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Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem – Maria Schnee

Roman

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, Die weißen Rosen von Ravensberg, Private Bindung, Titelseiten entfernt
Die Transkription stammt von Christine Weber/Costa Rica; wir bedanken uns.



Bis Jungschnee kommt in der Sonnwendnacht – –
Dann hofft und – – habt acht!


Auf der türkisblau leuchtenden Fläche des Genfer Sees zwischen Montreux und St. Gingolph lag an einem strahlenden Frühlingstage ein Boot, und in dem Boote ließen sich zwei Damen leis, kaum merklich, von dem glitzernden Wasser schaukeln. Ein gutes Stück ab von der Wasserbahn, welche die Dampfer zogen, lag der Kahn fast regungslos auf der schimmernden Fläche und regungslos wie das leichte Fahrzeug auf der grausigen Tiefe des Leman saßen die zwei jungen Gestalten darin, ganz vertieft, wie es schien, in den Anblick der unvergleichlichen Landschaft, in der sie selbst und ihr Boot zur Staffage gehörten –

Wer je diese Landschaft gesehen, und wenn er sie hundert und hundert Male wieder sieht, den wird ihr Zauber immer neu bestricken. Wohl gibt es zahlreiche andere Punkte am Genfer See, die das Auge begeistern und entzücken, aber keiner kann sich mit dem vollendeten, abgeschlossenen Bilde vergleichen, das gerade diese Stelle, der »bout du lac«, wie die Leute sie hier nennen, bietet. Eigentlich dürfte man sie nicht das »Ende des Sees« nennen, sondern den Anfang, weil hier, zwischen Villeneuve und Le Bouveret, die Rhone, weithin sichtbar, hineinströmt in den riesigen Seeboden, um ihn in Genf erst zu verlassen, ein stolzer Strom, der Südfrankreich durcheilend, sich ins Mittelmeer ergießt. Doch auf den Namen kommt es nicht an – »die Rose unter einem anderen Namen würde ebenso süß duften, wie unter diesem«, sagt Shakespeare. Ob Anfang, ob Ende – wenn man, das Gesicht der Rhonemündung zugekehrt, von Vevey kommend, auf dem See um die Ecke von La Tour de Peilz mit ihrem alten, efeuumsponnenen Savoyerschlosse biegt, da vergeht selbst dem Nörgler, der überall, wo immer er auch hinkommen mag, einen schöneren Punkt kennt, das leidige Vergleichen vor der siegenden Schönheit dieses Bildes! Rechts steigen die in ihrer Form so unvergleichlichen Savoyer Berge, voran der Grammont, mit grünen Wänden und Felsengipfeln auf aus dem blauen Wasser des Sees; das grüne, blühende, fruchtbare Rhonetal dehnt sich gradaus, bis wo der Zuckerhut des Mont Catogne ihm den Abschluß gibt; rechts von ihm erst die in der Sonne funkelnde bläuliche Fläche des Trientgletschers, vor die sich, der Löwe in dieser Gruppe, die fünfzackige, schneegekrönte Dent du Midi vorschiebt. Links vom Catogne, weit zurück, die Berge des Großen St. Bernhard mit dem im ewigen Schnee leuchtenden Mont Velan, dann, der Dent du Midi gegenüber, die kühne Spitze der Dent du Morcle mit ihrer imposanten Bergkette; noch weiter vor der grüne Abhang über Villeneuve, dann die der »Jungfrau« ähnliche prächtige Formation des Rocher de Naye mit der nadelartigen Dent de Jaman, als Trabanten, zu deren Füßen das reizende Les Avants gebettet liegt, wo im Mai die wilden Narzissen so üppig blühen, daß man von ferne meint, frischer Schnee wäre gefallen. Am rechten Ufer, mit dem Gesicht nach dem Rhonetal gekehrt, die Fischerdörfer St. Gingolph und Le Bouveret, links die unter dem Gesamtnamen »Montreux« das Ufer einfassenden Villen, Pracht-Hotelpaläste und Luxusbauten der Ortschaften Clarens, Veyteau, Territet, zwischen letzterem und Villeneuve die drohende Wasserfeste Chillon, zu der alljährlich Hunderttausende pilgern, von denen die meisten nicht wissen, warum sie das tun – (weil's im Baedeker steht). Und über dem strahlenden Uferbilde von Montreux wie ein gekröntes Haupt hoch oben das herrliche Caux, das tiefer gelegene, nicht minder reizende Glion, weiterhin auf rebenumwachsenem Hügel das mittelalterliche Schloß Chatellard, überragt von den Pleiaden – nein, wer das alles einmal gesehen, dem vergeht das Vergleichen und wäre er der größte Nörgler, den die geduldige Sonne bescheint, und wer's hundertmal gesehen, den entzückt's zum hunderthundertsten Male genau ebenso.

Die beiden jungen Damen im Kahn hatten lange geschwiegen und traumverloren das strahlende Bild betrachtet. Die Sonne hatte sich schon gesenkt und wollte, purpurnes Abendrot über den Höhenzug des Jura breitend, dahinter für heut zur Ruhe gehen; Fischerboote glitten leis über die nun in allen Farben wie Perlmutter schimmernde Wasserfläche, große Lastkähne, mit nur diesem See eigentümlichen lateinischen Segeln, wie riesige Möwen über das Wasser gleitend, kleine Segeljachten schwebten lautlos, wie Schemen darüber hin und die weiße Villa auf der grünen Insel vor Clarens tauchte in ein Lichtmeer wie von Purpur und Gold, das auch den beiden Frauen im Kahn einen merkwürdig prächtigen und charakteristischen Hintergrund verlieh, trotzdem die Jugend der beiden auch aus der reizlosesten Umgebung siegreich hervorgangen wäre.

Die eine, die, ein Buch in den zarten Händen, auf dem kissenbelegten Sitze saß, war eine jener vergeistigten Erscheinungen, wie Lenbach sie zu malen liebte, mit einem Kopfe wie eine Kamee, über der ganzen Gestalt der Hauch der geistigen und aristokratischen Vornehmheit, die sich auf jedes Detail ihrer raffiniert einfachen und doch so kostbaren Toilette übertrug. Die andere, die gerudert, trug nur einen sehr einfachen, fußfreien Lodenrock und eine rührend billige Bluse von blauem Batist, und trotzdem hätten nur wenige neben ihr die vornehme Eleganz der andern gesehen, – sie wirkte neben ihr wie das elektrische Licht neben der milden und doch vielen angenehmeren Flamme der Wachskerze.


Wie diese beiden zusammengekommen, sich gefunden, darüber hatte sich schon manch einer, der gern beobachtete, den Kopf zerbrochen, und die Fremdenliste gab so gar keinen Aufschluß darüber neben den Namen und Titeln, die gar keine sonderliche soziale Kluft vermuten ließen. Und das Benehmen der beiden einander gegenüber noch viel weniger und das Aussehen schon lange nicht trotz der ausgesprochenen Verschiedenheit der beiderseitigen Mittel.


Das Firmament, an dem diese zwei Sterne sich getroffen und nach einigem Auseinandergleiten der Bahnen sich zum gemeinsamen Laufe vereint, führte den Namen eines Töchterpensionats, das den Ruf genoß, die Sprossen der besten Kreise zu vollendeten Weltdamen sowohl wie zu modernen praktischen Frauen erziehen zu können. Die Dame, welche imstande war, nach beiden Zielen mit dem gleichen guten Erfolge arbeiten zu können, hatte eine Schwester, die sich jung mit einem vielversprechenden Offizier, dem Hauptmann von Seeburg-Am See verheiratet, aber bald mit Hinterlassung einer jungen Tochter gestorben war. Dies Mädchen hatte die treue Tante erst im Kreise ihrer Zöglinge mit erzogen und dann dem Vater zurückgegeben, der damals ein Regiment kommandierte. Ein Sturz vom Pferde beim Manöver nötigte den Oberst von Seeburg-Am See, den Abschied zu nehmen, den er mit dem Range eines Generalmajors und allen möglichen sonstigen Beweisen königlicher Gnade erhielt, aber alles das hinderte nicht, daß er den Folgen des verhängnisvollen Sturzes bald nach seiner Pensionierung erlag, und seine Tochter, nun eine mittellose Waise, kehrte in die Schule ihrer Tante zurück, um sich dort zum Lehrerinnenberuf vorzubereiten, zu dem sie nichts zog, als das harte Muß und der Umstand, daß die Tante ihr dazu die Mittel und Wege geben, beziehungsweise anbahnen konnte. In dem Pensionat des Fräulein von Sternberg befand sich damals auch eine wirkliche, echte und leibhaftige Prinzessin, die aber trotz ihres hohen Ranges und Zugehörigkeit zu einem mediatisierten Hause ebenso arm und verlassen war, wie die Nichte der Institutsvorsteherin. Der Prinz von Eichwald, ihr Vater, war als notorischer Verschwender unter Kuratel gestellt worden und noch zur guten Stunde unter Hinterlassung großartiger Schulden gestorben; seine Gemahlin hatte sich schon vor ihm übermüde dem unnützen Kampfe um das elende Dasein an dieses Mannes Seite durch den Tod entzogen. Nach seinem nicht eben rühmlichen Ende bezahlte der Chef des fürstlichen Hauses die Schulden und steckte die Waise, die seine Nichte im dritten Grade war, in das vielgerühmte und kostbare Erziehungsinstitut Sternberg, wo der sensitive Fremdling sich scheu in sich zurückzog, bis Fräulein von Seeburg, wie sie in schwarze Trauerkleider gehüllt, erschien, und an sie, die so ganz ihr Gegensatz erschien, schloß diese sensitive Mimose, das scheue Prinzeßchen, sich »mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen« bedingungslos an. Eine Mädchenfreundschaft, nichts weiter? Gewiß, aber eine mit Wurzeln, die weiter grünten und Zweige trieben, auch, als das Leben durch die räumliche Trennung der beiden die Blüten abgeschnitten. Das Prinzeßchen war nach vollendeten Lehrjahren – ein Blatt im Winde, – zu ihren Verwandten eingeladen worden und hatte das – der Meinung der Verwandten nach nämlich – »riesige Glück«, in der Person eines alten, verhutzelten und schwer reichen Diplomaten einen Freier zu finden, dessen Hand anzunehmen man keine allzuschwere Mühe hatte das junge, unerfahrene, schüchterne Mädchen zu überreden. Der alte Herr, der den Posten eines Botschafters bekleidete, war aber nicht nur ein geistreicher Diplomat, er war auch ein warmherziger und edler Mensch und bei ihm, der die Rolle des älteren Bruders mehr als die des Gatten betonte, kam der liebenswürdige und liebenswerte Charakter der fürstlichen Waise erst zur vollen Entwicklung. Nach kaum zweijähriger Ehe starb Graf Mirow und seine junge Witwe, die Erbin seines großen Vermögens, betrauerte ihn aufrichtig mit der ruhigen Trauer, wie sie vielleicht eine junge Nichte für einen lieben alten Onkel hat, der sie im Leben mit Zuckerzeug und sonstigen guten Gaben überschüttet hat. Und dabei hatte sie das Bewußtsein, ihm als Gegengabe stets ihr freundlichstes Lächeln gegeben zu haben, seinem Hause die anmutigste, liebenswürdigste Repräsentantin gewesen zu sein. Vielleicht hatte er auch nicht mehr verlangt und erwartet, der alte Herr, als er sich dieses im Verborgenen blühende Veilchen pflückte mit all seinem Duft und seiner Anmut, und wenn er es tat – – laut werden ließ er's nie vor ihr.


In all dieser Zeit, da Marie-Luise Eichwald die Rolle der Doyenne eines diplomatischen Korps mit jugendlicher Grazie und angeborener Würde ausfüllte, fand sie immer Zeit, ein paar herzliche Zeilen an die Freundin im Institut zu schreiben, deren kraftvoller, lebensprühender Natur sie so viel verdankte, deren Wesen und Erscheinung ihr so unendlich sympathisch war. Sie sann dabei unablässig auf Mittel und Wege, Fräulein von Seeburg in ihre Nähe zu bekommen, fand aber keine, denn sie wußte sehr genau, daß ihre Freundin die Mittel nicht hatte, um als Gast des Hauses sich dessen großem Rahmen anzupassen, und sie als Gesellschafterin zu engagieren und sie damit in den Hintergrund zu schieben, in den zweiten Rang des Haushalts sozusagen, dazu konnte sie sich einer Persönlichkeit gegenüber, wie es Fräulein von Seeburg war, nicht entschließen, ganz abgesehen davon, daß es sehr unwahrscheinlich war, daß sie einem solchen Rufe gefolgt wäre. Nachdem wieder ein Jahr, – das Trauerjahr für Seine Exzellenz den Grafen von Mirow, abgelaufen war, erschien seine junge, nun zweiundzwanzig Jahre alte Witwe eines schönen Frühlingstages in dem Institut und hatte eine Unterredung mit der Vorsteherin, die sich herzlich freute, ihre ehemalige Schülerin wiederzusehen. Nach dieser Unterredung wurde Fräulein von Seeburg gerufen, die nach glänzender Absolvierung ihrer Examina eben in das Lehrerkollegium des Instituts aufgenommen worden war, und nach einer stürmischen Begrüßung der Freundinnen lud Gräfin Mirow Fräulein von Seeburg ein, mit ihr zu reisen. Allein könne sie das nicht gut, wolle sie sich nicht unfreundlichen Kommentaren aussetzen; eine ihr fremde und unbequeme Ehrendame mochte sie nicht – da gäbe sie lieber das Reisen auf, bevor sie sich in dieser Weise bände und sich eine klirrende Kette an den Fuß schmiedete – wenn aber Fräulein von Seeburg mit ihr kommen wolle, dann wäre allen geholfen, vielleicht auch der lieben Freundin selbst, der eine gründliche Erholung nach den anstrengenden Arbeiten für die Examen nötiger sei, als sich direkt ins Joch des Unterrichtgebens spannen zu lassen. Diese Ansicht unterstützte Fräulein von Sternberg sehr energisch, denn sie liebte ihre Nichte, und gab ihr unbeschränkten Urlaub –: es wären genug arme Wesen da, die selig wären, die beurlaubte Lehrerin gegen deren Gehalt vertreten zu können. Fräulein von Seeburg, in dieser Weise freigegeben, nahm die Einladung von Herzen gern an – hinaus in die Welt, fremdes Land, fremdes Leben kennen zu lernen, das war ihre Sehnsucht, nicht aber, in dumpfer Schulstube kleinen Kindern das Abc einzupauken. Und so kam es, daß die beiden Freundinnen an jenem strahlenden Maitage hinausgerudert waren auf den Genfer See, denn Gräfin Mirow hatte im Grandhotel in Territet Wohnung genommen. Hier wollten sie bleiben, bis die Hitze sie in die Berge trieb, bis die vorrückende Saison es erlaubte, nach Zermatt vorzudringen, denn Fräulein von Seeburg hatte eine ganz unbezwingliche Sehnsucht nach der persönlichen Bekanntschaft des Matterhorns fallen lassen und darum stand das Matterhorn auch auf dem Programm – wenn's der Gipfel des Popokatepetel gewesen wäre, ja hätte er ebensogut auf dem Programm gestanden, denn Gräfin Mirow war heilsfroh, sich von den stärkeren Wünschen und der größeren Lebensfreude ihrer Freundin schieben zu lassen, ganz abgesehen davon, daß es ihr Herzenssache war, den leisesten Wunsch eines Wesens zu erfüllen, zu dem sie in ungeteilter Bewunderung, den schlichten Lodenrock und die billige Bluse inbegriffen, emporblickte.


Und es mußte wahr sein: diese einfachen Kleider, von Fräulein von Seeburg getragen, stellten rettungslos die kostbare, wenn auch raffiniert einfache Garderobe der jungen Witwe ins zweite Treffen; es gibt Menschen, die, in Sackleinwand gekleidet, königlich aussehen, wie es andere gibt, auf denen Samt und Goldbrokat herumhängen wie die Lumpen auf einer Vogelscheuche. Und Fräulein von Seeburg gehörte zu dieser ersteren Gattung; ihr schlanker Wuchs, ihre ungezwungene königliche Haltung voll natürlicher Grazie machte jedes Gewand zu einer »Toilette«, ihr wundervoller Kopf mit dem herrlichen roten Haar, das wellig und ungestüm fast sich aufbauschte und in der Sonne wie poliertes Kupfer leuchtete, ihre belebten, kühnen Züge, ihr milchweißer, fleckenloser Teint, ihre großen schwarzen Augen mit den tiefliegenden Wimpern und den dichten, graden schwarzen Brauen, dieser Kopf triumphierte siegreich über jegliche Hülle, die dies wunderbare Geschöpf immer tragen mochte, nach dem die Vorübergehenden sich unweigerlich, unbeschadet ihres Alters, Standes und Geschlechtes umdrehten, um ihm nachzusehen. So siegend saß sie auch hier im Boot, die schönen, jugendkräftigen Hände ohne Handschuh auf den Rudern, den Kopf unbedeckt, daß die rotgoldene Abendsonne eine wahre Glorie um ihr Haupt wob, aus welcher Funken zu sprühen schienen. Sie hatten eine ganze lange Zeit schweigend im Boot gesessen. Jede mit ihren Gedanken beschäftigt – denn das gehörte zu dem Abkommen ihres Beisammenseins, daß keine die andere krampfhaft zu amüsieren bemüht war, wenn sie aufgelegt war zum Schweigen. Gräfin Mirow hatte darum, diese schöne persönliche Freiheit benutzend, ein Buch mitgenommen, in dem sie nicht las und Fräulein von Seeburg war mit ihren Rudern beschäftigt, denn es hätte ihnen beiden viel, wenn nicht alles von der Freude dieser Wasserfahrten genommen, wenn sie einen Schiffer im Boote als sehr lästige Überfracht hätten mitführen müssen. Den roten Schein auf dem zarten, vergeistigten Blick der ihr gegenübersitzenden Freundin bemerkend, zog sie die Uhr – ein einfaches, silbernes Ding an schwarzseidener Schnur und warf einen Blick darauf.


»Man muß an die Heimkehr denken«, murmelte sie, tauchte die Ruder ins Wasser und wandte das Boot mit der Spitze Territet zu. Dabei kam sie selbst aber in das volle Licht der Abendsonne zu sitzen, in die sie mit ungeblendetem Blicke hineinsah wie in ein Element, in dem sie zu Hause war. Der schlanke, kräftige Körper bog sich, wenn die Ruder ins Wasser tauchten, zurück und bei jeder Bewegung flammte und lohte das rote Haar, das sie wie eine Königskrone auf der weißen Stirn trug. Das goldene Licht mußte eine wundersame, berauschende Wirkung auf sie haben, denn in ihren Augen blitzte es auf wie von Kampfesmut; die Ruder aus dem Wasser ziehend, daß die Tropfen davon hochauf sprühten, richtete sie sich auf und sang mit einer Altstimme von seltener Klangfülle hinaus in die Weite:


»Das Heerhorn ruft und der Waffen Klang –
>Die Schlachtrosse wiehern mutig –
Nun singt ihn wieder, den alten Sang
Und schlagt euch die Köpfe blutig!
Das Rote Banner mit silberner Faust
In die erste Reih, das dem Feinde graust,
Die Brücke nieder und auf das Tor:
Die Seeburger vor!«


»Aber Schneewittchen! Was ist denn das für ein wildes Lied? Das hab' ich ja noch nie von dir gehört!« rief Gräfin Mirow, die mit immer größer werdenden Augen zugehört. »Ein Lied! Eine Rhapsodie ist's!« Fräulein von Seeburg lachte. »Ein Erbstück ist's aus unsern Familienpapieren, fein säuberlich auf Pergament aufgeschrieben«, sagte sie, wieder die Ruder ins Wasser tauchend. »Ich hab's gern, denn es klingt so, als ob wir mal Anno Dunnemals, vor Olims Zeiten, eine Burg besessen hätten, Ritter und Reisige. Kannst du mich dir als Burgfräulein vorstellen, Marie-Lu, Preise beim Turnier verteilend?«

»Sehr gut kann ich dich mir so vorstellen, Schnee!«

»Ah – nicht wahr, großartig hätte ich das gemacht! Ja, das Lied –


– »Das rote Banner mit silberner Faust – –«
(das ist nämlich unser Wappen!)
»In die erste Reih, daß dem Feinde graust,
Die Brücke nieder und auf das Tor –«


Das deutet doch ganz klar an, daß dazu eine Burg, unsre Burg gehörte. Mein Vater wußte auch etwas darüber, aber er mochte nicht darüber sprechen und dann habe ich von ihm ein Dokument in einer runden Blechkapsel, aber mein Vater hat mir empfohlen, es nicht eher zu lesen, als bis ich älter geworden bin, damit ich mir im jugendlichen Übermut nicht Raupen in den Kopf setze, falsche Hoffnungen und was weiß ich noch! Also wird wohl auch etwas von der Brücke und dem Tor darin stehen –«

»Und das hast du wirklich bis jetzt nicht gelesen?«

»So wesentlich älter bin ich doch seitdem nicht geworden – ich bekenne mich auch schuldig, daß ich gern noch zu falschen Hoffnungen neige«, war die nachdenkliche Antwort. »Und das Dokument ist greulich unleserlich geschrieben und ich hatte niemals Zeit. Sonntags? Ach, Sonntags war ich immer müde und hab' lieber auf der harten Schulbank in der leeren Klasse geschlafen, als mich mit dem Entziffern falscher Hoffnungen abgeplagt?«

»Ich möchte wissen, ob deine Familie mit den Seeburgs verwandt ist oder im Zusammenhange steht, die in Süddeutschland angesessen sind«, sagte Gräfin Mirow.

»Seeburgs in Süddeutschland? Von denen habe ich ja niemals etwas gehört!« rief die Gefragte erstaunt.

»Oh, das ist ein großes Haus, das herrliche Besitzungen haben soll. Reichsunmittelbar, weißt du, – also hoher Adel, der den regierenden Häusern ebenbürtig ist. Der Chef führt noch den alten Titel: ›Pfalzgraf‹ und seine Frau ist eine entfernte Tante von mir –«

»Was ist denn das, eine entfernte Tante?«

»Oh, – nicht meiner Mutter Schwester, sondern eine ihrer Kusinen im dritten Gliede, – wie soll man denn solche Dame anders nennen, als Tante?«

»Ja, ich weiß – Tante ist so eine Art Sammelname für alle möglichen unangenehmen weiblichen Verwandten. Also eine Tante von dir ist die Pfalzgräfin von Seeburg! Mein Vater hat nie von diesen anderen Seeburgs gesprochen. Nie! Ob er gewußt hat, daß sie existieren? Weißt du, welches Wappen sie haben?«

»So ungefähr. Der Schild ist geteilt; oben einen eisernen Handschuh, wegen Seeburg –«

»Zur Faust geballt?«

»Ich weiß nicht recht, – doch, ja! Eine eiserne Faust! Oder eine silberne – und unten einen silbernen Berg mit einer goldenen Sonne darüber auf blauem Grunde – wegen Sonnenberg. Seeburg und Sonnenberg.«

»Seeburg-Am See. Ob das Schloß der Pfalzgrafen wohl an einem See liegt?«

»Ich war nie dort. Aber gewiß liegt es an einem See – es hat wohl daher seinen Namen. Ich kenne auch meine Tante nicht außer durch ein paar Briefe, die wir hin und wieder gewechselt. Sie sollen eine sonderbare Rasse sein, die Seeburger.«

»Nun, damit können wir auch aufwarten«, rief Fräulein von Seeburg lachend. »Wir haben alle möglichen Spezialitäten, die doch stark unter die Sonderbarkeiten rangieren. Da ist zuerst das bewußte Dokument mit den falschen Hoffnungen. Trotz diesen wird es aufbewahrt, wie die größte Kostbarkeit und mit einer Feierlichkeit von Generation zu Generation vererbt, als stünde ein Königreich in Frage. Dann das Lied, das dich eben in Erstaunen versetzt, Marie-Lu! Das wird uns Seeburger Kindern gelehrt, sobald wir nur eben sprechen können. Das heißt diese Strophe. Es ist noch eine andere da, die so unverständlich ist, wie ein modernes allegorisches Gedicht von Maeterlinck. Wahrscheinlich fehlen ein paar erklärende Strophen, die verlorengegangen sind.«

»Kennst du diese Strophe, Schnee?«

»Freilich kenne ich sie. Paß mal auf!« Und auf die Ruder gestützt, bog sie sich vor und sang, das junge, schöne Gesicht mit den weit offenen dunklen Augen der Sonne zugewendet, auf eine eigene, erst eintönige und doch merkwürdig packende und aufregende Melodie, die sich in den letzten Zeilen zu einer verhaltenen, fast unheimlichen Kraft steigerte:

 

»Euch Seeburgern lacht nur ein Frühling! Nie
Wird die Sonne euch blicken.
Was andern der Sommer an Freuden lieh,
wird im Schnee, im Schnee euch ersticken.
Den Winter bringt jäh euch der uralte Schnee,
Aus der Jugend ein Tag euch des Alters Weh,
Bis Jungschnee kommt in der Sonnwendnacht – –
Dann hofft – – und habt acht!«


»Wie seltsam. Aber ein Sinn ist da wirklich nicht drin«, meinte Gräfin Mirow mit einem leichten Schauer. »Es klingt fast wie eine Prophezeiung.«

»Nicht wahr? Der Prophet muß aber sehr zweiter Güte gewesen sein, denn von dem im Schnee erstickten Sommer haben wir eigentlich nie, in keiner Generation etwas gemerkt. Und das bringt mich auf die dritte unserer Eigentümlichkeiten: Es ist immer eins in der Familie ›Schnee‹ getauft worden.«

»Du hast mir immer einmal erzählen wollen, wie du zu diesem seltsamen Namen gekommen bist.«

»Er ist gar nicht einmal so selten – als Taufname. Als Rufname soll er in Spanien, in Italien, ja auch in Frankreich häufiger sein, als in Deutschland«, erwiderte Fräulein von Seeburg. »Du kennst ja die schöne Legende von Maria Schnee: wie der Papst Liberius und der römische Patrizier Johannes gleichzeitig in der Nacht vom 4. zum 5. August im Jahre 352 träumten, die Mutter Gottes träte an ihr Lager und befehle ihnen, eine Kirche auf der Stelle zu bauen, wo sie am folgenden Morgen frisch gefallenen Schnee finden würden. Der Papst wie der Patrizier suchten beide, ohne von ihren gleichzeitigen Träumen zu ahnen, am Morgen des 5. August und trafen sich auf dem Gipfel des Esquillin, wo sie das Wunder des frisch gefallenen Schnees fanden. Der Papst zeichnete mit seinem Stabe die Umrisse der Kirche in den Schnee, der Patrizier übernahm den Bau und die Kirche Santa Maria Maggiore del Neve steht heut noch in Rom – ich wollte, ich könnte sie sehen!«

»Wir wollen im Herbst hinfahren, Schnee!« rief Gräfin Mirow. »Ich kenne Rom ja auch noch nicht.«

»Im Herbst! Denkst du denn, Marie-Lu, daß ich dir bis zum Herbst auf der Tasche sitzen werde?«

»Ich denk's nicht nur, ich hoffe es auch«, war die herzliche, fast bittende Antwort. »Aber davon können wir später reden. Jetzt sind wir, meine ich, bei den Sonderbarkeiten derer von Seeburg, speziell bei dem Namen Schnee. Du wolltest mir sagen, warum du so genannt bist.«

»Nicht etwa zum Gedächtnis der reizenden Legende, Marie-Lu, auch nicht zur Erinnerung an eine besonders verehrte Ahne dieses Namens, sondern, damit es nie in Vergessenheit kommt, daß irgendeine Dame dieses Namens den Seeburgs ein himmelschreiendes Unrecht zugefügt hat. Gerade sehr christlich finde ich diese Bestimmung nicht, aber darum ist sie doch peinlichst befolgt worden, denn mein Vater war, weil er keine Schwester hatte, selbst Carl Maria Schnee getauft worden. Nun, mit mir, die ich die letzte Seeburgerin bin, erlischt diese Bestimmung, die der Haß erfunden, ganz von selbst, denn ich glaube nicht, daß die sonderbare Erbschaft in der weiblichen Linie fortgesetzt werden muß. Dann, eine fernere Sonderbarkeit von uns Seeburgern ist der Ring, den ich trage –«

Schnee streckte ihre linke Hand aus und ließ das Juwel an ihrem Goldfinger in der roten Abendsonne funkeln. Der Ring wäre zu groß und zu massig für diese schlanke, rassige Hand gewesen, wenn er nicht so merkwürdig gepaßt hätte. Er war sicher sehr alt und bedeckte das ganze Fingerglied: ein länglich-viereckiger flach geschliffener Smaragd von fleckenloser Qualität, einem Feuer und einer Farbe, wie er selten nur vorkommt, ruhte in einer Goldfassung von einer Zeichnung und einer Arbeit, die den Ehrgeiz eines Benvenuto Cellini vor Neid hätte erblassen lassen. Das dunkle Gold dieser Fassung, die zweifellos orientalischen Ursprungs war, hob das grüne Feuer des Steines, in dessen Fläche einige fremdartige Charaktere eingeschliffen waren, zu wunderbarem Effekt, denn der Smaragd bekam dadurch etwas Persönliches, Lebendiges fast und sprühte den Glanz der Abendsonne zurück, als hätte sie ihr Licht von ihm geliehen, nicht er das seine von ihr.

»Du hast diesen Ring im Institute nie angelegt«. sagte Gräfin Mirow, indem sie den Ring mit einem Gemisch von Bewunderung und Abneigung betrachtete, deren sie sich selbst ganz unbewußt war. »Freilich, – ein so auffallendes Juwel –«

»Das auf die Hand einer großen Dame gehört, nicht an die einer armen Lehrerin«, vollendete Schnee Seeburg den abgebrochenen Satz mit dem Tone der Selbstverständlichkeit, ohne Bitterkeit oder Schärfe. »Eben darum. Er ist auch ein Erbstück, dieser Ring, und wird oder wurde gehütet wie ein Kronjuwel. Das Glück der Seeburgs hängt davon ab, geht die Sage. Mein Vater hat ihn auch getragen –«

»Und da ist er dir nicht zu weit für deine schlanken Finger?«

»Nein, er paßt mir wie angegossen«, erwiderte Schnee, ihre Hand mit dem Ringe betrachtend. Und dann sah sie auf mit etwas wie von Staunen und Beunruhigung gemischtem Blick. »Jetzt, wo du mich darauf bringst, Marie-Lu, fällt es mir erst auf: Mein Vater zog den Ring von seiner starken, großen Hand – er war ja selbst ein so großer Mann – als er ihn mir übergab, ehe er starb – ganz ohne Mühe streifte er ihn von seinem Finger – und nun paßt er mir wie angemessen –«

»Es ist vielleicht der Zauberring, der Wunschring aus dem Märchen –«

»Es ist sehr sonderbar«, meinte Schnee kopfschüttelnd, indem sie den Ring betrachtete. »Und noch sonderbarer ist: ich habe ein Bild meines Großvaters, und darauf trägt er den Ring auf dem Zeigefinger! Und nie hat ihn der Goldschmied berührt zum Enger- oder Weitermachen. Es war nie eine Reparatur an diesem Ring nötig. Mein Vater zeigte ihn einst einem berühmten Archäologen, der ihm eine große Summe dafür bot: er meinte, der Ring wäre indischen Ursprungs aus einer sehr frühen Epoche und die Charaktere auf dem Smaragd deuteten auf brahmanische Formeln, die zu entziffern er leider nicht imstande war. Der Stein – ich liebe sein grünes Feuer – hat etwas so Sprechendes, nicht? Ich habe ja noch nicht viel Edelsteine in meinem Leben gesehen und weiß nicht, ob sie es alle so an sich haben, daß sie zu einem reden –«

»Aber Schnee, welcher Gedanke!« rief Gräfin Mirow halb lachend, halb ehrlich entsetzt. »Das fehlte noch, daß diese Steine zu einem sprächen!«

»So, also das tun sie nicht?« fragte Schnee verträumt. Dann muß es mit diesem Smaragd eine eigene Bewandtnis haben, denn er redet mit mir. Wenn ich im Institut mal Zeit hatte und allein war, dann habe ich mir den Ring vorgeholt und er hat mit mir gesprochen. Lach nicht, Marie-Lu –«

»Ich  lache  gar  nicht.  Das  ist  ja  unheimlich –«

»Meinst du? Eigentlich hast du recht, aber ich habe nicht das Gefühl des Unheimlichen. Ich sehe alle möglichen Bilder an mir vorüberziehen und der Stein erzählt mir – was? Ich weiß es kaum mehr, denn ich habe später nicht mehr darüber nachgedacht – –«

»Schnee! Laß jetzt den Ring und fahre lieber fort mit der Aufzählung der Sonderbarkeiten Derer von Seeburg«, rief Gräfin Mirow mit einem leichten Schauer.

Ihre Gefährtin riß gewaltsam den Blick los von dem Smaragd und ihr weißes, schönes Gesicht verlor den Ausdruck des Gespannten, auf irgend etwas intensiv Lauschenden. Noch für einen Moment behielten die großen, Van-Dyck-braunen Augen den verträumten, verwirrten und halb erschrockenen Ausdruck, als ihr Blick aber auf das ängstlich-besorgte Gesicht der Gräfin fiel, da lachte sie hell auf und wenn sie ernst schon sicherlich schön war – lachend bekam das Gesicht einen unsäglichen Liebreiz von geradezu schillerndem Zauber.

Mit einer ihrer energischen Bewegungen ergriff sie wieder die Ruder, daß der leichte Kahn wie ein Pfeil über das Wasser flog.

»Sonderbarkeit Nummer vier der Seeburger ist, daß sie zu bestimmten Tageszeiten einen richtigen, ausgewachsenen Reckenhunger kriegen«, rief sie übermütig. »Und wenn wir jetzt nicht machen, daß wir heimkommen, dann können wir wieder ewig warten, bis man uns nachserviert, was die andern, pünktlichen Gäste übriggelassen haben. ›Hein?‹ Grässliche Redensart, dieses ›Hein?‹ hierzulande. Ich könnte den Leuten immer eine Ohrfeige geben, so oft ich's höre.«

»Es entspricht wohl genau unserm heimatlichen ›Hä?‹ Gebildete Leute sagen's aber doch hier wie da nicht.«

»Man muß es wenigstens hoffen, Marie-Lu, aber man muß auch darauf vorbereitet sein, den lieblichen Ton da zu hören, woher man ihn am allerwenigsten erwartet. Die vorausgesetzte Bildung macht einem oft so merkwürdige Überraschungen!«

Eine halbe Stunde kräftigen unausgesetzten Ruderns und die Damen konnten in den kleinen, wohlgeschützten Hafen neben der Schiffslände unterhalb des Grandhotels einfahren und ihr Fahrzeug dem Bootsmann übergeben. Dann stiegen sie hinauf zu der reizenden, blumen- und palmengeschmückten Terrasse und fanden, daß sie sich eilen mußten, wenn sie das Hors d'oeuvre ihres Diners noch rechtzeitig haben wollten, und Schnee erklärte sich sehr energisch dafür mit ihrem gesunden, nie verleugneten Appetit der Jugend, den das Rudern zum Hunger verschärft. Während also die Gräfin unter den Händen ihrer wohlgeschulten und gewandten Kammerzofe ihr Promenadenkleid mit einem Worthschen Schneiderwunder von grauem Chiffon mit schwarzen Spitzeninkrustationen vertauschte, besorgte Schnee Seeburg dasselbe Geschäft allein und bedeutend schneller, kaum einen Blick in den Spiegel werfend, weil ihre Augen hinaussahen auf den See und die Berge im Zauber der letzten Sonnenstrahlen.

»Und während solch ein Wunder draußen vorgeht, sitzt man in dem stickigen Saal da unten und muß die ewige ›fritture‹, den eisernen Bestand der Tischfolge aufriechen«, grollte sie und klopfte doch im nächsten Augenblick schon energisch an die Tür ihrer Freundin, um sie abzuholen. Und als sie darauf eintraten in den großen, eleganten, lichtgebadeten Saal und Platz nahmen an dem kleinen Tisch, an dem sie, wie alle zusammengehörigen Parteien im Hotel allein und abgetrennt von den übrigen Gästen, aßen, da sahen nur wenige auf die feine, vornehme Frau in dem Worthschen Schneiderwunder, das sicherlich eine Unsumme gekostet, aber alle sahen sie auf das große, schlanke Mädchen neben ihr im schlichten, einfachen weißen Voilekleide, das die leuchtende Haartracht auf ihrer weißen Stirn trug wie eine Kaiserkrone.

Und es war alle Tage dieselbe Sensation, wenn sie den Saal betraten, sei's zum Lunch im Hut und in der billigen Batistbluse, sei's zum Diner im Besten, was Schnee besaß. Dabei war sie sich's gänzlich unbewußt, daß ihr dieses leise Murmeln, das Kopfwenden, die vielen neugierigen, bewundernden und auch mißbilligenden Blicke galten. Sie setzte das, wenn sie es überhaupt bemerkte, auf das Konto ihrer Freundin und fand es ganz in der Ordnung und berechtigt, wenn man sie bemerkte als eine Prinzessin von Geburt, als die junge Witwe eines alten, weltbekannten Diplomaten, als seine steinreiche Erbin und als liebreizende und anmutige Frau. Die Gräfin Mirow, die in ihrer kurzen Ehe mehr von der Welt gesehen, als andere ihr ganzes Leben lang, sah sehr wohl den Eindruck, den die frappante Persönlichkeit ihrer Freundin überall machte, aber sie sah auch deren völlige Harmlosigkeit, ihre glänzende Unbewußtheit und hütete sich, eine Bemerkung fallen zu lassen, welche diese totale Harmlosigkeit ins Wanken bringen konnte, denn sie fand sehr mit Recht gerade diese einen der größten Reize von Schnee Seeburg. Nun hätte sie sich diesen vielen und oft recht wenig zurückhaltenden Blicken leicht dadurch entziehen können, daß sie sich und Schnee die Mahlzeiten oben in ihrem Salon servieren ließ, aber die Freundinnen waren übereingekommen, daß dies zwar sehr exklusiv und zurückhaltend, aber auch sträflich langweilig sei. Sie hatten ihre gegenseitige Gesellschaft so schon den ganzen Tag, und nach dem Grundsatz: Abwechslung ergötzt – zogen sie es vor, den Zusammenfluß der Fremden aller Nationen in dieser Riesenkarawanserei von einem Hotel im Speisesaal zu beobachten und über die einzelnen Personen und Gruppen ihre Beobachtungen und Vermutungen über Wer? Woher? und Was? anzustellen. Zwar wird dies Vergnügen durch das jetzt fast allgemein in den großen Hotels zur Anwendung gebrachte System des Servierens an separierten kleinen Tischen und Tischchen in etwas erschwert, aber es war doch immer noch amüsanter, als droben allein zu speisen. Vor unangenehmer und unerwünschter Nachbarschaft schützen die kleinen Tische ja sicherlich, aber sie berauben einen auch andererseits ebenso sicher der liebenswürdigen und angenehmen Bekanntschaften, die man an der Table d'hote oft machen kann und verurteilen gesellige und einer Ansprache bedürftige Naturen zu einem Schweigen und einer Einsamkeit, an der ihnen nicht das geringste gelegen ist.

»Wer ist sie?« das war die Frage, die sich immer wiederholte, sobald die beiden Damen erschienen.

»Der Rotkopf ist die Gesellschafterin der jungen Witwe, die es wahrscheinlich nicht bleiben will«, lautete die Auskunft der Mißgünstigen und der geborenen Klatschschwestern. »Eine Verwandte der Gräfin Mirow vermutlich«, die der Menschenfreundlicheren. »Eine arme Verwandte der Gräfin Mirow«, derer, die immer zuerst auf die Kleider der Leute sehen und längst die Schneiderrechnung der beiden in Gedanken verglichen hatten. »Eine Prinzeß inkognito«, die Naiven, deren ehrliche Bewunderung des Schönen, wo es ihnen begegnete, immer vor etwaigen weniger liebreichen Vermutungen Stellung nahm.

»Ob Prinzeß, ob Gesellschafterin – schön ist sie zum Schwärmen«, sagten die Künstler und die Laien, die das Aparte sahen und zu bewundern den Mut hatten.

»Viel zu auffallend für meinen Geschmack«, meinte der Neid, der sich ganz nackt nicht zu zeigen wagte.

»Hütet euch vor den Gezeichneten«, murmelte der unverhülltere Neid und der ganz nackte sagte: »Gefärbte Haare, natürlich! Kokottenmode. Und der Teint ganz käsig.«

»Als ob gefärbtes Haar je diesen Glanz hätte«, nahm sich die Bewunderung in ehrlicher Entrüstung der Verteidigung an. »Ja, wenn Sie diese milchweiße Haut ›käsig‹ nennen, was würden Sie dann erst sagen, wenn das Mädchen knallrote Backen hätte.«

»Aber rotes Haar und schwarze Augen sind so unnatürlich. Kunst!«

»Die Augen? Vielleicht haben Sie das Geheimnis, wie man Augen färbt – die Haare sind bestimmt Natur –«

Und so weiter. Wo die Sonne am hellsten scheint, sind die Schatten immer am tiefsten und wo die Schönheit zweifellos ist, da wird sie allemal am stärksten bekrittelt, am meisten bezweifelt. Das ist nun einmal nicht anders und wird auch nicht anders werden, so lange die Menschen nicht andere werden. Viele macht's ja glücklich, das Kritteln, Nörgeln und Hecheln, aber glücklicher sind doch die, so es nicht zu hören brauchen. Wenn nur der Zwischenträger nicht schon unterwegs wäre auf den Siebenmeilenstiefeln seines Vergnügens, den Sack voll Kränkung, Neid und Haß an seine richtige Adresse zu befördern; aber der schläft nie. Nie!


Und dann fanden sich auch Leute, aber wenige, welche die beiden Damen persönlich kannten, gelegentliche Bekanntschaften, die aber doch etwas nähere Auskunft geben konnten, Leute, die zu den großen Routs bei dem Botschafter eingeladen worden waren, denen der Verstorbene beim Empfange die Hand gegeben mit seinem liebenswürdigen Diplomatenlächeln, Leute, deren Kompliment die Gemahlin des Botschafters mit einem verbindlichen Neigen des Kopfes quittiert, und die sie vielleicht gefragt hatte, »wie es ihnen ginge«, folglich also Personen, die über Person, Verhältnisse und Charakter der Gräfin Mirow die allerkompetenteste und zuverlässigste Auskunft geben konnten. Und das taten sie denn auch aufs ausgiebigste bei ihrem dankbaren Publikum. Unterwegs, also auf dem allgemeinen Verkehrswege zwischen Clarens und Territet, besonders in Montreux, begegneten die Damen auch Leuten, welche sich zweimal nach ihnen umsahen, weil sie in »der Roten« die Tochter des Generals von Seeburg erkannt hatten; ein Offizier des Regiments, das der Verstorbene kommandiert, kam dabei an sie heran und erkundigte sich nach ihrem Befinden, wurde der Gräfin Mirow vorgestellt und von Schnee in harmloser Freude nach allen alten Bekannten ausgefragt. Aber der Offizier konnte den Fremden im Grandhotel leider keine Auskunft geben, weil er in einem billigeren Hotel in Vevey wohnte; sie trafen ihn dann noch einmal auf dem Dampfschiff und damit war ihr ganzer Verkehr während eines monatelangen Aufenthaltes in Territet erledigt, denn die sich auf die Intimen des Hauses Mirow aufspielten, hatten denn doch nicht die genügende Frechheit, sich persönlich der jungen, so zurückgezogen und zurückhaltend lebenden Witwe aufzudrängen.

»Bist du müde, Marie-Lu?« fragte Schnee Seeburg beim Dessert, ihrer Freundin zusehend, wie diese auf ihrem Teller einen »Japonais« zerbröckelte, worunter man sich aber nicht einen echten Japaner vorstellen darf, sondern einen köstlichen Kuchen, der eine Spezialität der Konditoreien am Genfer See ist und für den die Gräfin Mirow eine unleugbare Schwäche entwickelt hatte.

»Müde? Ich? Wovon denn? Weil ich zugesehen habe, wie du gerudert hast?« fragte sie, aufsehend. »Ich bitte dich, Schneewittchen! Da habe ich wirklich in Gedanken den ganzen Japonais zerkrümelt – ich habe nämlich bei unserer Heimkehr vorhin Briefe vorgefunden –«

»Briefe, die du erwartet hast?«

»Im Gegenteil, Briefe, die ich am allerletzten erwartet hätte«, erwiderte Gräfin Mirow mit einer an ihr ganz fremden Irritation, mit einem kleinen, fast unhörbaren Seufzer, und einem Ausdruck, der etwas Pathetisches hatte, setzte sie hinzu: »Briefe, die man erwartet, kommen selten, oder – – nie.«

»Man kann sie zwingen, zu kommen: durch Gedanken-Telegraphie«, sagte Schnee, mit sichtlichem Genuß ihrem Japonais zusprechend. »Ich habe davon gelesen; ein französischer Gelehrter – ich weiß seinen Namen nicht mehr – hält das nicht nur für möglich, sondern für direkt erwiesen. Du brauchst nur die Fähigkeit zu besitzen, deine Gedanken voll und ganz auf die Person zu konzentrieren, von der du einen Brief haben möchtest und der Gedanke durchfliegt den Raum wie ein Telegramm ohne Draht bis in das Gehirn der Person, die man gemeint. Die Person aber bildet sich natürlich ein, daß sie selbst den Gedanken gehabt, den Brief schreiben zu wollen. Ist das nicht wunderbar? Es frägt sich nur, ob es sich die Anstrengung der Gedankenkonzentrierung lohnt, ob der Brief auch das bringt, was man darin erwartet.«

»Ja natürlich – darauf kommt es wohl an«, murmelte Gräfin Mirow mit in die Ferne verlornem Blick.

»Sehr in Begeisterung versetzt scheinen dich die unerwarteten Briefe nicht zu haben«, meinte Schnee, indem sie, dem Beispiele ihrer Freundin folgend, die Serviette neben ihren Teller legte und so tat, als ob sie ihre Handschuhe anziehen wollte.

»Zu dem Zweck sind sie aber sicherlich geschrieben worden«, erwiderte Gräfin Mirow aufstehend. Als sie jedoch mit Schnee hinaustrat auf die Terrasse, auf der das elektrische Licht siegreich gegen den Mondschein stritt und ein babylonisches Sprachengewirr ebenso siegreich gegen Abendfrieden, Stimmung und intellektuellen Genuß zu Felde zog, da kehrte sie auf dem Fuße wieder um.

»Das halte ich heute nicht aus«, erklärte sie. »Schon das Diner da drinnen machte mich oft ganz desperat – ich wäre am liebsten davongelaufen. Die Briefe – sie haben mich gegen den Strich gebürstet, figürlich gesprochen, Schnee.«

»Ich kenne das, wenn man gegen den Strich gebürstet wird«, nickte Schnee voll Sympathie. »Alle Haare sind einem sozusagen dadurch gesträubt. Und die Zähne werden einem stumpf, und man fühlt sich miserabel. Weißt du was? Gehen wir noch etwas spazieren nach Chillon zu, das im Mondlicht ja einzig schön sein muß! Ein großartiger Gedanke, nicht? Und wenn wir müde werden, dann fahren wir mit dem elektrischen Tram zurück, oben auf dem Verdeck –« Gräfin Mirow mußte nun lachen. »Aber Schnee«, rief sie, »im Tram – was fällt dir ein!«

»Gott, tu doch nicht, Marie-Lu!« entgegnete Schnee mit sehr übermütig blitzenden Augen. »Du bist schrecklich gern im Tram gefahren, als wir noch im Institut zusammen waren und wenn's die Tante Vorsteherin nicht wußte. Damals ist deiner Durchlaucht damit nicht zu nahe getreten worden, wenigstens nicht, daß ich wüßte, und heute wird's ihr samt deiner Exzellenz auch nichts machen. Denn erstens sind wir hier in einem Lande, wo jeder machen kann, was er will, so lange es anständig ist, und zweitens fehlt den Leuten auch ganz das Verständnis dafür, daß eine Durchlaucht nicht das tun könnte, was alle Welt hier tut. Ich will dir aber zugeben, daß sowohl das Herauf- wie besonders das Herunterklettern vom Verdeck des Tram ein Vergnügen für die untern Passagiere ist, womit man als ›Exzellenz‹ sparsamer umgehen muß, als unsereins zum Beispiel es nötig hat.«

»Ich fürchte, man darf den Leuten dies Vergnügen in meiner Lage überhaupt nicht machen«, lächelte Gräfin Mirow. »Du hast gut reden, Schnee, daß man hier tun darf, was man will! Laß es bloß einmal etwas sein, das von meiner Linie abweicht, so kannst du Gift darauf nehmen, daß auch schon die Zeugen zur Stelle sind, die daheim erzählen: denken Sie nur, diese Mirow ist in Montreux immerfort auf dem Tram gefahren mit Krethi und Plethi zusammen –«

»'s ist doch besser, die Leute erzählen solche unschuldige Tatsachen, als sie erfinden sich irgendeine Niederträchtigkeit«, sagte Schnee mit Überzeugung. »Natürlich, daß wir hier mit italienischen Arbeitern und einheimischen Rüpeln im Tram Preßwurst spielen, das ist ja klar, aber wenn's dich sonst nicht geniert, dann kann's andern doch lange schon egal sein. Zum Vergnügen würde ich auf dem hiesigen Tram gewiß nicht fahren, denn die Wagen sind eng und niedrig, die Perrons klein und unbequem und das ganze Vehikel stößt und schaukelt, daß einer die Seekrankheit davon kriegen kann. Aber schließlich: schlecht gefahren ist, wenn man müde ist, immer besser, wie gut gelaufen. Wie steht's nun mit unserer Promenade?«

Gräfin Mirow war, durch die Kontroverse entschieden angeregt, mit Vergnügen dazu bereit, und nachdem die Damen Hüte aufgesetzt, schlenderten sie auf die Straße, nach Chillon hinaus. Ein einsamer Weg ist das nun freilich nicht, denn er ist der einzige für den ganzen Verkehr und wenn auch um diese Stunde keine Lastfuhrwerke mehr mit ihren peitschenknallenden Kutschern auf der immerhin schmalen Landstraße dahinrasselten, so gab's doch noch Fußgänger, heimkehrende Radler und staubaufwirbelnde, luftverpestende und ohrenbetäubende Automobile genug, um den Weg zu einem recht belebten zu machen. Wenn man aber keinen andern hat, dann nimmt man eben alles das mit, dem man nur durch ein Daheimbleiben entgehen kann, und freut sich trotzdem an dem einzig schönen Bilde, das sich einem bietet, wenn man die Häuser hinter sich hat und Chillon vor einem liegt, umspült von den raunenden Wassern des Leman, überragt von dem gezackten Kamm der Dent du Midi, um die das Mondlicht einen silbernen Schleier spinnt, der auch die andern Berge und die fernen Ufer geheimnisvoll umhüllt mit durchsichtigem Duft, während es auf dem leichtgekräuselten Wasser tanzt, daß es aussieht, als hätte eine verschwenderische Hand den See mit Goldflittern bestreut. Und wenn ein Maler das malt und die Leute in den Kunstausstellungen der Großstädte, die nie dort waren, sehen es, dann sagen sie: das ist unnatürlich; solche Beleuchtungen gibt es nicht; ganz abgesehen davon, daß es ganz unmodern ist, solche altmodische Beleuchtungen zu malen. Nun passiert es aber selbst heutzutage noch den allermodernsten Menschen, daß sie die silbernen Schleier sehen, die der Mond über die Berge spinnt, aber wenn dann ein Übermaler mit ganz besonders großem Maule kommt und sie anbrüllt: Ihr Esel, nicht silbern ist das Mondlicht, sondern dreckfarben. Habt ihr denn keine Augen, ihr Ignoranten, ihr? –dann salaamen sie in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle an allen Gliedern zitternd, daß man sie für ungebildet halten könnte, und schwören allegesamt zu dem dreckfarbenen Monde der Übermaler, über die unser Herrgott sich doch eigentlich krank lachen muß.

Ich hoffe, er tut's!

Die beiden Freundinnen wandelten ziemlich schweigsam bis nach Chillon herab, dann hinter den tiefschwarze Schatten werfenden Mauern am wassergefüllten Wallgraben der Landseite entlang noch ein Stückchen nach Villeneuve zu und auch hier wandelten in Gruppen viele der Gäste des halbwegs liegenden Hotel Byron, um ihre »Promenade de digestion« nach dem späten, substantiellen ›Dinner‹ zu machen. Byron hatte recht: vom Ufer gesehen ist Chillon auf dieser Seite am malerischsten, denn nur von hier kann man die mächtige Ausdehnung der historischen Wasserfeste ahnen. Zwar fehlt die Dent du Midi von diesem Punkte als des Bildes Krönung, und darum findet man auch selten photographische und malerische Aufnahmen dieser Seite, aber den Riesen mit seiner charakteristischen Form ersetzen hier die vielschönen Berge des Savoyer Ufers und die große Fläche des Sees selbst. Auf einem Steinhaufen, der am Ufer lag, setzten die beiden Damen sich wie auf Verabredung hin und sahen lange schweigend hinaus auf das Wasser, auf dessen leichtgekräuselter Fläche das Mondlicht einen phantastischen Tanz ausführte. Schnee sah sehr wohl, daß ihrer Freundin inneres Gleichgewicht im Wanken war und störte mit keinem Worte den Prozeß des Aufruhrs in dieser sonst so ruhigen Seele, die etwas vom Noli me tangere hatte, so lange das Bedürfnis, sich mitzuteilen, noch nicht reif in ihr war. Das konnte Tage dauern oder auch nur Stunden, wie heut zum Beispiel, denn nach einer Weile sagte Gräfin Mirow mit einem leisen, kurzen Lachen, das in einem Tone erstarb, der wie ein Schluchzen klang:

»Sie wollen mich schon wieder verheiraten, Schnee!«

»Wollen sie? Wie rührend!« erwiderte Schnee lachend. »Wer sind denn diese ›Sie‹!«

»Dieselben, die Himmel und Erde in Bewegung setzten, um mir die Äbtissinnenstelle in dem Damenstift in Dingsda zu erkämpfen, womit sie mich mit Anstand und für immer losgeworden wären, und dann mit Dankeshymnen auf die Knie fielen, als mitten in diesem heißen Bemühen Graf Mirow erschien und um mich warb. Ich war achtzehn, er fast siebzig, – folglich die passendste Partie, die man sich denken konnte und darum redeten sie mir auch zu, wie einem Schafe, das Medizin nehmen soll«, sagte Marie-Luise mit leisem Schwanken ihrer sonst so ruhigen, klangvollen Stimme. »Nun«, fuhr sie noch etwas unsicherer fort, »der Greis, der über den Sommer hinweg die Hand nach dem Frühling ausgestreckt, hätte schlimm sein können, aber er war der liebste alte Mann, den ich noch kennen gelernt, ein Gentleman, der mich jeden Tag, den ich von ungefähr achthundert, die ich in seinem Hause verlebt, die Ehre und Dankbarkeit fühlen ließ, die ich ihm erwiesen, indem ich, – nicht einmal freiwillig, sondern nur auf einfach nicht mehr auszuhaltendes Zureden – seinen Namen, sein Haus, seinen Reichtum und seine ritterliche Behandlung angenommen! So war er, Schnee, und noch viel mehr: Freund, Vater, Berater, Bruder, alles in einer Person. Ich werd' ihn nie vergessen in diesen Eigenschaften, nie anders als mit Dankbarkeit des seltenen alten Mannes gedenken. Aber daß er so war, davon hatten ›sie‹ keine Ahnung. Wäre er ein notorischer Lump gewesen, ein moralischer, nota bene – sie hätten mir ebenso zugeredet, ihn zu nehmen, weil er ja so schweres Geld hatte. Sie haben schon bald, nachdem ich Witwe geworden war, angefangen anzudeuten, daß ich zu jung zum Alleinsein wäre und heut sind ›sie‹ nun offen damit herausgerückt, daß es ›ganz unpassend‹ für mich ist, das Alleinsein nämlich, weil ich reich bin, und daß ein ›natürlicher‹ Beschützer eine dringende Notwendigkeit für mich wäre. Der Beschützer ist auch schon auf Lager und wird mir mit einer Deutlichkeit gestochen, die eigentlich zum Lachen wäre, wenn man sich nicht darüber totärgern müßte –«

»Das fehlte gerade noch, Marie-Lu – bleib' du nur beim Lachen, das ist das einzig Richtige dabei«, fiel Schnee ein, indem sie mit gutem Beispiele vorausging. »Den Luxus des Lachens kannst du dir doch weiß Gott in diesem Falle gönnen! Hängst du von den Leuten noch ab? Nein! Stehst du unter ihrer Vormundschaft? Wiederum: Nein, sintemalen du seit einem Jahre majorenn bist, ganz dein eigener Herr und nur dir selbst verantwortlich für deine Entschlüsse. Hast du moralische Verpflichtungen gegen die, welche dich von ihrer Tasche und aus ihrem Hause abgeschoben haben an den ersten Bieter auf deine Hand, ohne zu fragen, ob es zu deinem Glücke ist oder nicht? Dies dritte ›Nein‹ kannst du gleich auch dreimal sagen. Also, da lach' doch und schreibe: ›Ihr seid zu freundlich, aber wenn ich heirate, was ich gar nicht verreden will –‹

»Doch, Schnee, doch –«

»I, woher denn! Niemand soll etwas verreden in diesem Leben, das habe ich an mir gesehen. Also – wo war ich denn? Laß mich doch ausreden, Marie-Lu! Richtig! Also: Wenn ich heirate, was ich gar nicht verreden will, so werde ich mir meinen künftigen Eheherrn ganz alleine aussuchen, – diesmal – und lehne mit Dank, aber ein für allemal, die Kandidaten ab, so auf eurer Liste stehen. Oder, wenn dir der Mut für dieses Schreiben fehlt, dann sag gar nichts und wenn der Auserwählte auf der Bildfläche erscheint, dann gibst du ihm einen Korb und damit basta. Heißt das, wenn du ihn wirklich nicht magst.«

Gräfin Mirow lachte wieder leise, aber diesmal klang's ganz natürlich und frei.

»Du bist eine Perle, Schnee«, rief sie heiter. »Wenn ich dich nicht hätte, was täte ich dann? Ich ließe mich wieder einschüchtern. Aber du hast ja so recht! Ich werde beides tun, schreiben und den Korb geben –«

»Man sachte mit die jungen Pferde, Marie-Lu, und das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet«, bat Schnee inständig. »Den Brief will ich dir sogar schreiben helfen, denn im Schwingen von passenden Reden bin ich dir über, magst du sagen, was du willst. Aber den Korb darfst du nicht ohne weiteres schon jetzt flechten und adressieren, denn wenn der Kandidat dir gefällt –«

»Das kann er schon, aber ich nehme ihn doch nicht –«

»Ja, wenn du eigensinnig sein willst –«

»Das bin ich nicht, Schnee, aber –«

»Aber?«

»Aber – wenn nun kein Platz mehr für ihn da ist –«

Sie brach kurz ab und Schnee sagte nichts. Sie rückte nur etwas näher heran auf den harten Steinen und streichelte leis die Hand Marie-Luisens – dann, als hätte sie damit schon eine Indiskretion begangen, rückte sie wieder zurück auf ihren Platz und sagte, als ob das Intermezzo überhaupt nicht stattgehabt hätte, sehr vergnügt und leicht:

»Haben sie dir den Kandidaten auch schon namhaft gemacht in ihrer Gründlichkeit?«

»Nun, nicht gerade mit dürren Worten, aber wie die Katze um den heißen Brei geht, so sind sie in dem Briefe doch so glorreich auf dem Kernpunkt gelandet, daß ich harmloser sein müßte, als ich stellenweise bin, wenn ich darüber weg gelesen hätte«, sagte Gräfin Mirow mit einem dankbaren Blick. »Sie erzählen mir so beiläufig nach der Eingangs-Homilie, daß ein entfernter Vetter von mir über Montreux reist und sich mir vorstellen wird – Personalbeschreibung und Leumundszeugnis sind gewissenhaft beigefügt nebst der ›vertraulichen‹ Mitteilung, daß seine Eltern nichts dringender wünschen, als seine Vermählung mit einer Frau, die ›so wie du, liebste Marie-Luise, im Feuer des Lebens geprüft und für echt befunden worden ist‹. Soll ich mich geschmeichelt fühlen, Schnee?«

»Und den Chauffeuren dieses Feuers eine Adresse stiften«, murmelte Schnee.

»Ja, und dann wurde mir, wieder ›vertraulich‹, die Versicherung gegeben, daß der betreffende junge Mann sich dem Wunsche seiner Eltern geneigt zeige, daß er aber das Wählen und Freien für zu langweilig erklärt hätte, hingegen sich herablassen wollte, sich persönlich zu überzeugen, ob unter den für ihn aufgestellten Kandidatinnen sich ›was Vernünftiges‹ befände –«

»Der Mensch muß ja ein Original sein – das ist ja zum Begraben!« jubelte Schnee. »Wenn du dessen Besuch abweist, dann sind wir geschiedene Leute, Marie-Lu, dann gönnst du mir eben kein Vergnügen mehr. Den muß ich kennen lernen!«

»Wirst du auch ohne diese furchtbaren Drohungen«, lachte Gräfin Mirow ganz angesteckt von dieser Heiterkeit. »Wenn er nämlich nicht schon da ist, dann wird er wohl morgen ankommen, denn – höre und staune – seine eigene Mutter meldet mir ihn in dem zweiten der unerwarteten Briefe an mit der evidenten Flunkerei, daß dieser liebe Hans-Georg bei, ich weiß nicht wem, eine Photographie von mir gesehen und seitdem keinen anderen Wunsch hat, als mich persönlich kennen zu lernen und mir die Hand zu küssen. Ein reizender Brief übrigens, aber dank dem andern merkt man darin die Absicht und wird verstimmt. Ohne den andern hätte ich das Bonbon ahnungslos und mit Vergnügen verschluckt. Ja, und bei dieser originellen Gelegenheit wirst du, Schnee, einen Namensvetter von dir kennen lernen, denn der junge Mann, der mich daraufhin ansehen will, ob ich ›was Vernünftiges‹ bin, ist kein anderer, als Hans-Georg, Erbgraf von Seeburg- Sonnenberg.«

»Sehr interessant«, nickte Schnee. »Vielleicht findet sich doch ein Verbindungsglied zwischen unseren Familien. Und wenn sich keins findet, dann schadet es auch nichts. Du, diese ganze Geschichte ist doch eigentlich die reine Kartoffelkomödie. Dies Anbandeln ist ja himmlisch! Suchen wir nun aber das Leitmotiv, – deine Photographie, in die sich besagter Erbgraf verschossen haben will, als eine notwendige Flunkerei der Frau Mutter vorläufig beiseite stellend, – was bleibt dann? Die Notwendigkeit für den Herrn Erbgrafen, sich eine reiche Erbin zu suchen?«

»Das ist's ja eben, was mir bei der ganzen Sache unerklärlich ist«, erwiderte Gräfin Mirow nachdenklich. »Die Seeburgs gehören zu den reichsten Magnaten des Landes! Entweder also–«, sie hielt kopfschüttelnd ein.

»Nun, entweder, die Geschichte mit der Photographie ist eine Tatsache, was ich ganz gut begreife, oder – der Herr Erbgraf hat es fertiggebracht, ein tüchtiges Loch in den Reichtum zu machen«, ergänzte Schnee. »Das soll nämlich schon vorgekommen sein. Wenn einer sich Mühe gibt, bringt er in dieser Beziehung die fabelhaftesten Dinge zuwege. Mein Vater hatte in seinem Regimente einen jungen Offizier, der nicht eher ruhte, als bis er seine Eltern und Geschwister, die alle zu den Reichen des Landes gehörten, an den Bettelstab gebracht hatte. Dies besorgt, beehrte er eine Millionenerbin mit seiner unwiderstehlichen Hand, brachte auch deren Kapital durch, ließ sich von ihr scheiden, wie sie nichts mehr hatte, und nachdem er erfolglos noch eine Zeitlang als Bummelzug gewirkt hatte, schoß er sich tot. Ich will aber nicht um die Welt damit die Vermutung aufstellen, daß der Erbgraf ein ähnlicher Liebling der Götter sein könnte, sondern nur den Beweis geben, daß einer, wenn er sich Mühe gibt, schnell und sicher mit dem größten Reichtum fertig werden kann. Wenn also eine Verbesserung der Finanzen das Motto für den Freiersmann nicht sein kann, dann wird dein ›süßes Ich‹ wohl wirklich der Magnet sein, der ihn hierherzieht. In diesem Falle aber weiß ich wirklich nicht, ob's nicht ehrlicher oder ehrenhafter wäre, ihm mit dem Zaunpfahl abzuwinken.«

»Ganz meine Ansicht«, rief Marie-Luise, sich erhebend. »Ich will heute noch an meine Tante schreiben und ihr sagen, daß – daß wir abreisen und Hans- Georg uns nicht mehr hier antrifft. Das wird sie schon verstehen, denn sie soll eine sehr kluge Frau sein, die Tante Pfalzgräfin. Und damit man nicht sagen kann, daß ich geflunkert habe, so können wir ja morgen oder übermorgen noch, für eine Woche oder so, nach Caux hinauf. Es soll sehr schön dort sein und wir wollten es uns ja sowieso mal ansehen. Bist du damit einverstanden, Schnee? Trotzdem du damit um das Vergnügen kommst, deinen Namensvetter kennen zu lernen?«

»Der Mensch kann nicht alles in der Welt haben«, erwiderte Schnee lachend, indem sie auch aufstand. »Und schließlich: wer weiß, ob die Wirklichkeit dann auch dem vorher entworfenen Bilde entsprochen hätte. Enttäuschungen hinterlassen oft Wunden und darum ist's weiser, ihnen schon vorher aus dem Wege zu gehen. Aber Spaß beiseite: ich meine, dein Weg ist der einzig richtige, wenn – wenn der Kandidat wirklich und wahrhaftig keine Aussicht hat – –«

»Wirklich und wahrhaftig – er hat keine«, sagte Marie-Luise mit einer so ruhigen und dabei heitern Entschiedenheit, daß wirklich kein Zweifel mehr blieb.

Dann, sich zum Rückweg wendend, hing sie ihren Arm in den der Freundin, und nachdem sie schweigend einige Schritte gegangen, begann sie leise und stockend: »Der Mondschein verlockt zum Märchenerzählen – willst du eins hören, Schnee? Komm, dort am Wallgraben, im Schatten des Oubliettenturms steht eine Bank, wenn mir recht ist – wenn wir nun schon einmal auf eigne Faust bei Mondschein spazieren gehen, dann können wir auch im Schatten von Chillon den Zauber der Maiennacht ausprobieren. Siehst du, da ist die Bank! Im Graben gurgeln die Wasser und um das Schloß plätschern die Wellen und der Ahorn über uns raunt und rauscht und der Mond wirft so phantastische Schatten auf die Mauern und Türme und Türmchen – ein rechter Platz, um Märchen zu erzählen, nicht? Du mußt mich nicht so fragend ansehen mit deinen großen, schwarzen Augen, Schnee – es kommt nun eben manchmal so über einen, wenn das Herz zu voll ist – – also, paß auf! Mein Märchen fängt an, wie die Ballade von Heine vom alten König, der eine junge Frau nahm, und dann kommt natürlich auch der junge Page – – weil aber mein Märchen in der Gegenwart spielt, da kannst du dir andre Titel ausdenken und den Pagen Attaché nennen. Dann ist das Märchen ganz modern, aber sonst bleibt es ganz altmodisch. Ganz, denn die junge Königin war eine sehr anständige Frau und der blonde Page – er war wirklich blond, einer von denen, welche die Ehre, die Treue und die Dankbarkeit auf ihr Panier geschrieben haben und sie auch im Herzen tragen. Und weil sie beide – die junge Königin, wie der blonde Page, loyal waren und bleiben wollten, da trennten sie sich – –

Nicht lange darauf befiel den alten König die Krankheit, an der er binnen wenigen Tagen starb, die Hand der Königin in der seinen, und in seinem Nachlaß fanden sich zwei Briefe; der eine war an den blonden Pagen gerichtet und wurde an ihn ohne Verweilen ausgeliefert, der andere war an die junge Königin und darin stand, daß der alte König ihr Geheimnis gekannt und er stolz sei auf ihre Treue und ihre Festigkeit und sonst noch etwas, das auch in dem Briefe an den blonden Pagen geschrieben stand – – beide Briefe waren aber gleich nach dem Eindruck geschrieben, den die – Entdeckung des Geheimnisses auf den alten König gemacht und er hatte wohl kaum geahnt, daß sie so bald schon an ihre Adresse gelangen würden. Aber manchmal kommt mir so der Gedanke, als hätte ihn doch ein Ahnen beschlichen, daß seine Tage gezählt waren, warum wohl hätte er diese Briefe sonst gleich geschrieben?

Sie sahen sich ganz flüchtig, die beiden Adressaten, als der gute, alte König begraben wurde – ein Händedruck nur und dann gingen sie auseinander und haben nicht wieder voneinander gehört. Das kommt wohl so im Leben, daß Briefe, die man erwartet, nie eintreffen, entweder, weil sie verloren gingen, oder weil sie gar nicht geschrieben worden sind. Die Gründe, warum, sind von himmelweitem Unterschied der Bedeutung, aber in der Wirkung bleibt sich's gleich. Ganz gleich, Schnee, das kannst du mir schon glauben. Und darum könnte selbst ein Kaiser sich dessen erinnern, daß die ehemalige Prinzeß Marie-Luise von Eichwald ihm laut Brief und Siegel ebenbürtig ist – sie würde ihm ihre Hand doch nicht geben, denn wenn auch die Briefe, die sie erwartet, nie eintreffen, so wird sie doch darauf warten und sollte sie darüber alt werden. – Damit ist mein Märchen zu Ende.« – –

»Das glaub' ich nicht!« rief Schnee, die Hände zusammenschlagend. »Mir ist, als schwebte die junge Königin eben nur durch den leeren Raum, der des Märchens zweiten Abschnitt im Buche von dem dritten trennt, der mit den Worten schließt: Und sie feierten drei Tage lang eine glänzende Hochzeit und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch. Du weißt aber, Marie-Lu, daß in den leeren Raum zwischen zwei Absätzen oft drei kleine Sternchen gedruckt werden. Es ist mir schon immer aufgefallen, daß es Sternchen sind, wenn die Geschichte gut schließt – schau mal da hinauf, über dem Donjon, da stehen grad' drei Sterne nebeneinander, wie ausgerechnet! An die Sterne mußt du dich halten, Marie-Lu!«

»Wenn sie nur nicht so weit wären!«

»Nun, dann spanne deinen Glauben vor, der wird dich über Raum und Zeit tragen«, sagte Schnee herzlich und mit Zuversicht. »Ich weiß nicht, warum, aber ich habe Vertrauen in deinen blonden Pagen und bilde mir ein, daß alle die Briefe, die du vergebens erwartetest, längst schon geschrieben in seiner Mappe liegen. Er wird nur nicht gewagt haben, sie abzuschicken, und vielleicht will er dir auch Zeit lassen – ich kann das alles ganz gut verstehen und mir vorstellen. Es gibt gewiß solche Charaktere. Mein Vater war zum Beispiel solch einer. Vielleicht sind sie ja nicht vornehmer, als die, welche sagen: Das Leben ist kurz und verlorene Tage kommen nicht wieder, – aber die Naturen sind eben so verschieden. Und darum warte du nur ruhig auf deine Briefe, Marie-Lu, und – schreibe heut noch an die Tante Pfalzgräfin.«

»Wenn du meinst, daß es heut noch geschehen muß, dann laß uns aber auch heimgehen«, rief Gräfin Mirow mit heller Stimme. Und ihre beiden Hände auf die ihrer Freundin legend, setzte sie herzlich hinzu: »Immer hast du das rechte Wort, das mir den verlorenen Mut zurückgibt. So war's von Anfang unserer Bekanntschaft an, und wärst du bei mir gewesen, als ich am Scheidewege stand, wer weiß, ob ich nicht den Mut gefunden hätte, einen andern einzuschlagen. Es ist so viel Kraft und Energie in dir.«

»Die aber nur latent wirkt, denn für mich selbst scheint sie nicht auszureichen«, erwiderte Schnee abgewandt. »O ja, ich weiß, was ich sage. Ich habe mich, ›der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe‹, in einen Beruf hineinpressen lassen, für den mir die Lust und die Eigenschaften fehlen. Wenn ich die von dir gerühmte Energie gehabt hätte, so wäre ich vor den Entbehrungen nicht zurückgeschreckt, durch die ich mich zu dem Ziel hätte durchringen müssen, auf das mich meine Begabung hinweist. Aber so ist der Mensch! Das Gespenst der Not grinst einen an und da bleibt man an den vollen Fleischtöpfen sitzen, die einem zur Verfügung stehen, wenn man hübsch tut, was einem geheißen wird. Meine Tante Sternberg ist eine sehr vortreffliche Frau, aber sie hat nicht das mindeste Verständnis für das, was außerhalb ihrer Sphäre liegt, und hat eine heilige Angst vor dem Urteil der Welt. Und der Gedanke, daß ihre leibliche Nichte vor die Öffentlichkeit treten könnte, wenn auch ›nur‹ als Konzertsängerin, war genug, um sie in Krämpfe zu versetzen. Denn meine Tante ist halt eben noch ein bissel sehr altmodisch in ihren Ideen und kann es nicht zugeben, daß ein jedes nach seinen Fähigkeiten sich seinen Beruf wählen darf. Na, und da war ich denn so schlapp, klein beizugeben – –«

»Das also ist's, was dich drückt?« unterbrach Marie-Luise sie mit ganz ungewohnter Lebhaftigkeit. »Daß ich aber auch so blind gewesen bin, darauf nicht zu kommen! Natürlich, du mit deiner gloriosen Stimme, du mußtest Musik studieren, eine Sängerin werden, eine Isolde, eine Brünhilde –«

»Warum nicht gar!« rief Schnee lachend. »Ich habe nicht das mindeste Talent für die Bühne – aber den Konzertsaal, den hätte ich mir schon erobert, wenn – wenn das Leben nicht aus lauter ›Wenn‹ zusammengesetzt wäre.«

»Als ob's dazu schon zu spät wäre für deine zweiundzwanzig Jahre!« fiel Gräfin Mirow ein. »Jeden Tag kannst du noch damit anfangen, und du wirst damit anfangen, du wirst, Schnee, denn – was dir fehlt, ist doch einzig nur das elende bißchen Geld, und das habe ich – nein, ich will's dir ja nicht schenken, du stolze Maid; wo würde ich denn nach meinen vielen Erfahrungen mit dir in dieser Beziehung noch einmal so leichtsinnig sein, deine Freundschaft durch solch ein Anerbieten aufs Spiel setzen zu wollen! Aber leihen will ich dir die Mittel und du zahlst mir alles wieder zurück, meinetwegen mit Zinsen, falls dich das nicht schlafen läßt, wenn du dir den Konzertsaal erobert hast, was nicht lange dauern dürfte, denn du hast doch schon eine so gute Vorbildung und brauchst nicht viel mehr als einen ›Finish‹ bei irgendeinem berühmten Gesangspädagogen. Also ein Lehen ist's, nichts weiter, was ich dir biete – was sagst du dazu?«

»Führe mich nicht in Versuchung«, erwiderte Schnee leise, aber mit leuchtenden Augen.

»Es ist keine Versuchung, es ist ein Wegweiser in der Wildnis«, rief Marie-Luise eindringlich.

»Und die Tante Sternberg?« fragte Schnee mit schwankender Stimme. »Ich bin ihr zu so großem Danke verpflichtet und soll sie durch Fahnenflucht kränken und durch einen Beruf chokieren, der –«

»Halt!« fiel Gräfin Mirow ein. »Es fällt wie Schuppen von meinen Augen, blindes Huhn, das ich war bis zu dieser Stunde. Und eine egoistische alte Liese dazu, die nichts im Kopfe hatte, als ihre eigenen Angelegenheiten. Tante Sternberg wird gar nicht verletzt oder chokiert sein, denn nun verstehe ich erst den Sinn ihrer Worte, als ich dich von ihr ausbat zu einer langen, langen Ferienreise. Sie überlegte nicht lange, sondern gab dir den erbetenen Urlaub mit der Wendung, daß dir die Ferien nicht allein eine Notwendigkeit wären, sondern dir nun wohl auch den ersehnten Beruf bringen würden. Ich verstand natürlich nicht, was sie meinte, und sie setzte mit einem kleinen Seufzer hinzu, sie freute sich über alles Glück, das dir würde und sei überzeugt, du würdest deinen Weg machen mit deiner glänzenden Begabung – sie habe getan, was sie vermocht und dir gegeben, was den soliden Grund gelegt habe für jedwede Laufbahn. Das übrige müsse das Glück tun und dessen Stelle nähme ich nun wohl ein – das hat sie gesagt, Schnee, und ich habe nicht verstanden, – wie konnte ich auch, wenn ich doch nicht wußte, wonach dein Herz verlangt – gründlich mißverstanden habe ich die gute Seele sogar, denn ich glaubte, ihre Meinung ginge dahin, daß du bei mir eine gute Gelegenheit haben würdest, dich – lach mich aus, ja? – dich zu verheiraten!«

Schnee lachte wirklich, aber sehr wider Willen, wie es schien, denn es endete mit einem Tone, der verzweifelt nach verhaltenen Tränen klang!

Schnee Seeburg und Tränen? Sie, die viel zu stolz und stark war, um zu zeigen, daß sie weinen konnte, wie andere Menschenkinder? Gräfin Mirow hielt ordentlich den Atem an, als ihr feines Ohr den verdächtigen Ton auffing.

»Nun, Schneewittchen?« fragte sie, die Hand ausstreckend, »wie ist es, gilt's? Hindernisse sind also nicht mehr zu nehmen, – es liegt nur noch bei dir, durch das offene Fenster zu gehen, auf dessen anderer Seite der neue und ersehnte Beruf für dich liegt!«

Schnee legte beide Hände auf den Rücken und sah starren Auges hinüber auf die schwarze Silhouette, die das Schloß Chillon auf dem mondlichtgetränkten. schwarzblauen Nachthimmel in phantastischen Umrissen zeichnete –

»Mein Vater warnte mich vor dem Borgen«, sagte sie nach einer Weile. »Lieber hungern als geborgtes Brot essen, sagte er, ich weiß nicht, wie oft. Besser kalt, als Schulden haben.«

»Gewiß, eine große Weisheit fürs praktische Leben«, rief Marie-Luise, ohne ihre Hand fortzuziehen. »Aber es gibt Lagen, wo die Schulden zur Notwendigkeit werden. Jeder Staat hat Schulden, sonst ist es kein richtiger, vertrauenerweckender Staat. Besonders, wenn ein Staat neu gegründet wird, dann muß er Anleihen aufnehmen. Solch ein Staat bist du –«

»Das sind Sophismen, Marie-Lu, mit denen du mich nicht irreführst. Und wenn ich nun ein Mißerfolg bin, wenn ich die Stimme verliere, ehe ich ausgelernt habe, wenn ich krank werde, sterbe –«

»So? Und wenn ich sterbe, und dir damit die Leiter unter den Füßen wegziehe? Hab' ich ein Monopol aufs Leben? Ist das Risiko größer für dich wie für mich, die ich nur mit etwas Geld beteiligt bin, während du deine ganze Zukunft aufs Spiel setzest!«

»Wieder Sophistereien –«

»Pardon, – einfache Klarlegung der Lage. Sei nicht dumm, Schneewittchen, sondern schlag ein. Mir ist die Hand schon ganz steif.«

Schnee wendete ihr weißes Gesicht der Freundin zu, und was sie darin trotz der tiefen Schatten von Chillon sah, das fuhr wie Tauwind in den Eispalast ihres ehrlichen Widerstandes. Noch ein leises Zögern und gestützt von der festen, unerschütterlichen Überzeugung ihres Könnens und ihres Sieges stieg ein Bild vor ihr auf, in dem sie eine ungezählte Menge erschütterte, rührte und hinriß, weinen und lachen und jauchzen machte durch die Allgewalt ihrer Kunst und ihre schlanke, weiße Rechte lag in der ausgestreckten Hand der großmütigen Freundin.

»Topp!« sagte sie leise.

»Topp!« wiederholte Marie-Luise laut und froh. »Gottlob, das war ein harter Sieg. Ich bin so froh, so froh! Für dich und für mich! Und wenn wir diesen Mondscheinspaziergang nicht gemacht hätten – nur dir zuliebe bin ich gegangen, Schnee, – dann hätten wir uns in unserem Salon brav und pflichtgetreu durch unsere langweilige Lektüre durchgeschunden, die wir ja nur lesen, um nicht für ungebildet zu gelten, und jede von uns läge jetzt mit ihrer Last im Bette und stünde mit ihrer Last morgen wieder auf. Aber heut muß ich noch an die Tante Pfalzgräfin schreiben, und bis wir zurück sind im Hotel wird's auch später – laß uns laufen, Schnee! Ich werde wie auf Sprungfedern gehen – nein aber«, unterbrach sie sich selbst, »sieh dir einmal deinen Ring an, wie der im Dunklen leuchtet. Wie ein Johanniswürmchen! Oder wie – wie ein phosphoreszierendes Auge. Ja, wie ein Auge –«

Schnee warf nur einen flüchtigen Blick auf den Smaragd, der mit intensiv grünem Lichte im Dunklen leuchtete.

»Das macht der Stein immer so, auch im dunklen Zimmer«, sagte sie leichthin. »Ist das nicht eine Eigenschaft der Smaragden?«

»Gott behüte – ich habe auch Smaragden, aber es fällt ihnen gar nicht im Traume ein, im Dunklen zu leuchten.«

»Der tut's aber – laß ihm sein Vergnügen! Ach, Marie-Lu, ich weiß nicht, wie mir ist, ob ich in den Wolken bin oder auf der Erde! Keine Ahnung hatte ich, daß du nicht wüßtest, was der heimliche, glühende, das Herz abfressende Wunsch meines Lebens ist, sonst hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen, als davon gesprochen –«

»Das kann ich mir denken! Ihr Seeburger-Am See müßt den Stolz fuderweise mit all euern Sonderbarkeiten mitgeerbt haben – ich wäre wirklich neugierig zu wissen, ob die Seeburg-Sonnenberge auch so reichlich damit versehen sind!«

Am andern Morgen, als die beiden Damen sich zum Frühstück in dem Salon trafen, der als neutrales Terrain zwischen ihren Schlafzimmern lag, war es später als sonst. Gräfin Mirow war für ihre blühende Gesichtsfarbe ungewöhnlich blaß und Schnee für ihre gewöhnliche Blässe auffallend rot. Sie war freilich schon drunten am See gewesen und hatte, als sie die vielen Treppen, welche an der Terrasse herabführten, schnell wieder hinaufgelaufen war, an der Biegung der Hauptstiege im Hotel ein Abenteuer, dessen Erinnerung ihr die Wangen etwas höher gefärbt. An besagter Biegung war sie nämlich dermaßen mit einem ebenso schnell herabkommenden Herrn zusammengerannt, daß beiden Parteien ihr respektiver Hut vom Kopfe fiel.

»Mais, monsieur!«, hatte Schnee entrüstet ausgerufen.

»Madame, je demande votre – – Donnerwetter!« hatte er, ein blonder, blauäugiger Riese, höflich begonnen und, besagte blaue Augen in ehrlicher Bewunderung auf sein unbeabsichtigtes Opfer gerichtet, etwas unvermittelt geschlossen.

»Nun«, hatte Schnee, mit Mühe ihr Lachen verbeißend, aber mit vor Vergnügen tanzenden Augen auf gut deutsch geantwortet, »wenn Sie um mein Donnerwetter auch noch bitten, dann wird Sie's ja nicht weiter überraschen, wenn ich Ihnen den Rat gebe, ein andermal nicht so wild um die Treppenbiegungen zu rasen. Es ist ein wahres Wunder, daß ich nicht hinter meinem Hute die Treppe hinuntergeflogen bin.«

»Ich hätte Sie aufgehoben«, war die gemütliche Versicherung. »Nochmals: Pardon! Ich bin nämlich erst mit dem letzten Zuge angekommen und wollte rasch in den Speisesaal, weil mich gräßlich hungerte und da hab' ich halt ein bissel rasch gemacht –«

»Ah, ja dann freilich –«, machte Schnee verständnisvoll. »Ich wollte auch zum Frühstück und war wohl daher auch etwas rasch – danke schön, aber das ist Ihr Hut«, setzte sie hinzu, als der blonde Riese ihr mit einer Verbeugung seinen »Chapeau Melon« überreichte, und ihren Matrosenhut von weißem Stroh mit der Linken schon seinem eigenen Haupte näherte.

»Wahrhaftig, ja«, sagte er erstaunt. »Jetzt werden Gnädigste mich nicht nur für einen wilden Stürmer, sondern auch noch für einen alten Konfusionsrat halten.«

»Bitte, ist gern geschehen«, erwiderte Schnee lachend, nahm ihm ihren Hut aus der Hand und flog mit einer leichten Verbeugung an ihm vorbei, die Treppe vollends hinauf.

»Donnerwetter«, murmelte er, ihr nachsehend. Dann stieg er, wesentlich langsamer als vorher, die Treppe vollends hinab, überlegte einen Moment im Vestibül und fragte dann den Portier, wer im ersten Stock in Nummer 5 wohne. Der Portier konsultierte seine Nummerntafel.

»4, 5 und 6 Ihre Exzellenz Frau Gräfin von Mirow«, sagte er und fertigte dabei schon wieder eine andere Partei ab. »Donnerwetter;« machte der blonde Riese wieder, und als er sich gleich darauf an den schön gedeckten Frühstückstisch setzte, da sagte er noch einmal: »Donnerwetter!«

Woraus man sieht, daß sein Repertoir für die Ausdrücke von Bewunderung, Staunen und wer weiß was sonst noch, ein recht einfaches war. Es kam dabei wohl weniger auf das Wort, als auf den Ausdruck an, den er in seine Stimme legte.

Und der Ausdruck war einfach großartig!

Schnee war indes oben wirklich in Nummer 5 verschwunden, indem sie sich die Frage vorlegte, wer wohl der junge Mann gewesen sein konnte.

»Hinterpommerscher Stoppelhopser«, dachte sie. Reserveoffizier natürlich. Großartiger blonder Schnurrbart. Und so blaue Augen. Es ist gar nicht erlaubt, solche blaue Augen zu haben, wie – wie ein Baby. Der hätte mich glattweg die Treppe hinunterstoßen können, ohne daß man ihm böse sein konnte – mit den blauen Augen –«

»Aber Schnee! Du bist ja noch toller zerstreut heute, wie ich!« rief Marie-Luise, nachdem sie ihre Freundin eine Weile belustigt betrachtet hatte.

»Ist bei mir kein Wunder«, behauptete Schnee, über und über rot. »Erstens memoriere ich fortwährend die Abschiedsrede, die ich wahrscheinlich, aber gewiß ist's noch nicht, unserer Schule schwingen werde –«

»Ich würde ihr lieber etwas singen –«

»Ich fürchte, Tante Sternberg wird mir in beiden Fällen etwas pfeifen. Ich werde ihr übrigens nachher schreiben, der guten Tante Sternberg, wenn du nicht etwas anderes vorhast, Marie-Lu.«

»N – nein«, war die etwas verlegene Entgegnung. »Ich muß nämlich auch noch schreiben, – an die Tante Pfalzgräfin. Mach kein solch erstauntes Gesicht, Schnee! Ich konnte heut nacht nicht mehr schreiben, ich konnte wirklich nicht. Dreimal hab' ich angefangen, aber nichts Gescheites zuwege gebracht.«

Schnee sagte nichts, sondern ließ nachdenklich einen Löffel der goldklaren, süßen Flüssigkeit, die in der ganzen Schweiz von den Fremden andächtig als »Honig« verspeist wird, auf ihren Teller laufen. Die Bienen zucken über dieses Surrogat verächtlich die Achseln, aber da sämtliche Bienen von ganz Europa, wie die Statistik behauptet, nicht so viel Honig produzieren können, als die Fremden in einer einzigen Saison in der Schweiz verzehren, so muß man sich eben durch Kunstprodukte zu helfen wissen.

»Ich hasse es, gewisse Briefe schreiben zu müssen«, fuhr Gräfin Mirow nach einer Weile fort. »Geburtstagsbriefe sind durch den einleitenden Wunschsalm eine überflüssige Quälerei; Kondolenzbriefe sind fürchterlich, aber ein Brief, wie ich ihn schreiben soll, der ist doch schon geradezu – – ob ich ihn bis heut nachmittag lasse? Es ist so schönes Wetter und wir könnten eigentlich einen Spaziergang in die George de Chauderon machen –«

»Heute nachmittag wollten wir in die George du Trient«. fiel Schnee lachend ein. »Die lohnt viel mehr, denke ich, und dein Brief wird dadurch, daß du ihn auf die lange Bank schiebst, auch nicht leichter. Es müßte denn sein, du ließest ihn überhaupt ungeschrieben und dem Herrn Erbgrafen seinen Lauf –«

»Ach du lieber Himmel! Gut, ich werde schreiben und meinen Kurier nach Caux schicken, um uns dort Quartier zu machen. Morgen, wenn's geht, ziehen wir dann hinauf, und –«

Hier wurde Gräfin Mirow durch besagten Kurier und Kammerdiener in einer Person, der dieses Amt schon durch viele Jahre bei dem Gesandten versehen, unterbrochen, denn der umsichtige, bescheidene und doch sehr gewandte alte Diener trat, ein silbernes Tablettchen in der Hand, ein und präsentierte es seiner jungen Herrin.

»Seine Durchlaucht lassen fragen, wann es Durchlaucht genehm sein würde, seinen Besuch zu empfangen«, murmelte er diskret.

Marie Luise warf einen Blick auf die Karte, die auf dem Tablett lag, wurde erst rot, dann blaß, und reichte Fräulein von Seeburg das für sie bedeutungsvolle Stückchen Kartonpapier über den Tisch. Schnee hätte fast laut gelacht, als sie den darauf lithographierten Namen las: »Hans Georg, Erbgraf zu Seeburg und Sonnenberg.«

»Prompte Bedienung!« murmelte sie, zu leise, um von dem guten Matzke verstanden zu werden, aber doch deutlich genug für das feinere Ohr ihrer Freundin, die trotz guter Übung im Fache der Geselligkeit doch im Augenblick nicht wußte, was sie tun und sagen sollte. Infolgedessen schüttelte Matzke auch etwas seinen grauen Kopf; überhaupt fehlte in seiner Erfahrung der Präzedenzfall, daß sich ein großer Herr einer großen Dame im Hotel früh um neun Uhr schon zur Visite melden ließ. Matzkes Kopfschütteln hätte Schnees künstlich bewahrte Fassung um ein Haar ganz zu Falle gebracht, und Marie-Luise, die perplex hinblickte, sah nur zu gut den Kampf, den die Freundin mit allen guten Geistern auszufechten hatte, um nicht fassungslos zu lachen.

»Räumen Sie das Frühstück ab, Matzke«, sagte Gräfin Mirow nun mit so viel Würde und Ruhe, als sie herauskehren konnte, »und sagen Sie dann Seiner Durchlaucht, daß ich mich jederzeit freuen würde, ihn zu empfangen.«

»Und dabei soll's in der George de Chauderon so viele Brücken geben«, murmelte Schnee halb erstickt, und sah tiefsinnig zu, wie der immer stärker den Kopf schüttelnde Matzke das Frühstücksgeschirr auf das große Servierbrett räumte, das Tischtuch zusammenraffte und endlich mit dem großen Service hinausging. Dann sprang sie auf von ihrem Sitze.

»Ja, ja«, sagte sie mit tiefen Tönen, – »mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten und der Erbgraf schreitet schnell! 's ist nur gut, daß du dich nicht erst unnötig mit dem Briefe abgeplagt hast. Na, viel Vergnügen zum Interview, Marie-Lu, sieh dir ihn nur auch wenigstens gut an, damit du mir erzählen kannst, ob er mehr schön wie niedlich ist.«

»Du wirst mich doch nicht allein mit ihm sitzen lassen«, erwachte Marie-Luise aus ihrer Betäubung. »Überhaupt – ich habe ja noch mein Matinee an –«, sie deutete dabei auf dieses aus weißer weicher Seide und Spitzen »gedichtete« Kleidungsstück. »Ich muß doch erst Toilette machen und so schnell wird er ja wohl auch nicht – – mach kein so maliziöses Gesicht. Schnee, mir ist das Weinen näher wie das Lachen. Also, ich verschwinde für einen Augenblick, und wenn du Matzke sagen willst, wenn er diesen Menschen meldet, daß er ihn bitten soll, einen Moment hier zu warten, – – er kann doch nicht verlangen, daß man zu nachtschlafender Zeit schon wie auf Draht gezogen sitzt und auf ihn lauert!«

Damit flog die spitzenüberrieselte Schleppe schon durch die Tür zu ihrem Schlafzimmer und Schnee warf sich lachend in einen Lehnsessel. Es war ihr überhaupt heute so zum Lachen zumute. Und kein Wunder! Der letzte Abend hatte ihr die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches gebracht, und nachdem der Kampf gekämpft war, ob sie das großmütige Anerbieten ihrer Freundin annehmen sollte und durfte, das ihr die Mittel vorschoß zur Ausbildung ihrer Stimme, und der Kampf zugunsten dieses Herzenswunsches entschieden war, seit sie sich an der Schwelle eines Berufes fühlte, für den sie mit der ganzen Kraft ihrer starken Individualität sich hingezogen fühlte, seitdem war die schwer lastende Bürde einer endlosen Zukunft im Joche eines ungeliebten Berufes von ihrer Seele gefallen, und sie fühlte nun erst, wie jung sie war, wie stark und freudig und mutig zum Kampfe ums Dasein unter andern Bedingungen. Ja, sie durfte das Anerbieten der Freundin annehmen, denn für sie war die erforderliche Summe, selbst, wenn sie ihr durch ein vorzeitiges Ende irgendwelcher Art verlorenging, ein so geringfügiges Opfer, eine Ziffer, die sie ohne Bedenken morgen wieder in die Sammelliste eines wohltätigen Zweckes zeichnete. Aber wie sollte das Darlehn ihr verlorengehen? Gewiß, man mußte mit allen Möglichkeiten rechnen, mit Stimmverlust, mit dem Tode selbst – das waren aber auch gleich die Extreme. Nach menschlicher Berechnung war das Darlehen ein gut angelegtes Kapital, und Schnee schwor sich, daß es ideale Zinsen tragen sollte von einer Höhe, einer Höhe – – denn Schnee hatte das Selbstvertrauen, das an sich schon eine moralische Notwendigkeit kraftvoller, energischer Naturen ist, die instinktiv ganz genau wissen und erkennen, was und wieviel sie leisten können. Stunden, ja Tage des Niedergedrücktseins, der Zweifel an sich selbst, an dem, was man geschaffen oder schaffen will, kommen auch zielbewußten und unentwegt und unbeirrt vorschreitenden Charakteren, das ist nun einmal nicht anders, aber die Stimmung ist vorübergehend und die frische Kraft setzt mit frischem Mut immer wieder ein und versagt nicht, so lange das Leben nicht versagt. Die Rückkehr in die Schulstube hatte über all dem Schönen, das Schnee auf dieser Reise gesehen, wie ein schwarzer Schleier gelegen, und nun war der zerrissen, und nichts wie eitel Sonnenschein, Glück und Lachen umgab sie und machte ein ganz, ganz anderes Bild aus ihrer Umgebung. Gestern abend erst hatte sie noch gedacht, wie sonderbar blind und kurzsichtig der Mensch doch manchmal ist. Es war ihr gar nicht einmal recht gewesen, hatte sie geniert, als das schüchterne kleine Prinzeßchen in dem Institut sich mit so rührender Standhaftigkeit ihr angeschlossen und geradezu um ihre Freundschaft gebettelt hatte. Erst widerwillig, dann resigniert hatte sie das einsame Mädchen an sich herangelassen, dann gerührt von so viel unverdienter Liebe war sie ihr nähergetreten und hatte dabei den ganzen Schatz des erst mit der souveränen Grausamkeit der Jugend verschmähten und von den Verhältnissen unterdrückten Herzens kennen gelernt. Eigentlich hatte sich Schnee ja von Anfang an zu ihr hingezogen gefühlt, aber sie fürchtete den Spott der Gefährtinnen, die ihr ohnedem den Spitznamen »Prinzeß« gegeben, wenn sie sich nun auch noch an die wirkliche Prinzeß anschloß. Doch deren Standhaftigkeit brachte das endlich doch zuwege und hier war das Resultat. »Es war ein Glück, das mich ihr in den Weg geführt«, hatte Schnee heut nacht gedacht und geglaubt, wunder welch heller Lichtstrahl der Erkenntnis ihr damit in die Seele gefallen, als ob es nicht ebensogut ein Unglück sein konnte, oder das sanfte, gütige Prinzeßchen das verbindende Glied war, das Schnee nicht dem Ruhme, wohl aber einem unabweisbaren Schicksal verband –

Wer weiß es?

