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Otto Julius Bierbaum – Die Haare der heiligen Fringilla und andere Geschichten

Erzählungen

Albert Langen Verlag, München, 1920

Die Haare der heiligen Fringilla

Eine erbauliche Geschichte

Es lebten einmal (wer weiß, wie lange es her ist), durch das Band des heiligen Sakramentes der Ehe rechtmäßig und katholisch miteinander verbunden, in einem schönen Schlosse ein Prinz und eine Prinzessin. Den Prinzen wollen wir Flodoard, die Prinzessin aber Eulalia nennen, – denn wir haben uns in dem Taschenbuch der fürstlichen Häuser davon überzeugt, daß es keinen Prinzen Flodoard gibt, die mit einer Prinzessin Eulalia ehelich und katholisch verbunden wäre.

Der Prinz, – nun, das war ein ganz annehmbarer Herr. Hübsch wohl eigentlich nicht, auch nicht gerade aufdringlich intelligent, aber er konnte so mit hingehen und machte mit den anderen Prinzen seines Hauses eine ganz harmonische Gruppe. Eine rosige Hautfarbe, gehoben durch einen kohlpechrabenschwarzen Spitzbart und muntere, ganz hellblaue Augen, alerte Bewegungen, die Kleider direkt aus London, – wer mehr verlangt, ist unverschämt. Zudem strich er die Kniegeige und war ein Gönner der mimischen Künste.

Prinzessin Eulalia ermangelte der Reize, die in Märchenbüchern und Zeitungsberichten den Prinzessinnen anzuhaften pflegen. Dafür entstammte sie aber auch einem grausam alten Fürstenhause, das infolge seiner unerhörten Vornehmheit eigentlich aus fortwährende Inzucht angewiesen und daher auch noch durch allerhand kleine geistige Schönheitsfehler ausgezeichnet war.

Wir müssen es uns versagen, daraus näher einzugehen, weil wir weder die Absicht noch den Beruf haben, ein Lehrbuch der Psychopathologie mit besonderer Berücksichtigung der ältesten Dynastengeschlechter zu schreiben, und es muß uns genügen, auf die spezielle Form hinzudeuten, in der die psychischen Leberflecke bei Prinzeß Eulalia auftraten. Die hohe Dame war, um es mit der gebührenden Delikatesse auszusprechen, religiös etwas stark empfindlich. So bekam sie zum Beispiel Zustände epileptoider Natur, wenn sie genötigt gewesen war, einem Ketzer die Hand zu reichen; erst eine drei Stunden lange Waschung in reichlich mit Weihwasser versetzter Eau de Cologne war, wie sie behauptete, imstande, die also besudelte Hand wieder in den früheren Zustand rechtgläubiger Immakulanz zu versetzen. Dies nur ein Beispiel, dem wir noch eine ganze Reihe ähnlicher anzusägen vermöchten, wenn wir nicht vorzögen, zu unserer eigentlichen Geschichte zu kommen.

Prinz Flodoard wußte die Ehre wohl zu schätzen, die darin lag, daß er mit einem, wenn auch etwas welken Sproß jenes grausam alten Fürstenhauses durch die Ehe verbunden war, aber er huldigte der vielleicht frivolen, aber begreiflichen Anschauung, daß diese Ehre ihn nicht an dem Genusse derjenigen Vergnügungen hindern zu müssen brauchte, die ihm jene Ehe nur in unvollkommenem Maße gewährte. – Wie wir schon erwähnten, schenkte er den mimischen Künsten den Vorzug seiner Gunst. Wäre sein Interesse nur von der oberflächlichen Art gewesen, wie sie auch in den bürgerlichen Schichten des Volkes auftritt, so würde er sich darauf beschränkt haben, es von seiner Loge aus zu betätigen: da er aber ein Mann von Gründlichkeit und überdies einer jener vorurteilsfreien Prinzen war, die auch die direktere Berührung mit den Untertanen nicht scheuen, so überschritt er die Schranke, die ihn von den darstellenden Künstlern trennte, und begab sich, so oft es nur anging, das heißt stets dann, wenn er ohne seine hohe Gemahlin das Theater besuchte, hinter die Kulissen. Nur so, sagte er sich, kann ich mit dieser wunderlichen Welt in innigeren Kontakt kommen. Und so war es.

Das Fräulein hieß Fanny und verkörperte die heroischen Weiblichkeiten jüngeren Alters. Denn sie besaß eine starktönende Stimme, lange Beine, volle Arme, glutvolle Augen und einen Busen, der jeder vorgeschriebenen Wallung gewachsen war.

Ob Fanny den Ruhm einer großen Künstlerin verdiente, das mögen auf Ehre und Gewissen jene Herrschaften entscheiden, die in der Stadt ihrer Tätigkeit über diese Dinge gegen das übliche Zeilenhonorar zu Gerichte sitzen; an uns ist es lediglich, zu konstatieren, daß Prinz Flodoard in jeden gewünschten Kontakt mit ihr kam und keine Ursache hatte, daran zu zweifeln, daß sie Temperament besaß und heroischer Anstrengungen fähig war.

Somit wäre alles gut gewesen, und wir brauchten diese Geschichte nicht zu schreiben, wenn nicht Prinzessin Eulalia durch eine boshafte Manikure (mit der Fanny einen kleinen Raufhandel gehabt hatte) von der Sache Wind bekommen hätte.

»O« sagte sie. »O« und ließ ihren Beichtvater kommen.

Pater Ivo war ein Kapuziner von der verehrungswürdigen Einfalt eines frommen Greises und dem treuherzigen Glauben eines unverdorbenen Kindes. Seit mehr denn fünfzig Jahren trug er seine Kutte und wußte nichts mehr von der Welt und ihrer Arglist, denn was er davon gewußt hatte, hatte er vergessen. – Diesem wackeren Mönche also erzählte Prinzessin Eulalia mit sanft umschreibenden Worten das Greuliche und fragte zum Schluß: »Was ist zu tun? Was kann hier helfen?«

»Nichts, als die Haare der heiligen Fringilla« antwortete Pater Ivo.

»Ah« sagte die Prinzessin.

»Ja« sagte der Pater.

»Nämlich,« fuhr er fort, »die Haare der heiligen Fringilla, auf der bloßen Brust in einer geweihten Kapsel aus dem Holze des Judasbaumes getragen, haben die Kraft, die bösen Lüste zu vertreiben, indem sie sie im eigentlichsten Sinne hinfällig machen, so zwar, daß …«

»Ich verstehe,« sprach die Prinzessin, indem sie zu den übrigen Falten ihrer Stirn noch eine bekam; »das wird das richtige sein. Wie aber und woher bekommen wir so schnell Haare von der heiligen Fringilla und Holz vom Judasbaume?«

»Hier,« antwortete Pater Ivo prompt, griff in seine Kutte und brachte eine Kapsel zum Vorschein, »hier sind Haare und Kapsel. Ich bedarf ihrer ohnehin längst nicht mehr,« fügte er mit einem milden Lächeln hinzu.

Die Prinzessin nahm die Kapsel mit Dank und Andacht entgegen und hätte sie gerne geküßt, wenn sie nur etwas gelüftet gewesen wäre; so mußte sie sich begnügen, sie mit Devotion zu betrachten. Das Ding sah eigentlich wie eine der alten Taschenuhren mit hohem, runden Glasdeckel aus, nur daß unter dem Glas kein Ziffernblatt, sondern, auf einem Pölsterchen von weißem Samt, eine Anzahl brauner, ganz, ganz feiner schlichter Haare zu sehen war, die sich fast wie Seidenfäden ausnahmen, so fein waren sie.

Mit dieser Kapsel in den überaus weißen und natürlich hellblau geäderten Händen begab sich die Hoheit Eulalias in die Gemächer ihres Gatten, der eben die Kniegeige traktierte, indem er den ganzen Schmelz seiner Empfindungen für Fanny auf ihre vibrierenden Saiten strich. Als er seine hohe Gemahlin bemerkte, beendigte er die empfindungsreiche Piece mit einer mehr ausdrucksvollen als harmonischen Figur und sah den Sproß des grausam alten Fürstenhauses fragend an.

Der Sproß aber sprach: »Nimm, mein Geliebter, hier in dieser Kapsel aus dem Holze des Judasbaumes einige Haare vom Scheitel der heiligen Fringilla, hänge die Kapsel um deinen Hals und trage sie fürderhin auf deiner bloßen Brust.«

Was hat sie denn? dachte sich Prinz Flodoard; es herrschen doch nicht die Pocken oder der Typhus in unserer Stadt, und ich bin überdies in der Unfallversicherung Sprechen aber tat er so: »Aus welchem Grunde wünschest du dieses ?«

»Es ist gut gegen allerlei Anfechtungen,« erwiderte mit Betonung und einem eigentümlich bohrenden Blick die Prinzessin.

Der Prinz hatte eine bange Empfindung, nicht unähnlich der, die auch Prinzen haben, wenn sie beim Zahnarzt sind und dieser die elektrische Bohrmaschine herbeizieht. Daher sprach er schnell: »Ich danke dir sehr für diese Aufmerksamkeit. Wie du weißt, habe ich stets zu den besonderen Verehrern der heiligen Fringilla gehört.«

Die Prinzessin neigte hoheitsvoll, aber nur ein bißchen, das Haupt und sprach: »So wirst du, hoff' ich, immer und überall, stets und wo du auch bist, jederzeit und bei allen Gelegenheiten eingedenk sein, wessen Haare du auf deiner Brust trägst, so daß schon der Gedanke allein deinen Fuß vor jedem Straucheln behüten wird, abgesehen von der magischen Kraft der heiligen Haare selber.«

Daß sie etwas weiß, ist sicher, dachte sich der Prinz. Es ist doch scheußlich, daß in diesem Neste alles auskommt. Sprechen aber tat er so: »Du kannst dich in jeder Hinsicht vollkommen beruhigen, meine Teure. Ich werde die Kapsel sofort umhängen und gewiß immer an sie denken. Überdies ist sie, wie ich sehe, so voluminös, daß ich sie unausgesetzt fühlen werde.«

Prinzeß Eulalia tat, was sie nur selten zu tun pflegte: sie lächelte. Und, indem sie lächelte, sprach sie: »Daran erkenn' ich meinen Pater Ivo; er denkt an alles.« Prinz Flodoard aber dachte sich: Es wird höchst unschick aussehen, wenn dieser Knollen die Hemdbrust aufbeult. Man wird denken, daß ich eine Hühnerbrust habe.

Indessen, umhängen mußte er sich die Kapsel doch.

Am Abende desselbigen Tages, da sich dieses begeben hatte, befand sich Flodoard (denn in solcher Gesellschaft wollen wir ihn bloß Flodoard schlechthin nennen) bei Fanny. Es war ein schwüler Sommerabend, von der Art, wie die Dichter sie bevorzugen, wenn sie auf hitzige Ereignisse kommen wollen. (Doch wünschen wir mit solchen Dichtern nicht verwechselt zu werden, denn wir haben keinerlei hitzige Absichten, – vielmehr wird diese Geschichte gleich aus sein.) Flodoard sowohl wie Fanny befanden sich in jenem leichten Kostüme, in dem man sich nur dann am offenen Fenster zeigt, wenn man kein Visavis hat. Das Fannys war aus Seide und rosarot, das Flodoards dagegen, bis auf die große rote Krone unter der Brustkrause, durchaus weiß und aus Batist. Der Schwüle wegen hatte Flodoard es unterlassen, den weißen Kragen seines Gewandes zu schließen, so daß der Hals sowohl wie ein Teil der Brust sichtbar ward, und so kam es, daß Fannys Blick unter anderem auch auf die uns hinlänglich bekannte Kapsel fiel.

Es war vielleicht indiskret, daß sie es tat, aber Fanny fragte, indem die rosarote Seide sich dem durchaus weißen Batiste näherte: »Schau, was hast du denn da hängen?«

Es war vielleicht frivol, daß er es tat, aber Flodoard antwortete, indem der durchaus weiße Batist die Berührung der rosaroten Seide sanft erwiderte: »Das sind Haare vom Scheitel der heiligen Fringilla.«

»Die helfen gewiß gegen Erkältung,« meinte Fanny.

»Nein, sie sollen vielmehr gegen Erwärmung helfen,« witzelte Flodoard.

»Haare von einer Heiligen hab' ich mein Lebtag nicht gesehn; die muß ich mir näher anschaun,« entschied Fanny, hing dem witzigen Herrn die Kapsel ab und ging damit zum offenen Fenster.

Obwohl wir vorhin bemerkt haben, daß es ein schwüler Sommerabend war, als sich alles dieses begab, erhob sich doch plötzlich in den hohen Bäumen des Parkes, nach dem hinaus die Fenster der neugierigen Heroine gingen, ein Wind und entführte (»auf seinen Fittichen« wollen wir sagen, weil es sich um verehrungswürdige Gegenstände handelt) die Haare der heiligen Fringilla in das grün schwarze Dämmericht. Allwissend, wie wir es dank unserer Eigenschaft als epischer Dichter sind, können wir hinzufügen, daß ein junger Spatz, der eben sein erstes Verhältnis mit einer fast noch weichschnäbeligen Spätzin hatte und sich in einem verlassenen Starkasten der ausgelassensten Flitterwochen erfreute, unverschämt genug war, die zarten Reliquien mit seinem frechen Schnabel in freier Luft aufzusaugen und sie mit den Worten: »Gute Polsterung ist das sicherste Fundament eines liebevollen Lebens« seiner Geliebten unter die warme Basis zu schieben. Habent sua fata capilli.

