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Elisabeth Bauck – Das Lichtchen

Erzählung

Aus: Elisabeth Bauck, Der Engel der Geduld und andere Erzählungen, Ernst Kaufmann, Lahr (Baden), New-York, N. Y., o. J.


Das Lichtchen! So hieß man sie überall. Die Bauern im Dorf hatten sie gern Die ganz Armen und Elenden aber, die mochten sie am liebsten. Sie war nicht schön, nur jung und lieblich, begabt mit jenem Zauber, der einzig dem guten und reinen Herzen entspringt. Sie war immer freundlich, das Lächeln wich nie von ihrem stillen, sanften Gesichtchen.

Sie hatte nicht Vater, nicht Mutter. Ein halbes Kind noch, kam sie zu Karl Stößen, einem wohlhabenden Grundbesitzer ins Haus, der ihr Onkel war. Dieser stand ganz allein auf der Welt, ein alter, wortkarger Mann, mürrisch und finster. Früher führte ihm eine gelernte Mamsell, schon in gesetzten Jahren, die Wirtschaft, jetzt tat es die kleine kindliche Grete.

Karl Stößen hatte nie Liebe gekannt und konnte darum auch keine geben. Mit dem weichen, zärtlichen Ding, mit der Grete, wußte er nun schon gar nichts anzufangen. Er war kurz, kalt und herrisch gegen sie, und sie sah durchaus keine besseren Tage bei ihm, als früher die fremde Mamsell.

Er ging ihr sogar oft absichtlich aus dem Wege, denn bei aller Freundlichkeit lag doch in ihren braunen Augen manchmal ein Ausdruck, den er nicht ertragen konnte, so etwas Unbeschreibliches von Sehnsucht und Schmerz.

Was wollte sie denn, die dumme Dirn? Hatte sie nicht alles? Im Jahre so und so viel Schürzen und Kleider, ein gutes Taschengeld, kräftiges Essen, und eine Freiheit bei allem, was sie tat, wie sie sonst nur Frauen genießen! Na also! Die durfte wohl zufrieden sein! Daß sonst noch etwas anderes zum Leben gehören konnte, etwas Tieferes, Herzlicheres, das kam Karl Stößen nicht in den Sinn!

Die kleine Grete aber, das war ein wunderlich Ding. So ein Lichtchen, das wollte auch leuchten! Weil sie aber im Hause so gar nichts fand – so ging sie ins Dorf zu den Aermsten der Armen, den Unglücklichen und Unterdrückten.

Mit ihrem liebreichen Lächeln, ihrer stillen, sonnigen Fröhlichkeit, wanderte sie nach und nach unter all die elenden Strohdächer, für Kranke brachte sie Stärkungsmittel und im Sommer einen selbstgebundenen Blumenstrauß. Gute Worte fand sie für jeden, und eine warme, man möchte fast sagen –mütterliche Teilnahme.

Wenn sie kam, erheiterten sich die Gesichter, und ging sie, ließ sie etwas zurück wie einen himmlischen Strahl, eine leise Hoffnung, einen sanften Trost.

Es kann ja noch besser werden! sagte sie immer und man glaubte es ihr, weil sie so vertrauend sprach.

Karl Stößen erfuhr wohl von Gretes stillen Taten, aber ihn verdroß das alles weit mehr, als es ihm gefiel; Grete wirtschaftete ihm nicht sparsam genug. Es war nie so gut für die Knechte und Mägde gekocht worden als jetzt. Einmal kam er doch damit heraus.

Sag mal, Dirn, sagte er mürrisch, was fällt dir eigentlich ein? Du tafelst ja meinen Taglöhnern wie den Fürsten auf!

Grete sah ihn verwundert mit ihren sanften, braunen Augen an.

Aber Onkel, entgegnete sie freundlich, wer arbeitet, muß doch auch essen!

Ach was! schalt Karl Stößen, du verbrauchst viel zu viel für die Außenwirtschaft, das darf nicht so fortgehen!

Ja, wenn ich nur wüßte, wo man sparen könnte! seufzte Grete.

Die Leute waren früher mit weit schlechterem Essen zufrieden! fuhr der Gutsherr fort, wenn ich denke, was die Mamsell manchmal in dem großen Kupferkessel für die zusammengebrodelt hat! Wie für die Schweine, sage ich dir!

Tagelöhner sind doch aber auch Menschen, Onkel! erklärte Grete sanft.

Na, und wenn schon! Du übertreibst alles! Noch nie haben wir den Arzt so oft im Dorf gehabt wie jetzt! Da braucht dir nur bei deinen alltäglichen Hüttenbesuchen irgend ein altes Weib vorzuklagen, daß ihr der kleine Finger weh tut, gleich wird zu Doktor Rother geschickt!

Grete lachte.

Aber Onkelchen, mach mich nur nicht gar zu schlecht! rief sie schelmisch, ich bin doch das Lichtchen, das sie sonst alle gern mögen!

Ja! brummte Karl Stößen, das Lichtchen, das in alle Ecken guckt, wo es nicht hinzusehen braucht!

O, o, so böse bist du auf mich? Grete behielt ihr freundliches Gesichtchen. Und was wirst du nun sagen, wenn der Doktor gar heute schon wieder kommt?

Bist du verrückt, Dirn? schrie der Gutsherr entrüstet.

Grete schien der Zorn ihres Onkels weiter nicht zu berühren.

Die alte Karlies ist krank, sagte sie mitleidig, ich habe ihr den Puls gefühlt –sie –

Ach was – Puls gefühlt! unterbrach Karl Stößen das junge Mädchen wütend, fühle du nur deinen Baubau den Puls, dummes Ding!

Die Karlies fiebert, fuhr indes Grete unbeirrt fort, und bei den schlechten Wasserverhältnissen, die augenblicklich bei uns herrschen, fürchte ich, es könnte Typhus sein!

Typhus! Typhus! Der Gutsherr lachte spöttisch. Seit Menschengedenken haben wir hier nicht so was gehabt! Aber ich will dir sagen, was der alten Karlies fehlt – die Arbeit! Tun will sie nichts, das Faultier! Still im Bett liegen und sich von dem Lichtchen pflegen lassen, das gefällt ihr! Na, du sollst schon sehen, wie ich der Beine mache! Morgen ist sie gesund ohne Arzt!

Onkel, wenn ich dir sage. Grete wurde ganz aufgeregt.

