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Elisabeth Bauck – Das Kind im Schnee

Erzählung

Aus: Elisabeth Bauck, Der Engel der Geduld und andere Erzählungen, Ernst Kaufmann, Lahr (Baden), New-York, N. Y., o. J.


Draußen lag Schnee, weißer, glitzernder Schnee, und immer noch wirbelten die flimmernden Silbersternchen zur Erde herab, eins aufs andere, und dann wieder eins und noch eins.

Gelbes Abendlicht brach durch die spitzbogigen Fenster des kleinen Küsterhauses, und eine blasse, junge Frau, in tiefe Trauer gehüllt, stand feuchten Blickes vor einem kleinen, reichgeschmückten Tannenbaum mit bunten Lichtern.

Vor wenig Tagen erst hatte sie ihren einzigen, süßen Knaben zu Grabe getragen, ihren Liebling, und noch immer war es ihr wie ein dunkler, furchtbarer Traum, sie wollte und konnte es nicht fassen!

Bei dem leisesten Geräusch schrak sie zusammen. Jedesmal meinte sie, die Tür müßte sich auftun und ihr herziger, kleiner Bubi hereinkommen – so wie sie ihn immerfort vor sich sah, mit seinem blassen, lieben Gesichtchen, aus dem die klaren, braunen Kinderaugen so groß und unschuldig in die Welt blickten, und den krausen, dunklen Haaren, die sie ihm nie hatte schneiden mögen, weil sie so schön waren.

Karlchen! stammelte sie schluchzend, mein Karlchen! Ich hab dich doch so lieb gehabt, ach, warum – warum mußtest du von mir gehen?

Klagend strich draußen der Nachtwind um das einsame Haus, und tiefe Dunkelheit lag jetzt über der weiten Ebene. Doch der Schnee glänzte, und weiß und leuchtend zog sich ein Richtpfad an dem Hause hin nach dem Friedhof, der kleinen Dorfkirche zu.

Willst du kein Licht anzünden, Helene? fragte der Küster, welcher im Schatten des Baumes saß und ebenso wie seine Frau des verstorbenen Lieblings gedachte.

Helene fuhr sich mit der Hand über die Augen. O, wie sie schmerzten vom vielen Weinen.

Licht! sagte sie trübe, wo soll ich Licht finden? Mein Sonnenschein ist tot – erloschen! Da klang eine leise, ach, so liebe Stimme sehnsüchtig an ihr Herz: »Da bin ich! – Da bin ich – siehst du mich nicht?« Und wieder meinte sie, daß der kleine Karl gleich fröhlich zur Tür hereintreten müßte, daß er gar nicht gestorben sein konnte.

Aber er kam nicht, der kleine, kraushaarige Junge. Er lag still und sanft in seinem schneeweißen Bettchen, ferne von hier, da, wo sie so süß ruhen, die Toten.

Der Küster seufzte tief auf, und erhob sich dann langsam.

Ich will in die Kirche gehen, Helene! sagte er rauh, der Gottesdienst muß gleich beginnen, und das neue Jahr soll eingeläutet werden!

Das neue Jahr! Das neue Jahr! stammelte Helene, und von neuem senkte sich ein Tränenflor über ihre Augen. Mein Kind! flüsterte sie mit erstickter Stimme, mein einziges Kind!

Der Küster zog die junge Frau in seine Arme und strich ihr mit der Hand tröstend über das dunkelblonde Haar.

Verzage nicht, meine arme, kleine Frau! bat er herzlich, es wird auch wieder Sonnenschein in unser trauriges Haus kommen, wenn es auch jetzt dunkel und leer darin aussieht! Sei getrost!

Helene schüttelte heftig den Kopf.

O, niemals! Niemals, wo ich meinen Karl nicht mehr habe! schluchzte sie.

Bitterlich weinend entwand sie sich den Armen ihres Mannes.

Er wußte doch nicht, was es hieß, wenn eine Mutter liebt, und wie sie leidet. Fast zornig trat sie von ihm fort, an das Fenster.

Den Küster rief die Pflicht nach der Kirche. Leise und traurig verließ er das Haus. Seinen Abschiedsgruß hatte Helene nicht erwidert. – –

Die Stunden schlichen hin. Tiefe Dunkelheit erfüllte das Gemach, in dem die junge Mutter trauernd saß; nichts glänzte mehr in dem Raume, als der Flitter an dem Tannenbäumchen und die blanken Glasketten.

