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Adelheid von Auer - Die barmherzige Schwester

Erzählung

Adelheid von Auer, Die barmherzige Schwester Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1868, 2. Band, S. 174ff.


Ein wunderschöner Sommermorgen zog leuchtend über Flur und Wald empor und schmückte die Welt mit festtäglichem Glanz.

Zum Ausgang gerüstet trat Bertha in das Wohnzimmer ihrer Mutter.

»Wohin so früh?« fragte diese erstaunt.

»In den Wald, zur alten Ursula«, berichtete Bertha, »ich will mich als genesen melden und« ihre Stimme bebte unwillkürlich, »und will Abschied nehmen. Ich bin jetzt kräftig genug, Mutter, und jeden Tag fertig zur Reise.«

Die Mutter zerdrückte eine Thräne zwischen den Wimpern, aber sie sagte nichts, sondern faltete nur still die Hände. Der Vater legte sein Zeitungsblatt aus der Hand und sah die Tochter prüfend an.

Diese, sich dem Blick entziehend, trat ans Fenster, öffnete es, bog sich weit hinaus und sog gleichsam mit vollen Zügen die herrliche Luft ein, dann, den Kopf halb zu den Eltern zurück wendend, sagte sie in leichtem Ton:

»Das hat mir die liebe Sonne zu Gefallen gethan, daß sie mir heut die Heimat noch einmal so recht sonntagsmäßig schmückt und mir ein unvergleichlich schönes Bild mit in die Fremde giebt. Ich habe sie auch gestern, als sie zur Ruhe ging, so recht darum gebeten. Du weißt, Mutter, die Sonne ist immer meine Freundin gewesen. Nie verlebte ich bis dahin einen Festtag ohne Sonnenschein und wenn ich sie zu einer häuslichen Arbeit brauchte, sie war immer da. War's nicht schon sprüchwörtlich geworden, wer Sonnenschein wollte, kam zu mir.«

»Du sahst sie mit hellem Antlitz an, darum that sie es wieder«, bemerkte die Mutter.

Bertha stand noch immer am Fenster. »Wie schön es hier ist, wie ich die Natur hier liebe!« sagte sie träumerisch. »Es geht nichts über einen solchen hellen Frühlingstag. Und ach, wie bald ist er vorüber, wie bald werden seine Blumen welk und wenn im Herbst der Baum die Blätter abschüttelt, dann zieht auch der Vogel fort, der sein Nest in die grüne Krone jugendfrisch hineinbaute. Man kann viel von der Natur lernen, wenn man ihre Sprache versteht.«

»Vor Allem sollte man von ihr lernen, das Natürliche zu thun«, sagte der Vater.

Bertha antwortete nicht. Sie knüpfte die Bänder ihres Hutes fest, nahm den Schleier vor, während sie lächelnd und wie entschuldigend zu sich selber sagte:

»Im Wald, wenn ich sicher bin, Keinem mehr zu begegnen, schlage ich ihn zurück, die Bäume werden nicht vor meinem Gesicht erschrecken.«

Dann küßte sie Vater und Mutter.

»Werdet Ihr schelten, wenn ich vor Abend nicht zurückkomme?« fragte sie; »es ist mein letzter Feiertag.«

»Nein, bleib in Gottes Namen so lange Du willst«, sagte die Erstere und der Vater trug ihr einen Gruß an Axel, des Oberförsters Sohn, den Gespielen ihrer Kindheit und den Freund ihrer Jugend, auf, im Fall sie ihm begegnen sollte, aber sie wehrte heftig die Zumuthung ab.

»Er ist verreist, ich weiß es« sagte sie, »ich würde nicht in den Wald gehen, müßte ich fürchten, ihm dort zu begegnen. Ich will ihn nicht auch so erschrecken, wie den Vetter Arthur, Du weißt, Mutter.«

»Das ist Monate her, Monate ändern viel«, wandte die Mutter ein.

»Nicht ein von den Pocken zerrissenes Gesicht«, fuhr Bertha, ihre Erregung bekämpfend, fort.

»Sieh doch nur einmal in den Spiegel«, drang die Mutter in sie.

»Nie wieder, ich habe es gelobt«, sagte Bertha feierlich. »Ich that es damals und weiß genau, was die Krankheit aus mir gemacht hat. – Gottlob, ich habe den Eindruck jetzt überwunden. Ich bin ganz ruhig. An den Krankenbetten, zu denen die barmherzige Schwester eilt, wird eine sanfte Hand, wird ein mildes Wort die zerstörten Züge vergessen machen. Wer den Tod vor Augen sieht wird nicht mehr an Erdenschönheit hangen. Das ist Alles abgethan, Mutter. Heut wenigstens will ich nicht daran denken, heut will ich noch einmal ein Kind und glücklich sein.«

Sie umarmte die Mutter noch einmal und eilte fort. Der Vater sah ihr lächelnd nach.

»Sie wird nimmermehr barmherzige Schwester werden«, sagte er, »wenn die Sonne heut untergeht, wollen wir uns wieder sprechen.«

Die Sonne hatte aber noch viel zu thun, ehe an Untergehen zu denken war. Sie ist Königin im Reiche der Natur und wenn sie auch ihre Befehle so schweigend durch die Welt haucht, daß kein menschliches Ohr sie zu vernehmen mag, so ist doch das Auge ein empfängliches Organ. Es nimmt tausend Bilder in sich auf, beobachtet tausend kleine Züge, aus denen die Phantasie sich eine zweite Welt formt, eng mit dem eigenen Leben und Empfinden verbunden. Wer's wieder erzählen will, erzählt Märchen, aber ganz unwahr sind sie darum nicht.

Die fremdartige Märchenform ist nur ein Gewand für die Wahrheit; wer das Gewand abwirft, hat sie ungeschminkt und ungeschmückt.

Wahr ist es übrigens, daß Bertha bis dahin, wo die bösartige Krankheit sie auf das Lager warf und mit giftigem Hauch ihre jugendliche Schönheit feindselig berührte, wirklich ein Sonnenkind war. Es hatte ihr Alles gelacht; Kindheit und Jugend hüllten die Welt in rosenfarbenen Schleier, wer sie kannte, liebte sie, und harmlos, wie ein Bach durch blumige Ufer fließt, ging ihr Leben dahin. Im vergangenen Winter hatten die Eltern sie zum ersten Mal auf Bälle geführt und der Kerzenglanz beleuchtete so hell ihre liebliche Schönheit, wie es der Sonnenschein daheim auf dem väterlichen Gut gethan. Von einer Fahrt aus der Stadt zurückkehrend, wurde sie krank und damit bekam ihr Leben, ihr Geist, wie es schien, eine völlig andere Richtung.

In Leiden und Schmerzen blieb ihre Seele sanft und geduldig und ahnungslos über die zerstörenden Folgen der Krankheit ging sie der Genesung entgegen. Erst Arthur's unerwarteter Besuch, sein sichtlicher Schreck, belehrte sie über ihr Schicksal. Von da her schrieb sich ihr Entschluß, barmherzige Schwester zu werden, dessen Ausführung nun nahe bevorstand.

Im Augenblick war er freilich vergessen oder zurückgedrängt in der Seele, die wohl mehr gestimmt war, die Wunder der Welt in sich aufzunehmen, als an die tiefe Nachtseite derselben, das menschliche Siechthum, die menschliche Gebrechlichkeit, Leiden und Klagen, Thränen und Schmerzen zu denken.

