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Matthias Blank – Auf Umwegen

Münchener Karnevalshumoreske

Aus: Das Buch für Alle, Illustrierte Familienzeitung, Vierundvierzigster Jahrgang, Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, 1890


1.

Liebste Lotte, es tut mir ja sehr leid, da es gerade die erste Theaterredoute ist, aber –«

»Du hast es mir versprochen!«

»Gewiß! Aber es geht halt nicht, denn ich –«

»Es muß gehen! Ich habe mich doch so darauf gefreut. Warum sollte es auch nicht möglich sein?«

»Ich verreise am –«

»Gerade an diesem Samstag?«

»Ja, gerade an diesem Samstag! Ich muß unbedingt verreisen. Aber du kannst doch auch allein –«

»Nein! Was glaubst du denn von mir?«

»Nun, früher –«

Doch Bertram Kaltenbrunn sollte keinen Satz ohne Unterbrechung zu Ende führen dürfen. Seine Sprechweise war eben genau so behäbig, wie seine äußere Erscheinung. Lotte Gellerup aber, die hübsche kleine Malerin, war der entgegengesetzte Pol. Kein Wunder also, daß die beiden sich zueinander hingezogen fühlten! Sie war zierlich und schlank wie ein Rokokofigürchen aus Meißener Porzellan. Dabei war ihr Künstlerblut wie französischer Sekt: mussierend, prickelnd, voll Unruhe und Beweglichkeit.

»Früher! Ja, damals war es etwas ganz anderes. Aber jetzt bin ich verlobt und als Verlobte werde ich niemals allein aus die Theaterredoute gehen.«

»Das ist ja sehr schön, aber –«

»Du denkst gewiß, weil ich nur eine Malerin bin.«

»Ich denke gar nicht an –«

»Das sollst du auch nicht. Ich hatte mich so sehr gefreut! Aber wenn du nicht kannst, wenn du eben absolut verreisen mußt, dann – dann bleibe ich halt zu Hause.«

»Aber Kindchen, das will ich durchaus nicht, im Gegenteil ich –«

»Doch! Ich werde irgend etwas lesen – ein Märchenbuch vielleicht, jedenfalls gehe ich nicht allein auf die Redoute.«

»Ich möchte dir ja kein Vergnügen rauben. Du würdest mir aber in der Tat eine sehr große Freude –«

»Ich will aber nicht!«

Und dabei stampften die zierlichen Schühlein so energisch auf, daß die geschliffenen Gläser des Kronleuchters singend klirrten und die Saiten im Klavier dazu brummten.

Aber diesmal konnte sich Bertram Kaltenbrunn nicht beirren lassen und führte den begonnenen Satz zu Ende: »– eine sehr große Freude machen, wenn du nicht auf die Theaterredoute gehst.«

»Nichts?«

In der Überraschung ließ ihn Lotte Gellerup noch eine Weile weitersprechen.

»Schließlich bin ich doch ein Mann! Und wenn du im großen Saal des Deutschen Theaters erscheinst, dann bist du unter allen die Schönste. Dann werden dich alle umschwärmen wie die Fliegen die Leimrute –«

»Was?« Den Bann, der auf der Künstlerin gelegen, hatte das Wort gebrochen. »Was? Du vergleichst mich mit einer Leimrute! Mit einer Leimrute, nachdem wir erst seit drei Wochen verlobt sind! Ja, womit wirst du mich dann vergleichen, wenn wir verheiratet sein werden? Sonst war ich dein Zuckerkind, dein Herzkäfer, und nun schon eine Leimrute!«

»Aber du verstehst mich ja ganz falsch! Ich meine, du wirst von allen Herren umschwärmt werden, wie die Fliegen um die Leimrute schwirren.«

Nur schwer ließ sich Lotte Gellerup überzeugen, daß dieser Vergleich nur eine Schmeichelei sein solle.

Schließlich hatte Kaltenbrunn die Beweiskraft seiner Rede durch einen energischen Druck seiner Lippen auf ihre Lippen bestärkt, eine Maßregel, die bei Liebenden stets den stillschweigenden Abschluß gegenseitigen Einverständnisses bedeutet.

Lotte Gellerup war beruhigt. Schließlich war es ja möglich, daß er wirklich verreisen mußte, und da war es ja sehr angenehm zu hören, wenn er das Eingeständnis seiner Eifersucht machte.

