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Hermann Bahr – Die Bücher zum wirklichen Leben

Brief an den Buchhändler Hugo Heller

aus: Hermann Bahr, Buch der Jugend, H. Heller & Cie., Wien, Leipzig, 1908, S. 144 ff.

Als Sie, lieber Herr Heller, voriges Jahr allerhand Menschen um zehn gute Bücher fragten, fand ich das sehr hübsch. Freilich in einer Art, die vielleicht von Ihnen gar nicht gemeint war. Sie, in Geschäften stehend und dennoch mit einer Geduld, um die ich Sie beneide, dem Glauben an ein unablässiges Vorkommen, Aufstreben Ihrer Kunden treu, wollten diesen helfen. Dem von so vielen Reklamen umringten, vor so lauten Angeboten verlegenen Leser sollte geraten werden. Dies wird Ihre Meinung gewesen sein. Ich wäre mit ihr nicht zu schreibenden Leuten gegangen. Denn wir sind mir verdächtig, dass jeder doch zuletzt immer nur sich sucht und, was er auch suche, immer nur sich finden kann, überall nur sich selbst; und dies umsomehr, je stärker in einem der Künstler ist. Wird uns der Sinn der Welt abgefragt, so deuten wir ihn so, dass alles in ihr auf uns hinzeigt und er sich durch uns erst erfüllt. Lässt man uns die Menschheit einrichten, so hat sie unsere Form, nicht ihre. Und wer von uns »gute« Bücher wissen will, dem nennen wir solche, welche für uns gut sind, als Ausdruck von uns, Gleichnis von uns, Bestätigung von uns; und wenn wir ehrlich wären, hätte ja jeder nur seine eigenen genannt: denn wer nicht glaubt, dass die Menschen auf ihn warten, um ihr letztes Wort von ihm zu hören, wozu schreibt der und druckt es gar?

Ich fand Ihre Frage sehr hübsch, doch nicht für die Leser, sondern als einen Spiegel der Autoren. So war's auch. Manche schwindelten ein bisschen. Aber das macht nichts: auch im Schwindeln sogar verrät sich der Autor. Die »guten« Bücher hat man aus den Antworten nicht uns selbst empor ..... erfahren. Aber es wurde deutlich, wie ein jeder, der antwortete, ist. Und bei manchem auch: wie er gern wäre; was ja, hinten herum, auch wieder auf ihn führt. Uebrigens ist dies im Wesen des Interviews. Wenn ich hundert Menschen über die Blattern frage, so weiss ich zuletzt ungefähr, wie diese hundert Menschen sind, aber von den Blattern gar nichts. Weshalb es auch nicht ganz klar ist, warum sich unsere grossen Zeitungen jetzt immer so sehr bemühen, Herrn Käsmeyer und Herrn Powidl über alles auszufragen, wodurch wir am Ende doch nur mit den Herren Käsmeyer und Powidl immer inniger vertraut werden. Und jetzt kommen Sie und fragen wieder. Vielleicht aus eben dieser Empfindung, dass wir Ihnen voriges Jahr alle zu »persönlich« wurden. Und Sie, der die Not der Lesenden weiss, die Sorge von ängstlichen Vätern, die Gier verlangender Jugend, die Sehnsucht stiller Frauen kennt und helfen und raten und leiten will, Sie, vielleicht ein bisschen unwirsch über uns, die auf alles nur sich selbst zur Antwort haben, Sie verengen nun die Frage, Sie möchten uns zwingen, diesmal »sachlich« zu sein. Es ist mir fast wie ein Symbol: Sie sind mir die Lesenden, das Dunkel der Unbekannten draussen, das Volk im Weiten, das wir drüben rufen und flehen und zürnen hören, weil es glaubt, dass wir die Wahrheit halten, die Wahrheit des Lebens und den Schlüssel der Geheimnisse und das Licht der Erlösungen; hier aber stehen wir, so fern, dass dies dort nur ein schwarzes Branden ist, und wir haben nicht die Wahrheit, noch den Schlüssel, noch das Licht, wir haben nichts als uns und uns strecken wir aus und halten uns, auf andächtig dargebotenen Händen, immer nur. Dies kann nicht immer so gewesen sein; dies kann niemals so gewesen sein; aber jetzt ist es so.

Und was wird man Ihnen antworten? Wird Ihrem jungen Menschen, der ins Leben soll und sich waflhen will, geholfen sein? Meinen Sie denn, wir können aus unserer Haut? »Sachlich«, wir? Meinen Sie? Ich bin neugierig.

