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Ida Boy-Ed – Ein königlicher Kaufmann

Hanseatischer Roman

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 8-10. Aufl. 1910

I

Der Wortführer der Bürgerschaft erhob sich. Fast zugleich mit ihm, in jenem dumpfen Rauschen, das die gleichförmige Bewegung von mehr als hundert Männern erzeugt, die ganze Versammlung.

Die Pause eines erwartungsvollen Schweigens stand zwei, drei Sekunden in der Luft des Saales. Das elektrische Licht überglänzte die getäfelten Wände und nahm voll in seine Helle den Charakterkopf des Wortführers. Sein grauschwarzes, lockig dickes Haar, halbkurz gehalten, hatte etwas Perückenähnliches, und das bartlose, rötlich gefärbte, sehr starkzügige Gesicht drückte Entschlossenheit und Selbstgefühl aus. Mit einem Herrscherblick, von seinem erhöhten Platze her, abwartend und doch auch ermahnend, überflog er die Versammlung, um jene andächtige Stille in der Haltung all der stehenden Männer zu erzwingen, die der Augenblick forderte.

In weitgeschweiftem Halbrund standen sie, jeder vor seinem Platz, in den sacht amphitheatralisch aufsteigenden Reihen, zwischen Bänken und Pulten. Ein Parlament von Bürgern der Freien und Hansestadt Lübeck und der zu ihr gehörigen Landgebiete; alle gewissermaßen Mitregenten des republikanischen Gemeinwesens, berechtigt, ihren von der Majorität bestimmten Willen durch ihren Wortführer feststellen und aussprechen zu lassen. Rechts und links neben dem imposanten Mann mit dem alternden Gladiatorenhaupt standen die stellvertretenden Wortführer; der eine, breit, rotbärtig, mit blanker Stirn, mit kleinen aufmerksamen Augen, der andere in wichtiger und schicklicher Haltung, mit blonden Bartstreifen auf den merkwürdig langen, und feisten Wangen und dem Ausdruck hochfahrenden Stolzes in den blassen Augen. Die Empfindung, eine staatsmännische Persönlichkeit darzustellen, leuchtete förmlich von ihm hinaus, als sollten aller Augen davon geblendet werden.

Gleich dem erhöhten Gestühl der Wortführer befanden sich auch die Senatstische der Versammlung gegenüber auf einer Estrade. Die Senatoren, die heute dort anwesend waren, weil Fragen oder Anträge oder Gesetzentwürfe ihrer speziellen Verwaltungsgebiete auf der Tagesordnung gestanden hatten, erhoben sich im gleichen Tempo mit der Versammlung.

Niemand saß, als die Stenographen und der offizielle Protokollführer, die zu Füßen des eichenen Gestühls der Wortführer an ihren Tischen mit bereiten Federn warteten.

Das Licht rann in einem etwas unruhigen Vibrieren. Es zuckte ein-, zweimal, als sei es in der Sicherheit seiner Leuchtkraft beeinträchtigt. Dann gleißte es wieder stetig und setzte blanke Helligkeit auf die Marmorstirnen der drei Kaiserbüsten vor der braunen Täfelung.

Irgend jemand hustete. Ein Buch fiel. Der, dem es gehörte, bückte sich unnötig und wie beschämt danach. Noch ein Räuspern. Und dann wurde das Schweigen endlich ganz tief. Es war, als bezwängen die Männer nicht nur ihre Mienen, sondern auch ihren Atem.

Dem wohllautenden und machtvollen Organ des Dr. jur. Burmeester war solche Stille, was einem leidenschaftlichen Schwimmer ein weithin sich spiegelndes klares Wasser ist: er stürzte sich mit seiner Rede hinein, genoß selbst den Klangreiz und das Beben der Schallwellen, ließ sich von ihnen tragen, steigerte seine Empfindungen, indem er mit dem Ohr dem schwebenden Laut seiner Stimme folgte, ihre Wirkung auf das Gemüt der Hörer spürte, die verführerische Kraft an- und abschwellender Tonstärken wahrnahm, und sein Gefühlsschwung wallte immer höher aus, im Maß, wie er sein Publikum fortriß.

Und dabei war seine Rede keineswegs ein besonders kunstvolles Satzgefüge mit neuen, farbenreichen, überraschenden Worten. Die Wirkung kam ganz allein von der Klangfarbe und dem heißen Ton der Echtheit, den er nicht suchte, der immer wie von selbst in ihm aufbrauste, mochte der Gegenstand, über den er redete, sein, welcher er wollte.

Er sprach: »Hochansehnliche Versammlung! Ehe wir in die Tagesordnung eintreten, habe ich Ihnen eine schmerzliche Mitteilung zu machen. Nach kurzer Krankheit, in der Blüte seiner Mannesjahre noch, kaum fünfundfünfzig Jahre alt, ist Herr Senator Heinrich Peter Leitolf in dieser Nacht verschieden. Ihnen allen, meine Herren, ist es bekannt, mit welcher Hingabe und mit welchem Erfolge sich der uns Entrissene den Aufgaben widmete, die die Fortentwicklung unseres auf sich selbst beruhenden Gemeinwesens uns allen stellt. Kaum fünf Jahre hatte er dem Hohen Senat angehört. Aber so kurz diese Frist auch bemessen war, die Spuren seiner Tätigkeit werden nicht vergehen. Unter Hintansetzung eigenster Interessen ergab er sich dem Interesse der Gesamtheit. Ich darf Sie erinnern an die Verdienste, die Herr Senator Heinrich Peter Leitolf um die Verbesserung der hygienischen Zustände unserer Stadt hat, die, man darf es aussprechen, durch die von ihm durchgesetzten Maßnahmen vorbildlich geworden sind. Seinem besonderen Eintreten, seiner Kenntnis und Erfahrung verdanken wir es auch, daß die neuen Villenquartiere unserer Stadt eine so anmutige und zweckmäßige Gestaltung erfuhren. Wo er wirkte, ob es nun in der Baudeputation war, in der Finanzkommission, in der Schuldeputation, oder in welchen Verwaltungszweig auch immer er durch Ratssetzung berufen ward, wo er wirkte, spürte man eine feste und glückliche Hand. Er war ein großer, ein guter Bürger, ein treuer Sohn seiner Vaterstadt. Dies, hochansehnliche Versammlung, ist das vornehmste Lob, das Hanseaten einem Hanseaten an seiner Bahre nachrufen können. Wir werden das Andenken Heinrich Peter Leitolfs in Ehren halten; es soll uns eine vorbildliche Gestalt sein, die dieses rastlosen, redlichen, klugen Mannes. Ich sehe, meine Herren, Sie haben sich zu Ehren des Dahingeschiedenen von Ihren Sitzen erhoben, und stelle dies fest.«

Eine kurze Bewegung entstand. Die meisten setzten sich und warteten mit stumpfen Zuschauergefühlen ab, was sich weiter begeben werde. Einige Herren, die herkömmlich und gewohnheitsmäßig die Dinge in die Hand zu nehmen pflegten, weil sie die Gewandtesten oder die sich gern Vordrängenden waren, traten zusammen, um einen schon vorbereiteten Antrag noch mit raschem Flüsterwort zu betuscheln. Aus der Gruppe löste sich jemand und übergab dem Protokollführer ein Blatt, damit er es dem ersten Wortführer weiterreiche. Während dieser rasch verrinnenden Minuten voll Unruhe stand der Wortführer, Doktor Burmeester, wartend. Sein lebhaftes Auge war geradeaus gerichtet. Es suchte in der Reihe der Bürgerschaftsmitglieder ein anderes Auge und fand auch den Blick, der dem seinen schon entgegenkam.

Ihm gerade gegenüber, in der dritten Reihe, saß ein Mann, der nicht den Ausdruck eines stumpfen Zuschauers hatte und sich doch in keiner Weise an der Unruhe oder an den Gesprächen beteiligte. Auf das merkwürdigste wirkte er einsam, obschon neben, vor und hinter ihm jeder Platz von ihm bekannten Kollegen besetzt war. Aus irgendeinem Grunde redete niemand ihn an. Mit diesem Mann wechselte Burmeester einen langen festen Blick.

»Jetzt schlägt deine Stunde,« sagten Burmeesters Gedanken; »diesmal darfst du nicht ablehnen.«

Und sein Vetter, der Großkaufmann Jakobus Martin Bording, der seine Gedanken kannte, dachte antwortend: »Ich bin noch nicht so fest entschlossen, wie du hoffst …«

Als Burmeester nun das Blatt aus der Hand des Protokollführers erhielt – er fühlte es fast nur mechanisch zwischen seinen Fingern, so stark war seine Aufmerksamkeit bei Bording – riß er sich zusammen und verlas einen von zehn Bürgerschaftsmitgliedern unterzeichneten Antrag, dahin lautend, daß die heutige Sitzung zu Ehren des Verstorbenen ausfallen solle.

Der Antrag wurde mit überwiegender Majorität angenommen. Nur die kleine Schar der Sozialdemokraten blieb sitzen.

Es wurden noch einige Formalitäten erledigt: die Festsetzung der nächsten Tagung, die Vertretung der Bürgerschaft bei der Trauerfeierlichkeit und der Bestattung, über deren Termin noch nichts bekannt war.

Aber die machtvolle Stimme schwoll nur wie ein angenehmes und repräsentatives Geräusch über die durcheinandersprechende Versammlung hin, wie pomphafte Musik schwillt, auf die niemand recht hört, die aber doch durchaus dazu gehört und deren Fehlen das Gefühl von Unvollständigkeit eines Zustandes hervorrufen würde.

Die kurze Tagung war nun zu Ende. So wimmeln Arbeiterscharen von einem Bau, wenn die Feierabendstunde schlägt, wie jetzt all die Männer im ungeordneten Durcheinander dem Ausgange zustrebten. Die einen froh, Zeit für ihre Geschäfte, die anderen erleichtert, Muße für ihren Stammtisch gewonnen zu haben. Alle aber doch hauptsächlich von dem Gedanken hingenommen: Wer wird Senator werden?

Der zweite Wortführer stieg in ruhevoller, vornehmer Haltung von seinem Sitz herab. Dem Großkaufmann Sanders wurde diese seine immer gleiche, stolz beherrschte Haltung durch eine hohe Gestalt mit beginnender Fülle erleichtert. Sie kam ihm gewissermaßen dekorativ zustatten. In seinem länglichen, vollen Kürbisgesicht stand zwischen den feisten Wangen ein überaus seines Falkennäschen und ein Frauenmund mit schwellenden Lippen und tiefen Winkeln. Die hellen Augen blickten in einem kalten Hochmut über die meisten Menschen weg.

Er gesellte sich seinem, ihm – wie man sagte aus geschäftlichen Gründen – sehr ergebenen Freunde, dem Konsul Breitenfeld zu, der schon wartend dastand und manchen Knuff von den Hinausströmenden, denen er Weghindernis war, geduldig hinnahm.

»Burmeester hat heute schön gesprochen,« stellte Sanders fest.

Konsul Breitenfeld nahm seinen Kneifer vom mageren Nasenrücken, besah prüfend und bekümmert die trübe gewordenen Gläser, putzte sie und sagte in seiner Unfähigkeit, irgendeinen Menschen zu loben oder zu bewundern: »Waren bloß Redensarten.«

»Gott – was sollte er viel von Leitolf sagen? Das von der Hintansetzung der eigensten Interessen war doch schon deutlich genug. Jeder Mensch wußte, daß Leitolf vor fünf Jahren keineswegs in der Vermögenslage war, die Senatswahl anzunehmen. Seine eigenen Geschäfte sind rapide zurückgegangen – über kurz oder lang hätt's 'n Krach gegeben. Na, nu is er als Senator gestorben, und kriegt sein großes Begräbnis.«

»Du meine Güte! Das ist bloß rührend für die Witwe. Ich will lieber klein leben, als groß begraben werden.«

»Pöh!« machte Sanders. Und dachte bei sich: »Wer keine Chancen hat, oben anzukommen, spricht ohne Achtung von der Höhe.«

Konsul Breitenfeld hatte aber nur so unterschätzenden Tones von der Senatorenwürde gesprochen, um vorweg, falls nun sein Freund Sanders Senator werde, diesem zu verstehen zu geben: »Bild' di man nix in«. In kräftigen Augenblicken dachte er plattdeutsch.

Um sie war ein Gedränge von Männern. Alle sprachen. Das Stimmengeschwirr suggerierte jedem irgendwie die Notwendigkeit, das eigene Organ stark zu erheben.

Konsul Breitenfeld, immer noch mit seinem Kneifer in der Hand und mit Plieraugen den kleinen mageren Kopf vorausstreckend, sprach fast schreiend: »Man wird dir kommen.«

»Ach was!«

Aber zugleich schlug eine Hand von hinten her auf Sanders Schulter.

»Tag, Sanders! Na, nu werden Sie Senator? Was?«

»Ich denke nicht daran.«

»Ihre Frau auch nicht?«

»Wen haben wir? Es wird immer schwerer! Die junge Kaufmanns- und Juristenwelt hat nicht mehr die leidenschaftliche Teilnahme für die Entwicklung unseres Staates, wie wir,« klagte ein lebhafter Greis.

Man stand vor dem Portal in einer immer anwachsenden Gruppe zusammen. Ein frischer Regen strich hernieder. Man sah aber, das war ein Geprassel ohne Ausdauer und es gab den Vorwand, noch zu verweilen. Man guckte zu, wie die Steine auf dem Platze sich rasch dunkel und blank färbten unter dem sie überspülenden Wasser. Zugleich floß die Rede und es war unterhaltsam, all der Schwächen und Unzulänglichkeiten des Verstorbenen zu gedenken.

Der lebhafte Greis, Dr. med. Ziegenhaar, der in den Bürgerschaftsitzungen einer der temperamentvollsten und häufigsten Redner war, schalt auf den Sport und die Reisesucht, die der hanseatischen Jugend die Hingabe an die Vaterstadt verleide. Er kritisierte abfällig eine Anzahl von Senatswahlen, die er in den letzten zwanzig Jahren erlebt habe. Bloß Strohmänner seien einige von ihnen gewesen – der und der – keine intelligente, mutige, vorausschauende Förderer … ja, und Leitolf war auch nur das Produkt einer Verlegenheitswahl …

»Vor, fünf Jahren,« sagte Konsul Breitenfeld bedächtig und kam endlich dazu, seinen Kneifer aufzusetzen, nicht ohne sich noch mit der Schnur zu verheddern, die sich um den obersten Rockknopf verfing, »vor fünf Jahren war kein rechter Kandidat. Sanders war noch zu jung und in der Bürgerschaft noch nicht genug hervorgetreten.«

»Aber Breitenfeld, du weißt doch, daß ich nicht von fern …« begann Sanders.

»Ih – würden Sie nicht annehmen, Sanders?« fragte jemand.

»Was wollt' er nicht!« lachte ein anderer auf. »Und was für 'ne schöne Frau Senatorin gäb' deine Thora.«

»Geld und Trüffelfestigkeit ist auch vorhanden – beides in hohem Maß für unsere vierzehn Landesväter erwünscht.«

»Der arme Kerl, der Leitolf, hatte keins von beiden. Jedes Diner machte ihm einen verdorbenen Magen und jede matte Börse eine verdorbene Nacht.«

»Gratuliere vorweg, Sanders. Sehe keinen Kandidaten als Sie.«

»Und Bording?« fragte der alte Doktor Ziegenhaar scharf dazwischen.

Konsul Bleitenfeld sagte belehrend: »Jakob Bording hat schon vor fünf Jahren abgelehnt. Er soll damals gesagt haben, er diene seiner Vaterstadt mehr, wenn er dem immer weiteren Ausbau der eigenen Firma lebe, als wenn er seine Zeit mit Regierungsgeschäften belaste. Der Vorwand klang stilvoll.«

Bei dem Namen Bording ging durch die hellen Augen des Herrn Meno Sanders ein stechender Glanz. Doch sagte er voll vornehmer Haltung: »Ich wünsche unserem Gemeinwesen von Herzen, daß Bording sich bereitfinden ließe, eine etwa auf ihn fallende Wahl anzunehmen. Aber ich glaube, seine Firma nimmt ihn nach wie vor in der ausschließlichsten Weise in Anspruch.«

Die Zuhörer mochten nun denken, daß das kein Mensch genauer zu beurteilen vermöge, als gerade Sanders. Die Häuser Bording und Sanders standen seit einigen Jahren in einer so scharfen Konkurrenz miteinander, daß man an den Stammtischen förmlich ein Sportvergnügen daran fand, den Ausgang dieses Kampfes zu erwägen. Viele waren der Ansicht, daß Bording das ältere Haus Sanders & Cie. längst überholt habe.

Der ernste Ton, in dem Sanders sprach, konnte vielleicht erraten lassen, daß Bording immer noch zu kämpfen habe.

In das kurze Nachdenken hinein, das alle befiel, sprach der rasche, greise Doktor Ziegenhaar im gereizten Ton: »Guten Tag, meine Herren – der Regen läßt ja nach.«

Und er ging eilends davon, wobei er sein rechtes, von veralteter Ischias etwas unfestes Bein hinkend nachzog. Er behielt auch den Regenschirm zusammengerollt unter dem Arm, obgleich noch kräftige Tropfen durch die Luft sprenkelten, die zugleich schon vom Messingglanz eines durchs Gewölk brechenden Sonnenscheins gelb durchstäubt ward.

»Ziegenhaar, Sie werden ja naß!« rief ihm jemand nach.

»Das meiste fällt beizu,« sagte er in halber Rückwärtswendung.

»Komischer Kerl. Hat er was übelgenommen?«

»Sanders hat doch nichts Nachteiliges von Bording gesagt.«

»Wie sollte ich! Ich muß dringend bitten …« lehnte Herr Sanders mit einer beinahe energischen Handbewegung ab.

»Pst, pst,« machte jemand. Aber Konsul Breitefeld hörte und sah nicht, wenn er was Wichtiges dachte, und so sprach er es dennoch laut aus mit seiner weisen Knarrstimme: »Bording tut es nicht. Er hat keinen Ehrgeiz als den für seine Firma …«

In diesem Augenblick gingen Doktor Burmeester und Jakob Bording nahe vorüber.

Burmeester grüßte jovial nach allen Seiten, mit der vergnügten Sicherheit eines Menschen, der sich in jeder Richtung in angenehmen Lebensverhältnissen weiß und ein instinktives, dankbares Gefühl für seine allgemeine Beliebtheit hat.

Auch Bording grüßte; und da er die über sein eigenstes Empfinden autoritativ urteilenden Worte gehört hatte, streifte sein Blick mit leisem Lächeln die Gruppe der Männer.

Alle Zylinder flogen förmlich herab. Die Männer wußten es selbst nicht warum: sie grüßten eilends und mit Unterwürfigkeit. Nur Sanders lüftete mit Gemessenheit den hohen Hut.

Einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der beiden Männer.

Mit künstlichem Hochmut, mit erzwungener Kälte schaute Sanders in die grauen, festen Augen des anderen, der, ohne Feindseligkeit, ihn fast prüfend ansah.

»Hast du gehört?« fragte Doktor Burmeester, als sie außer Hörweite unter einem Regenschirm dahinschritten, den er sorglich über beide Köpfe zu halten wußte. Um des Mitgenusses des Regenschirms sicherer teilhaftig zu werden, hielt Bording die Linke auf den Rücken und ging fast Schulter an Schulter mit dem Vetter, der ihm zugleich sein bester Freund war.

»Bewertest du die Weisheit des Konsuls Breitenfeld als vox populi?« fragte Bording. »Dann hörst du daraus: man rechnet gar nicht mit mir.«

»Umgekehrt. Auch in dieser negativen Form liegt der Beweis, daß dein Name in aller Gedanken und auf aller Lippen ist.«

»Und Sanders?«

»Zwei oder drei Kandidaten müssen sein,« stellte Burmeester fest.

Es war Mittagszeit, die Straße sehr belebt, jeder dritte Mensch grüßte Burmeester oder Bording oder beide Männer. Dies lästige Vorwärtskommen machte Bording nervös.

»Hast du Zeit, komm mit mir.«

»Ich habe niemals Zeit, aber ich komme doch mit,« erklärte Burmeester fröhlich.

Sie verließen die Hauptstraße und mit einem Male war es, als seien sie aus dem Strom der Welt in ein Idyll getreten. Der kühle Friede eines Kirchenplatzes umgab sie, über den keinerlei Verkehrsader hinlief. Die Rückseite des Rathauses stand in ihrem verwitterten Schwarz düster als Schranke da. Zwischen den Fronten alter Häuser mündeten enge Zugänge. Ziemlich holperiges Steinpflaster mutete altertümelnd an. Und die Mauern der gewaltigen, in trotziger Stille wartenden Kirche waren am Fuß umbuscht von jungem blütenlosen Laub. Zwischen den Pfeilern, die die roten Backsteinwände gliederten, standen ein paar Linden. Ihre obersten Wipfelblätter wischten im Winde hin und her vor den auf ihren Spitzen stehenden, ins längliche gezogenen Glasrechtecken der hohen gotischen Fenster. Verschlossen und kahl lag das Kirchenportal, die eichene Tür schien wie hineingedrückt in den sie umgebenden Spitzbogen von altersmürbem Mauerwerk.

Wenn man den Kopf weit in den Nacken legte, um aus der Froschperspektive an dem mächtigen Bau emporzusehen, wirkte er verkürzt und gedrungen. Rot, mit graugrünen Spitzdächern, plumpe Zwillinge, schienen die Türme so mehr vom Himmel gedrückt als zu ihm emporzustreben.

Jetzt war ein tolles Leben oben in den Lüften. Die Sonne wollte lachen, aber alle paar Minuten wälzte sich regenschweres Gewölk, von brausendem Frühlingssturm gejagt, an ihrer gelbblanken Scheibe vorüber.

In der kurzen Reihe der alten Häuser, den mächtigen Kirchenmauern mit dem unwandelbaren Ausdruck gerade gegenüber, lag Herrn Jakob Martin Bordings Haus. Obgleich die Front dem Platze zugewendet war, betrat man es doch von einem Gäßchen aus, das an seiner westlichen Seite sich hinzog. Im Jahre 1604 hatte sein Vorfahr, der Bürgermeister Jakob Bording, dieses Haus erbaut. Nachmals, als im Lauf der Zeiten die Bordings verarmten und zur völligen Bedeutungslosigkeit herabsanken, war das Haus durch viele Hände gegangen. Jakob Martins Vater aber, der sich emporzuarbeiten begann, hatte schon nach dem getrachtet, was erst vor wenig Jahren dem Sohn gelungen war: das Haus zum Bordingschen Eigentum zurückzugewinnen. Herr Jakob Martin hatte es durch einen Münchener Architekten so kunstvoll zurechtbauen lassen, daß es gelungen war, den alten Räumen den patrizierhaften Charakter zu lassen, ohne die Behaglichkeit des Wohnens zu beeinträchtigen.

Die Haustür öffnete sich wie von selbst. Die beiden Herren betraten einen kurzen, kahlen Vorflur, in dessen hellen Wänden rechts und links je eine Tür bemerkbar war. Die eine führte in die Stube des alten Schrötter, der eine nirgends abgegrenzte Stellung als Pförtner, Faktotum und Diener einnahm und sich infolgedessen überall im Hause als der Maßgebende und Wichtigste fühlte. Schrötter sah, wenn er an seinem Fenster saß, auf das düstere Gäßchen hinaus und auf die graue Rückwand eines Lagerhauses. Die andere Tür ging in das Schreibzimmer des Hausherrn, einen viereckigen Raum mit einem Fenster nach dem Gäßchen und einem nach dem Kirchhofe. Da dieses Zimmer außer dem Flureingang noch eine Tür in das kirchhofwärts gelegene Rauchzimmer und eine weitere hatte, die sich auf die innere Diele zu öffnen ließ, so mochte es mühsamer Dekorationskünste bedurft haben, um trotz der vielen Wandunterbrechungen dem Gemache eine trauliche Stimmung aufzuzwingen.

Das innere Haus war vom Vorflur durch eine breite Tür mit undurchsichtiger Kunstverglasung geschieden.

