemlich verworren – sie sprach von Schatten, von einer Frau, die sie abwechselnd für sich selbst, für mich und für ein altes Porträt in Papas Besitz hielt, und dann erwähnte sie mehrmals die weißen Rosen von Ravensberg. Was ist es damit? Ich hörte niemals davon sprechen.«

»Eine Legende«, erwiderte Fürst Hochwald, der aufmerksam zugehört hatte. Dann schritt er nachdenklich ein paarmal auf und ab, gefolgt von Sigrids brennenden Augen.

»Hat meine Erklärung dir genügt?« fragte sie endlich.

»Gewiß.« – Er blieb wieder vor ihr stehen und legte die Rechte auf ihre Schulter, eine Berührung, unter der sie zusammenzuckte und das Blut aus ihren Wangen weichen fühlte. Aber sie hielt die Augen fest auf ihn gerichtet.

»Sigrid«, sagte er ernst und mild mit seinem nur ihm eigenen, zu Herzen gehenden Ton. »Sigrid, ich werde von morgen an den Titel eines Bruders für dich führen, und meine reinste und beste Absicht ist es, dir ein guter Bruder zu sein mit Rat und Tat. Aber es hat jeder seine schwache Seite, wie man so sagt, trotzdem ich sie gerade für meine stärkste halte – Iris! Ich würde in dieser Beziehung kein Maß kennen, wenn diese Seite in mir gereizt würde. Ich warne dich also davor und verbiete dir ein für allemal, irgendwelche hypnotischen Experimente mit Iris vorzunehmen, noch zu dulden, daß andere es tun. Ich gehöre nicht zu den Leuten mit leeren Worten, ein einziges Übertreten dieses Verbotes – Verbotes, sage ich –, und wir beide sind geschiedene Leute für immer. Ich hoffe, du hast mich verstanden.«

Sigrid nickte wortlos – sie fürchtete, schreien zu müssen, wenn sie den Mund öffnete.

»Ich lebe gern in Freundschaft mit der Welt«, schloß Hochwald freundlich, »und ein Zerwürfnis mit dir, die meiner Frau stets eine liebevolle Schwester war, würde mich am tiefsten schmerzen. Aber es wäre unvermeidlich. Also respektiere meine Bitte –«

»Dein Verbot!«

»Mein Verbot – und laß uns Freunde bleiben. Gute Nacht, Sigrid!«

»Gute Nacht –!«

Daß Hochwald nach all dem Seltsamen, das er gehört, nicht zu früh den Schlaf fand, darf nicht wundernehmen. Er hatte sich dem tierischen Magnetismus gegenüber stets ungläubig verhalten und den modernen Ausführungen des Hypnotismus als ein Mann ohne Erfahrung gegenübergestanden. Was er heut über Iris' hypnotischen Zustand gehört, machte ihn ratlos und verwirrt. Erstens: welcher starke Wille hatte sie in den hypnotischen Schlaf versetzt? Der Sigrids, das hatte diese selbst zugestanden. Aber man hypnotisiert niemanden »zufällig« – darin also hatte Sigrid die Wahrheit umgangen. Und dann die Wirkung! Hier zweifelte Hochwald nicht an Sigrids Bericht, denn er gedachte eines düsteren Regentages, als er nachmittags in dem Mädchenzimmer seiner Braut saß und deren »Schätze« besichtigte – die Fächersammlung, die er durch manch wertvolles Stück bereichert hatte seitdem, und ihre anderen Sachen und Sächelchen, Sevresfigürchen, Alt-Meißner und Dresdner Gruppen, winzige chinesische Teekännchen.

Graf Erlenstein saß am Kaminfeuer, doch das Wetter war schwül und schläfrig, und der Regen prasselte in schweren Tropfen an die Fensterscheiben, und das Buch war ihm aus der Hand geglitten, und er schlief – –

Sigrid hatte sich längst fortgestohlen – sie haßte dieses Beisammensein mit dem Brautpaar, das nun so gut wie allein war. Da hatte Iris dem Verlobten das weiße Maroquinetui gezeigt mit den beiden Miniaturporträts und ihn gebeten, sie nicht auszulachen, als sie ihm gestand, welch seltsam lähmendes Gefühl sie stets beschleiche, wenn sie das Porträt der Dame im weißen Rosenkranz betrachte.

»Gerade, als müßte mir Unheil kommen von dieser schönen Fee, und sie ist doch tot, wie Papa sagt«, schloß sie.

Hochwald war nur mit der größten moralischen Anstrengung Herr seiner Bewegung beim Anblick des weißen Maroquinetuis geworden. Vor seiner Erinnerung war eine Szene zur Dämmerstunde am Kamin lebendig geworden, als derselbe Mund, den Meisterhand hier auf das Elfenbein gezaubert, die Sage von den weißen Rosen von Ravensberg erzählt und die Geschichte dieses Maroquinetuis dazu – – – oh, es gibt Tage in unserem Leben, wo jedes Wort, das in ihrem Laufe gesprochen wurde, in unserer Seele eingegraben steht wie in ein erzenes Monument.

Iris' lächelnde Frage, ob die Fee mit den weißen Rosen auch ihn bezaubert hätte, hatte ihn aufgeschreckt, und leidenschaftlich wie nie zuvor hatte er das lichte, blonde Haupt seiner Braut an die Brust gedrückt, als müßte er sie vor etwas Ungenanntem schützen.

Und nun – was er heut abend gehört, war nur ein Glied mehr zu der Kette, die unsichtbar und unerklärt von der alles durchdringenden Wissenschaft die Seele des Menschen mit einer Region verknüpft, in die noch kein Lebender gedrungen. Hochwald erinnerte sich, einst, nachdem er einigen hypnotischen Suggestions-Experimenten beigewohnt, einen Arzt über Wesen und Berechtigung des Hypnotismus befragt zu haben. Dieser, ein sehr klar denkender Mann, hatte seinen unbedingten Glauben an den Hypnotismus ohne Vorbehalt zugegeben, aber hinzugefügt, daß die Wissenschaft sich vorläufig noch ablehnend dagegen verhalte, weil die geheimnisvollen Kräfte desselben noch nicht einmal erkannt, geschweige denn erforscht seien. Die frühere Annahme, daß der tierische Magnetismus auf Irrtümern und Täuschungen beruhe, sei längst fallengelassen worden, denn für den Arzt und den Juristen sei der Hypnotismus die Wissenschaft der Zukunft. Die längst erkannten, jetzt noch für uns geheimnisvollen Kräfte seien durch die Betrügereien und Scharlatanerien eines Cagliostro, eines St. Germain und ihrer Nachfolger in Verruf geraten und von der Wissenschaft in Acht und Bann getan worden – eine Ansicht, die freilich jetzt von Autoritäten als falsch und voreilig zurückgenommen und bekämpft würde.

»Wenn nun«, sagte sich Hochwald, »äußere Dinge genügten, um einen Kontakt zwischen Iris und der – Vergangenheit zu vermitteln, wie würde dann die Wirkung sein, wenn sie in direkte Berührung mit derselben kommen würde?«

Eine ungelöste, nicht zu lösende Frage, deren Beantwortung im Schoße der Zukunft verborgen ruhte.

Aber noch ein anderes als diese Meditationen drängte sich Hochwald auf beim Nachdenken über die Ereignisse des Abends – Sigrid. Sie war ihm – nun, direkt unsympathisch war vielleicht zu stark ausgedrückt, aber er mochte sie nicht, und wenn er ihr regelmäßig schönes, vom ersten Jugendschmelz überhauchtes Gesicht sah, hatte er immer die Empfindung, als ringelte sich eine Schlange über seinen Weg – das einzige Tier, das ihm einen unbesiegbaren Widerwillen einflößte. Er hatte sich oft selbst und mit Erfolg über diese Abneigung gegen Sigrid Erlenstein gescholten und sich bemüht, auf einen geschwisterlichen Fuß zu kommen, allein der etwas steinerne Blick ihrer lichtblauen, hellumrahmten Augen hatte ihn immer wieder an den Blick der Schlange erinnert, und er war froh, daß sie sich ihm stets gleichmäßig kühl, zurückhaltend, fast feindlich oft, gegenüberstellte. Ein ständiger Gast auf Hochwald soll sie mir nicht werden, dachte er noch im Einschlafen.

Der erste Mai kam glorreich heraufgezogen, ein echter Frühlingstag mit Sonnenschein, mit einer sanften, kaum merklichen, kühlenden Brise von den Apenninen her, mit Rosenduft und blauem Himmel – ein echter, rechter Hochzeitstag. Die Erlenstein waren bei ihrem Umzug nach Florenz zu Or San-Michele eingepfarrt worden, und hier in diesem großartigen gotischen, eigenartig-erhabenen Baudenkmal, vor dem berühmten Tabernakel des Andrea Orcagna mit seinem wundertätigen Madonnenbild, vor diesem herrlichsten Kunstdenkmal, über das fünfhundert Jahre dahingegangen sind wie ebensoviel Tage, kniete, als die Glocken zum Angelus verhallt waren, die lieblichste junge Braut im Kranz und Schleier, das unschuldreine Herz bewegt und geschwellt von dem tiefen, heiligen Ernst dieser Stunde, die den Wendepunkt im Leben zweier Menschen bezeichnet.

Das doppelte »Ja« war verhallt, der heiligste Schwur, den menschliche Lippen sprechen können, war verklungen, und das neuvermählte Paar kniete auf den Altarstufen zum kurzen innigen Gebet, zu einem lautlosen, weihevollen Gelöbnis. Der Weihrauch kräuselte duftend empor und stieg hinan, sich mit dem Mittagssonnenschein zu mischen, der heiter und wie ein Gruß des Himmels selbst durch die gemalten Scheiben strahlte und das im mystischen Dunkel liegende rechte Schiff der Kirche zu lichter Dämmerung verklärte. Sanfte, träumerische Orgeltöne durchfluteten den Raum, den Rosen- und Orangenblütenduft durchzog – und sonst war alles still, denn die Trauzeugen wagten nicht, die stille Andacht der Neuvermählten zu stören, und standen still abwartend neben ihren Stühlen – ein kleiner, ganz kleiner Kreis, nur bestehend aus dem Vater der Braut und der Schwester des Bräutigams, den beiden Brautjungfern Sigrid und Sascha, und als deren Führer Boris und der Cavaliere Spini – sonst niemand.

Wie eine weiße Taube kniete Iris vor dem Heiligenschrein des Orcagna, die wunderschönen, veilchenblauen Augen in seliger, frommer Selbstvergessenheit emporgerichtet zu der wundertätigen Madonna, die mild herabzulächeln schien, und so innig, so tief war ihre Andacht, daß es Hochwald schwer wurde, sie durch ein leis geflüstertes: »Iris, meine süße Frau«, in die Wirklichkeit zurückzurufen, in die sie indes lächelnd und willig zurückkehrte.

Daheim im alten Palazzo wartete schon mit einer märchenhaften Blumenfülle der kleine Kreis, der die Hochzeitstafel vervollständigen sollte – kostbare Stoffe fegten in langen Schleppen über den Estrich, Brillanten funkelten und blitzten im Mittagssonnenlicht, und mitten darin stand am Arme ihres Gatten die Fürstin Iris Hochwald und nahm die Glückwünsche entgegen, die ihr mit ungeteilter Herzlichkeit entgegengebracht wurden.

Die Frühstückstafel verlief unter heiteren und ernsten Reden fröhlich für die Gäste, wie immer – und wie immer auch als eine Prüfung für das Brautpaar, denn sich in Rede und Gedicht anfeiern zu lassen, ob ernsthaft oder scherzend, ist immer eine Prüfung. Endlich, endlich winkte Madame Chrysopras, die in violettem Goldbrokat mit Zobelbesatz majestätisch genug als »Brautmutter« fungierte, der jungen Frau, und diese erhob sich, um droben in ihrer Schlafstube das Brautgewand mit dem Reisekleide zu vertauschen. Zugleich auch stand der Graf auf, um seinen Schwiegersohn in sein Ankleidezimmer zum Wechseln des Anzuges zu führen.

»Ihr findet mich dann in meinem Bau«, sagte er. »Nicht um Abschied zu nehmen – ich nehme niemals Abschied, sondern um mein Sonnenscheinchen vor ihrer Abreise allein und ohne fremde Zeugen zu segnen!«

Mehr als ein Jahr war vergangen, und im Parke von Schloß Hochwald blühten die Rosen in märchenhafter Pracht, säuselten die Blätter und Zweige der Eichen, Blutbuchen und Föhren in der warmen Sommerbrise, die über die Nordsee kam mit köstlich erfrischendem Hauch. Ein Jahr und drei Monate – im Maß der Ewigkeit ein Körnchen nur, und doch, wie reich, wie unvergeßlich herrlich für die zwei glücklichen Menschen auf diesem schönen Fleck Erde voll von der Poesie des nordischen Gestades.

Fünfzehn Monate ungetrübten Glückes waren für Marcell und Iris Hochwald vergangen, flüchtig wie ein schöner Traum, trotzdem sie das einsame Hochwald nicht ein einziges Mal verlassen hatten, selbst dann nicht, als die Herbst- und Frühlingsstürme ihnen die Wellen der Nordsee bis hoch an das graue Schieferdach des Schlosses geworfen.

Wenige Wochen nach ihrem Hochzeitstage war der Graf von Erlenstein heimgegangen, nun er das Kind seines Herzens wohlgeborgen vor den Stürmen des Lebens an der Seite des geliebten Mannes wußte, gerade als hätte er nur das noch erleben wollen. Iris war mit ihrem Gatten wieder nach Florenz geeilt und dort geblieben, bis man den Grafen zu San Miniato beigesetzt hatte. Madame Chrysopras bot Sigrid auf Veranlassung ihres Bruders eine Heimat in ihrem Hause, wenigstens vorläufig an, und Sigrid, die ihren Vater so heiß betrauerte, als es ihr kühles Empfinden gestattete, und sich im ersten heiligen Schmerze wieder in alter Liebe mit Iris vereinte, nahm dies Anerbieten gern an und versprach ihren Besuch auf Hochwald für später. Es folgte nun noch die Erbschaftsregulierung respektive Verlesung des Testamentes, das zur allgemeinen Überraschung ein reicheres Erbe aufwies, als man vermutet hatte.

 »Papa hat immer nur die Zinsen eines Vermögens in der Höhe meines Erbteiles verbraucht, ich habe ja so oft für ihn die Berechnungen gemacht«, erklärte Sigrid mehr als einmal ganz erstaunt. Sie war ja immer noch keine reiche Erbin im heutigen Sinne des Wortes, aber sie konnte doch standesgemäß sorgenlos leben mit dem, was sie ererbt, ohne sich nicht allzu extravagante Wünsche versagen zu müssen.

Iris' Erbteil war indes bedeutend, ja mehr als um das Doppelte höher, »infolge des Vermächtnisses einer Pate«, wie das Testament erklärte; dieselbe ungenannte Pate hatte Iris auch ihren Schmuck, bestehend in sehr schönen Perlen und anderen Juwelen, hinterlassen, weshalb Sigrid den Schmuck ihrer verstorbenen Mutter ungeteilt allein erhielt – eine Bestimmung, die Madame Chrysopras für merkwürdig und parteiisch erklärte, von Iris aber als ganz gerecht und natürlich verteidigt wurde, welche Ansicht Fürst Hochwald kräftig unterstützte. Iris erhielt ferner die verschlossene, mit schwarzem Samt bezogene Truhe als ein weiteres Vermächtnis der ungenannten Pate – die Schlüssel dazu ruhten in dem versiegelten Schreiben, das der Graf ihr selbst noch eingehändigt, um es nach seinem Tode zu öffnen. Fürst Hochwald hatte einen gleichfalls versiegelten Brief des Grafen aus dem Nachlasse erhalten mit der Aufschrift: »Für den Fürsten Marcell Hochwald, meinen Schwiegersohn. Nur von ihm allein zu lesen.« –

Sigrid vermutete, daß in diesem Briefe Aufklärungen über die überraschenden Vermögensverhältnisse ständen, vielleicht auch der Name von Iris' rätselhafter Pate. Sie ließ sich dazu hinreißen, ihren Schwager zu befragen, erhielt aber von diesem in höflichster Form nur den Bescheid, daß er keine Autorität von dem Heimgegangenen erhalten habe, über den Inhalt des Briefes zu sprechen – eine Zurückweisung, die Sigrid mit heftigen Selbstvorwürfen über ihre Neugierde erfüllte. – Die schwarze Truhe und den versiegelten Brief mit dem Schlüssel dazu erbat sich Marcell Hochwald aber von seiner Gemahlin, bis ihr Schmerz ruhiger geworden sei, und sie überließ ihm beides willig genug, denn der Inhalt der Truhe reizte sie nicht, sie mußte immer an das Grausen denken, das sie empfunden, als sie den düstern Kasten zuerst gesehen hatte.

Als dann alles rasch und glatt geordnet, Sigrid in die Villa Chrysopras übergesiedelt und der alte Palazzo am Borgo degli Albizzi geschlossen und dem Verwalter übergeben worden war, reisten Hochwalds wieder von Florenz ab, und Iris hielt, in schwarzen Krepp gehüllt, ihren zweiten Einzug in die neue Heimat.

Die Trauer verbot ja zunächst jede Geselligkeit – das gab eine gute Zeit zu innigem Zusammenleben, zum Durchstreifen des Landes und der Wälder zu Pferd, zu Fuß und zu Wagen, zu köstlichen Segelfahrten auf der weißen, goldverzierten Jacht »Iris« mit einer Lilie am Bug als Wahrzeichen – alles das war ja neu und voll von niegeahnten Wundern für Iris, die ihr junges Leben nur im Süden Italiens zugebracht und wohl das Tyrrhenische, das Adriatische und das Mittelmeer, nicht aber den Norden, geschweige denn den mit Buchen- und Eichenwäldern gekrönten Strand der Nordsee kannte. Der Sommer ging hin wie im Traum, und der Winter brachte neue Freuden in den Kunst- und Bücherschätzen des Schlosses, aber auch manch eine Stunde bangen Herzklopfens für Iris, wenn die Stürme das Schloß umtobten, wenn die Brandung brüllte und donnerte und die Wogen ihren Gischt turmhoch spritzten.

Und dann taute der tiefe, tiefe Schnee im Park und in den Wäldern, ein blaues Veilchenwunder löste die Schneeglöckchen ab in ihren Heroldsrufen des kommenden Frühlings – im Boudoir der jungen Fürstin duftete es jetzt von zahllosen Maiglöckchen, Veilchen und Narzissen, und als die Kirschblüten aufbrachen und der Rotdorn zu blühen begann – es war just, wie dem Tage zu Ehren, am ersten Mai, da wurde dem Stamme des Fürsten von Hochwald ein Erbprinz geboren, blond und blauäugig wie seine Mutter, und von dem alten, würdigen Schloßkaplan sogleich auf den Namen Siegfried getauft.

Die Glocken der Schloßkapelle und der Dorfkirche läuteten das frohe Ereignis jubelnd hinaus in die sonnige Luft, und von der Düne donnerte das Strandgeschütz fünfzigmal über die spiegelglatte See. Die junge Mutter lag selig lächelnd in ihren weißen Kissen, betend und Träume spinnend für das Kind, vor dessen spitzenumhülltem Bettchen der Fürst stand mit vor Glück übervoll geschwelltem Herzen.

Nun war's Juli geworden, und die Rosen blühten wie im Märchengarten Rosalindens, es versprach ein köstlicher Sommer zu werden.

Früh am Morgen hatte Iris im Kinderzimmer die blauseidnen, spitzenbedeckten Vorhänge am Bettchen des schlafenden Siegfried fester zugezogen und die Fenstervorhänge dichter geschlossen, damit die Morgensonne den kleinen Schläfer nicht vorzeitig wecke, hatte der jungen, kräftigen Fischersfrau, deren Mann im zeitigen Frühjahr gestrandet und ertrunken war und die nun als Amme des kleinen Prinzen im Schloß eine Heimat gefunden, noch einige Anweisungen gegeben – und war dann, leis eine Weise singend, wie sie's früher schon gern getan, hinabgeeilt in die große, eichengetäfelte Halle, von deren kassettierter Holzdecke Schiffsmodelle und Seeungetüme herabhingen zwischen mächtigen schmiedeeisernen Lichterkronen und Schiffsflaggen – eine Halle, die an eines nordischen Seekönigs Burg erinnerte mit ihren altersschwarzen, seltsam geschnitzten und mit Runenschrift verzierten Kaminen, in denen an kühlen Frühlingstagen oft mächtige Scheite glühten – mit ihren massiven, eichenen Tischen und Sesseln, ihren Bärenfellen, Waffen, Rüstungen, Hirsch- und Elchgeweihen – ein Raum, den zu sehen schon mancher Archäologe herbeigereist war.

Die Gestalt von Iris in dem weichen Morgenkleide von weißer Wolle, ihr lieblicher Kopf mit den blauen Augen und dem lichten Flachshaar schien wie bestimmt für diesen Raum – sie hätte nur eines der mächtigen Trinkhörner vom Kredenztische zu heben brauchen, um die Täuschung zu vollenden, als ob Königin Dagmar dem heimkehrenden Gatten, Waldemar dem Dänenhelden, den Frühtrunk kredenzen wollte. Iris aber ließ die Hörner an ihrem Platze und eilte hinaus auf die Seeterrasse, da sie dort den Fürsten Marcell zu finden hoffte. Aber er war nicht da – sie nickte ihrem geliebten Meere, das im Sommermorgen-Sonnenglanz so feierlich dalag wie ein harmlos schlafendes Kind, einen Gruß zu:


»Groß ist das Meer und der Himmel,
Doch größer ist mein Herz,
Und schöner als Perlen und Sterne
Leuchtet und strahlt meine Liebe.«


Dann verließ sie die Terrasse, durchschritt die Halle abermals und die links liegende Bibliothek, im Erdgeschoß nach dem Park, in zwei Stock Höhe der Meerseite zu, und fand den Fürsten am Schreibtische in seinem Arbeitszimmer neben der Bibliothek – einem geräumigen, behaglichen Gemache mit bequemen Sesseln und Möbeln. Die auch hier getäfelten Wände schmückten Jagd- und Pferdebilder und eine Kollektion von seltenen Rehgehörnen, ferner einige Familienporträts und dem die Mitte des Zimmers einnehmenden sogenannten Diplomatenschreibtisch gegenüber stand Saschas wunderschönes Pastellporträt von Iris im Brautschmucke.

Marcell Hochwald saß über einen Forstbericht gebeugt, als Iris neben ihn trat und seinen Hals mit ihren Armen umschlang.

»Ah, guten Morgen und willkommen, Sonnenscheinchen« sagte er, mit glücklichem Lächeln ausblickend. »Komm, setze dich mit deinem Frühstück zu mir, bis ich diesen Bericht gelesen habe. Dann wollen wir die Posttasche öffnen, und dann muß ich hinaus nach der Oberförsterei, und du kannst mich begleiten!«

»Oh, Marcell, wie herrlich«, jubelte Iris wie ein Kind dem man ein Vergnügen verspricht, und da ihr auch schon ein Diener folgte, um zu wissen, wo Durchlaucht das Frühstück nehmen werden, so stand der leicht transportable Teetisch mit seinen wohlbesetzten Etageren bald neben dem Schreibtisch, und Iris bereitete am sprudelnden und zischenden Samowar den Tee. Während des Frühstücks schloß Hochwald die Posttasche auf und ordnete die darin befindlichen, für den Schloßbezirk bestimmten Briefe.

»Zwei fürs Rentamt, einen für den Kaplan, einen an die Beschließerin – nun, das ist heut ein magerer Tag«, meinte er. »Doch nein, hier ist noch einer an mich – ein wahres Manuskript von Olga, und wie ein Wiedehopf nach Juchten riechend. Der Kuckuck hole diese modernen Parfüms! Oh, Iris, du bist fertig mit deinem Tee – lies du mir die Epistel vor, das heißt, wenn deine Nase weniger empfindlich ist.«

Iris nahm lachend den Brief mit dem riesenhaften farbigen Monogramm in russischen Lettern entgegen und schnitt das Kuvert auf.

»Ich wette, Boris riecht jetzt auch auf zehn Schritte nach Juchten«, meinte sie, den Brief entfaltend. Und dann las sie wie folgt:

»Mon cher Marcell! Da ist sie wieder heraus aus der Feder, die französische Anrede, wegen der Du mich voriges Jahr in Florenz so ›dienstlich gerissen‹ hast. Aber was willst Du von einer Kosmopolitin, bei der die babylonische Sprachenverwirrung eigentlich doch ganz natürlich ist? Deutsche von Geburt, der Verheiratung nach Russin, in Italien, Frankreich und England zumeist lebend – ich bin ja ein lebendiges Beispiel internationaler Nationalität. Doch um zur Sache zu kommen – Du und Deine Frau, Ihr habt jetzt genug têtê-á-têtês gehabt, und ich finde, daß Se. Durchlaucht der Erbprinz alt genug sind, um Damenbesuch empfangen zu können. Also wir kommen, Sigrid, Sascha und ich, als drei gute Feen an Siegfrieds Wiege zu stehen, das heißt wenn er eine hat. Moderne Kinder werden ja nicht mehr gewiegt, was für den Verstand vorteilhaft, für bequeme Wärterinnen aber sehr unbequem sein soll. Sobald Du auf die Zeilen telegraphierst: »Bienvenu« oder »Welcome« oder »Benvenuto«, dann packen wir und erscheinen als drei Grazien auf Hochwald. Ich sehne mich schon so sehr, das liebe alte Schloß wiederzusehen – nach 22 Jahren zum erstenmal wieder, denn den kurzen Aufenthalt dort im vorigen Jahre zur Vorbereitung von Iris' Empfang kann ich doch nicht als Besuch rechnen. Außerdem war die See in diesen Tagen stark bewegt, und ich hatte nachts, wenn ich schlief, so schreckliche Träume – –

Also wir kommen, und freuen uns darauf, das kann ich wenigstens für mich behaupten und für Sascha auch, die Dich und Iris ganz närrisch liebt und für die See schwärmt. Ob Sigrid sich freut, kann ich nicht sagen – sie ist so schrecklich zurückhaltend und kühl in ihren Kundgebungen –, aber eigentlich ist's doch anzunehmen. Ich weiß nicht, ob Du Sigrid zu ihrem Vorteil verändert finden wirst. Sie hat das Herbe in ihrem Wesen fast ganz abgestreift und ist aus einem jungen Mädchen eine Salondame geworden, der die Herren zu Füßen liegen, was sie aber gar nicht zu sehen scheint. Scheint, sage ich, denn diese Blondinen mit den kalten Vergißmeinnichtaugen sind oft stille Wasser, die ja nach dem Sprichwort tief sein sollen. Sie hat ja große Gesellschaften in diesem Winter nicht besucht, aber ich hatte doch nach Neujahr wieder meine ›Abende‹, bei denen Sie erschien und in ihren schwarzen Tüll- und Spitzenkleidern sehr schön und so unnahbar aussah wie die Königin der Nacht in der Zauberflöte. Du wirst sie vielleicht etwas blasiert finden, wenn ich diesen Ausdruck anwenden darf, denn anderseits spricht sie viel und mit Entschiedenheit – kurz, sie hat sich verändert. Ich höre, sie hat auf Iris' und Deine Briefe in diesen fünfviertel Jahren nur zweimal geantwortet. ›Was soll ich denn schreiben?‹ – hat sie mir in ihrer kühlen Weise geantwortet. ›Was Iris interessiert, verstehe ich zu mangelhaft, und Gefühlsduseleien hinzukritzeln – »Dieu m'en préserve!« – Ich muß gestehen, daß ich sie nach dieser Antwort gern ein bißchen geschüttelt hätte – á la mode d'Allemagne, you know! Sascha kommt noch am besten mit ihr aus – nicht, daß sie und ich uns nicht vertrügen, Gott behüte, aber ich habe neben ihr immer das Gefühl, als ob – ja, wie soll ich's nur gleich ausdrücken – als ob ich einen Gletscher neben mir hätte, schön, kalt und unnahbar. Kurz, ein Noli me tangere. Aber solche Naturen machen mich nervös!

Doch nun von etwas anderem. Vor acht Tagen hat also, wie Du weißt, in der russischen Kapelle der Villa Demidoff die Vermählung von Boris mit Fuxia Grant stattgefunden. Alles verlief sehr prächtig und würdevoll. Als Vertreter der Familie der Braut war niemand da, da sie Gott sei Dank ja leider Waise und ein einziges Kind ist, aber sie hatte ein paar hier anwesende, resp. auf der Durchreise begriffene amerikanische Freundinnen als bridesmaids, die in weißen Spitzen und rosa Atlas erschienen mit Riesen-Gainsborough-Hüten, was fremdartig, aber hübsch aussah. Fuxia sah wundervoll aus, ihre Toilette war einer Kaiserbraut würdig an Kostbarkeit. Die Kronen wurden während der Trauung von zwei jungen vornehmen Russen, Boris' Freunden, über den Köpfen des Brautpaares gehalten. Kurz, die Hochzeit war ein unbestreitbarer Erfolg! Nach dem Frühstück reiste das junge Paar nach Rom ab, wo Fuxia dem Corps diplomatique und bei Hofe vorgestellt werden soll – ich aber erhole mich von den Strapazen, denn wenn auch Tatiana Ukatschin Brautmutter spielte, so lag doch alles auf mir, alles! Zwar ihren Trousseau hat Fuxia in Paris machen lassen – die Zaritza kann ihrer Tochter keinen reicheren, kostbareren bestellen und schenken. Aber es war doch recht anstrengend, Fuxia bei aller Welt einzuführen und vorzustellen – enfin, ihr ein wenig europäisches savoir vivre nach dem Kodex der upper ten thousand beizubringen. Sie ist manchmal so schrecklich taktlos und – ungewöhnlich, weißt Du! Jetzt gilt's ja noch für originell, aber später – nun, ich hoffe, es schleift sich ab, und Boris' guter Einfluß wird ihr die Yankee-Manieren schon abgewöhnen. Doch was ich eigentlich sagen wollte – Boris wollte Euch seine junge Frau gern vorstellen und wird mit ihr, mit Eurer Erlaubnis, gleichzeitig mit uns in Hochwald eintreffen. Die Reise zu Euch wollen sie als ihren weddingtrip betrachten – was sie dann für Pläne haben, hängt davon ab, ob Boris nach Petersburg zurückberufen wird oder in Rom bleibt.

Und nun noch eine Neuigkeit: Der Cavaliere Spini hat richtig sein Marquisat geerbt in der Maremma! Aber ich glaube, das ist ein Titel ohne Mittel, doch ist er gestern nach Rom gereist, da die Regierung das Land ankaufen will. Man sagt, viel wird er für den elenden Malariasumpf nicht bekommen, aber er will wenigstens den an der Besitzung hängenden Titel herausbekommen bei dem Verkauf. Weißt Du was Marcell? Du könntest ihn eigentlich auch nach Hochwald einladen! Die arme Sascha hat nun einmal diese stille Neigung – über den Geschmack läßt sich nicht streiten – und am Ende hält er doch noch um sie an. Den Titel wird er schon noch herausschlagen, und wenn er auch sonst nicht viel hat, mit Saschas Vermögen können Sie sehr bequem leben, und dann – häßliche Mädchen haben nun einmal wenig Chancen, und die arme Sascha gleicht ja leider nur zu sehr dem guten, seligen Chrysopras! Die Idee mit Spinis Einladung stammt übrigens nicht von mir – Sigrid hat mir die Sache plausibel gemacht und ich finde, sie hat recht. Also wirst Du ihn einladen, Marcell? Ja? Es wäre reizend von Dir, und um die Wahrheit zu gestehen, ich habe Spini schon in Deinem Namen eingeladen, aber diese Italiener sind stolzer als ein spanischer Hidalgo, selbst wenn sie arm sind wie die Kirchenmäuse, und ohne eine spezielle Einladung von Dir selbst käme er nicht – Also Bitte! – –

Doch nun zum Schluß, der kurz sein soll. Mit vielen Grüßen von Sigrid und Sascha an Iris und Dich, verbleibe ich toujours Deine treue Schwester

Olga Chrysopras.


PS. Einen Kuß á son Altesse le Prince héréditaire.


PS. Nr.2 Iris schreibt vielleicht an Fuxia eine Zeile wegen ihres Hinkommens nach Hochwald, ja?


PS. Nr.3 Spinis Adresse ist: Marchese Spini della Pescaja nella Maremma, Rom, Albergo Costanzi.


PS. Nr.4 Fuxias Adresse ist: A Madame la Princesse d'Ukatschin-Chrysopras, Rome Hôtel de l'Europe, Piazza di Spagna.


Iris ließ nach Verlesung des letzten Postskriptums die veilchengeschmückten, juchtenduftenden Bogen mit der langgezogenen, eleganten Schrift in den Schoß sinken und sah ihren Gatten an.

»Es ist merkwürdig, welches Talent Olga hat, Unruhe zu stiften«, sagte er nach einer Weile seufzend. »Ich fühle mich jetzt schon gehetzt. Doch es ist nicht zu ändern – schreiben wir ein ›Willkommen« nach Florenz. Du übernimmst doch die ›Fürstin Fuxia«, Iris? Und ich den Cavaliere – oh, Olga, warum hast du mir den noch angetan! Wir werden die Ahnenbilder verhängen müssen, Schatz, sonst erleben wir Unerhörtes, wenn sie sehen, wie in diesem feudalen Dynastensitz das amerikanische und italienische Abenteurertum einzieht!«

»Oh, Marcell!«

»Nein, Iris, ich weiß, du kennst mich, und du weißt auch, daß ich den Menschen nach seiner Bildung und nicht nach seiner Geburt schätze. Aber neben der Bildung des Geistes muß auch die des Herzens Hand in Hand gehen, denn was nützt mir ein nach außen gefirnißter Mensch, dessen Charakter nicht ganz tadellos ist. Und das fürcht' ich sehr bei diesen beiden uns aufgenötigten Gästen. Doch du siehst so nachdenklich drein, mein Liebling!«

»Der Brief hier gibt mir zu denken, Marcell«, erwiderte Iris. »Da ist zunächst der Satz über Sigrid, über ihr verändertes Wesen!«

»Sigrid ist – doch nein«, unterbrach sich der Fürst. »Du weißt, Sigrid ist mir nicht sympathisch, aber das darf mich nicht verleiten, ungerecht gegen sie zu sein.«

»Aber sie ist mir ein Rätsel, Marcell«, rief Iris kopfschüttelnd. »Denke dir ein Wesen, das bis zu dem Moment wo du in unser Leben tratest, nur Liebe, Fürsorge und Gedanken hatte für Papa und mich, das mich verhätschelte, verwöhnte und verzog. Und nun plötzlich dieser Umschwung. Wie soll ich das verstehen?«

»Vielleicht löst sie uns selbst noch einmal dieses Rätsel«, erwiderte Hochwald, der von der Lösung wohl nicht weit entfernt war, seine Ideen darüber Iris aber nicht mitteilen mochte. »Der Mensch ist Wandlungen so leicht zugänglich und muß eine Sturm- und Drangperiode seines Lebens wohl einmal durchkämpfen. Vielleicht ist Sigrid gerade in dieser Epoche, die oft einen Wendepunkt bezeichnet. Viele überwinden es rasch oder toben es aus – andere brauchen Zeit, um mit sich selbst fertig zu werden und die Gärung in ihrer Seele zu klären. Es ist wohl am besten, man überläßt Charaktere wie Sigrid sich selbst, bis sie das Bedürfnis fühlen in ihre alten Kreise zurückzutreten. Was nun Olgas Brief betrifft, so gibt er allerdings zu denken – nächst Sigrid über den Fall Boris-Fuxia.«

»Ja«, sagte Iris lebhaft. »Olgas Worte über ihre Schwiegertochter klingen gereizt, findest du nicht auch?«

»Zweifellos, Kleine!« gab der Fürst zu. »Nun, wir werden ja sehen, was faul ist in diesem Staate Dänemark. Hoffentlich etwas, was sich in Ordnung bringen läßt – es täte mir sonst leid um Boris, dem eine recht energische, aber liebevolle Frau not tut. Was die Energie anbelangt, nun, an der fehlt es der ›Miß I reckon aus N'York‹ nicht. Sie hat mit löblicher Konsequenz ihren Willen durchgesetzt. Eine Fürstin zu werden war ja von vornherein ihre Absicht, wie sie einst die Gnade hatte, mir auseinanderzusetzen.«

Iris nickte und nahm den Brief wieder auf. »Es ist noch ein dritter Punkt hier, der mir zu denken gibt«, sagte sie. »Ich meine den Cavaliere, oder eigentlich Sigrids Vorschlag, ihn hierherzubringen. Das ist auch eine Wandlung, Marcell, denn Sigrid hat ihn nie leiden mögen.«

»Aber Olga schreibt ja den Grund –: Sascha!« warf der Fürst ein, doch Iris schüttelte ungläubig den Kopf.

»Signore Spini hat sich von dem Tage an, da wir ihn in Rom kennenlernten, wie ein Schatten an Sigrid geheftet«, sagte sie nachdenklich. »Sie hat ihn niemals ermutigt, im Gegenteil, aber ich hab's ihm angesehen, daß er nicht nachließ, sondern jäh seinem Ziele zustrebte. Es ist ihm nie im Traume eingefallen, sich um Saschas Liebe zu bemühen, und ich wette, er tut es heut so wenig wie damals. Warum also will sie mit ihm hier zusammenkommen? Ich bin keine nervöse Person, Marcell, aber ich muß gestehen, daß der Gedanke an dieses ›Warum‹ mich nervös machen könnte!«

Fürst Hochwald zündete sich sehr gelassen eine Zigarre an.

»Durch Olgas freundliche Vermittelung kann ich jetzt wohl kaum anders, als ihn einladen«, meinte er. »Wenn aber Sigrid meint, hier Katze und Maus mit ihm spielen zu können, so irrt sie – dies ist mein Haus, und ich bin Herr darin. Also sei ganz ruhig, Liebling! Das schlimmste ist, daß unsere schöne Ruhe nun geopfert ist; freilich, über kurz oder lang hätten wir uns ja doch der Welt einmal zeigen müssen, aber was sie immer bieten mag, so schön wie diese fünfzehn Monate des Alleinseins mit dir wird uns niemals mehr eine Zeit sein, weil wir sie mit anderen teilen müssen!«

»Oh, Marcell –!«

Iris glitt von ihrem Sessel herab und legte kniend ihren Kopf an ihres Gatten Brust und sah auf zu ihm aus feuchtschimmernden süßen, blauen Kinderaugen.

»Marcell, ist es denn wahr, hab' ich dir denn genügt, und hast du nichts vermißt in meiner Gesellschaft allein?« fragte sie zaghaft.

Da nahm er ihr blondes Köpfchen in beide Hände und küßte ihre reine Stirn.

»Wie kannst du von Genügen und Vermissen sprechen, mein Liebling, da ich doch durch dich erst den Mittelpunkt, den Anfang und das Ziel des Daseins gefunden habe. Ich müßte dich weit eher fragen, ob dir der graue nordische Himmel genügt und dieser enge Fleck Erde?«

»Du lieber, guter, alter, närrischer Marcell«, lachte sie unter Tränen auf zu ihm. »Ja, Italien ist schön, und andere Länder mögen noch schöner sein, aber der schönste Fleck Erde fürs Herz ist doch die Heimat, und meine Heimat ist Hochwald. Erst gestern, als du fortgeritten warst und ich allein zu Haus war, da ist mir's so recht mit Macht durchs Gemüt gezogen, wie Hochwald mir so alles ist mit dir und mit Siegfried. Da raunten und flüsterten die Eichen und Buchen in der leichten Sommerbrise das Hohelied von der Heimat über meinen Haupte, und wie die Flut kam und mit ihrem süßen träumerischen ›Talatta! Talatta!‹ an der Terrasse heraufstieg, da fühlte ich's, wie sie mich nicht mehr loslassen würde, wie mein Herz mit jeder Welle verkettet ist, die sich an diesem Strande bricht!«

Fürst Hochwald strich sanft mit der Hand über ihr lichtes Blondhaar und über ihre glühende Wange.

»Das macht mich ja so glücklich, daß du meine Heimat liebst«, sagte er schlicht. »Hier hab' ich meine Kindheit zugebracht, hier zwanzig einsame Jahre meines Lebens, als ich wähnte, ich hätte kein Recht mehr an die Freuden der Welt.«

»Das war ein langer Wahn, Marcell!« erwiderte Iris ernst und immer noch vor ihm kniend.

»Es war dir vorbehalten, mich davon zu heilen«, entgegnete er nicht ohne äußere Bewegung.

»Und doch hast du mir noch nie gesagt, worin dein Wahn bestanden hat«, setzte sie mit fragendem Blick hinzu.

»Er ward begraben, als du mein wurdest – lassen wir ihn ruhen –«, sprach er mit tiefem Ernst und großer Güte. Und Iris verstand ihn sofort mit dem Takt der wahren Liebe.

»Er ruhe, ruhe für immer«, sagte sie leise. »Und es möchte mir vorbehalten sein, zu vermögen, daß er niemals wieder auferstehe.«

»Wie könnte er! Vor meinem Sonnenschein müssen alle Schatten weichen«, erwiderte Hochwald herzlich. »Höchstens, daß mir im Traum noch hin und wieder eine halbdunkle Erinnerung aufsteigt an jene Zeit, sonst ist alles jetzt für mich klar und licht – durch dich, Iris! Doch ich träume im ganzen selten genug – es war niemals eine Gewohnheit von mir, wie bei Olga, die uns immer lange Geschichten von ihren Träumen zu erzählen wußte. Schrieb sie nicht in diesem Briefe, sie hätte im vorigen Jahre hier ›schreckliche‹ Träume gehabt?«

»Ja, Marcell! Aber Olga spricht gern in Hyperbeln.«

Fürst Hochwald strich immer noch liebkosend über Iris' blondes, seidenweiches, wie Schwanendaunen lockeres und weiches Flachshaar.

»Träumst du auch mitunter, Iris?« fragte er nach einer Pause.

»O, ja«, erwiderte sie lächelnd, »allerlei dummes Zeug natürlich.«

»Erschreckt hat dich aber ein Traum noch niemals?«

»Nein, erschreckt wäre zu viel gesagt«, meinte sie nachdenklich. »Es ist nämlich – aber du mußt mich nicht auslachen, Marcell!«

»Niemals, Iris.«

»Es ist nämlich komisch«, fuhr sie fort, »daß ich ja oft dasselbe träume, das heißt erst hier in Hochwald. Anfänglich wachte ich immer herzklopfend auf, wenn der Traum vorüber war, jetzt aber schreckt er mich nicht mehr, trotzdem er oft wiederkommt, und zwar genau so wie beim erstenmal –«

»Ganz natürlich, Iris. Du denkst daran, und die Fiktion wiederholt sich in deinem von der ruhenden Willenskraft unkontrollierten Gehirn. Wäre der Traum jedesmal verschieden, so müßten andere Eindrücke, andere Faktoren mitspielen.«

»Aber ich habe noch niemals beim Schlafengehen, selten nur am Tage an den Traum gedacht!« rief Iris lebhaft.

»Du mußt ihn mir erzählen, Liebling!«

»Gern. Also mir träumt davon, daß ich irgendwo gehe, stehe oder sitze – und der Ort, wo es geschieht, macht immer den einzigen Unterschied aus, ohne den Traum selbst zu verändern. Ich sehe mich zeichnen, sticken, geigen, spazierengehen oder sonst etwas tun – kurz, es steht dann plötzlich, aber ohne mich zu erschrecken, eine Dame vor mir im sehr schlichten, schwarzen Kleide, ein weißes, dreieckiges Spitzentuch so über dem Kopfe, daß der mittlere Zipfel ihr über die Stirn fällt. Wem sie gleicht, kann ich nicht genau sagen, aber ich denke, mir selbst – oder Sigrid, oder dem Bilde im weißen Maroquinetui, das Papa mir gab, weißt du's, Marcell?«

»Nun, und –«, fragte dieser gespannt.

»Und in den Händen hält sie ihre eigenen, abgeschnittenen blonden Haare und ein kleines Sträußchen weißer Moosrosen, mit dem sie auf einen roten Streifen um ihren Hals deutet. Und mit dem Sträußchen winkt sie mir auch, und ich folge ihr sofort, denn sie sieht mich freundlich an und ist sehr schön – trotzdem sie mir gleicht«, unterbrach sich Iris, schelmisch zu ihrem Gatten aufblickend.

»Erst den Traum, dann die Komplimente«, sagte dieser neckend, aber mit einer gewissen Überwindung.

»Ja, also meine Dame mit den weißen Rosen geht vor mir her bis auf die Seeterrasse und deutet dort auf eine der Schießscharten im alten Schloßflügel, dem westlichen, weißt du. Und durch diese Schießscharte sehe ich dann ein ganz schwaches rotes Licht schimmern, und wenn ich es gesehen habe, winkt sie mir wieder und führt mich durch das Schloß, ich meine immer in den alten Teil, durch lange, niedere Gänge und über enge, steile Wendeltreppen, die wahrscheinlich hier gar nicht existieren, bis in einen etwas breiteren Gang, wo alte Schränke stehen und allerlei Gerümpel liegt. Und vor solch einem alten, kastenartigen Schrank macht sie dann halt, sieht mich an und ist dann fort, und ich wache in diesem Augenblick zum Glück immer auf, denn ich würde mich allein ja gar nicht mehr zurückfinden. Aber so oft bin ich im Traume schon diesen Weg gegangen, daß ich von dem Gerümpel in dem breiten Gange, der fast wie eine Wachtstube aussieht, schon jeden zerbrochenen Schemel kenne«, schloß sie lächelnd.

»Und hast du dich bei Tage niemals auf die Entdeckungsreise dahin aufgemacht?« fragte Hochwald seltsam gespannt.

»Ich werde mich in acht nehmen«, lachte Iris aufspringend. »Neugierde war nie mein Fehler. So, nun hast du meinen Traum, der nichts Unheimliches oder Schreckliches hat, den ich trotzdem aber nicht gern träume. Und nun, wenn wir zur Oberförsterei wollen, wird's Zeit für uns zum Aufbruch. Umgekleidet bin ich in zehn Minuten, denn die Briefe an Olga, Fuxia und Spini haben wohl Zeit bis nachher, nicht wahr? Doch noch eine Frage: reiten oder fahren wir?«

»Ich denke, wir reiten, Iris!«

»O charmant! Also auf Wiedersehen!«

Und hinaus flog sie, die weiße, schlanke Lichtgestalt, und Hochwald hörte ihre helle Stimme noch durch die Halle trällern. – –

»Also doch«, sagte er, am Schreibtisch stehend, verloren in tiefes Sinnen. »Also doch! Aber ich gebe nicht nach – ihr junges Leben soll und darf dieser Schatten nicht trüben und vergiften und es vielleicht in den Staub treten für immer. Und solange ich da bin, über ihr zu wachen, solange werde ich auch für ihre Ruhe und für den Frieden ihrer Seele kämpfen!«

Kaum eine Woche nach jenem Julimorgen auf Hochwald, an einem schönen, sonnenlichtgetränkten Nachmittage, fuhren vor dem Schloßportale, in dem Marcell und Iris Hochwald zur Begrüßung standen, zwei Equipagen vor, in denen Madame Chrysopras mit Sascha und Sigrid, sowie der neugefürstete Boris mit seiner Gemahlin von der Bahnstation abgeholt worden waren. Das gab ein lautes, fröhliches Begrüßen, ein Umarmen, ein Fragen – denn die Familie Chrysopras war trotz aller Oberflächlichkeit doch warmherzig und voll Familiensinnes, Sascha strahlte förmlich vor Freude, bei den von ihr so sehr geliebten Menschen sein zu dürfen, und Boris versicherte im großartigsten Slang, den sein wahrhaft verblüffendes Reisekostüm lebhaft illustrierte, daß er sich »scheußlich« auf diesen Besuch gefreut habe. Fürstin Fuxia Ukatschin-Chrysopras geborene Miß Grant, die sich so leicht nicht von etwas imponieren ließ, kam aus ihren: »O, very splendid, very grand, indeed«, gar nicht heraus – die Arme hatte eben einen Jahrhunderte alten, in einer Familie gebliebenen Edelmannslandsitz noch nicht gesehen und hatte nun doch die vage Idee, daß solch ein ererbtes Heim mehr wert sei als alle modernen Millionärssitze in der Neuen Welt zusammen.

Und Sigrid? Sigrid war lebhaft, lachte, scherzte, fragte, staunte über klein Siegfrieds rosige Fäustchen und blaue Augen – sie hatte Iris beim Ankommen auch umarmt und dem Fürsten mit einem Scherz die Hand gedrückt, aber Madame Chrysopras hatte recht in ihrem Briefe: sie war verändert. Sie, die Ruhige, Zurückhaltende, ergriff jetzt überall das Wort, nahm jedes Wortgefecht auf; – Iris hatte am ersten Abende ein gewisses Gefühl der Betäubung in Sigrid Gesellschaft – ein Gefühl der Betäubung, in das sich etwas wie Ärger mischte und schmerzlichste Enttäuschung. Was in aller Welt konnte Sigrid ihr so entfremdet haben? Aber sie würde sie gehörig ins Gebet nehmen, Sie mußte beichten – und dann, dann mußte der Schatten weichen.

Während Iris mehr ihre Schwester beobachtete, betrachtete Marcell Hochwald das junge Ehepaar und verglich im Geiste seine eigenen mit diesen Flitterwochen. Er konnte sich beim besten Willen nicht zugestehen, daß er auch nur für eine Stunde lang solch ein Hampelmann in der Hand seiner Frau gewesen wäre wie der gute Boris, der sich in einer unausgesetzten Hetzjagd um die ausgesprochenen und unausgesprochenen Wünsche seiner Frau befand und wie ein Zinshahn zwischen ihr und den von ihr mit Blick und Wort begehrten Dingen herumsprang. Der Vergleich, den der Fürst zwischen Fuxia und Iris anstellte, fiel daher nicht sehr vorteilhaft für erstere aus.

Madame Chrysopras fühlte sich von der Eisenbahnfahrt und der Hitze in den Coupés sehr angegriffen.

»Macht, was ihr wollt, ich gehe schlafen«, erklärte sie nach dem Souper mit gewohnter Energie. »Morgen ist auch noch ein Tag. Apropos, wann kommt denn der Cavaliere?«

»Übermorgen«, erwiderte Hochwald etwas kurz und konnte sich's nicht versagen, hinzuzusetzen: »Nachdem du ihn so höflich eingeladen, Olga!«

Madame Chrysopras machte ihre halbschlafenden Augen noch einmal weit auf, sah erst nach der Gruppe am anderen Ende des Salons hinunter, in der Sascha sich befand, dann auf Sigrid, die in einem Kasten mit Photographien kramte, und zuletzt auf ihren Bruder.

»Ja, ist dir denn sein Besuch nicht recht, Marcell?« fragte sie erstaunt.

»Recht?« fragte er zurück. »Liebe Olga, wenn er dir auch als Schwiegersohn wünschenswert ist –« er brach ab.

»So braucht er dir doch immer noch nicht als Gast wünschenswert zu sein«, vollendete Madame Chrysopras. »Das wolltest du doch sagen, wie? Ja, aber, liebes Herz, warum hast du denn das nicht gleich geschrieben? Wir haben ihn in Florenz als täglichen Gast!« sie zuckte mit den Achseln.

»Aber Olga, du schreibst, daß die Einladung auf Sigrids Vorschlag geschehen«, erwiderte Hochwald lachend und ohne Schärfe. »Wär's da nicht eine maßlose Unhöflichkeit gegen den Mann gewesen, ihm nicht umgehend die Einladung zu schicken, auf die er nach deiner Angabe schon wartete?«

»Natürlich!« gab Madame Chrysopras zu. »Es war mir eigentlich nie aufgefallen, daß Spini dir unangenehm war!«

»Nein, das ist auch nicht der Fall, liebe Olga«, sagte der Fürst wie vorher, ohne Schärfe. »Aber offen gesagt – es lag mir nicht viel daran, ihn bei uns zu haben; man ist niemals unter sich, und Iris mag ihn, glaub' ich, auch nicht sonderlich gern. Er ist ein gewandter Mensch, vielseitig gebildet, das ist wahr, aber doch stark auf der Grenze des Abenteurertums. Frauen sehen darin nicht so tief wie wir Männer, weil wir mehr Gelegenheit haben, hinter die Kulissen zu blicken, und ich habe Spini leider etwas tief in die seinigen geschaut – unfreiwillig zwar, aber der Blick hat mir genügt. Doch es ist nun nicht mehr zu ändern, daß er kommt, also machen wir gute Miene zum bösen Spiel!«

»Tun wir das«, erwiderte Madame Chrysopras. »Aber es tut mir leid, dir einen unwillkommenen Gast aufgedrängt zu haben, Marcell! Ich wäre auch wirklich nie auf diesen Gedanken verfallen, wenn Sigrid mir nicht so klargemacht hätte, daß dieser Besuch eine Chance für Sascha sei, wie sie sich nie wieder biete. Und da Sascha nun leider einmal äußerlich so sehr ihrem seligen Vater ähnlich ist – –«

»Ja, Sigrid ist rührend in ihrer Freundschaft«, unterbrach Hochwald das alte Klagelied seiner Schwester über die Häßlichkeit des seligen Chrysopras so ironisch, als seine Herzensgüte es überhaupt erlaubte. Sigrid aber kramte weiter unter ihren Photographien, lächelnd und ohne sich in das dicht neben ihr stattfindende Gespräch zu mischen – sie ließ Madame Chrysopras sich erst zurückziehen, und als Hochwald dann in den Salon zurückkehrte, rief sie ihn mit einer Frage über eines der Bilder an ihre Seite.

»Ich wollte Tante Olga vorhin nicht widersprechen«, sagte sie dann etwas unvermittelt, »aber du kennst sie ja besser als ich und weißt, wie sie ein halb im Scherz und halb ohne jede Bedeutung gesprochenes Wort oft gleich mit Energie und Enthusiasmus aufgreift. Das ist also meine ganze Schuld an der Einladung des Cavaliere.«

»Oh, lassen wir doch dieses Thema – es ist erledigt, wirklich«, erwiderte Hochwald ohne Rückhalt. »Er kommt – und damit ist jede weitere Erörterung ohne Zweck und soll uns den Frieden nicht stören.«

»Ja, aber wenn du so starke Gründe gegen ihn hast –«, meinte Sigrid, ihrem Schwager voll und prüfend ins Antlitz sehend.

»Nun, vielleicht ist über diese auch zu streiten.«

»Streiten wir«, sagte sie lachend. »Also heraus damit, Herr Schwager!«

»Heraus? Womit?«

»Nun, mit deinen Gründen gegen den Cavaliere – Pardon, den Marchese Spini.«

Fürst Hochwald stand wieder von dem Sessel auf, in den er sich gesetzt.

»Pardon, auch meinerseits, Sigrid«, sagte er, »ich habe das Geheimnis Spinis bisher respektiert und werde es jetzt nicht preisgeben, wo er als mein Gast unter mein Dach kommt! Du begreifst das, nicht wahr?«

»Es kommt darauf an«, erwiderte sie, zurückgebogenen Kopfes, mit jener Dosis von Widerspruchsgeist, der hübsche junge Damen manchmal sehr pikant macht. »Es kommt immer auf das ›Wie‹ an, Marcell! Erstens, das Wort Geheimnis an und für sich ist schon so wundervoll provozierend –«

»Warum?« unterbrach er sie. »Wenn du zum Beispiel falsche Zähne hast oder falsche Haare, ohne daß es ein Mensch merkt, so ist das dein Geheimnis, das aber für mich absolut nichts Provozierendes hat.«

»Falsche Zähne und Haare sind aber auch nichts Ehrenrühriges, Düsteres oder Gemeingefährliches!« behauptete sie, Hochwald immer scharf ansehend.

»Ja, wer hat dir denn gesagt, daß Spinis Geheimnis eines dieser Prädikate verdient?« fragte er etwas kühl.

»Nun, du selbst durch deine Geheimnistuerei«, erwiderte sie keck.

»So?« sagte er sehr ruhig. »Nun, dann hast du entweder mehr herausgehört, als ich gesagt habe, oder ich habe mich sehr unvorsichtig ausgedrückt. Das ist zwar in solchen Angelegenheiten, die eines Menschen heikle Seite berühren, sonst nicht mein Fehler, aber mir eine Warnung zur Vorsicht –«

»Ja, ja!« rief Sigrid, hell auflachend. »Wie singt Basilio im Barbier von Sevilla? Die Verleumdung, sie ist ein Lüftchen –«

»Das Zitat stimmt nicht, Sigrid«, unterbrach sie der Fürst der die Geduld zu verlieren begann. »Ich habe Spini durchaus nicht verleumdet – das ist ein Geschäft, das ich bisher immer neidlos den Klatschbasen überlassen habe. Außerdem habe ich gar kein Interesse daran, ihm zu schaden!«

»Das tust du aber, wenn du nicht sagst, um was es sich handelt!« rief Sigrid mit Halsstarrigkeit.

»In wessen Augen? In den deinen?« fragte er scharf. »Oder in denen meiner Schwester? Bei letzterer habe ich wohl das Recht, sie aufmerksam zu machen, aber da dir der Cavaliere seine Anbetung zu Füßen legt und nicht meiner Nichte, so ist wohl das offene Wort, daß mir ein anderer Schwager lieber wäre, auch kaum müßig angewendet!«

»Ah«, sagte Sigrid, ernst werdend, »jetzt tritt unser Gespräch in eine ganz andere Phase. Gesetzt also, ich wollte Spini meine Hand reichen –«

»So würde ich kraft meines Amtes als dein Vormund die dir zugedachte Ehre ablehnen«, vollendete Hochwald. »Aber du wirst nächstes Jahr mündig und bist dann deine eigene Herrin.«

»Ja, die Wartezeit würde keine lange sein«, meinte Sigrid ironisch, aber durchaus ruhig. »Meinst du aber nicht, daß ich erfahren müßte, warum Signore Spini dir nicht als Schwager, oder präziser ausgedrückt, mir als Gatte nicht annehmbar ist?!«

Hochwald antwortete nicht gleich. »Sprichst du pro domo oder nur gesetzten Falles?« fragte er dann.

»Chi lo sa?« machte sie lächelnd.

»So! Wenn du also damit ausdrücken willst, daß der Cavaliere in der Tat unter dem Vorwande der armen Sascha von dir hierhergebracht worden ist, um sich mit dir zu verloben, so schreibst du ihm besser morgen, daß die Luft hier ungesund ist. Die Posttasche wird um zehn Uhr geholt.«

Nun lachte Sigrid hell auf – sehr lustig, aber ein kundigeres Ohr hätte es doch als ein Theaterlachen erkannt, so sehr es auch »erster Klasse« war.

»Wenn ich mich mit dem Cavaliere hätte verheiraten wollen, so hätte ich das schon vor zwei Jahren in Rom haben können«, sagte sie höchst belustigt.

»Deines Vaters Einwilligung vorausgesetzt«, war Hochwalds trockene Antwort, über die sie nur noch ärger lachte.

»Vielleicht hat Papa das Geheimnis des Cavaliere nicht gekannt«, meinte sie neckend, doch der Fürst zuckte hierzu nur mit den Achseln; da die anderen jetzt herantraten, hatte das Gespräch sowieso ein Ende.

Man trennte sich bald darauf auch für die Nacht; da es aber noch nicht spät war, so begleitete Iris ihre Schwester auf deren Zimmer, das sie mit jenen tausend Dingen ausgestattet hatte, an die eben nur die Liebe denkt zur Freude und Bequemlichkeit des Gastes.

»Komm, Schatz, heut bürste ich wieder einmal dein Haar wie in den alten Zeiten«, sagte sie herzlich, und bald saß Sigrid im weißen Pudermantel vor dem Spiegel, das goldene Haar lang aufgelöst, hinter sich Iris mit der Elfenbeinbürste.

»Wer mir das an meiner Wiege gesungen hätte, daß eine Fürstin dereinst Kammerjungferndienste bei mir versehen würde«, sagte sie lachend, aber Iris hörte doch das Herbe im Scherze heraus.

Sie schlang ihre beiden Arme um den Hals der Schwester und küßte leis deren zarte Wange.

»Nicht wahr, Sigrid, jetzt steht nichts mehr zwischen dir und mir?« fragte sie herzlich.

»Was sollte denn zwischen uns stehen?« erwiderte Sigrid nachlässig, aber ihren Kopf aus den weichen Armen befreiend.

»Wenn ich das wüßte – ein namenloses Etwas, das mich oft recht elend gemacht hat«, antwortete die junge Frau. »Ich habe mich oft gefragt, ob ich's verschuldet haben könnte, aber ich weiß nicht darauf zu antworten –«

»Du sprichst in Rätseln, Iris«, unterbrach sie Sigrid ohne Lachen, aber auch ohne Herzlichkeit im Ton.

»Nun, wir wollen das Vergangene ruhen lassen«, sagte die Fürstin warm. »Aber sei versichert, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Daß ich dich nicht in meine Gefühle für Marcell gleich einweihte? Sigrid, das hättest du im gleichen Falle auch nicht über die Lippen gebracht.«

»Rätsel, Iris, Rätsel!« rief Sigrid mit forcierter Lustigkeit. »Sag mir lieber, was du und Marcell gegen Spini habt?«

»Oh – wohl nichts Besonderes«, meinte Iris zerstreut.

»Doch – Marcell tat aber, als wenn's etwas Besonderes wäre«, verfolgte Sigrid ihr Thema.

»Dann wird Marcell auch seine Gründe haben, Sigrid. Ich kenne sie nicht!«

»Ach, bitte, dann frag ihn und erzähle mir's, ja? Bitte, Bitte! Ich möchte zu gern eine Kandare für meinen Courmacher haben, weißt du – das gäbe einen famosen Ulk!«

»Pfui, Sigrid! Wie kannst du einen Menschen, der es offenbar ernstlich mit seiner Zuneigung meint, so grausam quälen, da es dir doch nicht einfällt, ihn zu heiraten«, sagte Iris mit sanftem Vorwurf.

»Da er Sascha heiraten soll, bleibt's ja in der Familie«, war die frivole Erwiderung. Iris stieg das Blut höher in die Wangen, aber sie schwieg und bürstete sorgsam das lange, goldene Haar, das mit seinen Spitzen fast den Boden berührte. Nach einer Weile begann sie wieder, mit der alten Herzlichkeit zu reden.

»Ich bin nämlich mit meinen Vorwürfen noch nicht fertig«, sagte sie, »obgleich ›Vorwürfe‹ wohl nicht das rechte Wort ist.

»Ich meine, deine Verstimmung gegen mich muß doch sehr, sehr tief gewesen sein, daß du mir nicht einmal geschrieben hast in dieser ganzen langen Zeit!«

»Nicht geschrieben?« rief Sigrid entsetzt. »Ich habe dir zum Geburtstag, zu Neujahr und zum Baby gratuliert! Das ist mehr, als ich in meiner Schreibfaulheit von mir selbst erwartet habe.«

»Oh, Sigrid«, sagte Iris sanft, »nennst du die paar konventionellen Phrasen, die ich von dir erhalten habe, Briefe? Aber ich habe mich nicht davon abschrecken lassen, sondern geglaubt, durch doppelten, eigenen Eifer dich zu besiegen. Es war umsonst.«

Sigrid, die bisher geradeaus in den Spiegel geblickt, schlug jetzt die Augen nieder.

»Ich kann keine Briefe schreiben«, sagte sie unsicher. »Alles, was dabei über den gewöhnlichen Bericht hinausgeht, alles, was das eigene Empfinden berührt, sieht auf dem Papiere so schrecklich steif und gedrechselt und lächerlich aus. Ich bringe es nicht über mich.«

Iris schwieg. Sie legte die Bürste auf den Toilettentisch, flocht das schimmernde Goldhaar der Schwester ein und strich noch einmal leicht mit der Hand darüber. Dann sagte sie: »Wir wollen auch darüber nicht rechten, Sigrid. Ich hatte nur gemeint, es müßte dir wohltun, mit mir, wenn auch nur durch die Feder, von dem lieben Toten reden zu können, der uns so plötzlich entrissen wurde – von unserem Vater. Ich zweifle nicht an Olgas und Saschas Teilnahme für uns, aber sie haben ihn doch nicht so gekannt wie wir, sie können die Tiefe unsere Trauer um ihn nicht ermessen. Ich meine, dieses Thema hätte dich beredt machen müssen.«

Sigrid stand auf und reichte Iris die Hand – sie schien bewegt.

»Ich bin keine der Aussprache bedürftige Natur, du weißt es. Ich verarbeite alles allein in mir – Trauer, Schmerz und Freude. Das habe ich von unserer Mutter, nur, daß diese Verschlossenheit bei ihr niemand verletzte, sondern wie eine zarte Rücksicht auf andere wirkte. Ich bin eben anders geschaffen – herb, hart. Und doch hab' ich auch ein Herz, aber ein Herz, das nach Rache schreit, wenn es getreten wird –.« Sie hielt ein, erschrocken darüber, daß sie schon so viel gesagt, was ihr Inneres verraten konnte. Sie senkte das Auge vor Iris' klarem Blick und fuhr dann fort: »Ich habe es sogar sehr vermißt, mit dir nicht über mancherlei reden zu können, was Papa betraf.«

»Nicht wahr? Oh, das wollen wir aber jetzt nachholen rief die warmherzige junge Frau lebhaft aus. »Jeder einzelne Zug seines lieben, gütigen Herzens kommt in der Erinnerung so schön zurück und verklärt sein Bild in unserem Gedächtnis. Du hast recht, das läßt sich schwer beschreiben!«

»Ja«, sagte Sigrid zögernd. »Das meinte ich eigentlich aber nicht. Ich sagte dir ja schon, ich tauge nichts für den wechselseitigen Austausch von Gefühlen. Es hat mich aber schon oft danach verlangt, mit dir über das zu sprechen, was mir immer noch unklar, ja rätselhaft ist. Ich meine Papas Testament, sein Nachlaß vielmehr.«

»Oh«, erwiderte Iris, bitter enttäuscht, »ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht.«

»Natürlich nicht – das sind äußere Dinge, um die Maria sich nicht kümmert, die aber in Marthas Ressort schlagen«, war die bittere, fast höhnische Erwiderung.

Iris unterdrückte mit großer Selbstbeherrschung ein herbes Wort, das sich sehr gegen ihren Willen auf ihre Lippen drängte. Aber die Sanftmut und Freundlichkeit ihres Herzens siegte wie immer.

»Gute Nacht«, sagte sie statt aller Antwort.

»Es ist ja noch nicht spät«, meinte Sigrid mit einem Blick auf die Uhr, die allerdings erst wenige Minuten über die zehnte Stunde zeigte. »Komm, steige herab aus deinen Wolkenhöhen und schwatze mit mir sterblichem, an der Erde klebendem Wurm.«

Und sie zog Iris neben sich auf ein Sofa nieder, und die junge Frau blieb, wenn auch widerwillig, denn Sigrids Scherze klangen ihrem Ohre nicht wohl. Und Sigrid merkte das.

»Siehst du, Kind, du bist jetzt in einer Lebensstellung, wo die materiellen Dinge der Welt dir ganz aus den Augen gerückt sind«, beeilte sie sich zu sagen. »Das sollte also kein Vorwurf sein. Doch, wovon ich reden wollte – ja, Papas Nachlaß. Wenn du einmal darüber nachdenken willst, so wird dir auch rätselhaft sein, wie Papa solch eine Summe hinterlassen konnte. Wir haben immer von den Zinsen eines Drittels derselben gelebt. Warum? Du kannst das natürlich ebensowenig wissen wie ich – vielleicht aber hat Papa in seinem nachgelassenen Briefe an Marcell darüber Klarheit gegeben –?«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Iris. »Marcell hat mir nie etwas von dem Inhalt des Briefes gesagt.«

»Ah – ich dachte, zwischen Eheleuten gäbe es keine Geheimnisse«, sagte Sigrid leicht.

»Nein, die gibt es nicht. Aber wo der Wille eines Heimgegangenen Schweigen geboten hat, wird niemand plaudern«, erwiderte Iris ernst.

»Schweigen – warum Schweigen?« wiederholte Sigrid nachdenklich. »Gleichviel. Das zweite Rätsel ist die ungenannte Pate, die dich zur Erbin von Geld, Schmuck und einem verschlossenen Kasten gemacht hat. Apropos, was hast du darin gefunden?«

»Ich habe noch nicht nachgesehen.«

»Was?« Sigrid sprang auf. »Willst du damit sagen, daß du den Kasten tatsächlich noch nicht aufgemacht hast? Nein? Nun, das zeugt freilich von so wenig Neugierde, daß man's fast Teilnahmslosigkeit nennen möchte. Oder hat Papas hinterlassener Brief an dich dir gesagt, was sich in dem Kasten befindet?«

»Ich habe auch den Brief noch nicht gelesen, Sigrid! Marcell bat mich damals, damit zu warten, bis der erste Schmerz vorüber sei, und ich gab ihm den Brief zur Aufbewahrung. Marcell meinte, der Brief enthielte nichts Persönliches, vielleicht kaum ein paar Worte, die sich auf den Kasten und den Schlüssel bezögen.«

Sigrid kreuzte die Arme und sah mit einem unbeschreiblich spöttischen Lächeln auf Iris herab.

»Merkwürdig, daß Charaktere, wie der deinige, solch harte, fühllose Seiten haben können«, sagte sie schneidend. »Hätte mein Vater mir eine Zeile hinterlassen, Gott weiß worüber, mit einem letzten Gruße an mich – auf alle Fälle – ich die Phantasielose, die praktische Martha, ich hätte gedürstet nach diesen Zeilen, hätte sie als eine Reliquie gehalten und mich in ihrem Besitze weit weniger als eine Waise gefühlt. Aber freilich – bei mir ›meint‹ ja auch kein Marcell irgend etwas! Du bist so reich an Liebe und Glück, daß die letzten Worte des Vaters in seiner Todesahnung für dich wertlos geworden sind –.«

Iris war sehr bleich geworden. Jetzt stand auch sie auf und schnitt mit einem Blicke der Schwester das Wort ab.

»Schweig!« gebot sie ohne Zorn, ohne Schärfe, aber mit einer Überlegenheit des Herzens, die Sigrid sofort verstummen machte. »Du hast kein Recht, nicht das geringste, so zu sprechen. Marcell weiß, daß ich gegen diesen unseligen Kasten eine vielleicht sehr törichte Abneigung habe. Ich weiß auch nicht warum, aber man kann ja nichts gegen solche Dinge. Gute Nacht!«

Und sie ging jetzt wirklich, ohne daß Sigrid versucht hätte, sie zurückzuhalten.

»Es hat getroffen«, murmelte diese, als die Tür sich hinter der jungen Frau geschlossen. »Gleichviel – ich muß hinter das Geheimnis dieser unbekannten Pate kommen. Und was meinen treuen Verehrer, den Herrn Marquis in der Maremma anbelangt, so wird er mir helfen – er wird!«

Iris war aus dem Zimmer ihrer Schwester erst in das Kinderzimmer gegangen, dem kleinen Siegfried einen Gutenachtkuß zu geben, und ging dann in ihr Ankleidezimmer, einen großen, schönen Raum mit Rokokoeinrichtung, wo auf dem spitzenbekleideten Toilettentische das schönste Necessaire in mattem Golde und Emaille ausgebreitet lag. In diesem behaglichen, kostbar ausgestatteten Raum fand sie den Fürsten lesend vor – er hatte auf sie gewartet. Ein Lächeln, wie ein Sonnenstrahl durch Regengewölk, ward ihm zum Gruße, aber das Auge der Liebe sah doch gleich, daß Iris ihr Gleichgewicht verloren hatte.

»Wo fehlt's, mein Liebling?« fragte er, ehe Iris gesprochen hatte.

Sie sah ihn überrascht an.

»Wie gut du in mir lesen kannst«, sagte sie mit naiver Freude. »Jetzt, an deiner Seite, fehlt's nirgends mehr, vorher aber hatte ich so ein rebellisches Gefühl, solch Empfinden, als ob meine Geduld und meine Fähigkeit, Sigrids Besuch und Nähe zu ertragen, heut schon zu Ende wären. Das war schlecht und boshaft von mir, denn ich muß schuld sein an ihrer Veränderung, wenn auch unwissentlich. Nein – ach, wozu wiederholen, was sie gesagt hat. Zuletzt warf sie mir Lieblosigkeit und Mangel an Pietät vor, weil ich Papas Brief noch nicht gelesen – du weißt, der den Schlüssel zu der schwarzen Truhe enthält. Sie mag recht haben, gewiß, aber dennoch hat's mich empört und zornig gemacht, während ich Mitleid mit ihr haben sollte. Doch das bessere Gefühl, das Mitleid und die Geduld werden siegen, Marcell – nicht wahr, das traust du mir zu?«

»Ich traue dir jeden schönen und edeln Charakterzug zu Iris. Es wäre auch schlimm, wenn mein Glaube in dich und dein schönes Herz auch nur die leiseste Schwankung erlitte. Doch was Sigrid betrifft – nein, Lieb', ich will nicht hart sein gegen sie und ungerecht. Sie ist deine – deine Schwester. Vielleicht tust du aber gut, intimere Gespräche mit ihr zu meiden, solange sie sich in dieser geistigen Verfassung befindet.«

»Das will ich, Marcell. Und wenn sie fragt, warum ich ihr ausweiche, will ich ihr die volle Wahrheit sagen.«

»Das wäre das beste, denn Gewitter reinigen die Luft. Und was den Brief deines Vaters betrifft –«

»Ich werde ihn morgen lesen – nicht heut.«

Fürst Hochwald erhob sich und ging ein paarmal sinnend auf und ab. Dann blieb er vor Iris stehen mit einem Ausdruck unendlicher Liebe im Blick.

»Du sollst den Brief lesen, wenn du es für deine Pflicht hältst«, sagte er gütig. »Und was er auch enthalten mag – ich bin bei dir, es tragen zu helfen!«

»Du meinst also, Marcell, er könnte eine Unglücksbotschaft enthalten, irgend etwas Schreckliches, Furchtbares?« fragte sie mit angsterfülltem Blick.

»Nein, das glaube ich nicht«, sagte er, sie an sich ziehend. »Aber vielleicht gibt er dir Rätsel auf, die zu raten du dich versucht fühlen möchtest. Und es ist nicht immer heilsam und glückbringend, des Lebens Rätsel zu durchdringen.«

Am nächsten Morgen, nachdem sie im Arbeitszimmer des Fürsten gemeinsam unter vier Augen das Frühstück genommen hatten, übergab Hochwald seiner jungen Frau den Brief des Grafen Erlenstein, den er bisher für sie verwahrt hatte. Doch während sie ihn noch zögernd in der Hand hielt, wurde der Fürst abgerufen und mußte sich zur Erledigung wichtiger Geschäfte in das Rentamt begeben.

Eine Weile, nachdem er gegangen, saß Iris unentschlossen und unbehaglich in dem Arbeitszimmer mit dem unerbrochenen Briefe, dann erhob sie sich und trat in die anstoßende Bibliothek: einen großen, oblongen Raum mit gemalten Fenstern und kassettiertem Tonnengewölbe, die Wände bis obenhin mit Bücherregalen bestellt, um die in der Hälfte der Wandhöhe eine eichene, geschnitzte Galerie lief, zu der man auf einer Wendeltreppe gelangte. Vor den Türen hingen köstliche alte Gobelins als Portieren – Himmels- und Erdglobusse standen in der Mitte des Raumes, den ein mächtiger Lesetisch, mit grünem Maroquin bezogen, einnahm, sowie etwa ein Dutzend bequemer, grüner Maroquinsessel, die gleichfalls einer längst entschwundenen Zeit angehörten.

Iris legte den Brief auf den Tisch, öffnete eines der mit Wappen und Ornamenten bemalten Fenster, daß die köstliche Sommermorgenluft mit einem ganzen Strom von Rosenduft hereindrang – und dann trat sie an eines der verschlossenen und mit kostbaren Teppichen verhängten Bücherregale, das die Handschriften auf Papyrus und Pergament, die Schätze des Majorats an alten Bibeln und Missalen enthielt, die lange vor Erfindung von Gutenbergs Kunst geduldige Mönche abgeschrieben und mit kunstreichen Initialen und Miniaturen verziert hatten. Aber nicht nach solch einem Denkmal alter christlicher Kunst suchte Iris – sie zog aus einer dunkeln Ecke dieser Schatzkammer der Hochwalder Bibliothek jene Truhe hervor, die, ein noch unberührtes Vermächtnis, ihr Eigentum war, ohne daß sie sich des Besitzes erfreut hätte.

Sie stellte den Kasten auf den Tisch und setzte sich dann in einen der Sessel davor hin, den Blick auf den länglichen Kasten geheftet, dessen schwarzer Samtbezug und alter, kunstreicher Beschlag von Silber ihm etwas von einem Paradesarge verlieh. Und wie Sie so dasaß, fühlte Iris wieder jenes Gefühl der Lähmung durch ihren Körper kriechen, das sie schon einmal empfunden. Es kam von den Füßen an ihr herauf und machte sie unfähig, ein Glied zu rühren, und ihr Herz schlug dazu in unregelmäßigen Schlägen so laut gegen ihre Brust, daß sie auf jenes seltsame Hämmern lauschen mußte, als könnte es ihr etwas offenbaren und erzählen. Das Fühlen, Hören, Sehen und Denken erstarrte allmählich in ihr, nur das Herz schlug fort, laut, rätselhaft.

Das leise Aufgehen der Tür rüttelte sie nicht aus dieser moralischen Lähmung auf – es verhallte ungehört und bedeutungslos vor dem seltsamen Klopfen des Herzens, das wie ein gefangener Vogel gegen seinen Käfig schlug. Als Sigrid, die in die Bibliothek getreten war, um die neuesten Zeitungen dort zu lesen, Iris so sitzen sah, regungslos, aber mit offenen Augen vor der schwarzen Truhe, die schon so sehr ihre Neugierde erregt hatte, trat sie neben ihre Schwester hin und legte den Arm um den Nacken der jungen Frau.

»Bist du noch böse auf mich?« fragte sie leise. »Sei gut, Iris, denn ich weiß nicht, was ich rede, weil ich manchmal so unglücklich bin!«

Iris schreckte auf aus ihrer Erstarrung, aber nur halb, und Sigrids Bitte um Vergebung klang ziemlich bedeutungslos an ihr Ohr.

»O ja«, sagte sie mechanisch und wie erschöpft. »Wir sind ja Schwestern. Nein, ich bin nicht mehr böse. Nur außer mir war ich, denn ich habe doch Papa so geliebt.«

»Ich weiß es«, erwiderte Sigrid, den Blick auf die Truhe und den danebenliegenden Brief heftend. »Du willst ihn lesen? Oder tatest du's schon?« fragte sie darauf deutend.

Statt aller Antwort nahm Iris den Brief in die Hand und griff nach einem der auf dem Tisch liegenden Falzbeine, mit dem sie den Umschlag langsam aufschnitt, ohne die Siegel zu verletzen. Dabei fiel zunächst ein kleiner, in Seidenpapier gewickelter Gegenstand heraus, den Sigrid vom Teppich aufhob und aufwickelte.

»Ah«, sagte sie, einen kunstvoll gearbeiteten Doppelschlüssel zeigend, »das also ist die Springwurz für dieses Geheimnis in schwarzem Samt. Soll ich's öffnen?«

Iris nickte nur – sie hätte weder sprechen noch widersprechen können, denn sie fühlte die schreckliche Willenlosigkeit wieder über sich kommen. Sigrid nahm die stumme Zustimmung nur für eine natürliche Bewegung und beeilte sich, Gebrauch davon zu machen. Nach ein paar vergeblichen Proben öffnete der Doppelschlüssel die beiden kleinen Schlösser der Truhe. Mit einem feierlichen »Sesam, öffne dich« schlug Sigrid den Deckel zurück und enthüllte unter einer Schicht weißen Papiers einen zweiten Behälter, dem die Truhe nur als äußere Hülle diente, eine sehr schlichte, längliche, hohe und schmale Schachtel von Pappe, beklebt mit dunkler Ledertapete und umkreuzt von schwarzen Seidenbändern, die den losen Deckel festhielten.

Da Iris kein Zeichen machte, kein Wort sagte, das ihr Einhalt geboten hätte, so nahm Sigrid die Pappschachtel aus der Truhe und stellte sie auf den Tisch.

