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Paul Althof (d. i. Alice Gurschner) – Coghetta

Lyrik

Paul Althof, Coghetta, Verlag von Freund & Jeckel, Berlin, 1894 (Carl Freund)



Mario.

Was schürst du noch die Funken,
Und wärmst dich gar?
Es ist in Schutt gesunken
Was Flamme war.



Das Haupt gestützt in beide Hände,
Saß Angiola. Sie wußte kaum,
Daß Mario Peri's Spiel zu Ende,
Und lauschte weiter, wie im Traum.

Den düstern Kranz von schwarzen Haaren
Trug ihre Stirn gleich einer Last,
Und ihre frommen Augen waren
Zu groß und allzu schwärmend fast.

– »Was hießest du mich heut' verweilen?«
Drang seine Stimme plötzlich ein.
»Du willst nicht meine Freuden theilen,
»So lass' im Unmut mich allein!«

Doch Angiola hielt ihn umfangen.
– »Nur heute harre bei mir aus!
»Ein volles Jahr ist nun vergangen,
»Seit ich entfloh dem Vaterhaus.

»Die alte Furcht will mich erfassen,
»Als sei ein Frevel unser Glück . . .
»Und konnte doch nicht von dir lassen,
»Ach, denkst du an den Tag zurück?

»Es war die Zeit der Lindenblüthe,
»Wo Düfte träumend niederweh'n;
»Die junge Heckenrose glühte,
»Da sie uns sah vorübergeh'n!

»Wir konnten keine Worte finden,
»Nur unsre Herzen schlugen laut, –
»Es haben stumm die klugen Linden
»Auf unser stummes Glück geschaut.« –

Sie barg halb lächelnd, halb in Thränen
Das dunkle Haupt an seiner Brust.
Er spielte mit den schwarzen Strähnen,
Und küßte sie, fast unbewußt.

– »Wohl denk' ich an den Sommertag,
»Es war ein Strahlen, Duften, Prangen,
»Die Lerche sang im Blüthenhag, –
»Ein Jahr ist drüber hingegangen.

»Thauperlen funkelten im Thal,
»Dir standen Thränen auf den Wangen.
»Ich küßte dich zum ersten Mal, –
»Ein Jahr ist drüber hingegangen.

»Dein großes Auge streifte mich
»Mit scheuem, brennendem Verlangen,
»Es träumte mir, ich liebe dich, –
»Ein Jahr ist drüber hingegangen.« –



Coghetta.

Mit Lächeln und Zieren,
Mit Necken und Nicken,
Mit spielenden Worten
Und brennenden Blicken,
Mit süßem Verheißen,
Und kaltem Versagen,
Hab' ich deine Seele
In Bande geschlagen.



II.

Das Kleid zerrissen mir die Hecken,
»Der Schuh blieb im Gestrüppe stecken,
»Das Haar verwirrte mir der Wind;
»Ich bin ein armes Wanderkind.

»Der Vater würfelte beim Weine,
»Die Mutter starb am Straßenraine,
»Uns Kinder trieb die Noth hinaus,
»So betteln wir von Haus zu Haus.

»Ich schritt durch beiße Sonnengluthen,
»Ich schritt durch kalte Regenfluthen,
»An eurer Thüre stockt der Fuß, –
»Ein Bettelliedchen ist mein Gruß!«

Die Stimme klang so süß und helle,
Es pochte wie von kleiner Hand,
Die Thür ging auf, und vor der Schwelle
Ein schlankes Kind im Regen stand.

Der Blick, die bittende Geberde
Umstrickten lieblich Herz und Sinn.
– »Tritt ein, und wärme dich am Herde!«
Sprach Angiola zur Bettlerin.

War es das Weh der eignen Seele,
Das sie zum Mitleid mächtig zwang?
– »Wer bist du?« frug sie sanft, – »erzähle,
»Wer lehrte dich so holden Sang?«

– »Coghetta heiß' ich,« sprach die Kleine.
»Ich singe noch der Weisen viel,
»In jedem Städtchen lernt' ich eine,
»Versteh' mich auch auf's Saitenspiel.

»Am Pfeiler dort hängt eine Laute . . .
»Es zog mich hin, gleich als ich kam; –
»Ach, wenn ich mich nur recht getraute, –
»Doch jener Mann ist mir wohl gram.

»Was schaut er nur so streng? Wie heißt er?
»Aus seinem Aug' blickt Last und Qual –«
Da bat die Frau den jungen Meister:
– »Sprich zu dem Kinde, mein Gemahl!«

– »Was soll ich mit der tollen Kleinen?«
Frug Mario Peri fast verstimmt.
»Sie wird erschrecken, schmollen, weinen,
»Wenn man ihr dann das Spielzeug nimmt.«

– »Wie schade!« sprach das Mädchen leise.
»Er stößt mich fort, er mag mich nicht.
»So häßlich rauh ist seine Weise,
»So hübsch und jung ist sein Gesicht.«

Die niedliche Gestalt verneigte
Sich spöttisch. Nicht ganz unbedacht
Entglitt der Mantel, und sie zeigte
Ihr Kleidchen von verblich'ner Pracht.

Es war aus rosenrother Seide,
Mit gelbem Flittergold gestickt,
Blechmünzen trug sie zum Geschmeide,
Der Spitzenkragen war geflickt.

Sie zupfte die zerknüllten Schleifen,
Sie stellte sich vor's Spiegelglas,
Das feuchte Haar zurückzustreifen,
Und summte lächelnd dies und das.

– »Vergebt, –« der Meister sprach's mit Stocken,
Sein Blick verfolgte sie gespannt, –
»Der Mantel, – Eure kurzen Locken, –
»Ich hab' Euch ganz und gar verkannt.

