ngiyaw-eBooks Home

Elisabeth Bauck – Der Engel der Geduld

Erzählung

Aus: Elisabeth Bauck, Der Engel der Geduld und andere Erzählungen, Ernst Kaufmann, Lahr (Baden), New-York, N. Y., o. J.


Es war ein schöner Sommerabend.

Die Glastüren der Veranda des alten Herrenhauses standen weit geöffnet.

Man hatte von da aus den Blick auf die Ostsee, und das Rauschen der Wogen klang majestätisch herüber – hall–lall! – Hall–lall. –

Die junge Baronin Magdalena Heifelder trat jetzt aus die Veranda hinaus und sah träumerisch dem Untergang der Sonne zu. Der ganze Himmel war rot, und das weite Wasser, welches sich bis in die Unendlichkeit auszudehnen schien, schimmerte wie ein Purpurmeer.

Magdalena lächelte, und doch lag auch in diesem Lächeln noch eine sanfte Traurigkeit. Was mochte ihr fehlen? Sie besaß Rang und Reichtum – einen gütigen Mann und ein liebes Kind, dennoch aber war sie so von Herzen betrübt.

Ihre hohe, liebliche Gestalt schien gebeugt, als ob sie eine geheime Last trüge, und doch war der Blick ihrer tiefen, blauen Augen so unschuldsvoll und rein, daß man kaum glauben konnte, es seien schon ernste Lebensstürme an sie herangetreten.

Wie schön du bist, du weite Gotteswelt! flüsterte sie jetzt, nur die Menschen müssen so elend – so unglücklich sein! Warum? frage ich dich, himmlischer Vater, – du gnädiger Schöpfer all dieser Erdenschönheit, – warum? In schmerzlicher Bewegung sah sie zu dem leuchtenden Abendhimmel auf die Augen voll Tränen. –

Die Sonne sank – und sie nahm allmählich den ganzen Purpurschimmer mit und all den Glanz. Die Wellen der Ostsee hüpften und tanzten wie spielende Kinder, und graue Nebel stiegen heraus in seltsamen Gebilden – phantastisch und traurig. –

Magdalena nickte vor sich hin. So war das Leben. Wenn man hineintrat rein und freudig mit kindlich gläubigem Herzen, so nahm es alles, die Hoffnung und das Vertrauen an die Menschheit. Es zeigte die Schatten der Finsternis und ließ es dunkel werden, wie der Himmel dort oben dunkel ward.

Bald aber kamen die Sterne, silbern und freundlich sahen sie aus der fernen Höhe herab, als ob sie die zarte, blonde Frau grüßen wollten, die dort unten einsam auf der Veranda stand.

Magdalena seufzte. Die Sterne, ach, sie hatte sie so lieb, wie sie die ganze Welt lieb hatte. Sie war die Tochter eines einfachen Landpredigers und in schlichten Verhältnissen, doch umgeben von der herrlichen Natur, aufgewachsen. Der Vater hatte alle edlen Gefühle in ihr erweckt und gepflegt – ganz besonders die Liebe zur Wahrheit – zum Hohen und Schönen. – Von ihren reinen Lippen war nie eine Lüge gekommen und ihr Herz gab sich stets gern opferfreudig für andere hin. Dabei fühlte sie sich wohl und blühte herrlich auf. Ganz jung, wurde sie die Gattin des Baron Heifelder, der zwar schon ein älterer Mann war, aber ein kluger, gütiger Mensch und sehr einfach, trotz seiner Vornehmheit. Der Vater hatte sie keinem Manne lieber anvertraut, als gerade diesem, von dem er genau wußte, daß er auch edel und wahrhaftig empfand. Freilich träumte er nie vorher von einem so stolzen, glänzenden Glück für seine Magdalena, und war tief und freudig überrascht, als sich ihr solch seltenes Los bot.

Alle Welt beneidete nun die junge, schöne Baronin, und dennoch fühlte sie selbst sich nicht befriedigt. Ach, das liebliche Eden ihrer Kindheit lächelte ihr nicht mehr!

Der Baron tat zwar alles, was er nur konnte, um sie zu beglücken, seine Verwandten indes waren kalt und hochmütig gegen sie, und wenn sie auch manchmal ganz freundliche Worte zu ihr sprachen, so merkte sie doch die Bitterkeit und Mißgunst heraus.

Sie wußte sich dies Benehmen nicht anders zu erklären, als daß ihre bürgerliche Herkunft daran die Schuld trage, und sie bemühte sich lange Zeit vergeblich durch ein fast demütiges Entgegenkommen, die Herzen der Familie zu gewinnen. Es gelang ihr nicht, und seit der Taufe ihrer kleinen Tochter Margareta war ein Zustand vollständiger Feindseligkeit eingetreten.

Die junge Frau verstand das nicht. So viel sie auch sann und grübelte – so strenge sie auch mit sich selbst in das Gericht ging – sie war sich keines Fehlers bewußt. Man mißdeutete ihre unschuldigsten Handlungen, und dies machte sie um so unglücklicher, als sie sah, daß auch ihr Gatte unter den Verhältnissen litt. –

An das alles dachte sie jetzt, als sie so stille – im Sternenschein auf der Veranda stand.

Magdalena! rief da eine ernste, gütige Männerstimme, und im Rahmen der Glastür erschien die hochgewachsene Gestalt des Barons.

Hier bin ich, Franz! antwortete die junge Frau leise. Suchtest du mich?

Schon lange, mein Liebling! sagte er warm. Was tust du denn so allein da draußen im Dunkeln? Komm herein, komm!

Magdalena folgte ihrem Manne in den Salon.

Der Diener zündete dort soeben die Lampen an, und verschwand dann geräuschlos wieder.

So, mein Lieb! sagte der Baron freundlich. Nun wollen wir uns zusammen auf das Sofa setzen und du wirst mir etwas erzählen!

Was soll ich dir erzählen? fragte Magdalena müde.

Wie traurig das klingt! Der Baron blickte seiner jungen Frau bekümmert in die schönen, blauen Augen.

Fehlt dir etwas? Hast du einen Wunsch? forschte er gütig.

Nein! Nein! sagte Magdalena gerührt. Ich besitze ja alles, was könnte ich noch wünschen?

Ich weiß nicht. Der Baron sah sie sinnend an. Und doch – vielleicht – ahne ich den Kummer, der dich drückt – fast glaube ich es. Er seufzte und brach ab.

Magdalena zuckte zusammen und errötete.

O, es ist nichts! sagte sie, um ihn nur ja nicht zu betrüben, es ist nichts, guter Franz!

Doch, doch! Die Augen der Liebe sehen scharf, mein Kind! entgegnete der Baron fester, ich fühle, daß du leidest! Und dies ist für mich um so schwerer zu ertragen, als ich die Empfindung habe, selber schuld daran zu sein!

Du, Franz, du? rief Magdalena betroffen aus. O, niemals! Wie könntest du?

Laß mich weiter sprechen! fuhr der Baron fort, die Ursache deines stillen Grames, den ich schon lange beobachte, glaube ich zu kennen. Das abstoßende Wesen meines Bruders Manfred und seiner Frau kränkt dich so tief; habe ich nicht recht?

Magdalena senkte das blonde Haupt.

Ja, Franz! gestand sie leise, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Das ist es! Ach, ich habe schon so viel nachgedacht, stammelte sie schluchzend, so sehr viel, ob ich etwas getan habe, wodurch ich deine Verwandten verletzt hätte, aber ich bin mir keiner Schuld bewußt. Wirklich, ich fühle mich ihnen gegenüber ganz rein.

Du bist es! versicherte der Baron herzlich und nahm ihre feinen, schlanken Hände zwischen die seinen, ich allein bin der Schuldige – ich ganz allein!

Aber Franz! Magdalena schüttelte den Kopf, wie soll ich das verstehen? Du, der du stets die Güte selbst bist, wie könntest du je ein Unrecht begehen?

An und für sich war es auch kein Unrecht, liebe Lena, antwortete der Baron, sondern es sollte eine zukünftige Guttat sein für die Kinder meines Bruders! Daraus kann aber nun nichts werden, da ich dich jetzt habe, mein teures Weib, und unsere kleine, süße Greta!

Wieso? fragte Magdalena verwundert, der Sinn deiner Worte ist mir noch nicht recht klar!

Das glaube ich wohl, mein Lieb! Der Baron lächelte gütig, du bist ja auch so jung, so weltfremd! Wie ein Veilchen hast du im Verborgenen geblüht! Dein Vater hielt alle Stürme von dir fern, und ich hoffte, dich auch stets vor allem Weh behüten zu können. –

Tu tust es ja auch treulich! warf Magdalena ein.

Ich versuchte es, fuhr der Baron fort, doch ich hatte nicht damit gerechnet, wie sehr Selbstsucht und Neid die Wurzeln allen Uebels sind! Siehst du, mein Bruder Manfred lebt nicht in den gleichen Verhältnissen wie ich, sein Gut ist verschuldet, allerdings durch seinen eigenen Leichtsinn, aber gleich viel, ich bin oft in die Lage gekommen, ihm helfen zu müssen, und habe es stets freudig getan.

Ach, unterbrach ihn Magdalena überrascht, und von dem allem wußte ich nichts!

Aus Rücksicht für Manfred verschwieg ich das, sprach der Baron weiter, aber ich muß dir jetzt alles sagen, damit du das Verhalten meiner Verwandten verstehen lernst! Mir sind als Erstgeborenem vom Vater die meisten Güter zugefallen und ich hielt es für Christenpflicht, meinem weniger bedachten Bruder beizustehen. Nun war ich nicht mehr jung, längere Zeit herzleidend und dachte also nicht daran, mich zu verheiraten. So ließ ich mich denn eines Tages von Manfred bereden, ein Testament zu machen, worin ich seine Kinder zu meinen Erben einsetzte.

O, Franz! rief Magdalena, was tatest du! Jetzt fange ich an, zu begreifen!

Höre weiter! sagte der Baron lächelnd, niemand soll über sich selbst oder seine Güter voreilig bestimmen, denn der Mensch denkt und Gott lenkt.

Ich hatte meine Sache bestellt, und dachte, daß es so gut war. Gefaßt erwartete ich den Tod, denn mein Leiden verschlimmerte sich täglich. Der Arzt ließ mir keine Hoffnung, aber Gott wollte es anders!

Ich überstand die Krisis und ging der Genesung entgegen. Dann lernte ich dich kennen, und wagte es, um dich zu werben, trotz meiner grauen Haare. So wurden wir Mann und Frau.

Und das Testament? fragte Magdalena hastig.

Das Testament verbrannte ich natürlich an meinem Hochzeitstage! antwortete Baron Heifelder, und teilte dies meinem Bruder mit!

Ach, stammelte Magdalena, und darum werde ich so gehaßt! Nun ist mir alles, alles klar! Sie seufzte tief auf.

Und du bist mir sehr böse, meine liebe Lena? fragte ihr Gatte kummervoll.

O, wie könnte ich das wohl, wie dürfte ich, Franz! rief sie lebhaft, habe ich dir denn nicht nur zu danken? Du hast mir ja so viel, so sehr viel Gutes getan!

Der Baron küßte sie gerührt auf die Stirn.

Mein Weib! sagte er innig.

Magdalena lächelte glücklich zu ihm auf. In diesem Augenblicke fühlte sie sich frei von all dem drückenden Herzeleid. Was galt ihr jetzt Manfreds und Johannas Haß? Was konnten sie ihr schaden, wo sie so wohl, so wohl geborgen war?

Weißt du, Franz, was wir nun tun wollen? flüsterte sie ihrem Gatten zu.

Sprich, Liebling! entgegnete er freundlich.

Wir wollen nach unserem Kind sehen! sagte die junge Frau in zärtlichem Tone, nach unserer kleinen Greta!

Ja, das wollen wir! antwortete der Baron herzlich.

Arm in Arm ging dann das ungleiche und doch so schöne Paar nach dem Schlafzimmer des Kindes.

Die kleine blondlockige Greta war eben von ihrer Wärterin zu Bett gebracht worden.

Schläft unsere Maus schon? erkundigte sich Magdalena bei der Pflegerin, die am Tisch stand und die Wäsche des Kindes nachsah.

Ich glaube nicht, Frau Baronin! antwortete das Mädchen bescheiden, und da rief auch schon ein liebes, helles Stimmchen von dem blauen Himmelbett her:

Mami, tomm, Deta noch wach!

Papa ist aber auch da! antwortete der Baron lachend.

Papa! Papa! jauchzte die kleine Greta und streckte die Aermchen aus.

Ein glückliches Elternpaar stand jetzt am Bettchen des Kindes.

Herzblättchen! flüsterte Magdalena innig und beugte sich zu ihrem Töchterchen herab, ich hab dich ja so lieb, so sehr lieb! Mein kleines Süßes! Und nun gib Papa ein Händchen und einen rechten, schönen Kuß!

Greta gab ganz gehorsam das runde Patschhändchen und genau so viel Küsse wie verlangt wurden. Dabei lachte und jauchzte sie vor Vergnügen.

Jetzt muß unser Liebling aber schlafen! sagte Magdalena in mütterlichem Ernste und deckte die Kleine besser zu. Hast du denn schon gebetet?

Nein, Mami! sprudelte Greta, das blonde Köpfchen schüttelnd, hervor, Tante Gertrud nis Zeit!

Nun, dann wird Mama jetzt mit dir beten!

Die kleine Greta faltete die Händchen und sah ihre Mutter mit den großen, unschuldsvollen Kinderaugen treuherzig an. Dann sprach sie in ihrem drolligen Kinderdeutsch nach, was Magdalena ihr vorsagte.


Is bin klein,
Mein Herz is rein,
Soll niemand drin wohnen,
Als Dott allein!


Amen! sagte der Baron bewegt. Seine Augen waren ihm feucht geworden, während Magdalena mit dem Kinde betete. Er konnte nicht aussprechen, was er empfand, und sah nur still zu, wie seine Frau jetzt die Kleine sanft in die Kissen zurücklegte.

Und jetzt die Guckaugen zu! gebot Magdalena dem Kinde freundlich, das Sandmännchen kommt schon!

Klein-Greta gehorchte der Mutter. Es dauerte gar nicht lange, da schlief sie süß und fest.

Nun gab ihr Magdalena noch einen letzten, innigen Kuß.

Gute Nacht! sagte sie leise, schlaf wohl!

Schlaf wohl, kleine Greta! flüsterte auch der Baron. Dann verließen die Eltern wieder das Kinderzimmer.

Die junge Gertrud saß nun allein bei der Lampe und nähte.

Das Baroneßchen zerreißt schon tüchtig was! murmelte sie, während die Nadel in ihren flinken Händen eifrig auf und nieder ging.

Sie war aber doch müde, weil sie fast den ganzen Tag mit dem Kinde im Freien gespielt hatte, und die Stille, wie das Lampenlicht ermatteten sie noch mehr.