»Soll ich die Bänder lösen?« fragte sie, und Iris nickte wieder wie ein Automat, den Blick starr auf die Schachtel geheftet, die Hände mit dem offenen Briefe in dem Schoße, als könnte sie dieselben mit keiner Willensmacht regen und bewegen. Und ihr Herz schlug und schlug seinen unregelmäßigen Takt und hüllte ihre Gedanken in einen dichten, grauen Schleier – sonst hätte es ihr auffallen müssen, wie Sigrid ganz des Briefes zu vergessen schien, nun eines Rätsels Lösung so nahe war, eines Rätsels, dem sie oft nachgegrübelt bis zu Unerträglichkeit. Sie löste die schwarzen Bänder und schlug den Deckel zurück und enthüllte vier sauber in weißes Seidenpapier gewickelte Pakete von verschiedener Größe. Obenauf lag ein kleines Päckchen in rauhem, starkem Papier, mit Bindfaden verschnürt und mit einem großen Siegel verschlossen, dessen Abdruck durch einen warmen Metallstift oder Stab verwischt zu sein schien. Sigrid durchschnitt den Bindfaden mit einer Papierschere und schälte die äußere Hülle los, die Sie in die Tasche steckte, ohne daß Iris etwas davon zu sehen schien. Die nächste Papierhülle enthielt wenige, aber kostbare Schmucksachen – eine Brosche, bestehend aus drei in Kleeblattform gefaßten, echten grauen Perlen von besonderer Größe, ferner mehrere ganz dünne Armspangen von mattem Golde nach etruskischem Muster gearbeitet, ein Medaillon von glatter schwarzer Emaille an einer federleichten Kette von Jett und zum Schluß vier Ringe für sehr schlanke Finger berechnet: ein Trauring mit der eingravierten Inschrift: F. Frh. v. R. 17. Juni 1867; und drei kostbare Diamantringe in verschiedenen Formen, deren einer mit einem länglichen, wundervollen Türkis geschmückt war und die Inschrift trug: F. Frh. v. R. 15. März 1866 – ein Verlobungsring.

»Wie gemacht für deine Finger – mir wären sie zu eng«, sagte Sigrid, die Ringe auf den Tisch legend und das Medaillon öffnend. Es enthielt das Miniaturbildnis eines Kindes, dessen Köpfchen mit großen weitgeöffneten blauen Auge in spitzenbesetzten Kissen lag – also ein sehr kleines, dem Steckbettchen noch nicht entwachsenes Baby, so alt wie der kleine Siegfried droben, dessen Porträt es ganz gut hätte sein können. Diese Idee rüttelte Iris etwas auf aus ihrer Lethargie – sie wollte nach dem Medaillon langen, aber die Hände versagten ihr den Dienst.

Sigrid hob nun das nächste Päckchen aus dem Kasten und entnahm dem nur lose umgehüllten weichen Papier eine Fülle zusammengewundenes, abgeschnittenes blondes Frauenhaar von einer Weichheit und jener seltenen, silberglänzenden Flachsfarbe wie die Haare von Iris – Haare, die von Sigrids Händen sorgsam gelöst lang wie ein Schleier herabhingen – köstliches, märchenhaftes Frauenhaar, sanft gewellt und seidenweich wie das Haar der Frau Holle, das sie im Herbst um die letzten Rosen spinnt – –

»Wie Marienfäden«, sagte die sonst so wenig in poetischen Vergleichen bewanderte Sigrid und legte die langen, lichten Strähnen auf den Tisch, und wieder nickte Iris.

Das nächste Paket, das Sigrid herausnahm und entfaltete, enthielt ein dreieckiges Tuch von weißen, echten spanischen Spitzen, wie Damen es über dem Kopfe tragen, wenn sie in Gesellschaft oder ins Theater fahren. Nur war das wertvolle Tuch mit dem schönen Arabeskenmuster teilweise mit einer bräunlichen Flüssigkeit getränkt, die den einen langen Zipfel ganz färbte und das Tuch wertlos machte.

»Wie in Blut getaucht«, sagte Sigrid schaudernd und legte das zarte, seidene Spitzengewebe beiseite.

»Wie in Blut getaucht«, wiederholte Iris mechanisch.

Das letzte Päckchen, das Sigrid aus dem Kasten nahm, war nur klein. Es enthielt drei welke Rosen, zusammengebunden zum Sträußchen, die derselbe bräunliche Farbenton überzog, wie ihn die Flecke auf dem Spitzentuche zeigten. Weiter enthielt der Kasten nichts.

Sigrid legte die welken Rosen auf die Tischplatte nieder – die Sache hatte sie enttäuscht. Kein Papier, kein Brief, kein Name – nur diese paar Gegenstände, diese Frauenhaare – und keine Andeutung darüber, wem sie gehört haben mochten. Im ganzen ein sonderbares Vermächtnis, das durch seine Unerklärlichkeit auch an Interesse verlor. Warum kein Name? Aber vielleicht gab der Brief des Grafen Erlenstein, den Iris noch in der Hand hielt, Aufklärung über diese wunderbare Erbschaft? Wahrscheinlich wohl! Diese Reflexion leitete Sigrids Blick zum erstenmal auf ihre Schwester, und jetzt erst bemerkte sie deren seltsame Starrheit im Blick, deren Regungslosigkeit –

Und nun kam eine Versuchung über Sigrid. Wie, wenn sie diese Hinneigung zu einem seelisch paralytischen Zustand benützte und, wie damals in Florenz, ihre Macht, zu hypnotisieren, erprobte! Iris würde dann wieder auf die ihr vorgelegten Fragen antworten und den Zusammenhang der auf dem Tisch ausgebreiteten Gegenstände erklären können. Aber freilich, wenn Marcell davon erführe – sie hatte ihm ja doch versprochen – Gott bewahre, gar nichts hatte sie ihm versprochen! Er hatte ihr mit seinem Zorne gedroht, weiter nichts. Was brauchte er davon zu erfahren? Er war sicherlich jetzt ausgeritten.

Und Sigrid erlag der Versuchung. Sie heftete den Blick ihrer großen, kalten Augen auf Iris, diese Augen, deren helle Umrahmung den Blick noch kälter, fast drohend erscheinen ließ. Iris fühlte die Augen auf sich gerichtet – mühsam erhob sie den eigenen Blick zu dem der Schwester empor, und nun da die zwei Paar Augen sich kreuzten, konzentrierte Sigrid ihre ganze Willenskraft auf den Wunsch, Iris in einen hypnotischen Schlaf zu versetzen. Die zunehmende Starrheit der Züge der jungen Frau belehrte Sigrid, daß ihr Wunsch erreicht sei, und da sie sich der Handbewegungen, die der Cavaliere angewendet, nicht genau erinnerte, so sagte sie laut und befehlend und den Blick fest in das blasse Antlitz vor sich bohrend: »Schlafe!«

Da lehnte Iris das Haupt rückwärts gegen die Lehne des Sessels und die Augenlider fielen ihr schwer herab.

»Schläfst du?« fragte Sigrid.

»Ich schlafe«, war die mit leicht veränderter Stimme gegebene Antwort. Aber dies genügte Sigrid nicht. Sie zog eine Stecknadel aus ihrem Kleide und stach damit leicht Iris in die Hand.

»Fühlst du das?«

»Ja. Eine Nadel.«

»Du sollst nichts fühlen, gar nichts. Ich verbiete es dir. Hast du mich verstanden?«

»Ja.«

Nun stach Sigrid von neuem, diesmal aber so stark, daß ein roter Blutstropfen auf Iris' weiße Haut trat.

»Fühlst du etwas?«

»Nein«, war die lächelnde Erwiderung, und in der Tat hatte Iris bei dem schmerzhaften Stich nicht gezuckt.

»So sage mir den Inhalt des Briefes, den du in der Hand hältst«, befahl Sigrid.

Auf dem lieblichen Gesichte der jungen Frau malte sich jetzt deutlich die Anstrengung, deren ihr Geist sich unter dem fremden Willen unterwerfen mußte. Sie bewegte den Kopf unruhig hin und her, ihre Brauen zogen sich schmerzlich zusammen, ihre Farbe wurde noch bleicher.

»Ich kann nicht«, murmelte sie.

»Du mußt«, befahl Sigrid hart. »Lies!«

Wieder begann das schmerzliche Mienenspiel, dann aber begann Iris den Brief, den ihr physisches Auge noch nicht gesehen, langsam und deutlich herzusagen: »Diese Zeilen, mein liebes Kind, sollen nur den Schlüssel zu der schwarzen Samttruhe umschließen, die Dir nach meinem Heimgange als Dein Eigentum übergeben werden wird. Ihr Inhalt ist ein Vermächtnis, das ich gern vor meinem Tode zerstört hätte, da es hoffentlich für Dich immer bedeutungslos bleiben wird. Aber ich habe mich zu solch einem eigenmächtigen Schritt nicht für berechtigt gehalten. Ich gebe Dir, meine Iris, den Rat eines Vaters und Freundes, den Inhalt der schwarzen Truhe zu vernichten, bevor Du ihn gesehen. Er würde Dich zunächst enttäuschen, dann aber befremden, und da er, wie gesagt, wahrscheinlich stets bedeutungslos für Dich bleiben wird, so ist es besser, Du siehst die Dinge darin nicht.


Gottes reichster Segen über Dich, meine Iris.
Ludwig Graf von Erlenstein
Rom, im November 1885


Sigrid stand, nachdem Iris geendet, einen Moment sinnend da. Dann nahm sie den Brief aus den Händen der junge Frau, zog den vierfach gefalteten Bogen aus dem Umschlag und las den Inhalt. Derselbe stimmte Wort für Wort mit dem überein, was Iris eben hergesagt, und diese für Uneingeweihte fast unglaubliche, ganz märchenhafte Tatsache überwältigte Sigrid auch für den Moment so, daß etwas wie ein Gefühl von Furcht sie überschlich und ihr die Zähne zusammenschlugen vor Erregung. Aber sie war trotzdem nicht die Natur sich von dem Übernatürlichen beherrschen zu lassen – in ihr lag es, dasselbe rücksichtslos für sich auszunutzen. Sie steckte deshalb den Brief zurück in den Umschlag, legte ihn auf den Tisch und ergriff zunächst das Medaillon, das darauf lag.

»Wessen Bildnis ist dieses?« fragte sie, nachdem sie die Kapsel in Iris' Hand gelegt.

»Mein eigenes!« rief diese mit naiver Freude zu Sigrids Überraschung.

»Wem hat das Bild gehört?« fragte sie weiter. Da wich das Lächeln von Iris' Zügen, und sie bewegte unruhig den Kopf hin und her.

»Es ist so dunkel, ich kann nicht sehen«, stöhnte sie.

»Du sollst sehen! Wem gehörte dieses Bild?«

Peinlicher, schmerzlicher wurde der Kampf in den Zügen der jungen Frau, sie stöhnte wie in unerträglicher Qual, aber Sigrid hatte kein Erbarmen.

»Sieh!« befahl sie hart.

»Ich sehe«, murmelte Iris matt. »Das Bild gehört der Frau mit den blonden Haaren!«

»Wie heißt die Frau?«

»Ich weiß es nicht!«

»Besinne dich! Ich will den Namen wissen!«

Ein Laut wie ein Todesröcheln brach über den blassen Mund von Iris.

»Ich kenne den Namen nicht –«, ächzte sie.

Sigrid überlegte. Sie mußte mehr wissen –! Richtig, die Haare! Sie legte die flachsblonde Strähne über Iris' Hände.

»Ihre Haare! Es sind ihre Haare!« flüsterte sie.

»Ihr Name! Du sollst ihren Namen sagen.«

»Ich kann nicht!« stöhnte Iris. »Sie schüttelt mit dem Kopfe – sie steht vor mir – ich soll den Namen nicht wissen. Erbarmen! Mitleid! Es ist unerträglich!«

Sigrid nahm unwillkürlich die Haare vom Schoße ihrer Schwester und legte statt deren die welken Rosen in ihre Hände.

»Rot! Rot!« schrie diese auf. »Rot von seinem und ihrem Blut! Die weißen Rosen sind gesühnt – gesühnt –«

Mit schwer arbeitender Brust hielt sie ein, und Sigrid nahm nun auch das Spitzentuch und legte es statt der Rosen über Iris' Hände. Da begann die junge Frau wie in Konvulsionen zu zucken, ihr Atem ging schwerer und schwerer, die Brust begann zu röcheln – – –

»Sprich! Wem gehörte dieses Tuch?« fragte Sigrid blaß, aber entschlossen.

»Ihr! Sie trug es auf dem letzten Gange«, kam es erlöschend von Iris' Lippen.

»Wer trug es? Der Name! Ich will den Namen wissen!«

»Ja, ja, ja! Ich komme!« ächzte Iris und öffnete ihre Augen mit dem starren, blicklosen Blick, und dann stand sie auf, mit den Fingern krampfhaft das Tuch umfassend – sie machte zwei, drei Schritte seitwärts der Tür entgegen – da glitten Tuch und Medaillon aus ihren Händen, und mit einem dumpfen Schrei brach sie auf dem Boden zusammen.

Nun ergriff Sigrid eine ungeheure Angst. Nach dem ersten Moment des Entsetzens kniete sie neben der Bewußtlosen nieder, hob ihren Kopf hinauf, daß er in ihrem Schoß lag, und rief ihren Namen: »Iris! Iris.«

»Ich höre!« kam es leise von deren Lippen.

»Wach auf! Erwache! Erwache! Erwache! Ich will es!« rief Sigrid mit vor Angst wild klopfendem Herzen. Aber sie mußte es noch zehn-, fünfzehn-, zwanzigmal rufen, in wachsender Angst und Agonie, die ihren Willen schwächte, ehe Iris einen tiefen Atemzug tat und langsam die Augen öffnete. Und gerade in diesem Augenblick tönten von außen her schnelle energische Schritte, und der Fürst trat in die Bibliothek.

»Großer Gott«, schrie er auf, »was ist hier geschehen?

»Sie ist ohnmächtig geworden!« erwiderte Sigrid, tränenlos schluchzend vor innerer Erregung von der eben ausgestandenen Angst und in neuer, wilder Furcht vor der Möglichkeit, ja der Wahrscheinlichkeit, daß ihr Schwager die Wahrheit entdecken würde.

»Marcell!« kam es leise, wie ein Hauch über Iris' blasse Lippen. Ohne ein ferneres Wort zu verlieren, nahm der Fürst vorsichtig die dahingestreckte Gestalt in seine Arme, hob sie empor, als wäre sie ein Kind, und trug sie in sein Arbeitszimmer, wo er sie auf das Sofa legte, neben ihr niederkniete, ihre Stirn mit Kölnischem Wasser netzte und, das blasse, süße Antlitz küssend, ihr tausend Liebesnamen gab.

»Was war mir nur?« fragte Iris verwundert und richtete sich halb auf. »Mein Kopf schwirrt noch«, meinte sie lächelnd, »und es braust mir vor den Ohren. Bin ich denn hingefallen?«

Hochwald stützte den Kopf, der sich wie bei einer welken Lilie zur Seite neigte, mit Kissen und bat Sigrid kurz, ein Glas schweren Weines zu holen. Doch Sigrid stand leichenblaß, mit strömenden Tränen zu Füßen des Sofas, als wollte sie selbst ohnmächtig werden, und das erfüllte Marcell mit Mitleid, und er ging das Glas Wein selbst holen, um vorläufig das Haus nicht zu alarmieren.

»Arme Sigrid! Hab' ich dich so erschreckt!« murmelte Iris matt, aber mit aufrichtiger, liebevoller Teilnahme.

Hochwald kam in fliegender Eile mit einem Glas Sherry zurück, das Iris halb leerte und sehr bald damit ihre Kräfte wiederfand, so daß sie sich ganz aufrichtete und lachend erklärte, wieder Walzer tanzen zu können. Davon wollte nun der Fürst freilich nichts wissen. Er zog seine Frau neben sich auf das Sofa nieder und legte ihren Kopf an seine Brust.

»Erst wird gefolgt und dann getanzt«, gebot er heiter, und dann sich zu Sigrid wendend, über deren regungsloses, blasses Gesicht die Tränen noch immer stürzten, meinte er freundlich: »Nun setz dich hierher zu uns und beruhige dich. Du siehst, Iris scheint sich ganz zu erholen! Erzähle uns, wie alles gekommen!«

Sigrid ließ sich in den nächsten Sessel fallen – die Knie brachen ihr, sie hätte nicht länger stehen können. Den Kopf in ihre beiden Hände stützend, verharrte sie einen Moment schweigend, dann begann sie mit eintöniger Stimme: »Ich traf Iris in der Bibliothek vor der schwarzen Truhe mit dem Briefe ihres Vaters, aus dem der Schlüssel zur Erde fiel, als ich sie von rückwärts umarmte. Ich hob den Schlüssel auf und fragte, ob ich den Kasten aufschließen sollte, und tat es als sie »Ja« sagte. Auf Iris' Geheiß habe ich den Kasten auch ausgepackt – Schmucksachen, Haare, ein Spitzentuch und welke Rosen waren darin. Als ich alles auf den Tisch gelegt, wandte ich mich nach Iris um und sah diese mit starren Augen, wie geistesabwesend, im Sessel sitzen. Dies erschreckte mich derart, daß ich sie laut anrief, worauf sie wie eine Schlafwandlerin aufstand, ein paar Schritte tat und dann zusammenbrach. Ich kniete neben ihr nieder, hob ihren Kopf in meinen Schoß – da öffnete sie die Augen – und im selben Moment kamst du herein, Marcell!«

Sie schwieg und trocknete die rinnenden Tränen von ihren Wangen – die Lüge hatte den warmen Quell versiegen gemacht.

»Ja, so war es«, nickte Iris wie fröstelnd. »Ich weiß, daß ich den Brief lesen wollte, und da kam es über mich, wie damals in Florenz, weißt du, Marcell, so schrecklich lähmend und furchtbar –! Oh, jetzt erinnere ich mich auch, daß Sigrid mich herausriß aus dieser Erstarrung, und daß ich dann ein Bild sah – Siegfrieds Bild! Es lag in dem Kasten!«

»Das wäre ja Hexerei, Liebling!« lächelte der Fürst ungläubig.

»Der Kasten enthielt in der Tat ein Medaillon mit dem Bild eines Kindes, blond und blauäugig – Siegfried wirklich etwas ähnlich«, bestätigte Sigrid.

»Und der Brief?« fragte Hochwald mit angstvoller Spannung.

»Ich habe ihn noch nicht gelesen«, sagte Iris mit der Überzeugung der Wahrheit, vor der Sigrid unwillkürlich die Augen niederschlug.

»O über euch Evastöchter!« rief Hochwald nicht ohne einen leisen Vorwurf. »War eure Neugierde auf die verborgenen Schätze des Kastens so groß, daß ihr sie sehen mußtet, ehe der Brief eures Vaters euch die nötigen Aufschlüsse darüber gab?!«

»Ja, Marcell, du hast recht«, fiel Iris ein, mit ihrem geraden und feinen Sinn für Recht und Unrecht und Wahrheit. »Und ich gebe dir mein Wort, es wäre nicht geschehen, wenn nicht jenes entsetzliche Gefühl über mich kam, das alles richtige Denken in mir lähmte. Und was Sigrid betrifft, so konnte sie gar nicht wissen, ob ich den Brief gelesen oder nicht!«

Sigrid schlug bei dieser nach Iris' Sinne gerechten Rechtfertigung abermals die Augen nieder.

»Nein, ich konnte das nicht wissen«, wiederholte sie mechanisch. Dann erhob sie sich. »Ich möchte in mein Zimmer gehen«, sagte sie leise.

»Ja, geh, Liebe, und erhole dich! Ich werde dir Wein heraufschicken und einen Bissen zur Erfrischung!« erwiderte Iris herzlich, indem sie aufstand und die eiskalte Hand der Schwester drückte. Und Sigrid ging.

Nach etwa zwei Stunden klopfte es an ihre Tür, und Fürst Hochwald trat ein in ihr hübsches Zimmer, wo sie, ein Buch der Hand, in der Balkontür saß.

»Ich komme, dir zu sagen, daß Iris sich vollständig wieder erholt hat«, begann er freundlich. »Wir haben eben mit den anderen eine Yachtpartie für heut nachmittag verabredet. Meine Schwester erinnert sich aus ihrer Jugend einer Segelfahrt nach einer der kleinen Inseln, wo man den Tee in einer Art von heiligem Haine trank, und so wollen wir's heut ihr zuliebe tun. Du bist doch seefest?«

»Vollkommen. Es wird sehr hübsch werden«, meinte Sigrid.

»Ich hoffe es, das Wetter ist herrlich, die See spiegelglatt und doch mit einer frischen südwestlichen Brise. Die Seeluft wird dir und Iris wohltun und eure Nerven stärken. Wie geht es dir?«

»Oh, ich danke, gut«, stammelte Sigrid. »Es war ja auch nur der Schreck und die Angst, als Iris zusammenbrach –«

»Ich weiß«, unterbrach sie Hochwald gütig. »Nun, wir haben zunächst deines Vaters Brief gelesen – derselbe empfiehlt die Vernichtung der in dem Kasten enthaltenen Gegenstände, und ich habe die Erfüllung dieses Wunsches für Iris übernommen. Doch was ist dir?« unterbrach er sich, als Sigrid einen Moment mit dem Taschentuch ihr Gesicht verhüllte.

»Nichts«, sagte sie matt. »Nur die Hitze – ich hätte die Balkontür nicht in der Sonnenzeit öffnen sollen.«

»Nein, du vermeidest das besser«, pflichtete der Fürst bei und fuhr dann fort: »Die Vernichtung der Juwelen glaubt Iris unterlassen zu dürfen und hat mit ihrem stets richtigen Takt den Wunsch geäußert, Brosche, Armbänder und Ringe zu einem Werke der Barmherzigkeit zu verwenden. Ich konnte ihr in diesem schönen Sinne nur beipflichten. Doch alles dies ist es nicht, weshalb ich zu dir kam, Sigrid! Es geschah in dem Gefühl, dir in meinen Gedanken heut unrecht getan zu haben.« »Du –? Mir unrecht?« fragte Sigrid verwirrt.

»Ja. Ich hatte dich vorhin im Verdacht, Iris wieder hypnotisiert zu haben – ein schmählicher Verdacht, und wie deine Sorge um Iris und deine Tränen gesagt haben, auch ein unwürdiger. Nun ist es aber meine Überzeugung, daß es niemand erniedrigt, sondern allemal ehrt, ein Unrecht zu bekennen, und darum kam ich zu dir, um dir zu sagen, daß der gegen dich gehegte Verdacht mir herzlich leid tut. Mehr noch. Die von dir an den Tag gelegte Angst und Sorge um Iris hat mir auch das häßliche Gefühl genommen, als liebtest du deine Schwester weniger als früher. Es liegt nicht in deiner Natur deine Gefühle auszudrücken, und damit müssen wir rechnen. Also – unsere gute Schwester für immer!« Und mit wahrhafter Herzlichkeit drückte Hochwald Sigrids eiskalte Hand und beugte sich herab, ihre Stirn zu küssen. Da kam es wie ein Schwindel über sie – sie wankte, und der Fürst mußte sie halten. Und dann sah sie auf zu ihm mit einem Ausdruck unaussprechlichen Wehes in den sonst so kalten Augen.

»Hab Mitleid mit mir und Geduld«, sagte sie leise, »ich bin so einsam und liebelos –«

»Niemals bei uns«, erwiderte Hochwald herzlich und beugte sich herab und küßte ihren Mund zur Bestätigung – wie ein Bruder seine Schwester küßt. Dann geleitete er sie zurück an ihren Sessel, nickte ihr zu und ging weiter. Als sein Schritt verhallt war, flog Sigrid gegen die Tür verriegelte sie von innen und warf sich dann mit einem dumpfen Schrei zu Boden, wo sie wie vom Blitze gefällt liegen blieb, das Antlitz bedeckt mit den Händen, den Körper zuckend in konvulsivischem Schluchzen. Erst das Tamtam, das unten in der Halle zum erstenmal ertönte, schreckte sie empor; sie raffte sich auf und wankte mehr als sie ging vor ihren Ankleidespiegel, der ihr blasses, verzerrtes Gesicht mit schrecklicher Deutlichkeit zurückwarf.

»So also sieht eine Lügnerin, eine Meineidige, eine Betrügerin aus«, sagte sie, ihrem Spiegelbilde zunickend. »Ja, nennen wir's nur immerhin beim rechten Namen, wir sind ja allein, Sigrid Erlenstein! Gelogen hast du unten – gelogen aus purer Feigheit und Nichtswürdigkeit! Meineidig bist du, weil du gegen seinen Wunsch gehandelt, der dir heilig sein mußte, als hättest du darauf einen Eid geleistet, und betrogen hast du ihn, weil du seine edle Entschuldigung angenommen, ihn um einen Kuß betrogen hast! Ach –!«

Sie senkte den Kopf, und schwere Tränentropfen rieselten auf ihre gerungenen Hände nieder, Tränen, die keinem heiligen Quell entströmten, wenn auch aus keinem so trüben wie die Tränen, die unten zwei edle und der Verstellung unfähige Herzen gerührt und versöhnt und die doch nur aus Neid und Eifersucht und ohnmächtiger Wut über das Glück der ihr am nächsten stehenden Menschen geflossen waren. Und Sigrid dachte jener Tränen und schüttelte die jetzigen zornig aus den Augen.

»Was nützt's, daß er mich geküßt! Es macht mich nur noch elender!« murmelte sie, ihr Haar auflösend. »Ich muß fort von hier – ich ertrage es nicht, sie in Glück und Glanz zu sehen! Was konnte er mich nicht lieben, mich, deren Herz ihm gehört vom ersten Moment an, da ich ihn sah. Wenn er mich geliebt hätte, wäre ich gut geworden und großmütig und – – nein, ich werde hierbleiben!« schrie sie auf, indem sie sich vor die Stirn schlug. »Törin, die ich war mit meinem unverhohlenen Haß, meiner Bitterkeit auf dem Präsentierteller für jedermann, Törin, dreifache Törin! Jetzt weiß ich's, wie ich's anfangen muß! Er selbst hat mir's gesagt und mir mit seinem Kusse selbst die Binde von den Augen gerissen. Was wollte ich denn so erreichen? Nichts, als daß sie mich schleunigst loszuwerden versucht hätten. So aber – –! Wer weiß, Sigrid Erlenstein, ob du nicht noch triumphieren wirst – –! Und morgen kommt der Cavaliere!«

Eine halbe Stunde später nahm Sigrid, blaß zwar, aber sonst gefaßt und heiter, an dem gemeinschaftlichen Gabelfrühstück teil, herzlich gegrüßt von Iris, die in ihrer sorglos fröhlichen Weise sich anklagte, ihre Schwester so erschreckt zu haben.

»Ich muß mich nett benommen haben«, lachte sie, »daß du selbst fast ohnmächtig darüber geworden bist. Geschah aber sehr gegen meinen Willen, das kannst du glauben. Also mit Marcell hast du oben einen ewigen Bund geschlossen mit diversen Küssen? Ist recht so, das heißt, solange ich nicht eifersüchtig werde«, setzte sie neckend hinzu und mit jener Sicherheit, die das unbedingte Vertrauen der Liebe verleiht.

Sigrid wollte der leichte Ton nicht sogleich gelingen, und da sie einsah, daß die Maske in diesem Falle nur zur Fratze werden könnte, so hielt sie sich vorläufig weise zurück. Etwa eine Stunde nach dem Gabelfrühstück war die Yacht klar zum Segeln, und die kleine Gesellschaft ging an Bord der »Iris«. Es war ein köstlicher Nachmittag – klar, warm und doch durch eine leichte Brise erfrischt, der Himmel blau, das Wasser von jenem unergründlichen Grünlichgrau, wie es eben nur die Nordsee hat, und in diesem Wasser, auf dieser kaum leicht sich kräuselnden Fläche badete sich die nordische Sonne in ihrer ganzen Glorie und schuf darauf ein wechselndes, reizvolles Bild.

»Was gibt es Schöneres, Erhabeneres als unsere Nordsee?« rief Iris der Fürstin Fuxia zu, die mit Madame Chrysopras, Sigrid und Sascha zusammen unter einem gestreiften Zelte saß.

»Very splendid, indeed, mit diesem Hintergrunde«, sagte Fuxia mit einem sehnsuchtsvollen Blicke auf das weiße Schloß am Meere.

»Ja, es ist einzig schön, nicht wahr?« – nickte Iris mit naiver Freude. »Sie müssen sich auch am Meere ansiedeln, liebe Fuxia, ein Schloß bauen so recht nach Ihren Träumen. Nur nicht stilvoll, denn das ertötet die Behaglichkeit.«

»Was nützt mir ein neues Haus?« fragte Madame Ukatschin-Chrysopras verächtlich. »Ich habe früher nur für neue Häuser geschwärmt und die alten Eulennester und Spinnwebenwinkel genannt. Aber seitdem ich Hochwald kenne –«, sie seufzte leise.

»Des Hauses Herrin bedankt sich für das Kompliment«, erwiderte Iris heiter, mit einer graziösen Verbeugung.

»Ja, Hochwald ist ein prächtiges altes Haus«, sagte Fuxia. Ich fange an, die alten Häuser zu lieben.«

»Zu viel Ehre für mich selbst«, sagte Fürst Hochwald lachend. »Sie haben mich doch gemeint, Fuxia?«

Sie lachte, daß man ihre weißen Zähne sah.

»Wie werde ich mich unterstehen, meinen Onkel ein altes Haus zu nennen«, meinte sie heiter, die Hände hinter dem Kopf, darauf ein schwarzer Matrosenhut mit flatterndem Scharlachbande keck genug saß, verschränkend. »Mein Onkel!« wiederholte sie, »ist das nicht drollig? Als ich Sie zuerst sah – war's nicht bei Madame Chrysopras? – hätten Sie sicher doch nicht gedacht, daß ich Ihre Nichte werden würde.«

»Verschlungen sind des Schicksals Pfade«, erwiderte Fürst Hochwald mit Pathos.

»Damals meinte ich Sie selbst zu heiraten«, fuhr Fuxia mit verblüffender Offenheit fort. »Aber Sie haben mir nicht einmal die Cour gemacht!«

»Schlechter Geschmack, Fuxia – aber Boris hat die Ehre der Familie in dieser Beziehung zum Glück gerettet«, erwiderte der Fürst lachend.

»Ist sie nicht höchst schick?« krähte Boris, seine Frau betrachtend. »Die Zusammenstellung deines roten Haares, Fuxia mit Scharlach ist einfach großartig. Schade, daß kein Künstler dich bewundern kann!«

»Worths Idee«, sagte Fuxia, einen Blick auf ihr cremweißes Tuchkostüm mit kurzem Rock und Matrosenbluse werfend, deren scharlachroter Kragen die Weiße ihres Halses allerdings noch mehr hervorhob. »Ich war erst entsetzt über die Idee, aber der große Mann lächelte nur verächtlich und hielt einen roten Zeuglappen gegen mein Haar. Der Effekt war überraschend. Man muß eben auch etwas wagen, selbst wenn die hergebrachten Ideen dadurch gestürzt werden.«

»Ja, Worth ist ein großer Mann«, meinte Madame Chrysopras schläfrig. Sie war mit der Siesta nach dem reichlich genossenen Frühstück noch nicht fertig, und das leichte Schwanken der Jacht ersetzte ihr vollständig die Wirkung eines amerikanischen Wiegestuhls, der sie nach dem Essen immer zu einem leichten Schläfchen aufnahm. »Sascha, sitz gerade«, ermannte sie ihre Lebensgeister noch einmal, dann fiel ihr die halbangerauchte russische Zigarette aus der Hand, sie lehnte den Kopf zurück in ihren bequemen Bambusstuhl, und Gott Morpheus nahm sie in seine langen Arme.

Sascha hob die Zigarette auf und warf sie über Bord. Dann holte sie ihr Skizzenbuch und öffnete es.

»Still gesessen, Onkel, ja?« bat sie, dem Fürsten freundlich zunickend, der, Iris an seiner Seite, gern auf den Wunsch seiner Nichte einging, die mit schnellen, sicheren Strichen eine Porträtskizze Hochwalds entwarf.

Langsam glitt die Jacht dahin auf der stillen See, die Küste weiter und weiter hinter sich lassend. Nordwestlich gerichtet durchschnitt der Kiel die glitzernde Flut, Inseln tauchten auf, kleine sandige Eilande mit spärlicher oder gar keiner Vegetation, wo die Möwen nisteten und nur die Fischar anlegten beim Fischfang. Dann, weiter hinaus kam ein Eiland in Sicht, dessen Ufer jäh herabstürzende Kreidefelsen bildeten, über die es herüberragte wie Baumkronen, Laubholz und dunkle Föhren.

»Da liegt unser Ziel«, sagte Iris, in die Ferne deutend, und der Fürst gab das Kommando zu einem nördlicheren Kurs.

»Das sieht aus wie Wald«, meinte Sigrid, die durch ein Fernrohr geschaut.

»Das ist Wald – eigentlich nur ein Hain, der Größe der Insel entsprechend«, erwiderte Hochwald. »In alten Zeiten war's ein heiliger Hain, dem Balder geweiht – vermutlich, weil dort der Frühling durch die geschützte Lage des Haines zeitiger kam als an den Küsten. Übrigens ein Eiland von ganz eigenem, melancholischem Reiz.«

»Melancholisch? Dann wundert's mich nur, daß Madame Chrysopras Gefallen daran gefunden hat!« rief Fuxia erstaunt.

Bei der Nennung ihres Namens schlug die Genannte die Augen auf, blinzelte, lächelte, gähnte, nahm aus ihrer Kleidertasche eine silberne Bonbonniere und naschte ein Fruchtbonbon.

»Nein«, sagte sie mitten in diesem Genuß mit der völlig wiederkehrenden Lebhaftigkeit ihrer Natur, »nein, wie reizend ist doch solch eine Jachtpartie! Die herrliche Seeluft – Sascha, sitz gerade! – man fühlt sich um zehn Jahre jünger. Nur zehrt sie auch schrecklich – Kinder, ich hab' Hunger!«

»In einer Viertelstunde ankern wir, Olga«, tröstete der Fürst.

»Also in längstens einer Stunde gibt's Tee«, berechnete Madame Chrysopras und nahm daraufhin noch eine kandierte Erdbeere zu sich.

In der Tat lief die Jacht kurz darauf in eine kleine Bucht an der Südseite des Eilandes ein. Die Segel wurden gerefft, der Anker ausgeworfen, die Schiffstreppe angelegt und das Boot herabgelassen, denn die Bucht war zu seicht, eine bloße Watte, und man mußte per Boot ans Land.

»Ah, meine alte Balder-Insel!« sagte Madame Chrysopras gerührt. Man kam überein, daß Iris mit Fuxia und Sigrid, sowie die mitgenommenen Diener, die die Ingredienzien zu einem solennen Fünfuhrtee mit sich führten, zuerst hinübergerudert werden sollten, um die Vorbereitungen zu treffen und den Platz zu wählen, da sie das Eiland natürlich gut kannten. Die kräftigen Arme der Matrosen brachten diese »Eclaireurs« der Partie binnen zehn Minuten an das hier ganz flache, sandige Gestade, und mit dem Rufe: »Kommt ich weiß ein reizendes, köstliches Plätzchen!« eilte Iris voran, schnell eingeholt von Sigrid und Fuxia, die sie nur um die Ecke des hier bis ans Ufer sich erstreckenden Eichenhaines zu einem wirklich unendlich malerischen Plätzchen führte, wo uralte knorrige Eichen ihre Zweige zu einem Dach verstrickten, unter dem ein geheimnisvolles, grüngoldiges Dunkel herrschte, während eine Lichtung wie eine riesenhafte Münsterpforte einen Ausblick gewährte auf das hier jäh abfallende romantische Ufer mit seinen Felsenblöcken, seinen wie von Zyklopenhänden umhergeschleuderten Findlingen, seiner schäumenden, tosenden Brandung, die ihren Gischt hoch in die Höhe warf, daß er im Sonnenschein aussah wie hell geschliffene Diamanten, die eine Wasserfrau im übermütigen Spiele emporschleudert.

»Hier laßt uns Hütten bauen und den Tee trinken!« rief Iris heiter, indem sie auf eine der mächtigsten Eichen deutete unter deren Zweigen sich jenes weiche, lichte, graugrüne, silberschimmernde Moos ausbreitete, das dem Norden eigen ist.

»Ah, ja! Splendid, quite splendid!« bewunderte Fuxia, der Eiche zueilend.

»Aber da liegt schon etwas im Moose« flüsterte sie, zurückfahrend.

»Was denn? Eine Boa constrictor?« fragte Sigrid lachend.

»Jedenfalls eine Personifizierung des Schlafes«, lachte Fuxia, und die drei schönen jugendlichen Gestalten traten vorsichtig näher. Richtig, da lag »etwas« schlafend im Moose, und zwar ein junger Mann, im eleganten Touristenanzug, den schönen, ausdrucksvollen Kopf mit dem dunkeln, kurzgehaltenen welligen Haar auf die rückwärts gebogenen Arme gestützt. Neben ihm lag ein Buch, aber es standen auf dem aufgeschlagenen Blatte merkwürdigerweise keine landschaftlichen Aufnahmen, sondern Noten.


»Die Frist ist um, und abermals verstrichen
Sind sieben Jahr. – Voll Überdruß wirft mich
Das Meer ans Land . . . Ha, stolzer Ozean!
In kurzer Frist sollst Du mich wieder tragen!«


las Iris. »Der fliegende Holländer!« sagte sie mit geheimnisvollem Flüstern.

»Gott bewahre! Siegfried – Parzifal! Ja, Parzifal, der reine Tor!« raunte Fuxia, auf das schöne, jugendliche, bronzefarbene Gesicht herabdeutend.

»Nichts als eine Boa constrictor, die hier Siesta hält«, lachte Sigrid leise, angesteckt von dem Übermut der anderen.

»Siesta hält –«, wiederholte Iris, »um nachher vielleicht den armen Tamino mit erneuter Wut zu verfolgen.«

»Töten wir den greulichen Wurm«, schlug Sigrid vor. »Wir sind zwar nicht die drei schwarzen Damen aus der Zauberflöte, sondern dafür weiß gekleidet. Die Farbe tut aber nichts zur Sache!«

»Also aufgepaßt!« rief Iris in hellem Übermut, indem sie ihren Schirm wie einen Speer erhob. Fuxia und Sigrid taten dasselbe, indem sie neben Iris in eine Reihe neben den Schläfer traten, um dessen Mund es verräterisch zuckte. »Eins, zwei, drei«, kommandierte sie, und die drei hellen Stimmen setzten in das erste berühmte Terzett der drei schwarzen Damen ein, indem sie ihre Schirmspitzen dem Fremdling auf die Brust setzten:

»Stirb durch uns, du Ungeheuer –«

Da schlug der Schläfer die Augen auf – zwei tiefdunkle, lachende, große, gefährliche Augen – –

»Ungeheuer ist gut«, sagte er, ohne die Lage zu verändern. »Aber der Sopran sang zu tief.«

Ein höchst übermütiges Lachterzett unterbrach das klassische des guten Wolfgang Amadeus – was braucht man sich auf einem einsamen Eilande in der Nordsee zu genieren!

»Ich bin nicht kitzlig«, versicherte der Fremde mitlachend, da die drei Sonnenschirmspitzen sich bei dem Heiterkeitsausbruch fester auf seine graue Touristenbluse aufsetzten. Sofort wurden die gefährlichen Waffen zurückgezogen, und Fuxia sang ein Solo:

»Unselig holder Mann,
Hör! Was ich dich muß fragen!
Den Namen sag mir an!
Woher die Fahrt? Wie deine Art?«


sang sie musikalisch richtig mit ihrer kleinen, aber sympathischen Stimme.

Überrascht richtete sich der Fremde nun zu einer sitzenden Stellung auf und sang als Antwort ein anderes Bruchstück aus dem Lohengrin mit zauberhaft schöner, weicher und doch mächtiger, dunkel wie ein Baryton klingender Tenorstimme:


»Nun hört, wie ich verbotne Frage lohne!
Vom Gral ward ich zu euch daher gesandt;
Mein Vater Parzifal trägt seine Krone,
Sein Ritter ich – bin Lohengrin genannt.«


 Fuxia stieß einen leisen Schrei aus, als diese wunderbare Stimme einsetzte.

»Die Stimme kenn' ich doch!« rief sie atemlos vor Entzücken, und lachend sprang der Fremde nun vollends in die Höhe.

»Bitte«, sagte er, sich tadellos verbeugend, »wenn man von drei Grazien angesungen wird, dann muß man sich doch mindestens revanchieren. Ich fange an, dieses Eiland, auf das ich heut schon wie ein Rohrsperling geschimpft habe, höchst anziehend zu finden.«

»Weil die Kultur es in Gestalt eines Picknicks beleckt?« fragte Iris lachend, indem sie auf den Diener zeigte, der eben den Spiritus unter einem kupfernen Feldteekessel entzündete.

»Halten Ihro Gnaden, das gnädige Fräulein Dryade mich für so materialistisch?« fragte der Fremde, mit einem bewundernden Blick auf Iris' zarte, mädchenhafte Gestalt.

»Jedenfalls für hungrig«, gab sie lächelnd zurück.

»Ich danke Ihnen für diese gute Meinung!« rief er mit komischer Innigkeit. »Oh, es tut wohl, von einer fühlenden Seele verstanden zu werden, nachdem man eben erst mit einer Siesta haltenden, vollgefressenen Boa constrictor verglichen worden ist.« – Dabei sah er Sigrid an.

»Was?« riefe diese empört, »Sie haben gar nicht geschlafen?«

»Aber meine Gnädigste, versetzen Sie sich in die Lage Ihres untertänigsten Knechtes«, sagte der Fremde demütig. »Ich liege hier im Moos, hungernd und über mein Geschick hadernd, das mich in diese Mausefalle gelockt, zu welcher als gebratener Speck die Gesellschaft eines Menschen diente, der Geist mit einer unwiderstehlichen Komik vereint – ein Köder, der sich als irrig erwies, gleichviel aus welchen Gründen. Da sehe ich Sie, meine Damen, um die Ecke biegen – eine Vision in Weiß und drei Nuancen Blond. Was sollte ich tun – ich, im beschmutzten Touristenkostüm, ein ganz unsalonfähiger Mensch, ein Erdenwurm, der die Augen schließen muß, wenn ihm die Sonne hereinscheint. Und nun gar noch drei Sonnen.«

»Sind Sie Ihres Zeichens Konzertredner?« unterbrach ihn Sigrid etwas spöttisch.

»Leider nein«, sagte der Fremde seufzend. »Versetzen Sie sich gnädigst nochmals in meine Lage! Muß ein Mensch nicht eloquent werden, wenn sich ihm auf solch einer vertrackten Insel plötzlich Menschen zeigen? Das heißt, ich nehme an, daß die Damen mir nicht nur erschienen sind, um in Nebel zu zerfließen«, setzte er mit einer unwiderstehlich-drolligen Liebenswürdigkeit hinzu.

»Das wäre im Hinblick auf diesen sich entfaltenden Fünfuhrtee geradezu grausam«, meinte Fürstin Iris lächelnd, eine große Blechdose voll delikater Sandwiches auspackend.

»Wo hab' ich Sie nur singen hören?« fragte Fuxia lebhaft. »Helfen Sie mir suchen, please – because l know your powerful and sweet voice!«

Doch ehe der Fremde antworten konnte, verkündete Hochwalds Stimme, der mit Sascha und Boris eben die Waldecke betrat, daß die Partie vollzählig sei, zugleich aber hatten die drei Damen unter der Eiche noch eine andere Überraschung Aus dem Dickicht trat nämlich ein kleiner, dicker, ältlicher Herr mit einem kurzgehaltenen Backenbart, der Mund und Kinn frei ließ und nach Art einer sogenannten Holzhauerfräse auch den gleichfalls sogenannten Kehlbraten umhüllte. Hinter der Brille blitzten ein paar kluge Äugelein vergnüglich in die Welt und auf die Eitelkeit der Menschen, denn der Anzug des kleinen Herrn war durchaus nicht elegant, wenn auch solide, sein großer weißer Pflanzerhut hing ihm an einem Sturmbande auf dem Rücken, und die mächtige Glatze trocknete und rieb er sich im Gehen mit einem gelbseidenen Taschentuche. Kaum aber sah der kleine, dicke, ältliche Herr die ihm entgegentretende Gruppe, als er sich auch schon mit dem Ausrufe: »I nee, da brat mer doch gleich eener 'n Storch« – in einen für den Zuschauer überwältigenden Galopp setzte und dem Fürsten Hochwald um den Hals fiel.

»Professor, Freund! Wo kommen Sie denn hier her?« fragte Hochwald überrascht, sobald er wieder Luft hatte.

»Nu, wo werd' ich denn herkommen?« strahlte der Kleine selig im reinsten Sächsisch. »Auf 'ner Ferienreise bin ich seit zwee Tagen und will da mal so nebenbei den Norden abgrasen. Das Ding, die Insel hier, hat mich schon längst gelockt – mein Boot liegt fünf Minuten von hier. Aber nu, mein liebster Hochwald, stellen Se mich, bitte, Ihrer Gesellschaft vor und nehmen Se meine Toilette nicht übel!«

»Mein lieber Freund, der Professor der Geschichte Dr. August Glauchau aus Leipzig«, stellte Hochwald vor. »Wir trafen uns vor vier Jahren auf den Trümmern Karthagos und zogen zusammen den Nil entlang. Es war eine lange Reise, aber schön und unvergeßlich, durch Sie, liebster Professor«

»Hören Sie, schmeicheln steht nicht auf dem Programm«, drohte der kleine Herr mit ganz glücklichem Gesicht. »Schön und unvergeßlich war die Reise durch Sie, mein bester Hochwald. Ja, glauben Sie denn, man trifft allemal, wenn man die Nase raussteckt in die Welt, einen Menschen, der einen versteht und dem's mit der Archäologie so ernst ist wie Ihnen? Nu nee! Sehen Sie, hier dieser junge Mann war mein Schüler, das heißt in der Geschichte und der Archäologie – na, er hat sich ja auch 'n paar ganz nette alte Lappen, Waffen und Möbel gesammelt – aber Tiefe, Verständnis für etwas, was sozusagen nach nischt aussieht und für'n Salon unbrauchbar ist – nicht für'n Sechser. Gestern hab' ich'n getroffen; riesig gefreut hat er sich, bummeln wollt er auch, und da's was Neues war, hat er sich angeboten, als mein Famulus mitzuziehen. Ja, sonst was! Das Rudern hat ihm noch Spaß gemacht, und dann hat er erklärt, 'sBlut stieg' ihm in'n Schädel, wenn er in der Hitze auf der Erde rumrassaunen sollte. Und das will mein Schüler sein!« schloß der alte Herr seine Philippika gegen den armen Sünder, der lachend Zeichen der Reue in den Redestrom einflocht.

»Aber, liebster Professor, Sie müssen eben mit den Unvollkommenheiten der menschlichen Natur rechnen«, sagte er, zu Worte kommend.

»Junger Mann«, erwiderte der Professor und Träger eines berühmten Namens mit komischer Würde, »junger Mann, Sie reden, wie Sie's verstehen, und das ist nicht weit her, trotzdem Sie mein Schüler gewesen sind. Aber das kommt vom Umsatteln. Veranlagung, schöne Kenntnisse – alles in den Wind geschlagen. Sie brauchen nicht zu lächeln! 'smag ja richtig sein, daß Sie berühmter sind als ich, aber ich gönne Ihnen die paar Lorbeeren von Herzen! Meine Wirtin in Leipzig verwendet sie zu Ragoutsoßen!«

Alle lachten, am meisten aber der Gemaßregelte, und der Professor mit.

»Nein, dem Jungen kann man nicht böse sein«, sagt er. »Hat er sich schon vorgestellt? Nein? Aha, den Inkognitus gespielt! Nu nee, runter mit der Maske, denn wie Sie ihn hier sehen, meine Damen, ist er der ›vielgenannte Sänger und wohlgewandte Rattenfänger‹, und ›in keinem Städtchen kommt er an, wo er's nicht mancher angetan‹. Zu deutsch heißt das, er ist der Kammersänger unzähliger und unaussprechlicher Potentaten, Herr Hans Kreuzwendedich Aus dem Winkel.«

»Was, Sie sind Hans Aus dem Winkel?« schrie Fuxia auf, der größte Wagnersänger der Gegenwart –?«

»Ein hoffnungsvoller Patriziersohn vom Rhein!« sagte der Professor vorwurfsvoll, »ein Bismarck in der Entwicklung. Aber das alte Haus Aus dem Winkel, das mit flüssigem Rheingold handelt seit Menschengedenken, konnte sich's schon mal antun, einen Jungen Diplomaten werden zu lassen. Gymnasium, Universität – er rassaunte's Ihnen nur so ab – Geschichte hörte er bei mir und Altertumskunde so nebenbei noch. Kommt da aber eines Tages so'n verrückter Musikant nach Leipzig, hört'n singen – na, 's Resultat haben Sie faustdick hier, meine Herrschaften! Adje, Bismarck, adje römisches Recht, Geschichte usw. – – Der Rest ist –: Der reine Tor!«

»Ich freue mich herzlich, Sie kennenzulernen, Herr aus dem Winkel«, sagte Hochwald, dem Sänger die Hand reichend und sich zu dem Professor zurückwendend, fuhr er fort: »Die Herren sind natürlich meine Gäste. Sie, Professor, lasse ich nämlich fürs erste nicht mehr los, und Herr aus dem Winkel wird mitgefangen und mitgehangen. Zunächst aber ein Bekenntnis – ich bin verheiratet!«

»Nee, was man alles für Enttäuschungen beim Menschen erlebt!« rief der kleine dicke Herr ehrlich entsetzt. »Kein größerer Ehefeind am Nil als Sie sozusagen – das ging ja noch über meine Ehescheu! Und nun verheiratet! Na, ich gratuliere von Herzen – 's muß jeder wissen, was er tut, und Sie sind doch nachgerade erwachsen. Ist Ihre werte Frau Gemahlin hier?«

»Ja«, antwortete Hochwald, und dabei kam ihm ein närrischer Gedanke. Er führte den Professor vor die zusammenstehende Gruppe der Damen und sagte feierlich: »Eine von ihnen ist's! Nun, sagen Sie mir, welche?«

Der Professor wischte sich seine Brillengläser mit dem gelben Taschentuche ab und blinkerte höchst vergnügt mit den Augen.

»Hören Sie, Sie machen mich da sozusagen zum Paris«, sagte er humoristisch. »Die Apfelgeschichte ist dazumal höchst ungemütlich verlaufen, weil der gute Junge, der Paris, nicht auf den klugen Gedanken gekommen ist, den Apfel zu teilen. Mein Fall ist hier nun noch viel kritischer, denn eine kann's doch nur sein, also 's Teilen würde mir nicht mal was nützen. Sie darf ich doch wohl von der engeren Wahl ausnehmen, meine Gnädigste«, wandte er sich an Madame Chrysopras.

»Warum?« sagte diese, auf den Scherz eingehend. »Bin ich ihnen etwa zu alt? Sie wären mir gerade der rechte Paris, der Juno, die Göttermutter, als zu alt aus der Schönheitskonkurrenz herausrobbert.«

»Ei, du Donnerwetter, da scheine ich ja in e recht nettes Wespennest gestochen zu haben«, rief der Professor so verblüfft, das alles in ein heiteres Lachen ausbrach. Doch Madame Chrysopras versicherte nun, daß sie als Schwester Hochwalds von selbst aus der Reihe der Grazien trete, und der kleine Gelehrte, dem die Sache Spaß machte, begann nun seine Prüfung.

»Well – bin ich's?« fragte Fuxia mit dem ganzen Siegesbewußtsein ihrer Nationalität vortretend.

Professor Glauchau sah sie lange prüfend an.

»Nein«, sagte er nach einer Weile, »Sie sind's nicht!«

»Warum nicht? Ich bitte um Gründe!«

»Haha! Ja, hören Sie, mein schönes Fräuleinchen – der Hochwald, den ich kenne – er müßte sich gerade fürchterlich in seinen Ansichten geändert haben, aber der war dazumal am Nil ein großer Freund von Gemälden und von der Kunst. Nur von der Kunst in der Natur, was der Franzose corriger la nature nennt und der Soldat das Lederzeug weißen – nein, davon hat er nichts gehalten. Und darum möcht' ich sagen, Sie sind's nicht!«

Fuxia verstand als Ausländerin nur halb, was der gute Professor in seinem Sächsisch dozierte, und Boris auch nur die andere Hälfte, aber sie begriff, daß es sich wohl um die wohlverteilte Schicht von Puder handeln müsse, die auf ihrem Gesichte lag. »Well«, sagte sie, »ich glaube, Sie sind nicht sehr höflich.«

»Mein schönstes Fräuleinchen, Sie haben meine Gründe hören wollen, ich glaube nicht, daß man sie euphemistischer ausdrücken kann«, erwiderte der Professor mit strahlendem Gesichte. »Um nun wieder fortzufahren in meinem Geschäft wandte er sich an die ihm zunächst stehende Sascha, »Sie sind wohl nicht von hier?«

»Kalmückenblut, gemischt mit etwas Germanenblut – Resultat: Russin!« erwiderte Sascha heiter. »Professor, gehen Sie weiter – die Gründe erlasse ich Ihnen, warum ich Ihres Freundes Frau nicht bin.«

»Aber mein gutes allerherzigstes Fräuleinchen«, begann Dr. Glauchau etwas verlegen.

Aber sie unterbrach ihn lachend. »Ich nenne mich mit Stolz eine Malerin und weiß sehr gut, was schön ist, und mein lieber Onkel Hochwald weiß es auch«, rief sie mit so viel Gutmütigkeit, mit feinem Takt den Kernpunkt umgehend, daß der kleine Professor sich unwillkürlich herabbeugte, die schöne Hand der Häßlichen zu küssen.

Iris aber trat rasch, Sigrid am Arme, vor den Gelehrten hin. »Nun zur engeren Wahl«, sagte sie mit ihrem reizenden Lächeln, »wir sind zwei Schwestern, wählen Sie aber die rechte, denn eine von uns beiden muß es jetzt sein.«

»Nu soll mir aber doch einer sagen, was nordisches Blut ist«, rief Dr. Glauchau mit der Bewunderung des Kenners. Blondes Haar, rosige Farben wie die schönste Pfirsichblüte, blaue Augen – ja, ja, nee, nee! Nu eben! Und was nun die Wahl anbetrifft, hier is se sozusagen schon bedeutend erschwerter. Nein, eigentlich gar nicht! Denn mein Herze hat für meinen Hochwald schon entschieden – so liebe klare Veilchenaugen, wo's ganze liebe Herz rausguckt, das ist seine Wahl! Kommen Sie an mein Vaterherze, Kindchen – ich muß Ihnen einen Kuß geben!«

Und der Professor zog unter allgemeinem Jubel Iris ohne weitere Zeremonien an seine Brust und applizierte ihr einen Kuß, dem man den Genuß förmlich anhörte.

Inzwischen war das mitgenommene Wasser im Kessel zum Kochen gekommen und der Tee bereitet, und der so unerwartet erweiterte Kreis lagerte sich um die alte Eiche, wo Iris ihres Hausfrauenamtes waltete, trank den duftigen, kräftigen Trank und plauderte so heiter und ungezwungen, wie man eigentlich nur im Freien, unter grünen Bäumen plaudern kann.

Fürst Hochwald verfolgte nun zunächst sein Ziel, den berühmten Archäologen zu einem längeren Aufenthalte in seinem Hause zu bestimmen, ein Wunsch, den Iris sogleich unterstützte, obgleich der Professor die Einladung nicht annehmen wollte.

»Sie können aber gar nicht an einem Hause vorbeigehen, Herr Doktor, das baulich so interessant ist und eine so unerschöpfliche Fundgrube an alten Möbeln, Sammlungen, Gemälden und Kunstobjekten darstellt«, meinte Iris, dem Professor ein Sandwich mit getrüffelter Schnepfenpastete aussuchend, wie es öfter schon von ihm bevorzugt worden war. »Davon haben wir auch noch mehr zu Hause«, fügte sie neckend hinzu.

»Hören Sie, Sie sind ein Engelchen«, sagte der Professor gerührt, indem er die sechste Tasse Tee austrank und sie zu neuer Füllung an Iris gab. »Ihr altes Haus voller Kunstobjekte könnte mich ja auch höllisch reizen, aber, mein lieber Hochwald, ich will mal ehrlich reden. Sehen Sie – ich habe mich während der Ferien auf die Socken gemacht, um ein paar Lungen voll frischer Luft zu schnappen –«

»Das können Sie bei uns vortrefflich«, unterbrach ihn Hochwald. »Erstens genießen unsere Gäste persönliche Freiheit; zweitens sind wir auf dem Lande, wo von der einen Seite die Seeluft, von der anderen der Ozon des Waldes jedem Luftbedürfnis entspricht; drittens aber können Sie von uns aus täglich Ausflüge zu Wasser und zu Lande machen an Orte, die archäologisch noch verhältnismäßig wenig ausgebeutet sind, und viertens werden Sie für Regentage im Hause selbst auf Monate interessanten Stoff finden.«

»Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie auf dem Lande wohnen, mein bester Hochwald«, sagte der Professor nachdenklich. »Da wäre ich wirklich fast so unbescheiden, ja zu sagen. Darf ich fragen, wo Ihr Haus liegt?«

Hochwald beschrieb die Lage und gebrauchte dabei einmal den Ausdruck »mein Schloß«.

»Hören Sie«, meinte der kleine Gelehrte, »nach Ihrer Beschreibung muß das ja »'n fürstlicher Besitz sein! Aus Ihren Worten am Nil nahm ich eigentlich an, daß Sie in Berlin wohnen. Wie heißt denn Ihr Gut?«

»Hochwald, lieber Professor.«

»Hm! Hm! Ich hab' schon gehört von so 'ner Art Märchenschloß an der See, wo sich die Tizians mit'n Raphaels stoßen – das Schloß aber gehört einem der Erzämtler, einem Fürsten Hochwald.«

»Es stimmt schon, Professorchen, denn es gibt nur einen Fürsten dieses Namens – Ihren Verehrer vom Nil.«

Dem Gelehrten fiel tatsächlich das schöne Schnepfensandwich aus der Hand und natürlich auf die bestrichene Seite ins Moos.

»Das Gesetz der Schwere«, sagte Iris lachend und suchte nach einem Ersatze.

»Und Sie, Sie sind der Fürst von Hochwald? Mit Ihnen hab' ich so wenig Zeremonien gemacht, und Ihre wunderschöne Frau Gemahlin, Durchlaucht, habe ich geküßt? Nee, hören Sie, das war nicht schön von Ihnen!«

»Professor, wo bleibt da die Logik?« lachte Hochwald. »Wie kann von mir nicht schön sein, was Sie tun? Als wir uns vorstellten, sagten Sie: mein Name ist Glauchau, und ich sagte: mein Name ist Hochwald. Den Fürsten laß ich auf Reisen immer zu Hause. Na, darum keine Feindschaft, hoffe ich. Also die Sache ist entschieden, Sie verbringen Ihre Ferien als mein Gast, aber unter der Bedingung, daß ich Hochwald für Sie bleibe, schlichtweg!«

Der kleine Gelehrte warf einen scheuen Seitenblick auf seinen »Freund vom Nil« und einen noch viel scheueren auf die mühsam ihre Heiterkeit verbergende Iris.

»Ja,« sagte er nach einer Weile, »es ist eigentlich ganz gegen meine Prinzipien, den Fürstenknecht zu spielen. Mein Buckel ist nämlich ein wenig sehr steif –«

Nun aber lachte Iris hell hinaus.

»Herr Professor, Sie sind unser Mann«, rief sie lustig. »Mein Mann und ich, wir teilen nämlich ganz, sowohl Ihre Ansicht als auch Ihre Steifheit des Rückgrates. Und dann, sehen Sie, sind wir ja gottlob keine Regierenden, sondern einfache Edelleute, die vielleicht etwas höher an den Stufen des Thrones rangieren als andere, aber – es muß ja auch solche Käuze geben, sagt Goethe!«

»Sehr richtig, meine allerschönste und gnädigste Frau Durchlaucht«, erwiderte der Professor immer noch etwas steif. »Aber es ist nun mal so –: ich bin ein Leipz'ger Bürgersohn und aufgewachsen in einem – na, nennen wir's Vorurteil gegen den Adel. Ich bin kein Sozialdemokrat, nein, weiß Gott nicht, das bin ich nicht, aber ich gehöre zu den Leuten, die gegen die veraltete und unzeitgemäße Einrichtung und gegen das dauernde Fortbestehen des Adels überhaupt Front machen. Der Adel ist –«

»Aber Herr Professor«, unterbrach ihn Iris freundlich und mit der ganzen gewinnenden Liebenswürdigkeit ihres Wesens »Wir kennen ja die Schlagworte gegen den Adel zur Genüge. Verrottete Vorurteile, Aristokratie, die sich auf dem Lotterbette der Traditionen faul wälzt, und in dieser Art wohl noch ein paar Dutzend mehr. Meinen Sie aber nicht, daß man ohne seine Prinzipien zu schädigen, trotzdem mit dieser verpönten Kaste verkehren kann, die, fürs erste wenigstens, doch nicht aus dem sozialen Leben zu schaffen ist? Oder glauben Sie nicht, daß die gottlob größere Mehrheit des Adels es ebenso ernst nimmt mit ihren Pflichten als jede andere Kaste? Gibt es denn nur beim Adel verkommene Subjekte, niedrige Gesinnungen und lockere Sitten? – Hat nicht jede Herde ihr schwarzen Schafe?«

Der Professor nickte freundlich.

»Bravo, Frau Fürstin, Sie sind ein beredter Anwalt« sagte er mit merkwürdig sanftem Tonfall; denn Jugend und Schönheit plädierten bei dem alten, schönheitsfrohen Gelehrten fast noch eindringlicher als Worte.

»Meine Frau versteht es immer, eine von ihr vertretene Sache zu führen, und wenn sie sich zum Anwalt dafür macht, muß es eine gute Sache sein«, meinte Hochwald, indem er einen Blick von unsäglichem Glück auf Iris ruhen ließ. »Aber auch ich trete für diese Sache, trete für den Adel ein, dessen Fahne ich gern hochhalten möchte für alle Zeiten als Wahrzeichen für seine Pflichten. Trotzdem möchte auch ich eine zeitgemäße Reform des Adels haben und zwar im Sinne der englischen Adelsordnung. Ich halte es geradezu für einen Fluch, daß bei uns ein schlecht dotierter jüngerer Sohn, eine arme jüngere Linie – der unverheirateten Töchter gar nicht zu gedenken – einen aristokratischen Namen, einen hohen Titel durchs Leben schleppen müssen, einen Titel, der ihnen Verpflichtungen auferlegt, ihre Tatkraft lähmt und sie zu dem Elende der ›verschämten Armut‹ bringt. In England ruht Titel, Besitz und Verpflichtung auf dem Haupte der Familie und seinem Erben – die jüngeren Söhne mit ihrem einfachen ›Mister‹ können ungehemmt durch irgendwelchen Titel den Stand ergreifen, der ihnen nach Veranlagung und Charakter zusagt, ohne daß ihre Verwandtschaft sich darüber den Mund zerreißt. Die Rasse hat dadurch meines Wissens nicht gelitten. Wenn aber hier ein Prinz, Graf, Baron oder Adliger einen Handel anfangen oder sonst eine für den Adel ungewöhnliche Karriere ergreifen wollte – stellen Sie sich den Aufruhr unter seinen Standesgenossen vor, trotzdem jeder Gutsbesitzer, ob adelig oder bürgerlich, ein Kaufmann ist in dürren Worten. Er lebt von dem Ertrage seines Bodens, seines Viehes, seiner Brennereien – nun, der Kaufmann tut nichts anderes, mag die Ware heißen, wie sie will. Also in diesem Sinne, in dem Sinne der englischen Aristokratie möchte ich die unsrige reformiert haben, und ich meine, das wäre ein gewaltiger Fortschritt für den Adel. Höhergestellte wird es in dieser Welt immer geben, selbst wenn der Sozialismus je, was Gott verhüten möge, regieren sollte. Denn das erste, was diese Weltbeglücker einführen würden, wäre eine Aristokratie, unter anderem Namen natürlich, aber mit bedeutend erweiterten Rechten. Sehen Sie sich doch die republikanischen Länder an –: ›Gleichheit‹, die dort herrscht, ist doch stellenweise sehr merkwürdig, und die Privilegien gewisser Kreise gehen weit über die unseres Adels hinaus; – und nun, Sie freier Mann, der Sie bei mir doch wohl eingekehrt wären, wenn ich Hochwald schlichtweg geheißen hätte, Sie Mann ohne Vorurteile, ist ein Titel schon imstande, Sie gegen den einzunehmen, den Sie drunten am Nil Ihren Freund genannt? Ich glaub's nicht, denn das wäre ja ein Zweifel an Ihrem Verstand und an Ihrem Herzen!«

»Na«, meinte der Gelehrte achselzuckend, »den Zweifel an meinem Verstand möcht« ich noch hinnehmen, denn Verstand ist am Ende doch nur ein relativer Begriff, der für viele sehr wertlos ist. Aber wenn ein Mensch, den ich schätze und liebe an meinem Herzen zweifelt – sehen Sie, das könnt' mir wehe tun –«

Das Ende vom Liede war, daß der gute Leipziger Professor nur zu gern als Gast auf der Jacht »Iris« gen Hochwald zog. – Die Einladung wurde nun natürlich auch auf Hans Aus dem Winkel in liebenswürdigster Weise ausgedehnt, und da dieser einzig und allein zu seiner Erholung unterwegs war, so nahm er gern an, was ihm so freundlich und mit echter, guter, alter deutscher Gastfreiheit geboten wurde. Das Boot der Herren wurde also entlassen mit der Bestellung, daß das Gepäck derselben umgehend nach Station Hochwald durch Eilfracht befördert werden müsse.

Als dann die Abendbrise übers Meer strich und die Sonne schon tief stand, da segelte die weiße Jacht zurück von dem Eilande Balders, des Frühlingsgottes, zurück an das Schloß am Meer, und die blonde Schloßherrin, die lieblich wie ein Elfenkind auf dem Verdecke stand und des schöneren Teiles von Heines »Sonnenuntergang« aus den Nordseeliedern gedachte – sie ahnte wenig, daß daheim schon die finsteren Dämonen tätig waren, die ihr Glück zu zerstören und den Frieden ihrer Seele zu vernichten kamen.

Das Abendrot stand in seiner vollsten Glut, als die Jacht in der Bucht von Hochwald ankerte. In ein Meer von Purpur und Gold verwandelt schien die See, Millionen leuchtender Funken tanzten auf der Flut, und die Abendluft ging mild und erquickend darüber hin wie der Atem Gottes – – –

Als die kleine Gesellschaft vollzählig gelandet war, gingen sie zu Fuß über die Düne nach dem Schlosse – ein kurzer Weg, der an dem hohen, kunstreichen Gitter von Schmiedeeisen, das in den Park führte, mündete. Durch die hinter dem Gitter sich lang hinstreckende breite Allee mit uralten, mächtigen Kastanienbäumen leuchtete von Westen her das Abendrot. Das barocke Muster des Tors mit der Fürstenkrone darauf hob sich wie ein Schattenbild von dem leuchtenden Hintergrunde ab, in dem Tore aber stand eine hohe, durch die optische Täuschung der Beleuchtung zu überirdischer Größe gespenstisch verlängerte Gestalt eines Mannes, dessen Gesicht dem durch die Abendröte geblendeten Blick der Entgegenkommenden unerkennbar war – eine Gestalt, die in dem Tore stand wie ein Schatten kommenden Unheils, wie ein Dämon, der den Eintritt dem Glücklichen verwehrte. Und doch war diese Gestalt nur ein am Nachmittag um vierundzwanzig Stunden zu früh eingetroffener Gast – der Cavaliere Spini, Marchese della Pescaja.




Zweiter Teil

Ein so heiteres Mittagsmahl wie heute hatte in dem »kleinen« runden Speisesaal auf Hochwald seit langer Zeit nicht stattgefunden. Der von der Seeluft geschärfte Appetit und die späte Stunde des Mahles machten es erklärlich, daß man der ausgezeichneten Kochkunst des zwar deutschen, aber darum nicht minder vortrefflichen Koches alle Ehre erwies. Auch was der wohlgefüllte Keller lieferte, war nicht zu verachten, und es war wohl niemand am Tische, der nicht das Seinige dazu beigetragen hätte, die allgemeine vortreffliche Stimmung zu erhöhen. Besondere Heiterkeit erregte es, das der Professor Glauchau seiner »durchlauchtigsten Wirtin« mit dem Eifer eines Primaners die Kur machte, was Iris mit ihrer reizenden Unbefangenheit als einen vortrefflichen Spaß auffaßte. Hans Aus dem Winkel, der berühmte Wagnersänger, erwies sich als ein geist- und lebensprühender Gesellschafter, und der Cavaliere hatte seinen reichen Schatz brillanter Konversationskünste nicht daheim in Italien vergessen. Auch Sigrid trat völlig aus sich heraus und nahm den lebhaftesten Anteil an der Unterhaltung – still und ohne Kurmacherei, aber doch augenscheinlich bewundert von Spini, dessen merkwürdige, helle Augen Iris oft lange auf ihrer Schwester weilen sah.

Und trotzdem – als die Fürstin Hochwald nach dem Mahl ihrem Sohne droben einen Besuch abgestattet hatte und dann wieder den Salon betrat, wo man eben den Mokka nahm, hatte sie trotz der regen und allgemeinen Unterhaltung das Gefühl, als lagerte ein Etwas wie eine drückende Atmosphäre über diesem Raum. »Mein Gott«, sagte sie beklommen, »wie schwül ist es hier! Ob draußen ein Gewitter droht? Wollen wir nicht lieber auf die Terrasse gehen, liebe Olga?«

Madame Chrysopras war einverstanden, und die beiden Damen gaben das Zeichen zum Aufbruch. Im Hinausgehen und beim Passieren der Halle traf sich's, daß der Fürst, Glauchau, Sigrid und Spini bei einem Tisch zusammentrafen, auf dem unter anderen Gegenständen auch jene Truhe stand, welche der Fürst in Florenz bei dem »Antiquar« in der Via Porta Rossa gekauft. Des Professors geübtes »Trödlerauge«, wie Hans Aus dem Winkel neckend zu sagen pflegte, blieb sogleich auf dem kunstreichen Kasten haften.

»Hören Sie, mein lieber Hochwald, wo haben Sie denn das her?« fragte er stehenbleibend. »Das Alliancewappen der Bianca Capello als Großherzogin – hm! hm! hm!«

»Schöner alter Kasten – nicht wahr?« fragte der Fürst und versuchte das Thema schnell auf einen anderen Gegenstand zu lenken. »Sehen Sie, hier ein Nürnberger Becher aus dem sechzehnten Jahrhundert –«

»Jawohl – nette Arbeit – Zeichen stimmt; echt!« machte der Professor kurzweg. »Aber der Kasten hier – haben Sie den wirklich für alt gekauft?«

Nun griff der Fürst, da er Spinis Augen auf sich gerichtet fühlte, zu einem heroischen Mittel –: er verleugnete seine ganze Reputation als Altertumskenner – eine Selbstverleugnung, die nicht jeder Sammler zum Besten seiner Mitmenschen zu üben imstande ist.

»Aber gewiß, lieber Professor! Der Kasten ist wunderschön und echt obendrein!«

»Nein, das ist er nun eben nicht!« schrie der kleine Gelehrte im vollsten Eifer. »Damit hat man Sie häßlich übers Ohr gehauen. Und Sie haben sicher dafür 'n Heidengeld blechen müssen. Ja, den Schwindel kennen wir! Die Wurmlöcher hier sind gebohrt – die Würmer machen's ja sonst sehr schön, aber hier sind sie doch etwas sehr gewaltsam. Und dann hat der Kasten noch zwei andere Achillesfersen – erstens die Beschläge. Da hat der Fabrikant sich fürs Rostenlassen nicht Zeit genug genommen und die Patina ist gemalt! Ja! Zweitens das Wappen! Das Ornament dazu und die Zeichnung davon überhaupt stammen aus einer späteren Epoche, aus der  Spät-Renaissance mit einem Worte, wie sie schon auf die Neige ging und barock wurde. Da haben Sie den Witz!«

»Aber lieber Professor«, unterbrach ihn der Fürst, »Sie  wollen doch damit nicht sagen, daß –«

»Daß es, namentlich in Italien, ganze organisierte Gesellschaften zur Herstellung von Antiquitäten gibt!« rief der Professor im hellen Zorneseifer. »Ja, genau das will ich eben sagen! Ja, ja! Ich hab' da besonders in der Via Porta Rossa in Florenz einen Kerl auf dem Strich! Ich hab' den Behörden schon einen kleinen Wink gegeben, damit dem Lumpen 's Handwerk gelegt wird. Hören Sie, mein liebster Hochwald, Sie könnten mir eigentlich mit Ihrem Zeugnis zu Hilfe kommen gegen diese Räuberbande!«

»Ach liebster Professor, wozu? Wenn die italienischen Gerichtshöfe die Antiquitätenfabrikation, wie es scheint, als ein rechtskräftiges Gewerbe ansehen, dann werden wir wenig daran ändern und nur eine Menge Ärger ernten. Also lassen wir's die Leute unten selbst ausfechten, und gehen wir jetzt lieber hinaus auf die Terrasse!«

Damit schritt Hochwald voran, und der Professor folgte ihm murrend. »Ja, ja«, sagte er zu Spini, »wenn der Mensch sich einmal bekauft hat, da hängt er's nicht gern an die große Glocke, daß andere klüger waren als er. Aber ich kann Ihnen sagen: – wenn ich bloß den Kerl, der den Kasten dort fabriziert hat, unter meine Fäuste kriegen könnte!« In seinem gerechten Zorne über den seinen Archäologenkenntnissen gebotenen Hohn vergaß der sonst so galante Gelehrte ganz, Sigrid beim Hinaustreten auf die Terrasse den Vortritt zu lassen, so daß letztere mit Spini erst draußen anlangte, als alles schon Platz genommen. Trotzdem schob sie ihren Korbsessel so zwischen die schon Sitzenden ein, daß sie den Cavaliere gerade sich gegenüber hatte, denn sie wollte ihn beobachten – drinnen die Szene vor dem Kasten hatte ihr ein Rätsel aufgegeben. Warum hatte Marcell Hochwald durchaus nicht auf das Gespräch eingehen wollen und es so kurz abgebrochen? Warum hatte Spini mit seinem unbeweglichen Gesichte daneben gestanden, ohne mit seinen archäologischen Kenntnissen an dem für ihn doch sicher interessanten Gespräche teilzunehmen? Warum hatte er seine an und für sich markanten Augen mit einem so seltsamen, dem Blicke eines hungrigen Panthers ähnlichem Ausdruck auf den Fürsten geheftet, und warum hatte der letztere endlich ganz vermieden, Spini in die Konversation hineinzuziehen, da er wußte, daß dieser Kenner war wie er und Glauchau? Was hatte es mit dem Kasten für eine Bewandtnis? Sollte hier der Schlüssel zu suchen sein zu der Andeutung, die Hochwald gestern über den ihm aufgedrungenen Gast hingeworfen? Sigrid beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen, denn wenn man nur recht kühn auf den Busch schlägt, dann fliegen die Vögel schon von selbst hinaus.

Auf der Terrasse war es märchenhaft schön. Es war eine jener warmen Sommernächte, wie sie auch der Norden so wonnig zu bieten hat, eine Nacht mit Sternengeflimmer und einer großen bleichen Mondsichel am schwarzblauen Horizont, die jenen matten Silberschimmer auf die stille Erde warf, wie er eben auch nur des Nordens Eigentümlichkeit ist. Die bleiche Sichel stand gerade jetzt schräg über der Terrasse mit ihren Palmen, Lorbeerbäumen und Rhododendrongebüschen in mächtigen Holzkübeln, mit ihrem blühenden Flor von Azaleen, die in allen Schattierungen vom zartesten Rosa bis zum glühenden Purpur und in schneeiger Weiße ihr kurzes, herrliches Blütendasein am Meere verträumten, das seine Wellen spielend über die weißen Marmorstufen warf mit leisem Rauschen und Murmeln, als schmeichelte es um die zarten, durchsichtigen Blütenblätter, welche die Brise hinabwehte in die kühle, tiefe Flut – –

Wie ein silberner Hauch flimmerte das blasse Mondlicht auf den Wellen, die sich im Dunkel der Nacht verloren, wo es aus einer aufsteigenden Wolkenwand wetterleuchtete mit blutrotem Schein. In einem dieser zuckenden Lichter, die für eines Augenblickes Länge über das dunkle Meer ein unheimliches, fast dämonisches Leuchten warfen, wandte Spini sein bleiches Gesicht mit den seltsamen Augen dem Professor zu.

»Der Name August Glauchau ist mir als Historiker und Archäologe wohlbekannt«, sagte er verbindlich. »Ich hatte aber nicht gewußt, daß Sie auch Heraldiker sind.«

»Hochverehrtester Herr«, rief der Professor mit Eifer »die Heraldik ist die Hilfswissenschaft für die Geschichte, ihr Stab und ihre Stütze! Leider Gottes ist aber die sehr törichte und von mangelhaftem Verständnis zeugende Idee, als ob die Wappenkunde nur eine kindische Spielerei für den Adel wäre, noch sehr weit verbreitet. Freilich, wenn ein Mensch glaubt, er ist ein Heraldiker, wenn er sich Petschaft- oder Siegelring-Abdrücke von sehr mangelhaft gestochenen Wappen sammelt und sie nach dem Alphabet aufklebt, so muß einem vernünftigen Menschen so was sehr – kindlich erscheinen. Wohingegen der Forscher der Wappenkunde und Genealogie schon manche wichtige Kunde verdankt, und der Archäologie mit der größten Sicherheit – wie ich zum Beispiel vorhin bei dem schönen Kasten mit dem Wappen der Bianca Capello – bestimmen kann, aus welcher Epoche der Heraldik die Zeichnung des Wappens rührt.«

»Es ist wahr«, sagte Spini nachdenklich, »wir legen alle noch viel zu wenig Wert auf die Wappenkunde.«

»Und dabei ist's nicht einmal eine trockene Wissenschaft«, warf Hochwald ein, »denn die Sagen, Legenden und Tatsachen, die sich um die Wappenschilde älteren Ursprungs spinnen, sind oft von wunderbarer Poesie durchwoben, oft von erschütternder Tragik. Und wer da meint, der Genealoge habe mit seinen Zahlen, Daten und Namen ein wenig anregendes, dürres Thema, der irrt erst recht, denn beim Zusammentragen dieser Ziffern und Namen entrollt sich ihm auch die Geschichte derer, deren Existenz ein Glied bildet in der langen Kette, und was der Genealoge zwischen den Zeilen liest, darum würde ihn mancher Dramatiker, mancher Romanschriftsteller beneiden.«

»Skandalgeschichten«, warf Madame Chrysopras ein. »Freilich, die Skandalmacher von dazumal waren schlechter daran, denn kein Telegraph, kein Weltpostverein verbreitete ihre Histörchen mit zauberhafter Schnelle. Und da es also die Klatschbasen nicht besprechen konnten, verlief die Sache dazumal als ›Gedicht‹ oder ›Tragödie‹, je nachdem, und der Genealoge fühlt sich tief erschüttert, wenn er's findet.«

Iris lachte unwillkürlich.