»Ich hab' so bitter Euch gescholten,
»Ich war so launisch, war so blind, –
»Vergebt, – es hat dem Kind gegolten,
»Doch Ihr, – Ihr seid –« – »Ich bin kein Kind!

»Ihr aber seid recht unmanierlich,
»Ich bin kein Kind, das ist wohl klar!«
Sie rief's halb trotzig, halb possirlich,
Und fuhr sich durch das krause Haar.

Laut lachte Peri, und sie wandte
Vertraulich ihm das Köpfchen zu.
– »Ei, und wer ist denn dein Amante,
»Du süße, kleine Puppe du?«

Sie prüfte mit dem Blick ihn flüchtig:
– »Allori war's, der Comödiant.
»Ich hass' ihn, er war eifersüchtig,
»Und treulos hat er mich genannt.«

Da hob der junge Meister sachte
Ihr Angesicht zu sich empor,
Sie schloß die Augen, doch sie lachte,
Er raunte flüsternd ihr in's Ohr:

»Was soll uns die Treue?
»Treue ist nagende Reue,
»Ist Stumpfsinn und Ueberdruß.
»Die Liebe muß
»Kommen und schwinden,
»Aufflackern und zünden
»Wie des Blitzes Strahl.
»Die brennendste Qual,
»Die leuchtendste Wonne
»Sie kann nicht stocken und bleiben,
»Denn unter der Sonne
»Ist ewig wechselndes Treiben.
»Die Rosen blühen
»Nach frostigen Tagen,
»Die Herzen glühen,
»Jubeln und zagen
»In diesem Leben
»Immer auf's Neue:
»Gedanken entschweben,
»Und andere werden, –
»Es giebt keine Treue
»Auf Erden!«



Mario.

Es gleicht dein Herz dem meinen,
Das hab' ich bald gewußt,
Du trägst den süßen Leichtsinn
Der Götter in der Gruft.



III.

Wenn die blauen Morgenstrahlen
Durch das Epheugitter brechen,
Girrt es wie von Turteltauben
In der Stube Mario Peri's. –
Abends, wenn die Welt da draußen
Nebelhaft versinkt im Dunkel,
Zwitschert eine Schwalbenstimme
Lieblich zu des Meisters Häupten.

Selten greift er nach der Geige.
An Coghetta's kleinem Munde
Hängt sein Blick oft selbstvergessen.
Wie die weißen Zähnchen blinken,
Wenn sie singt! Wie sie das Hälschen
Wiegt und neigt! Er will es küssen!
– »Du bist schöner als Allori.«
Sagt das Kind mit einem Male.
Peri's Zuge werden düster:

»Hast du ihn noch nicht vergessen?«
– »Du bist eifersüchtig«, lacht sie
»Eifersüchtig, wie Allori.« –
Doch er schließt sie in die Arme
Wie berauscht, und murmelt leise:

– »Nein, ich bin nicht wie Allori,
»Eber würd' ich dich ermorden,
»Als dich einem Andern lassen!«

Plötzlich flackerte die Lampe
Hoch empor im kühlen Lufthauch.
Angiola stand an der Thüre.
War sie eben erst gekommen?
Hatte sie gelauscht? so frug sich
Mario Peri, sie betrachtend.
Ihre Wimpern zuckten heimlich,
Wie von schlecht verhehlten Thränen,
Ihre leise, müde Stimme
Machte Peri ungeduldig.

– »Deine Freunde hör' ich kommen,
»Deine Comödianten«, sprach sie,
»Palma, Turri und Allori
»Mit dem Tänzer Paolo Ruga.«
Und schon hallte von der Straße
Poltern, Stolpern, Singen, Pfeifen:
– »Aufgemacht, Maëstro Peri!
»Eine große Schreckensbotschaft
»Bringen wir dir Ahnungslosem.
»Unsre Laura Vitelloni
»Ward von deiner Frau beleidigt,
»Und hat grollend, dir zum Trotze,
»Heute Mantua verlassen.«
– »Suchte Keiner sie zu halten?«
Zürnte Peri. – »Ganz vergebens,
»Denn sie will das Hoffest stören.«
Seufzte der beleibte Palma.
»Ich beschwor sie, Turri fluchte,
»Ruga warf sich ihr zu Füßen; –
»Ungerührt von seiner Schönheit,
»Rief sie nur »Ich will nicht singen
»Will nicht Peri's Lieder singen!«
»Und sie wies uns aus dem Haus.«
– »Ja Madonna! solches haben
»Eurem Hochmuth wir zu danken!«
Knurrte jetzt der Rothkopf Turri
Gegen Angiola sich wendend.
– »Weiberlaunen, Weiberlaunen!«
Rief der schöne Paolo Ruga,
Und er nickte wohlgefällig
Seinem Bild im Spiegel zu.