Ach, du, du! Karl Stößen lachte brutal, du bist schon aus dem richtigen Stoff gemacht für eine Gutsfrau! Wo willst du dir Respekt verschaffen mit deiner kleinen Piepsstimme und dem Gesicht? He? Jetzt siehst du wieder aus wie eine leidende Gerechte!

Für mein Gesicht kann ich nicht! sagte Grete in verletztem Tone, aber daß die alte Karlies krank ist und stark fiebert, weiß ich ganz gewiß!

Na, vielleicht hat sie wirklich mal einen Schnupfen! meinte der Gutsherr spöttisch, da kannst du ihr leidendes Riechorgan doch auch privatim mit Kamillenbädern behandeln! Muß mir da Doktor Rother gleich wieder so und so viel für seine Visite aufkreiden?

Er soll dir gar nichts aufkreiden, Onkel! erklärte Grete, und zwar so fest, so ruhig und bestimmt, wie sie Karl Stößen noch nie hatte sprechen hören

Nun, und? Wer wird dann die Rechnung bezahlen? erkundigte er sich einigermaßen verblüfft.

Ich! antwortete Grete.

Du? Der Gutsherr sah sie scharf an. ·Von was denn?

Von meinem Gelde! erklärte sie ruhig.

Ach, du meinst das Taschengeld, was ich dir alle Monat gebe?

Allerdings, allein ich denke, ich verdiene mir dies redlich durch meine Arbeit! Die Mamsell bekam mehr Lohn als ich!

Zugegeben! Aber sie war auch ziemlich noch mal so alt wie du!

Tut das etwas? Gretes Augen weiteten sich erstaunt. Ich meine, nur die Arbeit entscheidet, und ich bin doch immer auf dem Posten.

Zugegeben! sagte Karl Stößen zum zweitenmale, aber das hat weiter nichts mit der Doktorrechnung zu tun. Die bezahle ich! Punktum!

Damit war die Sache erledigt.

Am nächsten Tage kam der Doktor aber doch. Grete verstand es bei aller Sanftmut, ihren Willen durchzusetzen.

Dieser Arzt war ein kluger, menschenfreundlicher Mann. Er hatte ein Herz für die Armen, und liebte das Lichtchen gerade darum, weil es immer da war, wo es sonst keine Hilfe gab.

Sie ist ein Hauptmädel, die Mamsell Grete! sagte er bei seinem jedesmaligen Besuch zu dem Gutsherrn, auf die können Sie stolz sein!

Karl Stößen zuckte die Achseln

Ist ein Mädchen, wie andere auch, brummte er.

Das wollte aber Doktor Rother nicht gelten  lassen.

Mamsell Grete hat etwas an sich! entgegnete er lebhaft, etwas, was Kranke gesund machen kann und müde Herzen erfrischt! Das wohnt im Gemüt, es läßt sich nicht lernen! Die Bauern in ihrer Einfalt haben das richtige Wort dafür gefunden, ein Lichtchen wird sie allen, zu denen sie kommt!

Die Bauern sind blöde Narren! sagte Karl Stößen verächtlich, und solchen zu gefallen, ist nicht schwer, besonders wenn man wie die Grete immer etwas Nahrhaftes mitbringt! Lehren Sie mich nicht diese Leute kennen! Von dieser Meinung war er nicht abzubringen.

Der Doktor sah das schließlich ein, und sagte nichts mehr. Nur die Grete tat ihm leid, daß sie mit einem solchen alten Starrkopf zusammenleben mußte.

Armes Ding, dachte er bedauernd, was wird noch aus ihr werden? Ein Gotteswunder fast, daß sie sich so halten konnte bis jetzt –

Heute kam der Arzt mit einem sehr ernsten Gesicht zu dem Gutsherrn.

Nun – was ist's mit dem alten Weib? fragte Karl Stößen unwirsch.

Mamsell Grete hat wieder einmal recht! entgegnete Doktor Rother seufzend, die alte Karlies hat wirklich den Typhus und zwar recht schwer!

Donner und Doria! Der Gutsherr schlug erregt mit der Faust auf den Tisch. Eine ansteckende Krankheit in meinem Dorf – das fehlte! Grete hat Ihnen am Ende wohl nur was eingeredet, Doktor, he?

Der Gefragte sah etwas betreten aus.

Meine ärztliche Meinung kann Mamsell Grete nicht beeinflussen! erklärte er ernst, wenn ich auch sonst die größte Hochachtung vor ihr habe! Das sollten Sie sich doch selbst sagen, Herr Stößen!

Nun, nichts für ungut, lieber Doktor! lenkte der Gutsherr ein. Aber die Sache ist wirklich sehr unangenehm! Muß uns die Karlies den Typhus kriegen!

Der Arzt zuckte die Achseln.

Der liebe Herrgott wird wissen, warum er die arme Seele zu sich ruft! meinte er, sie hat keinen Menschen, und wenn Mamsell Grete nicht wäre, das Lichtchen –

Karl Stößen zog die Brauen finster zusammen.

Natürlich, sagte er, wieder in seinen alten, mürrischen Ton zurückfallend, die Grete ist überall, wird sich auch noch die verwünschte Krankheit holen! Von morgen ab tut sie mir keinen Schritt mehr ins Dorf!

Ein feines Lächeln huschte um die Lippen des Arztes.

Mamsell Grete verläßt ihren Posten nicht! sagte er, dafür kenne ich sie zu gut! So eine, die ist treu bis in den Tod!

Na, vor allen Dingen gehört doch das Mädel zu mir! entgegnete Stößen fast heftig, und wenn sie es noch nicht gelernt hat, mir zu gehorchen, dann soll sie es jetzt lernen! Sie verstehen doch, Doktor, ich bin ein Mann!

Ich verstehe nur, sagte der Arzt leise, daß Mamsell Grete das Lichtchen ist, das wir alle so lieb haben. Der armen Kranken da unten im Dorf bringt sie einen letzten Glücksstrahl in ihr elendes Dasein, das nur Mühe und Arbeit gewesen ist. Es wäre nicht barmherzig, die gute, kleine Mamsell gewaltsam von dieser einfachen Christenpflicht zurückzuhalten!

Hm! Hm! Karl Stößen räusperte sich. Es war ihm plötzlich ein bißchen weich ums Herz geworden, aber wie alle starken Naturen kämpfte er das rasch hinunter. Er wollte es sich bei Leibe nicht merken lassen.