Als sie wie ein scheues Reh durch das Dorf geschlüpft und es ihr geglückt war, jede Begegnung mit den ehemals so viel gesuchten Bewohnern zu vermeiden, schlug sie den Schleier zurück und wandelte querfeldein, bis sie in das schattige Dunkel des Waldes einbog.

Eine reichliche Stunde Wegs hatte sie wohl, bis zur Hütte der alten Ursula, die einst ihre Wärterin gewesen und dann zu ihrem Schwiegersohn, dem Waldhüter, in die Hütte am See gezogen war, eine gute Stunde Wegs, aber sie machte drei daraus, denn es gab viel Lieblingsplätze zum Ausruhen und den geradesten Weg zum See schlug sie just nicht ein, obgleich er das Ziel ihrer Wanderung war.

Die Lichtung, in der das Waldkleinod, der See, liegt, klar und still, das Bild tiefen, süßen Friedens, ist der romantischste Punct weithin in der Landschaft. Selten einmal kräuseln sich Wellen im Schooß desselben. Der Sturm, der oft gewaltig durch die hohen Bäume rauscht, streicht meist nur mit gebrochenem Flügel matt über seine glatte Fläche. Blumen blühen an seinem Ufer und tief in seinem Grunde regt sich das Leben, das überall die Natur durchweht und jedem Todesgedanken mit siegesgewisser Verheißung ewiger Fortdauer widerspricht.

Bertha meinte, so schön habe sie den Wald noch nie gesehen. Die Sonnenstrahlen zitterten und glühten auf den alten Stämmen, sie streuten sonnige Funken in den tiefen, dunklen Grund.

O Gott, wie hell ist die Welt! jauchzte es in Bertha's Seele. – Es war aber auch noch viel schöner wie an allen anderen Tagen, und woher das kam, das wird Jeder, der es gern erfahren will, der Sonne abzulauschen versuchen müssen:


Denn als aus dem Schlaf der Nacht
Die Tageskönigin erwacht,
Sandte Boten sie im Stillen,
Zu verkünden ihren Willen.
»Veilchen soll der Himmel blauen.
Sonnig glänzen Flur und Auen.
Meinen heißen Hauch zu kühlen,
Dürft Ihr mit den Wellen spielen;
Lüftchen, dürft Euch frei erheben.
Dürft des Waldes Stirn umschweben.
Und soll ich die Blümchen loben,
Tragen heut sie Sonntagsroben.
Jeder schmücke sich aufs Beste
Zu dem heut'gen Abschiedsfeste,
Fei're mit, wie er's vermag,
Bertha's letzten Feiertag.«


Und so geschah es denn, wie die Sonne es befohlen hatte. Die Blumen hüllten sich in Purpur und Violet, Weiß und Rosenroth; das Laub glänzte wie ein Strauß von Smaragden im Sonnenlicht und die Lüftchen, die sich am lustigen Spiel mit den Wellen entzückt, flatterten aufwärts und wehten Kühlung durch den Wald. Und –


Auf den Wellen tief im See
Wiegte sich die Wasserfee,
Sang: »Was bei der Sonne Brauch,
Gilt in meinem Reiche auch.
Tanzt in silbernem Gewand
Wellchen, bis zum grünen Strand,
Stickt mit Perlen Euer Mieder,
Singt die hellsten Eurer Lieder.
Alles, Alles hat heut frei
Den Tag zu süßer Spielerei.
Mag der Krebs die Scheere führen
Und sich rückwärts amüsiren!
:Salamander tief im Grunde
Feiern eine lust'ge Stunde,
Mir beliebt's, zu decretiren
Freiheit allen Wasserthieren!
Alles sich ergötzen mag
Heut an Bertha's Feiertag!«


Und dabei legte sich die Wasserfee schmachtend in die Arme ihrer Lieblingswelle, schloß die Augen und träumte einen süßen, seligen Feiertagstraum, üppig wie ihr blaues Gewand und wie jenes zerrinnend in Millionen Schaumperlen.

Im See aber regte sich das fröhlichste Leben. Die Fische plätscherten in ausgelassenster Lustigkeit wellenauf- und abwärts, die Krebse sammelten sich in Schaaren und verabredeten zur Heiligung des Feiertags Piratenzüge, der Salamander schoß in jeden Sonnenstrahl hinein, der feurig in die Fluthen tauchte und sinnend faß ein ehrwürdiger Patriarch von Frosch am Ufer, noch ungewiß, ob er sein Volk auffordern sollte, den freiwillig von Ihrer feuchten Majestät gewährten Feiertag zu Lande oder zu Wasser zu begehen und war wol noch nicht fertig mit dem Gedanken, als Bertha aus dem Dickicht heraustrat und mit einem lauten Freudenruf den See begrüßte.

»Mutter«, sagte sie zur alten Ursula, die sie aus der Hütte geholt und mit sich gezogen hatte, »heut bleibe ich den ganzen Tag bei Dir. Es ist das letzte Mal. In diesen Tagen fahre ich mit der Mutter in die Stadt, um beim Elisabeth-Krankenhause als barmherzige Schwester einzutreten.«

»Du? ach geh mir doch«, sagte die Alte achselzuckend.

»Ja ich!« wiederholte Bertha schwermüthig; »ich nehme heut Abschied von Dir, dem Wald, dem See. Wußtest Du's noch nicht?«

»Ich hatte es gehört, aber nicht geglaubt. Du junges, unreifes Ding, weißt Du denn, was Du thust?«

»Gewiß, ich weiß es!« versicherte Bertha zuversichtlich.

»Hast Du mit dem Axel darüber gesprochen?«

Bertha schüttelte mit dem Kopf. »Mit Axel am wenigsten.«

An ihn hätte sie am liebsten nicht mehr gedacht und doch wie unmöglich war das gerade an dieser Stelle.

Wie oft hatten sie hier zusammen gespielt, zwei fröhliche Kinder, wie sie auf der Welt kaum je wilder und froher in das Leben geblickt; dann, wie oft ihn hier empfangen, wenn er auf Ferien kam, dann und dann – – –

Die Gedanken schwommen ineinander und über die lichtvolle Vergangenheit fielen die Schatten einer öden Zukunft.

»Ach, wenn ich erst alt wäre«, seufzte sie laut.

Das Echo wiederholte den Seufzer und trug ihn den Bäumen zu.

»Wir werden nicht alt!« rauschte es in den Buchen, »wir tragen in jedem Jahr den Jugendschmuck grüner Blätter.«

»Auch ich werde nicht alt!« wehte es vom See herüber; »denn ewig jung und klar strömen die lebendigen Quellen meines Innern.«

»Ich bin immer grün«, sagte das Moos; »wir blühen Jahr für Jahr«, flüsterten die Waldblumen, und die Gräser warfen sich in die Brust, als sei es unnütz, erst ein Wort über ihre Jugend zu verlieren.

