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Maurice Barrès – Die Uniformirung der Jugend.

Autorisirte Uebersetzung von Marie Lang.

aus: Wiener Rundschau, Band I, Nr. 1-12, Verlag der Wiener Rundschau, Wien, 1897, S. 191-195

Man spricht viel von der »Association des étudiants« von Paris. Lavisse beschützt sie, die Moralisten befragen dort »die neue Generation«, und die Opportunisten reissen sie an sich. Genau genommen ist sie eine Gesellschaft, in der die jungen Leute, die an den verschiedenen Facultäten studiren, zusammenkommen. Man fügt hinzu, es sei dies der Ort, wo sich die Seele eine Heimat bereite. Anfangs begreift man nicht, welchen Zusammenhang ein wenn auch billiges Kaffeehaus, ein Billard- oder ein Lesesaal mit irgendwelcher moralischen Entwicklung eigentlich haben sollte. Aber das ist ja gerade das Charakteristische der Philosophie, Beziehungen wahrzunehmen, die dem Gewöhnlichen entgehen, und Lavisse, der grosse Organisator dieser Studentenverbindungen, ist eben einer der thätigsten Philosophen unserer Zeit. – – –

Ich wohnte den Anfängen dieser Verbindungen bei. Die erste, mit der man es in Frankreich versuchte, wurde an der Facultät von Nancy, wo ich studirte, gegründet. Nachdem man den Saal eines Bierhauses gemiethet und Statuten abgefasst hatte, ergriffen einige Personen das Wort. Mit edlem patriotischen Eifer sagten jene Redner, diese Gruppirung werde unser Gefühl von der Würde des geistigen Berufes kräftigen. Um die Wahrheit zu sagen, die Studenten hatten sich bereits einen bedeutenden Begriff von ihrer Würde gemacht: aus Stolz auf ihren Beruf zogen sie die Klingeln der Bürger, vertrieben mit niedrigen Epitheta die Handlungsgehilfen von den Bällen und lärmten an öffentlichen Orten, um für ihre Corporation herabgesetzte Preise zu erlangen. Man sieht, dass ihre Abendunterhaltungen von dem Gefühle ihrer Würde erfüllt waren, sogar noch ehe sie eine Verbindung besassen. Um Mitternacht leistete diese aber wirkliche Dienste. Wenn alle Kaffeehäuser geschlossen waren, blieb ihr Local geöffnet; man versammelte sich dort, um Schnecken zu essen, die Austern der Universität.

Das war der allerdeutlichste Vortheil. Unsere Redner verkannten das keineswegs, und in den officiellen Sitzungen sagten sie, auf diese eleganten Mussestunden anspielend: »Hüten wir uns, diese heiteren Vereinigungen zu tadeln, in welchen die jungen Leute gemeinsam ihre Jugend feiern! Hier knüpfen sie Bande an, die sie durch alle Missverständnisse des Lebens hindurch vereinen werden. O wie reich an Vorteilen für das ganze Leben sind sie, diese ohne Berechnung geschlossenen Kameradschaften des zwanzigsten Jahres!«

Beredte, doch allzu falsche Verheissung! Sie sind dahingeschwunden, die Hoffnungen, die ich auf die mitternächtigen Schnecken gründete. So oft es mir vortheilhaft gewesen wäre, wollten diejenigen, die einst an meiner Seite sassen, sich dessen nicht erinnern. Vereinigten wir in dieser Verbindung denn nichts als den unerträglichen Rauch unserer Cigarren? Diese fürs ganze Leben mir verheissenen Kameraden, sie kannten mich nicht mehr vom Tage an, da unsere Interessen sich um einen Schimmer unterschieden. In Nancy fehlte nicht viel, so hätten mir die Jüngeren, meine Nachfolger auf der Liste der Verbindung, in öffentlicher Versammlung die Zunge herausgereckt, und meine Zeitgenossen, die doch meine alten Kameraden waren, gingen so weit, mich als Cäsaristen zu behandeln, trotzdem ich einst ihr Unterbibliothekar gewesen war!

Ich glaube, man sollte sich vernünftigerweise damit begnügen, in diesen Verbindungen eine den Studenten gebotene Gelegenheit zur Bequemlichkeit und billigen Unterhaltung zu erblicken. Mittelst eines kleinen Beitrages sind sie vollkommen untergebracht. Ganz gut, aber nun sind sie auch uniformirt.

Die Verbindung vereinigt junge Leute, die in kleinen Gruppen lebten, und setzt sie überdies auch ausserhalb der Vorlesungen unter den Einfluss ihrer Professoren; sie setzt an Stelle der ehemals in Sitten, Bestrebungen und Ansichten so verschiedenen Studenten einen gleichförmigen Typus. Diese Beschlagnahme der Initiative der Jugend halte ich für höchst bedenklich.