»Ach«, meinte sie dann, »es gewährt doch einen wunderbaren Reiz, in der Chronik vergangener Tage zu blättern, alte Tagebücher und Briefe zu lesen. Wenigstens hat es für mich eine große Anziehungskraft! Um übrigens auf die Wappenlegenden zurückzukommen –: ich habe mir ein Buch angelegt, in welchem ich die Sagen und Tatsachen sammele, die sich an den Ursprung oder die Umänderung von Wappenschilden knüpfen. Wir haben in der Bibliothek alte Chroniken und genealogische Werke, in denen viel merkwürdige Dinge zu lesen sind.«

»Ei freilich«, bestätigte der Professor lächelnd. »Und dabei ist's eigentlich kolossal merkwürdig, wie oft Tatsachen aus neuester Zeit mit den überlieferten Sagen übereinstimmen. Ich erinnere Sie nur an Erlkönigs Tochter, das Heroldsbild der Erlenstein, an den Kesselhaken der Decken, den Maueranker der Hatzfeldt, an die weißen Rosen von Ravensberg –«

»Ach, das müssen Sie uns erzählen«, fiel Sigrid ein. »Ich habe schon von diesen weißen Rosen gehört, und ich gestehe, sie haben meine Neugierde erweckt.«

»Ach ja, bitte,« fiel auch Iris ein. »Das gibt am Ende eine hübsche Geschichte für mein Sagenbuch.«

»Na, gerade eine hübsche nun eben nicht«, erwiderte der Professor, »vielmehr eine recht schauerliche!«

»Besser, wir erzählen etwas Heiteres«, sagte Fürst Hochwald ernst.

»Ach nein, Marcell, es gruselt sich so schön bei Abend«, rief Iris voll Eifer. »Eigentlich muß man ja dazu in der dunkeln Stube am knisternden Kaminfeuer sitzen, aber das Meer und das Wetterleuchten tun's ja am Ende auch!«

»Also bitte, Herr Professor, die weißen Rosen von Ravensberg«, bat Sigrid.

»Mit Vergnügen, mein bestes Fräulein«, sagte der kleine Gelehrte, der keine Ahnung davon hatte, wer Sigrid und seine Wirtin eigentlich waren und wie die Schwestern hießen. Und dann begann er seine Geschichte: »Die Ravensberg gehören zum schwäbischen Uradel, und schon unter Barbarossa finden wir urkundlich zwei Ritter dieses Namens, welche die Kreuzzüge mitmachten; auch war ein Ravensberg Begleiter des Königs Enzio und hat dessen Gefangenschaft geteilt. Nach einem höfischen Turnierbuche der damaligen Zeit, wie die Hofburgpfaffen sie umständlich und genau verfaßten und vielen Fleiß daran wendeten, führten die von Ravensberg damals einen ›silberweißen Schild mit drei blutroten Rosen darin, deren Samenkapsel ausgebrochen war‹. Die nächste Kunde von den Ravensberg fällt in eine hochtragische Episode der Geschichte, und mit dieser selbst ist auch die Änderung ihres Wappens verknüpft, wenn auch im anderen Sinne als die drei schwarzen Löwen von Schwaben, deren rechte Vorderpranke ›zum ewigen Andenken an das unschuldig und ungerecht vergossene Blut des letzten Hohenstaufen, Konradin, blutrot tinktiert und anklagend erhoben wurde‹. So führt Württemberg heut noch das Wappen von Schwaben im gespaltenen goldenen Schilde neben seinen drei schwarzen Hirschstangen. Nun denn, Konradin, der Hohenstaufe, der Kaisersproß, von seinem Freunde und Waffenbruder Friedrich von Baden, dem Erben von Österreich, begleitet, zog nach Neapel, um die Krone dieses herrlichen Landes auf sein blondes Haupt zu setzen, diese Krone, nach der erst der Reichsverweser Manfred, dann Karl von Anjou ihre räuberischen Hände ausgestreckt, um sich selbst damit zu krönen. Der Usurpator Manfred büßte seine Königsgelüste auf dem Schlachtfelde von Benevent, während der Kapetinger die sizilianischen Kronen festhielt und den jungen Konradin mit seinen Gefährten ins Gefängnis warf. Unter diesen Gefährten aber befand sich ein Ravensberg, der dem Gefängnis zu entrinnen wußte, indem er zu Karl von Anjou überging und die Sache seines unglücklichen Herrn nach der Katastrophe von Tagliacozzo schmählich verließ. Ja, der Chronist berichtet, jener Enzio von Ravensberg habe am 29. Oktober 1268, als auf dem Mercato zu Neapel Konradins erlauchtes Haupt auf dem Schafott fiel, ein Kommando über ein Fähnlein Landsknechte geführt, die den Platz um das Blutgerüst besetzt hielten. Das Heimweh und vielleicht auch das Gewissen trieben Enzio von Ravensberg endlich zurück nach Schwaben, doch ihm voran reiste das Gerücht seines schmählichen Verrates. Tief entrüstet über eines deutschen Mannes Treubruch, weigerte seine Sippe ihm die Gastfreundschaft, und der Kaiser verhing über den Verräter und Abtrünnigen die Acht und gebot sein Wappenschild dahin zu ändern, daß es statt der Silberfarbe des Schildes von nun ab blutrot leuchte, überzogen mit Konradin von Hohenstaufens Blut, während die roten Rosen vor Scham erbleicht fortan weiß darauf erglänzen sollten. Diesen Schild aber sollte das Geschlecht so lange führen, bis ein Ravensberg mit seinem eigenen Blute das des letzten Hohenstaufen, den es verraten, gesühnt – und erst dann, wenn eines Ravensberg Blut geflossen, sollte das Schild gereinigt wieder weiß erstrahlen, die Rosen wieder rot erglühen. Der geächtete Mann irrte freund- und ruhelos in der Welt umher, aber kein Schwert, keine Hellebarde fand sich, sein Blut fließen zu lassen. Vermählt mit einer fränkischen Dame, die ihn genug liebte, um sich über Acht und Treubruch hinwegzusetzen, starb er im Bett einen bürgerlichen Tod, das brechende Auge gerichtet auf seinen Schild mit den ›vor Scham erbleichten‹ Rosen – – ›So wollte ich‹, rief er im Sterben, ›daß ihr weißen Rosen den Ravensberg zum Todesengel würdet und ihnen verkündetet, wenn es Zeit sei zum Sterben damit sie sich bereiten, vor ihren Richter zu treten. Weiße Rosen – Todesrosen sollt ihr werden, bis Ravensbergblut den Schimpf tilgt von euch!‹ – – – Dies ist der Ursprung der weißen Rosen von Ravensberg«, schloß der Professor. »Aber«, setzte er zögernd hinzu, »das höchst Seltsame dabei ist, daß in der Reihe der Jahrhunderte seit dem Ausgange des dreizehnten Jahrhunderts bis auf unsere Tage kein Ravensberg anders als daheim im Bett gestorben ist. Der Name hat sich in den Kriegen aller Zeiten viele Auszeichnungen erworben – gefallen auf dem Schlachtfelde aber ist kein Ravensberg, und die weißen Rosen sind weiß geblieben seit sechs Jahrhunderten. Nur der Letzte dieses Namens –«

»Nun, nur der Letzte dieses Namens –«, fiel Sigrid gespannt ein, als der Professor plötzlich stockte.

»Es ist doch niemand hier mit den Ravensberg verwandt oder verschwägert?« fragte der Gelehrte vorsichtig.

»Niemand!« rief Sigrid mit der vollen Sicherheit ihres guten Glaubens, und dieses »niemand« beruhigte auch Madame Chrysopras, der eine vage Idee aufgestiegen war, als der Name irgendwie in Beziehungen zu den Erlensteins stehen müßte. »Nun gut«, sagte der Professor.

»Also der letzte Ravensberg, der Letzte eines uralten Stammes hat die weißen Rosen mit seinem Blute wieder rot gefärbt. Er starb durch einen Revolverschuß mitten ins Herz.«

»Selbstmord?« fragte Spini interessiert.

»Nein, Mord«, erwiderte Dr. Glauchau zögernd. »Seine eigene, schöne, junge Frau hat die tödliche Waffe gegen ihn gewendet.«

»O wie entsetzlich!« rief Iris erbleichend, und Madame Chrysopras war's wieder, als müßte vor vielen, vielen Jahren ein ähnlicher Fall bei den Erlensteins vorgekommen sein. War nicht damals, als sie mit dem seligen Chrysopras in der Krim lebte, wo er seiner Gesundheit wegen den größten Teil des Jahres zubrachte, eine derartige Geschichte zu ihr gedrungen?

»Ah, ich erinnere mich, den Fall in einer alten Zeitung gefunden zu haben«, rief Spini, der nun sein Steckenpferd ritt, sein Werk: Der Dämon im Weibe. »Sie werden sich erinnern, Fürst Hochwald, daß ich Ihnen davon erzählte. Aber meine zufällig gefundenen alten Zeitungen brachten nur Anfang und Mitte, nicht aber den Schluß der Gerichtsverhandlungen. Wie endeten dieselben? Welchen Spruch fällte der Gerichtshof? Ich meine, die Zeugenaussagen waren vernichtend, während die Angeklagte ohne Wanken leugnete und den Tod ihres Gatten als Selbstmord darstellte.«

»Der Gerichtshof erkannte auf ›Schuldig‹ und verurteilte die Angeklagte zum Tode«, erwiderte der Professor.

»Und natürlich wurde die Mörderin zu lebenslänglicher Haft begnadigt«, rief Sigrid. »Eine schöne Gnade – ich nenne sie eine diabolische Höllenqual. Stellen Sie sich ein solches Leben vor, gegen das der Tod eine Erlösung ist!«

»Ja aber, meine Gnädigste, von diesem Standpunkte aus dürfen wir's als Christen nicht betrachten«, entgegnete der Professor. »Das Leben ist an und für sich eine Gnade, eine Gnade von Gott, und wenn dies vor der menschlichen Gerechtigkeit verwirkte Leben kraft der königlichen Machtvollkommenheit verlängert wird, so geschieht es in der Absicht, dem Sünder Zeit zu lassen zu einer irdischen Buße. Im übrigen hat der König damals von seiner Gnade keinen Gebrauch gemacht, da die Verhöre Untiefen in dem Charakter der Frau von Ravensberg enthüllten, die der Sühne vor der Welt bedurften. Ihr Haupt fiel in dem Zellengefängnis zu X.«

Eine Pause entstand nach diesen Worten. In der Ferne überm Meer wetterleuchtete es stärker, und die sich auftürmenden Wolkenmassen verhüllten schon fast die bleiche Mondsichel.

»Sie sagten, es war der letzte Ravensberg«, begann Spini dann wieder. »Er hinterließ also keine Erben?«

»Soviel ich weiß, nur eine kleine Tochter, die schon im ersten Lebensjahre starb.«

»Und aus welcher Familie entstammte die Gerichtete?«

Der Professor wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. »Hm, ja«, sagte er sinnend, »sie war aus einem vornehmen nordischen Hause. Warten Sie mal, der Name muß mir doch einfallen! Eine – eine – eine –«

»Komtesse Erlenstein!« unterbrach hier Fürst Hochwald laut den Professor, indem er einen Brief aus der Brusttasche seines Rockes zog und ihn Sigrid reichte. »Ich fand ihn vorhin unter den Postsachen und vergaß, ihn dir vor Tisch geben.«

»Jawohl – Komtesse Erlenstein«, wiederholte der Professor laut, indes Sigrid den Poststempel des Briefes in dem matten Lichte zu erkennen suchte. Überrascht sah Sie auf, als ihr Name wiederholt wurde.

»Herr Professor?« erwiderte sie fragend.

Der kleine Gelehrte war für den Moment sprachlos, denn da er ja nicht schwerfällig war im Begreifen, so ahnte ihm sofort der Zusammenhang, nun er den Mädchennamen seiner Wirtin kannte.

»Ja«, sagte er schnell gefaßt, »es war nämlich nur, weil ich sozusagen eine botanische Verwechslung gemacht hatte. Ulmenstein hatte ich mir eingebildet – das ist ein hannoversches Freiherrngeschlecht, und Erlenstein heißen Sie, meine Gnädigste? Aber ein Baum war's – das hab' ich genau gewußt!«

Man lachte über die drollig hervorgebrachte Erklärung des kleinen Herrn, und Hochwald atmete erleichtert auf über die bewiesene Geistesgegenwart. Spini aber, der ja nicht ahnen konnte, welcher Zusammenhang mit der Nennung von Sigrids Namen und des Gelehrten Erzählung bestand, verfolgte das ihm interessante Thema weiter.

»Sie wollten uns den Familiennamen der Gattenmörderin sagen«, begann er von neuem.

»Hm, ja«, schüttelte Professor Glauchau den kahlen Kopf, er ist mir wirklich total entfallen. Ein dänisches Grafengeschlecht war's. Aber ich komme nicht auf den Namen. 's ist ja auch eigentlich ohne Belang. Vielleicht fällt er mir noch ein!«

Dabei mußte sich Spini beruhigen, während Sigrid sich den Kopf darüber zerbrach, welcher Zusammenhang mit der eben gehörten Wappensage und ihrer Familie bestehen könnte, da Iris in ihrem hypnotischen Zustande von den weißen Rosen von Ravensberg gesprochen.

Die Wolken, aus denen es gewetterleuchtet hatte, waren höhergestiegen und verhüllten jetzt die bleiche Mondsichel ganz, so daß Iris den Vorschlag machte, Lampen holen zu lassen. Davon wollte man indes nichts wissen, denn durch künstliches Licht hätte der Aufenthalt auf der Seeterrasse entschieden an Reiz eingebüßt, und so dunkel war es nicht, daß man sich nicht mehr hätte erkennen können. Das Aufzucken der roten und violetten Blitze aber zauberte eine solche magische Beleuchtung über die nachtdunkle Meeresfläche, die so ruhig lag, als schlummere sie auch mit der übrigen Natur, daß es schade gewesen wäre um das herrliche Schauspiel. Mit dem Aufsteigen der Wolkenwand aber wurde die Dunkelheit allmählich intensiver – dennoch aber dachte noch keines aus dem Kreise auf der Terrasse daran, hineinzugehen – die Sommernacht war gar so köstlich mild, die Seeluft so erquickend, das Rauschen und Raunen der dunkeln Wasser den Nerven so wohltuend – und sonst kein Laut aus der Außenwelt, keine Stimme, kein Lärm, alles Ruhe, großartige, zauberische Ruhe – –

Spini hatte sich erhoben und war an die Seitenbrüstung der Terrasse getreten und sah zu, wie die heranrollenden, heut so glatten Wellen sich an den jäh abfallenden, mit Strebepfeilern verstärkten Mauern des Schlosses mit leisem Plätschern brachen und ihren Schaum zurückwarfen auf das Wasser. In beträchtlicher Höhe über dem Spiegel der Flut unterbrachen unregelmäßige Schießscharten die Mauer mit schräg abfallenden armestiefen Nischen, um das Eindringen des Wassers bei hoher See zu verhüten, und erst hoch über diesen Schießscharten befanden sich die Fenster der oberen Räume, die von außen zu befestigende Läden vor dem aufspritzenden Gischt schützten. Der Bau des Schlosses von der Seeseite hatte, namentlich in dem ungewissen Lichte der verhüllten Sommernacht, etwas Unheimlich-Drohendes – einen gewissen wilden, trotzigen Charakter wie ein Nordlandsrecke aus der Vorzeit, da die Wikinger in seltsam geformten Ruderschiffen übers Meer zogen zu erbittertem Streite. Spini, der ein derartiges Gebäude hart am Felsenabhang der Nordsee noch nicht gesehen hatte, empfand den Eindruck um so stärker, und er bewunderte still dies Werk vergangener Zeiten, das Menschenwille und Menschenhände den rauhen Elementen zum Trotz hier errichtet. Dann aber zog etwas anderes seine Aufmerksamkeit an – das war ein schmaler, blutroter Lichtschein, der bald schwächer, bald stärker, und dann wieder gar nicht auf den leis sich bewegenden Wellen lag – nicht stark genug, um sofort bemerkt zu werden, nur wie ein Hauch, flackernd und unsicher. Es war auch nicht zu erkennen, woher der rote Schein kam – Spini glaubte, aus einer der Schießscharten, doch da diese ihre schräge Seite von der Terrasse abkehrten, so war es gewiß nicht zu bestimmen.

»Aber, Herr Marquis, was beobachten Sie nur dort im Finstern?« fragte eine lachende Stimme neben ihm. Es war Iris, die aufgestanden und neben ihn getreten war, gefolgt von den anderen, da man fand, es wäre Zeit, zur Ruhe zu gehen.

»Sehen Sie, Fürstin – dort! dort!« rief Spini, auf den strichartigen roten Schein zeigend, der eben wieder stärker auf dem Wasser erglänzte.

Iris schlug erstaunt die Hände zusammen. »Sind Sie ein Johanniskind, daß Sie am ersten Abend hier gleich sehen, was ich noch nicht einmal erblickte?« fragte sie mit jener gedämpften Stimme, die man wohl annimmt, wenn man etwas Unheimliches sieht. »Das ist – ja, das ist der Spuk von Hochwald!«

Mit einem unterdrückten Ausruf des Staunens traten die anderen näher und sahen, über die Terrasse gelehnt, auf den roten Schein hinab.

»Was und durch wen weißt du von einem Spuk von Hochwald? durch mich doch sicher nicht?« sagte der Fürst kopfschüttelnd zu seiner Frau. Ihm schien die Erscheinung sicher nichts Ungewohntes.

»Aber lieber Marcell, die Spukchronik alter Schlösser läßt man sich doch auch nicht vom Hausherrn erzählen«, erwiderte Iris mit weiser Miene. »Das besorgen die ältesten Dienstboten des Schlosses. Und aus dieser durchaus zuverlässigen Quelle hab' ich auch die Sage ›vom roten Lichte von Hochwald‹. Es ist nur in dunkeln Nächten zu sehen, immer an der Nordseite des Schlosses. Die Fischer, die nachts vom Fischfang kommen, behaupten, es käme aus einer der Schießscharten und sie schwören, es bedeutet Sturm und Schiffbruch und sonstiges Unheil. Aber ich habe trotz aller wundervoll gruseligen Beschreibungen des ›roten Lichtes‹, zu meiner Rechtfertigung sei's gesagt, nie an seine Existenz geglaubt. Es scheint aber doch zu existieren. Was ist's damit, Marcell?«

Fürst Hochwald zuckte mit den Achseln.

»Irgendeine Naturerscheinung, ein Reflex, eine optische Täuschung. Jedenfalls etwas sehr Harmloses«, sagte er ruhig.

»Und der Ursprung?« fragte Spini. »Ich meine, welche Legende knüpft sich an dieses merkwürdige Licht?«

»Es gibt keine Sage darüber, Marquis!«

»Natürlich steht jemand hinter so 'ner Schießscharte und dirigiert den Spuk mit einer roten Lampe«, meinte Boris weise.

»Das möchte ich bestreiten«, erwiderte Hochwald gleichgültig. »Diese Schießscharten münden in einen sehr breiten, von der Landseite beleuchteten Korridor des Nordbaues, der sich unterhalb der Wohnräume befindet und ehedem der Besatzung des Schlosses zu Wachtstuben diente. Da nun aber der ganze Flügel abgeschlossen und unbewohnt ist, die Schlüssel dazu sich auch noch obendrein in meiner Verwahrung befinden, so ist es ausgeschlossen, daß dort Spukgeister von Fleisch und Blut sich diesen Scherz machen, der übrigens in dieser Lage kaum einen Zweck, nicht einmal den des Unfugs hätte, denn selbst die Chancen, daß heimkehrende Fischer das Licht sehen könnten, sind doch sehr gering.«

»Und haben Sie niemals persönlich der Erscheinung nachgeforscht, wenn diese sich zeigte?«

»Gewiß – doch ohne jedes Resultat. Da nun dieses harmlose Licht niemand schrecken und ängstigen kann, so mag es immerhin ungehindert scheinen. Überdies liegt das Verhindern auch nicht in meiner Macht – wie gesagt, ein Reflex mag es sein, sonst nichts.«

»Oh«, rief Fuxia lebhaft, »ich finde es schrecklich, solch unerklärliche Dinge prosaisch auszulegen und aufzuklären. Ich finde es wundervoll, solchen Spuk zu besitzen, denn in unseren neuen Häusern drüben in N'York sind not haunted at all, you know!«

»Nun«, meinte Herr aus dem Winkel lachend, »chacun á son goût! Ich habe sonst eine starke Abneigung und ein noch stärkeres Mißtrauen gegen Spukgeister, die Euer Durchlaucht mit ›wundervoll‹ zu bezeichnen belieben – wenn der Spuk aber so wenig persönlich bleibt wie dieser, so kann man sich ihn schon gefallen lassen!«

»Wie lange erscheint dieses Licht schon?« fragte Sigrid.

»Oh – seit Menschengedenken, sagt meine Quelle, die Verschließerin«, erwiderte Iris, immer noch hinsehend auf das Licht, das blutrot und flackernd auf der ruhigen See lag.

»Seit Menschengedenken!« wiederholte Hochwald sinnend und mit leis vibrierendem Tone, »was bedeutet das für die meisten? Ein leeres Wort –«

Iris sah fragend auf zu ihrem Gatten, dessen Augen mit tiefschmerzlichem Ausdrucke auf dem roten Lichtschein ruhten – das feine Ohr der Liebe hatte die Bewegung in seiner Stimme sofort herausgehört; und ihren Blick fühlend, sah er hinab auf sie und strich mit der Rechten leis über ihr lichtes Haupt – – eine stumme Frage, eine stumme Antwort, und doch so beredt, daß Sigrid, die es gesehen, ihr Gesicht für einen Augenblick in den Händen verbarg, die sie auf die Brüstung der Terrasse gestützt.

»Es ist merkwürdig, daß ich niemals von dieser Erscheinung hörte, solange Hochwald noch meine Heimat war«, meinte Madame Chrysopras nachdenklich. »Zum mindesten ist mir die Geschichte total entfallen, denn es ist doch nicht anzunehmen, daß dieses Licht erst seit kurzem zu sehen ist!«

»Warum denn nicht?« fragte der Professor. »Eine zerschlagene Glasscheibe oder ein faulender Balken kann mit einem Male die wunderbarsten Lichteffekte hervorbringen.«

»Und wo bleibt da die Poesie?« scherzte Herr Aus dem Winkel.

»Gott sei Dank, daß doch einer noch nach der Poesie fragt« rief Fuxia mit einem schwärmerischen Augenaufschlag zu dem berühmten Sänger. »Ich wundere mich nur, daß sich das Volk selbst noch keine Sage um das ›rote Licht von Hochwald‹ gesponnen!«

»O doch«, fiel Iris eifrig ein, »die Fischer und das Schloßgesinde sagen –« Sie stockte und sah errötend zu dem Fürsten auf.

»Nun, was sagte dieses Orakel?« fragte dieser, da er das Zögern seiner Frau um seiner Abneigung willen gegen derartige Hirngespinste wohl verstand.

»Die Fischer und das Schloßgesinde sagen, das rote Licht von Hochwald sei eine arme, irrende Seele, die im Grab keine Ruhe findet«, vollendete Iris leise.

»O nein, irrende Seelen sind grünliche oder bläuliche Lichter wie kleine Flämmchen«, rief Fuxia mit der vollsten Überlegenheit einer Geisterkennerin.

»Die Leute aber sagen, dies rote Licht sei eine irrende Seele, die Blutschuld von der ewigen Seligkeit trennt«, verteidigte Iris mit unwillkürlich gedämpfter Stimme ihren Spuk.

Hochwald heftete einen unbeschreiblich wehmütigen Blick auf seine junge Frau, einen Blick voll leidenschaftlichen Mitleids, voll tiefsten Schmerzes.

»Ein seltsamer Glaube, dieser Volksglaube von den irrenden Seelen«, sagte er mit tiefer Stimme, »und doch auch wieder ein erschütternder Glaube. Freilich wohl schließt er die Erlösung der irrenden Seele nicht aus, und das ist's, was der Tragik den versöhnenden Schluß, die höchste Poesie verleiht und den sittlichen Wert dazu, da er meist eine gute Tat für die Erlösung verlangt.«

In diesem Moment trat der Mond hinter den Wolken hervor und beleuchtete hell die Gruppe auf der Terrasse – das rote Licht aber war verschwunden.

»Da haben Sie den Schwindel«, meinte der Professor trocken.

»Schwindel, ja! Aber ich möchte ihm doch auf den Grund gehen«, rief Sigrid tief atmend, wie erlöst.

»Das Licht ist nicht fort, es ist noch da«, sagte Spini, scharf auf das Wasser blickend. »Wenn Sie sich die Mühe geben, werden Sie es trotz des Mondlichtes auf den Wellen sehen – dort, den rötlichen Schimmer – es ist unzweifelhaft dasselbe. Es muß aus der dritten – nein aus der vierten Schießscharte, von hier gerechnet, ausgehen.«

»Oh, könnte ich ihm auf die Spur kommen!« rief Sigrid, mit dem Fuße stampfend vor Ungeduld.

»Aber die Schlüssel zur Burg, wie dieser Flügel genannt wird, stehen ganz zu deiner Verfügung«, erwiderte Hochwald ruhig. »Es ist nichts dort, was dich erschrecken könnte – du magst diese nächtliche Expedition also ohne Bedenken unternehmen!«

»Ja, gehen wir, gehen wir alle!« jubelte Fuxia, in die Hände schlagend. Aber Sigrid erklärte eine solche Massenexpedition für eine Torheit. Wer immer auch den Spuk mit dem Lichte ins Werk setze, müsse ja Reißaus nehmen, wenn eine schwatzende und lachende Gesellschaft den Ort der Tat beträte. Nein, wenn das Licht wieder einmal zu sehen sein würde, müsse Hochwald sein Wort halten und ihr den Schlüssel geben – sie würde dann in Begleitung eines Auserwählten – Spini erhielt dabei einen ihrer charakteristischen Seitenblicke – die Expedition ohne Geräusch antreten; ein Vorhaben, gegen das der Fürst nichts einzuwenden hatte.

Damit trennte man sich für die Nacht; der Professor aber nahm noch eine Gelegenheit wahr, seinem Gastfreunde zuzuflüstern: »Mein lieber Hochwald, ich hätte die alberne Geschichte von den weißen Rosen im Leben nicht erzählt, wenn ich gewußt hätte –«

»Aber das weiß ich ja«, unterbrach ihn Hochwald freundlich. »Es fiel mir ein gewaltiger Stein vom Herzen, daß Sie begriffen, was ich wollte, denn weder meine Frau noch meine Schwägerin kennen diese unglückliche Episode ihrer Familie. Sie sind in völliger Unkenntnis derselben aufgewachsen und erzogen worden.«

»Gott erhalt's ihnen«, sagte der kleine Professor so herzlich, daß Hochwald ihm bewegt die Hände drückte. 

Es war eine elende, selbstquälerische, peinvolle Nacht, die Sigrid nach jenem Abende auf der Terrasse verlebte. Sie lag auf dem Fußboden und raufte ihr Haar und zerschlug ihre Stirn und rang mit dem Dämon in ihrer Brust – aber sie rang nicht mehr ernsthaft. Der Kampf war nur noch eine Spiegelfechterei, eine Mensur mit Maske und Harnisch, die eine tödliche Wunde ausschließt, aber doch einen gewissen Mut verlangt. Neid und Eifersucht verzehrten ihr Herz; jedes liebevolle Wort, jede liebeatmende Sorgfalt, die Marcell Hochwald seiner Frau im Laufe des vergangenen Tages gewidmet, fielen ihr ein und krampften ihre Seele zusammen in den unheiligen Gefühlen der Mißgunst, des Neides, der Eifersucht.

»Ich wäre ihm viel mehr gewesen, als diese flachshaarige Mondscheinprinzeß«, war der immer zurückkehrende Refrain ihrer Klagen gegen das Schicksal. Und der Dämon in ihr zischte ihr dann allemal, nur immer lauter, ins Ohr: »Und warum könnt' ich's nicht noch werden? Es gibt so viele Wege dazu – –« Gegen Morgen, als nach einer schwülen, gewitterbangen Nacht die Sonne über die drohenden Wetterwolken siegte, fand sie eine Stunde unerquicklichen, wüsten Schlafes mit häßlichen Träumen, und mit benommenem Kopfe und schmerzenden Gliedern erhob sie sich, ließ die frische Morgenbrise zu den bisher dicht verschlossenen Fenstern herein, und nachdem Sie sich durch ein kaltes Bad erquickt, verließ sie das Schloß zu einem Gange durch den tauglitzernden Park. Es war noch sehr früh, fünf Uhr eben vorbei, und im Schlosse waren erst die Dienstboten erwacht und hatten das Schloßportal geöffnet. Doch der ungewohnte Zauber eines nordischen Sommermorgens verfehlte seine Macht an Sigrids Empfindungsvermögen, das die Qualen der vergangenen Nacht abgestumpft. Empfänglich für Naturschönheiten war sonst ein hervorstechender Zug ihrer im übrigen unempfänglichen Natur. Sie hatte zwar nie die instinktive Sehnsucht nach dem Norden empfunden, die Iris stets an den Tag gelegt, aber sie hatte sich doch die Frage vorgelegt, wie ihr dies Heimatland behagen würde. Sie wußte heut nur, daß die kühle Sommermorgenluft ihr wohltat und das Hämmern in ihren Schläfen dämpfte, ihre trockenen Lippen erfrischte, ihre brennenden Augen kühlte. Sie brach ein großes, mit Tauperlen besätes Blatt eines Rhabarberstrauches ab und begrub ihr Gesicht darin, bis ein kalter Schauer ihren ganzen Körper durchrieselte und ihre schlaffen, stumpfen Nerven neu anregte.

»Ist das Ihr Frühstück, Signora Contessina?« fragte Spinis melodische Stimme nicht ohne Schärfe neben ihr. »Ich für meinen Teil würde in diesem barbarischen Lande mit der kalten Sonne heißen Tee dem Tau vorziehen!«

»Es ist noch etwas früh für den Tee«, entgegnete Sigrid, ihr Gesicht trocknend. »Ich habe nicht geschlafen und daher Kopfschmerzen – dies Experiment mit betauten Blättern hat sich aber als wohltuendes Heilmittel erwiesen.«

Spini warf einen scharfen Blick auf ihr schönes, kaltes Antlitz, dem die dunkeln Ringe unter den Augen, diese stummen Zeugen der durchwachten Nacht, einen eigenen, erhöhten Reiz verliehen.

»Welche Sympathie – auch ich fand keinen Schlaf«, sagte er lässig. »Ob ich's auf die fremde Umgebung, das rote Geisterlicht auf dem Meere neben der Terrasse oder auf die Gewitterschwüle schieben soll, weiß ich nicht – vielleicht kam alles zusammen, den Schlaf zu verscheuchen. Jetzt freilich freue ich mich, daß es mich so zeitig hinaustrieb.«

Er stockte und bückte sich, eine Blume zu pflücken für sein Knopfloch.

»Ja«, sagte Sigrid gleichgültig, »die kühle Luft tut gut, wenn man Kopfschmerzen hat.«

»Gewiß – die Luft – und anderes«, ergänzte er. »Die Frische tat mir schon wohl, und die sonnengoldglänzende, taufunkelnde Pracht dieses Parkes hat mich heut schon mehr entzückt, als ich sagen kann. Ich hatte bisher von dieser Frische, von diesem nordischen Naturzauber keine Ahnung. Diese Eichen und Buchen, Erlen und Föhren, dieser smaragdgrüne Rasen mit seiner Rosenpracht – ich kann jetzt vollständig die unbewußte Sehnsucht der Fürstin Iris nach ihrem nie gesehenen Vaterlande begreifen.«

»Und doch nannten Sie es eben ein barbarisches Land mit kalter Sonne«, entgegnete Sigrid trocken, indem sie ihren Weg wieder aufnahm. Er war sogleich an ihrer Seite.

»Ja, mein erstes Gefühl heut morgen im Freien war auch nur Kälte«, beantwortete er lachend den Vorwurf der Inkonsequenz. »Aber wir Italiener haben zu viel Schönheitssinn um ungerecht bleiben zu können. Und was die deutsche Sonne für mich an Wärme zu wenig hat, ersetzt mir Ihre Nähe, Sigrid!«

Sie blieb stehen und maß ihn mit kaltem Blick. »Wer hat Ihnen das Recht gegeben, mich mit dem Vornamen zu nennen, Herr Marchese?« fragte sie kühl und förmlich

»Sie selbst«, war die einfache und sehr gelassene Antwort.

»Ich? Sie träumen!« Es war unmöglich, mehr Verachtung in den Tonfall zu legen, als Sigrid es tat, aber sie verfehlte heut, ihn zu reizen.

»Ja, Sie!« sagte Spini ruhig. »Madame Chrysopras sagte mir, daß Ihr Vorschlag mir die Einladung nach Hochwald verschafft, und darum nahm ich sie an. Warum und wegen wem hätte ich sonst kommen sollen? Der Fürst ist mir nicht nahe genug getreten, als daß ich mich sonst hätte von ihm einladen lassen, und die Fürstin, Ihre – Schwester, verehre ich zwar wie ein Heiligenbild, aber man pilgert doch nicht zu Heiligenbildern, wenn sie keine Wunderkraft haben. Sie tun also unrecht, Versteck mit mir zu spielen, Sigrid.«

Die junge Gräfin warf den Kopf verächtlich in den Nacken. Madame Chrysopras ist eine Gans«, sagte sie sehr entschieden. »Aber sie braucht eben einen Elefanten für ihre Sascha –«

»Als ob Sie einen Moment daran geglaubt hätten, daß ich wegen Sascha Chrysopras nach Hochwald käme«, unterbrach er sie. »Ich halte mich einfach an das mir mitgeteilte Faktum, daß Sie die Triebfeder für diese Einladung sind. Sollte diese Ermutigung für meine, Ihnen so sehr wohlbekannten Gefühle aber nur ein Spiel sein, so warne ich Sie, Signora Contessina, denn ich bin nicht der Mann, der mit sich spielen läßt.«

»Und ich bin nicht die Frau, die man durch Drohungen zur Liebe zwingt«, schwebte es auf ihren Lippen, aber sie sprach es nicht aus. Denn wenn dieser Mann ihr Werkzeug werden sollte, so durfte sie es nicht schartig und stumpf machen.

»Ich möchte wissen, warum wir beide, wenn wir allein sind, sofort Wortgefechte liefern«, meinte sie nach einer Pause völlig ruhig und beherrscht. »Ist es doch absolut von keiner Bedeutung, ob ich Ihre Gefühle erwidere oder nicht.«

»Nun, ich dächte doch«, sagte er lächelnd.

»Aber gar nicht!« erwiderte Sigrid leicht. »Selbst angenommen, Sie wären mir mehr, als ich's scheinen lasse, so stehen doch unbesiegbare Hindernisse zwischen uns. Zunächst der von meinem Vater über mich eingesetzte Vormund.«

»Fürst Hochwald?« fragte der Cavaliere erstaunt.

»Ja«, nickte Sigrid. »Am Abend unserer Ankunft hier kam die Rede auf – nun ja, auf Sie und mich. Ich glaube, die allzeit taktlose Madame Chrysopras hat sich da mit täppischer Hand Eingriffe erlaubt – es gibt ja immer solche Leute die sich in alles mischen müssen. Und da – –«

»Nun? Vollenden Sie!«

»Und da«, fuhr Sigrid mit abgewandtem Antlitz fort »erklärte der Fürst, mein Schwager, Sie täten besser, eine Werbung um mich zu unterlassen, da er mir seine Einwilligung zu einer Verbindung mit Ihnen absolut verweigern würde.«

»Ah!« – Spini war aufgefahren wie ein verwundetes Raubtier, seine Augen bekamen einen harten Ausdruck, seine aschfahl gewordenen Züge waren verzerrt und seine Hände zur Faust geballt. Aber er faßte sich schnell, als Sigrid ihm ihr Gesicht zuwandte und mit ihrem kalten Blick den Eindruck ihrer Worte prüfte.

»Welche Gründe könnte Fürst Hochwald gegen meine Werbung haben?« fragte er hochmütig. »Früher – ja, früher, vor einem Jahre noch, war ich ein armer Edelmann und darum vielleicht nicht wünschenswert für eine Gräfin Erlenstein. Ich habe das sehr gut gefühlt – und geschwiegen. Heut aber komme ich mit Mitteln, die mir ermöglichen, mit einer Frau anständig zu leben, und ich komme mit einem Titel, der dem der Erlenstein in der Hofrangordnung überlegen ist! Was also könnte der Fürst Hochwald gegen mich einzuwenden haben?«

Sigrid zuckte mit den Achseln. »Mein Schwager hat seine Gründe nicht genannt«, antwortete sie, ohne Bewegung zu verraten. »Er sagte, er möchte nicht darüber sprechen, und Fragen sind dann überflüssig. Auch Iris weiß nichts darüber. Aber ich habe mir so einiges zusammengereimt – – mein Gott, es ist doch interessant, zu wissen, warum man jemand nicht heiraten darf, nicht wahr? Iris ist mir ja geistig überlegen, aber Kombinationsgabe hat sie niemals besessen. Und das ist nun gerade meine Stärke.«

»Nun, da wäre ich doch neugierig, zu hören!« rief Spini, mit lauernder Ironie.

Aber Sigrid ließ sich dadurch nicht aus ihrer Ruhe bringen – sie hatte ja ein Ziel. »Erinnern Sie sich der alten, der sogenannten alten Kassette, über die sich dieser lächerliche Leipziger Professor gestern abend so sehr ereiferte?« fragte sie, den Blick voll auf ihn geheftet; – denn wenn man auf den Busch schlägt, muß man die Augen aufmachen, um zu sehen, was für Vögel herausfliegen werden. Und Spini zuckte sichtlich zusammen.

 »Ebbene?« fragte er kurz und scharf. Sigrid lachte, ein kurzes, spöttisches Lachen – sie hatte also den Busch getroffen, und das machte sie kecker.

»Diese sächselnde Berühmtheit ist blind wie alle Stubengelehrten«, meinte sie, ohne den Blick von dem Cavaliere zu lassen. »Denn während er sich über den Urheber der gefälschten Antiquitäten in etwas reichlich drastischen Ausdrücken erging, hätte er besser getan, Sie und den Fürsten zu beobachten. Er hätte dann auf ihren Gesichtern die nötige Gasbeleuchtung für diesen guten Witz gefunden.«

Spini aber teilte Sigrids Auffassung über »diesen guten Witz« ganz und gar nicht. Wie ein gereizter Panther sprang er auf sie zu, umfaßte sie und preßte ihr die Hand auf den spöttisch lächelnden Mund.

»Schweig, Weib!« keuchte er drohend. »Noch ein Wort mehr in diesem Tone und« – – sein Blick sagte mehr als Worte, aber Sigrid bewahrte ihre volle Fassung, trotzdem sie tödlich erschrak. Ohne den Versuch zu machen, sich aus Spinis Armen zu befreien – wozu? es war ja kein Mensch in der Nähe – sah sie auf zu ihm mit einem Blick, um den er drei Jahre lang vergebens geworben.

»Wir wissen ja, wie lächerlich peinlich die Deutschen in diesem Punkte sind«, sagte sie leise und ruhig, aber mit hochklopfendem Herzen. »Ich denke anders darüber, denke anders auch über Sie seit gestern abend; denn vor mir entrollte sich die Existenz eines Edelmannes, des Sprossen eines hohen Hauses mit historisch berühmten Namen – die Existenz ein Edelmannes, dessen Pflicht es war, nach außen hin die Würde seines Namens zu erhalten. Aber Hunger und Mißerfolge sind schlechte Anwälte dafür, und der Zweck mußte hier die Mittel heiligen. O Ferrando, wie oft habe ich Sie verkannt – Sie, den Märtyrer Ihres hohen Standesbewußtseins – –! Doch was sage ich? Hab' ich wirklich meine Maske herber Zurückhaltung gelüftet –? Jetzt, wo ich weiß, daß ich Ihnen versagt bin? Lassen Sie mich frei, Ferrando Spini – wir beide haben ja doch weder Glück noch Stern.«

Und Spini gab sie frei, aber er sank zu ihren Füßen nieder und bedeckte ihre schönen, aber überschlanken Hände mit Küssen. Sie ließ es geschehen, aber sie preßte die schmalen Lippen fester zusammen, und ihre jungen Züge bekamen dadurch eine vorzeitige Schärfe, die nichts Gutes verhieß. Endlich sah er auf zu ihr.

»Noch ein Jahr, ein volles, langes Jahr – und Sie sind frei von jedem Zwange«, sagte er langsam. »Werden Sie dann den Mut haben, gegen den Willen der Ihrigen mein zu werden?«

»Der Mut ist vielleicht meine beste Eigenschaft«, erwiderte sie, und es fiel ihm gar nicht auf, daß sie nicht »ja« gesagt, ihm, dem Vorsichtigen, Mißtrauischen. Ihn verblendete ja eine unbezähmbare Leidenschaft für dieses kühle, blonde Mädchen, und er sah nicht das Rätsel in ihren kalten großen Vergißmeinnichtaugen. Die kurze, nichtssagende Phrase schien ihm alles zu enthalten, wonach er so lange gedürstet, und mit einem Jubelschrei sprang er empor und schloß die schlanke Gestalt in seine Arme und küßte sie mit der Begier eines halb Verschmachteten.

»Also übers Jahr – bis dahin muß ich mein Glück verheimlichen«, sagte er dann mit erstickter Stimme. »Sigrid, meine Herrin, meine Königin! Ich bin dein – gebiete über mich!«

Aber Sigrids feiner Instinkt hatte sie längst vor diesem Manne gewarnt; es ahnte ihr, daß der geringste Anlaß aus diesem Sklaven einen unerbittlichen Tyrannen machen würde. Doch dazu sollte es ja überhaupt nicht kommen!

»Vorsicht, Ferrando, Vorsicht«, bat sie. »Was ist ein Jahr? Es ist so schnell verflogen, und jede Unvorsichtigkeit könnte uns schaden. Mein Vormund –«

»Nun ja, er ist Ihr Vormund, und wir haben mit ihm zu rechnen«, unterbrach er sie finster.

»Und mit ihm, als dem Mann meiner Schwester obendrein. Verwandtschaftliche Ketten sind nicht zu unterschätzen.«

»Sind Sie so sicher, daß diese Ketten legitim sind?«

»Legitim? Wie soll ich das verstehen?«

»Natürlich nur in dem Sinne, ob Fürstin Iris auch wirklich Ihre Schwester ist«, sagte Spini langsam und lauernd.

»Aber Sie wissen ja, daß wir Zwillinge sind – Miß Twin nennt mich Fuxia Chrysopras mit Vorliebe!« rief Sigrid erstaunt.

Spini zuckte mit den Achseln und lächelte eigen.

»Wird das Familiengeheimnis so wohl gehütet, daß nicht einmal alle Glieder des Hauses eingeweiht worden sind?« fragte er forschend.

»Ich gebe Ihnen mein Wort – was soll ich anders wissen, als das Iris und ich Zwillingsschwestern sind?« rief Sigrid mit so ehrlichem Staunen, daß Spini überzeugt war.

»Nun, also, dann bin ich durch Zufall in den Besitz dieses großen Geheimnisses gelangt«, sagte er mit unwillkürlich gedämpfter Stimme. »Es tut mir leid, gesprochen zu haben, denn wenn man Sie im Dunkel ließ, wird man seine Gründe gehabt haben.«

»Sie haben aber gesprochen und müssen jetzt vollenden!« rief Sigrid totenblaß. »Was wissen Sie? Wollen Sie meine Ruhe untergraben durch diese Andeutungen? Sie sind jetzt verpflichtet, zu sprechen! Welcher Makel hängt an mir?«

»Sigrid! Sigrid!« rief Spini erschrocken. »An Ihnen hängt kein Makel – Sie sind die echte Tochter Ihres Vaters, Sie – ja, Sie haben recht, jetzt muß ich sprechen! Also vorerst meine Quelle! Ich habe in Rom eine seltsame Bekanntschaft gemacht, einen alten Priester, der vor vielen Jahren in Kairo als Kaplan bei der italienischen Gesandtschaft fungiert hat. Der alte Herr ist jetzt an der vatikanischen Bibliothek angestellt, in der ich, wie Sie wissen, Studien machte. Dabei kamen wir ins Plaudern – Zeit und Ort seines Aufenthaltes frappierten mich, und ich fragte ihn, ob er Ihre Eltern gekannt. Ich versichere Ihnen, Sigrid, das Gedächtnis des alten Herrn war wie ein gutes Lexikon – es versagte niemals. Ob er Ihre Eltern gekannt, den chevaleresken, aber wie von tiefer Melancholie überschatteten Grafen von Erlenstein und seine sanfte, resignierte Gemahlin, die Herzensgüte selbst! Sie wurden ein halbes Jahr nach der Ankunft des Erlensteinschen Paares in Kairo geboren und von dem alten Priester, meinem Freunde, selbst getauft.«

»Ich? Und Iris –?« fragte Sigrid atemlos, als Spini stockte.

»Ein kleines Mädchen brachte das gräfliche Paar mit, ein sehr kleines Kind, das sie Iris nannten«, fuhr Spini zögernd fort. »Mein Gewährsmann meint, es mochte 6 – 10 Monate alt gewesen sein, ein schwächliches Wesen, dessen Lebenslicht nur künstlich unterhalten wurde. Doch auch Sie, Sigrid, kamen so schwach auf diese Welt, daß Graf Erlenstein sogleich nach dem Priester schickte, Sie taufen zu lassen. An dem Bette der Gräfin, Ihrer Mutter, fand der feierliche Akt statt, und als man Sie wieder in die Wiege legte, fingen Sie an zu weinen, und aus dem Nebenzimmer kam die nubische Amme zu Ihrer Hilfe, das andere Baby auf dem Arm. Und da hörte der Priester, wie Ihre Mutter schaudernd sagte: ›Mein Gott, mein Gott – als ob es Zwillinge wären!« – Und Ihr Vater antwortete: ›Laß es so sein – ob dein Blut oder nicht, deine Liebe zu mir wird der kleinen Iris die Mutterliebe nicht entziehen – ist sie doch mein Kind, das meinen Namen tragen soll.« – Da sagte Ihre Mutter ›Amen‹. Der Priester hat nun wohl nicht mit Unrecht vermutet, daß jene Iris, die später immer als Ihre Zwillingsschwester galt, ein illegitimer, aber vielleicht legitimer Sproß am Stammbaume der Erlenstein sei, den die blinde Liebe Ihrer Mutter zu Ihrem Vater dem eigenen Kinde gleichgestellt; denn daß Sie und die Fürstin Hochwald eines Vaters Kinder sind, scheint mir nach den zufällig gehörten Worten unzweifelhaft.«

Spini schwieg, aber auch Sigrid sprach nicht. Totenblaß sah sie starren Blickes hin über einen in Sonnengold getauchten Rasenplatz, ohne etwas von der zauberhaften Beleuchtung zu sehen.

»Sigrid – hat es Sie so sehr getroffen?« fragte der Cavaliere besorgt, als sie immer noch schwieg.

»Haben Sie mir die Wahrheit gesagt, und glauben Sie, daß es der Priester tat?« gab sie statt aller Antwort zurück.

Spini zuckte mit den Achseln. »Überlegen Sie doch! – Welches Interesse hätte er daran, mir eine Lüge über eine Familie aufzubinden, deren ich nur beiläufig als einer Bekanntschaft erwähnte, eben um ihn nicht glauben zu machen, ich wollte etwas erfahren. Das kam mir auch nicht in den Sinn – ich wollte nur hören, ob der Priester Sie gekannt, Sie! Was er erzählte, hatte auch keine Spur von Gehässigkeit – er freute sich ja noch der Bekanntschaft mit dem gräflichen Paar, und als ich ihm dann sagte, daß jene Iris sich vermählt und an wen, da bat er mich, von seinen Beobachtungen keinen Gebrauch zu machen, obwohl er annahm, daß die Sache ein offenes Familiengeheimnis sei – wie es ihrer so viele gibt.«

»Gewiß«, erwiderte Sigrid mechanisch, den Blick immer noch geradeaus wie verloren ins Weite gerichtet. »Gewiß, wie es ihrer so viele gibt. Diese Nachricht – – doch wenn wir auch nicht Zwillinge sind, Schwestern bleiben wir vielleicht doch –?«

»In dem Sinne, als Sie und die Fürstin vielleicht Töchter eines Vaters sind, ja.«

Wieder nickte Sigrid mechanisch. Dann kam ihr ein Gedanke.

»Ob Marcell es wissen mag?«

Spini zuckte mit den Achseln.

»Vielleicht! Sie wissen, der Graf, Ihr Vater, hinterließ ihm ein Schreiben, dessen Inhalt Ihnen vorenthalten wurde. Man möchte es also fast vermuten. Doch das ist ohne allen Belang, und Fürst Hochwald hat sich mit dem Flecke auf seinem Stammbaum allein abzufinden. Manche finden solch einen abgeledigten schrägrechten Balken im Wappen sogar recht pikant. Hat doch auch eine Spini nicht verschmäht, einen illegitimen Mediceersproß zu heiraten – freilich tritt ja aber das Mädchen aus der Familie, die Frau hinein. Nein, meine Mitwissenschaft an diesem Familiengeheimnis dürfte dem Fürsten kein treibendes Motiv zu unserer Verbindung sein. Da wüßte ich schon ein besseres –«

Er unterbrach sich und lächelte ein eigenes, nicht sehr freundliches Lächeln.

»Was ist's? Was haben Sie?« fragte Sigrid, aufmerksam gemacht durch sein Stocken.

»Man müßte freilich erst zu erfahren suchen, ob's überhaupt kein Hirngespinst ist«, fuhr Spini sinnend fort. »Doch anderseits, wenn auch die Quelle trüb ist, so wird ein Körnchen Wahrheit darin nicht fehlen – sie liegt vielleicht, wie immer, in der Mitte.«

Sigrid stampfte den Boden ungeduldig mit dem Fuße.

»Was sollen mir diese vagen Andeutungen?« rief sie heftig. »Was wissen Sie? Ich will's wissen, ich habe ein Recht dazu.«

»Das wäre noch die Frage«, erwiderte Spini ruhig und überlegen. »Vielleicht aber ist es gut, wenn Sie das Mittel kennen, das den Fürsten Hochwald uns gegenüber gefügig macht – nur müssen Sie mir versprechen, es nur im rechten Augenblicke anzuwenden. Doch Sie sind klug, Sigrid, und werden unsere vielleicht einzige Chance nicht verschleudern.«

Er legte den Arm um ihre Schultern und zog sie auf eine Bank dicht neben sich heran. Sigrid schloß die Augen und preßte die Lippen fest aufeinander, als ging es über ihre Kräfte; aber sie besiegte die Schwäche, weil sie hören wollte.

»In Rom, wo ich erfuhr, daß die Fürstin Iris nicht Ihre Zwillingsschwester ist, hab' ich noch eine andere, merkwürdige Geschichte erfahren«, begann Spini, seinen Mund dicht an Sigrids Ohr, da er nur flüsternd sprach. »Es war in einer Osteria, wo ich mit einem befreundeten Maler saß und einen fiaschetto leerte. Wir unterhielten uns über die Gesellschaft von Florenz, die er sehr wohl kannte, und dabei fiel auch Ihr Name, Sigrid, und der des Fürsten Hochwald. Unweit von uns saß ein verkommen aussehender Mensch, der den Kopf jäh nach uns umwandte, als der Name des Fürsten genannt wurde. Das fiel mir auf, ich legte aber weiter kein Gewicht darauf. Als ich später allein heimging, kam der Mann aus der Osteria hinter mir her und redete mich an –: ob er in der Osteria den Namen des Fürsten Hochwald richtig verstanden habe. Ich bestätigte dies, worauf der Mensch ein paar Bemerkungen fallen ließ, die mich zu der Frage veranlaßten, was er eigentlich meine. Er faselte darauf etwas von Mitwisserschaft, und daß es bei großen Herren nicht auch immer so sei, wie man denke, und schließlich erbot er sich, mir für zehn Lira ›eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte –‹. Der Mensch war etwas angetrunken, trotzdem, oder vielmehr eben darum ging ich auf das Geschäft ein, gab ihm die Banknote, und wir traten in eine andere Osteria, wo ich, an einem abgelegenen Tisch mit dem Kerl sitzend, eine freilich genugsam befremdende Geschichte hörte. Der Mensch war zu dem Fürsten als Pferdebursche kommandiert, als Hochwald noch in seinem Gardekavallerieregiment stand, und zwar zu der Zeit, als er seinen Abschied nahm, um sich ganz von der Welt zurückzuziehen. Der Bursche muß sich mehrere Strafen von seinem Herrn zugezogen haben, denn er gestand mir, er habe letzterem vorsätzlich nachgeforscht, um irgend etwas von ihm zu erlauern, das ihm willkommenen Anlaß geboten hätte, sich zu rächen. Und bei diesem Vorhaben will er schließlich etwas entdeckt haben, was allerdings märchenhaft klingt, aber doch nicht unwahrscheinlich ist. Sein Herr, der Fürst, war nämlich urplötzlich in tiefe Melancholie verfallen, mied jede Gesellschaft und schloß sich tagelang, sich krank meldend, in seine Zimmer ein, wo ihn der belauschende Bursche unruhig und untätig auf und ab gehen sah. Endlich, nach längerer Zeit, wurde er wirklich krank, eines Tages aber verließ er trotz des Protestes seines Arztes das Bett, ging aus und kehrte spät blaß und erschöpft zurück. Noch in derselben Nacht brachten vier Männer, die der Fürst selbst empfing und ablohnte, eine große längliche Kiste in das Palais, die in ein kleines Zimmer zur ebenen Erde getragen wurde, das der Fürst eigenhändig abschloß und von welchem er den Schlüssel zu sich nahm. Später, als alles im Palais ruhte, schlich sich der Bursche in ein Nebengemach jenes Zimmers, wo die Kiste stand, um von da aus einen Versuch zu machen, seine Neugierde bezüglich des Inhaltes der Kiste zu befriedigen. Doch wie erstaunte er, als er durch einen Türritz den Fürsten mit seinem anderen Burschen, der sein volles Vertrauen zum Neide des anderen genoß, bei der Kiste beschäftigt sah. Sie hatten den Deckel abgehoben, und der Fürst stopfte Werg in die Kiste, wie um die Zwischenräume auszufüllen, die sich zwischen den Kistenwänden und einem anderen, zweiten, flachen, schwarz gestrichenen Deckel befanden, der, soweit der Lauscher sehen konnte bei dem schwachen Licht, verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Sargdeckel hatte. Der Gehilfe des Fürsten bohrte in ebendiesen Deckel Schraubenlöcher, fand aber, daß sein Bohrer zu schwach sei, und ging leise hinaus, einen anderen zu holen. Als der Fürst allein war, hob er den schwarzen Deckel empor, und der entsetzte Lauscher sah – sah eine tote Frau, bei deren Anblick sich der Brust des Fürsten ein qualvolles Stöhnen entrang. Noch ehe der andere Bursche wieder das Zimmer betrat, hatte der Fürst den schwarzen Deckel auf sein schauerliches Geheimnis zurückgelegt und stand dann bleich und wankend neben der Kiste, während der innere Deckel von dem Burschen festgeschraubt und der Kistendeckel aufgenagelt wurde. Am andern Morgen reiste der Bursche mit der Kiste ab, wie der andere erfuhr, hierher nach Hochwald, der Fürst aber nahm seinen Abschied, und der Genosse oder zum mindesten bezahlte Hehler seines Verbrechens folgte ihm später als Kammerdiener, welchen Posten er noch bekleidet. Nun sagen Sie, Sigrid, ist das nicht eine seltsame Geschichte?«

»Seltsam, ja«, sagte sie nach einer Pause gepreßt, indem sie sich erhob.

Spini blieb noch sitzen, er überlegte eine Zeitlang schweigend. Dann meinte er: »Was mich dabei stutzig macht, ist nur, daß dieser Pferdebursche sein Geheimnis bei dem Fürsten selbst noch nicht ausgenutzt hat. Er vermied es, mir darauf eine genügende Antwort zu geben, und das macht mich gegen die Wahrheit des Gehörten mißtrauisch. Solch eine Mitwisserschaft verkauft man doch nicht für zehn Lire an den ersten besten, der die Geschichte dafür hören will. Freilich sah der Kerl hungrig und verkommen aus – er war damals als Reitknecht in Rom, von seinem Herrn wegen schlechten Betragens aber entlassen worden – und seine Antwort, er fürchte, von dem Fürsten, von dem großen Herrn unschädlich gemacht zu werden, hat auch etwas für sich. Trotzdem aber müßten wir erst wissen, was an der Sache überhaupt ist, damit wir keinen Schlag ins Wasser führen, der uns mehr schaden als nützen dürfte. Es gilt vor allem, zu erfahren, inwieweit der Kammerdiener des Fürsten zugänglich ist.«

»Und dann?« fragte Sigrid schwer atmend, mit demselben starren Blick wie vorher.

»Dann?« Spini zuckte mit den Achseln. »Sie müssen nicht so entsetzt dareinsehen, meine schöne Sigrid! Ich führe nichts gegen den Fürsten im Schilde, keine Erpressung, keine romanhaften Dinge. Ich will nur Sie allein, und der Fürst wird mir diese schöne schlanke Hand –« Sigrid verbarg sie schaudernd in den Falten ihres Kleides –«nicht mehr verweigern, wenn er weiß, daß ich seine Ehre in meinen Händen halte.«

»Und wenn er es dennoch tut?« »Das ist kaum anzunehmen«, erwiderte Spini prompt »Und wenn auch – wir brauchen seinen Segen nicht!«

»Nein?« fragte Sigrid spöttisch. »Wozu dann der Lärm?«

Spini erhob sich und brach ein Spireenzweiglein vom nächsten Strauch für sein Knopfloch.

»Es ist ein angenehmes Gefühl, zu wissen, daß man jemandes Existenz in Händen hat«, sagte er. »Fürst Hochwald besitzt die Mittel, mir zu schaden, er besitzt ein Gift, das mich gesellschaftlich töten kann; doch das Bewußtsein, ein Gegengift zu besitzen, macht sicher und gibt dem jetzt für mich sorglosen Leben das Behagen zurück. Ich bin kein Niemand mehr – ich habe meine gesellschaftliche Stellung zu verteidigen und die meiner Frau erst recht. Weiter will ich nichts – es liegt überhaupt gar nicht in meinem Interesse, den Fürsten als meinen Schwager aus der Gesellschaft zu entfernen. Ich habe überhaupt nicht das Zeug zu einem Roman-Intriganten!«

Jetzt trat Sigrid dicht an ihn heran.

»Haben Sie einmal geliebt?« fragte sie rauh.

»Und das fragen Sie mich, Sie?« sagte er staunend. »Ich warb um Sie drei Jahre lang, ohne zu wanken – ist das nicht Liebe? Mehr noch – Sie haben sich mir versagt, gleichviel aus welchen Gründen, die ich erkannt und durchschaut habe – doch meine treue Liebe hat Ihr Herz gewendet, und –«

»Nun denn – haben Sie jemals gehaßt?« unterbrach sie ihn ungeduldig und heftig.

»Ja«, gestand er fest. »Einmal. Sie! damals – in Florenz, in der Kirche der Badia –«

»Narr!« zischte sie so leise, daß er's nicht hören konnte, und wandte sich zum Gehen. Spini aber hielt sie zurück und schloß ihre feine, schlanke Gestalt fest in die Arme.

»Können Sie mir's verargen, daß ich Sie damals haßte?« fragte er. »Doch das sei begraben – Petrucchio hat sein Käthchen und wird den Dämon bannen, der in ihr wohnt. In Güte, Sigrid, und in Strenge, wenn's nötig ist. Und jedermann wird den Marchese Spini um seine schöne blonde Frau beneiden!«

Mit wankenden Knien und schmerzendem Kopfe eilte Sigrid zurück. Ich dachte nicht, daß es so schwer ist, war ihr immer wiederkehrender Gedanke, der Gedanke an ihr Verlöbnis mit dem Manne, vor dem ihr graute, dessen Hilfe sie erkaufen wollte mit ihrer Hand und dem festen Vorsatze, ihm zu entschlüpfen, wenn sie seiner nicht mehr bedurfte. Sie diesen Menschen heiraten! Lieber ins Wasser gehen! Was wollte sie überhaupt von ihm? Es schüttelte sie förmlich vor Grauen, als sie daran dachte, daß er sie in den Armen gehalten und geküßt, sie, die stolze, hochmütige, kalte Sigrid Erlenstein, die all jene Cavaliere, die ihr bisher genaht, in solch unerreichbarer Ferne gehalten, daß Sie nur gewagt hatten, sie von fern anzubeten, um schließlich anderen, freundlicheren Sternen zu huldigen. Nur einer war nicht davon abgewichen – Spini!

Schaudernd wischte Sigrid mit dem Tuche über ihr blasses Gesicht, als müßte sie etwas Schreckliches davon nehmen. Die Frage: »Erniedrigt die Liebe?« drängte sich ihr auf, und sie schrak zusammen, als das eigene Herz ihr antwortete: »Die Liebe nicht, sie erhebt – der Haß erniedrigt.« Der Haß – ja, das war's. Aber den Haß ihres gequälten und ungeschulten Herzens überwog zur Stunde noch der Ekel vor sich selbst. Das hatte sie nicht gewollt, nein, das nicht! Sie hatte mit Spini eine gewisse entente cordial eingehen wollen – er, der Vielgewandte, mit allen Hunden Gehetzte hatte ihr helfen sollen, unbewußt helfen sollen, ein Mittel zu finden, um Iris von ihrem Platze an des Gatten Seite zu verdrängen, und das für eine vage Hoffnung auf ihre Hand, eine Hoffnung, die sie nie zu erfüllen beabsichtigte. Und nun hatte sie sich so tief erniedrigt, um ihres wahnwitzigen Zieles wegen die Braut des Mannes zu werden, den Fürst Hochwald nicht für würdig hielt, seine Augen zu ihr zu erheben. Und überdies, was nützte es ihr, Iris zu verdrängen? Die Kirche, der sie angehörten, kennt keine Lösbarkeit der Ehe, und nur wenn Iris tot wäre – –

Ein Schwindel faßte Sigrids Kopf und trieb die Bäume des Parks, die smaragdgrünen Rasenflächen, die Blumenrabatten im wilden Kreise um sie herum, daß sie in die Knie sank und mit der Stirn gegen den Stamm einer Blutbuche schlug. Der hierdurch verursachte Schmerz löste den Schwindel, scheu hob Sie den Blick und faßte mit zitternden Händen nach dem Stamm –

Über ihr flüsterten die dunkelroten Blätter der Buche in der frischen Sommermorgenluft und vereinten sich mit den anderen Bäumen zu einem geheimnisvoll-fröhlichen Rauschen, und dazwischen schmetterten die Vögel ihr Lied, als gelte es, um die Wette den Sommer zu besingen und die goldene Sonne, die alles ringsumher in Wonne und Licht tauchte.

Sigrid aber sah das Gotteslicht nicht – sie hörte nicht den Gesang der Vögel, und nur das leise Rauschen der Bäume bildete eine seltsame Begleitung zu dem schrecklichen Gedanken –: »wenn Iris tot wäre –«

Daran hatte sie bis jetzt noch nicht gedacht, nein. Wie kam es ihr mit einem Male in den Sinn? Pfui, wie häßlich, wie schauerlich, solch einen Gedanken zu haben! War ihr nicht gelehrt worden, daß nicht nur die Tat, sondern auch der Gedanke den Mörder macht? Freilich, das fiel ihr nicht ein, daß auch ihr krankhafter Wunsch, das beneidete Glück ihrer Schwester zu zerstören, gegen das Gebot: »Du sollst nicht töten« sündigte. Aber Iris den Tod wünschen, ihrer Schwester – oh! »Wenn Iris tot wäre –«

Ja, wenn! Oh, dann wäre alle Qual zu Ende. Dann würde Sigrid sich des kleinen Siegfried annehmen und würde über ihn wachen Tag und Nacht, und ihre Hingabe für das Kind würde Marcell rühren und zur Bewunderung hinreißen; am Ende würde er sie lieben, wie er Iris nie geliebt, und ihr den Platz an seiner Seite einräumen, den jene mit ihrer dunkeln Herkunft und ihrem erborgten Namen nur entehrt – –

Nein, Iris war überhaupt nicht ihre Schwester. Eine Halbschwester vielleicht, ein Unkraut, das Mitleid auf den alten, edeln Stamm aufgepfropft, ein Eindringling mit den Erlensteinschen Augen. Was also ging Iris sie an? Die wichtige Entdeckung Spinis setzte diesen Skrupel ganz in den Schatten, und wenn Iris tot wäre –. Aber wie könnte Iris sterben, so jung, so voll Lebenskraft, so gesund an Leib und Seele. Gar kein Gedanke daran! Freilich, Unglücksfälle konnten ja eintreten, das Menschenleben ist abhängig von so vielen Dingen, und oft schon hatte es sie verwundert, wenn sie in der Zeitung las, wodurch und in welcher Gestalt der Tod an die Menschen herangetreten war. Folglich war auch Iris gegen solche Unfälle nicht gefeit – aber trotzdem konnte sie anderseits auch wieder als Greisin sterben. Nein, an einen solchen Zufall war wohl zu denken, aber nicht damit zu rechnen, und der Gedanke daran hatte Sigrid auch nicht in die Knie sinken lassen vor Schreck und Entsetzen. Des Menschen Leben steht in Gottes Hand, und wenn man stündlich daran denken wollte, was alles in der Welt uns die Unseren rauben könnte, so würden wir bald dem Wahnsinn verfallen. Sigrid war vor ihren eigenen Gedanken zusammengebrochen, vor einem formlosen, ungreifbaren Phantom, das ihren Weg gekreuzt, und darum hörte sie auch nicht den Gesang der Vögel, fühlte sie nicht die milde Sommerluft, sondern kämpfte irren Blickes mit dem schrecklichen Versucher, der ihr das Truggold ersehnten Glückes vor die geblendeten Augen hielt.

Nach einigen Minuten völliger Gelähmtheit sprang sie empor mit brennenden Wangen.

»Pfui, wie häßlich«, sagte sie sich mit einem Schütteln, als müßten damit die bösen Gedanken abfallen von ihr wie ein zerrissenes Gewand. »Häßlich und unwürdig. Und ich bin eine Erlenstein!« Es gelang ihr wirklich, ihr Denken zu meistern, und es wurde ihr darüber leicht ums Herz, leichter, als ihr's je gewesen im Lauf der Monate. Mit einem tiefen Seufzer sah sie sich um und schien jetzt erst zu gewahren, wie schön es hier war unter den hohen, flüsternden Bäumen, in dieser Atmosphäre von Rosenduft und Waldgeruch. Von ihrem Platz hatte sie über eine samtweiche Rasenfläche hinweg einen wunderschönen Ausblick nach der Schloßterrasse und über die vieltürmige, mit Erkern und spitzen Dächern besetzte Schloßfassade, die an Frankreichs schönste Baudenkmale aus Franz I. Zeit erinnerte. Das kupferne, grünspanbezogene Dach gleißte wie Smaragd in der Morgensonne und trug im Verein mit den hoch heraufrankenden Kletterrosen dazu bei, in der Phantasie der Schauenden das Bild eines Märchenschlosses hervorzuzaubern. Und dennoch erregte dieser Anblick keinen Neid in Sigrids Herzen. Sie war nicht habsüchtig und nicht in dem Maße begierig auf Besitz und Reichtum, daß deren Mangel unedle Gefühle in ihr erweckt haben würde; – dem Besitzer dieses stolzen, alten Edelsitzes schlug ihr Herz, nicht seinem Besitze. Mit ihrem geübten Blicke für das Schöne sah sie auf das sich vor ihr entrollende Panorama ohne das Entzücken und die Begeisterung von Iris, doch mit dem wohltuenden Gefühl eines ruhigen, fast unbewußten Wohlgefallens. Mit jenem heroischen »Pfui« über sich selbst war es plötzlich ganz still in ihr geworden, und das verleitete sie zu der Annahme, sie habe sich selbst besiegt und mit der überstandenen Versuchung des Gedankens alles hinter sich geworfen, was je sie bedrückt. Das gab ihr ein wohltätiges Gefühl von Ruhe und von einem unbestimmten Frieden – die Stille vor dem Sturm. Die köstliche Morgenfrische schien jetzt erst auf ihre erregten Nerven zu wirken, und sie machte sich keine Gedanken darüber, ob das Beruhigungsmittel heilkräftiges Quellwasser war oder betäubendes, stumpfmachendes Morphium.

Sie setzte sich im Schatten einer Eiche auf eine steinerne Bank und begann nachzudenken. Vor allem mußte sie die unwürdigen Bande mit Spini wieder lösen, mußte ihm nachweisen, daß die abenteuerliche Erzählung des abenteuerlichen Reitknechtes in Rom eine Geldpumpe war, nichts weiter. Sie mußte fast lachen, als Sie daran dachte, daß der verliebte Cavaliere vertrauensselig in der ersten Stunde alles das herausgegeben und an sie abgeliefert hatte, was sie langsam im Lauf der Zeit von ihm zu erfahren getrachtet. Freilich in ganz anderer Form. Jetzt hatte sie die Waffen in der Hand, aber sie sollten nur dazu dienen, ihr die Freiheit wiederzugeben. Das andere, die Rache, die Zerstörungsarbeit, lag hinter ihr– für immer.

Und so ging sie nach dem Schlosse zurück. Als sie in eine schmale Buchenallee einbog, kam ihr ein Paar entgegen: – Fuxia und Boris, wie's ihr schien. Doch da sie nicht in der Stimmung war, zu plaudern, trat sie rasch hinter ein schützendes Gesträuch, um die beiden vorübergehen zu lassen. Es war aber nicht Boris, der seine Frau auf einer Morgenpromenade – eine für ihn unmögliche Sache – begleitete, sondern Hans Aus dem Winkel, der berühmteste aller Tristans, Siegfrieds, Parzivals, Tannhäusers und Lohengrins. Die Amerikanerin die gleich der reizenden Yum-Yum im »Mikado« durchaus nicht an »diffidence or shyness« litt, sah mit einer bei ihrer »smartness« und »fastness« durchaus ungewöhnlichen Scheu in des Sängers gefährlich schöne Augen, die er mit seinem sorglosen, wunderbar gewinnenden Lächeln in unverhohlener Bewunderung auf ihr pikantes Gesicht heftete. Gerade vor Sigrids Versteck blieb Fuxia stehen und rief mit der ihr eigenen Energie:

»Eine große Leidenschaft! Was ist das? Es scheint, als ob die Künstler und die Dichter sie allein gepachtet hätten, oder sie ist überhaupt eine Fiktion, eine jener Lügen, die einer dem anderen nachspricht!«

»Nein, Fürstin – sie ist eine große Wahrheit!« war die Antwort. »Eine Wahrheit, die manches verklärt, was sonst häßlich wäre.«

»Ah! Also Sie glauben daran?«

»Wie sollte ich's nicht! Diese große Leidenschaft menschlich und künstlerisch darzustellen, ist ja mein Beruf.«

»Oh, deshalb –«

»Der wahre Künstler muß aber doch vor allem an seinen Beruf glauben, Fürstin! Mich hat nicht die Not dazu geführt, eine verliehene und vorhandene Gabe zum Broterwerb auszunützen, sondern der Beruf dazu und die Überzeugung.«

»Wie wunderbar«, sagte Fuxia naiv. »Ich hatte gemeint, es sei mein Beruf, einen hohen Titel zu gewinnen. Geglaubt habe ich aber nie an den Wert desselben.«

»Das eben macht's ja, Fürstin! Aber ich glaube an diese von Ihnen geleugnete ›große Leidenschaft‹ mit Leib und Seele –«

»Sie haben sie also kennengelernt?«

»In der Theorie, ja! Aber auch in der Praxis scheint sie mir zu sein, seitdem die Spitze eines roten Sonnenschirmes sich mir auf die Brust gesetzt: Stirb durch mich, du Ungeheuer –«

»Oh, Sie Spottvogel!«

»Spott und Wahrheit sind Verwandte, Fürstin –«

 »Nonsense!« – und damit ging das Paar weiter.

Als es um die Ecke der Allee war, wollte Sigrid ihren Weg fortsetzen, doch schon nahten zwei andere, denen zu begegnen erst recht nicht in ihrer Absicht lag: – Fürst Hochwald mit seiner Frau – und mit einem eisigen Gefühl im Herzen trat Sigrid zurück hinter die schützende Blätterwand.

Hochwald hatte den rechten Arm um Iris' zierliche Elfengestalt gelegt und schlenderte so mit ihr, echt bürgerlich glücklich die Allee hinauf, ahnungslos, daß zwei kalte blaue Augen sich mit dem hungrigen Ausdruck des auf Beute lauernden Wolfes aus dem Dickicht auf sie hefteten. Was sie sprachen, entging Sigrid durch die Entfernung, aber es war leicht zu erraten durch den leuchtenden Blick, mit dem Iris zu dem starken Mann emporschaute, den das Glück so wunderbar verjüngt; der Ausdruck von leiser Melancholie auf seinem schönen Antlitz war verschwunden und ihm der ganze Reiz seiner sonnigen Natur zurückgegeben, dieser jedem Mißtrauen fernen, vornehmen Natur, die keinen Arg kannte und darum in anderen auch nicht suchte. Und nun beugte er sich herab und küßte den süßen Mund, der zu ihm emporlächelte, und strich wie segnend mit zärtlichem Liebesblick über das wellige, flachsblonde Haar, das sich mit dem ganzen reizenden Kopf seiner holden Besitzerin an seine Brust schmiegte. Dann schritten sie näher und näher, immer im eifrigen Gespräch, bis die verborgene Lauscherin auch die Worte verstand.

»Sigrid war aber gestern um so liebenswürdiger, Marcell«, hörte sie Iris sagen.

»Das macht dein Einfluß, Liebling«, war die freundliche Antwort, welche das blonde Köpfchen mit den unwiderstehlichen Erlensteinschen Augen dankbar zu ihm emporblicken machte.

»Oh, früher, als Mama noch lebte, war Sigrid immer so lieb und gut«, plädierte der reizende Anwalt für die Lauschende. »Sie hat nie davon gesprochen, was sie verändert hat, und ich wollte ihr Vertrauen nicht erzwingen. Das muß sich ja geben, nicht wahr? Und ich wünschte, Sigrid fände erst ein Glück wie ich. Aber sie ist ein Bild ohne Gnade, fürcht' ich.«

»Nun, vielleicht kommt doch noch der richtige Pygmalion, der diese Galathea belebt und ihr das Verlorene wiedergibt«, sagte Fürst Hochwald lächelnd. »Vorläufig aber wird sie deinem Beispiel doch nicht widerstehen können.«

»Meinem Beispiel! Marcell, mach mich nicht eitel«, lachte Iris glücklich. »Was findest du nur an mir? Ich hab's noch nicht ergründen können.«

»Ich finde in dir alles, was ich lieben kann und lieben muß, mein Liebling. Das ist doch die einfachste und natürlichste Erklärung.«

»Genau wie bei mir!« rief Iris mit einem solch entzückten Staunen, als hätte sie die große Entdeckung eben erst gemacht.

Mehr hörte Sigrid nicht. Es war auch genug, um den Morphiumrausch der Selbsttäuschung zu verjagen und alle Dämonen in ihrer Seele zu erwecken, daß sie mit wildem Hohngelächter auffuhren und ihre scharfen Krallen in ihr Herz schlugen und ihr Gift träufelten in die offenen, frisch geschlagenen Wunden. Und in dieser Stunde verhüllte Sigrids guter Engel weinend sein Angesicht und wich der Gewalt, die ihm den Weg versperrte zu diesem jungen, unterliegenden Herzen.

 Das Leben auf Hochwald gestaltete sich in den nächsten Tagen heiter und anregend genug. Das herrliche Wetter begünstigte Partien und Ausflüge zu Wasser und zu Land, bei welch letzteren der kleine Professor, wenn er nicht im Wagen saß oder sich auf seine zwei Beine verließ, ein Maultier ritt, dessen Gemütsart zwar der einer Kuh glich, das aber im übrigen von Geschwindigkeit nichts hielt und Eile mit Weile zu seiner Devise hatte. Die Reize Hochwalds zur See und auf dem Lande waren in Tagen nicht zu erschöpfen, und für die Jäger gab es überdies an Rot- und Hochwild genug, um die Pirschfahrten zu einer unversiegbaren Quelle des Genusses zu machen. Professor Glauchau jagte freilich ein anderes Wild, d. h. er durchstöberte mit wachsendem Interesse das reiche Archiv des Schlosses, aus dem er manche wichtige historische Urkunde ans Licht beförderte und sich das Recht erbat, diese Schätze veröffentlichen zu dürfen. Er fand dabei oft einen Mitarbeiter an Spini, dem Sigrid mehr auswich, als derselbe für nötig fand. Vorsicht im Verkehr vor den anderen war geboten – doch es hätten sich ja »zufällige« Begegnungen im Park oder in der Bibliothek arrangieren lassen können. Hierin schien Sigrid ihm zu ängstlich, und die flüchtigen Worte, die er hin und wieder mit ihr tauschte, waren doch herzlich wenig. Noch war sein Mißtrauen nicht erwacht, noch glaubte er an keine Absicht – aber daß sie seine halben Worte und unverdächtigen Winke nicht verstand, verstimmte ihn oft so, daß er sich lieber zurückzog und sicher abgereist wäre, wenn seine blinde Leidenschaft für Sigrid ihn nicht gehalten hätte. Nebenbei verfolgte er noch andere Zwecke. Er hatte sich bestätigen lassen, daß der Kammerdiener des Fürsten Hochwald derselbe war, der ihm vor mehr als zwanzig Jahren als Bursche gedient – es mußte also derjenige sein, von dem der Ex-Reitknecht und ehemalige Pferdebursche des Fürsten gesprochen hatte. Daß nun aus einem so langjährigen treuen Diener nichts herauszuholen war, mußte sich Spini in sehr richtiger Erkenntnis der Sachlage sagen – aber er wußte auch, daß jedes Menschen Charakter seine Schwächen hat, besonders, wenn nicht genug Bildung vorhanden ist, diese Schwächen zu verdecken und zu mäßigen. Rataiczaks, des Kammerdieners Schwäche aber waren gute Zigarren. Spini sah ihn oftmals rauchen, wenn er außerhalb seines Dienstes an seinem Mansardenfenster saß und aus Zigarrenkistenbrettchen Rahmen, Kassetten, ja ganze Möbel schnitzte. Die Fenster des Italieners lagen so, daß sie die Mansarde des Kammerdieners in dem vorspringenden Schloßflügel vor sich hatten, und Spini benutzte dies, um sich nach der Art der Beschäftigung Rataiczaks zu erkundigen. Auf seinen Wunsch brachte ihm letzterer von seinen Kunstwerken einiges zum Ansehen auf sein Zimmer, und Spini bot ihm dafür zum Dank einige seiner feinsten Zigarren, deren bloßer Anblick Rataiczaks Augen leuchten machte.

»Sie rauchen gern?« fragte der Marchese lächelnd.

»Gnädiger Herr, ja, sehr gern«, entgegnete der Kammerdiener respektvoll und vergnügt in seinem polnischen Dialekt, den die Zeit nicht zu mildern vermocht hatte. »Ich trinke nicht, ich brauche nichts, ich hab' keine Familie – aber rauchen, rauchen mag ich gern, gutes Kraut rauchen.«

»Nun«, meinte Spini wohlwollend, »ich begreife das. Und Ihr Gehalt wird Ihnen diesen Luxus wohl erlauben. Sie sind schon lange Zeit bei dem Fürsten?«

»Zweiundzwanzig Jahre, gnädiger Herr!«

»Welche Spanne Zeit! Und Ihnen ist nie der Wunsch gekommen, den Dienst zu wechseln?« fragte Spini forschend.

»O nein«, erwiderte Rataiczak mit so viel Überzeugung, daß es unmöglich gewesen wäre, die prompte Antwort anders als freudig zu finden.

»Nun, der Fürst wird einen so treuen Diener zu schätzen wissen«, sagte Spini, was Rataiczak ganz strahlend machte vor Freude. »Apropos«, fügte er hinzu, als der Kammerdiener sich mit seinen Sachen entfernen wollte, »können Sie sich vielleicht erinnern, ob in des Fürsten Diensten jemals ein Mensch Namens Klose sich befand? Es hat sich mir in Rom ein stellenloser Reitknecht aufzudrängen gesucht, der damit prahlte, daß er als Bursche bei dem Fürsten Hochwald gedient, als dieser noch im Regiment der Leibgarde stand. Der Fürst wird sich dessen kaum mehr erinnern, vielleicht eher Sie selbst.«

Rataiczak machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Klose, Klose!« wiederholte er. »Ei freilich, gnädiger Herr! War ein Erzlump, hat Durchlaucht bestohlen, ist degradiert worden. Weiß nicht, wohin gekommen ist.«

»Es wird wohl derselbe Klose sein«, nickte Spini. »Also ein verkommener Mensch. Ich dachte es. Der Kerl war nebenbei auch nicht ganz nüchtern und schwatzte fortwährend etwas Unverständliches von einer großen Kiste, deren Inhalt er kenne, weshalb der Fürst ihm wohl helfen müsse und so weiter.«

In Rataiczaks ehernem, bronzebraunem Gesicht zuckte keine Muskel, und seine ehrlichen blauen Augen sprachen nichts als Verständnislosigkeit.

