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Ida Boy-Ed – Empor!

Roman

Bong & Co, Berlin, Leipzig, o. J.

Es klopfte hart und kurz an die Tür. Obgleich Irene seit vielen Stunden bald wach, bald in unruhvollem Halbschlummer gelegen hatte, in Erwartung dieses Weckrufes, fuhr sie nun doch erschreckt zusammen. Die ganze Nacht hatte sie keinen rechten Schlaf finden können, und nun schien es ihr, als wären ihre Glieder bleischwer von Müdigkeit.

Sie kam indessen in die Höhe und machte Licht. Schmerzhaft schlossen sich ihre Lider zunächst; der blinkende Strahl der offenen Kerzenflamme tat dem Auge weh, nach der Dunkelheit der Nacht.

Ein Kälteschauer rann ihr durch die Glieder.

Sie sah nach der Taschenuhr, welche auf dem Marmortischchen neben ihrem Bett lag.

»Halb fünf.«

Schon der bloße Gedanke an diese winterliche Morgenfrühe machte frieren.

Aber mit einem Seufzer, kurz und entschlossen, stand Irene auf. Sie ging mit nackten Füßen auf dem Teppich, welcher den ganzen Boden bedeckte, bis an das Fenster und zog die Gardinen zurück.

Das Glas glich einer verschrammten und zernarbten Milchscheibe, so war es von rauhweißen Eisblumen bedeckt.

Nur an dem Mangel von Transparenz sah man, daß hinter dem Fenster schwarze Nacht gähnte.

Im Zimmer war es sehr ausgekältet; man hatte am Abend vergessen die Ofentüren zuzuschrauben und so hatte sich die letzte Spur von Wärme aus den Kacheln verflüchtigt.

Unerquickt, mit brennenden Lidern und schwerfälligen Bewegungen machte Irene sich an die Mühe des Ankleidens.

Die Bewegungen in dem nicht sehr großen Zimmer waren ihr erschwert, denn zwei Koffer, schon geschlossen, standen vor den ihres Inhalts beraubten Möbeln; ein größerer Handkoffer lag aufgeklappt am Boden. Ab und an tat Irene einen Gegenstand hinein, dessen sie nun nicht mehr bedurfte und förderte so zugleich Gepäck und Anzug.

Allmählich wurde ihr Kopf freier, ihre Bewegungen munterer.

Als sie vor dem Spiegel saß, nachdem sie an demselben zwei Kerzen auf dessen Armleuchter entzündet, klopfte es wieder.

»Herein.«

Ein Mädchen, mit weißer Haube auf dem noch ungeordneten Haar, mit weißer Schürze vor dem schlechtesten Arbeitskleid, guckte in die Türöffnung und fragte, ob das gnädige Fräulein den Tee im Speisezimmer wünsche.

»Nein, hier,« befahl Irene hastig.

Sie eilte nun, ihr dunkles Haar zu ordnen, das sie in einen Knoten im Hinterkopf locker zusammenwand und mit einer Schildpattnadel befestigte. Noch hatte sie ihr schwarzes Kleid nicht ganz geschlossen, als das Mädchen mit dem Teebrett kam.

Es blieb kein Plätzchen, dies niederzusetzen, als der Marmortisch am Bett.

Irene setzte sich auf die Kante ihres ungemachten Bettes und goß sich Tee ein.

»Die Frau Doktor Ebermann ist schon gekommen und fragt, ob sie herauf darf,« meldete das Mädchen.

»Aber bitte.«

Irenens Gesicht, das gleichsam in Ausdruckslosigkeit versteinert gewesen, belebte sich plötzlich. Es zuckte etwas darüber hin – eine schmerzliche Rührung – und in dem dunkeln, großen Auge schimmerte es, wie von einer aufsteigenden Träne.

Irene nahm sich zusammen. »Ich will nicht!« dachte sie und kämpfte nieder, was sich so weichmütig in ihr regte. Vielleicht fühlte sie, daß sie sich in einer jener Stimmungen befand, wo ein Atemzug, ein Hauch, das ganze stolze Gebäude von Mut und langbedachten Entschlüssen umwehen kann. Ein Orkan kann die Widerstandskraft einer Seele wachrufen, ein weicher West alle Kraft in weinende Wehmut auflösen.

»Ich muß und ich will,« sagte Irene sich noch einmal und lächelte der Eintretenden entgegen.

Diese war eine Frau von vierzig und einigen Jahren, mit einem Gesicht, das, lebhaft und angenehm, jetzt auch noch die brennende Nöte zeigte, welche Erregung und der frühe Gang in schneidender Kälte darauf hervorgerufen. Frau Doktor Ebermann trug einen pelzgefütterten Abendmantel und einen kleinen runden Filzhut, über den sie, um die Ohren zu schützen, einen weißen, gestrickten Schal gebunden hatte.

Sie setzte sich ohne weiteres zu Irenen auf die Bettkante und umarmte das junge Mädchen, wobei ihr der dicke Mantel und die vielen Tücher – sie hatte unter dem Mantel auch noch ein gehäkeltes Umschlagetuch – sehr hinderlich waren.

»Ich will ein bißchen ablegen und dir helfen. Es ist noch Zeit. Trinke du nur ruhig. Es ist ja nicht das erstemal, daß ich deinen Koffer packe,« sagte die Frau eifrig.

Sie hatte eine rasche und gewandte Art, die bezeugte, daß sie gewohnt war, anzugreifen und was zu schaffen.

»Das waren freilich andere Reisen,« meinte Irene mit einem kleinen Lächeln.

»Ja,« sagte Frau Ebermann anzüglich, »da fuhren wir mit leichterem Gepäck und leichterem Herzen.«

Wie um abzulenken von dem Gegenstand, auf welchen Frau Obermann anspielte, sprach Irene:

»Und du Gute, Treue! Um halb fünf bist du aufgestanden und hast deinen arbeitsreichen Tag noch zwei Stunden früher als sonst begonnen, nur um deiner alten Irene das Geleit zu geben!«

Frau Edelmann neigte ihren blonden, glatten Kopf etwas tiefer, als gerade nötig tat, über den Handkoffer, vor welchem sie kniete.

»Du bist und bleibst mein ›Kind‹, solange du lebst, wenn ich dir auch leider Gottes nichts mehr zu befehlen habe,« sagte sie mit etwas unsicherer Stimme, »denn sonst unterbliebe diese Reise, und dieser abenteuerliche Entschluß wäre nicht gefaßt worden.«

Frau Ebermann ließ ihren kummervollen Unwillen an Irenens Schlafpantoffeln aus, die sie allzu kräftig in den Grund des Koffers stieß.

»Siehst du, Johanne,« begann Irene, »das kann ich nun nicht begreifen. Du vor allen Menschen müßtest mich kennen, denn du hast mich von meinem sechsten bis zu meinem achtzehnten Lebensjahre keinen Tag verlassen. Du hast mich erzogen; was ich weiß, ich verdanke es dir, dein Werk ist es, daß mein heftiger Charakter Selbstbeherrschung gelernt hat, dein Verdienst ist es, daß ich über mich selbst und über andere tiefer nachdenke, als sonst junge Mädchen pflegen. Du vor allen Menschen mußt längst wissen, daß mir mein Dasein schon fast zwecklos schien, als ich es nur dazu anwenden konnte, meinem Vater die wenigen Freistunden zu erheitern, welche ihm sein Amt läßt, daß es mir aber völlig inhaltslos werden muß von dem Augenblicke an, wo eine andere diese liebe, beglückende Pflicht übernehmen darf.«

»Deshalb läuft man nicht so in die Welt hinaus und macht sich aus freien Stücken zur Sklavin der Launen irgendeiner Madame X., Y. oder Z. Eine junge Dame von Vermögen und Stellung! Als ob du nicht auch hier dir hättest einen Wirkungskreis schaffen können,« stritt Frau Ebermann.

»Du bist heftig, Johanne,« sagte Irene sanft, »weil du fühlst, daß du mir mit treffenden Gründen nicht widersprechen kannst. Sollte ich einem Volksküchen- oder Frauenverein beitreten? Für Arme kochen, nähen, ihnen aus der Bibel vorlesen? Oder mehr in der Gesellschaft leben? Meine Tage ausfüllen mit Sorgen darüber, was ich am Tage anziehen werde? Du weißt recht gut, daß ich dazu nicht gemacht bin. Vielleicht ist meine Seele nicht resigniert und einfältig genug, um mir in der Armenpflege einen Beruf zu suchen. Ich fühle in mir nicht die Fähigkeit, mich fremder Not zu widmen und würde immer hin und her schwanken zwischen dem Unglauben an die Not und dem Unglauben an die Hilfe. Bettelnde lügen so viel und Helfende tun so oft weh. – Und die Gesellschaft? Weißt du, ich will Menschen! Ich will Inhalt!«

»Und nun gehst du in die Dienstbarkeit, um Menschen zu studieren,« schloß Frau Ebermann. »Mein Herr und Gebieter sagt zwar, es sei Charakter darin, aber mir tut's weh.«

»Siehst du,« sprach Irene und griff nach Hut und Mantel, »dein Ebermann versteht mich diesmal besser als du. Ich will dir sagen, was dir weh tut. Nicht allein mein Fortgehen an und für sich, sondern die ganze große Veränderung, welche hier vorgegangen und in welcher meine Abreise nur den Schlußakt bildet. – Aber wir wollen doch lieber klingeln, daß man das Gepäck hinunterschafft.«

Frau Edelmann rüstete sich auch.

»Ja, ja,« sagte sie, während sie sich mit ihrem Schal abquälte, der sich in den Mantelknöpfen festgesetzt hatte, »wenn ich so denke, daß man hier wie zu Hause war.«

»O, du wirst es bleiben,« rief Irene warm, »du bist meinem Vater, was du ihm immer warst: die Erzieherin seines mutterlosen Kindes, der er nie genug Dankbarkeit und Verehrung zeigen kann. Glaubst du, daß er dies je vergißt, wie du deinen Ebermann vier Jahre warten ließest, weil du mich nicht verlassen wolltest, ehe ich geistig auf eigenen Füßen stehen konnte, wie du das nanntest! Nein, mein Vater ist und bleibt dein und deines Mannes treuer Freund.«

»Nun,« sagte Frau Ebermann, »ich würde ein Aufhören seines Interesses an uns schmerzlich empfinden, aber ein Vorwurf würde ihm in meinem Herzen nicht daraus erwachsen. Er hat mehr als zu viel für uns getan. Daß unsere Pension stets besetzt ist, von Söhnen der angesehensten Familien aus der Provinz, ist seine Fürsorge. Daß Ebermann als Oberlehrer gleich ans Gymnasium kam und nun schon zum Professor steht, ist sein Werk.«

»Er wußte, wen er empfahl,« rief Irene und fiel ihrer Erzieherin um den Hals.

»Leb' wohl – die Leute kommen.«

»Ich fahre mit an den Bahnhof,« bestimmte Frau Ebermann.

Während ein Diener in rotweißer Weste und leinener Morgenjacke mit dem Mädchen die Koffer nacheinander davonschleppte, schwiegen die Frauen.

Irenens Blick ging langsam durch das Zimmer. Sie schien einen Augenblick zögernd besonders auf die Tür zu schauen, die nach nebenan führte. Aber sie überwand das Verlangen, noch einen letzten Blick in ihr Wohnzimmer zu werfen.

»Komm,« sagte sie. Ihre Stimme klang tonlos. Sie ging voran.

Auf dem Korridor und im Treppenhause brannte Gas. –

Die roten, dicken Läuferstoffe dämpften jeden Schritt.

Auf dem Korridore der ersten Etage erhob sich aus zwei Gruppen grüner Koniferen eine Ehrenpforte, gerade über der Treppenhöhe.

Frau Ebermann ging unter dieser Ehrenpforte mit geducktem Kopf hindurch, wandte sich rasch um und las ein großes »Willkommen« in roten Buchstaben. An den Wänden des Treppenhauses hingen einige schöne Decken und Schilde, die dort früher nicht gehangen hatten. Die ganze Treppe war rechts und links stufenweise mit blühenden und grünen Gewächsen besetzt.

Das Gaslicht zitterte durch den schönen und von Luftheizung erwärmten Raum, so daß man sich an einen festlichen Abend versetzt glauben konnte.

Unten im Vestibüle stand außer dem Mädchen noch eine alte Köchin; der Diener hantierte draußen mit dem Kutscher an dem Handgepäck.

Irene ging festen Schrittes, ihr Antlitz war bleich. Sie sah die alte Köchin nicht an und duldete deren Tränen und Handküsse. Vielleicht bedurfte sie erst einiger Sekunden der Sammlung, vielleicht mußte sie sich abermals eisern sagen: Ich will nicht, ich will nicht!

»Weine nicht, Dorchen,« sprach sie endlich leise. »Du bekommst eine neue, gütige Herrin, welche deine Treue ebenso ehren wird, wie wir es bisher taten. Pflege meinen lieben Papa mit deiner berühmten Kochkunst wie bisher. Schreibe mir auch einmal, Dorchen, du weißt, ich bin der einzige Mensch, welcher deine Zahlen und Buchstaben enträtseln kann. Und Sie, Marie, pflegen Sie mir mein altes Dorchen gut. Vergessen Sie auch nicht, in meinen beiden Zimmern oben alles stets in Ordnung zu halten und zu lüften. Und daß heute abend das ganze Haus warm und hell ist, wenn die Herrschaft kommt. So – nun adieu – adieu.«

Sie entzog ihre Hand den weinenden Dienstboten und ging hinaus.

Die eisige Morgenluft schnitt ihr ins Gesicht, es war fast schmerzhaft zu atmen.

»Bei solch einer Kälte zu reisen,« sprach Frau Edelmann vor sich hin.

»Hätte ein schwüler Sommerabend diesen Abschied leichter gemacht?« fragte Irene, als sie einstiegen.

»Nein, im Grunde nicht. Aber äußere Begleitumstände können einer Tatsache einen grausameren Charakter geben,« sprach die Lehrersfrau, die gewohnt war, ›Randbemerkungen‹ zu machen. »Tod bleibt auch Tod, ob man ihn durch Erschießen oder Vierteilen herbeiführt.«

Irene lächelte.

»Solch fürchterliche Vergleiche sind hier doch wohl nicht angebracht.«

Nach einigen Minuten des Schweigens, während welcher sie an Dorchen und Marie gedacht, sagte Irene plötzlich:

»Merkwürdig – die Dienstboten lieben mich.« Sie betonte das Wort ›Dienstboten‹ ganz besonders.

»Dich liebt jeder, der dich kennt,« sagte Frau Ebermann und nahm Irenens Hand.

»Du bist nun heute morgen in der Stimmung, dir und mir und all unserer lang erkannten Einsicht zu widersprechen,« antwortete Irene ungeduldig; »weißt du nicht so gut wie ich selbst, daß ich selten den Leuten gefalle, daß man mich für anspruchsvoll, unverbindlich, hochmütig, herbe hält? Und sie haben ja auch recht, die Leute, ich bin unverbindlich und ich bin herbe, denn ich kann nicht aus mir herausgehen, ehe ich weiß, wes Geistes Kind der andere ist. In mir ist etwas wie Mißtrauen. Ich wage mich nicht vor, weil ich immer fürchte, es lohnt doch nicht der Mühe.«

Frau Ebermann schwieg. Sie hätte sagen können, was sie ihrem Mann tagtäglich sagte, seit sie Irenens Entschluß kannte:

»Mit dem Stolz, mit den Anforderungen an Menschen, mit der innersten Verschlossenheit, die niemanden an sich heranläßt, – das kann nur ein Zusammenstoßen und Anprallen und Zerkrachen geben.«

Und wenn sie dachte, daß ihre Irene in der Fremde Schiffbruch leiden könne, fühlte Frau Ebermann einen großen Zorn gegen die ganze Menschheit in sich aufsteigen.

Sie näherten sich dem Bahnhof. In der fahlen Helle, welche der Schnee und der leise tagende Morgen verbreiteten, fuhren an ihnen Hotel- und Postwagen vorüber. Die Gaslaternen an den Rändern des Fahrdammes flimmerten, und ihr vom Frühlicht schon beschränkter Strahlenkreis hatte einen Messingglanz.

An den Promenaden, welche sich zwischen Bahnhof und Stadt hinzogen, trugen die Bäume den Schmuck des Rauhreifes, die weißen Zweigverschränkungen standen gespenstisch vor der nebelgrauen Luft.

Der Pfiff der Lokomotive gellte lang durch die Morgenstille.

Irene fühlte eine schaudernde Kälte in allen Gliedern. Ihr war sehr elend zumute. Doch bemühte sie sich vor der mütterlichen Freundin ihr tapferes Benehmen aufrechtzuhalten. Sie kaufte sich selbst ein Billett und überwachte mit Ruhe und Umsicht ihr Gepäck.

Es fand sich, daß die Frauen viel zu früh gekommen waren und nun im Wartesaal noch eine halbe Stunde sitzen mußten.

In dem großen Saal brannten nur einige Gasflammen, die ihn kaum erhellten. Auf den ringsum laufenden Bänken saß irgendwo neben einem aufgestapelten Haufen Handgepäck ein junges Mädchen mit einem verweinten, elenden Gesicht. Zwischen den kahlen Tischen, an die je eine Menge Stühle gerückt waren, ging ein langer Herr im Reiseulster mit einer Tuchmütze auf dem Kopf hin und her. Hinter dem Büfett wischte ein Fräulein Kaffeetassen aus und ein Kellner lehnte verschlafen vorn daran; die Faust hatte er in die Hosentasche gesteckt, die Serviette hing als schmaler Strick traurig daneben herab.

Niemand sprach, und dies verschlafene, halb und halb wartende Schweigen legte sich so bänglich um die Herzen der beiden Frauen, daß auch sie nur miteinander zu flüstern wagten. Dazu kam der immer näherrückende Augenblick des Abschieds, der in ihnen beiden ein Angstgefühl erregte. Frau Ebermann saß ganz dicht neben Irene und hielt ihre Hand fest.

Trotz alledem hatte in dem Kopf der guten Frau noch ein neugieriger Gedanke Raum. Obgleich ihr Denken meist immer auf das Wesentliche gerichtet war, mochte sie aber doch auch gern alles Nebensächliche wissen.

»Mir fällt ein, euer Treppenflur und der Korridor waren ja so großartig dekoriert,« sagte sie, »hat dein Vater das machen lassen?«

Irene mußte nun wirklich lächeln. Gewiß hatte diese Sache ihre gute Ebermann die ganze Zeit her beschäftigt und inmitten alles Kummers hatte sie über diese Frage gegrübelt.

»Eine Aufmerksamkeit von mir für Papa und seine Gattin,« sprach sie. »Die Wohnräume waren so völlig und so überreich ausgestattet, daß mir nichts blieb, als ihnen den Eingang zu schmücken; ich fand darin sogar etwas Symbolisches, das mir wohltat.«

Beruhigt in ihrer Neugier, wandte sich Frau Ebermann gleich wieder einer tiefinnerlichen Sorge zu.

»Du gönnst deinem Vater das Glück?«

»So sehr,« sagte Irene mit zagender Stimme, »wie man nur einem geliebten Menschen den Reichtum gönnen kann, der einem selbst genommen ist. Bei aller Großmut der Empfindungen bleibt doch ein Bodensatz von Schmerz.«

»Und du hast das Vertrauen, daß er glücklich werden wird, der herrliche Mann?« fragte Frau Ebermann mit einem Seufzer.

In ihrem klaren, gefaßten und maßvollen Herzen war doch einst ein kleiner Sturm gewesen, um dieses Mannes willen, damals, als sie, selbst noch jung, so in gleichen Pflichten mit dem jungen Witwer dahinlebte. Das war verwunden und in ihres Ebermanns Liebe vergessen. Aber dennoch traute sie keiner Frau auf Erden recht die Fähigkeit zu, diesen Mann ganz glücklich zu machen.

Irene preßte ihr die Hand.

»Völlig. So sehr, daß dies Bewußtsein allein mir jetzt Halt gibt. Albertine ist ein ungewöhnlicher Charakter.«

»Und doch, mein Kind, Charaktere müssen sich immer erst aneinander abschleifen in dem engen Nebeneinander der Ehe. Je härter und strahlender und vielkantiger zwei Diamanten sind, um so länger wird es dauern, bis sie sich aneinander glatt gerieben haben. Dein Vater ist ein Mann von fünfzig Jahren. Albertine steht in deinem Alter. Diese Jahre haben nicht gleichen Schritt. Die einen gehen mit Bedacht, die andern stürmen.«

»Albertine ist reif und ihren Jahren voraus. Ich darf wohl sagen, wie ich,« versetzte Irene etwas ärgerlich; »stürme ich etwa noch?«

»Nennst du diese Fahrt in die Dienstbarkeit zu fremden Leuten keine Sturm- und Drangtat?« fragte Frau Ebermann. »Das ist ja gerade, was mich so ängstigt: Deine Überlegenheit auf der einen Seite und deine Unfertigkeit auf der anderen.«

Auf Irenens Gesicht erschien ein schmerzlicher Zug.

»Du weißt – es gab für mich nur diesen Ausweg. Vielleicht ist meine Tat mehr eine des Taktes, als der Überspanntheit. Papa war mit siebenundzwanzig Jahren Witwer. Ich bin gewiß, daß er die ersten Jahre nach Mamas Tod aus Trauer um sie nicht sein Herz für eine neue Liebe öffnete. Dann, obschon sein Leben in der Welt und seine Stellung ihn fast dazu drängten, blieb er weiter unvermählt – meinetwegen! Er wollte der einzigen, heranwachsenden Tochter keine Stiefmutter geben. Ich weiß, daß er einmal lebhaft mit sich kämpfte und daß er heiße Wünsche meinetwegen bezwang. Vielleicht hoffte er, daß ich mich verheiraten würde und daß er dann wieder Recht und Freiheit haben dürfe, an eigenes Glück zu denken. Aber ich« – und hier lächelte Irene wehmütig – »ich wiederum konnte Papa den Gefallen nicht tun, denn ich habe leider den Mann nicht gefunden, der mir genügend imponiert hätte. Nun endlich, als Papa sieht, daß ich alle Anstalten mache, eine alte Jungfer zu werden, begreift er, daß er mir nicht auch den Rest seines Lebens opfern darf, wie er mir seine Jugend und Mannheit geopfert. Er lernt Albertine kennen, er ist loyal genug, mich vorher zu fragen, ob ich eine Feindin seiner Ehe und seines Glückes werden würde, und ich – nun ich bin ihm in Tränen um den Hals gefallen und habe ihm gesagt, daß meine Liebe dieselbe bleibt, und daß ich alles ehre, was er tut. Ich kenne Albertine nur wenig, aber jedesmal, wenn wir uns begegneten, habe ich das Gefühl gehabt, sie heiratet nicht den Regierungspräsidenten von Meltzow, sondern den Mann, den sie unaussprechlich liebt und verehrt – sie hätte Papa auch genommen, wenn er keine Stellung, keinen Namen gehabt hätte.«

Über Irenens Gesicht rollten langsam zwei große Tränen.

Lächelnd trocknete sie dieselben.

»Eines fühlte ich aber,« fuhr sie fort, »daß es für meinen Vater, für Albertine und mich gleich peinlich sein müßte, in diesen neuen Verhältnissen von vornherein zusammenzuleben. Eine Tochter, die im gleichen Alter mit der Gattin ist, als stete Zeugin für ein junges Eheglück zu haben, muß schrecklich sein. Wie du richtig sagst: Charaktere müssen sich erst aneinander abschleifen. Sollte das in meiner Gegenwart geschehen? Jedes kleine Mißverständnis, jede kleine kriegerische Aufwallung mußte einen wichtigen und peinlichen Anstrich bekommen, wäre ich zugegen. Ein Verstehen, ein seelisches Zusammenleben wäre so erschwert worden, weil ein Dritter, noch dazu ein Dritter, der Partei nehmen würde, zugegen war. So fand ich, daß es taktvoll sei, zu gehen. Verwandte haben wir wenig und sie sind mir so fern, daß es noch bequemer schien, zu ganz Fremden zu gehen. Das Glück war mir günstig. Ich habe eine Stellung als Gesellschafterin gefunden. Das ist ein Anfang, um zu lernen, mich in andere Menschen zu fügen, denn ich bin ein wenig selbstherrisch aufgewachsen. Geht es gut, so kann ich mir schon zutrauen, später im Vaterhause mich glatt in die veränderten Verhältnisse einzufügen. Geht es nicht gut, werde ich um so eher einsehen, wieviel leichter es ist, sich im eigenen Daheim als Nummer Zwei betrachten lernen, denn bei Fremden Sklavin sein.« –

Frau Ebermann stand auf und umarmte ihre Pflegetochter. Ihr Herz war voll Stolz auf sie, und sie freute sich schon darauf, ihrem Ebermann Wort für Wort Irenens Rede zu wiederholen, denn ein Gedächtnis hatte Frau Ebermann – dagegen kam schon gar nichts auf.

»Einsteigen, Richtung Berlin!« rief der Portier jetzt mit schnarrender Stimme in den Raum.

»Der ist gewiß Unteroffizier gewesen,« bemerkte Frau Ebermann und griff nach Irenens Handtäschchen.

Auf dem asphaltierten Stieg in der Bahnhofshalle ging der Diener mit Irenens Pelz und Fußsack hin und her.

Eben fuhr der Schnellzug ein, der von Wien kommend, die Provinzhauptstadt im Fluge berührte.

»Eine Dame nach Berlin, Schaffner,« rief Frau Ebermann, deren mütterliche Fürsorge für ihr doch so selbständiges Pflegekind angstvoll erwachte.

Der Schaffner riß eine Tür auf und rannte weiter. Ein betäubender Lärm füllte die Halle; die Lokomotive prustete, aus den Achsen der Wagenräder drang ein traniger Fettgeruch. Ein Mann ging am Zuge entlang, bückte sich da und dort und schlug mit seinem Hammer prüfend an die Achsen, daß es einen klingenden Ton gab.

Der verschlafene Kellner ging mit langbeinigen Schritten unter den Kupeefenstern entlang und rief mit heller Stimme, in eintönigem Silbenfall:

»Kaffee, Bier, Butterbrot, warme Würstchen.« Dabei hielt er die gespreizten fünf Finger unter das auf seiner Schulter ruhende Tablett.

Und während der Diener die Pelze hineinlegte und sich dann verabschiedete, flüsterte Irene noch eine letzte Bitte ihrer treuen Ebermann ins Ohr:

»Gehe morgen zu Papa. Laß dich von ihm mit Albertine bekannt machen. Sage ihnen beiden, daß ich mit Liebe im Herzen für sie gegangen sei. Papa hat erst vorgestern auf der letzten Station seiner Hochzeitsreise davon erfahren. Vielleicht war mein Brief nicht beredt genug. Du hast immer Worte – so rechte, eindringliche, liebevolle. Sage ihnen, daß ihr Haus immer mein Heim und meine Zuflucht bleiben soll.«

Das war Frau Ebermann nun ganz neu. Sie hatte gedacht, daß Herr von Meltzow von Irenens Plan und Vorhaben wisse.

Aber jetzt war keine Zeit zu Erörterungen. Sie umarmten sich, und Irene stieg ein. Sie waren beide stumm vor Schmerz.

Und dabei froren Frau Ebermann die Füße sehr, und in all ihrem Gram dachte sie:

»Ebermann hatte doch wieder recht – ich hätte meine gefütterten Galoschen überziehen sollen.«

Gerade, als der Schaffner die Tür schließen wollte, kamen zwei Herren angestürzt, und der Schaffner ließ sie bei Irenen einsteigen.

»Aber das ist ja Damenkupee!« schrie Frau Ebermann dem schon davoneilenden Manne nach. Zugleich sah sie aber, daß an der Tür stand: »Nichtraucher«.

Drinnen versuchte Irene noch, die gefrorene Scheibe niederzulassen, umsonst.

Die Lokomotive pfiff, es läutete. Schwerfällig und dumpf rollte der Zug davon.

Die Frau lief noch nebenher und winkte und winkte und streckte vergebens ihre Hände aus.

Von drinnen lehnte eine Stirn gegen die Scheibe und zwei weinende Augen suchten umsonst, noch einen letzten Blick zu erhaschen und zu geben.

Eine Wand von Eisblumen stand zwischen ihnen.

Weißer Dampf, von den Flanken der Lokomotive auspfeifend, hüllte nun den ganzen Zug ein. Und so raste er hinaus in die weiten, weißen Schneegefilde.

* * *

Irene sank in die Ecke und drückte ihr Gesicht gegen die Polster, wieder ging jene Entschlußkraft des Willens durch ihre Seele, mit der sie sich schon seit Tagen gegen jede Rührung wappnete.

Sie brauchte Festigkeit, und es sollte ihr nicht daran fehlen.

Sie trocknete sich die Augen, hielt sich ein Weilchen das kühle Taschentuch an das Gesicht und rückte ihren Hut wieder zurecht. Dann verpackte sie sich in ihre Decken und Pelze und saß still, die Hände in dem Muff. Sie versuchte, an allerlei praktische Dinge zu denken. Sie ging noch einmal alle Anordnungen durch, welche sie den Dienstboten hinterlassen, ordnete im Geist noch einmal Albertinens reiche Aussteuer mit der vorhandenen Einrichtung ihres Vaters zusammen zu einem Ganzen. Sie hoffte, Albertine würde überall die liebevoll sorgende Hand erkennen.

Dann dachte sie noch an das unerquickliche Gespräch mit dem Rechtsanwalt ihres Vaters. Das Gesetz hatte es so gewollt, daß ihr das Vermögen ihrer Mutter ausgehändigt wurde. Sie war majorenn, und ihr Vater ging eine zweite Ehe ein. Ihr Verstand sagte, daß es nur ordnungsmäßig sei; aber ihr Herz litt dabei. In dieser kleinen äußerlichen Form hatte sie ein Symbol erblickt. Sie fühlte, daß sie vom Schutz ihres Vaters losgelöst und selbständig geworden war. Die Zinsen dieses Vermögens waren bisher ihrem Vater zugute gekommen.

Aber der würde den Ausfall nicht bemerken, denn Albertine brachte ihm ein weit, weit größeres Vermögen zu.

Von Geld hatte Irene nach recht wenig Begriff, und sie wußte nicht, ob sie mit ihren viertausend Mark Zinsen für sich allein hätte leben können oder nicht. Darüber hatte sie so wenig nachgedacht, daß ihr nie der Gedanke gekommen war, sich eine Wohnung mit einer Ehrendame zu nehmen und allein zu leben. In dieser Form der Entfernung aus dem Vaterhause hätte sie auch zweifelsohne etwas Feindseliges gefunden, wenn man sie ihr vorgeschlagen haben würde.

In der Stellung, welche sie jetzt antreten wollte, verdiente sie Geld. Das war ihr ein merkwürdiger Gedanke.

Ihre Unterwürfigkeit unter die Laune einer fremden Person sollte bezahlt werden.

Hierüber dachte sie lange und tief nach, wie bitter müßte solcher Gedanke für ein armes Mädchen sein, welches von der Not gezwungen war, sich in Dienstbarkeit zu begeben.

Daß es Dienstverhältnisse gibt, wo Fleiß, wissen, Handgeschicklichkeit bezahlt werden, wußte Irene ja, sie sah es an ihrem eigenen Vater und an ihren Dienstboten. Das Wissen des einen bezahlte der Staat, den Fleiß der andern ihr Vater.

Aber daß man moralische Eigenschaften, wie Geduld, Fügsamkeit und Liebenswürdigkeit bezahle, fand sie plötzlich entwürdigend, mehr noch für den, der bezahlte, als für den, der seine Freiheit verkaufte.

Wahrscheinlich, so sagte sie sich, waren diese Betrachtungen der Niederschlag eines hochfliegenden Gesprächs, welches sie vor einigen Tagen mit dem stets philosophierenden Ebermann gehabt. –

Während Irene saß und still in ihre Gedanken versunken war, ahnte sie nicht, daß auf ihrem Antlitz ein steter Wechsel des Ausdrucks vor sich ging. Ihre lebhaften Züge waren immer ein Spiegel ihrer Seele, jede Empfindung huschte wie Schatten oder Licht darüber hin. In ihren grauen Augen, die geradeaus auf die Wand gegenüber gerichtet schienen, aber in der Tat nichts von dieser Wand sahen, blitzte es bald wie in zorniger Energie auf, bald verschleierte sich der Blick in Wehmut; ihre Nasenflügel, die fein und nervös aussahen, bebten zuweilen.

Noch weniger aber ahnte Irene, daß sie scharf beobachtet wurde.

Die Gegenwart jener beiden Herren im Kupee war ihr so gleichgültig, daß sie ihrer ganz vergessen hatte.

Die beiden sprachen anfangs auch gar nicht zusammen. Jeder hatte sich verschlafen in seine Ecke gedrückt, aber als es allmählich draußen heller Tag geworden, sahen sie sich die mitreisende junge Dame genauer an. Aus dem bloßen Umstand, daß sie allein in einem Nichtraucherkupee fuhr, entnahmen sie schon die Berechtigung zur Neugier.

Durch einen Blick verständigten sie sich darüber, daß ihre Reisegenossin sehr anziehend und ungemein interessant aussah.

Der eine von ihnen war ein schlanker, sehr vornehm gekleideter Herr, der auf den ersten Blick jünger aussah, als er war, und in dessen ganzem Gebaren eine gewisse absichtliche, jugendliche Elastizität ausgedrückt lag, ohne daß diese im mindesten den Eindruck des Geschmacklosen oder Lächerlichen hervorgerufen hätte. Der Herr hatte sehr regelmäßige Züge, ein kaltes, helles Auge und einen sorgfältig gehaltenen blonden Vollbart.

Er begann zuerst eine leise Unterhaltung mit seinem Gegenüber.

»Offenbar Theater,« flüsterte er, sich vorbeugend.

»Glauben Sie?« fragte der andere zurück und sah mit größter Unbefangenheit auf Irene.

Dieser andere war ein kleiner, zur Fülle neigender Herr, mit einem lebhaft karierten Reisemantel und einem zerdrückten grünlichen Filzhut von unenträtselbaren Formen. Aber die weiße, sehr sorgsam gepflegte Hand, mit welcher er den ergrauenden Bart strich, und das freiblickende Auge, sowie ein Zug von unzerstörbarem Selbstbewußtsein im Gesicht ließen keinen Zweifel aufkommen, daß er zur guten Gesellschaft gehöre.

»Aber ich bitte Sie,« raunte der erste wieder, der sich vermöge seiner Erfahrungen für einen unfehlbaren Frauenkenner hielt, »ein Sealskinmantel – diese Pelze, das ist ein kleines Vermögen. Und dann das lebhafte Gesicht, diese feine Nase, der volle Mund und das ungewöhnliche Auge. Dies alles aber allein im Nichtraucherkupee. Theater – wahrscheinlich aber vornehmes Theater.«

Der Kleine im karierten Reisemantel begann darauf sofort ein lautes Gespräch über Berliner Theater und nannte eine Unmenge Namen bekannter Schauspielerinnen, mit einer Redeleichtigkeit, die bei seinem Begleiter ein hochmütig-mitleidiges Lächeln hervorrief. Er fand seinen Freund Gräditz manchmal unglaublich plump.

Bei der nächsten Station, wo der Bahnsteig sich neben Irenens Seite befand, erhob sich der Blonde und trat an das Fenster. Dabei bat er zugleich durch eine kleine und vollendet höfliche Verbeugung um Verzeihung.

Als er sich wieder setzte, geschah es nicht mehr in die fernste Ecke hinein, sondern mehr der Mitte zu.

Von hier aus unterhielt er sich mit etwas gelangweilten und hochmütigen Mienen mit Gräditz.

Aus dem Gespräch entnahm man, daß sie zusammen bei der silbernen Hochzeit eines Regimentskommandeurs gewesen waren, der ihnen befreundet war von jener Zeit her, als er in ihrer Stadt gestanden hatte. Sie berieten auch, ob sie in Berlin bleiben oder gleich weiterfahren wollten. Das »Gleich« bedeutete immerhin drei Stunden Aufenthalt. Und das war das einzige, was aus ihrem Gespräch an Irenens Ohr schlug. Auch sie hatte drei Stunden Aufenthalt in Berlin, und diese drei Stunden waren ihr der Schreckenspunkt der Reise.

Daß ihr nichts übrigbleiben werde, als so lange in der Bahnhofsrestauration zu sitzen, war ihr gewiß. Höchstens konnte sie eine Spazierfahrt machen. Im klaren Glanz der Wintersonne, die vom blauen Himmel auf weißen Schnee niederstrahlte, mußte das sehr schön sein.

»Halten Sie das, wie Sie wollen, mein lieber Kugler, ich bringe es keinesfalls über das Herz, so durch Berlin zu jagen. Ich bleibe,« sagte Gräditz. »Und Sie, meine Gnädigste, fahren auch nach Berlin?« fragte er mit einer Unverfrorenheit, die seinen Begleiter wieder entsetzte.

Irene sah ihn an. Diese zudringliche Frage erschien ihr sehr drollig. Sie unterdrückte mühsam ein Lächeln und sagte:

»Nein.«

Gräditz merkte aber nicht, daß es das Lächeln der vornehmen Überlegenheit über Unmanier war; er sah eben nur ein Lächeln, das heißt, ein Entgegenkommen.

»Gnädigste haben sich einen kalten Reisetag ausgesucht. Wen die Pflicht nicht zwingt, der soll daheim bleiben.«

Vielleicht erwartete er, daß Irene sagen würde, sie ihrerseits sei allerdings von einer Pflicht gerufen worden. Aber da Irene nichts sagte, fuhr er fort:

»Wenn mein Freund da, Konsul Kugler, nicht solche Eile gehabt hätte, wäre ich nicht gefahren, gewiß nicht.«

»Ich finde es nicht so schlimm,« sprach Irene und wandte ihr Gesicht dem Fenster zu.

Sie hatte von ihrem Vater sagen hören, daß es Leute gibt, die in den Klassen der Eisenbahn von einer unüberwindlichen Plaudersucht befallen werden, die förmlich unter dem Drang leiden, ihren Mitreisenden zu erzählen, woher sie kommen, wohin sie gehen, wer sie sind und wiederum die Mitreisenden auszufragen trachten. Und oft hatte sie ihren Vater solchen Schwätzern mit einer vollendet höflichen Art eine Abweisung zuteil werden lassen hören. »Denn,« sagte er, »es ist in jedem Fall ebenso verkehrt, grob zu sein, wie intim zu werden. Unsere Welt ist, seit die Eisenbahn existiert, so klein geworden. Man kann nie wissen, wo man sich wiedersieht. Der, mit dem ich intim würde, kann der Gehilfe meines Barbiers sein, und der, welchem ich grob begegnete, kann mein Chef werden.«

Irene glaubte richtig zu handeln, wenn sie knapp und gleichgültig antwortete und sich abwandte.

Dem Konsul Kugler machte ihr Benehmen auch Eindruck. »Eine verwöhnte Person mit guten Manieren,« dachte er.

Als der Zug in Frankfurt an der Oder hielt und der Schaffner fünf Minuten Aufenthalt ausrief, wandte Konsul Kugler sich an Irene und sagte:

»Gnädige Frau werden mich nicht für unbescheiden halten – aber, darf ich meine Dienste anbieten – den Kellner rufen? Kaffee beordern?«

Die zurückhaltende Art und die vollendete Höflichkeit des Mannes im Ton und in der ritterlichen Haltung berührten Irene sehr angenehm.

»Ich danke sehr. Nein, ich nehme nichts,« sagte sie mit freundlichem Aufblick.

Die Herren stiegen aus.

»Frau? Wieso Frau? Glauben Sie, daß die Dame verheiratet ist?« fragte Gräditz, der sich gern belehren ließ und Gehörtes dann als eigene Beobachtung ausgab.

»Künstlerinnen rede ich immer mit ›Frau‹ an,« erklärte ihm der andere.

Als sie nun wieder einstiegen, erschien es selbstverständlich, daß Kugler mit Irenen einige Worte wechselte. Sie antwortete sehr artig. Seine Bemerkungen waren ganz allgemein und zeichneten sich nur durch die gewandte Form aus. Gräditz fühlte seine Neugier, wie seine Mitteilsamkeit doch ein wenig gedämpft dadurch und dachte nur immer:

»Der Kugler ist ein verflixter Mensch, der fängt es fein an, das muß man ihm lassen.«

Dennoch aber ermunterten die »Fortschritte« seines Freundes ihn so, daß er einmal mit der Frage herausplatzte:

»Werden Gnädigste in Berlin erwartet? Dürfen wir unsere Dienste anbieten?«

»Danke sehr,« sagte Irene sehr kühl, »ich werde nicht erwartet, aber ich brauche niemanden, denn ich reise alsbald weiter.«

Wie mühsam hielt Gräditz die Frage zurück: wohin?

Kugler war längst mit sich einig geworden, daß auf ein Bekanntwerden mit der Dame nicht zu rechnen sei. Aber, da er der Überzeugung blieb, es mit einer reisenden Künstlerin zu tun zu haben, sorgte er dafür, einen besonders günstigen Eindruck zu machen, für mögliche spätere Begegnung. Denn mit allem, was in seine Vaterstadt zu gastieren kam, sei es mit Gesang, Klavier, Geige oder Drama, suchte er protektorhafte Beziehungen.

Man kam an die ersten Stationen von Berlin. Zwischen dem Alexanderplatz und der Friedrichstraße begann Irene, ihre Pelze zusammenzulegen.

Und als der Zug hielt, verabschiedete sie sich mit einer höflichen kleinen Kopfneigung. Natürlich kam es ihr nicht in den Sinn, daß ihre Reisegefährten sie vorerst noch im Auge behielten, um zu sehen, wo sie bleibe und ob sich nicht Gelegenheit biete, dennoch Ritterdienste aufzudrängen.

Plötzlich wurde ihr Name gerufen, unmittelbar hinter ihr. Erschreckt drehte sie sich um.

Ein junger, hochaufgeschossener Mensch stand vor ihr. Sein rötliches, weiches Gesicht glänzte von einem verbindlichen Lächeln. Er stand vor ihr, den Zylinder gelüftet und hoch in der Hand haltend. Seiner ganzen Art und seinem militärisch verschnittenen Blondhaar sah man sofort den preußischen Leutnant im Urlaubszivil an. Irene kannte ihn eine Sekunde lang nicht, denn sie hatte ihn nur im Glanz des Waffenrocks gesehen.

»Fritz!« rief sie überrascht. »O, wie angenehm. Woher wußten Sie, daß ich komme? Ich glaubte Sie nicht mehr in Berlin.«

»Ich bekam heute früh ein Telegramm von Albertine und Meltzow, daß Sie passieren würden und daß ich mich zur Verfügung stellen solle,« meldete Fritz.

Albertinens junger und einziger Bruder hatte Irenen bei den Hochzeitsfeierlichkeiten keinen anderen Eindruck gemacht, als etwa den eines grenzenlos unbedeutenden, aber herzensguten Jungen. Albertine schien zu wünschen, daß ihr Bruder bei den Meltzows auch seine Heimat und Familie finde, denn die Geschwister waren elternlos. So war Irene denn dem jungen Manne gütig begegnet und hatte sich gewöhnt, ihn beim Vornamen zu nennen.

Fritz fühlte sich sehr wichtig und sehr beglückt durch seine Mission. Er war so beflissen und sorglich, daß es fast lästig wurde.

Er ließ Irenens Handgepäck deponieren und erschöpfte sich in Vorschlägen, Irene die drei Stunden hindurch zu unterhalten.

Sie erklärte, daß sie vor allen Dingen essen müsse, wenn möglich warm und möglichst gut.

Fritz war zum erstenmal als Leutnant in Berlin auf Urlaub gewesen und kannte natürlich nur die elegantesten Restaurationen. Er schlug vor, zu Dressel zu fahren. Irene erinnerte sich dieses Namens, dort war sie einmal mit ihrem Vater und Johanne Ebermann gewesen. Es war ihr also angenehm.

Als sie mit Fritz in eine Droschke stieg, sahen ihre beiden Reisegenossen ihr nach. Diese gingen nämlich gerade zu Fuß nach dem Kontinentalhotel hinüber.

»Aha!« sagte Kugler befriedigt, »daher blieb die Gnädige so reserviert gegen mich. Sie hatte einen Kavalier.«

»Ein Leutnant in Zivil. Das läßt genug erkennen,« bemerkte Gräditz. »wenn ich mich früher in Zivil warf, das hatte immer was zu bedeuten. Damals war das Gewand noch der Inbegriff von Romantik und Vergnügen. Aber wenn man's erst immer trägt, hat es keinen Reiz mehr und übt keinen Reiz mehr.«

Und der Rittmeister z. D. Gräditz ging mit seinem Genossen ins Hotel. Sie bekamen keinen Platz und suchten ein kleines Hotel in der Neustädtischen Kirchstraße auf, wo sie wohl eine Schlafstätte, aber keine Verpflegung fanden. So begaben sie sich denn alsbald zu Dressel, nachdem sie sich umgekleidet und ein wenig ausgeruht hatten.

In der Tür bei Dressel stießen sie fast zusammen mit Irene und ihrem Begleiter.

Kugler grüßte mit großem Ernst, Gräditz mit vertraulichem Lächeln.

»Das nennt die ›niemanden in Berlin brauchen und gleich weiterreisen‹,« sagte Gräditz.

Sie sahen ihr nach.

Unter den Linden war an dem herrlichen Wintertage ein fröhliches Gedränge von Menschen. Die Menge schob an den Ladenfenstern vorbei, staute sich für Augenblicke, wenn auf dem Fahrdamm ein reiches Schlittengespann vorbeisauste und brach in jubelnde Hochrufe aus, als das kaiserliche Gefährt mit Seiner Majestät selbst vorbeikam. Die Sonne flimmerte, und nach dem Brandenburger Tore zu verschwammen Luft und Straßenlinie zusammen in einem blendenden Glanz. Irene schritt mit raschem, fröhlichem Gang in diese lebensfrohe Welt hinein.

Das blendende Straßenbild der Weltstadt regte ihren Mut an, und ihr Unternehmen, welches der gute Fritz traurig und fassungslos vernommen und angestaunt hatte, erschien ihr wieder als eine Tat voll Kraft. –

Sie wollte sich auch erproben und auch sehen, ob es nicht in der Welt einen Platz für sie gab, wo sie alle ihre Fähigkeiten betätigen und zur Reife bringen konnte.

* * *

Nacht war es gewesen, als Irene ihre Heimat ließ, Nacht war es, als sie sehr müde mit schmerzendem Kopf an ihrem Bestimmungsort ankam. In der düstern Bahnhofshalle der großen Provinzial- und Handelsstadt war nur noch wenig Leben. Auf dem von innerem Licht durchstrahlten Zifferblatt der Bahnhofsuhr standen die Zeiger auf Mitternacht.

Als Irene sich nach einem Kofferträger umsah, trat ein Diener in langem Überrock auf sie zu, lüftete den Hut mit der Kokarde und fragte, ob er Fräulein von Meltzow vor sich habe.

Der Mann geleitete Irene an eine Droschke und sagte:

»Die Herrschaft ist in Gesellschaft und braucht selbst unsern Wagen.«

Irene drückte sich in die Wagenecke. Eine Empfindung der Dankbarkeit beschlich sie, daß man ihr jemanden geschickt, der ihr die Mühen der Ankunft abnahm.

Es dauerte sehr lange, bevor ihr Gepäck ausgeliefert wurde. Die Bahnhofshalle verdunkelte sich schon. Ganz vereinzelt kamen Kofferträger mit dem Gepäck der ungeduldigen und frierenden Passagiere. Endlich erschienen auch Irenens Koffer.

Sie gab dem Manne ein Zweimarkstück, teils weil sie nicht wußte, wie solche Dienste bezahlt werden, teils, weil ihr das beim ersten Griff in die Hand kam.

Der Diener schloß den Wagen, Irene bemerkte, daß ihre Kaffer auf eine Karre verladen wurden; der Diener stieg auf den Bock zum Kutscher.

Nun fuhren sie dahin, hinein in die fremde, verschlafene Stadt. Die Straßen waren menschenleer, meist eng, und die Häuser in ihren Erdgeschossen von Magazinen besetzt, die zumeist mit Rolläden verschlossen waren.

Niemals vergaß Irene das bange Gefühl, welches ihr diese Fahrt erregt hatte. Zwischen den hohen Häuserwänden kam es ihr vor, wie in den Gängen der Katakomben. Es war so tot und still, und sie kannte weder Weg noch Ziel.

Irene erwartete, daß der Wagen bald seine Fahrt in irgendein Villenviertel nehmen werde und sah eifrig hinaus, ob der Charakter der Straßen sich nicht verändere. Aber plötzlich hielt der Wagen in einer sehr engen und mit unfreundlichen Häusern eingefaßten Straße.

Groß und grau und düster breitete sich die mächtige Vorderfront des Steinbrückschen Hauses und stieg in einem hohen Giebel über die Nebengebäude hinaus. Neben dem mächtigen Haustor brannte eine von den Laternen, welche rechts und links aus der Mauer als Arme vorsprangen. Beim flackernden Schein sah Irene, daß die Flügel der Tür mit alten Schnitzereien bedeckt waren.

Ein schneidender Wind fegte die Straße herauf, die schmal und sanft emporstieg zu irgendeinem höhergelegenen Stadtteil.

Der Diener – er hatte sich Irenen unter dem Namen »Martin« vorgestellt – öffnete das Tor. Eine Türglocke fing ein lautes und anhaltendes Gebimmel an. Unter diesem unmelodischen Getöse betrat Irene das Haus.

Eine große, mit Fliesen gepflasterte Diele tat sich vor ihr auf. Von dieser Diele führten rechts und links gleich hinter dem Haustor Türen in die Geschäftsräume des Hausherrn, wenigstens las Irene an der einen Tür das Wort »Kontor«. Die ganze Tiefe des Hauses nahm aber die Diele ein, welche hell erleuchtet und von einem eisernen Ofen, dessen Glut man hinter seinen Fenstern von Marienglas brennen sah, wohl erwärmt war. Im Hintergrunde stand vor der Fensterwand, die auf den Hof oder Garten gehen mochte, eine Reihe von Oleander- und Lorbeerbäumen in großen, hellbraun angestrichenen Kübeln. Eine Doppeltreppe führte in stolzem Bogen in die Höhe und vereinigte sich oben zu einer umlaufenden Galerie.

Von oben herab kam ein sauberes Mädchen in hellem Kattunkleid, mit nackten Armen, auf dem Kopfe eine schmale, weiße Mütze von Tüllrüschen, mit einer weißen, gestickten Schürze vor dem Kleid.

»Die neue Gesellschafterin?« fragte das Mädchen und wartete keine Bestätigung ab. »Kommen Sie nur. Frau Steinbrück und die junge Herrschaft sind in Gesellschaft. Sie sollten nicht warten.«

Diese Bestellung, in einem sehr unverbindlichen Ton gesprochen, ließ Irenens Herz klopfen. Ihre Wangen röteten sich.

Die erste Demütigung! Und sie kam von den Lippen eines Dienstboten!

Sie folgte langsam. Von dem ersten Stockwerk führte eine kleine und ziemlich unbequeme Treppe in die zweite Etage. Man merkte unschwer, daß diese dem stolzen Unterbau erst später aufgesetzt worden war und daß hier wahrscheinlich ehedem große Warenböden gewesen waren.

Irene wurde in ein Zimmer verwiesen, welches bei mäßiger Höhe und völliger Schmucklosigkeit der Decke dennoch einen anheimelnden Eindruck machte.

»Das ist Ihr Zimmer,« sagte das Mädchen. »Da steht Tee und so was auf'n Tisch. Wollen Sie sonst noch was?«

»Mein Gepäck,« antwortete Irene kurz.

»Heut abend können wir keine Koffer mehr hoch kriegen,« erklärte das Mädchen, indem sie fortwährend mit unbescheidenen Blicken Irene und ihr Handgepäck musterte. »Sie müssen sich behelfen. Gute Nacht.«

Irene fühlte sich versucht, in Tränen auszubrechen, wenn man fremd und einsam in einem Hotel ankommt, kann man doch wenigstens befehlen. Und hier war ihr selbst das Bitten abgeschnitten.

Aber sie sagte sich, daß die Herrin des Hauses abwesend sei, und man aus dem Benehmen der Dienerschaft keine Schlüsse ziehen dürfe. Im Gegenteil verriet die Anwesenheit des Dieners auf dem Bahnhof und der heiße Tee auf dem Tisch inmitten allerlei kalter Speisen eine gutgesinnte Fürsorge für die neue Hausgenossin, und diese Fürsorge ging doch von der Frau des Hauses aus.

So sammelte Irene denn ihren Mut, genoß ein wenig und sah sich um. An der einen Wand ein Bett von Eschenholz. Gegenüber ein großes, altes Sofa mit grünem Rips bezogen und davor ein Mahagonitisch. Die Stühle waren sogenannte Wiener Rohrstühle, ein Schreibtisch zwischen den Fenstern und eine Kommode zu Häupten des Bettes, wieder von Mahagoni. Man sah wohl, überflüssige und zurückgesetzte altmodische Möbelstücke waren zusammengetragen. Aber die Einrichtung war wenigstens sehr vollständig und bequem. Der Kachelofen erwies sich sogar als wertvolle Rarität, seine gelbweiße Glasur war mit erhabenen Rokokoschnörkeln in blauen Tönen verziert.

Irene versuchte einen Blick aus den Fenstern zu gewinnen; der Schnee, welcher drunten lag, machte ihr möglich, zu erkennen, daß man in einen Garten hinabsah. Kahle Astrippen reckten sich fast bis zu ihr empor.

Nach einer halben Stunde, als sie gerade dabei war, sich zu Bett zu begeben, wurde es draußen laut.

Wahrscheinlich kehrte die »Herrschaft« aus der Gesellschaft heim.

Türen wurden sehr rücksichtslos geschlagen, eine etwas spröde Frauenstimme sprach sehr laut darüber, daß die Schuckmanns es doch nie verständen, eine Gesellschaft zu geben, und daß es wieder sehr langweilig gewesen wäre.

Eine andere Stimme, eine junge, weiche und sehr müde Stimme sagte:

»Warum gehen wir denn? Warum schleppt ihr mich mit? Ihr langweilt euch selbst; so sollen mir doch lieber im Hause bleiben.«

Trotz der Weichheit klang die Sprache sehr fremdartig akzentuiert. Das s war so kurz hervorgestoßen und die Wendung »so sollen wir« verriet die Schwedin.