Der alte Schrötter zeigte sich in seiner Tür, als die Herren durch den Vorflur schritten. Er markierte damit seine Wachsamkeit.

»Tag, Schrötter!« sagte Doktor Burmeester fröhlich. »Wie geht's?«

Denn Schrötter war der Freund auch seiner Kindertage gewesen und die Hilfsmittel, die Schrötter jederzeit für die Unternehmungen der Vettern aufzubringen verstand, waren märchenhaft. Immer hatte er Bindgarn in der Tasche, wenn man welches brauchte. In seinem jederzeit hergegebenen Handwerkskasten befanden sich die interessantesten Nägel, Haken und Klammern. Er ließ sich bereitfinden, der Tanzstundenflamme auf ihrem Heimweg aus der Schule eine Tüte Pralinen und ein Briefchen zuzustecken. Später gab er den Primanern ein und das andere Mal heimlich den Hausschlüssel und log dem immer besorgten Herrn Jakobus Martin Bording vor, die jungen Leute seien gegen halb elf nach Haus gekommen.

Kurz, in der Jugendgeschichte der Vettern spielte Schrötter eine, vielleicht pädagogisch nicht ganz rühmliche, dem Gemüt jedoch äußerst liebenswürdige und unvergeßbare Rolle.

Nun war er weißbärtig und voll drolliger Würde gegen Fremde. Die war ihm angeflogen mit dem immer wachsenden Ansehen seines Herrn. Seine Gestalt fing an ein bißchen klein zu werden, und da er auch schon vordem kein Gardemaß gehabt hatte, wirkte er greisenhafter und gealterter, als er war.

Auf die joviale Frage Doktor Burmeesters antwortete er in munterem Ton: »Immer noch gut zuwege, Herr Doktor.«

Aber er sah dabei seinen Herrn eindringlich an, mit sehr runden, aufmerksamen, braunen Hundeaugen, als wolle er ihm mit diesem Blick etwas Besonderes sagen. Er meldete: »Ein Dienstmann hat einen Brief gebracht; ich hab' ihn auf 'n Schreibtisch gelegt.«

»Schön,« sagte Bording trocken.

Aber anstatt mit dem Freunde nun in sein Schreibzimmer zu gehen, zog er den Schnepper aus der Tasche und schloß selbst die Glastür zur hinteren Diele auf.

Sie nahm fast die ganze Breite und Tiefe des Hauses ein, mit ihrer Höhe raubte sie auch dem ersten Stockwerk seinen halben Raum und war ohne Zweifel einstmals ein mächtiger Lagerplatz für aufgestapeltes Kaufmannsgut gewesen. Nun hatte der Münchener Künstler mit Teppichen und wuchtigen alten Möbelstücken in Barockschnitzereien, mit Fellen, einem großen Kamin in dunkelblauer Majolika, tiefen Klubsesseln und einigen Bronzen einen nahezu fürstlichen Raum daraus geschaffen. In der Mitte des Ganzen stand auf hoher Säule eine Nachbildung des Merkur von Giovanni da Bologna. Die schlanke, nackte Jünglingsgestalt von dunkler Bronze schien himmelan schweben zu wollen. Nur noch mit der Spitze des rechten Fußes die Basis berührend, streckte er sich empor, in der Linken den Merkurstab tragend, als wolle er mit diesem Zeichen über den Erdball stiegen. Jakob Bording liebte diese Statue, sie war ihm ein Sinnbild der Kulturmission seines Berufes und vielleicht seines eigenen Strebens.

Empor – durch den die Völker verbindenden, die Welt umspannenden Handel!

Die geschwungene Treppe, die in stolzer Leichtigkeit nach dem gewissermaßen nur als Bruchstück vorhandenen ersten Stock emporzog, war mit einem alten geschnitzten Geländer geschützt, das der Architekt in Würzburg gefunden und glücklich ergänzt hatte, wo dies zur Raumanpassung nötig gewesen war. Das gleiche Geländer lief um die Galerie, an der, gassenwärts und kirchhofwärts, das Schlafzimmer des Hausherrn, die Bade- und Ankleidestube und die Küchenräume lagen. Von der Galerie sah man in die Diele hinab. Erst das zweite Stockwerk besaß eine geschlossene Zimmerflucht durch die ganze Haustiefe. Da hinter dem Hause sich nur ein kleiner Hof befand und die vielen hohen Gebäude in der Nähe lichtraubend wirkten, so war die Diele, trotz der großen und fast ganz klar gelassenen Fenster im Hintergrund, immer etwas düster. Erst bei Licht, wenn aus zahlreichen, meist unsichtbaren Quellen die elektrischen Helligkeitsfluten sanft durch den Raum wirkten, sah man seine ganze prangende Festlichkeit.

»Ja,« sagte Doktor Burmeester und wusch sich zufrieden die Hände mit Luft, »nun muß hier wohl bald und endlich eine Frau hinein … Wenn du Senator wirst? Was? Und wenn man keine Zeit zu einer Liebesheirat hat, Zeit zu 'ner Vernunftehe bleibt immer.«

Über das etwas bleiche Gesicht Bordings ging ein schwaches Lächeln. Man sah, er lächelte aus Gefälligkeit, oder um zu zeigen, daß ihm das Thema fern und harmlos lag – wie eine Gegend, in der man nicht orientiert ist. Sein kluger Kopf mit dem englisch verschnittenen hellen Schnurrbart hatte fast etwas Soldatisches in seinem festen, stolzen Ausdruck. Die Züge waren regelmäßig. Man konnte ihn beinahe groß nennen, wenn auch Burmeester mit seiner wuchtigen Gladiatorenerscheinung ihn überragte.

»Wer weiß, ob ich Senator werde. Der Zufall hat schon manchmal Überraschungen gebracht. Alles kommt auf die Zusammensetzung der Wahlkammern an. Es können am Wahltage gerade lauter mir feindlich gesinnte Bürger in die Wahlkammern gewählt, lauter mir feindliche Senatoren dafür ausgelost werden und nicht ich sondern Sanders oder irgend ein Outsider, von dem keiner sich was träumen ließ, kommt heraus. Das hat man schon erlebt.«

Während er so sprach, schenkte er an einem Kredenztisch ein Glas Portwein für Burmeester ein.

»Zugegeben. Ist schon oft vorgekommen. Diesmal, aber ausgeschlossen, da die ganze Bürgerschaft und fast der ganze Senat darin übereinstimmen, daß nur du in Betracht kommst. Du hast einen historischen Patriziernamen und bist doch zugleich gewissermaßen ein moderner Selfmademan. Denn das Vermögen, das dein Vater dir hinterließ, ist doch nicht zu rechnen neben den Millionen, die du selbst erwarbst. Man sieht in deinen ungeheuren Erfolgen die Früchte einer organisatorischen Intelligenz, die dem Staate zugute kommen muß.«

»Um sie zu hemmen oder durch Intriguen brach zu legen, sowie sie in ein Amt eingefangen ist,« sagte Bording mit einer mutlosen, fast widerwilligen Geste.

Burmeester, obschon ihm auf all die rednerischen Anstrengungen die trockene Kehle nach dem Schluck Portwein lechzte, setzte voll Energie ungetrunken das Glas aus der Hand.

»Seit drei Tagen, seit Leitolf hoffnungslos war, hab' ich halb und halb dein Wort! Und nun seh' ich die Allüren eines Rückzugs!« rief er mit erwachender Heftigkeit. »Mensch! Jakob! Tu mir, tu dem Staate das nicht an. Wir brauchen starke Jugend, wir brauchen leidenschaftliche Kraft im Senat. Seit Jahrzehnten war es Brauch geworden, würdige Jubelgreise hineinzuwählen. Endlich hat man begriffen, daß Würde mehr dekorative als motorische Eigenschaften zu haben pflegt. Jüngere Männer sollen es nun sein, solche, die Erfahrungen mit Frische einen. Männer wie du.«

»Oder wie Sanders. Er ist ohnehin mindestens dem Drittel des Senats verschwägert oder vervettert.«

»Und wird die retardierende Tendenz dieses Drittels stärken! Deshalb ist es ja gerade, daß die Bevölkerung und die übrigen Senatoren ihn nicht wollen! Du bist ein automatisch veranlagter Mensch, Jakob, und ich spüre wohl, die letzten Gründe deines Zögerns liegen in der Furcht, deinen kühnen Willen gegen die Hühnerhofpolitik mancher deiner künftigen Kollegen nicht immer durchsetzen zu können. Aber sieh: ist dann und wann einiges durchzusetzen nicht schon verdienstlicher, als beiseite stehen zu bleiben? Und traue der Wucht deiner Ansichten nur was zu: hinter dir stehen deine Millionen! Deine gewaltigen Unternehmungen sprechen mit, wenn du sprichst. Du stehst außerhalb jeder Clique, es ist wahr, du hast dich merkwürdig einsam gemacht …«

»Meine Arbeit ließ mir keine Zeit,« schaltete Bording ein.

»Aber du allein bist mehr als jede Clique! Und wenn du das Bedürfnis hättest, als Senator, wo doch allerlei repräsentative Notwendigkeiten kommen, dich, wenn ich mich so ausdrücken darf, an einen Familienkonzern anzuschließen, heirate! Es ist ja ein Widersinn in allem, was du tust. Schon auf der Schule sagtest du: Burmeester, unsere Familie muß wieder an die Spitze! Ich glaube, deshalb allein ließ dein Vater mich studieren – meiner hätt's nicht gekonnt – von seinem bißchen Subalternbeamtengehalt. Schon damals war es dein Vorsatz, sehr reich zu werden, das alte Familienhaus zu erwerben und fürstlich auszustatten, um als Senator und Vater einer Schar von Söhnen darin hauszuhalten. Und nun? … Nun bist du am Ziel und lebst einsam und machst Anstalten, der letzte des Geschlechts zu bleiben.«

Jetzt trank Burmeester mit einer Gebärde der Entrüstung seinen Portwein aus. Seine rednerische Stimmung hatte ihn erfaßt gehabt, das sonore Organ schwoll durch den hohen Raum. Als es verhallte, trat eine fast feierliche Stille ein.

So verloren schienen die beiden Gestalten der Männer in der düsteren Beleuchtung auf der weiten Diele zwischen der Fülle von prangenden Gegenständen.

»Heiraten?« sprach Bording langsam. »Gerade das Familienhaus hindert mich daran. Es ist kein Platz dann für ein Damenzimmer.«

»Der ganze zweite Stock mit seinen sechs großen Räumen ist leer,« antwortete Burmeester unwillig. »Was soll ich von solchen Einwürfen denken! Kam' dein Vater wieder aus seinem Grabe, könnt' ich sagen: Onkel Jakob, ich hab' deinen Erwartungen entsprochen, bin einer der beschäftigtsten Rechtsanwälte, Hab' neben dem Senat die ansehnlichste und einflußreichste Stellung im staatsbürgerlichen Leben, meine Frau stammt aus erstem Hause und meine Jungens lassen sich gut an. Er würde mich nur gnädigst nebenbei anhören und etwas streng, wie er immer so sprach, fragen: Wo sind meine Enkel? Hast du meinen Sohn nicht an seine Pflicht und an meine Hoffnungen gemahnt?«

Seine Stimme vibrierte, wie in großem Schmerz.

»Hör mal,« sagte Bording lachend, »nun wirst du pathetisch.«

»Wenn jemals eine Gelegenheit war, deklamatorisch zu werden, ist es heut und jetzt,« erklärte Burmeester. »Du weißt doch von selbst, daß die beiden Kandidaten für die Senatswahl, Sanders und du, schon an allen Stammtischen, an der Börse, bei allen Familienessen und auf jeder Gesellschaft gründlichst beklatscht wurden, noch ehe Leitolf seinen letzten Atemzug tat.«

»Ich rege die Phantasie der Leute doch wohl wenig an,« sprach Bording mit etwas ermüdetem Ausdruck.

»Du bist, wie oft große Männer sind, in vielen Dingen etwas kindlich.« Er schüttelte den Kopf. »Ein Mensch, der seit seinem zweiundzwanzigsten Jahr eine unerhörte Arbeitskraft und einen noch nicht dagewesenen zielbewußten Unternehmermut betätigt – ein Mensch, der binnen achtzehn, neunzehn Jahren ein mehr als fürstliches Vermögen aufhäuft, der Teeplantagen auf Ceylon, Baumwollfelder in Ägypten, die größten Speicher voll Kolonialwaren in Hamburg und hier hat, der längst in der Lage wäre, seine Geschäfte seinen Abteilungschefs zu überlassen und in seigneuralem Wohlleben mit den amerikanischen Nabods zu rivalisieren – ein Mensch, der trotz alledem weiter fortfährt, von früh bis spät zu schuften – ein Mensch, der nach jedem Weibe die Hand ausstrecken könnte und dennoch, trotz seines bekannten Familien- und Namenstolzes, nicht heiratet – ein solcher Mensch bildet sich ein, er rege die Phantasie der Leute nicht an! – Da – schenk mir nochmal 'n Glas Portwein ein…«

»Tu's selbst,« sagte Bording, der tief in einem Klubsessel zurückgelehnt saß. Während Burmeester sich mit der Portweinkaraffe beschäftigte, nestelte Bording an seinem linken Manschettenknopf, als sei an dem etwas nicht in Ordnung.

Gegen die breiten hohen Dielenfenster prasselte jetzt wieder eine Tropfenfülle und rann in wasserklaren Linien draußen an den Scheiben hernieder.

»So, also daß ich Junggeselle bleibe …« sprach Bording, immer noch mit seinem Manschettenknopf beschäftigt.

Burmeester erhob sein kleines Kristallglas, sah in den wie Rauchtopas funkelnden Inhalt hinein und sprach, gleichsam vorsichtig: »Wie sollte das nicht … Welche halten dich für einen Asketen … Die einen sagen, du habest ein Verhältnis mit einer Schauspielerin in Hamburg. Die anderen flüstern, daß an Winternachmittagen eine verschleierte Dame – und so allerlei …«

Bording rührte sich nicht. Man hörte keinen Laut außer dem trommelnden Guß an den großen Glasscheiben.

Da fuhr, als gälte es, eine Beklemmung oder Verlegenheit rasch abzuschneiden, Burmeester fort: »Na, solche Geschichten sind Quatsch. Wären auch unwahrscheinlich viel Romantik für so 'n kühlen Kopf … Aber wenn du nun Senator wirst, mach all dem Gemunkel ein Ende: heirate!«

»Du kommst mit so viel Beharrlichkeit darauf zurück, daß ich vermute, deine Frau hat dich beauftragt, mir eine ihrer Freundinnen oder Cousinen anzuschnacken,« sagte Bording etwas mokant.

»Das nun nicht. Aber wenn du dir mal Therese Landskron näher ansehen wolltest, des Senators Doktor Landskron Tochter …«

»Was, der hat eine Tochter?«

»Herrgott,« sagte Burmeester verzweifelt, »sie war doch deine Tischnachbarin zur Linken, im März, als wir unser großes Diner für die Silberhochzeit meines Schwagers gaben.«

»So, so,« sprach Bording und versuchte sich zu erinnern.

»Sieh mal: Landskron ist ein Mann von angeborener Neigung zur Unschlüssigkeit. Er schwankt in seinen Ansichten und kommt dadurch oft nicht zur Betätigung seiner Fähigkeit, eine Materie scharf zu durchdringen und dann praktisch zu bewältigen. Du, als sein Schwiegersohn, würdest ihn mit deiner raschen Energie wie von selbst beeinflussen und mit dir fortreißen. In allen großen Fragen: der Ausgestaltung unserer Bahnverbindungen, der Kulanz bei der Heranziehung von Industrien, der rascheren Hebung der Einwohnerzahl – ach, was soll ich alles herzählen – kurz und gut: Landskron würde von unserer Partei sein.«

»Also zwecks Cliquenbildung soll ich diese …« Er suchte.

»Therese!« half Burmeester nach.

»Therese Landskron heiraten? Danke vielmals. Aber einen Mann, der so lange ledig geblieben ist, mit solchen Gründen zur Ehe zu verführen, dürfte selbst deiner Beredsamkeit nicht gelingen. Außerdem … wie ist es doch? Darf denn ein Senator die Tochter eines anderen heiraten? Ich meine, das verbietet die Verfassung? Die beugt doch dem vor, daß die Senatoren in zu nahem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander stehen?«

Burmeester antwortete: »Im Artikel 6 unserer Verfassung heißt es: >Ausgeschlossen von, der Wahl ist derjenige, dessen Vater, Sohn, Vollbruder, Halbbruder, Stiefvater, Stiefsohn, Schwiegervater, Schwiegersohn oder offener Handelsgesellschafter bereits Mitglied des Senates ist.' Nun hat aber Doktor Landskron seinerzeit die Witwe seines Vetters Friedel Landskron geheiratet und Therese ist das Kind erster Ehe der jetzigen Senatorin Landskron. Von einem Stiefschwiegervater sagt die Verfassung so wenig wie zum Beispiel von Schwägern, deren es stets einige im Senat gab und auch zurzeit gibt. Es lägen also keinerlei verfassungsrechtliche Hindernisse vor, wenn du dich mit Therese Landskron verheiraten wolltest. Weder brauchtest du auf die Wahl zum Senator zu verzichten, noch brauchte Landskron auszutreten, was er freilich unbedingt müßte, wenn Therese sein eigen Fleisch und Blut wäre.«

»Geantwortet wie ein Nachschlagebuch und wie ein Jurist,« sagte Bording.

Er erhob sich, scheinbar sehr humoristisch angeregt.

»Das ist deine entlassende Geste, wenn du so aus der Sesseltiefe in die Höhe kommst,« sagte Burmeester, »also gut, ich gehe. Wenn du erlaubst, erkundige ich mich bei Schrötter, der ja immer auf irgendeine geheimnisvolle Weise deinen Willen, deine Stimmung, deine An- und Abwesenheit kennt, verbirgt, vertuscht, berücksichtigt – vielleicht weiß er auch, warum du mich hierher verschleppt hast.«

»Ich hatte dich hierher verschleppt, um mit dir nochmals gründlich die Möglichkeit meiner Wahl zum Senator zu durchsprechen. Aber mir scheint, du hast das Sprechen ziemlich allein besorgt und ich bin nicht einmal dazu gekommen, dir zu sagen, daß ich den Gedanken schwer ertrage, gegen Sanders durchzufallen. So schwer, daß die bloße Möglichkeit mich noch abhalten kann, mich aufstellen zu lassen. Mein Haus steht auf sicherer Höhe, selbst eine Reihenfolge unglücklicher Konjunkturen, schlechter Jahre könnten es nicht mehr erschüttern. Ich ertappe mich oft bei dem Gedanken, daß ich es mit freudiger Genugtuung empfinden würde, jetzt die höchste Ehre zu empfangen, die unser freier Staat zu vergeben hat. Und dennoch, mein lieber alter Junge – dennoch ist in mir ein peinliches Gefühl …«

Burmeester nahm seinen Hut mit der Miene jemandes, der sich bei Überflüssigkeiten keinen Moment aufzuhalten gedenkt.

»Lampenfieber – Form uneingestandener Eitelkeit,«

sagte er bestimmt, »Männerhochmut, der sich einbildet, eine Niederlage entstelle seine schöne Silhouette … Adieu, Jakob! Du wirst Senator. Aber natürlich – bei der nächsten Vakanz, wenn etwa der alte Bräuning mal seinen letzten L'hombre gespielt haben wird, um sich dem roi des ombres selbst vorzustellen – dann wird's Sanders. Wenn bis dahin nicht noch ein neues Licht in der Bürgerschaft aufleuchtet. Was ich aus tiefster Seele wünsche, denn du weißt: Sanders ist nicht mein Mann. Er hat die spezifische Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede Familie sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein. Und dabei kann ich ihm aus einem alten Adreßbuch von 1801 beweisen, was ohnehin die ganze Stadt weiß: sein Urgroßvater war Kornträger. Sein Großvater machte einen kleinen Laden mit Kartoffeln, Trockenwaren und Talglicht auf und kam langsam voran. Ja, ja, das Sanderssche Patriziergefühl hat sich, wie bei manchen Familien, fabelhaft flink entwickelt. Na, meinetwegen. Ich bin auf mein Proletarierblut stolz. Und wenn meine Mutter nicht deines Vaters Schwester gewesen wäre, war' ich, wie mein Alter, höchstens ein kleiner Amtsschreiber geworden. Dein Vater nahm uns mit hoch. Das legt mir Pflichten auf …«

»Wie es scheint, vor allem die, mich in einer so wichtigen Frage zu bevormunden,« neckte Bording.

»Jawohl, mein alter Junge. Durchaus. Wenn du deine Heimat liebst, wenn du ein echter Hanseat bist, wenn du historischen Sinn hast, wenn du dir klar darüber bist, daß deine ungewöhnlichen Fähigkeiten dem Gemeinwohl dienen müssen, dann nimmst du an. Willst du aber nicht … In den allernächsten Tagen werden zwei oder drei Senatoren zu dir kommen und dich vertraulich fragen, ob du eine auf dich fallende Wahl annehmen wirst. Willst du nein sagen: tu es denn. Denn das Nein nach erfolgter Wahl kostet dich dein Bürgerrecht. Das ist ein altes Gesetz! Du mußt! Einmal zu irgendeinem Amt gewählt, mußt du! Dafür bist du ein freier Republikaner.«

Er lachte.

Aber dann fügte er ernst hinzu: »Besinn dich recht und beizeiten. Laß mich nicht unnütz agitieren und laß keine unnützen Hoffnungen sich erst mit deiner Persönlichkeit verknüpfen. Ich will dir was sagen: wenn du ganz mit dir im klaren bist, telephoniere mich an. Über Millionengeschäfte hab' ich dich schon in einer Viertelstunde Entschluß fassen sehen. Und nun besinnst du dich drei Tage, ob du Senator werden möchtest oder nicht! Laß mich bis Nachmittag per Telephon deinen definitiven Entschluß wissen. Na und endlich: adjüs, mien ollen Jung!«

Wohlgelaunt, im Vollgefühl seiner überreichen Lebendigkeit und Frische ging Burmeester davon.

Der andere Mann sah ihm fast zärtlich nach. Er liebte den Verwandten, der mit ihm aufgewachsen war, wie einen Bruder. Er neidete ihm zuweilen das flammende Wesen, an dem all das bißchen Spreu und Stroh, das sich schließlich auf jedem Lebensweg ansammeln will, wie vom selbst wegbrannte. Es war was Elementares in der Ganzheit seines Wesens.

Jakob Bording seufzte. Wie man bei Vergleichen seufzt, in denen man sich selbst irgendwie und wo nicht zureichend findet.

Er blieb noch minutenlang, von schweren Gedanken umdrängt, auf der Diele stehen, an die Säule gelehnt, von der der lebensgroße bronzene Merkur zur Höhe entschweben zu wollen schien.

Draußen war der Himmel jetzt ganz von schweren Wolkenfetzen verhangen. Ihre Feuchtigkeit wollte sie herabzerren und zerreißen. Ihr finsteres Grau verschattete den Mittag, daß die mutlosen Schwermütigkeiten einer Abendstimmung sich im weiten Raum ausbreiteten.

Dunkel war es um den einsamen Mann – der wie ein Verlassener oder von aller freundlichen Lebensgemeinschaft Abgesonderter dastand.

Er durchforschte grübelnd alle seine Empfindungen.

Was trieb ihn, die Würde, die er schon einmal ausgeschlagen, nun lockend zu finden?

Gab es eine stolzere und unabhängigere Stellung auf der Welt, als die seine? In seiner Vermögenslage, als Herr und Besitzer so großer Unternehmungen, hätte er in einem monarchischen Staat längst eine Fülle von Rücksichten und Verpflichtungen zu tragen, durch gnädige Aufmerksamkeiten von oben viel Freiheit der Bewegung verloren, mit viel größerer Bevormundung und Einmischung der Behörden und des Staates zu rechnen gehabt.

Kein Fürst war so frei wie er, der große Handelsherr und hanseatische Bürger. Und war er nicht machtvoller in seiner Freiheit, als unter der Krone eines Ehrenamtes, das ihm fast die Würde und Verantwortung eines Regenten im kleinen gab?