»Also nur die Menschen werden alt?« regte es sich in Bertha's Seele, aber ein ganzer Chor von Stimmen wehrte sich dagegen. Es ist mit den Menschen nicht anders, wie mit den Bäumen und Blumen, wie mit der Natur überhaupt. Ihre Blüthenzeit geht zu Ende und ihr Winter zieht heran. Aber dann, gerade dann, wenn Erstarrung sich auf ihr Herz gelegt, ist der Frühling da wie mit einem Zauberschlage! dann springen die belebenden Geistesquellen, dann blühen die Blumen auf, zu denen der Keim gelegt, gerade als die Welt sagte, sie sind alt geworden.

»Ja, alt«, wiederholte Bertha.

Die alte Ursula aber sah das junge Mädchen herausfordernd an. »Willst Du mich ausspotten wegen meinem alten runzlichen Gesicht? Spotte nur, ich bin jung genug und wenn ich sterbe, dann fängt die Jugend von Frischem an.«

Bertha's Herz schwoll, sie hatte von Alter gesprochen und fühlte doch die Jugend in allen Adern pulsiren im Einklang mit der Schöpfung, die ein unerschöpflicher Quell ewig währender Jugend ist.

Sie athmete tief auf, dann sagte sie kurz abgebrochen:

»Höre mir zu, Ursula, ich will Dir Alles genau erzählen.«

Sie warf sich auf's frische Gras unter eine breitästige Buche, die weithin Schatten bot, die Alte setzte sich zu ihr und Bertha erzählte.

»Ich habe also in diesem Winter zum erstenmal Bälle besucht. Ich kann Dir nicht sagen, wie hübsch das ist. Eine Weile dachte ich, aber das denke ich jetzt nicht mehr, es sei noch hübscher, so zu den Klängen der Musik, bei hellem Kerzenglanz und auf's Schönste geputzt, durch die Reihen zu fliegen, als unsere Kinderspiele hier im Walde waren und später unsere Wanderungen zu Dir an den See, unsere unschuldigen Märchenträume, unser gedankenloses glückliches Weiterleben.

»Auf den ersten Bällen tanzte ich eben so harmlos, wie ich hier im Walde gespielt hatte, aber dann lernte ich den Vetter Arthur kennen und da weiß ich nicht wie es kam, aber es sah bald alles Anders aus. Ich sah, daß ich hübsch war und daß ich mehr tanzte, als alle Andern; ich merkte, welche Kleider und Blumen mir besonders gut standen, und wählte meinen Anzug danach.

»Ich stand vor dem Spiegel und freute mich über mich, wie ich mich sonst über alles Schöne gefreut, das außer mir lag. Wenn ein Ball vorüber war, freute ich mich schon auf den andern und ich hörte selbst auf, Axel dort zu vermissen, weil er doch lange kein so guter Tänzer ist, als Vetter Arthur und dieser mich immer aufzog mit der Jugendfreundschaft. Das ärgerte mich aber. Ich hatte nicht nöthig, mich Axel's zu schämen und Arthur war mir noch lange kein Jugendfreund, wenn er auch mein Verwandter war und so elegant und fein, daß ich gern mein Benehmen und meine Kleider von ihm loben ließ. Auf dem einen Ball, dem letzten vor meiner Krankheit, da war Vetter Arthur ganz anders, da sagte er so sonderbare Dinge, nicht offen, nein verblümt und so zart . . . Ich zitterte und die Thränen traten mir in's Auge und dann war mir wieder so stolz zu Muth, denn er war immer der Erste auf den Bällen, und daß ich ihm die Erste war, das kam mir wie eine Auszeichnung vor.

»Als wir den Abend nach Hause fuhren, ach, ich werde es nie vergessen, auch ehe uns der Unfall passirte und wir umwarfen, war es schlimm genug und all' meine Ballfreude wurde getrübt. Der Vater hatte hinter uns gestanden, als Arthur mit mir sprach. Ach! er hatte es ganz anders aufgefaßt als ich. Damals dachte ich: alte Herren wissen nichts von den Gefühlen der Jugend.

»Wie unschuldig waren Arthur's Worte, wie unschuldig und natürlich war meine Freude daran, und was machte der Vater aus beiden? Er sprach von leichtfertigem Zeitvertreib, von fadem Geschwätz u. s. w. Er sagte, er wünsche sich einen andern Schwiegersohn, als Arthur. Mein Gott, wer hatte denn an Heirathen gedacht!

»Aber auch darüber schalt er und fragte mich so bitter, was ich mir denn eigentlich gedacht, daß ich mit meiner Antwort: Nichts, gar nichts, gar nicht herauskam. Da lachte er, wurde aber dann wieder ernst und sagte: Aus dem Nichts habe Gott zwar die Welt geschaffen, aber aus dem Nichts könne eben so gut alles Unheil entstehen und aus nichtiger Freude und eitler Weltlust am Meisten.

»Er sagte das sehr liebevoll, der gute Vater und mir liefen die Thränen herunter, aber Recht konnte ich ihm damals doch nicht geben. Und dann kam auf einmal der Krach und wir brachen den Wagen und mußten zu Fuß durch den Schnee bis zum nächsten Dorf gehen. Durchgeschüttelt vom Frost, traten wir in das erste beste Haus, aus dem uns ein Lichtschein entgegen leuchtete. Es war ein Krankenhaus, das der wohlthätige Gutsherr seinen Leuten erbaut und just Pockenkranke darin. Mit Schauder und Entsetzen floh ich die Stube, die ich soeben betreten und den Anblick des zum Ungeheuer entstellten Leidenden, der mir aus einem der Betten entgegenblickte.

»Und nächsten Morgen schüttelte mich das Fieber und wenige Tage darauf brach die Krankheit bei mir aus! Das waren schreckliche Tage, ehe mir das Bewußtsein ganz schwand, denn da drehte ich mich fortwährend im wilden Wirbelwind des Tanzes umher und ein Meer von Lichtern brannte mir in's Gehirn, aber ich mußte tanzen, denn Arthur stand da und klatschte Beifall und ich tanzte, bis völlige Nacht meine Sinne umfing.

»Dann erinnere ich mich eines schönen Traumes. Ich war wieder ein Kind und spielte mit Axel im Walde und der ganze Wald war lebendig, alle Blumen und Gräser sprachen und die Bäume und Sonnenstrahlen auch, aber ich konnte die Sprache nicht verstehen und wußte doch, eher würde ich nicht gesund werden, ehe ich nicht ihre Sprache verstünde. Und da kam Axel und ich klagte, daß die Sprache des Waldes gar so fremd und schwer sei, und er lachte mich aus und sagte, sie sei kinderleicht und ich bat ihn, sie mich zu lehren: er sagte aber, das könne er nicht, die könne ich nur von mir selbst lernen, es sei Jeder sein eigner Lehrmeister und Keiner könne dem Andern rathen und helfen, und dann wachte ich auf und wurde gesund.

»Ich dachte, ich hätte ein Gehirnfieber gehabt; ich sagte es auch, und Keiner widersprach mir. Ich war noch schwach und durfte Keinen sehen, aber Arthur schickte mir schöne Bouquets von Treibhausblumen aus der Stadt, und Axel kam jeden Tag nach meinem Befinden fragen; das that mir von Beiden wohl und ich freute mich auf den Frühling und auf das Wiedersehen mit Axel und freute mich, wenn Arthur heraus kommen würde, ihn in den Wald zu führen, obgleich ich ihn mir dort gar nicht recht denken konnte. Eines Tages fühlte ich mich so kräftig, daß ich beschloß, den Versuch zu machen, und hinauf in die Wohnstube zu gehen, die Eltern zu überraschen. Als ich die ersten Stufen der Treppe erstiegen, kam Jemand von Oben herunter mir entgegen.

