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Friedrich Benz – Blut der Nächte

Gedichte

Friedrich Benz, Blut der Nächte, Lyrik Verlag, München, 1901


Sehnsucht des Lichtes.

Text zu Annés de Pélerinage

Diese Dichtung soll sprachlich ausdrücken, was Franz Liszt in seinem Klavierstück »Valleé d'Obermann« sagen wollte.

Lento assai.
Ach meine Liebe,
Oh die finster düstere
Will nicht sterben
Sie stirbt nicht!
 
sotto voce
 
Ich weiß noch die Süße
Die matten,
Die sich den meinen
Ergeben hatten
Und Deine seltsame Blöße –
 
Piu lento
 
Will ich leben?
Aus welcher unbekannten Hoffnung
Schöpfe ich die Kraft?
Die Gestirne schweigen.
 
Tempo primo
 
Ach meine Liebe
Die trauernd düstere
Will nicht sterben,
Sie glüht wie die Kohle
Unter der Asche im Herd.
 
Espressivo.
 
Ich weiß noch die guten Augen,
Die wilden bleichen Brände,
Die Deine, nach meinem Wasser
Dürstende Seele beschrien.
 
Ach ich weiß die totbereiten Hände,
Die nach meinen Knien,
Meiner Seele langten.
 
Piu lento
 
Und Deine thränenfeuchten Haare
 
Ritardando
 
Die Dir im Gesichte hangten.
 
 

Lunga Pausa.

Dolcissimo!
 
Wunderhoheitsvolle, satte Nächte,
Milde Lichter, die nach den
Lichterfüllten Leibern lechzten
Und schwebend aus den Himmeln
Unsre Schmerzen trugen.
Wunderhoheitsvolle Nächte,
Wenn die Finger nach den Flammen schlugen
 
Recitativo.
 
Herz, rufe nach nichts,
Schreie nicht!
Umsonst, umsonst
Wundersüßes – giftiges – Gesicht
Gib Gift – – – – Gift
Nicht Licht,– – – – –
 
Ach, ich will Dich nicht!!
 
Wenn die Nächte in den Wolken schweben,
Will deine Nacht
Sich in die Meine kleben,
Schwebe mit!
Schwebe aus der Helle,
Sie bringt Gift.
Verfluche! ach sie trennte
Die Seele aus deinem Gesicht.
 
Sempre F. F.
 
Hölzern war die letzte Stätte,
Der Sarg,
Der ohne meine Wollustgebete
Zu hören, dich mir verbarg.
 
Lento.
 
Das Totenmesse-Kyrie seufzt nach dir,
Ach Verzeihung, – –
Verzeihe mir.
 
Lento.
 
Es kräuseln
Sich die Wellen im See,
Es säuseln in schleierhaften Geweben
Deine Hoffnungen, Dein Weh
Zu mir, höre doch!
Wie sie in den Lüften ringend schweben.
 
Dolce armonioso.
 
Sie suchen dich!
 
Wer sucht nicht sich?
 
Wohnst Du in den fernen Höhen,
In den Sonnen, in den Monden?
Oder in den Tiefen?
Wem gehören diese Schmerzen?
Die um uns schliefen?
Und nun erwachen
Nach Deinen Händen, Deinen Füßen riefen
Und voll schwefelspeiendem Hohn
In die wilden Nebel lachen?
 
Lacrimoso
 
Trauervoll kräuseln sich die Winde
Auf den Wellen,
Um die Thäler wölbt sich die graue Nebelbinde,
In denen Deine Füße, Deine Kniee
Nach den Kindern gellen
F. F. Und der Himmel stürzt und bricht.
 
Traurig
 
Ach meine Liebe lechzt nach deinen Händen
Unter deinen Knien knirscht mein Gesicht
 
Kein Licht,
Gib Gift.
 
In höchster Steigerung
 
Aus den Wolkenwänden
Bricht ein Licht.
Dumpf ritardando
 
Wir schreien umsonst.
 
Lento assai
 
Ach meine Liebe,
Die finster düstere
Stirbt nicht,
Stirbt nicht.
 

Und finde nichts.

Ein Frauenbild schwebt vor meinen Augen
Ein Schatten,
In glänzenden Staub gehüllt,
Vom Duft, den Du von Dir geströmt
Ist heute noch mein Sinn erfüllt,
Deine Hände küß ich immer
Und die Ecke des Klaviers,
An die Du Dich so oft gelehnt,
Wenn meine Finger über die Tasten glitten
Und wir den Schmerz der andern
Und den eigenen großen miterlitten.
Die Feder, mit der Du mir den ersten Brief geschrieben
Ist mir,
Und der Duft der Briefe noch im Herz geblieben.
Ein gelbes blumenreiches Tuch,
Ein selbst gemaltes Bild,
Mein Bild von Deiner Seele erfüllt.
Ich lange in die Schatten
Nach den zarten Blicken Deines Gesichts,
Die Dein Andenken vor meine Sinne
Gezaubert hatten
Und lange und suche
Und finde nichts.
 
 

Mein ungetrösteter Trost.

Ach es rauscht
Meine leise Liebe nun
Auf dem trägen Bach der Ewigkeit.
 
Auf totglänzenden Wellenkämmen
Schaukelt sich Dein Herz
Dem meinen nach.
 
Und mein verweintes Auge sieht,
Wie's Deine Liebe
Zu meinem Herzen zieht . . .
Die totglänzenden Wellen lauschen
Nach unsern sterbenden Wünschen –
Und die sind so traurig,
Daß die Wasser stille stehen
Und nicht mehr rauschen.
 
 
 

Wir waren uns unbekannt.

Durch meinen Traum
Schlich sich nach Dir die Sehnsucht ein!
– – Mein Traum – – –
Unsicher und seltsam
tratst Du hinter mich, – –
Ganz andere Hände als sonst!
 
Lege die Hände um mich – – –
Unsre Wangen streiften sich,
Glühendes Eisen, das verzischt,
Fremde Gesichter, die sich niemals kannten,
 
Zwei Seelen spannten
In zwei Leibern sich,
Du, o küsse mich!
 
 

Dein Besuch.