Wir werden ja sehen, meinte er nach einer Weile, aber jedenfalls rede ich mit ihr – jedenfalls! Es kann mir nicht recht sein, wenn Grete sich so in Gefahr begibt! In Gefahr befinden wir uns augenblicklich alle! erklärte Doktor Rother, denn wo Typhus überhaupt vorkommt, beschränkt er sich selten auf den einzigen Fall, sondern greift leicht weiter um sich. Damit müssen wir schon rechnen! Vorsichtsmaßregeln – so viel nur möglich – habe ich getroffen, und Mamsell Grete eingeprägt.

Das ist recht gut und schön! sagte Karl Stößen, das Mädel war aber immer kerngesund, und eine kranke Wirtschafterin kann ich auch absolut nicht brauchen!

Ich glaube, er würde sie fortjagen, wenn sie krank würde! dachte der Arzt bei sich, so ein armes Lichtchen!


* * *


Bergab, ganz unten im Dorf, da stand eine niedrige Hütte. Sie war vielleicht nicht besser und nicht schlechter, als die andern Häuschen der Tagelöhner, aber sie sah so verlassen aus, so traurig.

Traurig war es auch innen.

Da lag eine arme alte Frau auf ihrer dürftigen Bettstatt, das hagere Gesicht glühend im Fieber. Es dürstete sie und ihre Lippen waren wie verdorrt. Sie ächzte.

Da öffnete sich die Tür der Hütte und Grete trat ein. Ihr Gesichtchen strahlte von Güte und Freundlichkeit.

Da bin ich, Mutter Karlies! sagte sie mit ihrer hellen Kinderstimme, und ich bringe auch Eis mit. Das soll Ihnen gut tun! «

Die Kranke streckte ihr freudig die Hände entgegen.

Lichtchen! flüsterte sie beglückt, liebes Lichtchen!

Grete beugte sich zu der alten Frau nieder und begann sie sogleich besser zu betten. Dann machte sie ihr Eisumschläge und kühlte die trockenen Lippen.

Denken Sie, ich bin Ihre Tochter, Mutter Karlies! sagte sie sanft, Sie hatten doch eine –

Ja, ja, murmelte die Kranke und das Fieber schüttelte sie. Meine Amanda! Aber sie lief weg, weil sie nicht immer hungern und frieren wollte bei der armen, alten Mutter.

Und jetzt? fragte Grete.

Jetzt? Ja, wo mag sie sein, in der großen Welt? Die alte Karlies seufzte. Verdorben –gestorben, am End! Glaub's schon! Junges Blut ist heiß, mein Lichtchen!

Grete nickte, obwohl ihr kindlich reines Herz von solchen Dingen gar nichts wußte.

Still und freundlich setzte sie sich an das Bett der Kranken.

Wenn Amanda noch lebt, wird sie der liebe Herrgott gewiß herschicken! tröstete sie, und wenn nicht, dann hat sie's wohl im Himmelreich!

Die Karlies lächelte verträumt, und ihre Augen blickten so eigen und groß das junge Mädchen an.

Da ist der goldene Tisch gedeckt, auch für uns Arme! flüsterte sie, lieb Lichtchen, du bist ein fromm Kind?

Ich weiß nicht! stammelte Grete scheu.

Wenn ein fromm Kind recht schön bitten tut, fuhr die Kranke ein wenig lauter fort, dann erhört's der gute Heiland.

Um was soll ich denn bitten? fragte Grete.

Daß er mich bald einläßt, da oben, in goldenes Haus, und daß ich mein Kind da wieder sehe unter den schönen Englein in den weißen Kleidern und mit der leuchtenden Lilie der Unschuld in der Hand. Ach, und so herzig müßt es ausschauen, wie du – ein Lichtchen!

Grete traten die Tränen in die Augen

Ich will tun, wie Sie's wollen, Mutter Karlies! versprach sie gerührt, ich werde den lieben Herrgott bitten!

Dann saß sie still mit gefalteten Händen da, und auch die Kranke schwieg.

Das Eis schien seine Wirkung zu tun und die Fieberglut ein wenig zu dämpfen.

Bald versank die Karlies in eine Art Halbschlaf.

Grete bemerkte es nach einer Weile, versah die Kranke noch gründlich und ging dann leise fort.

Vor der Tür traf sie eine junge Taglöhnerfrau, die noch schwach war von ihrem eben überstandenen Leiden. Sie saß auf der kurzen Steintreppe, welche zur Dorfstraße hinabführte und strickte an einem winzigen, dicken Strumpf aus rosa Wolle.

Na, Frau Janitz, was machen Sie da? fragte Grete freundlich.

Die junge Frau blickte von der Arbeit auf, und ein warmer Schein flog über ihr elendes Gesicht.

Für Emmachen! sagte sie stolz, es ist nun man schon das siebte Kind! Sie seufzte ein wenig, lachte aber dann und drehte und wendete das grobe, rosenfarbige Strümpflein in den Händen hin und her.

Grete lachte auch und meinte tröstend:

Ei, Janitzen, für so ein ganz Kleines finden sich auch schon noch ein paar Krümmchen! Wenn der liebe Herrgott hilft, sagte die junge Mutter leise, fast bittend, und das Lichtchen!

Der sonnige Ausdruck trat noch mehr hervor in Gretens Gesicht.

Ich will daran denken, gewiß! versprach sie ernsthaft, es wird schon gehen, daß wir dem Emmachen ein bißchen den Tisch decken. Was braucht denn so ein kleines Kind?

Wenig, und doch viel! meinte die Mutter seufzend, es muß alles da sein! Sie strich sich mit der Hand das Haar aus der Stirn und fing dann an, weiter zu stricken. Ja so, fragte sie dabei nach einer Weile, wie geht's denn der alten Karlies da drinnen? Ist sie schlimm krank?

Sehr schlimm! sagte Grete, sie hat das böse Sumpffieber – Typhus nennt das der Doktor! Es ist eine ansteckende Krankheit, aber wenn Sie keine Angst haben, Janitzen, wär mir's lieb, Sie gingen ein bißchen ins Haus und geben acht auf die Karlies! Wollen Sie?

Ja, Lichtchen! erklärte die junge Frau und stand auf, ich gehe gleich! Nein, da hab ich nicht Angst vor! Ach, ich war ja so krank, daß mir Mutter schon das Totenhemd nähen wollte, und Gott hat mich doch wieder aufstehen lassen! Sieben Küchel sollen wohl nicht ohne ihre Glucke sein! Sie lachte und ihre mütterlichen Augen freuten sich von neuem an dem derben, kleinen Strumpf.