Ich will noch die Fenster schließen! dachte sie, aber die Füße versagten ihr den Dienst, sie hatte wohl den Willen, doch die Kraft fehlte ihr schon.

Langsam begannen alle Gegenstände im Zimmer sich um sie zu drehen – sie wußte nicht, wie ihr war, so sonderlich, sie wollte sich dagegen wehren, aber – es war zu spät, ein paarmal seufzte sie noch tief – wie gequält auf – dann sank sie auf ihren Stuhl weit zurück – sie war eingeschlafen. –

Ein schöner, taufrischer Morgen brach an.

Durch die hohen Bogenfenster des alten Herrenhauses flutete heller Sonnenschein in das freundlich eingerichtete Wohngemach und über den zierlich gedeckten Kaffeetisch hin.

Es war noch ziemlich früh, doch für den Landmann hat bekanntlich die Morgenstunde Gold im Munde.

Der Baron und die Baronin kamen eben zum Frühstück. Er war schon völlig angekleidet, mit hohen Reitstiefeln und Feldjoppe, während Magdalena ganz wie eine bescheidene, kleine Hausfrau im netten Häubchen und mit weißer Schürze erschien.

Nun, hast du gut geschlafen, Franz? fragte die junge Frau, und schenkte dabei ihrem Manne den Kaffee ein.

Gut geschlafen, wohl, aber schlecht geträumt! antwortete der Baron und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

Wieso? fragte Magdalena betroffen, kannst du mir nicht erzählen, was es gewesen ist?

Der Baron schüttelte den Kopf.

Nicht doch! entgegnete er freundlich, es wäre sehr unrecht, wollte ich dich dadurch beunruhigen, mein Herz! Träume sind Schäume!

Nicht immer! meinte Magdalena, mein Vater sagte oft, es gibt Träume, die uns Gott schickt, zur Warnung oder zum Troste!

Der Baron zuckte zusammen.

Zur Warnung! murmelte er, zur Warnung! Es wäre möglich – und – doch? Er seufzte.

Was hast du nur? fragte Magdalena bekümmert, so verstört habe ich dich ja noch nie gesehen! So ein böser Traum hat dich gequält?

Ja, sehr böse! Aber doch nur ein Traum, nicht wahr? Der Baron versuchte zu lächeln, was macht denn Greta? fragte er, wie geht es unserm kleinen Liebling?

Ach, das Kind schläft doch noch! meinte Magdalena, so früh darf man es nicht stören!

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür des Wohnzimmers.

Herein! rief der Baron.

Nun erschien die junge Gertrud, noch kaum recht angekleidet, bleich und verstört.

Frau Baronin! stammelte sie, an allen Gliedern bebend, gnädiger Herr! Sie wollte wohl mehr sagen, aber die Worte versagten ihr vor Aufregung den Dienst.

Ja, was haben Sie denn? fragte Magdalena erschrocken, sind Sie krank?

Gertrud schüttelte heftig den Kopf und brach dann in ein verzweifeltes Schluchzen aus.

Ich bin ja so unglücklich! stammelte sie, so unglücklich! Ach, und ich kann doch nicht dafür, nein, ich kann nicht dafür!

Magdalena blickte ihren Gatten ratlos an.

Was hat nur das Mädchen? flüsterte sie.

Der Baron war sehr blaß geworden.

Gertrud, wandte er sich ernst an die junge Pflegerin, seien Sie ruhig und antworten Sie! Handelt es sich vielleicht um Greta? Seine Stimme zitterte, als er den Namen des geliebten Kindes aussprach.

Jetzt erschrak auch Magdalena. An die Kleine, die sie vom Abend vorher wohl und munter wußte, hatte sie nicht gedacht.

Mein Gott, ja, ist das Kind etwa krank geworden? fragte sie ängstlich. So sprechen Sie doch, Gertrud! Ihr Stillschweigen peinigt mich entsetzlich!

Gertrud weinte noch heftiger, ein förmlicher Krampf schüttelte sie.

Greta – ist – fort! stieß sie endlich mühsam hervor.

Fort?! rief der Baron und seine Frau wie aus einem Munde.

Ja – verschwunden! sagte Gertrud, und trocknete ihre Tränen. Aus dem Bettchen heraus, nur mit dem Hemdchen angetan, ist die Kleine verschwunden! Eben habe ich es entdeckt, als ich ihr die Morgenmilch reichen wollte!

Ach, Unsinn! rief Magdalena und lachte. Wo soll das Kind denn hingeraten sein! Gewiß ist es im Schlaf aus dem Bett gefallen! Ein kleiner Wildfang ist doch mal die Greta!

Gertrud weinte wieder.

Ach, ich habe ja schon überall gesucht, Frau Baronin! erwiderte sie in traurigem Tone. Ich weiß nicht mehr, wo ich noch suchen soll! Jeden Winkel habe ich umgekehrt, aber nirgends fand ich eine Spur von dem Kinde!

Das kann ich nicht fassen! rief Magdalena, und eine dunkle Angst erwachte jetzt auch in ihr. Das kann ich nicht glauben! Meine kleine Greta, die ich gestern abend noch frisch und rosig in den Armen hielt, soll fort sein? Das ist unmöglich, Gertrud! Sie träumen!

Ach, wenn ich doch träumte! schluchzte das Mädchen, wenn ich doch krank wäre, und nur solch Fieber hätte! Aber das Kind ist verschwunden, ganz und gar verschwunden, als ob es die Erde verschluckt hätte.

Großer Gott! stöhnte der Baron, will das dunkle Bild zur Wahrheit werden, das mich in dieser Nacht entsetzte? War es eine Ahnung von dem Schrecklichen, das sich schon vorbereitete?

Komm mit mir! bat indes Magdalena in erregtem Tone, komm, Franz, wir wollen unser Kind suchen, unser einziges, heißgeliebtes Kind!

Ja, liebe Lena, sagte der Baron mit zitternder Stimme, wir wollen es suchen! Unser Kleines, Süßes! Ach, es muß ja da sein! Es muß da sein!

Nicht wahr? meinte Magdalena, unter Tränen lächelnd, das denke ich auch! Gott kann es uns doch nicht nehmen wollen! Unser einziges Kind kann er uns nicht nehmen wollen!

So gingen sie hin und suchten. Aber sie fanden nichts. Kein Winkel blieb unberührt in dem hübschen Kinderzimmer, jedes Möbelstück wurde abgerückt. Alles vergebens, Greta war und blieb verschwunden. Weinend standen sie endlich vor dem leeren Bettchen, an dem sie sich noch gestern über ihren blondlockigen Liebling gefreut hatten.

Wie war es denn nur möglich? Sie konnten und wollten es nicht fassen!

Der Baron ließ dann das Gesinde zusammenrufen und nun wurde das ganze Herrenhaus vom Keller bis zum Boden und zuletzt auch der Park genau abgesucht.

Nichts fand sich, nur unter den Fenstern des Kinderzimmers entdeckte man die Spuren grober, großer Füße. – Daraufhin gestand Gertrud ein, daß sie vergessen hatte, in der Nacht die Fenster zu schließen.

Hierdurch wurde dem unglücklichen Elternpaar das eine vollkommen klar – ihre kleine Greta war ihnen also tatsächlich mit voller Gewalt entführt worden. Warum aber? Wer in aller Welt konnte das getan haben? Wo besaßen sie solche erbitterten Feinde, die ihre Rachsucht an dem armen Kinde befriedigen wollten, das doch so unschuldig war?

Vergebens sannen beide darüber nach. Eine Minute lang dachte Magdalena an Manfred und Johanna. Doch sie wagte nicht, ihrem Manne davon zu sprechen. Durfte sie seinen Bruder verdächtigen?

Nein, das wäre sehr unrecht, und so schwieg sie.


* * *


Mitten im Grünen – in einem hübschen, schmucken Gärtchen stand das Pfarrhaus. – Die altmodischen Giebel umrankte üppiger Efeu und die Fenster leuchteten spiegelblank aus dem dunkeln Rahmen hervor. Die kleine Holztreppe, welche zu der Vorlaube emporführte, war sehr sauber gefegt und mit Sand bestreut worden. Das ganze Gebäude machte einen recht freundlichen, wenn auch einfachen Eindruck.

Der alte Prediger Frank saß in der Laube, ein schwarzes Käppchen auf dem schneeweißen Haar, und rauchte behaglich seine Pfeife. Sein Gesicht hatte unzählige feine Fältchen, besonders um Mund und Augen herum, aber es war doch ein sehr gütiges, ehrwürdiges und herzgewinnendes Gesicht. –

Eben kam seine Wirtschafterin aus dem Hause, um ihm das zweite Frühstück und die Zeitung zu bringen.

Haben der Herr Prediger schon gehört, was im Herrenhaus geschehen ist? fragte sie aufgeregt.

Bei meinen Kindern, Julie? fragte der alte Herr verwundert dagegen und ließ die Pfeife sinken, nein, ich weiß nichts! Was hat sich denn ereignet?

Ein großes Unglück! antwortete Julie mitleidig, die arme, kleine Baroneß Greta ist den Eltern geraubt worden!

Welch ein dummes Gerede! rief der Pfarrer ungläubig, wer soll sich wohl an dem unschuldigen Kindlein vergreifen?

Doch, es ist die Wahrheit! versicherte Julie eifrig, es steht ja ein Aufruf in der Zeitung und der Herr Baron hat schon die Hilfe der Polizei in Anspruch genommen!

Kopfschüttelnd faltete Prediger Frank die Zeitung auseinander. Dann las er still die ganze lange, Aufsehen erregende Geschichte, welche viele Spalten des Blattes füllte.

Es ist schrecklich, nicht wahr? fragte Julie.

Der Prediger seufzte tief auf.

Meine arme, arme Lena! sagte er leise, es ist

sehr schwer, ein Kind zu verlieren – ich weiß das – aber es so zu verlieren, das ist noch viel, viel schwerer!

Ein Wagen fuhr vor am Pfarrhause. Ein Diener öffnete den Schlag und eine schlanke, junge Frau stieg aus.

Ach, die Frau Baronin kommt! rief Julie erfreut und mitleidig zugleich aus.

Magdalena eilte hastig die wenigen Stufen der Holztreppe empor und betrat die Vorlaube.

Vater! rief sie, mein Vater! Mühselig und beladen komme ich zu dir!

Der alte Prediger erhob sich und ging seiner Tochter mit ausgebreiteten Armen entgegen.

Komm, komm, meine arme Lena! sagte er gütig, ich weiß, wie du leidest, und mein Vaterherz blutet für dich!

So hast du schon alles gehört? fragte Magdalena schluchzend, indem sie ihr Köpfchen zitternd an die treue Vaterbrust schmiegte.

Der Prediger gab Julie einen Wink, und diese zog sich darauf in das Haus zurück.

Wir wollen doch allein sein, mit unserm Schmerz! sagte er dann zu seiner Tochter und streichelte ihr die blassen Wangen. Jetzt setze dich zu mir – so, – und sprich dir all das Weh herunter, das dich drückt!

Ach, wenn ich es nur könnte! seufzte Magdalena gequält auf, aber ich kann ja nicht! Ich bin so verzweifelt! Vater! Vater! Wie finde ich mein Kind wieder? Auf meinen Knieen habe ich Gott gebeten, er erhört mich nicht!

O, Lena, wie darfst du das sagen! sprach der alte Herr ernst, dein Gott hört dich immer! Du weißt aber nicht, was er mit dir oder deinem Kinde vorhat! Sei nur ruhig und vertraue ihm! Er wird es wohl machen!

Ich kann nicht! sagte Magdalena trostlos, ich bin nur eine schwache Frau – eine Mutter bin ich, mein Vater, die so furchtbar leidet! Greta ist in schlechten Händen – sie wird vielleicht mißhandelt oder gar an ihrem Leben bedroht und ich – ich kann sie nicht schützen! Mit all meiner Liebe kann ich nichts, nichts für sie tun! Das ist es, was mich zur Verzweiflung bringt! O, mein Kind! Meine arme, kleine Greta! schluchzte sie auf.

Der alte Prediger sah seine Tochter milde an. Die Augen wurden ihm feucht.

So fasse dich doch, meine liebe Lena! sprach er sanft, sieh, so ein unschuldig Kindlein, das hat auch seinen Engel! Wenn es schon in großer Gefahr schwebt, es wird doch behütet sein! Sorge dich nicht zu sehr, wer weiß, wie bald du deinen Liebling wieder in die Arme schließen darfst!

Daß du recht hättest! stammelte Magdalena. O, Vater! Vater! Wenn ich das Kind nicht wiederfinde, ich glaube, ich tue mir ein Leid an!

Aber Lena, Lena! Bedenke, was du sprichst! Der Prediger fuhr sich mit der Hand über die Augen. Sieh, ich hatte zwölf Kinder, alle schön und gesund, und du bist das einzige, das mir blieb. Der Herr gibt und nimmt, wir Menschen müssen uns darein finden, so bitter schwer es uns manchmal wird! Richte dich auf und verzage nicht, meine Tochter!

Ach, Vater! sprach Magdalena weinend dagegen, du hattest zwölf Kinder, aber ich, ich habe nur das eine, einzige! Es ist mein Alles, meine Welt! Und das soll ich hergeben? Das muß ich aus solche Weise verlieren? Ja, wäre es krank gewesen, wäre es in meinen Armen, an meiner Brust gestorben! Ich hätte sein letztes Lächeln gehabt – ich hätte das kleine Mündchen küssen können und die Augen und die Händchen. So viele, viele Mal! Mit meiner ganzen Liebe hätte ich es zugedeckt und mit allen Blumen, die es im Leben gern sah. Und wenn wirklich all meine heißen Tränen es nicht wieder erwecken könnten, so wüßte ich dann doch, es ruht so stille, so sanft, von mir selbst gebettet, und es leidet nicht! Sie brach ab, und ihre Lippen zuckten in wildem Schmerze.

Eine Weile herrschte tiefes Schweigen in der Laube.

Prediger Frank hatte den Kopf in die Hand gestützt und sann. Auch ihm ging ja der Verlust der kleinen Enkelin furchtbar nahe. Wie war es denn nur möglich? Der ganze Fall erschien ihm so rätselhaft – in ein undurchdringliches, geheimnisvolles Dunkel gehüllt.

Ich kann die Sache gar nicht verstehen! sagte er endlich, wenn Banditen einen Raub oder eine ähnliche Tat begehen, so haben sie einen bestimmten Zweck dabei im Auge. Meist wollen sie Geld. Das Kind aber ist verschwunden und man hört nichts, nichts davon!

Nichts! entgegnete Magdalena tonlos, Franz erhoffte zuerst auch noch einen Brief oder irgend ein Zeichen. Er hätte ja jedes Lösegeld bezahlt und von einer Bestrafung der Schuldigen abgesehen, wenn wir nur unsre Greta gesund oder wenigstens doch lebend wieder erhielten. Aber es schweigt alles!

Der Prediger schüttelte den Kopf.

