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Adolf Bäuerle – Die Dame mit dem Todtenkopfe in Wien

Roman

Adolf Bäuerle, Die Dame mit dem Todtenkopfe in Wien, Theil 1 und Theil 2, Hartleben's Verlags=Expedition, Pest, Wien und Leipzig, 1855


Erster Theil.

Erstes Capitel.

Im Jahre 1798 machte die Ankunft einer jungen Dame in Wien, ihres enormen Reichthums und des Umstandes wegen, daß Niemand ihr Antlitz sehen konnte, ein außerordentliches Aufsehen.

Sie stieg im Gasthofe »zum wilden Manne« in der Kärntnerstraße ab, miethete daselbst sechs Zimmer, wovon zwei die Aussicht auf die Straße boten, und bezog diese mit ihrer Dienerschaft.

Sie war den Tag über, und sogar wenn sie sich zur Ruhe begab, in der Nacht, verschleiert, und weder Wirth noch Wirthin, weder Zimmerkellner noch Stubenmädchen, wenn diese auch unvermuthet in ihr Zimmer traten, erblickten sie ohne Schleier.

Am 20. December 1798 erhielt der Wirth »zum wilden Mann« von seinem Schwager, welcher Postmeister in Krakau war, folgenden Brief:


»Ich höre, daß die verschleierte Dame aus Warschau in Deinem Gasthofe abgestiegen ist. Ich wünsche Dir Glück zu dieser Einquartierung. – Diese Dame ist außerordentlich reich, lebt auf einem großen Fuße, ist ungemein generös; sie gibt ihr Geld mit so leichtem Herzen hin, als würden ihr die Ducaten zum Fenster hereingeschneit. – In meinem Posthause verweilte sie acht Tage, und täglich hat sie mit ihrer Dienerschaft fünfzig Ducaten verausgabt. – Dies ist jedoch nicht merkwürdig, denn reiche Leute mit großem Gefolge verzehren oft noch mehr; aber merkwürdig ist, daß sie kein Menschengesicht, sondern einen Todtenkopf auf dem Rumpfe hat und heiraten will, so entsetzlich auch ihr Anblick ist. – Woher ich dies weiß, will ich Dir mittheilen:

»In einer Nacht, in welcher sie sich mit Schreiben viel beschäftigte, kam sie mit ihrem Schleier dem Lichte zu nahe. Der Schleier ging in Flammen auf. Sie erhob ein schreckliches Angstgeschrei. Meine Frau und ich schliefen in einem Zimmer dicht neben ihr. Wie es in Gasthöfen gewöhnlich der Fall ist, daß die Passagierzimmer mit einander durch Thüren, die, wenn verschiedene Reisende einkehren, nur durch das Verschließen dieser Thüren getrennt werden, – so hörten wir das Angstgeheul. Wir öffneten die Verbindungsthür in die Wohnung der Fremden, traten rasch ein, und sahen nun das Grauenvollste, das wir je gesehen. Die Dame lag auf dem Boden und wälzte sich mit ihren brennenden Kleidern, wahrscheinlich um die Flammen auszulöschen. Wir schafften schnell Wasser herbei und begossen sie; aber ihr Gesicht schien uns bereits verkohlt; es war, wie wir vermeinten, in einen Todtenkopf verwandelt, der vor Schmerz die Zähne aneinander schlug und dessen Augenhöhlen fürchterlich anzusehen waren. – Nur mit Abscheu näherten wir uns der Dame, hoben sie, nachdem wir ihr die zu Zunder verbrannten Kleider vom Leibe rissen, vom Boden auf und legten sie zu Bette. Jetzt erst kam ihre Kammerfrau, die im zweiten Stock wohnte, zur Hilfe herbei, verfiel aber in keinen geringen Schrecken, als sie uns bei ihrer Herrin antraf.

»Diese schien sich aber im Bette bald von ihrem Jammer zu erholen; die Brandwunden an ihren Händen und dem ganzen Körper, der, nebenbei gesagt, sehr schön ist, erklärte sie für unbedeutend; – sie verhüllte ihr Gesicht, wenn man ein Todtenantlitz so benennen darf, mit einem Kissen, dankte uns für die schnelle Hilfe und befahl uns, sie zu verlassen. Wir gingen durch dieselbe Thür in unsere Wohnung zurück.

»Es währte nicht zehn Minuten, so klopfte die Kammerfrau an der eigentlichen Pforte unseres Quartiers, die sich auf dem Gange unseres Hauses befindet. Ich öffnete und die Kammerfrau trat ein.

»Herr Postmeister und Frau Postmeisterin,« redete sie uns an, »ein eben so unglücklicher als tückischer Zufall hat Sie ein Geheimniß entdecken lassen, von dem, außer mir, kein menschliches Wesen in der Welt eine Ahnung hat. – Meine Gebieterin, von junonischer Gestalt, außerordentlich reich (sie hat jährlich ein Einkommen von zweimalhunderttausend Ducaten), eine Dame von höchster Bildung, hat den Jammer, mit einem Todtenkopfe geboren worden zu sein. – Sie sahen sie in ihrer schrecklichen Gestalt, und Sie können sie unglücklich machen, wenn Sie irgend Jemand ein Wort hierüber mittheilen. – Sie wünscht Ihr Schweigen zu erkaufen und sendet Ihnen zu diesem Behufe eintausend Ducaten durch mich. – Sollte Ihnen diese Summe zu gering sein, so kann auch noch mehr erfolgen.«

»Wir begnügten uns mit diesem Betrage, gelobten Verschwiegenheit und beherbergten die Dame noch acht Tage; so lange noch, als ihre Brandwunden der Heilung bedurften, – Am neunten Tage reiste sie nach Prag. – In Prag hat aber der Wirth »zum Engel« ihren Todtenkopf ebenfalls zufällig entdeckt: die Dame stürzte nämlich über die Treppe und verlor ihren dichten Schleier; seit jenem Tage wissen Viele das Geheimniß, und ich halte mich sonach nicht mehr für verpflichtet, es für mich zu behalten, am wenigsten bei meinem Schwager, der hieraus großen Nutzen ziehen kann, wenn er klug genug ist, dasselbe zum Vortheile seines Gasthofes zu benützen. Sei nur klug und schöpfe Gewinn aus der Anwesenheit der »Dame mit dem Todtenkopfe.«

       »Dein Dich liebender Schwager

       Ladislaus Kolbinski.«


Nachdem der Wirth »zum wilden Manne« diesen Brief gelesen und wieder gelesen und sich von seinem Erstaunen erholt, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als die verschleierte Dame betrachten zu wollen.

Er eilte in die Stiegenhalle, verweilte dort bis ihm irgend ein dienstbarer Geist der wundervollen Erscheinung aufstoßen würde; – es währte auch nicht lange, so kam ein Bedienter aus ihrer Wohnung und trug ein kostbares silbernes Waschbecken, das er auszugießen hatte.

»Wie befindet sich die Gräfin?« fragte der Wirth. »Hat sie sich nicht geäußert, ob es ihr in meinem Hause gefällt? – Ist sie mit den Zimmern, der Küche, mit den Hausleuten zufrieden?«

»Vollkommen zufrieden mit dem Allen, was Sie nannten,« versetzte der Bediente; »nur beklagt sie das Wagengeräusch in der Kärntnerstraße und bedauert, daß Sie keinen besseren Champagner im Keller haben«

»O, Champagner ganz vortreffliche Sorten,« erwiederte der Wirth, »nur möge die gnädige Dame eine andere Sorte versuchen. Ich setzte ihr bisher sogenannten »Vin de Fehde« vor, der ihr wahrscheinlich zu süß vorkommen wird; ich werde heute eine stärkere Sorte auftragen lassen; welche jetzt am beliebtesten ist. Was das Geräusch in der Straße betrifft , so lasse ich die Frau Gräfin bitten –«

»Meine Dame ist keine Frau; sie ist unvermält.«

»So lasse ich die Comtesse bitten,« fuhr der Wirth fort, »ein Hofzimmer zu wählen; Nr. 7 ist vortrefflich eingerichtet, und nebenan auch ein Cabinet für die Kammerfrau.«

»Ich werde es melden,« antwortete der Bediente und ging, das Lavoir zu besorgen.

Der Wirth blieb noch auf dem Corridor.

Der Bediente kam zurück.

»Fährt die Comtesse heute aus?« fragte der Wirth den Bedienten.

Augenblicklich. Sie besucht täglich eine andere Vorstadt und erfreut sich an dem bunten Gewühle der Bewohner Wiens.«

»Kann sie denn durch den dunkeln Schleier etwas sehen? Sie ist ja immer so dicht vermummt.«

»Daß Sie diese Bemerkung gemacht, darf ich ihr nicht sagen, sonst verläßt sie augenblicklich Ihr Hotel.«

Der Bediente ging und ließ den unbescheidenen Wirth stehen.

»Es ist richtig,« sagte dieser. »Jetzt zu meiner Frau! dieser wird Alles haarklein erzählt, dann eilen wir Beide unter das Hausthor und warten bis die Comtesse in ihren Wagen einsteigt, vielleicht verschiebt sich der Schleier und wir erblicken den Todtenkopf! – Brr! – Mir läuft es schon eiskalt über den Rücken!«



Zweites Capitel.

Die Wirthin im »wilden Mann« war eine Frau, welche ihr Geschäft aus dem FF zu führen verstand.

An dem Tage, an welchem der Brief des Schwager-Postmeisters von Krakau einlief, fiel gerade ihr Namensfest. Noch hatte sie von dem Gatten ihr Angebinde nicht, als sie aber die Neuigkeit, die wichtige Neuigkeit von der Dame mit dem Todtenkopfe erfuhr, erließ sie ihrem Ehegespons das Geschenk, das er ihr zugedacht hatte und in nichts Geringerem bestehen sollte, als aus einem »Halse voll Kropfperlen«, wie man sich damals in Wien auszudrücken pflegte.

»Deine Nachrichten und dieser Brief,« sagte sie, »sind mir lieber als die Perlen der Kaiserin von Rußland! – Laß mich nur machen, die Dame mit dem »Todtenkopfe« soll uns ein Haus eintragen.

»Was willst Du thun?« fragte der Gatte.

»Zuerst schicke ich alle Lohndiener zu den sämmtlichen Linien Wiens. Den Aufsehern an den Mauthschranken sende ich jedem zwei Gulden. – Dafür haben sie nichts Anderes zu thun, als jedem Passagier, der nach Wien fährt, die Geschichte der Grafentochter mit dem Todtenkopfe zu erzählen; da wirst Du dann sehen, wie die Fremden in unserm Gasthofe einkehren! – Wir werden freilich zu wenig Zimmer haben; das thut jedoch nichts zur Sache. Wir nehmen nur Diejenigen auf, welche vierspännig kommen, den Uebrigen sagen wir: Es ist schon Alles besetzt! – Dann erzähle ich dieselbe Geschichte im Speisesaale, im Extrazimmer, in der »Schwemme« und im Kutscherzimmer, allen Badner Fuhrleuten und lasse diese Geschichte bekannt machen in allen Kaffehhäusern von ganz Wien. Da gib Acht, wie unser Haus von Neugierigen bestürmt wird; auf der Kellerstiege, im Hofe und unterm Hausthore werden Tische hingestellt; es wird so toll bei uns hergehen, daß wir selbst keinen Sessel und keinen Tisch haben werden, sondern uns auf den Herd setzen müssen, wenn wir essen wollen. – Dann müssen unsere vier Buben, von welchen ein jeder eine andere Classe bei St. Anna frequentirt, die Geschichte in der Schule mittheilen; die gesammte Jugend muß sie ihren Eltern zum Besten geben; dadurch bringen wir die Sache mit einem Schlage in alle Vorstädte; gib Acht, welch eine Masse von Leuten unserm Wirthshaus zuströmt; in ein paar Tagen kann kein Wagen mehr durch die Kärntnerstraße fahren: die Passage stockt, aber unser Geschäft kommt in den besten Gang.«

»Du bist ein köstliches Weib, laß Dich umarmen.«

»Aber lügen müssen wir! Wir beide müssen der Welt erzählen, – natürlich ganz im Vertrauen und bei Angelobung des höchsten Stillschweigens, – daß wir den Todtenkopf wirklich gesehen, mit eigenen Augen gesehen, und daß es vielleicht manchem Gast gelingen könne, ihn auch zu sehen, doch gehöre Geduld dazu, und daß man Tag und Nacht bei uns im Hause sein müsse, weil nur ein glücklicher Zufall die Dame ohne Schleier erblicken lassen könne.«

Man hörte jetzt den Hausknecht einen Schlag an die Thüre des Wirthes machen.

»Jetzt kommt sie, um in ihren Wagen zu steigen,« rief der Wirth; »ich habe dieses Zeichen verabredet. Eilen wir unter das Hausthor nächst der Stiege.«

Wirth und Wirthin begaben sich dahin.

Ein paar Bediente eilten ihrer Herrschaft voraus.

Sie gaben dem Kutscher, der auf einer prächtigen Carrosse im Hofe harrte, einen Wink.

Die Pferde trabten heran.

Der eine der Bedienten wollte den Kutschenschlag öffnen.

Der Wirth und die Wirthin stießen den Diener auf die Seite.

»Diese Ehre kommt uns zu,« sagte der Wirth. »Wir müssen der Comtesse zeigen, daß wir zu leben wissen . . .«

Man hörte die schweren seidenen Kleider über die Stiege rauschen. Die Dame mit dem Todtenkopfe erschien in Begleitung ihrer Kammerfrau; beide dicht verschleiert.

Als die Dame den Wirth und die Wirthin so geschäftig, sie zu empfangen, bemerkte, sagte sie mit sanftem Tone und einem Wohlklange der Stimme, der sich nicht beschreiben läßt:

»Ei wie artig! Welche Aufmerksamkeit! – Wie erfreut mich diese Zuvorkommenheit!«

»Unsere Schuldigkeit, gräfliche Gnaden,« erwiederte die Wirthin und bemühte sich, den Schleier durch eine Bewegung mit der Hand etwas zu verschieben. Die Dame ergriff den Schleier, setzte sich in den Wagen und fuhr fort.

»Hast Du etwas gesehen?« fragte der Wirth die Wirthin.

»Nein,« antwortete sie. »Aber den Todtengeruch habe ich verspürt!«

Die Wirthin verzog bei diesen Worten ihr Gesicht auf eine Weise, welche Ekel und Abscheu verrieth.

»Die unglückliche Person verbreitet einen Geruch gerade wie eine Gruft, die acht Tage nach einem Begräbniß geöffnet wurde.«

»Mir ist nie ein solcher Gestank in die Nase gekommen!«

»Und diese Person will heiraten! Welcher Mann wird ein solches Weib nehmen! Selbst wenn Sie alle Viertelstunde zweihunderttausend Ducaten zu verzehren hätte, so nimmt sie Keiner.«

»Glaube Du derlei Dinge nicht! – Da unsere heutigen Männer nur Geld suchen, und es ohne Geld keine Neigung mehr gibt, so bekommt die Dame eher zehntausend Freier als keinen. Lasse die Geschichte nur unter die Leute kommen; Alte und Junge, Schöne und Häßliche, Gescheidte und Dumme werden regimenterweise hier aufmarschiren. Es werden Heiratsanträge schockweise hier eintreffen; die Post wird nicht genug Briefe befördern können, und wo die Dame mit dem Todtenkopfe hinblickt, wird ein Freier knien und um ihre Hand bitten, ja Mord und Todtschlag wird geschehen; es wird Männer geben, die ihre Weiber umbringen, um Witwer zu werden und ein Skelett heiraten zu können.«



Drittes Capitel.

Die Manövres der Wirthin, viele Gäste in ihr Haus zu ziehen, waren von der besten Wirkung. Noch an demselben Tage, an welchem die mündlichen Lärmtrommeln durch die Stadt und Vorstädte flogen, strömten Gäste herbei. Abends war schon im Speisesaale alles voll Neugieriger, die Wirthsstube wimmelte voll Menschen, welche von dem Stadtwunder hören wollten. Es war ein Gewoge wie in einem Freitheater. Wein zu einem geringeren Preise als zu 20 kr. schenkte der Wirth nicht aus. Wer zum Nachtmahl Kalbsbraten verlangte, wurde nicht gehört. Dreimal mußte frisch gekocht werden, und dreimal wurden Kapaunen und Poulards, Fasanen und Hasen u. s. w. ganz vergriffen. Der Chocolademacher vis-á-vis, der Witzbold des Kärntnerviertels, machte den Vorschlag, den Gasthof »zum wilden Manne« von nun an »zur wilden Frau« zu nennen; der französische Sprachmeister, der in der »Mehlgrube« wohnte, meinte, »zur verschleierten Dame« wäre artiger. Die Meinungen der übrigen Gäste theilten sich. Es entstand ein förmlicher Zank unter ihnen.

Plötzlich trat die Wirthin ein.

»Ein Freier ist schon da!« meldete sie. »Er ist zwar nur mit einem zweispännigen Postwagen gekommen, aber ich habe ihn doch nicht abgewiesen. Er fragte zu allererst um die Dame aus Warschau, dann, als ich ihm sagte, daß eine solche bei uns abgestiegen, hat er zwei Zimmer, das eine für ihn, das andere für den Bedienten, begehrt. – Ich habe ihm die Zimmer zugesagt. Hierauf fragte er:

»Ist die Dame, welche bei Ihnen logirt, verschleiert und immer verschleiert?

»Ja, sagte ich.

»Kann ich kein Zimmer haben, das dicht an das ihrige grenzt?

»Ich besann mich.

»Ich bezahle dafür, was Sie immer fordern mögen, aber ganz nahe muß ich neben ihr wohnen.

»Mein Gott, erwiederte ich, ich könnte wohl dienen, allein das Zimmer Nr. 8 will durchaus ein Engländer beziehen. Er bietet dafür täglich acht Ducaten.

»Ich bezahle zwölf, versetzte der Fremde, aber es muß mir sogleich angewiesen und so lange belassen werden, bis die Dame abreist.

»In Gottes Namen, sagte ich. Doch den Verdruß, den ich von meinem Manne, des Engländers wegen, auszustehen habe, müssen Sie auf sich nehmen!

»Hole der Teufel den Engländer! fuhr der Herr auf. Führen Sie mich augenblicklich in das Zimmer Nr. 8.

»Ich ließ acht Wachskerzen auf unseren beiden silbernen Candelabern anzünden, und ging mit ihm auf Nr. 8. Als die Kerzen ihr glänzendes Licht ausströmten, sah ich mir den Fremden an. – Ach, du mein gütiger Himmel, was ist das für ein schöner Mensch! Kaum sechsundzwanzig Jahre alt, zwar blaß und schwermüthig, aber voll so herrlicher, ebenmäßiger Züge, mit Augen, als wenn der Blitz darin wohnte, und Wimpern, so lang und fein, als wären sie aus Seide gemacht. Ich behaupte, der liebe Gott hat nur wenige solcher schöner Menschen erschaffen, und der schönste wohnt auf Nr. 8.«

»Hoho!« sagte der Wirth, »verliebe Dich nur nicht in ihn!«

»Wer weiß was noch geschieht!« versetzte die Wirthin. »Darauf,« fuhr die Wirthin fort, »brachte der Bediente und der Lohndiener die Sachen des Fremden aus dem Wagen, eine Chatouille, an welcher sie beide zu schleppen hatten, sie brachten ferner einen großen ledernen Reisekoffer, einen Zobelpelz, wie der russische Botschafter keinen prächtigeren besitzt, einen Dolch, mit Edelsteinen ausgelegt, einen Säbel, zwei Pistolen, und dann einen viereckigen schwarzen Kasten, auf welchem ein Todtenkopf abgebildet ist.«

»Schon wieder ein Todtenkopf!« riefen die Gäste halb erstaunt, halb ärgerlich.

»Ja, ein Todtenkopf aus Perlmutter,« erwähnte die Wirthin; »mir wurde ebenfalls unheimlich, als ich diesen grauenvollen Kopf sah.

»Wollen Sie mich jetzt wohl allein lassen? fragte mich der Fremde.

»Augenblicklich, erwiederte ich und verneigte mich.

»Noch Eins! sagte er; wollen Sie mir wohl österreichisches Geld geben, ich muß den Postillon bezahlen.

»Sogleich, versetzte ich. Wie viel befehlen Sie?«

»Zweihundert Gulden, in verschiedenen Münzsorten, aber schnell.«

»Und Du hast ihm das Geld gegeben?« fragte der Wirth.

»Deshalb bin ich hier, um es von Dir zu holen,« entgegnete die Wirthin.

»Aber was schwätzest Du denn so lange? Der Fremde, wird ja ungeduldig werden! Da nimm diesen Schlüssel und gib ihm, was er verlangt.

»Dieser Mann ungeduldig!« erwiederte die Wirthin, »dieser sanfte, feine stille Mann ungeduldig, unmöglich! Die Thüre ging auf und der blasse Fremde trat ein.

»Frau Wirthin,« sagte er, »haben Sie meine Bitte überhört? Der Postillon will fort!«

»Millionen Mal bitte ich um Vergebung!« entschuldigte sich die Wirthin. »Kommen Euer Gnaden, all unser Geld steht Ihnen zu Diensten.«

Der Fremde ging mit der Wirthin aus der Stube.

»Bei meiner Seele!« rief der Chocoladefabrikant, »dieser Mann ist schön. Wenn mir einmal ein Mann gefällt, so muß er einem Apollo gleichen. – Sollte dieser Herr auch den Todtenkopf heiraten wollen, so müßte ich ihn tief bedauern.«

»Was fällt dem Herrn Hirner ein,« warf der Bettfedernhändler vom »goldenen Kegel« ein; »geht nicht aus Allem, was die Frau Wirthin gesagt hat, hervor, daß er reich ist, und ein Reicher wird doch kein Skelett freien!«

»Ein Vagabund und Gauner ist er!« rief eine Stimme aus dem Hintergrunde des Zimmers. »Ich kenne ihn. Er wollte schon in Prag die verschleierte Dame heiraten, wurde aber abgewiesen. Herr Wirth, lassen Sie Ihre Frau nicht zu tief in die Cassa greifen; Sie würden Ihr Geld nie wieder sehen!«

Darauf drängte sich der Mann, der so gesprochen, durch die erstaunten Gäste, warf dem Kellner ein paar Zwanziger hin, knöpfte seinen Pelzrock zu, rückte eine schwarze Mütze bis an die Augen und entfernte sich.

Der Wirth erschrack.

»Da muß ich doch meinem Weibe einen Wink geben,« sagte er und wollte fort.

»Der Kerl verleumdet den Fremden!« bemerkte der Juwelier vom Schwan in der Kärntnerstraße. »Ich habe weniger auf sein Gesicht gesehen, als auf die Brillantnadel, mit der er sein Halstuch befestigt hat. – Das ist ja ein Solitär, welcher zweitausend Gulden werth ist. Fünfzehnhundert Gulden gebe ich auf der Stelle dafür.«

»Bleiben Sie da, Herr Grünfeld,« sagte der Chocolademacher zum Wirth, »nichts übereilen und einen solchen Gast nicht beleidigen! Für den wollte ich mich verbürgen. So sieht kein Gauner und kein Vagabund aus.«

Indeß kam die Wirthin wieder zurück.

»Wie viel hast Du dem Fremden Geld gegeben?« fragte der Wirth ängstlich. »Mehr als 200 fl.?«

»Gott bewahre! Nicht zwanzig! Sein Bedienter sagte, daß er morgen Früh in das Comptoir von »Ochs und Gehmüller« gehen und ein paar hundert Stück russischer Goldstücke auswechseln lassen wolle.«

»Also er ist ein Russe?« fragte der Juwelier.

»Nein,« erwiederte die Wirthin, »er war aber in Rußland, wie sein Bedienter dem Lohnlakei mittheilte; doch das werden wir morgen aus dem Meldzettel entnehmen. Ich habe es ihm schon übergeben, damit er es unterschreibe. Das war es aber nicht, was ich erzählen wollte. Als ich so bei dem Fremden stand und mein Bedauern aussprach, daß er unsere Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht besser in Anspruch nehme, da hörte er plötzlich die Dame Clavier spielen und singen, und nun rief er aus: Ja, ja, sie ist es! sie ist es! – O, Frau Wirthin, wie glücklich haben Sie mich gemacht! Vor Freuden fiel er mir um den Hals.«

»Was?« eiferte der Wirth, »und Du hast es gelitten?«

»Soll ich Dir einen Gast vertreiben?«

»Hierauf perlten Freudenthränen aus seinen schönen Augen und er lief wie ein Wahnsinniger aus dem Zimmer hinaus.«

»Er wird auch wahnsinnig seyn!« meinte der Wirth. »O weh! o weh!« jammerte er, »ich sehe es schon kommen. Eine Unzahl Narren, Abenteurer und Vagabunden wird uns die Dame auf den Hals ziehen, und zuletzt haben wir noch mit der Polizei Verdruß!«

Wieder erschien ein Unbekannter.

Er trat ziemlich barsch ein.

»Ist es wahr,« sagte er, »daß hier eine Dame mit einem Todtenkopfe wohnt?«

»So heißt es,« antwortete der Wirth.

»Wie? So heißt es!« sprach der Unbekannte, »so ist es, so muß es seyn! so wie sie heiratsüchtig und enorm reich seyn muß

»Möglich!« versetzte die Wirthin.

»Sind Sie von der Polizei, daß Sie hierüber von uns Auskunft verlangen?« fragte der Wirth.

»Nein, aber ich möchte es wissen.«

»Ich möchte es auch wissen,« erwiederte der Wirth, »aber es sagt mir es Niemand.«

»So frag' ich sie selbst. Führen Sie mich zu ihr.«

»Nicht am Tage, viel weniger in der Nacht. Die Fremde ist in meinem Gasthof, steht unter meinem Schutz; wenn sie Ihnen und Sie ihr nicht bekannt sind, so kommen Sie nicht zu ihr, darauf können Sie sich verlassen.«

»Mehr Respect, Herr, vor mir, Sie wissen nicht wer ich bin.«

»Daß Sie kein Gast von uns sind,« nahm die Wirthin das Wort, »wissen wir, und was Sie noch sind oder nicht sind, ist uns gleichgiltig.«

»Ich werde Sie für diese Brutalität belangen.«

»Nach Belieben!«

»Sie führen mich zu der Dame, oder der »Todtenkopf« wird abgeschafft.«

»Das wäre uns das Liebste, der »Todtenkopf« mag gehen, wenn nur sie bleibt.«

Es trat noch Einer in das Zimmer.

»Nun, wie ist es?« fragte Dieser; »ist sie da?«

»Allerdings.«

»Kann man sie sehen?«

»Nein, Wirth und Wirthin bewachen sie wie Höllenhunde. Doch nur Geduld, diese Nacht noch sind wir bei ihr, und dann seht zu, ob Ihr sie morgen noch beherbergt!«

Sie stürzten Beide aus der Stube.

»Das hast Du von deinem Lärmschlagen!« sagte der Wirth zur Wirthin. »Das waren auch Fremde, da Du nicht genug Fremde sehen kannst!«



Viertes Capitel.

In der Vorstadt Lichtenthal, in dem Hause, an dessen Stelle im Jahre 1779 der Pulverthurm stand, der mit furchtbarer Explosion in die Luft sprang und gräßlichen Schaden anrichtete, welches Haus damals mit Nr. 199 bezeichnet war, wohnte ein unansehnliches Weib, das als die »reiche Bettlerin« bekannt war und in Lumpen einherging.

Den Namen »die reiche Bettlerin« hatte sie von der Art und Weise, wie das Weib lebte. Dasselbe hatte eine äußerst nett eingerichtete Wohnung, zwar nur eine Stube und eine Kammer, aber es waren diese mit allem Möglichen zur Bequemlichkeit versehen, hübsch gemalt, reinlich gescheuert und Kasten und Schränke, Tische und Sessel, Betten und Sopha, Spiegel und Wandleuchter waren, für die damalige Zeit, so elegant und zierlich, daß auch ein wohlhabender Bürger sich dieser Möblirung nicht zu schämen gebraucht hätte.

Diese Bettlerin hatte eine Köchin, welche ihr täglich Mittags vier Speisen, Abends drei Speisen, auf delicate Weise gekocht, auf den Tisch setzen mußte; ihre Mahlzeiten hielt sie in Gesellschaft eines Mannes, Hanns Wirbel, der vor achtzehn Jahren (unser Roman datirt sich vom Jahre 1798) bei der Explosion des Pulverthurms beide Arme einbüßte, und den sie bei ihrem Almoseneinsammeln mit herumschleppte.

Die alte Frau hieß Anna Kukielwski, und erbettelte wohl ein Erkleckliches mit dem Manne ohne Arme in der reichen Kaiserstadt; aber so viel Geld als sie und ihr Genosse verpraßten, erhielten sie doch nicht als Armenspenden, und die Nachbarn hatten Recht, wenn sie behaupteten, Frau Anna Kukielwski müsse noch ganz andere Zuflüsse haben.

So war es auch.

Frau Anna Kukielwski hatte einen Sohn.

Der Bursche hatte nichts gelernt, war ein Müßiggänger, ein Schwelger, ein Roué, aber er war ein hübscher, ramassirter Bengel. Er lebte von liederlichen Weibern, die ihn förmlich unterhielten und ihn als »männliche Maitresse« mit Gold und schönen Kleidern, feiner Wäsche und Bijouterien überhäuften.

Dieser junge Mann hatte alle möglichen schlechten Eigenschaften: er war ein Spieler, ein Säufer, ein Krakeler, ein Nachtschwärmer, sogar ein Betrüger und Räuber, aber er war ein guter Sohn, er liebte seine Mutter. Ob er sie nun liebte, – weil er wirklich ein Herz für sie gefaßt, oder weil sie ihm eingeprägt: »Zu was hast Du nothwendig, dummer Junge, durch Kopf- oder Händearbeit etwas zu verdienen, oder mühsam dein Brot zu erwerben, da es entartete, nichtswerthe Weiber in Hülle und Fülle gibt, welche einen jungen kräftigen Mann für die Gabe, sie zu amüsiren, besser bezahlen, als irgend ein Staat seinen ersten Minister. Lerne nichts und Du wirst auch fort kommen.«

Also dieser Sohn schickte seiner Mutter von Zeit zu Zeit viel Geld.

Es ärgerte ihn wohl, daß sie das Bettlerhandwerk betrieb, und wie ihr Miethsmann Hanns Ohnearm in zerlumpten Kleidern herumging; aber der Sohn that nichts, sie daran zu hindern, – kannte er doch ihre Manie, die Reichen zu molestiren und bei solchen Gelegenheiten Gott weiß was zu erspähen, vielleicht auch gar Manches in ihren Schubsack zu practiciren, was unbewacht vor ihren Blicken lag.

Frau Anna Kukielwski beschäftigte einen sogenannten Hauslehrer aus der Vorstadt Lichtenthal als ihren Privatsecretär. Dieser hatte nichts Anderes zu thun, als Bittschriften an die vornehmen und reichen Fremden zu schreiben, welche sich in Wien einfanden. Zwar gab es in der Kaiserstadt im Jahre 1798 noch keine Zeitungen, welche die Reisenden anmeldeten, aber es gab Leute, welche die Fremden auswitterten und in die Kaufmannshäuser, zu Fabrikanten, Putzhandlungen u. s. w. geschriebene Fremdenlisten schafften, zu welchen Lohnbediente, Zimmerkellner, Stubenmädchen Adressen lieferten, und annehmbare Douceure erhielten, wenn sie die Ankunft solcher Einkehrenden meldeten, auf welche mit Glück zu speculiren war.

Der Kaufmann zum »goldenen Fisch« auf der Brandstatt hielt sich einen solchen geschriebenen »Fremdenanzeiger«. Seine liederliche Frau nannte den jungen Ladislaus Kukielwski ihren Anbeter, dieser erbat sich täglich von seiner Gönnerin den »Wirthshauscourier,« wie dieses geschriebene Fremdenbulletin damals hieß, und so erhielt die Bettlerin Kunde von der reichen Gräfin aus Warschau.

Frau Anna erschien mir ihrem Krüppel im »wilden Manne.«

Die verschleierte Dame wollte so eben in ihren Wagen steigen, da warfen sich Frau Anna und ihr Begleiter vor ihr nieder. Frau Anna überreichte die Bittschrift, und an der Angelruthe der »Menschenliebe« blieb der Fisch »Mitleid« hängen.

»Mein Gott! mein Gott! Beide Arme hat der unglückliche Mann verloren!« sagte die Gräfin, und nöthigte die dabei Knienden auszustehen. »Ach, welch ein unaussprechlicher Jammer!«

Sie ließ sich nun ausführlich erzählen, wie die Gräuelscene durch die Pulverexplosion sich zugetragen, und war sichtlich ergriffen von der Schilderung, welche sie vernahm.

»Geben Sie den Armen sechs Ducaten,« befahl sie ihrer Begleiterin, und zu den Bittenden gewendet sagte sie:

»Kommen Sie wieder! Kommen Sie oft! Ich werde den bedauernswerthen Mann noch besser unterstützen. Wenn er etwa auf meine Güter sich verfügen wollte, so würde ich ihn, so lange er lebt, versorgen.«

Hierauf setzte sich die Gräfin in ihren Wagen und fuhr mit ihrer Begleiterin nach dem Judenspitale in die Roßau, von welchem ein Theil durch eine Feuersbrunst eingeäschert wurde, um auch dort eine milde Spende niederzulegen, und zum Wiederbau der niedergebrannten Krankenzimmer ihr Schärflein beizutragen.

»Wer ist dieser Engel der Menschenliebe?« fragte Hanns Wirbel mit Thränen der dankbarsten Rührung im Auge. »Warum verschleiert sich die Dame so sehr? Warum soll man ihr nicht in das milde Antlitz blicken können?«

»Was hat sie Euch geschenkt?« fragte die Wirthin, die nie fehlte, wenn die Gräfin ausfuhr.

»Sechs Ducaten!« antwortete Wirbel.

»Nun, da geht doch gleich in die Stephanskirche und betet für sie!« versetzte die Wirthin. »Betet daß Gott ihre Wünsche erfülle! – Sie ist sammt ihrem Reichthum unglücklicher als Ihr. Euch fehlen beide Arme, das ist ein großes Elend – der Gräfin fehlt aber das Angesicht, statt dessen sie – einen gräßlichen Todtenkopf besitzt. Die Bedauernswerthe will einen Gatten finden! – Betet bei St. Stephan, daß sie glücklich werde. Sie verdient es!«

Mit diesen Worten eilte die Wirthin in ihre Küche.

»Wie?« rief Frau Anna, »einen Todtenkopf hat diese Gräfin? Ei, das muß ich ja gleich meinem Ladislaus mittheilen! Einen Mann sucht sie? Mein Sohn heiratet sie, und wenn sie auch noch Bocksfüße verunzieren. Komm, Hanns; wir wollen in den alten »Ramhof« zu meinem Sohne.«

Sie ging mit ihrem Begleiter dahin. Ladislaus Kukielwski wohnte hier wie ein Fürst. So häßlich und abscheulich der alte Ramhof jetzt aussieht und seine Besitzer veranlassen möge, auf diesem geräumigen Platze bald ein neues und stattliches Haus erbauen zu lassen, – etwa eine Passage á la Bazar nach der Himmelpfortgasse – so gehörte dieses Gebäude vor sechzig Jahren doch nicht zu den schlechtesten Wiens und ein eleganter Miethsmann konnte allerdings darin wohnen. So waren z. B. die Zimmer im ersten Stocke nach der Weihburggasse gar nicht so übel; sie waren geschmackvoll decorirt und nahmen sich sehr propre aus.

Als Frau Anna und Hanns Ohnearm den Glockenzug in Bewegung setzten und der Bediente die Bettler erblickte, so schlug er ihnen die halbgeöffnete Thür vor der Nase zu sie heftig anschnarrend:

»Weiter um ein Haus! Hier wird nichts ausgetheilt!«

Sie läuteten noch einmal an und als der Bediente nun wieder öffnete, drängten sich Anna und Wirbel rasch ins Vorzimmer und erstere grollte:

»Hoho! Monsieur Grobian, nicht so hastig! Er ist gewiß der neue Bediente, der mich noch nicht kennt. Gehe Er zu seinem Herrn und sage Er ihm: die Frau aus dem Lichtenthale sei hier mit dem Manne ohne Arme, – da wird Er sehen, wie behende sein Herr sein wird, uns beide zu empfangen!«

»Daß ich ein Narr wäre!« lärmte der Bediente, »und daß ich das Vorzimmer verließe! Da liegen meines Herrn Kleider noch und sein silberner Kaffehservice steht hier! Wen wollt Ihr denn hier fortbringen, um ungehindert stehlen zu können, Ihr schlechtes Volk?«

»Da hast Du einen Fußtritt, Spitzbube!« versetzte Hanns, »weil ich keine Hände habe und Dir keine Ohrfeige geben kann! Wir sind keine Diebe, und wenn Du uns deine Roheit nicht sogleich abbittest, so trete ich Dich todt!«

Der Diener hatte einen so tüchtigen Merks bekommen, daß er kaum zu sprechen vermochte; dies benützte Frau Anna und wollte schnurstracks in das Empfangszimmer ihres Sohnes dringen.

Dieser aber, von dem Geräusch aufgeschreckt, kam aus der Thür.

»Ihr seid's –« sagte er ganz verlegen. »In dieser Stunde? – Ein ander Mal; ich habe gerade einen Besuch, bei welchem mich der eurige sehr geniren würde!«

»Das Lumpengesindel war grob!« klagte der Diener, »der Kerl hat mich mißhandelt, ich werde ihn aber mit diesem Stocke« – er ergriff einen Stock und schwang ihn – »so durchprügeln, daß er an mich denken soll.«

»Unterstehe Dich!« versetzte Ladislaus. »Diese Frau und dieser Mann haben bei mir immer Zutritt, nur wenn Jemand in meinem Cabinete ist, dann bitte beide ein ander Mal zu kommen. Und nun packe Dich in dein Zimmer, ich habe hier allein zu reden!«

»Schon gut!« versetzte der Bediente, »aber – – »

Er sprach eine Drohung ziemlich vernehmlich aus und entfernte sich zornig.

Als der Bediente fortgegangen, nahm Frau Anna das Wort:

»Es ist etwas Dringendes,« sagte sie.

»Nur nicht so laut!« unterbrach sie Ladislaus, »sprecht leise! sehr leise,« bat der Sohn.

»Eine reiche Gräfin,« lispelte die Mutter, »eine Dame von unermeßlichem Vermögen, aber eine Mißgeburt, ist hier –«

»Die Dame mit dem Todtenkopfe meint Ihr? Ich weiß schon Alles –«

»Du weißt Alles?«

»Sie will heirathen«

»So ist es.«

»Ich heirathe sie.«

»Kennst Du sie denn schon?«

»Noch nicht. Aber –«

»Aber?«

»Sie wird dennoch mein. Gestern wollte ich schon mit einem Freunde zu ihr dringen, aber die verfluchten Wirthsleute vereitelten es. Wie hätte mir auch die Kunde von dem Todtenkopfe nicht sogleich zu Ohren kommen sollen, spricht man doch in allen Kaffehhäusern von nichts Anderem. Bei »Milano« auf dem Kohlmarkt (jetzt Daums Kaffehhaus) und bei Tarroni auf dem Graben (jetzt Schlegel's Kaffehhaus) macht man bereits Wetten, daß die Dame eher tausend Freier finden werde, als keinen, daher eilte ich; leider konnte ich, wie gesagt, nicht vorkommen.«

»Da habe ich es besser getroffen!« erwiederte Wirbel; »ich kann zu ihr, wann ich will – sie hat mich sogar eingeladen, sie zu besuchen, sie will mich auf ihren Gütern lebenslänglich versorgen.«

Im Salon des Herrn Ladislaus hörte man plötzlich den Ton einer Glocke.

»Mein Besuch wird ungeduldig!« bemerkte Ladislaus. »Mutter, Ihr könnt ungefähr wissen, wer mich beehrt hat.«

»Baronin Theolinde?«

»So ist es, darum geht, geht, liebe Mutter, sonst kommt sie hieher und erblickt Euch, und ich will nicht, daß sie Euch je in meinem Hause sehe; euer Anzug, euer ganzes Benehmen! Entfernt Euch schnell, ich bitte, kommt aber morgen um 8 Uhr Früh wieder, da ist Niemand bei mir. Hanns, Ihr könnt mir vielleicht einen Dienst erweisen, kommt mit! Mutter, Euch werde ich wieder Geld senden; ich habe abermals ein Säckchen mit Ducaten gesammelt – Ihr sollt es haben!«

»Man hörte die Glocke wieder ertönen!«

»Nun in des T–s Namen fort! Geht doch fort! Ich beschwöre Euch!«

Er schob seine Mutter und Hanns zur Thür hinaus und eilte zu seiner Dame.

Der Bediente schlich sich in das Vorzimmer.

Er hatte gehorcht. Man konnte dies in seinem Gesichte lesen.

»Was ist das?« fragte er sich. »Die Alte ist seine Mutter? Ein Bettelweib ist seine Mutter, und er nennt sich Freiherr? – Seine Mutter ein Bettelweib und er fährt in einer Equipage? – Da wäre ich ja schon wieder in den Dienst eines Schwindlers gerathen? – Dahinter muß ich kommen!«



Fünftes Capitel.

Indeß ging es im Gasthofe »zum wilden Mann« in der Kärntnerstraße immer toller her.

Man wollte die Dame mit dem Todtenkopfe durchaus sehen, wenn auch nur verschleiert, man wollte sie sehen! Am neugierigsten waren die Frauen.

Der Hof des Wirthshauses wurde förmlich belagert.

Wirth und Wirthin mußten noch ein halbes Dutzend Hausknechte anstellen, die nichts Anderes zu thun hatten, als die Gaffer zu vertreiben.

Endlich gelang es einem Kaufmanne, der seine Niederlage auf dem Stock im Eisenplatze besaß, der Unbekannten sich nicht nur nähern, sondern auch mit ihr unter vier Augen sprechen zu dürfen. Er kam aber sehr übel weg.

Im Jahre 1798 wurde in dem Schikaneder'schen Theater im Freihause auf der Wieden eine Oper unter dem Titel: »Der Spiegel von Arkadien« aufgeführt, darin trat eine junge schöne Sängerin aus Mainz, Demoiselle Wipfel, auf. Sie verstand es sich vortrefflich zu kleiden, und trug in einer Scene als Wienerin ein Kleid aus geflammtem Seidenzeuge, der Grund canariengelb, die Flammen purpurroth und azurblau, Demoiselle Wipfel hatte dieses Kleid bei dem Kaufmanne Spechtmeyer zur »blauen Flasche« auf dem Stock im Eisenplatze gekauft. – Die Dame mit dem Todtenkopfe erfuhr dies und wollte um jeden Preis ein ähnliches Kleid besitzen. Sie sendete zu dem Kaufmanne.

Der Kaufmann besaß nur noch ein solches Kleid.

»Ich hatte nur so viel Stoff aus Paris von diesem Muster erhalten,« sagte er, »um zwei Kleider daraus zu machen. Ich zeigte die beiden Kleider allen unsern vornehmen Damen. Sie nannten den Geschmack barock, und keiner gefielen die Farben. Unwillig darüber schenkte ich der Demoiselle Wipfel, welche ich an der Tafel meines Onkels Schikaneder kennen lernte, bei dem ich alle Sonntage speise, eines dieser Kleider. Demoiselle Wipfel ließ sich einen Anzug für's Theater machen. Kaum erblickten ihn unsere, im Bereiche der Mode tonangebenden Schönen, im »Spiegel von Arkadien«, so bestürmten sie mich mit ihren Bestellungen. Ich vermochte nicht zu genügen, weil ich, wie gesagt, nur noch ein Kleid besaß. Um keine hohe Person durch Bevorzugung einer andern zurückzusetzen, gab ich keine Elle mehr von meinem Reste ab. – Da aber das Begehren nach ähnlichen Kleidern so allgemein ist, werde ich meinen Buchhalter im nächsten Monate nach Paris schicken, und von diesem bewunderten Taffet hundert Kleider bringen lassen.«

»Das würde meiner Gebieterin zu lange währen,« versetzte die Kammerfrau, »auch bleibt sie nicht so lange in Wien. Endlich würde sie im nächsten Frühjahre unmöglich an einem Kleide Gefallen finden, das mit ihr hundert Damen besäßen. Verkaufen Sie mir dieses. Ich habe den Auftrag, Ihnen so viele Ducaten dafür zu bezahlen, als Sie Gulden dafür fordern.«

»Das wäre allerdings ein acceptables Geschäft, aber alle meine vornehmen Kunden würde ich disgustiren.«

»Meine Dame ist eine Fremde. In Wien würde sie dies Kleid nicht tragen.«

»Darf ich fragen wie die Dame sich nennt?«

»Es ist kein Geheimniß. Sie nennt sich Gräfin Wolzanitzka. Sie wohnt im Gasthofe »zum wilden Mann.«

»Das ist wohl gar die seltene Frau, welche immer verschleiert ist, und von der man erzählt, daß sie –«

»Sprechen Sie nicht weiter. Es ist dieselbe!«

»Gut,« erwiederte der Kaufmann, »ich gebe dieser Dame das gewünschte Kleid, verlange mir auch keine so hohe Bezahlung, bedinge mir jedoch, daß ich es ihr selbst überbringen und mit ihr sprechen dürfe.«

»Diese Bedingung erfüllt sie nicht.«

»Warum nicht? Es sprechen sie ja viele Leute. Wirth und Wirthin im »wilden Mann«, Zimmerkellner, Stubenmädchen, ja sogar Bettler haben sie gesprochen.«

»Das geschah und geschieht zufällig; wer aber mit der Absicht kommt, sie zu beobachten, aus Neugierde etwa, den weist sie ab.«

»Sie will sich verheiraten?«

»Ja, so sagt man; mir hat sie dies nie vertraut.«

»Wie kann sie denn aber einen Gemal erhalten, wenn sie keinen Mann in ihre Nähe läßt.«

»Wollen Sie um ihre Hand werben?«

»Warum nicht! Ich bin Witwer, möchte gern reich heiraten und sehe nicht auf Schönheit.«

»Kommen Sie und bringen Sie das Kleid mit. Ich werde meine Gebieterin von Ihrem Wunsche unterrichten.«

»Wird Sie mich vorlassen?«

»Vielleicht, wenn ich ihr die Versicherung geben kann, daß Sie sich ihr auf die bescheidenste Weise nähern wollen.«

»Melden Sie mich! Verschaffen Sie mir nur eine Unterredung! Was immer Ihre Gräfin mir für das Kleid bezahlen läßt, es soll Ihnen als Douceur bestimmt sein.«

Die Kammerfrau entfernte sich.

Der Kaufmann schien entzückt von dem Gedanken, die seltene Unbekannte sehen und sprechen zu dürfen. Ihr Geld lockte ihn. Seine Umstände erheischten dringende Abhilfe.«

»O,« sagte er, »bin ich nur erst bei ihr, dann bitte ich sie so lange, bis sie mir erlaubt, den Schleier zu lüften, der ihr Haupt umhüllt. Zum Teufel, ich bin ja ein schöner Mann und weiß mit Damen umzugehen! Man rühmt mich ja wegen meinen feinen Manieren! Schmeicheln kann ich wie Niemand; die Prüdesten weiß ich zu kirren! Zwar ist diese eine Gräfin, und es ist wohl nothwendig, daß ich sehr delicat zu Werke gehe, aber – sie hat einen Todtenkopf! darf also nicht stolz sein!«

Der Kaufmann ergriff seinen Seidenstoff, umhüllte ihn mit feinem, duftendem Papier, und eilte damit in den Gasthof »zum wilden Mann.«

Die Wirthin stand schon am Thore.

»Sie Glücklicher!« rief sie ihm entgegen; »Sie dürfen zu ihr, die Kammerfrau erwartet sie schon. – Wenn Sie von der Gräfin entlassen werden, dann kommen Sie zu mir! – Machen Sie sie recht verliebt, sinken Sie vor ihr auf die Knie, bitten Sie sie um einen Kuß! Einem so schönen Manne wie Sie kann sie unmöglich widerstehen. Dann schildern Sie mir Alles! Ich bitte Sie, Mosje Spechtmeyer, gehen Sie nicht aus unserem Hause, ohne mir Rapport abgestattet zu haben.«

Der junge Kaufmann versprach Alles, was die Wirthin wünschte, zu thun, und stieg nicht ohne Herzklopfen die Treppe hinauf.

Die Kammerfrau, die ihn erwartete, redete ihn an.

»Haben Sie den Stoff mitgebracht?«

»Ja,« erwiederte der Kaufmann.

»Geben Sie mir denselben – Kommen Sie hier herein! Warten Sie in diesem Zimmer. – Ich bitte nur den Anstand nicht zu verletzen, Sie würden es bitter bereuen.«

Die Kammerfrau ging in den Salon der Gräfin.

»Zum Geier,« sagte der Kaufmann, »ich habe mich da in etwas eingelassen, das ich mir hätte besser überlegen sollen! Wenn der Todtenkopf nicht den Schleier vom Gesichte zieht, was habe ich dann von meiner Visite? – Kann ich dieses Gesicht nicht sehen, so genau sehen, wie ich es wünsche, nicht den Todtenkopf sehen, so werde ich ausgelacht, und in Wien ausgelacht werden, ist doch gar zu entsetzlich; da lacht heute die ganze Stadt und morgen lachen alle Vorstädte, vom Thury bis Margarethen, von Gumpendorf bis zur Leopoldstadt, und wenn die Leute an meinem Gewölbe vorüberziehen, so lachen Sie mir durch die offene Thür ins Gesicht, und meine Commis lachen hinter meinem Rücken. – Ich muß den Todtenkopf sehen, und sollte ich der Dame den Schleier mit Gewalt vom Gesichte reißen müssen.«

Es ertönte jetzt eine sehr hübsche Musik.

»Ei der Tausend!« sagte der Kaufmann, »was ist denn das? – So klingt kein Clavier und auch keine Harfe. Was ist denn das für ein Instrument?«

Man hörte eine wundervolle Stimme singen.

»Das klingt ja so zauberisch wie in einer Oper,« sagte Spechtmeyer. »Singt die Dame so schön, so ist sie eine Sirene! – Eine solche Stimme hab ich noch mein Leben nicht gehört! Ich wünschte mein Onkel Schikaneder wäre hier, der engagirte diese Sängerin auf der Stelle als erste Sopranistin. Sie besitzt ja eine Höhe wie die Königin der Nacht! – Ach mein Gott mit einem Todtenkopfe ist sie ja schon eine geborne Nachtkönigin.«

Jetzt verstummte der Gesang, die Musik schwieg.

Die Thür öffnete sich, die Kammerfrau trat heraus und winkte dem Kaufmanne einzutreten.

Welch balsamischer Duft herrschte hier! Alle Wohlgerüche der Welt strömten ihm entgegen.

Die Dame stand vor einem Spiegel und ordnete ihren Schleier.

Der Kaufmann machte ein Dutzend Verbeugungen.

Endlich wendete sich die Dame nach dem Kaufmanne, neigte ihr Haupt und sprach mit einem so weichen, zum Herzen dringenden Tone, daß Spechtmeyer ganz hingerissen wurde:

»Sie haben mir mit dem Kleide, das Sie mir gebracht, ein unendliches Vergnügen gemacht. Als Gesellschaftsanzug wird dieser Stoff sich höchst brillant ausnehmen. Im Salon wird er noch schöner erscheinen als auf dem Theater, das noch dazu sehr schlecht beleuchtet ist! – Sind einhundert Ducaten zu wenig für dieses Kleid? Begehren Sie mehr! Mit Freuden bezahle ich, was Sie fordern!«

»Mein Gott,« wispelte der Kaufmann für sich, »diese Engelsstimme und ein Todtenkopf! – Es ist unbegreiflich.«

Endlich faßte sich Spechtmeyer ein Herz und sagte: »Gnädigste Gräfin, wenn dieses Kleid Euer Gnaden Vergnügen gewährt, so bin ich glücklich. Ich würde es Ihnen zum Geschenk machen, aber ich befürchte Sie damit zu beleidigen. So viel Geld, als Sie mir bieten, nehme ich auf keinen Fall an. Das Kleid kostet zwölf Ducaten, das ist der Preis; ich bin ein Wiener Kaufmann und prelle meine Kunden nicht.«

»Das kann nicht Prellerei genannt werden, was der Käufer selbst freiwillig gibt. – Das Kleid gehört nun mir und was ich dafür bezahlen werde, müssen Sie acceptiren.«

»Ach meine hochgnädige Gräfin,« erwiederte der Kaufmann, »wie bezaubern Sie mich durch den melodischen Ton Ihrer Stimme! – Ist es unbescheiden zu fragen, ob Sie es waren, welche so himmlisch gesungen?«

»Wenn Sie so galant sind, meinen Gesang himmlisch zu nennen, den ich ganz gewöhnlich finde, – so gestehe ich Ihnen, daß ich gesungen.«

»Gewöhnlich? Eine solche Stimme hat kein Mensch auf Erden – und diese Methode.«

»Verstehen Sie sich hierauf?«

»Freilich! Ich hätte ja Theatersänger werden sollen. Teyber war mein Lehrer, aber meine Mutter hätte sich in den Tod gelegt – ach!« flehte der Kaufmann, »ich bitte um Gottes willen um Verzeihung, daß ich in Ihrer Gegenwart vom Tode gesprochen.«

Die Dame erhob sich entsetzt vom Sopha, auf welches sie sich niedergelassen.

»Euer gräflichen Gnaden sind wohl sehr ungehalten, daß mir dieses Wort entschlüpft ist?«

»Darüber nicht, daß Sie aber durch Ihre Entschuldigung mich an mein unglückliches Angesicht mahnen, das verletzt mich tief.«

»Also ist es doch wahr?«

Die Dame seufzte.

»Beruhigen Sie sich, gnädigste Gräfin,« betonte der Kaufmann, »dessenungeachtet können Sie doch glücklich werden. Es gibt zum Beispiele Damen, welche von den Pocken zerrissen und zerfleischt, blind auf einem Auge wurden, und dennoch brave Männer erhalten haben. Nun erst Sie, Gräfin, Sie sind gebaut wie Hebe, besitzen eine Gestalt wie Juno und sind liebenswürdig wie Aglaja. Sie werden den schönsten Mann mit dem edelsten Herzen den Ihrigen nennen, notabene wenn es nicht gerade ein Fürst oder ein Graf sein muß.«

Die Dame sprach leise: »Ach!«

»Und diese wundervolle Hand,« fuhr Spechtmeyer immer kühner fort, »diese Arme, so weich, so mollig, so lind. Ich besitze keinen Sammt in meinem Gewölbe, der so lind wäre! Gräfin, Sie sind gnädig gegen mich; Gräfin, Sie würdigen mich der Huld, Ihnen dieses sagen zu dürfen! Ach, erhabene Frau, erlauben Sie mir doch auch, diese göttlich schöne Hand küssen zu dürfen.«

»Ich erlaube es Ihnen,« lispelte die Gräfin.

Der Kaufmann drückte die runde, weiche Hand an seine Lippen.

»Gnädige Gräfin!« rief er ungestüm, »selbst auf die Gefahr hin, daß Sie mich einen Frevler nennen, daß Sie mich durch Ihre Domestiken fortschaffen lassen, bitte ich Sie – beschwöre ich Sie – um Ihnen zu beweisen, daß es nicht darauf ankommt, das Antlitz einer Venus zu besitzen – Gräfin, bitte ich Sie, gestatten Sie, daß ich Sie –«

»Küsse?« fuhr die Dame auf. »Unglücklicher, wollen Sie vor Entsetzen ohnmächtig werden?«

»Nein, nein, kein Entsetzen!« rief Spechtmeyer exaltirt aus; »ich höre nur Ihre Stimme, ich sehe nur Ihre schöne Gestalt, ich fühle nur die Zartheit dieser Arme! – Hier auf meinen Knien bitte ich demüthig, bitte wie ein Verurtheilter um sein Leben bittet – Gräfin, Gräfin, einen Kuß!«

»Wohlan denn,« erwiederte die Dame mit starker Stimme, »ich gewähre Dir einen Kuß.«

Die Gräfin riß den Schleier vom Angesichte.

Der Kaufmann warf einen Blick darauf; er sah den scheußlichen Todtenkopf.

»Heiliger Gott!« stöhnte er und sank zurück.

Die Dame lachte teuflisch.

»Wahnsinniger!« rief sie ihm zu. »Ich wußte es wohl, daß Du mir Verehrung nur heucheltest! Meine Rache ist ewig! Vergiß dieses fletschende Antlitz, wenn Du kannst.«

Sie verließ den Kaufmann in größter Entrüstung.

Zwei Diener traten auf den Wink der Kammerfrau ein und sprangen dem ohnmächtigen Kaufmann bei.

Herr Spechtmeyer wurde in die Wohnung des Wirthes gebracht.

Er war vor Entsetzen so unwohl, daß er kaum zu sprechen vermochte.

Man ließ ihn auf einem Divan ruhen.

Die Wirthin wich nicht von seiner Seite.

»Sie werden einen Arzt rufen lassen müssen,« sagte sie. »Es scheint, daß Sie aus Entsetzen einer Blutentleerung bedürfen. Ich werde nach dem Chirurgus Kölbinger auf den neuen Markt schicken; der laßt Ihnen zur Ader, schröpft Sie, setzt Ihnen Egel. Er ist sehr geschickt.«

»Es wird vorübergehen!« erwiederte Spechtmeyer mit schwacher Stimme. »Wenn ich nur das scheußliche Gesicht vergessen könnte! Ein wirklicher Todtenkopf ist nichts gegen diese Fratze! Das ganze Gesicht besteht zwar nur aus einem Knochengehäuse, aber die Farbe! die Farbe! Die giftigste Kröte sieht nicht so ekelhaft aus. – Diese Person will einen Mann? Nicht Einer, der zum Rade verurtheilt ist und sich durch ihre Hand retten könnte, wird sie wählen!«

Der blasse Fremde, welcher der Dame mit dem Todtenkopfe nachgereist war, trat ein.

»So eben erzählt mir mein Bedienter,« sagte er, »daß sich ein Herr bei Ihnen befinde, welcher die hier im Hause wohnende fremde Dame ohne Schleier gesehen und gesprochen; ist dies wahr?«

»Ja, mein Herr,« erwiederte die Wirthin. »Der Mann, der dies Abenteuer bestand, befindet sich hier auf dem Divan.«

»O, erzählen Sie mir,« bat der Fremde.

Spechtmeyer, welcher sich mittlerweile gesammelt hatte, begann:

»Ich war in der That so unglücklich, den entsetzlichen Todtenkopf zu sehen! – Wie mich dieser Anblick niedergeschmettert, vermögen Sie aus meinem trostlosen Zustande zu erkennen. – Möge es keinem Manne mehr einfallen, aus Neugierde oder in der Absicht, seine Lage zu verbessern, diese Person heiraten und daher sehen zu wollen. – Ich habe Bilder von Höllenbreugel in der kaiserlichen Gallerie betrachtet; die scheußlichsten Gestalten sind Ideale von Schönheit gegen diesen Todtenkopf! – Noch entsetzlicher ist der Geruch, welchen dieser grinsende Schädel verbreitet. In dem Augenblicke, in welchem der Unhold von einem Frauenzimmer den Schleier hebt, entströmt ein Gestank, den keine Cloake, kein Aas und keine noch so schmutzige Pfütze auszudünsten vermögen. Dieser pestilenzialische Gestank war es auch, der mich zu Boden warf. Ich wurde ohnmächtig. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

Der Fremde stand einige Augenblicke sprachlos da, dann sagte er: »Hat es Ihnen viele Mühe gemacht, die Dame dahin zu bringen, daß sie den Schleier hob?«

»Nein! – Ich hatte sie durch einige unbesonnene Worte gereizt. Sie wollte sich dafür an mir rächen. Sie gestand mir dies auch!«

»Ich danke Ihnen für Ihre Mittheilungen und erlaube mir noch eine Frage: Hätten Sie die Dame um ihre Hand gebeten, wenn sie Ihnen minder abscheulich vorgekommen wäre?«

»Ich läugne nicht, daß ich eine solche heillose Idee gefaßt hatte. – Aber dafür, daß ich ein Scheusal als Gattin heimführen wollte, wurde ich gräßlich bestraft. Ich halte sie durchaus nicht für ein menschliches Wesen. Sie besitzt höchstens die Formen eines Frauenzimmers, das Gesicht – wenn ich die fürchterliche Larve so nennen darf, und ihr Inneres gehören der Hölle an. – Als sie sich mir gezeigt, änderte sie plötzlich den Ton. Sie, die vorher so sanft und melodisch gesprochen, erhob ihre Stimme so hohl und schauerlich, als käme sie aus einem Grabe. – Mein Herr, tragen Sie kein Verlangen, sie zu sehen; obgleich Sie mir fremd sind, so hege ich doch die innigste Theilnahme für Ihr Schicksal und warne Sie; warne Sie wie ein Bruder den andern; nähern Sie sich ja nicht diesem unheimlichen Wesen!«

»Sie warnen mich, Sie versichern mich Ihrer Theilnahme. Sie sprechen mit einer Offenheit mit mir, als wenn Sie mein Bruder wären? – So sage ich Ihnen denn ebenfalls offen wie ein Bruder dem andern, daß ich diesen Unhold zum Weibe nehme und wenn er noch tausendfach scheußlicher ist, als Sie mir ihn schildern. Seit einem Jahre reise ich diesem Todtenkopfe nach. In allen Gasthöfen, in welchen derselbe sich einfindet, wohne ich dicht neben ihm; zahllos oft habe ich den Unhold brieflich beschworen, mich anzuhören, mir einen Besuch zu gestatten, immer erhielt ich eine heftige, ja oft unartige Zurückweisung. – O, diese Dame kennt mich sehr gut. Sie hat mich oft gesehen. In Warschau fand sie sich veranlaßt auf einem Maskenballe zu erscheinen. Ich wich nicht von ihrer Seite, obgleich sie sich an den Ballcommissär wendete, sie vor meinen Zudringlichkeiten zu schützen. Allein meine Zudringlichkeit wird sie erst noch kennen lernen. Sie wird davon nur befreit, wenn sie mit mir an den Altar tritt . . .«

»An den Altar!« rief die Wirthin unwillkürlich aus. »An den Altar? Das möge der Allmächtige verhüten, daß ein so schöner junger Mann wie Sie eine Mißgeburt zur Frau nehme! Sie sind ja selbst ein Graf und reich, sehr reich, wie ich erfahren habe, was könnte Sie bestimmen, sich mit einem solchen Wesen zu vermälen!«

»Dahin kann es gar nicht kommen!« versetzte der Kaufmann. »Ich behaupte, in eine Kirche kann dieses Geschöpf nie gelangen, einem Altar sich nie nähern; es ist dieses Weib – wenn es noch ein Weib ist – eine Creatur Belzebubs. Ich gehe eine Wette ein, daß, wenn ein Priester in ihre Nähe kommt, daß sie vor diesem flieht. Die Hölle hat sie ausgespien!«

»Meine holde Gräfin!« sagte der Fremde und lachte, »in fünf Minuten erhalten Sie von mir wieder ein Schreiben. Bisher gelang es mir nicht, einen Menschen zu finden, dem Sie freiwillig Ihr Antlitz gezeigt, ich werde Sie nun bestimmen, daß Sie auch mir eine ähnliche Gunst gewähren. Ich werde Ihnen schreiben, daß, wenn Sie mir wieder eine Annäherung verweigern, daß ich Sie für feig halte; – ich werde beisetzen, daß Sie sich vor mir fürchten, daß ich in Ihren Augen der einzige Mann auf der Welt sey, der Ihnen Stand hält! Dies, holde Gräfin, werden Sie von mir in einem Schreiben vernehmen müssen! – Ich eile meinen Brief zu verfassen!«

Der Blasse dankte dem Kaufmanne noch einmal herzlich für seine Mittheilungen, grüßte die Wirthin und entfernte sich.

»Jetzt kann es angehen!« sagte die Wirthin. »Herr Spechtmeyer, was sagen Sie zu diesem Grafen? Er will die Teufelsbraut um jeden Preis heiraten, er bebt nicht zurück vor ihrem Höllengesichte.«

»Er hat sie noch nicht gesehen!« erwiederte der Kaufmann. »Sollte er nicht bis auf den Tod vor ihr erschrecken, so ist er selbst ein Satansgespenst! Ich läugne Ihnen nicht, daß mir dieser Graf unheimlich vorkommt; seine Blässe, sein bleichgelbes Gesicht und seine Augen wie glühende Carfunkel – ich behaupte, Frau Wirthin, Sie haben zwei böse Geister im Hause!«

»Gott sey meiner armen Seele gnädig!« jammerte die Wirthin.

