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Kurt Bertels – Der Morgenreiter

Gedichte

Verlegt bei Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig, 1905


Leitspruch.

Das ist die Kunst des Wortes die wir bringen:
Gestimmte Lieder ohne Ton zu singen
und Licht und Farbe in den Laut zu giessen
und also Lebensbilder zu erschliessen.

Das ist die Kraft der Liebe die wir künden:
In jedem Sand ein Körnchen Gold zu finden
und was gemein erscheint im Alltagsleben
durch unsre Kunst verklärt emporzuheben.



In Park und Saal



Erwachen.

Sinken und Gesunkensein
ist in diesem Buch gesungen,
Morgenreiters Sonnenschein
ist doch durchgedrungen.

Sehnsuchtsvolle Hände recken
sich empor aus manchem Ton,
streicheln leise oder ballen
sich zu Groll und Hohn.

Augen schauen blank und gross
schauen mächtig aus den Tiefen
und im Wort erwachen Bilder
die bis heute schliefen.

Früchte rot und müde Sterne
fallen durch die klare Luft
und verborgne Glocken warten
bis sie einer ruft.

Hass und Liebe, Wahn und Wut
sind um dieses Buch geschlungen,
Menschenliebe Lebensmut
ist doch durchgedrungen.



Mein Freund.

Wer an meines Silberflusses
anderm Ufer steht,
mir des lichten Morgengrusses
tiefe Worte weht,

Wer in meinem Garten weilt
abseits von der Welt,
wer mir seine Schätze teilt
und noch mehr behält,

Wer in meine Nähe reicht
und doch nicht zu nah,
den begrüss' ich schnell und leicht:
sieh – mein Freund ist da!



Abendstunden.

Das ist die Sinfonie verträumter Abendstunden:
wenn eines Waldes wundersamer Hauch
mit Farben spielt in leichtbewegtem Wallen,
die letzten Weltaccorde fern verhallen,
die Stimme schweigt und deine Seele auch:
das ist die Sinfonie verträumter Abendstunden.



Die letzte Kerze.

Zu kleinen Flackerstummeln niederbrannten
die weissen Kerzen, die zur Hohen Nacht
in diesem Saal der funkelnden Demanten
den frohen Gästen frohes Licht gebracht.

Ich weile noch wie ein vergessner Schatten
zu schaun wie Kerz' um Kerze bald erlischt,
in meinen Gliedern zögert kein Ermatten
denn Freude nur war meinem Wein gemischt.

Ich steh vertieft in sinnende Verehrung
wie einer der für immer Abschied nimmt,
da flammt es auf in festlicher Verklärung:
die letzte Kerze grüsst mich und verglimmt.



Der Veilchengrund.

Ich lag verzückt im dunklen Veilchengrunde
ich lauschte nur dem Rauschen und dem Singen
und haschte nach verliebten Schmetterlingen –
da plötzlich bebt' es leise in der Runde.

Und eine Stimme sprach mit ernster Würde:
»Wach auf, du weltverlorner Menschensohn!
Dem Vollblutleben bist du jach entflohn
und allem Lärm und jeder Last und Bürde.

Du glaubst wohl deines Lebens höchsten Sinn
mit Farbe Duft und Tönen zu erreichen?
Für laute Worte gibst du nur ein Zeichen
und statt zu wirken malst du Träume hin.

Versuch's dich aus der Dämmrung aufzuraffen,
ermanne dich und wähl den Weltberuf!
Die Kraft die unser Leben mächtig schuf
hat auch Gesetz und harte Pflicht geschaffen.

Wach auf!« – Und wieder Stille in der Runde.
In allen Blättern atemloses Schweigen
und warmes Dunkel in den Blütenzweigen.
Da ging ich fort aus meinem Veilchengrunde!

Fort auf belebten Wegen, zur Genesung
vom Grenzenlosen stiller Träumerei.
Jetzt bin ich mitten unter Menschen frei
und künde Sturm und Sonne als Erlösung!



Geh fort!

Geh fort mit deinen matten schalen
zuviel gepriesnen Goldpokalen!
Wenn mir die eignen Trauben winken
kann ich nicht fremde Weine trinken.

Geh fort! du hemmst mein kühnes Schreiten
du bist mir heute fremd und fern.
Ich dank dir tausend Kostbarkeiten,
doch heute glänzt mein eigner Stern!



Aufschwung.

Ich weiss dass ich an kühlem Schattentage
die grosse Kraft der Reinheit in mir trage,
doch wie ein Traum der dunkel kommt und schwindet
so ist die Ruhe die mich selten bindet.

ich weiss dass ich im Bann der heissen Stunden
ein Dämon bin gefährlich ungebunden
der gern gehorcht verwegen wilden Lauten
und niederreisst was reine Tage bauten.

Nun aber soll ein kräftiges Erraffen
zu fester Tat mir Lust und Ruhe schaffen,
der dunkle Traum soll in die Sonne treten,
zum Leben klar und schön sich freizubeten!



Bilder.

Ach meine Schale sank mir in den Sand,
ich kann dir keine Frucht und Ernte reichen,
zu fremden Bäumen heb ich meine Hand,
in fremde Gärten muss ich selber schleichen.

Doch frage nicht. Und lass im Flüsterwald
zwiesprechen mich mit meinen Rauschgenossen.
Und glaube mir, die Schale hebt sich bald
und neue Bilder sind hineingegossen.

Von schmerzdurchflammter Schmiede bring ich dann
ein Sterngeschmeide dir mit bunten Zeichen,
die ich dem Schicksal ringend abgewann
die Bilderworte eil ich dir zu reichen.

So führen irre Lichter hin und her;
sie flackern und verlöschen oder blenden,
sie heben sich, sie sinken in das Meer,
und wechseln zwischen Fliehen und Verschwenden.

Ich will dir alles, was dich stört und drückt,
mit Klang und Farbe scheuchen oder mildern.
So nimm den Spruch der meine Wege schmückt:
der Sinn des Lebens liegt in seinen Bildern.



Das Gehege.

Wir spielten in dem alten Parkgehege
und freuten uns des roten Blätterfalls,
wir kannten alle die verborgnen Wege
und auch das Grab des Abendsonnenballs.

Wir wussten nichts von wildberauschten Tagen
in grosser Städte sinnbetörtem Bau,
Wetteifer trug im Reiten und im Jagen
uns munter durch den friedevollen Gau.

Und wenn der Abendwind mit fahler Mahnung
uns endlich heim zum Försterhause trieb,
verklang die Welt wie eine weisse Ahnung,
auf die der Tag ein buntes Zeichen schrieb.



Rokoko-Maskenball.

Heller den Lusterschein!
Girlanden hole!
Rot soll die Farbe sein,
und die Parole:
Rokoko-Maskenball
Karneval, Karneval! –

Die Nacht ist da –
mit roten Girlanden
und warmen Tönen
und heissem Glanz.
In bunten Gewanden
erscheinen die Schönen
mit kaltem Neigen
sich stolz zu zeigen
in Schritt und Tanz.

Da ruft die Fanfare
die tanzenden Paare
so hell und siegend
aufs blanke Parkett.
Die Damen sich wiegend
leichtsinnig kokett,
die Herren galant,
fassen sich fester
Hand in Hand.
Ich steh im Orchester
und bin Dirigent,
und geb mit der Gerte
den Wink zum Konzerte.

Allegro furioso!
Ich peitsch ins Orchester
wie Sturm ins Meer,
da brüllen die Wogen
grell daher.

Rings tanzen die Paare
in wiegendem Schritt,
da ruft die Fanfare:
Graf Tod tanzt mit!