»Gnädiger Herr werden verzeihen«, sagte er, »ich habe Leute gekannt, die sich gebessert haben und später gute Menschen geworden sind. Aber das waren keine Lügner, und sie waren auch nicht feig. Der Klose aber log und war feig obendrein. Da kann nichts draus geworden sein.«

»Glaub's auch nicht«, sagte Spini, der wohl einsah, daß hier nichts auszurichten war. »Ich danke Ihnen.«

Also –: entweder war die ganze Geschichte erlogen, was nach Kloses Leumund am wahrscheinlichsten war, oder Rataiczak wußte selbst nicht, was die Kiste enthalten hatte. Vielleicht wußte er's aber dennoch und wußte auch zu schweigen. Wer konnte durch dieses Dunkel dringen? Ein Strahl des Lichtes nur, um dadurch Sigrid zu erzwingen – und weiter wollte Spini nichts. Doch wo nach diesem Strahl suchen? Die übrige Gesellschaft ahnte nichts von dem Suchen und Meiden dieses Paares, dagegen sah sie, oder konnte nicht umhin zu sehen, die dicken Weihrauchwolken, die Fuxia ohne jede Zurückhaltung Hans Aus dem Winkel opferte. Boris allein bemerkte von diesem Götzendienst nichts, und da Boris nichts sah, so bemühte man sich auch, nichts zu sehen, um so mehr, als der umworbene Sänger sich dabei mit bewundernswertem Takt benahm und in seinen Allüren nichts lag, was dem Hause und seinen Wirten Grund gegeben hätte, sich über den Gast zu ärgern. Dieser gab zum Dank für die ihm gewährte Gasfreundschaft gern, ohne Ziererei und ohne Prätension, das Beste seiner Kunst, und wenn er am Flügel saß, sich selbst begleitend, und Bruchstücke aus Wagners Opern, seine und Liszts wunderbare Lieder sang, so konnte man sicher sein, daß Fuxia verzückt ihm direkt gegenüber lehnte und ihn dann mit den Blumen schmückte, die sie selbst trug – Huldigungen, die Hans Aus dem Winkel lachend entgegennahm wie einen guten Witz und damit die Harmlosigkeit, wenigstens von seiner Seite, wahrte. Fuxia ihrerseits machte absolut kein Hehl aus ihrem Götzendienst, und eines Vormittags schleppte sie in ihr Zimmer einen enormen Korb voll Lorbeerzweige, aus denen sie einen Kranz wand, den als Schleife eine ihrer eigenen Schärpen schmückte: ein breites, weißes Atlasband mit schwerer Goldwirkerei darin.

»Herrje, was wird denn das?« fragte der eintretende Boris erstaunt.

»Kennst du den Lorbeer nicht und seine Bedeutung?« fragte Fuxia zurück.

»Natürlich«, entgegnete Boris wegwerfend. »Wo werde ich denn die Lorbeerblätter nicht kennen? Gewürz für Ragoutsoßen und saure Heringe. Müssen aber dazu getrocknet werden.«

Fuxia warf ihm einen vernichtenden Blick zu und flocht an ihrem Kranze weiter.

»Boris«, sagte sie nach einer Weile feierlich. »Ich weiß jetzt, was Liebe ist. Ich habe diese große Leidenschaft kennengelernt.«

»I wo! Nee, was du sagst«, meinte er verblüfft und zog sich schleunigst mit einer wohlgefüllten Zigarettentasche und dem neuesten Figaro ins Rauchzimmer zurück. »Fuxia hat Magendrücken«, äußerte er dort auf Befragen.

Ein paar Stunden später aber überreichte Fuxia dem Sänger, der eben das Preislied aus den Meistersingern gesungen, ihren Lorbeerkranz, dessen Schleife sie mit einer Diamantagraffe geschlossen hatte – ein kostbares Schmuckstück, dessen Rückseite eine Kapsel bildete, die wiederum ihr Bild umschloß. Hans Aus dem Winkel nahm den Kranz heiter und unbefangen entgegen.

»Sie ehren mich hoch, Fürstin«, sagte er, »indem Sie mich dazu ausersehen, den Meister zu krönen«; und mit diesen Worten hing er den Kranz über eine treffliche Marmorherme Wagners, die den Ehrenplatz im Musikzimmer einnahm.

»Bravo!« konnte Hochwald nicht umhin zu sagen, während Fuxia, wie Professor Glauchau sich schmunzelnd sagte, »mit der größten Feinheit einfach auf den Pfropfen gesetzt war«.

Am selben Nachmittage fand sich für Sigrid eine Gelegenheit, mit einem Teil der in ihrem Kopf reifenden Pläne hervorzutreten. Sie ging in die Bibliothek, ein Buch zu holen, und fand dort den Fürsten Hochwald vor, der eine mächtige Pergamentrolle, den Stammbaum seines Hauses, kunstvoll mit den Wappen bemalt, auf dem großen Mitteltisch ausgebreitet hatte und nach einer vom Professor Glauchau im Archiv entdeckten Urkunde Berichtigungen eintrug.

»Komm nur«, sagte er freundlich, als Sigrid in der Tür zögerte. »Du störst mich nicht. Im Gegenteil, wenn du diese widerspenstige Ecke, die sich stets aufrollt, festhalten wolltest, so wäre ich dir sehr dankbar.«

»Ich freue mich, dir nützlich sein zu dürfen«, erwiderte Sigrid, vor Freude errötend, indem sie nähertrat und ihre Hände auf das Blatt legte. Während der Fürst seine kurzen Einträge mit Zeichenfeder und Tusche sauber ausführte, las Sigrid in dem vor ihr liegenden Teile des Stammbaumes, der den fürstlichen Hauptast behandelte. Unten, ganz zuletzt, war Marcells Name und seine Familie eingetragen, doch fehlte in dem neben Iris' Namen stehenden Wappenschilde mit Helm noch das Wappenbild und auf dem Helm das Kleinod.

»So, das wäre geschehen«, sagte Hochwald nach einer kleinen Weile, indem er Feder und Tuschnäpfchen forttrug. »Mit diesen kurzen Federstrichen hat der Stammbaum eine wichtige Korrektur erfahren, für die eine urkundliche Bestätigung vorliegt, die in dem Wust des Archivs zu entdecken unserem trefflichen Professor vorbehalten war.«

»Hat ein solcher Stammbaum den Wert einer Urkunde?« fragte Sigrid, immer noch das Pergament festhaltend und den Blick darauf gesenkt.

»Wenn er, wie dieser, mit den Urkunden belegt ist, gewiß«, erwiderte Fürst Hochwald.

»So würde also eine absichtliche Namensänderung zum Beispiel als Urkundenfälschung gelten?« fuhr Sigrid fort.

»Das käme ja noch auf die Umstände an. Im Prinzip aber zweifellos.«

Da tippte Sigrid auf die Stelle, wo in zierlicher Rundschrift stand: verm. am 1. Mai 1889 mit Iris Rose Marie Gräfin von und zu Erlenstein, Tochter des Grafen Ludwig von und zu Erlenstein und Gemahlin Anna geb. Freiin von Spittelberg usw. Sie schlug die Augen voll zu ihrem Schwager auf und sagte mit gedämpfter Stimme, die kaum merklich bebte: »Wenn es dafür gilt in deinen eigenen Augen, ist es da nicht unwürdig, in diesem stolzen Stammbaum eine so große Lüge einzutragen?«

Der Fürst wandte sich jäh um und sah seine Schwägerin einen Moment starr an.

»Du wählst scharfe Ausdrücke«, sagte er dann sehr beherrscht. »Was erscheint dir hier als eine Lüge? Iris ist eine Erlenstein.«

Sigrid nickte, ohne die Augen niederzuschlagen.

»Du wirst ihre Rechte an diesem Namen zweifellos kennen«, sagte sie langsam und noch leiser als vorher. »Ich meinte das auch nicht, sondern den Namen meiner Mutter, der mir hier an dieser Stelle einen peinlichen Eindruck macht.«

»Warum? Erkläre diese rätselhaften Worte!« erwiderte Hochwald kurz.

Da trat Sigrid erblassend ein paar Schritte zurück. »Großer Gott, was habe ich gesagt!« rief sie mit einem Entsetzen, das nicht ganz gemacht, sondern zum größeren Teile echt war. »Marcell, solltest du wirklich und wahrhaftig nicht wissen, nicht ahnen, daß Iris –«

Sie stockte – das Wort wollte doch nicht so leicht über ihre Lippen.

»Daß Iris nicht deine Schwester ist?« vollendete Hochwald sehr ruhig. »Tröste dich, du hast nichts gesagt, was mir nicht längst bekannt wäre. Dennoch aber ist diese Eintragung keine Lüge, denn die von deinen Eltern unterzeichnete, in höchster Instanz bestätigte Adoptionsurkunde ist in meinem Besitz.«

Sigrid schwieg, wie betäubt. Also war es doch wahr, was Spini ihr berichtet hatte. Doch wer war Iris dann? Sie trat wieder näher und reichte dem Fürsten ihre kalte Hand.

»Ich bin so froh, daß ich nichts gesagt, nichts verraten«, sagte sie mit etwas forcierter Herzlichkeit.

»Wie konntest du nur glauben, daß dein Vater mich im Ungewissen gelassen hat«, erwiderte Hochwald etwas kühl.

»Verzeih«, bat sie errötend, »ich hatte das nicht überlegt.«

 Schnell versöhnt drückte Hochwald die ihm gereichte schmale Hand und begann dann den Stammbaum wieder zusammenzurollen.

»Es war der Wunsch deines Vaters, wie vordem auch der deiner Mutter, dich nicht wissen zu lassen, daß Iris nicht deine Schwester ist«, sagte er dabei. »Wann und durch wen hast du es erfahren?«

Sigrid senkte den Kopf.

»Ich möchte niemand anklagen«, sagte sie sanft. »Genug, ich weiß es. Und –« setzte sie mühsam lächelnd hinzu, »ich bewundere die Stärke deiner Liebe, die dich über das hinweghob, was alte, edle Häuser sonst als einen Flecken auf ihrem Wappenschilde betrachten.«

Hochwald, der Sigrid natürlich für ganz unterrichtet hielt, lächelte ein wenig.

»Die Welt ist sehr töricht, mehr noch, sie ist sehr grausam, den Stein von den Schuldigen auf die Unschuldigen zu werfen«, sagte er. »Ich hätte dich zu diesen herz- und gedankenlosen Seelen nicht gezählt, Sigrid.«

»O Marcell, wie kannst du denken –«

»Deine Eltern kannten die Vorurteile der Welt wohl und hatten alles getan, ein junges, eben erst erschlossenes Leben vor dem giftigen Hauche zu hüten«, fuhr Hochwald fast traurig fort.

»Das war ein Liebeswerk, wie es einzig dasteht in den Annalen des Menschengeschlechtes. Gott gebe, daß keine boshafte Zunge es je vernichte.«

»So ahnt Iris nichts?«

»Wie sollte sie? Deine Eltern haben sie treulich davor behütet, und ich habe dies Vermächtnis von ihnen übernommen.«

Hochwald schob das sorgsam gerollte Pergament in eine Blechkapsel, die er wohl verschloß; und Sigrid stand neben dem Tisch, den Blick auf dessen Platte gesenkt, deren Muster ihre spitzen, weißen Finger fast unwissentlich nachzeichneten.

»Ja«, sagte sie langsam, »es ist gut, daß Iris nichts ahnt. Es müßte, namentlich in ihrer jetzigen Stellung, sehr demütigend für sie sein.«

Der Fürst wandte sich scharf um – die Röte war ihm ins Gesicht gestiegen.

»Es ist merkwürdig, wie oft die sich Nahestehenden einander verkennen«, meinte er. »Du bist nun mit Iris aufgewachsen und scheinst nicht zu wissen, daß ihre Demut sie gerade so liebenswert macht. Solchen Charakteren tut eine Demütigung vor den Menschen, denn das meinst du doch jedenfalls, kein Leid. Und überdies sehe ich gar nicht ein, was es für Iris Demütigendes haben soll. Einen unsäglichen Schmerz, einen untilgbaren Eindruck würde die Wahrheit ihr bereiten, und ich bin nicht sicher, daß sie es je überwinden würde.«

Sigrid hob die schweren Augenlider ein wenig.

»Meine Ausdrücke haben leider das Unglück, dich zu reizen«, sagte sie mit künstlicher Ruhe! »Verzeih! Der Mensch ist aber Vorstellungen und Überlieferungen so leicht geneigt, und ich bekenne beschämt, daß ich der altmodischen Anschauung gehuldigt habe, eine Frau, deren Mutter niemand kennt und deren Geburt ein Makel anhaftet, sei für die Familie des Mannes ein Flecken, und es müsse die Frau demütigen, wenn sie erfährt, daß der Name, den sie führt, ihr nur durch Gnade verliehen ist. Aber diese Ideen scheinen, wie gesagt, vor deiner höheren Toleranz nicht standzuhalten.«

Hochwald stützte beide Hände schwer auf die Tischplatte und sah mit ungeheucheltem Staunen seine Schwägerin an.

 »Das versteh' ich nicht!« rief er ungeduldig. »Was sollen diese Stiche, die doch alle ins Blaue treffen? Iris' unglückliche Mutter war deines Vaters Schwester, die leider den guten Namen ihres Gatten zu einer cause célébre gemacht hat. Was kann das unschuldige Kind dafür, welchen Makel kann das in den Augen christlich denkender Menschen haben? Aber leider überwiegen die Kleinlichkeit und der Haß in der Welt, und die sich Christen nennen, sind es zumeist, die vor der Berührung mit einem durch das Unglück gezeichneten Menschen scheu zurückschrecken und ihm als Makel anrechnen, was seine Schuld niemals war. Ich bin tief und schmerzlich enttäuscht, Sigrid, dich die hochherzigen Anschauungen deiner Eltern nicht teilen zu sehen«, schloß er mehr traurig als empört.

Ein tiefes Rot übergoß ihr blasses Gesicht. »Ich habe das alles nicht gewußt«, sagte sie stockend. »Man hat mir nur gesagt, Iris wäre von illegitimer Geburt –«

»So? Das sagt man?« unterbrach Hochwald sie und fuhr sichtlich erleichtert fort: »Gottlob, daß man nichts anderes sagt. Aber du hast recht, wenn Iris das erführe, so würde es sie tief demütigen – nicht ihres Stolzes und der Menschen wegen, sondern um meinetwillen, doch dann wäre ich da, sie aufzurichten, und mir ist's lieber, daß, wenn die ›falschen, falschen Zungen‹ der Welt sich bemüßigt fühlen, ihr etwas zu sagen, sie das erfährt, was du weißt, nicht wahr? Nun du aber so viel gehört, magst du besser alles wissen, um mir zu helfen, es von Iris fern zu halten. Wußtest du, daß dein Vater eine Schwester hatte?«

Sigrid nickte bejahend – sie hätte um alles jetzt nicht sprechen können.

»Nun denn – ich habe Marie Erlenstein gekannt und war oft in ihrem Hause, nachdem sie sich mit dem letzten Freiherrn von Ravensberg vermählt hatte«, fuhr Hochwald nicht ohne Anstrengung fort, während sein Blick sich in die Ferne verlor, in die Vergangenheit. »Ravensberg verfolgte die diplomatische Laufbahn, und man prophezeite ihm eine Zukunft. Er war liebenswürdig und gut und ein ruhiger, klar denkender Geist, aber vielleicht doch nicht der rechte Mann für seine wunderschöne Frau mit dem unruhigen Herzen, das sich so leicht und so schnell in die Irre führen ließ und vielleicht nur eines kräftigen Stabes bedurft hätte, um nicht zu straucheln, denn dieses arme Herz war heiß und verblendet – – genug, man fand Ravensberg eines Morgens mit einer Kugel in der Schläfe in seinem Bette – tot. Und alles glaubte an einen Selbstmord aus unbekannten Gründen. Iris war damals ein halbes Jahr alt, sie also wußte nichts von ihrem Verluste – ihre Mutter aber war schrecklich kalt und teilnahmlos dabei, allen ein Rätsel. Mit einem Male ging ein Flüstern durch die Stadt, das Marie Ravensberg als die Mörderin ihres Gatten bezeichnete. Aus der Brise wurde ein Wind, aus dem Winde ein Sturm – – Zeugen traten auf, der persönliche Diener Ravensbergs, die Zofe seiner Frau und dann noch ein zweiter Diener – ihre Aussagen waren vernichtend. Marie Ravensberg wurde verhaftet und vor das Schwurgericht gestellt, und die vereideten Zeugen sagten gegen Sie aus. Einer hatte sie den kleinen Revolver selbst laden sehen, ein anderer sie beobachtet, wie sie nach dem Schuß das Zimmer ihres Gatten verlassen. Gehen wir darüber hinweg. Dennoch wäre eine Begnadigung der unseligen Frau zu erreichen gewesen, doch ihr eigenes Benehmen vor Gericht sprach das Urteil über Sie – der König mochte, durfte von seinem Rechte, zu begnadigen, keinen Gebrauch machen – und das Sühnopfer geschah –«

Hochwald wandte sich mit versagender Stimme ab, tief erschüttert, überwältigt. Doch auch Sigrid war bleich geworden und mußte sich auf die Tischplatte stützen, und es währte eine ganze Weile, ehe sie mühsam, leise, wie jemand, er sich im Dunkeln fürchtet, sprechen konnte.

»Willst du damit sagen, daß diese Frau – eine Erlenstein, auf – auf dem Schafott starb? daß der Scharfrichter – o Gott!« ächzte sie entsetzt, als Hochwald bejahend den Kopf senkte. Dann fuhr er fort:

»Deine Eltern haben das Kind adoptiert und es als das ihrige erzogen. Begreifst du nun, daß sie, fern dem Vaterlande, wo alles sie an das Furchtbare mahnte –«

»Und das Kind, Iris«, unterbrach ihn Sigrid erregt, war sie nicht eine Mahnung daran, die sie stündlich vor Augen hatten? Wie konnten Sie es über sich gewinnen, sie vor sich, neben ihrem eigenen Kinde zu dulden?«

Hochwald sah mitleidig zu seiner Schwägerin herab.

»Du bist naturgemäß erregt«, sagte er ruhig. »Die Größe dieses Liebesopfers wirst du erst begreifen lernen, wenn du dir dein ganzes Leben, das auch das Leben von Iris war, zurückrufst. Und doch war es deinen Eltern kein Opfer, denn es beseelte sie die edelste jener drei, ohne die der Mensch ist ›wie tönendes Erz und eine klingende Schelle‹ – die Liebe, die alles überwindende.«

Sigrid sah fast scheu zu Hochwald auf, in dessen tiefem Tone seine Worte zur Überzeugung wurden, in dessen klarem, festem Blicke der Glaube an das, was er sagte, so schön zum Ausdruck kam. Sie begriff ihn nicht mit seinem großen Herzen, das so viel Nachsicht hatte mit den Fehlern anderer, das stets Milderungsgründe suchte und fand, wo ihr vorschnelles Urteil, ihr Stolz verurteilte. Sie bewunderte diesen großherzigen Zug, aber sie war nicht imstande, zu seiner Höhe emporzusteigen. Der Fürst nahm ihr Schweigen für die Einkehr zu der Auffassung, der er so überzeugungstreu war, und nach dem Grundsatze, daß jeder seine Eindrücke selbst verarbeiten müsse, allein mit sich selbst, schickte er sich an, die Bibliothek zu verlassen.

»Noch eins«, rief Sigrid ihm zu. »Hat mein Vater mit dir über – über seine Schwester gesprochen?«

»Gewiß«, erwiderte Hochwald freundlich. »Es tat ihm wohl, denn er hatte sie sehr geliebt. Es war zwischen uns kein Rückhalt über dieses traurige Thema. Und«, setzte er eindringlich hinzu, »die Milderungsgründe, die der irdische Richter nicht finden konnte, wir haben nach ihnen gesucht und nicht ohne Erfolg. Der Zorn über das Grab hinaus kann nicht veredeln – sie hat gebüßt, die arme Verirrte, und wir Menschen sollen's uns damit genügen lassen. Der Rest ruht bei Gott.«

Er nickte ihr ernst zu und ging. Doch in der Tür kehrte er noch einmal um, trat dicht an Sigrid heran und legte ihr die Rechte auf die Schulter.

»Ich darf dir doch vertrauen, Sigrid?« fragte er mit tiefem Ernst. Sie wich seinem festen Blick aus.

»Vertrauen? Worin, Marcell?«

»Sigrid, du mußt mich doch verstehen. Ich habe dir diese traurige Geschichte erzählt, weil ich auf dich rechne, dich als meinen natürlichen Verbündeten betrachte, um Iris in dem Glauben zu erhalten, daß sie deine Schwester ist. Sie darf niemals ahnen, wessen Kind sie ist, es würde ihr Leben vergiften. Willst du die Erbin des Liebeswerkes deiner verklärten Eltern sein, oder habe ich mich in dir getäuscht?«

»Nein, nein!« rief sie angstvoll, seine gute Meinung zu erhalten. »Ich will für dich alles tun, alles verschweigen –«

»Das tut's nicht allein, Sigrid«, sagte Hochwald ernst. »Es gilt, der Ruhe ihres Lebens wegen, alles von Iris fernzuhalten, was ihren Frieden gefährden könnte. Ihr seid als Schwestern aufgewachsen – die plötzliche Wissenschaft, daß ihr's nicht seid, kann deine Gefühle doch nicht für sie ändern, du hättest dann ja umsonst gelebt. Sigrid, hab' ich recht?«

»Ja«, nickte sie mit erstickter Stimme. O Gott, welchen Zauber hatte dieses Mannes Stimme für sie!

»So gib mir deine Hand darauf und dein heiliges Wort, daß du Iris schonen wirst!«

Sie legte ihre eiskalte Rechte in die seine, aber ihre trocknen, blassen Lippen formten nur klanglose Worte. Er sah ihre tiefe Bewegung und nahm den Handschlag für die ungesprochene Rede.

»Ich danke dir, Sigrid, und vertraue dir.«

Noch ein Grüßen, und er ging.

Sigrid blieb in einer unbeschreiblichen Seelenverfassung zurück. Zunächst hallte noch Hochwalds Stimme, seine einfachen, herzlichen Worte und Mahnungen, in ihr wider, dann aber brach in ihr alle Bitterkeit aus darüber, daß sie zwanzig Jahre ihres Lebens hindurch ihrer Eltern Liebe mit Iris hatte unwissentlich teilen müssen. Oh, hätte sie's gewußt! Sie hätte den Eindringling dahin gewiesen, wohin er gehörte: zu den Ausgestoßenen der Gesellschaft. Die Tochter einer hingerichteten Verbrecherin, die vielleicht irgendwo auf dem Armensünderkirchhof moderte! Freilich, sie war eine Erlenstein, und Sigrid war hochmütig auf ihren Namen, ihre tadellose Abkunft. Eine Erlenstein! Ja, ja, man durfte jetzt nicht wieder die furchtbare Geschichte aufwühlen, die eben erst anfing, in Vergessenheit zu geraten. Oder doch – ha, jetzt erinnerte sich Sigrid der Geschichte von den weißen Rosen von Ravensberg, die der Professor erzählt, und es fiel ihr ein, daß auch Spini die Tragödie in einer alten Zeitung aufgestöbert. Nein, solche Geschichten, die den Namen alter Adelsgeschlechter an den Pranger stellen, werden niemals vergessen! Sigrid lachte selbsthöhnend auf, als sie daran dachte, wie ihre Bekannten sich hinter ihrem Rücken zutuscheln mochten: »Sie ist die Nichte jener Frau von Ravensberg, die damals wegen Gattenmordes hingerichtet wurde. Sie wissen doch noch –«

In der Bibliothek auf und ab schreitend, erhitzte Sigrid sich an ihren eigenen Gedanken, denn zu Eifersucht, Haß, Neid und Verachtung gesellte sich nun der fünfte im Bunde, der Fanatismus: – ein schrecklicher Gesell, der schrecklichste von allen Dämonen, ausgestattet mit überirdischer Kraft, der seine Opfer über Leichen und Verbrechen dahin zu führen pflegt, von wo er selbst entsprungen: ins Irrenhaus. Sigrid kam sich mit einem Male ganz gehoben vor. Bis heute hatten Gewissensbisse immer noch die Dämonen im Schach gehalten, aber jetzt, wo es galt, den geliebten Mann aus unwürdigen Banden zu befreien, jetzt rechtfertigte der Fanatismus alles, alles, alles. Aber was nun geschehen mußte, wollte überlegt sein. Zu Hochwald gehen und ihm das Unwürdige, das Unmoralische seiner Ehe mit der Gebrandmarkten vorzustellen, hieß tauben Ohren predigen. Sie wußte das. Verblendete lassen sich die Augen nicht öffnen, wollen nicht sehen. Und doch – wenn sie jetzt hinging, sich ihm zu Füßen warf und ihn flehte – er würde sie für verrückt halten, er war ja bezaubert. Und mit einem Handstreich die Bande zerschneiden – –

Rechtzeitig sagte Sigrid sich selbst noch, daß solche Heldentaten von den Gerichten absolut falsch aufgefaßt werden. Wer weiß, ob Marie Ravensberg nicht auch durch jenen Schuß eine Heldentat getan, die sie auf dem Schafott büßen mußte! Natürlich eine Heldentat, sie war ja eine Erlenstein! Denn den Stempel der Schande hatte ihr der Scharfrichter erst aufgedrückt. Wäre die Tat geheim geblieben, ja dann – –

Ja, geheim muß heutzutage eine solche Tat bleiben, die Welt hat kein Verständnis mehr für diese Höhe der Selbstverleugnung – geheim. Und das Kainszeichen? Gibt es die Tat oder die öffentliche Sühne? Nein, der Henker drückt es auf – oder die Tat? – es kommt eben darauf an, aus welchen Motiven eine Tat geschieht. Oh, ihre, Sigrids, Motive waren groß und erhaben. Den Geliebten, Marcell Hochwald, von der Tochter einer Gebrandmarkten zu befreien, seine Seele zu retten von dieser Ehe, das war etwas Großes! Und wenn sie dann zum Lohn für diese Tat den Befreiten selbst forderte, um ihm das Leben zu versüßen, war das zu viel?

Während Sigrid in der Bibliothek dem Fürsten gegenüberstand und dessen Worte ihre Sinne immer mehr verwirrten und eine Stimmung in ihr erzeugten, die jenes andere Gefühl in ihr, jenes Erinnern an die schönen, fernen, ungetrübten Kinder- und Jugendjahre zu ersticken drohte, eilte Iris durch das Schloß, sie zu suchen, da die Post ein Sigrid zugedachtes Geschenk gebracht, auf dessen Übergabe sich Iris freute wie ein Kind: ein kostbarer Doppelrahmen, der die künstlerisch ausgeführten Miniatur-Porträts des Grafen und der Gräfin von Erlenstein umschloß, eine sinnige Gabe für Sigrid, von einem bedeutenden Künstler nach guten Photographien der Heimgegangenen ausgeführt.

Ihren Schatz wohlverpackt im Arm, fragte Iris bei allen, die ihr begegneten, ob sie Sigrid nicht gesehen, und im oberen Korridor wurde ihr dann gesagt, die Gräfin habe die Bibliothek betreten. Nun führte nach diesem Raum aber eine Tür auf die Galerie, welche oben um die Bibliothek lief und den Zugang zu den erhöhten Bücherreihen vermittelte. Die Tür wurde nur selten benutzt. – Iris aber beschloß, diesen kürzeren Weg zu nehmen, schob die Portiere, welche den Eingang sonst verhüllte, beiseite und trat auf die Galerie, von der eine Wendeltreppe hinab in den inneren Bibliothekraum führte. Noch auf der Schwelle stehend, hörte Sie die Stimmen ihres Gatten und ihrer Schwester, und es kam ihr der Gedanke, den beiden einen kleinen Schabernack zu spielen und ihnen als des Hauses Spukgeist am hellen, lichten Tage zu erscheinen. Schnell eilte sie zurück in ihr Zimmer, warf einen großen schwarzen Schleier über ihren Kopf, so daß er ihre weißgekleidete Figur fast ganz einhüllte, und während sie die Metamorphose mit sich vornahm, im voraus sich amüsierend über ihren harmlosen Streich, fiel ihr Auge auf die Nachtlampe in ihrem Zimmer, einen kleinen Kunstgegenstand von oxydiertem Silber mit einem Einsatz von Rubinglas, indem eine ganz kurze, sehr starke Wachskerze des Nachts brannte. Natürlich, dieser prosaische Gegenstand mußte, den Eindruck zu vollenden, als das geheimnisvolle ›rote Licht von Hochwald‹ fungieren; lachend entzündete Iris die Kerze und eilte nun als wohlausgestatteter Irrgeist zurück auf die Galerie, das Licht mit der Hand beschattend. Sie beugte sich nun zunächst vorsichtig über die Balustrade und spähte hinab, schon ein wenig herabgestimmt in ihrer Neckerei, denn es schien ihr, als klänge die Stimme ihres Gatten ernst und eindringlich, fast wie beschwörend. Es fiel ihr natürlich nicht ein, lauschen zu wollen – im Gegenteil wollte sie, für den Fall, daß sie Worte verstehen sollte, sogleich einen dumpfen Geisterruf hinabsenden, oder, falls ihr Gatte wirklich so ernst sprach, als es klang, sich still und diskret zurückziehen. Wie sie sich aber hinabbeugte, hörte sie den Fürsten, trotzdem er die Stimme dämpfte, deutlich sagen: »So gib mir deine Hand darauf und dein heiliges Wort, daß du Iris schonen wirst!«

Erschreckt fuhr sie zurück, doch ehe sie noch bis zu der Tür gehuscht war, hörte sie auch schon ihren Gatten die Bibliothek verlassen. Nun sie nichts mehr zu erlauschen Gefahr lief, hielt sie an und dachte einen Augenblick hochklopfenden Herzens nach. Weshalb wollte Marcell sie geschont wissen? Und warum sollte Sigrid ihr heiliges Wort darauf geben? Iris wußte, daß ihr Gatte Heiliges nicht leichtfertig oder unbedacht zu nennen pflegte; sein Wort war sein sorgfältig gewahrtes Kleinod, und es stand fest und makellos wie ein Fels von Erz, aber wenn er ein Wort, ein heiliges Wort von jemand forderte, so mußte es sich für ihn auch um etwas Hochwichtiges handeln, und er erwartete dann, daß das gegebene Wort treu gehalten wurde, wie er das seine hielt. Diese Überlegung verbannte auch sofort in Iris den blitzartig aufgetauchten Gedanken, Sigrid zu fragen. Sie errötete vor Unwillen über sich selbst, daß sie einmal wegen der Befriedigung einer vielleicht nur natürlichen Neugierde daran gedacht, Sigrid in Versuchung zu führen, statt sich an ihren Gatten selbst zu wenden, und dann über diese Neugierde an sich. Denn sie besaß jenen echten und schönen Stolz, der keinen Flecken auf der Seele duldet und den bloßen Schatten davon mit Willenskraft und Selbstbeherrschung zu vertilgen sucht.

Zur Balustrade zurücktretend, sah sie Sigrid unten in heftiger Bewegung hin und her schreiten, Worte murmeln und gestikulieren.

Ich werde ihr helfen, sich zu beruhigen, dachte sie mitleidig. Vielleicht muß sie lachen, wenn sie mich als Spukgeist sieht.

Und Iris nahm ihre Lampe wieder auf und das auf der Galerie zurückgelassene Paket mit den Miniaturen unter den Arm und begann, die Wendeltreppe hinabzusteigen, ohne das Geräusch zu vermeiden, denn Sigrid sollte aufmerksam gemacht und nicht erschreckt werden. Aber Sigrid hörte nichts, denn ihre Seele war befangen von schwarzen Gedanken, die ihre Kreise enger und enger zogen und ihr Auge ablenkten von der Außenwelt. Eine Weile stand Iris am Fuße der Treppe und sah dem Treiben ihrer Schwester zu, immer glaubend, daß sie von ihr schon gesehen sein müßte, da Sigrid mit seltsam loderndem Blicke mehr denn einmal an ihr vorbeigegangen war.

»Da hört alles auf«, sagte Iris endlich lachend, »aber ich will ein Kompliment von dir hören über mein gespenstisches Exterieur!«

Bei dem Klange dieser Stimme stutzte Sigrid dicht vor Iris, auf deren von dem schwarzen Schleier halb verhülltes Gesicht das rote Licht der Nachtlampe einen zuckenden Schein warf. Erst sah sie leeren und ausdruckslosen Auges auf die liebliche Erscheinung, dann stieß sie einen Schrei aus, einen wahnsinnigen Schrei, so gellend, ja entsetzt, daß er das Echo dieses Raumes weckte.

»Zurück!« schrie sie, »fort! hinweg – das Kainszeichen!«  – Und besinnungslos stürzte sie schwer zu Boden.

Iris war tödlich erschrocken, so sehr, daß sie wie gebannt stand und sich im ersten lähmenden Schrecken nicht von der Stelle rühren konnte. Aber Fürst Hochwald hatte nebenan in seinem Arbeitszimmer den Schrei gehört und eilte schnell herbei.

 »Mein Gott, was ist hier geschehen?« fragte er, sich zu Sigrid herabbeugend. Iris warf ihre Vermummung ab und teilte ihm in hastigen Worten mit, was geschehen; doch während beide sich noch bemühten, Sigrid emporzurichten, kam diese schon zur Besinnung. 

Ein Blick auf Iris machte sie erschauern; sie schloß die Augen von neuem und lehnte sich tödlich erblassend in den Arm des Fürsten zurück. Nach Anwendung einiger Stärkungsmittel war sie so weit, daß Sie nach ihrem Zimmer geführt und dort zur Ruhe gebracht werden konnte. Sie lehnte dabei ziemlich heftig jede Dienstleistung von der Fürstin Iris ab, die sich zwar schmerzlich berührt, jedoch nicht beleidigt davon fühlte.

»Du Arme, deine Nerven sind schrecklich alteriert«, sagte sie liebevoll und herzlich. »Und wie bittere Vorwürfe muß ich mir machen, dich so erschreckt zu haben! Doch nun lasse ich dich allein und zwar mit der Gabe, die Marcell und ich dir zudachten – der Anblick der teuern Gesichter wird dich besser stärken als alles andere!« – Und mit diesen Worten stellte sie ein kleines Tischchen neben Sigrids Ruhebett und darauf den schöngeschnitzten Florentiner Goldrahmen mit den Miniaturen. Beim Erblicken dieser sprechend ähnlichen Bilder brach Sigrid in einen Strom von Tränen aus – da glitt Iris leise aus dem Zimmer, denn mit solch tief bewegtem Herzen ist's besser, allein zu sein, um die Ruhe wiederzufinden nach außen und mit sich selbst.

Langsam und nachdenklich legte die junge Frau den weiten Weg von dem sogenannten »Fremdenflügel« des Schlosses bis in das Zimmer ihres Gatten zurück, der am Schreibtische saß, der Eintretenden aber sofort die Hand mit freundlichem Lächeln und lieberedendem Blicke entgegenstreckte. Sie schob ein Taburett dicht an seinen Stuhl heran, setzte sich und schmiegte das blonde Köpfchen an seinen Arm.

»Warum läßt mein Vögelchen so betrübt die Flügel hängen?« fragte Fürst Hochwald nach einer Pause.

»Ach«, sagte Iris gepreßt, »Sigrid ängstigt mich.«

»Oh, bother Sigrid, würde Fuxia sagen«, entgegnete er mit einem Anflug von Ärgerlichkeit. »Versteh mich recht«, setzte er hinzu, als er ihren vorwurfsvollen Blick sah, »ich finde Sigrid viel netter als früher. Nur soll sie dich nicht beunruhigen.«

»Sie tut's aber«, rief Iris schmerzlich. »Und wie sollte sie mich nicht beunruhigen, da sie doch meine Schwester ist?«

Hochwald nickte und sah still vor sich hin. Was sollte er dazu auch sagen nach allem, was er wußte?

»Wenn ich Sigrids Zerfahrenheit sehe, muß ich immer daran denken, ob meine verklärten Eltern mich nicht zur Rechenschaft ziehen würden, weil ich nicht alles getan, sie vor sich selbst zu retten. Und doch, wie kann ich's, da sie sich mir nicht mehr vertraut und meine stumme Frage nicht versteht? Besonders Mama, der Sigrid doch am Ende wohl noch teurer war als ich, würde diese Sigrid von heut schweren Kummer machen«, schloß sie traurig, und Hochwalds Blick mißverstehend, fügte sie hinzu: »Ich bin nicht etwa nachträglich noch eifersüchtig auf Mamas Liebe! Ich habe ja so viel davon bekommen, ebensoviel gewiß wie Sigrid. Aber mir schien es oft, als leuchteten Mamas Augen ganz anders auf, wenn sie Sigrid sahen.«

»Und jetzt leuchten die meinigen, wenn ich dich sehe«, sagte Hochwald etwas unlogisch, denn er mußte ja seine Bewunderung über dieses Feingefühl der Seele in sich verschließen. Die Liebe braucht aber keine spitzfindige Logik, deshalb küßte auch Iris gerührt die starke Hand, die so weich und liebreich über ihre Wangen strich. Und dann bekannte sie ihm, was sie in der Bibliothek gehört und wie seine an Sigrid gerichteten Worte sie befremdet. Er hörte Sie ruhig an und beantwortete ihren gespannten Blick erst nach einer Pause.

»Es handelt sich hier um eine Angelegenheit, deren Kenntnis ich dir entziehen möchte«, begann er dann. »Wie Sigrid davon erfahren, ist hier gleichgültig. Ich weiß es selbst nicht. Es tut mir aber von Herzen leid, daß meine eindringliche Bitte an Sigrid, dir nichts davon zu sagen, an dein Ohr kam, denn auf die Gefahr hin, Befremden und Zweifel in dir aufkeimen zu lassen, muß ich dich bitten, mir zu vertrauen, meine Iris!«

»Ich frage nicht«, war ihre ohne Zögern gegebene Erwiderung, indem sie die klaren Augen zu ihm aufschlug. »Es gibt etwas, das ich nicht wissen darf – das ist mir genug, und ich denke, du kennst mich so weit, um sicher zu sein, daß ich diesem Etwas niemals nachforschen würde.«

»Daran erkenn' ich meine Iris, meine liebe, süße Frau«, sagte er gerührt und neigte sich, ihre reine Stirn zu küssen. »Weißt du auch, Liebling, daß nichts so wohl tut als Vertrauen?«

»Das wäre mir eine schöne Liebe, die kein Vertrauen hätte«, erwiderte sie innig. »Das wäre ja wie ein Frühling ohne Blumen, wie eine Religion ohne Gott.«

»Das ist groß gedacht, Iris. Aber der Mensch ist eben auch menschlichen Schwächen unterworfen. Wird Mutter Evas Erbteil, die Neugierde, dich nicht beunruhigen und versuchen, wird der Verdacht, was es sein möchte, das du nicht wissen sollst, niemals in dir aufsteigen?«

Sie schmiegte sich nur noch enger an ihn.

»Wie kann ich wissen, welche Versuchungen über mich kommen, Marcell? Aber steigen sie auf in mir, so verspreche ich dir heilig bei unserer Liebe, daß ich damit zu dir selbst kommen werde, damit du mir hilfst, sie zu überwinden.«

»Ja, Iris, so soll's sein«, erwiderte Hochwald bewegt. »Wie kommt es nur, daß du immer den rechten Ausweg findest?«

Sie lächelte holdselig und glücklich. »Weil meine Augen klar sind durch dich. Und«, fügte sie, sich erhebend, hinzu, »was einen möglichen Verdacht betrifft, das ist ein häßliches Wort, das wir nicht einmal denken wollen, nicht wahr? Denn mir fällt dabei Shakespeares Wort ein: ›Verdacht wohnt stets im schuldigen Gemüt.‹« 

Die folgende Nacht brachte nach einem schwülen Abend, der nicht einmal auf der Seeterrasse einen kühlenden Hauch spenden wollte, ein heftiges Gewitter. Der Hochwalder Kreis hatte, mit Ausnahme von Sigrid, die sich für zu unwohl erklärte, um herabzukommen, auf der Terrasse gesessen bis spät in die Nacht. Auf dem spiegelglatten Wasser, zu still, um natürlich zu sein für das unruhige Element, lag seitlich der Terrasse das rätselhafte rote Licht wie ein verlorengegangener Rubin aus der Krone der Tageskönigin, und der erneute Disput über dies unerklärliche Phänomen hatte von allen Seiten soviel Mondschein- und Geistergeschichten wachgerufen, daß man endlich mit jenem gewissen süß-schaurigen Gruseln, wie es in alten Schlössern gewöhnlich den Menschen beschleicht, zur Ruhe ging.

Etwa eine Stunde später zog das Gewitter auf. Es war ein Blitzen, als öffneten sich Feuerschlünde und wollten die Welt verzehren, der Donner krachte, daß des Schlosses Grundmauern erzitterten, und der Sturm wühlte die See auf, daß der weiße Gischt der haushohen Wellen bis auf das Kupferdach des hohen Mittelflügels spritzte. Es war ein Wetter, kühne Herzen erbeben zu machen vor der Gewalt der Naturkräfte, und nur die blieben ruhig, aber wachsam, die an der Küste wohnend das furchtbare Rauschen des Meeres, das Heulen des Sturmes und das Brüllen der Brandung gewohnt waren.

Noch war das Wetter indes nicht ausgebrochen, da fand Spini, daß ihn die Gewitterschwüle nicht schlafen ließ. Er zog sich daher wieder an, öffnete die Fenster und beschloß, aus der Bibliothek ein neues Buch zu holen – leichte Lektüre, die erst heut mit der Post gekommen war. Der Weg zu der unerschöpflich reichen Bücherei war lang und einsam – es schlief wohl schon alles. Spini durchschritt lautlos, niemand zu stören, die breiten Korridore, stieg die Haupttreppe hinab, sein Licht in der Hand, und durchkreuzte die Halle. Die Tür zur Bibliothek öffnete sich lautlos – in den weiten Raum eintretend sah Spini aber durch den breiten Ritz der nicht ganz geschlossenen Tür am anderen Ende Licht schimmern und hörte des Fürsten Stimme, wie er jemand Befehle erteilte zu diversen Aufträgen an Lieferanten. Die kurzen, respektvollen Antworten ließen Spini die Stimme des Kammerdieners Rataiczak erkennen. Das Thema drinnen war uninteressant genug für einen Lauscher, dennoch aber hörte Spini mit halbem Ohre hin, während er das gewünschte Buch auf dem Lesetische suchte.

»So! Das wäre wohl alles«, sagte der Fürst drinnen. »Donnerte es nicht eben? Höre, Rataiczak, mir scheint, es gibt heut nacht ein schweres Wetter. Sind alle Läden geschlossen und die Flaggenstange eingezogen?«

»Zu Befehl, Durchlaucht. Das Wetter kommt von der Landseite und war schon zu sehen, als die Herrschaft auf die Terrasse ging nach dem Essen. Wir hatten Zeit, alles zu bergen; auch die Blumen sind von der Terrasse in den Vorsaal geschafft worden.«

»So ist's gut. Kommt das Wetter herauf, so wecke die Leute – man kann niemals wissen, wohin der Blitz trifft. Und noch eins, Rataiczak –: hast du den kleinen Fensterladen gemacht – du weißt, für die Schießscharte.«

»Zu Befehl, Durchlaucht. Ich wurde heut abend fertig und will's heut nacht anbringen.«

»Ah, das ist gut. Dieses Breittreten des ›roten Lichtes‹ wurde nachgerade lästig und führt zu nichts als zum törichtesten Aberglauben und zu den abenteuerlichsten Vermutungen. Brauchst du Hilfe unten?«

»Durchlaucht, nein. Es ist eine so leichte Arbeit. Zwei Nägel, nichts weiter, und wenn der Sturm kommt, hört keine Seele das Hämmern. Auch so nicht, Durchlaucht.«

»Nun, desto besser. Soll ich mit dir kommen?«

»Danke untertänigst, nein. Ich fürcht' mich nicht, gnädigster Herr.«

»Nein, natürlich nicht, mein guter Junge. Vor was auch? Menschen werden dir nicht in den Weg treten, und die Toten stehen nicht auf. Ich will dich indes zu dem Wege nicht zwingen und die Sache gern allein machen. Sag es mir frei und ohne Scheu, wenn es dir unangenehm ist.«

»Durchlaucht sind immer so gnädig und gütig. Aber ich gehe gern. Durchlaucht würde es doch wieder aufregen, mich nicht. Es ist schon besser, ich gehe – die Frau Fürstin werden sowieso schon oben ängstlich sein, wegen des Wetters.«

»Da hast du auch recht – denkst schon an alles, mein braver Rataiczak. Na denn, gute Nacht. Ich danke dir!«

Im nächsten Augenblick trat der Fürst, ein Licht in der Hand, in die Bibliothek – doch Spini hatte schon vorher seine Kerze verlöscht und war hinter einen der schweren Fenstervorhänge getreten. Eigentlich ärgerte er sich, daß er's tat. Warum sollte er sich kein Buch holen – darin lag doch nichts Unerlaubtes? Daß die Handlung des instinktiven Sichverbergens aus dem Faktum entsprang, daß er dem Gespräch zwischen Herrn und Diener mit angestrengter Aufmerksamkeit gelauscht, war ihm wohl selbst nicht ganz klar – doch als der Fürst die Bibliothek passiert hatte und Rataiczak ihm nach einer Weile folgte, sorgsam spähend, ob noch etwas Vergessenes in Ordnung zu bringen, ein Fenster zu schließen war, da erst kam ihm der Gedanke: Es war gut, daß ich mich verbarg – ich werde diesem Mann folgen.

In dem erlauschten Gespräch hatte ihn ja natürlich nur die Erwähnung des »roten Lichtes« frappiert. Das übrige, und ob irgendwo ein Fensterladen angebracht werden mußte, konnte ihm höchst gleichgültig sein. Doch der Schluß der Unterredung machte ihn wieder stutzig. Und dann durchfuhr ihn der Gedanke: Ah, also der Herr des Hauses kennt des »roten Lichtes« Ursache und läßt uns ruhig die Köpfe darüber zerbrechen. Nun gut, auch ich will wissen, was es damit auf sich hat.

Nun gehört ja das Nachspionieren in anderer Leute Angelegenheiten nicht zu den vornehmen Eigenschaften des Menschen. Spini war aber auch kein vornehmer Charakter. Er war ein stolzer, hochmütiger Mensch, der den äußeren Schein mit allen, oder doch wenigstens mit vielen Mitteln aufrechterhielt, die einer strengeren Kritik nicht standhielten und, ohne direkt mit dem Strafgesetzbuch zu kollidieren, doch das Forum des Ehrengerichtes hätte scheuen müssen. Ohne weitere Bedenken zog er seine Pantoffel aus, steckte sie in die Tasche seines Jacketts und schlich auf den bloßen Socken lautlos hinter Rataiczak drein, der den Schlüsselschrank in der Halle öffnete, einen großen, verrosteten Schlüssel vom Haken nahm und sich damit durch eine Tür entfernte, die, mit einem orientalischen Teppich verhängt, Spini bisher entgangen war. Als letzterer nach einer kleinen Pause seinerseits den Vorhang lüftete, sah er, daß der Kammerdiener die Tür offengelassen hatte und nun in einem großen, kahlen, gewölbten Vorraum eine Laterne anzündete. Dann sah er ihn ein längliches Brettchen nebst Hammer und diversen Nägeln vom Boden aufheben, eine zweite Tür aufschließen und durch dieselbe verschwinden. Vorsichtig folgte Spini und sah Rataiczak eine steile Wendeltreppe hinabsteigen, die er nun gleichfalls vorsichtig betrat, trotzdem sie von Stein und ein Geräusch darauf nicht zu befürchten war. Das war eine Treppe, wie sie eben nur in alten Schlössern zu finden ist, schlüpfrig durch die eindringende Feuchtigkeit, und von unten herauf drang ein feuchter Modergeruch, wie er sich so beklemmend auf des Menschen Nerven legt und uns erschauern läßt im Herzensgrunde. Die Treppe endete in einem breiten saalartigen Gange, der weiterhin, ein Knie bildend, sich fortsetzte. Die Decken waren spitzbogenförmig gewölbt, der Boden mit rissigen Steinfliesen belegt, und statt der Fenster dienten schräg in den gewaltigen Mauern angebrachte Schießscharten zum Einlasse von Licht und Luft. Das Rollen und Rauschen, das durch diese schmalen, länglichen Mauerluken drang, belehrte Spini, daß er sich an der Seeseite des Schlosses, in dem ältesten, unbewohnten Teile desselben befand, in jenem Teile, den man von der Seeterrasse aus übersah, und aus dem, seiner Berechnung nach, das geheimnisvolle rote Licht dringen mußte. Der breite Gang, den Rataiczak jetzt betrat, langsam und vorsichtig gefolgt von Spini, mußte ehedem, als Hochwald noch eine Feste war, zum Wachtlokal gedient haben, das bewiesen die Tische, Schemel und Holzpritschen, die an den Wänden verteilt waren, sowie auch Böcke für die unförmigen Schießapparate jener verschollenen Zeit. In den Ecken lag noch sonstiges Gerümpel, als Kisten, defekte Stühle, Latten usw., und dicht am Ausgange der Treppe stand eine große, das heißt mehr lange und flache als hohe Holzkiste, deren nachlässig daraufgelegter Deckel mit Schimmel überzogen und halb vermodert war. Einzelne mächtige, bis hoch herauf reichende Wandschränke mit halb in den Angeln hängenden Eichentüren und demolierten Regalen wiesen noch deutlicher auf die ehemalige Bestimmung des Raumes als Wachtlokal hin; nur einer der Schränke war verschlossen, und Spini sah, wie Rataiczak diese Tür, die übrigens auch nur angelehnt war, öffnete und die drei oder vier Bretter, die den Wandschrank bildeten, herausnahm. Darauf trat er in die so gebildete Vertiefung hinein, Spini hörte einen Schlüssel oder eine Feder schwerfällig arbeiten, und dann war der Kammerdiener samt dem Lichte spurlos verschwunden.

Mit einem einzigen, lautlosen Sprunge wie ein Panther war Spini ihm nachgeeilt – zu spät; es war nichts mehr zu sehen als eine dichte, eichene Rückwand, wie bei jedem der anderen Schränke. Vorsichtig strich Spini eines der Wachsstreichhölzer, die er stets bei sich trug, an und beleuchtete diese Wand – es war kein Abzeichen an ihr zu sehen, kein Ton hindurchzuhören, besonders da der zunehmende Sturm und das Rauschen der See jedes untergeordnete Geräusch verschlang. Ein zweites Wachshölzchen ermöglichte Spini, sich nun nach einem passenden Versteck umzusehen, und er fand es im Schutz einer übermannshohen Kiste, die geleert und aus geräumt in einer dem mysteriösen Schranke gegenüberliegenden Mauervertiefung aufrecht lehnte. Ein mit Pappdeckel übernageltes Astloch im Boden, in welchem ein Stöpsel vermodertes Werg steckte, gab nach leichter Entfernung dieser Dinge einen vortrefflichen Beobachtungspunkt. Inzwischen war das Gewitter mehr und mehr heraufgezogen, und was von den Blitzen rot, schwefelgelb und violett durch die Luken drang, erleuchtete unheimlich genug den an und für sich schauerlichen Ort. Spini war kein Mann der bleichen Furcht, aber er war abergläubisch wie alle Italiener, und die Kälte des feuchten Fußbodens, auf dem er in dünnen Strümpfen stand, fing an, ihm durch Mark und Bein zu gehen, trotz der draußen herrschenden unerträglichen Gewitterschwüle, oder vielleicht gerade wegen derselben. Um die wachsende Beklemmung abzuschütteln, begann Spini, die fast nicht mehr erlöschenden Blitze zu benutzen, um die Mauerluken zu zählen, wie er es schon oft von der Seeterrasse aus getan. Er zählte nur sechs – von außen waren's aber sieben, und nun erinnerte er sich auch, daß die Mauer von außen nicht glatt, sondern strebepfeilerförmig ausgeladen war, zum Schutz gegen die Wellen, und daß ebendiese Ausladung gleichfalls eine Schießscharte zeigte. Zweifellos maskierte nun der Schrank, in dem Rataiczak verschwunden war, diese in Spinis Berechnung fehlende Luke, und dann mußte diese pfeilerartige Mauerausbuchtung auch nicht massiv sein, sondern einen Raum bilden. Durch das wachsende Geräusch des Sturmes hindurch meinte das feine Ohr des Italieners nun ein Hämmern zu vernehmen; doch dauerte es für ihn fast eine Ewigkeit, ehe seine Hoffnung sich erfüllte und Rataiczak wieder erschien. Zu diesem Ende schoben sich die breiten, eingefalzten Bretter der Schranktür in der Mitte auseinander, und Rataiczaks Laterne beleuchtete für einen Moment die Szene–: im Hintergrund das von dem Kammerdiener mitgenommene Brett als Laden vor die Schießscharte gehängt; oben von der Decke herabhängend eine schöngeformte sogenannte ewige Lampe von Silber, durch deren rubinroten Glaseinsatz das Licht ruhig herabstrahlte, und – Spinis Augen bohrten sich förmlich darauf – und unter der Ampel auf einer Erhöhung ein länglicher, oben breiter und unten schmaler werdender geheimnisvoller Gegenstand, den eine schwarze Samtdecke mit einem großen, silbernen Kreuz darauf bedeckte – – – ein Sarg, durch ein Bahrtuch verhüllt. Nur so viel konnte Spini sehen, dann schlossen sich die eichenen starken Türpaneele, und Rataiczak begann die Regale einzusetzen, die dieses unheimliche Mysterium wieder in einen harmlosen Schrank verwandelten.

Nun hatte Spini eine Versuchung– Rataiczak von hinten zu überfallen und ihn zur Herausgabe seines Geheimnisses zu zwingen – aber er verwarf diese Idee sogleich wieder, denn der »Mitschuldige, der Hehler des Fürsten«, wie er ihn nannte, war riesenstark und groß, auch hatte er einen recht unfreundlich aussehenden Hammer unterm Arm, und Spini war ohne Waffe. Zudem hätte Gewalt seiner Sache nicht genützt, und Schlimmeres, ein Verbrechen begehen, Blut vergießen, lag nicht in seinem Charakter. Über diesen Reflexionen verpaßte er aber ein anderes: nämlich hinter Rataiczak Rücken schnell und lautlos auf dem bekannten Wege den alten Schloßflügel zu verlassen, um der Gefahr zu entrinnen, darin eingesperrt zu werden. Dazu war's leider zu spät. Der Kammerdiener wandte sich um und hielt die Laterne leuchtend über den Kopf, um einen prüfenden Blick um sich zu werfen. Dabei fiel sein Auge auf die Kiste, hinter der Spini stand; der Diener trat vor diese hin und klopfte mit dem Hammer darauf.

»Zusammenschlagen und verbrennen«, murmelte er dazu. »Holz ist sowieso schon halb vermodert. Pappe, die ich damals vors Knorrenloch genagelt, auch fort. Wahrscheinlich zerweicht. Sieht aus wie rausgefressen.«

Nach diesem Selbstgespräch wandte sich Rataiczak zum Gehen, gefolgt von Spini; doch da sich für diesen keine Gelegenheit fand, an dem Manne unbemerkt vorbeizukommen, ward er von außen in den alten Flügel eingeschlossen, und hörte eben noch die schwere Portiere vor der darunter verborgenen Tür in der großen Halle zuziehen. Das alles geschah prompt, daß Spini zu einem Gewaltstreich zur Gewinnung seiner Freiheit eigentlich gar keine Zeit blieb, und jetzt sah er sich allein, eingeschlossen in dem verrufenen Teil des Schlosses während des draußen tobenden Gewitters! Freilich mußte man ihn ja am anderen Morgen hören, wenn er an der verschlossenen Tür klopfte, und eine plausible Erklärung für sein Eindringen hier mußte sich ja in der Zwischenzeit bequem erfinden lassen – Gefahr war also ausgeschlossen. Dennoch war der Gedanke an die hier zu verlebenden Stunden nicht angenehm. Dieser feuchte, unheimliche Ort, diese noch unheimlichere, mysteriöse Sache unten, jenseits der Treppe – – Spini überlief es ganz kalt, daß ihm die Zähne zusammenschlugen. Nochmals dort hinabsteigen und den Mechanismus der geheimen Tür ergründen? Wozu? Der kurze Einblick hatte ihm genug gezeigt – diese schauerliche Form unter dem schwarzen Bahrtuche! Was war klarer, als daß es das Verbrechen barg? Und warum war es nicht ins Meer versenkt worden, zum ewigen Vergessen, fern von jeder Entdeckung? Auch das war klar: der Verbrecher wagte nicht, es zu tun, wagte es nicht, gegen eine Stimme in seinem Innern, wie sie oft gegen das Gewissen rüttelt und hallt, und darum verbarg er mit Hilfe seines Helfers oder seines Hehlers lieber das entsetzliche Etwas in seinem feudalen Schloß und bedeckte es mit kostbaren Stoffen und ließ eine Sühneflamme darüber leuchten, Tag und Nacht. Das also war das rote Licht von Hochwald! Nachdem Spini noch gehört, wie Rataiczaks Schritte verhallten, zog er das in der Bibliothek verlöschte Licht mitsamt dem kleinen Leuchter aus der Rocktasche, fuhr in seine Maroquinschuhe und zündete die Kerze mit einem der ihm noch übriggebliebenen wenigen Streichhölzer an. Das Licht war dick und wenig gebrannt und konnte deshalb noch stundenlang leuchten. Spini begann zunächst damit, den Raum abzuleuchten, in dem er sich befand. Unweit der Treppe nach unten befand sich eine zweite Tür – sie war nur angelehnt und verbarg eine nach oben führende Treppe. Lieber geneigt, Entdeckungsreisen zu machen, als unten still zu sitzen bei dem draußen tobenden Wetter und der gemachten unheimlichen Entdeckung nachzudenken, bis die Tote vielleicht ihre Ruhestätte verließ und ihn zur Rache aufforderte, betrat Spini diese zweite Treppe, die von solidem Eichenholz, altersgeschwärzt, aber sonst intakt, gewunden nach oben führte und in einen saalartigen, gewölbten, aber fast leeren Raum mündete, um dessen obere Hälfte geschnitzte Holzgalerien liefen, zu denen man sowohl von unten als auch von oben gelangen konnte. Spini aber wandte sich nach der nächsten, offenstehenden Tür, zu der einige Stufen emporführten, und durchschritt dann eine Reihe hoher, meist gewölbter Gemächer mit Backsteinestrich, die augenscheinlich die Zimmerflucht des »alten Schlosses«, der Trutzfeste an der See bildeten. Feste eichene Fensterläden schützten hier die Spitz- und Rundbogenfenster mit den kleinen, in Blei gefaßten Scheiben gegen Sturm und Wellen – durch die mächtigen, oft prächtig verzierten Kamine heulte der Wind und bewegte die größtenteils in Fetzen von den Wänden herabhängenden Leder- und Stofftapeten, daß sie ganz Wolken von Staub auf den nächtlichen Wanderer herabschütteten. Nur hin und wieder fand sich noch ein Möbel vor uralt, wurmzerfressen und dem Zusammensturz nahe, und aus schiefhängenden Rahmen sahen wohl zuweilen ein Paar gemalte Augen verfolgend auf Spini herab. Nachdem er mehrere dieser Gemächer durchschritten, gelangte er durch Öffnen einer einfach eingeklinkten Tür in ein achteckiges Erkergemach, dessen mit goldgepreßten Ledertapeten bekleidete Wände mit Gemälden behangen waren und dessen Estrich Mosaikarbeit zeigte, während schöne alte Möbel, wahrscheinlich die Rudera aus den anderen Gemächern, hier aufgestellt waren. Spini berechnete, daß dies Zimmer die Ecke des alten Schloßflügels bilden mußte, denn man konnte vom Meer aus den Erker über dem Felsen schweben sehen, der hier das Gebäude stützte, und die eigentümliche Form dieses Erkers stimmte mit diesem ganz überein. Nach der Landseite zu aber stieß der alte Schloßteil an den Renaissanceflügel, und es fragte sich nur, ob er Verbindung mit diesem hatte. Während Spini sich diese Frage vorlegte, verlöschte ein Windstoß aus dem Kaminschlot, vor dem er stand, sein Licht, und ehe er noch nach seiner Streichholzbüchse suchen konnte, wurde sein Zweifel auf ganz eigene Art gelöst. Es öffnete sich nämlich eine nach der Landseite gelegene niedere und schmale, reich beschlagene Tür sehr leise und, wie es schien, wohlgeölt, und im Schein der Blitze sah Spini eine Gestalt hereingleiten, die ihm für den Augenblick das Blut in den Adern erstarren machte. Die Gestalt war groß und in ein weißes, schleppendes Gewand gehüllt – ein weißer Schleier verbarg sie zur Hälfte, und das Zucken der Blitze durch die bunten Scheiben des Erkers machte sie noch geisterhafter und totenähnlicher als die Finsternis. Und doch war es kein Geist, denn dem gespenstergläubigen Spini, dem Haare zu Berge standen und die Zähne vor Entsetzen zusammenschlugen, drangen plötzlich unter dem weißen Schleier her die deutlichen Worte ans Ohr: »What, the dickens, keeps him away?«

Spini atmete auf. Gespenster reden englisch doch nur in ihrem englischen Geburtslande oder in ihren dies Idiom sprechenden Staaten, vorausgesetzt, daß sie überhaupt reden, aber wenn sie's tun, so vermeiden sie sicher den »slang«. Und ›the dickens'‹ ist Slang, ohne alle Deutelei. »The devil« hätte ja am Ende ein Gespenst auch noch sagen können, wenn aber, im analogen Fall, ein deutscher Geist statt des »Teufels« den »Deixel« zitiert, so nimmt diese Wendung dem Ausdruck entschieden das Unheimliche. Spini, der die europäischen Umgangssprachen fließend sprach, fühlte sich infolgedessen auch ungemein erleichtert, um so mehr, als ihm a tempo die rettende Idee kam, die Pforte, die das englischen Slang sprechende Gespenst zum Eingang benutzt hatte, als Ausgang zu gewinnen. Mit ein paar langen Schritten, die einem Salto mortale glichen, suchte er die Distanz auszumessen, doch noch fehlten ihm zur Tür wenige Fuß, als das Gespenst mit ein »Oh, my dear one!« um seinen Hals fiel, um im nächsten Moment mit dem entsetzten Ruf: »For heaven's sake – ein Schnurrbart!« um so weiter zurückzuprallen. Spini nahm sich nicht Zeit, zu untersuchen, für wen er irrtümlich gehalten worden war – die ersehnte Tür brachte ihn in einen kurzen finsteren Gang, an dessen Ende ihn eine andere, halb angelehnte Pforte richtig zurück in den bewohnten Schloßteil beförderte. Hier blieb er einen Moment aufatmend stehen, horchte, ob das »Gespenst« ihm etwa folgte, und da alles still blieb, so strich er ein Streichholz an und sah sich um. Wie er's vermutet, so war's. Er stand in einem Seitenkorridor des Renaissanceflügels, in dem die Gastzimmer lagen, und brauchte jetzt nur noch eine Ecke zu passieren, vorbei an einem weit auf das Meer hinausragenden Söller, der gegen die Unbill des Wetters durch Glasfenster zwischen den ihn stützenden, doppelten gotischen Säulenreihen geschützt war, und er befand sich in dem Hauptgange, wo sein Zimmer lag. Sorgsam verlöschte er sein Wachslichtchen und ging leise seinem Ziele zu, grübelnd, ob er wohl drinnen in dem geisterhaften Zimmer erkannt worden sei, wobei sich ihm unwillkürlich ein Lächeln bei Erinnerung an die drollige Situation aufzwang.

Die Glastür zum Söller stand offen, und der Wind, der von der Seeseite kam, stieß heftig und heulend hinein in Gang und trieb den strömenden Regen mit dem Gischt der Wellen mit sich. Der gegen das nordische Wetter sehr empfindliche Italiener bemächtigte sich bei der fatalen Wahrnehmung des eindringenden Unwetters sogleich der Tür, um sie zu schließen, und dabei zeigte ihm ein zuckender Blitz draußen auf dem Söller eine Frauengestalt, der der Sturm das lange offene Haar zerzauste, daß sie aussah wie eine Vision der Sturmhexe.

Sapristi – noch ein Rendezvous? dachte Spini verblüfft, dann aber überlegte er, daß man sich zu diesem Zweck nicht in Sturm und Regen und Gewitter, sondern unter Dach begibt, wie es das englisch redende Gespenst vorsorglich getan. Ein neuer Lichtschein aber belehrte ihn noch besser, denn nun eilte er selbst, des Regens nicht achtend, hinaus und stand neben der sturmumbrausten Gestalt in durchnäßtem, weißem Gewand.

»Sigrid!« rief er bebend. »Was tun Sie hier? – Sie werden sich den Tod holen!«

Sie schien ihn gar nicht zu hören. Mit starrem Blick sah sie hinaus in die empörte See, die ihren Gischt bis herauf zu ihr spritzte; der Sturm wühlte in ihrem langen, blonden Haare, und der Regen troff nur so an ihr herab, aber sie merkte es nicht, es war, als wäre sie von Stein.

»Sigrid, kommen Sie herein«, bat Spini angsterfüllt und legte den Arm um ihren Leib, sie mit sich zu ziehen unter das schützende Dach. »Sigrid, hören Sie mich, Sie sollen mich hören! Hu –!« und er schauerte zusammen. »Welches Unwetter! Es ist ja, als ob die ganze Hölle losgelassen worden wäre!«

Da kam Leben in sie, und sie lachte hinaus in das wilde Wetter, daß es schrill und unharmonisch auf Spinis Nerven fiel.

»Ich bin auch hierhergekommen, um mit der ganzen Hölle zu ringen!« sagte sie hart, und sich mit einem jähen Ruck aus seinen Armen wendend, eilte sie hinein, ins Schloß zurück, und er konnte nichts tun als ihrer feuchten Spur folgen.

»Wann kann ich Sie ungestört sprechen, Sigrid?« fragte er, ihr nacheilend. »Ich habe Ihnen Wichtiges zu erzählen –«

»Was geht's mich an?« tönte es zurück. »Lassen Sie mich.«

»Es geht Sie an – uns beide«, flüsterte er heftig, denn schon standen sie vor Sigrids Zimmertür! »Sie müssen sich doch bewußt sein, was es gilt. Nicht mehr und nicht weniger als unser beider Lebensglück  –«

Sigrid legte die Hand auf die Türklinke – unnötig laut, wie es Spini deuchte, der zum Glück in dem nur durch eine Nachtampel spärlich erleuchteten großen Korridor ihr Zusammenschauern nicht sah oder doch es auf andere Ursachen schob.

»Gut denn, Sigrid! Ich erwarte morgen ein Zeichen, wann ich Sie sprechen darf. Vielleicht reizt es Sie aber heut noch zu hören, daß wir unseren Widersacher, den Fürsten, jetzt in unseren Händen haben!«

Sigrid ließ ihre Hand jäh von der Türklinke herabfallen.

»Was soll das heißen?« fragte sie atemlos.

Spini sah sich scheu um.

»Die Erzählung jenes Reitknechtes in Rom – Sie erinnern sich doch dessen –«

»Ja!« stieß sie hervor, mit dem Fuße stampfend vor Ungeduld.

»Nun, sie ist wahr! Der Fürst hat sein Opfer mit Hilfe seines Helfers oder Hehlers hier im Schlosse verborgen.«

»Sie lügen!« sagte Sigrid kalt, aber mit entsetztem Blick.

»Wollen Sie Beweise?« entgegnete er heftig, aber mit gedämpfter Stimme. »Sie sollen sie haben. Meine schöne Sigrid soll mich nicht ungestraft der Lüge zeihen.« »Vorwärts!« rief sie. Spini machte große Augen.

»Wie, jetzt? Zu dieser Stunde? Und Sie in diesem feuchten, dünnen Gewande – –«

»Das ist meine Sache, Herr Marchese. Wo sind Ihre Beweise?«

Der Italiener wiegte den Kopf hin und her, den stechenden Blick auf dem schönen, erregten, aber totenblassen jungen Mädchen ruhen lassend – er überlegte. War der Weg, den er eben gekommen, frei? Höchst wahrscheinlich nicht, denn die Geister, die im alten Schloßflügel ihr Wesen trieben, konnten ihrer Konstitution wegen nicht durchs Fenster oder durch den Kamin entkommen sein. Und ihnen begegnen? Stand Sigrids guter Ruf da nicht in Gefahr? Und wenn dem so war, mußte das nicht seiner Werbung um sie den nötigen Druck geben?

»Nun?« unterbrach Sigrid diese blitzschnellen Erwägungen voll Ungeduld.

»Aber in diesem feuchten Kleide –«, versuchte er vor sich selbst noch eine Einwendung.

»Nun?« wiederholte sie, außer sich vor innerer Erregung.

 Und er gab nach. Ohne eine weitere Einwendung schritt er ihr voran, den Weg zurück, den sie gekommen; doch als sie zum Eingange des alten Schloßflügels kamen, ohne einer Seele begegnet zu sein, stockte er.

»Ich muß Sie jetzt führen, Sigrid«, flüsterte er. »Das Licht in meiner Tasche müssen wir schonen für unsere Entdeckung. Graut Ihnen davor?« fragte er, als Sigrid hörbar zusammenschauerte.

»Vorwärts!« antwortete Sie mit ganz fremder Stimme, und er legte den linken Arm um ihre schlanke Figur – wie sie glaubte, um sie sicher zu führen, und doch tat er's nur in der ihr unbekannten Absicht, andere sehen zu lassen, wie er mit ihr stand, um andere über die Absicht dieses nächtlichen Ganges zu täuschen! Schweigend durchschritten sie so den kurzen dunkeln Durchgang, der den Renaissanceflügel von dem alten Schlosse schied und in jenes Erkergemach führte, dem er vorher so eiligst zu entrinnen getrachtet.

Sein scharfer Blick entdeckte in dem dunkeln Zimmer sogleich die weiße Silhouette am Erkerfenster, die sich scheu in die Ecke drückte, doch es war unmöglich, zu erkennen, ob noch ein zweiter Schatten vorhanden war, jener Schatten, für den man ihn gehalten.

»Welche furchtbar beklemmende Atmosphäre – wie in einer Gruft«, sagte Sigrid benommen und matt.

»In jenem Zimmern dort ist's besser«, erwiderte er laut. »Komm, folge mir, Sigrid, mein Lieb!«

Das von dem Getöse des Sturmes und der See, von ihren Gedanken und der Moderluft dieser Zimmer befangene junge Mädchen folgte ihm willenlos und ohne die vertrauliche Anrede zu rügen. Es sah schlimm aus in ihrem Kopfe, in ihrem Herzen und ihrer Seele, und was da drinnen tobte und flüsterte, machte ihr Ohr taub für die Geräusche der Außenwelt. Darum achtete sie auch nicht auf Spinis Worte und hörte nicht das leise, höhnische Kichern, das zwar nicht geisterhaft, sondern recht menschlich durch den öden Raum schallte, wie der Ruf des Spottvogels aus weiter Ferne. Spini aber hörte es und antwortete durch ein lautloses Lächeln, das viel Triumph ausdrückte.

Er zog Sigrid durch mehrere der dunkeln Zimmer, hielt dann an und entzündete das Licht wieder, das er noch in der Rocktasche hatte, wo er es nach dem Verlöschen im Erkerzimmer geborgen. Er erschrak, als der erste Schein der Kerze ihm Sigrids Angesicht zeigte, das weiß und verfallen von den inneren Kämpfen vor ihm auftauchte.

»Wo sind wir?« fragte sie, um sich schauend.

»Im alten Schloßflügel«, erwiderte er, ohne den Blick von ihr zu wenden. »Wir sind auf dem Wege, zwei Geheimnisse zu ergründen – das dunkle Geheimnis aus dem Leben des tadellosen Ehrenmannes Marcell Hochwald und – das Geheimnis des roten Lichtes. Und doch sind die zwei nur – eins.«

Ein Schauer rann durch Sigrids Glieder, daß sie für einen Moment wankte – nicht vor der Entdeckung des Furchtbaren, das ihrer wartete, denn ihr Mut verließ sie so leicht nicht – nein, das Alleinsein vielmehr mit diesem Manne, den sie haßte, verachtete und verabscheute, den sie zu verraten und abzuschütteln trachtete, sobald als nur möglich – die Erkenntnis dieser Tatsache machte ihr plötzlich den Atem stocken. Wie, wenn er ihre wahren Gefühle erkannt und sie nur hierhergelockt hätte, sich an ihr zu rächen? Und sie hielt ihn zu allem fähig, glaubte ihn in der Wahl seiner Mittel nicht wählerisch. Eine eisige Kälte huschte durch ihre Glieder, und in das Wirrsal ihres Geistes, in das sie sich im Laufe des vergangenen Tages tiefer und tiefer eingearbeitet, brachte diese Kälte der nackten Furcht plötzlich eine grelle Klarheit.

Sigrid wußte jetzt auf einmal, was sie wollte. Vorher, als nach dem endlos langen Tage endlich die Nacht gekommen war, hatte sie halb vergessen, was ununterbrochen den Kreislauf in ihrem Gehirn gemacht: nämlich, daß sie Marcell Hochwald aus den Fesseln seiner unwürdigen Ehe mit der Tochter der Gerichteten erlösen und ihn über diese elende Epoche seines Lebens trösten müsse. Und diese Wahnvorstellung sang und klang in ihrem Kopfe, bis sie in ein vages Etwas verschwamm, dessen sie sich deutlich nicht mehr erinnern konnte. Da hatte der erste Donnerschlag und der prasselnde Regen sie aufgescheucht aus einem schlaflosen Schlummer. Mechanisch, unwissend dessen, was sie tat, war sie hinausgeeilt auf den Söller in Sturm, Blitz und Regen – aber das Tosen der Elemente hatte sie noch unruhiger gemacht, noch elender und hilfloser vor den Dämonen, die sich ihrer bemächtigten. Und nun auf einmal diese Klarheit, geboren aus Furcht vor den seltsamen, faszinierenden Augen, die sie forschend anblickten!

»Sigrid, Sie sind krank!« unterbrach Spini die bange Pause.

 Das brachte sie wieder zu sich. Nein, ihm nur nicht zeigen, daß sie ihn fürchtete! In seiner Gewalt war sie ja doch nun einmal, und wenn er in ihren Gedanken las, dann war alles vorbei – alles! und ihre Zukunft lag im Staube! Ihre Zukunft? Ja, sie wußte plötzlich, was ihre Zukunft war: ein wonnevolles Leben an der Seite des Mannes, den sie mit einer unbesiegbaren, täglich wachsenden Leidenschaft liebte, und darum vielleicht noch mehr liebte, als sie wußte, daß sein Herz nicht ihr gehörte. Aber es würde ihr gehören, wenn sie seinem Kinde erst die Mutter ersetzte, wenn er ihre Hingabe sah, wenn – Iris nicht mehr da war.

Bei diesem Gedanken schüttelte ein solcher Frostschauer ihren Körper, daß ihr die Zähne zusammenschlugen. »Lassen Sie mich umkehren«, stieß sie leise hervor, »ich glaube, ich bin krank –«

»Das glaube ich auch, Sigrid – sagte ich's Ihnen nicht gleich, es sei töricht, in diesem dünnen, durchnäßten Kleide den Gang in die kalten, gruftartigen Räume zu machen?« erwiderte Spini vorwurfsvoll und drückte sie fester an sich.

Sie schauerte noch heftiger zusammen, doch duldete sie seine Zärtlichkeit, um sich nicht dem zu verraten, den sie verriet. »Führen Sie mich zurück zu meinem Zimmer«, murmelte sie matt und lehnte den Kopf an seine Brust. Sie täuschte damit den stets Mißtrauischen auch völlig über die Motive ihres Rückzuges.

Als sie zurückkamen in den Erker, sah Spini mit einem Blick, daß er leer war – die weiße Gestalt schien des Wartens müde geworden zu sein.

»Hier ist's wohnlicher – wollen Sie nicht etwas rasten?« fragte Spini, auf einen Lehnstuhl deutend, der neben der schwarzen, gähnenden Kaminhöhle stand.

»Ich – ich möchte lieber zurück in mein Zimmer – mir ist nicht gut«, erwiderte Sigrid, und ihr weißes Gesicht mit den fieberhaft glänzenden Augen strafte sie sicher nicht Lügen.

 Schweigend führte er sie weiter und verlöschte sein Licht, als der schwache Schimmer der tiefgeschraubten Korridorlampe wieder vor ihnen auftauchte. Sigrid benutzte den Moment, sich seinen stützenden Armen zu entziehen. »Bleiben Sie hier, bis ich in meinem Zimmer bin«, flüsterte sie mit dem alten, harten Ton. »Sigrid –«

»Bedenken Sie, wenn jemand uns sähe«, fiel sie ihm lebhafter ins Wort.

»Gesetzt, es hätte uns schon jemand gesehen!« wandte er ein, den Blick voll auf sie geheftet.

Sie wurde noch blasser als zuvor, und aus ihren Augen blitzte es drohend.

»Wozu quälen Sie mich immer mit solchen unmöglichen Möglichkeiten?« flüsterte sie heiser. »Hat jemand uns gesehen, dann war's unser letzter Gang, Signore Spini!«

»Sicherlich – denn der nächste führte uns in die Kirche«, erwiderte er mit einer Überlegenheit, die kälter und niederschmetternder nicht sein konnte.

Aber Sigrid hatte ihren ganzen Mut wiedergefunden, nun sie sich nicht mehr bedingungslos in der Gewalt dieses Menschen wußte. Sie warf den Kopf zurück und sah ihn fest an.

»Wie sicher Sie Ihrer Sache sind!« meinte sie hohnvoll.

»Ganz sicher!« sagte er, tief zu ihr herabgebeugt, die merkwürdigen Augen fest auf sie gerichtet.

»Warum?« fuhr sie zurück. »Ich habe nichts versprochen –«

»Sigrid«, sagte er drohend, »haben Sie mich je, auch nur eine Viertelstunde lang, für einen Menschen gehalten, der mit sich spielen läßt?«

Das warnte sie beizeiten.

»Mir ist kalt«, sagte sie zusammenschauernd.

»Ja, ja – Sie sind krank, Sie fiebern«, rief er, schnell beschwichtigt durch ihren sanften Ton. »Gute Nacht denn, Sigrid!«

»Gute Nacht«, wiederholte sie mit niedergeschlagenen Augen. »Und, nicht wahr – das, von dem Sie vorhin sprachen – die – die – grausige Entdeckung, die Sie unten gemacht haben wollen – das ist doch nur eine Täuschung –«

»Sie ist's nicht! Wie könnte das noch eine Täuschung sein, wenn meine eigenen Augen doch in jene geheimnisvolle Gruft gesehen haben?« flüsterte er eifrig. »Und warum, wenn sie kein Verbrechen verheimlicht, warum wird sie den Augen der Welt verborgen, warum ist ein Versteck dazu ausersehen, von dessen Vorhandensein anscheinend nur der Fürst und sein sauberer Kammerdiener wissen?«

Und mit hastigen Worten berichtete Spini, was er am Abend zuvor den Fürsten mit Rataiczak hatte reden hören. »Zweifeln Sie noch, Sigrid?« schloß er.

»Man müßte der Sache doch auf den Grund kommen«, erwiderte sie zögernd. »Was Sie gesehen haben, schien Ihnen doch eben nur ein Sarg zu sein –«

»Nun, wir waren auf dem halben Wege, uns Gewißheit zu verschaffen –«

»Tun Sie's allein, wenn's heut noch sein muß«, erwiderte sie matt und zerstreut. »Oder besser – Sie lassen's ganz«, fügte sie hinzu. »Was geht's uns an?«

»Nun, bei Gott, ich dächte doch –« fuhr er lauter auf als nötig war, doch sie hielt ihm erschrocken die Hand vor den Mund.