»Siehst du, eine grössere Freude hättest du mir niemals bereiten können! Schau, ich will es nicht, daß andere dich bewundern, daß andere in dein rosiges Mauseohr süße Dinge flüstern und dir den Kopf verdrehen –«

»Ob, denkst du denn, das könnte so leicht geschehen?«

»Ich bin halt eifersüchtig! So harmlos ich vielleicht aussehen mag, aber wenn ich Grund zu Mißtrauen hätte, dann –«

Das Lachen der Kleinen klang wie das Aneinanderklirren zweier geschliffener Kelche. »Haha! Was! Mein Bär wollte dann gar gefährlich werden? Nein! Du kannst ruhig reisen. Es wird mich niemand auf der Redoute sehen, es wird mir niemand Verliebtheiten zuraunen und niemand mir den Kopf verdrehen. Ich werde hübsch zu Hause bleiben und daran denken, daß du – – ja, das hast du noch gar nicht gesagt. Wohin geht denn deine Reise?«

»Nach – nach Nürnberg! Ja, nach Nürnberg!«

Das hatte beinahe geklungen, als hätte sich Bertram Kaltenbrunn erst besinnen müssen.

»Wann fährt denn dein Zug ab? Soll ich dich nicht zur Bahn begleiten?«

»Nein! Durchaus nicht! Mein Zug geht schon sehr früh.«

»Aber ich kann wirklich einmal auch früher aus den Federn heraus!«

»Das sollst du nicht! Du sollst austräumen und ausschlafen. Es wäre für dich –«

»Kannst du keinen späteren Zug benutzen?«

»Nein! Das geht nicht!«

»Um wie viel Uhr mußt du denn fahren?«

»Um – um sechs Uhr fünfundvierzig!«

»So früh!«

»Du wirst nun wohl selbst eingestehen –«

»Da werde ich freilich noch schlafen. Aber aus Nürnberg wirst du mir dann wenigstens ein kleines Andenken mitbringen?«

»Natürlich!«

Nun endlich waren sie beide zufrieden. Der kommende Samstag war vergessen, und was sie dann noch plauderten und einander erzählten, das waren Dinge, die sich die Millionen Liebespaare seit Adam und Eva in den vielen Sprachen stets im gleichen Inhalt schon mitgeteilt hatten.

Als Bertram Kaltenbrunn Abschied genommen hatte, als er schon auf der Türschwelle stand, da fragte er nochmals zurück: »Du wirst also ganz bestimmt nicht auf der Theaterredoute sein?«

»Ganz gewiß nicht, du alter Eifersuchtspeter!«

Dann war er fort.

Lotte Gellerup hatte ihm eine ganz besondere Freude zugedacht.

Am Samstag ließ sie sich von ihrem Mädchen schon um halb sechs Uhr wecken, denn sie wollte am Bahnhof von ihm Abschied nehmen, sie wollte zu ihm sagen: »Siehst du nun, wie lieb ich dich hab'! So früh bin ich aus den Federn gekrochen, um dich nochmals zu sehen und um dir zu versichern, daß du gar nicht eifersüchtig zu werden brauchst.« Ja, das hatte sie tun wollen.

Sie war auch um sechs Uhr zwanzig schon in der großen Bahnhofshalle. Aber Bertram Kaltenbrunn war noch nirgends zu sehen. Etwas ungeduldig ging Lotte Gellerup auf und nieder. Der Zeiger der Uhr rückte unterdessen immer weiter vor.

Die Bahnbediensteten, zum Teil mit brennenden Laternen, liefen hin und her; Passagiere schleppten schwere Handtaschen herbei, Zugbeamte schrieen, dazwischen gellte der schrille Pfiff einer Lokomotive, und der Zeitungsmann rief seine Journale aus.

Nur eine Minute noch, und Bertram Kaltenbrunn noch immer nicht sichtbar!

Sie wandte sich an einen Schaffner: »Der Zug nach Nürnberg fährt doch um sechs Uhr fünfundvierzig?«

»Ja freilich. Aber um sieben geht wieder einer.«

Und sie wartete! Sie wartete bis sieben Uhr, bis der Nürnberger D-Zug mit Fauchen und Schnauben aus der Bahnhalle, aber wiederum ohne Bertram Kaltenbrunn, hinausgefahren war.

Er war gar nicht gekommen, gar nicht nach Nürnberg gefahren. Er hatte sie belogen!