Habt ihr denn so arge Feinde? fragte er bekümmert, Feinde, die so kalten Herzens sind, daß sie euch dies Schreckliche antun konnten?

Magdalena wurde dunkelrot und seufzte tief auf.

Ach ja, wir haben Feinde, lieber Vater! antwortete sie traurig, aber ich kann es dir nicht sagen, wer sie sind – ich darf es nicht – meines Mannes wegen!

So? fragte der Prediger, auch dann nicht, wenn du die betreffenden im Verdacht hast, daß sie dir dein Kind genommen haben?

Ich weiß es doch nicht, entgegnete Magdalena, ich kann den Verdacht durch nichts bestärken! Man soll niemand zu unrecht beschuldigen!

Nein, das tue ja nicht, meine Tochter! sagte der alte Herr ernst, aber wir sind hier ganz allein, niemand hört uns, und – ich bin – dein Vater! Sprich doch frei! – Vertraue dich mir an!

Ach, Vater! stammelte Magdalena und kämpfte von neuem mit ihren Tränen, – mein Vater! Zitternd ergriff sie die Hand des Predigers. Es ist furchtbar, daß ich diesen Verdacht nicht von mir abwälzen kann! Ich habe mit mir selbst gerungen die lange, lange Nacht – ganz im Dunkeln, ganz in der Stille! Franz darf es nicht wissen, es würde ihm zu wehe tun! O, Gott, o Gott! Niemand wollte ich es sagen, niemand – auch dir nicht! Aber du bist mein Vater – du bittest mich – und mein Herz schreit so – es muß heraus!

Sprich, sprich, meine Tochter! sagte der Prediger sonst, vielleicht kann ich dir doch raten –

Magdalena schüttelte den Kopf.

Ach, du kannst nicht, nein, mein geliebter Vater! fuhr sie erregt fort, es ist ja kein Verbrecher, den ich beschuldige, o nein, schrecklich, schrecklich, es ist der Bruder – meines – eigenen – Mannes! Gegen Manfred und Johanna richtet sich mein Verdacht!

Aber Lena! Lena! rief der Prediger entsetzt, wie kommst du auf die unglückselige Idee? Das ist ja Wahnsinn, heller Wahnsinn!

Die beiden waren mir stets feindlich gesinnt! sagte Magdalena, ich wollte dich nur nicht betrüben, lieber Vater, darum verschwieg ich dir das! Trotz des Glanzes, der mich umgab, und trotz der treuen Liebe meines Mannes bin ich seit meiner Verheiratung noch keinen Tag wirklich glücklich gewesen! Manfred und Johanna vergifteten mir das Leben, und ich wußte nie, warum sie das taten! Endlich klärte mich Franz auf. Und nun erzählte sie die Geschichte von dem Testament.

Der Prediger hörte aufmerksam zu. Ein ernster, sinnender Zug trat in sein ehrwürdiges Gesicht. Die vielen, feinen Fältchen um Mund und Augen schienen sich noch zu vertiefen.

Hm! sagte er nach einer ganzen Weile, die Sache ist sehr dunkel – der Neid war von jeher die Wurzel allen Uebels. Deinen Verdacht begreife ich nun wohl, meine Tochter, doch ob er gerechtfertigt ist –

Wenn ich das wüßte! rief Magdalena. Wenn ich mir darüber Gewißheit verschaffen könnte! O, hilf mir, Vater! Kannst du mir nicht helfen? Ich bin ja so verzweifelt, so tief unglücklich bin ich!

Der Prediger strich ihr mitleidig über die blassen Wangen.

Mein armes Kind! sagte er herzlich, was meine schwache Kraft vermag, das soll gewiß geschehen! Ich will Nachdenken, wie ich dir am besten beistehen kann! Habe nur Geduld, Lena, Geduld führt stets zum Ziele! Bete und hoffe!

Die junge Frau weinte.

Ach, wie schwer ist das in meiner Lage! schluchzte sie, Vater, Vater! Nur eine Mutter weiß, wie eine Mutter leidet!

Der Prediger nickte vor sich hin und stand dann auf. Entschuldige mich einen Augenblick, sagte er. Ich will nur mal ins Haus gehen und etwas für dich holen!

Ja – bitte, Vater! Magdalena blieb müde auf ihrem Platz sitzen und sah dem alten Manne mit erloschenen Blicken nach. Langsam trocknete sie ihre Tränen.

Der Prediger kehrte indes bald wieder aus dem Hause zurück. Er hielt ein dünnes Büchlein in der Hand.

Hier, meine liebe Tochter, sagte er gütig, bringe ich dir etwas, worin deine selige Mutter so oft Trost und Frieden gesunden hat! Nimm das Büchlein mit, vielleicht hilft es auch dir ein wenig, das Leid zu tragen!

Ich danke dir, Vater! stammelte Magdalena. Sie nahm das Buch, welches auf schwarzem Grunde in Silber die Aufschrift trug: »Der Engel der Geduld.«

Als sie später in ihrem Wagen wieder nach dem Herrenhause zurückfuhr, blätterte sie in dem alten Buche.

Da fand sie gleich vorn, von der Hand ihrer Mutter geschrieben und durch gelbe Flecke hier und da verdunkelt, ein Gedicht, das, obwohl es alt und bekannt war, doch tief ihr Herz rührte.

Leise sprach sie die Worte vor sich hin:


Es geht ein stiller Engel,
Durch unser Erdenland,
Gar sanft ist seine Stimme,
;Und mild ist seine Hand!

Sein Blick ist lauter Liebe,
Löscht Tränen aus und Schuld,
O blieb' er dir zur Seite,
Der Engel der Geduld!


O Mutter! flüsterte die junge Frau, die Augen mit der Hand bedeckend, wie sprichst du zu mir – noch nach deinem Tode – durch diese Worte! Ihre heißen Tränen fielen auf das Blatt, welches schon dunkle Flecke hatte von andern Tränen, die lange, lange vorher darüber geweint wurden. – – –

Ein paar Tage später machte Baron Manfred Heifelder mit seiner Frau einen Besuch im Herrenhause. Sie hatten es seit über zwei Jahren nicht betreten, schienen aber jetzt die alte Feindseligkeit begraben zu wollen.

Baron Franz in seiner großen Herzensgüte fand das natürlich und kam den beiden freundlich entgegen.

Wir wollten dir und Magdalena nur unser innigstes Beileid ausdrücken! sagte Manfred zu seinem Bruder, da wir mit Bedauern von eurem Unglück gehört haben!

Wie konnte das denn überhaupt geschehen? wandte sich Johanna kopfschüttelnd an ihre schöne Schwägerin, war die Kleine so schlecht behütet? Die Bonne kann nicht zuverlässig gewesen sein! 

O, Gertrud ist ein ganz gutes Mädchen! entgegnete Magdalena, mühsam ihre starke Erregung niederkämpfend, aber gegen rohe Gewalt und Hinterlist konnte sie unser armes Kind natürlich nicht schützen!

Meine arme Lena! sagte Baron Franz bewegt, sie ist ganz, ganz trostlos – seht doch ihre blassen Wangen – sie wird mir noch krank werden!

Kein Wunder! meinte Johanna mit einem erzwungenen Seufzer, mir würde es wohl ebenso gehen, fehlte eins von meinen Kindern! Ihre Stimme sollte gewiß mitleidig klingen, aber sie hatte doch keinen sehr herzlichen Ton.

Magdalena merkte das wohl und seufzte tief und gequält auf.

Siehst du, sagte sie tonlos, trotzdem du fünf Kinder hast, möchtest du doch keines verlieren, und ich, Johanna, habe mein einziges verloren!

Die Schwägerin nickte verwirrt. Sie wurde erst dunkelrot und dann totenbleich. Es ist sehr traurig, stammelte sie, sehr traurig!

Fehlt dir etwas, Johanna? fragte Baron Franz, aufmerksam werdend, du siehst plötzlich so schlecht aus!

O – es ist – nichts! stotterte die Baronin, nichts – nichts.

Baron Manfreds Gesichtszüge verfinsterten sich.

Meine Frau leidet manchmal an derartigen Schwächeanfällen, sagte er rauh, das bedeutet weiter nichts!

Magdalena sah ihren Schwager mit einem seltsam dunklen, forschenden Blick an. Der ungewisse Verdacht regte sich wieder in ihrem Herzen, daß Manfred und Johanna irgendwie Schuld trugen an dem Unglück, das sie betroffen hatte.

Baron Franz lud seine Verwandten ein, zu Tisch zu bleiben, und sie nahmen die Einladung auch an.

Für Magdalena war dies eine verlängerte Qual, und Johanna empfand vielleicht ebenso, denn ihre Gesichtsfarbe blieb fahl, und ein nervöses Zittern flog hin und wieder wie ein Schauer durch ihren Körper.

Johanna ist wirklich nicht wohl! erklärte Manfred nach Tisch, denn der schlechte Zustand seiner Frau begann ihm nachgerade peinlich zu werden. Es wird wohl am besten sein, wenn wir bald heimkehren!

Ach, ja – bitte! bat Johanna mit heiserer Stimme, mir ist so – angst!

Warum ist dir angst? fragte Magdalena ziemlich unvermittelt.

Weil – weil – um – meine – Kinder! stotterte Johanna verwirrt.

So sind die Frauen, meinte Manfred spöttisch, sie denkt nun schon, unsere Kinder werden auch geraubt! Er lachte, aber dies Lachen klang nicht recht natürlich.

Baron Franz gab es einen Stich ins Herz. Unwillkürlich sah er seine Frau an, die ganz blaß geworden war.

Man soll nie die Mutterliebe verspotten, Manfred! sagte er ernst, sie ist etwas Heiliges, und wir alle haben ihrer bedurft!

Da hast du sehr recht! meinte der Bruder in liebenswürdigster Nachgibigkeit, meine Worte waren ja auch nur im Scherz gesprochen!

Diese Erklärung versöhnte Baron Franz wieder, denn in seiner großen Güte war er ebenso milde und nachsichtig gegen andere, als strenge gegen sich selbst.

Du mußt schon verzeihen, lieber Bruder, sagte er, in einem Tone, als ob er ein Unrecht gut zu machen hätte, aber Magdalena und ich, wir beide sind infolge des Unglücks, welches uns betroffen hat, empfindlich gegen jedes Wort, das vielleicht nur anders klingt, als es gemeint ist!

Alte Geschichte! nickte Manfred, wenn man wo eine Wunde hat, darf niemand daran rühren! Habe das auch schon durchgemacht!

So blieben die Verwandten in bestem Einvernehmen und schieden endlich herzlich von einander.

Als Baron Manfred mit seiner Frau im offenen Wagen durch die Wälder und Felder fuhr, die alle dem bevorzugten Bruder gehörten, beugte er sich nieder zu Johanna und flüsterte ihr die bedeutungsvollen Worte zu:

Dies alles wird doch noch einmal unsern Kindern gehören!

Die Augen der Frau leuchteten stolz auf, und doch war ihr im Herzen nicht wohl.

Wer kann wissen, wie das alles noch kommt! murmelte sie.

Ueber Manfreds Stirn flog ein Schatten.

Wir selbst sind unseres Schicksals Meister! sagte er rauh, ich werde dir das beweisen!

Aber das Gewissen! flüsterte Johanna scheu, es schläft nicht!

Närrin du! schalt Manfred, du mußt es lernen, dich zu beherrschen, und nicht solchen Ideen nachhängen! Das ist Torheit!

Einige Wochen waren vergangen. – –

In dem Gutshof Elm, dem Besitztum Baron Manfreds, herrschte schon seit längerer Zeit eine stetig wachsende Erregung.

Auf dem nahen Dorfe war unter den Kindern Diphtheritis ausgebrochen und forderte unerbittlich Leben um Leben.

Johanna begann um ihre blühenden Knaben zu zittern und bewachte sie voll ängstlicher Sorge auf Schritt und Tritt. Sie wurde von all der Aufregung ganz elend und kam herunter.

Manfred sah die Sache viel ruhiger an, er ließ ein paar tüchtige Aerzte aus der nächsten Stadt kommen und diese bekämpften die Seuche nach Kräften. Die armen Bauern begannen denn auch erleichtert aufzuatmen, der aus den dürftigen Hütten vertriebene Würgeengel aber zog weiter – und – ins Herrenhaus.

Baron Manfreds ältester Sohn Willy, erkrankte.

Johanna fiel schon bei Tisch sein schlechtes Aussehen auf.

Was hast du, Willy? fragte sie ängstlich, fehlt dir etwas?

Ach – ich habe nur etwas Kopfschmerzen! meinte der Knabe mit heiserer Stimme.

Tut dir nicht auch der Hals weh? fragte Johanna weiter.

Ja – etwas! gab Willy zu, und als sie ihre Hand auf seinen Kopf legte, war die Stirn glühend heiß. –

Ein Todesschreck durchzuckte die Frau.

Mein Kind! rief sie verzweifelt, mein Kind! Du bist krank!

Schleunigst ließ sie den Knaben zu Bett bringen, doch als am Abend der Arzt kam, tobte schon das Fieber in dem kleinen Körper, und die Erstickungsanfälle wurden immer heftiger.

Retten Sie mir mein Kind! bat die unglückliche Mutter weinend den Arzt, doch dieser zuckte die Achseln.

Frau Baronin, ich tue, was ich kann, sagte er, aber ich bin auch nur ein Mensch – kein Gott!

Am nächsten Morgen schon war der Knabe tot.

Johanna saß an dem Bettchen und weinte.

Die andern Kinder kamen in das Sterbezimmer, um ihren toten Bruder zu küssen.

In dem Augenblick dachte die Mutter nicht an die Gefahr der Ansteckung – sie war halb besinnungslos vor Schmerz.

Am Abend lagen auch die drei jüngeren Knaben krank darnieder.

Wieder wurde der Arzt gerufen und wieder tat er sein Bestes.

Um Gotteswillen – sagen Sie mir, daß meine Kinder gesund werden, bat Johanna unter Tränen, ist es nicht genug, daß ich eines verlor?

Ich bin nur ein Mensch, antwortete der Arzt wieder, doch seien Sie überzeugt, Frau Baronin, daß ich alles versuchen werde, um die Knaben zu retten! Er bemühte sich redlich, denn die arme Mutter tat ihm unendlich leid, allein, er wußte im voraus, wie wenig Hoffnung vorhanden war.

Die drei Kinder starben fast gleichzeitig noch in derselben Nacht.

Den nächsten Tag standen im Paradezimmer vier weiße, blumengeschmückte kleine Särge und dazwischen saß Johanna, totenbleich und starr, wie eine im Schmerz versteinerte Niobe.

Sie konnte es nicht fassen – nicht glauben! Immer wieder sah sie sich die stillen, kleinen Gesichtchen an, wie sie so ernst auf den spitzenbesetzten Kissen ruhten, feierlich beleuchtet von dem milden Glanz der brennenden Wachslichter.

Es ist ja nicht möglich! stammelte sie dann. Ihr alle vier sollt mir gestorben sein?