Jetzt trat der Wirth ein.

»Da haben wir's!« sagte er; »was ich immer befürchtete, ist geschehen! Das Aufsehen, das der »Todtenkopf« in unserem Hause gemacht hat und nun erst recht machen wird, da Herr Spechtmeyer nicht verfehlen kann, der ganzen Welt zu erzählen, was er gesehen; dieses Aufsehen des Todtenkopfes hat die Polizei böse gemacht und zwei Commissäre sind soeben bei mir gewesen, sich ausführlich nach der schauderhaften Unbekannten zu erkundigen. Ich habe ihnen Alles gesagt was ich wußte; ich habe es der Hexe vom Blocksberg nicht geschenkt und sie weislich angeschwärzt; – ich habe auch nicht verfehlt, zu bemerken, daß es mir sehr lieb wäre, wenn sie abgeschafft würde, notabene, wenn sie vorher Alles bezahlt hat, was auf ihrem Conto steht.«

»Kann ihr denn die Polizei etwas anhaben, wenn ihre Pässe in Ordnung sind?« fragte die Wirthin.

»Ein Paß ist kein Freibrief für Scandalmacherei. Der Scandal, den sie in Wien erregt, wird sie fortbringen. – Ich werde jubeln! – Diese Person brächte am Ende mein Haus noch so in Verruf, daß kein ehrlicher Mensch mehr hier einkehren möchte. – Die reiche Fruchthändlerin, welche im zweiten Stocke über der Hexe wohnte, ist mit ihrem Sohne gestern schnell abgereist. Sie hat mir bei Leib und Leben geschworen, daß der Teufel alle Nacht zu der polnischen Gräfin durch den Rauchfang komme und des Morgens wieder davonfliege. Es soll ja bei seinen Visiten gestunken haben wie in einem Schwefelpfuhl. – Warte nur, Gräfin, die Polizei, welche in Wien den Teufel nicht fürchtet, wird deinem Rumoren schon ein Ende machen.«

»Wohin haben sich denn die Herren Commissäre verfügt?«

»Zur Gräfin,« antwortete der Wirth. »Ich habe sie bis zu ihrer Thür begleitet.«

»Und Du bist nicht mit hineingegangen? Das hätte ich mir als Hausherr um keinen Preis nehmen lassen!«

»So, damit die Gräfin merke, daß es mir angenehm ist, wenn sie aus Wien gewiesen wird und mir von meiner Rechnung Abzüge macht?

Der Zimmerkellner trat ein.

»Herr Wirth,« meldete er, »die Herren Commissäre fragen nach Ihnen.«

»Hier bin ich,« erwiederte der Wirth und eilte ihnen entgegen.

»Herr Grünfeld,« nahm der eine Commissär das Wort, »die Frau Gräfin ist mit der größten Achtung zu behandeln. Sie ist vom Großfürsten von Rußland an hohe Personen empfohlen. Ihre Papiere sind in der größten Ordnung. Dem lügenhaften Geschwätze über die Dame suchen Sie zu widersprechen, dann wird dasselbe bald verstummen.«

»Erlauben die Herren,« gestattete sich Spechtmeyer zu bemerken, »ist das lügenhaft, was ich selbst gesehen? Die Dame hat einen Todtenkopf, einen scheußlichen Todtenkopf – mit meinen eigenen Augen sah ich ihn und liege noch an allen Gliedern gelähmt von dem ausgestandenen Schrecken darnieder.«

»Sie sind nicht recht gescheid!« sagte der Commissär.

»Ich verbiete Ihnen, dergleichen Märchen unter die Leute zu bringen. – Adieu!«

Die Commissäre entfernten sich.

»Das ist allerliebst!« versetzte der Kaufmann. »Märchen nennt er das, was Einem die Haare wie Borsten emportreibt! – Gott weiß was diese Schändliche der Polizei vorgelogen hat! – Einen hohen Empfehlungsbrief besitzt sie? Ein Blendwerk der Hölle ist dies! – Doch es wird schon aufkommen.«

»Mir ist es recht!« bemerkte der Wirth. »Ich bin ein Wiener Bürger und füge mich in den Willen der Behörde; aber aufpassen will ich, und überzeuge ich mich von irgend etwas, das Entsetzen erregt, dann mache ich die Anzeige.«

Die Kammerfrau suchte die Wirthin auf.

»Frau Grünfeld,« sprach die Kammerfrau, »Sie haben den Herrn Spechtmeyer, nachdem ihm bei uns ein Unfall zustieß, in Ihrer Wohnung aufgenommen. Meine hohe Gebieterin erkundigt sich nun nach seinem Befinden und bedauert herzlich, daß der wackere Mann so plötzlich unwohl geworden. – Ei, da ist ja Herr Spechtmeyer! Sie sind doch wieder hergestellt?«

»Gott sei Dank!« versetzte der Kaufmann. »Da der Himmel mir beigestanden, so konnte mir die Hölle nichts anhaben!«

»Das wird meine Gräfin außerordentlich freuen. – Hier sendet sie Ihnen die hundert Ducaten für das schöne Kleid und insbesondere noch ihren herzlichen Dank!«

»Ich nehme dieses Geld nicht! – Ich weiß nun wen ich vor mir hatte! Ich bin ein Christ und will nichts mehr zu thun haben mit dieser Dame!«

»Sie auch nicht mit Ihnen! Sie will aber auch das Kleid nicht zurückgeben, daher Sie Ihnen die Bezahlung sendet.«

»Diese Bezahlung ist ein Handgeld des Satans.«

Die Kammerfrau lachte und schüttelte den Inhalt der Goldbörse vor dem Kaufmanne aus.

»Bezahlt die Hölle mit solchem Golde?« sagte sie. »Es sind hundert Kremnitzer-Ducaten mit dem Mutter-Gottes-Bilde! – Schämen Sie sich, Herr Spechtmeyer, Ihrer Albernheit!«

Sie ging.



Sechstes Capitel.

In der sogenannten Schwemme im Wirthshause »zum wilden Mann« spielte der blinde Harfenist »Poldl,« der vor ungefähr sechzig Jahren ein ebenso beliebter Volkssänger war wie jetzt Moser.

Alles was sich in Wien Auffallendes ereignete, trug Poldl in lustigen Liedern vor; zwar war er nicht wie Moser so begabt, sich selbst witzige Couplets zu schreiben, dafür besaß er aber ein Dutzend recht gewandter Dichter, und diese brachten ihm Alles in Reime, was im lustigen Wien häufig sehr ungereimt vorkam.

Heute gefiel Poldl ganz ausnehmend.

Er trug neue Lieder vor, unter andern auch ein Lied:


Von der Dame mit dem Todtenkopfe.


Es war dies nicht etwa eine Verunglimpfung, es war ein Lob auf die vielbesprochene Unbekannte, auf ihre unendliche Herzensgüte, auf ihre, den Armen zufließenden reichlichen Wohlthaten, nebenbei ging es auch derb über solche Männer her, die sich nicht entblöden, selbst ein Todtengerippe ehelichen zu wollen, wenn es nur Geld besitzt.


»Um Geld freit heut so mancher Tropf,
Und trüge das Weib selbst ein'n Todtenkopf!«


Dies war der Refrain. Er wurde jedesmal rauschend beklatscht. – Das Lied war hübsch, und die verschleierte Dame hätte selbst zuhören können; es würde sie der Text desselben nicht beleidigt haben.

Im Hause des Todtenkopfes ein Todtenkopflied zu singen, nahm jedoch ein junger Mann sehr übel; zwar äußerte er seinen Unwillen darüber nicht laut, als aber Poldls Weib den Teller herumreichte, um die Harfenisten-Gelder einzusammeln, da konnte sich der junge Mann nicht enthalten, der Alten zuzuflüstern:

»Schickt es sich, ein solches Lied hier im Erdgeschoß zu singen, wenn im ersten Stock Diejenige wohnt, von der man erzählt, daß sie einen Todtenkopf besitze?«

Dies hörte ein Schreiber welcher als vorlauter Mensch bekannt war, und dieser erwiederte sogleich:

»Freilich schickt es sich! – Was dem Publicum Stoff zu Glossen gibt, gehört in das Bereich der Harfenisten; nur ist dieses Lied viel zu schonend. Da habe ich ein anderes gemacht und den »Poldl« veranlaßt, daß er es auswendig lerne. Nach Mitternacht, wenn die größere Anzahl der Gäste sich bereits fortbegeben, wird mein Lied angestimmt, und da wollen wir einmal sehen, wie dies packen wird.«

»Wenn es eine Beleidigung auf die Dame im Hause enthält,« fuhr der junge Mensch auf, »so darf es nicht gesungen werden! Die Dame legt Niemanden etwas in den Weg, ist eine Fremde; es würde daher der Gastfreundschaft der Wiener ein schlechtes Compliment gemacht werden, wenn man die Fremde hier aus Bosheit eines Einzelnen beschimpfen ließe.«

Darüber entstand ein Streit.

Der Schreiber wurde grob.

Der junge Mensch wurde hitzig.

Es bildeten sich Parteien.

Die eine Partei forderte »Poldl« auf, das Lied gegen die Dame mit dem Todtenkopfe zu singen.

Die andere Partei untersagte es.

Endlich wurde man gegenseitig sehr anzüglich.

Die Stammgäste, welche für die Gräfin waren, warfen mit »Gesindel!« herum.

Die andern Gäste, ein von der Gasse zusammengelaufenes Volk, welches nur der Harfenist ins Wirthshaus gezogen hatte, schrien:

»Hinaus mit den Spießbürgern!«

»Patrouille herbei!« riefen die Bürger.

»Die Stuhlfüße in die Hand!« riefen die Andern.

Es entstand ein fürchterlicher Tumult.

Wirth und Wirthin, Lohnlakeis, Kellner und Hausknechte mischten sich ins Gefecht.

Der Tumult steigerte sich noch mehr.

Endlich wurde nach der Wache gesendet.

Während man noch immer spectaculirte, und sogar nach den Gläsern und Flaschen griff, um sie sich gegenseitig an die Köpfe zu werfen, riß die Kammerfrau der Gräfin die Thür auf, stürzte in die Gaststube und ließ einen so furchtbaren Hilferuf ertönen, daß die Parteien schnell zur Ruhe gelangten, und bei dem entsetzenerregenden Anblick des hilfesuchenden Weibes ängstlich aufhorchten.

»Um Gottes willen! Diebe! Räuber!« rief die Kammerfrau. »Man will meine arme Gräfin ermorden!«

Die Beherztesten darunter, es waren dies lauter Wiener Bürger, eilten schnell hinaus in die Wohnung der Gräfin.

Da lag sie auf dem Bette, den Kopf mit Tüchern verhüllt, schwer athmend.

Die Schränke waren erbrochen und ausgeraubt.

»Zu spät! zu spät!« stöhnte die Kammerfrau und stürzte auf ihre Herrin hin.

Der blasse Fremde war in der Stube.

»Es ist der Gräfin nichts geschehen,« versicherte er. »Ich vernahm im Nebenzimmer das Attentat, ich warf mich in meine Kleider. Ich vermochte sonst nichts zu verhindern, als vielleicht einen Anschlag auf ihr Leben. – Die Räuber drangen auf mich ein, als ich die Thür einstieß, verwundeten mich und eilten davon. Die Räuber müssen aber noch im Hause seyn, man durchsuche alle Gänge, Stiegen und Keller.«

Der Wirth und seine Leute durchstöberten sogleich das Haus, aber es wurde niemand Verdächtiger gefunden.

Die Kammerfrau begab sich zur Gräfin.

Diese erholte sich langsam und athmete noch immer schwer.

Die Neugierigen drängten sich an die Dame.

»Wenn ich bitten darf!« sagte die Kammerfrau, »so kommen Sie nicht näher! Schonen Sie die arme Dame.«

Die Kammerfrau sprach leise mit der Gräfin.

Die Gräfin redete in großer Aufregung mit ihrer Duenna.

»Gerechter Himmel!« rief die Kammerfrau.

»Es waren drei Räuber, welche in dieses Zimmer gedrungen sind,« berichtete die Gräfin.

»Einer kam aus dem Nebengemache, zwei durch das Vorzimmer!«

»Der aus dem Nebengemache kam, ist noch hier!« rief die Gräfin mit starker Stimme.

»Dieser ist es!« sagte sie und wies auf den blassen fremden Mann. »Meine Chatouille muß sich noch in seinem Zimmer befinden!«

Der blasse Fremde schrie laut auf:

»Gräfin! Besinnen Sie sich! Um aller Heiligen willen! Welche Beschuldigung! Gräfin, welch ein Wahn bestrickt Sie!«

»Geben Sie meine Chatouille heraus, elender Räuber!« herrschte die Dame dem Fremden zu.

Der Wirth und zwei Bürger gingen durch die offene Thür, welche zwei Passagierswohnungen mit einander verband, aber früher verschlossen war, und brachten eine Chatouille, worauf ein Todtenkopf abgebildet war.

»Ist's diese?« fragte der Wirth.

»Nein,« versetzte die Wirthin, »diese gehört dem Herrn, er brachte sie bei seiner Ankunft mit ins Haus.«

»So wird es diese seyn,« sagte der Wirth und zeigte eine andere.

»Diese ist es!« hauchte die Gräfin und barg ihren Kopf in die Kissen ihren Bettes.

Indeß rückte die Patrouille ins Haus, welche des Tumults in der Gaststube wegen gerufen wurde.

Die Bürger erzählten dem Corporal den Vorfall.

Der Corporal befahl den »blassen Mann« zu verhaften.

Die Wachen umringten ihn.

Ehe er sich noch entfernte, wendete sich der Fremde an die Gräfin.

»Sie begehen ein himmelschreiendes Verbrechen,« sagte er, »daß Sie mich als einen der Räuber bezeichnen! Ich kam zu Ihrer Hilfe herbei und rettete Ihre Chatouille! Hatte Sie denn die ausgestandene Angst so betäubt, daß Sie dies nicht bemerkten? Sie schweigen? Sie wollen mich verderben? Doch triumphiren Sie nicht zu frühe! Wird man die Uebelthäter erforschen, dann wird man auch meine Unschuld erfahren! – Gräfin, ist Ihre Rache noch nicht gesättigt? – Gott verzeihe Ihnen, was Sie mir jetzt zufügen! Bisher bestritt ich es, daß Sie ein Scheusal seyen, heute habe ich mich hiervon überzeugt.«

Er wurde fortgeführt.

Die Kammerfrau dankte den herbeigekommenen Leuten für ihren Beistand.

Sie ersuchte jetzt die unglückliche Dame allein zu lassen.

Wirth, Wirthin, Hausleute und Gäste entfernten sich.

Als die Dame mit ihrer Duenna allein war, sagte diese und sah dabei ihre Gebieterin bedeutungsvoll an:

»Wenn Er unschuldig wäre!«

»Er ist es nicht! – Er ist mit den Räubern im Bunde! Sehen Sie nach, Sie werden die Cassette mit meinem Schmucke nicht finden!«

»Die Cassette fehlt in der That!«

»In der Cassette, die meinen Schmuck enthält, liegt mein Geheimniß. Dies ist mir geraubt worden! – Findet man es, so bin ich verloren! – Ich darf meinen Schmuck nicht einmal der Polizei beschreiben; ich muß ihn verlieren; ich muß wünschen, daß die Diebe damit glücklich entkommen! – Für mich gibt es keine andere Rettung als schnell abzureisen.«

»Aber was geschieht, wenn Er nicht schuldig ist?«

»Werde ich geopfert, so soll er ebenfalls geopfert werden. Er hat es um mich verdient.«

»Er soll sterben um Ihretwillen! Sterben in Gottes Namen! aber die Ehre soll ihm bleiben.«

»Kein Wort weiter!«

»Sie befinden sich in einer Aufregung, die ich an Ihnen noch nie bemerkte.«

»Sorgen Sie morgen mit dem Frühesten für Postpferde.«

»Gräfin! Gräfin! Sie sind gräßlich in Ihrem Hasse!«

»Schweigen Sie, sonst sollen Sie ebenfalls meinen Haß empfinden.«

»Nehmen Sie mir die Tücher vom Haupte, ich ersticke vor Hitze!«

»Der entsetzliche Todtenkopf!« jammerte die Kammerfrau; »ach, Gräfin, wie dauern Sie mich! – Ich kann Sie nicht sehen, ohne zu weinen!«



Siebentes Capitel.

»Es war weit klüger, dem »Todtenkopfe« die Cassette mit dem kostbaren Schmucke zu stehlen, als um die Hand der Schauderhaften zu werben,« sagte Ladislaus Kukielwski zu seinem Spießgesellen.

»Allerdings,« gab dieser zurück, »aber wenn wir erst die Chatouille bekommen hätten! Der Spitzbube, der aus dem Nebenzimmer herbeikam, jagte sie uns ab; aber ich habe ihm mit meinem Messer einen Stich in die Brust versetzt, der ihm einen ewigen Bluthusten zuziehen soll. Wer mag der Schurke seyn?«

»Wer anders als ein Freiwerber um ihre Hand. – Als ich neulich im »wilden Mann« zu Mittag speiste, sagte man mir, daß er der polnischen Gräfin seit langer Zeit in jede Stadt nachreise, in welcher sie sich aufhalte. Er müsse sie als Gattin heimführen, erzählte man mir. Vielleicht bekommt er sie jetzt. Er hat sich ja ein Verdienst um sie erworben!«

»Aber eine Angst befiel sie, als wir plötzlich vor ihrem Bette standen! Das Erste war, was sie that, daß sie sich das scheußliche Haupt verhüllte. – Ich war ihr dafür sehr verbunden, denn als ich ihr mit der Blendlaterne ins Gesicht leuchtete, war sie so vermummt, daß ich nichts von ihrem Todtenkopfe sehen konnte.«

»Der Schrei, den sie nun ausstieß, war durchdringend: ich wollte ihr schon mit dem Hirschfänger etwas unsanft den Hals berühren – da drang der Schurke ein. Es sey ihm nicht geschenkt! Dieser Hirschfänger soll nun an ihm seine gute Schneide bewähren.«

»Laß uns nun jetzt den Schmuck betrachten.«

»Sind wir denn hier auch sicher?«

»Sehen müssen wir doch, was wir erhascht haben! – Die Cassette können wir ja auf keinen Fall behalten, diese muß in Stücke zerschlagen und vertilgt werden.«

Die beiden Gauner öffneten die Cassette.

»Hölle und Teufel!« rief Ladislaus, »das zahlt sich aus! – Betrachte diese Perlen! Zwölf Schnüre größer als die größten Erbsen. Und diese Diamanten! dieses Diadem ist zwanzigtausend Gulden werth! die prachtvollen Armbänder und Croisetten! – Victoria, in dieser Schublade liegt auch eine Masse Ducaten, das sind gewiß ein paar tausend Stücke.«

»Wohin mit diesen Schätzen?«

»Das baare Geld kommt gerade recht! damit können wir eine Reise machen, etwa nach Holland, und die Schmucksachen dort verkaufen.«

»So? An die Steckbriefe denkst Du aber nicht! diese werden gewiß heute schon gedruckt und in die weite Welt versendet!«

»Da ist noch ein Behältniß in der Cassette; darin ist vielleicht noch mehr Gold.«

Das Behältniß wurde geöffnet. Ueber seinen Inhalt vermochten sich die beiden Räuber nicht zu fassen.

Sie sahen einander sprachlos an.

Sie betrachteten den Fund genau.

Ihr Erstaunen wuchs aufs Höchste.

»Das ist das Kostbarste!« rief Ladislaus entzückt. »Ein Talisman, der uns vor aller Verfolgung schützt. Sei ruhig, Freund, jetzt ist es uns nicht mehr nothwendig, das wir uns flüchten. Ueber diesen Raub werden keine Steckbriefe verlautbart. – Dieser Fund ist mehr werth als der ganze Schatz! Dieser Fund wird uns zu reichen Männern machen.«

»Wie verstehst Du das?«

»Bist Du so kurzsichtig? Hast Du keine Idee von dem, was sich an dieses Kleinod knüpfen läßt? Betrachte Dir das Ding doch etwas genauer! Oder bist Du zu bornirt, um hierauf nicht die größte Speculation zu gründen? – Millionäre können wir werden!«

Man hörte jetzt dreimal an die Thüre klopfen.

»Weg mit der Cassette!« rief Ladislaus, »lege behutsam die Sachen in die Fächer.«

Es geschah.

»Hier in diesen Wandschrank schiebe die Cassette!«

»So!«

»Wer ist es?« fragte nun Ladislaus.

»Die alte Frau mit dem Manne ohne Arme ist da.«

Ladislaus öffnete die Thür.

»Lasse sie eintreten,« sagte er.

Die Mutter und der Mann ohne Arme traten ein.

Der Bediente erhielt ein Zeichen sich zu entfernen.

Als er hinausgegangen war, sagte Ladislaus zu seiner Mutter:

»Sie, Mutter, hat ein guter Geist hierher geführt! Jetzt endlich werden Sie Ihrem abscheulichen Handwerk entsagen müssen. – Sie sind zu etwas Anderem bestimmt! Wie eine Fürstin werden Sie leben und wohnen! Mutter! keine Einwendungen! Nie bekämpfte ich Ihre entsetzliche Marotte. Diesmal stemme ich mich mit aller Gewalt dagegen! Sie müssen mir zu Willen seyn, sonst – kündige ich Ihnen meine kindliche Liebe auf und lasse Sie ohne Unterstützung!«

»Ich weigere mich nicht, mein Sohn, Dir zu folgen. Ich habe das Betteln ohnehin satt, dieses ewige Herumvagiren ekelt mich an! – Nach dem was mir und Hanns Ohnearm heute geschehen, habe ich mich bestimmt, nie mehr als Bittende an den Thüren reicher und vornehmer Leute zu erscheinen.«

»Ihr und Hanns seht ja ganz verstört aus! Was ist denn vorgefallen?«

»Ach, mein Gott!« berichtete Hanns, »wir hätten beide arretirt werden sollen.«

»Weshalb?« riefen die beiden Gauner aus.

»Wir wollten zu der edlen Dame im »wilden Manne« uns begeben, Sie bestellte uns auf heute, weil sie uns das letzte Mal nicht vorlassen konnte. Sie wollte uns wieder ein Geschenk machen. Als wir in den Gasthof eintraten, schlug der Hausknecht das Thor hinter uns zu und verschloß es. Hierauf schleppte er uns in das Zimmer eines Polizeicommissärs, der seit gestern förmlich im »wilden Mann« wohnt. Die Wirthin befand sich bei dem Commissär.«

»Da sind die beiden verdächtigen Bettler, hub die Wirthin an, die ich als Spione bezeichnet habe, welche die Gräfin einige Male vorließ und beschenkte. – Nur diese kamen in ihr Appartement, sonst keine lebende Seele. Diese haben Wachsabdrücke von den Schlüsseln gemacht und sie ihren Helfershelfern mitgetheilt, wodurch es allein möglich wurde, geräuschlos drei Thüren zu öffnen und bis in das Schlafcabinet der Gräfin zu dringen. Die falschen Schlüssel befanden sich ja noch in den Schlössern! – Dieses schlechte Volk hat die Hand dazu geboten; ich lege einen Eid darauf ab, und bitte den Herrn Commissär daher, diese Leute verhaften zu lassen.«

»Holt einen Fiaker! befahl der Commissär seinen Dienern, bindet dem Kerl die Füße, damit er nicht entspringe, und das Weib knebelt; zwei Mann Wachen haben sich zu beiden in den Wagen zu begeben, der sie rasch in das Criminalgerichtshaus auf dem Hohenmarkte zu bringen hat.

»Ich warf mich vor dem Commissär nieder,« fuhr Hanns in seiner Erzählung fort, »ich flehte um Gottes willen um Barmherzigkeit. Wie wäre ich im Stande, sagte ich, Wachsabdrücke von Schlüsseln zu machen, ich unglücklicher Mann ohne Arme!

»Keine Worte, fuhr der Commissär auf. Ich kenne die Bettler in Wien. Es sind größtentheils Ausspäher der Räuber und Diebe! Fort mit ihnen! – die Gräfin soll auf der Stelle unterrichtet werden, daß wir die wahrscheinlichen Vermittler des Raubes bereits aufgegriffen. Frau Wirthin, lassen Sie ihr diesen Vorgang wissen. Ich will ihr auch die Bettler vorführen lassen, damit sie sie sehen und bestätigen könne, daß dies das Gesindel ist, welches ihre Wohlthaten mit solchem großen Undank belohnt.

»Die Wirthin eilte zur Gräfin.«

»Nun warf ich mich dem Commissär zu Füßen und bat um Schonung,« ergänzte Ladislaus' Mutter. »Ich betheuerte meine Unschuld.

»Gerade Du warst es, welche die Schlüsselabdrücke besorgte! schrie der Commissär. Den Mann ohne Arme schleppst Du herum, um Mitleid zu erregen; Du schleichst Dich in alle vornehme Häuser ein. Oh, es werden jetzt schon mehrere Schandthaten von Dir und deinem Genossen an den Tag kommen! – Bindet sie! befahl er seinen Amtsdienern.

»Die Amtsdiener schnürten mir die Arme auf dem Rücken zusammen.

»In diesem Augenblicke erschien die Gräfin.

»Sie war wo möglich noch dichter verschleiert als früher.

»Nicht doch, Herr Commissär, sagte die Gräfin, diesen armen Menschen geschähe Unrecht. Ich bürge für sie! Der bedauernswerthe Mann ist nicht im Stande, Dieben in die Hände zu arbeiten, und die Frau ist zu gottesfürchtig, um mit Verbrechern in Gemeinschaft zu leben. In der Kirche zu Mariahilf sah ich sie zweimal andächtig ihr Herz zur gebenedeiten Gottesmutter erheben. Wer so innig beten kann, trägt keine Schlange im Busen. Lassen Sie die armen Leute frei! Ich bitte darum.

»Auf Ihre Gefahr, Frau Gräfin! erwiederte der Commissär.

»Ich wurde losgebunden.

»Geht, rief uns nun der Commissär zu. Zu spät aber für ihren Verlust wird die gutherzige Dame ihr übel angebrachtes Mitleid einsehen. – Geht, – aber ich schärfe Euch ein: wenn ich je wieder von Euch erfahre, daß Ihr in irgend einem Hause in Wien, um Almosen bettelnd, getroffen worden, so entgeht Ihr der Verhaftung nicht – das schwöre ich Euch!

»Empfangt von mir die letzte Gabe, sagte die Gräfin. Sie beschenkte uns. Ich will nicht veranlassen, daß Ihr an meiner Thüre arretirt werdet.

»Wir küßten der Dame die Hand und entfernten uns.«

»Gott sey Dank,« äußerte sich Ladislaus, »daß Ihr dieser Schmach entronnen. Ich sorge nun dafür, daß Ihr in keine ähnliche Lage mehr gerathet.«

»Werde ich auch versorgt?« fragte Hanns.

»Die Aussichten, zu der Dame auf ihre Güter zu kommen, habe ich jetzt verloren.«

»Dafür kann ich nicht,« entgegnete Ladislaus, »Ihr sollt aber von mir Unterstützung erhalten, Ihr müßt fort von Wien. In der Nähe meiner Mutter könnt Ihr nicht bleiben. Ihr, Hanns Ohnearm, würdet sie nur verdächtigen.«

»Ich? Ihre Mutter verdächtigen? Bin ich denn ein schlechter Mensch?«

»Das nicht! Aber wenn meine Mutter in der unkenntlichsten Verkleidung irgendwo erschiene, so müßten die kleinsten Jungen rufen: Das ist die Bettlerin aus dem Lichtenthale und Hanns Ohnearm!«

»In Gottes Namen!« versetzte Hanns, »gebt mir nur so viel, daß ich einen Menschen aufnehmen kann, der mir zu essen gibt und mich an- und auskleidet.«

»Ihr sollt ein Plätzchen im Spitale zu Ybbs erhalten,« warf Ladislaus' Freund hin. »Dort gibt es allerlei Krüppel. Dort werdet Ihr Kost, Wohnung und Bedienung finden. Dahin hättet Ihr schon längst kommen sollen!«

Hanns Ohnearm traten die Thränen in die Augen. Er schluchzte laut und wollte zur Thür hinaus.

»Wohin?« fragte Ladislaus.

»Ins Vorzimmer!« antwortete Hanns. »Draußen bei dem Bedienten will ich mich ausweinen. Die Livréeleute haben in vielen vornehmen Häusern mehr Mitleid als die Herrschaften.«

»Ausschwätzen willst Du was Du gehört? meinem Schlingel von Lakei erzählen, daß diese alte Frau meine Mutter ist, nicht wahr? Nein, Herr Krüppel, Du gehst da in die Kammer, die nach dem Hofe führt! Dort kannst Du mit den vier Wänden plaudern. Wenn ich Dich brauche, werde ich Dich rufen. – Mache keine Umstände, sonst überliefere ich Dich auf andere Weise meinem Bedienten; der hat es nicht vergessen, daß Du ihn mißhandelt hast. Auf das Mitleid dieses Menschen darfst Du nicht rechnen.«

Ladislaus führte den Ohnearm in die Kammer und verschloß die Thür.

Hierauf wurde der große Plan der beiden Diebe mit Ladislaus' Mutter verabredet.


* * *


Wir verlassen die Gaunerfamilie für kurze Zeit und wenden uns dem Kaufmanne zur »blauen Flasche« zu, der mittlerweile nicht müde wurde, sein Abenteuer mit der Dame mit dem Todtenkopfe zum Besten zu geben, und trotz des Verbotes des Polizeicommissärs seine Kunden mit seinen schauerlichen Erzählungen zu amusiren.

Wer immer die entsetzliche Geschichte vernehmen wollte, dem stand Herr Spechtmeyer zu Gebote. Aber er erzählte nichts ohne Eigennutz; kaufen mußte man etwas in seinem Gewölbe, und wäre es nur eine Elle Band gewesen, sonst konnte man nichts erfahren.

In jener Zopfzeit wurden vielleicht in ganz Wien nicht so viele Zopfbänder verkauft, als in dem einzelnen Gewölbe zur »blauen Flasche.«

Durch acht Tage vermochte man kaum in die Niederlage zu dringen.

Ein junger Mensch kam fast zu allen Stunden des Tages, kaufte bald einen Stoff für ein Gilet, bald einen Zeug zu Beinkleidern, bald eine seidene Halsbinde, bald elegante Schnupftücher, immer bat er aber, das schon so oft Gehörte wieder vernehmen zu dürfen, welches sodann der gefällige Kaufmann immer mit neuen Ausschmückungen zum Besten gab. – Der junge Mensch fiel schon im Gasthofe zum »wilden Mann« als ein Ritter der unbekannten Dame auf.

Einer der eifrigsten Zuhörer bei den Berichten des Kaufmanns war auch sein Onkel, Herr Emanuel Schikaneder, Director, Schauspieler und Dichter des Theaters im Freihause auf der Wieden.

»Berthold,« sagte Schikaneder eines Tages zu Spechtmeyer, »dein Abenteuer wird mir zu einem Cassastücke verhelfen. Ich habe bereits den Plan entworfen; »die Dame mit dem Todtenkopfe« soll mir so viel eintragen wie »der dumme Gärtner« oder »die beiden Anton.« Sieben Theile habe ich von dieser Piece geschrieben, und ich würde noch sieben Theile zu derselben fabriciren, wenn mir die neue Geschichte nicht noch hundertmal lieber wäre als die alte. Berthold, Du wirst Dich überzeugen, aus diesem »Todtenkopfe« »quetsche« ich (ein bekannter Lieblingsausdruck Schikaneder's) ein Dutzend Fortsetzungen heraus. In dem neuen Theater, das ich mit Zitterbarth so eben an der Wien erbaue, bringe ich ein Repertoirstück für ein paar Jahre zuwege.«

»Wer soll sie denn spielen die Dame mit dem Todtenkopfe?«

»Wer anders als die Wipfel! Die Wipfel besitzt ja eine herrliche Stimme, ist groß und schlank, und was die Hauptsache ist, hat sie das gelb-, roth- und blaugeflammte seidene Kleid wie sie! – Laß mich machen, Neffe, Dich bringe ich auch in mein Stück, und die Raub- und Wirthshausscenen bring' ich an, und den blassen Grafen bringe ich hinein, und die Wirthin, den Wirth, sogar den Harfenisten Poldl bring' ich vor; Poldl muß in Person auf meinem Theater erscheinen! – Das wird ein Zugstück werden!«

»Und welche Rolle werden Sie sich zutheilen, Onkel?«

»Ich? – Ich spiele den Wunderdoctor, denselben, von dem es heißt, daß er am Rheine jetzt solche außerordentliche Curen vollbringt. Ich trete mit dem vielbesprochenen »Zauberbalsam« auf. – Ich verschaffe mittelst dieses Balsams der Dame das schönste Antlitz; aus Dankbarkeit reicht sie mir dann als ihrem Retter am Schlusse des Stückes die Hand. Es endigt dann mit einem polnischen Tanze. Fünfzig Paar Kinder müssen Mazurka tanzen. Endlich producire ich einen Blumenregen, transparente Bäume, Gruppen, Tableaur, türkische Musik und chinesische Beleuchtung. So viel Geld die Dame mit dem Todtenkopfe immer besitzen mag, so wird doch zweimal so viel in meine Cassa kommen. Du heirathest dann die Wipfel, damit Du auch etwas davonträgst. Und Alles schließt zu allgemeiner Lust.«

»Mamsell Wipfel ist ja Ihre Schöne!«

»Ich mag sie jetzt nicht mehr. Ich habe mein Herz der Mamsell Gommer gewidmet. Neffe, die Wipfel wird Dich glücklich machen!«



Achtes Capitel.

Als das Gaunervolk seine Plane ins Reine gebracht, ließ man Hanns Ohnearm aus seiner Kammer kommen.

»Wir haben Alles wohl überlegt, was mit Dir anzufangen sei,« redete ihn Stanislaus an. »Wir wollen Dich nicht in ein Versorgungshaus bringen, wir wollen Dich so belassen wie jetzt; Du sollst das Quartier meiner Mutter behalten; es wird Dir auch ein Mann beigegeben, welcher Dich bedient, aber weder Du noch der Mann, welcher Dir zu Seite bleiben wird, darf das Quartier verlassen. – Freilich, das flotte Leben bei meiner Mutter fällt jetzt weg. Du erhältst täglich 6 kr., damit kannst Du auskommen; deinen Verpfleger bezahlen wir auch! – Mehr thun wir nicht!« –

Hanns schwieg.

»Wir haben bereits nach dem Manne gesendet, der dein Gefährte sein wird, so wie wir einen Wagen besorgten, der Dich nach Hause bringen soll.«

»Es wird mir also die tägliche freie Bewegung in der Luft benommen? Wenn ich den ganzen Tag in einer Stube hocken muß, so sterbe ich!«

»Du stirbst nicht; im Gegentheile Du wirst recht gut leben. Und jetzt wirf mir keine Bedenklichkeiten mehr entgegen.«

»Frau Anna Kukielwska,« betonte Hanns sehr auffallend, »können Sie zugeben, daß Ihr Sohn gegen mich so hart verfahre?«

»Nach dem, was sich jetzt ereignen wird,« versetzte Frau Anna, »vermag ich meines Sohnes Plane nicht zu durchkreuzen. Vielleicht kommt auch für Euch eine bessere Zeit.«

»Schweigen Sie, Mutter, mit Ihrer bessern Zeit! – Sie haben wahrlich nicht Ursache, diesen Tölpel auf künftige bessere Tage zu vertrösten.«

Der Bediente trat ein.

»Der Mann aus der Vorstadt Weißgärber ist da!« meldete er.

»Laß ihn eintreten,« sagte Stanislaus.

Es kam ein Kerl herein, dessen widerwärtiges Aussehen auf Hanns einen höchst peinigenden Eindruck machte. Eine solche Galgenphysiognomie hatte er noch nie gesehen.

»Du hast meinen Brief erhalten?« redete ihn Ladislaus an.

»Ja, ich habe das lange Gewäsch empfangen, und gelesen,« versetzte Koppi, so hieß der Mann, ganz mürrisch. »Zu was wurde denn so viel geschrieben? »Dieser Mann ist zu behandeln wie jener, dem ich vor einem Jahre Gesellschaft leistete!« – das hätte genügt.

»Dieser Mann ist anders zu behandeln, lies nur deine Instructionen genau. Und nun übernimm ihn und packe Dich mit ihm! – Ich erwarte Besuche und will endlich die Luft rein haben. Vor dem Thore hält doch wohl ein Wagen?«

»Ja.«

»Der ist für Dich und deinen neuen Freund.«

»Wer bezahlt den Wagen?«

»Du.«

»Dazu muß mir Geld gegeben werden.«

»Hier hast Du 20 kr., mehr kostet keine Fahrt nach der Vorstadt.«

»Allons,« sagte Koppi zu Hanns . Er faßte ihn an der Schulter und eilte mit ihm über die Treppe.

Als er am Thore angelangt war, sagte Koppi zu Hanns:

»Dieser Fiaker steht hier lange gut, vertrinken wir lieber den Zwanziger! – Im Bierhause in Fähndrichshofe finde ich einige Freunde, mit diesen muß ich noch sprechen. Im Bierhause wirst Du mir auch zeigen, wie ich Dir zu essen und zu trinken geben soll. Komm nur mit!«

Hanns ging mit ihm.

Als beide in der Blutgasse ankamen, sagte Hanns:

»Hört einen Vorschlag! – Wir wollen in der Singerstraße einen Fiaker nehmen und in das Quartier fahren, das ich bisher bewohnte. Dort habe ich 80 fl. Geld. Ich zeige es Euch, wo es liegt. Es ist mein Geld, mir von guten Menschen geschenkt; auch habe ich hier in meinem Rocke in der Seitentasche einen Beutel mit Geld stecken, das mir die Frau Kukielwska in die Tasche schob, als ich es heute von einer Gräfin erhielt. – Jene 80 fl. und was ich hier in der Tasche habe, soll zur Hälfte euer sein – laßt mich aber entfliehen. –«

»Da würde ich schlecht ankommen!«

»Wie so?«

»Herr Kukielwski versteht keinen Spaß! – Er würde mir's entgelten lassen!«

»Was kann er Euch thun?«

»Der Mensch ist im Stande und trachtet mir nach dem Leben.«

»Hier in Wien?«

»Das ist diesem schlechten Manne gleichgiltig, wo er seine Rache auszulassen hat, dieser Schurke begeht einen Mord am Hochaltar.«

»Wenn Ihr aber behauptet, ich sei Euch ausgerissen?«

»Ausgerissen?«

»Ich habe zwar keine Arme, aber meine Füße sind besser als die eurigen!«

»Ich laufe hinter Euch her und rufe: Haltet ihn auf!«

»Dann werde ich aufgehalten, das ist wohl wahr! Ihr aber auch. Wir werden beide zur Polizei geführt. Wenn ich dort angebe, daß Ihr den Auftrag habt, mich gewissermaßen wie einen Gefangenen zu behandeln, so werden wir beide eingesperrt, und dann wird es sich zeigen, wer von uns beiden länger sitzen wird, Ihr oder ich!«

»Ich will euern Vorschlag annehmen, aber wo wollt Ihr denn hin?«

»Ich will so weit als mich meine Füße tragen –«

»Fort von Wien?«

»Das ist natürlich!«

»Kommt, wir wollen in euere Wohnung, dort das Geld theilen, auch das Geld, welches Ihr im Sacke habt, theilen, und dann versucht euer Glück in der Flucht!«

Die Beiden mietheten einen Fiaker, fuhren nach dem Lichtenthale und stiegen dort ab.

Hanns Wirbel ließ sich 40 fl. von seinem Gelde in die Tasche stecken; in dem Beutelchen, das die Gräfin ihm schenkte, steckten 6 Ducaten, davon nahm sich Koppi drei und steckte die übrigen drei ebenfalls dem Krüppel zu. Hierauf ließ Hanns den Fiaker nach Mariahilf fahren, dann ersuchte er Koppi noch zwei Zwanziger aus seiner Tasche zu nehmen und den Fiaker zu bezahlen.

Hanns ging in die Kirche, Koppi in ein Wirthshaus.

Der Fiaker fuhr nach der Stadt zurück.

Hanns Ohnearm ging in die Kirche zu Mariahilf. Er drängte sich an den Meßner.

»War die verschleierte Dame heute schon hier?« fragte er.

»Sie ist noch da und betet im Oratorium. – Wollt Ihr sie um ein Almosen bitten?«

»Ja.«

»So wartet da an der Thür der Sacristei. Sie geht nie von hier, ohne den Armen, die sich da aufstellen, Almosen zu reichen.«

»Unter vielen Armen möchte ich sie nicht ansprechen.«

»So stellt Euch zur Kirchenthür und wartet bis sie in ihren Wagen steigt –«

»Ach, mein Gott! dies macht mir viel zu viel Aufsehen! –«

»Nu, ich dächte doch, ein Mann wie Ihr, der schon tausendmal an der Kirchenthür gebettelt hat, brauchte doch wohl nicht plötzlich den Schüchternen zu spielen?«

»Ich will nicht betteln; ich will der Dame einen Dienst erweisen. Greift da in meine Tasche. Ueberzeugt Euch, daß ich Geld genug habe, ja mehr als ich brauche, und darunter Geld von ihr, das sie mir heute geschenkt hat. – Es ist auch nur die Dankbarkeit, die mich hieherbringt.«

»Davon will ich die Kammerfrau unterrichten. Wartet hier am Beichtstuhle.«

Der Meßner verfügte sich ins Oratorium.

Nach einer halben Viertelstunde kam der Meßner zurück.

»Die Dame will nicht mit Euch reden! – Ihr wüßtet wohl warum,« sagte die Kammerfrau.

»Mein Gott! mein Gott!« seufzte Hanns, »es ist so dringend! Ruft doch die Kammerfrau! Berichtet ihr, was ich zu sagen, wäre höchst wichtig! wichtig für die Dame, nicht für mich! setzt bei, die Dame könne augenblicklich nach der Wache senden und mich arretiren lassen, wenn ich ihr nicht wahrhaft Wichtiges mittheile, und meine Zudringlichkeit etwa eine versteckte Bettelei beträfe!«

»Gut, gut,« sagte der Meßner. »Das will ich auch noch thun!«

Wieder vergingen zehn Minuten, bis der Meßner zurückkam. Er brachte die Nachricht:

»Die Dame wünscht, daß ich Euch zum Herrn Pfarrer führe, dort will sie Euch sprechen.«

»Gott sei Dank!« rief Hanns freudig aus.

Der Meßner führte den Ohnearm zum Pfarrer.

Bald darauf erschien die Gräfin mit der Kammerfrau.

Hanns fiel der Gräfin zu Füßen.

»Euer gräflichen Gnaden,« sagte er, »haben mir die Ehre und die Freiheit gerettet! Ich kann Ihnen Ihren Edelmuth jetzt vergelten. Ein schrecklicher Anschlag ist heute gegen Sie gemacht worden. – Ich war so glücklich, eine Schändlichkeit, die man angezettelt hat, um Ihnen Ihr Vermögen und selbst Ihr Leben zu rauben, zu belauschen. Euer gräflichen Gnaden müssen entweder in Ihrem Dienste einen schwatzhaften Menschen oder einen Verräther besitzen, – Euer gräflichen Gnaden wollen heute abreisen, reisen Sie nicht, wenigstens reisen Sie nur pro forma und bleiben Sie versteckt in Wien, denn Sie sind umgarnt von einer ganzen Bande von Räubern. – Das alte Weib, das mit mir bisher bettelte, besitzt einen Sohn, und dieser steht an der Spitze einer Räuberbande. – Um Gottes willen, Euer Gnaden, retten Sie sich! Milde, huldreiche, gnädige Gräfin, retten Sie sich!«

Die Gräfin antwortete nicht sogleich, endlich sagte sie:

»Ist nicht dies vielleicht die Falle, welche mir gelegt werden soll? Oder wähnt Er vielleicht, ich solle Ihm vertrauen, Ihm, der mit dem verdächtigen Weibe gemeinschaftliche Sache machte? Der Polizeicommissär hatte also Recht, als er behauptete, ich hätte eure und des alten Weibes Arretirung nicht verhindern sollen? Die Wirthin hatte also Recht, welche angab, durch dieses Weib wären die Schlüssel zu meinem Zimmer in Wachs abgedrückt worden?«

»In meiner Gegenwart sind die Schlüssel nicht in Wachs abgedrückt worden; doch bewahren Euer gräflichen Gnaden dieses Mißtrauen und senden Sie nach der Wache. Ich beschwöre Sie, mich verhaften zu lassen Sie erweisen mir in diesem Augenblicke eine Wohlthat, denn entdeckt das Räubervolk, daß ich ihm entsprungen – so bin ich gleich einem »Ausgesetzten« zu betrachten.«

Hanns erzählte nun Alles.

Als er geendet, wendete sich die Gräfin an den Pfarrer.

»Euer Hochwürden,« sagte sie, »kann ich mit Ihnen unter vier Augen sprechen?«

Der Pfarrer ersuchte die Gräfin, ihn in die Pfarrkanzlei zu begleiten.

Die Kammerfrau folgte der Gräfin und dem Pfarrer.

Der Pfarrer rief dem Meßner und befahl ihm, bei dem Manne ohne Arme zu verweilen.

Nach einer halben Stunde erschien der Pfarrer wieder in seiner Wohnung.

»Die Frau Gräfin,« redete der Pfarrer den Mann ohne Arme an, »schenkt seinen Angaben vorläufig Glauben. – In einer Stunde wird sie nicht mehr in Wien sein. Wohin sie sich begibt, weiß ich nicht.

»Was Ihn betrifft, wird die Gräfin nicht anstehen, für Ihn zu sorgen. – Er kann durch mich alle Wochen einen Unterstützungsbetrag in Empfang nehmen. Da Er die Besorgniß ausgesprochen, von denselben schlechten Menschen verfolgt zu werden, welche den Anschlag auf das Leben und die Chatouille der Gräfin verabredeten, so werde ich Ihn bei meinem Meßner unterbringen. Dieser wohnt im Pfarrhofe, und besitzt unter andern auch ein Zimmer, dessen Ausgang nach dem Garten führt, welcher geräumig genug ist, Ihm täglich Bewegung in freier Luft zu gewähren. Dort halte Er sich verborgen. Bestätigen sich Seine Angaben in allen Theilen, so versteht es sich von selbst, daß Er auf den Gütern der Gräfin, so lange er lebt, seine Versorgung finden wird. Die Gräfin hat Ihm dies schon früher zugesagt. Sie wird Wort halten.

»Jetzt theile Er mir mit allen Nebenumständen mit, auf welche Weise er dazu gekommen, den neuen Anschlag auf das Leben und die Barschaft der Gräfin zu erfahren, damit ich, wenn ich die Gerichte um Beistand für die Gräfin anrufe, keinen wichtigen Umstand anzuführen unterlasse«

»Ich wurde,« berichtete Hans Wirbel, »als ich das letzte Mal mit Anna Kukielwska, bei ihrem Sohne erschien, der mit mir roh und erbarmungslos umging, und wie ich erfuhr, auf immer aus dem Wege zu bringen trachtete, in eine abseitige Kammer verwiesen und dort eingesperrt. In dieser Kammer erstaunte ich nicht wenig, als ich den Bedienten des Herrn Kukielwski vorfand, der sich im Camine verborgen hatte. – Der Bediente erschrack, als ich plötzlich vor ihm stand.

»Herr, sagte er, wenn Sie es meinem Dienstgeber melden, daß ich ihn und seine Genossen behorcht habe, so bin ich verloren. – Zwar weiß ich, daß Sie mich hassen. Ich habe Sie, als ich Sie das erste Mal sah, unhöflich behandelt; ich kannte Sie damals nicht – ich wußte aber auch nicht, welch einem entsetzlichen Herrn ich diene. – – Nun weiß ich Alles. Ich weiß auch, was man gegen Sie vorhat. Wollen Sie nun selbst erfahren, in welchem ruchlosen Hause Sie sich befinden, so verbergen Sie sich in demselben Camine, den ich so eben verlassen. – Legen Sie Ihr Ohr an den Ofen. – Es wird Ihnen kein Wort von Dem entgehen, was jene höchst gefährlichen Menschen sprechen. Es wird freilich nothwendig sein, daß Sie mir mittheilen, was Sie erfahren, so wie ich Ihnen mittheilen werde, was ich bereits vernommen habe. Wenn Sie mir vertrauen, werde ich Ihnen vertrauen.«

»In diesem Augenblicke hörte der Bediente seinen Herrn die Glocke ziehen.

»Mein Herr bedarf meiner, sagte er; ich kann Ihnen in diesem Augenblicke nichts mehr erzählen. Wir werden uns aber wiedersehen, wenn auch nicht hier, so doch an einem andern Orte. Ich werde gewiß Gelegenheit haben, Sie wieder zu finden.

»Der Herr läutete noch einmal und zwar heftig.

»Der Diener eilte fort, indem er mich bedeutungsvoll ansah und den Finger auf den Mund legte, mir gleichsam Schweigen gebietend.

»Ich begab mich nun in den Camin und horchte.

»Ich vernahm jedes Wort, das die saubere Compagnie sprach.

»Euer Hochwürden dürfen mir glauben,« fuhr Hanns Wirbel in seinem Rapporte fort, »daß in der kommenden Nacht das Attentat auf die Gräfin versucht wird, – Reiset sie ab, so wird an einem verabredeten Orte in der Nacht ihr Wagen angefallen; bleibt sie, so geht im Gasthofe »zum wilden Mann« an allen Ecken Feuer auf – Im Stalle, im Wagenschoppen, in der Heukammer, im Holzgewölbe, auf dem Boden des Hauses, selbst in den Passagierzimmern, neben der Wohnung der Gräfin, werden Feuerbrände gelegt. Die Absicht ist, im Gasthofe Alles in Furcht und Schrecken zu versetzen, um in der Verwirrung um so sicherer den schurkischen Anschlag ausführen zu können. – Es wird Alles daran gesetzt, die Chatouille zu rauben und vorzüglich den jungen Mann zu ermorden, welcher der Gräfin als ein Retter in der großen Gefahr jener verhängnißvollen Nacht beigesprungen.

»Dieser junge Mann war also kein Helfershelfer der Räuber?« fragte der Pfarrer.

»Auf keinen Fall,« antwortete Hanns, »daher die Rache der Räuber. – Wäre dieser Mann nicht herbeigeeilt, so hätten die Schurken das Geld der Gräfin in die Hände bekommen.«

»Fahr Er fort, mir zu berichten. – Geb' Er an, was die Banditen mit der geraubten Cassette beginnen wollen?«

»Sie werden die Geschmeide aus ihrer Fassung brechen, die Juwelen verkaufen. Sie fanden außer dem Schmucke und vielen Goldstücken noch ein Kleinod. Sie nannten es nicht. Der Mutter Kukielwski's soll dieses Kleinod zufallen, und für die Räuber unschätzbar sein.«

»Was geschah hierauf?«

»Bald nach ihrer Verabredung hörte ich das Schloß von jener Kammer, in welcher ich eingesperrt war, aufschließen. Ich eilte aus dem Camine. – Das Uebrige habe ich bereits mitgetheilt.«

»Es ist keine Zeit zu verlieren,« versetzte der Pfarrer. »Hanns Wirbel, geh' Er nun mit dem Meßner. Der Meßner wird Ihn auf einem verborgenen Wege in seine neue Wohnung führen.«

Hanns Wirbel entfernte sich mit dem Meßner. Der Pfarrer fuhr aber augenblicklich nach dem Gasthofe »zum wilden Mann.«

Dort fand er noch den Polizeicommissär.

Von der Gräfin mit einem hinreichenden Beglaubigungsschreiben versehen, nahm er die Chatouille, die Koffer und anderen Habseligkeiten der Gräfin in Empfang.

Nach der Mittheilung, welche der Pfarrer dem Polizeicommissär machte, wurden die Bedienten der Gräfin und der Zimmerkellner verhaftet.

»Die Gräfin wird in diesen Gasthof nicht wiederkehren,« äußerte sich der Pfarrer gegen den Wirth. »Ich habe den Auftrag, ihre Rechnung zu bezahlen. – Die Gräfin ist nach Paris gereist.«



Neuntes Capitel.

Die Abreise der »Dame mit dem Todtenkopfe« erregte im Gasthofe »zum wilden Mann« nicht nur bei dem Wirthe und der Wirthin, sondern auch bei den Stammgästen die größte Bestürzung.

»Ein Engel der Wohlthätigkeit ist verscheucht worden,« äußerte der Chocolademacher.

»Das Laster hat die Tugend vertrieben!« bemerkte der Sprachmeister; sogar der Kaufmann »zur blauen Flasche,« der doch, seines ärgerlichen Abenteuers wegen, auf die Gräfin nicht gut zu sprechen war, bedauerte herzlich ihre Abreise. »Sie hat mir doch ein schönes Stück Geld verdienen lassen,« sagte er; »vielleicht hätte sie noch manches bei mir gekauft und sich wieder mit mir versöhnt!« Am unglücklichsten fühlte sich Schikaneder, der ebenfalls in den Gasthof gekommen war, Erkundigungen über die Fremde einzuziehen.

»Mein Stück, meine Speculation ist beim Teufel!« jammerte Schikaneder. »Ich finde nun keinen geeigneten Schluß zu meiner Komödie! Auch hätte ich die Dame gar so gern gesehen, wenn auch nur verschleiert, und singen gehört! Ich hätte auch Mamsell Wipfel in ihre Nähe gebracht, damit diese Gang, Haltung und Sprache an der Dame hätte studiren können. Nun ist mir Alles vereitelt! Der Nachtheil, den hierdurch mein Theater erleidet, ist unberechenbar.«

Der junge Mann, von dem schon einige Male in diesen Schilderungen die Rede, war aber am trostlosesten.

Er vermochte sich nicht zu fassen.

»Ich habe es mir wohl gedacht,« wendete sich die Wirthin an den jungen Mann, »daß Sie am meisten über die Abreise der Gräfin bestürzt sein werden, denn Sie gingen wohl zwanzigmal des Tages an ihren Fenstern vorüber, und erkundigten sich eben so oft nach ihr in unserem Hause. Sagen Sie mir nur, haben Sie sie denn heiraten wollen?«

»Das können Sie doch wohl glauben!«

»Haben Sie sie denn je gesehen?«

»Allerdings! In Warschau und Krakau habe ich sie nicht nur verschleiert, ich habe sie auch ohne Schleier gesehen.«

»Nicht möglich! Und empfanden keinen Abscheu, und zogen ihr noch nach?«

»Ich ziehe ihr so lange nach, bis sie sich endlich von meinen Liebesschwüren rühren läßt und mir ihre Hand reicht!«

»Sie fielen also nicht in Ohnmacht, als Sie der schreckliche Geruch berührte?« fragte der Kaufmann, »Sie bebten nicht zurück, als Sie den scheußlichen Todtenkopf erblickten und der ekelhafte Modergeruch die Luft verpestete?«

»O nein! Wer wahrhaft liebt, setzt sich über die abstoßendsten Eigenschaften der Geliebten hinweg. Todtenkopf und Leichengeruch sind nichts gegen Laster und Sünde, und dennoch gibt es Männer, welche die sündhaftesten und lasterreichsten Weiber lieben. – Die Gräfin ist aber die Tugend selbst, und mir darum das Höchste auf dieser Welt! Den Todtenkopf abgerechnet, ist sie wunderschön! Nennen Sie mir ein Weib, dessen Wuchs, dessen Formen, dessen majestätische Haltung den Wuchs und die Formen dieser Dame überträfen. – O, Lodoiska würde mich glücklich machen, glücklicher als Eine, welche das schönste Frauenantlitz und dabei ein Herz wie ein Ungeheuer besitzt!«

»Sie sprechen wohl so,« sagte Schikaneder, »weil die Gräfin reich ist.«

»O reich ist sie kaum noch ein Jahr. Hat sie keinen Mann gefunden, ehe sie ihren vierundzwanzigsten Geburtstag antritt, so verliert sie ihre Besitzungen, und erhält nur einen unbedeutenden Gnadengehalt. So hat es ihr Onkel bestimmt zur Strafe für ihre Eitelkeit, die keine Grenzen kannte, als sie noch ihr Engelsantlitz besaß.«

»Sie war also einmal schön?«

»Schön wie Venus! Hier ihr Porträt. Ich trage es Tag und Nacht auf meinem Herzen! So sah sie aus als sie sechzehn Jahre alt war!«

Das Portrait wurde von allen Anwesenden mit Ausbrüchen wahrer Bewunderung angestaunt.

»Fürwahr das schönste Gesicht, das ich noch in meinem ganzen Leben gesehen!« rief Schikaneder.

»Mit einem solchen Gesichte konnte man leicht eitel sein!« meinte die Wirthin.

»Ja,« versetzte der junge Mann, »aber nur mit Maß und Ziel, Comtesse Lodoiska übertrieb es leider! Ein halbes Dutzend junger Männer aus den ersten Familien schlugen sich wegen ihr; ein russischer Fürst verlor den Verstand; ein polnischer Starost erschoß sich vor ihren Fenstern. Ihre Mutter starb aus Gram über sie. Da sie den Vater in ihrer frühesten Jugend verloren hatte, so kam sie in das Haus ihres Onkels, eines wilden, harten Mannes. – Empört über die Grausamkeit der Comtesse gegen die auserlesensten Freier, erbost über ihre abscheulichen Launen und die Tyrannei gegen ihre Anbeter, führte er ihr eines Tages zu Gemüthe, daß sie sich in ihren Gesinnungen ändern müsse, sonst werde er sie fürchterlich bestrafen. Zugleich brachte er ihr einen Freier, dem sie ihre Hand reichen müsse, oder sein Zorn würde sie züchtigen. – Der Freier war – der blasse Graf, sein Name ist Stowinski – derselbe, der hier im Hause wohnte. – Mit diesem Freier ging sie noch grausamer um; sie brachte ihn durch ihre Härte und ihren Stolz geradezu in Verzweiflung. – Dies erbitterte den Onkel aufs Aeußerste. Er verhängte über sie eine der entsetzlichsten Strafen. – Er übergab sie zweien seiner Leibeigenen, diese verschwanden mit ihr in eine einsame Gegend. Dort in einem abgelegenen Schlosse wurde Lodoiska's Gesicht – – – ich mag es nicht beschreiben, nicht einmal andeuten, was man mit ihr vornahm, alle Personen, welche mir hier zuhören, würden vor Entsetzen sich abwenden – genug, als Lodoiska wieder nach Warschau zurückkam, hatte sie statt ihres reizenden Antlitzes einen Todtenkopf. Als sie vor dem Onkel erschien, rief er ihr zu:

»Nun, Entartete, stifte noch länger Unheil durch deine Schönheit! – Dennoch mußt Du einen Gatten bis zu deinem vierundzwanzigsten Geburtstag gewählt haben, sonst enterbe ich Dich – höchstens soll ein sparsam zugemessener Jahresgehalt Dir dein erbärmliches Leben fristen!«

»Gräßlich! Gräßlich!« jammerte die Wirthin.

»Aber der Todtengeruch! Woher kam der Todtengeruch, den ihr Schädel verbreitet?«

»Das weiß Niemand,« erwiederte der Erzähler. »In Warschau ist man der Meinung, daß dies das Werk eines Arztes sey, der ihr Inneres zerstörte. Der grausame Onkel habe dies ausdrücklich von dem Arzte gefordert.«

Ein halbgedeckter Reisewagen mit vier Pferden bespannt hielt in diesem Augenblick am Gasthofe.

Zwei Diener in polnischer Kleidung sprangen vom Bocke.

Der junge Mann, als er die polnisch gekleidete Dienerschaft bemerkte und das große gräfliche Wappen am Kutschenschlage, streckte den Kopf aus dem Fenster des Gasthofes, zog ihn aber auch sogleich wieder scheu zurück.

»Himmel!« rief er, »der grausame Onkel der unglücklichen Gräfin ist in Wien angekommen. Jetzt kann sie sich glücklich preisen, daß sie nicht mehr hier ist! Gewiß hat der furchtbare Graf neue Quälereien ersonnen, und kommt nun, sie auszuführen!«

Die Gäste des Wirthshauses eilten theils an die Fenster, theils liefen sie auf die Straße.

Schikaneder und sein Neffe waren die Neugierigsten. Sie drängten sich ganz nahe an den Wagen, um die Ersten zu sein, welche den Grafen empfingen.

Der Graf war ein hagerer, hoher Mann. Er ließ sich mit großer Behutsamkeit von seinen Lakeien aus dem Wagen heben.

Als er auf den Beinen stand, denn von dem langen Fahren angegriffen, schwankte er mehr als er ging, begafften ihn die Leute, die ihn umgaben, und der Graf sagte ganz laut:

»Bin ich denn ein seltenes Thier, daß man mich so anstaunt?«

Schikaneder zog seinen Hut und grüßte höflich.

»Er ist gewiß der Wirth,« redete er Schikaneder an, »weil Er einen so dicken Bauch hat?«

»Entschuldigen Sie,« erwiederte Schikaneder; »in diesem Hause bin ich nur ein Gast, aber der kleine Mann dort mit der grünen Sammtkappe ist der Wirth.«

Der Wirth trat näher und machte eine Anzahl devoter Bücklinge.

»Es sind vier Zimmer für einen Reisenden aus Dresden bestellt worden,« sagte der Graf. »Wo sind diese?«

»Im zweiten Stocke,« erwiederte der Wirth.

»Führ' Er mich hinauf! Ich bin der Reisende aus Dresden. Sollten aber Seine Zimmer nicht jede Bequemlichkeit bieten, so nehme ich sie nicht, und spreche im »Schwan« ein.«

»Euer Gnaden,« versicherte der Wirth, »in diesen Zimmern hat vor acht Jahren der Feldmarschall Baron Laudon gewohnt und mir die Versicherung gegeben, er habe hier angenehmer campirt, als vor Belgrad.«

Der Graf sah den Wirth ernst an und bemerkte:

»Ich glaube gar Er macht Späße! Dies lasse Er sich bei mir vergehen!

»Wer ist der Koloß dort am Thore, der mich begrüßte?« fragte er.

»Der Schauspieldirector Schikaneder,« antwortete der Wirth, »der Verfasser der »Zauberflöte« der berühmte Darsteller des Papageno.

»Wie?« versetzte der Graf, »dieser Mann ist Schikaneder? Ersuche Er ihn, daß er mich besuche. Es würde mich freuen, Schikaneder's Bekanntschaft zu machen.«

Der Wirth führte den Fremden in seine Zimmer, mit welchen der Graf ziemlich zufrieden schien.

Des Grafen Diener schafften nun die Gepäcke dahin, und der Kammerdiener bemühte sich dem Grafen die Reisekleider auszuziehen, ihm einen Schlafsessel heranzurücken, und ihn in einen reichen türkischen Schlafrock zu hüllen.

Als dies geschehen, sagte der Graf:

»Ich wünsche ein äußerst splendides Diner für drei Personen; ich wünsche, daß bei meinem Diner weder ein Kellner aus dem Hause, noch der Wirth und die Wirthin zugegen seien. Im ersten Stocke wohnt die Gräfin Lodoiska und ihre Kammerfrau; diese seien meine Gäste. – Er, Hauswirth, wird sich augenblicklich zu ihr verfügen und ihr diese Karte überbringen; daß ich angekommen bin, wird Er melden. Ist Gräfin Lodoiska zu Hause, dann ersuche ich sie, sogleich zu mir zu kommen.«

»Ganz wohl,« versetzte der Wirth in merklicher Verlegenheit, »augenblicklich, allein, aber – ich habe –«

»Was aber,« fuhr der Graf zornig auf. »Will Er gehen, oder will Er nicht? Will Er diese Karte der Gräfin Lodoiska überbringen und sie zu mir bescheiden, oder nicht? Daß sie im Hause wohnt, schrieb sie mir selbst! Und nun mache Er, daß Er fortkommt, oder ich hebe Ihm die Füße!« Dabei schlug der Graf mit seinem spanischen Rohre so heftig auf einen, neben ihm stehenden Credenztisch, daß die Gläser klirrten.

Der Wirth eilte voll Bestürzung zur Thür hinaus.