Du stellst den Schirm in die Ecke,
Er bringt den Duft des regnerischen Tages mit herein
Und setzst Dich auf den Stuhl,
Auf dem noch eben Manuskripte mit Deiner
Widmung lagen.
Und träumst mir vor,
von dein gestrigen Abend, von jenem Restaurant,
Vom schlechten und vom guten Essen
Und noch von anderm mehr.
Jedes Wort, das Du sagst, hat etwas drückendes
Schweres an sich,
Ich möchte sie mir alle merken und keines vergessen.
Und weil Du zutraulich wirst, nimmst Du
auch den Hut ab.
Und ziehst das Jaquet aus.
Auf die Gassen fällt vieler Regen,
Auf dem Gange meiner Wohnung werden
Kisten gerutscht,
Dann wird wieder alles ruhig.
An das Geräusch der Trambahn,
Die minütlich vorbei fährt, bin ich längst gewöhnt.
Nur Du erschrickst leicht darüber.
Aber wenn Du bei mir bleibst bis zum Abend,
Wird das Deinen schwingenden Nerven
Nicht mehr wehe thun.
Ich will Dir vorspielen, traurige Lieder vom Leben
Und Du dazu singen,
Oder ich lese Dir Gedichte vor,
Dir noch fremde Gedanken,
Auf fremden Instrumenten gegriffene Töne:
Lebens- und Liebensmusik.
Vielleicht wird sie bald Deine eigene,
Die Du sehr lieb bekommen wirst.
Es strömt von Dir nasser Weihrauch aus,
Ich meine: die Regenluft, die Du mit in's Zimmer brachtest,
Hat Hände, die mich streicheln,
So sehr liebe ich ihn.
Jede Bewegung, die Du machst,
Ist graziös und schlank,
Es verläuft das alles als feine Linie,
Die um uns beide sich kräuselt.
Und wenn ich Dich jetzt fragte,
Ob Du das immer so haben möchtest,
Immer so bei mir?
Da würde ich Dir sagen,
Daß es bald anders käme,
Daß Dein verwirrender Regengeruch, den
Du heute mir zurückläßt,
Auch wenn Du von außen kämst,
Nicht mehr der wäre,
Den ich heute an Dir anbete.
Und Deine Haare andere Farbe bekämen
Und Deine Schritte in andere
Bewegungen verliefen.
Weil Du das weißt, und
So fühlen kannst, wie ich fühle,
Und den Schmerz, Du, . . . ich kann
Dieses Wort nur unter einer Zuckung
Sagen, . . . darum begnügst Du Dich
Mir den Regenduft im Zimmer
Und mich mit ihm allein zurückzulassen
Und wirst hinausgehen und mit
Denen außen Dich freuen . . .
Aber wenn Du zu mir kommst,
Wirst Du traurig sein,
Du wirst seltsam lächeln
Und leise zu weinen beginnen.
– – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – –
Träumend sehe ich, wie du den Hut
Aufsetzt, ohne in den Spiegel zu
Blicken, denn ich habe gar keinen
In meinem lieben, aber armen Zimmerchen, und den Schirm aus der
Ecke nimmst und stille: »Lebewohl sagst«.
Und wie ich Dir die Hand – wieder
Still – gebe . . .
Und nachdem Du schon lange fort bist,
Den in meinem Herzen sitzenbleibenden
Duft Deiner Kleider einatme . . .
Den Duft des Regens . . . . .
 
 
 

Als du wieder kamst!

Nun bist Du da!
Du!
Und Du sagst, es solle nun immer alles
So um mich sein, denn Du willst
Immer um mich bleiben. Du sagst das
Zaghaft, ganz demütig.
Du hast Dich auf das Bett gesetzt.
Und ich sitze Dir auf einem Stuhle
Gegenüber. Wir getrauen uns nicht
Sich in's Gesicht zu sehen. Denn
Da würden wir viel . . . zu viel
sehen. Da müßte ich Deine und
Du meine Liebe sehen. Du starrst
Zu einem Bilde, das Dir an der
Wand gegenüber hängt, empor.
Strömt das Licht, das von diesem
Bilde ausgeht in Dich zurück?
 
Heute regnet es nicht.
Es ist ein sonnverklärter Tag.
Aber mich kann der Glanz,
Der über allem gebreitet liegt,
Nicht aufrichten.
Er verdüstert meine Seele noch mehr.
Und da treffen sich unsere Blicke,
Als hatten wir in ein Geheimnis gesehen
Ich möchte lächeln, aber ich
Kann nicht. – – – –
Heiße Hände pressen, das kam
So schnell . . sich um meine
Kniee. Dein Kopf liegt auf ihnen.
Ich sehe von ihm nur das Haar.
Ein schwarzer Schildplattkamm schiebt
Sich heraus. Acht korallene Köpfchen
Leuchten an ihm. Wie er Dich herrlich
Schmückt.
Und ich bitte Dich leise, aufzustehen.
Warum sollst Du mir zu Füßen liegen?
Aber Du reißt mich nur
Noch mehr an Dich.
wir haben noch nicht »Du«
Zu uns gesagt, das haben wir
Uns nur gedacht. Unsere Herzen
Müssen »Du« zu sich sagen, mein
Mund aber traue sich nicht.
Ich würde das kommende fürchten.
Und Du stehst auf und küßtest
Meinen Hals, meine Stirne.
Und Du sagst, daß Du nun
Immer bei mir sein wollest. – – –
– – – – – – – – – – – – –
Du bist so traurig. Aber ich bin es
Noch mehr.
Würde ich Dir »Ja« sagen,
Morgen oder später, . . . Du schämtest
Dich dieser jetzigen Stunde . . . .
Ich erzähle Dir, daß wir
Ueber dem Schmerze sein müssen,
Daß wir nicht« fremdes in die
Herzen tragen dürfen, ich nicht
Deinen, Du nicht meinen
Schmerz.
Du horchst, was ich Dir alles sage. – – –
Neben uns ging wohl bald ein Drittes
Mit, – – – vielleicht ein Kind.
Dann würdest Du Dich der heutigen Stunde
Schämen. Du würdest über den heutigen
Tag einstens lächeln, vielleicht böse lachen,
Und sagen, wie Du schwach wärst
Und vor dem bewahre ich Dich.
Ich will diesem Tag sein Andenken, seine
Weiße Seele nicht nehmen.
– – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – –
Und wie das letztemal . . . sehe ich Dich
Zum Gehen bereit, vor meinem kleinen
Taschenspiegel ordnest Du Dir das schöne Haar.
Es soll ja außen Niemand von dieser
Stunde wissen. Die soll uns beiden
– Ganz uns – gehören. Und Du gehst,
Mit einem unsäglich trauernden Blicke,
Ich starre in die Ofenecke und sehe
Nicht, ob Du Dich umsiehst. Ich höre nur
Leise die Thüre sich schließen und eben so leise
Deine Schritte gehen . . . dann gehe ich zum
Bette und küsse die Stelle, wo Du saßest und
Küsse den Teppich, auf dem Du gekniet bist.
– – – – Und meine Sehnsucht nach
Dir sinkt mit der untergehenden Sonne
In die Nacht . . . In den Traum – – – –
 