Fanny, die offenbar nicht mehr Gewissen als eine Spätzin hatte, geriet über die Entführung der Haare nicht etwa in Verzweiflung, sondern sagte bloß kurzhin: »Weg sind sie«

Aber Flodoard, der an die Dame aus dem grausam alten Herrscherhause dachte, rief erschrocken aus: »Kruzi Türken, das ist aber mal unangenehm«

Worauf die Heroine eine spöttische Nase machte, indem sie sich einer bei Menschen sonst seltenen Fähigkeit bediente, die darin bestand, daß sie auf dem Nasenrücken ein paar Längsfalten erzeugte. Dazu sprach sie: »Du hast aber auch immerzu Angst vor deiner grauslichen Hoheit. Übrigens macht das gar nix. Ich leg' einfach ein paar Haare von mir in die alte Tombackuhr.«

Flodoard fand das im ersten Augenblick ingeniös, aber dann wurde er verzagt: das geht ja nicht; du hast ja blonde Haare

*

Dies ist die Peripetie der Geschichte. Hier setzt das Wunderbare ein. Die sonst nie versagende Füllfeder des Dichters erlahmt in diesem Augenblicke und vermag nur das Äußerliche der mirakulosen Begebenheit zu registrieren: Fanny kicherte und ging ins Nebenzimmer, von woher man das Schnippsen einer Schere und ein nochmaliges Kichern vernahm.

Am nächsten Morgen, als Prinz Flodoard an der Seite seiner hohen Gemahlin erwachte, sah er, daß diese im Bette aufgerichtet saß und mit starren Augen in die Kapsel sah, die sie ihm im Schlafe abgenommen hatte.

Der Prinz erschrak heftig und fragte: »Wa ... Was tust du denn da?«

Prinzeß Eulalia starrte weiter und flüsterte fast ekstatisch: »Flodoard, sage mir, hast du die Kapsel geöffnet?«

Der Prinz antwortete hurtig, aber sanft: »Nein, meine Teure, das tat ich nicht.«

Prinzeß Eulalia sandte die Widerhaken zweier Inquisitorenblicke in seine Seele und flüsterte noch ekstatischer: »Schwöre, daß du die Kapsel nicht geöffnet hast«

Der Prinz überlegte sich den Sachverhalt und sprach dann mit Festigkeit: »Ich schwöre«

Die Prinzeß erhob ihre Augen zum Betthimmel, als ob dort, wo sich die Falten des Mulls in einem gekrönten Bausch trafen, etwas Unerhörtes zu sehen sei.

Auch Prinz Flodoard wandte seine Blicke dorthin, doch war es ihm nicht gegeben, irgend etwas Besonderes zu bemerken.

An diesem Tage wurde Pater Ivo zu früherer Stunde als je ins Schloß berufen. Prinzessin Eulalia empfing ihn mit allen Anzeichen feierlicher Gehobenheit. Und sie sprach: »Mein teurer Pater, ich glaube, daß die Gnade bei uns eingekehrt ist.«

»Sie kehrt bei allen ein, die rechten Sinnes sind,« antwortete der fromme Greis. »Aber: wieso?«

»Seht her,« antwortete die Prinzessin, »die Haare der heiligen Fringilla haben Locken bekommen«

»O« rief der Pater aus. »O o o Wie heiß muß die Brust des Prinzen sein«

Die Prinzessin nahm einen strengen Ausdruck an: »Wie? So weltlich erklärt ihr dies? Und selbst, wenn es die Brust meines Gatten gewesen wäre, die dies vermocht hat, – wäre es nicht ein Wunder? Schlichte Haare, die zu Locken werden, ohne daß man sie wickelt oder brennt?«

»Ja, es ist ein Wunder« entschied der Mönch, der sich seiner rationalistischen Anwandlung schämte.

»Aber was mag es bedeuten?« fragte die Prinzeß.

Pater Ivo überlegte eine Weile, durchdachte alle Wunder ähnlicher Art, erwog, verwarf, verglich, schied aus und sagte schließlich was folgt: »So ist es, meine erhabene Tochter; merket wohl auf So und nicht anders: Gleich einem göttlichen Zugpflaster haben die Haare der heiligen Fringilla alle böse Brunst aus dem Herzen Eures hohen Gatten gezogen und sind so im Feuer verbotener Lüste zu Locken geworden Nicht zufrieden damit, ein Abwehrmittel zu sein, sind sie ein Heilmittel geworden. Preisen wir die Macht der Gnade Der Prinz ist für alle Zeiten gerettet Meine erhabene Tochter darf fürderhin ruhig schlafen«

Von diesem Tage an erhielt Prinz Flodoard sogar den Hausschlüssel.

Daß die Kapsel aber wirklich eine wunderbare Kraft in sich schloß, bewährte sich, so oft er sie nur ansah; denn regelmäßig folgte diesem Blicke der Befehl an seinen Kutscher, ihn nach dem Hause zu fahren, dessen Fenster nach dem Parke gingen, in dem die echten Haare der heiligen Fringilla jenem Spatzenpaare zum Polster dienten.

Der Mohr

Eine Böhmische Geschichte

Die Stadt, in der sich folgende Geschichte begeben hat, ist nach der Meinung der Offiziere des dort liegenden Bataillons mit der Wortverbindung Verfluchtes Nest vollkommen erschöpfend gekennzeichnet. Trotzdem besitzt sie offiziell noch zwei Namen. Der eine steht auf den meisten Landkarten und klingt sehr anheimelnd auf -au aus, bei welcher Silbe sich der Deutsche in Versbindung mit Ortsbezeichnungen bekanntlich Wiese und Wald und sonst derlei Hübsches denkt. Der andere besteht aus fünf Konsonanten, von denen drei, wenn sie geschrieben werden, eine Art Haube aufhaben, ihre Nationaltracht sozusagen, und einem einsamen Vokal, der sich vergebens bemüht, gegen das feindliche Gezische und Gepruste der Majorität aufzukommen. Es ist nur begreiflich, daß dieses Konsonantengeprassel auf den meisten Landkarten nicht verzeichnet wird. Dafür lebt es aber im Munde des Volkes, das jene Stadt und ihre Umgebung bewohnt. Die Stadt heißt also tatsächlich so, wie sie von ihren Bewohnern geniest wird, und jener andere Name hat nur noch eine melancholische historische Bedeutung: er erinnert an die Zeit, als man dort noch nicht allgemein den Sprechschnupfen hatte, sondern Deutsch redete. Kurz und schlimm: unsere Geschichte spielt in einer ehemals deutschen, jetzt aber tschechischen Stadt Böhmens.

In diese Stadt nun kam, als ob es dort nicht schon genug nationale Gegensätze gebe, eines Tages ein Mohr. Er hatte schwarz und weiß karierte Hosen, ein rotes Wollhemd und einen Smoking mit breitem, seidenem Aufschlag an und trug auf dem Kopfe einen viel zu kleinen, dafür aber durch Alter ehrwürdigen Chapeau claque. Ein Paar Stiefeletten hatte er auch, aber nicht an den Füßen, sondern in der Hand. Vermutlich legte er Wert darauf zu zeigen, daß er auch an den Füßen schwarz war. Als er in diesem Aufzug das Stadttor durchschritten hatte und, wie es die Topographie des Ortes mit sich brachte, nun auf dem Marktplatze stand, lüftete er sehr höflich seinen Klappzylinder, entfaltete den Wulst seiner Lippen zu einem umfangreichen Grinsen, das eine Reihe tadelloser Nußknackerzähne und ein bräunliches Schleimhautrosa enthüllte, das man sonst nur noch bei jungen Foxterriers zu bewundern Gelegenheit hat, und sagte zu den siebenundachtzig jungen und alten, männlichen und weiblichen Tschechen, die ihn unter lebhaften Konsonantenentladungen umgaben, dies: »Hören Se mal, verehrteste Einjeborene, jibt es in dieser Metropole so wat, det man 'n Hotel nennen könnte?« – Die Eingeborenen hielten diesen Dialekt für Negerdeutsch, und ein alter Herr, der noch aus der Zeit stammte, als man hier nicht bloß Deutsch verstanden, sondern auch gesprochen hatte, antwortete ihm, daß es hier in der Tat so etwas gebe, und zwar gleich gegenüber. – »Thank you,« sagte der Mohr, zog gemächlich seine Stiefeletten an und ging mit dem etwas schaukelnden Gang seiner Rasse zu dem Hause, über dem geschrieben stand: Hostinek. Aus den siebenundachtzig Tschechen waren, als er dort ankam, hundertunddreiundvierzig geworden. Der Mohr konnte also sagen, daß er mit großem Gefolge seinen Einzug hielt.

Trotzdem erachtete es der Wirt nicht für überflüssig, ihn zu fragen, ob er Geld hätte. »Jeld?« erwiderte der Mohr, – »is nich« Und er fügte hinzu, daß er auch keineswegs gekommen sei, hier Geld auszugeben, sondern seine Absicht gehe vielmehr entschieden dahin, hier welches zu verdienen. Und das als Portier, Hausknecht, Zimmerkellner, Laufjunge, kurz in jeder nur immer gewünschten Eigenschaft, die einem besseren Mohren mit Vorkenntnissen in dieser Branche anständig sei. Dabei grinste er unablässig und wiederholte des öftern: »Ick heeße iebrijens Willem und bin aus Berlin N.«

Mittlerweile hatte sich hinter ihm die ganze Bewohnerschaft der Stadt und hinter dem Wirt alles Männliche und Weibliche angesammelt, was zu seinem Personal gehörte und eben an Gästen im Hostinek vorhanden war. Auch die Frau Wirtin, ein umfangreiches Wesen von äußerster Blondheit, war da. Sie, die Köchin, das Küchenmädchen und das Stubenmädchen erklärten sofort und ohne daß sie irgendwer zu diesem Verdikte veranlaßt hätte, einstimmig, daß dieser berliner Mohr über alle Maßen greulich und der Gedanke, ihn im Hause zu haben, über alle Begriffe widerwärtig sei. Aber der Herr Major von Kipferle, der sich mit einigen seiner Offiziere unter den Gästen befand, brach in ein dröhnendes Lachen aus und meinte, er fände den schwarzen Mann vergleichsweise berückend, und er verspräche sich viel Amüsement von ihm, denn wenn schon ein Berliner etwas Komisches sei und ein Neger etwas Komisches, wie komisch müsse dann erst ein berliner Neger sein. Und Dr. Bammser, die böse Zunge des Ortes (ich brauche nicht hinzuzufügen: seines Zeichens Advokat), rief in seinem schmetternden Diskant: »Aber natürlich muß er dableiben, der Mohr Es ist hier eh' nix mehr zum Tschechisieren da.« Die letztere Bemerkung machte er aber leiser denn es lag ihm wenig daran, seine tschechischen Klienten zu ärgern, wie er denn überhaupt mehr Advokat als Deutscher war.

Der männliche Teil der Einwohnerschaft, der, den ganzen Marktplatz anfüllend, jetzt von den zwei Polizisten des Ortes kaum mehr im Zaume gehalten werden konnte, entfaltete dagegen unverhohlen die ganze Heftigkeit seines nationalen Temperamentes, sang die tschechische Volkshymne, brachte ein Pereat auf die Deutschen aus und ließ dafür demonstrativ den Mohren hochleben, von dem er sich offenbar trotz seines Deutsch eine Stärkung des tschechischen Elementes versprach. Die Weiber aber (die Damen inbegriffen) schüttelten sich vor Grausen über den preußischen Neger ostentativ und ergingen sich in den despektierlichsten Ausdrücken über sein Exterieur.

Das Resultat dieser lebhaften Volksabstimmung war, daß der Wirt sich dachte: Aus alle Fälle ist dieser berliner Mohr eine Attraktion; ich werde also auf meine werte Gattin pfeifen und ihn anstellen – wohlgemerkt: ohne Gehalt.

Willem aus Berlin war damit ganz einverstanden und machte nur, eitel, wie Neger einmal sind, zur Bedingung, daß er national equipiert werde mit erstens einer roten Pumphose, zweitens einer blauen Zuavenjacke, drittens einem Fez, viertens weißen Strümpfen, fünftens einem Paar schwarzen Filzschuhen. Die Frau Wirtin, mit Recht empört darüber, daß auf ihre Gefühle keine Rücksicht genommen worden war, faßte ihre Meinung über diese Garderobenwünsche in die Bemerkung zusammen, daß das schwarze Scheusal dann vollkommen wie ein Affe aussehen werde. Die gesamte weibliche Dienstbotenschaft des Hotels pflichtete dieser Kritik der Prinzipalin rückhaltlos bei, indem sie dem Affen nur noch einige Epitheta non ornantia anhängte. Willem aber bekam seine Nationaltracht zugestanden.

*

Der Herr Wirt hatte sich nicht verrechnet: Dieser wie vom Himmel aus Berlin ins Land der Tschechen gesandte Mohr war eine große Attraktion. Selbst die radikalsten tschechischen Nationalisten, die dieses Gasthaus nie besuchten, weil es eigentlich das Standquartier der Offiziere und Beamten, also der Deutschen, war, fanden sich ein, – und gleich familienweise, denn die Frauen, die den Mohren schon einmal gesehen hatten, wollten ihn (so pervers ist die weibliche Natur) noch einmal sehen, um die Fülle des Grauens ganz auszukosten; und die ihn noch nicht gesehen hatten, kamen erst recht, um auch das Gruseln zu lernen. Ging ja doch die Rede, daß er einen Pferdeschweif, Bocksfüße und zwei zwar kleine, aber deutliche Hörner habe, ganz zu schweigen von anderen Dingen seiner körperlichen Beschaffenheit. Aber auch von seiten der Stammgäste erfolgte lebhafterer und ergiebigerer Besuch, denn auch die Offiziersdamen legten einen tätigen Abscheu gegen das interessante Monstrum an den Tag, indem sie das sonst von ihnen meist gemiedene Hotel besuchten.