In dieser verzweifelten Stimmung fand sie Magdalena, die kam, weil sie von dem großen Unglück gehört hatte.

Meine arme Johanna! sagte sie mitleidig, wie tief bedaure ich dich! Trösten kann ich dich leider nicht, denn ich bin selbst noch trostlos um den Verlust meines eigenen Kindes.

Johanna zuckte bei diesen Worten zusammen und sah die Schwägerin mit umflorten Blicken an.

Wenn du wüßtest, wie ich leide! stammelte sie. Ihre heißen Tränen fielen auf Magdalenas Hand, die sie in der ihrigen hielt.

Wenn ich sie jetzt fragte, dachte Magdalena, wo meine kleine Greta ist, sie würde nicht wagen, zu lügen. Aber sie tat es doch nicht, sie konnte sich ja auch irren, und dann wäre die Frage doch zu rücksichtslos gewesen. So strich sie der Schwägerin nur sanft über das krause Haar und sprach ihr freundlich zu.

Du hast doch noch ein Kind – dein Gottliebchen, sagte sie herzlich, und an diesem einen Kinde kannst du noch so viele, viele Freude erleben!

Johanna seufzte.

Du weißt wohl nicht, Lena, daß Gottlieb taub-stumm ist? fragte sie leise.

Nein! antwortete Magdalena erschüttert, davon hatte ich keine Ahnung!

Meine vier schönen, gesunden Knaben mußte ich hergeben, klagte Johanna, und das einzige, elende, sieche Kind behalte ich! Ist das nicht zu grausam?

Ja, o ja! Magdalena nickte, und ihre Augen schimmerten feucht, Gottes Wege sind dunkel. Aber du darfst doch nicht verzweifeln, Johanna, vielleicht kann Gottliebchen später noch einmal geheilt werden, man hört öfter von solchen Fällen.

Ach nein, nein! Johanna schüttelte den Kopf, wir haben schon alles versucht, es gibt keine Hoffnung, dagegen kann es leicht geschehen, daß er ganz schwachsinnig wird!

O, das wäre entsetzlich! stammelte Magdalena.

Sie war tief ergriffen von dem Unglück der Verwandten, so tief, daß sie darüber fast das eigene Leid vergaß. – – –

Nach ein paar Tagen wurden die Kinder zur letzten Ruhe bestattet.

Johanna warf sich während der Trauerrede weinend an die Brust ihrer Schwägerin und schluchzte wild und verzweifelt.

Baron Franz drückte seinem Bruder in warmem Mitleid stumm die Hand.

Ueber Manfreds Lippen kam kein Laut der Klage, doch er sah sehr bleich und finster aus. Die vier schönen, gesunden Knaben waren sein ganzer Stolz gewesen, und er hatte die kühnsten Hoffnungen auf sie gesetzt. Nun war das alles für ewig dahin! Schier unfaßlich kam ihm das vor!

Als die Familie von der Beerdigung zurückkehrte, fuhr Manfred mit seiner Frau wieder über die schönen Fluren der Besitzungen seines Bruders.

Und all dieses, sagte er bitter zu Johanna, wird einmal einem armen Narren gehören!

Die Frau erschauerte, denn sie erinnerte sich, daß zu der Zeit, als Manfred ganz ähnliche Worte zu ihr gesprochen, die blühenden Knaben noch lebten.

Wer kann es wissen, sprach sie leise, du siehst wohl selbst jetzt ein – der Mensch denkt und – Gott lenkt. Wir sind doch nicht immer unseres Schicksals Meister!


* * *


Zwölf Jahre waren seit diesen Ereignissen vergangen.

In dem stolzen Herrenhaus der Heifelder lebte ein stilles Paar – Baron Franz und Magdalena. Ihre kleine Tochter Greta hatten sie niemals wieder gefunden – schon lange betrauerten sie das Kind als tot.

Bei Baron Franz war sein altes Herzleiden wieder zum Ausbruch gekommen, und Magdalena pflegte ihn mit unermüdlicher Treue. Dies Amt füllte seit Jahren schon ihr ganzes Leben aus, und wenn sie einmal doch mutlos wurde, dann holte sie ein altes, schwarzes Büchlein hervor, aus dem sie immer wieder Trost schöpfte. Der Engel der Geduld war es, der alle Tränen trocknen half und alle ihre Schmerzen stillte.

Seit einiger Zeit ging es nun dem Baron etwas besser, und da draußen ein wunderbar mildes Wetter herrschte, trotzdem man erst Anfang März schrieb, so hatte der Arzt eine Ausfahrt gestattet.

Magdalena ließ vor Freude den besten Wagen anspannen und hüllte den Gatten sorgfältig in warme Decken ein, damit er sich nicht erkälten sollte.

Meine gute Lena! sagte der Baron, gerührt von so viel Liebe.

Ich kann dir ja nie genug danken! stammelte Magdalena, o, daß Gott dich mir wieder schenkt.

Du hast gefürchtet, daß ich sterbe? fragte er.

Magdalena machte eine erschrocken abwehrende Bewegung.

Nicht doch, entgegnete sie besänftigend, das gerade nicht.

O, ich war sehr krank, sagte Baron Franz ruhig, ich weiß es, du brauchst es mir nicht zu verbergen!

Nun denn, erklärte Magdalena offenherzig, ja – ich habe sehr, sehr um dein Leben gebangt. Ich habe die Nächte hindurch geweint und gebetet. O, wie unglücklich, wie einsam würde ich sein, wenn du mir gestorben wärest!

Der Baron nickte, und beide schwiegen. Sie fuhren durch den Wald. Die Tannen rauschten in ihrem ernsten, immer grünen Kleid – das Lied, das sie sangen, klang mächtig schön und doch traurig.

Die jungen Buchen knospten schon und die Vögelchen zwitscherten hier und da, zwar noch schüchtern, aber dennoch gar lieblich.

Leise murmelte zur Seite ein Bach, als ob er noch müde sei, vom langen Winterschlaf. Langsam hüpften die glänzenden Wellen von Steinchen zu Steinchen und über dürre Baumwurzeln. Dazwischen seufzte und schluchzte es geheimnisvoll aus der dunklen Tiefe.

Wenn der Wind einmal schwieg, dann war es stille, so stille im Wald. Dann schwiegen all die Stimmen, die da rauschten, flüsterten und seufzten. Ein Singen und Klingen nur tönte durch die Luft, wie ein wunderbares Ahnen des nahen Frühlings.

Hier ist es so schön! meinte Baron Franz, den Platz am Bache liebe ich über alles. Könnten wir nicht ein wenig aussteigen und dort verweilen?

Wird es dir nicht zu schwer werden? fragte Magdalena besorgt.

Ach nein, ich fühle mich so wohl heute! erklärte der Baron, es wird mir nichts schaden!

Der Wagen war nur ganz langsam durch den Wald gefahren.

Halt an, Friedrich! rief jetzt Magdalena dem Kutscher zu, wir wollen aussteigen!

Der Kutscher gehorchte, und das Paar verließ den Wagen.

Der Baron stützte sich leicht auf den Arm seiner Frau, so schritten sie langsam dem Bache zu.

Es muß hier irgendwo eine Bank sein, meinte Magdalena, auf der wir uns einen Augenblick ausruhen können, wenn du ermüdet bist!

Ja, dort die alte Steinbank! meinte der Baron, auf eine bestimmte Stelle weisend, das ist ein wonniges Plätzchen!

Ein paar Mal wanderten die beiden am Ufer des Baches auf und nieder. Dann blieben sie stehen und sahen eine Weile nachdenklich dem hüpfenden Spiel der Wellen zu.

Jetzt bin ich aber müde, sehr, sehr müde! sagte der Baron plötzlich.

Wir wollen uns setzen! entgegnete Magdalena freundlich, komm, Franz. Und liebevoll führte sie ihren kranken Mann zu der Bank, die ein wenig versteckt dalag, zwischen verkrüppelten Weiden und Erlengestrüpp.

Doch die Bank war nicht leer. Ein junges Mädchen saß darauf, halb noch ein Kind. Sie trug den kurzen Bauernrock, grobe Holzpantoffel an den Füßen und ein Kopftuch, welches das rosige Gesichtchen wunderlich einrahmte. Neben sich auf der Bank hatte sie ein Bündelchen mit Sachen liegen, wie die Mägde zu haben pflegen, wenn sie in den Dienst gehen.

Guten Tag! sagte sie schüchtern, als die Herrschaften kamen, und wollte bescheiden ausstehen.

Doch der Baron litt das nicht.

Bleibe ruhig sitzen, mein Kind! sagte er gütig, du wirst auch müde sein!

Ach ja! antwortete die Kleine ein wenig seufzend, ich bin so weit hergekommen! Ihre Stimme klang weich und lieblich.

Wird es dir auch nicht zu kühl sein, Franz? fragte Magdalena ihren Gatten ängstlich, mir scheint, du vergißt ganz deinen leidenden Zustand!

Ach nein! Lächelte der Baron, die Luft ist ja so milde, liebe Lena! Es wird bald Frühling werden!

Ja, ja! Auch Magdalena lächelte, aber der sinnende Ernst blieb doch in ihren blauen Augen. Frühling, sprach sie leise, das heißt: Genesung – Auferstehung nach allem Leid und Weh der Vergangenheit. Weiter kam sie nicht, denn ein verhaltenes Schluchzen klang an ihr Ohr, und bestürzt wandte sie sich nach dem jungen Mädchen um, das neben ihr saß. Die Kleine hatte das Gesicht in den Händen vergraben und weinte bitterlich.

Aber was hast du denn, Kind? fragte Magdalena mitleidig.

Ja, warum weinst du? forschte auch Baron Franz in seiner gütigen Weise.

Ach – ich – ich – bin – so unglücklich! schluchzte das junge Mädchen: So verlassen!

Armes Kind! sagte Magdalena gerührt, hast du keine Eltern?

Nein, o nein! Die Kleine schüttelte traurig das Köpfchen. Ich habe niemand, nicht Vater, nicht Mutter!

Wie bedaure ich dich! Die Stimme der Baronin klang weich. Es ist sehr schwer für ein junges Geschöpf, ohne Elternliebe – schutzlos – im Leben dazustehen! Wie alt bist du denn eigentlich? forschte sie weiter.

Fünfzehn Jahre! antwortete das Mädchen schüchtern.

Fünfzehn Jahre, wiederholte Magdalena, und ihre Augen wurden feucht.

So alt würde gerade unsere kleine Greta sein, wenn sie lebte, meinte Baron Franz und seufzte. Unser einziges, geliebtes Kind!

Auch Magdalena seufzte, und ein paar große Tränen rannen ihr langsam über das noch immer schöne Gesicht.

Ja, wie schön wäre es, wenn wir sie noch hätten! murmelte sie.

Weine nicht, Lena! bat der Baron, und ergriff ihre Hand, du weißt, ich kann dich nicht leiden sehen!

Magdalena trocknete schnell ihre Tränen.

Verzeih, sagte sie leise mit ein wenig zitternder Stimme, gewiß, ich wollte dir nicht weh tun – allein der Schmerz überwältigte mich. Eine Mutter wird nie aushören, um ihr verlorenes Kind zu trauern!

Ein Vater auch nicht! setzte der Baron trübe hinzu.

Das junge Mädchen saß indes still da und wagte nicht, das vornehme Paar in seiner Zwiesprache zu stören. Die beiden trugen wohl auch irgend ein geheimes Leid, denn warum weinte sonst die blasse, schöne Dame und warum sah der Herr so traurig aus?

Eine Weile herrschte dann Schweigen, und man hörte nur das Rauschen der Tannen und das Rieseln und Plätschern des Waldbaches.

Endlich wandte sich Magdalena dem armen Kinde wieder zu.

Und wohin willst du denn jetzt gehen? fragte sie freundlich, wie ich sehe, hast du dein Bündelchen geschnürt?

Ja! antwortete die Kleine treuherzig, meine Pflegemutter ist nämlich gestorben und im Dorf wollte mich keiner, weil ich ein Findelkind bin – da ging ich denn –

Und weißt nicht, wohin! vollendete Magdalena mitleidig, ist es nicht so?

Das junge Mädchen errötete und ließ das Köpfchen auf die Brust sinken.

Ich – ich – dachte, stammelte sie, daß ich mir einen Dienst – suchen könnte!

Der Baron und die Baronin wechselten einen raschen Blick des Einverständnisses miteinander.

Möchtest du bei uns sein? fragte Magdalena herzlich.

Das junge Mädchen blickte sie fast erschrocken an.

O, gnädige Frau! stotterte sie verwirrt. Sie – Sie – wollen mich – in Dienst nehmen?

Ja! antwortete Magdalena lächelnd, wir werden dich gleich mitnehmen, und wenn du fleißig und ehrlich bist, wird es dir auch nicht schlecht gehen bei uns!

Ach, ich will ja alles tun! versprach die Kleine überglücklich, liebe, gnädige Frau, lieber gnädiger Herr, wie soll ich Ihnen nur danken? In ihrer grenzenlosen Freude ergriff sie die Hand der Baronin und küßte sie.

Magdalena strich ihr gerührt über die frischen Wangen.

Du bist jung und kräftig! sagte sie, du wirst schon bald etwas Tüchtiges lernen in der Wirtschaft! Dann habe ich auch Freude an dir!

O, ich will Ihnen treu dienen! versprach das junge Mädchen ernsthaft, nie werde ich vergessen, wie Sie mich heute aufnahmen! Nie! Nie!

Magdalena legte in einer Aufwallung mütterlichen Gefühls ihren Arm wie schützend um die schlanke, fast noch kindliche Gestalt der Kleinen.

Wie heißt du denn? fragte sie dabei freundlich.

Berta! entgegnete das junge Mädchen, und ein Ausdruck von Schmerz flog über das liebe Gesichtchen, einen andern Namen habe ich ja nicht.

Du weißt ihn nicht! sagte die Baronin, denn ein jedes Kind auf dieser Welt, und wenn es gleich ganz arm ist, hat einmal Vater und Mutter gehabt! Du auch, meine arme, kleine Berta, du auch!

Das junge Mädchen hätte sich am liebsten zärtlich an die Brust der guten Dame geschmiegt. Sie war ihr so lieb, so vertraut, gar nicht wie eine Fremde, die sie doch erst so kurze Zeit kannte. Wie kam das nur? Ja, wie kam das? Ihr war so wohl und ihr war so weh – sie hätte weinen und lächeln mögen zu gleicher Zeit!

Es wird Zeit sein, daß wir wieder aufbrechen, meinte indes Baron Franz zu seiner Frau, mir ist doch ein wenig kalt geworden!

O, Franz! rief Magdalena erschrocken, warum hast du das nicht längst gesagt? Ueber unserem kleinen Schützling hier darf ich dich doch nicht vergessen!

O, ich melde mich schon, wie du siehst, liebe Lena! antwortete der Baron mit einem gütigen Lächeln, darum rege dich weiter nicht auf! Er erhob sich und stützte sich dann auf Magdalenas Arm. So, nun gehen wir, fuhr er fort, und du Berta, wandte er sich an das junge Mädchen, wirst uns folgen!