 

Mein Traum.

In der sonnenhellen Luft lags wie
Riesengroße Schwanenflügel, . . . so weiß
Um ein kleines Haus schimmerten
Die lichttrunkenen Strahlen
Der Nachmittagssonne. Grüner Epheu
Wächst um die Fenster, viele Blumen
Stehen auf den Gesimsen. – – Auch das
Haus ist weiß.
Ein schwarzer Eisenzaun mit
Hohem Portale und vergoldeten Spitzen
Geht um das Haus herum.
Auf einer Bank davor sitzen
Zwei Kinder.
Es sind unsere Kinder.
Hier hat unser
Lebensschiff Anker geworfen.
Unsre Welt!
In diesem Hause mußte ich
Immerwährend träumen.
– – – – – – – – – – – – –
Da sah ich Dich Nachts vor
Mein Bett kommen, mit den
Kindern – – wie Du tonlos
Sagtest, Du wollest gehen.
Ich konnte kein einziges Wort
Sagen – Und hörte, wie die
Kinder schluchzend sagten, »Adieu
Papa«.
Ich sah Euch gehen.
An der Thüre kehrtest Du nochmal
Um und sahst mich an und überlegtest,
Du kamst nochmal zu mir an's
Bett und küßtest mich.
Noch immer schluchzten die Kinder.
Auch Du mußt geweint haben,
Denn meine Wange war
Naß von Deinen Thränen.
Ich wischte sie nicht fort, ich
Ließ sie.
Sie sind in mich hineingangen,
In mein Blut, und werden
Ein Stück Deines Körpers in mir
Sein.
Hätte ich Dir ein Wort gesagt,
Hätte ich Dir gesagt: Bleibe,
Du wärest geblieben und die
Kinder hätten nicht geweint,
Unsere Kinder hatten
Nicht gejammert.
Das große eiserne Portal fällt hinter
Dir in's Schloß. Das Gitter, um
Das die vielen und seltenen Blumen
Blühen, von denen Du mir
So manchen Strauß in's Zimmer
Gestellt hast . . liegt nun
Weit hinter Dir.
– – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – –
Als ich in meinem Stübchen
In der ersten Frühe erwachte.
War meine Wange an
Der Stelle, die Du Nachts im
Traume geküßt hast, noch
Naß.
Und noch fühlte ich Deinen
Kuß auf dem schweigsamen Munde – –
Hätte der »bleibe Du«, zu
Dir gesagt, Du wärest geblieben
– – – – – – – – – – – –
So aber bist Du mit unsern
Kindern gegangen – – – – – – –
 
 
 

Ein Wiedersehen.

Ich habe Dich heute in einer Gesellschaft
Von Herren und Damen gesehen. Das
Weiße Traumhaus,
Das ich nicht vergesse, hätte beinahe Ähnlichkeit
Gehabt mit dem Palmenhaus, wo ich Euch
Antraf.
Als Du mich sahst, ging Deine Harmlosigkeit
In Steifheit über.
Um Dich vor einer Begrüßung zu bewahren,
Habe ich es unterlassen zu Dir hinzusehen.
Dann stand mein Traum von Dir
In meinem Sinn.
Und der Tag, an dem Du bei
Mir gewesen bist.
Und ich verglich die, welche ich im
Traume mit unsern zwei
Kindern gesehen hatte, mit der,
Die vorher beinahe erschrak, als
Sie mich sah.
Und ich fand, wie sehr verschieden
Sich diese zwei Frauen benehmen.
Und auch, wie sehr Du Dich geändert,
Seit Deinem letzten Besuche bei mir.
Du glaubst wohl, ich nehme Dir das in Uebel?

Mein immerwährendes Abschiedslied.

Wenn uns die nächsten Wochen sehen
Wirst Du's wohl wissen,
Daß wir beide schweigend gehen,
Daß wir scheiden müssen.
 
Uns wird nichts betrüben,
Unser Schmerz ist viel zu groß,
Viel tiefer werden wir uns lieben,
Endlich aller Wünsche los.
 
Außen streicheln leis des Regens Hände
In die satte, schwere Luft,
Streicheln über unsres kleinen Zimmers weiße Wände,
Ueber Deinen süßen Kleiderduft.
 
Den alleine läßt Du mir zurück,
Alles andere wird mit Dir gehen,
Ob wir auch lächeln in wunschbefreitem Glück,
Wir werden uns dann nicht mehr sehen.

Die tote Frau.

Was ich an Dir liebe,
Deine Mutterschaft,
Die mich nie vertriebe,
Sie ist Deine Gnadenschaft.
 
Deine Schmerzen adeln Dich,
Sie beugen sich vor Dir.
Deine Schmerzen liebe ich,
Deine Gnaden sündigen in mir.
 
Es lebt nirgend mehr ein Licht,
Du Mutter! ach Dein Totenhemd!
Das Kindchen . . . ließen sie,
Doch Du . . .? ach das Kindchen bleibt mir fremd.
 
 
 

Einsam im Leben.