»Ja, ja«, flüsterte sie, »ich weiß nicht, was ich rede – – es ist so spät schon – – sagten wir einander nicht schon gute Nacht? Doch, doch – wir taten es. Wollen Sie warten bis morgen? Morgen gehen wir bei Tage zusammen hinab, nicht wahr? Wir verabreden die Stunde noch vor dem Lunch, ja?«

»Ja«, erwiderte er auf die fieberhaft schnell hervorgesprudelten Worte sehr bedächtig. »Vielleicht erfahre ich auch vorher selbst mehr. Und bin ich meiner Sache erst sicher, dann, Sigrid, zögere ich keine Stunde länger, dann soll das Geheimnis mir dienen, Ihre Hand zu erringen – mag es dann wieder in sein Dunkel zurücksinken.«

»Zurücksinken«, wiederholte sie nickend, mit seltsamem Blick.

»Jawohl. Mein Ehrgeiz geht nicht dahin, einen Edelmann vors Gericht zu bringen.«

»Ein seltener Edelmut«, sagte Sigrid, aber er konnte nicht heraushören, ob sie's bewundernd oder spöttisch meinte. Er zuckte die Achseln.

»Anch' io sono gentilhuomo«, sagte er. »Ich kenne nur den einen Lebenszweck: Sie zu erringen, Sigrid. Dafür gibt es kein ›Zurück‹ für mich mehr. Und auch für Sie nicht«, fügte er bedeutungsvoll hinzu.

»Nein?« sagte sie mit einem ihrer charakteristischen Seitenblicke unter den gesenkten, hellen Wimpern her, ein Blick, der in Spini von Anbeginn Leidenschaft, Zorn – kurz, die heterogensten Empfindungen hervorgerufen.

»Absolut: nein!« sagte er mit einem Ernst und mit einem Blick, bei dem es Sigrid eiskalt überlief.

»Also gute Nacht«, nickte sie schnell gefaßt und ging langsam, von ihm bis zur Tür beobachtet, in ihr Zimmer zurück. Drinnen aber schob sie mit einem erneuten Anfall wahnsinniger Furcht leise, ganz leise den Riegel vor und drehte den Schlüssel doppelt um – dann lauschte sie mit allen Sinnen aufs äußerste angespannt hinaus – – – stand er nicht jenseits der Tür und bohrte seine furchtbaren Augen durch dieselbe bis in die Tiefen ihrer Seele? Doch nein, draußen verhallte ein leiser, kaum hörbarer Schritt – langsam wich die Furcht von ihr, und sie wandte sich in ihr Zimmer zurück. Und damit kamen die alten Gedanken wieder über sie, überwältigend, alleinbeherrschend, kreisend um den einen, peinvoll flammenden Mittelpunkt: »Und wenn Iris nicht mehr da ist – – – – – – – – – –«

Der nächste Tag war sonnenlos, unfreundlich, stürmisch und kühl, die Folge des nächtlichen Gewitters, und die See ging auch ziemlich hoch und machte sich recht deutlich hörbar. Die regnerisch trübe Stimmung lag auch über der Mehrzahl der auf Hochwald beim Lunch versammelten Gäste. Madame Chrysopras erklärte, von dem Sturm eine Migräne davongetragen zu haben, die sie »hors d'elle même« brächte, Boris erschien mit gerunzelter Stirn wie die verkörperte Sorge, und Fuxia sah aus, als wenn sie geweint hätte. Auch Hans Aus dem Winkels sonst so liebenswürdig leichte Art schien heut wie erzwungen, Sigrid hatte sich entschuldigen lassen, und Spinis dunkles Gesicht schien in der regnerischen Beleuchtung wie mit einer grünlichen Patina überzogen – auch er war wortkarg und schien zerstreut. Selbst über dem sonnigen Wesen von Iris schwebte ein leichter Schleier, denn der kleine Siegfried war heut nacht unruhig gewesen, und wenn's der herbeigeholte Hausarzt auch ganz für ungefährlich erklärt hatte und der Kleine jetzt den nächtlichen Schlaf mit rosigen Wangen und geballten Fäustchen aufs beste nachholte, so zitterten die an seinem Bettchen unter Blitz, Donner und Sturm verbrachten Stunden doch noch in Iris nach. Nur Fürst Hochwald, der seefeste und sturmgewohnte, schien ganz in seinem Gleichgewicht, und geradezu aufgeräumt war der Professor, der in seinem gottgesegneten Schlafe von dem Unwetter überhaupt nichts gehört und bei seiner Arbeit im Archiv während der Morgenstunden Dokumente entdeckt hatte, die sein Herz mit Entzücken erfüllten.

»Hören Sie, mein liebster Hochwald, nun bringen Sie mich überhaupt nicht eher aus der Bude, bis ich diese Dokumente studiert und kopiert habe – und sollte ich noch um Nachurlaub einkommen«, hatte er dem Fürsten im höchsten Enthusiasmus versichert.

»Desto besser, liebster Professor – dabei gewinnen wir ja nur«, sagte Hochwald, aufrichtig erfreut.

Ohne von der fast allgemeinen gedrückten Stimmung etwas zu bemerken oder Notiz davon zu nehmen, plauderte der gute Professor während des Lunch in der Freude seines Herzens im schönsten Sächsisch über die heterogensten Dinge und verschwand nach aufgehobener Tafel wieder im Archiv mit einem drolligen Dankgebet für das schlechte Wetter, das einem doch erlaubte, mal einen Tag in Arbeit zu schwelgen ohne die pflichtgemäßen Spaziergänge, der Sommerfrische Zweck.

Da auf Hochwald persönliche Freiheit nach englischem Muster herrschte, das heißt jeder tun und treiben konnte, was er wollte, so zerstob auch jetzt wieder die ganze Gesellschaft. Iris legte sich auf ihres Gatten Bitte etwas zur Ruhe nieder, und Sascha bat ihren Onkel um eine kleine Sitzung zur Farbenskizze seines Porträts.

Da das Licht in Fürst Hochwalds Zimmer hierfür günstig war, so installierten sich Onkel und Nichte dort und Sascha begann mit Eifer die ihr liebe Arbeit. Sie sprachen dabei von diesem und jenem, von Iris und dem Kleinen, und dann meinte Sascha: »Hast du's nicht auch bemerkt, Onkel, welche merkwürdig gedrückte Stimmung über der ganzen Tafelrunde lag? Es können doch unmöglich alle Migräne von dem Sturm gekriegt haben!«

»Es wäre wenigstens merkwürdig genug, Sascha. Ich meine aber, du selbst bist wie immer«, erwiderte Hochwald.

»Ich hoff' es«, meinte Sascha mit einem kleinen Seufzer. Und doch, Onkel, bereite ich mich auch auf einen Sturm im Wasserglase vor und gestehe, daß er mich etwas nervös macht.«

»Ah – du hast deinen Entschluß gefaßt?«

»Ja.« Es leuchtete auf dabei in ihren kleinen Augen. »Ich muß vorwärts, Onkel – die Dilettantengrenzen werden mir zu enge, ich fühle die Kraft in mir zur Künstlerschaft. Und wenn ich doch weiß, daß ich zur Höhe kann, soll ich dann in der Tiefe bleiben und mein Pfund vergraben? Das hieße ich unverantwortlich handeln an mir selbst!«

»Und ich stimme dir vollkommen bei«, rief Hochwald mit jenem warmen Ton der Überzeugung, der so unmittelbar zum Herzen spricht.

Sascha nickte.

»Ich weiß es, Onkel, und rechne auch auf deine Hilfe«, sagte sie dankbar. »Nun also, um den Sturm gehörig und wirksam einzuleiten, habe ich mich mit Professor Ludwig in München in Verbindung gesetzt. Du weißt, wie ich seine Porträts bewundere, denn in ihnen verbindet sich die höchste Meisterschaft mit einer Auffassung, die frei von allem Hergebrachten den geistigen Ausdruck so wunderbar wiedergibt. Bei diesem Meister zu studieren war immer mein Ziel, und trotzdem er Schüler nur in den seltensten Fällen, Schülerinnen aber nie annimmt, wagte ich's doch, ihm mehrere Proben meines Könnens zuzusenden. Vor einer Woche etwa hatte ich die Antwort, adressiert an Herrn A. Chrysopras, worin der Meister mir einfach schrieb, ich möge kommen, denn in seinem Atelier stünden so viel Staffeleien für mich bereit, wie ich haben wollte. Nun denke dir meine Freude, Onkel – nein, male dir meine Seligkeit aus! Und doch mußte ich noch zitternden Herzens zurückschreiben und bekennen, daß ich kein ›Herr‹ sei, daß der Anfangsbuchstabe ›A‹ Alexandra bedeute. Heut früh kam die Antwort – Onkel, mir klopfte so das Herz, daß ich die Buchstaben gar nicht erkennen konnte. Und dann las ich – ohne Überschrift und sonstige Zeremonien: ›Es bleibt dabei. Angesichts der Proben in meiner Hand brauche ich mich nicht zu schämen, auch mal einem Grundsatz ungetreu zu werden – – eine solche Charakterschwankung kann mich nur ehren. Also: kommen Sie. Ludwig.‹ Was sagst du dazu?«

»Ich bin stolz auf dich, Sascha«, sagte Hochwald und stand auf, seine Nichte auf die Stirn zu küssen. »Den Sturm nehme ich allein auf mich – er kann übrigens nicht schlimm werden angesichts dieses Sieges. Die paar unzeremoniellen Zeilen auf dem groben Wisch da sind dein Freibrief zur Unsterblichkeit, Sascha!«

»Oh, Onkel«, rief Sascha und drückte dem Fürsten mit einem überglücklichen Blick, der sie förmlich verklärte, beide Hände. »Siehst du, das schoß mir auch durch den Sinn, als ich den Brief gelesen, und ich sank auf die Knie und bat Gott, mich nicht zu verlassen, nicht plötzlich meine Kraft zu lähmen und mich zu Rückschritten zu zwingen, wo doch alle Tore weit für mich geöffnet sind. Aber dennoch – du mußt nicht glauben, daß das Eindruck machen wird auf Mama!«

Fürst Hochwald lächelte zuversichtlich. »Verlaß dich nur auf mich, Sascha – ich werde den Eindruck schon mit Hochdruck betreiben«, sagte er heiter.

»Betone nur, daß ich ja doch keine Aussicht hätte, verheiratet zu werden«, rief sie im gleichen Ton, mal mich ihr noch häßlicher, als sie mich sowieso schon findet – und ich's auch bin«, setzte sie mit der nur ihr eigenen, jeder Bitterkeit entbehrenden Art hinzu. »Das zieht vielleicht –«

»Sascha, wer dich kennt, findet dich aber gar nicht häßlich«, fiel ihr Hochwald mit großer Herzlichkeit ins Wort.

»Guter Onkel«, sagte sie gerührt. »Ich glaub' dir aufs Wort, aber siehst du – Liebe kann ich doch niemals inspirieren, das heißt jene Liebe, wie du sie zu Iris hegst – –«

Und sie seufzte tief, tief auf.

»Doch gleichviel«, fuhr sie dann mit mattem Lächeln fort, ich bin ja durch meine Kunst so reich begnadigt, daß es mich für die Mißhandlung der Natur auch reich entschädigen müßte, wenn – ja, wenn eben das dumme Herz nicht so laut zwischen schreien und auch Rechte haben wollte.« – Sie sagte das so leise, daß es kaum zu verstehen war.

»O Sascha, Sascha«, sagte der Fürst ebenso leise, schmerzlich bewegt. »Ich wollte, ich könnte mit deinem edeln, vortrefflichen Herzen trauern. Aber – aber –«

»Ja, ja, Onkel, ich weiß – ich weiß«, fiel sie ihm abwehrend hastig ins Wort, fliegende Röte auf den Wangen.

Erst nach einer geraumen Zeit, während der auch Hochwald zartfühlend schwieg, nahm sie wieder das Wort: »Ich kann Mama aber den Sturm wirklich nicht ersparen – es drängt und treibt zu mächtig in mir. Die arme Mama! Sie wird's natürlich als Sorge behandeln und sich Kummer machen, aber ich fürchte, beides wird sie mit Boris und seiner Frau noch früher erleben. Da ist nicht alles, wie's sein soll, und ich fühle manchmal den ehrlichen Wunsch in mir, die süße Fuxia rechtschaffen zu beuteln.«

»Hm – auch darin hast du meine Sympathien«, sagte Hochwald. »Aber hast du sonst noch, außerhalb der berechtigten Eigentümlichkeiten der holden Fuxia, Grund, anzunehmen, daß im Hause Ukatschin-Chrysopras nicht alles in Ordnung ist?«

Sascha zögerte einen Moment.

»Nun«, meinte sie dann aufsehend, »die Art und Weise wie sie Herrn Aus dem Winkel die Kur macht – Onkel, das gehört doch eigentlich nicht in dieses Haus. Das ist eine – eine Rücksichtslosigkeit gegen dich und Iris, und ich habe gute Lust, Boris, das unumwunden zu sagen.«

Hochwald überlegte. »Das wäre vielleicht der beste Weg – gefährlich sind solche Einmischungen immer«, erwiderte er dann. »Noch haben wir ja allen Grund, anzunehmen, daß Fuxia ihre Verehrung nicht der Person des Künstlers maßlos widmet, noch ist die Sache, wenn Aus dem Winkel sie ebenso auffaßt, harmlos, wenn auch für vernünftige Leute ärgerlich anzusehen, die in einer anderen Kultursphäre aufgewachsen sind –«

»Nein, Onkel«, fiel Sascha ihm ins Wort, »nein! Harmlos ist die Sache nicht, behaupte ich. Mein Gott, es ist ein heikles Ding, eine undankbare und unsympathische Sache, den Angeber zu spielen, aber unter uns – ich habe gestern abend gesehen, wie Fuxia nach dem Diner Herrn Aus dem Winkel ein Billett zusteckte. Na, das geht doch über die Verehrung der Kunst! Er hat ja als Künstler und wohlerzogener Mensch sein Gesicht natürlich in der Gewalt, aber mir wollte es scheinen, als ob er etwas verblüfft ausgesehen hätte –«

»Alle Wetter, ja – das ist wirklich stark, Sascha!« rief der Fürst. »Da müssen wir doch ernstlich überlegen, was zu tun ist. Sollen wir's Boris sagen? Es wird wohl nichts anderes übrigbleiben. Oder Fuxia selbst verwarnen? Ich glaube, sie hat vor mir noch so eine Art von Respekt, wenigstens habe ich das Gefühl, als traute sie mir nicht recht zu, daß ich ihre Extravaganzen bewundere. Im übrigen aber –«

Er kam nicht weiter, denn es klopfte, und auf das »Herein« Hochwalds erschien niemand anders als Boris selbst, das Gesicht immer noch mürrisch und die Stirn gerunzelt.

»Was? du hier, Sascha?« sagte er sichtlich unangenehm überrascht.

»Eine Tatsache, die dich sehr zu freuen scheint«, war die prompte Erwiderung.

»Na, also ein anderes Mal«, meinte Boris wütend und wollte wieder hinaus.

»Hast du mit mir sprechen wollen?« fragte Fürst Hochwald.

»Ja – nee – das heißt –«, stotterte Boris und wurde ganz rot dabei.

»Na, dann heraus mit der Sprache, alter Junge«, ermunterte der Fürst. »Du wirst dich doch vor Sascha nicht genieren?«

»Ich gehe ja schon«, rief letztere lachend, indem sie aufstand. Wenn Boris seinen Kabinettsvortrag beendet hat, rufst du mich wohl, Onkel – ich gehe indessen in die Bibliothek. Dann mußt du mir schon noch zehn Minuten für diese Skizze opfern –«

Damit winkte sie Hochwald mit den Augen bedeutungsvoll zu und verschwand durch die zur Bibliothek führende Tür.

»Nun stehe ich dir ganz zur Verfügung«, sagte der Fürst, als Sascha hinaus war. »Du machst ja ein Gesicht wie acht Tage Regenwetter! – Was gibt's? respektive: was hat's gegeben?«

»Ach, nischt –«, rief Boris, unbehaglich hin und her tretend wie ein Mensch, der nicht recht weiß, wie er anfangen soll.

»Na, dazu brauchtest du doch die arme Sascha nicht hinauszubugsieren«, meinte Hochwald lächelnd. 

»Die arme Sascha! Die dumme Sascha!« erboste sich Boris plötzlich in sehr überflüssiger Weise. »Wenn die Gans nicht hier saß, hätte sie mich auch nicht aus dem Text bringen können.«

»Sie verschwand aber wirklich sehr schnell und diskret«, verteidigte Hochwald seine Nichte mit Humor.

»Ich hätte sie auch sonst auf den Trab gebracht«, murrte Boris in übelster Laune weiter, unter der sich aber eine gehörige Dosis Verlegenheit recht durchsichtig verbarg.

Fürst Hochwald mußte sich einen Moment abwenden, um nicht zu lachen.

»Wenn Sascha das Verbrechen, dir in den Weg gekommen zu sein, in deinen Augen genügend gesühnt hat, dann komme nur immerhin zur Sache, lieber Junge«, sagte er dann zuredend.

»Die verflixten Schuhbänder!« schimpfte Boris jetzt los, indem er entrüstet auf seinen linken Fuß zeigte, an dessen beängstigend zugespitzter Beschuhung aus kariertem Stoff mit sandalenartigen Lederschmuck sich wirklich das seidene Band gelöst hatte. »Immer geht der Jux auf und schlumpert einem um die Füße, und wenn man drauf tritt, fällt man rettungslos in den . . . Warum hat noch kein solches Rindvieh von Schuster einen Patentverschluß erfunden für Strand-, Tennis- und andere Schuhe? Ja, allen möglichen Blödsinn kleistern die Kerls auf die Schuhe – – aber daß die Bänder aufgehen können, das fällt keinem in seinem beschränkten Schafskopf ein! Keinem!«

Hochwald rang während dieses überlauten Ausbruches mit allen Mächten, aber er gewann es über sich, scheinbar ganz ernst und bei der Sache bleibend zu antworten.

»Du wirst eben die Bänder doppelt knüpfen müssen, lieber Boris. Und wenn du meinst, dies Thema erledigt zu haben –«

»Doppelt knüpfen!« Boris warf über eine solche Ignoranz einen flehenden Blick gen Himmel. »Lieber Onkel, dann kriegt man die Dinger nicht mehr auf. Doppelt knüpfen! Jawohl! Und wenn man sie dann wutentbrannt aufschneiden will, dann ist keine Schere und kein Taschenmesser zu finden, und der Kerl, mein Diener, tut dann noch, als ob ich sie gefressen hätte.« – Mit diesen Worten zog Boris den Rock aus, warf ihn auf einen Sessel und setzte sich dann mit einer kühnen Bewegung – einer Meisterleistung in ihrer Art, auf den Teppich, dem Fürsten den Rücken mit einem seidenen Westenrückenteil zeigend. In dieser Stellung begann er dann das aufgelöste Schuhband wieder zu knüpfen. »Na ja, das Zeugs da kann ja nicht halten«, schimpfte er dazu weiter. »Glatt wie Seife – muß ja aufgehen. Uff! Das kann mich schon geradezu wütend machen. Apropos Onkel, was ich sagen wollte – ich möchte die Schuster alle hängen – ich wollte dich nämlich um was bitten –«

»Schön, lieber Boris, das freut mich. Aber willst du nicht lieber wieder aufstehen –?«

»Da ist das Gelumpe wieder auf!« verneinte Boris die Frage energisch und erhitzt. »Es ist, um ein Nilpferd zu küssen! Onkel, kannst du mir dreitausend Mark pumpen?«

So, nun war's glücklich heraus, und Boris sprang mit gleichen Beinen wieder in die Höhe, ganz rot im Gesicht, wie wir zu seinem Ruhm gern verkünden wollen.

Fürst Hochwald war vor dieser Frage freilich sichtlich zurückgeprallt.

»Aber natürlich, mit Vergnügen, lieber Junge«, rief er indes schnell gefaßt. »Verzeih«, setzte er nun lachend hinzu, »daß ich ein erstauntes Gesicht gemacht habe – aber der Reiz der Neuheit, von einem Millionär angeborgt zu werden, wirkte für den Moment überwältigend, besonders da heut früh erst ein Brief an Fuxia durch meine Hände ging, der mit zehntausend Mark beschwert war.«

In Boris« Zügen kämpfte es wie bei einem Kinde, das mit Zorn und Weinen ringt.

»Millionär! – Jawohl! Appelkuchen«, murrte er.

Fürst Hochwald wurde sofort ernst.

»Es steht doch nicht flau mit Fuxias Vermögen?« fragte er.

»I wo«, machte Boris wegwerfend. »Der Mammon ist ganz all right. Aber siehst du, Onkel, wenn du deinem Dackel 'ne Wurst so hoch hängst, daß er beim höchsten Sprung, den er danach machen kann, die Wurst nur riecht, aber nicht mehr ganz mit der Nase rankommt – da hast du mein Verhältnis zu Fuxias Vermögen. Riesiger Mammon, sag' ich dir! Der ist die Wurst – ich bin der Dackel. Und wenn Fuxia heut zehntausend Millionen mit der Post gekriegt hätte – – ich würde nicht zehn Pfennige davon sehen. Nu eben!«

Hochwald schüttelte ernst mit dem Kopfe.

»Aber Boris, wie hat das nur so kommen können?« fragte er nach einer Pause, während der Boris sich die kurzen Haarstoppeln auf seinem Kopfe mit zwei Taschenbürsten bearbeitete.

Boris zuckte mit den Achseln. »I, kolossal einfach«, sagte er, im Grunde seelenfroh, daß er das Herz einmal ausschütten konnte. »Als wir uns nach der Trauung ins Coupé setzten und nach Rom abreisten, da sagte sie: ›Um allen Irrtümern vorzubeugen, dear old boy – mein Vermögen werde ich auch in Zukunft allein verwalten. Zu so was muß man a sharp one sein – there.‹ Hübscher speech, was? Nun hatte ich aber noch 'n paar alte Bären, Onkel – du weißt schon –«

»Ja, ja. Warum bist du nicht vorher damit zu mir gekommen?«

»I, nu siehste, Onkel – – du hast mir ungebeten immer so viel geschenkt – – da hab' ich mich halt geniert«, gestand Boris, indem er die Bürsten wieder ins Etui steckte.

»Das macht dir Ehre, Boris, aber ich bedaure es doch«, sagte Hochwald herzlich. »Nun, und dann?«

»Na also, ich sagte es Fuxia. Nicht wahr, Onkel, es war doch ganz natürlich, daß ich's Fuxia sagte? Na ja – – Fuxia sagte, ich sollte mir meine Schulden nur hübsch von meiner Mama bezahlen lassen – ihr Geld wäre sauer verdient und nicht dazu da, um verschleudert zu werden. Bon! Na also, von der Sache haben wir nie wieder geredet. Es ist wahr, Fuxia trägt die Kosten unseres Haushaltes ganz, und ich darf mich darin als ihr freundlichst per Trauung eingeladener Gast betrachten, den man nicht gut an die Luft setzen kann, trotzdem ich ihr in diesem Punkte die merkwürdigsten Dinge zutraue. Taschengeld kriege ich auch nicht.«

Hochwald war empört.

»O über diese unseligen Geldheiraten!« rief er. »Doch da nützt freilich keine Rede mehr. Aber ich spreche dich nicht frei, Boris! Du bist der Mann, und deine Sache ist es, dir in deinem Hause Autorität zu verschaffen!«

»Heirate du doch mal Fuxia, Onkel, dann wirst du ja sehen, wer die Autorität haben kann«, schlug Boris dem Fürsten ganz gemütlich vor; in Wahrheit stand sein Zorn aber im Stadium der Weißglut.

Hochwald ignorierte die freundliche Aufforderung.

»Es ist nicht zu glauben!« sagte er. »Und das läßt du dir gefallen? Hast du denn Fuxia noch niemals dargelegt, wie unwürdig dies Verhältnis ist?«

»Ob ich's gerade unwürdig genannt habe, weiß ich nicht, aber ›scheußlich‹ hab' ich sicher gesagt«, erwiderte Boris triumphierend. »In Wahrheit, ich war wütend, und wenn ich wütend bin, Onkel, dann bin ich mitunter in meinen Ausdrücken sehr deutlich. 'swar unsere erste Szene, Onkel! Hast du schon mal eine mit Tante Iris gehabt?«

Der Fürst mußte unwillkürlich lächeln. Iris und eine Szene in diesem Genre! Er ignorierte übrigens auch diese Frage. »Und?« sagte er, Boris zum Weitererzählen auffordernd.

»Und? Ach, du meinst, was sie geantwortet hat? Sie sagte: ›By Jingo, the boy is bold!‹ Sie hat wirklich ›by Jingo‹ gesagt, Onkel! Und wie ich da nun gehörig lossauste, da sprach sie sogar deutsch und sagte: ›Halt's Maul.« Sie spricht immer deutsch, wenn sie sackgrob sein will. Na, Onkel, da dacht' ich: der Klügere gibt nach, und hab's gehalten, denn schließlich – man ist doch 'n anständiger Kerl, und betteln gehn mag ich nicht, auch nicht bei meiner Frau.«

Hochwald schwieg – er dachte nach, während Boris wieder über seinen Schuhbändern zu fummeln anfing. Endlich begann der Fürst wieder: »Also die Sache, die du wünschtest, werde ich sofort ordnen, darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren. Wegen deiner eignen Abhängigkeit zu Fuxia –«

»I wo denn, Onkel – gar nicht abhängig«, fiel Boris ein. »Ich hab' mein Gehalt und meine Zulage von Mama und meine Schulden – sie hat ihre Millionen, so sind wir beide versorgt. Ich habe gewissermaßen einen Tisch in ihrem gastfreien Hause – das macht doch noch nicht abhängig.«

»In meinen Augen doch«, erwiderte Hochwald ruhig. »Über diesen Punkt werde ich mit Fuxia sprechen – das darf so nicht fortgehen!«

»Du, Onkel?« Boris schlug beide Hände zusammen. »Na, da wünsch' ich dir Glück. Nutzen kann's nicht und schaden wird dir's hoffentlich nicht.«

»Nicht im mindesten«, war die mit großer Sicherheit gegebene Antwort.

»Na, Onkel, sag das nicht. Wenn sie nun auch mit dir deutsch spricht!«

»Unbesorgt – ich werde deutsch mit ihr sprechen, dessen sei sicher«, meinte Hochwald unwillkürlich lächelnd. »Ich also spreche in dieser Sache mit Fuxia, du mußt es in einer anderen gleichfalls tun!«

»Ich?«

»Ja du, Boris. Deine Frau ist nämlich in bezug auf ihre Verehrung Aus dem Winkels als Künstler etwas zu enthusiastisch und demonstrativ. Hast du's nicht auch bemerkt?«

»Offen gesagt, Onkel – es hat mich schon schwer geärgert.«

»Nun – so mache dem ein Ende.«

»Ja, wie soll ich denn das machen?« rief Boris hilflos.

»Verbiete es ihr. Fuxias Benehmen ist im höchsten Grade unschicklich, und das darf in meinem Hause so nicht fortgehen!«

»Weißt du was, Onkel? Sag du's ihr – das ist dann so in einem«, schlug Boris vor.

»Nein!« sagte Hochwald mit einer solchen Entschiedenheit, daß Boris alles Weitere betrübt verschluckte. »Das sind Sachen, in die hat ein Dritter sich nicht zu mischen. Ich erwarte also, daß du Fuxia so bald als möglich dieses Treiben verbietest. Es ist lächerlich und unwürdig – unschicklich in jeder Beziehung.«

Boris zog resigniert seinen Rock wieder an.

»Bon«, sagte er, »soll geschehen. Aber ich könnte ebensogut einem Brett predigen – das schert sich geradesoviel um meine Verbote wie Fuxia.«

»Nun, so spiele einen Trumpf aus, Boris«, erwiderte Hochwald. »Sage Fuxia, du wüßtest, daß sie Aus dem Winkel gestern abend nach dem Diner ein Billett heimlich zugesteckt hat.«

Boris fuhr wie gestochen zurück und wurde dunkelrot. »Das – das ist nicht wahr!« rief er.

»Doch. Deine Schwester hat es selbst gesehen.«

»Und was hat in dem Briefe gestanden?«

»Ja, lieber Junge, da fragst du mich zu viel. Und gesetzt auch, es stände nichts anderes darin als ein Gedicht an den großen Sänger, so bleibt die Art der Beförderung doch sehr tadelnswert.«

»Natürlich!« Boris fing an, mit großen Schritten im Zimmer herumzulaufen. Plötzlich blieb er stehen. »Ich werde den Kerl, den Winkel, sofort fordern«, sagte er mit enormer Entschiedenheit.

»Warum?« fragte Hochwald ruhig. »Winkel hat sich bis jetzt vor aller Augen ganz korrekt benommen. Aber schließlich ist er doch eben auch nur ein Mensch, und die Huldigung einer so schönen jungen Frau muß ihm ja schmeicheln. Also geh du nur zu Fuxia und lasse Herrn Aus dem Winkel vorläufig ganz aus dem Spiele.«

»Bon«, rief Boris wiederum sehr energisch. »Also wart ein bissel, Onkel, ich komme gleich wieder!«

Und mit diesen Worten raste er hinaus, als fürchtete er, daß sein Heldenmut sich sonst verflüchtigen möchte wie die Kohlensäure aus einer offenen Sektflasche.

Kaum war er hinaus, da erschien Saschas Kopf in der Bibliothektür.

»Nun?« fragte sie.

Hochwald zuckte mit den Achseln.

»Die Ehe deines Bruders war, so fürchte ich, ein arger Rechenfehler«, sagte er mit einem Seufzer.

»Freilich«, erwiderte Sascha, ihren Platz wieder einnehmend. »Aber das konnte anders ja auch nicht sein. Passen diese zwei zusammen? Anscheinend nicht, aber vielleicht wär's doch gegangen, wenn Boris einen Funken von Energie hätte.«

»Laß gut sein, Sascha. Dafür kann er nicht, einmal durch seinen Charakter, dann durch seine Erziehung. Aber ein anständiger Junge ist er doch von Grund aus.« – – –

Inzwischen stürmte Boris durch das Schloß und platzte mit einer derartigen Vehemenz in das Zimmer seiner Frau, daß die schöne Fuxia, die in einem Schaukelstuhl Siesta hielt, einen Schreckensschrei ausstieß.

»Dear me!« rief sie, »was ist denn passiert? Du machst ja einen Lärm, Boris, daß man meinen sollte, cowboys machen einen Überfall!«

»Ach, cowboy, selbst cowboy«, wetterte Boris los. »Soll denn da ein Mensch nicht rasend werden? Erst muß man's mit ansehen, wie du dem Brüllmenschen, dem Winkel nachläufst und ihn mit den Augen verschlingst, als ob du überhaupt nichts zu essen kriegtest – na, bon, meinetwegen schon, obwohl das unpassend ist, im höchsten Grade unpassend, sagt Onkel Hochwald –«

»Onkel Hochwald soll sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern«, warf die schöne Fuxia trocken ein.

»Er tut's aber nicht, er kümmert sich auch um dich!« schrie Boris hin und her rasend.

»Und mit welchem Recht, please?« fragte sie, die Nase rümpfend.

»Na, das ist doch klar wie Morchelsauce – weil er mein Onkel ist!« bewies Boris seine Behauptung.

»Deiner – aber nicht meiner«, war die treffende Entgegnung.

»Das ist ganz Wurscht – du bist meine Frau, und ich bin sein Neffe, um den er sich zu kümmern hat!« schrie Boris erbost. »Und weil er sich um mich eben kümmert, da leidet er dein dummes Getue mit dem Winkel in seinem Hause nicht. Verstanden? Und ich leide's auch nicht!«

»lndeed!« machte Fuxia sehr ruhig. »Oh, und wenn du fertig bist, Boris, so mach das Fenster dort zu, please.«

Boris schlug das Fenster zu, daß es klirrte.

»Thanks«, sagte Fuxia liebenswürdig.

»Ach, Unsinn«, brummte Boris, »thanks! Ich danke dir gar nicht und verbitte mir die Sache.«

Fuxia gab ihrem Stuhle einen sanften Schwung und lächelte, was Boris zum Glück wieder derart erboste, daß er sich von neuem wie ein Berserker in die fast verlorene Schlacht zurückstürzte.

»Verbitte!« schrie er, daß ihm die Stimme überschnappte und er eine Weile husten mußte. Danach fuhr er ganz gemütlich fort: »Weißt du, Fuxia, die Leute machen sich ja bloß lustig und lachen sich die Hucke voll, wenn sie sehen, daß du dem Menschen, dem Winkel, heimlich Briefe zusteckst!«

Ruck! hielt der Schaukelstuhl in seiner Bewegung inne, und Fuxia richtete sich auf, wie eine Kobra, die den Feind wittert.

»Wer hat das gesehen?« fragte sie scharf.

»Nu, wer wird's denn gesehen haben?« wiederholte Boris, auf dem besten Wege, Saschas Namen zu nennen. Aber es fiel ihm zum Glück ein, daß es zur Erhaltung des allgemeinen Familienfriedens weiser sei, zu schweigen.

»Wer hat das gesehen?« wiederholte Fuxia, jedes Wort gewissermaßen unterstreichend.

»Na jemand, der nicht kurzsichtig ist«, gab Boris zurück, und dann gab er sich einen Ruck, um sich noch einmal in Harnisch zu bringen, trotzdem das jetzt, angesichts dieser funkelnden Augen, seine Gefahren hatte. »Kurz und gut«, sagte er mit erhöhter Stimme, »kurz und gut – ich verbitte mir solche Dummheiten, und wenn die Geschichte nicht von dieser Minute ab anders wird, dann lasse ich mich von dir scheiden – ohne Gnade!«

»Oh, welcome!« lachte sie höhnisch auf.

Boris fand nun den Moment zum Rückzug geeignet. Würdevoll schritt er bis zur Türe, und die Klinke in der Hand, drehte er sich noch einmal um.

»Wahrhaftig, Fuxia, 's geht nicht«, sagte er überzeugt. »Man betrachtet das als schrecklich schlechten Ton hier in unseren Kreisen, in Europa, wenn man jemanden mit seinen Schwärmereien so anbetet, daß der andere gar nicht weiß, wohin er sich davor retten soll, und –«

»Oh, very well! Schönen Dank für freundliche Belehrung«, sagte Fuxia mit provozierender Ruhe. »Aber wenn junge, wohlerzogene und vornehme Mädchen zu nächtlichen Rendezvous gehen, wie die stolze Sigrid und der weise Cavaliere Spini in letzter Nacht – das ist wohl jedenfalls sehr guter Ton – nicht, my sweet, Boris?«

»Ach, woher denn!« rief Boris verblüfft.

»Mit eigenen Augen gesehen!« nickte Fuxia zurück.

»Wahrhaftig – ohne Spaß?«

»Exactly so!«

»Donnerwetter – was wird Onkel Marcell dazu sagen? Na, da kenne ich einen, der an die Luft gesetzt wird – mit tödlicher Sicherheit kenn' ich den. Und ich werde ihm keine Träne nachheulen, dem ekligen Kerl mit seinen Stachelbeeraugen, nicht mal 'ne Krokodilsträne, so wahr ich mehr Chrysopras heiße wie Ukatschin!«

Diese Versicherung gab Boris schon jenseits der Tür, und indem er nach des Fürsten Zimmer zurückging.

Dort packte Sascha gerade ihre Malutensilien zusammen.

»Nun?« fragte Hochwald nicht ohne Besorgnis, da Boris immer noch ein ganz verblüfftes Gesicht machte.

Doch der Gefragte machte nur eine wegwerfende Handbewegung.

»Alles besorgt«, versicherte er. »Habe Fuxia gründlich meine Meinung gesagt –«

»Wirklich gründlich?« warf Sascha zweifelnd ein.

»Na, ich dächte! Ich habe geschrien, daß es mich noch im Halse kratzt. Sie hat's übrigens riesig kühl aufgenommen.«

»Natürlich! Wenn der eine schreit, wird der andere meistens leise«, sagte Sascha trocken.

»Es fragt sich nur, ob sie begriffen hat, warum du geschrien hast.«

»Nun, ich denke doch«, meinte Boris mit Selbstgefühl. »Wenn ich gereizt werde, bin ich schrecklich – und ich war gereizt!«

»Aber machtest doch ein so – wie soll ich sagen, so konsterniertes Gesicht, wie du hereinkamst«, sagte Hochwald kopfschüttelnd.

Auf Boris' triumphierenden Zügen erschien wieder der eben zitierte Ausdruck.

»Ja, weißt du, Onkel«, sagte er betreten, »das ist auch 'ne tolle Geschichte. Und das Gesicht hab' ich wohl gemacht, weil ich mit mir nicht einig bin, ob ich dir's sagen soll oder nicht –«

Und Boris erzählte, was Fuxia ihm über Sigrid und Spini gesagt.

»Natürlich mußtest du mir das sagen!« rief Hochwald, dessen Stirn sich finster zusammengezogen hatte. »Das war deine Schuldigkeit, da du doch weißt, daß ich Pflichten, des Vormundes Pflichten Sigrid gegenüber habe. Das Weitere überlasse mir. Soweit meine vormundliche Macht reicht, werde ich sie auszunützen wissen.«

Da legte sich eine kalte, bebende Hand auf seinen Arm, und der Fürst sah in Saschas blasses, schmerzverzogenes Gesicht.

»Reize ihn nicht, Onkel – er ist gefährlich«, bat sie leise.

 Hochwald nahm die schöne schlanke Hand der Häßlichen liebreich in die seine und küßte sie fast ehrfurchtsvoll – sie die diese Nachricht bis ins Herz getroffen, die das kärglich blühende Hoffnungspflänzlein darin mit einem eisigen Hauch zerknickte, sie gewann es über sich, vor dem zu warnen, den sie in unerklärlicher Liebe so lange, so hoffnungslos geliebt.

»Sei ruhig, meine gute Sascha«, sagte der Fürst freundlich. »Ich fürchte ihn nicht, aber ich danke dir trotzdem. Nun laß mich zunächst zu deiner Mutter gehen – das wird viele Worte geben, aber ich fühle mich Sieger im voraus. Also Mut, Liebe! Und du, Boris, bedanke dich bei deiner guten Schwester, denn für den Fall, daß meine Mission bei deiner Frau scheitern sollte – und ich fühle mich hierin nicht im voraus so unbedingt als Sieger –, so will Sascha ihre Vermögen mit dir teilen, um dich auf eigene Füße zu stellen.

»Sascha!?« rief Boris und wurde dunkelrot. »Nee, das nehm' ich nicht an!«

»Ach, Unsinn«, sagte Sascha mit mattem Lächeln. »Nimm's immerzu, denn wenn ich das erreiche, was mir so lockend noch vorschwebt, dann bin ich reicher als deine reiche Fuxia. Und von der sollst du nicht abhängig sein.«

»Sascha – ich weiß auf Ehre nicht, was ich da sagen soll –!« rief Boris gerührt.

»Sag ihr nur, daß sie eine Perle ist«, nickte Hochwald und ließ die Geschwister allein, die sich alsbald eifrig redend in die Bibliothek zurückzogen. Aber Hochwald ging nicht sofort zu seiner Schwester – er sah erst nach Iris; da er sie wach fand, machte er sie kurz mit allem bekannt, was geschehen. Sie kamen überein, Sigrid vollständig aus dem Spiel zu lassen, um durch Vorstellungen ihren Widerspruchsgeist nicht zu reizen. Daß Spini fort müsse, war beiden klar – der ungebetene und unwillkommene Gast mußte weichen. Doch auch Iris war gleich Sascha um das »Wie« verlegen.

»Ich möchte ihn um alles in der Welt nicht reizen«, sagte sie warnend. »In Rom galt er als ein ganz gefährlicher und gefürchteter Duellant, wie Papa uns sagte.«

»Er wird mich nicht fordern – und ohne weiteres mich über den Haufen zu schießen, dazu scheint er mir doch zu gewitzigt«, beruhigte Hochwald unbesorgt ihre Befürchtungen. »Das fehlte gerade noch, daß man sich in seinem eigenen Hause alles von einem Gaste, einem Fremden gefallen lassen müßte, nur, weil er zufällig ein guter Schütze ist!«

Danach machte der Fürst sich auf, um zu seiner Schwester zu gehen, deren Vorurteile ihm wenig Sorge machten. Als er die Treppe zum Fremdenflügel hinaufstieg, kam Hans Aus dem Winkel gerade herab, einen Brief in der Hand.

»Oh, Durchlaucht, ich war gerade auf dem Wege zu Ihnen!« rief er. »Ich habe eine Aufforderung erhalten, morgen abend in Hamburg den ›Siegfried‹ zu singen und kann da wohl nicht gut ablehnen. Dürfte ich Durchlaucht daher heute noch – zum Nachtzuge – um einen Wagen zur Station bitten? Der Zug geht um neun Uhr fünfundvierzig.«

Hochwald sah den Sänger scharf an. »Der Wagen wird pünktlich zur Stelle sein«, sagte er. »Es tut mir aber leid, daß Ihr Besuch bei uns so jäh abbricht.«

»Durchlaucht sind sehr, sehr gütig – ich bin aufrichtig gerührt davon«, versicherte Aus dem Winkel ehrlich und ohne Redensarten. »Wie soll ich Ihnen je die mir erwiesene Gastfreundschaft, so spontan geboten, danken?«

»Aber der Dank bleibt stets auf unserer Seite, Herr Aus dem Winkel! Was Sie uns in den wenigen Tagen gegeben haben: Ihr eigenes, liebenswürdiges Ich und das Schönste Ihrer Kunst, wird in den Fremdenbüchern von Hochwald lange noch unvergessen nachklingen«, sagte der Fürst in seiner gewinnenden und unwiderstehlichen Weise, weil so ruhig und von Herzen kommend. »Ich hoffe nur«, fuhr er, Aus dem Winkel voll ansehend, fort, »daß dieser Hamburger Ruf Sie wirklich so reizt, um Sie fortzutreiben, denn ich entsinne mich, daß Sie vorgestern zwei ähnliche Aufforderungen von hervorragenden Bühnen erhielten, die Sie gar nicht verlockten.«

Aus dem Winkel erwiderte den Blick seines Gastfreundes mit vollem Verständnis.

»Durchlaucht«, sagte er dann ernst, »es gibt Fälle, wo einen auch ein Ruf nach Posemuckel reizen muß, ihm zu gehorchen. Sie haben mir, ohne mich zu kennen, die Ehre erwiesen, Ihr Gast sein zu dürfen – nun, das schlecht zu vergelten, hätte ich mir selbst nie verzeihen dürfen. Darum will ich morgen abend in Hamburg meinen Nothung schmieden und den Drachen töten. Beim Waldweben werde ich dann des Rauschens der Hochwalder Eichen gedenken.«

»So wünsch' ich Ihnen ein gutes Schmieden«, erwiderte Hochwald bedeutungsvoll. »Denn Fafner, der Lindwurm ward von dem hörnernen Siegfried leichter getötet als der Drache in unserer Brust, der nur zu gern begehrt, was ihm nicht gehört!«

Es zuckte über Winkels schönes, bartloses Gesicht, und aus seinen Augen brach ein helles Leuchten; – wie Siegfried der Held stand er unbewegt vor dem Fürsten.

»Oh, danke«, sagte er fröhlich, wie's seine Art war. »Der Nothung wird schon halten, Durchlaucht, besonders, da der Drache sich sehr ruhig verhalten hat – höchstens, daß er sich im Spiegel schmunzelnd beschaute. Aber damit der alte Kerl mir nicht etwa eitel wird, darum auf nach Hamburg!«

Fürst Hochwald drückte dem Sänger warm die Hand.

»Sie sind ein lieber, braver Mensch«, sagte er herzlich. »Mir scheint, wir passen gut zueinander. Und nicht wahr, Sie kommen wieder zu uns? Ja? Das ist prächtig. Es duftet nämlich nicht immer so stark nach Weihrauch hier – von dem Artikel werden Sie ja in Ihrem Beruf so übergenug haben, daß die frische Luft hier, wo Sie Mensch mit Menschen sein dürfen, Ihnen Erholung bringen wird. Nun, wir sehen uns ja noch beim Diner – trotzdem aber schon im voraus: Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!« wiederholte Hans Aus dem Winkel fröhlich.

Und Hochwald dachte im Weitergehen, daß sein teurer Neffe Boris zu dem Geschlechte jener Vierfüßler gehören müsse, die vom Dache geworfen, doch sicher und unversehrt auf ihre Füße fallen. Wie, wenn der Sänger nicht der brave Mensch von Ehre war, der der eigenen Eitelkeit entfloh, statt ihr zu opfern? Dann wäre die russische Gesellschaft wahrscheinlich um einen Skandal reicher gewesen. Und das sprach eigentlich für Boris, daß er Glück hatte bei guten Menschen.

Madame Chrysopras hatte ein gutes Schläfchen gemacht, und so fand Hochwald sie in sehr guter Laune. Zwar, es gab viele Worte, wie er vorausgesehen, aber im ganzen doch nicht so heftigen Widerstand, daß er unbesiegbar erschienen wäre. Als letztes Geschütz führte Madame Chrysopras ins Feld, daß die langen Haare und glattrasierten Gesichter der Künstler unausstehlich seien, wogegen Hochwald vorschlug, daß Sascha ihre Haare ja kurz schneiden lassen und das Rasieren als unnötig ganz übergehen könnte. Darüber mußte Madame Chrysopras lachen, und das entschied den Sieg, so daß sie seufzend, aber nicht unbefriedigt die Waffen streckte, denn die Meinung ihres Bruders war ein Gewicht, gegen das sie nur aus Pflichtgefühl ihre nichtigen und hohlen Einwände in die Waagschale warf. Das Ende vom Liede war, daß Sascha herbeigerufen, unter ein paar Tränen umarmt und zum Geradehalten ermahnt wurde, und daß ihre Abreise nach München für den folgenden Tag festgesetzt ward.

Madame Chrysopras stürzte dann, gefolgt von Sascha, zu Sigrid ins Zimmer, umarmte auch diese stürmisch, die kalt und blaß mit fieberglänzenden Augen in einer Sofaecke kauerte und offenbar gar nicht hinhörte, als Madame Chrysopras ihr das große Ereignis mitteilte und sie bat, ihr von nun an die Tochter zu ersetzen, dabei schwatzte sie das Blaue vom Himmel herunter, indem sie erzählte, sie müsse erst ein paar Besuche in England machen und schlüge dann vor, mit Sigrid in Köln  zusammenzutreffen, wohin Marcell und Iris sie sicher begleiten würden zu einem kleinen Rendezvous, ehe sie wieder ihr Winterquartier in Florenz aufschlügen.

»Ja, ja«, war alles, was Sigrid murmelte.

»Es wird dann still auf Hochwald werden«, sagte Sascha, als ihre Mutter Atem schöpfen mußte. »Onkel Marcell sagte mir eben, daß Herr Aus dem Winkel heut abend nach Hamburg abreist – er soll dort den Siegfried singen– ; morgen gehe auch ich, Mama packt schon in Gedenken, der erratisch veranlagten Fuxia traue ich auch kein langes Bleiben zu, wo keine Courmacher sind und –« sie stockte, indem sie Sigrid scharf ansah, »und – ich glaube, auch der Marchese wird bald weiterziehen –«

»Bald?« fragte Sigrid, mit einem Ruck ihre Apathie von sich werfend und sich gerade aufrichtend – sie war mit einem Male ganz Aufmerksamkeit.

Die arme Sascha, die in ihrer Gutmütigkeit Sigrid den kleinen Wink nicht glaubte vorenthalten zu dürfen, fühlte ihr verschmähtes Herz sich zusammenziehen.

»Ja, bald«, wiederholte sie leiser – sie wußte, daß Fürst Hochwald wahrscheinlich eben jetzt eine Unterredung mit dem Cavaliere hatte.

»Woher weißt du das?« fragte Sigrid lebhaft, aber ersichtlich  ohne Schmerz.

»Oh – ich glaubte so verstanden zu haben«, wich Sascha nun den durchdringenden Fragen der kalten, glitzernden blauen Augen aus. Und schnell setzte sie hinzu: »Nur der gute Professor bleibt als eiserner Bestand zurück, wie es scheint.«

»Das alte garstige Fossil mit dem Froschgesicht – ich hasse ihn!« sagte Sigrid heftig mit so finsterer Miene, daß Sascha und ihre Mutter sich erstaunt ansahen. »Ich begreife nicht, wie Marcell sich ein solches Scheusal hierherziehen kann.«

»Der arme Professor!« rief Sascha spöttisch. »Und wir haben ihn doch sonst alle so gern.«

»Hat denn der Cavaliere etwas von seiner Abreise gesprochen?« begann Sigrid wieder, die das Thema von dem Professor mit einer Handbewegung, wie eine lästige Fliege, von sich wies. Was ging der Professor sie an? Und doch – der eben erklärte Haß war ein feiner Instinkt, der in ihrer Seele wurzelte, ohne daß sie sich die Mühe nahm, nach dem Grunde zu suchen.

Sascha wurde der peinlichen Antwort enthoben dadurch, daß Iris den Kopf zur Tür hereinsteckte. Auch sie wußte, daß jetzt ihr Gatte und Spini zusammentreffen mußten, und sie kam nicht ohne Absicht.

»Ah – also hier tagt der Kongreß?« rief sie und trat in das Zimmer. »Sascha, ich gratuliere dir von Herzen – und auch dir, Olga, zu dieser Tochter. ›Wer ist ihre Mutter?‹ werden die Leute fragen, wenn sie sich um ihre Bilder drängen werden.«

»Aber Iris«, lachte Sascha belustigt.

»Mais – ich – dein Mann hat mich überrumpelt«, erklärte Madame Chrysopras, ihrer reizenden Schwägerin lächelnd zunickend. »Was will man tun? Ich hoffe, hoffe nur eins, daß Sascha sich stets korrekt anziehen wird.«

»Hoffen wir das Beste«, lachte Iris hell und wirbelte Sascha ein paarmal tanzend im Zimmer herum – eine Freudenbezeigung, vor der Sigrid mit verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln die Augen schloß.

Iris sah es, faßte es aber anders auf.

»Ach du Arme – fühlst du dich immer noch so angegriffen?« rief sie teilnahmsvoll und setzte sich neben Sigrid auf das Sofa, indem sie den Arm um sie schlang. Aber Sigrid sprang in die Höhe und wand sich aus dem liebreichen Arm, als wäre er eine giftige Schlange.

»Laßt mich doch nur in Ruhe«, rief sie gereizt. »Wie kann man sich denn erholen, wenn alle Augenblicke jemand kommt und schwatzt«, setzte sie hinzu. Aber dabei schüttelte sie sich wie im Fieber oder vor Entsetzen.

Sascha sah's und bekam einen roten Kopf vor Ärger.

»Sigrid, du übertreibst«, sagte Sie trocken. »Nimm dich etwas zusammen – wo soll denn das hinaus? Es ist ja richtig, daß Iris ›nur‹ deine Schwester ist, aber auch einer solchen gegenüber hat doch jede Rücksichtslosigkeit ihr Ziel!«

»Ach laß nur, Sascha – ich nehm's ja nicht übel«, versicherte Iris lächelnd, obgleich ihr bei dem rüden Abschütteln die Tränen in die klaren Augen getreten waren. »Weshalb ich kam, war das: wir wollen alle eine kleine Spazierfahrt in den Wald machen. Ja? Das wird uns gut tun? Der Himmel klärt sich entschieden auf – es gibt eine köstliche Fahrt. Ich habe schon das Anspannen bestellt und werde euch selbst fahren mit meinen mausgrauen Juckern. Also macht euch fertig! Sigrid, ich bürste rasch dein Haar – wir sind zum Ankleiden zum Diner dann rechtzeitig zurück.«

»Ich bleibe hier«, erklärte Sigrid kurz.

»O bewahre – nichts besser für deine Nerven als eine Fahrt in dieser köstlich abgekühlten Luft. Marcell meint es auch. Also sei gut, Schatz, und mach dich fertig«, bat Iris mit überredender Freundlichkeit.

»Ich bleibe hier«, war Sigrids harte Antwort.

Doch Iris gab ihr Mühen noch nicht auf.

»Sei vernünftig, Liebe! Du machst dich krank und mich ganz unglücklich, denn ich muß doch dann glauben, daß meine verfehlte Erscheinung gestern in der Bibliothek schuld ist an deinem Zustand.«

»Ich bleibe hier«, wiederholte Sigrid unfreundlich.

»Ach nein, komm mit«, sagte Iris sanft. »Denke, was würden unsere lieben Eltern sagen –«

»Laß meine Eltern aus dem Spiel«, rief Sigrid finster und heftig. »Du – du hast keinen Teil an ihnen.«

»Nun, ich dächte doch, da es auch meine Eltern sind«, erwiderte Iris ernst, aber mit unverminderter Freundlichkeit. »Und nun laß es genug sein und komm!«

»Ich bleibe hier«, sagte Sigrid zum viertenmal.

»Herrgott, laß doch den eigensinnigen Dickkopf muckschen, so lange sie will – sie ist die Verlierende, nicht wir«, rief Sascha aufgebracht und zog Iris mit sich fort. »Komm, Mama! – Sigrid, wenn ich dich wichsen könnte, das tät' ich mit Herzenswonne! Deine Schwester so zu quälen! Das sollte Onkel Marcell wissen! Aber ich werd's ihm schon sagen, darauf kannst du dich verlassen.«

»Sascha!« Es war ein Schrei der Wut, mit dem Sigrid über die Breite des Zimmers hinüberflog und Sascha am Arm packte mit knirschenden Zähnen und glitzernden Augen. Aber im selben Augenblicke besann sie sich auch schon wieder. »Das wirst du nicht tun – verklatschen nennt man das ›glaub‹ ich.«

»Ich werde tun, was mir recht dünkt – wie du's nennst, ist mir einerlei«, gab Sascha sehr energisch zurück. »Meinst du denn, daß Onkel Marcell dulden wird, daß du seine Frau hier mit dem Rechte der Schwester malträtierst? Nein, mein Schatz, das wird er nicht!«

»Sascha!« bat Iris leise.

»Ach was! Mich bringt solch dummes Getue zu sehr auf«, rief Sascha. »Laß sie sitzen, Iris. Ihr ist nicht zu helfen, und wenn sie erst sieht, daß man sich nicht mehr um ihre Launen kümmert, dann wird sie schon wieder vernünftig werden!«

»Vielleicht eine ganz rationelle Kur«, bestätigte Madame Chrysopras überzeugt, und beide Damen zogen die immer noch widerstrebende Iris hinaus und ließen Sigrid ohne weitere Zeremonien zurück.

Diese blieb wie angewurzelt stehen, wo sie vorher gestanden, und der Blick, den sie dabei auf die sich schließende Tür heftete, hatte etwas unruhig Flackerndes, Unstetes. Erst als sie drunten den Wagen über den Kies rollen hörte, schreckte sie auf, wie aus einem Traum.

»Was soll ich jetzt tun?« murmelte sie, sich mit der Hand über die Stirn streichend. »Mich wieder hinsetzen und denken? Oh, es dreht sich in meinen Gedanken doch alles nur um den einen Pol, unablässig, in einem wüsten Reigen. Lesen? Zwischen jeder Zeile steht es blutrot neben den schwarzen Buchstaben – ich weiß doch nicht, was ich lese. Schlafen? Ach, wie gern möchte ich schlafen, ich bin so müde, so überwacht. Aber dann kommt die fremde Frau und murmelt ununterbrochen in mein Ohr – ich will nicht hören, was sie sagt. Es ist auch immer dasselbe – Spini reist ab? Ich wollte, er wäre schon fort! Ich will ihn nicht mehr sehen – er zieht mir mit seinen schrecklichen Augen den geheimsten Gedanken ans Licht. Doch, ich will ihn sehen, ich muß wissen, ob –«

Sie brach ab und begann ihr wirres Haar zu frisieren und nahm ein weißes Wollkleid aus dem Kleiderschrank, ja, sie nahm sogar aus einer Blumenvase zwei köstliche Lafrancerosen und band ein Brustbukett davon.

»Wenn ich erreichen will, was ich möchte, muß ich schön sein«, sagte sie und gab den Rosen noch ein paar dunkelgefärbte Blätter als Folie.

Indessen hatte Fürst Hochwald den Marchese Spini wirklich bitten lassen, sich zu ihm in sein Arbeitszimmer zu bemühen. Der Italiener war erst nicht zu finden gewesen, sein Zimmer war abgeschlossen. Trotzdem trat er nach Verlauf einiger Zeit daraus hervor, wie immer eine Zigarette zwischen den Zähnen. Er habe geschlafen, erklärte er dem Kammerdiener, diesem vorausschreitend.

»Verzeihen, gnädiger Herr«, sagte Rataiczak, »haben großmächtiges Spinnengewebe hinten am Rockschoß.«

»Dio mio –! Wo hab' ich denn das erwischt?« fragte Spini kopfschüttelnd. »Ich bin doch nicht aus dem Zimmer gekommen.«

»Ha – Zimmermädel räumen schlecht auf, wenn nicht immer eins hinterher ist«, meinte Rataiczak, das fragliche Objekt entfernend und mit einer kleinen Taschenbürste nachbürstend.

»Grazie tante«, nickte Spini herablassend und ging seiner Wege.

Ein Spinnennetz mit fingerdickem Staub drin! dachte der Kammerdiener, ihm nachsehend. Das gibt's ja nicht mal in den unbewohnten Gesellschaftsräumen, die nur alle heiligen Festzeiten mal gesäubert werden. Aufgepaßt, Rataiczak, der hat geschnüffelt und gelochert!

Spini wurde von dem Fürsten stehend empfangen, und ohne den Eintretenden zum Niedersetzen aufzufordern, begann der Fürst auch die Unterredung.

»Herr Marchese«, sagte er ruhig und fast geschäftsmäßig, »man hat mir hinterbracht, daß Sie in der vergangenen Nacht in dem alten Burgflügel mit meiner Schwägerin, der Gräfin Sigrid Erlenstein, eine Zusammenkunft hatten. Ob dieselbe nun die Bezeichnung Rendezvous verdient oder nicht – darauf kommt es hier nicht an. Sie haben jedenfalls durch diese Unvorsichtigkeit den Ruf der meinem Schutz unterstellten jungen Dame gefährdet – so daß ich zu meinem größten Bedauern veranlaßt bin, Sie zu bitten, derartige – Zusammenkünfte nicht nur nicht zu wiederholen, sondern auch, um den Ruf meiner Schwägerin nicht direkt in den Staub zu treten, Hochwald zu verlassen.«

Spini hatte mit einem halben, überlegenen Lächeln zugehört – bei den letzten Worten fuhr er zurück.

»Verstehe ich recht? Sie – werfen mich hinaus?« zischte er.

»Nein, ich bitte Sie, abzureisen«, war die sehr ruhige Erwiderung. »Wenn Sie mit meiner Schwägerin so weit im Einverständnis sind, daß dieselbe es für gut findet, zu so ungewöhnlichen Tageszeiten und an so ungewöhnlichen Orten mit Ihnen zusammenzutreffen, so muß Ihnen ja daran liegen, daß kein Verdacht Sie treffen kann. Und das ist nur zu erreichen, wenn Sie und Sigrid getrennt voneinander sind. Da Sigrid mir nun durch Bande des Blutes näher steht und ich ihr mein Haus deshalb nicht schließen darf, so erfordert es Ihre Pflicht als Kavalier, zu weichen.«

Spini stand mit gesenktem Kopf und strich langsam und bedächtig seinen Schnurrbart.

»Sie mögen von diesem Standpunkt aus recht haben, Fürst«, sagte er dann lauernd. »Aber für mich ist es dann von Wert, daß ich Hochwald nur als der erklärte Verlobte der Gräfin Sigrid verlasse.«

Er bohrte, während er sprach, den Blick förmlich in seinen Widersacher, doch Hochwald stand ruhig und unbewegt.

»Sigrid wird im nächsten Mai majoren«, erwiderte er nach einer Pause. »Ich habe dann – wenn man die moralischen Rechte abrechnet – legal keine Gewalt mehr über ihre Entschlüsse. Sie werden darum besser auf diesen Zeitpunkt einer öffentlichen Verlobung mit ihr warten.«

Spini richtete sich hoch auf.

»Soll das heißen, daß Sie als Vormund mir die Hand der Gräfin Sigrid verweigern?« fragte er schneidend.

Hochwald machte eine Handbewegung und neigte bejahend den Kopf.

»So ist es«, sagte er fest.

Mit flammendem Blicke trat Spini um einen Schritt näher.

»Und Ihre Gründe, Fürst Hochwald?« zischte er.

»Zunächst: Sigrid weiß nicht, was sie will. Sie befindet sich in einem Zustande von Zerfahrenheit, der launisch heut das, morgen jenes will«, entgegnete Hochwald, ohne das drohende Gebaren seines Gastes auch nur zu beachten. »Ich fürchte, der Mann, dem sie sich jetzt verlobte, würde in dieser Beziehung bald bittere Erfahrungen machen –«

»Nicht ich!« fiel Spini ein.

»Gut; wenn Sie Ihrer Sache so sicher sind, so wird die kurze Wartezeit von kaum einem Jahre für Sie nicht von Belang sein«, entgegnete der Fürst ruhig.

»Ich fürchte eine Unbeständigkeit nicht, weil Gräfin Sigrid sehr gut weiß, daß ich nicht der Mann dazu bin, um mit mir spielen zu lassen«, erwiderte Spini mit starker Betonung. »Sie aber spielen mit mir, Fürst Hochwald. Sie vertrösten mich auf die Zeit, wo Gräfin Sigrid frei über ihre Hand bestimmen kann, aber Sie umgehen die Antwort, warum Sie als Vormund mir die Hand Ihres Mündel verweigern.«

Fürst Hochwald zögerte mit der Antwort.

»Nun? Ist etwa ein Spini, der Marchese della Pescaja nicht gut genug für eine Gräfin Erlenstein?« fragte Spini lauernd.

»An Ihrer Stelle, Marchese, hätte ich die Antwort nicht so  herausgefordert«, erwiderte jetzt der Fürst ohne eine Spur von Erregung. »Aber da Sie sie haben wollen: nicht der Marchese Spini della Pescaja ist es, den ich als Bewerber um die Hand einer deutschen Edeldame ablehnen muß – es ist vielmehr der Kompagnon des Antiquitätenhändlers aus der Via Porta Rossa –«

»Ah –!« es war wie ein heiseres Brüllen, das sich der Kehle Spinis entrang.

»Verstehen Sie mich recht!« fuhr Hochwald ruhig fort. »Daß Sie in jener Zeit arm waren und vom Erwerb Ihrer Kunst lebten, das hätte Sie in meinen Augen hoch erhoben. Aber daß Sie Ihre Kunst in den Dienst der – Täuschung stellten, das bedaure ich tief.«

»Oh, ich wußt' es, daß Sie mein wohlgehütetes Geheimnis erraten hatten – ausspioniert hatten –«

»Marchese – ich bitte Sie, Ihre Ausdrücke zu wählen, wie ich die meinen gewählt habe«, rief Hochwald befehlend.

»Ah«, keuchte Spini, »weil Sie Täuschung sagten und Fälschung meinten? Warum luden Sie mich ein in Ihr Haus, wenn Sie mich doch als Ihresgleichen nicht mehr anerkannten?«

»Nicht ich tat es – meine Schwester und Sigrid ließen mir keine Wahl«, sagte Fürst Hochwald gelassen.

»Oh – Beleidigung über Beleidigung!« rief Spini; »Sie aber werden mir Rechenschaft geben über Ihr Verhalten, Fürst Hochwald!«

»Ich tue seit einer halben Stunde nichts anderes«, war die vollkommen ruhige Antwort.

»Ich meine – mit der Pistole in der Hand«, flüsterte Spini nähertretend.

»Das wäre sehr töricht von mir«, entgegnete Hochwald achselzuckend. »Wenn jeder Vormund, der einem Freier einen Korb gibt, deshalb gleich vor die Pistole müßte, so wäre damit der Übervölkerung der Erde allerdings bedeutend abgeholfen. Wie gesagt, Marchese – meine persönlichen Gründe, die Sigrid nicht kennt, nur ich allein, sollen Sie nicht hindern, meine Schwägerin nach Ablauf eines Jahres dennoch zu heiraten, falls sie meinen Rat dann entbehren zu dürfen glaubt –«

 »Ha – ich sehe! Euer Durchlaucht sind auch feige –« fiel Spini hohnvoll ein.

Hochwald wollte auffahren, aber er besann sich eines Besseren.

»Marchese – ich bitte Sie nochmals, Ihre Worte zu wählen«, sagte er ruhig, aber mit solcher Betonung, daß Spini wieder um einen Schritt zurücktrat. »Sie haben sich schon zweier Ausdrücke bedient, die man unter Kavalieren nicht gebraucht; – ich nehme an, daß sie Ihnen in Ihrer bei aller Geläufigkeit doch unvollkommenen Kenntnis der deutschen Sprache entschlüpft sind, ohne ihre Bedeutung voll zu verstehen – vom ehrengerichtlichen Standpunkt aus! Sollten Sie sich dessen aber bewußt gewesen sein, so will ich die hier anwesenden Herren rufen lassen, vor denen Sie mir dann jene epitheta ornans wiederholen mögen. Danach stehe ich natürlich zu Ihrer Verfügung.«

Spini biß sich auf die Lippen – ein solch berüchtigter Duellant er auch war, so lag ihm doch an einem Zweikampf mit dem Fürsten im Grunde nichts – – die Schüsse, die dort, gleichviel mit welchem Resultat, gewechselt wurden, konnten auch das Band zwischen ihm und Sigrid treffen und unheilbar zerschneiden, und wenn Spini einen schwachen Punkt in sich fühlte, so war's eben Sigrid allein und durch sie eine Anzahl von Konnexionen, die den Namen Spini della Pescaja wieder auf die alte Höhe heben helfen mußten – –

Auf diese Art war also dem Fürsten nicht beizukommen – aber waren seine Waffen nicht zweischneidig? Mit blitzschneller Überlegung wandte er den Spieß. –«Diese Finessen der deutschen Sprache sind mir allerdings unverständlich«, sagte er hochmütig. »Aber so viel verstehe ich doch, daß Sie, Fürst, auf Ihrer Weigerung beharren. Nun wohl – vielleicht macht es Sie nachgiebiger, wenn ich Ihnen sage, daß ich –« hier dämpfte Spini seine Stimme und heftete seine Augen gierig auf den Fürsten, »das Geheimnis des roten Lichtes von Hochwald kenne.«

Doch der gewünschte Effekt blieb aus – der Fürst stand unbewegt an derselben Stelle wie zum Beginn der Unterredung, und das leise, schmerzliche Zucken um seinen Mund war so beherrscht, daß es selbst Spini entging.

»Nun – und?« fragte Hochwald nach einer Pause mit unverändertem Ton.

»Ah – Sie verstehen mich nicht!« rief Spini immer noch flüsternd, indem er dicht an den Fürsten herantrat. »Ich – ich kenne das Geheimnis des roten Lichtes – ich kenne die verborgene Gruft und weiß, daß es Ihr Opfer bestrahlt, weiß, daß es von Rataiczak, Ihrem Helfershelfer, unterhalten wird als ein Sühnopfer –«

Gespannt hielt er ein – aber Hochwald zuckte nicht.

»Nun – und?« fragte er wieder.

»Aber mein Gott – begreifen Sie denn nicht?« brauste Spini auf. »Ich, ich habe die Existenz dieser Gruft entdeckt! Eben komme ich daher – hier, riechen Sie meine Kleider, sie duften noch nach dem Moder des alten Burgflügels –«

»Und mit welchem Rechte haben Sie – in würdiger Vergeltung meiner Gastfreundschaft – diesen alten Schloßflügel durchspioniert? Gestatten Sie mir nun diesen Ausdruck, mit dem Sie mich vorhin beehrten«, fiel Hochwald laut, unbewegt ein.

Spini nahm von der letzteren Bemerkung keine Notiz – er war viel zu sehr beschäftigt mit seinen anderen Gedanken. »Warum? Mein Herr Fürst, Durchlaucht, es lag mir daran, eine Waffe gegen Sie in der Hand zu haben«, sagte er eifrig. »Ich werde Hochwald heut noch verlassen, gut, ich tue es um Sigrids willen, aber ich verlasse Ihr Haus nur als erklärter Verlobter Ihres Mündel, oder –«

»Nun – oder?« wiederholte Fürst Hochwald vollständig ungerührt.

»Oder ich mache die Polizei auf jenes gespenstische rote Licht aufmerksam«, sagte Spini triumphierend.

»Ah – Sie wollen mich denunzieren, wenn ich recht verstehe«, entgegnete der Fürst gelassen.

»Das will ich!« fiel Spini hastig ein. »Das heißt, ich will es nur für den Fall, daß Sie mir Sigrids Hand dennoch verweigern sollten.«

»Das letztere mit der größten Entschiedenheit und endgültig«, erwiderte Hochwald mit eiserner Ruhe, aber es begann heiß in ihm aufzusteigen.

»Gut! Sie haben die Folgen zu tragen«, knirschte Spini.

»Folgen, die Sie veranlassen könnten?« fragte Hochwald ironisch.

»Ja, ich«, sagte Spini hochmütig. »Ich bin nicht gewohnt, ins Blaue zu schießen, Herr Fürst, und wohin ich ziele, treffe ich auch. Ich weiß, daß eine gewisse Kiste – sie steht auch noch unten – seit fast zwanzig Jahren – nach zwanzig Jahren verjährt ja wohl bei Ihnen zulande die gerichtliche Verfolgung eines Verbrechens dieser Art, aber noch ist die Zeit nicht um! – Also: ich weiß, daß vor fast zwanzig Jahren die besagte große Kiste hier ankam unter Rataiczaks Aufsicht – ich weiß auch, welch unheimlichen Inhalt sie hatte, denn der Bursche, den Sie damals entließen, hat den Inhalt gesehen! Ja, es ist nichts so fein gesponnen, Herr Fürst! Und auf diesen unheimlichen Inhalt der gewissen großen Kiste leuchtet das rote Licht hinab – es leuchtet, weil der dunkle Drang zu einer Sühne Sie's entzünden ließ.«

»Verzeihung, Herr Marchese – kein dunkler Drang, sondern vollkommenes Zielbewußtsein ließ mich das rote Licht entzünden«, unterbrach Hochwald immer noch ruhig, aber schneidenden Tons den Italiener. »Im übrigen werden Sie den Gerichten nichts Neues erzählen, denn das rote Licht brennt seit fast zwanzig Jahren, wie Sie sehr richtig betonten, mit polizeilicher Erlaubnis.«

Spini fuhr zurück, aber sein Mund lächelte hohnvoll.

»Ebbene – warum dann so geheimnisvoll?« fragte er gellend.

»Darüber Auskunft zu erteilen, bin ich Ihnen gegenüber nicht verpflichtet, und ich verbitte mir dergleichen indiskrete und taktlose Einmischungen in meine Angelegenheiten«, erwiderte Hochwald plötzlich aufflammend, mit einer Entschiedenheit und einer Energie, daß Spini unwillkürlich noch einen Schritt zurücktrat. »Ich meine, Sie haben das Maß, das ich Ihnen als Gastfreund zumessen muß und will, in einer Weise überschritten, daß ich nun gesonnen bin, mein Hausrecht geltend zu machen. Ich empfehle mich Ihnen, Herr Marchese.«

Der Ton Hochwalds, der hochaufgerichtet mit zornsprühenden Augen vor dem Italiener stand, ließ keinen Zweifel – er verfehlte auch seine Wirkung nicht. Spini wich unwillkürlich bis zur Tür zurück, da der Fürst vorwärts kam. Seine Hand tastete rückwärts nach dem Schloß, und indem er eine ironische Verbeugung machte, war er mit einem drohenden: »Sie haben es gewollt – Sie sollen von mir hören!« verschwunden.

Blaß und zitternd vor Zorn eilte er durch das Schloß nach seinem Zimmer, um zu packen. In der Halle stieß er auf Rataiczak, und da ein Blitzableiter für ihn momentan das Willkommenste war, was ihm begegnen konnte, so blieb er vor dem Kammerdiener stehen, schüttelte ihm die Faust dicht unter der Nase, ohne daß der brave Polacke gezuckt hätte, und zischte ihm, die weißen Zähne zeigend, wie ein gereizter Panther zu: »Servo del boja –porcaccio tedesco!« – womit er weiter seines Weges ging. Leider waren beide Liebesnamen aber unnütz verschossenes Pulver, denn der gute Rataiczak verstand kein Italienisch.

Hat dich mein Herr geschüttelt? dachte er, dem Italiener erstaunt nachsehend. Is gut so – da wächst kein Gras mehr!

Oben im Korridor traf Spini auf Sigrid, die aus ihrem Zimmer trat im weißen Kleide, die Lafrancerosen an der Brust – blaß zwar und mit blauen Ringen unter den unnatürlich glänzenden Augen, aber lächelnd und mit einem sehr gut gemachten kleinen Schrei der Überraschung, den sie ausstieß, als sie Spini erblickte.

Der Italiener ergriff die ihm entgegengestreckten: überschlanken weißen Hände mit einer wahren Inbrunst.

»Jetzt gilt es zu scheiden«, rief er mit halb erstickter Stimme.

»Scheiden?« wiederholte Sigrid, und das Lächeln verschwand willig genug von ihrem Munde – in ihren Augen war's ja nie gewesen. »Sie wollen reisen? Und warum so plötzlich?«

»Weil Seine Gnaden, der durchlauchtigste Fürst, mich hinausgejagt haben –« wallte er wutbebend wieder auf.

Sigrid schlug die Augen nieder, weil es in ihnen wie Triumph aufgeflammt war.

»Hinausgejagt! Oh, oh, oh! Sie übertreiben!« meinte sie, ungläubig den Kopf schüttelnd. »Was hat es denn gegeben, daß Sie sich in solchen Hyperbeln ausdrücken?«

Spini fand es für gut, den ursprünglichen Grund seiner Unterredung mit dem Fürsten zu unterdrücken.

»Ich übertreibe nicht«, versicherte er. »Ich habe um Ihre Hand geworben –«

»Welche Unvorsichtigkeit«, unterbrach ihn Sigrid heftig.

 »Mein gutes Recht«, erwiderte er ebenso. »Mein mir von Ihnen selbst verliehenes Recht. Ich fand die Gelegenheit geboten, Gebrauch davon zu machen. Ich wurde abgewiesen, und da man mir auch die Rechtfertigung kurzerhand verweigerte, so werde ich mein Ziel auf anderem Wege zu erreichen suchen.«

»Auf welchem Wege?« fragte Sigrid dringend, angstvoll fast, indem sie sich mit beiden Armen in Spinis rechten Arm hängte und ihr Gesicht an seine Schulter preßte – ein Zeichen bräutlicher Innigkeit, das sie mit innerem Widerstreben gab und erst, nachdem sie sich umgesehen, ob auch niemand kam; – aber der lange Korridor lag still und dämmerig da, wie ausgestorben.

»Ich werde Seine Durchlaucht den Gerichten übergeben auf Grund jener Geschichte seines Reitknechtes, deren Bestätigung ich vor einer Stunde erst gefunden habe«, sagte Spini haßerfüllt. »Und damit werden wir quitt sein, Herr Fürst«, setzte er, die Faust schüttelnd, hinzu. »Was er mir vorwirft, ist – hm – ist ein Abweichen vom Pfade, ist ein krummer Weg vielleicht, den er mir schwer beweisen dürfte – was aber seinen Namen befleckt, ist ein unerhörtes Verbrechen, dessen Beweis dort unten zu finden ist.«

Sigrid war leichenblaß geworden, und sie klammerte sich fester an den Arm des Italieners, weil alles mit ihr sich zu drehen schien. »Und was sagte er zu Ihrer Drohung?« brachte sie dann mit trockenen Lippen hervor.

»Pah – er leugnete nicht einmal die Existenz jenes Geheimnisses dort unten, das er als ein ganz legitimes, von den Gesetzen sanktioniertes behandelte«, sagte Spini verächtlich, und voll Hohn setzte er hinzu: »Aber wir kennen das! Verbrecherkühnheit – Galgenfrechheit. Mich hat er nicht mit dieser sogenannten Sicherheit getäuscht!«

»Um Gottes willen, Ferrando – unternehmen Sie nichts gegen meinen Schwager in dieser Sache, es fällt auf Sie zurück«, rief Sigrid im Flüsterton dicht an seinem Ohr in dem rapiden Italienisch, das ihr zur zweiten Muttersprache geworden war. »Ich kenne meinen Schwager – er lügt nicht. Und wenn er mit Sicherheit über dieses furchtbare Etwas dort unten spricht, dann ist auch wirklich nichts dahinter, das ihn treffen könnte. Ich beschwöre Sie, lassen Sie ab von dieser gefährlichen Idee des Denunzierens!«

Spini sah das blasse Gesicht an seiner Schulter durchbohrend an.

»Sie sind ja mit einem Male ein sehr beredter Anwalt des Fürsten«, flüsterte er mißtrauisch. »Ich erinnere mich doch einer gewissen Unterredung mit Ihnen in der Kirche der Badia.«

»Als ob ich mich ihrer nicht auch erinnerte«, fiel sie ihm ins Wort. »Ja, wäre ich überzeugt von der Wirkung Ihres Mittels– – ich bin aber überzeugt, nach allem, was Sie selbst mir sagten, daß es uns vernichtet, nicht ihn. Lassen Sie die Sache wenigstens ruhen, bis ich Ihnen Nachricht gebe. Ich will, ich werde dem Geheimnis auf den Grund kommen. Tun Sie nichts Rasches, Unüberlegtes! Ich werde Ihnen schreiben, Ferrando! Nicht wahr, Sie versprechen mir, nichts in der Sache zu tun – keine halben Worte vor den Menschen, keine Denunzierung vor den Gerichten, keine Drohbriefe – bis ich hier alles geklärt habe. Ist's so recht?«

Und sie lächelte ihm zu, wilde Angst im Herzen, und schmiegte sich an ihn – und er, der Mißtrauische, der Kenner und Gelehrte des »Dämons im Weibe«, er ließ sich betören wie ein Schulbube, dem man eine Zuckertüte vorhält!

»Ich weiß nicht –« begann er unsicher, und damit hat man ja meist schon verspielt. Aber ihn berauschte das schöne, blonde Mädchen, um das er so lange vergeblich geworben, das sich endlich, endlich an ihn schmiegte, ohne eine Spur jener alten, harten Abweisung, die ihn so oft schon bis zum Wahnsinn gekränkt und aufgebracht.

Und er gab nach, er versprach ihr, nichts zu tun ohne gegenseitige Verabredung.

»Und mit welchem Trost reise ich ab?« fragte er, sie fest an sich drückend, zuletzt.

Da nestelte sie eine Rose von ihrer Brust los und gab sie ihm und duldete es ohne Widerstand, daß er heiße Küsse dafür auf ihren blassen Mund drückte. Das vollendete den Sieg über den Toren, der so weise zu sein glaubte. 

»Was willst du zunächst unternehmen fragte er, an ihrer Tür stehenbleibend.

»Es ist mir noch nicht ganz klar«, wich sie aus, denn sie wollte ihn gar nicht zum Vertrauten.

»Willst du der Fürstin Andeutungen machen?« fragte er wieder zweifelnd.

Da flammte es rot auf in Sigrids Augen.

»Iris?« hohnlachte sie mit einer solchen Gewalt des Hasses, daß es Spini erschreckte. Doch sie gewahrte, daß sie zu viel verraten. »Ist's nicht besser, wir lassen das alberne Ding aus dem Spiel?« fragte sie mit schwankender Stimme, »ich habe noch nicht an sie gedacht –«

»Das ist nicht wahr«, flüsterte er mit einem durchbohrenden Blick, vor dem sie die Augen senkte und die Lippen fest aufeinanderpreßte. »Sigrid, beherrsche dich! Hilf mir wühlen, graben, suchen, daß wir ihn von seiner unfehlbaren Höhe stürzen aber sie lasse unbehelligt. Ist's nicht genug, wenn wir ihren Gott stürzen? Aber um unserer selbst willen darfst du der Fürstin Iris kein Haar krümmen!«

»Nein.« Sigrids Augen bekamen mit einem Male wieder jenen starren und doch dabei flackernden Blick, den Iris mit Sorge an ihr wahrgenommen. »Wie kann ich ihr etwas tun, wenn doch die Frau immerfort kommt und in mich hineinredet und mir verbietet, ihr etwas anzuhaben?« sagte sie mit einer Stimme, als spräche sie im Traum.