Aber wenn es das war, so trübte doch kein Schauer einer Vorahnung heut früh Schnees rosige Stimmung, ihre fast übermütige strahlende Laune. Polykrates mißtraute seinem Glück, aber Schnee fiel das gar nicht im Traume ein, wahrscheinlich schon deshalb, weil sie jünger war, als der Beherrscher von Samos, und die Jugend das Recht hat, den Tag und die Stunde zu genießen. Und das tat sie redlich, als sie der entschwundenen Gräfin lachend nachsah und sich ausmalte, was alles für gemischte Gefühle ihr liebes zartes Gesichtchen widerspiegeln würde bei dem ungebetenen und unerwarteten Besuch. Und gerade da machte der immer würdevolle Matzke die Tür auf und meldete eintretend mit sichtlicher Mißbilligung und schwerer Betonung:

»Seine Erlaucht der Herr Erbgraf von Seeburg!«

Schnee fuhr aus ihrem tiefen, niedrigen Sessel empor wie mit Elektrizität befördert und hatte kaum Zeit zu denken: »Potztausend, der hat's aber eilig!« da stand er auch schon in dem Salon – ihr blonder Riese von der Treppe!

Nun war's an ihr, mit vor Bewunderung weitgeöffneten Augen ihn anzusehen, wie er mit strahlendem Gesicht und vor Vergnügen nur so leuchtenden blauen Augen an der Tür, die Matzke wieder leise hinter sich schloß, eine tadellose Verbeugung machte und dann mit ausgestreckter Hand – Handschuhnummer 9 3/4; – auf sie zukam.

»Verzeihen Sie, sehr verehrte und leider bis dato unbekannte Kusine, wenn ich Ihnen schon in den Frühstückskaffee falle«, sagte er gemütlich. »Aber nachdem wir bei nüchternem Magen so hübsch Bekanntschaft miteinander gemacht, da ist der erste Schrecken ja glücklich hinter uns – d. h. wollte sagen, hinter Ihnen –«

»Bitte, – es beruht alles auf Gegenseitigkeit in diesem Leben«, erwiderte Schnee vor Übermut förmlich leuchtend, »die Stunde ist ungewöhnlich für Staatsvisiten, gewiß, aber erstens ist man hier in der Fremde, wohin Zeremonien mitzunehmen ein ganz überflüssiges und unangebrachtes Gepäck wäre, und dann –« »Und dann unter Verwandten überhaupt –«, fiel er lebhaft ein. »Nun eben, gerade«, gab sie verständnisreich zu. »Ich finde es rührend, daß Sie mich ganz ohne Prüfung der Akten gleich als Kusine anerkennen, aber wir Seeburger sind nun einmal so: wir fühlen die verwandte Rasse – was braucht's da groß überflüssiger Urkunden?«

»Wir Seeburger?« wiederholte er erstaunt.

»Gewiß – wir Seeburger! Das klingt genau so üppig, als wenn wir sagten: Wir Griechen! Großartiger eigentlich noch«, behauptete Schnee mit einem Ernst, der sie selbst erstaunte. »Aber nun sollen Sie auch den Lohn Ihres Heroismus ernten, indem ich Marie-Luise rufe –«

»Marie-Luise?« wiederholte er erstaunt. »Ja, wenn Sie meinen, gnädigste Kusine, daß die Gegenwart dieser Marie-Luise unumgänglich notwendig ist, wovon ich aber gar nicht überzeugt bin – – darf ich fragen, wer Marie-Luise überhaupt ist?«

Schnee tat, als schlüge sie vor Erstaunen die Hände zusammen.

»Aber Kusin!« rief sie mit zuckenden Lippen. »Sie wollen mir doch nicht einreden, daß Sie nicht wissen, wer Marie-Luise ist? Wenn man soundso viele Stunden weit herreist, um jemand zu sehen, mit dem man noch dazu näher verwandt ist, wie zum Beispiel mit mir, so weiß man doch, wie sein Taufname ist. Oder vielmehr ihrer.«

»Wenn ich da ein Wort davon verstehe –«

»Das ist doch klar wie ein Weingelee! Sie lassen sich bei Gräfin Mirow melden –«

»Richtig, und Gräfin Mirow heißt Marie-Luise, glaube ich wenigstens –«

»Ihr Glaube hat Sie nicht getäuscht –«

»Aber da Sie, gnädigste Kusine, Gräfin Mirow sind und folglich auch Marie-Luise heißen – übrigens ein sehr hübscher Name, Marie-Luise – ich darf Sie doch so nennen, ja? Ich heiße Hans-Georg, was übrigens auch auf meiner Visitenkarte steht –«

»Ich hab's gelesen«, unterbrach sie ihn. »Nein, Sie dürfen mich nicht Marie-Luise nennen, weil ich gar nicht so heiße und weil ich überhaupt gar nicht die Gräfin Mirow bin –«

»Waaaas? Sie sind nicht die Gräfin Mirow?« rief er mit einem so langen und entsetzten Gesichte, daß sie unaufhaltsam in ein Lachen ausbrach, das um so elementarer war, als sie es bisher so gewaltsam unterdrückt hatte; aber dieses Lachen war auch unwiderstehlich und Seine Erlaucht der Erbgraf zu Seeburg und Sonnenberg stimmte darum auch ohne langes Zögern ein und so lachten die beiden denn, daß sie sich bogen. Mitten in dies Duett hinein öffnete sich die Tür zum Schlafzimmer der Gräfin Mirow und, im Promenadenanzug hereintretend, rief diese, selbst mit lachend:

»Aber Schnee, was gibt's denn?« und brach kurz ab, als sie den jungen Mann sah, der sich mit dem Taschentuch die vor Lachen tränenden Augen trocknete.

»Das ist Marie-Luise«, stieß Schnee hervor, »Marie-Luise, Gräfin Mirow, geborene Prinzessin von Eichwald – Marie-Lu, denk dir bloß, der Erbgraf hat mich – ausgerechnet mich! für dich gehalten –«

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung«, verbeugte sich der junge Mann mit einer heroischen Anstrengung zum Ernst, »aber ich konnte nicht wissen, wirklich, ich konnte es nicht, daß Sie, gnädigste Kusine, Besuch hatten!« Und sich gerade aufrichtend fuhr er fort wie ein etwas groß geratener Schuljunge, der seine mühsam gelernte Lektion aufsagt: »Meine Eltern lassen sich angelegentlichst empfehlen und hoffen, besonders meine Mutter, daß die so sehr lang verzögerte persönliche Bekanntschaft zwischen Ihnen und uns bald einmal gemacht wird. Ich habe den sehr angenehmen Auftrag von meinen Eltern, der persönliche Überbringer einer Einladung nach der Seeburg zu sein, und es ist mir eingeschärft worden, nicht eher von der Stelle zu gehen, als bis Sie, gnädigste Kusine, einen Zeitpunkt für diesen Besuch bestimmt haben.«

Schnee hatte wieder mit einem neuen Lachanfall zu kämpfen, aber Gräfin Mirow hatte sich inzwischen von ihrer Überraschung gefaßt und reichte dem fremden Vetter so harmlos und freundlich die Hand, als sie dies mit der fatalen Wissenschaft der Ursache seines Kommens zuwege brachte.

»Herzlichen Dank und vor allem: sehr willkommen, Kusin«, sagte sie. »Daß Sie meine Freundin für mich gehalten, ist nicht allein sehr verzeihlich, sondern ein Kompliment für mich –«

»Aber Marie-Lu! Wie kannst du nur so etwas daherreden!« unterbrach sie Schnee entrüstet.

»Wieso denn?« fragte der Erbgraf im vollsten Eifer. »Meine gnädigste Kusine hat vollkommen recht –«, er hielt erschrocken ein und sah die gnädigste Kusine an, die nun ihrerseits mit einem Lachen rang, das sie zu ersticken drohte. Schnee aber legte den Kopf auf die Seite, faltete die Hände und fragte sanft:

»Machen Sie immer solche überwältigende Komplimente, Erlaucht?«

»Was hab' ich denn für ein –«, begann er, doch mitten im Satze fielen ihm seine Sünden ein. Er seufzte tief und anhaltend. »So geht's mir immer, wenn ich ein besonders feines Kompliment steigen lassen will«, sagte er resigniert. »Es wird allemal das Gegenteil daraus, das unleugbare Gegenteil. Sie werden Ihren würdigen Kammerdiener nicht erst zu bemühen brauchen, gnädigste Kusine, – ich gehe schon von selber nach dieser Heldentat. Aber nein, ich gehe nicht!« setzte er lachend hinzu, indem er seinen Hut mit Nachdruck auf den nächsten Stuhl warf. Selbst ein in den Regeln des Komplimentierbuchs so hoffnungslos ungelehriges Individuum wie ich hat seinen Ehrgeiz und der verzehrt mich nun, den Damen zu zeigen, daß ich ein Mensch bin, mit dem sich außerhalb der engen Grenzen des Knigge reden läßt. Ich darf doch bleiben, gnädige Kusine?«

»Bleiben Sie und erlauben Sie mir, Sie meiner Freundin, Fräulein von Seeburg-Am See, nun ordnungsmäßig vorzustellen«, erwiderte Marie-Luise lachend.

»Ah – nun verstehe ich erst, warum Sie sagten, ›wir Seeburger!‹ rief der junge Mann. »Davon konnte ich aber auch wirklich keine Ahnung haben, nicht wahr? Um so mehr, als ich heut zum ersten Male höre, daß es außer uns noch andere Seeburger gibt. Ich bin begeistert von dieser Entdeckung, einfach hin! Eine Namenskusine zu finden, das hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich vorhin – die Treppe hinunterging. Ja, wir Seeburger – uns fliegt doch das Glück noch stellenweise – an den Kopf –«

»Und reißt uns den Hut herunter«, vollendete Schnee lachend.

»Was wenigstens den Vorzug der Originalität hat. Auch ein Charakterzug von uns Seeburgern: wir haben uns nie nach der Schablone gerichtet. Ich setze nämlich voraus, daß wir eines Stammes sind, gnädiges Fräulein!«

»Darüber kann ich leider keine urkundlich beglaubigte Auskunft geben«, erwiderte Schnee. »Wenn Sie's nicht wissen, ob Ihr Haus Nebenzweige hat –«

»Ich!« protestierte der Erbgraf mit ehrlichem Entsetzen. »Ich bitte Sie! Ich bin in meiner Jugend so mit Familiengeschichten vollgestopft worden, als ob mein Haus ein regierendes wäre, daß ich mich so schnell wie möglich beeilt habe, alles wieder zu verschwitzen, sobald ich aus dem Haus kam. Mein Vater geht drin auf – ich habe ein anderes Steckenpferd, das ich auch schleunigst gezäumt und geritten habe, als ich meine relative Freiheit hatte –«

»Und darf man wissen, welchen Namen dieses ›Dada‹ hat?«


»Aber, ich rede ja mit Wonne davon. Chemie heißt mein Steckenpferd, die wissenschaftliche Chemie. Mein Vater hat mich übrigens sehr überraschenderweise nicht daran gehindert, es zu tummeln – ich hatte mich, offen gesagt, auf einen kleinen Kampf vorbereitet, denn da ich nun einmal zum Soldaten den Beruf nicht in mir spürte und mir ja auch mein bescheidener Rang á la suite der Armee so sicher ist, wie das Amen in der Kirche, so sollte ich Jura studieren. Da nahm ich meinen Mut in alle beide Hände und fragte, ob ich nicht lieber Chemie studieren dürfte, und das wurde mir ohne Kampf gewährt. Manchmal reizt nicht nur das Verbotene, sondern tatsächlich auch das Erlaubte; ich blieb meiner Sehnsucht treu und wurde Chemiker. Das Gute hat dabei mein Name, daß er mir die Türen zu den Laboratorien der größten Chemiker unserer Zeit öffnete und ich unter den Augen von Männern arbeiten durfte, die den meisten meiner Kollegen ein unerreichbarer Stern bleiben. Aber all das wird die Damen recht wenig interessieren –«


»Im Gegenteil, es interessiert mich sehr«, rief Schnee enthusiastisch. »Die Männer der Wissenschaft sind nicht gar so dicht gesät in den Reihen des hohen Adels, daß sie nicht Interesse erwecken sollten, wenn man sie trifft. Freilich, die Neuzeit hat auch hierin schon manchen Wandel geschaffen, – ich denke dabei zunächst an den bayrischen Prinzen, der sich dem Beruf des Arztes gewidmet, an die Prinzessin dieses Hauses, die sich als Reisebeschreiberin ausgezeichnet – mein Vater sagte immer: ›Die Welt ist ganz, ganz anders geworden, seit ich jung war.‹ Es ist ein Glück, wenn der Stand kein Hindernis mehr für den Beruf ist. Damit wird's auch künftig weniger unglückliche und unbefriedigte Menschen geben.«

Marie-Luise nickte ihrer Freundin zu; sie verstand, was Schnee mit solcher Eindringlichkeit reden ließ.

»Und Ihre Mutter, Kusin, war sie auch einverstanden mit der Wahl Ihres Berufes?« fragte sie.

»Meine Mutter ist eine sehr einsichtsvolle und kluge Frau«, erwiderte der Erbgraf, indem seine blauen Augen einen sehr freundlichen Ausdruck annahmen. »Sie hat sich sogar etwas von ihrem angeborenen Frohsinn in der düstern Atmosphäre der Seeburg bewahrt. Die Seeburg ist düster, – es liegt so etwas von der lastenden Stimmung der Grüfte über ihr – ich weiß nicht, woher das kommt. Und die Seeburger sind ein melancholisches Geschlecht, das immer glänzend verstanden hat, die Frauen, die es heimführte, auch unrettbar melancholisch zu machen. Da ist nun eine unverwüstliche Frohnatur, wie meine Mutter sie gottlob besitzt, eine reine Gottesgabe für uns. Ich hab' das von ihr geerbt. Nein, meine Mutter hat sicher nicht Opposition gegen meine Neigung gemacht – sie hätte mich unterstützt, wenn ich hätte Schornsteinfeger werden wollen. Nur um mir die Seeburger Melancholie fernzuhalten. Ihre Linie, gnädiges Fräulein, scheint zu dieser Familieneigentümlichkeit ja nicht zu neigen.«

»Erbstück ist sie wenigstens meines Wissens nicht«, sagte Schnee. »Aber wir Seeburger-Am See – ich weiß auch nicht, wie wir zu diesem zweiten Namen kommen – wir haben unsre anderen Sonderbarkeiten. Gelt, Marie-Lu?«

Gräfin Mirow bestätigte das gern. »Wenn die Seeburger am Sonnenberge so stolz sind, wie die Am See, so stammen sie sicherlich voneinander ab«, meinte sie scherzend.

»Gewiß ist es unser Stolz, auf eigenen Füßen stehen zu wollen, nicht aber auf den Stelzen von Fremden entliehen«, erwiderte Schnee, den schönen Kopf mit dem morgenrotfarbenen Haare zurückwerfend.

»Das ist der rechte Stolz!« rief der Erbgraf, das junge Mädchen mit so unverhohlener, so naiver Bewunderung betrachtend, daß das loyale und selbstlose Herz Marie-Luisens den gefürchteten und mit wenig Freude begrüßten jungen Mann sozusagen mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen in den Kreis seiner Bevorzugten aufnahm. »Gott ja, – wir Seeburger leisten uns auch unsere Portion Stolz – auf die Vergangenheit. Das ist sicher berechtigt, so lange die Gegenwart in den Leistungen nicht nachläßt. Aber sonst ist der Stolz, der nur vom Gewesenen lebt, doch eine sehr unverdauliche und darum auch meist unverdaute Nahrung. Wahrscheinlich habe ich auch meine vollgemessene Portion davon, mehr, als ich's selber weiß, weil ich mir in schwachen Stunden einbilde, als Vertreter der Neuzeit dem Überlebten fremd geworden zu sein. Aber es hängt doch immer noch viel an einem davon, – – – Gnädigste Kusine und sehr verehrtes gnädiges Fräulein, Sie sehen in mir ein aus Feudalismus und modernen Anschauungen zusammengesetztes Produkt, das Ihrer Nachsicht bedarf. Mein Leben, das sich zwischen der Seeburg, dem Polytechnikum und den Laboratorien meiner Professoren mit gelegentlichen Reisen abgespielt hat, ist fast ganz unberührt geblieben von der Atmosphäre der Salons und der Parketts, auf denen der gebildete Kulturmensch sich zum Takte der Musik selbst zu drehen hat, im Arm eine geschmückte Dame, mit der er in den Pausen, welche die Ballmusik gottlob manchmal macht, die Kunst der Ballgespräche, berühmt aus den Fliegenden Blättern, zu üben hat. Sie kennen ja das Genre: ›Möchten Sie ein Schwan sein, gnädiges Fräulein? Ich nicht – – so den ganzen Tag mit dem Bauche im kalten Wasser‹ – – – und so weiter. Und weil ich infolge meiner, wie die meisten sagen, verrückten, und für einen Standesherrn unpassenden Laufbahn ein gräßlicher Tapps geblieben bin in der Kunst des Komplimentemachens – Fräulein von Seeburg nickt Bestätigung, es muß also die Wahrheit sein, – und weil ich mir's absolut nicht abgewöhnen kann, in den meisten Fällen das zu sagen, was ich mir denke, so bitte ich um Ihre gütige Nachsicht für mich verfehltes Salonprodukt!«

»So lange Sie noch so schöne Reden halten können, gewürzt mit unterhaltsamen Beispielen, und so lange überhaupt ein Mensch sich seiner Unzulänglichkeit bewußt ist, so lange ist man auch zur moralischen Unterstützung moralisch verpflichtet«, sagte Schnee lachend. »Womit ich Ihnen sofort meine Eigenschaft als Pädagogin verraten habe.«

»Sie und eine Pädagogin!« Der Erbgraf wollte sich vor Lachen ausschütten und Gräfin Mirow lachte mit, aber Schnee tat, als wäre sie in ihrer Würde verletzt.

»Unsere, beziehungsweise meine gütige Nachsicht wird von Ihnen aber auch umgehend in Anspruch genommen«, rief sie. »Was gibt Ihnen das Recht, an meinen pädagogischen Fähigkeiten zu zweifeln?«

»Gar nichts«, gestand er amüsiert. »Ich kann ja auch nur vom Ansehen urteilen – und Sie, gnädiges Fräulein, als Lehrerin – mit dem Äußern –«

»Mein Äußeres ist Privatsache, – wenn Sie noch von meinem Inneren gesprochen hätten, das sich gegen begriffsstutzige Abcschützen wie ein Regenwurm krümmt – – – und doch – und trotzdem bin ich Lehrerin in der Privatschule meiner Tante, Fräulein von Sternberg. Ich fühle mich zu dieser Mitteilung verpflichtet, weil Sie anzunehmen scheinen, daß ich, meines Äußeren wegen, mich in meinen Mußestunden mit Seiltanzen beschäftige. Leider habe ich diese schöne Kunst nicht gelernt.«

»Sie eine Lehrerin!« rief der Erbprinz fassungslos. »Da hätt' ich weiß der Himmel wirklich eher auf das Seil geraten –«

»Sie scheinen wirklich mit tödlicher Sicherheit das zu sagen, was Sie denken –«

»Aber, da ich mir die Hände lieber mit Chemikalien schmutzig mache, als ›des Rechtes feine Fäden zu spinnen‹ oder Rekruten zu drillen, so läßt sich gegen Ihre Berufswahl natürlich nichts sagen.«

»Sie können dagegen sagen, was Sie wollen, denn als ich Lehrerin wurde, habe ich der Not gehorcht, nicht dem eigenen Triebe«, erwiderte Schnee steif, aber im selben Atem fuhr sie lebhaft fort: »Und wenn Sie nicht gekommen wären, Erlaucht, dann wär's auch dabei geblieben! Doch Ihre Zukunft hat meinem Dasein eine andere Richtung gegeben – ich sattle um und steige aufs Podium – nicht um Seil zu tanzen oder Parterregymnastik zu treiben, wozu ich Ihnen prädestiniert scheine, sondern um zu singen –«

Der Erbgraf schlug die Hände zusammen. »Sesam öffne dich!« rief er mit ehrlichem Staunen. »Und daran soll meine Ankunft schuld sein? Das wäre ja wundervoll, aber – ich bin erst nach Mitternacht angereist gekommen –«

»Oh, – große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus«, sagte Schnee übermütig und mit einem Seitenblick auf Gräfin Mirow, die die Farbe wechselte und ihrer Freundin flehende Blicke zuwarf. »Ihre Gräfin Mutter hat nämlich geschrieben, daß Sie kommen wollten«, erklärte sie zur wesentlichen Erleichterung Marie-Luisens, die nur an den von ihr so stark beanstandeten Brief ihrer Verwandten gedacht hatte.

»Oh, meine Mutter hatte geschrieben«, wiederholte der Erbgraf gedehnt.

»Ja, und es ist reiner Zufall, daß Sie uns noch hier treffen. Kusin«, nahm Marie-Luise etwas krampfhaft das Wort. »Wir hatten eigentlich die Absicht, nach Caux überzusiedeln.«

Daran tun Sie, glaube ich, recht, – es ist sehr hübsch in Caux«, sagte er zustimmend und, als er dabei den Blick von Schnees vor Vergnügen tanzenden Augen auffing, setzte er strahlend hinzu: »Ich würde nämlich dann auch hinauf übersiedeln. Wenn Sie mich also damit loswerden wollten, gnädigste Kusine, dann war das Mittel verfehlt«, schloß er triumphierend und sah dabei mit seinen blauen Augen und seinem gutmütigen Lachen so knabenhaft-ehrlich und dabei so bittend aus trotz seiner Riesenhaftigkeit und seinem Prachtschnurrbart, daß die sonst so zurückhaltende und mimosenhaft scheue Gräfin Mirow ihm impulsiv die Hand reichte und ihm lachend versicherte, daß sie dann auf ein anderes Mittel, ihn loszuwerden, sinnen würde. Sie konnte sich diesen Luxus schon leisten und tat es auch, trotz Schnees kritisch hochgezogenen Augenbrauen, denn sie hatte eine Ahnung, als ob es unnötig wäre, sich ablehnend zu verhalten, weil das erstens nicht der Mann war, sich durch Prokuration oder par Ordre de moufti auf eine geeignete Gattin stoßen zu lassen, daß er ferner zweitens sie bestimmt nicht unter das rechnete, was er »was Vernünftiges« nannte und daß drittens ein ganz anderer Magnet, als sie es ihm sein konnte, auf ihrer Schwelle gefunden und entdeckt worden war.

Infolge dieser sich immer mehr zur Gewißheit verdichtenden Ahnung bekam Matzke für heut wenigstens noch nicht den Auftrag, nach Caux zu fahren, um dort Quartier zu machen, dafür saß der Erbgraf fast bis zur Stunde des Lunch im Salon der Gräfin Mirow, er saß im Speisesaal am Tische der Damen und, als er hörte, daß sie einen Ausflug machen wollten, da bat er, sich anschließen zu dürfen in der Eigenschaft als Fremdenführer und Kurier an Matzkes Stelle, und weil die Damen ja gar nicht das Herz haben könnten, ihn armen, einsamen Strohwaisenknaben allein zu lassen in dem sträflich langweiligen Hotel – –

Schnee schlug ihm vor, doch im Kursaal in Montreux »Rößli« spielen zu gehen, aber er behauptete, so weit wäre der Stumpfsinn bei ihm noch nicht entwickelt. Wenn er das Bedürfnis in sich fühle, sein Geld loszuwerden, so würfe er es lieber direkt zum Fenster hinaus. Gewinnsucht oder sonst Habsucht wäre nicht sein Laster; er hätte, was er brauchte, also fiele bei ihm als Voraussetzung auch total das Interesse für das Spiel fort, das für ihn, unter welcher Form es immer auch lockte, der Inbegriff einer Langeweile sei, die nur noch von Balletten und modernen Theaterstücken übertroffen würde, für deren Symbolismus sein Untertanenverstand zu beschränkt sei.

Matzke, der nun einen freien Nachmittag hatte, nachdem er seine Herrin mit Würde, aber unter Protest die paar Schritte bis auf den Bahnhof begleitet, konnte nun ungestört so viele Zeitungen lesen, als aufzutreiben waren und unter der Protektion und Beihilfe des Portiers, in dem er eine verwandte politische Seele gefunden, verschaffte er sich auch aus der Bibliothek des Lesezimmers einen Gothaischen Hofkalender, in welchem er sich in Abteilung II den Artikel »Seeburg und Sonnenberg« aussuchte. Denn es ist doch immer gut, wenn man über neue Bekanntschaften sein Gemüt beruhigen kann, soweit es Herkunft und Solvenz betrifft. Aus dem »Gotha« erfuhr Matzke nun zu seiner Befriedigung, daß die Pfalzgrafen von Seeburg nicht nur eines der ältesten, sondern auch eines der an Grundbesitz am reichsten deutschen Geschlechter sei. Residenzen: Pfalz Seeburg, Schloß Sonnenberg und Palais Seeburg in der Reichshauptstadt. Das alles, bestehend aus soundso vielen Hektaren (Ziffer anständig, nach Matzkes Ansicht) umfaßte die – und die Herrschaften, voran die Pfalzgrafschaft Seeburg, mit der freien Standesherrschaft Sonnenberg, welche im sechzehnten Jahrhundert durch Heirat mit der Erbtochter des letzten Freiherrn von Sonnenberg an das Haus Seeburg gefallen war. Durch die Bundesakte von 1815 in die Reihe der mediatisierten Häuser aufgenommen, gehörten die Seeburg dem hohen Adel an – ein Umstand, der Matzke dazu bewog, die Gegenwart des »dahergeschneiten jungen Menschen« mit entschieden milderen Augen anzusehen. Matzke war nämlich nicht dumm, und unverheiratete junge Männer, die sich der Witwe seines langjährigen Herrn näherten, wurden von ihm auch ganz richtig als Freier der Penelope taxiert. Viele waren's freilich bisher noch nicht gewesen, denn dazu war Gräfin Mirow noch zu kurze Zeit Witwe, aber immerhin hatten sich doch schon einige tief in der Kreide sitzende Goldfischfänger gezeigt, waren abgeblitzt und von Matzke mit einer Verve in ihre diversen Paletots hinein und zum Tempel hinaus komplimentiert worden, die der Ausdruck seiner Gefühle in dieser Angelegenheit war. Nun war Gräfin Mirow vierzehn Monate Witwe; die Gefahr, einen neuen Herrn zu bekommen, wurde für Matzke alle Tage größer; aber was konnte er dagegen tun? »Nur man keine Mesalliance!« war sein Herzenswunsch und daher war es ihm wirklich eine Erleichterung, aus dem Gothaischen zu erfahren, daß der Erbgraf von Seeburg eine annehmbare Partie war. Die Familie war nicht groß, wie Matzke ferner aus dem »Gotha« konstatierte. Da war zuerst der regierende Pfalzgraf. (Komischer Titel! Matzke beschloß, sich über die Bedeutung desselben aus dem Konversationslexikon zu unterrichten, denn Matzke war ein gründlicher Mann, der sich gern belehrte.) Er war noch nicht sehr alt, der Pfalzgraf – so in den Jahren, die man die »besten« nennt, in Ermangelung einer richtigeren Bezeichnung oder um sich selbst damit etwas weiszumachen. Dann seine Gemahlin, Elisabeth, geborene Prinzessin von Eichwald. (Also eine Verwandte der Frau Gräfin! Schau! Schau! Davon hat man ja bisher nie etwas gewußt. Haben sich nie bei uns sehen lassen, diese Verwandten.) Die Frau Pfalzgräfin, um fünf Jahre jünger wie ihr Gemahl, war also auch noch in den besten Jahren. Drei Kinder waren da: Hans-Georg, der Erbgraf, dreißig Jahre alt: Leutnant á la suite der Armee, Dr. chem. (Dr. heißt Doktor, das wußte Matzke; aber was zum Kuckuck war »chem.«) Unverheiratet, der Erbgraf natürlich, sonst wäre er wohl nicht hier; für Matzke war jeder unverheiratete jüngere Mann, der sich am Horizonte zeigte, »natürlich« einer, der »Absichten« hatte. Dann hatte der Erbgraf einen um ein Jahr jüngeren Bruder, den Grafen Joachim von Seeburg, der als Legationsrat bei der deutschen Botschaft in London genannt war, eine Engländerin zur Frau und zwei ganz kleine Kinder hatte. Schließlich hatte der Erbgraf noch eine Schwester von dreiundzwanzig Jahren, die gleichfalls verheiratet war und zwar mit einem österreichischen Fürsten. Ferner lebte noch eine Tante des regierenden Pfalzgrafen, eine unverheiratete Gräfin Seeburg, Ehrenstiftsdame aus Dingsda, auf Schloß Seeburg. Das war die ganze Familie, aber Matzke war es lieb, daß sie nicht größer war. Die paar Personen konnte man sich gut merken, aber wenn eine Familie viele Seiten im »Gotha« einnimmt, da kann man sich nur schlecht darin zurechtfinden und verwechselt die Leute immerzu. Und nun Matzke Bescheid wußte über Art und Herkunft dieser so urplötzlich und aus heiler Haut erschienenen Wolke am Horizont, – Vetter hin, Vetter her, man braucht darum nicht gleich mit dem Menschen den geschlagenen Morgen zusammenzusitzen, dann mit ihm an einem Tische zu essen und hinterher gleich eine Partie zu machen, nach einer »Gorge« noch dazu. Diese »Gorge« rechnete Matzke seiner Herrin wirklich als erschwerenden Umstand an – konnte er wenigstens in Ruhe seine Zeitung lesen, ohne sich dabei mit dem Gedanken abquälen zu müssen, ob denn »der junge Mensch« auch was Rechtes und kein Abenteurer oder Hochstapler sei.

Ahnungslos darüber, daß Matzke sein Gemüt sich inzwischen über ihn beunruhigte, saß Hans-Georg, Erbgraf zu Seeburg und Sonnenberg, indes an der Seite der beiden Damen im Zuge Lausanne-Brigue und fuhr mit ihnen ins Rhonetal hinein. Wer diese Strecke nicht kennt zwischen Villeneuve und Brigue, dem Schweizer Tor des Simplontunnels, dem kann man nur raten, es mit eigenen Augen zu sehen, dieses fruchtbare, grüne, blühende Tal zwischen den Bergriesen des Wallis. Natürlich darf man nicht im Hochsommer dort Aufenthalt nehmen wollen, wenn die Sonne, welche die feurigen Weine zu einer schnellen Reife bringt, mit afrikanischer Glut darin heizt, – dann muß man schon auf eine der Höhen, – aber im Frühjahr, wenn alles im frischen Grün prangt und darüber die Berge ihre schneegekrönten Häupter erheben, wenn die Obstbäume blühen und den grünen Rasen mit Blütenschnee bestreuen, wenn die Akazien schwere, süße Duftwellen über die schnell dahinschießenden grauen Gletscherwasser der Rhone hinüberschicken, dann ist das Rhonetal unvergleichlich schön.

Vorbei an Aigle mit seinem mittelalterlichen Schlosse, überragt von den Palasthotels der Lungenheilstätte Leysin, vorbei an dem Salinenbade Bex am Fuße der in den Dent de Morcle auslaufenden imposanten Kette der Diablerets, vorbei an dem reizend gelegenen, malerischen St. Maurice mit seiner berühmten Königlichen Abtei, in der die Burgunderkönige sich krönen ließen, deren Kirchenschatz noch Gaben Karls des Großen und der Königin Bertha, der Spinnerin, birgt, weiter bis zu dem kleinen Flecken Vernayaz – dort stiegen die beiden Damen mit ihrem unerwarteten Begleiter aus. Weiter, dem Simplon zu, macht bei Martigny das Rhonetal ein scharfes Knie, auf dem die alte Römerfeste La Tour de Battiaz den Auslug nach beiden Seiten beherrscht. Sie waren kluge Leute, die Herren Römer, und wo man ihre Spuren trifft, da sind sie heut noch zweckmäßig hingestellt. In silbernem Duft schwimmt hinter Martigny das langgedehnte Tal, wo der Ursprung der Rhone liegt; der Bahnhof Vernayaz aber liegt fast direkt gegenüber dem prächtigen Wasserfall der Pissevache, der sich, ohne einmal aufzuschlagen, in einem Guß fünfundsechzig Meter hoch von dem Salvan herunterstürzt, daß man auf der vorüberführenden Landstraße von dem Gischt bestäubt wird.

»Was mag das den Leuten leid tun, daß dieser schöne große Wasserfall sich nicht absperren und gegen Entree zeigen lassen kann«, meinte der Erbgraf mit gutmütigem Spott dieser kleinen oder auch großen Schwäche des ›Volks der Hirten‹, das einerseits dem Fremden die Schönheitswunder seines Landes durch jedes Mittel, durch die kühnsten und genialsten Bergbahnen zugänglich macht, andererseits aber auch wohl versteht, Eintrittsgeld dafür zu fordern. »Dabei fällt mir ein: Sind die Damen schon im Schloß Chillon gewesen? Ich frage nur, weil man das, glaube ich, durchaus tun muß, will man daheim nicht als ein Vandale gelten.«

»Doch, wir waren schon da«, erwiderte die Gräfin, »aber –«, sie hielt achselzuckend ein.

»Aber tun Sie's ja nicht«, fiel Schnee ein. »Riskieren Sie lieber den Verruf als Vandale, als sich den Eindruck dieses herrlichen alten Denkmals vergangener Tage durch die Art und Weise zu trüben und zu stören, wie Sie mit der vollzähligen Hammelherde geduldiger aber punkto Bildung mehr gemischter Besucher durch die paar Räume, die jetzt nur der Rekonstruktion des Schlosses wegen zugänglich sind, durchgetrieben werden. Da möcht ich einmal allein durchgehen wollen oder mit Leuten zusammen, die etwas davon verstehen, nicht aber durchgehetzt werden von der führenden Person, die ihr Sprüchlein herunterhaspelt und schon im nächsten Raume ist, ehe sie's fertig aufgesagt hat. Und die Bemerkungen, die in allen Sprachen um einen herum laut dabei werden! Man weiß nicht, ob man lachen oder sich ärgern soll!«

»Natürlich lachen, immer lachen, das hält die Stimmung noch am meisten fest«, meinte der Erbgraf kühn.

»Na, ich danke!« rief Schnee im Tone des Protestes.

»Stimmung! Die Stimmung ist schon flöten gegangen, ehe man noch die Gefängnisse betritt, wo der edle Bonivard – der übrigens nach den neuesten Forschungen ein recht zweifelhafter Herr gewesen sein soll – den Boden um die Säule abgetreten hat, an die er drei Jahre lang angeschmiedet war. Byron hat aber die neuesten Forschungen, die meist die Mohren weiß zu waschen pflegen, nicht gekannt, und darum konnte er das Gefängnis des Genfer Abts auch noch ruhig ›einen geheiligten Ort‹ nennen. O ja, man sieht Chillon erst, wenn man es betreten hat, aber unter diesen Voraussetzungen ist die Freude mäßig und die Belehrung gleich Null.«

»Ja, ja, Scheffel hat schon recht, wenn er dichtete, daß es im Leben häßlich eingerichtet sei, daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn«, sagte der Erbgraf mit einem halben Lachen, das aber in einen ganzen Seufzer verklang, der die sonst wenig auf derlei Einzelheiten achtende Gräfin Mirow aufblicken machte. Aber sie sagte nichts; Schnee dagegen sah ihn groß an und mit einer vagen Beunruhigung im Blicke wiederholte sie mehr für sich:

»daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn? Ach was! Laßt mal erst überhaupt Rosen da sein, – vor den Dornen kann man sich schon in acht nehmen.«

»O gewiß – wenn man sie unbehelligt läßt, die Rosen, wenn man sie nicht begehrt, dann tun einem auch die Dornen nichts«, warf Marie-Luise ein.

»Ei natürlich – und wenn ich unter dem Regenschirm spazierengehe, wird mir der Kopf nicht naß!« rief Schnee lebhaft. »Nein, so war's nicht gemeint! Erstens ist es keine Schande, sich in acht zu nehmen, besonders, wenn man es nicht aus Furcht tut, sondern aus Vorsicht, die ja überhaupt der Weisheit Mutter sein soll, und dann –«

»Wenn man das Heftpflaster für etwaige Wunden gleich zur Hand hat«, vollendete der Erbgraf neckend. Aber da kam er schön an.

»Seh ich so aus, als ob ich nichts riskieren, nichts aufs Spiel setzen könnte für etwas, wonach mein Sinnen und Trachten, mein ganzes Herz steht?« fragte Schnee mit zurückgeworfenem Kopfe und blitzenden Augen.

»Seh ich so aus, als ob ich den Rosen entsagen könnte, nur weil ich mich vor den Dornen fürchte?«

»Nein, so sehen Sie nicht aus«, erwiderte er ruhig. »Ich schätze Sie darauf, daß Sie sich Hände, Arme und Gesicht blutig reißen lassen würden, wenn Sie anders nicht zu der Rose gelangen können, nach der Ihr Sinn steht. Handschuhe ziehen Sie sich dazu bloß an, wenn die Rose nur flüchtig lockt.«

Schnee legte die Hand auf die Achsel ihrer Freundin. »Hast du's gehört, Marie-Lu?« fragte sie leise. »Handschuh hab' ich angehabt, als ich nach der Rose langte – du weißt schon, nach welcher.«

Gräfin Mirow schüttelte mit dem Kopfe.

»Wie man sich nur selbst so verkennen kann«, entgegnete sie mit ehrlichem Vorwurf.

»War's denn eine Rose, nach der du dich sehntest? Nicht doch – du bist vor dem Lorbeer gestanden und zwischen dir und ihm war ein Gitter –--«

»Und es war zu eng, um die Hand durchzustecken und zu hoch, um darüber weg zu langen und zu stark und zu fest, um es niederzurennen oder zu zerbrechen«, fiel Schnee ein. »Ach, Marie-Lu, du meinst es gut, aber dein Gleichnis kommt auf dasselbe heraus.«

Sie hatten währenddessen den kleinen Ort durchschritten und waren zum Eingange der Schlucht gelangt, die, einer engen Spalte hoher, nackter Felsen gleich, auch nicht viel anderes ist. Denn durch diesen Fels hatten sich die Gletschermassen des Trient im Lauf der Jahrtausende einen Weg gebahnt und ihn nach und nach ausgespült und ausgewaschen und schäumten, rauschten und brausten jetzt, wo das Werk vollendet war, zwischen den himmelhohen Felswänden heut wie damals talwärts, um in die Rhone und mit dieser dem Meere zuzufließen, darin alle Bäche, Flüsse und Ströme münden wie der Menschen Leben in der Ewigkeit. Die Aareschlucht ist vielleicht noch länger, die Taminaschlucht höher, wilder, großartiger wie die Trientschlucht – aber wenn man etwas genießen will, dann soll man nicht vergleichen oder gar kritisieren. Kann man diesen deutschen Nationalfehler nicht lassen, dann bleibe man lieber daheim, dann wird einen das Minderwertige – und dem Nörgler ist das, was er gerade sieht, immer minderwertig – nicht ärgern.

Nachdem die Eintrittskarten gelöst waren und man die Barriere passiert hatte, bat Gräfin Mirow, voranzugehen, denn tief unter ihr brausende und stürzende Wasser machten sie nervös, schwindlig und furchtsam. Wenn ihr aber jemand vorausginge, dann käme ihr der Mut und sie schritte viel sicherer auf der schmalen Holzgalerie, die in der Schlucht, an der Felswand verklammert, den Weg bildete. Der Erbgraf nahm also den Vortritt, die Führung, dann folgte Schnee und endlich die Gräfin. Als sie in dieser Ordnung den schmalen Pfad betraten, da sang Schnee halblaut:


»Die Brücke nieder und auf das Tor –

Die Seeburger vor!«


Hans-Georg blieb stehen wie geprellt und sah sich um.

»Woher kennen Sie das Lied?« fragte er erstaunt.

»Erbstück in unserer Familie!« erwiderte sie.

»Aber –«, er wollte eigentlich sagen: das ist ja gar nicht möglich, doch unterdrückte er es außergewöhnlich einmal. »Dies Lied – ich weiß ja nicht, wieviel Sie davon kennen, ist auch ein Erbstück in unserer Familie. Ich wage sogar zu behaupten, daß es von uns stammt; es muß sehr alt sein, kam aber erst im Bauernkriege zu einer gewissen Popularität. Wie wurde es Ihnen überliefert?«

»Handschriftlich auf Pergament; ein Gelehrter, den mein Vater einmal darüber befragte, meinte, die Niederschrift stammte aus dem sechzehnten Jahrhundert«, erklärte Schnee.

»Das ist sehr sonderbar, – weil wir keine Abzweigung, keine Seitenlinie unseres Geschlechtes kennen –«

»Oder anerkennen –«, schlug Schnee lächelnd vor.

Er schüttelte den Kopf. »Weder das eine noch das andere ist mir bekannt«, sagte er, fügte aber ehrlich hinzu: »Ich bin keine Autorität, denn da ich mit der Geschichte und Genealogie unserer Familie wider mein Interesse geplagt und gelangweilt worden bin, ehe ich noch das richtige Verständnis dafür haben konnte, so ist es schon möglich, daß mir irgendeine Linie oder eine Finesse unseres Stammbaumes entfallen ist. Ich weiß nur, daß mein Vater immer großes Gewicht darauf legte, daß wir das Monopol der Seeburger-Hymne besitzen. Man sieht eben, daß alles Wissen Stückwerk ist.«

»Könnten wir die Seeburger-Hymne nicht an einem geeigneteren Orte besprechen?« fragte Gräfin Mirow im Hintergrunde.

»Ach, du armes, geduldiges Hühnchen«, rief Schnee, sich lachend umdrehend. »Sei nicht böse, Marie-Lu; Und nun vorwärts, Herr Namensvetter – und wenn Sie mich auch zehnmal für einen Impostor ansehen – ich halt es doch hoch, ›das rote Banner mit silberner Faust‹ –«

»Was? Sie haben auch das gleiche Wappen wie wir?« rief er und blieb wieder stehen.

»Die silberne, geharnischte Faust im roten Schild, – und als Kleinod die Faust zwischen zwei schwarzen Adlerflügeln mit goldenen Sachsen –«

»Aufs Haar unser altes Wappen! Sie müssen schon nicht böse sein, gnädiges Fräulein, und mir gleich Impostor-Gedanken zutrauen, wenn ich behaupte, daß wir auf der Pfalz Seeburg das Stammhaus sind und –«

»Auch genealogische Streitfragen lassen sich sicherlich ebensogut, wenn nicht besser auf der Terra firma erledigen«, ließ sich die Gräfin wieder vernehmen, und diesmal lag so viel anklagender Vorwurf in ihrem Tone, daß die beiden Seeburger Parteien heilig gelobten die strittige Frage erst auszufechten, wenn sie auf sicherem Boden stehen würden.

»Denn man kann doch nicht wissen, ob wir uns, wie die Hymne empfiehlt, nicht die Köpfe darüber blutig schlagen«, meinte Schnee lachend.

Und nun gingen sie wirklich vorwärts auf dem schmalen, hölzernen Pfade zwischen den immer enger sich schließenden Felswänden, hoch über dem schäumenden, brausenden, gurgelnden Gletscherwasser, tief unter dem Einschnitt, durch den der blaue Himmel wie ein schmales Band leuchtet und nur eine geheimnisvolle Dämmerung zuläßt in der kühlen, unheimlichen Schlucht. An der Stelle, wo eine mächtige Gletschermühle in grauer Vorzeit einen runden Kessel aus dem Felsen gewaschen und das grüne Wasser sich immer noch im Strudel dreht wie in einem Hexenkessel, standen sie still und sahen schweigend hinunter. Von oben konnten hier ein paar Sonnenstrahlen durch die Erweiterung der Schlucht bis hinab in das Wasser fallen und es bis auf den steinigen Grund durchleuchten, daß man jeden Stein darin erkennen konnte, aber wo sie standen, dicht an der Felswand, da war tiefer Schatten.

»Die Rätsel des Lichtes sind schwer zu lösen«, sagte Marie-Luise, nachdem sie eine Weile schweigend gestanden. »Wir sehen keine Sonne über uns und doch durchleuchtet sie unter uns das Wasser. Sie wirft hier, wo wir stehen, tiefe, tiefe Schatten und doch muß sie es sein, die dem Smaragd in deinem Ringe, Schnee, eine solche Leuchtkraft gibt, daß er den Widerschein davon auf dein Gesicht wirft. Sehen Sie es, Kusin?«

Der Erbgraf hatte es längst gesehen. Schnee hatte ihre Hände auf dem sehr primitiven Geländer der Galerie liegen, ohne Handschuhe, die sie, wenn sie nicht zum Schutze dienten, als den Ausfluß einer Hyperkultur von Herzen verachtete, welchen Luxus sie sich um so mehr gönnen konnte, als ihre Hände wie ihre Haut blendendweiß waren und damit siegreich sogar den Sonnenstrahlen trotzten. Der Stein in ihrem seltsamen Ringe aber leuchtete im Schatten mit einem grünen Feuer, als ob die Sonne selbst ihm die verborgene Glut herauslockte, und so stark war der Glanz, daß er ein grünes Licht zurückwarf, welches auf Schnees Gesicht und in ihren abendrotfarbenen Haaren tanzte.

»Das ist gar nichts Wunderbares, oder gar Unheimliches«, meinte der Erbgraf, den Blick auf die weißen Hände neben ihm geheftet. »Im Gegenteil, es ist eine der Eigentümlichkeiten der Smaragden, bei jeder Beleuchtung, oder vielmehr auch ohne künstliches oder natürliches Licht zu leuchten. Smaragdkristalle, die hexagonalen Smaragdkristalle bestehen nämlich aus Aluminium, Gluxin, Chromoxyd und –«

»Um Himmels willen, Vetter, das sind böhmische Dörfer für uns beide, fürchte ich«, unterbrach ihn Marie-Luise mit ehrlichem Entsetzen.

»Ja nun, wenn man Chemiker ist und so etwas erklären kann«, erwiderte der Erbgraf entschuldigend, »dann denkt man, das müssen die andern Leute auch verstehen. Pardon für diesen Vortrag ins Wissenschaftliche! Ich sinne und sinne und kann um alles in der Welt nicht darauf kommen, wo ich diesen Ring schon gesehen habe«, setzte er hinzu, den Blick auf der schlanken weißen Hand, an welcher das Juwel funkelte.

»Vielleicht bei meinem Vater«, schlug Schnee vor.

»Ich habe Ihren Herrn Vater nie gesehen, meines Wissens wenigstens«, erwiderte er kopfschüttelnd.

»Vielleicht im Traume«, meinte Gräfin Mirow. »Ich sagte gestern schon meiner Freundin, es wäre gewiß ein Zauberring, eine Feengabe, wie das Glück von Edenhall, dem Uhland ein so jähes Ende gab, während es tatsächlich noch heil und ganz existiert. Oder wie die berühmten Perlen des schlesischen Grafengeschlechtes – du mußt doch wissen, wie der Ring in eure Familie kam?«

»Ach, ich weiß nichts – Papa sagte nur, es wäre ein Erbstück, das niemals und unter keinen Umständen verloren werden dürfte oder sonstwie weggegeben – er nannte es wirklich so eine Art Glück von Edenhall, nur, daß wir auf das Glück erst zu warten hätten und wenn der Ring verlorenginge, dann könnte das Glück nicht bei uns einkehren. Menschen sind aber nicht so dauerhaft wie Gold und Steine und darum besteht der Ring wohl noch, aber Generation um Generation der Seeburger sind dahingegangen, ohne daß das erwartete Glück sich hat sehen lassen. Und weil ich nun die Letzte bin – Marie-Lu, ich habe in stillen Stunden schon daran gedacht, dir den Ring zu vermachen, aber da es noch andere Seeburger gibt, die wahrscheinlich die richtigen Anwärter auf das erwartete Glück sind, so muß ich dir wohl die Erbschaft wieder entziehen und den Ring dem Pfalzgrafen von Seeburg hinterlassen, nicht? Oder soll ich kurzen Prozeß machen und ihn da hinunter in den Strudel werfen?«


Halb im Ernst, halb im Scherz versuchte sie, mit diesen Worten den Ring vom Finger zu streifen, und lachte dann auf, weil sowohl die Gräfin als Hans- Georg gleichzeitig durch Auflegen ihrer Hände das Beginnen zu verhindern suchten.


»Ihr braucht euch gar keine Mühe zu geben«, sagte sie perplex. »Der Ring geht nicht vom Finger – er sitzt so fest wie angeleimt, und dabei scheint der Finger nicht einmal anormal zu sein, nicht geschwollen oder sonstwie – es ist einfach unmöglich, der Ring rührt sich nicht!«

Die drei sahen sich an – unter ihnen gurgelten und rauschten die Wasser des Trient, über ihnen die hohen, starren Felsen und der tiefblaue Himmel – – »Laßt uns gehen – mich friert«, sagte Marie-Luise zusammenschauernd und wandte den Blick wie mit Gewalt ab von dem Stein in Schnees Ring, der mit einem wahrhaft dämonischen Feuer leuchtete.

Der Erbgraf hatte nicht den Stein angesehen, wohl aber in Schnees dunkle Augen geblickt, die ihn groß und wie erschreckt ansahen ohne die leiseste Spur einer Koketterie, die ihrem ganzen Wesen ja so fremd war. Ehrerbietig, wie wenn man eine Reliquie berührt, nahm er ihre linke Hand mit dem Ringe von dem Holzgeländer und versuchte den Ring von ihrem schlanken Goldfinger zu streifen – aber selbst die Anwendung einer sanften Gewalt bewegte den köstlichen Reif von dunklem Golde nicht um eines Haares Breite der Spitze zu.

»Es hilft nichts – der Ring ist wirklich ein Zauberring«, sagte er in die Betrachtung des Schmuckes vertieft, wobei er ihre Hand natürlich in der seinen behalten mußte. »Ein schönes Stück der Goldschmiedekunst ist er aber dabei auch, und der Smaragd ist tadellos. Die Charaktere, die darin eingraviert sind, werden wohl den Zauber enthalten; wenigstens wollen wir's uns einbilden, bis ein Kenner orientalischer Sprachen erklärt, was die Inschrift bedeutet. Wahrscheinlich etwas ganz Triviales, zum Beispiel das Siegel des ursprünglichen Besitzers.«

»Ich habe einmal gelesen, daß die Orientalen den Smaragden ganz besondere, übernatürliche Kräfte zuschrieben«, sagte Schnee, halb wie im Traume. »Gravierte Smaragden dienten der Magie und sollen sehr selten sein, weil der Stein dazu nicht die geringste Trübung haben darf.«

»Natürlich, sonst würde er beim Gravieren springen«, erklärte der Erbgraf, indem er zögernd die Hand mit dem Ringe wieder auf das Geländer zurücklegte. »Nun, daß der Ring eben jetzt sich nicht abstreifen läßt, dafür wird es, auch ohne orientalische Magie, eine Erklärung geben. Wahrscheinlich würden uns auch die Herren Magier vergangener Zeiten ihre Zaubereien sehr einleuchtend erklären können, wenn sie noch lebten, aber wahr muß es bleiben: die alten Herren wußten Dinge, von denen wir keine Ahnung haben, und kannten die Naturkräfte, wie wir sie vielleicht in tausend Jahren noch nicht erforscht haben werden.«

»Wie doch Wissenschaften verlorengehen können!« nickte Schnee nachdenklich.

»Oh, verloren sind sie kaum; sie haben sich nur so zurückgezogen, daß sie schwer aufzufinden und zu erkennen sind, – sie leben in der Tradition weiter, aber sie schaffen nicht mehr. Hin und wieder stößt wohl solch einer unserer gelehrten Maulwürfe auf eine verschollene Lehre, zuckt verächtlich von seinem hohen Standpunkte die Achseln darüber und geht weiter. Oder den Maulwurf reizt die Neugier, die Habsucht, oder was weiß ich noch, dann stümpert er herum in Dingen, die ihm über die Hutschnur gehen, und verbrennt sich die Finger dabei, daß er froh sein kann, wenn er sich sein bißchen Verstand aus dem Experimente einigermaßen heil herausretten kann.«

»Die Kräfte der Natur sind niemals böse in gerechter Hand, sagt Storms Meister Cyprianus«, zitierte Schnee. »Und doch – ist nicht viel unheilige Magie in den Papyrussen der alten Ägypter.«

»Das weiß ich nicht, denn ich hab' sie nicht gelesen, aber wahrscheinlich sind es eben nur unverstandene, weil unbekannte Dinge, die unsere Gelehrten für schwarze oder weiße Magie halten. Das Wort Meister Cyprianus' von der gerechten Hand ist das rechte Wort. Denken Sie nur an die hypnotischen Kräfte, was diese, zu unlauteren Zwecken mißbraucht, für Unheil anrichten können; ihre Heilkräfte sind noch unerforscht. So geht's mit all den Dingen, die dem Ungebildeten unheimlich dünken, weil er sie nicht begreift, von dem Gebildeten aber aus dem gleichen Grunde vornehm zurückgewiesen werden und –«

»Sind das nicht alles Sachen, die man sehr gut auch im Zimmer besprechen kann? Oder muß man dazu eine ›düstere‹ und, wie mir scheint, recht kalte Schlucht aufsuchen?« fiel Marie-Luise mit sanftem Vorwurf ein. »Ich für mein Teil stimme dafür, daß wir jetzt vorwärts gehen oder rückwärts, aber hier noch länger bleiben, – dagegen streike ich.«

»Das ist ein ebenso zeitgemäßes wie erfolgreiches Verfahren, gnädigste Kusine«, erwiderte der Erbgraf gemütlich. »Und Sie haben dabei auch noch so recht. Ich bin ein fürchterlicher Mensch, wenn ich gereizt werde, das heißt, wenn in mir eine Saite berührt wird, die mich zum Dozieren bringt. Als gewöhnlich schwatzender homo sapiens bin ich ungefährlich. Ich bitte um Entschuldigung, Kusine! Das hat mit seinem Funkeln das Zauberringlein getan.«

»Oder die Hand, an der das Zauberringlein steckt«, dachte Marie-Luise mit einer ihr sonst fremden Hellsicht, denn sie war keine beobachtende Natur. Diese Hellsicht aber machte sie sehr vergnügt, frei und leicht, und das Wohlwollen, das sie von der ersten Stunde an für den ihr aufgedrängten Vetter empfand, vertiefte sich zum zweifellosen Wohlgefallen. Es freute und befriedigte ihr großmütiges und selbstloses Herz, daß Schnee auch hier den Eindruck machte und vertiefte, den ihre eigenartige Erscheinung überall hervorrief; die Bewunderung, die sie für die Freundin in den ehrlichen, treuen blauen Augen des bis dato unbekannten Vetters unschwer las, tat ihr wohl, ganz abgesehen davon, daß die mehr oder weniger starke Dosis von Egoismus, die nun einmal in jedwedem Menschen schlummert oder wacht, sich in ihr darüber freute, daß der drohende und unerwünschte Freier einen Blitzableiter gefunden. Und schließlich dachte sie, warum auch nicht, wenn Schnee das Wohlgefallen erwiderte? Denn Marie-Luise war kein modernes Überweib, das Schnee lieber frei, unabhängig und gefeiert auf dem Podium des Konzertsaales gesehen hätte, als wohlgeborgen, unmodern glücklich und Segen schaffend am eigenen Herde. Was man selbst für sich als wünschenswert und begehrenswert erträumt, das ersehnt man auch gern für seine Lieben und für seine Freunde; das wird kein Übermenschentum erschüttern und ändern. Die Sonne dahin, und wir können nicht mehr leben; die Liebe aus der Welt, und wir verknöchern jammervoll und gehen daran gleichfalls zugrunde.

Der Erbgraf dozierte heute nicht mehr, weder bis zum Ende der Schlucht, wo durch grünes Dickicht der Trient in sein steiniges Bett herabstürzt, noch auf dem Rückwege oder auf dem Heimwege nach Territet. Dort kamen sie gerade so an, daß sie die Kleider zum ›Dinner‹ wechseln konnten, und das nahmen sie ganz vergnügt plaudernd wieder zusammen ein und saßen dann noch auf der Terrasse, bis die Müdigkeit die Damen endlich in ihr Zimmer trieb. Und sie trennten sich von ihrem Kavalier mit einem sehr herzlichen: »Auf Wiedersehen.«

»Eigentlich ein lieber, netter Mensch, dieser Vetter von mir, nicht?« fragte Gräfin Mirow, als sie ihrer Freundin gute Nacht wünschte.

»Ah, siehst du, – du fängst an, dich mit ihm auszusöhnen!« rief Schnee. »Ja, ja, – in der Nähe besehen, verliert manches seinen Schrecken. Ich finde deinen Vetter nicht nur ›nett‹, sondern sogar viel zu schade, um mit ihm zu spielen, oder ihn an der Nase herumzuführen.«

»Da hast du wohl recht«, erwiderte Marie-Luise

freundlich. »Ganz abgesehen davon, daß dies für mich ein Sport ist, den ich gar nicht verstehe – und ich hoffe, ich bin zu einsichtig, um das zu treiben, was ich nicht verstehe, – so halte ich auch an dem guten alten Spruche fest, ›daß man mit Schießgewehren nicht spielen soll‹.«

»Nein, – Finger weg und Hahn in Ruhe – das ist die erste Regel für Leute, die mit Schießgewehren nicht umzugehen wissen«, sagte Schnee müde. »Ich hatte nicht auf dich sticheln wollen, Marie-Lu!«

»Natürlich nicht!« erwiderte die Gräfin lachend. »Man richtet ja auch Warnungstafeln für sich selbst auf«, setzte sie in Gedanken hinzu.

Schnee war wirklich heut so müde, daß sie sich nicht einmal wunderte, daß ihr Ring sich jetzt, heut abend mit Leichtigkeit vom Finger streifen ließ. Sie legte ihn wie gewöhnlich auf den Nachttisch neben ihre Uhr, löschte das elektrische Licht aus und bildete sich ein, nun gleich einschlafen zu können wie gestern nach ihrer Ruderarbeit, die doch schließlich noch ganz andere Kräfte erforderte, als die bequeme Partie heut.

Aber der Schlaf wollte nicht kommen. Sie lag im Dunkeln mit offenen Augen und hörte zu, wie drunten der See leise gegen die Futtermauer des Kais plätscherte, und durch die vor dem offenen Fenster hängenden Spitzenvorhänge drang genügend Licht, weil es so mondhell draußen war, daß sie die Gegenstände im Zimmer gut unterscheiden konnte. In der Ecke, dem Bette gegenüber, stand ein Spiegelschrank, in dessen hoher, breiter Fläche sie sich im Bett liegen sehen konnte, und auf dem Nachttisch zu ihrem Kopfe sah sie in eben diesem Spiegel den Smaragd in ihrem Ringe glühen. –

Es gibt viele Leute, die niemals und für keine Schätze der Erde in einem Zimmer schlafen würden, in dem die Spiegel nicht zuvor verhängt wären. Den Grund hierfür habe ich nie recht verstanden. Ist es denn so schreckhaft oder unheimlich, sich selbst bei Nacht zu sehen, wenn man bei Tage doch stundenlang – und das tun viele Menschen, namentlich weibliche, – vor dem Spiegel zubringt? »In der Nacht kann man im Spiegel Spöken kieken«, hat man mich vom hohen Norden aus darüber belehrt und Storms herrliche Erzählung vom »Spiegel des Cyprianus« ist auf diesem Glauben aufgebaut.

Schnee Seeburg wußte aber entweder nichts vom »Spökenkieken« oder sie glaubte nicht daran, denn der große Spiegel, in dem sie sich in voller Größe im Bett liegend sehen konnte, war ebenso unverhüllt, wie der Toilettenspiegel über der Waschkommode, und einer spiegelte den anderen wider. Und in diesen beiden Spiegeln sah sie den Smaragd im grünen Feuer glühen, und weil sie diesen Anblick gewohnt war und sie belehrt worden war, dies Licht, das seinen Ursprung in sich hatte, sei eine Eigenschaft dieser Steine, so empfand sie es nicht als etwas Absonderliches. Zwar, Marie-Luise hatte gestern – oder wann es war, – entschieden geleugnet, daß Steine von selbst Licht geben, aber Marie-Luise mußte sich irren oder die Sache nicht recht verstehen, denn dieser eine Stein würde doch sicherlich keine Ausnahme von den andern machen. Sicher nicht!

Und wie sie so sinnend auf das grüne Lichtpünktchen im Spiegel schaute, da schien es ihr, als ob es größer würde und immer größer, und als der Lichtschein etwa den Umfang eines Handtellers hatte, da setzte sich Schnee jäh im Bette auf und rieb sich die Augen und sah den Ring auf dem Tische neben ihrem Bette an – er leuchtete wohl auch da, der Smaragd, aber nicht größer war sein Lichtkreis, als gewöhnlich. Sie legte sich wieder zurück auf die Kissen und sah hinüber auf den Spiegel, der nun fast in seinem ganzen Umfang bedeckt war von dem grünen Schein, der all die andern Spiegelungen verdrängte, so daß man nichts weiter in dem Glase erkennen konnte, und dann wuchs der Schein über den Spiegel hinaus, und Schnee lag in ihrem Bette und wunderte sich, was das eigentlich sei und was das werden wollte, und ihre Hand langte nach dem Knopf für das elektrische Licht, aber sie kam nicht bis heran, denn in dem grünen Lichtschein sah sie jetzt etwas werden, das sie so mit Verwunderung erfüllte, daß sie vergaß, Licht zu machen.

Erst ganz blaß, dann immer deutlicher und klarer, wie bei einem Projektionsbilde, sah sie in dem Spiegel ein Zimmer, aber es war nicht das, darin sie sich befand, sondern ein niedriges, sehr dürftig ausgestattetes Gemach, in dem dickleibige Bücher und Papierrollen umherlagen und allerlei seltsam geformte Gefäße. An einem mit diesen Dingen überladenen Tische aber saß, in ein talarähnliches Gewand gehüllt, ein alter Mann mit gelbem, vertrocknetem Gesichte und schrieb und an seiner linken Hand, die das Blatt hielt, auf dem seine Rechte arbeitete, trug er den Ring, ihren, Schnees Ring mit dem funkelnden Smaragden!

Und Schnee lag im Bette und sah den Ring, aber es wunderte sie weiter nicht, daß sie ihren Ring an des alten Mannes Hand sah, es wunderte sie weit mehr, daß er mit diesem Juwel in einem so dürftigen Raume saß, dessen winziges Fensterchen auch noch vergittert war. Und eine Tür, deren Ecke man gerade noch in dem Gesichtsfeld des grünen Lichtscheines sehen konnte, wurde geöffnet, – nach innen aufgestoßen, als ob sie sich nur schwer in ihren Angeln drehte, und dann trat eine so reich gekleidete Dame in das niedere Zimmerchen, daß sie den ganzen Raum durch ihr Erscheinen erhellte.

Lichtblond, so lichtblond, daß ihre Haare dem ungesponnenen Flachs auf dem Wocken glichen, war ihr engelschönes Gesicht unter den krausen, metallisch schimmernden Löckchen im goldenen juwelenbesetzten Netz von einer durchsichtigen Weiße, ihre Wangen und Lippen vom zartesten Inkarnat und ihre großen Augen, von denen Schnee die Farbe nicht recht erkennen konnte, ob sie schwarz, blau oder grün waren, hatten eine so große Iris, daß man fast nichts von dem perlmutterähnlichen Weiß sah, in dem sie schwammen. Sie trug ein fremdartig gemachtes Gewand von damassiertem weißem Seidenstoff und um den bloßen Hals eine Perlenschnur.

Und Schnee sah sie an den Tisch treten und zu dem alten Manne sprechen, sie sah, wie ihre Lippen sich bewegten, aber sie konnte kein Wort vernehmen; sie sah diese schön geschnittenen rosigen Lippen sich zu einem bezaubernden Lächeln teilen, sah, wie der alte Mann den Kopf schüttelte und auf das Blatt deutete, das er vor sich auf dem Tische liegen hatte, und dann sah sie das schöne, wunderzarte Frauenantlitz einen drohenden Ausdruck annehmen, sah die großen Augen blitzen vor Zorn und die schmalen Hände sich zur Faust ballen, ohne daß es den alten Mann bewegt oder beunruhigt hätte; aber als sie ihre schmale, weiße Hand ausstreckte nach dem Ringe auf seiner wachsgelben Linken, da sprang er auf von seinem harten Schemel, auf dem er gesessen und wehrte ihr heftig ab – und dann war mit einem Male nichts mehr zu sehen als der grüne Schein –

Nach einer Weile, während welcher Schnee atemlos vor Erwartung hinsah, kam das niedrige dürftige Zimmer wieder zum Vorschein und an seinem Tische saß der alte Mann mit tief herabgesunkenem Kopfe und schlief. Schnee sah ihn atmen, sonst hätte sie geglaubt, er sei tot, so fahl und erloschen waren seine Züge. Und wieder öffnete sich die Tür und wieder kam die schöne, weiße Frauengestalt herein, leise, leise, auf den Zehenspitzen schlich sie sich hinter den Alten und lauschte auf seine Atemzüge. Dann sah sie in einen metallenen Becher, der vor ihm auf dem Tische stand und den seine Linke mit dem Smaragdringe umschlossen hielt, – ein Lächeln, ein böses, hämisches Lächeln glitt über ihr Gesicht, und sie hielt ihr feines, gerades Näschen über den Becher und sog prüfend den Geruch ein, der dem Rest seines Inhaltes entströmte, und wieder lächelte sie – Und leise, leise und vorsichtig löste sie die alten, gelben Finger, die den Becher hielten, und zog den Ring von dem Zeigefinger herunter und ließ ihn in den Ausschnitt ihres weißseidenen Kleides herabgleiten –

Und da schlug der alte Mann die Augen auf, Entsetzen, Jammer und Furcht malte sich auf seinem Gesicht, als sein Blick auf seine leere Linke fiel, seine alten, erloschenen Augen flammten auf, daß die weiße Dame zur Tür floh und dort mit scheuem Blicke stehenblieb, indes der alte Mann sich aufrichtete, mühsam, langsam und schwerfällig, und als er in seiner ganzen Größe dastand, da streckte er beide Arme gen Himmel, und dann fiel er in seiner ganzen Länge vornüber auf sein Angesicht – –

Und wieder war eine Weile nichts in dem Spiegel zu sehen, als der grüne Schein, der von dem Edelsteine ausging. Dann erschienen wieder Umrisse, die erst verschwommen waren, dann aber deutlicher wurden und Schnee sah einen langen, langen dunklen Gang, der weit, weit unten um eine Ecke bog. Und um die Ecke kam langsam die blonde Frau der beiden ersten Bilder, aber diesmal trug sie eine spitze, schwarze Schnebbe in ihrem krausen, lichten Haar und ein schwarzer Florschleier hing davon über den Rücken herab bis auf die Schleppe ihres weißen, seidenen Kleides. An ihrer linken Hand trug sie den Ring, den sie von des alten Mannes Hand gezogen –

Immer näher kam sie, immer näher und als sie so nahe war, daß Schnee dachte, nun müßte sie aus dem Spiegel heraustreten, da blieb ihr Schleier an einem Nagel hängen, der in der rechten Wand des langen, schmalen, dunklen Ganges eingeschlagen war. Die Dame drehte sich um, ihren Schleier von dem Nagel freizumachen, und während sie damit beschäftigt war, glitt der Ring mit dem Smaragd von ihrem Finger und rollte in eine breite Mauerspalte hinein, wo Schnee ihn ganz deutlich liegen sah. Aber die Dame sah ihn nicht. Als der Ring herabrollte, riß sie hastig ihren Schleier, der nicht gleich nachgab, trotz des heftigen Rucks, entzwei, daß ein Fetzen davon in dem Nagel hängen blieb, und suchte und suchte auf dem engen Raume nach dem Ringe und konnte ihn nicht finden, und konnte ihn nicht finden, und Schnee sah ihn dabei doch ganz genau in der Mauerspalte, in die er gerollt, und wunderte sich, warum sie den Platz der Dame nicht zeigte, auf deren Gesicht eine große Bestürzung zu lesen war. Sie stand eine Weile still und schien zu überlegen und dann formten ihre Lippen ein Wort – »Licht!« so deutlich und klar, daß Schnee meinte, es gehört zu haben, und damit ganz einverstanden war, denn der Gang war nur schwach erleuchtet, und wenn sie doch den Ring so nicht wiederfand, so mußte sie schon Licht holen. Und schnell ging sie den Gang wieder zurück und verschwand hinter der Ecke, die er weit unten machte.

Nach einer Weile, während welcher Schnee auf ihre Rückkehr wartete und dabei den Ring immerzu in der Mauerspalte funkeln sah, kam es wieder um die Ecke, aber nicht die Dame, sondern ein kleiner Knabe war's, der mit dem schelmischen Ausdruck eines Kindes, das einen »Streich« ausführt, herangetrippelt kam und lachend oft zurückblickte, als wollte er sagen: »Ausgerissen! Nun sucht mich mal!« Es war ein kleiner, süßer Rotkopf mit dunklen Augen, und Schnee fand, daß er ihr ganz lächerlich ähnlich sah – – Das Kind aber sah den Ring gleich in der Mauerspalte liegen, – es stutzte, als es das funkelnde Ding sah, bückte sich und nahm ihn mit seinen dicken, rosigen Fingerchen heraus und kauerte am Boden, um den Fund zu betrachten. Und währenddem kam um die Ecke eine andere Person, eine ältliche Frau mit grauem Scheitel, gekleidet wie eine Dienerin, atemlos, Angst und Entsetzen auf ihrem faltigen Gesichte, näher, und wie sie den am Boden kauernden Knaben sah, da riß sie ihn in die Höhe, nahm ihn, der sich sträubte, in die Arme und jagte mit ihm den Gang zurück, als wäre jemand hinter ihr her – – –

Und das Bild verblaßte und verschwand und es wogte und wallte in dem grünleuchtenden Lichte unruhig hin und her und klärte sich, und dann ward wieder ein Zimmer sichtbar, ein mit aller erdenklichen Pracht ausgestattetes Gemach, das in dem dämmrigen Lichte der angezündeten Wachskerzen lag, die in einigen silbernen Girandolen brannten. In einem Kamin mit prächtigem, weißmarmornem Mantel brannte ein verlöschendes Holzfeuer und die dicken Samtvorhänge der Fenster waren zugezogen, aber Schnee sah durch einen schmalen Ritz, daß die Sonne draußen schien. Auf einem Betstuhl, dicht wo der Ritz verriet, daß die Sonne draußen lachte, kniete eine Nonne mit gefalteten Händen und tief gesenktem Kopfe; in einem tiefen Lehnsessel am Kamin aber saß in der Tracht und dem Gewande der blonden Dame eine Gestalt mit tief gesenktem Haupt, auf dem der schwarze Schleier mit der weit in die Stirn gezogenen Schnebbe lag – eine Gestalt, die einen vagen, leisen Schauer durch die Glieder des jungen Mädchens kriechen ließ, das still in seinem Bette lag und auf die Bilder im Spiegel sah. Das Gesicht der Gestalt in dem Lehnstuhle war nicht zu sehen, weil sie es so tief gesenkt hatte und es auch vom Schleier so tief beschattet wurde, aber es umgab sie ein unnennbares, unsichtbares Etwas, das das Herz bang machte und klopfen ließ wie unter dem Einfluß einer ahnungslosen Furcht – –

Und Schnee sah, wie die Gestalt sich jetzt leise bewegte und die Nonne mit großen, entsetzten Augen zu ihr herüberblickte, ohne indes aufzustehen. Und aus den Falten des schwerseidenen weißen Kleides löste sich eine Hand, wachsgelb, fleischlos, mit bläulichen Nägeln – die Hand einer Toten – und tastete langsam, zitternd hinauf und faßte den Schleier –

Eine unvernünftige, siedendheiße Angst ergriff Schnee bei der Voraussicht, daß sie nun das Antlitz der Gestalt sehen würde – es war so still in dem Zimmer, man hörte nicht einmal mehr den See gegen die Mauer plätschern und die Stimmen der Nacht waren alle verstummt – es lag wie die Schwüle vor einem drohenden Gewitter in der Luft und machte das Atmen schwer und mühsam, es krampfte sich in das Herz, daß es vor Jammer hätte schluchzen mögen, wenn es nur Tränen gehabt hätte –

Den Angstschweiß auf der Stirn brachte Schnee es zuwege, die Augen zu schließen und lag nun so mit klopfendem Herzen und versuchte, an zwei blaue Augen zu denken, die so beruhigend und so treu blicken konnten – und da hörte sie wieder den See und hörte menschliche Stimmen, – sie wagte es, die Augen aufzuschlagen und da – war es heller Tag.

»Also ein Traum – ich habe die ganze Geschichte nur geträumt, dachte sie mit einem tiefen Atemzuge und sah erleichtert hinüber, wo die Sonne eben den Gipfel des Grammont bestrahlte, indes die Schatten der Nacht noch dunkel im Tale von Novel lagen – und mit ausgestreckten Armen begrüßte sie diesen »Gruß des Lichtes aus der anderen Welt« – sie war doch noch so jung und so lebensfroh und so voll von Hoffnungen und Erwartungen an dieses Leben, in das seit gestern zwei blaue Augen getreten waren wie eine Verheißung schöner, sonnenheller Tage.

Und wie sie aufsprang, um sich anzukleiden und hinauszueilen in den köstlichen, taufrischen, goldigen Frühlingsmorgen, da fiel ihr Blick auf den Ring, dessen Stein in ruhigem, grünen Feuer leuchtete, und es fror sie plötzlich.

»Der Morgen muß frisch sein«, dachte sie fröstelnd und benommen. »Um so besser – dann werd' ich mich warm rudern, ehe Marie-Lu, dies liebe, alte, schläfrige Ding, zum erstenmal mit den Augen ins Licht geblinzelt hat.«

Damit war der Gräfin Mirow aber von ihrer besten Freundin unrecht getan worden, denn sie war längst fertig, als Schnee frisch wie der Frühlingsmorgen selbst mit ihrem Nachen zurückkehrte von ihrem Ausflug auf den See.

Eine Stunde später traf der Erbgraf von Seeburg die Gräfin Mirow allein auf der Terrasse des Hotels, wo sie an der Balustrade stand und zusah, wie der Dampfer unten anlegte und eine endlose Schlange von im Gänsemarsch die Landungsbrücke überschreitenden Touristen und sonstigen Passagieren aufnahm. Die, welche die erste Klasse füllten, hatten um diese Zeit noch gut Platz, doch die Passagiere des zweiten Decks mußten sich in den Raum mit der Schar Savoyer Bauernfrauen teilen, die mit ihrer Ware nach Vevey zum Markte fuhren und unter eifrigem Strümpfestricken in ihrer eigenartigen Haltung der Nadeln mit fabelhafter Zungenfertigkeit in ihrem haarsträubenden französischen Dialekt schwatzten.

Graf Hans-Georg begrüßte die Gräfin Marie-Luise mit höflicher Erkundigung nach ihrer Nachtruhe und, weil er zu den Menschen gehörte, die nie und unter keinen Umständen aus ihrem Herzen eine Mördergrube machen können und wenn sie den Vorteil dieses Verfahrens noch so klar auf der Hand hätten, so fragte er im selben Atem und ehe er noch eine Antwort haben konnte, »ob Fräulein von Seeburg noch schliefe?«

Marie-Luise unterdrückte heroisch ein Lächeln, was ganz überflüssig war, denn der Erbgraf hätte doch nicht gewußt, warum es über ihre zarten Züge glitt, und sagte:

»Meine Freundin steht immer mit den Hühnern auf und hat schon ihre Frühpromenade auf dem See mit den Rudern in der Hand hinter sich. Jetzt ist sie nach Montreux gegangen, um einige Besorgungen zu machen, denn wenn wir vor dem Lunch, wie verabredet, auf den Rocher de Nahe fahren wollen, dann mußte sie den Morgen dazu benutzen.«

Dagegen konnte nun der Erbgraf nichts einwenden.

»Fräulein von Seeburg hat etwas so Kraftvoll- Frisches in ihrem Wesen«, sagte er nachdenklich. »Sie ist eine der Naturen, die fortreißen, die unbeirrt aufwärts und vorwärts gehen, die Hindernisse nicht kennen und wo sie ihnen in den Weg treten, darüber hinwegschreiten –«

»Oder an ihnen verbluten«, vollendete Marie-Luise ruhig. »Schnee ist ein sehr ungewöhnlicher Charakter. Um unentwegt über Hindernisse hinüber zu gehen, dem vorgesteckten Ziele entgegen, dazu gehört eine gewisse klassische, großzügige Rücksichtslosigkeit, und die hat sie nicht; vielmehr herrscht in diesem kraftvollen Wesen eine wunderbar zartbesaitete Rücksichtnahme, die in der Dankbarkeit sich begründet und die sie selbst in dunklen Stunden Mangel an Mut nennt. Und doch ist niemand mutiger als Schnee.«

»Ich verstehe – es gehört ein ganz hervorragender Mut dazu, seine eigenen Wünsche zu zügeln und seine eigenen Schritte zurückzuhalten – um anderer willen«, sagte der Erbgraf sinnend. »Mehr Mut, als zum Draufgehen. Aber das sind Taten des Mutes, welche die Welt nicht sieht, nicht anstaunen kann und darum auch nicht preist und besingt. Ich glaube, es gibt viele unbesungene Helden in diesem Leben.«

Gräfin Mirow seufzte leise – ihr eigenes stilles Heldentum stieg vor ihren Augen auf, denn was andern wahrscheinlich ganz geringschätzig und nicht wert der Rede vorkommt, dem, der's durchzufechten hat, scheint es groß genug.

Der Erbgraf hatte den leisen Seufzer gehört, weil er bei all seiner Riesenhaftigkeit nicht nur ein ungemein gutmütiger und rücksichtsvoller Mensch war, sondern auch einer, der acht hatte auf seine Nebenkreatur und an sich selbst wahrlich zuletzt dachte. Und weil es ihm mit einem Male einfiel, daß er an die zarte, feine, zurückhaltende Frau an seiner Seite gestern und heut auch noch gar nicht gedacht hatte, so schämte er sich über sich selbst und nannte sich in Gedanken unter redlichen Gewissensbissen einen alten Egoisten, welchen Ehrentitel ihm sicherlich kein anderer Mensch gerechterweise hätte geben können. Er wurde ganz rot und sah zweifelnd herab auf die zarte Gestalt, die seine Mutter ihm als Frau ausgesucht, räusperte sich und wußte nicht recht, wie er anfangen sollte.

»Gnädigste Kusine«, begann er endlich stockend, »ich habe noch eine andere Botschaft für Sie, als die Einladung meiner Mutter. Eigentlich keine Botschaft, sondern nur eine Empfehlung– von meinem Freunde, Harold von Husum. Er ist jetzt Legationsrat bei der Botschaft in London, wo ich ihn eben besucht habe, und als ich ihm sagte, daß ich Sie hier in Territet treffen würde, so bat er mich, Ihnen seine Empfehlungen zu Füßen zu legen und – und –«

Marie-Luise war sehr blaß geworden und ließ sich auf den neben ihr stehenden Stuhl gleiten, weil ihr mit einem Male die Füße versagten.

»Und –?« fragte sie tonlos, als der Erbgraf stockte.

»Und Sie zu fragen, ob Sie sich seiner noch erinnern«, fuhr er schnell und leise fort, »und wo Sie den Juni zu verleben gedenken«, schloß er mit einem tiefen Atemzuge.

Gräfin Mirow wandte ihr Gesicht dem See zu und sah so intensiv auf die im Sonnenschein glitzernde Fläche hinaus, als sehe sie das liebliche und großartige Bild zum erstenmal. Ihr blasses Gesicht war noch um einen Schein blasser geworden. Und neben ihr stand der junge Riese und sah auch hinaus auf den See, und seine Hand riß dabei an seinem Schnurrbart als Ableiter für die tödliche Verlegenheit, die ihn mit wachsendem Unbehagen erfüllte. Allmählich kam aber die Farbe wieder in das zarte Gesicht der Gräfin Mirow zurück. Sie erhob sich von ihrem Stuhl und sagte, das Gesicht immer noch nach dem See gewendet:

»Besten Dank für die Botschaft, Kusin! Und auf Wiedersehen um elf Uhr bei der Drahtseilbahn!«

Der Erbgraf verstand den Wink – es wäre auch schwer gewesen, ihn nicht zu verstehen – aber er ließ ihn unbeachtet.

»Ach, bleiben Sie noch etwas hier sitzen, Kusine«, bat er herzlich. »Ich hole mir auch einen Stuhl – es ist so hübsch hier und so wenig Leute – und ich möchte gern noch etwas sagen –«

»Oh, wirklich?« Marie-Luise wurde etwas steif und ablehnend.

»Ja – sehen Sie, hier sitzen wir so hübsch unter dieser Palme – so lange man nicht darunter wandelt, darf man's doch ungestraft tun, nicht? Wenigstens habe ich nie gehört, daß man unter Palmen nicht sitzen dürfte –«

»Nun, Kusin?« unterbrach ihn Marie-Luise, ein unwillkürliches Lächeln unterdrückend.

»Ich komme schon zur Sache«, erklärte der Erbgraf, mit der Fußspitze in dem Sande Figuren zeichnend. »Der kitzlige Punkt ist nur der, daß ich auf einmal nicht recht weiß, wie ich damit anfangen soll«, gestand er treuherzig. »Vorhin wußte ich's genau – und wenn ich überhaupt davon rede, so geschieht es auch nur, weil ich immer gern mit offenem Visier fechte oder Visite mache, was ja heutzutage genau dasselbe ist. – Mut denn, Don Rodrigo; Gnädige Kusine, nicht wahr, Sie wissen, warum ich diesen verwandtschaftlichen Überfall aus heiler Haut hier gemacht?«

Gräfin Mirow sah ihn erstaunt an, erhob sich halb, setzte sich wieder und faltete resigniert die Hände.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich komme gleich dazu, Kusine! Sehen Sie, die alten Damen, die brauen das so hübsch zusammen, was sie sich aushecken; – ich hätte es meiner guten Mutter aber wirklich nicht zugetraut, daß sie sich auf solch eine Geschichte einlassen würde, und die Idee ist sicher auch nicht von ihr ausgegangen, sondern ihr künstlich und sehr geschickt eingeimpft worden. Na, kurz und gut, ich sitze in London, mansche Chemikalien und denke an nichts Böses, da kommt ein Schreibebrief von meiner Mutter, der darin gipfelte, daß ich unverzüglich hierherreisen sollte, um mich Ihnen vorzustellen und daß man Ihnen von anderer Seite die Sache auch schon ins rechte Licht gerückt hätte. Kusine, ich weiß nicht, wie Sie die Geschichte aufgenommen haben, denn ich war nicht dabei, als man sie Ihnen ›ins rechte Licht rückte‹, aber ich wette um, ich weiß nicht, was, daß Sie auch ein paar kräftige Redensarten aus der Tiefe Ihrer Seele geholt haben als Antwort auf diese niederträchtigen – Pardon! – Damen ist ja wohl die Erleichterung des Schimpfens versagt, aber ich, Kusine, ich habe für uns beide geschimpft – wahrhaftig, ich hab's in Ihrem Namen mitgetan, denn eh' man mir nicht das Gegenteil beweist, nehme ich von allen Menschen, männlichen wie weiblichen, zunächst an, daß sie wie ich denken – – Ja, also, ich tobte herum und wie meine Wut noch im schönsten Lodern war, kommt Harold Husum an und fragt natürlich, was los ist? Sehen Sie, Kusine, Harold ist mein ältester und bester Freund; wir haben zusammen auf dem Gymnasium gesessen, haben so lange zusammen studiert, bis ich aufs Polytechnikum hinüberschwenkte und er nach der Berliner Universität abging, und sind auch dann Freunde geblieben, nachdem das Leben uns räumlich getrennt. Ich habe also gar keine Ursache, ihm den Grund meines Zornes zu verbergen; er lachte sich halbtot darüber, bis – na, bis er mir glücklich auch den Namen der Dame herausgelockt hatte, um die es sich handelte. Da hatte er mich aber auch schon an der Kehle, bildlich und buchstäblich, Kusine, und die Drohung: ich sollte mich unterstehen, auch nur im Scherze oder unter irgendwelchem Vorwande darauf einzugehen, dann kriegte ich's mit ihm zu tun! Das Resultat der darauf folgenden Unterhaltung sehen Sie vor sich – ich habe lakonisch nach Hause gemeldet, ich führe mal eben jetzt nach Montreux, was ich auch getan habe, aber nicht, um Sie mit meiner Gegenwart zu belästigen, sondern nur, um Ihnen persönlich die Botschaft meines Freundes auszurichten. So, das war's, was ich gern noch sagen wollte, und ich danke Ihnen, daß Sie mich angehört.«

Gräfin Mirow reichte ihm freundlich die Hand. »Und ich danke Ihnen für Ihre Offenheit«, sagte sie herzlich und mit einem sehr angenehmen Gefühl der Befreiung. »Zwar weiß ich nicht, ob Sie durch Ihre Offenheit nicht gegen alle Gesetze derjenigen Vorschriften des Verkehrs verstoßen haben, die da verlangen, daß man über solche Dinge überhaupt nicht redet, aber Sie sind eben Chemiker, und man darf sich nicht wundern, wenn Sie mit ungewöhnlichen Wendungen die Luft reinigen. Und das haben Sie zweifellos getan – ich finde die Atmosphäre heut viel leichter und freier als gestern. Nur eins verstehe ich noch nicht: warum, wenn Sie doch ganz und gar nicht im Sinne derjenigen hierherkamen, die mit rücksichtsloser Hand in die Lebensschicksale zweier Menschen, des Ihren und des meinen, eingreifen wollten, – warum brachten Sie mir dann dennoch die Einladung Ihrer Mutter nach Seeburg?«

Hans-Georg fand auf einmal dringende und absorbierende Beschäftigung mit seiner Uhrkette.

»Ja, sehen Sie, Kusine«, sagte er, eifrig mit der Schlingung eines Knotens in die schlichte und unauffällige Kette beschäftigt, als hinge davon das Glück seines Lebens ab, »warum sollte ich Ihnen diese Einladung nicht ausrichten? Ich fände es so nett und liebenswürdig von Ihnen, wenn Sie, auch ohne alle Hintergedanken, mal kämen, um Ihre Seeburger Verwandten kennen zu lernen. Die Pfalz, wie wir das Schloß immer noch nennen, ist wirklich dabei auch ein ganz sehenswerter alter Kasten, von dem ich die feste Überzeugung habe, daß er, mit netter Gesellschaft darin, auch ganz nett sein kann. Und für den Juni erwarten wir Besuch dort von meinen Geschwistern und sonst noch ein paar netten Leuten, worunter ich natürlich auch Harold Husum rechne – – man kann wirklich nicht anders, als Harold zu den netten Leuten rechnen–«

Der Knoten war geschlungen, und ganz rot und ein bißchen außer Atem von der furchtbaren Anstrengung sah der Erbgraf jetzt auf. Aber Marie-Luise sah wieder auf den See hinaus.

»Und Harold hat denn auch versprochen, im Juni, wenn er seinen Urlaub erhält, zu uns nach der Seeburg zu kommen, falls – falls ich ihm vorher nicht abwinke.«

Marie-Luise stand nun wirklich auf.

»Nun, wir reden noch über den Besuch«, meinte sie mit einem leisen Lächeln. »Da ist auch noch meine Freundin mit in Betracht zu ziehen –«

»Ich werde dafür sorgen, daß meine Mutter die Einladung auf Fräulein von Seeburg ausdehnt. Sie wird das natürlich mit der größten Freude tun –«

»Sind Sie dessen sicher?«

Hans-Georg stutzte.

»Darf ich jetzt fragen, was Sie damit meinen, Kusine?«

»Oh, – ich weiß nicht – es spricht da manches mit. Zunächst der Name. Mir scheint es nicht zweifelhaft, daß eine Zusammengehörigkeit dieser beiden Seeburger besteht – das gleiche Wappen, nicht wahr? Und dann das Lied, auf das Sie das Monopol zu haben glaubten – – Wer weiß, ob es den Ihrigen recht wäre, eine Seeburg bei sich zu empfangen, die eine so ganz, ganz andere soziale Stellung einnimmt –«

»Nun, General von Seeburg hat doch schließlich einen hervorragenden militärischen Rang bekleidet –«

»Aber er war arm, Kusin, das ist ein Verbrechen! Und seine Tochter ist Lehrerin an einer Töchterschule! Und diese Seeburgs gehören dem niederen Adel an –«

»Dies letzte Argument, Kusine, erinnert mich an den Ausspruch Joseph II.: ›Wenn ich bloß mit meinesgleichen verkehren wollte, dann müßte ich mich in die Kapuzinergruft unter die Särge meiner Vorfahren setzen.‹«

»Kusin, ich kenne viele, die das lieber täten, als jemand anerkennen, der einen ›pas‹ unter ihnen steht.«

»Ich kenne auch solche, aber ich gehöre nicht darunter. Ich habe auch eigentlich keinen Beweis, daß die Meinigen dazu gehören –«

»Vielleicht nimmt man das als selbstverständlich an.«

»Meinen Sie? Unmöglich ist freilich nichts, besonders im engen Kreise einer Kaste. Der Kastengeist hat sehr enge Grenzen. Aber schließlich – man hat mir nichts in den Weg gelegt, einen Beruf zu ergreifen, der ganz ohne Präzedenzfall in unserem Hause ist, und das läßt mich hoffen, daß man auch so aufgeklärt sein wird, der Bildung die Ebenbürtigkeit zuzugestehen.«

»Um so besser, – Sie müssen die Ihrigen ja wohl kennen, Kusin.« Und damit ging Marie-Luise zurück in das Haus, um dort zunächst allein mit sich zu sein mit ihrem klopfenden Herzen, das die erhaltene Botschaft in solch wilden Aufruhr versetzt.



Der Erbgraf von Seeburg blieb auf der Stelle, wo sie ihn verlassen, noch eine ganze Weile nachdenklich stehen –: »Sie müssen die Ihrigen ja wohl kennen«, klang es ihm in den Ohren nach. Kannte er sie denn, die Seinen? Jetzt, wo diese Frage ihm in den Weg trat, da fand er sich mit einem Male nicht zurecht in dem väterlichen Heim mit all den vertrauten Gestalten darin. Was wußte er von ihnen? Wie sie aussahen, ja natürlich – und doch, wenn er sie hätte zeichnen sollen, – vielleicht hätten ihm dann gerade die Züge gefehlt, welche für die Ähnlichkeit entscheidend waren. Aber sonst, – was wußte er von ihrem inneren Leben, von ihren Anschauungen, von ihren Charakteren, außer, daß der lebhaft und jener ruhig war?

Sein Vater war ein freundlich gesinnter Mann, aber melancholisch, fast düster, im übrigen das Ideal eines Grandseigneurs der alten Schule. Er las gemäßigt liberale Zeitungen und vertrat auch diesen Standpunkt im Herrenhause. Natürlich aus Überzeugung. Das war doch schon etwas, um sich darauf zu stützen, nicht? – Die Pfalzgräfin war eine lebhafte, gütige, mit vollen Händen spendende Frau, deren feuriges Temperament wohl etwas unter dem düsteren Wesen des Gatten gelitten, aber ihre unverwüstliche Frohnatur hatte gegen einen ernstlichen Schaden in dieser Richtung vorgebeugt. Hans-Georg kannte aus ihrem Munde ketzerische Reden gegen alte, verrottete und sich überlebt habende Vorurteile, – aber wie tief ihr die aus dem Herzen kamen, oder ob nur der Geist des Widerspruchs sie zur Würze der Unterhaltung ihr auf die Lippen gelegt – denn sie liebte manchmal, etwas zu chokieren, – das wußte ihr eigener Sohn auch nicht.

Sein Bruder war ein über alles Lob erhabener, korrekter Diplomat und Mensch, – zu korrekt nach Hans-Georgs Geschmack. Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle, keine einzige, herzerquickende Dummheit auf dem Kerbholz seiner Jugend! Ein Musterknabe, wie er im Buche stand. Seine Frau eine vollendete Dame der großen Welt, kühl, etwas abweisend, aber eine großmütige Natur, die ein reiches Innenleben hatte und nicht die Gabe, andere daran teilnehmen zu lassen. So viel hatte Hans-Georg doch von ihr herausbekommen. Seine Schwester hatte wie Goethe ›vom Vater die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur‹ –, sie war eine liebe, warmherzige Seele, eine anregende Gesellschafterin und allbeliebt – in ihren Kreisen. Natürlich, – andere hatte sie ja nie kennengelernt. Ihr Gatte der richtige österreichische Sportgentleman, dessen Horizont die Dimensionen der Rennbahn nicht überschritt. Hans- Georg begriff das nicht, weil der Sport nicht sein Feld war, und weil sein Schwager darin aufging, so konnte er beim besten Willen auch nicht sagen, daß er ihn in andern Eigenschaften kannte. Eigentlich also kannte er niemand aus diesem engen Kreise ganz genau, weil man sich eben auch so selten Mühe gibt oder überhaupt nicht darauf kommt, die nächste Umgebung von innen kennen zu lernen. Da lebt ein jedes sein eigenes Leben weiter, und wenn es bei geeigneter oder auch oft ungeeigneter Gelegenheit zutage tritt, dann sind die andern sehr erstaunt und schreien Zeter – –

»Ob sie wohl Zeter über mich schreien würden?« fragte sich Hans-Georg mehr neugierig als unruhig. »Diese in meinen Gesichtskreis gerückte Kusine ist gar nicht dumm, wenn sie auch sonst nicht viel sagt. Ganz die Frau für den alten Kerl, den Harold. Nicht mein Geschmack, dieses vergeistigte Genre – und ein Heilsglück ist es, daß sie nicht mein Geschmack ist, sonst käme ich mir mit Harold in die Haare. Was macht man nun? Schreibt man an die Mutter? Das wird ein ellenlanger Brief – Gott bewahr' mich davor. In der Zeit, bis ich den geschrieben hab', bin ich zweimal in der Seeburg. Kann ja heut abend hinfahren – oder morgen. Es ist ja so toll nicht – heißt das für mich – Harold werd' ich mal gleich eine Ansichtspostkarte schreiben.«

Aber selbst diese dürftige, wenn auch hochmoderne Form der Mitteilung bekam der unglückliche Diplomat am Themsestrande fürs erste nicht, denn als der Erbgraf zur Verwirklichung seiner glorreichen Idee die Terrasse verließ und dem Zeitungs- und Postkartenkiosk vor der Drahtseilbahnstation zuschlenderte, sah er von ferne eine schlanke Gestalt daherkommen, deren Anblick ihn veranlaßte, in wesentlich beschleunigtem Tempo ihr entgegenzugehen. Vor dem Eingang zur »Place des Roses« zu Füßen des malerischen Friedhofs, der mit seinen ernsten, dunklen Säulenzypressen am Abhang hinaufzieht, traf er mit Schnee zusammen und sagte ihr gleich, daß er sie schon von weitem gesehen und ihr entgegengegangen wäre.