Überdies war Willem selber einfach eine schwarze Perle. Daß er, was seines Amtes war, ordentlich besorgte, war noch das wenigste. Aber was tat er nicht alles noch Er erzählte sowohl von Afrika, wo er ein Prinz gewesen, wie von Berlin, wo er den Rang eines Gefreiten in der Armee eingenommen hatte. Er imitierte das Brüllen von Elefanten und das Kommandieren von Gardeleutnants. Er tanzte Bauch und marschierte Stechschritt. Er entwarf Bilder aus dem Liebesleben in der trauten Negerhütte Kameruns wie in den berliner Amorsälen (wo er auch Portier gewesen war). So gewann er sich die Herzen aller, – nur die Frauen hörten nicht auf, sich über ihn zu entsetzen. Selbst wenn er Liebeslieder zur Mandoline sang, mit so verdrehten Augen, daß nur das Weiße von ihnen zu sehen war, und mit einem Tremolo, daß ein Nashorn darüber sentimental werden konnte (wobei er selber zähnefletschend ins Schluchzen kam), – selbst dann hörten sie wohl atemlos zu, aber nur, um am Ende zu erklären, das sei doch eigentlich keine Kunst, sondern zoologischer Garten. Nur einmal gerieten sie ins Wanken. Das war, als Willem den »Häuptlingstanz« exekutierte, wobei er nur und ausschließlich die Pumphosen anhatte. Dieser Tanz war aber auch eine Sache Afrika, Leidenschaft, Äquator, Urwald, Brüllen vor Liebe rasender Löwen, Palmenrauschen, Zischen von Klapperschlangen aus dem Dickicht himmelhoher Agaven, Nachtigallengeschluchz und ein Duft giftiger, aber unsagbar schöner Blumen, – dies alles war nach dem Urteil der stark schöngeistigen Frau Major von Kipferle in diesem Tanz, bei dem Willem übrigens in einer Weise transpirierte, daß man es schon Schwitzen nennen und ein Fenster öffnen mußte.

Dieser Tanz faszinierte, es war kein Zweifel, sogar die gar nicht schöngeistige Frau Wirtin, die selber offensichtlich in Schweiß geriet; aber es war doch nur vorübergehend, und schließlich waren sich alle Damen (die Weiber eingeschlossen) darüber einig, daß das doch eine recht unpassende Art sei zu tanzen, und man konnte entschieden die Bemerkung machen, daß die deutschen und tschechischen Damen darin einig waren, es sei schließlich immerhin ein Vorzug, in Europa geboren zu sein.

Man hätte meinen sollen, daß Willem unter dieser Abneigung des weiblichen Geschlechts gelitten hätte, aber dem war allem Anscheine nach nicht so. Er trug beständig eine durch nichts getrübte Heiterkeit zur Schau, und nur manchmal mochte man etwas wie eine schwermütige Mattigkeit an ihm bemerken, die aber doch etwas Stillzufriedenes an sich hatte. Rohe Menschen fragten ihn zuweilen, ob er denn gar kein Bedürfnis nach Zärtlichkeit hätte. »Aoh no« antwortete er bloß und fletschte die Zähne, als ob er sagen wollte: Sie sind undelikat, mein Herr

Mit der Zeit stumpfte sich das Interesse an dem Neger ab, und man nahm bereits ein Air von Blasiertheit an, wenn man ihn durchreisenden Fremden zeigte, die sich über den schwarzen Mann noch aufregten. Er fing auch schon an, Tschechisch zu reden und seine deutschen Gefreitenknöpfe zu verleugnen, außer wenn er gerade eine Kommission bei einer Offiziersfrau hatte. In solchen Missionen bewegte er sich durchaus preußisch-militärisch, was zur Folge hatte, daß er den tschechischen Rekruten als leuchtendes Muster vorgehalten wurde. – Daß er aber bereits zu Kommissionen bei und von Offiziersdamen verwendet wurde, beweist schlagender als alles andere, daß sich auch die Weiblichkeit an seinen Anblick gewöhnt hatte. Doch erfordert es die historische Wahrheit, zu bemerken, daß gewisse Bewegungen und Ausdrücke des Abscheus sich bei der Frauenwelt beider Nationen stabil erhielten, ja gewissermaßen Klischee wurden. Willem brauchte nur zu erscheinen, und alles, was einen Unterrock trug, schüttelte sich, als wenn es von Mäusen angelaufen würde.

Das stärkere Geschlecht konnte sich nicht genug tun in Ausdrücken der Mißbilligung einer derart hypernervösen Empfindlichkeit. Der gemeine Mann sagte (Tschechisch natürlich, und da klingt es noch böser): »Dumme Kühe seid ihr alle miteinander,« während der gebildete Mann mit einem K. K. im Titel milde verweisend bemerkte, es sei ein Zeichen mangelhafter Selbstbeherrschungskraft, seine Abneigungen so gewissermaßen in Reflexbewegungen zu äußern.

Ach, ihr armen Männer von Hatziau (so will ich den Ort »gemischtsprachig« nennen, schon damit ich das schöne Wort gemischtsprachig einmal verwenden darf, wozu ich sonst in meinem Leben nicht komme), – ach, ihr unglückseligen Gatten, Bräutigame und Liebhaber von Hatziau Hättet ihr geahnt, wie tief die Abneigung eurer Ehefrauen, Bräute und Geliebten gegen den schwarzen Mann ging, wie, ich möchte sagen, nicht bloß in alle Seelenwinkel, sondern direkt ins Blut und in die dunkelsten Tiefen aller physiologischen Prozesse hinein dieser Abscheu wirkte, – ihr wäret weniger streng gewesen.

Es kam aber der Tag, der sie belehrte, es kam der Tag, der ihnen ad oculus demonstrierte, daß jener Widerwille mächtiger gewesen war als der Wille der armen Frauen und Mädchen, daß er mit mystischer Gewalt sie geradezu durchdrungen hatte.

Zuerst erfüllte sich dies an der Frau Wirtin, dann kam das Stubenmädchen an die Reihe, dann die Köchin, dann das Küchenmädchen; eine Weile später, und es begab sich dasselbe bei der Frau Majorin, dann an der Frau Chalupka, dann an Fräulein Brzrzina, und so eine lange, lange Reihe hinab und hinauf durch die ganze soziale Struktur von Hatziau.

Lauter gescheckte Babies

Ein wahres Glück, daß der notorische Widerwille der gesamten Weiblichkeit des Ortes jede gehässige Auslegung im Grunde ausschloß. Solange die Ereignisse sich auf das Haus beschränkten, in dem der abscheuliche Mohr persönlich wirkte, fehlte es freilich nicht an niederträchtigen Bemerkungen, und es war natürlich Herr Dr. Bammser, der darin das Schändlichste leistete; aber als schließlich der gesamte Nachwuchs des Ortes um diese Zeit kraushaarig und gescheckt das Licht der Welt erblickte, da mußte selbst des Advokaten giftige Zunge bekennen, daß nicht etwa sträfliche Sympathie die Schuld daran trug, sondern jene, national angesehen, lobenswerte Rassenantipathie, die freilich (o, unerforschlich sind die Wege der Vorsehung) dazu geführt hatte, daß durch Versehen eine neue Mischrasse entstanden war.

Vor diesem Phänomen wurde selbst Dr. Bammser ernst. Und er sprach zu einer Anzahl bekümmerter Väter beider Nationen dies: »Meine Herren Seien Sie nicht traurig, sondern erheben Sie Ihre Häupter mit Genugtuung Vielleicht ist auf diese wunderbare Art etwas in die Nähe gerückt, was wir doch schließlich als gute Österreicher alle ersehnen müssen: der Friede zwischen den Nationen. Ihre Frauen haben sich versehen und aus Versehen die Ansätze zu einer neuen Rasse hervorgebracht. Diese Rasse wird nicht anders können, als sich untereinander zu lieben. Nur ein Wunder konnte dies bei uns in Böhmen bewirken, – und darum ist dieses Wunder geschehen. Jener arme Mohr hat, durch seine bloße Gegenwart, eine große Mission erfüllt. Hatziau sollte ihn zum Ehrenbürger ernennen, aber dann sogleich an den nächsten Ort abgeben, denn das ganze Land braucht den nationalen Frieden. Nur die wüsten Alldeutschen werden sich widersetzen, der gute Österreicher, ob deutschen oder tschechischen Stammes, wird mit mir einstimmen in den Ruf: Es lebe der Mohr aus Berlin, der das Unmögliche möglich gemacht hat«

Aber was nützen vernünftige Reden in einem Lande, in dem die Leidenschaften herrschen? Willem wurde nicht Ehrenbürger von Hatziau sondern »über Anordnung einer K. K. Polizei« auf dem Schub an die deutsche Grenze gebracht, und Deutsche und Tschechen liegen sich in den Haaren, als wenn niemals ein Wunder geschehen wäre.

Aschermittwoch

Eine Szene

Dem Klub »zur Bethelnuß« gewidmet

(Das Schlafzimmer des Dandy. In der Mitte ein enormes Himmelbett, das von weißen Mullvorhängen umgeben ist, die mit fallenden grauen Rosen in Seide bestickt sind. Ebensolche Vorhänge an den hohen Fenstern. Gegenüber dem Bett eine große Waschtoilette aus grauem Marmor. Die Wände haben grauseidene Bespannung; der durch das ganze Zimmer gehende Teppich zeigt hellrote Rosen auf grauem Grunde. An den Wänden hängen in weißen Lackrahmen Lithographien von Toulouse-Lautrec.

Es ist zwei Uhr nachmittags, aber im Zimmer herrscht vollkommene Dämmerung.)

Der Dandy (im Traum, hinter den Gardinen des Bettes singend):

Bald links herum, bald rechts herum, doch stets am Liebesba . . a . . nde (Ein Gespräch wiederholend, mit Nachahmung der Stimmen usw.) Kathi, die Welt ist eine Bethelnuß. … Was für'n Ding? … Eine Bethelnuß … Woaß i, was dös is? … Frag deinen Kunstmaler … A, der Fadian der schlaft ja scho … Kathi? … Wos is? … Die Welt ist eine Bethelnuß (Singend):

Und der Herr Marquis in Grau
Hat 'ne bli-bla-blonde Frau
Mit gefärbten Haaren;
Ei jawohl, ei jawohl.
Die mal anders waren.

(Sprechend): Daran ist kein Zweifel erlaubt; man sieht's am Ansatz. Aber dennoch:

Ich mag nicht jene, ich will nicht diese.
Ich liebe allein die Frau Marquise.

Sekt kann sie trinken wie ein Fähnderich; sie war nicht umsonst Büfettmamsell.

(Erwacht gähnt, ruft): Ka–simir

Kasimir (der Kammerdiener erscheint im Schmucke seiner schwarzen Koteletten): Gnädiger Herr befehlen?

Der Dandy: Heute ist Dienstag?

Kasimir: Sehr wohl, gnädiger Herr, aber eigentlich …

Der Dandy (brüllend): Sie sollen sich das Wort »eigentlich« abgewöhnen Das Wort ist eine Impertinenz Wollen Sie vielleicht behaupten, daß ich betrunken bin?

Kasimir (unerschrocken, aber flötend): Im allgemeinen ist heute Mittwoch. (Betont): A–scher-

Der Dandy: Auch das noch Auch das noch Kann einem dieser verfluchte Kalender denn gar nichts gönnen? Kasimir, haben Sie gebeichtet? Haben Sie Ihr schlechtes Leben abgeschworen? Fühlten Sie das Kreuz von Asche auf Ihrer lasterhasten Stirne?

Kasimir: Ich hatte noch keine Zeit dazu heute, gnädiger Herr, aber … Der Dandy: Kasimir, Kasimir, Sie sind ein Solei von einem Sünder. So hart gesotten sind Sie Ist es wahr, daß Sie in Frack und Lack und Claque, und zwar in meinem Frack und Lack und Claque, in den Blumensälen waren? Ich reiße Ihnen die linke Kotelette ab, wenn Sie leugnen

Kasimir (betroffen, aber schnell in Fassung, mit dem Tone des verdächtigten Unschuldsengels): Aber gnädiger Herr …

Der Dandy: Kasimir, Sie tremolieren, also sind Sie erkannt. Ich würde sagen: Schämen Sie sich wenn ich ein Idealist wäre. Da ich das aber nicht bin, schenk ich Ihnen das Zeug.

Kasimir (zieht den Mund breit, so daß die Koteletten wie zwei Flügel auseinandergehen; murmelt): Ergebensten Dank, gnädiger Herr. Befehlen der gnädige Herr Tee oder Schokolade heute?

Der Dandy: Antipyrin.

Kasimir (ohne eine Spur von Erschütterung): In Gießhübler oder Biliner?

Der Dandy: In Sekt.

Kasimir (verdreht entsetzt die Augen und schlüpft unhörbar hinaus).

Der Dandy: Das war eine Inspiration. Gift mit Gift als Gegengift. Kombiniertes Verfahren. Ein begabter Morgen. (Ruft): Kasimir

Kasimir (erscheint mit einer Tablette): Gnädiger Herr? (reicht die Tablette hinter den Vorhang.)

Der Dandy: Welch' Zeit ist's?

Kasimir: Zwei Uhr vorbei.

Der Dandy: Sie sind ein Schwärmer Ich bin ja erst um drei nach Hause gekommen.

Kasimir: Ich meine zwei Uhr nachmittags.

Der Dandy: Und Sie bestehen darauf, daß heut Mittwoch ist?

Kasimir: Aschermittwoch.

Der Dandy (mit dem Ausdruck eines Generals, der den Schlachtplan entwirft): Demnach: Graue Hosen, stahlblaue Weste, schwarzer Gehrock, graubraune Orchidee und die Alexandritgarnitur.

Kasimir (hat mit hochgezogenen Augenbrauen zugehört und verschwindet geschäftig wichtig ins Garderobezimmer)

Der Dandy: Der Alexandrit ist der Aschermittwochstein. Zwar noch inwendige Glut, aber überflort. – Ich platze heute vor Inspirationen. – Daran ist die Marquise schuld. Dieses Mädchen ist, was man eine Muse nennt. Dabei tanzt sie wie das fleischgewordene Fegefeuer. Wenn sie sich bloß die Haare besser färben wollte. Indessen: Wer wäre Mensch und ein vollkommenes Tier? (Singt): Man muß nicht un–be–schei–den sein Und überdies: Wozu sind wir Philosophen? Was hätten wir Philosophen zu tun, wenn die Welt vollkommen wäre? Es ist in der Tat alles sehr nett eingerichtet. Auch das mit dem Aschermittwoch ist gut disponiert. So kann sich der Mensch doch ausruhen, weil er muß. Und in sich gehen, Emil In sich gehen – Wenn ich so in mich gehe … Man entdeckt da allerhand. Zum Beispiel … (ruft): Kasimir

Kasimir (erscheint mit sechs Paar grauen Hosen): Gnädiger Herr?

Der Dandy: Kasimir, sind Sie schon einmal in sich gegangen?

Kasimir: Wie befehlen?