»Welche Frau?« fragte Spini erstaunt.

»Die Frau, die ihre Haare in der Hand trägt«, erwiderte Sigrid widerwillig. »Ich sah sie schon ein paarmal, aber nur im Traume, doch seit der letzten Nacht kommt sie auch so. Sie sagt, ich dürfte Iris nichts tun. Ich will ihr ja auch nichts tun – warum geht sie denn nicht? Sie steht neben Ihnen –«

Spini warf einen scheuen Blick um sich – sein leicht entflammter Gespensterglaube, ein Merkmal seines Volkes, war erregt, und ihm graute so, daß ihm die Zähne zusammenschlugen.

»Ist's dieselbe Frau, die die Fürstin damals, am Vorabend ihrer Hochzeit, in ihrem hypnotischen Zustande neben dem Fürsten sah?« fragte er scheu.

»Ja, ja! Ich will sie aber nicht mehr sehen – sie sieht fast aus wie ich selbst«, sagte Sigrid ungeduldig.

»Seltsam! Seltsam!« wiegte Spini das Haupt.

»Ja, seltsam«, nickte Sigrid mechanisch. Dann raffte sie sich  mit Anstrengung zu ihrer alten Haltung empor. »Adieu jetzt – auf Wiedersehen«, sagte sie.

Spini wollte den Abschied gern noch verlängern, aber es kamen Schritte die Treppe herauf, die Sigrid veranlaßten, schnell und leise in ihr Zimmer zu verschwinden. Das gleiche tat Spini, der mit zwei, drei lautlosen Sprüngen wie ein Panther seine Zimmertür erreichte und hinter derselben verschwand.

Sigrid aber schob in ihrem Zimmer den Riegel vor und riß die Rose von ihrer Brust, deren Gefährtin sie Spini geschenkt als »Liebeszeichen«, und warf die köstliche Blüte mit Zeichen des Ekels zu Boden und trat darauf; – dann aber wusch sie ihr Gesicht und ihre Hände und wusch und wusch mit einer Hast und mit einer Ausdauer, bis ihre zarte, weiße Haut sich rot färbte.

»Ob's je abgehen wird?« murmelte sie, sich im Spiegel ansehend. »Jeder Kuß dieses gräßlichen Menschen ist ein Fleck, der sich tief eingefressen hat. Und ich ließ mich küssen für dich, Marcell! Er wird dir nichts tun, wird dich nicht denunzieren. Das hab' ich damit erkauft. Pfui – wie teuer! Was frag' ich, Marcell, ob du schuldig bist oder nicht? Ich liebe dich – habe dich eher geliebt als das törichte Ding mit dem Kainszeichen –! Ob das Kind auch das Kainszeichen hat? Ich muß doch sehen gehen –« – Und ohne sich weiter zu besinnen, hastete Sigrid aus ihrer Stube hinaus in den anderen Flügel, wo in seinem Kinderzimmer der kleine Siegfried von seiner Wärterin umhergetragen wurde. Er hatte den elfenbeinernen Griff einer silbernen Klapper im rosigen Mündchen und sah ausgeschlafen und höchst zufrieden mit Welt und Menschen aus.

»Guck, die Tante kommt, mein Prinzchen!« rief die behäbige Bäuerin erstaunt, denn Sigrid, die kleine Kinder eigentlich nicht mochte, nahte sich ihrem Neffen auch nur draußen und dann ohne sonderliches Interesse. Aber die Klapper war trotzdem ihr Geschenk.

»Tante! Ich bin nicht seine Tante«, protestierte sie mit finsterem Blick gegen die Bezeichnung auf italienisch, immer noch in Gedanken beschäftigt mit ihrem Gespräch mit Spini, das sie in dieser Sprache geführt.

Die Wärterin lachte verlegen, denn sie hatte natürlich nicht verstanden.

»Ist er nicht ein strammer, kleiner Kerl, mein Prinz«, fragte sie mit Stolz, ihren Pflegling hochhaltend. »Gnädige Komtesse müßten ihn im Bade sehen – gerade wie einer der Cherubs am Altar Unsrer Lieben Frau in der Schloßkirche! Und so weiß und rosa wie ein Badepüppchen von Porzellan! Ganz wie die gnädige Frau Fürstin! Die ist auch so weiß, noch weißer wie gnädige Komtesse.«

Sigrid achtete gar nicht auf das Geschwätz der Person, sie sah nur das Kind an, das mit großen, dunkelblauen Augen zu ihr herübersah – mit den Augen von Iris.

»Ich kann's nicht deutlich erkennen, ob er gezeichnet ist«, murmelte Sigrid vor sich hin. »Aber warum sollte er's nicht sein? Er ist ja ihr Kind, der Enkel der Gerichteten!«

Und leis' erschauernd wandte sie sich wieder um, sehr zum Staunen der Wärterin, die natürlich Sigrids seltsames Gebaren nicht begriff.

Da wurde die Tür geöffnet und Iris trat herein, frisch und rosig von der Ausfahrt, die Verkörperung der Jugend, der Anmut und des inneren Glückes.

»Du hier, Sigrid?« rief sie erstaunt. »Aber das ist eine Ehre für Siegfried«, setzte sie fröhlich und gutmütig hinzu! – kein Erinnern an die Szene in Sigrids Zimmer trübte mehr ihren Ton – es war alles vergessen und vergeben.

»Ja, ich – ich kam sehen, wie er aussieht –«, erwiderte Sigrid stockend und verlegen. »Er hatte eine schlechte Nacht, nicht?«

»Ja, wir hatten alle eine schlechte Nacht«, entgegnete Iris mit ihrer herzgewinnenden Freundlichkeit. »Aber wie gut du jetzt aussiehst, Sigrid – ganz rosig angehaucht. Hast du indes etwas geschlafen?«

Sigrid fuhr mit der Hand über ihr mißhandeltes Gesicht, das davon noch höher gefärbt ward.

»Nein«, sagte sie kurz, aber sie nahm sich mit großer Gewalt zusammen. Marcell würde es nie dulden, wenn sie Iris unfreundlich behandelte – sie hatte sich das klargemacht. Und wer weiß, was dann geschah, wer weiß, ob er nicht eine Trennung über sie verhängen würde – er war ja so blind und eingenommen diesem Geschöpfe gegenüber, das vor der Welt als ihre Schwester galt! Und sie gewann es tatsächlich über sich, Iris die Hand hinzuhalten, mit gesenktem Blick, damit ihre Augen nicht verrieten, was sie dachte – eine kalte, steife Hand zwar – aber die großmütige Iris nahm diese stumme Abbitte, wie sie's in ihrem Herzen nannte, ohne Prüfung und ohne Bedingung entgegen und drückte die kalte Hand und streichelte sie schmeichelnd, Sigrid mit reizendem Lächeln dabei ansehend.

»Schade, daß du nicht mit warst«, rief sie dann, ihren Kleinen in die Arme nehmend – ein Bild, das eines Malers Auge schönheitstrunken machen konnte. Wie eine Immakulata mit dem göttlichen Kinde, ehe sie noch von den sieben Schwertern etwas ahnte, dachte Sigrid unwillkürlich, und ein zehrendes Neidgefühl kroch in ihr Herz. Maria – immer sie, Martha – immer ich. Eine schöne Immakulata mit dem flammenden Zeichen auf der Stirn! Ob er denn das nicht sieht? Kann er denn so blind sein?

Ein lauthallender, dröhnender Ton unterbrach ihre Gedanken.

»Der Tamtam!« rief Iris. »In einer Viertelstunde muß ich fertig sein zum Diner – pah! In zehn Minuten mach ich's, nicht wahr, Siegfried, kleiner Held? Du bist doch schon fertig, Sigrid? Das Kleid steht dir so gut, aber nimm noch ein paar Rosen – auf meinem Toilettentisch steht sicher schon eine Auswahl für mich, komm, suche dir davon aus. Oh, eine Nadel? Ich gebe dir eine. Weißt du, die mit dem Türkis, die dir ja gut gefiel, die schenke ich dir, denn ich bin so froh, weil du wieder gut und lieb bist. Freilich, auf Fuxia werden wir wohl heute warten müssen – es tropfte so von den Bäumen, und das hat ihr den ganzen Puder im Gesicht verwaschen – Sascha und ich haben so lachen müssen. Aber bis das Mehl wieder so schön verteilt ist, wird's noch lange dauern!«

Und während sie plauderte, steckte Iris selbst eine köstliche Paul-Neuron-Rose mit der Türkisagraffe an Sigrids Brust fest und gab ihr dann den Kuß, den sie hätte bekommen müssen. Daß kein Dank, kein freundliches Wort ihr den Liebesdienst und das kostbare Geschenk lohnte, fiel ihr in ihrer Harmlosigkeit und Herzensgüte gar nicht auf – sie merkte auch nichts von dem Schauer, der Sigrid durchbebte, als sie ihr den schwesterlichen Kuß auf die Wange drückte.

Wie Iris vorausgesagt, mußte man lange auf Fuxia warten. Man setzte sich schließlich zu Tische, da die Gäste welche mit dem Nachtzuge abreisen wollten, sonst gar nichts mehr oder nur wenig bekommen hätten, und man war auch schon beim Braten angelangt, als Fuxia endlich erschien und atemlos ihren Platz einnahm. Sie trug eine mit der Hand farbig gestickte Robe von roher chinesischer Seide, und ihr Gesicht war tadellos ajustiert – gleichmäßig lag der feine Perlpuder darüber, Wimpern und Brauen waren dunkler denn je gefärbt, der bläuliche Ring unter den Augen machte ihr Dubarry-Gesichtchen interessanter denn je, und ihr duftiges, zum Tizian-Blond gezwungenes Haar zeigte heut einen goldigen Schimmer.

»Warum wird denn heut so zeitig gegessen?« fragte sie naiv, indem sie ihre Serviette entfaltete.

»Wir haben eine halbe Stunde nach dem zweiten Tamtamzeichen auf dich gewartet, chére enfant«, bemerkte Madame Chrysopras mit mildem Vorwurf.

»Der Koch wollte nicht länger für die Güte der Speisen einstehen«, krähte Boris schlechtgelaunt. »Ich war selbst unten in der Küche. Wütend wäre ich an des Chefs Stelle geworden, Fuxia – – eine halbe Stunde! Und dazu Sachen in der Pfanne, die keine Minute Verzögerung vertragen. Das Hummerfrikassee war auch zu trocken, Tante Iris!«

»Fandest du?« fragte Iris lächelnd. »Aber du selbst hast dem Chef doch das Rezept gegeben –«

»Natürlich! Aber in dem Rezepte steht: muß sofort serviert werden«, murrte Boris. »Der Fasan ist natürlich nicht mehr so saftig, wie er sein sollte.«

»Goodnes! And I am the culprit!« rief Fuxia mit drolliger Zerknirschung.

»Ja, in kulinarischer Beziehung versteht Boris keinen Spaß«, warf Fürst Hochwald ein. »Verzeih übrigens, Fuxia, daß wir ohne dich zu Tisch gingen –«

»Aber ich bitte dich! Freiheit, Freiheit allerwegen!« unterbrach Fuxia.

»Aber da der Marchese und Herr Aus dem Winkel nachher abreisen wollen, so durften wir sie doch nicht hungrig ziehen lassen«, vollendete der Fürst.

Fuxia horchte hoch auf.

»Well – warum höre ich jetzt erst davon?« fragte sie scharf.

»Weil es sich eben erst in der letzten Stunde entschieden hat, jedenfalls«, übernahm Sascha die Antwort. »Du machtest Toilette und bist dabei hermetisch von der Mitwelt abgeschlossen. Wer hätte es dir sagen sollen?«

»Nun, meine Kammerjungfer natürlich«, sagte Fuxia gereizt.

»Ah – – man hatte wohl vergessen, ihr die gebührende Anzeige zu machen«, replizierte Sascha lachend.

»Oh – eine gute Kammerjungfer muß alles wissen«, rief Fuxia heftig und in vollstem Ernst. »Aber Louison ist such a noodle – is she not, Boris?«

»'n unverschämtes Frauenzimmer ist sie«, brummte Boris, auf die Trüffelfüllung des Fasans näher eingehend.

»Well, Herr Aus dem Winkel – und warum reisen Sie ab?« rief Fuxia erregt dem Sänger zu.

»Der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, Fürstin«, zog Aus dem Winkel sich mit einem Zitat aus der Schlinge.

»Was heißt das?« fragte Fuxia verwundert.

Niemand antwortete.

»Und warum fragen Sie mich nicht, weshalb auch ich reise?« unterbrach Spini, der die ganze Zeit steif und still gesessen und das Mahl nur aus Rücksicht auf das Dekorum mitmachte, die allgemeine Pause.

,Oh yes – warum reisen Sie auch?« fragte Fuxia gleichgültig.

»Dem Zwang gehorchend«, erwiderte Spini beißend.

Fuxia sah ihn einen Moment verständnislos an – dann aber blitzte es auf in ihren Augen.

»Oh, ich verstehe«, sagte sie unschuldig. »Sie wollen einen Arzt konsultieren, weil Sie sich heut nacht in Strümpfen auf dem Estrich des alten Burgflügels erkältet haben!«

Wieder eine Pause, während welcher Spini nur eigentümlich lächelte, indes Sigrid mit großen Augen und blaß bis an die Lippen auf Fuxia starrte.

»Ich dachte es gleich, daß Sie sich erkälten würden«, fuhr die letztere mit boshaftem Triumph fort. »Unbeschuhte Füße und ein dünnes Musselinpeignoir – das ist doch keine Toilette für solch eine Sturmnacht!«

»In der Tat nicht«, gab Spini unbewegt zu. »Sie hätten eben so menschenfreundlich sein und warnen sollen.«

»That's a difficult task in such a Situation«, lachte Fuxia, durch Spinis Bemerkung keinesfalls aus dem Sattel gehoben. »And pray – was fanden Sie in den gespenstischen Zimmern? Eulen, Fledermäuse und Ratten? Eine hübsche Gesellschaft für derartige Expeditionen!«

»Nun, immerhin eine bessere, als Sie fanden, Fürstin«, höhnte Spini im liebenswürdigsten Tone, seinen letzten Pfeil gewissermaßen auf den Bogen legend.

»Wieso?« forderte Fuxia ihren Gegner keck heraus.

»Oh – was Sie nicht suchten«, schoß Spini den Pfeil ab. »Einen Schnurrbart und – ein Nichts?«

Eine freie Tochter des freien Amerika aber läßt sich nicht so leicht verblüffen. Sie zuckte gleichmütig mit den Achseln und aß lächelnd ihr Kompott – wie tief der Pfeil gedrungen war, konnte niemand sehen, am wenigsten Boris, der hilflos auf seine Frau, auf den Marchese und auf Sigrid starrte, deren Gesicht wie aus Stein gemeißelt schien.

»Ei nun, was soll denn das heißen? Gibt's hier auch eine Theaterrequisitenkammer, wo man Schnurrbärte finden kann?« fragte der Professor erstaunt.

Fürst Hochwald, der einsah, daß Spini in letzter Stunde noch Zwietracht und Streit provozieren wollte, hob sein Glas, das Rataiczak eben mit Sekt gefüllt hatte. »Auf das Wohl meiner Gäste«, rief er, und das allgemeine Anstoßen machte dem drohenden Thema ein Ende; denn sobald das Klingen der Gläser verhallt war, brachte Hochwald ein Gespräch über politische Tagesereignisse in Fluß, so daß bald eine allgemeine Debatte entstand, an der sich Madame Chrysopras, Sascha und hin und wieder auch Iris beteiligten, während Fuxia die kühnsten politischen Ansichten dreingab. Stumm waren nur Sigrid und Spini und in gewissem Sinne auch der durch das vorige Thema ganz »paff« gewordene Boris, der politische Tischgespräche haßte und lieber der gefrorenen Ananasbombe seine vollste Aufmerksamkeit schenkte. Nach der Tafel benutzte Fuxia die erste Gelegenheit, sich Hans Aus dem Winkel zu nähern und hastig und leise mit ihm zu sprechen. Aber so scharf Boris auch beobachtete – das ihm zugewendete Gesicht des Sängers drückte nichts aus als perfekte Höflichkeit, und das heitere Lachen, das ihm so gut stand, huschte manchmal über sein schönes braunes Gesicht.

Nur einen Moment konnte Sigrid Spinis habhaft werden, als man in den Salon zurückging.

»Hat – hat die Fürstin Ukatschin uns letzte Nacht gesehen?« fragte sie mit drohendem Blick.

Er zuckte die Achseln.

»Chi lo sá?« sagte er leicht.

»Aber die Andeutungen, die sie machte –«

»Ein Probepfeil, cara mia.«

»Sonst nichts?«

»Non só!«

Sigrid zerriß vor Ungeduld ihr Taschentuch.

»Wozu dann das Wortgefecht?« fragte sie heftig.

»Oh – weil sie weiß, daß sie in meiner Hand ist«, lächelte Spini und ging, um seine Sachen fertig zu packen.

Aber Sigrid war nicht beruhigt. Fuxia fragen? Sie hattet sich mit der Frau ihres einstigen Anbeters auf keinen sonderlich  freundlichen Fuß gestellt, auch kannte sie Fuxias vage, wortspielende Bescheide. Sie ging also nach momentanem Zögern direkt auf Fürst Hochwald zu, der an einem Nebentische stand und Kognak in eine Reiseflasche füllte.

»Warum reist der Cavaliere so plötzlich ab?« fragte sie leise.

»Sollte er dir's nicht gesagt haben?« erwiderte Hochwald ungläubig.

Sigrid machte eine ungeduldige Handbewegung.

»Du hast ihm meine Hand verweigert?«

»Richtig.«

»Warum?«

»Aus Gründen, die ich für mich behalten möchte. Er kennt sie.«

»Und darum reist er ab?«

»Es wird ihm am liebsten sein, wenn man hier glaubt, es geschähe des erhaltenen Korbes wegen.«

»Marcell – warum antwortest du mir nicht offen?« rief Sigrid leise und heftig. »Bin ich nicht die Nächste dazu, deine Gründe zu wissen? Was wirfst du Spini vor? Unehrenhaftes?«

»Sagte ich dir nicht schon, ich wünschte meine Gründe für mich zu behalten?«

Sigrid sah ein, daß sie hier nichts erreichen konnte.

»Nun, das müßte mir wohl genügen«, sagte sie. »Jedenfalls«, setzte sie hinzu, indem sie den Fürsten mit einem halben Lächeln ansah, »jedenfalls bin ich dir dankbar für die Entfernung des lästigen Freiers.«

Hochwald sah seine Schwägerin überrascht an.

»Sigrid, ist das nicht etwas – – overdone, wie Fuxia sagen würde?« erwiderte er ernst.

»Hab' ich je meine Gefühle für Spini in den Mantel des Wohlwollens gehüllt?« fragte sie hochmütig zurück.

Hochwald schüttelte verneinend den Kopf – hier stimmte sein Rechenexempel nicht.

»Und doch gabst du ihm in letzter Nacht ein Rendezvous?« fragte er leise.

»Ich? Wer sagt das? Etwa Spini selbst?« fuhr sie auf.

»Ruhig, Sigrid – kein Aufsehen. Man hat euch gesehen!«

»Oh«, sagte sie verächtlich, »das tut mir leid. Trotzdem hat man falsch gesehen. Ich war recht krank letzte Nacht – der Schreck in der Bibliothek, weißt du, und der Sturm zitterten mir in allen Nerven. Ich ging nachts herum im Korridor und bis ins alte Schloß – ich wäre im Zimmer erstickt. Dort traf mich Spini – wo er indes herumspioniert hat, weiß ich nicht. Er stützte mich auch, weil ich halb ohnmächtig war, und wollte mir im alten Flügel etwas zeigen – aber ich wollte nichts sehen, und er führte mich in mein Zimmer zurück. Das ist alles.«

»Hoffen wir, daß es alles ist«, erwiderte Hochwald trocken. Aber er glaubte Sigrid nicht, und sie fühlte das.

»Es ist gut, daß er abreist«, wiederholte sie kühl. »Ich spreche nicht allein um meinetwillen, denn er scheint mir hier im Schlosse bekannter zu sein, als vielleicht auch für dich wünschenswert ist.«

»Aha!« machte Hochwald sarkastisch. »Aber«, setzte er nicht ohne eine gewisse Schärfe hinzu, »du magst recht haben – es ist ein widerwärtiges Gefühl, Gäste bei sich dulden zu müssen, von denen man weiß, daß sie einem das Haus durchspionieren und dann das Gefundene für ihre eigenen Zwecke zu verwerten trachten.«

»Oh – wenn aber nichts zu finden ist –«

»Sei ganz ruhig. Derartige dunkle Ehrenmänner verstehen es allzeit, das Skelett im Hause zu finden«, erwiderte Hochwald trocken.

»Aber –« und Sigrid trat einen Schritt näher, mit glänzenden Augen und der Röte innerer, unnatürlicher Erregung  auf den durchsichtig blassen Wangen, »aber er wird keinen Gebrauch machen von dem, was er ausspioniert hat, Marcell! Dafür habe ich gesorgt, ich!«

Hochwald sah seine Schwägerin erstaunt an. »Unnütze Liebesmüh, liebe Sigrid«, meinte er achselzuckend. »Laß doch dem Manne sein Vergnügen! Das wirst du und ich nicht ändern.«

»Spini ist aber ein gefährlicher Mensch –«

»Ja doch! Gericht, Polizei, was? Wenn er sich dort auslachen lassen will, so wirst du das auch nicht verhindern können. Vielleicht ist's ihm sogar ganz gesund.«

Und damit nickte Hochwald seiner Schwägerin zu und brachte Aus dem Winkel die umsponnene Reiseflasche. Fast gleichzeitig meldete ein Diener den Wagen, und da Spinis Zug in der Richtung Frankfurt nur um ein geringes früher abfuhr als Aus dem Winkels Zug nach Hamburg, so benutzten beide den gleichen Wagen. Der Abschied von dem Sänger war allerseits herzlich – der von Spini entbehrte durchaus nicht der landesüblichen und vom guten Tone verlangten Höflichkeit, bei der nichts fehlte als der Händedruck, der eine der hübschesten Sitten ist, die das fin de siécle mitgebracht. Nur Madame Chrysopras war harmlos geblieben und lud Spini zu all ihren zukünftigen »Abenden« in Florenz ein, und als er dann vor Sascha stand, konnte sie nicht anders, als ihm eine kalte, bebende Hand reichen – zum letztenmal wahrscheinlich.

Nur Fuxia fehlte bei dem Abschied der beiden Herren; als der Wagen dann fortgerollt war, beschloß man, den immerhin noch ziemlich hohen Seegang von der Terrasse aus zu beobachten, wo Windschirme vor Zug schützten. Boris lief inzwischen, fortwährend: »Fuxie! Fuxie!« krähend, umher, seine Frau zu suchen, und fand sie endlich in einem der Zimmer, die an den Salon stießen, auf einem Bärenfell liegend und ohne Rücksicht auf ihr Gesicht ins Taschentuch schluchzend.

»Herrje, Fuxia! Was machst du denn da?« fragte Boris erstaunt.

»Mir bricht das Herz!« stöhnte sie, und emporspringend schüttelte sie Boris beide weiße Fäustchen dicht unter seiner Nase. »Und du bist schuld daran!« schrie sie ihn an.

Boris trat um einen Schritt zurück und brach dann in ein unaufhaltsames Gelächter aus.

»Nee, Fuxie, wie siehst du denn aus?« piepste er. »Ganz scheckig! Nee, das ist ja zum Schießen – hahahahahahahal«

Die Tränenbäche in Fuxias Augen versiegten plötzlich – mit einem Satze, wie die Katze auf die Maus, stürzte sie auf den nächsten Spiegel zu – –

»Wie 'ne tatauierte Indianersquaw!« grölte Boris, sich biegend, hinter ihr – und er hatte nicht unrecht. Eine Idee rosa Schminke, eine größere Menge Karminrot auf den Lippen, das tiefe Braun der Augenbrauen und Wimpern, der interessante bläuliche Ring um die Augen und endlich der feine Perlpuder hatten sich vermittels der Tränen unter Assistenz der Zotteln des Bärenfells zu einer interessanten Marmorierung vereinigt, die den pikanten Zügen der Fürstin Ukatschin- Chrysopras eine gewisse Wildheit verlieh. Ein paar Augenblicke starrte die schöne Fuxia das grausige Spiegelbild an, hinter dem der in Lachkrämpfen sich windende Boris erschien, und dann drehte sie sich schnell wie der Blitz um – ihre kleine, höchst kräftige Rechte hob sich – ein merkwürdig klatschendes Geräusch, und mit halbverhülltem Gesicht stürzte Fuxia an dem eben eintretenden Fürsten vorbei, der Stille ihrer Gemächer zu.

»Was war denn das?« fragte Hochwald erstaunt. »Ich hörte dich doch eben noch so lachen –«

»Jawohl, und dafür hat sie mir eine gestochen«, beklagte sich Boris wütend, indem er sich die linke Wange rieb.

Hochwald schüttelte den Kopf.

»Kinder, das geht so nicht weiter«, meinte er halb ernst, halb belustigt. »Sie schließt dich von ihrem Besitz aus, sie gibt dir Ohrfeigen –«

»Bitte! 's war die erste«, verteidigte Boris seine Frau.

»Das muß anders werden«, vollendete der Fürst.

»Jawohl! das muß anders werden«, regte sich Boris auf. »Von morgen ab, Onkel, gilt mein Wille und mein Wort allein im Hause! Willste wetten?« –

Und so war es, und zwar aus dem sehr einfachen Grunde, weil im Hause Ukatschin-Chrysopras Boris am nächsten Morgen Alleinherrscher war und niemand ihm seinen Willen streitig machte. Denn als er ziemlich spät aufwachte, fand er merkwürdigerweise Fuxia nicht mehr schlafend, sondern überhaupt nicht mehr auf ihrem nächtlichen Lager, dagegen lag auf seinem Toilettenkasten ein Brief aus grasegrünem, dickstem Billettpapier mit Johanniskäfern in der Ecke, und in diesem Briefe stand mit violetter Tinte in Fuxias klarer, geschäftsmännischer Schrift also zu lesen:


Dearest Boris!

Dem Zuge meines Herzens folgend, verlasse ich Dich. Die Liebe ist keine Fiktion, wie ich immer glaubte, sie besteht – und sie ist in mein Herz eingezogen. Our marriage was an entire mistake. Deshalb verlasse ich Dich und folge dem Manne meiner Liebe. Ich werde Dir später schreiben, ob und wenn wir unsere appearance before the Divorce-Court machen werden. Ihr habt doch einen Divorce-Court in Rußland? Wenn nicht, dann lassen wir uns in Amerika scheiden, dort geht es ganz leicht. Du bist aber wirklich quite a dear boy, also mache keinen fuss um die ganze Geschichte, like a good soul. Meine Sachen in Rom kannst Du mir nachschicken – nimm einen ordentlichen Packer dazu. Die Adresse schreibe ich noch. Und vergiß nicht, das Silber aus der Bank zu holen und mit Sicherheit – wie sagt man? an mich abzuschicken. Meine Juwelen habe ich bei mir. Als ein Andenken an mich schenke ich Dir die beiden Orloff-Traber – doch nein, schicke sie mir lieber, ich kann sie brauchen mit meinen Reitpferden. Du kannst die Jucker behalten, besser noch die Graditzer Stute für den Turf. Schicke mir doch lieber den ganzen Marstall, weißt Du. Vergiß auch die Wagen nicht. Und gedenke in Freundschaft Deiner

Fuxia


PS. Das Inventarverzeichnis meiner Sachen besitze ich, kann also das Ankommende ganz kontrollieren. Willst Du eine Kopie für die Verpackung?


PS. 2. Please, finde Dich mit Ruhe in die Sache, Aufregung usw. is quite unless und will only spoil your complexion.


Nachdem Boris diesen Brief gelesen, stand er einen Moment starr – dann vergaß er, daß er rote Saffianschlappen an den Füßen hatte, daß sein Kostüm das denkbar einfachste war, wie man es so zu Beginn der Morgentoilette zu tragen pflegt, er vergaß sogar, daß er sich in einem bewohnten Haus befand, und stürzte, wie er war, das grasgrüne Billett mit dem roten Johanniskäfer in der hocherhobenen Rechten, durch das ganze Schloß, vorbei an mehreren Bediensteten, die ihm entsetzt nachstarrten, direkt in das Arbeitszimmer des Fürsten, in dem dieser mit Sascha Auszüge aus dem Kursbuche für ihr Reise machte, während Iris und Madame Chrysopras auf einem kleinen Sofa saßen und des Hauses Hochwald lustig krähenden Erbprinzen in seinen Stimmübungen bewunderten

»Boris!« kreischte Madame Chrysopras auf, als ihr »Süßer« in dem oben angedeuteten Kostüm wie ein Besessener in das Zimmer platzte. »Boris! Um Gottes willen! Diese Toilette –«

»Soll ich mir dazu noch den Frack anziehen?« schrie Boris erbittert und durchaus unlogisch los.

»Was ist denn passiert?« erklang die ruhige Stimme Hochwalds, während Sascha und Iris sprachlos die merkwürdige Erscheinung anstarrten. Der kleine Siegfried hingegen schien den zappelnden Onkel mit den roten Schlappen, den weißen Unterinexpressibles und dem rosa Batisthemd mit moosgrünem Pastillenmuster für eine Art großen Hampelmann zu halten und machte verlangende Bewegungen nach ihm.

»Was wird denn passiert sein?« schrie Boris und schnappte nach Luft. »Fuxia –!«

»Mein Gott, ist sie krank?« rief Iris dazwischen.

»I wo! Durchgebrannt ist sie – ausgerissen wie Schafleder«, entgegnete Boris hohnlachend und warf Hochwald den grasgrünen Brief zu, sich selbst aber ließ er in den nächsten Sessel fallen.

Hochwald las den Brief laut vor.

»Quelle scandale!« jammerte Madame Chrysopras. Was werden die Leute sagen! O über dieses gräßliche unerzogene amerikanische Geschöpf mit den schlechten Manieren! Wie soll man das vertuschen?«

Sascha trat blitzenden Auges vor ihren Bruder hin.

»Boris«, sagte sie mit großer Energie, »Boris, wenn du ein Mann bist und kein Waschlappen, so reist du ihr nach, gießt ihr ein paar Kannen kaltes Wasser über den Kopf, daß sie zur Besinnung kommt, und geigst ihr dann den Text, daß ihr Hören und Sehen vergeht, verstanden?«

»Ich schließe mich Saschas Meinung voll an«, nahm Fürst Hochwald das Wort. »Ich meine, Fuxia kann zur Besinnung gebracht werden. Und das zu tun, ist zweifellos deine Pflicht, Boris.«

Boris murmelte etwas vor sich hin – aber er hatte Respekt vor Hochwald und dessen Meinungen.

»Siehste, Onkel, der Brief da – der kann mich rasend machen«, brach er dann los. »Der Brief ist der unverschämteste Wisch, den ich je gesehen – für den Brief –«

»Für den Brief kannst du ihr eine dritte Kanne Wasser über den Kopf gießen«, fiel Sascha trocken ein.

»Was werden die Menschen sagen! Was werden die Menschen sagen!« jammerte Madame Chrysopras.

»Entschließe dich, Boris«, sagte Hochwald ruhig. »Meines Erachtens mußt du ihr nachreisen und sie zurückbringen, hierher oder in dein Haus. Es ist vielleicht ganz der rechte Moment, sie mit unbeugsamer Energie auf den richtigen Weg zu lenken und ihr die Tollheiten ein für allemal auszutreiben. Versuchen mußt du es!«

Boris drehte sich unruhig und unentschlossen hin und her und balancierte seine roten Schlappen auf den Zehenspitzen – ein Vorgang, dem der kleine Siegfried die vollste Aufmerksamkeit widmete. 

»Soll ich dich begleiten?« fragte Hochwald, der einen Blick mit Iris gewechselt hatte.

»Ach, Onkel, du bist zu nett – auf Ehre!« rief Boris gerührt und fiel, aufspringend, dem Fürsten mit Vehemenz um den Hals.

»Freilich, wenn du mitfährst – – ich könnte ja ganz gut mit Fuxia auskommen, wenn – – – wann sollen wir denn fahren, Onkel? Und wohin denn?«

Sascha hatte während dieses Ergusses das Kursbuch schon in der Hand.

»Expreß nach Hamburg: 10 Uhr 45«, sagte sie trocken. »Fuxia wird mit dem Zuge 6 Uhr 30 gefahren sein. Bummelzug. Kommt nicht viel früher an als ihr.«

»Woher weißt du denn, daß sie nach Hamburg gefahren ist?« fragte Boris ganz erstaunt.

Doch der Fürst schob ihn sanft zur Tür.

»Abgemacht – wir fahren um 10 Uhr 45«, sagte er. »Nun geh aber und zieh dich an, damit du auch fertig bist, Boris! Oder soll ich dir einen Mantel holen, damit, wenn du jemand begegnen solltest –«

»I wo Onkel! Ich laufe schnell –«

»Aber das hindert doch nicht, daß dich jemand sieht. Daß meine Frau dein Deshabillé bewundern durfte, finde ich schon reichlich – hm – aber du könntest doch Sigrid begegnen –«

»Wird auch nicht davon sterben«, versicherte Boris und  schoß mit derselben Vehemenz von dannen, mit der er erschienen war.

»Nein, dieser Skandal!« seufzte Madame Chrysopras und rang die Hände. »Glaubst du denn, Marcell, daß diese Reise etwas nutzen kann?«

»Wenn Boris seiner Frau imponiert, sicherlich!« war die Antwort.

Sascha ballte beide Fäuste.

»Oh, wäre ich nur an seiner Stelle – wie würde ich ihr Mores lehren«, rief sie empört.

»Nun, den Löwenanteil nehme ich auf mich«, erwiderte Fürst Hochwald kühl. »Ich habe nicht die Absicht, Madame Fuxia meine Meinung vorzuenthalten oder ihr dieselbe sub rosa zu geben. Vielleicht kommt sie dann doch zu der Überzeugung, daß deutsche Deutlichkeit und amerikanische free-spokedness sich durchaus nicht vor einander zu schämen brauchen.« 

Als eine halbe Stunde später der Wagen zur Station schon vor der Schloßrampe hielt, und Sascha, die nur wenige Stunden später abreisen sollte, Abschied nahm von Marcell Hochwald und ihm nochmals mit warmem Händedruck dankte für alles, was er für sie getan, nahm sie Gelegenheit, ihm hastig zuzuflüstern: »Onkel, bleib nicht zu lange fort.«

»Warum? Natürlich kaum länger als nötig sein wird –«

»Nämlich Iris – das heißt eigentlich Sigrid. Ihr nie sehr hervorragend liebenswürdiger Charakter hat sich in letzter Zeit geradezu zur Unausstehlichkeit entwickelt, und ich glaube, sie quält Iris recht damit –«

»Aber Iris hat ein so glückliches Temperament, daß sie es zu  einem Krach nicht kommen lassen wird«, meinte Hochwald nachdenklich.

»Natürlich nicht. Und Sigrid benutzt das, um auf Iris sozusagen zu trampeln«, erwiderte Sascha eifrig.

»Oh– dazu gehören doch wohl drei: Einer, der's tut, einer, der sich's gefallen läßt, und der dritte, der's erlaubt. Und der bin ich nicht«, meinte der Fürst halb lächelnd, halb beunruhigt.

»Aber wenn du fort bist –! Der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit, sagt bei uns ein Sprichwort.«

Hochwald schüttelte mit dem Kopfe.

»Na, Boris, bist du endlich fertig?« rief er dem Neffen zu, der in einem mit marineblauem Foulard leicht gefütterten Staubmantel mit weit abstehendem Capuchon von roher Seide eben in der Vorhalle erschien. »Der Zug wartet nämlich nicht auf uns. Das ist so eine seiner Eigentümlichkeiten. Also vorwärts! Adieu allerseits, auf baldiges Wiedersehen! Adieu Iris« – und ein ganz bürgerlicher Kuß begleitete dies Lebewohl –«grüß mir unsern Jungen! Adieu Olga, adieu Sigrid! Und Ihnen, liebstes Professorchen, übergebe ich meine Penaten und meines Herdes Flamme –«

»Gut – ich werde darüber wachen. Machen Sie nur, daß Sie wegkommen – Gott Strambach! Mir brennt das Eisenbahnfieber für Sie schon die Adern durch!« versicherte Professor Glauchau nervös. Hochwald hakte seinen Arm in den des Gelehrten, um sich von ihm bis zum Wagen begleiten zu lassen.

»Behüten Sie mir meine Frau«, flüsterte er ihm zu, »leisten Sie ihr ein wenig Gesellschaft, ja? Sehen Sie, meine Schwägerin ist sehr nervös und quält damit meine Frau oft sehr – doch wenn Sie dabei sind, wird sie sich mehr zusammennehmen.«

»Wird alles besorgt«, versicherte der Professor. Und damit rollte der Wagen auch schon von der Rampe und zum Tor hinaus, und Iris stand in dem Portal und wußte nicht, warum ihr das Herz auf einmal so schwer wurde.

»Nanu, meine liebste Fürstin«, rief der Professor sie an »tun Sie mir den einzigen Gefallen und sehen Sie nicht so schwermütig darein. Der Herr Gemahl wird ja nicht lang bleiben –«

»Ich weiß, ich weiß – es ist ja auch zu töricht«, suchte die Fürstin Iris zu scherzen. »Aber ich kann nichts dafür, Herr Professor, mir ist so beklommen zumut –«

»Nu eben!« nickte Professor Glauchau verständnisvoll. »Sozusagen die erste Trennung? was?«

»Ja. Aber das kann's ja nicht sein. Vielleicht ist Marcell morgen abend schon wieder da – – hat er Ihnen gesagt, warum er reist?«

Der Professor schneuzte sich mit einer wahren Tischdecke von einem rotseidenen Taschentuche.

»Das heißt, der Fürst hat mir 'n kleines Exempel aufgegeben. Sagen wir –: wieviel ist zweimal zwei? Ich denke, s' macht vier. Wenn nicht 'n Wunder geschieht, ist die Reise 'nausgeschmissenes Geld. Und wenn's auch was nützt – ich hätt' sie laufen lassen!«

»Aber Professor!« ereiferte sich Iris. »Freilich Sie als verstockter und durchaus unverbesserlicher Junggeselle –«

»Allemal!« schmunzelte der kleine Gelehrte.

Madame Chrysopras, die Sigrid indes in einer Ecke ihr Herz ausgeschüttet, kam näher: »Iris – ich fürchte, ich bekomme wieder meine Migräne. Solche Emotionen sind Gift für mich. Ich werde mich daher zurückziehen – Saschas Abschied wird mir wohl dann den Rest geben. Läßt du mir oben servieren?«

»Selbstverständlich, wenn du es wünschest«, versicherte Iris. »Ich will Sascha dann selbst zur Station fahren – wer kommt mit?«

»Ich möchte Sascha vorher Lebewohl sagen«, fiel Sigrid ein. »Mir ist ja heut viel wohler, aber ich denke, ein paar Stunden vollständiger Ruhe allein im Freien werden mir guttun!«

»And a good horsewhipping too, würde Fuxia sagen«, murmelte Sascha, doch so deutlich, daß sowohl Iris wie Sigrid es  hören konnten.

Letztere zuckte mit den Achseln, nahm einen leichten Plaid und Sonnenschirm vom Ständer und ging hinaus in den Park. Iris mit Sascha und Madame Chrysopras stiegen wieder hinauf, während der Professor sich nach der Bibliothek wandte.

»Wenn die Leute doch nur geraderaus sagen wollten, was eigentlich los ist«, brummte er vor sich hin. »Was hat nur diese schöne, murksige Sigrid gegen meine Feen-Fürstin? Warum muß ich mir 'n Kopf zerbrechen, um das rauszukriegen? Aufpassen woll'n wir schon! – Nette Leute, diese Hochwalds. Warum die aber der angestrichenen Yankeemillionärin nachpreschen, das ist mir ein Rätsel. Die brauchen die doch nicht –? Hm! Hm!«

Nach weiteren fünf Minuten hatte der gute Professor zwar über den Büchern die Welt vergessen, aber doch nicht ganz seinen Auftrag. 

Ein paar Stunden später reiste auch Sascha ab, begleitet von Tränenströmen ihrer Mutter, der es zu dämmern begann, was sie an der Tochter besaß, deren Häßlichkeit ihr ein täglich neuer Stich ins Herz war. Und als der Zug schon im Fahren war, rief sie ihr unter wildem Taschentuchschwenken noch nach »Sascha – Sascha de grâce – halt dich gerade!« – Die Haltung war ja das einzige, was cette pauvre enfant an Äußerlichkeit besaß, da sie leider ja dem seligen Chrysopras ähnlich war.

Heimfahrend von der Station wunderte sich Iris im stillen, wie Marcell Hochwald, der in allem so tief angelegt war und jede Seichtheit mied, eine so oberflächliche Schwester haben konnte. »Was werden die Menschen sagen« – das war die moralische Richtschnur ihres Lebens, und wenn es Mode geworden wäre, auf den Händen zu laufen statt auf den Füßen, so hätte sie es sicher auch getan, weil eben tout le monde es tat. Natürlich verstand sie die starke Individualität ihrer Tochter nicht und nannte exaltiert, was sie nicht begriff.

Daß Geschwister so verschieden sein können, dachte Iris ihre Jucker den weichen Waldweg traben lassend. Und das brachte sie auf ihre Beziehungen zu Sigrid. Waren nicht so schroffe Gegensätze auch zwischen ihr und ihrer Schwester aufgetreten, seit –

Seit Marcell in ihr Leben getreten und sein Herz ihr zugewendet hatte.

Es fiel mit einem Male wie Schuppen von Iris' Augen: das ganze sonderbare, kränkende, verletzende Benehmen Sigrids ihr gegenüber war Eifersucht!

Und so überwältigt war sie von diesem plötzlichen, grellen Lichtstrahl, daß sie die Pferde mit einem Ruck in die Zügel zum Stehen brachte und es gar nicht merkte.

»Mein Gott, Iris, warum halten wir hier mitten im Walde? Was ist geschehen?« rief Madame Chrysopras. 

»O nichts«, murmelte Iris wahrheitsgetreu und ließ die Mausgrauen wieder antraben. »Ich war so in Gedanken, Olga, und das machten die Faulpelze sich zunutze!«

Die »Faulpelze« gingen übrigens so scharf auf die Zügel, daß Iris alle Not hatte, sie im Tempo zu halten, und das entschuldigte auch ihre Abneigung einer Unterhaltung mit Madame Chrysopras, die unaufhörlich in einem babylonischen Gemisch von Italienisch, Französisch und Englisch, »damit es der hinten aufsitzende Groom nicht verstand«, über ihre Familienleiden babbelte und kauderwelschte und Iris dadurch vollkommene Freiheit ließ, ihren eigenen Gedanken nachzuhängen, indem ein gelegentliches »Ah« und »Oh« vollkommen genügte, um die Sprecherin im Text unbeirrt fortfahren zu lassen.

Iris war immer noch wie geblendet von ihrer plötzlichen Erkenntnis.

Daß sie auch darauf nie gekommen war! Und doch war das ganz natürlich, da ihr Charakter ebensowenig wie der Hochwalds das Gefühl der Eifersucht kannte. Ein ganzes Vertrauen kennt keine Eifersucht, denn wo diese sich einschleicht, da ist eben kein ganzes Vertrauen, sondern nur jenes mißtrauische halbe, das gierig nach Beute sucht, sich und andere damit zu quälen. Eifersucht ist Kleinlichkeit und entspringt vielen Motiven. Oder nannte man Sigrids Eifersucht besser Neid, weil sie's vielleicht nicht ertragen konnte, daß Hochwalds Herz nicht ihr gehörte? Das war's nun, was Iris nicht entscheiden konnte. Aber Neid!!! Der Neid ist ein unedler Trieb, der im Hause des Grafen Erlenstein sicher nicht gesäet worden war, ja mehr noch, er ist eine Todsünde. Und doch – wenn Sigrid eifersüchtig war auf sie, weil Marcell Hochwald sie erwählt hatte, so mußte sie ihr ja auch ihr Glück beneiden!

Oh, welche grauen, verzweifelten, garstigen Gedanken mitten im Sonnenschein, im Rauschen des Eichenwaldes, den eine erfrischende Brise von der See her durchzog! Und doch, blieb ihr eine andere Lösung des Rätsels, das Sigrid ihr aufgab durch ihr seltsames Gebaren?

»Olga, könntest du Sigrid nicht zureden, dich nach England zu begleiten?« wandte sie sich an ihre Schwägerin, denn es wurde ihr ganz klar, daß ein Zusammenleben mit ihrer Schwester unter diesen Umständen unmöglich war, bis der Riß geheilt und vernarbt war durch den unfehlbarsten Arzt, die Zeit.

»Zureden?« entsetzte sich Madame Chrysopras. »Liebe Iris, ich habe seit gestern nichts anderes getan, denn der Gedanke, allein zu reisen, nun Sascha mir durch den Überfall Marcells genommen ist, macht mich ganz krank. Zureden! Ich habe sie heute früh fast auf Knien gebeten, aber du weißt ja, wie eigensinnig sie ist. Früher, als dein Vater noch lebte, wagte sie das nicht – wer hätte gedacht, daß sie sich so schroff entwickeln würde, nun die feste Hand fehlt, die sie im Zügel hielt!«

»Ja«, sagte Iris. »Ich glaube aber auch, es muß die Seeluft sie so nervös machen, und darum wäre es vielleicht besser, sie ginge mit dir. Manche vertragen die Seeluft gar nicht. Aber es scheint mir von unserer, speziell von meiner Seite so unfreundlich, ihr zuzureden, uns zu verlassen.«

»O freilich! Du bist so zartfühlend, chérie«, erwiderte Madame Chrysopras aus aufrichtigem Herzen. »Manchmal, weißt du, ist Sigrid auch keine angenehme oder bequeme compagne! Sie hat Launen – well, sie ist mir manchmal ein Rätsel gewesen, aber trotzdem nehme ich sie gern mit, sie sieht so vornehm aus – und after all, wir vertragen uns molto benissimo! Um von Rätseln zu sprechen –: was hat es denn mit dem Marchese gegeben? Warum diese eilige Abreise? Marcell schien nicht in high terms mit ihm zu sein beim Abschiede – er hat ihm nicht die Hand gegeben. Ich hab's gesehen! Marcell hat ihn hoffentlich nicht in seiner Eitelkeit verletzt – und der Marchese ist ein so berüchtigter Duellant.«

»Oh –« Iris wippte mit der Peitsche – die Antwort wurde ihr schwer. Dann sprach auch sie italienisch weiter. »Der Marchese hat sich einen Korb geholt, glaube ich –«

»Wie?« kreischte Madame Chrysopras entsetzt. »Doch nicht bei Sascha? Oh! This most troublesome and wilful girl –«

»Nicht doch, Olga!« suchte Iris ihre aufgeregte Schwägerin zu beruhigen.

»Ah«, sagte diese aufatmend. »Also bei Sigrid? Und nachdem er fast drei Jahre im Joch gegangen ist an ihrem Siegeswagen?«

»Ich weiß nichts davon, Olga – – ich habe, offen gesagt, noch nicht die rechte Courage gehabt, mit Sigrid selbst darüber zu sprechen. Aber Marcell ist doch ihr Vormund und hat als solcher den Korb erteilt –«

»Ah –!« machte Madame Chrysopras sichtlich erleichtert. »That solves the mystery!«

 Iris nickte. Was sie gesagt, war alles, was sie selbst wußte – durch Marcell, der ihr naturgemäß den Rest seiner Unterredung mit Spini nicht mitgeteilt, damit kein Wölkchen seinen »Sonnenschein« trübte.

Der Tag verging, ohne daß Iris mit Sigrid zusammen kam, außer beim Lunch und beim Fünfuhrtee, und da war letztere schweigsam, weil der Professor zugegen war und Iris ganz durch seine lebendigen Darstellungen geschichtlicher Ereignisse fesselte, bei deren Vortrag er, wie schon gesagt, völlig seinen Dialekt ablegte. Iris, deren regen Geist und Wissensdurst jedes geistige Gebiet zur Quelle des Genusses wurde, die alles mit vollem Verständnis und einer seltenen Fassungsgabe in sich aufnahm, hing mit leuchtenden Augen an den Lippen des kleinen Professors, der sich, wenn er über Geschichte sprach, zu einer Größe erhob, die das Lächerliche seiner Person und seines Alltagsmenschen ganz in den Hintergrund schob. Das war beim Tee, den sie zu dritt auf der Parkterrasse nahmen, da Madame Chrysopras ihre »Migräne pflegte«, das heißt auf der Chaiselongue lag, Zigaretten rauchte, Fondants und Pralinees naschte, starken Tee trank und den neuesten Moderoman las.

Ein Pastell von Marie Antoinette, das dem Professor in einem der Zimmer aufgefallen war, hatte ihn auf die Französische Revolution gebracht und deren Ursachen, und er sprach mit tiefem sittlichem Ernst von dem moralischen Verfall einer Dynastie, welche sich mit Stolz die Ludwigs des Heiligen nannte. Und während er sprach und Iris mit seinen Ausführungen fesselte, fühlte diese plötzlich etwas in sich wie einen dumpfen Schmerz, etwas, das ihr Pein bereitete und doch nichts Körperliches war. Gezwungen wendete sie den Kopf und sah, daß Sigrid sie betrachtete, mit einer seltsamen Spannung in den Zügen und einem faszinierenden Ausdruck des Blickes, unter dessen Bann es ihr klar wurde, daß das dumpfe, schmerzliche, unkörperliche Empfinden in ihr von dort entsprang.

Sigrid senkte den Blick, als Iris sie ansah, und letztere fühlte etwas wie eine Last von sich genommen und wandte sich mit gespannter Aufmerksamkeit wieder dem Professor zu. Bald aber kehrte das unbehagliche Gefühl wieder, und dies gab ihr die Gewißheit, daß Sigrid sie von neuem beobachtete. Aber sie bezwang sich und lehnte sich auf gegen den magnetischen Einfluß jener glitzernden, hellen Augen, in denen ein so eigner Ausdruck gewissermaßen verborgen lauerte, ein Ausdruck, für den Iris keine Deutung fand.

Doch auch der Professor sah diesen Blick – er fiel ihm plötzlich auf, mitten in seinem Vortrag, und brachte ihn zum jähen Abbrechen desselben – warum, hätte er selbst nicht sagen können.

»Da haben wir's«, sagte er nervös. »Schon wieder ist mir die Zunge mit dem Stoff durchgegangen. Und was für einen Stoff! Netter Stoff für so'n paar junge und schöne Damen –«

»Nein, Herr Professor, das müssen Sie nicht sagen«, protestierte Iris ernsthaft. »Kann man nicht auch Geschmack finden an solchen gewaltigen Dingen und Vorgängen, wenn man jung ist? Nein, Sie sollen uns nicht in die Kategorie der jungen Damen stellen, die nur Sinn haben für die Oberflächlichkeiten und unfähig sind, einzudringen in die Tiefen –«

»Gott segne Sie, allerliebste Durchlauchtige«, sagte der Professor fast zärtlich. »Sie sind eben auch anders wie die andern, und das hat er halt auch gemerkt, Ihr werter Gatte. Aber ich hab' das Pech gehabt, die Komtesse sträflich zu langweilen.«

Sigrid wandte den Blick, um ihn leicht über den Professor gleiten zu lassen.

»Gar nicht – im Gegenteil«, sagte sie ohne Ausdruck. »Sie sprachen, glaube ich, von dem moralischen Verfall der französischen Dynastie, Vererbungstheorie, nicht?«

»Nein – das können Sie wohl schwerlich so nennen, wenn's auch heutzutage zu den Schlagwörtern gehört«, erwiderte der Professor nachdenklich. »Vererbung mag ja auch dabei eine Rolle spielen, doch allein kann man sie dafür nicht verantwortlich machen.«

»Aber die Neigung zum Bösen ist doch vererblich?« warf Sigrid kühl und uninteressiert dazwischen.

»Man sagt's, aber ich glaub's nicht«, meinte der Professor trocken.

»Nein?« Sigrid richtete sich in ihrem Stuhle auf und zerbrach ein Biskuit zwischen den Fingern, »zum Beispiel aber: Kinder von Verbrechern, sagen wir von Mördern – sind sie nicht immer der Gefahr ausgesetzt, das gleiche zu tun, was ihre Eltern taten?«

»Tun Sie mir den einzigen Gefallen!« rief der Gelehrte abwehrend. »Natürlich, wenn die Kinder das Beispiel vor den Augen haben, wenn sie, sozusagen, zum Verbrechen erzogen werden, ja, dann mag's sein, daß Generationen von Verbrechern entstehen. Aber dem Einfluß beizeiten entrückt, unter dem Segen einer guten Erziehung aufwachsend, kann der Sohn vom Schinderhannes ein moralisches Muster werden.«

»Und sein Enkel?«

»Mein gutestes Komteßchen – machen Sie doch den Großvater nicht dafür verantwortlich, was der Enkel tut. Das Gute und das Böse schlummern tief in unsrer Brust – was die Erziehung aus uns macht, das werden wir.«

»Gesetzt aber, eine Frau, aufgewachsen unter der größten Sorgfalt wie eine Treibhauspflanze, begeht plötzlich ein Verbrechen – sie tötet den Gatten. Woher kommt das, woran die Erziehung keinen Teil hat?«

Professor Glauchau warf einen scharfen Blick durch seine runden Brillengläser auf Sigrid, die mit plötzlich ersichtlich gespannter Aufmerksamkeit zu ihm herübersah. »Haben Sie einen besonderen Fall vor Augen?« fragte er langsam.

»Einen besonderen? Nicht doch – man liest dergleichen doch oft in den Zeitungen«, erwiderte Sigrid ruhig, aber mit einem ihrer flackernden Blicke auf Iris, die sich passiv verhielt. »Ich las einmal von einer schönen, jungen, vornehmen Frau, die ihren Gatten tötete und hingerichtet wurde – – sie hinterließ ein Kind –«

»Nun?« fragte der Professor ruhig, weil Sigrid plötzlich wie atemlos stockte.

»Oh, nur –: wie kommt diese Frau dazu, ein Verbrechen zu begehen?« vollendete sie.

»Seelenstörung. Wo wir mit Vererbung nicht kommen können, finde ich keinen anderen Namen.«

»Aber das Kind!« rief Sigrid fast schrill. »Wird es den Spuren der Mutter nicht folgen, ist es nicht gezeichnet mit dem Kainszeichen –?«

»Mag sein für die, welche im alten Bunde leben, wo der Gott der Rache noch über den Welten schwebte. Ich aber für meine Person gehöre dem neuen Bunde an, der das Evangelium der Liebe predigt.«

Der kleine Professor sah gar nicht lächerlich aus, als er das sagte. Und doch traf ihn nur ein verächtlicher Blick aus Sigrids Augen, und ein Lächeln verzog ihre feinen Lippen, das deutlich genug auch ohne Worte: »Alter Narr«, sprach. Dr. Glauchau übersetzte sich's auch ganz in das richtige Deutsch, aber nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen, traf's ihn nicht sonderlich tief.

Sigrid zog die weiße Stirn in Falten und sah finster vor sich hin – dann, mit einer raschen Bewegung, stand sie auf. »Komm, Iris, wir wollen einen Spaziergang machen«, sagte sie fast befehlend.

Aber Iris, die sich gestern noch über dieses Entgegenkommen innig gefreut hätte, erhob sich nur widerwillig von ihrem Stuhle.

»Ich weiß nicht – mir sind meine Glieder so schwer – und 's ist doch keine Gewitterluft«, sagte sie mit einem verunglückten Lächeln. »Könnten wir nicht hier sitzenbleiben?«

»Unsinn!« rief Sigrid scharf. »Ein tüchtiger Spaziergang wird dir und mir guttun. Komm nur mit!«

»Darf ich mich den Damen vielleicht anschließen?« fragte der Professor galant.

»Ja, ach ja – bitte, kommen Sie! Wie reizend von Ihnen!« rief Iris fast fieberisch erregt und erleichtert, als wäre ihr eine Zentnerlast vom Herzen gefallen. Und ohne Umstände holte sie selbst des Professors Hut herbei, stülpte ihn lachend recht unternehmend auf den blitzblanken kahlen Schädel und hing sich in seinen Arm.

»Also vorwärts!« kommandierte sie.

Aber Sigrid rührte sich nicht. Die Lippen zusammengepreßt, ein drohendes Feuer in den Augen, stand sie da und sah Iris an.

»Nun, kommst du nicht?« fragte letztere zögernd.

»Nein – mir fällt ein, ich habe Briefe zu schreiben«, war die für den Professor eigentlich tief verletzende Antwort. Und es wollte dem kleinen Gelehrten auch »über die Hutschnur«  gehen – er wurde purpurrot im sowieso schon blühenden Gesicht und trat einen Schritt zurück – aber ein leiser Druck von Iris' Hand auf seinem Arm, ein angstvoll-flehender Blick von ihr dämpften den aufsteigenden Zorn im Keime. Er zog sehr kaltblütig mit der Linken den Hut vor Sigrid.

»Wünsche viel Vergnügen«, sagte er wieder ganz gut gelaunt und ging mit Iris stolz von dannen.

»Hören Sie, diese junge Dame, Ihre gräfliche Schwester, scheint aber stellenweise der Leibhaftige zu reiten«, meinte er mehr gemütlich als höflich im Weitergehen zu Iris. »Wenn sie sich dermaleinst verloben sollte, so sind Sie wohl so freundlich und schreiben mir's, denn ich bekenne offen, 's interessiert mich, zu wissen, wer so fürchterlich verwegen sein könnte, dieses Käthchens Petrucchio zu werden.«

»Sie muß krank sein«, entschuldigte Iris sanft. »Sie ist so überreizt – ihre Nerven –«

»Nehmen Sie mir's nicht übel, Durchlauchtchen«, widersprach ihr Begleiter –«Nerven! Na ja – entweder sie ist wirklich krank, dann aber Duschen, viel kaltes Wasser und so weiter; – oder – es ist nichts wie Laune, und dann wünsch' ich ihr einen Freier wie Wilhelm den Eroberer, da er sich von der schönen aber spröden Mathilde von Flandern endlich seine Antwort auf seinen wiederholten Antrag holte.«

»Und was tat Wilhelm der Eroberer?«

»I nu, sehen Sie – die schöne Mathilde tat so als ob se täte und zog'n sozusagen mit der Antwort an der Nase rum. Das boste nun den tapfern König, der nicht umsonst der Sohn Roberts des Teufels von der Normandie war – und wie nun alles Schöntun nichts half, da legte er sich in'n Hinterhalt, lauerte der flandrischen Prinzeß auf, als sie mal spazieren ritt mit'n paar Damen und Edelknaben, rassaunte hinterm Busche vor, riß sie, mir nichts, dir nichts vom Pferde und wichste sie mit seiner eignen, königlichen Reitpeitsche und mit seinen eignen, königlichen Fäusten, bis sie windelweich wurde und ganz artig ›ja« sagte. Die Alten wurden freilich, wie sie's hörten, erst eklig und fuchswild, aber die Hochzeit fand unter großem Pomp statt, und die Geschichte weiß nur zu erzählen, daß die schöne Mathilde eine sehr gute Frau und Königin gewesen ist.«

»Ach, lieber Professor«, seufzte Iris, »gehören Sie auch zu denen, die von jenen Tagen, da das möglich war, als von der ›guten alten Zeit‹ sprechen?«

Der Professor lachte.

»Gut mag sie ja gewesen sein – sichrer dürfen wir heutzutage auf alle Fälle leben«, meinte er heiter.

Sigrid hatte es mit ihrem »Briefschreiben« durchaus nicht eilig. Sie blieb auf der Terrasse zurück und sah finster dem ungleichen Paare nach, bis es unter den Bäumen verschwand. Dann setzte sie sich wieder in ihren Stuhl und brütete vor sich hin und merkte nicht, daß Diener diskret das Teezeug vom Tisch räumten; und so still saß sie, daß die Spatzen kamen, die Biskuitkrümchen zu ihren Füßen aufzupicken.

Erst der Ton des Tamtam, der durch die offene Vorhalle ins Freie dröhnte, schreckte sie auf.

»So muß es gehen, ohne daß jemand nachweisen kann, ich hätte es gesagt«, murmelte sie, als sie mit unsicheren Schritten wie einer, der im Schlafe wandelt, ins Haus ging, um das Kleid zu des Tages Hauptmahlzeit zu wechseln.

Letztere war eigentlich heut keine Haupt- und Staatsaktion, da nur für Iris, Sigrid und den Professor serviert wurde. Madame Chrysopras hatte noch Migräne, die sie freilich nicht hinderte, dem ihr apart, sehr verführerisch servierten Diner neben ihrer Chaiselongue alle Ehre anzutun.

Der »Chef« in der Küche atmete wahrscheinlich auch heut auf, denn er wurde nicht von Boris tyrannisiert, der ihm seine Rezepte vordeklamierte und ihm gastronomische Vorträge hielt. Denn Boris hielt sich für einen Gourmet – das war sein Steckenpferd.

Die Unterhaltung bei Tisch zwischen den dreien war nicht übermäßig lebhaft. Iris fühlte sich durch Sigrids Gegenwart beklemmt und nervös – sie verstand den Blick nicht, den Sigrid oft auf sie heftete, sie wußte nicht, was sie darin lesen sollte, und das steigerte ihre innere Unruhe. Da auch der Professor müde zu sein schien, betrachtete es Iris schließlich als willkommenen Zwischenfall, als sie eine Depesche erhielt, die von einer großen Zweigstation die Meldung brachte, daß eine Gleisversperrung die Reisenden um ein Beträchtliches an Zeit in Rückstand gebracht hätte und es nun ganz ungewiß ließe, wann sie zurückkehrten. Jedenfalls sei das Gepäck der Ukatschin-Chrysopras bereitzuhalten zum Nachsenden. So sehr Iris die Verzögerung natürlich bedauerte, so hätte sie sich doch fraglos dareingefunden, wenn – – Sigrid nicht dagewesen wäre. Sie erschrak fast vor diesem Gedanken. War es schon so weit zwischen ihr und ihrer Schwester gekommen? Woher kam das entsetzlich lähmende Gefühl, das sie unter Sigrids hellen, glitzernden Augen beschlich, das der Furcht, der feigen, elenden Furcht auf ein Haar glich?

Ich wollte, Marcell wäre da, um mir zu beweisen und zu sagen, wie töricht, wie kindisch ich bin, dachte sie mit einer gewaltsamen Anstrengung, Herr zu werden über dieses lähmende Gefühl.

»Wollen Sie Musik hören, Professor?« fragte sie, dem Gelehrten zulächelnd, nach beendetem Mahle.

»Allemal!« erwiderte dieser, Iris' Hand küssend – ein Verfahren, das ihm entschiedenes Vergnügen machte, da er dann das feine, wundervoll geformte, weiße Händchen in seiner dicken, roten Faust mit den kurzen runden Fingern bewundern konnte.

»Nun, so komm, Sigrid – wir wollen Doktor Glauchaus Ohren einmal gründlich mit Chopin berauschen«, sagte Iris, sich mit Anstrengung an die Schwester wendend.

»Ich habe nicht den Schwung für Chopin«, erwiderte Sigrid bitter. »Du hast es selbst oft gesagt –«

»Aber Sigrid –«

»Nun nein, vielleicht nicht mit Worten. Aber dein Bogen zitterte oft vor Ungeduld, und dein Fuß tippte den Boden in Verzweiflung, wenn ich nicht mit dahinstürmen konnte, wie du gewollt«, entgegnete Sigrid. »Oh, man merkt so etwas schon.«

»Das tut mir leid«, sagte Iris schlicht. »Also lassen wir Chopin. Auf jeden Fall gehen wir ins Musikzimmer, dort werden wir schon finden, was wir zusammen spielen können.«

Im Musikzimmer standen die zugleich als Fenster dienenden Türen nach der Parkseite weit offen, und die warme, duftgetränkte Abendluft strömte herein in den vornehm-einfachen und doch so behaglichen Raum mit seinen lauschigen Ecken für die Hörer.

Iris nahm ihre Geige aus dem Kasten und strich leicht mit dem Bogen darüber hin – dann legte sie ein Notenblatt auf das Pult des offenen, kostbaren Steinway-Flügels, der hier nicht als glänzend poliertes, schwarzes Palisander-Ungeheuer den Raum »aus der Stimmung« brachte, sondern im zarten, weiß-goldnen Rokokogewande mit zartgemalten Lünetten sich harmonisch in das Ganze einfügte.

Sigrid setzte sich ohne Widerspruch an den Flügel und begann das Vorspiel – es war das »Ave-Maria« von Gounod, dem die Meditation von Bach als Begleitung unterlegt ist.

Der Professor versank leise in einem der tiefen, mit seegrünem Damast bezogenen Sessel, in denen es sich so schön zuhört, wenn süße Weisen erklingen, Iris aber hob die kleine braune Geige zur Brust und trat an eines der Fenster, an dem Ranken blühender Kletterrosen herabhingen und durch dessen offene Flügel des Sommerabends ganzer köstlich-berauschender Duft von den Blumenbeeten her hereinströmte. Von Westen her leuchtete das Abendrot noch zwischen den Bäumen durch und vergoldete die Wipfel, die sich leicht neigten in der sanften Brise. Und in diesen lautlosen Abendfrieden hinein klang das »Ave-Maria« – leise ansetzend, anschwellend im heißen Flehen des staubbedrückten Menschenherzens, verklingend im gläubigen Hoffen. Und wie die weiße Gestalt so stand in dem Rahmen der Tür, auf dem wunderbaren grünen, abendrotverklärtem Grunde, das um ihr lichtes, duftiges Blondhaar einen Schein wob wie eine Aureole, die Geige an die zarte Wange gelehnt und das »Ave-Maria« hinausbetend in die warme Sommerluft, da glich sie einem jener verklärten Geister, wie die Hände der alten, frommen Meister sie auf Goldgrund zu malen liebten. Gott verhüte, daß ihr die Schwingen auch noch wachsen, auf denen sie der Welt entfliehen könnte, dachte der einsame Hörer mit Rührung, als er Bild und Ton zugleich in sich aufnahm. Sigrid spielte die Begleitung von ihres Vaters Lieblingsstück längst auswendig – ihre Augen weilten daher nicht auf den Noten, sondern auch auf der weißen Gestalt in der rosenumrankten offenen Tür – und auch sie fühlte, daß die Töne, die Iris der Geige entlockte, ein Gebet waren – das Gebet eines Herzens, das nichts wußte von Neid und Haß, von Schuld und Fehle. Aber es rührte sie nicht.

Es muß ja einmal doch kommen, dachte sie mitten in die ergreifenden Klänge hinein. Sie wird ihn eines Tages elend machen, wie sie seinen Namen schon befleckt hat durch ihre bloße Gegenwart, durch das Kainszeichen auf ihrer Stirn. Aber ich, ich werde ihn vor diesem Schicksal erretten!

Sigrids Hände verirrten sich auf den Tasten – es gab einen Mißklang, und ehe noch Iris überrascht den Kopf wenden konnte, aufgestört aus ihrer weltentrückten Stimmung, da rasten Sigrids Finger schon über die Klaviatur und spielten, nein, paukten einen Gassenhauer herunter, wie man ihn manchmal beim Vorübergehen aus einem Wirtshaus letzten Ranges klingen hört. – Und dazu lachte Sigrid, daß sie sich schüttelte, lachte wie eine Mänade, daß ihr die Tränen aus den Augen liefen.

»Sigrid, Sigrid!« kam es entsetzt von Iris' Lippen – ich glaube, sie ist wahnsinnig«, sie flüsterte es nur, so erschrocken war sie.

Da sprang Sigrid von ihrem Sessel auf. »Famos, was?« rief sie. »Das ist Musik für unseren Professor!«

Und wieder lachte Sigrid wie eine Tolle, während Professor Glauchau sich indigniert erhob. Da aber erschien um den lieblichen Mund von Iris ein seltsam fester, entschlossener Zug. Sacht legte sie ihre Geige auf den Flügel, trat rasch neben Sigrid hin und faßte sie fest am Handgelenk.

»Ich verbiete dir, in meinem Hause meine Gäste zu beleidigen«, sagte sie leise, aber mit einer Entschiedenheit, unter er sie förmlich wuchs. Und dann, sich zu dem Professor wendend: »Ich meine, wir gehen noch etwas ins Freie, ja? Und verzeihen Sie, daß –«

»Aber Durchlauchtchen – Sie werden doch nicht?« unterbrach sie der rasch versöhnte Professor fast verlegen. »Natürlich schnappen wir noch 'n bißchen Abendluft und legen uns dann beizeiten in die Bocht. Schlafen stärkt die Nerven!« Sigrid war blaß geworden, ihr Lachen versiegt. Haßerfüllt blitzte ihr Auge Iris an, aber sie bezwang sich.

»Nein aber, wie kann man denn keinen Spaß verstehen?« fragte sie, die Hände zusammenschlagend.

»Ein schlechter Spaß, Sigrid – ein trauriger Spaß« erwiderte Iris ernst.

Sigrid zuckte mit den Achseln, schlenderte aber mit, als Iris sich mit dem Professor den Dünen zuwendete. Erst schweigsam, mischte sie sich doch später mit in die Unterhaltung, eifrig beflissen, den Eindruck ihres Ausbruches von vorhin möglichst zu verwischen. Dr. Glauchau suchte auch die harmlose Stimmung zu erhalten, aber Iris war sichtlich noch nicht wieder ganz in ihrem schönen Gleichgewicht; nach einer halben Stunde waren die drei wieder am Schlosse angelangt und der Professor beurlaubte sich für heut von den Damen.

»Nun aber kein Gesichtchen mehr gemacht, allerliebste Durchlauchtige«, bat er drollig. »Und wie gesagt–«, dies mit einem Seitenblick auf Sigrid, »es lebe Wilhelm der Eroberer!«

»Was meint er denn wieder damit?« fragte Sigrid nachlässig, als sie mit Iris die Treppe hinaufstieg.

»Ach – ein Scherz«, entgegnete Iris, sich nach rechts wendend, wo die Treppe nach dem Renaissanceflügel abzweigte.

»Oh – kommst du noch etwas auf mein Zimmer? Ich wollte dich noch auf ein Stündchen in deines begleiten«, rief Sigrid überrascht.

»Ich gehe zu Tante Olga«, war die scheinbar kühle Antwort, in Wahrheit aber klopfte Iris das Herz aus Furcht vor einem Alleinsein mit Sigrid.

»Dort wirst du nicht lange bleiben«, sagte letztere mit verächtlichem Zucken des Mundes. »Es ist auch mehr, als Menschen ertragen können, wenn man zuhören soll, wie Tante Olga über Sascha, Boris und Fuxia jammert. Und außerdem noch über ihre Migräne. Ich schenke mir's für heut. Also auf später, Iris!«

Und damit glitt sie die Treppe wieder hinab ins Freie.

Iris dachte wirklich einen Moment an Flucht, das heißt daran, sich schleunigst in ihrem Zimmer einzuschließen, aber dann schämte sie sich ihrer Torheit und ihrer Schwäche. Was konnte ihr Sigrid denn anhaben? Nichts. Aber sie wollte doch ersichtlich mit ihr allein sein! Ja – nun wußte Iris plötzlich, daß sie sich davor fürchtete, vor dem fürchtete, was Sigrid sprechen würde.

Zögernd ging sie hinein zu Madame Chrysopras, die bei rosa verhüllter Lampe, die Hände über dem Magen gefaltet, in ihrer Balkontür saß und verdaute – sehr aufgelegt zu einem kleinen Schläfchen; denn das Glas Madeira, sowie von altem Rheinwein und noch älterem Burgunder je ein Glas und endlich die halbe, köstlich gekühlte Flasche Pommery Greno, die man ihr diskret serviert hatte, konnten ihre Wirkung nicht verleugnen, die Gott Morpheus sehr in die Hände arbeitete.

»Euer Koch hat es wunderbar heraus, das Trüffelpüree machen«, sagte sie schläfrig. »Auch die Charlotte russe war vortrefflich. Ich möchte das Rezept haben. Was war denn das für eine komische Musik unten? Hast du nicht auf der Geige gespielt? Aber dann dieses gräßliche Stück – –«

Iris erzählte Madame Chrysopras von Hochwalds Telegramm, und nach kurzem Hin und Her erklärte die Generalin unter zunehmenden Gähnkrämpfen, sie müsse jetzt zu Bett. Iris wendete sich nun nach ihren eigenen Zimmern, stattete dem schlafenden Kinde noch einen Besuch ab und schlüpfte dann in ihr zum Schlafzimmer führendes Ankleidezimmer, wo sie sachte den Riegel vorschob. Dann erst atmete sie auf – sie fühlte sich sicher. Sicher vor was? Vor Sigrid? In ihrem eigenen Hause?

Ich wollte, Marcell wäre erst wieder zurück, dachte sie, indem sie ihr Kleid ablegte und ihr Haar aufzulösen begann. Mit einemmal war's ihr, als hörte sie draußen leise, ganz leise Schritte, und sie sah, wie die Türklinke sich bewegte, als ob jemand von außen sie probierte. Und dann noch einmal –

Jetzt hörte sie die Stimme ihrer Kammerfrau, die unerwartet aus ihrem genau gegenüberliegenden Zimmer getreten sein mußte. »Ah – gnädige Komtesse hier? Verzeihung, ich wollte nur wissen, wer hier ging –«

»Ich wollte für die Fürstin etwas aus ihrem Ankleidezimmer holen«, sagte Sigrids Stimme. »Warum ist es verschlossen?«

»Durchlaucht sind schon zu Bett und wollten nicht mehr gestört sein.«

»Schon zu Bett? So früh? Sie war ja eben noch auf!«

Eine kleine Pause. Dann sprach Sigrid wieder.

»Meine Schwester kann unmöglich schon schlafen – führen Sie mich an ihr Bett!«

»Verzeihung, Komtesse – das kann ich nicht. Erstens ist zugeschlossen –«

»Das Schlafzimmer hat doch noch andere Eingänge – durch den Korridor, durch des Fürsten Ankleidezimmer –«

»Durchlaucht schließen nachts immer ab.«

»Ich möchte aber die Fürstin heut noch sprechen«, rief Sigrid ungeduldig.

»Ich habe bestimmte Befehle, Komtesse –«

»Es ist gut!« sagte Sigrid kurz, und Iris, die sich innen nicht gerührt hatte, atmete auf, als sie hörte, wie ihre Schwester sich entfernte.

Nicht lange darauf hörte sie sich von draußen angerufen, denn die Fenster standen auf, und das Licht brannte noch.

»Iris! Iris!«

Es blieb ihr endlich nichts übrig, als ans Fenster zu treten.

»Was gibt es, Sigrid?«

»Es ist so schön draußen – komm doch herunter.«

»Ich bin schon ausgezogen –«

»Schon? Dann komme ich zu dir hinauf –«

»Danke, Sigrid! Heut nicht. Ich bin schrecklich müde.«

»Ich muß dich sprechen, Iris!«

»Wirklich, heut nicht mehr! Bitte! Und überdies – Marcell sagte mir, er hätte sich mit dir ausgesprochen.«

Sigrid lachte – ein mißtöniges, unlustiges Lachen, das Iris auf die Nerven ging.

»Ach, du meinst wegen des edeln Ritters aus der Maremma?« rief sie hinauf. »Ich wünsche ihm glückliche Reise. Wenn es nun aber wegen Marcell selbst wäre, wenn es sich nun um ihn handelte – bist du auch dann zu müde zum Hören?«

»Ja«, sagte Iris kurz und schloß das Fenster. Was hatte Sigrid sich um Marcell zu kümmern? Der bloße Gedanke empörte sie. Und es ihr sozusagen von der Straße her zuzurufen – sie wollte und mochte nicht hören, was Sigrid zu sagen hatte. Marcell würde ihr schon selbst sagen, was sie wissen mußte.

Beunruhigt, geängstigt durch Sigrids auffallendes, fremdartiges Wesen schlief sie lange nicht ein, und es kam ihr während der größeren Hälfte der Nacht manchmal vor, als hörte sie leise Schritte auf dem Korridor, die an der Schlafzimmertür anhielten. Es war ihr auch, als würden nacheinander sämtliche in das Schlafzimmer mündende Türen auf ihren Verschluß geprüft, und jedesmal, wenn sie das leise Auf- und Niedergehen der gut geölten Türklinken hörte, saß sie mit hochklopfendem Herzen im Bette auf: »Sigrid – es ist Sigrid! Warum kommt sie in der Stille der Nacht? Was will sie?«

Als der Tag schon graute, schlief Iris endlich ein und träumte, träumte, bis die helle Sonne in das Zimmer schien und sie mit einer schrecklichen Müdigkeit in den Gliedern erwachte. Es war der alte Traum gewesen, den sie so oft geträumt: die schöne, blasse Frau, die ihre Haare in der Hand trug, die Frau im schwarzen Kleide mit dem roten Bande um den Hals, sie ließ nicht ab, ihr zuzuflüstern: »Höre nicht auf sie. Sie will dir Schreckliches sagen, will dich unglücklich machen. Weiche ihr aus. Entsagen ist so schwer, so schrecklich. Laß dich schützen von ihm – höre nicht auf sie, sonst finde ich keinen Frieden ewiglich und du auch nicht.«

Und sie hörte die Worte und hörte die Stimme, bis sie erwachte. Ob Träume etwas bedeuten? dachte sie, müde in den Sonnenstrahl blickend, der vor ihr über die Dielen huschte. »Immer und immer die Frau mit den Haaren in den Händen und den dunkelroten Rosen. Ich möchte wissen, ob Marcell weiß, was es mit den Haaren für eine Bewandtnis hat.«

Indes war Sigrid unten am Frühstückstisch ziemlich früh erschienen, etwas überwacht aussehend mit fieberrot brennenden Wangen und seltsamen rastlosen Bewegungen der Hände. Der Professor hatte schon vor ihr gefrühstückt, Madame Chrysopras tat es meist auf ihrem Zimmer, und obgleich jetzt Sigrid wartete und wartete und immer wieder fragte, so hieß es doch, die Frau Fürstin schliefe noch.

Dann kam Rataiczak mit den Postsachen und legte auf den Platz, wo Iris zu sitzen pflegte, zwei Briefe. Als er hinaus war, inspizierte Sigrid die beiden Couverts: das eine trug Hochwalds Handschrift und schien unterwegs aufgegeben. »Liebesversicherungen für sie«, murmelte Sigrid mit verzerrten Zügen. Aber als Sie den andern Brief aufnahm – der Poststempel war Zürich – da kam es seltsam über sie. Mit spitzen Fingern legte sie den Brief wieder hin an seinen Platz und ging, nein jagte ein paarmal in dem geräumigen Zimmer auf und nieder. Atemlos blieb sie wieder vor den Briefen stehen.

»Die Handschrift ist verstellt, aber Spini hat's geschrieben«, murmelte sie. »Was kann er anderes an sie schreiben wollen als das – das Bewußte? Aus Rache natürlich! Wenn er wüßte, welche Last er mir damit abnimmt – der Schatten eines Verdachtes vor Marcell wäre damit geschwunden. Es wäre ja auch so geglückt, aber wenn er mir das abnähme – – ich brauchte dann keine Furcht zu haben vor Marcells Blick. Nur für den Anfang freilich, später müßte er mir's ja danken. Wenn ich sie nur beobachten könnte – sie flieht mich und wird nicht standhalten. Wenn –«

Im selben Augenblick hörte sie die Stimme von Iris, welche der Wärterin Anweisung gab, wohin sie mit dem Kinde zu gehen habe. Sigrid warf einen raschen Blick um sich und war im nächsten Augenblick hinter einem vierteiligen japanischen Schirm verschwunden, der so gestellt war, daß er vor dem runden, großen Tisch, an dem für gewöhnlich gefrühstückt wurde, dem Platze der Hausfrau gegenüber stand. Zwischen den Scharnieren des zweiten Flügels durch konnte man den besagten Platz genau übersehen, wie Sigrid sich in der Hast überzeugte. Aber wie, wenn Iris hinter den Schirm sah, was dann? Blitzschnell überlegte sie – sie würde schnell in dem Schaukelstuhl, der hinter dem Paravent stand, Platz nehmen und sich schlafend stellen – –

Zu weiterem Überlegen blieb ihr keine Zeit, denn schon wurde die Tür geöffnet, und Iris erschien, das Zimmer mit einem Blicke überfliegend. Dann nahm sie auf ihrem Stuhle Platz, schraubte die Flamme des silbernen Teekessels etwas höher, goß den Tee-Extrakt in ihre Tasse, füllte diese aus dem Kessel auf, zog das zierlich durchbrochene Porzellankörbchen mit dem Gebäck näher und wählte rasch ein Stück – dann erst fiel ihr Blick auf die Briefe.