Dann ging draußen hin und wieder ein bleiches Leuchten über die weite Ebene, daß es fast taghell wurde, und aus dem nahen Torfkirchlein hallte frommer Chorgesang zu der einsamen Frau herüber.

Helene hob den Kopf und lauschte. Sie verstand die Worte nicht, aber sie kannte die Melodie wohl, und in dem Augenblicke zog mit den Tonwellen des Liedes etwas von dem himmlischen Frieden, den die Betenden erhofften, auch in ihr verwundetes Herz.

Lange saß sie still, wie träumend da. Ein schwärmerischer Ausdruck lag auf dem blassen Frauengesicht. Brausende Orgelklänge umrauschten sie, und ihr war es, als säße sie mitten in der kleinen Kirche und ihr Mann spielte. Heller, immer Heller wurde der Gesang – jubelnder.

Helene preßte die Hände zusammen, und ein paar große, heiße Tränen rannen langsam über ihr Gesicht. Sie dachte, die Gemeinde hätte nie so schön gesungen. Und doch waren es nur einfache Bauern, die dort drüben das neue Jahr willkommen hießen, in ihrer schlichten, frommen Art.

Jetzt brauste die Orgel nicht mehr – es klang wie feine Harfenstimmen aus dunklem Grunde hervor, lieblich und weich. Dann wurde der Gesang auch leiser, ganz leise und endlich verschwebte der letzte Ton.

Helene erzitterte. Alle ihre Schmerzen wachten nun wieder auf und wurden laut, so laut.

O, Karlchen! stammelte sie schluchzend, mein kleiner Sohn!

Da klang von neuem die süße, sehnsuchtsvolle Kinderstimme: »Da bin ich! Dir bin ich! Siehst du mich nicht?«

Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, ob sie nicht träumte? Sie war heiß wie im Fieber. Immer von neuem flüsterte sie den geliebten Namen: Karlchen – mein Karlchen.

Dabei stand sie von dem Stuhle auf, in dem sie so lange gesessen hatte und sah noch einmal zum Fenster hinaus. Wie weiß war der Weg zum Friedhof hin, und wie funkelnd, als sei er von Sternen besät. Gar wunderbar mußte es dort jetzt sein und stille – gar feierlich – wenn die Glocken über die Gräber hinklangen und der Wind in den Bäumen schluchzte und sang – sang – ein seltsam dunkles Weihelied dem jungen Jahr.

Ja, ich komme, ich komme zu dir, mein Karlchen! flüsterte Helene bewegt, nur frische Lichter will ich noch an den Baum stecken und ihn dir dann bringen! Es ist Sylvester heut, mein Karlchen! Komm, komm! bat die süße Stimme.

Wieder ging das bleiche Leuchten draußen über die weite Ebene und huschte wie ein blasser, zitternder Strahl durch das Fenster der dunkeln Stube.

Hastig steckte Helene neue Lichter an den Baum und warf dann ein warmes Tuch um die Schultern.

Nun nahm sie das geputzte Bäumchen von dem Tisch und verließ mit ihm das Haus.

Draußen hatte es zu schneien aufgehört, und klar und weiß lag der Weg vor ihr, zum Friedhof.

Ein kalter Wind blies ihr schneidend scharf in das erhitzte, von Tränen nasse Gesicht, wie sie so dahin schritt – sie spürte es kaum.

Ein dunkles Lockenköpfchen grüßte schmeichelnd aus der Ferne und eine weiche Kinderstimme flüsterte wieder und wieder: Da bin ich! Da bin ich! Komm! Komm!

Die junge Frau ging schneller und schneller, endlich erreichte sie atemlos das stille Tor.

Die kleine Dorfkirche mit ihren erhellten, bunten Glasfenstern erhob sich freundlich auf verschneiter Höhe hinter dem Friedhofsgemäuer, und die weißen Marmelsteine und Grabkreuze leuchteten wehmütig im dunstigen Mondenlicht.

Leise betrat Helene den Friedhof. Unwillkürlich kam es über sie wie ein heiliges Erschauern vor der wunderbaren Ruhe, welche diesen Ort umgab – wo ernst und feierlich ein mächtiger König aus Erden thronte, die Majestät des Todes.

War es da nicht, als wenn ein kleiner Schatten blitzschnell über den hellen Weg huschte – ein liebes Lockenköpfchen, scheu und furchtsam im Dunkel der Tannen verschwand? Und war es nicht Karlchen? Ihr Karlchen?