Aber warum? Warum hatte er sie so schändlich getäuscht? Alles erschien ihr jetzt verdächtig. Er hatte ganz verwirrt Nürnberg als sein Reiseziel angegeben; ebenso verlegen hatte er die Zeit seiner Abfahrt bestimmt. Deshalb also hatte sie ihn nicht zur Bahn begleiten sollen!

Aber warum sollte sie gerade nicht auf die Theaterredoute?

Und Lotte Gellerup müßte keine Tochter Evas gewesen sein, wenn sie dabei nicht sofort an eine »andere« gedacht hätte. An die andere, die stets in den Köpfen der Frauen spukt, wenn ein Rechenexempel nicht sofort stimmt.

Die andere!



2.

»Hier Ulrich Wambsganß, Auskunftei – wer dort? – – Ja! – – Ja! – – Ja! – – Sehr gut! – Wird besorgt! Schluß!«

Ulrich Wambsganß läutete ab, ging mit langen Schritten und steifen Beinen an seinen Schreibtisch und rief ins Nebenzimmer: »Fräulein Müller, ist die Post schon fertig?«

Aus dem Nebenzimmer, in das eine offenstehende führte und in dem das Klappern einer Schreibmaschine zu hören war, kam die Antwort: »Gleich. Ich bin eben bei der Arbeit·«

»Sind die Zettel schon in den Kästen?«

»Ja!«

»Der Fall Sontheimer ist doch schon erledigt? Haben Sie in dem Aktenstück Söllner Vormerkung genommen? Der Brief in Sachen Rösler ist doch besorgt?«

»Den Brief müssen Sie erst noch diktieren.«

»Schreiben Sie gleich! Also: ›Sehr geehrter Herr! In Erwiderung Ihres Schreibens vom 14. Januar verständigen wir Sie, daß Ihre Anfrage bestens Erledigung gefunden hat‹ – natürlich werden Sie einen Umschlag ohne Aufschrift nehmen! – ›gefunden hat. Der besagte Perhammer hat seit zwei Jahren das Geschäft der vormaligen Firma Peterlein übernommen und sich deren Kundenkreis zu halten verstanden. Seine Frau, eine geborene Großkopf, hatte in sein Geschäft noch ein Vermögen von achtzigtausend Mark gebracht. Sie können ihm also die Waren bis zu der von Ihnen bezeichneten Höhe auf Kredit liefern. In ergebenster Hochschätzung!‹ –- So, nun muß ich Ihnen aber wieder den Kopf waschen, Fräulein Mehlmeier. Kommen Sie einmal her!«

Ein langes Fräulein, das in ihrer schmalen Länge einer mit bunten Tüchern umwundenen Flaggenstange glich, die ein weitgebauschter Haarschopf im leuchtenden Strohgelb krönte, kam aus dem Nebenzimmer an den Schreibtisch des Beherrschers der Auskunftei.

»Sehen Sie hier! Sie sollen die Eintragungen stets im Kontrollbuch nachführen, aber nicht im Tagebuch.«

»Aber Fräulein Bartmann –«

»Fräulein Bartmann war einmal in meinem Bureau und ist jetzt meine Konkurrentin geworden. Die geht uns jetzt gar nichts mehr an. Ich verlange es so von Ihnen, und wenn es Fräulein Bartmann früher tausendmal anders gemacht hatte! Verstanden!«

Und die wandelnde Stange kehrte wieder zu ihrer Klappermaschine zurück.

Ulrich Wambsganß aber hatte seine gute Laune, die bei ihm so selten war, wie die Rosinen in einem Bäckerstollen, ganz verloren. Fräulein Bartmann und immer wieder Fräulein Bartmann! Fräulein Bartmann hatte es so gemacht, bei Fräulein Bartmann war es so gewesen, und immer wieder Fräulein Bartmann!

Das konnte einen Mann mit Schafsgeduld zur Raserei bringen.

Ulrich Wambsganß hatte die Feder weggeworfen, daß einige neue Tintenflecke sich zu den alten auf der Schreibmappe hinzugesellten. Was ihn wütend machte, das war die Erkenntnis, daß Fräulein Bartmann niemals etwas falsch angeordnet hatte. Im Gegenteil! Aber daß er immer daran erinnert werden mußte! Natürlich wäre es ihm am angenehmsten gewesen, wenn Fräulein Therese Bartmann immer noch die erste Buchhalterin in seinem Bureau sein würde. Aus mehreren Gründen! Erstens war sie sehr tüchtig, zweitens hatte sie selbständig die meisten Anfragen erledigen können, drittens – und außerdem war das Fräulein Bartmann sehr hübsch. Das war aber auch ihr einziger Fehler, und ihn Schönheit war auch die einzige Ursache, daß alles so gekommen war.