»Das ist aber sehr freundlich und nett von Ihnen«, erwiderte sie mit derselben Harmlosigkeit. »Haben Sie Marie-Luise schon gesehen?«

»Gesehen und sogar schon einen kolossal ernsten Speech mit ihr gehabt«, nickte er, und als Schnee ihn fragend ansah, setzte er lächelnd hinzu: »Oh, wir sind die besten Freunde danach geworden, glaube ich wenigstens. Aber was ist denn das? Das kenne ich ja noch gar nicht!« unterbrach er sich selbst, auf das weiße Marmorbild deutend, das auf dem tiefgrünen Hintergrund des Platzes unter dem Friedhof steht.«

»Das ist das Denkmal für die in Genf ermordete Kaiserin von Österreich«, erklärte Schnee, mit ihm nähertretend. »Die Auffassung ist hübsch, sie ein Buch in der Hand sinnend über den See blicken zu lassen, den sie so sehr geliebt, an dem sie das tragische Ende ihres einsamen Lebens finden sollte. Die Züge sollen genau der Totenmaske nachgebildet sein – aber ich hätte sie lieber in ihrem Jugendzauber abgebildet gesehen, wo sie den Menschen noch näherstand. Und die Hände nicht in Handschuhe gezwängt. In den Händen liegt doch ein solch gutes Teil des menschlichen Charakters, und wenn die Handschuhe schon durchaus in den Salon gehören – auf dem Sockel eines Denkmals sind sie so – wie soll ich sagen? – so unnütz verhüllend. Oder hat der Künstler damit symbolisieren wollen?«

»Vielleicht hat er kein Modell ihrer Hand besessen und eine Phantasiehand ihr nicht geben wollen, – eben weil die Hand so wichtig ist bei der Darstellung«, meinte Hans-Georg, um das Denkmal herumgehend.

»Ja, sie ist ähnlich – aber freilich, wie ein sorgsam getrockneter Kranz dem frischen ähnlich sieht. Im Volk lebt sie im Jugendglanze weiter, denn es hat sie nicht mehr gekannt und gesehen, als sie dem Marmorbilde hier glich. Und darum hat man sie in Österreich auch überall, wo ihr Denkmäler errichtet wurden, als die junge Kaiserin abgebildet, als welche sie ihrem Volke eine unverwelkte und unverblühende Erinnerung ist.«

»Ob sie dem Buben wohl so erscheint und ihn mit ihren ernsten, traurigen, vielleicht auch etwas verstörten Augen anblickt, der ihr aus purer Mordlust die spitze Feile in das Herz stieß?« fragte Schnee mit verhaltener Bewegung.

»Glauben Sie daran, daß einem jemand erscheinen kann, der nicht mehr unter den Lebenden weilt?« fragte er zurück, indem er sie ansah.

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie. »Viele Leute glauben daran. Ich habe noch keine Erscheinung gesehen. Aber sicherlich kann man doch von den Verstorbenen träumen. Man träumt doch so vielerlei, was man sich nicht erklären kann. Ich zum Beispiel habe die letzte Nacht lauter Sachen geträumt, an die ich im Leben nicht gedacht habe und kann mich noch ganz genau auf jede Kleinigkeit dieses Traumes erinnern. Und wenn man sehr intensiv an etwas oder jemand denkt, dann träumt man auch davon. Das ist mir schon öfter passiert. Und der Mensch, der diese harmlose Frau, die keinem Menschen Böses zugefügt, umgebracht hat, muß doch an sie denken, er muß!«

»Wer weiß es? Er hält sich doch für den Märtyrer des Anarchismus, in dessen Namen er die Tat vollbracht –«

»Mag er – aber denken muß er doch an sie, muß sie vor sich sehen und den Blick ihrer schönen Augen auf sich fühlen, den Blick des unnütz gemordeten Wildes, und wenn er diesen Blick nicht mehr ertragen kann, dann tobt er und hat die Ausbrüche, über die man von Zeit zu Zeit in den Zeitungen liest. Denn es muß doch auf Erden eine Gerechtigkeit geben für solche Ungeheuer.« »Die irdische Gerechtigkeit hat ihn auf Lebenszeit in den Kerker geworfen, vergessen Sie das nicht. Sie hat ihres Amtes gewaltet, aber wie viele Fälle gibt es, wo sie es nicht tut, wo sie gar nichts weiß, nichts ahnt von Taten, die zu sühnen sind. Ah, wie viele!«

»Glauben Sie wirklich, daß es so viele sind?« fragte Schnee mit großen Augen.

»Ach du lieber Himmel!« machte der Erbgraf. »Die Verbrechen, die zur Strafe gelangen, sind ein verschwindend kleiner Prozentsatz in der Zahl der ungesühnten Verbrechen. Wenigstens behauptete es ein Freund von mir, der ein gewiegter Kriminalist ist. Freilich rechnete er auch zu den Verbrechen, was sonst vor dem Gesetze ungestraft passiert: den Hochverrat der Freundschaft und dergleichen. Ein Schwärmer der Gerechtigkeit, mein Freund.«

Sie hatten sich langsam dem Ausgange wieder zugewendet und wandelten nun die kurze Strecke zum Hotel zurück.

»Schon halb elf«, sagte Schnee auf die Uhr sehend. »In einer halben Stunde wollen wir nach dem Rocher de Naye und ich hätte noch einen Brief schreiben sollen –«

»Ich auch –«

»Man kann halt manchmal nicht schreiben«, meinte Schnee, sich gewissermaßen vor sich selbst rechtfertigend.

»Gestern war den ganzen Tag kein Moment Zeit dazu; gut! Das kommt vor. Aber ich wollte am Abend schreiben – keine Möglichkeit, auch nur einen Satz zuwege zu bringen – ich habe wie dumm und vernagelt vor dem Briefbogen gesessen und auf die Überschrift: ›Liebe Tante!‹ gesehen, bis ich mich über mich selbst geärgert habe. Und heut früh bin ich fast mit der Sonne aufgestanden und hätte so schön Zeit gehabt zu dem Briefe, aber kein Gedanke daran! Was soll man dagegen tun? Geht's Ihnen auch manchmal so?«

»Ich denke schon«, erwiderte Hans-Georg lachend, »Briefe zu schreiben ist ein ganz schauderhaftes Geschäft. Ich begreife nicht, wie sich Meister der Briefschreibekunst bilden konnten! Ich preise mich glücklich, im Zeitalter der Postkarte, und zwar speziell der Ansichtspostkarte, zu leben, auf die nichts weiter draufgeht, als: ›Herzliche Grüße, Brief folgt!‹«

»Da sind Sie ja gottlob noch briefschreibfauler als ich«, lachte Schnee mit sichtlicher Befriedigung. »Ich fürchte nur, in meinem Falle wird's eine Ansichtspostkarte nicht tun, ganz abgesehen davon, daß meine Tante noch aus der alten Schule ist, welche die Postkarte überhaupt als Verkehrsmittel nicht anerkennt. Schon ungesiegelte Briefe hält sie für eine Unschicklichkeit, weshalb ich zu meinen Mitteilungen an sie das Siegellack kiloweise verbrauche und mit einem talergroßen Petschaft, das auch fast ein Kilo wiegt, reise. Warum gibt es so viele alte Leute, die sich in die veränderten Sitten und Gebräuche nicht finden können? Die Welt dreht sich doch nun einmal, und was heute verpönt ist, wird morgen schicklich sein. Was bleibt uns denn übrig, als einfach mitzumachen? Wenn wir's nicht tun, schaffen wir uns doch bloß Ärger.«

»Und wenn wir mit der Zeit nicht gehen, so geht sie über uns weg«, vollendete der Erbgraf. »Ich glaube, die süße Gewohnheit und das bequeme, ausgefahrene Gleis sind bei den meisten die entscheidende Triebfeder. Bei wenigen ist's auch der Widerspruchsgeist, ›der Geist, der stets verneint‹, oder der Wunsch, ›originell‹ zu erscheinen.«

Schnee flog nun die Treppe hinauf, um ihre Pakete abzulegen und sich zum Ausfluge bereitzumachen und Hans-Georg kaufte sich an dem Kiosk eine Postkarte mit der Ansicht von Chillon darauf und schrieb mit Blei darauf: »Viele Grüße, Brief folgt. Botschaft bestellt. All right. Nimm nur ruhig Deinen Urlaub für Seeburg. Schönes Wetter hier. Sehr nett. Hans-Georg.«

Dann adressierte er »An den Legationsrat bei der Kaiserl. Botschaft Herrn H. v. Husum, London« und war, als er die Karte auch noch selbst in den Briefkasten geworfen, nicht wenig stolz auf seine Leistungsfähigkeit angesichts dieses glorreich schönen Tages und der Aussicht, ihn ganz und bis zum Abend in einer Gesellschaft zuzubringen, von deren Reiz er vorgestern noch keine blasse Ahnung gehabt.



Am nächsten Morgen reiste er offiziell von Territet ab, nachdem er sich noch von Marie-Luise verabschiedet; Schnee war auf dem See und die Gräfin wußte nicht, wann sie zurück sein würde.

»Also ich darf Ihnen schreiben, Kusine?« fragte er zum zehnten Male. »Meine Mutter wird es ja auch tun, wegen der Einladung an Fräulein von Seeburg –«

»Gewiß, und wenn sich irgendwelche Bedenken gegen diese Einladung geltend machen, dann schreiben Sie mir aufrichtig und ohne Beschönigung, wie es damit steht«, fiel Marie-Luise ein. »Schnee wird dann niemals etwas von unserem kleinen Komplott erfahren, und wir gehen, wie es bestimmt war, nach Zermatt auf die Riffelalp.«

»Und Harold? Was sage ich Harold?«

»Oh«, erwiderte Gräfin Mirow mit einem Erröten, das ihr sehr gut stand und sie so jung machte, wie sie den Jahren nach war, »Sie können Ihrem Freunde immer sagen, daß der Aufenthalt auf der Riffelalp sehr empfehlenswert ist, falls er das nicht schon ohnedem weiß.«

»Das wird ihm ganz neu sein und wie eine Himmelsbotschaft klingen«, erwiderte der Erbgraf lachend. »Aber ich hoffe auf die Seeburg. Der Mensch ist eben ein elender Egoist. Und wenn's mit der Seeburg wirklich nichts ist, was ich aber gar nicht glauben kann, so komme ich auch auf die Riffelalp. ›Four is company, three is none‹, heißt's im Sprichwort. Ich habe geredet.«

»Sie werden keine – keine Dummheit machen, Kusin, dafür bin ich da«, rief Marie-Luise energisch.

»Bitte, für meine Dummheiten bin ich ganz allein verantwortlich«, protestierte er sehr vergnügt. »Außerdem protestiere ich energisch gegen den terminus technicus ›Dummheit‹ für eine Angelegenheit, die ich für den klügsten Streich meines Lebens halten würde.«

»Pardon, – es war sehr unhöflich von mir, dieses Wort zu gebrauchen«, begann Marie-Luise, aber er unterbrach sie mit hellem Lachen.

»Um Gottes willen, Kusine, es sollte keine Korrektur sein. Nicht gegen den Ausdruck protestiere ich, denn ich halte ihn für gut und treffend, unter Verwandten auch für durchaus parlamentarisch. Nur gegen das, was er berührt, erhebe ich die Stimme.«

»Aber Kusin, bedenken Sie doch: Was wäre es, wenn Sie gegen den Willen Ihrer Eltern –«

»Kusine, mir scheint, wir machen es wie das Milchmädchen in der Fabel: wir rechnen lustig drauflos, ohne den Hauptfaktor konsultiert zu haben. Denn ich bin brav gewesen und habe den Mund gehalten –«

»Aber die Augen nicht zugemacht, Kusin!«

»Ach, was nicht alles von einem verlangt wird!« sagte er kopfschüttelnd. »Aber ich glaube, es wird Zeit. Also auf Wiedersehen, Kusine, – wenn nicht auf der Seeburg, dann auf der Riffelalp!«

»Ich verbiete Ihnen die Riffelalp!«

»Warum denn nicht lieber gleich die ganze, kleine, alte Welt?«

Und mit diesen lachend gesprochenen Worten ging er, und als er hinaus war, lachte Marie-Luise auch.

»Also es gibt doch solche Menschen, es gibt solche!« rief sie ganz laut, daß die nebenan beschäftigte Kammerfrau fragen kam, »ob Frau Gräfin etwas befohlen hätten?«

Aber Frau Gräfin winkten nur ab und gingen dann wieder erregt und rasch in dem Salon auf und ab. »Und wenn's zum Kampfe kommt – der läßt nicht ab, der nicht. Deswegen darf ich für Schnee ruhig sein. Nur ihren Frieden soll er mir nicht stören und dann von hinnen gehen. Aber solch einer ist der nicht. Ein anderer ist er, wie – wie Harold. Er hätte nicht gewartet, nicht so lange ohne eine Botschaft. Aber die Naturen sind verschieden und es war wohl auch richtig so – in meinem Falle. Es ist gut, daß Schnee nicht da ist – trotzdem sie wußte, daß er abreist – aber ein Abschied verleitet immer dazu, etwas zu sagen, was man sonst nie ausgesprochen hätte. Ich weiß das –«

Schnee kam aber gerade vom See die Treppe herauf, als der Erbgraf in die sehr primitive offene Wartehalle der Bahnstation Territet treten wollte, und da zwar viele Reisende dort warteten, aber noch kein Zug, so war Hans-Georg auch mit ein paar Schritten an ihrer Seite; es muß aber zur Steuer der Wahrheit gesagt werden, daß er es auch gewesen wäre, wenn der Schnellzug schon zur Abfahrt bereitgestanden hätte.

»Nein, dieses Glück, diese Freude, Sie doch noch zu sehen«, rief er ihr entgegen. »Ich hatte mich schon darein gefunden, Ihnen nicht mehr Lebewohl sagen zu können.«

»Ich dachte, der Zug ist schon fort«, erwiderte sie etwas unzusammenhängend. Dann gab sie ihm die Hand und sagte schnell: »Also reisen Sie glücklich, Erlaucht!«

»Damit lasse ich mich nicht abspeisen«, entgegnete er. »Wenn Sie wenigstens noch gesagt hätten: Kommen Sie hübsch wieder.«

»Das werden Sie wohl auch ohne meinen besonderen Wunsch«, meinte Schnee.

»Möglich, – nein, sicherlich werd' ich das«, rief er mit einem glücklichen Lachen. »Was Sie für eine Gedankenleserin sind!«

»Eine unnütze Plaudertasche bin ich«, murmelte Schnee ärgerlich über sich selbst.

»Und da Sie mich so richtig beurteilt haben, so wissen Sie wahrscheinlich auch, warum ich überhaupt hierhergekommen bin?« fuhr er fragend fort.

»Oh – Diskretion ist Ehrensache!« erwiderte sie nicht ohne eine kleine Malice.

»Gott bewahre – ist es so dick unterstrichen worden?« fragte er lachend. »Es ist nur ein ganz, ganz kleiner Irrtum dabei: ich kam nicht in eigenen Angelegenheiten. Wußten Sie das auch? Oder behält Gräfin Mirow gewisse Dinge für sich? Na, kurz und gut – ich mache im Namen der Freundschaft den Abstecher hierher und denke mir in meinem beschränkten Untertanenverstande: jetzt hast du alles getan, was man vernünftigerweise von dir verlangen kann, und da – und da –«

»Und da kommt Ihr Zug«, fiel Schnee ein, nach dem Tunnel deutend, der unterhalb der Hotelterrasse durchführt und aus dem wirklich eben der Eilzug aus dem Rhonetal hervorpustete.

»Meinetwegen – er hat schon fünf Minuten Verspätung«, konstatierte Hans-Georg, seine Uhr ziehend. »Also – sehen Sie, Fräulein von Seeburg, ich bin manchmal etwas schwer von Begriffen, wenn es sich um meine eigenen Angelegenheiten handelt, und da unser lieber Herrgott das natürlich weiß, weil er mich halt so erschaffen hat, so winkt er mir nicht zart und leise, wenn er etwas mit mir vor hat, sondern stößt mich fest mit der Nase darauf –«

»Wollen Sie denn nun nicht einsteigen?« unterbrach Schnee ihn, indem das Eisenbahnfieber sie zu packen schien. »Der Zug hält ja nur drei Minuten hier und der Portier winkt Ihnen wie rasend mit Ihrer Reisetasche –«

»Lassen wir ihn, das schadet ihm nichts«, entgegnete Hans-Georg behaglich. »Also, der liebe Herrgott hat mir das Glück, auf das ich weiß Gott bei dieser Reise für meine Person nicht gerechnet hatte, zur Belohnung für treue Freundschaftsdienste wahrscheinlich – denn diese Reise war nett von mir, – aufbewahrt, und bei meinem ersten Schritt, den ich hier machte, fliegt's mir entgegen mit einer Wucht, daß es mich fast umgerissen hätte –«

»Da fährt der Zug –!«

»Ich kann ihn nicht halten – er wird ja hoffentlich auch ohne mich weiterkommen. Ja, ja – es ist gut – ich fahre mit dem nächsten Eilzuge«, – dies zu dem Portier, der mit allen Anzeichen der Auflösung, eine krokodillederne Reisetasche in der Hand und einen Überzieher auf dem Arme, aus der Wartehalle kam und sich nun achselzuckend und mit einem Blicke, als riefe er den Himmel zum Zeugen für diese offenkundige Verrücktheit an, nach dem Hotel zurückbegab.

»Aber«, Schnee suchte mit diesem einzigen Worte den Vorgang zu charakterisieren, und was sie nicht aussprach, drückte ihr Blick deutlich genug aus.

»Ach, lassen wir ihn doch«, sagte Hans-Georg gemütlich. »Also, – daß der dumme Zug einen auch gerade unterbrechen mußte – also, das Glück fliegt mir entgegen, ungeahnt, ungesucht, unerwartet, direkt vom Himmel herunter –«

»Da wundert's mich nur, daß Sie es mit der Abreise erst so eilig hatten«, fiel Schnee ein.

»Daß ich es – – ja, ich bin doch aber gar nicht abgereist. Ich wollte – gewiß, denn man hat manchmal Ideen über das, was man tun muß, aber wenn dann das Schicksal dazwischentritt –«

»Und was sagt Marie-Luise dazu?«

»Marie-Luise?« wiederholte er zweifelnd. »Ach so – ja, sie meinte wohl verschiedenes, aber was will sie denn machen? Es bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als Ja und Amen zu sagen.«

»So?« fragte Schnee tonlos. »Also es bleibt ihr gar nichts anderes übrig? Es ist ein Jammer, daß Marie-Luise in Lebensfragen immer den schwächeren Willen hat. Also, es bleibt ihr wieder nichts anderes übrig? Wieder nicht?«

»Gar nichts dagegen zu wollen«, nickte er mit Entschiedenheit. »Es frägt sich jetzt nur noch, was das Glück selbst dazu sagt.«

»Das Glück?«

»Maria Schnee von Seeburg genannt.«

Schnee hatte mit einem Male das Gefühl, als ob ihre Umgebung sich um sie drehte, und sie mußte sich an die Balustrade anhalten, weil es ihr war, als müßte sie fallen. Sie richtete ein Paar große, erstaunte, erschrockene Augen auf ihren Begleiter, der jetzt einfach ihren Arm in den seinen legte, und sie über die Straße nach der Terrasse führte, wo sie hinter einer in vollster Blüte stehenden Rhododendrongruppe einen Platz fanden, auf dem sie sich niederließen.

»Schnee«, sagte er leise und innig, »wie steht es nun? Will das Glück bei mir bleiben?«

»Aber sie kamen doch wegen Marie-Luise«, murmelte sie abgewandt.

»Es ist mir gar nicht im Traume eingefallen. Marie-Luise hat nicht die Absicht, sich zum zweiten Male verschachern zu lassen, und ich – seh ich so aus, als ob ich mir eine Frau aussuchen lassen würde? Das haben Sie ja selbst gar nicht geglaubt, daß ich dazu imstande wäre, – Hand aufs Herz: das haben Sie nicht geglaubt, konnten Sie nicht glauben!«

»Oh, eh' ich Sie kannte – nachher freilich – – aber man kann sich ja in den Menschen irren –«

»Ja, ja, das kann man wohl, – aber es gibt Menschen, die beim ersten Sehen gleich so überzeugend auf einen wirken, daß sie wie eine Offenbarung über einen kommen. Und so war's mit Ihnen, Schnee, als wir auf der Treppe aneinander prallten. Da wußt ich's auf der Stelle: das ist dein Schicksal!«



Gräfin Mirow war im buchstäblichen Sinne des Wortes starr, als eine halbe Stunde später Schnee bei ihr eintrat – gefolgt von dem Erbgrafen. Sie ließ die Feder, die sie gerade in der Hand hielt, um einen Brief zu schreiben, rettungslos auf das Papier fallen, wo sie einen großen violetten Klecks, aus dem Justinus Kerner den schönsten Schmetterling gemacht hätte, verursachte, weil sie eben frisch gefüllt worden war.

»Aber Kusin – was machen Sie denn noch hier?« rief sie ärgerlich, tadelnd, vorwurfsvoll – das letztere vorherrschend. »Ihr Zug muß ja doch längst fällig sein!«

Hans-Georg zog seine Uhr und betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Der Zug ist seit drei Viertelstunden über alle Berge«, sagte er gemütlich. »Er hatte nur fünf Minuten Verspätung – für einen ›Expreß‹ also gar nicht der Rede wert. Sie wissen doch, Kusine, daß Mark Twain in seinen ›Innocents abroad‹ sagt: ›The Swiss railways are excellent; but if you are in a hurry, you had better walk.‹ – Da ich nun im Grunde genommen gar keine Eile hatte –«

»Kusin Hans-Georg, – ich wünsche zu wissen, warum Sie nicht abgereist sind!« unterbrach ihn Marie-Luise mit einer Strenge, daß Schnee sich abwenden mußte, um ihrer Freundin nicht das Lächeln zu zeigen, das sie nicht um die Welt unterdrücken konnte.

»Aber gnädigste Kusine, ich sagte ja eben: ich hatte gar keine Eile! Ich wäre ja aber trotzdem abgereist, schon um Ihr Wohlwollen nicht zu verscherzen, aber gerade, wie ich über die Schienen in die Wartehalle gehen wollte, oder vielmehr in die Bretterbude, die man hier mit dem stolzen Namen Wartehalle bezeichnet, da – kam jemand die Treppe vom See herauf –«

»Wer kam herauf?«

»Mein Schicksal!« Und Hans-Georg ergriff die Hand von Schnee und trat mit ihr dicht vor die nun total zur Salzsäule erstarrte Gräfin hin: »Haben Sie jetzt noch das Herz, mir zu zürnen, Kusine?«

Sie schlug, ganz blaß vor Erregung, beide Hände zusammen und sprang auf von ihrem Stuhle, daß das Tintenfaß umflog und, wahrscheinlich aus Konkurrenzneid, den Klecks von der Feder in eine violette, irisierende Lache vergrößerte.

»Das Herz?« fragte sie förmlich zitternd. »Nicht nur das Herz, nein, die Pflicht habe ich, Ihnen zu zürnen. Wir beiden sind fertig miteinander, Herr Erbgraf von Seeburg!« –

»Gerade im Gegenteil – wir fangen jetzt erst miteinander an«, erwiderte er mit unerschüttertem Gleichmut. »Versetzen Sie sich doch in meine Lage, Kusine! Stellen Sie sich vor, Sie wollen abreisen, Sie sind eben im Begriff, die Bretterbude zu betreten, die man hier Bahnhof nennt – da kommt Harold die Treppe vom See herauf –«

»O  nicht  doch,  nicht  doch,  wie  können Sie – –«

»Na, Kusinchen, wir sind ja hier unter uns, im allerintimsten Kreise – da brauchen wir doch nicht vom Kaiser von China zu sprechen, wenn wir den Schah von Persien meinen«, fiel Hans-Georg zuredend ein. »Außerdem aber ist es schon sprichwörtlich, daß es nutzlos ist, sich über die Milch aufzuregen, wenn sie verschüttet ist. Der Morgenschnellzug ist nun einmal fort und Schnee hat mir die Ehre erwiesen, meine Braut zu werden – angesichts dieser ganz unumstößlichen Tatsache bleibt Ihnen ja gar nichts anderes übrig, als – mir zu gratulieren, wenn Sie schon glauben, dies Schnee gegenüber nicht tun zu können.«

Marie-Luise ließ sich resigniert auf ihren Stuhl zurückfallen.

»Ich habe meine Schuldigkeit getan«, stöhnte sie. »Bitte vergessen Sie das nicht auf der Seeburg zu betonen, wenn – ach Kusin, Sie sind ein gräßlicher Mensch, aber ich kann Ihnen nicht verdenken, daß – daß Sie den Zug fortfahren ließen. Schnee, denk an mich, – der wird noch ganz andere Züge um deinetwillen fortfahren lassen!«

Über Schnees schönes, weißes Gesicht flog es wie die Morgenröte eines anbrechenden schönen Tages; sie zog sachte ihre Hand aus der des Erbgrafen und ließ sich vor ihrer Freundin auf die Knie herabgleiten.

»Das war der schönste Glückwunsch, den du für mich haben konntest, Marie-Lu«, sagte sie andächtig. »Denn warum du auch immer opponiert haben magst – gerecht mußt du bleiben, auch wenn du nicht willst.«

Gräfin Mirow strich mit leiser Hand über Schnees leuchtendes Haar, und die andere reichte sie dem Erbgrafen, der sie lächelnd an seine Lippen führte.

»Es ist das Schicksal, das euch beide verbunden – und ich dachte, ich würde es doch zum mindesten aufhalten können, ich, ausgerechnet ich, die ich so widerstandslos vor ihm gestanden bin«, sagte sie nach einer Weile. »Der Mensch überschätzt sich eben immer. Ihr beide, ihr steht so fest und sicher im Wirbel dieses Lebens, ihr seid dazu ausersehen, dem Sturme zu trotzen, der mich einfach umwerfen und vernichten würde. Der Sturm kann euch zausen und bis zum Boden beugen – aber brechen kann er euch nicht. Das weiß ich und dennoch –«

Sie brach mit erstickter Stimme ab und legte Schnee beide Hände auf das schöne junge Haupt. Die junge Braut sah sie lächelnd an.

»Ich danke dir für deine gute Meinung, Marie-Lu«, rief sie lebhaft. »Aber – sei mir nicht böse – warum dieser Kassandraton?! Von welchen Stürmen sprichst du?«

Gräfin Mirow wechselte einen Blick mit dem Erbgrafen. »Ich glaube, es ist besser, dich auf diese eventuellen Stürme vorzubereiten, Schnee«, sagte sie sanft, aber fest. »Wenn Kusin Hans-Georg es nicht tut, so geschieht es vielleicht, weil er nicht daran glauben will, aber meine Pflicht ist es, dich darauf aufmerksam zu machen, daß der Pfalzgraf, sein Vater, wahrscheinlich andere – Eheprojekte für seinen Erben in Aussicht genommen hat.«

Schnee lachte mit vollkommener Harmlosigkeit.

»Ich weiß – du warst die Erwählte«, rief sie neckend. »Aber da du andere Ideen hast, und du mit Hans-Georg darüber in vollkommener Übereinstimmung bist, so hätte man deine werte Person ja sowieso aus dem Projekte streichen müssen. Ah – es beginnt mir zu dämmern – du meinst den Mammon, den ich nicht habe. Das ist freilich ein Manko, über das man sich aufregen kann, das gebe ich zu, denn ich habe den Mammon oft selber schmerzlich vermißt, ohne mir die Haare über sein Fehlen ausgerissen zu haben. Es war ein aufrichtiges, aber immerhin doch recht latentes Bedauern, das man eher mit einem frischen Lüftchen, nie aber mit einem Sturme vergleichen kann. Wenn also der Pfalzgraf die Bedingung stellt, daß die Braut seines Erben reich sein muß, dann freilich wird es wohl schwer sein, ihn davon zu überzeugen, daß Hans-Georg sich nun gerade ein solch armes Mädel ausgesucht hat.«

»Es ist mir nie zum Bewußtsein gekommen, daß meine Eltern das Schwergewicht ihrer Schätzung der Menschen auf das Geld gelegt hätten«, meinte der Erbgraf kopfschüttelnd.

»Daran hatte ich auch nicht gedacht«, fiel Gräfin Mirow lebhaft ein.

»Ja, an was in aller Welt hattest du dann gedacht?« wunderte sich Schnee, nun aufmerksamer. »Wenn das Vermögen, das ich nicht besitze, kein Hindernis oder Sturmentfeßler ist, was dann sonst? Meine bisher noch sehr schüchternen Versuche, ›den Kleinen zu lehren?‹ Oder weil ich keine Prinzessin bin? Ich bin eine Seeburg und habe eine Ahnentafel, um die ein regierender Herr mich beneiden könnte. Was ist's also?«

Sie war aufgestanden aus ihrer knieenden Stellung und stand nun, eine königliche Erscheinung, vor den beiden andern. Marie-Luise schwieg und sah die Freundin mit umflorten Augen an, die dann einen stummen Appell an Hans-Georg richteten; doch der lächelte nur.

»Raupen sind's, die im Kopfe meiner allergnädigsten Kusine sich eingesponnen haben«. versicherte er gutmütig. »Es ist ja möglich«, fuhr er vergnügt fort, daß es in unserer Familie Bestimmungen gibt, daß der Pfalzgraf von Seeburg nur eine Dame des hohen Adels heiraten darf – aber dann ist die Sache so einfach wie nur irgend möglich: mein Bruder Joachim tritt an meine Stelle, wozu er ganz das Talent mitbringt und eine Frau, welche die Tochter eines englischen Herzogs ist, und wir beide nehmen seinen Rang als ›Nachgeborener‹. Womit ich ganz zufrieden wäre – vorausgesetzt, daß Schnee es auch ist. Und dann schenk ich Joachim das Linsengericht dazu.«

»Hab' ich's nicht gesagt?« fiel Marie-Luise auf springend ein. »Da hast du gleich wieder einen Zug, den er um deinetwillen versäumt, Schnee!«

Diese aber sah von einem zum andern und in ihren großen dunklen Augen glomm ein ganz eigenes Feuer auf.

»Das also ist's – ich bin dem Pfalzgrafen nicht ebenbürtig;« sagte sie langsam. »Aber Marie-Lu, wenn du nun denkst, daß ich ohne weiteres großmütig entsagen werde, dann hast du Arme dich schwer in mir getäuscht. Denn ich mache mir gar nichts aus dem Pfalzgrafen, aber ich mache mir alles aus Johann-Georg, – alles in der Welt. Das heißt – ich will mich nicht etwa besser und großartiger machen, als ich bin; ich habe es immer sehr hübsch gefunden, auf den Spitzen und Höhen des Lebens zu stehen und mir oft gewünscht, eine Dame der großen Welt zu sein – Gott man hat doch halt mal so dumme Träume und Wünsche, wenn man jung ist – aber es dünkt mich jetzt ganz groß und herrlich genug, mit Hans-Georg in die zweite Reihe zu treten. Ohne ihn hätt' ich immer nur in die erste gestrebt, doch auch darüber gehen ja die Ansichten auseinander. Ja, wenn Hans-Georg noch der Kronprinz eines Königreiches wäre oder der Erbprinz eines kleinen Fürstenthrönchens und er hätte keinen Bruder und seine ganze Dynastie hing davon ab, daß er eine Prinzessin heiratet, dann hätte es eher einen Sinn, von ›Entsagung‹ zu uns beiden zu sprechen. Aber dann habe ich auch die feste Zuversicht, daß er mich gar nicht erst vor diesen kategorischen Imperativ gestellt hätte. Hab' ich nicht recht, Hans-Georg?«

»Ich weiß doch nicht«, erwiderte Marie-Luise zögernd, aber der Erbgraf fiel ihr ohne weiteres ins Wort.

»Doch, ich weiß es ganz genau«, rief er ganz glücklich, »es ist gekommen, wie es kommen mußte und wäre auch nicht anders gekommen, wenn ich zufällig Großfürst, Thronfolger von Rußland, gewesen wäre, was ich Gott sei Dank nicht bin. Und nun, Kusine, verzichten Sie, – ich meine auf Ihren Ehrgeiz, die gute, selige Kassandra noch zu überkassandran'n und freuen Sie sich, daß sich zwei Herzen gefunden, ohne sich gegenseitig gesucht zu haben. Carpe diem! Und einen so schönen Tag dazu!«

»Aber Ihre Abreise«, versuchte Gräfin Mirow noch einen Einwand.

»Ich möchte bloß wissen, was mich jetzt noch dazu hetzte! Es wäre ja gar nicht normal, wenn ich heut schon abreiste, wo ich doch morgen ebensogut noch zurechtkomme«, behauptete Hans-Georg lachend und da Marie-Luise ihm eigentlich recht geben mußte, so war die Frage damit auch erledigt.

Er reiste auch den nächsten Tag noch nicht und den übernächsten schon lange nicht, und da Schnee nicht nur nichts dagegen einzuwenden hatte, sondern so strahlend in ihrem jungen Glücke war, so fand Gräfin Mirow nicht die Form für eine leise Mahnung und nicht das Herz, derselben Worte zu geben. Schon weil sie selbst so glücklich war und weil ihr manchmal die Ahnung kommen wollte, als ob dies, gerade dies die sonnigen Tage für Schnee seien, die nie, nie mehr so schön, so wolkenlos, so frei von jedem Mißklang wiederkehren würden. Nicht, daß sie die Mißklänge zu sehr fürchtete, welche die Frage der Ebenbürtigkeit doch wahrscheinlich hervorbringen würde; Marie-Luise glaubte nicht, daß Hans-Georg zuviel davon an Schnee herandringen lassen würde, aber sie kannte auch ihre Kreise und wußte, was mit größter Wahrscheinlichkeit zu erwarten war, wenn Hans-Georg mit seinem Projekt angereist kam. Doch alles das war nichts, was sie mit Sorge erfüllt hätte, denn es lag ein Etwas in dem Wesen dieses jungen und glücklichen Paares, das siegreich über Hindernisse triumphierte oder diese doch wenigstens klein und unbedeutend erscheinen ließ.

Aber über Schnees schönem Gesichte lag eine Verklärung, die Marie-Luise bang machte in einer vagen, unbestimmten Weise. Sie hätte dieses Gefühl nicht in Worte kleiden können, besonders wenn sie mit der strahlenden, heiteren, fast übermütig glücklichen Braut zusammen war und doch – und doch, es lag etwas in den großen, dunklen Augen, das ihr das Herz zusammenschnürte mit einem Weh, für das sie keinen Namen hatte und auch eigentlich keine vernünftige Berechtigung. Doch das waren Momente, die kamen und vorübergingen; sonst verliefen diese Tage in schöner, ungetrübter Harmonie, um so mehr, als der Erbgraf mit jeder Stunde der Gräfin Mirow lieber wurde, daß es ihr ehrlich leid tat, ihn nicht schon früher gekannt zu haben. Ja, und er sprach so lieb und nett von Harold Husum, – es war so herrlich, endlich einmal einen Menschen von Harold Husum reden zu hören!

Sie machten Ausflüge zusammen in diesen Tagen, die drei, – hinein in die Berge, hinüber auf die Savoyer Seite, nach dem eleganten Modebade Evians-les-Bains, nach Thonon und dem alten Schlosse Ripaille, wo der Herzog Amadeus VIII. als Papst Felix V. seine Tage beschlossen. Nach Copet fuhren sie, um das Schloß der Madame Staél in dem alten verträumten Park zu besuchen und weil die Damen gern auch die Ariana in Genf sehen wollten, so mußte Hans-Georg schon noch den Tag dafür zulegen, wobei man fand, daß es mit der Bahn von Genf nach Chamonix eigentlich nur ein Katzensprung war, den zu unterlassen geradezu Sünde gewesen wäre. So fuhren sie vom Besuch der Ariana direkt mit Matzke als Kurier dahin, um dem Montblanc, der so überwältigend und verlockend auf Genf hinübergrüßt, einen pflichtschuldigen Besuch zu machen.

Sie blieben zwei Tage in Chamonix, und die ganze Zeit lachte die Sonne auf sie herab, als müßte das so sein. Zum Briefschreiben blieb gar keine Zeit; eine Ansichtspostkarte nach der Seeburg meldete lakonisch, daß der Erbgraf sich in Montreux befand und das war alles. Auch der Brief von Schnee an die Tante Sternberg blieb ungeschrieben, – einen Zweck hätte er ja doch nicht mehr gehabt und das Wetter war so schön und abends war man immer so müde – –

Mit zehntägiger Verspätung reiste Hans-Georg endlich von Territet ab; es war ihm egal, ob der Portier ihn für verrückt hielt oder nicht; es war ihm auch egal, was Matzke von der ganzen Sache denken mußte. Matzke aber wußte überhaupt nicht, was er denken sollte. Er war klug genug, um zu sehen, daß es zwischen seiner Herrin und dem Erbgrafen »nichts war«; er war aber auch klug genug, um zu sehen, daß der letztere die »sogenannte« Freundin der Frau Gräfin »poussierte«. Matzke begriff das nach keiner Seite hin. Denn erstens war es ihm unfaßbar, wie jemand diesen »Rotkopf« hübsch finden konnte und dann überhaupt eine junge Person, die billige Garderobe trug, die »nicht den Hund vom Ofenloch wegzulocken hatte!« Matzke hatte eben die gründliche und eingewurzelte Verachtung seines Standes gegen mangelhaft begüterte Leute der Kreise, die er bediente, und je mehr diese Leute sich von ihm protegieren ließen, desto gründlicher verachtete er sie; womit er eigentlich, genau besehn, gar nicht so unrecht hatte. Aber leider verachtete er auch die, welche seine Protektion entweder ablehnten oder sie gar nicht bemerkten, und zu dieser letzteren Kategorie gehörte auch Schnee, welche die Protektion Matzkes, zu der er anfänglich geneigt war, einfach für persönliches Wohlwollen nahm und dies mit gleicher Münze erwiderte – in souveräner Mißverkennung ihrer sozialen Stellung, wie Matzke es nannte. Und darum protestierte er, zwar nur innerlich, aber darum doch nicht minder energisch gegen »die Courschneiderei« des Erbgrafen und wenn er ja auch nicht einen Augenblick glaubte, daß dies zu »was Ernstlichem« führen konnte, so ging ihm der bloße Gedanke doch als eine Mesalliance gegen den Strich. Und er begriff ganz und gar nicht, wie seine Herrin solch »dummes Getue« in ihrer Nähe dulden konnte.

Hätte Marie-Luise diese Gedanken ihres getreuen Matzke geahnt, so hätte sie vielleicht darauf gedrungen, daß Hans-Georg die Sache erst auf der Seeburg ins reine brachte und dann nach Montreux zurückkehrte, schon um damit das Odium von sich zu nehmen, als ob sie die Erwählte des Erbgrafen sei; aber da die Situation klar für sie selbst war, so kam es ihr gar nicht in den harmlosen und unerfahrenen Sinn, daß die Leute so etwas Törichtes denken konnten.

Aber wenn auch das junge und so vollkommen glückliche Paar seine Tinte eintrocknen ließ, so vergaß Marie-Luise die ihrige doch nicht ganz. Zwar blieb der Brief der Tante, die sie so freundlich auf das Unpassende ihres Alleinseins aufmerksam gemacht, unbeantwortet, aber sie schrieb der Pfalzgräfin von Seeburg einen sehr herzlichen Dank für die gütige Einladung und versprach gern, dieser für einen späteren Termin nachzukommen, »da sie jetzt den Besuch einer sehr lieben Freundin habe«. Kusin Hans-Georg, »der auch in Territet sei« und mit dem sie fast täglich Ausflüge machten, beauftrage sie mit den herzlichsten Grüßen; sie habe sich sehr gefreut, seine Bekanntschaft gemacht zu haben und freue sich nun doppelt darauf, auch die ihrer Seeburger Verwandten zu machen.

»So«, dachte sie befriedigt, als dieser Brief geschrieben war, »jetzt habe ich sie vielleicht doch etwas vorbereitet, oder zum mindesten aufmerksam gemacht. Schnees Namen habe ich nicht genannt, aber die ›Freundin‹ doppelt unterstrichen. Und über Hans-Georg habe ich so begeistert geschrieben, daß sie unmöglich glauben können, daß ich ihn heiraten will. Denn ich habe meiner Begeisterung doch einen stark schwesterlich-patronisierenden Ausdruck gegeben. Schnee würde erstaunt sein, wenn sie diesen Brief lesen könnte, was ich für eine Diplomatin bin. Nun ja, man war nicht umsonst zwei Jahre in der Lehre.«

Auf diesen Brief war bis zur endlichen Abreise des Erbgrafen keine Antwort eingetroffen, was Marie-Luise eigentlich etwas befremdete, denn sie hatte mit Sicherheit auf eine Einladung dieser ungenannten Freundin gerechnet. Hingegen war die Abreise Hans-Georgs wesentlich durch ein Telegramm seiner Mutter gefördert worden, in dem zwar nur zu lesen war: »Warum schreibst du nicht? Lasse Gräfin M. sehr für ihren Brief danken und werde diesen beantworten, sobald ich Nachricht von dir habe.«

Natürlich machte Hans-Georg aus dieser mütterlichen Mahnung gar kein Hehl, sondern zeigte sie lachend der Gräfin mit den Worten: »Da haben wir's.«

Und Marie-Luise wiederholte etwas lahm: »Da haben wir's.«

Aber sie besann sich sehr bald und setzte vorwurfsvoll hinzu: »Da haben Sie's, Kusin. Sie hätten gleich nach Ihrer Verlobung mit Schnee nach Seeburg reisen müssen.«

»Vermutlich«, gab der Erbgraf ohne Reue ganz vergnügt zu. »Aber ich bin trotzdem sehr glücklich darüber, daß Sie mich hierbleiben ließen, Kusine!«

»Ich Sie ließ!« wiederholte Marie-Luise empört. »Ich habe Sie doch deutlich genug fortgeschickt, aber Sie sind trotzdem geblieben.«

»Ich konstatiere, daß Sie alles in dieser Beziehung getan haben, was Sie tun konnten, Allergnädigste, aber gegen mich ist nichts auszurichten. Das wird Ihnen selbst meine Mutter zugeben müssen. Wenn ich mal wo Anker geworfen habe, da gehören schon Pferdekräfte dazu, um mich wieder loszueisen.«

»Aber jetzt –«

»Ja, wenn ich nun jetzt nicht schreiben will – Briefschreiben ist eine ganz gräßliche Erfindung, – dann werde ich wohl heim müssen, um wenigstens zu reden. Wenn ich den Luxuszug am Abend nehme, kann ich zum Gabelfrühstück morgen daheim sein.«

»Das ist brav. Telegraphieren Sie nur gleich zurück –«

»I bewahre; Telegramme schreiben ist eine so langweilige Sache. Man hält sich für verpflichtet, Wörter zu sparen und so abzukürzen, daß der Fiskus nicht zuviel dran verdient, und dabei kommt niemals was Kluges heraus. Besonders wenn der Verdienst dann noch auf Titulaturen bei der Adresse draufgeht. Ich reise unangemeldet ab. Zwar muß ich mir dann auf der Bahnstation einen Wagen mieten und die vier Kilometer damit heim zuckeln – oder ich kann auch laufen und meine Sachen fahren lassen. Sehr hübscher Weg, das. Beschlossen ist's, ich scheide«, fuhr er, der eben eintretenden Schnee entgegengehend, fort und zeigte auch ihr das Telegramm.

»Einmal mußte es ja doch sein«, meinte sie tapfer. »Nämlich, weil du weißt, daß reden besser ist als schreiben.«

»Entschieden – von meinem persönlichen Standpunkt aus.«

»Ich weiß doch nicht«, warf Marie-Luise ein. »Ich würde lieber schreiben. Die Entfernung ist eine relative Sicherheit und wirkt abschwächend.«

»Eben darum. Schriftlich hat schon mancher etwas abgeschlagen und verweigert, was er Auge in Auge glattweg bewilligt hätte. Briefe sind Surrogate, weiter nichts.«

»Er hat recht, Marie-Luise, nicht?« fragte Schnee mit einem stolzen Lächeln.

»Er hätte recht, wenn nicht die nackte Schreibfaulheit aus ihm redete«, erwiderte Gräfin Mirow neckend.

»Schreibfaulheit!« wiederholte Hans-Georg mit sittlicher Entrüstung. »Mir das, nachdem ich schon drei Ansichtspostkarten in Territet geschrieben habe: eine an Harold Husum –«

»Oh –«

»Na ja – ich muß ihm doch schreiben, daß er seinen Urlaub nach der Seeburg nehmen soll, nicht? Es war eine harte Arbeit, aber was tut man denn nicht für solch netten Kerl, wie Harold einer ist. Und dann hab' ich meiner Schwester und meiner Schwägerin auch noch je eine Ansicht von Chillon geschickt; der letzteren sogar eine bei Mondschein, wo der Mond direkt über der Dent du Midi steht und das Schloß trotzdem auf der Seite von Territet beleuchtet. Das Naturwunder wird ihr Spaß machen. Es ist sehr merkwürdig.«

»Du hast sie gern, deine Schwägerin?« fragte Schnee.

»Ja«, erwiderte er ohne Zögern. »Lilian – sie ist die Tochter des Herzogs von Inverneß, – wird von Leuten, die ihr nicht näher treten, vielfach verkannt. Man hält sie für kalt und hochmütig, aber sie ist keins von beiden, – sie hat nur nicht die Art, jedermann das Gefühl zu geben, als ob sie schon einen Scheffel Salz mit ihm gegessen hätte. Aber sie ist eine vornehme Natur, wahr und treu. Und sie hat Humor, was keiner meinem Bruder nachsagen kann. Steifleinen, trocken und vor allem korrekt ist Joachim. Das direkte Gegenteil von meinem Schwager, der das harmloseste, ungenierteste, vergnügteste Huhn der Welt ist; wenn er nur nicht bloß von Pferden reden wollte! Wie meine Schwester das auf die Dauer aushalten kann, ist mir rein unbegreiflich.«

»Fürst Vöslau ist aber auch eine Autorität in seinem Fache«, warf Marie-Luise ein.

»Herrgott, ja«, gab Hans-Georg zu, »aber man muß doch nicht immer bloß ›shop‹ reden. Ich persönlich habe ja einen Kompromiß mit ihm gemacht – stillschweigend, – wenn er nämlich von seinen ewigen Pferdegeschichten anfängt, da regaliere ich ihn dermaßen mit chemischen Formeln, bis er um Gnade bittet. Unsere Gespräche drehen sich ja danach noch lange nicht um geistbildende Themata, aber doch wenigstens nicht ums Geschäft.«

»Man kann in der Wahl seiner Verwandten gar nicht vorsichtig genug sein!« meinte Schnee lächelnd. »Und wenn du jetzt auf die Seeburg kommst, wen findest du dort vor?«

»Oh, den gewöhnlichen Kreis, denke ich. Meinen Vater, meine Mutter, Tante Murr –«

»Ja, wer ist denn das?« unterbrach Schnee ihn lachend.

»Tante Murr ist meines Vaters unverheiratete Schwester, die ständig auf der Seeburg lebt«, erklärte Hans-Georg mit sichtlichem Behagen. »Eigentlich heißt sie Marie, aber ich fand als

Junge mal heraus, daß sie dem offiziellen Schloßkater Murr entschieden ähnlich sah, und beutete diese Entdeckung nach Jungenart natürlich aufs ergiebigste aus, nannte sie nur noch Tante Murr. Und der Name ist dermaßen populär geworden, daß heut kaum jemand mehr weiß, daß sie eigentlich Marie heißt.«

»Und sie hat sich den Spitznamen gefallen lassen?«

»Erstens hat sie sich von mir niederträchtigem Bengel überhaupt alles gefallen lassen und dann – du kennst eben Tante Murr nicht. – Sie hat sich selbst königlich über den Übernamen amüsiert und behauptete, er wäre die größte Schmeichelei, die ihr noch je einer gesagt hätte, denn der Kater Murr wäre eine anerkannte Schönheit, mit dem ersten Preise einer Katzenausstellung gekrönt und sie hätte für ihre Garstigkeit noch nie einen Preis bekommen. Oh, sie ist ein Original, die Tante Murr, und die Seeburg ohne sie wäre einfach undenkbar. Takt hat sie nicht viel, aber sie ersetzt das Manko durch Herz. Und ein Wörterbuch von Kraftausdrücken hat sie – – großartig! Zartbesaitete Seelen gehen ihr besser aus dem Wege.«

»Und der hast du keine Ansichtspostkarte geschickt?« fragte Schnee vorwurfsvoll.

»Nein, aber ein ganzes Paket unbeschriebener Karten habe ich für sie gekauft und bringe sie ihr mit. Sie sammelt Ansichtspostkarten, aber ›unbeschmierte‹, wie sie sagt. Die wären sauberer und auf den Poststempel pfiffe sie. So unrecht hat sie nicht damit.«

»Sie hat sogar sehr recht. Und außer der Tante Murr ist niemand auf der Seeburg?«

»Der Schloßpfarrer ist nur noch da. Die Schloßkirche wird von der Gemeinde benutzt und obwohl der Pfarrer seine eigene Wohnung dicht daneben hat, in der er seine Wirtschaft führen könnte, so ißt er doch mit bei uns am Tische. Das ist bequemer und vorteilhafter für ihn. Pfarrer Fischer ist nun auch schon seit meinen Kinderjahren Seelsorger von Seeburg, – er gehört zum Familieninventar und wir Kinder haben uns immer hinter ihn gesteckt, wenn wir etwas ausgefressen hatten und nicht genau wußten, wie's ablaufen wird. Nein, sonst treffe ich meines Wissens niemand auf der Seeburg. Papa hat wohl manchmal Jagdgäste, aber im allgemeinen sieht man wenig Logierbesuch bei uns. Und noch seltener gehen meine Eltern fort. Meine Mutter schon eher einmal – sie geht zu den Hoffesten nach der Residenz und macht wohl gelegentlich einen Abstecher nach der Riviera oder Italien, aber zusammen haben meine Eltern seit Menschengedenken keine Reise mehr gemacht, woraus man aber nicht etwa schließen darf, daß sie nicht glücklich leben; im Gegenteil. Meine Eltern sind das harmonischste Paar, das ich kenne, und sind immer eines Geistes. Aber mein Vater neigt etwas zur Melancholie und verläßt das Haus nur selten. Jugendfreunde von ihm haben mir erzählt, daß er der geselligste und heiterste junge Mann gewesen sein soll – bis er den Besitz antrat. Diese Epoche in unserm, der Seeburger, Leben soll immer so verändernd auf uns gewirkt haben. Wenigstens behauptet Tante Murr es, die doch ihren Großvater noch gekannt hat.«

»Ich habe einmal einen Gast Ihres Hauses von der Seeburg erzählen hören«, sagte Marie-Luise. »Es war bei uns in der Botschaft in Paris bei einem Diner. Er sagte, die Pfalz wäre ein ganz wundervoller Besitz, die Jagd ideal, die Aufnahme über jedes Lob erhaben. Aber es läge etwas wie ein Druck über dem ganzen Hause. Und die Spukgeschichten, die er zu erzählen wußte – – er behauptete, daran absolut nicht zu glauben, aber er hätte doch Dinge gesehen oder gehört, die höchst unerklärlich wären.«

»Darum kümmert sich von uns keine Seele mehr«, versicherte Hans-Georg. »Wir haben ein halbes Dutzend solcher Spukgeschichten, die von niemand bezweifelt werden. Sie sind einfach Hausinventar. Natürlich spinnt die Sage, lügt der Volksmund noch alles mögliche dazu. Tante Murr kämpft bis aufs Messer mit jedem, der die Existenz ›ihrer Gespenster‹ bezweifelt. Sie steht mit allen auf du und du.«

»Hast du denn schon etwas Übernatürliches gesehen?« fragte Schnee mit großen Augen.

»Ich kann nicht sagen, daß ich's hätte«, erwiderte er behaglich. »Aber Tante Murr behauptet darüber die wunderbarsten Sachen. Und die Dienstboten schwören alle darauf.«

»Und deine Eltern?«

»Oh, meine Mutter macht gern ihre Scherze darüber – wenn mein Vater nicht dabei ist. Ihn habe ich nie darüber reden hören.«

»Hören Sie, Kusin«, fiel Marie-Luise ein, »unser Gast, dessen ich schon erwähnte, hat uns da eine Geschichte erzählt, die uns allen mehr Eindruck gemacht hat, als alle Schloßgespenster zusammen. Ihr Vater soll einmal seine Gäste – es war eine Jagdgesellschaft, bei der sich der Genannte befand, gebeten haben, in ihre Zimmer zu gehen und diese nicht eher zu verlassen, als bis der Tischtamtam das Signal geben würde. Man habe natürlich gehorcht, aber eine Erklärung über diese wunderbare Konsignierung soll nie gegeben worden sein. Dieser Zimmerarrest habe etwa eine halbe Stunde gedauert.«

»Ich kann's den Leuten nicht verdenken, wenn sie erstaunt waren«, erwiderte der Erbgraf. »Ich habe die Geschichte auch gehört, – von meinem Bruder, der damals gerade zu Hause war. Er hat natürlich um eine Erklärung gebeten, aber keine erhalten. Mein Vater hat nur sehr ruhig gesagt, er wäre in seinem Hause frei, zu tun und zu lassen, was ihm beliebe. Mein Bruder warf die Frage auf, ob der sonst so klare Verstand unseres Vaters nicht temporär getrübt gewesen sei, aber das ist ganz unmöglich zu glauben, wenn man ihn kennt. Meine Mutter ist auf die Sache gar nicht eingegangen und hat markiert jede Besprechung der sonderbaren Angelegenheit abgelehnt. Tante Murr war gar nicht zu Hause, als die Sache vorfiel und behauptet, die Leute hätten wahrscheinlich geträumt, denn die Geschichte wäre ja lachbar.«

»Nun, und der Pfarrer?«

»Ich weiß nicht zu sagen, ob irgendjemand den Pfarrer befragt hat. Ich hab's nicht getan, das steht fest. Weil ich gar nicht darauf gekommen bin, es zu tun und er ja auch nicht davon angefangen hat. Aber ich habe das unbehagliche Gefühl, als ob die Geschichte herumgekommen wäre und gründlich besprochen worden ist. Es hat mir's ja niemand gesagt, aber – ich weiß nicht – die Leute haben so sonderbare Gesichter gemacht, wenn sie einen nach meinem Vater und der Seeburg gefragt haben. Tatsache ist, daß wir seit dieser Zeit keine größere Zahl von Gästen mehr im Hause gehabt haben; hin und wieder einzelne Personen, das ist alles.«

»Nein, wie interessant!« sagte Schnee. »Da ist ja Blaubarts Zimmer nichts dagegen.«

»Gerade eben«, rief Marie-Luise. »Die Seeburg soll ja solch Zimmer haben.«

»Davon müßte ich doch etwas wissen«, behauptete Hans-Georg lachend.

»Natürlich, das wird von den Beteiligten immer geleugnet«, neckte Schnee.

»Die Seeburg hat ihre diversen Spukzimmer, aber die werden Neugierigen auf Wunsch immer gern gezeigt – bloß Gäste darin zu logieren hat mein Vater verboten, weil die Leute, die wissen, daß sie in solch verrufenem Raume wohnen, die Nerven schon so erregt haben, daß ein Geräusch imstande sein kann, ihrer Gesundheit unheilbaren Schaden zuzufügen. Schlimme Erfahrungen haben uns leider so weise gemacht und merkwürdigerweise waren es immer sogenannte Skeptiker und nervenstarke Personen, die der Suggestion am leichtesten und ersten unterlagen. Ja natürlich, – wir haben das Zimmer, wo mein Großvater das eingemauerte Skelett fand; dann das Zimmer, wo die blasphemischen Spieler vom Teufel geholt worden sind und alljährlich vom Ostersamstag zum Ostersonntag ihr gottloses Tun mit seiner furchtbaren Folge wiederholen müssen. Dann das Zimmer, in dem eine liebenswürdige Schwiegermutter ihre Schwiegertochter den Hexenbütteln überlieferte. Und außer diesen sonst so hübschen Räumen haben wir im ältesten Schloßteil auch Verließe der sinnreichsten Art und Oublietten. Die dürfen aber nicht gezeigt werden, damit kein Unglück passiert. Ferner haben wir das berühmte Seeburger Heerhorn, das uns zum letzten Appell ruft. Ich habe es selbst gehört, eh' mein Großvater starb. Niemand ist noch dahinter gekommen, was den schauerlichen Ton verursacht – den gespenstischen Bläser hat noch kein Mensch gesehen.«


»Und das geheimnisvolle Zimmer, wo niemals jemand hinein darf?« fragte Marie-Luise.

»Das ist mir natürlich nicht vorgestellt, Kusine. Habe auch nie etwas davon gehört.«

»Meine Verwandten, die Eichwalds, haben davon gesprochen. Der Erbe von Seeburg wird an dem Tage, wo er großjährig wird, in das Geheimnis dieses Zimmers eingeweiht.«

»Nun, ich habe dieses freudige Ereignis seit acht Jahren hinter mir und habe natürlich seitdem an Alter, Weisheit und Verstand hoffentlich wesentlich zugenommen. Aber man muß total darauf vergessen haben, mich in die Geheimnisse dieses Zimmers einzuweihen, denn ich höre zum ersten Male davon.«

»Wahrscheinlich!« meinte Marie-Luise lachend. »Die andern Leute wissen ja immer besser wie man selbst, was man in seinem eigenen Hause hat. Dabei muß man nur die blühende Phantasie bewundern, die sich solche Sachen erfindet.«

»Und die Leute, die's weiter erzählen, Kusine.«

»Und die Leute, die danach die Beteiligten fragen«, ergänzte Schnee. »Denn gesetzt, Hans-Georg wäre wirklich bei seiner Großjährigkeit in solche Geheimnisse eingeweiht worden, – würde er sie dann an uns ganz harmlos und gemütlich ausplaudern?«

»Nein, wahrhaftig nicht«, gab Marie-Luise etwas beschämt zu.

»Schönen Dank für die gute Meinung«, sagte der Erbgraf. »Es hat doch etwas Erhebendes, wenn man weiß, daß man nicht unbedingt für eine Tratschmaschine gehalten wird! Aber Scherz beiseite, – ich höre wirklich heute zum ersten Male etwas davon, daß man als Erbe meines Hauses bei der Großjährigkeit auf eins unserer Spukzimmer eingeschworen wird. Unsere ganze Gegend ist ja natürlich voll von den Legenden der Seeburg, von denen die schon von mir erwähnten zum eisernen Bestande gehören. Daraus wird sich wohl auch Ihre Geschichte, Kusine, entwickelt haben und ist dann mit den nötigen Ausschmückungen kolportiert worden. Ich hoffe bloß, sie kommen meinem Vater nicht zu Ohren, denn den ärgert dieser Nonsens; meine Mutter lacht, oder sie macht geheimnisvolle Gesichter, um die Neugierigen zu necken. Und Tante Murr – wenn die heut die Geschichte erfährt, glaubt sie daran, wie ans Evangelium in der Kirche und besticht mich, damit ich ihr die Zeremonien der Einschwörung erzähle.«

»Besticht dich – wie macht sie denn das?«

»Hm – früher tat sie's mit Schokolade, – aber als das nicht mehr zog, hatte sie Briefmarken und Wappensiegel, und wieder später legte sie sich Zigarren bei, – sie raucht nämlich selber welche – die durch besondere Feinheit bestechlich wirken sollten in Fällen, in welchen sie von ihren Opfern etwas zu erfahren wünscht.«

»Sie muß ja ein Original zum Küssen sein, deine Tante Murr!« meinte Schnee förmlich andächtig.

»Zum Küssen – hm, – darüber ließe sich streiten! Aber ein Original ist sie wirklich, ganz abgesehen davon, daß in ihr zwei Naturen sich um den Rang streiten: die der großen Dame, die sie ja ihrer Stellung nach ist, und die eines ausgewachsenen Grobians von Beruf. Die beiden in eines verquickt, geben ein höchst wunderliches Gemisch.«


 

Gegen Abend reiste Graf Hans-Georg wirklich mit dem Luxuszuge ab. Die beiden Damen hatten ihn zur Mißbilligung Matzkes auf den Bahnhof begleitet und waren dann in das Hotel zurückgekehrt und als sie ihren Salon betraten, sagte Schnee:

»Jetzt, wo Hans-Georg fort ist, kommen mir die letzten vierzehn Tage wie ein Traum vor. Was für einen Beweis haben wir auch schließlich, daß es keiner war?«

Marie-Luise sah ihre Freundin an und das unbestimmte Gefühl der Angst, das sie zuletzt kaum noch empfunden, wollte sie wieder einmal beschleichen, als sie die großen, dunklen Augen mit dem Blick, der etwas ganz anderes, als die Gegenstände in diesem Zimmer sah, streifte.

»Nun, ich denke, sein Brief wird den Beweis bringen, daß es kein Traum, sondern warmes, pulsendes Leben war«, meinte sie herzlich. »War und – bleibt«, setzte sie hinzu. »Am Ende ist das ganze Leben ja nur ein Traum, wenn wir dem Dichter glauben wollen.«

»Ja, und kein Mensch weiß, wann und wo er daraus erwacht«, murmelte Schnee und ließ sich müde in einen Sessel sinken.

Marie-Luise streichelte ihr leise über das leuchtende, krause Haar und überlegte, womit sie der Freundin Gedanken auf etwas anderes, Heiteres lenken konnte. Da fiel ihr Blick auf einen roten Zettel, den man inzwischen auf den Tisch gelegt.

»Morgen wird die Bahn nach Zermatt und auf den Gornergrat eröffnet für die Saison«, sagte sie, Schnee den Zettel reichend. »Mir kommt ein Gedanke dabei: wie wär's, wenn wir jetzt schon einen Abstecher dahin machten? Denn mit diesem schrecklichen Hans-Georg im Hintergrunde sind ja unsere ganzen Pläne ins Wanken geraten. Oder möchtest du später lieber mit ihm zusammen das Matterhorn besuchen?«

Schnee nahm den roten Zettel und las aufmerksam die Anzeige darauf. »Was du immer für gute Ideen hast, Marie-Lu«, sagte sie. »Und wie gut du selbst bist, daß du mir jeden Wunsch erfüllen möchtest. Oh ja, gehen wir noch nach Zermatt! Du weißt, ich habe ja immer gesagt, ich möchte das Matterhorn gesehen haben, ehe ich sterbe.«

»Bei deiner Jugend hat's also solche Eile«, scherzte Gräfin Mirow. »Ja, das weiß ich nicht«, erwiderte Schnee müde. »Ich weiß nur, daß ich das Matterhorn sicherlich nicht sehen werde, wenn ich jetzt nicht mit dir nach Zermatt fahre.«

»Als ob Hans-Georg dir einen Wunsch unerfüllt lassen würde. Du siehst, welch schönes Vertrauen ich in ihn setze.«

»Du bist nur gerecht, Marie-Lu. Aber Hans-Georg ist dabei ganz machtlos. Er kann etwas nur jemandem zeigen, der da ist, nicht?«

»Aber Schnee! Du denkst doch nicht etwa gar daran, in unbekannte Weiten abzureisen –«

»Wer weiß –? Nein, ich denke nicht daran, aber – wie soll ich's denn ausdrücken. Ich habe keine Zukunft mehr.«

»Welch schreckliche Phantasie –«

»Nein, gar nicht schrecklich. Für mich ist alles Gegenwart – sogar die Vergangenheit ist für mich eine Sache, an die ich mich kaum mehr erinnern kann. Du weißt doch, welche Zukunftspläne ich hatte, und alles in einem so goldigen Lichte. Jetzt habe ich keine mehr. Ich kann mir kaum noch das ›morgen‹ vorstellen.«

»Hans-Georg hat das alles verändert. Du kennst dein künftiges Heim noch nicht und weißt drum auch nicht, welche Gestalt es hat, was für ein Bild du dir davon machen sollst. Deine Phantasie hat sich noch für kein besonderes entscheiden können und darum ist die Zukunft für dich gewissermaßen noch ein leerer Raum wie die Leinwand auf der Staffelei des Malers, ehe er mit Kohle die ersten Umrisse seines künftigen Bildes darauf zeichnet.«

»Vielleicht hast du recht, Marie-Lu. Denn der leere Raum, wie du es nennst, hat für mich nichts Erschreckendes, nur so etwas Unbestimmtes, Unbeschreibliches, für das mir die Worte fehlen. Weißt du, wie wenn man zwischen Himmel und Erde schwebt und kein Laut zu einem dringt und keine Menschenseele nahe ist – – man träumt manchmal so etwas. Ich habe aber dasselbe Gefühl im Wachen, mitten unter allen Menschen, zusammen mit euch. Nur wenn ich allein bin, dann will das Schweigen und die Leere vor mir mich manchmal bedrücken. Besonders abends, wenn ich mich zu Bett gelegt habe. Aber dann lasse ich mir von meinem Ringe Bilder zeigen.«

»Schnee!«

»Doch, – du magst mir glauben oder nicht. Du weißt ja, daß ich von meinem Bette in den Spiegel sehen kann, der in dem Eckschrank ist? Also, ich lege dann abends immer meinen Ring auf meinen Nachttisch und sehe den Stein in dem Spiegel leuchten wie ein Johanniskäferchen. Und dann wird der Schein größer und größer, bis er den ganzen Spiegel ausfüllt, und in diesem Lichte kommen dann die Bilder, – grad, wie wenn eine Pantomime aufgeführt würde.«

»Das träumst du natürlich, Schnee!«

»Vielleicht. Wahrscheinlich. Nur habe ich immer dabei die Empfindung, als wachte ich, weil ich ganz deutlich höre, wie die Vorübergehenden auf der Straße miteinander sprechen. Ich habe zum Beispiel einmal in einer Kirche ein imposantes Grabmal gesehen von blendend weißem und goldfarbenem –Marmor – nur die Sonne schien so hell auf das Epitaph, daß ich's in dem blendenden Lichte nicht lesen konnte – und während ich das sah, hörte ich, wie zwei Männer unter meinem Fenster darüber diskutierten: ›si l'Ombre-Chevalier est préférable au Ferra‹. Der eine behauptete mit großer Entschiedenheit, der Ferra wäre der feinere Fisch und der andere hielt mit einiger Hitze dafür, daß die Ombre, als dem Salmgeschlechte näherstehend, von jedem Gourmet vorgezogen würde. Kann man so etwas auch träumen? Gleichzeitig mit dem Anblick eines Grabdenkmals?«

»Im Traume ist alles möglich und wenn's noch so grotesk wäre. Du hast dich vielleicht auch in einem Zustande des Wachens und Träumens befunden und beides hat sich darin vermengt oder einen Sinn offengehalten. Wie soll man darüber eine einleuchtende oder auch nur annehmbare Erklärung geben?«

»Das haben unsere Weisesten bisher vergeblich versucht und da sie nichts darüber wissen, so haben sie eben alles für Unsinn erklärt, was ihnen über den Verstand geht. Sagt Tante Sternberg. Und Wilhelm Jordan sagt: ›Wenn jemand wissen will, was kein Mensch wissen kann, und tut doch so, als ob er es wüßte, so nennt man das Philosophieren‹. Gut also, – du weißt dir nicht zu erklären, ob ich wache oder träume, wenn ich zusehe, was für Bilder sich in dem Lichte meines Ringes formen, und ich kann es dir mit vollkommener Gewißheit auch nicht sagen. Gestern abend hörte ich meinen neuen Zimmernachbarn mit der femme de Chambre über ein angeblich schlecht gemachtes Bett hadern und dann den Kellner fragen, ob er, der Kellner nämlich, ein solches Heupferd wäre, daß er Schinken nicht von Kalbsbraten unterscheiden könnte. Ich mußte unwiderstehlich über diesen aufgeregten Reisenden lachen und sah dabei zu, wie mein Ring auf dem Grunde eines Wassers lag, in dem die Fische hin- und herschossen. Aber in dem Wasser war eine solche Stille, daß sie schließlich auch die Stimme des Reisenden nebenan in sich aufsog. Ich weiß nicht, ob du jemals schon eine solche Stille empfunden hast, in der nicht das Summen einer Fliege zu hören ist, in der man gespannt aufhorcht, ob die Fliege nicht kommen wird, um das lastende Schweigen durch einen Laut, und wäre er noch so schwach, mit dem Leben zu verbinden. Und in dieser Stille auf dem Grunde des Wassers, wo mein Ring lag, hörte ich nicht einmal die Bewegung des Wassers, ich sah nur die Fische hin- und herschießen in dem grünlichen Zimmer und hörte, was ja eigentlich gar nicht zu hören war, – wie die Zeit über das Wasser herüberging. Die Zeit mit den Jahren – oh, solch ein langer, langer Zug von Jahren. Nicht, daß ich sie gesehen hätte, – ich habe sie aber gefühlt, so deutlich gefühlt. Ich lag ruhig da, so unbeteiligt an den Jahren, an der Zeit. Und dann, wie die Zeit vorüber war, da fing es an zu arbeiten und zu schüttern, wie wenn eine Maschine arbeitet, – das Wasser wurde bewegt und wirbelte durcheinander und ein sonderbares Gerät tauchte herein und wühlte den Grund auf – ich mußte mich lange besinnen, bis ich wußte, daß es eine Baggermaschine war, die den Grund des Wassers ausgrub und hinaufschaffte ans Land. Und mit dem Boden, den die Maschine aufgrub und hinaufschaffte, ging auch mein Ring zurück ans Land – – –

Und dann veränderte sich das Bild und ich sah ein Zimmer und darin standen ein Herr und eine Dame in einer Kleidung, wie ich sie nach Schnitt und Stoff noch nie gesehen, und der Herr hielt meinen Ring in der Hand und die Dame betrachtete ihn, über seine Schulter gelehnt. Und dann huben Glocken an zu läuten und das Paar kniete nieder und reichte sich die Hände und sah zum Himmel, und auf ihren Gesichtern sah ich eine unbeschreibliche Freude. Und die Glocken läuteten so stark, daß ich den Klang in allen Nerven vibrieren fühlte und die Decke über die Ohren ziehen mußte, weil ich dachte, ich ertrüge den Ton nicht länger. Und da hörten sie auf zu läuten und wie ich die Decke wieder hinabstieß und in den Spiegel sah, da wogten wie in einer leisen Sommerbrise die Blätter grüner Bäume darin und die Vögel hüpften von Ast zu Ast und ich hörte sie zwitschern und singen. Es war ein ganz abgelegener, grün verwachsener Platz in einem Walde oder Park, wo wohl nicht zu oft eines Menschen Fuß hinkam, denn der Weg, der darüber hinlief, war ganz mit Gras und Moos bedeckt und die Brombeer- und Haselbüsche unter den hohen Stämmen der Bäume wuchsen ungehindert, wie es ihnen gefiel. Die Sonne schien so gut sie konnte durch das Gewirr der Blätter und warf zitternde Lichtstreifen quer herab, und ich sah, daß am Fuße einer alten Blutbuche ein Platz abgezäunt war mit einem eisernen Gitter, das noch Spuren von Vergoldung zeigte. In dem eingezäunten Raume, wo Gras und Efeu und Moos durcheinander wucherten, stand ein fast ganz mit Efeuranken überdecktes Kreuz von Stein, das auch noch zum Teil vergoldet war. Ein einsames, vergessenes Grab, mitten im Walde. Nein, nur von den Menschen vergessen, denn grüne Waldeinsamkeit wob ringsherum und rechts an dem Denkmal drängte sich eine Staude wilden Thymians durch das Gestrüpp und duftete so stark und so wunderbar süß, daß mich der Duft seitdem verfolgt und ich ihn überall rieche. Ein herrlicher Duft, so kräftig dabei, – mir kam er vor, wie wenn der liebe Herrgott selbst den Thymian dorthin gepflanzt hätte, damit das einsame Grab geschmückt werde. Und ich bemühte mich, die Schrift zu lesen, die in dem weißen Marmor des Denkmals eingegraben war, – aber die lange, lange Zeit, die wohl vergangen war, seit dieses Grab im Walde entstand, hatte das Gold der Buchstaben ausgelöscht – der Efeu rankte darüber hin und so viel ich mir auch Mühe gab, ich konnte nichts mehr davon erkennen, was der Regen verwaschen und der Wind abgeschliffen hatte. Aber die Sonne stieg höher und fand wohl auch mehr Raum zwischen den Ästen der Bäume und am Ende fiel sie voll auf das Denkmal und funkelte in den Resten der Vergoldung des Kreuzes und zwischen den Efeuranken durch konnte ich nun einzelne Buchstaben erkennen. Unten am Fuße ein Vers der Heiligen Schrift, – doch welcher? ›Cor.‹ konnte ich entziffern, also wohl ein Vers aus den Korintherbriefen. Dann weiter oben deutlich das Wort: ›Sonnwendnacht‹. Das leuchtete etwas, weil noch Gold in den Vertiefungen der Buchstaben war und wie ich mich noch mühte, weiteres zu erkennen, da wehte der Wind durch die Blätter und Lichter und Schatten huschten durcheinander über den Marmor; dabei konnte ich wohl auch Ziffern erkennen, – mir war's, als hätte ich die Zahl ›1900‹ gelesen, aber ich bin dessen nicht sicher. Und dann hob der Wind eine ganz lange Ranke in die Höhe und ich las mit großen Buchstaben obenan den Namen ›Schnee'. Und nun wußte ich's auf einmal: es war mein eigenes Grab, dort, tief, tief im Walde, und weil doch schon so viel Zeit darüber hingegangen war, daß niemand sich mehr erinnern konnte, daß ich dort begraben lag, da ließ der liebe Gott den Thymian wachsen und blühen und duften – – Das machte mich so froh und glücklich, daß ich die Augen schloß und ganz herrlich bis heut früh geschlafen habe.«

Marie-Luise mußte erst tief, tief Atem holen, ehe sie sich zu reden getraute.

»Nach dem Volksglauben ist das ja die glücklichste Vorbedeutung auf ein langes Leben, wenn man von seinem eigenen Grabe träumt«, sagte sie endlich mit merkwürdig verschleierter Stimme.

»So? Ich habe immer gehört, im Sarge muß man sich liegen sehen, wenn's langes Leben bedeuten soll«, erwiderte Schnee ganz harmlos und im Gegensatze zu ihrer fast visionär-einförmigen Erzählung dessen, was sie in dem Lichte ihres Smaragds gesehen, setzte sie mit gewohnter Lebhaftigkeit hinzu: »Du ahnst gar nicht, Marie-Lu, wie froh und vergnügt es mich macht, daß mein Grab so herrlich im tiefgrünen Walde liegt. Der Gedanke des Todes ist für mich nicht schrecklich, – das Unabänderliche ist's überhaupt nicht für mich – aber schrecklich ist mir der Gedanke an Grüfte und an Friedhöfe, wo die Gräber ausgerichtet wie Soldaten im Sonnenbrande liegen und die Leute, die hinkommen, nur immer daran herumrupfen und gießen müssen, damit die paar eingepflanzten Blumen nicht im Unkraut ersticken und in dem dürren Boden fortkommen. Nur Efeu wünsch ich mir auf meinem Grabe gepflanzt, Efeu, der sich von selbst darüber rankt und die Erde zudeckt. Und keine Blumen, besonders aber keine Kränze, die sofort verwelken. Du weißt, ich habe einen so schrecklichen Widerwillen gegen den Geruch welkender Blumen – er macht mich immer ganz elend, und der Gedanke, daß solche welkende Blumen auf meinem Grabe liegen sollen, ist mir schrecklich.«

»Aber Schnee – wenn Hans-Georg dich hörte –«

»Du wirst es ihm sagen, Marie-Lu, weil er es nicht gehört hat, nicht wahr?«

Doch Gräfin Mirow wandte sich ab und trat an das Fenster und sah hinaus auf den See, ohne etwas zu sehen, weil ihr die Augen so trüb geworden waren. Nur eine Barke sah sie mit weißen, gekreuzten, lateinischen Segeln über das blaue Wasser gleiten wie einen fremdartigen Riesenvogel, der in ein unbekanntes Land zieht. Wie oft in späteren Jahren mußte sie dieser Stunde und dieses Bildes gedenken und wie sie sich dann umwandte und Schnee hinter sich stehen sah, das schöne, weiße Gesicht mit den großen dunklen Augen überhaucht vom Golde der scheidenden Sonne, die aus ihrem leuchtenden Haar einen wahren Glorienschein um sie wob.

»Wie schön wird das heut abend wieder draußen«, sagte sie. »Wann fahren wir nach Zermatt?«

»Morgen früh, wenn du willst, Schnee. Das heißt, wenn du wirklich nicht warten willst, bis Hans-Georg mit dir –«

»Nein – sagt' ich dir nicht, daß Hans-Georg nie mit mir nach Zermatt reisen wird? Er würde es mir sicher gern versprechen, aber wie kann er es tun, wenn keine Zeit dazu da ist? Also morgen! Wirklich schon morgen! Nein, was ich mich auf das Matterhorn freue!«



Am andern Tage um die Mittagszeit kam Hans-Georg wirklich ganz fahrplanmäßig pünktlich auf der kleinen Station der Zweigbahn an, von der es am nächsten nach der Seeburg war. Er hatte nicht telegraphiert, daß er kam, und fand demgemäß auch keinen Wagen vom Schlosse vor. Kritisch betrachtete er den Hauderer, der seine Sachen auflud – der Tag war so glorreich schön – und trotzdem Hans-Georg den kavalleristischen Grundsatz kannte und schätzte: »Immer besser schlecht gefahren als gut gelaufen«, so entschloß er sich angesichts dieses fraglichen Vehikels mit dem elenden, krummbeinigen Pferde davor lieber zu dem letzteren, ließ den Wagen auf der staubigen Landstraße allein dahinzunkeln und schlug selbst einen wohlbekannten Feldweg ein, der ihn bald in den Wald brachte, in dem er ja natürlich auch Weg und Steg kannte. In großen Häusern mit einer zahlreichen und wohlgeschulten Dienerschaft sind solch überraschende Besuche wie der, den der Erbgraf vorhatte, meist keine unangenehmen, wenn man voraussetzen darf, daß die Person, die so unerwartet hineinschneit, hochwillkommen ist. Aber selbst die geliebteste Person kann einem kleinen und beschränkten Haushalt zum Entsetzen gereichen, besonders wenn in diesem Haushalte noch die gottlob aussterbende Sitte der »Waschefeste« herrscht. Solch ein unerwarteter Gast kann dann zur größten Strafe werden. Die Hausfrau, statt sich nach wohlgetroffenen Vorbereitungen ihres mit Vergnügen erwarteten Gastes zu freuen, muß nun hinaus und wie ein Negersklave schuften und schaffen, um das Fremdenzimmer instand zu setzen, um in der Küche die Mahlzeit zu richten, die der ob seiner glänzenden Idee der Überraschung ganz allein strahlende Gast doch haben muß. Nun muß das »Mädchen für alles« von der Arbeit – wohl gar (Himmel, hast du keine Blitze?) vom Waschfaß weg, wo die Waschfrau auch schon auf ihre nächste Mahlzeit (sechse am Tage) wartet; das Mädchen glüht und riecht nach Seife und fürchtet sich vor dem Zorn der Waschfrau, den diese einstweilen auf die Hausfrau abladet und droht nicht mehr wiederkommen zu wollen, wenn sie keine Hilfe bei der Arbeit habe und ewig auf ihr wohlverdientes Essen warten müsse. Und während der Haustyrann nun grollt, die Hausfrau die Betten bezieht und den Staub wischt, den Ofen heizt und so weiter, während das Mädchen in der Küche priezelt und kocht, indes der Hausherr krampfhaft den lieben Gast unterhält, der fortwährend fragt, warum denn die liebe Hausfrau nicht komme – es sei ja gar nicht nötig, irgendwelche Umstände zu machen, man nehme ja mit allem vorlieb – (was nur der Teufel glaubt), da ist die Ungemütlichkeit, die Hetzerei als unerwarteter Gast mitgekommen und die Überraschung darf als total gelungen betrachtet werden. Es gibt aber Leute, die es trotzdem nicht lassen können, zu überraschen, die aber selbst mordsmäßig pikiert werden würden, wenn man's so machte, wie sie. In großen Häusern mit zahlreicher, gutgeschulter Dienerschaft, wie gesagt, da kann man der sonderbaren Passion des Überraschendkommens schon eher frönen, besonders, wenn man genau weiß, daß man willkommen ist, worüber aber auch eine sehr weitverbreitete Selbsttäuschung herrscht, – und wann diese statthat, so läßt sich ein solcher Gast in den weiten Räumen eines Schlosses oder Palastes schon eher »kalt stellen«, als in den beschränkten vier Wänden einer engen Mietwohnung, selbst wenn der Gast es verlangt, oder von der Manie besessen ist, sich unterhalten zu lassen.

Bei den Kindern des Hauses liegen ja die Dinge ganz anders, ganz gleich, ob der Raum eng ist oder weit. Hans-Georg hatte natürlich auf der Seeburg seine eigene Zimmerflucht, die stets zu seinem Empfange bereitstand wie die der anderen Mitglieder der Familie, und der Koch, der auch schon X Jahre im Hause war, brauchte bloß zu hören: der Erbgraf ist daheim, um ganz von selbst die Lieblingsgerichte desselben auf die Speisekarte zu setzen.

Das alles wußte Hans-Georg; er war sich seines Willkomms vollständig bewußt und doch war er diesmal nicht so ganz sicher, wie man seine unangemeldete Ankunft aufnehmen würde. Hingegen war er sich seines eigenen Weges so sehr sicher, daß ihm die Ungewißheit nichts von seinem eigenen inneren Glücke rauben konnte, wenngleich es ihm auch durchaus nicht gleichgültig war, was sie daheim dazu sagen würden. Denn bisher hatte er nie eine Meinungsverschiedenheit mit ihnen gehabt, die zu einem Konflikt hätte führen können; Eltern und Sohn achteten einander und hatten das schöne Vertrauen in sich, das die Handlungen eines jeden als ehernhaft voraussetzt, und auf dieser Grundlage hoffte Hans-Georg sehr mit Recht zu einem allseitig befriedigenden Kompromiß zu gelangen, falls sich eine glatte Abwicklung der Heiratsangelegenheit auf Grund irgendwelcher Familiengesetze nicht herbeiführen ließ im orthodoxen Sinne. Und da er wußte, daß es sich nicht um Biegen oder Brechen, sondern um eine friedliche Einigung handelte, so schritt er in dem leuchtenden Sonnenschein dieses herrlichen Tages mit so leichtem Schritt dahin, als hätte er keine unbequeme Nacht im Eisenbahnwagen hinter sich, – eine Nacht, nach welcher der Kulturmensch seine Stimme erhebt, um nach einem Bade und Kleiderwechsel zu rufen.

Die Sonne hatte auf dem Feldwege tüchtig gebrannt, und Hans-Georg war darum ganz froh, als er im Walde war. Es war nur ein Fußpfad, den er zunächst betrat, und wenn er den etwa einen Kilometer verfolgte, dann kam er in die große Schneise, die direkt zur Seeburg führte. Und als er in diese Schneise einbog, da fuhr gerade ein leichter Pirschwagen vorüber, im Schritt gezogen von einem Paar sehr bestechend aussehenden Apfelschimmeln im Sielengeschirr. Gelenkt wurde das Gespann von einem etwas krumm sitzenden Kutscher im graugrünen Lodenrock und dito Hut – es darf auch nicht verschwiegen werden, daß die Toilettengegenstände, von Sonne und Regen in schöner Gleichmäßigkeit bearbeitet, eine mehr gelbgrüne Farbe angenommen und von geradezu strahlender Ruppigkeit waren. Unter dem Hute aber sah Hans-Georg krauses, kurzgeschnittenes, fast weißes Haar in starken Massen hervordringen und da brauchte er gar nicht erst auf die gegen das Spritzleder des Kutschbockes gestemmten derben Schmierstiefeln mit den enormen Doppelsohlen zu sehen, um zu wissen, wer den Pirschwagen dort lenkte.

»Tante Murr!« schrie er laut hinter dem Wagen her und die Apfelschimmel standen ganz von selbst still. Der Kutscher konstatierte dies Faktum durch einige kräftige Apostrophe, ehe »er« von dem Anruf Notiz nahm.

»Was ist denn das? Wer hat euch denn die Erlaubnis gegeben, von selbst stillzustehen, ihr ollen Faulpelze, ihr?« schnob »er« seine Pferde an. »Ihr habt euch woll wieder was ›gedacht‹, hä? Auerhühner denken, – ich will's mir ausgebeten haben; habt ihr mich verstanden, ihr Hunkepunken, ihr?« Den dienstlichen Riß besorgt, drehte sich die starke Gestalt um. »Beim Jingo! 's ist der Lümmel, der Hans-Georg!« rief sie, indem ein freundliches Lächeln über die nicht unschönen, aber verwitterten, sonnverbrannten Züge flog. »Wo kommst du denn her?«

»Direkt vom Genfer See, Tante Murr.«

»So? Na, dann hätt'st du auch was Gescheiteres machen können!« war die überraschende Antwort.

»Was hast du denn gegen den Genfer See?« erkundigte sich Hans-Georg interessiert.

»Dort hat mir auf'm Dampfschiff einer das Portemonnaie gestohlen, und dann hat der Kellner, der mir den Kaffee gebracht hatte, noch gedacht, ich wollte die Zeche prellen, der Schweinekerl, der!« donnerte Tante Murr in den erstaunten Wald hinein mit vollständig frischem, hellodernden Zorn, trotzdem die Sache schon fünfundzwanzig Jahre her war.

Hans-Georg lachte, daß er sich bog.

»Das ist ja zum Begraben«, versicherte er in ehrlicher Begeisterung. »Da hätt' ich dich sehen mögen. Das heißt, eigentlich ist mir's ganz lieb, daß ich nicht mit dabei war, denn du hast gewiß einen Mordsradau gemacht.«

»Hätt'st du vielleicht das Maul gehalten?« schrie Tante Murr mit rotem Kopfe.

»Also du hast einen Mordsradau gemacht«, nickte Hans-Georg. »Na, und wie hast du denn den Kellner schließlich bezahlt? Hast du jemand andern angepumpt?«

»Quatsch doch keinen Stuß, – ich kannte ja keine Katze auf dem ganzen Schiffe«, erklärte Tante Murr verächtlich. »Nee, nachdem wir alle beide, der Kellner und ich, einen tollen Hallo zum Benefiz der übrigen Passagiere gemacht hatten, was den Dieb meines Portemonnaies wahrscheinlich sehr diverdiert hat, da hab' ich dem Jammerbolzen meine Uhrkette als Pfand gegeben und weil der Esel auch noch in seinem Rechte war, sie andern Tages mit den fünfzig Centimes für den Kaffee und fünf Franken Trinkgeld wieder eingelöst. Die einzige Freude, die ich dabei hatte, war die, daß das Portemonnaie nicht nur ein Loch hatte und so alt war, daß man daraus Bouillon hätte kochen können, sondern, daß überhaupt bloß noch drei Franken drin waren und ein Zahnstocher, Wachszündhölzer, Taschenkalender, Englisch Pflaster, Handschuhknöpfer, und im Goldtäschchen drei große Reserveknöpfe für meinen Regenmantel.«

»Gott bewahre! Nach dem Umfange, den das Portemonnaie danach gehabt haben muß, hat es natürlich die Herren Taschendiebe gereizt«, erklärte Hans-Georg mit einem Ernst, dem seine lachenden Augen widersprachen. »Und nun, Tante, bitt' ich dich, mir einen Platz im Wagen zu gestatten, falls du heimfährst.«

»Na, wo sollt' ich denn sonst hinfahren?« sagte sie grob. »Immer rin ins Vergnügen.«

»Ah – ich sehe, du hast einen Rehbock geschossen –«

»Einen elenden, vermagerten, jammervollen Krepierling hab' ich geschossen«, schrie sie blaurot vor Zorn. »Ein Jammergestell mit einem Gehörn, daß es einen grünen Esel erbarmen könnte! Und warum? Weil der Koch Rehkoteletten machen will! Seit einer Woche pirsche ich auf einen kapitalen Bock und bin heut früh draußen, ehe's noch Tag wurde. Aber der Oberförster, der den Bock selbst schießen will, der alte Fuchs, hat mich auf eine falsche Spur gesetzt und sich wahrscheinlich diebisch gefreut! Der soll mir über den Weg laufen, da hört er einen Marsch von mir, daß die Posaunen von Jericho die reinen Kindertrompeten dagegen sein sollen, so wahr ich Murr heiße!«

Hans-Georg würgte mühsam mit seinem Lachen, besonders bei der letzten an Eides Statt gegebenen Versicherung, aus der erhellte, daß Gräfin Marie von Seeburg über dem gewohnten Spitznamen total vergessen hatte, wie sie eigentlich hieß. Aber er hütete sich, sie darauf aufmerksam zu machen, denn Tante Murrs Zorn war echt, und es war mit ihr nicht zu spaßen, wenn sie in ihren heiligsten Gefühlen als Jüngerin Nimrods gekränkt worden war. Der gesuchte Bock mußte wirklich hervorragend gewesen sein, wenn sie den erlegten im Rückteile des Wagens schon für einen »elenden Krepierling« erklärte. Er ließ sie also vermöge seiner langerworbenen Weisheit ruhig austoben und kletterte hinauf auf den freien Sitz neben sie. Dort angelangt, umarmte er zunächst seine zornschnaubende Verwandte mit aufrichtiger Inbrunst und drückte einen kräftigen Kuß auf ihre wetterrauhe Wange.

»Na, morgen, morgen«, murmelte sie auf diese Begrüßung, die sie durch einen festen Klaps auf den Rücken des jungen Mannes erwiderte. »Keine Katze hat mir gesagt, daß du heute heimkommst.«

»'s hat's auch keine Katze gewußt«, erklärte er, während Tante Murr ironisch ihre Apfelschimmel fragte, ob es den allergnädigsten Herrschaften jetzt genehm wäre, ihre werten acht Beine 'n bissel in Bewegung zu setzen? »Aber ein bissel plötzlich, wenn's beliebt, oder der Teixel soll euch regieren!«

Die Apfelschimmel kannten ihre Herrin und deren blumenreiche Sprache seit so vielen Jahren, daß sie sich nichts mehr daraus machten. Sie schüttelten lächelnd ihre schönen Mähnen und setzten sich in einen Trab, der nichts von unwürdiger Eile verriet.

»So?« fragte Tante Murr dann mißtrauisch. »Du kommst also überraschend? Was haste denn ausgefressen, mein Junge?«

»Wieso?«

»Ach Gott, die Witze kennt man doch. Wenn ein Kind des Hauses unangemeldet zu außergewöhnlicher Zeit erscheint, dann hat es was ausgefressen. Das ist so sicher wie, daß der alte Halunke, der Oberförster, mich heute auf den Holzweg geschickt hat. Na also, raus mit der Katze aus dem Sack! Denn ich muß doch helfen, was?«

»Tante, deine Menschenkenntnis macht dir alle Ehre, aber ich glaube nicht, daß du mir helfen kannst.«

»Also haste was! Natürlich. Zwar, gequetscht siehste nicht gerade aus –«

»Bin ich auch nicht, – im Gegenteil, ich bin sehr gehoben.«

»Aha! Pfeifst du aus dem Loche?«

»Aus welchem Loche soll ich denn pfeifen?«

Tante Murr spitzte die Lippen und pfiff mit mehr Gefühl als musikalischem Gehör die Melodie des Pagen aus dem Figaro: »Ihr, die ihr die Triebe des Herzens kennt –« Dann kniff sie ein Auge zu und blinzelte mit dem andern ihren Neffen bedeutungsvoll an; als er aber darauf nicht zeichnete, polterte sie ungeduldig heraus:

»Na, zum Kuckuck, – wer ist denn die Gans?«

Denn bei Tante Murr wurden alle jungen Mädchen unter dem Sammelnamen »Gänse« in einen Pott geworfen.

»Wie kann man nur in deinem Alter so neugierig sein«, erwiderte Hans-Georg mit herzlichster Anteilnahme an diesem Charakterfehler. Und nun wußte Tante Murr auch, daß entweder keine »Gans« im Spiele war, oder daß aus »dem Bengel« nichts rauszukriegen war. In solchen Momenten zog sich das Hökerweib in Tante Murrs Charakter sofort zurück und die vornehme Seite trat an den Tag, wie die Figuren an einem Wetterhäuschen. Sie nahm die Zügel in die Rechte und streichelte mit der Linken leise über die Hand ihres Neffen.

»'s ist recht«, sagte sie ernst. »Sachen, über die man nicht reden will, ehe man nicht darf, die sind Heiligtümer, daran auch andere nicht rühren dürfen. Aber eins sag' ich dir«, schrie sie, indem die vornehme Dame förmlich in das Wetterhäuschen zurückschnellte und das Hökerweib hervorschoß, »der Popelmann soll dich holen, wenn jemals ein anderer wie ich es zuerst erfährt, wenn du auf's Freien gehst. – Willste 'ne Giftnudel? Fass' mal in meine linke Rocktasche – da steckt das Zigarrenetui und die Streichhölzer.«

»Hm«, machte Hans-Georg, mit einem Seitenblick auf die einladend weit auseinander klaffende Tasche, in der sich die heterogensten Gegenstände hart im Raume zu stoßen schienen. »Welche Sorte hast du mit? ›Heideröslein‹? oder ›Erlkönig‹?«

Sie lachte gutmütig.

»Eine Überzigarre«, meinte sie schmunzelnd.

»Wieso, Überzigarre?« fragte er mißtrauisch.

»Na, weil sie jenseits von Gut und Böse ist.«

»Donnerwetter – muß das 'ne Sorte sein!«

»Ich hatte sie für den Oberförster eingesteckt, weil ich ihn schon auf dem Striche hatte«, erklärte sie grimmig. »Aber der muß sie gerochen haben, denn er hat sich nicht mehr sehen lassen, der Schlauberger der.«

Nach dieser Erklärung verzichtete Hans-Georg gern auf die Zigarre in Tante Murrs linker Rocktasche und da er den Oberförster als einen vorsichtigen Mann kannte, so wurde sein Mitgefühl mit diesem schwergeprüften Beamten auch entschieden weniger heftig, als mit sich selbst.