Der Dandy: Haben Sie schon einmal den Stachel der Erkenntnis in Ihren Busen gedrückt?

Kasimir (grinsend): Hähä …

Der Dandy: Sehr richtig, Kasimir, es ist zum Lachen. Ich wußte längst, daß Sie ein Zyniker sind.

Kasimir: Ich wollte fragen: Welche graue Hose gnädiger Herr befehlen?

Der Dandy: Auch noch Nuancen verlangen Sie von mir. Unersättlicher? Einen Moment Also gut: die mit schwarzen und grauen Parallelstreifen.

Kasimir (sehr ernst): Ich verstehe: die Unendlichkeitshose.

Der Dandy: Sehr richrig: die Unendlichkeitshose – Aber was ist denn das: sagen Sie mal, Kasimir, haben Sie mich heute früh nicht ausgezogen?

Kasimir: Gnädiger Herr ließen es nicht dazu kommen. Gnädiger Herr drohten mir mit Entlassung, wenn …

Der Dandy: Sie sind ein Feigling Gehen Sie

Kasimir (macht ein beleidigtes Gesicht und verschwindet mit der Hosenlast).

Der Dandy: Also habe ich Schamloser nicht einmal die Wäsche gewechselt … Und wir wollen eine neue Kultur heraufführen Wir wollen der Menschheit neue Gebärden beibringen – Pescherähs sind wir, Pescherähs – Pfui Teufel, sogar die Kegelmütze habe ich noch auf dem Kopf. (Eine hohe Pierrotmütze fliegt aus dem Vorhangspalt ins Zimmer) Äh, mein ganzes Gesicht klebt, und einen Geschmack hab' ich im Munde … leimig. – Wes aber die Zunge faul ist, des Seele kann schwerlich nach Ambra duften. Das könnte im Jesus Sirach stehn. Indessen gibt es Eau de Botot. und somit: Kasimir

Kasimir (schlüpft mit fragender Miene herein): Gnädiger Herr?

Der Dandy: Mischen Sie das Mundwasser

Kasimir: Befehlen gnädiger Herr die »schwerste von den Künsten«?

Der Dandy: C'est ça, doch mit einem Schuß old english Lavender water. Aber penibel, wie Mister Pips, der Bar-Tender Erst Botot, dann Cologne, dann peppermint, dann drei Tropfen Myrrhentinktur, dann einen halben Tropfen von dem ekligen Zeug, womit man, wie Sie wissen, Kasimir, Leichen konserviert, und schließlich, aber das gilt bloß für heute, ein Spritzerchen von old Englands köstlichem Lavendelwasser, als Aschermittwochsnuance. So, Kasimir, wusch sich die ebenso schöne wie erfahrene Königin von Saba die dunkelkorallenfarbige Höhle des bogenförmigen Mundes, an dem jener König von Juda zu hängen gewohnt war, den Sie in der Bibel erstem Teile nachschlagen können. Und nun verschwinden Sie, heben Sie sich weg, fahren Sie ab

Kasimir (verschwindet, hebt sich weg und fährt ab.)

(Man hört knarrende Bewegungen hinter den Bettvorhängen; dann geraten diese selber in Bewegung; zwei Füße in Lackschuhen erscheinen; dann zwei Waden in schwarzseidenen Strümpfen; dann zwei Schenkel in knappanliegenden weißseidenen Hosen. Der Vorhang teilt sich: Der Dandy tritt heraus. Er ist in ein seidenes Pierrotkostüm gekleidet; im übrigen ein kräftig schlanker junger Mann, Ende der Zwanziger, mit einer Hakennase, starken, in dem gepuperten Gesicht besonders ausgeprägt hervortretenden Augenbrauen, und ganz kleinem, schwarzen Schnurrbärtchen.)

Der Dandy (zur Waschtoilette schreitend, pretiös deklamierend):

Komm, Aurore,
Und entflore
Dein durchlauchtig Angesicht;
Tulpen flammen
Hell zusammen
Mit der Rosen Purpurlicht;
Wolken wiegen deinen Wagen,
Den die Morgenwinde tragen:
(Leichthin): Dies ist heute mein Gedicht.
Kasimir Kasimir Kasimir

Kasimir (huscht eifrig herbei): Gnädiger …

Der Dandy: Wo ist der Phonograph? Sind Sie von Sinnen, Abtrünniger? Soll ich in die leere Luft dichten?

Kasimir: Gnädiger Herr haben ihn heute früh gegen die Wand geworfen.

Der Dandy (düster): So ist meine Unsterblichkeit um ein Kleinod von Gedicht ärmer. – Übrigens, der Anfang kam mir bekannt vor; entweder ich oder ein anderer muß ihn schon einmal gedichtet haben. Es wird einem heutzutage impertinent schwer gemacht, originell zu sein. Das meiste ist schon weggedichtet. Die ganze Vergangenheit ist ein einziges großes Plagiat an der Gegenwart. Weh dir, daß du ein Enkel bist Wenn ich nicht Emil wäre, möchte ich Goethe gewesen sein. – Verstehen Sie meinen Schmerz, Kasimir?

Kasimir (grinst und schüttelt seine Koteletten).

Der Dandy: Dann gehen Sie hinaus, Monstrum, und sorgen Sie für Malossol. – Womit könnte man den Aschermittwoch stimmungsvoller beginnen, als mit graukörnigem Malossol? Nur der Barbar ist bloß mit der Seele fromm; der Kulturträger auch mit der Zunge. (Skandiert):

Sprach's und wandte sich d'rauf zum flaschenbelasteten Waschtisch,

Zeigte dem Spiegel die Zähne und griff zur borstigen Bürste,

Rieb das Email mit Bedacht nach den Seiten sowohl wie nach auswärts.

Siehe, da glänzten sie gleich wie Blüten der südlichen Mandel.

Es gibt kein Versmaß, das so den Lokalton des Aschermittwochs hätte, wie der alte, brave schleifbeinige Hexameter. – Herr Professor Dr. Johann Heinrich Voß, ich gestatte mir eine kleine klassische Libation (Er ergreift das Glas Mundwasser und gurgelt. Darauf putzt er sich die Zähne): Nun komme Tag, daß ich dich küssen kann (Stellt sich breitbeinig vor einen Spiegel): Emil, Adelsmensch und Kulturträger, – wie siehst du aus

Ein Angesicht wie Käse,
Die Beine knick und matt, –
Wohl dem, der Aschermittwochs
Keinen Spiegel im Hause hat.
Ob die Marquise heute auch so wie Camembert aussieht?
Ein Camembert, umrahmt von roten Locken,
Es starrt der Blick, und alle Pulse stocken.
Und du erkennst, o Mensch, wenn du bei Sinnen bist.
Vor diesem Bild, daß Aschermittwoch ist.

Es ist doch sehr ein nachdenklicher Tag. Die Insuffizienz aller Genußorgane stabilitiert sich als ein rocher de bronze vor der matschen Seele wie ein gigantisches Ausrufezeichen, und man steht mit einem konfirmandenhaften Gefühle von Betroffenheit da. – Leben, meine süße Geliebte, kannst du mir noch gut sein, da ich so schlecht gewirtschaftet habe? Hast du noch Blumen für mich und Früchte, oder bloß den leeren Korb? Nimm mich bei den Ohren, stell mich in eine Ecke, wie einen schlechten Schüler, laß mich auf Erbsen knien und den Sekt an deiner vollen Tafel karrieren, – aber gib mir keinen Korb auf immer. Augenblicklich ist mir zu schwach zumute, und ich fühle, daß ich mir den Magen verdorben habe, aber es gibt ein Wort, das heißt Diät, und hinter diesem Worte lächelt die Hoffnung. Fasten, – ja Vierzig Tage lang fasten wie der Johannes von Sudermann, den man nicht aufführt, aber ich muß gewiß sein, daß du mir dann wieder gut bist, du mit den roten Lippen, du mit der vollen Brust, du mit den nie untergehenden Sonnen deiner huldreichen Augen Gebiete, und ich will Drillichanzüge tragen vierzig Tage lang im Schnitte von Predigtamtskandidaten. Gebiete, und ich will vierzig Tage lang Knorrs Hafermehlschleim essen. Gebiete, und ich will meiner Tante täglich Karl Busses Gedichte vorlesen vierzig Tage lang. Aber dann mußt du mich wieder in deine Arme nehmen, meine süße Geliebte. Du sollst mir doppelt lieb sein dann, und ich will keinen Tag so hoch preisen wie den Aschermittwoch, den Tag der großen Diät –

Kasimir: Gnädiger Herr?

Der Dandy: Ist das Bad geheizt?

Kasimir: Zweiunddreißig Grad.

Der Dandy: Ist der Masseur da?

Kasimir: Jawohl.

Der Dandy: Die Maniküre?

Kasimir: Jawohl.

Der Dandy: Und welches Pferd?

Kasimir: Lux, der Rotfuchs.

Der Dandy: Sind Sie bei Sinnen? Ist das ein Aschermittwochsgaul? Bestellen Sie Lex, die behäbige Schimmelstute

Kasimir: Sehr wohl

Der Dandy: Dann können Sie jetzt in die Kirche gehen.

Nach dem Ball

Ein Monolog mit Zwischenreden von Objekten, die eigentlich gar nicht mitzureden haben

(Das Arbeitszimmer des Herrn Mitte der Dreißiger. Der Herr triff, im Ballanzuge, eine weiße Nelke im Knopfloch, ein, begleitet von einem großen, gelbweißen Bernhardiner, der mit der phlegmatischen Würde seiner Rasse durch Schweifwedeln zum Ausduck bringt, daß er sich freut, seinen Herrn endlich begrüßen zu dürfen. Es ist drei Uhr morgens. Man erblickt durch die Fenster eine dickbeschneite Lindenallee in bläulichgrauem Lichte. Auf dem großen zopfigen Schreibtisch aus Palisanderholz, der in der Mitte des Zimmers steht, brennt in einer japanischen breitbauchigen Vase eine mit einem grünseidenen Schirme verhängte Lampe. Bücherschränke aus hellbraunem Kirschholze, deren Glastüren grüne Vorhänge haben; ein großes Schriftenregal; ein grünmustriges Sofa mit einem Tisch davor; in einer Ecke ein rund vorspringender hoher Eckschrank. Auf dem Schreibtische und auf den Schränken vielerlei Objekte: Leuchter, Vasen, Büsten und Dergleichen. – Der Herr bleibt am Fenster stehen und blickt hinaus.)

Das einzig Reinliche: die Natur. (Mentor, der Hund, steht hinter ihm auf und legt ihm die Pfoten auf die Schulter.) Ja ja, du auch, und die Muinz auch. Wo ist die Muinz? (Muinz, die schwarze Katze auf dem Sofa miaut: Wo wird sie sein? hier) Guten Morgen, alte Schachtel Immer noch verliebt? (Muinz miaut: dumme Frage) Ein infames Alter, wo man melancholisch wird, wenn man beschneite Bäume sieht. Alte, schwarze Linden, so alt, und jedes Frühjahr beladen sie sich neu mit Laub und Blüten, und duften Sommers nach lauter Liebe und Märchen. Lindenbäume – Ludwig Richter – erste Liebe – Mörike, – das, ist alles nicht modern. Die heutige Lyrik und Malerei hat eine andere Botanik, und die Verliebten schnitten ihre Namen lieber in gigantische Kakteen oder so was. Na ja Wenn sie sich nur nicht die Fingerchen zerstechen. Und lieber in einen Kaktus, als gar nicht. –

Da wären wir also glücklich wieder bei besagtem Punkt der Punkte:

Schon ist ein Zylinderhut,
Wenn man ihn besitzen tut.
Und das Schönste auf der Welt
Ein Weib, das man im Arme hält.

Wirklich? Ich hielt heute viele im Arme, und ich kann eigentlich nicht finden, daß das auch nur erbaulich gewesen wäre.

Die gelbe Steingutkatze auf dem großen Bücherschrank (gemein-ironisch, singend): Die wahre Liebe war das nicht

Der Herr (gelinde erstaunt): Nanu? Du kannst singen? Gebärde dich etwas wahrscheinlicher

Die gelbe Steingutkatze (leiernd wie eine böse alte Jungfer) Finden Sie vielleicht, daß es sehr wahrscheinlich klingt, wenn Sie hier am Fenster stehen und laut mit sich selber reden? Das gibt es ja nicht 'mal mehr auf dem Theater. Hihi

Der Herr: Hihi sagt sie auch noch Aber eigentlich hat sie recht. Ich habe keine Ursache, irgendwem Unwahrscheinlichkeiten vorzuwerfen. Wenn ich betrunken wäre oder voll heiligen Geistes, – gut, dann ließe sich das Monologhalten vertreten, aber so? Es ist schlechterdings absurd und wird wohl nicht wahr sein.

Ein ausgetrockneter Frosch auf dem Schreibtisch (durchaus im Tone eines alten Professors): Es ihst auch nicht wahr Es ihst nun und nimmermehr wahr Es ihst eine von den modernen Alfanzereien. Ich springe Augenblicklich ins Tintenfaß, wenn dieser Unfug nicht sofort aufhört.

Der Herr: Alter Renommist Wenn du noch springen könntest (Triff an den Tisch und sieht den Frosch nachdenklich an.) Als ich dich fand, werte Mumie, die einmal ein Herz, wenn auch mit kaltem Blute, hatte, nun ist es schon fast zehn Jahre her, da dacht' ich mir, wie ich dich so in der Sonne liegen sah, die Hinterbeine breit auseinander, die Vorderbeine eingestemmt und die Kehle mit dem breiten Kopfe platt auf der Erde, – da dacht' ich mir: »Wenn du nicht das Stinken lernst, amphibische Leiche, will ich dich aufheben und immer vor mir liegen haben, nicht als eine Mahnung an den Tod und die Vergänglichkeit, sondern als ein Bild-und Wahrzeichen des gesegneten Alters. Denn da ich keine Wunde an dir sehe, so mußt du wohl an Altersschwäche hier in der Sonne gestorben sein. Und selbst nach dem Tode war das Glück dir hold, denn obwohl hier Wagenspuren sind, bliebst du doch als Leiche noch unverletzt. In der Sonne gestorben, und der Zukunft aufbewahrt Amen Amen So möchte mir auch einmal sein« Und wahrhaftig: Du hast das Stinken nicht gelernt, obwohl du doch auch damals auf meinem Schreibtisch lagst, als die Niederträchtigkeit in meinem Hause zu Gaste war, und als diese hohlen Augen eine feige Gemeinheit mit ansehen mußten, die eine Atmosphäre von Pest und Mist verbreitete. Sehr, sehr wackere Mumie du Ich will dich den Überfrosch heißen, – aber du mußt schweigen.