»Es war Arthur. Ich blieb stehen, ihn zu erwarten, ich freute mich so sehr, ihn wieder zu sehen.

»Er sah mich an und ging an mir vorüber. »Kennst Du mich nicht, Arthur?« fragte ich erstaunt. Da drehte er sich nach mir um.

»»Um Gotteswillen Bertha, das bist Du?« rief er aus; Schreck und Entsetzen malte sich in seinen Zügen und die Hand, die ich ihm reichte, nahm er nicht.

»»Armes Cousinchen, o die bösen, bösen Pocken!« fuhr er fort, »das ist eine schändliche Krankheit! O Pardon, daß ich Dich nicht gleich erkannte und daß ich jetzt nicht länger bleiben kann. Mein Wagen wartet, aber meinen Strauß für Dich gab ich oben bei der Mama ab.« Damit eilte er fort und ich ging langsam hinauf in unsern Saal und stellte mich vor den großen Wandspiegel und sah mein zerrissenes rothglühendes Gesicht und meine verschwollenen Augen, sah den entstellten Mund, kurz, sah mich so, wie ich es jetzt bin.«

»Aber Kind«, unterbrach sie die Alte, »so siehst Du ja gar nicht aus, sieh doch in den Spiegel.«

»Ich sehe so aus und es hilft mir nichts, daß die guten Eltern, daß Du, daß die Leute im Hause mich anders sehen wollen. Die Welt wird es doch nicht thun und den Spiegel frage ich nicht wieder«, sagte Bertha und fuhr dann fort:

»Ich ging still wieder in mein Zimmer zurück, und als die Mutter kam und mir den Strauß von Arthur brachte, sagte ich ihr, was geschehen sei. Den Strauß aber behielt ich nicht und Axel schlug ich es ab, ihn zu sehen, als er, der, wie die Mutter sagte, während ich besinnungslos dalag, durchaus zu mir gewollt, es auf's Neue verlangte, denn ich hätte es nicht ertragen, auch ihm ein Gegenstand des Abscheus zu sein. Ich ließ mich vor Keinem sehen und so faßte ich den Entschluß, barmherzige Schwester zu werden.«

»Aus Eitelkeit!« sagte Frau Ursula.

Das Wort schlug wie der Blitz in Bertha's Seele.

»Aus Eitelkeit«, wiederholte sie und dann mit einer trotzigen Geberde: »Gleichviel weshalb, es kommt der leidenden Menschheit zu gut.«

»Auch Dir?« fragte die Alte, wartete aber die Antwort nicht ab, sondern ging mit den Worten in die Hütte, sie wolle dem Andres, dem Enkel sagen, er solle ein Gericht Fische fangen, damit sie etwas Besseres als gewöhnlich zu Abend hätten.

Drinnen aber schickte sie den Andres vorerst nach der Oberförsterei. Sie nahm aus Bertha's Tuch, das diese in der Hütte abgelegt, die Tuchnadel mit dem Eichenblatt in grüner Folie, die, wie sie wußte, Axel der Bertha zum Geburtstage geschenkt und trug dem Andres auf, sie dem jungen Herrn zu zeigen und ihm zu sagen: die Großmutter meine, wo das Blatt sei, gehöre auch der Baum hin, und wenn dieser es fest halte, würde kein Wind es losreißen. Bis zum Abend aber würde sie sorgen, daß Keiner dem Baum sein Recht nehme.

Sie ließ sich die Bestellung ein paarmal wiederholen und rief dann dem davoneilenden Burschen noch nach, sich zu sputen und gleich, so wie er zurück sei, ihr ein Gericht Fische zu besorgen, dann richtete sie ein einfaches Vesperbrod her, denn ihre Mittagsstunde war schon vorüber, um es der Bertha unter die Buche zu tragen. Aber diese hatte ihren Platz verlassen und war näher an den See gegangen und saß dicht unten am Ufer und sah dem Spiel der Fische im Wasser zu.

Da war besonders ein junger Gründling, der noch nicht trocken hinter den Ohren geworden und auch wohl nicht Aussicht hatte, es zu werden, der machte ordentliche Hechtsätze vor Lust und Freude.

Immer hin und her ruderte er und wenn er an eine bestimmte Stelle des Ufers kam, hob er den Kopf aus dem Wasser und schnappte nach Luft, und es war Bertha gerade, als wollte er etwas sagen. Als aber ihre Blicke von ihm ab ans andere Ufer hinüberglitten, da sah ihr scharfes Auge dort drüben ein Gänseblümchen im hohen Grase stehen, ein ganz junges, kaum erblühtes Gänseblümchen im rosa angehaucht weißen Kleidchen und es lehnte sich an einen hohen, spitzen Grashalm an, als sei es schutzbedürftig oder doch in besondere Aufsicht gestellt, denn es ist immerhin gefährlich, und wer alt in der Welt geworden ist, weiß es aus Erfahrung, ein junges Blümchen so ganz frei und allein aufwachsen zu lassen, obgleich sie manchmal wunderbar gedeihen.

Und wie Bertha das erröthende Blümchen sah und den Fisch immer vor demselben hin- und herrudernd und den spitzen Grashalm in Wehr und Waffen, da war auf einmal eine von den kleinen Geschichten fertig, die gar possirlich menschliches Leben und Treiben, wie Jeder es in seinem Innern empfindet, wiederspiegeln.

Der Fisch war nämlich gründlich verliebt in die junge liebliche Blume und diese, obgleich nur ein unerfahrenes Kind der Wiese, hatte es bei aller Bescheidenheit doch recht gut gemerkt, daß er ihretwegen unaufhörlich hin- und herrudere. Nun war die kleine Marguerite gar streng vom Onkel Grashalm erzogen, der spitz und scharf werden konnte, schlug sie nicht vor jedem vorüber fliegenden Käfer sittsam die Augen nieder. Aber an den See und die Courmacher im See dachte er nicht, da sein Auge immer nur in die Lüfte gerichtet war und der See lag doch ganz dicht vor seinen Füßen, so dicht, daß Marguerite sich nur ein wenig vorbeugen durfte, um sich in dem Spiegel desselben zu sehen. Das hatte sie bisher nie gethan. Erst als der Gründling immer vorüberzog und die Floßfedern grüßend schwenkte, da sah sie ihn an und gewahrte das eigene Bild. Da durchschauerte es sie in ahnungsvoller Freude, daß der Fisch sie doch hübscher finden müsse als das bunte Haidekraut, die weißen und blauen Anemonen, ja, selbst als das reizende Vergißmeinnicht, das des See's Farbe trug.

Das aber ahnte sie nicht, daß der Fisch den heutigen Tag zu seiner Erklärung ausersehen hatte.

So schüchtern er von Natur war und so schwer zu erwärmen, der von der Sonne decretirte Extrafeiertag hatte seine Gefühle auf's Aeußerste gespannt.