Vor Kälte und Erregung zitternd, eilte die junge Frau den verschneiten Pfad entlang.

Da bin ich! Da bin ich! Komm, komm! lockte wieder und wieder die süße Stimme.

Aufschluchzend sank Helene endlich vor dem kleinen, frischen Grabe nieder, welches für immer ihren Liebling umschloß.

Da hast du dein Bäumchen! stammelte sie mit zuckenden Lippen, dein Bäumchen, mein Karlchen! Behutsam stellte sie die kleine Tanne auf die Mitte des Grabes nieder und entzündete dann nach und nach die Lichter.

Zuerst fürchtete sie, der Wind würde die Kerzen verlöschen, doch der strich nur leise singend über die Gräber hin, als wollte er die Ruhe der Toten nicht stören.

Die Lichtlein zitterten und funkelten an dem geputzten Bäumchen, und mit ihrem seinen Wachsduft und lieblichem Glanze weckten sie in Helene Erinnerungen an manch schönes, trautes Weihnachtsfest. – –

Noch voriges Jahr – noch voriges Jahr! Wie war Karlchen so fröhlich gewesen, wie hatten seine Augen gestrahlt und seine Bäckchen geglüht! Die ganze Kinderseligkeit strömte er aus – und jetzt? – Ach, wie anders war alles geworden – wie still und kalt.

Heißer Schmerz wallte wieder in dem verwaisten Mutterherzen auf, und mit zitternden Händen umschlang Helene das kleine, kalte Grabkreuz.

Karlchen, Karlchen! schluchzte sie, mein einziges Kind!

Da bin ich! Da bin ich! Siehst du mich nicht? klang es da zwar leise, doch ganz deutlich an ihr Ohr, und sehnsüchtig erhob sich hinter dem Grabkreuz eine kleine, bittend ausgestreckte Kinderhand.

Helene erschrak. War es möglich? Träumte sie? Wachte sie? Oder – oder – hatte sie solch Fieber? Konnte das wirklich Karlchens Hand sein, die sich ihr dort verlangend entgegenstreckte?

Trostlos schüttelte sie den Kopf. O, es war nur der Mond, der so geisterhaft leuchtete, und der Wind war es, der in den Bäumen flüsterte.

Doch nein! Da war wieder die weiche, rührende Stimme und wieder sah sie die kleine, flehende Kinderhand.

Ihre Sinne drohten sich zu verwirren. Gab es denn noch Wunder? Nächtelang hatte sie auf den Knien gelegen und gebetet: Gott, o Gott, gib mir meinen Knaben wieder! Nur einen einzigen Augenblick schenk ihn mir zurück, meinen Karl! Meinen Karl! Wollte Gott ihr diesen Wunsch nun erfüllen? Durfte sie ihren Knaben in der feierlichen Stille der Neujahrsnacht noch einmal küssen – zum letztenmal?

Bebend erfaßte sie die kleine Hand.

Wie kalt du bist, mein Liebling! sagte sie flüsternd, zusammenschauernd. Komm, komm, mein Karlchen, ich will dich erwärmen!

Ein leises Geräusch entstand hinter dem Kreuz, dieser Augenblick der Entscheidung, er dünkte Helene eine Ewigkeit. Dann trat eine kleine, schmächtige Knabengestalt hervor – zarter, gebrechlicher wie Karl gewesen – und doch – und doch –

Mein – Kind! stammelte sie unter Tränen, denn so rasch, so rasch – konnte sie doch die Hoffnung nicht lassen, die ihr ganzes Herz noch eben durchflutet hatte.

Der Knabe kam zutraulich näher, und legte schüchtern das Köpfchen an ihre Brust.

Da bin ich! sagte er leise und zärtlich, o, Mama, liebe Mama!

Helene zuckte zusammen. Das traute Wort, wie lange hatte sie es nicht gehört, ach, wie lange nicht! Seit Karlchens Mündchen im Tode stumm ward – nie mehr! Eine heiße Sehnsucht überkam sie, das Wort noch einmal zu hören, und so preßte sie das fremde Kind an sich und küßte es – innig, wie eine Mutter küßt.

Der kleine Knabe schien sich darüber weiter nicht zu wundern. Er lächelte nur, und es war ein süßes, seliges Lächeln auf dem elenden Gesichtchen. Mit dem Kopf an ihrer Brust ruhend, blickte er über sie hinweg nach dem geschmückten Tannenbäumchen.