Ja, gnädiger Herr! sagte die Kleine leise. Hastig nahm sie ihr Bündelchen von der Bank und schritt dann hinter dem stattlichen Paare her. Ihr war so wunderbar zu Mute. Aus dem Rauschen der Tannen hörte sie etwas heraus, wie das Läuten von Kirchenglocken, und so feierlich klang das, so herrlich, daß sie hätte niederknieen mögen und beten, hier, mitten in dem schönen, weiten Wald. – – Da kam ein Wagen angefahren mit prächtigen Pferden bespannt, und der Baron und die Baronin stiegen ein.

Berta sah es mit weit geöffneten Augen.

Ach, dachte sie, es ist wohl alles nur ein Traum? Ein schöner Traum? Gleich wird der Wagen verschwinden, und der Wald wird wieder so stille sein und kalt, ich aber werde verlassen aus der Bank sitzen und weinen.

Doch da rief schon die Baronin nach ihr.

Wo bist du denn, Kind? mahnte die freundliche Stimme, komm, steige schnell ein, auf dem Rücksitz ist noch ein guter Platz für dich!

Berta gehorchte und bestieg den Wagen. Immer traumhafter und seliger ward ihr zu Mute.

O, gnädige Frau! Liebe, gnädige Frau! stammelte sie und preßte in überströmendem Gefühl ihr glühendes Gesichtchen auf die weiße, kühle Hand der Baronin.

Magdalena lächelte ihr gütig zu.

Hoffentlich wird dir unser Haus bald eine liebe Heimat werden! sagte sie herzlich.

Der Baron schwieg und blieb auch stille während der Fahrt. Er war sehr, sehr abgespannt. Mit halb geschlossenen Augen lag er weit zurückgelehnt in den Wagenkissen, so oft er aber den Blick hob, freute er sich an dem hübschen, rosigen Gesicht der kleinen Berta, welches lieblich, wie ein knospendes Röslein aus der Umrandung des bunten Kopftuches hervorsah.

Eigentlich ist sie bildhübsch, diese arme Kleine! dachte er, doch woran erinnert sie mich? – Es fiel ihm nicht ein, und in halber Bewußtlosigkeit fuhr er weiter und weiter immer weiter durch den stillen, dunklen Wald.


* * *


Hall–lall – die Ostsee rauschte. Die schaum-gekrönten Wogen stiegen und fielen in ewigem Wechsel, und spiegelten den blauen Himmel mit seiner ganzen Frühlingswonne wieder.

Es war ein lustiger Wind an dem Ufer, welcher den feinen, weißen Sand aufwühlte, und so die Reichtümer zeigte, die das große Wasser auswarf. Da lagen Muscheln und zartgefärbte Korallen, Seesternchen, Quallen und Bernstein.

Das sammelten Große und Kleine. Die Reichen nahmen davon zum Andenken, die Armen zum Erwerbe. –

Von dem Heifelder Herrenhaus sah man nur die weite See in ihrer majestätischen Größe und Einsamkeit.

Dies Bild aber wirkte so herrlich, daß Magdalena es nie hätte missen mögen.

Sie stand auf der Veranda und blickte hinaus.

Welch ein wunderbarer Tag! sagte sie leise.

Baron Franz saß neben ihr in einem leichten Korbstuhl. Er sah verhältnismäßig wohl aus und schien sehr heiter zu sein.

Wie schnell doch der Frühling gekommen ist! meinte er lächelnd, diese wonnigste Zeit für uns arme Menschenkinder!

Nicht wahr? Auch Magdalena lächelte. Du fühlst dich darum besser, ich merke es schon lange, und mir ist ebenfalls das Herz viel leichter!

Macht das nicht am Ende die kleine Berta? fragte der Baron.

Vielleicht! gab Magdalena zu, das liebe Kind hat uns den Sonnenschein ins Haus getragen, du hast recht!

Die alte Regel bewahrheitet sich an uns! meinte der Baron. Wohltun trägt Zinsen! Wir wollten geben, und nun wird uns gegeben!

Magdalena nickte, und ein strahlendes Licht brach sekundenlang aus ihren Augen hervor.

So ist es! entgegnete sie lebhaft, mein Vater sagte das immer! Dann bog sie den Kopf etwas zurück, daß sie durch die Glastüren der Veranda in den Salon sah. Sie hatte Schritte gehört. Berta kommt! rief sie erfreut aus, und wie nett ihr das einfache, helle Kleid steht!

In diesem Augenblick trat das junge Mädchen auf die Veranda hinaus, doch sie hatte sich so verändert, daß sie kaum wieder zu erkennen war. In dem schmucken, enganliegenden Kleide sah man erst die zierlichen Formen ihrer feinen Gestalt, und das üppige, goldblonde Haar schmiegte sich in natürlichen Wellen um das schmale Köpfchen, welches beinahe etwas Genienhaftes an sich hatte. Sie trug eine weiße Schürze, die den Rock fast ganz bedeckte, und machte so einen sehr bescheidenen, häuslichen Eindruck.

Es ist Besuch gekommen! meldete sie mit ihrer hellen, weichen, dabei ein wenig traurigen Stimme, die Herrschaften aus Elm!

Ah, Manfred und Johanna! rief Baron Franz lebhaft aus, sie waren lange nicht hier!

Soll ich die Herrschaften in den Salon führen? erkundigte sich Berta schüchtern.

Liebes Kind! sagte der Baron freundlich, es ist mein Bruder und seine Frau, führe die beiden gleich hierher zu uns!

Jawohl, Herr Baron! Berta verließ die Veranda und eilte in das Haus zurück.

Magdalena ging den Verwandten entgegen. Ihr Verhältnis zu einander war mit den Jahren herzlicher geworden – das gemeinsame Unglück schien besonders die Frauen mehr zu verbinden.

Im Salon grüßte und küßte man sich, dann traten alle drei auf die Veranda heraus.

Nun, wie geht es, lieber Franz? wandte sich Manfred an den Bruder, leidlich auf dem Posten, wie?

Man muß zufrieden sein! entgegnete der Baron, ein wenig seufzend, ich bin ja auch kein Jüngling mehr! Da heißt es eben: lerne zu leiden, ohne zu klagen!

Nun, du hast dich entschieden erholt, seit wir uns zuletzt sahen! meinte Manfred, den Bruder mit einem prüfenden Blick betrachtend, deine Farbe ist vortrefflich!

Das macht der Frühling! sagte Magdalena lächelnd. – Und dann die gute Pflege, die doch immer vorhanden war, fiel ihr Baron Franz dankbar ins Wort.

Das denke ich auch! pflichtete Manfred bei. Aber doch nicht so wie jetzt, fuhr Magdalena fort, wo ich eine so eifrige kleine Helferin habe.

Ach, du hast jetzt eine junge Verwandte bei dir? fragte Johanna.

Eine Verwandte? Wieso? fragte Magdalena verwundert dagegen.

Nicht? So, ich dachte! Johanna wurde etwas verwirrt. Es schien mir, als ob dir das junge Mädchen ähnelte, das uns herein nötigte.

Was sprichst du da für dummes Zeug! schalt Manfred, und eine eigentümliche Blässe überzog sein Gesicht. Dies Mädchen war sicher nur eine kleine Magd!

Allerdings! sagte Magdalena. Es ist mein neues Dienstmädchen! Ein erst fünfzehnjähriges, aber sehr fleißiges, gutes Ding!

Siehst du wohl, Johanna! Manfred lachte laut auf, und dies Lachen hatte einen häßlichen, unangenehmen Klang.

Baron Franz saß still in seinem Stuhl. Er sah nachdenklich aus, und fuhr sich mehrmals mit der Hand über die Stirn.

Dann kam Berta mit dem Kaffeegeschirr und deckte den Tisch.

Aller Augen ruhten forschend auf ihr, und sie erglühte unter den Blicken, die sie sich nicht zu deuten wußte.

Einen Augenblick stand sie dicht neben Magdalena, sie war heller und frischer und doch glich sie ihr – wenn schon diese Ähnlichkeit direkt weder in Form noch in Farbe lag.

Soll ich den Kaffee einschenken, Frau Baronin? fragte sie verlegen.

Ja, mein Kind! entgegnete Magdalena freundlich, tue es!

Berta zitterten jedoch die Hände und sie zeigte sich daher ungeschickt genug beim Füllen der Tassen.

O, verzeihen Sie, Frau Baronin! stammelte sie, ich habe es schlecht gemacht!

Nun, jedes Ding will gelernt sein! meinte Magdalena gütig, und zu ihren Verwandten gewendet, sagte sie: Ihr entschuldigt wohl – Berta serviert heute zum erstenmale!

Hat gar nichts auf sich, liebe Schwägerin! entgegnete Manfred höflich, wir sind ja unter uns – und dann – sein unruhiger Blick streifte das Mädchen, es ist eben kein Meister vom Himmel gefallen!

Das denke ich auch! sagte Magdalena lächelnd, Berta wird mir schon noch eine ganz tüchtige Stütze werden! Sie nickte der Kleinen freundlich zu und entließ sie dann durch eine entsprechende Handbewegung.

Berta war froh, als sie die Veranda verlassen durfte.

Sie lief gerade durch das ganze Haus bis zur Küche. Dort plauderten die andern Mägde lustig bei der Arbeit und lachten.

Niemand achtete auf die kleine Berta. Die schlich sich still auf ihre Kammer und verbarg sich da in dem dunkelsten Winkel.

Wie ist mir denn? flüsterte sie und preßte ängstlich die Hände zusammen. Wie ist mir überhaupt, seit ich hier bin? Und warum sahen sie mich alle so an auf der Veranda? Warum? Warum? Lieber Gott, du weißt es. Leise begann sie zu schluchzen. Ich – ich – kann – nichts wissen! Ach, ich bin ja nur eine arme, niedrige Magd, und auch das weiß ich nicht gewiß – nein, auch das nicht! O, es ist schrecklich! Es ist so schrecklich! O, hilf mir doch, lieber, lieber Gott! Ich habe nicht Vater, nicht Mutter, nicht Bruder noch Schwester, wo ich bitten kann, ach, erbarme dich! Mein Herr und Gott, sei mir gnädig! Sie weinte erst sehr heftig und wild, so recht wie ein Kind weint, wenn es seinen ganzen Schmerz austoben will, dann aber wurde sie ruhiger. Es fiel ihr plötzlich ein, daß die Baronin nach ihr rufen könnte, und dann saß sie hier im Dunkeln und hörte nichts. Sie durfte doch nie vergessen, wie sehr die gute Dame ihre Wohltäterin war! Hastig trocknete sie ihre Tränen, aber das tiefe, unerklärliche Weh blieb doch in ihrer Brust. Es war fast wie Sehnsucht, wie Heimweh, allein, wie kam sie dazu, sie, die Verlassene, das Findelkind, welches doch nie eine Heimat gekannt hatte?

Berta verstand sich selbst nicht mehr. – –

Manfred und Johanna blieben bis zum Abend im Heifelder Herrenhaus und kehrten erst in später Nachtstunde nach Elm zurück.

Als sie dort allein auf ihren Zimmern waren, denn die Dienerschaft schlief längst, brachte Johanna noch einmal das Gespräch auf Berta.

Hast du denn nicht auch gefunden, daß dies junge Mädchen Magdalena auffallend ähnlich sah? fragte sie.

Ach, Unsinn! brauste Manfred auf, Einbildung! Aber wenn du sie wenigstens für dich behalten hättest! Schließlich bringst du Franz und seine Frau noch auf etwas!

Auf was denn? fragte Johanna, obwohl sie ganz gut verstand.

Nun, zum Beispiel, entgegnete Manfred mit gedämpfter Stimme, darauf, daß diese einfältige Magd ihre vor zwölf Jahren verschwundene Tochter sein könnte!

Und weiß man denn gewiß, ob Greta tot ist? fragte Johanna.

Manfred erbleichte und zuckte die Achseln.

Nun, das kann man wohl annehmen, nach so viel Jahren! sagte er ausweichend.

Ja! gab Johanna zu, man kann es annehmen – aber – ein plötzliches Frieren überfiel sie man kann sich auch irren! Siehst du, Manfred, seit jenem entsetzlichen Tage, wo wir unsere vier schönen, gesunden Knaben einsargen mußten, weiß ich, daß es eine waltende Gerechtigkeit gibt – einen Gott, den man wohl lieben, aber auch fürchten soll!

Manfred sah finster vor sich nieder.

Greif nicht an die alte Wunde! stieß er gequält hervor, sie schmerzt noch immer! Wie soll ich es auch verwinden? – Mein einziger Sohn ist ein Idiot!

Ihm nützen alle Reichtümer nichts! sagte Johanna seufzend. Und wenn er wirklich dermaleinst Erbe der gesamten Heifelder Familiengüter wird!

Du scheinst das noch immer zu bezweifeln? fragte Manfred in gereiztem Tone.

Wundert dich das so? Johanna sah ihren Mann groß an. Ja, dann muß ich es dir wohl gestehen, daß ich in all den Jahren noch nie eine Stunde lang ernstlich daran geglaubt habe! Wohl manchmal hoffte ich es, doch dann befiel mich wieder solche Unruhe, solche unbeschreibliche, qualvolle Angst!

Torheit! murmelte Manfred, Torheit!

Nenne es, wie du willst! fuhr Johanna fort, es ist doch ein Gefühl, das sich nicht bannen läßt! Es kommt stets von neuem, es schläft nicht! Unrecht Gut gedeiht nimmer, und in der letzten Minute kann es uns das Schicksal noch entreißen!

Oho! rief Manfred, ich bin aber kein so abergläubischer Schwächling! Was ich habe, das halte ich fest!

Aber du hast noch nichts! meinte Johanna seufzend, nichts, wie die gelegentlichen Unterstützungen deines reichen Bruders! Hättest du diese nicht, säßen wir längst in bitterster Not, und Elm gehörte uns wahrscheinlich schon gar nicht mehr!

Schweig still! unterbrach sie Manfred zornig. Vorwürfe vertrage ich nicht, du weißt es doch!

Johanna seufzte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

Ich sorge mich ja nur um Gottlieb! sagte sie leise, wir sind auch sterbliche Menschen, und was soll aus dem Armen werden, wenn er vielleicht einmal arm und verlassen dasteht?

Warum nicht gar! Manfred lachte spöttisch, du entwirfst da wirklich ein schönes Zukunftsbild für den Jungen! Arm und verlassen! Mein Sohn! Dem soll es schon an nichts fehlen, was äußere Güter anbetrifft, da kannst du ruhig sein! Allerdings Kraft und Gesundheit – dies Allerbeste, vermag ich ihm nicht zu geben, das hat ihm die allmächtige Natur versagt!

Oder – Gott! sagte Johanna traurig.