Er faßte Muth, ruderte so dicht an's Ufer, als er nur immer vermochte, hob sich zur Hälfte des Körpers aus dem Wasser, so daß Bertha glaubte, er wolle einen verzweifelten Sprung an's Ufer wagen und sagte:


»Holde Dame Marguerite,
Sieh doch, wie's mich zu Dir zieht!
Ohne Dich ist mir der See
Eine Wüste voller Weh,
Willst Du unter alten Bäumen
Deine Jugend schier verträumen?
Folge mir, beglücke mich,
In's Krystallschloß führ' ich Dich,
Daß die Welle leicht und lose
Deine Tage Dir verkose,
Daß vom ersten Morgenglühn
Leis die Stern' in's Wasser ziehn,
:Durch die nächtlich dunkle Pforte
Du nichts hörst als Liebesworte:
Wenn ich auch nur ein Gründling bin,
Sei Du meine Königin.«


Und als der verliebte Fisch so sprach, gestikulirte er so feurig mit den Floßfedern, daß ein Wasserstrahl nicht nur das erschrockene Gänseblümchen benetzte, sondern auch den Onkel Grashalm an der Spitze seiner spitzen Nase traf, ihn aus seiner himmelstarrenden Träumerei erweckte und seine Aufmerksamkeit dem See zuwandte.

So hörte er die ganze Liebeserklärung mit an.


Da wurde er denn äußerst hitzig
Und sagte dem armen Anbeter sehr spitzig,
»Er möge, Kreuz Himmel Sapperment,
Hübsch bleiben in seinem Element,
Oder wolle er sich um Damen bewerben,
Die auf dem Lande leben und sterben,
So mög' er sich hübsch an das Ufer bemühn,
Verständige Verwandte zu Rathe ziehn,
Und es gefunden in allen Ehren,
Dann sei es erlaubt, um die Blume zu werben,
Ihr Treue zu schwören für Leben und Sterben.
So aber sei es höchst ungebührlich,
In hohem Grade despectirlich,
Anzufangen die Liebesgeschichte
Mit seiner ehrbar erzogenen Nichte,
Und daß er sich all das verbäte,
Bis der Gründling selbst ans Ufer träte,
Zuerst des Onkels Meinung zu hören.
Das wolle und könne er ihm nicht verwehren.
Jetzt mög' er sich aber zum Teufel scheeren.«


Damit glaubte denn der alte Herr den Fisch so höflich als witzig abgewiesen zu haben, denn alt und zähe wie er in der Welt geworden war, wußte er wohl, daß Fische das Land nicht betreten können.

Aber dem Gründling war alles Blut in den Kopf gestiegen und Angesichts dieser unübersteiglichen Hindernisse


. . . gelobte er laut mit heiligem Eide:
»Ehe die Sonne heut noch scheide,
Ehe die Sterne in's Wasser blicken,
Die Gänseblume an's Herz zu drücken.
Und ob die ganze Welt es wehre,
Er komme an's Land, auf Gründlingsehre!«


»Das ist Liebe!« sagte das Gänseblümchen, leise erschauernd, aber der Onkel fuhr sie heftig an:


»Also während ich ruhig meine,
Wunder wie sittsam sei die Kleine,
Läßt sie, ehe es nur zu wehren,
Von fadem Liebesgeschwätz sich bethören.
Doch dies Treiben zu beenden
Gebe ich Dich aus den Händen,
Und mit dem Frosch, meinem alten Freund,
Wirst Du nächsten Tags vereint.«


»Mutter Ursula!« rief Bertha der Alten entgegen, die eben mit dem Vesperbrod, goldgelber Butter auf Schwarzbrot? gestrichen, wie Bertha es liebte, zu ihr hintrat, »das ist hier ein reizender Platz am See. Stundenlang könnte ich hineinsehen und nicht müde werden. Ganze Geschichten ziehen Einem dabei durch den Kopf und die eigenen Erlebnisse sieht man wie in einem Spiegel, nur klarer und wahrer. Weißt Du, woran ich habe denken müssen? An des Vaters Schelten auf der Nachhausefahrt vom Ball.«

»Und hat er Recht gehabt oder nicht?« fragte Ursula.

»Er hat Recht gehabt«, gab Bertha seufzend zu, »jetzt ist das aber egal. Es wird mir Keiner mehr sagen, daß ich schön bin.«

»Aber wenn Dir nun einmal Einer sagt, daß er Dich lieb hat?« fragte die Alte.

Bertha schüttelte den Kopf. »Es ist auch noch nicht erprobt, ob das Fischchen die Blume wirklich lieb hat!« sagte sie gedankenvoll.

Die Alte hörte es nicht mehr. Sie sah den Andres kommen und ging ihm entgegen. Er hatte den jungen Förster Axel selber gesprochen und dieser ließ der Ursula sagen, jetzt könne er nicht fort, aber vor Abend sei er da und sie solle das scheue Reh zutraulich machen und festhalten.

»Großmutter, welch' Reh?« fragte der Knabe, aber die Alte blieb ihm die Antwort schuldig und schickte ihn fort, das Gericht Fische zu fangen. Der Knabe holte sich sein Netz und stieg in den kleinen Kahn, den er ein Stückchen in den See hinausruderte, bevor er es auswarf.

Das gab ein hübsches Bildchen mehr.

Bertha biß kräftig in ihr Butterbrod ein; ihr war so gesund zu Muth, so frisch, wie lange nicht. Ja, sie hatte nicht geglaubt, je wieder so werden zu können. Alle ihre Empfindungen kamen in ein ruhigeres, natürlicheres Geleis. Sie dachte nicht an Vergangenheit und Zukunft, sie athmete nur für den Augenblick, und wie war er so schön. Sonnenschein im Wald und im See, frühlingsjunger Sonnenschein, Wärme, Liebe, gesunde Kraft und hoffnungsvolle Frische in jedem Strahl! Ihr Haupt badete sich darin. Ob sie häßlich, ob schön war, daran dachte sie im Augenblick nicht, sie fühlte nur die Fähigkeit, sich ihres Lebens zu freuen; wie sie es nutzen sollte – auch das würde ihr zur Zeit Gottes Sonne erleuchten, fühlte sie zuversichtlich. Im See trieb das Märchen sein buntes Spiel weiter. Ueber des Grashalms Drohung lachte das Gänseblümchen. Mit dem Frosch war sie schon als Kind geschreckt worden. In Bertha's Seele tauchten Kindheitserinnerungen auf. Wenn ihr Vater böse war, pflegte er zu sagen: »Mädchen, ich hänge Dich in den Rauch« aber er hatte es nie gethan.

»Der Vater ist ein solch guter Mann, streng aber liebevoll und nicht spitz und scharf, wie ein Grashalm!« sagte sie auf einmal.

»Wie kommst Du auf den Vergleich?« fragte Ursula erstaunt.

»Ich weiß nicht, er fiel mir so ein«, und dann plötzlich in die Hände schlagend, rief sie lebhaft aus: »Sieh doch das Regiment Krebse und der größte, wie der Commandeur, voran. Wenn sie nur meinem armen kleinen Gründling nichts zu Leide thun.«

»Laß sie doch machen, was sie wollen, komm lieber und hilf mir« brummte die Alte; »willst Du mit essen, mußt Du auch mit kochen. Geschwind komm, mache Feuer an und setze die Kartoffeln auf, essen wollen wir sie draußen.«

Wie der Wind war Bertha in der Hütte, hatte sich eine Schürze der Alten umgebunden, stand da und wusch die Kartoffeln ab mit einem so vergnügten Gesicht, als ginge es zum Tanze.