Wie schön die Weihnachtslichter brennen, wie schön! flüsterte er glücklich, wie lange habe ich keines gesehen, ach!

O, mein Liebling, sieh doch nach oben! sagte Helene leise, da ist eine andere Pracht! Dort leuchtet der Himmel mit all seinen Sternen!

Ach, die Sterne sind fern und kalt, fuhr das Kind im Flüstertöne fort, und du warst so lange von mir fort, liebe Mama, so sehr lange!

Helene strich dem aufgeregten Kleinen über das weiche Haar hin und dachte dabei an ihren Karl. Freilich – er war nur ein fremdes Kind, aber er tat ihr so leid. Er hielt sie für seine Mutter, die ihm wohl gestorben war. Sie ahnte den Zusammenhang, und doch gewann sie es nicht über sich, ihm den schönen Traum zu zerstören.

Bei wem bist du denn jetzt? fragte sie daher nur, nach einer ganzen Weile vorsichtig, bei fremden Leuten?

Ja! antwortete der Knabe, und ein tiefer, zitternder Seufzer hob die kleine Brust. Aber sie sind gar nicht gut zu mir, sie nehmen mir alles fort, und – nun muß ich mit Kien gehen!

Mit Kien? fragte Helene verwundert.

Der Kleine hielt ihr ein Bündchen steif gefrorenen Holzes entgegen.

Das andere liegt noch hinter dem Kreuz bei deinem Grab, erzählte er, ich habe gar nichts verkauft heute, aber ich gehe auch nicht mehr zurück, ich bleibe bei dir, liebe Mama – im – Schnee! Und Zärtlich schmiegte er sein Köpfchen an die Brust der jungen Frau.

Helene erzitterte das Herz, und sie schlang die Arme fester um das Kind. Der ganze Jammer dieses unbeschützten, zarten Lebens erschütterte sie. O, Gott, wenn ihr kleiner Karl so in der Welt zurückgeblieben wäre – jeder Roheit wehrlos preisgegeben – arm und verlassen – war es dann nicht besser, er lag dort unten in seinem stillen, weißen Bettchen – traumlos – glücklich – ein kleiner Engel?

Sie nickte vor sich hin und küßte dann den fremden Knaben.

Armes, armes Kind! sagte sie leise, wie dauerst du mich!

Der Kleine verstand sie nicht. Bittend faltete er die Händchen.

Nicht wahr? fragte er mit seiner weichen, ein wenig traurigen Stimme, ich darf doch bei dir bleiben, liebe, liebe Mama?

Ja, du darfst! versprach Helene, und ein paar brennende Tränen fielen nieder auf des Knaben Haar. Ich hab dich gefunden – verlassen und arm – ein heimatloses Kind im Schnee – du sollst bei mir bleiben – für – für – meinen Karl.

Der Kleine begriff sie wieder nicht recht – denn er hielt sie noch immer für seine Mutter. Es war ja nie in seinem armen, kleinen Leben sonst jemand gut und freundlich zu ihm gewesen.

Liebe, liebe Mama! stammelte er.

Karl! flüsterte Helene traumverloren.

Das Kind hörte auch auf den Namen. Es war ein Zufall, der zwei verlassene Herzen glücklich machte.

Hast du mich lieb? fragte der Knabe mit derselben Innigkeit, wie einst der kleine, tote Karl.

Sehr, o, so sehr! versicherte Helene tief bewegt.

In diesem Augenblick begannen die Glocken in der Dorfkirche wieder zu läuten, und die ernsten Klänge zogen feierlich über den stillen Friedhof hin. Es war Mitternacht, und das neue Jahr stieg eben siegreich empor.

Helene stand still da und lauschte – das Kind in den Armen. Eine sanfte Freudigkeit kam über sie, die ihr fremd geworden war, seit Karlchens Tod! Sie betete, ohne daß sie es selbst wußte.

Komm, mein Kind! sagte sie dann freundlich zu dem Knaben, wir wollen nach Hause gehen! Sieh, unser letztes Lichtlein ist ausgebrannt am Weihnachtsbaum, das neue Jahr hat begonnen!

Ja, ich darf wirklich bei dir bleiben? fragte der Kleine glücklich.

Gewiß, mein Liebling! antwortete Helene in gütigem Tone, aber komme jetzt fort von hier, es ist so kalt, und du bist nicht warm angezogen!