Das mußte die Schwiegertochter sein, die junge Frau Steinbrück. Irene erinnerte sich, daß man ihr die Familie geschildert habe, als aus der Mutter, dem Sohn und einer aus Schweden gebürtigen Schwiegertochter bestehend.

»Als wenn man das so könnte. Na, gute Nacht!« sagte die ältere Stimme.

»Gute Nacht!« antwortete die andere. Das hatte von beiden Seiten sehr übellaunig geklungen.

Bald darauf hörte Irene zwei Männer auf dem Korridor an ihrer Tür vorbeikommen. Auch sie sprachen sehr laut zusammen. Irene vernahm einzelne Worte.

»Es ist zum Tollwerden. Nächstens gibt es einen Krach.«

»Prüfe dich doch erst, wieviel Schuld bei dir liegt. Man soll mit der Ungeduld und dem Gericht zuerst den eigenen Fehlern gegenüber beginnen.«

»Unverheiratete Männer wissen immer am weisesten über die Ehe zu sprechen.«

Irene löschte ihr Licht. Diese sonderbare Art der Hausbewohner, sich so laut über offenbar intime Fragen zu unterhalten, setzte sie in Erstaunen. Sie konnte sich nur sagen, daß man vielleicht vergessen habe, wie hinter dieser Tür ein ganz fremder Zuhörer saß, der sowohl die Kritik über die Schuckmannschen Gesellschaften, als auch die ausgetauschten Bemerkungen über die Ehe mißbrauchen könne.

Irene war zu übermüdet, um gut und tief zu schlafen. Sie schreckte sehr oft auf und fühlte sich erleichtert, als es Morgen war. Man brachte ihr die Koffer und zugleich die Botschaft, daß Frau Steinbrück sie erwarte.

Mit schweren Füßen und zitternden Knien folgte Irene dem Diener.

Sie fragte sich dabei selbst voll Erstaunen, wie solche Erregung denn nur möglich sei. Konnte sie nicht jeden Tag dies Haus wieder verlassen, wenn die Bewohner desselben ihr nicht gefielen? Oder brauchte es sie denn zu erschrecken, wenn sie der Dame nicht gefiel? Weder die Not noch die Heimatlosigkeit standen als Schreckgespenst hinter ihr.

Vielleicht war es die Angst, zu unterliegen. Ihr Wille brannte allezeit wie eine verzehrende Flamme in ihr. Und das nicht zu können, was sie fest gewollt hatte, war ihr von klein an schrecklich und qualvoll gewesen. Nun hatte sie sich vorgenommen gehabt, sich dem Kreis fremder Menschen einzufügen. Wenn sich dennoch ihre Unfähigkeit dazu erweisen sollte.- –

Der Gedanke war es, der sie zittern machte und ihr zugleich die Kraft gab, mit einem bescheidenen, freundlichen Gesicht einzutreten.

Der Diener hatte eine Tür geöffnet, die auf die Galerie des ersten Stocks ging. Irene befand sich in einem kleinen, sehr hohen Eßzimmer. Dies war reich, aber ganz nach dem Allerweltsgeschmack eingerichtet: steifbeinige Eichenstühle mit Rohrgeflecht, ein Eichenbüfett und viele Krüge, Zinngefäße und Teller auf den Borden, welche über den Paneelen ringsum liefen. Von der Decke hing ein messingener Kronleuchter. Auf dem Tisch stand das erste Frühstück, Tee, Eier und Brot, sehr hübsch und in Meißner Porzellan aufgetragen.

Trotz der beiden sehr hohen, schmalen Fenster war das Zimmer dunkel, denn die enge Straße ließ kein Licht zu, sehr nah gegenüber erhob sich eine graubraune Mauer.

Ein Lastwagen, der eben durch die Straße fuhr, klapperte betäubend. Alles Geschirr auf dem Tisch klirrte.

Während dieses Lärmes trat Frau Steinbrück ein und gab Irene die Hand. Sie lächelte sehr gnädig und sprach einige Worte der Teilnahme über die lange und kalte Reise. Sie sprach so schnell und schloß so augenblicklich an ihre Rede eine mißbilligende Bemerkung über die auf dem Tisch fehlende Butter, daß Irene nichts sagen konnte.

Frau Steinbrück war eine schlanke und vornehme Erscheinung, die trotz ihrer vierundfünfzig Jahre noch eine schöne Taille und rasche Bewegungen besaß. Ihr Gesicht war sehr regelmäßig und trug stets einen liebenswürdig höflichen Ausdruck. Dennoch aber war es gleichsam leer; die hellen Augen blickten unstet, als hatten sie keine Zeit, lange bei etwas zu verweilen. Das dunkelgraue Haar trug sie modern und hoch geordnet.

»So, nun wollen wir zusammen frühstücken. Bitte, klingeln Sie, Fräulein – da die Schnur, welche vom Leuchter herabhängt – drücken, drücken.«

Sie schien anzunehmen, daß Irenen eine elektrische Leitung unbekannt sei.

»Martin,« sprach sie zu dem Eintretenden, »Mamsell hat wieder die Butter vergessen. Ach, ich habe so eine schlechte Mamsell. Die vorige, ja, das war ein Prachtstück. Aber die guten Leute sind nicht zu halten. Das will immer heiraten und weiß nicht, wieviel besser es in Kondition im reichen Hause ist, als nachher am eigenen Tisch mit der mageren Kost, wissen Sie, ich halte meine Leute sehr gut.«

Irene war wie auf den Mund geschlagen. Frau Steinbrück klagte und lobte nun Irenen noch viel vor über alle im Hause bediensteten Personen.

»Sie müssen doch orientiert sein,« schloß sie.

Endlich fand Irene Gelegenheit, ein Wort zu sagen.

»Sie werden die Güte haben, gnädige Frau, mir meine Pflichten zu nennen.«

Frau Steinbrück goß sich Tee ein.

»Was man so eigentlich Pflichten nennt, ich meine direkte Arbeit, bekommen Sie wenig, liebes Fräulein. Ich schließe immer selbst heraus für Mamsell, aber für alle Fälle – wenn ich mal krank oder verreist bin – müssen Sie doch alles sehen und kennen lernen. Aber, wie gesagt, für mich einzutreten haben Sie nur im Notfall, vielleicht könnten Sie die Nippsachen in den Zimmern abwischen. Das tue ich sonst auch immer selbst. Die Leute haben keinen Respekt vor den teuren Sachen.«

Irene dachte einen Augenblick nach, ab ihr Amt denn wohl hauptsächlich das einer Vorleserin sein solle. Sie sagte, in dem Wunsch, Beflissenheit und Entgegenkommen zu zeigen, und zwar ihren eigenen Vorsätzen, nicht etwa der »Herrschaft«:

»Ich hoffe, gnädige Frau, daß Sie mit meinen Fähigkeiten, vorzulesen, zufrieden sein werden; zwar beherrsche ich das Englische nicht so gut wie das Französische, indessen ...«

»O!« unterbrach Frau Steinbrück sie zerstreut. »Zum Lesen komme ich fast nie. Der große Hausstand – die viele Geselligkeit – unser Haus ist das gesuchteste in der ganzen Stadt – ja, das kann ich wohl sagen.«

Mühsam unterdrückte Irene die Frage, wozu Frau Steinbrück dann noch einer Gesellschafterin benötige. Dies »Wozu« sollte ihr aber noch im Laufe des Gesprächs beim Frühstück in der peinlichsten Weise beantwortet werden.

»Wunderten Sie sich nicht,« hub Frau Steinbrück an, »daß ich Sie so nahm, ohne weitere Empfehlung? Aber ich sagte noch zu meinem Sohn Fribo, das sind manchmal die besten, die zum erstenmal in so eine Stellung gehen. Unsere vorige, die war gerissen! Schon in einem Dutzend Häuser gewesen. Bei Fürsten und Grafen, und Zeugnisse hatte sie, es war großartig. Damals sagte mein Sohn Tom: ›Mutter, die mußt du nehmen!‹ Na, das war ein schöner Reinfall.«

Irenens Angesicht war in dunkle Glut getaucht. Diese Art von ihrer Vorgängerin zu sprechen und eigentlich so im Vergleich zu ihr oder doch zu dem, was man von ihr erwartete, schien ihr unfaßlich.

»Ich war sehr erfreut, daß Sie auch ohne Zeugnisse meinem guten Willen vertrauten,« sprach Irene leise.

»Natürlich habe ich mich durch einen Geschäftsfreund von Tom nach Ihnen und Ihrer Familie erkundigen lassen. Im Grunde war's ja überflüssig, denn es ist eine so alltägliche Sache, daß die Töchter von Beamten und Offizieren a. D. ihr Brot selbst verdienen müssen,« sagte Frau Steinbrück in taktlosem Mitleid, aber ganz echt in diesem Mitleid; »man schrieb mir, daß Ihr Vater ein verdienter und geachteter Mann sei.«

Irene zitterte am ganzen Körper. Wenn diese Frau sich also erkundigt hatte, dann mußte man doch hier im Hause wissen, wer sie war, wer ihr Vater war. Und die Redensart vom »Brot verdienen«, wie diese wohlwollende Herablassung erschienen gleich unverständlich. Irene hatte geglaubt, es könnte diesen Leuten gar peinlich sein, eine junge Dame aus vornehmeren Kreisen als diejenigen der Steinbrücks waren, um sich zu haben.

»Weshalb sind Sie erst jetzt in Stellung gegangen?« fragte Frau Steinbrück, »so jung sind Sie doch auch nicht mehr.«

»Mein Vater vermählte sich zum zweitenmal,« antwortete Irene mit gedrückter Stimme. Es war ihr entsetzlich, dieser Frau Auskunft über ihre Familienverhältnisse geben zu müssen. Aber sie sagte sich, daß jene ein Recht zur Frage und sie keins zur Lüge oder zum Verschweigen habe.

»Ach,« sprach Frau Steinbrück bedauernd, »so was kennt man. Das ist gewiß schwer für Sie. Eine Stiefmutter und eine so erwachsene Stieftochter, das kann nie guttun zusammen.«

Sollte, konnte Irene hier dieselben Worte wiederholen, welche sie mit opferfreudigem, liebevollem Herzen zu ihrer Johanne gesprochen? Nein, lieber alle Mißverständnisse dulden. Aber so, das begriff sie hier zum erstenmal, so würden alle Menschen das Verhältnis auffassen.

»Ich liebe und achte die Gattin meines Vaters sehr, und ich bin nur gegangen, weil ich es taktvoller fand,« sagte Irene mit etwas bestimmterem Ton, als für ihre Stellung schicklich war.

Frau Steinbrück fand diese Bemerkung etwas überspannt und unnötig »nobel«. Aber sie lächelte dazu, wie ein reifer Mensch zu den Torheiten der Jugend lächelt.

»Ganz glatt sieht's ja wohl in keiner Familie aus,« begann sie vertraulich. »Sie werden bald merken, daß auch bei uns nicht der Himmel nur voller Geigen hängt. Und da will ich Sie schon lieber etwas vorbereiten. Mein Sohn Tom ist nicht besonders glücklich mit seiner Frau. Sie versteht ihn gar nicht. Ich sagte damals gleich zu meinem Sohn Fribo, daß solche ausländische Heiraten nie gut ausschlagen. Aber Fribo meinte auch, daß Signe doch ein so junges, lenksames und anmutiges Wesen sei, und daß Tom sie sich erziehen könne. Das wird er wohl nicht verstanden haben. Ich stand immer allein zwischen dieser ewigen Zankerei und den ewigen Mißverständnissen. Sie begreifen, daß mir das allmählich langweilig wurde. Da riet Fribo mir, eine fremde Person ins Haus zu nehmen, denn er meinte, das würde Tom und Signe anhalten, sich ein bißchen zusammenzuraffen.«

Frau Steinbrück hatte sich in ihrer Lebhaftigkeit hinreißen lassen, mehr zu sagen, als sie beabsichtigte, das heißt, mehr über Sohn und Schwiegertochter. Ihr Bekenntnis, weshalb man eine Gesellschafterin ins Haus nahm, kam ihr nicht als Ungehörigkeit zum Bewußtsein.

Irene dachte aber erbittert, daß man nur einen Blitzableiter gemietet habe.

»Ich werde Sie nachher mit Signe bekannt machen. Das junge Paar hat oben zwei Zimmer und hier unten, wie ich, drei Zimmer, drüben an der Galerie. Die beiden großen Säle dazwischen benutzen wir beiderseits, wenn Gesellschaft ist. Meine Küche und so weiter ist eine Treppe hoch im Flügel, die von meinem Sohn zwei Treppen. Wenn auch die Wirtschaft getrennt ist, sieht man sich doch tagsüber viel. Übrigens hat meine Schwiegertochter viele gute Seiten,« schloß Frau Steinbrück.

Sie sah in den Teetopf. Als sie fand, daß er leer war, stand sie auf.

»Mamsell muß mehr Tee machen. Meine drei Tassen morgens muß ich haben.«

»Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich den Tee hier im Zimmer bereite?«

»Wenn Sie Lust haben. Meinetwegen. Aber nun gehen Sie, Ihre Koffer auszupacken. Wir essen um halb eins Lunch und um fünf zu Mittag. Heute abend haben wir Gesellschaft, ich will Sie unsern nächsten Bekannten vorstellen, denn, wie ich geschrieben habe: Ihre Stellung ist ganz familiär.«

Irene verneigte sich. Als sie schon an der Tür war, rief Frau Steinbrück:

»Noch etwas, Fräulein von Meltzow. Sie sehen mir eigentlich nicht so aus, als ob's nötig täte. Aber ich hatte mir nun mal vorgenommen, die neue Gesellschafterin gleich zu warnen. Machen Sie keinen Klatsch mit den Dienstboten und kokettieren Sie nicht mit meinem Sohn Fribo; durch diese beiden Dinge kam die andere aus dem Hause.«

Irene war leichenblaß. Ihre Augen richteten sich groß und dunkel auf die Frau, und sie sagte:

»Eine derartige Warnung, meine gnädige Frau, ist mir gegenüber in der Tat so überflüssig als beleidigend.«

»Seien Sie nur nicht empfindlich, wenn ich Sie immer behandeln soll wie ein rohes Ei, wissen Sie, das ist mir zu unbequem. Ich hatte nur Ihr Bestes im Auge, beleidigen wollte ich Sie gewiß nicht. Ich will keinem Menschen Böses antun.«

Frau Steinbrück hatte dabei eine wirkliche Gutmütigkeit im Ton, deren Echtheit Irenen nicht entgehen konnte.

»Nun gehen Sie,« befahl sie noch gütig.

Irene ging. Sie flog fast die Treppen hinauf in ihr Zimmer. Dort sank sie in eine Sofaecke nieder und legte ihre Stirn auf die Armlehne.

Eine völlige, verzweifelte Ratlosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt.

Was sollte sie tun? Gleich abreisen und Frau Steinbrück offen sagen, daß sie nicht auf Broterwerb angewiesen sei und sich schon in dieser ersten Stunde klar geworden, daß sie sich nicht in solche Stellung zu finden vermöge? Heimkehren? Am Tage nach der Flucht? Alle diese vorhergegangenen Kämpfe sollten für nichts gefochten gewesen sein? Kläglich, wie von einer Niederlage heimkehren und dennoch die störende Dritte werden, störender als bisher, weil sie durch ihre Handlung ihrer Anwesenheit im Vaterhause die Harmlosigkeit und Selbstverständlichkeit genommen hatte?

Nein, das war unmöglich.

Irene suchte sich das Wesen ihrer »Herrin« klarzumachen. Dazu gehörte für einen so scharfdenkenden Kopf wie der Irenens nicht viel Grübeln. Dieser Charakter war sehr einfach zu verstehen. Frau Steinbrück hatte ohne allen Zweifel eine große Gutherzigkeit, welcher aber jeglicher Takt fehlte. Ein starkes Sicherheitsgefühl und Selbstbewußtsein über ihre Persönlichkeit und ihr Haus schien dieser Taktlosigkeit ein gefährlicher Genosse zu sein. Höhere Interessen waren ersichtlich nicht vorhanden.

Im ganzen war das alles doch nicht schlimm. Aber Irenen schien es, als ob ihr das Zusammenleben mit der Frau leichter geworden wäre, wenn diese sich hart und schlecht gezeigt hätte. Mit starken Fehlern kann man kämpfen, versuchen, sie zu mildern, die eigene Selbstbeherrschung an ihnen kraftvoll großziehen.

Aber dieser wohlwollenden, taktlosen Flachheit gegenüber fühlte Irene sich so verzagt; sie ersah schon aus diesem ersten Zusammensein, daß es ihr unmöglich sein würde, sich jemals mit Frau Steinbrück erquickend zu unterhalten.

Und dann dieser Sohn, welcher sich nicht mit seiner Frau vertrug. Und der andere Sohn, von dessen Existenz sie erst heute erfuhr und welcher das Orakel in der Familie sein sollte.

Plötzlich fielen ihr die beiden Männerstimmen von gestern abend ein. Natürlich, das waren Tom und Fribo Steinbrück gewesen, wie hatte dieser Fribo doch gesagt? Man solle zuerst Geduld haben und Gericht halten mit den eigenen Fehlern.

Das könnte auch für mich gesprochen sein, dachte Irene, was will ich denn eigentlich? Vielleicht ist diese Frau besser als ich. War es nicht ein Beweis, daß sie nach Gerechtigkeit strebte, als sie sagte: »Meine Schwiegertochter hat auch gute Seiten?«

Irenens Gesicht erhellte sich. Gewiß, dachte sie weiter, wird Frau Steinbrück auch mir gerecht sein, wenn sie mich erst kennt und wird sich die Taktlosigkeiten abgewöhnen.

Mit frischem Mut begann sie, ihre Koffer auszupacken. –

Unterdessen begab sich in den Steinbrückschen Wohnzimmern folgendes:

Frau Steinbrück hatte ein seltsam beklemmtes Gefühl. Während sie in ihren Zimmern mit dem Staubwedel umherging, stand ihr immer das erblaßte Gesicht Irenens und die stolzen Blicke vor Augen. Ihr war zumute, als habe sie von ihrer Gesellschafterin eine Lektion bekommen und der Gedanke war ihr sehr unbequem. Dabei sagte sie sich reuevoll und bedauernd: »Ich hätte das ja auch nicht zu erwähnen brauchen, denn sie macht ja wirklich keinen ›solchen‹ Eindruck.«

Als sie ihr Geschäft beendet hatte, ging sie in die beiden Säle, welche heute abend benutzt werden sollten, sah nach der Heizung und den reinigenden Mädchen und dachte dann:

Ich könnte auch einen Augenblick bei Signe eingucken.

Sie klopfte an die Tür, welche von dem großen Speisesaal in das erste Zimmer der andern Wohnung führte. Niemand rief herein.

Sie öffnete und trat in den kleinen, aber sehr reich ausgestatteten Raum. Eine heitere und lichte Anmut lag auf den hellfarbigen Rokokomöbeln. Weißer Lack, Vergoldung, hellgeblümte Seide herrschten vor. Auf dem kleinen Schreibtisch befanden sich zahllose Photographien in den verschiedensten Größen und Rahmen, fast lauter landschaftliche Ansichten. Ein zartes Heliotropparfüm durchzog die Luft.

Daran schloß sich das Eßzimmer der Eheleute. Dies war mit großen, bequemen, englischen Möbeln ausgestattet, auf eine durchaus eigenartige Weise.

Endlich, im dritten Zimmer, welches offenbar dem Mann gehörte, denn es war dunkel und behaglich eingerichtet, und vor dem Kamin stand eine Reihe von Lehnstühlen einander gegenüber aufmarschiert, mit kleinen Rauchtischchen dazwischen, wie zu einem gemütlichen Tabakskollegium – in diesem dritten Zimmer fand Frau Steinbrück ihre Schwiegertochter.

Mit flüchtigem Aufblick sagte diese:

»Ach du, Mama.«

Dann erst stand sie übellaunig auf, gab Frau Steinbrück die Hand, und ehe diese sich noch gesetzt hatte, fiel sie wieder in den vom Kamin am entferntesten Lehnsessel der Stuhlreihe.

Signe war zum Ausgehen angekleidet. Ihre ziemlich große Gestalt, die aber etwas abgemagert und eingefallen aussah, als ob sie eben erst eine Krankheit bestanden habe, war mit einem braunen, langen Plüschmantel bekleidet. Ihre Hände hatte sie in einem kleinen Zobelmuff verborgen, den sie auf den Knien hielt. Ihr feines Gesicht war sehr farblos, aber der blasse Teint hatte eine fast durchsichtige Reinheit. Ihre Brauen waren dunkel und schmal in edlem Bogen gezeichnet, große, blaue und in dieser Minute teilnahmlos müde Augen standen darunter. Das schimmernde, aschblonde Haar schien etwas unordentlich am Hinterkopf zusammengenommen zu sein. Der große, rauhe Hut war braun und mit einer wogenden Federfülle bedeckt.

»Ich warte immer und immer, aber Tom ist nicht kommend,« sagte sie.

»Ihr wolltet ausgehen?«

»Wir sollten gehen, ein neuer Spiegel besorgen, Tom hatte mir bestellt auf elf ein halb hier,« sprach Signe und wippte mit der Fußspitze auf und nieder.

»Er wird im Geschäft eine Abhaltung haben. Du meine Güte, mein seliger Steinbrück ließ mich oft warten. Daran muß eine Kaufmannsfrau sich gewöhnen.«

»Bei uns in Heimat, in Vaters große Fabrik ist viel mehr noch zu tun, als hier in Hause. Aber mein Vater ließ meine Mutter nicht warten. Tom läßt immer warten.«

Frau Steinbrück zuckte die Achseln. Sie hatte sich zwar selbst immer über Toms Mangel an Pünktlichkeit geärgert, als Tom noch unvermählt war, aber dergleichen erzieht man eben seinem Manne ab.

Gerade kam denn auch Thomas Steinbrück, der älteste Sohn des Hauses, der Erbe und jetzige Inhaber der Firma.

Er war groß, robust, hatte ein volles, etwas rötliches, von Lebensfreudigkeit und Wohlwollen strahlendes Gesicht.

»Tag, Mama. Na, Signe, du bist wohl wieder böse. Ich hatte dich ganz vergessen. Nun komm aber schnell.«

»Hast du wieder keine Zeit für mir?« fragte Signe bitter.

»Viel heute nicht. Aber da ich dir mal versprochen hatte, dir einen Spiegel besorgen zu helfen, für den gestern zerschlagenen, so dachte ich: ein Mann, ein Wort.«

»Ein Spiegel ist zerschlagen?«

»Ja, Tom verstört mir alle meine Sachen. Nun hat er mein Trumeau in mein Schlafzimmer verbrochen,« sagte Signe mit einem duldenden, teilnahmlosen Ton.

»Zer – zer!« berief Frau Steinbrück lächelnd den unausrottbaren Sprachfehler ihrer Schwiegertochter.

»Weißt du,« sagte Tom, »wenn du schon in deiner Märtyrerstimmung bist, lassen wir's lieber heute.«

»Ich wußte vorher, daß du es machst, daß ich allein geh'. Und ich geh' denn allein.«

»Um Gottes willen,« sagte Frau Steindruck, »es ist nicht zum Aushalten langweilig mit euch. Was soll nur die neue Gesellschafterin denken?«

»Ach so, ja – die ist angekommen. Wes Geistes Kind scheint sie denn?« fragte Herr Tom und zündete sich in aller Gemütsruhe eine Zigarette an, was seine Frau für eine Art stummer Kriegserklärung annahm, denn erstens konnte sie das Rauchen nicht vertragen, und zweitens lag darin die Gewißheit, daß er nicht daran denke, mitzugehen. Sie sah ihn an; die bittere Falte, die neben ihrem jungen, weichen Mund stand, verschärfte sich.

»So recht klug bin ich nicht aus ihr geworden,« gab Frau Steinbrück zu. »Ihre Koffer sind enorm, und es sind feine, englische Rohrkoffer. Bedürftig sehen die nicht aus. Martin erzählte mir auch, daß sie dem Kofferträger zwei Mark gegeben habe. Und Mamsell sagt, daß sie einen Sealskinmantel angehabt habe. Das ist für die Tochter eines Majors a. D., die in Stellung geht, ein bißchen üppig. Sie erzählte mir auch, daß sie aus dem Hause fort ist, weil ihr Alter sich wieder verheiratet hat. Also auch unerquickliche Familienverhältnisse. Nun, man muß mal abwarten, persönlich macht sie einen etwas – Gott, wie soll ich sagen – hochtrabenden Eindruck. Sie spricht so furchtbar gebildet und wohlgesetzt. Auch scheint sie einen kleinen Hochmutsnagel zu haben. Aber das ist ja ganz gut, den Dienstboten vis-à-vis. Sonst wird sie sich hoffentlich nicht einbilden, daß uns solch pauverer Adel imponiert.«

»Ist sie hübsch?« fragte Signe.

»Das weiß ich eigentlich nicht. Sie hat was Apartes. Ich glaube wohl, daß die Männer sie hübsch finden.«

Signe hatte einen Gedanken.

»Sie kann mit mir gehen, der neue Spiegel kaufen.«

»Sehr gut!« rief Tom, »dann lernst du sie gleich kennen.«

Er war ersichtlich froh, nun ganz gewiß seiner Begleiterpflichten enthoben zu sein.

Die junge Frau stand auf.

»Adieu!« sagte sie kurz, zu ihrer Schwiegermutter gewandt. Ohne ihren Mann noch anzublicken, ging sie hinaus.

»Denn kann ich ja wieder ins Geschäft gehen,« meinte Tom mit einer phlegmatischen Ergebenheit.

Die üble Laune seiner Frau war ihm gerade kein besonderer Grund mehr, sich zu erregen. Auch Frau Steinbrück fand keine Ursache in diesem häßlichen Verkehr, sich sonderlich zu betrüben.

Sie ging mit Tom hinaus. Als er schon die halbe Treppe hinab war, rief er zu ihr empor:

»Apropos! Kugler und Graditz haben eine Karte geschrieben. Sie sind durch Geschäfte in Berlin aufgehalten und können heute nicht kommen.«

»Wie ärgerlich!« sagte Frau Steinbrück, die mit Kugler sehr gern verkehrte, obgleich sie sich eigentlich persönlich nicht viel aus ihm machte. Aber er galt und gab sich als einen der ersten Kavaliere der Stadt und imponierte durch tadellose, sichere Umgangsformen; außerdem war er stets unterrichtet über jede Klatschgeschichte in der Stadt, die er mit moralisierenden Begleitworten und mit erweiternder Ausführlichkeit wieder zu erzählen wußte.

* * *

Irene sah erstaunt von ihrer Kommode auf, in welche sie gerade ihre Wäsche packte, als die junge Frau bei ihr eintrat und befangen an der Tür stehen blieb.

»Ich bin Thomas Steinbrücks Frau!« sagte Signe zögernd, »Signe Nordenfalke. Ich bin gekommen, Ihnen zu bitten, daß Sie mit mir ein Spazierrun machen.«

»Gewiß!« antwortete Irene schnell. »Wenn Frau Steinbrück meiner nicht bedarf, und ich diese Wäsche und Kleider in dieser Unordnung verlassen darf.«

»O!« sagte Signe. »Sie sind frei zu tun immer was Sie wollen. Sie sind doch keine Domestike.«

Irene war ganz erregt. Sie nahm Hut und Mantel und dachte:

Wie ängstlich scheu, wie von Leiden niedergedrückt sie aussieht.

Als die beiden zusammen aus dem Hause traten, sah Herr Thomas ihnen aus dem Kontorfenster nach und Frau Steinbrück oben in dem »Spion« an ihrem Fenster.

Eine schöne Person! dachte Tom, ein energisches, festes Gesicht. Und er seufzte und dachte an die zarte Haltlosigkeit seiner Frau.

Wahrhaftig, reich und vornehm angezogen! dachte Frau Steinbrück. Dahinter muß man kommen!

Sie begab sich auch, kraft ihres Rechts als Hausfrau und Dienstherrin, in das Zimmer ihrer Gesellschafterin und besah sich, ohne etwas anzufassen, die umherliegenden Sachen. Die prächtige Wäsche, schöner als sie selbst sie trug, ärgerte sie. Der Kleidervorrat erschien ihr verschwenderisch. Sie entdeckte in dem Gürtelband einer mit dem Futter nach oben liegenden Taille die Firma eines großen Berliner Konfektionsgeschäftes. Ihr entgingen auch nicht Fläschchen und Dosen von Kristall und Silber auf dem Waschtisch, ebensowenig ein Handschuhkasten von Leder und Plüsch mit goldenem Monogramm und einer Krone.

Frau Steinbrück bekam geradezu Herzklopfen. Sie beschloß, den Fall mit ihrem Sohn Fribo zu besprechen.

Die beiden jungen Damen gingen schweigsam nebeneinander durch die Straßen. Irene war nicht unbefangen, Frau Steinbrücks Eröffnungen hatten ihr den Mut geraubt, ein freundliches Verhältnis zu Signe zu suchen, und doch fühlte sie sich seltsam und sehr stark zu der jungen Frau hingezogen. Signe hingegen schwieg, weil sie von dem einzigen, was ihre Gedanken Tag und Nacht beschäftigte, zu der Fremden noch nicht zu sprechen wagte.

Endlich aber begann sie doch ein Gespräch.

»Ich will Ihnen um was bitten,« sagte sie. »Ich spreche immer so schlecht Deutsch. Man lacht mir aus wegen meine Fehlern, aber ganz selten ist da einer, der berichtigt. Ich kenne zu wenig Deutsch, als daß ich urteilen könnte, aber es kömmt mir vor, als spräche die Familie Steinbrück schlecht Deutsch. O, ich meine nicht schlecht –ich meine – nachgelassen.«

»Nachlässig wollten Sie sagen,« verbesserte Irene, welche übrigens dieselbe Beobachtung gemacht hatte.

Ihre Johanne hatte ihr Ohr so sehr dafür gebildet, und Ebermann klagte beständig, daß von zehn Deutschen immer neun sich mit dem kärgsten Wortschatz begnügten und diesen nicht einmal zu wohllautender Rede auszugestalten pflegten.

Irene versprach zu berichtigen und bot auch gemeinsame Lesestunden an.

Die blauen, matten Augen leuchteten ein wenig auf.

»O wirklich? So sollen wir zusammen lesen? O, ein Mensch, der Zeit für mich hat.«

Darin war eine Klage, welche Irenen das Herz zerriß. Es war ihr so selten begegnet, eine schnelle Zuneigung zu fassen – aber in ihr wallte heißes Mitleid für Signe auf, zugleich mit einer warmen Zuneigung.

Signe mochte dies fühlen. Mit einer gewissen Vorsicht begann sie, Irenen näherzukommen, zunächst auf dem Wege eines Verhörs, das Irenen sehr drollig erschien, ihr aber einen Einblick in die Leiden der Frau gewährte.

»Lieben Sie viel in Gesellschaft gehen?« Und auf die Verneinung: »Wir sollen jeden Abend gehen.«

Dann kam eine andere Frage: »Möchten Sie lieber wohnen, wo Bäume sind und schöner See oder lieber in Stadt von lauter Mauern?«

Als Irene sagte, daß sie gewiß einen Wohnsitz in schöner Natur vorzöge, da brach ein Strahl aus den blauen Augen und die müde Stimme erhob sich, um zu schildern, wie ihr Vaterhaus inmitten eines weiten Parkes am Mälarsee gelegen sei, und wie sie beim Abendschein im Nachen gerudert, indes vom Ufer melancholische Lieder klangen. Sie wollte Irene alle die Bilder zeigen und ihr auch schwedische Lieder singen, wenn es niemand höre.

Weiter fragte sie, ob Irene ein Vaterhaus gehabt habe, wo eine innige Liebe alle stets in gleichen Interessen vereint habe.

Und nach einer halben Stunde kannte Irene alles, woran dies junge, schwärmerische und phantasievolle Geschöpf darbte. Daß Frau Steinbrück und diese Schwiegertochter sich nicht lieben konnten, war gewiß. Und wenn Herr Tom nur ein wenig nach seiner Mutter artete, war auch da niemals auf Verstehen zu rechnen.

Plötzlich fragte sie Irene:

»Sie kennen noch nicht Fribo?«

»Nein.«

»O, er ist gut, sehr gut. Er versteht, daß Menschen verschieden sind.«

Irene schwieg dazu. Fribo – das war der Mann, mit dem man ihr verboten hatte, zu kokettieren. Diese peinliche Erinnerung machte ihr den Mann schon sehr unangenehm.

»Sie kennen auch noch nicht Tom?«

»Nein.«

»Als er in Schweden war, liebte er, was ich liebte. Als ich mit ihm hier kam, war er ein anderer Mensch. Und er hat keine Zeit – nie – nein, nie!«

Es war als ob ein verirrtes Kind seine Not klagte. Und dennoch gaben gerade diese Worte Irenen die Hoffnung, daß in Herrn Tom nur seine Umgebung die Innigkeit für seine Frau überwuchert habe, daß sie wieder zu beleben sei, weil sie einst bestanden habe.

Da war nun eine Aufgabe. Da waren nun Menschen, an denen sie lernen kannte, indem sie ihnen half. Freudige Vorsätze belebten Irene.

Wie zwei langjährige, gute Freundinnen gingen sie nun nebeneinander her. Sie kauften zusammen einen Spiegel, den Signe aus einer reichgefüllten Börse gleich bezahlte, nicht ohne Irene freudig zu erzählen, daß dies kein Steinbrücksches Geld sei, denn ihr Vater sende ihr alles, was sie brauche.

Nachher führte Signe ihre Begleiterin mit in eine Konditorei, wo sie das zu Hause versäumte Frühstück nachholten. Die junge Frau war nun ganz vergnügt und schien all ihre Leiden vergessen zu haben.

Dann nahm Signe die neue Freundin mit in ihre Wohnung. Sie zeigte ihre hübschen Sachen, und Irene sah den heitern, graziösen Geist, der das eigentlichste Wesen der jungen Frau sein mußte, sich in der schonen Einrichtung widerspiegeln.

Sie mußte alle Bilder von Stockholm, den See, Signes Vaterhaus und Park bewundern.

Zuletzt zog Signe eine Schublade ihres Schreibtisches auf und holte ein schwarzes, flaches Sammetkästchen hervor. Sie öffnete es schweigend und reichte es Irenen hin.

Das Bildchen eines ganz kleinen Kindes, welches auf seinem Totenbett photographiert worden war, befand sich darin.

»Mein Baby,« sagte Signe und über ihre abgezehrten Wangen flossen langsam große Tränentropfen, »es ist nur acht Wochen alt gewesen. Jetzt wäre es ein Jahr.«

Irene nahm die schmale, blasse Hand der andern und drückte sie liebkosend. Arme, junge Frau! Ja, sie glich einer Blume, die man zertreten hatte, ganz schonungslos.

Draußen wurde es laut.

»O, Tom und Fribo und Kusine Anny,« flüsterte Signe und schloß schnell das Bildchen fort.

Aber nur Herr Thomas trat ein. Er stellte sich Irenen vor, und sie konnte nicht umhin, seine Persönlichkeit wider Erwarten sympathisch zu finden. Er hatte einen guten, offenen Ausdruck im vollen Gesicht. Thomas sprach seine Befriedigung aus, die Damen schon so bekannt miteinander zu sehen und erkundigte sich nach dem Spiegelankauf und ihren sonstigen Wegen.

»Wir sind ein wenig promeniert und haben im Hause bei mir gefrühstückt,« sagte Signe.

Es war Irenen, als habe sie einen Schlag empfangen. Signe log ja geradezu, sie hatten doch in einer Konditorei ihr Frühstück genommen.

»Na, na!« sagte Herr Thomas lächelnd und ging in sein Zimmer zurück.

»Ich bitte Sie,« begann Irene in großer Erregung, »warum verschwiegen Sie Herrn Steinbrück die harmlose Wahrheit? Sie bedenken gewiß nicht, daß Sie mich zum Mitschuldigen einer Lüge machten. Ich flehe Sie an, dies nie wieder zu tun.«

Signe sah sie aus matten Augen an.

»O,« sagte sie gleichgültig, »das macht nichts. Ich will nicht immer alles ihnen sagen. Sie sprechen davon, einmal auch als ich in Konditorei war, und warum soll ich nicht Kuchen essen, wenn ich mag? Ich tue nie Sünde und ich hasse dies Kontrollieren, immer und über alles.«

Irene wußte hierauf nichts zu sagen. Eine große Trauer bemächtigte sich ihrer. Aber sie fühlte trotzdem, daß ihre Neigung für die junge Frau dieselbe blieb.

In einer Art von Erstaunen ging sie, um sich schnell zu Tisch zurecht zu machen, wie sonderbar das war; kaum hatte sie die ersten Blicke in diese Familie getan, so fühlte sie sich schon mit allen ihren Interessen gebunden. Ihr war, als lese sie in einem Buch, auf dessen Weiterentwicklung sie gespannt war.

Unten im Eßzimmer war es ihr denn vorbehalten, das vierte Mitglied der Familie kennen zu lernen.

Frau Steinbrück stellte ihren jüngeren Sohn, den Doktor Fribo Steinbrück vor, und daneben, noch oberflächlicher in Ton und Gebärde, Fräulein Anny Bewer, eine »entfernte Verwandte des Hauses«, wie es hieß.

Fribo war ein großer Mensch, schlank gewachsen und dunkelblond. Er sah sehr ernst aus. Seine regelmäßigen Züge erinnerten an die Mutter, doch war sein Auge dunkel und klug. Ein helles Bärtchen, welches einen merkwürdigen Gegensatz zum dunkeln Haar bildete, deckte die Oberlippe. Er verneigte sich sehr höflich und zeigte nicht die mindeste Neugier im Blick.

Frau Steinbrück sprach mit ihm über das Befinden eines alten Herrn, den er behandelte und welcher ihr befreundet war. Sie wollte wissen, ob und wie er sein Testament verfaßt habe und erzählte, welche Daten ihr noch jüngst Kugler über diesen Fall als ganz genau zutreffend erzählt habe.

Fribo bedauerte, ihr darüber nichts mitteilen zu können, worauf die Mutter sagte:

»Das soll nur immer so was sein. Du könntest es gewiß.«

Anny Bewer war eine mittelgroße Person mit einer dürftigen Figur. Sie mochte fünfunddreißig Jahr alt sein, trug glattgescheiteltes Haar und einen Kneifer vor den kurzsichtigen Augen. Ihre Wangen waren graubleich, ihre Züge nervös verschärft.

Irene erfuhr aus den Gesprächen, daß Anny Bewer Lehrerin an verschiedenen Schulen sei und jede Woche einen Tag bei den reichen Verwandten zubringe nach getaner Arbeit. Anny Bewer war scharf und schlagfertig in allen ihren Äußerungen, was Frau Steinbrück ruhig und gutherzig duldete.

Gelegentlich sagte sie noch darüber am Nachmittag zu Irenen:

»Ich denke immer, von ihrem Standpunkt hat die arme Person ja recht, so bissig zu sein. Ich möchte auch nicht jeden Tag so eine Bande unartiger Gören unterrichten. Sie kann sich bei ihrem Vater bedanken, der einen schrecklichen Bankerott machte.«

Bei Tisch kam die Rede auf Signe und deren Heimat.

Irene sprach sehr warm davon, wie sie die Sehnsucht der jungen Frau nach der Heimat begreife und wieviel ihr Signe von ihrem Vaterland erzählt habe.

»Man muß nicht alles glauben, was Signe sagt,« bemerkte Frau Steinbrück.

Irene erschrak. Sie sah zugleich, daß Fribo seiner Mutter einen mißbilligenden Blick zuwarf und dann ihrem Auge begegnete.

Sie begriff, daß Fribo Steinbrück unter der Taktlosigkeit seiner Mutter litt und fürchtete, auf ihrem Angesicht ein Erstaunen über solche Äußerung zu lesen.

Also Signe galt ohne Zweifel für eine Lügnerin in der Familie. Und obschon Irene selbst den schlagendsten Beweis davon empfangen hatte, wollte und konnte sie es nicht glauben.

Von diesem Augenblick an blieb Fribo Steinbrück sehr schweigsam.

Als die Mahlzeit beendet war – sie fiel übrigens viel weniger reichhaltig aus, als man nach dem Zuschnitt des Hauses erwarten konnte – sagte Frau Steinbrück:

»Fräulein von Meltzow ist den ganzen Vormittag durch Signe aufgehalten worden. Du hilfst ihr jetzt wohl ihre Sachen einräumen, Anny, damit sie noch vor Abend damit in Ordnung kommt. Und wie gesagt, liebes Fräulein, heute abend ist Gesellschaft bei uns.«

Anny Bewer glaubte, daß sie die Gelegenheit benutzen solle, Irenens Habseligkeiten zu beobachten, und ging deshalb mit.

Oben in Irenens Zimmer, in welches der Diener zwei große Lampen getragen, setzte Anny Bewer sich aber in einen Lehnstuhl am Fenster.

»Nicht wahr, Sie nehmen's mir nicht übel, wenn ich nur zugucke. Ich habe nämlich schon fünf Stunden heute in Schulstuben gestanden und gesprochen und habe entsetzliche Rückenschmerzen. Aber für dergleichen hat Tante Steinbrück kein Verständnis, kann daher auch keine Rücksicht darauf nehmen. Diese Art Leute, welche lebenslänglich sorglos auf ihren Geldsäcken gesessen haben, denken, daß diejenigen, welche arbeiten müssen, natürlich auch die Kraft zum Arbeiten haben.«

»Bitte,« sagte Irene, die sich ein wenig ratlos unter den durcheinandergewürfelten Sachen umsah, »es ist mir sogar bequemer, allein einzuräumen.«

Anny Bewer sah sich die schönen Kleider von weitem an.

»Sie sind wohl erst seit kurzem in die Notwendigkeit versetzt worden, sich Ihr Brot zu verdienen?« fragte die Lehrerin mit ihrer trockenen und eintönigen Stimme, »wenigstens zeugt Ihre Ausstattung dafür.«

»Allerdings,« murmelte Irene sehr befangen; sie konnte unmöglich diesem schwer um ihr Dasein kämpfenden Mädchen sagen, daß keineswegs eine »materielle Notwendigkeit« vorlag.

»Lassen Sie uns nur ein wenig zusammenhalten,« sprach Anny Bewer mehr in einem geschäftlichen als in einem freundschaftlichen Tone, »wir stehen hier doch auf einer Rangstufe im Hause. Man gehört zur Herrschaft, ich sogar zur Familie, aber man wird weder von der Herrschaft als gleichberechtigt geachtet, noch von den Domestiken respektiert. Und wenn man selbst einmal im reichen Hause aufgewachsen ist, wie Sie und ich, erträgt sich das schwer.«

Irene geriet wieder in eine große innere Erregung. Alles, was an Hochmut in ihr war, bäumte sich gegen diese Sprache in ihr auf. Sie kam sich vor, wie eine Prinzessin inkognito. Und ihr gerades, vornehmes Herz machte ihr doch sogleich Vorwürfe. War denn auch bei ihr der ganze Wert eines Menschen in Geld und Stellung begründet? Und raubte ihr das etwas von der eigenen Bedeutung, weil sie hier im Hause, hier vor diesen Menschen sich ihrer Stellung und der Unabhängigkeit begeben hatte?

»Ich werde viel und heiß mit mir zu kämpfen haben,« sagte sich Irene von Meltzow. »Aber ich bin in die Schule des Lebens gegangen, um kämpfend zu lernen.«

»Sie haben die Allüren einer vornehmen und großen Dame,« fuhr Anny Bewer in ihren rücksichtslosen Reden fort, »das gefällt mir, weil ich weiß, das imponiert den anderen hier. Vielleicht sogar Herrn Fribo.«

Irene verbarg mühsam ein Lächeln hochmütigen Spottes. Beinahe amüsierte sie der Gedanke an diesen Mann, mit dem sie nicht »kokettieren« sollte. Daheim, in dem Gesellschaftskreis ihres Vaters, wäre ein Mann wie dieser Steinbrück kaum der Erwähnung wert befunden, vielleicht hätten sich dem jungen, unbekannten, bürgerlichen Doktor der Medizin nicht einmal die Türen ihres Vaterhauses geöffnet, besonders neuerdings nicht, denn Albertine, geborene Freiin von Leer, sollte als einzigen Fehler großen Adelsstolz besitzen.

Zum Unglück fuhr Anny Bewer fort:

»Verlieben Sie sich nur nicht in diesen Helden aller Mädchenträume. Er gilt für eine der besten Partien unserer Stadt, und da er keine üble Erscheinung und sehr zugeknöpft ist, wittern alle Charakter und Geist in ihm. Es ist ja wahr, er hat ein bißchen mehr für seine Mitmenschen übrig, als unsere ganze Sippe sonst. Es gibt nämlich eine ganze Legion Steinbrücks in der Stadt, die alle bedacht sind, ihren Reichtum und ihre Stellung auf Kosten anderer zu erhöhen. Die Söhne heiraten reiche Frauen, das ist Tradition. Ihre Herzen sind schon dressiert, daß sie sich nur in die goldgefaßten Mädchenköpfchen vergaffen. Glück, Liebe, Familieninnigkeit geht dabei zum Teufel – geistiges Streben und gemeinsame Interessen sind nicht vorhanden.«

»Sie urteilen ganz gewiß zu hart,« sagte Irene kurz.

»Nun, unsere Steinbrücks hier im Hause sind jedenfalls die besten. Das ist noch ein Trost. Tante Steinbrück fühlt, daß sie es sich schuldig ist, ab und zu mal etwas Gutes zu tun und etwas Wohlwollendes zu sagen.«

»Unterrichten Sie schon lange?« fragte Irene, die unter diesen bitteren Reden sehr litt.

»Achtzehn Jahre,« sagte Anny Bewer. Sie schlug ein Bein über das andere und faltete ihre Hände um das Knie. Ihre scharfen Augen folgten hinter dem Glas jeder Bewegung Irenens, die Bücher und Papier am Schreibtisch ordnete. Ihr blasses, nervöses Gesicht wetterleuchtete von innerer Leidenschaft, als sie weitersprach:

»Ich war vierzehn Jahre alt, als mein Vater Bankerott machte. Meine Mutter, eine Steinbrück, war vorher schon gestorben. Die Familie verzieh meinem Vater nicht, daß er ein zugebrachtes Steinbrücksches Vermögen verspekuliert hatte. Man half ihm nicht auf; er beschloß sein Leben als Angestellter einer Versicherungsgesellschaft mit fünfzehnhundert Mark Gehalt. Für mich aber sollte etwas geschehen. Ich war immer eine hervorragend vorgeschrittene Schülerin gewesen und hatte immer die Verwandten durch vorlaute Naseweisheit geärgert. Anny hat Verstand, hieß es, sie soll ihr Lehrerinnenexamen machen, denn sie muß auf eigenen Füßen stehen. Ich frage Sie, weshalb muß ich das? Weshalb müssen wir alle das, die wir so unglücklich sind, arm und unvermählt zu sein? Es wird soviel von der Frauenfrage gesprochen, und immer ist aller Weisheit Ende und Schluß, daß die Bestimmung des Weibes die Ehe sei.«

»Aber man kann doch nicht jedem Mädchen einen Mann verschaffen? Und wer sollte die Macht haben, den Zwang auszuüben; etwa der Staat?« fragte Irene.

Anny Bewer lachte bitter und hell auf, wie sie immer lachte.

»Nein, keine Institution der Zukunft selbst könnte machtvoll genug sein, irgendeinen Mann zu einer Heirat mit einem unliebenswürdigen Mädchen – oder doch dem gerade vorhandenen Junggesellen unliebenswürdig erscheinenden Mädchen zu zwingen. Meine Zorngedanken bäumen sich nicht gegen Windmühlen auf. Aber eines will ich Ihnen sagen, was mir in langjährigem Nachdenken klar geworden ist. Wir leben doch in Kasten, nicht wahr? oder sagen wir in Ständen. Gut. Das ist meinetwegen veraltet, und nach einigen hundert Jahren wird alles nivelliert sein. Aber noch ist es so. Und jeder Stand soll sorgen, daß seine in ihm geborenen Mitglieder nicht herausfallen aus den Gewohnheiten, Rechten und Pflichten desselben. Ist mein Vater ein Steinklopfer gewesen, so weiß ich vom ersten Augenblick meines Gedankens an, daß ich mich einst als Kuhmagd oder dergleichen durch die Welt schlagen muß, und ich habe von meinen Vorfahren die dazu nötige Konstitution ererbt. Vor allen Dingen, ich habe keine Nerven. Und alle meine Standesgenossen werden mich sicherlich, wenn ich eine Waise bin, auf dem mir bestimmten Lebenswege halten und fördern. Nun sollen aber wir, wir Beamten- und Offiziers- und Kaufmannstöchter etwas tun, wozu wir nicht die Konstitution ererbt haben – wir sollen arbeiten! Wir sollen dienen! Unsere Individualität für Geld verkaufen. Unsere Freiheit, unseren Geist, unsere Jugend in die Ketten einer Sklaverei schlagen, die uns tötet. Sehen Sie mich an. Ich war ein hübsches Mädchen. Meine Züge sind von Linien zerrissen, die der stete Ärger hineingegraben. Meine Brust ist eingefallen, weil das viele Sprechen in den schlecht gelüfteten Schulstuben von meinen Lungen nicht vertragen wird. Ich leide an Blutarmut, weil ich in meinen früheren Jahren bei geizigen Leuten schlechte Nahrung bekam. Und gewiß, auch in meinem Herzen war einst weiche Träumerei und süßes Hoffen. Aber zertreten ist alles. Zertreten! Durch dies niederträchtige Muß der Arbeit, zu der ich nicht geschaffen bin.«

»Fräulein, liebes Fräulein!« rief Irene auf das tiefste erschüttert und nahm die magere Hand der Lehrerin.

Aber Anny Bewer entzog ihr heftig die Hand und sprach in immer steigender Leidenschaft weiter.

»Kraft welchen Verdienstes ist Tante Steinbrück reich und lebt in dem geschäftigen Nichtstun der Gesellschaftsdame und Hausfrau, die eine Menge Dienstboten kommandiert? Infolge welcher Schuld bin ich arm und muß mich plagen und darf alle Woche einmal hier gnädig mich satt essen? Ist irgendeine Logik in der Verteilung der Güter? Nur unter den Gliedern eines Standes? Nur unter den Gliedern einer Familie? Sind wir Menschen vom neunzehnten Jahrhundert denn noch so beschränkt, so unmoralisch, daß wir die einzige sittliche Pflicht nicht anerkennen, deren Erfüllung Frieden in die Gesellschaft bringen würde – die Pflicht der Ausgleichung? Warum teilt man nicht mit uns? Warum stößt man uns, die wir ohne Schuld arm sind, aus dem Stande, für welchen uns Nerven, Blut und Instinkte bestimmen, in welchem allein wir wirklich leben können? Denn die Arbeit für Lohn macht, daß wir eine Klasse tiefer hinabsteigen. Tante Steinbrück ist eine Hauptperson in der Familie, denn sie hat am meisten Geld. Und ich bin die letzte, eine, zu der man sich nicht gern bekennt, weil ich keins habe, trotzdem ich im kleinen Finger mehr Kenntnisse habe, als Tante Steinbrück im ganzen Kopf.«

»Auch Güte?« fragte Irene, welche die Erregte gern zur Besinnung führen wollte.

»Ja, auch Güte!« rief Anny Bewer, »wie soll ein armer, verbitterter Mensch wie ich, Güte beweisen? Aber laßt mich Geld haben – o, wenn jeder meiner Vettern und jede meiner Basen nur ein paar Tausend für mich geopfert hätte, wäre ich wohlhabend – dann will ich gut sein und nützlich wirken. Vielleicht sogar auch unterrichten, denn ich habe die Gabe nun einmal. Ohne den schändlichen Zwang, ohne den Gedanken, daß ich ihrer Gnade preisgegeben bin, wenn ich keine Stunden mehr geben kann. Nicht mit der grinsenden Sorge hinter mir.«

Zum erstenmal in ihrem Leben erhielt Irene hier den Einblick in ein Frauenherz, welches unter den Demütigungen der Dienstbarkeit bis zur Verzweiflung litt. In ihren Augen standen Tränen. Sie schämte sich jeder hochmütigen und peinvollen Regung, welche sie heute gehabt. Und das freigewählte Joch erschien ihr als ein Spielzeug gegen den eisernen Druck dieser Einspannung.

Da fiel ihr Johanne Ebermann ein und die schöne, herzliche Stellung, welche diese im Hause Meltzow gehabt. Sie fragte Anny Bewer, warum sie nicht lieber solche Art Versorgung suche.

Anny Bewer nickte vor sich hin. Ihr Feuer war erloschen. Eine körperliche Mattigkeit und starke Rückenschmerzen plagten sie.

»Haben wir alles versucht,« sprach sie vor sich hin. »Bin in drei verschiedenen Häusern gewesen – muß wohl Pech gehabt haben. In der ersten Familie gab es nicht satt zu essen und der Hausherr stellte mir nach. In der zweiten war es erträglich, aber die Knaben mußten aufs Gymnasium, die Tochter wurde konfirmiert. Da hatte es natürlich ein Ende. In der dritten Familie war ein schöner Hauslehrer. Ich verliebte mich in ihn, und da die verwitwete Frau des Hauses selbst ein Auge auf ihn hatte, traf mich das gleiche Schicksal, wie Ihre Vorgängerin, die Fribo anschwärmte. Ach, so die Freiheit abends in seinem eigenen Stübchen ist doch etwas Erleichterung. Das Stundengeben an Schulen ist mir deshalb angenehmer. Ich bin doch nach Schulschluß mein eigener Herr. Nur die schändliche Konkurrenz! Eine Mark, höchstens zwei bekomme ich für die Stunde, weil da eine Unmenge von jungen Mädchen ist, die, ahne es nötig zu haben, Stunden geben, weil sie sich zu Hause nicht wohl fühlen oder sich nicht zu beschäftigen wissen.«

»O, mein Gott!« sagte Irene.

Und sie begriff, daß auch sie irgendeiner Bedürftigen eine gute, einträgliche und bequeme Stellung fortgenommen. Diese Seite ihrer Tat war selbst Johannen nicht aufgefallen.

Eine Fülle von noch ganz verworrenen Vorsätzen bestürmte ihr Herz. Schnell wieder fortgehen - ihren Gehalt einer armen Erzieherin zuwenden – und dergleichen mehr.

Anny Bewer lehnte mit geschlossenen Augen im Sessel.