»Wie geht's daheim, Tante?« fragte er. »Alles wohlauf?«

»Wenn du meinst, ob der Doktor und der Apotheker was auf der Seeburg verdient haben, dann kann ich dir die Beruhigung geben, daß alles dort heil ist«, erwiderte Tante Murr. »Aber offen gesagt – dein Vater wird alt.«

»Wie meinst du das? Die Mutter hat nie ein Wort der Besorgnis geschrieben.«

»Das sähe ihr auch nicht ähnlich, ihren Kindern in der Ferne ohne greifbare Gründe bange zu machen. Aber sie hat's mir gestern selbst erst zugegeben, daß mein Bruder – na ja – alt geworden ist. Wie einer, den irgend etwas drückt. Das hat sich schon eine ganze lange Weile vorbereitet, und wenn es deine Mutter auch nicht Wort haben will, ich sage, die Geschichte ist nicht mehr in der Ordnung seit der letzten großen Jagd, die wir auf der Seeburg hatten. Vor anderthalb Jahren, weißt du.«

»Wo der Vater seine Gäste in ihren Zimmern bis aufs gegebene Signal konsigniert haben soll?«

»Gerade von eben da ab. Es handelt sich dabei gar nicht erst um ein ›soll‹ – die Geschichte ist buchstäblich wahr. Ich war nicht da, wie's geschah und hab's nicht glauben wollen, besonders, da deine Mutter bloß: ›Puh! Puh!‹ auf meine Frage sagte. Und wenn das nicht zum mindesten komisch war – ja, was war's denn sonst dann?«

»Und hat man nie erfahren, warum –«

»Nie. Von wem denn auch? Meinen Bruder habe ich nicht gefragt – er sah ohnehin aus, als lastete was auf ihm, da wird man ihn doch nicht noch pisacken mit solch dummem Gefrage über eine Sache, über die er evident nicht reden wollte. Also. Aber seitdem ist er nicht mehr auf der Höhe. Es ist mir die letzten Tage ganz besonders aufgefallen.«

»Das tut mir schrecklich leid«. sagte Hans-Georg warm. »Er ist ein so vollendeter Gentleman, der Vater, der auch den Gentleman in seinen Kindern zu würdigen weiß. Vielleicht komme ich gerade jetzt ganz gelegen und kann irgendwie behilflich sein.«

»Hoffentlich«, meinte Tante Murr. »Mir kam, wie ich dich sah, gleich der Gedanke, daß es vielleicht ganz gut ist, wenn dein Vater dich mal allein für sich hat, ohne die ganze andere Muschpoche. Du stehst ihm doch am nächsten, – nicht nur, weil du der Erbe bist. Joachim ist so kalt wie eine Hundeschnauze, immer berechnend und legt einem immer Fuchseisen – moralische heißt das. Ein schöner Kerl ist er, dein Herr Bruder, das ist wahr und mit seinem Äußeren und seinen musterhaften Formen hat er auch die schöne Frau bekommen, die ihr warmes Herz so gut verstecken kann, daß man gar nicht glaubt, sie hat eins. Na, also, was ich sagen wollte, mit dem kühlen Streber, dem Joachim, wird dein Vater doch nicht warm –«

»Tante, meinem Vater steht Joachim gerade so nahe, wie ich«, unterbrach Hans-Georg seine Verwandte. »Dazu ist der Vater schon viel zu gerecht, als daß er eines seiner Kinder bevorzugen würde. Du hast Joachim immer etwas am Zeuge zu flicken gehabt.«

»Ach was«, machte Tante Murr ärgerlich und brannte ihren Apfelschimmeln mit der Peitsche eins über. »Joachim hat mir immer am Zeuge geflickt. Da liegt der Hase im Pfeffer. Ich war ihm niemals elegant genug, ›Der Lappen draußen und der Lump drinne‹, das ist dem sein Prinzip, während ich die Lumpen lieber nach außen hänge. Und Spaß hat er auch nie verstanden, und das kann ich nicht vertragen. Warum verstehe ich mich denn mit seiner Frau so gut? Warum mit dir und mit Gertrud und mit ihrem Schafskopf von Mann? Hä? Joachim bürstet mich immer gegen den Strich, besonders wenn er mit seinem süffisanten Gesicht in der Seeburg herumschnüffelt und jedem, der's nicht hören will, die heilige Versicherung gibt, wenn er hier was zu sagen hätte, dann würde so mancher rein blödsinniger Posten in dem Haushalte gestrichen werden und die unnützen Fresser den Laufpaß erhalten. Darunter rechnet er mich nämlich auch.«

»Was du dir nicht alles einbildest.«

»Ich weiß, was ich weiß. Ich kenne ihn, den Siebenmalweisen, das Lumen der Familie. Ist er etwa sehr zärtlich zu dir?«

»Nee, – das liegt nicht in Joachim, zärtlich gegen irgend jemanden zu sein. Aber deswegen erkenne ich doch gern an, daß er ein kluger Kopf ist, ein äußerst fähiger Diplomat, der sicherlich eine bedeutende Zukunft vor sich hat.«

»O ja, ja doch! Dem seine liebste Zukunft wäre aber doch, der Erbe von Seeburg zu sein.«

»Dazu kann ihm vielleicht noch geholfen werden«. murmelte Hans-Georg, doch so leise, daß es Tante Murr nicht verstand. Übrigens waren sie auch am Ziel. Aus der Schneise waren sie auf die Landstraße gekommen, die sie in kurzer Linie bis zum Parkeingang verfolgten, und auf dieser Strecke hatte man einen vollen Überblick über die Lage und Umgebung der Seeburg. Sie lag ziemlich hoch über dem Spiegel des langgestreckten Sees, dessen Ufer zumeist dichte Wälder einsäumten, unterbrochen von Dörfern und hin und wieder einem Städtchen. Eine größere Stadt lag der Seeburg gerade gegenüber und diese selbst konnte man wohl für eine solche halten durch ihre mächtige Ausdehnung und durch ihren Bau. Die früheren Jahrhunderte bauten nicht stilgemäß, das heißt, sie versuchten nicht, die Baustile vergangener Zeiten nachzuahmen; sie bauten damals einfach zeitgemäß und darum machte die Seeburg, namentlich vom See aus gesehen, den Eindruck, als wäre sie eine Stadt mit Festungsmauern, Donjons, Türmen, Erkern und Patrizierpalästen, während sie doch ein Ganzes war, ein Herrensitz, den die Zeit zu diesem Umfange erweitert hatte. Nach Norden zu lag der älteste Teil, die ursprüngliche Pfalz, mit ihren festen Mauern und Türmen zur Verteidigung nach Land und See; daran hatte sich dann eine Serie von burgähnlichen Gebäuden angegliedert, die gleichfalls nach den offenen Seiten noch auf feindliche Überfälle berechnet waren, aber wohl erst später Söller und hölzerne Galerien angeklebt erhielten; und mit den zwei kathedralenartigen Türmen nach Westen, also nach dem See gerichtet, schob sich dann die Schloßkirche im schönen Frührenaissancestil herein, um nach Süden zu von dem immer moderner werdenden Schloßflügel eingeschlossen zu werden. Immer dicht eins ans andere angefügt schob sich hier ein hochgiebliger Renaissancebau heran, neben dem ein schon in den Barockstil übergehender Teil mit palastartig überladener Front prahlte; dann kam ein niedriger Saalbau mit nach allen Seiten offenen, säulengetragenen Loggien im italienischen Villenstil des achtzehnten Jahrhunderts und daran lehnte sich ein graziöser hocheleganter Rokokopavillon von schloßartigen Dimensionen, dann eine Säulenkolonnade und endlich ein Empireschlößchen mit griechischem Portikus.

Die Architekten von heute falteten die Hände in stummem Entsetzen, wenn sie dieses Konglomerat an Stilen sahen; die Kunstschriftsteller, welche über die Seeburg schrieben, hoben wohl einzelne Schönheiten vor, verurteilten aber aufs schärfste das Ganze; nur die Maler belagerten die Seeburg von allen Seiten und konnten nicht müde werden, entweder Gesamtbilder von ihr zu malen, oder einzelne Winkel und Ecken und Teile, die zu ihrer Phantasie sprachen. Auf alle Fälle war der »regierende« Pfalzgraf noch nicht geboren worden, der den Vandalismus gehabt hätte, die ältesten Stile zu modernisieren oder zu restaurieren, was man so darunter zu verstehen pflegt. Was zur Erhaltung des Baues geschah, – und es geschah immerzu etwas dafür, sintemalen der Zahn der Zeit nicht zu nagen aufhört und die Riesenmittel da waren, um einen derartigen Besitz im Bauzustand zu erhalten, – was also für das Gebäude geschah, das geschah so diskret, daß das Bild nicht getrübt wurde, weder nach außen noch nach innen zu, und so war bis zum heutigen Tage die Seeburg der merkwürdigste, scheinbar von der Neuzeit unberührte Gebäudekomplex geblieben, der vom See aus wie eine Stadt aussah, die sich vom Mittelalter allmählich nach einer Seite ausdehnend, bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts »modernisiert« hatte und dann über diesen Bestrebungen ein ganzes, langes Jahrhundert eingeschlafen war. So sah's von der Seeseite aus, und die Terrassen, die ans Ufer hinabführten, gehörten auch erst der Rokokoepoche an mit ihren Steinbalustraden und Treppen, ihren verwitterten Götterbildern auf verschnörkelten Postamenten. Die ältesten Teile links der Schloßkirche klebten auf den Felsen, die vom Ufer aufstiegen und waren vom See aus unzugänglich. Auf der Landseite schloß sich ein großer Park der Seeburg an, der auch noch zwei Epochen seiner Anlage aufwies, wenn man den mit hohen Taxushecken abgezäunten Küchengarten und auch das uralte Blumengärtlein der alten Pfalz nicht mitrechnete, das ohnehin von dem andern Park durch die nach Osten gerichteten Stallgebäude getrennt war. Dieser Park hatte nun seine Rokokoseite mit den künstlich verschnittenen Bäumen und buchsbaumeingefaßten Tulpenrabatten, mit dem chinesischen Teehäuschen, darin eine grinsende Pagode wohlwollend auf lackierte Möbel herabnickte, aber der größere Teil dieses Parkes war nach englischem Muster angelegt und repräsentierte damit die allerneueste Zeit, die sich im übrigen auch durch Anlagen für elektrisches Licht eingeschmuggelt hatte, das sich den ältesten Beleuchtungskörpern so wunderbar anzuschmiegen weiß, daß sie nichts von ihrer Eigenart verlieren. Von den südlichen Schloßteilen bis zur Kirche und noch ein Stückchen jenseits derselben, wo der Pfarrer seine Wohnung hatte, waren die Leitungsdrähte des modernen Lichtes, dem Auge unsichtbar, gelegt worden; die allerältesten Schloßteile waren unbewohnt.

Tante Murr lenkte den Apfelschimmel von der Landstraße in den Park, doch verfolgte sie nicht die lange, schnurgerade Allee schöner alter Buchen, die direkt zu der glasgedeckten Vorfahrt des Rokokopavillons führte, sondern bog nach ein paar Minuten in einen, rechts abführenden Seitenweg ein, der geradewegs vor die Ställe leitete, vor denen sie haltmachte. Dort zog sie den rechten Handschuh aus, steckte Zeige- und Mittelfinger ihrer Hand in den Mund und produzierte darauf einen solchen gellenden Pfiff, daß er sicher bis auf den See hinaus gehört werden konnte. Durch dieses einfache Mittel, sich bemerkbar zu machen, brachte sie auch umgehend mehrere Stallbedienstete zum Vorschein, denen sie die Zügel übergab. Dann kletterte sie von dem Wagen herunter, gab Befehl, daß der Rehbock dem Koch übergeben werden solle, – »aber ich lasse ihm sagen, wenn er mir das Gehörn nicht ordentlich auskocht, dann steige ich ihm aufs Dach« – worauf sie sich kritisch besah und dann meinte:

»Weißt du, ich will doch lieber erst in meine Bude gehen und mich 'n bissel hübscher machen zum Lunch – geh du nur allein zu deiner Mutter – ich kann mir ja gut vorstellen, wie sie sich über dich freuen wird.«

Damit nickte sie ihrem Neffen zu und schlenderte, die Hände in den Taschen ihrer Joppe, auf den von hier aus rechts von der Kirche liegenden Schloßteil zu, in welchem sie seit »Menschengedenken«, wie sie's nannte, unabhängig von dem übrigen Haushalte im oberen Stocke ihre Wohnung hatte, indes der Pfarrer den unteren bewohnte, von dem er direkt aus seinem Studierzimmer die Sakristei der Kirche betreten konnte. Hans-Georg aber ging an dem gedeckten Portikus der Kirche vorbei, vorbei an der hohen Giebelfront des Renaissancebaues wie an dem hufeisenförmigen Barockflügel, der seine offene Seite dem Park zuwandte, vorbei an dem Saalbau, und betrat dann den »Pavillon«. Einen Diener, den er im Vestibül traf, fragte er, wo seine Mutter wäre, und stieg auf den erhaltenen Bescheid die wundervolle, mit graziösem schmiedeeisernem Geländer versehene weiße Marmortreppe, die sich von dem ersten Absatz nach zwei Seiten verzweigte, hinauf in das obere Vestibül, das sein Licht durch das gewölbte Glasdach erhielt, welches auch die oberste, die Mansardenetage, erleuchtete. In diesem Vestibül, das mit seinen teilweise vergoldeten Stuckverzierungen, seinen von Meisterhand gemalten Paneelen, auf denen entzückende Amoretten mit Blumenranken spielten, seinen dicken, sattroten Teppichen, seinen geschnitzten und vergoldeten Möbeln eines Königs würdig gewesen wäre, zögerte Hans-Georg einen Augenblick und klopfte dann an die Tür, hinter der sich das Boudoir seiner Mutter befand. Ihre Stimme rief »Herein!« und er betrat den schönen, hellen, eleganten Raum, den sie sich zum Privatissimum ausgewählt und der dadurch zum Mittelpunkt des ganzen, enormen Gebäudekomplexes wurde, den man bescheidentlich »die Seeburg« nannte. An ihrem Schreibtisch sitzend, wandte sie sich um, als sich die Tür öffnete, eine hohe, elegante Erscheinung mit schneeweißem, sorgsam frisiertem Haar und einem feingefurchten Gesicht, aus dem die innere Freundlichkeit und Herzensgüte leuchtete.

»Hans-Georg! Junge, – wo kommst du denn her?« rief sie aufspringend mit dem hellen, jugendfrischen, herzlichen Ton, der es ihrer Umgebung so wohl bei ihr machte. Und mit einem Schritt war sie ihm entgegengeeilt und hatte ihn herzlich abgeküßt. »Mater meiniges!« Mit diesem alten Kosenamen seiner Kindertage grüßte er sie auch heute wieder, Dankbarkeit, Rührung, Kinderfreude in Stimme und Herzen.

»Das ist ja eine ganz unerwartete Überraschung;« sagte eine tiefe, leise Stimme hinter ihnen und nun sah der Erbgraf erst, daß sein Vater auch im Zimmer war und sich aus dem tiefen Sessel, in dem er gesessen, erhoben hatte: das war so recht eine vornehme Erscheinung der alten Schule, dieser Enkel eines depossedierten Duodez-Souveräns mit seiner aufrechten, nie vernachlässigten Haltung, seinen chevaleresken Manieren, die er auch vor seinem Kammerdiener nie und unter keinen Umständen verleugnet hätte, seiner immer korrekten Toilette, seiner Würde und Hoheit, die sicherlich jede unzeitige und vulgäre Vertraulichkeit entfernte, nie aber kalt zurückstieß. Die schönen, milden blauen Augen des Pfalzgrafen – das Ebenbild der Augen seines Sohnes – durchleuchtete unverkennbar das Licht der Freude, als er, nach gewohnter Art den lang auf die Brust wallenden Bart streichend, seinem Erben entgegentrat. »Ich frage mit deiner lieben Mutter: Wo kommst du denn her? Wohl zunächst zu Fuß von der Station, deinen bestaubten Stiefeln nach?«

»Oh, ich bin nur ein Stückchen gelaufen, dann traf ich Tante Murr auf ihrem Pirschwagen – in einer feinen Wut übrigens, weil sie den gesuchten Bock nicht gefunden hat – und da hat sie mich denn hierher gefahren. Ich bitte übrigens um Entschuldigung«, setzte er, die Hand seiner Mutter küssend, hinzu, »daß ich so ohne Ankündigung gekommen bin.«

»Du bist zu Hause und kannst ein und aus gehen, wie es dir beliebt«, erwiderte der Pfalzgraf. »Kommst du denn in einem Strich von London?«

»Nein, ich komme von Montreux«, antwortete Hans-Georg verwundert, daß sein Vater das nicht wußte, oder übersehen hatte.«

»Ah – ah – von Montreux«, wiederholte der Pfalzgraf und sah seine Frau lächelnd an, die darob wie ein junges Mädchen rot wurde.

»Wenn man vom Wolfe spricht, ist er nicht weit«, rief sie mit einer Verwirrung, die etwas sehr Reizendes an ihr hatte. »Wir haben nämlich von dir geredet, du großer Junge –«

»Ja, und deine liebe Mutter hat dabei eine ganz merkwürdige Beichte abgelegt«, vollendete der Pfalzgraf mit einem leisen Lächeln. »Aber sie war damit wohl noch nicht ganz fertig geworden, sonst hätte ich kaum gefragt, ob du aus London kämst –«

»Wenn man nicht ausreden darf!« rief die Pfalzgräfin mit einem langen, prüfenden Blick auf das Gesicht ihres Sohnes, dem sie, trotzdem sie selbst mehr als Mittelgröße hatte, kaum bis an die Schultern reichte

»Eine mich betreffende Beichte hat die Mater meiniges abgelegt?« rief Hans-Georg lachend. »Ja, um Himmels willen, was hat sie denn an ihrem ältesten Sohne verbrochen?« –

»Hans-Georg, – dir ist wohl der Londoner Nebel auf den Kopf gefallen?« fragte die Pfalzgräfin mit gefalteten Händen und so drolliger Betonung, daß der junge Mann laut lachen mußte.

»Sie ist endlich mit Erfolg bei Tante Murr in die Schule gegangen, die liebe Mater«, sagte er zu seinem Vater gewendet. »Tante Murr hätte es vielleicht noch kräftiger ausgedrückt, – deutlicher hätte sie kaum werden können.«

»Bis zu der unerreichbaren Höhe ihres Ehrentitels bin ich ihr aber noch nicht gefolgt«, verteidigte sich die alte Dame lachend. »Aber es kommt noch dazu, wenn ich alt genug werden sollte, denn ich muß eingestehen, daß ich mich vor ein paar Tagen habe hinreißen lassen, mein neues Stubenmädchen ein kleines Schäfchen zu nennen. Aber wirklich – ich habe sie nur ein ›kleines‹ genannt, und ›Schäfchen‹. Tante Murr hätte Schaf gesagt.«

»Und großes oder Patentschaf dazu«, vollendete Hans-Georg mit Überzeugung.

»Laß dir erklären –«, begann der Pfalzgraf mit leisem, aber nur aus Prinzip überhaupt gezeigtem Kopfschütteln –, doch seine Frau unterbrach ihn mit gewohnter Lebhaftigkeit. »Wenn's zu Erklärungen kommt«, rief sie, Hans-Georg auf ein kleines Sofa neben sich ziehend, indes der Pfalzgraf wieder Platz in seinem Sessel nahm, »dann müssen wir beim Anfang anfangen und auseinandersetzen, wie wir überhaupt zu diesem Thema gekommen sind. Johannes, du hast das Wort.«

»Der alte Herr verbeugte sich vor seiner Gattin, – nicht scherzweise, sondern in vollkommenem Ernst unter Wahrnehmung der Courtoisie, die er ihr schuldig zu sein glaubte und von der er selbst sich unter keinen Umständen dispensiert hätte.

»Die Mitteilung, die ich deiner Mutter zu machen kam, geht auch dich nahe an«, sagte er, »und ich hätte, wenn du nicht in Person hierherkamst, Gelegenheit genommen, sie dir brieflich zu machen, als meinem Erben.«

»Das klingt so feierlich, lieber Vater!«

»Nun, ein ganz klein wenig Feierlichkeit ist wohl auch damit verknüpft«, fuhr der Pfalzgraf fort. »Ich glaube, wir haben es schon früher einmal besprochen, daß der altehrwürdige Pfalzgrafentitel, den der Chef des Hauses Seeburg seit so vielen Jahrhunderten getragen hat, so unzeitgemäß geworden ist, wie jener der Rauhgrafen, der Wild- und Rheingrafen –«

»Gewiß, ich entsinne mich dieses Gespräches«, fiel Hans-Georg lebhaft ein. »Ich vertrat den Standpunkt des Unzeitgemäßen leider damals zu deinem Mißvergnügen, indem ich für Annahme des einfachen Grafentitels plädierte. Es hat mir leid getan, dich damit geärgert zu haben, denn das war die Sache nicht wert.«

Der alte Herr reichte seinem Sohne freundlich die Hand.

»Ich bin, wie du weißt, den Forderungen der Neuzeit und Änderungen des Überlebten nicht ganz unzugänglich«, sagte er herzlich. »Ich habe mir die Sache überlegt und eingesehen, daß der alte Titel nicht nur gegenstandslos geworden ist, sondern auch eine Antiquität, die so wenig in diese seit fünfzig Jahren so stark veränderten Zeiten paßt, wie der Ritterpanzer zum Frack, um mich eines trivialen Vergleiches zu bedienen. Ich weiß überdies sehr gut, daß der Titel nur noch offiziell und auf den Briefumschlägen zum Ausdruck kommt, um nicht bei mir anzustoßen, daß mich aber sonst kein Mensch mehr ›der Pfalzgraf‹ nennt. Ist es doch dem Hofmarschallamt passiert, an mich als ›An Seine Erlaucht den Herrn Grafen zu Seeburg und Sonnenberg‹ zu schreiben. Wenn ich mich dennoch nicht zur Annahme des Grafentitels schlichtweg entschließen konnte, so geschah es, weil dies ein Herabsteigen von meiner Rangstufe bedeutet hätte, und ich bekenne mich noch altmodisch genug, darauf Wert zu legen. Der Pfalzgraf genoß im alten Reiche Fürstenrang, wie es der Landgraf heute noch tut, und darum bin ich bei dem neuen Reiche vorstellig geworden, den Pfalzgrafentitel mit dem ihm gleichwertigen Fürstentitel vertauschen zu dürfen. Man hat mir Allerhöchsten Orts dies, offen gesagt, schon vor ein paar Jahren angeboten, doch ich war, im Stolz auf meinen uralten Titel, nicht darauf eingegangen. Aber man muß eben mit der Zeit gehen, sonst geht sie über uns weg, und daß sie damit in meinem Falle angefangen hatte, darüber hat mich das Versehen des Hofmarschallamtes belehrt, das vielleicht überhaupt nicht unabsichtlich war. Nun wohl, – man ist meiner Eingabe sozusagen mit offenen Armen entgegengekommen, und ich erhielt heute die vertrauliche Mitteilung, daß die Ausfertigung der Diplome angeordnet wäre. Sobald diese unterzeichnet sind, geht der Pfalzgraf dahin, wohin er längst schon gehört: in die Raritätenkammer, und der Fürst von Seeburg und Sonnenberg hißt seine neue Standarte an Stelle der zerschlissenen Oriflamme der alten Pfalzgrafen. Eine ›Standeserhöhung‹ ist ja damit, wie ich ausdrücklich betonen möchte, nicht verbunden: die Titel sind sich im Range vollständig gleich –«

»Nur die Umänderung des Prädikates ›Erlaucht‹ in ›Durchlaucht‹ könnte so aufgefaßt werden, als ob ein besonderer Gnadenakt vorläge und eine – Erhöhung«, fiel die Pfalzgräfin ein.

»Das ist der unumgängliche Zuckerguß, den wir mit dem selbstgewählten Gerichte verschlucken müssen«, sagte der alte Herr mit leichter Ungeduld. »Die Zeitungen werden ja auch von einer ›Standeserhöhung‹ berichten mit Ausnahme der wenigen, deren Korrespondenten die Sachlage richtig erkennen. Das sind Dinge, die nicht zu umgehen sind. Du, Hans-Georg, erhältst den Titel: Erbprinz; dein Bruder und seine Kinder behalten ihren früheren Titel; die Änderung betrifft also nur die Primogenitur.«

Hans-Georg hatte mit immer mehr sinkendem Herzen zugehört. Sein Vater hatte gut die vollkommene Gleichheit der Titel zu betonen, um vor sich selbst die kleine Eitelkeit zu beschönigen, die ihn zu der Änderung derselben am Ende doch nur verführt, aber er, er wußte ganz genau, daß dies eine »Erhöhung« bedeutete und als solche auch zweifellos an maßgebender Stelle aufgefaßt wurde. Und dann – gesetzt, er hätte eine offene Tür gefunden für seine Wünsche und Hoffnungen, trotzdem er dieser offenen Tür gar nicht so sicher war – jetzt fand er sie wahrscheinlich verschlossen, wenn er die Schwelle mit keiner durchlauchtigen Braut zu überschreiten kam. Er fühlte den Blick seiner klugen Mutter auf sich ruhen, er wußte, sie las in seinem Herzen, wie in einem offenen Buch, und aufblickend, sah er seines Vaters Augen mit einem gewissen Staunen auf sich gerichtet.

»Nun, du sagst nichts?« fragte er leise. »Freilich – du bist der Neuzeit näher als ich. Und doch ist der Fürstentitel selbst heutzutage noch zeitgemäß.«

Hans-Georg lächelte wider Willen.

»Das halte ich für ein Glück«, sagte er ehrlich.

»Leute, die, wenn auch nur durch einen Titel, an der Spitze der sozialen Bewegung stehen, wird es immer geben müssen – auch im Zukunftsstaate. Das ist meine feste Überzeugung. Auf den Namen des Titels kommt es mir dabei weniger an, und da du betonst, daß er dasselbe bedeutet wie früher, dann ist auch wenig dazu zu sagen.«

»Nun, ich möchte doch wissen, ob du mit mir in der Titeländerung übereinstimmst. Ich habe so das Gefühl, als ob du mich damit für reaktionär hältst –«

»Des Titels wegen? Gott soll mich bewahren, jemand und ganz besonders dich wegen solcher Äußerlichkeit zu beurteilen. Du wirst als Fürst von Seeberg derselbe liberal denkende Gentleman bleiben, der du als Pfalzgraf warst«, erwiderte Hans-Georg ernst. »Und wenn mir jemals ein Zweifel kommen sollte, so brauche ich ja nur an mich selbst zu denken, dem von einem weisen Vater als seinem Sohn und Erben gestattet wurde, sich einem Berufe zu widmen, der ohne Präzedenzfall in unseren Kreisen dasteht.«

Der Pfalzgraf sah seinen Sohn freundlich an. »Zunächst wußte ich, daß du, welchen Beruf du auch wähltest, immer derselbe bleiben würdest: mein ehrenwerter Sohn und Träger unserer Traditionen«, sagte er. »Es kann auch sein, daß mich der Gedanke bestimmt hat, dich befriedigt zu sehen in einem Dasein der Arbeit und der geistigen Tätigkeit, denn ich weiß sehr wohl, daß es nicht gut tut, einen geistig regsamen Menschen in einen Beruf hereinzuzwingen, den er doch nur widerwillig ausübt. Aber das war nicht mein einziges Motiv, als ich deinen Wünschen nicht nur keinen Widerstand entgegensetzte, sondern einfach sagte: Gut, gehe hin und werde, wozu deine Neigung und deine Begabung dich treibt. Die Zeiten sind ja wohl andere geworden und heut ist möglich, was zu meinen Zeiten unerhört gewesen wäre. Aber wie gesagt: es war nicht mein einziges und mein bestimmendes Motiv. Doch darauf komme ich noch später einmal zurück. Ich war zu deiner lieben Mutter gekommen, um sie von der Antwort in Kenntnis zu setzen, die ich aus dem Kabinett erhalten, und bei dieser Gelegenheit hat sie mir die kleine Beichte abgelegt, von der ich dir schon sprach. Ich knüpfte nämlich an meine Mitteilung die ganz naturgemäße Frage an, ob es nun nicht am Ende an der Zeit wäre, daß du dich nach einer Frau umsähst, und hörte dabei zu meinem ehrlichen Erstaunen und offenen Vergnügen, daß deine liebe Mutter nach echter Frauenart ein wenig Vorsehung gespielt und sich durch Tanten und Basen hat verleiten lassen, dir eine Braut in den Weg zu schieben. Nun, jeder Mensch hat seine schwachen Stunden –«

»Johannes –«

»Und eine Stelle, wo er sterblich ist«, fuhr der Pfalzgraf unbeirrt fort. »Die Tanten und Basen haben eben diese Stelle bei dir berührt, liebe Elisabeth! Dabei finde ich nichts, als etwas, was mir eine wirklich vergnügte Stunde bereitet hat, denn so ist einmal der Mensch: er freut sich, wenn er bei seinem Allernächsten mal eine kleine Schwäche entdeckt. Aber was mich mit einem maßlosen Staunen erfüllt hat, ist, daß Hans-Georg sich auf den freundlichen Wink Hals über Kopf von London nach Montreux stürzt –«

»Und wie hast du die Gräfin Mirow gefunden?« platzte die Pfalzgräfin mit einer Frage dazwischen, die ihr, seitdem Hans-Georg den Kopf ins Zimmer gesteckt, schon fast die Seele verbrannt hatte.

Hans-Georg aber sah von seinem Vater auf seine Mutter, und trotzdem ihm bei des ersteren Worten nicht ganz behaglich gewesen war, mußte er doch jetzt lachen – lachen, daß er sich bog.

»Ja, habt ihr lieben beiden denn wirklich allen Ernstes geglaubt, daß ich mich ›aus Mangel an Damenbekanntschaft‹, wie es in den Heiratsannoncen heißt, sofort auf den ersten Wink auf das arme Opfer tantlicher Fürsorge stürzen würde?« fragte er, gewaltsam mit seiner Heiterkeit ringend. »Hals über Kopf, wie Vater sehr richtig sagt, von London nach Montreux. Ach du himmlischer Vater – man sieht doch daraus, daß man von seinen nächsten Angehörigen nicht gekannt ist!«

»Junge, lach nicht!« befahl die Pfalzgräfin streng, während es über ihr eigenes Gesicht höchst verräterisch zuckte und ihre schon ganz deutlich lachenden Augen ihrem Gatten zublinzelten. »Du kommst nach deinem eigenen Zeugnis aus Montreux, folglich –«

»Ich bin sogar vierzehn Tage dort gewesen, Mater meiniges, und noch dazu meist in der Gesellschaft der Gräfin Mirow«, gab Hans-Georg gemütlich zu. »Ich bin auch wegen ihr, ganz ausgesprochen wegen ihr hingereist, aber wirklich und wahrhaftig nicht, um sie mir als eventuelle Gattin anzusehen. Denn bei aller Hochachtung vor deinem Geschmack und deiner Weisheit: meine Frau möchte ich mir doch lieber schon selbst aussuchen.«

»Aber –«

»Und dann wußte ich, daß die Gräfin Mirow schon ›versorgt‹ war, wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf«, fuhr Hans-Georg fort. »Ein Freund, den ich sehr schätze, ist ihr Erwählter und in seinem Namen und seinem Interesse habe ich die Reise gemacht. Sozusagen als Chargé d'affaires im diplomatischen Auftrag. Übrigens eine sehr hübsche und sehr nette Frau, die Gräfin Mirow. Nicht mein persönlicher Geschmack hinsichtlich einer Lebensgefährtin, aber man muß ja gottlob nicht alle heiraten, die einem sonst ganz gut gefallen.«

»Nun«, meinte die Pfalzgräfin nicht ohne eine leise, ganz leise Enttäuschung, »sie muß dir doch wirklich ganz gut gefallen haben, sonst wärst du nicht so lange in Montreux geblieben, – oder –«, sie stockte und bog sich vor, um ihren Sohn mit forschendem Blick anzusehen.

»Gewiß«, erwiderte er und ärgerte sich, daß ihm dabei eine leichte Röte ins Gesicht stieg, »gewiß, – sie hat mir sogar sehr gut gefallen, und ich kann meinem Freund nur zu seiner Wahl beglückwünschen. Denn sie ist nicht nur eine sehr ehrenwerte und gute Frau, sie ist auch sehr hübsch. Doch du wirst das selbst ja beurteilen können, Mater meiniges, weil du sie eingeladen hast und sie sehr gern kommen möchte, um dich kennenzulernen. Es ist eigentlich sonderbar, daß ihr euch trotz der Blutsverwandtschaft nie gesehen habt.«

»Das lag an ihrem Vater«, erklärte die Gräfin etwas zerstreut und ohne die Augen von ihrem Sohne abzuwenden. »Er war ein wüster Gesell, der sich mit seiner ganzen Verwandtschaft überworfen hatte. Als er starb, waren seine Geschwister natürlich die Nächsten dazu, sich der Waise anzunehmen; von mir aus, die ich nur seine Kusine im zweiten Grade bin, hätte das ihnen gegenüber wie Zudringlichkeit ausgesehen. Und wen hast du sonst noch in Montreux gesehen oder kennengelernt?«

Hans-Georg zögerte einen Augenblick – ein Etwas band ihm die Zunge, in diesem Augenblicke offen mit seiner Angelegenheit vorzutreten – die Stunde schien ihm ungünstig. Er hatte überhaupt nicht die Absicht gehabt, seine Sache vor ein Tribunal zu bringen, sondern sie ruhig Aug' in Aug' mit seinem Vater zu besprechen und dann an das Mutterherz zu appellieren. Und jetzt, wo sein Vater bei aller Ruhe doch voll war von dem, was er die »Titeländerung« nannte; wo er in dem Gesichte seiner Mutter eine leise Enttäuschung las über das verfehlte, unschuldige, kleine Spiel zu seinen Gunsten, wo er in ihren Augen Mißtrauen fand und den mit dem Scharfsinn des Mutterherzens so sicher ratenden Verdacht, daß am Ende gar eine andere hinter dem langen Aufenthalte am Genfer See stecken müßte – müßte, nicht könnte, – da wurde ihm kalt bei dem Gedanken, daß er in diesem Augenblicke von Schnee sprechen sollte und daß dann vielleicht Worte fallen könnten, die – besser ungesprochen blieben. Es liegt immer eine große Weisheit in der Wahl der Stunde, in welcher Entscheidungen fürs Leben getroffen werden sollen und manches Glück ist schon zerschellt und begraben worden, weil es in einer ungünstigen Stunde zur Sprache kam. Und darum schwieg er, entschlossen, seine Zeit abzuwarten; es liegt ja nichts Liebloses oder Berechnendes oder gar Unaufrichtiges in der Klugheit, die ihre Zeit zu nutzen weiß, und eine richtige, wohlgetroffene Vorbereitung ist manchmal, – aber nicht immer – einer Überrumpelung vorzuziehen. Es kommt eben dabei, wie in so vielem im Leben, auf die Stimmung an und zwar auf die richtige. Und doch, wer weiß, wie alles gekommen wäre, denn die Pfalzgräfin, ohne auf ihres Sohnes Antwort zu warten, hatte in ihrer Lebhaftigkeit schon eine andere Frage in petto.

»Die Gräfin Mirow hat mir einen sehr netten Brief geschrieben«, sagte sie. »Ich freue mich wirklich, sie kennenzulernen, – wir sind doch schließlich eines Stammes und: blood is thicker than water. Natürlich muß man nun die Freundin, die sie bei sich hat, auch einladen, und wenn ich damit zögerte, so geschah es nur, weil ich immer auf eine Nachricht von dir wartete, du schreibfaulster aller Menschen! Ja, ja, ich meine dich, mein Junge! Wer ist denn übrigens diese Freundin?«

Nun war der kritische Augenblick für Hans-Georg noch kritischer geworden – jetzt mußte er Schnees Namen nennen und er wußte, daß seine Mutter dann bestimmt ihre Schlüsse ziehen würde, weil sein Gesicht nun einmal die Eigenschaft hatte, seine Gefühle und Gedanken zu verraten und weil die Pfalzgräfin ihn bei ihrer Frage mit einem Male so scharf ansah. Oder bildete er sich das nur ein? Aber in diesem Augenblick erschien Tante Murr als rettender Engel – Engel nehmen ja bekanntlich manchmal die unmöglichsten Gestalten an – indem sie ihren Kopf, nun minus Filz, zur Türspalte hineinsteckte.

»Na, Kinder, kommt ihr nun zum Essen oder nicht?« fragte sie. »Wenn ihr keinen Hunger habt, dann sagt's lieber gleich – ich könnte die Türklinke anbeißen, denn ich bin seit Tagesgrauen auf den Beinen mit nichts als meiner Pfütze Kaffee im Magen. Und wenn der Junge da noch normal ist, dann muß er auch Hunger haben nach seiner Nacht auf der Achse.«

»Wir kommen, wir kommen ja schon, liebes Murrchen«, rief die Pfalzgräfin lachend. »Hat denn der Tamtam schon gerufen?«

»Na, ich dächte;« erwiderte Tante Murr, immer noch den Kopf in der Tür. »Aber natürlich, – der Junge, das Herzpünktchen, ist euch unerwartet in das Nest geschneit und da können die Posaunen von Jericho eine Fanfare blasen und ihr hört's nicht.«

Hans-Georg entschuldigte sich wegen seiner Reisetoilette und wollte erst nach seinen Zimmern, um wenigstens den Staub von den Kleidern zu schütteln, aber Tante Murr protestierte energisch gegen eine Verzögerung der Mahlzeit, und so setzten sich die vier inclusive des Reisestaubs zum Gabelfrühstück im kleinen intimen Speisesaal im Erdgeschoß des Rokokopavillons, wo schon der Pfarrer ihrer wartete. Pater Fischer war ein kleiner, rundlicher, rüstiger Sechziger, der schon im Vorjahre sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Schloßpfarrer von Seeburg gefeiert hatte, ein treuer Freund des Hauses, ein würdiger Geistlicher und gewissenhafter Seelenhirte, der aber dadurch, daß er so lange schon auf derselben Scholle klebte, sich im Laufe der Zeit zum Original ausgebildet hatte. Er hatte den Unterricht der Söhne des Hauses geleitet, bis sie die Sekunda des Gymnasiums bezogen; er hatte die Tochter mit Hilfe einer Gouvernante ganz unterrichtet und sie getraut, er kannte alle die kleinen Geheimnisse dieser Kinder und war ihr vertrauter Freund geblieben, den korrekten Joachim nicht ausgeschlossen, und der Pfalzgraf besprach alle Familienangelegenheiten mit ihm und alle Geschäfte obendrein; die Pfalzgräfin schüttete Kummer wie Freude gleichmäßig aus in sein immer williges Ohr und in sein teilnehmendes Herz, und Tante Murr zankte sich mit ihm, wenn gerade kein anderer dazu da war und spielte abends Sechsundsechzig mit ihm, die Partie zu fünf Pfennigen, wobei jeder seinen Verlust in eine Kasse für die Armen zahlte und somit das Angenehme mit einem guten Zwecke verband.

»Nun aber, Hans-Georg, – du kommst ja wie der deus ex machina hier an«, kam er mit ausgestreckten Händen seinem Liebling strahlend entgegen. »Ich denke, ich höre nicht recht, wie Gräfin Marie mir sagte, du wärst hier! Ja, ja, Erlaucht, man soll nie sagen, was eine Sache ist – Hans-Georg wandelt sich zum erratischen Block!«

Dabei plinkerte er mit seinen guten, allzeit vergnügt in die Welt schauenden Äuglein verschmitzt erst die Dame des Hauses an und hinauf zu seinem ehemaligen Schüler, dem er gerade bis über den Magen reichte. Tante Murr stemmte die Hände in die Seiten – eine beliebte Stellung bei ihr, – und lachte laut.

»Natürlich«, sagte sie geradezu, »unser Hochwürdiger kleidet seine Gedanken in diplomatische Form – ich habe ihn direkt gefragt, was er ausgefressen hat.«

»Ist denn das absolut notwendig, wenn man mal unangemeldet nach Hause kommt?« fragte Hans-Georg etwas ärgerlich.

»Notwendig nicht, aber verdächtig ist's im höchsten Grade«, versicherte Tante Murr, weil aber gerade die Diener zum Servieren erschienen, so ließ sie glücklicherweise das Thema fallen und fuhr fort: »Du hast mich vorhin nach Neuigkeiten aus der Seeburg gefragt – ich habe ganz vergessen, dir zu sagen, für den Fall, daß dir's noch niemand geschrieben hat, notabene, daß dein Vater den Empirebau möblieren läßt.«

Dieser Flügel war der letzte der Seeburg angefügte – ein stattliches Gebäude mit griechischem Säulenportikus und einer Flucht hoher, lichter und geräumiger Zimmer. Eine Feuersbrunst hatte vor mehr als fünfzig Jahren das Innere dieses schloßartigen Baues zum Teil zerstört. Eine Restaurierung war wohl erfolgt, doch war das gerettete Ameublement unzulänglich geworden, und da es ja sonst an Raum nicht gebrach, so war das ganze Gebäude unbenutzt stehengeblieben.

»Nein«, erwiderte Hans-Georg verwundert. »Davon hat mir niemand etwas geschrieben.«

»Das elektrische Licht und die Zentralheizung sind ja mit der Anlage in den andern Schloßteilen auch im Empirebau vorgesehen worden«, sagte der Pfalzgraf ruhig. »Und da dieser Teil sehr gesund und durchaus komfortabel ist, so war es eigentlich schade, ihn so unbenutzt stehenzulassen. Tapezierer und Maler sind eben mit ihrer Arbeit fertig geworden, und ich war glücklich, auf der Zwangsversteigerung des Bankiers Bauer dessen wundervolle Empiremöbel erstehen zu lassen, welche mir längst in die Augen gestochen haben und herrlich in diese Räume passen werden. Deine Mutter und ich sind übereingekommen, die Wohnungen deiner Geschwister und die Fremdenzimmer in den Empirebau zu verlegen.«

»Wo sie von der eigentlichen Burg faktisch abgesondert sind«, warf Tante Murr ein.

Das sind wir hier im Rokokobau eigentlich doch auch«, meinte die Pfalzgräfin. »Man kann hier wie da im gedeckten Raume zueinander gelangen und es ist entschieden besser, wenn die Kinder von Joachim und Gertrud sich in den großen Räumen und weiten hellen Gängen des Empirebaues tummeln, als in dem winkligen alten Schlosse, wo die Verführung so nahe liegt, sich in der Pfalz zu verirren.«

»Du willst dann meine Wohnung auch in den Empirebau verlegen?« fragte Hans-Georg seinen Vater, indem er mit Bedauern an seine schönen, alten, behaglichen Räume im Renaissancebau dachte, wo man sich so »daheim«, so auf der Seeburg fühlte, wo man die gedämpften Orgeltöne in der Kirche hörte und der See gegen die Felsen brandete, von wo man in dem alten, alten Hause einhergehen konnte und der Hauch der Vergangenheit mit süßem Schauern über einen hinstrich. Und Hans-Georg liebte ihn, diesen Hauch, weil er von der heimatlichen Scholle ausging, und wenn er auch zehnmal ein frischer grüner Sproß war am alten Stamme, hinausdrängend an das Licht und in das Leben und Weben der neuen Zeit, – seine Wurzeln hafteten hier und führten ihm den Lebenssaft zu, der für ihn entscheidend war.

»Ich denke, du bleibst, wo du bist«, erwiderte der Pfalzgraf. »Und der Barockbau, der durch die Verlegung der corps-de-Logis deiner Geschwister und der Fremdenzimmer frei wird, kann dann einmal deine Wohnung ausdehnen und ergänzen, wenn – du mehr Raum dafür brauchen solltest.«

Hans-Georg sah seinen Vater dankbar an; der Renaissancebau, groß genug für einen mittleren Haushalt, wurde zum Puppenhause neben dem Barockbau mit seinen Zimmer- und Saalfluchten, welche auch die Gesellschaftsräume enthielten, die sich in fast gleicher Höhe mit dem Saalbau befanden und sich zu den großen Gelegenheiten öffneten, oder durch den Haushofmeister an bestimmten Tagen, die der ›Baedeker‹ angab, den durchreisenden Fremden gezeigt wurden. Und durch diese Räume, in denen die kostbaren und unschätzbaren Dinge aufgespeichert waren, welche die Pfalzgrafen von Seeburg im Laufe der Zeit an Gemälden und Kunstschätzen aller Art gesammelt hatten, durch diese Räume mit ihren vergoldeten und bemalten Stuckdecken, ihren gepreßten Ledertapeten, ihren geschnitzten und eingelegten Möbeln und orientalischen Teppichen, von deren Wert die wenigsten Besucher eine entfernte Ahnung hatten, durch diese Räume sah Hans-Georg im Geiste eine hohe, schlanke Gestalt gehen mit einer Krone morgenrotfarbenen Haares auf dem schönen Kopfe – Schnee!

Tante Murr gab ohne Rücksicht darauf, daß er ihr Seelsorger war, ihrem Nachbarn, dem Pfarrer, einen, wie sie's nannte, sanften Rippenstoß, der seiner Ansicht nach aber reichlich kräftig war und ihm jedenfalls so unerwartet kam, daß ihm der Bissen, den er gerade zum Munde führte, von der Gabel fiel.

Er warf seiner Angreiferin einen vorwurfsvollen Blick zu und folgte dann der Richtung ihrer Augen, die blitzend vor Vergnügen auf dem Gesichte ihres Neffen hafteten. Und dabei begegneten sich des Pfarrers Augen mit denen seines Patrons in einem Blicke des Verständnisses. Der Pfarrer las in diesem Blicke eine Resignation, die etwas Pathetisches hatte, und aus seinen runden, vergnügten Äuglein brach dafür blitzartig ein Blick, aus dem ein ganzes Herz sprach, eine Freundschaft, die durch dick und dünn zu denen sieht, die sie für echt erkannt. Und neben dieser herzwarmen Zuneigung lag in diesem Blicke etwas, was das runde, gemütliche Gesicht des kleinen alten Pfarrers durchleuchtete und verklärte, daß es in diesem einzigen Augenblicke fast schön war. Der Pfalzgraf dankte für diesen Blick seines alten treuen Freundes und Beraters mit einem leisen, nur ihm bemerkbaren Kopfnicken.

Die Pfalzgräfin aber fing den Blick ihrer Schwägerin auf, wurde rot wie ein junges Mädchen, was sie zu ihrem weißen Haar ganz reizend kleidete, und zuckte die Achseln mit einer leisen Grimasse. Und weil gerade die Diener mit den abgenommenen Platten herausgegangen waren, da erlaubte sich Tante Murr die halblaute, aber sehr deutliche Bemerkung:

»Nun eben ja, – daß ich alte Drehlade auch darauf nicht gekommen bin, als urplötzlich die Einrichterei im Empirebau losging! Das hätte ja selbst dieses babylonische Rindvieh, der Franzl Vöslau, gemerkt!«

»Was verstehen Sie unter einem babylonischen – Hem?« lenkte der Pfarrer die Wirkung dieser Rede ab, indem er seine Nachbarin über die Brille weg ansah. »Ich bin doch, dank Ihrer gütigen Vermittelung, in der angewendeten Zoologie ziemlich bewandert, aber das geht über die Möglichkeit hinaus. Zudem in der Anwendung auf den Gatten Ihrer Nichte –«

»Meine liebe Marie!« mahnte der Pfalzgraf leise, und seine Frau errötete wieder, aber diesmal entschieden ärgerlich.

»Herrje, wir sind doch unter uns und dürfen uns beim richtigen Namen nennen«, erklärte Tante Murr gemütlich, wozu ein schnell unterdrücktes Lächeln auf dem Gesicht ihres Neffen sie unterstützte und ermutigte.

»Nun, das wäre ja ein netter Familienzirkel, wenn man sich immer beim Namen nennen wollte«, meinte er trocken.

»Erzähle uns lieber etwas von deiner Reise. Hans- Georg«, fuhr der Pfarrer dazwischen; er wußte, wenn die Tante Murr einmal im Zuge war, dann konnte man auf alles von ihr gefaßt sein und dann war's allemal sein Amt, vermittelnd dazwischenzufahren. Denn sie war zwar eine sackgrobe, aber eine sonst sehr gutmütige Person, die Tante Murr; nur besaß sie keine Spur von Takt, und nach dem Ausdruck ihres Gesichtes schloß der Pfarrer wahrscheinlich mit auf langjährige Erfahrungen gestütztem Rechte, daß sie die Absicht hatte, mit einer ganz unglaublich taktlosen Frage ihrem Neffen, bildlich gesprochen, auf die Füße zu treten und seine Eltern in die Gefahr des »Aus-der-Hautfahrens« zu bringen. Sie ließ sich zwar nicht immer mit Erfolg abbringen, aber diesmal kam der Wiedereintritt der Diener dem Pfarrer zu Hilfe und ein Gericht, das der Tante Murr nicht schmeckte, worüber sie in sittlicher Entrüstung halblaute, sehr kräftige Redensarten machte, auf die niemand, als die Diener hörten. Sie war also zum Glück beschäftigt und rannte gleich nach Aufhebung der Tafel davon, um dem Koche persönlich »ihre Meinung zu sagen«.

Der Pfalzgraf erklärte, seinen Sohn in dessen Zimmer begleiten zu wollen, denn der Hauderer war ja inzwischen mit den Sachen glücklich auch angelangt und erquickte sich an der Dienertafel, indes sein krummbeiniges Pferdchen sich einmal an der Krippe der Seeburger Ställe an ordentlichem Futter gütlich tat. Die Pfalzgräfin schloß sich an, da sie doch selbst zusehen wollte, ob die Zimmer auch in Ordnung waren, und weil der Pfarrer den gleichen Weg hatte, so ging er auch mit.

Aus dem Vestibül des Rokokobaues gelangte man auf einer wundervollen, breiten, von beiden Seiten mit Palmen besetzten schneeweißen Marmortreppe hinauf nach dem Saalbau, der in einem einzigen Raume von wahrhaft imposanten Dimensionen die beiden Flügel miteinander verband und für Feste aller Art, Bälle und Konzerte benutzt wurde. Unter ihm lagen die Bureaus für die Güterverwaltung und der Korridor, auf dem die Dienerschaft auf gedecktem Wege aus dem Rokokobau in den Barockbau gelangen konnte: die Herrschaft nahm ihren Weg meist durch den Saal, den Glastüren von beiden Seiten für gewöhnlich abschlossen. In hellstem Rosa und Silber gehalten, machte der Saal, der im Stil auf der Grenze zwischen Barock und Rokoko stand, einen feenhaften Eindruck, der bei Beleuchtung noch erhöht wurde, wenn die glitzernden venezianischen Kristallüster ein Meer von Licht ausstrahlten; die Wachskerzen von früher waren jetzt dem elektrischen Lichte gewichen, nicht zum Schaden der entzückenden Amorettenschar in den Kartouchen des Plafonds und der Wandpaneele, die, von des deutschen Watteau Meisterhand, Johannes Zick, gemalt, das dauernde Entzücken von Kunstkennern und Laien bildeten. Hans-Georg hatte diesen Saal immer sehr hübsch gefunden, aber heut sah er ihn mit ganz andern Augen, staunend fast an: kein Kaiser konnte sich eines ähnlichen Raumes rühmen – welch ein Hintergrund war er für die ideale Gestalt des Mädchens, das er zur Herrin dieser Pracht machen wollte. Er sah sie vor sich stehen inmitten dieses Saales, – in seinen Augen in der äußeren Hülle ihres einfachen wohlfeilen Kleides, und doch jeder Zoll eine Fürstin! Sie gehörte eben zu den wenigen auserwählten Frauen, die in Sackleinwand und Lodenstoffen und Kattunblusen ebenso elegant, ja eleganter aussehen, als die meisten Modedamen in ihren unerhört teuern Kleidern eines ersten Modeschneiders.

»Das ist ein herrlicher Raum«, sagte Hans-Georg, mitten darin stehenbleibend. »Macht es die Beleuchtung oder was? Mir ist, als sähe ich den Saal heut zum ersten Male.«

»Das macht die Stimmung«, meinte der Pfarrer still lächelnd.

Die Pfalzgräfin sah ihren Sohn an, und dann trafen ihre Augen sich mit denen ihres alten Freundes. Und der lächelte wieder und bewegte leise den grauen Kopf, daß der Haarschopf darauf noch einmal so steif in die Höhe strebte wie sonst, denn der geistliche Herr hatte die Gewohnheit, während der Arbeit diesen sowieso schon widerspenstigen Schopf zusammenzudrehen, daß er wie das Matterhorn monolithengleich zum Himmel ragte und seinen Besitzer um gut zwanzig Zentimeter größer machte. Aber die Pfalzgräfin hatte immer behauptet, daß der Haarschopf des Pfarrers für sie eine Säule sei, an die man, figürlich gesprochen, sich anlehnen könnte: je zuversichtlicher er sei, um so steifer rage sie empor und flöße ungeheures Vertrauen ein.

Wenige, breite, bequeme Stufen führten am Nordende des Saales in das erste Stockwerk des Barockbaues, dessen ganze große Zimmerflucht in dieser Verbindung als Prunkräume diente. Im Erdgeschoß lagen die Fremdenzimmer, das zweite Stockwerk war geteilt zur Aufnahme der verheirateten Kinder des Hauses, und die Mansarden, soweit sie nicht als Dienerzimmer oder Rumpelkammern dienten, waren auch zur Aufnahme von Gästen eingerichtet, für den Fall, daß die vorhandenen Zimmer nicht zureichten.

Und auch diese Räume betrat Hans-Georg, als hätte er sie nie gesehen, weil er sie eben jetzt mit andern Augen betrachtete. Und doch, – aus der heitern, lichten Atmosphäre des Rokokobaues kommend, wollte ihn in diesen Räumen etwas belasten, für das er keinen Namen hatte. Es mangelte nicht an Licht hier, das durch die hohen, breiten Fenster so einfallen konnte, daß die schweren seidenen und samtenen Vorhänge nichts davon raubten, sondern im Gegenteil den Gemälden zur denkbar besten Beleuchtung halfen. Und trotzdem legte sich Hans-Georg, kaum, daß sie den Barockbau betreten hatten, etwas auf die Brust, das ihn niederdrückte, und zum ersten Male sah und bemerkte er nun, worauf ihn Tante Murr ja schon vorbereitet hatte, daß sein Vater alt geworden war. Und vielleicht auch noch nicht einmal so sehr dem Äußeren nach, als im Wesen und dem Ausdruck einer gewissen lastenden Spannung in seinen Zügen. Das alles fiel Hans-Georg erst jetzt auf, wie die verschleierte Sorge im Auge seiner Mutter, wenn sie ihren Gatten ansah.

»Ich weiß nicht – ist hier lange nicht gelüftet worden?« gab er dem beklemmenden Gefühl Ausdruck.

»Du lieber Himmel – was würde ohne tägliche rationelle Lüftung aus allen den Dingen hier werden?« rief der Pfarrer mit einer Handbewegung, die eine Umfassung andeutete. »Winter und Sommer muß ja schon der Gemälde wegen die gleiche Temperatur erhalten werden. Das mag, als man noch diese Feuerschlünde von Kaminen heizen mußte, eine nette Arbeit gewesen sein. Ich besinne mich noch ganz gut darauf; es ist nicht gar so lange her, daß sich alle diese Kunstgegenstände den Anachronismus dieser modernen Heizkörper gefallen lassen müssen, wenn man sie auch zehnmal im Barockstil extra hat herstellen lassen, – ein Anachronismus bleiben sie halt doch.«

»Das ganze Dasein ist aus Anachronismen zusammengesetzt, lieber Freund«, meinte der Pfalzgraf mit seinem gütigen, aber matten Lächeln.

»Und wenn's nach Ihnen ginge, Hochwürdiger, da bliebe die Zeit da stehen, wo sie einmal von Anno dazumal vergessen hatte, vorwärts zu gehen, nur, damit kein Anachronismus herauskäme«, scherzte die Pfalzgräfin. »Und die Leute frören im Winter in der Kirche weiter und freuten sich darauf, daß der Gottesdienst endlich aus ist und sie an ihre warmen Ofen zurückkämen.«

Das war ein alter Streitpunkt mit dem Pfarrer und gehörte zum eisernen Bestande der Unterhaltung.

»Hm«, biß der Hochwürdige auch sofort wieder an. »Und jetzt freuen sich die Leute auch darauf, wenn der Pfarrer nicht zu lange predigt, weil sie wieder, nun sie in der Kirche nicht mehr zu frieren brauchen, etwas anderes haben, wonach ihre Herzen sich sehnen. Der Mensch ist einmal so, da haben Sie schon recht. Es hat ja auch vieles sein Gutes mit den neumodischen Einrichtungen. Ich bin der letzte, der das nicht anerkennt. Ich sage ja auch bloß, die Leute werden zu sehr verwöhnt; Na ja, wenn einer heutzutage eine Lampe putzen soll, dann stöhnt er schon über zu viele Arbeit; nächstens wird sich jeder Grünschnabel in seiner Menschenwürde verletzt fühlen, wenn er ein Streichholz anreiben soll, weil das elektrische Licht viel bequemer ist. Ist es auch, gewiß. Ich segne es alle Tage, wenn ich im Finstern bloß an die Wand tasten brauche nach dem Knopf, statt mir blaue Flecke zu stoßen bei der Suche nach den Zündhölzern. Und in der Kirche sehen die Leute und ich auf der Kanzel auch besser dabei als bei halbpfündigen Wachsfunzeln, jawohl, aber – – ja, ums Himmels willen, Hans-Georg, was stehst du denn da, als ob du diesen Tizian zum erstenmal sähest?« unterbrach er sich selbst, und ein feines Ohr hätte aus seinem Ton ein wunderliches Gemisch von Ärger, Besorgnis, nervöser Erregung und – Trauer herausgehört. Sie waren nämlich in dem sogenannten Tiziansaale angelangt, der, wie das vorausgehende Van-Dyk-Zimmer, seinen Namen von den Gemälden der großen Meister besaß, welche den »Clou« der Seeburg bildeten. In zwei vielbewunderten Exemplaren von unzweifelhafter, beglaubigter Echtheit war der große venezianische Meister hier vertreten; einmal mit einer Madonna von wunderbarem Liebreiz und dann mit einem Porträt, das eine Seeburgerin darstellte, und zwar die Erbin von Sonnenberg, welche bei einem Aufenthalt in Venedig, wo eine jüngere Schwester von ihr mit einem Patrizier verheiratet war, von Tizian gemalt wurde; – wie die Überlieferung wollte, hatte ihr persönliches Erscheinen im Atelier des Meisters diesen so hingerissen, daß er einem Könige abgesagt, um nur die Zeit zu finden, diese kleine deutsche Pfalzgräfin malen zu können. Unbeglaubigt, wie diese Geschichte war, so hatte sie doch viel Wahrscheinliches, denn die Erbin der freien Standesherrschaft Sonnenberg war sicherlich ein dem Pinsel eines Tizian würdiges Modell. Das lebensgroße Kniestück zeigte eine Frauengestalt von wahrhaft hinreißendem, mädchenhaftem Liebreiz, einem wahren Engelskopf mit krausem, flachsfarbenem Haar, einem Munde wie eine halberschlossene Rosenknospe, einem Inkarnat, wie nur Tizian es so durchsichtig und lebendig wiedergeben konnte, mit dem zarten rosigen Hauch auf den Wangen wie das Innere einer Muschel und mit ein paar großen, unschuldigen, veilchenblauen Kinderaugen. Dieses liebreizende Mädchen aber trug einen schwarzen Witwenschleier in dem krausen Blondhaar, der in eine tiefe, spitze Schneppe auslief, die bis auf ihre weiße Stirn hineinragte und dem zarten, reizenden Geschöpf entzückend stand. Im übrigen aber trug sie kein schwarzes Trauerkleid auf dem Bilde, sondern ein reiches, weißes Kleid von gemustertem Seidenstoff, das tief ausgeschnittene Leibchen mit Perlen geschmückt und die langen, puffigen Ärmel über gleichfalls weißen, seidenen Unterärmeln reich geschlitzt und die Schlitze mit Silber reich eingefaßt. Mit der linken Hand faßte sie an einen Fächer von weißen Federn, der ihr an einer juwelenbesetzten Kette am Taillenschluß hing, die zarte Rechte streckte sie aus und schien einen Ring zu betrachten, den sie zwischen den spitzen Fingern hielt, wie um ihn dem Beschauer des Porträts zu zeigen.

Und auf diesen Ring war der Blick des Erbgrafen gefallen, als er mit den Seinen und dem Pfarrer das Tizianzimmer betrat, und rasch bis an das ihm ja sonst so wohlbekannte Gemälde, den Stolz der Seeburger Sammlung, eilend, sah er auf das gemalte Juwel wie auf etwas ganz Neues, nie Geschautes. Denn das war der Ring, den Schnee an ihrer Hand trug, – wo hatte er nur seine Augen und sein Gedächtnis gehabt, daß er ihn nicht gleich wiedererkannt, diesen eigentümlich gearbeiteten Ring von erloschenem Golde mit dem leuchtenden Smaragd darin! Dem Smaragd freilich hatte Tizian nicht volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, aber vielleicht hatte selbst eine Kunst wie die seine ihre Grenzen oder er hatte das wunderbare Feuer dieses Steines über der engelgleichen Lieblichkeit dieser kindergleichen Witwe nur flüchtig gesehen, als etwas zu Nebensächliches, das nicht zu Details verleiten darf vor dem überlegenen Studium des menschlichen Antlitzes. Wie kam dieser Ring in den Fingern von Maria Schnee, Pfalzgräfin von Seeburg, Erbherrin von Sonnenberg, an die Hand seiner Schnee nach mehr denn dreihundertfünfzig Jahren?

Und es war derselbe Ring, derselbe! Oder doch eine Doublette, die jenem auf das Genaueste glich, – das war das einzig mögliche »oder«. Ohne auf des Pfarrers fast warnenden Zuruf zu achten, wandte sich Hans-Georg an seinen Vater.

»Besitzen wir noch den Ring, den dieses tizianische Blendwerk der Hölle in der Hand hält?« fragte er, auf das Bild deutend. »Nein«, erwiderte der Pfalzgraf, ein wundervoll gearbeitetes altindisches Möbel betrachtend, das unter dem Bilde stand. »Der Ring ist wohl, wie so manches andere Juwel, im Laufe der Zeiten abhanden gekommen, verlorengegangen, oder in den Zeiten der schweren Not der Kriege veräußert worden. Oder gestohlen. In den Schweden- wie in den Franzosenzeiten hat man nicht alles verstecken können, weil oft die Zeit nicht mehr ausreichte. Es ist ein Wunder, daß man damals bis auf eine verhältnismäßig kleine Minderheit nahezu alle die Güter des Hauses vor den gierigen Händen der Marodeure hat retten können, und daß die Seeburg nicht niedergebrannt wurde, wie so viele andere Schlösser. Nein, diesen Ring besitzen wir nicht mehr.«

»Wie kommst du aber dazu, die Erbin von Sonnenberg ›ein tizianisches Blendwerk der Hölle‹ zu nennen?« rief die Pfalzgräfin lebhaft. »Das bezieht sich natürlich nur darauf, daß du Tizian im Verdacht hast, ihr geschmeichelt zu haben! Du, damit darfst du uns nicht kommen, lieber Junge, denn diese wonnige Maria Schnee ist der Stolz der Seeburg!«

»Das heißt, das Bild ist es, die bemalte Leinwand«, erwiderte Hans-Georg, sich von dem Gemälde, das heißt von dem Ringe, gewaltsam abwendend. »Denn außer, daß sie von Tizian gemalt wurde, haben wir weiter keinen Grund, stolz auf diese Dame zu sein, die ich sehr richtig bezeichnet habe.«

»Sie stammen in gerader Linie von ihr ab«, fiel der Pfarrer hastig ein.

»Dafür kann ich nichts, aber man darf sich seine Ahnen ja leider nicht aussuchen«, meinte Hans-Georg achselzuckend.

»Was weißt du von dieser – dieser Dame?« fragte der Pfalzgraf scharf.

»Ich habe zufällig recht viel über sie erfahren«, entgegnete Hans-Georg. »Das wird dich, lieber Vater, der du dich so eingehend mit der Geschichte unserer Familie beschäftigst, gewiß sehr interessieren, vorausgesetzt, daß du es nicht schon weißt, was ich für ganz wahrscheinlich halten würde, trotzdem mein Gewährsmann mächtig stolz war auf seine wichtige archivalische Entdeckung im Geheimen Staatsarchiv in Wien. Es sind noch keine vier Wochen her, daß er mir Mitteilung davon machte.«

»Ich habe wohl Quellen für unsere Familiengeschichte im Wiener Staatsarchiv gefunden«, sagte der Pfalzgraf aufmerksam, »aber es ist schon möglich, daß dein Gewährsmann noch weitere entdeckt hat; um so mehr, als die meinigen mit der Epoche der Erbin von Sonnenberg nichts zu tun haben. Ich verstehe unter ihrer Epoche die Zeit, in der sie als ihres Sohnes Vormünderin die Regentschaft führte«, fügte er erklärend hinzu.

»Mein Gewährsmann ist der ganz bekannte Historiker Werner, der sich ja schon einen bedeutenden Namen gemacht und mit dem ich bei meinem Londoner Professor bekannt wurde. Er kam von Wien, wo er im Geheimen Staatsarchiv Studien gemacht hat zu seiner Geschichte der schwäbischen Bauernkriege, an der er momentan arbeitet. Da hat er denn bei dieser Gelegenheit sehr interessante Dinge erfahren, die ein ganz eigentümliches Licht auf diese Engelsgestalt da werfen. Ich habe immer Mißtrauen gegen diese personifizierten Cherubs; scheint dir nicht auch, liebste Mutter, als ob der kluge Tizian mit den scharfen Augen, die seinen Modellen bis auf den Grund der Seele sahen, in diesen Kinderaugen mehr gesehen hat, als andere Leute? Das Bild einer Judasseele?«

»Hans-Georg!« rief der Pfalzgraf scharf und so heftig und schneidend, daß sein Sohn ihn ganz erstaunt ansah. Da biß er sich auf die Lippen und setzte ruhig hinzu: »Ich meine, du sollst zur Sache kommen.«

»Gern, Vater«, erwiderte der junge Mann mit leisem Befremden über die eigentümliche Heftigkeit, die er so gar nicht sonst an seinem Vater kannte. »Also während wir nur wissen, oder ich vielmehr bisher nur wußte, daß die Regentin von Seeburg während der Bauernkriege auf seiten des Götz von Berlichingen stand, geben im Wiener Archiv die Urkunden von ihrer eigenen Hand den nackten Beweis, daß sie seine Bewegungen dem Oberhaupt des Reiches verriet. Damit hat sie klipp und klar der Forschung bewiesen, durch welche Manöver ihr das halbe Wunder gelang, die Seeburg vor den Bauern zu retten, ohne darum mit dem Reiche in Ungelegenheiten wegen ihrer Freundschaft mit den Bauernanführern zu kommen. Das mag ja ganz hervorragend staatsklug gehandelt gewesen sein, aber dann war der Judas auch staatsklug, der den gefährlichen Messias den Römern verriet. Auf die Zahl der Silberlinge kommt es dabei nicht an.«

»Das ist mir neu«, sagte der Pfalzgraf mit einem flüchtigen Blicke auf das Bild, unter dem sie standen, und wer den alten Herrn nicht kannte, hätte diesen Blick scheu genannt.

»Der Grundsatz, daß in der Liebe und in der Politik alle Mittel gelten, ist doch in unsern Tagen wohl stark eingeschränkt worden«. rief die Pfalzgräfin in ihrer lebhaften Weise.

»Man sollt' es hoffen«, meinte der Pfarrer. »Ich fürchte nur, daß man für den Ausdruck ›eingeschränkt‹ wird ›verfeinert‹ sagen müssen.«

»Darüber kann Joachim vielleicht Auskunft geben, wenigstens was die Politik betrifft«, sagte Hans-Georg gutmütig. »Das ist nicht mein Fach. Aber das ist noch nicht alles. Bei diesen Dokumenten fand mein Gewährsmann den Entwurf zu einem Schreiben des Kabinetts an ›Ihre Liebden, die verwittibte Frau Pfalzgräfin von Seeburg‹, das ein noch grelleres Streiflicht auf die berühmte Erbin von Sonnenberg wirft. In diesem Entwurf, der ohne Datum ist und auch nicht den Vermerk trägt, ob er an die Adressatin abgesendet wurde oder nicht, wird dieser zunächst ein schwungvolles Kompliment gemacht über ihre weise Regentschaft und ›ihre unwandelbare Treue zu Kaiser und Reich, ferner über ihren wahrhaft christlichen Eifer, der die eigene Familie nicht geschont, wo es gegolten, dem Teufel den Boden zu entziehen und sein Werkzeug dem Hexenrichter zu überliefern. In Anbetracht dessen aber‹, – und nun kommt des Pudels Kern, – ›daß der Tod des Pfalzgrafen, ihres Gemahls und seines Sohnes und Erben erster Ehe unter verdächtigen Umständen erfolgt sei, müsse sie ermahnt werden, mit verdreifachter Sorgfalt über dem Leben des jungen Pfalzgrafen, ihres Stiefenkels, für den sie die Regentschaft führe, zu wachen, zu welchem Ende des Kaisers Majestät ihr dadurch entgegenzukommen die Gnade haben wollte, daß sie ihm einen Hofmeister ernennen würde, der den jungen Herrn zu überwachen auf der Seeburg erscheinen würde. Sie täte gut, ihr eigenes junges Söhnchen beizeiten mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß er ein Erbanrecht nur auf Sonnenberg habe. Auch sei es dem Kabinett hinterbracht worden, daß Ihre Liebden, die Frau Pfalzgräfin-Regentin, sich mit der Absicht trüge, in zweiter Ehe einem gewissen venezianischen Patrizier die Hand zu reichen, mit dessen Namen man den ihren schon vor ihrer Ehe mit des seligen Pfalzgrafen Liebden in Verbindung gebracht. Das Kabinett würde, für den Fall das Gerücht wahr gesprochen hätte, nichts gegen die zweite Ehe einzuwenden haben, doch die Bedingung stellen, daß Ihre Liebden ihrem neuen Eheherrn in dessen Heimat folge. Die Vormundschaft über Stiefsohn und eigenen Sohn, sowie die Regentschaft würde an dem Tage ihrer Wiedervermählung beendet sein und die beiden jungen Herren unter des Reiches unmittelbare Vormundschaft kommen.‹ – – Wie gesagt, dieser interessante und vielsagende Entwurf trägt keinen Vermerk, ob sein Wortlaut je in die Hände dieses Engels gelangt ist. Ich selbst muß zu meiner Schande gestehen, daß ich vergessen habe, was mir über die Regentin erzählt worden ist, aber du, lieber Vater, der die Geschichte unseres Hauses so gut kennt, wirst ja wohl wissen, ob der Kaiserliche Hofmeister auf der Seeburg erschienen ist und ob die Regentin den venezianischen Patrizier wirklich geheiratet hat.«

»Nee, der hat sich, scheint's, noch beizeiten gedrückt«, sagte Tante Murrs Stimme im Hintergrund. »Kinder«, fuhr sie herantretend fort, »das ist ja höchst interessant, was dein Freund da ausbaldowert hat. Ich höre schon eine ganze Weile zu, aber ihr seid ja so vertieft, daß ihr gar nicht gehört habt, wie ich euch nachkam. Sehn Sie, Hochwürdiger: hab' ich Ihnen nicht immer gesagt, ich traute den Leuten nicht, die von außen wie die leibhaftigen Seraphime angestrichen rumlaufen und innen reißende Wölfe sind? Da steckt immer was hinter. Wenn das alles wahr ist, was sie ihr da in Wien aufpacken, – und wenn's nicht wahr wäre, dann hätten sie's ihr auch nicht so gegeben, da muß diese werte Ahnfrau ja 'ne nette Pflanze gewesen sein.«

»Wenn sie aber nur die Stiefmutter des jungen Pfalzgrafen war, für den sie die Regentschaft geführt hat, dann war sie ja eigentlich nicht unsere Ahnfrau«, warf Hans-Georg ein, indem er seinen Vater nicht ohne Besorgnis betrachtete, denn der Pfalzgraf hatte sich in einen Sessel neben dem Bilde gleiten lassen und saß nun in diesem scheinbar teilnahmlos und zusammengesunken wie ein Greis.

»Hans-Georg, genealogisch bist du ein Ignoramus crassus‹, rief Tante Murr energisch. »Wenn ein Mensch auch sonst kein Interesse für Genealogie hat, so viel muß er aber doch wenigstens künstlich züchten, um nicht ›Bäh‹ antworten zu müssen, wenn man ihn fragt, ob er von Adam oder von Eva abstammt –«

»Na, erlaub' mal –«

»Gar nischt erlaub' ich, verstanden?« schnob Tante Murr erbost. »Alles was rechts und links ist, aber das ist doch zu toll! Ob der Kaiserliche Hofmeister auf der Seeburg angekommen ist oder nicht, das weiß ich auch nicht, aber es ließe sich vielleicht noch rauskriegen, – jedenfalls ist der kleine Pfalzgraf Max Leopold am Tage vor Sankt Johanni mit seiner Wärterin spurlos verschwunden, und sein Stiefneffe, der Sohn der Regentin, hat die Pfalzgrafschaft samt Sonnenberg und was weiß ich noch, unter der Vormundschaft und der Regentschaft seiner Frau Mutter geerbt und wir sind in direkter Linie seine – ihre – Nachkommen.«

»Dieser Pfalzgraf war aber ein sehr guter Mensch, ein edler und gerechter Regent«, fiel der Pfarrer ein.

»Er ist dann eben nach seinem Vater geraten«, behauptete Tante Murr mit Entschiedenheit, »woraus man aber ersieht, daß die besten Menschen ihre schwachen Seiten haben und Alter wirklich nicht vor Torheit schützt. Denn das war doch ein haarsträubender Schwabenstreich, daß der alte Herr sich vom Teufel reiten ließ, diese Maria Schnee zu heiraten, die fast vierzig Jahre jünger war, als er! 's ist ja möglich, daß ihn die Herrschaft Sonnenberg auch gereizt hat, aber ich wette, er war bis über beide Ohren verschossen in diese blonde Puppe da! Und wenn erst einer mal verschossen ist, dann nimmt die Vernunft ja von ihm Abschied auf Nimmerwiedersehen! Kinder, redet nicht, – es ist doch wahr! Na, und wenn so ein alter Mann eine so junge Frau in das Haus bringt, wo ein verheirateter Sohn, der schon wieder Vater eines Sohnes ist, gewissermaßen mitregiert hat, dann müßten schon alle Engel sein, wenn da nicht mindestens etwas schief gehen sollte. Die Schwiegertochter, die älter ist, wie die junge Frau, will das Kommando natürlich nicht abgeben, – jedes hat seine Meinung und der Krach ist fertig. Ich weiß ja nicht, ob's so war, aber ich kann mir's lebhaft denken. Na, und dann hat die junge Frau ihren eigenen Sohn – das hat ja schon so oft dem Fasse den Boden ausgestoßen. Und die Pfalzgräfin Schnee ist nicht umsonst bei ihren venezianischen Verwandten in die Schule gegangen. Erst verunglückt der Erbgraf auf der Jagd, an der laut Chronik seine Stiefmutter auch teilgenommen. Er wird dem Vater tot ins Haus gebracht und es dauert auch nicht lange, da stirbt der alte Herr ›aus Gram‹. Daß das Jagdunglück und der Gram denen in Wien verdächtig vorgekommen sind, haben wir eben gehört. Der verwitweten Erbgräfin muß auch einiges verdächtig vorgekommen sein, aber der Engel von Stiefschwiegermutter ließ sie nicht dazu kommen, erst Redereien zu veranlassen: sie denunzierte sie als Hexe und als solche wurde sie drüben in der Stadt auf dem Platze vor der Kirche verbrannt. Und die Pfalzgräfin-Regentin hatte, wie aus den Papieren des Stadtarchivs erhellt, auch die Wärterin des jungen Pfalzgrafen, ›als der Hexerei im hohen Grade verdächtig‹, angegeben, doch ehe der Büttel noch kam, sie zur hochnotpeinlichen Frage abzuholen, war sie verschwunden mitsamt dem Pfalzgrafen Max Leopold und man hielt dafür, daß sie mit ihm vom Teufel geholt worden ist. Und damit hat man sich wohl auch zufrieden gegeben, denn so viel mir bekannt ist, wurde die Regentin in der Ausübung ihrer Regentschaft für ihr Söhnchen unbehelligt gelassen. Das Gute haben unsere schlechten Zeiten wenigstens doch noch, daß man heutzutage nicht so ohne weiteres vom Teufel geholt werden kann, ohne daß die Gerichte sich darum kümmern. Überhaupt danke ich bestens für die sogenannten ›guten alten Zeiten‹, in denen kein Mensch seines Lebens sicher war, wenn man dem lieben Nächsten im Wege stand. Ich zum Beispiel wäre als Hexe verbrannt worden, daß es eine stille Pracht gewesen wäre – und nicht bloß einmal, das steht bombenfest!«

Hans-Georg lachte laut auf und umarmte seine Tante mit Inbrunst.

»Schade, daß wir in solch aufgeklärten Zeiten leben«, versicherte er mit Rührung. »Es muß ein erhebendes Gefühl sein, eine Tante zu haben, die mehrmals als Hexe verbrannt worden ist!«

»Kinder, wenn ihr jedes Wort gleich aufmutzen wollt, was man so im Eifer hinredet, dann halt ich überhaupt von heute ab das Maul«, versicherte Tante Murr pikiert.

»Unmögliches kann kein Mensch leisten«, meinte Hans-Georg mit einem Ernst, den nur seine Augen Lügen straften.

»Unverschämter Bengel«, schnob die Tante zornesrot. »Wird da so'n Lulatsch sich unterstehen, und – hahahaha!« lachte sie los, daß ihr die Tränen aus den Augen liefen. »Nee, diesmal hast du recht – Unmögliches kann kein Mensch leisten!«

»Die Einsicht aber ist die Tugend edler Seelen!« sagte Hans-Georg und umarmte sie lachend. »Was sich liebt, neckt sich, gelt, Tante Murr?«

»Ich wollte, ihr liebtet euch weniger stürmisch, wodurch das Necken auch ein sanfteres würde«, seufzte die Pfalzgräfin, aber sie lachte dabei. »Doch man muß ja noch dankbar sein, wenn ihr diese Produktion im engeren Familienzirkel zum besten gebt; ein größeres Publikum dürfte denn doch sehr erstaunt sein über den zwanglosen Ton dieser ›Neckereien‹.«

»Die einen etwas sonderbaren Abschluß bilden zu den Mitteilungen, die du mir eben gemacht hast«, vollendete der Pfalzgraf.

»Aber die sind ja ein Märchen aus alter Zeit«, entgegnete Hans-Georg.

»Sie sind ein Kapitel unserer Familiengeschichte, lieber Sohn.«

»Nun ja – aber das liegt so weit zurück, daß es uns nicht mehr berühren kann.«

»Das Blut dieser Frau ist in unsern Adern.«

»Wie der Tropfen einer homöopathischen Tinktur in einem Literkruge voll Wasser. Ich spüre in mir nicht die mindesten Gelüste von der Art, wie sie diese satanische Engelsschönheit zur Ausrottung ihrer angeheirateten Familie verleiteten. ›Bis ins dritte und vierte Glied‹, sagt die Bibel! Das wievielte Glied sind wir, seit die Erbin von Sonnenberg Regentin war? Nein, ich leugne es energisch, daß noch ein Tropfen ihres Blutes in mir ist. Gott bewahre einen in Gnaden! Wie lange hat sie übrigens gelebt?«

Der Pfalzgraf antwortete nicht. Er stand mühsam aus seinem Sessel auf und wandte sich dem Ausgange des Saales zu.

»Das Datum ihres Todes fehlt auf ihrem Epitaph«, erwiderte der Pfarrer statt seiner.

»Wie sonderbar!« meinte der Erbgraf erstaunt. »Man macht doch sonst keine Grabschriften, ohne das Datum des Todes daraufzusetzen.«

»Aber Hans-Georg, du kennst doch das Denkmal in der Kirche – von weißem Marmor und Giallo antico.«

»Natürlich, Mater! Eins der Seeburger Paradestücke. Ich hatte nur total vergessen, daß es gerade diese Pfalzgräfin ist, der es errichtet wurde.«

»Das sie sich selbst zu ihren Lebzeiten errichtet hat durch einen venezianischen Bildhauer«, berichtigte der Pfalzgraf.

»Ja, und weil sie wahrscheinlich Angst hatte, daß die Grabschrift am Ende etwas zu kurz ausfallen könnte, so hat sie sich dieselbe nach berühmten Mustern selbst verfaßt – minus Todesdatum, das dann wahrscheinlich vergessen wurde, oder weil kein Steinmetz zur Stelle war, der geschickt genug war, es einzumeißeln«, vollendete Tante Murr. »An übergroßer Bescheidenheit hat sie übrigens nicht gelitten, denn sie hat ihre Verdienste um Seeburg und das Reich, sowie ihre herrlichen Charaktereigenschaften mit viel schönen Reden gepriesen, woraus erhellt, daß der Stein ebenso geduldig ist, wie das vielgeschmähte Papier.«

»Und die Ohren des modernen Kulturmenschen, der mit geheucheltem höflichen Interesse stundenlang zuhören muß, wenn ihm ein teurer Freund oder wildfremder Mensch Selbstlob singt«, vollendete Hans-Georg. »Ich habe einmal ein Buch einer berühmten deutschen Schriftstellerin gelesen, in welchem sie eine der handelnden Personen sich in den Ausdrücken höchster Anerkennung über ihre, der Verfasserin Werke ergehen läßt. Das ist so gut wie die selbstverfaßte Grabschrift der Pfalzgräfin.«

»Wer ist das?« unterbrach er sich, auf ein kleines Bild zuschreitend, das unter der berühmten Tizianschen Madonna hing und, auf Holz gemalt in reich getriebenem metallenen Rahmen, das unter den Schultern abschneidende Porträt eines Frauenkopfes zeigte, der, abgesehen von der Haartracht und der einer längst vergangenen Zeit angehörigen Kleidung, fast hätte ein Bildnis von Schnee sein können. Die Augen dieses Bildes waren hier hellbraun, sonst aber glich es Schnee so sehr im Schnitt des Gesichtes, in der Form der Nase und des Mundes, ja selbst im Ausdruck, den das schöne Gesicht Schnees in der Ruhe und im Ernst hatte, ja, dieselben leuchtenden Haare umgaben die schmale, weiße Stirn, daß es dem Erbgrafen ganz eigen ums Herz wurde. Wie oft war er früher achtlos an diesem Bilde vorübergeschritten, kaum einen Blick hatte er darauf verwendet, wenn er mit Leuten, denen die Madonna gezeigt werden mußte, davor stand, und nun hatte ihm im Vorübergehen ein einziger Blick eine Ähnlichkeit gezeigt, die freilich frappant genug war.

»Das ist ja die Hexe, die sie drüben in der Stadt auf dem Platze am See verbrannt haben«, rief Tante Murr. »Hat sie nicht etwas Sphinxartiges, mit ihrem weißen Gesichte und ihrem roten Haar?«

»Warum nicht gar – etwas Trauriges hat sie und im Ausdruck der Augen die Tragödie ihres kurzen Lebens – armes junges Wesen«, sagte die Pfalzgräfin. »Ich kann mir das Bild nie ohne eine Bewegung ansehen, für die ich den tieferen Grund – das allgemeine menschliche Mitgefühl abgerechnet – nicht zu finden vermag.« Und impulsiv, wie sie war, zog die Pfalzgräfin ein Sträußchen weißer Narzissen, die sie bei der Tafel aus dem Blumenarrangement der Jardiniere entnommen, aus dem Gürtel und steckte es in die durchbrochenen Figuren des Rahmens. Hans- Georg aber beugte sich herab und küßte ehrfürchtig das weiße, duftige Haar über der klaren Stirn seiner Mutter.

»Solch schöne Gedanken hat auch nur meine Mater«, flüsterte er ihr ins Ohr. Es war ihm zumute, als hätte sie Schnee mit diesen Blumen den Willkomm geboten. »Ich danke dir«, fügte er hinzu, als sie ihm zulächelte.

»Weil ich das Bild der Hexe mit Blumen geschmückt?« fragte sie verwundert.

Er sah sich um – die anderen waren schon durch die Tür zum folgenden Raume getreten.

»Weil das Bild jemand sehr ähnlich sieht«, sagte er leise.

Da blitzte es in ihren Augen auf.

»Dann hätten es eigentlich Rosen sein müssen«, erwiderte sie ebenso leise. »Oder – oder gar Myrten?«

»Na, immer noch vor dem Bilde der Hexe?« rief Tante Murr ungeduldig zur Tür herein. Hans-Georg nahm den Arm seiner Mutter und legte ihn in den seinen, wobei er ihm einen zärtlichen Druck gab, den die Pfalzgräfin lächelnd erwiderte.

»Ich verstehe«, flüsterte sie.

Aus dem nächsten Raume führte eine Verbindungstür in den Renaissancebau, in welchem Hans-Georg seine Wohnung auf der gleichen Höhe mit diesem Stockwerk hatte. Man trat dort zunächst in einen die ganze Länge dieses Flügels einnehmenden Korridor, durch dessen Nordende man auf den Chor der Kirche gelangte, auf dem sich die herrschaftliche Loge befand, die durch Glaswände. hinter denen purpurseidene Gardinen hingen, abgegrenzt war. Die Angehörigen des Hauses aber konnten aus der Loge über den Orgelchor nach der andern, der Nordseite gelangen, die eine Verbindungstür nach den alten Schloßteilen hatte, so daß die dort Wohnenden – der Pfarrer und die Tante Murr in diesem Falle – hinübergehen konnten, ohne ins Freie zu gehen. Die beiden Genannten traten den gewohnten Weg auch ohne Verweilen an, indem sie sich von den andern verabschiedeten; die Pfalzgräfin öffnete eine der Türen in dem Korridor und betrat dadurch das Wohnzimmer ihres Sohnes.

Zunächst der Tür, durch die sie gekommen waren, aber hing ein alter gemalter Stammbaum der Seeburger, der etwa bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts reichte, und vor diesem sehr sauber ausgeführten Monstrum blieb der Erbgraf stehen.

»Vater, sind dir eigentlich noch andere Familien unseres Namens bekannt?« fragte er. »Ich meine, Familien, die sich von der unsern abgezweigt haben?«

»Das letztere möchte ich fast bestimmt verneinen«. erwiderte der Pfalzgraf. »Unsere Papiere deuten keine solche Abzweigung an, nennen keinen Seeburg, der etwa in der Fremde verschollen ist und dort eine Familie gegründet haben könnte. – Der Name ist kein Monopol – ich habe ihn schon in allen Ständen gefunden. Auch gab es einen Oberst von Seeburg, der sich Freiherr nannte – er ist, so viel ich weiß, gestorben, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Diesem, übrigens, glaube ich, sehr tüchtigen Offizier ging einmal das Heroldsamt wegen Führung des Freiherrn- beziehungsweise Adelstitels zu Leibe. Er hatte keinen Adelsbrief, wohl aber konnte er bis zu seinem Urgroßvater nachweisen, daß die Familie in Kirchenbüchern und Amtsdiplomen mit dem Adelstitel genannt worden war und auf Grund dieser übrigens recht unzuverlässigen Zeugnisse konnte man ihm nicht gut verbieten, sich ›von Seeburg‹ zu nennen und das Heroldsamt stellte ihm anheim, um Bestätigung des Freiherrntitels einzukommen. Ich weiß aber nicht, ob er es getan hat. Wahrscheinlich deutete das ›von‹ nur den Ort an, aus dem diese Familie stammte; möglicherweise aus unserm Städtchen Seeburg.« –

Hans-Georg erwiderte nichts – seine Zeit war noch nicht gekommen. Und für heute fand sich auch die richtige Stunde nicht mehr, denn Hans-Georg hatte sich kaum heimisch gemacht in seinen Zimmern, als ihn seine Mutter auch schon holen ließ: es war Besuch gekommen zu Schiff und zu Wagen von Gutsnachbarn diesseits und jenseits des Sees. Da wurde Tee getrunken, Kuchen und Sandwiches gegessen, im Park spazierengegangen, Landwirtschaft rückhaltlos und Politik mit Maß und Vorsicht besprochen, der Erbgraf über London ausgefragt, und dann fuhr man wieder heim. Und als Hans-Georg geholfen hatte, den letzten Gast am Portal des Rokokobaus fortzukomplimentieren, da war's gerade Zeit, Toilette zum Diner zu machen, und dies verlief genau wie das Frühstück, nur daß Tante Murr, die jetzt ein seidenes Gewand trug, Gelegenheit fand, über »die Gänseherde« zu schimpfen, die ihr den ganzen schönen Nachmittag »zusammengeschnattert« hatte. Das war aber nur äußerlich und durfte so tragisch nicht genommen werden, denn im Grunde schwatzte Tante Murr ganz gerne mal ein bißchen mit und ließ sich den Seeklatsch erzählen, und wenn er nicht zu ihr kam, dann ging sie zu ihm, das heißt, sie machte selbst Besuche auf ihrem Pirschwagen mit den faulen Apfelschimmeln, oder per Velo oder mit dem Kursschiff, das unterhalb der Seeburg anlegte.

Da der Pfarrer nach dem Diner heut gleich fortging und somit ihr Partner zum Sechsundsechzig fehlte, mit dem sie sich zur Förderung ihrer Verdauung über dieses schöne Spiel zanken konnte, so schlug sie als Surrogat dafür ein Familienwhist vor.

»Das ist zwar auch ein mordsledernes Vergnügen, aber 's ist besser wie nischt, sagte Schnabel, als er nach stundenlangem Angeln einen Frosch fing«, erklärte sie brummend.

»Tante, diese fürchterlichen Schmeicheleien mußt du dir aber wirklich abgewöhnen«, meinte Hans-Georg mit eindringlichem Ernste. »Es ist ja geradezu unmoralisch, seine nächsten Verwandten so zu verwöhnen.«

»Ich mache halt aus meinem Herzen keine Mördergrube und spreche aus, was ihr euch alle denkt«, versicherte Tante Murr gemütlich. »Du gibst, Elisabeth, und du, Hans-Georg, döse nicht, sondern hebe ab! Jetzt kleckert der Mensch auch noch beim Abheben! Nochmal abheben? Unsinn, das nutzt nicht mehr, – der Rubber ist so gut wie verloren.«

»Aber Murrchen, wer wird denn so abergläubisch sein?« lachte die Pfalzgräfin, die Karten austeilend. »Wer beim Abheben kleckert, der verliert die Rubber, – das ist kein Aberglaube, sondern so sicher wie zwei mal zwei –«

»fünf ist«, fiel Hans-Georg ein.

»Coeur ist Atout«, verkündete die Pfalzgräfin, die letzte Karte umwendend.

»Auch das noch!« stöhnte Tante Murr. »Hab' ich's nicht gesagt? Nun geht das Malheur schon los. Jetzt spiel wenigstens was Vernünftiges an, mein Jungchen und werter Aide. Wieviel Karten haste denn eigentlich, weil's so 'ne Ewigkeit dauert, bist du sie geordnet hast? Und hüte dich vor Coeur. Trefflich schön singt unser Küster –«

»Meine liebe Marie, willst du deinem Aide nicht lieber gleich sagen, welches Treff du ausgespielt haben willst?« fragte der Pfalzgraf ärgerlich. »Wenn du es so treibst, dann dürftest du wirklich recht haben mit den von dir geschilderten Freuden des Familienwhists. Da hört ja doch jedes Spiel auf!«

»Siehste, Nauke, da haste deine Pauke«, kicherte Tante Murr, für den Augenblick sichtlich beschämt, aber wirklich nur für den Moment, denn schon bei der letzten Silbe machte sie einen langen Hals, um ihrer Schwägerin in die Karten zu sehen. Die Pfalzgräfin war aber flinker als sie, klappte ihre Karten zusammen und lächelnd deklamierte sie mit erhobenem Finger:


»Spielen darfst du, du darfst spielen,
Auch mal in die Karten schielen:
Kartenspielern liegt's so drin,
Müssen immer gnietschig sin.
Aber mit den Augen plinken,
Oder mit den Händen winken,
Daß so'n Trumpf gleich zweimal sticht,
Mein Schnutelchen, das darfst du nicht!«


»Ach red' keinen Stuß!« brummte Tante Murr, von allen Seiten so bedrängt. »Los, Hans-Georg – wie lange soll denn das noch dauern! 'ne Karte, oder ein Scheit Holz!«

Hans-Georg spielte Coeur an.

»Du bist wohl verrückt geworden?« schrie ihn Tante Murr über den Tisch an. »Coeur! Das ist ja, um junge Hunde zu niesen; Konntest du denn nichts Dämlicheres spielen?« Wütend warf sie klein Coeur zu. »Da haste's! Da rafft deine Mutter den Stich mit ihrem Aß! Nein, es ist doch, um aus der Haut zu fahren.«

»Tu's ja nicht, Murrchen, – es muß gräßlich aussehen«, lachte die Pfalzgräfin und spielte Pique. Resigniert warf Hans-Georg zu, denn er ahnte, was nun kam: Tante Murr stach triumphierend den Stich und schmetterte Treff nach, worin er Renonce war. Das focht sie aber nicht an; sie ließ sich den dritten Stich vom Feinde stechen und die Firma verlor die Partie sozusagen mit Pauken und Trompeten.

»Hab' ich's nicht gleich gesagt?« schrie sie erbost. »Vom Kleckern kommt das!«

»Nein, das kommt davon, daß du, statt Hans-Georg mit deinem kleinen Coeur nachzuspielen, deine kleine Treffe-Force ausgabst, und ihn dadurch zwangst, seine ganze großartige Coeur-Flöte auf unsere Pique zuzuwerfen«, berichtigte der Pfalzgraf.

»Mag der Himmel dir's vergeben, Tante Murr«, sagte Hans-Georg resigniert.

»Ich werde doch nicht solch ein Heupferd sein und Coeur nachspielen, nachdem er beim Abheben gekleckert hat!« behauptete sie kühn ihren Standpunkt. »Coeur! Nu so blau! Coeur! Coeur spielt in so'nem Falle überhaupt bloß ein Mensch an, wenn er verliebt oder sonstwie besessen ist!«

Die Pfalzgräfin bog sich vor Lachen in ihrem Stuhl zurück, selbst der Pfalzgraf lächelte und Hans-Georg ärgerte sich wütend über sich selbst, weil er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. Darüber fing er an, mit solcher Energie zu mischen, daß die Karten ihm aus den Händen sprangen und er eine ganze Weile herumsuchen mußte, bis er sie wieder beisammen hatte.

»Seht ihr, daß ich recht habe? Er verteidigt sich nicht einmal«, triumphierte Tante Murr, zum Überfluß mit dem Finger auf ihr unglückliches Opfer deutend.

»Das wäre Atemverschwendung«, erklärte Hans-Georg mit so viel Ruhe, als ihm möglich war, weil er ja im voraus gewußt hatte, daß Tante Murr beim Whist besonders als Aide einen Heiligen zur Raserei bringen konnte. »Überdies: Oui s'excuse, s'accuse, das ist eine alte Weisheit.«

»Papperlapapp! Auf'm hohen Pferde hat noch niemals einer lange gesessen«, behauptete die Tante und weil sie gerade ihre Karten ordnete, fuhr sie, unverbesserlich, wie sie nun einmal am Spieltische war, im selben Atem fort: »Jetzt pass' aber wenigstens auf, was ich abwerfe, und verwechsele nicht Karo mit Coeur, wie das so bei Verschossenen üblich sein soll.«

»Meine liebe Marie, wer beim Spiel redet, der zahlt eine Mark in die Armenkasse«, erklärte der Pfalzgraf, indem er mit seiner Frau einen Blick wechselte.

»Es wird ja doch nichts draus, wenn beim Mischen die Karten unterm Tisch gelegen haben«, brummte Tante Murr und es war dann auch Wasser auf ihre Mühle, als der Pfarrer, noch ehe sie die Partie beendet hatten, plötzlich im Zimmer erschien und dem Pfalzgrafen etwas zuflüsterte, worauf dieser seine Karten hinlegte, aufstand, und mit einem »Pardon« zu seiner Frau, mit dem geistlichen Herrn hinausging.

»Da schlag doch eine scheckige Pudelmütze drein«, gab Tante Murr ihrer Entrüstung Ausdruck, denn sie hatte natürlich ausgezeichnete Karten. »Was soll denn das bedeuten? Kommst du bald zurück?« schrie sie den Herren nach.

»Ich weiß es nicht – ich glaube kaum«, erwiderte der Pfalzgraf, schon in der Tür.

»Beim Whist bin ich der reine Pfitzner – immer, wenn ich mal einen Trick in der Hand habe, da ist entweder vergeben worden, oder 's kommt sonst was dazwischen«, brummte Tante Murr, ihre Karten mit sichtlichem Bedauern vor sich ausbreitend. »Drei Trick und deux Honneurs hätten wir gemacht, Hans-Georg. Was kann der Pfarrer jetzt noch von meinem Bruder wollen?«

Die Pfalzgräfin zuckte mit den Achseln, legte ihre Karten hin und stand dann vom Spieltisch auf. Sie war ernst und sah besorgt aus. Und Hans-Georg, der bemerkt hatte, daß sein Vater sich bei der Botschaft des Pfarrers verfärbt hatte und daß schwere Schweißtropfen ihm auf der Stirn standen, als er sich in der Tür noch einmal umgewendet, erhob sich auch.