»Diesem Jähzornigen das Unglück mitzutheilen, welches die Gräfin in meinem Hause betroffen, ihm zu sagen, daß sie sich deshalb von Wien flüchten mußte, wage ich nicht! – Der Herr Graf will Schikaneder sprechen, möge dieser es ihm vorbringen.«


* * *


Im Extrazimmer »zum wilden Mann« konnte man den Wirth nicht schnell genug herbeiwünschen.

Die Neugierde, was wohl der tyrannische Onkel gesagt haben möge, als er die unglückliche Nichte nicht mehr vorfand, theilte sich Allen mit.

Am meisten zitterte der junge Fremde für die Gräfin, wenn es dem Alten einfallen sollte, ihr nachzureisen. Er zitterte aber auch für den Wirth und die Wirthin. In ihrem Hause geschah das Attentat.

»Ach, Frau Wirthin,« bemerkte er, »stünde der »wilde Mann« in Warschau, so würde der wilde Graf in seinem Grimme dies Haus demoliren lassen.«

Endlich kam der Wirth.

Mit Angst ging ihm seine Frau entgegen.

»Lebst Du noch?« fragte sie ihn. »Hat er Dich nicht bei der Nachricht, daß seine Nichte aus unserem Hause, in ihrer Furcht hier ermordet zu werden, entfliehen mußte, in Stücke zerrissen?«

»Ja, wenn ich ihm die traurigen Ereignisse hätte hinterbringen können; aber er ließ mich nicht sprechen. – Herrn Schikaneder wolle er kennen lernen, sagte er. Ich bitte deshalb Herrn Schikaneder zu dem Grafen hinaufzugehen. Er scheint ein großer Theaterfreund zu sein, und wünscht seine interessante Bekanntschaft zu machen.«

»Meine Bekanntschaft?« fragte Emanuel, »ich danke höflich! Hiezu fühle ich keinen Beruf. – Ich bemerkte, daß der Herr Graf sehr hochmüthig und dabei sehr brutal sind; – nach der Freundschaft solcher Leute sehne ich mich nicht. – Ich bitte mich höflich zu entschuldigen. Ueberdies habe ich heute Abend eine neue Rolle zu spielen dazu brauche ich meine Laune und kann sie mir nicht verderben lassen. Ja, wenn ich des Grafen Nichte sprechen, wenn ich diese wieder hieher zaubern könnte, da würde ich den groben Onkel gerne mit in den Kauf nehmen, aber ohne Nichte habe ich nichts bei ihm zu thun.«

Der Wirth war in Verzweiflung.

»So will ich denn den Polizeicommissär ansprechen,« sagte der Wirth, »damit dieser dem Grafen die Hiobspost beibringe. Eine Person von der Obrigkeit muß er anhören. Ich will den Commissär sogleich bitten.«

Der Wirth wollte zu dem Commissär, doch der Commissär kam selbst in die Wirthsstube.

»Ich bin ganz consternirt,« sprach der Commissär den Wirth an. »Sie haben, Herr Wirth, so gut wie ich erfahren, daß die Gräfin nach Paris abgereist ist; ein ehrwürdiger Priester, mit den Vollmachten der Dame versehen, ein glaubwürdiger, ehrenwerther Mann, hinterbrachte dieses, doch täuschte er uns; ob mit oder ohne sein Wissen ist mir nicht bekannt, aber die Gräfin hat sich nicht aus Wien entfernt; sie hält sich auch nicht verborgen; im Gegentheile, sie zeigt sich sogar ungenirt. Bisher sahen sie zwar nur Frauen, die bei ihrem Anblick eben so ohnmächtig wurden, wie die Männer, die sie früher gesehen. – Die Dame mit dem Todtenkopfe hat sich nämlich in der Vorstadt Wieden einquartirt. Sie wohnt im Freihause, im Hofe nächst dem Obstmarkt, im zweiten Stocke, vierte Stiege, Thür Nr. 27.«

»Da wohne ich ja auch!« versetzte Schikaneder. »Ich wohne Nr. 25 im ersten Stock. – Das Quartier, das die Gräfin inne hat, ist das meines Schauspielers Helmböck.«

»Ganz recht!« erwiederte der Commissär. »Die Meldung, welche ich erhielt, sagt ausdrücklich, daß der Schauspieler Helmböck der Gräfin Lodoiska drei Zimmer seiner Wohnung abgetreten habe.«

»Da muß ich zu ihr! Helmböck muß mir bei ihr Zutritt verschaffen.«

»Sie hören ja, daß sie nur Damen vorläßt,« unterbrach der Commissär.

»Mag sie das halten, wie sie will, ich komme doch zu ihr! Neffe, begleite mich! – Wenn sie mir auch nicht gestattet, mit ihr zu sprechen, so muß sie doch der Sängerin Wipfel eine Audienz gewähren!«

Schikaneder ging eilig mit seinem Neffen nach dem Freihause.

»Ich kann Lodoiska nicht begreifen,« sagte der junge Fremde. Es wird ihr nicht helfen, daß sie nur Damen vorlassen will. Gauner dringen ja nicht öffentlich ein, sie lassen sich auch nicht melden. – Herr Commissär, entziehen Sie der Gräfin Ihren Schutz nicht, sonst ist sie verloren.«

»Dieses neue Ereigniß,« sagte der Wirth, »will ich dem Grafen, ihrem Onkel, melden. Das wird er ohne Groll gegen mich vernehmen. Er soll sie dann in mein Haus zurückführen. In meinem Hause ist sie jetzt sicher.«

Es kamen nun einige andere Gäste in die Wirthsstube.

»Haben Sie es schon gehört?« sagte der Eine, ein Glashändler aus der Kärntnerstraße. »Die Dame mit dem Todtenkopfe befindet sich im Freihause auf der Wieden.«

»Soeben,« ergänzte der Apotheker zum »Salvator,« hat man eine Baronin ohnmächtig von der Schreckensgestalt weggetragen. Der Todtenkopf hatte durch Zauberkünste den Geliebten der Baronin abwendig gemacht. Die Baronin ging zu der Entsetzlichen, um ihren Verehrer zu reclamiren. Der Todtenkopf entschleierte sich. Ein Pestgeruch erfüllte das Zimmer; die Baronin fiel in Ohnmacht; sie mußte zu dem Chirurgus im Freihause gebracht werden, wo sie noch krank darniederliegt.«

»Kommen Sie mit mir, Herr Apotheker,« ersuchte der Wirth; »auch dies wollen wir dem Grafen mittheilen.«

»Es ist entsetzlich!« rief die Wirthin. »Im Freihause wohnt sie. Der Wirth daselbst macht nun die guten Geschäfte, die uns gebühren! Ich will zu ihr; ich rutsche vor ihr auf den Knien, damit sie wieder in unser Haus zurückkehre.«

»Ich gehe mit Ihnen!« rief der junge Fremde. »Ein paar Schritte von hier finden wir einen Fiaker. Ich führe Sie hinaus zu Lodoiska. Eilen wir, noch ehe der Onkel zu der Unglücklichen gelangt.«

Ein Amtsdiener der Polizeibehörde trat herein. Er brachte dem Commissär ein versiegeltes Schreiben. Der Commissär erbrach es und las es mit großem Erstaunen.

»Bleiben Sie,« sagte er zur Wirthin und dem jungen Manne.

»Niemand aus diesem Hause darf »die Dame mit dem Todtenkopfe« auf der Wieden besuchen! Wer dagegen handelt, wird verhaftet!«

»Herr Wirth, ich mache Sie dafür verantwortlich. – Ich aber eile, Herrn Schikaneder und seinen Freund einzuholen. Auch diese beiden Herren dürfen sich ihr nicht nähern. Schnell einen Fiaker herbei!«

Der Commissär und der Mann, der ihm das Schreiben überbrachte, verließen eilig den Gasthof.



Zehntes Capitel.

Wer das Freihaus in der Vorstadt Wieden kennt, wird wissen, daß es einer kleinen Stadt zweiten Ranges gleicht.

Wer in diesem Riesenhause mit seinen kolossalen Höfen wohnt, hat nicht nothwendig, sich aus seinem Bereiche zu entfernen, um Einkäufe jeder Art zu machen, er findet darin Alles, was ein Städter braucht; es gibt keinen Handwerker, keinen Gewerbsmann, keinen Kaufmann, keinen Krämer, keinen Künstler, keinen Gelehrten, der in diesem Hause nicht vertreten würde. In der Zeit, in welche unsere Mittheilungen gehören, hatte das Freihaus auch noch ein Theater, eine Leihbibliothek und einen Musiksaal. Theater, Musiksaal und Leihbibliothek besitzet manche respectable Stadt mit dreißigtausend Einwohnern nicht; das Freihaus hat zehntausend Einwohner. Um einen Begriff zu geben, wie alle Geschäfte darin betrieben sind, so muß bemerkt werden, daß allein sechzig Schneider und vierzig Schuhmacher darin wohnen.

In dieser Stadt einer Vorstadt befand sich eine abenteuerliche, geheimnißvolle Person, eine Person, die mit Millionen herumwarf und, wie man wußte, statt eines Gesichtes ein Todtenantlitz besaß; die Bewohner des Freihauses im Jahre 1798 hätten keine Krähwinkler schon sein dürfen, sie hätten sie jetzt werden müssen.

Schaarenweise rotteten sie sich zusammen und dachten und sprachen an nichts Anderes und von nichts Anderem, als an und von der gräßlichen Gräfin und theilten sich Geschichten mit, fabelhafter und unglaublicher, als die von Warschau bis nach Wien circulirten.

Der Mann, der am meisten zu erzählen wußte, war Monsieur Jean, der Friseur. Damals waren noch die Friseurs die lebendigen Zeitungsblätter Wiens; Wien selbst hatte nur eine Zeitung, die »Wiener-Zeitung,« und diese erschien nur jeden Mittwoch und Samstag; die Friseure erschienen aber täglich bei ihren Kunden, und Monsieur Jean, der »Moniteur des Freihauses,« erschien sogar als Morgen- und Abendblatt und manchmal auch als Extrablatt, wenn sich besonders wichtige Ereignisse einstellten.

Monsieur Jean lief gerade zu dem berühmten »Geistbrenner« Marsano, der ebenfalls mit seiner chemischen Küche im Freihause wohnte und Herrn Jean ein besonderes Douceur versprochen hatte, wenn er wenigstens Früh und Abends über die Dame Rapport erstatte.

Monsieur Jean berichtete:

»Nach Allem dem, was ich von der verzauberten Person erfahren, so lange sie noch in der Stadt im »wilden Mann« wohnte, hat sie sich jetzt ganz geändert. – In der Stadt zog sie Männer an und es war von nichts Anderem die Rede, als daß sie heiraten wolle; jetzt will sie das Gegentheil. Ein Mann darf nicht in ihre Nähe. Die Dienerschaft muß jeden Mann für immer abweisen, dafür aber Mädchen und Frauen zu ihr kommen lassen, und ihr einziges Geschäft ist, Ehen zu verhindern oder zu trennen. Die arme Baronin, welche vor ein paar Tagen auf den Tod erkrankt bei unserem Chirurgen Weinauer in seiner Officin ärztliche Hilfe erhielt, hat schrecklich viel Geld entrichten müssen, damit ihr der Geliebte erhalten bleibe; jetzt ist eine Kaufmännin aus der rothen Thurmstraße bei ihr, welche hinter dem Rücken ihres Mannes einen Geliebten besitzt, diese Kaufmannsfrau muß dem »Todtenkopfe« besonders viel bezahlen, sonst zerstört der »Todtenkopf« das liebende Verhältniß.«

»Von wem wissen Sie diese Geschichten?«

»Von dem Quartierherrn der Dame, dem Schauspieler Helmböck.«

»Ich habe erfahren, daß dieser kein Wort von der Dame erzählen dürfe; nicht nur sein Director, Herr Schikaneder, sondern auch die Polizei hat es ihm auf's Strengste untersagt . . .«

»Er erzählte auch mir nichts von der gespenstigen Dame, aber er vertraute es seiner Frau, diese vertraute es der meinigen, diese mir und ich vertraue es Ihnen.«

Herr Marsano ließ sich von der Stadttrompete, dem Friseur, verleiten, in den Hof des Hauses zu kommen, und, gleich so vielen hundert Neugierigen, unter den Fenstern der Räthselhaften zu spähen und zu lauschen.

Sie standen kaum fünf Minuten, umringt von einem neugierigen Haufen, so kam ein Mann ohne Arme herbei und fragte nach der Wohnung der polnischen Gräfin.

»Da droben im zweiten Stocke, an dessen Fenstern die herrlichen Blumen stehen, campirt sie,« sagte der Friseur. »Will der Herr vielleicht zu ihr hinauf und sie um eine milde Gabe ansprechen? – Dieses Ungeheuer gibt keiner »schreienden Katze eine Maus preis;« der Herr würde höchstens unartig abgewiesen werden, besonders da er ein Mannsbild zu sein scheint!«

»O, mich nimmt sie mit offenen Armen auf,« versetzte der Mann ohne Arme. »Sie ist mir zu sehr gewogen; sie hat mir zu viele Wohlthaten erwiesen; mich läßt sie vor, und wenn sie verhindert sein sollte, so gestattet sie, daß ich mit ihrer Kammerfrau sprechen dürfe.«

»So?« erwiederte der Friseur, »die Kammerfrau! Diese soll erst des Teufels sein! Frau Helmböck schildert sie als die boshafteste Hexe, welche je gelebt hat.«

»Auch diese Kammerfrau ist mir gegenüber ein Engel. – Ich gehe hinauf, ich werde vorgelassen!«

Er verfügte sich zur Dame mit dem Todtenkopfe. Er wurde wirklich vorgelassen, aber er kam nicht mehr mit heiler Haut davon, wie wir gleich hören werden.

Vergebens erwarteten ihn die neugierigen Bewohner des Freihauses an der Treppe, die zur polnischen Gräfin führte, bis spät in die Nacht. Der Mann ohne Arme blieb unsichtbar. Um Mitternacht begehrte ein Fiaker, der einen verschlossenen Wagen mit sich führte, Einlaß ins Freihaus. Der Hausmeister öffnete das Thor. Der Wagen fuhr zur vierten Stiege. Zwei Mohren kamen aus der Wohnung der Gräfin und führten einen Mann herab, von dem der Hausmeister gehört haben wollte, daß er in einem fort »Barmherzigkeit! Barmherzigkeit! Gnade!« gerufen. Einer der Mohren habe hierauf dem Hilferufenden den Mund verstopft und beide Mohren hätten den Mann ohne Arme in den Wagen gehoben, worauf der Wagen so schnell mit diesen drei Menschen davongefahren sei, daß der Hausmeister kaum die Richtung wahrnehmen konnte, welche der Wagen einschlug.

»Die Dame mit dem Todtenkopfe läßt die Männer ermorden!« sagte am andern Morgen der Friseur im Laboratorium des Geistbrenners Marsano, als er diesen frisirte. »Der arme Invalide ist gewiß schon todt! Wissen Sie, was diesem geschehen ist? der Hausmeister hat mir heute Morgens um fünf Uhr schon erzählt, was das für ein Spectakel heute Nacht gewesen, als zwei Mohren das arme Schlachtopfer, trotz seines Hilferufs, entführten. Ich kann unsern Hofrichter nicht begreifen, der dieses Todtenkopf-Volk so gewähren läßt! Heißt unser Haus deshalb das Freihaus, daß hier Hexen, Zauberer und Mohren freie Hand haben dürfen, zu thun, was ihnen beliebt? Leider frisire ich den Herrn Hofrichter nicht, sondern mein Collega, der Pierre, und dieser Pierre hat keine Courage, mit dem Hofrichter offen zu sprechen; aber sollte mir einst der Hofrichter in die Hände fallen, so soll er sich wundern, wie ich ihm den Kopf zurechtsetzen werde!«

Doch nicht nur Monsieur Jean wußte des Unheimlichen viel von der Dame zu erzählen, auch der Theaterdiener Schikaneder's, Hurt hieß er, der, so oft er dem Schauspieler Helmböck eine Rolle zustellen oder abfordern, eine Probe an- oder absagen mußte, des Absonderlichen viel erschnappte, und von einem der Mohren, deren die polnische Dame ein halbes Dutzend im Solde hatte, einmal eine solche Ohrfeige bekam, daß ihm Hören und Sehen verging.

»Du Lump!« sagte der Mohr in ganz gutem Deutsch zu dem Theaterdiener; »ich bemerkte Dich bereits schon zweimal an unserer Thüre in horchender Stellung; laß Dir dies noch ein drittes Mal einfallen, so kitzle ich Dich mit diesem Dolche, daß Du Dich todt lachen sollst.«

»Schuft!« erwiederte der Theaterdiener und packte den Mohren so kräftig am Halse, daß dieser aufschrie, »wenn ich wiederkomme, bringe ich ein paar geladene Pistolen mit und jage Dir dein schwarzes Gehirn aus dem Schädel, dann kannst Du auch mit einem Todtenkopf herumgehen!«

Hierauf machte sich der Theaterdiener aus dem Staube, weil die anderen Mohren herbeikamen Als aber Hurt seine Hände betrachtete, so waren diese ganz schwarz, der Mohr hatte sich abgefärbt; es war also klar, daß die Mohren der Dame ihre, dem Ebenholze ähnlichen Hälse und Gesichter nur angestrichen, also nur schwarz gefärbt hatten.


* * *


Mittlerweile schrieb Schikaneder Tag und Nacht an seinem Stücke »die Dame mit dem Todtenkopfe« und ließ auch Süßmeyer zu sich kommen, damit dieser die Musik hiezu liefere.

»Xaverl,« redete Schikaneder seinen Freund Franz Xaver Süßmeyer an, »Xaverl, ich habe Dich zum zweiten Mozart gemacht, deine Musik zum »Spiegel von Arkadien« hat Dich mit dem Compositeur der »Zauberflöte« auf gleiche Stufe gestellt, deine Unsterblichkeit verdankst Du also, wie einst Mozart, nur mir; Xaverl, zeige Dich dankbar und schreibe nun zu meinem neuesten Werke eine ganz gleiche herrliche Musik wie zum »Spiegel von Arkadien.« Hier hast Du den ersten Act der »Dame mit dem Todtenkopfe,« lies ihn, mache Dich dann bald daran; in dem Augenblicke, in welchem die polnische Gräfin in Wien ihren Gatten gefunden, reist sie ab und wir kommen mit unserer Dame mit dem Todtenkopfe auf dem Theater an. Die erste Vorstellung ist zum Vortheile der Mamsell Wipfel, welche in der Hauptrolle Furore machen wird.«

»Ich höre,« erwiederte Süßmeyer, »daß die Dame mit dem Todtenkopfe nur polnische Lieder singe.«

»Ganz recht,« versetzte Schikaneder, »ich aber bin im Besitze dieser Lieder, Du richtest sie für die Stimme der Wipfel ein, instrumentirst sie brillant; den deutschen Text hiezu habe ich bereits gemacht.«

»Man erzählt,« fuhr Süßmeyer fort, »daß Du »die Dame mit dem Todtenkopfe« als Zauberspiel auf die Bühne bringen willst.«

»Warum nicht gar! Es geht Alles natürlich zu. Nur lasse ich ihre Hochzeit nicht in Wien, sondern in Warschau feiern. Das polnische Costüme ist mir unentbehrlich, die polnischen Tänze sind höchst theatralisch und die polnischen Lieder so anmuthig, daß hierin ein Zauber liegt, der jeden andern Zauber, besonders den, welchen sonst die Zauberstücke bieten, ganz entbehrlich macht. Willst Du also für mich diese Oper componiren, so mache Dich ans Werk.«

»Du weißt, daß ich seit drei Jahren Hoftheater-Capellmeister bin und die Verpflichtung eingehen mußte, für ein Vorstadttheater nichts mehr zu schreiben.«

»Lasse deinen Namen weg, zweiter Mozart! Deshalb wird man Dich doch aus jedem Tacte erkennen, den Du componirst!«

»Ohne meinen Namen soll ich schreiben?«

»Für mich kannst Du dies wohl thun. Ich habe Dir den Namen gemacht, auf den Du jetzt stolz bist! Als ich auf dem Theater als Vipernhändler im »Spiegel von Arkadien« ausrief: »Großer Meister Mozart, freue Dich im Grabe über deinen Nachfolger Süßmeyer!« da applaudirte das ganze Haus, und in wenig Wochen darauf erhieltst Du dein Decret als kaiserlicher Capellmeister.«

»Ich weiß es – und werde es Dir nie vergessen.«

»Freilich,« äußerte sich Schikaneder, »mußte ich in den elenden Broschüren, die man gegen mich schrieb, viel erdulden. Man zerfleischte mich und Dich, aber, Xaverl, wir leben dennoch, »der Spiegel von Arkadien« macht noch immer Glück, und wenn meine und Deine Feinde Dich auch nicht als Mozart's ebenbürtigen Nachfolger gelten lassen wollen, so sage ich, Du bist es doch, bist doch der zweite Mozart, und was Emanuel sagt, das gilt!«

»Mein Name wird vielleicht in dreißig Jahren vergessen sein, indeß der Name Mozart ewig leben wird!«

»Sei nicht zu bescheiden, Xaverl, die bescheidenen Leute bringen es zu nichts!«

»Und nun noch Eins,« sagte Süßmeyer, »hast Du die Dame mit dem Todtenkopfe wirklich singen gehört?«

»Auf Ehre! ich habe sie gehört.«

»Wo?«

»Das ist noch ein Geheimniß! Du weißt ja, daß die Polizei in diesem Augenblicke es nicht gerne sieht, daß man sich mit ihr beschäftigt.«

»Und bei solchen Anzeichen glaubst Du, daß dein Stück wird aufgeführt werden dürfen? Der Regierungsrath Hägelein wird es verbieten.«

»Er wird es nicht verbieten. Ich wette Hundert gegen Eins, daß es passirt wird!«

Dieses Gespräch wurde unterbrochen.

Schikaneder's Bedienter meldete: »Der polnische Graf Stowinski, den Herr Director zu Tische eingeladen haben, steigt soeben ab.«

»Willkommen!« sagte Schikaneder und ging dem Grafen bis ins Vorzimmer entgegen.

»Xaverl!« rief Schikaneder, »dieser Graf ist eine Hauptperson in meinem Stücke! Sein Part ist der des Bassisten! Er ist der »blasse Unbekannte,« der von der grausamen Polin als der Räuber ihrer Chatouille bezeichnet und hierauf verhaftet wurde; der aber auf glorreiche Weise seine Unschuld bewiesen hat, und seine Freiheit wieder erhielt. Sebastian Meyer wird seine Rolle spielen. Bei Tische mehr hiervon, Xaverl, Du bist ja ebenfalls mein Gast!«

»Wen hast Du noch eingeladen, Emanuel; doch nicht meinen Feind, den Abbé Stadler?«

»Tapperl! noch drei Damen: die Wipfel, dann mein jetziges »Herzbünkerl« die Sommer, endlich die erste Pamina in der »Zauberflöte,« die Gottlieb! Xaverl, gib Acht, wie diese drei Weiber Champagner saufen werden; jede von ihnen vernichtet drei Bouteillen!«

Der blasse Graf trat ein.



Eilftes Capitel.

Eine Tafel bei Emanuel Schikaneder bot nicht nur eine Auswahl des Vorzüglichsten, das die Saison brachte, sie bot auch ungemein viel Erheiterndes durch den unversiegbaren Humor des trefflichen Gastfreundes.

Schikaneder war der amüsanteste Gesellschafter, besonders wenn er seine Erlebnisse als Schauspieler und Director erzählte, oder gar seine Liebesabenteuer schilderte, die größtentheils wahrhaft komisch waren.

Außer Theater- und Liebesgeschichten wußte Schikaneder durchaus nichts zu erzählen; ihn kümmerten überhaupt die Vorgänge in der Welt nur dann, wenn er sie als Stoff für die Bühne benützen konnte. Von den Ereignissen auf dem Welttheater wußte er nicht mehr als ein Schulknabe. Napoleon Bonaparte, der damals schon eine höchst bedeutende Rolle spielte, kannte er kaum dem Namen nach. Er nannte jeden Franzosen einen Jacobiner, und hätte er im Jahre 1798, als Bernadotte, damals französischer Gesandter in Wien, in seinem Gesandtschaftshôtel in der Wallnerstraße durch Aufstellung dreifarbiger Fahnen einen ärgerlichen Exceß verursachte, hätte Schikaneder damals ein entscheidendes Wort zu sprechen gehabt, so hätte Bernadotte hingerichtet werden müssen.

»Ich wollte es ihnen schon abgewöhnen das »Kriegmachen« und »Revolutionanzetteln,« sagte er; »nur aufhängen diese Jacobinerbrut, dann wird gleich Ruhe werden in der Welt!«

Erzherzog Carl war für ihn der größte Mann des Jahrhunderts. »Erzherzog Carl,« sagte Schikaneder, »vermöchte mit zehntausend Mann ganz Frankreich zu erobern. – Mit diesen Worten waren seine politischen Ansichten erschöpft. Wenn Jemand nicht hierauf einging, sagte er: »Lassen Sie mich aus, Sie »Tapperl,« mit Ihrer Meinung! So ist es, wie ich Ihnen sage; Sie werden es schon sehen, daß es nicht anders ist!«

Den »schönsten Moment seines Lebens« nannte Schikaneder den, als Erzherzog Carl den großen Sieg im August 1796 über Jourdan erfocht und diesen zwang, in wilder Flucht über den Rhein zu gehen.

In Wien erschien ein Extrablatt um halb acht Uhr Abends, das diesen Sieg verkündete. Im Theater im Freihause wurden an diesem Abende: »Die Ostindier vom Spittelberge,« Posse von Schikaneder, gegeben, in welcher der Verfasser einen patriotischen Rauchfangkehrermeister spielte, der in einem Wiener Kaffehhause erscheint.

Schikaneder ließ sich das ausgegebene »Extrablatt« aufs Theater bringen, und las dieses dem Publicum vor.

Im Extrablatte hieß es, daß sechshundert Franzosen in den Rhein gesprengt worden und dort ertrunken wären. Dem Patrioten Schikaneder war dies eine viel zu geringe Zahl; er las, 6000 Franzosen wären ertrunken, und als das von Vaterlandsliebe begeisterte Parterre rief:

»Schikaneder! Die Siegesnachricht noch einmal vortragen!«

las sie Schikaneder noch einmal, nannte aber 60,000 Franzosen, die in den Rhein gesprengt worden und ertrunken seien! – Er setzte bei: »Was nicht ertrank, wurde gefangen genommen! – Ein Lebehoch unserm Kaiser und dem tapfern Erzherzog Carl!«

Daß das Publicum in seinem Entzücken über einen solchen Sieg jauchzte und Schikaneder nach dieser Scene hervorgerufen wurde, läßt sich denken.

»Ich feiere heute den schönsten Tag meines Lebens,« sagte Schikaneder, als er wieder vor dem Publicum erschien. »Sollte ich jedoch in meiner Freude um ein paar Nullen zu viel gelesen haben, so verzeihen Sie mir's! Ich habe mir gedacht, es können nie genug Feinde Oesterreichs zu Grunde gehen, und Sie sind gewiß derselben Meinung!«

Nun war der Jubel noch größer. Schikaneder wurde abermals gerufen.

»Mein Cassier meldet mir soeben,« sprach Schikaneder das Publicum an, »daß die heutige Einnahme 756 fl. betrage, ich widme sie den verwundeten kaiserlichen Soldaten und rufe noch einmal: Hoch lebe der Kaiser und Erzherzog Carl!«

Nach dem Theater brachte das Orchester seinem Director eine Nachtmusik, an welcher sich das Publicum betheiligte, und ihn dreimal an das Fenster seiner Wohnung rief, um ihm seine Anerkennung für seinen Patriotismus zu bezeigen.

»Ich bleibe dabei,« rief Schikaneder vom Fenster herab: »der heutige Tag bleibt der schönste meines Lebens!«

So war Schikaneder; ein Mensch voll Herz und Gemüth; als solcher erwarb er sich auch viele Freunde. Seine Gastfreundlichkeit war außerordentlich, und wie bemerkt, waren seine Tafeln splendid; aber Frauenzimmer mußte er um sich haben, je mehr, desto besser. Bei diesem Gastmahle waren nur drei, aber gerade diejenigen, welche er am meisten favorisirte.

Er sprach natürlich viel von seinem neuen Stücke, theilte den Plan desselben mit und besprach den Schluß, den er sich nicht anders denken konnte, als daß der »blasse Graf« die dunkle Gräfin als Gemalin heimführen werde.

Stowinski widersprach dieser Meinung.

»Sie haßt mich,« sagte er; »sie würde eher sterben, als mich wählen. Ersparen Sie sich diesen Schluß, Herr Schikaneder, der Schluß dieser tragischen Geschichte wird ein ganz anderer sein, als Sie sich ihn und ich zu denken vermögen!«

Nun erzählte Schikaneder, auf welche Weise er die Bekanntschaft des Onkels der Gräfin gemacht, wie dieser seine Nichte vermocht, daß sie vor ihm gesungen; wie Schikaneder, hingerissen von der reizenden Stimme, sie gebeten habe, ihr die Hand küssen zu dürfen; daß sie dies gestattet, und Schikaneder, hingerissen von der wunderschönen Hand, ihren Arm ergriffen und auch diesen geküßt habe, worauf die Gräfin gelacht und sich geäußert habe, sie hätte ihren Arm zu küssen noch keinem Manne gestattet, doch verzeihe sie es, ihrem Onkel zu liebe, damit dieser sich überzeuge, daß sie auch freundlich gegen Männer sein könne, darunter vorzüglich gegen Einen, der sie durch seine Dichtkunst unsterblich machen wolle.

»Aber wann und wo ist denn dies geschehen?« fragte die Schauspielerin Sommer. »Hier im Freihause sind Sie nicht zu der räthselhaften Fremden gelangt, dies weiß ich gewiß; sie selbst hat, so lange sie in diesem Hause wohnt, ihr Quartier nicht verlassen, wo könnten Sie sie also gesehen haben?«

»Hierauf muß ich antworten,« sagte Emanuel, »was ich Freund Süßmeyer bereits mittheilte, daß dies ein Geheimniß ist; ich habe mein Ehrenwort dem alten Grafen-Onkel und der Polizei verpfändet, kein Wort davon zu sprechen.«

»Ein Ehrenwort,« bemerkte der Graf Stowinski, »muß man beachten!«

Der Bediente trat ein und meldete:

»Ein Mohr ist im Vorzimmer. Die Gräfin Lodoiska, unsere Nachbarin aus dem zweiten Stockwerke, empfiehlt sich dem Herrn Director. Sie läßt anfragen, ob sie nicht die Ehre haben könne, mit dem Herrn Director zu sprechen. Könnte dies geschehen, so würde sie Herrn Schikaneder morgen um eilf Uhr Vormittags in ihrer Wohnung erwarten. Sie möchte gar so gerne der Ehre theilhaftig werden, den Mann persönlich kennen zu lernen, der sie, wie sie mit Bestimmtheit erfahren, nächstens zur Heldin eines Theaterstückes machen wolle.«

Schikaneder gerieth in auffallende Verlegenheit.

»Emanuel,« sagte Süßmeyer, »ich glaube, Du hast uns soeben einen Bären angebunden –«

»Wo ist der Mohr?« fragte Schikaneder.

»Im Vorzimmer.«

»Ich will doch sogleich selbst mit ihm sprechen –«

Schikaneder begab sich in das Vorzimmer.

Süßmeyer lachte laut auf.

»Freund Emanuel ist jetzt in eine hübsche Verlegenheit gerathen!« sagte er. »So geht es, wenn man Märchen erzählt und sich dann ertappen läßt, daß man gelogen –«

»Daß er sie singen gehört, habe ich ihm unbedingt geglaubt,« bemerkte der Graf; »daß er ihr die Hand geküßt, ist mir unwahrscheinlich vorgekommen; daß er ihr aber den Arm geküßt, ist nicht denkbar, den Arm hat er ihr gewiß nicht geküßt, dafür verpfände ich mich mit meinem Leben!«

»Ich habe nie gehört, daß Schikaneder zu lügen im Stande sei,« versetzte Mamselle Sommer, »oder auch nur im Scherze Lügen vorbringe, zu welchen kein Grund vorhanden. Ob er die verschleierte Dame singen gehört oder nicht, ihr die Hand geküßt oder nicht, ist höchst gleichgiltig. Es hat ihn von uns Niemand veranlaßt, derlei Dinge zu extemporiren.«

»Dies geschah meinethalben!« versetzte Süßmeyer. »Er will, daß ich die Musik zu seinem Stücke schreibe; um mich nun zu bestimmen, dies zu thun, brüstete er sich mit der Vertrautheit der Dame, die er zum Vorwurf seiner Oper macht! Wie kindisch!«

»Ich kenne Schikaneder viele Jahre,« bemerkte die Wipfel; »ich habe ihn aber nie auf einer Unwahrheit ertappt, im Gegentheile hat er sich stets als Feind jeder Unwahrheit gezeigt, und haßt den Schauspieler Winter nur deshalb, weil er so gerne lügt. Er nennt ihn auch nie anders als den »neuen Münchhausen.«

Schikaneder trat wieder in den Speisesaal. Er war leichenblaß. Er sah so verstört aus, daß die Gesellschaft über ihn erschrack.

»Was ist Ihnen?« fragten die Damen.

Die beiden Schauspielerinnen Wipfel und Sommer sprangen von ihren Sitzen auf und eilten auf ihn zu.

»Ist Ihnen ein Unfall begegnet?«

»Hat Ihnen der Mohr etwas Unangenehmes gesagt? Sie sind bleich wie das Tischtuch!«

»Nichts! nichts!« antwortete Schikaneder. »Wenn ich bleich aussehe, so liegt dies vielleicht darin, daß ich dem Champagner zu viel zusetzte –«

»Du hast nicht zwei Gläser zu Dir genommen,« warf Süßmeyer ein, »und trinkst Du manchmal mehr als gewöhnlich, so wirst Du eher roth als blaß!«

»Sagen Sie uns,« bat der Graf, »was ist Ihnen begegnet?«

»Mir ist begegnet,« versetzte Schikaneder und bemühte sich seine vorige Heiterkeit wieder zu gewinnen, »daß ich zu wenig Champagner getrunken habe. Ich will daher recht viel Champagner trinken; Freund Xaverl soll nicht behaupten können, daß ich nur zwei Gläser zu mir genommen!«

»Heda! Balthasar!« rief Schikaneder seinem Bedienten, »schenk' ein und sorge dafür, Balthasar, daß immer frische Flaschen im Eise stehen!«

»Herr Director,« versetzte Balthasar, »der Mohr ist von Ihnen geradezu zur Frau Gemalin hinübergegangen. Er wird doch die gnädige Frau nicht auch erschrecken?«

»Zu meiner Frau?« versetzte Schikaneder. »Da soll dem Schurken doch sogleich der Teufel das Licht halten!«

»Haben Sie eine Frau?« fragte der blasse Graf. »Ist sie krank? Warum erschien sie nicht bei Tische?«

»Sie ist kerngesund!« erwiederte Schikaneder, »allein sie genirt mich nicht, und ich genire sie nicht! Ich habe meine Gäste, sie hat die ihrigen; sie wohnt rechts, ich links – im Uebrigen leben wir in größter Eintracht.«

Die Thür flog auf und Frau Schikaneder watschelte herein.

Bekanntlich war die Frau Schikaneder noch wohlbeleibter als ihr Gatte.

Ihr ungeheurer Busen wogte wie Meereswellen.

Sie grüßte die Gesellschaft nicht.

Sie sah nur ihren Gatten.

»Emanuel,« redete sie ihn in ihrem Dialekte an, »trachte, daß wir das »Mohrenweib!« aus dem Hause kriegen, oder ich mache Dir zum ersten Male in meinem Leben einen Mordspectakel! – Du weißt, ich sage das ganze Jahr kein Wort zu deinen tollen Geschichten; ich schweige, daß Du täglich mit einer Anzahl Damen tafelst; ich lächle, zu deinen Liebesabenteuern und ärgere mich nicht, daß Du, nun bald fünfzig Jahre alt, noch immer den girrenden Seladon, einem jeden glatten Gesichte gegenüber, spielst; aber wage dein Leben deiner lächerlichen Abenteuer wegen nicht; – Du Don Juan der Wiedner Vorstadt, begnüge Dich mit Frauenzimmern, die lebendigen Menschen gleichen, und lasse die Todten in Ruhe, sonst ergeht es Dir wie dem wirklichen »Don Juan,« ein Knochengeripp wird Dir nächstens inmitten deiner Bacchanalien das Genick brechen! – Da, lies diesen Brief und frevle noch ferner!«

Frau Schikaneder warf ihrem Gatten ein Schreiben vor die Füße, und verließ in höchster Aufregung ihren Gatten und die Gesellschaft.

Süßmeyer hob den Brief auf und überreichte denselben Schikaneder. Dieser las ihn und erblaßte wo möglich noch mehr.

»Die Gesellschaft möge sich nicht stören lassen,« entschuldigte sich Schikaneder; »ich entferne mich nur für einige Augenblicke!«

»Balthasar!« rief er seinem Bedienten, »eile zu dem Regisseur Winter, sage ihm: heute wird »Lumpen und Fetzen« nicht gegeben, ich fühle mich unwohl; ich kann nicht Komödie spielen; Winter möge schnell ein anderes Stück zur Aufführung bringen!«

Schikaneder entfernte sich.

Die Gesellschaft stand von der Tafel auf und verließ das Speisezimmer in Bestürzung.



Zwölftes Capitel.

Den Leser in die Wohnung der »Dame mit dem Todtenkopfe« zu führen, gebietet der Verlauf unserer Geschichte.

Wir finden sie von ihren Mohren umgeben, und die Art, wie sie hier agirt, ist eine ganz andere.

Sie ist das Entsetzen aller Frauen, welche im unerlaubten Umgange mit anderen Männern als den ihrigen leben; welche ihre Liebhaber förmlich unterhalten und nicht nur ihre Pflichten und Gelöbnisse gröblich verletzen, sondern auch noch an dem Vermögen ihrer Gatten zu Verbrecherinnen werden.

Die Dame mit dem Todtenkopfe wußte die Geliebten solcher ehrvergessenen Weiber auszuforschen, diese Soutenirten durch Versprechungen von Geld und Schätzen an sich zu ziehen, und entweder diese Männer oder die Frauen durch List und Vorspiegelungen in ein Netz zu führen, aus welchem sie sich nur durch große Opfer zu befreien vermochten.

Zu allen Zeiten hat es nicht nur in Wien, sondern in allen größeren und kleineren Städten Taugenichtse gegeben, die sich unmoralischen Weibern verdingten, die sich ihnen verkauften, und gegen die Zusicherung, bei stetem Müßiggange flott leben zu können, förmlich verschrieben. Wien besitzt solcher schamlosen Bursche noch eine Unzahl, und Frauen gibt es vielleicht noch mehr, welche, jeder Moral und guten Sitte Hohn sprechend, dergleichen Patrone füttern. – Was mancher brave Hausvater für seine Familie erstrebt, erringt, erwirbt, wandert durch ein schlechtes Weib in den Schlund eines Auswürflings, und häufig versinkt ein ehrenwerther Ehemann in Armuth, weil die Frau sein Vermögen mit einem Galan vergeudet, oder weil er für das treulose Weib Schulden bezahlen muß, die sie blos eines Nichtswürdigen wegen contrahirte.

Also auf derlei gewissenlose Weiber sah es die »Dame mit dem Todtenkopfe« im Freihause auf der Wieden ab, und sie calculirte ganz richtig.

Die geldsüchtigen Männer wurden zu ihr gelockt.

Sie eröffnete ihnen Aussichten auf ihre Hand.

Der Ruf von ihrem außerordentlichen Reichthume kam ihr hiebei trefflich zu Statten.

Sie gelobte den männlichen Maitressen das Zehnfache, was Sie jetzt von ihren Dulcinäen bezogen, wenn sie ihre Hand annehmen würden. – Die Herren dieses Gelichters sagten ohne Anstand zu. Dann aber zeigte die Dame ihr fürchterliches Todtenantlitz, und die Herren bebten entsetzt vor dem Scheusale zurück.

Die Dame, den Abscheu, den sie einflößte, wohl kennend, bot nun den Freiern Bedenkzeit, nie aber ohne die Drohung auszusprechen, daß, wenn sie ihr Wort zurücknehmen würden, oder die Bewerbung blos unternommen hätten, ihr Einkommen bei den bisher unterhaltenen Liaisons zu verbessern, daß sich die Dame schrecklich rächen würde.

Entsetzt über den schauderhaften Anblick wankten die Bethörten, nicht selten halbohnmächtig, aus dem mit einem abscheulichen Modergeruche verpesteten Boudoir der Dame und suchten so schnell als möglich aus ihrer Nähe zu kommen.

Dann näherte sich ihnen die Kammerfrau.

Mit anscheinender Theilnahme trat sie ihnen entgegen.

»Was ist Ihnen?« wurde ein solches Opfer gefragt.

Wenn das Opfer dann dahingebracht wurde, unverhohlen seinen Abscheu und Ekel vor dem Todtenschädel auszusprechen, dann rückte die Kammerfrau mit ihrem guten Rathe hervor.

Wir setzen eine solche Scene hieher, wie sie durch die Aussagen eines, auf diese Weise bethörten Menschen und seiner noch weit mehr betrogenen Geliebten bekannt geworden.

Die Gattin eines Magnaten liebte den Jäger ihres Gemals.

Der junge Mann war auffallend schön, stark, groß und voll strotzender Jugendkraft. Sein Name war Sorovits. Die Gemalin des Magnaten liebte diesen anziehenden Mann mit heißer Zuneigung.

Die Dame mit dem Todtenkopfe erfuhr das Liebesverhältniß von ihren Spähern ganz genau.

Sorovits ward zu ihr beschieden.

Sie erklärte ihm, daß sie ihn oft gesehen habe und sich glücklich fühle, wenn er sie zur Gattin wählen würde. Sie eröffnete ihm, wie glänzend sein Los sich gestalten und welche Zukunft sich ihm öffnen müßte.

Die Dame bestrickte ihn so sehr, daß er Alles, was er von der Scheußlichen erfahren, vergaß und ihr zu Füßen fiel, gelobend, sie zum Altare zu führen.

»Keine Uebereilung!« bat die Dame, »nehmen Sie noch Ihr Wort zurück; habe ich mich Ihnen einmal gezeigt, dann würde ich die Schmach, mich verschmäht zu sehen, nie vergessen. Mit einem Kusse müssen Sie unser Bündniß besiegeln; vermögen Sie dies nicht, dann schwöre ich, daß Sie meiner ewigen Rache verfallen; nur mit Ihrem Leben werden die Qualen enden, die ich Ihnen bereite!«

Sorovits bestand auf seiner Zusage.

Die Dame schlug den Schleier zurück.

»Nein!« rief er mit schauderhaftem Entsetzen, »auf diesen Anblick war ich nicht gefaßt! – eher den Tod –«

Die Dame ließ ihn nicht zu Ende sprechen.

»Den sollst Du erleiden,« sprach sie mit fürchterlichem Grimme und eilte aus dem Gemache.

Sorovits stürzte außer sich in das Vorzimmer, in welchem ihn die Kammerfrau bereits erwartete.

»Also auch Sie verschmähen meine Gebieterin? –« redete sie ihn an, »dachte ich's doch! Meine arme Gräfin wird nie einen Gatten finden! Sie wird unverheirathet bleiben bis zu ihrem nahen Geburtstage, dann wird sie arm, sehr arm, und die Voraussicht auf ihre Armuth wird Sie zur heftigsten Rache gegen Sie treiben.«

»Wie kann ich ihrem Zorne entgehen?«

»Tragen Sie bei, daß – wenn meine Gräfin dem Fluche ihres Onkels verfällt, der sie, sollte sie keinen Gatten finden, verstößt und enterbt, – sie nicht in Dürftigkeit gerathe. – Nur namhafte Geschenke vermögen meine Herrin von der Ihnen angedrohten Strafe für Ihren Rücktritt abzulassen. Bringen Sie ihr eine ansehnliche Summe, oder bestimmen Sie die Baronin, welcher Sie bisher Ihre Huldigung darbrachten meiner Gräfin ein bedeutendes Aequivalent zu überreichen und die Sache ist abgethan. Geschieht dies nicht, so können Sie bis übers Meer flüchten: der Ausführung ihrer Drohung ist noch Keiner entgangen. Von einem Kaufmanne in Wien, der sie ebenfalls ehelichen wollte, werden Sie wohl gehört haben. Der Unglückliche wurde, als er sich nach Pesth begeben wollte, zwei Meilen von Wien, auf der Straße nach Ungarn, in seinem Wagen durch eine Kugel getödtet.«

Der arme geängstigte Herrschaftsjäger, wohl wissend, daß seine Baronin eher ihr Leben als ihn verlieren würde, fragte die Kammerfrau, welche Summe der Dame genügen könnte, ihn vor ihrer Verfolgung zu schützen.

Die Kammerfrau antwortete:

»Weniger als eintausend Stück Ducaten sind nicht anzubieten!«

»Eintausend Stück Ducaten!« meinte Sorovits; »ich werde sie schaffen!«

Sorovits eilte zu seiner Geliebten.

Voll Zerknirschung beichtete er ihr, was er in seiner Verblendung begangen. Tief ergriffen flehte er ihre Verzeihung und Hilfe an, mit heiligen Schwüren gelobend, sich von seiner Theueren nie mehr abzuwenden, ihr treu zu bleiben bis zum Tode.

Die Frau Baronin ging hierauf nicht ein.

»Tausend Ducaten!« entgegnete sie, – »wenn sie noch Dir zufielen – mit Freuden würde ich sie darbringen, – aber diesem Ungeheuer – – nimmermehr! – Ich will selbst zu der polnischen Gräfin; – mich gelüstet's, ein Wörtchen mit ihr zu sprechen! – Ich fürchte sie nicht. – Ich will Ihr Dinge sagen, daß sie Dich loslassen muß; hörst Du, sie muß Dir entsagen!«

Vergebens stellte Sorovits die Gefahren im Hause des Scheusals vor.

»Ich kenne nur Eine Gefahr,« erwiederte die Baronin, »und diese besteht darin, Dich zu verlieren! – Ich fliege zu der Verworfenen. – Wir wollen sehen, ob ich reussire oder sie. Und wenn sie von einem ganzen Kirchhofe von Todtengerippen umlagert ist, wenn diese Gerippe alle ihre dürren Arme nach mir ausstrecken, und tausend Todtenschädel mich angrinsen, – mich schreckt nichts! – Die tausend Ducaten sollst aber Du erhalten!«

Die beherzte Frau ging zu dem Todtenkopfe.

Zuerst sprach sie mit der Kammerfrau.

Diese konnte ein mitleidiges Lächeln nicht unterdrücken.

»Wenn Sie den Muth haben, dies der Gräfin selbst zu sagen,« erwiederte die Kammerfrau, »so treten Sie bei ihr ein.«

Die Kammerfrau öffnete die Thür und ließ die Baronin eintreten.

Die Dame mit dem Todtenkopfe saß mit einem dichten schwarzen Schleier verhüllt auf einem Sopha.

Sie erhob sich und schritt auf die Eintretende zu.

»Was wünschen Sie?« fragte sie.

»Was ich wünsche, wird Ihnen mein Name sagen,« antwortete diese. »Mein Name ist Albertine Baronin Holovary.«

»Die Gattin des Magnaten?«

»Die Gattin des Magnaten.«

»Den Sie betrügen?«

»Madame –« entgegnete Albertine ganz entrüstet.

»Den Sie betrügen, wiederhole ich, aber ich mache dem Scandal, den Sie sich gestatten, ein Ende. Den Mann, mit welchem Sie ein grausames Spiel treiben, entreiße ich Ihnen. Er hat um meine Hand geworben; ich heirate ihn. Dem schmählichen Leben, das Sie führen, setze ich ein Ziel.«

»Uebernehmen Sie sich nicht, Madame,« versetzte die Baronin, – »Sorovits heiratet Sie nicht. Er wird seine Existenz nicht an ein Wesen ketten, von dem man nicht weiß, ob es ein Mensch, ein Gespenst oder ein Teufel ist.«

»Dies soll er mir selbst sagen, wenn er die Stirne dazu hat.«

»Es handelt sich hier um eine Art Reugeld, Madame,« fuhr die Baronin fort; »Sie wollen ihn seiner Bewerbung entlassen, wenn er bare tausend Ducaten erlegt, oder wenn ich diese für ihn erlege; – nicht einen Heller, Madame; – nicht einen Heller erhalten Sie! – Eine Person, welche ein so elendes Gewerbe betreibt wie Sie, eine Person, welche mittelst ihrer Reichthümer unerfahrene Männer bestrickt und dann namhafte Summen verlangt, wenn diese Männer dem Netze entkommen wollen, das Sie gewoben, erhält nichts, nicht einen Heller, nicht ein gutes Wort, und ob Sie nun Gräfin oder eine gemeine Person sind, so sollen Sie erröthen – – doch, was muthe ich Ihnen zu, in Ihr Antlitz kann kein Blut, also auch keine Schamröthe dringen.«

»Frau Baronin,« erwiederte die Dame, »Sie befinden sich in einem großen Irrthum. Nicht tausend Ducaten, sondern dreitausend Ducaten hat Ihr Galan zu entrichten; wenn ich ihn seiner Zusage entbinde, und Sie bezahlen diese dreitausend Ducaten, bezahlen sie in vierundzwanzig Stunden, sonst vernichte ich Sie und den Elenden, in dessen Namen Sie hier sind.«

Die Frau Baronin lachte laut auf.

»Sie setzen sich dort an meinen Schreibtisch und unterzeichnen einen Schuldschein, laut welchem Sie dreitausend Ducaten in vierundzwanzig Stunden bezahlen, sonst kommen Sie nicht lebendig von hier fort.«

»Das möchte ich sehen!«

»Dies werden Sie sehen, und noch mehr!«

Sie zog an einer Glocke.

»Mein Secretär soll kommen!«

Ein Mohr beeilte sich den Secretär herbeizurufen.

»Ich lasse augenblicklich einen Brief an Ihren Gemal schreiben,« fuhr die Dame fort, »entdecke ihm Ihr Verständniß mit einem Lakei, mit einem Burschen, der die Livrée trägt und nun der Nebenbuhler eines Mannes ist, den Rang und Orden zieren; ich entdecke Ihrem Gemal die Schlupfwinkel, in welchen Sie mit dem erwählten Herrschaftsjäger zusammenkommen, die elende Gelegenheitsmacherin nenne ich Ihrem Gemal, welche Ihnen Zusammenkünfte verstattet – – wir wollen dann sehen, Frau Baronin, welche von uns beiden zu erschrecken hat, Sie oder ich.«

Die Baronin stand sprachlos da.

Endlich sagte sie:

»Wir wollen uns vergleichen, Frau Gräfin. Ich erlege die tausend Ducaten.«

»Nein,« fuhr der Todtenkopf auf, »Sie erlegen nicht tausend, nicht zweitausend, Sie erlegen bis morgen um diese Stunde dreitausend Ducaten. – Daß Sie mir diese Summe gewiß überbringen werden, weiß ich. Wenn Sie jedoch zögern, wenn Sie nicht pünktlich Folge leisten, dann werden Sie am längsten die Gattin eines Magnaten gewesen seyn.«

Der Secretär trat ein.

»Führen Sie diese Dame in Ihr Cabinet. Sie hat eine Urkunde zu unterzeichnen, daß sie morgen bis vier Uhr Nachmittags dreitausend Stück Ducaten erlegen wird. – Eilen Sie mit dieser Dame; es ist keine Zeit zu verlieren; sie hat binnen vierundzwanzig Stunden eine große Aufgabe zu lösen. – Adieu, Madame.«

Die Dame mit dem Todtenkopfe verließ ihr Gemach.

Die Baronin unterzeichnete wie Eine, welche auf dem Punkte steht, ihren Verstand zu verlieren, die Urkunde.

Am andern Tage um vier Uhr erlegte sie die dreitausend Ducaten.

Ein Factum.

Es dauerte nicht lange, so hatte die verschleierte Dame eine höchst bedeutende Summe zusammengebracht. Der Leser mag dies nicht unwahrscheinlich finden, denn ähnliche Dinge ereignen sich noch heute. Frauen dieses Schlages werden noch immer gebrandschatzt und in die Enge getrieben. Es sind heutezutage nicht »Todtenköpfe,« welche sie bedrohen, es gibt auch ganz gewöhnliche Köpfe, welche ihnen Daumschrauben anlegen. – Ein leichtsinniges Weib, welches befürchten muß, daß ihr abscheuliches Leben entdeckt wird, unternimmt Alles in ihrer Verzweiflung, hierauf rechnete auch die verkappte Betrügerin, aber einmal kam sie doch übel weg und hätte ihren Frevel bald arg büßen müssen.



Dreizehntes Capitel.

Der Fall, welcher die Dame mit dem Todtenkopfe in die Enge trieb, war folgender:

Wieder hatte sie einen Burschen aufgefunden, den die Gattin eines Banquiers unterhielt.

Die Dame erfuhr die Verhältnisse genau.

Die Dame wußte es zu veranlassen, daß er ihren Verlockungen sein Ohr lieh.

Die Geschichte glich der mit dem herrschaftlichen Jäger und der Baronin auf ein Haar.

Auch diesem Menschen, er war der Sohn eines tapferen, aber mittellosen Officiers, der auf Ehre hielt wie Alle seines Standes.

Die Dame konnte daher zwei harte Drohungen aussprechen, da auch dieser junge Mann, als er die schreckliche Gestalt erblickte, zurücktrat. Erstens vermochte sie dem rigorosen Vater ein Verhältniß, das seinen Sohn beschimpfte, mitzutheilen, dann den Ehemann in Kenntniß zu setzen, daß er ein treuloses Weib besitze.

Als der junge Mann seinen Abscheu vor der Todtenbraut aussprach, drohte diese damit, und forderte noch zweimal mehr Geld von der reichen Banquiersgattin als von der Baronin.

Der junge Mann eilte in der größten Bestürzung zu der Geliebten. Er flehte sie an, ihn zu retten.

Die bedrohte Frau gab keine Antwort. Sie faßte sogleich einen Plan. Sie beschied den Geliebten auf den kommenden Tag.

Am andern Tage kam sie mit dem alten Militär, dem Vater des Geliebten, einem Manne, der, hätte die Hölle bestürmt werden sollen, vorangegangen wäre, in die Wohnung der Gräfin.

Die Banquiersgattin wollte man vorlassen, den pensionirten Hauptmann nicht.

Die Frau, wir wollen sie Günther nennen, zeigte sich so submiß, der Hauptmann so gebeugt, daß die Gräfin endlich einwilligte, beide zu empfangen.

Frau Günther und Hauptmann **** traten ein.

»Ein junger Mann,« redete der Hauptmann die Gräfin an, »machte Ihnen vorgestern einen Besuch. Von der Idee ergriffen, durch eine reiche Heirat sein Glück und das seiner armen Familie zu gründen, ließ er sich verleiten, um Ihre Hand zu werben. Sie selbst veranlaßten ihn hiezu durch die Aussicht auf enorme Reichthümer, welche Sie ihm vorspiegelten. Als Ihnen seine Verblendung gelungen und Sie seine Zusage gewonnen hatten, zeigten Sie ihm Ihr Antlitz. – Er that, was vor ihm auch Andere gethan – er erschrack, er bebte vor Ihrem Antlitze zurück, er erklärte Ihnen, daß er sein Wort zurücknehme; Sie aber schwuren ihm, hierüber in höchste Wuth gerathend, unerhörte Rache, und selbst sein demüthiges Flehen um Gnade und Verzeihung seines Rücktrittes wegen rührte Sie nicht. – Ein getäuschtes Frauenherz ist fürchterlich in seinem Zorne, ich weiß dies, aber dann vermag auch nichts ein so heftig gekränktes Weib zu versöhnen, am wenigsten eine Abfindungssumme, außer sie wäre eine – Phryne

»Mein Herr . . .,« erwiederte die Dame mit großer Entrüstung.

»Sie bedrohten das Leben des jungen Mannes; Sie drohten auch seine Ehre und die Ehre seines Vaters besudeln zu wollen. Dieser Vater bin ich –«

»Diesen Vater hat der Sohn zu bedenken, nicht ich –«

»Doch! doch! Sie drohten meinem Sohne, daß seine Wohlthäterin, weil sie mütterlich für ihn sorgt, denn er dient auf dem Comptoir dieser Frau, Ihrer Rache anheimfallen solle, und forderten das Lösegeld von ihr. – Wir sind nun beide hiehergekommen, die Gattin des Banquiers und ich, um Sie zu fragen, ob Sie noch auf dem Lösegeld bestehen, oder meinem Sohn entsagen, also ihm sein übereiltes Gelöbniß zurückgeben wollen.«

»Auf keinen Fall.«

»Sie bestehen also auf der ausgesprochenen Summe?«

»Ja. Da man mir von Ihrem Ehrgeize falsche Nachrichten hinterbracht hat und Sie gute Miene zum bösen Spiele zu machen scheinen, obgleich Ihr Herr Sohn ein unehrenhaftes Verhältniß mit der Gattin seines Chefs unterhalten –«

»Ich lasse Sie zu Ende sprechen und höre Ihre Beleidigungen ruhig an.«

»So bleibt mir für meine Rache nur noch übrig, daß ich dieser Dame auf den Leib rücke, und entweder die ausgesprochene Summe erhalte, oder ihren Gemal von dem Lebenswandel in Kenntniß setze, den Sie bisher geführt.«

»Dies wird nicht möglich sein, denn ihr Gemal ist vor vier Tagen in Prag gestorben, und sie wird meinen Sohn ehelichen.«

Die Dame mit dem Todtenkopfe bebte einen Moment zurück, dann sprach sie:

»Beweise, mein Herr, ich will Beweise.«

»Madame,« versetzte der Hauptmann, »Sie machen sich lächerlich! Erstens ist man Ihnen keinen Beweis schuldig, dann ist auch jeder Beweis überflüssig, da Ihre Drohungen nicht mehr gefürchtet werden. – Sie könnten nur noch auf die Erfüllung des Eheversprechens meines Sohnes dringen, ihn zwingen wollen, daß er sein Wort halte. – –«

»Dies will ich auch, mein Herr, ich will, daß er mich heirate; ich entsage ihm nicht; ich dringe darauf, daß er seinem Versprechen genüge.«

»Da Sie dies wollen, so haben Sie an mir einen Alliirten.«

»Und an mir,« setzte Frau Günther hinzu. »Ich entsage ihm.«

»Nun, Frau Gräfin, wann soll die Hochzeit sein? In der Voraussicht, daß Sie meinen Sohn nicht aufgeben werden, habe ich einen Notar hierher bestellt. Wahrscheinlich wird er sich schon in Ihrem Vorgemache befinden. Geben Sie Befehle, daß er eintrete.«

»Und Ihr Herr Sohn?« fragte die Dame, deren Verlegenheit sichtbar wuchs.

»Mein Sohn ist mein Sohn und ich bin, wenn Sie auch daran zweifeln, ein Mann von Ehre, ein Feind jedes Wortbruches, ich werde meinen Sohn zwingen, daß er Ihre Hand annehme, am Ende nimmt er sie ja doch nur der ungeheuren Schätze wegen, die Sie besitzen.«

»Sie werden Ihren Sohn zu einer ehelichen Verbindung auch noch zwingen, wenn Sie mein Antlitz gesehen haben?«

»Allerdings, und möchte aus Ihrem Todtenkopfe meinem Sohne selbst der Tod kommen! – Vermögen Sie als ein halbes Gerippe zu leben, so wird mein Sohn mit Ihnen auch leben können. Schlagen Sie immer den Schleier zurück, Frau Gräfin, ein Mann, der wie ich Tausende von Verstümmelten auf den Schlachtfeldern und in Militärspitälern gesehen – fällt nicht in Ohnmacht über einen Todtenkopf!«

»Ich entsage Ihrem Sohne,« versetzte die Dame, »warnen Sie ihn aber – nie mehr leichtfertig –«

»O meine gute Frau Gräfin,« gab der Vater zurück, »denken Sie nicht daran, meinen Sohn warnen zu lassen; nehmen Sie lieber von mir eine Warnung an. – Gehen Sie vorsichtiger mit den jungen, leicht zu bethörenden Männern um, die Sie verlocken. Es könnte sich doch einmal einer sich Ihnen nähern, der auf Ihrem Besitz bestände. – Ich kenne Einen, Sie haben freilich ausstreuen lassen, Sie hätten ihn, seines Meineids wegen, da auch Er Ihre Hand ausgeschlagen, auf seiner Reise nach Pest durch eine Kugel aus der Welt geschickt; allein dieser Eine, ein Kaufmann, ist nicht nach Pest gereist; er befindet sich noch in Wien, verborgen, vor seinen Gläubigern sich fürchtend, sein Waarenlager hat man gepfändet, seine Freiheit ist bedroht. Um sich zu retten, wird er zu Ihnen kommen; er wird Sie auf den Knien bitten, daß Sie ihn zum Gatten wählen. Von ihm werden Sie nicht so leicht loskommen wie von meinem Sohne! – – Wir verlassen Sie jetzt, Frau Gräfin. – Eines nur gestatten Sie mir noch zu sagen:

»Ich weiß genau, daß Sie nicht daran denken zu heiraten. – Sie sind nicht einmal reich! Sie werden sich auch nicht mehr lang in Wien aufhalten! – Aufrichtig gesagt, sind Sie für Ihre Abenteuer schon zu lange in Wien! Vergeben Sie diese Offenheit einem alten Soldaten!«

Er reichte Frau Günther den Arm, beide verneigten und entfernten sich. Die Dame war ganz consternirt. »Wo hat dieser Mann dies her?« sagte sie für sich. »Er durchblickt mein Treiben.«

Sie klingelte heftig.

»Schnell,« sagte sie, »ruft den Secretär und die Kammerfrau.«

»Sogleich,« erwiederte der Mohr, »nur hören Sie, was geschehen! – Der Kaufmann von der »blauen Flasche« ist im Vorzimmer. Er geberdet sich wie ein Wahnsinniger. Er läßt sich nicht abweisen!«

»Um keinen Preis laß ich ihn vor!«

»Er will auf Ihrer Thürschwelle sterben, wenn Sie ihn nicht annehmen! Er ist so aufgeregt, daß man befürchten muß, er thue sich ein Leid an.«

»Den Secretär! Schafft den Secretär herbei!«

Der Secretär trat ein.

»Ich weiß Alles,« sagte er. »Es bleibt uns nichts über, als schnell abzureisen. Man sucht den Mann ohne Arme bei uns –«

»Sorgen Sie dafür, daß er heute noch frei werde.«

»Sobald wir im Postwagen sitzen.«

Die Kammerfrau trat ein.

»Schaffen Sie Rath, den Kaufmann zu entfernen,« sagte sie. »Er allarmirt das ganze Haus.«

»Der Mann ist nicht fortzubringen,« erwiederte die Dame, »außer es wird ihm Geld gegeben, damit er sich zu retten vermöge.«

»Geld,« versetzte der Secretär, »nicht einen Heller! Das Geld, das wir erworben, brauchen wir für uns.«

Man hörte einen fürchterlichen Lärm im Vorzimmer. »Hören Sie den Rasenden! Dieser Mensch wird uns verderben! Lassen Sie ihn ein!«

»Hierher kommen lassen, daß er über uns Bericht erstatten könne? – Nimmermehr! – Lieber will ich ihm Geld geben, eine kleine Summe! Ich will ihn hinhalten! Nur nicht hierher darf er kommen!«

Der Secretär eilte zu dem Kaufmanne ins Vorzimmer.

»Wir sind zu weit gegangen,« bemerkte die Kammerfrau. »Ich habe immer gewarnt, aber mich alte Frau hat man nie gehört.«

Der Secretär trat wieder ein.

»Es ist entsetzlich,« meldete er. »Wenn dieser Kaufmann nicht wenigstens tausend Ducaten heute noch erhält und das Uebrige morgen, so ruft er die Polizei zu Hilfe. Er wisse jetzt sehr gut, wen er vor sich habe. – Am meisten scheint ihn sein Onkel Schikaneder gegen uns aufzustacheln! – Es ist klar, daß man uns jetzt nicht mehr fürchtet.«

Der Secretär nahm tausend Ducaten in vier Rollen aus einer Chatouille und eilte damit zu dem Kaufmanne.