Nach einer Weile bat sie um ein Glas Wasser. Hierdurch etwas erfrischt, lächelte sie und sprach:

»Ich rege mich immer so sehr auf. Wie dumm.«

Irene strich ihr sanft das Haar. Tiefe Barmherzigkeit für das arme, welke Geschöpf zog in ihre Seele.

Anny Bewer mochte die gute Gesinnung fühlen. Sie war ihrer herben Unliebenswürdigkeit wegen gewiß selten gestreichelt worden. Dankbar drückte sie Irenens Hand.

Irene beendete nun ihr Geschäft und sah sich erleichtert in dem Zimmer um, welches durch die vielen zierlichen Gegenstände auf Tisch und Kommode einen sehr behaglichen Anstrich bekommen hatte. Sie dachte:

Wie lange werde ich hier hausen?

»Das haben Sie hübsch geordnet,« sagte Anny Bewer anerkennend«, »man sieht, daß Sie eine trauliche Häuslichkeit gewöhnt sind. Ihr Vater ist Major a. D.?«

»Nein,« antwortete Irene befremdet, »wie kommen Sie darauf?«

»Ich meine so von Steinbrücks gehört zu haben,« sagte Anny zerstreut, indem sie dachte wie das zusammenhinge, denn sie »meinte« nicht bloß »gehört zu haben«, sie wußte ganz bestimmt, daß Frau Steinbrück an einen Geschäftsfreund Toms wegen des Fräulein von Meltzow geschrieben hatte, und hatte auch mit eigenen Augen die Antwort gelesen, daß das wohl die Tochter des Majors a. D. von Meltzow sein werde, eine sehr geachtete und brave junge Dame, die für ihren verarmten Vater rührend arbeite.

Wer war denn Irene? Anny Bewer erwog, ob sie dies der Tante sagen müsse oder es auf eine Nachfrage dieser selbst ankommen lassen solle.

Das Nachdenken darüber verwirrte sich ihr aber. In ihren Ohren sauste es, und indem alles Blut ihr vom Gehirn zum Herzen strömte, wurde sie ohnmächtig.

Irene hörte einen stöhnenden Seufzer und sah die Lehrerin leichenblaß, mit spitzer Nase und tiefen, graubraunen Schatten um die Augen und den Mund daliegen.

Sie kniete erschrocken neben der vom Stuhl Gesunkenen nieder. Dann sprang sie wieder auf und lief an den Klingelzug.

Die Dienerschaft war mit den Vorbereitungen für das Abendfest beschäftigt, niemand hörte, oder niemand kam wenigstens, denn man hatte in der Küche keine Lust, jetzt die Gesellschafterin zu bedienen.

Anny Bewer lag wie tot.

Irene lief in den Korridor hinaus und rief: »Martin, Martin!«

In der Stimme lag so viel Angst, daß Fribo Steinbrück die Tür seines Studierzimmers öffnete. Als er sah, daß Fräulein von Meltzow die Ruferin war, trat er heraus und kam den Korridor entlang.

»Ist etwas vorgefallen?« fragte er schon von weitem.

»Fräulein Bewer ist ohnmächtig bei mir hingefallen.«

»Ich komme sofort.«

Irene kniete wieder neben der Ohnmächtigen und versuchte ihrem Kopf ein Kissen unterzuschieben.

In einer Minute war Fribo Steinbrück zur Stelle.

Er hatte englisches Lavendelsalz mitgebracht und eine Flasche spanischen Weines. Über den Zufall selbst schien er nicht weiter erstaunt.

Er brachte mit einigen kräftigen Bewegungen Anny Bewer sicher, schnell und doch zart in eine angenehme Lage auf dem Sofa. Irene trug aus ihrem Bett ein Kopfkissen herzu und leistete Handreichungen, noch ehe sie gefordert wurden.

Als Anny Bewer aufatmete, flößte Fribo ihr ein Glas Wein ein.

Nach fünf Minuten schlug sie die Augen auf.

»O, der Schwindel im Kopf,« flüsterte sie.

»Leidet Fräulein Bewer öfter an diesen Zufällen?« fragte Irene ganz verstört.

»Das ist nun schon das drittemal in diesem Winter,« antwortete er, den Blick auf die Leidende gerichtet. »Anny ist sehr blutarm und nervös. Wie es scheint, nimmt sie auch die Medikamente nicht, welche ich ihr hinschickte. Sie pflegt zu sagen, warum sie sich erst mit derlei plagen solle.«

Anny lächelte bitter.

»Höre, Anny,« sprach Fribo zu der nun völlig wieder Bewußten, »ich schicke dir morgen einige Körbe alten Rotwein und alten Malaga hin. Ebenfalls die Mittel, daß du viel Milch und Fleisch kaufen kannst. Du lebst zu schlecht.«

»Nein,« sagte Anny finster. »Ich will nichts. Das sind Almosen. Ich will nur mein Recht.«

»Nun,« antwortete Fribo und nahm gütig ihre Hand, »wenn es dich beruhigen kann: Diese Dinge kommen nicht von dem Gelde meiner Mutter. Sie sind von meinem Verdienst. Sieh es als ,Teilung' zwischen mir und dir an, nicht als Geschenk.«

Die milde, feste Stimme des Mannes schmeichelte sich ins Ohr, so wohltätig, so unbeschreiblich wohltätig, wie Irene nie eine andere Stimme gehört hatte.

Und wie liebevoll und bestimmt zugleich sein Wesen gegen die arme Verwandte war.

Irene vergaß ganz den Widerwillen, den sie gegen Fribo Steinbrück gefaßt.

Sie sah dem gütigen Manne zu und sah ihn mit großen Augen an.

Von der Gewalt dieses Blickes unbewußt bezwungen, wandte Fribo Steinbrück sich und er sah in einen offenen, schönen Blick aus grauen Augen und in ein beredtes Gesicht von Anmut und Geist.

Und eine seltsame Beklemmung machte ihn plötzlich verlegen.

* * *

Die Gesellschaft war glücklich überstanden. Irene hatte mehr als dreißig Personen »kennen gelernt«, das heißt, von den meisten hatte sie weder Namen noch Gesicht behalten; einige waren ihr sehr drollig und einige wirklich angenehm erschienen. Sie aber hatte auf alle einen sehr starken Eindruck hervorgebracht. Erstens schon, weil sie eine Neuheit in dem Kreise war, dessen Mitglieder zum größten Teil untereinander verwandt, zum anderen Teil miteinander von Jugend auf bekannt waren, die wenigen Ausnahmen abgerechnet, welche durch einige Offiziere und den einen oder anderen Assessor oder Referendar gebildet wurden. Sodann aber auch durch ihre Persönlichkeit. Die ungemeine Sicherheit ihres Auftretens, verbunden mit großer Zurückhaltung, fiel unter Leuten auf, bei denen die, obenein etwas sehr formlose Sicherheit nur entstand aus dem Bewußtsein, unter lauter guten Bekannten zu sein. Ihre Kleidung sogar hatte Aufsehen gemacht und die jüngeren Herren durch den »Schick« entzückt, die Frauen durch die vornehme Einfachheit in Erstaunen gesetzt. Alles in allem war man einig, daß sie eher einer »regierenden Gräfin« als einer »armen Gesellschafterin« geglichen habe, und es gab mehrere Personen, welche diesen Widerspruch zwischen Stellung und Erscheinung geradezu verdächtig fanden. Kurz, die ganze Stadt sprach von der neuen Gesellschafterin der Frau Steinbrück und hierüber war diese entzückt. Sie liebte es, wenn man ihre Gesellschaften, ihre reichen und langen Soupers, ihre Kleider und ihre Anschaffungen für ihr Haus besprach und jedes abfällige Urteil nahm sie als Neid hin.

Sie machte mit Irene eine Menge von Besuchen, gleich am zweiten und dritten Tag. Hierbei lernte Irene Frau Steinbrück viel näher kennen. Sie bemerkte eine merkwürdige Eigenschaft an ihr: Frau Steinbrück ließ sich allen Klatsch erzählen, hörte ihn mit großem Interesse an und hatte doch immer ein milderndes oder freisprechendes Wort für die Opfer der bösen Zungen.

»Man kann ja nicht wissen, wie das zusammenhängt,« pflegte sie zu sagen, »und am Ende ist ja keiner sicher, selbst mal so durchgehechelt zu werden.«

An der Tatsache des Klatsches selbst nahm sie aber gar keinen Anstoß.

Die bequeme Lauheit dieser Lebensauffassung war für Irene unverständlich.

Daneben erschreckte sie die Enge des Horizontes im Gesichtskreis dieser reichen und vielgereisten Frau. Was nicht in der Stadt geboren und erzogen war, kam kaum für sie in Betracht, wirkliche Wichtigkeit hatte für sie aber nur, was zu ihrem Hause und Gesellschaftskreis in Beziehung stand. Irene konnte die größten und bedeutendsten Namen nennen, sie waren Frau Steinbrück gleichgültig oder unbekannt, jedenfalls imponierten sie ihr gar nicht. Irene, welche vor ihrer Herkunft heimlich gedacht, die reiche Kaufmannsfrau wolle ihr Haus mit einer adligen Gesellschaftsdame putzen, kam von diesem Gedanken ganz zurück; ihr Adel war – weil man ihn mit Armut verbunden glaubte – den Leuten völlig gleichgültig, wenn nicht gar ein wenig mitleiderregend. Die Steinbrücks waren Patrizier und fühlten sich jedermann ebenbürtig, und das war nun wieder die Kehrseite der Medaille, welche Irenen wohlgefiel. Die alles abwehrende Enge erschien ihr als geistige Beschränkung, der Stolz auf das reiche Bürgertum als kraftvolle Gesinnung.

So war Frau Steinbrück denn auch am empfindlichsten, wo man ihren Lokalpatriotismus und ihre Familie kränkte.

Am vierten Tag nach der Gesellschaft erschien sie morgens zum zweiten Frühstück in großer Erregung, welche sich bei ihr zunächst in schnellem Sprechen und in heftigen Bewegungen kundgab. Sie fand ihren Sohn Fribo noch allein. Irene fehlte.

Sich hastig setzend und ihre Serviette aus dem Ring zerrend, begann sie:

»Tante Frida ist hier gewesen. Schöne Geschichten habe ich hören müssen. Denke dir, die Meltzow hat ausdrücklich drei- oder viermal auf harmlose Fragen, wie man sie so in der Konversation mit Fremden tut – was soll man denn auch sprechen? – hat sie geantwortet, sie sei keine Majorstochter und immer verwundert getan, wie man darauf komme. Ob ich sie nun mal zur Rede stelle?«

»Ich begreife nicht,« sprach Fribo Steinbrück mit einem ganz kleinen Lächeln, »weshalb du nicht gleich mit ihr von den Ihrigen gesprochen. Das hätte ihr nebenbei vielleicht wohlgetan.«

»Ja, du begreifst meistens nicht, was ich tue,« sprach seine Mutter. »Meine Söhne sind immer klüger als ich.«

Tom hätte geantwortet: »Weil sie mehr Takt und Maß haben als du,« denn Tom ging, wie seiner Mutter, ganz die Empfindung ab für die Höflichkeit der Familienmitglieder gegeneinander. Sie wechselten oft die rücksichtslosesten Worte, würden aber erstaunt gewesen sein, wenn jemand sie deshalb für feindlich und unfriedlich gehalten hätte.

Fribo also antwortete nichts.

»Wenn ich mich nach Vater und Mutter und Onkel und Tante von meinen Leuten erkundigen sollte, erwüchsen mir aus solcher Teilnahme Gott weiß was für Verpflichtungen. Ich denke immer noch mit Schrecken an die Geschichte mit unserer Köchin Trina, wo wir wahrhaftig deren Schwester im Krankenhaus unterstützen mußten. Ich tu' ja gern was für Arme. Aber unnütz will ich mir auch nichts aufsacken. Man hat soviel mit sich selbst zu tun!«

»Nun,« sagte Fribo Steinbrück, »mir scheint aber doch, daß du dich über die Herkunft einer jungen Dame vergewissern mußt, die als Tochter des Majors von Meltzow von dir angenommen ist und nun selbst gesagt haben soll, sie sei es nicht. – Aber, wenn ich bitten darf, nicht in meiner Gegenwart.«

In diesem Augenblick erschien Irene zum Frühstück.

»Ich komme zu spät? Bitte, verzeihen Sie . . .«

»Nein,« sagte Fribo, »Mama und ich waren einige Minuten zu früh hier.«

Frau Steindruck litt, daß sie nicht gleich mit dem herauskommen durfte, was sie quälte. Aber sie kannte ihren Fribo und wagte nicht, ihm ungehorsam zu sein. Unruhige Menschen bäumen sich wohl auf gegen einen festen Charakter, wie die Wogen gegen den Felsen, aber sie kennen ganz gut ihre Ohnmacht.

Und etwas sagen mußte Frau Steinbrück, sie mußte »gegen den Felsen aufschäumen«. Irenens graues Kleid, welches sie noch nicht kannte, ansehend, fragte sie:

»Das ist wohl vom Herrenschneider gemacht. Das sieht ja aus wie ein Reitkleid. Wer hat Ihnen denn all die teuren Sachen gekauft?«

Irene wunderte sich heute nicht mehr wie am ersten Morgen über die gelegentlichen Taktlosigkeiten. Hier lag diese mehr im Ton, als im Inhalt der Worte.

»Mein Vater,« sagte Irene mit einem, wie es Fribo schien, hochmütig ablehnenden Blick.

»Du,« wandte Frau Steinbrück, welche doch nicht »mehr« wagte, sich an Fribo. »Tante Frida hat mir noch mehr erzählt. Denke dir, sie sagt, Vetter Max hat auf das bestimmteste versichert, daß Lisa Harding gehört habe, wie Signe zu zwei Leutnants gesagt habe, ›hier seien nur die Börsen voll und die Herzen leer und sie hasse die Stadt und ohne Ausnahme alle, die in ihr wohnen‹.«

Fribos Gesicht wurde sehr finster.

»Eine solche Taktlosigkeit will ich nicht glauben.«

Ach, Irene war nur zu sehr davon überzeugt, daß sie begangen worden war. Denn die vergangenen Tage, an denen sie viele Stunden mit Signe verbracht, hatten ihr den ganzen Abgrund von Bitterkeit offenbart, in den die zarte Frau versunken war.

»Das Schlimmste ist, es wird sich kaum feststellen lassen ob's wahr ist. Die Leutnants natürlich würden die Aussage verweigern; Lisa Harding hat nicht gewußt, welche es waren, obendrein: Signe wird natürlich lügen. Aber wissen soll sie doch, daß wir davon erfuhren,« sprach Frau Steinbrück. Sie atmete kurz. Ihr ganzes Wesen war in Empörung. Und in gerechter, wie Irene sich sagen mußte.

Fribo indessen schien anderer Ansicht.

»Dergleichen Vorkommnisse sind lediglich Toms Schuld,« sagte er ernst. »An ihm war es, dieses junge, liebenswürdige, vom Glück verwöhnte Geschöpf zu seiner Gefährtin zu erziehen. Aber als der erste Rausch vorbei war, deuchte ihm das unbequem. Er ließ Signe wuchern wie eine Pflanze, die nicht beschnitten wird und dann nur unnütze Schößlinge, aber keine Frucht treibt. Eine so junge Frau bedarf der fortwährenden Liebe und Erziehung.«

Irene war wieder betroffen von der Milde und Festigkeit in dieses Mannes Wesen. Sie mußte sich täglich mehr Mühe geben, Fribo Steinbrück nicht zu sehr zu beobachten und dieses wachsende Interesse, welches sie für Hochachtung und Wohlwollen nahm, hinter kühler Höflichkeit zu verbergen. Denn das rohe Wort seiner Mutter stand für immer trennend zwischen ihnen, nicht einmal eine Freundschaft war möglich. Und das war schade, fast schmerzlich schade.

Aber der weitere Verlauf des Gespräches verwandelte alle ihre guten Gefühle in feindseligsten Zorn gegen den Mann.

»Nun,« rief Frau Steinbrück, »wer war denn immer dagegen, daß Tom ein junges Ding von achtzehn Jahren heiratete? Ich meine, ein bißchen Wind muß man sich schon haben um die Ohren wehen lassen, ehe man ans Heiraten denkt. Ich war zweiundzwanzig, als Steinbrück und ich heirateten. Und das war noch zu früh.«

»Ich bin anderer Ansicht,« sprach Fribo mit beleidigender Ruhe. Beleidigend schien sie wenigstens Irenen, weil er seine Auseinandersetzungen in ihrer, einer Fünfundzwanzigjährigen, Gegenwart machte. »Das moderne Mädchen ist von vornherein verbildet durch die, dem weiblichen Gehirn nicht angemessene Fülle von wüstem Halbwissen, die in der Schule hineingepfropft wird. Dann tritt sie in die Gesellschaft. Sie lernt dort ihre Taille einschnüren und ihre Schultern entblößen, um schöner zu sein vor den Augen der Tänzer, mit denen sie Winter um Winter in heißen Ballsälen sich amüsiert. Je länger ein Mädchen ›ausgeht‹, wie ihr das nennt, je mehr wird sie von dem Duft der unberührten Unschuld verlieren. Sie wird in Gebärden und Gesprächen keck und gefallsüchtig, ihre Phantasie wird unlauter. Und zuletzt, wenn sie vor den Altar tritt, ist die Myrtenkrone nur ein leiblicher Schmuck. Ihrer Seele ziemte er nicht mehr.«

»Wahr,« rief Irene, »sehr wahr ist, was Sie sagen. Aber Gott sei Dank, Herr Doktor, es trifft nur für jenen kleinen Prozentsatz der jungen Mädchen zu, welche ausschließlich der Gesellschaft leben. Auch in den höheren und höchsten Ständen gibt es Töchter, welche ihre Hauptfreuden im stillen Familienglück finden und deren treffliche Erziehung sie lehrt, sich nach dem Vorbilde eines herrlichen Vaters, einer edeln Mutter, ehrlich weiter zu bilden, das ›wüste Halbwissen‹ zu sichten und zu erweitern, ihre Charaktere für das Leben zu befestigen.

Und ein so, in sorglichster Obhut gereiftes Wesen muß doch dem Manne eine bessere Gefährtin werden, als ein Kind von siebzehn Jahren.«

Hier trat Martin ein und meldete Herrn Konsul Kugler.

Frau Steinbrück, welche sich bei solchen »Streitereien« stets langweilte, erhob sich und bat Irene, ihr nachzukommen, sobald Fribo fertig mit dem Frühstück sei.

»Nein,« sagte Fribo voll Eifer für seine feststehenden Ansichten, nach denen er bestimmt entschlossen war, einmal zu heiraten, »ich bin selbst dann noch anderer Meinung. Wenn solch ein Wesen wirklich unter den von Ihnen angedeuteten Bedingungen schön ausreift, wird sie eben zu reif sein, um von ihrer Individualität sich noch auf Kosten der meinigen etwas abzustreifen. Ich halte die Ehe für eine schwere Sache und kann Ihnen kaum eine nennen, aus unserm ganzen großen Kreis, die wirklich eine ist. Denn ich erwarte mehr von ihr, als bloß ein gewohnheitsmäßiges, friedliches Nebeneinander, das meist nur friedlich ist, weil ein Zufall die Störung fernhält.«

»Das wahre, heilige Glück, das völlige Ineinanderaufgehen, die unbegrenzteste Gemeinsamkeit der Seelen und des Geistes, das liebevolle Dulden und Mildern, auch der gegenseitigen Fehler, kann nur entstehen, wo zwei ebenbürtige und gleichvorgeschrittene Herzen sich finden. Eheleute sind Gefährten, Genossen, sind eins!

Reife und Unreife, Erzieher und Schülerin zusammen – das ist keine Ehe,« rief Irene.

Er sah mit Überlegenheit in ihre flammenden Augen.

»Und ich sehe allein die Möglichkeit des völlig Eineswerden darin, daß ich ein junges Geschöpf an mein Herz und an meine Seele nehme, dem ich die vielleicht vorhandenen Erziehungsfehler schnell abgewöhne, das aber sonst einem weißen unbeschriebenen Blatte gleicht, auf welches ich meine Gesetze schreiben kann, die Gesetze, die ich mir gebildet aus tiefen Gedanken und vielen Beobachtungen, aus meinem Sehnen und meinem Begriff von Glück. Meine Frau soll mein Geschöpf sein, das Leben und die Menschen mit meinen Augen ansehen und allezeit ihre zarte Hand von meinen festen Schützerhänden umfaßt fühlen. Darin allein sehe ich die Garantien einer friedvollen Ehe.«

»Also,« sprach Irene, indem sie aufstand, »trauen Sie sich nur die Kraft zu, Wachs zu bilden, nicht die, Marmor zu meißeln. Ich habe Sie für bedeutender gehalten. Ich nahm Sie für einen Apostel der Menschenliebe. Sie sind ein Egoist. Denn nur feiger Egoismus kann wünschen und wollen, ein anderes Menschenleben in sich aufzusaugen, daß jede Spur eigenen Seins in ihm schwindet. Der kraftvolle Mensch aber wird an der Aufgabe wachsen und bedeutendere Fähigkeiten, als er sich selbst zutraut, werden in ihm erwachen, wenn er neben einem anderen kraftvollen Menschen

steht und mit ihm ringt. Jeder weiß, daß der andere sein würdiger Genosse und jeder strebt aus Liebe und Erkenntnis – hören Sie, ich sagte und Erkenntnis – Opfer zu bringen um Opfer, bis nach herrlicher Kampfesarbeit die erzene Wahrheit dasteht: wir sind eins! Wir haben allen Tand unseres Wesens einer vom anderen abgestreift, was geblieben ist, ist von Felsen. – So, mein Herr Doktor, denke ich mir das Werden einer wahren Ehe.«

Sie ging hinaus. Ihre Knie bebten. Ihre Wangen glühten. So maßlos hatte sie noch nie in ihrem Leben zu jemanden gesprochen.

Und ein Fribo Steinbrück hatte sie so zu reizen vermocht? Was gingen sie seine törichten und selbstherrlichen Ansichten über Frauen und Ehe an? Warum gerade ihm mit solchem flammenden Zorn ihre Gedanken offenbaren?

Irene hätte weinen können vor leidenschaftlicher Reue. Dieser Mann, dem alle Frauen zu Füßen liegen sollten und der wahrscheinlich infolge seiner allzuviel und allzu lächerlich umworbenen Heiratsfähigkeit sich diesen Ton unantastbarer Unfehlbarkeit angeeignet hatte, würde sich nur einbilden, daß er auch ihr ein wichtiger Mensch sei. Denn einem Gleichgültigen gegenüber läßt man sich so nicht hinreißen.

Sie ging auf der Galerie hin und her, die kalten Hände gegen die glühende Stirn gedrückt. Es hieß sich sammeln, denn Frau Steinbrück hatte befohlen. Wenn sich doch alles, alles ungeschehen machen ließe. Die Torheit ihres Hierseins überhaupt und die Torheit, die viel größere, eben begangene. Ihr Stolz bäumte sich qualvoll auf gegen das Bewußtsein, daß sie diesem Menschen hier Anrechte an sich eingeräumt.

Mit hoch erhobenem Haupt trat sie endlich in das Empfangszimmer der Frau Steinbrück.

Fribo aber saß an seinem Platz wie angewurzelt. Er stützte den linken Ellenbogen auf den Tisch und hielt mit der Faust der Rechten die zerknüllte Serviette eisern umkrallt.

Sein Gesicht war blaß und er fühlte sein Herz so klopfen, daß es seinen Atem beklemmte.

Ihm war, als habe man ihm eine ungeheure Demütigung zugefügt.

Er litt. Und doch, in dem zitternden, unterdrückten Zorn, der seine Brust durchbebte, tauchte eine sanfte und wunderbar wohltuende Erinnerung auf. Er sah dieselben Augen, die ihn eben so feindselig angesprüht, mit vertrauendem und bewunderndem Blick auf sich gerichtet – wie damals, als Anny Bewer krank war. –

Frau Steinbrück hatte unterdessen ihren guten Freund empfangen.

Der Konsul Kugler war wie immer tadellos vornehm gekleidet. Sein wie aus blassem Holz geschnitztes Gesicht trug den verbindlichsten Ausdruck, und wie immer war er sich bewußt, durch weltmännische Gewandtheit seinem Gegenüber mehr als gewachsen zu sein.

Nachdem er seine Entschuldigungen vorgebracht, daß er neulich Abend gefehlt habe, berichtete er von dem Fest, zu welchem er gereist war.

»Ich wußte gar nicht, daß Gräditz auch mit dahin eingeladen war,« sagte Frau Steinbrück.

Kugler lächelte nachsichtig.

»Er wird wohl mit seiner unverfrorenen Bonhommie vorher geschrieben haben: ›Hören Sie, lieber Oberst, laden Sie mich doch zu Ihrer Silberhochzeit ein.‹«

»Ich möchte nicht mit ihm reisen. Er ist so laut und zudringlich,« bemerkte Frau Steinbrück.

»Ich bitte, gnädige Frau, Sie tun ihm sehr unrecht. Der gute Gräditz glaubt zu den Leuten zu gehören, welche sich alles erlauben können, denen ›alles zusteht‹ und alles verziehen wird. Sein Metier ist es sozusagen, den Naturburschen zu spielen. Natürlich kann das manchmal seine Begleiter zur Verzweiflung bringen. So ist es ihm zum Beispiel unmöglich, im Kupee der Eisenbahn jemanden unangeredet zu lassen, was für Abweisungen er da oft mit der größten Dickfelligkeit einsteckt, ist unglaublich. Und zuweilen störte er mir dadurch die Möglichkeit, mit Erfolg anzuknüpfen, wir fuhren da einmal mit einer jungen Dame, deren nähere Bekanntschaft ich sehr gern gemacht hätte, und die es auch nicht an Zeichen freundlichen Entgegenkommens fehlen ließ. Aber Gräditz verdarb alles.«

»Sieh mal an,« scherzte Frau Steinbrück, »also fremde, schöne Damen machen Eindruck, wo hier so viele Herzen vergebens warten. Wenn das Fräulein Tilli und die Witwe Mühlhaus wüßten! Da hat am Ende meine neue Gesellschafterin auch Chancen, Gnade vor Ihren Augen zu finden.«

»Ach, die neue Gesellschafterin! Im Klub und an der Börse war soviel von ihr die Rede. Es soll etwas ganz Apartes sein,« sagte Kugler, aber ohne besondere Neugierde, denn was seinen guten Mitbürgern »apart« erschien, war für ihn noch lange nicht der Beachtung wert.

»Da kommt sie,« raunte Frau Steinbrück, da sie gerade Geräusch an der Tür vernahm. Irene trat ein und Frau Steinbrück stellte mit einer gewissen Umständlichkeit die Herrschaften einander vor.

Konsul Kugler lächelte eigen, in Irenens Gesicht spielte etwas – ein Zug von ungewissem Erinnern, ein Suchen und dann die Bestätigung des Erkennens.

»Ich habe den Vorzug, in Fräulein von Meltzow eine Reisebekanntschaft zu erneuern, deren Reiz mir eine der sonst langweiligsten Touren verschönte,« sagte Kugler.

Irene hatte damals von dem verbindlichen und zurückhaltenden Herrn, im Vergleich zu jenem zudringlichen Genossen, einen ganz angenehmen Eindruck empfangen, den dies starke Kompliment freilich etwas zerstörte. Sie sprach aber doch ganz freundlich:

»Es ist in der Tat ein drolliger Zufall, Herr Konsul, daß ich also bei dem ersten Schritt auf den Weg zu dem neuen Lebenskreis gleich einer Persönlichkeit aus demselben begegnen mußte.«

Frau Steinbrück fieberte förmlich. Wie, die kannten sich? So war am Ende gar Irene die junge Dame, welche auf Kugler Eindruck gemacht hatte? Sie brannte darauf, näheres zu wissen und sah schon die sensationellsten Ereignisse voraus. Die ganze Stadt würde ja »auf den Rücken fallen«, wenn es etwa dazu käme, daß Kugler, der berühmte Lebemann, der »Streber«, sich mit einer armen Gesellschafterin verloben würde, die nicht einmal von hier gebürtig. Denn als gute, brave Frau dachte sie immer gleich ans Heiraten.

»Ja, das ist wirklich drollig,« bestätigte sie, »und Sie werden Herrn Konsul hier oft treffen. Ich hoffe doch, Herr Konsul, Sie werden mein Haus diesen Winter wieder mehr besuchen als den vorigen, um so mehr, als Sie dabei Gelegenheit haben, Ihre Reisebekanntschaft zu vervollständigen.«

Kugler lächelte sehr vornehm, viel Takt hatte diese gute Steinbrück nicht, indem sie ihm die schöne Gesellschafterin als Lockvogel aufstellte.

Doch versicherte er verbindlich, daß er vorigen Winter nur selten gekommen sei, weil er gefunden habe, daß er die liebenswürdige Steinbrücksche Gastfreundschaft denn doch zu sehr in Anspruch genommen.

Frau Steinbrück hielt es nicht länger aus.

»Liebes Fräulein,« sagte sie, »ist es nicht die Zeit, wo Signe Sie zur Lesestunde erwartet?«

Es war nun zwar nicht die Stunde, aber Irene verstand. Doch wechselte sie noch erst einige Worte mit Kugler über die ganz erstaunlichen Fortschritte, welche Tom Steinbrücks Frau in den wenigen Tagen in der deutschen Sprache gemacht. Irene schämte sich immer, wenn jemand sich ungeschickt benahm, für diesen jemand, und war bestrebt, sein Benehmen auszugleichen. So verweilte sie jetzt Frau Steinbrücks wegen noch zwei Minuten, eine Handlungsweise, welche die Frau ihr als »unpassendes Benehmen« verdachte, Kugler aber als das erschien, was sie war: ein Beweis vollkommener Herzenshöflichkeit. Der Grad der eigenen Bildung gab auch bei Frau Steinbrück, wie bei allen Menschen, den Messer ab für das Tun anderer.

Kaum hatte die Tür sich dann hinter Irenen geschlossen, als Frau Steinbrück auf Kugler eindrang:

»Ich brenne vor Neugier. Bitte, seien Sie offen. Ist sie wirklich jene Dame, welche Eindruck auf Sie gemacht hat? Einen ernstlichen? Wo trafen Sie sich? Wie war es?«

Kugler sah einige Sekunden die Firma des Hutfabrikanten in der Tiefe seines Zylinders an. Kugler war Diplomat und pflegte seine Worte zu erwägen und in diesem Fall schien ihm, sollten sie besonders erwogen werden.

Aber seine erste Äußerung genügte doch schon, Frau Steinbrück aus ihren Kombinationen für die Zukunft zu reißen.

»Sie kennen die junge Dame genau? Und ihre Herkunft?« fragte er.

»Nun, wie man so jemand kennt, den man nach kurzem Briefwechsel mietet. Im ganzen sind wir sehr eingenommen von ihr gewesen, nur ihre sehr kostbare Garderobe fiel uns auf. Aber heute morgen habe ich zu meinem Schrecken gehört, daß sie auf mehrfache Anfragen geantwortet habe, sie sei gar keine Majorstochter, während ich sie doch als solche engagierte,« sagte Frau Steinbrück kleinlaut, »wissen Sie etwas von ihr? Ich flehe Sie an, ehrlich zu sein. Als Freund des Hauses sind Sie mir das schuldig.«

»Wenn die Dame sich allerdings unter falschen Vorspiegelungen in Ihr Haus geschlichen, muß ich Ihnen, meine verehrte Frau Steinbrück, allerdings meine Beobachtungen mitteilen,« begann Kugler.

Frau Steinbrück hätte weinen können. Den »falschen Vorspiegelungen« widersprach sie nicht, denn in ihrem aufgeregten Hirn vermengten sich die Tatsachen, und sie glaubte in diesem Augenblick wirklich, daß Irene es ihr selbst geschrieben.

»Als wir, nämlich Gräditz, den Sie nach allen diesen Dingen fragen können, und ich in P. einstiegen, fanden wir im Nichtraucherkupee eine junge Dame. Wir Herren sind vielleicht zu argwöhnisch, aber man glaubt von vornherein gegen eine junge Schöne, die allein ist und dies Kupee sucht, nicht so zurückhaltend sein zu müssen. Gräditz ging denn auch alsbald los. Und trotz seiner derben Art, die doch eher zurückschrecken muß, lächelte sie ihn an. Ich kann beschwören, daß sie gelächelt hat. Nachher freilich schien seine grob zudringliche Fragerei sie zu verstimmen. Ich hatte entschieden mehr Glück, denn ich erkannte, daß ich eine Dame von Welt – wie ich allerdings annahm, auch von der Welt der Bretter – vor mir hatte. Ob ich bei einer längeren Dauer der Reise Ihnen von mehr hätte beichten dürfen, kann ich nicht wissen; jedenfalls wies das Fräulein ein Gespräch mit mir nicht schroff ab. Wahrscheinlich hatte sie auch Rücksichten zu nehmen; denn in Berlin wurde sie von einem sehr jungen Leutnant in Zivil in Empfang genommen, obgleich sie vorher behauptet hatte, daß niemand sie erwarte und, leider darf ich nicht schweigen, Gräditz und ich trafen das Paar nachher, als es von Dressel herauskam.«

Nun weinte Frau Steinbrück wirklich.

»Unerhört,« sagte sie unter Tränen. »Mein Gott, wie soll es werden! Wenn ich nun eine Abenteurerin in meinem Hause habe!« Und alle Schauergeschichten, die sie je gelesen, fielen ihr ein.

»Das, meine sehr verehrte und liebe Frau Steinbrück,« sprach Kugler, »wollen wir nicht denken.

Nehmen wir an, daß die junge Dame von Hause aus an etwas freiere Manieren gewöhnt ist, als die bei uns üblichen. Ich bin gewiß nicht der Pedant und Spießbürger, gleich auch freiere Sitten dahinter zu vermuten. Vor allen Dingen würde ich mich genau nach der Familie und der Vergangenheit der Dame erkundigen.«

»Das hat Fribo auch schon gesagt. Ach, bitte, Herr Konsul, schweigen Sie zunächst über die Geschichte.«

Vor innerer Unrast hatte Frau Steinbrück rote Wangen.

Kugler erhob sich.

»Leider wird aber Gräditz, sobald er das Fräulein sieht und die ungewissen Gerüchte über ihre Herkunft hört, nicht schweigen,« sagte er, auch seinerseits jedes Versprechen der Schweigsamkeit vermeidend. Denn Kugler wußte, was er seiner Kavaliersehre schuldig war, und daß man ein einer Dame gegebenes Wort nicht bricht. Deshalb gab er es lieber nicht.

»Eins ist sicher,« fügte er noch beruhigend hinzu, »dieses Fräulein ist hochgebildet und gut erzogen. Wer kann beurteilen, welche Verhältnisse so ein Mädchen in die Welt hinausgetrieben haben. – Aber ich will Sie nun verlassen, verehrte Frau. Ich beklage nur, Sie so erregt zu haben.«

»O nein. Ich danke Ihnen. Sie haben mir einen wahren Dienst geleistet,« murmelte sie.

Dann lief sie einige Male im Zimmer hin und her mit vor sich gefalteten Händen. Ihre Ratlosigkeit wich aber einem Entschluß. Sie klingelte und Martin kam.

»Wo ist mein Sohn?«

Mit dieser Frage war immer nur Fribo gemeint.

»Ich habe Herrn Doktor noch nicht aus dem Eßzimmer fortgehen sehen. Ich paßte auf, weil ich abdecken wollte.«

»Gut. Noch eins.« Und die Stimme der Frau zitterte, denn ihr Anständigkeitsgefühl regte sich warnend. »Hat Fräulein von Meltzow schon viele Briefe abgesandt?«

Die Briefe wurden gewöhnlich an Martin gegeben, der sie ins Kontor trug, von wo sie mit den Geschäftsbriefen zur Post gingen.

»Nur zwei,« sagte Martin und machte große Augen, setzte aber, den Hauptsinn dieser Frage erratend, von freien Stücken hinzu: »Der eine war an eine Frau Doktor Eberstein oder Eberberg oder so ähnlich. Der andere an einen Herrn von Meltzow. Darunter stand aber ein Titel. Was für einer es war, weiß ich aber nicht, hier gibt es in der Stadt solchen nicht.«

»Es ist gut.«

Martin zögerte einen Augenblick. Er wollte fragen, ob er fortan genau auf die Briefadressen passen solle; aber er beschloß, es von selbst und ohne besonderen Befehl zu tun. Er ging hinaus, um den Mitbediensteten zu berichten, daß es mit dem neuen Fräulein höchstwahrscheinlich einen Haken habe.

Frau Steinbrück eilte in das Eßzimmer, von welchem ihr Empfangssalon durch ein kleines Gemach getrennt war.

In dem sonnenlosen Raume war es totenstill. Auf dem Tische standen die halbleeren Schüsseln und die gebrauchten Teller. Eine Serviette lag bei Irenens Platz am Boden auf dem Teppich, der Stuhl stand schräg abgerückt.

Und diesem Platz gegenüber saß Fribo wie ein Bild von Stein, das Haupt aufgestützt, die Faust geballt auf einer zerknüllten Serviette liegend. Er schrak zusammen, als die Mutter ihn anredete, und sah sie abwesend an.

»Mein Gott, was sitzest du denn und träumst? Das ist auch was Neues. Nun, du wirst schon munter werden,« sprach sie mit überstürzten Worten. »Denke dir, daß diese Meltzow höchstwahrscheinlich eine zweideutige und leichte Person ist.«

Fribo sprang auf. Er ward leichenblaß.

»Mutter,« rief er drohend, »ihr habt alle eine so furchtbare Art, mit dem Wort zu sündigen! Hüte dich! Du wenigstens hüte dich. Raube nicht wieder eine Ehre, die du dann nicht zurückgeben kannst.«

»Bitte,« sagte Frau Steinbrück ungeduldig, »werde nur jetzt nicht pathetisch.«

Jede ungewöhnliche und erhöhte Ausdrucksweise galt ihr als pathetisch.

»Hast du Beweise?« fragte Fribo heiser. »Ich würde den zu Boden schlagen, der es wagte – – -«

»Mein Himmel!« rief Frau Steinbrück und hätte beinahe gelacht, »du hast dich doch nicht in aller Geschwindigkeit in meine Gesellschafterin verliebt? Du bist ja Feuer und Flamme.«

Fribos Antlitz überzog sich mit dunkler Glut. Eine Sekunde lang schnürte ihm etwas die Kehle zu – Zorn, Schreck, Auflehnung.

»Nein,« sagte er tonlos, »ich bin nicht verliebt, ich möchte am liebsten, daß dies Mädchen nie in meinen Weg gekommen wäre. Wir sind einander sehr feindlich gesinnt. Aber beschimpfen lasse ich kein Weib. Und sie – sie am wenigsten.«

»Laß dir erzählen, was Kugler weiß.«

»Ach der,« rief Fribo aufatmend und verächtlich, »ein Mann, der klatscht! Es ist unter meiner Würde, von dem zu hören.«

»Er hat aus Freundschaft für uns gesprochen.«

»Und diese Freundschaft vor sich selbst als Vorwand benutzt, eine Dame zu beschimpfen. Denn er hält gewissermaßen vor sich selbst auf Anstand,« höhnte Fribo.

»Ich befehle dir, zu hören,« rief Frau Steinbrück.

»Du bist meine Mutter,« sagte Fribo leise. »Sprich also.«

Und mit der ihr eigenen Lebendigkeit erzählte Frau Steinbrück die ganze Unterredung. Natürlich verschärfte sich in der Wiederholung manches Wort. Mancher sehr vorsichtige und auch günstige Deutung zulassende Ausdruck Kuglers erschien in Frau Steinbrücks Mund von eindeutiger Klarheit, und zwar nicht von der günstigsten.

Merkwürdigerweise gewann aber Fribo während dieser Erzählung seine volle Ruhe wieder.

Er ging langsam auf und ab, hob, im Schreiten sich bückend, mechanisch Irenens Serviette vom Boden auf, warf sie auf den Tisch und sagte endlich:

»Dies alles, liebe Mutter, ist, wenn ein reiner Mensch es beobachtet und bespricht, ein Nichts. Wenn eine unlautere Phantasie und eine giftige Zunge sich daran machen, ist es sehr viel. Und wenn ich die Farbenauftragung Kuglers auch noch abziehe, bleibt vielleicht nicht einmal eine Unvorsichtigkeit übrig – vielleicht nicht einmal die bekannte Unvorsichtigkeit, mit einem blütenweißen Kleid durch Kot gewandert zu sein.«

»Das versteh' ich nicht. Gewiß ist, daß ich ein Recht habe, in Sorgen zu sein und sie zur Rede zu stellen.«

»Mutter, das wirst du nicht tun,« rief er aufbrausend.

Aber in dieser Sache fühlte Frau Steinbrück sich zu sehr in ihrem Recht, um sich dem Sohn zu fügen. Dennoch war ihr heimlich ein wenig angst vor seinem »harten Kopf« und deshalb versuchte sie es auf dem Wege der gütlichen Vorstellung, ihn von der Notwendigkeit ihres Vorhabens zu überzeugen.

»Aber nehmen wir die Tatsachen doch einmal wie sie sind, Fribo,« begann sie fast bittend. »Ich habe da eine junge Dame etwas übereilt ins Haus genommen, gerade, weil sie keine Zeugnisse hatte und noch nicht in Stellung gewesen sein wollte – bloß auf die Erkundigungen von Toms Freund hin. Ich höre von dieser jungen Dame allerlei kleine Dinge, die vielleicht unschuldig sein können, sich aber zweideutig ansehen. Nun willst du mir, deiner Mutter, dem Steinbrückschen Hause, zumuten, daß ich schweigend etwas Unklares neben mir dulde? Und ist es nicht im Interesse des Fräuleins selbst besser, daß man sich ausspricht?«

»Gewiß,« sagte Fribo zögernd, »es ist wahr, und du hast von deinem Standpunkt aus völlig recht. Aber ein unbestimmtes Gefühl warnt mich. Daß du ihr unrecht tust, ist mir außer allem Zweifel – keine Form, keine einzige kann es geben, die für solche Aussprache schonend genug ist.«

Ja, es war ihm außer allem Zweifel. Und dennoch, dennoch regte sich in ihm ein Qualgedanke. Jener Offizier in Zivil, der mit ihr bei Dressel gespeist – das tut man nur mit einem Bruder. Sie aber hatte keine Geschwister, wie sie vor einigen Tagen zufällig geäußert. War er ihr Verlobter? Dann konnte die Notwendigkeit, auf der Durchreise irgendwo zu essen, den Verlobten veranlaßt haben, die Braut ohne weitere Begleitung in ein Restaurant zu führen.

Und immer wieder kehrten seine Gedanken auf diesen einen Punkt. Vielleicht war es der uneingestandene Wunsch, zu wissen, wer jener Mann gewesen, daß er nachgiebig gegen seine Mutter ward.

»O,« sagte Frau Steinbrück, »ich bin ja soweit ganz gut bei Wort und werde schon die rechte Art und Weise treffen.«

Fribo kannte seiner Mutter Art und hatte nicht sehr viel Vertrauen zu ihrer Zartheit.

»Übrigens bleibe du zugegen,« setzte sie hinzu, »das wünsche ich durchaus.« Er fuhr förmlich zurück.

»Um keinen Preis. Dergleichen kann nur unter vier Augen gesprochen werden,« rief er.

»Nun, dann sprich du mit ihr,« meinte sie und verriet mit diesem schnellen Vorschlag, daß sie sich doch nicht ganz sicher in ihrer Lage als »Untersuchungsrichter« fühlte.

»Ich!« wiederholte er. Fest biß er mit den Zähnen auf die Unterlippe und starrte vor sich hin auf das Muster des Teppichs. Mit einemmal hob er das Haupt. Auf seinen Zügen stand jener eherne Ausdruck von Entschlossenheit, der seine Mutter immer erschreckte und den sie nie verstand.

»Du wirst mir aber auch nachher die volle Wahrheit sagen?« fragte sie. Er sah sie an.

»Nun, ich meinte bloß so,« murmelte die gedemütigt und unwillig zugleich. »Also gehe in mein Zimmer. Ich werde sie dir schicken.« Dabei klingelte sie.

Während Fribo mit schweren, langsamen Schritten durch das kleine Zwischengemach in das Wohn- und Empfangszimmer seiner Mutter ging, hörte er ihre helle und immer etwas scharfe Stimme sagen:

»Ach, Martin, laufen Sie mal zu meiner Schwiegertochter und sehen Sie, ob Fräulein von Meltzow da ist, sonst wird sie oben sein. Sie möchte in mein Zimmer kommen, ließ ich sagen. Wir wollten sie sprechen.«

* * *

Fribo Steinbrück fühlte, daß er bleich aussehen mußte und daß er unfähig war, seinem Gesicht einen höflich-ruhigen Ausdruck zu geben. Ihm war so elend zumute, wie noch niemals in seinem Leben. Er nahm sein Taschentuch und tupfte sich damit gegen die Stirn und die brennenden Augen.

Er fühlte, daß ihm seine Aufgabe qualvoll war. Und dennoch wußte er, daß er noch mehr gelitten hätte, wenn er untätig nebenan verweilt haben würde, während sie den schrecklichen Fragen seiner Mutter schutzlos preisgegeben war.

Er hatte die Regierung über sich selbst verloren, und dies Bewußtsein haltloser Aufregung war für einen Mann, der gewohnt war, in klarer Ruhe seinen Lebensweg zu gehen, doppelt schrecklich.

Nach diesem Gespräch wird sie gehen, dachte er, und das wird gut sein – sehr gut.

Ihm war es, als könne er dem Blick dieser leuchtenden Augen nie wieder begegnen.

Da trat sie ein und stand erschreckt, als sie den Mann sah, dessen Anblick sie für immer hätte entgehen mögen.

»Ich glaubte Ihre Mutter zu finden,« sprach sie leise mit gesenktem Blick.

»Ich stehe anstatt ihrer und in ihrem Auftrage hier,« sprach er.

Kaum hatte er Gewalt über seine Stimme, und er sprach wie jemand, der von Hast atemlos ist, in kurzen Absätzen, mit zitterndem Ton, mühevoll.

Diese Antwort erregte in Irenen das Vorgefühl von etwas Ungewöhnlichem. Ihr weibliches, ahnungsvolles Empfinden sagte ihr augenblicklich, daß etwas vorgegangen sei und daß man einen Schlag gegen sie führen wolle. Duldsamkeit war nicht ihre Tugend. In ihr war etwas Königliches, das immer triumphieren, aber niemals stillhalten wollte. Sie witterte einen Angriff, und sofort richtete sie sich hochgemutet auf, um den Angreifer zu vernichten.

Groß und kalt sah sie den Mann an. Ihr war, als hasse sie ihn.

»Das klingt, als habe man Sie mit einer unangenehmen Mission betraut,« sagte sie mit kühler Überlegenheit, »ich will sie Ihnen erleichtern. Ihre Frau Mutter findet keinen Gefallen an mir und bittet mich, wieder zu gehen? Das wundert mich weder, nach beleidigt es mich. Wenigstens kann Frau Steinbrück meiner Nachfolgerin nicht das warnende Beispiel aufstellen, welches sie mir in meiner Vorgängerin errichtet hat.«

Der schneidende Spott und der zügellose Hochmut dieser Rede marterten Fribo unsäglich. Der heiß aufwallende Zorn ward ihm indessen wie zu Eis erstarrt durch ihre letzten Worte. Er verstand sie wohl und das Entsetzen lähmte ihn fast.

Zweifellos, ganz zweifellos hatte seine Mutter diesem stolzen Mädchen von dem schamlosen Betragen der vorigen Gesellschafterin gegen ihn, den jene um jeden Preis zum Mann hatte einfangen wollen, erzählt und sie vor ähnlichen – Unvorsichtigkeiten gewarnt.

Die Scham raubte ihm fast den Verstand. O, wie er ihre hochmutsvolle Feindseligkeit begriff, wie er sie anbetete und bewunderungswürdig fand.

»Sie irren sich, gnädiges Fräulein,« sprach er fast unhörbar, »meine Mutter ist, gleich meiner Ihnen zu so vielem Dank schon verpflichteten Schwägerin Signe, im höchsten Grade von Ihnen eingenommen. Sogar Anny Bewer, die alles und alle kritisiert, widmet Ihnen eine Art von Verehrung.«

»Nun, also was sonst?« fragte Irene kurz.

»Mama hat Sie für die Tochter des Majors von Melzow gehalten und Sie als solche zu sich genommen. Nun hört sie von mehreren Seiten, daß Sie verneinten, dies zu sein,« begann Fribo.

Er sprach sehr langsam. Jedes Wort war ihm ein Schmerz, und er trachtete nur, so zu sprechen, daß nicht auch ihr Schmerz bereitet werde.

Irene lächelte ein wenig und die Feindseligkeit in ihrer Brust begann vor dem Gefühl des Bedauerns zu weichen, welches sie mit Fribo hatte. Sie kannte ihn schon genug, um zu wissen, daß unritterliches Fragen ihm peinlich war.

»Ihre Frau Mama teilte mir gleich mit, daß sie sich nach meiner Familie erkundigt habe, und da ist es mir denn allerdings rätselhaft, wie ein solches Mißverständnis nur aufkommen konnte. Meinen Vater, den Regierungspräsidenten von Meltzow, kennt ja nicht allein die Stadt, sondern auch die ganze Provinz.«

»Der Gewährsmann meiner Mutter – Sie verzeihen und begreifen doch, daß man sich nach einer jungen Dame erkundigt, die man ....«

»Gewiß, völlig,« unterbrach Irene ihn ungeduldig.

»Der Gewährsmann meiner Mutter nannte Sie die Tochter eines Majors a. D. von Melzow und fügte lobend hinzu, daß diese Tochter einem armen Vater das Leben erleichtere. Ihr Auftreten freilich und Ihre Ausstattung sahen nicht nach Dürftigkeit aus,« sagte Fribo, dem auch allmählich ruhiger und leichter ums Herz wurde, gar, als er Irene jetzt heiter auflachen hörte.

»Wie ist das möglich,« rief sie naiv, »der Major von Melzow schreibt sich mit einem z, wir mit tz; er ist geadelt, persönlich, und seine Kinder sind einfache Melzows. Wir sind der alte brandenburgische Zweig der schlesischen Meltzow-Trappen.«

Sie nahm mit dem angeborenen Standesbewußtsein an, daß diese Dinge für jedermann so wichtig seien, daß jedermann sie geläufig wisse.

»Ihr Gewährsmann kann nicht zur Gesellschaft gehören,« setzte sie eifrig hinzu, »sonst wäre ihm das nicht passiert.«

Fribo errötete.

Der Gewährsmann war ein Freund Toms und nahm eine ebensolche Stellung in der Handelswelt ein, wie Tom.

Irene hatte unbewußt mit ihren Worten eine Schranke zwischen sich und ihnen aufgerichtet.

Aber das kluge und feinfühlende Mädchen begriff das sofort, als sie Fribos Erröten sah.

»In den Provinzstädten der Monarchie,« sagte sie lebhaft, »nimmt ein Kaufmann nur in seltenen Fällen jene Stellung ein, wie es hier, wo er der herrschende Stand ist, üblich scheint. Das Wort vom ›Königlichen Kaufmann‹ ist ja auch gerade für euch Hanseaten gesprochen worden.«

Ja, sie war hochmütig, wenn man sie reizte, dachte Fribo; aber es widerstrebte ihrem adligen Sinn, jemals kränken zu wollen.

»Übrigens finde ich es sehr begreiflich, daß Ihre Frau Mama sich vergewissern wollte, ›woher ich kam der Fahrt und wie mein Nam' und Art‹,« fügte sie noch mit einem reizenden Lächeln hinzu. »Gehen Sie schnell, ihr Bescheid zu bringen.«

»Leider,« begann Fribo stockend, »ist dies der nebensächlichste Teil unserer Unterredung. Daß hier eine Verwechslung vorlag, konnte Mama sich selbst leicht sagen und Sie einfach darum befragen. Aber...«

»Aber?« fragte Irene scharf und gleichsam wieder wachsam.

Er trat auf sie zu und nahm ihre Hand. Woher ihm dazu der Mut kam, er wußte es nicht. Sie, ganz Erwartung, ganz Ohr, ließ ihm achtlos die Hand.

»Mamas Freund, jener Konsul Kugler, hat Sie in einem Kupee getroffen, welches eine alleinreisende Dame sonst nicht wählt. Er hat behauptet, daß Sie Gräditz' und seinen Annäherungsversuchen, die in eingeleiteten Gesprächen bestanden, mutvoll zugelächelt hätten. Er hat gesagt, daß Sie in Berlin erwartet worden sind, trotzdem Sie vorher das Gegenteil behaupteten und daß er Sie mit dem jungen Offizier bei Dressel traf. Diese Dinge haben den Wunsch in meiner Mutter erregt, genau den Zusammenhang zu erfahren und den Grund zu kennen, weshalb Sie Ihr Vaterhaus verließen.«

Irene starrte ihn an. Ihre Farben waren völlig erloschen. Und als er das letzte Wort gesprochen hatte, schleuderte sie seine Hand von sich mit einer Gebärde des Abscheus.

Einige Sekunden stand sie wortlos, hochatmend, die Linke hart auf den Tisch gestützt und sah ihn an. Die tödliche Feindschaft dieses Blickes ließ seine Seele erbeben.

»Mein Herr,« begann sie mit fester und harter Stimme, »ehe ich dieses Haus verlasse, was noch heute geschehen wird, sollen Sie und Ihre Frau Mutter gewiß erfahren, wie alles zusammenhängt. Denn, da ich in einem dienstlichen Verhältnis zu diesem Hause stehe und ich eine plötzliche Entlassung obenein wohl nur von der Güte Ihrer Mutter erbitten, nicht aber erzwingen kann, vermag nur völlige Offenheit Sie von der Unmöglichkeit ferneren Zusammenlebens zu überzeugen.«

Fribo Steindruck war bereit zu hören. Er stand still und blaß da. Eine Kirchhofsruhe war in seinem Herzen. Er hatte gewußt, daß sie gehen werde hiernach – es war zu Ende, und es war gut so.

Und Irene sprach; erst ruhig und mit erkünstelter Kälte und dann immer flammender.

Wie ihr Vater ihr seine besten Lebensjahre geopfert und wie sie ihm nun sein spätes Glück gönne und wie es sie getrieben habe, nicht als störender Zeuge den Weg der jungen Ehe zu begleiten.