Er liebte seinen Reichtum. Er hatte einen beinahe ungezügelten Stolz auf seine Erfolge und seinen Namen. Er war ein Fanatiker der Arbeit. Jede seiner weitverzweigten Unternehmungen war ihm ans Herz gewachsen. Den jüngsten Lehrling in einer der vielen Abteilungen des Geschäftes kannte er, jeder seiner Angestellten hatte sein Interesse, war ihm Mitarbeiter.

Es gab keinen leeren Augenblick in seinem Leben …

Und dennoch der Wunsch, neuen Inhalt hineinzunehmen?

Vor fünf Jahren, als er in einem Lebensalter noch stand, das früher für einen Senator unerhört, weil zu jugendlich, gewesen wäre, hatte er das Ansinnen, sich erwählen zu lassen, fast lachend abgeschlagen.

Nicht nur, weil damals noch die immer gewaltiger werdende Ausdehnung seines Hauses seine ganze gesammelte Aufmerksamkeit beanspruchte, weil immer noch eine fieberische Spannung damals in ihm war und der Sieg zwar schon gewiß, aber noch nicht ganz übersichtlich schien. Um jene Zeit fing seine Firma an, das letzte fremde Geld, mit dem sie in den ersten zehn Jahren vielfach hatte arbeiten müssen, ganz abzustoßen und die Millionen begannen als flüssiges Kapital hereinzuströmen, im Maße, wie die verschiedenen Abteilungen des Geschäfts ihre Anfangsschwächen, Kinderkrankheiten und Wagnisse überwunden hatten und deutliche Erträgnisse lieferten.

Es war eine berauschende Zeit gewesen – im Gefühl, daß die gigantische Arbeit und der verwegene Mut von fünfzehn sklavisch durchschufteten Jahren sich nun lohne, – daß wie ein unsichtbarer, stumm fließender, gewaltiger Strom der Reichtum heranwogte und sich für ihn auf den Banken staute.

Aber noch ein anderer Rausch betäubte ihn damals – so groß war die Fülle des heißen, brausenden Lebens gewesen … Ein Königsleben … Erfolg, Reichtum, Liebe …

Was hatte sich daran geändert? War nicht noch alles ebenso wie damals?

Er hob den Kopf. Er sah mit bohrenden Blicken ins Unbestimmte.

Plötzlich kam ihm ein ganz paradoxer Gedanke: »Suche ich vielleicht eine Fessel, um Ketten zerbrechen zu können?«

Und ganz rasch, sich jäh aus seiner tiefen Versunkenheit aufraffend, ging er in sein Schreibzimmer.

Da lag ja ein Brief!

Das hatte er keinen Augenblick vergessen – keinen, bei all den Gesprächen mit Georg Burmeester. Das Wissen von diesem Brief war immer in ihm gewesen, auch während er so in schwerem Grübeln stand.

Denn er las es in Schrötters Augen, daß der die Handschrift erkannt hatte.

Wie sollte er sie auch nicht kennen? Seit sechs Jahren brachte die Post allwöchentlich mehrmals Briefe, deren Aufschrift die großen, eleganten, lateinischen Buchstaben zeigten. Die Post. Nie kamen sie durch Boten. Und es war solch eindringlicher, wachsam-sorgenvoller Blick in Schrötters Augen, als er meldete: »Ein Dienstmann hat ihn gebracht.«

Bordings Schreibzimmer ähnelte in der Ausstattung der Diele: schwere, ernste Pracht. Durch eine Anzahl von Bücherschränken kam ein bibliothekartiger Charakter hinein. In der Nähe des Fensters, nach dem Kirchenplatz zu, stand der große Diplomatenschreibtisch. Da lag, sehr hell im blassen Lila seines Papiers, der Brief auf der dunkelbraunen Tuchplatte. Er lag so, daß die Aufschrift nach unten gekehrt war und das Siegel von dunklem Lilalack wie eine flache, gepreßte Blume auf einem lichten Untergrund wirkte.

Jakob Bording setzte sich in seinen Schreibstuhl.

Seine Nasenflügel bebten. In seinen Augen war dunkler Glanz. Hätte ihn ein Mensch beobachten können, würde er zweifelnd sich gefragt haben: Glanz der Erwartung? Des Zornes? Der Freude? Der unruhvollsten Spannung?

So rätselhaft war der Ausdruck auf dem Antlitz des Mannes, als er jetzt den Brief öffnete und zu lesen begann:

»Geliebtester! Wie hasse ich den Frühling. Es ist eine unerträgliche Jahreszeit. Ja, ich hasse sie. Weil es zwischen fünf und sechs hell ist. Niemals ist es mir härter gewesen, daß wir uns in dieser Zeit so selten treffen können als jetzt. Flögen doch die Wochen, käme doch der Sommer, der uns einmal, einmal im Jahr ein Zusammenleben gestattet – die Vorsicht, die auch dann noch unser Glück umgeben muß, haben wir ja dank unserer großartigen Schlauheit und Selbstbeherrschung zu einer leidlich erträglichen Einrichtung gemacht.

»Aber es ist ja noch lange hin bis zu meiner Reise nach Brückenau und der Deinen nach Kissingen. Heute haben wir erst den zehnten Mai.

»Und was für aufregende, umwälzende Dinge könnten sich inzwischen begeben! Seit drei Tagen – der arme Leitolf dachte seinerseits gewiß noch nicht ans Sterben, er soll nicht geahnt haben, wie es mit ihm stand – seit drei Tagen wird schon das Bärenfell verteilt. Darum tu ich, was ich noch nie gewagt: geb' einem Dienstmann auf der Straße einen Brief an Deine Adresse.

»Ich muß Dir sagen – was Du höchstwahrscheinlich zwar schon weißt – mein Mann will Senator werden! Meinen Segen hat er. Mehr als das: ich wünsche es ihm und mir brennend. Aus vielen Gründen. Der eine Grund aber ist wichtiger als alle: ein Mann, der zu seinen eigenen, sehr stark ihn schon in Anspruch nehmenden Geschäften noch die Senatorswürde auf sich nimmt, kann sich seiner Frau überhaupt gar nicht mehr widmen! Daß ich Meno bisher schon sowieso eigentlich nur bei den Mahlzeiten sah, weißt Du. Aber schließlich konnte er doch kommen und gehen, wann er wollte; das machte in der Disposition über das eigene Kommen und Gehen unfrei. Fortan wird er an gewissen, mir vorher bekannten Tagen und Stunden durch Sitzungen aller Art wie festgenagelt sein.

»Ach, Jacky – ich seh' da, wenn auch nur ein kümmerliches Bißchen Möglichkeit für uns, uns häufiger zu treffen. Und ist nicht jeder Augenblick wie ein Geschenk für zwei darbende, sehnsüchtige Herzen?!

»Lieber, lieber, über alles Geliebter, Du! Sie sagen auch, Du seiest der andere Kandidat! Aber nicht wahr, das tust Du mir nicht an!! Deine überlastete Zeit, die gefährliche Verstohlenheit unserer Liebe machen ja ohnehin jede Glücksstunde fast zu einem Geschenk und Wunder! Wenn du nun noch eine solche Würde und Bürde auf Dich nimmst – was bleibt von Deinem Leben für Deine Thora?

»Ich bin nur, weil ich weiß, Du liebst mich. Ich atme nur, weil jeder Atemzug Liebe für Dich ist. Ich trage seit sechs Jahren die Gefahr und die Aufregung einer solchen Leidenschaft, weil ich lieber in diesen Nöten und Ängsten leben will, als ohne Deine Liebe sein. Weil ich lieber sterben und untergehen mag, als von Dir lassen.

»Treue adelt! Und unsere Treue hat unseren Bund längst geadelt!

»Ich muß Dich sprechen. Ich will einmal, einmal etwas Unerhörtes wagen. Gerade weil es so unerhört ist, wird es glücken. Ich komme zur gewohnten Zeit zu Dir – zwischen fünf und sechs – obgleich es heller Tag ist. Vielleicht fügt's der Zufall, daß mich niemand aus- und eingehen sieht. Und wenn doch … Bekannte rede ich dann mit einer kecken Anrede an … Fremde? Ach, die laß denken, was sie wollen.

»Morgen und übermorgen haben wir Gäste. Menschen, von denen Meno vermutet, sie könnten schwankend sein – unser Weinkeller und unsere Menüs haben was Überzeugendes – Du verstehst.

»Und noch drei Tage warten? Unmöglich!

»Neulich las ich in einem Gedicht:

»Die Insel unsres Glückes steige
Aus unentdecktem Meer empor.«

»Schön, nicht wahr? Wie für uns gesagt.

»Und dennoch wag' ich's heute und komme, kühn, im hellen Licht.

»Geliebter Mann – ich sehne mich Dir entgegen. .. Du bist der Mann aller Männer für mich … Wenn ich meine Arme um Deinen Hals legen kann und mein Gesicht an das Deine drücken darf, dann überkommen mich Seligkeiten, die meine Knie zittern lassen …

Deine Thora.«

Er saß regungslos. Von schwerem Ernst war sein Gesicht wie versteinert.

Eine ungeheure Abwehr erhob sich in ihm im Vorausdenken – im Zorn, im Zurückdenken…

Und dennoch – dennoch – es stieg etwas auf aus den Schlußworten des Briefes… wie der Duft eines schwarzen Haares – Heliotropatem war darin – – er meinte das leise Knistern von Seide zu spüren – das entsteht, wenn eine Frau sich eng anschmiegt – er fühlte den Samt einer weichen Haut an seiner Wange … Flüsterworte heißer Liebesgier streiften an seinem Ohr vorbei …

Er erblaßte. Ein kalter Schauer rann ihm über die Haut.

Er nahm sich zusammen – hart gegen sich selbst – eisern … stark … ein Mann …

Noch ein paar Minuten.

Dann ergriff er sein Tischtelephon, drückte auf den elektrischen Knopf und sprach in das Mundstück hinein: »Viersechsundvierzig. – Hier Bording – ich möchte wissen: ist Herr Doktor Burmeester schon wieder im Bureau? – Ach, du bist es selbst, Georg. Ich habe über unser Gespräch nachgedacht. Also ja – ich nehme die Wahl an, wenn sie auf mich fiele. Mein Wort darauf!«

II

Wenige Minuten später verließ Jakob Bording sein Schreibzimmer. Fast zugleich zeigte sich Schrötter in seiner Tür – einem Wachthund nicht unähnlich, der sich ein bißchen rührt, wenn er merkt, daß sein Herr etwas unternimmt, wobei es nicht nötig ist.

»Heute nachmittag erwarte ich Besuch zum Tee,« sagte Bording, noch beschäftigt, seinen langen, dunklen Frühlingspaletot sorgsam zuzuknöpfen. Den hohen Hut hatte er schon auf dem Kopf.

»Sehr wohl, Herr,« antwortete Schrötter.

Aus irgend einem Grunde hatte er sich diese Antwortsformel angewöhnt, vielleicht, weil er sie für vornehm und ergeben hielt. In seinen Augen, die förmlich noch runder wurden als sonst, war aber keine kritiklose Dienerunterwürfigkeit.

Er wußte, was das hieß: Besuch zum Tee! Dann kam die Dame, die zuweilen einen dichten Schleier vorhatte, zuweilen einen Zipfel ihrer Pelzstoa vor Mund und Nase hielt, wie jemand, der keine Kälte einzuatmen wünscht, oder die mit der Hand die Spitzenkanten eines um den Kopf geschlungenen Schals vor ihrem Gesicht zusammenhielt – kurz, die in immer wechselnder Weise ihre Züge zu verstecken verstand, wenn sie rasch durch die Haustür hereinkam und sich mit dem Schlüssel, den sie besaß, den Eingang ins Schreibzimmer selbst öffnete. Das ging husch! husch! Schrötter hätte noch heute, nach sechs Jahren, nichts über ihr Gesicht aussagen können.

Und nun kam sie am hellen Tag? Zum ersten Male? Wie eine Erscheinung war sie gewesen, geheimnisvoll und interessant, die zu stürmischen Spätherbstnachmittagen, zu nebeldüsterer Winterstimmung, zu den brausenden Regenschauern des Vorfrühlings gehört hatte. Und nun – am hellen Tage?

Schrötter schluckte ein wenig an seinem Schreck und an seiner Aufregung. Er wußte ja ein für allemal, was seine Pflichten waren, wenn »Besuch zum Tee« kam. Im Rauchzimmer des Herrn alles zierlich vorbereiten. Dann unablässig und zugleich unauffällig auf den Beinen bleiben, bald im Vorflur sein, um Besuchern – die freilich äußerst selten in der Privatwohnung Bordings vorsprachen – zu sagen: der Herr sei im Geschäft, sei in Hamburg, sei bei Freunden; selbst Burmeester hatte er schon mit einem ganz starren Gesicht solche Auskünfte gegeben, wenn der noch so beschwörend vorbrachte: aber bester Schrötter, mein Vetter muß zu Hause sein und ich muß ihn sprechen.

Bald auf der Diele herumlungern, um das weibliche Dienstpersonal vom Spionieren oder gar Horchen abzuhalten. Die Köchin und das Stubenmädchen saßen zwar oben, in der Küche, über Schrötters Wohnzimmer. Und wenn sie von da oben herunter und das Haus verlassen wollten, mußten sie die eiserne Wendeltreppe benutzen, die architektonisch klug verborgen hinabführte und neben Schrötters dunklem Schlafalkoven mündete. Der Aus – und Eingang für Dienstboten und Lieferanten ging eben durch Schrötters Wohnzimmer, anders hatte es sich bei dem knappen Raum nicht machen lassen. Aber diese Einrichtung gab gerade den Reiz und die Wichtigkeit von Schrötters Leben. Sie machte seinen Posten gesellig und ließ scharfe Kontrolle zu.

Übrigens stand er sich gut mit den Frauenzimmern, die die Vorteile ihrer selbständigen Stellungen im reichen Junggesellenhaushalt zu schätzen wußten und gar nicht daran dachten, zu spionieren, denn daß Schrötter sie für den bloßen Versuch dazu an die Luft setzen würde, war ihnen klar. Beide waren auch schon lange im Hause und das Zugehörigkeitsgefühl hatte sich bei ihnen bereits stark entwickelt.

Trotzdem ließ Schrötter in seiner wachsamen Vorsicht nicht nach. Er hatte eine dumpfe Ahnung, daß mit den Besuchen dieser Dame irgend eine Gefahr verbunden sei; die Tatsache, daß ihre Erscheinung ausblieb, sobald es bis sechs Uhr hell war, beschäftigte ihn von jeher und er zog Schlüsse daraus.

Und heute – heute kam sie am hellichten Tag? –

»Da muß ich mir aber Mühe geben, daß ich sie nicht erkenne,« dachte der alte Mann in seinem anständigen Unterwürfigkeitsgefühl.

Er verbot ja sogar seinem Gedächtnis, sich des Namens »Thora« zu erinnern, den er einmal auf einem vergessenen Taschentuch gesehen. Er hatte damals geglaubt, am richtigsten zu handeln, wenn er dies kleine, halbklare, mit einer schmalen, schlichten lila Kante umsäumte Tüchlein, darauf mit lilafarbenem Garn in geschriebenen Buchstaben der Name gestickt war, ganz einfach verbrannte, anstatt es seinem Herrn als »gefunden« zu geben. – Als Jakob Bording seinem Diener in nebensächlichem Ton jene Mitteilung gemacht und seinen langen Überrock ganz zugeknöpft hatte, ging er davon. Er wollte ins Geschäft.

Sein Gesicht war farblos, wie man es bei überarbeiteten, beständig geistig angestrengten Menschen oft findet. Der Ausdruck seiner Züge war nicht anders, als die Straße sie sonst kannte: von verschlossenem Ernst, mit einer kleinen scharfen Linie am linken Mundwinkel, die nach Menschenverachtung aussah. Ohne jede Aufmerksamkeit war er für das, was an Leuten und Dingen vorübertrieb; Grüße bemerkte er oft nicht oder erwiderte sie mit einem leeren, zerstreuten Blick.

Die Speicher und Kontore seiner Firma lagen am Fluß. Um dahin zu gelangen, hatte er eine lange, enge Straße hinabzugehen. Sie war wenig belebt. Ihr Bürgerstieg, an alten Giebelhäusern und kleinbürgerlichen Neubauten entlangführend, war von Kellerluken oftmals wie gefleckt. Auf den geschlossenen Falltüren von Brettern klang der Schritt der Gehenden hohl. Die eine oder andere dieser Luken war auch aufgeschlagen, dann mußte man an der Kelleröffnung vorbei ausbiegen, aus deren dunkler Kühle der Dunst von Rotwein aufstieg und der hohle Klang eines Hammers, der an Fässer schlägt.

Der Sturm, der von Westen kam, sauste die Straße herauf, wie durch ein großes Rohr geblasen. Bording mußte seinen Zylinder festhalten und fühlte den Druck des Windes gegen seinen ganzen Körper.

Eine Droschke fuhr rasselnd und schwer ihm entgegen. Wenige Schritte vor ihm hielt sie und der Senator Doktor Landskron stieg aus, wandte sich dem Wageninnern zu und reichte eine Hand hinein. Seine Frau stieg aus; was man zuerst von ihr sah, war ein in unnötig großem Bogen tastend heraus sich streckender Fuß in Zeugstiefeln und ein Stück grauen Strumpfes. Diesem komischen Herold ihrer Erscheinung folgte dann umständlich sie selbst in ihrer auftrumpfenden Ganzheit. Hinter ihr stieg rasch und sozusagen unauffällig noch die Tochter aus.

Jakob Bording sah sich gerade in diesem Augenblick durch eine geöffnete Kellerluke gehemmt und blieb stehen, um nicht vor den Pferden weg und um die Droschke herumzugehen.

Man grüßte sich, und Bording tat es mit der vollkommensten Aufmerksamkeit. Denn ganz merkwürdig kam ihm jäh die humoristische Idee von Burmeester ins Gedächtnis: daß er Therese Landskron heiraten solle. Die Familie mochte von einer Kondolenzvisite im Hause Leitolf zurückkehren und benutzte die gewiß seltene Gelegenheit, daß man zu dritt auf Besuchswegen war, um noch bei Bekannten vorzusprechen.

Die Damen waren natürlich in Trauerkleidung. Die Mutter wirkte ganz überraschend auf ihn, er glaubte sie schon tausendmal gesehen zu haben; so vollkommen glich ihre Erscheinung einem bestimmten Schema. Natürlich kannte er sie – hatte sie da und dort wahrscheinlich getroffen, vermutlich auch bei Burmeesters. Aber er war sicher, an ihr stets ohne Gruß vorübergegangen zu sein. Diese Art Damen konnte man sich ja nicht einmal an ihren Hüten und Mantillen merken. Trugen sie nicht alle gleiche? Oder kam es ihm nur so vor?

Und die Tochter? Ganz im allgemeinen wirkte ihre Erscheinung unelegant, beinahe ärmlich – oder unharmonisch. Bording, als Mann, der sich nicht auf Einzelheiten verstand, konnte nicht erkennen, daß das vielleicht an der sehr improvisierten Trauerkleidung lag, die recht zusammengesammelt schien.

Er sah ihr scharf und mit einer so großartigen Ungeniertheit – deren er sich nicht bewußt ward – ins Gesicht, daß sie errötete. Und dies Gesicht wirkte irgendwie sehr angenehm. Nun er es zum ersten Male genau ansah, fiel ihm das auf. Schöne blaue Augen, von großer Ausdruckskraft – sympathische Züge… entzückender Teint… Während er so Mutter und Tochter gewissermaßen anstaunte, als hätten sie für ihn das Interesse von Kuriositäten, sprach er, über die Kellerluke hinüber, einige Worte mit dem Senator Doktor Landskron. Das war ein, Mann mit einem glatten Gesicht, goldener Brille und gescheiteltem, graublondem Haar, einem englischen Landpastor nicht unähnlich und von einer vorsichtigen Würde, gleichsam tastend, mit jedem Wort und jeder Geste, als sei er auf beständiger Hut vor Übereilungen.

»Sie haben in dem Verstorbenen einen besonders nahen Freund verloren, Herr Senator,« sagte Bording, »darf ich Ihnen meine Teilnahme aussprechen?«

Er sagte es auf gut Glück. Er wußte nichts davon, wie die Beziehungen der beiden Männer zueinander gewesen waren.

Sie waren schlecht gewesen.

Aber Landskron antwortete mit sehr schmerzlichem Ernst: »Ja, es ist ein harter Schlag.« Wobei es gänzlich in der Schwebe blieb, für wen, in welcher Hinsicht.

Frau Senator Doktor Landskron, die es nicht ertrug, auch nur eine halbe Minute unberücksichtigt zu bleiben, sprach mit großem Augenaufschlag: »Die Familie ist untröstlich, untröstlich! Man wußte gar nicht, woher man die Worte nehmen sollte, der armen Anna Leitolf Mut zuzusprechen. Es war furchtbar – es war ganz furchtbar

Er drängte sich zwischen den Rändern der auseinander- und hochgeschlagenen Kellerluken und den hart an der Bürgerstiegkante haltenden Wagenrädern durch, nicht ohne pedantische Vorsicht, um Beschmutzung seines Paletots zu vermeiden.

»Wann ist die Beerdigung?« fragte er und sah aus größter Nähe nun Therese an.

Dieser stetige Beobachterblick kränkte und ängstigte sie. In ihre Augen trat ein Ausdruck von Befremdung und Abweisung.

»Mittwoch um zehn Uhr. Von der Ägidienkirche aus, Pastor Steifensand war ja sein naher Freund, er wird in der Kirche sprechen, Hauptpastor Klein hingegen draußen auf dem Friedhof an der Gruft,« berichtete Landskron.

»Wir versperren Ihnen den Weg, Herr Bording,« sagte die Frau mit einem zwischen Anzüglichkeit und Liebenswürdigkeit schwimmenden Lächeln. »Sie sind ja immer so kolossal beschäftigt und eilig. Wir sind hier ausgestiegen, weil wir unsere alte Großtante Voß besuchen wollen – wann trifft es sich sonst mal, daß mein Mann Zeit zu Besuchen hat! Mein Mann hat nie Zeit zu Besuchen.«

»Im Gegenteil, ich halte Sie auf…«

Bording reichte dem Senator die Hand, lüftete vor den Damen mit einer kleinen Verbeugung und einem sehr hellen Lächeln den Hut und ging davon. Ohne zu ahnen, daß hinter ihm die Senatorin beim Eintritt in das Haus, wo ihre alte Tante ein bescheidenes Parterre bewohnte, im allerbestimmtesten Flüsterton zu ihrem Mann sagte: »Sonst geht er einem ohne Gruß vorbei. Nun, wo er Senator werden will, kann er den Verbindlichen spielen. Ich sage dir: du wählst Sanders.«

»Ich weiß ja gar nicht, ob ich in die Wahlkammern komme,« sprach er ausweichend. Er war nicht so unablässig mit sich und seiner Wichtigkeit beschäftigt wie seine Frau, der alles entging, weil sie nur auf eines achtete: auf das, was ihrer Stellung zukam. Und er hatte den merkwürdigen, förmlich studierenden Blick bemerkt, mit dem Bording Therese angesehen. –

Während die Familie in den nach Muff und Baldrian riechenden Stuben des uralten Fräuleins Voß verschwand, ging Bording weiter. Der helle Ausdruck blieb vorerst noch auf seinen Zügen.

Diese banale Begegnung und die oberflächlichen Worte, die dabei gesprochen worden waren, hatten ihn amüsiert und abgelenkt.

Burmeesters Plan, aus dieser süßsauren Preziösen seine, Jakob Martin Bordings, Schwiegermutter machen zu wollen, fand er von überwältigender Komik.

Er bemühte sich, die beiden Damen vor sein Gedächtnis hinzustellen. Nach drei Schritten wußte er schon nicht mehr, wie er sich selbst in Gedanken die Mutter hätte schildernd klar machen sollen. Ganz gewiß, dachte er, sie hat mindestens hundert Doppelgängerinnen – Frauen mit solchen Gesichtern, in denen nichts zu lesen steht als ein bißchen enge Wichtigkeit und Einbildung, mit solchem versteckten kleinen, weisen und prüden Zug um den Mund und den beiden Stückchen glatter Haare vom Scheitel weg unter der schmal sich auftürmenden Kapotte.