»Ach, bleib doch sitzen – wir wollen noch eine Partie Schafskopf miteinander spielen«, schlug Tante Murr vor, die im Beobachten nie ein Held gewesen und auf einen heimlichen Wink allemal mit einem lauten: »Was ist denn los? Warum schneidet ihr mir denn solche Gesichter?« antwortete. Die Pfalzgräfin gab ihrem Sohne einen Wink, den er genau verstand: sie wünschte, daß er Tante Murr beschäftige, und verschwand in ihr Boudoir. Hans-Georg opferte sich also und spielte mit Tante Murr Schafskopf »bis zur Ohnmacht«, wie er's nannte, und versetzte sie dadurch in die denkbar beste Laune, weil er, mit seinen Gedanken beschäftigt, fast unausgesetzt verlor.

»So«, sagte sie, hochbefriedigt ihren Gewinn einstreichend, »das war doch mal was! Zwar hast du oft gespielt wie ein gesengtes Nilpferd, aber das ist deine Sache, und so lange es mein Aide beim Whist nicht tut, so lange hab' ich auch weiter nichts dagegen. Was? Zehn Uhr durch? Na denn gute Nacht, mein Junge, denn ich will beim Tagesgrauen auf die Pirsche nach dem ollen Bocke, der mir heut früh durch die Lappen gegangen ist.«

»Weidmannsheil, liebe Tante«, wünschte Hans-Georg erschöpft.

»Danke«, erwiderte sie vergnügt. »Weißte, was heute früh an dem Pech schuld war? Ich hab' mich vorm Wegfahren im Spiegel gesehen, und wahr muß schon wahr bleiben: wenn man vorm ersten Schuß ein altes Weib sieht, dann kann man lieber gleich zu Hause bleiben. Dann ist's vorbei. Ich werde meinen Spiegel heute abend noch verhängen.«

»Das täte ich an deiner Stelle auch«, erwiderte Hans-Georg ernsthaft.

»Grobian«, knurrte Tante Murr und gab ihrem Neffen, der einen großen Platz in ihrem wunderlichen Herzen einnahm, einen kräftigen Gutenachtkuß.

Dann stülpte sie ihren Hut auf, hing ein Cape um und ging durch das Freie zurück in die Wohnung; Hans-Georg aber zögerte noch einen Moment und klopfte dann bei seiner Mutter an.

»Tante Murr ist erledigt, Mater, und ich komme, Gute Nacht wünschen«, sagte er, den Kopf zur Tür hereinsteckend.

»Gute Nacht, mein lieber Junge«, erwiderte die Pfalzgräfin und stand vom Schreibtisch auf, um ihm entgegenzugehen. »Du wirst so müde sein nach deiner Nacht im Eisenbahnwagen und nach dieser ewigen Spielpartie mit der Tante. Sie muß Glück gehabt haben, denn ich habe sie bis hierher pfeifen gehört. Und nun will ich auch noch an Marie-Luise Mirow schreiben und sie noch einmal einladen, samt ihrer Freundin. Wer ist sie eigentlich, diese Freundin? Und du bist ganz, ganz sicher, daß sie, – ich meine, daß du –«

»Ganz sicher, Mater!«

»Darfst du es sagen, Hans-Georg, wer derjenige ist, den sie –«

»Ich habe dazu kein Recht, Mutterchen, aber – hm – sag mal, darf ich mir für die Zeit, wo die Kusine Mirow hier ist, meinen lieben alten Freund, Harold Husum, einladen?«

Die Pfalzgräfin schlug die Hände zusammen.

»Der Harold ist es?« fragte sie. Nein, aber so etwas! Dieser Harold! Du weißt ja, ich freue mich immer, Harold wiederzusehen! Ach und war er nicht bei der Botschaft, als Graf Mirow Gesandter war?«

»Diskretion ist Ehrensache, Mater;«

»Laß gut sein, – er wird's mir schon selber erzählen«, lächelte die Pfalzgräfin. »Er war immer merkwürdig offenherzig für einen Diplomaten, dieser Harold. Und ich habe mich immer gewundert, daß sich deine Schwester Gertrud nicht in ihn verliebt hat. Wirklich, das habe ich. Es ist ja schließlich ein Glück gewesen, daß sie's nicht getan hat –«

»Warum denn ein Glück, Mater? Harold ist ein Mann, den jede Frau stolz sein kann zu gewinnen. Und offen gesagt, ich glaube auch nicht, daß Harold Gertrud gleichgültig gewesen ist, aber sie war's ihm – in dem Sinne, wie wir beide es meinen. Marie-Luise Mirow ist, glaube ich, ganz die richtige Frau für ihn: tiefinnerlich, mit reichem, geistigem Leben, vielseitigen Interessen, etwas mimosenhaft, dabei ganz die große Dame und geläutert durch das Leben, das sie ja hart genug angefaßt hat. Und ich halte sie für unbedingt zuverlässig, aufrichtig und treu wie Gold. Du wirst sie sicherlich liebgewinnen, Mater!«

»Das hatte ich von dir gehofft!« sagte die Pfalzgräfin vorwurfsvoll.

»Du hast dich auch nicht getäuscht«, versicherte er eindringlich. »Nur in andern, als in dem von dir erwarteten Sinne habe ich sie wirklich liebgewonnen – als Harolds Abgesandter. Mater, du bist eben nicht gewöhnt, Heiraten zu stiften, und ich kann dir auch bloß raten, das Geschäft aufzugeben, es ist zu undankbar, besonders mit mir. Ein gräßlich widerhaariges Objekt bin ich in dieser Beziehung, gar nicht wert deiner mütterlichen Fürsorge.«

»Es war ein Reinfall, mein Junge, und ich werde mich hüten, es noch einmal zu versuchen«, versicherte die Pfalzgräfin lachend. »Um so mehr, als mir scheint –«

»Scheint dir was, Materchen? Ja, und was ich sagen wollte: vielleicht wartest du mit deinem Briefe an Marie-Luise noch bis morgen. Ja? Es kommt auf einen Tag nicht an. Ich habe morgen mit euch – mit dir und dem Vater zu sprechen – heut ist man ja reinweg den ganzen Tag belagert gewesen – und das Resultat dieser Unterredung dürfte den Inhalt dieses Briefes beeinflussen.«

»Den Inhalt meines Briefes an Marie-Luise Mirow?« fragte die Pfalzgräfin erstaunt. »Ja aber, wenn ich davon ein Wort verstehe – – Herrgott, die Freundin!« setzte sie mit plötzlicher Erleuchtung hinzu.

»Gute Nacht, Mater – Materchen«, sagte er bewegt und streichelte die schöne, weiße Hand, die er immerzu in der seinen hielt. »Nicht wahr, du schreibst also erst morgen?«

Und damit ging er rasch hinaus und nickte in der Tür seiner Mutter noch mit so strahlenden Augen zu, daß sie ihm einen Schritt nachging, selbst freudig, erwartungsvoll. Aber da war auch die Tür schon hinter ihm zugefallen.

»Die Freundin – es ist die Freundin!« flüsterte sie. »Die Freundin, deren Namen Marie-Luise nicht genannt, und auch er nicht, trotzdem ich ihn schon zweimal danach gefragt. Wer kann sie sein? Eine Prinzessin sicher nicht, sonst hätte Kusine Eichwald schon geschrieben, daß Marie-Luise mit der und der reist. Also ein niemand, – zu unbedeutend, um von Kusine Eichwald erwähnt zu werden – ich weiß, es gibt Leute, die für Kusine Eichwald einfach nicht existieren. Aber dann – – ach du lieber Himmel, was wird das wieder geben?«

Sie faltete die Hände – eine ihrer charakteristischen Bewegungen, namentlich, wenn sie erstaunt, erregt oder bestürzt war, wie jetzt.

»Man hat ja gut sagen: Hans-Georg wird und kann nur eine Frau wählen, die seiner würdig ist«, grübelte sie an derselben Stelle stehend weiter. »Ich habe das Vertrauen zu ihm, gewiß – wir alle haben es. Wenigstens wir Eltern und der Pfarrer und – ach, was kommt es darauf an? Aber man hat doch Beispiele, wie selbst die besten, edelsten Männer, die ruhigsten, klarsten Köpfe eingefangen und bezaubert worden sind von Sirenen, von unwürdigen, berechnenden, schlechten Weibern – und dann war das Unglück fertig. Ach Gott, behüte mir meinen lieben, treuen, herzigen Jungen vor solch einem Schicksal. Er ist alt genug, um ein Urteil zu haben in seiner Wahl. O ja. Aber wenn einer mit Blindheit geschlagen wird, was nutzt ihm dann sein sonst so klarer Blick? Und wenn hundert Augen für ihn sehen, was er nicht sieht, was nützte das? Nichts, gar nichts. Es wird auch bei ihm nichts nützen – bei ihm vor allen andern nicht, denn wo Hans-Georg sein Herz verschenkt hat, da nimmt er's nicht wieder zurück.«

Und während die Pfalzgräfin so in Bestürzung zurückblieb und den Briefbogen wieder zerriß, auf den sie schon die einleitenden Sätze zu ihrem Briefe an Marie-Luise geschrieben, ging, ein brennendes Licht in der Hand, Hans-Georg durch das Haus in seine Wohnung. Zumeist, wenn's nicht gerade in Strömen regnete, ging er auch gern durchs Freie hinüber in den Renaissancebau, aber heut wollte er gern noch einen Blick werfen auf das Bild der »Hexe«, der Schnee so ähnlich sah. Und auch den Ring auf dem Bilde der »Pfalzgräfin Schnee« wollte er sich noch einmal ansehen. Ob es auch wirklich der war, den er an der Hand seiner Schnee gesehen.

Im Tiziansaale ließ er das elektrische Licht, das um die Rahmen der beiden Bilder des Meisters angebracht war, sich entzünden und sah lange und aufmerksam den Ring an, der mit minutiöser Treue, nach Art der Alten, abgebildet war. Es schien Hans-Georg gar kein Zweifel, daß er derselbe Ring sei, wie Schnee ihn trug; aber wie kam er dann in ihre Familie?

Kopfschüttelnd ließ er den Strahlenkranz von Licht um die engelgleichen Züge der Erbin von Sonnenberg wieder erlöschen und leuchtete mit seiner Kerze allein auf das Bild der »Hexe«: nein, es war gar kein Zweifel, es glich Schnee, oder vielmehr Schnee glich diesem Bilde so merkwürdig, wie ihr Ring dem Juwel glich, das die blonde Pfalzgräfin in den schlanken, spitzen Fingern hielt. Der Unterschied in der Farbe der Augen fiel dabei auch nicht einmal ins Gewicht, denn der Ausdruck war entscheidend, der Schnitt und die Form der dunklen Brauen. In den Arabesken des Rahmens steckten noch die Narzissen, die seine Mutter heut mittag in einem ihrer hübschen Impulse der armen »Hexe« gewidmet, – sie waren verwelkt, aber sie dufteten noch, denn Narzissenduft vergeht nicht so schnell, er ist wie die Menschen, deren Geist noch eine ganze Weile, nachdem sie ins unbekannte Land gegangen sind, zurückbleibt in den Räumen, die sie belebt und individualisiert haben. Es gibt viele Menschen, die man sein ganzes Leben lang, nachdem sie heimgingen, nicht vergißt, aber nur wenige sind es, deren Ich sich so ausprägt, so charakteristisch zurückbleibt, wie der Narzissenduft.

Hans-Georg mußte daran denken, wie Schnee sich in Montreux gewundert hatte, daß man dort ein Narzissenfest feierte und diese Blume zum Symbol einer freudigen, bunten und bewegten Frühlingsfeier machte, weil die reinweißen Blütensterne mit dem rotumränderten goldfarbenen Kelchbecher doch eigentlich die Blume der Sterbenden und der Toten wären. Aber freilich, sie blühen dort auf den Wiesen oberhalb Montreux und besonders in den felsumschlossenen »Avants« in einer solchen Menge wild, daß es aussah, als wären die Felder beschneit, und dieses Phänomen, das so viele Reisende anzog, mußte doch auch zu einer besonderen Fremdenattraktion ausgenutzt werden und füllte die Hotels.

Hans-Georg hatte früher nie darüber nachgedacht, für wen die Narzissen eigentlich paßten; er hatte sie hübsch und ihren Duft zu stark gefunden und sich doch gefreut, als er ihn bei chemischen Experimenten aus den unglaublichsten, übelriechenden Stoffen hervorgebracht hatte. Aber durch Schnees Bemerkung hatten die Narzissen für ihn eine Bedeutung erhalten, eine Individualität gewissermaßen, wie sie ja wohl jede Pflanze, jede Blume hat, wenn man sich die Mühe gibt, sie zu sehen. Das tun aber auch so viele Blumenmaler nicht, weshalb man an ihren Gemälden kühl bis ans Herz hinan vorbeigeht und nur das hübsche Arrangement bewundert. Und doch gibt es Blumenstücke, die so packen und fesseln, wie ein menschliches Bildnis. Aber nicht zu viele. Die welken Narzissen, deren Duft noch so stark und eindringlich um das Bild der »Hexe« schwebte, ergriffen auch Hans-Georg, als er mit seinem Lichte vor dem Bilde stand, und es ging ihm, der nie im Leben eine sentimentale Anwandlung gehabt, jetzt gegen sein Empfinden, daß die Hand des morgen früh hier aufräumenden dienstbaren Geistes das welke Sträußchen aus dem Rahmen nehmen und in den Kehricht werfen sollte. Er löste es vorsichtig aus den Arabesken heraus und legte es in die Brieftasche, die er immer bei sich trug: Schnee hatte diesen Blumen eine besondere Bedeutung abgewonnen, also waren sie ihm zur Reliquie geworden. Noch einen Blick auf das Bild und dann ging er weiter, und als er den Korridor auf der Ostseite seiner Wohnung betrat, da erschien der Pfalzgraf durch die entgegengesetzte Tür, die das alte Haus über den Kirchenchor verband. Auch er hielt ein Licht in der Hand und Hans-Georg sah beim Schein desselben, daß das Gesicht seines Vaters grau, alt und eingefallen aussah.

»Warst du so lange bei dem Pfarrer?« fragte er unwillkürlich in seinem Erstaunen und setzte schnell hinzu: »Ich hoffe, unser Hochwürdiger hatte keine unangenehmen Geschäfte für dich. Du siehst angegriffen aus.«

»Ich bin müde«, erwiderte der Pfalzgraf. »Und abgespannt. Aber ich fürchte, es nutzt nichts, zu Bett zu gehen; ich kann doch noch nicht schlafen.«

»Komm in mein Zimmer, Vater, und rauche noch eine Zigarre bei mir«, bat Hans-Georg herzlich, indem er die Tür aufmachte, vor der sie sich begegnet. »Du weißt, der Tabak beruhigt die Nerven, – wenn er notabene nicht aus Tante Murrs Vorrat stammt. Selbst ein Gläschen Tokayer kann ich dir anbieten, denn ich habe für etwaige Besucher immer eine Flasche zur Hand.«

»Nur für Besuche?« fragte der Pfalzgraf müde, in das Zimmer seines Sohnes tretend und dort schwer in einen der mit blauem Saffianleder bezogenen Lehnstühle fallend.

»Ich trinke ja nie alkoholhaltige Getränke«, erwiderte Hans-Georg, die Flasche mit dem Wein und ein Glas aus einem Schranke holend.

»Richtig; ich vergaß. Auch solch eine moderne Bewegung, der Antialkoholismus«, sagte der Pfalzgraf. »Gewiß eine gesunde Bewegung, aber wird dabei nicht von vielen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?«

»Wenn auch, Vater: es ist nicht schade um dieses Kind. Als Arznei wird ja der Alkohol eine Macht bleiben und leider wohl auch als Genußmittel. Aber sonst muß er mit Feuer und Schwert bekriegt werden. Der Tokayer ist gut, nicht? Nun, er ist ja aus den Kellern der Seeburg und wird auf dich wie Medizin wirken. Hier sind die Zigarren.«

Der Pfalzgraf nahm einen Schluck von dem feurigen Weine und zündete sich dann eine Zigarre an, und Hans-Georg sah dabei, daß die Hände des alten Herrn zitterten. Aber er tat, als merkte er es nicht; sein Vater hatte auf seine Frage nach den Geschäften mit dem Pfarrer nicht mit einer Silbe geantwortet, und Hans-Georg besaß den Takt, der Tante Murr abging: Fragen nicht zu wiederholen, die offenbar zur Beantwortung nicht reif waren.

»Du hast aber wohl selbst zur Ruhe gehen wollen, – nach deiner Reise,« sagte der Pfalzgraf nach einer kleinen Weile.

»Ich bitte dich – als ob für solchen Bärenkerl, wie ich einer bin, eine Nacht auf der Achse einen Eindruck machte!« verwahrte sich Hans-Georg lachend.

»Ich war auch einst solch ein Bärenkerl«, meinte der Pfalzgraf sinnend. Und dann seufzte er: »Tempi passati. Man wird alt. Alt und müde. Den Jahren nach könnte man freilich noch auf der Höhe fast sein, oder doch nur wenig unterhalb, aber das ist nun einmal Seeburgerlos. Es wäre mir eine Beruhigung, wenn du wenigstens anfingst dich ernstlich nach einer Frau umzusehen.«

»Vater, du hast dich auch nicht nach einer ›umgesehen‹, sondern du bist meiner lieben Mutter unerwartet begegnet und da hast du dir gesagt: das ist die Rechte für mich«, entgegnete Hans-Georg. »Es war Zufall, daß alle Vorbedingungen sich in ihrer Person vereinigten.«

»Aber entscheidend für meine Werbung«, ergänzte der Pfalzgraf im gleichen Tone, mit einem scharfen Blick auf seinen Sohn. »Meine Stellung als Erbgraf von Seeburg hat mir dieselben Pflichten auferlegt, die sie von dir fordert. Wäre deine liebe Mutter ein einfaches Fräulein Eichwald gewesen, so hätte ich entsagen und mich nachher doch ›umsehen‹ müssen.«

»Ja, wahrscheinlich«, gab Hans-Georg zu. »Aber du hättest trotzdem nicht berechnend gewählt, wie Joachim zum Beispiel. Ich weiß immer noch nicht: ist's ein Glück oder ein Unglück für seine Frau, daß sie mit ihrem ganzen Herzen dabei beteiligt ist.«

»Es ist ein Glück für Joachim auf alle Fälle. Du sahest ihn öfter in London?«

»O ja. Der älteste Junge ist ein herziger Kerl, der jüngste etwas zart, aber, wie mir versichert wurde, sonst gesund. Die ›Thronfolge‹ von Seeburg ist also gesichert – nach menschlicher Berechnung. Und selbst wenn mir was Menschliches passieren sollte: Joachim hat viel mehr Talent zum regierenden Herrn, als ich. Das ist immerhin ein Trost – für alle Fälle.«

»Für alle Fälle«, wiederholte der Pfalzgraf etwas schärfer. Dann, mit einem kurzen Lachen, setzte er leicht hinzu: »Das klingt ja fast, als hieltest du Entsagungsideen auf das Geburtsrecht nicht für so total ausgeschlossen, wie ich sie halte.«

Hans-Georg fühlte, daß seine Stunde gekommen war. Er tastete in seine Brusttasche, wo die welken Narzissen ihren letzten Duft verhauchten und ließ seine Hand auf dem kleinen Sträußchen ruhen. Dann sagte er ruhig:

»Warum für total ausgeschlossen, Vater? Es könnten doch Umstände eintreten, die eine Entsagung meiner Erstgeburtsrechte schlechtweg forderten.«

»Du bist kein Verschwender – das wäre also ein Grund, der fortfiele«, erwiderte der Pfalzgraf mit der gleichen Ruhe, vollständig objektiv bleibend. »Es ist bei deinen Grundsätzen auch nicht anzunehmen, daß du eine ehrlose Handlung begehen könntest, die dich von der Erbfolge ausschlösse, beziehungsweise zu einer Entsagung zwänge. Auch scheint es mir ausgeschlossen, daß sozialistische oder anarchistische Ideen Besitz von dir ergreifen und dein Gewissen dir die Führung von Titel und Besitz verbietet. Zwar sind solche Ideen nie zu verreden, denn sie liegen in der Luft wie Schnupfenbazillen und Schimmelmikroben, aber ich glaube nicht, daß du empfänglich dafür bist. Ferner ist dein physischer und geistiger Gesundheitszustand völlig normal und wird es ja mit Gottes Hilfe auch bleiben, wie ich von ganzem Herzen hoffe und auch hoffen darf, da in dieser Beziehung in unserm Hause durch Vererbung nichts zu fürchten ist. Wir sind körperlich und geistig eine sehr gesunde Rasse. Es bliebe also der Fall, daß du dir eine Frau wähltest, die nur zur linken Hand die deine werden kann, deren Nachkommen von der Erbfolge ausgeschlossen sind.«

»Welche Bestimmungen gelten für die Ebenbürtigkeit einer Ehe in unserm Hause?« fragte Hans-Georg.

»Das müßtest du eigentlich wissen«, erwiderte der Pfalzgraf sehr ruhig. »Du wirst doch nicht gar irgendwo ein Professorstöchterlein gefunden haben oder eine Studentin der Chemie, die dir dies plötzliche Interesse an den Ehebestimmungen unseres Hauses erweckt hat und die Erkenntnis, daß Joachim zum regierenden Herrn besser paßt als du?«

Hans-Georg lächelte flüchtig. »Ich kenne eine ganze Menge reizender Professorstöchter«, erwiderte er heiter, »aber ich kann nicht sagen, daß eine mir ein tieferes Interesse eingeflößt hätte. Und die Studentinnen der Chemie rekrutieren sich zumeist aus Russinnen, die Bomben machen wollen. Oft ganz hervorragend kluge Personen, begabt und ehrgeizig; aber nicht mein Geschmack, als femininum generis betrachtet. Nun, und daß Kellnerinnen, Seiltänzerinnen und so weiter nicht als ebenbürtig gelten, das kann ich mir allein sagen.«

Der Pfalzgraf tat ein paar tiefe Züge aus seiner Zigarre, streifte langsam die Asche ab und lehnte sich wiederum in seinen Sessel zurück.

»Unsere Hausgesetze verbieten auch die Ehen mit geschiedenen Frauen«, sagte er dann wie beiläufig.

»Ja, dieses Paragraphen erinnere ich mich«, nickte Hans-Georg. »Man wird wohl zu seiner Aufnahme stichhaltige Gründe gehabt haben. Mich interessiert aber in erster Linie zu wissen, wen die Seeburger Hausgesetze als ›ebenbürtig‹ anerkennen. Ich vermute, daß sich dieses Vorrechtes nur Damen regierender oder mediatisierter Häuser erfreuen.«

»Durchaus nicht. Unsere Hausgesetze haben die Grenzen viel weiter gezogen und erkennen als ebenbürtig Damen des Uradels an.«

Hans-Georg sprang von seinem Stuhle, streckte sich und trat vor seinen Vater hin.

»Das war der Punkt, über den ich mir bisher nicht ganz klar war«, rief er, »denn soweit ich zurückrechnete, waren es immer nur Damen des hohen Adels, die wir als Pfalzgräfinnen auf der Seeburg hatten. Ich weiß, Vater, daß es dir nicht leicht geworden wäre, meine Entsagung auf die Erbfolge entgegenzunehmen, aber – aber ich hätte dir und der lieben Mutter diesen Schmerz doch nicht ersparen können, wenn – wenn wir nicht so minderwertige Hausgesetze gehabt hätten. Denn ich habe die Frau meiner Wahl gefunden und sie ist keine Prinzessin. Wenn ihr sie wahrscheinlich deswegen um meinetwillen auch nicht minder liebhaben würdet als Tochter, so freut es mich doch, daß ich sie als Erbgräfin in die Seeburg heimführen kann.«

Der Pfalzgraf legte seine Zigarre fort, stand auf und ergriff die beiden Hände seines Sohnes.

»Wer ist sie?« fragte er ernst.

»Sie ist die Tochter des Generals von Seeburg – die letzte ihres Stammes«, war die schnelle, frohe Antwort. Der Pfalzgraf ließ die Hände seines Sohnes los.

»Aber das ist doch kein Uradel!« rief er enttäuscht, schmerzlich.

»Doch«, entgegnete Hans-Georg. »Der Nachweis dafür wird sich führen lassen. Der General mit seinen immerhin beschränkten Mitteln hat ihn vielleicht nicht so überzeugend beibringen können, als es uns möglich sein wird. Wir haben die Beweise vielleicht unter unserm Dach, denn ich habe die feste Überzeugung, daß diese Seeburgs eines Stammes mit uns sind.«

»Wie kommst du auf diese abenteuerliche Idee?« rief der Pfalzgraf scharf. »Nicht die Spur einer Abzweigung läßt sich nachweisen. Wenn sich auch nur der Schimmer einer möglichen Familienverbindung hätte nachspüren lassen, so hätte das der General sicher angeführt, als man ihm seinen Adel überhaupt in Zweifel zog. Ich habe mich der Namensgleichheit wegen damals für die Sache interessiert und mich im Heroldsamt informieren lassen. Er hat nicht einmal eine illegitime Nachkommenschaft mit unserm Hause ins Treffen geführt, was er gewiß getan hätte, wenn sich solch eine Familienlegende bei ihm vorgefunden hätte. Dessen sei sicher!«

»Ich weiß doch nicht, Vater«, erwiderte Hans-Georg ruhig und sachlich. »Der General hat Papiere hinterlassen, die ich noch nicht kenne; vielleicht geben sie uns einen Anhalt. Papiere, die als Familienerbstücke wie Schätze verwahrt worden sind. Vielleicht sind sie darum doch nicht minder wertlos für unser, für mein Ende. Das muß die Zukunft lehren. Aber meine Braut führt unser Wappen, wie wir es führten, ehe es mit dem Sonnenberger vermehrt worden ist, und sie kennt die Seeburger Hymne –«

»Mein lieber Hans-Georg, die Seeburger Hymne ist heut ein bedeutungsloser Klang geworden, aber sie ist kein Familiengeheimnis. Jeder Straßenjunge drunten im Städtchen kann sie kennen.«

»Ja, wahrscheinlich, Vater, weil er ein Seeburger ist. Aber die Familie des Generals von Seeburg stammt aus dem Norden. So berühmt ist unsere Seeburger Hymne doch nicht, um bis dorthin gedrungen zu sein –«

»Das ist nicht nur eine schwache Logik, Hans-Georg, es ist sogar gar keine!«

»Zugegeben, Vater. Meine Braut kennt aber einen Vers dieser Hymne, den ich nie gehört. Sie hat ihn mir auf meinen Wunsch in mein Taschenbuch geschrieben. Vielleicht kennst du ihn. Darf ich ihn dir vorlesen?«

Der Pfalzgraf nickte, und Hans-Georg zog sein Taschenbuch hervor, in dem die Blumen lagen, die er vom Bilde der »Hexe« mitgebracht. Er legte das Sträußchen Narzissen auf den Tisch und erklärte seinem Vater, was dies für Blumen seien und woher er sie genommen.

»Weil Mutter sie in den Rahmen gesteckt und weil das Bild der »Hexe« meiner Braut so ähnlich sieht, als hätte sie dazu gesessen«, setzte er hinzu, und als der Pfalzgraf stutzte, fuhr er heiter fort: »Oh, ich habe noch ganz andere Dinge in petto, die dich vielleicht auf meinen Standpunkt bringen werden. Nun zunächst einmal dieser Vers. Seiner Worte Sinn ist sehr dunkel und mir ebenso unverständlich wie er meiner Braut ist. Aber vielleicht findet sich doch noch ein Schlüssel dazu. Nun höre:


»Euch Seeburgern lacht nur ein Frühling. Nie
Wird die Sommersonne Euch blicken.
Was andern der Sommer an Freuden lieh,
Wird im Schnee, im Schnee euch ersticken.
Den Winter bringt jäh euch der uralte Schnee,
Aus der Jugend ein Tag euch des Alters Weh,
Bis Jungschnee kommt in der Sonnwendnacht – –
Dann hofft – und habt acht!«


Der Pfalzgraf hatte schon bei den ersten Worten gestutzt, doch ehe Hans-Georg zu Ende gelesen, hatte er sich wieder in seinen Sessel zurückgleiten lassen und saß nun da, das Gesicht mit den Händen bedeckt, die er erst eine Weile später wieder herunternahm.

»Ja«, sagte er langsam. »ich kenne diesen Vers. Er ist nicht Gemeingut unserer ganzen Familie, aber da eine Verpflichtung nicht besteht, ihn andern nicht mitzuteilen, so kann er bei einer gelegentlichen Begegnung vor Zeiten zur Kenntnis jener Familie gelangt sein. Weiter!«

»Weiter heißt meine Braut mit Vornamen Schnee«, fuhr Hans-Georg fort, indem er sein Taschenbuch wieder einsteckte. »Und sie sagte mir, daß dieser Name immer von einem Mitgliede ihres Hauses geführt würde in Erinnerung an eine Person dieses Namens, die einem Vorfahren dereinst ein himmelschreiendes Unrecht zugefügt hätte, damit dieses nicht in Vergessenheit geriete.«

»Solcher Familienlegenden gibt es zu Hunderten, lieber Junge. Und der Name Schnee ist, wenn auch nicht gerade gewöhnlich, doch besonders in katholischen Ländern gang und gäbe für Mädchen, die am fünften August, am Tage Maria Schnee, geboren werden.«

»Meine Braut ist zwar auch katholisch, aber sie stammt aus dem Norden und ist im Mai geboren.

Aber das Merkwürdigste ist, daß sie den Ring besitzt und trägt, den die Pfalzgräfin Schnee, die Erbin von Sonnenberg, auf ihrem Porträt von Tizian drüben im Barockbau in der Hand hält. Wenn es nun nicht zwei solcher ganz, ganz gleicher Ringe gegeben hat, so könnte es, da wir doch dies Juwel nicht besitzen, vielleicht derselbe sein. Du wirst mir zugeben, daß dies zum mindesten ein seltsames Zusammentreffen ist. Ich konnte mich gar nicht besinnen, wo ich den Ring gesehen, den meine Braut als ein Erbstück ihres Hauses, als eine unveräußerliche Reliquie besitzt, und erkannte ihn heut auf der Stelle wieder, als ich vor dem Bilde drüben stand.«

»Das wäre allerdings sehr merkwürdig«, gab der Pfalzgraf zu. »Aber warum sollte es nicht mehrere solcher Ringe gegeben haben?«

»Weil dieser so eigenartig ist, daß es sich der Mühe lohnte, seinem Ursprung, der auf den Orient hinweist, nachzugehen«, erwiderte Hans-Georg. »Vater«, setzte er herzlich hinzu, »kommt es denn aber auf alles das an? Ist nicht das Wesentliche an meiner Mitteilung das Faktum, daß ich in Schnee von Seeburg meine Bestimmung, mein Lebensglück gefunden habe? Ich habe die Überzeugung, daß sie die Bedingungen, die unsere Hausgesetze an ihren Ursprung stellen, erfüllen kann und wird, aber – darin liegt doch für mich weiß Gott nicht der Brennpunkt. Es ist ja viel, Erbgraf von Seeburg zu sein, aber es ist nicht alles, und meine Entsagung würde mir nur den Schmerz kosten, dir und der Mutter eine Enttäuschung zu bereiten. Joachim hat ja auf alle Fälle eine Frau, gegen die unsere Hausgesetze nichts einzuwenden haben. Das alles läßt sich leicht missen und kostet mich keine Überwindung, aber es wäre ein unendlicher Schmerz für mich, wenn ihr nicht teilnähmt an meinem Glück und der Verbindung, an der mein ganzes Herz hängt, Vater, euren Segen versagen wolltet!«

»Da sei Gott vor«, rief der Pfalzgraf, indem er beide Hände ausstreckte. »Hans-Georg, Sohn meines Herzens, für welch verknöchertes Geschöpf mußt du mich halten, daß ich über einem dem Menschenglück gegenüber so wesenlosen Buchstaben: ob Uradel, ob nicht, deine Gefühle vergessen könnte. Und ich, der ich in meiner Ehe doch alles gefunden habe, was den Bedingungen irdischen Glückes entspricht, eine Frau, die mir Freund, Gefährtin, Helferin und Stütze war durch mehr als dreißig lange Lebensjahre, die ich heut noch so liebe, wie ich sie als Braut geliebt, ich bin der letzte, der sich deines Glückes nicht freute. Nur der Gedanke, daß du mein Erbe nicht bleiben könntest, drängte den Haupt- und Generalpunkt im ersten Moment in den Hintergrund. Gott weiß, daß ich Joachim kein Partikelchen meiner väterlichen Liebe entzogen habe und entziehen möchte, aber du und ich, wir haben doch vielleicht ein Band mehr gemein durch die Gleichheit unserer Anschauungen. Menschlich und persönlich gesprochen ist es mir total gleich, welcher Gesellschaftsklasse deine Herzliebste angehört, denn ich bin überzeugt, daß sie uns an Bildung des Herzens und des Geistes ebenbürtig ist. Du gehörst nicht zu den verblendeten Schwärmern, die sich einbilden, daß sie eine Frau sich selbst erziehen und zu sich heraufziehen können. Ich habe außerdem einmal gehört, wie du dich über diese Träumer ausgesprochen und ihr Erwachen bedauert hast. Nein, der Vater wünscht dir alles Glück und segnet deinen Bund, aber der Chef unseres Hauses will daneben auch um deinen Platz, um deine Stellung als mein Erbe kämpfen. Und wenn dabei Bedenken zuerst zum Ausdruck kamen, so hat ja der Vater trotzdem dahintergesteckt. Und nun erzähle mir von deiner Braut; beschreibe sie mir und sage mir, wo du sie kennengelernt. Und wenn wir ihre Stellung in den Reihen des Uradels nicht nachweisen können – dann wollen wir Gottes Finger darin sehen, der dich an eine andere Stelle weist. Du hast recht: es ist nicht alles, der Erbe von Seeburg zu sein.«

Und Hans-Georg erzählte und der Pfalzgraf hörte teilnehmend, herzlich, ja glücklich zu und als er dann aufbrach, um drüben im Rokokobau zur Ruhe zu gehen, da begleitete sein Sohn ihn und zeigte ihm im Tizianzimmer das Schnee so sehr gleichende Bild der »Hexe« und den Ring auf dem Gemälde der Erbin von Sonnenberg.

Als Hans-Georg dann in sein Zimmer zurückkehrte, da ging er, trotzdem es fast Mitternacht war, doch noch nicht zur Ruhe, denn nun mußte er doch noch an Schnee schreiben. Auf seinem Schreibtisch fand er auf der gewohnten Stelle für seine Postsachen eine Ansichtskarte vor von Territet: »Wir gehen morgen für eine Woche nach Zermatt, Hotel Mont Cervin. M.-L.«

»Sie ist doch eine liebe, gute Seele, diese Marie-Luise«, dachte er lächelnd und langte nach einem Briefbogen. Aber dabei fiel ihm ein, daß er ja seine Mutter noch nicht gehört hatte, und wenn er auch nicht annehmen durfte, bei ihr einen ernstlichen Widerstand zu finden, so wäre ihm ein solcher am Ende doch noch lieber gewesen, als vielleicht eine ablehnende Kälte ihrerseits, die wie ein Reif auf sein junges Glück fallen mußte, denn er liebte sie doch so sehr, diese frohmütige, verständnisvolle Mutter, deren er in entscheidender Stunde so wenig sicher war. So saß er vor seinem weißen Briefbogen und verbog die Feder am Rande seines Schreibzeugs, nachdem er sie wohl zehnmal eingetaucht hatte. Plötzlich fuhr er auf, denn seine Zimmertür wurde leise aufgeklinkt.

»Wer ist da?« rief er scharf, indem er aufsprang, und da erschien der Kopf seiner Mutter lächelnd und strahlend in dem Türspalt.

»Ich dacht mir's doch, daß du noch auf bist, – und wärst du schon zu Bett gewesen, da wäre ich eben in deine Schlafstube gekommen«, sagte sie, »denn das hätte ich nicht ausgehalten, die ganze Nacht zwischen mich und meine Glückwünsche zu schieben! Dein Vater kam eben herüber und sagte mir, daß du dich verlobt hast! Gott segne dich und deine Braut; Was muß sie lieb und gut und schön sein, daß du sie erwählt hast!«

»Mater – liebe, liebe Mater;« – Das war alles, was Hans-Georg hervorbringen konnte, als er seine Mutter in die Arme schloß; denn erst jetzt kannte er sie, jetzt erst war sie ihm die Halbfremde nicht mehr, an der er vor zehn Minuten noch gezweifelt.

»Sei nicht böse, daß ich dir vorhin noch nichts gesagt – ich mußte doch aber erst mit dem Vater sprechen«, murmelte er.

»Aber selbstverständlich, lieber Junge«, nickte die Pfalzgräfin mit glücklichem Lächeln. »Das war nur recht und billig, besonders in diesem Falle, in dem die Lage nicht so klar war, als wenn deine Herzallerliebste zum Beispiel Marie-Luise Mirow gewesen wäre. Dein Vater sagte, er glaubte ja wohl freilich nicht, daß deine Braut aus einer Abzweigung unseres Hauses stammte, – er hält es eigentlich für ausgeschlossen und darin dürfte er auch als Autorität gelten, – aber er wird sich sofort für den Nachweis ihres Uradels ins Zeug legen – – und dann, weißt du, findet man ja auch schon noch irgendeine schwache Stelle in den Familiensatzungen, die ein geschickter Rechtsverdreher so wenden und drehen kann, daß der richtige Sinn herauskommt – darüber wollen wir uns keine grauen Haare wachsen lassen, ›Schnee von Seeburg‹ – das klingt ganz feudal. Die Hauptsache ist aber doch die Person, – nein, was ich mich darauf freue, deine Braut kennenzulernen, das kann ich dir gar nicht sagen!«

Hans-Georg mußte sich, als seine Mutter ihn verlassen hatte, erst fragen, ob er auch wirklich nicht träume, daß alles so glatt, so ohne jeden Widerstand, so ohne eine Spur der Kämpfe, die Marie-Luise prophezeit, sich abwickeln sollte. Er hatte das nie er wartet, in diesem Umfang nicht für möglich gehalten. Nun war ja alles gewonnen, denn was auch seine Geschwister sagen mochten – es war ihm gewiß nicht gleichgültig, ob sie sich ablehnend gegen die neue Schwägerin verhielten – aber es fiel doch nicht für die Sache an sich ins Gewicht. Daß ein einfaches Fräulein »von« als Pfalzgräfin, als Fürstin von Seeburg möglich war, hatte er im tiefsten Schreine seines Herzens überhaupt für ausgeschlossen gehalten und sein Entschluß, für Schnee sein Erbrecht an seinen Bruder abzutreten, hatte ihm um seinetwillen keine Schmerzen gemacht, nachdem er einmal erkannt, daß an ihrer Seite das größere Glück und der größere Vorteil für ihn läge. Er hatte auch nicht gezweifelt, daß er am Ende und mit der Zeit seine Eltern mit seinem Entschlusse und ihrer Schwiegertochter aussöhnen würde, denn sie waren beide edle und vernünftige Menschen, aber dies Entgegenkommen hatte er nicht erwartet, nie für möglich gehalten. Das grenzte an das Glück des Polykrates, und wäre Hans-Georg eine weniger nüchterne Natur gewesen, die mit größter Ruhe allemal vor die Ereignisse trat, so hätte ihm schwindeln können. Der Pfalzgraf war liberal gesinnt – in politischer Beziehung, aber sonst war er doch ganz und gar der Grandseigneur der alten Schule und der Souverän, der seine Krone zwar niedergelegt hatte, aber ihre Rechte und namentlich ihre Pflichten nicht. Und dann wußte Hans-Georg auch sehr gut, daß die Theorie und die Praxis zwei vollständig getrennte Begriffe sind. Sogar bei öffentlichen Reformatoren. Er hatte dies erst unlängst bei dem Abstecher nach Genf vor der Statue Rousseaus mit Marie-Luise und Schnee erörtert. Und nun wollte sein Vater sogar nach einem angreifbaren schwachen Punkt in den Familienbestimmungen suchen, für den Fall, daß Schnees Herkunft den Anforderungen derselben nicht entsprechen könnte. »Es geschehen Zeichen und Wunder«, dachte er in seinem Staunen und wenn er nach dem Motiv für diese fast unglaubliche Nachsicht suchte, da kramte er allerlei ganz haltlose Dinge heraus, nur nicht das Allereinfachste, weil so ganz Naheliegende, denn die Gewohnheit hatte ihm den Blick getrübt, und er war auch eine viel zu bescheidene Natur, um das für möglich zu halten, die alles überwindende Liebe seiner Eltern zu ihrem Erstgeborenen, diese wunderbar erhabene Liebe, der kein Opfer zu schwer und zu groß dünkt, die Berge versetzt und barfuß ans Ende der Welt läuft, wenn es gilt, sie werktätig zu beweisen. Aber davon, daß es das war, ahnte er nicht die Hälfte, nicht das Drittel, wenn er auch wußte, daß sie ihm »gut« waren. Noch ahnte er's nicht, aber der Tag, an dem er's erfahren sollte, dämmerte schon.

Die Pfalzgräfin fand ihren Gatten auch noch vor, als sie, von ihrem Sohne kommend, in ihre Gemächer trat. Er saß, wie sie ihn verlassen, den Kopf in die Hand gestützt, müde in dem Sessel, sah aber freundlich auf, als sie in das Zimmer trat.

»Gott, was ist der Junge glücklich!« war ihr erstes Wort und ihre Stimme war dabei wie von Tränen verschleiert. »Ich bin froh, daß ich noch bei ihm war. Es hat ihm wohlgetan.«

Der Pfalzgraf nahm die Hand seiner Frau und küßte sie innig.

»Er müßte ein fühlloser Klotz sein, wenn's ihm nicht wohlgetan hätte«, sagte er herzlich. »Wäre er weniger der Liebe und Teilnahme zugänglich, wäre er kühl und berechnend wie Joachim, so wäre es besser für ihn. Aber da er nun einmal so ist, daß er für seine Liebe auf sein Erbe verzichten würde, wie auf etwas ganz Selbstverständliches, so müssen wir uns fügen. Ich hatte andere Pläne für ihn, andere als du sogar, Elisabeth, Pläne, um derentwillen ich den Schritt wegen des Fürstentitels getan, weil der einer urteilslosen breiten Masse nach ›mehr‹ klingt, als der heutzutage leergewordene Begriff ›Pfalzgraf‹. Und in diesen Plänen, da wehten die Banner von allen Türmen der Seeburg und die Glocken läuteten und Salutschüsse donnerten vom Donjon der Pfalz über den See, weil eine ›Kaiserliche Hoheit‹ als Erbprinzeß ihren Einzug hielt –«

Er hielt ein und machte eine Handbewegung, als wollte er damit dies Bild fortjagen.

»Die Erzherzogin Marie Claudia?« fragte die Pfalzgräfin flüsternd.

Er nickte.

»Ich hatte mich versichert, daß Hans-Georg als Bewerber kommen durfte und – angenommen werden würde.«

»War das nicht vorschnell, Johannes? Hans-Georg ist nicht der Mann, der sich zu einer Ehe überreden oder durch äußere Vorteile bestimmen ließe –«

»Und doch hast du ihn auf eigne Faust auf die Brautschau schicken wollen!« fiel der Pfalzgraf lächelnd ein. Die Pfalzgräfin errötete, wie sie heut morgen schon errötet war.

»Und habe ihn damit geradenwegs seinem Schicksal entgegengeführt!« rief sie schmerzlich. »Das ist mir eine Lehre: man soll seine Hand weglassen von den Speichen des Steuers, das Gottes Hand allein lenken kann. Du so gut wie ich haben versucht, nach unserm eignen, kurzsichtigen Ermessen einzugreifen.«

»Nicht doch, Elisabeth! Wir haben nur den Kurs angegeben; nun Hans-Georg einen andern eingeschlagen, lassen wir die Hände weg. Jedes von uns mit Bedauern für seine gescheiterten Hoffnungen und Pläne – Ja! Das ist nun einmal menschlich. Aber im Grunde sind wir doch dankbar, daß unser Sohn, der unserm Herzen so nahe steht, sein Glück gefunden, das er als Erbe von Seeburg so nötig hat.«

»Ich mache mich gar nicht besser wie ich bin«, rief die Pfalzgräfin mit einem Lachen, das in einem Schluchzen ausklang. »Ich bedaure meine Prinzessin und deine Erzherzogin dazu. Und die um so mehr, als ich ja weiß, daß meine Prinzessin ja doch nicht mehr zu haben war. Man hängt nun einmal an den Ideen fest, in denen man aufgewachsen und erzogen worden ist – –«

»Das tut man, Elisabeth. Aber man muß sich belehren lassen.« »Ja! Ja! Ja! Wenn sie nur nicht ein so schrecklich obskures Wesen wäre! Ich meine, gesellschaftlich – denn Hans-Georg hält sie ja sonst für ein Wunder. Natürlich, weil er verliebt ist. Und was werden wir alles für Anstrengungen machen müssen, um Verwandten, Bekannten und Freunden weiszumachen, daß diese Heirat ebenbürtig und keine Mesalliance ist! Es braucht im idealen Sinne keine zu sein, sicherlich nicht – ich bin die letzte, die den Menschen nach seinen Ahnen schätzt – aber wenn ich an all die erstaunten Fragen, Bemerkungen und maliziösen Gesichter denke, die uns blühen, da kann's einem siedendheiß werden. Trotzdem bleibt aber die Hauptsache, daß Hans-Georg glücklich wird und dafür will ich ja auch gern durch Feuer und Wasser gehen.«

Die Pfalzgräfin war so gut wie ihr Wort. Sie schrieb am folgenden Tage einen ihrer reizenden Briefe an Marie-Luise, in dem sie, ihr langes Schweigen geschickt entschuldigend, die unbekannte Verwandte noch einmal aufs herzlichste nach der Seeburg einlud und diese Einladung in verbindlichster Weise auf die »Freundin« ausdehnte, »von der sie und der Pfalzgraf um so mehr hofften, daß sie die Seeburg mit ihrem Besuche erfreuen würde, als Hans-Georg ihnen die frohe Nachricht gebracht, daß sie in so nahe Beziehungen zu ihnen treten sollte.«

Dieser Brief ging gleichzeitig mit einem Schreiben Hans-Georgs nach Zermatt ab; er und seine Eltern waren übereingekommen, daß von der Verlobung öffentlich wie in der Familie eher nichts bekanntgemacht werden sollte, als bis Schnee auf der Seeburg eingetroffen sein würde.

Hans-Georg hatte diese Briefe selbst auf die Post drunten im Städtchen getragen und ihnen dabei ein Telegramm vorausgeschickt. Als er das Schloß verließ, begegnete ihm draußen eine Klosterfrau, die mit einem Strauß Blumen in der Hand aus dem Park kam und in der Richtung der Pfalz dem Hause zuging. Er grüßte sie und erkundigte sich freundlich nach ihrem Ergehen und ob sie viel zu tun habe. Sie verneinte mit Bedauern, daß Hans-Georg lachend meinte, er für seine Person freue sich ihrer Untätigkeit, worauf er weiterging. Diese Klosterschwester gehörte auch zum eisernen Bestande der Seeburg; er kannte sie, so lange er sich zurückerinnern konnte. Natürlich war es nicht immer dieselbe, – im Gegenteil, sie wechselte alle Jahre mit einer andern ab, schildwachenmäßig traf die Ablösung ein, empfing ihre Parole und sah ihre Vorgängerin abreisen. Hans-Georg nahm sich vor, zu fragen, woher diese Bestimmung stamme, daß eine Klosterfrau ständig auf der Seeburg zu residieren habe. Der Grund, im Krankheitsfalle eine Pflegerin zur Hand zu haben, wäre ja einleuchtend gewesen, aber immerhin ein Luxus; aber diese ständige Nonne gehörte ja gar keinem Krankenpflegerorden an mit ihrem weißen Gewande und Skapulier und dem schwarzen Schleier, und wenn jemand auf der Seeburg Pflege brauchte, so wurde dazu allemal eine Schwester aus dem Kloster der Borromäerinnen drunten im Städtchen geholt. Also war diese weiße Nonne wohl auch nur eins von den Ornamenten der Seeburg, gegen deren Erhaltung sein Bruder Joachim immer murrte als laufende Posten, die der alte überlebte Schlendrian der Güterverwaltung immer weiter führte für nichts und wieder nichts. Hans-Georg fand, daß sein Bruder mit vielem nicht unrecht haben mochte; in solch großen Haushaltungen wird ja vieles weitergeführt aus dem einzigen Grunde, »weil es immer so war«, ganz gleichgültig, ob das Bedürfnis dafür da ist oder längst ein überwundener Standpunkt, – so ungefähr wie das Talglicht der Kaiserin Katharina von Rußland, mit dem sie sich ihre vom Schnupfen wunde Nase eingerieben hatte und das seitdem in den Büchern des Zarenhaushalts als eiserner Bestand gebucht wurde und Jahr für Jahr um ein paar hundert Prozent im Preise stieg. Schon nach hundert Jahren überstieg der jährliche Betrag dieses Talglichtes die Revenuen eines kommandierenden Generals, aber der Posten soll jetzt endlich gestrichen worden sein. Der Schnupfen des »Mädchens von Marienburg« ist dem Hause Romanoff-Holstein teuer zu stehen gekommen.

Hans-Georg hatte die Überzeugung, daß im Hause Seeburg auch viele solche Talglichte gebucht wurden, aber mit dem Unterschied, daß man sie dann auch wirklich brannte – figürlich gesprochen. Vermutlich war die malerische weiße Nonne auch eins dieser Talglichter – möglicherweise eine Stiftung, die sich doch sicherlich ganz gut ablösen ließ, ohne dem armen Wesen die Zumutung zu stellen, für nichts und wieder nichts auf der Seeburg residieren zu müssen.

Als Hans-Georg von seinem Gange zur Post und Telegraph zurückkam, traf er seinen Vater im Park und hier fiel es ihm wieder auf, wie müde der alte Herr aussah und wie angegriffen und gebeugt, als drücke ihn eine schwere Sorge.

»Hast du schlecht geschlafen, Vater?« fragte er teilnehmend.

»Seeburger Erbteil, mein Junge. Darein muß man sich finden.«

Hans-Georg wunderte sich, warum es ein Erbteil der Seeburger war, schlecht zu schlafen – dann hatte er es nicht, das stand fest. Da der Pfalzgraf aber sichtlich nicht wünschte, darauf einzugehen, so ging Hans- Georg auf etwas anderes über.

»Ich bin vorhin unserer weißen Klosterschwester begegnet«, bemerkte er nach einer Weile. »Dabei ist mir aufgefallen, wie man sich doch an bestimmte Dinge, die man von den Kinderschuhen an gesehen hat, gewöhnen kann, so daß sie einem nicht mehr auffallen. Warum ist eine solche Nonne aus einem bestimmten Orden ständig auf der Seeburg anwesend?«

Der Pfalzgraf antwortete nicht gleich, denn trotzdem er nicht erhitzt schien, wenn der Tag auch warm war, mußte er sich die Stirn trocknen.

»Diese Klosterfrau hat das Amt, die Kirchenwäsche und Paramente zu verwahren und in Ordnung zu halten«, erklärte er. »Du mußt doch das wissen. Jedes Kind auf der Seeburg weiß es.«

»Also wohl eine Stiftung, nicht wahr? Oder die Erfüllung eines Gelübdes?«

»Eine – Stiftung, jawohl. Joachim hat die Stiftungsurkunde sehen wollen, um darin die Handhabe zu finden, diese ›überflüssige Einrichtung‹, wie er die Schwester nannte, loszuwerden. Aber ich habe seine Wißbegier im Interesse meiner Revenuen nicht befriedigen können, denn es existiert nichts Schriftliches darüber. Ich fühle mich weder geneigt noch bemüßigt, unser Haus von diesem Posten zu entlasten und bemerke es nur für den Fall, daß auch du mir diesen Vorschlag machen willst.«

»Ich habe daran nicht gedacht, Vater«, versicherte Hans-Georg. »Ich bin nie dafür, sogenannte Ehrenausgaben zu schmälern oder zu streichen, wenn keine finanzielle Notwendigkeit dafür vorliegt. Aber könnte dem Kloster die Revenue nicht gegeben werden, ohne eine der armen Nonnen dazu zu zwingen, hier diesen Posten zu verwalten, der unserer Beschließerin sicherlich keine Arbeitslast aufbürdete, unter der sie niederbrechen könnte?«

»Dieser Vorschlag ist ebenso vernünftig, wie er dem Wohlanstande entspricht«, erwiderte der Pfalzgraf, »aber wir wollen es trotzdem beim alten lassen – so lange ich lebe. Wenn du das Regiment übernimmst, wirst du ja selbst am besten ermessen können, ob der armen Klosterfrau ihr Jahr Seeburg zu ersparen ist oder nicht. Unsere gegenwärtige Schwester Anunziata ist eine große Meisterin in der Kunst der Goldstickerei, aber sonst leider etwas schüchtern und unentschlossen –«

»Nun, für ihr Amt fällt das nicht so ins Gewicht«, meinte Hans-Georg lachend. »Sie hat ja Zeit, sich zu entschließen, ob sie einen dicken oder dünnen Faden zum Sticken nehmen soll.«

»Ja, dazu hat sie wohl die Zeit«, murmelte der Pfalzgraf müde. »Übrigens«, fuhr er lebhafter fort, »habe ich die Morgenstunden dazu benutzt, unsern Stammbaum noch einmal durchzugehen, um einen möglichen Zusammenhang unseres Hauses mit der Familie deiner Braut zu finden, aber vergebens. Trotzdem kann ich deiner Ansicht, daß ein solcher Zusammenhang existiert, nur beistimmen auf der immerhin sehr schwachen Basis – des Ringes. Denn obwohl alle und jede Nachrichten über dies Juwel fehlen, so scheint es mir doch eigentümlich genug, um es für ein Unikum zu halten. Aber, wie gesagt, das ist eine so schwache Basis, daß man kaum ein Kartenhaus darauf bauen könnte. Eine annehmbarere wäre schon die Kenntnis der Seeburger Hymne. Sagtest du nicht, deine Braut besäße noch Papiere über ihre Familie? Ich wäre begierig, diese zu sehen, aber ich kann mir nicht denken, daß sie Urkunden enthalten, deren sich der General von Seeburg doch sicherlich bedient hätte, als es galt, seinen Adel nachzuweisen.«

»Schnee hat diese Papiere selbst nie gelesen und hat sie bei ihrer Tante, Fräulein von Sternberg, aufbewahrt. Aus dem, was ihr Vater darüber gesagt, sollen es längstverjährte Erbschaftsgeschichten sein oder so etwas Ähnliches. Soviel ich verstanden habe, hat der General sich mit Herausgabe dieser vielleicht unbeweisbaren Ansprüche nicht lächerlich machen wollen.«

»Das war sicherlich sehr weise, aber insofern nicht vorteilhaft, als sich daraus wahrscheinlich ein Stück Familiengeschichte hätte erweisen lassen. Oder auch nicht.«

»Wenn Schnee herkommt, muß sie die Papiere mitbringen. Ich freue mich wie ein Kind darauf, ihr die Seeburg zu zeigen. Du findest eine verwandte Seele in deiner künftigen Schwiegertochter, Vater, denn ihr Interesse für die Denkmäler der Vergangenheit ist so groß, daß es eigentlich schon Hunger nach Wissen ist. Sie ist eine sehr eigenartige Persönlichkeit, meine Braut. Ich habe nie eine Dame kennengelernt, die ihr glich; im Wesen wie äußerlich.«

»Nach Bräutigamsart«, dachte der Pfalzgraf mit einem leisen Seufzer; laut aber sagte er herzlich und eindringlich: »Möchte sie dir nach einer ebenso langen Ehe wie die meinige noch ebenso erscheinen und sein, was deine Mutter mir geblieben ist: die Einzige, Unvergleichliche!«



Beim Lunch fand Tante Murr an diesem Tage willige oder doch mindestens geduldige Ohren für ihre Jagdgeschichten, denn es kamen Gäste, darunter einige gewaltige Jäger vor dem Herrn, mit denen sie in einem Latein schwelgte, daß sich einem Laien die Haare sträuben konnten. Nach dem Lunch nahm man den Kaffee auf der eleganten Terrasse des Rokokobaues, die nach dem See zu lag, und als die Zigarren brannten und über dem kleinen Kreise jene Stimmung des Behagens lag, die nach einer perfekten Mahlzeit sich mit dem Dufte eines feinen Tabaks auf die Teilnehmer herniederläßt, da machte einer der Herren eine Bemerkung über die räumliche Ausdehnung der Seeburg und fragte, was in aller Welt man mit dem vielen überflüssigen Raume anfinge, besonders in den ältesten Teilen, die wohl überhaupt unbewohnt wären. »Mit Ausnahme des Trakts, wo der Pfarrer und ich hausen, rechts von der Kirche, wohnt keine Seele dort«, bestätigte Tante Murr, gewaltige Wolken aus ihrer Zigarre blasend. »Heißt das, unsere persönliche Bedienung hat ihre Wohnräume in demselben Trakt, natürlich, in dem ist aber dann noch genug Platz für 'ne Familie mit einem Dutzend Kindern. Sonst wohnt niemand mehr in dem alten Hause, aber ich lieb's. Ich wohnte am liebsten in der Pfalz, aber ich gebe meinem Bruder recht; sie liegt ein bissel weit ab von den übrigen bewohnten Teilen und die Dienstboten fürchten sich ja dort so vor Gespenstern, daß sie schon am hellen Tage nur in Scharen zum Ausfegen 'reinzukriegen sind. Auch bei mir muß man sich beherzte Personen verschaffen, die den Mut haben, dort zu wohnen, denn dort geht ja die Hexe um! Ich hab' sie noch nicht gesehen. Und wenn ich sie nicht sehe, wird sie sich doch so'ner Pute nicht zeigen«, schloß Tante Murr erbost und spuckte aus.

»Die Pfalz ist unbewohnt?« fragte ein anderer der Herren, der die Stellung des Ersten Staatsanwalts drüben in der Stadt seit einiger Zeit bekleidete und heut zum erstenmal Gast auf der Seeburg war. »Dann ist es wohl eigentlich meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ich neulich abends, als ich mit dem letzten Schiffe von Seeende nach der Stadt heimkehrte, Licht in dem nördlichen Turme der Pfalz sah. Ich dachte mir noch: Also bewohnt man den alten Steinkasten doch und sah zu, wie das Licht dann erlosch und nahe dem südlichen Turm wieder auftauchte.«

»Wann war das?« fragte Hans-Georg. »Es wäre wertvoll, wenn Sie sich des Tages erinnern könnten, denn man muß sich doch erkundigen, wer dort nachts etwas zu suchen hatte. Es dürfte am Ende gespensterfeste Leute hier und in der Umgebung geben, die neugierig genug sind, nachzusehen, ob sich nicht nur niet- und nagelfeste Dinge in dem alten Bau befinden.«

»Und dabei in der Eile irgend etwas anzünden«, warf ein anderer ein.

»Ich habe, um der Feuersgefahr vorzubeugen, überall, auch in den unbewohnten Teilen der Seeburg, elektrisches Licht legen lassen«, sagte der Pfalzgraf. »Der Schloßverwalter geht sehr oft des Abends durch die Burg, um nachzusehen, ob auch alle Fenster geschlossen sind, wenn das Wetter windig ist oder Regen droht, und wenn er auch gehalten ist, sich einer Laterne zu bedienen mit geschlossenem Lichte, so bietet die Elektrizität doch eine größere Garantie der Sicherheit. Sie, Herr Erster Staatsanwalt, haben meinen Verwalter jedenfalls bei einem solchen Gange gesehen.«

»Vermutlich, Erlaucht, trotzdem das Wetter an diesem Abend weder regendrohend noch windig war. Aber ein gewissenhafter Verwalter findet schon noch andere Gründe zur Wachsamkeit«, erwiderte der Staatsanwalt. »Ja, wer es so haben kann, sich jeden Winkel mit elektrischem Lichte zu beleuchten – das wäre so mein Ideal. Übrigens«, setzte er lachend hinzu, »dabei fällt mir ein, was Sie jedenfalls interessieren wird – und ich erlaube mir auch nur es zu erwähnen, weil ich vermuten darf, daß der Humor der Sache Sie amüsieren dürfte: man hat mir – wer, ist natürlich Amtsgeheimnis – allen Ernstes zugemutet, auf amtlichem Wege den Zugang zu dem geheimnisvollen Zimmer zu erzwingen, in welchem Erlaucht Ihr Familiengeheimnis aufbewahren!«

»Das war wohl ein Verrückter?« schrie Tante Murr. »Na, dem haben Sie doch ordentlich den Marsch geblasen?«

»Meine liebe Marie, – wenn man bei jemand vermutet, daß er geistig nicht mehr normal ist, so behandelt man ihn mit Vorsicht, Sanftmut und Nachgiebigkeit«, meinte der Pfalzgraf. »Das ist wirklich sehr erbaulich, Herr Staatsanwalt, und wird Sie selbst nicht wenig überrascht haben.«

»Ja, aber dieser sonderbare Heilige muß Ihnen doch mit ganz bestimmten Verdachtsgründen gekommen sein«, fiel Hans-Georg ein. »Mit dem Sammelbegriff ›Familiengeheimnis‹ rennt man doch nicht zum Staatsanwalt, die Leute zu denunzieren!«

»Nun«, erwiderte der Beamte lächelnd, »man hat mir die Wahl gelassen. Dieses berühmte Zimmer, von dessen Existenz die ganze Umgebung überzeugt und voll ist, in dessen Inhalt ein jeder Erbgraf von Seeburg am Tage seiner Großjährigkeit eingeweiht wird –«

»Hat man bei meiner Mündigkeitsfeier entschieden übersehen oder vergessen«, warf Hans-Georg ein.

»Dieses Zimmer«, fuhr der Staatsanwalt, den Einwurf mit einer lächelnden Verbeugung quittierend, fort, »dieses Zimmer beunruhigt die Gemüter entschieden und erweckt die Neugierde in einem Maße, das, wie die Herrschaften sehen, schon etwas Gefährliches hat. Nach der Ansicht der einen sollen sich die Skelette von ein paar feindlichen Gegnern des Hauses darin befinden, die man durch Vorspiegelungen falscher Tatsachen dort hineingelockt und eingemauert habe und die sich gegenseitig vor Hunger auffraßen. Da diese Geschichte sich aber im Mittelalter zugetragen haben soll, so mußte ich wegen eingetretener Verjährung zur lebhaften Enttäuschung des Antragstellers darauf verzichten, ein Strafverfahren einzuleiten.«

»Nein, es ist doch aber unglaublich!« rief die Pfalzgräfin, die Hände zusammenschlagend.

»Es kommt noch besser, Erlaucht«, versicherte der Staatsanwalt, »denn nachdem ich mangelnder Befugnis wegen, wenn auch mit Bedauern ablehnen mußte, den Teufel verhaften zu lassen, der mehrere enragierte Spieler in diesem Zimmer geholt und sich seitdem dort aufhalten sollte – nachdem ich, gleichfalls wegen Verjährung, einer liebenswürdigen Schwiegermutter, die arglistig ihres Stiefsohnes Gattin dem Hexenbüttel ausgeliefert, wegen Verbal- und Realinfurien aufs Dach zu steigen für ausgeschlossen erklärte und weil überhaupt gegen umgehende Geister unsere Gesetzgebung doch noch schmerzlich empfundene Lücken aufweist, so wurde ich damit bekannt gemacht, daß in jeder Generation auf der Seeburg ein Ungeheuer geboren und in diesem geheimnisvollen Zimmer aufbewahrt wird!«

»Ich verwahre mich feierlich gegen dieses Ungeheuer, soweit ich dabei beteiligt bin«, erklärte die Pfalzgräfin energisch, halb lachend, halb ärgerlich, während Tante Murr sich mit dröhnendem Lachen schallend auf die Knie schlug.

»Das ist ja zum Schießen!« schrie sie mit tränenden Augen. »Paßt auf: mit dem Ungeheuer der vorletzten Generation haben sie mich sicherlich gemeint und wollen mir das Handwerk legen, weil ich den Kunden, den Herren Wilddieben, höllisch auf die Finger seh.«

»Nun, wenn Sie die Sache mit Humor auffassen, dann kommt der ›trockene Ton‹ in Ihrem Amte schon gar nicht auf«, meinte Hans-Georg. »Ich hätte nicht gedacht, daß sich die Leute hier so eingehend mit uns beschäftigen.«

»Mit einem großen Geschlechte, dessen Geschichte die ganze Gegend beherrscht, beschäftigen sich diejenigen, die niemals Aussicht haben, diese Schwellen zu überschreiten, naturgemäß«, sagte der Pfalzgraf sehr ruhig. »Ferner spinnt die Sage ihre grünen Ranken und grauen Spinngewebe im Laufe der Zeiten um die alten Mauern; das Volk sammelt sie, eine Generation erzählt sie der andern weiter und – jede setzt etwas dazu. So ist es immer gewesen. Das geheimnisvolle, das Blaubartszimmer, gehört zu den ältesten Requisiten der Sage; wir finden es fast in jedem sehr alten Schlosse wieder, aber meist sind es verborgene Schätze, rechtmäßige, wie unrechtmäßige, welche die Sage hineintut. Der Kern der Wahrheit, der darin ruht, ist zumeist die wirkliche Existenz geheimer, wohlverborgener Räume, in denen bei Kriegszeiten und sonstigen unsichern Zeitläufen die Wertsachen gegen die räuberischen Gelüste der Marodeure aufbewahrt wurden. Wir haben derer mehrere auf der Seeburg und zwar nicht nur in den ältesten Teilen und diese Räume sind selbstredend allein dem Haupt des Hauses und seinem Erben bekannt. Wäre die Kenntnis ihrer Lage und Existenz Gemeingut, dann könnte man ja die Dinge, die man sich nicht gern stehlen läßt, lieber gleich draußen lassen zur gefälligen Bedienung. Was mich bei der liebenswürdigen und humorvollen Mitteilung des Ersten Herrn Staatsanwalt frappiert, ist nur der Umstand, daß ich Feinde haben muß, die mich in Ermangelung anderer angreifbarer Punkte durch eine Haussuchung durch die Behörden zu verdächtigen und anzuärgern suchen. Ich vermute, das letztere dürfte wohl das treibende Motiv gewesen sein.«

»Ich hatte nicht diesen Eindruck, Erlaucht«, entgegnete der Staatsanwalt lebhaft. »Mir schien eher, als ob die betreffenden Personen unter dem Eindruck stünden, Ihnen einen Dienst zu erweisen, Sie von – wie soll ich sagen – einer Last zu befreien, die unverdient auf Ihnen ruhe.«

»Sehr gütig«, sagte der Pfalzgraf trocken und ging so markiert auf ein anderes Thema über, daß schon nichts anderes übrigblieb, als dieses fallen zu lassen, wollte man sich nicht in den Geruch einer Taktlosigkeit bringen, die ganz unerhört gewesen wäre.

Als die Gäste sich aber später empfahlen, meinte der Pfalzgraf zu dem Staatsanwalt: »Und wann darf ich die Haussuchung erwarten?«

»Aber Erlaucht werden doch nicht glauben, daß auch nur ein Schimmer von Verdacht – oh!« protestierte der Beamte. »Ich habe ja die Sache lediglich als Kuriosität erwähnt – hätte ich mich an den gastlichen Tisch Eurer Erlaucht gesetzt, wenn ich den konfusen Reden dieser sonderbaren Schwärmer auch nur das geringste Gewicht beigelegt hätte?«

Tante Murr, die, beide Hände in den Taschen ihrer Joppe vergraben, daneben gestanden und genau so viel Takt besaß, wie der Gast ihres Bruders, klopfte diesem nun auf den Rücken, daß ihm die Luft ausging.

»Hand aufs Herz und gestehen Sie, daß Sie doch gern sehen möchten, ob die ›Ungeheuer‹ auf der Seeburg in Spiritus, eingesalzen oder geräuchert aufbewahrt werden!« lachte sie dröhnend, und als der Staatsanwalt süß-säuerlich ob dieses zarten Scherzes lächelte, da flüsterte sie ihm ins Ohr, daß man es einen Kilometer weit hören konnte: »Lassen Sie sich keine grauen Haare deswegen wachsen: auf die Seeburger Sagen sind schon klügere Leute 'reingefallen – heißt das, ich wollte sagen – hm – hm –!«

»Tante, verheddre dich nicht«, redete Hans-Georg dieser stellenweise doch recht genierlichen Verwandten zu. »Wenn du Komplimente machen willst, kommt immer das Gegenteil heraus – dafür bist du zum Glück ja in der ganzen Gegend und darüber hinaus bekannt und geschätzt, sonst müßte sich ja der Erste Herr Staatsanwalt mit dir über das Taschentuch schießen.«

»Müßte er?« fragte Tante Murr erstaunt. Und dem Manne des Gesetzes, der mit einem nur noch erstaunteren Gesichte dabeistand, die Hand reichend, setzte sie treuherzig hinzu: »Mein Neffe hat recht – es kommt bei mir meerschtenteils das konträre Gegenteil von dem 'raus, was ich meine. Gemeint habe ich natürlich: Man sieht, daß die klügsten Leute auch die Seeburger Sagen beeinflussen können. Na, ist's so recht?«

»Gnädigste Gräfin, so ist's sogar ein Kompliment, das ich nicht verdiene«, versicherte der Staatsanwalt, der genug Humor besaß, um sich nicht auf den Pikierten aufzuspielen, eine Rolle, die Tante Murr gegenüber ebenso überflüssig als wirkungslos gewesen wäre. Als aber der letzte Wagen abgefahren war und Hans-Georg mit seinem Vater allein in das Haus zurückkehrte, sagte er:

»Es ist doch ganz unglaublich, worauf die Leute kommen und um was sie sich kümmern! Der Vergleich von den ungelegten Eiern ist wirklich niemals so ad oculos demonstriert worden, als in dieser Mitteilung des Staatsanwalts, die er dir übrigens unter vier Augen hätte machen können, – meiner unmaßgeblichen Ansicht nach. Das Taktgefühl ist doch eine schöne Eigenschaft. Was mich dabei berührt hat, ist das Gefühl, als hätte der Staatsanwalt unter dem Deckmantel seiner humoristischen Darstellung sondieren wollen, den Eindruck seiner Mitteilungen zu sehen gewünscht. Ich kann mich aber darin getäuscht haben; – doch das Allerüberflüssigste war seine Apologie des Denunzianten.«

»Und damit hat er wahrscheinlich gerade den Nagel auf den Kopf getroffen«, erwiderte der Pfalzgraf, indem er umdrehte und ins Freie zurückging, den Weg nach dem Park einschlagend. Hans-Georg folgte ihm unaufgefordert mit plötzlich ganz eigen angeregtem Interesse.

»Ist das dein Ernst, Vater?« fragte er erstaunt.

»Mein vollkommener Ernst«, bestätigte der Pfalzgraf mit starker Betonung.

»Aber das ist ja heller Blödsinn!« rief Hans-Georg halb lachend, halb empört.

»Es ist Methode darin«, erklärte der Pfalzgraf im gleichen Ton. »Die andere Version, daß man mich hat anärgern wollen, bleibt darum nicht weniger wahrscheinlich, aber ich denke, diese ist korrekter. Der Staatsanwalt hat vielleicht das richtige Gefühl gehabt – eine wohlwollende und sehr abergläubische Seele hat die Seeburg auf diese Weise ›entlasten‹ wollen. Natürlich von Phantomen, gegen die, wie der Herr sehr richtig sagte, unsere Gesetzgebung noch empfindliche Lücken aufweist. Oder aber – und nach der Form der Denunziation möchte ich das glauben, daß es nur ein Fühler, eine geschickt gelegte Falle war – und dann ist es dem rastlos spionierenden Geist, der nun einmal im Menschen niemals schläft, gelungen, einen Schimmer der Wahrheit zu erhaschen und legt diesen Schimmer nach seiner Weise im Sinne des Strafgesetzbuches aus. Die Menschen sind ja stets geneigt, Übles zu denken und das Verbrechen zu wittern. Der Schimmer muß aber sehr schwach sein, sonst wäre die Form eine andere, mit gröberen Umrissen gegebene gewesen – doch daß sie dem Staatsanwalt übermacht wurde, beweist mir, daß der Schimmer immerhin stark genug war, um bis dahin zu leuchten. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es nicht bedauern soll, daß die Form sich in solch unsichern Umrissen gezeigt hat, die nirgend einen Punkt des Angriffs bot – dann wäre dem Schrecken vielleicht einer seiner Stacheln geraubt worden.«

Hans-Georg hatte mit wachsendem Erstaunen zugehört.

»Aber Vater«, fiel er stehenbleibend ein, »das klingt ja fast, als ob wir wirklich Ungeheuer zu verbergen hätten.«

»Eins ist genug – wir brauchen gar nicht den Plural zu gebrauchen«, erwiderte der Pfalzgraf mit einer Bitterkeit, die seinen Sohn ebenso befremdete, wie sie ihn starr machte. »Das alte Sprichwort, daß es keinen Rauch ohne Feuer gibt, ist eins der wahrsten und unbestreitbarsten, die es gibt.«

Hans-Georg schüttelte ein bißchen fassungslos mit dem Kopfe. »Aber«, fing er nochmals an, doch ohne fortzufahren, mit einem fast scheuen Blick auf seinen Vater, der so alt und grau und gebrochen neben ihm herschritt, daß es ihn erbarmte.

»Du hast nie von diesem geheimnisvollen Zimmer reden hören?« fragte der Pfalzgraf nach einer Weile.

»Doch, – aber erst vor ein paar Tagen zum ersten Male«, gab Hans-Georg ohne Zögern zu. »Hier bei uns hab' ich nie etwas davon gehört. Du und die Mutter haben so strengen Befehl erlassen, uns Kindern keine Spukgeschichten zu erzählen, daß keiner der Dienstboten seine Stellung dieses fraglichen Vergnügens wegen riskiert hätte. Später, als wir erwachsen waren, hat Tante Murr uns ja reichlich damit gefüttert, und durch sie habe ich nicht eins, sondern wohl ein halbes Dutzend Spukzimmer kennengelernt. Von einem ganz besonderen hörte ich zum ersten Male vor ein paar Tagen in Montreux, wo die Gräfin Mirow mir davon erzählte, und sie wußte die Sage von ihren Verwandten, den Eichwalds.«

»Und woher wissen die's? Durch Herumspionieren!« rief der Pfalzgraf ärgerlich.

»Na, wenn jemand jedes verschlossene Zimmer auf der Seeburg mit ›Geheimnissen‹ bevölkern will, dann hätte er viel zu tun. Aber wie kommen die Leute darauf, gleich ganze Geschichten darum zu lügen, wie zum Beispiel, daß der Erbgraf von Seeburg bei seiner Großjährigkeit auf das Geheimnis eingeschworen wird und so weiter?«

»Woher weißt du, daß dies eine Fabel ist?«

Hans-Georg stand wieder still.

»Woher?« wiederholte er erstaunt. »Na, weil eine derartige Zeremonie mit mir nicht vorgenommen worden ist«, sagte er dann lachend.

»Und wenn die Zeremonie nur aufgeschoben worden wäre?« fragte der Pfalzgraf mit einem langen Blick auf das freundliche, ehrliche Gesicht seines Sohnes.

»Dann ist sie damit hoffentlich auch aufgehoben worden«, entschied Hans-Georg. »Hätt' ich so lange ohne die Wissenschaft eines solchen Geheimnisses leben können, so könnt' ich's auch noch länger ohne das aushalten. Der Mensch muß nicht zu neugierig sein. Neugierde war auch eigentlich nie mein Fehler.«

»Und wenn du dein Erbe nicht antreten könntest, ohne das Wissen dieses Geheimnisses?« fragte der Pfalzgraf wieder mit dem eignen, verhaltenen Ton, den seine Stimme angenommen hatte.

»Na, denn man tau!« meinte Hans-Georg leicht, aber das kam ihm nicht ganz von Herzen, weil ihm ein eignes Gefühl von Unbehagen wie ein Frösteln durch die Glieder schlich – ein Unbehagen, das dem geistigen Wohlbefinden seines Vaters galt. »Aber wie gesagt«, fuhr er im gleichen Tone fort, »ich lege keinen Wert auf Familienskelette. Meiner Ansicht nach läßt man sie am besten im Schranke verstauben, wenn es nun einmal nicht zu ändern ist, daß sie dort sein müssen. Weissagungen, Traditionen und was weiß ich noch inbegriffen, bis sich die Welt wieder einmal zu ihren Gunsten gedreht hat.«

»Und bis die Forschung ehrlich genug ist, einzugestehen, daß sie noch immer in den Windeln liegt«, nickte der Pfalzgraf. »Welch einen Hallo müßte das geben, wenn wir den Beweis erbächten, daß – – – Nein, es ist doch gut, daß der Erste Herr Staatsanwalt auf ungenügend erkannt hatte!«

Der Schloßgärtner, dem sie hier begegneten, lenkte das Gespräch in eine andere Bahn.

Der Pfalzgraf erkundigte sich nach einigen Arbeiten und trat schließlich mit dem Beamten in die Gewächshäuser; Hans-Georg fühlte sich dadurch überflüssig geworden und ging ins Haus zurück, und zwar betrat er von der Landseite den Trakt, den er bewohnte. Drinnen aber fühlte er, daß die Atmosphäre auf ihm lastete, er fühlte, was er nie zuvor empfunden: eine dumpf brütende Schwüle, die auf ihn drückte, wie wenn im Hochsommer ein Gewitter in der Luft liegt, wie ein ungreifbares, unnennbares Etwas, das aus allen Winkeln des alten Hauses schlich und sich von der Decke herabsenkte – Hans-Georg trocknete sich die Stirn und schüttelte sich.

»Was ist mir denn? Ich will doch nicht etwa krank werden?« dachte er und dann fiel ihm ein, daß es ihn vorhin im Garten schon so eigen ergriffen hatte.

»Ich will den Pfarrer fragen, was er von dem Vater hält«, dachte er. »Die Mater möcht ich doch unnütz nicht ängstigen und Tante Murr merkt ja nichts.«

Statt also seine Zimmer zu betreten, ging er den Korridor vor denselben entlang, um durch die Kirche hinüber in des Pfarrers Wohnung zu gelangen und stieg die schmale Steintreppe zum Orgelchor hinunter, um durch die Sakristei sein Ziel zu erreichen, da ihm nichts daran lag, oben Tante Murr in ihrer Domäne zu begegnen. Aber statt direkt unter den Emporen zur Sakristei zu gehen, wandte er sich zunächst durch das Hauptschiff der Kirche selbst zu und wandelte sie langsam herab, den prächtigen Bau bewundernd, der einer der architektonischen Glanzpunkte der Seeburg war. Seine Vorfahren, die sich dieses Gotteshaus erbaut, das für eine Schloßkirche die Dimensionen einer Kathedrale hatte, schienen den Bau mit einem weit in die Zukunft gerichteten Blick ins Leben gerufen zu haben, denn gegenwärtig war das Städtchen Seeburg sowie die zum Allod gehörigen Ortschaften in der Schloßkirche eingepfarrt, und wenn auch selten ein direktes Gedränge darin entstand, so war die Kirche doch an Sonn- und Festtagen immer gut gefüllt; eine Kapelle hätte die Seelenzahl der Parochie also nicht mehr gefaßt, und die Epigonen kamen durch die im großen Stil schaffenden Vorfahren um die Verpflichtung, eine entsprechend größere Kirche bauen zu müssen.

Hans-Georg hatte die Schloßkirche immer geliebt; er fand ihre Proportionen schön und edel, ihre Ausstattung würdig vornehm, den Schmuck der Altäre poetisch. Darin erkannte er die Hand seiner Mutter, welche zum Beispiel die Blumenarrangements stets selbst angab und überwachte, die ein Gedicht aus dem Schmuck der Altäre machte der Jahreszeit entsprechend, unter wahrhaft genialer Anwendung dessen, was Feld und Garten, Wiese, Wald und Gewächshaus gab. Selbst aus dem gelb und braunen Laub der herbstlichen Bäume und aus den purpurblättrigen Ranken des wilden Weines wußte sie Altardekorationen zu schaffen, die Künstleraugen begeisterten; Kornblumen, roter Feldmohn, Goldregen und lila Flieder gaben ihr dekorative Ideen von bezaubernder Wirkung ein und eine berühmte Künstlerhand hatte ein weitverbreitetes Aquarell geschaffen von dem Interieur der Seeburger Schloßkirche im Schmucke der weißen Lilien um die Sommersonnenwende. Die Grabdenkmäler dahingeschiedener Seeburger Pfalzgrafen und ihrer Angehörigen, die drunten in der Krypta der Kirche beigesetzt waren, gaben der Kirche ihren intimen Charakter. Im Presbyterium wie in den Seitenschiffen bedeckten sie die Wände, je nach den Bestimmungen der Dahingeschiedenen als einfache Marmor- oder Erztafeln oder als mehr oder minder prunkvolle Denkmäler, und Hans-Georg pflegte zu sagen, man wäre mitten unter ihnen in dieser Kirche so daheim wie im engen Familienkreise. Das prunkvollste dieser Denkmäler war das der Pfalzgräfin-Regentin Maria Schnee, das mitten in der Kirche stand, aus weißem und goldfarbenem antikem Marmor nach dem Muster der Skaligergräber in Verona, den prunkvollen Stil überprunkend und von einem venezianischen Bildhauer geschaffen. Unter dem wie von Feenhänden geschaffenen, wie Spitzenwerk wirkenden Säulenbaldachin lag sie im offenen Sarkophag, die Gestalt der Erbin von Sonnenberg, den Kopf auf dem Kissen aus Giallo antico leicht zur Seite geneigt, die schlanken Hände fromm gefaltet, über die Knie, wie aus Goldbrokat gefertigt, eine weit über den Sockel herabfallende Decke aus dem gleichen kostbaren goldfarbenen Stein. Ihr zu Füßen an der Vorderseite des Sockels die bronzene Tafel, auf der sie selbst in elegantem Latein erzählt, wann sie geboren, wer sie war, was alles Großes, Unvergängliches sie geleistet und geschaffen für die Größe der Seeburg, welch vortreffliche, unübertroffene Tochter, Gattin und Mutter sie in diesem Leben gewesen, welche Wohltäterin der Armen – nie hatte es ein ähnliches Muster menschlicher Vollkommenheit, Größe, Tugendhaftigkeit und Heiligkeit gegeben – ihrer eignen Auffassung nach. Nichts war vergessen auf diesem langen Epitaph – nichts als das Datum ihres Todes. Und Hans-Georg dachte sich, es sei doch eine grausame Ironie oder eine furchtbare Vergeltung, daß die Nachwelt vergessen konnte, sozusagen den Punkt auf dieses ›l‹ zu setzen, das in jeder Weise so eifersüchtig dafür gesorgt, daß es der Nachwelt erhalten blieb. Daß ein Toter selbst seine Großtaten aufzählt, dafür bietet die Kunstgeschichte aller Länder Beispiele, von denen ein jeder sich mit eignen Augen überzeugen kann, doch bei diesen hatten die Nachkommen es für gut befunden, ihr Epitaph in diesem Stil zu fassen, während die im Seeburger Archiv liegenden Urkunden es als zweifellos erwiesen, daß die Pfalzgräfin selbst ihre Grabschrift verfaßt, eigenhändig entworfen und vielfach verbessert hatte.

Hans-Georg konnte sich gar nicht von dem Denkmal trennen – die leere Stelle auf dem Epitaph ließ ihn nicht los. Sie sagte so viel, diese leere Stelle, nach all den vielen Worten, die ein fleißiger und geduldiger Stichel sauber und zierlich in das Erz eingegraben. Lagen die irdischen Reste oder der Staub dieser Frau in dem Sarkophage unter ihrem marmornen Ebenbilde? Oder war's nur das Symbol des Sarkophags und der richtige mit ihren Gebeinen stand drunten in der Krypta? Hans-Georg wollte den Pfarrer fragen und dann selbst hinabsteigen, denn wenn sie drunten beigesetzt war, so mußte es doch auf dem Sarge stehen, wann sie gestorben war. Eigentlich, im Grunde, was hatte er davon? Irgendein Tag, ein Monat, ein Jahr im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts mußte es sein, welches, blieb sich gleich; das hatte nur Sinn für den Genealogen oder den Geschichtsschreiber und von denen wußten es alle längst. Da brauchte er nur eins der einschlägigen Werke der Familiengeschichte nachzuschlagen oder seinen Vater zu fragen, der das alles genau, wie am Schnürchen wußte. Nicht, daß die Krypta einen Schrecken für ihn hatte mit ihren ordentlichen, wohlgeordneten und gepflegten Reihen von Särgen, diese Krypta, in der das Leben der meisten Seeburger, aller Pfalzgrafen dieses Namens, mündete. Und seines auch, wenn die Zeit dazu gekommen war – und das von Schnee. Gewiß, auch Schnees Leben mußte dort enden, einmal in fern – ferner Zeit. Das war naturgemäß und doch so unnatürlich denken zu müssen, wenn man sich Schnee vorstellte im siegenden Glanze ihrer herrlichen Jugend – –

Die leere Stelle auf dem Epitaph ließ ihn immer noch nicht los – es lag etwas Magnetisches in dem glatten Erz, das ihm kaum je zuvor aufgefallen, sicherlich nie besonders angezogen hatte. Warum heut gerade? Durch die Fenster mit den bunten Scheiben rechts und links von der Orgel fiel von der sich zum Abend neigenden Sonne ein zitterndes purpurnes Licht gerade auf den Kopf der so friedlich mit fromm gefalteten Händen ruhenden Gestalt der Erbin von Sonnenberg und überhauchte ihr schönes, feines, in der Jugendblüte dargestelltes Gesicht mit einem Hauche des Lebens, und durch die Verschiebung der Schatten schien es, als ob der reizende, holde Kindermund lächelte, aber dieses Lächeln veränderte total den ganzen Ausdruck des Gesichtes, denn statt des stillen Friedens, den des Künstlers Hand darein zu legen verstanden, kam etwas so Subtiles in die zarten Züge, das ebensogut verschleierter Hohn, Triumph oder mit Qual gemischte Freude bedeuten konnte. Etwas ganz Sonderbares, und Hans-Georg ertappte sich darauf, daß er atemlos dastand und zu ergründen suchte, was es war. Er hörte darüber nicht einmal, daß die Tür zur Sakristei aufging und der Pfarrer hereintrat in der schwarzen Soutane, das Brevier in der Hand.

»Ein herrliches Kunstwerk, dieses Denkmal«, sagte er mit dem für den Ort passend gedämpften Ton, als er schon dicht vor seinem ehemaligen Schüler stand.

»Sehen Sie mal, Hochwürdiger, was für einen Ausdruck das Gesicht durch die Beleuchtung bekommen hat«, erwiderte Hans-Georg und zog den kleinen Priester am Ärmel auf die Stelle, wo er stand.

»Ja, ja«, machte der Schloßpfarrer mit einem flüchtigen Blick. »Ich kenne das – wenn die Sonne früh durch die Fenster über den Hochaltar scheint, da sieht es ganz anders aus, das marmorne Gesicht. Sterbensmüde. Und in der Rorate im Advent, und in der Christnacht, wenn die vielen Kerzen brennen, da bekommt es einen unruhigen, suchenden Ausdruck – – es hängt eben alles von der Beleuchtung ab. Nur so in der Dämmerung, wenn abends die Schatten sinken, und früh im Zwielicht, ehe die Sonne kommt, da liegt die Ruhe des Todes darüber. Die Porträts auf den andern Denkmälern? Nein, bei denen habe ich den wechselnden Ausdruck nie bemerkt, – die Lage macht's wohl bei dieser Statue, so mitten in der Kirche unter dem Baldachin.«

»Und die leere Stelle auf dem Epitaph?« fragte Hans-Georg, flüsternd, eifrig.

»Stört sie dich, diese leere Stelle? Ja, ich weiß, du warst immer ein ordentlicher Mensch, Hans-Georg, und hattest schon als Kind nie eher Ruhe, als bis alles hübsch in der Reihe war. Aber wenn man nicht weiß, was man auf die leere Stelle schreiben soll –«

»Man weiß nicht, wann sie gestorben ist?«

»Man weiß es nicht.«

»Aber ihr Sarg muß doch drunten stehen in der Krypta?«

»Das ist's ja eben. Er steht nicht drunten.«

»Dann muß sie doch hier in dem Sarkophage unter der Statue liegen.«

»Nicht doch – der Sarkophag ist leer – ist nur ein Symbol.« »Sonderbar – – oder ist sie in der Fremde gestorben?«

»Frag deinen Vater, Hans-Georg!«

»Mein Vater – richtig, ich wollte eben zu Ihnen kommen, Hochwürdiger, um mit Ihnen von meinem Vater zu sprechen. Er scheint mir verändert, bedrückt –«

»Wer hätte nicht sein Kreuz zu tragen? Komm' ein anderes Mal, ja? Denn du siehst, ich will jetzt mein Brevier beten, ehe das Zwielicht kommt – und dann habe ich zu tun!«

Der Pfarrer nickte seinem früheren Zögling zu und ging ins Presbyterium, und Hans-Georg stieg die Treppe wieder herauf und kehrte zögernd in seine Wohnung zurück, in der das Zwielicht schon einzuziehen begann, trotzdem es draußen noch Tag war. Das machten die dicken Mauern, in denen die Fenster tiefe Nischen bildeten, wo die Abendsonne noch lag –

Hans-Georg war nie empfindlich gegen gewisse Tageszeiten gewesen, weil er gesunde Nerven hatte und wenig Einbildungskraft, aber heut wollte ihn das Zwielicht in seinem sonst so behaglichen Zimmer bedrücken. Er drehte das elektrische Licht an, aber das gab solch eine unangenehme Doppelbeleuchtung, daß es dem Auge weh tat und er es schleunigst wieder abstellte, und dann wollte ihm etwas die Kehle zuschnüren, eine Unruhe, eine unbestimmte Angst vor etwas, das ihm fremd war, ergriff ihn –

»Gott bewahre«, dachte er, sich die Stirn trocknend, »was ist denn los mit mir? Ach was, – ich werde hinübergehen zur Mater und mit ihr über Schnee sprechen; das wird mich gleich wieder auf den Damm bringen.«

 


Und wieder ging die Sonne unter jenseits des Sees – noch wenig Stunden nur und die Johannisnacht brach an, und die Sonnwendfeuer flammten auf den Höhen ringsum auf, und die Stadt drüben schickte ihr brennendes Wikingerschiff hinaus auf den See nach uraltem Brauch.

Auf der großen Terrasse vor dem Rokokobau saß die nun wesentlich erweiterte Tafelrunde der Seeburg mit Ausnahme Hans-Georgs, welcher auf die Eisenbahnstation gefahren war, um die mit dem Abendschnellzuge eintreffende Gräfin Mirow abzuholen, und von den acht Personen, die hier beisammensaßen, zweifelten viere nicht einen Augenblick daran, daß sie die zukünftige Fürstin von Seeburg war. Und diese vier waren sehr zufrieden mit der ebenso passenden wie vernünftigen Wahl, wenn man in Betracht zog, daß die Millionen des guten, seligen Mirow zum größten Teil an seine Witwe gefallen waren. Das Geheimnis war also durchaus gewahrt worden.

Auf der Terrasse saßen nun außer dem Fürsten und der Fürstin – denn die Titeländerung hatte sich inzwischen offiziell vollzogen, – die Tante Murr (in einem Sackpaletot von Seide, den Gästen zu Ehren), die andern Kinder des Hauses und der Legationsrat Harold von Husum, der sich aber durch seine nahe Freundschaft mit dem Erbprinzen längst den Titel eines Adoptivsohnes erworben hatte, wie ihn die Fürstin gern nannte. Er war eine große, schlanke Erscheinung mit feinem, geistvollem, bartlosem Kopf, mit tadellosen, sorgsamst beobachteten gesellschaftlichen Formen und einer schlichten ungesuchten Natürlichkeit dabei, die ihn immer liebenswürdig erscheinen ließ: ein Mensch mit unfehlbarem Takt und strengster Befolgung dessen, was er für recht hielt. Tante Murr behauptete, er trüge nur deshalb keinen Bart, um mit seinem schönen Munde zu kokettieren, und er gab ihr vollkommen recht. Das paßte ihr aber auch nicht und gab ihr Gelegenheit, auf die Engländermoden zu schimpfen, welche die klügsten Leute nachzuäffen die Schwäche hätten.

Joachim Graf Seeburg, der zweite Sohn des Hauses, sah eigentlich älter aus, als sein Bruder; groß wie dieser, tadellos in seinem Äußeren, kühl, berechnend, ehrgeizig, war er sicher, die Karriere zu machen, die ihn an die Spitze der Bewegung brachte, die sein Ziel war. Er trug einen kurzgeschnittenen, spitzen Vollbart mit ausgezogenem Schnurrbart und ein Monokel im rechten Auge, das ihm wahrscheinlich den überlegenen Ausdruck gab, mit dem er am meisten imponierte – alles in allem ein auffallend schöner Mann, jeder Zoll ein Aristokrat, wie man zu sagen pflegt. Seine Frau paßte in der äußeren Erscheinung prachtvoll zu ihm – sie waren, wie einmal ein schnoddriges Mundwerk ausgesprochen hatte, ein paar Orlofftraber, die jedes Trabrennen zu gewinnen sicher waren. Wer den Typus der englischen Aristokratin kennt, der sah ihn in Lilian Seeburg unverkennbar wieder: eine große, elegante Gestalt, auf welcher der kleine Kopf mit einer wundervollen Halsbinde frei, ungezwungen, vielleicht etwas hochmütig getragen wurde, reiches, duftiges, wohlgepflegtes, blondes Haar, tiefe, große, veilchenblaue Augen, ein sensitiver Mund, eine schmale, gebogene Nase mit großen Nüstern und ein Teint wie ein Spalierpfirsich so samtartig und unvergleichlich. Aber die tadellos geschnittenen, klassischen Züge waren kalt und ohne Leben und nur der gute Beobachter hätte in den Augen ein Innenleben erkannt, das sich scheu abschloß von der Mitteilung an andere und manchmal ein Sehnen verriet, von dem der etwas herbe Mund sicher nicht einen Laut verraten hätte.

Gertrud Seeburg, die Tochter des Hauses, eine zierliche, sehr pikante Brünette, war das ganze Gegenteil ihrer Schwägerin: sehr mitteilsam, von einer geradezu unheimlichen Beweglichkeit und Lebhaftigkeit, heiter, lachend, gutherzig und geistig unbedeutend, worin sie vielleicht nur noch von ihrem Gatten übertroffen wurde, der das Manko im Oberstübchen durch ein kindgutes Herz ausglich. Zwar pflegte Tante Murr zu sagen: »Wenn das Schaf auch noch bösartig wäre, da hörte doch die Naturgeschichte überhaupt auf!«, aber sie stand sich ganz gut mit Franzl Vöslau, was ja allerdings noch nicht so viel besagen wollte, denn der Mensch soll noch geboren werden, der sich mit Franzl Vöslau nicht gut stand. Er war dabei ein ganz leidlich hübscher Mensch, der sich nur bei den seltenen Gelegenheiten, die er nicht im Sattel zubrachte, schlecht hielt und dann noch seine großen, ausgearbeiteten, sonnverbrannten Sportfäuste in seine Hosentaschen zwängte, was diesen nützlichen Gelassen durch die unnatürliche Ausweitung sehr zum Schaden gereichte. »Neundreiviertel, die nächste Nummer nennt man Socken«, behauptete Tante Murr, wenn die Rede auf Franzl Vöslaus Handschuhe kam. Daß er nebenbei zu den reichsten landsässigen Fürsten Österreichs gehörte, imponierte ihr gar nicht, und fast hätte sie sich mit ihrer Schwägerin unrettbar überworfen, als sie ihr einmal vertraulich mitgeteilt hatte, daß ›nur so eine Gans wie die Gertrud so ein Heupferd wie den Franzl nehmen konnte‹. Bei einer Mutter kann man sich mit solchen Kritiken nicht einschmeicheln, und wäre die Pfalzgräfin nicht eine solch versöhnliche und leicht vergessende Natur gewesen, so wäre der Krach wohl unheilbar gewesen. Zum Glück war Tante Murr mit ihrer Befürchtung, daß die Kinder dieses Paares die vereinte Dummheit ihrer Eltern erben würden und sich damit für Geld sehen lassen könnten, nur dem Pfarrer gegenüber laut geworden, der sie beschworen hatte, dem Geschicke, das sie doch nicht verhindern könnte, seinen Lauf zu lassen, ohne sich dazu noch Ungelegenheiten in der Familie zu machen, und Tante Murr hatte das nach der ersten Erfahrung eingesehen. Sie sah nämlich manchmal etwas ein, die Tante Murr, aber nicht zu oft. Sie übersah bei ihrem Protest gegen die geistigen Fähigkeiten des angeheirateten Neffen nur das eine und zwar die Hauptsache: daß das Paar sich von ganzem Herzen gut war, und hatte Gertrud Seeburg wirklich, ehe sie ihren Gatten kennengelernt, eine Neigung zu Harold Husum empfunden, so war sie ihrem Franzl, der sein »Weiberl« auf Händen trug, wenn er nicht im Sattel saß, eine ganz vortreffliche Frau geworden, die ihn verstand.