Aus der tiefen Erkernische,
Wo sie lauernd stand und horchte,
Trat Coghetta. Leidenschaftlich
Flammten ihre braunen Augen:
– »Laß' mich vor dem Herzog singen!«
Und sie schlang um Peri's Nacken
Ungestüm die kleinen Hände,
Zog ihn fast zu sich hernieder.
Ueberrascht und zögernd stand er,
Doch der Comödiant Allori
Lachte: »Seid nicht thöricht, Meister!
»Hütet euch vor dieser Katze,
»Dieser undankbaren Schlange,
»Diesem launenhaften Teufel!«
– »Schilt mir nicht die tollen Launen!«
Rief ihm Peri zu. »Die Laune
»Ist das Lieblingskind des Geistes,
»Denn was reife Ueberlegung
»Mühsam baut durch lange Jahre,
»Darf die holde Schelmin Laune
»Spielend, mit den zarten Fingern,
»Wie ein Kartenhaus zerstören.
»Sei's denn nichts als eine Laune!
»In drei Tagen soll Coghetta
»Vor dem ganzen Hofe singen,
»Und auf immerdar vergessen
»Ist der Name Vitelloni!« –

Heller Jubel scholl im Kreise.
Angiola war bleich geworden.
Ihr zur Seite stand Allori,
Und von seinem Blick getroffen
Senkte sie das Haupt und machte
Sich an Tisch und Schrank zu schaffen.
– »Merkt Ihr etwas?« frug er leise.
»Seht Ihr, wie sein Auge leuchtet,
»Wenn sie spricht? er ist verwandelt,
»Ist dem Zauber ganz verfallen.
»Keinen Blick und kein Erinnern
»Hat er mehr für Euch, Madonna.
»Armes Weib, Ihr seid betrogen!«
– »Sprecht nicht also!« rief sie heftig.
– »Könnt Ihr's leugnen?« frug Allori.
»Könnt Ihr's leugnen, daß er täglich
»Kälter wird, daß seine Liebe
»Längst erloschen ist? er hat Euch
»Nie geliebt, und nie verstanden!
»Denn Ihr seid ein lichter Engel,
»Paradieseswonnen strahlen
»Mir aus Eurem Angesicht.
»Betend muß man Euch verehren
»Wie das Bildniß der Madonna,
»Und Euch muß man heißer lieben,
»Als das Heil der eignen Seele.
»Mächtig, grenzenlos und ewig!
»Wollt Ihr, wollt Ihr so geliebt sein?
»Angiola, gebt mir ein Zeichen!«
Seine Stimme klang so zitternd,
Und sein häßliches Gesicht
War in jenem Augenblicke
Schon zu nennen, denn es zeigte
So viel reiche, warme Liebe,
So viel sehnsuchtsvolles Hoffen.
Aber Angiola sah zürnend
Und verächtlich auf ihn nieder,
– »Jedes Wort aus Eurem Munde
»Ist Verrath an Mario Peri,
»Ist ein Raub an seinem Eigen.«
Und Allori's Augen schienen
Wie mit einem Mal erloschen,
Und er murmelte voll Demuth:
– »Recht so! tretet mich mit Füßen,
»Denn ein Hund, ein Schurke bin ich,
»Ein verrückter Comödiant!«

Aus der Mitte der Genossen
Scholl es jetzt »wo steckt Allori?
»Stiehlt er, oder trinkt er heimlich?«
Flink, mit einem tollem Satze,
Stand Allori auf der Tafel,
Und er sang mit rauher Stimme:
– »Wenn dir dein Lieb kein Küßchen giebt,
»Versenk' den Groll im Weine,
»Doch wenn sie einen Andern liebt,
»Dann such' dir Kieselsteine,
»Und fülle dir die Taschen voll,
»Und geh' dich selbst versenken,
»Denn Liebesschmerz und Katzen soll
»Im Wasser man ertränken!«



Carlo Ferdinando.

Wir schau'n uns in's Auge,
Mir fassen uns an den Händen,
Hochaufathmend,
Stolz, kühn und einsam
Auf sonniger Höhe.
Tief unter uns
Lästern und zischeln
Die grauen Alltagsmenschen,
Die kriechenden Schlangen.
Wir aber sind
Ein Adlergeschlecht; –
Unsre Liebe ist jung,
Wie der feuchtende Morgen,
Unsre Liebe strahlt.
Wie die Sonne selbst,
Und wir allein vermögen
Hineinzublicken
In das Flammengestirn
Unsrer Seelen!



IV.

Dich such' ich, Peri, noch zu später Stunde!«
Erscholl es von der Straße hell empor.
Da ging ein scheues Flüstern durch die Runde:
»Der Herzog ist's! der Herzog steht am Thor!«
Er trat herein, ein edler, junger Degen,
Blondlockig, schlank und schön und selbstbewußt,
Im lichten Auge kecke Lebenslust.
Das Comödiantenvölkchen ward verlegen,
Es wich zurück, es knixte tief und schüchtern,
Und selbst der rothe Turri wurde nüchtern.
Nur Mario trat dem Kommenden entgegen,
Der Herzog faßte fröhlich seine Hand:
– »Sei du getrost! ich hab' auf allen Wegen
»Der schönen Laura Boten nachgesandt.
»Wo sie auch weilen mag, man wird sie fassen,
»Und mein Befehl ruft sie zur Stadt zurück.
»Ich will mir den Triumph nicht rauben lassen:
»Des Festes Krone sei dein Meisterstück!«
Doch Peri schüttelte das Haupt mit Lachen:
– »Nichts mehr von Laura! hier, dies junge Blut,
»Coghetta sollt Ihr hören! sie hat Muth,
»Und daß sie's trifft, dafür laßt mich nur wachen!«
Der Herzog stutzte: »Wie? du zauberst gar!
»Wo kam sie her? wo hast du sie gefunden?
»Erblick' ich das zum ersten Mal? und war
»Es nicht ein Traumbild längst vergess'ner Stunden?
»Hab' ich's gesehen oder nur empfunden?
»Ihr Angesicht bewegt mich wunderbar!«
– »Weiß ich doch selber kaum, wie sie gekommen!
Sprach Peri. »Plötzlich sang ein Vögelein
»Da draußen, und ich hab' sein Lied vernommen;
»Es hüpfte traulich mir in's Haus herein.
»Nun halt' ich's fest, es kann sich nimmer wehren,
»Nun will ich's meine Lieder singen lehren.«
– »Du liebes Vöglein«, bat der Herzog leise,
»Lass' mich auch lauschen deiner süßen Weise!
»Wie? du verneinst? jedoch dein Auge lacht.
»Ist es der Herzog, der dich schüchtern macht?
»Ich will dies holde Bangen nimmer schelten,
»Doch mir, nicht meinem Namen soll es gelten.«
– »Es bangt mir nicht. Ich Hab' mich nur besonnen.
»Ich weiß ein Lied von meiner Mutter her; –
»Jetzt sind die Töne mir in Nichts zerronnen,
»Die rechten Worte find' ich nimmermehr . . .