Nein, Sie werden von uns nicht erfahren, was Ihr junger Mensch zum geistigen Leben braucht. Ich kann es Ihnen auch nicht sagen, weil ich nicht weiss, weder was er von sich will, noch was Sie mit ihm wollen. Dies aber wird seine Bücher bestimmen. Ihm Bücher geben, heisst ihn umformen, ihn ausprägen wollen. Aber wie? Aber wozu? In welche Form? Diese Frage tritt vor. Wollen Sie einen Jobber aus ihm machen, der Millionen stiehlt, bis er es nicht mehr nötig hat und sich zum allgemeinen Wohltäter pensioniert? Oder einen Hofrat, der den Verstand braucht, amtlich die Niedertracht der Mächtigen zu beglaubigen und das Recht der Gewalt zu beweisen? Einen Dichter, der sein Gefühl und den Frühling und die Liebe und den Tod seines Kindes und die Schauer der Ewigkeit in verdaulichen Versen den Reichen zu fressen gibt? Einen Bettler an Höfen oder bei Mengen? Oder den in Gehorsam eingehüllten Bürger, was man so ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft nennt, eine Stütze, eine Säule der Ordnung, mit Jubiläen und Nekrologen? Oder wären Sie so verrucht und wollen einen Menschen? Einen, der die Verlogenheiten abschütteln wird? Einen, der leben soll, leben und wirklich sein und sich erfüllen, leben?

Das müsste man erst wissen. Und nur dies wird sich wohl aus den Antworten ergeben: was jeder, den Sie fragen, mit dem jungen Menschen eigentlich will. Und daraus dann: wie er sich das nächste Geschlecht denkt. Und also schliesslich: wohin die Meinungen dieser Menschen über unsere Zukunft sich richten. Wählen Sie sie klug, so dass in der Versammlung kein Strahl der heutigen Menschheit fehlt, so wird man erfahren, welche Menschheit, der alten oder einer neuen Art, in ihr nach Form drängt. Es ist keine Frage nach Büchern, die Sie stellen, sondern Sie fragen uns um die Zukunft. Was wir von ihr halten, wie wir sie wollen, was wir ihr zutrauen. Und das könnte sehr merkwürdig werden, wenn Sie nämlich (woran ich zweifle) Leute finden, die den Mut zu sich haben. Denn es ist ein Bekenntnis, das Sie verlangen.

Ich will meines gleich sagen. Seit ich erwacht bin, denke ich, dass unsere Zeit eine ist, die vorbereiten, abbrechen, aufräumen, gründen, stiften, Altes einsargen, Neues taufen soll. Dies ist seit bald dreissig Jahren mein Glaube. --Damals waren viele mit mir, jetzt bin ich fast allein, die anderen sind ermüdet. Aber ich kann nicht anders. Es gibt ein Geschöpf, das heisst die Schwärmeralge. Ein grüner Faden, der im Wasser hängt. Eine Pflanze. Aber eine Pflanze, die plötzlich aus der Art schlägt: sie fängt auf einmal zu wandern an, sie bewegt sich, sie scheint auf einmal ein Fisch. Andere Pflanzen sagen sicher von ihr Entartung. Denn es steht einer Pflanze doch nicht zu, ein Tier zu werden. Es scheint auch, sie sieht selbst ein, dass sich das nicht schickt, und nachdem sie ein paar Tage das tierische Leben gekostet hat, wird ihr angst, sie schämt sich, gibt es auf und kehrt in die Tradition zurück, um fortan wieder eine stille Pflanze zu sein, wie es die Väter waren: die Vergangenheit hat über die Zukunft gesiegt, die Verwandlung ist abgeschlagen. Epouvantée de ma dépendance, wie Barrès, hört sie zu schwärmen auf und hält sich an seinen Rat: Je ne puis vivre que selon mes morts. Vielleicht wird man später einmal über das Kapitel von uns schreiben: Schwärmeralgen. Denn dies war unser Schicksal: wir hatten den Trieb, aus der alten Form des Lebens los und in eine neue empor zu kommen, die fohlten wir uns eingeboren, schon streckten wir uns aus, schon waren wir jener entschlüpft, schon wurden wir frei, da hatten wir Angst und ermüdet sanken wir zurück und waren wieder still. Wir hatten den Trieb, aber wir hatten nicht die Kraft. Ob Algen, wenn sie nicht mehr schwärmen, noch manchmal zurückdenken und sich schämen? Oder vielleicht auch noch prahlen, »reif« zu sein?

Der Schwärmer hört zu schwärmen auf, kehrt zur Pflanze zurück und ist wieder still. Die Natur aber lässt vom Schwärmen nie und wie viele Versuche versagen mögen, sie wird nicht still. Sie wandelt sich ewig ab, von der Pflanze zum Tier und dann das Tier entlang die lange Reihe hinauf und am Menschen hin bis zu uns, tausendmal ermattend, tausendmal aufgerafft, und von uns wieder weiter, über uns hinaus. Wi rhören sie in uns rufen und treiben und ungeduldig sein. Aber der Trieb ist stärker als unsere Kraft. Daran leiden wir und lechzen und sehnen uns ab.

Bis Menschen kommen werden, die für ihren Trieb die Kraft haben.

Wenn also mich ein junger Mensch fragt, was er soll und was ich von ihm will, antworte ich: Was wir nur wünschten, sollst du werden, wo wir schwärmten, wirken, was uns entsank, tätig behaupten und es ist dein Problem, die Kraft für deinen Trieb zu finden, ihm gehorche, sie bewähre!