Die Unterhaltung auf der Terrasse war dank der nie versiegenden Unterhaltungsgabe des Legationsrates von Husum tapfer über Wasser gehalten worden und die neuesten, auf dem Tisch liegenden Zeitungen hatten den Stoff zu seinen immer geistvollen Ausführungen geliefert. Graf Joachim hatte seinerseits auch einige Brocken zum allgemeinen Besten beigetragen, seine Frau hatte, wie zumeist, schweigend zugehört, Gertrud mit ihrer Mutter getuschelt, ihr Gatte sich mit der Tante Murr »gekampelt«. Aber seit einer Viertelstunde gähnte Seine Durchlaucht, der Franzl Vöslau mit einer Energie, die mehr bewunderungswürdig, als schmeichelhaft für die Gesellschaft war, in der er sich befand, um so mehr, als er nicht für einen Moment versuchte, diesen Muskelkrampf hinter seinen großen Händen zu verbergen.

»Nein, der Kerl gähnt, als ob er nicht nur uns alle mit Haut und Haar, sondern auch den ganzen See mitsamt der Stadt drüben verschlingen wollte«, rief Tante Murr empört und riß dabei selbst ihren Mund beängstigend weit auf. »Na ja«, knurrte sie dann, »so was steckt an. Bei Lilian wird's auch gleich ausbrechen – sie hat schon ganz zittrige Nasenflügel.«

»Weiter darf aber auch in guter Gesellschaft das Gähnen nicht angedeutet werden«, rief Gertrud über den Tisch.

Als Antwort darauf klappte Franzl Vöslau seinen Kopf beinahe zur Hälfte auseinander, wobei er dem Kreise seiner Verwandten ein beneidenswertes Gebiß zeigte, das er mit einem hörbaren Klapp und ganz wässerigen Augen zusammenschnappte, wie ein Krokodil, als der Krampf glücklich und ohne die von allen gefürchtete Maulsperre vorüber war.

»Nicht nur die Morgenstunde, auch der Franzl hat Gold im Munde«, verkündete Tante Murr ganz überflüssigerweise eine Tatsache, die jeder der andern allein sehen gekonnt.

»Mhm! I hob' mich molochen lassen«, gestand Seine Durchlaucht ein, indem er sich die Augen trocknete. »Zahnschmerzen hob' i g'habt, – Zahnschmerzen, die i meinem ärgsten Feind, nit amol der Tante Murr an a Hals g'wünscht hätt'. Und dabei a Rennen reiten! Stellt's euch vor –«

»Wirst du wohl still sein mit deinen ewigen Renngeschichten?« schnob Tante Murr ihn an. »Da kannst du lieber weitergähnen – das ist weniger gefährlich!«

Franzl machte von der gütigen Erlaubnis sofort ausgiebigen Gebrauch.

»Kinderl, so an enger Familienkreis, – nehmt's mir net übel – der reizt mich allweil zum Gähnen«, erklärte er mit der größten Gemütlichkeit. Dann zog er seine Uhr und betrachtete sie tiefsinnig. »In aner Viertelstund' kann der Hans-Georg hier sein«, verkündigte er dann. »Jetzt karmauzelt er schon durch a Wald.«


»Sehr gefä–ährlich ist der Aufenthalt

So zu zwein im dustern Pinienwald!«


schloß er singend mit dieser Anleihe aus dem »Gasparone« seine interessante, aber nicht sehr taktvolle Mitteilung.

»Hans-Georg ist dieser Gefahr zum Glück aber gar nicht ausgesetzt«, bemerkte Herr von Husum, der wirklich dabei der zunächst Interessierte war, was aber außer seinen Wirten niemand ahnte, denn daß er seit vierzehn Tagen mit den Poststationen Zermatt und Territet in einem Briefwechsel stand, welcher das Budget des Weltpostvereins in hervorragendem Maße förderte, das hatten die Zeitungen noch nicht gebracht, trotzdem die Hundstage schon im Anzuge waren.

»Natürlich – Kutscher und Bedienter und vier Pferde, der Gepäckwagen hinterdrein, sind immerhin kleine Hindernisse für ein Tete-a-tete«, gab Franzl zu, indem er schmunzelnd die Ausweitung seiner Hosentaschen zu fördern versuchte. »Ja, da machst Augen, Truderl! Vier Pferde! Dicker konnt'st du's wirklich net unterstreichen, Papa! Aber das kannst net verlangen, daß mer dann auch noch groß den Überraschten spielt. I denk, der Aff' soll mich frisieren, wie ich den Hans-Georg im Vierspänner absausen seh! No, tut's nur weiter geheimnisvoll – i hob' nix g'sagt;«

»Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, Fürst! Die Gräfin Mirow kommt nicht allein«, konnte sich Herr von Husum nicht enthalten, einzuwerfen, weil ihm das verschmitzte Lächeln des Franzl und sein Augenplinkern auf die Nerven ging, was ihm auch billigerweise nicht verdacht werden kann. Keiner hört es gern von seiner eignen Braut vermuten, daß ein anderer mit ihr »karmauzelt«, wie der Franzl sich mit gewohnter Eleganz ausdrückte.

»Net allein?« wiederholte diese Perle aus Österreich. »No, 's Zoferl kann ja im Packwagen nachfahren. Der Hans-Georg wird net so a Trottel san, daß er das net arrangieren kann.«

»Für die Zofe und den Kammerdiener der Gräfin ist ein Extrawagen von mir befohlen worden, lieber Franz«, warf Fürst Seeburg ein. »Ich erwähne das nur, weil du dich für die Abholung der Gräfin Mirow so sehr zu interessieren scheinst.«

»An extra Wagerl fürs Zoferl und a Kammerdiener!« wiederholte Franzl und schlug sich mit den dazu mühsam aus den Taschen seiner Inexpressibles detachierten Hände schallend auf die Knie. »Das setzt ja's Tüpfel aufs i! Ane Wagenburg, um an anzigs Weiberl abzuholen –«

»Ich sagte Ihnen ja schon: die Gräfin kommt nicht allein, sondern mit einer Freundin«, konstatierte Herr von Husum mit etwas schärferer Betonung.

»Das ist das erste, was ich höre!« sagte Graf Joachim aufmerksam, und gleichzeitig richteten sich noch diverse Augenpaare fragend erst auf den Legationsrat, dann auf den Hausherrn und die Hausfrau.

»Freundin? Was heißt Freundin?« fragte Tante Murr. »Ist das etwa eine Umschreibung für Gesellschafterin, oder so was Ähnliches?«

»Vermutlich«, machte Graf Joachim achselzuckend, »sonst hätte man doch wenigstens erfahren, wer diese ›Freundin‹ ist, die anscheinend zu unbedeutend ist, um extra erwähnt zu werden.«

Er sah seine Eltern fragend an, doch diese erwiderten den Blick, ohne zu antworten. Da zuckte er nochmals mit den Achseln und ergriff wieder die Zeitung – die Angelegenheit war für ihn erledigt.

»Ich hab' drüben im Empirebau die Wohnung für die Gräfin Mirow inspiziert«, erzählte Tante Murr, »aber ich kann nicht sagen, daß mir darin ein Zimmer für diese Freundin, von der bis jetzt keine Seele was gewußt hat, aufgefallen wäre. Hast du sie oben in einem der Giebelzimmer einlogiert, Elisabeth?«

»Nein, liebes Murrchen«, entgegnete die Fürstin liebenswürdig und bereitwilligst. »Die Freundin der Gräfin Mirow hat den Wunsch geäußert, in einem ganz, ganz alten Schlosse zu wohnen – selbst die allermodernsten Menschen haben manchmal solche romantische Anwandlungen, und da es in unserer Macht liegt, einen solchen Wunsch zu erfüllen, so bin ich natürlich mit tausend Freuden einem Gaste gefällig. Ich habe das Appartement im Johannesbau für sie richten lassen, und da es unmittelbar neben deiner Wohnung liegt, liebes Murrchen, so ist ja damit auch die Nähe und Gegenwart einer Chaperonne für die junge Dame garantiert.«

»Den Teufel ist sie«, sagte Tante Murr überrascht und sah sich verblüfft im Kreise um. »Mach' keine schlechten Witze, Elisabeth, oder sag's wenigstens ohne Redensarten, ob du die Hexenzimmer oder Königskammern, wenn dir das besser klingt, meinst, oder nicht.«

»Ich weiß, daß man das Appartement im Johannesbau auch die Hexenzimmer nennt, weil es von der armen Erbgräfin bewohnt wurde, die als Hexe verbrannt wurde«, bestätigte die Fürstin die kunstlose Frage mit gleicher Liebenswürdigkeit.

»Da schlag der Popelmann drein!« erwiderte Tante Murr fassungslos und sah sich wieder, Sympathie heischend, im Kreise um. Und so ganz unrecht hatte sie nicht damit, denn von den Anwesenden wußte jeder einzelne, daß das Appartement im Johannesbau, wie der Schloßflügel links der Kirche genannt wurde, auf der Seeburg als Absteigequartier für ganz besonders hoch zu ehrende oder königliche Gäste reserviert wurde.

»Du meinst natürlich, liebe Mama, daß du die Gräfin Mirow im Johannesbau einlogiert hast – sehr begreiflich«, sagte Graf Joachim langsam. Bei dem Nachsatz lächelte er sogar verständnisvoll.

Über das schöne Gesicht der Fürstin flog das helle Erröten, das ihr so gut stand zu ihren weißen Haaren.

»Nein, lieber Junge, – die Gräfin Mirow wohnt wie ihr alle, Harold ausgenommen, der ja immer bei Hans-Georg logiert, im Empirebau. Ich habe dich ja selbst durch die Suite der Parterreräume geführt, die ich für ihren alleinigen Gebrauch bestimmt.«

»Na, zum Kuckuck, wer ist denn diese Freundin, die hier wie eine Kaiserin aufgenommen werden soll, ohne daß man davon auch nur ein Sterbenswort erfährt?« fragte Tante Murr, die Hände in die Hüften gestemmt. Doch ehe die Fürstin, die mit dem Legationsrat einen Blick gewechselt, noch antworten konnte, machte ein Diener die Meldung, daß der Wagen von der Station in die Parkallee eingebogen sei, also jeden Augenblick hier sein konnte. Der Fürst und seine Frau erhoben sich daraufhin und gingen zum Empfange ihrer Gäste in das Haus und kaum waren sie durch die Glastür der Terrasse verschwunden, als Franzl Vöslau aufsprang wie elektrisiert.

»Kommt's auch raus und schaut's zu, wie die sich begrüßen! Des is a Hetz, sag ich euch! So a Brautl, wann's unter die ersten kritischen Blicke der Frau Schwiegermutter kommt, das macht a G'sicht, wie die Katz, wann's blitzt! Gelt, Truderl? Jessas, is des a Embarassement! Das muß i sehn!«

»Ich auch!« erklärte Tante Murr, zum erstenmal mit dem Franzl einverstanden, dem sie eiligst nachging. »Kommt nur auch mit – es wird sich großartig machen, wenn wir alle so hübsch aufgebaut stehen wie die Ehrenjungfrauen, wenn die Kaiserin kommt.«

Das Bild war ziemlich kühn, aber es stieß sich niemand daran. Herr von Husum hatte sich zuerst erhoben, etwas erstaunt folgte ihm Graf Joachim, zögernd nur seine Frau. Die Fürstin Vöslau war ihrem Gatten mit einer Lebendigkeit nachgesprungen, die eine völlige Übereinstimmung mit dem Vergnügen verriet, das er sich von der Begrüßung der Gäste versprach. Sie kamen gerade zurecht, um zu sehen, wie Hans-Georg der Gräfin Mirow behilflich war, aus dem Wagen zu steigen und dann denselben Dienst der jungen Dame erwies, die neben ihr im Fond des hochvornehmen Viererzuges gesessen war. Sie stand, ehe sie den Fuß auf den Tritt setzte, aufrecht im Wagen, allen sichtbar – eine hohe, schlanke, biegsame Gestalt, das sieghaft schöne, junge Gesicht in voller Beleuchtung des goldnen Abends, in der ihre krausen, dichten, morgenrotfarbenen Haare leuchteten und sprühten. Trotz des langen, grauen, leinenen, sackartigen Staubmantels, der an ihr niederfloß, trotz des einfachen, weißen Matrosenhutes von grobem Strohgeflecht eine königliche Erscheinung, die aller Blicke auf sich zog, worüber die sehr, sehr herzliche Begrüßung zwischen der Fürstin und ihrer bisher unbekannten Verwandten und der galante tadellose Handkuß des Fürsten wesentlich im Interesse abgeflacht wurde. Damit war der Franzl also nicht auf seine Kosten gekommen. Die Gräfin Mirow wandte sich nach der geschehenen Begrüßung mit ihren Wirten zurück, ehe diese noch eine Vorstellung mit den übrigen Mitgliedern der Familie vornehmen konnte, und dadurch sahen diese wenigstens etwas »für ihr Geld«, wie der Franzl später versicherte.

»Gestattet, liebe Tante und verehrter Onkel, euch meine Freundin, Fräulein von Seeburg, vorstellen zu dürfen«, sagte Marie-Luise mit ihrer leisen, deutlichen Stimme, allen in dem großen prächtigen Vestibül des Rokokobaus verständlich.

Schnee, die plötzlich blaß bis an die Lippen geworden war, denn sie stand ja mitten in einem epochemachenden Augenblicke ihres Lebens, machte eine tadellose Verbeugung, indem sie die ihr mit einem leichten Zögern gereichte Hand der Fürstin an ihre Lippen führte. Und dabei sahen die beiden Frauen sich ins Auge, sekundenlang, und dann geschah, was die Zuschauer im Hintergrunde in ein kopfschüttelndes Staunen versetzte – die Fürstin umarmte die Fremde, für die man die Königskammern im Johannesbau gerichtet, mit einer spontanen Herzlichkeit und Innigkeit, die ein verräterisches Naß in ihren Augen noch ganz besonders unterstrich.

»Wir haben uns schon lange auf Sie gefreut, liebes Kind«, sagte sie mit dem ganzen Charme ihres Wesens, der mit den schlichtesten Worten wie eine Auszeichnung wirkte. Im nächsten Augenblick lag Schnees Hand in der des Fürsten, der sie galant an seine Lippen führte und im Grunde seines Herzens Hans-Georg nicht verdenken konnte, daß er sein Herz an dieses wundervolle Geschöpf verloren. Gewiß, Lilian war eine königliche Erscheinung, aber diese Schnee von Seeburg hatte mit derselben Eigenschaft das Leben voraus, das jene unter der Maske kühler Unnahbarkeit verbarg – sie war die siegendere der beiden Frauengestalten.

Die gegenseitige Vorstellung mit den Familienmitgliedern ging unter den üblichen Formalitäten vor sich, wobei jeder seine Charakteristika zur Geltung brachte.

»Ich wußte gar nicht, daß wir Namensvettern besitzen«, meinte Joachim mit nicht ganz verschleiertem Mißtrauen.

»Man muß in dieser Beziehung immer auf unangenehme Überraschungen gefaßt sein«, erwiderte Schnee lachend. »Der Milchmann meiner Tante hieß zum Beispiel auch Seeburg, und wenn er frühzeitig mit seiner durchdringenden Stimme Einlaß begehrte, dann wartete ich eigentlich allemal darauf, daß er sein Begehren eines schönen Tages in die Worte kleiden würde: ›Die Brücke nieder und auf das Tor! Die Seeburger vor!‹«

»Darf ich fragen, wie Sie zur Kenntnis dieser Reimzeilen gekommen sind?« fragte Joachim schleppend. Er war immer gereizt oder geärgert, wenn er schleppend sprach, aber das konnte Schnee natürlich nicht wissen.

»Durch Erbschaft«, erwiderte sie. »Wir Seeburger lernen das ganze Lied auswendig von Generation zu Generation, und ich war so erstaunt zu hören, daß Ihr Haus, Herr Graf, es auch kennt.«

»Auch!« wiederholte Joachim. »Am Ende stammen wir gemeinsam von des Milchmanns Vorfahren ab und dieser ist der Originalinhaber der Seeburger Hymne.«

»Kinder, mit hungrigem Magen Genealogie treiben, das hält kein Mensch aus«, fuhr Tante Murr dazwischen. »Wartet doch bis nach dem Essen; dann ist man weit weniger geneigt, sich in die Haare zufahren.«

»Servus, gnädig' Fräulein – i bin nämlich der Vöslau, der Mann von der Truderl Seeburg. I muß mich schon allein vorstellen, wenn's kein anderer tut«, kam der Franzl, der immerzu hinter Schnee gestanden, endlich auch zum Wort. »Sie glauben's net, wie sehr Sie mich an jemanden erinnern, den i ganz schrecklich liebg'habt hab' – 's wird mir wirklich, auf Ehr' und G'wissen, ganz weich ums G'müt, wann i Sie anschau'!«

»Oh, das tut mir aber leid«, murmelte Schnee, der die Tränen ins Auge geschossen waren von dem Händedruck, mit dem der Franzl ihre Hand fast zermalmt hatte.

»Ja, wer war denn das, von der ich doch nichts weiß, daß die Erinnerung dich ganz poetisch macht?« fragte Gertrud mit komisch betonter Eifersucht.

»Aber Truderl? Wo doch das Ölbild von ihr in meiner Stube hangt«, entgegnete der Franzl vorwurfsvoll. »Mein Goldfuchserl, die Satanella, mit der ich sieben Rennen g'wonnen hab'! Sieben! Nein, gnä' Fräulein, i sag Ihnen, Ihre Haar' – exakt dieselbe Farbe wie der Schweif und die Mähn' von der Satanella! Und auch im Blick haben's etwas – so was Unbestimmtes, Lebendiges, wie die Satanella. Sie war a lieb's Hascherl, aber freilich, man hat sie halt müssen fest auf Kandare nehmen, sonst –«

»Bist du jetzt still, Franzl?« fiel ihm seine Frau ins Wort, und sich zu der mit immer größer werdenden Augen zuhörenden Schnee wendend, setzte sie hinzu: »Mein Mann meint das nämlich als Kompliment, wenn er findet, daß jemand einem seiner Steepler ähnlich sieht, – bloß, man muß das vorher wissen, nicht wahr? Sehen Sie, Fräulein von Seeburg, es ist das Schicksal meines Lebens, daß ich solche Erklärungen den Bevorzugten machen muß, ehe sie sich noch darüber einig sind, ob sie lachen, wütend werden oder schlechtweg beleidigt sein sollen!«

»Dann entscheide ich mich fürs Lachen«, erklärte Schnee mit Entschiedenheit. Und fühle mich gleichzeitig furchtbar geschmeichelt. Nicht wahr, Durchlaucht, Sie erzählen mir mehr von meinem Ebenbilde, der Satanella?«

»Heiliger Bimbam, erbarm' dich dieses armen, irregeleiteten Geschöpfes – es weiß nicht, was es verlangt!« jammerte Tante Murr mit gerungenen Händen. »Sagt Ihnen denn keine innere warnende Stimme, daß es um Ihre Ruhe, Ihren Frieden und um Ihren Verstand geschehen ist, wenn Sie den Franzl dazu auffordern, seine verflixten Pferdegeschichten zu erzählen?«

»Ich höre aber Pferdegeschichten sehr gern«, behauptete Schnee, königlich amüsiert.

»Jägerlatein hoffentlich auch!« schlug Franzl mit einer maliziösen Grimasse an Tante Murrs Adresse vor.

»Auch das, wenn's dick genug ist«, lachte Schnee.

»Na, dann kann ich garantieren, daß Sie nach drei Tagen entweder tot oder verrückt geworden sind zwischen Tante Murr und meinem Franzl!«, murmelte Gertrud, wofür ihr Mann sie beim Ohre nahm und ihr einen Kuß gab.

»Nein«, sagte Schnee mit einem ordentlich andächtigen Vergnügen, »ich hab' gar nicht gedacht, daß Sie alle so nett und gemütlich sind. Wenn man fremd in ein Haus kommt, dann hat man immer Angst, wie die Leute dort sein werden – es gibt so schrecklich steife Menschen, in deren Nähe es einen friert –«, unwillkürlich streifte ihr Blick dabei die Gestalten Joachims und seiner Frau, die mit Marie-Luise sprachen.

»So lange man Joachim nicht in seinen heiligsten Gefühlen, seinem Seeburger Hochmut, kränkt und seinem seligen Glauben nicht auf die große Zehe tritt, daß die Seeburger direkt hinter unserm lieben Herrgott kommen und zwischen ihnen und der übrigen Menschheit ein kolossaler Zwischenraum liegt, so lange kann er ganz nett sein, wenn er sonst will«, meinte Tante Murr, verständnisvoll dem Blicke folgend.

»Oh, dann habe ich mich ja glänzend bei dem Grafen eingeführt«, meinte Schnee resigniert.

»Ich hab' mich wie ein Perlhuhn darüber gefreut«, versicherte Tante Murr ehrlich. »Daß Sie auch Seeburg heißen, darin liegt's! Na, wenn Sie Joachims kleine Schwäche gekannt hätten, würden Sie sich ihm zu Ehren ja wahrscheinlich Eltern mit einem andern Namen ausgesucht haben, was? Denn erstens geht nichts über Höflichkeit und dann kann man in der Wahl seiner Eltern gar nicht vorsichtig genug sein.«

Es war im voraus arrangiert worden, daß die angekommenen Gäste zunächst zur Tafel gingen, ehe sie in ihre Zimmer geführt wurden. Darum hatte der Empfang auch im Rokokobau stattgefunden, wo in dem wundervollen, stuckverzierten, freskengeschmückten ovalen Speisesaal, dessen hohe Glastüren auf die Terrasse herausgingen, man immer im kleineren Kreise die Mahlzeiten einnahm. Der Fürst führte nun seine beiden Gäste, die Hut und Staubmantel im Vestibül abgelegt hatten, zu Tisch; Marie-Luise am linken Arm, Schnee an seinem rechten. Einen Moment vor seinem Stuhl stehenbleibend, bat er Herrn von Husum, neben der Gräfin Mirow Platz zu nehmen, – stillschweigend setzte sich Hans-Georg neben Schnee nieder und Joachim nahm zwischen seiner Mutter und Tante Murr Platz mit einem Gesichte, das nichts von dem zornigen Erstaunen verbarg oder verbergen wollte, daß der ihm zukommende Platz an der andern Seite der Gräfin Mirow ihm entzogen und dem Fremden zugewiesen wurde, – daß sein Vater eine Dame an seine Rechte nahm, die durch ihn, Joachim, geführt, noch mehr als gebührend geehrt worden wäre! Der alte Herr schien wirklich alt zu werden, denn wie anders wäre sonst ein solcher Verstoß möglich gewesen. Joachim sah Marie-Luise an: nein, sie machte kein pikiertes Gesicht über die Zurücksetzung, die einzige Manier, womit man als wohlerzogener Mensch seinen Protest gegen Mißgriffe seiner Wirte zum augenblicklichen Ausdruck bringen kann. Und seine Mutter, dieses Muster des guten Tons und einer Hausfrau, sie schien das eigentümliche, einfach unerhörte Arrangement gar nicht zu bemerken, nichts zu Beanstandendes darin zu finden. Sogar der harmlose Franzl hatte die Augenbrauen für einen Moment hochgezogen, aber gesagt hatte er natürlich nichts, was allerdings nichts sagen wollte, denn der wäre es auch zufrieden gewesen, wenn man ihn an den Katzentisch gesetzt hätte. Aber Joachim konnte sich dabei nicht beruhigen.

»Was soll denn diese merkwürdige Tischordnung heißen?« wandte er sich leise an seine Mutter.

»Findest du sie merkwürdig?« lächelte die Fürstin zurück. »Abwarten, lieber Junge, und dann Tee kochen; das ist eine alte, weise Lehre. Ist Fräulein von Seeburg nicht eine glorreiche Erscheinung?«

»Nicht mein Geschmack«, murrte Joachim schlechtlaunig. »Wo hat sich denn die Gräfin die aufgelesen?«

»Elisabeth, wo bleibt denn der Pfarrer?« schrie Tante Murr über ihn hinüber.

»Der Herr Pfarrer ist leider heute verhindert«, gab der Fürst an Stelle seiner Frau Auskunft. »Ich bedaure seine Abwesenheit sehr, – der Tisch hat eine Lücke ohne ihn.«

»Und diese Lücke verschimpfiert die bunte Reihe«, gellte Tante Murr außerdem noch fest. »Kinder, seht euch mal Fräulein von Seeburg an«, setzte sie ganz für die Allgemeinheit laut hinzu: »Wem sieht sie ähnlich? Na, unserer Hexe!«

»Ist das auch ein Pferd?« erkundigte sich Schnee, die unter den vielen a tempo auf sie gerichteten Blicken ganz rot geworden war.

Die nach den gemachten Erfahrungen ganz natürliche Frage löste eine allgemeine Heiterkeit aus, an der nur Joachim keinen Teil nahm.

»Wenn Tante Murr eine Ähnlichkeit findet, dann muß man fragen, welchen Hund sie meint«, nahm Franzl den Augenblick zu einer milden Rache wahr. »Mich hat's nämlich schon mit eim' stichelhaarigen Setter ähnlich g'funden, bloß, daß der viel g'scheiter wär' als ich, hat's g'sagt.«

»Na, hast du schon einmal ein Volk Rebhühner verbellt?« fragte Tante Murr verächtlich. »Darin ist jeder Vorstehhund klüger wie du. Also rede nicht, mein Sohn. Hans-Georg, erzähl' mal Fräulein von Seeburg, wer die Hexe war. Sie sieht ihr ähnlich, das lasse ich mir nicht nehmen.«

Mehr oder weniger fanden die andern auch, was ja Hans-Georg längst aufgefallen war, denn Ähnlichkeiten sind meist sehr persönlichen Ansichten unterworfen, indem nicht zwei Paar Augen gleich zu sehen vermögen und für viele die gleiche Haar- und Kleidertracht dazu gehört, um überhaupt eine Ähnlichkeit zu finden. Die durch einen Scheitel geteilten, glatt zurückgenommenen und in einem juwelenbesetzten Netze verborgenen, leicht gekrausten Haare der »Hexe« hatten mit Schnees hoch und duftig frisiertem naturkrausen Haare, das ihr feines, schmales Gesicht wie eine Glorie umrahmte, für das ungeübte Auge nichts gemeinsam als die Farbe, mit der ein weißer, durchsichtiger Teint zumeist verbunden ist. Der Fürst, dessen Auge zwar mit den Linien des Gesichts eine deutlich ausgeprägte Übereinstimmung fand, stellte bei sich fest, daß die lebendige Kopie neben ihm weit schöner war, als das Original drüben im Tiziansaal; als aber Schnee die Handschuhe ausgezogen hatte und er den alten Smaragdring an ihrer neben ihm auf dem Tische ruhenden Hand sah, da mußte er an sich halten, um einen Ausruf zu unterdrücken, denn er hatte den gemalten Ring ganz in der Nähe studiert, nachdem Hans- Georg ihn einmal darauf aufmerksam gemacht, und fand, daß sein Sohn nicht zuviel gesagt, wenn er ihn schlechtweg »denselben Ring« genannt. Immerhin war es aber möglich, daß es zwei gleiche gegeben, es war sogar wahrscheinlich, aber doch ein sehr eigentümliches Zusammentreffen. Sein Blick auf den Ring wurde von Hans-Georg aufgefangen, der seinen Vater lächelnd ansah, und dieser zuckte leicht mit den Achseln, aber seine Augen hingen an dem seltsamen Schmuckstück, wie das Eisen am Magnet. Auch noch andere Augen zog es an, denn der Smaragd glänzte und leuchtete an der weißen Hand in seiner matten Fassung mit einem Feuer und einer Intensität, daß er den herrlichen Diamanten an der Hand der Gräfin Joachim nicht nur nichts nachgab, sondern sie wie in einem Wettkampfe zu überbieten versuchte.

Als der Braten aufgetragen war und die Diener die Sektkelche füllten, erhob sich der Fürst, den seinen in der Hand.

»Es ist eine alte Seeburger Sitte, am Sonnwendabend Sankt Johannes des Täufers Minne zu trinken«, sagte er. »So bedeutungsvoll wie in diesem Jahre ist die uralte Sitte aber niemals gewesen für den Pfalzgrafen, der an diesem Abende zwölf Feuer entzünden läßt und den Seeburger Untertanen den Wein spendet, mit dem sie sich den Johannessegen zutrinken und die christliche Sitte dabei mit dem echt heidnischen Sprung durchs ›Sonnwendfeuer‹ verquicken. Die hohe Bedeutung des alten Festes erhebt sich aber für uns heut über alle seine Vorgänger himmelhoch hinaus, denn mit demselben Becher wird mir die angenehme und liebe Pflicht, nicht nur zwei Gäste zu begrüßen, die heute zum ersten Male ihren Einzug auf der Seeburg gehalten haben, sondern mit ihrem Kommen auch die Sonnwendfeier einer Zukunft entzündet haben, die, so hoffe ich von ganzem Herzen, zurückleuchten soll auf die vergangenen Geschlechter mit dem Glanze eines großen, unbeschreiblichen Glückes. Meine Pflicht als Hausherr gebietet mir, vor allem unserer Verwandten an meiner linken Seite zu danken für ihren gütigen Besuch, der sicher viel zu lange hinausgeschoben worden ist durch die Fügungen des Schicksals, das ihre von unsern Wegen getrennt. Doppelt froh begrüßen wir alle sie darum heut, und ich danke Ihnen, liebe und verehrte Nichte, daß es mein Haus ist, dem Sie den Vorzug angedeihen lassen, Sie zuerst als Braut begrüßen zu dürfen, als Braut eines so lieben Freundes unseres Hauses. Erheben wir denn unsere Gläser und leeren wir sie auf das Wohl unserer Nichte, Kusine und Freundin Marie-Luise und ihres Verlobten, Harold von Husum!«

Eine plötzlich in die Tafelrunde einschlagende Bombe hätte keinen größeren Effekt machen können, als diese ganz unerwartete Mitteilung. Joachim und seine Frau, Gertrud und ihr Mann, sowie Tante Murr hatten nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß es Hans-Georg war, der die junge Witwe heimführen würde. Sie hatten unter sich die Partie ausgiebig besprochen und sie durchaus passend gefunden, was Alter, Pedigree und Mammon betraf, und es nur »fad« gefunden, daß der zumeist Beteiligte sowohl wie seine Eltern so überflüssig geheimnisvoll damit taten und absolut nichts aus den dreien herauszubekommen war. Da es aber immer weise ist, den leitenden Stellen ihre Eigentümlichkeiten zu lassen, so hatte man das Necken, Sticheln und Bohren aufgegeben, denn da die »Geschichte« so sicher schien, wie das Amen in der Kirche, so verlor es deswegen schon an Reiz. Und nun kam's so überwältigend an den Tag, warum alles abgeleugnet worden war. Und am meisten von dem Schleicher, diesem Harold, der nicht davon gemuckst hatte, wenn man ihn mit Marie-Luise aufzog!

»Na, da schlägt's Dreizehn!« Mit diesen Worten durchbrach Tante Murr den Bann, der sekundenlang nach des Fürsten Worten auf dem kleinen Kreise gelegen, und ein lachendes Durcheinander von Stimmen überbot immer eine die andere an Glückwünschen, Neckereien, freundschaftlichen Vorwürfen über »zu weit getriebene Diskretion« und so weiter, denn Harold Husum stand dem Hause seit seinen Knabenjahren durch seine Freundschaft mit Hans-Georg zu nahe, als daß seine Verlobung nicht die ungeteilt freundlichen Gefühle für ihn zu einem spontanen Ausbruch großer Herzlichkeit gesteigert hätte. Daß Marie-Luise seine Erwählte und nicht die von Hans-Georg war, hatte ja wohl für den Augenblick enttäuscht, aber wenn schon ein anderer die Braut heimführte, da war Harold dafür am willkommensten. Selbst Joachim freute sich ehrlich über die gute und kluge Wahl, denn er schätzte Husum sehr als fähigen Diplomaten, gewissenhaften, unermüdlichen Arbeiter und tadellosen Charakter und er wußte, daß eine vornehme und reiche Frau eine Macht in der Karriere eines Diplomaten sein kann. Hatte er doch selbst seine Wahl nach diesem Gesichtspunkt getroffen und bekanntlich sucht man ja die Leute immer nur hinter dem Ofen, hinter dem man selbst gesteckt hat.

Nachdem der Sturm der Beglückwünschungen sich gelegt, schlug der Fürst abermals an sein frischgefülltes Glas.

»Meine Lieben alle«, sagte er, sich hoch aufrichtend, »gestattet mir noch ein Wort. Die liebenswürdige und verehrte Braut unseres Freundes Harold hat, wie ihr vielleicht bemerkt haben werdet, ihren Platz an meiner Linken, statt wie es ihrem Range gebührt und als ein Gast, der zum ersten Male in unserem Hause ist, zu meiner Rechten zu sitzen. Sie hat diesen Ehrenplatz heute auf meine Bitte an ihre Freundin abgetreten, um dieser bei ihrem Eintritt in dieses Haus – als ein Symbol – den Vortritt zu lassen, weil ich den Vorzug und die Freude habe, sie euch als Hans-Georgs Verlobte vorzustellen. Erheben wir denn unser Glas und leeren wir es bis zur Neige auf das Wohl des Erbprinzen von Seeburg und Sonnenberg und seiner Braut, Schnee von Seeburg-Am See!«

Hans-Georg hatte sich bei den letzten Worten auch erhoben – sein Glas klang mit dem seines Vaters zusammen, der sich dann herabneigte und seine künftige Schwiegertochter auf die Stirn küßte. Mit einer schönen Bewegung neigte sich Schnee herab auf die ehrwürdige Hand, und während sie unter dem mehr drückenden als feierlichen Schweigen der andern an Hans-Georgs Seite zu der Fürstin hinüberschritt nach der andern Seite der Tafel, da brachte Husum »auf Grund des Rechtes seiner alten Freundschaft« das erste Hoch aus auf das Brautpaar. Der erste Glückwunsch aus dem Familienkreise kam dann von einer Seite, an die Hans-Georg wenigstens zuletzt gedacht hätte; Gräfin Lilian ging langsam, stattlich, hocherhoben, wie es ihre Art war, an Schnee heran, gab ihr die Hand und sagte allen vernehmlich:

»Ich wünsche Ihnen viel Glück, denn ich kenne Hans-Georg! Er ist ein sehr guter Mensch und wird ein sehr guter Gatte sein. Er verdient ein großes Glück und Sie auch, denke ich. Ich kenne Sie zwar nicht, aber Sie gleichen einer Schwester von mir, die ich sehr geliebt habe, und darum denke ich, werden wir uns auch lieben.«

Während dieser längsten Rede, die ihre Angehörigen noch von Gräfin Lilian gehört, war zwar ihres Gatten Stirne immer finsterer geworden, aber die andern erholten sich von ihrer Überraschung und fanden, teils aus Teilnahme für Hans-Georg und teils aus Rücksicht für ihre Eltern und Schwiegereltern, die doch außerordentlich einverstanden mit ihrer neuen Schwiegertochter waren, die Sprache wieder. Diesmal war's der Franzl, der das Eis brach.

»Ja, was sagt's ihr denn dazu?« sang er aus vollem Halse. »Na, aber so 'ne Überraschung! Reinweg zur Salzsäule hat's mich gemacht! Wer's net glaubt, darf amal kosten. Aber natürlich aus purer Freid'! Is das a Duckmäuser, dieser Hans-Georg! Na, i gratulier' dir auch schön, Büberl, und Ihnen auch, Fräulein Schwägerin in spe! Wir sagen doch ›du‹ zueinander? Jetzt aber dürft's mich in Spiritus setzen und ausstellen als den Mann, der die schönsten Schwägerinnen hat in der ganzen Welt.«

»A bissele Lieb' und a bissele Treu, und a bissele Falschheit ist allweil dabei«, flüsterte Husum seiner Braut zu. Aber es mochte sein, wie es wollte, das Eis war dadurch gebrochen und das Brautpaar konnte eine regelrechte Gratulationscour abhalten. Gertrud Vöslau fand sehr herzliche Worte dafür und nur Joachim blieb stocksteif und so zurückhaltend, als er es unter dem Blick seiner Eltern sein konnte. Tante Murr freute sich nach der ersten Überraschung ehrlich und geräuschvoll – sie hätte das bei ihrer Liebe für Hans-Georg gar nicht anders fertig gebracht.

»Ich bin auch noch ganz Salzsäule«, erklärte sie jedem einzelnen. »Aber wer kosten will, dem werde ich den Marsch blasen. Eigentlich müßte ich ja wütend sein, daß Hans-Georg mir auch nicht ein Sterbenswörtchen gesagt hat – nicht gepiept hat der Bengel, der niederträchtige, – aber das ist mal einer von den seltenen Fällen, wo das Wütendwerden doch nischt nutzt. Geschmack hat er bewiesen, das muß man ihm lassen! Das wird mal eine brillante Pfalzgräfin, wollte sagen Fürstin abgeben, diese Schnee da!«

»Woher weißt du denn das?« fragte Joachim, als er nach dieser Rede an der Reihe war.

»Was weiß ich woher?« erwiderte sie mehr erstaunt als korrekt. »Daß sie eine brillante oder was weiß ich für eine Fürstin abgeben wird«, ließ er sich zu einer Erklärung herbei. »Hat sie denn die Qualifikation dazu?«

»Die Quali– ja, was willste denn damit sagen?«

Er zuckte mit den Achseln.

»Die Rede, die Vater bei der Verkündigung der Verlobung geschwungen hat, hätte fulminanter sein können«, meinte er schleppender denn je. »Der alte Herr hat wohl gefühlt, daß die Sache ihre schwachen Seiten hat.«

»Du, das ist zu hoch für mich«, erklärte Tante Murr nach kurzem Besinnen. »Entweder rede deutsch, das heißt deutlich, oder halte den Schnabel.«

Joachim zuckte wieder mit den Achseln und hielt den gerade vorbeigehenden Legationsrat auf.

»Sag mal, Husum«, meinte er vertraulich, »hast du eine Ahnung, wo Hans-Georg diese Braut aufgelesen hat?«

»Er hat ihre Bekanntschaft bei meiner Braut in Territet gemacht«, erwiderte der Diplomat freundlich, aber doch etwas betont.

»Und wo hat die Gräfin Mirow sie aufgelesen?« beharrte Joachim auf seinem Schein.

Husum lachte gutmütig.

»Aber lieber Seeburg«, remonstrierte er. »Sag das Wort, das dir überhaupt schlecht steht, ja nicht vor meiner Braut, denn sie würde es dir sicher sehr übelnehmen, weil sie deine künftige Schwägerin geradezu anschwärmt.« Dann gab er die erwünschte Auskunft, und ohne deren Effekt weiter abzuwarten, ging er hinaus auf die Terrasse, wo die andern schon waren, um das Entzünden der Johannisfeuer zu beobachten.

Schnee stand neben der Fürstin an der steinernen, durchbrochenen Balustrade und sah mit großen Augen hinaus auf den See, der einen so ganz anderen Charakter hatte, als der blaue, lachende Leman, von dem sie gestern erst Abschied genommen. Am andern Ufer lag mit ihren dunklen Umrissen die Stadt, – und ihre Lichter spiegelten sich in dem grünen, jetzt schwarz aussehenden Wasser, und auf dem Marktplatz am See flammte der riesige Holzstoß auf wie eine Gigantenfackel zu Ehren St. Johannes des Täufers, – eine uralte Sitte der Heidenzeit, welche die Sonnenwende mit lohenden Feuern gefeiert.

»Mir ist, als träumte ich – es kann ja das alles gar nicht wahr und wirklich sein«, sagte Schnee mit einem tiefen Atemzuge. »Oder wenden sich der Menschen Schicksale immer so schnell, wie meins sich gewendet hat?«

»Manche sehen es langsam kommen, Schritt vor Schritt, immer näher und näher, wieder andern gestaltet ein Augenblick alles, alles um, – und doch läuft dieses wie jenes demselben Ziele zu«, seufzte die Fürstin. »Wir Menschen sollten eigentlich wissen, daß unsere Pläne, Zukunftsträume und was weiß ich noch, wie die Seifenblasen sind, die wir als Kinder machen, und dennoch lassen wir nicht davon, – können nicht davon lassen.«

»Es muß auch schrecklich sein, wenn man's kann«, rief Schnee lebhaft. »Wir sollen doch um unser Fortkommen sorgen, für unsere Zukunft planen, arbeiten, schaffen, nicht? Es gibt ja solche Lilien des Feldes, die nicht spinnen – soll welche geben. Ich habe noch keine kennengelernt, man müßte denn die Töchter reicher Eltern dazu rechnen, wie meine Tante sie in ihrem Pensionate hat, die in den Tag hineinleben und sich nicht einmal die Mühe geben, vorwärtszukommen, weil sie es, Gott sei Dank, ›nicht nötig haben‹. Ich hätte diese Mädel immer vorwärtsschieben mögen, wenn ich dabei an mich dachte, als ich es auch in meinem törichten Sinne ›nicht nötig hatte‹, also so lange mein Vater noch lebte. Aber dann habe ich wenigstens doch Ehrgeiz gehabt.«

»Der wohl ein Charakterzug von Ihnen ist, liebe Schnee, nicht?« fragte die Fürstin freundlich, aber mit einem forschenden Blick.

»Ich glaube ja«, erwiderte Schnee ohne Zögern, offen und ehrlich. »Das ist ein Erbteil von uns Seeburgern, das Vorwärtsdrängen, das Verlangen nach den Höhen des Lebens. Es gibt ja so viele solche Höhen. Aber wir sind keine Streber in dem Sinne, was man für gewöhnlich darunter versteht, wir hängen uns nicht an anderer Leute Rockschöße, sondern wir wollen durch uns selbst werden, aus eigner Kraft. Mein Vater sagte immer, daß das Glück an unserer Seite zu rasch müde würde, es bleibt zurück, weil wir so lange Schritte machen und – der Traum ist ausgeträumt. Da bin ich nun mit Siebenmeilenstiefeln bis vor die Tür der Seeburg gekommen – aber werd' ich auch den letzten Schritt über die Schwelle machen können?«

»Türen und Herzen sind für Sie geöffnet, liebes Töchterchen, und mir scheint, daß Sie siegreichen Einzug darin gehalten haben«, sagte die Fürstin warm.

Schnee schüttelte mit dem Kopfe.

»Noch nicht«, erwiderte sie träumerisch. »Oh, ich weiß, Sie haben mir Hans-Georg zuliebe Ihre Herzen geöffnet, und an mir ist es, den Zugang zu der offenen Tür zu erringen – vielleicht kann ich's, weil ich Hans- Georg so liebhabe, denn um meinetwillen vermag ich nichts. Ich habe nicht die Art, mich bei jemandem geltend zu machen. Ich weiß das ganz gut und kenne meinen Fehler, aber ich kann nichts dagegen tun, ich kann für mich selbst nicht werben um Gunst und Liebe und Vertrauen – ich wundere mich immer noch, daß Marie-Luise eine solche Neigung zu mir fassen konnte, denn ich hab' sie weiß Gott nicht dazu ermutigt. Sie war eben mein Schicksal, wie Hans-Georg es war. Es ist gekommen, ohne mein Dazutun, ohne meinen Wunsch. Bei Marie-Luise habe ich mich noch gewehrt mit Händen und Füßen, weil ich fürchtete, daß die andern Mädchen mich mit meiner Prinzessinnenfreundschaft aufziehen würden. Und bei Hans-Georg – oh, um ihm nichts zu verraten, daß es mir nahe ging, war ich auf den See hinausgerudert und kam erst zurück, als der Zug mit ihm schon über alle Berge sein mußte. Aber der Zug hatte Verspätung, und als er mich sah, blieb er da. Hans-Georg nämlich. Er sagte auch, er wäre wiedergekommen. Ich weiß jetzt, daß er es getan hätte. Nein, ich habe mich gegen Hans-Georgs Werbung nicht gewehrt, – ich habe ihn geliebt bei unserer ersten Begegnung auf der Treppe, gerade wie er mich. Dagegen kann kein Mensch etwas machen und es ist mir auch gar nicht im Traume eingefallen, zu glauben, daß ich ihm nicht ebenbürtig sein könnte. Ich, eine Seeburg-Am See! Marie-Luise machte uns auf diese Möglichkeit aufmerksam, die ja freilich an unserer Neigung nichts ändern kann, aber es täte mir doch leid, wenn ich für Hans-Georg die Ursache wäre, die ihm die Tür zu seinem Erbe verschließt. Und ich meine, ich las das auf den Gesichtern, als der Fürst unsere Verlobung verkündete. Hab' ich recht gesehen?«

»Wie kann ich das wissen? Wir hatten ja verabredet, daß nichts vorher über diese Verlobung bekannt gemacht würde, und ich habe mit keinem meiner Kinder oder meiner Schwägerin darüber gesprochen«, umging die Fürstin die Beantwortung einer Frage, der eine so richtige, hellsichtige Beobachtung zugrunde lag. Das Arrangement einer völligen Überraschung war doch vielleicht nicht ganz das Richtige gewesen. Aber Hans-Georg hatte eine solche Abneigung gegen das Breittreten und Besprechen seiner Verlobung vor deren offiziellem Bekanntgeben an den Tag gelegt, und seine Eltern verstanden das so gut, daß sie nur zu gern in das Stillschweigen einwilligten, das er sich erbeten, und dann ist es auch eine alte Erfahrung, daß die meisten sich mit einem Faktum leichter und rascher abfinden, als mit einer Möglichkeit, die man noch wegdiskutieren kann, wenn man sich sonst Mühe gibt. Das Faktum, von dem Chef des Hauses verkündet, war nun da, aber auch das lähmende Schweigen, mit dem es aufgenommen wurde, bis die gute Erziehung es brach und einen modus vivendi schuf, der durchaus noch nicht in Permanenz erklärt schien, wie die Fürstin sehr gut in dem Gesichte ihres zweiten Sohnes sehen konnte.

»Die Hauptsache ist und bleibt ja doch, meine liebe Schnee«, setzte die Fürstin mit der ihr eigenen Herzlichkeit hinzu, »daß wir, mein Mann und ich, Sie als unseres Sohnes liebe, vielgeliebte Braut von Herzen begrüßen und in Ihre Hände, ohne Rücksicht auf irdischen Vorteil, seines Lebens Glück legen.«

»Dafür bin ich Ihnen dankbar und ergeben bis in den Tod«, erwiderte Schnee leise, aber mit einer Innigkeit und einer warm aus ihrem Herzen aufsteigenden Überzeugung, daß der Ton mehr noch als die Worte den rechten Weg fand, denn die Fürstin legte ihre Hand auf die des jungen Mädchens und sah ihr freundlich ins Auge.

»Was immer auch kommen mag – ich bleibe dieselbe«, sagte sie herzlich und aufrichtig.

Der Fürst trat in diesem Augenblicke an Schnees andere Seite und machte sie aufmerksam auf das brennende Schiff, das ihnen gegenüber gerade den Hafen der Stadt verließ, um auf das Wasser hinauszutreiben. Sie sah aber nur flüchtig hinüber und sagte, im Anschluß an ihr Gespräch mit der Fürstin:

»Ich habe mir von meiner Tante die Blechkapsel mit den Familienpapieren schicken lassen und sie mitgebracht, Durchlaucht. Was der Inhalt dieser Papiere ist, weiß ich nicht, denn ich habe sie nicht gelesen; mein Vater warnte mich davor, so lange ich noch jung wäre, weil ich mir sonst falsche Hoffnungen in den Kopf setzen könnte, denn für all das, was in den Papieren stünde, hätten wir keine anderen Beweise, als den Seeburger Familienring, den ich jetzt, als die letzte Seeburgerin-Am See, an der Hand trage.«

»Dieser Ring hat mein Interesse schon bei Tisch erregt, denn wir besitzen ein Familienbild, auf dem sein Zwillingsbruder abgebildet ist«, erwiderte der Fürst. »Hans-Georg wird Ihnen davon schon erzählt oder geschrieben haben. Aber Sie müssen mich nicht Durchlaucht nennen, denn sonst müßte ich ja ›gnädiges Fräulein‹ zu Ihnen sagen. Wollen Sie mich nicht Vater nennen? Wie auch Hans-Georg mich nennt mit dem guten, deutschen Wort. Ich habe das alberne, französische ›Papa‹ nie leiden gemocht, schon bei kleinen Kindern nicht, für deren Spracherleichterung es ja überhaupt nur entstanden ist. Aber wenn ein baumlanger Mensch, wie Hans-Georg, Papa sagt, das ist doch geradezu albern.«

»Es ist dasselbe, wie Mama, – also Mutter wird gesagt, Schnee, nicht wahr?« fiel die Fürstin ein. »Als Hans-Georg in seiner ersten Lateinstunde lernte, daß Mutter auf lateinisch Mater heißt, wandte er seine Wissenschaft sofort im Verkehr mit mir an und dabei ist's geblieben.«

Sie nickte Schnee zu und wandte sich dann einer anderen Gruppe zu; der Fürst blieb neben seiner künftigen Schwiegertochter stehen und seine Augen hingen wie gebannt an dem Ringe an ihrer Hand.

»Ja«, sagte er sinnend, »ich will die Papiere, die Sie mir anvertrauen wollen, gern lesen; sie bieten vielleicht den Anhalt für eine Forschung, die Ihrem Herrn Vater entgangen ist, als er dem Ursprung seiner Familie nachging. Ich bin inzwischen auch nicht untätig gewesen und habe es als ganz sicher festgestellt, daß ein Briefadel des Namens Seeburg nicht existiert, nie existiert hat. Den Uradel nachzuweisen ist nun unsere Aufgabe, aber das ist nicht eben leicht, denn wen die Tournierbücher an Seeburgern nennen, der läßt sich aus unsern Stammbäumen genau nachweisen. Es bliebe die Möglichkeit, daß die Familie aus dem Auslande eingewandert ist und ihren Namen germanisiert hat.«

»Und die Seeburger Hymne?« fragte Schnee. »Wie kommen wir zu ihr?«

»Und das Wappen;« fiel Hans-Georg ein, der hinter seine Braut getreten war. »Die Hymne und das Wappen, – unser altes Wappen, wie es die Seeburger führten, ehe es durch das von Sonnenberg vermehrt wurde. Schnee hat ein Petschaft ihres Urgroßvaters, wie man es im achtzehnten Jahrhundert als Berlocke trug, da ist das Wappen auf dem Karneol eingraviert, wie wir es führen. Und die Hymne – nun, sie war in den Tagen unserer Souveränität bekannt und berüchtigt genug, aber die zweite Strophe mit den unverständlichen Andeutungen, dem Hinweis auf den Jungschnee in der Sonnwendnacht –«

»Vater«, unterbrach er sich erregt, »stehen wir nicht vor der Wirklichkeit, vor der Erfüllung der uns bisher unverständlichen Worte? Jung' Schnee ist in der Sonnwendnacht gekommen! Nicht Jungschnee – wir haben nicht richtig zu lesen verstanden! Jung' Schnee ist auf der Seeburg eingezogen als meine Braut.«

»Hans-Georg, was ist mit dir geschehen, daß du den Boden der Wirklichkeit verläßt und einen Ritt ins alte, romantische Land unternimmst?« fragte der Fürst mit freundlichem Necken, aber Schnee, die ein sehr feines Ohr hatte, hörte in der ruhigen, gedämpften Stimme etwas durchklingen, wie ein Unterton von Beunruhigung, von etwas, das sie nicht nennen konnte.

»Du weißt«, fuhr der Fürst fort, »unser lieber Pfarrer wird immer böse, wenn man nach einem Sinn für diese Strophe suchen will, die eine krankhafte Phantasie in grauer Vorzeit orakelt hat. Er hat wohl recht, wenn er sagt, man solle sich den Kopf nicht unnütz mit der Lösung solcher Rätsel zerbrechen.«

»Na, das kann mir mein bitterster Feind nicht nachsagen, daß ich das getan habe«, meinte Hans- Georg mit seinem gutmütigen Lachen. »Mir fiel nur im Augenblick der Zusammenhang der unleugbaren Gegenwart mit den orakelhaften Schlußworten der sonderbaren Strophe auf. ›Denn was der Verstand der Verständ'gen nicht sieht, das find't oft in Einfalt ein kindlich Gemüt.‹ Ich war in Beziehung auf Rätselraten immer sehr einfältig, – wenn ich also wieder mal daneben geraten habe, so wär's weiter kein Wunder.«

Der Ring an Schnees Finger hatte aber längst die allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Die erste, die sich deshalb an seine Besitzerin wandte, war Gräfin Lilian, die eine Leidenschaft für derartige Kuriositäten und insbesondere für Smaragden hatte. Sie zog Schnee hinein in den Salon der Fürstin, um den Ring bei Licht besser und näher sehen zu können und ihr geübtes Auge wollte in der Arbeit Indien als Ursprungsland erkennen. Sie konnte sich nicht sattsehen an dem eigentümlichen Juwel, das die hinzutretende Fürstin Vöslau lachend für ein merkwürdig garstiges Exemplar von einem Ringe erklärte, denn die gute Gertrud fand eigentlich nur hübsch, was neu und modern war, und Gräfin Lilian erklärte oft indigniert, ihre Schwägerin wäre nicht wert, eines Hauses Tochter zu sein, das an sich ein retrospektives Museum sei, voll von Kunstschätzen und Merkwürdigkeiten aller Jahrhunderte.

»Wenn ihr wissen wollt, was auf dem Stein eingraviert ist, müßt ihr Harold Husum fragen«, meinte Gertrud. »Der hat ja schon als Doktor der Philologie und der alten, besonders der orientalischen Sprachen promoviert, als er noch ein halber Bub' war, und seine diplomatische Laufbahn hat er als Dragoman in Indien begonnen. Dort hat er auch Tricks gelernt, die schon reine Zauberei sind – ich sag' euch, der kann mehr als Brot essen, der Harold!«

»Wer mißbraucht hier meinen Namen?« fragte der Genannte heiter, indem er mit Marie-Luise nähertrat – sie hatten in einer versteckten Ecke des Salons die ersten Worte Aug' in Auge miteinander gewechselt, denn eine bisherige Verständigung war nur durch die Post gegangen. Gräfin Lilian reichte ihm Schnees Ring.

»Können Sie lesen, was auf dem Smaragd eingraviert ist?« fragte sie.

Herr von Husum sah lange auf den Ring herab.

»Die Charaktere sind Sanskrit«, sagte er dann, Schnee den Ring zurückreichend. »Doch, um in den Sinn einzudringen, bedürfte es einer längeren Prüfung, die Sie mir vielleicht ein anderes Mal gestatten, gnädiges Fräulein. Es scheint sich um eine Formel zu handeln, wie die Magier ferner Zeiten – und unserer Tage nicht minder, – sie zu ihren dunklen Zwecken brauchten. Der Smaragd ist ein wahres Prachtexemplar seiner Art und die Fassung ein direktes Wunderwerk der Goldschmiedekunst des alten Indien, die wir nur noch aus ganz wenigen, seltenen Exemplaren kennen. Da diese Ringe für gewöhnlich aber auf dem Zeigefinger oder dem Daumen getragen wurden, so wundert es mich nur, daß er so gut auf Ihren schlanken Goldfinger paßt.«

»Er paßt bei uns Seeburgern auf jede Hand und auf jeden Finger«, erwiderte Schnee, als verstünde sich das ganz von selbst. Dabei streifte sie den Ring, den sie schon auf ihren Goldfinger gesteckt hatte, wieder ab und ließ ihn leicht und ohne Widerstand über ihren Daumen gleiten, auf dem er wie angegossen saß.

»Ein unheimlicher Ring – ich fasse nicht, wie du ihn tragen kannst, Schnee«, rief Marie-Luise mit einem leichten Schauer.

»It's quite creepy«, versicherte Gräfin Lilian mit großen Augen.

Gertrud Vöslau lachte.

»Ach, da ist halt irgendein Trick dabei«, meinte sie zuversichtlich. »So was gibt's doch nicht in Wirklichkeit. Sie machen grad' so ein Gesicht, Harold, als ob Sie's wieder besser wüßten.«

»Besser? Wie kann ein Mensch überhaupt behaupten, daß er etwas ›besser‹ weiß«, entgegnete Herr von Husum sinnend. »Aber ich habe im Orient manche Dinge gesehen und gehört, die unsere sämtlichen Professoren nicht imstande wären, zu erklären. Naturkräfte, von denen wir keine Ahnung haben, nur den Auserwählten bekannt, die ihre Wissenschaft ererbt und deren Kenntnis eifersüchtig geheimhalten.«

»Nun, gestehen Sie es nur, Ihre Freunde, die Brahmanen, haben Sie mit einem Auge, oder mit einem halben doch wenigstens, hinter den Vorhang ihrer Mysterien sehen lassen«, rief Gertrud lebhaft. »Haben Sie die Chiromantie nicht auch in Indien gelernt? Oh, Schnee, du mußt ihm deine Hand zeigen und dir von Harold wahrsagen lassen!«

»Warum nicht gar!« verteidigte sich der Legationsrat. »Ich bin doch kein Wahrsager! Daß aus den Linien der Hand der Charakter eines Menschen erkennbar ist, wenn man sie richtig zu deuten versteht, das unterliegt keinem Zweifel – nun, und aus dem Charakter lassen sich ja auch Schlüsse auf seine Laufbahn ziehen. Aber ›wahrsagen‹ in dem vulgären Sinne des Wortes – Gott bewahre!«

»Leugnen Sie doch nicht Ihre eignen Worte«, ereiferte sich Gertrud. » Mir haben Sie aus meiner Hand prophezeit, daß ich mich glücklich verheiraten, daß ich nie künstlerische oder literarische Ambitionen haben und so alt wie Methusalem werden würde.«

»Das ist doch keine Prophezeiung –«

»Was denn sonst?«

»Ein Vorschlag –«

»Also, machen Sie der Braut von Hans-Georg einen Vorschlag. Oder fürchtest du dich, Schnee?«

»Sicher nicht.« Schnee streckte dem Legationsrat schon ihre umgekehrte Hand entgegen, die er nicht ohne ein kleines Zögern ergriff und lange schweigend betrachtete.

Als er aufblickte und die Hand des jungen Mädchens freigab, schien es Marie-Luise, als ob sein sowieso etwas farbloses Gesicht blasser wäre als sonst.

»Ich danke vielmals«, sagte er verbindlich. Sonst nichts.

»Nun?« fragte Schnee mit großen Augen.

»Ach so, – gnädiges Fräulein wollen auch wissen, was ich in den Linien Ihrer Hand lese!« sagte er. »Ich pflege das ohne besondere Aufforderung nie zu sagen. Nun, Ihre Hand ist sehr interessant. Kopf- und Herzlinie voll und kräftig entwickelt, ganz bedeutende künstlerische Fähigkeiten, große Willenskraft, starke Neigung zum Mystischen – das ist in großen Zügen der Extrakt.«

»Und die Schicksalslinie?« fragte Gräfin Lilian.

»Und die Lebenslinie?« fiel Gertrud ein.

»Aber meine Damen – verlangen Sie doch nichts Unmögliches von mir!«

»Sie haben mir gesagt, ich würde alt werden wie Methusalem –«

»Ich hoff's und glaube es nach der Art, wie Sie das Leben nehmen.«

»Aber man hat doch in der Chiromantie ganz bestimmte Anhalte für solche Behauptungen. Zeigen Sie mal, welches ist denn die Lebenslinie?«

»Na wart, wenn dich der Pfarrer hörte«, rief Tante Murr dazwischen. »Da könntest du eine hübsche Standpauke zu hören kriegen!«

»Ich glaube ja gar nicht daran«, verteidigte sich Gertrud. »Aber wenn man nun schon einmal solch eine Sache zum Scherze mitmacht, dann will man sie doch gründlich haben, nach allen Regeln der Kunst. Ich will wissen, was in Fräulein von Seeburgs Lebens- und Schicksalslinie steht.«

»Seht euch lieber die Johannisfeuer an«, empfahl Tante Murr. »Sie sind dies Jahr üppiger denn sonst. Wahrscheinlich Hans-Georgs Verlobung zu Ehren. Und Sankt Johann zu Ehren wurde auch Anno dazumal die Hexe verbrannt am Sonnwendtage, die Hexe, der seine Braut hier ähnlich sieht. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen, – doch mir kann die gute alte Zeit gestohlen werden. Holzstöße ohne Hexen darauf sind mir lieber.«

Schnee trat mit den andern wieder heraus auf die Terrasse und sah träumend hinaus auf den See, auf dem es von Booten mit roten, grünen und gelben Laternen wimmelte, die wie Leuchtkäfer auf der nachtdunklen Wasserfläche hin- und herflogen und das Floß umkreisten, auf dem der Holzstoß in der stillen Luft fast kerzengrade hinauf zum sternenbedeckten Himmel lohte. Und von den Höhen ringsum flammten überall die Feuer auf, – es war ein phantastisches Bild, doch es sprach anders zu Schnees Einbildungskraft, als zu den andern, wenigstens den meisten von ihnen. Schnees Nerven waren erregt; sie war physisch müde von der Eisenbahnfahrt und der naturgemäßen Aufregung, die ihre Ankunft in der Seeburg mit sich brachte und doch wieder wach und rastlos; für sie hatten die lohenden Sonnwendfeuer ringsum, die irrenden Lichter auf dem See, in dem die riesige, unregelmäßige Front der Seeburg sich widerspiegelte, eine eigene Meinung, die wie eine Drohung zu ihr sprach, und es hätte sie nicht gewundert, wenn die schauerlichen Töne des Heerhorns durch die Nacht erklungen und bei den Flammenzeichen ringsum waffenklirrende Kriegsleute zur Sammelstätte geeilt wären:


»Die Brücken nieder und auf das Tor –
Die Seeburger vor!«


Für eine empfängliche Phantasie, wie die Schnees, mußte dieser vor allen Abenden an einem Orte wie die Seeburg wie ein berauschendes Getränk wirken, besonders unter den persönlichen Bedingungen, unter denen sie den feudalen Fürstensitz betreten, nein, in dem sie ihren Einzug gehalten. Darin lag der Unterschied. Von Kindheit an gewöhnt an die beschränkten, engen Mietwohnungen der großen und kleinen Städte, die ihres Vaters Garnisonen gewesen, dann das zwar eigne, aber doch als Schule eingerichtete Haus ihrer Tante, dann die großen Karawansereien, Hotels genannt, auf der Reise mit Marie-Luise, – das waren die Räume, die Schnee bisher bewohnt – von solchen Wohnsitzen, wie die Seeburg, hatte sie bisher nur geträumt. Und doch schienen sie ihre naturgemäße Wohnstätte zu sein – sie fühlte sich nicht fremd in den großartigen Räumen, nur daß sie zu ihnen gelangt, schien ihr fremd und unwahrscheinlich, so unwahrscheinlich, wie die ganze Wendung ihres Schicksals. Es war ein Traum, aus dem sie erwachen würde durch den Weckruf, der sie vor eine Klasse voll kleiner Mädchen berief, denen sie Anschauungsunterricht geben sollte oder die Anfangsgründe des Rechnens klarzumachen hatte. Oder gar nicht mehr erwachen. Noch eine Weile weiterträumen und dann traumlos schlafen durch die Zukunft, die ihre sonst so lebhafte Phantasie sich vergebens auszumalen versuchte, für die sie nie Bilder fand. Warum? Eine andere Braut an ihrer Stelle hätte Zukunftsträume gehabt, schimmernde, wechselreiche Zukunftsträume, lichtstrahlend, seidenknisternd, diamantenfunkelnd, die ganze Welt offen vor sich – aber sie brachte solche Bilder nicht zusammen; nur die Vergangenheit mit ihren einfachen Freuden, ihren bitteren, schweren Stunden und Tagen und Jahren, die strahlende glückverklärte Gegenwart gehörte ihr, –

die Zukunft war ihr ein Begriff, dem sie keine Form zu geben vermochte. Ein siebenmal versiegeltes Buch ist sie ja den Menschen allzumal; selbst die Neunmalweisen, die für alles eine »naturgemäße, wissenschaftliche Erklärung« haben, stehen ratlos vor ihr, aber das Fehlende sucht der Mensch sich durch Wünsche, Vermutungen, Träume zu ergänzen, und selbst der an Einbildungskraft Ärmste macht sich ein Bild vom morgigen Tage, von dem er nicht einmal weiß, ob er ihn erleben wird. Schnee machte sich keine Bilder, weil sie keine machen konnte, – sie wollten sich ihr nicht formen, und wenn sie müde war von der Anstrengung, wenn sie es seufzend, ungeduldig, erstaunt oder verwirrt aufgab, dann war's ihr oft, als wäre auch die Gegenwart nichts als ein Traum. Aber welch ein Traum!

Sie wußte nicht, ob sie froh war, oder ob es ihr leid tat, als dieser Abend zu Ende ging und das Wort »Ruhe« von Marie-Luise ausgesprochen wurde. Der Feuer wegen hatte man die beiden Damen noch nicht in ihre Zimmer geführt – es war heut abend alles außergewöhnlich. Indes es die Fürstin übernahm, Marie-Luise in den Empirebau zu geleiten, der inzwischen schon Matzkes volle Zustimmung gefunden hatte, übernahm der Fürst das Führeramt für seine zukünftige Schwiegertochter, eskortiert von Tante Murr, die ja Schnees nächste Nachbarin war, sowie von Hans-Georg und dem Legationsrat, der seine Wohnung allemal im Renaissancebau aufschlug als Hausgenosse seines Freundes.

Das Gefühl des Außergewöhnlichen, Unwahrscheinlichen steigerte sich für Schnee, als sie am Arme des Fürsten den Weg zu ihrer Wohnung antrat, als sie im vollen Glanze des überall entzündeten elektrischen Lichtes durch die Prunkgemächer der Seeburg schritt, ein Fremdling und doch mit dem Gefühl der Zugehörigkeit, als wenn sie nach einer langen, langen Reise, während der sie vergessen hatte, wie alles hier aussah, zurückkehrte in eine Heimat, deren Gewohnheit ihr verlorengegangen war. Als sie durch die Tür des Tizianzimmers trat und dem strahlend beleuchteten Bilde der Erbin von Sonnenberg, der Pfalzgräfin Schnee, gegenüberstand, da stockte ihr Fuß und das Blut stockte ihr in den Adern, denn sie stand dem Abbild der Gestalt gegenüber, die in dem unirdischen, grünlichen Lichtkreise, der von dem Smaragd ihres Ringes ausging, so oft in den Bildern, die sie darin sah, wiederkehrte, daß sie jeden Zug hätte malen können. Und diese Gestalt hielt ihren Ring zwischen den schlanken, weißen Fingern, genau, wie sie es in den Bildern, die der Ring in den Spiegel geworfen, gesehen hatte, den Ring, den sie dem schlafenden alten Mann von der Hand gezogen – gestohlen hatte! Der Ring, den sie in dem engen, schmalen Gange verloren, der in die Mauerspalte geglitten und von dem lachenden, schelmischen kleinen Buben gefunden worden war und den sie zuletzt auf dem Grunde eines tiefen Wassers, umgeben von Tang und Algen, liegen gesehen – –

Doch an all das dachte Schnee nicht, als sie sich dem engelgleichen Bilde der Frau gegenüber befand, von welcher der Ring ihr so wenig engelhafte Handlungen gezeigt; die Überraschung des Wiederfindens dieser Gestalt machte ihr das Herz stocken und verstärkte in ihr das seltsame Gefühl des Unwahrscheinlichen, das Besitz von ihr genommen hatte von dem Augenblick an, als die Seeburg vor ihren Augen lag.

Wie im Traume hörte Schnee die laute Stimme der Tante Murr, die wie aus weiter, weiter Ferne irgend etwas von dem Bilde sagte, – hörte sie die Stimme von Hans-Georg, der sie vor das Bild der Hexe führte. Verständnislos sah sie dieses Bild an und hörte, ohne es zu fassen, daß sie ihm ähnlich sein sollte. »Fräulein von Seeburg ist sehr müde«, meinte der Legationsrat halblaut. »Es gibt Momente, wo man physisch ausschaltet und alle Tizians der Welt einem gleich aussehen.« –

»Ach, Unsinn«, fiel Tante Murr ein, »wenn man jung ist und gesund, dann wird man nicht müde von dem bissel Eisenbahnfahren.«

»Aber man wird es, auch wenn man jung ist, von seelischen Erregungen, Eindrücken und Lebenswendungen«, entgegnete Herr von Husum, verständnisvoll für Schnee plädierend.

Hans-Georg sah besorgt auf das blasse Gesicht seiner Braut, das einen von dem gewohnten so verschiedenen Ausdruck trug. »Harold hat recht – wir wollen dich mit unsern Kunstschätzen erst morgen plagen, wenn du ausgeschlafen hast«, sagte er herzlich, aber Schnee hörte auch das nur wie aus der Ferne.

An der Tür zum Kirchenchor blieben die beiden jungen Männer zurück und Schnee, die das Empfinden hatte, als wäre der Weg, den sie zu machen hatte, ohne Ende, ging am Arme des Fürsten weiter, gefolgt von Tante Murr, deren herzhaftes Gähnen eigentlich die prosaische Wirklichkeit hätte zurückrufen können, wenn für Schnee nicht alles, alles so unwirklich gewesen wäre. Und nun gar der Weg durch die dunkle Kirche, in der nur das rote Licht der ewigen Lampe wie ein Johanniswürmchen glühte und ein unsicheres zitterndes Licht auf das weiße Marmordenkmal der Pfalzgräfin Schnee warf und hier und da eine vergoldete Zierat aufleuchten ließ. Zwar waren die elektrischen Lichter auf dem ganzen Chor bis zum jenseitigen Ausgange entzündet, aber das Schiff der Kirche lag doch im Schatten, aus dem nur der weiße Marmor des Denkmals gespenstisch heraustrat. Und Schnee wußte auch, wo sie dies Monument schon gesehen, nur in einem anderen Lichte, von einer andern Seite – –

Durch den Nordausgang des Chores traten sie in den kleinen Vorsaal von Tante Murrs Wohnung; er war nach dem inneren Hofe zu loggienartig verglast und eine von beiden Seiten mit Portieren verhängte Glastür schloß ihn ab von dem Mitteltrakte, welcher die unter dem Namen »Königskammern« bezeichneten Räume enthielt, die für besonders hoch zu ehrende Besuche auf der Seeburg reserviert wurden. Hans-Georg legte für seine Person keinen sonderlichen Wert auf Ehrenbezeugungen, aber es hatte ihm unendlich wohlgetan, als seine Eltern ohne Zögern die Königskammern für seine Braut bestimmten, nachdem er ihnen Schnees naiven, brennenden Wunsch vortrug, »einmal in einem wirklichen alten, historischen Schlosse wohnen zu können«.

Tante Murrs Vorsaal war eigentlich eine höhere Rumpelkammer, aber immerhin eine ganz gemütliche – jenseits der Glastür jedoch herrschte die schwere, gediegene Pracht, die eigentümliche Atmosphäre, die über den unbewohnten Räumen der Schlösser liegt, wo der Fremde in Filzschuhen von ihr Pensum ableiernden Lakaien durchgehetzt wird. Zwar, der Gang, den sie betraten, war nicht übermäßig breit, aber er war mit dicken Teppichen belegt, die Wände mit alten Bildern in schweren, vergoldeten Rahmen behängt, Rüstungen standen zwischen den tiefen Fensternischen, und Truhen und steiflehnige lederbezogene Stühle und geschnitzte und eingelegte Schränke, mit kostbarem altem Gerät von Metall und Fayence besetzt, ließen kaum eine Stelle leer an der Innenwand. An der Ecke des Hofes, wo der Korridor eine scharfe Ecke beschrieb, hing eine wundervolle, alte schmiedeeiserne Ampel, in die der Geist der Neuzeit sich in Gestalt eines Kupferdrahtes eingeschlichen hatte, unsichtbar, aber effektvoll, denn das Licht, das durch die roten Rubinglasscheiben stimmungsvoll genug herabstrahlte, war ein wesentlich intensiveres, als aus der Öllampe gefallen war, die ursprünglich sich darin befunden.

Schnee sah das alles, keine Einzelheit auf ihrer Wanderung war ihr entgangen, aber ihr schien das alles wie ein Traum. Sie stand dann in den Zimmern, die des Fürsten Stimme ihr als Wohnung anwies – kein Kaiser hätte sich zu schämen brauchen, einen andern Monarchen in solchen Räumen mit solcher Ausstattung, solchen Schätzen der Kunst und des Gewerbes unterzubringen, und doch hatte Schnee darin nicht das Gefühl der Zugehörigkeit. Sie stand unter dem Lichtmeer der venezianischen Kristallkrone, als sie allein zurückgelassen wurde, und der Eindruck ihrer starken Persönlichkeit, unterstützt durch ihre ungewöhnlichen physischen Vorzüge, war ein so nachhaltiger, daß der Fürst ihm Worte gab, als er mit seiner Schwester wieder vor deren Tür stand:

»Ich kann es Hans-Georg nicht verdenken, wenn er sein Herz an dieses Mädchen verlor. Nur hätte ich nie geglaubt, daß sie sein Genre wäre. Sie stand eben dort unter dem Kronleuchter wie – wie soll ich sagen? Wie eine Kaiserin? Der Vergleich hinkt bei ihrer Jugend –«

»Wie die Herzogstochter von Lützelburg aus der Sage«, fiel Tante Murr ein. Ihr Bruder lächelte leicht.

»Du bist im Grunde doch eine poetische Natur, meine liebe Marie. Dein Slang ist nur äußerlich. Die Herzogstochter von Lützelburg! Ja, ich kenne die Sage. Aber der Vergleich hinkt auch –«

»Wie alle Vergleiche, mein guter, alter Johannes. Natürlich, wir sind kein verarmtes Rittergeschlecht und diese Schnee vermutlich keine Erbin eines Herzogsthrones. Es kam mir nur so in den Sinn, denn mir war's auch aufgefallen, daß sie eigentlich mordsmäßig ›schnobel‹ aussieht. Sie hat eben sehr etwas Apartes, wenn sie auch sonst ›nischt‹ hat. Ich meine ›Knöppe‹. Na, gute Nacht. Ich bin hundemüde – Familienfeste liefern mich einfach zur Strecke!«

Mit dieser Versicherung verschwand Tante Murr in ihrer Behausung, und der Fürst trat nach einem kurzen Zögern den Rückweg nach dem Rokokobau an.

Schnee aber stand noch lange unter dem Kronleuchter ihres Salons wie unter der Einwirkung eines Bannes, bis das zu ihrer Bedienung angewiesene Mädchen sie halb herausriß aus dem traumartigen Zustande, indem es nach ihren Befehlen fragte. Schnee dankte für alle Dienste für heute wenigstens. Sie war es so gewohnt, sich selbst zu bedienen, selbst jede Kleinigkeit ihrer einfachen Garderobe zurechtzurichten, aber Gräfin Mirow hatte ihr schon gesagt, daß es mit dieser Seite der Unabhängigkeit vorbei sei und sie sich an den Gedanken gewöhnen müsse, sich bedienen zu lassen, auch schon ehe sie die Erbprinzessin von Seeburg geworden sei. Das gehöre einmal zu dem Range. Darüber hatte nun Schnee ihre eigenen Ansichten und Vorsätze, die darin gipfelten, sich nicht zum Sklaven ihrer Kammerzofe in spe zu machen, denn wenn man sich auch zweifellos an nichts leichter gewöhnen könnte als an den Luxus des Lebens und an die Bequemlichkeiten des Daseins, so müsse man eben gegen diese süßen Gewohnheiten ankämpfen, um sich von ihnen nicht unterjochen zu lassen.

Nachdem das Mädchen sich zurückgezogen, nachdem sie gezeigt, wo die Klingel sich befände, die sie jederzeit herbeirufen könnte, nahm Schnee mit einem Seufzer der Erleichterung, allein zu sein, das Notwendigste aus ihrem Koffer und lag bald in dem von purpurseidenen Vorhängen umrauschten Bette ihres Schlafzimmers, in dem Könige vor ihr geruht. Die Fenster standen offen und ließen die frische Brise herein in das luxuriöse Gemach, und das leise Plätschern des Wassers gegen die Ufer, das stärkere Rauschen, wo es gegen die Felsen schlug, auf denen die Pfalz stand, waren die einzigen Geräusche, die hereindrangen aus der stillen Nacht, durch welche die letzten verglimmen den Johannisfeuer aufzuckten und verlöschten – Geräusche? Nein, Stimmen der Natur, die das arme, müde Menschenhirn und das wunde, wehe Menschenherz so wunderbar zu beruhigen verstehen, wenn es so glücklich ist, sich losgelöst zu haben vom Lärm der Welt.

Aber Schnee war nicht weltmüde, sie war nur verwirrt von dem, was das Leben plötzlich mit vollen Händen auf sie ausschüttete, rückhaltlos, verschwenderisch. Sie schloß Hans-Georg in die Gaben dieses Füllhorns nicht mit ein, denn eines guten und edlen und wahrhaft vornehmen Mannes Herz stand ja doch hoch, himmelhoch über all dem, was Reichtum verschaffen, aber das Dasein auf dieser Welt dennoch sehr verschönern kann.

Daß Hans-Georgs Herz ihr Los geworden war, das sah sie als eine Gabe an, auf die sie ein Recht hatte, weil jeder Mensch auf der Erde, hoch oder gering, arm oder reich, ein Anrecht hat auf das Glück. Es gab aber so viel Leute, und Schnee kannte welche, die sich entweder scheu zurückzogen, wenn sie das Glück kommen sahen, und es lieber vorbeigehen ließen, ehe sie gerufen hätten: Hier bin ich, die du suchst! Oder andere, die es nicht sahen, oder die es nicht erkannten und ihm die Tür vor der Nase zuschlugen. Sie hatte sich immer vorgenommen, dem Glück, wenn es ihr so in den Weg trat, nicht davonzulaufen, oder es zu suchen, wenn es nicht zu ihr kam, nur hatte sie nie recht gewußt, wie es aussehen würde –

Nach den ersten paar Stunden des Zusammenseins mit Hans-Georg wußte sie das ganz genau, und dann fielen alle ihre Vorsätze ins Wasser, und sie ging ihm doch aus dem Wege, aber ein Etwas sagte ihr, daß er sie trotzdem finden würde. Das war eine Überzeugung, die so fest in ihr wurzelte, wie die Eiche im Urwald, – sie wußte, sie gehörte zu ihm und er zu ihr und es fiel ihr gar nicht im Traume ein, daß es anders sein könnte. Aber was sie verwirrte, das waren die Dinge, die er ihr mitbrachte – das war, wie in einem Märchen, denn solche Luftschlösser wagt kein Mensch zu bauen.

Die Wellen plätscherten gegen das Ufer und die Brise strich hinein in das königliche Schlafgemach, in dem Schnee trotz ihrer Müdigkeit mit weitoffenen Augen lag und alles Erlebte in ihren Gedanken zu ordnen suchte. Aber es wollte nicht gelingen; wie die bunten Steine in einem Kaleidoskop stürzten die Bilder und Eindrücke und Empfindungen durcheinander, immer einer über den andern weg, daß es ihr ganz schwindlig wurde. Dazu das fremde Zimmer, das fremde Bett, die von keinem menschlichen Laut unterbrochene Stille – –

Jetzt erst fiel Schnee diese Stille auf, und sie fing an, gespannt hinzuhorchen, ob nicht jemand gehen oder reden würde, damit man doch wußte, daß man nicht ganz abgeschlossen war von menschlicher Nähe. Freilich wohnte ja wohl die sonderbare alte Tante Hans- Georgs sozusagen »nebenan«, aber zwischen ihr und Schnees Schlafzimmer lagen zwei große, saalartige Zimmer. Da konnte man nicht gut etwas von dieser Nachbarschaft hören, trotzdem Hans-Georg ja gesagt hatte, daß Tante Murr so laut und vernehmlich zu pfeifen pflegte, daß er es um die ganze Front der Kirche herum hören könnte. Freilich war es auch Nacht und im Schlafe pfeift kein Mensch, nicht einmal Tante Murr.

Mit einem Male wußte Schnee auch, was ihr fehlte: es befand sich in ihrem Gesichtskreis vom Bette aus kein Spiegel, in dem sie den Smaragd ihres Ringes leuchten sehen konnte. Sie war so sehr an das sanfte, grünliche Licht gewöhnt, so sehr gewöhnt, sich Bilder darin entwickeln zu sehen, die sich vor ihr abspielten, wie in einem Kinematographen, Bilder, unter deren Wechsel sie einzuschlafen pflegte, daß sie ihr fehlten. Sie setzte sich im Bette auf und sah sich nach dem Ringe um und fühlte sofort den beruhigenden, milden, dem Auge so wohltuenden Einfluß des Lichtes, das von dem Stein ausging. Sie nahm den Ring und legte ihn auf den Stuhl zu Füßen ihres Bettes, daß sie den Smaragd von ihrem Kissen aus sehen konnte, und so, dem Mondlicht zugekehrt, das durch die offenen Fenster hereinfiel in das Zimmer, leuchtete der Stein wie ein Licht, das ihre Nerven allmählich zur Ruhe brachte. Aber sie sah keine Bilder darin, nur die flutenden grünen Lichtwogen, deren Umkreis weit über die Dimensionen des Steines hinausging.

Schnee war bald auf dem Punkte zwischen Schlafen und Wachen, wo die Umgebung sich zu entfernen scheint und man leise und allmählich hinübergleitet in das Land der Träume, – da meinte sie, schnelle, leise Schritte an ihrer Tür vorbeihasten zu hören, Schritte, die der dicke Teppich in dem Korridor natürlich fast unhörbar machte. Aber in der Stille der Nacht hört man eben alles so viel deutlicher, und trotzdem sie sich sagte, daß ja hier gehen könnte, wer wollte, daß es sie wenigstens nichts, gar nichts anginge, fing das Herz ihr doch an wild und laut zu schlagen, und sie fragte sich mit einer ganz ungerechtfertigten, törichten Furcht, ob die Türen des Schlafzimmers auch verschlossen wären. Natürlich, es war ihr gar nicht eingefallen, die Türen hier zu verschließen wie im Hotel, wo sich verspätete Gäste in der Nummer irren und plötzlich hereingeplatzt kommen konnten, oder gar Hoteldiebe in der Stille der Nacht ihrem Gewerbe nachgingen, auf den Leichtsinn derer bauend, die bei unverschlossenen Türen, ihre Wertsachen auf dem Nachttische, den Schlaf der Gerechten schliefen. Aber hier in diesem Hause, das einmal das ihrige werden sollte – –

Trotz dieses schwindelnd stolzen Gedankens überlegte Schnee, ob sie nicht lieber Licht machen und die Türen verschließen sollte, doch ehe sie sich noch dafür entschieden hatte – zehn Minuten und länger mochten darüber verstrichen sein, – da hörte sie deutlich eine Tür draußen zuklinken, hörte sie wieder schnelle, fast lautlose Schritte vorbeihasten, und dann wieder eine Tür zumachen. Nun zögerte sie nicht länger, von einer wilden, unvernünftigen Furcht erfaßt, streckte sie die Hand aus und drückte an dem Knopfe der elektrischen Lampe auf ihrem Nachttisch, und als das starke, aber sanfte Licht unter der Milchglasglocke eine jeden Gegenstand erfassende Beleuchtung ausstrahlte, sprang sie aus dem Bette auf die Tür nach dem Korridor zu.

Doch kein Schlüssel steckte darin, wenigstens inwendig nicht! Schnee sah sich um – die Tür zu dem Salon nebenan stand überhaupt offen – eine dritte Tür entdeckte sie erst jetzt am Fußende ihres Bettes. Sie huschte darauf zu und machte sie auf: ein Badezimmer mit zwei Ausgängen war der Raum, in den sie führte. Unentschlossen sah sie herein in das luxuriöse Gelaß und ging dann zurück in ihr Bett, wo sie aufrecht, mit dreifach für jedes Geräusch durch die ganz unerklärliche Furcht geschärften Sinnen sitzenblieb und angestrengt lauschte, nachdem sie die Lampe wieder ausgelöscht. Wie lange sie so saß und nur ihr Herz klopfen hörte, wußte sie nicht, und schon wollte sie sich wieder hinlegen, als der Lichtkreis ihres Smaragden sich vor ihren Augen so vergrößerte, daß sie in dem wogenden grünen Schein, der ihr so vertraut war, daß sie ihn vermißte, wenn sie ihn nicht sah, Bilder zu sehen erwartete, aber nur die Charaktere, die in den Stein graviert waren, standen in dem Lichte deutlich sichtbar mit irisierenden Umrissen. Das hatte Schnee noch nie gesehen, doch ehe sie dazu kam, sich darüber zu wundern, stockte ihr der Atem und ihre Augen blickten durch das grüne Licht, denn sie hatte eben wieder deutlich gehört, wie eine Tür geöffnet wurde, und dann knisterte und raschelte es, wie wenn schwere, seidene Stoffe über den Fußboden schleifen, erst ferner, dann näherkommend, bis sie dicht vor ihrer Tür waren –

Und dann kam ein Ton, ein Klang – was war das? Eine Stimme? Aber von wem, von was ging sie aus? Ein Vogel? Ein Instrument? Aber es lag doch wieder etwas Menschliches in dem Klang, bei dem sich Schnee das Herz zusammenkrampfte und eine wahnsinnige Lust, den Kopf unter die Decke zu verstecken, sie ergriff, weil das Menschliche ja etwas Übermenschliches hatte. Aber sie rührte sich nicht, konnte sich nicht rühren, so sehr raubte das Entsetzen vor etwas, das sie nicht nennen, sich nicht vorstellen konnte, ihr die Fähigkeit der Bewegung. Nur hören konnte sie. Und das Knistern und Rauschen der schweren seidenen Stoffe wurde deutlicher und deutlicher vor ihrer Tür, in der sie meinte, einen Schlüssel leise, ganz leise umdrehen zu hören, dann wieder dieser sonderbare Klang wie von einem unbekannten, der menschlichen Stimme so ähnlichen Instrument, daß es Schnee fast war, als ob es Worte formulierte, und dann drückte von außen eine Hand die Klinke nieder mit einem unsichern und doch wieder harten Griff – –

Weiter sah und hörte Schnee nichts mehr: das Licht des Smaragden war auf einmal so intensiv geworden, daß sie die Augen schließen mußte, und als sie sie wieder öffnete, war es heller Tag; draußen auf dem See tanzte das Licht der Morgensonne und von irgendwoher aus der Ferne klang Glockengeläut herüber in vollen, friedlichen Klängen und durch die offenen Fenster flutete ein Strom von Lindenblütenduft.

Schnee mußte erst eine ganze Weile ihre Sinne sammeln, ehe sie wußte, wo sie war, wie sie in dieses mit königlicher Pracht eingerichtete Zimmer kam, was sie in der verflossenen Nacht erlebt oder geträumt hatte –

Aber wie sie sich's klarmachte, daß sie ja in Hans-Georgs Vaterhaus war, mit ihm unter einem Dache, bei den Seinen, da mußte sie lachen unter dem Übermaß des Glückes, das bei diesem Gedanken durch ihre jungen Glieder strömte, wie feuriger Wein so belebend und anfeuernd, und dieses Glückslachen erstarb in einem Schluchzen.

»Weil ich so glücklich bin«, dachte sie, die aus ihren Augen strömenden Tränen von sich schüttelnd, daß sie wie Tautropfen davonflogen, die der Morgenwind von den Blättern weht. Ein Blick auf die Uhr belehrte sie, daß es noch früh war, und eilends stand sie auf, um nach einem Bade erfrischt und gestärkt, blühend in Jugend, Kraft und Schönheit, hinauszugehen in den köstlichen Sommermorgen.

»Ich muß doch geträumt haben – die Tür ist ja offen«, dachte sie, als sie das Schlafzimmer direkt in den Korridor hinein verließ. Außen steckte der Schlüssel in dem Schlosse – man hatte offenbar vergessen, ihn innen hereinzustecken. Nun war die Frage, wo sie hinunter, hinaus konnte: rechts hinter der Glastür am Ende des Korridors lagen die Zimmer der Gräfin Marie alias Tante Murr; dort wollte sie doch nicht eindringen – – sie wandte sich also nach links um die Ecke mit der schönen Ampel, in der das Licht die ganze Nacht gebrannt haben mußte, denn es leuchtete noch hinter den rubinroten Scheiben. Richtig, – einer innen verhängten Glastür gegenüber, die wohl in einen andern Teil des Schlosses führte, mündete eine teppichbelegte Wendeltreppe mit niedrigen, breiten, bequemen Stufen, und diese hinabeilend, betrat Schnee durch ein Portal, das innen noch verschlossen war, den mit Kletterrosen umrankten inneren Hof, dessen Südwand die Kirche bildete. Eine offene Einfahrt im Osten zeigte den Weg ins Freie, und bald stand Schnee unter den uralten Linden, die hier eine Gruppe bildeten.

Unter den Linden aber stand Hans-Georg.

»Schnee!« rief er ihr schon von weitem entgegen. »Hier stehe ich seit einer halben Stunde und wünsche dich herunter!«

»Darum also war mir's, als triebe mich jemand«, lachte Schnee glücklich. »Das war wohl Telepathie?«

Jedenfalls aber war's in der Folge eine herrliche Morgenwanderung zu zweit, und unter der Sonne des Himmels und der Sonne des Glücks dahinwandelnd, unter Blüten im frischen Grün wich jeder Schatten naturgemäß aus Schnees Nähe, das schwere, traumähnliche Gefühl verließ sie – sie war wieder sie selbst, jung, kraftvoll, frei von jeder Sentimentalität, dem Leben mit offenen Augen, offenem Herzen entgegensehend und entgegengehend, – eine würdige Gefährtin und Gehilfin des Mannes, an dessen Hand sie dahinwandelte durch den glorreichen Sommermorgen, Pläne für die Zukunft machend, lachend und ernst im schönen und richtigen Wechsel – nicht die »zitternde Liebe« des Gedichtes, sondern wie's Viktor Blüthgen so schön gesagt:


Hand in Hand durch Flur und Hag –
Ach, das gibt ein selig Wallen,
Ob vom Himmel blaut der Tag,
Ob sich Wetterwolken ballen.


Wie eine Walküre, die sich mit einer Sommerbluse und einem ›Jupe trotteur‹ maskiert hat«, dachte der Fürst mit einem an Begeisterung streifenden Wohlgefallen, als er dem von seinem Gange zurückkehrenden Paare unweit des Hauses begegnete. »Nein, ich kann es Hans-Georg nicht verdenken, wenn er sich dieses Mädchen gewählt hat. Das ist keine Puppe, kein Automat, das ist ein Mensch. Sie ist heut viel schöner, viel mehr geistig belebt wie gestern. Freilich, – der fremde Kreis, die neue Umgebung – »Guten Morgen, liebe Kinder! War's ein schöner Spaziergang an diesem schönen Morgen? Wie mich das freut, liebe Schnee, daß Sie zu den Frühaufstehern schwören; die Leute, die so lange in den Betten liegen, versäumen viel.«

»Und werden außerdem noch so schlechtlaunig«, nickte Schnee. »Man kommt auch bloß auf dumme Gedanken, wenn man wach im Bette liegen bleibt, und wie es weibliche Leute und männliche schön finden können, im Bette zu frühstücken, ist mir gar schon unverständlich.«

»Gräßlicher Genuß!« pflichtete Hans-Georg mit Überzeugung bei.

»Haben Sie gut geschlafen und etwas Schönes geträumt?« erkundigte sich der Fürst.

Schnee stutzte und über ihr Gesicht, das so ausdrucksvoll jeden Gedanken verriet, flog es wie der Schatten einer unangenehmen Erinnerung.

»Keins von beiden«, gestand sie offen, und als sie zwei Paar fragende Augen auf sich gerichtet sah, lachte sie ein wenig nervös und erzählte dann offen ihre nächtlichen Erlebnisse, »wenn man es so nennen kann«, schloß sie.

»Natürlich hast du geträumt«, entschied Hans-Georg für sein Teil.

»Haben Sie die Gewohnheit, bei offenen Türen zu schlafen?« fragte der Fürst, und als Schnee die Frage verneinte, soweit sie ihren Aufenthalt in Hotels betraf, fügte er zu Hans-Georgs Verwunderung eindringlich hinzu: »Sie tun wohl auch besser, sich hier einzuschließen. Nicht etwa, daß ich Sie ängstigen möchte, oder mein eigenes Haus nicht für sicher halte, – wir haben ja auch einen Nachtwächter in Amt und Würden, – aber das Haus ist doch sehr groß und es ist ganz unkontrollierbar, ob sich jemand einschleicht, ob von der Dienerschaft alle den Schutz der Nacht für überflüssig halten. Auch die Hunde verlaufen sich manchmal und kratzen dann an den Türen – wenn man aber zugeschlossen hat, hört man solche nächtliche Geräusche mit größerer Ruhe an. Und hört nicht mehr dazu, als wirklich statthaft, denn niemals ist die Phantasie lebhafter und fruchtbarer, als bei Nacht.«

»Ja, vielleicht«, gab Schnee zu. »Darf ich Ihnen nachher meine Papiere bringen, Durchlaucht?« fuhr sie fort. »Ich habe die Blechkapsel heut früh ausgepackt – neben diesem Ringe ist sie mein hauptsächlichstes Erbe. Und ich weiß nicht einmal, was es enthält.«

»Waren Sie, trotz der Warnung Ihres Vaters, niemals neugierig auf den Inhalt?« fragte der Fürst lächelnd. »Aber Sie haben mich schon wieder Durchlaucht genannt. Es war immer mein größerer Ehrgeiz, meinen Kindern der Vater, als der Chef des Hauses zu sein.«

Schnees Herz strömte über von großer, tiefer Dankbarkeit.

Als sie sich dann dem Rokokobau zuwandten, um zum Frühstück zu gehen, kam um das Haus noch ein anderes Paar von einem Morgenspaziergange zurück: die Gräfin Mirow, die Hände voll von Feldblumen, und der Legationsrat von Husum. Letzterer sah um zehn Jahre jünger aus als sonst, trotzdem man ihm infolge seines bartlosen Gesichtes meist schon weniger Jahre gab, als er in der Tat hatte, erstere strahlte im wahren Sinne des Wortes und wurde rot wie ein ertapptes Schulmädchen.

»Ein Idyll – das zweite, das ich an diesem Morgen treffe«, rief der Fürst heiter.