»Nur flüchtige Minuten
»Nenn' ich das Leben mein,
»Dann mag das Herz verbluten
»In bittrer Todespein.

»Was ist dein Blick so trübe,
»So mitleidsvoll dein Kuß?
»Weißt du, daß ich dich liebe,
»Und daß ich scheiden muß?
»Früh morgens, wenn die Sterne
»Verglüh'n im Dämmerlicht,
»Umstarrt mich schon die Ferne, –
»Du träumst, und ahnst es nicht.«

Verklungen war der Sang, doch Mario schaute
Coghetta zürnend an und sprach kein Wort.
Sie lachte kurz und schleuderte die Laute
Muthwillig und mit keckem Trotze fort.
Der Herzog fing sie hastig auf im Fallen,
Den Klang der Saiten prüfte er gewandt
Mit seiner schlanken, ringgeschmückten Hand,
Und ließ die Töne rauschen und verhallen,
Und neigte flüsternd sich zum Mädchen nieder:

– »Mein süßes Lieb, ich seh' dich morgen wieder!«
Coghetta's Köpfchen mit den wilden Locken,
Es senkte sich zum ersten Mal erschrocken
Vor einem nie gefühlten, festen Bann;
Sie wollte flüchten, wollte sich empören,
Und mußte doch die heißen Worte hören,
Und sah den kühnen Sieger bittend an.
– »Du weichst von mir?« klang's dicht an ihrer Seite.
»Dich will ich finden in der fernsten Weite.
»Mich lockt's, das Wild zu jagen, das mich flieht,
»Die Felsenblume, die am Abgrund blüht,
»Sie duftet süßer, als des Gartens Schätze,
»Weil ich den Fuß auf rauhe Klippen setze.
»Im Streben liegt das Glück, im Wunschentbrennen,
»Und nur erkämpftes Glück ist Glück zu nennen! –
»Fahrt wohl, ihr Künstler!« rief er plötzlich laut.
»Denkt au das Fest! erscheint in eurem Glanze!
»Dir Ruga hab' ich das Ballet vertraut,
»Denn deinen Witz bezeugst du mir im Tanze.
»Allori, Palma, Turri, seid so toll
»Als ihr's vermögt in eurem Possenspiele, –
»Das Albernste wär' hohen Geistes voll,
»Wenn es mir mir, dem mächt'gen Herrn, gefiele.
»Denn was ich preise, das ist wunderbar,
»Und wenn ich schaue, muß der Höfling gaffen,
»Und wenn ich lächle, lacht die ganze Schaar, –
»Es wird ein Gott zum Zerrbild unter Affen! –
»Man soll für gute Musikanten sorgen!
»Es dämpft Musik der Reden wirr Gebraus,
»Die menschenmüde Seele ruht geborgen,
»Besänftigt auf den weichen Tönen aus.
»Coghetta singt, – du Peri spielst die Geige; –
»Wie dank' ich dir schon heute, stolzer Mann,
»Du schenkst uns ja so viel! o sprich und zeige,
»Was Ferdinando dir noch bieten kann! –
»Du schweigst, und scheinst verstimmt? Was mag dir fehlen?
»Du bist wohl matt. Ich lasse dich allein.
»Auch Jene sollen dich nicht länger quälen . . .
»Nur Eins noch! . . hüte mir mein Vögelein!« –

Der Herzog ging. Die Comödianten schieden
Mit heit'rem Gruß aus Mario Peri's Haus.
Coghetta spähte noch vom Fenster aus.
Sie hatte scheu des Meisters Blick gemieden.
Da trat er plötzlich hastig auf sie zu,
Er sprach ganz leise, schmerzlich und erbittert:
– »Du schreckst empor? Woran wohl dachtest du?
»Du hast doch früher nicht vor mir gezittert!
»Ich weiß, dem Herzog ist das Spiel geglückt,
»Ich sah ihn flüsternd deine Hand erfassen,
»Er hielt sie, hat sie heimlich wohl gedrückt,
»Und du, ach du hast es geschehen lassen!«
– »Wie konnt' ich ihm die kleine Freiheit wehren?
»Er ist so stolz, er ist der Herr im Land, –
»Dich hält er hoch –« – »Was sind mir Kunst und Ehren?
»Ich gönn' ihm nimmer deine schöne Hand!
»Mein sollst du sein. Ich will dich ganz alleine!
»Mit keinem Herzog theil' ich diesen Preis . . .«
– »Sei still, du Wilder!« lächelte die Kleine,
»Dein Weib horcht in der Kammer, – rede leis.«
– »So laß' wich alles dir in Tönen sagen.
»Ich will dich lehren deinen Festgesang.«
Für ihn! – So dachte sie. – Ach, möcht' es tagen!
Erst morgen, – und mir wird die Zeit so lang. –
Der Meister nahm die Geige. Helle Lieder
Durchströmten das Gemach wie goldnes Licht, –
Jedoch Coghetta's Haupt sank müde nieder.
Sie schien zu schlummern, denn sie hörte nicht.
Er sah sie an, – zuerst mit leisem Grolle, –
Dann lächelnd, – sie war kindlich wie zuvor, –
Ein schlafend Kind. Und sanfte, wehmuthsvolle
Traumweisen schwebten nieder an ihr Ohr:

Ich wiege dich auf weichen Klängen,
Sie sollen in dem Herz hinein,
In's träumende, sich schmeichelnd drängen, –
Mein Lieb, schlaf' ein.