Graf Tod als Domino!
Hussa Orchester
Feuerjo Feuerjo!
voller und fester!

Wie doch sein Augenschlag
die Schönste traf!
Heut ist dein Faschingstag,
tanzender Graf.

Vorwärts im Wirbelschritt
nimmt er die Schönste mit.
Rokoko-Maskenball,
Karneval
Karneval!



Ich bin allein.

Was ist es nur? – ein leerer Blick,
den heute jedes Ding mir widerspiegelt,
von stummen Wänden kehrt er stumm zurück,
von allen Blüten kommt er totgesiegelt.

Und morgen? – wird es anders sein,
und lohnt es sich noch Neues zu erwarten?
Komme was will! – ich bin allein
auf halbverwaister Bank im schwarzen Garten.



Herbst.

Die blauen Schwalben sind uns fortgeflogen,
am Moosweg liegen Eicheln rund und glatt,
der Ahorn hat so rot so gelbes Blatt,
schon kommt es drohend durch die Luft gezogen.

Verjubelt sind die kräfteheissen Stunden,
der Sommer hat sein letztes Gut verprasst,
da spricht die Stimme die das Leben hasst:
Geprüft, gewogen und zu leicht befunden!



Kalte Bronze.

Stumm sein, ach stumm, und schweigen müssen
zu diesem Elend das im Innern wühlt!
Nun aber such ich mir ein Ding das kühlt:
Das Bild von kalter Bronze muss ich küssen.

Denn du bist fern die mir im tiefsten Kummer
die weisse Hand auf meine Stirn gelegt
bis ich vergass, und Groll der mich bewegt,
entschwunden war in seelenlosem Schlummer.



Die graue Vase.

Was willst du mit arabischem Geranke
und den Figuren, parkverlorne Vase?
Wie ein dem Süd entwendeter Gedanke
so stehst du in dem norderfrischten Grase.

Wo liesst du all die Heiterkeit und Farben
die einst die schöngeschwellte Wange schminkten?
Ob sie im Hauch des kalten Nebels starben?
Noch seh ich letzte Grüsse die sie winkten.

Du hast im Park ein neues Heim gefunden
um das dich der verbannte Wandrer neidet,
dein Postament ist efeublattumwunden,
mit weissen Winden ist dein Fuss bekleidet.



Frühnacht

Gedämpftes Licht aus dem berankten Fenster
vermischt sich mit dem Duft der Tabakblüte,
und was am Tage tief berauschend glühte
umhüllt sich mit dem Hauche der Gespenster.

Der Weidenbusch ist ganz in Schwarz gebadet
doch trifft ein heller Strahl das Birkenstämmchen
an jener Mauer zuckt ein rotes Flämmchen
das bald sich blaue Tänzerinnen ladet.

Ich weiss dass noch ein Fremdes mit mir schreit
wenn ich die Gartenwege stumm durchmesse,
und sich, wenn ich den lauten Tag vergesse,
Stilldunkel naht und weiche Schwingen breitet.



Kühlung.

Ich drücke gern die heissen Lippen
an kalte weisse Marmorplatten,
da kann das blutig grelle Rot
zu bleicher Kühle still ermatten.

Ich gehe gern mit nackten Sohlen
auf goldig bunten Altarstufen,
da kann mir schnell das Mosaik
den kalten Spruch des Todes rufen.

Ich spiele gern mit abgeschälten
geschliffnen Damaszenerklingen,
da kann mir leicht ein falscher Griff
die halbgerufne Botschaft bringen.



Nachtgedanken.

Die gelben Tulpen gähnen,
die roten schlafen schon ein,
von unsern weissen Schwänen
im Teich blieb einer allein.

Im Hauch der Düfte schwellen
die heiligen Brüste der Nacht,
es rieselt in heimlichen Quellen,
und nichts, das weint oder lacht.

Und was ich gehabt und gehalten
und dennoch im Taumel verlor,
das steigt in zerrissnen Gestalten
noch einmal wie grüssend hervor.



Fieber.

Ich will ein totgebornes Rätsel lösen!
Die Sterne grüssen mich in schlummerlosen
verlornen Nächten voller Grimm und Jubel.

Ich will den Worten rote Seelen schenken!
Was lacht ihr denn, ihr totgeglaubten Träume?
Was lachst du so, mein heimgekehrtes Fieber?

Ertrunkne Sterne sind die Tanzgespielen!
Sie rufen mich in vielen Mitternächten,
sie feiern oft erhabne Fieberfeste
und grüssen mich als König ihrer Gäste.



Im Nachtcafé.

Ringsum an Marmortischen
heiss atmendes Gedräng
und Tuberosen duften
betäubend süss und streng.

Es steigt von Zigaretten
ein wildes Rauchgelock
und ringelt sich in Wolken
symbolisch und barock.

In Dissonanz verblutet
ein träumender Gesang.
Die Mokkaschale flüstert:
»Du bist ein Décadent!

Du siehst in Rausch und Leiden
das höchste Menschenglück,
du ziehst die müden Hände
vor jedem Druck zurück.

Du hast nichts hergegeben
und du verlangtest nichts,
so wandelst du die Wege
verlornen Dämmerlichts.

Die Welt des harten Tages
ist rauschlos und entseelt.
Wohl dir! du hast entschlossen
die tieferen Reize gewählt!« –

Es steigt von Zigaretten
ein wildes Rauchgelock
und ringelt sich in Wolken
symbolisch und barock.

Und Rauch und Ton verschwimmen
in namenlosen Klang.
Das klare Wasser flüstert:
»Du bist kein Décadent!

Du zahlst versunknen Mächten
den traurigen Tribut,
doch quillt dir in den Adern
Ein neues frisches Blut.

Du bist ein Morgenreiter!
Dich ruft die Schlummerkraft
aus diesen verlogenen Fesseln
zu froher Täterschaft.

Entflieh den Marmortischen,
dem Zigarettenduft,
und tritt hinaus in kalte
besternte Winterluft!« –

Da schweigen Rauch und Rosen
und Ton im Nachtcafé.
Ich tret hinaus in weissen
demantisch glitzernden Schnee.

Ich saug die kalte Nachtluft
in tiefen Zügen ein
und sinn auf neue Wege,
ein werter Mensch zu sein.



Nordische Sonne

Hurra!

Hurra! Aus den Sälen der Seide
hinaus in die märzliche Heide
hinaus in den flatternden Morgen!
Da sind wir in Freiheit geborgen!

Hurra! Und vergessen die Fratzen
des Winters! Die Knospen zerplatzen,
noch leuchtet es klar durch die Zweige,
der Tag geht frohlockend zur Neige.

Und wie er sich westwärts geschlichen,
da kommen sechs Enten gestrichen.
Aufs Korn piff die blau' paff die grüne:
Huit! liegen sie schon auf der Düne.

Hurra du lebendiges Leben!
Das ist der Salut den wir geben.
Den März und die flatternde Heide
Goldsonne, behüte sie beide!



Geglitzer.

Dort am schwarzen Busche hängt
einer Spinne Seidenbau
Morgenglitzertaubesprengt
strahlend silbergrau.

Und es kommt ein Sonnengruss
und ein weicher Hauch,
und bei jedem neuen Kuss
glitzert es am Strauch.

Taumel im Mazurkasaal!
Und im Haar der Gräfin weht
Spinnwebleicht ein Spitzenschal
Diamantbesät.

Und sie wiegt sich und sie schwebt,
und im Lichterschein
wenn sie stolz die Stirne hebt
glitzert das Gestein.



Vorfrühling.

Schwärzlich graue Erde will
ihr Gewand vertauschen.
Durch die Zweige leicht und still
zieht ein grünes Rauschen.