Gut denn! sagte Grete befriedigt, am Abend komme ich wieder! Jetzt muß ich noch schnell einen Rundgang durch das Dorf machen, und sehen, ob alles gesund ist. Leben Sie wohl, Janitzen!

Sie nickte der jungen Frau freundlich zu, die nun eilig in der Hütte der Karlies verschwand.

Grete ging darauf von Haus zu Haus. Dank ihrer unermüdlichen Fürsorge herrschten leidliche Verhältnisse.

In einer Hütte aber fand sie einen schwerkranken Knaben. Da er immer schwächlich gewesen war, hatte man seinen Zustand weiter nicht beachtet.

Die Eltern arbeiteten auf dem Felde, das Kind aber lag stöhnend zwischen seinen gesunden, pausbackigen Geschwistern und murmelte wirre, abgerissene Worte.

Grete legte ihre weiche Hand auf die glühende Stirn des Knaben.

Tut der Kopf weh, Walterchen? fragte sie sanft.

Der Kleine antwortete durch ein unverständliches Lallen. Mit seinen glänzenden Augen, deren Pupillen unnatürlich geweitet waren, sah er sie starr an. – Grete erschrak.

Der arme Junge hat ja auch den Typhus! stieß sie erregt hervor.

Bestürzt sah sie auf die gesunden Kinder, die ahnungslos – blühend und frisch – neben dem Kranken schliefen.

Da mußte sie gleich Aenderung schaffen! Aber wie? Die arme Familie besaß nur zwei Betten für Mann und Frau und fünf Kinderlein. Dazu kam, wie Grete wußte, oft noch die alte Mutter aus dem Nachbardorf zu Besuch, dann lag der Mann wohl – auf der Erde. Sie wußte sich nicht anders zu helfen, als daß sie die gesunden Kinder in das andere Bett packte und Walter dann allein ließ, möglichst frei und leicht, so daß er recht aufatmen konnte. Dann machte sie ihm kalte Umschläge.

Als er sich etwas beruhigt hatte, ging sie wieder, das Herz war ihr recht schwer.

In dem Gemüsegärtchen, welches hinter dem Hause lag, entdeckte sie endlich die Großmutter. Krumm und lahm, wie sie war, kam sie ihr doch freudig entgegen gehumpelt.

Ei, das Lichtchen! rief sie mit ihrer müden, heiseren Stimme, schaut's auch mal wieder in unser armes Haus?

Ja, Großmutter! sagte Grete, aber ich bin recht traurig um den Walter!

Die alte Frau nickte, ohne jedoch zu verstehen.

Ja, ja, 's ist ein Kreuz! meinte sie trübe, ein Elendskind! Immer steckt's ihm wo! Mein Sohn kriegt manchmal einen wahren Zorn auf das unschuldige Lamm. Ich sag nur immer zur Tochter, der Herr hat's gegeben – er wird auch wissen, wenn er's wieder nehmen will!

Sie wissen nicht, wovon ich rede, Großmutter, fiel Grete der alten Frau endlich ins Wort, Sie haben keine Ahnung, was dem Walter fehlt! Ich muß gleich den Doktor schicken. Der Junge hat den Typhus – das böse Fieber!

Heiliger Gott! rief die Großmutter erschrocken, dasselbe, was die alte Karlies hat? Dasselbe, woran die sterben tut?

Noch ist die Karlies nicht tot! antwortete Grete, aber freilich, es wird wohl so kommen, sie wünscht sich auch ins Himmelreich, die verlassene Seel!

Die Großmutter nickte vor sich hin.

Unser Walterchen pflückt auf Erden am End auch nicht die Freudenblumen, meinte sie seufzend, arm und krank – das ist schon nichts!

Tun Sie sich doch derweil ein bißchen um nach dem Jungen, Großmutter, sagte Grete, und dann hüten Sie die gesunden Kinder! Das Fieber steckt an!

Du lieber Herrgott! stammelte die Frau, wir haben noch vier muntere Küchlein im Nest! Man füttert und pflegt sie genug!

Ich glaube es, Großmutter! versicherte Grete besänftigend, sie werden ja auch hoffentlich nicht krank werden! Nur immer guten Mut!

Zum Abschied gab sie der Frau die Hand und schenkte ihr ein Geldstück. Dann ging sie eilig weiter.

Unterwegs begegneten ihr zwei Taglöhner, die auf einem langen, schmalen Brett einen dritten Arbeiter, welcher im Felde erkrankt war, heimtrugen.

Es ist so toll heiß draußen! meinten sie zu Grete, die sie anhielt, die Sonne hat's dem Furtig getan! «

Grete warf nur einen Blick auf das fiebernde Gesicht, und schüttelte den Kopf.

Typhus! sagte sie ernst.

Die Männer sahen sich an, und wiederholten das Wort.

So was ist schlimm! meinte der eine, da wird's wohl bald alle sein!

Gehen Sie nur weiter! sagte Grete, ich schicke den Arzt! Aber die Furtig soll ihr Haus rein halten, es ist eine ansteckende Krankheit!

Die Männer schwiegen und setzten ihren Weg fort. Grete blickte ihnen einen Augenblick nach, dann ging auch sie weiter.

Was soll das werden? dachte sie, Onkel wird sich sehr aufregen! Dabei fiel ihr ein, daß sie den Gutsherrn den ganzen Tag noch nicht gesehen hatte. Er würde sie gewiß sehr schelten, wenn sie heimkam.

Ein leiser Seufzer entrang sich ihren Lippen O, sie tat doch alles, was sie tat, nur im Dienst der Menschenliebe, ohne einen Lohn dafür zu erwarten. Sie wollte ja nichts, gar nichts, allein den ewigen, ungerechten Vorwürfe des verbitterten alten Mannes wäre sie auch gern entgangen. Aber dies war ihr Kreuz, das sie auf sich nehmen mußte, sie wußte es wohl.

Eine halbe Stunde später etwa langte sie im Gutshofe an.

Greif, der Hund ihres Onkels, sprang ihr freudig bellend entgegen.

Mit sanfter Hand strich sie dem prächtigen Tier über das zottige Fell.

Ja, ja, du mein Guter! sagte sie liebkosend, du bist brav! Sehr brav!

Im Haus schlug eine Tür wiederholt auf und zu, dann rief eine kraftvolle, ungeduldige Stimme, die das Lichtchen sehr genau kannte, laut und heftig: Grete! Grete!