»Denn,« sagte sie, »Sie haben es vorhin gehört, wie ich über das Ineinanderleben zweier Seelen denke. Und wie klein erschien mir das Opfer, welches ich dem herrlichsten Vater, seiner edeln Gattin bringen wollte. Ich kannte das Leben nicht, ich hatte es nur gesehen vom Hafen des vornehmsten Hauses aus, wo nur reine Gesinnungen zu meiner Kenntnis kamen. Ich wußte nicht, daß Männer, welche die Allüren der guten Gesellschaft haben und sich zu ihr zählen durch Geburt und Erziehung, verkappte Wegelagerer sein können, welche ohne Grund und Zweck, blaß so aus Lust zum Klatsch, die Ehre einer Dame in den Kot zerren. Ich wußte nicht, daß die Begegnung mit dem Freiherrn Leutnant Fritz von Leer, welcher der Bruder von meines Vaters junger Gattin ist und von meinem Vater beordert war, mir die drei Stunden in Berlin beizustehen, daß mir die Begegnung schändlich gedeutet werden könnte, sonst hätte ich mich ihrer nicht gefreut.«

Fribo Steinbrück war jeder Fassung beraubt. Eine jauchzende Freude dehnte seine Brust.

Also nicht ein Verlobter – nur ein harmloser, auf Befehl zu Diensten stehender Verwandter.

Er vergaß auf Minuten ganz, daß sie, die da so hoheitsvoll stand, von nun an seine und seines Hauses Feindin war und daß sie gehen wolle.

Irene aber hob von neuem an:

»Um vor mir selbst das Bewußtsein der völligen Wahrhaftigkeit zu haben,« sprach sie, das Auge auf das Fenster gerichtet, durch welches vom Garten her freundlicher Wintersonnenschein flirrte, »will ich nach ein Letztes sagen. Wenn ich in meinem Vaterhaus der jungen Frau Platz machen wollte, hätte sich dafür schließlich auch noch eine andere Form finden lassen als die, in Dienstbarkeit zu gehen. Allein ich hatte den Wunsch, Menschen kennen zu lernen, Studien zu machen, meinen eigenen Charakter, den ich hochmütig und heftig weiß, zügeln zu lernen, mich mit meinen Fehlern, wie mit meinem Können an anderen zu messen. Denn in mir ist ein heißes Streben nach Güte, nach Vollendung, nach Wahrheit. Ich möchte lernen ein guter, ein nützlicher und ein wohltätiger Mensch zu werden.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie sprach sanft, und eine unnennbare Wehmut drückte ihr Herz.

»Warum ich Ihnen, gerade Ihnen das sage – ich weiß es nicht. Sie verstehen mich nicht. Sie mißdeuten mich. Aber wahrscheinlich sind Sie und Ihre Mutter und dieser Kugler in Ihrem Recht, denn Sie alle handeln und denken vom Standpunkt der Erfahrung aus. Nun – so will ich meinen Vater bitten, mich wieder an sein Herz zu nehmen, damit ich mir Erfahrungen spare, die offenbar ihren Besitzern die edle Gesinnung rauben.«

Sie ging langsam zur Tür.

Der Mann war vernichtet auf einen Stuhl gesunken und verbarg sein Gesicht an der Lehne.

»Leben Sie wohl,« sprach Irene leise.

Und dies leise Wort schlug an Fribos Ohr und drang in seine Seele wie ein verwundender Pfeil.

»Nein!« schrie er auf und war schon neben ihr, »nein, Sie gehen nicht – so nicht.«

Sie aber stieß seine Hand zurück. Alle Weichheit schwand aus ihren Zügen, und sie sagte herbe:

»Zwischen Ihnen und mir ist kein Verstehen und kein Versöhnen möglich.«

Sie war verschwunden.

Und er stand und sah auf die Tür, und sein blasses Angesicht, welches von leidenschaftlichster Erregung verzerrt gewesen, nahm allmählich den Ausdruck eines finstern Ernstes an.-

Im Nebenzimmer hatte Frau Steinbrück hinter den herabgelassenen Türvorhängen Wache gehalten, damit etwa nicht der im Eßzimmer abräumende Martin sich einfallen lasse, zu horchen. Bei dieser Gelegenheit hatte es sich denn gemacht, daß ihr selbst kein Wort entgangen war.

Nun kam sie herein und lief mit gerungenen Händen hin und her.

Sie schalt auf Kugler mit nicht sehr wählerischen Worten, beklagte und bejammerte ihr Vorgehen und sagte, daß Irene von Meltzow sie so auf keinen Fall verlassen dürfe.

Fribo hörte alles an mit einer stumpfen Gleichgültigkeit, die seine Mutter immer mehr erregte.

Erst als seine Mutter die schrecklichen Unannehmlichkeiten ausmalte, die noch für sie entstehen könnten, wenn Irenens Vater von der Sache höre und wenn Kugler, wie doch bestimmt zu erwarten sei, nicht schweige, erst da merkte Fribo auf.

Er hatte keine Angst für seine Mutter, aber er übersah plötzlich, daß Irene dann in der Tat unter peinlichen Mißverständnissen zu leiden haben könne, wenn sie gehe. Er mochte die Gerüchte gar nicht ausdenken. Und wenn Kugler seine feigen Verdächtigungen auch so lange zurückgehalten hatte – nach Irenens jäher Abreise würde er seine Lust am Klatsch nicht zügeln.

»Sprich du noch einmal mit ihr.«

»Nie!« rief Fribo. Es schien, als zittere er. Er wandte sich ab.

»Oder soll ich Tom dazu veranlassen oder Signe?« fragte die ratlose Frau, der selbst jeder Mut abhanden gekommen war.

Fribo hatte bei dem Namen Signe einen Rettungsgedanken.

»Mutter,« sagte er ernst, »ich glaube, ich werde imstande sein, ihr das rechte Wort zu schreiben, das sie veranlassen wird, doch noch zu bleiben. Freilich, nicht bei dir, aber bei Signe, also doch unter unserm Dach, und da wir fast einen Haushalt bilden, wird niemand eine Veränderung bemerken. Nur eins muß ich für sie, in ihrem Namen zur Bedingung stellen: Kugler betritt unser Haus nicht mehr.«

Das wollte nun Frau Steinbrück auch nicht. Kugler zu opfern fand sie denn doch nicht nötig. Du meine Güte, es kommt doch vor, daß jemand mal ein bißchen was über den Nächsten klatscht; deshalb zieht man sich doch nicht von ihm zurück. Zwar, sie machte sich nicht sehr viel aus Kugler, niemand machte sich viel aus ihm, und wegen seiner Anmaßung, sich immer als Nummer eins aufzuspielen, war er sogar vielfach verhaßt, aber ihn sich zum Feind machen – nein.

Fribo schloß die Augen sekundenlang, er biß sich auf die Unterlippe. Wieder, wie täglich, bedurfte er seiner ganzen Energie, um nicht in Heftigkeit gegen die aufzulodern, welche ihn geboren und welche er innig liebte.

Aber es war ja nicht sie allein – sie waren es alle, alle. Warum sollte denn gerade dieser Frau die Kraft kommen, sich zu einer Höhe und Feinheit der moralischen Anschauungsweise zu erheben, die in ihrer Umgebung höchstens als unnötige, wirkungslose Wichtigtuerei angesehen worden wäre.

»Schicke Signe nach einer Stunde zu Fräulein von Meltzow,« sagte er kurz, »dann wirst du hören, ob ich Erfolg hatte. Und dann entschuldige mich jetzt für den ganzen Tag, liebe Mutter – ich muß meiner Praxis nachgehen.«

Frau Steinbrück war nun sogleich guter Dinge. Wenn Fribo die Geschichte in die Hand nahm, würde sie sich schon zurechtziehen. Es war ja eigentlich dennoch sehr interessant, sie hatte also eine Gesellschafterin, welche das »Dienen« als Sport trieb.

Der Wunsch, noch mehr von Irene und ihrer Familie zu wissen, stieg sehr quälend in ihr auf.

Sie war eine Kaufmannsfrau und eine Kaufmannstochter. Das Einziehen von Erkundigungen über Firmen und Personen erschien ihr vom Geschäftsgebrauch her als etwas ganz Gehöriges.

Und nach kurzem Kampfe schrieb sie an den vielgenannten Geschäftsfreund Toms, sie bäte noch einmal um Auskunft, und zwar über den Regierungspräsidenten von Meltzow und dessen Tochter. Aber unter Diskretion, selbst gegen Tom.

Es sei gleich vorweg gesagt, daß der Mann nach drei Tagen antwortete. Er bitte um Verzeihung, schrieb er, aber er habe doch nicht annehmen können, daß sich die erste Anfrage auf Irene von Meltzow beziehe, da diese als wohlhabende, junge Dame und Tochter eines so hohen und verehrten Beamten doch gewiß nicht nötig habe, ihre fast herrschende Stellung in ihren Kreisen mit derjenigen einer Gesellschafterin zu vertauschen. Als praktischer Mann fügte er gleich hinzu, daß der Präsident und Irene je hunderttausend Mark von der ersten Frau geerbt hätten und daß die zweite Frau, eine Freiin von Leer, ihrem Gatten das Dreifache zugebracht habe.

Frau Steinbrück konnte nicht umhin, einen Mann sehr hochzuachten, der zweimal reich zu heiraten verstanden und solche Karriere gemacht hatte.

Irene war langsam in ihr Zimmer gegangen und hatte sich dort in einen Lehnstuhl am Fenster gesetzt. Gedankenvoll sah sie hinaus.

Ein nebelgrauer Himmel stand als Grund hinter dem verworrenen und altertümlichen Bilde, welches die hochgiebligen Dächer und die rotgrauen Mauern baten, die den kleinen verschneiten Garten umschrankten und umtürmten. Auf den hellroten, gereifelten Dachziegeln lagen da und dort noch Schneespuren, willkürlich vom Winde zusammengefegt oder in die Rillen getrieben. Zwischen den schräg abfallenden und spitz in der Höhe zusammenschießenden, zwischen den haubenartig breit ausladenden und den flach niedergedrückten Dächern, zwischen hohen Speichergiebeln und bescheiden sich duckenden Wohnhäusern ragten die gotischen Doppeltürme einer Kirche in die Luft. Die Schieferdächer der Turmspitzen tönten blaugrau mit den Tinten des Himmels in melancholischer Farbeneinheit zusammen. Auch über dem unentwirrbaren Durcheinander der Häuser lag ein leiser Nebelschleier. Ein fernes und ungewisses Durcheinanderschlagen und Klingen von Glockentönen schwebte durch die Luft herab. Es hatte zwei Uhr geschlagen und zu der vollen Stunde sang das Glockenspiel der Kirche eine träumerische und undeutliche Choralmelodie.

So märchenhaft altertümlich waren Bild und Töne, daß der Träumerin am Fenster sich wieder unmerklich Wehmut ins Herz stahl.

Sie fragte sich nicht, was soll ich tun, sie faßte keine Pläne, dachte nicht daran, daß es eine Eisenbahn und Koffer gäbe. Sie träumte von versunkenen Welten und von den Menschen, die so, die Seele voll unbestimmter Trauer, schon diesem merkwürdigen Gesang der Glocken gelauscht.

Die Zeit verrann ihr und sie schrak zusammen, als nach kurzem Klopfen jemand eintrat.

Es war Martin, welcher ihr einen Brief brachte und sie dabei mit unverhohlener Neugierde ansah.

Irene nahm das Kuvert gleichgültig hin.

Dann sah sie, daß es keinen Poststempel trug. Eine unangenehme Empfindung regte sich in ihr. Frau Steinbrück würde wohl mit Entschuldigungen kommen. Wozu noch an einer Sache rühren, die so völlig abgetan war. Es schien Irenen, als sei eine Ewigkeit vergangen seit dem Gespräch mit Fribo, als habe seitdem ein ganz neuer Lebensabschnitt für sie begonnen.

Aber das war nicht Frau Steinbrücks Schrift.

Also von ihm? Ganz gewiß von ihm! Mit Zornesröte auf der Stirn riß Irene das Kuvert auseinander. Dann aber las sie folgende Zeilen:

»Meine Mutter bittet Sie, zu bleiben, auf Wochen, auf Monde, wie es Ihnen gefallen sollte zu entscheiden. Ihretwegen erbittet sie es, denn ein so plötzliches Aufgeben einer ohne Nötigung gewählten Stellung kann der mißfälligen Besprechung in der ganzen Stadt nicht entgehen. Ich weiß, daß Sie das stolze Recht in sich haben und fühlen, über dergleichen Rücksichten auf das, was man sagt, zu stehen. Dennoch bitte ich auch in diesem Fall, Ihr Widerstreben gegen die Welt, in welche Sie traten, gegen dieses Haus und seine Bewohner, auf kurze Zeit wenigstens zu besiegen. Mir ist, als wäre mir ein Teil meiner Mannesehre genommen, wenn Sie gehen, gehen zumeist infolge unserer Unterredung. Und ein Leben mit diesem Bewußtsein wäre mir eine Qual. Aber nicht an mich, den Sie hassen müssen, weil Sie ihn in den größten Fragen des Lebens Anschauungen entwickeln und betätigen sahen, die Ihnen kleinlich und ohne Adel vorkommen mußten, nicht an mich sollen Sie bei Ihrer Entschließung denken. Dieselbe würde dann gewiß verneinend ausfallen.

Sie sollen daran denken, daß Sie sagten, Sie seien bestrebt, ein guter und nützlicher Mensch zu werden, und um sich dazu immer mehr zu vervollkommnen, seien Sie in das Leben kämpfend getreten. Hier im Hause lebt eine arme Frau, welche in Gefahr steht, an eigener Schwäche und an den Verhältnissen zugrunde zu gehen – Sie haben Einfluß auf Signe gewonnen, wollen Sie das kaum begonnene Werk verlassen? Ist der Zorn gegen mich stärker, als Ihr Wunsch, Gutes zu tun?

Eines mag Ihnen die Entscheidung erleichtern. Sie können, wenn es Ihnen so angenehm ist, künftig fast gänzlich bei Tom und Signe leben. So bleibt Ihnen mein Anblick wenigstens bei den Mahlzeiten des Tages erspart.

Fribo Steinbrück.«

Welche Sprache! Ein Bitten, ohne Ergebenheit und Wärme. Eine Überredung, die mehr einem Befehle glich.

Und Irene las noch alles, was nur zwischen den Zeilen stand oder nur mit leisem Wort gestreift war. Ja, sie hatte diese Stellung ohne »Nötigung« angenommen, und es war unrecht, launenhaft und feige, sie sofort zu verlassen, weil peinliche Mißverständnisse von unberufener Seite her aufgekommen waren. Das hatte Fribo wohl sagen wollen.

Und weiter hatte er sagen wollen, daß ihre Taten auch mit ihren schönen Reden im Einklang stehen müßten und daß ihr Streben nicht zu hohler Phantasie zusammenschrumpfen dürfe.

Gerade aber vor diesem Manne wollte sie nicht klein, nicht unbeständig und feig erscheinen.

»Ich bleibe!« sagte sie vor sich hin und in ihren Augen blitzte es auf wie Kampfesfreudigkeit.

Und fast im gleichen Augenblick entschloß sie sich, großmütig und zart, Frau Steinbrück die Situation zu erleichtern, hinunterzugehen und mit ihr zu plaudern, als ob nichts geschehen sei. Sie fühlte tief, daß es ihre Pflicht sei, durch ihr Benehmen jener Frau eine Lehre zu geben, eine von jenen Lehren, die nur vornehme Seelen zu erteilen vermögen.

Aber ehe sie noch ihren Entschluß abführen konnte, stürmte Signe herein, daß blonde Haar wie immer etwas zerzaust, die schmächtige Gestalt noch in einen Morgenrock gehüllt, dem ein abgerissenes Stück Spitze nachschleppte.

»Sie wollen nach mir kommen von jetzt an,« rief sie, Irene umarmend, »o, ich bin selig. So sollen wir immer zusammen sein.«

»Woher wissen Sie das?« fragte Irene staunend.

»Als Fribo eben ging, Patienten zu behandeln, guckte er in Zimmer bei mir und sagte: Sie werden von nun immer bei Tom und mir speisen und ich soll immer begreifen, daß sie uns Ehre geben, wenn Sie bleiben. Ich könnte nicht alles verstehen, aber Sie werden sagen, was das ist.«

»Es ist mein Wunsch, Ihnen eine Schwester zu sein,« rief Irene und umarmte die junge Frau.

Er hat also nicht an mir gezweifelt, dachte sie befriedigt, er hat mir Kraft und Großmut zugetraut.

Und plötzlich fühlte Irene sich von einem großen Glücksgefühl ergriffen, darüber, daß sie hier bleiben sollte, und ihr kam es vor, als habe sie die arme Signe ganz unaussprechlich lieb.

* * *

Signe strahlte vor Freude und Wichtigkeit. Sie war wie ein Kind, dem man ein Spielzeug geschenkt hat, um das sich andere auch bewarben und welches nun wichtig und triumphierend sich des erhaltenen Vorzugs rühmt. Sie wich Irenen nicht von der Seite und Herr Tom war sichtlich befriedigt, daß nun seine Frau ihn nicht mehr quälte. Er entzog sich gleich am ersten Abend der Pflicht, sie zu einem Abendessen mit nachfolgendem Tanz bei irgendeinem Onkel Steinbrück zu begleiten, unter dem Vorwand, daß er einen Geschäftsfreund da habe und sich demselben widmen müsse. Seine Frau ging ja mit seiner Mutter und mit Irene. Da war er glücklicherweise überflüssig.

Irene hatte vor dieser Gesellschaft gezittert. Dort zuerst sollte sie Fribo Steinbrück wiedersehen, dort dem Mann mit gleichgültigen Mienen begegnen, dem sie so in Leidenschaften gegenübergestanden.

Sie hatte umsonst gezittert. Fribo Steinbrück war nicht erschienen und seine Mutter erzählte, er habe etwas von einigen wichtigen Krankenbesuchen gesprochen.

Irene wußte, er wich ihr aus. Die große Enttäuschung, welche ihr das hervorrief, erklärte sie sich klügelnd so:

Wenn man einem Feind zu begegnen hoffte und sich siegreich mit ihm zu messen dachte, ist man natürlich enttäuscht, wenn er sich uns erst gar nicht stellt, dachte sie.

Das Zusammensein mit Signe gefiel ihr sehr gut. Sie entdeckte in der jungen Frau eine wahrhaft kindliche Heiterkeit, welche zuweilen ihr schwermutsvolles Grübeln oder ihr unzufriedenes Murren durchbrach.

Signe schien ihr überhaupt so unfertig und unausgeglichen wie ein Mädchen von vierzehn Jahren.

In Schränken und Truhen, in Kisten und Kasten bewahrte Signe ihre Ausstattungsschätze mit einer geradezu andachtsvollen Sorgsamkeit und Ordnung und ward nicht müde, ihrer neuen Freundin stolz zu zeigen, was die Mutter ihr geschenkt, der Vater ihr gekauft, was in ihrer Heimat gefertigt worden war.

Anderseits lief sie mit schlecht geordnetem Haar und abgerissenen Spitzen umher.

Als Irene ihr das zu verstehen gab, sagte sie gleichgültig:

»Es ist doch allen hier einerlei, ob ich schlecht oder nett aussehe.«

Am Mittag des folgenden Tages, als das Stubenmädchen schon die Speisen auftrug, fiel Signe ein, daß Tom zu diesem Tag Anny Bewer eingeladen hatte.

Sie befahl noch schnell, ein Gedeck aufzulegen und fragte, ob man dem Herrn gemeldet habe, daß aufgetragen sei.

Jawohl, fünf Minuten vor dem Anrichten schon.

Der Braten dampfte. Signe ging nervös hin und her.

Endlich kam Tom, das vergnügte Gesicht wie immer voll Ruhe und Unbefangenheit. Man setzte sich. Er entschuldigte sich nicht, daß er habe warten lassen.

Nach den ersten Bissen sagte er:

»Natürlich – die Teller sind kalt, das Essen ist kalt. Die alte Geschichte.«

»Wie kann das Essen warm sein, wenn du nie präzise kommen willst,« rief Signe empört.

»Man soll nicht eher auftragen, als bis ich da bin,« sprach er und trank sein Glas Wein in einem Zug hinunter.

»Dann sollte es in der Küche alles verkochen und verbraten,« sagte Signe.

»Es ist mir einerlei, wie du es machst; das ist für eine gute Hausfrau, wie sie bei uns so erzogen werden von umsichtigen Müttern, alles möglich,« erklärte Tom, ohne sich im geringsten zu erregen, wodurch das Verletzende seiner Worte nur noch kränkender für Signe ward.

In ihren Augen standen Tränen. Ohne Irenens Gegenwart wäre ein maßloser Streit entbrannt. Aber beide Gatten beherrschten sich.

»Warum Anny Bewer nicht gekommen sein mag?« fragte Irene in die Stille hinein.

»So, sollte die heute kommen?« fragte Tom entgegen.

Signe ließ Messer und Gabel vor Erstaunen sinken und sah erst Tom, dann Irene an, als wolle sie fragen, ob nur so etwas möglich sei.

»Du hast ihr vorgestern auf der Straße getroffen und gesagt, daß sie heute bei uns speisen soll,« rief Signe.

»Ich?« Tom lachte. »Ist mir nicht eingefallen.«

»Aber doch, sicher!«

»Bitte, streite nicht, Signe. Ich habe Anny Bewer nicht gesehen. Das war, glaube ich, vorige Woche mal oder so,« sagte Tom und suchte in dem Mixed Picklesschüsselchen nach Gurkenstücken, die er gern aß.

Signe bebte vor ohnmächtigem Zorn.

»Es ist zu schrecklich,« rief sie, »es ist nun ganz gewiß und du streitest. Nicht ich.«

Nun ging der Wortkampf noch eine ganze Weile, wobei Tom immer seelenruhig blieb, als langweile ihn die ganze Streiterei, und Signe glühte und zitterte.

Man sah es, sie zehrte sich auf in dem heißen Willen, recht zu behalten.

Endlich stand sie auf, holte aus ihrem Zimmer eine Postkarte und warf sie Tom hin.

Tom las ungerührt und ohne weitere Beschämung:

»Liebe Signe! Traf gestern Tom in der Post; auf seine Einladung zu morgen konnte noch nichts Bestimmtes sagen, weil wieder sehr elend. Aber ich bin nun doch so frei.

Deine Anny B.«

»Na ja, siehst du,« setzte er sogar noch mit einer Wortspalterei hinzu, die Irene geradezu baff machte, »in der Post, nicht auf der Straße. Übrigens habe ich ja was anderes in den Kopf zu nehmen, als euren Weiberkram.«

Das peinliche Gefühl, Zeuge solcher Szenen zu sein, was sonst jeden befällt, der einem Familienstreit beiwohnt, kam in Irenen vor lauter Erstaunen gar nicht auf.

Wie war dies möglich? Und zwar möglich vor den Ohren des ein und aus gehenden Dienstmädchens?

Zwei erwachsene gebildete Menschen, welche sich aus freier Wahl als Lebensgefährten aneinander gesellt hatten, verbitterten sich die Tage durch Streit um solche Kleinigkeiten?!

Hatte man denn in der Ehe nicht genug zu tun mit den großen Fragen, die immer entstehen müssen, wenn zwei verschieden gebildete, beanlagte und erzogene Wesen trachten lernen, sich zu verstehen?

War denn dies »selige Kampfesarbeit«, von welcher sie in so stolzen Worten zu Frida gesprochen?

Man stritt sich um ein kaltes Essen – die Anschaffung irgendeiner Wärmemaschine für die Tafel hätte den Streit beseitigt; man befehdete sich um eine erlassene und vergessene Einladung – ein kurzes Wort, ein einfaches »ich erinnere mich nicht, aber es kann ja sein« hätte den Streit im Keim erstickt.

Aber nein, an diesen törichten Nebensachen entflammte die phantasievolle Signe sich zum Haß, erkaltete der phlegmatische Tom zur Gleichgültigkeit.

Sie hafteten an niederen Kleinigkeiten, anstatt zur Höhe emporzutrachten.

Oben freilich können Gewitter sein, unten aber ist gewißlich Sumpf.

Aber lieber vom Blitz erschlagen, vom Donner erdrückt, als so untergehen. Irene war es, als ob sie nun erst recht erkenne, weshalb sie nicht geheiratet hatte, es war das ahnungsvolle Bangen vor der Alltäglichkeit, vor dem Niederdrückenden gewesen. Mit Gewalt riß sie sich aus ihren Gedanken.

»Ich könnte morgen oder heute besser noch zu Anny Bewer gehen,« sagte sie. »vielleicht ist sie wieder krank.«

»Heute bitte nicht,« sprach Tom mit seinem guten Lächeln, um dessentwillen man ihn liebhaben mußte, trotz alledem, »denn ich möchte Ihre Gesellschaft nachher nicht missen. Es kommt ein Landsmann meiner Frau, der sich hier einige Zeit aufhalten will und den ich Ihnen nachher vorzustellen wünsche.«

»O!« rief Signe mit plötzlich freudehellem Gesicht. »Einer von Schweden? Und du sagst es so nebenbei. Kenn' ich ihm?«

»Ja,« sagte Tom gemütlich, »das sollte eine kleine Nachtischüberraschung für dich sein. Er kennt deinen Vater sehr gut. Vielleicht hast du den Namen einmal gehört: Arvid Lederström. Er ist von Falun, wo seine Familie große Eisenwerke besitzt und für einige Zeit bei uns – durch deines Vater Vermittlung – als Volontär eingetreten, um Deutsch zu lernen, speziell das kaufmännische Deutsch.«

Signe fiel ihrem Gatten um den Hals.

»Ja, ich kenne ihn von Namen. Er ist ein Edelmann. Wir,« sagte sie erklärend zu Irene, »haben kein ›von‹ vor Edelnamen, aber wir kennen sie am Klang: Rosenblad und Nordenfalke und Lederström und Adlersparre – so verstehen Sie – Namen, wo das Wappen des Geschlechtes den Sinn des Namens schon erklärt. Ich bin eine Nordenfalke.«

Irene war froh, eine gute Stimmung hergestellt zu sehen. Sie tat allerlei Fragen und danach ging ein Wortstrom ohne Ende aus Signes Mund. Sie beschrieb wieder ihre Heimat, ihr Elternhaus, Stockholm und dabei bemerkte Irene mit Erstaunen, daß Signe heute die Lage eines Königsschlosses beschrieb, welches sie neulich nicht zu kennen erklärte.

Auch auf die Heimat des erwarteten Herrn kam die Rede und Irene wußte im Augenblick nicht genau, an welchem Fluß oder See denn gleich Falun liege.

Da beschrieb Signe mit den begeistertesten Worten und einer hinreißenden Wärme in ihrer drolligen, spitzigen Aussprache des Deutschen und mit den größten Fehlern im Satzbau und Artikel, den Dalelf und die waldigen Felsenberge, die sanften Täler und das wilde Brausen des Westerdals, der von dem Gebirge herab sich niederwärts zum Dalelf stürze und Holzwerke und Mühlen treibe, vom Glühen der Hochöfen erzählte sie und vom pochen der Eisenwalzwerke. Sie erregte sich dabei so, daß ihr Tränen des Heimwehs und der Begeisterung in den Augen standen.

Irenens Blick streifte zufällig Tom, der mit einem Gesicht voll ergebener Geduld dasaß und unhörbar mit den Fingern auf den Tisch trommelte.

Wie, als hätte es ihr jemand laut gesagt, so deutlich wußte Irene plötzlich, daß die junge Frau niemals in Falun gewesen war.

Und ihr Auge, das gespannt an dem beredten Mund gehangen, wich verlegen aus.

Das sah wohl Signe, denn sie brach in jäh entstehender Verwirrung ab und sagte nur noch:

»Könnte ich es auf Schwedisch sprechen; in Deutsch klingt es arm.«

Tom erhob sich.

»Ich muß ins Kontor,« sagte er, »also um sieben Uhr komme ich mit Cederström. Mama und Fribo kommen auch, da sie ihn kennen lernen müssen.«

»So sollen wir an ein Abendbrot denken,« rief Signe vergnügt.

Die Dämmerung war unterdessen hereingebrochen und im Eßzimmer, dessen Fenster ohnedies nur auf einen schmalen, das Haus vom Nachbargebäude trennenden Durchgang sahen, herrschte fast völlige Dunkelheit. So blieb es Tom und Signe verborgen, daß Irene errötete.

Wie unangenehm! Nun sich heute in einem so engen Kreis zu sehen, wo wahrscheinlich Signe, Tom, der Fremde und vielleicht auch Frau Steinbrück nur Schwedisch sprechen würden.

Aber kaum hatte Signe in ihrem reizenden Rokokozimmer die Lampen anzünden lassen, als Frau Steinbrück eintrat.

Sie begrüßte Irene mit großer Herzlichkeit und so verbindlich, daß Irene doch etwas bitter dachte: weil ich aus »Sport« und nicht aus Not diene, bin ich ihr viel lieber und menschlich nähergerückt.

Frau Steinbrück streifte die drei großen Lampen, die unter gelblichen, blumengezierten Spitzenschleiern brannten und dachte: eine wäre, bis der Besuch kommt, einstweilen genug gewesen.

»Ich wollte nur Fribo entschuldigen,« sagte sie eilig, »der arme Junge hat wieder über Land müssen, ließ er mir melden.«

Irene wandte sich ab und preßte die Lippen zusammen.

Dachte Fribo Steindruck etwa, er sei ihr so wichtig, daß sie immer noch vor einer Begegnung mit ihm zittere und hatte er etwa deshalb heute wieder abgesagt?

»Wenn ich ihn treffe, will ich ihm zeigen, daß alles vergessen und ausgelöscht ist, und daß er mir eine ebenso gleichgültige Person ist, wie am ersten Tag meines Hierseins,« sagte sie sich.

Frau Steinbrück aber hatte noch mehr auf dem Herzen. Sie war etwas ärgerlich, weil sie eine Spielpartie hatte absagen müssen wegen dieses Schweden, aber sie war gewöhnt, die Geschäftsinteressen vorgehen zu lassen. Und in dieser Stimmung war ihr nun jene Äußerung Signes wieder eingefallen, welche man ihr zugetragen.

»Und dann hör' mal, Signe, was hast du wieder für einen Schnack gemacht. Ich bin sehr empört. Du sollst gesagt haben, hier seien die Börsen voll und die Herzen leer und du haßtest alle, die in der Stadt wohnen, alle, ohne Ausnahme.«

Sie wird leugnen, dachte Irene, und um des Friedens willen wird Frau Steinbrück ihr glauben, oder doch so tun, als glaube sie.

Aber es kam anders.

»Ja,« rief Signe mit leuchtenden Augen, »ich lüge nie. Ich habe so gesagt und so ist meine Meinung. Und wenn ihr mein Leben dafür wolltet: ich habe so gesagt.«

Hier, wo Irene und jedermann eine Lüge nicht verziehen, aber doch entschuldigt hätte, wo wirklich das viele Wiedererzählen die Äußerung übertrieben haben konnte, hier leugnete sie nicht und behauptete noch obenein: »nie zu lügen«.

Frau Steinbrück zuckte die Achseln.

»Man kann höchstens annehmen, du weißt nicht, was du sagst, weil du der deutschen Sprache nicht so mächtig bist,« sagte sie und ging hinaus.

Die junge Frau saß auf einem Sesselchen, dem die Rückenlehne fehlte und der nur zwei zierlich geschnitzte Armstützen hatte; auf diesen lagen flach ihre Hände und mit den Füßchen schlug sie Takt auf dem Teppich. Sie sah ihrer Schwiegermutter triumphierend nach.

»O,« sprach sie, »ich weiß ganz gut, was ich gesagt habe und kenne sehr gut die deutsche Sprache.«

Irene kniete neben ihr nieder und umfaßte die überschlanke Taille mit beiden Armen. So sah sie empor in das zarte Gesicht und sprach zärtlich, beschwörend:

»Liebe Signe, warum wollen Sie denn so feindliche Gefühle großziehen in Ihrem Herzen. Sie ist doch die Mutter des Mannes, den Sie aus Liebe geheiratet haben, und ich glaube, sie meint es wirklich gut mit Ihnen.«

»Sie meint es gar nicht mit mir,« sagte Signe hartnäckig, »sie haben kein rechter Haß und keine rechte Liebe. Sie will mir nichts Böses, und ich hasse ihr auch gar nicht ein bißchen. Aber wir bleiben Fremde. Immer, das ist gewiß.«

Plötzlich verzerrte sich ihr Gesicht und die schönen blauen Augen flammten.

»Wissen Sie, was man gesagt hat zu mir, als mein Baby tot gewesen ist? Man muß nicht immer weinen, haben sie gesagt, das kommt vor und bei andern Menschen auch. So ein Kind von sechs Wochen ist nicht viel, sagen sie. O, es war so viel, wie ein Himmel, und ich konnte immerzu weinen, weil ich es verloren hab'. Man muß wieder in Gesellschaft gehen, sagt Frau Schwiegermutter, man muß nicht albern sein. Und doch tat sie die ersten acht Tage auch getrübt wegen Baby. Das war Lüge. Das, das! Und so vieles, was sie tun. Und sie meinen, ich lüge.«

Schwere, heiße Tränentropfen rannen über das junge Gesicht, das in diesem Augenblick wieder so elend aussah, zum Erbarmen.

Auch Irenens Augen waren feucht.

»Armes Herz,« sagte sie und wischte mit ihrem Tuch Signes Tränen ab, »ich ahne, was Sie gelitten haben. Aber hätten Sie nicht gerade dann suchen sollen, sich fester an den Gatten zu schließen?«

Signe schüttelte das Köpfchen.

»Er hat keine Zeit. Morgens früh geht er in Kontor und kommt immer nur zu Tisch eine Stunde herauf. Abends sind wir in Gesellschaft oder haben Gäste. Und er ist so. Sie haben gehört heute mittag. Er vergißt alles und streitet dann. Und es ist ihm alles egal, außer verdienen im Geschäft.«

»Haben Sie nie daran gedacht, ihn zu erziehen, dadurch, daß Sie ihm zeigten, wie man seine Fehler ablegt?« fragte Irene, die wohl fühlte, daß sie nicht unbescheiden war, wenn sie sich in diese Ehe mischte.

»Würde nichts nützen,« sagte Signe ergeben, »und ich soll Fehler ablegen? welche denn? Hab' ich mehr, als sonst alle Menschen haben?«

Irene mußte zu dieser naiven Frage lächeln. Mit der größten Vorsicht sagte sie leise: »Sind Sie immer wahr, liebe Signe? Ich denke an die Geschichte mit der Konditorei und an anderes.«

Diese Bemerkung nahm Signe keineswegs übel. Sie dachte nach und dann sagte sie lebhaft:

»Oft ist es, daß ich nicht wie ein kleines Kind alles sagen will. Und noch oft, was ich nicht zu erklären verstehe, wenn ich an Städte und Gegend denke, davon ich welche kenne und welche nicht gesehen habe, ist es so sonderbar. Ich spreche und im Sprechen kommt es mir vor, als habe ich das alles gesehen und es genierte mich, zu sagen: Da und da war ich nicht, besonders in mein Vaterland. Und mit einmal hab' ich schon davon gesprochen, als hätten meine Augen es gesehen. Dabei sehe ich es dann vor meinem Geist. Was ist das? Auch Lügen?«

»Das ist Ihre Phantasie, liebes Kind,« sagte Irene, »welche Sie nicht zu leiten verstehen. Aber es liegt eine Gefahr darin, ihr nachzugeben.«

»O, ich möchte immer so erzählen dürfen, was nicht wirklich ist und was ich in mein Kopf sehe,« sprach Signe vor sich hin; »für den Geburtstag von mein Vater hab' ich einmal große Sache gemacht, alles erfunden und in Versen. Berühmter Professor Kyellund hat gesagt, das war reizend und hat nicht gesagt, das war Lüge.«

»Aber man dichtet nicht im Leben, im Gespräch,« rief Irene erschreckt.

Ob Fribo, der Mitleid und Verständnis für die junge Schwägerin zu haben schien, das wußte? Ob er ahnte, wie groß die Verworrenheit und wie groß auch der Reichtum in diesem Köpfchen war? Wie ihr Gemüt darbte und wie ihr Bedürfnis nach Poesie unbefriedigt war?

Nein, Wärme und Poesie waren freilich in diesem ehrenhaften, gediegenen Haus nicht zu finden.

»Als ich Baby hatte, habe ich Wiegenlieder für Baby gemacht, – schwedische, das war so süß.«

Irene schwieg. Sie fing an zu begreifen, daß es nicht so leicht sein würde, diese junge Frau zu beeinflussen. Sie fühlte sich traurig und bedrückt.

Signe freilich schien die Erinnerung an dies Gespräch schnell abgestreift zu haben. Sie strahlte am Abend in einer Schönheit, deren Anblick fast betroffen machte. Licht und blond und blauäugig erschien sie wie eine Märchengestalt aus ihrer sagenreichen Heimat. Sie hatte sich auch mit großer Sorgfalt gekleidet, damit Arvid Cederström nach Hause schreiben solle, er habe Signe schön und glänzend gesehen.

Sie sprach unaufhörlich mit der sie zuweilen befallenden Lebhaftigkeit in den Fremden hinein und ließ ihm kaum Zeit, ihre Fragen zu beantworten.

Die Steinbrücks fanden das natürlich und gönnten dem armen Kind, dessen stetes Heimweh sie kannten, dieses Aussprechen mit dem Landsmann. Mutter und Sohn unterhielten sich mit Irene.

Der Schwede war ein junger Mann von vielleicht vierundzwanzig Jahren, sehr schön gebaut, mit einem blassen Gesicht, das schon Spuren allzu frühzeitiger Lebenskenntnis trug. Er sah vornehm aus und hatte bei seinem weißblonden Haar und Schnurrbart ein graues, feuriges Auge. Natürlich war er entzückt, eine so reizende Landsmännin gefunden zu haben und nach der ersten halben Stunde schien es ihnen beiden, als seien sie uralte Freunde.

Sie verabredeten ein tägliches Zusammensein und Arvid versprach, alle nordische Literatur, welche er mitgebracht, Signe zur Verfügung zu stellen.

Tom und seine Mutter verstanden beide Schwedisch, doch hörten sie den Gesprächen kaum zu, da die Literatur sie herzlich wenig interessierte und sie speziell von der nordischen gar nichts wußten, außer vielleicht den Namen Ibsen, und daß das ein Mensch sein sollte, der verrückte Stücke schrieb, welche man im Theater nicht aufführte, ihres unbefriedigenden Schlusses wegen, denn solche Stücke machen nicht einmal Kasse.

Irene aber verstand kein Wort von Signes Muttersprache. Wie hätte sie gezittert, wenn sie verstanden haben würde.

»Ich bin sehr glücklich, meine teure und verehrte Frau, Sie, die Tochter eines mir so lieben Mannes, in so befriedigenden Verhältnissen zu finden. Ihr Vater, meines Vaters bester Freund, sagte mir beim Abschied: ›Arvid, du wirst mir die Wahrheit über meine Tochter schreiben und mir berichten, ob sie verstanden wird, ob sie sich befriedigt fühlt.‹ Ihr Vater denkt auch so hoch und groß von der Ehe. Wir haben oft zusammen über die ›ideale Forderung‹ gesprochen und er meint, wie ich, daß sie in der Ehe befriedigt werden muß, oder die Ehe ist eine Lüge und darf nicht fortbestehen.«

Signe machte große Augen.

»Die ›ideale Forderung‹, was ist das?«

»Ich werde Ihnen morgen die ›Wildente‹, ›Puppenheim‹ und ›Die Frau vom Meere‹ bringen. Es ist zwar einer von Norwegen, der es schrieb, aber es ist doch groß. Dann werden Sie verstehen. Die ›ideale Forderung‹ ist in großen Zügen die, daß die Gatten im Geist und in der Wahrheit völlig eins sind, daß gar kein Mißverstehen, gar keine Kleinlichkeit zwischen ihnen ist und daß sie auch über die letzten Ziele der Arbeit an sich und der vorbildlichen für ihre Mitmenschen einig sind,« erklärte Arvid.

»Ah,« sagte Signe mit funkelnden Augen, »die Bücher will ich lesen, um ganz zu verstehen. Eins weiß ich aber schon so: vorbildliche Arbeit für unsere Mitmenschen haben Tom und ich nicht getan.«

»Doch vielleicht unbewußt,« versicherte Arvid voll Eifer, »indem Sie durch die heilige Wahrheit Ihrer Ehe ein Beispiel geben.«

»O, mein Gott,« sagte Signe mit einem bitteren Zucken um die jungen Lippen.

Arvid sah sie an, groß und ohne sonderliches Staunen.

Also auch hier vielleicht doch nur ein träges Nebeneinander und kein Erkennen höchster Pflichten, dachte er zweifelnd, aber woher dann dieses strahlende Lächeln?

Freilich, er mußte sich gestehen, daß es in dem Augenblick verschwunden war, als er von dem Glück ihrer Ehe zu sprechen begonnen.

* * *

Es war ein wunderschöner Wintertag. In den Straßen der Stadt sah es schmutzig aus; auf den Fahrdämmen war ein grauer Schlamm, auf den Bürgersteigen standen vor jedem Hause geschäftige Männer und pochten mit eisernen Klopfern die festgetretene Schneeschicht von dem Asphalt. Die klingenden Töne hatten etwas Fröhliches und ein leuchtend blauer Himmel sah auf die alten, grauen Gassen herab. Mit hochgerafften Kleidern gingen die Damen vorsichtig einher. Der Verkehr war ein besonders belebter, jedermann schien sich der laueren Luft und der lachenden Sonne zu freuen.

Als Irene durch die Hauptstraße dem Tor zuwanderte, vor welchem Anny Bewer wohnte, machte sie mit heiterem Erstaunen die Entdeckung, daß sie sich schon ganz heimisch in dieser Stadt vorkam. Viele Herren und Damen grüßten sie, in einigen Läden war sie schon mit Frau Steinbrück oder mit Signe gewesen, sie fand sich ohne Nachfrage auf ihrem Wege zurecht.

Aber mehr noch als dies äußerliche Vertrautsein stutzte sie oft über ihre völlige, seelische Hingabe an die neuen Verhältnisse. An ihren Vater und ihr Heimathaus dachte sie so oft und mit der innigsten Liebe, aber sie dachte daran wie an etwas, das uns nicht mehr gehört – oder wie ein Schulkind an die Ferien, sagte sie sich selbst lächelnd; die täglichen Pflichten, die stündliche Hingabe forderten diese Familie von ihr.

»Die gute Johanne Ebermann hat sich dennoch völlig geirrt, als sie mir die Fähigkeit absprach, mich zu fügen,« dachte sie.

Wäre Johanne Ebermann als Beobachter hier gewesen, sie würde mit ihrer nüchternen Art, die Tatsachen klarzustellen, Irenen gesagt haben, daß die Probe auf das »sich fügen« eigentlich noch gar nicht gemacht sei, und daß Irene sich im Grunde nur in der Rolle eines Zuschauers befände, der neugierig im Parterre sitzt und wartet, wie sich das Stück entwickeln soll.

Vor dem Tor, dessen schwarz und roter, altertümlicher Backsteinbau sich turmartig über einem Bogendurchgang erhob, sah es freundlicher aus als drinnen in den Straßen. Hier hatte das sachte beginnende Tauwetter noch nicht an der hohen Schneedecke saugen können und in den Gärten der Villen sah es noch still-festlich weiß und weihevoll aus. Auf dem Gebreit der sich tiefniederlegenden Tannenzweige ruhten Schneelasten, die Wege zu den Häusern führten durch Schneewälle, die man aufgeworfen hatte, um die Fußsteige zu befreien. Die Sonne schien und die Spatzen lärmten unbändig.

Anny Lewer wohnte in einer kleinen Seitenstraße, welche sich von dem eleganten Villenquartier abzweigte. In einem freundlichen Haus mit einem Vorgärtchen fand Irene eine kummervoll aussehende Frau in Trauer. Auf die Frage nach Fräulein Bewer verwies die Frau Irene an eine Tür im Hintergrund des Flures.

Richtig, an der braun gemaserten Türfüllung war mit vier Stiftchen eine Visitenkarte angeheftet:

»Anny Bewer, Lehrerin.«

»Herein!« rief die scharfe Stimme von drinnen.

Irene trat ein. Sie kam in ein großes Zimmer, dessen Fenster auf einen kleinen, von geteerter Holzplanke umschrankten Bleichplatz sahen; aus dem Schnee ragten die Zeugpfähle auf, zwischen zweien spann sich eine mehrfach geknotete Leine und etwas Kinderwäsche hing daran.

Das Zimmer war in der einen Ecke durch eine spanische Wand abgeteilt, dahinter mochte Anny Bewers Bett stehen. Sie lag jetzt auf einem großen, alten Sofa, ein Kissen aus dem Bett im Rücken, einen roten Atlaspummel unter ihrem Kopf. Sie hatte einen Morgenrock an von grau und marineblau gestreiftem Flanell, der ihr viel zu weit schien.

Die Sonne lag freundlich auf den alten, gut gehaltenen Möbeln und blinkte in einer Glasvase wider, die auf dem Tisch stand. Einige Stengel Maiblumen blühten in diesem Glase. Aber ihr zarter Duft vermochte nicht den Geruch von Baldriantee zu durchdringen, der scharf die ganze Luft füllte.

Das Sofa stand an der fensterlosen Längswand, und Anny Bewer lag so, daß sie mit dem Gesicht zur Tür, nicht zu den der Eingangstür gegenüberliegenden Fenstern sah.

»Ach Sie!« sprach sie mit einem Schein von Freundlichkeit und streckte Irenen die Hand hin.

Sie sah mager und hohläugig aus. Aber ihr Haar war sorgsam geordnet und um den Hals trug sie ein frisches, weißes Tüchlein.

Irene sagte ihr, daß ihr Ausbleiben Signe und sie in Sorgen versetzt habe.

»Hat Fribo Ihnen denn nicht gesagt, was ich ihm auftrug?« frug Anny. Sie hatte gestern ihren Vetter holen lassen und ihm nach Beendigung der ärztlichen Konsultation eine lange Bestellung an Irene aufgetragen.

»Kein Wort.«

»Aber er ist doch sonst gewissenhaft und nimmt Rücksichten auf mich. Er, der einzige! Den anderen ist es immer nicht der Mühe wert, was Anny Bewer sagt.«

»Er hat gewiß soviel zu tun gehabt,« sagte Irene verwirrt.

Also soweit ging seine Zurückhaltung! Nicht einmal einen Gruß der kranken Anny Bewer bestellte er – um nicht mit ihr sprechen zu müssen!

Anny erzählte, immer in ihrem mürrischen Ton, daß sie um Irenens Besuch und einige Bücher habe bitten lassen. Da Irene von selbst gekommen, sei's ja gut und die Bücher hätten Zeit.

Was ihr denn fehle? Ach, die alte Leier. Schlaflose Nächte, Blutarmut und Nervenschwäche, daß man sich den Tod wünsche. Wenn's noch eine gehörige, akute Krankheit sei – da wolle sie sich deren freuen, denn daran könne man wenigstens sterben.

»Aber, liebe Anny,« sprach Irene, die Hut und Mantel abgelegt hatte und neben dem Sofa saß, »Sie werden genesen und dann mutvoller in das Leben blicken. Sie sollten im Sommer ein Bad aufsuchen.«

»Tue ich alle Jahre, Tante Steinbrück schenkt immer dreihundert Mark dazu, den Nest spar' ich mir vorher am Munde ab. Und dann heißt es das ganze Jahr: ich kann gar nicht begreifen, daß Anny schon wieder klagt, sie ist doch im Sommer vier Wochen in Pyrmont gewesen. Jawohl, die wissen viel, was solche Badereise nützt. Man reist ohne jeden Komfort, man dreht jeden Groschen um, ob er auch überflüssig ist und lebt in beständiger Angst, nicht auszukommen. Und dann, wenn die Nerven noch von den Bädern zittern, das Blut noch erregt zirkuliert, dann heißt es: hinein in die Arbeit und jeden Tag wieder die fünf Stunden gestanden in der Schulstube. Ach!«

Soviel Ekel und Überdruß lag in dem letzten Ausruf, daß Irene sagte:

»Haben Sie denn nie, niemals versucht, sich durch Resignation, oder durch Mut über Ihre schwere Arbeit zu erheben, statt in stetem Groll unter ihr zu erliegen? Gerade Ihrem Beruf ließen sich doch ideale Momente abgewinnen.«

Anny Bewer fing laut an zu lachen. Ein Lachen, demgegenüber Irene sich wie ein Kind vorkam.

»Ideale Momente! Gott, was für eine schöne Redensart. Kinderseelen bilden? He? Das meinen Sie? Ja – meine Kinder! Wenn es meine wären! O, ich hätte einen Gatten haben mögen, Kinder, einen eigenen Herd. Ich war geboren, Weib und Mutter zu sein. Ich bin eine alte Jungfer geworden. Ich war prädestiniert von Gänseleber und Heidsick zu leben und trinke Baldriantee und esse Milchsuppe, Wurst und Kartoffel. Das nennt man, seinen Beruf verfehlt haben.«

Und sie lachte wieder.

»Sie quälen sich und mich mit solchen Reden,« sagte Irene bittend. »Niemand ist wohl so gebettet, wie er liegen möchte und es gibt doch noch eine gewisse Kraft im Menschen, die man Selbstüberwindung nennt und vermöge deren wir wenigstens lernen sollten, würdig zu dulden.«

»Ich danke Ihnen für die Lektion,« sagte Anny trocken. »Ich weiß schon, gerade Sie haben eine gewisse Berechtigung, dergleichen zu predigen. Fribo hat mir so etwas gesagt. Sie haben's eigentlich nicht nötig und sind nur in die Fremde gegangen, um sich nützlich zu machen. Für Sie mag sich's ja noch der Mühe lohnen, an sich zu arbeiten. Man kann dem Mann gratulieren, der einmal gut davon haben wird.«

»Ich glaube nicht, daß ich je heiraten werde,« versicherte Irene mit rotem Kopf.

»Das sagte ich auch,« sprach Anny Bewer spöttisch, »solange ich nach die entfernteste Hoffnung hatte. Heute bin ich aufrichtiger. Ich hätte brennend gern geheiratet. Das Ledigbleiben ist außerdem ungesund.«

Und das alternde Mädchen mit dem scharfen Gesicht rückte sich seine Kissen zurecht. Sie griff nach einem Glase mit Wein, das halbvoll auf dem Sofatisch stand und trank es leer.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten?« fragte sie dann, »alter Malaga von Tante Steinbrück, oder Rotwein von Onkel Fritz, oder Cakes von Kusine Hilda? Sie sehen, es fehlt mir an nichts. Für eine Almosenempfängerin bin ich großartig verproviantiert.«

»Ich danke. Aber wer hat Ihnen denn die Maiblumen gegeben? Die sind doch keine Almosen.«

In Anny Bewers matten Augen flackerte ein unruhiger Strahl auf.

»Fribo – gestern,« sagte sie in ihrer harten Art. »Er ist manchmal gnädig. Er denkt, daß es gerade mir, gerade vor allen Menschen mir wohltut, wenn man mir Überflüssiges bringt. Den Wein und das alles muß ich haben, damit ich ihnen nicht dauernd arbeitsunfähig werde. Aber Blumen – Blumen –«

Ihre Stimme war weich und leise geworden. Irene hatte Herzklopfen. Sie sah die kleinen Maiblumenstengel an, als könnte sie mit ihnen sprechen. Ja, gut war er, das hatte sie vom ersten Tag an gefühlt, dieser hochfahrende, selbstbewußte Mann.

»Erzählen Sie mir doch etwas Neues. Sie gehen doch alle Tage aus mit den Steinbrücks, was erzählt man sich in der Stadt? Hat man Fribo schon wieder verlobt? Mit wem diesmal? Nach jeder Gesellschaft heißt es so. Hat er schon seinen Idealbackfisch gefunden, der sich von ihm zurechtschulmeistern läßt?«

In Irenens Herz wallte Schmerz und Bitterkeit auf. Also auch Anny Bewer wußte von seiner selbstischen und hochmütigen Idee über die Ehe. Das Programm seiner Heirat war also eine so feststehende und allbekannte Sache, daß man schon seinen Verkehr mit den jungen Damen daraufhin beobachtete.

»Ich weiß nichts,« sagte sie schroff, »Herr Doktor Steinbrück ist für mich nicht wichtig genug, als daß ich mich damit befassen möchte, ihn zu beobachten.«

»Gott sei Dank,« rief Anny Bewer, »endlich einmal ein weibliches Wesen, welches sich nicht sofort in ihn verliebt hat.« Aber sie sah Irene doch sonderbar aufmerksam an.

»Ich finde nun wirklich nicht,« sagte Irene, »daß er zu den Männern gehört, die man zu den Löwen rechnet. Er ist weder so schön, noch so einschmeichelnd, noch so überlegen weltgewandt, um die Rolle eines Ladykiller spielen zu können, abgesehen davon, daß ihn solche Zumutung wahrscheinlich beleidigen würde. Denn er ist ein Mann!«

»Sieh, sieh,« dachte Anny Bewer.

»Er ist zurzeit die beste Partie in der Stadt. Natürlich sind alle Damen von sechzehn bis zwanzig, die Aussicht auf seine Beachtung haben, die heiraten möchten, in ihn verliebt. Dann ist er Arzt. Als Patientin verliebt man sich immer in seinen Arzt. Ich auch.«

Sie lachte nervös. Aber Irenen legte sich ein bängliches Gefühl um die Brust. Dies »ich auch« sollte ein Spaß sein und nach Spaß klingen. Aber das Lachen war so erlogen gewesen.

Hatte Anny Bewer mit ihren klugen Augen gesehen, was in Irene vorging?

»Sprechen wir nicht mehr von dem guten Fribo,« sagte sie mürrisch, »er ist ein Pedant und Pedanten sind langweilig.«

Sie fing von ihrer Wirtin an zu sprechen, die eine Doktorswitwe ohne auskömmliches Vermögen sei. Durch Fribos Vermittlung habe sie der Frau diese Stube abgemietet. Fribo behandle auch das sehr kränkliche Kind der Witwe hingebend.

Dann kam Besuch: ein halbwüchsiges Mädchen mit dem Schulranzen. Fräulein Bewer sei krank und da wollte sie, die Schülerin, einmal nachsehen kommen.

Die Kleine kam nicht aus der Verlegenheit und Anny Bewer erleichterte sie ihr durch kein gütiges Wort. Sie war spöttisch und sagte, daß man in der Klasse ruhig sein könne, mindestens acht Tage noch bleibe man befreit von ihr.