Und wenn ich einen jungen Menschen erziehen sollte, so würde ich es: zur Freiheit von dem, was war, zum Ekel vor dem, was ist, und zur Lust an dem, was wird. (Und eigentlich habe ich ja mit allem, was ich jemals war und tat, immer nur dies versucht: den Menschen Mut und Kraft und Lust zur Zukunft, zum Morgen, zur neuen Menschheit zu machen.)

Und wenn ich für meinen jungen Mann Bücher suche, so sollen sie mir helfen, ihn Verachtung der Vergangenheiten, die Wunder der Verwandlungen, einen ungemessenen Stolz auf die menschliche Kraft zur Zukunft, ein zügelloses Vertrauen in des Menschen Möglichkeiten und die Leidenschaft zur Grösse lehren.

Eine grosse Zeit erwartet ihn. Aber solche Zeiten brauchen unverzagt selbstgewisse Männer. Er muss an sich glauben lernen. Ich will ihn hochmütig, unfähig zu zweifeln, ins eigene Wesen fest verschlossen. Es soll ihm nicht einfallen können, dass auch er einmal unrecht hätte. Dazu formen den Geist die mathematischen und grammatischen Arbeiten, zwischen welchen er je nach seiner Begabung wählen mag. Also griechische Grammatik oder lateinische Grammatik oder deutsche Grammatik, mit allen ihren Kniffen und Tücken und Finten, deren Beherrschung solche Sicherheit und Verwegenheit gibt, oder dafür die Ränke der höheren Mathematik.

Ist er selbstgewiss, dann werde er glaubensstark. Mit dem Wissen kommt keiner aus; um rasch und mit Zuversicht zu handeln, braucht er heftigere Motive, Impulse, als unsere Kenntnisse geben. Stark im Glauben an den Menschen, an die Zukunft, an ungeheure Wunder, die des Menschen harren. Man sagt jetzt ängstlich: er muss eine Weltanschauung, ein Weltgefühl haben. Sagen wir es nur tapfer: er muss Religion haben. Unsere Religion der Entwicklung (nur ist sie noch feig und maskiert sich als Wissenschaft). Also: den ganzen Goethe, den ganzen Darwin, den ganzen Haeckel; Bölsche und Francé und alle diese kleinen gelben Bücher des Kosmos; und die Streitschriften der Monisten und eine Chemie vom Zerfall und Wechsel der Atome.

Wenn er nun, bei seiner ruhigen Klarheit des Verstandes durch Grammatik oder Mathematik, dann an den Märchen der Natur in eine ungeheure Trunkenheit des Willens gerät, so bildet diesen jetzt das erschreckende und aufjagende Beispiel der grossen Männer aus. Der Jüngling lerne ahnen, wie weit es der Mensch mit sich bringen kann, der keinem Gesetz als der eigenen Leidenschaft gehorcht. Wir haben freilich keinen Plutarch: unsere grossen Männer sind noch niemals in der schlichten und hohen Art erzählt worden, die ihr Wesen verlangt: weder Leonardo noch Giordano Bruno, weder Cromwell noch Napoleon noch Garibaldi noch Bismarck, weder Goethe noch Beethoven noch Wagner. Aber immerhin: des Leonardo »Frammenti«, Napoleons Briefe und das Mémorial de Sainte-Hélène, Carlyles Cromwell, die Vita di Giuseppe Garibaldi, narrata da Jessie W. Mario, Bismarcks Reden, Bismarcks Briefe, Goethes Gespräche, Goethes Briefe, Beethovens Briefe in Rauschers vortrefflicher Sammlung, Wagner an Liszt, Wagner an die Wesendonck, Wagners Briefe von Wilhelm Altmann. Wagners Schriften und Dichtungen.

Und jetzt, wenn der Jüngling, mit einem ungeheuren Vertrauen auf die Kräfte der Natur, auf die Kräfte des Menschen, erkennt, was wir sein können, zeige man ihm, was wir sind. Also: Marx, Lassalle, Engels; solche Bücher, wie das von Max Winter über das unterirdische Wien, von Stephan Grossmann über die Zuchthäuser, Bücher über Russland, Bücher von den kolonialen Scheusslichkeiten.

Dann wird er reif sein, die grossen Lehrer der Sehnsucht zu verstehen, der Sehnsucht nach einer wirklich lebenden Menschheit: Emerson, Nietzsche, Ibsen.

Und dann, wenn er wand von Sehnsucht ist und vor Wut nach Zukunft knirscht, dann soll er Walt Whitman rauschen hören. Hier ist die Sehnsucht erfüllt, die alte Welt versinkt, der Mensch fängt an. Whitman einatmend, von seinen Kühnheiten hart, von seinen Sicherheiten fest, mag unser Jüngling ins tätige Leben entlassen sein.

Aber ich warne Sie, es wird vielleicht kein Hofrat aus ihm.

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