Ich hätte sie geahnt, geahnt, dachte Sigrid, die mit gierigen Augen durch den schmalen Ritz das Tun von Iris beobachtete.

Letztere öffnete natürlich erst den Brief ihres Gatten, und während sie las, überflog ein glückliches Lächeln ihre reizenden Züge, ein Lächeln, das der Lauscherin das Herz zusammenkrampfte in wahnsinniger Eifersucht, in einem schrecklichen, zu allem fähigen Neide. Und als sie gar sah, wie Iris vor dem Zusammenfalten den Brief zärtlich küßte und kosend an die weiche Wange drückte mit einer ganzen Welt von Glück in den schönen, klaren, unschuldigen Augen, da hätte sie fast die Herrschaft über sich verloren – – Aber sie zwang den Schrei rasender Wut zurück und blieb, wo sie war.

»Das besiegelt dein Geschick, Elende!« keuchte sie, daß es Iris hätte hören müssen, wären ihre Gedanken weniger mit dem Inhalt des Briefes, den sie nun mit dem gleichen verklärten Gesicht zu sich steckte, beschäftigt gewesen. – Über die Adresse des anderen Briefes gebeugt, schüttelte Iris ein wenig den Kopf, als wüßte sie nicht, wer ihn geschrieben haben könnte, dann öffnete sie ihn ohne sonderliches Interesse und fing an zu lesen, stutzte, wendete den Bogen um, schüttelte wieder mit dem Kopf und begann dann von vorn zu lesen und las, ohne sich zu rühren, bis zu Ende und saß dann – Sigrid dünkte es eine Ewigkeit – mit aufgestützter Hand, regungslos, als wäre sie eingeschlafen.

Endlich, endlich stand sie auf, und Sigrid sah mit einer Freude, die aus der Hölle zu kommen schien, daß aus den reizenden Zügen jede Spur von Lächeln geschwunden, daß das schöne Gesicht der jungen Frau blaß war bis an die Lippen und ihre Augen mit dem Ausdruck eines verfolgten Wildes durch das Zimmer irrten. Und um den lieblichen Mund lag ein Zug von Schmerz und Qual, der einen Stein hätte erbarmen können –

Mit bebenden Fingern faltete Iris auch diesen Brief zusammen und verließ langsam, als hätte sie Lasten zu schleppen, das kaum berührte Frühstück stehenlassend, das Zimmer.

Nun trat auch Sigrid wieder vor – höher brannten ihre fieberheißen Wangen, aus ihren glitzernden Augen blitzte es unheimlich, und die mit Gewalt zurückgedrängte Bewegung brach in einem heiseren, leisen Schrei über ihre Lippen.

»Er hat's für mich getan!« schrie sie in ihr Taschentuch hinein – sie mußte schreien, sie mußte, es hätte sie sonst getötet. »Er hat's für mich getan – sie ist getroffen, tödlich ist sie getroffen. Ich hab's gesehen. Nun wird nicht mehr so glücklich gelächelt – nie mehr. Nie! Nie! Nie!«

Es war, als würde Sigrid von Krämpfen geschüttelt – sie wankte und stürzte in die Knie, Schaum trat auf ihre Lippen, sie röchelte wie im Sterben. Und doch raffte sie sich wieder auf, und mit schwer atmender Brust, mit wankenden Knien tappte sie mit ausgestreckten Armen wie eine Blinde zu der Tür, die nach dem Garten zu geöffnet stand, taumelte hinaus in das helle Sonnenlicht und verschwand dann hinter dem Taxusgebüsch zur Rechten.

Als sie nach ein paar Stunden wieder dem Schlosse zuschritt, ging sie sicher und aufgerichtet wie immer – die Fieberröte war verschwunden, und nur ihr Mund war fester geschlossen als sonst.

»Wo ist die Fürstin?« fragte sie den Kammerdiener, der gerade aus der Tür des Speisesaales trat.

»Durchlaucht wollten ruhen nach einer schlechten Nacht und befinden sich seit dem Frühstück in ihrem Boudoir«, erwiderte Rataiczak respektvoll.

Sigrid nickte und ging weiter. Ob ich schon Zeit verloren habe? dachte sie. Törin die ich bin, mich so von einem Gedanken überwältigen zu lassen!

Beim Lunch trafen die vier Bewohner von Hochwald zusammen  – Iris war blaß und ernst und wurde von Madame Chrysopras und dem Professor ernstlich zu einer gründlichen Ruhe vermahnt. Wiederum traf während der Mahlzeit ein Telegramm von Marcell ein, das Iris schweigend ihrer Schwägerin reichte. Es lautete:

»Endlich angelangt. Winkel heut nacht nach der Vorstellung abgereist. Wir beim Betreten von Grand Hotel mit Fuxia zusammengeprallt, deren Abreise gestoppt. Boris einen Sieg erfochten. Ich Parlamentär. Komme jedenfalls morgen abend wieder. Gruß Marcell.«

»Boris! J'en suis stupéfaite!« murmelte Madame Chrysopras, Iris das Telegramm zurückreichend, mit einem hilflosen Blick, den Iris sonst nicht ohne Lächeln gesehen hätte. 

Heut aber schien ihr Mund das Lächeln verlernt zu haben, und die Sonne war aus ihrem Blick gewichen.

Als man sich erhob, knackte der kleine Professor unentschlossen mit den Gelenken seiner dicken, kurzen Finger – eine schreckliche Gewohnheit, es ist wahr –, aber Iris, vor der er stand, merkte es kaum.

»Machen wir heut wieder so'n kleines Promenadchen?« fragte er sie.

»Vielleicht ja, nachher«, erwiderte sie mechanisch. Und dann ging der kleine Kreis auseinander.

Es war ein heißer Tag, die Mittagsschwüle brütete über See, Schloß und Garten, und wenn die bunte Sonnenbrut der Insekten nicht durch die heiße Luft geschwirrt hätte, so wäre es totenstill gewesen, innen und ringsum, denn auch der kleine Siegfried schlief, und die duftigen Spitzenvorhänge um sein Bettchen wehrten den Brummfliegen, ihn zu stören.

Und durch das märchenstille Schloß glitt leise, steten Schrittes eine graue Gestalt – Sigrid Erlenstein. Die schläfrige Mittagsstimmung schien nicht auf ihr zu liegen, denn ihre Augen glänzten in einem seltsamen Feuer, und ihre Wangen waren blaß; als sie vor der Tür zu Iris' Boudoir stand, da schien's sogar ein Frösteln zu sein, das sie überlief.

Sie klopfte, und ohne eine Einladung zum Eintreten abzuwarten, betrat sie das Zimmer, Iris' ureigenstes buen retiro, in dem Liebe alles das zusammengetragen, was Reichtum und feiner Kunstsinn erlangen können, um aus vier Wänden ein kleines Zauberland zu schaffen. Rosa und Silber bildete hier die Grundfarbe – rosa Atlastapete mit Silbermuster in geschnitzten, versilberten Paneelrahmen im reichsten Rokokogeschmack bekleideten die Wände, derselbe kostbare Stoff überzog die Möbel – er hing als Portiere vor den Türen und als Vorhang vor den Fenstern über den kostbaren Spitzenstores – Möbel aller Art, vom zierlichsten Schreibpult zum Raritätenschrank, vom leichten Korbstuhl zum Etagerentisch, vom Bücherständer zur Chiffonniere, alles mit reichem, versilbertem Schnitzwerk versehen und rosa lackiert, sie schienen nur da, um Kostbarkeiten aller Art, rosengefüllte Schalen, Photographieständer – wer weiß, was alles, zu tragen. Kurz, es war ein Raum, so recht ein Hintergrund für Iris' aparte, lichte Schönheit.

Sigrid betrat nicht gern dieses Boudoir, trotzdem darin ein vortreffliches Bild des Fürsten oberhalb des Kamins dominierte und sie hier mit hungrigen Augen die Züge studieren konnte, die ihre ganze Seele beherrschten. Aber es mahnte hier jedes Stück an seine »abgöttische« Liebe zu Iris, wie sie's in der Bitternis ihres Herzens nannte, und der häßliche, gelbe, gemeine Neid krallte sich darin fest und machte sie wahnsinnig in ihrem Haß gegen das arme, liebreiche Wesen, das sie neunzehn Jahre lang Schwester genannt.

Iris saß in einem tiefen Sessel, den Kopf zurückgelehnt, in den Händen ein Papier, auf das sie fest die Wange drückte. Als Sigrid eintrat, hob sie müde den Kopf.

»Du bist's? Ich wollte eben zu dir«, sagte sie sanft.

Ein Blitz des Triumphs schoß aus Sigrids Augen.

»Ja?« fragte sie mit angehaltenem Atem.

Iris schwieg für eine kurze Weile – um ihren Mund zuckte es wie im Schmerz, und ihre Augen blickten trocken, aber tränenschwer und wie verloren vor sich hin. Doch als Sigrid sich seitwärts von ihr, den Rücken gegen die Fenster, durch die die zum Schutz gegen das Sonnenlicht halb geschlossenen Jalousien nur einen rosigen Dämmerschein einließen, in einen Sessel gleiten ließ, machte Iris eine Anstrengung, sich zum Sprechen zu überwinden.

»Ich habe heut einen Brief bekommen – anonym«, begann sie leise. »Marcell sagt – und unser Vater sagte es auch, anonyme Briefe seien eine Feigheit, und man müßte sie unbeachtet lassen. Freilich ist es feig, aus dem Hinterhalte heraus jemand anzugreifen, jemand zu treffen. Und ich bin getroffen worden und weiß nicht, was werden soll, wenn das wahr ist, was diese feige Hand mir geschrieben. Vielleicht weißt du, ob es wahr ist, Sigrid.«

»Du erschreckst mich, Iris. Was ist es?« war die heuchlerische Antwort, die Sigrid mit wildklopfendem Herzen gab. »Ich stehe an der Schwelle der Pforte zum Paradiese!« jauchzte es darin.

»Ich – ich kann nicht davon sprechen«, sagte Iris mit Qual. »Du sollst den Brief lesen.«

»Diesen?« und Sigrid griff nach dem Blatt Papier, das Iris in der Hand hielt.

»O nein«, rief Iris, ihre Hände zurückziehend. »Diesen nicht – es sind ein paar Zeilen von Marcell, und ich habe sie nicht von mir gelassen – sie sind mir ein Talisman des Trostes. Brautbriefe besitzen wir ja nicht – es ist überhaupt der einzige Brief, den ich von ihm habe – –«

Und sie zog aus der Tasche ihres Kleides den anderen, den Uriasbrief und reichte ihn Sigrid, die ihn entfaltete und hastig las:


Madame, es ist an der Zeit, Sie aufzuklären über Familienverhältnisse, die Ihnen zu sein scheinen sehr fremd noch. Oder sollten Sie dennoch wissen, daß Sie nur durch Adoption Anspruch haben auf den Namen Erlenstein? Sie sind die Tochter einer Frau, die wegen Gattenmord auf dem Schafott geendet. Wer Ihr Vater war, warum Graf Erlenstein hat adoptiert Sie – es werden sein keine Rätsel für Ihre Familie. Fragen Sie die, welche die Schmach, sich Ihre Schwester zu nennen, trägt mit Seelengröße. 

Ein Wissender.


 PS. Ihr Gatte, Madame, kann werfen keinen Stein auf Sie. Er hält verborgen im tiefen Verlies seines Hauses, beleuchtet von dem roten Licht, die Zeugen seines Verbrechens. Fragen Sie ihn, und er wird erbleichen.«


Sigrid hätte den Inhalt des Briefes nach der ersten Zeile auswendig hersagen können, denn die etwas mühsamen deutschen Lettern und die Stilwendungen, die den Ausländer verrieten, sagten ihr zu genau, wer der Absender war. Sie kannte außerdem Spinis Handschrift im Deutschen – die Schwierigkeiten, sich in dieser Sprache deutlich auszudrücken, hatten es nicht erlaubt, sie ganz zu verstellen, und für Sigrid sah der Teufelsfuß aus jedem der sorglich gemalten Worte hervor. Aber sie hütete sich wohl, das zu sagen. Sie hatte ihn auch nicht eingeweiht in das, was sie von Hochwald über Iris' Herkunft wußte, sondern ihn dabei gelassen, was er sich selbst zusammenkombiniert hatte aus den harmlosen Erzählungen jenes greisen Geistlichen. Und wenn sie noch einen Zweifel gehabt hätte über den Urheber des Briefes, der melodramatische Schluß hätten ihn ihr doch verraten. »Fragen Sie ihn, und er wird erbleichen!« – Es war, wie aus dem »Geschundenen Raubritter«.

»Nun?« fragte Iris nach einer Pause angstvoll. Aber Sigrids Augen waren noch immer mit der Nachschrift beschäftigt, die ihr verriet, was das andere vielleicht noch hätte in Zweifel lassen können.

»Willst du Marcell fragen wegen des roten Lichtes?« war ihre Antwort.

»O Sigrid!« rief Iris vorwurfsvoll. »Ich müßte mich schämen! Eine so elende Lüge unter seinen Augen nachzusprechen!«

»Wenn die Zweifel dir kommen –«

»Zweifel an Marcell? Du weißt nicht, was du sagst, Sigrid! Dieses Postskriptums wegen hätte ich den Brief ohne weiteres vernichten müssen – es wäre nur das andere, das, was mich betrifft –«

Sie hielt angstvoll ein und sah Sigrid an, die vor sich hinblickte.

»Sigrid, ist es wahr, was dieser elende, verächtliche Friedensstörer und Denunziant über – über mich schreibt?«

»Ja!« sagte Sigrid laut, hart, ohne Iris anzusehen.

Diese fiel stöhnend in ihren Sessel zurück.

»Seit wann, von wem weißt du es, wenn ich es doch nicht weiß?« rief sie vernichtet.

»Was geht's dich an? Ich habe es lange und schwer genug getragen«, war Sigrids kalte, abweisende Antwort, unter der Iris erschauerte.

»Das ist hart von dir, Sigrid«, sagte sie vorwurfsvoll, »doppelt hart, weil unsere – deine Eltern niemals zeigten wie schwer sie's getragen, und mir nichts gaben als Liebe.«

»Leider – es war die Liebe, die sie mir entzogen.«

Empört sprang Iris auf.

»Wie magst du ihnen im Grabe noch vorwerfen, was ihnen vor Gott vielleicht die Krone gegeben?« rief sie mit bebender Stimme.

Sigrid zuckte zusammen, aber sie preßte die Lippen aufeinander und schwieg. Iris indes bezwang sich und sagte sanft wie immer: »Ich will darüber nicht mit dir rechten, denn was ich von deinen Eltern empfing, ist mir so heilig, ist so unverlöschlich in mein Herz gegraben, daß es mir wehe tut, in profaner Weise darüber zu sprechen. Was sie an mir getan, ist so groß, so herrlich, daß es vor Gottes Angesicht leuchten muß wie die Sonne; das sehe ich erst jetzt ein, nun eine freche, fühllose Hand die Binde von meinen Augen genommen hat. Da es aber geschehen ist, möchte ich mehr wissen. Wer waren meine Eltern, Sigrid?«

Sigrid antwortete nicht gleich. Iris' Worte hatten in ihrem Herzen eine Saite berührt und sie dumpf erklingen lassen, aber sie fühlte nur das Schwirren, nicht den Ton, denn der drang nicht mehr durch den Panzer von Haß und Neid, der es umgab. Und gleichzeitig überlegte sie, ob sie Iris die Wahrheit sagen oder sie glauben machen sollte, daß an ihrer Geburt ein Makel haftete.

Und sie brachte es über sich und zuckte als Antwort nur mit den Achseln.

Iris wendete sich erschüttert ab und trat an das Fenster – Sigrid aber besann sich inzwischen.

»Mein Vater hatte eine Schwester«, sagte sie über die Schulter weg.

Iris wandte sich um.

»Sie war deine Mutter. Sie wurde zum Tode verurteilt und starb auf dem Schafott, weil sie ihren Gatten getötet«, vollendete Sigrid hart, teilnahmlos, und mit vernichtender Bitterkeit setzte sie hinzu: »Und das Kind der Mörderin, das Kuckucksei nahmen meine Eltern bei sich auf und drangen es ihrem eigenen Sprossen, mir als Schwester auf! Bis an mein Lebensende werde ich diese Ungerechtigkeit nicht vergessen, nicht verzeihen!«

Aber Iris hörte nicht mehr auf die Worte – nur die Erklärung tönte in ihr fort. Sie trat an ihr Schreibpult und entnahm einer Schublade desselben das weiße Maroquin-Etui, das Graf Erlenstein ihr einst gegeben; und während Sie schweigend die beiden Porträts in demselben betrachtete, fielen schwere, heiße Tropfen aus ihren Augen – Vorboten des Tränenstromes, der ihr Leid hätte erweichen und lindern müssen – wenn Sigrid es geduldet hätte. Diese aber stand auf aus ihrem Sessel und machte ein paar Schritte nach der Stelle zu, wo Iris stand.

»Nun?« herrschte sie, gereizt durch das Schweigen der letzteren.

Iris hob die Augen nicht empor – – sie fürchtete, ihre Fassung zu verlieren und vor Sigrid ihrem Leid zu erliegen.

»Möchtest du mich jetzt allein lassen?« fragte sie, leise bittend. »Ich muß mich fassen, muß mich sammeln und suchen, das Schwere zu tragen –«

»Und dann?« fragte Sigrid hart. »Dann darf ich wohl wiederkommen, um mich nach Details ausfragen zu lassen, wie? Die Mühe kannst du dir sparen, denn ich kenne sie nicht, mag sie nicht kennen. Aber vielleicht – der Fall Ravensberg soll ja damals eine cause célébre gewesen sein –, vielleicht kann Marcell dir mehr davon erzählen!«

»Marcell –« Wie ein Todesschrei kam es von Iris Lippen.

»Ja, Marcell! Er muß sich darauf noch besinnen«, fuhr Sigrid erbarmungslos fort. »Wie wird es ihn überraschen zu hören, daß die Tochter dieser Schauerheldin – sei Frau ist!«

Erblassend faßte Iris nach einer Stuhllehne, um nicht zu fallen – die Tränen in ihren Augen versiegten, und mit einem gehetzten und entsetzten Ausdruck sahen sie auf Sigrid hin und irrten dann auf das Porträt Hochwalds über dem Kamin.

»Marcell!« wiederholte sie leise, wie verlöschend, in namenlosem Jammer; dann preßte sie beide Hände auf ihr Herz und unendliches Leid malte sich auf ihrem reizenden, süßen Gesicht.

»Ja, Marcell!« rief Sigrid laut und schneidend, mit bebenden Nüstern. »Wie wird es ihn treffen, wie wird er über diesen Fleck auf seinem Wappenschilde hinwegkommen! Und ob er's glauben wird, glauben kann, daß du ihn mit deiner Person nicht absichtlich betrogen?« Sigrid war selbst erstaunt, wie alle diese Lügen so leicht über ihre Lippen kamen, und sie redete sich ganz überzeugt in dieselben hinein. »Und das Grauen, das ihn an deiner Seite überschleichen wird, wenn er sich von dir nicht trennt. Aber er muß sich von dir trennen, er kann diesen Schandfleck doch nicht durch das ganze Leben mit sich schleppen. Schlimm genug, daß auch sein Kind gezeichnet ist mit dem Zeichen Kains und er es immer vor Augen haben muß. Oh, du mußt froh sein, wenn er dich einfach fort schickt. Ganz froh! Und dann – wer weiß – könnte es dich nicht einmal gelüsten, dem Beispiel deiner gerichteten Mutter zu folgen?« Schneller und schneller hatte Sigrid gesprochen –  ihre Augen funkelten, ihre Hände bebten, sie verlor die Herrschaft über sich selbst mit jedem Worte, und ihr Blick bohrte sich in das schmerzerfüllte, blasse Antlitz ihr gegenüber. Ein leiser Schmerzenslaut kam über Iris' Lippen.

»Sigrid, warum quälst du mich?« fragte sie so sanft, daß es andere hätte zur Besinnung bringen müssen. Aber gerade der gerechte, zum Himmel schreiende Vorwurf in diesen schlichten, sanften Worten brachte Sigrid um den letzten Rest ihrer Besinnung. Wie eine Tigerin stürzte sie sich auf Iris und schüttelte sie wild an beiden Schultern hin und her.

»Warum ich dich quäle?« schrie sie zähneknirschend, hellen Wahnsinn in den Augen. »Weil es mir ein Genuß ist, dich zu quälen, du Stein auf meinem Wege, du Schandfleck unseres, seines Hauses! Warum ich dich quäle? Warum hasse ich dich, wie ich nie dachte einen Menschen hassen zu können? Weil du mir die Hälfte von der Liebe meiner Mutter gestohlen hast, genau die Hälfte, denn sie war gerecht bis zur Kleinlichkeit! Weil du mir drei Viertel von der Liebe meines Vaters gestohlen hast, denn er liebte dich mehr als mich, trotzdem es Unnatur war. Und ich hasse dich bis in den Tod, weil ich immer und immer die Martha war, du aber die Maria, die den besten Teil erwählt, und weil du mir die ganze Liebe des Mannes gestohlen hast, den ich liebte vom ersten Augenblicke an!«

Und damit stieß sie Iris von sich, daß diese wankte und unfehlbar gefallen wäre, hätte ein Möbel nicht ihren Sturz aufgehalten.

Ein, zwei, drei Minuten lang war es totenstill in dem rosigen Raum, so still, daß das Ticken der kleinen Rokokouhr auf dem Schreibpult wie Hammerschläge dröhnte. Dann streckte Iris den Arm aus und deutete nach der Tür. 

»Geh!« sagte sie sanft, aber mit einer Entschiedenheit, die Sigrid auf der Stelle zu sich brachte.

»Iris –« begann sie heftig, mit fliegendem Atem und trockenen Lippen, aber Iris wiederholte ihre Bewegung.

»Geh!« sagte sie nochmals, und mit Überwindung setzte sie hinzu: »Es wird besser sein, wir sehen uns nicht wieder, bis Marcell entschieden hat, was ich dir zu antworten habe. Ich selbst – ich möchte nicht ungerecht sein, aber im Augenblick könnte ich es werden. Geh!«

Sigrid erschrak bis ins Innerste. »Du wirst Marcell nichts sagen!« fuhr sie auf.

»Ich werde. Geh! Laß es mich nicht noch einmal wiederholen«, erwiderte Iris, kalt, blaß, leise und mit sich ringend um ruhig zu sprechen.

Sigrid stand wie angewurzelt.

»Das entscheidet die Sache anders«, sagte sie vor sich hin, mit einer Ruhe, die etwas Furchtbares hatte. Und dabei fixierte sie Iris mit einem Blick, daß Funken aus ihren Augen zu sprühen schienen, und die letztere, zu tief getroffen durch ihr eigenes Leid und durch den wahnwitzigen Ausbruch Sigrids und zu stolz, um noch Worte zu verlieren, hielt den Blick aus und deutete nur noch einmal stumm nach der Tür.

Und dann begann diese vor ihren Augen in Nebel zu zerfließen – Nebel wogten und zogen durch den rosigen Raum, Sigrids Gestalt zerfloß und löste sich auf in nichts, und nur ihre Augen, ihre hellen, kalten, glitzernden Augen blieben in der Leere hängen und bohrten ihren Blick in sie hinein, und sie mußte und mußte diese Augen ansehen und kostete es ihr Leben –

Eine tödliche Angst ergriff sie – sie wollte fort und konnte den Fuß nicht von der Stelle bringen, sie wollte die Hand ausstrecken nach dem elektrischen Knopf und läuten, aber die Arme hingen schwer an ihr herab, so schwer, daß sie sie nicht heben konnte – sie wollte rufen, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Ein Sausen und Rauschen dröhnte vor ihren Ohren, ihre Gedanken drehten sich in schneller und schneller werdendem Reigen rings um sie herum und schwanden, schwanden in unabsehbare Ferne – jetzt zog auch ein Nebel über die schrecklichen Augen in der Leere dort – und mit einem schweren, dumpfen Fall sank Iris neben dem Sofa zu Boden.

Sofort war Sigrid an ihrer Seite und zerrte sie so empor, daß ihr Kopf auf die Sofakante zu liegen kam. Dann machte sie zum Überfluß noch einige streichende Bewegungen mit den Händen über Iris' Gesicht.

»Schläfst du?« fragte sie.

»Ich schlafe«, war die ruhige Antwort.

Sigrid holte das weiße Maroquin-Etui und legte es in Iris' Hände.

»Was siehst du?« »Ich sehe die Frau, die ihre Haare in der Hand trägt«, sagte Iris ohne Zögern. »Sie streckt die Hände bittend nach mir aus – sie ist schrecklich erregt und schüttelt drohend die Faust nach dir. O und dort – dort steht – ich kenne ihn nicht – dort steht ein Mann. Er hat die linke Hand an seiner Schläfe und sieht mich an – mit meinen eigenen Augen. Doch, ich kenne ihn! Sein Bild ist in dem weißen Etui –«

Sigrid nahm Iris das Etui wieder aus der Hand.

»Ich sehe nichts mehr«, seufzte Iris schläfrig.

»Ist auch nicht nötig«, murmelte Sigrid. »Ich wollte ja nur wissen, ob die Hypnose stark genug ist. Iris, höre mich.«

»Ich höre.«

Sigrid kniete neben der willenlosen Gestalt nieder und legte ihr die Rechte auf die Schulter, leise nur, und doch zuckte Iris zusammen wie unter einem Schmerz.

»Iris«, begann Sigrid, die das Zeichen sehr wohl bemerkt, »du wirst mit Ausnahme dessen, daß ich dir die Wahrheit von dem Inhalte des Briefes bestätigte, alles vergessen, was ich heut in diesem Zimmer zu dir sagte. Hast du mich verstanden?«

»Ja«, sagte Iris.

»Ich befehle es dir!«

»Ja.«

»Wirst du gehorchen?«

»Ja.«

»Ferner befehle ich dir, das Leben nach dieser Eröffnung unerträglich zu finden. Du darfst nicht weiterleben und der Schandfleck sein in deines Gatten Leben. Verstehst du mich?«

Iris warf den Kopf auf der Sofakante hin und her – ihr Atem ging schwer – fast war's ein Röcheln. »Erbarmen – ich kann nicht – ich bin so glücklich«, murmelte sie.

Fester preßte Sigrid jetzt ihre Hand auf die Schulter der Schlafenden, daß diese aufschrie vor Pein.

»Du wirst tun, was ich dir befehle. Wirst du?«

»Nein – nein!« bäumte sich Iris auf in nutzlosem, schwachem Widerstand. Nun legte Sigrid auch ihre Linke auf Iris' rechte Schulter und konzentrierte ihren Willen dermaßen in ihrem Blick, daß sie selbst fast zusammenbrach unter der psychischen Anstrengung.

»Du wirst tun, was ich dir befehle!«

»Ja«, ächzte Iris, wie im Sterben.

»Du wirst ferner –« begann Sigrid wieder, aber sie war am Ende ihrer eigenen Kräfte. Kalter Schweiß rann herunter auf ihrer Stirn, ein Krampf schüttelte ihre Glieder, Schaum trat auf ihre Lippen – sie fiel rückwärts zu Boden und die Sinne schwanden ihr.

Als sie wieder zu sich kam und sich verwirrt emporraffte, mußte sie sich erst besinnen, wo sie war. Scheu sah sie um sich –

»Marcell!« schrie sie auf und hob den Arm gegen ihre Stirn, als müßte sie sich vor einem Schlage schützen. Aber als alles still blieb, sah sie furchtsam um sich – nein, es war nur Marcells Bild, das sie erschreckt hatte. Ja, sie war in Iris' Boudoir. Und Iris? Dort lag sie zu Füßen des Sofas, den Kopf gegen die Kante gelehnt, blaß wie eine Lilie war sie tot?

Entsetzt sprang Sigrid auf, entsetzt, trotzdem sie ihr eben noch befohlen, nicht mehr zu leben! Nein, sie lebte, man hörte den schwachen Atem deutlich in der Stille – sie schlief nur den tiefen, tiefen, künstlichen Schlaf durch fremden Willen.

Sigrids Blick fiel auf die kleine Standuhr auf dem Schreibtisch – sie hatte gefürchtet, es möchte Abend sein, und doch war es noch keine Stunde, daß sie zu Iris ins Zimmer getreten! Desto besser. Zweifelnd betrachtete sie die Schläferin – sollte sie jetzt ihr Experiment zu Ende führen? Scheu sah sie um sich. Nein, sie fürchtete sich vor den gemalten Augen dort, fürchtete sich vor Hochwalds Augen, fürchtete, der Mund dort auf dem Bilde möchte sich öffnen und zu ihr sprechen – was? Vernichtende Worte.

Ich werde sie aufwecken, dachte sie mit einem Seitenblick auf das Bild und kniete nieder vor Iris und legte wieder die Hand auf ihre Schulter.

Aber Iris –

Iris durfte nicht leben. Iris, der Schandfleck ihres und seines Namens! Was sollte sie mit Iris machen? Eine Mörderin wollte sie nicht werden! Niemals. Wie hätte sie ihre Hände so besudeln können. Hatte das nicht Iris' Mutter getan, und wie hatte es geendet? – Wenn sie Iris aber den Gedanken eingab, sich selbst zu vernichten, wer konnte dann sagen, daß sie es war, die sie getötet? Iris durfte es nur nicht wissen, daß der Gedanke nicht aus ihr selbst entsprungen war – richtig, das war's, das blieb ihr nur noch zu tun übrig!

»Iris, hörst du mich?« rief Sigrid.

»Ja.«

»Ich befehle dir, zu vergessen, daß ich es war, die dir geheißen, dein Leben von heut an unvereinbar zu finden mit dem Glücke und der Ehre deines Mannes. Wirst du vergessen?«

»Ich werde«, seufzte Iris, und sie sah dabei aus wie eine halbwelke Blume. 

Sigrid aber war längst jenseits jener Grenzen, auf denen eine Umkehr noch möglich ist, auf denen das Erbarmen noch steht und das menschliche Herz noch zu bewegen vermag. 

»Erwache!« befahl sie und hauchte Iris an. Aber so rasch ging es nicht, sie mußte es wiederholt tun, ehe Iris die Augen aufschlug und ihre Sinne zu sammeln begann. Jetzt stand Sigrid auf und glitt leise aus dem Zimmer zurück in das ihrige und legte sich dort nieder und schlief ein inmitten eines sich wie wahnsinnig jagenden Gedankenreigens, in dessen Mitte sie stand im Triumph an Fürst Hochwalds Seite. 

»Er wird mich lieben!« Das war der Refrain ihrer Gedankendithyramben, und dabei kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß ihre Seele schon befleckt war von dem Blute Iris' – denn was bedurfte es noch der Tat? Der Wille hatte sie gezeichnet mit dem Zeichen Kains. – 

Und Iris?  Sie blieb auf der Stelle, an der sie gelegen, als sie erwachte, und langsam nur war sie imstande, ihre Gedenken zu sammeln. Was war geschehen, seit sie vorhin ihr Zimmer betreten? Sigrid war bei ihr gewesen, und sie hatte ihr den anonymen Brief zum Lesen gegeben, und Sigrid hatte gesagt, es wäre alles wahr, was darin stand, und dann – – dann war Sigrid wieder fortgegangen. Jawohl! Sie war wieder fortgegangen. Iris konnte sich nicht mehr genau erinnern, ob und was sie sonst noch zusammen gesprochen hatten. Nichts, jedenfalls. Und wenn auch, was konnte es Wichtiges sein gegen die furchtbare Gewißheit, daß es wahr war, was jener feige Schreiber aus dem Hinterhalt vorgab. 

Wahr! Sie, das verwöhnte Kind des Glückes, das glückselige Weib des edelsten Mannes, die hochbeglückte Mutter eines holden Kindes – – sie, die Tochter einer Verbrecherin, die unter dem Beil des Henkers gebüßt hatte. 

Das war ein Gedanke, so furchtbar, so entsetzlich, so abenteuerlich, daß er fast undenkbar war. Und doch war es Wahrheit?

Schwerfällig, mit schmerzenden Gliedern, erhob sich Iris, und ihr erster Blick fiel auf den Brief. Sie nahm ihn auf und steckte ihn in die Tasche ihres Kleides, und mit einem schmerzlichen Stöhnen öffnete sie das weiße Etui noch einmal und betrachtete die beiden Bilder. Das wunderschöne Frauenbild mit dem Kranze weißer Rosen in den Locken war also ihre Mutter – ach, als dieses Bild entstand, trug sie wohl noch der Unschuld weiße Rosen, und kein Fleck trübte ihre reine Seele. Was hatte sie zur Verbrecherin gemacht? Ein Wahn? Unendliches Mitleid stieg in Iris' Herzen auf für die arme, verlorene Seele, und dieses Mitleid, des Kindes Tränen, die heiß und schnell auf das Glas über dem Bilde tropften, sie drängten auch das lähmende Grauen, das sie beim Anblick dieses Bildes stets so unerklärlich beschlichen, zurück – vielleicht fingen Engel diese Tränen auf und trugen sie vor Gottes Thron, um damit das Blut abzuwaschen, das an den Händen der Unglücklichen klebte, die hier auf Erden wohl gesühnt, ob aber auch im Himmel?

Doch die Tränen erleichterten Iris nicht, sie machten ihr das Herz schwer zum Brechen, denn nun kam der Gedanke: Wie wird Marcell es tragen? Zwar, diese Frage beantwortete sie sich selbst –: Er würde ihr nicht merken, sie nicht entgelten lassen, was er bei dieser Eröffnung, in diesem Bewußtsein empfand. Denn es ihm zu verschweigen, das fiel ihr gar nicht ein, weil es ein Unrecht gewesen wäre. Aber was mußte in seiner Seele vorgehen, wie würde er gepeinigt werden in dem furchtbaren Gedanken, daß sie, seine Frau, die Mutter seines Sohnes und Erben, das Kind einer Frau war, die das Gesetz verurteilt, die auf dem Schafott geendet, deren Name infam geworden und durch den Schmutz gezogen worden war von den bösen, bösen, falschen Zungen, von den Federn reklamesüchtiger Zeitungsreporter.

Oh, diese Qualen, das auszudenken!

Und er, Marcell, müßte diese Kette mit sich schleppen bis an sein Ende, und auch von seinem Sohne würde man sich, wo man ihn sah, zuflüstern: »Seine Mutter war die Tochter jener Marie Ravensberg – – Sie wissen ja schon!«

Und die Welt würde auch ihn noch zeichnen mit dem Kainszeichen.

Wenn sie nun aber nicht mehr wäre, würde dann der Fleck getilgt sein aus seinem, aus Marcells Leben?

»Ja«, sagte es laut in ihr, »du darfst nicht mehr leben, wenn du ihn lieb hast. Du mußt ihn befreien von dem Schandfleck, du mußt in den Tod gehen und damit die Schmach abwaschen von seinem Namen und aus seinem Leben.«

Iris erschrak heftig vor ihren eigenen Gedanken, die ihrer Natur so fremd waren, die so wenig paßten auf den Charakter ihres Gatten. Sie hatte das dumpfe Gefühl, als käme dieser Gedanke gar nicht aus ihr, als hätte jemand neben ihr gesprochen, dicht an ihrem Ohre – gesprochen mit einer Stimme, die ihr bekannt vorkam – – –

Oder hatte sie es doch selbst gedacht?

Verwirrt schloß sie die Augen – und da, da war es wieder. Sie eilte an das Fenster, zog die Jalousie empor und öffnete den Flügel und ließ die heiße Sommerluft hineinströmen in das Zimmer – mit ihr kam eine Welle von Blumenduft, aber es nutzte nichts: der Gedanke war da, und so oft sie ihn durch einen anderen vertreiben wollte, er kam wieder und wieder.

Erfaßt von einer übermenschlichen Furcht eilte sie in das Zimmer ihres Kindes und beugte sich über das schlafende Wunder von Lieblichkeit und sog den leisen Atem ein, als  müßte der engelhafte Hauch sie retten – – umsonst, es sang und klang auch hier in ihren Ohren: »Das Leben ist unmöglich geworden für dich – du mußt sterben, um eine Schande von ihm zu nehmen, die er nicht ertragen könnte und dürfte!

» Ein furchtbares Grauen beschlich Iris – die Schatten des Todes sammelten sich um sie, und sie fühlte ihren kalten Hauch – willenlos fühlte sie die nahende Gewißheit, und daneben klopfte ihr Herz, und jeder Schlag rief: »Leben! Leben! Ich will ja nicht sterben!«

Und die Stunden schlichen dahin unter dem Kampf dieser zwei Mächte. Ihr junges, gesundes, reines Herz, in dem kein Atom eines Zweifels lebte an den Gefühlen ihres Gatten, das ihn so gut kannte wie sich selbst, das nur betrübt war bis zum Tode über das Leid, das sie ihm bereiten mußte ohne eigene Schuld – es rang mit ihrem Kopfe, der die Verzweiflung und die Selbstvernichtung forderte, nicht aus sich selbst heraus, sondern durch einen unerklärlichen Zwang, gegen den die gesunde Natur der jungen Frau sich auflehnte, trotzdem sie wußte, daß sie unterlag.

Und das Herz wurde immer stiller und schwächer unter dem dominierenden Gedanken: »Du mußt sterben, du darfst nicht mehr leben.«

Kein Wunder, daß sie zum erstenmal ihre Pflichten als Hausfrau vergaß und, als das Kind erwacht war und wieder hinausgefahren wurde ins Freie, zurückkehrte in ihr Zimmer und dumpf vor sich hinbrütend die Teestunde versäumte! Madame Chrysopras hatte ihren Platz an der Teemaschine eingenommen und das duftende Getränk an Sigrid und den Professor verteilt.

»Iris wird doch nicht krank sein?« bemerkte Madame Olga leicht besorgt. »Sie war beim Lunch so verändert.«

Sigrid zuckte mit den Achseln, sagte aber nichts.

»Ja, du warst doch nachmittags bei ihr – ist dir nichts aufgefallen, als ob sie leidend wäre?« fragte Madame Chrysopras harmlos. 

»Ich – nachmittags bei ihr?« wiederholte Sigrid gleichsam erstaunt.

»Oder nicht?« meinte die ältere Dame. »Ja, ich weiß nicht – ich fragte beim Herunterkommen Rataiczak, ob die Fürstin noch in  ihrem Zimmer wäre, und er meinte, er wüßte nicht Komtesse wäre über eine Stunde im Boudoir von Durchlaucht gewesen –«

»Ich finde, dieser Rataiczak steckt seine Nase in Sachen, die ihn nichts angehen. Das ist ja die reine Spionage!« rief Sigrid gereizt.

»O bewahre!« rief Madame Chrysopras abwehrend, »Rataiczak ist über zwanzig Jahre bei meinem Bruder und hält sich für verpflichtet, zu wissen, was im Hause vorgeht, um immer  zur Stelle zu sein. Solche Dienstboten sind heutzutage  Seltenheiten, liebster Professor! Mich wundert ja auch nur, Sigrid, daß du einen so lang ausgedehnten Besuch bei deiner Schwester nach zwei Stunden schon total vergessen hast«, setzte sie harmlos hinzu.

Sigrid zuckte wieder mit den Achseln.

»Ja, total«, gestand sie, »Gott, es ist ja auch kein Wunder – bei dieser Hitze. Und besonders, wenn man nichts Interessantes zu reden hat.«

»Hm!« machte Madame Chrysopras ganz überzeugt, mit unterdrücktem Gähnen.

Sigrid, auf deren Wangen rote Flecke brannten und deren Atem, trotz des studiert schleppenden Tonfalles ihrer Worte schnell kam und ging, nahm einen Kek aus der silbernen Schale auf dem Teetisch und sah dabei auf.

»Mein Gott, Herr Professor, warum sehen Sie mich denn immerfort an?« rief sie irritiert und böse.

Dr. Glauchau nahm nun gleichfalls einen Kek.

»'skönnte ja erstens ein Zeichen von Wohlgefallen sein«, meinte er freundlich lächelnd. »Und zweitens – kennen Sie das Sprichwort: ›Sieht doch die Katz' den Kaiser an?‹«

Sigrid kräuselte verächtlich ihre Lippen und schoß einen noch verächtlicheren Blick auf den kleinen Gelehrten, der sie mit schiefem Kopf liebreich weiterbetrachtete.

»Warum tragen Sie runde Brillengläser?« fragte sie unvermittelt. »Konvexe, runde Brillengläser? Das sieht ja aus wie Froschaugen!«

»'shat auch einmal ein Student sehr geschickt mein Porträt auf die schwarze Tafel gezeichnet und in rückwärtsiger Darwinscher Theorie einen Frosch aus mir in verschiedenen Stadien gebildet. 'swar famos gezeichnet, meine Damen, und 's hat mir riesigen Spaß gemacht – andern auch, und das arme Bürschel kriegte trotzdem drei Tage Karzer.«

Der gute Professor sprach leicht plaudernd, aber dabei hatte er entschieden Gewissensbisse, weil er sich nicht mehr um Iris gekümmert. Er verzehrte seinen Kek und verließ dann die Damen, um das Versäumte nachzuholen.

»Woll'n wir wetten, der schöne blonde Satan, Sigrid, hat was auf dem Gewissen!« grübelte er im Gehen. »Warum hat sie's leugnen wollen, daß sie bei ihrer Schwester gewesen? Warum hat sie den armen Rataiczak 'nen Spion geschimpft? Warum log sie, daß sie den Besuch totaliter vergessen hätte? Was hat sie überhaupt, daß sie so'n Haß hat auf mein herziges Durchlauchtchen?« –«Durchlaucht oben, mein bester Rataiczak?« setzte er laut hinzu, da er den Kammerdiener auf der Treppe traf.

»Befehl, Herr Professor«, erwiderte dieser; dem Professor fiel es dabei auf, daß der Mann einen gewissen perplexen Ausdruck zur Schau trug.

»Nun, was gibt's? Durchlaucht ist doch nicht krank?« fragte er ernst.

»Ich weiß nicht, Herr Professor«, meinte Rataiczak unsicher. »Durchlaucht sind blaß – haben den Tee, den ich vorhin hinauftrug, nicht angerührt. Durchlaucht sagen sonst immer ›danke‹ und dazu ›lieber Rataiczak‹ mit einem so freundlichen Lächeln. Für den geringsten Dienst, wahrhaftig, Herr Professor!«

»Kann mir's denken, 's sieht ihr ähnlich«, nickte er. »Nun und –«

»Durchlaucht merkten es gar nicht, daß ich den Tee brachte, hörten gar nicht, wie ich nach Befehlen fragte. Und – sind Herr Professor nicht auch ein Doktor?«

»Richtig. Warum?«

»Nun, weil Durchlaucht ein Gesicht machten, als hätten sie irgendwo Schmerzen –«

»Lieber Rataiczak, ich bin leider kein Menschendoktor«, erwiderte Glauchau ernst und sympathisch, »aber zum Rechten will ich doch mal sehen.«

Er nickte und wollte weiter, aber Rataiczak öffnete den Mund, als wollte er noch etwas sagen, schwieg jedoch unentschieden.

»Haben Sie noch etwas, mein Lieber?« fragte der Professor, dem schwerlich etwas entging. »Wollten Sie vielleicht sagen, daß Durchlaucht schon beim Gabelfrühstück nicht wohl war? Ich hab's auch bemerkt«, setzte er ermutigend hinzu.

»Jawohl, Herr Professor, und vielleicht, wenn Durchlaucht nachher etwas geruht hätten, aber Komtesse Sigrid waren dann so lange bei Durchlaucht – – ich dachte immer: Du gehst jetzt 'rein und fragst wegen des Ausfahrens oder sonst was, denn Komtesse Sigrid sprachen so laut und hart und so befehlend. Ich hab' nicht etwa gehorcht, Herr Professor – man hört auch sowieso nichts in diesen teppichbelegten Stuben.«

»Na und – Sie gingen hinein, mein liebster Rataiczak?«

Der Kammerdiener räusperte sich.

»Ich hab's nicht gewagt«, gestand er. »Komtesse Sigrid haben ja so etwas – so etwas Hochfahrendes gegen unsereins, und das geht mir immer so hart herunter, Herr Professor, weil die durchlauchtigen Herrschaften beide so freundlich sind und unsereinen wie einen Menschen behandeln und nicht wie einen Knotenstock –«

»Soso! Hm! Hm! Na, und –«

»Und wie ich noch so mit mir tischkerierte, da kamen Komtesse Sigrid heraus, und ich stand, so zehn Schritt von der Tür, stramm vor ihr wie beim Militär – dicht neben der großen Standuhr, aber Komtesse muß mich gar nicht gesehen haben, denn sie zuckte nicht, wie sie an mir vorbeiging – ganz blaß, und der Mund, als wollte sie lachen, aber es war doch bloß Zähnefletschen, und die Augen – so funkelnd, so gierige Augen. Sie muß sehr böse auf Durchlaucht gewesen sein!«

»Soso! Hm! Hm!« machte wieder der Professor. »Na, wie gesagt, ich will mal selbst sehen. Vielleicht lassen Sie indes die Mausgrauen anschirren, nicht wahr? Ich hoffe, Durchlaucht fährt mich 'n bißchen spazieren!«

Rataiczak verbeugte sich sichtlich erleichtert, und der Professor klopfte gleich darauf an der Tür zu Iris' Boudoir.

Keine Antwort. Der Professor klopfte noch einmal und trat dann ohne weiteres hinein. Iris saß in einem der tiefen Sessel, den unberührten Teetisch zur Seite, die Augen ins Leere gerichtet mit einem gespannten Ausdruck in den schmerzlich verzogenen Zügen, als lauschte sie auf etwas, auf jemandes Stimme.

»Mit Verlaub, Durchlauchtigste«, sagte der Professor fröhlich, indem er die Tür hinter sich schloß, unnötig laut zwar, wodurch er aber erreichte, daß Iris auffuhr aus ihrer Lethargie.

»Oh – soll ich etwas?« fragte sie, sich nur mit Mühe sammelnd.

»Ei nun, ich dächte ja«, meinte Dr. Glauchau. »Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, geht eben der Berg zum Propheten. Ich meine in diesem besonderen Fall: wenn Durchlaucht nicht kommen, uns Tee zu kredenzen, so komm' ich mir halt welchen holen. Darf ich?« 

»Oja –« Iris raffte sich mit Anstrengung auf und begann ziellos auf dem Teetisch zu hantieren.

»Das heißt – wenn Durchlauchtchen sich etwa nicht ganz wohl fühlen sollten –« begann Dr. Glauchau zu protestieren, und da keine Antwort kam, setzte er sich ohne weiteres Iris gegenüber, ihr blasses Gesicht durch die runden Brillengläser studierend. »Na«, meinte er nach einer Weile, sich umsehend, »wenn ich mal 's Interieur von einem sogenannten Feenpalast zu schildern haben sollte, so werd' ich dieses schöne Stübchen beschreiben. Rosa und Silber – kann man sich was Zarteres denken. Und ich mittendrin! 'sverschönt mich sicherlich zusehends – ich komme mir schon selbst ganz rosenrot vor!«

Ein leises Lächeln wie ein blasser Schatten huschte unwillkürlich über Iris' Mund, aber der scharf aufpassende Professor sah es doch.

»Nein, ungelogen, man fühlt hier ordentlich, daß einem Schwingen wachsen«, fuhr er fort. »'sjuckt mir schon in'n Schulterblättern – kein prosaisches Jucken, bewahre, sondern sozusagen, als ob die Flederwische sich durchs Jackett bohren wollten, was mir nebenbei unangenehm wäre, weil ich dem Schneider den neuen Anzug noch gar nicht bezahlt habe –«

»Nein?« fragte Iris teilnahmslos.

»Nein, er kam natürlich erst in dem Moment an, wo ich abreiste, nämlich der Schneider mit dem Anzug, und da sagte ich, warten Sie gütigst, bis ich wieder da bin. Ja, sagte er und ging ab, aber ich hab's ihm schon per Postkarte geschrieben, daß die Hosen zu kurz sind. Dergleichen Unvollkommenheiten verschwinden sozusagen hier in diesem rosigen Raum. Das war wohl auch eine Idee von meinem lieben Fürsten Hochwald?«

»Ja«, sagte Iris innig. »Auf was das Auge hier fällt, ist ein Liebeszeichen von ihm –«

Die Stimme brach ihr, und sie wandte sich hastig ab.

»Ich kann's ihm nicht verdenken«, meinte der Professor mit Überzeugung. »Sehen Sie, liebste Fürstin, mein werter Freund, Ihr Gatte, hat sozusagen erst nach Johanni getan, was ich ganz verpaßt habe: gefreit und geheiratet. Er war also ein reifer Mann auf der Mittagshöhe des Lebens. Wenn so'n Mann aber freit, dann ist in seinen Gefühlen eine Stärke und eine Kraft, die man beim jungen Mann vergebens sucht. Und wenn so ein reifer Mann findet, was mein teurer Freund Hochwald in Ihnen gefunden hat, da ist er glücklich zu preisen. Nun müssen Sie ihm aber auch nicht den Kummer machen und so blaß aussehen.«

»Es ist nichts. Ich habe eine schlechte Nachricht bekommen –« stammelte Iris mit tränenschwerer Stimme.

»Die kriegt jeder mal, dazu sind sie auf der Welt«, erwiderte der Professor gemütlich. »Außerdem sieht man's auf 'ne Meile weit, daß was los ist. Den Hals wird's ja nicht kosten, Durchlauchtchen, und wenn der Herzallerliebste wieder da ist, wird er's schon wieder grade und glatt machen.«

Iris sah schnell auf.

»O das meine ich auch«, rief sie hoffnungsvoll, um sofort wieder in ihre Apathie zurückzusinken. »Es darf aber nicht sein«, flüsterte sie.

Professor Glauchau hatte, wenn er wollte, das Gehör eines Fuchses. Seine Studenten behaupteten immer, er höre die Mücken niesen.

»Ich kann nämlich nicht anders«, fuhr er fort, ohne weiter auf Iris' Bemerkung zu achten, »als Ihnen eine sogenannte Standpauke halten, Durchlauchtigste. Wenn man sich sozusagen in den Nerven erschüttert fühlt, da kann man sich meinetwegen hinsetzen und sich krank daran grübeln. Wenn man aber wie Sie einen Mann hat und ein Kind wie'n Cherub, dann wartet man hübsch, bis der Mann kommt, um ihm die Sache vorzutragen, und wenn's einem so nahegeht, daß man blaß aussieht wie Kümmelquark auf'm Wochenmarkt, da legt man sich hin und ruht sich aus, statt stundenlang mit der Komtesse Schwester zu schwatzen!« 

Iris horchte auf und das hatte Dr. Glauchau ja bezweckt.

»Stundenlang?« lächelte sie matt. »Sigrid war keine zehn Minuten heut auf meinem Zimmer.«

»Nun ja, die Zeit verfliegt, ohne daß man's merkt, im Hinundherreden«, meinte er.

Iris schüttelte mit dem Kopfe. »Sie irren, liebster Professor. Sigrid kam zufällig zu mir, ich legte ihr eine Frage vor, die sie mir, mich dünkt, recht kurz beantwortete, und dann ging sie gleich wieder, wie mir scheint!«

»Wie's Ihnen scheint«, wiederholte Dr. Glauchau mit freundlichem Nicken. »Sagt ich's nicht? So im angenehmen Parlieren verstreicht die Zeit, man weiß nicht, wohin!«

»Im angenehmen – gewiß«, sagte Iris träumerisch.

»Ja, war sie denn wieder so bockbeinig?« meinte der Professor teilnahmsvoll. »Hören Sie, Durchlauchtchen, das ist doch eine recht unangenehme Eigenschaft von Ihrer Komtesse Schwester! Hm! Hm! Leute, die hier bei der Tür vorübergingen, meinten auch, sie hätte wieder recht gezankt!«

»Sigrid?« fragte Iris erstaunt. »Davon müßte ich doch etwas wissen!«

Der Professor und die junge Frau sahen sich sekundenlang in die Augen, doch während die des ersteren hinter den Brillengläsern an Schärfe nichts verloren, sondern eher sich verstärkten, zog es nach dieser kurzen Pause wieder wie ein Schleier über die blauen, sonst so klaren und fröhlichen Augen von Iris, und ihr Blick, obwohl geradeaus sehend, schien sich nach innen zu richten; einem scharfen Beobachter konnte es nicht entgehen, daß ihre Züge dabei eine Spannung annahmen, als lauschte sie angestrengt auf Worte, die sie nur widerwillig, aber einem Zwang gehorchend, anhörte.

»Spricht jemand mit Ihnen, liebe Fürstin?« fragte der Professor nach einer Pause.

Iris nickte.

»Ja, ja«, antwortete sie flüsternd mit starrem, konzentriertem Blick. »Ich kenne die Stimme und weiß doch nicht, wem sie gehört. Ich besinne mich und zermartere mir den Kopf – ich kann aber den Namen nicht finden.«

»Ja, ja, so geht's«, bestätigte Dr. Glauchau, als wären diese seelischen Zustände ganz gewöhnlich. Und im selben Tone fuhr er fort: »Und was sagt denn die Stimme?«

Wieder zog der Ausdruck von Pein über Iris' schönes Gesicht.

»Ich darf es nicht sagen«, stöhnte sie mit erlöschender Stimme.

Der Professor erhob sich und nahm die beiden feinen, durchsichtigen Hände von Iris in seine beiden braunen, kurzen und dicken Fäuste.

»Durchlaucht, ich habe nämlich eine recht große, unbescheidene Bitte«, sagte er mit schiefem Kopf, wie eine bettelnde Bulldogge.

»Ja?« fragte Iris, mit einem Versuch zum Lächeln.

»Sehen Sie, Durchlauchtchen – mir brummt auch der Schädel von der Hitze – laufen mag ich nicht, weil ich dazu viel zu faul bin – aber wenn Sie die große Freundlichkeit haben und uns beide n' bißchen spazierenfahren würden, das sollte uns beiden 's Oberstübchen erfrischen. Nun, wie wär's?«

»Ja, ach ja, gern!« rief Iris aufspringend, mit tiefem Atemzuge. »Das ist ein guter Gedanke – das muß mir wohltun und wird das Denken, das schreckliche, im Kreise sich drehende Denken verjagen. Ich werde gleich das Anspannen bestellen –«

»Ich habe mir schon die Freiheit genommen«, schmunzelte Professor Glauchau. »Und dann fahren wir in den Wald und atmen Ozon und Sauerstoff, nicht wahr?«

Iris nickte und legte ihren Arm ohne weiteres in den des Professors, der sie hinabführte in die Halle, wo sie von dem Kleiderständer einen leichten Hut nahm und aufsetzte und ein paar wildlederne Handschuh über die Hände streifte. Rataiczak der längst auf den Wink gewartet, gab das Zeichen zum Vorfahren des leichten, zweisitzigen Wagens, bespannt mit den »Mausgrauen«, und während Iris auf ihrem hohen Sitz schon die Zügel ergriff und der Professor das schwierige Geschäft unternahm, auf der anderen Seite hinaufzuklettern, erschien Sigrid in der Tür.

»Du willst ausfahren?« fragte sie kurz.

Iris nickte und beruhigte dabei die Pferde, die ungeduldig den Boden scharrten.

»Welche Torheit, wo du dich nicht wohlfühlst«, rief Sigrid heftig. »Sei vernünftig, Iris, und geh wieder auf dein Zimmer!«

»I woher denn?« rief der Professor, der mit blaurotem Gesicht den hohen Sitz endlich mit seinen kurzen Beinchen erklettert hatte. »Herz, Leber und Lunge dürsten bei uns nach Waldozon. Nicht wahr, Durchlaucht?«

Aber Iris antwortete nicht, und Sigrid trat dicht an den Wagen heran.

»Komm herunter, Iris«, sagte sie befehlend und richtete den Blick fest auf ihre Schwester, aus deren Gesicht jeder Blutstropfen wich. »Du bist krank und darfst das Haus nicht verlassen. Du wirst dich gleich hinlegen, und ich werde dafür sorgen, daß niemand dich stört! Komm!«

»Ja«, erwiderte Iris mit fremder Stimme und ließ die Zügel fallen. Doch schnell wie der Blitz hatte der Professor sie ergriffen, und ein sehr unsportmäßiger, aber den Pferden ganz verständlicher Pfiff setzte diese sofort in Bewegung – dahin flog der leichte Wagen über den Kiesweg des Parkes nach der Richtung des Waldes zu.

Iris machte eine Bewegung, als wollte sie im vollen Fahren herausspringen, aber Professor Glauchau preßte ihr die Zügel in die Hände.

»Nun kutschieren Sie wieder«, meinte er trocken. »Immer lassen Sie die beiden Tiere laufen, was 's Zeug hält, das wird ihnen kolossal gut tun! Wahrhaftig, Sie sehen ja blaß wie'n Tischtuch! Hören Sie, das scheint mir doch 'n sehr unheiliger Einfluß zu sein, den diese werte Komtesse Schwester auf Sie ausübt –«

Iris begann tiefer zu atmen, und die Pferde, die keine Zügel fühlten, liefen in einem Pace dahin, den sie voll Übermut in einen langen Sprung verstärkten. Doch die rasche Bewegung brachte Iris zu sich – ein feines Rot erschien auf ihren Wangen; mit fester Hand faßte sie die Zügel und zwang damit die Mausgrauen zu einer vernünftigen Gangart.

»Hier ist's schön«, sagte sie tief atmend, als sie in den Wald einbogen.

»Ei nun, ich dächte wohl«, bestätigte der Professor, den Hut abnehmend. »Und nun mal 'raus mit der Katze aus'm Sack, Durchlauchtchen«, rief er ermunternd. »Was ist los? Wo drückt der Schuh?«

Aber Iris schüttelte mit dem Kopf.

»Lassen Sie mich«, bat sie freundlich. »Ich weiß, Sie meinen's gut, aber ich – ich darf's nicht sagen. Es ist eine schlechte Nachricht, die ich erhielt, und –«

»Und Komtesse Sigrid hat noch geholfen, die Hölle zu heizen«, fiel der Professor trocken ein.

Iris sah ihn überrascht an.

»Aber nein – was haben Sie nur mit Sigrid?« fragte sie. »Ich sagte Ihnen doch schon, daß sie keine zehn Minuten bei mir war, daß wir nur kurz – ich weiß nicht, wie kurz, das Thema berührten, das mich beschäftigt.«

»Und die Stimme, auf die Sie zu hören meinten?« warf er kurz und scharf hin.

»Die Stimme? Was hat Sigrid mit der Stimme zu tun?« murmelte Iris apathisch.

»Nun, ich meinte bloß – vielleicht ist's die Stimme der Komtesse Sigrid«, sagte der Professor betont.

Überrascht sah Iris auf – dann schüttelte sie mit dem Kopf. »O nein«, erwiderte sie mechanisch. »Wie könnte Sigrids Stimme so schreckliche Dinge reden –«

Der Professor schwieg, und sie fuhren, ohne zu sprechen, weiter dahin.

An einem Kreuzwege endlich, als Iris geradeaus blieb, rief er endlich: »Links, Durchlaucht, links!«

»Aber da geht's ja zur Bahnstation?« sagte sie verwundert.

»Eben ja – ich hätte dort gern auf dem Postamt was gefragt –«

»O dann natürlich!« Und Iris lenkte die Pferde links in den Weg.

Vor dem Bahnhofsgebäude, das zugleich auch Post- und Telegraphenstation war, stieg der Professor aus und verschwand schleunigst darin – aber er ließ den Postschalter unbehelligt, trat vielmehr in das Telegraphenbureau, wo er ohne weiteres an dem Tische Platz nahm, ein Depeschenformular ergriff und nach kurzem Besinnen niederschrieb:

»Fürst Hochwald, Hamburg, Grand Hotel. Bitte sofort zurückkehren. Fürstin infolge einer Nachricht psychisch stark erschüttert. Glauchau

Nachdem er das Telegramm aufgegeben, kehrte der Professor zu dem Wagen zurück und fuhr mit seiner holden Wirtin wieder heim nach Hochwald. Er plauderte dabei wohl allerlei, doch schien nichts davon Iris besonders zu fesseln. Je näher sie dem Schlosse kamen, desto teilnahmloser wurde sie, und ihre Antworten entbehrten des Zusammenhanges. Als sie vor dem Portal vorfuhren, gab Rataiczak gerade auf dem Tamtam das Zeichen zur Tafel – zum drittenmal, wie Madame Chrysopras sagte, die vor dem Schlosse den kleinen Siegfried in seinem Wagen umherfuhr.

Iris machte keine Anstalten, die Toilette zu wechseln – sie strich nur leicht über das lichte Haar ihres Erstgeborenen, der ihr trotz beginnender Müdigkeit in seiner unartikulierten Sprache zujubelte, aber trotz des einfachen, dunkelblauen Cretonne-Kleides, das sie seit früh trug, sah sie weitaus schöner aus als Sigrid, die nun auch heraustrat in gewählter, weißer Robe, einen Halbmond von Rubinen in dem hoch aufgesteckten, üppigen Haar, darin die Steine blutrot funkelten mit einem dämonischen Glanze, vor dem Iris leicht zusammenschauerte.

Sie blieb still und apathisch und sprach während des Mahles keine zehn Worte, scharf beobachtet von Sigrid, die sie kaum aus den Augen ließ, trotzdem sie sehen mußte, wie Iris in sichtlichem Unbehagen unter diesem Blicke litt. Madame Chrysopras bemerkte natürlich davon nichts – sie verordnete Iris gegen ihre »Migräne«, wie sie's nannte, in unparteiischer Reihenfolge homöopathisch Akonit, Pulsatilla und Belladonna, allopathisch eine Unmasse »Antis« und »Ins« – wie Antipyrin, Lethophenin, Antinervin, Phenacetin usw., und seufzte nebenbei über die Hitze. Der Professor aß und trank wie ein Scheunendrescher, erzählte dazu mögliche und unmögliche Geschichten, kam vom türkischen Kaiser auf den Nachtwächter und schien ganz versenkt in seine Aufgabe, als Gast dem Wirte Ehre einzulegen durch einen herrlichen Appetit und kurzweilige Unterhaltung. Und dennoch sah er die Unruhe, unter der Iris litt, er sah den seelischen Schmerz in ihren Zügen und sah den kalten, glitzernden Blick in Sigrids Augen, sah die rotfunkelnden Rubine in ihren Haaren, deren Glanz Iris zu faszinieren schien, und sagte sich selbst unablässig vor: »Gottlob, daß ich telegraphiert habe. Morgen früh muß er ja da sein. Wenn wir nur erst die Nacht hinter uns hätten!«

Ja, die Nacht! Unsäglich fürchtete sich Iris vor dem nahenden Dunkel der Nacht, so sehr fürchtete sie sich, daß sie des Kindes Bettchen in ihr Schlafzimmer tragen ließ und sich mit dem schlafenden Liebling einschloß, als es keinen Vorwand mehr gab, mit der unter Gähnkrämpfen sich verzehrenden Madame Chrysopras aufzubleiben. Sorglich untersuchte sie dann jeden Winkel, immer in der Befürchtung, Sigrids Kopf vor sich auftauchen zu sehen, und sie atmete auf, als sie sicher war, allein zu sein und wohl verwahrt gegen jeden Eindringling, allein mit dem schlafenden Kinde, dessen Atemzüge so ruhig gingen, so friedlich – –

Stöhnend sank Iris neben dem kleinen Bettchen nieder, und nun brach für die Arme eine Nacht herein, deren grausame Seelenqualen keine Feder zu schildern vermag.

Die junge Frau rang und rang mit der Stimme in ihrem Innern, die ihr befahl, das Leben als unerträglich und unverträglich mit ihren Pflichten gegen ihren Gatten zu finden, sie rang mit dem fremden Willen, der mächtiger war als ihr eigener, die langen, bangen Nachtstunden hindurch mit einer Heldenkraft, die niemand ihrer zarten Erscheinung zugemutet hätte – und sie unterlag doch.

»Nur er, er allein könnte mich retten«, schluchzte sie in die Kissen hinein, »nur er allein könnte diesen furchtbaren Bann von mir nehmen, nur er allein könnte der mörderischen Stimme in mir gebieten – – und er ist nicht da!«

Und in all diesen Seelenqualen hatte sie das Gefühl, das ihr mit eisiger Furcht bis ans Herz kroch, als ob hinter der Tür dort ein Paar glitzernde Augen durch das Schlüsselloch spähten, und manchmal glaubte sie auch ein leises Rauschen draußen zu hören, wie von einem Gewande – –

Und als der Morgen anfing zu grauen, da stieg ihre Angst, und ihr Herz klopfte wild und stürmisch und lehnte sich auf gegen den fremden Willen – es war das letzte, ohnmächtige Zucken der Todgeweihten. Eine grauenhafte, furchtbare Leere umfing sie – oh, hätte nur ein Geschöpf zu ihr gesprochen, nur eins! Selbst das oft gesehene Traumbild der gerichteten Mutter mit den langen aschblonden Haaren in den Händen, mit dem stummen Munde und den redenden Augen wäre ihr willkommen gewesen – aber sie, deren Geist ihr so oft nahe gewesen, auch sie hatte sie verlassen, verlassen wie Gott selbst, zu dem sie wie gewohnt rufen und beten wollte und doch die Worte nicht fand, seit jene Stimme ihr zu sterben gebot.

Das erste Grauen des Morgens wich einer opalgleichen Dämmerung – die ersten Stimmen, vereinzelte, verfrühte Vogelstimmen tönten durch den taufrischen Tagesanbruch – in der Ferne krähte ein Hahn, und kreischend strich ein Zug schneeweißer Möwen vom Walde seewärts. Und von dem Zuge löste sich einer der Vögel los und irrte über das Grün des Rasens vor dem Schlosse dicht über der Erde hin, rastlos, ruhelos und hob sich dann wieder mit schrillem Ton bis an das Fenster, hinter dem Iris stand, ließ sich einen Augenblick auf dem Sims nieder, sah Iris mit runden, merkwürdigen Augen an, breitete die weißen Schwingen aus und flog dem Meere zu – –

Da wandte sich Iris ab und nickte nach der Tür hin, hinter der es wie ein Bann auf sie lauerte.

»Ja«, sagte sie laut, aber mit veränderter Stimme, träumerisch wie eine Schlafwandelnde. »Ja, es ist die höchste Zeit. Laß ab – ich will es heut tun – jetzt gleich. Laß ab. Laß mir den Frieden nur in dieser Stunde – es ist genug!«

Und mit den unsicheren Schritten einer Blinden, die müden Augen weit geöffnet, trat sie an das Bett des Kindes und nahm es, umhüllt mit der seidengefütterten Spitzendecke heraus in ihre Arme, ohne daß das kleine Geschöpf davon erwacht wäre. Und mit dem Kinde im Arme schritt sie zu der gefürchteten Tür und riegelte sie auf und trat hinaus auf den Gang. Aber sie war schon jenseits irdischer Eindrücke, sonst hätte sie sehen müssen, wie eine graue Gestalt hinweghuschte bis in die nächste Fensternische, und sich dort hinter dem Vorhang verbarg – – – Iris sah nichts mehr. Stetig schritt sie weiter, und stieg die Treppe hinab, und schloß die Tür auf nach der Seeterrasse; als sie hinaustrat, fühlte sie nicht einmal die frische, scharfe Morgenbrise, die das Meer ihr entgegensandte und unter der das schlafende Kind zusammenschauerte. Sie fühlte nicht die beißende, kräftige Luft, die ihr das wirre Haar aus der Stirn blies, sie sah nicht, wie ein purpurroter Schein im Ost die nahende Sonne ankündigte, sie hörte nicht mehr das Geschrei der über den leichten Wellen kreisenden Möwen, hörte nicht das Knirschen von Rädern auf den Kiesgängen der Gartenseite – – –

»Sechs Stufen über dem Wasser während der Flut – vier Stufen darunter«, murmelte sie mit irrem Blick, indem sie das eiserne Gitter öffnete, das die Treppe von der Terrasse schied. »Eins, zwei, drei – vier – fünf –«

Iris schauerte zusammen, denn schon trat ihr Fuß im leichten Schlafschuh ins Wasser – die Flut mußte hochgestiegen sein heut.

»Sechs.« Bis an die Knöchel stand sie nun im Wasser. »Noch vier Stufen und dann der letzte Schritt in den Tod und in die Ewigkeit.«

Sie nahm das ahnungslose Kind fester in die Arme.

»Eins. Zwei.« Die leichtbewegte Flut stieg ihr fast schon bis an die Knie und begann das leichte, weiße Morgenkleid, das sie gestern abend angelegt, vollzusaugen und mit herabzuziehen. Iris schauerte es bis in die tiefste Seele hinein – mit großen, entsetzten Augen sah sie vor sich auf die endlose Wasserfläche, auf ihre geliebte Nordsee, die ihr zum Grabe werden sollte, auf der es flimmerte und zuckte von den ersten Strahlen des himmlischen Lichtes, von der Sonne, die sich siegreich im Osten erhob, von der herrlichen, strahlenden Sonne, die sie nicht mehr sehen durfte.

»Warum, warum müssen wir denn sterben, Siegfried?« schluchzte sie auf, und mit verändertem Tone zählte sie weiter: »Drei!«

Doch ehe noch ihr Fuß die Stufe, die vorletzte, die sie von Zeit und Ewigkeit trennte, ertastet hatte, umschlangen zwei riesenstarke Arme sie und das Kind und hoben sie empor – –

Ein blendendes Licht durchflutete das All – die Sonne war emporgestiegen und leuchtete wie aus Milliarden Reflektoren auf der Wasserfläche – ein Singen und Brausen tönte vor Iris Ohren, ein Stürmen fast, durch das sie ihren Namen von lieber, lieber Stimme zu hören meinte, dann ein Schrei wie aus Kindermund – und dann versank alles vor ihr in tiefe, tiefe Nacht, daß sie die schmerzenden Augen schließen mußte –

Und als sie den Blick wieder aufschlug, da lag sie auf dem Gartensofa in dem Saal vor der Seeterrasse, und Marcell Hochwald hielt sie fest umschlungen, und vor ihr stand der Professor Glauchau im grün-gelb gestreiften Schwimmanzuge und wiegte den kleinen Siegfried in seinen Armen wie eine gelernte Kinderfrau, und Rataiczak, dem dicke, schwere Tränen über das Gesicht liefen, versuchte ihr eine starke, scharfe Flüssigkeit einzuflößen.

»Nur noch eine Stufe – die letzte!« schrie Iris auf. »Muß ich denn sterben, Marcell?«

»Nein, mein Liebling«, beschwichtigte Hochwald, kaum seiner Stimme mächtig. »Herr Gott«, schrie auch er auf, »wenn ich eine Stunde zu spät kam – wenn Sie nicht erwachten, Glauchau!«

»Ja, ja«, sagte der, das Kind schaukelnd, mit merkwürdig stoßender Stimme.

»Und ich habe geschlafen! Habe nicht gewacht!« jammerte Rataiczak.

Fürst Hochwald faßte sich mit höchster Willenskraft.

»Sie lebt«, sagte er schlicht. »Laßt sie uns hinaufschaffen, ehe jemand etwas merkt. Wozu das Aufsehen? Rataiczak hilf – Professor, Sie tragen das Kind. Vorwärts!«

Ohne Lärm, rasch und stetig bewegte sich die seltsame Prozession den Weg zurück, den Iris vor kaum zwanzig Minuten hinabgeschritten war. Keine Seele war wach im Schloß – nur einer hatte das Vorfahren des Mietwagens gehört – Rataiczak. Der Professor hatte nicht mehr schlafen können; – im Vertrauen darauf, niemand zu begegnen, wollte er ein Bad nehmen an der Seeterrasse und hatte verwundert die Tür dahin offen gefunden. Und dann hatte er Iris gesehen, wie sie die Treppe hinabzuschreiten begann, und zugleich hörte er die Tür öffnen für Fürst Hochwald – – Auch Professoren verlieren manchmal den Kopf, und so kam's, daß, statt Iris aufzuhalten, Dr. Glauchau erst dem Fürsten entgegenlief und ihn zur Seeterrasse zog – fast zu spät.

Ich werd's nie vergessen, dachte er erschüttert, als er mit dem Kinde im Arm hinter Hochwald herschritt, der Iris fest in den Armen trug, unterstützt von Rataiczak. Sie legten Iris in ihrem bis an die Knie triefend nassen Kleide zunächst auf ein Ruhebett, und Hochwald versuchte, ihr das leichte Gewand abzustreifen, aber Iris schlang ihre Arme um seinen Hals und schrie auf und bat himmelhoch, sie nicht zu verlassen.

»Wenn du bei mir bist, ist die Stimme nicht da«, schluchzte sie, und obwohl Hochwald den Sinn nicht faßte, tat er doch nur zu gern, um was sie ihn bat.

Nun half freilich nichts – Rataiczak mußte die Kammerfrau wecken, die übrigens sogleich auf dem Posten war, Iris von den nassen Kleidern befreite und sie zu Bett brachte, an dem Marcell Platz nahm, Iris' Hand in der seinen. Nach einigem unruhigen fieberhaften Hinundherwerfen schlief sie ein aus reiner Erschöpfung, und nun wagte er's, sich leise zu entfernen, um mit dem Professor zu sprechen, der im Nebenzimmer immer noch das Kind auf den Armen wiegte und sich in der mehrenden Helle des Tages der Mangelhaftigkeit seines Anzuges immer genierter bewußt wurde, trotzdem aber, aller Dezenz trotzend, seinen Posten nicht verließ. Doch kaum hatte Hochwald Iris' Hand losgelassen, als letztere auch schon auffuhr und zum Bett hinaus wollte, so daß der Fürst alle Mühe hatte, sie festzuhalten.

»Bleib bei mir, o bleib bei mir«, flehte sie. »Wenn du mich nicht hältst, muß ich in den Tod –«

»Nicht doch, Iris, mein Liebling, nicht doch – weißt du denn nicht, wie notwendig du bist für mein Glück? Laß doch diesen furchtbaren Gedanken –«

»Halte meine Hand!« stöhnte sie. »Dein Wille ist stärker als der andere, der mich sterben heißt. Und wenn du nicht bei mir bleibst, muß ich ja doch fort in den kalten, schrecklichen, unbarmherzigen Tod!«

Großer Gott, was ist hier vorgegangen? dachte Hochwald erschüttert – er begann an ein seelisches Leiden zu glauben, an eine geistige Umnachtung seines Weibes. Doch er tat, um was sie bat – er setzte sich am Bettrand nieder und hielt ihre beiden Hände fest in den seinen, und wieder fiel sie in den Schlaf der Erschöpfung.

Die Kammerfrau hatte inzwischen die Wärterin geholt und mit ihr des Kindes Wiege in das Kinderzimmer zurückgeschafft, und dort schlief nun der kleine Siegfried so ruhig weiter, als wäre das nasse Grab ihm heute nicht schon um ein Haarbreit nahe gewesen. Die Kammerfrau aber schloß die Jalousien des Schlafzimmers und räumte leise etwas auf, denn Iris hatte sie gestern abend gar nicht hereingelassen zum Auskleiden; dabei nahm sie auch aus der Tasche des blauen Cretonne-Kleides ein Taschentuch, ein zierliches Schlüsselbund und einen Brief, legte alles auf den Nachttisch und entfernte sich dann leise, während Marcell den Schlaf seiner Frau bewachte und sich die erschütternden Eindrücke der letzten halben Stunde zurechtzulegen, zu erklären suchte. Da fiel sein Blick auf den Brief, den die Kammerfrau auf den Nachttisch gelegt, und leise seine Rechte losmachend von den Händen, die die seinen umklammerten, nahm er das vielfach zerknüllte Papier und las mühsam in dem grünlichen Dämmerlicht den Uriasbrief, den Sigrid als von Spini stammend erkannt hatte.

Das also war's! 

Hochwald konnte nicht anders – er mußte die Schlafende in seine Arme nehmen, und indem er heiße Küsse ihr auf Mund, Stirn und Wangen drückte, rannen ihm die Tränen aus den Augen auf ihr süßes Gesicht hinab, Tränen, denen er sich nicht schämte, denen er nicht einmal zu wehren dachte, Tränen, unter denen ein Ausdruck des Friedens über das holde Gesicht der Schläferin kam, unter denen die Spannung ihrer Züge sich zu lösen schien –

Aber unter den Tränen dieses tiefsten, erschütterndsten Mitleids stieg in Marcell Hochwalds Herzen ein heiliger, flammender Zorn auf gegen das Geschöpf, das mit frecher Hand den Schleier riß von dem unschuldsvollen Dasein dieses jungen Weibes, das Liebe behütet hatte vor der bitteren Frucht der Erkenntnis bis zu dieser Stunde. Wer hatte so roh, so fühllos sein können? Jene melodramatische Anklage gegen ihn selbst – – sie zerfiel vor dem anderen in nichts, er dachte kaum ihrer – aber die Hand, die von den tadellosen, glänzenden Schwingen dieser Seele den Blütenstaub streifen konnte – verdiente sie anders, als im höllischen Feuer zu dorren? Und sein Herz bebte in Entrüstung über dieses Bubenstück, das er als Ursache von Iris' fast unerklärlichem Tun erkennen mußte, denn was hätte sie, die Reine, sittlich und religiös Makellose, zu der sündigen, furchtbaren Tat der Selbstvernichtung treiben können, das Kind, ihr eigenes Fleisch und Blut, diesen Teil von ihm und ihr, mit sich nehmend zu einer Reise, die nach christlicher Anschauung zu ewiger Verdammnis führt!

Und während Hochwald nachdachte in Schmerz und Zorn über das grelle Licht, das ihm jener Brief in das Dunkel von Iris' Tat geworfen, ging leis die Tür auf und der Professor erschien in derselben, nun angekleidet, und trug mit ängstlicher Vorsicht ein kleines, wohlbesetztes Frühstücksbrett, mit dem er sich, vorläufig wortlos, auf einem niederen Schemel vor Hochwald hinsetzte.

»Schläft unser liebes, schönes Engelchen?« tuschelte er mit angehaltenem Atem. »Wir wollen sie dann ja nicht stören, mein lieber Fürst! Aber hier bring' ich Ihnen was zum Frühstücken. Langen Sie feste zu – Sie sind die ganze Nacht gefahren – mit dem Schlaf wird's auch mau gewesen sein nach meiner Depesche. – Und dann der Schreck – ich bin noch ganz hin davon. Hier, trinken Sie 'ne Tasse warmen Kaffee – er wird Ihnen gut tun. Der gute Rataiczak wußte nicht, wie er's Ihnen bringen sollte, und da hab' ich's nun selbst übernommen. Essen muß der Mensch, wenn er pflegen soll und obenauf bleiben, also zugelangt, liebster Hochwald! Wenn's nicht wie ein schlechter Witz klänge, tät' ich sagen: ›Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären.« Denn ich an Ihrer Stelle ließe die werte Gemahlin auch nicht allein. Nicht fünf Minuten!«

Während der Professor tuschelte, nahm Hochwald, immer die Rechte um Iris' Hände geschlungen, mit der Linken hastig das Frühstück zu sich, indem er des Professors Vorsorge dankend anerkannte.

»Warum?« fragte er auf Glauchaus letzte Bemerkung.

»Nun, ich meine nur so. Sie schien mir gestern schon höchst bedeutend aus'm Gleichgewicht«, meinte der kleine Gelehrte.

»Ich kenne die Ursache, Professor«, flüsterte Hochwald zurück. »Ein anonymer Brief, der leider eine meiner Frau sorglichst verborgene Wahrheit enthielt – verborgen, um den Frieden ihrer Seele nicht zu stören. Ein Bubenstück!«

»Dacht' ich mir's doch!« entfuhr es dem Professor lauter als er gewollt. »Und der werte Autor?«

Fürst Hochwald zuckte mit den Achseln.