Aber die Augen der Tochter sahen ihn sehr deutlich an. Groß, und seinen unbescheidenen Blick fast erzürnt zurückweisend.

»Ich glaube, sie war sehr schlecht angezogen,« dachte er.

Er kannte eine, die sich schön anzog – deren Kleider wie Gedichte waren, von Spitzen, Seide und Chiffon um eine Gestalt voll Grazie …

Der schwere, kalte Ernst breitete sich plötzlich wieder über sein Gesicht aus.

Er bog am Ende der Straße rechts um; wenige Schritte noch auf dem Bürgersteig und er hatte die Flucht der Baulichkeiten erreicht, über deren Türen, mit großen Bronzebuchstaben auf das Mauerwerk aufgenietet, stand: Jakob Martin Bording.

Drei Speicher, Schulter an Schulter, feste, starke Hüter, mit ausdrucksvollen Arbeitsgesichtern, standen da. Der eine grau, mit geschweiftem Giebel, dessen Konturen von altem Kupferbeschlag grün waren; die beiden anderen rot in der Naturfarbe des gebrannten Backsteins. Diese hatten Treppengiebel und die Strenge ihrer Stufenlinien schien ein wenig gesänftigt durch die welligen Dachpfannen, die ihre Kanten schützten. Alle drei Speicher hatten viele Stockwerke mit kleinen, zum Teil durch Läden verschlossenen Fenstern. Alle drei oben eine enorme Luke. Aus der des grauen Giebels hing eben aus dem Kran herab ein armstarkes Tau. Einen dicken Eisenhaken hatte diese hanfene Schlange als Mund; baumelnd wand sie sich herab, um von einem hochbeladenen Frachtwagen Säcke aufzupicken. Auf und um den Wagen hantierten stämmige Männer. Und hoch oben sah man greifende Hände aus dem Dunkel langen, das Aufziehen des belasteten, das Abwärtsschweben des leeren Taues zu regulieren. Es roch nach rohem Kaffee und Säcken. Aus dem geöffneten Tor des ersten roten Speichers kam ein starker Geruch von Gewürz. Im Halblicht drinnen, einem holländischen Genrebildchen gleich, dem die Türpfosten Rahmen gaben, sah man zwischen Ballen und Kisten Männer in blauen Hemdärmeln sich bücken und bewegen.

An den dritten Speicher schloß sich, im Verfolg der Straßenflucht, das Haus mit den Kontoren.

Bording hatte es vor einigen Jahren ganz neu aufbauen lassen. Lichte, große, immer gut ventilierte Räume nahmen das Parterre und die beiden Stockwerke ein. Über der Tür zu Bordings eigenem Arbeitsraum im zweiten Stock – er liebte den weiteren Blick und Fußtritte über dem Plafond störten ihn leicht – hatte er das alte Firmenschild seines Vaters anbringen lassen. Das zeigte die Form eines ziemlich flach geschwungenen Regenbogens, war von Holz und ehemals weiß gewesen. Bording ließ es nicht erneuern. Altersgrau sollte es bleiben, denn das gab den Charakter her. Dieser Bogen war gewissermaßen dreigeteilt. Oben in der Mitte befand sich eine Malerei. Die linke Seite war in gotischen Buchstaben von dem Namen »Jakob Martin Bording« eingenommen, auf der rechten zog sich die Inschrift hin: »Kolonialwaren und Russische Produkte«. Die Malerei hatte einstmals sicherlich in Farbenvielheit geglänzt, nun war sie ganz nachgedunkelt, aber doch noch sehr wohl erkennbar. Es war eine Gruppe von drei Personen. Ein Türke stemmte die Hand auf einen Kaffeesack, mit der Geste, wie ein Welteroberer die Faust auf den Globus setzen mag. Aus einer Schippe goß ein russischer Bauer Weizen in gelbem Körnerstrom hinab in ein rotschwarzes Holzgefäß. Zwischen beiden ritt ein Chinese auf einem Kamel und hielt eine Teebüchse ans Herz gedrückt.

Unter diesen Figürchen stand »en gros«.

Die drolligen Aussagen dieses alten Schildes stimmten nicht mehr ganz. Die Firma führte weder russischen Weizen noch Karawanentee mehr ein, noch sonstige »russische Produkte«. Die Handelsverbindungen, die Jakob Bording mit Rußland unterhielt, hatten einen ganz anderen Charakter angenommen.

Mit einer nahezu kameradschaftlichen Freundlichkeit grüßte Bording im Vorbeischreiten die Arbeiter an den Kaffeesäcken, den Kontorboten, der ihm auf der Treppe vorbeikam und Front machte, einen Kommis, der mit Papieren in der Hand über den Flur im ersten Stock eilte. Es war beinahe immer, als bekäme dieser Mann ein anderes Gesicht und Wesen, sowie er im Dunstkreise seiner Arbeitsstätte sich befand.

Er betrat sein Kontor im zweiten Stockwerk. Der gewaltige Schreibtisch stand in der Nähe des Fensters, so daß das Licht von links her darauffiel. Der Blick aus dem breiten Glase konnte über den hier schmalen Fluß zum jenseitigen Ufer ungehindert den Weg finden. Es war gerade kein Mastenwald, der als Gitter die Aussicht versperrt hätte. Ein paar dänische und schwedische Frachtdampfer lagen am Kai. Der Haupthafen befand sich weiter stromabwärts.

Drüben reihten sich verschiedene Lagerplätze hin, von Gittern oder Planken umsäumt, mit weithin lesbaren Firmenschildern. Auch den Namen Jakob Martin Bording las man einige Male dort.

Als fernen Hintergrund hatten sie das Grün, die hellen Häuser und das feine Kirchtürmchen der Vorstadt; es hing ein bläulicher Dunstschleier davor und täuschte mehr Weite auf das Bild, als es wirklich hatte – jener Duft und Dunst, der im wasserreichen Flachland die Gegend liebkost.

Das schwere Grau des Himmels ließ den Fluß fast schwarz erscheinen; wasserarm war er, denn der West peitschte den Strom hinaus. Vom Regen begossen und verwaschen, wirkten die Schiffe kahl und unfroh.

Bording sah, während er seinen Paletot auszog, einen Moment bekümmert hinaus auf den niedrigen Stand des Flusses. Er seufzte ein wenig und ließ sich dann an seinem Schreibtisch nieder.

In der Tiefe des Zimmers stand die Schiebetür geöffnet, die in den sogenannten Konferenzsaal führte. Das war ein Raum mit einem Oberlicht. Da stand ein grünverhangener Tisch, den Sessel umreihten. Das sah nach Beamtentum, Würde und Beratungsernst aus.

Die zweite Vormittagspost war vom Sekretär schon gesondert und an die verschiedenen Abteilungen weitergegeben. Aber was für Bording persönlich dalag, war noch so viel, daß er mißbilligend die Brauen zusammenzog.

Er begann zu lesen, ganz der Reihe nach, wie sein Sekretär die Briefe für ihn aufgeschichtet hatte. Der junge Mann besaß eine förmliche Begabung dafür, den Briefen anzuspüren, ob sie wichtig waren oder nicht. Und das Nebensächliche kam stets obenauf.

Heute fand Bording außer den gewohnten Briefen, die größere oder kleinere Almosen in ganz unverhüllter Form erbaten, folgendes: Ein einstiger Mitschüler hatte den Wunsch, nach Südwest auszuwandern, und da die Förderung der Kolonien eine patriotische Tat sei, erhoffe er von der bekannten vaterländischen Gesinnung Bordings eine Unterstützung seines Planes, er brauche nur fünfundsiebzigtausend Mark. Jemand hatte eine neue Mechanik für den selbsttätigen Schluß von Akten- und Bücherschranktüren erfunden und schlug Bording vor, das Unternehmen zu finanzieren, die Erfindung war ja da, es fehlte nur Geld, sie in die ertragreichste Fabrikation zu bringen; der Inhaber einer kleinen Firma am Platze gestand ihm, daß der Ruin vor seiner Tür stehe, wenn er, Jakob Martin Bording, nicht mit großmütiger Hand ein Darlehen von dreißigtausend Mark gewähre: sei es doch bekannt, daß Bording jeden Zusammenbruch innerhalb der hiesigen Kaufmannschaft schmerzlich und als den Ruf der Solidität des hanseatischen Handels schädigend empfinde; eine Schauspielerin der in den nächsten Tagen zu eröffnenden Sommerbühne schickte eine Empfehlung, die ihr ein Gönner an Bording geschrieben, sie legte gleich ihr Bild bei, damit er sähe, für wen sein Bekannter sein Interesse erbäte.

Er legte seine flache Hand, gleichsam abschließend, auf diese Sachen, als wolle er sagen: »Das war also das!«

Und nahm dann den großen Brief vor, der zuunterst gelegen hatte.

»Hochverehrter Herr Bording! Meinen Bericht d. d. 17.2. d. J. aus Suez schätze ich in Ihren Händen. Meinen Orders gemäß ließ ich ein Duplikat jenes Berichtes mit einer späteren Post abgehen. In Suez wartete ich den nächsten Dampfer der Ostafrikalinie ab, es war der ›Generalfeldmarschall ‹. Mit ihm kam ich am 8.3. in Dar-es-Salam an. Sowohl seitens der Regierung als auch all ihrer Organe fand ich die bereitwilligste Förderung, und der Vertrauensmann, an den ich verwiesen war, der Plantagenbesitzer Friedrich Franz Borgwardt, zeigte sich von Ihren Plänen begeistert. Er erinnerte sich mit Rühmung Ihrer gemeinsamen Schuljahre und war auf das merkwürdigste genau unterrichtet über die Erfolge des Hauses Jakob Martin Bording. Mit zu geringem Kapital ist Herr F. F. Borgwardt wohl allzufrüh und wagemutig hinausgegangen. Seine kleine Baumwollplantage wird er mit Freuden an Ihr Haus abtreten, und er steht mir mit Sachkenntnis, Sprachkunde und Zähigkeit zur Seite bei der Erwerbung für Baumwollkultur geeigneter Ländereien. Direktor Ihrer ostafrikanischen Baumwollplantagen zu werden, erfüllt ihn mit Stolz und Ruhe. Es wird mir auch von urteilsfähigen Leuten, selbst von seiten des Herrn Gouverneurs, bestätigt, daß Borgwardt, von den beklemmenden Sorgen um sein Fortkommen befreit, ohne Zweifel eine kluge, vorsichtige Tätigkeit entfalten wird. Er kennt Land und Leute, er kennt den Artikel.

»Ich biege eine genaue graphische Darstellung bei, woraus Herr Bording die Lage und den Umfang der erworbenen und noch zu erwerbenden Ländereien, sowie die Berechnungen ersehen werden. Meinen Orders gemäß habe ich bei den Ankäufen die Nähe der in vollem Bau begriffenen Bahn innegehalten.

»Borgwardt ist Ihrer Ansicht, hochverehrter Herr Bording, deren Richtigkeit mir auch in Ägypten von den nubischen und fellachischen Arbeitern unserer Faktorei El Chatb bestätigt wurde. Seit das Nilwasser hinter dem Damm bei Assuan gesammelt, in seinem natürlichen Fortstrom aufgehalten und reguliert wird, hat die ägyptische Baumwolle an Qualität verloren. Der Schlamm sinkt eben hinter dem Damm zu Grund und wird nicht mehr, in millionenfachen, fruchtbaren Partikelchen es durchsetzend, mit dem Wasser fortgetragen. So haben die Nilüberschwemmungen an Dungkraft verloren, wenn auch wahrscheinlich nicht für Weizen, Mais und Zucker, so doch für die spezifischen Bedürfnisse der Baumwollpflanze. Borgwardt hat auf seiner kleinen Plantage mit dem besten Resultat langstapelige Baumwolle gezüchtet und Stapelfäden bis zu 40 mm erzielt. Er empfiehlt zum Anbau die auch in Nordamerika zumeist gepflegte Gossypium hirsutum L. und schwört darauf, daß die ostafrikanische Baumwolle der nordamerikanischen ganz ebenbürtig werden wird.

»Mit nächster Post hoffe ich den vollzogenen Abschluß auch der noch schwebenden Ankäufe zu melden, und da mit diesen dann annähernd die mir angewiesene Kapitalgrenze erreicht sein wird, darf ich den zweiten Teil meiner Mission als ausgeführt betrachten.

»Herr Bording haben mir nach Suez geschrieben, daß die genaue Fassung der Firmeneintragung: ob ›Jakob Martin Bording, Ostafrikanische Baumwollfaktorei ‹ oder ›Jakob Martin Bording G.m.b.H. für Baumwollzucht ‹, noch nicht Ihrerseits entschieden sei. Hierüber erwarte ich Drahtbefehle. Ebenso die für Herrn F. F. Borgwardt auszustellenden Vollmachten und Bankkredite.

»Nach Abwicklung dieser Sache denke ich mich einzuschiffen und durch das Rote Meer nach Suez zu fahren. Von dort per Bahn nach Alexandrien, von wo ich per Schiff via Konstantinopel nach Odessa reise, um nach Kiew zu gehen. Ich halte mich Ihres Einverständnisses versichert, wenn ich für Alexandrien – Odessa nicht einen unserer eigenen Dampfer benutze. Die Unbequemlichkeit, auf einem Frachtdampfer zu reisen, ist mir selbstredend gleichgültig. Aber sowohl ›Ramses der Große ‹ als auch ›Iwan der Große ‹ laufen mit ihrer Stückgutfracht so viele kleinasiatische und Inselhäfen an, daß mein Zeitverlust zu groß sein würde.

»Ich bezweifle nicht, daß es mir in Kiew gelingen wird, unsere dortigen Geschäftsfreunde für unsere künftige ostafrikanische Baumwolle zu interessieren. In zwei, längstens in drei Jahren könnten wir die ersten Lieferungen abgeben, versichert Borgwardt. Von den gleichen Erkenntnissen hinsichtlich der sinkenden Qualität der ägyptischen Baumwolle angeregt wie Sie, wendet sich jetzt sehr lebhaft griechisches Kapital dem Baumwollanbau in Ostafrika zu. Aber ich denke, unsere russischen Freunde würden ihren bewährten deutschen Lieferanten immer den griechischen vorziehen.

»In acht bis zehn Wochen hoffe ich mich persönlich bei Ihnen melden zu können und meine Berichterstattungen noch durch eine Fülle von Details ergänzen zu dürfen.

»Zum Schluß gestatte ich mir, auf die gütige Nachfrage meines hochverehrten Herrn Chefs, meine Gesundheit betreffend, zu antworten, daß Nerven und Magen den Ansprüchen der Reise sich unerschütterlich gewachsen zeigen.

»In hochachtungsvoller Ergebenheit

Peter H. Petersen.

Nachdem Bording, diesen Brief sehr langsam gelesen, studierte er die Anlagen durch. Hierauf entnahm er einer Schublade seines Schreibtisches eine Mappe. Sie war angefüllt mit Blättern aller Art: architektonische Entwürfe, graphische Darstellungen von Maschinen, Zahlenkolonnen, Schriftsätze bedeckten alle die großen Bögen. Lange vertiefte er sich in die Materie, auf die sich all dieses bezog.

Plötzlich sah er, auffahrend, nach der Uhr. Ihm gegenüber an der Wand, zwischen den eichenen Aktenschränken von schmuckloser Strenge der Linien, war eine weiße runde Scheibe eingelassen. Unhörbar ging diese Uhr und sie schlug auch keine Stunden an. Sie glich einer stummen Wächterin, die nur mimisch Auskunft gibt, wenn man sie ansieht.

Bording drückte auf den Knopf neben seinem Tintenfaß, einer dickwandigen Kristallhalbkugel.

Beinahe augenblicks erschien sein Sekretär. Das war ein junger Mensch mit einem klugen, elenden Gesicht, hoch aufgeschossen, vornübergebeugt, mit den eckigen, hohen Schultern der Brustschwachen.

Er setzte sich an den Schreibmaschinentisch, der hart unterm Fenster stand, während Bording, diktierend, im Raum hin und her ging, oftmals bis über die Schwelle und an den grünen Tisch im Konferenzsaal und wieder zurück. Er hatte dabei die Hände in den Hosentaschen, wodurch er seinen dunklen Gehrock zurückraffte, daß die helle, rehfarbene Weste ganz sichtbar war. Seine Blicke suchten immer wieder den emsig Schreibenden. Ein etwaiger Beobachter hätte vielleicht herausgefunden, daß auf eine fast unmerkliche Art der Diktierende sich vom Schreiber abhängig machte, in jenem Gehorsam, in den Herrennaturen zu sie vollkommen Bedienenden geraten.

Bording hatte sich für alle die Ablehnungen, die jeder Tag ihm abnötigte, seitdem seine großen Erfolge im Mund der Leute waren, eine bestimmte Form angewöhnt. Eingedenk des Goetheschen Wortes:

Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
Der andre hört von allem nur das Nein –

pflegte er zu diktieren:

»Für Ihr Vertrauen dankend, muß ich es mir wegen anderweitiger Inanspruchnahme und Überbürdung versagen, Ihrem Wunsche zu entsprechen.«

Manchmal kam als Variante ein »leider« oder »zu meinem Bedauern« hinein.

Von dieser Art wurden auch heute eine Zahl von Briefen geschrieben. Zwei Bittgesuche bedürftiger alter Frauen mußte der Sekretär zustimmend beantworten.

Die gleichmäßige Stimme, das monotone Geräusch des Hinundherschreitens, das emsige Tippen der Maschine wurden einmal durch einen Hustenanfall des jungen Mannes unterbrochen.

Bording sah zu, mit unwilligem Ausdruck.

»Wenn ich das so höre, Naumann, meine ich. Sie sollten schon am fünfzehnten Mai abreisen.«

»Oh, danke, Herr Bording. Fünfzehnten Mai – nein, das geht nicht, ich muß doch meinen Stellvertreter noch genau auf Herrn Bordings Art zu diktieren einüben – es geht mir ja auch schon viel besser als im Winter. Die bloße Aussicht, daß Herr Bording mich am ersten Juni für acht Wochen nach Thüringen schicken … Und dann, seit ich Kefir trinke – der tut mir sehr gut,« sagte der junge Mensch, zugleich beschämt und eifrig.

»So, so – Kefir? Hat Fischlein Ihnen den verordnet?«

»Fischlein nicht – Fräulein Therese Landskron.«

»Was?« fragte Bording perplex und trat nahe an den Schreibmaschinentisch heran. »Woher kennen denn Sie Fräulein Therese Landskron? Ist sie Johanniterschwester?«

Er hatte eine ungefähre Vorstellung davon, daß solche Damen in die Häuser von mehr oder minder bedürftigen Kranken gehen. Wer bei ihm angestellt war, gehörte aber nicht zu den Bedürftigen! Er kämpfte mit einer unbestimmten, ärgerlichen Vorstellung und sagte etwas ungeduldig: »Nun?«

Der junge Naumann hatte einen ganz roten Kopf. Es fiel ihm gar nicht ein, daß sein Privatleben mit all den Beziehungen, die auch der bescheidenste Mensch hat, den Herrn nichts angehe.

Vor diesem herrischen »Nun?« hätte er das Innerste seiner Seele hervorgekehrt.

»Als der jetzige Senator Doktor Landskron noch Amtsrichter war, wohnte er ja weit draußen in der Ratzeburger Allee. Meines Vaters kleine Blumengärtnerei stieß hinten an den Landskronschen Garten. Meine Schwester Anni und ich haben damals immer mit Therese gespielt. Meine Mutter half oft im Landskronschen Haus aus und sah dort nach dem Rechten, wenn Amtsrichters in den Ferien verreist waren. Fräulein Therese holt im Sommer immer noch ihre Blumen bei meinem Vater, und wenn sie mich auf der Straße sieht, redet sie mich an. Und wenn sie in dem Laden einkauft, wo meine Schwester Anni Verkäuferin ist, gibt sie ihr immer die Hand und sagt: ›Na, Anni, wie geht es dir denn? ‹ Fräulein Therese ist gar nicht hochmütig.«

»So, so. Und sie hat Ihnen den Kefir …«

»Ja. Aber meine Mutter war sehr dagegen. Und dann schickte Fräulein Therese uns zwölf Flaschen zum Versuch. Und – und – weil es nichts kostete, meinte Mutter, versuchen könne ich es ja – Mutter ist immer für Mittel, die nichts kosten,« schloß er mit einem kleinen, nachsichtigen und zärtlichen Lächeln.

»Wunderlich,« dachte Bording, »immerfort treff' ich heut auf das Mädchen …«

Aus dem Ton des jungen Baumann klang eine unbegrenzte Verehrung.

»Vielleicht geht ihm ihre Autorität noch über die meine und die Fischleins?« dachte er fast belustigt.

»Was hält Fräulein Therese Landskron denn von Ihrem Erholungsaufenthalt in Oberhof?« fragte er.

Baumann hörte nicht, daß das scherzhaft gesagt war. Er wurde wieder sehr rot, fingerte an der Schreibmaschine herum und schwieg.

Da kam zum zweiten Male das herrische: »Nun?«

Sofort setzte sich seine Sprache in Bewegung, als habe sie ein Marschkommando bekommen.

»Fräulein Therese hat gemeint, als Mutter ihr von der Reise nach Thüringen erzählte, die Herr Bording mir schenken wollen – wenn so große Güte – wenn doch das viele Geld – daß es vielleicht rationeller ausgegeben würde für Anstaltsbehandlung …«

Weiter konnte er aber nicht. Der Mut ging ihm einfach aus.

»So, so.« Bording trommelte ein paar Sekunden mit den Fingern der Rechten auf einem hochaufgetürmten Bücherhaufen, der seinen Schreibtisch belastete. Und dann sprach er sehr milde: »Sie kann recht haben. Gehen Sie heute nachmittag zu Fischlein in die Sprechstunde und sagen Sie ihm, daß ich durchaus damit einverstanden sei, wenn er Sie nach Görbersdorf oder Falkenstein oder wohin sonst schicken will. Und wenn wir dort keine genügenden Resultate sehen, gehen Sie im Herbst nach unserer ägyptischen Faktorei El Chatb. Gesund sollen Sie werden – versteht sich – Mutter wird zufrieden sein – sie ist ja für Mittel, die nichts kosten –«

»Herr Bording!« sagte Baumann heiser und konnte vor Tränen in den Augen nicht sehen.

»Ach was! … Nun aber weiter …!«

Er versenkte abermals die Hände in die Hosentaschen und diktierte:

»Hochverehrter Herr!

Der ergebenst Unterzeichnete gibt sich die Ehre, Sie zu einer Besprechung einzuladen, betreffend eine für die merkantile und industrielle Fortentwicklung unserer Stadt vielleicht wichtige Gründung, gefälligst Donnerstag, den 12. Mai, 2 Uhr, im Konferenzsaal meines Kontorhauses, II. Stock.

Hochachtungsvollst …

»So, das schreiben Sie siebenmal ab. Unterdes notiere ich die Adressen, an welche das verschickt werden soll.«

Er setzte sich, vollzog Unterschrift auf Unterschrift und schrieb auf einen Zettel mit Bleistift die Namen der Männer, an welche die Aufforderung ergehen sollte.

Zwischendurch fiel ihm Therese Landskron ein.

»Sie weiß also wenigstens, daß ich kein Unmensch bin,« dachte er ziemlich befriedigt.

Und eine verständige, gute Person mußte sie wohl sein – nach allem … Vielleicht hatte Burmeester deshalb jene Idee gehabt … Natürlich. Ja. Denn auf den Einfall, ihn mit einem Wesen ohne Qualitäten verheiraten zu wollen, würde Burmeester nicht kommen.

Er bekam seinen scharfen Zug im linken Winkel des Mundes.