Ach, ich bin schon daran gewöhnt! sagte der Knabe, es schadet nichts! Wenn ich nur bei dir sein darf, will ich gern frieren!

Helene nahm gerührt die kalte, kleine Hand in die ihre.

Komm, mein armes Kind! sprach sie sanft, und der Knabe folgte ihr freudig. So verließen beide den Friedhof beglückten Herzens, zu dem sie mühselig und beladen gekommen waren.

Als sie vor der Kirche anlangten, blieben sie stehen.

Ach, einen Augenblick wollen wir eintreten, sagte Helene.

Ja! flüsterte der kleine Knabe beseligt – immer noch in dem Glauben an die tote Mutter, o, jetzt führst du mich ins Himmelreich!

So betraten beide die Kirche.

Eine Bewegung entstand unter der Gemeinde. Man erkannte die Frau des Küsters, welche an ihrer Hand ein fremdes Kind hielt. Und man sah auch – wie arm – wie elend dieses Kind war.

Helene schien nichts zu bemerken. Still setzte sie sich mit dem Knaben auf einen leeren Platz. Andächtig lauschten dann beide den Worten des Predigers.

Es war so schön und so feierlich. Noch wehte der Weihnachtsduft um den Altar mit den brennenden Lichtern, und schon zog dämmernd eine neue, junge Zeit empor, während langsam das alte Jahr im Meer der Ewigkeit versank. Tränen nahm es mit – und Lächeln – manche Wunde, hatte es geschlagen, die noch nicht vernarbt war – manchen heißen, tiefen Schmerz ließ es zurück – vielleicht für immer.

Ueber das alles sprach der Prediger, und Helene schien es fast, als wenn er nur für sie spräche. Sie dachte an Karl, aber dabei ließ sie die Hand des armen, kleinen Knaben nicht los, dem sie jetzt Mutter sein wollte. Sie war viel ruhiger geworden. Ein sanftes Licht strahlte aus ihren Augen.

Endlich war der Gottesdienst zu Ende, und sie verließ mit dem Kinde wieder die Kirche.

Draußen aber hatte es inzwischen wieder zu schneien begonnen, und ein scharfer Wind erschwerte das Wandern.

Der Kleine fing an zu husten, und seine zarte Gestalt bebte vor Frost.

Wir werden gleich zu Hause sein! tröstete Helene. Der Weg war ihr noch nie so weit erschienen, wie heute.

Der Knabe wollte wohl tapfer sein, aber er war so schwach von all den Entbehrungen seines jungen und doch schon so schmerzensreichen Lebens. Er konnte nicht mehr. Mit einem Mal brach er im Schnee zusammen.

Aber, mein Kind, was hast du? rief Helene erschrocken.

O, nimm mich mit! rief er da flehend, die Arme ausbreitend, ich kann ja nicht mehr!

Ein tiefes Erbarmen erfaßte Helene.

Sei nur ruhig! sagte sie besänftigend, ich verlasse dich nicht! Mit einer schnellen, kräftigen Bewegung hob sie den Knaben empor, und legte ihr warmes Tuch schützend um ihn. Siehst du, so ist es schon gut! meinte sie lächelnd.

So trug sie ihn durch Wind und Wetter – durch all den wirbelnden Schnee mit nimmermüder Geduld.

Endlich sah sie das Küsterhaus vor sich austauchen – die Fenster waren hell und warfen dadurch einen warmen, rosigen Schein auf den Weg.

Gott sei Dank! Die junge Frau ging schneller. Am Ende war ihr Mann schon daheim und sorgte sich um ihr Ausbleiben. Erst jetzt fiel ihr ein, daß sie hätte doch an der Kirche auf ihn warten können!

Endlich hatte sie das Haus erreicht und betrat hastig den Vorflur.

Die Tür nach dem Wohnzimmer stand halb geöffnet, und sie sah ihren Mann bei der Lampe am Tisch sitzen. Er schien sehr traurig zu sein.

Helene griff das ans Herz. Leise stieß sie die Tür ganz auf.

Richard! sagte sie weich.

Da fuhr der einsame Mann aus seinen trüben Gedanken freudig empor.

Du bist da? rief er herzlich, ich warte schon so lange! Wo warst du denn, mein armes Lieb?

Auf dem Friedhof, Richard! antwortete Helene, bei unserem kleinen Karl.

Dacht ich's doch! Der Küster schüttelte den Kopf. Das ist nicht recht, Lenchen, wo es gerade heute so kalt ist! Und der Schnee, wie du nur überhaupt hingefunden hast?