Ja, Onkel, ich komme! antwortete das junge Mädchen beklommen, und mit klopfendem Herzen betrat sie den Vorflur.

Hier herein! befahl der Gutsherr kurz und öffnete die Tür seines Zimmers.

Grete folgte ihm.

Dann standen die beiden Menschen einander allein in dem hohen, lustigen Raum gegenüber. Karl Stößen in seiner groben Landmannstracht, mit hohen, derben, stark bestaubten Stiefeln, die Feldmütze noch auf dem Kopf, sah förmlich wüst neben Gretes zarter Gestalt aus. Trotzig stampfte er den Boden.

Wo bleibst du denn den ganzen Tag, he? schrie er das Mädchen an. Das sind ja neue Moden!

Im Dorf ist der Typhus ausgebrochen! erklärte Grete mit ein wenig zitternder Stimme.

Ach was! Typhus! fuhr der Gutsherr aufgebracht fort, meine Wirtschafterin brauch ich für mich, nicht für das Hundsvolk da im Dorf! Verstanden? Die alte Karlies wird auch ohne deinen Beistand sterben!

Aber Onkel! stotterte Grete erschrocken.

Daß du dich nicht unterstehst, da noch mal hinzugehen! rief Karl Stößen drohend, sonst sieh dich vor! Die längste Zeit hast du dann aber hier dein Brot gegessen! Ich mach kurzen Prozeß, Jungfer Barmherzigkeit!

Grete war tief erblaßt. Mit großen, entsetzten Augen sah sie dem zornigen Manne in sein hartes, finsteres Gesicht. War das wirklich ihr Onkel? Derselbe, der ihr doch auch Gutes getan, indem er sie einst als arme Waise in sein Haus aufgenommen hatte?

Onkel! stammelte sie noch einmal in einem Tone, der die ganze Qual verriet, welche sie innerlich durchbebte. Sie rang die Hände und ihre Lippen zuckten, als ob sie vieles, vieles, noch sagen möchte, wozu sie doch die rechten Worte nicht fand.

Karl Stößen mochte fühlen, daß er zu weit gegangen war. Mit einer fast linkischen Bewegung nahm er hastig die Mütze vom Kopf und warf sie auf den Tisch.

Die verwünschte Hitze! murmelte er, rein den Schlag könnte man drum kriegen!«

Grete hatte sich inzwischen etwas gefaßt. Ihre Haltung war nicht mehr ganz so demütig, wenn auch das Lächeln wie weggewischt schien von dem sonnigen Gesichtchen. Jetzt endlich fand sie auch den Mut zum Sprechen

Ich tue nur meine Christenpflicht, Onkel, sagte sie leise, und ihre Stimme klang sehr klar, es ist die einzige Freude, die ich habe, den Armen und Bedrückten zu helfen! Leider kann ich ja nur so wenig bieten! Ein bißchen nur darf ich geben von dem Sonnenschein, den der liebe Herrgott selber mir ins Herz tat! Das soll ich nun auch nicht mehr dürfen? Das auch nicht, Onkel?

Nein! erklärte der Gutsherr kurz und hart, ich verbiete es dir! Meine Mamsell gehört in mein Haus und soll mir keine ansteckende Krankheiten hineintragen. Merke meine Worte gut, Dirn, sonst, fürchte ich, wird's noch schlimm zwischen uns beiden!

O, ich glaube nicht! sagte Grete ruhig.

Karl Stößens Gesichtszüge verfinsterten sich noch mehr.

Wirst schon dran glauben! schrie er, oder willst du es wahrhaftig drauf ankommen lassen, daß ich dich Knall und Fall aus dem Dienst jage?

Nein, Onkel! erklärte Grete fest dagegen, das werde ich nicht! Weit besser ist es, ich gehe so, ja, und zwar noch heute! Sofort.

Wie? Der Gutsherr wich unwillkürlich einen Schritt zurück vor dem Mädchen. Bist du verrückt, Dirn? schrie er sie an, wohin willst du denn gehen? Du hast doch niemand!

Ich werde dahin gehen, antwortete Grete, wo ich hingehen müßte, wenn du mich davon jagst um meiner Liebe Willen! Nein, ich habe niemand, da du mich verstößt, aber mein Vater ist der gute Gott, der keine armen Waisen allein lassen wird in tiefster Not! Ich gehe!

Und sie ging wirklich. Karl Stößen war im Augenblick zu verwirrt, um den Versuch zu machen, sie mit Gewalt zurückzuhalten. Als er endlich daran dachte, hatte sie ihr Bündel längst geschnürt und war schon fort.

Zornig und polternd durchstampfte er mit seinen groben Stiefeln das Haus.

Sie muß ja zurückkommen! sagte er sich immer wieder. Wo soll sie denn hin? Sie ist ganz weltfremd, sie war noch nie unter fremden Leuten! Sie kommt zurück, ganz gewiß!

Aber das Lichtchen kam nicht. Das hatte schon seinen Weg vor sich und wußte ganz genau, wohin es wollte. – – –


* * *


Es war ein großes, graues Haus, welches Doktor  Rother in der nahen Kreisstadt bewohnte. Dicht daran schloß sich die Klinik, die er selbst leitete, umgeben von einem schönen, stillen Garten.

Es dämmerte schon, als noch eine späte Besucherin zu dem Arzt kam.

Mamsell Gretel rief er erstaunt, als das schlanke, junge Mädchen bescheiden in sein Zimmer trat, ist etwas Besonderes vorgefallen?

Ja! antwortete das Lichtchen, mein Onkel hat mich fortgejagt, weil ich meine Kranken im Dorf nicht verlassen wollte!

Nicht möglich! rief Doktor Rother entrüstet.

Doch, doch! sagte Grete, und nun stehe ich vor Ihnen, als das arme, ausgestoßene Lichtchen, das keine Heimat mehr hat! Sie haben einmal gesagt, Sie könnten mich in Ihrer Klinik brauchen, Herr  Doktor. Wird es wohl gehen?

Die junge Stimme klang lieb und weich zu dem Herzen des menschenfreundlichen Arztes.

Gewiß, gewiß, Mamsell Gretel versicherte er  bewegt, Sie werden sicher eine ganz tüchtige Helferin! Ich nehme Sie mit Freuden in meine Anstalt auf!

Ein sonniger Glanz überzog das liebe Mädchengesicht.