Heiraten?! Wo waren die Jahre, als er voll eifrigen Vorsatzes nach einer Frau sich umsah – damals, als er wußte, er habe seine heißesten geschäftlichen Kampfes- und Anfängerjahre hinter sich und die goldenen Ernteströme begannen hereinzufluten … als er sich danach sehnte, nun den letzten, vielleicht den höchsten und wichtigsten Teil seines Lebensprogramms zu erfüllen: zu heiraten, eine Familie zu gründen, das alte Geschlecht der Bording neu aufblühen zu sehen.

Damals fing er, der bis dahin fast Ungesellige, an, höflich und umgänglich zu werden. Man sah ihn auf Bällen und Diners, er suchte Verkehr in Häusern, an denen er lange gleichgültig vorübergegangen war.

Und so kam er auch in das Haus von Meno und Thora Sanders…

Man erinnerte sich später, daß er diesen Verkehr auffallend rasch abgebrochen habe, und schob es auf die geschäftlichen Eifersüchteleien zwischen den beiden Häusern.

Aber auch die meisten anderen gesellschaftlichen Beziehungen vernachlässigte er bald wieder. Nur gerade so viel hielt er davon aufrecht, als er für nötig fand, um nicht in den Ruf eines menschenscheuen Sonderlings zu kommen, denn als solcher fühlte er sich nicht…

Nur daß ihm, wie allen sehr wichtig und unerhört stark beschäftigten Menschen, die Geselligkeit oft etwas mühsam und inhaltlos, ja fast voll von unfreiwilliger Komik erschien.

Und dann so besonders zwecklos für ihn, weil er nicht mehr nach einer Frau suchte …

Wer heiraten will, muß frei sein – freien Herzens – freien Gewissens – – Baumann sah mit Erstaunen, daß sein Herr in Gedanken verloren, müßig saß.

Aber das Aufhören des emsigen Schreibmaschinengetippes wirkte wie ein Anstoß auf Bordings Versunkenheit.

Er raffte sich zusammen. Sein Bleistift notierte weiter. Drei Adressen fehlten noch. Die von Dr. jur. Georg Burmeester – sie verstand sich von selbst, und ohne Zögern schrieb das Blei sie hin.

Dann besann Bording sich wieder. Was sollte der Senator Doktor Landskron in einer Konferenz, die der Gründung eines großen, kostspieligen Unternehmens galt? Er war sicherlich in keiner Hinsicht kapitalkräftig und also nicht in der Lage, sich mit irgendeiner nennenswerten Summe zu beteiligen … Er war nicht Rechtsanwalt, sondern Richter gewesen. Ihm fehlte möglicherweise die praktische Erfahrung und vielleicht auch die Begabung für die juristische Seite großer kaufmännischer Unternehmungen. Wenn die Sache so zustande kam – und wie sollte sie nicht zustande kommen, da Bordings Wille sich auf sie gerichtet hatte? – dann lag es in der weiteren Entwicklung der Dinge, daß sich aus dem Kreise der ersten Berater und Zeichner der Aufsichtsrat der Gründung bildete.

Es war beinahe wie eine Gefälligkeit, die Zuschiebung eines möglichen künftigen Vorteils, wenn Bording den Senator Doktor Landskron aufforderte….

Er fühlte: ganz unklar war alles, was ihn bestimmte – dunkler Trotz vielleicht, gegen Eine – vielleicht ein wenig Herrenhochmut, dem die Laune kam, Menschen zu verwirren und zu überraschen – ja, was für ein Gesicht wohl der Senator Doktor Landskron machte, wenn er die Aufforderung bekam…

Und er schrieb den Namen auf seine kleine Liste. Jetzt fehlte nur noch ein einziger …

Bording dachte zurück. Er ahnte wohl, daß dieser Mann, den seine Gedanken jetzt umkreisten, ihn jahrelang als einen waghalsigen Spekulanten eingeschätzt habe, daß er lange zweifelnd geblieben war und immer noch zähneknirschend, eifersüchtig und widerwillig von seinen Erfolgen sprach, ihre Solidität immer noch gehässig diskutierend… das wußte er sehr genau … er glaubte: genau! … von Einer, die es ihm oft und oft wiedererzählt hatte … Er wußte weiter, daß dieser Mann es als Zurücksetzung empfand, als Absicht, zu kränken und Überlegenheit zu zeigen, daß er – Bording – ihn niemals zu gemeinsamem Wirken eingeladen.

Das konnte ja jetzt anders werden … Von heute abend an sollten alle Wege frei werden – alle!…

Und mit so harten Strichen, daß das Blei beinahe das Papier zerschnitt, setzte er den letzten Namen hin: Meno Sanders …

III

Es war fünf Uhr. Im Rauchzimmer stand neben dem breiten, an die Wand gepolsterten Ecksofa der Teetisch. Warmes Wasser füllte das silberne Kesselchen, aber die Flamme darunter brannte noch nicht. Feine alte französische Tassen, kleine Teller mit Spitzenservietten, in einem Silberkorbe allerlei winziges Gebäck, Pralinen in einer Schale von Rubinglas – das alles stand auf dem weißen Seidendamast so zierlich nebeneinander, als hätten nicht Schrötters, sondern weibliche Hände dies geordnet.

Die beiden nach dem Kirchhof hinausgehenden Fenster hatten sehr dichtgezogene Scheibengardinen von gepunktem Tüll. Übrigens waren ihre Rahmen von dem schweren Faltenwurf dunkler Stoffvorhänge umgeben. Diese zeigten lila Farben wie der Ecksofa und die im Raum vorhandenen Klubsessel. Gewiß eine ungewöhnliche Farbe für ein Herrenzimmer …

Wer vor ein paar Jahren hatte Eine gesagt: »Braun ist eine abscheuliche Farbe – die deiner Dame ist lila – also …«

Den Boden deckten aneinandergelegte, vorherrschend dunkelrote Bucharateppiche. Solche lagen auch auf der großen Chaiselongue, über deren Fußende ein schwarzes Fell geworfen war. Die Wände waren mit Stoff bespannt in der Schattierung der Möbelstoffe, heller und dunkler, so vorsichtig gemustert, daß nur Wärme des Eindrucks und keine Unruhe entstand. An der Hauptwand hing eine große Landschaft in breitem Goldrahmen – ein besonntes Stück Heide, das mit seinem heiteren und anspruchslosen Frieden einen lichten Ton in die stille Winterbehaglichkeit des Raumes brachte.

Jakob Bording kam aus seinem Schreibzimmer, sah sich um, ging an die nach der Diele hinausführende Tür, um nachzusehen, ob sie auch verschlossen sei. Ja, hinter dem sie deckenden Vorhang war sie fest verriegelt.

Er stand dann mitten im Zimmer still – die flache Linke gegen die Stirn pressend, als hätte er Kopfschmerz oder wolle sich mühsam besinnen … Er war sehr bleich. Aber sein Ausdruck von ehener Festigkeit …

Er dachte zurück, wie das geworden war, was heute enden sollte, enden mußte …

Als er vor mehr als sechs Jahren in ihrem eigenen Hause Thora zum ersten Male gesehen hatte, war er auf der Stelle von einer Unruhe erfaßt worden, die er noch am gleichen Abend als den Vorboten einer rasenden Leidenschaft erkannte … Die geringe Sympathie, die ihm der Mann einflößte, das seltsam heiße Entgegenkommen der Frau, die unter immer beherrschter Form zu ihm mit Blick und Lächeln sprach, hatten ihn unbedenklich gemacht.

»Die ersten Schritte,« dachte er, »ja, die – wer begreift später wohl, wie man den Mut oder die Fahrlässigkeit hatte, sie zu tun – und wer kann vorher wissen, daß die Hand, die man zu kurzem brennenden Druck im Vorübergehen zu fassen wähnte – daß sie die Kunst des Festhaltens versteht …«

Wer kann in einem schäumenden Katarakt die Tropfen zählen, aus denen er sich bildet?

Wie läßt sich nachher noch klar das Durcheinander und Nacheinander der Empfindungen überdenken?

Wer vermag der Stufenleiter des Werdegangs einer Liebesleidenschaft nachzugehen?

Wann war der kritische Augenblick gewesen, jener, wo die Neugier auf das Verhalten der Frau, wo die Selbstbeobachtung und Selbstbeherrschung unterging in der einzigen blinden, untergangsbereiten Begier: zu besitzen! Und koste es Leben und Ehre!

Er wußte es nicht mehr.

Er wußte nur noch von zwei unerhörten Jahren, voll dunklen, qualvollen, sehnsüchtigen Glücks …

Er erinnerte sich nur noch, daß dann langsam so etwas wie ein Besinnen gekommen war – nie in ihrer Gegenwart,

die immer, vielleicht bis heute, vielleicht noch in der nächsten Stunde, vergiftend, berauschend, betäubend auf ihn wirkte…

Aber in den anderen Stunden – in grübelnd halb durchwachten Nächten – in unruhevollen Anwandlungen inmitten der Arbeit …

Da hatte er sie und sich und ihre Liebe klar angesehen. Nicht in Ekstasen schwächlicher Moral, die bereut, sich schämt, um willenlos der Versuchung wieder zu erliegen – in jenem feigen Abrechnungsgefühl, das durch Reue so eine Art Sündenablaß erzielt zu haben glaubt –

Nein, hart und bitter bedachte er das Unheil dieser Leidenschaft – an ihr tragend wie an einem schweren Schicksal.

Er wußte, wenn eine Liebe auf den Punkt gekommen ist, wo sie die Geliebte zwiefach empfindet – anders in ihrer Gegenwart als in der Trennung von ihr – wo der persönliche Zauber stärker ist als die Erinnerung und die Sehnsucht – dann ist solche Liebe krank. Der Augenblick ist gekommen, wo ihre Bestimmung zu sinken – diese furchtbare Bestimmung aller Liebe – sich erfüllt.

Damals schon begann in ihm der Kampf, von ihr ungeahnt – vielleicht ungeahnt. Zuweilen huschte der Gedanke durch ihn hin, daß ihre zähe Klugheit diesen seinen Kampf nicht erraten wolle!

Es wäre vielleicht brutal, aber stark gewesen, eine Trennung schon zu erzwingen in jenem ersten Besinnen …

Aber er war ihr heißen Dank schuldig. Ungeheures hatte sie für ihn getan … Das band ihn … Das zwang ihn … Er hoffte unbestimmt, daß vielleicht sie selbst, an den ständigen Gefahren ermattend, oder unter irgendwelchen äußeren Einflüssen sich von ihm wenden werde …

Und erlebte nur, daß ihre Leidenschaft immer die gleiche blieb …

Er trat dichter an das Fenster heran, sah durch die vielgefältelten Scheibengardinen …

Der Tag hatte sein stürmisches, ungleiches Wesen behalten. Gerade jagte eine Schattendunkelheit unter daherfegendem Gewölk über die roten Mauern der Kirche, und wühlende Unruhe ging durch die Linden und das Buschwerk. Der Platz war fast unbelebt. Zwei Schulknaben bummelten zusammen vorüber, die Bänder ihrer Marinemützen flatterten scharf aus. Unweit des Kirchenportals stand ein Paar, der Mann im weit auseinandergeschlagenen Havelock, ein schweres Opernglas im Futteral am Lederriemen um den Hals, die Reisemütze etwas aus der Stirn, den Bädeker in der Hand. Er beschrieb offenbar mit belehrenden Worten. Und eine kleine Null von Frau, praktisch und plump angezogen, hing voll ergebener Andacht mit ihren Blicken an seinem autoritativen Gesicht.

Wo blieb sie – sie – die es wagen wollte, jetzt am hellen Tag zu kommen?

Vom Winde fast geschoben, in den vorausgezerrten Falten ihres Kleiderrockes, ging nun eine Dame vorüber, die Bording kannte – eine Dame aus der Gesellschaft – gerade aus Thoras näherem Kreis … Wenn jetzt Thora erschien – in diesem Augenblick – Gruß, Anrede war unvermeidlich …

Seine Hände wurden ihm kalt …

Und in der Sensation dieser schreckhaften Vorstellung kam ihm noch einmal alles zurück, was diese Frau um ihrer Liebe willen für ihn gewagt.

Tiefe Erschütterung ging durch sein Gemüt …

Ihr grandioser Mut ließ ihn erbeben – wie so oft …

Niemals, ob er gleich ein kluger und in allen anderen Dingen des Lebens ein nüchterner Mann war, niemals kam ihm auch nur von fern die Betrachtung, ob dieser Mut auch vielleicht jene weibliche, waghalsige Abenteurerverwegenheit sei, für die das Verbotene nur um des Verbotes willen von unerschöpflichem Reiz ist –

Wieder spähte er in angstvoller Spannung nach ihr aus.

Da hörte er nebenan Geräusch – schon öffnete sich die Tür vom Schreibzimmer und da war sie – sie …

Mit einem lachenden Ausdruck huschte sie herein, und noch ehe er Hand oder Arm erhoben hatte, fiel sie ihm um den Hals und küßte ihn.

Noch in der Erschütterung, durch die er in der Viertelstunde der Erwartung gegangen, erwiderte er ihren Kuß –

Heißer vielleicht, hingebender vielleicht als je … das Wissen vom Abschied – die Qual seines Vorhabens … das jähe Aufwallen unendlicher Dankbarkeit … das alles betäubte ihn. Lange hielten sie einander umklammert …

Und dann warf sie ihre dunkle Mütze fort und zog ihren unscheinbaren, dunkelblauen Regenpaletot aus. Sie reckte sich, ließ ihre Schleppe herab und schob ihr Haar zurecht. Fast schwarz, in Wellen und allerlei Gelock lag es um den runden Kopf. Das Gesicht von blasser Elfenbeinfarbe war gewiß nicht regelmäßig schön, aber von einer merkwürdigen Lieblichkeit. Und es flammten ein paar schwarzbraune Augen darin, die von heißem Temperament und kühner Energie sprachen.

Die Gestalt war mittelgroß, von Ebenmaß, ohne große Fülle – man konnte den Eindruck haben, daß diese Frau vor lauter innerer Lebendigkeit nie rundlich werden würde.

Ganz mädchenhaft sah sie aus in dem Kleide von weißem Batist und Stickereien. Um den Hals trug sie an feiner Kette einen fast veilchenblauen, länglichen, sehr schön geschliffenen Amethyst, an dem eine Birnenperle von vollkommener Form und dem leuchtenden Glanz weißen Atlasses hing.

»Gut ist's gegangen,« lachte sie und war schon dabei, die Spiritusflamme unter dem Silberkesselchen anzuzünden. »Niemand hat mich gesehen, ich bin vom Markt hergekommen – dein Schrötter war himmlisch – stand auf dem Flur, aber mit dem Rücken gegen die Tür und guckte in die bunten Glasfenster zur Diele – was hätt's gemacht, wenn er mich erkannte – der kann doch schweigen.«

»Es hätte mich vor ihm beschämt!« sprach der Mann mit sehr hartem Ton.

Thora hob die Rubinglasschale hoch, die in einem silbernen Gestell ruhte und so klein war, daß nur etwa ein Dutzend Pralinen darauf in einer Miniaturpyramide Platz hatten.

»Ach, die bezaubernde Schale! Nein, es ist zu ärgerlich, daß ich sie nicht haben soll. Sie hat solch schönes Rubinglas – die Kunst, es herzustellen, ist doch verloren gegangen.«

»Ich habe dir schon so oft gesagt, daß sie und eine alte Spindeluhr auf der Diele die einzigen beiden Stücke sind, die sich in meiner Familie, auch während der Zeiten ihres Niederganges, erhalten haben vom Bürgermeister Jakobus Bording her, der dies Haus baute. Deshalb kann ich sie dir nicht geben. So viel Brillanten, als sie faßt, wollt' ich dir in die Hand schütteln, wenn es anginge, daß du sie von mir nähmst – die Schale selbst nicht.«

Thora ließ das köstliche kleine Stück immer noch nicht aus der Hand. Sie war Kennerin, sammelte alte Tassen und alte Kristalle. Oft genug hatte Bording ihr herrliche Funde aufgebaut, die sie dann in ihrer Familie vorwies unter der Erklärung, sie bei einem Trödler, der den Wert nicht kannte, unglaublich wohlfeil erstanden zu haben. Um diese Schale kämpfte sie schon lange mit Eigensinn und immer wachsender Begier.

Wechselndes Licht füllte unruhig den Raum, gerade schien ein Strom von Helle die vorherige Düsterheit verschieben zu wollen. Die Gestalt der schönen Frau hob sich plötzlich besonders lichtvoll von all den dunklen warmen Tönen des Raumes ab.

Jakob Bording sah ihr zu, wie sie im sichtlichen, kaum bezwingbaren Wunsch an dem Schälchen herumtastete, es dann zögernd niedersetzte – tief und prüfend war sein Blick. Thora begegnete nun diesem Blick.

»Was siehst du mich so an?«

»Ich guck' dich darauf an, wie dein törichter Einfall zu deiner Persönlichkeit passen kann, und finde ihn unter deinem Niveau.«

»Mein Einfall? …«

»Ja, der, um dessentwillen du das Wagnis begingst, herzukommen – der, von dem du mir geschrieben hast.«

»Daß ich dich bitte, meinem Mann keine Konkurrenz bei der Senatswahl zu machen?« fragte sie rasch.

»Ja. Das heißt, mit Frauenlaunen und Liebesspiel den Gang eines Mannes aufhalten wollen.«

»O Gott, was für ein strenges Gesicht du machst! Komm, ich schenk' dir Tee ein – setz dich dahin – wir wollen vernünftig sprechen.«

»Das ist auch mein Wunsch,« sagte er.

Nun saßen sie mit dem Anschein des äußeren Behagens zusammen auf dem Ecksofa, die tiefste Ecke blieb leer, beinahe einander gegenüber saßen sie, fast Knie an Knie.

»Sieh mal, Jacky,« begann sie, während ein Lächeln von wahrhaft zärtlicher Anmut ihr Gesicht durchzauberte, »du bist ein großer Mann geworden. Gott, ich weiß noch, so vor sieben Jahren prophezeite mein Mann, daß dein Haus mit einem grandiosen Krach nächstens zusammenstürzen müsse. Er wartete eigentlich an jedem Ultimo darauf. Und erst seit ganz kurzer Zeit gesteht er sich, was ja kein Mensch mehr leugnen kann: Jakob Martin Bording hat Sanders und Kompanie überholt. Gönn' ihm den Ausgleich, der für ihn dadrin liegt, Senator zu werden, während du es nicht wirst. Er ist nu mal so. Was kann's dir ausmachen! Und wenn dir's was ausmacht: sei großmütig! Bring mir und unserer Liebe ein Opfer. Ich gesteh' dir: mir selbst würde es auch Spaß machen, Senatorsfrau zu werden. Allein schon, um meine Schwägerin Nikoline totzuärgern, die sowieso immer beinahe Krämpfe kriegt, wenn sie daran denkt, daß ihr Mann bloß Juniorchef ist und meiner das Prä hat. – So, das ist mein Bekenntnis. Ich geb' zu: es besteht aus Kleinlichkeiten. Du weißt es, Jacky – meine Liebe und die letzten Jahre haben es dir bewiesen: ich glaube, kein kleinlicher Mensch zu sein! Aber du weißt auch, daß die Harmonie eines Alltagslebens oft gerade durch Kleinlichkeiten, die ihren Anspruch erfüllt sehen, in Ordnung gehalten wird. Mein Dasein in meiner eigenen Häuslichkeit ist nur ein Scheinleben – tu das deine, daß es durch die von meinem Mann ersehnte Würde mir leichter wird!«

Er hatte ihrer langen Rede schweigend zugehört. Das kannte sie. Er war ein Mann, der die Leute ausreden ließ, die zu ihm sprachen.

Sie legte ihm die Hand aufs Knie und beugte sich vor und lockte mit ihren heißen Augen.

Da tat er aber etwas, das sie nicht an ihm kannte. Er, ihrer zärtlich bittenden Geste nicht achtend, erhob sich rasch.

Er ging auf und ab, wie er sonst in seinem Kontor tat, wenn er diktierte oder Geschäfte überdachte.

»Dies Opfer, liebe Thora, aus solchen Gründen, kann ich dir nicht bringen!«

Sie hob, aufmerkend, erschreckt, sich zum Kampf vorbereitend, das Gesicht und folgte ihm immer mit den dunklen, klugen, feurigen Augen.

»Ich will dir etwas sagen. Man hat mich arbeiten sehen. Was sag' ich: arbeiten? Keuchen wie einen Stier – mit äußerster Kraftsammlung, fort und fort … in schlaflosen Nächten haben meine Nerven gezittert, wenn das Wagnis meiner Unternehmungen in der Schwebe hing … Meinst du, auch du, was vielleicht die Welt meint, ich habe es getan, um mich eines Tages an dem einfach plumpen Gefühl zu berauschen: ich bin reich!? Ahnst du, was Reichtum ist? Daß er eine Sorge, eine Verantwortung, ein biblisches Pfund ist? Daß mit jeder Existenz, die von meinem Reichtum und meinen Unternehmungen mitgetragen wird, meine Gewissenslast wächst? Meine volkswirtschaftlichen Pflichten sich mehren? Weißt du das? Hast du nie darüber nachgedacht, daß ich wohl meinen Namen angesehen machen wollte, aber daß ich nach der Macht des Goldes strebte nur zum kleinsten Teil um meinetwillen?«

»Ja, warum denn sonst in aller Welt?« fragte sie, von wachsender Unruhe ganz benommen.

»Hast du vergessen, wie oft ich dir davon sprach, daß unsere herrliche alte Stadt, die Königin der Hansa einst – ach Gott, einer kümmerlichen Matrone hat sie jahrhundertelang mehr geglichen als einer Fürstin – hast du vergessen, wie oft ich dir schon davon gesprochen habe: sie wacht auf, frische Kraft pulst durch ihre Adern. Und ich, ich möchte meine ganze Lebensarbeit dransetzen, ihr auch meinerseits zu helfen – ihre Schiffahrt soll sich vervielfältigen, ihr Handel soll wachsen – mein Reichtum soll im tiefsten und letzten Sinn zugleich der ihre sein. Mein Ansehen das ihre heben! Du bist doch klug – hast eine rasche Intelligenz – siehst du nicht die Zusammenhänge? Der Unternehmungsmut eines Mannes weckt den von Hunderten. Die Kapitalkraft eines kann die vieler stützen. Ich bin der leidenschaftliche Sohn meiner Mutter – der Hansestadt. Das ist es, Thora. Und mein erstes Ziel ist erreicht: in unerschütterlicher Größe steht mein Haus. Ich brauche seiner Blüte nicht mehr in so verzehrender Ausschließlichkeit all meine Zeit zu widmen. Ein Stamm glänzender Mitarbeiter ist herangewachsen. Nun darf ich meine Erfahrungen, mein Können, meine Verbindungen in direkter Mitarbeit an der Regierung meiner Vaterstadt widmen. Und wenn sie mich zum Senator wählen will – ich bin bereit!«

»Jacky,« sagte sie hingerissen – aber nur zur Hälfte hingerissen – ohne im geringsten von ihrem Willen und ihrer Hoffnung abzulassen, »was bist du für ein Mann!«

»Ich liebe meine Heimat!« sprach er aus heißer Brust. »Ich bin ein Hanseat! Du weißt, ich bin kein Kirchturmpolitiker und kein Lokalpatriot. Ich kenne die Welt. An Fürstenhöfen bin ich zu Gast gewesen, aber ich habe dort in der Unbefangenheit eines Mannes verkehren dürfen, der aus Gefälligkeit seine Zeit opfert, um aus seiner Sachkenntnis heraus die erbetene Meinung abzugeben. Minister haben ratheischend neben meinem Schreibtisch gesessen. Ich kenne die großen Handelsplätze von vier Weltteilen. Ich habe keinen Zustand und keine Lebensform gefunden, die mir für einen tätigen, selbstherrlichen Menschen besser erschienen wäre als der, ein Hanseat zu sein. Ein freier Bürger, der sich vor niemand zu bücken braucht – wenn er nicht zufällig das Bedürfnis zum Bücken hat – kommt schließlich auch bei uns vor – aber der unbändige Bürgerstolz ist doch die herrschende Note. Und von diesen freien Bürgern die höchste Ehrung zu empfangen, die sie zu vergeben haben – einer ihrer Senatoren zu werden, das ist mein Wunsch!«

Sein Gesicht war heiß.

