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Ludwig Börne – Ueber das Schmollen der Weiber

aus: Ludwig Börne, Gesammelte Schriften, Dritter Theil, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, Zweite Auflage 1835, S. 245-250

Meine ehemalige Braut nannte ich, wie es bei allen kultivirten Völkern Sitte ist, einen Engel; meine jetzige Frau nenne ich, wenn ich böse auf sie bin, einen gefallenen Engel, ist das Ehewetter aber heiter, einen gestutzten. »Warum gestutzter?« fragte mich Wilhelmine, als ich mich zum Erstenmale dieses Ausdrucks bediente. Ich ward verlegen, denn ich hatte mich noch nicht zu verstellen gelernt, ich wußte noch nicht, wie gut in der Ehe oft das Lügen sey, und wie ohne diesen Lichtschirm der Wahrheit rothe Augen noch häufiger wären. »Theure Wilhelmine! – sagte ich, indem ich ihr ein Stück Zucker, den sie sehr liebt, in den Purpurmund steckte – liebes Vögelchen, müßte ich nicht zittern für mein Glück, wenn deine Engelsflügel nicht etwa gestutzt wären? Müßte ich nicht fürchten du entflattertest« … und flögest den Himmel hinauf, wo deine Heimath ist – wollte ich höchst poetischer Weise hinzusetzen. Aber meine gute Frau ließ mich nicht ausreden. »Du fürchtest also, ich könnte dir untreu werden?« fragte sie, wartete aber auf keine Antwort, sondern nahm das Gesicht zusammen, verschloß den Mund und schmollte. Vergebens war mein flehen, mein Drohen, mein Reden, mein Schweigen sogar, sie schmollte fort. Ich ging mit starken Schritten das Zimmer auf und ab; in Engels Mimik ist keine Bewegung geschildert, die ich nicht mit der größten Naturtreue darstellte: Liebe, Haß, Zorn, Wuth, Verzweiflung; aber meine gute Wilhelmine sprach kein Wort. Bei dieser Gelegenheit lernte ich das berühmte Schmollen der Weiber kennen, und seitdem verlernte ich es nicht mehr. Es war der dreißigste Tag nach meiner Hochzeit, da mein Glück in den Wendepunkt des Krebses trat. Anfänglich hatte meine theure Wilhelmine nur einen Schmollstuhl, dann nahm sie einen Schmollwinkel ein, später verschloß sie sich in ein Schmollkämmerchen, im ganzen Hause schmollen.

Ich habe mich in der theoretischen wie in der praktischen Philosophie etwas umgesehen, Metaphysik, Logik, Anthropologie, empirische Psychologie sind mir nicht ganz fremd, aber mit der Theorie des weiblichen Schmollens konnte ich bis jetzt noch nicht ins Reine kommen. Doch will ich die wenigen unstreitigen Grundsätze, die ich mir aus meinen Erfahrungen abgezogen, gern mittheilen; sie sind in der gegenwärtigen Lage von Europa vielleicht nicht ohne Nutzen. Staatspapier-Händler, oder Staats-papierhändler (ich weiß nicht, welche Schreibart die richtigere ist) fragen sich und Andere jetzt oft: welchen Ausgang wird der Krieg gegen Spanien haben? O beneidenswerhe Unwissenheit! Nur wer nicht verheirathet ist kann zweifeln, jeder Ehemann aber weiß bestimmt, daß die Franzosen verlieren werden. Das Schmollen der Weiber ist nichts als ein Guerillas-Krieg, den sie gegen die concertirte Macht der Männer führen, ein Krieg, in dem sie immer siegen. Was nützt euch eure schwere Artillerie, wenn Mücke nach Mücke die Hände, welche die Lunten anlegen, stechen und verwirren? Was helfen euch dreimal hunderttausend gute bewaffnete Gründe? Die Weiber, als hätten sie mit dem Bösen ein Bündniß geschlossen, sind gründefest, es dringt keiner durch. Ihre gefährliche Waffe ist der Mund, sie mögen ihn zum reden oder zum Schweigen gebrauchen. reden sie, und ihr habt viel Verstand und Geduld, dann könnt ihr sie zuweilen zum Schweigen bringen; schweigen sie aber (welches in der häuslichen Kriegskunst Schmollen heißt), ist alle Mühe vergebens sie zum reden zu bringen, ihr müßt euch zurückziehen, und schließt um jede Bedingung einen pyrenäischen Frieden.