»Das Kind kam doch aus Anhänglichkeit,« sagte Irene, als es fortgegangen, »weshalb sind Sie denn immer so stachlig?«

»So,« sprach Anny Bewer gleichgültig, »bin ich stachlig gewesen? Das bin ich immer. Wunderbar, trotzdem lieben mich einige Kinder.«

»Weil die Kinderseelen ahnen, daß Ihr Herz nach Liebe dürstet und sich der Liebe heiß freut,« rief Irene.

»Bitte, kein Pathos,« sagte Anny Bewer gerade wie ihre Tante Steinbrück. Aber sie wandte das Gesicht ab, daß kein Zeuge die zuckende Bewegung auf demselben sähe.

In diesem Augenblick klopfte es.

»Herein!« rief Anny Bewer. Sie flog empor, sie hatte das Klopfen erkannt. Sie strich die Haare glatt und rückte die Gürtelschnur zurecht.

Fribo Steinbrück trat ins Zimmer.

Irene hatte sich unwillkürlich erhoben. Sie war ganz blaß geworden und vor ihren Augen lag ein Schleier.

Fribo grüßte tief, aber er sah sie nicht an und die Hand, welche er Anny Bewer gab, zitterte merklich.

»Was ist dir denn passiert?« fragte Anny Bewer rücksichtslos, »gestern fiel es mir schon auf. Du bist so hager im Gesicht geworden seit ein paar Tagen.«

»Ich habe sehr viel zu tun,« sprach er.

Seine Stimme! Zuerst wieder ein Laut aus seinem Munde, seit sie so feindlich geschieden. Früher hatte Irene nicht gewußt, wie wohllautend und männlich seine Stimme war. Heute fiel es ihr auf.

»Nun, dann hast du wohl deshalb Fräulein von Meltzow nicht um die Bücher gebeten?«

»Die Bücher, welche du wünschtest, habe ich beim Buchhändler für dich bestellt.«

Also ehe er ihr ein Wort gönnte, ging er lieber zum Buchhändler.

Irene griff hastig nach ihrem Hut.

»Ich will gehen,« sagte sie, »ich komme morgen wieder.«

»Fribo, man hilft einer jungen Dame ihren Mantel anlegen,« sagte Anny Bewer.

Fribo Steinbrück warf seinen Hut, den er noch immer etwas hilflos in der Hand gehalten, so eilig auf den Tisch, daß er gleich über denselben hinrollte und jenseits auf den Boden fiel.

»O, ich danke sehr,« murmelte Irene.

Sie bebte am ganzen Körper. Und sie fühlte eine zitternde Hand flüchtig an ihrer Schulter und einen warmen, hastigen Atem ihren Nacken streifen.

»Ich danke sehr,« sagte sie noch einmal leise. Sie wagte nicht, ihn jetzt, da sie sich umwandte, anzusehen. Sie hätte es ruhig können. Dem gefürchteten Blick wäre sie nicht begegnet, denn Fribo Steinbrück sah an ihr vorbei ins Leere.

»Adieu, Anny.«

»Aber so ziehen Sie doch Ihre Handschuhe an,« sagte Anny Bewer mit ihrem boshaften Lächeln, als sie sah, daß Irene ihre Handschuhe eilig in den Muff stopfte, um sie erst draußen anzuziehen.

Irene wurde verlegen und hätte weinen mögen vor Zorn, daß sie verlegen war – sie, Irene von Meltzow!

Sie zerrte sich die Handschuhe über die Finger; ihr war zumute, wie jemanden, der auf der Flucht ist. Anny Vewer sah ihr genau zu und dies Zugucken allein genügte, um nervös zu werden.

Fribo Steinbrück verneigte sich wieder tief und ernst, als Irene soweit war, daß sie gehen konnte.

»Nun,« sagte Anny Bewer, »für zwei Menschen, die Hausgenossen sind, geht ihr ja riesig förmlich und fremd miteinander um.«

»Laß das, Anny,« sagte er mit einem seltsam befangenen Ton, »hierüber, ich bitte dich, erspare mir deine schroffen Bemerkungen. Fräulein von Meltzow ist durch eine Taktlosigkeit meiner Mutter, ist selbst durch Äußerungen von mir unauslöschlich beleidigt worden. Sie ist geblieben, weil sie wohl selbst erkannte, daß ihr Bleiben klüger war. Ich erfasse es aber als meine Pflicht, ihr mein Dasein so wenig wie möglich in Erinnerung zu bringen.«

»Dazu schiene mir ein harmlos gleichgültiger Verkehr der bessere Weg,« meinte Anny, »als diese furchtbar unterstrichene Feierlichkeit. Überhaupt haben solche Situationen etwas Gefährliches. Du wirst dich noch in Irene verlieben.«

In ihren Augen lag lauernde Spannung.

Fribo errötete.

»Ich bitte dich, laß deine spöttischen Torheiten.«

»In eine alte Jungfer,« fuhr sie fort, »in eine Person von vier- oder fünfundzwanzig! Nein, das kann Fribo mit seinen Grundsätzen nicht! Wo bleibt dein Ideal? Weißt du, dann verfalle lieber auf mich. Man sagt, daß ganz besondere Garantien des Glücks gegeben sind, wenn die Frau einige Jahr älter ist.«

Sie lachte unbändig, immerfort, besonders als er heftig und warnend rief:

»Anny!«

Aber dann sagte er nach einmal, aber weich und fast bittend:

»Liebe Anny!«

Da brach ihr Lachen ab und wandelte sich jäh in heftiges Weinen. Zwischen den Tränen sagte sie aber doch noch:

»Siehst du, wie nervös ich bin. Daran sind die unartigen Gören in der Schule schuld.« –

Unterdessen lief Irene fast davon, zur Stadt zurück.

»Nein,« sagte sie zu sich, »es ist unerträglich. Ich hätte nicht bleiben sollen. Ich hätte mir sagen müssen, daß ein Verkehr zwischen ihm und mir eine Unmöglichkeit ist. Vielleicht haßt er mich nicht, vielleicht ist er mir gar gut und wohlwollend gesinnt – denn er hat offenbar so von mir zu Anny Bewer gesprochen. Aber meine Person ist ihm eine lebendige Erinnerung an peinliche Vorkommnisse, an die häßlichsten Mißverständnisse. Muß er sich nicht immer qualvoll der Taktlosigkeit seiner Mutter erinnern, wenn er mich sieht? Muß ihm diese entsetzliche Warnung, daß ich – die arme Gesellschafterin – mich nicht in ihn verlieben soll, nicht jedesmal im Gedächtnis widergellen, wenn er mich sieht? Nein, ich hätte gehen sollen – auch seinetwegen.«

Den ganzen Weg brachte Irene damit zu, sich zu beweisen, daß eine schleunige Abreise jetzt noch das beste wäre. Als sie den Hausflur betrat, war sie entschlossen.

Auf der Treppe begegnete ihr der junge Schwede. Er grüßte verbindlich.

Also war er schon heute morgen gleich bei Signe gewesen.

Ein unerklärliches, banges Gefühl kam über Irene bei dem Gedanken.

Wie, wenn dieser Arvid etwa ein gewissenloser Mensch wäre und den zerfahrenen Zustand dieser jungen Frauenseele benutzte, um sich in ihr Vertrauen einzuschleichen!

Ihr Gelöbnis fiel ihr ein, das sie auf Fribos Mahnung hin still in ihrem Herzen getan: diese junge Frau nicht zu verlassen, sondern über sie zu wachen und ihr zum Frieden zu verhelfen.

»Ich muß bleiben!« dachte sie.

Welche Unentschiedenheit, wie viele wechselnde Entschlüsse! Irene kannte sich selbst nicht mehr, sie, die von Jugend an sich und andere mit der Festigkeit eines schwer zu besiegenden Willens regiert hatte.

* * *

Arvid Cederström war kein gewissenloser Mensch, sondern der feingefügteste Gegensatz zu einem solchen. Er war ein vornehmer Schwede; das will sagen, er besaß die Genußfreudigkeit, die Eleganz und die Grazie eines Parisers, verbunden mit einem Hang zum zergliedernden Grübeln, zur schwermütigen Entnüchterung. Er war blasiert.

Aber er war es in einer besonderen Art. Er war nicht des Lebens müde und floh nicht die Freuden, aber er begleitete sein und anderer Tun und Lassen mit steter Beobachtung. Er stellte fortwährend Ursprung, Dauer, Zweck und Wert aller Genüsse fest. Er verschmähte nicht die Lüge, das heißt, er fügte sich als Weltmann den Gesetzen der Höflichkeit und Konvention, aber er stellte immer bei jeder Handlung für sich fest, daß sie überflüssig, verlogen und ein Zugeständnis an die kranken Sitten der Gesellschaft gewesen.

Er konnte anziehend und verbindlich mit jedermann über die nichtigen Gegenstände plaudern, welche den Inhalt der »Konversation« machen, aber er dachte dabei fortwährend, daß es eine strafwürdige Zeitvergeudung sei, über andere als wesentliche Dinge zu sprechen.

Er tanzte mit Grazie und Feuer, aber sein Herz war traurig, wenn er auf die nackten Schultern der jungen Weiber, auf ihre Gefallsucht und auf das ganze Balltreiben überhaupt sah.

Über jede Frage, die der Tag, das Leben der Menschen untereinander, aufwarf, konnte er gesammelt, lange und tief nachdenken und liebte es, sich streitend auszusprechen.

Daß er in Herrn Tom, auf den er durch die Verhältnisse zumeist angewiesen war, keinen anregenden Gegner oder Gesinnungsgenossen fand, übersah er bald. Aber er kam nicht dazu, sich mit Herrn Tom zu langweilen, weil er diesen sofort zum Gegenstand seines genauen Studiums machte.

Nach wenig Tagen schon hatte Arvid diesen guten, ohne viel Sorgengedanken in den Tag hineinlebenden Mann ganz durchschaut.

Er konnte sich vor Erstaunen über so viel flache Genügsamkeit nicht fassen und faßte es sogleich als seine Pflicht auf, diesen braven Menschen zu einer höheren Ansicht vom Dasein zu führen.

Toms Tage spannen sich so gemütlich ab. An den Streit, den ewigen Streit mit seiner kleinen Frau hatte er sich längst gewöhnt. Das war nun mal so in der Ehe. Seinen Freunden Hans Mühlheim und Fritz Harding und Doktor Feller war es geradeso gegangen. Erst ein paar selige Flitterwochen und dann dies mehr oder minder unerträgliche Nebeneinander, in dem man sich aber doch unlöslich gefesselt fand durch die Gemeinschaft der Lebensinteressen.

Diese stellten sich für Herrn Tom dar: in dem gleichen Umgangskreis, dem beiderseitigen Vermögen und dessen stetem Anwachsen, dem gemeinsamen Mittagstisch und dem Namen, den beide trugen.

Er war oft sehr böse mit seiner Frau und sagte jeden Tag, daß er es nicht aushalten könne. Aber als etwas Außergewöhnliches sah er seine Art von Ehe gar nicht an. Hätte man ihm gesagt, daß er Signe nicht mehr liebe, wäre er sehr empört gewesen, denn allemal in den Gesellschaften sah er's mit Genugtuung, daß sie am schönsten aussah.

Daß ihr Kind gestorben war, fand er damals recht schade und er hatte wirklich bitterlich darum geweint. Aber das war nun schon so lange her, und die Zeit verwischt eben viel. Sie waren ja auch noch jung, Signes zarte Gesundheit konnte sich wieder kräftigen, der Himmel konnte ihnen wieder ein Kind schenken, na, und dann war Signe versorgt und aufgehoben und hatte etwas zu tun.

All dies bekam Arvid Cederström zu hören in den Gesprächen, die er mit Tom begann. Er wollte sprechen, um Toms Ansichten vom Wesen der Dinge zu hören, Tom war aber nur gewöhnt und befähigt, die Dinge selbst zu sehen. So kam es, daß Arvid von ihm, anstatt Gedanken über die Ziele der Ehe überhaupt, genaueste Daten über die äußerlichen Zustände seiner – Toms – eigenen Ehe vernahm.

Denn Tom sah in dem Schweden sogleich einen brüderlichen Freund, vor dem man keine Geheimnisse zu haben brauche. Übrigens wußte das ja auch sowieso die ganze Stadt.

Ein Mann wie Arvid mußte sich mit seinem ganzen Interesse von diesen Dingen eingenommen fühlen.

Er gestand Tom, daß eine solche Ehe ihm eine entsetzliche Lüge scheine und daß, wenn er einmal heirate, ein gemeinsames Seelenleben für ihn Bedingung wäre.

Tom lachte ihn aus. Das seien überspannte Vorstellungen. In der Praxis nachher sei das Leben doch einmal etwas weniger zart.

Arvid hatte am ersten Tag an Signes Vater geschrieben, daß er seine Tochter glücklich gefunden habe. Zu einem zweiten Bericht konnte er sich nicht entschließen, obschon er sich nun doppelt zu demselben verpflichtet fühlte.

Vielleicht, dachte er, fände es sich, daß Signe auch keine anderen Ansprüche an ein Zusammenleben mache und dann kannte er nichts tun, als zwei so unreife, an dem Äußeren haftende, von Lügen verstrickte Menschen ihre flache Straße weiter ziehen lassen.

Zwar glaubte er schon am ersten Abend bemerkt zu haben, daß Signe mehr wolle und mehr denke als ihr Mann, aber ehe er zu einer festen Meinung kam, bedurfte es für ihn des »Studiums«. Also studierte er nun Signe.

Irene saß mit Unbehagen dabei, wenn beide sich in lange Debatten verloren, die deutsch angefangen wurden, aber nach den ersten wechselnden unwillkürlich in der ihr fremden Sprache fortgesetzt wurden.

Zu jeder Tageszeit erschien Arvid oben in Signes Wohnung. Sie lud ihn fast täglich zu Tisch. Die ganze Gesellschaft sprach schon über diesen Verkehr, auch Frau Steinbrück äußerte sich spöttisch. Tom ließ diese Intimität gleichmütig hingehen.

»Laß sie nur mal ihre überspannten Ideen an den Mann bringen, wenn er Geduld hat, zuzuhören. So etwas erleichtert. Und übrigens ist ja die Meltzow immer da,« sagte er zu seiner Mutter.

Und in den Gesellschaften war man so beflissen, Signe immer ihren Landsmann zu Tisch zu geben.

Daß Fribo Steinbrück sich nicht in die Angelegenheit mischte, war für Irene ein Rätsel. Aber er schien kaum mehr im Hause, kaum mehr in der Stadt zu sein.

Wie man unter einem Dach wohnen und sich für einen Mitbewohner so unsichtbar machen konnte, war für Irene täglich neu erstaunlich.

Zweimal schon hatte sie sich dabei ertappt, daß sie versuchte, eine Begegnung zu erzwingen. Sie war die Treppe heraufgekommen, als er nach Beendigung seiner Mittagspause in seine Praxis ging. Er war mit stummem Gruß vorbeigegangen. Ihr aber wankten die Knie.

Irene fragte sich wieder und wieder, ob es nicht ihre Pflicht sei, mit Fribo zu sprechen.

Worüber denn? Hatte sie nur einen Blick, ein Lächeln in Signes reinen Zügen beobachtet, welches sie nur zu Sorgen berechtigte? Nur eine Miene, ein Wort von Arvid gesehen, gehört, welches unlauteren Verdacht aufkommen lassen konnte?

Aber dennoch war Signes Wesen ein anderes geworden. Es schien ein Zug von Festigkeit sich auszubilden, der noch vor ganz kurzer Zeit darin gefehlt.

Wer doch hätte ergründen können, was in diesem erwachsenen Kinde vorging?

Ein ganz eigenartiger Vorfall sollte Irenen darüber Aufklärung geben.

An einem Nachmittage, als man eben abgespeist hatte, trat Frau Steinbrück bei ihren Kindern ein.

»Denkst du auch daran, daß wir Sonntag zum Abendmahl gehen müssen,« fragte Frau Steinbrück ihren Sohn, nachdem sie Irene mit großer Freundlichkeit und Signe etwas flüchtig begrüßt hatte.

»Ach,« machte er voll Überdruß.

»Wir gehen alle Jahr am ersten Sonntag des Februars hin,« sagte sie erklärend zu Irenen, »Ostern mag ich nicht, dann ist die Kirche so voll. Im Sommer sind wir an der See, und wenn man für so was nicht einen festen Tag hat, kommt man nie dazu.«

»Aber es ist wieder seit ein paar Tagen schändlich kalt,« mahnte Tom, »und du holst dir jedesmal sowieso was weg in der alten Kirchenluft.«

Irene folgte diesem Gespräch mit immer wachsendem Erstaunen.

»Leider Gottes,« gab Frau Steinbrück seufzend zu, »aber unser alter Pastor Mühler nähme es direkt übel, wenn wir nicht kämen. Und wie gesagt, wenn wir es aufschieben, kommen wir nie dazu.«

»Warum gehen Sie überhaupt?« hätte Irene ausrufen mögen.

Sie bezwang sich mühsam, tat, als ab sie ganz mit der Kaffeemaschine beschäftigt sei, in welcher Toms Kaffee siedete, aber sie hörte mit Genugtuung, daß Signe diese Frage tat:

»Warum geht ihr überhaupt?«

»Nun, einmal im Jahr muß man doch. Das gehört sich so. Die besseren Familien müssen darin mit gutem Beispiel vorangehen,« erklärte Frau Steinbrück im guten Glauben, sich sehr korrekt zu benehmen.

»Worin?« fragte Signe mit einem eigentümlichen, hartnäckigen Ausdruck.

»Nun, in der Religion,« sprach Frau Steinbrück mit beginnendem Unbehagen. Signes Bemerkungen fingen jetzt oft an vor andern peinlich zu werden.

»Ihr habt ja keine,« sprach das schreckliche Kind mit einer Gewißheit aus, die auf Tom erheiternd wirkte.

»Aber erlaube mal, Frauchen, ich bin evangelisch getauft und konfirmiert.«

»Das ist nichts. Wenn das Abendmahl für dich Religion bedeutet, weshalb gehst du denn nie in die Kirche? Wenn das eine dir echtes Bedürfnis ist, weshalb läßt du das andere, das doch dazu gehört? Nein, du gehst nur, weil es eure Gewohnheit ist, wegen Pastor Mühler oder Gott weiß wegen was. Du sollst aber nicht gehen. Denn das ist schändlich, weil es lau, feige, unwahr ist.«

Ihre Augen leuchteten. Man sah ihr an, sie war stolz darauf, eine Pflicht getan, eine Wahrheit gesagt zu haben. Und Irene fühlte sich gerührt durch dieses mühevolle Streben, in wenigen, hilflosen Worten, die aber doch alles andeuteten, eine ganze Kette von vielleicht lang gereiften Beobachtungen auszusprechen.

»Du meine Güte,« sagte Frau Steinbrück in herzlicher Geduld mit den »Verrücktheiten« ihrer Schwiegertochter, »wir sind keine Duckmäuser und Betschwestern. Man kann ganz fromm sein, ohne daß man alle Sonntage in die Kirche läuft. Aber man hält anderseits doch darauf, dem lieben Gott sozusagen eine Anstandsvisite zu machen.«

Tom hatte unterdessen eine literarische Reminiszenz. Er war einmal in eine schöne Schauspielerin verliebt gewesen, die ihre Haupterfolge in klassischen Dramen feierte, und von da her erinnerte er sich mancher Schillerschen und Goethischen Stücke.

»Gretchen fing wenigstens gleich zu Anfang an ihren Faust zu verhören,« sprach er. »Nun mußt du mich nehmen, wie ich bin.«

»Aber ich will dir helfen, klar werden über dich,« sagte Signe. »Glaube oder verneine! Aber du sollst nicht so mitlaufen, wie ein Wagenrad, ohne Gedanken, weil die anderen Räder rollen.«

Frau Steinbrück und Tom sahen sich an. Sie ermunterten einander mit diesem Blick zur Geduld. Sie begriffen gar nicht, was Signe wollte und dachte. Von der Not und den Seelenkämpfen dieses jungen Wesens hatten sie keine Ahnung.

Aber sie waren keine übelwollenden und keine gehässigen Menschen. Deshalb hatten sie viel, sehr viel Nachsicht mit Signe.

»Du bist 'ne komische, kleine Frau,« sagte Tom fast liebevoll, »na, rege dich nur nicht auf, ich will nicht mit dir streiten – weiß schon, Fräulein von Meltzow liebt es nicht, Streit zu hören. Aber setzen Sie meiner Frau nur ein bißchen den Kopf zurecht, liebes Fräulein, und treiben Sie ihr dergleichen aus. Sie liest zu viel. Das ist ihr schädlich. Sie schnappt allerlei auf, das fürs simple Alltagsleben nicht verwendbar ist. – Kommst du mit, Mutter? Also es bleibt bei Sonntag. Auf Wiedersehen, meine Damen.«

Frau Steinbrück drückte Irene die Hand, so bedeutungsvoll, als wollte sie sagen: »Wir verlassen uns ganz auf Ihren nüchternen Verstand.«

Nun waren sie wieder allein. Signe saß da, die Hände im Schoß gefaltet, das Haupt zurückgelehnt, die Lider geschlossen. Von ihren Wimpern löste sich langsam eine Träne und rann die schmale Wange herab.

»Wie soll das enden? wie soll das werden?« fragte Irene sich bang.

Sie durchschaute völlig, daß Tom und seine Mutter sich in ruhigster und niemals zu erschütternder Sicherheit auf ihrem Standpunkt im Recht fühlten und – im Recht waren.

Denn sie hatten das Recht ihrer Art! Und sie waren von der Art geistiger Flachlandsbewohner, die keine Tiefen schreckt, weil sie keine um sich sehen, die keine Höhen lockt, weil ihrem Auge keine sichtbar sind.

Aber Irene sah und fühlte, daß auch die junge Frau in ihrem Recht war. Denn die Natur hatte ihr einen ringenden und strebenden Geist gegeben, der zu den Höhen der Erkenntnis emportrachtete. Alles in Signes Seele war noch verworren, nur das eine hatte sich schon fest und klar aus dem Wirrwarr von Unglück, Liebessehnsucht, überhitzten Phantasien, Zorn gegen ihre Umgebung emporgearbeitet: der Wille, alle Lauheit und Halbheit abzustreifen.

Arvid hatte ihr durch seine Gespräche und durch die Bücher, welche er ihr gebracht, Gedanken zugetragen, welche nun ungeheuren und erdrückenden Felsstücken glichen, die ungeordnet aufeinander sich häuften.

Wo war die Hand des Baumeisters, der es verstand, diese scharfkantigen Blöcke zurechtzumeißeln und aus ihnen einen stolzen, festen Bau, den Tempel der Klarheit herzustellen?

Irene stand vor der jungen Frau und diese fühlte den liebevollen Blick und schlug langsam das Auge auf. Niemals vergaß Irene den Ausdruck, der darin war.

»Bin ich zu tadeln?« fragte sie leise.

»Nein,« antwortete Irene. »Nein und ja. Sie haben recht, wenn Sie von Ihrem Gatten fordern, daß er eine so heilige Handlung gar nicht oder mit seelischer Hingabe begehe. Aber Sie handeln zwecklos, töricht, ja, Ihren eigenen Zielen geradezu schädlich, wenn Sie Ihre Forderung so unvorbereitet geltend machen. Versuchen Sie, liebe, teure Signe, erst selbst reifer zu werden, um dann behutsam auf Ihren Gatten zu wirken. Aus tiefem Schlaf weckt man nicht mit einem Anruf. Man rüttelt langsam auf.«

Es schien nicht, als ob Signe das ganz verstanden habe. Wenigstens machte es keinen Eindruck auf sie.

»Ich will dies nicht länger tragen,« flüsterte sie vor sich hin, »solche Ehe ist keine Ehe. Es ist Befleckung. Ich will frei sein.«

»Um Gottes willen,« rief Irene erschreckt, »nein, das wollen Sie nicht. Frei, wovon?«

»Von dieser Lüge.«

»Und was wollen Sie mit der Freiheit?« fragte Irene.

»Der Wahrheit leben,« antwortete Signe träumerisch.

Irene fühlte ganz deutlich, daß die junge Frau bei dieser Redensart gar keinen bestimmten Begriff habe.

»Der Wahrheit lebt man, wenn man der Pflicht lebt,« rief Irene voll Eifer. »Die Wahrheit ist, daß Sie Tom aus Liebe heirateten und Ihre Pflicht ist, wieder und wieder zu versuchen, eins mit ihm zu werden.«

Aber sie fühlte selbst bei diesen Worten, daß sie Signe zu Unmöglichem anrief. Denn kann ein zarter West eine breite Mauer umstürzen? Kann ein Falke mit einem Stier ein Gespann bilden?

Trotzdem fuhr Irene fort, auf die Freundin einzureden.

Sie malte ihr aus, wie es sein würde, wenn das Kind noch gelebt hätte und wie dieses Kindes wegen Signe dann versucht haben würde, die Kluft zu überbrücken. Sie redete ihr mit Feuer vor, daß dem Andenken des Kindes fort und fort Opfer der Selbstüberwindung gebracht werden müßten. Das Kind, sei es gleich gestorben, habe ihn und sie unlöslich verbunden. Tom sei ihr anderes Ich und wenn es gleich scheine, als lebe er auf einem anderen Stern, so solle sie noch einmal versuchen, ihn zu sich hinüberzuziehen. Er habe doch ein gutes, weiches, nachsichtiges Herz. Gewiß habe es ihr nur an der rechten Art gefehlt, sich ihm verständlich zu machen.

Unter diesen Reden ward Signes Phantasie rege. Das Zimmer bevölkerte sich ihr plötzlich. Das Kind spielte darin umher. Und das Kind stellte allerlei sinnvolle, riesengroße Fragen an sie, wie nur Kinder können, die mit spielenden Gedanken an das Höchste tasten: wo wohnt der liebe Gott? hat er mich lieb? betet Papa auch abends? – Und in ihrer Phantasie beantwortete Signe alle diese Fragen für ihr Kind und ihren Gatten zugleich und erweckte so in der Asche seiner Brust die Funken.

Zuletzt ward in ihrem Geist ein Zukunftsbild voll Glück und Verständnis fertig.

Sie weinte erlösende Tränen und umarmte Irene.

»Ich will,« sagte sie entschlossen, »und ich will es meinem Freunde erklären, daß er nicht denken soll, ich bin feige und erhebe keine ideale Forderung. Aber in so großen Sachen sollen wir immer wieder Versuche machen.«

Signe schien nach diesem Gespräch in einer gehobenen Stimmung, welche auch mit wenig Unterbrechungen bis zum Sonntag anhielt. Diese Unterbrechungen wurden wie immer durch die kleinlichsten Meinungsverschiedenheiten über ganz nebensächliche Dinge hervorgerufen.

Allerdings mußte es die junge Frau, welche mit so ganz anderen Dingen beschäftigt war, bis zur Nervosität quälen, wenn Tom sich mittags lang und breit darüber aussprach, daß er lieber Rind- statt Hammelfleisch gegessen hätte, oder wenn er umständlich irgendeine Klatschgeschichte über Hinz oder Kunz erzählte, die an der Börse aufgekommen war. Irene hatte gut sagen, daß man, eben weil es Nebensächliches war, sich darüber nicht aufregen müsse und als kleine Schwächen zu übersehen habe.

Sie wußte, daß sie selbst es vielleicht auch nur mühsam ertragen hätte und mit Zähneknirschen.

Denn von allen Formen des Mutes ist diejenige die erhabendste, welche mit täglich neuer Selbstüberwindung den Nadelstichen des Alltagsleben die Stirn bietet und dazu freundlich lächelt. Zu solchem Mut aber gehörte eine Reife und eine völlige Resignation, die man von einer so jungen Frau nicht verlangen konnte.

In diesen Tagen kam Arvid Cederström noch häufiger als sonst und unterhielt sich mit nie ermüdendem Eifer mit Signe. Er glich ein wenig einem Kaufmann, der selbst so entzückt von seinen Waren ist, daß er gar nicht bemerkt, wie er sie vor Käufern ausbreitet, für welche sie nicht geeignet sind. Einem Kinde von vierzehn Jahren verwirrt man die Phantasie, indem man ihm die Staatsroben einer Fürstin gibt; einen Säugling füttert man nicht mit Trüffeln.

Arvid war noch sehr jung, obzwar er sich für sehr erfahren hielt. Seine Jugend war von jener gefährlichen Art, die eben gewonnene Einsicht gleich an den Mann zu bringen trachtet und – unbewußt – sich erst dadurch selbst zur völligen geistigen Verarbeitung neuer Ideen hilft, daß sie sie andern vorträgt. Indem er dozierte, gebaren sich ihm Gedanken. Deshalb sprach er gern, viel und niemals bedeutungslos.

Er war sich der gänzlichen Reinheiten seiner Absichten bewußt und war überzeugt, für Signe die Freundschaft eines Bruders zu empfinden.

Doch hatte er als Weltmann bald bemerkt, daß man über diese Freundschaft spotte. An demselben Tag, als Signe mit ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter sowie mit Fribo zur Beichte gegangen war, saß Arvid nachmittags bei Signe. Irene war zu der noch immer leidenden Anny Bewer hinausgefahren, um ihr in Frau Steinbrücks eigenem Wagen eine Menge guter Sachen zu bringen, welche ihrer Pflege dienen sollten.

Arvid war ihrer Abwesenheit froh. Denn es war ihm oft, als ob die schweigsame Gegenwart dieses ernsten Mädchens hemmend auf seine Rede wirke. Und gerade heute hatte er Signe Wichtiges zu sagen:

»Meine Teure,« sprach er, »ich fühle, daß man unsere edle Freundschaft mißdeutet. Ich wollte Sie fragen, ab Sie deshalb wünschen, daß ich mich von Ihnen zurückziehe?«

Sie saß in ihrem Rokokozimmerchen in ihrem Lieblingssessel, dem ohne Rücklehne, wo sie die zarten Hände gewohnheitsmäßig immer flach auf die Armstützen legte und sah zu ihm empor. Er stand vor ihr und sein leuchtendes Schwärmerauge war voll auf sie gerichtet.

»Das wundert mich nicht,« sagte sie mit Bitterkeit, »denn die Menschen hier gönnen mir nichts und sie haben unreine Gedanken. Nein, wir wollen Freunde bleiben.«

»Es ist die Sache der wenigsten, unabhängig zu sein: – es ist ein Vorrecht der Starken, sagt ein deutscher Philosoph,« sprach Arvid.

»Sind wir nicht zum Recht der Unabhängigkeit geboren?« fragte Signe in ihrer überschwenglichen Art. »Ist es nicht unsere Pflicht, stark genug zu sein zur Ausübung dieses Rechtes?«

»Bravo, meine Freundin. Der Mut zur Wahrheit ist in Ihnen erwacht. Er ist die Prämisse zur reinen und schönen Gestaltung Ihres Lebens. Haben Sie mit Tom gesprochen?«

»Noch nicht,« sagte sie, »aber es wird geschehen. Ich will ihm sagen, daß unsere Ehe nicht fortbestehen kann, wenn er nicht mein Genosse auch im Geiste sein will.«

Arvid erfaßte die zarte Hand.

»Möchte es Ihnen gelingen, ihn aus seiner dumpfen Leere emporzuretten, ihn zum Licht der Erkenntnis zu führen. Sie sind auserlesen, die Kampfgefährtin eines strebenden Menschen zu sein; möchte ich die herrliche Stunde erleben, wo aus diesen Augen ein Strahl des Stolzes und des Friedens bricht.«

Sie sahen sich in tiefer Bewegung an. Sie fühlten sich beide in diesem Augenblick besonders gut, rein und fast erhaben. Sie wollten die Wahrheit und sie wollten das Edle. Aber sie wurden nicht gewahr, daß es ihnen ging wie zwei Wanderern, welche sich mühevoll durch ein dorniges Dickicht schlagen, während unweit eine glatte Straße zum Ziel führt. Daß die Phantasie der jungen Frau mit der Philosophie des jungen Mannes sich zu einem, wenn auch nicht unerlaubten, so doch gewiß gefährlichen Bund vereinigt hatte, kam ihnen nicht zum Bewußtsein. Denn Phantasten und Grübler haben das eine gemeinsam, daß sie sich von der nächsten Wirklichkeit entfernen. –

Es war Sonntag morgen. Das ganze Haus befand sich in Aufruhr. Sonst pflegte Frau Steinbrück das erste Frühstück um halb zehn einzunehmen, heute sollte sie schon um zehn in der Kirche sein. Bei Tom und Signe ging es ebenso.

Alle waren zu spät aufgestanden, sogar die Dienstboten, und Frau Steinbrücks Stimme lärmte durch das Haus. Sie schalt mit jedermann, und da Irene zu ihr eilte, um Dienste anzubieten, bat Frau Steinbrück, sie solle veranlassen, daß man gemeinsam Tee trinke, denn sonst würde Tom doch nicht fertig. Von einer weihevollen, vorbereitenden Ruhe war keine Rede.

Als Irene den Dienstboten die nötigen Befehle gegeben, eilte sie in Frau Steinbrücks Zimmer, um lieber selbst schnell dort nach die Gedecke für Tom und Signe aufzustellen.

Sie fuhr zurück, als sie beim Öffnen der Tür Fribo Steinbrück allein und zum Ausgehen schon völlig angekleidet, am Teetisch sitzend fand.

Ein feines Rot ging über sein Gesicht, er erhob sich grüßend.

»Wirklich, er ist mager geworden,« dachte Irene, »was kann er haben? Leidet er? Und weshalb?«

Sie kämpfte ihre Befangenheit nieder und machte sich geschäftig an ihre kleine Arbeit.

Dabei quälte sie sich mit dem Gedanken ab, daß außer dem kahlen »Guten Morgen«, das hin und her gegangen war, doch noch irgendein Wort gesprochen werden müßte. Sie waren zum erstenmal allein miteinander. Jetzt mußte sie das unbefangene Verhältnis wieder herstellen – an ihr war es, dafür alles zu tun.

»Es ist sehr kalt heute morgen,« sagte sie mit unsicherer Stimme.

»In der Tat.«

»Ich fürchte, Ihre Mutter wird sich erkälten.«

»Ich denke nicht. Sie kann viel vertragen.«

Dann wieder Schweigen, dieses unerträgliche Schweigen.

Irene setzte klirrend Toms Tasse vor dessen Gedeck nieder.

»Sie gehen auch mit zum Abendmahl?« fragte sie dann.

»Ja,« sagte er. Und dann setzte er hinzu, wie von einer Macht getrieben, der er nicht zu widerstreben vermochte, der Macht des Wunsches, sich ihr mitzuteilen:

»Ich stehe ganz auf dem Boden des Christentums, aber nicht ganz auf dem der heutigen christlichen Kirche. Ich habe, wohl gemeinsam mit Tausenden, das Bedürfnis, nicht nur durch mein Tun und Lassen, sondern auch in feierlichen Formen mich zum Christentum zu bekennen. Der Alltag werktätiger Nächstenliebe will unterbrochen werden durch festliches Ausruhen in erhobener Gläubigkeit. Vielleicht bin ich schwach, indem ich von den Formen einer Kirche Gebrauch mache, mit der ich nicht immer übereinstimme und also eine Handlung mitmache, die mir durchaus nur ein Symbol der Selbsteinkehr und der Läuterungspflicht ist. Aber ich bin mir dennoch bewußt, wenn ich die Hostie nehme, die mir nicht das Fleisch Christi ist, weder ein Heuchler, noch lau zu sein.«

»Das war,« sagte Irene fast unhörbar, »auch mein Empfinden, jedesmal, wenn ich mit meinem Vater zum Abendmahl ging.«

Ein unendliches Freudegefühl füllte sie ganz. Sie verstand, weshalb er so zu ihr gesprochen. Sie sollte nicht denken, daß er wie Tom und seine Mutter gehe, weil »Pastor Mühler es übelnähme«.

Jetzt erschien Frau Steinbrück mit Hast. Sie hatte ein großartiges schwarzes Seidenkleid an.

»Ach, liebes Fräulein,« sagte sie, als Irene ihr eine schon eingeschenkte Tasse Tee vorsetzte, »es geniert mich, daß Sie uns so bedienen.«

»Bitte,« sprach Irene mechanisch.

Wenn sie doch nur jetzt hätte mit Fribo noch einige Minuten allein sein können. Ihr war, als wäre dies der Augenblick gewesen, Frieden zu schließen und als sei die Gelegenheit durch das Erscheinen der Frau verloren gegangen.

Frau Steinbrück saß seitwärts auf einer Stuhlkante und trank immer einen Schluck, während sie dazwischen sprach und sich mit Sorgfalt Handschuhe anzog.

»Tom hat seine schwarzen Handschuhe verlegt – er hat sie sich gestern extra gekauft – er ist auch zu langweilig und gleichgültig – Signe weint vor Angst und Ungeduld – die Männer schelten immer auf die Frau, wenn sie selbst etwas verloren haben.«

Man hörte einen Peitschenknall. Der Kutscher erlaubte sich so, seine Herrschaft zu mahnen. Frau Steinbrück lief ans Fenster.

»Fribo, laß uns nur fahren. Tom hat sich eine Droschke bestellt. Die wartet auch schon. Herrgott – mein Taschentuch und mein Gesangbuch. Nein, diese frühe Aufsteherei macht einen ganz konfus. Bitte, liebes Fräulein, mein Taschentuch liegt auf dem Gesangbuch in meiner Schlafstube.«

Irene lief schon.

Nun kam Signe, bleich und elend, wie jede nervöse Frau, die in früher Morgenstunde ungewohnte Unruhe hat. Ihr war zumute, als sollte sie Erbrechen bekommen, und Fribo, der ihr ansah, wie jämmerlich ihr Befinden war, hieß sie streng, etwas genießen. Stehend nahm sie Tee und ein Ei.

Und Tom hatte noch immer seine Handschuhe nicht.

Irene kam zurück und Frau Steinbrück ging mit Fribo und der Schwiegertochter hinaus.

Irene stand mitten in dem sonnenlosen und noch kühlen Zimmer, die Hand auf den Tisch gestützt und sah ihnen nach. Und Frida, als fühlte er diesen Blick, zögerte sekundenlang und sah sie an, indem er sein Haupt zurückwandte.

Sein Auge war ernst und eine hoffnungslose Trauer lag darin.

Sie erbebte unter diesem Blick; ihre Hände falteten sich unwillkürlich und in ihrem Herzen regte sich eine heiße Angst.

Die Angst vor der Liebe.

– – – – – – – – – – – – –

Frau Steinbrück und Fribo fuhren davon, Tom kam gerade aus dem Hause gerannt und warf sich in die Droschke. Er pustete und konnte gar nicht zu sich selber kommen. Er quälte sich ein paar alte und zerknüllte Handschuhe an, da die neuen nicht gefunden worden waren und stöhnte, daß er habe davon müssen, ohne einen warmen Tropfen im Leib.

Signe saß aufrecht und still da.

Sie kamen am Portal der Kirche an und gingen durch die Hallen ihrem Stuhl zu, mit jenem ungleichen Schritt, der die Folge von Toms schwerem, weitausholenden und Signes schnellem, fast trippelnden Gang war.

Orgelklang durchbrauste den hohen Raum und unsichere, schätterige Stimmen sangen in schleppender Weise einen Choral dazu. Der sonnenlose Wintermorgen füllte die Kirche mit einem hellgrauen, gleichmäßigen Licht. Die riesigen Säulenbündel von Backsteinen, die himmelanstrebenden Mauern waren weiß getüncht. Tief unten, zu Füßen der Kanzel, die wie ein überdachtes Vogelnest an einem Säulenbund klebte, und rings um die Wurzeln der ragenden Träger der gotischen Wölbung, breiteten sich die brauneichenen Gestützte in Quer- und Langlinien.

Signe saß mit den Ihrigen der Kanzel gerade gegenüber in einem Stuhl, der wie ein Kasten rings umschlossen war und über dessen Holzverschläge die Köpfe der darin Sitzenden eben hinwegschauten. Die Mittelhalle der Kirche hinauf und hinab waren die Bänke voll von Andächtigen. Signe konnte sich gar nicht recht sammeln. Ihr Auge sah zu den monumentalen Gedenktafeln empor, die an den weißen gigantischen Säulen befestigt waren und der herben, nüchternen Größe der Kirche den Schmuck des Glanzes gaben. Da hielten schwulstige, nackte Engelein das Porträt eines Mannes in Allongeperücke, das aus übermäßig reicher Goldumrahmung hervorsah. Dort schaute das Bild eines Geistlichen aus einem Barockrahmen, zu dessen Füßen ein entsetzlich naturalistischer Tod mit Sense und Sanduhr kauerte. An jener Säule klebte gar ein monumentaler Sarg, getragen von weinenden Putten. Der Geschmack und der Ungeschmack der verschiedenen Jahrhunderte hatte so die Bilder und Namen der um die Stadt und Kirche verdienten Männer hier aufgerichtet und verziert.

Ein Steinbrück war auch dabei. Signe konnte ihn genau erkennen. Er trug Bäffchen von einem durchsichtigen, weißen Stoff auf einem schwarzen Gewand; sein Bart war auffallend weißblond und im Schnitt der wallensteinschen Zeit; sein Gesicht war energisch und roh.

Abwärts schloß die Kirchenhalle in der Höhe mit einer Orgelfassade in schöner Renaissanceform, deren braune Farben dem Auge wohltaten. Und aufwärts war die Halle durch den Chor vom dahinterliegenden Altarraum abgeteilt. Auf goldenem Grund standen an der Chorwandung biblische Frauengestalten gemalt.

Jetzt schwieg Orgel und Gesang, und im Schatten des Kanzeldaches, welches mit den weißen Gestalten der Erzengel belastet war, begann sich's zu regen. Ein asthmatisches Stimmlein erhob sich und zwei Arme holten gestikulierend aus. Der alte Pastor wandte seine schwarze Gestalt bald nach der rechten, bald nach der linken Seite, oder reckte sich geradeaus vor, die Hände an das Buchpult geklammert, welches auf der roten Sammetbrüstung stand.

Allmählich sprach die Stimme sich frei und ein guter, herzlicher Ton kam von da oben, frei von Pathos, voll von einer bescheidenen, väterlichen Innigkeit.

Wie die Schallwellen dieser Stimme so über die Häupter der Zuhörer und um die Säulen rannen, saß Signe träumend und gab sich unbestimmten Gedanken hin, die immer weicher und wehmütiger wurden. Fribo hörte genau zu und seinem Herzen tat die altersgreise Stimme und das, was sie sagte, wohl. »So dienet einander, ein jeglicher mit den Gaben, die ihm Gott verliehen.« Über dies Thema wußte der Alte manch schönes und eindringliches Wort zu sagen. Auch Frau Steinbrück hörte im ganzen gut zu.

Manchmal nickte sie. Ja, das konnten Tom und Signe sich hinter die Ohren schreiben. – Du meine Güte, da saß ja Frau Senator Zumsteg, ihre liebe Kusine, mit einem neuen Pelz, und die Leute hatten doch wahrhaftig alle Ursache, sparsam zu sein. – Mühler sprach wirklich gut, und wenn erst die beabsichtigte Heizung der Kirche fertig war, wollte sie doch wirklich mal öfters hergehen. –

Tom hatte keinen andern Gedanken als den: »Eine verdammte Kälte, wenn ich doch wenigstens noch einen Kognak vorher hätte nehmen können.«

Die Predigt ging zu Ende, und als alle Gebete gesprochen waren, für den Kaiser und das Reich, für die Oberen dieser Stadt und für den Handel, wie für die Schiffer draußen auf dem Meere, begann die Orgel wieder.

Signe erschrak so, daß ihr augenblicklich Tränen in die Augen traten.

Wie im Traum folgte sie den Ihrigen an den Altar, wo für die wenigen Personen, die heute das Abendmahl nahmen, noch ein besonderer Nachgottesdienst gehalten wurde.

Die mächtigen Klänge der Orgel durchrauschten ihre Seele und rissen sie empor zu mystischen Schauern einer unklaren Andacht.

Sie betete heiß.

Und die brausenden Tonwogen ebneten sich zu überirdischem Geflüster, wie mit leisen Engelsstimmen sang es aus der Höhe.

So innig und so hehr hatte auch einst die Stimme Gottes zu ihr gesprochen durch seine geweihte Musik, damals, als sie Toms Weib geworden.

Und alle Quellen der Erinnerung brachen auf und rannen mit wonniger, erlösender Wärme durch ihre Seele.

Das schwarze Gewand wandelte sich in weiße Seide, Schleier umwallten sie, mit zitternden Knien nahte sie dem Altar, ersterbend, in hingebender Frömmigkeit nahm sie die Hostie, wie sie damals den Segen des Priesters genommen.

In ihren Augen, die sie zum alten Geistlichen erhob, lag überselige Schwärmerei.

Wieder auf ihren Platz zurückgekehrt, hielt sie das Haupt tief über die gefalteten Hände gebeugt.

Sie fühlte sich zu einem neuen Leben erhoben, das von nun an beginnen sollte und dankte Gott für das Wunder, das er an ihr getan, da er neue Liebe zu Tom, und den Glauben, daß er sie doch verstehe, daß sie ihn doch erwecken werde, in ihr habe geboren werden lassen.

Die Handlung war zu Ende. Der Geistliche entfernte sich, die Frauen setzten ihre Hüte wieder auf.

Frau Steinbrück war sehr ernst. Sie hatte mit völliger Sammlung dagesessen und betrachtete dies als einen Termin, wo man allen Streit und allen Ärger, den man mit jemand seit dem Vorjahr gehabt, vergeben und vergessen müsse. Sie gab Signe einen liebevollen, treuherzigen Kuß, den diese mit leidenschaftlicher Freude erwiderte.

Kaum saßen sie im Wagen, so fiel Signe ihrem Gatten um den Hals.

»Ich liebe dich, Tom. Und wir wollen uns von nun an nie mehr streiten. Wir wollen ein Herz und ein Geist sein.«

Sie bedeckte sein Gesicht mit Küssen, die er mit einem kläglichen Lächeln aushielt.

Er drückte sie, wie es seine Pflicht war, ein bißchen an sich, streichelte ihr die Wangen und sagte:

»Du bist ein lieber, kleiner Schatz.«

Als sie ihn darauf nochmals küßte, sprach er, halb scherzend, halb jammervoll:

»Weißt du, wenn man so ohne gefrühstückt zu haben, drei Stunden in solcher Hundekälte zugebracht hat, ist man nicht zu Zärtlichkeiten aufgelegt.«

Signe fuhr zurück, sank in ihre Wagenecke und fing an zu weinen.

Ihre hochfliegende Seele war mit einem Ruck aus strahlenden Seligkeiten hinabgeschleudert auf die frostige Erde. –

»Na, na,« sagte Tom ärgerlich, »die alte Leier. Jede Frau würde einsehen, daß ich fast umgekommen bin vor Hunger, der mich um jede Andacht brachte. Du wirst tragisch, weil ich mich nach einer Tasse Bouillon sehne.«

»Es gibt doch Stunden, wo man die materiellen Bedürfnisse des Lebens vergißt,« rief Signe unter Schluchzen.

»Ja, wenn sie vorher kräftig gestillt waren,« entgegnete Tom. »Aber da sind wir. Und nun sei still. Man kann dach nicht aus der Kirche im Zank kommen. Was denken unsere Leute davon.«

* * *

Die Gaslampe im Klubzimmer brannte singend. Ihr heller Schein, vom grünen Pappschirm zusammengefaßt, lag wie eine helle Scheibe auf dem großen, viereckigen Tisch von dunkelm Holz. So waren die Männer, welche rings um den Tisch saßen, ziemlich im Schatten.

Das mäßig große Zimmer war dunkel tapeziert; durch den Zigarrendampf, der es bläulich durchwolkte, sahen von der Wand die großen Photographien Kaiser Wilhelms I., Bismarcks und Moltkes. Außer dem Tisch, der vor einem Sofa stand und sonst mit Stühlen umgeben war, befanden sich in der Tiefe des Zimmers noch zwei kleinere Sofas, die einander an den Längswänden gegenüberstanden und zwischen welchen von dem Plafond herab noch eine Gaslampe hing. Ein gestreiftes Rouleau verhüllte das einzige Fenster in der Nähe des Tisches.

Es war das Plauderzimmer des Klubs, und der Tisch hatte den Namen »Klöhntisch«. Hier sprachen die Mitglieder sich über alles aus, was der Tag aufwarf an Fragen oder Ereignissen.

An der inneren Schmalwand, dem Fenster gegenüber, führte eine Tür in die Spiel- und Lesezimmer des Klubs. Durch diese Tür trat Fribo Steinbrück ein und setzte sich mit einer Zeitung auf eins der leeren Sofas.

Seit er seiner Mutter Haus soviel als möglich mied, verkehrte er abends oft im Klub, wo er sich indessen zumeist der Lektüre von Zeitungen hingab.

Die Herren am Tisch achteten seiner gar nicht, denn einer von ihnen erzählte eben im Flüsterton von den Verlegenheiten eines großen Handlungshauses, davon man, seinen Ohren nicht trauend, seit einigen Tagen zischelte. So hatten sie denn die Köpfe zusammengesteckt und sogen mit gierigen Ohren die »ganz authentischen Details« ein, welche der Erzähler zu geben wußte.

Alle Anwesenden waren einig, daß die betreffende Familie über ihre Verhältnisse gelebt habe, und jeder wußte aus Erfahrung, wie opulent es dort bei Gesellschaften hergegangen.

Daß der Sohn des Hauses fortan sehr klein werden werde, schien alle zu freuen. Er hatte alle durch seine Vorzüge geärgert. Das Gespräch hierüber konnte man ungenierter führen. Die Köpfe, welche vordem zusammengesteckt hatten, erhoben sich wieder, jeder nahm seinen bequemen Sitz wieder nachlässig ein.

Gräditz hatte beide Ellbogen aufgelegt und die Hände gefaltet auf dem Tisch. Er sprach eifrig auf sein Gegenüber ein, jede Behauptung mit einem Kopfnicken begleitend. Ihm, als gedienten Kavalleristen, war die Sportskokettiererei jenes jungen Herrn schon immer sehr komisch gewesen. Das tat und sprach, als sei er auf allen Rennplätzen der Welt zu Hause und mit allen Turfangelegenheiten innig vertraut und imitierte alle Kavaliersgewohnheiten, während jeder wirklich zur großen Welt Gehörende doch immer merkte, daß der Kaufmannssohn nur eine angelernte Rolle dabei spiele.

Damit kränkte Gräditz fast alle Anwesenden, die in ihm den wenig bemittelten Offizier a. D. geringschätzten. Aber da man ein Thema hatte, welches aller Interesse vereinte, begnügte man sich, Blicke über Gräditz zu wechseln.

Sein Gegenüber, der Großkaufmann, Konsul Talker, saß aufrecht da. Er hatte ein flottes Gesicht, mit fast verwegenem Ausdruck, was wohl daher kam, daß in seinem Antlitz alles ein wenig in schräger Linie stand. Die rechte Braue endete mit einigen aufwärtsstrebenden Härchen, die linke senkte sich zur Schläfe; der rechte Schnurrbartzipfel war hoch aufgedreht, der linke scharf herabgezogen und so auch strebte das gescheitelte dunkle Haar rechts mehr zur Höhe. Talker hatte die eine Hand in die Seite gestemmt und trommelte mit den Fingern der andern auf den Tisch.

»Na ja,« sagte er, »der junge Lehnert wird Sie mit seinem Getue nicht mehr ärgern. Er sprach immer von seiner Lady und von seinem Pipifax, als wenn es berühmte Pferde wären, das ist wahr. Und besonders Lady ist ein scheußliches Tier; Sie müssen es ja auch wissen, weil Sie sich so oft seine Pferde zum Reiten liehen.«

»Lehnert konnte sich geehrt fühlen, wenn ich ihm seine Tiere mal zurechtritt.«

Konsul Kugler, der mit übergeschlagenen Beinen zurückgelehnt dasaß, die Daumen in die Hosentaschen gehakt, hörte gelangweilt zu; auf seinem ebenmäßigen Gesicht markierte er dann auch einen ganz leisen und trefflich abgemessenen Zug von hochmütiger Überlegenheit.

Der neben ihm sitzende Agent Diesteg wagte beinahe nicht, ihn nach etwas zu fragen. Diesteg saß vorgebeugt und krumm da, die Hände zwischen den Knien gefaltet und sah so von unten auf, von einem zum andern. Seine eingefallenen Wangen deckte ein harter, kurzgeschnittener Backenbart, der sich bis an die Mundwinkel vorschob. Seine lebhaften Augen funkelten, und die verzehrendste Neugier, alles zu erfahren, was die Anwesenden noch wußten, oder vermuteten, quälte ihn.

»Ist es wahr, daß der junge Lehnert ein Verhältnis mit der Bertoni hatte, obgleich er mit Lisa Harding verlobt ist?« fragte Diesteg endlich Kugler.

Dieser zuckte hoheitsvoll die Achsel und deutete damit an, daß es unter seiner Würde sei, Diesteg, den man nur im Klub, nicht aber in der Gesellschaft traf, auf so etwas zu antworten.

Da erhob der dicke Mühlhardt seine Stimme. Mühlhardt saß mit seinem schweren Körper so auf dem Stuhl, daß er seine Knie weit auseinanderhielt. Anders klemmte sich sein Bäuchlein, auf dem ein großes Medaillon aus dem Westenknopfloch hing. Mühlhardt kaute an seiner Zigarre und wickelte alle Augenblicke das aufgeweichte Deckblatt mit der Zungenspitze wieder fest. Zigarrenasche, die er von Zeit zu Zeit losklopfte und wischte, war auf seine Rockaufschläge und Weste niedergestäubt. Der dicke Mühlhardt war ein Konkurrent von Kugler und konnte ihn auch sonst persönlich nicht leiden.

Kugler hatte, wie alle Welt wußte, auch ein Verhältnis mit der kleinen Bertoni gehabt, die ihm Lehnerts wegen untreu geworden war.

»Freilich ist es wahr,« sprach er langsam, »es ist mir aber rätselhaft, was er an der magern, blonden, kleinen Person hat.«

Blonde Schmächtigkeit hieß es, sei das »Genre« Kuglers und über nichts konnte dieser sich so sehr ärgern, als wenn sein Geschmack nicht von allen als der distinguierteste anerkannt wurde.

»Zum Verständnis der Grazie gehört immer tiefere Bildung,« sagte Kugler.

»Und obenein, wenn man mit einem so hübschen, netten Mädchen verlobt ist, wie mit der Harding,« fuhr Mühlhardt fort.

»Finden Sie nicht, daß die Harding der Meltzow ähnlich sieht?« fragte Falker.