»Ich darf mich vor keiner Arbeit scheuen, Mutter Ursula«, sagte sie, »ich werde Schwereres zu thun bekommen im Elisabethkrankenhause.«

»Gewiß, so Schweres, daß, wer es nicht aus vollem Herzen heraus thut, es schwerlich gut verrichten kann. Dies, Kind, ist keine Arbeit, dies ist Vergnügen, Kinderspiel, Tausend, wer ein Gericht Kartoffeln in der lieben Heimat essen will, dem wird's doch nicht zu schwer sein, sie sich zu kochen. Es rührt sich Mancher schwerere Gerichte ein, möchte Mancher ersticken an der eigenen Kochkunst.«

»Jawohl, Mutter Ursula«, gab Bertha seufzend zu.

Sie war mit ihrer Arbeit fertig und machte Feuer auf dem Herde an. Sie fand noch einige Kohlen unter der Asche, legte Spähne auf und blies hinein, daß die Funken stoben und sie ihre Wangen erglühen fühlte.

»Erhitze Dich nicht so, Kind«, warnte die Alte.

»Ach was, meinem schönen Gesicht schadet's nichts«, lachte Bertha und setzte dann hinzu: »weißt Du, Mutter Ursula, ich mache solche Arbeit gern. Ich möchte hier gleich an Deiner Stelle sein. Die Schwiegermutter eines Waldhüters, der Posten ist nicht der schlimmste.«

»Heirathe doch erst Einen, der in den Wald gehört, dann kannst Du's vielleicht mal so weit bringen, wie ich«, sagte Frau Ursula, aber Bertha hörte nicht darauf. Sie war dem Feuer zu nahe gekommen und hatte sich die Hand verbrannt. Sie hauchte auf die schmerzende Stelle und war vor Schreck etwas roth, aber als Frau Ursula die Hand sehen wollte, lachte sie und sagte, es sei nichts.

Für die kleine Marguerite war's ein ereignißreicher Tag, denn wahrhaftig, der Krebs, den Bertha vorhin beobachtet und dessen Feindschaft für ihren Schützling, den Gründling, sie gefürchtet hatte, segelte geradezu auf den Grashalm zu und hielt in aller Form um Marguerite an.

Lieber noch den Frosch, lieber todt im See«, sagte diese schaudernd und schmiegte sich ängstlich an den Oheim. Aber der Krebs machte ein höhnisches Gesicht und meinte, »er werde dem Gründling wohl nachgesetzt, er könne freilich mit Worten nicht spielen und wie jener schwatzen von feinen Gefühlen, doch fühle er sich auf's Tiefste verletzt, und müsse er dem Gründling weichen, solle jenen heute noch die Rache erreichen.« Und damit schoß der junge Brausekopf wüthend davon, den Gegenstand seiner Rache aufzusuchen.

Dieser rang mit verzweifelten Entschlüssen. An's Land mußte er, aber wie? Da fiel sein Blick auf das ausgespannte Netz. Das Mittel war verzweifelt, aber es war das einzige, das ihm zu Gebote stand. »Ich bin doch wenigstens aus dem Wasser heraus«, dachte er und schoß hinein und, im blinden Rachegefühl die Gefahr nicht bemerkend, ihm nach der Krebs an der Spitze seiner Truppen.

Andres fühlte das Netz schwer werden und zog es in den Kahn . Er lachte lustig auf.

»Hei, das schöne Gericht Krebse!« rief er vergnügt, »da wird die Großmutter sich freuen, die sind besser, als Fische.«

Er brachte seine Beute der Großmutter in die Küche.

»Das ist recht, die Krebse sind Räuber!« entschied Bertha mit schnell richtender Weisheit.

Die Krebse wurden in einen Korb geschüttet, da kam auch der Gründling zum Vorschein.

»Der ist für die Katze«, erklärte Andres und wollte dem Wort die That folgen lassen, aber Bertha entriß ihm das Fischchen.

»Pfui«, sagte sie, »was hat das Thierchen der Katze gethan?«

»Die Krebse haben uns just auch nichts gethan«, meinte lächelnd die Großmutter, aber Bertha konnte nicht mehr von dieser practischen Beleuchtung menschlicher Richtersprüche profitiren. Sie war schon auf dem Wege zum See und im nächsten Augenblick schwamm der Gründling wieder in dem heimischen Element.

»Was wird er doch thun?« dachte Bertha.

Der Fisch athmete auf nach den überstandenen Gefahren. Sein kaltes Blut hatte er just nicht dabei verloren, denn das soll den Fischen eigentlich nie passiren.

Er legte sich nun auf eine Welle und dachte nach.

Bertha beobachtete ihn mit sichtlicher Spannung. Was gingen ihr denn für Gedanken dabei durch den Kopf? Ja, sie sagte sie Keinem, aber als der Fisch mit einem plötzlichen Entschluß wieder von der Welle herunter schoß und nach dem Schilf hinüber ruderte und sich dort in demselben verbarg, ganz nah der Stelle, wo die kleine Marguerite blühte, da erhellte sich ihr Gesicht.

»Recht so, recht so«, rief sie seinem Thun Beifall zu, »nur der Beharrliche erreicht sein Ziel, nur unverfälschte Treue erringt den Preis.« Ganz fröhlich ging sie in die Hütte zurück, stellte sich wieder an den Herd und paßte auf, ob's den Kartoffeln nicht bald zu heiß in der grauen Kutte werden und sie dieselben sprengen würden, um zu sehen, ob's in der Welt nicht etwas kühler sei, als ihnen da über der hellen Flamme.

Aus dem Fischgericht für den Abend wurde nun nichts, aber um so herrlicher mundeten die Kartoffeln und die Krebse. Bertha ließ es sich nicht nehmen, dieselben, und zwar draußen, auf's Zierlichste anzurichten; die dampfende Schüssel stand auf dem Rasen, die Butter auf einem grünen Blatt lag daneben, sie und die Kinder rings herum auf dem Rasen gelagert, – es war ein Göttermahl. Nur der Waldhüter, der jetzt erst heim kam und noch keinen Mittag gehabt hatte, bekam sein Stück Fleisch und verzehrte es in der Stube, denn er meinte, er sei nun genug im Freien gewesen.

Bertha scherzte und lachte mit den Kindern und stritt und haschte sich mit ihnen um die besten Kartoffeln und größten Krebse und erzählte ihnen Märchen dabei, in denen die Krebse Raubritter in schwarzen Rüstungen waren, die das größte Unrecht thaten, wenn sie auszogen, sich ihre Nahrung zu suchen., böse, finstere Gesellen, vor denen die unschuldigen Blumen sich fürchteten u. s. w. u. s. w., kurz eines von den Märchen, in denen der Unsinn oben auf und der Sinn manchmal sehr tief versteckt liegt, oft gar nicht zu finden ist, in dem aber, wie im Leben die heterogensten Dinge nebeneinander passiren, Glück und Leid, Leben und Tod, Freude und Elend eng verschwistert sind und ein glückliches Ende eben meist das Beste ist, obgleich, wenn es zu Ende geht, die großen wie die kleinen Kinder nichts davon wissen wollen; kurz, es war ein Vergnügen ohne Ende und ohne Grund, was immer die besten Vergnügen sind, denn sie kommen von innen heraus und knüpfen an das Aeußere an und da ist denn ein grüner Baum, eine Blume, meinetwegen auch eine schön geplatzte Kartoffel genügend zum Anknüpfen.