»Man macht es uns, wie wir es Andern gemacht,« bemerkte die Dame, »und der Hauptmann, was dieser mir gesagt – wie genau dieser Mann unser Treiben beobachtet! »Sie denken gar nicht daran zu heiraten,« redete er mich an; »Sie sind nicht einmal reich! – Sie werden sich nicht lange in Wien aufhalten, aufrichtig gesagt, Sie sind für Ihre Abenteuer auch schon zu lange in Wien!«

»Der Kaufmann ist mit dem Gelde fort,« meldete jetzt der Secretär. »Ich eilte ihm nach. Wohin ging er? Gerade in die Wohnung in das erste Stockwerk zu Schikaneder. – Die Goldstücke, welche er mit fortschleppte, bringt er nicht nach Hause. Darauf kann er gefaßt sein!«

»Keine neuen Unbesonnenheiten,« bat die Kammerfrau.

»Schweigen Sie,« herrschte ihr der Secretär zu. »Wir vermögen nicht hundert Ducaten zu missen! Unsere Reise kostet Geld; wir müssen alle unsere Leute und zwar auf verschiedenen Wegen fortbringen.«

Ein Moor trat ein.

»Ein junger, wunderschöner Mensch ist im Vorzimmer. Er besitzt ein Schreiben von der Gräfin Lodoiska. Er müsse vorgelassen werden.«

»Keine neue Bekanntschaft mehr,« bat die Gräfin. »Abweisen! Abweisen!«



Vierzehntes Capitel.

»Weshalb abweisen?« zürnte der Secretär. »Noch sind wir hier, noch läßt sich etwas unternehmen; ob wir einen Gimpel mehr auf der Leimruthe fangen oder weniger, ist ganz gleichgiltig. Das Gewicht unserer Strafe, wenn wir der Polizei in die Hände fallen sollen, wird dadurch weder schwerer noch geringer.«

»Nein, nein, abweisen muß man diesen Menschen!« eiferte die Dame. »Ich werde nicht umsonst von einer schrecklichen Ahnung beunruhigt. Zudem sagte der Fremde, er habe ein Schreiben von der Gräfin Lodoiska zu übergeben. Hören Sie, von der Gräfin Lodoiska!«

»Narrenspossen!« erwiederte der Secretär. »Sie haben wieder einmal nicht recht gehört: an die Gräfin, ließ der junge Mann sagen. Hassan,« wendete sich der Secretär an den Mohren, »an die Gräfin lautete deine Meldung, nicht wahr?«

»Ich weiß es jetzt nicht mehr genau,« sagte er, »von der Gräfin oder an die Gräfin. – Ich will den jungen Mann fragen –«

Der Mohr wollte sich entfernen.

»Dageblieben. Dummkopf!« tobte der Secretär; »dies würde die Sache nur verdächtig machen. – Geh' hinaus und lasse den Menschen eintreten, das ist das Klügste.«

»Ich gehe aus dem Hause und lasse mich nicht mehr sehen!« betheuerte die Kammerfrau.

»Gehen Sie zum Teufel! Sie feiges, einfältiges Weib!«

»Ich bin weder feig noch einfältig,« gab diese zurück, »aber ich fürchte die Folgen.«

Sie wollte das Gemach sehr schnell verlassen.

»Nicht da hinaus!« rief der Secretär. »Da hinein begeben Sie sich, und wenn Sie uns schon verlassen wollen, so lassen Sie sich die Wohnung unseres Quartierherrn Helmböck öffnen und trachten Sie über die andere Treppe fortzukommen.«

Die Kammerfrau befolgte diesen Rath.

Die Dame machte nun abermals Vorstellungen, den jungen Mann abzuweisen; sie berief sich wiederholt auf ihre Angst, aber der Secretär fuhr so roh gegen sie auf, wurde so heftig, so drohend, daß sie sich endlich fügte.

»Sie haben Ihre Instructionen für alle Fälle, die Ihnen vorkommen können. Zudem verlasse ich Sie nicht, ich verberge mich hinter jenem Alcoven. Wer sich Ihnen auch immer nahen möge, ich bin zu Ihrem Schutze hier.«

Der Secretär befahl dem Mohren, den jungen Mann einzulassen.

Dann zischelte er dem Schwarzen einige Worte in die Ohren.

Der Secretär verbarg sich in den Alcoven.

Hassan öffnete die Thür.

Die Dame warf sich auf ein Sopha.

Der junge Mann trat ein.

Zuerst sah er scheu im Gemache umher.

Jetzt erblickte er die Dame.

Er stürzte auf sie zu, sank zu ihren Füßen nieder, bedeckte ihre Hand mit Küssen und sagte mit bewegter Stimme:

»Endlich, endlich, Gräfin, darf ich in Ihre Nähe! Ach, Lodoisca, was habe ich Ihretwegen gelitten! – Nun aber ist Alles verschmerzt, Alles vergessen, weil ich Sie nur wieder besitze! – Ach, wie wurden Sie gequält, ich habe Stunde für Stunde erfahren, wie man Sie molestirte; ich habe erfahren, wie oft Sie von Unverschämten und Zudringlichen gepeinigt wurden! Sie haben standhaft Jeden zurückgewiesen; nicht wahr, Lodoiska, dies thaten Sie meinetwillen, weil Sie wohl wußten, daß mich der Gram tödten würde, vermöchten Sie Ihre schöne Hand jemand Andern zu reichen als mir? – Es wurde mir von der Polizei aus untersagt, zu Ihnen zu kommen. Ich hätte der Polizei auch gehorcht, wenn Ihnen nicht eine große Gefahr bevorstünde! Ihr Onkel selbst ist mit der Sicherheitsbehörde im Bunde. – Dies mußte ich Ihnen zuflüstern, daher ich der Gefahr Hohn sprach, die mir droht, wenn man mich bei Ihnen entdeckt. Doch kann Alles gut werden, wenn Sie Ihrem bösen Onkel aus dem Wege gehen und fliehen, mit mir fliehen, so weit es möglich. – Ich vermag Ihnen nun ein glückliches Leben anzubieten. – Ich bin nicht mehr der arme Gesangslehrer, als den Sie mich in Warschau kennen lernten; mein Vater hat sich mit meiner Mutter versöhnt, er hat sich auf dem Sterbebette mit Marie Tonaldi vermält, mich als seinen Sohn anerkannt; ich bin Marchese. – Fliehen Sie mit mir zu meiner Mutter nach Venedig und entsagen Sie dem Mammon Ihres Onkels, der Sie, gerade dieses Mammons wegen, seit acht Jahren so unbarmherzig quält! – Lodoisca, Sie haben kein Wort für mich? – Sie schweigen?– Zweifeln Sie an dem was ich Ihnen mittheile? an der Wahrheit meiner Angaben? – Ich kann Sie durch Documente überweisen, daß ich Sie nicht hintergehe. – Lodoiska, bei dem Inhalte dieses Briefes, den Sie mir aus Warschau schrieben, in welchem Sie mir Ihre Zuneigung gestanden, beschwöre ich Sie, geben Sie mir ein Zeichen, daß Sie mir glauben; sprechen Sie nur ein Wort, nennen Sie mich nur bei meinem Taufnamen, und aus dem Ton Ihrer Stimme werde ich erkennen, daß Sie mir noch so gut sind wie einst, oder daß Sie mich verläugnen und ich elend seyn soll für immer!«

Die Dame rang sich aus den Armen des liebenden Jünglings, der sie fest umschlungen hatte, stand auf, befahl ihm durch eine Geberde, daß er sich von dem Teppiche, auf dem er noch immer kniete, erheben möchte, gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, daß er bleiben möge, und verschwand im Alcoven.

»Was ist das?« fragte sich Luigi. »Ist sie stumm? Hat sie ein Gelübde abgelegt, mit mir nicht zu sprechen? Soll ich den Ton ihrer süßen Stimme nicht mehr vernehmen? – Ich darf sie jedoch hier erwarten! – Weshalb nun dieses räthselhafte Verschwinden? Fürchtet sie belauscht zu werden? Was hat sie vor ? – Ich fasse es nicht.«

Luigi betrachtete sich abermals das Gemach.

»Wie sonderbar es hier aussieht! – Kein musikalisches Instrument in diesem Zimmer. – Vielleicht befindet sich nebenan ihr Flügel, ihre Harfe, ihre Guitarre? – Kein Buch in diesem Gemache! – Sie, die sich nie von geistiger Erholung entwöhnte, nie ohne Lectüre auch nur die kürzeste Zeit verweilen mochte. – Sonderbar! – Ich vermag sie nicht zu fassen. – Und dieses Zimmer ohne Spiegel? Lodoiska, die nicht zu leben scheint, wenn sie nicht an jeder Wand das reizende Glas entdeckt, das ihre Gestalt im treuesten Bilde wieder gibt –? – Wer löst mir diese Räthsel?«

Luigi kam bei seinen Betrachtungen dem Alcoven näher.

Der Secretär, der darin verborgen, stand vor ihm.

»Mein Herr,« redete der Secretär den jungen Mann an, »meine Gebieterin, Gräfin Lodoiska, hat Ihr plötzliches Erscheinen in ihrem Hause so bewegt; sie ist von Ihrer unwandelbaren Liebe so ergriffen, daß sie heute, in diesem Augenblicke am wenigsten, im Stande ist, Ihnen zu schildern, was in ihr vorgeht. Es hat sie auch der Edelmuth gerührt, mit welchem Sie, nun selbst reich, so äußerten Sie sich wenigstens, Ihr Vermögen, Ihre Zukunft ihr widmen wollen. Allein sie ist so oft von Männern getäuscht worden –«

»Von Männern getäuscht?« fragte Luigi.

»Nun ja! Ist es nicht Täuschung, wenn man das Treiben so vieler Freier beobachtet, welche nur nach Geld und Schätzen jagen und das beste Herz verschmähen. – Sie setzt also in die Worte eines Mannes so wenig Vertrauen, daß Sie sich erst überzeugen will, ob denn dies auch Alles so wahr sey was Sie angaben, ob sie wirklich über die Veränderung ihrer Lage sich freuen könne. – Sie haben ihr Beweise versprochen, übergeben Sie diese Beweise mir.«

»Mit Vergnügen,« erwiederte Luigi. »Hier eine gerichtlich vidimirte Abschrift des Documents, die Anerkennung meiner Geburtsrechte enthaltend; hier eine gerichtlich vidimirte Abschrift des Testaments meines Vaters; hier die Einwilligung meiner Mutter, daß ich mich mit Gräfin Lodoiska vermälen, und sie als meine Gattin auf unseren Familiensitz Valdagno führen dürfe.«

»Alles hinlänglich belegt!« bemerkte der Secretär. »Nur erlauben Sie mir noch eine Frage: Sind Sie auch im Besitze von barem Gelde, um eine so kostspielige Reise zu unternehmen?«

»Ich besitze hier einen Creditbrief auf das Haus Brentano und Comp. von sechzigtausend Lire, von welchem ich in Wien ein Drittel, in Triest ein Drittel zu erheben vermag.«

»Erlauben Sie mir, diese Documente und den Creditbrief nur für wenige Minuten, um sie meiner Gräfin zu zeigen. Ich bin sogleich wieder hier.«

»Bringen Sie der Gräfin diese Documente. Je schneller Sie sie von der Echtheit meiner Angaben überweisen, desto glücklicher machen Sie mich.«

Der Secretär begab sich mit den genannten Papieren zu seiner Dame.

Es währte kaum fünf Minuten, so kam er damit wieder zurück.

»Gräfin Lodoiska ist entzückt,« meldete er. »Ihre Liebe zu ihr erfreut sie so sehr, daß sie in Ihre Arme sinken würde, vermöchte sie in diesem Augenblicke vor Ihnen zu erscheinen.«

»Wie? – Sie will mich nicht mehr sehen?«

»Jetzt nicht, aber sie will noch diese Nacht mit Ihnen reisen. – Erheben Sie so schnell als möglich die erste Rate Ihres Creditbriefes: sorgen Sie für Pässe und den Reisewagen; lassen Sie Ihren Paß auf Ihren und den Namen Ihrer Gemalin ausstellen.«

»Noch ist sie es ja nicht –«

»Es geschieht, um sie den Verfolgungen ihres Onkels zu entziehen.

»Ich verstehe.«

»Und nun eilen Sie, die Zeit drängt ungemein. Um Mitternacht bestellen Sie die Postcalesche zur Paulanerkirche. Das Gepäcke der Gräfin wird den Wagen nicht sehr erschweren.«

»Und die Dienerschaft? – Ich bemerkte so viele Leute.«

»Für diese sorge ich.«

»Und mit wem reisen Sie?«

»Mit meiner Gräfin und Ihnen, wie es meine Schuldigkeit ist.«

»Ein Lebewohl darf ich meiner Braut doch noch sagen?«

»Nein, nein, Herr Marchese, sie ist zu leidend, Sie dürfen sie jetzt nicht sprechen.«

»Ihre Hand lassen Sie mich küssen.«

»Nein, nein!«

»Ich muß ihr mein Adieu bringen. – Lodoiska! Lodoiska! wo sind Sie?« rief Luigi.

Er suchte vergebens nach der Thür von dem Gemache, in das sich die Dame begeben.

»Stören Sie die Gräfin nicht!« bat der Secretär.

Luigi aber rief immer noch:

»Lodoiska! Lodoiska!«

Endlich erschien die Dame im Alcoven und reichte Luigi die Hand.

Luigi küßte die Hand der Dame, umarmte sie heftig und eilte fort.

Als er von der Dame über die Treppe kam, nahte sich ihm ein Polizeicommissär, ersuchte ihn in einen Fiaker zu steigen und kündigte ihm an, daß er sein Arrestant sei.



Fünfzehntes Capitel.

Als Berthold Spechtmeyer, der Kaufmann, bei seinem Onkel Schikaneder eintrat und ihm die Beute mittheilte, welche er bei der »Dame mit dem Todtenkopfe« gemacht, war dieser ganz außer sich.

»Nicht nur daß Du dieses Geld auf eine Weise, welche ich von Dir nie erwartet hätte, erpreßt hast, so hast Du auch gegen den ausdrücklichen Willen des Commissärs gehandelt. In dem Augenblicke, als Du mich verläßt, wirst Du verhaftet, und Jeder wird verhaftet, der im »wilden Manne« die Verhältnisse der polnischen Gräfin erfahren, die Geschichte des dort begangenen Raubes genau zu schildern weiß und – trotz des Verbotes hieher läuft. – Du hast mir deine Geldverlegenheit geschildert; ich habe mich zu deinem Hauptgläubiger begeben, ihm einen Theil deiner Schuld bezahlt, und für das Uebrige habe ich mich verbürgt. Dein Verkaufsgewölbe wird morgen wieder eröffnet, deine Freiheit wird nicht mehr bedroht, – zu welchen Ende machtest Du also diesen abscheulichen Coup? – die Summe, die Du von der Dame hier im Hause erhalten, darfst Du nicht für Dich verwenden; sie muß der Behörde übergeben werden, was hast Du nun gewonnen?«

»Ich war in Verzweiflung und wußte mir nicht anders zu helfen. Ich habe nicht einen Gläubiger, ich habe deren ein Dutzend, einen immer härter und unerbittlicher als den andern. Wenn meine Gläubiger Geduld haben, bezahle ich alle, nur bis zur Faschingszeit, Geduld – meine Gläubiger wissen es auch, daß mein Geschäft im Carneval florirt, und daß wenn sie mir Frist gönnen, ich sie ehrlich befriedigen kann; weil aber ein solcher Vampyr sein Capital lieber opfert, als seine hirnlose Wuth, mich zu drängen, aufgibt, so kommt es häufig dahin, daß die besten Geschäftsleute stürzen, und dann Gläubiger und Schuldner, die ersteren ihr Geld, die letzteren ihre Mittel die Schulden zu zahlen, verlieren.«

»Du wirst doch nicht Concurs ansagen wollen?«

»Gewiß nicht, aber retten will ich mich. Ich hätte mich auch gerettet, wäre es mir nur gelungen, mit der polnischen Dame sprechen zu können.«

»Wie? Du hast nicht mit ihr gesprochen?«

»Nein, Sie ließ mich nicht vor!«

»Und dennoch hast Du Geld erhalten?«

»Weil ich mich wie ein Verzweifelter geberdete. Ich habe ihre gesammte Dienerschaft in Angst und Schrecken versetzt. Sie sendete mir vorläufig die Summe, um mich nur loszubekommen. Ueberhaupt bemerkte ich –«

»Was bemerktest Du?« fragte Schikaneder höchst gespannt.

»Daß sowohl die Gräfin als ihre Leute in der peinlichsten Lage sein mußten. – Es herrschte in ihrem Vorzimmer eine Verwirrung, ein Hin- und Herlaufen, eine Beängstigung wie vor dem Ausbruche eines Gewitters.«

»O ja, eines schrecklichen Gewitters! Es wird sich bald entladen, es wird sich schrecklich entladen, es wird ihr und ihren Helfershelfern heimkommen wie noch keinem Menschen, welcher von Betrug und Raub lebt. – Diese Dame soll an Wien denken, so lange sie lebt– zum Glück wird sie nicht lange leben!«

»Sie haben mir noch nicht erzält, Onkel, wie Sie von ihr loskamen!«

»Sehr gut, denn ich ging nicht zu ihr. Als sie mich auf eine solche brutale Weise zu sich beschied, und sogar meine Frau ängstigte, als sie Drohungen gegen mich schlenderte, wenn ich sie auf das Theater bringen würde – da wendete ich mich an den Commissär und fragte ihn, was ich beginnen solle, da er mir und Dir doch so decidirt untersagte, mit ihr zu verkehren. Er befahl mir, der schändlichen Person keine Antwort zu geben, keinen Schritt zu ihr zu machen, und sollte sie mir hundert Briefe senden, sie alle unerbrochen zurückzugeben – ja, jedem ihrer Abgesandten möchte ich durch meine Leute die Thür weisen lassen. Die Dame machte viele Versuche; ich wußte jedem auszuweichen. Zuletzt nahm sie zur »Klepperpost« ihre Zuflucht. Hier liegt noch ein Brief von ihr unerbrochen. – Stelle Dir vor, sie hat sich ein eigenes Petschaft »mit einem Todtenkopfe« stechen lassen, mit diesem ist ihr Brief gesiegelt!«

»Brechen Sie den Brief auf, Onkel! Es wäre doch interessant zu erfahren, was sie schreibt –«

»Um keinen Preis! diesen Brief erhält der Commissär.«

»Da die Dame verdächtig ist, so kann ich nicht begreifen, weshalb die Polizei sie so lange gewähren läßt.«

»Weil die Polizei eine ganze Bande zu verhaften hat; wäre sie dieser schon gewiß, die Madame da droben säße schon lange unter Schloß und Riegel. Und nun, lieber Neffe, schreibe hier nieder, was Du mir erzählt hast. Gib an, und bekräftige deine Angabe mit der Angelobung eines Eides, daß Du diese Frau nicht gesprochen; schließe die erhaltene Summe in Gold deinem Schreiben bei. Ich übersende Alles dem Commissär und glaube überzeugt zu sein, daß Du dann nicht verhaftet wirst.«

»Mein Gott! mein Gott! Wenn ich diese tausend Ducaten, die ich mir so mühsam verschafft, der Sicherheitsbehörde übergeben muß, so droht mir eine Verhaftung von anderer Seite.«

»Ich würde Dich gerne von allen deinen Schulden befreien, aber jetzt bin ich selbst nicht bei Cassa. – Ich kann Zitterbarth nicht immer um Geld kommen; die Erbauung des neuen Theaters an der Wien kostet ein enormes Geld; auch habe ich mich anheischig gemacht, die äußerst kostspieligen Decorationen zum zweiten Theil der »Zauberflöte,« »das Labyrinth« mit Musik von Winter – Decorationen und Costumes kommen über 12,000 fl. zu stehen,– aus meinen Mitteln zu bestreiten; dies erschöpft meine Fonds; doch will ich Dich meinem Advocaten, dem Doctor Vincenz Meyer, empfehlen; das ist ein Ehrenmann, der wird deine Gläubiger kommen lassen und sie zu Terminen bewegen. – So wollen wir es machen, und jetzt setze Dich dort hin und schreibe deine Anzeige, das unrecht erworbene Gut würde Dich sonst auf der Seele brennen.«

Spechtmeyer setzte sich an den Schreibtisch und verfaßte seine Anzeige.

Mittlerweile ließ sich Perinet ansagen. Er kam mit einem Manuscripte zu Schikaneder.

»Herr Director,« redete Perinet Schikaneder an, »ich bin mit dem Texte zu der Oper »Orion« fertig. Ich bringe ihn hier. Wenn Sie so viele Zeit gewinnen, ihn zu lesen, so erfreuen Sie mich. Uebergeben Sie meine Arbeit nur nicht Ihrem Secretär, Sie wissen ja selbst, dieser Secretär war einmal Schreiber bei einem Oelhändler und versteht den Teufel von einem Opernsujet. Dem Compositeur habe ich reichliche Gelegenheit geboten. Es sind achtundzwanzig Nummern darin.«

»Was fällt Ihnen ein! achtundzwanzig Nummern, das sind ja um sechs Nummern mehr als im »Stein der Weisen.«

»Streichen Sie weg, was Ihnen gefällig ist.«

»Dann ist es Schade um die Mühe, die Sie sich genommen – die vielen Verse.«

»An Versen habe ich nie Mangel, nur wenn Sie mir Prosa streichen, müßte ich weinen; Sie wissen, ich schreibe immer in Versen, ich schreibe alle meine Briefe in Versen; ich bitte um Vorschüsse in Versen, ich bekenne, daß ich die Vorschüsse nie zurückbezahlen könne, in Versen; ich schreibe an meine Gläubiger in Versen, ja ich schreibe sogar in Versen an den Magistrat; ich bin um die Leihbibliothek in Versen eingekommen, welche mir zum Glück in Prosa bewilligt wurde.«

»Eine schöne Leihbibliothek!« lachte Schikaneder, »welche aus vierzig Bänden besteht – und nicht ein neues Buch enthält!«

»Wird jetzt ungemein vermehrt! Sie leihen mir Ihre sämmtlichen theatralischen Werke; Buchhändler Doll leiht mir seine neuesten Romane, Gerold seine Reisebeschreibungen, Schrämbl seine deutschen Classiker und der alte Binz seine wissenschaftlichen Sammlungen.«

»Die Buchhändler müssen Ihnen diese Bücher leihen?«

»Versteht sich! Darum heißt sie Leihbibliothek! Ich leihe die Bücher wieder Anderen, diese natürlich müssen dafür bezahlen, und so ist mir und meinen Lesern geholfen. Von der »Landbibliothek,« die bei Panligenius, von den »Plaifanterien« und »Legenden,« welche bei Oehler erschienen, habe ich bereits Alles; jetzt bekomme ich den Kotzebue, Original -Nachdruck bei Kurzböck und die Hoftheaterstücke, Wien, zu haben beim Logenmeister; Summa Summarum tausendsechshundert Piecen zu leihen, daran hat das Publicum im »Freihause« zwei Jahre zu lesen; indessen werden meine sämmtlichen Werke edirt, Poesien: 118 Bände, Prosa: 42, Theaterstücke: 26, Knittelreime: 208 Bände, diese leihe ich mir selbst. Nicht Schalbacher hat eine größere Bibliothek als ich!«

»Und was bezahlt der Leser täglich?«

»An Wochentagen 1 kr, an Sonntagen 2 kr. – Wer augenblicklich für ein ganzes Jahr bezahlt, kann für 5 fl. lesen was er will. Der Einsatz für ein Buch ist 2fl. – Es wird aber jeder Abonnent gebeten, das ausgeliehene Buch nicht zurückzustellen. Zwei Gulden für jedes Buch gibt ein immenses Geschäft! – Darf ich Sie bitten, Herr Director, sogleich 7 fl. zu erlegen, als Unterstützer, Beförderer und Protector des Instituts; ich trage Sie sodann in mein Protokoll mit großen Buchstaben ein.«

»Gut!« sagte Schikaneder, »hier sind 5 fl. für ein Jahr und 2 fl. Einsatz«

»Edler Mäcen!« rief Perinet. »Wie dankbar bin ich Ihnen! Heute noch erhalten Sie 200 Lobgedichte. Zugleich bitte ich, mir für den »Oberon« mein Honorar auszuzahlen. Eine Oper in drei Acten, jeder Act accordirter Maßen 3 fl., macht für 3 Acte: 9 fl. – Wenn mir dieses Honorar noch heute ausbezahlt wird, speise ich mit Demoiselle Kilzer, der lieblichen Soubrette, morgen im Prater und trinke die Gesundheit meines Principals, bis ich und die Kilzer unterm Tische liegen.«

Schikaneder mußte über Perinet lachen.

Er bezahlte das Honorar.

(Nebenbei muß bemerkt werden, daß diese ganze Scene wahr ist, und daß sie Perinet in seinem Theateralmanach (Wien 1800 bei Löschenkohl erschienen) selbst mittheilte. Auch die Angabe des Honorars von 3 fl. für den Act eines Theaterstückes ist wahr. Von Hensler erhielt Perinet für eine Parodie, welche den ganzen Abend spielte, nur 7 fl. und für das Singspiel: »Liebe macht kurzen Proceß,« oder »die Heirat auf eine gewisse Art« in drei Acten: 5 fl. 30 kr.)

Als Perinet Schikaneder's Neffen schreiben sah, fragte er den Director:

»Wahrscheinlich ein neuer Theaterdichter? von dem aber kein Stück zu erhaschen ist, wenn er nicht bei dem Director in seinem Zimmer zum Schreiben verhalten wird.«

»Nein, nein, kein Dichter; mein Neffe, der Kaufmann zur »blauen Flasche.«

»Der mit dem »Todtenkopf« das Abenteuer gehabt?«

»Derselbe.«

»Ich bitte um ein Freibillet, Herr Director, damit ich Dero Herrn Neffen gratis betrachten könne! – Das wäre ein Fang für mein Benefice! – Wenn ich annonciren dürfte: »Der Bräutigam des Todtenkopfes wird in einer Loge der Vorstellung beiwohnen.«

»Machen Sie keine Späße!«

»Warum nicht! das könnte dem Theater nur nützen, doch Sie schreiben ja selbst ein Stück: »Die Dame mit dem Todtenkopfe;« da möchte ich nicht vorgreifen. Die Geschichte dieser Dame wird immer verwickelter. Wenn Sie, Herr Director, nur den dritten Theil von den Anecdoten anbringen, welche in Wien über diese Dame circuliren, so spielt Ihr Stück von Weihnachten bis Pfingsten! – Marinelli im Kasperltheater bringt ebenfalls eine »Dame mit dem Todtenkopfe;« Eberl schreibt Tag und Nacht an dieser Posse! – Zwei Damen mit zwei Todtenköpfen in Wien, das wird völlig schauerlich werden!«



Sechzehntes Capitel.

Als Spechtmeyer seine Anzeige geschrieben hatte, las er sie seinem Onkel vor. Schikaneder war damit zufrieden. Er legte die tausend Ducaten bei; rief den Theaterdiener Hurt, dessen Verläßlichkeit er oft erprobt hatte, dessen Haß er gegen die Dame im Freihause und ihre Dienerschaft kannte, und trug Hurt auf, Schreiben und Geld dem betreffenden Polizeicommissär ungesäumt zu überbringen.

»Du wartest,« befahl Schikaneder, »bis der Commissär die Anzeige zu Ende gelesen hat; bittest dann um eine Empfangsbestätigung über die hier mitfolgenden tausend Ducaten, dann um einen schriftlichen Bescheid auf die Bitte, welche mein Neffe an den Commissär richtete. – Du meldest ferner, daß mein Neffe sich bei mir befinde und nicht eher mein Haus verlasse, bis er hiezu von dem Herrn Commissär die Erlaubniß erhalten.«

»Mache deine Sache gut, Hurt,« setzte Schikaneder bei, »Du bist ja in allen Dingen ein exacter Mensch; Du wirst Dich als solcher auch hier bewähren.«

Hurt eilte den erhaltenen Auftrag zu vollziehen.

»Mein lieber Neffe,« sagte jetzt Schikaneder zu Spechtmeyer, »Du hast nun auf eine oder zwei Stunden bei mir Hausarrest. Ich darf Dich nicht eher, als bis Antwort kommt, fortlassen; die Zeit soll Dir jedoch nicht lange werden, Du bleibst bei mir beim Souper. Ich habe einen Theil meiner Gesellschaft eingeladen. – Kotzebue besucht heute mein Theater. – Wie Du weißt, ist Kotzebue als Theaterdichter und Dramaturg am Hoftheater engagirt. Es werden die »Postknechte,« Posse aus meiner Feder, gegeben. Kotzebue hat einen Sperrsitz im Parterre, und jedes Wort, das er über mein Stück äußert, wird mir wieder gesagt. Ich habe den Pfarrer der »Paulaner« neben ihn postirt; der zieht ihn in ein Gespräch und rapportirt mir dann, wie der berühmte Dichter sich ausspricht. – Kotzebue wird wohl in der »Wiener-Zeitung« nichts über meine Posse verlauten lassen, da ihm ein Vorstadttheater viel zu gering für seine Kritik erscheint; er zerfleischt lieber die Dichter des Hofburgtheaters und seine Schauspieler; aber mündlich wird er mein Stück lästern und thut er dies, dann lasse ich ihn durch Perinet lächerlich machen.«

»Wenn er Sie aber lobt, Onkel –«

»Dann lade ich ihn zum Speisen ein und Perinet muß, ihn zu ehren, ein Carmen dichten, das ich öffentlich vortragen lasse. – Lieber Neffe, Du wirst Dich gewiß heute unterhalten. – Das Theater wird augenblicklich zu Ende seyn. – Meine Gäste sind der Pfarrer der Paulanerkirche; die berühmte Sängerin Campi, geborne Michalowiez, eine Polin, welche bei mir als Königin der Nacht auftreten wird, und die ich für das neue Theater an der Wien engagirt habe, dann die Demoisellen Sommer und Wipfel, die Schauspieler Winter, Neukäufler, Gisecke, Kettner, Schallmann und Kurzböck, dann der Tenorist Hiller und der Hofcapellmeister Süßmeyer. Es soll ein recht vergnügter Abend werden.«

Es währte nicht lange, so rollten Equipagen und Miethwagen mit großem Geräusch durch den großen Hof des Freihauses, in welchem Schikaneder wohnte.

»Jetzt ist die Komödie zu Ende!« bemerkte Schikaneder; »meine Gäste werden sogleich eintreten. Ich kann den Pfarrer nicht erwarten und das Urtheil, das Kotzebue über mein Stück gefällt hat.«

Der Pfarrer trat mit Gisecke ein.

Schikaneder ging ihm entgegen.

»Nun, was bringst Du, alter Freund, Leben oder Tod?«

»Leben, viel Leben!« antwortete der Pfarrer. »Kotzebue hat sich sehr gut unterhalten. Er hat viel gelacht, besonders über deine beiden Komiker, und als ich wie zufällig bemerkte: die Situationen im Posthause, die Scenen zwischen der Postmeisterstochter und ihrem heimlichen Liebhaber seyn an sich schon drollig, da erwiederte Kotzebue: »Sehr drollig sind sie; Schikaneder kennt das Theater durch und durch, und weiß was Effect macht; seine Charaktere sind richtig gezeichnet, nur ist sein Dialog –«

»Weiter, weiter, stocke nicht; was ist mein Dialog –«

»Besonders wenn er ernst seyn soll,« fuhr Kotzebue fort, »oft widersinnig und undeutsch.«

»Der dumme Sachse, was versteht der!« versetzte Schikaneder.

»Kotzebue lobte deine heitern Einfälle, die er manchmal nur zu derb fand. Endlich nannte er Dich einen ungeschliffenen Diamant.«

»Also keinen böhmischen Stein?«

»In den Actschlüssen, sagte er, wärst Du ganz originell.

»Nun, es ist doch nicht so übel, was er gesagt hat! Ich werde ihm eine Visite machen, und zu meinem besten Stücke »der redliche Landmann,« eine Loge senden.«

»Den »redlichen Landmann« hat er schon gesehen.«

»Hat er ihm ebenfalls gefallen?«

»Nicht so sehr wie die »Postknechte.«

»Dann ist er ein Esel!«

»Es sind ihm zu viele verbrauchte Coups darin.«

»Verbrauchte Coups? Nun wird er nicht zu mir eingeladen!«

»Dafür aber lobte er Dich als Schauspieler; Du spieltest mit großer Natur und Wahrheit, sagte er.«

»Ich werde ihn doch einladen.«

»Lade ihn immerhin ein! Kotzebue ist dein Feind nicht, gegen die Broschüren von Schwaldoppler hat er sich heftig ausgesprochen und Vulpius, der für Weimar deinen Text zur »Zauberflöte« umschrieb und andere Verse machte, hat Kotzebue einen Narren genannt, der nichts von Musik verstehe, da der Text von Vulpius von den Sängern gar nicht zu singen sey.«

»So urtheilte Kotzebue?«

»Ich hörte es selbst,« bestätigte Gisecke, »ich saß hinter ihm!«

»Ich bin glücklich!« rief Schikaneder. »Ich besuche diesen geistvollen Mann schon morgen mit Tagesanbruch, und danke ihm. Heute aber soll der Champagner zu wenig werden, zu Ehren des großen Dichters Kotzebue.«

Die übrigen geladenen Gäste fanden sich ein.

Madame Campi wurde mit großer Auszeichnung empfangen.

Der Tenorist Hiller führte sie am Arme in den Saal.

In eine ausführliche Conversation in deutscher Sprache vermochte man Madame Campi nicht zu ziehen, da sie zu jener Zeit diese Sprache noch radebrechte und nur polnisch und italienisch sprach. Sie fühlte auch sehr gut, daß ihr die Mittel fehlten, eine Gesellschaft auf andere Weise, als durch ihren Gesang zu unterhalten, und ersuchte deshalb noch vor dem Souper singen zu dürfen, weil nach einer Mahlzeit sie immer indisponirt sey.

Schikaneder setzte sich ans Clavier.

Madame Campi wünschte die große Arie der Königin der Nacht vortragen zu dürfen, welches Schikaneder und seine Gäste mit Acclamation annahmen.

Madame Campi sang diese Arie. Wie sie darin reussirte, wissen Wien, Prag und München. Madame Campi war, als sie selbst in späterer Zeit in München auf der Bühne erschien, damals schon sechzig Jahre alt, aber noch immer ausgezeichnet. Es gibt vielleicht in Deutschland noch keine Sängerin, welche als »Königin der Nacht« oder als »Donna Anna« mit ihr in die Schranken zu treten vermocht hätte.

Die Gesellschaft brachte ihr die lautesten Huldigungen dar.

»Es ist nur zu beklagen!« sagte Schikaneder, »daß Freund Süßmeyer noch nicht hier ist. Sein Dienst im Hofoperntheater nimmt ihn gar zu sehr in Anspruch. Heute haben sie wieder seine Oper »Soliman II.« oder »die drei Sultaninnen« aufführen müssen. Bis er nun nicht die »drei Sultaninnen« nach Hause begleitet hat, von welchen die eine in der Kumpfgasse, die andere auf dem Hofe, die dritte in der Jägerzeile wohnt, kommt er nicht zu uns.«

Der Bediente meldete, daß aufgetragen sey.

Schikaneder reichte der Madame Campi, Winter der Demoiselle Sommer, Gisecke der Demoiselle Wipfel den Arm.

Man ging in den Speisesaal.

Man setzte sich zur Tafel.

Doch hatte man sich kaum fünf Minuten am Souper betheiligt, so erschien der Bediente Schikaneder's und sprach leise mit ihm.

Schikaneder bat die Gesellschaft um Entschuldigung, daß er sich für einige Augenblicke entfernen müsse.

Er ging in sein Vorzimmer, trat hierauf aber bald wieder in den Speisesaal.

»Freue Dich, Neffe,« rief Schikaneder diesem zu. »Mein Rath hat gute Früchte getragen. Der Commissär hat Dir dein unbesonnenes Betragen verziehen.«

Hierauf erzählte Schikaneder seinen Gästen die Abenteuer seines Neffen mit der Dame, genannt der »Todtenkopf.«

»Ich kenne dies Dam' sehr gut von Krakau,« sagte Madame Campi. Sie sein mein Landsmann. – Ich sang mit ihr in der Panna-Mary-Kirche. Sie sang wie Mara. – Sie sein von Unglück. – Sie sein enorm viel Vermögen. Sie sein sehr edel, aber sie sein Feindin von jedem Mann, und will heiraten weil müssen. Sie sein häufig in Thränen. Sie sein zu bedauern sehr.«

»Sie wohnt hier im Hause,« bemerkte Fräulein Wipfel.

»Hier im Hause sie sein?« – O ich sie besuch – morgen – sie sein gewiß vergnügt, wenn sie mich seh. – Dies Armband sie sein ein Douceur von ihr.«

Schikaneder mischte sich in dieses Gespräch nicht und bereute, von der unbekannten Dame gesprochen zu haben.

Madame Campi fuhr fort:

»Herr Director, Sie sein gewiß in dem Hause der Gräfin Lodoiska Wolzanitzka sehr bekannt; o, Sie sein so gut und führ' mich morgen zu ihr!«

Capellmeister Süßmeyer erschien endlich im Speisesaal.

»Ich bitte um Verzeihung, daß ich so spät komme,« sagte er.

»Sind deine »drei Sultaninnen« bereits schlafen gegangen?« fragte Schikaneder. »Für einen solchen Dienst würde ich mich bedanken, der mich noch nach dem Theater eine Stunde aufhält.«

»Ich bin schon vor zehn Uhr an den Pforten des Freihauses gewesen,« berichtete Süßmeyer, »aber vergebens habe ich Einlaß verlangt. Die Hausmeister des Fürsten von Starhemberg hatten den Auftrag, keines der großen und kleinen Thore zu öffnen und wenn selbst Feuer ausbrechen sollte.«

»Was faselst Du da?«

»Keine Faselei! Wahrheit! Alle Thore sind besetzt. Es sind mehr Polizeimänner in und außer dem Hause, als ich je auf einem Flecke beisammen gesehen habe. Niemand darf aus noch ein. – Es wird eine große Arretirung vorgenommen. Eine ganze Bande von Gaunern hat sich hier eingenistet. – In diesem Hofe müssen sie stecken! Vergebens stellte ich vor, daß ich von Director Schikaneder geladen sei. Man möge mir eine Wache mitgeben, die sich überzeugen könne, wohin ich gehe. – Es half nichts. Ich wurde nicht eingelassen. – Endlich kam der Polizeicommissär Schmutki. Dieser erkannte mich und ließ mich passiren. – Nun thürmten sich neue Hindernisse. – Diese Stiege sollte ich um keinen Preis betreten. – Ich bat den Commissär Schmutki abermals zu rufen. Er kam und führte mich hieher. Sage mir doch, Emanuel, was für eine Räuberbande hat sich hier verborgen?«

Der Bediente Schikaneder's trat bestürzt ein.

»Der Schauspieler Helmböck ist im Vorzimmer,« meldet der Diener. »Er bittet den Herrn Director um Gottes willen, daß er ihn retten möge. Helmböck hat vor ungefähr zwei Stunden über die andere Stiege seiner Wohnung die polnische Dame und ihr Gefolge entwischen lassen. Durch den Laden des Friseurs flüchteten sie aus dem Hause.«

»Das ist schrecklich!« sagte Schikaneder. Er stand von der Tafel auf und eilte zu dem Commissär, der im Vorzimmer mit Helmböck weilte.



Siebzehntes Capitel.

Vergebens war die Verwendung für den Schauspieler Helmböck, umsonst die Versicherung, daß dieser ein braver Mann sei, und gewiß nicht die Absicht gehabt habe, verdächtige Leute dem Arme der Gerechtigkeit zu entziehen; – Helmböck wurde festgenommen, und konnte noch von Glück sprechen, daß man nicht auch seine Gattin eingezogen. Seine Gattin hätte es aber verdient. Sie war es, welche ihre Ohren überall hatte, welche Alles, was sie von ihrem Manne und Andern Nachtheiliges gegen die Dame erfuhr, derselben wieder sagte, ihr Rapport über das, was die Polizei vornahm, hinterbrachte, die Dame warnte und sie zur Flucht beredete, auch ihr den Ausweg, durch den Laden des Friseurs, der in der entgegengesetzten Seite des Freihauses, gegen die sogenannte Schleifmühlgasse lag, verschaffte.

Als man ihren Gatten arretirte, da sah sie freilich die Folgen ihres Leichtsinns ein, doch jetzt ein reumüthiges Bekenntniß zu machen, hütete sie sich wohl. Sie hätte das viele Geld, das sie für ihren Verrath von der Dame erhalten, zurückgeben müssen und das wäre ihr unmöglich gewesen; erstens hatte sie dieses Theils schon verbraucht und ihrem Geliebten, dem Schauspieler Reis, an den Hals geworfen, theils bewahrt, um sich desto leichter von ihrem Mann, den sie haßte, trennen zu können, dann hätte sie die Aussicht auf größere Summen, die ihr verheißen wurden, verloren. Sie mußte sich nemlich anheischig machen, in immerwährendem Rapport mit dem Secretär zu bleiben, ihm zu berichten, welche weiteren Schritte zur Verfolgung der Gaunerbande gemacht wurden, das sie auch gelobte.

Die Dame war also entflohen, und wie der Friseur aussagte, allein, eben so entflohen einzeln der Secretär und die Mohren. – Da der Friseur an der Dame keinen Todtenkopf bemerkte, sondern ein sehr schönes, volles, rundes Gesicht, auch keinen Mohren unter den Flüchtlingen sah, so nahm er keinen Anstand diese Menschen als unverdächtig entschlüpfen zu lassen – Auf welche Weise der Secretär geflohen, wußte er nicht anzugeben, durch seinen Laden, versicherte er, sei er nicht entkommen.

Es war daher sehr schwer, dieser Bande auf die Spar zu kommen. Man hatte sie nur in Masken bemerkt; wie sie eigentlich aussahen, wußte Niemand, und jede Beschreibung von ihnen wäre unnütz gewesen.

Schikaneder war über diese neue Wendung der »Todtenkopfgeschichte« untröstlich. – Schon zweimal hatte er sein Stück geändert, nun erwartete dasselbe wieder einen andern Ausgang und vielleicht in weite Ferne gerückt. Er wußte nicht was er anfangen solle.

Da kam eines Tages der Pfarrer der Paulaner zu Schikaneder.

Es war dies derselbe Pfarrer, von welchem es hieß, daß er die Stücke, welche unter Schikaneder's Namen aufgeführt wurden, schreibe, namentlich aber den Text der Oper »die Zauberflöte« verfaßt habe, dem man in den »Neunziger« Jahren in Wien einen außerordentlich tiefen Sinn unterlegte, und sogar in Flugblättern beweisen wollte, daß »Sarastro und seine Priester« nichts anderes als Freimaurer wären, und Tamino, als er durch Feuer und Wasser marschiren muß, eine »Freimaurerprobe« zu bestehen habe!«

Eine solche sublime Idee, meinten die Weisen Wiens, könne auf Schikaneder's Acker unmöglich gewachsen sein; ein Anderer müsse dieses geistvolle Gedicht, worin zum Beispiele vorkommt:


»Sarastro weilet hier!
Dies ist mir schon genug!«


geschaffen haben; aber welcher Riesengeist aus Schikaneder's Umgebung?


»Perinet? Gisecke? Richter?
Dies waren ja drei Possendichter!«


Da schrieb Eberl seinen »Commentar« zur »Zauberflöte« und nannte als den eigentlichen Verfasser Thomas Peter Wimmer, den Pfarrer bei den heiligen Schutzengeln auf der Wieden (Paulanern), und noch heute gibt es Leute, welche dies glauben.

Vergebens ließ Schikaneder eine Erklärung um die andere drucken, vergebens bezeugte Mozart, was dieser auch am besten wissen konnte, daß nur Schikaneder der Verfasser sei!

Schikaneder, Mozart und Wimmer sind alle drei Freimaurer, hieß es, und stecken alle unter einer Decke!

Also dieser Pfarrer Wimmer kam eines Tages zu seinem Freunde Schikaneder, und brachte ihm die Neuigkeit, daß der Pfarrer von Mariahilf bei ihm gewesen, und ihm mitgetheilt habe, die Dame mit dem Todtenkopfe im Freihause sei nicht die echte Dame mit dem Todtenkopfe, sondern eine Betrügerin, und die echte sei wieder in den Gasthof »zum wilden Mann« eingekehrt, wo sie jedoch ganz zurückgezogen lebe, keine Besuche annehme, nicht mehr ans Freien denke, blos mit ihrem alten Onkel zusammen sei und vor Jedermann verläugnet würde.

»Freund Pfarrer,« erwiederte Schikaneder, »das wußte ich schon längst, aber ich mußte geloben zu schweigen. Ich selbst sprach mit ihr, sie sang mir ein polnisches Lied vor, ich küßte ihr die Hand, ja sogar den Arm, aber man glaubte mir nicht, und ich war beglückt, daß man mir nicht glaubte, weil ich schon zu viel geplaudert hatte. – Nun aber spricht der Pfarrer von Mariahilf davon, Du sprichst davon, die Gaunerin welche ihre Gestalt annahm, ist entwischt, es gibt nun kein Geheimniß mehr.«

»Doch, doch,« versetzte Wimmer, »und zwar das Geheimniß, daß der echte Todtenkopf wieder in Wien ist und um keine Welt bekannt geben will, daß diese Jammergestalt hier weile. – Ihre Absicht würde vereitelt, ihr Plan durchkreuzt: von ihrer Verheiratung ist nicht mehr die Rede, sie hätte beinahe das Leben verloren durch ruchlose Menschen; sie reiset deshalb mit ihrem Onkel auf seine Güter zurück, seinem Zorne sich überlassend, und wäre vielleicht schon abgereist, wenn die Gauner, zu deren Criminalproceß ihre Gegenwart nöthig ist, nicht mittlerweile entflohen wären.«

»Und der Onkel wird ihr nie verzeihen?«

»Nie. Die einzige Bedingung wäre, daß sie den Grafen Stowinski, in Wien bekannt unter dem Namen der »blasse Graf«, ihre Hand reiche; aber lieber will sie sterben, als diesem Manne angehören, dem sie all den Jammer, der sie seit ihrem sechzehnten Jahre betroffen hat, zuschreibt.«

»Da ist es dann vorbei mit meinem Stücke.«

»Ei, denke doch nicht immer an dein Stück! Eine so traurige Geschichte paßt nicht für die Bühne, und ein beruhigender Schluß ist für ein solches Stück nicht abzusehen, so lange der alte Graf Wolzanitzki lebt.«

»Ich bring ihn um.«

»Wie?«

»Ich bring ihn um, den Kerl! dann wird die Geschichte gleich gut ausgehen.«

»Faselst Du?«

»Keine Faselei! Ich laß ihn aber nicht durch Gift, Dolch oder eine Kugel sterben, nein – großartig laß ich ihn enden, von den Furien des Gewissens gepeitscht, im Wahnsinne laß ich ihn sterben.«

»Ja so – im Theaterstücke!«

»Versteht sich, meinethalben kann er leben, so lange er will, aber Gewissensfolter wird doch endlich seinen Tod herbeiführen. Ein solches Ungeheuer kann nicht auf anderem Wege zu Grunde gehen.«

Der Schauspieler Reif ließ sich melden.

»Du hast Geschäfte! Ich verlasse Dich, bitte Dich noch einmal, kein Wort über die echte Gräfin zu sprechen.«

»Wenn ich das wollte, wüßte ich noch weit mehr zu erzählen als Du; – ich bin noch tiefer in die Sache eingeweiht worden, aber ich habe bisher das »Schloß des Papageno« vor dem Munde gehabt, ich werde es auch nur ablegen, wenn die Polizei und der alte Graf es erlauben.«

»Der alte Graf, den Du umbringen willst in deinem Stücke?«

»Derselbe. Er ist zwar ein schlechter, unbarmherziger Patron, aber ich habe ihm zugesagt, nichts zu verrathen; man muß manchmal selbst dem Teufel Wort halten.«

»Ist er ein Teufel, dispensire ich Dich davon.«

»Es ist kein Teufel, der mich holen kann, aber er kann jemand Anderen holen, und das wäre mir höchst unangenehm!«

»Laß nun den Schauspieler Reif eintreten.«

»Ja richtig!«

»Ich gehe.«

»Bleibe. Dieser Herr Reif ist auch ein Teufel! – Dieser Kerl hat seit Kurzem sehr viel Geld und chicanirt mich wo er kann. Er legt es darauf an, daß ich ihn seines Contractes entlasse, dies aber vermag ich nicht; er ist fast in allen Stücken beschäftigt, ist beliebt und ich habe keinen Andern für ihn.«

»Vielleicht will er Zulage?«

»Gott bewahr! Der Patron gibt mehr Geld aus als ich; er hat vielleicht auch mehr.«

Der Bediente trat ein.

»Herr Reif läßt den Herrn Director fragen, ob er vorkommen könne oder nicht?«

»Er soll kommen.«

Herr Reif trat ganz brüsk ein.

»Herr Schikaneder,« sagte er, »die Kluft zwischen uns öffnet sich täglich weiter.«

»Eine Kluft zwischen uns? – Wie soll ich dies verstehen?«

»Wie Sie es verstehen sollen? – Sie werden doch wohl seit einiger Zeit bemerkt haben, daß ich höchst ungern in Ihrem Engagement verweile?«

»So? – Ich bemerkte es nicht.«

»Ich kam zu Proben absichtlich später, memorirte schlechter.«

»Ich bemerkte es wirklich nicht.«

»So werde ich dann noch später zu den Proben kommen, noch schlechter memoriren.«

»Wenn es der Regisseur duldet und das Publicum Sie nicht auspfeift, mir recht!«

»Ihnen recht?«

»Ganz gewiß! – Aber der Regisseur wird Sie strafen, Sie werden Gagenabzüge haben.«

»An der Gage liegt mir nichts. Sie können sie ganz ersparen. Entlassen Sie mich.«

»Sie haben noch zwei Jahre Contract.«

»Ich kaufe Ihnen diese zwei Contractjahre ab.«

»Ei der tausend! – Was ist Ihnen denn geschehen, das Ihnen das Engagement bei meiner Bühne gar so lästig macht?«

»Um es gerade herauszusagen, die Behandlung meiner Schwester.«

»Was lege ich ihr in den Weg?«

»Sie geben ihr keine Rollen.«

»Sie ist eine zu große Anfängerin.«

»Immerhin! aber sie ist schön, wenigstens sagt es alle Welt!«

»Ihre Schwester ist schön, sie ist aber auch brav und unbescholten und ich will sie in keinen üblen Ruf bringen.«

»Wie wäre dies möglich?«

»Die böse Welt sagt mir nach, die hübschen Frauenzimmer hätten vor mir nicht Ruhe! Stelle ich Ihre Schwester, bei ihrer positiven Talentlosigkeit – welche Sie selbst zugeben müssen – für erste Rollen an, dann sagt die böse Welt: »Schikaneder hat schon wieder eine neue Geliebte!« Dies schadet Ihrer Schwester! Ich mag wohl manche Favoritin bei meinem Theater besitzen, aber den Ruf einer Tugend habe ich nie untergraben! – Dies ist es auch nicht, was Sie unwillig macht, sondern Madame Helmböck ist es, welche Sie durchaus engagirt wünschen. Ich habe es Ihrem Gatten abgeschlagen, ich muß es Ihnen als Liebhaber abschlagen. Madame Helmböck hat noch weniger Talent als Ihre Schwester.«

»Wie kommt es, Herr Schikaneder,« fragte Reif, »daß Sie Frau Helmböck als meine Geliebte bezeichnen?«

»Weil Sie sie selbst als diese annoncirten. Man sieht Sie nur mit ihr auf allen Spazirgängen, an allen öffentlichen Orten. Neulich als ich meinen Schauspielern, an meinem Geburtstage, ein Diner bei Jahn im Augarten gab, ließen Sie sich entschuldigen, daran nicht Theil nehmen zu können, erschienen aber im Augarten mit Madame Helmböck an einem Nebentische. Sie kränkten den Gatten Ihrer Schönen, der in meiner Gesellschaft war, und beleidigten mich, der ich Sie zu meiner Tafel geladen hatte.«

»Ich fand, daß Madame Helmböck am meisten gekränkt wurde, denn sie ward von Ihnen bei dem Festessen ausgeschlossen.«

»Ich bewirthete nur meine Mitglieder. – Nun können Sie aber ungenirt mit dieser Frau diniren, denn ihr armer Mann wird wohl sobald nicht frei werden. – Rührt denn Madame Helmböck nicht das traurige Schicksal ihres Gatten?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wenn sie ihn auch nicht liebt, so könnte sie ihn doch wenigstens bedauern.«

»Das thut sie gewiß, aber weinen wird sie nicht um ihn. Als er sie heiratete, hat er sie betrogen. Er versprach ihr, ihr ein Engagement bei Ihnen zu verschaffen; er that es nicht.«

»Und darum haßt sie ihn? – Machen Sie mir doch nichts weiß! – Wenn Madame Helmböck sich mit ihrer schönen Gestalt hätte auf dem Theater zeigen können, würde ihr Mann noch ganz andere Hörner erhalten haben. Sie wollte Schauspielerin sein, um gesehen zu werden. Der reiche Bojar aus der Moldau, der täglich unser Theater besucht, war ihr Magnet. – Die Damen, welche dem »Spiegel von Arcadien« so viel Lustre verschafften, hatte er der Reihe nach für sein Serail erkoren. Sie glaubte ebenfalls einen Platz darin zu finden, denn Madame Helmböck bedarf großer Summen für ihre Toilette und der Nabob sollte diese Summe bieten.«

»Auch ohne den Bojaren sind ihre Bedürfnisse gedeckt.«

»Ich habe mich nicht in Privatangelegenheiten zu mengen. Es scheint, daß nun Sie es sind, dem bedeutende Summen zu Gebote stehen.«

»Ich habe eine Erbschaft gemacht. Dies setzt mich in die günstige Lage, Ihnen den Rest meiner Contractjahre abzukaufen. Ich biete Ihnen zweihundert russische Imperiale und erlege sie Ihnen sogleich.«

Reif legte zwei Rollen Goldstücke auf den Schreibtisch des Directors, brach die Goldrollen auf und leerte den Inhalt aus.

»Damit hoffe ich Sie für meinen Verlust zu entschädigen,« sagte er. »Sehen Sie diese glänzenden Münzen! So glänzt mein Talent nicht wie dieses Gold.«

Schikaneder betrachtete die Goldmünzen.

Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke, woher diese Imperiale gekommen. Er faßte sich und erwiederte:

»Allerdings lockend! Aber noch immer keine Entschädigung für einen Mann, dessen plötzlicher Austritt mein Repertoir wesentlich stören würde. Da Sie nun die Mittel besitzen, mich zu entschädigen, so müssen Sie mir wenigstens die doppelte Summe entrichten.«

»Auch dies vermag ich. Ich will auf rechtliche Weise von Ihnen loskommen. Ein Anderer in meiner Lage wäre Ihnen wahrscheinlich durchgegangen.«

»Sie wissen recht gut,« entgegnete Schikaneder, »daß ich Papiere von Ihnen in Verwahrung habe, die Sie compromittiren würden. Da Sie fünf oder sechs Bühnenvorständen davonliefen, so erbat ich mir Ihre Urkunden, sonst hätte ich Sie nicht engagirt.«

»Eben diese Papiere erbitte ich mir bei der Lösung meines Contractes zurück. Bis um vier Uhr bringe ich Ihnen noch zweihundert solcher Goldstücke. Ich nehme dann meine Papiere dafür in Empfang.«

Herr Reif ging ohne sich zu empfehlen.

»Jetzt weiß ich wer dem Todtenkopfe durchgeholfen!« sagte Schikaneder zu seinem Freunde, dem Pfarrer. »Nicht Herr Helmböck, sondern Frau Helmböck hat dies Meisterstück vollbracht. Von ihr rührt das Geld her, und der preußische Deserteur, Herr Reif, auch Pollwitz, Salberg, Ronemann genannt, hat den Einschlag dazu gegeben. Diese Goldstücke haben in der Cassette gelegen, welche der Gräfin Wolzanitzka im wilden Mann« geraubt wurden.«

Hurt trat ein und meldete seinem Director Folgendes:

»So eben wurde Madame Helmböck verhaftet.«

»Auch verhaftet?« sagte Schikaneder. »Desto besser, so erspare ich eine Anzeige.«

»Aber ihren Liebhaber,« bemerkte der Pfarrer, »sollte man doch auch mit ins Gebet nehmen.«

»Herr Reif,« rapportirte Hurt, »wurde in dem Augenblicke festgenommen, als er die Wohnung des Herrn Directors verließ.«

»O, die Wiener Polizei ist doch höchst umsichtig,« sagte Schikaneder, »sie übersieht nichts. Eile schnell,« befahl Schikaneder seinem Diener, »unterrichte hiervon den Regisseur Winter. Sage ihm, er soll »das abgebrannte Haus« und die Pantomime »der grüne Hut« zur Aufführung bringen. Samät's »Feuerbär,« in welchem Reif den Kanzler spielt, kann nicht gegeben werden, dann – lasse einspannen. Ich fahre nach der Stadt und bringe diese Imperialen dem Gerichte.«


* * *


Wir überspringen einen Zeitraum von vierzehn Tagen, um zu melden, daß Frau Helmböck und Herr Reif keine Geständnisse machten. Er bekannte, das viele Gold von Madame Helmböck erhalten zu haben, aber nicht in bedenklicher Weise, sondern als Honorar, weil er sie in der Schauspielkunst unterrichtet. Sie gab an, daß ihr die Dame mit dem Todtenkopfe eine Summe von fünfhundert Goldstücken geschenkt, weil sie Mitleid mit ihrer Lage gehabt, und dann aus Dankbarkeit für ihre Pflege während einigen, in schwerer Erkrankung an ihrem Bette zugebrachten Nächten. – Zu ihrer Flucht, setzte Frau Helmböck bei, sei sie nicht behilflich gewesen. Sie vermöge sich's nicht zu erklären, wie ihr diese gelungen.

Der Untersuchungsrichter nahm diese Aussagen für das was sie waren, für Lügen, aber Madame Helmböck bestand auf diesen Lügen, und als ihr vorgehalten wurde, wie es möglich sei, daß acht oder zehn Menschen durch ihr Schlafzimmer sich begeben hätten, ohne von ihr bemerkt worden zu sein, antwortete sie, daß sie an jenem Abende im Theater gewesen, daß die Dame mit ihren Leuten sich eigener Schlüssel bedient haben müßte u. s. w., daß endlich der Herr Commissär, der ihren Gatten verhaftete, sie gesehen, wie sie vom Theater nach Hause gekommen, also in ihrer Abwesenheit nicht die Hand zur Flucht geboten haben könnte.

Das Gericht nahm indeß Anstand, Herrn und Frau Helmböck und Herrn Reif zu entlassen, obgleich es nahe daran war. Plötzlich ereignete sich etwas ganz Unerwartetes.

Es kam ein Italiener aus Venedig nach Wien. Er hieß Fantini.

Er führte ein großes Wachsfigurencabinet von einer Stadt zur andern.

Er hatte dieses auch in Gratz gezeigt und großen Zuspruch gefunden.

Fantini's Affichen meldeten eine Gallerie, dergleichen in Europa noch keine interessantere vorgekommen.

Sie enthielt nicht nur die täuschenden Nachbildungen aller gekrönten Häupter, aller großen Staatsmänner und Helden, sondern auch eine Reihe anderer berühmter und sogar berüchtigter Personen, so den »bairischen Hiesel mit seinem Hunde.« den »Raubmörder Zahlheim,« und was natürlich am meisten Aufsehen erregen mußte,

»Die Dame mit dem Todtenkopfe,«

dem Originale getreu nachgebildet.

Als der Mann befragt wurde, wie er zu dieser Abbildung gekommen, erzählte er, er habe die Abbildung in Laibach von einer Dame gekauft, und dafür einhundert Stück Ducaten in Gold bezahlen müssen. Er hätte von dieser Dame auch die Versicherung erhalten, daß wenn er, Fantini, damit nach Wien reisen würde, er unerhörte Einnahmen machen müßte. Er versicherte, daß die Verkäuferin selbst in Wien mit diesem Todtenkopfe Geschäfte machen, daß man ihr aber, da sie die lebende Dame mit dem Kopfe darstellen wollte, dies verweigert, ihr aber dafür die Versicherung gegeben habe, in einer Gallerie von Wachsfiguren würde eine solche Aufstellung gestattet werden. In Gratz wenigstens hatte die Behörde nichts dagegen gehabt, und der Zuspruch sei wirklich so außergewöhnlich gewesen, daß nur die ungünstige kleine Localität, in welcher die Gallerie aufgestellt war, Ursache gewesen sei, Gratz zu verlassen und so schnell als möglich nach Wien zu reisen.

Daß Herr Fantini keine Erlaubniß bekam, die »Dame mit dem Todtenkopfe« in seiner Gallerie aufzustellen, war natürlich; aber alle übrigen Figuren durfte er zeigen. Er wählte den Saal zur »Mehlgrube« zu seinem Schauplatze, und erfreute sich durch das Anziehende seiner Wachsbilder, durch die Aehnlichkeit und Reichhaltigkeit derselben, durch die Pracht vieler Costüme u. s. w. großen Zuspruches; auch durfte er, nachdem er einige Wochen in Wien sich befunden, gegen besondere Erlaubnißscheine der Behörde, hochstehenden und distinguirten Personen, »mit Ausnahme von Damen,« das vielbesprochene »schaudervolle Schreckbild« produciren.

Da kam eines Tages auch ein junger Mann zu Fantini. Er hat keinen Erlaubnißschein von der Polizei, die verpönte Wachsfigur zu sehen.

Er bat aber so innig, ihm dieselbe zu zeigen, versprach dabei so heilig, Niemanden mitzutheilen was er gesehen, daß Fantini schon Miene machte, ihn in die abgesonderte Kammer zu führen. Da sprang aber seine Frau wie eine Furie herzu und eiferte heftig dagegen, daß es nicht geschehen möge.

Der junge Mann gab bereits alle Hoffnung auf, seinen Wunsch befriedigt zu sehen.

»Diesen Menschen hat vielleicht die Polizei abgesendet,« lärmte Frau Fantini, »uns zu prüfen, ob wir ihre Befehle genau vollziehen. Gib ihm nur nach und willfahre seiner Bitte,« sagte sie zu ihrem Manne, »und wir sind vielleicht in vierundzwanzig Stunden nicht mehr in Wien!«

»Madame,« entgegnete der Fremde, »wenn ich ein Abgesandter der Polizei wäre, so würde ich nicht eine hohe Summe bieten, um den Todtenkopf betrachten zu können.«

»Gleichviel!« erwiederte sie. »Ihr Geld würden Sie ja, wenn Sie ein Spion sind, wieder zurück erhalten. Nein, nein, entfernen Sie sich! Sie sollen uns nicht verleiten, unsere bei der Commission für öffentliche Schaustellungen eingegangene Verpflichtungen nicht zu erfüllen.«

»Verschaffen Sie sich einen Erlaubnißschein von der Behörde,« meinte Herr Fantini.

»Die Polizei gibt mir ihn nicht,« erwiederte der Fremde.

»Wenn Sie nicht blos ein Neugieriger oder Verdächtiger sind, werden Sie ihn erhalten.«

»Nie! Sie irren überhaupt, wenn Sie glauben, daß die Polizei allein auf solche Erlaubnißscheine Einfluß nimmt; da ist noch jemand ganz Anderer, der befragt wird, und erfährt dieser meinen Namen, erfährt er, daß ich in Wien bin, dann ist es um mich geschehen! Uebrigens sollen Sie nicht so hart und nicht so mißtrauisch gegen mich sein; ich bin Ihr Landsmann, bin ein Venetianer wie Sie – mein Name ist –«

Der junge Mann nannte seinen Namen.

Erfreut hierüber ließen Herr und Frau Fantini ihr Mißtrauen fallen und führten den jungen Mann in das Cabinet.

Der junge Mann warf kaum einen Blick auf die Wachsfigur, so fing er zu zittern an.

Er ermannte sich, um die Wachsfigur genauer zu betrachten. Endlich faßte er den Schleier derselben, er zog ihn völlig krampfhaft vom Gesichte und sank dann wie vom Schlage gerührt zu den Füßen des Bildes nieder.




Zweiter Theil.

Erstes Capitel.