Diesteg kannte beide Damen nur vom Hörensagen. Aber, um sich orientiert zu zeigen, sagte er eifrig:

»Sehr, sehr.«

»Aber keine Spur. Die Harding ist viel dicker als die Meltzow.«

Fribo Steinbrück, der von dem ganzen Gespräch vorher nichts gehört, wie das Stimmengeräusch, das, ohne ihn zu stören, an seinem Ohr vorüberrann, zuckte zusammen, als der Name genannt wurde, dieser eine, der ihm wichtig war vor allen.

Er hörte zu. Die Zeitung zitterte in seiner Hand. Er hätte aufspringen mögen und diesen Männern Schweigen gebieten. Aber wie töricht! Hatte er dazu Recht und Veranlassung? Warum sollte sich ein Kreis von Herren nicht unbefangen über die Ähnlichkeit von zwei ihnen bekannten Damen unterhalten?

Aber weh tat es, diesen Namen von diesen Lippen zu hören.

Und die Männer schienen den Stoff gar nicht erschöpfen zu können, so spannen sie die Unterhaltung aus.

Fribo dachte, ob er nicht an den Tisch treten solle, um ein Ende zu machen. Aber man wußte ja ohnehin, daß er im Zimmer zugegen war, wozu also erst in den Kreis treten, da es doch nicht mit unbefangenen Mienen geschehen konnte.

Darin irrte nun Fribo. Kugler und Diesteg wandten ihm völlig den Rücken und sahen ihn gar nicht. Für den dicken Mühlhardt war sein Gesicht hinter der Zeitung verborgen; Talker war etwas kurzsichtig und glaubte, es sei der Referendar Müller, der dort säße. Gräditz allein sah, daß es Fribo Steinbrück war. Und Gräditz hielt es für die einfachste Sache von der Welt, einer Dame Schönheit, Charakter und Herkunft im Klub und am Biertisch zu besprechen.

»Die Meltzow ist eine viel vornehmere Erscheinung,« sagte Talker.

»Im Gegenteil könnte man sie für etwas Extravagantes halten,« behauptete Mühlhardt, der seiner Kusine Haiding den ersten Preis zuerkennen zu müssen glaubte.

»Da hat Herr Mühlhardt nicht ganz unrecht, Kugler und ich, als wir sie damals in der Eisenbahn, allein für ›Nichtraucher‹ fanden, dachten auch, sie sei Fettschminke oder so etwas,« erzählte Gräditz.

Fribo saß wie erstarrt. Er fühlte noch einen letzten Rest von Besinnung, mit welchem er sich sagte, daß man zuweilen einer Dame nur schade, wenn man mit der Faust für sie dreinschlage. Ruhe, Fassung, sagte er sich und rang mit sich; er wollte einige höfliche und gehaltene Worte finden, um dies Gespräch zu enden. Er erhob sich, und während der Augenblicke, in denen er sich zu bezwingen versuchte, gingen die Reden weiter.

Diesteg, welcher seine Beziehungen zur Gesellschaft hauptsächlich dadurch zu bekunden suchte, daß er über den Klatsch in ihr genau Bescheid wußte, fragte:

»Ist es wahr, Herr Konsul, daß Sie die Meltzow schon früher kannten?«

»Allerdings. Eine Reisebekanntschaft von mir,« bestätigte Kugler nachlässig, aber in einem »gewissen« Ton.

»Und mir,« schaltete Gräditz ein, der sich von seinen Rechten nicht zurückdrängen ließ.

»Und sie hat sich unter falschen Vorspieglungen in das Steinbrücksche Haus geschlichen?« fragte Diesteg weiter; »man soll es gar nicht für möglich halten, was so alles passiert. Daß Frau Steinbrück sie aber behalten hat!«

Kugler lächelte fein.

»Eine so schöne Hausgenossin wollten die Söhne wohl nicht so ohne weiteres davonziehen lassen . . .«

Und da fuhr sie doch auf den Tisch nieder, die drohende Faust.

Mit blitzenden Augen und flammender Stirn stand Fribo Steinbrück zwischen ihnen. Seine Stimme, welcher er noch vor Sekunden keine ruhigen Worte hatte abringen mögen, klang jetzt fest und ehern.

»Bedenke sich jeder,« sagte er laut, »wer ein Wort über Fräulein von Meltzow in den Mund nimmt, daß ich ihm diesen Mund nicht mit einem Säbelhieb verschließe.«

Kugler war blaß geworden. Diesteg zitterte wie Espenlaub. Die andern sahen nur das »Interessante« an der Szene, bis auf den gemütlichen Gräditz, der sofort beschwichtigend sagte:

»Aber, lieber Doktor, man spricht doch wohl mal über 'ne Dame so unter sich.«

»Sie verzeihen,« sprach Fribo kalt und in völliger Beherrschung seiner selbst, »daß ich andere Ansichten von Kavaliersehre habe, als offenbar Sie. Übrigens erkläre ich hierdurch feierlich, daß das Fräulein die Tochter des Regierungspräsidenten von Meltzow ist und daß unser Haus sich durch ihre Anwesenheit geehrt fühlt.«

»Na, das ist ja schön, und seien Sie nur wieder gut,« bat Gräditz.

»Ihnen, Herr Konsul Kugler, muß ich sagen,« fuhr Fribo fort und sah von oben verächtlich herab auf den Mann, der in seiner Stellung wie versteinert beharrte, »Ihnen muß ich sagen, daß ich Ihr Geschäft ein sehr trauriges finde: das Geschäft, Frauen durch Klatsch zu verunglimpfen; Sie allein können infolge Ihres Gesprächs mit meiner Mutter solche Gerüchte versprengt haben. Ich verachte Sie!«

Kugler sprang auf und eine sehr hochmütige Pose einnehmend, rief er:

»Ich muß Sie bitten, zu bedenken, wen Sie vor sich haben.«

»Ja,« sprach Fribo. »Einen Schurken.«

Er ging auf die Tür zu. Dort wandte er sich um.

»Sie werden mich zu finden wissen,« rief er und ging hinaus.

Die Anwesenden saßen wie begossen da. Diesteg bebte vor Aufregung. Was nicht alles passierte! Und daß er hatte dabei sein dürfen und es morgen in allen Kontoren erzählen konnte! Er hatte doch rasendes Glück. Und er kannte das; wenn er ganz besondere Neuigkeiten mitbrachte, wickelten sich die Geschäfte glatter ab.

Talker legte seinen Kopf zur linken Schulter nieder und summte halb pfeifend eine kurze Melodie vor sich hin, was seine Angewohnheit war, wenn er so dachte: »'ne schöne Geschichte.«

Mühlhardt leckte nachdenklich an seiner Zigarre und Gräditz wiegte sorgenvoll das Haupt.

»Kinder,« sagte er endlich, »Kinder, das ist eine tolle Sache. Kugler muß ihn fordern.«

»Ach was schlagen,« sprach Mühlhardt abweisend.

»Er will sie wohl heiraten?« bemerkte Talter fragend.

»Wenn sie Geld hat – warum nicht,« meinte Gräditz.

Kugler war ganz fahl. Eine ohnmächtige Wut fraß an ihm.

Daß er das hatte hinnehmen müssen! Er, Kugler, der für alle Numero eins sein wollte, war vor den Augen dieser der Abgetrumpfte gewesen.

Wie schadenfroh ihm morgen die ganze Börse entgegenlachen würde.

»Ja,« sagte Talker, »mein lieber Kugler, du wirst wohl in den sauren Apfel beißen und revozieren müssen, denn das können wir alle bezeugen, daß du uns einen ganzen Roman von der Dame erzählt hast.«

»Was anderes bleibt dir nicht übrig,« bestätigte Mühlhardt.

»Laßt uns in corpore gleich einen Brief aufsetzen,« riet Talker.

»Ich brauche weder euren Rat noch eure Vormundschaft,« sprach Kugler hoheitsvoll; »ich kenne wohl am besten die Formen, in denen man solche Ehrenhändel beilegt. Inzwischen wollen wir uns nur das Wort geben, daß wir nichts von dem Vorfall außerhalb dieser vier Wände bekannt werden lassen.«

»Natürlich, natürlich,« murmelten alle. Und jeder nahm sich vor, es in der Tat außer seiner Frau oder seinem besten Geschäftsfreund niemand zu erzählen.

Als Kugler gegangen war, sagte Mühlhardt hinter ihm her:

»Hochnäsig ist er noch obenein. Der Denkzettel war ihm mal gesund.«

Und dann gingen auch sie und jeder hatte noch vor Mitternacht es einer Person im tiefsten Geheimnis anvertraut.

Am andern Mittag sprach die ganze Stadt davon, und jeder der Zeugen konnte versichern, daß er seinerseits reinen Mund gehalten habe.

Anny Bewer, die seit einigen Tagen wieder ihren Pflichten nachging, erfuhr es auf der Straße, als sie nach beendetem Unterricht nach Hause wollte.

Sie trug an ihren Füßen große pelzgefütterte Galoschen, die ihr viel zu schwer waren, und so stapfte sie mühevoll einher. Ihr Kleid hatte sie sehr hoch aufgeschürzt; da sie die etwa entstehenden Schmutzsäume selbst auszubürsten hatte, mußte sie ihre Röcke schonen und pflegte sie sehr ungraziös hoch vermittelst einer Gummischnur aufzuraffen. Am Arm trug sie eine Schulmappe, vollgestopft mit Büchern, die Hände hielt sie in einem Skunksmuff frostig dicht am Magen. Ihr anschließendes Jackett war mit Pelz besetzt, und sie hatte einen netten Hut auf, dessen Rand sich so vorbaute, daß die von Kälte rote Nase unmittelbar darunter hervorzukommen schien.

So strebte sie vorwärts, als Lisa Harding, ihre frühere Schülerin, ihr den weg verstellte.

»Ich kehre ein bißchen mit dir um, Anny,« sagte das elegante, vergnügt dreinblickende Mädchen. »Du bist krank gewesen? Wie geht's dir?«

»Passabel. Bis zu den Osterferien muß ich mich hinhalten. Ich mußte jetzt wieder heraus, weil ich keine Stellvertreterin finden konnte.«

»Ich denke es mir gräßlich, Stunden zu geben! Wenn ich das nur nicht sollte! Aber du bist es ja gewöhnt. Weißt du noch, wie wir dich immer ärgerten?«

Das Mädchen lachte noch vergnügt in der Erinnerung an die einst im Übermut der Lehrerin bereiteten Streiche.

»O ja, ich weiß noch,« sagte Anny Bewer gelassen.

»Wie ist denn jetzt deine Klasse?«

»Ebenso wie ihr gewesen seid.«

»Aber du bist nicht mehr so strenge wie gegen uns,« sprach Lisa Harding, »mit uns warst du manchmal scheußlich. Meine kleine Schwester sagt, du ließest viel hingehen.«

»Fribo Steinbrück hat mir verboten, mich so oft zu ärgern, und da denke ich denn: laß sie meinetwegen unartig bleiben,« sagte Anny Bewer.

»Ach, Fribo Steinbrück ist dein Arzt? Na ja, natürlich, er ist dein Vetter und behandelt dich gratis. Weißt du denn schon von dem Skandal, den er gestern abend gehabt hat?« fragte das Mädchen.

Anny Bewer erschrak heftig. Ihr fuhr jede Erregung in die Knie und Füße, die ihr dann unsicher und noch schwerer als gewöhnlich wurden. Sie konnte kaum vorwärts und wich den ihr auf der Straße Begegnenden ungeschickt aus. Dabei kam Lisa Harding ihr einen Schritt voraus und sie hastete ihr nach.

»Was für ein Skandal?«

»Wegen des schönen Fräuleins bei Tante Steinbrück.«

Annys Lippen waren völlig farblos. Sie packte Lisa Harding am Arm fest.

»Erzähle, was du weißt.«

Lisa wußte ziemlich wörtlich alles, denn ihres Vetters Mühlhardt Frau hatte es ihr mit nur wenig Übertreibungen erzählt, von ihrem Verlobten Lehnert wußte sie aber auch bereits, daß Kugler mit der ersten Post schon einen revozierenden Brief an Fribo Steinbrück gesandt habe, daß damit natürlich der Streit beigelegt sei und daß die ganze Stadt Fribo mit der Meltzow verlobt sage. Das Wort »Schurke« werde ignoriert, Kugler tue, als habe er es nicht gehört und erkläre es als Klatsch, daß es gefallen sein solle.

Anny Bewer hörte mit atemloser Spannung zu. Wie sie sich von Lisa verabschiedet hatte, wann und wo, das wußte sie selber nachher nicht.

Sie saß in ihrem Zimmer, den Hut auf dem Kopf, die Mappe am Arm und versuchte nachzudenken.

Gewiß, es war nur Ritterlichkeit von Fribo gewesen, er wäre ebenso für jede andere Dame eingetreten. Fribo hatte gerade schon so oft über Kuglers böse Zunge scharf verurteilend gesprochen und sicherlich die Gelegenheit ergriffen, ihm die langaufgespeicherte Meinung zu sagen.

Der immer geschäftige Klatsch knüpfte gleich eine Verlobung daran.

In der Tat war eine solche außer aller Wahrscheinlichkeit. Fribo wollte doch einmal ein ganz junges Mädchen heiraten. Irene war für seinen Geschmack ein viel zu selbständiger Charakter, eine viel zu vollendete Weltdame. Da konnte er die poesievolle Beschützer- und Lenkerrolle nicht spielen, von welcher er träumte.

Anny Bewer beruhigte sich allmählich vollkommen.

Aber sie wünschte doch, die Sachlage im Steinbrückschen Hause in Augenschein zu nehmen. Morgen mittag sollte sie bei Tante Steinbrück essen. Unmöglich, so lange zu warten mit quälenden Zweifeln im Herzen.

Sie sah nach der Uhr. Es war zwei. Wenn sie sich ein bißchen eilte, konnte sie schnell einen Teil ihrer Hefte korrigieren, sich umkleiden und mit der Pferdebahn in die Stadt zurück. Bei Tom und Signe traute sie sich schon, ungeladen als Tischgast zu erscheinen. Ihrem Scharfblick konnte eine Veränderung in Irenens Wesen nicht entgehen.

Wie atmete sie auf, als sie Irene mit dem Ehepaar bei Tisch fand und auf allen Gesichtern die Alltagsstimmung ausgeprägt sah.

Tom freute sich sehr, daß Anny Bewer kam; vor der brauchte er keinen solchen Respekt zu haben, wie vor dem Fräulein. Im Grunde genierte Irenens Gegenwart ihn oft, weil sie ihm Zwang auferlegte, und Tom fand, daß man sich in den »eigenen vier Pfählen«, wie er sein Heim nannte, doch gemütlich könne gehen lassen. Die beflissenen, höflichen Manieren waren ihm wie sein Frack: so unbequeme Gewandstücke legt man für die Gesellschaft an. Seiner etwas behäbigen Art stand die gewisse Vernachlässigung seiner selbst übrigens ganz natürlich an und wirkte kaum verletzend.

Signe schien auch erfreut. Wenn Anny Bewer da war, konnte sie doch mit Irene, welche sie mit schwärmerischer Zuneigung verehrte, sprechen, und brauchte nicht zu hören, wie Tom über das Essen schalt. Denn Tom konnte keine Mahlzeit einnehmen, ohne sie zu tadeln.

Anny Bewer erfuhr, daß man am Abend noch einen Ball besuchen wolle und erbat sich die Erlaubnis, Irenen beim Anziehen helfen zu dürfen.

»Sie geht ahnungslos auf den Ball, wo jedermann mit indiskreten Blicken sie und Fribo beobachten wird,« dachte Anny Bewer, fand diese Ahnungslosigkeit vortrefflich und nahm sich vor, sie in keiner Weise zu stören.

Aber ihre Mitleidenschaft bei allem, was Fribo betraf, war so mächtig, daß sie nicht zu schweigen vermochte.

* * *

Die Lampe brannte still und beschien den auf Sofa und Tisch ausgebreiteten Ballstaat Irenens. Frau Steinbrück, welche sich in Aufmerksamkeiten gegen Irene nicht genug tun konnte, hatte vor einiger Zeit einen Ankleidespiegel hereinstellen lassen. An den Armleuchtern, welche aus dessen Rahmen vorsprangen, brannten schon die Kerzen. Ein leiser Duft von Heliotrop, der aus den Stoffen und Spitzen kam, erfüllte das ganze Zimmer.

Anny Bewer war hereingekommen und sah sich alles an.

Ihr kamen so merkwürdige Gedanken. So wenig wie die vornehme Schönheit und Pracht dieser Kleider und dieser zahllosen kleinen Gegenstände, welche zur Ausrüstung einer Frau gehören, in dieses Zimmer und zu dem altmodischen, gediegenen, aber gradlinigen Hausrat darin paßten, so wenig paßte die ganze Irene in dies Haus. Sie erschien darin wie ein fremder Gast, und es war undenkbar, daß es ihr gefallen sollte, sich hier eine bleibende Stätte zu erwählen. Ebensowenig war es denkbar, daß der kluge Fribo um eine Gattin werben würde, deren ganze Persönlichkeit einen Gegensatz zu dem Geist dieses Hauses bildete.

Das war ein solider, anständiger Geist, der fein ehrbarlich seinen Horizont an den Mauern der Stadt fand. Das war ein Geist der Zufriedenheit, der zwar im kleinen nörgelte, aber im ganzen sich's genügen ließ, besonders weil das, was man hatte, recht auskömmlich war. Es war der Geist der Satten, die weder grübeln, noch zweifeln, noch streben, noch sündigen mögen!

Die glücklichen Menschen! Anny Bewer wünschte sich manchmal neidverzehrt, nur einmal diese platte Ruhe empfinden zu können.

Aber, daß das nicht Irenens Ideal war, glaubte sie für gewiß annehmen zu können. Und wie hoch Fribo auch stand, – er war doch der Sohn seiner Mutter, der Bruder seines Bruders und konnte ihrem Lebenskreis nicht entfliehen.

Jetzt kam Irene, ungewöhnlich heiter sah sie aus und ihr Lächeln – das gestand Anny Bewer sich – wischte gleich die Zahl einiger Jahre von ihrem Angesicht.

Wenn Anny Bewer gewußt hätte, woher dies Lächeln kam! Eben hatte Irene erfahren, daß Fribo auf den Ball gehen wolle – Signe und Frau Steinbrück konnten seinen Entschluß gar nicht genug anstaunen, da er doch noch vorgestern erklärt hatte, daß er nicht mehr solchen inhaltlosen Vergnügungen nachzugehen denke.

»Ich brauche Ihre Hilfe gar nicht, liebe Anny, aber mir war nichts willkommener als Ihre Gegenwart jetzt, denn ich habe sehr ernsthaft mit Ihnen zu reden,« sagte Irene, indem sie begann, ihr Hauskleid aufzuknöpfen.

»Mit mir?« fragte Anny zögernd und dachte: »Sie wird wieder in mich hineinreden und mir Freudigkeit für meinen Beruf eintrichtern wollen.«

Anny Bewer haßte alle bevormundenden Absichten, mochten sie gleich von der größten Liebe eingegeben sein.

»Lassen Sie mich,« sagte sie mürrisch, »ich bin kein geeignetes Objekt für Ihre dilettantischen Humanitätsbestrebungen.« Irene errötete. Das herbe Wort tat weh. In ihr wallte es hochmütig und ablehnend auf. Aber die heftige und hochfahrende Entgegnung hemmte sie auf den Lippen. Sie hatte sich selbst bezwungen.

»Vielleicht,« sprach sie im oberflächlichen Ton, »lesen Sie einmal den Brief, welchen ich von meiner Erzieherin und Freundin, der Frau Doktor Johanne Ebermann erhielt. Bitte – in dem obersten Schubfach der Kommode. Ja, der da, welcher auf dem Fächerkasten liegt.«

Anny hatte herzlich wenig Neugier, den Inhalt des Briefes kennen zu lernen. Ihre Augen verfolgten Irene, deren schöne Schultern und Arme sie zum erstenmal enthüllt sah. Sie schaute zu, wie Irene sich die reichen, dunkeln Haare ordnete und einen kleinen Stern von flimmernden Steinen hineinsteckte, der an einer Spirale befestigt war und dadurch fortwährend in zitternder Bewegung blieb.

Ja, sie hatte etwas Stolzes, Schönes, Selbstbewußtes, welches man sich sehr gut und harmonisch der ernsten, ruhevollen Art Fribos zugesellt denken konnte.

Fort mit diesen unerträglichen Gedanken. Anny las den Brief.

»Meine liebe Irene. Heute lediglich eine definitive Auskunft auf Deine wiederholten Anfragen. Du hast so warm für Deinen Schützling gesprochen, daß es mir nicht schwer ward, zu reden. Behauptet doch Ebermann ohnedem stets, daß die Gabe der Rede mir etwas überreichlich verliehen sei. Ich bin zu der Antwort berechtigt worden, daß Fräulein Anny Bewer am fünfzehnten März als Gesellschafterin und Reisebegleiterin bei der jüngst verwitweten Frau von Oberhausen eintreten kann. Die gute, alte Dame will in ihr eine etwas leidende Tochter sehen, die zunächst noch rücksichtsvoller Pflege bedarf. Unsere alte Freundin hofft ein Zusammenleben der besten Art und meint, das von uns vorgeschlagene Fräulein Bewer passe besser zu ihr und könne ihr mit der Zeit mehr werden, als ein junges, ungeprüftes, vergnügungssüchtiges Ding. An Gehalt will Frau von Oberhausen dasselbe geben, was Fräulein Bewer bisher durch Stunden verdiente. Sie erbittet bis zum ersten März bestimmte Antwort, da am fünfzehnten schon die Reise nach Bellaggio angetreten werden soll. Ein Besinnen ist wohl hier fast undenkbar, denn es ist eine Stellung, wie man sie nie wieder findet, wie Ebermann und ich unsere Oberhausen kennen, wird sie sich ganz der Pflege des Fräuleins hingeben, anstatt von ihr Dienste zu beanspruchen. Und da Oberhausens einstens ihre einzige Tochter verloren, die gerade auch Anny hieß und jetzt das Alter Deines Schützlings hätte, so kann man nicht wissen, wieweit das Interesse noch Früchte tragen wird, vorausgesetzt, daß diese Anny Bewer imstande ist, der lieben Alten wirklich echte Zuneigung zu widmen.

Bei dieser Gelegenheit: Johanne Ebermann sagt täglich: ›sie kommt bald wieder‹. Oberlehrer, Doktor Fritz Ebermann sagt täglich: ›sie bleibt‹. ›Sie‹ – das bist Du. Lasse mich doch recht behalten, schon aus Prinzip gegen meinen Ebermann, der doch nicht immer der Klügere sein darf. – Unter uns, er ist es. – Du fehlst mir so sehr, besonders wenn ich Euer Haus besuche. Dein Vater ist mir derselbe geblieben. Seine Frau ist ein vornehmer, gütiger Mensch. Wenn Dein Opfer – das Fernbleiben – zu ausgedehnt wird, dürfte es beide, um die es gebracht wurde, drücken.

Einstweilen schicke uns diese Anny Bewer, nach ihr vielleicht kann ich die Welt beurteilen, in der Du nun stehst, oder, falls auch sie dorten das Anormale bedeutet, sie kann mir erzählen. –

Meine vierzehn Kinder schreien nach Brot, und da es Pflegekinder sind, darf ich sie keine Minute auf ihr Abendbrot warten lassen. Darum leb' wohl.

Deine Johanne Ebermann.«

Anny starrte lange hinab auf diese Briefblätter, welche in ihrer Hand zitterten.

»Nun?« fragte eine Stimme liebevoll.

Anny sah empor.

Vor ihr, der im Sofa Sitzenden, stand Irene, die Hände auf Tisch und Sofalehne gestützt, das schöne Gesicht zu ihr herabgeneigt. In den dunkeln Augen glänzte das Licht einer edeln Freudigkeit – jener Freudigkeit, die eine edle Seele empfindet, wenn sie einer anderen darbenden Seele Erlösung zu bringen vermag.

Hinter den Gläsern von Annys Kneifer funkelte es seltsam.

»Sie sind gut – o, sehr gut zu mir,« murmelte sie.

Irene beugte sich herab und küßte die Stirn des armen Mädchens.

»Ich habe hinter Ihrem Nacken für Sie gehandelt, liebe Anny,« sprach sie mit unbeschreiblicher Zartheit im Ausdruck, »und ich hoffte dabei, Sie würden es nicht mißverstehen. Der Tod des Herrn von Oberhausen war mir ein Fingerzeig, dem ich zu gehorchen hatte. Ich begriff, daß ich an der alten Dame ein gutes Werk tue, wenn ich ihr eine neue Pflicht, eine neue Lebensaufgabe zuschob...«

»Schweigen Sie,« rief Anny Bewer, umfaßte die Taille der vor ihr Stehenden und barg ihr Haupt an deren Schulter. »Sie schieben die alte Dame vor. Wie klein muß ich mich Ihnen gezeigt haben, daß Sie fürchten, Ihre himmlische Güte würde mich beleidigen.«

Irene streichelte liebevoll den glatten Scheitel des Hauptes, welches sich fast leidenschaftlich an sie drängte.

»Nun denn – ja. Ich wollte, daß Sie auf schönen Reisen, in einem milden Klima an Körper und Seele gesundeten. Ein besseres Los können Sie nie erwarten, als das neben der herrlichen alten Frau. Mein Verdienst dabei ist so gering, daß es mich beschämen würde, wenn Sie zu irgend jemand von meiner bescheidenen Vermittlerrolle sprächen.«

»Und doch,« sagte Anny Bewer, ihr Haupt erhebend, »doch kann ich diese Stellung nicht annehmen.«

Irene prallte förmlich zurück. Das schien ihr eine Verblendung, die an Verrücktheit, an Selbstzerstörung grenzte. Oder wollte Anny Bewer vielleicht noch obenein gebeten sein? Sah sie auch dies wieder als ein »Almosen« an? Als einen vortrefflichen Ausweg für die Steinbrücks, der Sorgen um sie ledig zu werden?

Annys Gesicht war blaß und alt in diesem Augenblick. Die scharfen Züge, die von den Nasenwinkeln herab die Wange gegen Lippen und Kinn begrenzten, erschienen besonders tief.

»Bedenken Sie doch, niemals wieder kann sich Ihnen dergleichen bieten. Eine reiche gütige alte Dame will Sie fast als Tochter zu sich nehmen. Keine Spur von Dienstbarkeit wird Ihre Tage trüben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß für Ihre ganze Zukunft gesorgt werden wird, wenn Ihr Herz der guten Greisin nur ein bißchen echte Wärme zeigt. Und Sie, die Sie sich so verzweifelnd gegen den Zwang der Arbeit und Armut aufbäumen, Sie lehnen ab,« rief Irene mit jenem gerechten Zorn, der den Menschen erfaßt, der einen anderen eigensinnig im Elend verharren sieht.

Sie ließ Anny sitzen und wandte sich ihrem Ballkleid zu. Ihr war die ganze Freude verdorben.

Und was würden Johanne Ebermann und Frau von Oberhausen denken! Vor denen hatte Irene sich einfach lächerlich gemacht, indem sie anfeuerte, ein Menschenleben zu »retten«, das gar nicht gerettet sein wollte.

Einige Augenblicke war sie ganz von den sehr menschlichen und selbstsüchtigen Gedanken beherrscht, welche ihr die eigene Niederlage wichtiger erscheinen ließen, als Anny Bewers Schicksal.

Aber sie erkannte diese Regung sogleich als klein. »Darf ich die Gründe wissen?« fragte sie sanft.

»Kleiden Sie sich nur weiter an,« sagte Anny Bewer rauh; »ich will Ihnen helfen.«

Sie warf Irenen das seidene Gewand über und machte sich zu schaffen, die Spitzen und himbeerfarbenen Falten zurechtzuziehen.

Dazwischen sprach sie immer ruckweise – im klanglosen Tonfall der Stimme.

»Ich bin wahnsinnig. Ich weiß es wohl, die ganze Familie würde mich steinigen, wenn sie wüßte, was ich ausschlug.« –

»Und wie erst, wenn sie wüßten, warum ich es ausschlug.« –

»Ich bin arm, ich bin ein Sklave und gerade vor Ihnen hab' ich oft darum aufgeschrien.« –

»Aber in meinem Elend gibt es eine Sonne.« –

Nun schwieg sie ganz.

Irene wandte sich zu ihr um, die neben der seidenen Schleppe am Boden kauerte. Sie neigte sich und half Anny auf.

Anny stellte sich mit dem Rücken gegen den Bettpfosten, die Hände hinter sich. Sie sah ins Leere, von ihren Lippen gingen die Worte, die sie nicht mehr zurückhalten konnte und wollte. Das Elend ihres Herzens mußte einmal, einmal hervorbrechen und schrankenlos dahinströmen.

»Wer mir das Leben mit seinen Ungerechtigkeiten erklären wollte! Wer mir sagen, woher die Menschen das Recht zu ihren Grausamkeiten hernehmen. Die Liebe heißt es, die große Leidenschaft ist das Erhabenste und Höchste unter der Sonne. Im Theater weinen sie über Medea und Sappho und Brunhild, und seit es Menschen gibt, gibt es eine Dichtung, welche das unglücklich liebende Weib verklärt und Tränen für sie fordert. Aber im Leben, in der harten, poesie- und mitleidslosen Wirklichkeit lastet der Fluch der Lächerlichkeit auf dem vergeblichen Empfinden. Das Herz, das sich in hoffnungsloser Leidenschaft verzehrt, wird verspottet und nur vielleicht der Jugend, der Schönheit und dem Reichtum werden mildernde Umstände zugebilligt. Wenn die Welt wüßte, daß Anny Bewer, die arme, alternde Anny Bewer, ihre Nächte durchzittert vor Verlangen...«

»Anny!« rief Irene erschüttert und stand mit erhobenen, flehend gefalteten Händen vor ihr.

Mit diesem Ruf wollte sie sie beschwören zu schweigen – nicht weiter zu reden und nicht den Namen des Mannes über die Lippen zu lassen, dem dieses traurige Liebessehnen galt.

Aber Anny sprach doch weiter. Ihre Wangen röteten sich fieberhaft, ihre Augen strahlten, ein Glanz von Jugend und Schönheit schien plötzlich über sie gekommen.

»Meine Tage gehen hin in Arbeit und Unzufriedenheit. Aber zuweilen gibt es Tage, wo meine Schultern stark werden und geduldig tragen, was ihnen aufgebürdet ist – es sind die Tage, an welchen ich ihn sehe. Er weiß nicht, welche Gnaden er mir austeilt. Er lächelt mir nicht gütiger als andern, die seiner bedürfen, er ahnt vielleicht nicht einmal, daß er diesem sonst sonnenlosen Leben ein Licht geworden. Und wenn er es wüßte – er würde sich geängstigt und gedrückt fühlen davon. Denn seine stolze Seele lehnt sich dagegen auf, zu empfangen, wo sie nicht geben kann. Und noch ist er frei, und sein Herz ist frei, und ich darf ihn lieben. Und er soll mein Gott und mein Idol bleiben, bis zu jener Stunde, wo ich weiß: er hat gewählt. Deshalb, Irene, kann ich nicht fortgehen und ich will lieber meine Last weitertragen und ihn zuweilen sehen, als fern von ihm ein Wohlleben haben.«

Sie drehte sich plötzlich um und trat an das Fenster, um in die schwarze Nacht hinauszustarren.

Irene war wie betäubt. Das ungeheure Opfer, welches dieses arme, kranke Mädchen seiner stummen und hoffnungslosen Liebe brachte, erschütterte sie tief. Anny wies eine Versorgung von sich, wie sie ihr niemals wieder geboten werden konnte. Warum? Um den Schatten eines Glückes zu genießen, um der kargen Freude willen, den angebeteten Mann zuweilen zu sehen.

Und Irene wußte, obgleich der Name nicht genannt war, wem allein diese törichte und rührende Hingabe gelten konnte. Und sie fragte sich, ob sie selbst wohl so viel demütiger Geduld in der Liebe fähig wäre. Nein, sie würde, das fühlte sie tief, sich trotzig abgewandt, oder Gegenliebe erzwungen haben.

Sie ging hin, umfaßte Anny Bewer von hinten und drückte einen Kuß auf die eingefallene Wange.

»Verzeihen Sie mir? Sie gütiges Herz?« fragte Anny und wandte sich um.

Der Glanz war von ihrem Gesicht gewichen, sie sah wieder mürrisch und alt aus, wie immer.

»O schweigen Sie,« rief Irene und umarmte sie noch einmal.

»Das nennt man eine schöne Hilfe,« scherzte Anny Bewer mühsam, »nur aufgehalten habe ich Sie. Sie werden zu spät fertig.«

Irene sah nach ihrer Uhr, die auf dem Nachttischchen lag.

»Noch mehr als zwanzig Minuten. Und Herr Tom ist dann doch noch nicht fertig. Finden Sie, daß ich ein Halsband umnehme?«

»Nein,« sagte Anny, kritisch Irene musternd, »das würde die schönen Linien nur unterbrechen. Und gerade heute sollen Sie alle durch Ihre Schönheit übertrumpfen.«

»Warum gerade heute?«

»Damit jedermann begreift, für welche auserlesene Dame er seine Lanze gebrochen,« scherzte Anny Bewer.

»Wer? Welcher ›Er‹ hat eine Lanze für mich gebrochen? Und bei welcher Gelegenheit war das nötig?« fragte Irene, plötzlich aufmerkend. Trotz des scherzenden Tones war ihr die Bemerkung wie ein Sturmsignal.

Anny errötete.

»Fribo,« sagte sie und vermied Irenens forschenden Blick.

»Ich will wissen, was vorgefallen ist,« sprach Irene befehlend, »denn es ist etwas vorgefallen!«

Daß Fribo mit auf den Ball gehen wollte, erschien ihr plötzlich als verdächtig und ward von ihr sogleich mit den Reden Annys in Zusammenhang gebracht.

»Eine Klatscherei im Klub. Fribo war zugegen und hat dreingeschlagen. Er hat Kugler einen ›Schurken‹ an den Kopf geworfen.«

Anny sprach sehr widerwillig. Es hatte sie den ganzen Abend förmlich getrieben, davon zu sprechen, und nun war es ihr ärgerlich, sich zur Lobrednerin Fribos vor einer anderen gemacht zu haben.

Irene war auf einen Stuhl niedergesunken. Sie war ganz bleich geworden.

»Lassen Sie mich alles wissen.«

Und während die andere wortgetreu erzählte, was man ihr zugetragen, triumphierte in Irenens Herz jubelnd der Gedanke, daß er sich zu ihrem Ritter gemacht habe. Doch ein auftauchender Schreckgedanke tötete in ihr alles stolze Glück.

»Sie werden sich schlagen, Kugler wird ihn fordern,« sagte sie mit zitternder Stimme.

»Ach bewahre,« murrte Anny, »das ist hier keine Mode. Die Leute lassen ihrer Zunge den freiesten Lauf und nachher revozieren sie.«

»Aber es sind doch Kavaliere,« sagte Irene zwischen Staunen und Erleichterung.

»Imitation,« sprach Anny Bewer trocken.

Es klopfte an die Tür.

»Ich bin es,« rief Signe draußen.

»Nur herein, ich bin fertig!« rief Irene zurück.

Die Tür tat sich auf. Irene und Anny Bewer wechselten einen Blick. Beide waren wieder einmal betroffen von dem Anblick der jungen Frau.

Ihre zarte, überschlanke Gestalt, welche durch den Mangel an Fülle noch größer aussah, war ganz in weißen Krepp gehüllt. Ein weißer Rosenkranz ohne Blätter ruhte wie ein Diadem auf ihren blonden Haaren.

Anny Bewer, unzart wie so oft, sagte:

»Warum hast du dich denn ausstaffiert wie eine Trauerspielheldin, wenn sie im fünften Akt auf der Bahre liegt?«

Die junge Frau sah ihre Verwandte stumm an. Es war einer von den Blicken, die Irene nicht ohne Schmerz sehen konnte.

»Wie die verkörperte Reinheit und Unschuld hat Signe sich angezogen,« sagte sie begütigend. Es ist sehr schön.«

Signe, die sich immer »etwas dachte« bei der Wahl ihrer Anzüge, war glücklich, daß Irene doch annähernd verstand, was sie gewollt hatte.

»Der Wagen wartet schon so lange. So sollen wir ohne Tom fahren, da er eben erst anfängt, sich anzukleiden,« sagte Signe.

Anny lachte.

»Du kannst lachen,« sprach die junge Frau, der man übrigens anmerkte, daß sie vor Ungeduld wieder einmal entnervt war. »Wenn du es aushalten müßtest, solltest du nicht mehr lachen.«

Sie gingen die Treppe hinab; Anny trug ihnen die Mäntel nach, wobei sie ihren Dienst ausnahmsweise nicht bei sich zu Protokoll nahm. Denn in ihrem Herzen zitterte noch ein reiner Nachklang von vorhin.

Unten wartete Fribo, der mit den beiden jungen Damen fahren wollte, während Frau Steinbrück, die als Zuschauerin ungemein gern auf Bälle ging, sich opferte und mit Tom zu fahren dachte, wenn dieser endlich fertig sein würde.

Fribo errötete leicht, als er der Damen ansichtig wurde. Plötzlich kam ihm sein Vorhaben, auf den Ball zu gehen, so knabenhaft und unreif vor. Irene wiederum war befangen, weil sie nicht wußte, ob sie ihm danken dürfe oder Unkenntnis heucheln müsse über das Ereignis im Klub. Und nachdem sie den ersten Augenblick der Begegnung hatte vorbeigehen lassen, ohne diesen Dank auszusprechen, erschien es ihr nachher unmöglich, noch in unbefangener Weise anzuknüpfen.

Schweigend saßen alle drei im Wagen. Aber immer, wenn Fribo seine Augen von den vorüberziehenden Straßenwänden abwandte und sein Gegenüber ansah, flohen ihn scheue Blicke, die zuvor auf seinem Antlitz geruht. Und wenn Irene wieder den Mut faßte, ihn anzusehen, traf sie noch sein schnell abirrendes Auge.

Signe war mit ihren Gedanken wieder in den fernsten Ländern des Reiches ihrer Phantasie und schrak aus tiefsten Träumen auf, als die Wagentür aufgerissen wurde. Als sie ausstieg, fuhr gerade ein heftiger Windstoß die Straße daher und riß ihr den weißen Umhang von den Schultern, daß er, hochaufflatternd, wie große Flügel von ihrem Rücken abstand.

Nur drei Schritte über den Bürgersteig und sie waren in dem festlich geschmückten Hause.

Die große Kaufmannsdiele war mit Flaggen und Girlanden geschmückt, der Ausputz mahnte ein wenig an Sänger- und Schützenfeste. Oben in allen Zimmern und auf dem Flur, der ähnlich wie die untere Diele geschmückt war, drängten sich soviel Menschen, daß die Luft schon heiß und dick war. Die Hardings pflegten mit diesem einen Fest allen ihren geselligen Pflichten nachzukommen und luden alle ein, denen sie es »schuldig waren«. Das größte Zimmer des Hauses war völlig ausgeräumt und mit den Möbeln waren zwei sonst als Schlafgemächer dienende Räume ausgestattet worden, wobei eine schreiende Farbenfeindschaft zwischen den Tapeten und Vorhängen einerseits und den Möbeln anderseits nicht zu verhindern gewesen war.

Irene fühlte, daß man sie in besonderer Weise ansah; die meisten der Anwesenden hatten eine sehr unbefangene Art, sie dreist zu mustern, und hierdurch gereizt, nahm sie eine hochmütige Miene an.

Kugler strich an ihr vorüber mit ganz besonders ergebenem Gruß, den sie indessen kaum erwiderte.

Sie fing an sich sehr unglücklich zu fühlen und sehr allein. Signe war ihr gleich abhanden gekommen, aber als sie sich suchend umsah, bemerkte sie Fribo Steinbrück in ihrer Nähe.

Und so ging es in den nächsten Stunden weiter. Immer war er, unauffällig, gerade in dem Zimmer, wo sie sich plaudernd aufhielt, und diese Beobachtung gab ihr zuletzt ein Vergnügen ohnegleichen, so, daß sie aus der hochmütig ablehnenden Stimmung in die genügsam heiterste verfiel und sich alle Leute dadurch gewann, daß sie überzeugt versicherte, das Fest sei reizend. Sie tanzte nicht. Sie wollte sich nicht der Gefahr aussetzen, etwa von Kugler aufgefordert zu werden und ihr war es, als ob Fribo sie dankbar ansah, da er ihre Ablehnungen hörte.

Unaufhörlich aber sah man Signes weiße Gestalt umherschweben. Sie tanzte mit einer geradezu verzweifelten Leidenschaft. Ihre Wangen blieben bleich, aber ihre Augen glänzten.

Arvid, welcher erst später gekommen war, machte ihr Vorstellungen und zwang sie zu einer Pause, ehe er selbst mit ihr tanzte.

Es ging ihm ein seltsamer Schreck durch alle Nerven, als er Signe heute sah. Die ungewöhnliche Art ihrer Kleidung erregte ihn, halb in Mißbilligung, halb in Bewunderung. Er war sicher, daß man ihrer heimlich spotte, und mußte sich doch sagen, daß Signe in ihrer phantastischen Weise schön sei, wie noch nie. Alles Körperliche schien von ihr abgestreift. Sie war ganz Nerven, ganz Empfindung.

Vor seinem Geist sah er plötzlich Toms breite, groblinige Gestalt, sein Gesicht voll vergnügter Selbstzufriedenheit neben diesem überzarten Geschöpf.

Alle Gespräche, welche im Verfolg eines keineswegs fest umrissenen Sittlichkeitsideals erörtert hatten, wie Signe den Geist ihres Gatten zu sich emporziehen könne, erschienen ihm mit einemmal als unaussprechlich töricht.

Signe kam ihm vor wie ein Schmetterling, der entweder eines Tages davonflattern und in unbestimmte Fernen hintaumelnd, von Sturm oder Frost getötet werden müßte, oder von der festen Hand des Gatten an den Flügeln gehalten, mit der Zeit allen Glanz von ihren Schwingen verlieren würde. So oder so – sie mußte das Opfer sein. Tom aber blieb unerschüttert auf dem Platz, wohin er gestellt war von Natur, Umgebung und Erziehung. Mit welchem Rechte wollte man ihm zumuten, auch nur um eine Linie weiter emporzustreben?

Welcher Philosophie und welchem Bildungspriester kann das Recht zugebilligt werden, jemanden aus der zufriedenen Enge fortzureißen in jene Zonen, wo der weite Hochblick mit heißen Kämpfen bezahlt wird? Mit der plötzlichen Ernüchterung, welche ein Fluch der Weltverbesserungsdilettanten ist, sagte sich Arvid, daß man Tom in seiner Haut, in welcher ihm wohl sei, belassen müsse. –

»Wollen wir nicht tanzen?« fragte Signe in sein Sinnen hinein. Ihre sonst so schüchterne und mädchenhafte Stimme hatte einen heißen und begehrlichen Klang.

»Ja,« rief Arvid und nahm sie in seine Arme.

Die schmachtenden, wiegenden Walzertöne wirkten stark auf seine Nerven.

»Sie tanzen gern?« fragte er noch.

»Manchmal mache ich mir nichts daraus. Heute möchte ich rasen, rasen bis zum Umsinken,« flüsterte sie.

Sie tanzten wundervoll zusammen. Und während Arvid das zarte Geschöpf so nahe an sich fühlte, wie ihre schlanken Arme, schmächtig wie die einer Psyche, an seinem Arm lagen, ihre leichte Hand auf seiner Schulter ruhte, ergriff ihn jäh ein ungeheures Mitleid. Er hätte mit ihr fortschweben mögen, hinaus aus dem Saal, durch die Wände, über Länder und Meer und sie hintragen in ihre Heimat, in ihr Vaterhaus. Dort die bleiche Blume hinbetten am Herzen treuer Eltern und rufen: »Schützt sie vor dem Leben!«

Er preßte sie innig an sich und flüsterte hingerissen:

»Meine Schwester!«

Im Taumel des Tanzes war eine heilige Empfindung in seine Seele, und wie es seine Art war, beobachtete er das gleich an sich mit einem Anflug geistigen Hochmutes. Jeder andere Mann, dachte er, würde dieser unbefriedigten Frauenseele mit unlauteren Wünschen und verbrecherischem Scheintrost gekommen sein.

Zehn Minuten später sah er zu, wie Signe mit einem anderen tanzte. Dieser andere war diesmal zufällig Konsul Talker mit dem flotten Gesicht. Und obschon gerade Talker gewiß ein anständiger und braver Durchschnittsmensch war, erschien er mit seinem verwegenen Ausdruck Arvid als ein bedenklicher und unangemessener Tänzer für Signe.

Eine quälende Erregung bemächtigte sich seiner.

Keine profane Hand sollte diesen schlanken Leib umfassen, kein roher Blick diese zarten Schultern streifen.

Und welche Leidenschaft Signe im Tanz zeigte! Diese Gestalt war ihm wie ein unirdisches Geschöpf ohne Blut und Sinne vorgekommen, nur wie das zufällige Gefäß einer ringenden Seele.

Bis dahin hatte er sich nur mit ihrer Seele beschäftigt.

Mit einemmal sah er das Weib.

Seine Pulse schlugen. Er drängte sich vor. Der Wunsch war in ihm, Signe festzuhalten, wenn sie mit Talker vorbeikäme. Seine Augen brannten in ihren Höhlen. Er sah ihr gleichsam zornig entgegen.

Da wurde sie eben im Saal von Tom angehalten, der sie wahrscheinlich vor dem übermäßigen Tanz warnte.

Arvid sah den Mann sie hinwegführen, den Mann, der ihr Herr, ihr Gatte, ihr Schicksal war. – – Er fühlte sich wie von einem Schwindel ergriffen. Leichenblässe überzog seine Wangen.

Ein wahnwitziger Haß gegen Tom quoll in ihm auf.

Und dann ging ein herbes Lächeln um seine Lippen.

Er hatte begriffen, daß er sich seit langem selbst betrogen.

»Ein Narr bin ich gewesen,« dachte er bitter, »soll ich auch noch ein Schurke werden?«

Und durch die Walzermelodien, die sich bis zum Überdruß wiederholten, klang ihm immer die Frage:

»Tue ich überhaupt ein Unrecht, wenn ich sie dem nehme, der sie doch nicht besitzt?«

Und Arvid mit seinen Theorien war gewiß der Mann, sich von Stund' an zu beweisen, daß die Lüge von Signes Ehe nun aufhören müsse und daß das Schicksal ihn zum Retter bestimmt habe.

Springt nicht auch der zu, welcher am nächsten steht, wenn jemand am Ertrinken ist? Ruft man da erst Vater und Mutter des Bedrohten?

* * *

Anny Bewer war nach Hause gegangen. In den Straßen war es sehr windig, vor dem Tor konnte sie kaum gegen die Windstöße ankämpfen, aber sie hatte die Angewohnheit, die zehn Pfennige für die Pferdebahn nur bei Regenwetter auszugeben.

So kam sie denn ganz erschöpft in ihrer Wohnung an. Die Stube war sehr ausgekältet. Anny Bewer machte Licht und kramte ihre Teemaschine nebst Teetopf und Tasse aus dem Schrank. Sie hatte einstweilen noch die Milchglaskuppel nicht auf die Lampe gesetzt und nun gab die Flamme im Zylinder ein unangenehmes und zugleich kaltes Licht, welches sich schmerzhaft blendend in Annys Kneifer widerspiegelte.

Ihre Wirtin hatte ihr das Abendbrot schon auf den Tisch gestellt: zwei Semmeln und einige dünne Scheiben einer geringen Wurst.

Als Anny sich alles zurechtgemacht hatte, überdeckte sie die Lampe und setzte sich zu ihrem Tee nieder.

Es war zu kalt. Sie stand wieder auf und nahm ihren pelzbesetzten Abendmantel um.

Anny rührte mit ihrem Löffel nachdenklich den Tee um. Jetzt vielleicht tanzten ihre Verwandten mit lachenden Gesichtern im heißen Saal umher. Vielleicht auch Fribo.

Wie schön Irene gewesen war. Ob nicht auch er Augen dafür haben mußte?

Anny bereute plötzlich leidenschaftlich, daß sie Irenen von dem Vorfall im Klub erzählt habe, denn notwendigerweise mußte das zwischen ihm und ihr eine Veränderung des bisherigen, feindlich kühlen Verhaltens gegeneinander herbeiführen.

Lange grübelte sie darüber nach, wie diese Veränderung sich gestalten werde. Anny Bewer hatte einen scharfen Blick und einen scharfen Verstand, aber sie kannte die Männer nicht und konnte sich deshalb nur ein schiefes Bild von der möglichen Entwicklung seelischer Kämpfe in einer Männerbrust machen.

Sie legte sich alles zurecht, wie sie es wünschte. Sie kannte Fribo als ernst und allem Ungewöhnlichen abhold, deshalb kam sie zu dem Schluß, daß seine Empfindung für Irene wahrscheinlich kälter werden würde, weil sie die unschuldige Ursache peinlichen Aufsehens geworden. Männer seien ungerecht, hatte Anny oft sagen hören, und tragen gehabte Unbequemlichkeiten denen nach, welche sie verursachten. – Sie kannte Fribo auch als festen Charakter, der nie von einmal ausgesprochenen Ansichten abwich. Sie wußte nicht, daß Männer oft in einer gewissen Furcht vor sich selbst gerade über die Liebe und Ehe Prinzipien aussprechen und sich als richtig einreden, welche den eigentlichen Bedürfnissen ihrer Natur geradezu widersprechen, weil Fribo nun gesagt hatte, daß er ein ganz junges Mädchen heiraten wolle, um es sich zu erziehen, kam sie weiter zu dem Schluß, daß er sich niemals in die selbständige, gereifte Irene verlieben werde.

Ihre leidenschaftliche Reue, welche sie zehn Minuten ganz niedergedrückt hatte, fing an, einer still zufriedenen Heiterkeit zu weichen.

Der Tee hatte ihr Blut erwärmt, im Zimmer war es behaglicher geworden. Anny beschloß, sich auch etwas Gutes anzutun. Sie wollte zu Bett gehen und im Bett noch lesen.

Mit Sorgfalt, ja mit einem gewissen Raffinement räumte sie alles zurecht – Buch, Lampe und eine dampfende Tasse Tee auf das Tischchen vor ihrem Bett, vor welchem der verhüllende Wandschirm zur Nacht fortgenommen wurde. Im Bett lag eine Wärmkruke; von der fürsorglichen Wirtin wurde dieselbe tagsüber in den Ofen und abends in die Kissen getan.

Anny machte sich's bequem, und ein unnennbares Behagen, die Wonne des Ausruhens, löste ihre Glieder.

Sie saß halb aufrecht, hinter Rücken und Kopf eine Menge weißer Kissen. Es war ein gutes Bett, dasselbe Bett, in welchem einst der Mann ihrer Wirtin gestorben. Aber das wußte Anny Bewer nicht.

Sie las und nahm dazwischen einen Schluck Tee. Die Lampe warf still ihren Lichtkreis über Bett und Buch.

Allmählich vergaß Anny den Tee. Der französische Roman erregte ihre brennende Spannung. Die Finger, welche die Seiten umblätterten, zitterten. Die lesenden Augen funkelten.

Was es doch für unerhörte Dinge in der Welt gab! Und was für Frauen – Frauen, die alles haben und genießen können, wonach es sie gelüstet.

Anny empfand einen grenzenlosen, aber süß beängstigenden Abscheu vor der Sünde und dieser Art von Lebensgenuß. Sie las mit Entsetzen und Entzücken zugleich das Buch zu Ende.

Dann legte sie es in das Schubfach des Nachttischchens, sank in die Kissen zurück und starrte träumend vor sich hin.

Ob Fribo wohl auch schon der Held solcher Abenteuer gewesen, von denen sie gelesen?

Brennende Neugier quälte sie. Wenn sie alles, alles hätte erfahren dürfen, was er je erlebt. Jeder Mann lebt sich aus, auch er war gewiß nicht reif und fest geworden ohne Erfahrungen.

Ihre Phantasie versetzte nun Fribo in den Mittelpunkt aller möglichen, leidenschaftlichen Erlebnisse. Dabei ward ihr Herz zerfleischt von maßlosen Empfindungen, die vielleicht ebensosehr eine dämonische Neugier, wie gegenstandslose Eifersucht waren.

Sie nahm sein Bild aus dem Schubfach, wohin sie es jeden Abend trug, um es noch anzusehen, ehe sie die Lampe löschte.

Sie vertiefte sich in den Anblick und sprach zu der Photographie. Die ernste Stirn, das klare, bestimmt blickende Auge rührten sie zu tränenvoller Begeisterung. So männlich schön gab es kein Angesicht mehr auf der Welt. Und diese gerade, edle Nase. Und diese stolzen und doch weichen Lippen unter dem Schnurrbart.

Ihre Augen schwelgten und ihr Mund ward ihr trocken.

Tränen rannen ihr immer zahlreicher über die Wangen.

Er tanzte vielleicht und war sorglos glücklich, während sie hier einsam, verlassen mit einem todunglücklichen Herzen lag.

Anny wünschte, daß sie krank wäre oder plötzlich würde. Dann hätte sie das Recht, ihn zu rufen, ihn zu sehen, seine Hand zu fassen.

Bei dem Gedanken an solche Möglichkeit klopfte ihr Herz so sehr, daß ihr Atem stockte.

Sie fing an zu schluchzen.

Das Herzklopfen war beängstigend. Wenn nur jemand da wäre, sie zu trösten, ihr beizustehen.

Der Trotz gegen das Verlassensein wallte in ihr auf. Sie schluchzte immer wilder. Wenn irgendeinem anderen so elend wäre, wenn irgendeine andere solch fürchterliches Herzklopfen hätte, würde die Dienerschaft oder die Familie gleich zum Doktor laufen. Sie aber, sie konnte hier ungesehen und ungehört leiden.

Sie weinte laut, immer lauter, so daß ihre Wirtin, die Doktorswitwe, es hörte.

Annys Tür war immer unverschlossen. Die geängstigte Frau kam leise herein.

Sobald Anny ihre Gegenwart merkte, steigerte sich ihr Gefühl des Elends. Die Äußerungen desselben wurden noch maßloser. Die Frau sollte nicht denken, daß Anny um gar nichts weine.

Nein, sie war krank, sehr krank und hatte einen krampfartigen Anfall und ein Herzklopfen, wie noch nie.