Von den Türmen das eherne Totengebet!
Die ernste Verkündigung:
Daß man Einen zu Grabe trägt.
Es hängt Weihrauch und abgebrannter Kerzen Duft,
Von den fremden Leuten eine wunderliche Luft
Im Zimmer.
Ein Mädchen steht im schwarzen Kleid
Am Ofen.
In ihrem Herzen nagt wie ein Wolf die Zeit
Sie zählt die auf dem Dielenboden
Verstreuten Blätter der Kränze und Bouquette,
Die Glockenschläge des Kirchengeläut.
Zwei gelbe Augen stieren . . . .
Liderlose Augen der Verlassenheit.
Als ob sie die Blicke des Toten in sich hätte. . . .
 
 

Am Grabe.

Drei Schollen Erde
Auf den Sarg.
Drei Hände Erde von Deiner Tochter.
»Wir müssen wiedergehen«,
»Wir kommen bald«, singt der Chor,
Das Mädchen weint zu einem stummen Gott empor.
 
 

Die Geheimnisvollen Spieler.

Mische die Karten,
Gib die Spiele aus,
Laß mich nicht länger warten:
Herzaß heraus!
 
Brünstiger, laß
Den roten Wisch,
Laß ich Dir das rote Herz:
Vergiß den roten Wisch!
 
Er riß ihr das rote Herz
Aus dem gläsernen Leib,
Warf es unter den Tisch.
 
Die Talgkerzen rauchen,
Es rauchen die Karten,
Zwei Katzen pfauchen,
Sie können die Liebe nicht erwarten.
 
Sie mischen das Spiel
Aber ohne Herzsau,
Die fiel – der elende Wisch
Unter den brennenden Tisch.
 
Nun spielen wir
Im Scheine der Kerzen
Die Spiele immer wieder aus
Und spielen ohne Herzen.
 
Herzaß, riß wohl der Sturm hinaus,
Es funkeln vier Augen
In lebenssüchtigen Schmerzen.
 
 

Geschenk der Nächte.

Als außen still die Nacht verrauscht,
O Du, und Du in mir
Hab' ich Deinen Leib belauscht:
Ein knieender Traum vor Dir.
 
Ich hab Dich tief beglückt,
Tiefer Friede stieg aus Dir,
Zum Schlafe sind wir dicht zusammgerückt,
Ich an Dich, und Du zu mir.
 
Als der Morgen flüsternd kam
Schlief ein Kindlein neben Dir.
Aus Deinem Schooße nahm
Es die beglückte Hand und gab es mir.
 
Wenn außen still die Nacht verrauscht
O komm, o komm zu mir!
Und Dich mein bleicher Leib belauscht
Geb ich mein Kindchen Dir – –
 
 

Deine Strümpfe.

In Deine Schönheit sank mein Sinn!
 
Und wie im Kartenspiel die Trümpfe
Des Spieles Reize sind,
Kleiden Dich die langen schwarzen Strümpfe
Und machen meine Seele blind.
 
Nicht ich! oder Du?
O, Du thörichtes Kind.
 
Ich habe Dich, liegend in Deiner Schönheit gesehen.
Ich will meine Flammen hüten,
Selten, schwarz angebrannte Blüten,
Die im roten Acker stehen.
 
Sah Deine seelenhaften Glieder,
Die an Dir nur Wunder sind.
Aber nicht Du! oder ich?
O, Du thörichtes Kind.
 
Deinen Schlaf benützend
Hat sich an Deine Weiblichkeit
Mein stummer Mensch gelehnt,
Und Deine Nacktheit strotzte wild an mir empor
Bis daß Deine Sinne erwacht sind.
 
Nicht Du, nicht Du,
Oh ich thörichtes Kind!
 
Und in Deine Schönheit sinkt mein Sinn.
 
 

Thränenlied der Schäferin.

Thränen, die ich vergieße
Ach um Deinetwillen!
Thränen, viele süße
Um den großen Schmerz zu stillen.
 
Keine Hände, hilfsbereit,
Die dem Schmerz beiseite stünden.
Nächte, ohne Lichtgeleit,
Keinen Trost, den meine Thränen finden.
 
Wenn ich Thränen weine
Hüte meine Schafe,
Weinen will ich, ach ich weine
Bis ich in Deinem Arm entschlafe.
 
 

Resignation.

(Unter den Menschen.)

Ach, solange lebt' ich in der Fremde
Und weiß mir keinen Platz,
Wo sich der müde Kopf, die schweren Hände
Zur Ruhe legen laßt.
 
Die Zeit wird älter,
Die stumme Zeit wird meine Last,
Nur meine Liebe wird nicht kälter,
Findet nirgends Ruh noch Rast.
 
Keiner schenkte je mir Trost,
Eine stille Klause – war mir nie vergönnt
Und niemals hat das dunkle Schicksal um mein Glück gelost,
Ach, so sterb' ich – mit allem unversöhnt.
 
 

Mein Lieb, bald werd ich Dir die Hände geben.

Ich hab mein Herz begraben
In den tiefen Boden scharrt ich's ein,
Ohne Licht und Sang hab' ich's zu Grab getragen
In dunkler Nacht beim Mondenschein.
 
Meine Liebe hat ein Bäumlein drauf gepflanzt,
Die schwarzen Amseln singen traurig in den Zweigen
Mit den welken Blättern hat der Wind sein Spiel getanzt
Mein Liebchen! Bald werd ich Dir die toten Hände reichen.
 
 
 

Unsere Heiligen.

Ich erinnere mich deiner
Wie einer
Fernen Heiligen!
An meinem Lebenswege stehst Du
Und hältst in den Wachsfingern ein Oellicht
Das weint aus vielen Jahren mir zu.
 
Die Vorübergehenden kennen Dich nicht!
 
Du Sanfte, Gute, Versunkene
Umhüllt vom Antlitz vergangener Zeiten . . .
. . . Ach, Dein fernes Gesicht
Zieht so oft durch meine Verlassenheiten.
Die Vorübergehenden
Kennen uns nicht!
 
 

Finsternis befreit.

