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Max Bernstein – Im Bahnhof

Erzählung.

aus. Max Bernstein, Narrische Leut', S. Fischer Verlag, Berlin, 1904, S. 95-100

Der Vater war draußen auf dem Kontor, Mama hatte plötzlich ihre Migräne bekommen. So fuhr Melanie allein zum Bahnhof, um ihren von einer Geschäftsreise zurückkehrenden Bräutigam zu empfangen. Sie irrte in dem neuen Prachtbau einige Minuten suchend umher, ehe sie sich zurecht fand. Im Wartesaal hörte sie, daß der Zug Verspätung habe. Sie nahm Platz, ruhig vor sich hinschauend. Es war ihr gleichgültig, wann dieser Zug ankam.

In ihrer Nähe saßen zwei Herren. Der eine, offenbar aus der Provinz gekommen, ließ sich von dem anderen die Anlage und die Einrichtungen des Bahnhofs erklären und sprach dabei lebhaft seine Bewunderung für all das Erstaunliche und Merkwürdige aus, was er hier in der Hauptstadt gesehen hatte. »Es ist großartig, wie die Menschheit fortschreitet! Die Technik, die Wissenschaft, die Civilisation!«

Melanie achtete ihres Gespräches nicht. Sie war mit ihren Gedanken beschäftigt, die wie im Traum in die Vergangenheit zurückkehrten. Reicher Leute Kind – in diesen drei Worten lag ihre Jugend begraben. Wenn ihre Erinnerung all die Jahre durchflog: es war immer dasselbe Bild. Ihr Vater, der stolze reiche Mann; ihre Mutter, die gefeierte schöne Frau. Eine endlose Reihe von Erzieherinnen, Lehrer, Mägden, Dienern; sie selbst verwöhnt, verzogen … köstliche Kleider, köstlichere Launen … Badeorte, Theater, Konzerte, Bälle, Gesellschaften … Immer, was der eine Tag brachte, am anderen Tage vergessen, um Neuem, bald wieder Vergessenem zu weichen … Es haftete nichts in ihrer Seele. Sie war achtzehn Jahre alt geworden, als Gustav –

Eben da sie seiner dachte, hörte sie seine Stimme. Sie blickte auf. Er stand vor ihr.

»Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, daß ich Sie anrede!«

»Ich. Bitte sehr –« Sie wußte nichts Anderes zu erwidern.

Aus seinem jungen kummerbleichen Gesichte schauten zwei grosse Augen auf sie nieder. Sie sah ihn auch an mit ihren dunklen Augen, die so unbefangen fremd zu blicken wußten – wenn sie wollte. Oh, er kannte den Blick wieder, das Antlitz, den festgeschlossenen Mund! Dieses Schweigen, diese starre Miene hatte sie ihm stets entgegengesetzt, wenn er zur Entscheidung drängte, ihren Eltern sich entdecken wollte.

»Gestatten Sie mir –,« sagte er, indem er sich an ihrer Seite niederließ.

»Ich bitte–,« konnte sie nur wiederholen.

»Ich hätte nach Ihrem letzten Briefe Sie nicht wieder angeredet,« brachte er endlich mit leiser Stimme hervor. »Aber vielleicht ist es kein Zufall, daß wir uns noch einmal treffen, vielleicht will das Schicksal, daß … Ich reise, weit, weit fort. Ich werde nicht wiederkommen. Was mich forttreibt–«

Sie hob nur leicht die Schultern.

»Warum sagen Sie mir kein Wort, Melanie? Fühlen Sie denn gar nichts mehr –?«

»Ich darf nicht.«

»Sie dürfen nicht? Aber mich, den armen Musiklehrer, der nichts hat als seine Kunst und seine Liebe, mich erraten lassen … hoffen lassen … mir sagen, daß … Das dürfen Sie? Und eines Tages dann ein Brief: Kommen Sie nicht mehr, ich werde mich verloben, leben Sie wohl, vergessen Sie mich!«

»Meine Eltern – sie erlauben es nicht. Ich soll einen Mann heiraten, der – der mehr –«

»Einen reichen Mann, nicht wahr? Aber warum denn?«

Als er die Frage aussprach, glitt es wie ein feines Lächeln über ihr Gesicht. Er sah es – und plötzlich verstand er, was er niemals verstanden hatte.

»Ach so!« sagte er. »Das ist etwas Anderes. Sie finden es ein wenig einfältig, daß ich das nicht begreife: Reich zu Reich. Sie haben mit mir kokettiert, scheint mir … Ein Verbrechen haben Sie an mir begangen.«

»Nein, nein! Ich habe Sie wirklich … wirklich …«

»Ja, für eine Woche, für einen Monat. Aber als Ihre Eltern Ihnen die Wahl gaben zwischen dem armen und dem reichen Mann – – Lieben Sie vielleicht jetzt – Ihren Herrn Bräutigam?«

»Im Leben erfüllt sich eben nicht Alles, wie man sich's denkt. Man muß sich dem fügen, was die Gesellschaft erwartet und was sie verlangen darf, weil –«

»Oh, Sie haben Ihre Lektion gut eingelernt. Aber fühlen Sie denn nicht, wie häßlich das ist, was Sie da sagen?«

»Ich finde es nur vernünftig,« erwiderte sie und sah ihm ins Gesicht. »Ich habe es sogar nicht gleich einsehen wollen, denn ich bin nicht so … so, wie Sie glauben. Aber es ist doch das Richtige.«

»Eine solche Ehe ist eine Sünde, eine Schmach!«

»Dann wären die meisten Ehen … Sie kennen eben die Welt nicht.«

»Aber Sie kennen die Welt, o ja!« Er wollte beschwörend ihre Hand fassen. »Melanie!«

Sie entzog sie ihm, mit einem Blick auf die beiden Herren, die bewundernd den Saal durchstritten hatten und wieder in ihre Nähe gekommen waren.

»Verzeihung« – sie stand aus –, »der Zug fährt eben ein, ich muß auf den Perron, ich erwarte meinen Bräutigam.«

Er sprach kein Wort mehr. Sie, ohne ihn anzusehen, trat zur Türe und verschwand.

Wie ein ungeheurer Grimm stieg es in seiner Brust empor, ein Zorn gegen sie, die ihm auf ewig verloren war, gegen jene Anderen, die sie ihm genommen hatte, gegen Alle, die Tag für Tag das heilige Gesetz der Natur antasteten, verletzten, schändeten …

Gleich nach Melanie verließen auch die beiden Herren den Saal, während der eine seinen entzückten Ausruf wiederholte: »Ja, die Civilisation, die Civilisation!«

Und zwischen seinen bleichen Lippen kam ein einziges Wort knirschend hervor:

»Barbaren!«

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