Dann bin ich glücklich! sagte sie leise, im stillen habe ich es mir immer gewünscht, daß es einmal so kommen möchte! Als ich aber vorhin da unten vor Ihrem Hause stand und die Klingel zog, da klopfte mir doch das Herz!

Man fürchtet immer zugleich, wenn man hofft! meinte der Arzt, allein so ein Lichtchen, wie Sie, das darf schon getrost überall eintreten! Er lächelte dem jungen Mädchen gütig zu. Meine Kranken sollen Sie gleich morgen kennen lernen, für heute ist es leider zu spät! Sie werden auch müde sein, armes Kind!

Ach, nur ein wenig! gestand Grete, freilich ich bin gelaufen, denn Onkel hat mir doch kein Fuhrwerk gegeben!

Der Grobian!

Ich will ja nichts weiter über Onkel sagen, meinte Grete seufzend, es liegt so in seiner Natur, das Harte und Feste! Ich habe auch immer gedacht, daß er es gar nicht so meinen könnte, wie er manchmal spricht – aber heute – wirklich – da bin ich irre geworden da habe ich mich auflehnen müssen, es ging nicht anders, Herr Doktor!

Glaub's schon, Mamsell Gretel entgegnete der Arzt, nun lassen Sie nur! Der alte Trutzbauer wird sich noch umschauen nach seinem Lichtchen!

Am nächsten Tage bereits trat Grete ihren Dienst an. In der ernsten Tracht der barmherzigen Schwester, mit dem schneeweißen Häubchen, sah sie gar lieblich aus und gewann sich sofort die Herzen aller Kranken.

Aber auch ihre Dorfarmen vergaß sie nicht. Wenn sie schon nicht mehr bei Karl Stößen war, so durfte er es ihr doch nicht untersagen, denen beizustehen, die .da Leid trugen.

Der Typhus hatte inzwischen einen seuchenartigen Charakter angenommen. Täglich forderte er seine Opfer – meist blühende, junge Menschenleben, grausam – unerbittlich. Eine große Furcht begann sich unter den Leuten zu verbreiten, und man mied ängstlich die Häuser, wo die Krankheit eingekehrt war.

Doktor Rother fand Tag und Nacht keine Ruhe, und Grete wurde seine getreue, nimmermüde Helferin. Schon längst segnete er den Augenblick, wo er sie in den Dienst genommen hatte, den sie so opferfreudig erfüllte.

Mit der alten Karlies ging es zum Sterben. Grete sah es schon am Morgen, als sie zu ihr kam. Die Frau war so merkwürdig – so ganz verändert und hatte so große, große Augen.

Lichtchen! sagte sie leise, fast feierlich, am Abend wird sie kommen!

Wer? fragte Grete erstaunt.

Amanda! Meine Tochter! antwortete die Kranke.

Grete wurden die Augen feucht.

Lieber Herrgott! dachte sie unwillkürlich, gib ein Wunder für dies arme Herz!

Am Abend wanderte das Lichtchen wieder durch das Dorf, von Hütte zu Hütte, Trost und Freundlichkeit all denen zu bringen, die es bedurften.

Die Armen verehrten Grete wie eine Heilige. Die Kinder suchten, wenn sie vorbeiging, ein Stück ihres Gewandes zu erhaschen und küßten es. Es waren schlichte und doch begeisterte Huldigungen wie sie sonst nur einer Königin zu teil wurden.

Grete bemerkte das weiter gar nicht, mit ihrem sonnigen Lächeln grüßte sie und dankte, nur manchmal hielt sie einen Augenblick inne, um ein krankes Kind länger und voll herzlicher Liebe zu betrachten.

Es dämmerte schon, als sie die Hütte der alten Karlies betrat.

Sie wird tot sein! dachte sie.

Aber die Karlies lebte noch, und sie war nicht allein. Ein junges Mädchen saß neben ihr am Bette.

Grete blickte verwundert auf die Fremde, welche städtische, moderne Kleidung trug.

Wer sind Sie? fragte sie, ich kenne Sie nicht!

Ich bin Amanda! antwortete das junge Mädchen errötend, die Tochter von Frau Karlies!

Wahrhaftig? stammelte Grete.

Ja! Das junge Mädchen senkte den Kopf. Lange war ich fort, sehr lang! Hab auch nimmer geschrieben aus Trotz! Aber mit einem Mal ist mir so angst geworden! Zufällig hab ich ein Bild wo gesehen von einer sterbenden Frau, der ihr Kind zu Füßen lag. »Muttersegen!« stand darunter. Da hielt's mich nimmer in der Stadt – ich mußte heim!

Sie sind zur rechten Stunde gekommen! sagte Grete.

Die alte Karlies bewegte sich ein wenig in ihrem Bette.

Lichtchen! flüsterte sie, Lichtchen! Sie war so schwach, daß sie kaum noch die Lippen bewegen konnte,  aber Grete verstand sie doch.

 Freundlich beugte sie sich zu der Kranken nieder.

Was ist's? fragte sie sanft, womit kann ich helfen?

Die Karlies lächelte und deutete auf Amanda.

Sie ist da, sagte sie tonlos, meine Tochter –  Sie wollte noch mehr sprechen, doch die Kraft reichte nicht aus. Ihre Lippen zitterten heftig. Lichtchen, Lichtchen, stammelte sie nur. Groß, fast flehend ruhten ihre Augen auf Grete.

Das junge Mädchen wurde unruhig. Wo die Sprache versagt, beginnen die feinen Schwingungen übermenschlichen Empfindens. Der Geist wurde rege in ihr, der die Seele mit der Seele suchte. Zagend, unsicher, und doch hoffend, das Richtige zu tun, ergriff sie Amandas Hand.

Ich will dich lieben, wie eine Schwester! sagte sie leise.

Ein Leuchten flog über das Gesicht der Sterbenden – Grete hatte sie verstanden.

Dann wurde es so stille. – – –

Nach einer ganzen Weile neigte sich Grete über das Bett und drückte der alten Karlies sanft die Augen zu.

Amanda aber weinte bitterlich. – – –


* * *


Als Grete am Abend in die Frauenklinik von Doktor Rother zurückkehrte, war sie nicht allein. Sie hatte Amanda eingeladen ihr zu folgen.

Wir können noch viele Helferinnen brauchen jetzt in der schweren Zeit! sagte sie, ich darf dich anwerben zum Dienste der Barmherzigkeit!

Ist es nicht sehr schwer? fragte Amanda ängstlich.