Der Frosch: Ich verzihchte auf den Titel

Ich verzihchte Ich bin immer ein anständiger Frosch gewesen, und meine gute Konservierung nach dem Tode ist lediglich eine Folge meines guten Lebenswandels. Keinerlei Debauchen, mein Herr, immer mäßig und nach den Regeln der guten Gesellschaft: das ist das ganze Geheimnis. Betrachten Sie mich dessen als Symbol und nehmen Sie sich ein Beispiel an mir. Dies Redoutengehen, Tanzen und Karessieren, Herr Lüstling, beraubt Sie absolut der Möglichkeit eines widerstandsfähigen Kadavers. Sie werden stin …

Der Herr (nimmt den Frosch und dreht ihn um): Genug Soll ich mir auch noch von Fröschen Moral quaken lassen? Die Didaktik gehört zu den minderen Gattungen der Poesie, habe ich sagen hören, und, ach, mein Leben fängt selber an, ein Lehrgedicht zu werden. (Läßt sich in den breiten ledernen Armstuhl nieder.) Man wird zu Stroh, hat man die Liebe nicht, und selbst Leichen fangen an, sich dem als Lehrmeister aufzudrängen, dem der Sinn des Lebens verloren gegangen ist: die Liebe. Ob ich ihn ganz verloren habe und auf immer?

Die Prinzessin Elisabeth von Preußen aus Gußeisen (hinter einem venezianischen Druckstocke auf dem Schreibtisch stehend, flüstert): Machen Sie sich mehr Bewegung, mein Herr, und essen Sie nicht soviel Kuchen

Der Herr: Ist es das, Kgl. Hoheit, wirklich bloß das? Aber ich fahre ja Rad, ich gehe spazieren, ich besuche Redouten

Die Prinzessin: Nichtsdestoweniger bekommen Sie einen Spitzbauch. Ich darf ja jetzt, Gott sei's getrommelt und gepfiffen, so ein Wort in den Mund nehmen. Uff Ist das eine Wohltat Ich wünschte, ich hätte immer so gußeisern reden dürfen.

Der Herr: Das mit dem Bauch hat seine Richtigkeit. Aber ich sah schon gewaltigere Bäuche in Liebe entbrennen, und ich weiß Leute, die täglich drei Pfund Schokolade essen und dennoch verliebt sind wie jugendliche Spatzen, obwohl sie sich soviel Bewegung machen wie eine Schlummerrolle. Nein, Prinzeß, das Essen ist's nicht, wenn es Ihnen auch Professor Hufeland selber gesagt hat. Und: Aßen Sie denn niemals Kuchen?

Die Prinzessin (schweigt und ist ganz Gußeisen.)

Der Herr: Die Hohenzollerin verträgt keinen Widerspruch. Wie schade Sie hätte mir gewiß Besseres zu sagen gewußt als dieser korrekte Froschbourgeois. – Ach, es ist ein Elend So verscherzt man sich durch unzeitige Wahrhaftigkeit die besten Gelegenheiten. Wozu eigentlich? Lüge ist ein Zeichen von Kultur und gesellschaftlicher Gesittung. Wahrhaftigkeit ist eine Tugend für Leute mit schlechtsitzenden Gehröcken.

Die kleine Eva aus Buchsbaum (über den Apfel weglächelnd): Jung, Jung, Jung, was bist du für'n Leimfieder Umgekehrt wird'n Schuh draus: Die Wilden lügen, der Kulturmensch leistet sich zuweilen den Luxus der Wahrheit. Je näher der Natur, desto weiter weg von der fixen Idee, es wäre was Schönes und Braves, »wahr« zu sein, Gotte doch Und du willst Künstler sein? Und du hast eine Frau gehabt?

Der Herr: Wie, Madame? Soviel Weisheit bei so wenig Robe? Woher das? Wieso das? Wie will ein Rippenstück sich erdreisten, Gedanken zu haben? Wenn ich nicht wüßte, daß du überhaupt keine Strümpfe anhast, würde ich meinen, sie seien blau.

Die kleine Eva: Wenn ich nicht wüßte, daß Männer überhaupt keinen Verstand haben, würde ich meinen, der deine sei gestern abend in den Busen eines hübschen Mädchens gefallen. Werdet Ihr denn nie begreifen, daß Verstand haben heißt: den Sinn des Lebens innehaben? Und wo wäre das zu finden, als bei dem Weibe in seiner Nacktheit? Weisheit ist Weibsheit Männer können nichts als kritisieren, und sie wären längst allesamt zu pappenen Hampelhänsen in der Hand des methodischen Irrsinns, genannt Logik, geworden, hätte es die verständige Dame Natur nicht so eingerichtet, daß sie sich zuweilen neben ein nacktes Weib legen müssen. Der Apfel des Verstandes als Nachspeise beim Souper der Liebe, – das steht nun schon ein paar Jahrtausende in dem alten verständigen Buche, und Ihr habt es immer noch nicht kapiert. Ein wahres Glück, daß wir nicht aus Eurem Gehirne gemacht sind. Sonst wäre die Erbdummheit fertig.

Der Herr: Ist das die Umgangssprache des Paradieses? Höflichkeit, Madame, kleidet Frauen gut wie ein seidenes Kleid, aber Grobheit im Frauenmunde ist schrecklich, wie ein Unterrock aus Varchent. Ihr Feigenblatt war gewiß aus Jägerwolle.

Der kleine Adam aus Buchsbaum: Sehr gut, mein Herr, bravo, mein lieber Herr Doktor; stecken Sie es ihr nur ordentlich

Der Herr: Ach, Sie Hätten Sie sie lieber besser erzogen

Der kleine Adam: Erzogen Sie sprechen von Erziehen? Sie sind wohl noch nicht konfirmiert? Man kann wohl einem Nashornkäfer das Menuettanzen beibringen, aber eine Frau erziehen, das kann man nicht. Hören Sie mich an, mein Herr, und merken Sie sich das für spätere Fälle: Wir Männer haben nichts weiter als das Recht den Schulmeister zu spielen, und je drolliger wir das machen, um so lieber wird es gesehen. Nur sollen wir uns nicht einbilden, damit jemals auch nur den winzigsten Effekt zu erzielen. Wir werden sofort lächerlich, tun wir das, oder gar unglücklich. Wobei zu bemerken ist, daß es sich durchaus nicht verlohnt, eines Weibes wegen unglücklich zu werden, solange es noch andere gibt. Ich freilich war übel daran, denn ich hatte, wie Sie wissen, keine Auswahl. Mein kleines Verhältnis mit des Teufels Großmutter darf füglich nicht mitgerechnet werden.

Der Herr: Kabulist Das sagt jeder, und es ist mir interessant, daß diese Ausrede von Herrn Adam stammt. Du warst also der beste Bruder auch nicht? Ich habe es mir immer gedacht, daß die Bibel in der Hinsicht Lücken hat. Vielleicht erzählst du mir gelegentlich mal mehr von dem Abenteuer?

Der Tod ausThoma's Adam und Eva: Er wird es bleiben lassen.

Der Herr: Was, du auch. Mann mit dem kühlen Laken? Auch du, Gebein ohne Stimmbänder, tust heute deine Kiefer auseinander und sprichst?

Der Tod: Törichtes Männchen, weißt du nicht, daß ich der bin, der immer das letzte Wort hat? In allen eueren Geschwätzen bin ich die Pointe, und es würde nur Klugheit verraten, wenn ihr überhaupt schwieget. Aber ihr Menschen seid eine komische Nation: mit Worten glaubt ihr Wunder was auszurichten; sogar mich wollt ihr mit diesem Geschnalze wegexekutieren. Das Resultat ist, daß ihr mit ein paar Gehirnwindungen mehr krepiert. Dafür verfault diese Materie aber auch zuerst.

Der Herr: Der Herr Gevatter spricht, als wenn er Kraft und Stoff gelesen hätte. Glaubst du mir damit zu imponieren, Knochenweste? Der Seufzer einer Frau in meinen Armen ist mir interessanter und mehr wert als all dein Dozieren, kahler Schädel. Was geht uns deine Pointe an, wenn wir noch in der Exposition sind? Du, o ja, du bist die Wahrheit, die Sicherheit, das einzig Solide, aber sollen wir deshalb weniger froh darüber sein, daß vor dir hergehen die schöne Lüge, das göttliche Taumeln, der flüchtige Traum? Was uns gewiß ist, braucht uns nicht zu kümmern. Wir sind am Tag nicht bange, weil die Nacht kommt. Deine Schatten sind überall, aber in unserem Gehirn ist eine Sonne, und ein Feuer ist in unseren Herzen, wir haben eine Wärme und ein Licht, daß wir zwischen und in deinem Schatten Hellseher einer Seligkeit sind, die hundertmal eine kurze Lüge sein möge, wenn wir sie nur fühlen. Das ist die Lust unseres Lebens, daß wir Schöneres zu träumen vermögen als deine dumme Wahrheit. Und wenn wir dich selber wegzuträumen belieben – was, wie mir scheint, eine löbliche Übung ist –, so hülfe dir alle deine Tatsächlichkeit nichts. Du bist nicht mehr für uns da.

Vallottons Schumann (der unablässig auf einen schmerzenden Zahn zu drücken scheint, weil es dem Holzschneider beliebt hat, auf diese Weise Melancholie auszudrücken): Ja, ja, ja, ja, das träumt sich so eine Weile recht lieblich, bis der Augenblick kommt, wo man zu Düsseldorf von der Brücke in den Rhein springt.

Der Herr: Weil man zu viel schweres Bier getrunken hat … Verzeih Verzeih Das fuhr mir so heraus.

Vallottons Schumann: Laß ruhig fahren, Junge, – es ist was Wahres daran. Und übrigens: Treibt Euer Spiel, so lange es geht, mit leichten Melodien oder schweren Bieren, – gleichviel. Das einzige, worauf es ankommt, ist die Kunst.

Der Herr: Ich muß dir die Hand küssen für das Wort, Meister. Das ist es: die Kunst Aber, aber, – man kann das Leben darüber versäumen …

Die junge schöne Venezianerin (in einem Renaissancerahmen): Und wenn? Und wenn? Das heißt zuweilen mehr gelebt, als was die anderen leben nennen, die mit Edeldamen in schönen Gondeln fahren und jeden Tag Cyperwein trinken ganz in Seide und Brokat getan, mit Edelsteinagraffen auf der Mütze. Ihr dürft es mir glauben, Signor Dottore. Ich habe das eine Leben gekannt, wie das andere.

Der Herr: Auch diese schönen Lippen öffnen sich? O holdselige Nacht, die es mich vernehmen läßt, von welch vollem und doch zartem Klang die Worte sind, die aus dem Granatapfelfleische dieses Mundes kommen. Zwar, Signora, bin ich kein Dottore, aber gelehrig will ich den Lehren lauschen, die Ihr, hoffe ich, so gnädig sein werdet, mir zu geben.

Die junge schöne Venezianerin: Wie, Signor, Ihr seid kein Dottore? Ist nicht jeder Deutsche ein Dottore? O Hahaha Ich muß noch lachen, denke ich an den Deutschen, der einmal zu mir kam in mein Kasino, es war im allerschönsten Mai und ich so jung, daß ich im Frühling mein Blut noch rauschen hörte, und der Deutsche kam mit seinem viereckigen Barte, seiner geraden Nase, seinen großen blauen Augen, stark wie ein schöner Fuchshengst, unter den Achseln riechend nach Mann und Kraft und Gesundheit, Hände, so groß wie ein Blatt der Musa, aber schön, fest und warm, und einen vollen blühenden Mund unter dem blonden Barte, und, denkt Euch, Signor, hahaha, denkt Euch –: statt mich zu küssen und mir Gutes zu tun mit seinem schönen Munde, hat er mich ausgefragt nach unserer Sprache und wie sie sich unterscheide von der lingua toscana und ob wir wirklich el sagen statt il. Hahaha, Signor, leidet Ihr an der Krankheit noch immer?