* * *

Seltsame Raserei, diese moderne Manie, allen Geistern eine gemeinsame Form zu geben und das Individuum zu brechen! Schon den Kindern wird, so verschieden ihre Natur auch sei, unter der Leitung der Schule dieselbe Zucht, dieselbe Sitte auferlegt. Von einem Ende Frankreichs bis zum andern sind Alle verpflichtet, zu bestimmten Stunden zu sprechen, sich zu bewegen, Bücher zu lesen, die sie nicht gewählt, und Phrasen zu schreiben, die sie nicht verstanden haben. Kein Zugeständniss an die Freiheit eines geistigen Wesens, das sich selbst sucht, oder an eine Eigenart, die sich bildet.

Nach dieser verdammenswerthen Erziehung, aus der die Mehrzahl jeder Generation stumpfsinnig und nur mehr brauchbar für die mechanische Thätigkeit des niederen Verwaltungsdienstes hervorgeht, gab man den jungen Leuten wenigstens einen Theil geistiger Freiheit zurück. Diejenigen, welche durch die spanischen Stiefel der Schulordnungen nicht verstümmelt waren, machten sich auf, um ihren Weg zu suchen. Ausserhalb der Höfe der Facultät hatten sie das Recht und die Fähigkeit, ihre Persönlichkeit zu entdecken. Da wurden sie Menschen.

Ja, bis zur Stunde war das Leben nach dem Gymnasium den Studenten die Befreiung. Und an diese Befreiten, an diese Kinder, denen die Gesellschaft einige Jahre halber Unabhängigkeit gönnte, damit sie ihren Lebenstraum sich wählen könnten, an sie legt ihr nun Hand an!

Eine Freundeshand, sagt ihr, die Hand älterer Kameraden, die sich den Bestrebungen der jungen Generation zugesellen wollen! Leeres Gerede! Lehrer und Schüler wirken nicht zusammen; so vorsichtig eure Einmischung sein mag, die Ideen, welche ihr ihnen anzurathen glaubt, ihr zwingt sie ihnen auf, und zwar durch die Autorität eurer Wissenschaft und eures Alters, und ausserdem, ihr vortrefflichen Menschenkenner, traue ich euch auch nicht zu, dass ihr die wirklichen Instincte zu entdecken vermögt, die ihnen selbst noch unbekannt sind. Einer zwanzigjährigen Seele, die sich eben entfalten will, hilft man nicht, ohne sie zu schädigen.

Geist und Gemüth besitzen die allein, welche in innigem Contact mit ihrem Ich leben.

Um welche Denkrichtung immer es sich handle, Ursprünglichkeit wird nur demjenigen zu eigen sein, der die volle Wahrheit ohne Vermittlung, ohne Voraussetzung sucht, vorwärts tastend, bis er den wahren Grund seiner Natur erreicht. Ausgezeichnete Lehrer, ehrliche Kameraden, sie ersetzen das starke, innere Nachsinnen nicht, das ihre Gegenwart unmöglich macht. Wahrlich, die Taine, die Renan, die Michelet sehe ich ihren zwanzigjährigen Geist nicht auf diesen mageren Weiden von zweitausend jungen Leuten des Kleinbürgerthums nähren, denen nichts gemeinsam ist, als ihre erbärmliche Lycäumserfahrung, ihre ererbte Blödigkeit und ihr Spectakel.

* * *

Ah, wie schön war die Jugendzeit Michelet's, der sich in zarte, häusliche Sorgen und in Gespräche mit allen Genies der Menschheit wie mit seinesgleichen einschloss. Sein Freundeskreis war seine einzige Erholung, Bibliotheken erschienen ihm schön wie Tempel, weil er ein Herz dahin trug, das durch die Gesellschaft der Mittelmässigen und ihre eitlen Auseinandersetzungen noch nicht abgeschmackt war! O du Süssigkeit und o du Bitterniss des einsamen Lebens, die ihr beide gleich fruchtbar seid! Dieses Mitleid mit sich selbst, dieses Studium der Feinheiten seines Gefühllebens, dieser Vergleich seines Ich mit glänzenderen Fähigkeiten, all der unschuldige Egoismus des jungen Mannes, der einsam lebt – das ist die religiöse Empfängniss des Lebens, eine Morgenröthe des Idealismus.

Wie sollte sie das Fieber, das aus dem feuchten Sande der Gärten von Luxemburg aufsteigt, kennen, diese Herde der Association? Der Hauch, der aus diesen Platanen weht und der so viele jugendliche Genies berathen hat, wird kaum bemerkt von dem, der einen Billardsaal, zweihundert Journale, Mahlzeiten zu herabgesetzten Preisen und zweitausend Kameraden hat, von welchen manche so entzückend Couplets singen.