Sie begriff es: es galt einen schweren Kampf. Schwer? Sie lächelte durchtrieben in sich hinein. Ihre Nerven kosteten den Kuß nach, mit dem er sie bei ihrer Ankunft umarmt hatte. Wer ein Weib so lechzend küssen kann, ist bezwinglich. Ihre Augen schlossen sich halb. Sie lehnte den Hinterkopf gegen die lila Polsterwand. Die eine Hand ausstreckend, mit der anderen neben sich deutend, flüsterte sie: »Komm!«

Er setzte sich zu ihr. Ein schwerer Seufzer erleichterte ihm die Brust.

»Wie schön war alles, was du sagtest. Ja, du willst aus tiefen, großen Gründen, was Meno aus bloßer Eitelkeit erstrebt – ich schäme mich wegen all der Albernheiten, die ich vorgebracht. Und doch – sieh – das eine, was ich dir schrieb, bleibt wahr: für uns, für unsere Liebe bedeutet es mehr Freiheit – wenn Meno – – wenn aber du nun noch Senator wirst, bleibt ja keine, gar keine Zeit mehr für unsere Liebe ….«

Halblaut sprach sie das alles. Flehend und zugleich mit ihren zarten schmalen Händen seine Rechte streichelnd.

Da sagte er ernst und fest: »Der Augenblick, ihr zu entsagen, ist gekommen.«

Halboffenen Mundes saß sie – der Elfenbeinton ihrer Haut ward fast grau – körpergewordener Schreck.

Ermutigend drückte er ihr die Hand. Mit festem, männlichem Blick sah er sie an.

»Thora, was du mir gegeben hast, was du mir warst und bist, will ich in unendlicher Dankbarkeit im Gedächtnis behalten. Größe war unsere Leidenschaft, laß uns, ihrer würdig, in Größe scheiden voneinander. Nicht wie kleine, feige Sünder, schließlich in Überdruß, Vorwürfen und Feindschaft – nein, frei, dankbar, stolz!«

»Warum?« hauchte sie. »Großer Gott – warum …«

Er stand auf.

»Weil mein Stolz, meine Würde, mein Gewissen diesen Zustand nicht mehr erträgt, weder für dich noch für mich.«

»Für mich?« wiederholte sie. »Ach – das laß mich mit mir ausmachen …«

Noch immer war sie betäubt vor Überraschung. Ihr Herz klopfte so stark, daß ihre Adern am Halse bebten … Sie faltete krampfhaft die Finger ineinander … zwang sich zur Besonnenheit – wollte klar denken – sehen, um zu begreifen und um kämpfen zu können.

Ein heißes Aufschluchzen wollte in ihr emporsteigen – sie fühlte einen Tränenausbruch kommen. Und nahm sich so furchtbar zusammen, daß sie zitterte in der Anstrengung. Nicht weinen – dachte sie – ein dumpfer Gedanke war da: dann bin ich so häßlich – nicht weinen – eine dumpfe Angst war da: dann entgeht mir vielleicht wichtiges –

Sie hielt nichts von der Beredsamkeit des Weinens – sie kannte ihre Waffen besser … Und sie wollte kämpfen!

»Hör zu. Du weißt, deinem Manne gegenüber habe ich mich nie als Verbrecher gefühlt. Ich kann mir das kaum erklären. Mich beklemmte nie die Vorstellung, daß ich ihn bestehle. Vielleicht kam es, weil du mir sagtest, deine Ehe mit ihm sei seit der Geburt deines jüngsten Sohnes nur eine Scheinehe gewesen.«

Thora schloß wieder halb die Augen; ein Lächeln, in schwachem Spott, wollte werden, verging aber im Entstehen und so verzog sich nur unmerklich ihr Mund.

Er fuhr fort: »Ich brach ja auch gleich jeden Verkehr in eurem Hause ab, trotz deiner Bitten.«

»Ich habe längst begriffen, daß es klug von dir war, diese gesellschaftliche Feinheit zwischen uns aufrecht zu erhalten. Das hat verhindert, daß Klatsch aufkam – man sah uns nie zusammen – deshalb hab' ich mich in die Entbehrungen gefunden,« sprach sie. Sie dachte: nur Vernünftigkeit und Unterordnung zeigen … Ja, das waren immer ihre Schleichwege zum Sieg …

»Neulich, liebe Thora, hatt' ich eine Begegnung.«

Er erzählte sie ihr. Und er, der Mann, vermied es, sie dabei anzusehen, während ihr an ihm hängender Blick kaum zuckte.

»Ich traf Grete Burmeester. Sie hatte ihre Kinder bei sich, Georgette und meinen Patenjungen Jakob. Noch zwei andere Jungens waren dabei, forsche, muntere, kleine Sextaner, wie Jakob – seine Freunde – Thora, sie sahen mich mit deinen Augen an, als ich ihnen die Hand reichen mußte … Und wie wir so miteinander stehen, Grete ist immer voll heiterer Gesprächigkeit und hält einen fest, da kommt eine ältere Dame – deine Knaben riefen: ›Großmama! ‹ – und in ihrer seinen, vornehm-stillen Würde begrüßte sie mich … Thora, da … Thora – an dem Tag …«

Er wandte sich ganz ab. Aber sie hörte es doch, daß er leise, fast in sich hineinsprach: »Ich schämte mich …«

Eine lange, schwere Pause entstand.

»Mein Gott,« dachte sie, »wie unfaßbar empfindlich Männer sein können – wie empfindsam …«

Klein nannten ihre Gedanken voll Energie solche Anwandlungen.

Und ihre klammernden Finger hingen sich in das feine Halskettchen – als bedürften sie eines Haltes.

Er aber dachte, von wie vielen Demütigungen er ihr noch hätte erzählen können. Wie sein Stolz sich wand und getreten fühlte, wenn auf ihren Sommerreisen er ein Doppeldasein führte – wenn er in Kissingen oder Baden-Baden oder in irgend einem anderen Weltbad als Jakob Martin Bording in der Fremdenliste stand und zugleich in irgendeinem benachbarten kleinen Luftkurort oder Stahlbad, das sich rasch mit dem Auto erreichen ließ, als Bruder der Frau Thora Sanders mit ihr unter dem gleichen Dach einer von niemand sonst bewohnten Villa sein Quartier hatte.

Ja, das »Glück« dieser Liebe war mit Seelenqualen ohne Ende bezahlt worden.

Und nun war es genug. –

Der Deckel der Teemaschine klapperte unaufhörlich, sich drängend flockte der Wasserdampf aus der Tülle. Diese überkochende Arbeit in dem silbernen Kesselchen kam an Thoras Außenbewußtsein.

Sie erhob sich, ohne zu bemerken, daß ihre an der Halskette verkrampft gewesenen Finger die dünnen Platinglieder zerrissen und daß der veilchenblaue Stein, an dem die Birnenpeile hing, zu Boden glitt.

Sie ging an den Tisch heran und löschte unter dem brausenden Kesselchen die Flamme.

Darin war irgend etwas unaussprechlich Trauriges …

Wieder rang Thora ein Aufschluchzen nieder.

Er trat nun zu ihr. Milde und fest sagte er: »Du weißt es nun, Thora, und begreifst es nun: wir müssen scheiden!«

»Nein,« sprach sie, »ich begreife es nicht, weil ich dich liebe und nicht von dir lassen will.«

Und sie begann zu ihm zu flüstern und alle ihre Worte mit den Gebärden der stehendsten Zärtlichkeit zu begleiten. Mit ihren Händen umschloß sie seinen Oberarm und drückte ihre Wange an seine Schulter. Oder sie legte ihre beiden flachen Hände gegen seine Brust, oder sie umrahmte mit ihnen sein Gesicht.

Sie erzählte ihm von ihrer Liebe. Alle jene tausend kleinen Seligkeiten und Gedanken, die Männer nicht kennen und nicht haben und vielleicht niemals begreifen. Sie sagte es ihm, wie sie vor Glück erzitterte, wenn er an ihr gelegentlich auf der Straße vorübergegangen sei mit fremdem Gruß, sie überholend – wie sie dann unauffällig hinter ihm blieb, sich an der stolzen Sicherheit seines Ganges entzückend, von Sehnsucht verzehrt, auf der Stelle ihn am Halse hinterm Ohr küssen zu dürfen, wo sein Haar sich in so hübschen Linien ansetzte. Sie beschrieb den trunkenen Stolz, der sie hob, wenn sie von ihm in großen oder in neidischen Worten sprechen hörte und sich dann bewußt ward: mein ist er, heimlich ganz mein, nur mein! Sie phantasierte ihm davon vor, wie sie nach der Stunde des – ach, so seltenen – Zusammenseins mit ihm nicht schlafen wollte in der Nacht, um sich vom Schlaf nicht die nachzitternden Wonnen stehlen zu lassen.

Immer leiser wurde ihre Stimme und raunte, als seien selbst die Wände noch zu indiskrete Horcher für all die holden, vertrauten, süßen Erinnerungen.

Ein schwüles, fast törichtes Lächeln war um ihren Mund, und in der schwarzen Glut ihrer Augen flimmerten blaue Pünktchen …

Drohende Dunkelheiten glitten ins Zimmer hinein – das Rauschen und Brausen des Unwetters preßte sich gegen die Scheiben – –

Er hörte – er sah – er atmete – die liebliche Stimme schmeichelte – die Augen baten – der feine Heliotropduft schwebte – seine Nerven zitterten und rasch und schwer floß sein Blut durch die Adern …

Aber seine Manneskraft besiegte seine Mannesschwachheit…

Er nahm ihre beiden Hände. Er küßte sie – in einem ihn erschütternden Gefühlsdurcheinander von Ritterlichkeit, Dank, Qual …

»Und dennoch, Thora! Wir müssen scheiden! Ich ertrage es nicht mehr, daß es in deinem und meinem Leben etwas gibt, das der Verborgenheit bedarf. Wenn wir schuldig sind, und wir sind es, so laß uns die Härte dieses Abschieds als Strafe auf uns nehmen.«

Sie begriff: er war unbezwinglich! Und in diesem ersten und einzigen Augenblick vielleicht liebte sie nicht das Abenteuer, die Liebe, die Sinnlichkeit, die Gefahr, die Eitelkeit, sondern ihn selbst – ihn, den Mann, den sie nicht besiegen sollte!

»Und wenn ich mich scheiden lasse?« fragte sie heiser.

Ei atmete schwer auf. Aber er antwortete ohne Besinnen: »Nun ist es zu spät, Thora. Vor sechs Jahren, als ich dich darum anflehte und dir schwor, auch deinen Knaben ein rechter Vater zu werden – da schlugst du es mir ab – ich habe nie begriffen warum.«

Sie sahen sich an. In dem Auge der Frau ging irgend etwas vor, das er nicht verstand. Und ganz unbegreiflich, blitzähnlich, kam ihm zum ersten Male ein fragender Gedanke: Hatte sie vielleicht damals nicht den Mut gehabt? Weil sie nach den Darstellungen ihres Mannes und seiner Clique ihn für finanziell gefährdet, seine Stellung nicht für solid gefestet ansah? …

Und unter seinem durchdringenden Blick wurden ihre Augen unsicher, sie senkte die Lider ….

Da wußte er wie durch eine Eingebung: sie hatte sich damals gefürchtet, an seiner Seite aus Glanz in Sorgen zu kommen ….

Er sprach nichts aus von seinen Gedanken.

Er wiederholte nur: »Es ist zu spät!«

»Weil du jetzt, wo du Senator werden willst, keinen Skandal haben darfst? Weil du nicht mit mir als deiner Frau in der gleichen Stadt und Gesellschaft mit Meno leben kannst?« fragte sie rasch.

»Nicht allein deshalb,« sagte er gemartert. »Nach solchen sechs Jahren könnte eine Ehe kein – kein – reines Glück mehr sein ….«

Nicht allein deshalb? Ihre Gedanken hetzten umher, trafen auf eine Möglichkeit …. »Du willst heiraten?« schrie sie auf.

»Ich habe es deinetwegen bisher nicht getan.«

»Aber nun, nun soll es geschehen – das ist es – das – sag mir, wer? – Sag mir …«

Immer drohender schwoll eine zornige Ungeduld in ihm empor.

»Es könnte sein, daß ich mich einmal verheirate ….«

»Ja,« dachte er, »ich werde heiraten – irgendeine …. Was riet mir Burmeester doch? Ja, Therese Landskron werde ich heiraten ….«

Da stockten seine raschen Gedanken. Ihm war, als sähen ihn blaue Augen groß, unwillig, abweisend an.

Und er eilte vorbei an diesen Augen.

»Irgendeine! Gut, ja – die erste beste. Und wer sie auch sei, diese Irgendeine – wie eine Schranke wird sie sein zwischen dir und mir – denn in ihr werde ich mich selbst zu ehren wissen,« dachte er.

»Ah –,« sagte Thora – »ah …«

Sie saß ganz schwach von dem furchtbaren Ringen – sie lehnte sich fest gegen die Polsterwand und starrte geradeaus ….

Sie fühlte: er war von Eisen.

Groß ging ihr Blick im Raum umher. Er traf auch das Schälchen von Rubinglas.

Und mitten im Pathos aufgewühlter Leidenschaften dachte sie: »Das bekomm' ich nun gewiß nicht ….« Und ihr war zwei Herzschläge lang, als schmerze sie der Entgang des Schälchens ganz allein ….

Das versank, wie es gekommen war – aber der fremde Gedanke hatte doch den elektrischen Strom ihrer Erregungen durchkreuzt und zerstreut ….

Sie blickte auf – sah ihn finster an.

»Frauen wie ich können nicht nur wahnsinnig lieben, sie können auch tödlich hassen ….«

Er öffnete ein wenig den Mund – aber der Ausruf blieb auf seinen Lippen zurück – stumm – unbeweglich stand er. Wartend …

»Wenn ich jetzt Meno alles gestehe – wenn es dann doch einen Skandal gibt – wenn ich im Scheidungsprozeß alles aussage ….«

»Handle, wie du mußt!« sprach er mit vollkommener Einfachheit.

Und an dieser schlichten Ruhe zerbrach ihre schlimme Aufwallung ….

»Verzeih … ich weiß nicht mehr – was … ich … ach!«

Und weinend warf sie sich gegen die gepolsterte Ecke. Er ließ sie weinen.

Das weiche Bedürfnis, sie zu trösten, wallte nicht in ihm auf. Ihm war auf das merkwürdigste, als machten ihre Tränen sie zu einem ihm ganz fremden Wesen. Er hatte sie niemals weinen sehen. Sie bekam weiße Lippen und ein totenmaskenähnliches Gesicht, wenn sie erregt war – aber Tränen schienen ihr sonst versagt –

Nun weinte sie – und es erhob und ergriff ihn nicht.

Die Dunkelheit im Zimmer nahm immer zu. Draußen schien ein Wolkenbruch niederzugehen. Die weiße Frauengestalt in der tiefen Ecke verschwamm fast mit den Schatten in unsicheren Konturen. Nichts war hell, als das Stückchen gemalte, friedliche, sonnige Heide an der Wand.

Der schweigende Mann, der wartete, bis das Schluchzen in der Zimmettiefe aufhöre, dachte schwer: »So endet es dennoch – dennoch mit einem erniedrigenden Wort …«

Und ob er auch gerecht zu sein trachtete und sich sagte, daß sie in der Raserei ihres Schmerzes sich von jenem dämonischen Liebeshaß hatte hinreißen lassen, der im Untergrund der Leidenschaften lauert – es war dennoch ein unvergeßbares Wort – diese Drohung…

Sie entadelte eine Vergangenheit und zerschlug eine Größe.

Nichts blieb als eine Sünde!! Und ein unwürdiges Geheimnis mit bitterem Nachgeschmack.

Aus sechs Jahren eines königlichen Liebesrausches, dessen Gewalt und Auserlesenheit sie aus Schuldigen zu kühnen Schicksalsträgern erhoben zu haben schien, ward plötzlich – ein verbotenes Abenteuer …

Er litt unerhört…

Thora weinte nicht mehr. Sie stand, hauchte an ihr Taschentuch, das sie zum Ballen geknüllt hatte, und tupfte damit gegen die Augen. Dann nahm sie mit raschen, harten Bewegungen ihre Mütze und steckte sie auf ihrem Haar fest. Sie nestelte ihre Schleppe hoch und ließ sich von ihm in den Mantel helfen…

Das alles war niederdrückend nüchtern …

Nun sagte er: »Du kannst doch nicht in den Wolkenbruch hinaus.«

»Schad't nichts … desto besser …« brachte sie kurz heraus.

Ein paar Herzschläge lang standen sie noch einander gegenüber, Auge in Auge …

Sie dachte heiß und entschlossen: »Und es ist doch kein Abschied –«

Er beugte sich über ihre Hand und küßte sie.

»Und nocheinmal Dank … Thora … Dank …« murmelte er kaum hörbar.

Mit hochmütig erhobenem Haupt, in trotziger Haltung ging sie hinaus.

Er folgte ihr unwillkürlich – wie um sie bis an die Tür seines Schreibzimmers zu geleiten …

Dann war er allein.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch – hielt die Arme auf den Lehnen seines Stuhles. Mit gesenktem Haupt sann er lange vor sich hin …

Bis stärker und immer stärker über Scham und Qual, über Schmerz und Bitterkeit, über Mitleid und Sorge sich das eine große, helle Gefühl in ihm erhob: Frei!

IV

In den nächsten Stunden dieses Abends und des folgenden Vormittags handelte es sich nicht um Menschenschicksale, sondern nur um den Verbleib eines veilchenfarbenen Steines, daran eine köstliche Perle hing.

Frau Thora Sanders kam wenige Minuten vor halb sieben in ihrem Hause an. Sie hatte, eine Minute von Bordings Wohnung entfernt, schon einen Taxameter gefunden, so kam sie leidlich trocken heim. Ihre beiden Knaben, die aufgeregt nach ihr ausgesehen hatten, stürzten ihr mit einem großen Aufwand von Geräusch entgegen. Sie wies sie unfreundlich ab.

Ein Gefühl von Leere war in ihr – von Leere! Sie starrte hinein in diese schreckliche Leere …

Und während sie in Hast in ihrem Zimmer sich das Haar zurechtschob, das Gesicht wusch und mit Puderpapier abwischte, hatte sie die Empfindung, als sei die ganze Zukunft ein Abgrund von Langeweile und Inhaltslosigkeit.

Auf den dumpfen Ton des Gong hin, der, durchs Haus schallend, die Familienmitglieder zu Tisch rief, ging sie hinab.

Herr Sanders war schon in der Garderobe neben dem Flur; sie hörte ihn dort sprechen.

Nach weiteren Minuten saß man im Speisezimmer um den runden Tisch. Der merkwürdigen Dunkelheit wegen mußte das elektrische Licht aufgedreht werden, was den beiden Knaben eine Wichtigkeit war, denn das niedergegangene Unwetter hatte ihre Phantasie schaurig erregt. Sie beobachteten während desselben, wie sich tiefe Rinnsale in den Wegeskies des Gartens gruben, und konnten von ihrem Fenster aus verfolgen, wie gelbe Fluten über ihre beiden Beete strömten, auf denen eben schon alles Gesäte aufzulaufen begonnen hatte. Fräulein Klara konnte sie kaum zu den Schulaufgaben zurückzwingen.

Voll Lebhaftigkeit erzählten sie nun davon und Fräulein Klara ermahnte in kleinen Intervallen: »Kurt, deine Milch wird kalt – Bertolt», iß …«

Für die Eltern und Fräulein Klara war es das späte Mittagsmahl; die Knaben bekamen andere Speisen aufgetragen.

Herr Sanders hörte mit Vergnügen den leidenschaftlichen Schilderungen der Jungens zu. Er war von der Intelligenz und dem Temperament seiner Kinder allezeit bewundernd entzückt und dachte: »Ganz die Mutter.« Obschon er hinsichtlich der Intelligenz seines Nachwuchses auch sich einige Verdienste zuschrieb.

»Thora, bist du muksch?« fragte er einmal zwischendurch.

»Nein. Warum?«

»Du machst solch Gesicht. Und ißt fast nichts.«

»Ach, ich hab' Kopfweh.«

»Wieder mal?«

»Papa, wirst du Senator?« fragte Kurt.

»Vielleicht. Wie kommst du darauf?«

»Ach, Lorenz sagte es vorhin zu Trina.«

Der aufwartende Diener wurde rot, als er so sein Gespräch mit der Köchin hier berichten hörte.

Herr Sanders lächelte. Er sah seine Frau bedeutungsvoll an. Er wußte sich ja mit ihr, wie in so vielen Dingen, eins in dieser Frage. Und sein helles Auge wurde immer sonderbar stechend, wenn er mit innerlicher Befangenheit und äußerlicher Leichtigkeit von einer Sache sprach oder sprechen hörte, die ihm sehr wichtig war.

»Als das Wasser so furchtbar brauste, war ich bange um Mama, daß es Mama wegschwemmte,« sagte Bertold.

»Papa, wann wirst du Senator?« fragte Kurt.

Wegen Fräulein Klara und des die Fleischschüssel anbietenden Lorenz sprach Herr Sanders: »Vielleicht wird es Herr Bording oder noch ein anderer, das kann man vorher nicht wissen, das ist oft Zufall.«

Und da ihm in dem Durcheinander der Knabenstimmen, die jede ihr Thema verfolgten, nichts entging, fragte er: »Was – bei dem Wetter bist du aus gewesen?«

»Ich soll doch täglich bei jedem Wetter an die Luft. Und heute, wegen meiner Kopfschmerzen, hatte ich es sehr nötig.«

Er sah sie an, nicht sonderlich gerührt durch die Kopfschmerzen, die, nach seiner Ansicht, nun mal zu Frauen gehörten. Aber ihm fiel was an ihr auf. Und da er einen scharfen Blick für das Detail hatte, fragte er plötzlich: »Ich mein', beim Frühstück heut hattest du dasselbe Kleid an.«

Sie zog sich sonst immer zu Tisch um. Er liebte ihre Eleganz und die große Sorgfalt, mit der sie ihre Erscheinung richtig zur Geltung zu bringen wußte.

»Durch das Unwetter hatte ich so viel Zeit verloren.

Es überraschte mich, als ich auf der Post war. Dort stand ich so lange unter, bis ein Wagen vorbeikam.«

Er fuhr fort, sie anzusehen. Da war irgendeine ungewohnte Kahlheit… ja, richtig…

»Heut mittag hattest du doch den Amethystanhänger um, mein' ich?«

Thora griff an ihren Hals.

»O Gott…!« sagte sie ganz verdutzt.

»Also verloren?«

»Hoffentlich nicht. Das wäre entsetzlich… Lorenz, lassen Sie mal gleich Minna in meinem Ankleidezimmer nachsehen – der Anhänger hat sich vielleicht in meinen Regenmantel irgendwie festgehakt.«

»Na, er wird sich schon finden,« tröstete Herr Sanders optimistisch.

»Papa, ich möchte aber lieber, daß du Senator wirst,« erklärte Kurt. »Ich bin mit Jakob Burmeester böse, weil er sagt, sein Onkel Bording wird es, und wir haben gewettet.«

»Was hast du denn gewettet?« fragte Sanders lachend. Er lachte, wie fette Leute tun: gutmütig und etwas glucksend.

»Für fünfzig Pfennig Pralinen.«

»Dies sollte Doktor Ziegenhaar hören und er würde sich nicht mehr beklagen, daß beim Nachwuchs kein Interesse für unsere Politik ist,« sagte er behaglich.

Thora aß mit Mühe ein paar Gabeln voll Gemüse.

Sie versuchte sich klar zu machen: »Ich hatte den Anhänger um, als ich vom Hause fortging – ganz gewiß« – denn da hatte sie mit der ausführlichsten Genauigkeit ihr Spiegelbild betrachtet, um festzustellen, ob sie ihren »schönen Tag« habe; denn sie wußte wohl: sie sah sehr verschieden aus. »Als ich mir dort – bei ihm – den Regenmantel zuknöpfte, hatte ich da den Anhänger noch um?« Und immer gewisser schien ihr: nein! Man kann sich mancher Momente, die einem während einer Erregung völlig entgehen, nachher oft ganz deutlich erinnern – sie sind damals nicht vom Auge oder Ohr so eindringlich dem Gehirn rapportiert worden, daß die Gedanken sich sofort dabei aufhielten … aber das kommt dann zurück, wenn man danach sucht ….