Der Herr: O signora amatissima, was sprecht Ihr schön, und wie tut es wohl. Euch lachen zu sehen Laßt uns schweigen von dieser deutschen Krankheit. Ich glaube, sie ist im Schwinden, und gewiß achten wir die nicht mehr so hoch, die diesen Aussatz der Seele haben, wie unsere Vorfahren. Sprecht weiter, Signora, sprecht weiter

Die junge schöne Venezianerin: Ihr seid galant, Signor, und darum sollt Ihr mich noch ein wenig hören, obwohl es uns, die wir nun bloß Dinge sind, eigentlich nicht mehr erlaubt ist zu reden, als zweimal. Ach, welche Wonne ist es zu reden, Worte ausfliegen zu lassen wie weiße Tauben … Einst, als ich lebte, hab' ich lieber geküßt, aber nun, da ich bei den andern bin, kenn' ich kein größeres Glück, als reden zu dürfen. O, Signor, nur la la la zu sagen, ist schon ein Glück. – Aber was war es doch, das ich noch sagen wollte? O, ja, das, – ja, Signor: Es gibt ein Leben in der Kunst, das schöner ist als alles andere Leben. Seht, ich habe viele Männer gekannt, die wohl wußten, was Glück ist; junge Edelleute, die reich waren, schön waren, tapfer waren, verliebt waren. Die schwarzen Gondeln, in denen sie zu mir kamen, waren voll Rosen, ihre Mäntel dufteten nach den Blumen von Byzanz, ihre Degen klirrten Ruhm, ihr Schreiten war Lust und Ichgefühl, und meine Säle schallten von Jauchzen, waren sie darin. O, wohl, ihre Liebe war stark, und ihre Jugend nicht feige, sondern mutig im Nehmen und Behalten, und alles war adelig an ihnen. Aber das allertiefste Glück, das ganze, in sich verlorene Glück hatte nur einer, der kein Edelmann war, sondern ein Maler. Er fuhr auf keinen Galeeren aus, Ruhm und Reichtum zu holen, seine Gondel legte an keinen Palästen an, schönen Edelfräuleins den Hof zu machen, auch gab er keine Feste und war an keinen Festen Gast. Er hatte nichts als eine kleine Werkstatt auf der Giudecca, und ich weiß, daß kein Mädchen ihn besuchte außer mir. Aber, Signor, in seiner kleinen Stube war das Glück. Wenn er mich ansah, oder ein Rosenblatt, oder eine Wolke am Himmel, oder ein Kätzchen in der Sonne, oder am Lido draußen ein zertreten Muschelchen, – von allem sah er alles schön und mit der ganzen Seele, und er nahm's in sein Herz und gab's in seine Hand und schrieb es mit seinen Farben hin in aller Süßigkeit der Gestalt, andächtig allem Leben, untertänig voll Stolz seiner Gabe, das Leben noch einmal zu bilden als das Seine, nur Seine, und es zu verschenken: Da, Welt, ein Stück von dir, ein Stuck von mir O mein Francesco, der meinen Mund gemalt hat und seine Küsse, der meinen Leib gemalt hat und unser Glück, der in der Corteggiana die Liebe leibhaftig sah, weil die Liebe in ihm leibhaftig war … … So wußte und hatte das Glück keiner wie er. Im Sterben selber besaß er es noch ganz. Ich saß an seinem Bette, nackt, und über meinem Kopf her kam die Sonne des Abends zu ihm durch das Fenster. Er sah mich voll und selig an und sprach: Das will ich drüben malen; – o, Gioconda, deine Schultern brauchen keine Flügel, Engel der Verkündigung der Schönheit. Es ist da eine Linie, zart wie Frühlingsmorgen und voll wie die Gottheit im Jauchzen der Welt. – So sprechend breitete er seine Arme aus, lächelte und sank auf das Pfühl, lächelte und starb. Ich habe seine Augen mit Küssen geschlossen und war nicht traurig. Nackt hätte ich mögen hingehen unter alles Volk und rufen: Selig Selig Selig

Der Herr (nach einer Pause): Du schweigst? O rede, Gioconda Du süß sprechende, schweige mir nicht Nur aus deinem Munde mag das Wort kommen, das mir frommt in meiner Einsamkeit. (Er erhebt sich und tritt vor das Bild.) Sie ist tot und kann nur noch lächeln. Das sind die Küsse, die Francesco gemalt hat. – Nun will ich schlafen gehn. Denn nun wird keines meiner Dinge mehr reden wollen. Und ich selber? Schlafen. Schlafen. Meine Hoffnung ist, von dir zu träumen, Gioconda. Gute Nacht – Komm, Mentor Muinz, schlaf wohl

(Er zündete eine Kerze an, nimmt den hohen, japanischen Bronzeleuchter und steigt die Treppe zu seinem Schlafzimmer hinan. Mentor folgt ihm würdevoll.)

Sinaïde

oder

Die freie Liebe in Zürich

Mein Freund Emil, von dem ich nicht leugnen kann, daß er ein Dichter ist, also eigentlich keinen Anspruch darauf hat, für sehr glaubwürdig genommen zu werden, trat an einem sehr kalten Tage in mein Zimmer und sprach: »Wenn du mir jetzt, unbeschadet deines verwünschten Teatotalertums, einen steifen Grog brauen läßt, will ich dir, nobel und schreibfaul wie ich bin, eine Geschichte schenken.«

»Den Grog,« erwiderte ich, »sollst du haben, aber könntest du ihn nicht vielleicht ohne Geschichte trinken? Ich möchte dir nämlich gerne meine letzten vierundachtzig Übungssonette vorlesen.«

»Nein,« sagte Emil, »das geht nicht. Erstens, weil ich selber berufsmäßig Sonette mache, und zwar bessere als du. Zweitens, weil Sonette und Grog zusammen passen wie Ananas und Sardellenbutter. Und drittens, weil ich diese Geschichte jetzt durchaus erzählen muß.«

»Dann allerdings,« lautete meine Entscheidung, »wird sich die Geschichte schwer vermeiden lassen.«

Der Grog kam, Emil kostete ihn, erklärte, daß er zwar etwas fadenscheinig, für den Ort seiner Herkunft aber ganz wacker sei, und begann:

»Zürich, Hauptstadt des gleichnamigen Kantons, an der Limmat und dem Züricher See gelegen, erfreut sich, wie du weißt, eines eidgenössischen Polytechnikums und einer kantonalen Universität. Dies war, wie ich vor nun fast zwanzig Jahren meinem Vater erklärte, der Grund, weshalb ich einen unwiderstehlichen Drang empfand, mich dorthin zu begeben. Mich in den schönen Wissenschaften auszubilden, war mein Bestreben. In den schönen Wissenschaften schlechthin, nicht in einer Spezialdisziplin, welche auch immer es sein mochte. Mein aufs Universelle gerichteter Geist hätte es als schnöde Fesselung empfunden, wenn ich ihm zugemutet hätte, nur an einer und nicht an allen Brüsten jener Alma mater zu saugen. Wer weiß, meine liebe Seele, dachte ich mir, ob du immer so umfassend bestrebt sein wirst, und ließ ihr den Willen. Die Folge war, daß meine Kollegienhefte sich zu einer Ragoutschüssel gestalteten, auf der sich Kostbrocken aus den unglaublichsten gelehrten Garküchen vereinigten, und daß ich mir für alle Zeit den wissenschaftlichen Magen, wenn ich so sagen darf (du darfst nicht, erklärte ich), verdarb. Dies das eine, negative Resultat. Das andere, positive, ist von einer, wie ich ohne weiteres gestehe, schmählichen Dürftigkeit. Nur zweierlei ist mir im Gedächtnis geblieben. Erstens aus dem collegio logico der himmelschreiende Satz: Alle Berliner sind Dichter; nun war Homer ein Berliner; also war Homer ein Dichter. Was der Herr Professor damit beweisen wollte, habe ich vergessen, weil er selber erklärte, es sei etwas Selbstverständliches, aber die gräßliche Zwangsvorstellung, daß Homer ein Berliner gewesen sei, ist mir geblieben, und ich habe noch heute zuweilen melancholische Zustände davon. Die andere Frucht meiner gelehrten Studien in Zürich besteht darin, daß ich über die verschiedene Art der Behaarung bei den verschiedenen Rassen der Erde in einer so eingehenden Weise unterrichtet bin, daß man es schon anstößig nennen muß. Wahrscheinlich hätte ich auch das vergessen, wie alles andere, wenn in jenem unpassenden Kolleg nicht ein über alle Begriffe schönes Mädchen neben mir gesessen hätte.

An dieses Mädchen muß ich noch heute sehr oft denken, und da ich dabei gleichzeitig auch immer an jenes haarige Thema denken muß, ist es mir mit in der Erinnerung geblieben … Aber was für ein junges Mädchen war das auch Zumal, zuvörderst und vor allem: Was für Haare hatte sie«

(Hier erlaubte ich mir eine Bemerkung: Emil sprach ich, das hätte ich nicht von dir gedacht. Du schwelgst geradezu in haarigen Erinnerungen. Nicht allein, daß du ein absolut überflüssiges Kolleg über die Behaarung des Menschen besuchst, das eigentlich nur für Friseure Interesse haben kann, – nein, du bandelst auch, wie ich ahne, in demselben Kolleg ein Verhältnis mit einem durch seine Behaarung ausgezeichneten Mädchen an. Mit anderen Worten: Du bist für Krafft-Ebing reif und Haaromane.)

»Nun ja,« fuhr Emil fort, »es ist wunderlich, daß ich gerade in diesem seltsamen Kolleg das Mädchen mit dem unvergleichlichen Haar kennen lernen mußte, aber ich kann dir schwören, daß ich schon damals weit davon entfernt war, mich nur partiell zu verlieben. Ich ging darin immer aufs Ganze. Aber das ist richtig: in diesem Falle sah ich zuerst eine ganze Weile nichts als die Haare. Ich versing mich in den Haaren, wie weiland Ares sich in Aphroditens Haaren verfing, denn darauf kannst du dich verlassen: Der tölpelhafte Hephaistos brauchte nicht erst ein Netz um die beiden zu knüpfen.«

(O Gott, warf ich hier ein, wenn du mythologisch kommst, wird's glutig. Du bist nicht der erste, der seine eigenen Aventüren in alte Göttergeschichten hineinkommentiert. Das ist ein Trick aus der Renaissance.)

»Ob es glutig wird,« entgegnete Emil, »solltest du einstweilen der Muse des epischen Gesanges überlassen. Aber es ist richtig, daß ich, als ich jene Haare zum ersten Male sah, zu meinem lieben Herzen also sprach:

Siehe, in Zürich studiert Aphrodite mit goldenem Haare,

Sitzt im Kollege und schreibt mit elfenbeinernen Fingern,

Was der Professor herab vom hohen Kathether verkündet.

Aber es wurde mir bald klar, daß man diesem Haare auch nicht mit der antiken Mythologie und in Hexametern nahe käme. Diese Haare waren einfach unaussprechlich. Wenn ich sagen würde: sie waren goldblond, so würde ich mich an ihnen versündigen. Es gibt Dinge, die man beleidigt, wenn man versucht, sie in ein Adjektivum zu pressen. Man müßte, wollte man von diesen Haaren einen Begriff geben, ein Epos schreiben.«

(Hier ergriff mich ein Beben, ich hob die Arme wie der Adorant von Xanten und rief: Emil, halt ein In diesem Stile schwärmte man 1885. Laß dich zur Erde nieder. Dichter, und rede mit Menschenzungen.)

Und Emil fühlte menschlich und sprach: »So will ich nur noch das eine andeutend bemerken, daß das Rot dieser Haare zwischen dem Tone alter Rötelzeichnungen und dem Rot stand, mit dem Toulouse-Lautrec auf einigen seiner Lithographien die Lippen geschminkter Frauen hervorgehoben hat. Kannst du dir dabei etwas denken?

(Nicht das geringste, bekannte ich, aber ich bin nun unerschütterlich davon überzeugt, daß du in das Mädchen verliebt warst.)

Wenn du, entgegnete darauf Emil, mit allen deinen Überzeugungen so aus dem Holzwege bist, wie mit dieser, so gnade Gott deinen Überzeugungen. Nein: in ein solches Mädchen verliebt sich kein junger Dichter. Ein solches Mädchen betet er an, ein solches Mädchen besingt er. – Ach, was habe ich diese Person besungen. Paß 'mal auf«

(Und er entnahm seiner Brieftasche ein kleines Heft und wollte zu lesen beginnen. Ich aber hob wieder meine Arme hoch wie der schöne Xantener und sprach: Lies nicht, Emil: ich muß sonst an meine Jugendsünden denken und weinen.)

Und Emil steckte das Heft ein und sagte milde: »Ich kann sie noch immer auswendig. Und so hieß das eine:

Deine Augen, Idol der Steppe, sind gelb

Wie verschleierter Bernstein. Schräg

Wie einer Mongolin stehn sie dir im Antlitz,

Die Bernsteinmandeln, aber die Wimpernspeere,

Die dieses gelbe Heiligtum schützen, sind schwarz,

Glänzend steinkohlenschwarz. Diana

Hält ihre goldenen Bogen darüber: die Brauen.«

(Und da wunderst du dich noch, warf ich erschüttert ein, daß du damals keinen Verleger für deine Verse gefunden hast?)

»Nein,« sprach Emil, »ich wunderte mich damals, aber heute danke ich meinem Schöpfer dafür. Ein anderes aber ging so:

O wie lasziv dein Mund ist, mein Idol

Wenn rotgelbe Rosen aus Fleisch wären: so,

So wären rotgelbe Rosen, – aber dann,

Würden alle Rosen des Gartens welken wollen,

Die Welt Wäre rosenlos.«

(Bei dieser Stelle bekam ich einen epileptischen Anfall, schlug mit Händen und Füßen um mich und versetzte auf diese sehr empfehlenswerte Manier meinem Freunde eine gute Tracht Prügel.)

»Deine Kritik ist schlagend,« bemerkte Emil, als mein Anfall vorüber war, »und so will ich nun in Prosa reden. – Also, dieses unvergleichliche Wesen saß neben mir in einem Kolleg über die menschliche Behaarung, und mir war es vom Schicksal bestimmt, ihm fortwährend große anthropologische Bilderbogen zuzuschieben, mit denen dieser unglaubliche Wollbart von Professor seine scheußliche Wissenschaft in Farbendruck illustrierte. Schamhaft, wie junge Lyriker nun einmal im Leben sind, wenn sie sich auch in Versen noch so schamlos gebärden (Eben drum bemerkte ich mit Sachkenntnis), wollte ich mich dazu durchaus nicht verstehen, vermutend, mein Idol damit zu beleidigen. Was war die Folge? Mein Idol wurde wütend, ohrfeigte mich mit bernsteingelben Blicken und setzte sich schließlich demonstrativ weg von mir zu einem weniger lyrisch delikaten Anthropologiestudenten. Damit war Aphrodite einstweilen für mich erledigt, weil ich eben für sie erledigt war. Aber ich sollte mehr von ihr erfahren. Und dies erst ist nun die Geschichte, die ich dir erzählen wollte.«

(Man wird es mir nachfühlen, daß ich hier die Bemerkung nicht unterdrücken konnte: Du hast eine eigenartige epische Ökonomie, Emil. Die Technik der Novelle erfordert einen hurtigen Anlauf. Du erzählst wie eine hundertjährige Schildkröte. Wenn du in dem Tempo fortmachst, werde ich am Ende deiner Geschichte Enkel auf meinen Knien schaukeln, und für Kinder ist die Geschichte nicht angelegt, wie mir scheint.)

»Darin,« entgegnete Emil, »irrst du dich nicht, aber du kannst ganz ruhig sein: ich bin gleich fertig. Laufe nicht so aufgeregt hin und her, sondern setze dich und unterlasse deine kritischen Anmerkungen. Dann werden wir bald am Ende sein.«

(Ich setzte mich nieder, tat einen Schwur, nicht mehr hineinzureden, und dachte bei mir: Der gute Junge ist jetzt in einer heillosen Verlegenheit, was er mir nun eigentlich vorlügen soll.)