Kaum berührt ein Sonnenstrahl
wie ein Kuss den Boden:
Wald und Weib mit einem Mal
tragen neue Moden.

Bänder lachen grün und weiss
auf den Frühlingshüten,
rundherum ein leichtes Reis
zarter Apfelblüten.

Willst du deinen Wintersinn
nicht mit Freude mischen?
Komm, die junge Königin
soll dein Herz erfrischen!



Morgenwind.

Sonnbeglänzter Morgen blinkt
und des Tages Arbeit winkt –
schwankendes Besinnen!

Da – ein leichter Morgenwind,
wo die Blumen bunter sind
trägt er mich von hinnen.

Trägt mich an den Wiesenrain
Wälderwärts zum Fichtenhain –
Pflichtvergessnen Städter.

Wenn von hinten Fäuste dröhn
denk ich leicht: ich komme schon,
aber – etwas später.

Und ich hab die Last versäumt
und ich hab den Tag verträumt,
tiefer mich zu stärken.

Doch wie neu ein Morgen blinkt
und die Last gedoppelt winkt –
eil ich zu den Werken.



Burschenlied.

Mein Tisch ist aus Fichtenholz
mein Säbel ist scharf
mein Mädel ist oberstolz
und weiss was sie darf.

Der Fuchs hol den Zuckermann
und all sein Geplärr!
Denn Herr ist wer hauen kann,
und ich bin der Herr!



Nord.

Ich liebe die sonnigen Wälder
in Livland, da bin ich daher,
den Silbersee und das Torfmoor
und mein Boot und mein altes Gewehr.

Ich liebe die nordischen Farben:
Schwarzfichten riesenhaft
und leuchtende Lämmerwolken,
Bernstein und Birkenschaft.

Ich liebe die Taucherenten
in ihrem weissblendenden Pelz,
vom Flügel der Mandelkrähe
hellblauen versteinerten Schmelz.

Ich liebe die blanken Gefahren:
Sturmsegel, verwegenes Spiel,
die sternklare nordische Rede
und Worte mit Bug und Kiel.



Bootfahrt.

Zwischen Wasserrosen und Rohr
schaukelt unser Boot,
badend in Gold und Rot
taucht der Sonnenball aus Wolken vor.

Sieh wie Perl um Perle blank
von den Rudern träuft,
wie das Gold sich häuft!
Aber jetzt von meiner Ruderbank

setz ich mich zu dir ans Steuer.
Lass! Wir treiben still
wie die Welle will
durch den See und seine Purpurfeuer.



Der Morgenreiter.

Aus der Waldnacht Schritt vor Schritt
kommt ein Reiter an die Küste,
als ob er das Ziel nicht wüsste
für beherzten Morgenritt.

Fernher über Bucht und Belt
breitet sich geheimes Leuchten,
in den weiten Nebel-Feuchten
wird ein zarter Streif erhellt.

Einer Möwe weisser Schwung
segelt über dem Geglitzer,
und das Licht in Spiel und Sprung
beisst sich in die Wellenspritzer.

Vor des Meeres Flammenbild
muss er hoch die Arme breiten
und jetzt weiss er klar: es gilt
einfach nur draufloszureiten!



Helldunkel




Moosmädel.

Husch tst tüst – im Sonnenlicht
schläft Moosmädel und weiss es nicht.

Traum! – auf ihrem Angesicht
fliegen Blut und Blässe,
durch den Busch ein Flimmerlicht
sieht was ich vermesse:

Auf des Mundes kindlichen
rosigen Verschluss
schnell den unergründlichen
süssen ersten Kuss!

Husch tst tüst
ich hab Moosmädel im Traum geküsst
und sie ist nicht erwacht.
Husch tst tüst!

Wie Regen den der Mai gebracht,
wie Rosenahnung der ersten Nacht
husch tst tüst
hat sie ein Schauer im Traum gegrüsst.

Husch tst tüst – durch ihren Leib
flimmert noch mein Kuss,
morgen weiss sie dass ein Weib
Männer lieben muss!
Husch tst tüst, husch tst tüst
morgen wird sie wachgeküsst!



Liebesblicke.

Mädel du, dein Seidenwille
hat mich zart und fest umschlungen,
ich der wildeste der Jungen
halte deinen Launen stille.

Einst verschenkt ich all die losen
Liebesblicke vielen Schönen,
und nun muss ich mich gewöhnen
dir zu bringen alle Rosen.

Liebste, sei doch nicht erschrocken
wenn ich andre Mädchen grüsse,
nichts hat Stärke oder Süsse
mich von dir hinfortzulocken!



Schneewittchen.

Nun steig ein, du weisses Kind,
wartet schon der Schlitten,
Goldfuchs trägt uns wie der Wind
tief in Waldes Mitten.

Seit wir hier vor Jahr und Tag
übern Schnee geflogen,
hat mich leiser Pulse Schlag
immer hergezogen.

Weisst du wie ich dir erzählt
ohne Arg und Tücken,
dass mir noch ein Liebchen fehlt,
meine Welt zu schmücken?

Was ich damals nicht bedacht
und so leicht genommen,
ist nachher in mancher Nacht
mir zu Sinn gekommen. –

Heute nun wie damals auch,
Mondlicht in den Zweigen
flüstert mit verhaltnem Hauch
näher uns zu neigen.

Stört die Ruhe kein Geräusch
Als der Hufe Tippen.
Und ein Kuss so leicht und keusch
löst gepresste Lippen.

Nur der Tannwald hat's gewusst
was geschah im Schlittchen,
als das Köpfchen an die Brust
lehnte mir Schneewittchen.



Mittag.

Mittag. – Still! Keinen Ton,
keine Silbe sollst du sprechen.
Mädchen mit dem roten Mohn,
weisse Blüten sollst du brechen!

Brichst du sie vom Buschgerank
die so weiss herunterwippen,
brennt am Abend roter Dank
dir auf Hals und Brust und Lippen.

Mittag. – Still! Keinen Ton,
keine Silbe sollst du sprechen.
Mädchen mit dem roten Mohn,
weisse Blüten sollst du brechen!



Fiaker.

Wir beide fuhren im Fiaker,
die Fensterchen waren verhängt,
und ringsum schliefen die Wiener
in ihre Bettchen gezwängt.

Wir sprachen nicht viel und dachten
den Tänzen und Klängen noch nach.
Ich weiss nicht, waren wir beide
denn eigentlich immer noch wach?

Wir schliefen im rollenden Häuschen
so süss zusammengedrängt,
und ... mein Liebchen, mein Mäuschen,
die Fensterchen waren verhängt.



Der Befreier.

Ein Wirbel kam und riss mit hellem Juchzen
dich bergeweit aus vorgezognem Gleis,
dies leise Zittern, halberstickte Schluchzen
ist nur der Nachklang deines wilden Schreis.

Der Schrei verklang, der Wirbel muss vertoben
der dich entriss entführte und erkannte.
Jetzt aber sollst du den Befreier loben
der deine Sehnsucht jählings übermannte.



Gelbe Rosen.

Sitzt ein Weib auf der Terrasse,
stolzes Weib von voller Rasse.
Lüstern in dem schwarzen Haar
küsst sich ein Demantenpaar.

Spricht ein Jüngling zu der Kalten
Willst du mir dein Herz entfalten
oder bleibst du herb und hart
meinem Werben wie erstarrt?

Doch mit Augen teilnahmlosen
greift sie nach den gelben Rosen
die der wilde Fant ihr beut
und zerrupft sie wie zerstreut.



Und du, mein Kind?