»Ich möchte fast auf Spini schließen«, sagte er zögernd.

Der Professor saß eine Weile nachdenklich da.

»Lieber Fürst, möchten wir nicht doch am Ende womöglich den Arzt konsultieren?« tuschelte er dann schüchtern. »Ich meine nicht, wegen dem bissel Wasser – aber 'skönnte doch 'n Gehirnfieber auf die Aufregung werden –« 

Hochwald erschrak – daran hatte er nicht gedacht.

»Ich danke Ihnen, Professor. Natürlich müssen wir gleich schicken. Würden Sie das Nötige an Rataiczak für mich befehlen?«

»'swird eben angespannt«, erwiderte der Professor stolz. »Und wenn Sie nichts dagegen haben, fahr' ich gleich mit – hier hab' ich doch keine Ruhe zum Arbeiten – nein –! Und dann, ich kann dem Sanitätsrat unterwegs gleich mitteilen, was ich beobachtet habe – ist's Ihnen recht so?«

»Ob mir's recht ist!« sagte Hochwald dankbar. »Fahren Sie immerhin, Sie lieber, treuer Freund!«

Und Dr. Glauchau entfernte sich leise. Aber er kam noch einmal zurück und räusperte sich.

»Ich habe nämlich sozusagen noch ein Postskriptum«, flüsterte er. »Es ist nämlich – das heißt, 's ist meine Meinung –«s wäre gut, Sie ließen die Komtesse Erlenstein nicht erst weiter groß mit Ihrer durchlauchtigen Frau Gemahlin allein. Besagte junge Dame hat wirklich ein ganz infernalisches Temperament, sozusagen. Ein Temperament, was einen in der Ehescheu tatsächlich bestärken kann. Adieu einstweilen! Und wenn der liebe Engel dort aufwacht, grüßen Sie mir'n schönstens!«

Und damit verschwand  Dr. Glauchau, den Fürsten nachdenklich und jedenfalls aufmerksam gemacht zurücklassend. Sigrid, wieder Sigrid! Sollte Sascha so sehr recht gehabt haben mit ihrem direkten Hinweis, daß Sigrid ihre Schwester mit ihren Launen geradezu malträtierte?

»Nun, wir wollen dem gründlich und nachdrücklich ein Ende machen«, gelobte er sich. »Nun Iris auch alles weiß, wird ein Eingriff meinerseits ihre geschwisterlichen Gefühle nicht mehr in dem Grade verletzen –!«

Iris schlief weiter – regungslos, mit kaum hörbarem Atem, aber es schien Hochwald, als wäre dieser Zustand nur das Resultat tiefster seelischer Erschöpfung, mehr Bewußtlosigkeit als Schlaf. Sie schrie jetzt nicht wieder auf, als er seine Hand aus der ihrigen löste, es erschien jedoch dafür auf ihrem blassen Gesicht ein solcher Ausdruck tiefster Qual und bitterster Pein, abwechselnd mit dem einer entsetzlichen Furcht, daß er das Experiment sich nicht zu wiederholen traute. Als er ihr die Hand auf die Stirn legte, kam es wie eine Erlösung über sie, und ihren Mund umspielte ein Schatten des gewohnten freundlichen Lächelns.

Gegen acht Uhr morgens öffnete sich leis die Tür und Sigrid huschte herein; gleichzeitig kam ein leises Wimmern über Iris' Lippen, und sie bewegte sich unruhig hin und her.

»Man sagte mir, Iris sei krank«, flüsterte Sigrid.

»Es scheint so«, erwiderte der Fürst trocken, ohne Gruß, nur bemüht, die weißen Hände zu liebkosen, die unruhig auf der Decke umhergriffen.

»Was fehlt ihr –?«

Hochwald zuckte mit den Achseln.

»Du bist ganz unerwartet gekommen?« fragte Sigrid nach einer Pause.

»Ja.«

»Du telegraphiertest doch, daß du erst heut abend eintreffen würdest – demnach scheinst du deine Geschäfte eher erledigt zu haben.«

»Doch nicht ganz. Ich kam auf ein Telegramm Professor Glauchaus«, erklärte er.

Sigrid trat befremdet zurück.

»Professor Glauchaus?« wiederholte sie erstaunt.

»Ja. Er fand Iris gestern schon verändert und rief mich herbei. Hoffentlich nicht zu spät.«

»O Marcell!« machte Sigrid abwehrend. »Was dieser Professor doch weise ist«, setzte sie voll Spott hinzu. »Wie hat er nur wieder sehen können, was weder deiner Schwester noch mir aufgefallen ist?«

»Gottlob, daß er's sah«, war die kurze Antwort. 

Sie schlug die Augen nieder.

»Ja, wir müssen ihm dankbar sein«, flüsterte sie und setzte hinzu: »Ich hörte, daß nach dem Sanitätsrat geschickt wurde – kann ich, bis er kommt, hier irgendwie behilflich sein?«

»Ich danke, nein«, erwiderte Hochwald kurz, und Sigrid wandte sich der Tür zu.

»Sigrid!« rief er ihr nach, von einem Einfall erfaßt.

»Nun?« fragte sie umkehrend.

»Ist dir bekannt, daß Iris gestern einen anonymen Brief erhielt, der – der ihre Herkunft enthüllt?« sagte er, sie so scharf ansehend, als es die Dämmerung in dem Zimmer erlaubte.

»Ja«, sagte sie nach einem Moment des Zögerns. »Iris hat ihn mir selbst gezeigt und mich gefragt, ob die Angaben darin wahr wären –«

»Und –?«

»Ja, durfte ich das verneinen?« erwiderte Sigrid, den Fürsten voll ansehend.

»Es wäre barmherzig gewesen«, kam nach kurzer Pause die Antwort. »Doch du magst selbst überrascht gewesen sein –«

»Ich war entsetzt« – versicherte Sigrid eifrig, die großmütig gebaute Brücke benutzend.

»Und wen vermutest du als Autor dieses Bubenstückes?«

»Spini«, erwiderte sie ohne Zögern.

Fürst Hochwald nickte ernst. Dann sagte er nicht ohne Bitterkeit: »Und dennoch habt ihr, weder du noch meine Schwester, gesehen, daß Iris anders war als sonst?!«

Sigrid biß die Lippen zusammen.

»Sie zeigte sich nicht erregt –« sagte sie atemlos.

»Ich glaube das gern«, war die ruhige Antwort. Damit wandte sich Fürst Hochwald ab und beugte sich über die unablässig wimmernde Iris, daß Sigrid darin ein Zeichen sah, zu verschwinden.

Draußen im Korridor aber ergriff sie ein solcher Schwindel, daß sie sich am Türrahmen festhalten mußte.

Endlich schritt sie davon mit unebnen, ungleichen Schritten, wie Menschen nach einer langen, anstrengenden Nachtwache tun, und drinnen wurde Iris wieder still.

Nach ein paar Stunden, während denen Hochwald Mühe hatte, einen »Krankenbesuch« seiner Schwester abzuwehren, die ihm zwischen Tür und Angel erzählte, sie müßte heut noch nach England abreisen, um mit Lady X. zu dem flower show in Y. zurechtzukommen, weil Lady Z. dort ihre Orchideen ausstellte »and everybody, including Royalty was going to see those delightful Orchids«! Und die Ausstellung sei um drei Tage verfrüht, und die süße Iris würde doch gleich wieder wohl sein, nicht? Und so voll war Madame Chrysopras von dieser flower exhibition, daß sie eigentlich nur ein halbes Ohr hatte für die Nachricht, Boris und Fuxia wären im besten Einvernehmen zu Tante Ukatschin nach Zarskoe-Sselo abgereist – –

Details war Hochwald auch wirklich im Moment nicht geneigt zu geben, er konnte nur mit seiner Schwester hoffen, daß Iris sich schnell wieder erholen würde.

»Ich würde dann den Nachtzug nehmen und morgen früh in Ostende an Bord gehen«, sagte sie geschäftig, den »süßen« Brief von Lady X. auf dickstem cream-Note-Paper um die Finger drehend.

Bald nach ihr glitt Sigrid wieder in das verdunkelte Zimmer.

»Du wirst müde sein von der Reise – darf ich dich nicht ablösen, damit du etwas ruhen kannst?« fragte sie sanft.

»Nein«, sagte Fürst Hochwald kurz, denn Iris begann wieder unruhig zu werden; er legte ihr deshalb beschwichtigend die Hand auf die Stirn.

Dies kurze »Nein« reizte Sigrid so, daß sie ganz ihre Rolle vergaß.

»Das klingt ja, als fürchtest du dich, ich könnte ihr ein Leid tun«, sagte sie rasch und unüberlegt. 

»Wenn ich das fürchtete, dann gnade dir Gott«, erwiderte er mit einem Ernst, daß sie erbleichend zurückfuhr.

»Das ist ja fast eine Drohung«, wollte sie sagen, doch sie brachte es nur unvollständig hervor, so daß er nichts davon verstand.

Aber er bereute sofort seine Heftigkeit, die ihm schlecht mit seinen Pflichten als Wirt zu harmonieren schien. Deshalb wandte er sich fast gleichzeitig nach Sigrid um.

»Verzeih«, sagte er einfach, »du wirst aber vielleicht verstehen, daß ich erregt bin.«

»O ja, ja. Deshalb laß mich deinen Platz einnehmen! Sobald der Arzt kommt, lasse ich dich rufen!« rief Sigrid eifrig.

Doch Fürst Hochwald schüttelte mit dem Kopf. Die Warnung des Professors war ja sehr vorsichtig gewesen, aber Hochwald konnte sie weder vergessen, noch auch seine eigene Antipathie gegen Sigrid bannen. Und hätte er geschwankt, das sonst so natürliche Anerbieten Sigrids anzunehmen und ihr die Aufsicht über die Schlummernde auf kurze Zeit zu überlassen, so wäre dies Schwanken nur temporär gewesen, denn Iris entschied selbst in dieser Sache.

»Nicht Sigrid, nicht Sigrid!« rief sie im Schlafe unter heftiger Unruhe. »Laßt Sigrid nicht zu mir herein!«

Hochwald strich sanft mit der Hand über Iris' Stirn und  beruhigte sie damit auf der Stelle. Da sich aber nichts hinter ihm rührte, wandte er sich um und sah Sigrid, die starr dastand, fest an.

»Warum fürchtet sich Iris vor dir?« fragte er mißtrauisch.

 Aber Sigrid hatte sich schon wieder gefaßt.

»Sie redet wie im Fieber«, sagte sie scheinbar beängstigt.

Hochwald schüttelte mit dem Kopf.

»Die Temperatur von Händen und Stirn scheint normal«, sagte er ruhig. »Ich meine, du tätest besser, mich mit Iris allein zu lassen.«

Und Sigrid ging, ohne ein Wort zu erwidern. – –

Eine halbe Stunde später kam Professor Glauchau zurück – allein. Der Sanitätsrat ward durch eine ernste Operation zurückgehalten und konnte vor Abend nicht in Hochwald eintreffen. Er hatte Glauchau nur kurz sprechen können und letzterer ihm den Fall vorgetragen, soweit er ihn selbst kannte. Vollständige Ruhe für die Fürstin war alles, was er danach empfehlen konnte – Eisumschläge auf den Kopf bei etwa gesteigerter Körpertemperatur – und bei etwaigem Erwachen oder wiederkehrendem Bewußtsein beeftea, Champagner – und vor allem: es dürfte ihr unter keinen Umständen irgendwelcher Zweifel bleiben in Dingen, die ihren Geist beschäftigen, dem Ruhe vor allem heilsam sei.

»Mithin«, sagte Hochwald, der aufmerksam zugehört, »scheint der Sanitätsrat die Ansicht zu hegen, daß durch die erhaltene schlechte Nachricht der Geist meiner Frau einen Stoß erhalten hat, der zu diesem Resultat geführt.«

Der Professor räusperte sich.

»Das läßt sich aus der Ferne schwer entscheiden«, meinte er. »Doch schien der Sanitätsrat meine Ansicht über den Zustand der Fürstin zu teilen –«

»Und die ist –?«

»Ich bin in der Medizin ein Laie und kann mich täuschen«, erwiderte Dr. Glauchau ernst. »Warten wir den Besuch des Arztes ab, bis dahin möchte ich nicht gern äußern, was schwer gegen mich wiegen würde, wenn ich unrecht habe. Nur das möchte ich bemerken: Ihre Frau Gemahlin ist nicht der Charakter, der unter einer geistigen Last so zusammenbricht, daß sie zu solchen Taten schreitet. Und dann hat sie ihre Liebe zu ihnen, an der sie nun und nimmer zweifeln würde. Was es also auch sein mag, das hier so unheilvoll gewirkt – vergessen Sie nicht, liebster Freund, es darf ihr, wenn sie zu sich kommt, kein Zweifel bleiben. Und ich meine auch auf die Gefahr hin, sie seelisch zu erschüttern – das kann eher in Ordnung gebracht werden, als –«

»Ich wollte, Sie sagten es ohne Umschweife, was Sie meinen«, unterbrach Fürst Hochwald.

»Vergessen Sie nicht, daß ich nichts weiß, von der Ursache keine Kenntnis habe und nur die Wirkung beobachten konnte«, sagte der Professor. »Ich spreche also nur wie der Blinde von der Farbe. Sie kennen die Ursache – es ist, bis der Arzt kommt, an Ihnen, die Wirkung zu paralysieren. Ich darf die Last einer so schweren Anklage, wie meine Theorie sie geformt, ohne die Bestätigung des Psychiaters nicht auf mich nehmen.«

»Eine Anklage?« fragte Hochwald befremdet.

»Nicht gegen unser Engelchen dort«, antwortete der Gelehrte mit einem Lächeln nach dem Lager zu, auf dem Iris ruhig und friedlich schlummerte. Dann nickte er dem Fürsten zu und ging auf den Zehenspitzen hinaus.

In früher Nachmittagsstunde war's, als Iris die Augen aufschlug und mit voll zurückgekehrtem Verständnis um sich blickte.

»Marcell!« jubelte sie auf, als sie ihren Gatten neben sich sah, »Marcell! Du? So war's doch kein Traum, daß du kamst und mich dem Tode aus dem Arm nahmst?«

»Gottlob, daß es kein Traum war«, erwiderte er liebevoll. »Ich kam zur rechten Zeit, Iris! Meine arme, kleine Iris, was mußt du gelitten haben, daß es dazu bei dir kommen konnte!«

Iris schauerte zusammen.

»Es war ein Kreuzweg, den ich gegangen bin«, sagte sie leise.

Marcell Hochwald strich sanft mit der Hand über ihr blondes Haar.

»Mein armer Liebling! Und doch – einen leisen Vorwurf kann ich dir nicht ersparen, den Vorwurf, daß du an mir zweifeln konntest.«

»An dir zweifeln? Nie, o nie!« rief Iris lebhaft, indem sie sich aufrichtete.

»Doch, Herz! Es war ein Zweifel an meiner Liebe zu dir, an der Liebe, die keinen Zweifel kennt«, entgegnete er mit der ganzen überzeugenden Freundlichkeit, die ihm eigen war. »Eine rohe, rücksichtslose Hand hat im Gefühl der Rache – der Rache gegen mich – dich treffen wollen und hat den Schleier zerrissen, den die Liebe um deinen Ursprung gewoben hat. Daß die plötzliche Wissenschaft dich im tiefsten Herzen treffen mußte, daß sie dich erschüttern mußte bis ins innerste Mark – wer wagte es, daran zu zweifeln. Aber du mußtest mich doch besser kennen, als daß du glauben konntest, es könnte dich in meinen Augen herabsetzen, meine Liebe zu dir vermindern!«

»Das glaube ich auch keinen Augenblick«, war die rasche, ruhige, sichere Antwort.

»Iris –!« Marcell Hochwald nahm ihre beiden Hände und sah ihr fest in die leuchtenden blauen Augen. »Du glaubtest an mich, und doch – und doch konntest du unser Kind, unser schuldloses Kind in deine schuldlosen Hände nehmen, um mit ihm in den Tod zu gehen, um mir diesen namenlosen Schmerz zu bereiten und deine Seele mit einer furchtbaren, unsühnbaren Schuld zu belasten?«

Er hatte heftiger gesprochen, als er gewollt und mußte sich abwenden, um sich gewaltsam zur Ruhe zu zwingen um ihretwillen. Als er sich wieder zu ihr wandte, sah er, wie ihr Blick sich konzentriert, gleichsam nach innen gerichtet hatte und ihre Züge eine Spannung zeigten, als horchte sie auf ferne – ferne Stimmen.

»Iris!« rief er erschrocken und legte ihr die Hand aufs Haupt. Da wich die Spannung aus ihren Zügen.

»Du hast mir viel zu vergeben«, schluchzte sie.

»Es ist vergeben, war vergeben, als ich dich und Siegfried in den Armen hatte«, sagte er ernst.

Sie sah zu ihm auf mit ihren schönen, klaren Augen.

»Du hast mich physisch gerettet – rette nun auch meine Seele«, bat sie. »Es ist eine Stimme in mir, die mich zwingt, das Leben unerträglich zu finden, seit ich weiß, daß ich die Tochter einer –«

Sie brach ab.

»Sie ruhe in Frieden«, sagte Hochwald leise.

»Doch wenn du bei mir bist, ist alles gut, dann weichen die Gedanken von mir, die Gedanken an den – Selbstmord. – Marcell, Marcell, verlasse mich nicht! Mein eigenstes Ich sagt mir ja, daß du mich nicht aus deinem Herzen verstoßen wirst, und daneben flüstert es in mir und zwingt mich, dich freizugeben durch meinen Tod!«

Hochwald verstand nicht ganz, was sie meinte, der Widerspruch in ihren Worten schien ihm ein krankhafter Zustand, hervorgerufen durch die große seelische Erschütterung.

»Ich verlasse dich nicht«, sagte er gütig. »Wir wollen vereint kämpfen gegen diesen Dämon. Müßte er nicht schon gebannt sein, Iris?«

»Er ist's nicht«, flüsterte sie. »Nur dein Wille ist stärker als er, er flieht in deiner Gegenwart und wartet darauf, bis du mich allein läßt, um sich meiner wieder zu bemächtigen.«

Der Fürst schüttelte mit dem Kopf – es schien ihm nicht gesund, was Iris sagte.

»Hast du noch einen Zweifel an mir?« fragte er liebreich.

»Nein«, versicherte sie. »Keinen. Es wird mir sogar schwer, wenn ich deine Liebe zu mir sehe, mir vorzuhalten, daß ich ein Schandfleck bin an deinem Stammbaum.«

»O Iris! Das wäre ja auch ein engherziger, unchristlicher Standpunkt.«

Dankbaren Blickes sah sie auf zu ihm. »Woher weißt du es?« fragte sie dann, »hast du den Brief gefunden oder hat Sigrid dir gesagt –?«

»Den Brief habe ich gefunden, Iris, aber mir konnte er ja nichts Neues sagen –«

»Marcell – du hast es gewußt?« unterbrach sie ihn atemlos.

»Sicherlich, mein Liebling, ich wußte es, ehe du meine Braut wurdest. Oder meinst du, dein Pflegevater hätte mir das in seiner Redlichkeit verheimlichen können?«

»Und trotzdem, Marcell, trotzdem machtest du mich zu deiner Frau?«

»Trotzdem, Lieb! Ich liebte dich, wie ich dich noch liebe und lieben werde über das Grab hinaus«, sagte er einfach.

Iris tat einen tiefen, tiefen Atemzug und breitete beide Arme aus.

»Das ist Erlösung!« rief sie unter strömenden Tränen.

Eine Stunde später führte Fürst Hochwald seine Frau in sein eigenes Zimmer, das kühl nach Nordwesten lag und an dem heißen Sommertage ein buen retiro war. Sie fühlte sich gestärkt und kräftig an Geist und Körper – die Liebe hatte des Geistes Krankheit besiegt, und der Körper hatte willig genommen, was ihn physisch aufrichtete. Freilich sagte sich Marcell Hochwald, daß wohl noch lange Zeit vergehen würde, bis Iris die geistige Erschütterung der letzten sechsunddreißig Stunden überwunden haben würde, aber die Zeit hatte ja schon tiefere Wunden geheilt.

Um seinen Geschäften nachgehen zu können und doch Iris nicht von seiner Seite zu lassen, führte er sie in sein Zimmer und machte es ihr in einem tiefen Lehnsessel bequem, neben den er ein niederes Etagerentischchen stellte. Unter den Kopf schob er ihr ein kühles, ledernes Kissen, auf dessen braunem Grunde sich ihr blondes Köpfchen wundersam fein und stimmungsvoll abhob.

Am Schreibtisch sah er dann die während seiner Abwesenheit angelangten Briefschaften durch – ein Geschäft, das langsam vonstatten ging, da er immer und immer wieder neben Iris trat, ihr sanft das Haar aus der weißen Stirn strich oder ihr die feinen, matt im Schoße liegenden Hände streichelte und in die seinen nahm. Und während er wieder einmal damit beschäftigt war, fühlte er ein leises Zittern in ihren Händen.

»Was ist dir, Lieb?« fragte er besorgt.

»Die Stimme naht wieder –« flüsterte sie.

»Ich bin ja bei dir«, sagte er zuredend, wie man eben Kranken und kleinen Kindern zuredet.

Sie faßte fester seine Hand.

»So kann mir nichts geschehen«, erwiderte sie beruhigt. In diesem Augenblick klopfte es leise an die Tür zur Bibliothek, und zugleich trat Sigrid in das Zimmer.

»Ich hörte eben, daß Iris aufgestanden sei«, sagte sie näher kommend. »So ist ihre Migräne wohl besser?«

Hochwald sah seine Schwägerin zweifelnd an – wußte sie nicht, was vorgefallen? Doch ihre Züge, die trotz des heißen Tages unerhitzt und kühl und alabasterweiß aussahen, verrieten nichts. Freilich – der Professor und Rataiczak hatten nichts erzählt, und was die Kammerfrau sagen konnte, waren doch nur Vermutungen.

»Iris' Befinden ist besser, sie bedarf aber großer Ruhe und Schonung«, sagte er nicht gerade einladend.

»Gut – wir wollen dafür sorgen«, erwiderte Sigrid unbewegt, doch auf der Stelle zögernd, auf der sie stand. Iris aber richtete sich halb auf aus ihrer bequemen Lage.

»Oh, ein Wort nur möchte ich sagen«, bat sie, indem sie ihres Gatten Hand bittend drückte. »Sigrid – Marcell wußte, wer meine Eltern waren, ehe er sich mit mir verlobte! Dein Vater hat es ihm gesagt.« 

»Still, Iris, still«, fiel Hochwald ein. »Sigrid weiß das längst!«

Da sprang Iris völlig empor und stand nun da, das Antlitz wie mit Blut übergossen, mit flammendem Blick.

»Sigrid!« rief sie bebend vor Entrüstung, »Sigrid, ist's möglich, das – das hast du gewußt und hast es mir nicht gesagt? Hast mich in dem Glauben lassen können, Marcell hielte mich noch für deine Schwester? Gewußt hast du das Gegenteil und mich die Qualen durchkosten lassen, wie ihn die Entdeckung treffen und verwunden mußte – oh!«

Und außer sich, aufgestachelt aus ihrer langmütigen geschwisterlichen Nachgiebigkeit, warf sich Iris an des Gatten Brust.

In Sigrids Augen begann es drohend zu glitzern und zu funkeln.

»Ich entsinne mich nicht, daß du mich danach gefragt hättest«, sagte sie achselzuckend.

»Gefragt!« wiederholte Iris außer sich. »Und wenn du mich verachtet hättest und gehaßt hättest – um der Liebe willen, mit der deine Eltern meine Jugend sonnig und hell gemacht haben, hättest du mir's ungefragt sagen müssen. Du würdest mir so viele Qualen erspart haben!«

»Das sehe ich nicht ein«, entgegnete Sigrid heiser. »Die Sache blieb dieselbe.«

»Niemals!« rief Iris, sich fester an ihren Gatten schmiegend. »Wie kannst du wagen, das zu sagen? Die Entdeckung, daß ich die Tochter von – von deines Vaters unglücklicher Schwester sei, konnte mich nicht halb so schwer treffen, wenn du mir sagtest, daß Marcell mich im vollen Bewußtsein dessen zu seiner Frau gemacht – ohne Schwanken und Wanken!«

Ein böser Blitz schoß aus Sigrids Augen – sie sah ein, daß es, um ihr Ziel zu erreichen, besser gewesen wäre, sie hätte geschwiegen oder sich gebeugt, aber ihr Temperament siegte über ihre Weisheit und riß sie mit sich fort.

»Ohne Schwanken und Wanken, wirklich?« fragte sie hohnvoll. »Nun, eine Stufe wird dein Held wohl von seinem Sockel herabsteigen müssen, Iris – falls er sich selbst erinnert, daß er erst vierundzwanzig Stunden, nachdem mein Vater mit ihm über dich gesprochen, wiederkam, sich mit dir zu verloben. Freilich – nur vierundzwanzig Stunden hat er geschwankt, ob es sich mit seiner Ehre vertrüge, die Tochter der geköpften Verbrecherin zu seiner Frau zu machen oder seine Werbung einfach zurückzunehmen und dich – sitzenzulassen. Aber Marcell war kühn genug, das Risiko zu wagen – das will ich gern anerkennen – und zudem – vor der Welt stecktest du ja auch hinter unserm guten Namen!« Haß blitzte aus ihren Augen, als sie sprach – sie war nicht mehr imstande, ihre Worte zurückzuhalten, ihre Leidenschaft zu beherrschen.

Marcell Hochwald drückte den blonden Kopf seiner Frau fester an seine Brust.

»Du hast recht, Sigrid«, sagte er vollkommen ruhig, »ich habe vierundzwanzig Stunden geschwankt, ehe ich wiederkam, um Iris als Braut aus deines Vaters Händen zu empfangen. Es waren vierundzwanzig schwere Stunden. Aber ich schwankte nicht aus dem Grunde, den du mir unterlegst.«

»Was kümmert mich der Grund, wenn die Tatsachen reden?« rief Sigrid in wahnsinniger Wut, weil sie Iris in seinen Armen sehen mußte.

»Ist dir der Zweifel ins Herz gesät worden, Liebling?« fragte Marcell, sich zu Iris herabbeugend.

Verneinend schüttelte sie den Kopf.

»Ah«, sagte er fast traurig, »du kannst es noch nicht wissen. Die Saat geht erst auf in den stillen Stunden des Nachdenkens. Doch ich will den Keim im Werden vernichten, Lieb! Bist du stark genug, einen Gang mit mir zu machen, der jeden Zweifel tilgen muß für immer? Die Stunde ist gekommen, den Gang mit mir zu tun. Ich hatte gehofft, ihn dir und mir ersparen zu können, doch des Menschen Hoffen ist Stückwerk vor der Bosheit der Welt, vor dem Neide niederer Seelen. Komm mit mir, Iris – die Zeit ist da. Willst du diese Rosen mitnehmen? Es wird dir vielleicht – nein, sicherlich wird es dir lieb sein, sie mitgenommen zu haben.«

Schweigend unter dem feierlichen Gefühl des Ungewöhnlichen in Marcells Ton, ergriff Iris den auf einem Seitentisch stehenden Strauß köstlicher La-France-Rosen und legte ihren Arm fester auf den Hochwalds.

»Du magst mitkommen, Sigrid«, sagte er, zu dieser gewendet, einfach.

Sigrid aber, von einer vagen Furcht ergriffen, zögerte.

»Wohin gehen wir?« fragte sie abwehrend.

»Dahin, wo das rote Licht von Hochwald leuchtet«, war seine Antwort, und Sigrid, die darunter zusammengezuckt war, folgte dem Paare, wie von einem Magneten gezogen. 

Und als die Tür unter dem türkischen Teppich in der Halle sich wieder hinter ihnen geschlossen hatte, jene Tür, durch die Spini heimlich in jener Sturmnacht sich hineingestohlen hatte in den unbewohnten, wettergeprüften Schloßflügel der alten Hochwalder Seefeste, als sie die gewundene, schmale, ausgetretene Treppe hinabstiegen und den gangartigen Raum mit den Schießscharten und den Resten der alten Wachtstubeneinrichtung betraten, da sagte Iris leise, wie man in einer Kirche spricht:

»Mir ist, als träumte ich, Marcell! Wie oft hat mich nicht im Traume die schwarze Frau mit den welken Rosen und den langen, blonden Haaren in den Händen hinabgeführt hierher, wo ich doch nie meinen Fuß hingesetzt. Jedes Stück, jeden Winkel hier erkenne ich wieder aus meinem Traume.«

»Sie braucht wohl dein Gebet«, erwiderte Hochwald ebenso leise. »Gott weiß, daß ich es ihr nur deinetwegen so lange vorenthalten mußte.«

Verwundert folgte Iris ihrem Gatten – hinter ihnen schritt Sigrid halb widerwillig, halb neugierig. Nur ein dürftiges Licht stahl sich durch den Raum, der durch Fackeln früher wohl auch bei Tage künstlich erleuchtet wurde, wie die eisernen Fackelträger an den getünchten Wänden bewiesen. Um diese Stunde aber – die sechste des Nachmittags – wurde die Seefront des Schlosses voll von der Sonne beschienen, und durch die schrägen Schießscharten fiel das Licht in breiten Strömen auf den Steinboden, so daß die Dämmerung des öden, wüsten, kellerartigen Raumes in einer goldigen, traumhaften Glorie schwamm.

An dem Wandschranke, in dem Rataiczak in jener Sturmnacht zum Ärger Spinis spurlos verschwunden war, machte Fürst Hochwald halt.

»Fühlst du dich stark genug, Iris?«

»Bei dir und mit dir – sicherlich«, war ihre schnelle, freudige Antwort, trotzdem sie sich seltsam beklommen fühlte.

»Ich frage nicht umsonst, Iris«, sagte er nochmals. »Denn ich führe dich in eine Gruft.«

Ein leises Frösteln rann durch ihre Glieder, und sie faßte fester seine Hand.

»Wo du mich hinführst, wird es gut sein«, erwiderte sie mit jenem schönen Vertrauen, das des Glückes Grundfeste ist.

Sigrid verzog die Lippen zu einem spöttisch sein sollenden Lächeln.

»Warum mußte ich mit herkommen?« fragte sie. »Was gehen mich die Hochwalder Grüfte an? Ich habe das berühmte süß-schaurige Tendre für Grüfte überhaupt nie empfunden. Und überhaupt scheine ich hier sehr überflüssig zu sein.«

Hochwald, der begonnen hatte, die Regale aus dem Wandschrank zu nehmen, wandte sich um.

»Es ist dir unbenommen, umzukehren«, sagte er. »Vielleicht aber, wenn das Bild von Sais entschleiert vor dir steht, wirst du lernen, anders über – gewisse Sachen zu denken wie bisher. Vielleicht auch entschädigt dich für diesen Gang die Erforschung des rätselhaften roten Lichtes von Hochwald, das dich und deinen Seelenfreund Spini bis zur Verletzung des Gastrechts beschäftigt. Wie dem auch sei – hier an dieser Schwelle gebiete ich Frieden. Kannst du ihn nicht halten und deine Zunge nicht zähmen, so kehre um.«

Sigrid trat mit erhöhter Farbe ein paar Schritte näher – ihr Atem flog, und sie öffnete die Lippen.

»Ruhe!« gebot Hochwald mit einem Ernst und einer Autorität, daß sie den Mund wieder schloß, ohne daß ein Laut daraus gekommen wäre.

Nun öffnete er die Rückwand des Schrankes durch einfaches Auseinanderschieben der Wände, wodurch eine niedere, eiserne Tür sichtbar wurde; der Schrank war uralt, und es schien, als sei er nur zur Maskierung des Eingangs zu einem Raume angebracht worden, der wohl in früheren Kriegszeiten als Schatzkammer gedient hatte.

Hochwald nahm Iris fester an der Hand, geleitete sie in das Innere des weiten Schrankes und öffnete die eiserne Tür. Inmitten des breiten Sonnenstrahles, der durch die besonders breite Luke, die diesem Raum Luft und Licht zuführte, mit warmem Hauch hereinströmte, leuchtete das geheimnisvolle rote Licht. Eine sogenannte ewige Lampe von Silber mit Rubinglaseinsatz hing an Ketten von der gewölbten Decke über einen schlichten, kleinen Altar herab. Der Altar wurde überragt von einem alten, wunderlieblichen Madonnenbilde auf Goldgrund, das mild herablächelte, während das göttliche Kind auf ihren Armen beide kleine Ärmchen ausbreitete, als wollte es die ganze Welt an sein Erlöserherz schließen. Seitwärts von dem Altar stand auf der einen Seite ein geschnitzter Betstuhl, auf der anderen war ein Ständer, daran ein priesterliches Ornat hing, wie es die katholische Kirche für das Totenamt braucht, und in der Mitte des schmalen, engen Raumes mit seinen Steinwänden und seinen groben, unebenen Fliesen, da stand, verhängt durch eine kostbare schwarze Samtdecke ein Etwas, wie ein Sarg. Auf dem Altar aber waren Vasen mit frischen Blumen gefüllt.

»Marcell –«  Iris flüsterte es, in der Tür zögernd. »Marcell, wohin führst du mich? Wer schläft hier? Wer hat diesen Raum geschmückt, heut vielleicht erst, denn frische Rosen stehen hier, und –«

»Komm«, erwiderte er und führte sie an das Fußende des verhüllten Etwas, und wie sie näher trat, sah sie, daß dort die schwarze Truhe stand mit den wundervollen blonden Haaren darin, mit dem Spitzentuch, mit den welken Rosen, und eine Ahnung ergriff sie, daß sie Hochwalds Hand fester faßte, um nicht in die Knie zu sinken. Hochwald aber schlug die Decke zurück und enthüllte einen alten, großen, weit ausladenden Bleisarg, auf Löwenfüßen stehend, wie unsere Vorfahren ihn für prunkende Grüfte liebten. Der Deckel darauf war nicht verschraubt, sondern nur aufgelegt und ließ sich leicht auf den breiten Rändern drehen, und indem Hochwald das tat und den aufsatzartigen Deckel bis zum Fußende herumdrehte, ward auch des Prunksarges Inhalt sichtbar – ein zweiter, schmaler, niederer, fußloser Sarg, schlicht gefügt aus schwarzgetünchten Brettern, ein Sarg, wie die Armen ihn bekommen und die der Staat sonst noch begraben muß – ein Sarg, vor dessen Anblick der Hochmut schwindet und eine tiefe Demut des Menschen Herz ergreift. Auf dem flachen Brett, das dieses Sarges Deckel bildete, war ein Pergament angeheftet und mit schwarzen Lettern beschrieben.

»Lies!« sagte Hochwald zu Iris, auf das Blatt deutend, und sie beugte sich darüber und las in ihres Gatten Handschrift:

»Hier ruht, wie wir hoffen dürfen, in Gott, Marie, Freifrau von Ravensberg, geb. Gräfin von Erlenstein, nachdem sie der irdischen Gerechtigkeit Sühne geleistet, am 2. Oktober 1869, im 25. Jahre ihres Lebens.

Es umgeben mich die Schmerzen des Todes – – – Kehre zurück, meine Seele in deine Ruhe, denn der Herr hat dir wohlgetan.Ps. 114,3 und 7.«

 »Meine Mutter!« sagte Iris, als sie gelesen. »Ruht meine Mutter hier?«

»Deine Mutter«, wiederholte Hochwald ernst und sanft und führte Iris zu dem Betstuhl, auf dessen Kniekissen er sie niedersetzen ließ. »Und hier, angesichts der letzten Ruhestätte deiner Mutter, angesichts des armen, elenden Sarges, der die Überreste der einst in Schönheit und Glanz Prangenden birgt, sollst du hören, warum sie den Tod durch Henkershand erleiden mußte, warum sie hier ruht, und warum ich erst nach vierundzwanzig Stunden kam, dich als Braut zu begrüßen, nachdem dein Pflegevater mir gesagt, daß du ihr Kind seiest.«

 Hochwald schwieg, um sich zu sammeln, und es ward für wenige Minuten totenstill in der seltsamen Gruft, verborgen menschlichem Auge und menschlichem Wissen, während die See der Toten im Armensündersarge ihr urewiges Lied rauschte, murmelte, flüsterte, tobte und brüllte, wo das rote Licht das ewige Leben versinnbildlichte, wo frische Blumen ihren süßen Duft hauchten durch den Atem der Verwesung und dem Tod den Stachel nahmen – – –

Hochwald stand neben dem Sarge, auf den das Sonnenlicht als ein schräger Streifen durch die Mauerluke fiel, und in seinen Zügen arbeitete es wie von mächtiger innerer Bewegung. Die Augen fest auf ihn gerichtet, die Hände gefaltet wie zur Andacht, so saß Iris da, die junge Seele erfüllt von einer ungekannten Empfindung, ähnlich der, die sie so oft ergriffen, als sie das Bildnis ihrer Mutter in dem weißen Etui betrachtet, nur wollte diese Empfindung sie nicht mehr lähmen und entsetzen, wie vordem – sie fühlte sich gefeit durch die Gegenwart ihres Gatten. Und in der offenen Tür lehnte Sigrid mit gekreuzten Armen und einem Blicke, der Zorn, Verachtung, Pein und Hoffnungslosigkeit widerspiegelte.

»Als ich sie zum erstenmal sah, die hier ruht«, begann Hochwald erst leise, dann sich steigernd, »als sie zum erstenmal vor mich hintrat, da warst du, Iris, wohl erst wenige Monate alt, und sie, sie trug den Kranz von weißen Rosen im Haar, in dem sie abgebildet ist auf dem Bilde, das dein Pflegevater dir schenkte. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie so eintrat in das halberleuchtete Zimmer, in welchem ich vor deinem Vater saß – – es war mein erster Besuch in seinem Hause, denn die Ravensberg waren eben erst vom Lande zur Wintersaison nach der Residenz gekommen, und ich war auch erst im Herbst Offizier geworden, nachdem ich die Universität absolviert –, kurz, dein Vater hatte mich empfangen, schon fertig für ein Fest in großem Hause, zu dem seine Frau noch bei der Toilette war. Du hast ganz seine Augen, Iris, ganz sein gewinnendes Wesen, ganz seinen sonnigen, frohen Charakter, sein liebreiches Herz – und was in seinem männlichen Charakter als Fehler – nein, als Mangel gelten konnte, hat deiner Weiblichkeit vielleicht gerade den Zauber gegeben, der in mein Leben als Sonnenblick fiel. Wir saßen und plauderten und fanden vielerlei Beziehungen, und dann ging die Tür auf und deine Mutter trat ein, strahlend in Schönheit und Jugend und Lebenslust – blendend meinen zwanzigjährigen Augen, eine echte Erlenstein, wie Sigrid – nur noch schöner. Dein Vater, Iris, stellte mich ihr vor – doch mitten in seinen heitern Worten überfiel ihn damals etwas Seltsames. Er wurde blaß und konnte nicht weiterreden, und wie in Furcht deutete er auf das schöne Haupt seiner Frau.

»Die weißen Rosen« – stammelte er, ›wie kannst du es  wagen, die weißen Rosen von Ravensberg zu profanieren!«

Sie gab eine leichte Antwort – doch es war zuviel für Karl von Ravensberg – scheinbar ergriffen von einer ihn überwältigenden Erregung entfernte er sich rasch, ohne mich weiter zu beachten.

Als wir allein waren – – lachte sie. Sie lud mich ein, am Kamin vor ihr Platz zu nehmen, denn es sei noch Zeit für sie zum Fortfahren, und während wir saßen und ich die herrliche Erscheinung förmlich aufsog mit meinen Blicken, da erzählte sie mir die Legende von den weißen Rosen von Ravensberg – genau, wie sie uns neulich oben auf der Seeterrasse er zählt wurde. Und sie spottete weidlich über den ›abergläubischen Kram‹, lachte über ihres Gatten ›lächerlichen Glauben‹ daran und schwor, sie würde ihm die ›mittelalterlichen Spinnweben‹ schon aus dem Kopfe treiben. Was sie sagte, bezauberte mich damals völlig, und es fiel mir nicht ein, Schlüsse zu ziehen auf den Grad ihrer Gattenliebe. Da ich zu dem Fest an jenem Abend auch geladen war, sah ich sie noch stundenlang in ihrem weißen Rosenkranz tanzen, lachen und so graziös plaudern, wie sie allein nur konnte. Aber ich sah, ich mußte ihn auch sehen, ihren Gatten, der stumm und in sich gekehrt stand und mit den Augen seine schöne Frau verfolgte – mit merkwürdig traurigen Augen, wie mir's damals, trotz der eigenen, übermütigen Sorglosigkeit auffiel. Und ein zweites Zeichen hätte mich warnen müssen an jenem Abend. Ich stand dabei, als eine alte Dame sie anredete und nach ihrem Kinde fragte. Die Antwort, sie hoffte, es ginge dem kleinen Schreihals very well, hätte mich bei einer anderen Mutter abgestoßen, aber sie lachte dazu so reizend und versicherte in einem Atem, kleine Kinder seien schrecklich lästige Plagen – aber gottlob, es gäbe ja Wärterinnen, Gouvernanten und Pensionen usw., sehr nützliche Erfindungen der Kultur. Der alten Dame aber schien die Antwort gar nicht zu gefallen. Sie sah die schöne junge Frau von oben bis unten an und sagte: ›Nun, liebste Baronin, vielleicht sprießt dereinst aus Ihres Kindes Träne auf Ihrem Grabe ein ungesätes Blümlein auf und wächst in den Himmel hinein und wird Ihr Fürsprecher bei Gott – ich will es Ihnen wünschen.«

Warum ich gerade diese zwei Züge erzähle? Oh, ich war damals empört mit ihr über die alte Dame, die auf einem Feste der gefeiertsten Schönheit das zu sagen wagte. Nun und weiter? Ich wurde ein ständiger Gast im Hause Ravensberg, dessen Herrin mich bezaubert hatte, daß ich an nichts anderes dachte, als an sie! Wie ich damals für sie schwärmte – wie man eben nur mit zwanzig Jahren schwärmen kann. Und dann kamen Tage, an denen sie mir erst andeutete und dann offen sagte, daß sie ihrem Gatten die Hand nicht aus Liebe gereicht, und als ich ihr einmal dabei die Hand wärmer drückte und glühender küßte als sonst, da tauchte sie ihren Blick in den meinen und schlang ihren Arm um meinen Hals, um sich sogleich wieder loszureißen und mit verhülltem Antlitz zu entfliehen.

Da überkam mich ein tödlicher Schrecken – die Augen wurden mir geöffnet und ich sah, daß das süße Getändel ein Spiel war mit dem Feuer, und obgleich mein Herz ihr höher entgegenklopfte, fühlte ich mich durch meine Ehre verpflichtet, sie zu fliehen und ihr fern zu bleiben. Nach ein paar Tagen begegneten wir uns in Gesellschaft, und sie sagte mir, sie verstünde, warum ich sie fliehe. Wir standen dabei in einem kleinen Kabinett vor einer gemalten Landschaft – ein roter, unheimlicher Sonnenuntergang, Gewitterwolken darüber hängend, und an einem Tümpel, der schwarz und grausig den Vordergrund füllte, lag ein Erschlagener in der Reitertracht des Dreißigjährigen Krieges. Ich könnte von dieser Landschaft jedes Detail malen, so sehe ich sie noch heut vor mir. Und neben mir stand Marie Ravensberg und sah mich flehend an mit ihren schönen, gefährlichen Augen. Als sie mir gesagt, sie verstünde, warum ich sie fliehe, konnte ich nichts anderes sagen, als: ›Ich danke Ihnen‹, und dann verstummten wir beide. Nach einer Weile aber brach sie los: ›Was soll daraus werden? Sollen wir beide elend sein?‹ Und als ich sagte: ›So will es unsere Ehre‹, da sagte sie fast schluchzend: ›O Marcell, Marcell – Sie lieben mich nicht!‹ – Wie mir damals das Herz, das zwanzigjährige Herz schlug! Aber ich war doch noch so Herr über mich selbst, daß ich ihr antworten konnte: ›Weil ich sie nicht lieben darf, Marie!‹ – ›Und wenn ich frei wäre?‹ fragte sie mich atemlos. Dann, ja dann – ach, was soll ich sagen, was ich der Landschaft mit dem blutigen Sonnenuntergang zuflüsterte. Und doch, wenn ich darüber nachdenke, so bleibt von der Summe all dieser Worte nichts, als daß es mir, dem blutjungen Menschen, schmeichelte und mir den Kopf verdrehte, daß sie, die gefeiertste Schönheit unserer Kreise, mir so deutlich sagte, wie sehr sie mich liebte. Wieder vergingen Tage, in denen wir uns nur von ferne sahen, und wieder trafen wir uns vor dem blutigen Sonnenuntergang. Dort sagte sie mir, sie ertrüge es nicht länger, das Elend dieses Lebens tötete sie, und sie habe beschlossen, sich von ihrem Gatten scheiden zu lassen, damit fielen alle Grenzen zwischen uns. Das weckte mich aus meinem Traume; – fest und ohne Umschweife sagte ich ihr, ein solcher Schritt würde im Gegenteil den Abgrund zwischen uns noch tiefer machen, denn einmal verbiete es ein Hausgesetz bei uns, eine geschiedene Frau zu heiraten, und dann gehörten wir beide der katholischen Kirche an, welche eine Scheidung nicht anerkennt, sondern die Ehe als unlöslich betrachtet. Da warf sie mir vor, meine Liebe zu ihr sei nicht stark genug, um sich über jedes Bedenken hinwegzusetzen. Ich hatte Mühe, sie zu überzeugen, wie es im Gegenteil für meine Liebe zu ihr spräche, wenn ich Moral und Religion nicht mit Füßen treten wollte, denn sie käme dadurch mit im Staub zu liegen. Und ich schloß mit den Worten: ›Ja, wenn Sie eine Witwe wären – so aber müssen wir entsagen!‹«

Hochwald hielt ein und fuhr mit der Hand über die Stirn, und dann legte er dieselbe Hand auf den schwarzen Armensündersarg vor sich.

»So wahr ich hier vor den Überresten Mariens von Ravensberg stehe«, sagte er feierlich, »so wahr ein Gott über uns lebt, der mich dereinst vor seinem Angesicht ins Gericht rufen wird, und bei meiner Liebe zu dir, meine Iris, schwöre ich, daß ich jene Worte ohne jeden Hintergedanken, ohne jede arge Meinung aussprach. Und doch wurden sie zum Versucher in dem Herzen dieser Frau hier und machten sie zur Mörderin, kaum, daß sie gesprochen waren.

Wenige Tage später durchlief die Stadt die Nachricht von dem Tode Karls von Ravensberg – er habe Hand an sich selbst gelegt, hieß es. Und als Selbstmörder wurde er begraben, und seine Frau erregte die allgemeine Teilnahme, trotzdem sie keine unmäßige Trauer heuchelte. Nach vierzehn Tagen erreichte mich ein kurzes Billett von ihrer Hand. ›Ich bin frei, Marcell!‹ schrieb sie, sonst nichts. Auch meine Antwort war nur kurz. Ich schrieb ihr, die Tage ihrer Trauer seien mir heilig, und tiefschmerzlich beklagte ich den Tod eines Ehrenmannes in Karl von Ravensberg. Und wenn sie mit gestattete, würde ich nach Ablauf der Zeit tiefster Trauer zu ihr kommen, mein Glück aus ihrer Hand zu empfangen. – Und so betrachtete ich mich als gebunden. Meinen Brief aber muß sie vernichtet haben, denn er ward unter ihrer nachgelassenen Korrespondenz nicht gefunden.

Nach einiger Zeit aber lief das Gerücht, erst leise flüsternd, dann lauter durch die Stadt, Karl von Ravensberg sei von der Hand seiner Gattin getötet worden. Ehe man das Ungeheure noch fassen konnte, war auch das Unerhörte geschehen – Marie von Ravensberg war unter Anklage des vorsätzlichen Gattenmordes verhaftet worden – ein entlassener Dienstbote hatte aus Rache die Anzeige erstattet – andere Zeugen fanden sich, und – und – der Rest ruht hier in diesem schwarzen Sarge. Laß mich das schreckliche Ende nicht näher beschreiben, laß mich nur kurz erwähnen, welch furchtbaren Eindruck es auf mich machte. Jene Worte: ›Ja, wenn Sie eine Witwe wären‹ – meinungslos gesprochen, sie verfolgten mich nun mit allen Qualen der Reue. Und doch – das hatte ich damit nicht gemeint. Der Gedanke, daß sie um meinetwillen, wie ich mir's in der Übertreibung meiner namenlosen Seelenpein, in der furchtbaren seelischen Erschütterung, die ich erlitten, vorstellte, daß sie um meinetwillen auf dem Armensünderfriedhof verscharrt werden sollte wie ein Hund, begann an mir zu nagen; als man aber gar ahnungslos in meiner Gegenwart davon sprach, daß die Anatomie sich dies seltene Objekt nicht entgehen lassen würde, da war ich nahe daran, zusammenzubrechen. Was ich tun konnte, tat ich – ich ging zu dem Könige, schüttete ihm mein Herz aus und bat um die Gnade, den verstümmelten Überresten der armen Irregeleiteten auf meinem Grund und Boden eine letzte Ruhestätte geben zu dürfen als Sühne für jene unüberlegten Worte. Der König, der sich deinem Pflegevater, meine Iris, schon so gnädig erwiesen und mir immer ein väterlicher Freund war, suchte mich zu trösten und gewährte meine Bitte unter dem Befehl, jegliches Aufsehen aufs strengste zu vermeiden. In der Stille der Nacht nach jenem furchtbaren Tage, an dem sie – starb, wurde mir in einer Kiste der arme schwarze Sarg ins Haus gebracht, und ich hielt die Totenwache bei ihr. O Iris, du wirst mich verstehen, wenn ich dich bitte, dir vorzustellen, welche Stunden das für mich waren – – Rataiczak ward von mir eingeweiht, desgleichen der Schloßpfarrer – derselbe, der noch hier ist. Letzterer, der sehr bekannt ist mit den Räumlichkeiten des Schlosses, schlug mir dies Versteck vor als Gruft – ein alter, unbenutzter Bleisarg stand dort mit anderem Gerümpel in der Ecke – er war wohl ehedem für einen meiner Vorfahren bestimmt und dieser dann in fernen Landen beigesetzt worden. Und so machten wir aus diesem Raume eine Gruft und eine Kapelle zugleich, in welcher ein regelmäßiger Gottesdienst stattfindet für das Heil ihrer Seele, die vielleicht nun zur Rast geht, da ihr Kind gekommen ist, für sie zu beten. Du weißt es, Iris, daß ich fast zwanzig Jahre lang wie ein Einsiedler hier gelebt – daß es eines Menschenalters fast bedurfte, die Folgen jener seelischen Erschütterung von mir zu nehmen – ich war ein anderer Mensch geworden, der den quälenden Gedanken: Deine Worte haben sie versucht, verleitet, nicht loszuwerden vermochte. Da tratest du in meine Kreise, Iris, und neues Leben, neues Hoffen durchzog mein Herz. Weißt du's nun, Iris, warum ich vierundzwanzig Stunden zögerte, dich als Braut an mein Herz zu nehmen, nachdem ich erfahren, daß du ihr Kind seist? Ich glaubte, ich würde dir entsagen müssen, ich dürfte die Tochter der Frau nicht zu meinem Weibe machen, die ein Wort von mir zu jener furchtbaren Tat trieb – die Tochter des Mannes, den jenes Wort von mir getötet. Mein guter Stern führte mich in jenem Zweifel, in der schwärzesten Stunde meines Lebens zu einen weisen und heiligen Manne, dem Superior der Kapuziner auf Fiesole, und er bekämpfte meine Zweifel – – Wie glücklich war ich, und niemals mehr hat der Gedanke, ich hätte dir dennoch entsagen sollen, Gewalt über mich gehabt. Und wie du in dieser Frage entscheiden wirst, meine Iris, das sagt mir mein Herz. Amen.«

Hochwald hatte geendet, doch schon vorher hatte Iris sich erhoben und war neben ihn getreten.

»Heut erst bin ich wahrhaft dein Weib geworden, weil du mich in die Tiefe deiner Seele blicken ließest«, sagte sie schlicht. »Wird es mir je gelingen, die tiefe Wunde ganz zu heilen? Unergründlich, sagen sie, ist des Menschen Herz und es betrügt sich selbst am leichtesten – für dein Herz aber stehe ich ein! Ein furchtbarer Dämon muß ihr eine Deutung deiner Worte eingegeben haben, ein Dämon, der ihren ewigen Tod gewollt –«

Erschüttert hielt sie ein.

»Sie starb im Frieden mit Gott, standhaft und bereuend«, fiel Hochwald ein. »Wir dürfen hoffen, daß sie drüben auch entsühnt ist. Und doch, Iris – du hast sie oft im Traume gesehen – – ich bin nicht geistergläubig und, wie ich hoffe, frei von spiritistischen Ideen, und würde dem nicht glauben, der mir von einer Erscheinung Toter erzählte – – Iris, dennoch ist sie gestern, um diese Stunde etwa, vor mich getreten, wie ich sie im Leben gekannt, die langen, blonden Haare und den Strauß weißer Rosen, die ihr Blut rot gefärbt, in der Hand, und ich habe ihre Stimme gehört, wie sie sagte: ›Rette mein Kind!‹ Nach einer Stunde etwa erhielt ich ein Telegramm des Professors, das mich um deinetwillen hierher berief.«

Erschüttert beugte sich Iris über den schwarzen, schlichten Sarg, und ihre Tränen flossen darauf nieder; Hochwald störte sie nicht und ließ sie sich ausweinen – floß doch mit diesen Tränen auch die krankhafte Spannung dahin, die ihr das junge Herz zusammengekrampft, sproßte doch vielleicht auch aus diesen Kindestränen das Blümlein empor, von dem die alte Dame der, die hier eine geweihte Stätte gefunden, so ahnungsvoll gesprochen hatte. Und aus diesen Tränen erkannte Hochwald auch, daß Iris das Grauen überwunden hatte vor der nie gekannten Gestalt ihrer Mutter, die ihre Hand erheben konnte gegen ihren Gatten, die ihr Verbrechen büßen mußte auf dem Schafott. Hier stand die reine, makellose Tochter und weinte heiße Tränen des Mitleids und der Vergebung auf den Sarg ihrer lieblosen, schuldbeladenen Mutter.

Daß Hochwald zu der Überzeugung gelangt war, Marie von Ravensberg habe ihn nie geliebt, sondern die unselige Tat nur vollbracht, weil sein Rang und sein Reichtum sie verlockt, weil der Ehrgeiz ihr die Fürstenkrone als höchstes Ziel gezeigt – das Iris vorzustellen, behielt er sich für eine andere Stunde vor.

In jenen Tagen selbstgewählter Einsamkeit war ihm viel zur Erkenntnis gekommen, mancher Fehler im Charakter der schönen Frau emporgetaucht in unverhüllter und unschöner Nacktheit, und er fühlte heut seine Schuld ihr gegenüber gesühnt. Nahezu zwanzig Jahre hatte er gebraucht, von jener seelischen Erschütterung zu gesunden, er hatte ihrem Leibe eine würdige Ruhestätte gegeben und ihrer Seele die Tröstungen und die Fürsprache der Kirche gesichert – war das nicht schon des Lohnes wert, der ihm wurde, als ihr Kind in seiner wunderbaren Unschuld, ausgestattet mit der Schönheit der Mutter und den liebenswerten Eigenschaften des Vaters in sein Leben trat und ihm ein Glück brachte, das er auf Erden gar nicht für möglich gehalten –?

Sigrid war längst aus dem Rahmen der Tür verschwunden, und der breite Streifen Sonnenlicht schrumpfte schon stark zusammen, als Hochwald seine junge Frau aus ihren Meditationen riß.

»Komm, Iris, es ist Zeit«, sagte er, sanft über ihr blondes Haar streichend. »Du kennst jetzt die Stätte, wo das rote Licht leuchtet, und kannst kommen, so oft dein Herz dich treibt, hier zu beten.«

Sie erhob sich sogleich von ihren Knien, doch ehe er den Bleideckel wieder an seine Stelle drehte, legte sie den Strauß Rosen, den sie mitgenommen, auf den schwarzen Armensündersarg – eine Handlung, so schlicht und natürlich und doch hier so rührend und großherzig, daß Hochwald beide Arme ausbreitete, und Iris an dieser ernsten Stätte an sein Herz zog unter stummen, heiligen Gelöbnissen.

Sorgsam verschloß er dann wieder den Eingang zu der Gruft. »Denn«, meinte er, »wir müssen sie ein Geheimnis bleiben lassen – der Bevölkerung und der Schloßbediensteten wegen. Besser, daß ihr Aberglaube um das rote Licht Sagen spinnt, als daß er womöglich die Unglückliche, die hier ruht, als Geist wandeln läßt und damit unabsehbaren Schaden anrichtet.«

Als sie wieder hinaufkamen, empfand Iris erst, wie sehr sie der Ruhe bedürftig war und wie der Gang nach unten ihre erschütterten Nerven noch mehr erschüttert hatte. Hochwald führte sie zunächst wieder in sein Zimmer zurück und fand dort den Professor mit dem Sanitätsrat seiner wartend. Ersterer bat, der Konsultation aus besonderen Gründen beiwohnen zu dürfen und beschrieb nun genau seine gestrige Unterredung mit Iris und seine Fahrt mit ihr zur Station bis zum Augenblicke, wo sie ihm gute Nacht gewünscht. Iris bestätigte das alles, doch nicht mehr in der apathischen Weise von gestern, sondern mit einer gewissen zögernden und unbereitwilligen Art und einem halb verwirrten, halb erstaunten Ausdruck wie ein Mensch, der sich auf eines Rätsels Lösung nicht mehr zu besinnen weiß.

»Und mein Verdikt ist«, rief der Professor endlich, »daß ich die Frau Fürstin hier für positiv unfähig halte, selbst unter dem härtesten Schicksalsschlage eine Gewalttat gegen sich selbst oder die Ihrigen auszuführen.«

»Ich stimme Ihnen bei«, erwiderte Fürst Hochwald, »trotzdem wir beide damit gegen unsere eigene Zeugenschaft zeugen. Sprich, Iris, sag uns, was dich zu diesem furchtbaren Schritt bewog!«

»Ich weiß nicht«, sagte Iris leise, den Blick ins Leere gerichtet. »Es war etwas in mir – eine Stimme – die mich zwang, es zu tun. In der Nacht wurde es ärger, trotzdem ich Siegfried zu mir genommen, weil ich mich allein fürchtete. Selbstmord! Ist er nicht feige und schlecht und sündig? Wer darf Hand an sich selbst legen? Und doch – ich mußte es tun. Ich habe dagegen geweint und gebetet und gefleht, ich habe mich am Boden gewunden wie ein Wurm, aber die Stimme in mir befahl mir zu sterben. Es war wie ein letztes Anklammern an einen Strohhalm, daß ich Siegfried mitnahm, aber er schützte mich auch nicht. Was soll ich noch sagen? Mir graute vor meiner eigenen Tat und doch beging ich Sie –«

»Und die Stimme – was macht die Stimme jetzt?« fragte der Sanitätsrat freundlich.

Sie sah ihn halb abwesend an.

»Ich höre sie nicht, wenn Marcell bei mir ist«, entgegnete sie. »Und dann auch nur noch wie aus weiter Ferne. Ich kann mich nicht besinnen, woher sie kommt – es ist alles vor meinem Gedächtnis verschwommen, als läge ein dichter Nebel darüber.«

»Nun«, sagte der Sanitätsrat nach einer Pause, »Herr Professor Glauchau, ich stehe nicht mehr an, Ihre Diagnose zu bestätigen. Sprechen Sie – ohne Ihre scharfe Beobachtung und ohne Ihre geistvolle Kombination und Darlegung des Falles stünden wir vielleicht noch lange vor der Lösung eines Rätsels, an dem sicherlich schon manch ein reicheres Wissen als das meinige gescheitert ist.«

»I Gott behüte«, protestierte Dr. Glauchau, Iris mit seligem Gesichte die Hand abwechselnd streichelnd und küssend. »Ich habe nichts getan, als nach der rechten Fährte gesucht, und auf die hat mich nicht meine feine Nase, sondern mein altes, hier so warm gewordenes Junggesellenherz gebracht. Das andere, die Erklärung, schlägt in Ihr Fach!«

»Sie sind bescheidener als nötig ist«, erwiderte der Arzt; und sich zu dem gespannt und verwundert zuhörenden Fürsten wendend, fuhr er fort: »Durchlaucht, ich zweifle nicht, daß Ihre Frau Gemahlin die Katastrophe bald überwinden und schnell gesunden wird. Wie Sie wohl erraten haben werden, handelt es sich hier um kein physisches Leiden und auch kaum um eine psychische Ursache. Denn Ihre Frau Gemahlin hat den Selbstmordversuch heut morgen nicht aus eigener Initiative unternommen, sondern unter fremdem Willen.«

Hochwald trat einen Schritt zurück. »Wie soll ich das verstehen?«

»Durchlaucht, es ist eine schwere Anklage, die ich hier aussprechen muß – eine Anklage, die von Rechts wegen vor das Schwurgericht gehört –, es hat jemand Ihre Frau Gemahlin hypnotisiert und den Selbstmord befohlen –«

Mit entsetztem Blick hatte Hochwald zugehört – Iris aber war aufgesprungen, die Hände gegen die Schläfen gepreßt, den Blick ins Leere gerichtet, die Lippen geöffnet und stumm einen Namen formend – –

Und Hochwald las diesen Namen von den Lippen seiner Frau ab, und sein Gesicht nahm einen harten, strengen Ausdruck an.

Professor Glauchau schien geneigt, seine Hypothese umständlich zu erklären, aber der Sanitätsrat winkte ihm, hinauszugehen mit ihm. Er hatte seine Pflicht getan und den Schleier gelüftet. Was danach zu tun blieb, war Familienangelegenheit, und was er als Arzt tun konnte, das ließ sich auch schriftlich verordnen.

Hochwald aber, als er mit Iris allein war, drängte sie zurück in ihren Sessel.

»Kennst du die Stimme nun? Kannst du dich entsinnen?« fragte er leise und liebreich.

»Es ist alles noch so verworren«, klagte sie schmerzlich, »mir ist, als wäre es undenklich lange her, daß alles geschah. Ich kann gar nicht so weit sehen, wie alles liegt, aber im Hintergrund hängt die rosa Tapete mit den silbernen Rosen durchwirkt – woher kenne ich diese Tapete?«

»Aus deinem Boudoir, Lieb –«

»Oja, aus meinem Boudoir«, rief sie. »Ich war in meinem Boudoir eingeschlafen, gestern – war es gestern? Wie ich aufwachte – auf dem Boden, den Kopf an das Sofa gelehnt, da hörte ich die Stimme zum erstenmal, und –«

»Ich bitte um Entschuldigung, liebster Hochwald – nur auf ein Wort«, rief Dr. Glauchau ins Zimmer hinein.

»Nun?« fragte Hochwald in begreiflicher Ungeduld.

Der Professor erschien nun völlig.

»Ich habe noch etwas zu sagen«, begann er, »wozu der Sanitätsrat überflüssig ist. Denn wozu ihn auf eine Fährte setzen, auf der er als Arzt nichts zu suchen hat?«

Und er erzählte, was Rataiczak ihm gestern berichtet, ehe er Iris' Zimmer betrat. Als er geendet, wandte sich Hochwald gegen seine Frau, die blaß in ihrem Sessel lehnte.

»Ist es lichter geworden, Iris?«

»Lichter nicht«, erwiderte sie traurig. »Ich könnte nicht sagen, wie alles gekommen ist, was vorgegangen ist. Aber die Stimme – ich kenne die Stimme nun, und sie wird wiederkommen und wird nicht ruhen, bis – bis –«

»Sie wird nicht wiederkommen«, sagte Hochwald hart.

»Du kennst sie nicht, sie ist grausam und ohne Erbarmen«, meinte Iris.

»Sie wird an mir ihren Meister finden«, erwiderte er.

»Recht so«, nickte der Professor und ging hinaus.

Hochwald beugte sich zu Iris hinab und küßte sie.

»Sei getrost mein Lieb«, sagte er. »Alles wird noch gut werden, alles wird sich wenden, wenn wir allein hier sind und das Meer seine urewigen Hymnen rauschen wird über den wüsten Traum, den du geträumt. Mein Wille in dir ist der ältere und mächtigere – er will dich glücklich sehen, sonst nichts! Und nun laß mich gehen – auf kurze Zeit will ich dich allein lassen, denn ich habe eine Abrechnung zu halten.«

Iris erhob flehend beide Hände. »O Marcell! Sei nicht zu hart mit ihr – bedenke die Liebe, die ich im Hause ihrer Eltern empfangen habe.«

»Ich bedenke alles, Iris, auch deine Güte, die noch für – jene bittet. Willst du sie selbst sehen?«

»O nein, nein, nein!« schrie Iris auf.

»Sei ruhig – ich hätte es auch nicht geduldet!«

Und Hochwald verließ das Zimmer. In der Halle kam ihm Madame Chrysopras entgegen.

»Ich habe mir eben den Wagen zur Station bestellt – deine Erlaubnis vorausgesetzt«, rief sie lebhaft. »Der Sanitätsrat versicherte mir, Iris sei ganz wohl – alors cela ne m'empêche pas abzureisen. Ich komme noch auf ein paar Tage auf dem Rückweg wieder, wenn ich nicht über Paris reise, bien entendu. Darf ich Iris sehen? Nein? Sie darf nicht aufgeregt werden? Poor dear thing! Grüße sie tausendmal von mir, bitte! Sigrid? Oh, Sigrid ist auf ihrem Zimmer. Waaaas? Sie wird mit mir reisen? Davon weiß ich ja kein Wort! Eigentlich paßt es nicht in meine Pläne, aber da du Wert darauf zu legen scheinst – dio mio, ich muß ja noch meinen Schmuck einpacken. Au revoir, also!«

Madame Chrysopras stürmte davon mit altgewohnter Lebhaftigkeit, und mit schnellen, festen Schritten ging Hochwald seinen Weg weiter zum Fremdenflügel, wo er an Sigrids Tür klopfte und ohne das »Herein« abzuwarten, eintrat.

Sigrid ging unruhig, wie eine gefangene Tigerin im Käfig, in ihrem Zimmer hin und her und blieb wie gelähmt stehen, als Hochwald plötzlich bei ihr erschien.

Unten aus der Gruft hatte sie sich leise hinweggeschlichen – sie hatte gehört, was zu hören war und sie fühlte sich nun überflüssig. Jetzt galt es nur noch zu wägen und zu rechnen, ob sie das Spiel verloren hatte oder nicht. Eine Entdeckung fürchtete sie nicht, denn sie war ihrer hypnotischen Kräfte sicher – der Wille war sicherlich stark genug; doch war sie in der Ausführung zu flüchtig gewesen, und dessen war sie sich nicht bewußt. Es galt also jetzt nur noch zu überblicken, was ihr an Erfolg zu einem neuen Versuch blieb, und sich vorzustellen, wieviel sie sich selbst durch ihre eigene Heftigkeit vor Hochwalds Augen geschadet hatte. Und nun stand er plötzlich vor ihr, von Angesicht zu Angesicht. Aber der Ausruf des Staunens erstarb auf ihren Lippen, als sie den Ausdruck des Widerwillens, des Zorns und der Verachtung in seinem Gesicht las. Und auch er sprach vorerst nicht – er schien mit sich zu kämpfen, daß sein Zorn nicht das menschliche Maß überschreite. Da tat sie einen Schritt vorwärts.

»Steh!« donnerte er und setzte, sich gewaltsam bezwingend, hinzu: »Komm mir nicht näher – bei Gott, ich könnte sonst tun, was ich später bereuen müßte –«

»Was?« stieß sie heiser hervor.

»Dich niederschlagen, wie einen tollen Hund«, brach er los. »Elende heuchlerische Meuchelmörderin – geh nieder auf deine Knie und danke Gott, daß der Tod deiner Schwester – ja deiner Schwester – nicht deine Seele belastet. Der Mörder, der da in der Stille der Nacht kommt, zu töten, ist kein so verabscheuenswerter Verbrecher wie du, die kalten Blutes das mit ihr an einer Mutterbrust großgezogene Wesen in den Zustand der Bewußtlosigkeit versetzt und ihr dann befiehlt, Selbstmord zu begehen. Die weltliche Gerechtigkeit verurteilt dein Verbrechen schonungslos; – es schreit zum Himmel, und darum belegt die Kirche es mit ihrem Bann. Und du hast die Stirn, das unglückliche Weib dort unten, deines Vaters Schwester zu richten? Sie hat gesühnt – geh und sieh zu, ob auch du sühnen und das Kainszeichen aus deiner Seele waschen kannst. Denn deines Bleibens ist hier nicht länger – das Tischtuch ist auf ewig zerschnitten zwischen uns. Sie, die du in den Tod hetzen wolltest, sie hat noch gebeten für dich, aber ich wüßte nicht, wie man hart genug dir gegenüber sein kann, die du meines Weibes Mord kalten Blutes geplant und hinterlistig ins Werk gesetzt hast! – – – Du hast noch fast eine Stunde Zeit, um dich bereit zu machen, mit meiner Schwester das Haus zu verlassen, und es nie wieder zu betreten.«

Er war ruhiger geworden, während er sprach, aber sein Ausbruch des Zornes dünkte Sigrid weit weniger schrecklich als die Worte, die leiser und langsam gesprochen, wie Keulenschläge auf sie niederfielen. Und dazu funkelten seine Augen sie an in seiner ehrlichen, redlichen Entrüstung, daß sie förmlich Flammen sprühten. Und Sigrid wagte auch gar nicht, ein Wort dazwischen zu rufen – das Zimmer schien um sie zu kreisen im tollen Reigen, und erst, als er die Tür schon wieder geöffnet hatte, brach sie nieder auf ihre Knie.

»Wirst du mich ungehört verdammen?« schrie sie auf.

Hochwald wandte sich noch einmal um.

»Was soll ich noch hören?« fragte er mit vernichtender Verachtung im Ton. »Soll ich aus Höflichkeit stehen und die Lügen anhören, die du mir auftischen würdest? Dein Wort, das du mir wiederholt gabst, Iris nicht zu hypnotisieren, ihr nichts zu sagen über ihre Herkunft, dieses Wort, an das ich glaubte, hast du gebrochen. Ich glaube dir nicht mehr. Ich will auch von deinen Motiven zu dieser Tat nichts wissen – lauter sind sie ja doch nicht, schöner werden sie dieses grausame Verbrechen nicht machen. Also rüste dich zur Reise – ich will nicht, daß dieses Dach dich noch eine Nacht hier schirmt.«

Und damit verließ er sie, und sie wußte, daß alles verspielt und verloren war, und daß keine Macht der Welt es jemals ändern und mildern würde. Denn was seine Worte ihr nicht gesagt, das hatte sie in seinem Gesicht, in seinen Augen gelesen – – – es war alles hin für sie, alles, alles, und ihr blieb nichts als sein Zorn, seine Verachtung, eine trostlose, reuegefolterte Zukunft und – Spini!

Iris hatte indes geruht. Die gewaltigen Eindrücke, die auf ihre Seele eingestürmt waren, hatten dort energisch eine Reaktion gefordert, und ihre gesunde, ungebeugte Konstitution hatte den Sieg davon getragen: sie schlief. Wohl war's wie am Morgen nur eine Folge völliger seelischer Erschöpfung, doch immerhin ein gutes Zeichen, denn die arbeitenden Gedanken hatten Ruhe – alles, was auf sie eingestürmt, war ihr für kurze Zeit entrückt.

Als es schon dunkelte, wachte sie auf mit dem jäh zurückkehrenden Bewußtsein alles geschehenen. Doch neben ihrem Sessel saß Fürst Hochwald, die Verkörperung der immer wachenden und immer sorgenden Liebe, und im Vollbewußtsein, daß diese Liebe ihr gehörte, reichte sie ihm stumm beide Hände, und er verstand diese Sprache, denn es leuchtete auf in seinen Augen und verklärte sein ernstes Gesicht.

Und wie sie noch so saßen, Hand in Hand, ohne daß ein Wort nötig gewesen wäre, die Weihe dieser Stunde zu bekräftigen, da hörte man einen Wagen über den Kiesweg hinwegrollen.

Erblassend fuhr Iris auf.

Sigrid –?!« kam es wie eine furchtbare Frage über ihre Lippen.

Da nahm Hochwald sie fest in seine Arme und sagte: »Wir müssen den Bann dieser letzten unheilvollen Tage jetzt zu bekämpfen suchen, Iris, und ich meine, wir haben schon über ihn gesiegt. Sigrid ist fort – – und du wirst sie niemals mehr wiedersehen –«

Damit wäre unsere Geschichte füglich zu Ende, denn Fürst und Fürstin Hochwald haben, nun die Stürme über ihren Häuptern verbraust sind, ohne daß sie imstande waren, zu vernichten, nichts anderes zu tun, als glücklich zu sein, und mit ungetrübtem Glück hat der Roman nichts zu schaffen. Und doch klingt er für die Mehrzahl der Leser besser aus, wenn sie wissen, was aus den handelnden Personen geworden ist. Madame Chrysopras kann man, wenn man Italien durchreist, im Winter in Florenz besuchen, wo sie nach wie vor ihren jour hat, Krethi und Plethi – natürlich gesellschaftlich unbeanstandeten – empfängt und sich Schmeicheleien sagen läßt über ihre Tochter Sascha, deren Ruf als Porträtmalerin mit Recht wächst, denn sie ist eine große Künstlerin geworden, deren heiterer, gleichmäßiger Charakter  auch ihr persönlich viele Freunde macht. Die Kunst hat ihr alles ersetzt, was das Leben ihr sonst versagte – sie ist glücklich und ein hochwillkommener Gast allzeit auf Hochwald, wenn der Frühling dort einzieht.

Boris ist Botschaftssekretär in einer kleineren Residenz, wo Fürst und Fürstin Ukatschin-Chrysopras ein großes Haus machen. Die schöne Fuxia ist ganz vernünftig geworden, seit Boris, dem Rate seiner Schwester folgend, ihr damals im Hotel zu Hamburg ohne Vorrede einfach alles Wasser über den Kopf goß, was sich in den großen Waschkrügen befand. Den mündlichen Teil dieser Kur hatte Fürst Hochwald nicht ohne einen gewissen Erfolg übernommen, doch da Argumente bei Fuxia eigentlich wenig wirkungsvoll waren, so ist nicht zu leugnen, daß die Wasserkur den Löwenanteil an dem ebenso merkwürdigen wie erstaunlichen Erfolg hatte. Hochwald liebt es, seiner Frau diese Szene im Hamburger Hotel mit einer gewissen behaglichen Breite zu erzählen. Wenn auch infolge der Überschwemmung die Hotelrechnung »wegen eines beschädigten Plafonds der Unteretage« eine entsprechende war, so wog sie doch reichlich ihre Folgen auf, denn Fuxia nennt Boris mit Vorliebe: dear old boy, hat ihm die Verwaltung ihres Vermögens übergeben, läßt sich die Cour machen, ohne gleich ans Durchgehen zu denken, und fängt an, mit den Sitten und Manieren einer »großen Dame« auf vertrauteren Fuß zu kommen, abgesehen von ihrem »Slang«, der sich infolge von Boris gutem Beispiel zum höheren Slang abschleift und viele Bewunderer in Kreisen findet, die Anspruch darauf haben, chic zu sein. Kurz Fürst und Fürstin Ukatschin-Chrysopras leben »very well, indeed« zusammen, und keine Seele ahnt, daß ihr »domestic happiness« tatsächlich auf zirka zehn Liter Wasser beruht.

Hans aus dem Winkel ist der Stern von Bayreuth und sicherlich ein großer Künstler. Da der Ruhm ihm aber nichts von seiner Natürlichkeit genommen und er sich die ganze Liebenswürdigkeit seines Charakters bewahrt hat, so ist seine allgemeine Beliebtheit kein Wunder, und auch er ist auf Hochwald immer ein lieber Gast, doch nur, wenn Monsieur le Prince et Madame la Princesse d'Ukatschin-Chrysopras nicht gerade auch dort sind.

Professor Glauchau aber, der ist des Hauses Hochwald verwöhntestes Schoßkind. Er nennt die Fürstin Iris sein »allerliebstes, allersüßestes Durchlauchtchen« und vergißt ganz seine republikanischen Grundsätze, wenn es gilt »einen Spritzer zu Hochwalds« zu machen. Dort wird er auch als Lebensretter von Iris niemals seinen Nimbus verlieren, und es steht zu erwarten, daß der Erbprinz Siegfried von Hochwald dermaleinst den Born der Wissenschaft durch seine Vermittlung kosten und genießen wird. Vorläufig freilich hat er erst angefangen, aus der Fibel des Lesens und Schreibens Geheimnisse zu ergründen – das heißt, der kleine Siegfried natürlich.

Sigrid hatte, nachdem sie mit Madame Chrysopras abgereist war, einen Anfall von Tobsucht, der es nötig machte, sie einer Heilanstalt zu übergeben. Dort brachte sie Jahr und Tag zu, und man beanstandete nicht, sie dann als geheilt zu entlassen. Sie verließ die Anstalt in der Absicht, Zuflucht in einem Kloster zu suchen; denn als sie in der Genesung war, hatte man ihr ein Buch übergeben, das für sie eingetroffen war. Es war eines jener Herz und Seele erschütternden mit den Dissertationen des Franziskanermönches Pater Agostino da Monteseltro, und neben dem Titelblatt war auf die leere Seite die Strophe geschrieben:


»Vous qui pleurez, venez á Dieu, car il pleure;
Vous qui souffrez, venez á lui, car il guérit,
Vous qui tremblez, venez á lui, car il sourit;
Vous qui passez, venez á lui, car il demeure.«


Sigrid hatte Iris Handschrift erkannt, und diese wirkte zusammen mit den ernsten, schönen Worten seltsam erweichend auf ihren noch schwachen, genesenden Geist. Sie beschloß in ein Kloster  zu treten und zu büßen, was wie ein wüster Traum in ihrer Erinnerung wirbelte. Als sie aber die Anstalt verließ, empfing einer sie auf der Schwelle zur Welt zurück – – Spini!

Sigrid hat viel von der zähen Widerstandskraft ihres Charakters eingebüßt, oder vielmehr, diese Widerstandskraft war geschwächt und unterdrückt worden durch die Nacht, die zeitweise ihren Geist umhüllt hatte. Und Spini liebte sie immer noch, trotzdem er eine vage Ahnung hatte, daß sie andere Ziele verfolgt hatte. Jedenfalls mußte Madame Chrysopras wohl oder übel Brautmutter spielen, da Sigrid zu ihr zurückgekehrt war; und trotzdem von Hochwald her alles schwieg, führte der Cavaliere sie doch im Triumph als Marchesa Spini della Pescaja nach der Maremma.

In einem Punkte blieb Hochwald seiner Frau gegenüber unerbittlich, trotzdem sie längst vergeben hatte in der Überfülle ihres gütigen und großmütigen Herzens –: Iris durfte die, die sie zwanzig Jahre lang Schwester genannt, nicht wiedersehen. Und Sigrid, mochte sie nun bereuen oder nicht, mochte sie manchmal in der Tiefe ihres Elends verlangen und dürsten nach einem jener liebevollen Blicke aus den reinen unschuldigen Kinderaugen von Iris – sie war viel zu stolz, um die Hand zuerst zu reichen, um als Bittende vor Iris und Marcell zu treten. So blieb die Kluft unüberbrückt, das Tischtuch zerschnitten. Die florentiner und römische Gesellschaft kennt die Marchesa Spini della Pescaja wohl – sie ist eine schöne Frau mit ihrem goldblonden Haar und ihrem regelmäßigen Kopf, aber man nennt sie nur die steinerne Dame, denn ihre Züge, ihre Bewegungen, ihre Sprache, ihr Lächeln, alles ist kalt und wie versteinert. Selbst ihre blauen, hellen Augen haben den kalten, harten Glanz von vielfacettiert geschliffenen Steinen, einen unheimlichen Glanz, der immer an jene Häuser erinnert, darin Seelenkranke G