Zünde die Lichter an
Daß ich in die Nächte sehen kann.
Daß ich aus der Dunkelheit
Endlich zum Lichte komme.
 
Ziehe Deine Kleider ab
Daß ich diese Last in meinen Sinnen
Nicht mehr trage
Und zünde die Lichter alle an
Daß ich endlich in die Nächte sehen kann.
 
 
 

Dürr.

Einen grünen Zweig fand ich
Als ich neulich auf der Straße ging.
 
Wer mag Dich wohl vom Stamm gebrochen haben?
 
Oh, einst war alles jung,
Linst prangtest auch Du an einsamen Tagen,
Wenn sich der frohe Wind in Deinen Blättern fing.
 
Welk und dürr hängst Du
Schon lange – ein kahler Zweig
Meinem Herzen gleich, in meiner Stube
Und keine Seele frägt
Wer Dich vom Stamm gebrochen – – –
Kommen meine schwarzen Wochen
In einer verhängten Truhe.
 
 

Ein Lied vom Sterben.

Find ich im Leben nicht Rast nicht Ruh,
Deckt mich am Ende
Ein weißes Tüchlein zu
Bedecket Leib und Hände
 
Duften die kleinen Blumen noch
Ueber die brennenden Kerzen hin
Scharrt man mich in das Bodenloch
Ach – und Du willst mir nicht aus dem Sinn.
 
 

Ein Lebenslauf, von Dir zu mir, von mir zu . . . .?

In Deinen schönen Knien
Liegt der Wille
Der Dich zu dem meinen ziehen – – –
Und Dich stumm bezwingt.
 
In meine Arme mußt Du sinken
Und meine Knie küssen,
Gelähmt zu andern Knien hinken
Die Du stumm bezwingst.
 
In Deinen Knien
Liegt mein Wille, der an Dir gelingt
Den meine Sinne seltsam Dir erfüllen
Der Dich stumm bezwingt.
 
 

Nächtlicher Todesodem.

Ich will Dich schmücken
Mit Rostnägeln aus meinem Sarge
Mein totes Herz will Dich noch beglücken.
 

Was wehrst Du denn mit den Händen?

Ich bin ja tot, und im Tode noch
Möchte ich Dich entzücken
So komm, so laß Dir doch
Den Sargnagelkranz in die Stirne drücken.
 

Wehre dem Tode nicht!

Mit Grabluft, die ich atmen muß
Hauche ich Dich liebevoll an
Einst Liebe, heute mein Totenkuß
Der aus meinem Knochenmaule rann.
 

Verjage ich Dich, Herzliebchen?

Bleibe, bleibe nur
weißt Du das Vergessene nimmer
Elf, . . zwölf, als sie schlug die Uhr
Als sie Dich mit Gewalt gerissen aus meinem
Sterbezimmer?
 

Ist Dir das nun fremd geworden?


Wollust.

Lege Deinen Leib auf mich
Ich bin ein Stein
Und nicht fürchte Dich
Vor meinem kalt' Gebein.
 
Hauche mir Dein Leben
Aus Deinem lustvollen Leibe ein
Daß sich in meinem Mutterleibe Kinder regen
Zwei Kinder aus Holz und Stein.
 
Laß Dich mit meinem Leib beschweren
Meinem kalt' Gebein
Zwei Kinder wirst Du wohl gebären
Kinder aus Holz und Stein.
 
 

Wenn Deine . . . . .

Meine Lichter lachen,
Wenn die Andern schlafen
Wachen
Meine hellen Lichter.
 
Meine Lichter weinen
Wenn die Andern lachen
Zittern aus Deinen Augen fremde Sachen
Sehen Deine Augen,
Wie meine Lichter lachen.
 
 
 

Die Leidenden.

Geh jetzt!
»Ich trage Dein Leben mit dem meinem!«
Oh, Du gehst ja mit Deinen Lasten selbst zu Grunde,
Was könntest Du mit zweien anfangen?
»Ich hörte heute Nacht Eulen«
Die letzten Zeichen, daß etwas schreckliches auf uns wartet.
»Mit Dir ist das dunkelste hell!
»Ohne Dich wird das klarste finsternisvoll
Wo ist die rote Schachtel, in der Du meine Briefe aufbewahrst?
»Für mich Eins! Für Dich die Briefe.
»Oh Deine Briefe! Neben ihnen bewahre ich das Gift auf.
Sollen diese Stunden jetzt kommen?
»Bist Du genug alles müde«?
Ach, wir haben für den Magen nichts und für
die Seele Überdruß,
Wir haben gar nichts zu fressen!
 
»Wenn Du das in roten Wein thust, dann . . .«
»Zieh die Kleider wieder an, sie sollen uns nicht nackt finden.
 
Und wie zu einer Reise
Schmücke Dich!
Unsre Lebensnot, Dein Gift
Ost eine süße Speise. . . – – –
 
»Mach Dich wieder nackt, wir wollen es später thun.
»Oh Geliebter,
Ich will Dich nochmal aussaugen
»Ewigkeits- und Schmerzdürstender«
Oh Weib, – – – – –
– Aber wir haben nichts für die Seele mehr, und unsre
Sinne sind krank, – – –
Seit drei Tagen nichts mehr zu fressen.
 
Es klopft.
Zwei auf sich liegende Leichen rufen herein. Einen goldenen Sarg bringt der Eintretende mit. Die tote Frau richtet sich auf und weckt den toten Mann.
Er ist da!
Lächelnd blickt der Leichnam um sich.
Endlich das Edle!
Können wir nun in Gold ruhen?
Und sorgenlos? –
(Sie): Daß wir das im Leben nie konnten –
(Der Eingetretene: Warum habt ihr nicht mit
Stiefelwichse gehandelt,
Oder gut gelogen auch stehlen geht noch.
(Die beiden Leichname legen sich in den Sarg.)
Oh wir leiberlöste!
Daß wir dieses Geheimnis so lange hinausgeschoben
haben?
Der Sarg klappt zu
Es tönt ein wunderreicher Gesang im Zimmer.
»Dir oh Liebe, und deinem
»Ewigkeitserfülltem Siege
»Streben wir zu. – – –
 
Man konnte in einer großen Stadt wie auch in andern Städten öfters die Notiz lesen, daß arbeitsscheue Leute aus sogenanntem Lebensüberdruß sich das Leben genommen hätten. Mancher Familienvater schüttelt den Kopf darüber und kann das nicht begreifen. Zu drohendem Tone sagt er dann, das Stück Wurst, das er im Munde hat, hinabschluckend: Ja, die Unnützen sind wohl aus der Welt!