Du bist in meine Macht gegeben.
Wie süß und weich dein Athem weht!
Von deinen Lippen fühl' ich's schweben,
Wie ein Gebet.

Mich faßt ein unnennbares Sehnen
Nach dem verlor'nen Wunderland,
Ich möchte weinen heiße Thränen
Auf deine Hand.

Ich küsse deine Augenlider,
Es überströmt mich Himmelsruh', –
Ach, könnt' ich ein Mal schlummern wieder
So süß wie du! –

Vor dem Madonnenbild in ihrer Kammer
Lag Angiola, die Stirne tief geneigt.
Es war kein lauter, wild bewegter Jammer,
Es war ein Schmerz, der leise wühlt und schweigt.
Sie hatte manche Thräne hier vergossen
Vor diesem Bild, allein, in stiller Nacht;
Mit Küssen hatte Peri einst geschlossen
Die dunklen Augen, die für ihn gewacht.
Heut' kam er nicht. Drin war verhallt die Weise, –
Es fiel das Thor in's Schloß, – sie lauschte bang, –
Coghetta's kleines Stimmchen lachte leise, –
Sie fuhr empor bei dem verhaßten Klang.
Sie wollte seh'n, auch seh'n, und galt's ihr Leben!
Sie trat hinaus, Coghetta war allein.
– »Wo ist der Meister?« – »Er verließ mich eben,
»Und wandelt wohl im blauen Mondenschein.«
So spöttelte das Kind und lehnte wieder
Den Kopf zurück. – »Du sollst hinweg von hier!« –
– »Nicht doch! Ist das der Lohn für meine Lieder?
»Was einst du freudig gabst, das nimmst du nur?«
– »Hier ist kein Raum für dich und Deinesgleichen!«
– »Für Meinesgleichen? Bist denn anders du?
»Ja doch, du stammst von Edlen und von Reichen,
»Dort schließt man stolz vor uns die Thore zu.
»Doch müß'ge Stunden fröhlich zu begraben,
»Zur Kurzweil sind wir gut, zu Spiel und Spaß, –
»Wir dürfen keine Liebe, keinen Haß,
»Wir dürfen Ehrfurcht nur und Hunger haben.« –
– »Mit Recht,« rief Angiola, »muß man euch meiden,
»Ihr greift nach fremdem Gute mit Begier,« –
– »Das geb' ich zu. wir sind oft unbescheiden,
»Und was uns freundlich winkt, erhaschen wir.
»Man soll's dem Wandervölkchen nicht verdenken,
»Daß es die Blumen sich vom Wege pflückt.
»Wir müssen bald die Schritte weiter lenken,
»Und flüchtig ist der Kuß, der uns beglückt.«
– »Gestehst du's ein? Ihr habt nicht Treu und Glauben!
»Und wie ein Dieb kamst du zu uns bei Nacht . . .«
– »Sei ruhig, Frau! Ich will dir ja nichts rauben.
»Mich zu verstoßen liegt in deiner Macht, –
»Doch thu' es nicht! dir kann's nicht Segen bringen.
»Ich bin so glücklich! – Glücklich ist kein Dieb. –
»Ich soll beim Fest ja vor den: Herzog singen.
»Er sprach so hold, – ich glaub', er hat mich lieb.«
– »Nun wohl, ich will dich heute nicht vertreiben.
»So geh' denn in dein Stübchen unter'm Dach. –
»Doch nur noch bis zum Feste magst du bleiben,
»Dein Bitten macht mich thöricht, macht mich schwach.«
Coghetta warf sich lachend ihr zu Füßen:
– »O habe Dank, gestrenger Engel du!
»Gut' Nacht, gut' Nacht, und schlaf' in heil'ger Ruh!
»Es mög' ein schöner Traum dich heute grüßen.«
Doch als sie droben auf der Treppe stand,
Ergriff noch Angiola Coghetta's Hand
Und schaute starr und bang ihr in's Gesicht:
– »Er ist mir theurer als mein Augenlicht!
»Ein Spiel nur, eine Laune war er dir, –
»Was du begehren magst, ich will's dir geben,
»Nur fordre nicht mein Glück, mein ganzes Leben, –
»O lass' mir Mario! lass' ihn, lass' ihn mir!« –

Still ist's geworden in des Hauses Räumen.
Erloschen ist das Lichtlein unterm Dach.
Doch draußen singt der Westwind in den Bäumen,
Und hält die jungen, scheuen Blüthen wach.
Wie sich die Lilienbüsche wogend regen!
Im Dämmerlichte scheinen sie bereift.
Die Nacht sehnt sich dem Morgen schon entgegen,
Und hat den schwarzen Schleier abgestreift. –
Coghetta, wachst du noch? – Es flieh'n die Stunden,
»Und du hast keine Ruhe noch gefunden.
Wie deine Wangen brennen, wie du bebst!
Wie du das Haupt in's Kissen tief vergräbst!
Hat dich ein holdes Glück so froh beseelt?
Ist's bittres Leid, das dich so grausam quält?
Kannst du es denn mit kalten Worten sagen?
Du kannst nur wortlos jubeln oder klagen,
Fremd und verwandelt ist dein ganzes Sein,
Ein Dämmern ist in deinem tiefsten Innern,
Ein scheues Hoffen, seliges Erinnern,
So träumst du wachend in den Tag hinein.