Manfred antwortete nichts darauf. Er wollte nicht mit seiner Frau streiten, doch er war innerlich tief erregt. – – – – –

Das alte Pfarrhaus stand noch genau so freundlich da, umsponnen von seinem immergrünen Efeu, wie vor Jahren.

Die Linden vor der Tür blühten und dufteten wunderbar, und die Bienen summten in Schwärmen darum, den süßen Honig zu gewinnen.

Prediger Frank saß in der Laube und arbeitete seine nächste Sonntagsrede aus. Auch ihn schien die Zeit kaum berührt zu haben. Wohl schimmerte sein Haar noch etwas weißer, ja, es leuchtete förmlich silbern, doch die jugendliche Frische hatte er sich bewahrt, das warme, herzliche Empfinden.

Leichte Schritte schlugen jetzt an sein Ohr und ließen ihn von der Arbeit aufsehen.

Ein junges Mädchen in einem schlichten, hellen Waschkleide, mit einer weißen Schürze angetan, betrat schüchtern die Vorlaube.

Kann ich den Herrn Prediger sprechen? fragte es zaghaft.

Ja, mein Kind, das bin ich selbst! antwortete der Greis, doch ließ er die Augen nicht von dem Mädchen. Das war ja seine Tochter – im blonden Lockenkranz der holden Sechzehn – Magdalena, noch einmal geboren oder noch einmal jung geworden. Aber wie konnte denn das sein? Wie war das möglich? Träumte er? Sah er nicht recht?

Die Frau Baronin Heifelder schickt mich! sagte indes Berta, und ich soll fragen, wie es dem Herrn Vater geht?

Nun, immer nach einer Art, liebes Kind! entgegnete der Prediger verwirrt. Aber, wer bist du denn? Ich – kenne – dich! Ich – muß – dich – kennen!

Ach nein! antwortete das Mädchen bescheiden. Der Herr Prediger haben mich wohl noch nicht gesehen, denn ich diene doch erst kurze Zeit bei der Frau Baronin!

Du dienst bei meiner Tochter? fragte der Greis mit ein wenig zitternder Stimme, höre ich recht, du dienst?

Ja! sagte Berta und blickte den alten Herrn verwundert an.

Der Prediger fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Es war ihm nicht möglich, seine Erregung ganz zu verbergen.

Seltsam! murmelte er, höchst seltsam!

Ist Ihnen nicht wohl? fragte Berta unruhig, soll ich etwas Stärkendes für Sie aus dem Hause holen?

O, nicht doch! Nicht doch! wehrte der Prediger sanft ab, es ist nichts! Wieder strich er sich mit der Hand über die Stirne und richtete dann nochmals einen vollen Blick auf das junge Mädchen. Sage mir, mein liebes Kind, fragte er dann freundlich, wie heißt du denn?

Berta! antwortete das Kind errötend.

Und dein Vatername? forschte der Greis weiter, wie lautet der?

Jetzt zog ein tiefer Schatten über das liebliche, junge Mädchengesicht.

Ach, sagte Berta traurig, ich bin ja nur ein Findelkind!

Ein Findelkind! wiederholte der Prediger, ohne den Blick von ihr zu wenden, so – so! Du hast also niemand?

Nein, nicht Vater, nicht Mutter! antwortete das Mädchen leise.

Und wie alt bist du?

Fünfzehn Jahre!

Fünfzehn Jahre! Der Greis versank in Nachdenken, dann nickte er vor sich hin. Eine ganze Weile schwieg er.

Berta stand verlegen da. Was hatte nur der alte Herr?

Mein liebes Kind, sagte der Prediger endlich, du kannst jetzt wieder gehen und der Frau Baronin wirst du sagen, daß ich sehr bald zu ihr komme, vielleicht schon in einer Stunde! Vergiß aber auch diese Bestellung nicht!

O nein, ich vergesse nichts! versprach Berta eifrig, die Frau Baronin ist immer so gut zu mir!

Ja, ist sie gut? fragte der Prediger lächelnd, o, ich glaube es wohl! Er nickte dem jungen Mädchen gütig zu. Sie hat dich vielleicht auch recht lieb!

Ach, ich bin doch nur eine arme Magd! stammelte Berta und senkte demütig das blonde Köpfchen.

Der Herr setzt manchmal denen die Krone auf, an die niemand denkt, murmelte der Greis.

Berta verstand ihn nicht.

Dann gehe ich nun, Herr Prediger! sagte sie mit ihrer weichen, ein wenig klagenden Stimme, leben Sie wohl!

Leb wohl, mein Kind, leb wohl! Der Greis nickte freundlich, und Berta verließ hastig die Laube.

Kaum war sie gegangen, so erhob sich der Prediger und trat unter den Eingang. Da sah er die lichte, schlanke Gestalt die Dorfstraße entlang eilen. Das helle Kleid flog bei den schnellen Bewegungen, und die blonden Locken des unbedeckten Hauptes zauste der Wind. Wie sie lief! Und wie klein waren doch die Füßchen, wie zierlich das ganze Mädchen!

Magdalena! flüsterte der alte Mann und schüttelte den Kopf, meine Tochter! Gibt es denn noch Wunder? Tiefe Ähnlichkeit – kann sie nur Zufall sein? Ist das denkbar? Wieder schüttelte er den Kopf. Das glaube ich nimmer, ein Findelkind ist die Kleine – und fünfzehn Jahre alt – fünfzehn Jahre! Gerade so alt wäre Greta, wenn sie lebte, gerade so! Aber wer wußte denn, ob sie tot war – wer wußte es? Gab es denn nicht einen Gott so voller Liebe und Gnade, und konnte der nicht das unschuldige Kindlein erhalten haben, daß es doch groß geworden war?

Bei Gott ist ja kein Ding unmöglich! flüsterte der Prediger, ich will zu Magdalena gehen – doch, ich darf ihr noch nichts sagen – noch nichts! Nur sehen möchte ich, ob bei ihr keine Stimme im Herzen spricht, ob nicht irgend ein geheimnisvolles Etwas sie besonders hinzieht zu der kleinen Verlassenen! Ja! Denn diese Stimme lebt in jedes Menschen Brust, und ich kann mir nicht denken, daß sie schweigt in einem solchen Falle!


* * *


Einige Tage waren vergangen.

Im Heifelder Herrenhaus herrschte ein lebhaftes Treiben. Das liebliche Pfingstfest stand vor der Tür, und da waren alle Fenster geputzt und die Möbel geklopft worden, denn es sollte nirgends ein Stäubchen liegen bleiben.

Berta mußte tüchtig helfen, und zuletzt rief sie die Baronin noch, um die Zimmer mit Maien auszuschmücken.

Du liebes, fleißiges Kind, tue auch das! sagte Magdalena freundlich, deine arme Herrin ist schon so müde und abgearbeitet, daß sie sich kaum auf den Füßen halten kann!

Ach, meine gute Frau Baronin! bedauerte sie Berta, soll ich ein Pülverchen zurecht machen für die Nerven?

Nein, Herzchen, das hat keinen Zweck! entgegnete Magdalena, ich bin nur abgespannt, weiter nichts! Am besten wird es sein, ich lege mich auf das Sofa!

Ja, Frau Baronin! – Berta deckte ihre Herrin gleich liebreich zu, als diese sich hinlegte, – und ich werde nun an die Arbeit gehen! rief sie munter.

Zuerst begann sie jetzt, den nebenanliegenden Speisesaal mit frischen Maien auszuschmücken.

Magdalena blieb ruhig auf dem Sofa liegen und sah dem jungen Mädchen durch die offene Tür zu. Sie bemerkte bald, daß Berta alles sehr geschmackvoll anordnete. Wo sie nur dies feine Verständnis her hatte? Wieder kam ihr, wie schon öfter, der Gedanke, daß die arme Kleine eine angeborene Vornehmheit besaß, daß sie weder so aussah, noch sich benahm, wie ein Kind geringer Leute.

Berta war jetzt mit der Ausschmückung des Saales fertig und ging in die andern Zimmer. Endlich kam sie auch in den Flur – hier mußten noch ein paar besonders große und schöne Zweige angebracht werden.

Schließlich war auch diese Arbeit getan, und das junge Mädchen setzte sich nun auf einen Stuhl, um etwas auszuruhen.

Müde stützte sie den Kopf in die Hand, und ihre blauen Augen durchschweiften träumerisch den hohen Raum mit den spitzbogigen, bunten Glasfenstern und den dunkel getäfelten Wänden.

Das war alles so schön, so schön. Sie seufzte.

Mit einem Mal gewahrte sie etwas, was sie noch gar nicht bemerkt hatte. Dort drüben – ihr gerade gegenüber, war ja eine Tür eingelassen in der Wand, folglich mußte da auch noch ein Zimmer liegen.

Die weibliche Neugier regte sich in ihr, sie konnte nicht widerstehen! Leise stand sie auf und schlich zu der Tür hin. Der Messingklopfer aber gab dem Druck ihrer Hand nicht nach, die Tür war also verschlossen! Schon wollte sie sich enttäuscht abwenden, da entdeckte sie den Schlüssel, welcher im Schloß steckte! Er war sehr verrostet und drehte sich nur schwer. Sie mußte ihre ganze Kraft zu Hilfe nehmen. Endlich gab es einen unangenehm kreischenden Ton, und die Tür sprang auf.

Erschrocken sah sich Berta um. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als ob sie ein Unrecht begehen wollte, und doch, das war ja Torheit! Die Baronin hatte ihr niemals verboten, dies Zimmer zu betreten, wovor fürchtete sie sich also?

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, und mit scheuen Schritten betrat sie den zweifenstrigen, sonnendurchleuchteten Raum.

Plötzlich sah sie: daß es ein Kinderzimmer war. Das blaue Himmelbettchen mit den seidenen Vorhängen fiel ihr sofort ins Auge. Es hatte so etwas Wehmütiges, weil es so reich war und doch – leer.

Ja, ja! Berta trat an das Bettchen heran wie im Traum. Leise berührten ihre schlanken Finger die Spitzen und die Seide.

Wie war ihr denn nur? Diese wunderbare Wiege kam ihr bekannt vor – die blaue Farbe, diese Vorhänge, die so duftig waren wie ein Schleier, das alles mußte sie schon einmal gesehen haben, doch wann – und wo?

Sinnend stand sie da. Ihre Augen durchschweiften das Zimmer.

Ich weiß nicht, murmelte sie, bin ich denn schon einmal hier gewesen? Was ist denn das für ein merkwürdiger, großer Stuhl am Fenster? Den kenne ich auch – und da – das Spielschränkchen – und –  da – den Tisch – er hat solche altmodische Form, ja, ja, ich irre mich nicht!

Kopfschüttelnd durchwanderte sie das Zimmer. Vor jedem Möbelstück blieb sie stehen.

Alles erinnerte und verwirrte sie gleichzeitig.

Mein Gott! stammelte sie und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, träume ich? Wache ich? Was ist das? Was ist das?

Ihre Gedanken kamen und gingen. Bilder aus der Vergangenheit stiegen empor, lächelnd und weinend – immer undeutlicher – verschwommener – aus ferner – ferner Jugendzeit.

Ihr war mit einem Mal, als ob sie doch nicht immer grobe Holzschuhe an den Füßen getragen hätte –  und keine Bauernröcke und Kopftücher.

Nein, ganz, ganz anders mußte es einst gewesen sein, ganz anders. In einer blauen Wiege hatte sie geschlafen, wie ein Herrschaftskind, so sorglos, so glücklich. Jetzt wußte sie es, und ihre Augen glitten mit einem verträumten Blick wieder zu der Wiege hin, die in dem Zimmer stand. Ihr wurde so weh ums Herz – so seltsam.

Zu dem großen Stuhl am Fenster ging sie hin und setzte sich darauf. Kaum aber saß sie dort, so sagte sie sich, hier hast du auch schon gesessen!

Sie nickte vor sich hin und lächelte, trotzdem füllten sich ihre Augen langsam mit Tränen.

Wenn nun diese blaue Wiege da, murmelte sie, wirklich die Wiege wäre, in der ich einst als ein glückliches Kind schlief, was bedeutet das dann? Würde es meine Herkunft aufklären? Wäre ich dann nicht mehr so verlassen, nicht mehr Heimat- und namenlos? Sie konnte keinen Zusammenhang finden zwischen einst und jetzt. Eine große Kluft gähnte dazwischen, und in der Zeit war sie ein trauriges, kleines Geschöpf gewesen, herumgestoßen unter Fremden, eingeschüchtert und verachtet.

Erst, seit sie bei der Baronin war, lebte sie auf. Magdalena hatte es ihr freundlich erklärt, daß auch ein Findelkind Menschenrechte besaß, wie jedes bescheidene Blümchen im weiten Gottesgarten Anspruch hat auf das Sonnenlicht.

Da atmete sie endlich freier, die arme, scheue, kleine Berta, und sie begann sich wohl zu fühlen, wenngleich sie doch manchmal unter seltsamen Stimmungen litt, für die sie sich keine Erklärung zu geben wußte.

Still saß sie auf dem Stuhl und sann. Sie vergaß Raum und Zeit.

Eine Stunde wohl, oder noch länger mochte sie so gesessen haben.

Da näherten sich von draußen Schritte, sie hörte nichts, es war, als sei die ganze Welt um sie versunken.

Die Baronin kam, welche das junge Mädchen schon überall vergebens gesucht hatte. Langsam, – wie zögernd, betrat sie das Zimmer. Die tiefsten Schmerzen ihres Lebens wurden in diesem Raume immer wieder laut, so laut! Darum ging sie nur manchmal hinein, und nur, um zu weinen. Sie dachte auch gar nicht daran, daß Berta wirklich hier sein könnte, und erschrak fast, als sie dieselbe nun doch am Fenster sitzen sah.

Aber Berta! sagte sie, mit sanftem Vorwurf in der Stimme, was tust du hier?

Berta sah die Baronin zuerst ganz verträumt an, dann war sie fassungslos.

O, verzeihen Sie! stammelte sie, und ein heißes Rot überflammte ihr Gesichtchen, verzeihen Sie mir! Sie sprang hastig auf. Vielleicht sollte ich dies Zimmer niemals betreten, und Sie sind nun böse auf mich, Frau Baronin, sehr böse!

Aber Kind, wie aufgeregt du bist! sagte Magdalena verwundert, es schadet ja weiter nichts, daß du hier warst, nein, nein, obgleich es mich sehr überrascht.

Es kam so zufällig! erzählte Berta, die jetzt etwas ruhiger wurde, und dann, dann – fand ich das Zimmer so traut, und die Wiege da, die blaue Wiege – ich mußte sie immer ansehen.

Magdalena lächelte, aber ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Da schlief meine kleine Greta, sagte sie leise, da in den weichen, weißen Kissen lag das liebe, blonde Köpfchen immer so tief drin – versteckt, wie ein Blümchen unter Blättern! Wie oft habe ich mich so heimlich an ihrem Anblick erfreut, wie oft, ach! Sie brach ab, und seufzte gequält.