Im Haine.

Im Haine
Steigen Sonnenleitern
In die Wolken
In die ich träume.
 
Von den Wunderdeutern
Stieg ein goldener Mädchenkopf
Zu mir herab
Und küßte mich.
 
Aller Schein und Glanz verstob
Ich küsse Dich
Im Haine,
Wenn ich weine.
 
 
 

Das Laster.

Zum Gemälde des Franz Stuck.

Ein Frauen Gesicht,
Das in der Nacht der Farben liegt.
Als bräche in der nächsten Minute
Ein Gewitter aus dem schwülen
Verdunkelten Tone.
 
Der unbekleidete Leib des Weibes!
Eine Wollust geblähte Schlange,
Die sich vom linken Knie zwischen
Den Oberschenkeln, das Geschlecht des Weibes
Mit dem glänzenden Leibe bedeckend,
Unter den straffen Achseln durchstreckt
Und den giftsatten Kopf auf die
Oval verlaufende Achsel legt.
Neben dem Haupte der Schlange:
Der Frauenkopf.
Die Stirne ist von Haarsträhnen
So bedeckt, daß sie in ein
Delta ausläuft.
 
Der Blick des Weibes ist der,
In der letzten Sekunde vor
Der Erektion. Ein Auge, das blitzt.
 
Der Bauch des Weibes ist gebläht
Wie der Schlangenleib, die
Erlösung von Mutterlust
Ersehnend.
 
Das Bild heißt: Das Laster.
Aber das Laster ist anders.
Stuck's Bild ist lebens unwahr.
Welches Weib hätte nicht die
Stunden, die Stuck's Bild gibt?
Und dürfen wir die Sinnen-
Erregung ein Laster nennen?
Können wir die Natur, den
Immerwährenden Zeugungsprozeß in ihr
Lasterhaft heißen?
Wenn Stuck uns zwei Frauen
Gegeben hätte,? . . . . . . .
Aber so ist Stuck's Bild eine Profanisation
Des Schrei's des Weibes nach Mutterschaft.
 

Neben Dir.

Je tiefer mich die Zeit von Dir trennt,
Desto naher komm ich Dir
Desto weiter Du mir,
Der sich selber nicht erkennt.
 
Bald steh ich ganz bei Dir
In abgrundfreier Nähe,
Und Du, in die ich als Nebel bisher sehe,
Schwebst feierlich in mir.
 
 

Die schmelzenden Glocken!

Rothaariger Engel
Läute die Glocken!
 
Erst brannte der Lattenzaun
Dann das Haus
Jetzt das Dorf!
 
Das Feuer reißt die Weiber aus
Dem dummen Traum.
Pausige Windsbacken blasen
Die Flamme zum Kamin hinaus.
Die Menschen sterben in den Gluten
Und sträuben sich und rasen
In den fettigen Fluten
Die blöden Augen verglasen – – –
Kein Wasser? Die Winde hauchen trocken
In das Feuer.
Rothaarige Engel hocken
Im Turmgebälk
Und läuten rasend die schmelzenden Glocken
Bis das letzte Dach zerfällt.
 
 
 

Dankbarkeit.

Die pfeifenden Diskant-Töne der Kirchenorgel
Huschen unter die Balken der alten Gewölbe,
Es horchen die Fledermäuse!
 
Die hymnenden Orgelweisen greifen einer im
Chorstuhl sitzenden Nonne in's Herz.
Der Weihrauchduft, der um sie schwebt, trägt ihren
 
Stillen Fluch
Zu den Fledermäusen
Unter die Balken der alten Gewölbe.
 
Einsam, – – – einsam.
Ach, ihr seid es nicht,
Ich?!
 
Meine Verlassenheit ist mein Wahn.
Und die verhüllte Nonne erschrickt.
 
Sie erschrickt immer vor den starken Mannesfingern
Des Bäckers, der ihr in der Frühe
Das Brot bringt.
 
Die starken Finger fühlt sie sich um den
Straffen Leib und den strotzigen Busen gespannt,
In meiner Verlassenheit will ich
Ihn Dir geben. – – –
 
Und die Kirchenorgelpfeifen blasen dieses grausame
Lied alle Tage in der frühen Messe unter
Die alten Balken der Gewölbe zu den
Fledermäusen.
 
Und alle Tage vor der Morgenmesse greifen
Die starken Finger des Bäckergesellen nach dem
Kindersüchtigen Frauenleib der Nonne.
 
Schon lange küßt sie diese gebenden Finger recht gerne.
 
 

Erinnerungen.

Ein wunderliches Ding
Geht mit Dir herum
Und lallt: ich war das nicht
Und dies wunderliche Ding
Das alle Tage aus den fremdsten,
Und doch den gleichen Augen spricht;
Ist meine schmerzliche Erinnerung.
 
 
Stürze und versinke –
Dann greift die Hand der Gegenwart nach Dir
Und schleppt Dich in Dein Jetzt zurück
Stürze und ertrinke in Deinem augenlosen Augenblick.
 
 

Das Kleid.

Heimlich hab ich Dir ein Kleid genommen
Den schwarzen Rock, den Du damals trugst
Den tüftenen Unterrock
Auf dem Du mit den Blumen spieltest
Die ich von Dir zum Strauße hab' bekommen.
 
Du wirst's bald merken
Und darüber lachen
Doch Dein Lächeln wird mich nicht bestärken
Wird mich nur sehr traurig machen.
 
Einst war ja alles was Du trugst
Mein herrliches Eigentum
Und Du damit, der armen Seele großes Glück.
Doch nichts ist mir geblieben, nichts als die Erinnerung
Und ein schwarzes Stück:
Dein Unterrock.
 