Wenn etwas in Wien recht Aufsehen machen soll, so muß es zuerst der sogenannten stillen Besprechung überlassen werden. Die Wiener müssen sich einbilden, daß jeder von ihnen ganz allein ein gewisses Geheimniß erfahren, das ihm von ganz unbedenklichem Munde unter vier, ja unter drei und zwei Augen mitgetheilt wurde, und daß der Freund, der bisher ganz allein und außer ihm Niemand auf der Welt im Besitze dieses Geheimnisses sei, dasselbe weder seinem Vater, seiner Mutter, seinem Bruder, seiner Schwester, am allerwenigsten aber seiner Frau mittheilen würde. Wenn irgend eine Sache in Wien der stillen Besprechung überlassen wird, dann kann man darauf wetten, daß tausend Trommeln und eben so viele Glocken und zehntausend Ausrufer und Zeitungsblätter nicht im Stande sind, eine solche Sache so zu verlautbaren, als die Menschen mit der stillen Besprechung.

Seitdem die Dame mit dem echten Todtenkopfe wieder im »wilden Mann« eingekehrt war, und dort abgeschieden und verborgen bei ihrem Onkel wohnte, wurde sie noch mehr Gegenstand der Neugierde als früher.

Niemand ging an dem Gasthofe vorüber, ohne für sich zu sagen:

»Vergebens verhüllst Du Dich, polnische Dame, in dein mysteriöses Dunkel, vergebens wendet dein Onkel mittelst Geld, Versprechungen und Bitten Alles an, daß man nichts von Dir erfahre, – ich weiß dennoch Alles, was bei Dir und um Dich vorgeht, ich allein weiß es und sonst Niemand als Du selbst!«

Hirner, der Chocolademacher in der Kärntnerstraße, stand unter der Thür seines Ladens und verwendete kein Auge von dem Thore des vielgenannten Grünfeld'schen Hôtels.

Der Bettfedernhändler vom goldenen Kegel stand neben ihm.

Beide sprachen kein Wort, keiner wollte zuerst mit dem, was ihm das Herz wie ein Felsenstein beschwerte, hervorrücken.

Da trat der Juwelier vom Schwan näher. Auch er hatte etwas mitzutheilen, aber er wagte es nicht; er gesellte sich ganz geräuschlos zu seinen Freunden und starrte ebenfalls nach dem Schilde des Wirthshauses, auf welchem der Mann mit einer Keule halb nackt, mit struppigem Haare, mit einem Bärenfelle und mit einem Gesicht, als hause darin ein Feld voller Teufel, abgebildet war.

»Was gibt es Neues heute?« lispelte endlich der Juwelier.

»Die Bettfedern werden mit jedem Tage theuerer,« antwortete der Mann, der damit handelte. »Ich habe heute einen Centner »Gänsfludern« kaufen wollen, das Pfund kostet jetzt schon sechs Groschen; es ist nicht mehr zu erschwingen.«

»Ich kenne Jemand,« erwiederte der Juwelier, »der bald von den Federn aufs Stroh kommen wird.«

»Wer denn?« fragten die beiden Andern.

»So fragt man die Kinder aus! Wenn Sie es nicht wissen, meine Herren, wen ich meine, ich sage es gewiß nicht.«

»Und ich kenne Jemand,« erwiederte der Chocolademacher, »der nicht einmal aufs Stroh, sondern auf den – Dünger kommen wird, aber ich sage es auch nicht.«

»So behaltet euer Geheimniß,« grollte der Bettfedernhändler; »ich weiß auch etwas, vielleicht etwas Wichtigeres als Ihr; aber eher soll mir die Zunge aus dem Halse faulen, als ich Euch etwas entdecke, Ihr albernen Geheimnißkrämer!«

»Wissen Sie etwas vom »wilden Manne?« fragte Hirner.

»Ja und nein,« antworteten die andern Beiden.

»O Gott das!« meinte Hirner.

»Was?« fragte der Juwelier.

»Nun das

»Der Himmel bewahre!« betheuerte der Bettfedernhändler; »etwas ganz Anderes. Ich habe vorgestern ein Torturbett liefern müssen.«

»Ein Torturbett?« fragten die beiden Uebrigen. »Was ist das?«

»Das ist ein Bett, worauf kein Mensch eine Viertelstunde schlafen kann, und wenn er drei Monate kein Auge zu dem andern gebracht hätte.«

»Aus was besteht es?«

»Aus lauter steifen Borsten! Wer darauf liegt, dem ist, als wenn er auf zehntausend Igelhäuten läge. Unter Kaiser Carl dem Fünften wurden die Raubmörder auf solchen Betten angeschmiedet, wenn sie nicht gestehen wollten; der gräßlichste Kerl hat es nicht eine halbe Stunde auf diesen Stachelmatratzen ausgehalten, sondern hat eher drei Mordthaten bekannt, als eine, und wenn er auch so unschuldig gewesen wäre wie ein neugebornes Kind.«

»Gräßlich!« rief der Juwelier aus.

»Und für wen mußten Sie dieses Bett anfertigen?«

»So fragt man die Kinder aus!« erwiederte der Bettfedernhändler.

Nun kam auch der Sprachmeister von der Mehlgrube herzu.

»Sie fahrt aus! Sie fahrt aus!« rief er seinen Freunden zu.

»Wer? Wer?« fragten die Andern.

»Nun wer denn? Wer ist denn in der Kärntnerstraße jetzt interessant? Doch nicht die Tandlerin, welche die 1000 fl. im Glückshafen gewonnen hat? – so ein dummes Glück haben nur dumme Leute! – Die Gräfin meine ich! die polnische Gräfin!«

»St!« riefen die Drei.

»Warum St? Sind die Herren auch so dumm, daß Sie sich um das Verbot kümmern, das da lautet, man dürfe nicht von dem Todtenkopfe sprechen? – Mir soll man kommen mit solchen Alfanzereien! – Sind die unglückliche Person, und ihr verrückter und impertinenter Onkel eine Autorität für uns Wiener? Er soll nach Hause reisen mit seiner Mißgestalt. Und die Protection, die er besitzen soll, um die bekümmere ich mich gar nicht!«

»Sie reden sich um den Kopf!«

»Sie sind nicht einmal ein Wiener Bürger!«

»Als Sprachmeister nicht einmal hausgesessen!«

»Haha!« erwiederte derselbe. »Sie meinen, ich könne abgeschafft werden? Sie sollen es probiren, dann geb' ich in zwei Sprachen eine Broschüre gegen das Gerippe heraus! Wer etwas gelernt hat, ist nicht wie ein Greißler auf den Fleck gebunden, wo er Schachtelhalm und Zinnkraut verkauft – dem gehört die weite Welt! Doch thun Sie den Wiener Behörden nicht unrecht, denn diese sind zu liberal, um wegen einer Privatperson, welche in Wien nur Scandal gemacht und zu Scandal Anlaß gegeben hat, die freie Meinung selbst eines Holzhauers zu beschränken. Daß man nicht von der Polin sprechen soll, rührt überhaupt nur von den Wirthsleuten im »wilden Mann« her; die wissen aus Angst, daß ihnen die reichen Passagiere fortziehen könnten, nicht, was sie Alles verbreiten sollen; doch zur Zeit, in welcher der Todtenkopf in Wien angekommen, da waren es gerade diese Wirthsleute, welche mit einem förmlichen Schellengeläute durch die Stadt gezogen sind, und das größte Spectakel von der Ankunft dieser Fremden gemacht haben.«

»Da kommt der Wagen der Gräfin!«

»Sehen Sie nur, die Fenster sind in grüne Vorhänge völlig eingehüllt!«

»Er fährt wieder gegen das Kärntnerthor.«

»Was die Dame doch auf der Wieden immer zu thun haben mag?«

»Es ist Markttag; das Gewoge ist fürchterlich, hundert Wagen rollen hin und her! Der Phaeton der Gräfin kommt nicht weiter!«

»Haha! Der Bierwagen, der ihr entgegenfährt, sperrt die Passage noch mehr!«

»Und der Mehlwagen, der vom neuen Markt herankommt, macht die Verwirrung noch größer!«

»Der verteufelte Fiaker stößt mit der Deichsel gerade in den Wagen der Polin!«

»Krax! Da liegt ihr Wagen!«

Man hörte jetzt einen Angstschrei; der Sprachmeister lief hinzu, riß den Wagenschlag an der Equipage der Polin auf, reichte ihr die Hand und hob sie heraus.

»Sie sind heftig erschrocken!« sagte der Sprachmeister.

»Wollen Sie nicht für einige Augenblicke bei mir eintreten und sich hier erholen?« setzte der Chocolademacher hinzu.

Mit großer Höflichkeit bot ihr der Juwelier den Arm, und führte die Gräfin Wolzanitzka in das Verkaufslocale.

Die Gräfin war dicht verschleiert.

Der Chocolademacher bat sie, sich auf einem Sopha niederzulassen.

Die Kammerfrau, welche mit ihr im Wagen saß und sie begleitet hatte, fragte:

»Es ist Ihnen doch durch den Sturz des Wagens kein Leid geschehen?«

Die Gräfin, die sich erst sammeln mußte, antwortete:

»Nicht das Geringste, aber gewiß hätte ich durch die Glassplitter des Wagenfensters arg beschädigt werden können, wenn mich der Schleier nicht geschützt hätte!«

Hierauf wendete sie sich an die Herren und dankte ihnen herzlich für ihre Theilnahme.

»Es ist nicht angenehm, in der Kärntnerstraße zu wohnen,« sagte sie. »Die lebendigste und längste Straße Wiens ist so enge, daß man überfahren zu werden befürchten muß, wenn man zu Fuße geht, und befindet man sich zu Wagen, so kann man ebenfalls Unglück haben – wie es sich so eben gezeigt hat! Der Wagen wurde förmlich zu Boden geschmettert! – Der arme Kutscher, die armen Pferde, wenn sie nur keinen Schaden genommen!«

Der Bettfedernhändler, der nach dem Wagen gesehen hatte, rapportirte:

»Der Wagen hat sehr gelitten. Die eine Seite ist fast zerschmettert. Der Kutscher blutet; er wurde vom Bocke geschleudert, den Pferden ist nichts geschehen; aber den Wagen aufzuheben, gelang bis jetzt nicht, die Kutschen und schweren Fuhrwerke sind so arg in einander gefahren, daß vielleicht noch in einer Stunde nicht daran zu denken ist, sie auseinander zu bringen. Wollten die Frau Gräfin in Ihr Hôtel, so müßten Sie auf der einen Seite der Straße bis nach dem Stephansplatze hinauf, und auf der andern Seite eben so weit herabgehen.«

»Sie scheinen mich zu kennen?« fragte Lodoiska etwas betreten.

»Wie sollten wir unsere holde Nachbarin nicht kennen?« versetzte der Sprachmeister, »welche den Armen so viel Gutes erwies, welche solche erschütternde Schicksale in Wien erlebte und uns zu großem Mitgefühle hinriß.«

»Sie befinden sich hier in Gesellschaft von vier Männern,« tröstete der Chocolademacher, »welche Ihnen stets die herzlichste Theilnahme widmeten.«

»Ich bin Ihnen also nicht nur seit heute, sondern seit dem Tage meiner Ankunft verpflichtet? – Wie freut es mich, Ihnen meinen Dank aussprechen zu können!«

»Haben Sie einen Wunsch,« sagte der Sprachmeister, »so äußern Sie ihn unverhohlen, wir schätzen es uns zur höchsten Ehre, ihn erfüllen zu können.«

»Ach,« antwortete die Gräfin, »einen Wunsch hätte ich wohl, ich bin jedoch einer Indiscretion nicht fähig.«

»Wir beschwören Sie, uns Aufträge zu ertheilen,« bat der Juwelier; »wir werden sie gewissenhaft besorgen!«

»Nun denn, so gestatten Sie mir, hier einige Zeilen zu schreiben und einen Boten zu bestellen, der diese Zeilen Herrn Schikaneder, dem Theaterdirector, überbringe.«

»Dieser Bote werde ich seyn!« versicherte der Sprachmeister, »einen verläßlicheren werden Sie schwerlich finden können.«

»Wie gut sind Sie!« sprach die Gräfin.

Der Chocolademacher führte sie in sein Schreibzimmer und legte ihr Briefpapier hin.

Die Gräfin setzte sich um zu schreiben.

Indeß sah die Kammerfrau nach der Straße, um etwas von dem Schicksale des Wagens zu erfahren, fuhr aber schnell von dem Ladenfenster zurück und eilte zu ihrer Herrin.

»Aha,« sagte der Sprachmeister, »die hat den alten Grafen gesehen, der da drüben hin- und herläuft und seine Nichte sucht, da man ihm gewiß das Malheur, das sie betroffen, rapportirt hat! – Da sehen Sie, Herr Weiher, wie der Alte rast! Das muß ein ungestümer Mann seyn! Hören Sie, welche häßliche Worte er dem Kutscher in seiner Wuth zuruft. Nun kommt der blasse Graf auch noch dazu! – Das wollen wir doch unserer Dame mittheilen.«

Der Sprachmeister eilte in das Schreibzimmer zu Lodoiska.

Die beiden andern Bürger blieben am Fenster stehen und verwendeten kein Auge von dem alten Grafen.

»Ich glaube der Kutscher ist befragt worden, wohin sich die beiden Damen begeben haben?«

»O verläugnen Sie uns!« flehte die Kammerfrau, welche die letzten Worte gehört und das Schreibzimmer verlassen hatte. »Der Onkel der Comtesse ist ein fürchterlicher Mann. – Zum Unglück hat sie sich heute ohne seine Zustimmung vom Hause wegbegeben; es würde nun, fände er die Gräfin hier, eine Scene stattfinden, welche bei dem Jähzorn des alten Grafen die ganze Nachbarschaft allarmiren müßte.«

»Er soll sich unterstehen und da hereinkommen!« drohte der Juwelier. »Mein Freund Hirner fragt den Teufel nach einem Dutzend jähzorniger Leute.«

»Sehen Sie doch,« bemerkte der Bettfedernhändler, »die beiden Grafen laufen die andere Seite hinauf, um über die Straße und hierher zu kommen, die Comtesse zu suchen.«

»Ja zu suchen,« sagte der Chocolademacher, der jetzt sein Schreibzimmer verlassen hatte und herausgekommen war, »ja, um zu suchen und um die Gräfin und ihre Kammerfrau nicht zu finden. Meine Niederlage hat einen Ausgang nach dem Hofe; – das sogenannte Spitalhaus, in welchem wir uns befinden, hat nach dem neuen Markte ein zweites Thor; ein Fiaker wird geholt und die Damen werden sich desselben bedienen. – Wohin sie sich begeben wollen, werden sie schon bestimmen.«

»Ich eile, den Fiaker zu rufen!« versetzte der Juwelier und ging durch das Schreibzimmer nach dem neuen Markte.

Indeß hatten sich die verschiedenen Wagen und Fuhrwerke in der Kärntnerstraße vorwärts bewegt. Es wurde zwar langsam aber dennoch Raum gewonnen. Den Phaeton der Gräfin hatte man wieder auf die Räder gestellt und die Passage begann.

»O weh!« klagte der Bettfedernhändler, »nun wird das Herüberkommen auf diese Seite der Straße wieder leichter.«

»Herr Hirner!« mahnte der Sprachmeister, »nun ist keine Zeit zu verlieren. Ich schaffe die Damen schnell fort. Sonst tritt das Ungethüm hier ein, und Alles ist zu riskiren!«

»Ja, ja, fort! fort! fort!« bat die Gräfin.

»Noch einmal tausend Dank!« sagte sie ihren Freunden. »Da d'rin liegt noch ein Brief, um dessen Beförderung ich bitte.«

Lodoiska faßte den Arm des Sprachmeisters und dieser führte sie und die Kammerfrau durch die Hinterthür fort, während bei der Hauptthür, wie vom Sturmwind gejagt, die beiden Grafen eintraten.

Hirner ging ihnen rasch entgegen.

»Was wünschen Sie?« sagte er und schlug den Ladentisch hinter sich zu, wodurch er das schnelle Eindringen in sein Schreibzimmer verhinderte.

»Was wünschen die Herren? Was ist geschehen, daß Sie da in mein Gewölbe so hereinpoltern, wie Bauern in eine Schenke?«

»Ich suche meine Nichte!« tobte der alte Graf.

»Ich habe nicht die Ehre, Ihr Fräulein Nichte zu kennen.«

»Ich bin der Graf Wolzanitzki.«

»Möglich!« entgegnete Hirner.

»Mein Kutscher hat mir gesagt, daß meine Nichte und ihre Begleiterin sich in das Chocoladegewolb geflüchtet hätten!«

»Ihr Kutscher? Ist das der Dummkopf, der hier umgeworfen hat, wodurch zwei Damen beinahe lebensgefährlich verwundet wurden?«

»Ja, derselbe.«

»So sagen Sie diesem Burschen, der selbst vom Bocke wie ein Hafersack plumpte und unter den Pferden seines Wagens lag, daß er höchstens gesehen haben könne, daß er nicht mehr auf dem Bocke saß, aber wohin seine Damen geriethen, das sah er nicht!«

»Wohin sind sie gerathen?« fragte der blasse Graf.

»Wissen wir's?« versetzte der Bettfedernhändler. »Sie verschwanden unter dem Gedränge der herbeieilenden Leute.«

»Ich werde dieses Gewölbe untersuchen!« schnaubte der alte Graf.

»Sie? mein Gewölbe! Da dürfte der Ober- und Untervorsteher der bürgerlichen Chocolademacher mit Ihnen hieherkommen, so würde ich dies nicht zugeben. Bei einem ehrlichen Manne untersucht man nichts! Höchstens dürfte dies die Obrigkeit, und diese molestirt den Bürger Hirner nicht, weil sie wohl weiß, daß sie einen rechtlichen Mann vor sich hat.«

»Fahren Sie nicht so auf! Ich bin Graf.«

»Ich sehe nichts Gräfliches an Ihnen, und nun machen Sie, daß Sie fortkommen, sonst gebrauche ich mein Hausrecht. Untersuchen mein Gewölbe!« grollte Hirner. »Ein wildfremder Mensch mein Gewölbe untersuchen! Ein solcher Affront ist mir noch nie begegnet!«

Hirner öffnete die Thür seines Ladens.

»Ich ersuche Sie, mich zu verlassen, ehe die Keckheit, die Sie sich herausnahmen, mir noch mehr zu Kopf geht!«

»Er Flegel!« tobte der Graf. »Ich werde ihn belangen.«

»Schimpfen auch noch? Sie wagen es, einem Wiener Bürger einen beleidigenden Namen zu geben?«

»Gehen wir,« sagte der blasse Graf, »setzen wir uns keinen Insulten aus.«

»Ja, besser ist's!«

»Er soll mich kennen lernen!«

»Ich verlange mir dieses Glück nicht.«

Die beiden Grafen eilten aus dem Gewölbe.



Zweites Capitel.

»Wohin begeben wir uns?« fragte Lodoiska die Kammerfrau, als der Fiaker, dessen sie sich bedienten, den Weg durch das Kärntnerthor nahm.

»Wir fahren nach dem Freihause in die Wohnung Schikaneder's. – Er wird rathen, er wird helfen.«

»Dort sind wir nicht sicher.«

»Wir lassen den Fiaker links von der steinernen Brücke, an der Carlskirche vorüber, nach der Landstraße fahren. Im »Hahn« wohnt Herr Luigi.«

»Um Gottes willen, was muthen Sie mir zu! – Ich, zu diesem jungen Manne, mit seiner ungestümen Liebe!«

»Ich bin bei Ihnen.«

»In seiner blinden Leidenschaft würde er ein Piquet von Soldaten nicht beachten. – Nein – nein! In den »Skizzen von Wien« las ich, daß der Gasthof zum Elephanten in der Leopoldstadt, vielleicht scherzweise, ein Asyl für Liebende genannt wurde. – Dort wollen wir einsprechen. – Der Wirth soll ein guter, theilnehmender Mann sein, Pezzl, der Verfasser der »Wiener Skizzen,« schreibt von ihm, daß er mehr Heiraten vermittelt, als der Hofprediger Ulrich Megerle unter Kaiser Leopold I.«

»Wollen Sie denn heirathen? wirklich heirathen?«

»Ja.«

»Wen?«

»Sie werden es erfahren.«

»Sie machen mir Angst, Comtesse!«

»Sprechen Sie nicht so viel. Befehlen Sie dem Fiaker, daß er nach der Leopoldstadt, aber nicht durch die Stadt, sondern den Vorstädten entlang, fahre.«

Die Kammerfrau befahl dies dem Fiaker.

Der Wagen war schon zu weit über die Wiedner Hauptstraße gekommen, und mußte nun durch die Paniglgasse seinen Weg nehmen.

»Mir wird jetzt wohler ums Herz!« rief Lodoiska, »zwar bin ich in diesem Augenblicke eine Bettlerin, ich habe heute meinen vierundzwanzigsten Geburtstag angetreten, besitze noch keinen Gatten, bin daher enterbt und verstoßen, aber ich bin frei – frei! – und wenn ich als Dienstmagd meinen Unterhalt gewinnen müßte, wenn ich im Taglohn arbeiten sollte, ich bin glücklich, denn ich bin dem größten Tyrannen, den die Erde trägt, entronnen.«

»Ihr Onkel ist ein Tyrann, es ist wahr, aber nur weil er geschworen, daß Sie dem Grafen Stowinski Ihre Hand reichen werden, und wenn er Sie bei den Haaren zum Altar schleppen müßte.«

»Dem Grafen Stowinski, dem Elenden, dem Herzlosen, der mich der Erbschaft meines Onkels wegen freien will, der jede niedere Intrigue benützte, um mich zu erringen; – wäre ich dann seine Gattin, würde er mich eben so behandeln wie seine erste Frau, die er, der Schändliche, schon acht Tage nach der Hochzeit mißhandelte, weil ihr Brautschatz um zehntausend polnische Gulden geringer war, als er erwartet hatte. Einen Bettler kann man wählen, wenn er ein edles Herz besitzt, aber einen Menschen, der ein Weib blos darum nimmt, weil sie eine reiche Mitgift besitzt, einen Schändlichen, der ein Geschäft daraus macht, auf eine fette Aussteuer zu speculiren, um dann die Weiber systematisch umzubringen und wieder ein neues Heiratsgut zu angeln – nie! nie! – Herr Schikaneder möge mich als Choristin engagiren; da ihm mein Gesang gefällt, so kann er dies – ich will verschleiert, ich will hinter der Coulisse singen, ich will die geringste Gage nehmen, nur so viel, daß ich leben kann, dann will ich nebenbei von weiblichen Arbeiten mein Dasein fristen, nur Gräfin Stowinski will ich nicht werden.«

»Sie sagten ja vorhin, daß Sie heiraten wollten. Sie können ja doch nicht den ersten Besten nehmen? Verschleiert können Sie auch nicht immer bleiben. Und da Sie jetzt arm sind, wie Sie selbst sagen – so –«

»So wird mich der zur Gattin wählen, den ich heiß und innig liebe, und wenn ich zwei Todtenköpfe auf dem Rumpfe hätte.«

»Luigi?«

»Nun ja denn!«

»Und dennoch wollen Sie nicht zu ihm! Wir fahren so eben an der Vorstadt »Landstraße« vorüber, wenn wir hier rechts einbiegen – –«

»Seien Sie doch nicht so kurzsichtig! Sahen Sie mich nicht einen zweiten Brief schreiben? – an wen hätte ich in Wien zu schreiben, – als an ihn!«

»Und Sie glauben nicht, daß Ihr Onkel eine Ahnung habe, daß Luigi in Wien sei?«

»Gewiß ist er davon unterrichtet, drei seiner Briefe fing er auf! – Der Bediente, der mich an die Räuber verrieth, die Schlüssel meiner Zimmer in Wachs abdrückte, der schändliche, eigennützige Bursche verrieth mich auch an den Onkel, und fing ebenfalls zwei Briefe von Luigi an mich auf, dennoch erfuhr ich, daß Luigi in Wien sei, ich sah ihn auch vom Fenster, und seinen Wohnort erfuhren Sie.«

»Aber er ist arm!«

»Seine Kunst wird ihn reichlich ernähren.«

»Schon in Warschau wollte er Sie entführen.«

»Hätte ich ihm folgen können – ich wäre nun schon glücklich!«

»Ihn entsetzte Ihr Gesicht nicht. Er sah Sie –«

»Ihm gefiel ich und wenn ich mich noch scheußlicher gezeigt. – Er küßte mein Antlitz, das selbst mein Onkel nicht ohne Entsetzen sehen konnte.«

»Er liebte das Herz und den Geist Lodoiska's und dann auch die wundervolle Gestalt, die Sie besitzen; solcher zauberischer Formen wie Sie erfreut sich kaum noch ein zweites Weib; ich wenigstens sah noch keines, das Ihnen gliche.«

Unter ähnlichen Gesprächen fuhr der Wagen in den Gasthof zum »Elephanten« in die »Neugasse.«

Die Kammerfrau stieg aus und forderte vom Wirthe zwei Zimmer.

Der Wirth schloß die schönsten auf, welche er besaß. Sie gewährten die Aussicht nach dem kaiserlichen Augarten.

Die Kammerfrau bestellte ein Diner.

Der Wirth versprach das Beste zu bieten, was er aufzubringen vermöge.

Vor ungefähr sechzig Jahren waren die Gasthöfe in Wien größtentheils in einem pitoyablen Zustande.

Reisende von Distinction und solche, welche aus Frankreich, aus den Rheingegenden u. s. w. nach Wien gelangten, konnten sich über die elende Bewirthung nicht genug wundern. Von der französischen Küche hatte ein Wiener Wirth keine Idee; man reichte größtentheils derbe Hausmannskost, und glaubte das Höchste geboten zu haben, wenn man Backhühner auf die Tafel brachte, Backhühner und wieder Backhühner, wenn auch die Hühner schon so groß geworden, daß man sie für fett gefütterte Kapauner hätte ausgeben können. Daher kommt es auch, daß sich die Fremden, besonders die Preußen und Sachsen, noch immer über die Wiener Backhühner lustig machen; sie verzehren sie zwar in Wien mit großem Appetit, aber sie spotten dennoch, und wenn sie besonders witzig sein wollen, so lassen sie drucken:

»Dem Wiäner geht »halter« nix iber saine back'nen Hiendeln!«

Aber hätten sie »halter« (!) nur die back'nen Hiendeln (!!) sie würden sie schon essen; sie schmecken immer besser als das elendeste Gericht der Welt, das in Wien kein Bettler in der größten Noth verzehren würde, »kalte Schale« und »Butterbämmchen!«

Wollte Jemand vor sechzig Jahren in Wien fein und gewählt speisen, so mußte er die Küchen des Hoftraiteurs Jahn in der Himmelpfortgasse, in Schönbrunn oder im kaiserlichen Augarten aussuchen. Bei dem alten Jahn speiste man exquisit; – alle hohen, vornehmen und reichen Personen erschienen hier zum Diner, und Jahn steht noch jetzt bei den älteren Wienern im besten Andenken.

Von dem alten Jahn, von dem Hoftraiteur, welchem Kaiser Joseph die Restauration im Augarten verlieh, weiß man noch heute eine Menge Anecdoten.

Dieser Mann war im höchsten Grade naiv und sagte Alles heraus, was er auf dem Herzen hatte, sogar den allerhöchsten Personen.

Als Kaiser Joseph den 30. April 1775 dem Publicum den Augarten als einen:


»Allen Menschen gewidmeten Erlustigungsort von ihrem Schätzer«


öffnete, begab sich der Kaiser Tags vorher in den Augarten, besah die Speisesäle und ließ Jahn vor sich kommen.

»Ich habe deinen Wunsch erfüllt,« sagte der Kaiser. »Du bist Hoftraiteur. Die Restaurationen im Augarten, in Schönbrunn und in den Redoutensälen sind Dir überlassen. Du hast nicht einen Heller Pacht zu bezahlen, aber ich bedinge mir dafür eine auserlesene Bewirthung des Publicums.«

»Fragen Euer Majestät den Herrn Prälaten von Seitenstätten, wie herrlich ich meine Tafeln besorge. Der Herr Prälat speist mit seinen Freunden, so oft er nach Wien kommt, bei mir, und ist stets ausnehmend zufrieden. Dies will viel sagen, Euer Majestät, denn der Herr Prälat ist heiklicher als der Kaiser!«

Nachdem der Augarten eröffnet ward, besuchte Kaiser Joseph denselben täglich. – Den Kaiser erfreute der Zudrang, welchen der Augarten fand, und großes Vergnügen gewährte es dem Monarchen, daß seine Bürger sich reichlich in den Speisesälen versammelten.

Der Kaiser durchschritt diese Säle; – natürlich stand Alles, was hier dinirte, von seinen Sitzen auf, wenn er vorüberging, so daß der Kaiser häufig mahnte, sich nicht stören zu lassen! allein die Bürger ließen Schüssel und Teller ruhen und jubelten dem Kaiser entgegen.

Jahn ging jedes Mal hinter der Majestät einher, und horchte auf jede Aeußerung derselben.

Sobald der Kaiser die Speisesäle verließ und den Garten betrat, begleitete ihn Jahn bis vor die Thür.

»Es geht ja vortrefflich,« sagte der Kaiser, »Du hast, lieber Jahn, besonders an jedem Sonntage, drei- bis vierhundert Gäste zu bewirthen; das freut mich.«

»Euer Majestät,« erwiederte Jahn, »es kämen noch mehr Gäste. Aber da so viele Bürger erfahren haben, daß Euer Majestät die Speisesäle besuchen, so geniren sie sich und bleiben weg. Mir wäre es lieber, Euer Majestät kämen vor Mittag, wenn noch Niemand da ist, mein Schaden ist sonst zu groß!«

»Ich bringe Dir Nachtheil?« fragte der Kaiser und lachte. »Dies will ich nicht! Ich werde von nun an nicht mehr kommen.«

Im Jahre 1779 kam eine ungarische Deputation nach Wien.

Sie bestand aus achtundzwanzig Personen.

Die Herren Deputirten speisten bei Jahn im Augarten. Jahn fragte ob die Herren, – Ungar- oder Oesterreicher Weine trinken wollten?

»Wer wird denn Oesterreicher-Wein trinken!« rief einer der Herren.

»Warum nicht!« erwiederte Jahn, »der Oesterreicher Wein, den ich Ihnen vorsetze, ist vorzüglich –«

»Zum »Einkühlen!« versetzte dieser Herr, »ja, statt Brunnenwasser wollen wir ihn haben; schaffen Sie in die Kühlwannen Oesterreicher-Wein, in diese werde der Ungarwein eingekühlt.«

Es geschah wie befohlen wurde.

Vierzig Bouteillen Ungarwein wurden in vierzig Maß Oesterreicher, welche in Kühlwannen gegossen wurden, servirt.

Als die Gesellschaft das Diener beendet hatte, verlangte man die Rechnung.

Jahn überbrachte sie und fragte sich an: »Ob die Herren mit dem Ungarwein zufrieden gewesen?«

»Vortrefflich!« riefen alle wie aus einem Munde.

»Was kostet er?«

»Nicht einen Heller!« antwortete Jahn. – »Der Ungarwein hat keinen Werth! – Aber der Oesterreicher, den Sie leider als Kühlwasser gebraucht haben, der hat Werth, der kostet 40 fl.; ein so kostbares Getränk kann man nicht vergeuden!«

Die Herren der Deputation bedauerten, daß sie den ehrlichen Jahn, einen echten Oesterreicher, beleidigt, sie bezahlten was er forderte und gingen ziemlich beschämt fort.

Der Leser möge diese Abschweifung verzeihen, aber es sind dies drei kleine Mittheilungen aus den Memoiren des Verfassers, welche vielleicht wenig bekannt sein dürften.


* * *


Das Diner, das der Wirth zum »Elephanten« servirte, war unter aller Kritik.

Eine wahre miserable Vorstadtkost, wie man sie jetzt kaum mehr in einer Kneipe auf dem Thury finden wird, allein die Gräfin mußte zufrieden sein; im Augarten hätte sie doch nicht zu speisen vermocht, sie hätte ja den Schleier ablegen müssen und das wäre unmöglich gewesen, auch hätte sie gesehen werden und ihr Onkel von ihrem Aufenthalt benachrichtigt werden können; das mußte sie vermeiden.

Für die kurze Zeit ihrer Zurückgezogenheit begnügte sie sich also mit der elenden Bewirthung und stand vom Tische mehr hungrig als gesättigt auf.

Plötzlich wurde an die Thür geklopft.

Lodoiska verhüllte sich schnell in ihren dichten Schleier.

»Oeffnen Sie,« ersuchte sie die Kammerfrau.

Diese öffnete.

Der Wirth trat herein.

»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte der Wirth, »daß ich einen Herrn melde, der nach zwei Damen sich erkundigt, wovon die eine nie ohne Schleier sich zeigen soll –«

»Der Herr fragt nach uns?« erwiederte Lodoiska; »lassen Sie ihn kommen.«

Luigi trat ein.

Der Wirth entfernte sich.

»Sperren Sie das Schloß wieder ab,« erinnerte die Gräfin.

Es geschah.

Luigi sank zu den Füßen Lodoiska's nieder und war so bewegt, daß er kaum zu sprechen vermochte und ihm Thränen aus den Augen quollen.

»Sind Sie es denn auch, Lodoiska?« sagte er endlich, »sind Sie es gewiß, oder äfft mich wieder ein Trugbild?«

»Ich bin es, Luigi,« antwortete die Gräfin. »Die Entsetzliche, die sich einer Maske bediente, um auf meinen Namen ein abscheuliches Spiel zu treiben, wird weder Sie noch irgend einen Menschen hienieden mehr täuschen.«

»Mich hat Sie fürchterlich getäuscht; doch nichts mehr von ihr, da ich nur Sie wiedersehe, Lodoiska, da ich Ihre Stimme wieder höre, sei Alles vergessen! – Und wie gut Sie sind! – Sie schrieben an mich! Ihren Brief erhielt ich vor einer Stunde; ich flog hieher, dem Allmächtigen sei gedankt, daß ich Sie so bald gefunden.«

»Ich nannte ja genau diesen Gasthof.«

»Ja, aber in der Eile vergaßen Sie die Vorstadt, in welcher er zu suchen, dazuzusetzen.«

»Luigi,« fragte Lodoiska und betastete mit Theilnahme sein glühendes Gesicht; »Luigi, sind Sie denn zu Fuße hiehergeeilt? Sie sind so erschöpft, erhitzt, Sie athmen so schwer! Sind Sie krank?«

»Ach nein, ach nein, das ist die Freude, Sie zu sehen, das kommt von der Sehnsucht nach Ihnen.«

»Nun, Luigi, wenn Sie mich wirklich lieben, wenn Sie keinen Abscheu vor mir haben; – dann sage ich Ihnen, daß jetzt die Stunde gekommen, in welcher ich Ihre Gattin werden kann. – Heute bin ich vierundzwanzig Jahre alt. Zwar bin ich noch nicht vermält, und hätte Sie auf keinen Fall wählen dürfen, aber ich bin frei und will die Ihrige sein, noch heute, in wenigen Minuten, wenn Sie geneigt sind; – kommen Sie, es ist Alles vorbereitet, der Pfarrer in Hietzing wird uns trauen!«

Luigi sprang auf und umarmte Lodoiska.

»Sie werden mich wahnsinnig machen vor Freude!« sagte Luigi. – »Mein Wagen ist bereit.«

»Auch der meinige hält unten im Hofe – aber ehe wir noch diese heilige Handlung vor dem Altare beginnen, muß ich Ihnen Alles sagen. – Ich bin arm, sehr arm– ich bin meinem Onkel entwichen. – Nicht nur daß ich ihn durch meine Flucht empörte, so habe ich ihn auch compromittirt; sein Plan, mich mit dem Grafen Stowinski zu verbinden, scheitert für immer. Er flucht mir und wird mir ewig fluchen.«

»Habe ich Sie je Ihrer Schätze wegen geliebt? Und bedarf ich dieser? – Ich habe Ihnen ja geschrieben, welch ein Glück mir geworden.«

»Ich habe kein Schreiben von Ihnen erhalten, alle Ihre Briefe wurden aufgefangen.«

»So hören Sie denn, was ich leider auch Ihrer Doppelgängerin mittheilte, daß mein Vater mich auf seinem Sterbebette anerkannt, daß ich im Besitze großer Reichthümer bin, daß meine Mutter Sie als Ihre Tochter auf ihren Gütern erwartet.«

»Weh' mir!«

»Was haben Sie?«

»Sie sind reich? – Nun werden Sie mir Ihre Hand nicht reichen! – Gewiß sind Sie, wie so Viele in Wien, von dem Wahne befangen, daß ich nicht so unglücklich sei, einen Todtenkopf zu besitzen; man sagt, ich hätte mich nur einer Maske bedient, – und jene Maske, die ich getragen, wäre in der Cassette verborgen gewesen, welche mir geraubt wurde.«

»Ich läugne nicht, daß ich dies gehofft, da ich jene Maske im Wachsfigurencabinet gesehen.«

»Nicht wahr? diese Hoffnung zog Sie zu mir? – So verlieren Sie denn diese Hoffnung und verlieren Sie mit dieser Hoffnung auch mich! – Jene Elende verschaffte sich eine Nachbildung meines schauderhaften Antlitzes, – aber das Original steht vor Ihnen.«

Lodoiska schlug den Schleier zurück. Der scheußliche Todtenkopf grinzte eben so gräßlich wie früher Luigi an, und der abscheuliche Gräbergeruch verbreitete sich.

Luigi blieb stark und wankte nicht.

Er starrte Lodoiska lange an, dann umarmte er sie.

»Ich habe es gesagt, Du wirst mein Weib!« rief er, »und wenn sich alle Gräber der Erde öffnen, Du wirst mein Weib! – Lasse fallen den Schleier und eile mit mir in die Kirche. Weder deine Armuth, noch dein Todtenkopf halten mich ab, Dir zu gehören, so lange ich lebe, ja bis mein Haupt dem deinigen gleicht!«



Drittes Capitel.

Der Graf Wolzanitzki und der Mann, welchem die Hand seiner Nichte förmlich vertragsmäßig zugesichert wurde, hielten eine Art Hausvisitation fast in allen benachbarten Gewölben der Kärntnerstraße.

Durch ihr ungestümes brutales Benehmen kamen sie größtentheils übel an.

Als sie fruchtlos das Hôtel »zum wilden Mann« wieder betraten und ganz trost- und rathlos dem Wirth und der Wirthin den Auftrag gaben, durch ihre Lohnbedienten und anderen Hausgenossen weitere Nachforschungen unternehmen zu lassen, fanden sie auch hier Widerstand.

Vorzüglich war es die Wirthin, welche die Zumuthung sehr entrüstete.

»Verzeihen Sie, Herr Graf,« sagte sie, »meiner Aufrichtigkeit, allein Hochdieselben haben ja Ihre Comtesse Nichte aus dem Hause gehetzt. Sie hat, seitdem sie wieder in unser Haus zurückgekehrt ist, Tag und Nacht geweint, daß es einen Stein hätte erbarmen müssen. Glauben Sie denn, daß wir dies nicht bemerkt haben?«

»Schweige,« sagte der Wirth, »das geht uns nichts an! Unsere Passagiere können so viel weinen als sie wollen, wenn nur wir lachen.«

»Wir können aber nicht lachen! – Der harte Holzhändler, ein butterweicher Mann, ist des ewigen Flennens, Schluchzens und Stöhnens der Comtesse wegen von uns weg und zu unserm Feind, dem »Ochsenwirth« auf den neuen Markt, gezogen. Des unaufhörlichen Scheltens, Fluchens und Polterns des Herrn Grafen halber hat die Gräfin Kuniewska uns das Quartier aufgekündigt und zieht in den »Schwan«. So verlieren wir alle Passagiere, und haben sonst nichts dafür als zwei geizige Herren, welche wegen jedem Löffel Suppe mit dem Kellner raufen, da sie gerne Alles umsonst haben möchten.«

»Nicht umsonst,« erwiederte der junge Graf, »nur nicht so unverschämt theuer.«

»Sie reden gar nichts,« versetzte die Wirthin. »Als Sie hier einkehrten, waren Sie die Generosität selbst; durch Noblesse und Freigebigkeit wollten Sie der Comtesse gefallen; seitdem Sie erfahren, daß sie Ihnen um keinen Preis ihre Hand gibt, wenden Sie Ihren Schmutz heraus! So ein schöner Mann, so reich und so filzig, es ist infam!«

»Schweig',« sagte der Wirth. »Schmutzige Passagiere muß es auch geben.«

»Nur nicht auf unsere Kosten,« versetzte die Wirthin. »Die Comtesse hat vollkommen Recht, daß sie Ihnen durchgegangen ist. Ich habe es wohl bemerkt, was sie vor hatte, aber ich habe nichts verrathen. – Ist das erlaubt, diese engelsgute Dame wie eine Negersclavin zu behandeln? – Die schwarzen Weiber in Amerika haben es besser, sagen die Gäste in der Wirthsstube! – Das wird heute Abend ein Jubel werden, wenn ich erzähle, daß Gräfin Lodoiska ihren Peinigern entflohen ist, da wird gelacht werden, und ich lache am meisten.«

»Schweig,« sagte der Wirth und lachte heimlich; »ich lache mit Dir!«

»Ihr Unverschämten,« tobte der alte Graf, »wenn Ihr nicht zu Willen sein wollt, so ziehe ich ebenfalls aus eurem Hause.«

»Das wäre gescheidt,« versetzte die Wirthin. »Sie wollen ja ohnehin aus unserm Hause eine Mördergrube machen! In Polen haben Sie, wie wir genau wissen, die Comtesse völlig scalpiren lassen, und hier möchten Sie sie gerne schinden! Ich werde schon reden am geeigneten Orte. O es soll Ihnen heimkommen! – Doch Ihre Herrlichkeit ist bald zu Ende. Heute ist der Comtesse vierundzwanzigster Geburtstag! – Ihre Macht über sie hat heute ein Ende. Sie ziehen zwar Ihre Hand von ihr ab – allein eine andere Hand hat sie jetzt schon ergriffen. Sie ist vielleicht in diesem Augenblicke schon verheiratet, und dann wird Ihnen ihr Gemal zeigen, wie weit Ihre Rechte auf sie ausreichen.«

»Wie?« fuhr der alte Graf auf, »Lodoiska ist vielleicht schon verheiratet! – Woher wissen Sie das?«

»O dergleichen vertraut man keinem Gast, der den Senf zum Rindfleisch vom Greisler holen läßt, weil er ihm im Gasthaus zu theuer ist.«

»Frau,« sagte der Graf, »ich gebe Dir einhundert bare Ducaten, wenn Du beichtest.«

»Ihnen beichten? Da könnte mich höchstens der Gottseibeiuns absolviren! Möchten Sie Ihre Martern wieder von neuem anfangen, und diesem verhaßten blassen Chevalier, der schon vier Frauen unter die Erde gebracht hat – die arme Comtesse preisgeben?«

»Schweige,« versetzte der Wirth; »ich weiß nur von einer Frau, die er umgebracht hat.«

»Tausend Ducaten gebe ich,« wüthete der alte Graf, »wenn ich die Heirat meiner Nichte noch verhindern kann.«

»Wir sind keine Seelenverkäufer,« erwiederte die Wirthin. »Im Gegentheile, wir retten eine arme Seele aus den Klauen des Teufels. Komm,« sagte die Wirthin zu ihrem Manne; »wir werden für das, was wir thun müssen, Gottes Lohn haben! – Ich gehe zur Gräfin Kuniewska, und werde ihr melden, was geschehen; das ist auch eine Polin, aber eine edle, hochherzige Polin, eine Polin, welche den niedern Schmutz und Geldgeiz verachtet; diese treffliche Dame wird sich freuen, und da sie erfahren, daß Gräfin Lodoiska gerettet, so wird sie unser Haus nun nicht mehr verlassen wollen.«

»Schweig',« sagte der Wirth, »und erzähle der Gräfin Alles!«

Die Wirthin eilte fort.

Der Wirth wollte das Zimmer ebenfalls verlassen.

Der junge Graf hielt ihn zurück.

»Ihre Frau ist eine Furie,« sagte Stowinski.

»Ja,« sagte er, »wenn einer ihres Geschlechts eine Grausamkeit zugefügt wird, da ist mit ihr nicht zu spaßen.«

»Lassen Sie mit sich reden,« bat Stowinski. »Sie hören, welche Summe Graf Wolzanitzki Ihnen bietet, wenn Sie ihm an die Hand gehen, die Comtesse so schnell als möglich aufzufinden.«

»Natürlich,« versetzte der Wirth, »Sie geben nichts her, um die Dame wieder zu erlangen, Sie wissen schon warum.«

»Auch ich gebe – ich lege ebenfalls eine Summe zu.«

»Vielleicht acht Groschen.«

»Sprechen Sie nur,« bekräftigte der alte Graf, »Sie sollen eintausendzweihundert Ducaten haben, Sie sollen dieses Geld sogleich bar erhalten.«

»Eintausendzweihundert Ducaten! Nicht übel!« versetzte der Wirth, »allein – ich weiß nichts.«

»Sie wanken – Sie überlegen? Sie sollen eintausendfünfhundert Ducaten bekommen.«

»Ich weiß noch immer nichts.«

»Eintausendsechshundert Ducaten!«

»Schämen Sie sich,« erwiederte der Wirth, »daß Sie licitiren, als wollten Sie wie ein »Tandler« eine alte Zimmereinrichtung erstehen.«

»Zweitausend Ducaten gebe ich Ihnen, wenn Sie mir eine Mittheilung machen, eine Mittheilung, die mir hilft, die angedrohte Verheiratung zu verhindern.«

»Zweitausend Ducaten! Hole der Teufel den ehelichen Frieden!« rief der Wirth aus. »Vor meinem Weibe werde ich zwar, so lange ich lebe, keine ruhige Stunde mehr haben, aber sei es darum.«

»Sprechen Sie.«

»Nun denn, die Comtesse befindet sich mit ihrer Kammerfrau in der Wohnung des Herrn Schikaneder.«

»Hölle und Teufel!«

»Da ist keine Zeit zu verlieren! – Warnte ich Sie doch, Graf, vor diesem falschen Freunde,« bemerkte Stowinski.

»Ueberfallen wir diesen Elenden!«

Der Graf Wolzanitzki griff nach seinem Hute und Stocke und eilte zur Thür hinaus.

»Erlauben Sie mir,« stöhnte der Wirth, »meine zweitausend Ducaten.«

»Es ist keine Zeit zu verlieren,« entgegnete der Blasse. »Bis man Ihnen zweitausend Ducaten aufzählt, kann nicht ein Paar, es können zwanzig Paare getraut werden.«

»Das geht mich nichts an,« wüthete der Wirth. »Bei so unmenschlich geizigen Leuten wird man mißtrauisch. »Wenigstens lasse ich Sie nicht fort, – bis ich mein Geld habe.«

»O ich bleibe recht gerne,« versetzte Stowinski. »Mir kann es ganz gleichgiltig sein, ob Gräfin Lodoiska aufgefunden wird oder nicht. Die Summe, welche mir ihr Onkel verschrieben, wenn sie bis zum heutigen Tage nicht mein Weib wird, ist auf jeden Fall so erheblich, daß ich mich nach diesem »Todtenkopfe« nicht sehne.«

»Weh mir!« rief der Wirth. »Ich höre mein Weib. Jetzt wird es angehen! Vor allen Dingen verbinde ich mir die Augen.«

»Sie werden doch nicht so dumm sein und ihr sagen, daß Sie geplaudert haben?«

»Sie wird es mir gleich ansehen!«

»Lügen Sie ihr etwas vor.«

»O, auf meine Lügen kommt man mir sogleich! Ich habe neulich meinen Gästen den sechzehn Kreuzer-Wein für einen vierundzwanzig Kreuzer Wein vorsetzen wollen, auf der Stelle sind sie mir daraufgekommen.«

Die Wirthin raste bei der Thür herein.

»Nun,« sagte sie, »weshalb bliebst Du denn hier?«

»Soeben wollte ich Dir nachgehen.«

»Was hattest Du denn hier noch zu thun?«

»Mein Gott! Wir haben noch von Diesem und Jenem gesprochen, – ein Wort gibt das andere.«

»Warum bist Du denn so verlegen?«

»Verlegen, ich? – das müßte erst seit Kurzem sein.«

»Freilich seit Kurzem! Seit dem ich mich von hier fortbegeben – ich glaub' gar, Du hast geplaudert! – Grünfeld, um des Himmels willen, wenn Du so niederträchtig hättest sein können; Grünfeld, wenn Du im Stande gewesen wärest, ein unglückliches Frauenzimmer noch unglücklicher zu machen; wenn durch deine Unbesonnenheit oder etwa gar durch deine Geldgierde, Du zu einem schmachvollen Verräther hättest werden können – dann würde ich meine Kinder nehmen und aus deinem Hause ziehen, nie mehr würdest Du mich wieder sehen. – Wo ist denn der alte Graf? – Der ist fort?«

»Ich weiß nicht wo er hingekommen ist,« stockte der Wirth, »kann ich einem alten Grafen verbieten, daß er ausgeht, das wäre etwas Neues!«

»Ich werde Dir sogleich auf deine Schliche kommen.«

»Und Sie, Herr Graf,« wendete sich die Wirthin an Stowinski, »was lachen Sie denn so heimlich und triumphiren so verschmitzt? Sie können es ja gar nicht bergen, sich zu freuen, daß Ihnen mein dummer Mann etwas vertraut hat.«

»Ich lache über diese lustige Ehestandsscene und triumphire, daß ich während meiner Verheiratung kein solcher Pantoffelmann gewesen, wie Herr Grünfeld.«

»Das will ich glauben! Wer vier Frauen in das kühle Grab maltraitirt hat, dem ward freilich kein »Simandelpatent« aus Krems beschieden.«

»Ich weiß nicht was Sie immer mit meinen vier Frauen wollen; ich war nur einmal verheiratet und höchst unglücklich, denn ich glaubte eine gesunde, frische, lebensfähige Gattin zu erhalten, und empfing ein hectisches Geschöpf, das sich zu Tode hustete.«

»Erzählen Sie dies doch der Gräfin Kuniewska! Dieser erzählen Sie Ihre Geschichte von der hectischen Frau. Vor dieser Dame werden Sie sich aber wohl hüten! – Sagen Sie auch Ihrem Freunde; dem Grafen Wolzanitzki, daß er sich vor ihr hüten möge. Diese Dame wird Ihnen beiden noch einen Spuk machen, der fürchterlich sein wird! Sie wartet nur die Ankunft ihres Gemals ab – dann freuen Sie sich! – Es ist Alles aufgekommen, merken Sie wohl, was ich sage – Alles!«

Stowinski, der bisher mit erheuchelter Ruhe auf einem Sopha gesessen hatte, sprang plötzlich auf:

»Was ist aufgekommen?« sagte er. »Madame,« setzte er hinzu, »Sie gestatten sich eine Sprache gegen mich, welche impertinent ist, eine Wirthin gegen einen Gast – ein Bürgersweib gegen einen Cavalier.«

»Gegen einen Cavalier,« lachte die Wirthin. »Es wird sich sogleich »ausgecavaliert« haben! – »Allons,« herrschte sie ihrem Manne zu, »armer Sünder, Du gehst mit mir! Wehe Dir, wenn ein Wort zum Nachtheil der Gräfin Lodoiska über deine Lippen kam. – Ich habe bereits einspannen lassen! Du fahrst mit mir!«

Sie riß ihren Mann mit Hastigkeit aus dem Zimmer und schlug die Thür hinter sich zu.

»Ein verfluchtes Weib!« sagte der Blasse. »Jetzt heißt es rasch an das Ziel dringen! Die verwünschte Gräfin Kuniewska! – Wie kann diese hinter unsere Geheimnisse gekommen sein und es scheint, daß sie hinter Manches gekommen ist. Sie erwartet ihren Gatten in Wien, einen der mächtigsten, einflußreichsten Männer von Warschau! Ein Starost, dessen Würde und Reichthum ihm in der ganzen Welt Ansehen verschaffen. Der alte Wolzanitzki ahnt vielleicht nicht, welche Gefahren ihm drohen. – Ob ich ihn davon unterrichte? Nein! Er soll durch mich nichts hievon erfahren! – Ich muß jetzt nur wünschen, daß Lodoiska schon verheiratet sei; wenn ihr Vormund sie dann findet, muß er mir rasch die bedungene Summe bezahlen; ich reise nach Paris und mein Vaterland sieht mich nie wieder.

»Wo den Grafen Wolzanitzki jetzt aufsuchen?– In das »Freihaus« wage ich mich nicht. – Zugleich muß ich verhindern, daß Grünfeld und Frau in die Wohnung Schikaneder's kommen und dort etwa mit Wolzanitzki zusammentreffen! – Die Wirthin in ihrer tollen Erbitterung könnte ihm von der Gräfin Kuniewska dasselbe vorschwätzen, was sie mir vorgeschwätzt hat, dann wäre Alles verloren! Ich will, unter dem Vorwande, dem Wirthe und der Wirthin Mittheilungen zu machen, welche der Gräfin Lodoiska von Nutzen sein können, beide von einem Besuche außer dem Hause abhalten.«

Stowinski wollte sich in die Wohnung des Wirthes begeben.

Plötzlich hörte er einen Postillon blasen.

Ein Reisewagen mit vier Pferden fuhr in den Gasthof »zum wilden Mann.«

Stowinski blickte aus dem Fenster.

Er erkannte auf dem Wagenschlage das Wappen des Grafen Kuniewski.

Scheu zog er den Kopf zurück.



Viertes Capitel.

Schikaneder saß an seinem Schreibtische.

Perinet stand neben ihm.

Der Capellmeister Teyber befand sich am Clavier und ließ eine Arie, die er für Mamsell Wipfel componirt hatte, von dieser vortragen.

»Charmant!« sagte Perinet, als Demoiselle Wipfel mit ihrem Gesange zu Ende war, »charmant! Composition und Vortrag sind gleich ausgezeichnet; nur finde ich, wenn ich mit meiner Bemerkung dem Herrn Compositeur nicht zu nahe trete, die Arie etwas zu lang.«

»Warum nicht gar!« brauste Teyber auf, der bekanntlich immer mehr Noten schrieb als nöthig waren. »Warum nicht gar zu lang! Ich sage, die Arie ist viel zu kurz; sie sollte um ein paar Dutzend Tacte mehr enthalten.«

»Perinet hat Recht,« bemerkte Schikaneder, »die verdammten Repetitionen, die ich bei einer tragischen Oper größtentheils ermüdend finde, sind bei einer komischen vollends unleidlich. Die Verse:


»Weile nicht, zögere nicht,
Spute Dich von dannen!«


lassen Sie achtmal wiederholen, Herr Capellmeister, das ist gerade zu absurd! – Bis diese Verse zu Ende gesungen sind, könnte der Knappe Alzindors aus dem Kampfe wieder zurück sein. Diese ewigen Wiederholungen werden hier lächerlich.«

»So lassen wir diese Arie lieber ganz weg,« versetzte Teyber empfindlich. »Ich kann keinen Tact streichen.«

»Wie Sie schon wieder gekränkt sind!« versetzte Schikaneder; »warum denn die Arie ganz weglassen? Sie ist gut, sie wird gefallen, aber »castrirt« muß sie werden. Geben Sie den Rothstift her! Diese Passagen müssen ausbleiben: von dem langen Eingange genügt die Hälfte, und von dem endlosen Schweife, nachdem die Arie ihren Schluß gefunden und der die Musik nur schleppend macht, müssen zwei Drittel weg!«

»Sie rauben mir ja die besten Gedanken! Sie streichen mir ja meinen ganzen Melodienreichthum!«

»Wenn es ein Reichthum ist, so heben Sie ihn auf. Sie werden noch viele Opern componiren, dann ist es gut, wenn Sie etwas herzunehmen haben. – So! – Jetzt ersuche ich Sie, Mamsell Wipfel, die Arie noch einmal zu singen, und sie wird ein ganz anderes Gesicht haben.«

Die Arie wurde gesungen.

»Der Effect ist unverkennbar!« sagte die Wipfel.

»Nicht wahr?« bemerkte Schikaneder. »Herr Capellmeister, hatte ich Unrecht?«

»Meiner Seele! Sie hatten Recht!«

»Sind wir jetzt fertig?« fragte Teyber.

»Ja, Sie können gehen, Herr Teyber, aber Mamsell Wipfel kann ich nicht fortlassen; sie muß jetzt die polnischen Lieder am Clavier probiren. Capellmeister Süßmeyer wird sogleich hier sein!«

Teyber empfahl sich. »Darf ich zuhören?« fragte Perinet.

»Mit Vergnügen. Aber Sie müssen schweigen können.«

»Stumm wie ein Fisch.«

»Sie müssen nicht nur verschweigen was Sie hören, sondern auch was Sie sehen werden.«

»Was ich sehen werde? Bekomme ich denn außer Demoiselle Wipfel noch etwas zu sehen? Ich kann mich zwar an ihrer Schönheit nicht satt sehen – aber –«

»Ihre Schönheit wird sogleich verschwinden,« entgegnete Schikaneder.

»Dafür werde ich mich bedanken,« erwiederte die Wipfel, »ich habe ohnehin nichts als das bischen Gesicht –«

»Und von Ihrem Wuchs sprechen Sie nicht,« gab Perinet zurück.


»Königin der Musen,
Von Ihrem Busen?
Von diesen Grübchen im Arm
Daß es Gott erbarm!«


»Ja wohl, daß es Gott erbarm', wenn man solche Reime hört!« versetzte die Wipfel. »Ich verspreche Ihnen, daß ich ebenfalls schweigen und keinem Menschen sagen will, welche schauderhafte Knittelreime Sie wieder gemacht haben.«

Jetzt erschien Süßmeyer.

»Bist Du fertig?« redete ihn Schikaneder an.

»Ja, Du wirst zufrieden sein.«

»Ich werde zum Kinde vor Freude!«

»Jetzt zum Clavier, Mamsell Wipfel,« sagte Süßmeyer. »Ich rechne nun auf Sie. Mit diesen Liedern werden Sie Furore machen. Sie enthalten die reizendsten polnischen Melodien, welche ich noch je gehört habe.«

Süßmeyer legte seine Composition auf das Notenpult.

»Geduld!« sagte Schikaneder, »diese Lieder müssen im Costüme gesungen werden. Die Dame ist verschleiert. Verschleiert, ganz so wie das Original adjustirt. Selbst unterm Schleier und was noch dazu gehört, müssen die Lieder Effect machen. Mamsell Wipfel, bemühen Sie sich in das Nebenzimmer; meine Garderoberin, Madame Segatta, erwartet Sie. Sie wird Sie mit dem getreu nachgebildeten Costüme der Gräfin und mit Allem was zu Ihrer Toilette vorgeschrieben, versehen. Wenn Sie sich umgekleidet haben, möge die Probe beginnen.«

Mamsell Wipfel begab sich in das Cabinet.

»Du wirst noch ein Narr!« sagte Süßmeyer zu Schikaneder. »Die Gräfin Lodoiska ist deine fixe Idee. Wenn Dir dein Stück nicht erlaubt wird, was thust Du dann?«

»Dann reise ich damit nach München, Frankfurt, Stuttgart. Ich nehme die Wipfel mit und nehme Perinet mit, der den alten Grafen spielt; auch der Tenorist Hiller muß mit mir, der den Liebhabertenor zu singen hat. Perinet spricht prächtig polnisch, der wird Furore machen. Und mit Geld reich beladen kehren wir zurück.«

»Und die Direction deines Theaters und das neue Schauspielhaus an der Wien?«

»Hast Du vergessen, daß – ehe ich das Theater im Freihause übernahm – meine Frau dasselbe dirigirte und so gut wie ich, ja noch weit ökonomischer als ich? Für drei Monate soll meine Frau wieder Directrice sein. – Was den Bau des neuen Schauspielhauses betrifft, ist dies die Sache Zitterbarth's, des Baumeisters Jäger und seines tüchtigen, erfahrenen Vaters. Vor einem Jahre werden die Maurer- und Zimmermeisterarbeiten nicht zu Stande kommen, das Theater selbst ist das letzte, bis dahin bin ich wieder in Wien.«

Hurt trat ein.

»Herr Director,« meldete er, »es ist ein polnischer Graf im Vorzimmer, der sich nicht abweisen läßt, und so brutal ist, daß – wäre er kein Graf, – so hätte ich ihn bereits über die Stiege expedirt. Er zieht jämmerlich über Sie los und behauptet, Sie hätten seine Nichte hier versteckt! Wenn Sie sie nicht herausgeben, sagte er, stürme er Ihnen die Wohnung!«

»Ist der Mann verrückt? Laß ihn herein!«

»Das wird der polnische Graf, Onkel und Vormund des Todtenkopfes sein!« rief Perinet. – »Den nenne ich willkommen, ich will mir den Ton seiner Sprache, seine Gestalt einprägen und ihn getreu copiren!«

Hurt öffnete die Thüre.

Graf Wolzanitzki stürzte herein wie eine Tigerin, welcher man ihre Jungen geraubt hat.

»Wo ist sie, Sie Meineidiger! Wo haben Sie sie verborgen?« schrie er. »Sie haben mein Vertrauen mißbraucht! – Ich zog Sie, weil ich Sie für einen Mann von Ehre hielt, in mein Geheimniß – und nun stecken Sie mit meiner Nichte unter einer Decke –«

»Ich wünschte es wäre so,« versetzte Schikaneder.

»Keine Witze! Ich weiß Alles! Meine Nichte ist hier. Geben Sie mir sie heraus, oder ich vergreife mich an Ihnen.«

»Oho!« sagte Süßmeyer, »da wären wir auch dabei. Moderiren Sie sich, Herr Graf, sonst lasse ich Sie zurecht weisen. – Ist Herr Director Schikaneder so geduldig, Ihr Geschrei und Ihre rohen Ausbrüche ruhig hinzunehmen, so sind wir es nicht. Sie stören uns durch Ihr Toben in unserem Berufe; wir haben eine Musikprobe vor, Sie verhindern diese. Wir dulden keine Unterbrechung!«

»Reizen Sie ihn recht zum Zorne,« sagte Perinet zu Süßmeyer heimlich, »das ist eine prächtige Caricatur, den copire ich bis auf den letzten Athemzug.«

»Herr Schikaneder muß geduldig sein,« wüthete der Graf fort. »Seine Schuld gegen mich drückt ihn zu Boden.«

»Hat er Dir Geld geliehen?« fragte Süßmeyer seinen Freund leise.

»Keinen Kreuzer!«

»So wird er hinausgeworfen!« versetzte Süßmeyer.

»Einen Augenblick,« mahnte Schikaneder, »hören Sie mich ruhig an, Herr Graf. – Wenn Sie glauben, daß ich Ihre Nichte hier verborgen habe, so irren Sie. – Ich weiß nichts von ihr!«

»Nichts?« lärmte der Graf, »nun so hat mich der Wirth im »wilden Mann« belogen, und ich züchtige ihn dafür; doch Ihr Neffe hat mich gewiß nicht belogen, der mich, ehe ich noch zu Ihnen herausfuhr, auf der Straße anhielt und mir mitgetheilt hat, daß Sie eine ganze Intrigue zu Gunsten meiner Mündel eingeleitet, ganz eigene Wege zu ihrem Vortheile eingeschlagen haben; ihr gesagt, sie könne mich bis zu ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag hinhalten und mir dann entweichen. Sie möchte dann zu Ihnen sich begeben und hier verborgen bleiben bis nach ihrer Verheiratung mit einem gewissen Marchese. Daß heute um sechs Uhr Abends in Hitzing die Vermälung sein soll, merken Sie wohl, daß in Hietzing die Copulation stattfinden soll, hat mir Ihr Neffe ebenfalls verrathen!«

»Mein Neffe hat Ihnen dies gesagt? Wenn er dies gethan, ist er ein infamer Bube!«

»Möglich! Sie waren auch infam gegen ihn! – Sie haben ihn um tausend Ducaten gebracht, die ihm die falsche Lodoiska gegeben. Gegen Ersatz dieses seines Verlustes hat er mir Ihre ganze Intrigue, Ihre ganze Infamie, Ihre ganze Niederträchtigkeit enthüllt! – Heraus nun mit meiner Nichte, sonst durchsuche ich Ihr Quartier vom Keller bis zum Boden! Ihr Theater vom Malersaal bis zur Beleuchtungskammer! und wenn ich sie nicht finde, dann fahre ich zu dem Pfarrer nach Hietzing, und weiche nicht von seiner Seite. Ich will dann sehen, auf welche Weise er meine Anverwandte in meiner Gegenwart copuliren wird.«

»Sie wollen nach Hietzing zum Pfarrer fahren? fragte Schikaneder.