Aus meines Lebens buntem Buch
hab ich dir manches vorgestammelt. –
Und du, mein Kind? – in deinem Spruch
ist alles Eis der Welt versammelt.

Ich hab von meinem schönsten Baum
die rote Frucht herabgerüttelt. –
Und du, mein Kind? – du sahst sie kaum
und hast enttäuscht den Kopf geschüttelt.



Raub.

Alles was ich sieben Monde
Weich und Warmes in mir trug
hast du an dein Herz gerissen,
und es war dir nie genug.

Hast mir Kuss und seltne Worte
ausgeraubt und abgelockt,
und nun gehst du, wo der Abend
kalt auf meinen Schultern hockt.



Totenfest.

Heut feire ich das Totenfest
hurra!
Dass ich kein Weib an meine Brust gepresst
der Jahrestag ist da.

Ich bete zu Antonius:
Patron!
Bewahr mich ferner auch vor Duft und Kuss
und süssem Weiberlohn!

Ich trink ein Donnerpereat
hurra!
Dem letzten Weib das mich bezwungen hat,
der schönen Monika

hurra!



Sehnsucht.

Ich will dir meine tiefste Sehnsucht sagen:
ein Erdenweib durch meine Welt zu tragen,
zu schauen küssen greifen und geniessen
und mich in sie, sie ganz in mich zu schliessen.

Denn wir sind tot wenn wir nicht wiederklingen
in einer Seele die wir fest umschlingen,
und farbig unser Licht gebrochen fühlen
im Tausch von Worten und von Mienenspielen.



Santa Nora




Die Jagdgefährtin.

Du lebst mit mir nach deinen eignen Sinnen
und folgst mir doch auf jeden Pfad und Schlich,
bist keine von den bleichen Königinnen
und keine Sklavin: darum lieb ich dich!

Am Sonnenmorgen ziehn wir in die Fluren
und stehn am Wasser wenn der Wald erwacht,
beraten noch die Zeichen und die Spuren
und trennen uns zu eigenwilliger Jagd.

Vor meinen Hieben muss ein Leben sinken,
ich stoss ins Horn und geb den letzten Stich.
Da seh ich dich mit deiner Beute winken,
-du Jagdgefährtin: darum lieb ich dich!



Lieder.

Wenn unsre Lieder sich entgegeneilen –
das ist wie Heimkehr von der Jagd nach Farben,
die Beute tragen wir zu gleichen Teilen
und auch erlittnen Stoss und tiefe Narben.

Wir wissen kaum noch was wir einzeln brachten
von diesem Schatz den du und ich gefunden:
so bleibt, was wir erlebten und erdachten,
in Form und Sinn und Melodie verbunden.



Trauermarsch.

Es klang ein Tag so zart und auserlesen
und schloss mit Dissonanzen herb und barsch.
In meiner Seele ging es wie ein Trauermarsch,
du aber bist die Melodie gewesen.

Nun endlich kommt ein Ton uns zu versöhnen.
O gib sie, gib mir deine liebe Hand!
Die grosse Sonne hat den schweren Tag verbrannt
und lockt und ruft mit hellen Strahlentönen.



Nur du.

Befrei mich von dem giftigen Absinth
mit dem mich diese Babelbrüste säugen!
Ich war so rein und frei wie Morgenwind
und muss mich nun verderbten Launen beugen.

Von weichem Boden und bewegtem Wald
von stolzen Wogen bin ich hergekommen,
in diesen Lastersälen hat mir bald
verlogner Zwang den blanken Trotz genommen.

Nur du, die ich betört und wagewild
in frevler Abenteuergier verlassen,
nur du kannst mich als eines Menschen Bild
in diesen Rahmen deiner Liebe fassen!



Dein liebes Auge.

Einmal nur will ich dein Auge küssen!
Einmal nur – wenn wir im Dämmerlicht
auf dem Sofa sitzen dicht beisammen
und der Abendsonne rote Flammen
Sich vergolden in verschwommner Schicht:
Einmal nur will ich dein Auge küssen!

Einmal nur will ich dein Auge küssen!
Wenn wir beide ruhig Hand in Hand
still verzichten auf gebotne Kronen,
wenn desselben Liedes Variationen
uns umflüstern wie ein zärtlich Band:
Dann will ich dein liebes Auge küssen!



Läutertod.

Gib mir o Gott noch Eine grosse Liebe!
Ich schwör's: Dann breche ich das Babel nieder,
im Flammentode einer grossen Liebe
geb ich dir die verdorbne Seele wieder.

Ich kann nicht sterben so in diesen Sünden
die ungetilgt mein Lebenswerk beflecken,
im Läutertode will ich aus den Sünden
dir den Poeten jubelnd auferwecken.

Dass er noch einmal sterbende Gesänge
in weisse marmorschöne Worte schriebe,
lass mir den Trost der sterbenden Gesänge,
gib mir o Gott noch Eine grosse Liebe!



Hand in Hand.

Dies ist der Tag der uns den Frieden brachte
nach hartem Wort und lautgewordnem Zorn.
Die Sonne kommt die uns am Morgen lachte
als wir dem ersten Jubel der erwachte
die Perlen schenkten aus dem tiefsten Born.

Wenn auch dein Blick nicht meine Ferne findet,
du siehst das Leben so wie ich es sah
und auch den Weg der sich zu Berge windet.
Wir wissen dass uns nicht die Liebe bindet
und gehn doch Hand in Hand nach Golgatha.



Abschied.

Mir ist so bang um dich!
Ein Unbestimmtes flimmert
und wechselt zwischen Mut und Qual.
Die Hoffnung die nach Hause schlich
wirft einen Strahl zurück der leise schimmert.

Nimm diese Rosen hier
noch feucht von Herbstesfrische
und dieses Wort von fester Wahl:
Den Becher trinke ich mit dir,
wie auch das Schicksal diese Rebe mische!



Die Cismollsonate.

Spiel mir die Cismollsonate!
Denn an ihrem Silberglast
hängt das Sinnen das mich fasst.
Spiel mir die Cismollsonate!

Was dich im gewissenlosen
Lauf des Tages grausam rief,
weicht dem keuschen Ton der tief
aufsteigt aus den kalten Rosen.

Alles was im harten Leben
dich bedrängt mit Ruhm und Rauch,
löst sich auf in reinen Hauch
und verklingt in Dämmerweben.

Und das Leiden das du littest
das dir Tag und Nacht beschwert,
wird mit weissem Licht verklärt
wenn du diese Töne bittest.

Spiel uns die Cismollsonate!
Denn in ihrem Silberschein
schläft das Weh der Welten ein.
Spiel uns die Cismollsonate!



Babel




I.




Der Einzug.

Dies ist die Stadt die wir so tief verehren,
die Stadt der Künste und der Bajaderen!
Von Babels Fenstern und umflorten Zinnen
begrüssen uns die Babylonierinnen.

Tor auf! Schon kommt mit tanzendem Bewegen
uns halbverschleiert eine Schar entgegen,
sie winken – uns in ihren Blick zu bannen –
sie lachen hell und huschen leicht von dannen.

Wir stehn und warten ob entzücktes Neigen
sie nicht bewegt sich unverhüllt zu zeigen.
Umsonst. So ziehn wir in den Schwebe-Garten
das Glück zu haschen oder zu erwarten.



II.




Ha Stolz.

Still rasten wir bis sich der Tag vollendet.
Doch wie ein Wölkchen golden sich umrändet
und Glocken wo ihr Abendspiel beginnen
erscheinen königliche Dienerinnen
mit denen die Gefährten schnell verschwinden
in üppigen Palästen Glück zu finden.