Coghetta.

Leicht ist mein Herz und sorgenfrei.
Und müßt' ich morgen sterben, –
Wohlan, es sei.
Ich trank ihn aus mit einem Zug
Des Glückes vollen Becher,
Nun ist's genug.
Es komme, was da kommen mag, –
Die dunkle Nacht des Todes, –
Ich sah den Tag!



V.

Cymbeln und Geigen
Laden zum Feste.
Da schreiten zum Reigen
Würdevoll prächtig,
Da beugen und neigen
Sich steif bedächtig
Gonzaga's fürstliche Gäste.

Nur er allein,
Nur er will heut'
Vom Tanze nichts wissen.
Er mustert zerstreut
Die wogenden Reih'n, –
Was mag er vermissen?
Da tritt sie ein,
Die junge Liebe, die stumm Begehrte,
Und ihr zur Seite der ernste Gefährte,
Der Geiger Peri. Sie scheint befangen,
Und bleicher sind
Coghetta's Wangen.
Doch heute trägt das Bettlerkind
Ein reiches, blüthenweiß Gewand,
Der Atlas fällt in schweren Falten, –
Das hat der Herzog selbst gesandt, –
Auch muß ein schimmernd Perlenband
Die kecken, braunen Locken halten.
Noch blendet sie das reiche Licht,
Sie wagt die Augen kaum zu heben.
Da weckt sein Blick das warme Leben
In ihrem süßen Angesicht,
Und jubelnd, im Vorüberschweben
Hört sie die Worte, die er spricht:

»Zwischen den lächelnden,
»Scherzenden, fächelnden,
»Bunten Gestalten
»In rauschenden Falten,
»Hab' ich mein liebliches Mädchen erspäht. –
»Keckes Gelichter
»Geschminkte Gesichter,
»Liebestoll nickende,
»Ränkevoll blickende,
»Weicht und verweht! –
»Ach, sie erbleichen nicht,
»Wanken und weichen nicht.
»Flüstern so heimlich leis,
»Zischeln so naseweis',
»Sind unserm knospenden Glücke so feind!
»Lästern und neiden,
»Möchten uns scheiden; –
»Doch uns're Blicke
»Bilden die Brücke,
»Die uns vereint.«

Aus dem Geflimmer,
Aus dem Getriebe
Tönen ihr wieder und immer
Des Herzogs Worte der Liebe:

»Niedliches Ding,
»Frische, lose
»Wilde Rose!
»Schmetterling,
»Der mich umschwirrt,
»Daß ich verwirrt
»Nichts mehr fühle, nichts mehr sehe,
»Als deine süße, berauschende Nähe! –
»Wie deine Augen, die dunkeln
»Heimlich funkeln
»Und glühen!
»Leuchtet ihr Flammenschein
»Mir allein?
»Und blühen
»Nur nur deine Lippen so roth?
»Ach folge mir!
»Fern von hier,
»Wo uns kein Lauscher droht,
»Wo die kühlen Brunnen schäumen,
»Wo auf Gras und Bäumen
»Kleine Lichter zitternd schweben,
»Wo aus jedem Strauch,
»Jedem Blüthenhauch
»Tausendfaches Liebesleben
»Uns entgegendringt,
»Uns umschlingt,
»Dich und mich, –
»Da soll uns nichts mehr trennen,
»Da kann ich's laut bekennen:
»Ich liebe dich!« –

– »Du liebst mich?
»Sag' es noch einmal,
»Sag' es mir wieder!
»Klingt's doch wie süße,
»Wie himmlische Lieder:
»Du liebst mich! –
»Goldener Sonnentraum,
»Wollt' er doch säumen!
»Sprich mir ganz leise,
»Und lasse mich träumen:
»Du liebst mich. –
»Schweige nur, schweige still!
»Will nimmer fragen.
»Ach, deine Küsse
»Sie brennen und sagen
»Du liebst mich!« –

Ihre Hände klein und weiß
Giebt Coghetta seinen Küssen
Lächelnd preis.
Und er flüstert: »Ach wir müssen
»Vor der bösen Welt verhehlen,
»Was uns heut' so selig macht.
»Suche dich hinweg zu stehlen,
»Und im Garten halte Wacht.« –

Doch von jäher Angst bethört
Schreckt Coghetta jetzt zusammen:
– »Siehst du Peri's Augen flammen?
»Er hat dich gehört,
»Es ist ihm bewußt!
»Ich müßte sterben, wenn er mich fände!
»Nun ist sie zu Ende,
»Die kurze Lust.«

Aber Ferdinando lacht,
Lacht und spricht mit sanftem Necken:
– »Kann der Geiger dort dich schrecken?
»Ist er nicht in meiner Macht?
»Furchtsam Kind, wie zitterst du!
»Kann sein kleiner Groll dir schaden? –
»Höflich kommt er auf uns zu,
»Mich zu seinem Spiel zu laden.

»Sorge nicht! Nur in den Tönen
»Liegt sein unsichtbares Reich; –
»Mir ist die Gewalt gegeben
»Zu vernichten, zu erheben,
»Meine Liebe kann dich krönen,
»Macht dich einer Göttin gleich!«



Angiola.