Wo findet eine Mutter nicht, die sucht! Helene lächelte und trat jetzt in den Lichtkreis der Lampe.

Nun wurde der Küster erst gewahr, daß sie ein Kind aus ihren Armen trug.

Was hast du denn da, mein Lieb? fragte er.

Helene lächelte wieder und ließ das Tuch sinken.

Ja, sieh nur, was ich im Schnee gefunden habe! sprach sie leise, und ihre Stimme hatte einen weichen, innigen Ton, wie einst, da Karlchen noch lebte. Es ist ein armes, heimatloses Kind.

Eine Waise also? fragte der Küster mitleidig.

Wie ich dir sage! Helene bettete den völlig erschöpften kleinen Knaben auf das Sofa und deckte ihn mit einer warmen Decke zu. Wie kalt er ist, meinte sie besorgt, aber er wird sich erholen.

Ganz gewiß, mein Lieb! versicherte der Küster, dem das Herz warm wurde. Und wenn ich dich recht verstehe, fuhr er gütig fort, möchtest du, daß wir den armen Kleinen für immer behalten?

Wenn du wolltest! stammelte Helene.

Unser Haus ist nur klein! sagte der Küster, denn wir sind nicht reich, aber was wir haben, wollen wir gern geben! Das Kind wird dir vielleicht ein Trost sein in deinem Schmerz!

Ja! erwiderte Helene, und ein Leuchten kam in ihre Augen, wie es der Mann lange, lange nicht mehr bei ihr gesehen hatte, mir ist, als müßte es so sein, daß wir den Knaben wie einen Sohn aufnehmen! An Karlchens Grab fand ich ihn, da sank er mir ans Herz und nannte mich von selbst Mutter!

Meine liebe, liebe kleine Frau! sagte der Küster bewegt, und legte leise den Arm um Helenens Gestalt.

Wenn du wüßtest, Richard, wie ich mich nach diesem Wort gesehnt habe, Tag und Nacht, gestand sie flüsternd, nur ein Mal, nur ein einziges Mal wollte ich es noch von so süßen Kinderlippen hören – darum habe ich geweint und gebetet!

Nicht umsonst, denn Gott ist sehr barmherzig! sagte der Küster, sieh, du hast am Abend des alten Jahres bitterlich geweint und das neue bringt dir nun so schnell schon sein erstes Lächeln, dies Kind!

Ein Kind im Schnee! flüsterte Helene.

Ja! fuhr der Küster fort, wir wollen es hegen und pflegen – es ist schwach, wie ein müdes Pflänzchen, das immer im Schatten stand. Es soll Sonne haben und spielen, wie unser kleiner Sohn gespielt hat – unser Karlchen!

Er scheint auf denselben Namen zu hören, wie Bubi! meinte Helene, wenigstens kam er und meldete sich, als ich in meinem tiefen Schmerz nach dem Kinde rief!

Ach! rief der Küster erstaunt, wie wunderbar! Gerührt betrachtete er den schlafenden Knaben. Sonst hat er freilich nichts von Karlchen!

Nein! seufzte Helene, sein Haar ist so dünn und das Gesichtchen so mager! Er sieht fast alt aus mit dem kummervollen Zug um den Mund! Wie ein Kind schon leiden kann! Ach, unser Karlchen schläft wohl, ein kleiner Engel!

Der Küster beugte sich mit einer hastigen Bewegung nieder, und küßte seine Frau

Du sagst es! murmelte er.

Das neue Jahr brachte, was das alte nahm. Der Küster saß nicht mehr des Abends in seinen Feierstunden so traurig da, um zu grübeln, wie früher.

Die Sonne war wieder gekommen mit dem kleinen, schmächtigen Knaben, der fröhlich in Haus und Garten herum sprang, der bald zum Vater und bald zur Mutter kam, um etwas zu erschmeicheln.

Immer mehr rückte er in die Stelle des verstorbenen Söhnchens – er trug seine Kleider – er spielte mit den weißen Schäfchen, den bunten Bällen und Reifen, den Bilderbüchern, die eigentlich zum ewigen Gedenken an Bubi aufbewahrt werden sollten.

Reich wie ein König kam sich der arme, einst so verlassene kleine Junge vor. Er hatte jetzt alles, alles, was er sich nur je wünschte – und das Beste – das Schönste, – auch eine Mutter.