Schwer? Grete schüttelte den Kopf, und ein schwärmerischer Ausdruck glitt über ihr reines, junges Gesicht. O, es ist ja so schön! rief sie freudig.

Am andern Morgen ließ Doktor Rother das Lichtchen schon früh zu sich bescheiden.

Ist etwas Besonderes vorgefallen? erkundigte sich Grete besorgt. Ja! entgegnete der Arzt, Ihr Onkel verlangt nach Ihnen!

O, ich will nicht wieder zu ihm zurück! erklärte das junge Mädchen bittend, Sie werden mich doch nicht fortschicken, Herr Doktor? Ich bin hier so glücklich!

Das freut mich! sagte der Arzt befriedigt, aber trotzdem glaube ich, daß Sie freiwillig und eiligst zu Ihrem Onkel eilen, wenn Sie alles wissen!

Hat er denn Sehnsucht bekommen? fragte Grete ungläubig, leider merkte ich niemals, daß er mich liebte!

Karl Stößen ist schwer erkrankt! erklärte Doktor Rother, Typhus in allerbedenklichster Form! Gerade bei seiner kräftigen Natur steht das Schlimmste zu befürchten!

Nicht möglich! rief Grete überrascht, und er hat sich doch gewiß ängstlich vor jeder Ansteckung gehütet!

Was nützt das alles! meinte der Arzt, jetzt liegt er da und jammert nach seinem lieben Lichtchen, das er doch selber verjagt hat! Ja, ja, so kommt das manchmal im Leben, Mamsell Grete, nun, wie denken Sie?

Das junge Mädchen erhob sich hastig.

Natürlich gehe ich hin, wenn er niemand hat! sagte sie, das muß ich ja tun, das ist meine Pflicht!

Nicht durchaus in Ihrem Falle! entgegnete Doktor Rother, aber edel sei der Mensch – hilfreich und gut. Ich habe von Ihnen gar nichts anderes erwartet, liebes Lichtchen!

So fuhr denn Grete ein wenig später in einem schönen Herrschaftswagen nach dem Gutshofe zurück, den sie vor kurzer Zeit als eine Verstoßene verlassen hatte.

Der Kranke erkannte sie erst gar nicht, als sie in der frommen Tracht der dienenden Schwester sein Zimmer betrat.

Stöhnend wälzte er sich auf dem weichen Lager umher. Sein Gesicht war dunkelrot, die Augen schienen verglast.

Ab und zu fuhr er mit den Händen über die Bettdecke hin, als ob er dort etwas suchte.

Lichtchen, ächzte er, Lichtchen!

Dieser Ton traf Gretes Herz. Sanft beugte sie sich zu dem Kranken hernieder

Onkel! sagte sie leise, ich bin da!

Er sah sie an, und schüttelte zuerst den Kopf. Sie kam ihm so fremd vor mit dem weißen Häubchen auf dem blonden Haar. Aber die Stimme, die liebe Stimme.

Kennst du mich denn nicht mehr, Onkel? fragte Grete traurig, dein Lichtchen? Oder soll ich wieder gehen? Bist du immer noch böse?

Karl Stößen schüttelte abermals den Kopf.

Nein, bleiben! bat er, und faßte heftig nach ihrem Kleide. Laß mich nicht– allein. Ich –kann – nicht – allein –sein!

Sei nur ruhig, Onkel! besänftigte ihn Grete, ich bleibe ja bei dir, ganz gewiß! Sie nahm seine beiden Hände zwischen die ihrigen, und blickte ihm dann mit ihrem sonnigen Lächeln in das Gesicht. Erkennst du mich nun? fragte sie freundlich.

Ja! sagte der Kranke matt und schloß die Augen. Ein Ausdruck der Befriedigung aber auch der gänzlichen Erschöpfung trat in seine Züge.

Grete beobachtete ihn aufmerksam. Er war müde, sehr müde, wohl ihm, wenn er einschlafen konnte.

Ein paarmal fuhr er noch empor aus seinen Kissen, wirr und erschreckt.

Lichtchen! rief er verlangend, wo, wo –ist mein Lichtchen?

Still! Still! Ich bin ja da! antwortete ihm Grete immer wieder, sanft und geduldig, gütig wie eine Mutter.

Da wich langsam der dunkle Wahn von ihm, er wurde ruhiger und schlief wirklich ein.

Als Doktor Rother am Nachmittag seinen Besuch machte, war er überrascht von dem guten Zustand des Kranken.

Dieser Schlaf bedeutet Genesung! sagte er, das hätte ich nimmer gedacht, so schlecht, wie es gestern stand!

Onkel hat eine gute Natur! meinte Grete.

Oder das Lichtchen tut Wunder! entgegnete der Arzt, das scheint mir wirklich so!

Ach, es sind doch auch viele Kranke gestorben, die ich pflegte, erwiderte Grete seufzend, wie manchem habe ich die Augen zugedrückt!

Ja, mein tapferes Kind! sagte Doktor Rother anerkennend, hier aber lag die Sache so, daß jemand etwas gut zu machen hatte und sich darum leidenschaftlich nach Ihrem Anblick sehnte! Die Erfüllung eines solchen Wunsches kann wohl mitunter die Genesung bringen!

Der Arzt hatte offenbar recht, das Lichtchen tat Wunder an dem Kranken. Von Tag zu Tag ging es Karl Stößen besser. Schon durfte er, in Decken gehüllt, einige Stunden auf der Veranda des Hauses sitzen.

Grete war bei ihm und erzählte ihm von der Frauenklinik des Doktor Rother, wo sie sich so glücklich gefühlt hatte. Auch von ihren Wanderungen durch die Dörfer sprach sie, von den Hütten der Armut und all dem Elend, welches oft so nah, so nah, und doch unbemerkt neben den Stätten des Reichtums wohnte.

Karl Stößen unterbrach sie nicht, wie früher, mit heftigen Worten, er war durch die Krankheit sehr verändert und nachdenklich geworden.

Grete merkte das wohl und darum sprach sie sich das Herz frei.

Einen Augenblick wurde sie dann durch ein Dienstmädchen abgerufen, kam aber bald wieder.

Nun, was hat es gegeben? fragte der Gutsherr.  Ach, antwortete Grete in mitleidigem Tone, es waren Leute da aus dem Dorf, die um Milch und Brot baten! Der Vater liegt am Typhus krank, ich weiß es, und die Mutter kann nicht allein für sieben Kinder arbeiten! Die Not ist groß!