Verlor'ne Seele,
Was suchst du an den Pforten
Des Paradieses?
Sie bleiben verschlossen.
Dein rasender Schmerz
Kann sie nicht sprengen,
Deine ohnmächtigen Thränen
Fallen nur schwer
Auf dein eignes gequältes Herz.
Ausgestoßen bist du.
Ewig, ewig
Ausgestoßen von der Liebe.
Schwindel erfaßt dich,
Und du glaubst zu sterben.
Nein, du stirbst nicht:
Du lebst, um zu leiden,
Du lebst, um zu verzweifeln. –
Was suchst du an den Pforten
Des Paradieses,
Verlor'ne Seele? –



VI.

Sind es Seufzer, die so klagen?
Sind es Thränen, die so fluthen?
Grollen wilde Zornesgluthen? –
Mario Peri spielt die Geige.

Ihre Triller kichern höhnisch,
Klammern sich mit Dornenranken
Um die seligsten Gedanken,
Jubeln grausam, und zerstören.

Und die holde Flatterliebe
Liegt auf einer Todtenbahre,
Weißen Rosenkranz im Haare, –
Blutig sind die weißen Rosen.

Träume nicht, Maëstro Peri!
Sieh, dein Liebchen ist am Leben,
Lächelt einem Andern eben.
Munter, Peri, spiele weiter!

Auf Coghetta ruht sein Auge,
Auf den kindlich weichen Zügen,
Die so fein, so heimlich lügen,
Und es klagt und singt die Geige:

Ich hasse dich
Mit aller Gluth,
Wie's nur betrog'ne
Liebe thut.

Und meine Lieb'
Ist Höllenpein;
So bitter kann
Der Haß nur sein.

Ich hab' geweint
Und hab' gelacht,
Daß du so elend
Mich gemacht. –

Was verwirrt dich, Mario Peri?
Bist ja plötzlich ganz erblichen!
Liebchen ist hinausgeschlichen
In den mondbeglänzten Garten.

Heftig wirfst du weg den Bogen,
Und es fragen sich die Leute,
Was der jähe Schlug bedeute,
Und dein mürrisches Verschwinden?

Wie sie Angiola bedrängen,
Voller Neugier, voll Erstaunen:
»Seltsam sind die Künstlerlaunen
»Meister Peri's, eures Gatten!«

Vor dem Schlosse rauscht ein Brunnen,
Den Cypressen dicht umsäumen.
Schimmernd aus den dunklen Bäumen
Starren weiße Marmorgötter.

Tief im Schatten harrt Coghetta.
Nachtwind fährt durch ihre Locken,
Leise fröstelnd und erschrocken
Zieht den Schleier sie zusammen.

Plötzlich fühlt sie sich umschlungen,
Stürmisch wild emporgezogen.
Nachtigall ist aufgeflogen,
Schüttelt kalten Thau vom Aste.

Doch Coghetta's schöne Augen
Zwei verträumten Sternen gleichen,
Und die holden, anmuthreichen
Lippen flüstern: »Ferdinando . . .«

– »Folge mir!« tönt Mario's Stimme
Hart und drohend ihr entgegen.
Sie vermag sich nicht zu regen;
Eisern hält er sie umfangen.

– »Folge mir.« – »Wohin?« – »Nach Hause!«
– »Lasse mich, –« – »Du mußt.« – »Ich bleibe!
»Magst gebieten deinem Weibe, –
»Ich bin frei!« – »Du bist mein Eigen!«

Angstvoll späh'n Coghetta's Augen,
Hilflos nach des Schlosses Stufen, –
Ach, sie wagt nicht, ihn zu rufen, –
Und sie weint und ringt die Hände.

– »Führe mich zurück zum Feste!
»Horch, wie süß die Geigen klingen . . .
»Lasse mich dein Lied noch singen!
»Gönn' mir einen Tanz, ach einen!

»Laß' mich in den Saal nur blicken!
»Will dir ja Gehorsam schwören, –«
– »Keinen sollst du mehr bethören!«
Murmelt Peri, bitter lächelnd.

– »Fasse mich nicht an!« so fleht sie.
»Ruhig werd' ich mit dir schreiten.«
Mario läßt sie niedergleiten.
Wie der schlanke Leib erzittert!

Wie die großen, klaren Thränen
Noch an ihren Wimpern hangen!
Hastig küßt er ihre Wangen,
Ihren Mund, den heißen, rothen.

Plötzlich über Beet und Rasen
Huscht sie hin mit Windeseile,
Fliegt empor die weiße, steile
Gartentreppe zum Palaste.

Doch vergeb'ne Flucht! Der Geiger
Steht schon oben vor der Pforte, –
Heißes Ringen, – dumpfe Worte:
– »Keinen sollst du mehr bethören!«

Peri's Messer blinkt im Dunkeln, –
Taumelnd stürzt sie in die Tiefe. –
Mario dünkt's, als ob sie riefe,
Klagend und aus weiter Ferne.

Wie es finster ist! Er schreitet
Tastend jetzt die Stufen nieder,
Doch die Stimme ruft nicht wieder.
Wie die Lindenbäume duften!

Nur hinweg! Er mag nicht athmen
Diesen Duft, den schweren, süßen . . .
Doch da liegt es ihm zu Füßen,
Weiß und leuchtend auf der Treppe.

Leblos? – Nein, sie wird erwachen.
– »Rettet, rettet! sie muß leben!«
Er versucht, sie aufzuheben,
Aber seine Hände zittern.

Warmes Blut strömt aus der Wunde,
Blutig sind die weißen Rosen
An dem kleinen, ruhelosen
Herzen, das so still geworden.

Keinen wird sie mehr bethören. –
Liegt vielleicht im Tod die Treue? –
Rasend küßt er sie auf's Neue,
Sinnlos ruft er ihren Namen.