Fräulein Bartmann hatte nicht nur einen entzückenden Blondkopf, hatte nicht nur dunkle, berückende Augen, sondern auch ein rotes Lippenpaar gehabt, das gleich reifen Kirschen zum Naschen verlocken mußte.

Und einmal, als sie dicht bei Ulrich Wambsganß gestanden und über die Geschäftslage der Firma Ufer & Cie. Bericht erstattet hatte, da hatte Wambsganß der Verlockung nicht widerstehen können, da war er schwach geworden, und um die Lippen von Fräulein Bartmann war es geschehen. Aber nicht allein um Fräulein Bartmanns Lippen, sondern auch um Wambsganß' rechte Wange! Ein Kuß auf ihre Lippen hatte eine Batterie entladen, die eine kleine, aber ebenso energische Hand in Bewegung setzte, die in einem Halbkreisbogen gegen die rechte Wange des Herrn Wambsganß anprallte.

Ehe er sich von seinem Schrecken hatte erholen können, ehe er eine Erklärung über die Motive seines Tuns hatte geben können, war Fräulein Bartmann davongerannt und im Bureau der Auskunftei nicht wieder erschienen.

Schriftlich hatte er ihr dann zu verstehen gegeben, daß er lediglich das Opfer einer Verwechslung geworden war, daß er sich entschlossen hätte, sie um ihre entzückende Hand zu bitten, um dann erst von den süßen Lippen zu naschen: er hätte aber die Reihenfolge vergessen und zuerst mit dem Naschen begonnen. Nun suche er in einem Schreiben das Versäumte nachzuholen.

Aber sein Brief war uneröffnet zurückgekommen! Sie hatte nichts mehr wissen wollen von ihm!

Seitdem mußte er es immer hören: »Fräulein Bartmann hat's so gemacht und Fräulein Bartmann hat's so bestimmt!« –

»Eine Dame wünscht Sie in einer diskreten Angelegenheit zu sprechen,« meldete der Diener.

»Führen Sie die Dame herein!«

Zuerst war der Duft von Heliotrop über die Schwelle gekommen, dann war ein knisterndes Rauschen an sein Ohr gedrungen. und erst zuletzt sah er einen weiten Hut, der an den beiden Seiten der Tür gerade noch vorbeistreifte, auf dem große weiße, flaumige Federn nickten und wippten, und unter dem ein kleines Gesichtchen aus einer Fülle dunkler Locken hervorlachte. Und das Gesichtchen war von einer brennenden Röte übergossen.

Die Tür zu dem Nebenzimmer wurde geschlossen.

Ulrich Wambsganß war aufgestanden. »Womit kann ich dienen?«

»Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, ich habe noch nie die Dienste eines Detektivinstituts in Anspruch genommen, und dann ist die Sache doch eine sehr vertrauliche.«

Ulrich Wambsganß war seit zwölf Jahren Leiter der Auskunftei. Diese langjährige Tätigkeit hatte ihn befähigt, das zu erraten, was nicht ausgesprochen wurde.

»Wollen Sie Platz nehmen, gnädige Frau!«

Lotte Gellerup hatte Herzklopfen bekommen; der große Mut, mit dem sie durch die Schützenstraße und durch die Neuhauserstraße geeilt war, war immer kleiner und kleiner geworden. Jetzt war sie sehr froh, daß sie sich setzen konnte, denn ihre Kniee hatten zu zittern begonnen.

Ulrich Wambsganß blätterte in Schriftstücken, die ihn in Wirklichkeit gar nicht interessierten, und sagte dabei so obenhin: »Es handelt sich also um ihn?«

»Allerdings! Und deshalb bin ich nämlich zu Ihnen gekommen.«

»Sie glauben, daß er mit einer anderen –«

»Aber – aber woher wissen Sie denn das?«

Ulrich Wambsganß lächelte diplomatisch. »Ich vermute das – Sie werden verstehen! Bei meiner Praxis kann man solche Folgerungen ziehen, gnädige Frau!«

»Ich bin nicht verheiratet.«

»Also verlobt.«

»Ja!«

Dann war es still geworden. Herr Wambsganß wartete auf eine Erklärung, und Lotte Gellerup zupfte an ihren Handschuhen und wartete ebenfalls.