Und während sie sich körperlich immer tiefer in einen Zustand hineinraste, der ihr in der Tat schließlich nicht mehr gestattete, ihre Nerven wieder zu beherrschen, wartete sie mit dem einzig klaren Gedanken, den sie noch hatte, darauf, ob man nun Fribo holen würde oder nicht.

Und die geängstigte Frau, welche noch niemals einen hysterischen Anfall gesehen und nicht wußte, daß ihm sehr einfach und gesund durch kaltes Wasser und strenge Worte beizukommen, schickte in der Tat ihr Dienstmädchen, das eben hatte zu Bett gehen wollen, nach Fribo Steinbrück aus.

Von diesem Augenblick an wurde Annys schreiendes Schluchzen langsam sanfter. Sehr langsam freilich, denn die empörten und gewaltsam aufgestörten Nerven kannten sich nicht so schnell beruhigen. Sie arbeiteten noch mechanisch weiter.

Endlich lag Anny still, mit geschlossenen Augen, todesmatt, da.

So fand Fribo sie, als er über die Schwelle trat.

Die Frau, welche neben Annys Bett gesessen, erhob sich und berichtete ihm flüsternd, wie es hergegangen.

Fribo warf seinen Pelz ab. Er war im Frack und man hatte ihn von dem Souper, welches den Ball unterbrach, fortgeholt.

Während die Frau auf ihn einsprach, sah er mit strengem Ausdruck auf das Bett hin, wo Anny mit gefalteten Händen lag.

Ein Ausdruck stillen Glücks verklärte ihre bleichen Züge. Ihre Augen waren geschlossen, aber sie wußte und hörte: er ist da.

Fribo trat jetzt an ihr Bett und die Doktorswitwe verließ leise das Zimmer.

»Anny,« sagte er halblaut.

Sie schlug die Augen auf. Da sah sie das ernste Antlitz mit strengem Ausdruck über sich gebeugt.

Tränen schossen ihr sogleich wieder in die Augen.

Er umschloß fest ihre Hand, um den Puls zu fühlen.

»Vergib mir,« flüsterte sie, »ich weiß nicht, was es war.«

Tiefe und schmerzliche Scham stritt in ihrer Brust mit der Wonne über seine Gegenwart.

»Es war ein Mangel an Selbstbeherrschung,« sprach er in seiner festen und doch milden Weise. »In solche Zustände arbeitet man sich hinein. Sie übermannen einen nicht. Fester Wille, nicht aber der Arzt ist da der Helfer.«

Ihre Tränen flossen stärker.

»Vergib mir,« sagte sie noch einmal, »aber mir war, als müsse ich sterben, wenn ich dich nicht sähe!«

Und danach war Schweigen, ein sehr qualvolles Schweigen.

Annys Herz klopfte wieder rasend, es war vor Schreck über ihre unwillkürliche Aufrichtigkeit.

Fribos Stirne rötete sich. Er wußte mit einemmal, daß das alternde, unglückliche Mädchen ihn liebe. Die peinlichste Bestürzung und das tiefste Mitleid erfüllten sein Herz. Auch eine ganz kurze Regung des Widerwillens bäumte sich in ihm auf, denn die Natur ist so grausam: sie läßt den Mann gegen ihm dargebrachte Liebe, welche er nicht erwidern kann, beinahe Feindschaft empfinden.

Aber in Fribos Seele blieb nach wenigen Sekunden nur das Mitleid und eine Art von Beschämung zurück. Die Beschämung darüber, daß er nichts zu tun vermochte, dieses arme und verschmachtende Herz zu erquicken.

Er drückte fest die Hand, welche er noch immer umschlossen hielt und setzte sich vor dem Bett nieder.

»Wenn es dir wohltat, mich zu sehen, freut es mich, daß deine Wirtin mich rufen ließ. Leider ist unser Kommen denn auch oft das einzige, das wir unsern Patienten als Medizin zu geben vermögen,« sprach er so ruhig, als es ihm irgend möglich war. »Auch dir, liebe Anny, kann ich nichts weiter verordnen, als ich schon seit Monaten tat. Daneben aber muß ich dich warnen, dich deinen traurigen Stimmungen so hinzugeben, daß sie in Weinkrämpfe ausarten, denn solche Vorkommnisse untergraben deine Gesundheit vollends.«

Diese Ruhe und diese Zurechtweisung erbitterten Anny, weil sie sich schämte.

»Leute, welche auf der Höhe des Daseins stehen, haben es bequem, denen, die im Staube kriechen, stete Fassung anzuempfehlen. Man wirft sich eben mal nieder und verzweifelt.«

Wer mochte ergründen, was diese Frauenseele auch sonst noch reizte? Hatte sie vielleicht gehofft, ganz unbestimmt, ganz leise, daß er ein zärtliches Wort finden würde? Daß er aus Mitleid wenigstens ihr eins vorlügen werde?

»Anny!« rief er streng.

Vor diesem Ton sank sie wieder zusammen und wurde demütig.

»Vergib mir,« flehte sie, seine Hände umklammernd.

Und wie er das arme, kränkliche und alternde Wesen da so liegen sah, ein Opfer lauter freudloser Lebensverhältnisse, begriff er plötzlich, daß alles, um dessentwillen die Welt sie bemitleidete, um dessentwillen er selbst bisher zart und barmherzig mit ihr gewesen, nur die nebensächlichen Äußerlichkeiten waren, und daß ihr einziges, eigentliches Unglück nur ihre Liebe zu ihm sei.

Und er, Fribo, bei dem alle Äußerlichkeiten gerade die entgegengesetzten waren, denn man nannte ihn jung, reich, im Beruf freudig tätig, er befand sich ganz in derselben Lage wie Anny. Sie waren Genossen in dem Schicksal, hoffnungslos zu lieben.

Er wußte, Anny würde mit Freuden noch mehr arbeiten, noch karger leben, sich noch mehr demütigen lassen, wenn er ihr nur das eine himmlische Wort zu sagen vermocht hätte!

Da tat er etwas, das seinem verschlossenen Wesen ganz unähnlich war. Er beugte sich über Anny und küßte die arme, von Ärger und Leiden gefurchte Stirn. –

Ein Zittern ging durch ihre Gestalt. Ihre Hände falteten sich wie zum Gebet.

Sie schlug die Augen zu ihm auf, und der Blick heiliger Dankbarkeit erschütterte ihn tief.

»Anny« sprach er leise, »bist du meine Freundin?«

Sie nickte wortlos und drückte heftig seine Hand.

»Nun denn, versprich mir, fortan ein tapferer Mensch zu sein. Du bist unglücklich, ich weiß und fühle es. Aber laß dich nicht hinabziehen und verliere dich nicht in unwürdige Exaltationen. Strebe empor! Es gibt auch eine Höhe der Entsagung, und es sind gerade die reifen und vornehmen Geister, die allein die Kraft haben, sich emporzuschwingen. Auf der Höhe des Glückes kann sich auch der Unbedeutende voll stolzer Haltung zeigen.«

»Du verachtest mich,« murmelte Anny, mit geschlossenen Augen zurücksinkend. »Und ich gab dir das Recht dazu.«

»Nein,« sprach er innig, »nein. Ich traue dir Größeres zu, als ich bis jetzt von dir zu sehen bekam. Ich traue dir die Kraft zu, weiblich, sittlich und nützlich zu handeln, und zwar nicht im Trotz, sondern aus edler Freude an menschlicher Größe.«

»Du sprichst wie sie,« flüsterte Anny.

Er wußte, wen sie meinte, seine Stirn erglühte.

»Anny« sagte er, »auch ich bin nicht glücklich. Ich liebe und kann sie, die einzige, nie erringen.«

»Irene?« sprach Anny und sah ihn groß an.

Er neigte das Haupt.

Anny fühlte, warum er ihr das gestand. Er wollte ihr sagen, daß sein Herz gewählt habe, damit ihre Seele leichter von ihm lasse, er wollte ihr aber auch zeigen, daß sie vor allen Menschen ihm teuer sei. Denn Anny wußte wohl, daß er dergleichen weder seiner Mutter noch seinem Bruder gestanden haben würde.

Sie lag ganz still. Der Schmerz, welchen ihr ein solches Geständnis sonst verursacht hätte, ging unter in den erhabenen Vorsätzen, welche sie ganz erfüllten.

Fribo sollte lernen, sie zu achten. Sie wollte um seine Freundschaft ringen und kämpfen, damit er ihr teil an seinem Leben gönnen möge. Sie wollte werden, wie er verlangte: weiblich, sittlich, nützlich in edler Freude.

»Fribo,« begann sie nach langem Schweigen, »ich bin sehr schwach nun und möchte ruhen. Geh' jetzt. Ich danke dir. Diese Stunde soll Segen bringen über all meine künftigen Tage. Ich will ein neues Leben anfangen. Die Wege dazu sind mir von dem herrlichen, gütigen Mädchen eröffnet worden. Sage Irenen, bitte, aber sage es genau so: Die Wendung, von welcher ich gesprochen, sei eingetreten und ich nähme deshalb die Stellung an, welche mir geboten ist. Willst du ihr das sagen?«

Ja.«

Anny sah ihn unruhig an, als er sich nun zum Gehen rüstete.

»Komm noch her,« bat sie, als er den Pelz umgetan hatte.

Er trat an das Bett, und sie streckte die Hände zu ihm empor.

Ein herzzerreißendes Lächeln ging über ihr Gesicht.

Ihre mageren Hände umschlossen seine Wangen.

Sie sah ihn tief an, in unaussprechlicher Liebe, wunschlos und treu, wie eine Mutter.

Und dann küßte sie ihn voll Andacht auf die Stirn.

Sie lächelte noch immer, aber eine Träne zitterte an ihren Wimpern.

Er aber sah es, daß sie so in Lächeln und in Tränen den Entschluß faßte, das Feuer ihrer Liebe fest, fest zuzudecken, damit die Flammen nie mehr ihren Verstand verzehrten.

Und er wußte es, daß fortan über diesem sonnenlosen Frauenleben der Stern des Mutes leuchten werde.

Er ging in die Nacht hinaus. Auf das Ballfest mochte er nicht mehr zurückkehren, denn er fühlte sich nicht gestimmt, auch nur als Zuschauer, an einem leeren Vergnügen teilzunehmen.

* * *

Signe konnte das Tanzen gar nicht vertragen, es erzeugte ihr Schmerzen in der Brust, und anstatt daß ihre Wangen sich von der heftigen Bewegung und der Hitze röteten, blieben sie farblos. Aber wenn es wie eine Raserei über sie kam, mußte sie tanzen, tanzen mit weher Brust und fiebernden Pulsen.

Geschah ihr das so, dann lag sie in der Nacht nachher, anstatt sich in gesunder Müdigkeit ausruhen zu können, wach und voll Unrast im Bett. Ihre Glieder schmerzten sehr, ihr Atem war kurz. Und auf ihrem Kopf lag ein schwerer Druck.

Eine düstere Melancholie trübte am andern Morgen ihr Gemüt. Mühsam schleppte sie sich umher und es schien, als sei sie über Nacht noch schmächtiger geworden.

Tom ärgerte sich dann jedesmal, und es gab bei dem ersten Frühstück einen Streit, wozu die Gelegenheit sich immer aus irgendeiner Ursache wie von selbst ergab, dessen Inhalt aber ungefähr stets der gleiche war. Tom beendete den Zank dann damit, daß er zur Tür hinausging und diese krachend zuschlug; Signe – je nach ihrem Befinden und ihrer Stimmung – zuckte die Achseln dazu, oder weinte stundenlang.

- Heute indessen sollte die Sache weder mit einer zugeworfenen Tür, noch mit einem Achselzucken zu Ende sein.

Seit dem Tage, wo sie zusammen aus der Kirche gekommen waren, hatte sich die Erbitterung ungehindert in Strömen in das Herz der jungen Frau ergossen, und ihr war, als müsse sie darin ertrinken, wenn sie sich nicht mit einem Schrei nach Rettung emporzuringen versuchte.

Als Signe in das Eßzimmer trat, einen losen, reichen, aber sehr zerdrückten Morgenrock von hellblauem Stoff und weißen Spitzen um ihre frierenden Glieder, das rauhe Haar ziemlich unordentlich im Nacken zusammengesteckt, meldete ihr das Dienstmädchen, daß Fräulein von Meltzow sich entschuldigen lasse.

Signe wärmte sich an dem dunkelgrünen Kachelofen, indem sie die schmalen, langfingerigen Hände dagegen preßte und fragte, was dem Fräulein fehle. Kopfschmerzen habe Fräulein von Meltzow, meinte das Mädchen und setzte eifrig hinzu:

»Ich brachte vorhin einen Brief vom jungen Herrn Doktor an das gnädige Fräulein. Da wird wohl etwas Besonderes darin gestanden haben, denn Fräulein wurde ganz blaß und...«

Signe wandte sich um und sah das Mädchen von oben bis unten an.

Dies verstand und ging trotzig von dannen.

Signe dachte aber:

»Die Leute kennen das so von meiner Schwiegermutter her, daß der Herrschaft freiwillige Klatschereien über die Hausbewohner willkommen sind.«

Und wie Frau Steinbrück hochmütig und gnädig zugleich auf das Wesen ihrer Schwiegertochter herabsah, so sah Signe auf ihrer Schwiegermutter Schwächen herab. Eine Erscheinung, die sich im Zusammenleben fast aller Menschen findet. Einer verachtet beinahe den andern, nur weil jener anders ist als er selbst. Das Abweichende ist dem naiven Selbstbewußtsein an und für sich schon das Geringere oder minder Richtige.

Signe war verstimmt, daß sie die Freundin nicht gleich sehen und sprechen konnte. Sie liebte es, Irenen Dinge zu sagen, Ansichten zu entwickeln, die für Tom bestimmt waren, denen er sonst aber nicht sein Ohr geliehen hätte. Sie gab sich der Einbildung hin, daß Tom so unfreiwillig hören müsse, während er in der Tat an sein Geschäft dachte, oder die Kurse im Morgenblatt studierte.

Tom kam aus dem Kontor herauf, er war schon früher aufgestanden, hatte Signe nur schlummernd gesehen und wollte jetzt erst sein Frühstück nehmen.

»Morgen,« sagte er kurz und setzte sich, mit flüchtigem Blick auf seine Frau, an den Tisch.

Sie kam langsam heran, in ihrem Gang, ihrer Haltung und Miene war Frost und Müdigkeit ausgedrückt.

»Na, dir ist die Geschichte wieder nicht bekommen?« fragte er mitleidig.

Sie goß ihm Tee ein und schüttelte den Kopf.

»Mir schien aber auch, daß du wie eine Rasende tanztest.«

»Was sollte ich sonst dort? Absagen darf ich nicht.«

»Du hast dich gar nicht gesträubt, die Einladung anzunehmen,« sagte Tom.

»Nein,« sprach sie müde und fast atemlos, »denn ich habe so oft gebeten, daß wir diese dummen Gesellschaften lassen sollen, immer umsonst. Nun lasse ich mich widerstandslos mitschleppen.«

Tom lachte.

»Mir scheint, du amüsiertest dich famos. Du warst die begehrteste Tänzerin.«

In Signes Augen trat ein lebhafter Glanz. Sie begann aus ihrer völligen Zerschlagenheit zu erwachen.

»Ja. Wenn man sein Leben nicht mit würdigem Inhalt füllen darf, soll man es mit Vergnügen betäuben. Ich sehe, es ist das einzige, was du bieten kannst und willst: Betäubung,« sagte sie und begann schon zu beben.

Tom ärgerte sich und mit einigem Recht. Er hielt sich für einen gediegenen und soliden Menschen, der seiner Frau eine anständige, eine sehr anständige Existenz bot. So etwas wollte er sich nicht sagen lassen.

»Weißt du, mit deinen überspannten Reden bleibe mir vom Leibe. Wenn man dich so hört, müßte man dich für todunglücklich halten und du hast doch wahrlich keine Gründe zum Unglücklichsein.«

Er strich mit schlank ausschlagender Hand sein Zeitungsblatt glatt und machte Miene, als wolle er lesen.

Signe riß ihm das Blatt aus der Hand, fiel neben ihm in die Knie und umklammerte seinen Arm.

»Ich, Tom – ich keine Gründe? Bist du denn glücklich? Kannst du es sein? Kann dies Leben dich befriedigen?«

Tom wußte nicht recht, ob die kleine Frau ihn dauern sollte oder ob sie ihn zur Ungeduld aufrief - jedenfalls langweilten ihn im Grunde ihre steten Fragen und Erörterungen über ihre Ehe und deren Glück oder Unglück.

Er zog Signe empor und auf seinen Schoß.

»Natürlich,« sagte er mit freundlichem Ton und gutmütiger Resignation, »natürlich befriedigt mich das Leben. Warum sollte es nicht? Ich bin gesund, ich habe zu leben, ich genieße die Achtung meiner Mitbürger; mehr kann ein Mensch doch nicht verlangen, wenn meine kleine reizende Frau ein bißchen verträglicher sein wollte, wäre ich sozusagen ein beneidenswerter Kerl, alles in allem.«

Signe schmiegte sich an ihn.

Es tat ihm doch wohl, die Wange an seiner zu fühlen. Ihr zartes Körperchen kam ihm vor wie ein kleiner, frierender Vogelleib.

Ich bin nicht unverträglich, Tom,« sagte sie unter Tränen.

»Nein, nein,« sprach er und zog sie sicherer auf seine Knie, »du hast nur den Fehler, immerfort über die natürlichsten und einfachsten Sachen nachzugrübeln.«

»Und verlangst du denn gar nicht mehr vom Leben, als gesund, reich und geachtet zu sein?« fragte sie drängend.

»I,« machte er, »was sollt' ich sonst wohl noch verlangen?«

»Frieden und Glück in der Ehe,« flüsterte Signe.

»Na,« sagte Tom bedenklich, »streiten tun sich nun mal alle Ehegatten. Das trägt man sich nicht nach, und wenn man sich erst völlig aneinander gewöhnt hat, kommt das Glück von selbst.«

Er war in der besten und zärtlichsten Stimmung für seine Frau und wollte sie recht innig beschwichtigen, denn ihr elendes Aussehen heute morgen dauerte ihn. –

»Also nur durch Gewöhnung denkst du dir ein Glück möglich?« fragte sie schmerzlich. »Das ist der natürlichste Weg dazu, denke ich, mein Engel,« sprach er mit der Überlegenheit des Mannes, der sich überlegen fühlt, nur, weil er ein Mann ist. »Kannst du mir denn sagen, wie du dir den Weg zum Glück vorstellst und was du vom Leben verlangst? Kannst du das mit zwei vernünftigen und klaren Worten sagen?«

Signe sank in sich zusammen und grübelte vor sich hin.

Nein, mit »zwei vernünftigen, klaren Worten« konnte sie nicht ausdrücken, was mit zersprengender Gewalt ihre Brust erfüllte.

Nicht so knapp ihm klarmachen, was in ihr selbst nur drängendes Wollen war.

Auch war es wie Scham, die ihre Lippen verschließen wollte. Sie kannte vor ihm nicht von Dingen und Fragen sprechen, die ihm vorkamen wie törichte Überfracht bei der Lebensreise und ohne welche sie sich keinen Tag ihres Daseins behelfen kannte. Sie fürchtete sein Unverständnis und sein Lachen und ihr war, als entweihe sie das Ringen ihrer Seele, indem sie ihn, der es weder verstehen wollte noch konnte, hineinblicken ließ.

Und doch – er war ja ihr Gatte, und seine Seele zu erwecken ihr heißer Wunsch und für sie der Weg zum Glück.

»Siehst du, Kind – du schweigst,« sagte Tom befriedigt.

»Nein,« rief Signe und richtete sich auf, »ich will, ich muß sprechen. Ich will deine Seele wecken.«

»Ich gelte sonst auch schon für einen ziemlich aufgeweckten Menschen,« scherzte Tom. Sie verstand zum Glück nicht, daß er mit einem platten Wortwitz ihre hohe Stimmung durchkreuzen wollte. Das Wort »aufgeweckt« für »nicht gerade dumm« war ihr ganz fremd.

»Nein, das kannst du dich nicht nennen,« rief sie und erhob sich von seinen Knien, »denn du lebst nur ein Leben in Formen, nicht mit Inhalt aus.«

Tom hatte Lust, hier wieder einen Scherz einzuflechten. Aber sie stand mit flammenden Augen vor ihm und redete in ihn hinein.

»Du ißt, du trinkst, du schläfst, du arbeitest – eine Arbeit, die nicht deine Gedanken, sondern nur deinen Rechensinn beschäftigt. Das ist kein Leben. Du bist arm. Du verlierst dein Dasein. Ich muß dich beklagen. Du gehst neben mir her und meinst, auch ich habe keine Gedanken, als Essen, Schlafen, Kleider und den Hausstand. Und wenn wir über all dies einen Gedanken und in all diesem einen Geschmack haben werden eines Tages – es könnte ja sein – so meinst du, wir sind dann glücklich?«

»Und ob ich das meine!« bestätigte Tom.

»Ich aber,« rief Signe, »ich will nicht, daß nur mein Leib, meine Zeit und mein Geld mit dir verheiratet sind, ich will dir meine Seele geben, und die deine haben.«

Seine Seele haben! Das wurde nun Tom aber ernstlich langweilig und er fing an, die Geduld zu verlieren.

»Das hat Arvid dir in den Kopf gesetzt,« sagte er ärgerlich. »Ich dachte, der sollte dich zur Vernunft bringen, aber es scheint, daß er deine dir leider anerzogenen Überspanntheiten nur bestärkt hat.«

»Er?« rief Signe, »nein, er hat nur meinem bis dahin haltlosen Dasein ein festes Ziel gegeben, das Ziel, dich mir zu erringen.«

»Zum Kuckuck noch mal, du hast mich ja. Ich bin das Muster eines treuen Ehemannes,« sprach Tom wütend, und rechnete es sich im Augenblick noch als besonderes Verdienst an, daß er im vorigen Jahr einer gastierenden Tänzerin gegenüber, welche ihn nicht kalt gelassen, alle Regungen standhaft unterdrückt und sich begnügt hatte, ihr Blumen werfen zu lassen, wenn Signe so fortfuhr, würde er diese Leistungen ehelicher Treue noch gar bereuen.

»Nein, ich habe dich nicht, vereinst du dich mit mir, damit wir unser Wissen und Erkennen erweitern? Nein. Strebst du danach, dir klar zu werden, was du denkst über Sittlichkeit und Pflicht, über unsere Zeit und deinen Gott?«

»Albernheit,« sagte Tom mit rotem Kopf und bösen Blicken, »alles so etwas versteht sich für den Gebildeten von selbst.«

Übrigens dachte er sich nichts weiteres bei dieser allgemeinen Antwort.

»Haben die Großen deines Volkes und meines Volkes für dich gedacht und geschrieben? Nein, denn du hast keine Zeit zu lesen und dich zu erheben. Du bildest dir ein, du ›erholtest‹ dich am Biertisch und im Klub, wenn mein armer Kopf und meine unerfahrene Seele grübeln und dich fragen möchten bei den verschiedenen Erscheinungen des schweren, o, so unergründlichen menschlichen Lebens: warum ist dies so? das so? warum, warum? dann kannst du mir nicht antworten, denn du hast über nichts gedacht und nichts festgestellt für dich selbst als Gesetz und Erkenntnis. Du kannst nicht mein Leiter und mein Lehrer sein. Und weil ich dich liebe, flehe ich zu dir und werde dich ewig anflehen: erwache! begreife, daß das Leben mehr von dir fordert, als du gibst.«

Tom ging zur Tür. Er war ganz erfüllt von Überdruß und Zorn. Ihm schien es, als hasse er Signe in diesem Augenblick. So lästig, so unbeschreiblich lästig war sie ihm mit ihren »verrückten Faseleien«, wie er es kräftig bei sich nannte.

»Ich habe keine Philosophie studiert und bin kein Schulmeister,« sagte er, »ich bin ein praktischer Mann und muß es den Gelehrten und den Federfuchsern überlassen, ihrer Umgebung solche Sachen, wie du meinst, vorzukauen.«

Sein Ton war getränkt von Verachtung. Signe stürzte ihm nach und hing sich an ihn.

»Tom,« rief sie leidenschaftlich, »verstehe mich doch.«

Er stieß sie rauh zurück.

»Ich verbitte mir für die Zukunft ein für allemal solche Gespräche, wenn ich dir nicht hochtrabend genug bin, hättest du lieber einen anderen nehmen sollen. Das wäre besser für dich und für mich gewesen.«

Und er ging hinaus und schlug krachend die Tür zu. Solcher lärmvolle Schluß war für Tom immer ein Bedürfnis nach erregten Unterhaltungen. Er setzte damit einen Punkt unter den Streit und wandte seine Gedanken gleichmütig den nächsten, anderen Angelegenheiten zu. Für heute fand er sogar eine sehr dringliche vor, eine, die ihn nötigte, noch selbigen Tages vormittags eine mehrtägige Reise anzutreten. Aber da es sich um ein günstiges Geschäft handelte, pfiff er vergnügt vor sich hin bei der Arbeit.

Gegen Mittag ging er hinauf, um sich reisefertig zu machen.

Er fand keine von den Damen vor.

Fräulein von Meltzow, hieß es, habe Kopfschmerzen und noch immer ihr Zimmer nicht verlassen. Die gnädige Frau sei ausgegangen.

Tom wunderte sich. Bei dem Wetter. Und flüchtig zog ein Gedanke mit liebevoller Besorgnis ihm durch den Kopf. Signe hatte heute morgen doch so besonders zart ausgesehen und draußen war Sturm und Schneetreiben. Aber er hatte keine Zeit, sich lange dabei aufhalten.

Die Zeit drängte. Er packte seine Sachen für zwei bis drei Tage zusammen und ließ eine Droschke holen, denn bei diesem Wetter erlaubte Frau Steinbrück nicht, daß ihre Pferde benutzt würden.

Er guckte noch bei seiner Mutter ein, und trug ihr die Bestellung an Signe auf, daß er verreise. Frau Steinbrück fragte zunächst, ob es unangenehmen, geschäftlichen Vorfällen gelte; als sie das Gegenteil vernahm, bedauerte sie trotzdem den Sohn und bat ihn, sich nicht zu erkälten.

– – – – – – – – – – – – –

»Das wäre besser für dich und für mich gewesen.«

Signe vernahm es, und es traf sie wie ein Peitschenschlag. Sie stand da und mußte sich mit der Hand gegen den Türpfosten stützen, um nicht zu fallen.

Nach einer Weile schleppte sie sich mühsam bis zu ihrem Zimmer und dort saß sie nun in ihrem Armstühlchen und sah vor sich hin.

So lange kannte sie nun die Steinbrücks und hatte immer noch nicht erfaßt, daß sie, die Mitglieder dieses ehrenhaften und untadligen Geschlechts den einen Leichtsinn besaßen, an dem von hundert Menschen neunzig kranken: den Leichtsinn des Wortes. Getragen von einer zornigen oder ungeduldigen Stimmung, von einer häßlichen oder liebevollen Aufwallung, entflieht ein böses oder ein gutes Wort den Lippen. Es verweht wie der Wind, es ist schon vergessen, fast ehe es erklang. Es war nicht so böse und es war nicht so gut gemeint. Der, welcher es vernahm, ist ein Tor, wenn er dem bösen Wort Tränen nachweint, er ist ein Narr, wenn er auf das liebe Wort baut.

Nein, Signe, mit ihrer leichtbeflügelten Phantasie, die sie über die Grenzen der Wahrheit hinwegtrug und ihrem Geist Bilder als Wirklichkeit vortäuschen konnte, die nur geträumt waren, Signe hatte, merkwürdiger Gegensatz, die schwerfällige Gewissenhaftigkeit des Ohres und der Zunge.

Sie konnte sagen: ich habe jenen Berg bestiegen und diesen Fluß rauschen hören, wenn ihr Geist sich so viel mit jenen Gegenden beschäftigt hatte, daß sie glaubte, sie wirklich gesehen zu haben; sie konnte sagen: ich war dabei, als dies und das geschah, weil ihr Gedächtnis ihr das so vorspiegelte und oft Gehörtes als Selbstgeschautes vorgaukelte.

Sie konnte auch aus kindischem Trotz und Unabhängigkeitsdrang sagen: ich tat dies und das, wenn es ganz anders von ihr getan war.

Aber sie konnte nicht sagen: ich bin dir gut, zu denen, welche sie haßte und nicht für Sekunden die hassen, welche sie liebte. Es war ihr unmöglich, auch in der höchsten Erregung, auch in dem tiefsten Jammer über ihr unbefriedigtes Leben ein Wort zu sagen, dessen Inhalt und Tragweite sich nachher nicht mit ihrem ganzen Dasein vertreten hätte. Und vor allem in den Gesprächen mit Tom über ihre Ehe war ihr jede Silbe wichtig und von folgenschwerem Inhalt.

»Das wäre besser für dich und für mich gewesen.«

Ebenso leicht hätte es kommen können, daß Tom bei seiner anfänglichen, gutmütigen Laune verblieben und etwa mit den Worten von ihr gegangen wäre:

»Nun ja dann, Herzchen, tröste dich, ich will deine Wünsche erfüllen.«

Dann hätte Signe hier gesessen, das Herz voll jubelnder Hoffnungen, ganz beschäftigt von hundert Plänen, wie sich das neue und endlich wahrhaft einige Beisammenleben gestalten solle. Aber dann hätte sie eines Tages begreifen müssen, daß Tom sich gar nichts bei diesem Versprechen gedacht hatte, als höchstens, sie im Augenblick beschwichtigen zu wollen, wie man ein Almosen gibt, nur, um den Bettler los zu werden.

Aber er war ungeduldig und wahrhaft zornig gewesen und so hatte er das andere Wort gesagt. Dies Wort, welches auf Signe gefallen war, wie ein zerschmetternder Felsen.

Und nun drehte und wendete sie das, was sie hatte hören müssen und suchte die Vergangenheit und Zukunft dieser Rede zu ergründen. Denn auch Worte, nicht nur Taten, haben ihre Geschichte hinter sich und ihre Zukunft vor sich.

Also auch für Tom wäre »es besser gewesen«.

Er war also nicht glücklich – nein, glücklich in Signes Sinn natürlich nicht, das hatte sie ja immer gewußt – aber auch nicht glücklich in seinem Sinn, der nur an den Oberflächen der Dinge haftete. Er hatte vielleicht lange und schmerzlich darüber nachgedacht, daß eine andere Frau ihn mehr beglückt haben würde, als Signe.

Demnach hatte er auch Anforderungen an das Glück in einer bestimmten Form. Wahrscheinlich war seine Anforderung die, daß man ihm nicht ein geistig erwecktes und höheres Leben aufdringen sollte, sondern daß man ihn unbehelligt seines Wegs ziehen lassen möge, auf welchem er genug der Freuden und Genüsse nach seinem Geschmack fand.

Seit langem bäumte er sich gegen die Zumutungen Signes auf. Endlich hatte er gesprochen.

Und die Zukunft dieses Wortes war die, daß es für immer als eine Scheidewand zwischen den Gatten stehen mußte, denn es verbat der Frau jeden ferneren Versuch, sich das Seelenleben ihres Mannes zu erringen.

Sein Seelenleben? Er hatte gar keins.

Signe begriff in dieser Stunde aber noch eins: nämlich dies, daß Tom sich völlig in seinem Recht befand.

Vererbung, Erziehung und Gewohnheit hatten ihn so gestaltet, wie er nun einmal war.

Kraft welchen Rechts durfte Signe verlangen, daß er seiner eigenen Haut entschlüpfen solle? Man trägt einen Fisch nicht auf Bergesgipfel, so wenig wie man aus dem Adler ein Zugtier machen kann.

Hat ein Gatte das Recht zu fordern, daß der andere seine Individualität ganz umändere, wenn sie beide aus ganz verschiedenen Zonen des Daseins stammen? Ist die Individualität nicht wie eine angeborene Hautfarbe? Kann man diese anders färben?

Nein. Signe begriff das Unmögliche und Ungerechte ihrer Forderung.

Das grausame Schicksal hatte ihm und ihr aufgebürdet, was gewiß Hunderttausenden ebenso geschah. Im Lenz ihres Lebens, als die Natur ihnen das unbewußte Sehnen nach einem Mann, nach einem Weibe in die Adern gespielt, waren sie sich begegnet und ihre Pulse hatten füreinander geschlagen. Den Trieb der Gattung hatten sie für Liebe gehalten.

Tom, das fühlte die arme Frau ganz deutlich, trotz seiner Worte, hatte auch heute noch keinen anderen Inhalt für die Liebe.

Sie aber war zum Leben, zum Verstehen, zum Kampf erwacht.

Sie konnte nicht ihm, ja nicht einmal sich selbst ganz klarmachen, was sie eigentlich wollte und ersehnte.

Ein unnennbares Verlangen nach völliger Einheit mit einem anderen über ihr stehenden menschlichen Wesen brannte in ihr, nach einem Wesen, welchem sie sich in blindem Vertrauen ganz ergeben könne.

Nach einem Mann, der ihr jeden unklaren Gedanken deuten und sichten, jede Frage beantworten, jede Stimmung erklären konnte. Nach einem Mann, welcher ihren Wissensdurst stillte, ihr helfen könne, an ihrem Wesen zu arbeiten, daß ihre Seele kraftvoll und zielbewußt die hohen Aufgaben des Lebens erfasse, der ihr den Zusammenhang der Dinge erklären konnte, weil er selbst nachgedacht hatte.

Heute endlich hatte sie begriffen, daß Tom ihr ein solcher Mann nie sein würde, weil er es weder sein konnte, noch werden wolle. Ein Abgrund tat sich vor ihr auf. Ihr war zumute, wie jemand, der lange gewandert ist und plötzlich seinen Weg durch eine unübersehbare Kluft abgeschnitten sieht. Der ganze Weg ist vergebens gewesen, es heißt, erbarmungslos umkehren, wenn auch schon die Knie vor Ermüdung brechen.

Wenn Signe zehn Jahre älter und reifer gewesen wäre, würde sie, wenn auch mit völlig vernichtetem Lebensmut, dennoch sich ein Bild der Zukunft gemacht haben; grau in grau freilich, aber doch ein festes Bild, dessen Konturen von der Entsagungsfähigkeit gezogen worden wären, dessen tiefe Schatten die völlige Herzenseinsamkeit, dessen zarte Lichter nützliches Wirken für andere gewesen wären.

Aber Signe war noch jung und hatte nur erst das heiße Streben nach Erkenntnis, nach harmonischer Lebensweisheit, noch nicht dies Erkennen, diese Weisheit selbst.

Und die Jugend, jene Jugend, welche mit heißem Willen ringt und strebt, hat einen Gott, welcher ihr der oberste Gesetzgeber scheint: den Gott der Wahrheit! Der Wahrheit um jeden Preis, auch um den der völligen Selbstvernichtung und der Vernichtung anderer.

Signe wußte, daß ihre Ehe nie eine Ehe nach ihrem Sinn sein würde, Signe wußte, daß ihr Mann ein Mensch aus anderem Stoff war als sie selbst, sie mußte weiter, daß sie nicht die Macht und nicht das Recht hatte, ihn nach sich umzugestalten, und dies alles wissen hieß zugleich: die Ehe aufheben. Keinen Tag, keine Stunde mehr in der Lüge verharren.

Signe erhob sich. Ihr Schritt war fest, ihre Wangen brannten.

Sie ging hinauf in ihr Zimmer, um sich anzukleiden.

Dabei war aber keineswegs ein bestimmter Vorsatz in ihr, was sie nun tun wollte.

Das Dienstmädchen war gewohnt, ihr auch ohne Befehl beim Ankleiden zu helfen und kam auch jetzt, als sie die Herrin hinaufgehen härte.

Die Gegenwart der Person war Signe sehr lästig, weil ihr die gegenstandslose Grübelei, in welche sie verfallen war, gestört wurde. Nun fiel ihr aber Irene ein. Was würde diese sagen?

Signe fühlte, daß sie und Fribo verstehen würden, was geschehen müßte, wenn sie es auch nicht ganz billigten.

Denn die angewöhnte Feigheit, auch der besten Menschen, macht es, daß sie die Selbstaufopferung auch ohne Zweck immer höher achten, als eine Tat der Wahrheit.

Signe rang sich einige Worte ab. Sie fragte das Mädchen nach Irenens Befinden und erfuhr, daß diese noch leidend zu sein vorgebe.

Das war gut so. Irene würde sich sonst gewundert haben, daß sie ausgehe.

Sogar das Mädchen wunderte sich und riet ihrer Herrin dringend ab, da es so sehr stürmisch sei und auch Schneetreiben herrsche.

Signe sagte, daß sie sich aus dem Wetter nichts mache und daß sie notwendig fortgehen müsse. Sie war bei ihren Dienstboten als »ein bißchen komisch« bekannt, und das Mädchen dachte sich allerlei. Natürlich nichts Gutes und natürlich brachte sie den Schweden ins Spiel. Aber sie sorgte doch dafür, daß ihre Dame ein besonders marines Kleid und noch ein Tuch unter den Mantel anbekam.

Und dann ging Signe zum Hause hinaus, wie träumend überschritt sie die Schwelle, welche sie einst in hellem Glücksjubel zuerst betreten.

»Salve« stand in rötlichem Schiefer ausgelegt in den weißen Fliesen des Vorflures. Signe, welche tausendmal achtlos darüber hinweggegangen, bemerkte es plötzlich wie ein körperliches Hindernis, und sie ging seitwärts an dem Wort vorbei. Die Erinnerung an ihren einstigen Einzug wachte so stark in ihr auf, daß ihr war, als träte sie die Vergangenheit mit Füßen, wenn sie auf das »Salve« trete.

Draußen schrak sie vor dem Wetter zurück. Ein heftiger Wind jagte seine Schneeatome fast wagerecht durch die Luft, die schmale Straße gestattete dem Sturme nicht sich auszubreiten, und so fuhren seine Stöße zusammengepreßt wie in einem Rohre, zwischen den Häusern hin. Er trieb die Menschen, welche sich in einer Richtung mit ihm bewegten, vor sich her und auch Signe schob er förmlich die Straße hinauf. Ihre Kleider wurden flatternd voran gezerrt und umschlossen rückwärts knapp ihren Körper. Am Nacken und an den Ohren trafen die scharfen Schneeteilchen sie sehr schmerzhaft, so daß sie unwillkürlich die Schultern hoch zog.

Diese Unbilden hatte sie nicht erwartet, sie raubten ihr förmlich die Besinnung. Als sie fünf Minuten später den Kirchenplatz erreicht hatte, auf den die Straße mündete, stand sie erschöpft im Schutz eines vorspringenden Pfeilers still. Obgleich sie mit dem Sturm gegangen, war ihre Brust atemlos, als habe sie gegen ihn gekämpft.

Von ihrer Kinderzeit her war der Sturm diejenige Naturerscheinung, welche ihr einzig und sehr großes Grausen einflößte. Die zugleich unwiderstehliche und unsichtbare Gewalt, die ihm innewohnte, erregte ihr eine fast dämonische Angst. Der Blitz fällt und verlöscht, der Donner verrollt und die Gefahr ist vorbei. Aber in den langen Sturmnächten des Nordens zittert das Herz vor dem unberechenbaren Verderben, welches jeder nächste Stoß bringen kann.

Nun stand Signe hier gegen die rote Backsteinmauer der Kirche gedrückt und hatte Angst vor dem Sturme.

Die verzweifelte Frage erwachte in ihr: wohin? Gedankenlos war sie fortgegangen, ohne Geld, ohne Gepäck, nur von dem blinden Wahn erfaßt, daß sie fort müsse. Ganz dunkel regte sich in ihr zwar der Wunsch, zu ihren Eltern zu kommen, aber wie sie das anfangen solle, war ihr ganz unklar.

Ein ihr bekannter Herr ging vorüber und sah sie flüchtig erstaunt an. Dann das Dienstmädchen von dem Haus gegenüber Steinbrücks. Dann lange niemand. Es war eben ein Wetter, in das man sich nicht ohne Not hinauswagte.

Signe hatte schon so kalte Füße, daß sie bis zu den Knien hinauf sich erstarrt fühlte. Ihre Brust tat ihr auch sehr weh, wie immer bei windiger Kälte.

Und in dieser ganz einfachen und harten Not des Wetters begann sich zagend der Gedanke zu regen: wenn ich zurückkehrte und morgen ginge? Und besser vorbereitet?

Aber dann konnte man ihre Absicht merken und sie zurückhalten. Signes Kräfte reichten nur zur Flucht, nicht zum Kampf.

So stand sie weitere Minuten, bis plötzlich Arvid an ihr vorbeistrich, ohne sie zu bemerken, denn er hatte seinen Pelzkragen hochgeschlagen und das Gesicht, da er gegen den Wind schritt, tief gesenkt.

Sie rief ihn laut an – unwillkürlich bei seinem Vornamen.

Mit unangenehmem Erstaunen sah er sie da stehen, das Gesicht bläulich-blaß, die Lippen farblos, ein Bild des Elends und der Kälte. Und er war gerade unterwegs gewesen, die zarte Elfe, welche ihn gestern entzückt, in ihrem weichen, wohligen Nestchen aufzusuchen und ihr beim Kaminfeuer im warmen, lichten Rokokozimmerchen von seinen Gefühlen und der möglichen Zukunft zu sprechen. Er hatte in seinem Hirn alle Momente vorher ausgearbeitet gehabt und jedes Wort, das er ihr über sich, sie, Tom und die Ehe sagen wollte, wobei sie im Geist immer vor ihm gesessen, in ihrem Armstühlchen, die schmiegsame Gestalt voll Grazie, das Gesicht voll Leben, Glanz und Hoffnung.

Diese Begegnung hier unter so unwirtlichen Umständen stieß nun alle seine Berechnungen um und brachte in seiner überfeinfühligen Seele eine grenzenlose Ernüchterung hervor.

Beinahe verlegen, als habe sie erraten können, was in ihm vorging, fragte er, was sie da mache, warum sie ausgegangen sei.

Signe sah ihn verstört an. Sie hatte sich so lange eingeredet, daß Arvid ihr ein Freund, ein sehr nahestehender Mensch sei. Und mit einemmal kam er ihr wie ein ganz Fremder vor, wie ein Mann, den das alles, was sie so verzweifelt beschäftigte, doch eigentlich gar nichts anginge.

Weshalb hatte sie ihn eigentlich gerufen? Das war unwillkürlich geschehen. Und nun hieß es, ihm Antwort geben.

Sie drückte sich tiefer in die schützende Ecke hinein.

»Ich will fort. Ich muß fort. Gleich jetzt zu meinen Eltern.«

Arvid erschrak heftig.

»Welche Torheit,« sagte er streng.

»O nein. Es ist die Tat der Wahrheit, von welcher wir oft sprachen. Der Augenblick dafür war gekommen,« rief sie fast weinend.

»Aber man vollzieht solche Tat in vernünftigen und schonenden Formen. Man läuft nicht einfach davon,« sagte er mit einem so ausgesprochenen Ärger im Gesicht, daß in Signe trotziger Mut wach wurde.

Wenn er, der Mann, denn nur mit seinen Reden ehrlich und hochstrebend war, nicht aber solche Taten billigte, so wollte sie, die Frau, ihm und Tom und aller Welt zeigen, daß sie Mut zur Wahrheit hatte.

Was wußte sie davon, daß Arvid in einer angenehmen Umgebung in einer unternehmenden Stimmung gewesen sein würde! Daß die Kälte, der Sturm, ihr fast häßliches Aussehen ihn so ernüchterten! Und daß sich dabei die Furcht in ihm regte, von Signes Eltern in Verbindung mit dieser Flucht gebracht zu werden. Die Steinbrücks mochten immerhin dergleichen denken, das ließ ihn kalt. Aber Signes Eltern wegen hatte er gern alles unauffällig und korrekt abgewickelt gesehen.

»Weiß man von Ihrer Flucht?«

»Noch niemand.«

»So werden Sie zurückkehren,« befahl er.

»Nein,« sagte sie kalt und fest. Sie fühlte sich ihm unendlich überlegen.

»Meinetwegen!« beschwor er sie eindringlich.

Nun sah sie ihn an mit einem so naiven Erstaunen, daß er sie nicht mißverstehen konnte.

Ihr fiel weder ein, daß er sie lieben könne und sich um sie bewerben wolle, nach daß irgend jemand ihre Flucht zu mißdeuten vermöge. Dieser völlige Mangel an Weltkenntnis rührte ihn flüchtig.

Aber wer kann sich in schöne Gefühle verlieren, wenn der Sturm einem den Schnee ins Gesicht peitscht.

»Zum Teufel,« sagte er, »hier holen wir uns den Tod. Was wollen Sie denn? Kommen wir zu Ende.«

»Ich will fort.«

»Es geht kein Schiff vor Sonnabend und heute ist Donnerstag. Kehren Sie zurück und reisen Sie Sonnabend ab unter dem Vorwand, Ihre Eltern besuchen zu wollen.«

»Ich will in einer so ernsten Sache nicht lügen und ich will auch nicht für zwei Tage nur zurück unter sein Dach,« sprach Signe mit einer Entschlossenheit, die ihm fanatisch deuchte.

Halb um ihren, wie es schien, unerschütterlichen Willen zu erfüllen, halb um sich aus dieser, für ihn unerträglichen Situation zu ziehen, dachte er schnell und umsichtig über alles nach, was etwa geschehen könne. Er hatte begriffen, daß er Signe durch Widerspruch und Ermahnungen nur reizte und schließlich war ja auch noch sein Gedächtnis da, welches ihm zuraunte, wie zahllose Male er selbst als oberstes Sittlichkeitsgesetz das Aufhören einer unwahren Ehe besprochen.

»Sie können unmöglich in einem hiesigen Hotel bleiben bis Sonnabend,« sprach er hastig. »Das Aufsehen würde ungeheuer sein, und man würde Sie auch in jeder weise belästigen. Haben die Steinbrücks nicht eine Villa in Walddorf?«

»Da sollte ich hin?« rief Signe zitternd. »In dem Sturm? Ans Meer? O nein!«

»Nun, dann gehen Sie wieder nach Haus!« rief er ungeduldig.

»Was soll ich denn da?« fragte sie schnell.

»Hinausfahren, dableiben und dahin Ihre Sachen bringen lassen. Sie können von da aus Tom benachrichtigen, daß Sie am Sonnabend nach Schweden gehen und kommen Sonnabend früh zur Abfahrt des Dampfers herauf. Ist das nicht bequem, einleuchtend, vernünftig?« fragte er, von einem Fuß auf den andern tretend.

Er hatte ganz aufgehört, der vornehme, verbindliche Mann mit tadellosen Manieren zu sein und hatte hauptsächlich nur Empfindung für die Kälte und das Schneetreiben.

»O, bringen Sie mich hin,« flehte Signe.

»Nein,« sagte er, »das kann nun durchaus nicht sein, Sie werden es später begreifen und mir Dank wissen. Nicht einmal an den Wagen kann ich Sie bringen. Sie wissen, jenseits der Kirche ist ein Droschkenhalteplatz.«

Sie stand und zitterte.

»Also Sie wollen doch nicht?«

»Ja, ja,« murmelte sie, »ich muß.«

»Leben Sie wohl, Signe. Ich sehe Sie bald wieder. Aber erst bei Ihren Eltern.«

»Leben Sie wohl,« flüsterte sie und ging davon.

Er sah ihr nach, wie sie unsicher vorwärts schritt, bald getrieben von einem Windstoß, bald zögernd einen Fuß vor den andern setzend.

Dann ging er, da er es für klug erachtete, heute von Tom und so vielen Menschen als möglich gesehen zu werden, erst an das Steinbrücksche Kontor. In der Tür desselben rannte er mit dem abreisenden Tom zusammen. Wenn Tom also nicht zu Hause war, erschien es ihm zwecklos, gerade im Steinbrückschen Kontor sein »Alibi abzusitzen«, wie er das nannte. Es konnte ebensogut im Klub geschehen.

Er ging also in den Klub. Um diese Tageszeit war selten jemand da, aber der Kellnerbursche und der Klubwirt sahen ihn ja, wie er seinen beschneiten Pelz anhing, sich von den frierenden Füßen den Schnee vertrat und händereibend einen heißen Punsch forderte.

Als er in einem bequemen Lehnstuhl saß, einige schwedische Zeitungen auf den Knien, das dampfende Getränk auf einem Tischchen neben sich, taute er auf. Nicht nur in seine von Frost und Unbehagen erstarrten Glieder kehrte das Gefühl von Wohligkeit zurück, auch seine Seele wurde wieder munter.

Nun erst besann er sich recht auf das Geschehene.

Anstatt sich aber unmittelbar angstvoll darüber aufzuregen, stellte er zunächst Beobachtungen über sich selbst an.

»Was für eine unberechenbare und komplizierte Sache doch so eine moderne Menschenseele ist,« dachte er interessiert. »Offenbar gehöre ich auch zu denjenigen, welche beim Kaminfeuer die soziale Frage mit völliger Aufgabe aller höheren Sonderrechte zu lösen bereit sind und sich nachher scheuen, eine schmutzige Arbeiterfaust zu drücken, welche sich für freie, große und menschlich wahre Sittengesetze begeistern und bei der ersten praktischen Probe auf das menschlich Wahre sich ängstlich auf die Linie angewöhnter Vorurteile zurückziehen.«

Da er diese Feigheit nicht von sich erwartet hatte, dachte er so lange darüber nach, bis es ihm gelang, hierfür völlig entlastende Motive zu finden.

Gewiß, er hatte den Vorurteilen der Welt Rechnung tragen müssen, um dies reine und unschuldige Wesen nicht in ein falsches Licht zu bringen. Der Kavalier hatte den Philosophen zurückdrängen müssen, gewiß, er hatte sehr korrekt und männlich gehandelt, und es gibt Fälle, wo das Korrekte doch bessere Früchte trägt, als das nur schlechthin Wahre. So lange die nach der wahren Sittlichkeit Strebenden nach unter denen leben, welche in anererbten Schicklichkeitsbegriffen verrannt sind, müssen sie konziliant handeln.

Und so endete diese Selbstbetrachtung, wie jede Arvids, damit, daß er sich wieder für einen feinen und taktvollen Geist hielt.

Er dachte dann voraus. Es war in jedem Fall für Signe gut, wenn er sich allen nun beginnenden Kämpfen und Verhandlungen fernhielt. Die Steinbrücks würden nach wenig Stunden Signes Aufenthalt erfahren, und nicht aus Liebe, sondern aus Angst vor Skandal versuchen, sie zu halten. Aber Signe würde dabei bleiben, nach Schweden zu fahren und von da aus ließe sich dann alles ordnen.

War sie erst frei, konnte Arvid sehen, ob sie noch so reizend sei wie gestern abend, und dann sie zum Weibe begehren.

Hierbei überkam ihn wieder die erregte Stimmung von gestern. Er sah die schlanke, weiße Gestalt umherschweben und mit dem zunehmenden Behagen, das ihn selbst in der warmen Stube umfing, stieg das Gefühl in ihm, das er für Liebe hielt.

Und jetzt erst kam in seine, keiner einfachen, blinden und großen Gefühle fähigen Seele eine Art von ängstlicher Sorge um sie, die er »liebte«.

In diesem Unwetter hatte er sie hinausziehen lassen. Sie, die so furchtsam und bei jeder Gelegenheit ratlos war. Vielleicht hatte sie keinen Wagen gefunden und wankte noch im Schneetreiben umher. Aber das war doch undenkbar. Sie saß sicher – wenn auch frierend – in einem sturmfesten Fuhrwerk; unter den biederen Kutschern dieser Stadt gab es keine Schurken und zweifelsohne kannte auch jeder Führer von Mietswagen die junge Frau Steinbrück.

In Walddorf, der Villenkolonie am Meeresstrand, fand sie Pflege und Schutz. In der Steinbrückschen Villa hauste ein altes Ehepaar als Einhüter, dem dies Amt als Versorgung für langjährige Dienste überwiesen war.

So dauerte es nicht lange, bis Arvid sich wieder etwas bewiesen hatte, und zwar diesmal, daß sein Angst unnötig sei.

Aber es gelang dem großen Theoretiker doch nicht so vollständig, denn seine Gedanken wurden wieder und wieder unruhvoll bedrängt von dem Bild der armen, kleinen Frau, die ins Elend hinausgeflohen war.

* * *

Es schien Irenen, als habe sie noch nie so gut geschlafen, als sei sie noch nie so heiter erwacht.

Das Ballfest hatte ihr Freuden gegeben, die freilich ganz anderer Art waren als die, welche sonst Ballgäste suchen und finden.

Ihr war, als habe sie an diesem Abend herzerquickende Genugtuung erfahren für alles Demütigende, was ihr in den ersten Tagen ihres Aufenthalts in diesem Hause begegnet war.

Aus Fribos ganzem Gebaren, aus jedem Blick seiner Augen hatte eine unbegrenzte und sehr respektvolle Verehrung für sie gesprochen.

Und das tat wohl, sehr wohl. Ihr Hochmut, welcher doch ein wenig ihr Fehler war, sättigte sich daran. Sie hatte ihn besiegt, und er vermochte ihr nicht mehr mit erkünstelter Feindschaft aus dem Weg zu gehen. Und auch sie war ihm gut und freundlich begegnet, wie einem lieben Kameraden. Wenn es nun bald scheiden hieß, gingen sie ohne Groll und in voller Würdigung der gegenseitigen Art auseinander.

Die Wehmut, welche sie bei dieser Vorstellung beschleichen wollte, kämpfte sie tapfer nieder und sagte sich, daß es sehr gut so sei, denn mehr als solche wohlgesinnte Freundschaftlichkeit durfte und konnte nicht zwischen ihnen sein. –

Das Mädchen brachte ihr, noch während sie beim Ankleiden beschäftigt war, einen Brief.

Der Anblick dieser großen, festen Handschrift machte ihr Herz klopfen.

Was konnte Fribo ihr zu schreiben haben? Vor ihren Augen flirrte es, aber so wie sie den Brief eröffnet hatte, schienen die Zeilen wie in Erz eingegraben vor ihr zu stehen, so sicher und fest.

»Im Auftrag von Anny Bewer, die der Patient war, um dessentwillen man mich gestern abend abrief, teile ich Ihnen mit, daß sie die Stellung annähme, welche ihr durch Sie geboten ist, weil die Wendung der Dinge eingetreten sei, von welcher sie Ihnen gesprochen habe. Indem ich meinen Auftrag ausrichte, danke ich Ihnen zugleich für Ihre edle und tatkräftige Teilnahme an meiner armen Kusine.