Ich lasse kalt die zögernd Letzte warten.
Sie weint, sie geht. Ich bleib allein im Garten.

Ha Stolz! Noch nie hat mich ein Weib gekettet
das sich dem Fremden schnell zur Liebe bettet!
Ich wag es schon auf vieles zu verzichten
die Welt in meinem Sinne umzudichten,
das kleine Glück verwegen zu verachten
das höchste als mein eigen zu betrachten.

Semiramis! du Königin der Fabel,
dich oder keine heisch ich mir in Babel!



III.




Ruf durch die Nacht.

Nacht! Ich steh wo der Balkon sich brüstet
Sieh: wie sich die Stadt zur Liebe rüstet.
Schleier fällt und Licht verlischt verraucht,
Jubel der in Schönheit untertaucht.

Ein Gesetz besagt aus grauen Zeiten:
Dieses ist die Stadt der Seligkeiten!
Alter wird verbannt und fortgehechelt,
nur die Jugend wird hereingelächelt.

Nacht! Kein Jüngling der nicht selig wäre
in den Armen seiner Bajadere.
Ich nur meide die berauschte Rast
wie der Löwe wachend am Palast.

Und es reisst mich, lautes Wort zu sagen,
meine Sehnsucht in die Nacht zu klagen,
und ich rufe wie von Wut getrieben:
Königin! ich bin allein geblieben!

Königin, ich wag's dich zu begehren!
Den Verwegnen soll Erfüllung ehren.
Liebesglück ist dir an diesem Tor,
Königin! so nah wie nie zuvor!



IV.




Semiramis.

Horch! wie kaum mein stolzer Ruf verklungen
tritt ein Weib mit Hoheit vor mich hin,
goldne Reifen durch das Haar geschlungen,
eingehüllt in Perlen und Musselin.

Fremder du, du wagst es hier zu rufen
in die Nacht der königlichen Ruh?!
Nie noch drang ein Mann zu meinen Stufen,
sterben musst du, du Verwegner du!

Königin, ich komm von Gottes Norden
dich zu sehn, doch wenn ich sterben muss,
hier mein Schwert! Du sollst mich selber morden
und den Tod verkläre mir dein Kuss.

Doch den Herrenblick den ich dir sende
den ertrag mir erst, Semiramis!
Ha! Schon zögern die entschlossnen Hände
und der feste Schritt wird ungewiss.

Dieser Blick, als wenn er Stein zerschlüge,
Leben brächte in erstarrte Kraft,
zwingt ins Hellere die strengen Züge
und verklärt, verschämt dich frauenhaft.

Sieg! Nun fühl die Glut verliebten Bebens
in der Kraft des Arms der dich umschlang!
Babel! Feire den Triumph des Lebens
und der Liebe tausend Nächte lang!



Die Hochzeit des Todes.

Hör mein Kind: Der Tod hat immer Recht.
Zehnmal scheuchst du ihn mit Scheinbeweisen
fort aus deiner Tage bunten Kreisen,
doch das elfte steht er zum Gefecht.

Ha mein Kind: So hast du Kraft und Lust
Trotz zu bieten meiner festen Mahnung?
Und wie Phryne einst in Siegesahnung
stolz dem Tode zeigst du deine Brust?!

Wie sich doch mein kaltes Blut empört
und ein Schauer zuckt um meine Stirne.
Donnerschlag! was wagst du, freche Dirne,
nie noch hat ein Weib den Tod betört.

Weib lass ab von diesem Liebesblick!
Willst du mir das kalte Herz durchbohren?
Hast du mich zum Bräutigam erkoren?
Tolles Weib, ich brech dir das Genick!

Weib verschone mich mit dieser Qual
diesem Reiz und schwellendem Erröten!
Weib ich liebe dich und muss dich töten,
ich der Tod – ich knie zum erstenmal.

Weib du hast die Sinne mir berückt,
habe mit dem Tode doch Erbarmen!
Weib! – mein Weib – in deinen Armen
lieg ich wie ein Rasender entzückt.

Dir Geliebte will ich alle Pracht
und die Schätze aller Welten geben!
Ich, der Tod, verkünde dir das Leben
und der Liebe grenzenlose Macht!

Komm mein Kind, ich will mein schwarzes Reich
dir zum Freudenschlosse umgestalten,
komm mein Weib, wir wollen Hochzeit halten,
Todesbette ist so tief und weich.

Komm, ein Bruch ist nur die Erdenzeit,
ich der Tod, vollende sie zum Ganzen,
mit dem wilden Tode sollst du tanzen,
meine Musikanten sind bereit.

Komm mein Weib, in taumelndem Genuss
will ich dir mein grosses Reich erschliessen,
süss ist wohl das irdische Geniessen,
süsser noch des Todes Hochzeitskuss.


Hat nun hab ich dich beim Freudenmahl.
Sieger noch in solcher Niederlage –
Hochzeit will ich halten tausend Tage,
Ewig bleibst du nun in meinem Saal!



Frevelbuch




Der Spiegel.

Eingerahmt von buntem Holzgetäfel
steht ein Spiegel vor der Ruhestatt
Zeuge war er oft von Rausch und Frevel,
doch ich fürchte nichts denn er ist stumm
und vergisst was er gesehen hat.

Lose Decken liegen rings herum
manches Nackte mussten sie verhüllen
jedem Griffe waren sie zu Willen,
aber niemals haben sie verraten
wem sie nachts zuvor die Liebesdienste taten.



Brautnacht.

Meine siegsgewissen Blicke senken
bohrend tief sich in dein Spitzenkleid.
Sollst mir heute alle Schlüssel schenken
über Nacht gereifter Weiblichkeit!

Was du früher kaum verschwiegnem Spiegel
in geheimster Stunde anvertraut,
heute sinkt sein keuschbewahrtes Siegel
vor dem Mann der dich entschleiert schaut.



Die weisse Schlange.

Auf meines Teppichs bunten Stickereien
lag eine Schlange glatt und weiss und prächtig
und lauschte zischend meinen Schmeicheleien
und dehnte sich und funkelte allmächtig.

Da küsst' ich schnell den schönsten ihrer Ringe,
den mittelsten, mit köstlichem Smaragd,
und hielt dann wieder mit gezückter Klinge
am bunten Teppich Schlangenschlummerwacht.

Bis endlich dann der Tag der weibgehasste
aus meines Fensters hohem Bogen wich
und auch der Teppich sanft in grau verblasste
und Heimliches um alle Dinge schlich.

Da legt' ich mich auf meinen Diwan nieder
und weckte noch verschwiegnes Ampellicht,
und meine Schlange ringelte die Glieder
doch auf des Teppichs Tuche war sie nicht.



Morgensonne.

Morgensonne küsst mit warmen Tinten
alte Bücher die wir gestern lasen,
küsst die rosaroten Hyazinthen
und die goldgeschmückten Blumenvasen.

Morgensonne kommt mit leisem Schlich,
malt am Ofen eine Ringelkette,
Morgensonne flammt und schlängelt sich
um den goldnen Knauf an unserm Bette.

Morgensonne dringt durch Eisenstäbe
die am Ende dort das Bett vergittern,
wenn ich nun die leichte Decke hebe
wird sie rot auf unsern Leibern zittern.



Das Nächtebuch.

Da lag ein Weib auf schweren Diwansdecken
nur halb verhüllt mit rotem Persertuche
und blätterte in meinem Bilderbuche
den Glanz verrauschter Nächte wachzuwecken.

Was sie erlebt mit Weibern und mit Katzen,
die schweren Decken und das weiche Tuch,
das kündet uns in Bildern und in Fratzen
mein Tagebuch, mein süsses Nächtebuch.