Für Wambsganß hatte die Zeit größeren Wert, und deshalb fragte er zuerst: »Wer ist Ihr Verlobter?«

»Das – das kann ich – das will ich – –«

Und wieder war es still geworden.

»Wenn ich Ihre Angaben richtig verstanden habe, dann ist es Ihr Wunsch, den Verlobten überwachen zu lassen, um ihn zu überführen, und um zugleich die andere ausfindig zu machen?«

»Ja, das will ich!« Der Mut kehrte ihr wieder.

»Sie müssen bedenken, wie er mich belogen hat. Nach Nürnberg müßte er verreisen, so hat er zu mir gesagt. Und damit ich ihn nicht auf die Bahn begleiten sollte, hat er behauptet, er führe schon um sechs Uhr fünfundvierzig von hier ab.«

Ulrich Wambsganß nickte. »Ich verstehe alles! Die Sache ist mir ganz klar.«

Diese Beteuerung regte Lotte Gellerup zu noch ausführlicheren Erklärungen an. »Ich war auf der Bahn. Aber weder um sechs Uhr fünfundvierzig noch um sieben Uhr ist er gefahren. Wo aber ist er dann, wenn er nicht nach Nürnberg gereist ist?«

»Sehr wahrscheinlich noch in München.«

»Dann hat er mich aber belogen.«

»Das soll öfters vorkommen.«

»Aber warum hat er es getan? Er hatte mir doch versprochen, mit mir die erste Theaterredoute zu besuchen. Natürlich hatte ich mich darauf gefreut, nun ist die Freude dahin. Und dabei hat der Schändliche mir das Versprechen abgenommen, nicht auf die Redoute zu gehen!«

»Das hat er getan?«

»Ja. Ich habe ihm das bestimmte Versprechen geben müssen.«

»Dann ist die Sache ja erledigt.«

»Erledigt? Durchaus nicht! Ich will wissen, warum er mich hintergangen hat, mit wem er mich betrügt, und wo er ist.«

»Das meinte ich ja! Das ist eben erledigt!«

»Sie – Sie wissen das schon? Und wer –´wer ist sie? Wer ist die andere?«

»Er wird heute mit der anderen auf der Theaterredoute sein! Verstehen Sie nun alles?«

»Ah!« Die kleinen Hände zerrissen die Glacés, als wären sie die Ursache allen Übels. »Ich begreife freilich alles. Deshalb durfte ich nicht! Deshalb! Aber ich will ihn dort überraschen, ich will ihn selbst entlarven, und Sie müssen mir dabei helfen.«

Und dann einigten sie sich. Die Verständigung war allerdings eine sehr einseitige, denn Lotte Gellerup sagte zu allem, was von Ulrich Wambsganß vorgeschlagen wurde, ja. Der Plan war aber auch sehr verständlich: Lotte Gellerup mußte sich einen Domino verschaffen, den ihr Verlobter nicht kannte, während durch Wambsganß die Karten zur Theaterredoute besorgt werden sollten.

»Bis heute abend werde ich Ihnen auch noch Bericht erstatten können, ob unsere Vermutungen richtig waren. Aber jetzt müssen Sie mir noch das Wichtigste angeben. Wer ist Ihr Verlobter?«

Da stockte der Redefluß der kleinen Malerin schon wieder. »Ob ich das sagen darf?«

»Das müssen Sie, sonst kann ich ihn doch nicht überwachen lassen.«

Erst daraufhin flüsterte sie ganz leise, als könnten die Wände Ohren haben, seinen Namen: »Bertram Kaltenbrunn.«

Damit hatte die Verschwörung ihren Abschluß gefunden.

Die Mittagsstunden wurden von Lotte Gellerup benützt, einen sehr eleganten Domino in Schwarz – das war ihr als die allein passende Farbe erschienen – anzukaufen und nach ihrer Wohnung bringen zu lassen.

In qualvoller Ungewißheit verbrachte sie dann die Zeit bis zum verabredeten Zusammentreffen mit Ulrich Wambsganß, der sich verpflichtet hatte, selbst für sie tätig zu sein.