Fribo Steinbrück.«

Zum erstenmal in ihrem Leben fühlte Irene sich von einer Fassungslosigkeit ergriffen, die stundenlang anhielt, sie unfähig machte, irgendeinen Menschen zu sehen und die vor gar keinerlei Vernunftgründen zur Ruhe kommen wollte.

Kein Zweifel, Fribo hatte Anny Bewer gestanden, daß er liebe, vielleicht, weil er die schmerzliche Neigung, welche diese ihm weihte, herausgefühlt und ihr wenigstens, da er keine Gegenneigung geben konnte, Vertrauen schenken wollte. Er liebte – und wie Anny Bewer vorhergesagt: nun war sie bereit zu gehen.

Und da sie es durch Fribo selbst, ihr, Irenen, sagen ließ, mußte diese erraten, wem er sein Herz geschenkt.

Wahrscheinlich hatte Anny Bewer sich eingebildet, daß Fribo ihr die inhaltsschwere Bestellung mündlich machen werde und daß es dann zur Aussprache zwischen ihnen kommen müsse.

Er aber, wenn er vielleicht die volle Bedeutung der Worte nicht ahnte, war doch taktvoller gewesen, als die etwas derbe Anny. Er fühlte, daß er sich in gar keiner andern Form Irenen nähern dürfe, als der äußerster Zurückhaltung.

Denn er würde und mußte sich sagen, daß eine Aussprache zwischen ihnen nur schmerzlich sein könne. Daß jeder Hoffnungskeim im Gedanken zu ersticken sei.

Wäre sie eine arme Gesellschafterin, hätten die Steinbrücks sich nicht zu ihr herabgelassen, das wußte Fribo und begriff gewiß, daß umgekehrt sie sich jetzt nicht zu ihnen herablassen könne.

Der Hochmut zerrte an ihrer Seele, und mit grausam deutlichem Gedächtnis sagte sie sich wieder und wieder die Worte der Frau Steinbrück vor, mit denen diese sie vor Koketterien mit ihrem Sohn Fribo gewarnt.

Damals war das Weib in ihr beleidigt worden, und sie sagte sich immerfort: wenn ich nicht zufällig einen angesehenen Vater und Geld gehabt hätte, würde diese Frau mir persönlich alles Niedrige zugetraut haben.

Sie konnte das Gefühl nicht gewinnen, in diesem Hause um ihrer selbst willen gewürdigt zu sein, und das schien ihr, sei die nötige Voraussetzung für das Glück.

Fribo selbst würde sich der gleichen Erkenntnis nicht verschließen und nicht wagen, um sie zu werben.

Aber von heute an war ihres Bleibens kein Tag mehr.

Sie war es sich, mehr noch aber dem Manne schuldig zu gehen.

Es würde weh tun, sehr weh – ihm und auch ihr.

Aber kraftvolle Menschen überwinden dergleichen.

Wie oft hob sie den Fuß, um zur Tür zu gehen, zu den Frauen, um ihnen zu sagen: ich will fort. Aber immer wieder sank sie in sich zusammen und starrte träumend vor sich hin. Sie fühlte, wenn dies Wort erst gesprochen war, gab es keine Wahl mehr.

Und dies Kämpfen, diese Unentschlossenheit war noch ein, wenn auch schmerzlicher Genuß. Die Seele kann mit dem Wörtchen »wenn« noch spielen, unter dem Wörtchen »nie« kann sie nur leiden. –

Es mochte um die im Hause übliche Mittagsstunde sein, als das Dienstmädchen hereinkam und nach ihrem Befinden fragte. Als Irene zerstreut antwortete, daß es ihr besser gehe – denn sie hatte sich schon gesagt, daß sie hier nicht bis zum Abend unter dem Vorwand von Kopfschmerzen sitzen bleiben könne – blieb das Mädchen noch zögernd stehen.

»Der Herr hat heute plötzlich verreisen müssen,« sagte sie, »und die gnädige Frau ist heut morgen, so um elf oder zwölf kann's gewesen sein, weggegangen und ist noch nicht wieder da. Wir müssen wohl mit dem Essen warten?«

»Selbstverständlich,« sagte Irene. Als sie wieder allein war, wunderte sie sich doch, wohin denn die junge Frau gegangen sein könne. So viele und ausdauernde Besuche zu machen, war gar nicht ihre Art. Und zu langen Spaziergängen lud das Wetter wahrlich nicht ein.

Jetzt bemerkte Irene überhaupt erst, wie böse es draußen mit Sturm und Schnee wirtschaftete, von Unruhe erfaßt über diese Torheit der so überaus zarten Signe, vergaß sie für den Augenblick ihre eigenen Gedanken.

Sie ging treppab und fand auf der vor den Zimmern des ersten Stockwerks umlaufenden Galerie Frau Steinbrück in Beratung mit dem Dienstmädchen.

»Hat Signe Ihnen gesagt, wohin sie gegangen ist?« rief sie Irenen schon entgegen.

»Nein,« antwortete diese, »ich habe Signe gar nicht gesehen den ganzen Morgen.«

»Das hat einen Haken, dahinter steckt etwas,« rief Frau Steinbrück heftig; »mein Gott – sie wird doch nicht . . .«

Irene konnte diese rücksichtslosen Äußerungen in Gegenwart eines Dienstboten nicht begreifen.

»Mir fällt ein, daß Signe gestern abend davon sprach, Anny Bewer heute Gesellschaft leisten zu wollen,« sprach Irene. Sie konnte aber nicht verhüten, daß sie bei dieser Lüge doch blaß und unruhig aussah, was Frau Steinbrück sofort bemerkte.

Aber sie hatte doch die kleine Lehre empfunden und sagte barsch zu dem Mädchen:

»Na, dann wissen wir ja Bescheid. Bewahren Sie ihr Mittagessen nur auf, Fräulein von Meltzow kann bei mir essen. Bitte, Fräulein Irene, kommen Sie.«

Das war alles sehr herrisch gesprochen. Kaum waren sie in Frau Steinbrücks Zimmer, so fuhr diese auf Irene los:

»Das war natürlich von Ihnen bloß erfunden?«

»Ja,« mußte Irene antworten.

In diesem Augenblick trat Fribo ein, der ahnungslos zur gewohnten Stunde zu Tisch kam. Bei Irenens Anblick schien er zu erschrecken und stand zögernd an der Tür.

»Denke dir,« rief seine Mutter, die mit gerungenen Händen auf und ab rannte, »denke dir, Signe ist fort!«

»Unmöglich!« rief er.

Irene, obschon sie die fassungslose Erregtheit der Mutter begriff, hatte Mitleid mit dem Sohn, der leichenblaß geworden.

»Ich hoffe, wir ängstigen uns ganz unnütz. Es liegt nichts vor, wie die Tatsache, daß Signe schon früh fortgegangen ist, ohne zu sagen wohin, und nicht zum Essen heimkehrte,« sprach sie besänftigend.

»O, ich fühle es, ich weiß es,« sprach Frau Steinbrück, »so deutlich, als hätte mir das jemand gesagt. Sie ist fort, und zwar mit diesem Schweden!«

»Mutter!« rief Fribo drohend.

»Ach was, hier hilft kein Zartgefühl, man muß die Dinge beim rechten Namen nennen. Daß sie mit dem Arvid geheimnisvoll einverstanden war, konnte jedes Kind sehen,« grollte Frau Steinbrück. »Und nun ist Tom fort, was sollen wir machen?«

»Zunächst vorsichtig sein mit Beschuldigungen,« sagte Fribo streng, »ich habe gerade vor einer Viertelstunde Arvid im Gespräch mit Konsul Talker aus dem Klub kommen und zu Tisch gehen sehen.«

»So,« sprach Frau Steinbrück gedehnt und beinahe enttäuscht.

Sie war eine von den ungeduldigen Naturen, die lieber eine schreckliche Gewißheit ertragen, als einen unaufgeklärten Tatbestand mit ansehen.

»Sollten wir nicht,« sprach Irene mit größtmöglicher Gelassenheit, »zunächst vorsichtig versuchen, zu erfahren, ob Signe nicht in der Tat bei Freunden, vielleicht wirklich gar bei Anny Bewer ist?«

Fribo drückte ihr die Hand. Diese sanfte, feste Stimme tat ihm so wohl.

Und welche Wohltat war überhaupt auch ihre Gegenwart in dieser Stunde. Sie verlor nicht den Kopf, wie ein unreifes, junges Wesen getan haben würde, sie erging sich auch nicht in häßlichen Verdächtigungen, wie seine Mutter.

Und sie sah ihn an, als wollte sie sagen: sei nur ruhig, ich verlasse dich nicht.

Martin kam und trug die Suppe auf. An die Mahlzeit hatte niemand mehr gedacht.

»Ich kann nicht essen,« klagte Frau Steinbrück.

»Der Leute wegen – ich bitte dich,« flüsterte Fribo ihr befehlend zu.

Im Grunde war ihr dieser Befehl sehr angenehm. Sie behauptete immer, wenn sie nicht regelmäßig wie eine Uhr lebe, befinde sie sich nicht wohl.

Während der schnell eingenommenen Mahlzeit begann sich in ihr eine Hoffnung auf eine dennoch harmlose Lösung wohltätig zu regen.

Irene, welche nicht imstande war, viel zu genießen, erhob sich bald.

»Ich will in Signes Zimmer nachsehen,« sagte sie, »ob Sachen fehlen, ob sich irgendeine Spur findet.«

Frau Steinbrück, bei der ein schneller Wechsel ganz verschiedener Ansichten nichts Seltsames war, meinte, das sei wohl unnötig. Sie glaube jetzt selbst, daß man sich unnütz aufrege.

Fribo hatte Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken, welches sich trotz der seltsamen Lage auf seine Lippen drängen wollte. Der Optimismus seiner Mutter nach Tisch war eine schon wiederholt von ihm beobachtete Tatsache.

Aber Irene ging doch und kam nach zehn Minuten wieder.

»Es fehlt nichts wie Hut, Mantel und Boa, sowie ein rotes Tuch, welches Signe aber bei kaltem Wetter stets unterzubinden pflegt. Sogar ihre Börse liegt voll Geld auf ihrem Schreibtisch.«

»Na – also,« schloß Frau Steinbrück beruhigt.

Fribo hingegen fühlte gerade bei diesem Bericht einen eisigen Schrecken.

»Sie wird sich mit Tom gestritten haben,« meinte Frau Steinbrück, »und ist aus Laune und Trotz zu irgend jemand für den Tag gegangen.«

»Und wenn sie – in – den Tod gegangen wäre?« sprach Fribo kaum hörbar.

Seine Mutter schrie auf.

»Schone doch meine Nerven,« rief sie, »du hast eine Art einen zu alterieren – es ist wirklich stark. Signe ist zwar sehr überspannt, aber zu so etwas fehlt ihr der Mut.«

Irene stand wie leblos vor Schreck da. Als Frau Steinbrücks Blick auf sie fiel, kamen ihr auf einmal allerlei kleinliche Gedanken.

»Entschuldigen Sie nur, liebes Fräulein,« begann sie in der festen Meinung, daß sie etwas Notwendiges und sehr passendes sagte, »daß Sie diese fatale Geschichte hier mit durchmachen. Aber, wie Sie sehen, wir können wirklich nichts dafür.«

Fribo, in aufwallender Beschämung, wollte etwas Heftiges sagen, aber schon hatte Irene die Hand seiner Mutter ergriffen und bat mit bebender Stimme:

»O, lassen Sie mich teilnehmen an Ihren Sorgen.«

Frau Steinbrück wurde plötzlich gerührt und drückte ihr Taschentuch an die Augen.

»Was wollen wir nun tun?« fragte Irene.

»Ich werde alle Bekannten besuchen,« sagte er. »Die Hälfte gehört zu meinen Patienten, der Besuch des Hausarztes ist nie auffällig. So werde ich hören, ob Signe sich irgendwo hat sehen lassen.«

»Kann ich nicht einige auf mich nehmen?« bat sie.

»Nein. Bitte, bleiben Sie im Hause bei meiner Mutter und halten Sie jeden Besuch und jedes Gespräch mit den Leuten fern.«

Irene fügte sich gehorsam. Nur in einem handelte sie eigenwillig: sie ließ im Kontor bestellen, daß man ihr Herrn Arvid Cederström senden solle, falls er sich heute blicken lasse.

Schwere Stunden vergingen. Frau Steinbrück war nicht die Frau, zu warten. Sie erging sich in heftigen Klagen, bald über Signe, bald über Tom. Einmal hatte ihr Sohn alle Schuld, und die arme kleine Frau war nur das Opferlamm, dann bejammerte sie wieder Tom und maß Signe alle Schuld bei.

Längst war es Abend geworden. Die Lampe brannte behaglich auf dem Tisch, die Vorhänge waren herabgelassen und man hätte vom warmen Zimmer aus voll Gemütlichkeit auf den heulenden Sturm hören können. Aber jedes neue Auftürmen der bösen Naturgewalt erschreckte die Frauen wieder.

Da Signe noch immer nicht zurückgekehrt war, blieb jeder Zweifel ausgeschlossen: Ungewöhnliches hatte sich begeben, die Aufklärung konnte Furchtbares bringen.

Fribo kam zurück, blaß, mit eingefallenen Zügen.

»Nichts,« murmelte er und sank auf den Stuhl nächst der Tür. »Sie ist bei niemandem gewesen.«

»Wir müssen doch mit Arvid sprechen,« sagte Irene leise.

Sie stand vor ihm und ließ ihm ihre Hand, die er mit seinen beiden Händen ergriffen. Er lehnte, erschöpft von der Sorge, die ihn mehr quälte, als er sich selbst eingestehen machte, seine Stirn gegen ihren Arm.

Und vergessen waren in diesem Augenblick die Gedanken an die Kluft, welche sie voneinander trennte.

Nach Sekunden stillen Ausatmens fuhr er empor und antwortete auf ihre letzte Bemerkung.

»Ich war auch bei ihm. Er war nicht daheim. Doch ließ ich ihm eine Zeile, daß ich ihn heute noch sprechen müsse und sei es Mitternacht.«

Frau Steinbrück schrie wieder auf. Es hatte geklopft, und sie war so schreckhaft heute.

Irene hatte wahrhaft Mitleid mit ihr und eilte an ihre Seite, als wolle sie sie vor dem etwa Eintretenden schützen.

Aber es war nur Martin, der meldete, daß draußen der Kutscher Rocksien sei und durchaus die Herrschaft sprechen wolle.

»Nur herein mit ihm,« sagte Fribo heiser. Er fühlte, da kam eine Nachricht.

Etwas umständlich und von Martins neugierigen Blicken begleitet, kam ein kleiner, stämmiger Mann über die Schwelle, im dunkeln Mantel mit großem Kragen, der aber nun an beiden Seiten zurückgeschlagen war, so, daß die Arme in den weiten Paletotärmeln und die Hände in graugestrickten Fausthandschuhen sichtbar waren. Sein Gesicht war blutrot von Kälte, der graue Backenbart, der unter dem Kinn bis zur andern Wange fortlief, das graue Haar naß von geschmolzenem Schnee. In der einen Hand hatte er seinen Hut, in der andern einen Brief.

»Guten Abend auch,« sagte er mit seinem breiten Hochdeutsch, das ihm offenbar nicht die tägliche Sprache war.

Fribo nötigte durch einen nicht mißzuverstehenden Blick den noch immer wartenden Martin abzutreten. Dann sagte er mit gewaltiger Beherrschung ruhig und freundlich:

»Na, Rocksien, Ihrer Frau geht's doch nicht schlechter?«

»Nee, danke vielmals, Herr Doktor, die Pulvers haben ihr fix wieder auf die Beine geholfen. Ich komme man bloß wegen die junge Frau, die bei das Wetter nach Walddorf gefahren ist.«

Irene preßte so fest die Hand von Frau Steinbrück, daß diese sich zitternd jeden Ausrufes enthielt.

»Das war'n Unverstand, wenn Sie's nicht übelnehmen, Herr Doktor.«

»Ja,« sagte Fribo mit unsicherer Stimme und dem Versuch, zu lächeln, »das fand ich auch. Aber meine Schwägerin wollte durchaus das zugefrorene Meer sehen.«

»I,« meinte der schlaue Mann gutmütig, »denn wär' sie wohl mit ihrem eigenen Fuhrwerk runtergefahren und hätt' einen bessern Tag abgewartet und wär' nicht dageblieben. Nee, nee, das hat 'en Haken. Aber mir geht es nichts an, und ich sprech' auch nicht aus mein Geschäft. Ein Kutscher erfährt manches. Darum können Sie ruhig schlafen.«

»Hat meine Schwägerin sehr von der kalten Fahrt gelitten?« fragte Fribo.

»Beinah als tot haben wir ihr aus den Wagen gebracht, die alten Möllers und ich. Aber, als ich meine Pferde verfüttert und ausgeruht hatte, und als ich noch mal vorsprach, ob sie auch wieder mit retour wollte, da hatte sie sich schon ein büschen besonnen und sagte, daß ich hier bezahlt bekomm und gab mir den Brief mit.«

Fribo nahm mit bebenden Fingern den sonderbar aussehenden Brief. Zugleich langte er in seine Tasche.

»Nee, ich kassier' Sonnabends ein,« sagte der Mann abwehrend, »aber wenn ich mir in der Küche was Warmes geben lassen darf – es war 'ne harte Fahrt, und da täte mir ein Happen aus der Steinbrückschen Küche besser, als meiner Alten ihr aufgewärmter Kaffee.«

Irene ging sofort zur Tür, um den Mann selbst hinaus zu begleiten und zu versorgen.

»Nichts für ungut; guten Abend auch,« sprach er und schwenkte seinen Hut grüßend aus.

»Guten Abend, lieber Rocksien,« sagte Fribo mit seiner gewohnten Leutseligkeit.

Als Irene dem Manne zu essen geben ließ, und noch zögernd in der Küche verweilte, da es ihr bedenklich schien, ihn unbewacht bei den Dienstboten zu lassen, sah er sie mit einem schlauen Lächeln an.

In einem Augenblick, als die Köchin in der fernsten Küchenecke am Geschirrschrank hantierte, raunte der alte Mann:

»Meinswegen brauchen Sie keine Wache zu stehen, Fräulein. Ich sprech' nicht aus mein' Geschäft.«

So ging sie denn, verzehrt von Spannung und Sorge, wieder ins Zimmer.

Frau Steinbrück unterbrach sich bei ihrem Eintritt nicht in einer lauten, schnellen und wortreichen Klage. Fribo saß am Tisch, den Kopf zwischen beiden Händen.

»Und so viel ist gewiß: ich hab' keine Schuld. Das kann keiner behaupten. Ich bin gut und liebevoll gegen sie gewesen. Jedermann ist Zeuge. Nein, mir kann man nicht die Schuld geben. Natürlich gibt es immer gehässige Menschen, die einem gern was andrehen, und obenein, die Schwiegermutter, ja, die bekommt immer Schuld. Aber ich weiß mich frei von Vorwürfen. Ich hab' sie immer an mich gehalten, und kein Tag ist vergangen, wo ich sie nicht besuchte.«

In dieser Tonart ging es weiter.

Fribo reichte Irenen schweigend den Brief. Es war ein Zettel von ganz vergilbtem Papier, wie er sich bei den alten Einhütern vorgefunden haben mochte. Mit ganz unsichern Zügen hatte mit einem Bleistift eine ersichtlich matte Hand darauf geschrieben:

»Lieber Fribo, sage Du allen, daß ich fortgehe. Sende mir, was ich dazu brauche. Ich will in meine Heimat gehen. Signe.«

Sie sahen sich an. Ihre und seine Augen waren feucht. Sie wußten es beide, sie fühlten das gleiche: eine unendliche Barmherzigkeit mit dem jungen, unglücklichen Geschöpf.

»Was werden wir tun?« fragte Irene.

»Mutter und ich werden morgen früh bei Tagesanbruch nach Walddorf hinunterfahren, wir werden Signe, wenn ihr Befinden es gestattet, wieder hierher bringen und sie mit Sorgfalt und Liebe umgeben, bis sie kräftig genug ist, in ihre Heimat zu reisen. Aber ich fürchte ...« er brach ab.

»Wie!« rief seine Mutter, »ich soll ihr, die uns so kränkt, noch den Hof machen, meine Gesundheit aufs Spiel setzen, indem ich ihr nachfahre? Und sie obenein ruhig abreisen lassen? Nein. Her muß sie wieder, und Tom muß ihr gehörig den Kopf zurechtsetzen, damit ihr die romantischen Flausen vergehen!«

Auf Fribos Gesicht stand ein Ausdruck des Leidens.

»So bleibe, Mutter,« sagte er sanft, »du magst recht haben – dein Recht!«

Nach einer sekundenlangen Pause, während welcher in Irenens Brust ein schwerer Kampf entstand, fragte Fribo mit sanfter Stimme:

»Und Sie, Irene – wollen Sie die Barmherzigkeit haben?«

Dieser weiche Ton voll Zärtlichkeit fiel Frau Steinbrück denn doch auf. Mit großen Augen sah sie beide an.

In Irenens Gesicht stand Abwehr geschrieben – keine trotzige, hochmütige mehr, sondern die bange Abwehr jemandes, der sich erliegen fühlt.

Da nahm Fribo ihre Hand und sprach voll Ernst:

»Können Sie in dieser Stunde nicht sich selbst besiegen und nicht emporkommen über die Erinnerungen an kleinliche Kränkungen – dann bleiben Sie. Dann will ich Sie nicht zwingen, teilzunehmen an dem Schicksal einer, die den Kleinlichkeiten des Lebens erlag.«

Sie hob ihr Auge zagend zu ihm empor. Als sie dann dem ernsten, männlichen und doch so unendlich guten Blick begegnete, der ihre Seele beschwören zu wollen schien, da sprach sie leise:

»Ich will.«

Überwältigt von einer jähen Aufwallung ungeahnten Glückes, schloß sie sekundenlang die Augen.

Aber es galt, sich zu fassen, sich selbst zu vergessen.

Schon kam auch eine neue Störung. Martin erschien und meldete Herrn Arvid an.

»In mein Zimmer,« befahl Fribo.

Er wandte sich zu den Frauen.

»Also bestelle den Wagen, morgen früh um sieben Uhr, Mutter. Du bleibst hier und erklärst Signes Flucht nach Walddorf auf schickliche Weise, vielleicht bringen wir sie zurück. Ich beanspruche das Recht, als Haupt der Familie zu handeln nach meinem Ermessen.«

Frau Steinbrück sagte schon gar nichts mehr. Sie bot dem Sohn gute Nacht, und er ging nach einem stummen Händedruck mit Irenen davon.

Auch die Frauen trennten sich. Mit ganz besonderer Freundlichkeit verabschiedete sich Frau Steinbrück von Irenen, und als sie in ihr Schlafzimmer ging, dachte diese immer dem Nützlichen und Vorteilhaftesten zugewandte Frau:

»Das wäre nach das einzig Gute bei der fatalen Geschichte, wenn Fribo sich bei der Gelegenheit das Mädchen fischte. Irene ist eine vernünftige, wohlhabende Person – zwar adlig - aber das weiß sie wohl nachgerade, daß uns das nicht weiter imponiert. Wirklich, es wäre zu nett.«

Mit diesem mütterlichen Gedanken schlief Frau Steinbrück fest ein, und nicht einmal im Traume erschien ihr das bleiche Bild der entflohenen, jungen Frau.

– – – – – – – – – – – –

»Es ist schon zehn Uhr, Herr Doktor,« begann Arvid, der in Fribos Zimmer wartend neben dem Tisch gesessen hatte, »nur Ihre dringliche Bestellung veranlaßt mich noch...«

»In der Tat, ich habe dringlich mit Ihnen zu sprechen,« sagte Fribo.

Arvid ließ sich wieder in den Lehnstuhl nieder, von welchem er sich mit etwas gemachter Müdigkeit erhoben hatte. Da er ganz genau wußte, wovon die Rede sein würde, so war es ihm nicht sehr bequem, sein gewohntes, verbindliches Gesicht zu machen.

»Sie waren mit meiner Schwägerin Signe sehr befreundet, Sie waren ihr Vertrauter?« fing Fribo sein Verhör an.

Er stand mit dem Rücken am Ofen und sah mit klaren Blicken auf den anderen herab. Er gab sich gar nicht die Mühe, für das Gespräch verhüllende Formen zu wählen.

»Ja,« antwortete Arvid und begegnete dem Blick des Fragenden frei. Denn nach seiner festen Meinung hatte er gar keine Ursachen, die Augen niederzuschlagen. »Ihr Freund, weil ich lebhaften Gedankenaustausch mit ihr pflegte. Ihr Vertrauter? Das kann ich nicht so glatt beantworten. Außer ihren Seelenkämpfen, die alle das Ziel hatten, eine wahre Vereinigung mit Tom zu erringen, hat sie mir nichts vertraut – gewiß war in diesem unschuldigen Wesen auch nichts verborgen, was eines Vertrauten bedurft hätte.«

»Gut,« sagte Fribo weitergehend, »aber gerade diese Seelenkämpfe waren das Vorspiel der Katastrophe, um die es sich hier handelt. Sie wissen, daß Signe fortgegangen ist?«

Seine Stimme war ehern. Ein Lügner hätte vor ihr erbeben müssen. Aber Arvid dachte nicht an solche Niedrigkeit.

»Ja. Ich traf sie heute morgen im Sturm auf dem Kirchenplatz. Da gestand sie mir ihre Absicht. Ich versuchte, sie anderen Sinnes zu machen. Als sich das als umsonst erwies, war ich es, der ihr zur Fahrt nach Walddorf riet.«

Fribo konnte vor Erstaunen kaum noch die Frage herausbringen:

»Und Sie hielten es nicht für Ihre Pflicht, uns sofort zu benachrichtigen?«

»Nein,« sagte Arvid, frank und frei redend, »ich hätte erstens darin eine Beeinträchtigung des individuellen Freiheitsrechtes Ihrer Schwägerin gesehen und zweitens habe ich meinen Kavalierspflichten gemäß gehandelt, indem ich meine Person von den Handlungen der jungen Frau ganz fern hielt.«

Fribo wußte nicht, ob er lachen sollte, oder ob der Zorn ihn packen wollte. Er sah und hörte aus Angesicht, Rede und Ton des anderen, daß der glaubte, völlig recht gehandelt zu haben.

»Mein Herr,« sprach Fribo endlich mühsam, »was Sie getan haben, grenzt verzweifelt nahe an eine Leichtfertigkeit.«

Das feine, blasse Gesicht des Schweden übergoß sich mit hellem Rot. Stolz richtete er sich auf, und mit wirklichem Adel in der Haltung sprach er:

»In meinem ganzen Leben, Herr Doktor, ist keine Handlung, die ich nicht mit meiner ganzen Mannesehre decken kann. An der unglücklichen Ehe Signes habe ich weder Schuld noch Teil. Kein unerlaubtes Wort, kein unerlaubter Blick ist zwischen uns gefallen. Aber ich konnte von meinem Standpunkte aus einer Aufhebung dieser Ehe keine Hindernisse bereiten. Das hätte ich getan, wenn ich die Familie Steinbrück gleich hinter Signe hergehetzt haben würde.«

»Ich sehe,« sprach Fribo mit mehr Ruhe, denn seine Gerechtigkeit mahnte ihn zum Maßhalten, »Sie sind sich keines Unrechts bewußt, und wir schauen auf Menschen und Dinge von verschiedenen Punkten aus. Auch ich erkenne Signe das Recht zu, eine Ehe zu lösen, deren Unglück um so schmerzlicher und unheilbarer war, als nur sie allein es empfand – was mehr als alles die völlige Verschiedenheit der beiden Gatten beweist. Aber ich sehe ein Unrecht darin, daß sie diesen unklaren, mit ringenden Quälereien erfüllten jungen Frauenkopf noch vollpfropften mit Gedanken und Problemen, an denen schon reife Geister verzweifelt sind. Und noch ein größeres Unrecht sehe ich weiter darin, daß Sie Signe allein und ohne auf Hilfe bedacht zu sein in die Welt hinausfahren ließen. So wie ich ihre zarte Konstitution kenne, besonders nach der törichten Tanzraserei von gestern, wird sie diese Fahrt nicht ohne Schaden überstehen, wahrlich, die Torheit, sie zu begleiten oder sich durch Benachrichtigung an uns hineinzumengen, wäre warmherziger gewesen, als diese ausgeklügelte Beobachtung Ihrer vermeintlichen Kavalierspflichten.«

Arvid war doch etwas um seine Haltung gekommen.

»Sie haben vielleicht recht,« sagte er zweifelnd. »Bürden Sie mir aber nicht die Furcht auf, daß Signe Schaden leiden kann. Das würfe einen Schatten auf mein künftiges Leben!«

Fribo zuckte die Achseln.

»Was haben Sie mir noch zu sagen?« fragte Arvid.

»Nur dies. Wie sich auch dies Ereignis ausgestaltet: verlassen Sie uns nach einer schicklichen Zeit.«

»Das wäre ohne diese Mahnung geschehen,« sprach Arvid mit Würde.

Die Männer schieden voneinander und jeder verlor sich in Erstaunen über die Art des andern.

Arvid empfand den geraden Charakter, die einfachwahren Empfindungen des jungen Arztes als etwas Rauhes, ja, fast grob Verletzendes, und hielt ihn für eine minder reich organisierte Natur als sich selbst. Aber er versagte ihm nicht ein Gefühl der Achtung, und aus diesem heraus entschuldigte er die verschiedene Weltauffassung, die der andere hatte. Fribo hingegen bemitleidete den Mann, der die Haupteigenschaft des Mannes: klare, feurige Entschlossenheit verloren hatte vor lauter überfeiner und tiefer Selbstbeobachtung. Er empfand die zergliedernde Art des jungen Schweden als ein lediglich Zerstörendes und darum Ungesundes. Aber weil er erkannte, daß der andere an sich glaubte und sich für völlig ehrenhaft hielt, entschuldigte er ihn.

Und so sah einer auf den anderen herab.

* * *

Der Wagen hatte die Stadt verlassen und rollte nun auf der Landstraße dahin. Der Schlamm spritzte an seinen Rädern auf und befleckte die blanklackierten Wagenwände mit erdfarbigem Gesprenkel.

Auf den Feldern, die sich rechts und links von der Straße in sanften Wellenlinien hinzogen, war über Nacht jede Spur des gefallenen Schnees verschwunden, denn der Sturm, der noch immer kräftig blies, hatte seine Richtung verändert und führte zum erstenmal einen warmen Atem mit sich. Er hatte das bleierne, festgeschlossene Grau, das gestern den Hochblick in die Lüfte verwehrt, mit Gewalt zerrissen und jagte es zu ballendem Gewölk zusammen, das unter dem sonnig blauen Himmel vereinzelt einhersegelte.

Die grüne Wintersaat war sichtbar geworden, und wenn sie auch nur erst einer kargen, braungrünen Narbe glich, da der lange, harte Winter ihre Entwicklung zurückgehalten, so wirkten diese breiten, grünen Streifen zwischen den dunklen Feldern voll feuchter Erdschollen doch wie eine Verheißung; war die Frühlingswitterung in der Natur auch noch so dürftig und frostig, es war aber doch eine Witterung.

Das empfanden die beiden im Wagen wohl, denn es war ihnen, als zöge hier draußen etwas mehr Mut in ihre Seele.

Beim Tagesgrauen, nach schlummerloser Nacht, hatten sie sich erhoben, bleich, hastig, frierend waren sie sich begegnet, und scheu, wie zu einer Flucht, miteinander in den Wagen gestiegen. Frau Steinbrück, die mit der ihr eigenen staunenswerten Elastizität schon auf und ganz frisch war, hatte Irene selbst mit mütterlicher Sorgfalt eingepackt und dabei immerfort versichert, daß ihr eigenes Befinden ihr diese Fahrt keineswegs erlaubt hätte – abgesehen von allem andern.

Nachdem sie die Stadt weit hinter sich gelassen, nahm Fribo mit einer ehrerbietigen Zurückhaltung Irenens Hand, küßte sie förmlich und sprach:

»Darf ich Ihnen danken?«

»Ich erfülle nur eine Pflicht der Barmherzigkeit,« murmelte Irene.

»Sie haben aber gesehen, daß meine Mutter hier nicht das Vorhandensein einer Pflicht anerkannte,« sprach er gedrückt, »aber bitte, denken Sie deshalb nicht, daß sie eine herzlose Frau ist.«

»Nein,« rief Irene lebhaft, »das weiß ich längst. Sie ist nur von einer anderen Art und kann deshalb Signe und ihr Elend nicht begreifen. Und Bedürfnisse, die man nicht begreift, erkennt man selten als berechtigt an. Das liegt so im Menschen. Das eigene Ich ist für jeden das Normale, was davon abweicht, erscheint den meisten gleich als fehlerhaft.«

»Und Tom ist von seiner Mutter Art,« fügte Fribo seufzend hinzu. »Er ist, genau genommen, völlig schuldlos an Signes Geschick; wird man einen guten, derben Bauernjungen einen Mörder schelten, weil er eine Lilie in ungeeigneten Boden verpflanzte, wo sie eingehen muß?«

»Wie wird Tom die Nachricht ertragen?« fragte Irene. Hierüber hatte sie sich auf keine Weise ein klares Bild machen können.

»Tom? – Wenn Signe mit uns zurückkehrt, wird sie noch viel unglücklicher werden als vordem und noch weniger Liebe erfahren. Bleibt sie fern und nimmt ein früher Tod sie hinweg, was ich seit langem fürchte, dann wird er sie heiß und aufrichtig beweinen – wochenlang, nach Monden sich zwingen, manchmal voll Wehmut ihrer zu gedenken, und nach einem Jahr sich wieder verheiraten, wahrscheinlich mit einer robusten, munteren, prosaischen Frau.«

Er sagte das alles weder bitter, noch traurig, sondern so, wie man unabänderliche Verhältnisse bestätigt.

»Arme Signe,« sprach Irene.

»Ja, sie war mit den großen Ewigkeiten beschäftigt und ihr Mann mit dem kleinen Tag. So lebten sie sich auseinander.«

»Aber Signe wußte nicht genau, was sie wollte, wonach sie rang.«

»Dies ist das Schlimmste von allem,« sprach Fribo, »das ziellose Ringen: empor! Wer so im dunkeln kämpft, muß in Verzweiflung untergehen. Und deshalb will ich Signe in ihre Heimat gehen lassen. Sie braucht eine feste Hand, die sie auf dem Weg des Lebens zurechtweist, jemand, der sie lehrt, ihre Kräfte zu zeitigen und nützlich zu verwerten. Diese Hand hat Tom nicht. Zur Selbsterziehung aber fehlt ihr jener klare Stolz, den eine andere bewies, als sie sich in Dienstbarkeit begab, um an sich zu arbeiten.«

Irene erglühte und wandte sich ab. Sie fühlte, daß sie dies Lob noch nicht verdient hatte, denn gestern noch war ihr Herz voll Hochmut und Empfindlichkeit gewesen, und nur das schreckliche Ereignis hatte die bösen, kleinen Gedanken zurückgedrängt.

»Ich besitze doch nicht so viel klaren Stolz, als Sie denken,« sagte sie zögernd, »denn ich kann die Erinnerung an gewisse kränkende Taktlosigkeiten nicht überwinden.«

»Nein, ich beschwöre Sie, sagen Sie das nicht. Wirklich – es wäre möglich, daß jene unbesonnenen Worte meiner Mutter noch zwischen uns ständen ...« rief er schmerzlich.

»Nicht das allein,« sprach sie leise.

»Also auch anderes tragen Sie noch nach? – Jene törichten, ungeläuterten Ansichten vielleicht, die ich einst über die Ehe aussprach?«

Sie schwieg.

»Dann freilich,« sagte er bitter, »habe ich mich gestern abend getäuscht und ich bin sehr töricht gewesen, davon zu träumen, daß ich das Wesen gefunden hätte, geschaffen und bereit, mit mir vereint die großen Aufgaben des Lebens in der Ehe und im Beruf zu erfüllen.«

Sie war leichenblaß geworden. So herbe, so schroff schnitt er mit einemmal alle zarten Faden ab, die sich hin und her gesponnen hatten – nein, das hatte sie nicht gewollt. Sie wollte sich aussprechen, ihm klarmachen, wie es in ihr aussah, ihn selbst allmählich zur Erkenntnis kommen lassen, daß er nicht um sie werben dürfe. Und nun verwarf er alles Hoffen wie eine Torheit.

Unglücklich und schweigend saßen sie nebeneinander. Fribo sah aus dem Wagenfenster und tat, als beachte er die Gegend. Irene blickte still vor sich hin. Ihr Kopf schmerzte und in ihren Schläfen dröhnte das Rollen des Wagens schmerzhaft wider.

Die Fahrt kam ihr endlos vor. Man hatte gesagt, daß sie in zwei und einer halben Stunde in Walddorf sein könnten – ihr schien es, als sei schon ein halber Tag verflossen.

Plötzlich schrak sie zusammen.

»Das Meer,« sagte Fribo kurz.

Der Wagen befand sich auf der höchsten Steigung des Landes, das sich bis nahe vor der Küste in langsamer Welle hob, und hier, plötzlich ziemlich steil abfallend, den Blick auf einen breiten Waldstreifen, darüber hinaus auf den weißen Sandsaum und endlich auf das blaue Meer gestattete. Zwischen den kahlen Wipfeln, unmittelbar am hellen Strand, sah man einige Dächer durchblicken, rote Ziegelsteine und graue Zinkplatten.

»Das ist Walddorf, wo unsere Villa liegt,« erklärte Fribo kurz.

Ehe Irene recht hinsehen konnte, war der Wagen schon weiter und die Aussicht hatte sich verschoben.

Der Wald umgab sie. Das lärmende Rauschen, das durch die Tannen ging, das Knacken der durcheinandergeschüttelten kahlen Buchenzweige war fast beängstigend anzuhören. Ab und an gab es eine kleine Erschütterung auf dem Wagendach, trocknes, vom Sturme abgerissenes Gezweig war niedergefallen. Der Kutscher mochte einen bösen Sitz auf seinem Bock haben.

Häuser erschienen neben dem Weg. Der Wagen bog um, links drängte sich jetzt der weiße Strand an den Weg, rechts stand die von Villen unterbrochene Wand des Waldes.

Der Wagen hielt. Fribo stieg aus und half Irenen.

Nun standen sie da vor einer verschlossenen Tür, vor einem Hause, das unbewohnt und abwehrend aussah.

Die Fenster in der weißen Mauer waren mit grünen Läden verrammelt. Neben der turmartigen Hälfte des Baues trat der niedrigere Anbau zurück, doch war durch eine Veranda vor diesem die gleiche Linie der Bauflucht hergestellt. Diese Veranda war mit Brettern vernagelt.

Fribo zog an der Glocke. Ein schriller Ton hallte drinnen lang wieder. Niemand kam.

Sie gingen um das Haus durch den kleinen Garten, dessen grauer, mit Strandgras untermischter Rasen fast völlig von Flugsand bedeckt war. Eine Halbgrotte von Kalksteinen und Muschelkies war der Hauptschmuck des Gartens, dessen Hintergrund der Wald umschränkte.

Hinten waren zwei Fenster frei von Läden; zwei Efeustöcke, in gelben Blumentöpfen, an einem sich nach oben verbreiternden Holzgitter künstlich aufgebunden, standen drinnen auf der Fensterbank. An der Pumpe hinter dem Hause befanden sich zwei umgestürzte Eimer.

Fribo klopfte an die Fenster und rüttelte an der Tür.

Schweigen und immer nur Schweigen.

Finster ging er wieder nach vorn, die zitternde Irene folgte ihm.

Er befahl dem Kutscher, nach dem in Walddorf befindlichen Wirtshaus zu fahren und sich dort zu erkundigen, ob etwa die alten Möllers auf Tagelohn arbeiteten und wo.

Der Kutscher fuhr davon.

Nun waren sie allein in der völlig ausgestorbenen Welt. Die Straße hinauf und herab vereinzelte Häuser, alle eingesargt in Winterruhe wie dieses. Kein Mensch weit und breit. Der Wagen verschwand in einer fernen Einbiegung der langgestreckten Straße.

Und um sie her ein Tosen und ein Lärmen, als wollte es sie verschlingen.

Am blauen Himmel lachte die Sonne, der Sturm wirbelte Säulen fliegenden Sandes auf. Im Walde ging ein krachendes Gelärm um, prallend schlugen die Tannenstämme aneinander und mit hohlem Pfeifen sauste es durch das verschränkte Geäst der Eichen und Buchen.

Aber das waren nur die Oberstimmen in dem ungeheuren Konzert der Natur. Rastlos eintönig, tief und dumpf rauschte das Meer und daneben ging ein sonderbares, unheimliches Geräusch in gleicher Endlosigkeit. Wie das Knattern von Gewehrsalven, aber hundertfach verstärkt – so prallten die zerborstenen Eisschollen strandwärts an und schoben sich knatternd durcheinander.

Hier bildeten sie eine wogende, unruhevolle Fläche voll blendender Lichtblitze. Da türmten sie sich zu gigantischen Bergen und flössen im nächsten Augenblick krachend und polternd auseinander.

Unwillkürlich richteten beide ihre Schritte dem Strande zu. Gegen den heranrasenden Sturm, im tiefen Sand, der dem schreitenden Fuß keinen Widerstand bot, ging es sich mühevoll. Irene, von ihren sie umflatternden Kleidern behindert, konnte kaum vorwärts kommen; dabei mußte sie mit der erhobenen Linken ihren Hut festhalten.

Für die Genüsse des Schauspiels vor ihnen hatten sie in diesen Augenblicken kaum einen empfänglichen Sinn, denn eine immer steigende Unruhe beklemmte ihre Herzen.

Fribo ließ seine düsteren Blicke strandauf- und abwärts schweifen. Irene sah nur den Mann an, als könne von ihm allein Aufklärung und Rettung kommen.

Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf. Hinter der Linie einer vom Wind regellos zusammengewehten dünenartigen Erhöhung tauchte etwas auf, mühsam klomm es empor und stand umschauend still.

Fribo erkannte schon von weitem den alten Hüter des Hauses.

»Kommen Sie,« sagte er und faßte Irenens Rechte. Sie kämpften sich weiter. Der Mann hatte sie bemerkt; am landwärts sich verflachenden Fuß des Sandhügels trafen sie sich im Schutz vor dem Sturm und hier entspann sich ein hastiges Gespräch, von welchem Irene kein Wort verstand.

Der alte Mann mit seinem zahnlosen Mund und vorgeschobenen Kinn bewegte das Gesicht beim Sprechen wie eine wiederkäuende Ziege. Er schien sehr bekümmert und wischte sich öfters mit dem Handrücken die Nase ab. Seine altersdürre, grobknochige Gestalt war in eine gestrickte Wolljacke gekleidet.

Irene ertrug die verständnislose Zuschauerrolle nicht.

Sie berührte Fribos Arm und sah flehend zu seinem Gesicht auf.

»Bitte, was ist geschehen?« fragte sie. Ihr Ton war innig, ihr Blick vertraulich und Fribo fühlte wieder die Wohltat ihrer Gegenwart.

»Signe ist gestern sehr krank gewesen,« berichtete er hastig, »sie hat starkes Fieber gehabt, denn der Alte versichert treuherzig, daß er furchtbar eingeheizt und sie trotzdem vor Kälte gezittert habe. Die alten Leute konnten gar nicht begreifen, was sie hier wollte, und wußten nicht, was mit ihr beginnen. Die Frau hat ihr Suppe gekocht und Wärmkruken gemacht – aber die Betten waren doch so feucht und ihr eigenes mochten sie nicht anbieten. In der Nacht aber hat sie viel und laut gesprochen, wenn sie schlief. Die alte Frau mochte aber nicht wieder hineingehen um nachzusehen, denn als sie einmal kam, schrie Signe vor Angst und Schrecken auf.«

»Um Gottes willen,« rief Irene in Tränen ausbrechend, »welche Qualen hat sie ausgestanden.«

»Und heute morgen hat sie dennoch die Kräfte gehabt, aufzustehen – wahrscheinlich im Fieber - sie hat das Haus verlassen, weil sie fröre und in die Sonne wolle. Die alten Leute haben sie nicht zu halten gewagt, obschon sie nur ein Tuch umgenommen hatte – die Gewöhnung der Dienstunterwürfigkeit – vielleicht auch Unverstand. Aber da Signe nach einigen Stunden nicht wiederkam, sind sie gegangen, sie zu suchen, der Mann da hinaus, die Frau dort.«

»Und nichts?«

»Nichts.«

Irenens Tränen versiegten in dem Entsetzen, welches sich ihrer bemächtigte.

»Vielleicht,« sagte Fribo kaum verständlich, »hat die Schwäche sie übermannt und sie liegt irgendwo im Sande, wir müssen weiter suchen.«

Der alte Mann nickte und stapfte gehorsam gleich weiter.

»Bleiben Sie hier zurück. Es ist zu viel für Sie,« sagte Fribo bittend.

»Nein, ich verginge, lassen Sie mich mit,« flehte Irene.

»Ich habe kein Recht, Sie diesen schrecklichen Weg mitmachen zu lassen –« begann er, halb beherrscht von Sorge um sie, halb noch im Gefühl der bittern Ablehnung. Sie fühlte nur die letztere heraus.

Er ging. Ein Ruf konnte ihn nach zwei Schritten schon nicht mehr erreichen. Und wozu auch rufen? – Irene fühlte, daß er ihr zeigen wolle, sie sei ihm eine Fremde.

Hier, im Schutz des Sandwalles, ohne einen Blick ins Weite ertrug Irene es nicht, zu warten. Sie klomm empor, und es gelang ihr, dem rinnenden Sand zum Trotz, oben festen Fuß zu fassen. Der Sturm zerrte an ihr; um sich seiner Gewalt besser zu erwehren, kauerte sie nieder.

Sie verfolgte Fribo mit den Blicken. Er schritt nahe am Ufersaum entlang.

Mehr als einmal mußte er schnell zurückspringen, denn mit knatterndem Toben warf sich eine eisträchtige Woge weit hinein auf den Strand. Und dann erscholl jedesmal von der Düne her ein Schreckensruf und erstarb im Sturm.

Oft stand Fribo spähend still und schien mit angstgeschärften Augen die Schollenungetüme zu durchforschen, die sich aufeinandergeschoben am Ufer türmten, um durch den nächsten Wellenschub in Lage und Gestalt verändert zu werden. Hier zerteilten Wasser und Wind, was sie gebaut, dort häuften sie ihre kristallenen Bausteine immer verwirrter und massiger aufeinander.

Und jetzt wagte Fribo das Ungeheure, eines dieser trügerischen Schollenlager zu betreten – mit großen Sprüngen auf der wildzerklüfteten Eisschründe hinzueilen.

Zwei todesbange Augen folgten ihm und ein Herz, welches sich oft künstlich gegen ihn verhärtet, wurde in der Angst der Stunde weich und erflehte sein Leben für sich, ganz allein für sich.

Eine schreckliche Viertelstunde verstrich nach der andern. Fribo näherte sich wieder der Stelle, wo Irene saß.

Er schien etwas entdeckt zu haben, das ihn leitete. Er zeigte es dem alten Mann. Aber die müden Augen des Greises sahen wohl nichts, denn der schüttelte den Kopf.

Irene folgte mit ihren Blicken der Richtung der deutenden Hand. Und da gerann ihr das Blut in den Adern.

Zwischen den Schollen, die sich aneinander reibend widerwillig hin und her drängten – jede mit krachendem Stoß der andern den Platz streitig machend, tauchte etwas Rotes auf.

Nun war es wieder verschwunden. Da leckte der Sturm mit einem großen Atemzug Wasser und Eisbrüche vom Strande zurück und stieß nach einer Pause voll Grauen mit heftigem Fauchen alles wieder landwärts: Luft und Wasser und eisige Schollen.

Und da hing es leuchtend, wie ein farbenfroher Fetzen auf silberblinkendem Grunde, das rote Tuch zwischen dem glitzernden Eis.

Mit einem Schrei, der selbst den Sturm übergellte, stürzte Irene abwärts, dem Ufer zu. Hinter ihr drein polterte schüttender Sand, ihr Hut flog ihr vom Kopfe.

Nun war sie neben Fribo, nun standen sie Schulter an Schulter auf fürchterlicher Wacht.

Wieder sogen die Himmel ihren Atem ein und wieder eine bange Pause, bis mit stoßender Wut die wilden Lüfte abermals dahergefahren kamen und den Strand bis hoch hinauf bewarfen mit dem Inhalt des Meeres.

Der Mann schlang seine Arme um das Weib an seiner Seite und riß sie mit sich zurück. Die Sinne vergingen ihnen fast, ihre Augen schlossen sich, weil der schneidende Gischt in ihr Antlitz spritzte. Und so hielten sie sich viele Sekunden lang eng umklammert, vereint den Elementen Trotz bietend.

Dann lösten sich die Arme. Irene hob das leichenblasse, feuchte Gesicht zu dem Geliebten empor, und als sie ihn vor sich sah, bleich, gleich ihr, aber unversehrt, da brach ein kurzer Jubel in dem bangen Herzen aus, und noch einmal, ohne die treibende Not einer Gefahr, warf sie sich an seine Brust.

Aber während er sie noch einmal an sich drückte, wurde sein Auge plötzlich weit und starr.

Wenige Schritte von ihnen lag etwas am Boden – eine Gestalt – ein Weib.

Und schon waren sie beide hingeflogen, und während Irene die Knie brachen vor Schreck, hob der entschlossene Mann die Leblose auf und trug sie weiter landwärts, wo kein neuer Wogenschwall die fürchterliche Beute meerwärts ziehen konnte.

Fribo bettete die schwere, bleigewichtige Gestalt in den Sand, auf den die Sonne prallte, frostig, aber doch mit Lächeln. Der alte Mann stolperte bebend heran und erging sich in jammernden Klagen. Irene kniete neben der lang und schlank Ausgestreckten.

Die nassen Kleider lagen eng an der schmächtigen Gestalt. Die Arme streckten sich hart neben dem Körper entlang, die eine von den beiden weißen, schmalen Händen war verletzt und mit rotem Blut befleckt.

Das Haupt lag mit steil ausgerecktem Hals gerade mit dem Hinterkopfe auf dem Sande. Das Wasser hatte die blonden Kraushaare, welche sonst das Oberhaupt bedeckten, zurückgewaschen und eine freie, hohe und kahle Stirn krönte ein Angesicht, in welchem eine herbe Majestät die sonst weichen Züge umgemodelt hatte.

Das war nicht Signe, die träumerische, eigenwillige, unreife Signe, mit ihrer süßen Kindlichkeit und dem oft so heftig aufflackernden Begehr nach Glück.

Das war ein ernster, reifer Mensch, der hier im Sande ausgestreckt lag, das Angesicht dem Himmel zugewandt, die Augen geschlossen für die Leiden und Kämpfe dieser Welt, der Mund verstummt für Klagen.

Wie Ruhe und Weisheit strahlte es von dieser Stirn und wie strenge Verachtung alles Irdischen lagerte es um diesen Mund.

Die erhabene Majestät des Todes umwitterte das junge Antlitz und machte es priesterlich gebietend und groß und reif.

Sie, die den Kampf mit den kleinen Dingen dieser Erde so schwer ertragen, war nun der Enge entrückt und emporgehoben zu den reinen Höhen des Erkennens.

Welche Geheimnisse hatte ihr die Todesstunde offenbart? Daß es unter den Menschen nur wenigen Seltenen beschieden ist, das rechte Glück und das rechte Verstehen zu finden? Daß die irren, welche es mit Hast und Trotz suchen? Daß es nur mit Geduld, Entsagung und Liebe mühsam zu erringen ist?

Oder hatte ihr der Todesengel zugeflüstert, als er sie mit sich empornahm zum himmlischen Frieden, daß nur er allein den Weg wisse zum wahren Erkennen? Und war ihr dies geworden vor Gottes Thron?

Der stumme, ernste Mund gab keine Antwort. –

Und dennoch schien den beiden, die Wange an Wange neben der Toten weinten, als spräche er eine laute und eindringliche Predigt.

Als mahnte er sie, treu miteinander auszuharren in allen Irrungen und Wirrungen des Lebens, fest miteinander zu streben nach dem richtigen und reichen Inhalt ihrer Tage, das Dasein für nichts Geringes zu achten, weil es so wenigen rosig ist, sondern ihrerseits ehrlich mitzuarbeiten, es sich und denen, welchen sie zu dienen vermochten, gut und nützlich zu gestalten.

Und so segnete die stumme Tote den Bund unlöslich ein, und was in ihr gewesen war an edlen Gaben und heißem Wollen, gab sie als großes Vermächtnis jener anderen, die besser geschaffen war, mit festen Füßen auf der Erde zu schreiten und doch den sehnenden Blick emporzuheben.

Noch ein anderes Geheimnis behielt der verschlossene Mund für ewig verborgen: das Geheimnis, wie der Tod gekommen war.

Hatte die fiebernde Schwäche sie hingeworfen in der verderblichen Nähe des tobenden Meeres? Hatte sie in der Dämonie eines Fieberwahnes selbst dem Sturm entgegeneilen wollen, den sie so fürchtete, wie es zuweilen den Menschen in unwiderstehlichem Grauen treibt, gerade das zu tun, was ihm am schrecklichsten und verderblichsten ist?

Und so schloß das Leben, in welchem es keine beglückende Klarheit gegeben, noch mit einer schaurigen Frage rätselvoll ab. –

Als Fribo und Irene heimwärts fuhren, um der Familie das Ereignis mitzuteilen, fühlten sie, daß die Kunde, welche sie brachten, nur einen lärmvollen Schrecken verursache und daß trotz aller ehrlichen Tränen, die fließen würden, das Gefühl einer »besten Lösung« die Gemüter bald beherrschen werde.

Sie waren nicht so ungerecht, anderes von den Ihrigen zu verlangen und überhoben sich nicht, weil sie tiefer und verschieden von ihnen empfanden.

Aber sie wußten, daß sie ihr eigentliches echtes und rechtes Glück als geheimsten Besitz für sich verwahren mußten, daß sie mit der Familie nur durch ein äußeres Band verknüpft sein würden.

Nur durch ein äußeres Band? Nein, sie erkannten es dennoch, daß es einen Geist gibt, der als gemeinsames Gut auch den verschieden gearteten Menschen zu eigen sein kann, die das Geschick eng aneinander kettete: der gute Geist der Geduld und Nachsicht.

Und sie beschlossen, daß er der Geist ihrer Ehe und ihres Lebens sein sollte, weil durch ihn allein der Mensch emporgehoben werden kann aus der Enge des kleinen Daseins.

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