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Max Bernstein – Besten Dank!

Erzählung.

aus. Max Bernstein, Narrische Leut', S. Fischer Verlag, Berlin, 1904, S. 131-138

Das Konzert hatte schon lange begonnen, als er in den Saal trat. Er hatte nicht früher abkommen können. Der Rechtsanwalt, bei welchem er seit vielen Jahren als Schreiber bedienstet war, hielt darauf, daß seine Leute bis Bureauschluß arbeiteten. Von einem der im Bureau beschäftigten jungen Juristen, der durch irgend einen Zufall im letzten Augenblick am Besuche der musikalischen Aufführung verhindert worden war, hatte er das Billet geschenkt bekommen – ein Stehplatz, ganz hinten im Saale.

Da stand er nun, bescheiden, und putzte seine Stahlbrille, welche die Hitze des dichtgefüllten Saales beschlagen hatte. Dann sah er sich um. Wie lange hatte er einen solchen Saal nicht mehr gesehen! Seit seiner Knabenzeit, als sein reicher Vater ihn im Geigenspiel unterrichten und wegen seiner musikalischen Begabung Konzerte besuchen ließ. Aber seit geschäftliches Unglück die Familie arm gemacht, die Eltern gestorben, er selbst seine Studien in ihrem Anfang hatte unterbrechen und sein Brot suchen müssen, wie er's eben finden konnte – seitdem war nicht mehr die Rede von Musik. Er hatte auch kein Interesse mehr daran. Der Kampf um das tägliche Brot nahm ihn ganz in Anspruch. Wie ein Traumbild erschien ihm nun der Glanz und die festliche Stimmung des Saales.

Eine Pause ging eben zu Ende. Man erwartete jetzt die Hauptnummer des Abends, den Vortrag der gefeierten Violinvirtuosin. Sie war eine Ausländerin, schon als junges Mädchen berühmt gewesen. Dann hatte sie einen Maler von großem Ruf geheiratet; sie hatte ein Kind, war eine vortreffliche Frau und Mutter. Ihre Kirnst übte sie weiter, für sich. Nur bisweilen trat sie öffentlich auf, zu einem wohltätigen Zweck, wie heute.

Das alles hörte er aus den Gesprächen der Leute um ihn herum mit halbem Ohr. Er war benommen von der ungewohnten Pracht der Umgebung. Ein Rauschen ging durch den Saal, dem sogleich eine tiefe Stille folgte. Die Künstlerin war aus das Podium getreten.

Aller Augen richteten sich auf sie. Er erhob sich auf den Zehen, um sie besser sehen zu können. Eine schöne Frau. Und vornehm. Das schwarze Kleid funkelte – »Pailletten heißt man das,« hörte er Jemanden sagen –, der freie Hals trug ein edles Haupt, im tiefdunklen Haar, zu einem griechischen Knoten aufgenommen, funkelte ein kleiner Stern von Diamanten. Sie verneigte sich leicht, stand und sah einen Augenblick in den Saal. Dann gingen ihre Blicke empor, weit weg, verloren in ein Reich der Kunst, des Traumes, der Schönheit … Sie begann, zu spielen. »Meditation« hieß das Stück. Sinnen, Sehnsucht, Klage –

Er dachte nicht darüber, was es bedeuten mochte. Er sah nur – und hörte; blickte auf dieses schöne Weib, dessen Gleichen er nie gesehen, lauschte auf diese Töne, in denen ein Schmerz zitterte …

Und seine Kindheit wachte wieder auf –und mit ihr seine Seele. Das war es, was in jenen fernen Tagen auch in ihm lebendig gewesen – und was die Not des Lebens begraben hatte. Das war die Kunst, die große, erhabene, heilige Kunst Und die Frau da oben, die spielte seinen Schmerz, seine Klage um die Kunst: daß er sie nicht hatte besitzen dürfen.

Das Stück war zu Ende. Er hörte nichts von dem tosenden Beifall. Der Zauber hielt ihn, klang nach, ließ ihn nicht merken, daß sie nicht mehr spielte. Jetzt begann sie von neuem, ein munteres Stück; es hieß »Mazurka«. Horch! Das war das Leben – frei, bunt, heiter – das Leben, das er hätte haben sollen, die Freude, die begraben war, erstickt von der Not … Sie spielte das Leben, das er nicht gehabt hatte.

Wieder war der Jubel des Beifalls lange verklungen, ehe er wahrnahm, daß sie nicht mehr spielte. Da ging er. Er wollte nichts mehr hören. Die Anderen, welche nun noch spielen sollten – was konnten die Anderen noch bringen? Er ging nach Hause, wie berauscht, legte sich zu Bett und schlief, fest und tief.

Am anderen Tag war er wieder bei seiner Arbeit. Er tat sie pflichtgetreu, wie immer. Manchmal, während er die Aktenstücke abschrieb, lächelte er, wehmütig und glücklich. Er liebte die Frau – nicht wie ein Weib, sondern wie eine Erscheinung aus anderer Welt, mit einer Anbetung aus der Ferne, ohne Begehren.

Nach ein paar Tagen begegnete er ihr zufällig auf der Straße. Sie trug ein ganz kleines Paket, wahrscheinlich ein Spielzeug für ihr Kindchen. Es entglitt ihr und fiel zur Erde. Er sprang zu, bückte sich, hob es auf und reichte es ihr, indem er den Hut abnahm. Sprechen konnte er nicht. Sie nahm es, sah ihn kaum an, lächelte aber freundlich und sagte: »Besten Dank!« Dann ging sie weiter.

Er blickte ihr nicht nach. Er stand immer noch auf derselben Stelle, als sie schon weit weg war. Sie hatte mit ihm gesprochen! Er hätte es nie für möglich gehalten, daß es einmal so weit kommen würde. Er hat ihre Stimme gehört, sie hat ihm zugelächelt und ganz freundlich gesagt: »Besten Dank!«

Mit wiegenden Schritten ging er seines Weges weiter. Er wollte es im Bureau erzählen, daß er »sie gesprochen hatte«, und daß sie zu ihm gesagt hatte: »Besten Dank!« Aber er brachte es nicht über die Lippen. Die Anderen hätten es ja doch nicht verstanden. Sie wußten nicht, wer sie war, – und sie wußten auch nicht, wer er war: nämlich, daß er ein Künstler geworden wäre, wenn er nicht Unglück gehabt hätte.

Wochenlang zitterte es in ihm nach. Dann ward er ruhig – und vergaß. Er begegnete ihr niemals wieder.

So lebte er still hin, noch einige Jahre. Eines Tages ward er krank, und bald lag er im Sterben. In der kleinen Kammer, auf seinem elenden Bett. Der Doktor, welchen die Krankenkasse geschickt hatte, war schon fort. Nichts mehr zu machen, hatte er der alten Hauswirtin erklärt. Neugierig und mitleidig stand sie am Bette des Sterbenden. Seine Brust arbeitete heftig, er fieberte, redete wirr durcheinander. Plötzlich ward er still. Ein leises Lächeln ging über seine Züge, ein Schimmer von Glück. Alles, was in wechselnden Bildern ihm vorübergegangen war, schien erloschen – bis auf Eines. Die Hauswirtin hörte noch, wie er zwei Worte hauchte: »Besten Dank!«

Dann war es zu Ende.

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