Als die Stutzuhr auf dem Kamin mit silberhellen Schlägen die neunte Stunde gemeldet hatte, stand Lotte Gellerup mit verweinten Augen in dem knisternden schwarzen Domino Ulrich Wambsganß gegenüber, der im schwarzen Frack mit weißer Nelke im Knopfloch erschienen war.

Sein Bericht zeichnete sich durch Kürze und Klarheit aus: »Herr Bertram Kaltenbrunn ist nicht nach Nürnberg gereist. Er ist noch in München und war Nachmittags im Café Hoftheater. Von dort ist er mit einer Droschke nach dem Deutschen Theater gefahren und hat an der Kasse zwei Karten für die Redoute gekauft. – Das hielt ich für ausreichend. Der Wagen wartet unten. Haben Sie sich entschlossen?«

Schluchzend nickte Lotte Gellerup: »Ich will ihn nur aufsuchen, um ihm zu sagen, daß er mit der anderen glücklich werden soll.«



3.

In den Räumen des Deutschen Theaters hatte das ausgelassene Treiben des ersten Redoutentags den Höhepunkt erreicht. Der große Saal, der von einem bekannten Münchener Künstler in Weiß und Orange ausgeschmückt war, war in den Logen und auch auf dem Parkett dicht gefüllt.

Die tanzenden Paare schwebten schon nach den Klängen eines Straußschen Walzers durcheinander. Das war ein Ineinandertauchen von bunten Farben aller Dominos, von Meergrün, Gelb, Rot, Blau, Violett und Orange. Zwischen den Farben stach die schwarze Kleidung der Herren ab wie Tintenkleckse.

Die Geigen jauchzten, der Baß brummte mißmutig darein, als wollte er gegen die überschäumende Lebenslust der Jugend protestieren, die Flöten lockten, dazwischen schienen Trompeten und Fanfaren noch mehr Tanzvergnügte herbeirufen zu wollen, während die Bratschen das kichernde Lachen nachahmten, und die große Trommel ab und zu eine kurze, aber vernehmliche Zustimmung gab.

In den Palmengärten waren die verschwiegensten, lauschigsten Plätzchen schon besetzt und aus manchem grünen Dickicht, das keinem fremden Auge einen Einblick gewährte, war ein Kichern zu hören, summende, heiße Worte, das Knallen von Sektpfropfen und das Aneinanderklingen der Gläser. Das Rauschen des plätschernden Wassers sorgte dafür, daß die Reden von unberufenen Ohren nicht verstanden wurden.

Auch die abgeschlossenen Logen im ersten Rang waren meist vergeben.

In der Loge 3 aber fand ein Gespräch statt, das mit der Lust und dem Jubel ringsumher wenig zusammenstimmte.

Dort saß an einem Tische Lotte Gellerup und sah mit roten, brennenden Augen immer auf das Parkett hinunter, wo sie unter den tanzenden Paaren den Ungetreuen suchte, von dem sie sich betrogen glaubte. Aber sie hatte Bertram Kaltenbrunn noch nicht gefunden.

Ihr Herzchen klopfte ungestüm, und je länger sie zuschaute, umso ängstlicher wurde ihr.

Ulrich Wambsganß trat eben wieder in ihre Loge. »Es ist merkwürdig! Ich habe mich in jeden Winkel der beiden Palmengärten geschlichen und habe einmal ein Glas Sekt an den Kopf bekommen, aber Ihren Herrn Kaltenbrunn habe ich nicht entdeckt. Auch im Silbersaal war er nicht aufzufinden Hatten Sie besseren Erfolg?«

Sie schüttelte nur das Köpfchen. Sie hatte ihn nicht gesehen, und doch war ihren suchenden Augen kein einziges Pärchen entgangen. Bertram Kaltenbrunn konnte doch nicht unsichtbar bleiben, denn seine untersetzte Gestalt mußte unbedingt ausfallen.

Da meldete sich schüchtern und ganz zögernd eine Hoffnung. »Wenn er vielleicht doch gar nicht hier ist?«

Aber die Berufsehre von Ulrich Wambsganß erhob energisch dagegen Widerspruch »Er muß hier sein, und wenn er sich in ein Mausloch verkrochen haben sollte.«

»Das wird ihm nicht gelingen! Nein – vielleicht habe ich ihm doch unrecht getan!«

»Unrecht? Und dann die Reise nach Nürnberg? Und die beiden Karten, die er Nachmittags für die Redoute gekauft hat? Er muß hier sein, er muß!«

»Aber –«

»Er muß, und wenn ich ihn bei den Haaren herbeischleppen müßte.«

Auch das hätte Schwierigkeiten gehabt, denn bei den Haaren war Bertram Kaltenbrunns rundlicher Kopf mit dem glattgeschorenen Stoppelfeld nicht leicht zu fassen.