»Ja, sobald ich Ihre Wohnung und Ihr Theater durchsucht habe.«

»Göttlich!« sagte Perinet zu Süßmeyer, »diese Scene allein gibt ein Lustspiel.«

Süßmeyer, der hierauf sogleich einging, sagte mit scheinheiliger Treuherzigkeit zu Schikaneder:

»Da Du diesen würdigen alten Herrn, der selbst in seiner Wuth liebenswürdig ist, offenbar getäuscht hast – einen Mann getäuscht hast, der als Muster aller Onkel und Vormünder dasteht, von dem ich schon so viele edle Züge erfahren habe, so gehe in Dich –«

»Und sind Sie in sich gegangen,« setzte Perinet hinzu, »so gehen Sie auch noch weiter und gehen Sie in jene Kammer und holen Sie die Comtesse aus ihrem Verstecke, und führen Sie sie dem Onkel, dem hochherzigen, weichherzigen und treuherzigen Onkel in die Arme!«

»Nun gut,« sagte Schikaneder, »ich will es, aber nur unter einer Bedingung.«

»Reden Sie,« polterte der Graf, »es soll mir nicht darauf ankommen, die Sache in Frieden abzumachen. Welche Bedingung soll ich eingehen? Soll ich Geld geben? – Ich werde nun schon einmal geplündert in Wien – in Gottes Namen, ich lasse mich plündern.«

»Ich bin nicht wie mein Neffe,« bemerkte Schikaneder, »der fürs Geld Alles zu thun fähig ist. Nein, Herr Graf, ich verlange von Ihnen kein Geld, sondern nur einige Zeilen, und zwar des Inhalts, daß in dem Augenblicke, in welchem ich Ihnen die Dame, welche sich hier in meinem Nebenzimmer befindet, entgegenführe, Sie weder jetzt noch nachher Groll gegen mich äußern und meine Wohnung nie mehr betreten, auch wo Sie mich finden sollten, mich weder zur Rechenschaft ziehen noch anfeinden wollen. Endlich, daß Sie Ihrer Nichte Alles verzeihen was vorgefallen. – Dies müssen Sie schriftlich von sich geben. Dann hole ich die verschleierte Dame aus jenem Zimmer. Herr Hofcapellmeister Süßmeyer und der Herr Dichter und Schauspieler Perinet werden sich bei Ihrer Erklärung als Zeugen unterzeichnen.«

»Geben Sie mir Tinte, Feder und Papier, Ich schreibe sogleich die Erklärung.«

Schikaneder verfügte sich in das Cabinet.

Als der Graf die Erklärung geschrieben, zeigte er sie Süßmeyer und Perinet.

»Ist meine Erklärung so recht?« fragte der Graf die beiden Herren.

»Ganz recht,« erwiederten beide.

Der Graf unterzeichnete.

Die beiden Herren schrieben ihre Namen als Zeugen hin.

»Ist die Schrift ausgefertigt?« fragte Schikaneder, indem er aus der halbgeöffneten Cabinetsthür heraussprach.

»Ja,« antworteten die beiden Zeugen und der Graf.

»So erbitte ich mir die Erklärung.«

Perinet übergab sie Schikaneder.

Schikaneder las sie und steckte sie zu sich.

Dann machte er die Cabinetsthür weit auf und führte die Dame heraus.

Die Dame war gekleidet wie Lodoiska.

Gang, Haltung, Bewegung hatte man ihr einstudirt.

Der Graf wollte in seinem Grimme auf sie zu.

Schikaneder wehrte ihn mit der Hand ab.

»Kein undelicates Betragen, Herr Graf!« sagte Schikaneder; »gedenken Sie Ihres schriftlichen Versprechens; keine unhöfliche Begegnung, sonst folgt Ihnen diese Dame nicht. – Sie dürfen nicht übersehen, daß sie nur auf mein außerordentliches und dringendes Bitten und Zureden, nur meinen Vorstellungen zu liebe, Sie begleitet. – Wenn Sie ihr ein unanständiges Wort sagen, wenn Sie sich eine rohe Aeußerung gestatten, so werden Sie eine Scene erleben, die Sie nicht erwarten, eine Scene, nach welcher Sie sich glücklich preisen, wenn diese Dame wieder zu mir zurückkehrt!«

»O sie kann mir Scenen spielen so grell als es ihr beliebt, ich lasse sie nicht mehr von mir. – Morgen mit dem Frühesten sind wir schon auf dem Wege nach Warschau.«

»Da haben Sie Recht!« sagte Perinet, »und da wir im Hause des Verfassers der »Zauberflöte« sind, so erlauben Sie vor Allem, ein paar Texte aus dieser Oper anzuwenden. Sie gehen nach Warschau?

»Dazu singe ich:


»Zum Ziele führt Dich diese Bahn,
Doch, Jüngling, mußt Du männlich siegen!«


In dem Augenblicke, als Sie wieder Ihre Wohnung betreten, trage ich vor:


»In diesen heil'gen Hallen
Kennt man die Rache nicht!«


Und wenn Sie Alles anders finden, als Sie hoffen, dann gelte das Lied:


»Weiß ist schön, ich muß sie küssen,
Mond verstecke dich dazu!«


»Komm', Lodoiska,« sagte der Graf mit einer Süßigkeit, als wenn er Terpentin im Munde hätte, »komm und versöhne deinen alten Onkel! – Du flehst, gegen mich kommst Du nicht auf, darum füge Dich in dein Schicksal.«

Er führte sie gravitätisch fort.

Perinet warf sich auf ein Sopha und lachte, daß er nicht zu sich kam.

»Ein Lustspiel! ein Lustspiel!«

»Eine Oper!« rief Süßmeyer.

»Ein wirksamer Schluß zu meinem Volksstücke!« betheuerte Schikaneder.

Alle Drei lachten ausgelassen.

»Jetzt fahren wir nach Hietzing und rapportiren der echten Lodoiska, was geschehen; die Copulation wird wohl schon vorüber sein!« waren Schikaneder's Worte.

»Und die falsche Lodoiska,« fragte Süßmeyer, »wird sie nicht aus der Rolle fallen?«

»Sie wird noch nie so gut gespielt haben wie dieses Mal. Wir werden sie applaudiren und vorrufen, sobald sie wieder im »Freihaus« erscheint.«



Fünftes Capitel.

Im Gasthofe zum »wilden Mann« hatten Wirth und Wirthin vollauf zu thun. Bald flogen sie hinauf zu dem, soeben aus Warschau angekommenen Grafen Kuniewski und seiner Gemalin, welchem sie jede Kleinigkeit, die Gräfin Lodoiska betreffend, ausführlich erzählen mußten; bald mußten Wirth und Wirthin in der Wirthsstube die Schilderungen der Flucht der Gräfin aus dem Chocolademachergewölbe vornehmen, welche die Bürger, die ihr fort halfen, mittheilten, bald mußten sie zu erfahren suchen, ob der blasse Graf keine Miene mache, sich ebenfalls zu Schikaneder ins Freihaus zu begeben, wozu dieser aber nicht entschlossen schien, weil, seitdem Graf Kuniewski in Wien eingetroffen, es ihm nicht mehr in den Sinn kam, die Dame mit dem Todtenkopfe zu heiraten.

Außerdem hatten die Lohnlakeis aufzupassen, wann und ob Graf Wolzanitzki mit Lodoiska im »wilden Manne« wieder erscheinen werde.

Den alten Grafen in der Wohnung Schikaneder's aufzusuchen, untersagte Kuniewski.

»Es ist mir recht lieb, wenn er sie zurückbringt,« versicherte Kuniewski; »sie möge ihm immerhin folgen, doch an den Grafen Stowinski wird Wolzanitzki Lodoiska nicht verheiraten, dafür stehe ich.«

Mittlerweile mußte der Wirth nicht nur von seinem Weibe, sondern auch von seinen Gästen, seines Verrathes wegen, außerordentlich viel leiden.

»Wenn Du noch die zweitausend Ducaten bekommen hättest,« rief ihm die Wirthin zu, »so würde ich Dich entschuldigen; aber eine Schlechtigkeit begehen, die nicht einmal etwas einträgt, schlecht und dumm zugleich sein, dies verdient, daß Du Dich selbst vom Wirth zum Kellnerjungen degradirst, daß ich Dich von nun an als einen dummen Jungen behandle.«

»Ei, glauben Sie es doch nicht, Frau Wirthin,« eiferte der Juwelier, »daß Herr Grünfeld nichts bekommen hat. Er trägt die zweitausend Stück Ducaten im Sacke herum; er will nur Ihnen nichts davon zukommen lassen.«

»Freilich!« bestätigte der Chocolademacher; »die zweitausend Ducaten braucht er für jemand ganz Anderen. Diese goldenen Füchse trägt er nach und nach auf die Mehlgrube in den Tanzsaal. – Die hübschen Nymphen, welche alle Sonntage dort den Hexensabbath feiern, gefallen ihm. Die Damen in der Mehlgrube wollen flott tractirt werden, und Herr Grünfeld ist der Mann, der sie tractirt!«

»Jesus, Maria und Joseph!« schrie die Wirthin. »Grünfeld! Grünfeld! mir geht ein Licht auf. Darum bist Du der dickste Freund des Wirthes auf der Mehlgrube?«

»Aber Weib!« erwiederte Grünfeld, »Du wirst doch von mir eine solche Niederträchtigkeit nicht glauben. Wenn ich meinen Freund Möraus besuche, diesen anerkannten Ehrenmann, so gehen weder ich noch er in den Tanzsaal zu den leichtfertigen Dirnen. Er duldet sie in seinem Saale, weil er muß. Er ist ein Wirth, der einen Ballsaal unterhält, da seit sechzig Jahren auf der Mehlgrube Bälle abgehalten werden. Wollte er jede Tänzerin fragen: Mamsell, sind Sie auch unbescholten und rein wie Bergkrystall, so würde er sein Publicum verscheuchen und dem Wiener Magistrate den hohen Pachtzins umsonst bezahlen.«

Um den jüngern Lesern zu erklären, weshalb die Wirthin über die Behauptung des Chocolademachers so sehr erschrack, und weshalb der Wirth über die ausgesprochene Behauptung des Chocolademachers sich so entrüstet zeigte, muß der Saal zur Mehlgrube auf dem neuen Markte, in welchem sich jetzt das renommirte Hôtel Munsch und sein schönes Casino befindet, genauer beschrieben werden.

»Dieses Gebäude,« sagt Schimmer in seiner Häuserchronik, »kommt schon in den frühesten Zeiten als magistratisches Eigenthum vor, und diente zum Mehlniederlagsorte. Schon in der Abbildung dieses Gebäudes von Delsenbach im Jahre 1713 sieht man die Aufschrift: »Mehlgrube, ein der Stadt Wien zum Ausmiethen gehöriges Haus.« »Hier seyndt vor diesem, die allgemeinen Fastnachttäntze gehalten worden.« – Ein Beweis, daß die obern Localitäten dieses Gebäudes schon vor langer Zeit als Belustigungsort dienten. – Küchelbecker sagt darüber, Seite 671: »Die Mehlgrube am neuen Markte, welches eines der schönsten Gebäude der Stadt und vom Magistrat der Stadt zu einer öffentlichen Auberge erbaut worden ist.« Ferner Seite 419: »Der vornehmste Ball der Stadt wird auf dem, von dem Stadtmagistrate erbauten prächtigen Hause, die Mehlgrube genannt, von dem Garderobe des Prinzen Eugenii gegeben, welchem jede Person einen Ducaten zahlet, und erscheinet daselbst ordentlich der »große Adel« von Wien, allwo auch andere admittiret werden.« Ferner wird auf dieser sogenannten Mehlgrube während dem Fasching das »Wienerkinderfest,« wie man es mit Recht nennet, abgehalten. Es besteht solches im Nachfolgenden:

Vornehme Eltern, welche ihren Kindern eine geziemende Lust machen wollen, bestellen vors Geld bei eben demjenigen, so die andern Bälle gibt, eine Lustbarkeit mit Essen, Trinken und Musik, da denn gegen Abend eine große Menge Kinder beiderlei Geschlechts, unter der gewöhnlichen Aufsicht, in schönster Kleidung erscheinen, und sich mit Essen, Trinken und Herumtanzen divertiren, bis gegen neun oder zehn Uhr, da sie sich dann wiederum nach Hause begeben. »Dann,« setzt Küchelbecker hinzu, »setzen es die Großen fort, wo es die Kleinen gelassen hatten und continuiren mit Tanzen und Spielen bis gegen Morgen.«

Die neueren Schicksale der Mehlgrube als eines öffentlichen, einst im übelsten Rufe gestandenen Belustigungsortes sind bekannt. In den üblen Ruf gerieth der Ballsaal zur Mehlgrube in den Jahren 1796 bis inclus. 1806 durch die vielen höchst unmoralischen Frauenzimmer, die in Horden die dort abgehaltenen Bälle, ohne Begleitung eines Mannes, ohne ihre Mütter und Verwandte, wie es ehrbaren Mädchen geziemt, besuchten. – Diese »Hetären« erschienen in den frechsten Kleidern, führten die unverschämteste Sprache und verließen den Ballsaal vielleicht zehnmal in einer Nacht und kamen immer wieder, so oft sie nemlich in ihrer Liederlichkeit einen von den unzähligen, ihnen ebenbürtigen Geliebten gefunden.

Daß eine ehrbare Frau ihren Gatten in solche Gesellschaft nicht wünschen konnte, daß ein braver Ehemann unter solche Dirnen nicht gelangen mochte, war natürlich, daher die Entrüstung des Herrn und der Frau Grünfeld, um welche sich jedoch ihre Gäste nicht kümmerten, sondern um den Wirth für seine Verrätherei an der Gräfin Lodoiska zu züchtigen, immer mehr hetzten.

Der Sprachmeister, welcher in der »Mehlgrube« wohnte, trieb es vollends arg.

Er behauptete geradezu, er hätte Herrn Grünfeld mit einer der allerberüchtigtsten Phrynen, welche damals unter dem Namen »die Rattenkönigin« bekannt, weil sie die Tochter eines Canalräumers war, tanzen sehen.

Als die arme Frau diese, mit anscheinendem Ernste ausgesprochene Aussage vernahm, gerieth sie außer sich.

»Jetzt ist es aus mit uns!« sagte sie; »jetzt will ich von Dir nichts mehr wissen, Du erbärmlicher, ehrvergessener Wicht! Jetzt hole ich meine drei Buben und fordere sie auf, ihren Vater zu verläugnen!«

Die Gäste wollten über diese Aeußerung in ein heftiges Gelächter ausbrechen, allein die arme Frau wurde von dem Abscheu gegen ihren Mann so ergriffen, daß sie Krämpfe bekam, worauf der Bettfedernhändler zum Einlenken mahnte, und Frau Grünfeld bat, doch Scherz zu verstehen, und nichts Uebles von ihrem Gatten zu glauben, den die Gäste bei ihr nur anschwärzen wollten, um ihm für seine Schwatzhaftigkeit eine recht derbe Züchtigung zu bereiten.

Nur mit vieler Mühe gelang es den Gästen, die Wirthin zu beruhigen, und sie dahin zu bringen, daß sie bei ihrem Gatten wieder blieb.

Aber geschmollt hätte sie doch noch gerne, wenn nicht einer der Lohnlakeien, die zum Aufpassen bestimmt waren, athemlos in die Wirthsstube gestürzt wäre und die Nachricht gebracht hätte:

»Der alte Graf kommt schon! Er hat die Gräfin Lodoiska bei sich im Wagen, und zwar ganz so gekleidet, wie sie von hier weggefahren, in ihrem schwarzen Anzuge und mit ihrem schwarzen, mit Gold gestickten Schleier! Der alte Graf hat sie aufgefunden, ohne daß sie sich noch zur Trauung vorbereiten konnte! Das prächtige Hochzeitkleid, das ich vom Schneider heute Morgens abgeholt habe, und zu Herrn Schikaneder in die Wohnung bringen mußte, hat sie wahrscheinlich nicht anziehen können, weil sie der Graf allzu schnell überfallen.«

Wirth und Wirthin und die Gäste waren consternirt.

Sie eilten aus der Stube.

Der alte Graf stieg in diesem Augenblicke aus dem Wagen, trat in das Haus und führte seine Dame über die Treppe.

Er warf den neugierigen Gaffern einen verächtlichen Blick zu.

»Madame,« sagte er zur Wirthin, »ich triumphire über Sie!«



Sechstes Capitel.

Es gibt noch Manches zu erzählen, das bisher noch in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt blieb. – Sollten die Gauner, in deren Mitte sich die Dame mit dem Todtenkopfe im Freihause befand, nicht ermittelt werden? Sollte die Sicherheitsbehörde keinen Fingerzeig erhalten, wie diese Räuberbande, die sie umgab, aufzuspüren sey? – Geduld! einer umsichtigen, thätigen, erfahrenen Polizei ist nichts unmöglich, wie es sich auch hier bewährt hat.

Hanns Ohnearm war in die Hände der Räuber gerathen; was fingen sie mit ihm an?

Als er in dem Wahne, seine Wohlthäterin, die wirkliche Gräfin Lodoiska, befinde sich im Freihause, unter die Gauner gelangte, erkannten sie ihn sogleich.

Die Kammerfrau der verkappten Gräfin war ja niemand Anderer, als die Mutter Ladislaus' und der Secretär war Ladislaus.

Als Hanns Wirbel bei seiner ehemaligen Stuben- und Bettelgenossin eintrat, um sich durch sie bei der Dame, die er zu finden hoffte, melden zu lassen, stieß Ladislaus' Mutter einen Schrei aus.

»Unglücklicher!« rief sie ihm zu, »wie kommst Du hieher? Eile schnell fort, ehe mein Sohn heim kommt, sonst bist Du verloren! – Du bist dem Manne, dem er Dich übergab, entflohen, Du hast die Gräfin gewarnt! – Mein Sohn hat geschworen; Dich zu tödten, wo er Dich findet. Fliehe – fliehe! Ich will nicht Schuld an deinem Unglück seyn!«

»Aber wo bin ich denn? Wer wohnt denn hier?«

»Ich darf es nicht sagen. – Daß ich Dich warne, ist von mir unrecht, aber Johann, ob Du mir es nun zutraust oder nicht, so habe ich noch immer ein Herz für Dich, eingedenk jener Zeit, in welcher wir noch beide jung gewesen; daher höre mich und verlasse schnell diesen, für Dich höchst gefährlichen Ort; werde aber nicht wieder zum Verräther, sonst stürzest Du mich in einen Abgrund, aus welchem mich keine menschliche Macht zu retten vermag.«

Hanns Wirbel wollte nur einige Aufklärung haben, aber Ladislaus' Mutter drängte ihn, sich zu entfernen, endlich war er selbst ängstlich und suchte das Weite zu gewinnen.

Doch in diesem Augenblicke erschien Ladislaus.

Er hatte bereits von seinen, in Mohren verwandelten Spießgesellen erfahren, daß der Mann ohne Arme bei seiner Mutter sich befinde.

Mit Blitzesschnelle riß er die Thüre auf und stürzte wie ein Geier auf seine Beute auf Wirbel los.

»Hast Du Dich verlocken lassen, Schurke!« donnerte er ihm entgegen. »Dachte ich es doch, daß Du ins Garn gehen würdest! – Nun will ich das Netz Dir am Halse so fest zuziehen, daß Du gewiß den Schrei eines Verräthers nicht mehr wagen sollst.«

»Du willst ihm wirklich ans Leben?« fragte die Mutter entsetzt.

»Ja, das will ich!« versetzte Ladislaus.

Er fiel wie ein Wüthender über ihn her.

Hanns Wirbel retirirte an eine Mauer, um den Rücken frei zu bekommen.

Er wehrte sich.

Er stieß mit seinen starken Beinen so heftig gegen den Entsetzlichen, daß dieser zurücktaumelte und auf einen Augenblick von ihm abließ, aber nun nach dem Messer griff, das er immer bei sich trug.

»Wie Du einen Mord begehst!« herrschte ihm seine Mutter zu, »reiße ich ein Fenster auf und schreie auf die Straße um Hilfe!«

Auf den Tumult kam die Dame aus dem Seitenzimmer, und es traten vier der Helfershelfer Ladislaus' ein.

»Um Gottes willen!« schrie die verschleierte Dame, »welchen tollen Unbesonnenheiten gibst Du Dich wieder hin, Ladislaus! – Sollen wir denn alle deiner wahnsinnigen Wuth zum Opfer fallen? – Bildest Du Dir ein, wir wären in den Urwäldern Amerika's, in welchen ein Mord ohne Ahndung der Gerichte geschehen kann? Augenblicklich lege das Messer aus der Hand, oder ich mache dem Spuke ein Ende. Reize mich nicht, oder deine hirnlose Wuth soll Dir zum größten Verderben werden!«

»Bindet ihn!« rief er seinen Henkersknechten zu.

»Kommt mir nur zu nahe,« kreischte Hanns, »dann sollt Ihr zu Krüppeln werden wie ich, und an euren Leibern Schaden leiden, als hätten Euch die Hufe schwerer Pferde getroffen.«

Es entstand ein Ringen, das schauerlich zu sehen war.

Einer der verkappten Mohren, welcher der erste war, so auf Hanns eingedrang, erhielt von dem Fuße des Unglücklichen einen solchen Stoß auf die Brust, daß er sogleich Blut spie. Ein zweiter Angriff wurde ebenso zurückgeschlagen. – Der Schurke, welcher Hanns am Kopfe packen wollte, empfing mit dem Absatz seines Stiefels einen Schlag in die Bauchgegend, daß er wie ohnmächtig hinstürzte; auch Ladislaus wurde schwer getroffen, aber endlich wurde Hanns doch überwunden, niedergeworfen, ihm der Mund verstopft, die Füße gebunden und in einen starken Sack gesteckt.

»So!« sagte Ladislaus, indem er vor Wuth schnaubte, »laßt ihn in diesem Sacke, werft ihn einstweilen in das Holzbehältniß nebenan. – Um Mitternacht ladet ihn auf, bringt ihn in den Wagen, den ich schaffen werde, und dann führen wir ihn an die Donau und versenken ihn dort wie einen todten Hund.«

Hanns wurde weggebracht.

»Du hast ihn mit den Worten, welche Du jetzt ausgesprochen, wohl nur ängstigen wollen?« fragte die Dame.

»Ja,« versetzte Ladislaus, »vor der Hand wollte ich ihn ängstigen, dann aber werde ich ihn auch gewiß ertränken. Sein Blut werde ich nicht vergießen,« setzte er hinzu, »davor werde ich mich hüten!«

Die Dame ging, ohne ein Wort zu sagen, in ihr Zimmer.

Ladislaus' Mutter wandte sich an ihren Sohn.

»Weißt Du was Theophila jetzt thut?« fragte ihn die Mutter. »Sie kleidet sich um, sie geht zu Gericht, gibt Dich an, und Du bist verloren!«

»Sie soll es wagen und uns verlassen, dann geschieht ihr dasselbe, was dem Schufte geschieht, den ich binden und knebeln ließ.«

»Und mir wahrscheinlich auch, denn ich gehe mit ihr. Hast Du den Muth, auch deiner Mutter mit einer solchen Drohung entgegen zu treten?«

Ladislaus schwieg.

»Oder bildest Du Dir vielleicht ein, die Leute in deinem Vorzimmer gehorchen Dir, wenn Du ihnen befehlen solltest, Theophilen ein Leid anzuthun? – Da irrst Du! – Sie beherrscht deine Diener mehr als Du, weil sie milde und freigebig ist, indeß deine Härte, deine Grausamkeit, und vor Allem deine schmähliche Knauserei, Dich ihnen längst verhaßt machte. – Versuch' es; befiehl deinen »falschen Mohren,« den Ohnearm zu tödten, wenn Theophila es nicht duldet, so schleudern sie Dich eher in die Fluten, als sie gegen den Willen dieser Frau handeln. – Das sind die Folgen der Hartherzigkeit und des Schmutzes, wo sie immer vorkommen, ob unter ehrlichen oder unehrlichen Menschen! – Du wirst Dich überzeugen!«

Theophila kam aus ihrem Zimmer. Sie hatte sich umgekleidet.

»Ich halte mein Wort,« sagte sie ruhig und gelassen. »Ich mache meine Drohung wahr. – Du hast Dich erfrecht, meine Aufforderung an Dich zu verhöhnen. – Ich habe Dir schon einmal bewiesen, daß Du mir nicht entgegenhandeln darfst. – Da Du ein so kurzes Gedächtniß hast, so will ich Dir meine Warnung nun tiefer einprägen.«

»Soll ich mich von dem elenden Krüppel verrathen lassen?« antwortete Ladislaus. »Soll ich mich, Dich, die Mutter und uns alle als Opfer sehen?

»Dieser Mann bleibt am Leben! befehle ich, und kein Haar darf ihm gekrümmt werden.«

»Er bringt uns auf die Festung, wenn er frei wird!«

»Er bleibt am Leben, und kein Haar darf ihm gekrümmt werden, wiederhole ich. – Wie es zu machen, daß er uns nicht gefährlich werde, sey meine Sorge. Deinen Leuten werde ich die nöthigen Aufträge geben, was mit ihm zu geschehen hat: hörst Du – ich werde ihnen die nöthigen Aufträge geben; – Du lassest sie sogleich hereintreten, meine Befehle zu hören; weigerst Du Dich, so sollst Du geopfert werden, Du allein! Ich werde gewiß den Starrsinn und die blinde Wuth brechen, mit welcher Du – ein so arger Sünder – mir imponiren willst. – Lasse deine Satelliten kommen; zögerst Du, so werfe ich diesen Stein durchs Fenster, das Papier, welches ihn umgibt, wird dann dein Paß zum Hochgericht werden.«

»Verfluchtes Weib!« kreischte Ladislaus; »wohlan Du sollst deinen Willen haben, aber wir werden noch abrechnen.«

»Mir drohst Du?« erwiederte Theophila. »Wäre deine Mutter nicht, so würde ich Dich schon längst dorthin gebracht haben, wohin Du gehörst.«

Die Leute, welche Ladislaus dienstbar waren, wurden gerufen.

»Hinsichtlich des Mannes ohne Arme,« redete Ladislaus sie an, »wird Euch Theophila die nöthigen Aufträge ertheilen –«

»Die Ihr pünctlich zu befolgen habt,« setzte Theophila hinzu. »Um Mitternacht wird ein Fiaker in das Freihaus fahren. In seinen Wagen wird der Mann gebracht.– Daß er sich ruhig von Euch wird transportiren lassen, dazu werde ich ihn bewegen; mir wird er vertrauen, denn ich werde ihn von seinen Banden befreien und von dem grausamen Knebel, den Ihr ihm in den Mund gesteckt habt. – Geschehen darf ihm nichts, weder durch Worte noch durch irgend eine rohe Behandlung; der Mann, welcher sodann den Johann Würbel übernimmt, wird zu mir bestellt; ich werde ihm die nöthigen Instructionen ertheilen und mich täglich überzeugen lassen, wie es ihm ergeht. – Dafür, daß Ihr ihn menschlich und rücksichtsvoll behandelt, gebe ich jedem von Euch vier Thaler. Dasselbe erhält auch jeder von Euch, wenn Würbel mir wissen läßt, daß Ihr schonend mit ihm umgegangen seid.«

»Das nennt man das Geld zum Fenster hinauswerfen,« sagte Ladislaus mit unterdrückter Wuth.

»Wenn Du noch eine Sylbe einwendest, Ladislaus, dann,« erwiederte Theophila, »soll jeder von diesen Leuten das Dreifache erhalten.«

»Nun geht und befolgt meine Aufträge genau. Ich rechne auf Euch. Versprecht mir noch, ehe Ihr Euch entfernt, daß ich mich auf Euch verlassen könne.«

»Wir versprechen.« versetzten Alle wie aus einem Munde.

»Die Thalerstücke werde ich Euch in wenigen Minuten überbringen. Die Leute verließen die Stube.

»Mutter,« redete Theophila die alte Frau an, »nun wollen wir den bedauernswerthen Mann von seinen Banden befreien. Sie, welche seit langen Jahren seine Pflegerin waren, sollen ihn wieder pflegen, mit Speise und Trank sollen Sie ihn erquicken, und aus Ihrem Munde soll er den Trost empfangen, daß er nichts mehr zu befürchten hat. Nur möge er keinen Versuch machen zu entfliehen, sonst würden wir unsere Hände von ihm abziehen.«

»Mir wird er glauben,« versicherte die Mutter. »Erfährt er wie gütig und menschenfreundlich Sie an ihm gehandelt haben, wovon ich ihn getreulich unterrichten will, so wird er Ihnen sein volles Vertrauen zuwenden.«

Die beiden Frauen begaben sich zu Würbel.

Ladislaus blieb allein zurück.

Es war ihm aber, als ob tausend Teufel auf ihn einstürmten.

Er gerieth so sehr außer sich, die Wuth, welche sich seiner bemächtigt hatte, und die er doch unterdrücken mußte, welche aber mit erhöhter Kraft losbrach, war so fürchterlich, daß er die Fäuste ballte und sich nach einem Gegenstand umsah, seinem entsetzlichen Grimme Luft zu machen.

Auf dem Ofen stand die Büste Schikaneder's, welche jeder Schauspieler des Theaters im Freihause besitzen mußte, also auch Helmböck. (Schikaneder war so eitel, daß er jedem Choristen jenen Gypsabguß in seinem Zimmer aufzustellen befahl, – freilich schenkte Schikaneder allen Mitgliedern des Theaters seine Büste, aber lächerlich blieb die Marotte doch. Diese Schwäche Schikaneder's ist bekannt. Der berühmte Gypsmodelleur Fischer im Freihause mußte für Schikaneder unablässig Büsten anfertigen, welche er splendid bezahlte.)

Diese Büste also zerschlug Ladislaus, so daß über den Lärm, den das Herabstürzen der Gypsfigur verursachte, die Mohren ins Zimmer eilten und nach der Ursache des Geräusches forschten.

Als Ladislaus die Mohren erblickte, rief er ihnen zu:

»Was wollt Ihr, Ihr Schurken, die Ihr im Begriffe seid, gegen meinen Willen zu handeln? – Hat es Euch vielleicht gereut, daß Ihr Euch durch dieses freche Weib bethören ließet? Wo nicht, so seid Ihr in meinen Augen Dummköpfe, Schufte, elende Gauner, die nicht einsehen, daß uns der erbärmliche Krüppel alle verderben wird. – Ich will Euch einen Rath geben. Nehmt das Geld immerhin an, das Euch Theophila schenken wird, thut aber dennoch, was ich Euch befehle. Wenn Ihr den Krüppel im Wagen habt und in der Nacht in eine einsame Gegend bringt, so verstopft ihm den Mund, werft Euch auf ihn, erdrosselt ihn und nehmt ihm das Geld, das er bei sich trägt. Koppi, dem er entronnen, hat mir mitgetheilt, daß Würbel ein hübsches Sümmchen in seinem Wammse hat; habt Ihr dieses Geld, dann schleudert ihn in die Donau. Er wird nach der Roßau geführt, – diese Weisung wird der Fiaker von mir erhalten –«

»Dann können wir den Fiaker auch gleich erdrosseln und in den Fluß werfen,« versetzte einer der Mohren. »Der Fiaker wird nicht blind und taub sein, wenn ein Mensch in seinem Wagen ermordet und dann sein Leichnam ins Wasser geworfen wird.«

»Ihr Kurzsichtigen,« eiferte Ladislaus, »wißt Ihr denn nicht, wie man da zu Werke zu gehen hat? muß ich Euch das noch lehren? – Ihr wollt Banditen sein? – Dumme Jungen seid Ihr!«

Die Scene wurde unterbrochen.

Theophila und Ladislaus' Mutter traten mit Würbel ein.

Theophila erblickte mit Erstaunen die Gruppe.

»Hast Du Dich vielleicht erfrecht,« redete Theophila Ladislaus an, »diesen Leuten eine andere Instruction zu geben als ich? – Sprecht,« wendete sie sich an die Mohren, »was gab es hier? – Wer ist von Euch so ehrlich, mir die Wahrheit zu sagen?«

Sie beriethen sich unter einander.

Endlich sagte der Eine:

»Ei was! Ich sag's heraus! – Ich lade keinen Menschenmord auf mein Gewissen.«

»Und wir auch nicht,« setzten die Uebrigen hinzu.

»So also handelst Du schändlicher, heimtückischer Mensch!« sagte Theophila zu Ladislaus, indem sie ihn mit durchdringenden Blicken betrachtete. »Gedenke dieses Augenblickes; ich vergelte ihn Dir! – Merke es wohl! – Entfernt Euch,« befahl sie den Dienern.

An Ladislaus wendete sie sich:

»Entweder verlässest Du jetzt dieses Zimmer, oder ich und deine Mutter verlassen es und nehmen Würbel mit uns.«

Ladislaus glich einer Leiche. Er wurde blaß vor Entrüstung. – Er verließ das Zimmer.

Als er sich entfernt hatte, klagte Würbel: »Ich Unglücklicher werde also doch geopfert! Koppi theilte mir bereits mit, welch ein entsetzlicher, rachgieriger, grausamer Mensch der Sohn meiner alten Freundin sei! Wollt Ihr mich retten, so laßt mich sogleich, laßt mich noch am Tage fort; laßt mich allein fort! – Ich will einen heiligen Eid schwören, ich will meine Seele der Hölle verpfänden, wenn ich auch nur mit einem Worte an Euch zum Verräther werde.«

»So weit geht meine Güte nicht,« versetzte Theophila. »Beruhigt Euch! Befürchtet nicht einen Augenblick die geringste Gefahr. Ein Anderes ist es, Euch zu retten, ohne uns zu verderben und ein Anderes, Euch zu retten und uns preiszugeben! Ihr dürft jetzt nicht fort!«

»Du kannst mir vertrauen,« setzte die Mutter hinzu; »wenn ich Dir versichere –«

»Versichere doch Du mir deinen Schutz nicht,« erwiederte Würbel, »Du hast mich unlängst rathlos gelassen; Du kanntest deinen Sohn und ließest ihn dennoch gewähren – ich wäre vielleicht schon todt, wenn ich nicht entkommen wäre.«

»Jetzt ist es anders,« betheuerte Theophila. »Solltet Ihr aber dennoch den geringsten Argwohn schöpfen, so wird Euch die Mutter Ladislaus' begleiten. In ihrer Gegenwart dürft Ihr keine Furcht haben. – Und nun kommt in mein Zimmer; ich habe Euch eine Mahlzeit bringen lassen; die Mutter wird Euch die Speisen reichen, kommt!«

Die beiden Frauen führten Würbel in ihr Speisezimmer.


* * *


Als Würbel sich gestärkt, als ihn auch der Wein erquickt hatte, als ihm die beiden Frauen Muth einsprachen, als er bemerkt, wie besorgt beide für ihn waren, beruhigte er sich.

Der Nachmittag verging ihm an der Seite seiner Schutzgeister, der Abend brach heiter heran und als Würbel wieder bei der Mahlzeit saß und abermals durch die Mutter gut gespeist und durch wohlschmeckenden Wein erfrischt ward, – ging plötzlich die Thür auf und herein schritt ein neuer Tischgenosse. Dieser setzte sich ruhig an Würbel's Seite nieder und trank ganz zutraulich aus seinem Glase.

Würbel sah den Mann mit großen Augen an. Er rückte dann seinen Stuhl ängstlich von seiner Seite und starrte ihn wieder scheu und mit unheimlichen Blicken an.

»Fürchtest Du Dich vor mir?« sprach der Fremde. »Ich habe Dir gewiß nichts zu Leide gethan, im Gegentheile habe ich Dir meine Zuneigung in einem so hohen Grade bewiesen, daß mir meine Liebe zu Dir – wäre deine Mutter und Frau Theophila nicht gewesen – bald – den Hals gekostet hätte.«

Der also sprach war Koppi, der schon einmal Würbel's Gefangenwärter hätte sein sollen, der aber, wie der Leser sich erinnern wird, gegen eine kleine Abfindungssumme den Mann ohne Arme entwischen ließ.

»Ich glaubte Euch gerade dadurch zu beruhigen,« versetzte Theophila, »daß ich Euch diesen Mann, den Ihr schon kennt, hierher bestellte. Er hat Euch schon einmal seine Gutmüthigkeit gezeigt.«

»Mit ihm wirst Du Dich entfernen,« setzte die Mutter bei. »Er wird Dich zwar den Augen der Welt entziehen, er wird in einer großen Einsamkeit mit Dir leben, aber nicht lange, gewiß nicht lange, denn, mein Sohn, seine Leute und besonders deine Wohlthäterin Theophila werden in Wien nicht lange mehr weilen. Was mit mir geschieht, weiß ich noch nicht, vielleicht suche ich Dich auf, wenn ich ohne Gefahr hier bleiben kann, vielleicht entferne ich mich ohne meinen Sohn. Auf keinen Fall lasse ich Dich hilflos.«

»Erhalte ich nur wieder meine Freiheit,« entgegnete Würbel, »in der Umgegend Warschau's werde ich versorgt, das weiß ich.«

An der Abendtafel sprach man dem Weine wacker zu.

Würbel wurde immer heiterer und zutraulicher, endlich küßte er Koppi und nannte ihn seinen braven Landsmann.

Als Würbel seinen Peiniger Ladislaus nicht mehr sah, beruhigte er sich vollkommen, und als endlich die Stunde schlug, in welcher man ihm meldete, der Wagen sei da, da nahm Würbel recht herzlich Abschied von Theophila, dankte ihr innig für seine Rettung, küßte sogar seine alte Geliebte und schickte sich an, in den Wagen zu steigen, der indeß ins Freihaus gefahren war. – Aber als Würbel die Mohren wieder sah, erschrack er heftig. Er fing zu zittern an und wollte um Hilfe rufen.

»Sei kein Narr!« mahnte Koppi, »und verdirb Dir die Geschichte nicht! – Diese Mohren,« setzte er hinzu, »welche keine Mohren sind, begleiten uns deinetwegen und meinetwegen, deinetwegen, weil man Dich fürchtet, weil Du, im Fall als Du Dich zur Wehre setztest, überwältigt werden müßtest – und meinetwegen, weil man, aufrichtig gesagt – weil man mir nicht zutraut, daß ich Dich bis an den Ort bringen werde, der uns für eine Zeit verborgen halten soll. – Wozu also dein Mißtrauen? Würde man Dich umbringen wollen, so hätte man mich nicht gebraucht, Du wärest wie ein Stück Vieh gebunden zur Schlachtbank geführt worden! – Combinire nun ein wenig selbst und Du wirst Dich überzeugen, daß man Dich zwar für den Augenblick unschädlich, aber nicht aus dem Wege räumen will.«

»Wohin schafft man mich denn?«

»Schweige,« antwortete Koppi. »Aus der Welt geht es nicht und Noth wirst Du auch nicht leiden, Du hörst ja, ich bleibe bei Dir und was ich habe, wirst Du auch haben!«

Indeß rollte der Wagen immer weiter fort.

Es war eine so rabenschwarze Nacht und was die Fahrt unheimlich machte, war, daß der Regen in Strömen niederfiel.

Da die Beleuchtung mehrer Vorstädte Wiens vor ungefähr sechzig Jahren erbärmlich war, so erblickte Würbel auch nicht den Schein einer Laterne.

»Werde ich außer die Linien Wiens gebracht?« fragte Würbel, als der Wagen schon länger als eine halbe Stunde unter Weges war.

»Warum fragst Du?« erwiederte Koppi.

»Möchtest wohl gerne bei irgend einem Mauthschranken um Hilfe rufen? Nein, mein Freund, so klug als Du bist, sind wir auch. Dort, wo Polizeiwachen und Mauthsoldaten sich befinden, haben wir nichts zu thun. Und nun sprich nicht mehr. Die Mohren haben lange Ohren! Verlasse Dich auf mich! Es geschieht Dir nichts.«

Endlich hielt der Wagen.

Neben dem Kutscher auf dem Bocke mußte noch ein Mensch gesessen haben. Es sprang nemlich ein Kerl plötzlich vom Wagen, langte eine Blendlaterne aus seinem Mantel und fragte Koppi:

»Wie oft soll ich anläuten, einmal oder dreimal?«

»Einmal,« antwortete Koppi. »Halte Dich nur nicht so lange auf, verfluchter Afrikaner! Es wäscht Dir sonst der Regen deinen Teint ab und Du kommst als Europäer ins Freihaus zurück!«

Der schwarzgeschminkte Mann, der auf dem Bocke gesessen, läutete einmal an.

Ein eisernes Thorgitter knarrte in seinen Riegeln.

Der Wagen fuhr in den Hofraum.

»Seid Ihr einmal da?« fragte eine heisere Weiberstimme. »Mein Mann und ich vermeinten schon Ihr hättet Contreordre, und der Gefangene hätte eine andere Bestimmung erhalten.«

»Dummes, schwatzhaftes Weib!« schmollte der travestirte Afrikaner, »haltet euer Maul wenigstens so lange bis ich den Fiaker bezahlt habe.«

Er langte aus seiner Tasche drei Zweiguldenstücke hervor, gab sie dem Fiaker und sagte:

»Hier hast Du dein Geld und nun trachte, daß Du weiter kommst.«

»Nichts da! Sechs Zweiguldenstücke erhalte ich, nicht drei. Macht nur keine Späße mit mir! – Sonst fahre ich ins Freihaus zurück und mache einen Mordspectakel – Ihr kennt den »Siebenunddreißiger« noch nicht, das ist kein so dummer Laffe wie der »Vierundsechziger!«

Der Mohr gab noch drei Thalerstücke.

Würbel wurde aus dem Wagen gehoben und in ein kleines düsteres Zimmer geführt, das mittelst eines winzigen Stümpchens Licht eine klägliche Beleuchtung erhielt.

»Siebenunddreißig und vierundsechzig,« dachte Würbel, »diese beiden Nummern muß ich mir merken!«

Koppi befahl Würbel sich niederzusetzen.

»Recht gerne!« erwiederte dieser, »wenn ich nur einen Stuhl ausnehmen könnte.«

»Da steht ja einer, gerade vor deiner Nase!« rief eine rauhe Stimme.

»Ich sehe kaum meine Hand vor dem Gesichte!«

»Warte, wir werden Dir heute noch eine Illumination anstellen und deine Herrlichkeit beleuchten, wie es sich gebührt!«

»Das müßt Ihr auch!« betonte Koppi. »Ihr scheint zu vergessen, daß ich den »Mann ohne Arme« gebracht habe, den Ihr mit Aufmerksamkeit zu behandeln habt.«

»Ja so!« versetzte der Mann mit der rauhen Stimme, und lachte. – »Das wußte ich ja nicht! – Dieser Kerl wird auch kein Prinz sein, und wenn auch, mir ist dies Wurst! – Ich bin gegen die ganze Welt grob, und grob bleib ich; dies ist mir Bedürfniß. – Dennoch will ich noch ein Licht anzünden und mir den Patron betrachten! – Keine Arme hat er?«

Er zündete noch ein Licht an und hielt ihm dasselbe unter die Nase.

»Das ist ja ein unnützer Brotfresser!« fuhr der Mann fort. »Der Kerl kann nicht einmal ein Dieb werden! Ich bedauere ihn!«

»Wer ist denn der respectable Mensch?« fragte Hanns seinen Freund Koppi, »der mich bedauert, daß ich nicht einmal ein Dieb werden kann?«

»Hier ist er Hausinspector, die Leute, welche er bewachen muß, nennen ihn Gefangenwärter.«

»Also sind noch mehrere da, welche mein Schicksal haben?«

»Ja, dies ist Herrn Ladislaus' Privatstrafanstalt. Ein kleines Zuchthaus für diejenigen seiner Bande, die ihm nicht pariren.«

»Werde ich in diesem Loche einquartirt?«

»Gott bewahr! Du bekommst ein nettes Zimmer. Ich wohne bei Dir.«

»Eure Betten werden erst gemacht,« setzte der sogenannte Gefangenwärter hinzu. – »Euch wird eine Extrawurst gebraten, gebt nur Acht!«

Das Weib des Cerberus trat ein.

»Ihr könnt jetzt in euer Loch schlafen gehen!« sagte die Alte.

»Ich bin ja kein Hund,« entgegnete Hanns. »Ich merke schon was ich hier zu erwarten habe!«

»In ein Loch wollt Ihr uns stecken?« fuhr Koppi auf. »Hat Euch nicht Frau Theophila befohlen, daß –«

»Um fünf Uhr schrieb sie uns,« gab der Gefangenwärter zurück, »daß wir Hans Würbel gut zu versorgen hätten, um acht Uhr kam aber ein Brief von ihm, und der lautete anders.

»Nu warte!« drohte Koppi. »Dir Unmensch will ich eine Suppe bereiten. Leider müssen wir uns für diese Nacht fügen, aber morgen um sechs Uhr in der Früh soll der Rapport schon im Freihause sein!«

Der Cerberus lachte wieder, nahm mehrere Schlüssel zu sich, gab seinem Weibe eine Laterne in die Hand, welche eine Kerze in derselben anzündete und vorausleuchtete.

Koppi und Hanns folgten.

Das Weib stieg drei Stockwerke hinauf.

Ihr Mann und die beiden Angekommenen gingen mit ihr.

Endlich hielt sie an einer eisernen Thür und schloß diese auf.

Der sogenannte Gefangenwärter schob Koppi und Würbel in die Thür.

Darauf schlug er die Thüre zu und versperrte sie.

»Kreuzsackerment!« fluchte Koppi, »leuchtet uns doch wenigstens so weit, damit wir sehen können, wo unsere Liegerstatt ist.«

»Ihr habt ein Paar Hände,« höhnte der Cerberus, »damit könnt Ihr im Finstern herumtappen. – Habt Ihr euer Lager gefunden, dann zieht den Cameraden zu Euch und legt ihn neben Euch! – Eines Lichtes bedürft Ihr nicht!«

Der Unhold und sein Weib lachten nun ausgelassen, schoben noch ein paar Riegel vor und gingen.

Langsam verhallten ihre Tritte.

»Es ist klar,« sagte Hanns. »Hier werde ich geopfert und Ihr seid damit einverstanden.«

»Einverstanden?« wüthete Koppi. »Das werde ich Dir morgen beweisen, daß ich nicht einverstanden bin. – Ich weiß jetzt auch recht gut wo ich mich befinde. – Wir sind auf dem Boden des ehemaligen Trautsohnhauses. Hier war einmal eine Getreidekammer. Ich erinnere mich an die ganze Localität! – Hanns, wimmere nicht! Es geschieht Dir nichts! Du wirst Dich überzeugen!«

»Ich wimmere nicht,« versetzte Hanns, »ich bete. Den morgenden Tag werde ich schwerlich erleben!«

Koppi bemühte sich vergebens den Aermsten zu trösten.

Während sie noch sprachen, war es ihnen als ob plötzlich neben ihnen ein Mensch schwer seufzte.

»Wer da?« rief Koppi.

Das Gestöhne wurde heftiger.

»Ist Jemand da?« fragte Koppi.

»Seid Ihr Menschen und so unglückliche Menschen wie ich, so laßt mich zu Euch hinüber.«

»Zu uns herüber?« fragte Koppi. »Da müßte ja ein Loch in dieser Mauer sein und das ist wohl nicht der Fall.«

»Doch! doch! Ich selbst habe ein Loch in die Mauer gegraben,« antwortete die Stimme. »Meine Lagerstätte befindet sich an derselben Mauer, wo die eure steht. Unter diesen beiden Bretergerüsten fand ich einen Weg. Verrathet mich nicht, wenn ich durch die Oeffnung krieche, die ich gemacht.«

»In Gottes Namen komm' herüber!« versetzte Koppi, »aber was willst Du hier machen?«

»Mich weiter durchgraben. Euer Behältniß führt nach der Stiege; bin ich dort, so bin ich frei; ja ich mache Euch ebenfalls frei, wenn Ihr mir die zweite Mauer zu durchbrechen helft. – Ich bringe eine Eisenstange mit, damit wollen wir arbeiten.«

»Wer bist Du denn? Wie heißt Du denn?«

»Kral!«

»Kral!« rief Koppi aus. »Ei, ich weiß nun Alles! Komm nur!«

»Mit dieser Eisenstange,« wimmerte Hanns, »werde ich erschlagen! Mir wird nun Alles klar!«

Es dauerte nicht zwei Minuten, so stand der Mann mit Namen Krall in der Abtheilung des Hausbodens, in welcher die beiden Männer sich befanden.

»Da bin ich!« rief er. »Reicht mir eure Hände. Folgt dem Schalle meiner Stimme. – Hier steh' ich!«

»Ich kann Dir meine Hand reichen!« versetzte Koppi, »aber mein Camerad nicht; der Aermste hat keine Arme!«

»Keine Arme?« wiederholte Krall, »so kann er uns auch nicht arbeiten helfen. – In Gottes Namen! Desto rüstiger wollen wir beide sein! – Wie heißt Du, der Du mir helfen kannst?«

»Koppi.«

»Ich kenne Dich schon! Steh auf, Koppi! Wisse vor Allem, was man hier vorhat. – Wenn der Regen aufhört, der noch gleich einem Wolkenbruche sich ergießt, so wird man das Dach dieses Hauses in Brand stecken. – Ich weiß es gewiß, daß dies geschieht! – Es wäre vielleicht schon geschehen, wenn der Himmel seine Schleußen nicht so furchtbar geöffnet hätte!«

Koppi sprang auf.

»Niederträchtiger Ladislaus!« tobte er. – »Gib her die Eisenstange,« sagte er zu Krall. »Du hast Dich wahrscheinlich schon marode gearbeitet! – Führe mich an den Punct, wo ich die Mauer durchbrechen soll.«

»Hier! hier!« sagte Krall. »Du kannst die stärksten Schläge gegen diese Wand führen, die Bestien, die uns bewachen, liegen im Vordertracte! Sie hören uns nicht! – Arbeite rüstig! Schon höre ich den Regen matter auf das Dach fallen! – Eile! eile! – Mit meinen Händen räume ich den Schutt weg!«

»Ach!« wimmerte Würbel, »wenn ich Euch nur helfen könnte!«

»Aber woher weißt Du, daß man uns bei lebendigem Leibe verbrennen will?« fragte Koppi.

»Frage jetzt nicht und arbeite, – bedenke, daß jede Minute kostbar ist.«

»Nur das Eine sage mir, wer soll denn Feuer anlegen?«

»Das Weib unseres Peinigers. Auf dem Vorboden liegen schon die brennbaren Stoffe, Stroh, Pech, Späne und Kienhölzer! – Arbeite herzhaft fort! – Hörst Du wie das Plätschern des Regens verstummt?«

Koppi führte so schnelle und so sichere Schläge gegen die Mauer, er arbeitete so große Steine heraus, daß es schnell vorwärtsging, Krall schaffte rasch den Schutt weg. – Nach ihrer Meinung konnte es nicht lange mehr währen, so mußte das Loch durchgegraben sein.

Die beiden Menschen arbeiteten mit der Kraft, welche wahre Verzweiflung verleiht.

Endlich zeigte ihnen ein Windstoß an, der durch den Mauerspalt pfiff, daß ihr Werk gelungen sei.

»Die Oeffnung haben wir erreicht!« frohlockte Koppi.

»Ja!« versetzte Krall, »aber um durchzukriechen, ist sie noch zu enge! – Gib mir das Eisen! – So! – Siehst Du? – Ich habe mehr Vortheile! – Da fällt ein Stein! – Hier einer! – Da ist noch ein Stück Mauer, das fort muß. – Jetzt ist's gelungen! – Nun krieche Du zuerst durch, Koppi! – Bist Du draußen?«

»Ja.«

»Ich hole jetzt den Mann ohne Arme, den schieben wir durch! – Er hilft mit den Füßen nach! – Komm!« sagte Krall zu Hanns, »ich führe Dich! – Es ist geschehen! – Victoria! Wir sind alle Drei gerettet!«

»Heilige Jungfrau!« betete Würbel; »Du hast mein Flehen erhört! – Ich danke deiner Gnade mein Leben!«

»Was aber nun?« fragte Koppi. – »Wohin sollen wir fliehen?«

»Wir suchen die Stiege!«

»Hanns Ohnearm,« bat Koppi, »rühre nur Du Dich nicht vom Flecke, Du könntest unvorsichtig in deiner Freude einen fürchterlichen Sturz über die Stufen machen.«

»Stille,« sagte Krall. »Ich höre die untere Stiegenthür aufschließen!«

»Es wird das Weib des Schurken sein, der hier Henkersdienste verrichtet.«

»Ich sehe den Schein einer Laterne,« sagte Koppi leise.

»Gib mir die Eisenstange. Dieses schändliche Weib tödte ich auf einen Streich!«

»Ich höre sprechen.«

»Es sind ihrer Zwei –«

»Das Weib kommt mit ihrem Ungeheuer von einem Manne, herauf.«

»Jetzt gilt's!« rief Koppi.

»Mein Gott! mein Gott!« rief Würbel, »daß ich den Schurken nicht unter meine Füße bekommen kann!«

Man hörte den Schergen mit seinem Weibe heraufkommen.

»Hast Du die Eisenstange?« fragte Krall.

»Ich schwinge sie bereits.«

»Beide müssen auf einen Hieb fallen!«

»Hast Du die Pechpfannen?« fragte der Mann sein Weib auf der Stiege.

»Zünde sie an.«

Der Büttel und sein Weib stiegen die letzte Stufe herauf.

Der Büttel und sein Weib hatten kaum die letzte Stufe erreicht, kaum die Laterne, die sie trugen, niedergestellt, so traf sie auch ein so gut geführter Schlag, daß sie kopfüber die Treppe hinabstürzten.

»Jesus, Maria und Joseph!« hörte man die Alte rufen.

»Heiliger Gott! sie sind todt!« klagte Hanns.

»Ich wünsche es!« versetzte Koppi; »aber es ist nicht so arg, ich habe sie absichtlich nicht auf die Köpfe, sondern nur auf ihre Rücken treffen wollen. Uebrigens verreckt ein solches Gesindel nicht so bald!«

Krall nahm die Laterne und sah nach.

Die Alte hatte einen Strick, der zum Ersteigen der Treppe diente, ergriffen; sie rettete sich dadurch vom Hinabstürzen, aber der schlechte, bösherzige Kerl, ihr Mann, war einen ganzen Stock tief hinabgefallen.

»Lebst Du noch, Hallunke?« fragte ihn Krall, »dann bitte ich mir die Schlüssel zum Hausthor aus. Wenn ich, dann Koppi und der Mann ohne Arme uns gerettet haben, dann zünde das Nest meinetwegen an. Ich frage den Teufel darnach!«

»Anzünden?« rief Koppi, welcher mit dem Manne ohne Arme in den zweiten Stock hinabgeklettert war; »anzünden, damit andere Menschen, die vielleicht hier wie die »Schwaben« ausgebrannt werden sollen, zu Grunde gehen? – Das wäre nicht übel! – Nein, nein, Mord und Brand muß verhütet werden! – Wir wollen unsere Freiheit und sonst nichts erreichen! – Wo hast Du die Schlüssel, Schurke?« redete er den Büttel an. »Rede – oder ich gebe Dir noch eine Mahnung mit der Eisenstange, welche Dir die Zunge gewiß lösen soll.«

Die Alte, welche sich indeß etwas erholt hatte, warf die Schlüssel von oben herab, und traf dabei den armen Würbel sehr empfindlich auf die Füße.

»Die Bestie lebt noch!« wüthete Würbel. »Ich will ihr nun den Garaus machen.«

»Nicht doch!« mahnte Koppi. »Laß sie! Wir haben die Schlüssel! wir sperren auf und eilen fort. Was mit dem Volke geschieht, kann uns gleichgiltig sein.«

Sie liefen alle Drei über die Treppe.

Als die drei Flüchtlinge sich entfernt hatten, sagte das Weib zu ihrem Manne:

»Scherf – Scherf! ist Dir ein Unglück geschehen? hast Du Dir etwa einen Fuß oder einen Arm gebrochen?«

»O Gott!« hauchte Scherf, »der Schlag hat mir wenig gethan, aber der Sturz. Ich muß gräßlich zerschunden sein! – Ich weiß nicht, ob ich aufstehen kann.«

»Ich komme zu Dir hinunter. – Der Schlag hat mich auch nicht hart getroffen; der Kerl wollte uns nicht tödten, das ist klar! aber durch den Schreck hat er uns gelähmt! – Wie müssen diese Schufte sich befreit haben?«

Das Weib kam mittlerweile zu dem Manne herab.

»Wie sie sich befreit haben?« erwiederte Scherf. »Sind Sie denn auch frei? – Wenn sie an das Thor kommen, zerreißen sie die Hunde.«

»Sie haben ja die Eisenstange!«

»Einer! Einer kann sich wehren! Und der Andere, und der keine Arme hat, wie wehrt sich der?«

»Dann suchen sie uns auf und zwingen uns, die Hunde an uns zu locken – das Beste wäre, wenn wir durch die kleine Thüre des Gartens entwischen könnten, – denn wenn sie uns finden, weh uns!«

»Ich kann keinen Fuß heben. Ich habe gewiß Schaden genommen, ich fühle es, ich blute sogar.«

»Strenge Dich an hinabzukommen, – ich bitte Dich. Ich bin in Todesangst, wenn diese Mörder zurückkehren!«

Das Weib half dem Manne.

Mühsam brachte sie ihn in den Garten.

Man hörte nun ein furchtbares Gebell der Hunde.

Endlich ein wildes Geschrei.

Scherf und seinem Weibe gelang es durch den Garten zu entkommen.

Die Hunde hatten die drei Männer angefallen, Koppi erschlug den, welche ihn attakirte, und erschlug auch den Hund, welcher Würbel unter die Beine fuhr.

Aber die andern zwei Hunde machten Krall desto mehr zu schaffen,

Koppi kam mit der Eisenstange herbei. Die Bestien ließen nicht los. – Er schlug unaufhörlich nach ihnen.

Die Hunde hatten sich in einen Arm und Fuß Krall's förmlich verbissen.

Plötzlich wurde außer dem Hause ein Pfiff gehört.

Darauf wurde rasch an der Hausglocke geläutet.

Die Hunde ließen, als sie den Pfiff hörten, ihr Opfer los.

Koppi sprang herbei und erschlug die beiden Hunde.

»Wer ist da draußen und verlangt Einlaß?« fragte Koppi.

»Macht auf,« rief eine Männerstimme.

»Kann geschehen!« antwortete Koppi, »doch wenn Ihr Uebles mit uns im Sinne habt, so kommt Ihr nicht mit dem Leben davon.«

»Macht auf!« befahl nun eine Frauenstimme.

»Mein Gott!« sagte Koppi, »das ist die Stimme Theophila's!«

»Ich mache augenblicklich auf!« rief er.

Koppi öffnete das Thor.

Theophila und zwei Männer traten ein.

»Gott sei Dank!« waren Theophila's erste Worte. »Ihr lebt! Ich kam nicht zu spät.«

»Ja, wir leben!« sagte Würbel. »Aber nur durch die Gnade des Himmels.«

Theophila verlangte in die Wohnung des Erdgeschosses geführt zu werden.

»Es ist schauerlich kalt und naß hier,« sagte sie. »Der entsetzliche Regen hat die ganze Gegend in einen See verwandelt.«

Theophila trat in das Zimmer, in welchem bisher Scherf und sein Weib ihren Unterstand fanden.

»Das Gewissen des unglückseligen Menschen, welcher den Brandbrief hiehergebracht,« nahm Theophila das Wort, »ist aus seinem Schlummer gerüttelt worden; er hat mir gebeichtet und ich bin hieher geflogen, Euch zu retten. In der schrecklichen Nacht war kein Wagen aufzutreiben; – zu Fuße bin ich mit diesen Männern hiehergeeilt. – Ladislaus hat keine Ahnung, daß ich diesen Weg gemacht! – Zum Glück brach der Morgen an und der Weg war leichter zu verfolgen. – Berichtet mir nun schnell was geschehen ist und wie es kam, daß der teuflische Anschlag auf euer Leben vereitelt wurde!«

Koppi erzählte ausführlich Alles.

Indeß sahen Krall und Würbel nach den Wunden, welche ihnen die Hunde beigebracht hatten.

Krall und Würbel waren arg verletzt; die Kleider waren ihnen in Stücken vom Leibe gerissen worden. Als Koppi seinen Bericht geendet, welchen Theophila mit Entsetzen angehört hatte, wendete sie sich an Krall:

»Was hast Du denn verbrochen,« fragte sie, »daß auch Dir ein so schreckliches Los beschieden wurde? – Ich kenne Dich nicht.«

»O, Sie werden noch Viele von uns nicht kennen, die sich hier nach jedem Raube versammeln, und die entwendeten Güter hieherbringen mußten, um sie aufbewahren zu lassen. – Was ich gethan, fragen Sie? – Als ich das letzte Mal gefänglich eingezogen wurde, gestand ich wohl, daß ich dabei gewesen, wie man den Postmeister von Hainburg ausgeraubt hatte, ich verrieth aber den »Herrn« nicht, welcher den Raub geleitet. Hätte ich ihn verrathen, dann wäre der »Herr« bis auf die heutige Stunde wohl nicht frei geblieben.

»Als ich dann aus dem Gefängnisse von Hainburg entwich und mich in Wien meldete, um Unterstützung zu bitten, da schickte mich der »Herr« hieher, und kündigte mir an, daß ich elendiglich hier umkommen müßte, weil ich ein Verräther sei.

»Als der Brief mit der über mich und Koppi und den Mann ohne Arme verhängten Strafe anlangte, war ich an meinem Fenster. Ich behorchte Scherf und sein Weib und hörte wie sie sich beriethen, auf welche Art der Brand anzulegen sei, damit dieser ja nicht weiter greifen könne, als beabsichtigt worden.«

»Der Wahnsinnige!« rief Theophila entsetzt.

»So abgelegen dieses Haus ist,« fuhr sie fort, »so wäre das Feuer doch in der Nacht bemerkt und Hilfe hieher gesendet, sonach das Nest hier entdeckt worden. – Doch das hätte den Ruchlosen nicht gekümmert. Nur seine Rache wollte er kühlen, wenn er dadurch gleich selbst seinen Untergang gefunden; es würde ihn nicht beirrt haben. – Wo ist nun das gräßliche Ehepar? dieser schändliche Scherf und sein Weib?«

»Sie liegen vielleicht noch auf der Treppe des dritten Stockwerkes,« versetzte Koppi.

»Todt?«

»Der Himmel bewahre! Er mag sich wohl Arm und Bein gebrochen haben, aber ihr ist gewiß nichts geschehen; – ich habe es schon so eingerichtet, daß der Schlag, den ich gegen Beide führte, nicht zu gefährlich ausfiel.«

»Man muß sie aufsuchen und hieherbringen,« befahl Theophila.

Die Männer, welche sie begleitet hatten, vollzogen ihren Auftrag.

»Nun aber sind wir doch frei?« fragte Würbel.

»Nein,« antwortete Theophila. »Dich, Würbel, kann ich noch nicht ohne Aufsicht lassen, – Koppi wird die Stelle des Hauswärtels hier übernehmen, und Du, mein Freund, wirst bei ihm bleiben. – Krall mag seinen Weg nehmen, wohin er will. Die Besorgniß, die ihn leiten muß, ja nicht wieder in die Hände des Gerichts zu fallen, wird ihn behutsam machen. Krall wird Wien und Oesterreich für immer verlassen. Um dies zu können, stelle ich ihm Unterstützung zu. – Nimm dies, Unglücklicher, und mache Dich auf den Weg.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Krall. »Die Eisenstange aber nehme ich mit. Eine Waffe muß ich haben!«

Er eilte fort.

»Ist denn noch nicht mein Leiden zu Ende!« rief Würbel aus, »Koppi,« sagte er zu seinem Freunde, »gehorchst Du denn diesem Ausspruche und bleibst hier? – Hast Du nicht ebenso wie ich das Schrecklichste zu besorgen von einem Manne, dessen Rache jetzt noch gräßlicher sein wird?«

»Was für eine Rache vermag er zu nehmen?« fragte Koppi. »Kann er in dieses Haus kommen, wenn ich die Aufsicht darüber führe? Werde ich denn seine Befehle vollziehen? – Ich werde aus diesem Hause eine Festung bilden und hier Niemand Einlaß gönnen, als Theophilen.«

Die Männer, welche Scherf und sein Weib suchten, kamen mit der Meldung zurück, daß sie Niemand gefunden, wohl aber eine offene Thür im Garten gegen das Feld entdeckt hätten, durch welche Scherf und sein Weib entflohen sein müßten.