Die Großmutter nahm nur halb Theil daran. Sie schaute unruhig nach dem Gast aus, den sie sich geladen.

»Alte, was hast Du?« fragte Bertha auf einmal und es war, als wollte eine leise Wehmuth sie beschleichen, aber sie schüttelte sie gewaltsam ab. »Denkst Du, daß es das letzte Mal ist? Mutter, noch ist die Sonne nicht unter und so lange darf nichts den Zauber stören, so lange leben wir noch im Märchen. Nachher hat es ein Ende und das Leben beginnt, das ernste, schwere!«

»Ja«, sagte die Alte und schlug die Augen nieder, »dann wird's öde im Walde werden, dann sind meine besten Freunde fort, Du im Krankenhause, Axel in Afrika oder Gott weiß wo sonst bei den Heiden.«

»Axel?« wiederholte Bertha und sah die Alte starr an.

»Ja, weißt Du noch nicht, er giebt die Jägerei auf und wird Missionär.«

»Aber welcher Unsinn, warum?« fragte Bertha.

»Ja, Kind, wer weiß den Grund von all' dem Unsinn, der geschieht. Vielleicht hat er eine unglückliche Liebe.«

»Aber deshalb wird man doch nicht Missionär, das wird man doch nur aus Beruf.«

»Ja, warum denn, wenn's nur der leidenden Menschheit zu Gute kommt«, meinte die Alte.

»Aber ihm, ihm selber«, fuhr Bertha heftig erregt fort, »das kann dem lieben Gott nicht gefallen; wer ihn verkündigen will, darf es nur, weil der Geist voll von ihm ist.«

»Das meine ich auch«, fuhr Ursula fort und sah das Mädchen treuherzig an; »es gedeiht kein gutes Werk, das man nicht um seiner selbst willen unternimmt.«

Bertha stutzte, über ihr Gesicht flog ein Schatten.

»Warum hast Du mir das nicht erst nach Sonnenuntergang erzählt, was verkürzest Du mir meinen Feiertag«, sagte sie unwillig, nahm aber dann wieder eine heitere Miene an. »Ach was, ich will ihn mir nicht verkürzen lassen. Jetzt geh' ich noch an den See, Mutter, nachher kannst Du mir den Andres mitgeben. Ich fürchte mich nicht, allein durch den Wald zu gehen, aber der Vater könnte schelten und es unschicklich finden.«

Sie nickte der Alten zu und eilte fort. Wie war ihr doch zu Muth! Wie sonderbar, so wie Einem, dem der Schlummer noch auf den Augen liegt, dem aber der helle Tag schon durch die geschlossenen Augenlider durchscheint. Ein Entschluß, und Geist und Körper sind von den Banden befreit. Aber wer weiter träumt, erwacht endlich mit wüstem Kopf und schlaffen Gliedern.

Bertha war an den See geeilt, um Abschied zu nehmen; aber die Abschiedsgedanken waren fort, sie wußte nicht, wohin. Sie dachte nicht an Scheiden, sie dachte nur an die Schönheit, die sie umgab und in die sie mit trüben Blicken hinein schaute. Der See ruhte schon halb im Dunkeln, nur an einer Seite schaute die Sonne noch hinein und vergoldete den blauen Spiegel. Wie ein grüner Kranz umgaben ihn die frühlingsgrünen Buchen.

»Und hier will er fortgehen! unmöglich!« rief Bertha plötzlich aus. »Warum will er es nur?« fragte sie sich dann in Gedanken. Ja warum? Ihr Herz antwortete klopfend darauf, aber sie zagte, die Antwort zu verstehen. Die Sonne sah ihr voll in's Gesicht, das machte sie erröthen und sie bückte sich, das Erröthen zu verbergen. Da fiel ihr Blick auf das Gänseblümchen, sie brach es hastig und Blatt auf Blatt pflückend, die ihr eins nach dem andern durch die Finger glitten, stellte sie leise die Schicksalsfrage. Ja, nein, ja, nein antwortete das Blümchen, bis zuletzt mit dem Sinken des letzten Blattes ein jubelndes Ja von Bertha's Lippen floß.

Der Jubel währte nur einen Augenblick, ein Thränenstrom folgte. Bertha sank auf den Rasen und mit den Händen den Stamm einer dort stehenden herrlich grünen Buche umschlingend, schluchzte sie ein paar Secunden heftig.

Auch die kleine Marguerite lag betrübt am Boden. Sie war nun ihres schönsten Schmuckes beraubt und sah beschämt auf ihr gelbes Unterkleidchen, sich zitternd an den Grashalm schmiegend.

»Ach, wenn nur der Gründling jetzt nicht vorbei kommt!« seufzte sie leise. »Er würde mich nicht wieder erkennen, der Tag war so schön, so lustig und vergnügt, kehrt er so nie wieder?«

»Nie wieder!« sagte der Grashalm. »Du hast Dein schönstes Kleidchen weggeworfen, Du willst wohl sehen, was Du ohne Schmuck giltst? Dummes Gänseblümchen, weißt Du so wenig von der Welt? Alte Bäume fällt man und verbrennt sie. Verblühte Blumen wirft man fort oder legt sie höchstens in's Stammbuch, wenn man sentimental ist; uns nennt man, so lange wir jung sind, einen Sammetteppich und werden wir alt und grau, haut man uns ab und wirft uns den Kühen vor. So ist die Welt, nur Jugend und Schönheit gelten in ihr und außerdem nur noch der Nutzen.« Und damit wendete er sich ab und sah starr in die Höhe.

»Onkel, Du siehst immerfort in den schönen blauen Himmel, wo hast Du die bitteren Gedanken her?« fragte das Gänseblümchen und sah auch hinauf, aber nicht mit starrem, sondern mit warmem Blick und da schwand die Kluft zwischen Erde und Himmel und Beide wurden Eins in dem kleinen betrübten Herzen.

Bertha erhob sich von den Knieen. Auch ihr Herz war ruhig geworden und die Thränen in ihren Augen versiegt.

»Man kann doch glücklich werden, auch wenn man häßlich geworden ist, man muß nur die Stelle suchen und finden, wo man sein volles Herz für das Glück Anderer einsetzt. Werde ich sie finden?«

Sie hob das zerpflückte Gänseblümchen auf und warf es in's Wasser. Das Blümchen fiel auf das schöne breite Blatt einer Wasserpflanze, da lag es geborgen, da umspielten es kosend die Wellen und wahrhaftig, da kam auch der Gründling geschwommen und plätscherte lustig um die holde Blume herum und es fiel ihm nicht ein, kalt und vornehm vorüber zu ziehen, als hätte er zuvor nur ihre Schönheit, aber nie sie selber gesehen und lieb gehabt.