Zwischenakt




Kalte Dinge.

Es ist dir eigen jedes Ding zu steigern
das dir die Lippen zur Empfindung reicht,
doch alle Dinge die den Kuss verweigern
vermeidest du, verachtest du vielleicht.

Noch bist du über jeden Blick entrüstet
der sich nicht blind in deine Glut verliebt,
doch wer das Leben grenzenlos durchlüstet,
ist froh dass es auch kalte Dinge gibt.



Rettung.

Du hältst mich fest in lustgeweihten Betten
dein Leben hängt an dieser Liebelei,
ich aber trachte nur mich stark und frei
und stolzer freier noch herauszuretten.

Wenn in den scharlachroten Räkelnischen
dein heisser Leib an meiner Seite ruht,
will ich dir Eis in meine Liebe mischen
und sattes Grau in die ersehnte Glut.



Der weisse See.

Steh auf, verlasse mich!
Du Weib, ich hasse dich.
Steh auf und geh
zum grünen Rasentupf
zum alten Unterschlupf
am weissen See!

Da wo die Weiden stehn
sollst du entkleidet gehn
du junges Weib,
kühle die heisse Glut
bad' in der weissen Flut
den schönen Leib.

Dann aus der feuchten Gruft
steig in die Leuchteluft
schöner als je.
Ich will von weitem stehn
ich will dich schreiten sehn
am weissen See.

Bis mich ein Feuer fasst
und dir mit neuer Hast
ergeben macht,
und uns verlangenden
Liebesumfangenden
das Leben lacht.



Trotz




Reiterlied.

Leben du, ich gebe dir die Sporen
dass dein Blut aufspritzt in hellem Zorn!
Fürchte, fühle meine Gertenhiebe,
fort in wilder Jagd zu meiner Liebe!

Bis wir liebend werben oder wirken
darfst du dich verschnaufen an den Birken.
Wenn die Sonne springt mit frischen Feuern
sporn ich dich zu neuen Abenteuern!



Spruch.

Wenn dich die kleinen Hunde umkläffen
sollst du sie nur mit der Gerte treffen,
doch wenn dich Aufruhr der Meute umbraust
sprich mit der Faust!



Erkenntniss.

Und ob ich alle Welt durchpoch
auf ihre letzten Schätze:
Nie find ich feste Sätze
und jede Weisheit hat ein Loch.

Und ob ich alle Worte greif
zum Tanz in Ring und Schleife:
Sie tanzen nach der Pfeife
nur wenn ich ihre Weisen pfeif.



Blitztod.

Verstört, in zerrütteten Kissen
denk ich an das was vorbei.
Ich habe dem Schicksal entrissen
Glückstage zwei oder drei.

Doch fragt mich ein Wicht was ich wähle,
Blitztod oder langlebiges Nichts:
Ich tausche die ewige Seele
gegen Sekunden des Lichts!



Reiterlust.

In leise wiegendem Trabe
durch seliges Reiterland!
Ein Ritt in funkelndem Trabe
ist Reiters Morgenlabe.

Dann aber lass ich der Stute
die Zügel frei und los,
den Sporn in ihrem Blute!
Ich schenk ihr keine Minute.

Kein Halt, kein Hindernis!
Sie legt sich in die Gurten,
wie schäumt sie ins Gebiss!
Fort über Erdreich und Riss.

Da – hat sie der Hafer gestochen?
Sie streckt sich in wilder Carriere,
fort fort mit dampfendem Kochen
und alles wird niedergebrochen.

Ha Reiterlust! durchgegangen!
Hepp hoch! durch die lachende Welt.
Die Welt ist für Reiter und Rangen!
Ha Reiterlust! Feuer gefangen!

Halt Halt! ich leite und lenke
mit Ruf und Schenkeldruck.
Wo blieben die Wege? ich schwenke,
wer zeigt uns die kühlste Tränke?!



Frühlingssonne.

Wie Frühlingssonne ihre Liebe bringt
hinleckend über wüste Ackerkrume,
bis Keim und Knolle sich entgräbt, entringt
und lichtwärts schwillt als Baum und bunte Blume:

So überstrahlt mein gluterfüllter Sinn
des ganzen Weltalls aufgewühlte Schollen,
zur kleinsten Samenkapsel dringt er hin
und trachtet sie belebend aufzurollen.



Trotz und Treue.

Hochfahrendes Herz
lass mich in Ruh! es ist genug
dass ich alle Ahnenbilder zerschlug.

Trotzige Stirn
beuge dich endlich dem niedrigen Joch!
Einmal diesen Weg gehst du doch.

Krampfende Faust
lass los! werde glatt!
Einmal doch ringen sie dich matt.

Stolzer Mund
Was? was sagst du? – »Nein Nein!
Ewig muss ich Trotz und Treue sein!«



Lust-Spiele




Sinfonia Erotica.

Um die Erde läuft die Nacht mit ihren Schatten.
Nacht 1 in allen Zonen, allen Breiten
sinken Mann und Weib auf ihre Matten,
aus den Brünsten lodern helle Seligkeiten.

Um die Erde läuft die Nacht von Ost nach Westen.
Nacht 1 durch Millionen Männersinne
zuckt die Gier nach unerhörten Festen,
nach des Weibes süsser Gegenglut und Minne.

Um die Erde läuft die Nacht mit ihren Schatten.
Nacht 1 Aus Millionen Weiberbrüsten
flammt empor die Sehnsucht nach dem Gatten,
nach der Liebe Muskelspiel und Fleischeslüsten.

Um die Erde laufen wilde Loderbrände,
zünden sich beherzt von Glied zu Glied,
von den Lagerfeuern ins Gelände
ruft hinaus ein uralt Tanz- und Jägerlied.

Um die Erde reiten lodernde Begierden
und Erfüllung folgt in toller Flucht,
und in Sprung und Spiel, in Zorn und Zierden
sucht die Liebesbrandung ihre Bahn und Bucht.

Nacht! Die Urzeit ist verjüngt heraufgestiegen.
Millionen Männer werden frei,
Millionen Weiber unterliegen,
um die Erde rollt des Menschen tiefster Schrei.



Adam und Eva.

Adam, komm, du, sieh mich an
meine Brüstchen sind wie reife Äpfel
rund und gelb und mit zwei roten Flecken.
Du, ich glaube sie sind süss,
willst du nicht die süssen Äpfel schmecken?

Eva, komm, du, setz dich her
gib mir deine beiden reifen Äpfel
rund und gelb und mit zwei roten Flecken!
Huh, ich fühle es ist süss
sie mit leisen Küssen zu bedecken.

Adam, still, du, sieh mich an
ist mein Leib nicht eine Goldmelone
weich mit ihren Furchen, Falten, Rinnen?
Du, sie hängt an losem Stiel,
willst du nicht erkennen und gewinnen?

Eva, still, du, leg dich her
gib mir deine goldene Melone
mit den roten Furchen, zarten Rinnen!
Ah, die Frucht ist heiss und schwer,
deine tiefste Süsse will ich minnen.



Der Golfstrom.

Auf dem warmen Golfstrom deiner Liebe
treibt mein Schiff – gehoben und gesenkt,
eine Seele steht am Steuerruder
die mit zartem Liebesdrucke lenkt.

Und so geht die Fahrt in Tropenländer
und das Segel flattert – wie ein Hemd,
auf dem warmen Golfstrom deiner Liebe
der mich an das Goldgestade schwemmt.



Hindernisse.

Rote Hüllen: Seidenhemd und Bluse
sind die reizenden Hindernisse der Liebe.

Zupf zupf, da reisst ein Band,
husch, meine Hand
findet einen süssen Hohlweg.