 

Nichts umsonst.

In gar manchem Jahre mußten
Wir am Leibe darben – –
Unsre Kinder wußten
Nichts!
Die kannten unsre Seelennarben,
Die Streiche, die wir im Kampf empfangen,
Nicht!
Von denen wissen nur Du und ich!
 
Unser Leben war ein großes Leiden
Und eine grausame Thorheit,
Die wir zwei uns bereiten
Mußten . . . . –
Langsam ging die Zeit
Bis wir's an uns wußten! . . . . .
Doch unsre kleinen Kinder hat das groß und gut gemacht,
Wir haben nicht umsonst
Gehungert und gedarbt.
 
 

Ehemals.

Trage Deine Hoffnung nicht mit Dir fort,
Und geh ohne sie
Und ohne das Lächeln in deinem Blick!
 
Dein früher, ach Dein gutes Wort
Dein gutes »Du«
Ach gib es mir zurück.
 
Und wenn Du's nicht mehr kannst,
So gib nur den einen Blick
Den Du noch von mir bekamst,
 
Ach gib ihn mir zurück.
 
 

Die Vereinigung.

Empfängnis.

Was verdeckst Du mit der Hand
Die Pforte zum Leben?
Thue die Hände weg!
Ich gebe Dir die neue Seele.
 
Und zwischen Deinen ermüdenden Händen
Schiebt sich mein rotes Herz,
Beseelt vom wissenden Geist
Und trunken nimmst Du meine Seele auf.
 
Meiner Schmerzen steigen höher
Und ich suche sie tiefer,
Die Entfernung Schmerz und Mensch
Wird stets breiter.
 
 

Deine heilige Mutterschaft.

Ich will vor Deinen Knien
Mich zu Tode andächtigen,
In eine unbekannte Mitternacht
Müßen mich Deine schweißnassen Finger ziehen.
 
Wir wollen uns nichts verschweigen
Wir lechzen den Wundern entgegen,
Mein Geschlecht wird sich Deiner heiligen Mutterschaft zeigen
Und den satten Segen
Trinke ich in Deinen Armen.
 
Dann liegt vor uns die ganze Welt auf den Knien
Mysterien bestrahlen uns mit ihrer Heiligkeit.
In Deinem Leibe wird ein Kind erblühen,
Das gab nicht ich – das gab uns die Ewigkeit.
 
 

Mein reines Glück.

Ich habe Dir das Kleid zerrissen,
Mein Tier wollte Dein Geschlecht.
 
Aber meine Seele, meinen Menschen
Ueberlief eine große Angst.
 
Denn mit dem Kleide war meine Sehnsucht zerrissen
Und ich sah in Dir eine ganz Andere.
 
Ach, ich fiel auf die Knie
Und habe nach Deiner Verzeihung verlangt
Wir zwei, wollen ja nicht das Tier,
Nur die Angst.
Da hast Du Deine Hand auf meine Brust gelegt
Und zogst mich zu Dir.
 
 
Und vor weinen
Konnte ich Dich nicht mehr küssen
Stumm, keiner Antwort bedürftig
Und meiner Sehnsucht befreit
Lag ich an Deinen Brüsten
Und Deine Haare waren wie Finger
Die deuten: Abschiedsbereit.
 
Es war wohl spät,
Als ich aus dem Bette ging
Und die Fetzen Deines Kleides sorgfältig suchte,
Den goldenen Ring
Ließ ich auf dem Tischchen Dir zurück
Und mit ihm, das Tier. – Das Kleid nahm ich mit.
 
Seit der Zeit kenne ich das bange, reine Glück.
 
 

Die Lebensfahrt.

Auf den Eisenzungen flieht
Der krachende Wagen vor uns her,
Funken getragene Gesichter sprüht
Er aus, wir atmen schwer.
 
Er geht durchs Ziel,
Geht, ohne Halt
Mit allen uns! – Und wir sind viel,
So fahren wir uns Alt.
 
Nun rast er einer Wolkenmauer
– Alle sehens mit Entsetzen, – zu
Und alle schreien auf in Todesschauer,
Es stürzt die Wand vor dem Lande der sterbenden Ruh.
 
 

Der Lebens-Tor.

Ueber meinem Bette hängt eine blaue Ampel
Die fing zu gehen an
Und meine Augen folgten ihrem Wandel
Im wirren Kreise.
 
Ist das nicht ein Leben? Das gleiche Getrampel
Das alte Einerlei
Der alte gleiche Handel
Alter Takte neue Weise?
 
Die Ampel hängt in Ruhe am gleichen Fleck
Nur mein Blick ging irr.
 
 

Nicht Menschendank.

An Herrn Lehrer Casimir Fent.

Laß Dein Werk Dich nicht verdrießen
Bedenke: Daß Du der Gärtner bist
Der die Blumen muß begießen
Wenn die Zeit der Dürre ist.
 
Auf gar viele Dornen wirst Du treten
Keiner weiß Dir einen Dank
Man wird Deinen Händen zürnen
Die den dunklen Samen säten . . . . . . . . .
 
Doch wenn der erst keimt und sproßt
Leuchtet über brennenden Gestirnen
Dir ein seltner Edelstein:
Ein stiller Seelentrost.
 
Drum laß Dein Werk Dich nicht verdrießen
Bedenke: Daß du der Gärtner bist
Der die Blumen muß begießen
Wenn die Zeit der Dürre ist.
 
 
 

Maria.

Aus dem Tempel, in dem sie
In Ehrfurcht vor dem Unbegreiflichen
Erzogen wurde, kam sie
Als das Weib eines sehr viel
Aelteren Mannes, eines Zimmer-
Mannes, zu ihm, zu
Joseph.
 
Dort traf ihre Jugend der
Gott der Liebe und sie nahm
Ihn mit dem andächtigen
Gefühle für das Unbegreifliche
Und Erhabene auf.
 
Diesem Weibe hat das, was
Täglich und überall vorkommt,
Die Weltgeschichte ein verehrungs-
Würdiges Dokument gesetzt.
 
Ihr Sohn wurde in den
Augen der Menschheit ein
Gott.
 