»So hatten sie doch noch ganze Glieder!« rief Koppi aus. »Desto besser für sie. – Daß sie hinausgekommen, beruhigt mich, daß sie nicht wieder hereinkommen, darüber werde ich wachen.«

»Koppi's erstes Geschäft sei,« erinnerte Theophila, »daß er, da es bereits schon Tag geworden, das ganze Haus durchsuche. Sollte irgendwo noch Einer, welcher der Rache Ladislaus verfallen, unter Schloß und Riegel sich befinden, so werde er frei. – Vielleicht vermag ich in einigen Tagen schon auch Koppi und Würbel zu befreien, Ladislaus und ich flüchten nach Venedig. Koppi möge sich durch die Habseligkeiten, welche hier verborgen sind, entschädigen. Würbel wird durch Koppi nicht zu kurz kommen.«

Theophila verließ mit ihren Leuten des Haus.

Koppi verrammelte das Thor, verschloß das Thürlein im Garten, durch welches Scherf und sein Weib entflohen, dann grub er eine Grube, warf die Hunde hinein und verscharrte sie.

Endlich durchsuchten Koppi und Würbel das Haus.

Was sie hier fanden und entdeckten, war für sie von großem Interesse.

Im nächsten Capitel sollen es unsere Leser erfahren.



Siebentes Capitel.

Koppi und Wirbel durchsuchten zuerst das Haus – wie Diogenes mit der Laterne, – um – Menschen zu finden. Sie fanden zwar nur Einen und diesen in einem Kellergewölbe, in welchem er – da Scherf und sein Weib, die allein von seinem einsamen Arreste wußten und ihm täglich seine Atzung bringen mußten, entflohen waren, verhungert wäre, wenn Koppi und Würbel ihn nicht entdeckt hätten; – aber dieser Eine fiel in die, mit Schandthaten überfüllte Wagschale Ladislaus' so schwer, daß alle seine übrigen Verbrechen vor dem ewigen Richterstuhle hätten Erbarmen finden können, nur dieses Verbrechen nicht, das ein Teufel nicht teuflischer hätte erfinden können.

Als Koppi und Wirbel alle Gewölbe unter der Erde aufschlossen und an jeder Thür, jeder Mauer klopften und mit lauter Stimme riefen:

»Ist hier Jemand verborgen, versteckt oder gefangen, so melde er sich; er erhält seine Freiheit,« da umgab sie allenthalben Grabesschweigen, bis sie am Ende eines langen, finsteren Ganges an eine winzig kleine eiserne Thür gelangten, nicht größer als die Oeffnung an einem Backofen.

»Da d'rin,« sagte Koppi, »steckt kein Mensch, ist doch der Eingang so niedrig und schmal wie an einem Hundestalle.«

»Wer weiß es!« erwiederte Wirbel; »mir ist sogar als hörte ich ein schwaches Stöhnen.

Koppi legte sein Ohr an die Eisenthür und hörte zu seinem Entsetzen ein klägliches Gewimmer.

»Bei meiner Seele!« rief Koppi, »da d'rin befindet sich ein lebendes Wesen!«

Er nahm den Schlüsselbund, den er in Scherf's Stube gefunden hatte, und probirte alle Schlüssel, aber keiner paßte zu dem Schlosse.

»Bleib hier und sprich den Unglücklichen an,« sagte Koppi zu Würbel. »Rufe ihm Worte des Trostes zu; ich hole Werkzeuge, um dieses Schloß aufzusprengen. Ich bin sogleich wieder hier.«

Wirbel kniete vor dem Kellerloche nieder und sprach mit lauter Stimme:

»Du, der Du da drinnen gefangengehalten wirst, verzage nicht! In wenig Augenblicken wirst Du frei.«

»Ach laß mich sterben!« antwortete es dumpf aus dem Kerker. »Es wird bald mit mir zu Ende gehen; Ihr werdet nichts von mir erfahren, und wenn Ihr mir auch augenblicklich die Freiheit schenkt!«

»Ich gehöre nicht zu deinen Peinigern,« versetzte Würbel. »Ich und mein Freund Koppi sind statt des schändlichen Scherf und seines Weibes hier, welche bisher dieses Haus bewachten. Vertraue uns! Wir werden Dich retten!«

Es erfolgte keine Antwort.

Würbel erhob seine Stimme noch einmal und rief dem Unglücklichen noch eindringendere Worte zu.

Wieder erfolgte keine Antwort.

»Der Aermste ist vielleicht schon todt!« klagte Würbel; »man hat ihn gewiß absichtlich zu Tod hungern lassen, wenigstens klang der Ton seiner Stimme so hohl und schauerlich wie der Ton eines Sterbenden.«

Koppi kam zurück.

Er hatte einen schweren Hammer, eine Zange, ein Brecheisen und noch eine Laterne mitgebracht.

»Nun, wie ist es?« fragte Koppi, »wer steckt da d'rin? – Hast Du es schon erfahren?«

»Ich fürchte, der Beklagenswerthe ist schon todt.«

Wirbel theilte die Aeußerung des Eingeschlossenen mit, er wiederholte was Wirbel hierauf erwiederte und bemerkte, daß der Gefangene weiter keine Antwort gegeben habe.

»Da ist keine Zeit zu verlieren!« versetzte Koppi. »Dieses Schloß muß geöffnet werden, nirgends ist zwar ein Schlüssel zu finden, aber ich habe Hammer, Zange und Brecheisen mitgebracht, diese müssen Dietrichdienste vollziehen, und der arme Mensch muß das Tageslicht wieder erblicken.«

Koppi führte mit dem Hammer einen gewaltigen Hieb auf das Vorhängschloß, das sogleich aufsprang, doch fand sich an der Eisenthür noch ein Riegel, der aufgesprengt werden mußte; Koppi wendete das Brecheisen an und aus den Fugen wich das unheimliche Thürlein.

Koppi leuchtete hinein.

»Heda!« rief er, »meldet Euch! Gebt ein Lebenszeichen! Euer Kerker ist offen!«

Es erfolgte wieder keine Antwort.

»Ich bin zu breitschultrig,« sagte Koppi, »ich kann nicht hineinkriechen. Ich kann höchstens mit dem Eisen die eine unserer Laternen so tief in den Hintergrund dieses Behältnisses schieben, um dasselbe zu beleuchten, aber bis in die Nähe des Bejammernswerthen vermag ich nicht zu gelangen.

»Würbel, Du kannst leichter als ich in dieses Behältniß schliefen, Du bist dünner als ich, versuch's und gib mir Nachricht, ob der Aermste noch lebt.«

Würbel warf sich auf die Erde und nachdem die Laterne in die schauerliche Höhle geschoben wurde, kroch Würbel wie eine Schlange nach.

»Er athmet! Er lebt noch!« rief Würbel. »Aber die Füße sind ihm zusammengebunden, die Hände auf dem Rücken, so liegt er da!«

»Mit deinen Zähnen, Würbel, löse ihm die Stricke von den Händen!« bat Koppi.

»Wenn mir das gelänge!« versetzte Hanns.

Es entstand eine Pause.

Man hörte Würbel sprechen.

»Deine Arme sind frei! Gib Dich nicht selbst auf, wenn wir Dich nicht aufgeben. Umklammere mich! – Umfasse meine Schultern! – Ich bringe Dich aus deinem Grabe!«

Wieder entstand eine Pause.

»Endlich,« rief Würbel, »gibt er meinen Vorstellungen Gehör! – Koppi, hilf! Packe mich an den Füßen, Koppi, zieh mich hinaus, ich bringe dann den Unglücklichen, der mich fest umschlungen hält! Zieh doch, Koppi, aus Leibeskräften! Der Gefangene sieht in uns seine Retter! Die Liebe zum Leben erwacht in ihm! Er hilft mit zu seiner Befreiung.«

Koppi wendete alle seine Stärke an.

In einigen Minuten war der Unglückliche frei aber so ermattet, daß er wie todt vor seinen Befreiern lag.

Würbel war nicht minder erschöpft.

»Erholt Euch,« sagte Koppi. »Ich benöthige ebenfalls ein wenig Ruhe; in einigen Minuten ist wohl die Ermattung vorüber, dann trage ich den armen Mann in die frische Luft und er wird wieder zu sich kommen.«

In nicht länger als einer halben Viertelstunde hatte Koppi den armen Lebendigbegrabenen in den Hof des Hauses geschafft und ihn auf eine Bank gesetzt.

Die Stricke an seinen Füßen löste Koppi.

Koppi holte frisches Wasser herbei und netzte des Erschöpften Schläfe und Pulse.

»In der Stube des Schurken Scherf,« bemerkte Würbel, »sah ich einen Krug mit Wein. Ich hole ihn.«

»Du?« fragte Koppi. »Wie wäre dies möglich!«

»O, ich habe eine Gewandtheit mit meinen Zähnen etwas zu fassen, welche mir oft die Arme ersetzen.«

Würbel lief fort und brachte wirklich den Krug, den Henkel desselben mit seinen Zähnen haltend.

Dem Unglücklichen wurden einige Tropfen Wein eingeflößt.

Er schlug die Augen auf.

Er athmete minder schwer.

»Gott sei Dank!« sagte Koppi, »wir geben ihn dem Leben zurück.«

»Ach, mein Gott! Wie er aussieht!« jammerte Würbel. »Ein Leichnam! ein lebendiger Leichnam! Wie Einer, der im Spitale auf dem Secirtisch liegt, so liegt er hier! – Als sie mir vor zwanzig Jahren die beiden Arme amputirten, sah ich besser aus als er. Seht ihn nur an!«

Koppi gewann jetzt erst Zeit den Unglücklichen zu betrachten.

Er strich ihm die Haare aus dem Gesichte.

Er starrte ihn lange an. Koppi bemerkte, daß er diese Züge schon einmal gesehen.

»Du kennst also diesen Mann?« fragte Würbel.

»Laß mich alle meine Erinnerungen wecken,« versetzte Koppi. »Wenn er nur einmal sprechen wollte, vielleicht würde der Ton seiner Stimme meinem Gedächtnisse zu Hilfe kommen!«

»Ist er einer von den Genossen jenes Furchtbaren?«

»O nein! o nein!« erwiederte Koppi, »da hätte ich ihn entweder oft oder nie gesehen. In ersterem Falle wäre er mir nie aus dem Gedächtnisse gekommen, in letzterem mir nicht aufgefallen. – Nein, nein, ich sah diesen Menschen einmal, höchstens zweimal! aber wo? wo? Ich weiß es nicht. – Es ist mir als ob ein Schleier vor meinen Augen schwebte – ich kenne diese Züge und weiß nicht woher! Wohl haben sie Elend, Noth, Qualen aller Art, unaufhörliche Todesangst fürchterlich entstellt; aber diese Gesichtszüge rufen mir zu: Denke doch zurück! Lasse alle Physiognomien, die Dir je aufgefallen, an Dir vorüberziehen; dieser Physiognomie bist Du schon einmal begegnet!«

»Wenn wir ihn zu Bette brächten! Lade ihn mir auf die Schultern. Ich trage ihn ins Haus. Er hat sich ja schon einmal an meinen Hals geklammert, er soll's wieder thun!«

»Wozu? Tragen kann ich ihn ja auch, und sicherer als Du! Aber ich fürchte, der Aermste ist wieder ohnmächtig geworden.«

»Flöße ihm abermals Wein ein und reibe ihm die Schläfe und Pulse damit.«

»Vielleicht schläft er.«

»Eine warme Suppe wäre ihm am zuträglichsten! Der Himmel weiß wie es mit dem Magen des Armen stehen muß! Er ist gewiß schlechter gefüttert worden als die Hunde, die uns bald zerrissen hätten!«

»Das Lumpenpack im Hause muß sich doch etwas gekocht haben! Vielleicht finde ich Fleisch im Hause. Wir sieden es dann. – Eine Suppe wird gewiß zu bereiten sein!«

»Sieh' nach! – Ich lade den Bejammernswerthen indeß auf meine Schultern. Im ersten Stocke befinden sich bessere Zimmer, darunter das, in welchem Ladislaus, so oft er hierher kam, übernachtete; Ladislaus hat sich nie eine Bequemlichkeit versagt! Sollten diese Zimmer ebenfalls verschlossen sein, so werde ich sie zu öffnen wissen.«

Würbel ging nach der Küche.

Koppi nahm den Unglücklichen auf seine Schultern, trug ihn ins Haus und legte ihn auf Scherf's Lagerstätte, dann ging er in das erste Stockwerk, untersuchte die Thüren, welche fest verrammelt waren, holte ein Beil aus dem Erdgeschosse und sprengte damit die Hauptthür auf.

Da fand er dann freilich eine bequeme Wohnung.

Er fand nicht ein, sondern drei bequeme Betten.

Er fand Waffen, Pistolen, Hirschfänger und Säbel.

Die Wohnung war auch noch mit vielem Anderen versehen, was sehr erwünscht kam.

»Die geraubten Sachen, die unzähligen Gegenstände, welche seit Jahren zusammengestohlen und als schwer zu veräußern hier aufbewahrt wurden, sind freilich nicht da!« bemerkte Koppi; »sie werden ebenfalls in Behältnissen unter der Erde stecken, aber ich werde sie finden! – Die Hauptsache ist jetzt den armen Mann zu retten, und seinen kranken, geschwächten Körper gesund zu machen.«

Koppi schlug die Gardinen eines Bettes zurück.

Er erblickte ein Bild.

»Das ist das Bild Theophila's!« sagte er.

»Vielleicht das Bett, in welchem sie schlief, wenn sie hieher kam – also gewiß das weichste und bequemste Bett! – Es soll jetzt dem Unglücklichen gehören.«

Er eilte über die Treppe.

Würbel kam ihm entgegen.

»Die Speisekammer,« sagte er, »habe ich entdeckt. Sie ist ganz so eingerichtet wie die Speisekammer von Ladislaus' Mutter. – Da sind genug Dinge vorhanden, um eine sehr gute Mahlzeit schnell zu bereiten.– Diese Speisekammer ward wahrscheinlich für die ersten Mitglieder der Räuberbande eingerichtet; es sind Würste, Schinken, Käse, Butter und Bouillon vorhanden! Bouillon, an dieser fehlte es meiner Exgeliebten auch nie!«

»Dann sind wir geborgen. – Ich habe prächtige Betten entdeckt: in das weichste bringe ich den Patienten. Sobald er untergebracht ist, versuchen wir unsere Kochkunst. Ein Topf mit Wasser ist bald gehitzt, Bouillion kommt dazu. Die Mahlzeit wird propre werden!«

Koppi stieg hinunter, den unglücklichen Mann zu holen.

Da lag er wie ein Verklärter. Der Unbekannte war vielleicht einige dreißig Jahre alt, aber Gram, Verzweiflung und Elend verliehen ihm das Ansehen eines Sechzigers. Seine Augen, die, wenn er sie aufschlug, allein noch durch das Feuer, das sie ausstrahlten, das schönste Mannesalter verriethen, lagen tief in ihren Höhlen, die Wangen waren fahl, die Nase eingefallen, der Mund krampfhaft verzogen. Der Bart, welcher gewiß länger als ein Jahr nicht geschoren wurde, bedeckte die schmerzhaft zusammengepreßten Lippen und reichte bis auf die Brust herab. Seine Kleider, obgleich sie den Mann aus den besseren Ständen verriethen, waren morsch und feucht. Große Unreinlichkeit bedeckte ihn, und es war dringend geboten ihn zu säubern.

Nachdem ihm die schmutzigen Lappen vom Leibe gezogen wurden, wusch ihn Koppi.

»Wo so viel für die Bequemlichkeit des Herrn Ladislaus vorbereitet wurde,« sagte Koppi zu Würbel, »wird auch Wäsche zu finden sein.«

Es wurde nachgesucht und man fand Hemden, Strümpfe, Leinen u. s. w.

Koppi zog dem Leidenden ein weißes Hemd an, dann trug er ihn in das frischgemachte Bett.

Der arme Mann ließ Alles mit sich vornehmen wie ein Todter.

»Wenn nur zu seinem Zustande sich kein Fieber gesellt!« sagte Koppi, »wenn er nur keines Arztes bedarf, dann wollen wir uns keine Mühe verdrießen lassen, ihm beizustehen; aber wenn ein Arzt kommen und dieses verdächtige Haus betreten müßte, dieses Haus, das so abgelegen ist, das so einsam ist, daß es selten ein Mensch bemerkt hat, dann würde Alles entdeckt, und wir beide würden auf Jahr und Tag eingesteckt und einer peinlichen Untersuchung verfallen.«

Der Unglückliche empfand bald die Wohlthaten, welche ihm Reinlichkeit, Bequemlichkeit und eine erquickende Lagerstätte gewährten.

Sein Blut begann wieder in geregeltere Circulation zu treten; er sprach einzelne Worte, er schaute um sich; endlich hob er das Haupt und betrachtete das Gemach. Plötzlich fiel sein Blick auf Koppi und Würbel.

Er starrte sie an.

Dann richtete er seine Augen nach dem Inneren seines Bettes.

Er erblickte das Bild Theophila's.

»Allmächtiger Gott!« rief er. »Theophila's Bild?!«

Eine neue Ohnmacht befiel ihn.

Er sank in die Kissen seines Bettes zurück.

Als Koppi und Würbel den tiefen Eindruck wahrnahmen, welchen das Bild Theophila's auf den Unbekannten hervorbrachte, sagte Ersterer:

»Nun werden wir bald erfahren wer der Unglückliche ist!«

»Ganz gewiß, aber in dieser Ohnmacht können wir ihn nicht ohne Hilfe lassen; wir müßten fürchten, daß er ihr unterliegt. Wasser! Wasser! Koppi! Frisches Brunnenwasser!«

Koppi holte Wasser herbei.

»Wenn wir nur in der Küche Essig fänden!«

Koppi suchte darnach und fand bald ein Fläschchen, mit dem er sich an das Bett des armen Leidenden begab.

Es gelang ihm denselben abermals zur Besinnung zu bringen.

»Wir wollen das Bild bei Seite schaffen,« sagte Koppi, »sonst riskiren wir, so oft sein Blick darauf fällt, eine ähnliche Geschichte.«

Der Unbekannte fing zu sprechen an.

Er sah nach der Stelle hin, an welcher er das Bild gesehen.

»Träumte ich?« fragte er. Er wendete sich an Koppi.

»Ihr habt mich aus meinem Kerker befreit,« sagte er. »Ihr und dieser brave Mann! – Wenn Ihr mich nicht zu neuen Grausamkeiten aufbewahren wollt, so sagt mir, wo ich mich befinde? – Sagt mir, ob ich träumte oder ob es Wahrheit gewesen, daß ich hier ein Bild gesehen, – ein Bild, dessen Original mir das Theuerste auf dieser Welt ist.«

»Es war wohl ein Bild hier,« erwiederte Würbel.

»Aber wir befürchteten,« setzte Koppi bei, »daß es auf Euch einen zu schmerzlichen Eindruck machen könnte. Ich nahm es weg.«

»O laßt mich dieses Bild wieder sehen, die theueren Züge meiner innig geliebten Theophila!«

Koppi brachte das Bild.

Der arme Mann fing heftig zu weinen an.

»Nicht doch! nicht doch! gebt Euch nicht eurem Schmerze hin,« sagte Würbel, »faßt Euch! Ueberlaßt Euch bei euren körperlichen Leiden nicht auch noch moralischen Leiden!«

Koppi wollte das Bild wegnehmen, aber der Unbekannte umklammerte es und verlor sich in dem Anschauen desselben.

Endlich sagte er:

»Bin ich ferne von der Theueren, deren Conterfei ich hier vor mir habe?«

»Zu welchem Zwecke wollt Ihr dies wissen?«

»Es ist Theophila, mein Weib, meine mir vom Priester angetraute Gattin, die mir der entsetzlichste Bösewicht, den je die Erde getragen, raubte und mich dann aufgreifen und hierherbringen ließ, um mich bei lebendigem Leibe zu begraben.«

Würbel wendete sich entsetzt ab.

»Wie nennt sich das Ungeheuer,« fragte Koppi, »welches diese Schandthat beging?«

»Ladislaus von Kukielwski.«

»Sein Maß ist voll,« versetzte Koppi.

»Und ist Theophila unterrichtet von diesem entsetzlichen Verbrechen?«

»Nein. – Sie hält mich für todt! – Der entartete Mensch hat ihr dies glauben gemacht. Er selbst theilte mir seine Missethat mit, um sich an meiner Verzweiflung zu weiden.«

»Und aus welchen Gründen hielt er Euch hier, gleich einem Verbrecher, verborgen? Warum tödtete er Euch nicht, da Ihr ihm doch im Wege waret?«

»Um von mir herauszubringen, wo ich mein Geld aufbewahrt. – Hätte ich ihm dies bekannt, würde mich ein Dolchstoß, eine Kugel gewiß bald hingestreckt haben, oder der entsetzliche Mensch Scherf und sein abscheuliches Weib, welche mir täglich Nahrung brachten, mich aus meinem Loche herauszogen und mir zu essen und zu trinken gaben, und mich täglich fragen mußten, ob ich noch nicht bekennen wolle, wohin ich mein Vermögen geschafft, und mich dann wieder in meinen Kerker stießen, der furchtbare Scherf und sein Weib, sage ich, hätten mich erdrosselt.«

»Strengt Euch durch das Reden nicht zu sehr an,« sagte Koppi. »Eure Aufregung wird eure Genesung zurückhalten. – Ihr habt gewiß seit gestern nichts zu Euch genommen. Ich bringe Euch eine gute Suppe; dann ruht. – Auch andere Nahrung werde ich Euch reichen.«

Koppi begab sich wieder in die Küche.

»Wie lange ist es schon, daß Ihr in die Hände dieses Unmenschen gefallen?« fragte Würbel.

»Ich weiß nicht mehr wie ich jetzt an der Zeit bin; wenn man nicht mehr sieht ob es Tag oder Nacht wird, wenn man kaum bemerkt ob der Winter begonnen hat oder das Frühjahr herannahte, weil in meiner gemauerten Höhle unter der Erde es fast immer gleich kalt und feucht war, dann kann man nicht angeben, ob ein Jahr oder mehre Jahre in den beispiellosesten Qualen dahinflossen. – Als man mich ergriff und hierherschleppte, schrieb man 1797 und feierte das heilige Stephansfest, es war der 26. December, mein Namenstag!«

»Also neunzehn Monate lebt Ihr wie ein Dachs in seinem Baue!«

»Ein Dachs vermag sich durchzugraben, ich aber! – Am Ende mußte man befürchtet haben, ich könnte in Verzweiflung einen Versuch machen und mich befreien wollen; man schnürte mir drei Nächte hindurch Hände und Füße mit Stricken zusammen! Laßt mich nicht mehr daran denken sondern erzählt mir von meiner Gattin und sagt mir, wo ich bin und was mit mir geschehen soll –«

»Ihr seid leider noch in demselben Hause, in welchem Ihr seit neunzehn Monaten einem so entsetzlichen Lose verfallen – in welchem Euch aber kein Unheil mehr bedroht. – Ueber eure Gattin mögt Ihr Koppi befragen, der sie seit längerer Zeit kennt. Eure Gattin ist in Wien. – Nun nennt mir euren Namen. Koppi kennt Euch, doch weiß er nicht woher –«

»Mein Name ist Stephan von Usedy, ich bin ein Edelmann aus Debreczin.

Koppi trat ein und brachte dem Kranken die Suppe.

Er hörte diesen Namen.

»Ach, mein Gott,« sagte Koppi. »Nun weiß ich es. Ich war ja der Unglückliche, den Ladislaus aussendete, euren Aufenthalt in Szolnok auszukundschaften und zu erfahren, wann Ihr nach Wien reisen würdet – ich – ich gewissenloser Mensch, habe mich zu dem schmählichen Auftrage hergegeben. Ihr wurdet auf meine Angabe in dem Hause des Postmeisters zu Hainburg aufgegriffen. Man verbreitete, Ihr wärt im Kampfe mit den Räubern, die dort einbrachen, gefallen, indeß – ach Gott! ach Gott! – man Euch fortschleppte und das viele Geld, das man vermuthete, nicht einmal bei Euch fand. – Doch laßt mich mein Verbrechen sühnen. – Ich danke dem Allmächtigen, der mich zu eurer Rettung bestimmte, ich werde meine Schuld auszugleichen suchen.

»Und ich werde gerettet? – Aus diesem Hause gerettet, das jenes Ungeheuer beherrscht?«

»Ja, da wir nun wissen wer Sie sind, können wir Sie nicht mehr mit »Euch« ansprechen. So hören Sie denn, Sie werden nicht nur gerettet, sondern auch immer von Ihrem furchtbaren Feinde befreit. Es muß nun unsere höchste Sorge sein, Ihre Herstellung zu erreichen. Sie müssen wieder stark und kräftig werden, dann muß der abgefeimte Schurke, der so viel Elend über Sie gebracht hat, dem strafenden Arme der Gerechtigkeit überliefert werden.«

»Um mein geliebtes Weib in meine Arme schließen zu können.«

Koppi und Würbel sahen sich bedeutungsvoll an.

Die Genossin so vieler Schandthaten eines Banditen, mochte wohl Jeder dieser Beiden bei sich denken, wird der unglückliche Edelmann wohl schwerlich mehr zu sich nehmen.

Usedy verzehrte seine Suppe mit großem Behagen.

Als die Suppe gegessen, verfiel er in tiefen Schlaf.

»Die Natur fordert ihre Rechte,« sagte Koppi. »Lassen wir ihn schlafen. – Dieser Schlaf wird ihn mehr erstarken als die beste Arznei. – Wir aber wollen nach der Speisekammer sehen und uns ebenfalls erquicken. – Der Himmel weiß es, wir bedürfen der Pflege unseres Leiblichen eben so sehr als dieser, bis zum Tode mißhandelte Edelmann. – Komm, Hanns,« mahnte Koppi den Mann ohne Arme, »ich werde Dir zu essen und zu trinken geben.«

Sie verfügten sich in das Erdgeschoß.

Sie setzten sich an einen Tisch und begannen ihr Mahl.

»Zuerst sollst Du von mir wie ein Vöglein im Neste geatzt werden, dann erst will ich an mich denken! – Hanns,« fügte Koppi diesen Worten bei, »wir haben noch viel zu thun.«

»Was wird mit den Habseligkeiten geschehen, die hier verborgen sind?«

»Wir rühren nichts davon an! Wir wollen keine Theilnehmer an der Beute werden, die hier aufgespeichert liegt. – Ich habe ohnehin ein großes Sündenpäckchen zu tragen und muß mich glücklich preisen, wenn es mir gelingt, einen Theil meiner Sünden gut zu machen, deren ich mich in Gemeinschaft mit dem ruchlosen Verbrecher Ladislaus schuldig gemacht habe. Das Beste wäre freilich,« fuhr Koppi fort, »wenn wir Beide augenblicklich zu den Gerichten uns verfügten und eine Anzeige von dem erstatteten, was hier geschehen; allein wir machen die Sache nicht besser, wir verderben Theophila, die wir retten müssen, und werden selbst unnachsichtlich in einen tiefen Kerker geworfen und als Mitschuldige bestraft. – Usedy ist noch so elend und schwach, daß ihn jede Attaque auf seine Nerven tödten könnte, – Auch kann es nicht mehr lange währen, so erfahren wir, daß Ladislaus und Theophila sich flüchteten. Wohin sie sich begeben werden, ist mir ziemlich bekannt. – Bis dahin ist Usedy genesen. Mit ihm verfolgen wir Ladislaus. Wie ein Gespenst der Rache soll der unglückliche Gatte dem Buhlen erscheinen.«

»Aber wie hat er Theophila ihrem Gatten abwendig gemacht?«

»Er hat sie mit Satanskünsten bestrickt, die nur ihm eigen sind. Theophila ist nicht das einzige Weib, das er verblendete. Anfänglich gab er sich für reich aus und stand der unglücklichen Witwe als ein wahrer Wohlthäter bei. – Als er sie in seine Netze verstrickt hatte, lüftete er immer mehr und mehr seine Maske. – Theophila war in den Entsetzlichen so verliebt, daß sie in ihrer namenlosen Verblendung auch dann nicht von ihm ließ, als er sich in seiner ganzen Scheußlichkeit ihr zeigte. – Zuerst galt es, sie in ein Verbrechen mit zu verwickeln, – dieses erreichte er in dem Momente, in welchem sie sich herbeiließ, »die Dame mit dem Todtenkopfe« vorzustellen. – Freilich gingen ihr schnell die Augen auf, aber es war zu spät. – Ladislaus vernichtete das arme Weib systematisch; zuerst mußte sie arm werden und glauben, sie hätte weder einen Gatten noch ein Vermögen mehr; dann mußte sie seinen schändlichen Gelüsten verfallen; nun – da sie klar sieht – tritt sie ihm freilich mit aller Erbitterung eines getäuschten, moralisch mißhandelten Weibes entgegen, aber sie vermöchte ihn nur in Verzweiflung zu opfern, indem sie sich selbst geopfert sieht. Ich werde den besten Ausweg finden. – Ich sage ihr, daß sie weder Witwe noch Bettlerin ist. – Ob der Gatte ihr verzeiht oder sie zurückstößt, ich weiß es nicht; – doch wird er sie nicht in Armuth lassen, dies hoffe ich. Sollte er in der ersten Erregtheit eines solchen Entschlusses fähig sein, so werde ich ihn dahin zu bringen wissen, daß er großmüthig sei. Es wird mir auch gelingen, bin ich doch so wie Du sein Lebensretter. Komm', wir wollen jetzt zu ihm und nachsehen, ob er sich bereits erholt hat; wir wollen ihm Wein und Speisen vorsetzen; und vor Allem wollen wir ihn von jeder Gemüthsbewegung ferne halten.«

Als sie die Treppe hinaufstiegen, wurde an dem Hausthore gepocht.

»Holla! Was gibt es?« fragte Koppi.

Würbel öffnete eine Fensterspalte und guckte nach dem Eingange der Pforte.

»Ladislaus, Scherf und das Weib des letzteren stehen vor dem Hause,« meldete Würbel.

»Wir öffnen nicht und wenn das ganze Haus in Trümmer geht,« sagte Koppi.

»Wollen die Elenden mit Gewalt eindringen,« erwiederte Würbel, »so nimm die Gewehre zur Hand, die wir hier besitzen, und schieße sie nieder wie tolle Hunde.«



Achtes Capitel.

»Aufgemacht!« polterte Ladislaus, »laßt uns ins Haus . Verräther!«

»Wir öffnen das Thor nur auf Befehl Theophila's!« rief Würbel durch das Fenster.

»Wo ist Koppi? Wagt dieser es ebenfalls, meinen Befehlen zu trotzen?«

»Er ist bei Stephan von Usedy, den wir befreiten –«

»Höll' und Teufel!« wüthete Ladislaus, »dies soll Euch theuer zu stehen kommen –«

»Nicht so theuer wie Ihnen! – Ihnen, Herr, kann es den Hals kosten; daher rathe ich Ihnen, halten Sie sich hier nicht lange auf. Wir haben bereits die Anzeige nach dem Spitale gesendet; – in jedem Augenblicke können ein Arzt zu dem todkranken Edelmanne, ein Polizeicommissär und Polizeisoldaten hierherkommen und Sie hier finden –«

»Das ist nicht wahr!« entgegnete Scherf's Weib. »Während mein Mann nach dem »Freihaus« ging, und Herrn Ladislaus in Kenntniß setzte was hier geschehen, und ihn um Beistand bat, hielt ich mich in der Nähe des Hauses verborgen und spähte unausgesetzt nach demselben. Es kam Niemand hierher; es entfernte sich auch Niemand aus diesem Hause.«

»Macht auf, Ihr Hunde!« wüthete Ladislaus.

»Hunde sind nicht mehr hier,« versetzte Würbel. »Koppi hat sie alle erschlagen.«

»Macht auf! befehle ich Euch zum letzten Male, oder ich erklettere die Mauer; ich steige auf dieses Gitter und schwinge mich auf den Erker –«

»Versucht's! Der Fensterstein ist bereits losgemacht; ich stoße ihn auf Euch hinab, daß Ihr darunter lebendig begraben werden sollt, wie es Stephan von Usedy war.«

»Ziehen wir ab,« ließ sich Ladislaus vernehmen, »aber Ihr sollt es mit eurem Leben bezahlen müssen.«

»Ich werde es ausrichten,« erwiederte Würbel.

Ladislaus, Scherf und sein Weib verließen in größter Entrüstung das Gebäude.

»Jetzt gilt es!« rief Würbel.

»Koppi,« sagte er zu seinem Cameraden, »weißt Du, was die jetzt vorhaben?«

»Ich weiß es gut,« versetzte Koppi. »Ladislaus versucht nun sein Glück bei dem Gartengitter, dort aber soll er noch größeren Widerstand finden. Einen Säbel und einen Hirschfänger habe ich mir bereits umgegürtet, ein Paar Pistolen habe ich zu mir gesteckt und zwei Doppelstutzen ergriffen. – Erblicken die Schurken dieses Arsenal, so sollen sie noch schneller Reißaus nehmen müssen als vor dem Fenstersteine. – Ist dieser wirklich los?«

»Noch nicht ganz. – Bis jedoch Herr Ladislaus wieder hierherkommt, werden ihn meine Füße so locker gemacht haben, wie eine Lawine, die nur eines Luftdruckes bedarf, um zu stürzen. – Doch eile, eile jetzt, Koppi, an die Gartenthür, sonst kommen sie früher als Du.«

Koppi eilte nach der bezeichneten Thür.

Als er dort ankam, stellte er sich, bis an den Mund bewaffnet, an die eiserne Gitterthür, so daß man ihn mit einem Blicke sammt seinem ganzen Zeughaus wahrnehmen konnte.

Koppi horchte.

Er hörte den Boden knistern.

»Haha!« lachte er, »sie schleichen ziemlich geräuschlos hierher. Sie wollen ihre Sache recht gut machen; – gut, – sie sollen überrascht werden.«

Koppi hörte jetzt deutlicher seine Feinde herannahen. Das Gebüsch um die Gartenmauer war bedeutend. Um auf einem näheren Weg an das Gitter zu gelangen, mußten sie durch das Gehölz brechen.

Koppi nahm sehr gut wahr wie sie sich durch dichte Zweige einen Weg bahnten, wie sie Sträuche und junge Bäume brachen. Koppi nahm einen Doppelstutzen, den andern lehnte er an die Gartenmauer. Er spannte den Hahn an beiden Läufen und legte an. Die drei ehrenhaften Personen erschienen plötzlich vor dem Gitter.

»Guten Abend!« sagte Koppi. »So klug Ihr seid, bin ich auch,« rief er ihnen zu. »Ihr glaubt auf diesem Wege könntet Ihr ins Haus kommen? – Versucht's. Euer erbärmliches Lebenslicht soll bald ausgeblasen sein. Ihr hättet die Mohren nicht im Freihause lassen und wenigstens einen kleinen Kanonenpark mitnehmen sollen. Mit deiner Armee, Ladislaus, bestehend aus einem waffenlosen Räuber, einem decrepiden Spitzbuben und einer alten Giftmischerin, gelingt es Dir nicht. Packt Euch schnell oder ich schieße Euch an wie Wilddiebe. Du, Scherf, sollst eine Ladung in deinen Bauch, die alte Hexe in die Lenden und der Chef der dummen Spitzbuben einen Schuß in die Füße bekommen, daß ihm auf ewig das Klettern vergehen soll.«

Ladislaus vermochte vor Wuth nicht zu sprechen, endlich preßte er folgende Worte hervor:

»Koppi, ich war doch immer mehr dein Freund als dein Gebieter.«

»Was Sie mir da erzählen!«

»Koppi, nimm Raison an. Ich schenke Dir Geld, viel Geld; ich schenke Dir Alles was Du im Hause wegtragen kannst.«

»Ich trage nichts weg. Dies wird die Polizei thun.«

»Koppi, woher so plötzlich dein Widerstand?« War ich nicht stets dein Wohlthäter? Habe ich nicht jeden Dienst, den Du mir geleistet, edelmüthig, ja großmüthig gelohnt?«

Koppi mußte über diese Aeußerung laut lachen.

»Koppi,« begann Ladislaus, »habe ich Dich, als Du noch einer Bande von Wilddieben angehörtest, als die Jäger Dir auf der Spur waren, und Du Dich, von der Brigittenau herüberkommend, in dieses Haus geflüchtet hattest, nicht den Späherblicken der Jäger entrissen?«

»Ja,« erwiederte Koppi, »um mich als ein Mitglied zu deiner Bande, welche statt auf Hirsche auf Menschen Jagd machte, zu werben.«

»Du vergißt,« fuhr Ladislaus fort, »daß Du, ehe es Dir gelang einer meiner Leute zu werden, in der kläglichsten Lage warst; Du gestandest mir selbst, daß Du oft Monate lang kein warmes Essen zu Dir nahmst, daß Du gleich den Wilden in den Urwäldern auf Bäumen schliefst, daß Du im Prater, in der Grieau, in der Taborau wie ein Geächteter herumirrtest, da Dir das Forstpersonale Tag und Nacht nachstellte.«

»Was ich damals Böses gethan, dafür wäre ich mit leichtem Arreste bestraft worden; was Ihr mir aber jetzt zumuthet, würde ich es nur verüben, müßte mir durch lebenslangen Kerker vergolten werden. – Ihr selbst gabt mich längst auf, weil ich hunderte eurer schändlichen Anträge zurückwies. – Daher war ich Euch auch gleich anfangs ein Dorn im Auge, und Ihr ließet mich nur geringfügige Dinge verrichten, stelltet mich als Aufpasser, Spion und höchstens als euren Boten an, wenn Ihr in Wien den vornehmen Herrn spieltet und auf dem Lande euren Leuten Plünderung und Raub zu begehen befahlt.«

»Laß uns nicht hadern, Koppi, die Zeit ist zu kurz, der Augenblick zu wichtig; – Koppi, ich beschwöre Dich noch einmal, lasse mich ins Haus, und solltest Du mich fürchten –«

»Ich Euch fürchten? – Einen Menschen fürchten, auf welchen fast in aller Herren Ländern Büttel und Henker lauern?«

»Lasse mich nur zu Ende sprechen; solltest Du fürchten für deine Person, daß ich oder Scherf, wären wir nur erst eingedrungen, Dir einen Dolch in das undankbare Herz stoßen könnten, welches uns verderben will, – so bleibe von uns ferne; lasse uns nicht ein – aber gib mir den Edelmann heraus, den gib mir, und Alles was im Hause sich befindet, sei dein!«

»Ei, Du abgefeimter Schurke, was muthest Du mir zu? – Hättest Du den Muth, ehe die Hölle Dich in Empfang nimmt, noch einen Mord zu begehen? – Jetzt, Bandit, zieh von hinnen, oder ich begehe eine That, die ich nie begangen; ich vergieße Menschenblut, ich jage Dir eine Kugel durch dein Gehirn, daß Dir die Banditenstreiche für immer vergehen sollen.«

»Diese Erbitterung, dieser unerhörte Haß, diese tief eingewurzelte Rachsucht! Was habe ich Dir gethan?«

»Was Du mir gethan hast? Erinnere Dich doch ein wenig! Elender Schuft! Hattest Du nicht meinen Tod beschlossen? Wolltest Du mich nicht bei lebendigem Leibe verbrennen lassen, mich und Würbel und den Unglücklichen, den Du eines Verrathes bei dem Raube in Hainburg bezüchtigtest? – Wenn ich noch zögere Dich zusammenzuschießen wie einen tollen Hund, Dich und den erbärmlichen Schurken, welcher dein Gehilfe aller Schandthaten in diesem Hause war, so geschieht dies nur, weil ich dem Scharfrichter nicht in sein Amt greifen will. – Ich rathe Dir, Auswurf der Menschheit, zum letzten Male, ziehe ab – treibe mich nicht aufs Aeußerste, sonst zünde ich das Haus an, in welchem mehr Brennmaterial liegt, als in dem alten Schüttboden, der mir zum Holzstoße dienen sollte. – Fliehe augenblicklich, Verworfener, fliehe oder ich jage Dir und deinen Spießgesellen, ehe Ihr noch drei zählt, einige Ladungen Hirschschrote in den Leib, die, wenn Euch auch nicht das Lebenslicht ausblasen, doch zu Boden strecken sollen.«

Er legte auf sie an.

Sie flohen eiligst.

Koppi blieb noch in seiner drohenden Stellung und horchte.

Die Tritte der Fliehenden verhallten.

Koppi hörte jedoch hinter seinem Rücken plötzlich Tritte.

Er schaute um sich.

Wen erblickte er?



Neuntes Capitel.

Koppi vermochte sein Erstaunen nicht zu mäßigen. Er erblickte, als er um sich sah, eine leichenbleiche Gestalt, ein Gespenst vom Ansehen; um jede weitläufige Beschreibung des Mannes zu ersparen, der sich an Koppi herangeschlichen hatte, wird es genügen zu sagen, daß es Stephan war – – Stephan von Usedy; obgleich bis zum Sterben schwach und elend, hatte er sich in den Garten begeben, mit einer Kugelbüchse auf der Schulter, deren Last ihn beinahe erdrückte.

»Um Gottes willen!« rief Koppi, »welch ein Wagstück unternehmen Sie! – Sie, welcher sich kaum aufrecht zu halten vermag, – kommen hierher? Nicht einmal bekleidet, schwankend und kraftlos, einem Leichnam ähnlich.«

»Um meinen Henker niederzustrecken, hätte mir der Himmel gewiß hinlänglich Kraft verliehen – dann wäre ich gerne gestorben.«

Koppi nahm dem unglücklichen Usedy das Gewehr ab und führte ihn auf dem kürzesten Wege ins Haus zurück.

»Ich habe von Würbel eine genaue Schilderung der Gefahr vernommen, in welcher wir schwebten. – Für den Fall, als unsere Feinde dennoch an irgend einer Stelle die Gartenmauer hätten übersteigen können, wäre, so elend ich bin, doch ein Mann mehr im Kampfe gewesen, und hätte ich in meiner Aufregung und Verzweiflung auch nur einen Schuß abgefeuert, der, auf den ich gezielt, würde ein Opfer meiner Wuth geworden sein. Kulkielwsky oder Scherf, einer von Beiden wäre sicher gefallen.«

»Es wird diesen Beiden nicht mehr gelüsten, uns zu beunruhigen; selbst wenn sie, bis die Nacht hereinbricht, mit ihren Angriffen zögern und dann mit Verstärkung und mit Waffen versehen heranrücken sollten, werden sie uns nichts anhaben können, denn – sie werden uns hier nicht mehr finden.«

»Wir werden also fliehen?«

»Fliehen so schnell als möglich! Ich werde Würbel nach einem Wagen senden. – Sie, Herr von Usedy, müssen in Sicherheit gebracht werden; wir fliehen zu einem alten Freunde, der bei Neustadt eine Mühle besitzt, vorher aber sende ich noch eine Anzeige an die Polizei, damit sie dieses Haus besetzen lasse, das, was Räuber hierher schafften, in Empfang nehme und den Banditen auflauere, die gewiß diese Nacht hierherkommen, um uns zu tödten und ihre Beute wegzuschaffen.«

Während dieser Mittheilung waren Usedy und Koppi in das Zimmer, in welchem ersterer geschlafen, eingetreten.

Würbel hatte sie schon von weitem erblickt und kam zu ihnen.

»Für den Augenblick ist Waffenstillstand,« bemerkte Würbel. – »Ich sah sie von meiner hohen Warte rasch fortgehen, aber – sie werden wieder kommen.«

»Dies fürchte ich auch,« versetzte Koppi, »daher räumen wir ihnen das Feld. – Du, Würbel, hast Dich schnell um einen Wagen umzusehen; bringe den ersten besten, nur keinen offenen – accordire zu jedem Preis.«

»Und wohin soll uns der Wagen bringen?«

»Vor der Hand zur Matzleinsdorfer Linie, dort treibe ich einen andern Wagen auf; sind wir nur von hier fort, dann –«

»Hast Du denn Geld?«

»Geld, um bis nach Philadelphia zu reisen. Es wäre sehr traurig, wenn man schon einem solchen entsetzlichen Menschen wie Ladislaus gedient hat, ohne Geld bliebe.«

»Und ich,« erwiederte Usedy, »bin reich – laßt mich erst in Sicherheit, laßt mich nur erst wieder hergestellt sein und mein geliebtes Weib besitzen, dann sollt Ihr sehen wie ich Euch belohnen werde.«

Würbel machte sich auf den Weg, den Wagen zu schaffen.

Koppi sperrte ihm das Thor auf und verschloß es wieder.

Nun befiel Usedy eine große Angst.

»Ach, mein Gott,« sagte er, »ich werde auf einmal so unruhig. – Mir ist als ob eine neue Gefahr uns drohte! – Wenn die schändlichen Menschen uns etwa in der Au auflauerten – dieses Haus steht so allein – wenn sie Würbel anfielen –«

»Dreißig Schritte von hier befindet sich das »Schlauer'sche Badhaus« (jetzt das Haus Nr. 34 in der Gestättengasse, damals die eigentliche Roß-Au), nein, nein, Würbel hat auf seinem Wege nichts zu fürchten. Aengstigen Sie sich nicht unnütz! – Ich bringe Kleider und einen Mantel; es sind freilich nur Winterkleider, aber für die Reise und für einen Patienten sehr gut! – Ich werde Ihnen beistehen, wenn Sie sich anziehen!«

»Ich werde es selbst versuchen.«

»Durchaus nicht! Sie haben sich ohnehin zu viel ermüdet. Ich bringe die Reisetoilette des Herrn Ladislaus. Hier verbarg er alle Masken, wenn er bald als Forstmeister, bald als Bauer, bald als Amtmann und so weiter zu Verkleidungen seine Zuflucht nahm.«

»Dann, Freund, bringt mir den Anzug eines Forstmannes, in diesem finde ich mich am besten zurecht.«

In einer Stunde stand der Forstmeister fix und ferm da – allein er stand nur wenige Augenblicke, seine Schwäche zwang ihn schnell wieder in einen Lehnstuhl zu sinken.

»Es wird noch eine geraume Zeit dauern,« bemerkte Koppi, »bis Sie wieder Ihre Kräfte sammeln –«

»Wenn die Angst von mir gewichen, wenn mein Herz wieder ruhiger schlägt.«

»In einer Stunde sollen Sie wenigstens aus dem Revier sein, in welchem Sie so namenlose Qualen erlitten.«

»Ich fürchte blind zu werden; meine Augen haben in jenem feuchten Loche schrecklich gelitten, und das grelle Licht, dem ich nun ausgesetzt bin –«

»Da ist eine Mütze mit einem Schirme,« versetzte Koppi; »diese Mütze drücken Sie sich tief ins Gesicht, so kann Ihnen die Tageshelle nicht gefährlich werden.«

»So! Jetzt halten Sie sich ruhig! Ich schreibe nun die Anzeige an die Polizei und gebe sie bei dem Briefsammler ab. – Bis diese schlechte Stadtpost mein Schreiben an die Behörde bringt, sind wir schon lange fort.«

Koppi setzte sich und schrieb seine Anzeige.

»Das Concipiren geht bei mir verflucht langsam,« bemerkte Koppi, »und mein Bericht muß ausführlich werden.«

»Schreiben Sie nur die Hauptsachen,« warf Usedy ein. »Versprechen Sie die nöthigen Ergänzungen nachzutragen! – Schreiben Sie nur das nieder, was zur Habhaftwerdung der Ruchlosen dient und vor Allem bitten Sie um Schutz für mein armes, gekränktes Weib! – Daß ich Ihre Anzeige mit unterschreibe, lassen Sie nicht unbeachtet.«

»Ja, ja – dies gibt der Sache den besten Nachdruck.«

»Es wäre freilich besser, wenn ich mich gleich selbst zu Gericht stellte.«

»Dahin müßte ich Sie bringen und aber auch gleich mich selbst ausliefern, nein, nein – das geht nicht.«

Es wurde hierüber noch viel debattirt, endlich aber beschlossen gemeinschaftlich zu fliehen, die Flucht, – wenn Usedy's Zustand es gestatte – bis nach Venedig fortzusetzen, weil Theophila angedeutet, daß sie mit Ladislaus dahin gelangen würde.

Koppi schrieb nun seinen Bericht und als er damit zu Ende, las er ihn Usedy vor.

Dieser fand ihn gut und unterzeichnete ihn.

Jetzt ertönte ein Schlag an das Hausthor.

Usedy erschrack heftig.

»So fahren Sie doch nicht so zusammen,« sagte Koppi. »Der Wagen wird angekommen sein; Würbel gibt das Zeichen.«

»Machen Sie ja nicht früher auf, bis Sie sich überzeugt, daß Würbel Einlaß begehrt.«

»Wenn ich nur wüßte weshalb Sie sich ohne Ursache ängstigen! Würbel ist es.«

»Sie können wohl ruhiger sein als ich! Ihre Nerven wurden durch maßlose Qualen und unaufhörliche Todesangst nicht so erschüttert wie die meinigen; bei mir genügt ein Schrei, daß ich zusammenschrecke.«

Es wurden nun ein paar noch heftigere Stöße auf das Hausthor gehört.

»Dies waren Würbel's Fußtritte,« lachte Koppi. »Er trommelt mit den Absätzen!«

»Nehmen Sie den Doppelstutzen mit,« bat Usedy.

Koppi lachte wieder. »Warum nicht gar! In den Wagen werde ich ihn mitnehmen und noch andere Waffen, aber nicht um damit Würbel zu salutiren.«

Koppi eilte an das Thor.

»Allbarmherziger Gott!« betete Usedy, »Du hast mich bisher wunderbar erhalten! Durch deine große Gnade hast Du nicht zugelassen, daß mein Leben gefährdet wurde! – Schütze mich auch noch ferner! – Ich war immer ein braver Mann, treu Dir ergeben, mein himmlischer Vater; wende auch jetzt nicht dein Antlitz von mir und lasse die schwere Prüfung zu Ende gehen, die Du über mich verhängt hast! – Laß mich mein geliebtes Weib wieder so finden, wie ich es verlassen! Sie allein ist mein Glück auf dieser Welt! Allmächtiger, lasse mich meine Theophila wieder so finden, wie ich sie verlassen!«

Das Hausthor wurde mittlerweile geöffnet.

Der Wagen fuhr in den Hof.

Würbel trat rasch in das Zimmer, in welchem Usedy sich befand.

»Da bin ich wieder,« sagte er, »unversehrt, wohlgemuth und zeige mich Ihnen, da mir Koppi mitgetheilt, daß Sie sich um mich geängstigt. – Der Wagen ist da! Ein bequemer Wagen, gezogen von zwei rüstigen Pferden; dem Schmiedmeister in der Roßau gehörig, der uns bis Traiskirchen bringen läßt.«

»Mein Himmel, wenn dieser unsere Flucht verräth!«

»Wem soll er sie denn verrathen? Dem schändlichen Ladislaus gewiß nicht, denn von der Existenz dieses Ruchlosen hat er keine Ahnung. Und der Polizei? – Die Polizei wird ja von uns aufgefordert die Räuberbrut zu verfolgen.«

»Sie blicken nicht so tief wie ich! – Wenn auch ich jeden Schutz von der Sicherheitsbehörde zu erwarten habe, so bedenken Sie Koppi und bedenken Sie sich selbst –«

»Koppi und ich werden noch Belobungsdecrete erhalten.«

Koppi trat ein.

»Es ist Alles besorgt,« sagte er. »Kommen Sie, Herr von Usedy, wir bringen Sie in den Wagen!«

»Das wird eine Reise werden!« scherzte Koppi. »Ich sitze mit zwei Passagieren zusammen, von welchen der eine keine Arme und der andere wohl Arme und Füße hat, die aber nicht viel besser sind, als hätte er sie nicht!«

Usedy wurde hinabgeführt und in den Wagen gehoben, hierauf unterstützte Koppi seinen Freund Würbel bei dem Einsteigen, ließ den Wagen aus dem Thore fahren, versperrte dasselbe sorgfältig und steckte den Hausschlüssel zu sich.

Hierauf gesellte er sich zu seinen Freunden in den Wagen. In zehn Minuten hielt der Wagen nächst der Servitenkirche.

Der Kirche gegenüber, bei dem Specereihändler Grabmeyer, befand sich eine Briefsammlung, von welcher die »Klepperpost« Packete und Briefe für den Bezirk Roßau abzuholen und weiter zu befördern hatte.

Koppi stieg aus dem Wagen, verfügte sich zu dem Specereihändler und ersuchte ihn, einen wichtigen Auftrag zu vollziehen.

»Hier ein Schreiben an die Oberpolizeidirection in Wien,« sagte Koppi, »und hier ein Schlüssel, der ihr verläßlich zugestellt werden muß. – Ueber beides muß ich ein Recepisse haben. Das Porto für die Zustellung bezahle ich gerne zehnfach, aber ich muß auf Pünctlichkeit rechnen können.«

Koppi legte einen Silberthaler auf den Ladentisch und ließ sich nichts davon zurückgeben.

Herr Grabmeyer fertigte das Recepisse aus, gelobte die größte Pünctlichkeit und dankte für das hohe Porto.

Hierauf setzte sich Koppi wieder in den Wagen und dieser rollte dem Glacis entlang bis zur steinernen Brücke und von da über die Wieden nach der Matzleinsdorfer Linie, dann in scharfem Trabe nach Traiskirchen.


* * *


Wir sind mit einem Theil der Ergänzungen zu unserer Mittheilung zu Ende.

Wir haben unseren Lesern nachträglich erzählen müssen, was mit dem Manne ohne Arme geschehen, als man ihn in der Nacht aus dem Freihause transportirte.

Würbel's Erlebnisse nehmen in unserer Schilderung umsomehr einen bedeutenden Platz ein, als sie das Innere jenes verdächtigen Hauses an der Donau enthalten, von welchem die älteren Beschreibungen von Wien noch Manches zu erzählen wissen, Im Jahre 1689 soll dieses Haus nach Küchelbäcker ein Forsthaus gewesen sein, zur Zeit der zweiten großen Pest in Wien (1713) wurde es zu einem Pestspital verwendet, und als die Seuche erloschen, nicht mehr bewohnt, ja sogar so gemieden, daß sich Niemand diesem Hause nähern wollte.

Die Bewohner der Roßau erzählten, daß es in diesem Hause gespukt habe, da ein Sohn seinen Vater in dieses Haus gelockt, um ihn durch die Pest aus der Welt zu schaffen, was ihm auch gelang.

Später diente dieses Haus Schmugglern und Wilddieben zum Aufenthalte. Im Jahre 1799 wurde es niedergerissen, die Au, in welcher es sich befand, ausgehauen und zu Bauplätzen benützt. – Es ist gegenwärtig (1855) die Gegend, in welcher das einsame Haus gestanden, noch ziemlich sparsam mit Gebäuden versehen.



Zehntes Capitel.

Auf dem Wege nach Venedig flüchteten in zwei Abtheilungen Theophila und Ladislaus mit einigen ihrer vertrautesten Diener, dann Koppi, Würbel und Usedy.

Erstere hätten gewiß einen großen Vorsprung gewinnen können, wären auch sicher zu Schiffe nach der Türkei entkommen, welches ihre Absicht gewesen, wenn nicht auch hier die beispiellose Habsucht und der gemeine Schmutz des erbärmlichen Räubers ihn bestimmt, einige Tage in Triest zu verweilen, und dort Theophila zu bewegen, die meisterhaft angefertigte Maske, deren sie sich als »falsche Dame mit dem Todtenkopfe« bediente, an den Unternehmer eines Wachsfigurencabinets zu veräußern. Auch wollte Ladislaus die Kostbarkeiten und Schmucksachen, welche er in der Cassette Lodoiska's fand, in Triest verwerthen, weshalb er, um nicht damit allzusehr aufzufallen, die Kleinodien aus ihrer Fassung brach, und Brillanten und andere Edelsteine bei mehreren Juwelenhändlern zum Verkaufe anbot.

Auch in Triest mußte Theophila die Rolle einer Gräfin spielen.

In Lodoiska's Cassette befanden sich Documente auf ihren Namen lautend. Es gewann Glaubwürdigkeit, daß eine reiche polnische Dame auf ihrer Reise nach Constantinopel einen Theil ihrer Schätze veräußern wolle; es mußte jedoch der höchste Preis dafür errungen werden, einmal um keinen Verdacht zu erregen, und dann um im Sinne des geldgierigen Gauners die größtmöglichste Summe zu erhalten.

Im Jahre 1798 befand sich ein Gastwirth aus Baiern in Triest. Er hieß Steinitz.

Die Fremden, besonders die Deutschen, Franzosen und Engländer, kehrten mit Vorliebe bei ihm ein, vor Allem der deutschen und französischen Küche wegen, mittelst welcher Steinitz seine Gäste bewirthete, dann aber auch der großen Reinlichkeit und des Comforts seines Hôtels halber, das allen übrigen Gasthöfen als ein »Stern« vorleuchtete, deshalb es auch den Namen »Stella grande*« mit Recht verdiente.

In diesem »Stern« hatte sich Theophila und Ladislaus mit ihrem Gefolge eingefunden.

Der Erlös für die zum Verkaufe ausgebotenen Bijouterien war schon größtentheils in ihren Händen, nur für Perlen hatten sie noch eine Summe von dem Juwelier Capello zu erhalten, der aber in seinem Landhause zu Servola wohnte, in welches sich Ladislaus begab.

Die Stunde der Abreise war bereits bestimmt, da machte Theophila noch eine kleine Probefahrt auf dem Meere, um sich zu überzeugen, inwieferne ihr die Seekrankheit beschwerlich fallen werde oder nicht.

Die Seekrankheit befiel sie jedoch bedeutend.

Sie beeilte sich schnell ans Land zu kommen. Als sie die Barke verließ, klagte sie noch immer über anhaltendes Unwohlsein, selbst als sie wieder festen Boden gewann, mußte sie sich, um sich zu erholen, bei einem der schönen Cafés niederlassen, mit welchen Triest so reichlich versehen ist.

Der Cafétier, der ihr Unwohlsein bemerkte, rieth ihr süßes Eis zu nehmen.

Sie ließ sich einen Becher Eis geben. Sie bemerkte, daß er ihr wohl bekomme. Als sie einen zweiten Becher mit Eis begehrte, und dieser nicht schnell gebracht wurde, rief sie ungeduldig nach einem der Garcons, welche eine Masse von Damen und Herren mit Erfrischungen zu versehen hatten.

Auf einmal schien es ihr als ob aus dem Gewoge der vielen Spazirgänger eine blasse, abgezehrte Gestalt, mit Augen wie glühende Kohlen, unablässig nach ihr hinstarre.

Die Züge der Gestalt schienen ihr bekannt, doch waren sie so unheimlich, daß sie sich ängstlich nach ihrer Begleiterin, der Wirthin vom »großen Sterne« hinwendete, diese bat schnell mit ihr nach Hause zu eilen, weil sie hier ein Mann beunruhige, der sie unaufhörlich fixire.

»Nicht wahr, der blasse, kranke Mann?« fragte sie die Begleiterin. »Er ist mir selbst schon aufgefallen! – Sehen Sie nur wie er Sie in's Auge faßt! – Jetzt winkt er Ihnen! – Kennen Sie diesen Menschen? – Er sieht aus, als wenn er aus dem Hospitale entflohen – mein Gott! es wird doch nicht der unglückliche Kaufmann sein, der vor ein paar Tagen der Irrenanstalt des Doctors Sommere entsprungen, und dessen Narrheit sehr gefährlich sein soll, da er aus Liebe wahnsinnig geworden und nun fast jede junge Dame für seine treulose Braut hält?«

»Er winkt mir wieder!« rief Theophila. »Mein Gott! mein Gott! Am Ende ist dieser Mann nicht einmal ein lebendes Wesen. Es sind die Züge meines gestorbenen Gemals!«

»Was fällt Ihnen ein!«

»Gewiß! Gewiß! – Er zürnt, daß ich zögere zu ihm zu kommen. – Er droht mir! – Jetzt verschwindet er im Gedränge!«

»Mein Himmel!« versetzte Frau Steinitz, »mir kommt dieses Wesen selbst gespensterhaft vor. Eine solche fahle Physiognomie habe ich noch nie gesehen.«

»Ich fürchte in das Hôtel zurückkehren zu müssen! Mein Secretär ist nach Servola in Geschäften; ich bin gewissermaßen allein.«

»Ei kommen Sie nur!« beruhigte Frau Steinitz. »Mein Gatte wird Sie schützen; mein Gatte glaubt nicht an Gespenster, und ist dieser Mann der entflohene Wahnsinnige – so – – –«

In diesem Augenblicke eilte ein Matrosenknabe auf die beiden Damen zu, und übergab Theophilen ein zusammengefaltetes Papier. Der Knabe legte den Finger auf den Mund und verschwand.

Theophila öffnete das Schreiben und las:


»Ich bin nicht todt!

»Ladislaus Kukielwski hat Dich mit der Nachricht, daß ich gestorben, hintergangen.

»Mache Dich los von deiner Begleiterin, weil ich Dir Dinge von der höchsten Wichtigkeit mitzutheilen habe.

»Eile in das Hôtel »Crociato«, Du findest mich und treue Freunde.

»Sei behutsam und theile diese Zeilen Niemand mit.

   Dein

       »Stephan von Usedy.«


Theophila war einer Ohnmacht nahe.

Sie entfärbte sich.

Sie vermochte kein Wort zu sprechen.

»Was ist Ihnen?« fragte Frau Steinitz.

Theophila wollte den Platz verlassen.

Sie erhob sich, sank aber sogleich wieder auf den Stuhl zurück, den sie eingenommen.

»Sie sind ja so betroffen, als wenn Ihnen Ihr nahes Ende prophezeit worden wäre –«

»Lassen Sie mich nur einen Augenblick!«

»Was enthält dieses Billet?«

»Ach! Ich darf es nicht mittheilen!«

»Vielleicht ein Mystification? – In Triest erlauben sich die Männer allerlei Mittel, um eine schöne Frau zu verlocken.«

»Nein! nein!«

Theophila las das Billet noch einmal, dann faßte sie sich, sprang auf, bat die Wirthin, den Garcon zu bezahlen und ehe Frau Steinitz noch eine neue Frage an Theophila richten konnte, eilte diese fort, durch die Menschenmassen der Promenirenden sich drängend.


* * *


Theophila forschte nach dem bezeichneten Gasthofe.

Der Matrosenknabe, welcher den Zettel übergeben, schien auf sie gewartet zu haben.

Er näherte sich ihr und führte sie auf dem kürzesten Wege in das Hôtel.

Als sie in die Hausflur trat, war es Koppi, der auf sie zuschritt und sie über die Treppe führte.

Theophila konnte ihr Erstaunen nicht mäßigen.

Endlich trat sie in ein Gemach, in welchem ihr Gemal sie erwartete.

Freude und Ungeduld, das geliebte Weib wieder an sein Herz drücken zu können, dann die Folgen seines neunzehn Monate währenden Leidens hatten ihn so sehr erschüttert und ergriffen, daß er in eine Art Lethargie verfiel, aus der er sich kaum zu erheben vermochte.

Er war auf ein Sopha gesunken und so erschöpft, daß er seiner Gattin kaum die Worte:

»Theophila, meine theuere Theophila!« zuzurufen vermochte.

Die arme Frau befand sich in einer ähnlichen Gemüthsbewegung.

Sie sank an der Seite ihres Gatten auf das Sopha hin.

»Mein Gott,« sagte sie nach einigen Minuten, in welchen sie Freude und Schmerz, Angst und Erwartung, Ueberraschung und Glück und Unglück verkündende Ahnungen bestürmten; wer sagt mir ob ich träume oder wache? – Koppi, Koppi! Bin ich wirklich an der Seite meines Gemals? – Ist diese abgehärmte, mit dem Tode im Kampfe liegende Gestalt wirklich Stephan von Usedy?«

»Es ist Stephan, Ihr todtgeglaubter Gatte! – Doch wollte ich Ihnen die Geschichte dieses unglücklichen Mannes erzählen, Alles, Alles, was ihm begegnet, Ihnen mittheilen, so müssen Sie vorher vom Himmel Stärke für Ihr Herz erflehen und den Allmächtigen bitten, daß er Ihren Verstand beschütze.«

»Es kann mir nichts Gräßlicheres enthüllt werden, als ich bereits ahne; Koppi, theile mir Alles mit, Alles!«

Hierauf ließ sie ihre Blicke auf Usedy ruhen und brach in einen Strom von Thränen aus.