Emil aber fuhr mit dem Ausdruck lauterster Wahrheitsliebe fort, wie folgt: »Ich hatte damals die verrückte Idee, Gogol und Dostojewski im Urtexte lesen zu wollen, und lag daher bei einem russischen Studenten dem Studium der russischen Sprache ob.

(Bei einem Haare hätte ich eine Bemerkung über die Verwendung des Verbums obliegen gemacht, aber ich dachte an meinen Schwur und schwieg.)

Sehr weit über die Aneignung der russischen Schrift bin ich dabei nicht hinausgediehen, aber Herr Tschernitschew, mein Lehrer, meinte, als wir soweit waren, es sei an der Zeit, mich mit meinen Kenntnissen dem russischen Studentenvereine vorzuführen, und so wurde ich eines Tages eingeladen, in der Russenbude zu erscheinen, um eine Art Prüfung abzulegen. Ich ging um so lieber hin, als mir mein Lehrer erzählte, ich würde dort eine berühmte Nihilistin zu sehen bekommen, die kurz vorher ein Attentat gegen einen Polizeidirektor verübt hatte. Gott, dachte ich mir in meiner lyrischen Seele, dabei fallen mindestens hundert freie Rhythmen ab.

(Sie seien dir verziehen, wenn du sie mir nicht rezitierst, bemerkte ich zu mir selber, da ich zu Emil ja nichts bemerken durfte.)

Ich wurde, in Oberstraß war's, ganz oben, in einem kleinen alten Häuschen, das nun längst niedergerissen ist, in ein rundes Turmzimmer geführt, in dem sich etwa ein Duzend Menschen befanden, deren Geschlecht ich nicht gleich unterscheiden konnte, erstens, weil es etwas duster war von wegen einer viel zu spärlich brennenden Hängelampe, zweitens, weil alle diese Menschen gleichermaßen halblang geschnittene Haare hatten, und drittens, weil sie bis zu den Knien hin ganz gleich angezogen waren. Anfangs dachte ich, sie seien alle im Hemde, später aber bemerkte ich, daß die Männer unten doch noch Hosen anhatten, und zwar Pluderhosen, die in Schaftstiefeln steckten, und die Weiber Röcke. Die Hemden aber waren, wie man mir erklärte, die Nationaltracht. Tolstoj, der Überchrist, kostümiert sich, wie ich aus der ›Woche‹ weiß, ebenso. Es mag eine ganz hübsche Tracht sein, wenn die Hemden frisch gewaschen sind. Bei meinen russischen Freunden waren sie nicht ganz frisch gewaschen. Meine russischen Freunde legten mehr Wert auf reine Gesinnungen, als aus reine Wäsche. Honny soit, qui mal y pense Ich erkläre mir das damit, daß einer nicht alles haben soll auf dieser Welt. Den einen schmückt unbefleckte Überzeugung, den andern frische Wäsche.«

(Hier konnte ich nicht mehr schweigen; ich mußte rufen: Du bist frivol, Emil)

»Und du bist ein Schwurbrecher« entgegnete dieser, dann fuhr er fort: »Meine Prüfung hatte einen märchenhaften Erfolg. Kaum, daß ich eine Zeile russisch gelesen hatte, erhob sich die ganze Versammlung von Hemden und brach in ein wildes Beifallsgetobe aus. Dann stürzte alles auf mich zu und gestikulierte enthusiastisch um mich herum. Die Attentäterin aber, ein großes knochiges Frauenzimmer, drückte meinen Kopf an ihre Brust und küßte mich auf den Scheitel. Kaum, daß ich diesen, wie ich gestehe, heftigen Schreck verwunden hatte, lag mein Kopf an einem anderen Busen und wurde mein Scheitel der Berührung zweier anderer heißer Lippen teilhaftig, und so fort, bis ich von allen abgedrückt und abgeküßt war. Der letzte Kuß aber brannte am wohligsten, – ich blickte auf und sah die Bernsteinaugen über mir. Da konnte ich mich nicht halten, faßte das Mädchen um die Mitte ihres Leibes und küßte es mit wütendem Entzücken auf den Mund. ›Ah‹ sagte das Mädchen und erwiderte den Kuß auf eine Weise, daß ich glaubte, mein letztes Stündlein sei gekommen.

So über alle Begriffe benommen, süß benommen wurde mir davon zumute. Es war ein Versinken in samtene Nacht.«

(Da Emil hier eine Pause machte, benutzte ich die Gelegenheit, zu bemerken: Derartige Prüfungsprämien, allgemein eingeführt, würden eine erfreuliche Steigerung des Studienfleißes in allen Fakultäten zur Folge haben.)

Emil aber fuhr fort: »Als ich wieder zu mir kam, hörte ich, daß die Attentäterin eine Anspräche an mich hielt, in der sie mich ›Enkel Schillers‹ nannte und von der Vermählung slawischen und germanischen Geistes viel Schönes zu sagen wußte. Dann wurde sehr viel Wuttki getrunken, was, in Verbindung mit ukrainschen Volksliedern, zur Folge hatte, daß alle zu weinen begannen. Ich weinte aus Höflichkeit mit, konnte es aber lange nicht so gut wie meine russischen Freunde, die allerdings auch mehr Wuttki getrunken hatten, ein Getränk übrigens, das selber wie gegorene Tränen schmeckt. Schließlich lagen wir einander in den Armen, immer einander in den Armen, küßten uns auf Stirn, Mund, Nase, wohin's immer gerade traf, und vermählten unsere Tränen miteinander. Trotz meiner Betrunkenheit wußte ich es im Verlaufe von etwa einer Stunde, während der ich Russen beiderlei Geschlechtes und aller Fakultäten überall hingeküßt hatte, so einzurichten, daß ich am Busen meines Bernsteins landete. ›O Sinaïde‹ lallte ich dabei, ›wie zwei hüpfende Lämmer sind deine Brüste, die wie Mondstein leuchten, auf den der Mondschein scheint. Aber deine Nase ist eine Nardenbüchse, gen Osten gerichtet, und dein Mund besteht aus zween Tuberosenblättern, aber roten, wenn ich bitten darf während hingegen deine Nasenlöcher vergleichbar sind den Rosinenkernen im Hochzeitskuchen der Königin von Saba, und von deinen Achseln her ein Rüchlein kommt wie aus Zimmetwäldern. Ja, Sinaïde, Europa reitet auf dem Stier der Brutalität in den Despotismus, aber die grüne Mütze der Weltfreiheit sitzt auf deinem feurigen Haare und singt gleich einer Nachtigall: Avanti, vorwärts en avant. – es lebe die Liebe O Sinaïde, Sinaïde, – daß ich lustwandelte in den Zimmetwäldern deiner Schönheit Daß ich zu Asche verbrennte im gelben Feuer deiner Augen Daß der Sammet deiner Haut mein Leichentuch wäre Laß mich, o Sinaïde, laß mich die Muschel meines Ohres an die Muschel deines Ohres legen und lauschen, was die Seele des ewigen Rußland raunt Ich schwöre dir, Sinaïde, ich bin verliebt in dich wie ein Maikäfer«

(Da Emil zweifellos noch lange so weiter in Übcrschnappungen geschwelgt hätte, ohne dadurch im mindesten den Gang der Geschichte zu fördern, die nun endlich zu hören ich ernstlich gewillt war, rief ich nur das eine Wort: Stop Und hatte die Genugtuung, daß er Augenblicklich aufhörte wuttkideutsch zu lallen und in ein ruhiges Redefahrwasser einbog. Nämlich so:

»Item, ich dampfte den Alkohol und meine Schwärmerei in dem bekannten Stile aus, der so reich an kühnen Assoziationen wie arm an vernünftigem Sinne ist. Als ich mich leidlich nüchtern geredet hatte, bemerkte ich, daß der Schauplatz der Handlung verändert war. Ich befand mich mit dem bernsteinäugigen Mädchen in einem zwar etwas engen, sonst aber angenehmen Bette und war zu meiner Überraschung angetan wie sie, nämlich auch mit so einem russischen Hemde, aber ohne Hosen. Sie lag neben mir und schlief mit ruhigen Atemzügen. Ihr Haar war wie ein goldenes Vließ über ihre Brust gebreitet. Ich sagte mir sogleich: Lieber Freund, du träumst da recht angenehm, aber morgen früh wirst du einen entsetzlichen Katzenjammer haben. Dies gedacht, schlief ich aus der Stelle ein.«

(Und ich werde das gleiche tun, beteuerte ich, wenn du nicht auf der Stelle deine Geschichte endlich erzählst.)

»Wie? rief Emil, ist das noch nicht Geschichte genug? Kann man von einem Novellisten mehr verlangen als diese Situation? Ist dieses Gewebe aus Wuttkischleiern, ukrainischen Volksliedern und feurigroten Haaren noch nicht genug? Soll ich etwa ...?«

(Nein, erklärte ich, du sollst nicht Ich habe auf sämtliche Geheimpublikationen des Inselverlags subskribiert; mein Bedarf an Erotik ist gedeckt. Ich wünsche eine ordentliche Geschichte)

»So muß ich dir also,« entgegnete Emil, »die erzählen, die mir Sinaïde (doch hieß sie eigentlich ganz anders) am nächsten Morgen erzählt hat.«

(Bezahle mit eigenem oder fremdem Gelde, aber bezahle lautete mein Verdikt. Und Emil bezahlte in russischer Währung, wie folgt):

»Als wir vor dem dampfenden Samowar saßen und Sinaïde bereits ihre zehnte Zigarette geraucht hatte (sie drehte ihre Zigaretten mit einer Hand in der Tasche, – ein Kunststück, das ich nie wieder zu bewundern Gelegenheit gehabt habe), zupfte sie mich am linken Ohrläppchen und sagte in ihrem entzückenden Kauderwelschdeutsch, das ich leider nicht einmal andeuten kann: ›Wie gefallen dir meine Landsleute?‹

›Ausgezeichnet,‹ antwortete ich. ›Es sind famose Burschen, voller Temperament und Rasse.‹

›Krüppel und Lahme sind sie, mein Guter; Vogelscheuchen, die klappern, –: Apostel‹ – «Na, na,‹ meinte ich, ›Kerls, die jeden Augenblick bereit sind, Bomben zu werfen und sich für ihre Ideale hängen zu lassen …‹

›Sie sind die Stricke nicht wert Bomben werfen, – als ob das weiter was wäre Ideale im Munde herum schleudern, wie man Wasser gurgelt beim Zähneputzen, – was will das heißen? Gedankenzüchter sind sie Zweibeinige Parodien auf ihre Ideale Jämmerliche Schwindler Feige Faselhänse, die vor lauter Zukunftsphrasen die Gegenwart versäumen Plebejer, die aus dem Worte Freiheit einen schlechten Fusel gemacht haben, an dem sie sich noch sentimentaler trinken, als sie ohnehin schon sind Falsche Propheten, die Wein predigen und Spülichtwasser trinken‹

›Ich denke: Fusel?‹

›Das ist es ja eben: Fusel statt Wein Gegorenes aus abgestandenen Worten anstatt Sekt Sekt, mein Liebling, ich meine: gärende edle Natur – Ah, diese russischen Bauern Man sollte sie nicht bloß nach Sibirien, sondern zum Teufel schicken‹

Die Bernsteinaugen wurden ganz dunkel, feurig, als ob es in ihrem Inneren glühte. Sie riß meinen Mund an ihre Lippen und küßte mir die Seele aus dem Leibe.

›Hör auf, Sinaide,‹ rief ich, ›hörauf So küßt man keinen Mitteleuropäer. Ich bin deinen Küssen nicht gewachsen, sie werfen mich um, schlucken mich weg, blasen mein deutsches Liebeslämpchen aus. Du bist eine Kußfurie, die nicht in unsere gemäßigte Zone paßt. Ah, wie recht hatte ich, daß ich dich als Zeltidol eines Tatarkhans besungen habe.‹

›Besungen hat er mich, der Enkel Schillers,‹ sagte sie mit Lachen, ›und wenn ich ihn küsse, schnappt er nach Luft. Aber daß du mich für was Tatarisches angesehen hast, freut mich. Ich bin keine Russin, wenigstens keine ganze. Meine Mutter war eine Grusierin. Byzantinisches Kaiserblut war in ihr. Mein Vater trägt einen russischen Fürstennamen, aber seine Familie stammt aus Turkestan. Wildes und uralte Kultur ist meine Erbschaft. Darum bin ich nirgends zu Hause, überall fremd. Am fremdesten aber unter russischen Bauern, die nach Freiheit grunzen, und unter Schweizer Eidgenossen, die sich eine Freiheit zusammengekleistert haben aus hunderttausend Unfreiheiten. O diese Pfahlbürger der Freiheit, wie ich sie hasse Und zu denken, daß wir drüben in Rußland hierher starren, wie zum gelobten Lande Daß wir hier das goldene Alter lebendig glauben.‹

›Das ist allerdings ein beträchtlicher Irrtum,‹ erlaubte ich mir zu bemerken, ›ganz abgesehen davon, daß die Freiheit, die du meinst, außerhalb aller Menschenmöglichkeit liegt in unserer Zeit.‹

›Rede nicht wie ein deutscher Hauslehrer,‹ rief sie. ›Das ist es ja, was mich rasend macht – Warum ist Freiheit unter Menschen nicht möglich? Warum sind allein wir Menschen dazu verdammt, uns einander einzuengen in Pflichten, Gesetze, Verbote, Moralen? Was ist das für eine verfluchte Verrücktheit, daß wir nicht leben, wie uns die Sinne treiben? Warum machen wir diese Erde zu einem Schauplatze allgemeiner Verkümmerung?‹