Aber wenn ihnen das innere Leben fehlt, wird Paris sie wenigstens unterrichtet haben ? In dieser Periode verschwenderischen Wachsthums, ungeheurer Thätigkeit, in der sich der junge Mann bildet, seinen Weg sucht, den Sinn seiner Zeit entdeckt, würde ein, würden zwei Freunde genügen, um am Abend gemeinsam die Eindrücke des Tages zu besprechen; aber so viele Kameraden sind ihm eine Welt, aus der er nicht mehr entrinnen wird.

Könnte er ihnen entkommen? Ich weiss es nicht, aber er hat nicht mehr den Wunsch danach. Mit ihrer Geselligkeit, mit ihrer Bequemlichkeit sind sie sein materielles Milieu geworden, bald werden sie auch sein geistiges sein; sie bilden seine Atmosphäre. In den Vorlesungen der Facultät, dann im Café, im Lese- oder Billardsaal findet er sie wieder; von jedem unter ihnen empfängt er genau die gleichen Ideen, die er selbst hat, seine Vorurtheile, seine Unwissenheit – gewöhnlichen Ballast, gleich Allem, was Menschen, sobald sie sich versammeln, nach einem bleibenden Gesetz hervorbringen. Bringt junge Leute zusammen: die vorzüglichsten werden herabsinken, die schlechtesten werden steigen, und es wird sich ein niedriges Niveau der Mittelmässigkeit ergeben.

Er lebt in einem unendlichen Centrum, sagt ihr, in der Stadt, wo die Mannigfaltigkeit der Gedanken, der Thatsachen, der Charaktere und der Standpunkte unbegrenzt ist?!! Leerer Schein! Bezaubert durch die leichten Bekanntschaften, zu denen er durch die Association gelangt, bringt er in Paris sechs Jahre als Gefangener zu, ohne von den dort ausgebreiteten Schätzen irgend etwas aufgelesen zu haben.

Können mir die hervorragenden Männer, die diese Associationen protegiren, widersprechen? Wie könnte man sich wohl den Grundsätzen verschliessen, die ich in Folgendem zusammenfasse:

1. Junge Leute, die sich verbinden, haben nichts gemein als ihre Mittelmässigkeit, denn sie finden Berührungspunkte nur in ihren gewöhnlichsten Angelegenheiten.

2. Es ist die Aufgabe des jungen Mannes, sich selbst sein Sittengesetz und seine Auffassung des Glückes zu finden. Immer Lehrer! Immer Organisationen! Nur jene Wahrheit ist von Nutzen, welche von einem Geist gefunden ward, der sich, gemäss den dunkeln Instincten seiner zwanzig Jahre, selbst zurecht findet.

Ich betrachte die Frage eben vom Standpunkte der jungen Leute. Aber für den Abgeordneten, der gestern bei ihrem Bankette sprach, ist die Menschheit ein weites Feld, auf dem es sich darum handelt, Wähler zu sammeln. Ueberzeugt, dass die ewige Wahrheit in seiner Politik enthalten ist, ist er sehr besorgt, den Neuangekommenen zu helfen, dem Unbekannten, das sie in sich tragen, ein Ende zu setzen. Dem ungebildeten Politiker erscheint die Association nur als sein Werkzeug.

Was Lavisse betrifft, so bedurfte er eines Milieus, wo seine Eigenschaften den Leiter der Menschen und Organisator spielen konnten. Jeder bedeutende Geist, der sich einer Rolle würdig fühlt, schafft sich unwiderstehlich sein Theater und sein Publicum. Wahrhaftig, wenn unsere künftigen Notare, Mediciner, Advocaten und Vertreter zu ermässigten Preisen Billard spielen müssen, damit Lavisse seinen ausserordentlich edlen, patriotischen Idealismus entwickeln kann, dann zaudere ich nicht, mich willig dareinzuschicken.

Ich gebe zu, dass das Leben der meisten Studenten stets bei unbedeutenden alltäglichen Vergnügungen und einer vollständigen geistigen Sorglosigkeit verging. Wird aber der offizielle Charakter, den sie heute ihren kleinen Zerstreuungen und ihren unbestimmten moralischen Nachforschungen geben, ihre Mittelmässigkeit nicht noch bedeutend steigern ?

Von denen unter ihnen, die eine Individualität besitzen, hoffe ich bestimmt, dass sie sich gegen diese Uniformirung, gegen jede Vermischung mit der Menge der Halbstudenten sträuben werden.

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