Aber auch die vereinigten Augenpaare fanden nichts: sie begegneten stets den gleichen Paaren, sie sahen zuletzt immer die bekannten, die sie schon oft und immer wieder gesehen hatten, aber Bertram Kaltenbrunn war nie darunter!

Da seufzte schließlich Lotte Gellerup mit leichterem Herzen auf: »Ich werde mich doch geirrt haben.«

»Aber die gekauften Karten! Er kann sie doch nicht einpökeln!«

»Vielleicht hat er sie für einen Freund besorgt.«

»Solche Freunde tragen keine Hosen.«

Aber alle Reden halfen nichts. Bertram Kaltenbrunn wurde nicht sichtbar.

Die elfte Stunde war schon vorüber. Da hatte sich Lotte Gellerup entschlossen, die Theaterredoute zu verlassen. Als sie vor der Loge stand und eben noch auf Ulrich Wambsganß wartete, der ihre Garderobe besorgen sollte, wurde die Tür der nebenan gelegenen Loge 4 geöffnet und ein Herr trat heraus.

Ein Schrei. »Du! – Du! Also doch!«

Vor der Loge 4 war nämlich Bertram Kaltenbrunn erschienen und in seiner Begleitung ein eleganter zierlicher Domino in Gelb, dessen Antlitz eine Tuchmaske verhüllte.

Aber Bertram Kaltenbrunn machte nicht den Eindruck eines schuldbewußten Sünders. Sein Gesicht war allerdings von einer aufsteigenden Blutwelle übergossen, aber seine Stimme, die bei dieser Begegnung in schnellerem Tempo den Weg über die Lippen fand, klang sehr erregt. »So also hast du dein Versprechen gehalten! Ich sollte glauben, du bist allein zu Hause und –«

»Du aber hast deine Reise nach Nürnberg nur zum Vorwand genommen, um –«

»Und die Sicherheit, in der du dich wähntest, hast du benützt, um –«

»Mit einer anderen mich zu betrügen!«

»Mit einem anderen mich zu hintergehen!«

Fast gleichzeitig waren die Worte gefallen, so daß die Reden zischend gegeneinander schwirrten, und kaum ein Wort verständlich geklungen hatte.

Der Domino in Gelb versuchte sich diskret zurückzuziehen Aber gerade das wollte Lotte Gellerup auf jeden Fall verhindern.

»Willst du vielleicht leugnen? Sie steht ja noch bei dir! Aber ich gehe nicht fort, bis ich ihr Gesicht gesehen habe. Dann – dann trennen sich unsere Wege!«

Aber das brachte Kaltenbrunn nicht zum Schweigen. »Du willst mir Vorwürfe machen? Du! Glaubst du, ich wüßte nicht alles? Alles weiß ich – alles!«

Auf dem Schauplatze gegenseitiger Anklagen war jetzt auch Ulrich Wambsganß mit Lotte Gellerups blauem Theatermantel erschienen.

»Dort kommt er ja, mit dem du mich betrügst!«

»Das ist zu viel! Du wagst es wirklich? Du hast diesen traurigen Mut, mich – mich so zu verdächtigen? Das ist Herr Ulrich Wambsganß, Direktor der Auskunftei –«

»Und die Dame, die du schuldlos zu schmähen suchst, ist Fräulein Therese Bartmann, die Leiterin des neuen Detektivinstituts.«

Diese Vorstellung brachte einige Sekunden der Ruhe. Es schien, als müßten die Gegner sich erst zu einem neuen Angriff sammeln.