Ja, plötzlich glaubte Thora genau zu wissen: der Anhänger war »dort« herabgeglitten – weil die Kette riß – weil das Schloß sich öffnete – irgendwie – ja gewiß …

Nun, dann fand »er« schon eine Form, ihn ihr wieder zurückzustellen ….

Lorenz kam und meldete, daß Minna ungefähr das Zimmer von oberst zu unterst gekehrt habe und daß nichts zu finden gewesen sei.

Da brach Thora in Tränen aus. In nervösem Nachzittern der gehabten Erregungen vielleicht – sie wußte es selbst nicht – Es war, als hätte dieser starke Ausbruch bereit gelauert und nur eines Anlasses gewartet.

Sanders war ganz betroffen.

»Nun, nun, nun,« sagte er mitleidig und fast geschmeichelt, daß Thora um den Verlust seines Geschenkes, das der Anhänger gewesen war, so weinte. Sie weinte so selten. Und das dämmte seinen empfindlichen Ärger zurück. Aber seine ersten Worte galten doch dem Preis.

»Zweitausend Mark hab' ich dafür bezahlt. Die Birnenperle war ein gutes Exemplar. Völlig rein. Hatte schönen Atlas. Kostete allein zwölfhundert. Der Amethyst war ein rares Stück. Vollkommen veilchenfarbig, ganz rein, von besonderem Schliff. Dann noch der kleine Brillant zwischen Peile und Stein – na, es wäre doch ärgerlich…«

Fräulein Klara hörte andächtig zu.

»Wir wollen sofort annoncieren – zum Fundbureau schicken – je flinker man handelt, desto mehr Aussicht zum Wiederkriegen. Mancher Finder, der in der ersten Aufwallung selbstverständlich einen Gegenstand zurückbringt, verliebt sich in ihn, wenn er ihn länger bei sich hat, und kann sich dann nicht trennen… Alles schon dagewesen.«

Er stand auf. Er wollte telephonieren.

»Ach,« sagte Thora schwach, »laß doch bis nach dem Essen…«

»Nein, es kann noch in die morgen früh erscheinenden Zeitungen kommen, wenn ich gleich telephoniere. Sag also: welchen Weg…?«

»Die Allee bis Zum Burgtor, die Burgstraße, Breitestraße, Markt, Post, von da zurück mit dem Wagen,« zählte Thora auf und weinte wieder.

»Nun, nun,« tröstete er und tätschelte ihr, fast im Vorbeigehen, die Wange, »es wäre freilich ein ärgerliches Stück Geld weggeworfen… Zweitausend Mark.«

»Und wo es der gnädigen Frau so besonders wert ist, als Ihr Geschenk…« fügte Fräulein Klara hinzu, denn sie sagte immer nur Dinge, die sie nach allen Seiten hin als einen takt- und gemütvollen Menschen erscheinen lassen mußten.

Thora nahm sich mit Gewalt zusammen. Sie war von grenzenlosem Zorn gegen sich erfüllt, daß sie – sie! – sich von Tränen überwältigen ließ. Es war eine Art dumpfer Selbsterkenntnis in ihr, woher ihr die Fassungslosigkeit kam – aber sie wollte es sich nicht eingestehen – wollte nicht … Sie ahnte den Unterschied zwischen ihrer Stimmung und der des Mannes, der sich von ihr getrennt hatte – Leere war in ihr Leben gekommen – Freiheit in das seine.

Und der Gedanke war wie Peitschen und schlug ihre Eitelkeit blutig.

Sie erbitterte sich daran, daß sie nicht einmal jetzt für sich sein durfte, daß ihr Mann aus dem Verlust des Anhängers so ein Wesen machte. Was lag an dem dummen toten Stein!

Aber sie fühlte wohl: sie mußte jetzt Haltung zeigen.

Und während es ihr gelang, sich zu fassen und eine Art trotzige, entschlossene Selbstbeherrschung zurückzugewinnen, telephonierte Herr Meno Sanders an die Expeditionen der verschiedenen Blätter, daß morgen und fett der Verlust angezeigt werden solle. Der Gegenstand wurde beschrieben, der Weg, auf dem er verloren gegangen sein mußte, ebenfalls. Bei der Verheißung des Finderlohns zauderte Herr Sanders ein paar Sekunden. Zehn Prozent war Gesetz, glaubte er sich zu erinnern. Wenn man fünfzehn versprach? Aber um das zu würdigen, müßte ja der Finder das Objekt taxieren können. Und kurz entschlossen verhieß er – fünfzig Mark. Das war auch schon sehr nett. –

Diese Anzeigen wurden am folgenden Morgen von der halben Stadt gelesen.

Vielleicht einer der ersten, der sie las, war der alte Schrötter.

Der Tag fing verhältnismäßig früh an im Hause Bording. Weil die ihn immer umdrängenden Ansprüche von Menschen und Dingen ihm sonst nie eine regelmäßige Bewegung in frischer Luft gegönnt hätten, ritt Jakob Bording jeden Morgen von halb sieben bis halb acht ins Freie, und nur bei sehr schlechtem Wetter und bei Eis und Schnee oder zu langen Morgendunkelheiten ritt er in der Bahn. Dann nahm er sein Bad und ein Viertel nach acht frühstückte er in dem kleinen Eßzimmer, das im ersten Stock lag und wirklich nur für einen Einsiedler bestimmt schien, so eng und einfach war es.

Während des Rittes seines Herrn reinigte Schrötter das Rauch- und Schreibzimmer und trug dann, unterdes sein Herr im Bad war und sich ankleidete, die Lokalzeitungen nebst der geringen Privatpost hinauf auf den Frühstückstisch, den die weiblichen Dienstboten herrichteten.

An diesem Morgen sperrte er weit, weit die Fenster auf, um den kühlen Hauch hereinzulassen. Allen Staub und jede Unreinigkeit aus der Luft hatten die gestrigen und noch in der Nacht andauernden Regengüsse niedergeschlagen. Der Himmel war blaß und rein. Die mächtigen Kirchtürme standen in einem so leichten, feinen Licht, daß sie förmlich gesellig und vergnügt wirkten, wie sie da so nebeneinander in die Luft ragten. Die scharfen Schatten, die auf der östlichen Seite des Platzes lagen und die dorthin gewandten Mauern der Kirche wie mit dunklem Tuch überwarfen, zeigten, daß eine kräftige und unverhüllte Sonne hinter jener Seite der Stadt im Hochstieg sich befand.

Schrötter war Pedant. Teils aus angeborener Neigung zur Genauigkeit, teils aus Respekt vor allen Dingen, die seinem Herrn gehörten – das heißt, er sagte natürlich »unsere« Sachen – machte er von Staubbesen und Wischtüchern einen ebenso gründlichen wie behutsamen Gebrauch.

Und so fand er, als er mit dem Handfeger von Piassavafäden unter die baumelnden Fransen fuhr, die den dunkellila, in die Ecke gepolsterten Sofa unten herum verzierten und abschlossen – so fand er ein glitzerndes, hübsches Ding: einen lila Stein, daran eine Perle hing.

Er erschrak. Er war sehr unglücklich. Er begriff auf der Stelle: das konnte er nicht ins Feuer werfen, wie jenes Taschentuch. Das hatte wahrscheinlich Wert: Vielleicht zwanzig, dreißig Mark? Er hatte keine Taxe. Er erinnerte sich: Sonntags, wenn die Köchin ausging, trug sie solcher Art Stein in ihrer Brosche, bloß viel heller. Aber er meinte doch gleich: dies wird wohl was anderes und von anderem Wert sein.

Er fühlte, er konnte es nicht seinem Herrn in die Hand geben. Nein, er konnte – konnte nicht – ihm war, als wär' das zu genant für den Herrn und für ihn selbst. Er hätte ja den Herrn nicht gerade dabei angucken können.

»Wenn ich das Ding auf den Schreibtisch lege?« erwog er. Unmöglich! Wenn dann die Mädchen ins Zimmer kamen, wie sie manchmal taten, um sich einen Bogen Papier zu stibitzen oder die Gardinen nachzusehen und sonst dies und das! Aus seiner vieljährigen Lebenserfahrung wußte Schrötter, daß Menschen immer gerade dann und dorthin kamen, wenn und wo man sie durchaus nicht brauchen konnte.

Seine Unschlüssigkeit war nicht so einfach. O nein. Wichtig und undeutlich zugleich fühlte er, daß hier etwas von ihm gefordert ward.

Das Wort »Takt« stand natürlich nicht in seinem Sprachgebrauch, aber die Empfindung lebte, unetikettiert durch eine Benennung, gesund in seinem Gefühl.

Plötzlich ging schlaue Freudigkeit über sein Gesicht.

Er legte den Anhänger in die kleine Rubinglasschale. Auf ihr ruhte noch das Häuflein Pralinen, die nicht gegessen worden waren. Daneben fand der lila Stein und die Perle noch Platz; wie ein Schlänglein sank die dünne Platinkette in sich zusammen.

Da konnte die Besitzerin, wenn sie wiederkam, ihr Eigentum dann selbst »finden« – so lange lag es da sicher, denn die Rubinglasschale stand mit den anderen Teegerätschaften in einem alten Kunstschränkchen, an der Wand im Rauchzimmer, unter dem Heidebild. Und das Schränkchen hatte gar keinen Schlüssel, man drückte es zu, eine Feder sprang ein. Sollte die Tür sich öffnen, so mußte man den Daumen sehr stark gegen eine der kleinen fünf Halbkügelchen pressen, die in der Schnitzerei als Mittelpunkt stilisierter Blumen sich befanden.

Daß jener geheimnisvolle Gast hier niemals wieder Tee trinken würde, ahnte Schrötter ja nicht.

Er sah sich noch um. Alles in Ordnung? Und ob!

Erleichterten Herzens ging er hinaus.

Im Briefkasten an der Haustür sah er die Zeitungen und schloß sie heraus.

Höchst gemütlich nahm er sein Dienerrecht vorweg und las, bei seiner Riesentasse Kaffee, die die Köchin ihm inzwischen nebst vielen dick mit Butter bestrichenen Semmeln hingestellt hatte, erst mal seinerseits ein bißchen in der Zeitung. Das Gefühl: wie hat man es doch schön! überkam ihn jeden Morgen. Er saß am Fenster, las, trank, aß, öffnete zwischendurch, wenn's klingelte, von seinem Platz aus den mechanischen Türschluß, sprach ein wohlwollendes Wort mit dem Schlächter, der durchs Zimmer kam oder erörterte mit der Gemüsefrau die Nässe des Frühlings, voll gönnerhafter Herablassung zu ihren kleinen Sorgen.

Und heute, während er Schluck um Schluck, mit seiner Hitze kämpfend, den Kaffee trank, den er um keinen Preis hätte abkühlen lassen mögen, heute sah er auch erst mal zu, was sich denn so in der Stadt begeben habe. Beinahe zufällig ging sein Auge über die Rubrik »Verlorene Sachen«. Da stand eine Anzeige, fett und groß gedruckt…

Ein Anhänger war verloren gegangen… Lila Stein – eine Birnenperle…

In das alte Männergesicht stieg Glut bis in die Augen hinein, die sich anzufüllen schienen…

»Abzugeben bei Frau Thora Sanders. Dem Wiederbringer fünfzig Mark Belohnung.«

Schrötter trank immerzu Kaffee und aß voll Eile seine Semmel und würgte daran, und sein Hauptgedanke war ganz unlogisch und ganz verbohrt eintönig: »Hätt' ich man bloß nich in die Zeitung gelesen…«

Er faltete sie hastig zusammen und schob sie von sich, als stecke Unheil in ihr.

Lange dachte er gesammelt nach. Und der Schluß und das Resultat seiner Grübelei war: »Ich weiß von nichts.«

Daß er nun erst recht nicht seinem Herrn den Anhänger geben konnte, war gewiß. Noch weniger konnte er ihn zu Frau Thora Sanders tragen und sich fünfzig Mark geben lassen. Er war nicht gewandt und so verfiel er nicht auf den Ausweg anonymer Zusendung.

Die Knie zitterten ihm, als er die Zeitungen hinauftrug.

»Wenn ich nicht schon immer so was gedacht hab'! Aber ich weiß von nichs – nee, gar – gar nichs weiß ich …«

Jakob Bording kam rasch aus seinem Ankleidezimmer und setzte sich mit Hast an seinen Frühstückstisch – langsame Bewegungen hatte er nur in feierlichen Momenten.

Merkwürdig frisch und mutvoll war ihm. Die herbe Morgenluft hatte wie ein Stahlbad auf ihn gewirkt. Er aß und trank mit Appetit. Zwischendurch überflog er die Depeschen in den Morgenzeitungen. Für den sonstigen Inhalt hatte er keine Zeit; er legte die bedruckten Blätter auf den Tisch, sie ihrer Widerspenstigkeit wegen zusammenfaltend, wie es gerade kam. Und da geschah es, daß sein schneller Blick auf dem einen Blatt die Worte »Thora Sanders« sah … sie sprangen ihm förmlich entgegen aus den vielen, vielen Ziffern, Buchstaben, Über- und Unterschriften all der zahllosen Anzeigen, die Spalte neben Spalte sich lang von oben nach unten auf dem Druckpapier hinzogen …

Er las die Anzeige. Seine Stirn zog sich zusammen – in Nachdenken – in Ärger.

Jawohl, er entsann sich genau: sie hatte den Anhänger umgehabt, als sie kam. Das Schmuckstück stand ihr so besonders gut.

Sie liebte es oft, mit sich selbst kokettierend, Paraphrasen über ihr Wesen zu sprechen, denn sie war ja unaufhörlich mit sich und ihrer Wirkung auf andere beschäftigt. Und von diesem Amethystanhänger plauderte sie einmal: er ist ein wenig symbolisch – ich bin vielleicht auch nur ein Halbedelstein, wenn auch ein rarer und von Tiefe und Schliff – und eine Träne hängt auch an meinem Leben, aber es ist eine schöne Träne ….

Dessen erinnerte er sich jetzt, und auf einmal fand er, daß diese Art Koketterie so billig, so durchsichtig gewesen war …

Er versuchte sich vorzustellen: hatte sie den Anhänger noch um, als sie fortging? Er konnte sich kein Bild davon machen.

Eilig ging er in sein Rauchzimmer hinab und schloß sich ein. Er wollte suchen – – Er hatte keinen Verstand davon, daß seine Zimmer mit einem Reinlichkeits- und Ordnungsfanatismus ohnegleichen gut gehalten waren, daß Schrötters Auge nicht eine tote Fliege und nicht ein gummiertes Streifchen Freimarkenabfall entgangen wäre. Er fühlte nur im allgemeinen die Behaglichkeit.

Nun wollte er suchen. Wenn der Anhänger hier verloren worden war, durfte Schrötter ihn um keinen Preis finden. Aus dem Umstand, daß der alte Diener ihm einen solchen Fund bisher nicht ausgeliefert hatte, schloß er, daß nichts entdeckt worden war.

Er ging Schritt vor Schritt im Zimmer hin und her, schüttete das schwarze Fell aus, das über das Fußende der Chaiselongue geworfen war, und schlug diese und jene Teppichecke um.

Nichts.

Vielleicht unter dem Ecksofa – unter der Chaiselongue – unter dem antiken Schrank mit den Zigarren und Aschbechern – unter dem kleinen Kunstschrank, über welchem die sonnige Heidelandschaft an der Wand hing …

Er kniete nieder. Er lag fast mit der Brust auf der Erde und schob seine Rechte, streichend, abtastend unter die Möbel.

Und dabei kam ein elendes, ein schmachvolles, ein beschämendes Gefühl über ihn, wie er dergleichen in seinem ganzen Leben noch niemals empfunden.

Diese unerhörte Lächerlichkeit – diese ironische Lage – demütigend war das – daß ihm der Mund voll Bitterkeit schien und sich verzerrte…

Niemand sah ihn. Verschlossen waren die Türen…

Aber er fühlte sich durch ein Fegfeuer von Scham und Ärgernissen gepeitscht. Und ihm war, als stehe er nackend auf dem Markt und alle Welt schrie ihn an…

Hier kroch er auf der Erde herum, bänglich suchend, damit seine Dienstboten nicht fänden, was groß und breit in der Zeitung beschrieben stand, mit dem Namen der Eigentümerin darunter…

Wie das seine ganze Persönlichkeit entwürdigte…

Wie wenig das zu seinem hochfahrenden Männerstolz paßte…

Wie die Notwendigkeit dieses lächerlichen Herumsuchens von selbst eine Kritik des Vergangenen ward…

Und abermals sprangen von der großen heißen Leidenschaft, die gewesen war, Vergoldungen ab – noch mehr schillernde Schleier sanken – was gestern in den Staub gefallen war, aber von dorther doch noch wehmütig und

schön heraufzuglänzen schien, ward nun eins mit ihm – in Niedrigkeit lag alles…

Jahre voll Rausch – Jahre voll Selbstbetrug – gestohlene Jahre…

Und das Nachspiel: Bitterkeiten, Lächerlichleiten …

Die Empörung brauste so kochend durch ihn hin, daß er aufsprang.

Sein Gesicht ward rot.

Nein. Er hatte nichts gefunden. So mochte sie das Ding doch wohl auf dem Heimweg verloren haben.

In der Stärke seines Zorns gegen sich – gegen sie ballte er die Fäuste.

Er sah hinaus. Da floß so gütiger Sonnenschein über die roten Backsteinmauern und das junge Laub der Linden war wie von grünem Glas. Die stille, weltabgeschlossene Freundlichkeit dieses Anblicks beruhigte ihn langsam.

Aus der sonnigen Höhe herab kamen allerlei Klänge, in unklarem, zögerndem Rhythmus … Das Glockenspiel der Kirche ließ die Töne eines Melodienbruchstückes zur Halbstunde in die Luft hineinfallen – und sie tändelten durch sie hin, als gehörten sie unter sich gar nicht zusammen.

Das weckte Jakob Bording auf.

Er hob herrisch den Kopf und er dachte an seine Arbeit.

Für die Welt die Früchte meiner Arbeit – für mich selbst ihre entsühnende Kraft – fühlte er.

Und in fester Haltung verließ er sein Haus. – –

Wenn das Interesse an dem bißchen Kleinen nicht wäre! Das ruht die angestrengten Köpfe aus und die leeren füllt es, und deshalb gab es tausend Menschen, die sich beim Morgenkaffee mit dieser sie gar nichts angehenden geringen Tatsache beschäftigten, daß Frau Thora Sanders einen Amethystanhänger verloren habe, bei welcher Gelegenheit denn gleich alles besprochen und beklatscht ward, was von dem Sandersschen Ehepaar sich nur irgend an Lebenszuständen darbot. Sein Vermögen, sein Geschäft, sein stadtbekannter Wunsch, Senator zu werden, die Möglichkeit oder Aussichtslosigkeit dazu. Ihre mehr wechselnde als regelmäßige Schönheit, der Geschmack ihrer Kleidung, ihre rastlose Zerstreuungssucht.

Auch im Hause des Senators Doktor Landskron kam der Amethystanhänger als Gesprächszuspeise auf den Frühstückstisch.

Vater und Tochter unterhielten sich auf eine gewissermaßen sanfte Art, im friedlichen Gleichmaß der Sprache und des Ausdrucks über ein Buch, das sie beide kannten, dessen Lektüre Therese eben, als Nachleserin des Vaters, beendet hatte. Das kluge und angenehme Gesicht der Tochter hatte als auffallenden Reiz die sehr schönen Farben und die dunklen, blauen Augen. Wenn sie sprach, war eigentlich ihr Ausdruck mehr Sicherheit als Lebendigkeit. Sie hielten zusammen, Vater und Tochter – es war aber ein unbewußtes oder doch ein uneingestandenes und manchmal fast sorgsam verborgenes Bündnis. Sonst hätte es die energischen Gattin- und Muttergefühle der Senatorin leicht ein wenig verletzen können. Denn obgleich sie fortwährend und gegen jedermann rühmte, daß die Empfindungen ihres Gatten für die Tochter, die sie ihm in die Ehe gebracht habe, denen eines wirklichen Vaters in gar nichts nachständen, zeigte sie doch zuweilen eine Art Eifersucht auf ihren Mann. Es war, als habe sie eine dumpfe Erkenntnis davon, daß Therese geistig völlig sein Kind geworden sei und ihm näher stehe als ihr, was sie, in manchen Stimmungen, als eine Beeinträchtigung ihrer natürlichen Ansprüche an die Liebe der Tochter empfand.

Sie saß in dieser Morgenstunde ein wenig grollend, in angeborener Wuchtigkeit aller Gebärden, in ihrem Korbstuhl. Man frühstückte in der Veranda hinter dem Hause und konnte in das kleine, grünschummerige, von ein paar Obstbaumwipfeln fast überdachte Gärtchen hineinsehen.

Sie las, kauend, die Anzeigen. Aus ihrem Inhalt konnte sich kein Widerschein geistiger Angeregtheit auf ihrem von Natur zur Fläche bestimmten Gesicht zeigen. Aber wenn sie auch von Meuchelmorden, Kanzlerstürzen und Luftschiffreisen gelesen hätte – sie war nicht die Frau, sich zu erregen über Dinge, die sich ohne ihr Dazutun in der Welt begeben hatten.

Ab und an meldete sie in das Gespräch der Ihrigen hinein eine Tatsache. Daß bei Doktor Brahm Zwillinge geboren seien. Daß die Wohnung, wo Fräulein Meyer wohne, als zu vermieten annonciert stehe. Man könne schon Stachelbeeren zum Einkochen bekommen, es sei doch ungewöhnlich früh. Frau Konsul Breithaupt suche schon wieder ein Folgemädchen an Stelle einer Erkrankten. Und höflich fragten und sagten bald der Senator, bald Therese: »Knabe und Mädchen?« – »Da will Fräulein Meyer wohl umziehen.« – »Ach, wirklich?« – »Schon wieder?« – Und fuhren in ihrem Gespräch fort, denn sie waren es gewohnt, wie Fahrende Chausseegeld hinauswerfen in den Beutel des Wärters, ab und an Wortbrocken darzureichen, um ungestört weiterzukommen.

»Ach, hört mal zu!«

Rücksichtsvoll sahen Vater und Tochter die Lesende an, die ihrer nun für eine Mitteilung als Publikum bedurfte.

Und sie trug den Verlust des Anhängers vor, das Malheur von Thoia Sanders schien ihr bedauerlich.

»Ach,« sagte Therese ungerührt, »sie hat so viel Schmuck. Und es sind ja reiche Leute.«

»Aber es kann ein altes Stück, ein teures Andenken sein!«

»Auch nicht,« sagte Therese. »Gerade vor ein paar Tagen erzählte Thora auf dem Tee bei Flügges, daß sie ihrem Mann habe tüchtig die Cour machen müssen, ehe er sich entschloß, ihr den Anhänger zu schenken. Sie wird ihm schon Ersatz abschmeicheln, wenn sich das Ding nicht wiederfindet«

»Therese,« sprach die Mutter in milder, doch nachdrücklicher Mahnung, »ich bemerke zuweilen eine Kälte des Tones an dir, wenn du über deine Mitmenschen sprichst. Darin liegt Kritik. Man muß sein Herz vor Kritik hüten, damit es nicht scharf werde.«

Darauf fuhr sie fort zu lesen, im Gefühl, einen sittlichen Ausspruch getan zu haben.

Die dreiundzwanzigjährige Therese ließ die Mahnung an sich vorbeigehen. Sie und ihr Vater, sie waren ja was gewöhnt an Sentenzen…

Als ihr Gespräch zu Ende und ihr Frühstück abgegessen war, überließen sie, wie alle Tage, die Frau des Hauses dem sich weit hinaus in den Morgen dehnenden Genuß ihres Anzeigenstudiums.