Der zürnende Mann ragt wenigstens mit dem Kopfe über die Wolken seines Zornes hinaus, das eheliche Gewitter grollt nur unter seinen Füßen; die Frau aber steht mit dem Kopfe unter dem donnerden Gewölke, und kein Strahl des Friedens beleuchtet ihr finsterres Gesicht. Wenn ich mit meiner guten Wilhelmine zanke, weiß ich, daß ich in einer Viertelstunde wieder versöhnt seyn werde, mein schmollender Engel aber hat gar keine Vorstellung davon, daß sie mir je wieder gut werden könnte. Ein komisches Mißverständniß trägt gewöhnlich dazu bei, die noch mehr aufzubringen. Ich pflege nämlich meine theure Gattin Wilhelmine zu nennen; aber so oft sie zankt, rufe ich sie Minchen. Dieses Wort macht sie nur unversöhnlicher, denn sie wähnt, ich bediene mich der liebkosenden Verkleinerung nur aus Spott, und die gute Seele wird aus dem Morgenblatte erfahren, daß ich sie, wenn sie schmollt, nur darum Minchen nenne, weil sie mir dann als ein kleiner Mina vorkömmt – so geschickt weiß sie den Guerillas-Krieg zu führen.

Ich habe meiner lieben Frau schon oft vorgeschlagen, ich wollte mich auf ihr Schmollen monatlich abonniren, indem ich ihr immer auf dreißig Tage voraus recht gäbe, und dabei meinte ich, würden wir uns besser stehen, aber sie wollte von einem solchen Vertrage nichts hören. So habe ich denn viele trübe Schmolltage in meinem Hauskalender einzutragen, und beim Schlusse des Jahres fällt die metereologische Bilanz nicht immer zu meinem Vortheile aus. Was aber meinen Kalender ein noch seltsameres und trauriges Ansehen giebt, ist, daß ich zwar Tag und Stunde bezeichnen kann, wo meine Wilhelmine zu schmollen angefangen, aber weder Stunde noch Tag, wo sie zu schmollen aufgehört. Sie vergrollt so leise und allmählig, daß nicht zu bestimmen ist, wenn der letzte Laut ihrer Unzufriedenheit verschallte, und plötzlich befinde ich mich mitten in meinem gewohnten Glücke, ohne zu wissen, wie ich hineingekommen. Sie hat mir einmal anvertraut, daß es alle Weiber so machten, die, wenn sie ihr stillstehendes Herz wieder aufziehen, alle ganze, halbe und Viertel-Stunden, über welche der Zeiger rücke, schlagen ließen, bis der Zeiger auf der Stunde der Liebe stünde. Sie müßten das so machen, um die Uhr ihrer Seele nicht zu verderben.

Wenn mich meine gute Wilhelmine aus dem Paradiese, das sie mir selbst geschaffen, auf Stunden und Tage hinausschmollt, so ist das nur meine eigene Schuld. Ich habe unbesonnen meiner häuslichen Verfassung die Fehler der spanischen gegeben. Meine Frau und ich bilden nur eine Kammer, und so muß denn geschehen, was in solchen Fällen immer geschieht: das demokratische Prinzip gewinnt die Herrschaft über das aristokratische. Das weibliche Herz ist ein atheniensischer Markt – unter einem herrlichen blauen Himmel, liebliche Blumensträuße, duftende Südfrüchte, holde Anmuth, Geist, Witz, Empfindung: aber auch Tücke, Launen, Wankelmüthigkeit und Undankbarkeit. Wo aber die häusliche Gesetzgebung weise in zwei Kammern getrennt ist, wo der Mann das Oberhaus und die Frau das Unterhaus bildet, da werden, wie ein Bayerischer Pair unvergleichlich schön gesunden hat, die Wogen der Demokratie sich an den Felsen der Aristokratie brechen, auf welchen Felsen der Thron gebaut ist, und der Frieden!

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