O, weinen Sie nicht! bat Berta bewegt und ergriff die Hand der Baronin.

Du würdest auch weinen, wenn du gelitten hättest, wie ich! sprach Magdalena trübe, sieh, ich hatte nur das eine Kind, und doch mußte es von mir gehen!

Die kleine Greta ist tot? fragte das junge Mädchen mitleidig.

Ja, ja, tot! antwortete Magdalena in unendlich müdem, traurigem Ton.

Berta seufzte. Eine schöne Hoffnung, die plötzlich in ihr aufgetaucht war, erlosch wieder. Die kleine Greta also hatte in der Wiege geschlafen, das einzige, geliebte und gestorbene Kind der Baronin. Da konnte es doch nicht ihre Wiege sein, und alles, was sie so für sich geträumt, war wirklich nur ein Traum gewesen.

Magdalena stand noch über das Bettchen gebeugt. Jetzt richtete sie sich langsam empor. Sie hörte Bertas Seufzer.

Was hast du denn, Kind? fragte sie gütig.

Ach, es tut mir so leid! stammelte das junge Mädchen mit zitternden Lippen.

Magdalena lächelte traurig.

Wohl mancher Mutter stirbt ein Kind, sprach sie leise, mehr zu sich selbst, als zu Berta. Darum würde auch ich mich gefaßt haben, in zwölf langen Jahren, aber es ist so schrecklich, nicht zu wissen – wie und wo es starb – oder ob –? Sie brach ab und sah das junge Mädchen neben sich mit einem verträumten Blicke an. So alt wie du würde meine Tochter gerade sein, fuhr sie dann sinnend fort, fünfzehn Jahre! Es ist das Knospenalter! Ihre blonden Locken wären gewachsen und sie müßte sie offen im Nacken tragen, wie ich es liebe! Berta, dein Haar hat ihre Farbe, hast du auch Locken?

O ja! antwortete das junge Mädchen schüchtern, aber ich bin nur eine Magd, ich durfte sie niemals offen tragen!

Doch, ich möchte dich einmal so sehen! bat Magdalena, ganz mit losen Haaren! Tu mir den Gefallen!

Wenn Sie es wünschen, Frau Baronin! Berta löste hastig ihre Flechten, und eine üppige Flut goldigen Lockenhaares umwogte jetzt das reizende Köpfchen.

O, Mädchen! rief Magdalena aus, o, Mädchen, welch ein Haar du hast! Ebensolche Locken hatte meine Greta, genau so goldig und so seidenweich! Ein paar große Tränen rannen ihr langsam über das blasse, schöne Gesicht.

Berta hatte in tiefer Erregung die Hände gefaltet, der Schmerz der Baronin tat ihr weh und tat ihr wohl. Sie hätte so viel sagen mögen, so unendlich viel, doch sie brachte kein Wort über die Lippen.

Magdalena konnte den Blick nicht von dem Mädchen wenden. Immer tiefer wurde die Qual um das verlorene Glück in ihr, und immer größer die Sehnsucht, als sei es dennoch auf Erden für sie erreichbar.

War sie denn so lange blind gewesen? Ja, Berta erinnerte wirklich an die kleine Greta, und mehr noch an ein Bild, das sie von sich selbst aus ihrer eigenen Jugendzeit besaß.

Wie kam das nur? Es gab ja Aehnlichkeiten, die der Zufall hervorrief, gewiß, und das konnte wohl auch hier sein? Aber seltsam war es, seltsam blieb es!

Mit zitternden Händen strich sie dem jungen Mädchen über das üppige, goldig flimmernde Haar.

Wie schön das ist, murmelte sie, wie schön.

Berta bebte an allen Gliedern. Bei dieser leisen, zärtlichen Bewegung der Baronin überwältigte sie ihr Gefühl. Laut ausschluchzend sank sie auf die Knie nieder und preßte ihr glühendes Gesichtchen in die seidenen Falten des Gewandes ihrer Herrin.

Aber Berta! rief Magdalena erschrocken und verwirrt, was fehlt dir? Was hast du, mein Kind?

O, es ist nichts – nichts! versicherte das junge Mädchen und suchte sich zu fassen. Nur, weil – weil – Sie – eben – so – so – gut – zu mir – waren.

Darum hast du geweint? fragte die Baronin zweifelnd.

Ja, ich – ich – dachte – daran, – wenn – ich – eine Mutter – hätte! stotterte Berta, sie – würde – mir – dann – gewiß – auch so über das Haar – streichen, – sie – würde mich küssen, – mich lieben!

Armes Kind! sagte Magdalena mitleidig, du hast das nie gekannt!

Das junge Mädchen schüttelte traurig den Kopf. Ich bin ja ein Findelkind! sprach sie leise. Ein Findelkind! wiederholte die Baronin träumerisch.


* * *


Es war ein kühler, stürmischer Herbsttag.

Der Regen schlug klatschend gegen die Scheiben der Fenster des Pfarrhauses.

Innen aber war es gemütlich und warm. Wegen der frühen Dunkelheit hatte Julia schon die Hänglampe im Wohnzimmer angezündet, in dem dicken, altmodischen Kachelofen prasselte ein lustiges Holzfeuer, und auf dem Tisch summte die Kaffeemaschine.

Der alte Prediger Frank, welcher sich nicht ganz wohl fühlte, saß in einem hohen, ledergepolsterten Armstuhl – eine Decke über die Knie gebreitet, und ließ sich von der Wirtschafterin den dampfenden Mokka in die mächtige, bunte Porzellantasse einschenken, aus der er seit Jahren zu trinken pflegte.

Hat es nicht eben geschellt, Julia? fragte er seine Haushälterin, plötzlich aufhorchend.

Ach, bei dem Wetter! rief die Frau ungläubig aus, wer soll da wohl kommen?

Sie haben nichts gehört? fragte der Prediger.

Nichts! versicherte Julia im Brustton der Ueberzeugung.

Gleich darauf wurde jedoch laut und heftig an der Hausglocke gezogen.

Also doch! sagte der Prediger, ich irrte mich nicht! Sehen Sie mal nach, wer da ist, Julia!

Gewiß, Herr! Die Wirtschafterin verließ das Zimmer und ging in den Vorflur. Dabei schüttelte sie aber doch den Kopf. Vielleicht hat der Wind nur so an der Klingel gerissen! dachte sie.

Der ungewöhnliche Besucher, welcher draußen auf Einlaß harrte, war ein Mann, der aussah, wie ein Vagabund.

Julia erschrak, als sie die Tür öffnete.

Was wünschen Sie? fragte sie ängstlich.

Ich möchte den Herrn Prediger sprechen! antwortete der Mann mit rauher Stimme.

Jetzt? fragte Julia gedehnt.

Ja, bitte – gleich! entgegnete er in merklicher Erregung.

Aber – ich – weiß doch nicht, meinte die Wirtschafterin unschlüssig, in welcher Angelegenheit kommen Sie denn?

In einer sehr dringenden! stieß der Mann hastig hervor, ich muß den Herrn Prediger sprechen – ich muß!

Julia war immer noch ängstlich und mißtrauisch, aber sie wußte sich keinen Rat.

So kommen Sie herein in den Flur! sagte sie seufzend, ich will mal fragen! Wie heißen Sie denn?

Ach! erklärte der Fremde ausweichend, während er eintrat, der Herr Prediger kennt meinen Namen nicht!

Julia sah sich den Mann scharf an. Er hatte einen ganz verzweifelten, entschlossenen Gesichtsausdruck. Das Wasser rann ihm von dem großen Schlapphut und aus den elenden Kleidern herab.

Er ist sehr arm! dachte sie, und darum darf ich ihn nicht fortschicken!

So ging sie zu ihrem Herrn.

Nach einer Weile kam sie zurück.

Gehen Sie nur herein! sagte sie, auf die Tür weisend, die sie hinter sich offen gelassen hatte, der Herr Prediger erwartet Sie dort!

Mit scheuen, schweren Schritten betrat der fremde Mann das Wohnzimmer. Den Hut nahm er ab und hielt den Kopf gesenkt.

Guten Tag, Herr Pfarrer! sagte er fast tonlos, aber er sah den Prediger gar nicht.

Der Greis blieb ruhig in seinem Stuhle sitzen und blickte dem Besucher mit den klaren, gütigen Augen entgegen.

Kommen Sie doch näher! sprach er jetzt, und seine Stimme klang sehr milde. Es muß etwas Besonderes sein, was Sie zu solcher Stunde in mein Haus führt.

Ja, gab der Mann tief aufatmend zu, es ist auch etwas Besonderes! Ich möchte Ihnen etwas anvertrauen, Herr Prediger, eine Schuld, ja, eine schreckliche Schuld, die mich so furchtbar drückt!

Der Geistliche zuckte zusammen. Er sah den Fremden forschend an, ob er ihn nicht vielleicht doch kannte, aber nein, dies dunkle, hagere Gesicht rief keine, noch so entfernte Erinnerung in ihm wach.

Was haben Sie getan? fragte er ernst, war es eine so große Sünde?

Ja, eine sehr große! antwortete der Mann und senkte den Kopf noch tiefer, es handelt sich um – um – ein – Menschenleben!

O, mein Gott! rief der Greis erbleichend, Sie sind – ein – ein –. Vergebens suchte er nach dem Wort, dem furchtbaren Wort, das er sich doch auszusprechen scheute.

Der Mann verstand ihn trotzdem. Ein müdes Lächeln irrte über sein Gesicht.

Nein, nein! sagte er besänftigend, ich habe nicht getötet! Von Blut sind meine Hände rein! So weit konnte ich nicht sinken.

Prediger Frank atmete auf.

Also das wenigstens nicht, stammelte er, aber wie – wie – sollte ich Ihre Worte anders auffassen? fragte er dann, Sie sprachen doch von einem – Menschenleben.

Das tat ich. Der Mann fuhr sich ein paarmal wie in höchster Erregung mit den Händen durch das feuchte, krause Haar. Und es ist Wahrheit, setzte er leise, fast flüsternd hinzu, an einem unschuldigen Kindlein habe ich mich vergriffen.

Wie? rief der Prediger entsetzt.

Still doch! flüsterte der Fremde, und ein gequälter Ausdruck trat in sein Gesicht, mein Geständnis soll niemand hören, als der Seelsorger von Heifeld. Und das sind Sie!

Ja! sagte der Greis, – und die schönen, guten Augen schienen größer zu werden in dem feinen Gesicht, – das bin ich! Begingen Sie denn Ihre Schuld hier – auf dem Heifelder Grund?

Der Mann neigte den Kopf.

Zwölf Jahre ist es her, hub er an, ruhelos durchstreifte ich die Welt, ich hab manchmal schönes Geld verdient, und doch fand ich keinen Frieden! Des Nachts, wenn ich schlafen wollte, hörte ich ein feines, helles Stimmchen weinen, oder wenn Wind oder Regen gegen mein Fenster schlug, so klang es mir wie das Tappen nackter Kinderfüße. Es war Unsinn, Einbildung, ich wußte es, aber es war eine Qual, die mich nicht ließ, wie weit ich ihr auch zu entfliehen suchte. Manchmal sah ich auch im Traum die kleine, weiße Gestalt und das blonde Lockenköpfchen.

Das Kind war tot? fragte der Prediger.

Ach nein, nein! Den erregten Mann schüttelte das Fieber. Zuerst, als ich es in den Armen hielt, da dachte ich daran, ihm das Leben zu nehmen, und der Herr wollte es wohl eigentlich, aber – ich – ich – konnte doch – nicht! Heute bin ich froh drum!

Von was für einem Herrn sprechen Sie da? forschte der Prediger weiter, wurden Sie zu der Tat angestiftet?

Ja – das heißt, ich war schon erbittert auf den Baron, ich – ich wollte mich irgendwie rächen, weil – weil – er mich – entlassen – aus dem Dienst gejagt hatte! Mühsam, stoßweise brachte der Mann die Worte hervor, und sank dann auf einen Stuhl nieder. Verzeihen Sie, stammelte er, aber – ich bin so müde, ich kann nicht mehr stehen!

Sie hätten sich längst setzen sollen! sagte Prediger Frank gütig, so, und nun frage ich wieder, wo haben Sie gedient?

Hier, im Heifelder Grund!

Bei – meinem –? Der Greis vollendete nicht und sah den Fremden unsicher an.

Bei dem Baron Heifelder! antwortete dieser, ich war Pferdeknecht!

Und weiter?

Nun – der Herr Baron war nicht sehr zufrieden mit mir – ich bin auch bummelig gewesen, lief manchmal heimlich weg, um zu tanzen, und trank auch gern eins über den Durst! Jugend hat keine Tugend! Eines Abends aber, als ich auch fort war, ist die Lieblingsstute des Barons, die Della, plötzlich krank geworden und gestürzt. Der Herr gab mir die Schuld an dem Ende des Tieres, weil ich meinen Posten ungemeldet verlassen hatte. So wurde ich abgelohnt! Nun stand ich plötzlich brotlos da! Die Züge des Sprechers verfinsterten sich. Dies war um so schrecklicher für mich, weil ich nicht in dem besten Ruf stand und auch keine guten Zeugnisse besaß! So grinste mich das Gespenst der Not – der Obdachlosigkeit an, ich wußte nicht wohin, niemand wollte mir Arbeit geben. Meine Verzweiflung wuchs und gleichzeitig erwachte ein furchtbarer Haß in mir gegen den Baron.

Ach! unterbrach ihn der Prediger mit umflorter Stimme, und da faßten Sie den entsetzlichen Plan?

Noch nicht, fiel ihm der Mann ins Wort, noch nicht! Erst ging ich noch zu Baron Manfred, dem Bruder meines einstigen Herrn, nach Elm, um diesen zu bitten, daß er mir helfen möchte! Ich wußte, daß Baron Heifelder und sein jüngerer Bruder nicht aus gutem Fuße standen, und darauf baute ich! Es kam auch so, wie ich dachte. Baron Manfred unterstützte mich und versprach, mehr für mich zu tun! Nach kurzer Zeit rief er mich wieder nach Elm – zu einer geheimen Besprechung. Ich sollte ihm einen Dienst tun, den er mit Tausenden lohnen wollte!

O, Himmel! murmelte der Greis, ist es möglich?

Ja, ja! fuhr der ehemalige Knecht fort, indem er wie erleichtert aufseufzte. Alles, was ich hier rede, ist die reine Wahrheit! Durch Sturm und Regen bin ich zu Ihnen gekommen, um mir das endlich herunter zu reden! Endlich, endlich – denn es frißt mir das Herz ab, es zehrt an dem Marke meines Lebens! All die Jahre ist's mir gewesen, als schleppte ich ein Kreuz mit mir herum – ein Kreuz, das täglich schwerer wird! Ich kann nimmer weiter so – die Last muß ich abwerfen!

Sprechen Sie! Sprechen Sie! drängte nun auch der Prediger, dessen Erregung zunahm.