Surr, da trennen sich Litzen,
husch durch heimliche Spitzen!

Aber dann, ach, eine Sperre,
wie ich auch zerre –
der Weg wird nicht breiter.

Liebchen hilf du mir weiter!



Liebkosung.

Voller Güte streichen deine Hände.

Alles was der rohe Tag verzerrte
mit zu scharfer Helle oder Härte
löst sich, wenn du eng an mich geschmiegt
meine Sucht mit süsser Stille füllest,
wenn du deinen weichen Hals enthüllest
und ein Blick der Liebe durch das Dunkel fliegt.

Unter leichten faltigen Geweben
fühl ich deine jungen Brüste beben,
deines Körpers Wärme lockt und liebt,
deine Hand in schweigendem Versenken
will mir allen Reiz der Ruhe schenken
und das Liebste geben was die Liebe gibt.

Keine Sucht, die nicht Erfüllung fände!
Voller Güte streichen deine süssen Hände.



Königin der Ehren.

Denn du bist die Königin der Ehren,
süsses Weib so wie du lebst und leibst,
wenn du alle Farben deiner Liebe
in das Rot der letzten Liebe reibst.
Süsse Königin der Ehren!

Heil, wenn in den hellen Liebesnächten
unser Tanz zum Taumel sich gestaltet
und im tollgewordnen Farbenkreise
deiner Weissglut Wirbel sich entfaltet.
Heil den hellen Liebesnächten!

Denn du bist die Königin der Ehren,
süsses Weib so wie du mich umringst
und im Fangspiel deiner weissen Arme
in den Wirbelsturm der Liebe schwingst.
Süsse Königin der Ehren!



Reiz.

Das aber ist des Lebens Riss und Lücke
dass es was gibt was ich noch nicht gekostet:
Schönheit und Weib und Weibes-Reiz und Tücke
und soviel Ruch von unerhörten Rosen.

Ja allen Witz und alles Wonneschliessen
will ich in eines einzigen Weibes Wucht
in eines einzigen Weibes Gier geniessen
und töten mich und sie am selben Tag.

Allein was uns aufs Weheste entzückt,
was herrisch herb und schön und hasserfüllt,
das ist in alle Welt zerteilt zerstückt
und fortgeschwemmt.

Und wie ein Raubfisch schlag ich mit den Flossen
und tauche in das reichste Meer der Fische.
Den Reiz des Tropfens hab ich tief genossen,
jetzt schnell, dass ich im Weltmeer mich erfrische!



Erdenweib




Gruss in die Ferne.

Erdenweib, noch bin ich dir so fern,
noch sind meine Sterne nicht erglommen.
Unvermutet werd ich zu dir kommen,
dann erkenne deinen Herrn!

Noch beschwert mich überlebte Qual,
doch schon drängt's zu fliegenden Entschlüssen,
bis ich reif sein werde dich zu küssen,
dann ergib dich dem Gemahl!



Mehr begehr ich

Mehr begehre ich in Liebeswirren
als den Kuss nur im Vorüberflüchten
loses Naschen an verbotnen Früchten
spielerisches Tändeln oder Girren.

Was nicht dauern kann ist halb verrauscht,
was nicht weilen will ist schon entschwunden,
Liebe ist in Liebe nur gebunden
wenn sie täglich neue Gaben tauscht.



Sehnen.

Das eben ist das tiefste reifste Sehnen:
Sich weich an ein Geliebtes anzulehnen
und nichts zu wissen von der alten Frage:
Ist das nun Sieg? ist das nun Niederlage?

Der Stärkste sehnt sich noch zu unterliegen
in weichen Um-Fang sich hineinzuschmiegen
und hinzuknien vor geliebten Schoss
ergeben aufgelöst und willenlos.



Mein süsses Herz.

Mein süsses Herz, ich will bekennen:
Du endlich bist der Sinn der Welt!
Kein fremdes Locken soll mich trennen
von dir die mich umschlossen hält.

Denn tot ist alles was wir geben
das nicht von Herz zu Herzen schwillt,
und sinnlos alles was wir leben
das nicht geliebtem Wesen gilt.



Hass und Liebe.

Die wissen nichts von Hass und nichts von Liebe
die alles nur mit dem Verstandessiebe
fein säuberlich befrein von Schlamm und Schlacken.

Denn nie bis dorthin dringen die Gedanken
wo Leidenschaft mit ihren Tigerpranken
wo Hass und Wollust unsre Gurgel packen.



Trauer.

Das aber ist die tiefste aller Trauer:
Dies Auseinandersein im letzten Rausch;
nur Augenblicke können uns verschmelzen.

Ich schwelle noch verzückt und du wirst lauer,
noch ein Umklammern, letzter Gluten Tausch,
du trachtest schon dich meiner zu entwälzen.

Ich schwelge noch im Schlürfen deiner Süsse
und du entwendest dich erstarrt erkühlt,
ich beuge zitternd mich vor deine Füsse
doch du bist Stein der keine Liebe fühlt.



Verklungen.

Viel bunte Raketen und Feuergarben
sind mir entgegengefunkelt,
aber die Sonne mit ihren Farben
hat sich verschleiert verdunkelt.

Viel schöne Mädchen von stolzem Schlage
haben mich kosend umschlungen,
doch die reichste Liebe all meiner Tage
ist ohne Erfüllung verklungen.



Der Dolch.

Dem Erdenweibe das sich mir entwand
weil ich zu schwach war sie zu unterwerfen,
bring ich in todentschlossner Hand
den Dolch der Worte mit geflammten Schärfen.

Weil ich dich liebe bin ich ganz vernichtet
und nur mein Hass hat dir dies Buch gedichtet!



Der Salon des Todes.

Dies ist der Salon der Isabella!

Über grünlich dunkle Matten
taumelt eines Weibes Schatten.
Ihre Finger wühlen durch die Luft
Hirngespinste scheinen sie zu fassen
streiten sich mit unsichtbaren Massen,
würgen ein Phantom das Hilfe ruft.

Ihre Sinne sind wie Zungen
die – in Schmerz und Reiz hineingedrungen –
Wollust saugen aus geheimsten Poren.
Ihre Sinne sind wie Nadelspitzen,
die nur stechen können oder ritzen,
stacheln, reizen, aber nie durchbohren.

Sprunghaft wechseln ihre Launen. –
Einen Schleier reisst sie von der Wand,
breitet ihn zu frechem Schärpenschwung
faltet ihn mit hastigen Händen
fasst und führt ihn in verschlungnen Wenden
wirft ihn mit gewandtem Fechtersprung
fängt ihn wieder an den zarten Enden.

Schlank, geschmeidig, voller Scharm
beugt sie ihren stolzen Oberkörper,
und die müde Schleierschärpe
gleitet willig über ihren Arm.

Wunderbar ist dies Gewebe!
Wie gewebt aus feinsten Nervensträngen,
wie ein Traum in ungewisser Schwebe
von den weichsten Düften oder Klängen.
Wie sich ungezählte Zellen
kunstvoll zueinander stellen!
Wie sich Muster oder Maschen
überkreuzen, überraschen!
Und die Spitzen und die Borten
wie Musik von Liebesworten!

Isabella wacht und träumt in Eins.
In das Zwielicht eines Edelsteins
starrt sie lange mit verhaltnen Gluten
bis ihr Blick sich trübt wie überwacht,
doch nach müde zögernden Minuten
ist ihr Spielsinn wieder angefacht.

