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Rudolf Blümner – Der Stuhl

Ein plastischer Akt

Rudolf Blümner, Der Stuhl, In: Der Sturm, Monatsschrift, Herausgegeben von Herwarth Walden, 17. Jahrgang, Heft 4, Berlin, Juli 1926


Personen:

Egon Krösus, ein Kunstmäzen
Gerold Vonunten, Professor der Plastik

Ort der Handlung:

Das Bildhaueratelier des Professor Gerold Vonunten




Krösus: (tritt ein)

Gott grüße das Handwerk, großer Meister.

Vonunten:

Ihr Diener, Herr Schatzrat.

Krösus:

Und das mit Recht Wie wär's denn?

Vonunten:

Sie brauchen nur zu wählen, Herr Schatz –

Krösus:

Was haben wir denn Neues?

Vonunten:

Da wäre zunächst diese kleine Giraffe aus Bronze.

Krösus:

Aber, Meister, ich habe doch schon drei Giraffen zu Hause stehen.

Vonunten:

Oder diese Fledermaus aus karrarischem Marmor?

Krösus:

Die Tiere hängen mir schon zum Halse raus.

Vonunten:

Vielleicht gestattet mir der Herr Schatzrat eine neue Sitzung?

Krösus:

Wollen Sie denn aus mir mit Gewalt einen Cerberus machen?

Vonunten:

Nicht doch, Herr Schatzrat, nur daß Ihre neue Barttracht, besonders die Fliege, mich als Tierplastiker künstlerisch lebhaft reizen würde.

Krösus:

Die Fliege muß wieder runter. Meine Frau stößt sich daran.

Vonunten:

Oder Frau Gemahlin? Mehr als dreizehn Büsten dürften Sie in dem Genre nicht haben.

Krösus:

So praeter propter. Man sieht sich leicht daran über.

Vonunten:

Aber vielleicht zur Abwechslung nicht nur die Büste, sondern mal alles?

Krösus:

Ich bin in der letzten Zeit arg menschenscheu geworden.

Vonunten:

Dann aber, Herr Schatzrat, ist meine Wissenschaft zu Ende.

Krösus:

Muß es denn immer ein Tier oder ein Mensch sein?

Vonunten:

Was schlagen Sie vor?

Krösus:

Kennen Sie Veit Vonoben?

Vonunten:

Vonoben? Vonoben?

Krösus:

Den bekannten Stillebener.

Vonunten:

Ach den, jawohl, sehr begabt, sehr geschickt.

Krösus:

Vonoben hat mir ein sublimes Stilleben gemalt. Sie kennen meinen gotischen Stuhl?

Vonunten:

Persönlich drauf gesessen, Herr Schatzrat.

Krösus:

Vonoben hat ihn zum Greifen gemalt, zum Greifen, sage ich Ihnen. Was sage ich? Zum Sitzen. Er mußte ihn beinahe zweimal malen. Hatte ihn feucht an die Wand gestellt. In Lebensgröße versteht sich. Will sagen, – in, na Sie verstehen mich, in natürlicher Größe, des Stuhls natürlich. Kennen Sie Hintenraus? Professor Hintenraus? Der hat sich drauf gesetzt, was ich Ihnen sage, mitten ins Bild. Sie kennen doch die Geschichte von Zeuxis und Apelles?

Vonunten:

Ach ja, die beiden, sehr gut sogar.

Krösus:

Nu hören Sie mal, den Stuhl müssen Sie mir verplastiken.

Vonunten:

Sie meinen?

Krösus:

Ja. 'ne schöne Plastik. Vom Stuhl.

Vonunten:

Gott ja, warum nicht? Mal was anderes? Alltäglich ganz gewiß nicht. Der Stuhl könnte mir sogar gut liegen.

Krösus:

Na denn ran, hauen Sie los.

Vonunten:

Und wie denken Sie sich das? Marmor wäre nicht schlecht.

Krösus:

Zu schwer, Meister, viel zu schwer.

Vonunten:

Dann greifen wir zu Bronze.

Krösus:

Zu kalt, Meister, viel zu kalt.

Vonunten:

Dann bliebe nur Gips. Aber das ist mir zu riskant.

Krösus:

Nee, nee, nee. 'n bißchen solid muß die Sache schon sein.

Vonunten:

Dann ist leider mein Latein –

Krösus:

Kennen Sie Vonvorn?

Vonunten:

Ach, den Holzler?

Krösus:

Richtig. Der macht pike Sachen, sage ich Ihnen, aus Holz.

Vonunten:

Ja, sehr anmutig. Recht schmuck.

Krösus:

Nu hören Sie mal, nu sehen Sie mal. Ich möchte so 'ne Holzplastik haben. Können Sie nicht Holz nehmen?

Vonunten:

Holz? Für den Stuhl? Hölzernes Holz? Warum nicht? Es geht alles.

Krösus:

Jeden Dreck dürfen Sie natürlich nicht nehmen. Der Stuhl ist schwere Eiche. Ich denke, wir bleiben dabei.

Vonunten:

Eiche macht immer einen soliden Eindruck.

Krösus:

Sehen Sie, Meister, wir kommen uns schon näher. Und die Hauptsache bleibt Lebenswahrheit. Echtheit und natürliche Größe.

Vonunten:

Das ist Ehrensache. Und wegen der paar Wurmstiche lasse ich mir keine grauen Haare wachsen.

Krösus:

Bravo! Also –?

Vonunten:

Herr Schatzrat werden einen Stuhl vom andern nicht unterscheiden können.

Krösus:

Ich freue mich schon, wenn Hintenraus auf den Stuhl reinfällt.

Vonunten:

Das wird ein diebischer Spaß.

Krösus:

Und es geht vorwärts in der Kunst.

Vonunten:

Ein goldenes Wort.

Krösus:

Auch das. Denn Sie wissen ja, ich lasse mich nicht lumpen.