Ja! Der Dienst, den ich tun sollte und auch tat, erzählte der Mann mit heiserer Stimme weiter, er war – ein Verbrechen! In dunkler Nacht stieg ich durch ein offenes Fenster in das Schlafzimmer der kleinen Baroneß Greta ein und raubte sie ihren ahnungslosen Eltern! Die Bonne schlief am Tisch über ihrer Arbeit – niemand hörte mich – und selbst das Kind, das ich doch aus seinem warmen Bettchen herausgerissen hatte – erwachte nicht. So entkam ich ungesehen.

Großer Gott, stammelte der Prediger und faltete die Hände, nach zwölf Jahren endlich – bringst du uns das Licht!

Der Knecht hatte die leisen Worte des Greises nicht verstanden. Seine Gedanken waren zu sehr mit der Vergangenheit beschäftigt.

Die Tage darauf, fuhr er fort, litt ich schrecklich! Das Kind schleppte ich mit mir herum und verbarg es bald hier und dort. Sein jämmerliches Weinen schnitt mir in die Seele. Am liebsten hätte ich es wieder in das Schloß zurückgetragen, aber ich wagte es nicht. Baron Manfred deutete mir immer energischer an, daß das Kind ganz verschwinden müßte, wenn ich nicht dafür sorgte, würden wir beide hereinfallen! Dies sagte ich mir auch, und doch brachte ich es nicht über mich, das kleine Geschöpf zu töten! Endlich fand ich einen Ausweg.

Greta lebt? fragte der Prediger, und ein wunderbares Leuchten trat in seine schönen, guten Augen.

Der Mann nickte.

Sie lebt! bestätigte er, nach vielem Ueberlegen war mir eine alte Frau eingefallen, die in meinem Heimatdorfs wohnte und öfter Ziehkinder annahm. Zu ihr brachte ich die Kleine. Es ist ein gefundenes Kind, sagte ich ihr, aber weil es so niedlich ist, will ich etwas dafür zahlen! Die Frau war einverstanden. Nun wurde das Baroneßchen in Bauernkleider gesteckt und Berta genannt!

Berta? rief der Prediger, und eine tiefe Freude zitterte durch seine Stimme.

Ja! sagte der Knecht, und ich ging nun zum Baron Manfred, und meldete ihm, das Kind sei für immer verschwunden! Daraufhin zahlte er mir noch eine anständige Summe aus, und ich zog damit in die Fremde. Mein Glück wollte ich suchen, aber man findet das Glück nicht, wenn man ein schlechtes Gewissen hat! Ich bin zurückgekommen, ärmer als ich vorher war, ehe mir der Judaslohn in der Tasche klang!

Ich glaube es Ihnen! sprach der Prediger ernst, aber Sie bringen doch etwas mit, was Sie vorher nicht besaßen – den ehrlichen Wunsch, eine Unrechte Tat, die Sie begingen, wieder gut zu machen!

Das möchte ich! rief der Mann erregt, wenn ich es nur könnte, wenn es nur nicht schon zu spät ist.

Wieso? fragte Prediger Frank erschrocken.

Es war mein erster Weg, fuhr der Knecht fort, nach Talkirchen zu gehen, um mich zu überzeugen, was aus der kleinen Baroneß geworden ist. Da hörte ich dann aber, daß die Witfrau Schuhmacher, die alte Ziehmutter, wo ich das Kind untergebracht hatte, schon vor einer ganzen Weile gestorben war, und die Berta sei aus dem Dorfe fortgewandert, um sich einen Dienst zu suchen. Wohin sie sich gewandt haben konnte, wußte niemand!

Der Prediger lächelte.

Aber ich weiß es! sagte er freudig.

Der Mann sah ihn verwundert an.

Wieso? fragte er ungläubig.

Weil – die kleine Greta zufällig schon – bei ihren Eltern im Hause ist!

Nicht möglich! stammelte der Knecht, – die Sache ist so herausgekommen?

Nein! sagte der Prediger, erst Ihr Geständnis klärt alles auf! Greta dient gegenwärtig noch – unerkannt – als – Magd im Schlosse – aber – war es nicht schon eine wunderbare Schicksalsfügung, die sie überhaupt dorthin führte?

Mehr als das! rief der Mann erschüttert, das war ein Wunder Gottes.

Prediger Frank nickte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Zwölf Jahre sind dahin gegangen, seit die kleine Greta auf rätselhafte Weise aus dem Schlosse verschwand, sprach er leise, wie zu sich selbst, – meine Tochter, meine arme Magdalena hat nie aufgehört, ihr einziges, heißgeliebtes Kind zu beweinen! Wir alle aber betrauerten es längst als tot! Das Schloß ward öde, weil kein helles Stimmchen mehr darin erklang, und mein guter Schwiegersohn wurde durch den stillen Gram frühzeitig zu einem siechen, kranken Manne! Da brachte die kleine, herzige Berta den ersten Sonnenstrahl ins Haus, sie kam nur als Magd, als ein armes, namenloses Geschöpfchen, niemand wußte, wer sie wirklich war, und doch – und doch –.

Es gibt eine Stimme der Natur! murmelte der Knecht, ich weiß es, ich habe es an mir selber erfahren!

Ja, ja! Der Prediger nickte wieder, und nun – zuletzt – bitte ich Sie noch um eins, sagte er freundlich, nennen Sie mir doch auch Ihren Namen!

Michael Steiner! antwortete der Knecht ein wenig zögernd.

Fürchten Sie nichts! sprach Frank besänftigend, nach so langer Zeit denkt niemand mehr daran, Sie zu richten! Im Gegenteil, man wird Ihnen dankbar sein, daß Sie endlich das Geheimnis lüften, welches die kleine Berta umgibt!

Aber Baron Manfred? fragte Steiner, wie in plötzlichem Erschrecken, er wollte ja das ganze Erbe für seine Söhne –

Nicht doch! unterbrach der Prediger den Redenden, Baron Manfred hat nur noch einen lebenden Sohn, und dieser arme, einzige ist ein blödsinniger Knabe, er ist taubstumm!

Das wußte ich nicht! stammelte Michael Steiner.

Für dies unglückliche Kind wird natürlich immer gesorgt sein! fuhr der Prediger fort, dafür bürgt mir schon die Herzensgüte des Baron Franz und meiner lieben Tochter! Wie sich aber sonst die beiden Brüder abfinden werden, nach dem, was geschehen ist, das weiß ich nicht! Mit einem Seufzer brach er ab und lehnte das Haupt müde gegen das steife Polster seines hohen Stuhles zurück. Sein Gesicht war sehr bleich, und das feine, weiße Haar umwob es wie ein leuchtender Kranz.

Sind Sie krank? fragte der Knecht nähertretend.

Alt bin ich, alt, Michael Steiner! antwortete Prediger Frank, und ein gütiges Lächeln zog über sein Gesicht, da kommen denn so allerhand Leiden! Aber ich danke meinem Gott, daß ich diesen Tag und diese Stunde noch erleben durfte! Nun weiß ich doch gewiß, daß die kleine Berta – eigentlich – Greta – meine Enkelin – ist! – – – – –


* * *


Baron Franz Heifelder und Magdalena saßen zusammen im Salon.

Die Balkontüren waren jetzt geschlossen und verhängt. Draußen rauschte die Ostsee laut und wild, und der Wind pfiff dazu ein mächtiges, ergreifendes Lied.

Im Kamin prasselte ein lustiges Holzfeuer und strahlte eine angenehme Wärme aus.

Baron Franz und Magdalena hatten sich ihre Sessel ganz nah an den Kamin gerückt, und so lag auch ein Widerschein des rosigen Lichtes auf ihren Gesichtern.

Magdalena las aus einem Buche vor, und der Baron lauschte träumerisch der geliebten, weichen Stimme, es kam für ihn gar nicht darauf an, was sie eigentlich sagte, sondern nur, daß sie überhaupt sprach.

Jetzt wirst du aber aufhören müssen, mein Lieb! unterbrach er sie endlich, doch in mildem Tone, du siehst ja nichts mehr!

Du hast recht, Franz! sagte Magdalena lächelnd und schloß mit einem leisen Seufzer das Buch, das bißchen Tageslicht verschwindet schon wieder!

Sie sah zu den Fenstern hin, durch welche die frühe Winterdämmerung hereinbrach.

Wie die See rauscht, meinte der Baron, ebenfalls nach den Fenstern blickend, weißt du, woran mich das erinnert, Liebste?

Nun? fragte Magdalena sanft.

Immer an die ersten, wonnigen Jahre unserer Ehe, immer an unser Kind, an die kleine Greta!

Ja, ja! entgegnete Magdalena, und ihre Augen wurden feucht, daß man das auch nie vergessen kann, Franz! Hall–lall! rief sie jedesmal, wenn sie die See sah, mit ihrem hellen Stimmchen: Hall–lall!

Der Baron fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

Ich weiß nicht, woran es liegt, sagte er leise, daß ich jetzt, gerade jetzt, so viel mehr an das Kind denken muß, als früher!

Aber ich weiß es! antwortete Magdalena, und ihre Stimme begann zu zittern, denn mir geht es ebenso! Das ist – seit wir die kleine Berta um uns haben!

Das liebliche junge Mädchen! Der Baron nickte. Ja, ja, sie hat auch das gleiche Alter.

Und die blonden Locken, warf Magdalena ein.

Und die blauen Augen! Der Baron beugte sich zu seiner Frau hinüber. Wahrhaftig, ich wollte es schon manchmal sagen, und hielt doch damit zurück! Sie hat Augen, wie du, mein Lieb!

Magdalena erfaßte in tiefer Erregung die Hände ihres Mannes. So saßen sie stumm und sahen sich an.

Wenn es möglich wäre, dachten sie beide.

Draußen heulte die See, und der Winterwind sang und seufzte. –

Im Schloß war inzwischen Besuch angekommen – der Prediger Frank aus dem Heifelder Grund, aber weder der Baron noch die Baronin wußten das.

Der alte Herr hatte auch zuerst die Herrschaften gar nicht sprechen wollen, sondern fragte nach der kleinen Berta. Er ließ sich in die Küche führen und ging sogar in ihre Kammer. Was er dort mit dem jungen Mädchen verhandelte, erfuhr niemand.

Der Baron und Magdalena saßen immer noch still in dem Salon.

Die Dämmerung wurde stärker, aber auch das Leuchten im Kamin nahm zu. Das Feuer glänzte rosig wie eine Hoffnung, die aus dem Dunkeln wuchs.

Da – mit einmal näherten sich Schritte vom Flur her – und die Tür des Salons öffnete sich.

Wer kam da? Der Baron wandte verwundert den Kopf, ebenso seine Frau.

Bist du es, Berta? fragte Magdalena.

Ja! antwortete das junge Mädchen leise, und betrat den Raum.

Die Baronin richtete sich unwillkürlich in ihrem Sessel etwas empor.

Was hast du denn, Kind? fragte sie, du scheinst aufgeregt zu sein!

Ja! entgegnete Berta noch einmal, und die weiche Stimme zitterte. An allen Gliedern bebend, stand sie vor Magdalena. Sie war eine andere als sonst, nicht mehr so ganz das demütige, dienende Geschöpf, und dabei doch von einer rührenden Hilflosigkeit, die erschütternd wirkte. Ihr Gesichtchen war verweint, die Augen naß, und das blonde, krause Haar hing ihr wirr um die Stirn.

Magdalena ergriff ihre Hände und zog sie zu sich heran.

Komm her, zu mir, mein Kind! sprach sie freundlich, und sage mir alles!

Ach, ja, ja! rief Berta aufschluchzend und warf sich der Baronin zu Füßen nieder. Hier preßte sie den Kopf an Magdalenas Kniee und weinte bitterlich. 

Aber was hat die arme Kleine? fragte jetzt auch Baron Franz mitleidig. Sie war doch sonst immer heiter und froh wie ein Vögelein!

Ich weiß es nicht! stammelte Magdalena und strich mit der feinen Hand über das aufgelöste Haar des jungen Mädchens. Ich verstehe das nicht!

Da hob Berta den Kopf und sah sie aus über-strömenden Augen an. Ach, sagte sie stockend, ich –  wollte – ja – nur fragen, – ob – ob – du –  wirklich – meine – Mutter bist?!

Magdalena stieß einen Schrei aus, sie erhob sich, aber die Kniee wankten ihr vor Erregung, auch der Baron sprang von seinem Sessel empor.

Greta! riefen dann beide wie aus einem Munde.

Da öffnete sich die Tür des Salons zum zweiten Male, und der greise Prediger Frank trat ein.

Nicht wahr? sagte er gütig, ich komme zu einer guten Stunde?

Da niemand antwortete, ging er hin zu der armen, kleinen Magd, die noch immer am Boden lag, und hob sie auf.

Ihr habt Augen, zu sehen, und Ohren, zu hören, meine Kinder! sprach er dann weiter. Gott hat ein Wunder getan! Seht her – dies ist eure Tochter!

Da wich endlich der Bann von Magdalena. Sie fragte nicht, sie zweifelte nicht, sie öffnete ihre Arme weit dem armen, verlassenen Kinde, sie küßte ihm alle Tränen fort von dem heißen, verweinten Gesichtchen und bettete es an ihrer warmen Brust. Hörst du, was da klopft? flüsterte sie zärtlich, es ist ein Mutterherz! – – – – – – 

Ein paar Tage später gelangte die Botschaft auch nach Elm, daß die kleine Greta nach so vielen Jahren dennoch ihren Eltern wieder geschenkt war.

Johanna nickte dazu. Sie sah müde und vergrämt aus.

Siehst du wohl, sagte sie zu ihrem Manne, meine Ahnung hat mich nicht getäuscht! Unser armer Junge kann noch im Elend zu Grunde gehen!

Schweig still! fuhr sie Baron Manfred an, blaß wie der Tod. Sie wußte nicht alles, was er wußte, und das war gut. – Spät am Abend ging er noch fort.

Johanna, die es sah, eilte ihm nach, bis in den Hof.

Wohin willst du? fragte sie ängstlich, du trägst ein Gewehr?

Ich gehe in den Wald! antwortete er kurz, leb wohl! Er drehte ihr den Rücken zu und ließ sie stehen.

Johanna seufzte und ging in das Haus zurück. Leise schlich sie sich nach oben in das Zimmer ihres unglücklichen Knaben.

Gottlieb schlief – er hatte ein Bett wie ein Prinz mit seidenen Kissen, jeder noch so unsinnige Wunsch wurde ihm erfüllt. Was nützte es? Er hatte doch die Gesundheit, die Freuden der Jugend nicht.

Johanna stand am Fenster und zog die Gardine zurück. Da sah sie über Haus und Hof hinweg, nach dem verschneiten Walde hinüber. Wie hell der Mond schien! Sie dachte an Manfred. Dort irrte er nun umher – ruhelos – finster – die dunkle Qual im Herzen – und sie wußte es – sie fühlte es – daß er nie mehr wieder kam. Er war in die Nacht gegangen – in die ewige Nacht. – – – –