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Anna Schapire-Neurath (13. September 1877, Brody/Ostgalizien – 12. November 1911, Wien)

Anna Schapire-Neurath war eine österreichische Schriftstellerin und Lyrikerin.

Anna Schapire-Neurath war die Tochter begüterter jüdischer Eltern. Sie wuchs mit vier Schwestern in Brody auf, das damals mehrheitlich von Juden bewohnt wurde, und wurde mehrsprachig erzogen. Ihre ältere Schwester Rosa Schapire wurde Kunsthistorikerin und förderte die Brücke-Künstler.

Anna Schapire-Neurath studierte Philosophie, Literaturwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Wien, Berlin und Bern. 1906 wurde sie in Bern in Philosophie promoviert. Im Jahr darauf heiratete sie ihren fünf Jahre jüngeren Kommilitonen, den österreichischen Ökonomen und Philosophen Otto Neurath, Sohn des Wirtschaftswissenschaftlers Wilhelm Neurath.

In der von Auguste Fickert herausgegebenen Zeitschrift Neues Frauenleben veröffentlichte sie 1905 den Aufsatz Über Wöchnerinnenschutz, 1907 einen Aufsatz über Bettine Brentano (von Arnim) sowie Die Frau und die Sozialpolitik, 1908 Die Abänderung der Gewerbeordnung durch das Gesetz vom 15. Februar 1907, Noch einmal Mädchenerziehung und Rassenhygiene im Jahr 1910 sowie 1911 Zwei Lager. Ihr bedeutendstes Werk ist der 1908 veröffentlichte Abriß einer Geschichte der Frauenbewegung. Zusammen mit ihrem Mann verfasste sie 1910 das Lesebuch der Volkswirtschaftslehre.

Anna Schapire-Neurath starb 1911 bei der Geburt eines Kindes. Ein Nachruf in Der Bund, dem Zentralblatt des Bundes österreichischer Frauenvereine, würdigte sie als "hervorragende geistige Arbeiterin auf nationalökonomischem, sozialem und feministischem Gebiete".

Bis auf die Schwester Rosa Schapire, die 1939 nach England emigrierte, kamen ihre Angehörigen der Schapire-Familie im Holocaust um.

Nachruf aus: Der Bund, VI. Jg., Nr. 10, Dezember 1911, S. 9 - 10

Am 12. November starb Frau Dr. Schapire-Neurath. Sie war eine hervorragende geistige Arbeiterin auf nationalökonomischem, sozialem und feministischem Gebiete. Mit gründlichem, vielseitigen Wissen, einte sie grosse Klarheit und Schärfe des Denkens, einen weiten Blick, lebendiges Interesse für alle Menschheitsfragen und warmes Empfinden für die Enterbten der Gesellschaft.

Als Polin der slavischen Sprachen kundig, beschäftigte sich die Verstorbene mit Vorliebe mit der russischen Geschichte und Literatur. So übertrug sie den Briefwechsel zwischen Alexander Herzen und Natalie Zacharin ins Deutsche, Tolstois Biographie und Memoiren, die von ihr eingeleiteten Aufzeichnungen Gerschunis, eine Geschichte der russischen Revolution u.a.m. Sie beherrschte auch Englisch und Französisch und war eine vortreffliche Interpretin, weil sie sich die fremden Autoren ganz zu Eigen machte, ihnen nachzudenken vermochte. Von der Fülle selbstschöpferischer Arbeiten sei hier nur ein Bändchen seelenvoller Lyrik "Singende Lieder" erwähnt und der "Abriss einer Geschichte der Frauenbewegung". Den beiden, in der Sammlung "Kultur und Fortschritt" erschienen Heften, hätten noch weitere folgen sollen.

Dr. Schapire trat stets für das Recht auf uneingeschränkte Betätigungsmöglichkeit aller geistigen Kräfte der Frauen ein, für die Pflicht, diese Kräfte zu wecken, zu höchstem Ausmass zu steigern. Ihr Leben hatte sie in diesem Sinne aufgebaut. In frühester Jugend auf sich gestellt, strebte Anna Schapire mit eisernem Fleisse, unermüdlicher Ausdauer und seltener Arbeitsfreudigkeit dem gesteckten Ziele nach. Sie studierte in Wien, Berlin und Bern. Dort erwarb sie 1906 das Doktorat der Philosophie. 1907 vermählte sie sich mit ihrem Studienkollegen Dr. Otto Neurath. Dieses Bündnis ward eine ideale Kameradschaft, ein wechselseitiges Geben und Empfangen. Ein Dokument ihrer Arbeitsgemeinschaft ist das von dem Ehepaar zusammen verfasste Lehrbuch der Volkswirtschaft. Die junge Frau schuf dem Gatten aber auch so viel häusliches Behagen, dass sie die Richtigkeit ihrer Anschauung bewies: Ein geschulter Geist wisse den Forderungen, die Wirtschaft und Alltag stellen, besser gerecht zu werden, als jene, deren Denken nur das Heim umkreist.

Der Tod hat viel zerstört mit diesem wertvollen, schaffensfrohen Leben. Ein unerbittliches Schicksal forderte es als Einsatz für die Weihe ersehnter Mutterschaft.

In der Geburtsstunde des Kindes, als die Dahingegangene schmerzgequält dem Tode ins Auge schaute, sagte sie zum Arzte: "Nur eines erbitte ich. Retten Sie mir mein Kind!" - Neben diesem Mutterwort wird jede Weisheit gering.

E. M.


Bibliographie

Verwendete Quelle: Artikel Anna Schapire-Neurath. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. April 2008, 14:46 UTC.
URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Anna_Schapire-Neurath&oldid=45141966
(Abgerufen: 23. Juni 2008, 09:40 UTC)
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