»Aber ein viel malerisches, als wir beiden, Hans- Georg und ich«, lachte Schnee. »Denn wir in unsern Touristenkleidern sehen so ›matter of fact‹ aus, während Marie-Lu und Herr von Husum in fleckenlosem Weiß durch Fluren und Felder wandern.«

»Ja, und wir haben nicht einmal eine Blume im Knopfloch oder Gürtel, während die gnädige Kusine wie Flora selbst mit Blumen beladen kommt«, nickte Hans-Georg.

»Lieben Sie die Blumen nicht?« fragte Herr von Husum, indem er Schnee zögernd ein paar rote Feldmohnblüten reichte.

»Leidenschaftlich;« versicherte sie, die Blumen in den Gürtel steckend. »Aber nur so lange sie frisch sind. Welkende Blumen machen mich geradezu krank – es ist eine Idiosynkrasie, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich rieche in einem großen Strauße die erste welkende Blume heraus, und der Geruch macht mich elend. Darum will ich im Zimmer nur Topfpflanzen, blühende Topfpflanzen, die, wenn sie verwelken, nicht verwesen, wie die abgeschnittenen Blumen. Und darum soll man mir auch keine Kränze und Sträuße auf meinen Sarg und auf mein Grab legen. Nicht wahr, Hans-Georg, du wirst dafür sorgen, daß es nicht geschieht?«

»Schnee!« rief Marie-Luise mit leisem Vorwurf, schmerzlich.

»Mitten im Leben sind wir im Tod«, erwiderte Schnee ruhig. »Man stirbt ja auch nur einmal, um dann ewig zu leben. So wenigstens glaube ich's.«

»Welkende Blumen und welkende Menschen – es ist fast dasselbe«, meinte der Fürst mit einem leisen Seufzer. »Aber das ist eine Dissonanz in dem schönen Akkord dieses Morgens –

»O nein«, unterbrach ihn Schnee warm, »es war nur eine Tonart in Moll, ein Übergang in die enharmonische Tonart. Ich hab' dich nicht betrübt, Hans- Georg, nicht wahr?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich kenn' dich ja«, meinte er schlicht. »So ist sie nämlich«, fügte er zu seinem Vater gewendet hinzu. »Sie sieht allem fest und klar ins Auge –«

»Wie es den Seeburgern gebührt«, fiel Schnee ein, und der Fürst sah sie an und wunderte sich –

»Inzwischen aber verhungert das Idyll«, sagte der Legationsrat mit Gefühl, und die erste, die herzlich lachte, war Schnee.

»Wahrhaftig, Sie haben recht«, gestand sie lebhaft. »Gestern abend habe ich nichts essen können, weil mir das Herz zu voll war, und jetzt merke ich, daß ein sibirischer Wolf eigentlich ein wohlgenährter Prasser gegen mich ist.«

»Gott sei Dank«, seufzte Herr von Husum. »Auch ein Frühstück kann zum Idyll werden.«

»Es ist eben alles enharmonisch im Leben gestimmt, – man muß nur, wie Schnee es kann, den richtigen Übergang treffen«, meinte Gräfin Mirow.

Es wurde ein sehr heiteres und vergnügtes Frühstück, dem der Fürst beiwohnte, trotzdem er das seine längst genommen. Es war diese Mahlzeit eine gänzlich freie auf der Seeburg, die den Bewohnern nach Gefallen in ihren engeren Räumen oder im kleinen Speisesaal des Rokokobaues serviert wurde, und ein jeder war frei, seinen Morgen so anzuwenden, wie er oder sie es für sich am besten fand, wie es den persönlichen Neigungen entsprach.

Nach der Mahlzeit, nach der der Fürst mit seinem Sohne und dessen Braut wieder heraus ins Freie getreten war, ging Schnee, die bewußte Blechkapsel zu holen, und als sie fort war, fragte Hans-Georg etwas unvermittelt auf eine ganz irrelevante Bemerkung seines Vaters:

»Warum hast du Schnee den Rat gegeben, nachts ihre Tür zu verschließen?«

»Das war richtig nach dem, was sie uns erzählt.«

»Aber das hat sie doch nur geträumt.«

»Davon ist sie nur halb überzeugt, ich durchaus nicht.«

»Aber – wer sollte denn ihre Tür von außen zugeschlossen haben?«

»Das bin ich gewesen.«

»Du?« Hans-Georg sah seinen Vater verständnislos an. »Aber – und dann hast du auch ihre Klinke niedergedrückt?«

»Das war ich nicht.«

»Das warst du nicht?« wiederholte Hans-Georg. »Ja, zum Kuckuck, wer ist es denn – ich meine, wer sollte es denn dann gewesen sein?«

Der Fürst antwortete nicht gleich. Er fuhr sich mit einem tiefen Atemzuge, der wie ein leises Stöhnen klang, mit der Hand über die Stirn, und es fiel seinem Sohne wieder auf, daß er alt, grau und verfallen aussah.

»Du hast nicht geschlafen, Vater. Du siehst müde aus.«

»Ich bin's, mein Junge. Sehr müde.«

»Hast du Sorgen? Kann ich dir mit etwas helfen, dir beistehen? Es war wohl nicht recht, daß ich so unbesorgt und leichten Herzens meinen Studien in der Welt nachging, statt dir hier zu helfen, wie es meine Pflicht ist und mein Recht.«

»Ich habe dir dein Studium von Herzen gegönnt, mein Junge, mich darüber gefreut, daß du in deiner Art leichten Herzens tun konntest, wozu deine Neigung dich treibt. Du wirst noch lange genug hier sitzen müssen. Es war unser Wille und Wunsch, dir deine Freiheit so lange zu erhalten, als nur irgend möglich. Und du wirst auch in gewissem Sinne immer frei bleiben durch deine Wissenschaft. Besonders mit einer Lebensgefährtin, wie du sie gewählt hast.«

»Vater!« Hans-Georg wurde rot vor Freude und Stolz. »Ich wußte, wenn du Schnee erst gesehen haben würdest, daß dann die Frage, ob sie reichsunmittelbar ist oder nicht, ob Ur- oder Briefadel, auch für dich keine Rolle mehr spielen würde!«

Der Fürst lächelte leise.

»Versteh mich nicht falsch, mein Junge, – diese Frage ist mir denn doch zu sehr anerzogen und in Fleisch und Blut übergegangen, als daß sie je ganz ins zweite Treffen bei mir rücken könnte. Ich habe auch die Überzeugung, daß man an gewissen Gesetzen zur Aufrechterhaltung der Überlieferungen festhalten muß, wenn der Wind auch zehnmal aus einer anderen Richtung weht. Winde pflegen sich zu drehen. Aber menschlich habe ich die Überzeugung gewonnen durch eigene Erfahrung, daß man als Pfalzgraf von Seeburg – für mich bleibt der alte Titel doch der einzig rechte, – nicht bestehen kann, ohne ein Herzensglück, das alles andere ertragen hilft. Dafür muß man Opfer zu bringen wissen, – Rauchopfer des Stolzes. Die Tochter, die du uns gebracht, ist sehr eigenartig in jeder Beziehung, sie wird den Platz deiner Mutter so ausfüllen, als ob sie auch im Purpur geboren wäre. Darüber bin ich ganz beruhigt. Wir werden ja sehen, wie es weiter wird. Ich hoffe, es wird sich eine – eine morganatische Heirat umgehen lassen –«

»Das wird es bestimmt, Vater, denn wenn unsere Familiengesetze dies von mir verlangen, dann verzichte ich eben, nenne mich, wie ich das Recht dazu habe, als der in die zweite Reihe rückende Sohn, Freiherr von Sonnenberg, und Schnee wird Freifrau von Sonnenberg. Das steht so fest, wie zweimal zwei gleich vier ist, und ich denke, wir sind darüber einig.«

Der Fürst seufzte wieder.

»Einig wohl, aber ich kann nicht sagen, daß ich mich an den Gedanken gewöhnt habe. Doch ich verstehe, daß du eine Persönlichkeit, wie deine Braut, nicht in die immer entsagungsreiche und schiefe Stellung einer morganatischen Gemahlin bringen willst, und darum hoffe ich auch, daß sie neben dir mit deinem vollen Titel stehen wird. – Freilich wohl mit der Klausel, daß – daß Joachims Kinder die Erbfolge erhalten.«

»Ich gönne Joachims Kindern den Thron des Schahs von Persien, und wenn es so bestimmt ist, daß mir selbst ein Erbe fehlt, auch die Erbfolge auf der Seeburg, – aber nur dann«, erwiderte Hans- Georg sehr ruhig und sehr fest. »Alles oder nichts, Vater, das wirst auch du wohl verstehen. Du würdest es geradeso machen. Stell dir doch vor, die Mater wäre nur so eine durch allerhöchste Gnade mit dem Titel auf Lebzeiten bekleidete Fürstin und ich müßte abschrammen mit meinem Koffer, sobald du die Augen geschlossen! Das müßte doch ein verdammt ekliges und hundsföttisches Gefühl sein – für Mutter und Kinder. Und das sollt ich meiner königlichen Schnee zumuten? Tu ich nicht.«

»Ich tät's auch nicht«, gestand der Fürst ehrlich.

»Nun also, – da wären wir ja Gott sei Dank wieder einmal einig«, meinte Hans-Georg mit der gleichen Ruhe, mit der er seinen Protest vorgetragen hatte. »Wir sind aber damit von dem abgekommen, was wir anfingen zu besprechen. Erstens – um nach der Reihe zu gehen, – wolltest du mir sagen, warum du heut nacht Schnees Tür von außen abgeschlossen hast, und dann, was für Sorgen du hast und wie ich dir helfen kann.«

»Auf alles das will ich dir Antwort geben, – aber nicht hier und nicht heut«, erwiderte der Fürst. »Ich glaube wenigstens nicht, daß ich heut schon in der Lage sein werde, dich über Dinge aufzuklären, die – die uns sehr nahe berühren. Doch da kommt deine Braut zurück – wer weiß, ob die lange, zylindrische Zinnkapsel, die sie wie ein Wickelkind im Arme trägt, nicht ein großes Wort mitzureden hat in euren Zukunftsplänen – – wie schön und elastisch sie geht, deine Schnee! Ich liebe diesen zielbewußten Gang, diese aufrechte, natürliche Haltung. Woher mag es kommen, daß so viele Damen einen so häßlichen Gang haben? Schiebend, watschelnd, stoßend – Gott weiß, wie.«

»Schnee meint, das liegt an der Kleidung«, sagte Hans-Georg, mit leuchtendem Blicke seiner Braut entgegensehend, die in ihrem einfachen Anzuge so siegend und vornehm aussehend daherkam, daß selbst das Auge der Fürstin, die oben auf den Balkon herausgetreten war, keinen Makel an ihrer Erscheinung entdecken konnte. Und ihr Auge sah doch noch weit schärfer, als das ihres Gatten, denn wenn sie ja auch aus Liebe für ihren Sohn sich und ihren Stolz so weit überwunden hatte, um dem Mädchen seiner Wahl beide Arme zu öffnen und die Pforte ihres Herzens um ein Kleines dazu, so war ihr Auge doch ungetrübt und bei aller Güte nicht eben abgeneigt, die künftige Schwiegertochter kritisch zu betrachten. Das Lebensglück ihres Sohnes kam für die Fürstin in erster Reihe, das muß zu ihrer Ehre betont werden, aber es war auch rein menschlich, wenn sie den in Scherben zu ihren Füßen liegenden andern Plänen für den Erben von Seeburg bedauernd nachsah und mit einem Seufzer daran dachte, wie und was man in ihren Kreisen über diese doch mindestens mit »dumm« bezeichnete Partie reden würde, und die maliziösen Gesichter sich vorstellte, mit denen man sie fragen würde, wer eigentlich die Erbprinzessin sei, woher »diese« Seeburgs kämen, ob sie nicht doch ein ganz klein wenig obskur wäre, »diese Partie« und was so dergleichen angenehme Fragen und Bemerkungen unter Freunden sind.

Die Fürstin hatte gestern abend, als sie die Gräfin Mirow in deren Zimmer führte, eine Unterredung mit ihrem Gaste gehabt. Marie-Luise hatte dabei wiederholt, was sie Hans-Georg in Territet gesagt, als ihr seine Absichten klar wurden, weil sie starke Zweifel an der Ebenbürtigkeit ihrer Freundin hegte und ihr gern die Demütigungen erspart hätte, die eine solche Ehe immer mit sich bringen. Aber sie hatte tauben Ohren gepredigt. Wie immer in solchen Fällen. Das Zeugnis, das sie aber dem Charakter und dem Herzen ihrer Freundin ausstellte, entsprach ganz der enthusiastischen Zuneigung, die sie für Schnee hegte, und beruhigte die Fürstin nach dieser Richtung sehr, denn der Gedanke, daß ihr Sohn den Fallstricken einer ehrgeizigen, pläneschmiedenden Intrigantin zum Opfer gefallen sein könnte, hatte sie doch am allermeisten beunruhigt.

»Sie sieht vornehmer aus wie meine Tochter«, dachte die Fürstin, als sie Schnees Kommen vom Balkon aus beobachtete. »Darüber brauche ich mir keine Illusionen zu machen, – das fällt in die Augen. Wenn sie erst eine anständige Garderobe hat, wird sie tadellos aussehen. Selbst die billigen Fähnchen sehen auf ihr ganz distinguiert aus. Sie ist sehr schön, sehr. Und sicherlich eine ›Dame‹, was man so darunter versteht. Man muß Gott für alles danken – wie, wenn sie nun eine Ballettratte gewesen wäre oder eine Chansonette eines Überbrettels! Ein Glück, daß Hans-Georgs Neigungen diese Richtung nie eingeschlagen haben.«

Herabgrüßend lud sie Schnee ein, sie zu besuchen, und das junge Mädchen flog, nachdem sie dem Fürsten die Blechkapsel übergeben, froh und vergnügt die Treppe des Rokokobaus hinauf, denn die Fürstin hatte sie ganz erobert, und wenn je ein gelinder Schrecken vor der »Schwiegermutter« in ihrer Seele geschlummert hatte, so war er im ersten Begegnen verflogen wie Spreu im Winde. Schnee war auf Eroberungen nie ausgegangen, das lag nicht in ihrer Natur, sich irgendwo und bei irgendwem einschmeicheln zu wollen, aber sie wußte instinktiv, wenn und wo ihr guter Wille auf fruchtbaren Boden fiel, und wer ihre Sympathie erweckte, der konnte immer auf die offene Tür ihres Herzens zählen.

Der Fürst war mit der Blechkapsel in sein Arbeitszimmer gegangen und Hans-Georg begab sich nach dem seinen, um Briefe zu schreiben. Kaum aber saß er vor seinem Schreibtisch, als sein Bruder Joachim bei ihm eintrat, und er ging ihm mit ausgestreckter Hand entgegen, ganz froh, daß er nun eine Entschuldigung hatte, nicht schreiben zu brauchen, weil er eigentlich gar nicht die Gedanken dazu hatte.

»Morgen, Joachim!« rief er herzlich. »Nett, daß du mal kommst, mich in meiner Bude aufzusuchen. Alles wohl bei euch drüben? Sag mal, du kommst wohl, um mir zu meiner Verlobung zu gratulieren, was? Denn eigentlich hast du das gestern abend nicht getan.«

»Überraschungen machen mich immer kratzbürstig und wortarm«, versicherte Graf Seeburg, sich setzend und unter den hingeschobenen Zigarren wählend. »Natürlich wünsche ich dir alles Glück und so weiter. Du bist alt genug, um zu wissen, was du tust, und in solche Dinge soll man nicht hineinreden. Aber wozu, in aller Welt, ist denn so geheimnisvoll damit getan worden? Wozu diese blitzähnlich einschlagende Überraschung? Konnte einem vorher nicht wenigstens ein leiser Wink gegeben werden? Besonders, da es weder die Erzherzogin war, wegen der Vater ja diplomatische Verhandlungen geführt hat – ach Gott, Kinder, macht einem nichts vor, ich weiß ja doch, wie Hase läuft oder gelaufen ist, – noch auch die Gräfin Mirow, die Kollege Husum, der Duckmäuser, so sachtchen für sich gekapert hat. Warum denn die ganze Familie sozusagen auf den Pfropfen setzen mit dieser Ankündigung, die etwas stark Sensationelles hatte?«

»Na, nun sei mal gerecht, Joachim«, erwiderte Hans-Georg gutmütig lachend. »Wenn man eine beabsichtigte Verlobung in einer Familie vorher breittritt, dabei kommt nie etwas Heiles heraus. Das hat doch schon gar keinen Zweck. Ihr kanntet alle meine Braut nicht –«

»Nee – sie ist ja wie das reine Mädchen aus der Fremde in der Familie erschienen: man wußte nicht, woher sie kam«, fiel Joachim trocken ein. Man weiß es auch heute noch nicht.«

»Wie lange dauert es, bis du dich von deiner Kratzbürstigkeit infolge einer Überraschung zu erholen pflegst?« fragte Hans-Georg, immer noch lachend. »Joachim, mein Bruder, du bist heut mit dem linken Beine zuerst aufgestanden. Aber, wenn es dich beruhigt, so will ich es dir schriftlich geben, daß meine Braut die Tochter des verstorbenen Generals von Seeburg und seiner gleichfalls verstorbenen Frau, geborenen von Sternberg, ist, daß sie bei ihrer Tante, Fräulein von Sternberg, in Hannover lebte, und ich ihre Bekanntschaft bei ihrer Freundin, unserer Kusine Marie-Luise von Mirow, gemacht habe, mit der sie sich auf Reisen befand. Genügt das als Steckbrief für das ›Mädchen aus der Fremde‹?«

Graf Seeburg streifte die Asche von seiner Zigarre. »Mein lieber Hans-Georg, ich habe figürlich gesprochen«, sagte er mit der Überlegenheit, mit welcher er seinen Bruder allemal reizte. »Ich meinte, Fräulein von Seeburg dürfte in unsern Kreisen die Rolle des Mädchens aus der Fremde spielen. Es ist so schwer, dir etwas durch die Blume zu versetzen, du nimmst alles immer gleich wörtlich. Ich mache dir gern mein Kompliment über deine Wahl, ›Who ever she may be, –she is a Lady‹, hat Lilian von ihr gesagt. Meine Frau hat in so etwas einen sehr sichern Blick –«

»Es war auch nicht anzunehmen, daß meine Braut etwas anderes, als eine ›Dame‹ sein konnte – dem Begriffe nach«, murmelte Hans-Georg.

»Natürlich nicht«, gab Joachim gnädig zu. »Es liegt weder in dir noch in mir, weibliche Wesen zu uns ›heraufziehen‹ zu wollen, wenn auch deine Ansichten in sozialer Beziehung wesentlich freier sind, als sich mit den meinigen verträgt. Daran ist deine Karriere schuld, die dich mit Kreisen in Berührung bringt, denen wir fernstehen. Der Beweis dafür ist deine Verlobung. Fräulein von Seeburg ist sicherlich eine Dame, hochachtbar und was weiß ich noch, aber – nimm mir's nicht übel, – wenn der Erbprinz von Seeburg sie heiratet, dann macht er eben eine Mesalliance.«

»Meinst du?« fragte Hans-Georg ruhig. »Mein lieber Joachim, ich weiß, es ist sehr schwer, dich von etwas zu überzeugen, wenn dein überlegener Verstand sich für eine Meinung entschieden hat. Es muß eben ein jeder nach seiner Fasson selig werden. Betrachte also meine Verlobung ruhig in deinem Lichte, nur möchte ich dir raten, meine Braut so zu behandeln, als ob sie die bewußte Erzherzogin, von der ich heut zum erstenmal höre, wäre. Wir verstehen uns, nicht wahr?«

»Vollkommen – ich bin sogar bereit, Fräulein von Seeburg so zu behandeln, als ob sie eine regierende Königin wäre«, beeilte sich Joachim zu versichern. »Aber du hast mich natürlich wieder nicht verstanden. Wenn ich die Ansicht ausspreche, daß deine Verbindung eine Mesalliance ist im Sinne unserer Familien- und Hausgesetze, so berühre ich damit einen Punkt, über den zu reden für mich sehr peinlich ist. Da du mir jedoch nicht entgegenkommen willst, oder mich absolut nicht verstehst, so muß ich schon den ersten Schritt tun, denn ich will mit offenem Visier kämpfen. Schließlich ist ja auch seit Bismarcks Beispiel die Offenheit die beste Diplomatie.«

Hans-Georgs Verstimmung wich mit einem Schlage, – er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und lachte. Er mußte immer lachen, wenn sein Bruder Worte drechselte, und das reizte Joachim seinerseits allemal zu seiner Sorte von Zorn, die sich in beißenden Wendungen Luft machte. Die Brüder waren eben zu verschieden geartet.

»Es ist zum Schießen, wenn du so wie die Katze um den heißen Brei herumgehst«, lachte Hans-Georg mit tränenden Augen. »Warum sagst du denn nicht gleich, was du willst? Die Sache liegt doch so klar, wie nur etwas! Die Frage, ob meine Braut uns nach den Hausgesetzen ebenbürtig ist, steht noch offen; ist sie es nicht, na, dann tauschen wir eben die Plätze und ich verlange nicht einmal ein Linsengericht dafür.«

»Das Linsengericht wäre ja wohl durch die Herrschaft Sonnenberg da«, sagte Joachim schneidend. »Es ist so übel nicht. Wieso ist aber die Frage der Ebenbürtigkeit deiner Braut noch offen? Für mich ist sie durchaus klar und gelöst.«

»Dann bist du halt eben klüger wie wir«, meinte Hans-Georg ruhig und gemütlich. Und dann erklärte er, um was es sich handelte. Doch Joachim ließ sich nicht belehren.

»Das sind Spitzfindigkeiten, mit denen ich mir keinen Sand in die Augen streuen lassen werde«, versicherte er scharf. »Ich persönlich würde mich begeben, selbst wenn ich mit sichtigen Augen zusehen muß, wie mir mein Platz durch Verdrehungen des Gesetzes weggenommen wird. Aber ich habe Kinder, Söhne, für die ich die Verpflichtung habe, zu kämpfen, und das wird mir niemand verdenken können. Du siehst also, daß ich mit offenem Visier vorgehe, und vorgehen werde ich, so wahr ich hier sitze.«

»Tu, was du nicht lassen kannst«, erwiderte Hans- Georg. »Du wirst besser tun, das unserm Vater selbst zu sagen, denn er ist es, der die Angelegenheit in den Händen hat.«

»Und der zu deinen Gunsten entscheiden will. Will, sage ich«, rief Joachim aufstehend und blaß vor Aufregung. »Ich weiß schon, woran ich mich zu halten habe, seitdem dir als Erbe eine Karriere gestattet worden ist, die sonst einem zweiten und dritten Sohne nicht erlaubt worden wäre. Aber du warst immer der Liebling, und die Mutter ist zu schwach, um durchzudrücken.«

»Schäm' dich was, Joachim«, warf Hans-Georg ein.

Nun aber hatte sich Joachim in dem Moment schon geschämt, als er die Anschuldigung, die jeder Grundlage entbehrte, aussprach, und da man nicht gern hat, wenn andere es bemerken oder dazu auffordern, was man selbst gern sozusagen überhupft hätte, so tat er genau das, was die meisten in diesem Falle tun: er setzte sich aufs hohe Pferd.

»Überlasse mir gefälligst, was ich für richtig halte«, schnob er den Bruder an. »Schäm du dich lieber, wenn es von dir ausgeht, unschuldige und unmündige Kinder um ihr gutes Recht bringen zu wollen –«

»Quatsch!« unterbrach ihn Hans-Georg laut, aber ganz ruhig. »Jawohl, Quatsch«, wiederholte er, als Joachim den Kopf zurückwarf und, einen Schritt vortretend, reden wollte. »Und du weißt ganz genau, daß es Kohl ist, den du da schwatzt. Tu mir den einzigen Gefallen und halte, was du sonst noch an Weisheit in petto hast, zurück, denn es passiert mir auch manchmal, daß ich heftig werde, was mir dir gegenüber leid tun sollte. Vielleicht besprichst du dich mit dem Vater, – das wäre das Vernünftigste.«

»Mit meinem Rechtsanwalt werde ich es besprechen«, entschied Joachim.

Und damit ging er, und Hans-Georg sah ihm kopfschüttelnd nach und eigentlich auch ein bißchen perplex, denn das war doch zum erstenmal in seiner Praxis, daß ihn einer, und noch dazu der eigene Bruder, im Verdacht hatte, jemand, der wiederum noch dazu der eigene Bruder war, um irgend etwas betrügen zu wollen.

Joachim rannte wie ein Berserker die Treppe herab; in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigt sah er sich nach einer teilnehmenden und sympathisierenden Seele um, mit der er die Sache gründlich durchsprechen konnte. Selbst Tante Murr wäre ihm dazu recht gewesen – nun, wer weiß, ob Tante Murr nicht auf seiner Seite stand. Seine Frau begriff ihn und den Fall gar nicht, weil sie ihn nach ihren englischen Anschauungen beurteilte. Für sie war diese wie ein Meteor vom Himmel gefallene Braut des Erbprinzen zwar der »Nobody«, der sie ja für alle auf der Seeburg war, aber daneben doch eine »Lady«. Wenn ein englischer Aristokrat einen »Nobody« heiratete, der keine »Lady« ist, so wird sie von der Gesellschaft geschnitten; ist sie eine »Lady«, dann tritt sie eben in die Gesellschaft ein, der sie bisher ferngestanden, und die Sache ist in Ordnung. Ebenbürtig – »equal« – ist dort, wer gebildet ist und gute Manieren hat; außerdem wird die Frage der Ebenbürtigkeit in jedem Falle besonders geregelt und Gesetze gibt es dafür nicht wie im hohen Adel Deutschlands und Österreichs. Hatte doch Lady Lilians eigener Bruder eine Amerikanerin von sehr bescheidener Herkunft geheiratet, aber sie war wohlerzogen und feingebildet, und keiner Seele fiel es ein, sie nicht für ebenbürtig zu halten. Vielleicht redeten ihre Millionen dabei auch ein Wort mit, und es war sicherlich sehr leichtsinnig und unweise von Schnee, ohne diesen Goldgrund auf der Bildfläche zu erscheinen, trotzdem er hier durchaus überflüssig war. Aber er wäre doch eine Entschuldigung gewesen.

Es war der unglückliche Fürst Franzl, der dem enragierten Joachim zuerst in die Wege lief.

»Du mußt in dieser Sache einen Standpunkt einnehmen, und zwar nicht morgen oder übermorgen, sondern heute und gleich«, redete er auf seinen Schwager ein. »Dein Bube ist so gut Agnat auf Seeburg, wie ich und meine Jungens es sind, denn wir sind alle sterblich, und in Ermangelung männlicher Erben tritt weibliche Linie in die Sukzession ein.«

»Jesses, is das a Hetz«, wischte der Fürst Franzl sich den Schweiß von der Stirn.

»Na, dann hetz dich mal, – ist dir ganz gesund«, behauptete Joachim. »Wir dürfen die Sache nicht auf die lange Bank schieben. Gertrud hat doch sicher schon mit dir darüber gesprochen.«

»Beileib net«, versicherte Franzl. »Heißt das, geweckt hat's mich, wie ich schon g'schlafen hab' heut nacht und mich g'fragt, ob der Hans-Georg denn nun eigentlich resignieren müßt', aber i hab's net g'wußt und i bin auch zu verschlafen g'wesen, um womöglich noch an Diskurs darüber zu eröffnen. Wenn wir's erleben, werden wir schon schauen, wie's kommt.«

»Du gehst gleich mit mir zu Gertrud, die Sache zu besprechen, damit ihr unverzüglich dazu Stellung nehmen könnt«, kommandierte Joachim; erstens, weil das seine Natur war, und dann, weil er wußte, daß man nur auf diese Art etwas mit dem Franzl ausrichten konnte.

»Na, dann geh du allein und besprich's mit ihr; es fallt mir gar net im Traume ein, jetzt so was Ung'mütliches anzufangen«, erklärte Franzl aber mit großer Entschiedenheit. »Wart's ab, bis wir was drüber hören reden, so pressieren tut's doch a net! I hab' a Roß, das macht's grad' so: erst nimmt's das Hindernis und dann schaut sich's an. Laßt's mich aus. Ich will Frieden haben und 's liegt mir gar nix dran, mich mit deinem Vater und deinem Bruder zu brouillieren. Und mit der Frau Mutter erst recht nicht. Wegen meiner kann der Hans-Georg dem Teifel seine Großmutter heiraten. I geb auch zu, daß i a Schwächen für die künftige Frau Schwägerin g'faßt hab', weil's doch meinem Goldfüchserl gar so ähnlich sieht.«

Joachim ließ seinen Schwager wutentbrannt stehen und rannte davon, um seine Schwester zu bearbeiten; und weiter wollte der Franzl ja auch nichts.

»A reiner Trottel müßt' i sein, wenn i so blindlings wie a wild gemachter Stier vorm roten Tuch losgehen wollte«, räsonnierte er vor sich hin. »Abwarten, und dann Tee kochen; so woll'n mer's machen. Dem Achimerl freilich ist die Haut näher als sein Hemdchemiserl; aber bei mir kommt die Seeburg erst als Gilet in Betracht. Hoffentlich is die Truderl net so dumm, sich von dem Achimerl breittreten z'lassen.«

Das aber war's gerade, was Gertrud ohne große Mühe tat, – sie ging sozusagen mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel ins feindliche Lager über, wenn sie auch immerhin noch so viel Überlegung behielt, um für eine gütliche und freundschaftliche Regelung der Angelegenheit einzutreten, ehe man an schärfere Maßregeln dachte. Hingegen hatte Joachim bei der Tante Murr, die sehr unbefriedigt von ihrer Pirschfahrt zurückgekehrt und darum mordsschlechter Laune war, gar kein Glück.

»Scher dich zum Kuckuck«, schrie sie ihn an. »Bin ich ein Verschwörer? Seh ich so aus, als ob ich einen Linksanwalt auf meinen Bruder loslassen würde, unter dessen Dach ich lebe? Und wenn der Hans-Georg den Trampel, mein Stubenmädel, heiraten wollte, und mein Bruder, dein Vater, gibt seinen Segen dazu und hält die Partie für standesgemäß, dann tanz' ich einen Fandango auf seiner Hochzeit und bringe einen Toast in Versen aus. Haste mich verstanden? Sieht dein Vater und deine Mutter so aus, als ob sie ihrem Fleisch und Blut das seinige wegstehlen würden? Na, und wenn du schon einmal diese gute Meinung von ihnen hast, dann warte doch wenigstens ab, ob du recht hast oder nicht. Ich wette meine Nase, daß es so richtig sein wird, wie mein Bruder entscheidet. Und warum gehst du denn nicht, dich bei ihm selbst zu erkundigen?«

»Weil ich der Unterstützung der Meinigen sicher sein will für den Fall, daß man dieses Fräulein von Habenichts und Binnichts als ebenbürtig einschmuggeln will.«

»Du, mach mal meine Tür zu, bitte, aber von außen«, polterte Tante Murr mit einer verständlichen Handbewegung, und sehr beleidigt, mit zurückgeworfenem Kopfe und unausgesprochenen und vernichtenden Worten auf den Lippen ging Joachim – zwar in keiner Weise geschlagen, aber doch entschieden abgeblitzt.

Und so ward denn der Sturm, den Marie-Luise Mirow geahnt, ausgesäet auf fruchtbaren und dankbaren Boden. Nur zwischen Saat und Ernte liegt die Epoche des Keimens, des Wachsens und Reifens, und manch eine Ernte hat der Hagelschlag, der Sturmwind und andere Naturgewalten vernichtet, ehe die Erntewagen angespannt waren.

Der gute Schloßpfarrer, der heut mit merkwürdig übernächtigem Gesichte zum Lunch kam, fand, daß über dem Familienkreise der Seeburg eine eigentümliche Stimmung lag, die er sich nicht recht erklären konnte. Der Fürst war sehr ernst, aber nicht verstimmt, und er zeichnete seine künftige Schwiegertochter auffallend aus. Die Fürstin suchte den Grund des Ernstes in den Zügen ihres Gatten zu lesen und war darum etwas nervös mit einem Schatten von Unruhe, der Erbprinz sah finster aus, Tante Murr hatte einen roten Kopf und fuhr ihrem Neffen Joachim so oft über den Mund, als sich nur eine Gelegenheit dazu bot, und dieser sowohl wie Gertrud und der Fürst Franzl waren gemessen kühl und wortkarg, ein Zustand, der namentlich bei Franzl auffiel. Gräfin Lilian war immer schweigsam, es fiel also heut nicht besonders bei ihr auf, und Marie-Luise wie Herr von Husum bemühten sich, nach und nach immer krampfhafter, eine allgemeine, harmlose Unterhaltung in Fluß zu bringen. Schnee fühlte wohl, daß etwas in der Luft lag, und es tat ihr leid, daß Hans-Georg darunter zu leiden schien, aber es kam ihr nicht in den Sinn, daß sie die unmittelbare Ursache war, um so mehr, als Graf Joachim, seinem Vorsatze getreu, sie wirklich wie eine Königin behandelte. Sie hatte dabei eher das unangenehme Gefühl, daß er darin etwas zu viel des Guten tat, und zwar nicht, als ob er sich über sie mokieren wollte, sondern, als ob er ostentativ etwas zu betonen wünschte, was ihr ganz unverständlich war. Aber im ganzen wurde ihr die Harmlosigkeit doch nicht genommen, denn die Stunde, die sie bei der Fürstin heut morgen zugebracht, hatte ihre Stellung so merklich gefestigt, daß sie sich ganz sicher und auf vertrautem Boden fühlte. Sie kam daher gar nicht auf den Verdacht, daß die Stimmung, die über dem Familienkreise lag, durch ihre Gegenwart verursacht sein könnte.

»Was fangen wir am Nachmittag an? Machen wir einen Ausflug zu Wasser oder zu Land?« fragte die Fürstin, indem sie die Tafel aufhob.

»Es kommt heut sicher ein Gewitter«, gab der Pfarrer, der die meteorologische Station auf der Seeburg verwaltete, zu bedenken. »Sehr starkes Morgenrot, Kumulus- und Zirruswolken, Barometer fällt –«

»Und früh war kein Tau auf dem Grase«, bemerkte Schnee.

»Das ist schon das sicherste Zeichen«, sagte Tante Murr energisch. »Ich hätte heut früh in Papierschuhen durchs Gras laufen können. Die Schmierstiefeln haben mich dazu gedrückt, – was immer ein Zeichen ist, daß es gewittern will, oder daß irgendein dummer Junge kommen wird, mir die Galle aufzurühren.« Dies mit einem unbeschreiblichen Seitenblick auf Graf Joachim.

»Ich wollte, ich hätte auch solche Schmierstiefeln«. lachte Schnee amüsiert.

»Warten wir doch noch ab – vielleicht verzieht sich das Wetter«, schlug Hans-Georg vor und in Ermangelung eines besseren Vorschlages wurde dieser stillschweigend angenommen.

Tante Murr entführte nun Schnee, um ihr ihre »Bude« zu zeigen und Hans-Georg wollte sich der Expedition eben anschließen, als sein Vater ihn aufforderte, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen.

Dort angekommen, entnahm er dem eisernen Wandschrank, in dem er die wertvollsten Urkunden aufzubewahren pflegte, die Blechkapsel, die Schnee ihm heut morgen übergeben und daraus eine Rolle vergilbter, durch das Alter fast braun gewordener Pergamentblätter und breitete diese eben vor sich auf dem Schreibtische aus, als es klopfte und Joachim hereintrat.

»Verzeih, Vater, wenn ich dich störe«, sagte er geschäftsmäßig, »aber da ich wußte, daß Hans-Georg gerade bei dir ist und mir daran liegt, das, was ich dir sagen möchte, in seiner Gegenwart auszusprechen, um damit von vornherein jeden Anschein zu nehmen, als ob ich hinter seinem Rücken intrigierte –«

»Ah!« unterbrach der Fürst seinen jüngeren Sohn mit einem fragenden Blick auf den älteren, der ruhig dastand und seinen Bruder mit einem gutmütigen Lächeln betrachtete. »Ich dachte mir schon, daß es zwischen euch etwas gegeben haben mußte. Joachim sah bei Tisch entschieden beleidigt aus – wie immer, wenn er sich in seinen Rechten irgendwie gekränkt oder zurückgesetzt fühlte. Nun also, was gibt's?«

»Nichts, als eine Frage, Vater«, erwiderte Joachim kurz. »Die Ursache dieser Frage ist die Verlobung des Erbprinzen –«

»Deines Bruders«, sagte der Fürst betont.

»Pardon – meinen Bruder möchte ich dabei ganz und gar aus dem Spiele lassen; es handelt sich für mich nur um den Erbprinzen«, berichtigte Joachim scharf. »Nun also, daß die Verlobung des künftigen Pfalzgrafen – oder Fürsten von Seeburg sich der Zustimmung des Chefs des Hauses wie des Vaters erfreut, das unterliegt wohl keinem Zweifel mehr nach der gestrigen Demonstration, die eigentlich einer Überrumpelung ähnlich sah. Doch das nur in Parenthese, denn es steht auf einem andern Blatt. Ich will auch noch ausdrücklich bemerken, daß ich diese väterliche und chefliche Zustimmung vollständig gerechtfertigt finde, denn Fräulein von Seeburg ist sicher eine ebenso würdige junge Dame, wie sie eine ganz hervorragende Schönheit ist. Meine Frage in meiner Eigenschaft als nächster Agnat auf Titel und Herrschaft geht nur dahin, ob diese beabsichtigte Verbindung als eine morganatische geschlossen werden soll, was ich mit Bestimmtheit annehme.«

Der Fürst fuhr glättend mit den Händen über die vergilbten Blätter auf seinem Schreibtische.

»Was berechtigt dich zu dieser Annahme?« fragte er dabei. »Die Gesetze unseres Hauses erklären die Ehen mit Damen aus uradligem, turnierfähigem Geschlecht für ebenbürtig. Als nicht ebenbürtig hingegen gilt der Briefadel und die Geschlechter, die nachweislich Ministerialien waren.«

»Verzeih, Vater, aber das sind künstlich herausgesuchte, an den Haaren herbeigezogene Paragraphen. Soweit wir zurückblicken können, hat ein Pfalzgraf von Seeburg nie eine Ehe außerhalb der reichsunmittelbaren Familien geschlossen.«

»Das ist wahr, Joachim, aber jeder Pfalzgraf von Seeburg hätte das gute Recht gehabt, sich eine Frau aus dem turnierfähigen Adel zu holen. Ich glaube nicht, daß diese meine Ansicht nach dem Paragraphen, der ganz klar und deutlich ist, und den niemand an den Haaren herbeigezogen hat, irgendwie angreifen kann.«

»Das wäre noch zu entscheiden. Ich muß jedenfalls auf eine genaue Prüfung dieses Paragraphen dringen –«

»Das ist dein gutes Recht als Agnat, wenn ich auch nicht gerade finden kann, daß du mir damit ein Vertrauensvotum erteilst«, fiel der Fürst mit unbewegter Ruhe ein. »Aber in Geschäftssachen ist eine überflüssige Sentimentalität nicht angebracht. Der Paragraph soll also von einem von dir gewählten Sachverständigen geprüft werden.«

»Ich danke dir. Damit wird ja auch die Entscheidung meiner Frage, ob die Ehe ebenbürtig ist oder nicht, fallen. Ich bitte dich daher, es auch nur als eine reine Neugierde aufzufassen, wenn ich noch frage, ob du die Familie des Fräulein von Seeburg in diesem Sinne für ebenbürtig hältst. Hans-Georg sagte mir vor wenig Stunden erst, daß diese Frage noch schwebt.«

»Nicht mehr, – sie ist entschieden«, war die den Erbprinzen selbst so überraschende Antwort, daß er einen Schritt näher trat. »Fräulein von Seeburg«. fuhr der Fürst fort, die Hand auf den vergilbten Blättern, »ist nicht nur unserm Hause vollkommen ebenbürtig, sie würde es auch jeder regierenden Dynastie sein.«

»Als Enkelin des Universitätsprofessors von Sternberg, dessen Adel preußischer Krönungsadel ist?« fragte Joachim, der plötzlich merkwürdig genau unterrichtet war. »Als Nichte der Institutsvorsteherin, in deren Schule sie Stunden gegeben.«

»Lieber Joachim, der Sternbergsche Adel reicht zu einer Ahnenprobe von sechzehn Quartieren hin«, erwiderte der Fürst. »Und Louis Philipp von Orleans verdiente sich sein Brot sehr kärglich als französischer Sprachlehrer, ehe er König von Frankreich wurde. Diese Einwände sind also hinfällig. Hier in diesen Papieren ruht der mich sehr ernst gestimmt habende Nachweis, der ja wohl in der Praxis verjährt ist, ideal darum aber doch nicht minder zu Recht besteht, daß Schnee von Seeburg, deine Braut, Hans-Georg, das ist, was deine Tante sie gestern abend scherzend aber ahnungsvoll nannte: die Herzogstochter von Lützelburg, – mit anderen Worten: die rechtmäßige Erbin von Seeburg, und wir drei hier, einer wie der andere, sind Usurpatoren!«

»Vater!« kam es wie aus einem Munde über die Lippen der Brüder.

»Ah, – ihr seid erstaunt, überrascht – ich war es auch«, erwiderte der Fürst mit einem halben Lächeln. »Nun, legal, wie gesagt, dürfte dieses Recht verjährt und hinfällig geworden sein, trotzdem sich mit den nötigen Mitteln, einem scharfen, sehr gewandten Rechtsanwalt, viel aufzuwirbelndem Staub und einem großen Apparat vielleicht auch hier wenigstens ein Vergleich herausschlagen ließe. Das hat der General von Seeburg wahrscheinlich sehr genau beurteilt und seine Tochter davor gewarnt, falsche Hoffnungen zu nähren oder in jugendlichem Ungestüm Schritte zu tun, zu denen ihr alle die Voraussetzungen fehlen, wie sie ihm gefehlt haben. Aber eins ist dabei doch klar geworden: die zweifellose Ebenbürtigkeit des Fräuleins von Seeburg. Von einer morganatischen Verbindung mit ihr kann demnach keine Rede mehr sein, ebensowenig von einem Verzichte auf die Erbfolge infolge dieser Verbindung.«

Hans-Georg streckte beide Arme aus wie einer, der sich strecken muß.

»Das freut mich für Schnee, denn es wird die Last von ihr nehmen, daß ich durch sie auf etwas verzichten müßte, was einem durch die Macht der Gewohnheit und der Erziehung, wenn auch keinen Schmerz, doch ein Bedauern gekostet hätte. Ein Losreißen von der Scholle. Für sie hätt' ich's gern getan, aber lieber führ ich sie doch noch als meine Frau auf die Seeburg, als auf den Sonnenberg«, sagte er mit einem frohen Lachen.

»Noch sind wir nicht so weit«, fiel Joachim ein. »Vater hat sehr richtig vorhin bemerkt, daß eine überflüssige Sentimentalität in Geschäftssachen nicht angebracht ist. Mir scheint aber, daß wir es hier nur mit Sentimentalität zu tun haben, da du, lieber Vater, selbst gesagt hast, daß unser Standpunkt als Usurpatoren, wie du es zu nennen beliebtest, rechtlich nicht nachzuweisen ist. Mit idealen Forderungen lockt man ja gottlob aber keinen Hund vom Ofenloche fort.« –

»Die ideale Forderung dürfte überhaupt kaum mehr gestellt werden, besonders in diesem Falle«, sagte der Fürst mit Betonung. »Dies Dokument hat im rechtlichen Sinne nur den Wert eines Kuriosums. Ich will euch den Inhalt mit kurzen Worten skizzieren. Diese Blätter, mit eigener Hand geschrieben von der ›Aya‹ der Erbgräfin von Seeburg, die wir unter dem Namen ›die Hexe‹ kennen, beschreiben nach einem Überblick über den Charakter und die Taten der Pfalzgräfin Schnee, Erbin von Sonnenberg, deren Wiederholung ich mir wohl ersparen kann, da die Erzählung sich im ganzen mit den Überlieferungen deckt, die Flucht dieser Aya mit dem kleinen Pfalzgrafen, den wir in unserer Familiengeschichte ›den Verschwundenen‹ nennen. Die Aya beschreibt, wie und durch wen sie freundschaftlich davon unterrichtet worden ist, daß die Pfalzgräfin-Regentin den gleichen Anschlag auf sie im Sinne hatte, wie der, mit dem sie sich ihrer Schwiegertochter entledigt: sie wollte sie der Mitschuld an den Zauberkünsten der Hexe anklagen. Mehr noch, sie kam dahinter, daß die Regentin Pläne hatte, sich ihres Stiefsohnes zu entledigen. Mit der Hilfe eines Schloßbeamten gelang es ihr, mit dem Knaben die Seeburg zu verlassen – zu entfliehen, und nach Lüneburg zu entkommen, wo sie sich so lange verbergen wollte, bis die Pfalzgräfin Schnee ›dem Kinde nichts mehr schaden konnte‹.

»Es gelang ihr in Lüneburg, den Herzog Ernst für ihren Schützling zu interessieren und seine Hilfe für die Erziehung des Kindes zu gewinnen. Tatsache ist, daß der junge Johannes von Seeburg als Rat des Herzogs Heinrich, Ernst I. Sohn, zu Dannenberg laut Kirchenbuch im Jahre 1590 gestorben ist. Von diesem selben Johannes, nach der schriftlichen Versicherung der Frau Katharina Schwarzin, Aya der als Hexe verbrannten Erbgräfin von Seeburg, deren Sohn und ihres im Vorjahre verstorbenen Gemahls, des Erbgrafen, stammen in gerader Linie alle die Herren von Seeburg ab, deren letzter Sprosse Schnee von Seeburg, Hans-Georgs Braut, ist. In jeder Generation dieser Seeburger ist dann ein Kind Maria Schnee getauft worden, damit nicht in Vergessenheit kam, daß es die Pfalzgräfin Schnee war, die durch ihre Anschläge den rechtmäßigen Erben von dem Seinen vertrieben; doch scheint es fast, als wenn sie selbst den Verdacht gesät und die Flucht der Aya begünstigt hätte, um dann den Prätendenten zu verleugnen. Die Macht war auf ihrer Seite – sie hatte damit wenig oder nichts zu fürchten. Die Dokumente, welche die Wahrheit der Angaben der Aya hätten bestätigen können, dürften kaum einen reellen Wert gehabt haben, doch die feierliche, eidlich bekräftigte Niederschrift der wunderbaren Erzählung dieser treuen Frau macht den Eindruck lauterster Wahrheit. Einen Ring aus dem Besitz der Regentin – auch wie diese in den Besitz dieses Ringes gelangt ist, wird hier erzählt, – hatte das Kind bei der Flucht aus der Seeburg mitgenommen, und die Aya erzählt, wie sie aus dem Geplauder des jungen Pfalzgrafen entnahm, daß er das Juwel gefunden; es sei am Boden gelegen in irgendeinem Teile der Pfalz. Sie beschreibt den Ring so genau, wie Tizian ihn auf dem Bilde der Pfalzgräfin mit minutiöser Treue gemalt hat, – es ist also genau derselbe, den Schnee von Seeburg heut an ihrer Hand trägt: ein stummer Zeuge für ihre Zugehörigkeit zu unserm Hause.«

»Eine phantastische Geschichte, von der ich nicht ein Wort glaube«, brach Joachim los. »Solche Familiengeschichten sind schon massenhaft zusammengelogen worden –«

»Davon könnte ich dir sogar aus der nächsten Verwandtschaft schlagende Beweise geben«, bestätigte der Fürst. »Gewiß, du hast ganz recht. Aber ich habe die feste Überzeugung, daß es sich hier um keine Sage, sondern um Tatsachen handelt.«

»Wer sagt, daß diese Niederschrift der Frau Katharina Schwarzin nicht apokryph ist?«

»Ich sage es. Du darfst meiner Kennerschaft für die Echtheit von Schriftstücken, was die Zeit betrifft, trauen. Ich darf mich, ohne Überhebung, in diesem Fache expert nennen.«

»Gut, dann streiche ich die Segel vor dem Experten. Aber der Inhalt! Bis mir das Gegenteil nicht bewiesen werden kann, will und werde ich die ganze Erzählung für eine Erfindung halten.«

»Mein lieber Joachim, wenn die Erzählung zu beweisen gewesen wäre, so hätte wohl ein Nachkomme des hochfürstlichen Rates Johannes von Seeburg den Gedanken gehabt, sein Recht auf die Pfalzgrafschaft geltend zu machen und durchzufechten. Soweit mir bekannt ist, wurde dieser Versuch nie gemacht, denn die Nachkommen dieses Mannes waren alle in Stellungen, die ihre Bildung kennzeichnet, und mit der Hilfe derselben waren sie imstande zu beurteilen, daß ihre Sache eine aussichtslose war. Das hat noch zuletzt der General eingesehen. Trotzdem bin ich moralisch von der Wahrheit dieser Niederschrift überzeugt.«

»Weil Fräulein von Seeburg mit Gewalt ebenbürtig gemacht werden soll«, sagte Joachim schneidend.

Der Fürst sah seinen Sohn groß an.

»Ich verstehe nicht ganz, mein lieber Joachim«, sagte er befremdet.

»Oh«, machte dieser obenhin. »Es war nur eine Privatbemerkung. Ich bitte sie zu überhören. Ja, die ganze Geschichte hat, wie du, Vater, sehr richtig bemerktest, nur den Wert eines Kuriosums. Und dieses steht mit meiner Frage nicht im Zusammenhange. Oder durch deine Erklärung doch?«

»Mir scheint so. Du kamst zu fragen, ob die Ehe deines Bruders mit Fräulein von Seeburg als eine ebenbürtige zu betrachten ist, und ich habe darauf mit ja geantwortet. Ist dir dabei noch etwas unklar geblieben?«

»Gewiß. Die Begründung.«

»Ah so. Nun, ich halte die von Fräulein von Seeburg erbrachte Ahnenprobe für hinreichend zum Abschluß einer rechtskräftigen, standesgemäßen Ehe mit sukzessionsfähiger Nachkommenschaft. Zahlreiche Präzedenzfälle werden meine Ansicht unterstützen.«

»Das genügt.« Graf Joachim kniff die Lippen zusammen und richtete sich gerader auf. »Ich bedaure nur, mich damit leider – im Interesse meiner Kinder – nicht zufriedengeben zu können«, sagte er schneidend. »Infolgedessen muß ich auf eine Prüfung der Frage durch eine Kommission bestehen und stelle hierdurch zunächst den mündlichen Antrag auf diese meine Forderung. Sollte die Kommission verschiedene Gutachten zum Ausdruck bringen, so würde ich mich genötigt sehen, den Weg des Rechtes zu betreten. Ich persönlich halte Familienprozesse für eine sehr bedauerliche Erscheinung, aber wenn das Recht nicht anders zu erlangen ist, dann sehe ich keinen andern Ausweg. Ich bitte, mich nicht falsch zu verstehen; nichts liegt mir ferner, als einen vielleicht unheilbaren Bruch herbeizuführen, einen Familienzwist leichtfertig vom Zaune zu brechen. Ich will mich ja auch gern belehren lassen. Aber vorläufig halte ich eine Verbindung des Erbprinzen von Seeburg mit Fräulein von Seeburg nicht für eine ebenbürtige und mich für verpflichtet, diese Ansicht mit Entschiedenheit zu vertreten. Die andern Agnaten dürften dabei auf meiner Seite stehen.«

Er machte nach diesen Worten eine tadellose Verbeugung und ging hinaus.

Vater und Sohn sahen sich, allein geblieben, an und dabei flog ein Schmunzeln über Hans-Georgs Gesicht.

»Das hat Joachim aber fein und schneidig gekollert«, meinte er gleichmütig. »Heute früh war ich so dumm, mich über ihn zu ärgern –«

»Aber das ist ja unerhört! Das darf ich ja gar nicht dulden!« rief der Fürst.

»Laß ihn nur machen, Vater«, redete Hans-Georg zu. »Joachim ist gewohnt, immer recht zu haben; es kann ihm also gar nichts schaden, wenn ihm mal bewiesen wird, daß er – zum Schaden seines Portemonnaies – auf dem Holzwege war.«

»Nun, ich werde mir ihn vorher doch einmal erst vornehmen«, murmelte der Fürst. »Er ist mit seiner Manier unbedingter Sicherheit imstande, mir die andern aufzureden.«

»Es wird nie so heiß gegessen, wie man kocht«, sagte der Erbprinz ruhig. »Was mich für den Augenblick weit mehr interessiert, ist das alte Manuskript dort, das Schnee dir gegeben hat. Darf ich es auch lesen?«

»Ich will es dir vorlesen, mein Junge, aber im Augenblick gestehe ich, daß mich die unerwartete Attacke Joachims erregt und irritiert hat. Ich –«

Hier klopfte es, und ohne das Herein abzuwarten, kam der Pfarrer ins Zimmer, atemlos und auf dem runden, gutmütigen Gesichte den Ausdruck kummervoller Beunruhigung.

»Du hier, Hans-Georg?« war sein erstes Wort.

»Durchlaucht, ich fürchte, ich muß Sie wieder herüber bemühen – ich weiß nicht mehr recht, was ich anfangen soll –«, setzte er im selben Atem hinzu.

Der Fürst fuhr sich mit der Hand über die Stirn, die, wie sein Sohn sah, feucht geworden war; ja, er schüttelte sich wie vor etwas Widerwärtigem.

»Ich komme, lieber Freund«, sagte er dann resigniert, machte einen Schritt vorwärts, blieb dann stehen und setzte, auf seinen Sohn zeigend, zögernd hinzu: »Wollen wir ihn mitnehmen? Einmal muß es doch geschehen.«

»Weiß er es?« fragte der Pfarrer leise.

»Nein, – noch weiß er nichts. Aber der Weg bis dahin wird genügen, um es ihm zu sagen. Er wird mir nach menschlicher Berechnung als Fürst von Seeburg folgen – darüber ist jeder Zweifel für mich gelöst. Ich werde Ihnen meine Gründe dafür sagen. Also muß er es doch erfahren. Gehen Sie nur immerhin voraus; ich folge Ihnen.«

Der Pfarrer wandte sich der Türe wieder zu, mit der Klinke in der Hand aber wandte er sich noch einmal um.

»Ja«, sagte er, mit dem Kopfe nickend, »es gibt wunderbare Sachen in der Welt, vor denen die Siebenmalweisen einsehen lernen mußten, daß unseres Herrgotts Wege unerforschlich sind. Aber ich freue mich, daß Hans-Georg nicht auf die Erbfolge zu verzichten braucht seiner Braut wegen – Joachim würde ein strenger und harter Herr sein. Der hat das Sonnenberger Blut in sich – die uralte Erbschaft von der da droben. Ja, ja, – das ist so eine Sache mit der erblichen Belastung – der liebe Gott wird schon wissen, was er damit will –«

Und Hans-Georg zunickend, schob sich der Pfarrer zur Tür hinaus.

Der Fürst aber legte die vergilbten Blätter der Frau Katharina Schwarzin in die Blechkapsel zurück, schloß diese ein und sagte dann:

»Nun komm, mein Junge!«

»Wohin, Vater?«

»Zur Pfalzgräfin Schnee!« war die unerwartete Antwort, und kopfschüttelnd folgte der Erbprinz seinem Vater, der ihm voranging.

Sie nahmen den Weg durch das Haus und als sie in den Tiziansaal kamen, hielt Hans-Georg an, und auf das rührende, engelhafte Bild der Erbin von Sonnenberg zeigend, sagte er:

»Da sind wir, Vater, und ich muß gestehen, daß ich nicht begreife, was wir hier wollen. Ich habe mir unterwegs den Kopf zerbrochen –«

»Wir gehen nicht zu dem Bilde der Pfalzgräfin Schnee, – wir gehen zu ihr selbst«, unterbrach der Fürst seinen Sohn.

»Vater!« Ein halb lachendes, halb vorwurfsvolles, abwehrendes Staunen lag in dem Ton, mit dem Hans-Georg den Ausruf tat, und sein Blick redete den Rest: eine blitzähnliche Befürchtung für den Verstand des Fürsten, der sich schwer gegen den Türpfosten lehnte und sich die Stirn trocknete, auf der große Schweißperlen standen.

»Nein, ich bin vollkommen bei Sinnen und zurechnungsfähig«, beantwortete er laut diesen Blick. »Jedes Haus hat sein Skelett im Schrank, sagt ein Sprichwort – wir Seeburger besitzen es lebendig. Ja, ich führe dich zu der Pfalzgräfin Schnee, dem Original dieses Bildes, das Tizian vor dreihundertfünfzig Jahren gemalt hat. Es ist das große Geheimnis unseres Hauses, das dem Erben bei seiner Volljährigkeit nach einem ungeschriebenen Familiengesetze mitgeteilt wird. Aber ich habe dieses Gesetz gebrochen und dich so lange in Unwissenheit gelassen, weil du mir sehr ans Herz gewachsen bist und ich dir diesen furchtbaren Schatten so lange wie nur möglich fernhalten wollte. Aus diesem selben Beweggrunde habe ich dich die Laufbahn einschlagen lassen, die, entgegen der Überlieferung, wonach der Erbe von Seeburg die Militärkarriere einschlägt, dir den Trost sicherte, in der Wissenschaft eine treue Gefährtin zu besitzen, die dich über die Jahre besser hinwegbringt, in denen dieser furchtbare Schatten über dir hängt und dich an das Haus kettet.

Ja, sie lebt, die Pfalzgräfin-Regentin, die Erbin von Sonnenberg lebt drüben in der Pfalz, in denselben Räumen, die sie bezogen, als der Pfalzgraf, unser Ahn, sie in einer gottverfluchten Stunde zu seiner zweiten Frau, zur Stiefmutter seiner Kinder gemacht hat. Sie lebte dort drüben, um nach langer Regentschaft ihrem Sohne das Erbe zu übergeben, befleckt mit namenlosen Taten, die dieser Engelskopf sich ausgeklügelt, sie lebte, noch gekannt von ihren Enkeln, lebte, ihren Urenkeln schon halb zur Sage geworden, nur noch an ihr Zimmer gefesselt, dann eine Legende für die kommende Generation, und schließlich in diesem ungeheuern Bau nur noch gekannt und gesehen von einigen wenigen, bis mit der fortschreitenden Zeit ihr Dasein als Geheimnis bewahrt und gepflegt wurde, denn wer hätte die Wahrheit begriffen? So lebt sie meist im Schlafe dahin, und nur der Chef des Hauses, sein Erbe, der Schloßpfarrer und die von fern hergeholte Klosterfrau, die alle Jahre abgelöst wird, wissen um sie. Dann und wann dringt wohl einmal das Gerücht unter die Leute, daß wir in einem geheimnisvoll verborgenen Zimmer ein geheimnisvolles Wesen eingesperrt halten, halb Mensch, halb Tier, und wie du unlängst erst selbst gehört hast, hat man uns deswegen sogar beim Staatsanwalt denunziert – ein Zeichen unserer Zeit, denn früher begnügte man sich mit den abenteuerlichsten Hypothesen. Ich wünschte oft, das Geheimnis wäre keines mehr, aber der Gedanke an den Lärm, den die Wahrheit machen würde, macht mich krank. Die Zeitungen würden schreiben, die Gelehrten angereist kommen, das Phänomen zu sehen, und durch die ganze Welt würden die Berichte der Geschichte dieser Frau, oder was immer sie noch sein mag, widerhallen. Mag sie denn das Geheimnis der Seeburg bleiben, – keine Gefangene, wie das Gerücht will, sondern eine Herrin, unter der des Hauses Chef wie im Joche geht – – ein furchtbares Joch! Wie furchtbar, ahnt nur, der es je getragen hat. Deine Mutter kennt das Geheimnis – es wäre unmöglich, die Herrin der Seeburg uneingeweiht zu lassen, aber sie hat die Ahne nie gesehen. Ich habe es ihr verboten. So hilft sie mir die Last tragen, ohne daß der Schatten ihr den Schlaf raubt und die Ruhe der Seele nimmt. Ein hohes Alter ist eine Gnade von Gott, eine Auszeichnung des Schöpfers für seine Erwählten, die in Tugend und Herzensreinheit wandelten, ein Gegenstand der Verehrung den Enkeln, welche die Sorge für ein solch gottbegnadetes Haupt als eine Auszeichnung betrachten und den Tag fürchten, der ihnen die Verehrte nimmt. Aber dieses Alter, dieses Dasein der Pfalzgräfin Schnee, es ist eine Strafe, ein Beweis von der Existenz eines Herren über alle Dinge, der die Sünden der Väter nicht nur bis ins dritte und vierte Glied rächt, sondern die Geißel bis ins zehnte und zwölfte Glied über den Häuptern der Kinder schwingt. Eine Geißel, ja! Ich habe mich noch nicht ein einziges Mal überwinden können, vor diese Frau mit Ruhe und Wohlwollen, oder mit Mitleid zu treten, denn man müßte ja blutige Tränen weinen, daß sie die Last der Jahre so lange zu tragen, daß der Erlöser Tod sie so ganz und gar vergessen hat. Aber mir graut vor dieser Todvergessenen, wie ihrem Sohne wahrscheinlich – hoffentlich vor ihr gegraut hat, wenn er gewußt, mit welchen Verbrechen, kaltblütigen, berechneten Verbrechen, sie ihm den Weg zur Thronfolge gebahnt! Ungesühnte, unbereute Verbrechen! Oder ist dieses lange Leben die Sühne dafür? Wie lange wird sie noch leben müssen? Wie lange noch als ein Schatten über unserm Hause weilen, der mehr denn einen Pfalzgrafen von Seeburg zu einer unheilbaren Melancholie verurteilt hat, daß er den Tod als eine Erlösung willkommen hieß?

Sie träumt ihre Tage meist hin in einem Halbschlaf, während dem sie der Klosterfrau wenig oder keine Mühe macht, ihr manche freie Stunde zur Erholung gewährt. Nur wenn es Nacht wird, dann wacht sie auf und verlangt den Chef des Hauses, dem sie Befehle erteilt, als wäre sie noch die Regentin, – Befehle, an deren Ausführung seit Menschengedenken natürlich keiner mehr denkt. Befehle, den Haushalt betreffend, das Land, die diplomatischen Beziehungen zu den andern Fürsten, und Befehle, deren Sinn gottlob einer vergangenen Zeit angehört – – Seit einiger Zeit aber wacht sie auch unter Tags auf – es ist nicht mehr zu berechnen, wenn sie mich zu sehen verlangt, und dann wünscht sie, durch das Haus geführt zu werden – – Nur selten gelingt es, sie davon abzubringen, und eine solche Gelegenheit sah mich denn auch einmal genötigt, meine Gäste zu bitten, in ihre Zimmer zu gehen und diese nicht eher zu verlassen, bis durch die Hausglocke das Signal dazu gegeben werden würde – – Und diese Wanderungen haben sich zuletzt öfter wiederholt, zum Glück nur während der Nacht, aber seit den letzten Tagen ist ihre Unruhe so gewachsen, daß ich fortwährend auf dem Sprunge bin, mit dem Pfarrer, dem lieben, treuen Freunde, und der Schwester kaum mehr Ruhe gefunden habe. Gott verzeih es mir, wenn die Hoffnung, daß es die Unruhe vor dem Ende sein möchte, mir in den Sinn gekommen ist. Der Versucher schläft nicht und sieht zu, wo er den Menschen zu Falle bringen kann – – Die vergangene Nacht sind wir gar nicht zur Ruhe gekommen. Zweimal habe ich die Pfalzgräfin Schnee durch das Haus führen müssen, oder vielmehr nur bis in den Korridor der Königskammern, wo sie Eintritt in die Gemächer ihrer Stiefschwiegertochter verlangte, die ihrer Meinung nach zurückgekehrt war. Sie, die sonst nichts vergessen aus ihren bösen Tagen, – es muß ihrem Gedächtnis wohl ausgelöscht gewesen sein, daß sie die Unglückliche dem Hexenbüttel ausgeliefert. Deine Braut hatte den Schlüssel ihres Schlafzimmers außen stecken lassen, doch es gelang mir, ihn herumzudrehen und abzuschließen, sonst wäre sie bei ihr eingedrungen – – und darum gab ich deiner Schnee den Rat, nachts ihre Zimmer abzuschließen.

Und nun kennst du unser Geheimnis – es ist dir unbenommen, später, wenn du erst der Herr hier bist, zu entscheiden, ob es ein Geheimnis bleiben soll und muß. Vielleicht bist du mutiger als ich, auch unter dem Banne dieser Augen, unter dem ich mein Herz in mir zittern fühle. Komm' mit mir. Die Vorstellung des jeweiligen Erben von Seeburg ist zwar sonst eine Zeremonie im Frack und weißer Binde – doch mag's drum sein. Komm', Pfalzgräfin Schnee erwartet uns.«

Aber Hans-Georg kam nicht; wenigstens nicht gleich. Er stand und sah seinen Vater an wie ein Träumender.

»Das – das verstehe ich noch nicht ganz«, sagte er, auf das Bild der Pfalzgräfin deutend. »Ich habe deine Worte, das heißt ihren Sinn, wohl nicht begriffen. Denn es ist doch rein unmöglich, daß du damit sagen willst, daß diese hier, das Original dieses Bildes – oh, das wäre ja platterdings unmöglich. So etwas gibt es in der Welt nicht, hat es nie gegeben. Denn selbst das Alter, das die Bibel den Erzvätern gibt, ist nach einer andern Zeitrechnung bemessen und muß nach der unsern eingeschränkt werden. Und wie wäre es denn denkbar, daß eine solche Person hier im Hause lebt, ohne daß man es weiß?«

Der Fürst seufzte müde.

»Warum sie lebt, ist eine Frage, deren Beantwortung uns wohl erst im Jenseits gegeben werden kann. Sie lebt, lebt wie jede Person eines ausnahmsweise hohen Alters, deren geistige Fähigkeiten im ganzen klar, die körperliche Gebrechen kaum aufzuweisen hat. Und daß ihre Gegenwart nur wenigen im Hause bekannt ist, diese Möglichkeit beruht in dem ausgedehnten Raume des Hauses, andererseits halte ich das Geheimnis für geboten, denn das Dasein wäre ein ganz unerträgliches, wenn die ganze Welt gepilgert käme, das Wunder anzustaunen. Aber das alles ist ja unnützes Gerede. Komm mit mir und du wirst ganz genau verstehen, warum das alles geschieht. Vor kurzem erst, am Tage deiner letzten Ankunft, meine ich, war es, da hast du selbst gesagt, es wäre kein Staat mit dieser Ahne zu machen. Und du führtest das Ergebnis der letzten Forschungen über sie zum Beweise an. Meine Schwester zählte danach ihr Sündenregister auf. Wenn je eines Menschen Äußeres gelogen hat, so war es das dieser Frau, die in der Gestalt und mit dem Ausdruck eines Seraphs ein Herz hatte, dessen Untiefen wir wahrscheinlich auch nicht annähernd ergründet haben. Was nützt es, daß sie eine durch Falschheit und Doppelzüngigkeit erfolgreiche Regentschaft geführt, daß sie Seeburg groß und mächtig gemacht hat? Ob es die endliche Sühne ist für ihre Verbrechen, daß Schnee, deine Braut, kommt, den Platz einzunehmen, der ihr gebührt? War es die Vorsehung, die dich mit ihr zusammengeführt? Denn ich habe moralisch keinen Zweifel, daß sie wirklich des verschwundenen kleinen Pfalzgrafen Nachkommin ist. Komm', Hans-Georg, – du wirst sehen und dann alles begreifen.«

Er ging voraus, und kopfschüttelnd folgte ihm sein Sohn, denn er begriff nicht die ganze »Geheimtuerei«, wie er's bei sich nannte, begriff nicht seines Vaters fast tragische Erregung. Der alte Herr war vollkommen klar, so viel stand fest, er konnte unter einer Halluzination, einer Wahnvorstellung nicht leiden. Nun gut, wenn diese Ahne wirklich noch lebte, wenn es faktisch dieselbe war, die Tizian gemalt und man sich von der Verwunderung darüber erholt hatte, daß Menschen so alt werden können, wie der sprichwörtlich gewordene Methusalem – nun, da mußte man sich eben mit etwas abfinden, was zum mindesten ungewöhnlich war, dann lebte sie eben, und der Anblick würde sich wohl ertragen lassen. Alte Frauen sind ja meist nicht lieblich.

Als sie den Kirchenchor überschritten, deutete der Fürst herab auf das Marmordenkmal.

»Das hat sie wohl selbst nicht gedacht, daß es sie so lange erwarten würde«, sagte er leise. »Es war die Zeit, wo es Mode war, mit dem Tode zu kokettieren und sich sein Monument bei Lebzeiten zu setzen. Sie hat Sorge getragen, daß es prunkvoll würde.«

»Wann wird die Kammer, die sich im Sockel befindet, sie selbst aufnehmen, wann der leere Platz auf dem Epitaph ausgefüllt werden?«

Hans-Georg stand still und sah hinab. Hatte diese leere Stelle ihm nicht schon zu denken gegeben? Es ging ihm zum erstenmal wie ein Schauer durch das Herz: Unheimlich war die Sache am Ende doch. Es war ihm bisher noch niemals etwas unheimlich gewesen, was man so »gruselig« nennt. Wie jener Hans im Märchen war er als Bube oft in die verrufenen Zimmer der Burg gegangen, um dort zu erfahren, wie es ist, wenn einem mal »unheimlich« zumute ist. Aber er hatte nie etwas gesehen und gehört, was ihm dies Gefühl geben konnte; doch die leere Stelle auf dem Epitaph dort drunten in der Kirche, die war »unheimlich«. Hatte er das nicht schon einmal gefühlt, ehe er wußte, daß nicht aus Zufall das Todesdatum der Pfalzgräfin Schnee dort fehlte?

»Hat der Vers der Seeburger Hymne, den Schnee, meine Schnee, doch wußte, nicht eine Beziehung auf – auf das, was du mir eben erzählt hast?« fragte er und zog sein Portefeuille heraus, in welchem er die Strophe aufgeschrieben.


»Euch Seeburger blüht nur ein Frühling. Nie
Wird die Sommersonne euch blicken;
Was andern der Sommer in Freuden lieh,
Wird im Schnee, im Schnee euch ersticken.
Den Winter bringt jäh euch der uralte Schnee,
Von der Jugend ein Tag euch des Alters Weh –«


las er halblaut. Der Fürst schüttelte mit dem Kopfe.

»Wenn man will, dann kann man's wohl darauf beziehen, daß die Unwissenheit des Erben, bis er die Geißel kennt, die uns mit der Gegenwart dieser Frau gegeben ist, der Frühling ist, den der ›uralte Schnee‹ gleich zum Winter hinüberleitet«, sagte er müde.

»Aber, wie kann man das wissen? Die Strophe ist uralt, viel älter, als die Zeit, in der die Erbin von Sonnenberg ihre Jugend verlebt. Mein Vater wollte eine Prophezeiung darin sehen. Aber man muß sich vor dem Glauben an solche Dinge hüten. Das führt zu nichts, als zum Grübeln, zur Melancholie, zum Wahnsinn. Wer weiß denn, ob die Fassung die ursprüngliche war, was damit eigentlich gemeint ist! Wie oft schon sind solche dunkle Worte falsch gedeutet worden. Sehr alte Familien haben fast immer solche ›Prophezeiungen‹ aufzuweisen. Das Merkwürdige dabei ist nur, daß die Strophe Besitz jener andern Seeburger ist. Sie und die der Schlachtenhymne werden von der Frau Katharina Schwarzin wörtlich aufgeführt, als ein Beweis für die Wahrheit ihrer Niederschrift. Ein sehr naiver Glaube, das!« –

»Aber der Ring, den Schnee trägt, was sagt sie über den Ring?«

»Der Ring ist mir der Beweis, der für mich ausschlaggebend ist. Einmal seiner Form wegen, die sicher ungewöhnlich genug ist, um ihn für den gleichen zu halten, den die Pfalzgräfin auf dem Bilde dem Beschauer zeigt. Frau Katharina Schwarzin gibt dem Ringe übernatürliche Kräfte – das ist nur der Ausfluß einer der vielen, seltsamen Aberglauben jener Zeit. Doch sie sagt, daß die Regentin auf den Ring große Stücke gehalten, daß sie ihn von einem weisen, alten Manne erhalten, an dessen Hand sie, Frau Katharina, ihn gesehen, und den die Regentin von ihrer Reise nach Venezia zu ihrer Schwester nebst dem Bilde mitgebracht. Als ein Gast, den man so bewacht, daß er eigentlich ein Gefangener hätte genannt werden müssen, ist er auf der Seeburg geblieben. Die Leute auf der Burg hätten geflüstert, daß der alte Mann, den man Meister Chrysostomus genannt, ein Magister der schwarzen Künste sei, aber sie habe das nicht glauben wollen, weil er ihr im Gegenteil eher den Eindruck großer Heiligkeit gemacht und bevor er auf den Wachtturm in den Sternen zu lesen ging, allemal erst lange in der Kirche gebetet habe. Dann habe es geheißen, der Meister sei ganz plötzlich abgereist, und seit dem Tage habe die Regentin den Ring mit dem grünen Steine getragen. Was an der Geschichte Wahres ist, kann heut nicht mehr festgestellt werden, doch über den Ring ist Frau Katharina sehr positiv und sie beschreibt ihn so minutiös, daß kein Zweifel bleibt, ob der, den deine Braut trägt, ein anderer sein könnte. Er müßte denn eine Doublette gehabt haben.«

Als die Herren gleich darauf an den Zimmern der Tante Murr vorbeigingen, hörten sie drinnen Schnee laut und lustig lachen, sekundiert von Tante Murrs tiefer Stimme. Hans-Georg blieb unwillkürlich stehen und warf einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Tür, hinter der das harmlose Lachduett erklang, aber da der Fürst weiterschritt, so blieb ihm nichts übrig, als zu folgen. Sie gingen weiter durch den Korridor der Königskammern und betraten durch die Glastür, die heut früh schon Schnees Neugier erregt, einen ganz andern Teil des ungeheuern Baues, der hier indes doch schon sehr den Charakter des Unbewohntseins annahm, wenn es auch nicht an Möbeln fehlte und an Zierat selbst. Durch eine lange, niedere Zimmerflucht ging es nun in den ältesten Teil der Seeburg, die festungsähnliche Pfalz mit ihren engen, schmalen Korridoren, winkligen Treppen, Ecken, Nischen und Winkeln, die dem Unkundigen ein Labyrinth waren, aus dem nur schwer herauszufinden war. Hans-Georg war hier in jungen Jahren überall herumgekrochen und -geklettert; er glaubte in der Pfalz jeden Winkel samt den Verließen, Wachtstuben und den berüchtigten Oublietten zu kennen, und doch führte hier ein Wesen eine Existenz, dessen Aufenthalt ihm entgangen sein sollte? Das schien ihm immer noch unglaublich, um so mehr, als nie ein Verbot existiert hatte, das den Kindern des Hauses die Durchforschung der Räume in den ältesten Burgteilen untersagte. Aber vielleicht gerade deshalb war ihm und seinen Geschwistern verborgen geblieben, was ihnen zu verbergen beabsichtigt wurde, denn die menschliche Natur und besonders der Sinn der Kinder strebt doch immer zuerst nach der Erreichung dessen, was verboten ist.

Kopfschüttelnd folgte Hans-Georg seinem Vater durch all die ihm so wohlbekannten Räume, davon mehrere in dem Rufe standen, daß es in ihnen spukte, wie denn überhaupt die Pfalz sich diesen Rufes so sehr erfreute, daß ohne Not von dem Schloßpersonal niemand darin etwas zu suchen kam. Und auch die Familie war nicht frei von diesem Glauben; nicht zehn Pferde, behauptete die Fürstin Vöslau, brächten sie in den alten unheimlichen Bau. Darum war er auch vielleicht gerade geeignet, jemand zu beherbergen, der nicht gesehen werden wollte oder sollte; vielleicht war auch diese ungeahnte, unbekannte Anwesenheit die Ursache der abenteuerlichen Legenden, die sich aus den alten Mauern herausstahlen bis hinüber in die bewohnten Schloßteile. Vor einem Holzpaneel, schwarz von Alter, aber so solide wie die ganze Pfalz, machte der Fürst halt. Es verkleidete die Wand, die zwischen zwei ziemlich weit auseinanderliegenden Türen des Nordflügels lag, und es war Hans-Georg nie im Traume eingefallen, es für etwas anderes zu halten, als eben für eine der alten Täfelungen, wie sie allenthalben hier zu finden waren. Aber der Fürst drückte mit der Hand nur eben leicht und mühelos gegen das Paneel und es öffnete sich wie eine gut geölte Tür nach innen, und Hans-Georg folgte seinem voranschreitenden Vater in ein mit ausgesuchtem Luxus ausgestattetes Zimmer, dessen altersschwarze eichene Deckenbalken reichgeschnitzt waren und Spuren gediegener Vergoldung zeigten, dessen Wände mit orientalischen Teppichen von fabelhaftem Wert bekleidet waren, die auch den Fußboden bedeckten, dessen Mobiliar in jedem einzelnen Stücke jedem Museum zum Prunkstück gedient hätte. Und doch lag eine eigentümlich schwere, beklemmende Stimmung über diesem prächtigen Raume; vielleicht lag's daran, daß das Tageslicht nur mühsam durch die Butzenscheiben der schmalen, niederen Fenster in den tiefen Nischen fallen konnte, die zum Überfluß noch schwere, gefütterte seidene Vorhänge verhüllten, vielleicht auch, weil trotz des drückend heißen Tages draußen in dem mächtigen Kamin mit dem pyramidenförmigen Mantel von dunkelgrünem Serpentinstein ein helles Holzfeuer brannte. In diesem Zimmer, das Hans-Georg zum erstenmal im Leben als ein Fremder betrat, schien der Schloßpfarrer sie erwartet zu haben.

»Weiß er es?« war sein erstes Wort.

»Er weiß es«, erwiderte der Fürst feierlich. Da streckte der kleine, runde Herr seinem alten Zögling beide Hände entgegen und sah hinauf zu ihm mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Mitleid, Flehen und einem unnennbaren Etwas, das er ersichtlich tapfer zu bekämpfen wünschte.

»Hans-Georg, lieber, lieber Freund, Schüler, Herzensjunge«, sagte er eindringlich, »du stehst an der Schwelle zu einem Anblick, der dich sehr erschüttern wird. Du stehst vor einem Rätsel, das Gottes unerforschlicher Wille und Ratschluß über dieses Haus verhängt hat, das wir Menschen nicht erleuchtet genug sind zu lösen. Vor diesem Rätsel erkennen wir erst, wie wenig wir wissen, daß unser Wissen in der Tat nur Stückwerk ist. Du weißt, wem du gegenübertreten sollst. Laß dabei alles zurück, was sich in dir gegen diese Person auflehnen muß und möchte, laß nur die christliche Liebe, die uns der Heiland gelehrt, nur das Mitgefühl, das Vergeben und die Großmut mit dir eintreten, die immer die vornehmste Tugend deines Hauses war. Nach unserm menschlichen Dafürhalten, das voll von Irrtum sein kann und vielleicht, nein, wahrscheinlich auch ist, wird es dir schwer zu glauben, daß du vor eine von Gott mit einem so langen Leben Begnadete trittst, – du wirst vielmehr geneigt sein zu glauben, daß sie eine von Gott Vergessene, von Gott Gezeichnete ist. Aber dagegen müssen wir kämpfen und den festen, freudigen Glauben hegen, daß der Himmlische Vater, ohne dessen Wissen und Willen kein Sperling vom Dache fällt, einer sündigen Seele die Zeit zur Einkehr und zur Buße auf dieser Welt unbegrenzt bemißt. Urteile auch nicht vorschnell und hart vielleicht über das Geheimnis, das ihre Person umgibt, das sie der Kenntnis der Welt entzieht. Die Welt würde das Rätsel nicht begreifen, das Gerede mehr Schaden anrichten als das Geheimnis, das keinem schadet, am allerwenigsten ihr, die der Welt fremd geworden ist, zur Sage nur noch. Ich billige es, daß man verbirgt, was niemand angeht, als den Herrn dieses Hauses, der freilich dadurch auf die Hilfe einiger weniger Getreuen, die eingeweiht sind, angewiesen ist und sich selbst damit zum Gefangenen macht in seinem eignen Hause, unter seinem eignen Dache. Aber es gibt Sorgen und Kreuze, die man besser alleine trägt in der festen Hoffnung auf den unendlichen Lohn von dem, dessen heiliger Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden.«

Damit ließ der Pfarrer die Hände seines alten Zöglings los, nachdem er ihnen noch einen festen Druck gegeben, und trat an eine Tür, deren schweren Vorhang er zurückschlug und ließ den Fürsten voran, Hans- Georg hinterdrein eintreten in den folgenden Raum, der womöglich noch reicher, noch kostbarer, noch prächtiger eingerichtet war, als der vorige. Goldfarbene, silberdurchwirkte, schwerseidene Vorhänge hingen an den Fenstern, durch die sich kaum noch ein leises Dämmern des Tages stahl, rauschten herab von dem reichgeschnitzten Himmel seines Bettes, das wie ein Thron auf einer Estrade stand; in dem weißen Marmorkamin brannte auch hier ein helles Feuer, Blumen blühten in hohen, feenhaft feinen Glaskelchen und auf einem Tische lag auf der purpurnen Samtdecke eine mit Gold, Elfenbein und Perlmutter eingelegte Laute an einem blaßblauen Bande. An einer der Fensternischen stand ein mit Purpursamt bezogener Betstuhl, auf dem eine Nonne in langschleppendem, weißem Habit mit schwarzem Schleier kniete und sich beim Eintritt des Fürsten und seines Sohnes erhob, um mit lautlosen Schritten im Nebenzimmer zu verschwinden; in einem tiefen, niedern Lehnstuhle, dicht am Kamin aber saß, die schmalen, fleischlosen, wachsbleichen Hände auf den Seitenlehnen, eine Frauengestalt in einem faltenreichen Kleide von weißem, seidenem, schillerndem Stoffe – eine Frauengestalt mit tiefgesenktem Kopfe, dessen silberweißes, krauses Haar ein schwarzer Spitzenschleier bedeckte, der in einer tiefen Schnebbe in die Stirne gezogen war und zu beiden Seiten des Gesichtes so herabhing, daß die Züge nicht zu erkennen waren. An dem Brustlatz des Kleides funkelte ein handtellergroßer Schmuck von großen Rubinen, und eine Schnur kirschengroßer, orientalischer Perlen hing von dem Halse bis tief auf den Schoß herab. Mit einem ganz eignen Gefühl, wie wenn ihm die Kehle zugeschnürt würde, sah Hans-Georg auf diese Gestalt herab; andererseits aber kam er sich vor wie in einem Traume, denn alles das schien so unwahrscheinlich, so unmöglich in den Grenzen des ihm so vertrauten Hauses. Und wie im Traume hörte er seinen Vater sagen:

»Eure Liebden wollen in Gnaden gestatten, Ihnen meinen Sohn Hans-Georg, Grafen von Seeburg und Sonnenberg, vorstellen zu dürfen.«

Da glitt eine der auf der Lehne des Sessels ruhenden, wachsähnlichen Hände von dem Polster herab, faßte langsam und zitternd nach dem Schleier, der Kopf richtete sich auf, und in einem Gesichte, wie aus uraltem Elfenbein geschnitten, das eine lange, lange Zeit vergraben gelegen hat, flammten Hans-Georg ein paar Augen entgegen aus tiefen totenkopfähnlichen Höhlen, Augen, durchglüht von einem unirdischen, unheiligen Feuer, Augen, die er sein Lebenlang nicht wieder vergessen konnte. – – –

Im andern Zimmer aber sagte die weiße Nonne zu dem am Kamin merkwürdig fröstelnden Pfarrer: »Gott helfe mir, Hochwürden – aber es ist nicht mehr zum Aushalten mit der – mit dem Wesen da drinnen. Ich werde auf beiden Knien danken, wenn meine Ablösung kommt. Nun muß der Erbprinz doch auch daran glauben; warum gerade heut, wo er doch seine Braut ins Haus gebracht hat?«

»Es war der Wille des Fürsten, liebe Schwester. Fassen Sie sich doch in Geduld; denken Sie, daß der Fürst sein ganzes Leben das Kreuz ertragen muß.«

»Ich weiß. Ich würde ja auch nicht murren, wenn es nicht der Leibhaftige wäre, der ihr aus den Augen blickt. Was man sich so darunter vorstellt. Auch die furchtbare Unruhe, die sie hat, die sie nicht mehr ruhen und rasten läßt, wäre noch zu ertragen, aber was sie redet, macht einem das Blut in den Adern erstarren und das Grauen schüttelt einen. Vorhin fing sie an, von einem Ringe zu reden, der in der Nähe sei, den sie fühlte. Der Fürst sollte ihr den Ring holen. Die Erbgräfin hätte ihn fortgenommen. Es gibt doch noch gar keine Erbgräfin. Oder meint sie ihre Stiefschwiegertochter, denn sie spricht auch davon, daß sie bekannt hätte und am Pfahl verbrannt werden würde. Dann freut sie sich wieder, daß es geschehen ist. Und dann verlangte sie, in dem eingelegten Schranke neben ihrem Bette zu kramen. Und sie ist so gewandt, daß man nie sieht, was sie eigentlich herauslangt, was sie in die Hand nimmt. Dabei diese Kräfte! Wenn die Finger, die wie aus Haut und Knochen scheinen, einen umspannen, halten sie fest wie ein Schraubstock. Diese Finger um den Hals, und man hat zum letzten Male Kopfschmerzen gehabt. Es ist geradezu unheimlich, weil es so unnatürlich ist.«

»Ja, ja, ja, das ist es, weiß der Himmel, daß es so ist! Passen Sie nur ordentlich auf, daß ihr keine Waffen in die Hände fallen. Was hat sie denn in dem eingelegten Schrank?«

»Oh, Schmuck und Spitzen, und Dosen und Krimskrams – so viel ich sehen konnte. Waffen? Was sollte sie denn für Waffen haben?«

»Oh, ich weiß es selbst nicht. Es fiel mir nur ein, daß Waffen in ihrer Hand gefährlich werden könnten. Da sie nur Milch und Eier genießt, braucht sie ja kein Messer. Das ist ein Glück.«

»Ja, es ist ein Glück. Man müßte sich dann noch mehr vor ihr fürchten.«



»Was ist dir heut, Hans-Georg?« fragte Schnee ein paar Stunden später, als sie mit ihrem Verlobten über die Terrasse dem Rokokobau zuschritt, wohin eine Einladung des Fürsten in sein Arbeitszimmer sie gerufen. »Du machst ein Gesicht, als ob du Gespenster gesehen hättest.«

»Tu ich das? Ach, Liebste, ich habe die Überzeugung gewonnen, daß man einen ganz falschen Begriff von dem hat, was wir unter ›Gespenster‹ verstehen. Es ist nur das Übernatürliche, was die Leute daran schreckt, aber die Gespenster, die in Fleisch und Blut herumlaufen, sind viel schreckhafter. Ja, solche Gespenster habe ich gesehen, eine ganze Menge heut sogar schon. Und wenn ich danach aussehe, so macht's wohl die Masse, die's ja bekanntlich immer tut. Im einzelnen laufen sie einem wohl selten über den Weg, aber wenn sie in hellen Haufen kommen – – na, lassen wir die Gespenster, Schnee! Du bist da und das muß sie ja alle verjagen.«

Sie sah ihn dankbar an.

»Es ist lieb von dir, das zu sagen, Hans-Georg, aber ich möchte doch, daß du mich wissen ließest, wie ich dir dabei helfen kann. Ich bin nicht dazu bestimmt und auch gar nicht danach geartet, in Watte verpackt vor allem geschützt und bewahrt zu werden, was es Hartes und Unangenehmes im Leben gibt. Ich will nicht nur das Gute mit dir teilen, sondern auch – die Gespenster.«

»Wart's nur ab, Liebste – dein Teil bleibt dir sicher nicht erspart. Den naiven Glauben der Leute, die da denken, man ist auf Rosen und Eiderdaunen gebettet, wenn man ein großes Schloß und einen Titel und viel Geld hat, wirst du ja nicht teilen.«

Im Arbeitszimmer des Fürsten fanden sie ihn und die Fürstin vor, die Schnee neben sich auf das Sofa zog, auf dem sie beim Eintritt des Brautpaares gesessen.

»Vaterchen will uns das Dokument vorlesen, das du ihm heut früh gegeben«, sagte sie erklärend. »Es soll ja ganz wunderbare Dinge enthalten.«

»Falsche Hoffnungen«, meinte Schnee lächelnd. »Mein Vater hat mich davor gewarnt.«

»Diese Warnung ist jetzt hinfällig geworden«, sagte der Fürst, vor seinem Schreibtisch Platz nehmend, auf dem die vergilbten Blätter aus der Blechkapsel lagen. »Wie sich Ihr Lebensweg gewendet hat, meine liebe Tochter, haben Sie nicht nur das Recht, sondern sogar die Verpflichtung, den Inhalt dieser Blätter kennenzulernen. Ich beginne gleich, damit wir vor dem Diner damit fertig werden.«

Und er begann zu lesen. Erst die langatmige Einleitung der Frau Katharina Schwarzin, die umständlich erklärte, wer sie gewesen; dann die Zustände auf der Seeburg nach dem Tode der »alten Pfalzgräfin« und nach der Vermählung des Witwers mit der Erbin von Sonnenberg, die Geburt eines Söhnchens aus dieser neuen Ehe und die damit beginnende Schreckensherrschaft der Pfalzgräfin Schnee, um ihrem Kinde die Erbfolge zu sichern. Der Tod des Pfalzgrafen und seines Sohnes, mit mehr als deutlichem Hinweis, wer dabei die Natur unterstützt, und die Abholung der Erbgräfin, die sich nicht scheute, die Wahrheit zu reden, durch den Hexenbüttel. Und dann die Schilderung des Tages, an dem drüben in der Stadt überm See der Rauch des Scheiterhaufens zum Himmel gestiegen war, auf dem die »Hexe« das schreckliche Ende ihrer jungen Tage fand. Sodann beschrieb Frau Katharina Schwarzin ausführlich ihren aufsteigenden Verdacht, daß die Regentin Anschläge auf das Leben des jungen Pfalzgrafen, ihres Stiefsohnes, hege, wie dieser Verdacht ihr bestätigt worden sei, daß die Pfalzgräfin das Kind in den Oublietten verschwinden lassen gewollt, und wie sie, Frau Katharina, es gerettet.

»So war es, ich habe es gesehen«, fiel Schnee ein, die atemlos zugehört. »Nur habe ich nicht gewußt, daß der Ort die Seeburg, daß dieses Kind mein Vorfahr war. Der Ring lag in der Mauerspalte, wohin er gerollt war, als er der Pfalzgräfin vom Finger glitt, wo ihr Schleier an dem Nagel hängen blieb –«

»Schnee!« fiel Hans-Georg ein, und jetzt erst sah sie, daß drei Paar Augen in maßlosem Staunen auf sie geheftet waren.

»Ich habe es in dem Lichte gesehen, der aus dem Stein meines Ringes kommt«, erklärte Schnee unbeirrt. »Ich sehe immer Bilder in dem grünen Lichte. Ich kann nichts dafür. Es ist sicher sehr wunderbar, und wenn ein anderer mir das erzählte, würde es mir schwer werden, zu glauben.«

»Erzählen Sie uns immerhin, was Sie gesehen«, bat der Fürst gelassen. »Doch eins zuvor: Sie haben nie etwas von dem Inhalt dieser Blätter gewußt? Nie mündlich von Ihrem Vater ein Resümee davon erhalten?«

»Nie«, erklärte Schnee ohne Zögern. »Mein Vater hat nie davon gesprochen, auch mein Großvater nicht, den ich noch sehr gut gekannt, denn er starb nur fünf Jahre vor meinem Vater. Nur das Seeburger Lied kannte ich, oh, schon als Kind. ›Die Brücke nieder und auf das Tor! Die Seeburger vor!‹ Das war sprichwörtlich bei uns, wenn wir irgend etwas vorhatten. Der Ring war für uns eine Reliquie von einem unschätzbaren Wert, dessen Ursache für mich aber immer vage war. Doch er war eine Überlieferung, und als Kind schon betrachtete ich den grünen Stein wie etwas Heiliges, wie eine Art von Talisman, der uns noch einmal irgendeine Pforte öffnen würde, durch die wir zu Ehren und Glanz eingehen würden. ›Den Ring bewache wie deine Seele‹, sagte mein Vater oft. Ich habe ihn im Hause meiner Tante nie getragen, denn da war er zu auffallend, zu kostbar für mich. Die Mädchen im Institut hätten mich damit aufgezogen – ich hatte davor eine solche Scheu. Erst als Marie-Luise mich abholte, um mit mir zu reisen, da habe ich ihn an den Finger gesteckt, nachts aber immer abgelegt, um mich im Schlaf damit nicht zu verletzen. Und dann sah ich ihn im Dunkeln leuchten – Hans-Georg sagt, das wäre eine Eigenschaft der Smaragden. Und in dem Lichte sah ich dann Bilder und sah die Pfalzgräfin Schnee. Nur wußte ich nicht, daß sie es war, aber ich habe sie auf dem Bilde sofort wiedererkannt. Sofort. Und in dem Lichte des Steines habe ich auch gesehen, wie sie zu dem Ringe gekommen ist – –«

Und Schnee erzählte, wie sie es im Spiegel zu Territet gesehen. Sie schwiegen alle drei, als sie geendet, aber sie wußte, daß sie ihr glaubten. Sie las das in den Augen Hans-Georgs, die sie ansahen mit einem ganz eignen Ausdruck, in dem eine unbeschreibliche Liebe die erste Stelle einnahm, sie las es in dem Blicke des Fürsten, der sinnend und voll auf sie gerichtet war, und als sie ihre Augen auf die Fürstin richtete, sah sie in deren Augen wohl eine Scheu, wie eine leise Furcht, aber keinen Zweifel.

»Ich weiß nicht, warum ich das alles erzähle«, schloß Schnee ihren Bericht. »Ich hatte nicht vor, darüber zu sprechen, denn es ist doch sehr schwer, so etwas zu glauben, und ich hätte es nicht vertragen, darüber ausgelacht zu werden. Vielleicht habe ich auch nur geträumt. Das ist wohl möglich, vielleicht sogar ganz gewiß, aber dann waren es doch auch sehr seltsame Träume, nicht?«

»Sicher sehr seltsam«, nickte der Fürst. »Traum oder Vision – wer weiß, wo der eine endet und die andere beginnt? Hat Ihr Vater jemals Gesichte in dem Lichte des Steines gesehen?«

»Ich weiß es nicht. Er hat nie darüber etwas gesagt.«

Nach kurzem Nachdenken nahm der Fürst den Vortrag des Manuskriptes wieder auf und las es in einem Zuge zu Ende. Nach dem letzten Worte rollte er es zusammen und schob die Blätter in die Blechkapsel zurück. Ohne Kommentar. Und die anderen schwiegen auch. Schnee sah vor sich hin und drehte den Ring auf ihrem Finger hin und her. Dann stand sie auf und trat vor den Fürsten hin.

»Was hätten Sie zu meinem Vater gesagt, wenn er mit diesen Blättern zu Ihnen gekommen wäre?« fragte sie leise.