Doch ein Schrei voll Qual und Schrecken
Tönt ihm gellend in die Ohren:
– »Mario flieh! du bist verloren,
»Wenn sie kommen, und dich finden!«

– »Angiola, bist du's? Versprich mir
»Sanft das arme Kind zu betten . . .«
Doch sie fleht: »Du sollst dich retten.
»Zög're nicht, es gilt dein Leben!« –

Mario starrt sie an –: »Mein Leben
»Liegt verblutend auf der Erde.
»Meinst du, daß ich leugnen werde?
»Willst du einen Mörder retten?« – –

Menschen füllen schon den Garten,
Häscher, die den Frevler fassen,
Angiola durcheilt die Massen:
– »Gebt ihn frei! Ich hab's gethan!« –



Mario.

Der Glanz erlischt. Das Lied verhallt.
Mein Herz ist dunkel, leer und kalt.
Nun ist ja Schmerz und Lust vorbei, –
Und ich bin frei.

Ich hab' den letzten Streich gefällt.
Durch meine wunde Seele gellt
Der Liebe wilder Todesschrei. –
Und ich bin frei.



VII.

Spätsommer ist's. – Im Thalgrund reift die Traube,
Es schallen Lieder aus den Rebengängen,
Und an den Fenstern stehen bunt und üppig
Die Nelken, wie geputzte Bauernmädchen,
Die sich voll Neugier aus dem Gitter neigen,
Den Wanderer zu schau'n, wenn er zu Berg zieht.

Um diese Zeit alljährlich schritt ein Weib
Den Pfad empor, der in's Gebirge führt.
Ein schwerer Gang war's, viele Stunden weit,
Ein Pilgergang vielleicht. Das Ziel war dort,
Wo die gebeugte, sturmzerzauste Kiefer
Sich an's Gestein mit zähen Wurzeln klammert,
Wo dunkle Felsen schroff zum Himmel ragen,
Und eine Klausnerhütte steht am Abhang.
An jene Hütte pochte scheu die Frau.
Ein Eremit trat ihr daraus entgegen.
Sie sank in's Knie, sie küßte sein Gewand,
Und seine Hände, die sich ihr entzogen,
Sie schaute heiß und flehend zu ihm auf,
Er aber stand mit abgewandtem Blick,
Und schüttelte das Haupt, und ließ sie scheiden.

So schwanden Jahre, und da kam sie einst
Mit einem Lächeln wunderbarer Freude;
Mit einem gold'nen Glanz in ihren Augen,
Und rief ihm jubelnd zu: »Ich bring' die Gnade!
»Der Herzog sendet mich, sie dir zu künden,
»Dich hält kein Bann, kein Schwur mehr, du bist frei!
»Du hast gesühnt, du bleicher, stiller Mann,
»Die Welt ist wieder dein mit allen Wonnen.
»O komm', und folge nur, ich leite dich
»Zurück in's Heimathland, zurück in's Leben.«

Der Eremit sah in das Thal hinein.
Da lag ein jäher Abgrund, meilentief,
Dann finstres Tannendickicht, Felsenschluchten,
Durch die das Gletscherwasser reißend zieht,
Und tiefer unten weite Alpenwiesen, –
Zerstreute Häuser, – dort der erste Laubwald,
Dann Felder, von der Sonne des August
Heiß überfluthet und in Gold getaucht,
Und dort zuletzt, sehnsüchtig mit dem Aether
Zusammenstrebend nebelhafte Ferne. –
Der Mann bedeckte seine beiden Augen.
– »Ich kehre nicht zurück. Hier ist mein Heim.
»Hier litt ich tausend bittre Todesqualen,
»Es drückte mir die Schuld das Haupt zu Boden,
»Es hat die bleiche Reue mich gepeinigt,
»Der Zweifel saß des Nachts an meinem Lager,
»Und lachte laut, wenn meine Seele weinte, –
»Hier nahm die Einsamkeit mich endlich auf,
»Sie kühlte mir die Stirn mit ihrem Athem,
»Und ihre Stille zog mir in das Herz,
»Daß alle wilden Schmerzen drin entschliefen,
»Daß alle heiße Sehnsucht drin verstummte.
»Hier ward ich wunschlos, und hier ward ich frei.«

Wehmütig sah das Weib zu ihm empor:
– »Ich bettle nicht für mich. Ich mahne dich
»An deine Kunst, ihr sollst du nicht entsagen.« –
– »Der Eitelkeit hab' ich entsagt. Ich höre
»Die Quellen rieseln und die Wälder rauschen.
»Auch diese blaue Meise zwitschert süß,
»Und ist so klein . . .« – Er öffnete den Käfig,
Das Vöglein flog auf's Dach, schlug mit den Flügeln,
Und schwang sich fröhlich nieder in das Thal.
»Es war zu zart für diese rauhen Lüfte.
»Auch du kannst hier nicht weilen,« sprach er leise.
»Zieh' hin, und wenn sie drunten nach mir fragen,
»So sprich: – Er hat die Ruhe. – Einem Todten
»Vergiebt man leichter, man vergißt ihn auch.
»Du sollst vergessen, und du wirst. Wir leben,
»Weil wir vergessen können. Fahre wohl.« – –

Die kühle Nacht stieg aus der Schlucht empor,
Sie brachte Duft von wilden Blumen mit,
Aus ihren schwarzen Haaren fiel der Thau,
Als hätte sie am Quellenrand geschlafen.
Sie schwebte langsam aufwärts zu den Gletschern,
Den letzten rothen Schimmer auszulöschen,
Und mit den Schwingen streifte sie die Wolken,
Daß sie verglühend in das Dunkel tauchten.
Ein Mann stand frei und einsam auf der Höhe. –