Diesen Zeitpunkt aber benützte Ulrich Wambsganß, um seine Ansicht kundzutun »Sie haben Nachmittags Redoutenkarten gekauft?«

Diesen Vorwurf glaubte Fräulein Bartmann, der Domino in Gelb, vernichten zu müssen. »Das ist geschehen, weil diese Dame trotz des gegebenen Versprechens einen Domino in Schwarz gekauft hat, von dem ihr Verlobter nichts wissen sollte.«

»Sie haben keine Ursache, diesen Herrn in Schutz zu nehmen! Sie waren ja mit ihm hier!«

»Ich hatte den Auftrag, diese Dame zu überwachen. Aber Sie! Sie –«

»Ich war dagegen beauftragt, diesen Herrn zu überwachen!«

Diese weitere Aufklärung rief zwei gleichzeitige, sehr erstaunte Fragen hervor. »Du hast mich überwachen lassen? Aber warum?«

Bertram Kaltenbrunn gab zuerst Antwort: »Im Café Hoftheater hatte mir der Inhaber des Modegeschäfts Buchner erzählt, du hättest Mittags einen Domino für heute abend gekauft. Das hatte mich doch mißtrauisch machen müssen! Und dieses Fräulein sollte dich also hier suchen.«

»Und ich war heute morgen um sechs Uhr fünfundvierzig auf der Bahn! Aber du bist nicht nach Nürnberg gefahren, auch mit dem Siebenuhrzug nicht. Und deshalb habe ich mir bei diesem Herrn Rat geholt.«

»Dann hat ja keiner von uns Ursache, dem anderen Vorwürfe zu machen,« lachte Bertram Kaltenbrunn und versuchte, Lotte Gellerup seinen Arm anzubieten. Ich bin noch nicht ganz befriedigt. Und die Nürnberger Reise? Damit hast du mich doch sicher hintergangen!«

»Das war nur eine Notlüge.«

»Und warum?«

»Weil – weil – ich dir sonst etwas zu gestehen gehabt hätte.«

»Was?«

»Ich hab' es nicht zu sagen gewagt.«

»Was ist es?«

»Du liebst das Tanzen so sehr, und weil du einmal gesagt hast, du würdest nie einen Mann heiraten, der nicht tanzen kann, so habe ich mir es nicht zu gestehen getraut. Auf dieser Theaterredoute wäre es aber herausgekommen. Deshalb habe ich die Nürnberger Reise vorgeschützt, damit du es nicht erfahren solltest. Aber auf Umwegen muß ich mich nun doch zu dem Geständnis bequemen: ich kann nicht tanzen.« .

»Und daher kam das ganze Unheil?«

»Kannst du mir verzeihen?«

»Ich werde wohl eine Ausnahme machen müssen und diesem Manne, aber nur dem einen, doch gut sein, auch wenn er nicht tanzen kann!«

Und die beiden dachten in dem Glück des Wiederfindens nicht mehr an die anderen.

Das gab Ulrich Wambsganß seiner nunmehrigen Konkurrentin zu verstehen.

»Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Aber mir will es fast scheinen, als hätte ich Ihnen etwas mitzuteilen, was auch Sie erst auf Umwegen erfahren sollen.«

»Ich wüßte nichts.«

»Aber ich desto mehr. Meinen Brief haben Sie gar nicht geöffnet.«

»Ich hatte keine Ursache dazu.«

»Und deshalb war erst diese Komödie der Irrungen notwendig, um mir Gelegenheit zu geben, Ihnen zu gestehen, daß meine Kühnheit, die Sie ja so deutlich erwidert haben, nur die Folge einer Vergeßlichkeit gewesen war. Ich hatte erst um diese Ihre liebe, kleine, süße Hand bitten wollen, ehe ich mich an die Lippen wandte, aber wenn einmal das Herz brennt, dann geschehen solche unbesonnene Dinge. Wollen Sie nicht die Direktorin in meinem Herzen und in meinem Bureau werden und zu meiner Naschhaftigkeit die nachträgliche Bewilligung geben? Es geschah ja nur, weil ich gar so verliebt war. Das haben Sie nun auf Umwegen doch jedenfalls erfahren sollen.«

Bei solchen Bitten hatte auch Fräulein Therese Bartmann ein Einsehen: »Ich will unter diesen Umständen die nachträgliche Genehmigung erteilen, aber in Zukunft –«

Da unterbrach sie Ulrich Wambsganß: »Soll in meinem Bureau niemand mehr sagen dürfen, das hätte Fräulein Bartmann so gemacht, sondern nur noch – die gnädige Frau!«

So hatte sich auf solchen Umwegen ein weiteres Paar gefunden, und Bertram Kaltenbrunn hatte erfahren, daß auch solche Männer geliebt und sogar geheiratet werden, die nicht tanzen können.