»Sie haben sich, sie haben sich«, rief Bertha lustig in einem Ausbruch kindischer Freude, »o, das muß ich der Ursula erzählen, mein hier geträumtes Märchen hat einen glücklichen Schluß.«

Sie wendete sich hastig, um nach dem Waldhäuschen zurück zu eilen, da plötzlich erklang lustiger Peitschenknall. Ein kleines Cabriolet, ein Schimmelchen davor, bog um die Waldecke, Bertha kannte das Gefährt. Es war des Vaters kleiner Ponywagen und er schickte ihn wohl, sie in der Dämmerung nicht allein durch den Wald zu lassen.

Sie rief dem Johann zu: »er solle nur halten bleiben, sie komme schon«, aber der alte Mann war etwas taub und hörte sie nicht. Er stieg vom Bock herunter, warf dem lammfrommen Thier die Zügel über den Hals und ging in die Hütte zur Ursula, nach seiner Herrin zu fragen.

In dem Augenblick trat Ursula aus der Thür, neben ihr ein hübscher, schlanker, junger Mann in grünem Rock mit grauem Filzhut auf dem blonden Haar, es war Axel. Er lächelte, denn die Alte hatte ihm eben erzählt, daß sie ihn zum Missionär gestempelt und welche grundverständige Ansicht Bertha darüber gehabt.

»Schade, daß man immer so klug für Andere und für sich selbst so blind und taub ist«, schloß sie ihre Erzählung.

»Drum müssen eben immer Zwei sein, die sich selber in dem Andern wiederfinden«, meinte Axel, aber dann trat er rasch vor, nahm den Hut ab, schwenkte ihn grüßend in der Luft und rief fröhlich Bertha's Namen, denn er erblickte sie, wie sie eben vom See kam und kaum noch fünfzig Schritte von der Hütte entfernt stand.

Ein tödtlicher Schreck hatte sie durchzuckt. Axel dort und sie ohne Hut und Schleier, ihr entstelltes Gesicht seinen mitleidigen Blicken blosgestellt – nein, das konnte sie nimmer ertragen. Sie floh wie ein gescheuchtes Reh dem Wege zu, ergriff den Zügel, sprang hinauf und die Peitsche fassend, des Pferdchens Rücken damit berührend und es mit einem lauten Pfiff anspornend, riß sie es gewaltsam herum, ohne nur daran zu denken, daß an der Stelle, wo der Wagen hielt, kein Terrain zum Umwenden war. Auch blieb die natürliche Folge nicht aus. Das Pferd, an die Peitsche nicht gewöhnt, denn Johann hätte lieber sich selbst als das Pferd geschlagen, und unwillig über die rauhe Berührung, schlug ein paar Mal hinten aus, dann zog es mit gewaltigem Ruck an und geradezu in die Büsche brechend, schleuderte es den Wagen an den nächsten Baum, daß das Rad krachend zusammenbrach und Bertha beim Hinausfallen vielleicht eine arge Verletzung davon getragen, hätte Axel sie nicht in seinen Armen aufgefangen. – Sie entwand sich denselben, Scham, Bestürzung, Verlegenheit stritten in ihr und liehen künstlichem Zorn die Waffen. Statt ihre unmotivirte Flucht zu vertheidigen, stellte sie sich zum Angriff.

»Ich bin böse auf Dich«, sagte sie heftig, »was kommst Du mir nach, wenn ich Dich nicht sehen will. Wenn ich mein Bild unentstellt in Deiner Erinnerung lassen wollte, warum mußt Du Dir's verzerren! Und was höre ich von Dir? Missionär willst Du werden? Willst Deine schöne Heimat, Deinen alten Vater, Deine Freunde verlassen, Deinen natürlichen Wirkungskreis aufgeben, Dein schönes, thatkräftiges Leben! Du bist zum Predigen nicht geboren und erzogen und es ist keine Noth, daß Du's thust. Warum das Gegebene von Dir weisen und dem Fernliegenden nachziehen? Hast Du keine näherliegenden Pflichten? Und was treibt Dich dazu? Liegt der Grund in Deinem innersten Herzen verborgen, ist's eine Nebenrücksicht, die sich in das Gewand aufopfernder Gottesfurcht hüllt?«

Bertha's Eifer steigerte sich während des Sprechens. Sie fühlte wieder die Nebeldecke vor ihren Blicken; es war der letzte unwillkürliche Versuch, sie zu zerreißen. Sie hatte sich selber gepredigt und jedes zürnende Wort, dem Freunde zugerufen, enthüllte eine Wahrheit, die sie bis in die innerste Seele traf.

Was trieb sie denn, sie selber, zu dem Samariterthum? War's das reine, unverfälschte Verlangen, Gott und den Menschen zu dienen? – Tausend Stimmen in ihr riefen: Nein! Ihr war, als sei jede Hülle von ihrer Seele gefallen und beschämt, entlarvt, gedemüthigt, gerichtet stand sie vor dem heiligen Altar der Natur, deren urewige Gesetze in Wahrheit und Klarheit das gottgeschaffene Weltall leiten. Sie wurde blaß, sie zitterte und schwankte, Axel umfaßte sie stützend.

»Du bist angegriffen von Schreck und Erregung, komm, netze Dir die Stirn im See, das wird Dich erquicken und stärken.«

Sie ließ sich schweigend von ihm an den Rand des See's führen.

»Ja so«, sagte er lächelnd, »womit schöpfen wir das Wasser? Du mußt es mit der hohlen Hand thun, wie wir es als Kinder oft gethan.«

Sie gehorchte wieder schweigend und bog sich vor, weit vor, und wie sie sich bückte, das Wasser zu schöpfen, da schaute ihr aus dem klaren Wasserspiegel ihr eigenes Bildniß entgegen, klar, deutlich, wie der schönste Krystall es nur hätte wiedergeben können. Sie fuhr zurück, sah wieder hin und wandte sich abermals ab.

Ein zitterndes, glühendes Antlitz blickte ihr entgegen, nicht Lilien und Rosen wie sonst, aber unentstellt durch seine Blässe und die leichten Narben der früher sammetweichen Haut. Der Mund bebend vor Erregung, aber in ehemaliger lieblicher Form und Frische, die Augen voll Thränen, aber groß und klar und leuchtend von seliger Ueberraschung.

»Wer, wer ist das, bin ich's?« fragte sie zagend.

»Du«, sagte Axel mit tiefer Bewegung im weichen Ton seiner Stimme, »Du, meine Bertha, ob schön, ob häßlich, ob krank, ob blühend, ob jung oder alt, ob in grauem, irdischer Freude abschwörendem Gewand, ob strahlend in den Farben der Jugend, immer nur dieselbe Eine, immer nur Du

Die Freude drohte sie zu überwältigen, sie wagte nicht, ihn anzusehen. Endlich fragte sie schüchtern und schlug nun doch die großen, glänzenden Märchenaugen voll stummen Zagens gegen ihn auf:

»Wann, wann gehst Du fort?«

»Wann, wann wirst Du barmherzige Schwester?« fragte er dagegen, aber Keines fand das Wort, die Frage zu beantworten. Wie von gleicher Empfindung getrieben, öffnete er die Arme und sie sank an seine Brust.

Die Sonne aber glitt hinter die Bäume und schweigend und in Dämmerung gehüllt lauschte der See, lauschte die ganze, ihr Tagewerk froh betrachtende Natur dem auf ihre heiligsten Rechte gegründeten wiedergebornen Glück der Liebenden.