Das hat im Traume Gott
Dem Joseph, dem Zimmermann,
Geoffenbart. Und der gab sich
Mit der Schändung seines Hauses
Zufrieden.
 
Er sah seinen Unverstand
Ein und schaukelte froh über
Maria's Glück, den kleinen
Sohn in den Armen; von weit her kamen
Die Leute und beteten ihn an,
Denn an ihm hat sich das
Wort erfüllt, daß die Liebe
Unter den Menschen ihre Ewigkeit
Und ihre Gottheit ist.
Darum, ziehen wir ein Tuch
Ueber unser Haupt und knieen wir vor ihm!
 
 
 

Zum Leben.

Bleib in meinen Armen liegen
Liege schluchzend still.
An Deinen Brüsten will meine Sehnsucht sich besiegen,
Und meiner Hoffnung kühles Grab bereiten.
 
Sanft sollen meine Hände über Dich hingleiten
Und wir fühlen
Heute schon die Kinder
Und aus fernen Zeiten
Das gute Glück, das sie uns bereiten:
Nach dem starren Winter,
Den Frühling.
 
Bleibe an meiner Seite ruhen
Atme meinen Atem, atme meine Not,
Bis wir sterben, bis uns rufen
Unsre Kinder zurück vom Tod.
 
 
 

Leere Feuer.

Deine heißen Knie
In die roten Kissen pressen
Damit wir uns zum Leben gewöhnen,
 
Laß alles! ich weiß von Deiner Schwangerschaft,
Ich kenne den Grund, der zwischen uns klafft,
Wir müssen uns an's Leben gewöhnen,
Auf Deinen Amen getragen
Und in den grauen Tiefen gehen
Mit unsern Kindern, mit unsern Söhnen
Und mit unsern Schmerzen.
. . Und wir finden uns.
 
Und der Mond steht am weißen Tage
Neben der Sonne,
Ausgebrannt, ausgeglüht,
 
In jener seltsamen Lebensnacht,
Bin ich vor Dir gekniet.
 
 
 

Großmütterleins Buch der letzten Weisheit.

»Großmutter,
»Schlag das Büchlein auf
»Aus dem Du Dir die Andacht holst.
 
Da brachte Mütterlein feierlich
Ein hundert Jahre altes Büchlein
Mit zitternden Händen herbei
Und schlug zitternd eine Stelle auf
Und ich zitterte mit:
»Ihr sollt euch wie die Kindlein
»Liebhaben
»Oder fürchtet mein Gericht.
 
Und wir beide sagten nichts.
 
Zitternd trug Großmütterlein
Das Büchlein in den Schrank
In dem noch der 60 Jahre alte
Hochzeitsstrauß stand
Und ein Totenkranz hing.
 
 
 

Bei der Brut.

Mein kleines Herz, lerne das Schweigen
Und hänge an Deine Füße
Bleierne Gewichte, die Dich in die Tiefe ziehen;
Hinab zu den Schlangen,
Damit Du das Große begreifst.
Und schlage keiner Schlange den giftigen Kopf ab
Denn an ihrem Gifte erkennst Du sie.
Würdest Du ihr aber das Gift nehmen
Dann stündest Du dem Gewürme
Hilflos gegenüber.
Drum! lasse ihr das Gift und gib Dir
An die Füße schwere Bleigewichte
Und suche die Höhlen der Schlangen auf.
Es soll Dir ein Festtag sein
Einer Brut gegenüber zu stehen:
Hauche sie an, und sie erstarren.
Aber laß ihr das Gift.
 
 
 

Gott und Mensch.

Schreiend hob ich die Hände
An den Felsen steht das Kreuz
Und ich schrie, wie ein Tier
Das verdürstet, nach Wasser.
 
Da ballte der, der am Kreuze hängt
Die zerschlagene Faust nach mir
Und schrie mich an.
»Mein Erlöser, mit gebrochenen Händen
»Schlägst Du umsonst
»Und Deine gekreuzigten Füße
»Tragen Dich nicht weit.
Und jetzt fing der Gekreuzigte zu weinen an
Als er seine Ohnmacht
Sah.
Und ich weinte mit.
Und wir schrieen
Daß die felsigen Tiefen
Aus den Gründen Aengste spieen. . .
 
 
 

Nirvana.

Komme, komme, komme doch
Du heilige Nacht, o noch einmal!
Hände, Hände schwimmen, es ist Nacht!
Am Gelände
An den Ufern stehe ich und sehe
Hände, tausend Hände
Und Deinen Mund
Der tausendfach
Die Wasser küßt.
Deine Hände langen
Mit weißen Fingern über das Gelände
Und hängen sich an mich!
Jetzt stehen wir am See
Hinter uns, auf grünen Wiesen
Sproßt der Klee
Bis zu unsern Füßen
Strecken sich die weißen Hände
Und nagen
An Deinem Schmerz, an meinem Weh.
Doch ach die Hände die wir uns gaben
Die wir uns ließen
Zerfallen im See.
 
 

Heimkehr.

Nun bist Du's satt
Du, vom finstern Schmerz gepeinigt
Nun ist Deine Seele müd und matt
Und zerrissen
Was Dich mit der Welt geeinigt.
 
So mußtest Du die Heimat finden
Die Dich einst beschimpfte, Dich zertrat,
Ich weiß es, ich allein,
Wie Dir dies alles wehe that,
Nun kommst Du mit halbem Herzen heim
Mit einem Herzen müd und matt.
 
 

Unsere Verlassenheit.

Ueber den toten Sümpfen
Gehst Du in der Dämmerung . .
Wenn die Wolken dämmern . . .
Mit bloßem Leibe, hochgezogenen Strümpfen,
Daß meine Sinne hämmern.
 
Dann komm ich Dir entgegen
In den Armen trage ich ein Feuerlicht
Und in wilden Donnerschlägen
Werf ich Dir mein Herz in's Gesicht.
 
Es schreit und wimmert
In seiner Verlassenheit
Aus dem Moore ein Kindlein
Und über den Sümpfen schimmert
Ein großes Glück . . . .
Nun zieht eine tiefe Seltsamkeit in uns ein.