»Hat man Dich lebendig begraben, armer Stephan, und Dich erst jetzt deiner Gruft entsteigen lassen? – Ein solches Bubenstück sieht dem verruchten Kukielwski ähnlich! Ach mein armer, armer Mann!«

Sie warf sich auf ihn, bedeckte ihn mit ihren heißen Küssen und weinte unaufhörlich.

Stephan schlug die Augen auf, ergriff die Hand seiner Gattin und führte sie an seine Lippen.

Nach einer Pause fing Koppi an die schauderhafte Behandlung zu schildern, deren Usedy unterzogen wurde.

Theophila vernahm jedes Wort mit einer Geberde, als wenn sie sagen wollte:

»Ueberraschen kann mich keine Unthat, die Kukielwski verübt haben könnte; da mein Gatte lebt, und in diesem Zustande lebt, so mußte dies Alles geschehen sein, was ich jetzt erfahren habe.«

Als Koppi geendet, sprang Theophila auf.

»Rache!« stöhnte sie, »Rache – Rache! Nicht durch das Gericht, nein, durch meine Hand soll Ladislaus fallen. Die Gerichte sind barmherzig! In Oesterreich gibt es keine Todesstrafe mehr! – Folter, Schwert und Rad wären auch eine viel zu gelinde Strafe für solche Frevel! – Nein, Koppi, für die Verbrechen dieses Ungeheuers müssen eigene Qualen ersonnen werden – und ich – ich – werde sie ersinnen.«

»Zu spät kommen deine Vorsätze. Während wir hier sprechen, ist Kukielwski schon der Gerechtigkeit verfallen. Die Polizei wurde in dem ersten Augenblicke, als wir in Triest ankamen und Nachrichten von seinem Aufenthalte erhielten, durch eine genaue Anzeige über den entsetzlichen Banditen unterrichtet; sie wußte bereits, daß er sich nach Servola begeben, in Servola wird er aufgegriffen und dem Arme des Gesetzes überliefert.«

Endlich gewann Usedy so viele Kraft, daß er sprechen konnte.

»Theophila,« sagte er, »es ist Wichtigeres zu thun, als an Rache zu denken. Das Wichtigste ist deine Sicherheit! Du mußt fort, schnell fort, denn in dem Augenblicke, in welchem Kukielwski in die Arme der Gerechtigkeit fällt, beginnen seine Aussagen und von diesen kannst Du nur befürchten, daß er all das Schändliche, das er begangen, auf deine Schultern wälzen werde. Von Dir, wird er erzählen, seien die Anschläge auf mein Leben ausgegangen, Du hättest ihn verleitet, mich langsam zum Tode hinschmachten zu lassen.«

Theophila wollte sprechen.

Usedy ließ sich nicht unterbrechen.

»Du mußt Dich retten, ebenso Koppi, Koppi muß Dich begleiten. Ich sende Euch nach Ungarn, aber auf keine meiner Besitzungen, Ihr müßt heute noch abreisen. So wehe es mir thut, Dich in diesem Augenblicke, in welchem ich Dich kaum wieder gefunden, zu verlieren – so mußt Du fort.«

»Du bedarfst ja mehr als jeder andern Pflege der Pflege deiner Gattin. Trenne mich nicht von Dir!«

»Ich muß bleiben, ich muß als der wichtigste Zeuge gegen das Ungeheuer auftreten, und wird Kukielwski nach Wien geliefert, muß ich nach Wien. – Dort vermag ich vielleicht dahin zu wirken, daß man Dich – als eine – Mitschuldige – des Ruchlosen nicht verhafte. – Ich hoffe dies zu erstreben.«

»O ich verdiente gleich dem Entsetzlichen eingekerkert zu werden!«

Theophila sank bei diesen Worten zu den Füßen ihres Gatten nieder und brach abermals in einen Strom von Thränen aus.

Usedy versuchte Theophila zu sich emporzuziehen.

»Laß mir den schönen Glauben, daß Du nichts zu beweinen hast, als mein Unglück,« sagte er. »Keine Geständnisse! – Bist Du nicht mehr wie Du warst, so lasse mir wenigstens den Wahn, Du hättest nie aufgehört, mein treues Weib zu sein!«

Der Mann ohne Arme trat ein.

»So eben hat man von Servola,« meldete er, »Ladislaus von Kukielwski, mit Ketten belastet, eingebracht. Man hat ihn hinter dem alten Theater in das Kerkerhaus geführt.«



Eilftes Capitel.

Ladislaus Kukielwski wurde nach Wien transportirt und dem Criminalgerichte überliefert.

Seine Diener wurden ebenfalls verhaftet.

Schon nach dem ersten Verhör des Verbrechers suchte die Untersuchungsbehörde in Triest Theophila von Usedy; aber Theophila war spurlos verschwunden.

Usedy und Würbel reisten nach Wien, weil sie in dem Processe gegen Ladislaus die Hauptzeugen waren. Mittlerweile hatte auch die Polizei in Wien ihr Amt gehandelt; – sie hatte das geheimnißvolle Haus besetzt.

Die Polizei ging sehr vorsichtig zu Werke.

Sie bemächtigte sich dieses Hauses, ohne daß irgend Jemand von den Genossen Kukielwski's, Kenntniß hievon erhielt.

In der ersten Nacht, welche auf die Entfernung Koppi's, Würbel's und Usedy's folgte, schlichen sich um das Haus Scherf, sein Weib und einige der als Mohren geschminkten Gauner, welche Ladislaus zurückgelassen hatte, um das Verbrecherasyl wahrscheinlich in der Absicht zu betreten, um von den geraubten Schätzen etwas an sich zu bringen, denn daß das Nest leer und die Vögel, Koppi und die Seinen, ausgeflogen waren, hatten sie wohl erspäht. Aber ihr Versuch, von dem aufgespeicherten Raube etwas an sich zu bringen, bekam ihnen übel.

Von allen Seiten drangen Wachen aus der Au hervor, und keinem der Vagabunden gelang es, zu entkommen.

Scherf und sein Weib wollten ihre entsetzliche Lage nicht verschlimmern. Sie waren die Ersten, welche ein reumüthiges Geständniß ablegten; namentlich das Weib, das in seiner Angst mehr aussagte, als das Gericht zu erfahren hoffte.

Das Haus wurde genau untersucht. Man fand so viele gestohlene und geraubte Waaren und andere werthvolle Gegenstände, daß der Transport auf Wagen einen ganzen Tag in Anspruch nahm.

Das Haus blieb noch mit Wachen und Polizeidienern besetzt, als die Räuber längst schon mit ihrem Chef abgeurtheilt waren.


* * *


Das Hôtel »zum wilden Mann« bot mittlerweile mehrere theils komische theils ernsthafte Scenen.

Der alte Graf und sein vermeinter Schwiegerneffe wurden wirklich, wie Perinet ganz richtig bemerkte, in eine Lustspielscene verwickelt.

An sich schon komisch war es, daß, als Stowinski die Nachricht erhielt, Gräfin Lodoiska sei mit ihrem Onkel aus dem »Freihause« angekommen, sich Stowinski wie ein Narr geberdete.

Als ihm die Wirthin mittheilte:

»Es sei nicht zu spät gewesen, Lodoiska sei noch immer frei und ledig und Wolzanitzki vermöge sein Wort zu lösen,« traf den schmutzigen Freiwerber diese Kunde wie ein Donnerschlag.

Es wäre ihm, wie die Sachen jetzt standen, wie sie durch die Gräfin Kuniewska und durch die plötzliche Ankunft ihres Gemals gestalteten, weit lieber gewesen, der alte Vormund hätte sich mit dem stipulirten Reugeld abgefunden.

Allein der Alte drang auf die Heirat.

Das Erste, was Graf Wolzanitzki that, war, daß er seine vermeintliche Nichte auf ihr Zimmer führte.

»Da bleibst Du,« sagte er, »in diese Stube sperre ich Dich ein; Du sollst mir nicht eher diese vier Mauern verlassen, bis Stowinski Dich zum Traualtar führt! – Ich rechte mit Dir nicht, Ungerathene, dies würde mir zu viel Zeit rauben; aber die Qualen und die Angst, welche Du mir bereitet hast, sind Dir nicht geschenkt! – Ich werde mir von deinem Gatten förmlich bedingen, daß Du noch vierundzwanzig Stunden nach der Trauung meiner Gewalt anheimgegeben bleibst, diese vierundzwanzig Stunden werde ich benützen, mich an Dir zu rächen, und deine Widerspenstigkeit und deinen Ungehorsam züchtigen, wie Ungehorsam und Widerspenstigkeit von einem beleidigten, entrüsteten Onkel noch nie gezüchtigt worden sind.«

Die verschleierte Dame brach über diese Aeußerung in ein solches Gelächter aus, daß der alte Graf vor Entsetzen außer sich kam.

Er sprang in seiner Wuth auf sie los.

Allein die Dame erhob sich und trat ihm so würdevoll und ernst entgegen, daß er zurückprallte und von seinem rohen Benehmen abließ.

An der Thür des Zimmers, in welchem sich Wolzanitzki und die verschleierte Dame befanden, wurde plötzlich gepocht.

»Wer da?« schrie Wolzanitzki in dem Tone eines Soldaten, der auf Vorposten steht und Verrath fürchtet.

»Gut Freund!« antwortete die Wirthin, denn diese war es, welche geklopft hatte.

»Herr Schikaneder,« sagte sie, »ist gekommen um sich zu erkundigen, wie Gräfin Lodoiska behandelt werde. Herr Schikaneder und seine Freunde sind zu der Gräfin Schutz hier und dulden nicht, daß man ihr ein Haar krümme.«

»Herr Schikaneder und seine Freunde sollen zum Teufel gehen!« tobte der alte Graf. »Ich kümmere mich den Henker um ihn! Nicht ein Haar, alle Haare meiner Nichte werde ich krümmen! dies richten Sie ihm aus, und wenn er etwa selbst hierherkommen und sich noch ferner in die Angelegenheiten meiner Nichte mischen wolle, so hätte ich hier ein Paar türkische Pistolen, deren Läufe ich ihm ins Gesicht halten werde.«

Die Wirthin lachte noch ausgelassener als die verschleierte Dame und ging.

»Bestie!« rief der alte Graf ihr nach, »doch wir werden dem Spuke sogleich ein Ende machen!«

Er sperrte die verschleierte Dame in ihr Zimmer und flog vor Wuth schnaubend zu Stowinski.

»Sie ist da! sie ist da! Ich habe sie gebracht! – Sie mußte mir folgen! – Lodoiska ist wieder in meiner Gewalt! – Sie ist in ihrem Zimmer!« tobte er dem Grafen Stowinski entgegen.

»Jetzt nehmen Sie sie mir vom Halse oder ich vergreife mich an ihr!«

»Thun Sie mit ihr, was Sie wollen,« antwortete Stowinski. »Mir ist die Lust zum Heiraten vergangen, ich ziehe die Abfindungssumme vor.«

»So? Und weshalb denn?« fragte Wolzanitzki wuthentbrannt.

»Weil – Graf Kuniewski in der That ein polnisches Donnerwetter mitgebracht hat, das sich fürchterlich über Ihrem Haupte entleeren wird, und dessen Keile auch Den treffen werden, der zu Ihnen sich hält.«

»Ei! – Fürchten Sie dies? – Da Sie dies fürchten, so erkläre ich Ihnen, daß Sie nun die Hand meiner Mündel nicht erhalten sollen, das Abfindungsgeld aber eben so wenig bekommen werden, denn Sie treten von der Verbindung zurück, nicht ich.«

»Gut denn, so erklären Sie, daß Sie den Grafen Kuniewski in seiner Stellung nicht zu fürchten haben, daß er Sie in keiner Beziehung zu irgend einer Verantwortung verhalten könne, und daß Sie ihn in dem Augenblicke in Ihre Wohnung invitiren, in welchem Sie mir Ihre Nichte als Braut zuführen wollen.«

»Mit Vergnügen, ich will ihn auf der Stelle zu dem feierlichen Act bitten. – Haben Sie vergessen, daß wir in Wien sind, daß der Graf Kuniewski hier nichts zu gouverniren hat, und daß eine vor dem Altare von einem katholischen Priester vollzogene Trauung, die noch dazu mit Bewilligung des Vormunds geschieht, ihre Giltigkeit behält, und wenn zehntausend Advocaten dagegen streiten würden?«

»Wenn diese Heirat aber dennoch ungiltig ist, oder wenn die Trauung gar nicht stattfinden könnte und dürfte?«

»Dann sprechen Sie die Abfindungssumme an.«

»Gut! Ich bin bereit! – Führen Sie mich zu meiner Braut!«

»Ich führe Sie zu ihr und mache zugleich auch meine Invitation bei dem Grafen und der Gräfin Kuniewski.«

Sie gingen.

Auf dem Gange fanden sie Schikaneder, Perinet und Süßmeyer.

Die drei Herren sprachen mit der Wirthin.

Das Gespräch war sehr heiter.

Es tönte den beiden Grafen ein schallendes Gelächter entgegen.

Der alte Graf fuhr heftig auf, als er die Wirthin erblickte.

»Ist Ihr »Solo-Lachen«, redete er Frau Grünfeld an, »in ein Quartett übergegangen? – Gilt dieses Gejohle ebenfalls mir? – Was wollen denn Sie hier, Herr Schikaneder? Hier gibt's keine Komödie zu dirigiren!«

»Wer kann das wissen?« versetzte Schikaneder. »Ist nicht Alles in der Welt Komödie? – Auch waren ja der hochgeborne Graf nicht dagegen, als ich Sie bat, mir die Erlaubniß zu ertheilen: »Die Dame mit dem Todtenkopfe« auf das Theater bringen zu dürfen. Sie luden mich sogar ein, Gräfin Lodoiska zu sehen, sie singen zu hören, sie sprechen zu können. – Ich bin nun hier, mich um den Ausgang der Geschichte zu erkundigen, denn einen guten Schluß muß jede Komödie haben, und der beste ist und bleibt ewig – eine Heirat.«

»Sie sollen Zeuge von dieser Heirat sein, Sie und diese Herren! Es soll mich erquicken, Ihren Aerger wahrzunehmen, wenn die verschleierte Dame dem Manne ihre Hand reichen muß, den gerade Sie, Herr Schikaneder, und Ihre Freunde ihr nicht vergönnen.«

»Sie sind im Irrthum, Herr Graf,« versetzte Schikaneder, »wenn Sie glauben, wir vergönnten der Dame den von Ihnen bestimmten Bräutigam nicht! Es ist das Gegentheil, wir vergönnen dem Bräutigam die Dame nicht. – Da ich nun die Ehre habe, mit Ihnen über mein Stück zu sprechen, so melde ich Ihnen, daß ich bereits einen Mäcen für dieses Lustspiel gefunden, Graf Kuniewski war so großmüthig, die Zueignung anzunehmen. So eben komme ich von ihm.«

»Sie kommen von ihm? Sie kennen also den Grafen Kuniewski ebenfalls?«

»Ich kenne den Herrn Grafen von Krakau aus. Werfen Sie einen Blick auf diesen kostbaren Ring! Diesen Ring verehrte mir Graf Kuniewski für die Dedication meiner »Dame mit dem Todtenkopfe!««

»Ich gratulire,« versetzte der alte Herr ärgerlich und verneigte sich, übergab dem Grafen Stowinski den Schlüssel zu Lodoiska's Wohnung, und ging in das Appartement des Grafen Kuniewski.

Schikaneder und seine Freunde schlossen sich dem Grafen Stowinski an und betraten das Zimmer der verschleierten Dame.

Die Dame saß auf einem Sopha, als die Herren eintraten.

Stowinski ging auf sie zu.

»Gräfin,« sagte er, »mein guter Stern will es, daß Sie, trotz des Widerwillens, den Sie gegen mich empfinden, doch meine Gemalin werden sollen. Rechten Sie darüber mit Ihrem Herrn Onkel und Vormund. – Ich wollte Ihnen entsagen. Er nahm meine Entsagung nicht an. Er bestand darauf, daß ich Sie zum Altare führen solle. Folgen Sie mir und bekämpfen Sie endlich Ihre große Abneigung gegen mich, Sie werden sich überzeugen, daß Ihr Widerwillen nur in Ihrem Starrsinne seinen Grund findet. Ihr Haß wird schwinden, wenn Sie mich näher kennen gelernt haben. – Oft sind diejenigen Ehen die glücklichsten, in welchen die Liebe erst später erwacht.«

Die Dame schwieg.

»Sie haben noch immer die, meinen Character beschimpfende Meinung nicht verloren, es fesselten Eigennutz und Habsucht mich an Sie. Ich will Ihrem Onkel die Erklärung geben, daß ich auf die Summen verzichte, die er Ihnen als Mitgift bestimmt hat –«

Die Dame wendete Stowinski ihre Aufmerksamkeit zu.

»Ich bin selbst reich, das wissen Sie. Ich will Ihnen Beweise geben, daß die Geldgierde, welche Sie mir vorwarfen, nicht meine Sache ist.

»Lodoiska, Sie haben mir namenlos wehe gethan. Sie haben sich sogar erlaubt, mich eines Verbrechens anzuklagen, statt mir zu danken, daß ich Ihnen das Leben gerettet, daß ich in jener entsetzlichen Nacht, in welcher Räuber und Banditen Sie mit dem Tode bedrohten und ich zu Ihrem Schutze herbeieilte, mich als Ihren Befreier zu preisen, beschuldigten Sie mich des Einverständnisses mit den Ruchlosen und ließen mich ins Gefängniß führen.

»Lodoiska, wer einen solchen Frevel an Ehre und Freiheit verzeiht, der muß lieben wie noch kein Mensch geliebt hat; Gräfin, erwägen Sie dies wohl.«

Die Dame schien in heftiger Bewegung zu sein, aber sie schwieg noch immer.

»Gräfin,« fuhr Stowinski fort, »ich weiß sehr gut, was sich so feindlich zwischen mich und Sie stemmt. – Jener junge obscure Mensch, der Ihnen in Musik und im Gesange Unterricht gab, ist es, dem Sie mit schwärmerischer Zuneigung anhängen.

»Nie wird Ihr Onkel und Vormund seine Zustimmung zu einer Verbindung mit diesem Laffen geben. Auch wird dieser junge Mensch selbst von Ihnen ablassen, wenn er sich überzeugt, daß Sie wirklich so aussehen, wie die Welt von Ihnen wissen will.

»Der Verblendete redet sich ein, daß Sie eine Maske tragen, daß Sie die Geschichte Ihres unglücklichen Antlitzes nur ersonnen, um zu beweisen, daß die heutigen Männer selbst ein Monstrum heiraten, wenn dieses Monstrum nur reich sei; endlich aber, um zu erfahren, daß Sie trotz eines abschreckenden Bildes nicht auch einen Mann finden könnten, der Sie Ihrer geistigen Vorzüge und Ihres Herzens wegen wählen würde. Zu den letzteren Männern gehöre ich.

»Ich bin der Mann, den nur Ihre geistigen Vorzüge eingenommen haben. »Ich nehme Sie zu meiner Gattin Ihres Verstandes und Ihrer schönen Seele wegen.

»Ich verzichte auf die reichste Mitgift. Mögen Sie aussehen so abschreckend wie der Tod oder so häßlich wie das Laster. Ich führe Sie an den Altar und bebe nicht zurück, wenn Sie den Schleier zurückschlagen.«

Die Dame winkte Schikaneder zu sich und sagte ihm einige Worte ins Ohr.

»Die Dame,« sagte Schikaneder zu Stowinski, »wünscht, daß Sie dieses so eben gemachte Versprechen schriftlich abgeben möchten.«

»Mit Vergnügen,« erwiederte Stowinski. »Ich eile diese meine feierliche Erklärung zu Papier zu bringen.«

Stowinski setzte sich an ein Schreibpult.

Während Stowinsky schrieb, sprach Schikaneder leise mit der verschleierten Dame.

»Was wollen Sie thun?«

»Ich will ihn heiraten. Er gefällt mir. Er soll schriftlich festsetzen, daß er mich zur Frau nimmt, ich möge wie immer gestaltet sein. Ich reiche ihm mit Vergnügen meine Hand.«

»Ich weiß nicht,« erwiederte Schikaneder, »zu was dies führen soll.«

»Vielleicht zu meinem Glücke.«

»Stowinski ist ein Heuchler. Es ist nicht wahr, daß er dem Gelde entsagt; er hat sich die Mitgift von dem alten Gatten schriftlich zusichern lassen.«

»Lassen Sie ihn die Erklärung in dem Sinne schreiben, wie er sie selbst angegeben. – Heiratet er mich dann nicht, dann habe ich nur verloren was ich nicht gewonnen.«

»Ich lege Ihnen indeß einen Entwurf meiner Erklärung vor,« sagte Stowinski, nachdem er geschrieben.

Die Dame las ihn.

Sie machte ein Zeichen, daß sie selbst schreiben wolle.

»Es dürfen in der Erklärung weder Titel noch Verwandtschaft berührt werden,« schrieb sie. »Ich muß allein stehen, und als die Dame, die sich verschleiert in diesem Zimmer befindet, bezeichnet werden. Keine Folgerungen, keine Beziehungen.

»Ich will in dieser Erklärung weder als Gräfin noch als Lodoiska bezeichnet werden, noch darf von meinem Onkel und Vormund die Rede sein. Ich bin großjährig, selbstständig, Herrin meiner Hand und meines Herzens, und als diese freie Dame muß ich bezeichnet werden.«

»Sie haben Recht,« bemerkte Stowinski, als er diese Erklärung gelesen.

»Sie sind von heute an großjährig, Sie sind von heute an Herrin Ihrer Hand und Ihres Herzens, und daß Sie weder von einem Onkel noch Vormund jetzt noch etwas wissen wollen, finde ich natürlich; Ihr Onkel und Vormund hat es darnach gemacht.«

Stowinski schrieb nun die Erklärung nach den erhaltenen Andeutungen und händigte sie der Dame ein.

Graf und Gräfin Kuniewski, von dem Grafen Wolzanitzki geführt, traten ein.

»Wie weit sind Sie mit meiner Nichte?« fragte der alte Graf.

»Wir sind einig,« antwortete Stowinski.

»Sie wird mein. Zeigen Sie dem Grafen meine Erklärung,« bat er die Dame. »Zum Zeichen, daß Sie mich nicht hassen, gestatten Sie, daß ich Sie hier als meine Braut umarme.«

Die Dame stand auf und eilte auf Stowinski zu.

Stowinski umarmte sie.

»Euer Excellenz sind nun überzeugt,« sagte der alte Graf zu Kuniewski, »daß ich meiner Nichte keinen Zwang angethan. Sie wird Gräfin Stowinski. Welche Bedenken Euer Excellenz auch immer erheben könnten, so fallen sie weg, weil ich über meine großjährige Nichte von heute an nur ihrem Gatten Rechenschaft schuldig bin.«

»Ich fürchte,« erwiederte Kuniewski, »daß Graf Stowinski noch immer nicht der Gatte Ihrer Nichte wird.«

»Das möchte ich sehen!« wollte der alte Graf auffahren, besann sich aber sogleich und setzte gelassen hinzu:

»Ich werde meinen Secretär nach der Kirche senden und den Herrn Pfarrer bitten lassen, die Stunde der Trauung so schnell als möglich zu bestimmen.«

»Vorher noch Eins!« bemerkte Graf Kuniewski. »Da die Verbindung des Brautpaares schon so nahe ist, so muß ich als Präses der Obervormundschaft in Warschau und speciell aufgestellt, mich um Lodoiska Gräfin Wolzanitzka anzunehmen und für ihr Glück zu sorgen, mich von der Identität derselben überzeugen. Es ist so Manches vorgefallen, welches mir auffällt, namentlich ihre plötzliche Sinnesänderung. Ihr Widerwille gegen den Grafen Adam Stowinski, die harte Behandlung ihres Onkels veranlaßte sie, einen Brief an meine Gattin zu schreiben, diese um Gottes willen zu bitten, mich zu bewegen, daß ich nach Wien zu ihrem Schutze herbeieilen möge; meine Gemalin trat den Weg nach der Kaiserstadt sogleich an, ich folgte ihr um vierundzwanzig Stunden später, und nun da wir beide hier sind, sie zu schützen und ihr beizustehen, finden wir Lodoiska ganz umgewandelt; – kaum eine Stunde genügte, um ihren Haß gegen den Grafen Stowinski in Liebe zu verwandeln, sie bedarf plötzlich meines Einflusses zur Begründung ihres Glückes nicht mehr; – was aber noch auffälliger ist, sie richtet keine Silbe weder an mich noch an meine Gemalin, sie entschuldigt sich nicht, uns zu einer so weiten Reise nutzlos bewogen zu haben. – Dies veranlaßt mich zu glauben, daß Gräfin Lodoiska entweder durch Drohungen dennoch gezwungen wird, wider ihren Willen diese Verbindung einzugehen, oder daß Graf Wolzanitzki, ihr Vormund und Onkel, eine andere Dame untergeschoben und vielleicht gar die wirkliche Gräfin Lodoiska beseitigt habe, welches bei den früheren Grausamkeiten, die er sich erlaubt hatte, nicht unmöglich wäre.«

»Eure Excellenz gehen zu weit!« rief Wolzanitzki auf das Empfindlichste verletzt aus. – »Wenn meine Nichte den Herrn Präsidenten und Obervormund hinter meinem Rücken mit einem Schreiben belästigt hat, wenn sie der gemeinen Handlung fähig war, mich bei Euer Excellenz und Ihrer hochverehrten Frau Gemalin zu verleumden, und nicht auf der Stelle ihre Anklage zurücknimmt, nicht reuevoll um Verzeihung bittet, daß Sie Hochdieselben nach Wien zu reisen bewogen, so liegt dies in ihrer Zerknirschung, aber sie wird und muß ihre Anklagen zurücknehmen und dies auf der Stelle.«

»Lodoiska, ich befehle Dir,« fuhr Wolzanitzki fort, »Se. Excellenz und die Gemalin Sr. Excellenz deiner Lügenhaftigkeit wegen um Verzeihung zu bitten und zugleich beizusetzen, daß ich Dich nicht durch Drohungen veranlaßt, dem Grafen Adam Stowinski deine Hand zu reichen, Sprich nun, Unwürdige, und nimm den grausamen Verdacht von mir.«

Die Dame schwieg.

»Ich ermahne Dich noch einmal,« sagte Wolzanitzki, »erkläre laut, daß Se. Excellenz durch Dich getäuscht wurde.«

Die Dame schwieg.

Wüthend stürzte jetzt Wolzanitzki auf sie los, packte sie wie toll am Arme und rief in seiner brutalen Heftigkeit:

»Ich werde Dir die Zunge lösen, wenn Du das Sprechen verlernt zu haben affectirst.«

Die Dame stieß, über die rohe Behandlung des Grafen entrüstet, einen Schrei aus und flüchtete zu Schikaneder und seinen Freunden.

»Halt!« rief Schikaneder, »was ist dies für eine Manier, mit Damen umzugehen! – Wo sind Sie? – Bilden Sie sich ein, Sie wären auf Ihren Gütern und hätten eine Leibeigene vor sich? – Sie sind in Wien, und in Wien dürfen Sie keine Negersclavin so wie diese Dame behandeln.«

»Was haben Sie zu sprechen,« schnaubte Wolzanitzki, »Sie Komödiantenvater?«

»Was einem Theatertyrannen gegenüber nothwendig ist; sind Sie doch selbst nichts Anderes als eine Art Coulissen-Intriguant, der mit Schande und Verspottung vom Schauplatze abtreten wird, von dem Hohne der Zuschauer begleitet, und verschwände er durch den Erdboden wie durch eine Versenkung.«

»Euer Excellenz,« wendete sich Schikaneder an den Grafen Kuniewski, »als dieser impardonnable Herr bei mir wie ein Räuber eindrang, und diese Dame, als seine Nichte, von mir forderte, gestattete ich, daß sie ihm nur gegen die hier Euer Excellenz zur Einsicht dienende Erklärung folgen dürfe.«

Schikaneder übergab dem Grafen Kuniewski die, dem Leser bekannte Erklärung.

»Dessenungeachtet,« fuhr Schikaneder fort, »erfrecht sich der Herr Graf Wolzanitzki auf solche gemeine Weise vorzugehen. Er wird sich aber wundern wie die Geschichte enden soll.«

»Mir drohen?« keuchte Wolzanitzki. »Mir?«

»Ja, ja, Ihnen drohe ich mit Fug und Recht – Ich ersuche Sie, mir keine solchen Gesichter zu schneiden wie der Gollo in der »Genovefa,« oder ich führe einen Coup gegen Sie aus, der Sie in den steinernen Gast in »Don Juan« verwandeln soll.«

»Hierher, Nichte! Hierher zu mir!« tobte Wolzanitzki.

»Euer Excellenz sprachen von der Identität der Gräfin Lodoiska?« fuhr Schikaneder fort. »Ich bitte Hochdieselben, sich von dieser Identität zu überzeugen; schlagen Sie den Schleier zurück, »Dame mit dem Todtenkopf.«

Die Dame that es.

Der scheußliche Todtenkopf wurde sichtbar.

»Singen Sie Ihr polnisches Lieblingslied,« bat Schikaneder. »Hier steht ein Clavier. Capellmeister Süßmeyer wird Sie begleiten.«

Die Dame sang mit bezaubernder Stimme.

Als sie gesungen, rief Graf Wolzanitzki triumphirend aus:

»Nun, Excellenz, ist dies Gräfin Lodoiska, oder ist sie es nicht? Habe ich Euer Excellenz getäuscht?«

»Sie haben Se. Excellenz nicht getäuscht,« entgegnete Schikaneder, »aber ich habe mir die Freiheit genommen, den Grafen Wolzanitzki zu täuschen. – Herab mit dem Todtenkopfe!« sagte Schikaneder zu der Dame.

Die Dame entledigte sich der Maske.

Die Schauspielerin Wipfel stand vor den Versammelten.

Graf Wolzanitzki und Graf Stowinski waren wie versteinert.

»Hölle und Teufel!« rief Wolzanitzki aus, »was ist dies für ein Gaukelspiel?«

»Kein Gaukelspiel,« erwiederte Schikaneder, »eine ganz einfache Geschichte. Sie suchten mit der Brutalität, die nur Ihnen eigen ist, Ihre Nichte bei mir. Sie nahmen auf meine Vorstellungen, daß sie nicht bei mir sei, keine Raison an; – wir hatten gerade Probe von dem, mit Ihrer Zustimmung von mir geschriebenen und nun zur Aufführung kommenden Stücke: »Die Dame mit dem Todtenkopfe.« Fräulein Wipfel hatte sich so eben für die Hauptrolle costumirt; da Sie Wüthender mein Haus mit allen möglichen Insulten bedrohten, so nahm ich mir die Freiheit, Ihnen statt der echten die falsche Gräfin Lodoiska vorzuführen: ich war aber vorher so vorsichtig, mir die Erklärung zu erbitten, welche jetzt in den Händen Sr. Excellenz sich befindet.«

»Ich vergreife mich an Ihnen!« lärmte Graf Wolzanitzki in höchster Aufregung. »Sie können mich für die Impertinenz, welche Sie sich gegen mich erlaubten, durch nichts versöhnen, als wenn Sie mir augenblicklich den Aufenthalt meiner Nichte angeben.«

»Ich sah sie mit keinem Auge.«

»Das ist nicht wahr! Sie sind mit ihr gegen mich im Complotte! Sie sind ein elender, erbärmlicher Mensch!«

»Ein Mann, der sich so lächerlich gemacht hat wie Sie, kann mich nicht beschimpfen.«

»Herr Graf,« sagte Stowinski zu Wolzanitzki, »Sie werden jetzt doch wohl einsehen, daß Gräfin Lodoiska für mich verloren ist und daß Sie nun ganz gewiß die Abfindungssumme an mich bezahlen müssen.«

»Den Teufel auch!« herrschte der alte Graf Stowinski zu. »So lange meine Nichte nicht aufgefunden ist, gebe ich Ihnen keine Antwort.«

»Zwei Frauen werden Sie nicht heiraten dürfen,« ergriff Fräulein Wipfel das Wort. »Sie sind mein Bräutigam. Oder mißfalle ich Ihnen vielleicht? – Auch ich habe schwarz auf weiß ein bindendes Versprechen. Soll ich Sie als Cavalier dadurch blamiren, daß mein Director in seinem Stücke diese Wendung in sein Lustspiel bringe?«

»Fräulein,« antwortete Stowinski, »ich bin in diesem Augenblicke nicht in der Lage, Ihnen eine Antwort zu geben, welche Sie zu befriedigen vermöchte.«

»Der Teufel hole alle Komödianten!« tobte der alte Graf. »Wir sind in die Hände von Leuten gerathen, welche mit den heiligsten Gefühlen Scherz treiben. – Welche frechen Theaterkniffe, in die man uns verwickelt! – Ich durchschaue Alles! – Um mich von den ferneren Verfolgungen meiner Nichte abzuziehen, brachte man mich in diese Conflicte. – Euer Excellenz, beherzigen Sie dies, fällen Sie kein vorschnelles Urtheil über mich.«

»Mein Urtheil über Sie ist längst gefällt,« versetzte Graf Kuniewski. »Sie vermögen sich auf keine Weise mehr zu retten. Ihre Nichte, welche Sie hätte retten können, wenn sie einen Gatten, etwa den Grafen Stowinski gewählt, haben Sie schmählich betrogen, indem Sie das Testament ihres Vaters unterschlugen und sie als arme Waise bezeichneten.«

Wolzanitzki stand wie vernichtet da, dennoch wollte er sprechen.

Kuniewski ließ sich nicht unterbrechen.

»Mit dieser schlechten Handlung waren Ihre eigennützigen Plane noch nicht befriedigt. Sie häuften Verbrechen auf Verbrechen gegen die Tochter Ihres einzigen Bruders; Sie brachten sie in eine Lage, in welcher es ihr fast unmöglich war, einen andern Mann zu wählen, als einen, welcher, wenn Ihr Betrug mit dem Testamente entdeckt worden wäre, mit Ihnen einverstanden, keine Vormundschaftsrechnungen verlangen würde. – »Die Geschichte mit dem Todtenkopfe« setzt aber Ihren Greueln die Krone auf. – Ich könnte Sie kraft meiner Würde und meines Berufes verhaften lassen. Ich füge Ihnen aber diese Schmach nicht zu, befehle Ihnen aber weder Wien noch diese Ihre Wohnung zu verlassen, bis ich Ihnen mitgetheilt was zu geschehen hat. Da Sie einstweilen mein Gefangener sind, so ersuche ich die Gesellschaft, Sie zu verlassen und mich in meine Wohnung zu begleiten.«

Graf und Gräfin Kuniewski verließen die Zimmer Wolzanitzki's; ihnen folgten die Uebrigen.



Zwölftes Capitel.

Die Criminaluntersuchung gegen Ladislaus und Consorten nahm einen raschen Verlauf. Es waren schon früher solche umfassende Erhebungen gepflogen worden, die Mitglieder der Bande des verwegenen Räuberchefs machten so erschöpfende Geständnisse, daß der Verurtheilung der Hauptperson wenig mehr im Wege stand. Es fehlten nur noch die Vernehmungen Lodoiska's und Theophila's. Diese beiden Damen waren jedoch nicht zu ermitteln.

Von der Ersteren konnte man sonst nichts erfahren, als daß sie nach ihrer Verehelichung mit Luigi, welche in Hitzing stattfand, abgereist sei, und von Theophila theilte der Gemal derselben mit, daß er sie zu Gericht zu stellen sich bemühen werde, wenn ihr vollkommene Straflosigkeit zugesichert werden könnte.

Das Gericht ließ sich hierzu nicht herbei, im Gegentheile es bestand darauf, Theophila zu veranlassen, daß sie unbedingt der Vorladung folge, bei sonstiger schwerer Verantwortung, welche der Gemal selbst zu erleiden hätte.

Ebenso half kein Vorwort, um Koppi der Ahndung der Gesetze zu entziehen.

Endlich bewog das Criminaltribunal den unglücklichen Gatten, sich zu verpflichten, Theophila und Koppi binnen vier Wochen zu einer Reise nach Wien zu bestimmen und der Gerechtigkeit ihr Amt handeln zu lassen.

Für den »Mann ohne Arme«, welcher nicht verhaftet wurde, verwendete sich das Gericht, daß er in eine Versorgungsanstalt wenigstens für so lange gebracht, bis Lodoiska sich seiner annehmen werde, auf welche er noch immer mit aller Zuversicht zählte.

Aber die Criminaluntersuchung untergrub das Glück von Theophila's Gemal auf furchtbare Weise.

Wohl erstarkte er physisch, jedes körperliche Leiden wich von ihm, aber die moralischen Leiden, die ihn betrafen, nagten an seinem Herzen.

Es wurde nur zu bald notorisch, in welchem sträflichen Verhältniß seine Gattin mit jenem ruchlosen Banditen lebte.

Vergebens suchte Usedy das Weib seines Herzens zu entschuldigen. Er mochte aber die Verführungskünste des Roués noch so sehr zur Geltung bringen, immer mehr überzeugte er sich, daß Theophila doch nur eine gemeine Sünderin gewesen, und daß eine Frau von moralischen Grundsätzen nimmermehr in so abscheuliche Schlingen, am wenigsten, selbst wenn sie wirklich Witwe geworden, auf so arge Weise und in so kurzer Zeit hätte gerathen können; endlich machte ihn der Gedanke beinahe wahnsinnig, daß Theophila den schändlichen Character Ladislaus längst durchschaut und dennoch nicht von ihm gelassen, ja sogar noch die Hand zu seinen abscheulichen Handlungen geboten. Und aus welchen Gründen? – Aus keinen anderen, als weil der Verführer den erbärmlichen Vorzug vor dem Gatten besaß, daß er der gemeinen Liebe besser zu fröhnen verstand als der unglückliche Gemal, der einem Weibe eine höhere Stelle anwies, als sein schmachvoller Nebenbuhler.

In einer ungeheuern Aufregung schrieb er seiner Gemalin einen Brief, der ihr Herz auf das Fürchterlichste zerfleischte. Er machte ihr Vorwürfe, über welche sie außer sich gerieth – dazu gesellten sich ihre heftigen Gewissensbisse. Um mit wenig Worten den Ausgang dieses Dramas zu schildern, muß hier berührt werden, daß Theophila nicht nach Wien reiste, sondern Koppi allein sendete, welcher einen Brief überbrachte, worin mit wenig Worten angedeutet wurde, daß das unglückliche Weib, um der unaufhörlichen Herzensqual und den Ahndungen der Justiz zu entrinnen, ihrem Leben ein Ende mache, und in dem Teiche zu Bosed, so hieß der Zufluchtsort, nach welchem Theophila und Koppi sich geflüchtet, Erlösung von ihren Bedrängnissen finden wolle.

So war es auch.

Es kam bald noch ein Schreiben von Theophila, in welchem sie ihren Gatten reumüthig um Nachsicht anflehte und bei der Barmherzigkeit des Himmels beschwor, ihr zu verzeihen. Auch meldete ein Comitatsschreiben dem Criminalgerichte in Wien, daß Theophila's Leiche im Boseder Teiche aufgefunden, daß sie also die Aufforderung ihres Gatten (den betreffenden Brief sendete sie vor Ausführung ihres Entschlusses dem Vicegespan), sich dem Gerichte zu stellen, durch Selbstmord vereitelt hätte.

Usedy gerieth hierüber in Verzweiflung. Er reiste augenblicklich von Wien ab, und nie mehr hat man von ihm Nachricht erhalten.

Ladislaus wurde zu einer lebenslänglichen Kerkerstrafe nach Munkats, seine Mutter, welche in Wien aufgegriffen wurde, zu zehn Jahren auf den Spielberg, Koppi, in Erwägung so vieler mildernder Umstände und in Betracht, daß er sich um die Rettung Usedy's wirklich verdient gemacht, als ehemaliger Genosse eines Räubers, zu einem Jahre Kerker verurtheilt.


* * *


Nach vierzehn Tagen, welche auf die letzten Scenen im »wilden Manne« folgten, und welche fruchtlos mit Nachforschungen, um Lodoiska aufzufinden, hinflossen, die Wolzanitzki schier zu Verzweiflung brachten, da er immer in seinem Hausarreste zu verbleiben gezwungen war, die dem Grafen und der Gräfin Kuniewski eine Ewigkeit erschienen, nach vierzehn Tagen, in welchen diese Scene, besonders aber in dem Stadttheile, worin der »wilde Mann« liegt, zu den absurdesten Gerüchten Anlaß gaben, wurde plötzlich vernehmbar, »die Dame mit dem Todtenkopfe« sei im Hôtel »zum Schwan« abgestiegen; sie sei verheiratet, die Mutter des Gatten der Gräfin Lodoiska sei mit nach Wien gekommen und mit ihr eine Menge Dienerschaft; auch umgebe sie noch mehr Pracht, als in der Zeit, in der sie im »wilden Mann« einlogirte. – Sie sei übrigens ganz so gekleidet wie früher, ebenso dicht verschleiert wie früher, und der Juwelier im »Schwan«, der sie gesehen, habe sie gesprochen. Der Juwelier erzählte auch, er habe der Gräfin die Hand geküßt, er habe sogar ihren Schleier berührt und bemerkt, daß durch diesen, der häßliche Modergeruch sich noch immer so verbreite wie früher.

Die Wirthin im »wilden Manne« erfuhr natürlich diese Nachricht zu allererst.

Die Wirthin, welche mehr Stadttrompete war als der Thürmer von Sanct-Stephan, eilte mit dieser Kunde zu dem Grafen und der Gräfin Kuniewski.

Diese beschäftigten sich so eben mit einem Briefe, den sie erhielten, und in welchem Lodoiska selbst das hochgeachtete Ehepaar von ihrer Ankunft unterrichtete und auf die submisseste Weise um Vergebung bat, daß sie mit ihrem Gemale nicht früher in Wien eingetroffen.

Lodoiska schrieb:


   »Euer Excellenz!

»Ihrem hohen Befehle gemäß habe ich mich nach der Trauung mit meinem Gemale nach Triest begeben, und dort die Ankunft seiner theuren Mutter abgewartet. »Sie war schon früher von unserer Reise unterrichtet, und kam uns mit mütterlicher Zärtlichkeit entgegen. »Ew. Excellenz haben mir und meinem Gatten ausdrücklich untersagt, daß wir im »wilden Manne« absteigen.

»Wir haben es auch nicht gewagt und harren daher der ferneren Befehle, welche Ew. Excellenz uns zugehen lassen werden.

»Da wir keine Worte finden, Ew. Excellenz und Ihrer Excellenz der Frau Gräfin so zu danken, wie wir es im tiefsten Herzen fühlen, erlauben wir uns beizufügen, daß die Mutter meines Gemals, die Frau Marchese von Veldagno, den Augenblick nicht erwarten kann, Hochdenselben zu sagen, daß sie in Ew. Excellenz und Hochdero Frau Gemalin die Gründer des Glückes ihrer Kinder verehre und dies nur mit Thränen des Dankes verkünden könne.

»Im Namen meines Gatten und seiner Mutter
»Ew. Excellenz
»ewig dankbare
»Lodoiska Gräfin Wolzanitzka
»verehelichte Marchese von Veldagno.
»Wien, am 27. October 1799.«


Nach Durchlesung dieses Briefes verfügte sich Graf Kuniewski zu seinem Gefangenen.

»Lesen Sie dieses Schreiben,« redete er Wolzanitzki an.

Wolzanitzki las es.

Er entfärbte sich.

»Ihre Vormundschaft ist zu Ende,« bemerkte Kuniewski. Lodoiska ist nun Marchese Veldagno. – Wären wir nicht in Wien, so hätte Ihrer Härte, Ihrem Starrsinne und Ihrer Rachgier früher ein Ziel gesetzt werden können. In Warschau würde eine Verhaftung Ihrer Person genügt haben, Ihren Einfluß auf das Schicksal der Gräfin Lodoiska zu vernichten. Wir sind, wie bemerkt, in Wien, in einer fremden Stadt. Die hiesigen Gerichte würden Abstand nehmen, in einen Proceß gegen Sie einzugehen. Auch würde Ihre Verwandtschaft mit einer in Wien hochgestellten diplomatischen Person, die noch dazu Ihren Namen trägt, die Behörden veranlassen, Sie mit der größten Schonung zu behandeln. Es mußte daher ein anderer Weg eingeschlagen werden, um Gräfin Lodoiska schnell ans Ziel zu führen; ich mußte geschehen lassen, daß List gegen Bosheit operire. – Für Sie ist dieser Ausgang der bessere; auch ich schone den Namen, den Sie führen, schone ihn aber nicht einen Augenblick länger, wenn Sie nicht gut machen, was Sie verbrochen haben.«

»Die Heirat ist ungiltig,« schnaubte Wolzanitzki voll Wuth. »Da Euer Excellenz schon des Testamentes meines Bruders erwähnen, über welches sich so Manches sagen läßt, und das ich nicht unterschlagen habe, wie Dieselben sich auszudrücken belieben –«

»Ich ersuche Sie, Ihre Unverschämtheit in dieser Sache nicht fortzusetzen, oder ich bringe Beweise zum Vorschein, welche Sie vernichten.«

»Ereifern sich Eure Excellenz nicht; darüber können nur die Behörden in Warschau, als die allein competenten, entscheiden.«

»Und der Gesandte in Wien, dessen Autorität Sie wohl anerkennen werden. Ich wiederhole noch einmal, daß ich Sie, Ihrer Familie wegen, schonen will, wenn Sie sich willig fügen.«

»Ich habe nichts gut zu machen, mich in nichts zu fügen,« fuhr Wolzanitzki in gereiztem Tone fort. »Die Heirat meiner Nichte ist ungiltig, wiederhole ich, und wie das Testament, dessen Euer Excellenz erwähnen, immer lauten möge, so habe ich ein Testament in meinen Händen, das ausdrücklich besagt, Lodoiska dürfe nie ohne meine Einwilligung heiraten, sonst fällt ihr Vermögen – wenn sie noch eines besitzt – meiner Tochter zu. Ihr Vater hat Lodoiska nur zu gut gekannt; er wußte welch ein Eigensinn in ihrem stolzen Köpfchen spukte; er kannte ihre Coketterie und ihren Hang zum Abenteuerlichen, deshalb räumte er mir sogar ein –«

»Das schöne Antlitz der Comtesse in einen Todtenkopf zu verwandeln? – Diese Niederträchtigkeit, Herr Graf, wird Sie wahrscheinlich veranlassen, den langen Arm des Warschauer Criminalgerichtes nicht bis nach Wien greifen zu lassen, um Alles das zu bewilligen, was ich vorschreibe.«

»Lodoiska wird über ihren »Todtenkopf« am besten Auskunft geben können.«

»Sie zählen wahrscheinlich auf den Eid, den Sie ihr abgenommen, und bauen nebenbei auf Lodoiska's hohe Religiosität und Gottesfurcht, mit welcher sie nie einen Eid verletzen wird, und wenn er auch ein erzwungener gewesen wäre?«

»Ich wiederhole, Lodoiska wird am besten Auskunft geben können.«

»Und jene Männer wahrscheinlich auch,« erwiederte Kuniewski, und faßte Wolzanitzki scharf ins Auge, »welche die edlen Gesichtszüge der Comtesse verderben mußten. – Wähnen Sie, diese beiden Männer werden auch den von Ihnen erpreßten Eid nicht brechen, besonders wenn ein angesehener Geistlicher sie desselben entbindet .«

»Euer Excellenz sind grausam gegen mich.«

»Ich bin nicht grausam. Sie sind es! Sie waren entsetzlich grausam gegen Ihre Nichte und sind fürchterlich und grausam gegen sich selbst.«

»Euer Excellenz,« entgegnete Wolzanitzki, »ich lasse es auf's Aeußerste ankommen. Ich kann mein Leben aufgeben, aber nicht –«

»Ihre tollen Plane! – Nur Geduld! Das unterschlagene Vermögen werden Sie herausgeben, dann aber auch Ehre und Freiheit auf ewig verlieren müssen. Die beiden Handlanger Ihrer Schändlichkeit sind in Wien. Ich habe sie hieher bringen lassen; – wollen Sie mir noch entgegentreten?«

»Ich lasse es auf's Aeußerste ankommen, Euer Excellenz, ich fürchte nichts und habe nichts zu fürchten.«

»Sie sind wahnsinnig! – Wir wollen sehen, ob es kein Mittel gibt, Ihr Gewissen zu wecken. Sie werden sich jetzt unverzüglich mit mir zur Marchese Veldagno begeben.«

»Zu meiner Nichte? Zu Lodoiska Comtesse Wolzanitzka, denn ihre Vermählung erkenne ich nicht als giltig an.«

Graf Kuniewski verließ die Wohnung des unheilvollen Mannes.

Dieser folgte ihm.


* * *


Im Gasthofe »zum Schwan« in den Appartements der Marchese Veldagno fand sich eine große Versammlung ein.

Die junge Marchese empfing zahlreiche Besuche. Der ehrwürdige Pfarrer von Mariahilf war zugegen und hatte den Hanns Ohnearm mitgebracht; – die wackern Bürger, welche den Gasthof »zum wilden Mann« besuchten, und der unglücklichen Gräfin mit aller Liebe ergeben waren, erschienen; Wirth und Wirthin vom »wilden Mann« fehlten nicht; Schikaneder, Süßmeyer, Perinet, selbst die Schauspielerin Wipfel fanden sich ein; alle waren gekommen, der Gräfin Lodoiska und ihrem Gemal ihre Glückswünsche darzubringen.

Lodoiska und Luigi fühlten sich überglücklich, dennoch aber pochte das Herz der jungen Gattin gewaltig; sie wünschte ein glückliches Ende ihrer Leidensgeschichte und vor Allem, daß der Bruder ihres Vaters straflos aus dem Kampfe mit seinem Gewissen hervorgehen möchte, daß er nicht der Gerechtigkeit in die Hände falle; um diese große Gnade bat sie in allen ihren Briefen den Grafen und die Gräfin Kuniewski.

Noch kam ein Besuch.

Derselbe Polizeicommissär, welcher im »wilden Mann« in jener Nacht und an dem darauffolgenden Tage, an welchem durch Ladislaus und Consorten der frevelhafte Einbruch geschah, die Ueberwachung des Hauses übernommen, trat ein und überbrachte, was von dem Raube noch gerettet wurde, die Brillanten und Perlen und eine Masse Goldstücke, welche in der oft genannten Cassette sich befunden, und bei der Verhaftung des Banditen Ladislaus in Triest ermittelt wurden. Es fehlte freilich Manches. Der Verlust, welchen Gräfin Lodoiska erlitt, war immer ein namhafter, aber das Werthvollste ward doch gerettet, und somit der Nachtheil, der die Comtesse traf, zu verschmerzen.

Lodoiska dankte dem Commissär für seine Obsorge herzlich. Sie suchte ihn jedoch bald zu entfernen, weil sie keine Gerichtsperson in dem Augenblick bei sich sehen wollte, in welchem sie ihren strafbaren Onkel erwartete.

Luigi begriff die Angst seiner Gattin nur zu sehr, und führte den Commissär schnell in ein Seitenzimmer, aus welchem sich der Commissär bald entfernte.

Nun traten Graf und Gräfin Kuniewski mit dem bösen und immer noch verstockten Verbrecher, dem Vormunde, ein.

Nach den ersten Begrüßungen nahm Kuniewski das Wort.

»Frau Marchese Veldagno,« sagte er, »empfangen Sie vor Allem meine Glückwünsche zu Ihrer Vermälung, und auch Sie, Herr Marchese! – Sie haben Beide lange gerungen und gekämpft, bis Sie an Ihr ersehntes Ziel gekommen, doch werden Sie jetzt desto glücklicher sein, da ich beinahe überzeugt zu sein glaube, daß auch Ihr Herr Onkel –«

»Nichts von mir! Nichts von mir!« tobte Wolzanitzki. »Ich bin Euer Excellenz gefolgt zu dieser ehre- und pflichtvergessenen Person, aber ich habe ausdrücklich gesagt, daß ich gegen diese Ehe protestire, trotz eines Testamentes, das –«

»Wenn Sie sich nicht selbst schonen,« versetzte Kuniewski, »so schonen Sie die Gesellschaft, die Sie hier finden.«

»Wir wollen uns entfernen,« bemerkte Schikaneder.

»An dieser Gesellschaft liegt mir nichts!« wüthete Wolzanitzki. »In dieser Gesellschaft ist keine einzige Person, welche nicht zu meinen Feinden gehörte.«

»Ich bin keines Menschen Feind,« erwiederte der Pfarrer.

»Mein Feind sind Sie auf jeden Fall,« entgegnete Wolzanitzki, »denn auch Sie haben es mit meiner Nichte gehalten, bei Ihnen erhielt sie geistlichen Trost und Beruhigung, Sie flößten ihr Zuversicht ein, ich habe Alles erfahren.«

»Ich bin für die Gerechten,« versetzte der Pfarrer, »erbarme mich der Leidenden und nehme die Verfolgten in meinen Schutz.«

»Jetzt soll die Verfolgung erst recht angehen!« tobte Wolzanitzki.

»Gegen wen? – Gegen meine Gemalin?» versetzte Luigi.

»Einem Musikanten werde ich nicht Rede stehen!«

»Aber mir!« betonte Kuniewski mit einem heftigen Tone.

»Gnade! Versöhnung! theurer Onkel!« flehte Lodoiska und warf sich ihm zu Füßen.

»Vormund!« sagte sie, »bisher habe ich geduldet und ertragen, was Sie immer in Ihrer Härte über mich verfügten, – doch enden Sie einmal die Grausamkeiten, mit welchen Sie mich behandeln. Ich habe die schwere Bedingung erfüllt, die Sie über mich verfügten; ich habe trotz des Fluches, der meine Jugend begleitet, einen Mann gefunden, der mich meiner selbst, ungeachtet meiner verrufenen Häßlichkeit zur Gemalin nahm; einen Mann, der Ihnen ebenbürtig und reich ist – meine Mündigkeit habe ich erreicht, Herr Onkel und Vormund, versagen Sie mir nicht Ihren Segen.«

»Meinen Fluch sollst Du haben, und elend sollst Du werden und bleiben, bis an das Ende deiner Tage!«

»Onkel! Um Gottes willen! fluchen Sie mir nicht!«

»Ja, ich fluche Dir, und werde Dir noch auf meinem Sterbebette fluchen! – Du hast meine liebsten Plane zerstört, hast, indem Du mir zuwider handeltest, deinen Vater im Grabe beleidigt und beschimpft, der Vater, der deine Wohlfahrt in meine Hände legte, und die Wahl deines Gatten mir übertrug.«

»So enterben Sie mich! Mein Gatte und ich entsagen dem Mammon, der nur Ihr Glück ausmacht, nehmen Sie Ihren Fluch zurück!«

»Gehen Sie nicht zu weit, Graf Wolzanitzki!« fuhr Kuniewski auf.

»Knie nicht vor diesem Manne!« rief Luigi und hob seine Gattin zu sich empor.

»Zum letzten Male!« sagte Kuniewski, »wollen Sie gut machen, Wolzanitzki, was Sie verbrochen?«

»Ich habe nichts gut zu machen!«

»Nun denn!« erwiederte Kuniewski, »da Sie auf ein Testament pochen, das Sie selbst fabricirten, so soll der Notar eintreten, den Sie bestachen, daß er das echte vernichte und der nun von Gewissensbissen gefoltert, sich an mich wendete, dieses himmelschreiende Vergehen zu sühnen; so sollen die Leibeigenen hereinkommen, die Sie dingten, das Antlitz dieser beklagenswerthen Dame in ein Todtenantlitz zu verwandeln, so soll Lodoiska's Kammerfrau Ihnen gegenübertreten, und hier laut und öffentlich die schändlichen Instructionen wiederholen, die Sie ihr mitgaben, als Lodoiska ihre Reise antrat, und die so weit gingen, selbst wenn ein Mann, der sich ihr zu nähern und sie ihres Herzens, ihres Geistes wegen zu wählen vermöchte, Lodoiska zu verunglimpfen und ihren Ruf zu verdächtigen!«

Kuniewski eilte auf das Vorzimmer zu, riß die Thür auf und herein traten der Notar, zwei leibeigene Diener des Grafen und die Kammerfrau.

»Soll ich Sie in Ihrer größten Nichtswürdigkeit darstellen, und die Aussagen dieser Personen Ihnen ins Gesicht schleudern lassen?«

»Stehen Sie noch an, Ihren Fluch zurückzunehmen?« fragte Luigi.

Wolzanitzki warf wilde Blicke auf die vier Leute, welche gegen ihn auftraten.

»Die abgenommenen Eide sind es, auf welche Sie sich stützen,« fuhr Kuniewski fort, »der ehrwürdige Pfarrer, der sich hier befindet, vermag jeden gewaltsam abgenommenen Eid zu lösen und als nicht bindend zu bezeichnen; aber Sie, verblendeter Mann, könnten wähnen, weil dieser ehrwürdige Priester ein Pfarrer aus Wien, so vermöchten seine Worte auf Personen aus Warschau nicht zu wirken; hier aber ist der bischöfliche Erlaß aus Warschau; lesen Sie das Schreiben Sr. Excellenz des Bischofs Grafen Mantinski aus unserer Stadt.«

»Den Fluch nehme ich nicht zurück, und wenn ich darüber sterben sollte. – Wenn Lodoiska mein Fluch verfolgt auf allen Wegen, so soll mich dies erquicken, so wie es mich erquickt und erhebt, daß Ihre Schönheit zerstört wurde.«

»Pan,« sagte der eine der Leibeigenen, »wir haben der Comtesse Schönheit nicht zerstört.«

»Pan,« setzte der andere hinzu, »uns hat erbarmt das junge Blut, die schöne Gräfin.«

»Pan, wir haben Sr. Excellenz dem Grafen Kuniewski angezeigt den entsetzlichen Befehl, und Excellenz hat nicht geduldet die Grausamkeit und hat anfertigen lassen Maske.«

»Höll' und Teufel!« tobte der Graf.

Luigi hob seiner Gemalin den Schleier vom Haupte, sie stand vor der Versammlung schön wie ein Engel da.

Luigi schloß sie in seine Arme.

Wolzanitzki stürzte außer sich fort.



Nachtrag.

Schikaneder versuchte es, sein Stück, das denselben Titel führte wie unser Roman, zur Aufführung zu bringen.

Der damals in Wien als Censor angestellte Regierungsrath von Hägelin war dagegen.

Schikaneder's »Gelegenheitsstück« durfte nicht zur Aufführung kommen.

Hägelin hielt es nicht für schicklich, eine Geschichte auf der Bühne zur Darstellung gelangen zu lassen, in welcher zwei polnische Adelige nicht die schönsten Rollen spielten.

In der Bibliothek des Theaters an der Wien dürfte sich dieses Opus noch vorfinden. – Unter Palffy's Direction wollte es der Regisseur Küstner zu seinem Benefice in die Scene setzen, aber es hatte das frühere Schicksal; es wurde verboten.

Schikaneder war von der Geschichte Lodoiska's sehr gut unterrichtet; die Gräfin selbst erzählte ihm ihre Schicksale ausführlich.

Aus ihren Mittheilungen ging hervor, daß Luigi nur zu gut unterrichtet war, daß der Todtenkopf eine Maske gewesen, so wie Schikaneder ganz genau erfuhr, daß das Verhältniß der räthselhaften Gräfin mit ihrem Gesangmeister kein so edles gewesen, als der Roman darstellt.

Das geheime Verständniß führte zu nichts Gutem.

Gräfin Lodoiska genas eines Knaben, und dies war es, welches ihren Vormund so hart und rachgierig gegen sie machte.

Er verbannte sie. Er gab in seiner Entrüstung seinen vertrautesten Dienern den Befehl, Mutter und Kind durch Gift aus der Welt zu schaffen. Die für den Mord gedungenen Leute sträubten sich gegen die Vollziehung dieses Auftrages.

»Nun denn,« herrschte ihnen der Graf zu, »nehmt ihr das Kind und bringt es mir; der Mutter aber raubt die Schönheit, entstellt sie, macht sie unkenntlich; kein Mann soll ihr mehr nahen können, in ein Scheusal soll sie verwandelt werden!«

Die Vertrauten des Grafen gelobten nach seinem Befehle zu handeln, das Kind raubten sie aber der Mutter nicht; sie gaben vor, es sei gestorben, und producirten einen falschen Todtenschein, der dies bestätigte.

Nach einem Jahre ungefähr wurde der Graf milder, ihn reute sein grausames Verfahren.

Er begab sich auf sein abgelegenes Stammschloß, wohin er Lodoiska hatte bringen lassen.

Er wollte sein Unrecht einigermaßen gut machen. Er ließ seine Nichte kommen.

Sie erschien vor ihm; eine abscheuliche Todtenfratze grinste ihn an.

Die Comtesse hatte sich aus Paris nicht eine, sondern mehre solcher Larven kommen lassen, im Falle irgend ein Ungefähr ihr das Wachsgesicht zerstören sollte, damit sie dann nicht in Verlegenheit gerathen könnte.

Der entsetzliche Geruch, den sie verbreitete, wenn sie unter ihrem Schleier ein Büchschen öffnete, war's vielleicht, der mehr Ekel erregte, als der Anblick des Todtenkopfes. Dieser gräßliche Gestank soll auch den alten Grafen jedes Mal, wenn Lodoiska den Aasgeruch ausströmen ließ, einer Ohnmacht nahe gebracht haben.

Der Graf erklärte seiner Nichte, daß er sich mit ihr versöhnen wolle. Sie könne seine Erbin werden, bemerkte er, aber nur müsse sie, so lange er lebe, in tiefster Zurückgezogenheit und Verborgenheit bleiben.

»Dies wirst Du gerne eingehen,« meinte der Graf, »da Du Dich deiner Abscheulichkeit wegen, ohnehin nicht zu zeigen vermagst.«

Lodoiska antwortete dem Grafen:

»Trotz meiner schrecklichen Entstellung werde ich doch einen Gatten finden; lassen Sie mich in die Welt treten, Onkel, und Sie werden sich überzeugen, daß mich irgend ein braver Mann, meiner selbst wegen, zum Altare führen wird.«

»Meines Geldes wegen?« replicirte der Graf.

»Nein, meines Herzens wegen. Machen Sie bekannt, daß ich arm sei, ja behalten Sie sogar das Erbe meines Vaters als ein Pfand zurück, streichen Sie mich aus Ihrem Testamente, wenn ich nicht bis zu meinem vierundzwanzigsten Geburtstage einen Gemal besitzen sollte.«

»Mit Ausnahme deines Verführers, diesen Bürgerlichen, den ich schon noch auffinden und strafen will, nehme ich deinen Vorschlag an.«

»Ein Bürgerlicher wird nicht mein Gatte werden,« gelobte Lodoiska. »Würde ich einem Bürgerlichen meine Hand reichen, dann verhängen Sie über mich, was Ihrer Grausamkeit beliebt.«

»Eine Frau, die ich erwählen werde,« bemerkte der Graf, »soll Dich begleiten und Dich genau überwachen, doch bedinge ich mir Eins:

»Graf Stowinski, den ich Dir zum Gemale bestimmte, und den Du, deines Buhlen wegen, auf schmachvolle Art zurückwiesest, diesen Grafen Stowinski wirst Du heiraten, wenn Du in deinem vierundzwanzigsten Jahre keinen Gemal besitzest.«

»Dieser Graf wird mich verabscheuen, schon darum, weil ich die Frau eines Andern geworden, ohne Priestersegen, und dann – wenn er mein Antlitz sieht und einen Todtenkopf erblickt, – wird er entsetzt vor mir zurückweichen.«

»Du irrst, Stowinski wird Dich selbst dann noch zur Gemalin nehmen, wenn Du ganz zum Gerippe und Mutter von vielen Kindern, auch ohne einen Mann zu besitzen, geworden wärst.«

So lauten die Ueberlieferungen, die von der Dame mit dem Todtenkopfe bekannt wurden, und welche Schikaneder bei seinem Stücke benützte.

Das Uebrige ergänzt der Roman.

Viele unserer Leser wollen erfahren, welchem Schicksale – der entsetzliche Vormund, Graf Wolzanitzki, verfallen.

Er entging seiner Strafe nicht. Sein abscheulicher Eigennutz brachte ihn in die Hände der Gerichte. Er starb im Kerker.

Hanns Wirbel erhielt eine Versorgung durch Lodoiska.

Ladislaus kam auf Lebenszeit ins Gefängniß.

Damit ist Alles gesagt, was noch zu sagen war.