Karl Stößen wandte das Gesicht ab. Es fiel ihm plötzlich ein, wie hart er früher bei solchen Anlässen gewesen war.

Du hast den Leuten doch gegeben, Lichtchen? fragte er unsicher.

Gewiß! entgegnete Grete lebhaft, in der schweren Zeit, denke ich, darf man niemand ungetröstet gehen lassen! Ist es dir nicht recht, Onkel?

O doch! doch! versicherte der Gutsherr fast beschämt, daß sie ihn noch fragte, schalte und walte nur, wie du willst, mein Lichtchen, und vergiß das Vergangene! Sieh mal, so ganz schlecht ist der Onkel Stößen ja doch nicht, bloß ein grober Kerl – mußt es nicht so genau nehmen!

Grete lachte und schlang ihre Arme um den Hals des Gutsherrn.

Onkelchen! Onkelchen! rief sie, was hat die Krankheit aus dir gemacht! Jetzt erkenne ich erst wie du bist, und habe dich lieb, von Herzen lieb!

Ja, meine kleine Dirn? Sacht strich er ihr über das helle, blonde Haar, ich wußte früher auch nicht, was ich für einen goldigen Schatz da hatte! Aber blaß siehst du aus, und schmal bist du geworden!

O, es ist weiter nichts! sagte Grete lächeln-d, ich bin nur ein wenig müde!

Von den vielen durchwachten Nächten, natürlich! entgegnete Karl Stößen, du mußt Ruhe haben, mein Liebling, ich leide nicht mehr, daß du dich so anstrengst!

Aber das macht nichts! Das tue ich doch gern! versicherte Grete, und das sonnige Lächeln blieb auf ihrem Gesicht. Tatsächlich fühlte sie sich auch ganz wohl, wennschon sie hin und wieder ein Gefühl grenzenloser Mattigkeit ergriff, gegen das sie vergebens mit all ihrer Willenskraft ankämpfte.

Einen Tag später aber hatte sich dieser Zustand geändert. Sie empfand heftige Kopfschmerzen und konnte sich kaum noch auf den Füßen halten.

Karl Stößen erschrak sehr, und schickte heimlich sofort einen Boten zum Arzt.

Als Doktor Rother auf Mittag kam, brachte er Amanda als Pflegeschwester mit.

Grete mußte sofort zu Bett gebracht werden.

Das gute Kind hat sich zu viel zugemutet! meinte Karl Stößen, nicht wahr, es ist doch nichts Ernstes, Herr Doktor?

Der Arzt seufzte tief auf.

Mitunter wird mir mein Beruf doch recht schwer! sagte er trübe, dies sofortige Erkennen einer bösen Krankheit hat etwas Grausames an sich! Wie gern möchte ich jetzt erklären dürfen, ja, dem Lichtchen geht's nicht so schlimm, aber ich kann es nicht! Das geübte Doktorauge sieht scharf!

Der Gutsherr zuckte zusammen.

Sie wollen doch nicht sagen, daß Grete – Er brachte das schreckliche Wort nicht heraus.

Ja! antwortete Doktor Rother ernst, unser armes, liebes Lichtchen hat den Typhus. So lange ist sie verschont geblieben wie durch ein Wunder, und nun packt sie das Fieber doch noch!

Karl Stößen dachte an seine eigene, kaum überstandene Krankheit.

Nun, sie wird wieder gesund werden! sagte er mit einem leisen Hoffnungsschimmer, ich will es ihr gewiß an nichts fehlen lassen!

Doktor Rother äußerte sich hierzu nicht weiter. Unwillkürlich fiel es ihm ein, wie manche heimliche Träne die Härte des Gutsherrn dem kleinen sonnigen Lichtchen erpreßt hatte. Den Gedanken, daß Grete vielleicht sterben könnte, wagte er selbst noch nicht zu erfassen. Ihm war, als ob dann die Welt still stehen müßte, die Welt all der vielen Armen und Elenden wenigstens, denen sie stets eine rettende, liebreiche Helferin gewesen war. Und wie würde ihm zu Mute sein, wenn er nie mehr in das freundliche Gesichtchen sehen durfte?

Amanda pflegte Grete mit großer Treue. Es tat ihr nicht leid, daß sie den Beruf erwählt hatte, der einen Strahl himmlischer Barmherzigkeit über die kalte Erde warf.

Grete litt, das Fieber tobte in dem zarten Körper, der, schon geschwächt durch die Anstrengungen der letzten Monate, nur geringen Widerstand bot. Bald wußten es alle, daß sie sterben würde.

Die letzte Stunde kam, und Karl Stößen war bei ihr.

Onkel, sagte sie plötzlich leise, und sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an, nicht wahr, du wirst doch immer gut sein zu deinen Leuten?

Immer, mein Lichtchen! versprach er. Seine Stimme klang rauh und zitterte.

Grete lächelte. Dann schloß sie die Augen und seufzte ein wenig.

Karl Stößen dachte, daß sie schliefe, und ging fort, um sie nicht zu stören.

Als er nach Stunden wiederkam, waren die Fenster weit geöffnet, Grete aber lag noch ebenso da, wie vorhin, nur daß Amanda ihr inzwischen ein langes, weißes, spitzenbesetztes Kleid angezogen und einen Kranz von Blumen in das blonde Haar gedrückt hatte. So sah er sie wieder schön und feierlich, wie eine junge Braut.

Das Lichtchen war tot. Unter den Dorfleuten ging es von Mund zu Mund. Die Aermsten scharrten ihre paar Groschen zusammen für den Trauerflor am Arm oder ein schwarzes Tuch. Zur Beerdigung fehlte keiner, und selbst die Kinder hatten die Hände voll Blumen.

Gar stolz wurde die arme, kleine Mamsell Grete begraben, wie sie es sich wohl nie erträumt hatte. Ueber ihrem Haupte rauschten die Wälder, und viel tausend Blümlein umdufteten sie, in Liebe gepflanzt und mit Tränen gehegt.

Am Kreuz aber hatte ihr die Gemeinde ein Lichtchen anbringen lassen, das nie verlöschte. Es war ewig, und wer auch vorüberging an der stillen Stätte, der sollte wissen, hier ruhte das Lichtchen aus, hier schlief es mit seinem weichen Herzen – das Sonnenkind, wohl zu freundlich für unsere kalte Erde.

Die rauschenden Wälder sangen einen mächtigen Choral, und das Lichtchen brannte – brannte. –