»Was hätte ich ihm sagen sollen?« erwiderte der Fürst ruhig und gütig. »Der Mensch hängt an der Scholle, die er von seinen Vätern ererbt hat. Vielleicht wäre ich auch ohne Ihre vermittelnde Persönlichkeit moralisch nicht so fest überzeugt gewesen von der Wahrheit, die in diesen Aufzeichnungen verborgen ist. Verborgen, sage ich, denn das Licht des Beweises fehlt. Aber ich hätte Ihrem Vater zweifellos anheimgegeben, diese Beweise zu führen und den Weg des Rechtes für seine Ansprüche zu betreten. Er wie seine Vorfahren haben gewußt, daß dieser Weg ein aussichtsloser war. Aber die Wege der Vorsehung sind andere als die der Menschen, sie hat Ihre Pfade mit denen Hans-Georgs gekreuzt, und die rechtmäßige Erbin von Seeburg wird von dem Ihrigen Besitz ergreifen an dem Tage, wo Sie mit meinem Sohne vor dem Traualtar stehen werden. So wird eine Frage gelöst, die durch Jahrhunderte auf dem Schicksal Ihrer Linie gelastet hat mit dem Bewußtsein, daß ihr ein bitteres Unrecht geschehen, daß ein Usurpator sie verdrängt. Nur, daß meine Väter nie geahnt haben können, daß sie das Legitimitätsprinzip verletzten. Ihr ›Ja‹ am Altar wird der Hauch der Versöhnung sein, mit dem die himmlische Gerechtigkeit diesen Abschnitt einer Familiengeschichte schließt, welcher der äußere Kampf um das Recht erspart blieb. Vielleicht wird an diesem Tage ein Kreuz von uns genommen, was wir insgeheim, ungesehen von den Augen der Welt, tragen. Und dann wäre mit Ihnen nicht allein die Liebe in die Seeburg eingezogen, sondern auch die Hoffnung auf eine lichte Zukunft und – und der Glaube, daß die ›Mühlen Gottes‹ in der Tat langsam mahlen, aber fein.«

Schnee streckte beide Hände aus und reichte sie impulsiv dem Fürsten hin, dabei aber fühlte sie sich von rückwärts umschlungen und die Fürstin drückte ihre Wange an die ihrer Schwiegertochter.

»Schnee von Seeburg«, sagte sie mit einem sehr hinreißenden Lächeln. »Ich hab' auf den ersten Blick die Rasse in dir erkannt. Mein albernes, stolzes Herz hat sich insgeheim gegen deinen ›kleinen Adel‹ aufgelehnt, jawohl, das hat es, und nur die Liebe zu Hans-Georg hat mich deinen Eintritt in unsern Kreis ertragen lassen. Mit bitteren Kämpfen. Hans-Georg konnte doch aber gar nicht anders wählen, als – ›ebenbürtig‹. Ich meine das im doppelten Sinne des Wortes. Ihr versteht mich, nicht wahr? Denn ob die Welt es verstehen wird im buchstäblichen Sinne, das glaube ich nicht, aber was tut's?«

»Die Welt wird es verstehen lernen, denn ich habe im Sinne, kein Geheimnis aus Schnees Abstammung zu machen«, fiel der Fürst ein. »Keine amtliche Erklärung, natürlich, denn dazu fehlen ja die Beweise, die urkundliche Beglaubigung dieser Blätter. Aber die ›wunderbare Geschichte‹ soll trotzdem durch die Zeitungen laufen; ich werde dafür sorgen. Und der Pfarrer soll am Altar die inhaltschwere Frage an ›Maria Schnee, Pfalzgräfin von Seeburg-Am See‹ richten.

»Vater, das macht dem Mute deiner persönlichen Überzeugung Ehre, aber – – ist es nötig?« fragte Hans-Georg. »Heißt es nicht vielleicht auch die Kritik, den Spott, und was weiß ich, herausfordern? Ich habe Schnees Augen bei deinen Worten aufleuchten sehen: die Rasse, die überhaupt sehr deutlich aus ihr redet, ist wohl damit voll und ganz erwacht. Aber sie wird sie auf meine Bitte sicherlich wieder zur Ruhe bringen. Sie denkt ja wie ich – wir fragen nicht nach der Meinung der Welt im Vollbesitze unseres inneren Bewußtseins. Du sagst selbst, hast es wiederholt, daß Beweise für Schnees Abstammung nicht zu erbringen sind. Ich habe auch nicht danach gefragt, als ich mein Herz an sie verlor. Und – ja, wie soll ich es denn ausdrücken? Und wenn der Uhrmacher Naundorf wirklich König Ludwig XVII. von Frankreich war, so hat es ihm doch nur den Spott der Welt eingetragen, als er sich so nannte, aber von dem Bewußtsein dessen, was er war, konnte sein bürgerlicher Name ihm kein Titelchen nehmen. Uhrmacher Naundorf, König von Frankreich, – das ist analog mit Fräulein von Seeburg, Pfalzgräfin von Seeburg. Dankbar wie ich dir bin für dein mutiges Eintreten für die Rechte meiner Braut, so kann ich darin nur eine dem Zeitgeist unnötig gemachte Opposition sehen. Ich möchte Schnee doch lieber als das heiraten, was sie bisher gewesen. Für mich ist sie – eine Königin.«

Der Fürst sah seinen Sohn an, dann Schnee, wechselte mit seiner Frau einen Blick und lächelte freundlich. »Und eine Königin soll sie dir fürs Leben bleiben, mein Junge«, sagte er ruhig und herzlich. »Aber das Leben, oder des Lebens Weisheit vielmehr, besteht darin, daß wir der Welt Konzessionen machen müssen. Laß mir meinen Willen. Und seine Ausgestaltung. Denk an – hm – an Joachim. Der Zeitgeist verträgt eine ganze Portion Opposition, wie du es nennst, ja, er verlangt sie bisweilen, als Würze für die trockene und reizlose Küche, in der er sich momentan gefällt. Wir reden schon noch darüber. Für heut müssen wir aber schließen, denn es ist spät und wir dürfen unsere Gäste nicht warten lassen.«

Als Hans-Georg seine Braut hinausgeführt hatte, sah der Fürst seine Frau an und lächelte.

»Hältst du mich für einen rechten Phantasten, Elisabeth?« fragte er. »Vielleicht bin ich einer. Aber laß es gut sein. Ich habe es reiflich überlegt. Mir sind diese Blätter, die Schnee mir gegeben, wie eine Offenbarung gewesen. Ich kann mir nicht helfen, ich muß fest an die Wahrheit der Niederschrift glauben und mit ihnen die Hoffnung fassen, daß ihre Einkehr in die Seeburg eine Vorbedeutung ist, für – für das Ende, das endliche Ende der Schnee, deren Namen als eine Erbschaft, als eine Mahnung, nicht zu vergessen, auf unseres Jungen Braut gekommen ist. Wir wollen es so machen, wie ich gesagt. Nicht allein als eine Konzession an unsere Kreise, sondern als – lach mich nicht aus, – als Sühne für die Erbin von Sonnenberg. Hans-Georgs Bedenken werden wir schon besiegen, um so mehr, als ich in den Augen seiner Braut die Freude und den Stolz ihrer Rasse aufleuchten sah. Sie wird ihm zuliebe zunächst auf seine Seite treten, aber glaube mir, sie fühlt sich nicht weniger Pfalzgräfin von Seeburg, als der Uhrmacher Naundorf sich König von Frankreich gefühlt haben muß, wenn er wirklich Ludwig XVI. Sohn war. Das nennt man Rasse, Elisabeth!«

»Vielleicht. Sagt ich's nicht schon, daß ich die Rasse in ihr sofort erkannte? Trotzdem, Johannes, wird es nicht ganz so leicht sein, die Welt, – die nächste Welt um uns herum vor allem – zu deiner, zu unserer Ansicht zu bekehren. Ich habe Gertrud heut nachmittag ins Gebet genommen – noch ist sie ja nicht mit Leib und Seele im feindlichen Lager, und wenn man den Franzl am richtigen Punkte faßt – – doch um das zu besprechen, ist jetzt nicht mehr die Zeit. Kommst du nach dem Diner zu mir herüber? Dann können wir die Sache ohne Hetz, wie der Franzl sagt, zunächst unter uns ins reine bringen. Nur noch ein Wort: es hat mich erschreckt, daß Schnee visionär veranlagt ist. Ich hätte dies bei dem kraftvollen, gesunden, so frisch ins Lebenden schauenden Mädchen nicht erwartet. Es ist krankhaft. Solche Naturen – ob sie dadurch nur bevorzugt sind oder nicht, gehen meist früh zugrunde. Wir müssen über ihr wachen, schon um unseres Jungen willen.«

»Wenn du das übernimmst, Elisabeth, dann wird sie wohlgeborgen sein. Aber ich finde nichts Krankhaftes an ihr. Sie ist nur reich begabt, geistig und körperlich in jeder Richtung bevorzugt. Ihre physische Veranlagung ist das beste und kräftigste Gegengewicht ihrer hochgespannten, seelischen Fähigkeiten. Es ist nicht das geringste Nervöse oder gar Hysterische an ihr.«

»Das ist wahr. Aber dennoch – doch da haben wir schon den Gong. Ich muß hinüber, um meinen Pflichten als Wirtin Marie-Luise gegenüber zu genügen – sie ist ein liebes, reizendes Wesen, diese leider bisher unbekannt gewesene Nichte. Ich bedaure, sie nicht früher gekannt zu haben und – und, wenn ich aufrichtig sein soll, ich bedaure es, daß ihre und Hans-Georgs Wege nicht zusammenführen konnten. Es hat eben nicht sein sollen. Aber schade ist es doch.«

»Der Fürst hatte Schnee ganz richtig beurteilt: der Same, den er in ihre Seele gestreut, war sofort aufgegangen, und wenn sie Hans-Georg ja auch viel zu sehr liebte, um seinen Wünschen nicht ihre eigenen unterzuordnen, so war doch das Bewußtsein dessen, was sie eigentlich und von Rechts wegen war, ein starkes Elixier, das ihr stolzes und ehrgeiziges Herz höher schlagen machte. Ihr schönster Reiz war ja das Unbewußte ihrer siegenden Persönlichkeit, ihre Natürlichkeit und der Zauber, der von ihrer reinen Seele ausging, doch daneben strebte sie zu den Höhen des Lebens als zu einem Punkte, dahin sie unbedingt gehörte. Nicht umsonst hatte ihr Vater ihr den Rat gegeben, die Blätter der Frau Katharina Schwarzin erst zu lesen, wenn sie älter geworden sein, wenn die Sturm- und Drangperiode ihres Daseins sich zu ruhigeren Anschauungen geklärt haben würde. Es war alles anders gekommen, wie er, wie sie selbst gedacht, und die Stunde im Arbeitszimmer ihres künftigen Schwiegervaters hatte alles Unsichere von ihr gestreift; sie fühlte sich auf der Höhe angelangt, an deren Fuß sie eben erst gestanden. Aber was andere Naturen schwindlig gemacht hätte, verwirrt, arrogant, das gab ihr Sicherheit, die ruhige, souveräne Sicherheit der großen Dame, die fern von jeder Überhebung ist und auf dem festen Boden des Bewußtseins steht, daß sie ein Recht hat auf den Platz, den sie im Leben einnimmt.

Diese jähe Wandlung machte sie heiter, harmloser noch als sie von Natur schon war, und das half ihr, die schwüle Stimmung, die wieder über der Tafelrunde lag, gewissermaßen zu überflügeln. Der unfehlbare Takt des Legationsrates von Husum unterstützte sie dabei sehr; was sie wirklich, erhoben und wie durch einen Zaubertrank belebt, nicht so sehr fühlte, worüber sie in ihrer glorreichen Stimmung fast achtlos vorüberging, das bemerkte er nur zu gut und seiner Gewandtheit war es nicht zum mindesten zu danken, daß aus der Mahlzeit nicht ein Traueressen wurde. Tante Murr, die sich anfangs über den mürrisch-verstockten Joachim mit seiner ostentativ zur Schau getragenen Zurückhaltung wütend geärgert hatte, widerstand nicht lange den anscheinend ganz harmlosen Versuchen Husums, die Lage über Wasser zu halten, und wenn ihre Beteiligung an der Unterhaltung auch nicht ganz frei war von gröblichen Ausfällen auf die »Spaßverderber«, so war sie doch wenigstens für Schnee, die daran noch nicht gewöhnt war, sehr divertierend. Der Nächste, der aus seiner Reserve heraustrat, war der Franzl, der es nie im Leben lange ausgehalten hatte, »zu muckschen« und lieber eine Gardinenpredigt riskierte, als auf seine eigene Gesellschaft angewiesen zu bleiben, »was«, wie Tante Murr ihm zugestand, »seine beste Eigenschaft war, sintemalen diese geflohene Gesellschaft auch zu niederträchtig langweilig und dumm wäre.«

»In mir brüten schändliche Pläne von Flucht, beziehungsweise Ausreißen«, gestand nach dem Diner der Legationsrat seiner Braut. »Was ist denn über diese Leute hier gekommen?«

»Schnee ist über sie gekommen«, entgegnete Marie-Luise seufzend. »Ich hab' es voraus gewußt, daß es Stürme geben würde, aber Hans-Georg hat ja nicht auf mich gehört.«

»Darin kann ich ihm nun nicht unrecht geben. Wer hört denn in diesem Falle auf des Warners Stimme? Joachim ist natürlich der Rädelsführer, das sieht ein Blinder. Aber ich fürchte, er wird sich damit ein Loch in den Kopf rennen, denn der Fürst steht doch wohl auf Hans-Georgs Seite. Es wird sich ja alles klären, und wir werden eine sehr vergnügte Hochzeit feiern, aber bis es so weit ist, finde ich die Seeburg reichlich ungemütlich. Wie denkst du über Rußland?«

»Mitgefangen, mitgehangen, Harold; Ich werde Schnee nicht im Stiche lassen. Wie findest du sie?«

»Ich finde sie sehr schön und halte sie für hochbegabt. Sie wird ihre Stellung schon ausfüllen – wenn sie dazukommt.«

»Harold! Wie meinst du das? Fürchtest du, sie werden es dahin bringen, daß Hans-Georg sie aufgibt?«

»Hans-Georg hat noch nie etwas aufgegeben, Liebste, was er sich vorgenommen, was er für recht hält, wo er mit Leib und Seele dabei ist und – last not least – mit seiner Ehre. Joachim kann Intrigen spinnen und wird es auch, soweit ich ihn kenne, aber Hans-Georg wird er damit auch nicht um einen Zoll breit von seinem Wege abbringen.«

»Nun also –«

»Es war eine Redensart. Ich hätte sie nicht sagen sollen –«

»Aber wer A sagt, muß auch B sagen. Ich habe ein Recht dazu, dies B zu hören, denn Schnee liegt mir viel zu sehr am Herzen, als daß ich darüber hinweggehen könnte.«

»Ich weiß, du bist treu und standhaft. Gut denn. Aber dies B zu sagen, wird mir nicht leicht, weil es das Eingeständnis einer – nun ja, einer Schwäche ist. Ich habe mich gestern ganz törichterweise, ganz gegen meine Vorsätze, wieder einmal verleiten lassen, den Chiromanten zu spielen und in der Hand deiner Freundin gelesen. Du weißt, ich habe diese Kunst in Indien gelernt, wo die Leute noch ein oder zwei Dinge mehr wissen, wie wir im Abendlande. Ich habe mir oft vorgenommen, es nicht mehr zu tun, denn wenn ich ja den Leuten auch grundsätzlich nie sage, was ich Unvorteilhaftes für oder über sie in den Linien ihrer Hand lese, die für mich so deutlich sind, wie ein gut gedrucktes Buch, so habe ich selbst dabei doch oft ein Unbehagen mit mir genommen, eine zerstörte Illusion, ein unsagbar trauriges Gefühl, das ich lange, lange nicht mehr loswerden konnte, mich auf der Hut sein ließ und mir die Harmlosigkeit des Verkehrs genommen hat. Die Linien in der Hand deiner Freundin haben mir nur sehr schöne Eigenschaften des Geistes und des Herzens von ihr enthüllt – viel Ehrgeiz auch, aber nicht von der Sorte, die über die Köpfe anderer auf ihr Ziel zustrebt –«

»Und –«

»Kein ›Und‹, Marie-Lu! Keine Zukunft.«

»Harold!«

»Ich gebe der Sache keinen Namen, schon weil ich mich nie für einen Adepten der Kunst gehalten habe. Nur einmal in meinem Leben zuvor habe ich dieses Zeichen in der Hand eines Menschen gefunden. Nur einmal. Laß mich darüber schweigen.«

Und Marie-Luise schwieg auch, aber sie war beunruhigt. Keine Zukunft! Was sollte das heißen? Sie hatten zusammen draußen auf der Terrasse gestanden und wurden nun hineingerufen, weil Tante Murr verlangte, daß Herr von Husum die Charaktere entziffern sollte, die auf dem Smaragd von Schnees Ring eingraviert waren. Sie standen alle um einen runden Tisch und selbst Joachim hatte sich herbeigelassen, den Ring einer näheren Besichtigung zu unterziehen. Er war Kenner in solchen Sachen und besaß eine archäologische Bildung, von der Hans-Georg nicht die entfernteste Ahnung hatte. Für ihn waren die Kunstschätze der Seeburg sehr schöne alte Sachen, und damit endete sein Verständnis dafür, aber Joachim wußte alles genau zu schätzen und täuschte sich selten in der Bestimmung des Alters, des Wertes und der nationalen Zugehörigkeit eines Gegenstandes.

»Orientalische Arbeit aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert«, hatte er entschieden. »Wahrscheinlich Indien Ursprungsland. Dafür spricht auch die Verwendung eines Smaragden, der dort heut noch für einen heiligen Stein gilt, dem übernatürliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Das hat auch Plinius behauptet, besonders soll nach ihm der Smaragd heilende Wirkung für die Augen besitzen. Es gibt sehr wenig gravierte Smaragden, denn der Stein eignet sich dazu nur, wenn er ganz tadellos ist. Und es gibt nur wenig Smaragden, die keine Wolke, keinen Flecken aufweisen. Besonders große Steine. Dieser hier ist ohne Fehler und daher auch von großem Werte. Es ist zweifellos der Ring, den unsere Ahne, die Pfalzgräfin Schnee, drüben auf dem Bilde von Tizian in der Hand hält. Ich glaube nicht, daß es einen zweiten solchen Ring gibt, je gegeben hat. Schade, daß er aus unserer Familie gekommen ist.«

»Er ist schon auf der Schwelle unseres Hauses und wird bald wieder ganz hereintreten«, sagte die Fürstin sanft, aber betont. Joachim zuckte mit den Achseln.

»Man müßte auf alle Fälle trachten, ihn für das Allod zurückzuerwerben«, sagte er nachlässig.

»Das tu ich ja eben – samt seiner Besitzerin«, sagte Hans-Georg ruhig wie immer, aber es lag doch in seinem Ton eine Warnung, die vielleicht nur das feine Ohr der Fürstin heraushörte.

»Ich gäbe, ich weiß nicht was darum, wenn ich den Ring mein nennen könnte«, gestand Gräfin Lilian. »Ich habe eine Leidenschaft für alte Ringe, und für Smaragden. Ein gravierter Smaragd ist der Traum meines Lebens.«

»Nun, versuche es doch, ob Fräulein von Seeburg dir den Ring abläßt. Jedes Ding und jeder Mensch hat seinen Preis. Fräulein von Seeburg wird ja wohl auch den ihrigen haben«, ermunterte Joachim das Verlangen seiner Frau, die darüber wie mit Blut begossen ward. Franzl sagte zum Überfluß ganz laut: »Donnerwetter;« und die Fürstin warf einen angstvollen Blick auf ihren ältesten Sohn, doch der steckte die Hände in die Hosentaschen, sah seinen Bruder an und meinte kaltblütig:

»Ja, es beurteilt eben jeder die Menschen nach sich selbst –«

»Nachtigall, ich hör' dich trapsen«, fiel Tante Murr ein, indem sie ihren jüngeren Neffen auf die Schulter schlug, daß er sich darunter bog. »Nun rück aber mal mit der Adresse von deinem Rotschild raus. Haste gehört, mein Herzel, mein altes?«

Inzwischen hatte Herr von Husum durch eine herbeigebrachte Lupe den Ring betrachtet und beeilte sich nun mit dem Resultat seiner Untersuchung, die sich zuspitzende Situation wieder normal zu machen. Schnee hatte nicht ein Wort gesagt, wie es auch eigentlich ganz natürlich war; sie hatte nur mit ihren großen schwarzen Augen erstaunt ihren künftigen Schwager angesehen, und war es nun Tante Murrs Schlag oder dieser Blick, genug, es flog ein leichtes Rot über das Gesicht Joachims, und er wandte seine Augen ab.

»Es ist, wie ich bereits gestern vermutete, Sanskrit, in dem diese Gravierung besteht«, sagte Herr von Husum so sachlich gelassen, als ob er keine Schwerter durch die Reden klirren gehört hätte. »Der Sinn der Gravierung läßt sich annähernd auf Deutsch so wiedergeben: Sehend wird durch mich, wer reinen Herzens ist.«

»Ah –«, machte die Fürstin und ihre Augen trafen sich mit denen Schnees, die den Ring dann mit einem Danke für den Legationsrat wieder an ihren Finger steckte.

»Nicht wahr«, sagte sie, als der Kreis für die Nacht auseinanderging, zu Gräfin Lilian. »Nicht wahr, Sie verstehen es, daß ich diesen Ring nicht fortgeben kann?«

»Ich würde es nicht verstehen, wenn Sie nur an die Möglichkeit dazu denken könnten«, versicherte die Engländerin so warm, wie es ihr möglich war, sich zu geben. »Ein Erbstück weggeben, fancy! Ich schäme mich, daß mein Mann es überhaupt vorschlagen konnte. Er hat es aber sicher nicht ernst gemeint.«

»Nein, er hat es sicher nicht ernst gemeint«, wiederholte Schnee großmütig, aber dabei wollte ihr der Verdacht, als ob es doch anders gemeint gewesen wäre, nicht recht zur Ruhe kommen.

An Tante Murrs Arm ging sie dann durch den Garten ihrer Behausung zu und hatte unterwegs die Erbauung, diese ihre neue Freundin herzerhebend auf ihren jüngeren Neffen schimpfen zu hören. Schließlich erhielt sie noch den guten Rat: »Dem arroganten Patron höllisch übers Maul zu fahren, wenn er ihr mit Redensarten käme. Das wäre das einzige Mittel, um mit Joachim zu einem Kompromiß zu kommen, denn bekanntlich gäbe es viele Menschen, die erst dann traktabel würden und genießbar, wenn man sie unterm Hunde behandelte und ihnen die Zähne zeigte. Joachim gehöre zu der Sorte.«

Schnee fand auch diese Nacht, daß Königskammern nicht gleichbedeutend mit Ruhespendern sind, denn sie konnte, trotz verschlossener Türen, absolut nicht schlafen. Das war aber eigentlich natürlich, nach alldem, was sie heute erlebt, wovon ihr der Kopf wirbelte. Und daneben fühlte sie sich vage beunruhigt, – durch was? Von der versteckten, feindlichen Haltung von Hans-Georgs Geschwistern? Kaum; sie dachte daran nur vorübergehend, wie an etwas, das einen nur gestreift, aber nicht verletzt hat, weil es einem als Möglichkeit gar nicht zum Bewußtsein gekommen ist.

Auch im Bette wollte sie keine rechte Ruhe finden, denn wohl zehnmal sprang sie heraus, lief ans offene Fenster und sah hinab, wie die Wellen des Sees sich hart unter ihr am Felsen brachen, auf den dieser Teil des Schlosses gebaut war und darauf über dem Wasser zu hängen schien. Der Himmel war noch ganz verhängt, kein Stern schien, der Mond trat nur hin und wieder hinter zerrissenem Gewölk hervor und warf zitternde Lichtstreifen auf das schwarze, raunende Wasser.

Auch das Licht, das der Smaragd unbeirrt mit sanftem, wogendem Scheine ausstrahlte, wollte sie nicht beruhigen, denn selbst wenn sie sich zwang, unverwandt das freundliche grüne Licht anzusehen, so ertappte sie sich dabei doch darauf, daß sie angestrengt, atemlos, mit Anspannung aller Nerven lauschte – worauf? Es war ja alles still, kein Fußtritt war zu hören, nichts, gar nichts. Nur das Gurgeln und Murmeln des Wassers, wenn es gegen den Felsen schlug, und manchmal knisterte und knackte es leis im Holze der Dielen, der Täfelungen, der Möbel – –

Schnee machte zuletzt Licht und versuchte durch »eine Reise um ihr Zimmer« ihre Gedanken zu beruhigen und einzuschläfern. Man hatte eine ganze Masse Dinge zu sehen, zu betrachten, bis man rund herum alles gesehen, alles betrachtet hatte. Mit der Tür, ihrem Bett gegenüber, die nach dem Korridor hinausging, fing sie an. Eine schwere, eichengeschnitzte, eingelegte Tür mit einem Flügel, der nach innen aufging in einem Rahmen, der so tief war, wie die Türe breit. Was waren das für Mauern, daß man einen solchen Türrahmen hineinstellen konnte; Mauern für die Ewigkeit! Schnee kam von dieser Türe gar nicht los, weil sie so schön war, glatt, glänzend, herrlich paneeliert, ein Schreinerkunstwerk, dem eine Künstlerhand den geschnitzten Aufsatz gegeben. Schnee kam der Gedanke, ob diese tiefe, tiefe Türnische nicht Wandschränke enthalten könnte; sie hatte diese Ausnützung des Raumes einmal in einem Bauernhause gesehen, in dem sie mit ihrem Vater während einer Sommerfrische wegen Überfüllung des Hotels einquartiert war, und in diesen Wandschränken innerhalb des Türrahmens ihre Kleider und sonstigen Effekten aufbewahrt hatte. Sie nahm sich vor, morgen früh nachzusehen, ob nicht auch hier die gleiche Raumverwendung statthatte. Und während sie von ihrem Bette aus ihre Blicke auf die Tür geheftet hielt, fühlte sie, wie es sich schwer auf ihre Augen legte, wie wenn der Schlaf nun endlich kommen wollte. Müde schloß sie die Augen für eine Weile, öffnete sie nochmals und – saß im nächsten Augenblicke, wach wie nie zuvor, mit wild klopfendem Herzen auf in ihrem Bette, denn sie hatte deutlich gesehen, wie die blitzende Messingklinke der Tür sich bewegt hatte, heruntergedrückt von der andern, der Korridorseite. Freilich, das Schloß war ja von innen zugeschlossen, aber dennoch – von selbst geht doch die Klinke nicht herunter, wenn nicht jemand sie drückt, herein will. In der Nacht hört man zehnmal schärfer wie bei Tage und durch die lauten Schläge ihres Herzens durch hörte Schnee es auch draußen, vor ihrer Tür, rascheln und knistern, sie hörte, wie eine Hand unsicher über die Füllungen tastete. Dann sah sie, wie die Klinke abermals herabgedrückt wurde, diesmal mit einem kräftigeren Drucke, sie hörte einen Ausruf von einer unirdischen Stimme wie aus weiter, weiter Ferne, dann ging eine Tür, schnelle, eilige Schritte kamen näher –

»Wer ist da?« rief Schnee, wie sie dachte, überlaut, aber es kam nur heiser, wie erstickt über ihre Lippen, weil die wilden Schläge ihres Herzens ihr die Stimme erstickten. Und draußen erklang es wie ein Schrei, ein zorniger, schrecklicher Schrei und ein Schlag wurde gegen die Tür geführt –

»Wer ist da?« rief Schnee noch einmal, aber diesmal lauter, deutlicher. Niemand antwortete, – das Rascheln, Knistern und Rauschen entfernte sich wie die Schritte und dann war alles still – –

Nach einer Weile brachte es Schnee über sich, aufzustehen, an die Tür zu schlüpfen und, das Ohr am Schlosse, hinauszuhorchen. Nichts, kein Laut, – leis drehte sie den Schlüssel im Schlosse um, vorsichtig machte sie die Tür auf und sah hinaus – in der Ampel mit den roten Scheiben brannte das Licht und erleuchtete den teppichbelegten Gang hinreichend, um jeden Gegenstand zu erkennen –

»Hab' ich am Ende geschlafen und die ganze Sache nur geträumt?« fragte Schnee sich zweifelnd und lugte noch einmal um den Türspalt herum, durch den sie den Kopf gesteckt, und dabei sah sie etwas Weißes an der äußeren Klinke hängen: ein Stückchen Spitze, losgerissen, als wie wenn man mit dem Ärmel hängengeblieben ist und sich nicht die Mühe genommen hat, ihn vorsichtig abzulösen. Sie streifte das zarte Gewebe von der Klinke ab und dabei sah sie vor sich auf dem Boden etwas blitzen, und es aufhebend fand sie, daß es ein Schmuckgegenstand war, mit Steinen besetzt.

Leise und vorsichtig ihre Tür wieder schließend, kehrte sie mit ihren Trophäen in ihr Zimmer zurück; den Fetzen Spitze erkannte sie als Nadelarbeit von großem Werte; achtlos herausgerissen aus einer Brüsseler Spitze von feenhafter Feinheit, von der Farbe alten Elfenbeins, Zeuge eines Alters, das dem Wunderwerke menschlichen Fleißes einen unschätzbaren Wert gab. Der Schmuckgegenstand war eine goldene Nadel mit einer agraffenartigen, durch eine Feder zurückklappbaren Spange darüber, die reich mit Diamanten besetzt war. Schnee erinnerte sich, solchen Schmuck auf alten Bildern abgebildet gesehen zu haben als Verzierung oder Befestigung von Schleifen. Wer hatte diesen alten Schmuck hier, vor ihrer Tür verloren? Er wie die Spitze deuteten auf ein weibliches Wesen – ja, hatte das denn nächtlicherweile zu ihr hereingewollt und dabei diesen Nestelstift verloren und die Spitze an seinem Kleide zerrissen? Schnee beschloß, nur den Fund der Nadel abzuliefern, dabei aber nachzuforschen, wer im Hause solche Spitzen trug – Eins war sicher: es war ein lebendes Wesen, das an ihrer Tür war, und wenn es noch einmal kam, ihre nächtliche Ruhe zu stören, so würde sie, Schnee, lieber auf die Königskammern verzichten, sich lieber auslachen lassen, weil die Romantik alter Schlösser sie als Hasenfuß entlarvte, und darum bitten, daß man sie in Marie-Luisens Nähe einquartiere.

Und mit dieser Resolution schlief sie ein, war aber so früh wieder wach, daß sie sicher war, noch alles schlafend auf der Seeburg zu finden, wenn sie jetzt schon aufstünde. Aber es half nichts; sie tat es doch und bald trat sie hinaus auf den Korridor, in dem sie nun während der beiden Nächte, die sie auf der Seeburg zugebracht, so rätselhafte, beunruhigende Geräusche gehört. Der helle, lichte Sommermorgen, der durch die tiefliegenden Fenster hereinblickte, nahm siegreich jede Spur des Unheimlichen wieder fort, und kritisch sah Schnee sich auf der Schwelle ihres Zimmers um und beriet mit sich, ob sie ohne etwas zu sagen nur einfach ihren Fund abliefern sollte. Der Fürst freilich hatte ihr selbst zum Verschließen ihrer Tür geraten, aber andererseits – –

Richtig, sie wollte ja sehen, ob Wandschränke innerhalb der Türnische angebracht waren. Ritzen waren wohl da in der Vertäfelung, aber kein Schloß, kein Knopf als Handgriff wie in dem Berner Bauernhause. Von außen, im Korridor, waren rechts und links von der Tür hohe, schmale, eingelegte Holzpaneele, die bis zur Decke reichten, während die anschließende Vertäfelung sich nur bis etwa auf Brusthöhe fortsetzte. Schnee klopfte auf diese glattpolierten Paneele, die beide hohl klangen, und es kam ihr der Gedanke, daß sie vielleicht Türen zu Wandschränken wären. Vor beiden standen zwar hohe, schwere, lederbezogene Lehnstühle, aber, wer weiß? Sie schob den zur Linken zur Seite und entdeckte einen hölzernen Knopf, an dem sie ohne Erfolg zog; dann stieß sie ihn seitwärts nach links, und siehe da, das Paneel rollte in die Wand zurück und Schnee sah in einen Hohlraum, gerade groß genug, um Platz für einen Menschen zu geben, und in dem Raume stand ein ganzes Arsenal an Besen, Staubwedeln, Möbelklopfern und Kehrschippen.

»Hab' ich mir's nicht gedacht?« fragte sie triumphierend, und nachdem sie das Gelaß wieder geschlossen, untersuchte sie auch die andere Seite, die genau ebenso konstruiert war, nur mit dem Unterschied, daß dieser Raum leer war.

Diese Entdeckung auf eigne Faust machte ihr Lust nach weiteren Explorationen und um die Ecke unter der roten Ampel biegend, reizte die von der andern Seite verhängte Glastür ihre Neugier. Ein Versuch belehrte sie, daß die Tür unverschlossen war, und da sie wußte, daß man von hier aus in die ältesten Schloßteile, bis in die Pfalz gelangen konnte, so bekam sie Lust, eine kleine Entdeckungsreise dahin zu machen. Hans-Georg hatte ihr ja auch gesagt, sie möchte immerhin ihrer Passion frönen und nur zusehen, daß sie sich nicht verirrte. Aber sie vertraute damit ihrem Ortssinn, mit dem sie behauptete, selbst aus dem Labyrinth wieder zurückzufinden, ohne dazu Madame Ariadne um ihren berühmten Bindfaden bemühen zu brauchen. Die Räume, durch die sie hinter der Glastür zunächst schritt, waren nicht eben gemütlich, weil sie zu sehr den Eindruck des Unbewohntseins trugen, aber sie waren möbliert, Bilder hingen an den Wänden – (»Himmlischer Vater, was haben sie hier auf der Seeburg für Möbel und Sachen. Damit könnten sie ja ich weiß nicht wieviel Magazine ausstatten!«) und Teppiche lagen auf dem Boden; Teppiche sogar auf den breiten Türschwellen. Wozu Teppiche in diesen unbewohnten Zimmern? Damit die Leute, die hier nachzusehen und Ordnung zu halten hatten, sich ja nicht die Sohlen ihrer Schuhe abnutzten?

Dann kam eine offenstehende, schwere, beschlagene Tür, und Schnee wußte, daß sie nun in der Pfalz war. Sie sah herab in den riesigen, viereckigen Hof mit der Zisterne in der Mitte – dort, das waren Stalltüren, jene mußten Remisen sein, und unter den säulengetragenen Loggien lagen dermaleinst sicherlich die Wachtstuben. Und alles, alles war unheimlich still; nicht wie in Dornröschens Schloß, wo die Luft in den Kletterrosen flüsterte und spielte und die Vögel sangen und die Bienen summten, sondern wie in einer Gruft. Das Schweigen des Todes lag über der Pfalz am See.

Mit einem leisen Schauer wandte Schnee sich ab, und der Kopf einer schmalen, dunklen Wendeltreppe links am Eingange fesselte zunächst ihre Aufmerksamkeit. Vorsichtig begann sie hinabzusteigen, aber die Windungen, die kein Ende nehmen wollten, reizten sie, dem Ziel dieser Treppe auf die Spur zu kommen; irgendwohin mußte sie doch führen. Doch sie endete in einem schmalen, dunklen Gange, in den durch schießschartenartige Einschnitte in der Mauer ein spärliches Licht fiel, und das ganz nahe Geräusch des am Felsen brandenden Wassers belehrte Schnee, daß sie sich auf der Seeseite befand, oder wenigstens ganz nahe befinden mußte. Ein Knie, das der Gang alsbald machte, brachte sie erst auf die eigentliche Wasserseite, wie sie an dem helleren Licht erkannte, doch gleichzeitig lief es ihr siedendheiß durch die Glieder und gleich darauf wieder eisig kalt, denn sie hatte den Gang erkannt, den sie in dem Lichtschein ihres Ringes gesehen, der Gang, in welchem die Frau im weißen Kleide und schwarzen Schleier den Ring verloren, denselben Ring, den der rotblondlockige Knabe, ihr Ahnherr, gefunden, den sie eben jetzt am Finger trug!

Das erste Gefühl Schnees bei diesem Wiedererkennen war eine sinnlose Angst und umgehende, schleunige Flucht. Aber im nächsten Augenblicke lachte sie sich selbst deswegen aus, und das Verlangen, die Stelle zu sehen, wohin der Ring gerollt, wurde so groß in ihr, daß es jeden Rest von Furcht erstickte, und leise, als ob jemand sie hier hören könnte, glitt sie vorwärts. Wahrhaftig, hier war noch der Nagel, eigentlich mehr ein eiserner Kloben, der aus der Mauer ragte, an dem in dem Bilde, das sie gesehen, der Schleier hängengeblieben war, und zwei Schritte weiter klaffte in der Mauer der Spalt, in den der Ring gerollt war, als er der Dame, der Pfalzgräfin Schnee, vom Finger gefallen. Wie im Traume sah Schnee auf diesen Spalt in der Mauer herab – wie hatte die Pfalzgräfin den Ring darin nur nicht liegen sehen können? Und wie im Traume ging Schnee den Gang dann weiter: er endete in einem runden Raume, der wohl im Turme lag. Es war nichts darin zu erkennen – ob hier wohl die berüchtigten Oublietten lagen? Schnee kehrte auf der Schwelle wieder um, als ob sich hier schon der tückische Boden öffnen könnte, und mit einem Male war's vorbei mit ihrem Mute: wie gejagt raste sie den Gang entlang zurück, um die Ecke herum, die Treppe hinauf, als ob etwas, jemand sie verfolgte, und erst, als sie wieder oben stand vor der Tür, welche die Pfalz mit dem Schlosse verband, atemlos, keuchend von dem wahnsinnigen Lauf, an allen Gliedern zitternd, da kam sie zur Besinnung, und sie setzte sich auf eine hölzerne Bank neben dem Treppenkopf und besann sich.

»Hans-Georg wird sagen, das kommt vom Vorwitz«, dachte sie, immer noch zitternd. »Auf meiner nächsten Expedition werde ich ihn mitnehmen. Er ist so groß und hat so breite Schultern und es ist so gemütlich, wo er ist. Sogar den Gang unten wird er gemütlich machen, glaube ich. Wenn man so mutterseelenallein ist, gehen einem Forschungsreisen in alten, unbewohnten Schlössern doch reichlich auf die Nerven. Man weiß nie, was um die Ecke biegt – – Ich glaube, ich gehe jetzt wieder hinaus. Nur einen Blick will ich noch um die Ecke rechts werfen. Hier liegen wieder Teppiche, und links liegen keine –«

Sie stand mit dieser Bemerkung auf von ihrer Bank, wieder ganz sie selbst, denn die sinnlose Angst war verflogen, und nur das Gefühl des tastenden Schweigens ringsum war's, das ihr kalt machte. Sie wandte sich nach kurzem Zögern nach rechts, wo der Gang teppichbelegt war und versuchte einige Türen, aber ohne Erfolg, denn sie waren sämtlich verschlossen. Zum Überfluß bog sie auch noch um die nächste Ecke und stand starr wie eine Salzsäule, denn auf wenig Schritte nur befand sie sich einer Gestalt gegenüber, die mitten im Gange stand, einer Gestalt im langschleppenden weißen Kleide, in einem schwarzen Schleier, der in einer tiefen Schneppe über die Stirne hing, einer Gestalt mit einem fleischlosen, totenkopfähnlichen, elfenbeinweißen Gesichte, in dem ein Paar Augen flammten – Augen –

Schnee sah nur noch, daß die Gestalt einen Gegenstand in der Hand hielt wie eine lange, spitze Nadel, oder wie einen Brieföffner – sie wußte nicht was, sie fühlte nur diese schrecklichen Augen auf sich brennen und hörte, wie eine Stimme aus weiter Ferne einen Namen rief, und zum zweiten Male, seitdem sie sich in der Pfalz befand, wandte sie sich zu einer Flucht, von deren Schnelle sie selbst keine Ahnung hatte, zu einer Flucht, auf der sie erst einhielt, als sie unten in dem Hofe stand, der hinaus in den Park führte. Hier sank sie auf die Stufen nieder, die unter der glasgedeckten Einfahrt zu den Königskammern hinaufführten, und ein Gefühl wie eine Ohnmacht kam über sie. Sie hatte einen Geist gesehen, am hellen Tage einen Geist gesehen! Nicht zehn Pferde würden sie mehr allein in die Pfalz bringen können! Sie hatte es nie für möglich gehalten, daß man wirklich Geister sehen könnte, nie! Es brauste in ihren Ohren, die Gedanken rasten und wirbelten durch ihren Kopf, und ein unwiderstehliches Verlangen, laut zu schreien, kam über sie. War das der Mut, von dem sie selbst bisher so fest überzeugt gewesen? Ein Stalljunge, der draußen an dem Hofe vorüberging, brachte sie zu sich, die unmittelbare Nähe eines Menschen gab ihr die Kraft zurück, und das Gefühl, daß sie hier nicht schreien, keine Szene machen durfte, das instinktive und anerzogene Gefühl der Schicklichkeit half ihr, sich vollends zu fassen. Noch eine gewaltsame, moralische Anstrengung, ein Aufbieten aller oft geübten Selbstbeherrschung, und sie ging über den Hof hinaus ins Freie, blaß noch bis an die Lippen zwar, kalt bis ins innerste Mark, aber äußerlich gefaßt. Vom südlichen Ende des Schlosses her sah sie drei Gestalten langsam dahergeschlendert kommen: Hans-Georg mit Marie-Luise und dem Legationsrat; er hatte sie wohl getroffen, als sie zu einer Morgenpromenade sich zusammenfanden. Schon von weitem winkten sie ihr zu und bald waren sie beisammen. Marie-Luise sah zuerst, daß etwas bei Schnee nicht in Ordnung war.

»Bist du krank, Liebe?« fragte sie besorgt.

Da ließ die furchtbare Nervenspannung nach und die Tränen stürzten aus Schnees Augen.

»Nichts, nichts, – ich habe nur schlecht geschlafen«, schluchzte sie, wütend über sich selbst, die »dummen« Tränen hastig trocknend und sie gewaltsam zurückdrängend.

»Tut mir den Gefallen und macht euch nichts draus? Ja? Die Luft wird mich gleich wieder auf den Damm bringen, und –«, fuhr sie sich überstürzend fort, »und seht mal, was ich vor meiner Tür gefunden habe – eine sonderbare Nadel! Wo ist das Fundbureau auf der Seeburg, damit ich das Ding abliefern kann?« »Ich glaube, verlorene Gegenstände werden hier ausgeklingelt«, meinte Herr von Husum harmlos, als hätte er Schnees Erregung gar nicht bemerkt. Vielleicht gehört das Ding der Gräfin Joachim; sie hat so vielen alten, interessanten Schmuck. Schöne Diamanten, nicht? So schleift man heutzutage nicht mehr, dächte ich.«

Hans-Georg zog Schnees Arm durch den seinen und die vier schlenderten langsam weiter, dem Walde zu. Er hatte den Nestelstift ruhig in seine Westentasche gesteckt und streichelte nun einmal leise die weiße, kräftige, aber ganz kalte und leise zitternde Hand, die auf seinem Arme lag.

»Also wieder schlecht geschlafen?« fragte er. »Vielleicht, wenn du die Zimmer wechseln würdest – der Empirebau liegt weiter ab vom See –«

»Gott behüte«, wehrte sich Schnee sofort. Nicht um die Welt hätte sie jetzt eingestehen wollen, daß sie für den Augenblick wenigstens genug hatte von alter Schloßromantik und »wonnigem Gruseln«. Es hat alles seine Grenzen, aber es lag ihr nur daran, Hans-Georg nicht zu ängstigen nach dem törichten Ausbruch, über den sie sich ganz fürchterlich ärgerte. Nichts ist aber heilsamer gegen Furcht und Überreizung, sowie gegen diverse andere Gefühle, als Ärger, besonders über sich selbst, und das machte, daß Schnee in kürzester Zeit wirklich wieder ganz sie selbst wurde und das Erlebte hinter ihr lag wie ein schwerer Traum, wie ein Alpdrücken, das nur noch leise in ihren urgesunden Nerven nachvibrierte.

Der Morgen war sonnenhell, aber schwül, die Luft schwer, mit Elektrizität geladen und machte müde; daher war man bald darüber einig, umzukehren. Um nicht denselben Weg zu machen, schlugen die vier einen Waldweg ein, der sie, am Empirebau mündend, wieder zur Seeburg zurückbringen sollte, einen schmalen, schattigen Weg, der durch dichtes Unterholz führte, hoch überwölbt von den Kronen der Eichen, Buchen und Lärchen, durch die das Sonnenlicht grüngoldig flimmerte, und die Seebrise raunte und wob, die Vögel sangen und zwitscherten. Irgendwo seitwärts murmelte und rauschte ein Waldbach über steiniges Geröll, und nach und nach verstummten die Stimmen der vier Menschen, um den Stimmen des Waldes zuzuhören. Die Waldstreu hatte den schmalen Weg, kaum »räumlich für zwei«, dick gepolstert, so daß man lautlos dahinschritt, und nur hier und da ein Zweiglein, ein dürres, knackte, wenn ein Fuß darüber hinschritt. Einmal erweiterte sich der Pfad zu einer kleinen Waldblöße, auf deren grünem Rasen es von Waldblumen duftete und blühte: Thymian und Gundermann, Ehrenpreis, Basilikum und Tausendgüldenkraut und wie sie alle heißen, aber durch die schwere Luft, die heut über den Bäumen brütete, schwebte der Duft des wilden Thymians, alle andern verdrängend – –

Eine alte, hohe Blutbuche nahm den breitesten Raum ein im Hintergrunde dieses kleinen Platzes, um den sich Hasel- und Brombeerbüsche einfassend drängten, und als sie ihn betrat, blieb Schnee wie angewurzelt stehen und sah mit großen, verträumten Augen darüber hin.

»Ein Waldeckchen, wie für einen Maler arrangiert«, meinte Herr von Husum. »Die ganze Poesie des Waldes ist über diesen Fleck Erde ausgegossen. Wenn ich träumen wollte, mich in ›Stimmung‹ bringen, bin ich immer hierhergegangen –«

Schnee wandte sich um und sah Marie-Luise an.

»Das ist der Platz – nur das vergoldete Gitter fehlt und das steinerne Kreuz – weißt du's noch?« fragte sie flüsternd.

»Was für einen Platz meinst du?« fiel Hans-Georg ein.

Schnee schüttelte mit dem Kopfe.

»Marie-Luise wird es dir sagen, – später. Heut noch nicht«, erwiderte sie leise.

Aber Marie-Luise, nach der Hans-Georg sich fragenden Blickes wendete, ging rasch, mit gesenktem Kopfe weiter; er konnte ihr Gesicht nicht sehen und auch nicht die Tränen, die heiß, unwiderstehlich, unaufhaltsam in ihre Augen geschossen waren. Die andern folgten ihr stumm, und ohne das Schweigen zu brechen, kamen die zwei Paare wieder am Schlosse an.

»Es ist eine unerträgliche Schwüle«, bemerkte Herr von Husum. »Das lastet auf dem Gemüt und macht die Stimmung schwer und traurig. Wenn die Hofnarren noch Mode wären – die möchten gut am Platze sein bei einem solchen Wetter.«

»Da hätten wir ja gleich einen«, meinte Hans-Georg trocken, indem er auf seinen Schwager zeigte, der unterm Ostportal des Empirebaues stand, die Hände in den Taschen, eine Zigarre im Munde und auf dem runden, gutmütigen Gesichte den Ausdruck widerstreitender Gefühle, denn der arme Franzl hatte einen riesigen moralischen Kater, weil er sich gestern abend von seinem Schwager Joachim hatte breitschlagen lassen, die Unterschrift seiner Frau gegenzuzeichnen unter dem »Protest der Seeburger Agnaten gegen die Anerkennung der Ebenbürtigkeit der beabsichtigten Ehe des Erbprinzen mit Fräulein Maria Schnee Seeburg.«

Es war spät gewesen, und der Franzl, müde und um nur den unermüdlich redenden, empörten nächsten Agnaten loszuwerden, hatte mit unterschrieben. Er hatte zwar nach dieser Anstrengung »wie a Sackl« geschlafen, aber als er heut früh aufwachte, war der Kater nachgekommen, und er hätte etwas darum gegeben, wenn er seine Unterschrift hätte zurücknehmen können. Denn erstens lebte er gern in Frieden mit den Menschen im allgemeinen, mit seinen Verwandten überhaupt und mit seinen Schwiegereltern im besonderen, und zweitens hielt er in Anbetracht dessen, daß Joachim zwei Buben und er selbst einen der reichsten Besitze hatte, die Anfechtung von seiner Seite für baren Unsinn, der ihn eigentlich gar nichts anging. Aber der Franzl hatte aus purer Bequemlichkeit schon manches »ausgefressen«, was ihn nachher bitter reute. Und dann stand er gehörig unter dem Pantoffel, daran war nichts zu deuteln oder zu beschönigen.

»Als anständiger Mensch muß man jetzt abreisen«, meditierte er unter dem Ostportal des Empirebaues. »Kruzitürken, – i kann doch net mei'm Schwiegervater seine Würschtl essen und seinen Wein trinken, wenn i gegen ihn prozessieren will? Teifelswerk, elendiges, das Prozessieren. Gar nix kommt dabei 'raus – 's Geld aus'm Watschker, ja, aber sonst nur Unfried. I mag kan Prozeß net! I mag net!«

Das Erscheinen der beiden Paare goß Öl auf die empörten Wogen von Franzls Gefühlen. Wenn er unter d' Leut kam, vergaß er gern und rasch seine Katerstimmungen, – ja, wenn er keine andern haben konnte und sein Klub in unerreichbaren Fernen lag, so nahm er sogar mit einem Familienkreise vorlieb. Nur nicht allein sein mit einem moralischen Kater! Er hätte jetzt sogar mit Enthusiasmus eine Einladung der Tante Murr zu einer Partie Pikett »um Pfeffernüsse« angenommen und sich von ihr für jeden Stich wie einen Schulbuben herunterputzen lassen; alles war besser, als das gräßliche Unbehagen über diese »verflixte Dummheit«. Denn sein gewöhnlicher Trost, »daß die Dummheiten ja dazu da sind, daß sie gemacht werden«, wollte heut gar nicht verfangen.

Zehn Minuten später saß er strahlend mit am Frühstückstisch, und weil doch Schnee ihn so sehr an sein Goldfüchserl erinnerte, vier- und zweibeinige Goldfüchse aber immer seine Leidenschaft gewesen waren – denn der Franzl hatte sonst gar keinen schlechten Geschmack, – so »schnitt« er seiner künftigen Schwägerin intensiv die Cour unbeschadet dessen, daß er ihre Anerkennung als ebenbürtiges Mitglied der Familie auf Grund des Gesetzes und des Rechtes bestreiten wollte, und er wäre sehr erstaunt gewesen, wenn ihm einer gesagt hätte, daß sein Benehmen »zum mindesten sonderbar wäre«.

Der Franzl hätte Schnee sonst gewiß einen Heidenspaß gemacht, aber heut wollte ihr das Lachen über seine drolligen Einfälle nicht recht von Herzen kommen. Sie war müde und beunruhigt und war froh, nach dem Frühstück in ihre Zimmer gehen zu können.

Hans-Georg verstand ganz gut, daß sie allein sein wollte für eine Weile; er hatte ja ihre Erregung gesehen, schrieb diese aber auf die Müdigkeit nach der schlechten Nacht und gab ihr den Rat, jetzt etwas zu schlafen. Er begleitete sie noch bis zum Eingang in den Hof, von dem sie zu den Königskammern hinaufgelangte.

»Sag mal, Hans-Georg«, sagte sie zögernd, nachdem sie sich schon dem Eingang zugewendet, »hast du schon einmal einen Namen gehört, der wie Florentine nicht klingt, aber so ähnlich –«

»Flordespina vielleicht? Ja, natürlich – so hieß ja unsere ›Hexe‹, deine Ahnfrau, Schnee, nach den Papieren der Frau Katharina Schwarzin.«

»Richtig! Ich konnte und konnte nicht daraufkommen, wo ich den Namen schon gehört«, murmelte Schnee. Sie hatte sich immerzu besonnen, was es für ein Name war, den die »Erscheinung« droben in der Pfalz ihr zugerufen hatte, oder den sie zu hören vermeint.

»Flor-de-Spina«, wiederholte sie, sich den Namen zerlegend. »Es klingt italienisch.«

»Die Mutter der ›Hexe‹ war eine Italienerin aus altem, langerloschenem Geschlechte. Das erklärt den fremdartigen Klang.«

Schnee ging nun hinein; im Hofe aber traf sie den Pfarrer, der aus seiner Wohnung herauskam. Sie wünschten sich herzlich guten Morgen, denn sie hatte den alten Herrn, den Hans-Georg so liebte und verehrte, gleich ins Herz geschlossen, und er erwiderte das Gefühl, denn wenn er sich auch vor voreiligen Urteilen hütete, so fühlte er instinktiv die Reinheit der Nähe Schnees und freute sich, daß sein Zögling diese Wahl getroffen.

»Schwüles Wetter, nicht?« fragte er. »Wenn's nur endlich gewittern wollte. Macht müde, diese Luft. Sie sehen auch angegriffen aus, liebes Kindchen.«

Schnee wäre dem alten Herrn am liebsten um den Hals gefallen, um an seinem Halse auszuweinen vor purer Müdigkeit und weil ihre Nerven nachgeben wollten. Vielleicht, wenn sie's getan hätte – aber man kann doch eben nicht alles tun, wozu man Lust hat. Sie lächelte nur freundlich und dankbar.

»Ich konnte heut nacht nicht schlafen. Und die vorige auch nicht«, gestand sie.

»Hat etwas Sie beunruhigt – oder gar erschreckt?« forschte er. »Ich – ich weiß nicht – sagen Sie, Herr Pfarrer, glauben Sie, daß man Geister sehen kann?«

»Ja, das glaube ich schon«, erwiderte der alte Herr mit einem erstaunten und dabei forschenden Blick. »Aber es gibt nur sehr, sehr wenige, bevorzugte Menschen, die es können. Es haben schon viele für Geister gehalten, was sich auf ganz natürliche Weise erklären läßt. Sie glauben doch nicht etwa, daß man durch sogenannte Medien Geister sehen kann? Das ist ein haarsträubender Unsinn, gegen den die Kirche mit vollem Rechte scharf vorgeht. Medien sind entweder Betrüger oder Betrogene. Gott braucht keines Menschen Vermittlung, wenn er jemand etwas sehen lassen will, das dem irdischen Blick sonst unsichtbar ist.«

»O nein, – die Mediengeschichten haben mich immer lachen gemacht, besonders aber die Photographien der materialisierten Geister. Ich – ich habe heut etwas gesehen – aber nicht wahr, Herr Pfarrer, Sie erzählen es keinem Menschen wieder! Ich habe es selbst Hans-Georg nicht gesagt – drüben in der Pfalz, wissen Sie – ich hatte eine Entdeckungsreise gemacht –«

Und Schnee beschrieb dem alten Herrn, was sie gesehen; es war ihr eine Erleichterung, darüber sprechen zu können. Er redete es ihr nicht aus, – freilich gab er ihr's auch nicht zu.

»Man hat oft, heißt das, man kann manchmal seltsame Halluzinationen haben«, sagte er nur. »Sie sollten nicht allein in dem alten Bau herumstreifen, schon weil Sie auf den schlüpfrigen Treppen ausgleiten können und sich verletzen und dann müßten Sie Gott weiß wie lange hilflos liegenbleiben, vielleicht an einer Stelle, wo niemand Sie rufen hört. Ja, ja, und diese halbdunklen, geheimnisvollen Gänge, Treppen und Räume regen die Phantasie auf und ein Schatten, ein Möbel nimmt Gestalt an. Sie können ja auch die Gestalt wirklich gesehen haben. Es gibt nichts Unmögliches auf dieser Welt. Ich denke, es ist gut, daß Sie es Hans-Georg nicht gesagt haben, er würde sich bloß um Ihretwillen ängstigen. Auch den andern würde ich es an Ihrer Stelle nicht sagen. Sie nützen nichts damit, und in solchen Fällen ist das Schweigen allemal Gold. Zu mir können Sie immer kommen, wenn etwas Sie beunruhigt – du lieber Gott, die Kinder hier haben mich immer als den Brunnen betrachtet, in den sie ihre kleinen Leiden, ihre Streiche und was weiß ich, geworfen haben, wenn irgend etwas sie bedrückte. Und wissen Sie was? Schlafen Sie nicht bei offenen Türen. Ein ordentlich herumgedrehter Schlüssel ist oft das beste Schlafmittel in solch altem Schloß mit solch einer Vergangenheit, wie die Seeburg.«

»Der Fürst hat mir dasselbe gesagt«, erwiderte Schnee, erstaunt darüber, daß zwei Personen ihr denselben Rat gaben.

»Nun eben«, machte der Pfarrer lebhaft. »Da haben Sie's.«

»Ja, aber ich hatte mich die letzte Nacht abgeschlossen und – und es war jemand an meiner Tür. Sicherlich, ich habe das bestimmt nicht geträumt!«

»I, das glaube ich gern. Die Hunde verstecken sich oft im Hause und scharren dann an den Türen, und der Setter des Fürsten, der Ajax, – Sie haben ihn wohl schon gesehen, ein schöner Kerl, ein starkes Tier mit Stichelhaaren, – na, der hat das Aufklinken der Türen zu einer Vollkommenheit gebracht, daß man nie sicher ist vor seinem unangemeldeten Besuche. Und der Lümmel klopft nicht einmal vorher an. Das müßte so einem gelehrigen Tier doch beizubringen sein.«

»Ja, nicht wahr?« meinte Schnee, ganz einverstanden. Es war ihr eine Last von der Seele gefallen. Gewiß hatte der Ajax die letzte Nacht zu ihr hereingewollt! Ganz überzeugt davon und aufgeheitert stieg sie die Treppen hinauf, als sie aber vor ihrer Tür anlangte, durchfuhr es sie mit einem neuen Schrecken: sie hatte ganz den Fetzen Spitze an ihrer Türklinke vergessen und den diamantenbesetzten Nestelstift. Wie kam beides hierher, wenn es nur der Hund war, den sie gehört? Freilich wohl konnten diese Gegenstände schon vorher dort verloren worden sein und sie hatte sie nicht bemerkt, nicht darauf geachtet, als sie schlafen ging. Von den Dienstmädchen konnte keine sie verloren haben. Echte Spitzen und antiken Schmuck trugen die doch nicht, besonders nicht hier im Hause, wo sie alle blaue Kattunkleider, weiße Schürzen, Häubchen, Leinenkragen und Manschetten uniformmäßig anhatten und nur, wenn sie »Ausgang« hatten, sich so aufdonnern konnten, wie sie wollten. Also mußte eine der Damen die Gegenstände verloren haben. Nun, Hans-Georg hatte ja die Nadel – das Rätsel mußte sich doch klären lassen, wer hier an ihrer Tür etwas zu suchen hatte. Schnee beunruhigte sich daher auch nicht mehr über die Vorgänge der Nacht, die durch den Schrecken heut morgen drüben in der Pfalz überhaupt stark in den Hintergrund gerückt waren, und sie beschloß, dem guten Rat Hans-Georgs zu folgen und etwas zu schlafen. Nachdem sie sich, trotzdem es heller Tag war, gegen eine Invasion des Ajax sorgsam abgeschlossen hatte, legte sie sich auf ein bequemes Ruhebett und schlief traumlos und fest, bis das Mädchen an die Tür klopfte und meldete, daß der Gong zum Gabelfrühstück eben geklungen hätte.



Inzwischen hatte der Fürst die Erfahrung gemacht, die wahrscheinlich nicht die erste nach dieser Richtung war, daß Familienbande eine höchst unsichere Stütze sind und wie Schafleder reißen, sobald der Besitz in Frage kommt.

Er hatte seinen ältesten Sohn zu sich rufen lassen, um Geschäfte mit ihm zu besprechen; kaum aber war Hans-Georg bei ihm, da erschien auch Joachim, ein Telegramm in der Hand.

»Verzeih, Vater«, begann er, »wenn ich mir erlaube, dich zu stören, um noch einmal auf die Angelegenheit zurückzukommen, über die wir gestern leider eine Verschiedenheit der Auffassung hatten: meines Bruders Heirat. Ich konnte mich unmöglich mit der deinigen beruhigen, für die du ja vielleicht den Buchstaben hinter dir hast, der sich in verschiedener Weise deuten läßt. Ich habe, um keine Zeit zu verlieren, an unsere größte Autorität in Legitimitätsfragen, Professor Markmann – du kennst ihn zweifellos, nicht wahr? – telegraphiert und erhalte eben seine Antwort. Danach ist der als charakterisierter Generalmajor verstorbene Vater von Hans-Georgs Braut wegen Führung des Freiherrntitels interpelliert worden, als er noch Hauptmann war, und ihm die Berechtigung, sich Freiherr zu nennen, aberkannt worden. Das hat dann zu weiteren Forschungen über einen Adel ›von Seeburg‹ geführt, und der Betreffende hat dafür keinen Nachweis führen können. In Anbetracht dessen aber, daß er im guten Glauben sich des Adelstitels bedient, ist ihm für dessen Führung für seine Person die Allerhöchste Erlaubnis bewilligt und ihm anheimgestellt worden, eine Nobilitierung auf dem vorschriftsmäßigen Wege nachzusuchen. Er hat davon nie Gebrauch gemacht.«

»Nun, und –?« fragte der Fürst, als Joachim einhielt.

»Und daraus ergibt sich, daß Hans-Georgs Braut einfach ›Fräulein Seeburg‹ heißt und daß mithin die Frage, ob sie ebenbürtig ist oder nicht, erledigt ist.«

»Auf Grund einer Privatmeinung? Mein lieber Joachim, Professor Markmann ist gewiß eine Autorität in diesen Dingen, und es war sicherlich wertvoll, ihn zu konsultieren, denn man bekommt durch sein Gutachten immer die Handhabe, um weiteres zu tun. Wenn General von Seeburg darauf verzichtet hat, eine Nobilitierung nachzusuchen, so verstehe ich das sehr gut: er konnte nicht um etwas betteln gehen, was er schon besaß. Ich hätte es zweifellos gemacht wie er und mich für eine Gnade bedankt, die er nicht nötig hatte. Dein Eifer hat mir klargemacht, was ich nur in ganz vagen Umrissen wußte. Was der General zu tun sich scheute in dem begreiflichen Gefühl, im guten Recht zu sein und – weil ihm die Mittel fehlten, um den ganzen, notwendigen Apparat in Bewegung zu setzen, damit werde ich nun vorgehen, um Hans-Georgs Braut zu ihrem guten Rechte zu verhelfen. Was dazu fehlt, liegt vielleicht in unsern Archiven verborgen. Professor Markmann ist ein alter Freund von mir. Ich werde ihn einladen, zu uns zu kommen, um mir suchen zu helfen, und ich bin sicher, daß du der erste sein wirst, der sich über den Erfolg meiner Bemühungen freuen wird, um so mehr, wenn sich ein Abkommen treffen läßt, das zwar Schnee von Seeburgs Abstammung klarlegt, im übrigen aber die Dinge beim alten läßt. Du verstehst doch, wie ich es meine?«

»Vollkommen«, erwiderte Joachim, heiser vor Erregung und blaß vor Zorn. »Ich verstehe nur zu gut, worauf es heraus soll. Es tut mir aber leid, daß ich mich damit nicht beruhigen kann, nicht beruhigen darf, meiner Kinder wegen. Wird dieses Fräulein Seeburg durch deinen mächtigen Einfluß Allerhöchsten Orts und durch eine Vergewaltigung unserer Familiengesetze wirklich an die Stelle lanciert, die meinen Kindern dadurch entzogen werden muß, dann soll nichts mich davon abhalten, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, um Gerechtigkeit zu erlangen. Aber nicht erst dann. Unterstützt von meiner Schwester werde ich jetzt schon meinem Rechtsbeistand den Fall übergeben –«

»Wenn das eine bloße Drohung ist, mein Sohn, dann laß mich dir sagen, daß ich sie – dem Vater gegenüber, der seine Kinder bis zu diesem Tage ideell und materiell gleichgestellt hat, dessen Herz nie das eine auf Kosten des andern bevorzugt, sondern mit gleicher Liebe umfaßt hat, – als ein Wort empfinde, das mir wehe tut, denn es enthüllt mir eine Seite deines Charakters, die mir neu ist, neu sein sollte. Ist deine Drohung aber ernst gemeint, dann haben wir einander nichts mehr zu sagen. Tu, was du nicht lassen zu können glaubst. Aber ich denke, du redest unter dem Einfluß dieses langen Telegramms, und du wirst überlegen, ehe du handelst, – aussichtslos handelst. Und wenn du überlegt hast und zu der Einsicht gekommen bist, vorschnell gesprochen zu haben, und du kommst dann mit diesem freien und offenen Eingeständnis zu mir, dann soll diese Stunde vergeben und vergessen sein.«

»Damit kann ich mich nicht einschüchtern lassen, Vater«, erwiderte Joachim heftig auf diese ruhigen, langsam und deutlich gesprochenen Worte. »Recht muß Recht bleiben. Ich bin es meinen Kindern schuldig. Ich darf diese – diese Ungeheuerlichkeit nicht zulassen. Ich protestiere! Nicht gegen die Heirat an sich – Hans-Georg kann heiraten, wen er Lust hat, aber gegen den Impostor lege ich Protest ein, der mich um mein gutes Recht bringen soll. Du bist befangen gemacht worden in dieser Sache – durch wen, soll ununtersucht bleiben, – man hat deine Gefühle bearbeitet, deinen Feudalismus geblendet, deine Einsicht getrübt –«

»Geh!« unterbrach ihn der Fürst kurz.

»Gewiß, ich gehe. Ich sehe, es ist ja doch zwecklos, hier zu reden«, rief Joachim bitter. »Ich bitte auch, heut nachmittag abreisen zu dürfen mit dem ausgesprochenen Beweggrunde, in dieser Angelegenheit die ersten Schritte zu unternehmen, bevollmächtigt von meiner Schwester –«

»Geh!« wiederholte der Fürst lauter und schärfer, und Joachim wandte sich der Tür zu. Die Klinke in der Hand, drehte er sich noch einmal um.

»Ich will mit dem Vieruhr-Schnellzuge fahren«, sagte er geschäftsmäßig. »Du erlaubst, daß man dazu anspannt? Lilian mit den Kindern darf doch hierbleiben, bis auf – auf weiteres?«

»Wenn es sie nicht drängt, dir zur Seite zu stehen –«

»Wir – wir sind in dieser Sache noch nicht ganz einig. Sie schrickt naturgemäß vor der Öffentlichkeit des Verfahrens zurück, die auch mir verhaßt ist. Aber was bleibt mir übrig? Ich werde zu einer Handlung gezwungen, die mir gewiß widerstrebt. Ich finde es schauderhaft, wenn man seine schmutzige Wäsche zum Gaudium der Welt öffentlich wäscht –«

Hans-Georg, der bisher ohne ein Wort zu sagen dabeigestanden hatte, sprang hier mit zwei Schritten an die Tür und riß die Klinke seinem Bruder aus der Hand.

»Alles, was recht und billig ist«, sagte er mit einer Stimme, die von verhaltenem Zorn bebte, während seine gutmütigen Augen blaue Blitze sprühten. »Jeder Mensch hat das Recht seiner Meinung, besonders, wenn diese Meinung aus ehrlicher Überzeugung kommt, wie ich bei dir so lange annehmen will, als ich den Gegenbeweis nicht habe. Aber du hast kein Recht, hier von ›schmutziger Wäsche‹ zu reden. Ich verbiete dir solche schnoddrige Ausdrücke! Nicht, weil meine Ohren zu zart dazu sind, sondern weil der Ausdruck einen Schatten auf meine Braut werfen und sie besudeln soll, die so rein und so makellos dasteht, wie deine Frau! So, das ist, was ich als mein letztes Wort betrachte. Untersteh dich noch einmal, so etwas zu sagen und ich komme dir aufs Dach, daß du daran denken sollst. Glückliche Reise und viel Vergnügen!«

Damit öffnete er die Tür, schob Joachim mit sanfter Gewalt hinaus und machte sie zu. Dann streckte er sich und trat wieder neben den Schreibtisch seines Vaters.

»Verzeih«, sagte er, wieder vollkommen ruhig, »verzeih, daß mir die dumme Redensart auf die Nerven gegangen ist. Im Grunde stimmt sie ja auch – ich wollte nur konstatieren, daß der ›Schmutz‹ nicht durch Schnee in die Angelegenheit gekommen ist.«

»Es ist recht – war in meinem Sinne gesprochen«, erwiderte der Fürst müde. Und nach einer Weile: »Du wirst auch reisen müssen, lieber Junge. Mit dem Nachtzuge, denn eher werde ich die Instruktionen für dich nicht aufgesetzt haben können. Eigentlich müßte ich dazu ja wohl selbst gehen, aber ich kann im Moment nicht fort. Ich kann nicht, so lange sie da drüben – ›Ihre Liebden‹ – so unruhig ist und ich doch der einzige bin, der noch etwas über sie vermag. Wüßte Joachim, was er mit diesem heiß verfochtenen Rechte auf die Erbfolge erringt, er wäre vielleicht weniger eifrig. Oder auch nicht. Er ist ein harter Mann, und wer weiß – in ihm fände Ihre Liebden vielleicht ihren Herrn und Meister, den herauszukehren die Scheu mir verbietet, der Respekt vor einem solchen Alter, das Grauen vor dieser fluchbeladenen Seele, die nicht scheiden kann, weil sie zu schwer beladen ist zum Fluge ins Jenseits. Und wo ist die irdische Gerechtigkeit, die dazu die helfende Hand liehe? Man darf darüber nicht grübeln, Hans-Georg, sonst könnte man verrückt werden. Aber ich habe Hoffnung, seitdem ich die Aufzeichnungen der Frau Katharina Schwarzin gelesen. Ich zweifle nicht im geringsten, daß sie lautere Wahrheit enthalten, und auch ich werde Himmel und Erde in Bewegung setzen zur Anerkennung deiner Braut. Nicht des Erbes wegen für dich – du würdest mit ihr glücklicher sein, ohne das, mit – mit Ihrer Liebden im Hintergrunde. Aber ich habe so das Gefühl, als ob durch diese Anerkennung das Kreuz von uns genommen werden würde. Der Pfarrer tut wohl recht daran, vor einem Glauben an Überlieferungen und Prophezeiungen zu warnen – doch seit ich die Blätter gelesen habe, will mir die alte, alte Weise nicht mehr aus dem Sinn! Wer war der Hellseher, der es gesagt, daß der ›uralte Schnee‹ uns Seeburger mit einem Schritt vom Frühling in den Winter bringt: Wir wissen es nicht. Der Name ist verschollen. Aber das ist mir klar, was und wer mit dem Schlusse gemeint ist: Deine Braut! Jung Schnee kam in der Sonnwendnacht, – das ist sie! ›Dann hofft und habt acht.‹ Seitdem du vor Ihrer Liebden gestanden, wirst du begreifen, daß ich hoffen möchte.«

»Und habt acht«, wiederholte Hans-Georg. Er schüttelte nicht den Kopf, er lächelte nicht über einen Glauben, den er vor sechs Wochen noch total unverständlich gefunden hätte. Denn er hatte vor »Ihrer Liebden« gestanden.

»Und habt acht!« nickte der Fürst. »Wir wollen acht haben. Es war ein Fehler, deine Braut in den Königskammern einzuquartieren; sie sind zu nahe der Pfalz, und seit diese rätselhafte Unruhe über Ihre Liebden gekommen und sie alle Augenblicke verlangt, herumzuwandeln, was früher nur höchst selten geschah, wäre die Möglichkeit, daß Schnee sie sieht, nicht ausgeschlossen. Gott behüte das Mädchen vor diesem Schrecken. Könnten wir nicht eine kleine, unschuldige Intrige ins Werk setzen, uns hinter Gräfin Mirow stecken, damit sie Schnee überredet, zu ihr hinüberzuziehen in den Empirebau?«

»Vielleicht ist diese Überredung nicht so schwer, Vater, denn Schnee hat letzte Nacht wieder nicht geschlafen und war heut so nervös, wie ich sie noch nie gesehen.«

»Wenn sie gehört, wie ich nur mit Mühe Ihre Liebden von Schnees Tür entfernen konnte, zu der sie sich von der Schwester hatte führen lassen, so ist sogar zu begreifen, wenn sie sich vor diesen unerklärlichen Geräuschen gefürchtet hat. Doch meine Warnung, sich einzuschließen, hat deine Braut gottlob befolgt. Sie war nicht umsonst. Ihre Liebden hat nie vergessen, daß in diesen Gemächern die Stiefschwiegertochter gewohnt, die sie so bitter gehaßt, so feig einem schrecklichen Ende überliefert hat. Die Zeit, wann es geschah, ist immer die, wo sie unruhig wird und nachsehen will, ob die arme Flordespina auch nicht mehr da ist –«

Hans-Georg zog den von Schnee gefundenen diamantenen Schmuck hervor und legte ihn vor seinen Vater auf den Tisch. »Das Ding lag vor der Tür meiner Braut. Dann hat es wohl Ihre Liebden verloren. Ja, wir wollen Schnee zum Umziehen überreden. Sie wird wohl selbst genug haben von der so heiß ersehnten ›alten Schloßromantik‹, denke ich.

Aber Schnee gab das absolut nicht zu, nachdem sie heut morgen so fest und gut geschlafen; sie wollte sich nicht »Hasenfuß« necken lassen und unter keinen Umständen eingestehen, daß es ihr allein da drüben in den Königskammern reichlich unheimlich war. Sie ärgerte sich darüber auch, daß man an ihrem Mute zweifeln könnte. Und so wurde denn die »kleine, unschuldige Intrige« mit Marie-Luise eingefädelt.

Daß der Tag gerade ein gemütlicher war, hätte beim besten Willen niemand sagen können. Wie hätte das auch sein können unter den Umständen? Angesichts eines Zwiespaltes in der Familie, der gar nicht mehr aufzuhalten war, so sehr die arme Fürstin sich auch bemühte, einen modus vivendi herzustellen, auf Grund dessen der Friede wieder aufgebaut werden konnte. Aber Joachim war nicht beizukommen, und Gertrud hatte ihre Unterschrift gegeben und nach Art beschränkter Geister war sie eines Besseren nicht zu überzeugen. Der Fürst Franzl, der sicherlich noch um einige Grad beschränkter war als seine Frau, seine Unterschrift aber aus Gemütlichkeitsgründen, wie wir gesehen haben, längst bereut hatte, hätte sich gern aus der »verflixten Patsche« gezogen, aber das wagte er vor seinem Schwager nicht, der ihm höllisch imponierte. Mit Marie-Luise besprach die Fürstin offen den Fall, wie es Hans-Georg mit Herrn von Husum tat, und so wußten alle auf der Seeburg, was in der Luft lag, mit Ausnahme der Hauptperson, Schnee, die, so lange es ging, ein jeder und eine jede taktvoll zu schonen suchte, sogar Tante Murr, weil die Gute die Sache für erledigt hielt und nicht einen Moment glaubte, daß Joachim Ernst damit machen wollte. Es war nur gut, daß er abreiste, ehe sie das Gegenteil erfuhr, denn sonst hätte er sich auf die Kopfwäsche freuen können, die sie ihm nun erst für eine spätere Gelegenheit zudachte, zunächst aber mal schriftlich besorgen wollte. Tante Murr verfügte so ungefähr über den Stil und die Ausdrucksweise der Liselotte von der Pfalz, wenn sie die Feder ergriff. Man darf sich also eine Vorstellung von ihrem Schreiben an ihren Neffen Joachim machen, womit sie ihren Nachmittag ausfüllte. Der Brief wurde ihrer eigenen Meinung nach »sackgrob«, man darf sich also schon die Liselotte im Extrakt vorstellen, ohne zu übertreiben.

Schnee merkte natürlich sehr gut, daß »etwas faul war im Staate Dänemark« und zog sich taktvoll zurück, um durch ihre Gegenwart keinen Zwang aufzulegen. Nur als Hans-Georg ihr sagte, daß er im Auftrage seines Vaters auf einige Tage verreisen müsse, konnte sie die Frage nicht unterdrücken:

»Was geht denn hier vor? Nein, nein«, setzte sie gleich hinzu, »ich will dich nicht etwas ausfragen, denn was ich wissen darf und soll, das wirst du mir schon von selbst sagen. Nur, siehst du, ich merke doch, daß ihr alle so schrecklich verstimmt seid, und daß dein armer Vater so müde und traurig und krank aussieht, als ob etwas Schweres auf ihm lastete. Und das betrübt mich von ganzem Herzen, denn ich liebe ihn, den gütigen alten Herrn!«

Aber Hans-Georg konnte und wollte ihr nicht sagen, um was es sich handelte. Wozu auch? Sie erfuhr es ja noch zeitig genug, wenn es wirklich zum Äußersten kam, was er immer noch nicht glauben wollte. Was an ihm lag, um es zum Äußersten nicht kommen zu lassen, sollte gewiß geschehen, denn auch er haßte den Gedanken an einen Familienstreit, nicht der Welt, sondern der Familie wegen. Das machte den Unterschied zwischen ihm und Joachim aus. Es tat Hans-Georg leid, daß Schnee vielleicht doch mit falschen Hoffnungen genährt worden war durch seinen Vater, aber wenn sie ihn liebte, so würde sie die Enttäuschung überwinden und sich mit der bescheideneren Stellung als der einer Fürstin von Seeburg genügen lassen. Die Höhen des Lebens lassen sich auch ohne Fürstenkrone erreichen, dachte er, und den Reichtum schätzte er nicht hoch ein nach der Art der Leute, die beschränkte Mittel nie kennengelernt haben.

Auf alle Fälle war er ganz froh, daß sein Vater ihn an seiner Statt mit der Einleitung der Geschäfte betraut hatte, denn er wußte, daß Joachim das gleiche Reiseziel hatte wie er, und hatte vor, nachdem sein Zorn über jenes unbedachte Wort verraucht (was bei Hans-Georg überhaupt immer rasch ging), ein vernünftiges und brüderliches Wort mit ihm zu reden und zu einem Einverständnis zu gelangen. Joachim hatte ja im Grunde recht: Familienprozesse waren vor der Welt gewaschene, schmutzige Wäsche, und Hans-Georg war zu der Überzeugung gelangt, daß es in diesem Sinne nur gemeint war. Und so reiste er, sozusagen mit der Friedenspalme im Koffer, ab.

Schnee hatte ihn natürlich bis an den Wagen begleitet, der ihn vom Portal des Rokokobaues, in dem er sich von seinen Eltern und den andern Anwesenden verabschiedet, erwartete. Davonfahrend, sah er sich noch einmal um, stand sie noch, ihm nachblickend, unter dem strahlenden Licht der elektrischen Beleuchtungskörper, die große, schlanke Gestalt im weißen Kleide, unter der Krone ihres glorreichen, morgenrotfarbenen Haares, in dem das ganze Licht sich sammelte, daß es ihren Kopf wie eine Aureole umgab, die dunklen Augen in dem schönen Gesichte dem Wagen folgend. Und wie er sich zurückbog, um sie noch einmal zu sehen, da hob sie grüßend die Hand: so nahm er ihr Bild mit sich und er wußte nicht, warum es ihn traurig machte.

Der Wagen war längst im Dunkel verschwunden, da trat der Fürst hinaus zu der einsamen weißen, lichtumfluteten Gestalt.

»Ich werde Sie hinüberführen in Ihre Behausung, liebes Kind«, sagte er freundlich. »Es ist spät und meine Frau hat sich zurückgezogen. Doch die Nacht ist so warm – ich denke, wir gehen im Freien hinüber, nicht?«

»Es ist schwül«, meinte Schnee, ihren Arm in den ihres künftigen Schwiegervaters legend. »Es ist kein Stern am Himmel und wetterleuchtet schon lange über dem See. Ob wir heut nacht ein Gewitter bekommen?«

»Es wäre der Abkühlung wegen zu wünschen«, erwiderte der Fürst. »Haben Sie Furcht vor Gewittern? Ich kenne Leute, welche direkt davor zittern.«

»Dazu gehöre ich nicht. Wenn man in der Stadt ist, in einer engen Straße, eingeschlossen von Häusern, dann bedrückt ein Gewitter, besonders bei Nacht, aber im Freien, wo der Blick unbeengt ist, dann lieb ich ihn, den prachtvollen Donner, wie wenn man Gottes Stimme hört, und den Blitzen zuzusehen, wie sie das Wasser beleuchten, die Berge, und alles gleich darauf wieder in tiefer Dunkelheit liegt. Nein, ich fürchte mich nicht beim Gewitter; es hat etwas Erlösendes für mich.«

Vor ihrer Tür sagte der Fürst Schnee gute Nacht.

»Und vergessen Sie nicht zuzuschließen«, ermahnte er. »Wenn Freund Ajax ja auch sonst keine furchtbare Erscheinung ist, so hat er doch schon manches Mal die Rolle von ›Nero, dem Kettenhund‹ aus dem ›Freischütz‹ gespielt. Er liebt nämlich sehr weiche, warme Betten und mit hellen Seidenstoffen bezogene Sofas. An dieser Leidenschaft hat seine Erziehung leider nichts ändern können.«

Schnee lachte.

»Er ist Kenner, dieser gute Ajax«, meinte sie heiter. »Aber in der Nacht gebe ich keine Gastfreiheit.«

Und sie schloß die Tür hinter sich ab und überzeugte sich, daß auch die andern alle zu waren, damit Ajax nicht etwa Eintritt durch den Salon fand oder durch das Badezimmer. Dann aber machte sie alle Lichter aus und setzte sich in die Fensternische des Schlafzimmers, um dem Wetterleuchten zuzusehen, das mit roten, violetten und goldfarbenen Lichtern über den See zuckte, unablässig, von allen Seiten. Kein Lüftchen regte sich, glatt und unbewegt lag der See, über dem die drohende Schwüle brütete; der Himmel war wolkenverhangen und nur hier und da blitzte vorübergehend ein Stern hindurch, um wieder zu verschwinden.

Schnee war nicht müde, trotz der Schwüle, und sie dachte an ihren Verlobten, der jetzt in dem heißen Eisenbahnwagen saß, durchglüht von der Hitze des Tages, und an so manches andere dachte sie, besonders, wie doch das Schicksal ihr Dasein so ganz, ganz anders gestaltet, als sie je zu träumen gewagt. Aber sie dachte daran ohne Überhebung, ohne Triumph, den sie zweifellos gestern empfunden – mit Hans-Georgs Abreise war alles rings um sie wieder in die Sphäre des Unwahrscheinlichen gerückt, wie am Abend ihrer Ankunft auf der Seeburg, dem Hause ihrer Väter! Der Gedanke daran machte sie auf den Ring an ihrem Finger blicken – sie zog ihn von der Hand und legte ihn auf das Taburett, das vor ihr in der Fensternische stand, und träumend sah sie in das grüne, wogende Licht, das im Dunkeln sanft und beruhigend leuchtete, dieses wundervolle, wunderbare Licht, dem die Alten überirdische Eigenschaften zuschrieben, das Plinius in seiner Naturgeschichte so eloquent beschreibt und im Zodiak dem Monat Juni, dem Sternbild des Krebses, als Symbol gilt.

Schnee hatte lange keine Bilder mehr in dem Lichte ihres Smaragden gesehen. Auch heute nacht kam keines, aber ihr schien's, als leuchtete der Stein heut intensiver als je zuvor. Hans-Georg hatte ihr in seiner nüchternen Art erklärt, daß Smaragden positive Elektrizität besäßen – vielleicht war diese Eigenschaft es, die das Licht unter dem Einfluß der mit Elektrizität geladenen Luft dieser schwülen Nacht besonders intensiv machte. Darin lag nichts Unheimliches. Doch als solches hatte es Schnee auch niemals empfunden, wenn sie Bilder in dem grünen Lichte sah; nur jetzt, wenn sie daran dachte, daß so viele Bilder ihr Vorgänge aus der Vergangenheit dieses Hauses zeigten, daß sie vor zweimal vierundzwanzig Stunden zum erstenmal in ihrem Leben betreten, da ging es wie ein Schauer durch ihre junge Seele – –

Ein paar Stunden waren ihr im Sinnen und Träumen am offenen Fenster vergangen, ohne daß sie es gewahr wurde. Doch nun fühlte sie doch die Müdigkeit. Sie stand auf, trat von dem Fenstertritt herab und drückte den Knopf der Elektrizität dicht an der Fensternische, der die Lampe neben dem Spiegel entzündete, welcher zwischen den beiden Fenstern deckenhoch den Pfeiler bekleidete, in köstlichem, breitem Florentiner Goldrahmen, dessen vergoldete Ranken heiter, leicht und luftig das moderne, geschliffene Glas umschlossen. Schnees Blick fiel, als das Licht in den lilienförmigen Glocken des Lüsters aufflammte, in den Spiegel, in dem sie gerade die Tür zum Korridor sehen konnte, und das Blut erstarrte ihr in den Adern, und ihre Augen blickten übernatürlich groß, denn in diesem Augenblicke sah sie, wie die Klinke der Tür leise, leise herabgedrückt wurde von unsichtbarer Hand. Die Überzeugung, daß es nicht der ein üppiges Nachtlager suchende Hund war, der die Klinke bewegte, stand felsenfest in Schnee; wer war dann aber der nächtliche Gast, der nun zum drittenmal den Eintritt versuchte? Für einen Augenblick hatte sie gute Lust, leise zu der Tür hinzuhuschen, sie schnell aufzuschließen und nachzusehen, wer da draußen stand, aber als sie den Fuß schon zum ersten Schritt ausstreckte, verließ sie der Mut dazu, und stillstehend horchte sie mit doppelt geschärften Sinnen auf ein etwaiges Geräusch – –

Und sie hörte es: erst ein Rascheln, Rauschen, Knistern wie von schweren seidenen Stoffen, dann wie wenn ein schwerer Gegenstand gerückt wird und zu Boden fällt, dann ein leises, ganz leises Knarren, und dann – dann bewegte sich das linke Paneel in dem tiefen Rahmen der Tür, wo sie heut früh – oder war's schon gestern? – den leeren Raum in der Täfelung entdeckt, aber nicht näher untersucht hatte, weil er ja analog dem zur rechten Hand war, der allerlei Utensilien zur Aufbewahrung hatte. Und durch das offene Paneel glitt langsam, mit dem Knistern und Rauschen schwerer seidener Stoffe eine Gestalt in das Zimmer – dieselbe Gestalt mit den furchtbaren Augen, die sie drüben in der Pfalz gesehen – –

Sie standen sich unter dem jeden Winkel durchleuchtenden Lichte lautlos gegenüber, beide Gestalten in Weiß: die junge Schnee mit vor Entsetzen erstarrtem Blut, die alte, alte, uralte Schnee mit hungrigem, gierigem Blick –

»Flordespina!« kam es wieder wie ein Hauch aus weiter, weiter Ferne über ihre blutlosen Lippen, und dann noch einmal staunend, haßerfüllt, drohend: »Flordespina!« Und dann glitten die in dem weißen, wie altes, lang vergraben gewesenes Elfenbein aussehenden Gesichte doppelt großen, von einem unheiligen Feuer leuchtenden Augen, angezogen von dem grünen Lichte des Smaragden, auf den Ring, der noch auf dem Taburett in der Fensternische lag, und ein Etwas, das dem Hauche des Lebens glich, flog über das versteinte Gesicht der Pfalzgräfin Schnee, Erbin von Sonnenberg. Ihre unter den Falten des weißen, langschleppenden Kleides herabhängende Rechte krampfte sich fester zusammen – sie hob die leis schwankende Linke in die Höhe mit ausgestrecktem Finger, an dem es von Juwelen blitzte – –

»Der Ring – der Ring;« kam es über ihre Lippen, gierig, jauchzend.

Das brachte Schnee zu sich. Sie nahm den Ring von dem Polster und hielt ihn in die Höhe. »Es ist mein Ring! Ich gebe ihn nicht!« rief sie laut, denn während sie sich sagte, daß es ja unmöglich, ganz unmöglich sei, wußte sie doch genau, daß es die Pfalzgräfin Schnee war, die dort stand, oder doch das, was einst diesen Namen geführt.

»Den Ring!« wiederholte diese, und wunderbar war es, wie die Stimme bei dem gebieterischen Ruf wuchs und stärker wurde.

»Nein!« sagte Schnee laut, fest, jede Spur von Furcht ausgelöscht, denn im Bewußtsein ihrer jungen, blühenden Kraft fühlte sie sich diesem hin- und herschwankenden Etwas überlegen. Doch das glitt vorwärts mit einer überraschenden Bewegung auf Schnee zu, die, statt durch eine Wendung zu entschlüpfen und durch die offene Tür zum Salon eine sichere Deckung zu suchen und zu finden, in ihrem Grauen vor einer Berührung auf den Fenstertritt sprang, von dem es kein Entrinnen mehr gab. Und da legte sich auch schon die juwelenblitzende fleischlose, wachsbleiche Hand, die sie im Bilde gesehen, im Lichte des Steines zu Territet, auf ihren Arm mit einem eisernen Griff –

»Nein!« schrie Schnee auf und schleuderte den Ring mit aller Kraft durch das offene Fenster hinunter in den See.

Und da brach ein Zorneslaut über die blutlosen Lippen der Pfalzgräfin, – ihre Rechte löste sich aus den Falten ihres Kleides, und holte aus wie zu einem Schlage, es blitzte etwas durch die Luft, und mit einem leisen Wehelaut brach Schnee von dem Fenstertritt herabspringend auf ihre Knie nieder – – – –

Um diese Stunde fuhr drüben in den verborgenen Gemächern der Pfalz die Klosterschwester aus dem Schlafe empor, der sie wider ihren Willen übermannt. Sie sah hinüber auf den Sessel am brennenden Kamin: er war leer. Sie rieb sich die Augen; nein, sie träumte nicht: Ihre Liebden, die noch eben, oder vorhin, als sie einnickte, dort gesessen, war nicht mehr da, war fort! Mit einem heißen Schrecken, der ihr allen Schlaf auf der Stelle vertrieb, fuhr die Nonne empor und lief an das Bett: es war unberührt, wie so manche Nacht, wenn die Rastlose keine Ruhe fand. Sie lief in das Nebenzimmer: auch da keine Spur. Und die Tür zum Gange stand offen, wie am letzten Morgen schon einmal, wo Ihre Liebden draußen gestanden, erregt, kräftig wie nie, ganz zum Leben erwacht, das sie so manches Jahr verträumt, verschlafen hatte.

Auf ihrem Gange überall das elektrische Licht entzündend, das in bestimmten Zwischenräumen angebracht war zur Verwunderung aller, die es in den unbewohnten Schloßteilen für einen unerhörten Luxus hielten, flog die Schwester bis an die Glastür, welche den Korridor zu den Königskammern abschloß und fand diese verschlossen. Ohne zu zögern kehrte sie um und lief die Treppe herab, die nach einem kleinen Innenhofe führte, der zwischen der Pfalz und deren benachbarten Flügel eingeklemmt war; sie nahm diesen Weg oft, denn er war der nächste zu ihrem eignen Zimmer, das sie dem Namen nach auf der Seeburg bewohnte; von hier aus gelangte sie ins Freie und sie lief mit fliegendem Schleier wie gejagt die lange, lange Landfront herab zum Rokokobau. Dort war noch Licht im Arbeitszimmer des Fürsten, und atemlos vom raschen Lauf rief sie den Schloßherrn durch das offene Fenster an.

»Kommen Sie rasch, um Gottes willen, – sie ist fort, ich finde sie nicht!« setzte sie hinzu, als der Fürst am Fenster erschien.

So schnell es ging, war er unten und öffnete die Tür.

»Wir wollen durch das Haus gehen«, sagte er und schritt damit auch schon voraus. Unterwegs sagte ihm die Schwester das Nötige.

»Daß ich auch einschlafen mußte!« jammerte sie mit bitterem Selbstvorwurf. »Ich war so müde, so müde nach all den schlaflosen Nächten, und dann diese drückende Schwüle – Und Ihre Liebden ist so – so geschickt, einen zu täuschen. Sie schien zu schlafen, im Lehnstuhl sitzend, wie so oft schon. Daß ich auch einschlafen mußte!«

»Meine liebe Schwester – die Natur will eben ihr Recht. Wir sind doch alle nur Menschen«, tröstete der Fürst. Aber das Herz war ihm schwer.

Eilends, ohne Aufenthalt, überall auf dem Wege das Licht entzündend, kamen sie bis in den Korridor vor den Königskammern. Da lag der Stuhl, der rechts neben der Tür von Schnees Schlafzimmer stand, umgeworfen am Boden und das Paneel stand weitgeöffnet. Und in den leeren, dem Fürsten bekannten Raum schien ein Licht.

Er warf einen Blick in das Gelaß und sah dessen linke Wand offen – nie hatte er von einem solchen Zugang gewußt.

»Schnee!« rief er halblaut hinein. »Schnee! Sind Sie noch wach?«

Keine Antwort. Er wechselte einen Blick mit der Schwester, die blaß, entsetzt hinter ihm sich herandrängte, und nach einem kurzen Zögern trat er durch das schrankartige Gelaß in das strahlend erleuchtete Zimmer. Da stand sie, die Gesuchte, Ihre Liebden, die Pfalzgräfin Schnee, mitten darin, in der Hand eine lange, schmale Waffe wie eine Nadel so fein, und am Boden lag Schnee, die junge Schnee mit weißem Gesicht und großen, dunklen, gebrochenen Augen.

»Sie ist wiedergekommen, die Hexe«, zitterte es über die alten, alten Lippen, »aber der Ring ist davongeflogen wie ein Glühwurm in der Johannisnacht.«–



Nicht lange nachher rief das Heerhorn den Fürsten ab zur stillen Armee, die Fürstin zog sich nach ihrem Witwensitz auf dem Sonnenberg zurück und auf der Seeburg regiert nun der Fürst Joachim, – »with a rod of iron«, wie seine eigene Frau sagt. Denn Hans-Georg verzichtete auf die Nachfolge an dem Tage, an welchem er seinen Vater zu Grabe geleitete. Er hat einen Lehrstuhl für Chemie an einem Polytechnikum im Ausland angenommen, und mit ihm zog Tante Murr in die Fremde; sie hat lieber ihre geliebte Jagd aufgegeben, als daß sie sich »von Joachim die Kaffeebohnen zuzählen lassen wollte«. Im Walde unter der Blutbuche, geschützt durch ein vergoldetes Gitter, liegt ein einsames Grab. Auf dem Kreuz zu seinen Häupten steht in goldenen Buchstaben: »Hier ruht in Gott Maria Schnee von Seeburg. Sie kam in der Sonnwendnacht und ging dahin, ehe die Rosen verblühten. Corinther Xlll.«

Jahre sind vergangen, seit »Jung Schnee kam in der Sonnwendnacht« und es ist Gras gewachsen über die rätselhafte Tragödie auf der Seeburg, auf die niemals ein erklärendes Licht gefallen ist, das die Neugier der Menschen befriedigen konnte. Der Wald webt rings um das stille Grab, die Vögel singen in den Zweigen der Blutbuche und der wilde Thymian duftet süß zur Sommerzeit. Efeu überrankt den Grabhügel und keine abgeschnittene Blume welkt darauf. Regen und Schnee netzen die grünen Ranken, der Wind streicht darüber hin und ringsumher ist die erhabene Ruhe der jungfräulichen Natur, die selten nur eines Menschen Fuß entweiht. In der Schloßkirche der Seeburg steht das prunkvolle Monument der Pfalzgräfin Schnee als ein Denkmal fremdländischer Kunst nach wie vor zur Bewunderung aller Kenner und Laien. Die leere Stelle auf dem Epitaph ist immer noch nicht ausgefüllt. Und wenn die Sonne untergeht, wenn ihr scheidendes Licht durch die roten Scheiben des Orgelchors auf das Gesicht der in voller Jugendschöne abgebildeten Statue fällt, dann erhält es den Ausdruck versteckten Hasses; früh, wenn die aufgegangene Sonne es bescheint, dann sieht es sterbensmüde aus, – im Kerzenlicht der Christnacht unruhig, suchend – nur im Zwielicht, auf der Scheidegrenze zwischen Tag und Nacht, in dem geisterhaften opalartigen Lichte, in welchem die Seelen den Flug am liebsten antreten in das ferne, unbekannte Land, dann liegt auch die Ruhe und Majestät des Todes auf den steinernen Zügen der Pfalzgräfin Schnee wie eine Verheißung auf die erhabene Stunde des Scheidens, – – – wenn das ewige Schweigen fällt.