Endlich – ihre Finger starr geklammt –
fällt sie todermüdet auf den schweren Samt
der ein tiefes Räkelbett bedeckt,
zuckt noch wie ein Tier das jäh verreckt,
rollt die Augen weiss und leer und gross,
streckt die Glieder dann besinnungslos. –

Und ein Diener tritt herein.
Hastig rennt er über die Matte
bringt auf einer Silberplatte
tief sich neigend eine stahlharte
schwarzumrandete Visitenkarte,
darauf ist in Schnörkelschrift gekritzelt
eines Edelherrn Incognito:
Don Diabolo.

Isabella fühlt sich wie gekitzelt
doch sie hebt sich nicht aus ihren Kissen.
Weit sind ihre Lider aufgerissen
reglos winkt sie mit den Glaspupillen,
und der Diener meldet ihren Willen.

Und durch die erhobnen Türverschlüsse
kommt mit elegantem Schritt ein Gast
und schon hat er ihre Hand erfasst
und bedeckt sie mit erregten Küssen.

Und er beugt sich auf das kleine Ohr:
Isabella du hast geschworen
bei allem Frivolen,
heut soll ich dich holen
heute dich umschlingen
rasend durchdringen,
Isabella gib dich verloren!

Isabella dehnt sich wie im Traum.

Du, ich bin so sterbensmüde,
lass mich heute, deinen ersten Kuss
will ich mit gespannter Lust erwidern.
Lass mich, meine tiefste Gier
soll dir lodern sinnlos überreizt.
Komm, was stehst du so gespreizt?
Komm mein süsser Kavalier!
Hör, ich muss dir was erzählen,
gestern sah ich eine Vision:

In dem goldverglasten Gartenzimmer
lag ich auf dem weichen Strohgestühl,
aus dem Nichts erhob sich ein Geflimmer
und verwob, verwirrte mein Gefühl.

Dunkel flog es durch die Orchideen
dunkel flog es um das herbe Grün,
war gekrönt mit toll-orangenem Glühn
war gegürtet mit Perlmutter-Streifen.
Plötzlich hebt sich ein geflammter Reifen
wie ein irrgewordner Heiligenschein,
aus dem Flackern, aus den Feuerschleifen
kommt ein weisses Wesen mir herein.
Das bestrahlt mich mit gelöstem Licht
und es hebt und steigert sich und spricht:

Ȇber das Geschick von tausend Seelen
»bist du mühelos hinweggeschritten
»durch erhöhte Lust vertieftes Quälen.
»Alle Reize hast du schwer erlitten
»alles Ebne hast du überwunden
»alles Wahnglück des Weibes gefunden.
»Eins nur bleibt dir ewig unbekannt:
»Das Infant! –
– – – – – – – – – – –

Liebster, sage mir – was ist »Infant«? –
Was es sei, du musst es mir verschaffen,
ist's ein Kleinod, sollst du es mir schenken,
denn das Spiel mit Perlen und Opalen
kann mir kaum Minuten noch zerstreuen.
Ist's ein neues Elixir?
Bring mir das, ich will es haben,
meine Glieder, mein Gefühl zu laben,
alle Fasern neu zu stärken
frisch zu unerhörten Frevelwerken.
Gib es mir als deiner Liebe Pfand!
Du Geliebter, gib mir das Infant!

Und des Gastes schwarze Augen blitzen!
Zitternd fliegen seine Fingerspitzen,
zögernd tritt er an das Räkelbett,
lauert tief in Isabellens Züge,
setzt sich auf ein türkisch Taburett,
leise sagt er die Todsünden-Lüge:

Du, was soll dir das Infant?!
Das ist für die Derben, Groben,
müde macht es und alltäglich,
lass das Volk mit den Infanten toben.

Du bist viel zu elegant!
Du bist für das Seltene erlesen
für das tiefste Grausen des Genusses,
für die irrsten Lüste meines Kusses,
du bist selbst ein Orchideenwesen
raffiniert geschmeidig und pikant!
Du, ich geb dir das Infant
in dem Wahnspiel frecher Illusionen,
und das letzte irdische Erkennen
sollst du heute noch dein eigen nennen.
Denn der Schein ist süsser als das Wahre,
rüste dich dass ich ihn offenbare!

Isabella rafft sich um zu rüsten.
Unerhörtes Wissen und Gelüsten
hofft sie von dem eleganten Gast.
Sie enteilt in schwellende Gemächer
und entkleidet sich mit wilder Hast,
wühlt, und wählt sich Farben oder Fächer,
nichts ist was ihr für die Stunde passt.

Don Diabolo besieht indessen
dieses Raumes strotzende Finessen.

Irgendwo auf ladender Konsole
steht ein Glas mit einer Mönchsphiole.
Durch des Glases harten hellen Kiesel
den so feingetönte Farben zieren
zieht sich Gold in zarten matten Schlieren
und zerstäubt in rosigem Geriesel.

Und der Don mit träumerischen Griffen
nimmt den Krug der aus Krystall geschliffen,
und er träufelt köstlich grünes Nass
in das schillernde Muranoglas.

Und im Schlürfen und im Nippen
murmelt er mit krausen Lippen:
Zwar, von Mönchen lieb ich nichts zu hören,
aber ihren grünen Mönchslikören
bin ich garnicht abgeneigt,
weil das Zeug so heiss zu Kopfe steigt. –

Von der Schlange die herniederschaut
springt ein Licht halb frech und halb vertraut.
Und es rauscht in dem verhängten Bogen
und ein süsser Duft kommt vorgezogen,
plötzlich doppelt sich des Raumes Helle:
Nackt im Saale zeigt sich Isabelle!

Eine Boa aus graublauem Pelz
ringelt sich um ihres Nackens Schmelz
wallt herab, geschlängelt und geknüllt,
bis zu den Fesseln die sie halb verhüllt.

Und mit frech sich werfender Gebärde
tanzt das Weib herein auf nackten Sohlen
macht phantastisch wilde Capriolen
bäumt sich hoch und wirft sich in die Kissen,
weit sind ihre Lider aufgerissen.

Und der Don mit wildem Augenrollen
springt heran zu der Erwartungsvollen,
die ist für die letzten Dinge reif,
zitternd beugt er sich zu der Übertollen.

Und mit einer schwarzen Straussenfeder
kitzelt er das weiche weisse Leder
das in Wollust sich entgegenreckt.
Isabella bläut sich im Geäder,
und die Boa die sie noch bedeckt
fällt herab durch fortgeschnellten Ruck.
Ihre weissen Schenkel zucken
ihre runden Brüste sind entzückt,
über den gekrümmten Rücken
läuft ein Schauer der sie ganz berückt.
Don Diabolo wird immer wüster
denn es freut ihn dass er sie beglückt,
und er kitzelt fort mit Todestücken.

Plötzlich lischt das Licht, und durch das Düster
gellt ein Schrei!!
– – – – – – – –  – –  –
– – – – – – – –  – –  –
Das ist der Salon des Todes!

Diese Wesen, menschlich ausgeprägt,
sind doch überlebte Ungeheuer,
denn das einzige was sie erregt
ist des tiefsten Schlundes Fegefeuer.

Allem Starken bieten sie die Stirn,
jedem Triebe geben sie Gewährung,
immer ist ihr arges Hirn in Gärung,
und auch in ihrem Herzen ist Gehirn!

An Lebenswerken sind sie nicht beteiligt,
da bleibt der Wert des Morgens unentdeckt,
nur das Groteske lockt erregt und schreckt
und nur die Laune ist geheiligt.

Und dennoch dünken sie sich hoch und hart.
Sie folgen nur in engster Gegenwart
des überhitzten Augenblickes Rufe,
und ihrer Kräfte sonderbarste Stufe
das ist der Wille seelenlos zu sein!