(Ich hoffe, konnte ich nicht umhin, hier zu bemerken, daß du eine Antwort aus diese rhetotischen Fragen gehabt hast. – Antworte du, erwiderte Emil, dem Feuer, mein Lieber, wenn es um dich her wabert und loht, antworte du dem Sturm, wenn er auf dich einbraust und dir den Atem versagt. Nein: ich habe mich des Rhythmus gefreut, in dem sie ihren Zorn ausließ, und habe meine Augen geweidet an dem Auf- und Niedergehen ihrer Brust, an der Brunst ihrer Blicke, am Blitzen ihrer Zähnen und ich war glücklich, hier zum ersten Male ein Weib nackt zu sehen. Sie aber fuhr fort)

›Und wenn es nicht allen erlaubt sein darf, frei hinzuleben, in schrankenloser Lust und Herrlichkeit, warum nehmen sich nicht die Starken das Vorrecht dazu, meinetwegen aus Kosten zehnfacher Unfreiheit der Schwachen? Weil die Masse dumpf und stumpf ist von Natur, muß deshalb auch der Klare, Kühne sein Leben dumpf und stumpf machen? Kocht man irgendwo Orangen und Kartoffeln in einen Brei zusammen? Aber dieses nichtswürdige heutige Leben stampft alles in einen Brei, den Vornehmen und den Gemeinen, und je freier sich ein Land heißt, um so frecher übersieht es den Unterschied zwischen Orange und Kartoffel. Lache nicht‹

– Ich fuhr aber doch fort zu lachen und sprach: ›O mein adliges Fräulein Orange, was gebärdet Ihr Euch so böse? Bloß, weil es Euch so gut steht? Ach, es ist entzückend. Euch zuzusehen, wie Ihr noch mehr erglüht, immer glühende, aus Zorn über uns Kartoffeln, die wir davon, wenn auch nur in einem flüchtigen Anscheine, vergoldet werden. Wer möchte sich, wo solche Farbeneffekte leuchten, in die graue Wüste der kahlen Logik begeben und Euch nachweisen, daß Eure botanischen Bilder schief sind? Nein, Sinaïde, dein Wort ist die Wahrheit, und ich weiß zwei Liebesäpfel, für die ich alle pommes frites der bürgerlichen und adeligen Küche hingebe. Komm her, Orange, und laß mich dein schwellendes, süßes Fleisch kosten‹

Dagegen hatte sie nichts einzuwenden, und die Orange ließ sich im eigentlichsten Sinne zur Kartoffel herab. Dann aber war sie doch noch nicht beruhigt und fuhr in ihrer Standrede fort:

›Ah, ich bin ja nur so zornig, weil ich mich habe düpieren lassen, düpieren von diesen russischen Bauern, die auf ihren schmierigen Blättern goldene Lügen nach Rußland schicken, denen man, im Fette der Langeweile erstickend oder im Schmutze der Not und Knechtschaft versinkend, so gerne glaubt, wie ein Kind das Märchen von der Fee Rosenlicht für wahr hält, wenn es ihm im dunkeln Zimmer erzählt wird, während draußen das Eis kracht und die Flocken fallen. So glaubte ich an die Lüge von der freien Liebe, glaubte ihr und rannte ihr nach, besinnungslos, selig besinnungslos im Glauben an eine Welt der Erfüllung aller Sehnsucht Leibes und der Seele. Freie Liebe, – weißt du, was das heißt im Blute eines phantastischen jungen Mädchens? Als ich nach Zürich reiste, glaubte ich nach Arkadien zu fahren in die Arme strahlender Helden, in ein Leben verschwenderischen Genusses, überströmender Exaltation der Sinne und Gedanken. Ich kannte die Liebe noch nicht, aber ich machte mir in unsagbaren Gefühlen wollüstiger Sehnsucht ein Bild von ihr, so überschwänglich beglückend, daß ich dafür noch mehr verlassen haben würde, als ich in Wirklichkeit verlassen habe. – Und nun, mein lieber Schiller, stelle dir mein Erwachen in Zürich vor Die Bauern holten mich in ihren Hemden ab und führten mich, ihre sentimentalen Lieder brüllend, in eine schmierige Wohnung, in der es nach Schnaps, Käse und schlechten Zigaretten roch. Sie feierten mich als eine russische Jungfrau von Orleans, aber als eine, die von der Höhe herabgestiegen sei, um das Volk zum Siege zu führen, – mich, die hierher gekommen war, ihre Jungfrauschaft so schnell wie möglich zu verlieren, mich, die sich einbildete, jetzt in die Höhe zu steigen Ich verstand kein Wort von alledem und dachte mir: nun, die wahren Helden werden sich später zeigen, und ich fragte ganz naiv, wo denn die Strahlenden seien. Sie verstanden mich gar nicht und redeten immer weiter und weiter von Heimweh und allerhand Idealen. – Aber es war damals einer unter ihnen, der einen besseren Eindruck auf mich machte, ein langer, schlanker, kraushaariger Bursch mit braunem Gesicht und großen glühenden schwarzen Augen. Seine Hände waren gepflegt, sein Hemd frischwaschen, und er hatte eine vornehm lässige Art, wenn er sprach. Freilich redete auch er nicht von den Dingen, die mich interessiert hätten, nicht vom Leben, von der Freude, dem Glück, sondern, daß man fleißig am Polytechnikum Chemie studieren müsse, um neue Sprengmittel für Bomben zu erfinden, und daß der Tod am Galgen eine Wollust sei, wenn er die Quittung für ein gelungenes Attentat bedeute. Aber er schluchzte doch wenigstens nicht in einem fort und kreischte nicht, wenn er etwas sagte. Auch hatte es schließlich einen gewissen Reiz, ihm zuzuhören, wie er die gefährlichsten Unternehmungen ruhig auseinanderlegte, als ob es ganz alltägliche Dinge seien, die man, wenn es so weit wäre, besorgte wie einen Geschäftsgang. Und das Bombenwerfen gehörte ja schließlich auch zu meiner Vorstellung vom Helden, wie es denn noch jetzt das einzige ist, das mich mit diesen Bauern verbindet.‹

›Aber, Sinaïde,‹ rief ich aus, ›warum denn Bomben? Du siehst ja doch, daß sie die Menschen auch nicht lustig machen.‹

›O, sie sind sehr nötig bei uns in Rußland, mein lieber Schiller. Aber das versteht ihr Deutschen nicht. Ihr schreibt im günstigsten Falle Bomben, – wir werfen sie. Anders kann man sich bei uns ja nicht vernehmlich machen. Und ich kenne ja die Gesellschaft, der man zuweilen Nitroglyzerinpillen eingeben muß, aus nächster Nähe und weiß, daß sie ohne diese Abführmittel ganz verkommen würde. Nur ist es eben schade, daß die Pillendreher genau so miserabel sind wie die Patienten, ja, nach meinem Geschmacke noch miserabler. Aber immerhin: diese eine Hantierung macht sie mir sympathisch.‹

(Hier mußte ich, ich konnte nicht anders, mit einem heftigen: Bitte eine Pause erzwingen, die ich wie folgt ausfüllte: Nun sag mir bloß, Emil, wurde dir diese Bombenorange nicht ein bißchen unheimlich?)

»Aber gar nicht,« erklärte mein Freund, »ich hatte ja schon die Ehre und das Vergnügen, dir des Ausführlichsten auseinanderzusetzen, wie schön das Mädchen war. Sieh mal: auf das, was der Mensch sagt, kommt es doch gar nicht an. Worte sind Schall und Rauch, – nicht wahr? Meinungen, Gefühle an sich interessieren mich an anderen Leuten gar nicht; so was mach' ich und hab' ich selber. Aber die anderen Leute als Menschen interessieren mich, und wenn sie schön sind oder stark in der Art, wie sie ihre Meinungen und Gefühle vor mich hinstellen, dann gefallen sie mir, und ich sehe und höre ihnen zu und gebe mich ihnen hin, ohne darum meine Gefühle, meine Meinungen mit hinzugeben.

Wenn ein alter grauslicher Federhalter von Gelehrten, ein Kerl mit Schnupftabak im Bart und einer Sägemühlenstimme, vor mich hintritt und die göttliche Nacktheit der Liebesgöttin preist, womit ich ja ganz einverstanden bin, so finde ich das unausstehlich und wende mich weg. Wenn aber ein schönes Mädchen, dessen Lippen wie schwellende Früchte sind, und dessen rege Brüste den Rhythmus des gesunden Lebens haben und wie rötlich überhauchtes Elfenbein leuchten, Mord und Vernichtung vor mir predigt, so höre ich, obwohl ich ganz und gar nicht für Mord und Vernichtung eingenommen bin, gerne und vergnüglich zu. Ich bin doch kein Staatsanwalt, Otto Julius Ich habe mich doch nicht um Staat und Moral zu kümmern, wenn die leibhaftige Schönheit vor mir steht. Jeder tue, was seines Amtes ist. Mich geht die Schönheit an, nichts weiter. – Und also sprach die Schönheit: ›Der schlanke mit den gekrausten Haaren war kein Bauer, das merkte ich gleich, und ich setzte mich zu ihm, während die andern immer weiter weinten und kreischten, und dachte mir: Der ganz rechte ist es wohl noch nicht, aber er gefällt mir. Das sagte ich ihm auch gleich. Sascha (so hieß er), sagte ich, hast du eine Geliebte? Nein, sagte er ganz kurz. Warum denn nicht? fragte ich. Darauf machte er bloß eine Handbewegung, die ich mir so auslegte: Ach, eine von denen da? Und das waren lauter solche, wie du sie gestern gesehen hast. Nun, so dachte ich mir, so eine bin ich, dem Himmel sei Dank, nicht; wir passen recht gut zusammen. Und ich sagte: Ist es dir recht, daß wir zusammen schlafen? Da riß er die Augen auf, als wenn ich ihm zugemutet hätte, dem Zaren den Untertaneneid zu leisten. Aber ich legte mir das als angenehmen Schrecken aus. Gehen wir, Sascha, sagte ich, hier gefällt es mir gar nicht. Ach so, du hast noch keine Wohnung, meinte er; freilich; komm mit. Ich bin allerdings nicht darauf eingerichtet.

Wir gingen. Es war eine schöne, milde, ganz dunkle Nacht, und seine volle Stimme klang mir ins Blut, – so angenehm, wohlig, ich weiß nicht: wie ein inwendiges Kosen. Ein gottvolles Gefühl überkam mich. Noch nicht die Liebe, – nein. Nicht das ingrimmige Begehren, nicht diese wonnige Wut, – nicht das …, wenn ich es dir auch sagen könnte, du verständest es ja doch nicht, Mitteleuropäer. Wie heißt das Werk von eurem alten Musiker? Richtig: Das wohltemperierte Klavier. Bon. Ein wohltemperiertes Klavier zum Spielen mit der Liebe war ich damals. Es ist ein Vorstadium bei mir. Verstehst du? Nun gut: wir kamen an. Eine etwas bessere Studentenwohnung; wie meine da. Ich wollte ihm um den Hals fallen, hatte aber die Empfindung: schöner wär's, er tut's. Und wartete. Er tat aber nichts dergleichen, sondern benahm sich bloß albern geniert. Stotterte etwas von Bett und Kanapee und Wandschirm und löschte das Licht aus. Will er mich denn gar nicht sehen? dachte ich mir und zog mich aus. Ich war ärgerlich, fühlte aber doch noch diese wohlige gewisse Erwartung. Nun lag ich im Bett und lauschte. Zieht er sich nicht endlich aus? dachte ich mir. Da hörte ich, wie er sich aufs Kanapee legte, und gleich daraus klang es herüber: Schlaf wohl Ich fuhr wie von der Tarantel gestochen auf und starrte maßlos bestürzt ins Dunkel. Was soll das heißen? Schlaf wohl? Und ich schrie: So komm doch – Was denn? rief er, fehlt dir etwas? – Du, du, du fehlst mir, rief ich; warum willst du mich nicht? – – Ach, ich mag das nicht erzählen Dieser Tölpel hielt mir eine Rede über die Notwendigkeit der Keuschheit für die Apostel der Freiheit und was noch alles. Ich sprang aus dem Bett und stieß ihm die Fäuste ins Gesicht. Er wehrte sich nicht einmal. Dann fiel ich erschöpft in einen Weinkrampf, während er sich wie ein Samariter um mich bemühte. Das war mir das Ekelhafteste. Ich raffte mich auf, zog mich an und stürzte auf die Straße. Er natürlich hinter mir her. Seine Stimme hatte einen so widerwärtig besorgten Klang, daß ich ihn mitten unter den Passanten ohrfeigte. Sie ist krank, – erklärte er milden Tones den erstaunten Schweizern. Sie sind krank rief ich, Sie sind ein Kapaun Die Schweizer äußerten auf ihre gutturale Manier ihr Vergnügen über die streitenden Russen, die sie nicht verstanden, und ich machte Miene, auch sie zu ohrfeigen. Da sprach mich ein Herr mit einem Knebelbart französisch an, und ich erklärte ihm sofort, daß ich nur den einen Wunsch hätte, sofort wieder nach Rußland zu reisen. Er schlug statt dessen vor, mit ihm in ein Café zu gehen. Ich nahm an.‹

(Jetzt schien mir wieder einmal der Augenblick gekommen, meinen Freund zu unterbrechen, und ich sprach: Lieber Emil Durch die Einführung dieses Knebelbarts in deine Geschichte hast du sie, wie ich dir nicht verhehlen kann, aus der Beletage extraordinärer Leidenschaft auf das Parterre der Gewöhnlichkeit degradiert. Du brauchst sie gar nicht mehr zu beendigen. Was nun noch kommen kann, ist Realismus der achtziger Jahre, und der wäre mit meinem Grog [du bist schon beim achten Glase]zu teuer bezahlt.)

»Indessen irrst du dich, mein Lieber,« entgegnete Emil und lächelte auf eine skandalöse Manier. »So war es nicht. Jener Knebelbart war nicht der hurtige Franzose, als den du dir ihn vorstellst, sondern unser Freund Frank Wedekind. Daß dieser sich nicht so benommen hat, wie du es mit deiner literarhistorischen Anmerkung anzudeuten beliebtest, liegt aufs der Hand, und ich brauche es nicht ausdrücklich zu beteuern. Sinaïde erklärte mir, daß sie sich ihm zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet fühle, weil er ihr in einem Augenblicke den Glauben an die Menschheit wiedergegeben habe, als sie im Begriffe war, ihn zu verlieren.

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