Therese folgte ihrem Vater in sein Studierzimmer, das voll von Büchern und gemütlich verräuchert war. Hier kam er in Frieden zu seiner Morgenzigarre, ohne Anmerkungen und Aussprüche.

Während seine Tochter ihm das brennende Zündholz hinhielt, sagte er: »Laß noch, Kind – und sieh da!«

Er nahm einen Brief aus seiner Brusttasche.

Sich seiner Veranlagung zur Unschlüssigkeit wohl bewußt, hatte er den Ausweg gefunden, seiner Frau Dinge zu verschweigen, zu denen er keine Vorträge, Randglossen und Weisheitssprüche von ihr wünschte. Auch hatte sie immer irgendeinen mit der Sache selbst gar nicht zusammenhängenden Grund, um dessentwillen sie zu dieser oder jener Entscheidung riet. Wenn ihr die Nase eines Mannes oder der Hut seiner Frau nicht gefiel, konnte sie sagen: »O Gott, laß doch den Menschen nicht das Amt kriegen.«

Aber der logische Verstand seiner Therese, ihre klare, ruhige Art fing von Jahr zu Jahr mehr an, ihm Wohltat zu werden. Daß sie nicht sein eigenes Fleisch und Blut war, kam ihm zuweilen wie eine unglaubhafte Sache vor, wie eine Geschichte, die ihn nichts anging. Seit ihrem zweiten Lebensjahr gehörte sie ihm, seine Ehe war kinderlos geblieben. Alle stille Zärtlichkeit, alle seine Güte, deren er fähig war – und sein Wesen floß eigentlich von so zarten Strömen über – hatte er von je Theresen gewidmet. Wenn Menschen, die nicht wußten, daß sie sein Stiefkind sei, ihm als leere Redensart sagten, seine Tochter sähe ihm ähnlich, hatte er eine fast kindliche Freude. Therese liebte ihn mit unbegrenzter Hingebung. Das »Stief«verhältnis war beiden total aus dem Gefühl, oft fast aus dem Gedächtnis verschwunden.

Sie war auch gewohnt, daß der Vater ihr Dinge mitteilte, die er mit seiner Frau nicht besprach. So nahm sie auch mit der in solchen Fällen sogleich in ihr aufsteigenden Neugier den Brief.

Mit Erstaunen las sie dann:

»Hochverehrter Herr Senator! Der ergebenst Unterzeichnete gibt sich die Ehre, Sie zu einer Besprechung einzuladen, betreffend eine für die merkantile und industrielle Fortentwicklung unserer Stadt vielleicht wichtige Gründung. Gefälligst Donnerstag, den 12. Mai, 2 Uhr, im Konferenzsaal meines Kontorhauses, II. Stock.

Hochachtungsvollst

Jakob Martin Bording.

Therese wurde langsam sehr rot. Das war ihr ebenso überraschend wie unangenehm. Warum erröten, wenn man unter dem mit lila Schreibmaschinenschrift geschriebenen Brief von schwarzer Tinte die sehr großen, in schöner Ebenmäßigkeit ohne jeden Schnörkel hingesetzten Namen las? So viel einfache Kraft war in der Unterschrift – schien ihr …

Sie dachte in einem Gemisch von Enttäuschung und starkem Interesse an ihre Begegnungen mit Bording. Sie wußte ja so viel von ihm und hatte ihn auf der Straße, bei den seltenen Malen, daß sie ihn gesehen, immer mit Neugier betrachtet. Alle Menschen sprachen von ihm, und jedes Urteil seiner Neider und Feinde schlug dem Urteil seiner Bewunderer geradezu ins Gesicht. Sie aber sah sein Wesen, wie es die Naumanns beschrieben. Bei diesen einfachen und herzensgeraden Menschen, mit denen sie Kindheitserinnerungen und eine Art patriarchalischer

Gönnerschaft verband, hörte sie ihn preisen: wie unerbittlich viel Arbeitsleistungen er von sich selbst erzwang, aber auch von allen seinen Angestellten forderte; wie er beständig für ihre wirtschaftlichen Lebensbedingungen sich interessierte: Zulagen anordnete, wo reichlicher Kindersegen kam; regelmäßige Ferien in strengem Turnus für jedermann eintreten ließ; Badereisen schenkte, wenn er sah, daß Kräfte an den Ansprüchen, die das Geschäft stellen mußte, sich zerrieben hatten. Sie sah Größe und Güte, vereint mit einem volkswirtschaftlichen Überblick und Pflichtgefühl in dem allen.

Und hatte längst, in aller Harmlosigkeit, ein Mannesideal für sich aus ihm gemacht.

So freute sie sich brennend, als sie im März, auf der Silberhochzeit von Burmeesters Schwager, mit dem wiederum Landskrons vervettert waren, neben Jakob Bording sitzen durfte. Sie kümmerte sich kaum um ihren eigenen Tischherrn, saß gewissermaßen immer gewärtig einer Anrede Bordings. Und hatte ein kleines Programm sich zurechtgelegt, um gleich in ein ordentliches Gespräch, über das bißchen leere Tischunterhaltung hinaus, mit ihm zu kommen. Von Baumann, seinem Privatsekretär, wollte sie reden, und davon ausgehend ihn auf allerlei soziale und kulturelle Fragen bringen, die nach ihrer Meinung mit dem Berufsleben des modernen Großkaufmanns zusammenhingen.

Ihre Enttäuschung war dann sehr herbe. Herr Jakob Bording sprach ein paarmal ganz offensichtlich zerstreut und aus erzwungener Höflichkeit mit ihr, so daß sie vor Beklommenheit nicht recht auf seine ganz allgemeinen Bemerkungen eingehen konnte. An jenem Tage mußte er wohl ganz große, wichtige Dinge im Kopf gehabt haben, denn auch seine eigentliche Tischdame schalt nachher: »Wenn Bording keine Sammlung und Stimmung für Gesellschaft hat, soll er lieber wegbleiben, als einen langweilen und dadurch blamieren, daß die ganze Tafel sieht, man bringt ihn nicht in Schwung.«

Theresens Mädchengefühl war nicht verletzt, auch nicht, als er schon nach wenig Tagen ohne Gruß, sie nicht wiedererkennend, an ihr vorüberging.

Sie war so wenig eitel. Sie hielt sich so sehr für

bloßen »Durchschnitt«, daß sie nichts an besonderer Beachtung verlangte. Auch hatte sich in ihr neben der anspruchsvollen Mutter eine besondere Art Bescheidenheit ausgebildet – als Gegensatzwirkung sozusagen. Wie es auch manchmal geschieht, daß die tobende Heftigkeit eines Familienmitgliedes in einem anderen geradezu Gelassenheit züchtet.

Anstatt also durch seine Geistesabwesenheit an jenem Fest und durch sein totales Vergessen ihrer Person gekränkt zu sein, entzündete sich vielmehr ihre Phantasie daran und umspielte mit bewundernden Gedanken die Wichtigkeit seiner Geschäfte.

Da begab es sich, daß man sich gestern auf der Straße traf und sprach. Und daß er sie so genau und unbefangen stetig ansah, daß dieser sein forschender Blick zur Unbescheidenheit wurde – zu einer herrischen Freiheit, die an Unmanier grenzte. Unwille brauste in ihr auf und sie wies seinen Blick zurück – sie hoffte wenigstens, daß sie es getan habe – und war ein bißchen stolz darauf – so, als habe sie den Mut gehabt, Göttern zu trotzen. Der Stolz war immerhin voll Unruhe …

Und nun dies? Was bedeutete es?

Er wollte ihren Vater in eines seiner gewaltigen Unternehmen hineinziehen? Wozu ja Vater weder das Geld noch die geistigen Dispositionen hatte. Denn Therese wußte, daß ihr Vater eine feine, gelehrte Analytikernatur sei; und bei den Ratsetzungen, die alljährlich in immer wechselnder Verteilung die Senatoren verschiedenen Verwaltungs- und Regierungszweigen zuwiesen, war ihr Vater noch niemals in die Finanzkommission oder in die für Handel und Schiffahrt gekommen.

Der Senator sah mit wachsendem Erstaunen, daß seine Tochter erst stark errötete und dann in ein lang sich ausspinnendes Nachdenken verfiel. Er schonte stets die Nachdenklichkeit anderer. Er wußte, wie das ist: wenn ein Wort zu früh oder plump in solch ein Filigrangefüge von ganz dünn ineinander hängenden und sich auseinander heraus entwickelnden Gedanken fährt – den klaren Abschluß gefährdet das, lenkt auf Nebenziele hin …

Ihm fiel auch die Begegnung von gestern morgen ein und jener unverwandte Blick des Mannes …

Unsicher und mit der Welt und ihren tausend Zettelungen immer ein bißchen in scheuer Unordnung, wie er war, witterte er irgendwelche ihm unbekannte und unbegreifliche Dinge hinter dem allen.

Seine Frau hätte wieder gesagt: »Ganz einfach, Bording will Senator werden und zieht dich plötzlich an den Haaren heran, damit du für ihn stimmst.«

Aber das war natürlich Unsinn. Wie so viele stille und zartgeistige Menschen hatte er den Beobachterblick! Und er wußte: Jakob Bording ist eine großzügige Natur; er kann vielleicht mit der Faust dreinschlagen, aber schmeichlerisch jemand umwerben kann er gewiß nicht!

Hing das vielleicht irgendwie mit Therese zusammen?

Er bekam rote Bäckchen und strich sich über sein glattes Blondhaar.

Ja – ja – seine Therese …

Und er fühlte aus den Untergründen seines Gemüts irgendeine unbestimmbare Rührung aufsteigen.

»Vater,« sagte Therese jetzt voll Entschlossenheit, »ich meine: geh da hin! Du hörst, um was es sich handelt und bist dadurch noch durchaus nicht verpflichtet, dich an dem Unternehmen zu beteiligen.«

Aber in ihm war doch noch eine Verlegenheit.

»Sieh mal, mein' alte Deern,« sprach er beinahe schuldbewußt, indem er genau das Deckblatt seiner Zigarre besah, »wir haben meine vierzehntausend Mark Senatorsgage, wir haben die hübsche kleine Rente aus dem Landskronschen Familientestament und die Zinsen von fünfunddreißigtausend Mark, die ich von meinen Eltern erbte. Deiner Mutter alte Mutter lebt ja noch und von der Seite hast du noch mal ein wenig zu erwarten – aber im Moment habe ich bar disponibel doch eben bloß die Fünfunddreißigtausend, die in Konsols und Staatsanleihen angelegt sind und die ich niemals bei einem industriellen Unternehmen wagen darf. Sterb' ich mal und meine Senatorsgage fällt fort, so habt ihr nur die Rente aus dem Testament, die Zinsen der Fünfunddreißigtausend und die kleine Witwenpension von Mutter. Du weißt, der Staat sorgt nicht für die Senatswitwen, es ist eine Privatwitwenkasse der Senatoren unter sich und es kommt immer auf die Zahl der gerade vorhandenen Witwen an, wie viel auf jede fällt. Wenn das von Vording geplante Unternehmen nun von allen anderen zu der Konferenz geladenen Herren durch stattliche Zeichnungen gestützt wird? Und ich soll dann sagen – auch wenn mir das Unternehmen wohl scheint – du weißt, es ist nicht mein Gebiet, diese Gründersachen … es ist fatal, in meiner Stellung zu sagen, man hat nicht die Mittel …«

»Gar nicht fatal ist es!« sprach Therese flink. »Wir können nicht alle Jakob Martin Bording sein. Fatal muß den Männern zumute sein, die großspurig diese wie jede Unternehmung unterstützen, um im Vaterstädtischen große Männer zu scheinen – du weißt wohl, es gibt hier solche! Ehre von den Mitbürgern haben! Immer vorneweg sein – Einfluß suchen und üben und dabei heimliche Sorge im Kopf um das eigene Soll und Haben! Aber wenn 'n Ehrenmann still und fest sagt: dies ist wohl groß und schön, allein ich muß beiseite stehen, denn ich bin kein Krösus – das finde ich nicht fatal, sondern anständig. Glaub mir, Vater: Jakob Bording versteht so was und achtet so was ….«

»Ja, kennst du ihn denn so genau?« fragte der Senator verdutzt.

»Ach – man macht so seine Schlüsse …« murmelte Therese.

Dann umhalste sie ihren Vater, drückte ihren Kopf gegen seinen und wiegte ihn ein bißchen hin und her, als sei er ein Kind, das man begöschen müsse.

»Denk doch nicht, daß Bording nicht unsere Verhältnisse genau kennt! Hier weiß ja immer einer vom anderen bis auf 'n Pfennig genau, was er hat – wenn es nicht aus guten oder vielmehr aus schlimmen Gründen künstlich vertuscht wird. Bording kennt doch auch die Geschichte deines Geschlechts und wird wohl nicht vergessen haben, daß es ein Senatoren- und Richtergeschlecht ist seit mehreren Generationen. Na, und da sagte er sich von selbst, daß bei dir die disponiblen Tausende nicht einfach bloß so aufs Angelegtwerden warten. Und wenn er dich trotzdem einlädt, hat er einen anderen Grund, als Absichten auf dein Geld. Und um dieses anderen Grundes willen, von dem ich im voraus überzeugt bin, daß er wichtig und für dich schmeichelhaft ist, gehst du hin!«

»Wir kennen seine Ansichten zwar nicht, aber wir billigen sie,« scherzte der Senator und war zu blindem Gehorsam für den Wunsch der Tochter gewonnen.

»Ja,« sagte Therese mit Nachdruck, »das tun wir, denn wir gehören nicht zu denen, die ihn ohnmächtig beneiden, sondern zu denen, die stolz darauf sind, daß wir so einen Mitbürger haben.«

Und hierauf ging sie hinaus, in beinahe großartiger Haltung, vergnügt, wie man es ist, wenn man seinen Enthusiasmus ohne Gefahr von Mißverständnissen frei heraus hat sagen dürfen. –

Es versteht sich, daß nach diesem Gespräch Senator Doktor Landskron in einer gewissen spannungsvollen Erregung – die er vor sich selbst als unlogisch immerhin

feststellen mußte, sich gegen zwei Uhr nach dem Kontorhause der Firma Jakob Martin Bording begab.

V

Der erste, der sich im Konferenzsaal einfand, war Dr. jur. Burmeester. Als ständiger Rechtsbeistand der Firma seines Vetters hatte er diesem noch vor Ankunft der übrigen geladenen Herren einige Berichte abzustatten.

Draußen schien die Sonne und vom Fluß herauf kam der Widerschein der schuppigen Unruhe der Wasseroberfläche. In Wellenlinien zitterte das fließende Spiel dieser Lichtbewegung rastlos und gleichmäßig über Schreibtisch und Wand.

Da kam auch schon Baumann und ließ eine breit ausladende Markise herab. Nun hatte das Gespräch der beiden Männer eine Begleitung von allerlei willkürlichen Geräuschen. Der Wind stieß an das Eisengestänge der Markise, daß es knarrte, oder beulte und knuffte in ihre Leinwand hinein; ihr straffes Widerstreben klang so hohl, wie das Blähen von Segeln klingt.

»Du siehst verteufelt blaß und überanstrengt aus,« sagte Burmeester, »und wenn nicht gerade die Senatswahl vor der Tür stände, riet' ich: spann mal aus!«

»Es ist nichts. Ich habe schlecht geschlafen.«

»Wer kommt denn alles?«

»Du wirst es gleich sehen. Unter anderen auch – Sanders.«

Burmeester wunderte sich gar nicht, daß der Name erst nach einem kleinen Anlauf herauskam.

»Bravo!« sprach er kräftig. »Wenn du ihn mit heranziehst, kann er nicht mehr gegen dich arbeiten, was oft zum Schaden des Gemeinwesens geschah – denn Sanders ist schon so: hindert aus Eifersucht und Eitelkeit. Aber da er ja sonst 'n fixer Kerl ist … Sympathisch hin, sympathisch her – hier kommt's nicht auf persönliche Prädilektionen und Abneigung an, sondern darauf, daß die Tüchtigen Schulter an Schulter arbeiten. Vorwärts müssen wir. Koste es, was es wolle.«

»Und dann … jawohl, Senator Doktor Landskron kommt auch.«

»Nanu? … ›Mich dünkt, der Herr ist fehl am Ort ‹,« zitierte Burmeester aus den Meistersingern.

»Gewiß – ja, darüber bin ich mir selbst klar – indessen – hör mal, du, Georg – ladet mich doch mit Fräulein Therese ein – du sagtest doch vorgestern …«

»Gott, das war ja halb und halb Spaß,« sagte Burmeester.

»Was halb und halb Spaß ist, ist eben anderseits halb und halb Ernst,« sprach Bording.

»Freilich- es ist kein unebener Gedanke. Ich könnte das auch unauffällig machen, daß nicht mal Grete was merkt. Das wohl – du kennst vielleicht ihre Manier – immer patronisiert sie irgendein junges Mädchen, befreundet sich innig, trotz größeren Altersunterschiedes – na, und dann erzürnt man sich über kurz oder lang – die Busenfreundschaft kriegt einen Riß und die junge Dame, ohne die bei uns monatelang kein festliches Mahl, kein Tee, kein Ausgang sein konnte, verschwindet von der Bildfläche. Seit einiger Zeit hält Grete es mit Therese Landskron, die aber ihrerseits keine Zeit oder Neigung zu Verkehr mit Hochdruck zu haben scheint. Wenigstens muß man sie viermal bitten, ehe sie einmal kommt. Ich könnte dir ja – wenn sie an einem der nächsten Abende mal bei uns sein sollte – telephonieren und du ›überraschst ‹ uns dann … ja, das ginge natürlich. Aber …«

Er besann sich noch.

»Weißt du, Jakob, sie ist ein sehr wertvoller Mensch – dies Mädchen – und es, wäre mir doch schrecklich, wenn durch mich Gelegenheit zu Hoffnungen geboten würden, die dann vielleicht in Enttäuschungen endeten. Das fühl mir nach.«

»Wie wollt' ich nicht!« sagte Bording ernst. »Aber nimm mein Wort: wenn diese erste Begegnung – für mich ist sie es im eigentlichen Sinn – wenn sie mir nicht sofort das entscheidende Gefühl gibt, Therese paßt für mich, werde ich jedes weitere Zusammentreffen vermeiden.«

»Das ist ja nun auch wieder verkehrt,« meinte Burmeester seufzend, »denn oft ändert sich der erste Eindruck, völlig … Grete fand mich anfangs unausstehlich … ich war der letzte, an den sie dachte …«

Dies Gespräch blieb zu Burmeesters Erleichterung unentschieden in der Luft hängen – es hätte ja auch, gerade infolge seiner letzten Bemerkung, eine Wendung zum Unentscheidbaren annehmen müssen. – Wie es so geht: das unverantwortlich gesprochene Wort, der flüchtig aufgetauchte Gedanke – sei er an sich noch so vernünftig – werden voll beklemmender Verantwortlichkeit, wenn es sich zeigt: das war Saat auf bereiteten Boden.

»Nee,« dachte Burmeester, »Ehen stiften is ja nu nich mein Geschäft – das wollen wir doch lieber den kaffeetrinkenden und skatspielenden alten Damen überlassen.«

Der Senator Doktor Landskron kam herein, in freundlicher Verlegenheit hinter seiner goldgefaßten Brille lächelnd.

Mit einer Lebhaftigkeit, ja Wärme, die sich in keiner Weise aus ihren bisher nur flüchtigen Beziehungen erklärte, eilte Bording auf ihn zu und begrüßte ihn, voll Dankbarkeit über sein Erscheinen, wie er ausdrücklich und mit viel Verbindlichkeit betonte.

»Ich komme etwas vorzeitig,« begann der Senator, »weil ich Ihnen gern vertraulich –«

Burmeester machte sofort eine Bewegung nach der Tür zu; aber Landskron antwortete schon mit einem Wink, daß er nur bleiben solle.

»Ja, vor Beginn der Konferenz, noch ehe ich die Fragen kenne, die mit zu erörtern Sie mir die Ehre gönnen wollen – ja, ich wollte Ihnen sagen, Herr Bording, daß ich kein Kapitalist bin.«

»Ich weiß es, Herr Senator.«

»Deshalb hätte ich vielleicht keineswegs zur Beratung eines Unternehmens erscheinen sollen, an dem ich mich gar nicht, oder nur in einem lächerlich kleinen Maßstab werde beteiligen können.«

»Doch, Herr Senator, denn es gibt Werte, die noch stärker wuchten als Geld. Sie bringen uns einen solchen. Ihre Persönlichkeit.«

Landskron verbeugte sich ein wenig, mit einem fast rührenden Lächeln, etwas unsicher, voll unbeschreiblich kindlicher Liebenswürdigkeit.

»Therese sagte auch … ja, sie bestand darauf, als ich Zweifel hatte …«

»Was sagte Fräulein Therese?« fragte Bording eifrig.

»Sie meinte, es lägen natürlich Ihrerseits Gründe vor, mich einzuladen, und Ihre Gründe, wenn man sie auch noch nicht kenne, seien immer richtig und wichtig.«

»So, so. Ich bin Fräulein Therese für dies Zutrauen dankbar verpflichtet und bitte um die Erlaubnis, ihr meine ehrerbietigsten Grüße senden zu dürfen.«

Doktor Burmeester, obgleich er nicht leicht verdutzt wurde, war doch ein höchst erstaunter Zeuge dieses außerordentlichen Austausches von höflichen Reden. Und er konnte nicht umhin, zu bemerken, daß das Wesen beider Herren gleichsam ineinander hinüberfloß, wie Ströme von Liebenswürdigkeit und Entgegenkommen, die sich vereinen wollen.

»Nanu!« dachte er. Und schloß eine Reihe flinker Vermutungen damit: zwischen Bording und Therese ist offenbar schon längst was im Gange und mein Rat war Senf nach Tisch; es hat Jakob beliebt, mich etwas an der Nase herumzuführen; aber da kann ich die zwei ja auch, ohne Kupplerverantwortlichkeit, schleunigst zusammen einladen.

Daß der eine Mann in einem Vorsatz handelte, den er sich in bitterer Stunde selbst aufgezwungen, konnte er ebensowenig ahnen, wie er die zitternde Aufregung des anderen Mannes zu erraten vermochte, der sich ja gar nichts anderes einbildete, als daß seine Therese und Bording sich füreinander interessierten.

Im Vorzimmer, wo Baumann den Herren beflissen Hut und Stock abnahm, hörte man Stimmen. Burmeester kannte seine Leute und dachte sich, daß sie wohl draußen einer auf den anderen warten und sich gegenseitig etwas auszuhorchen trachten würden, um dann alle auf einmal in geschlossener Gruppe, etwas zögernd und zum Teil unfrei, hereinzukommen. Dieser Voraussicht entsprachen die Herren denn auch.

Indessen war die gegenseitige, allgemeine Begrüßung von einer fröhlichen Kameradschaftlichkeit. Mehrere der Herren nannten sich Du. Sie waren entweder irgendwie miteinander verschwägert oder hatten zusammen auf der Schulbank gesessen. Das war auch der Fall mit Jakob Martin Bording und Meno Sanders.

Seit mehr als sechs Jahren, wenn gemeinsame Pflichten im Dienst der Vaterstadt sie in irgendeiner Kommission zusammenführten, wenn man sich bei Herrendiners oder sonst irgendwo traf – seit mehr als sechs Jahren begegnete Jakob Bording dem Blick des anderen voll gleichgültiger Ruhe.

Und heute – heute, wo er zum ersten Male vielleicht ihn wieder frei hätte ansehen dürfen – heute fühlte er, zu seinem eigenen Schreck, ein rasch einsetzendes Herzklopfen, und eine leichte Röte flackerte über sein Gesicht. Er zwang das nieder, sein Stolz besiegte die peinvolle Demütigung, die in dieser Aufwallung versteckt lauerte.

Auch Sanders hatte mit Unfreiheit zu kämpfen. Dann nahm sein volles, langes Kürbisgesicht einen Ausdruck von Hochmut ohnegleichen an und in den hellen Augen glimmte ein Stechen.

»Ich danke dir, Sanders, daß du gekommen bist.«

»Oh, bitte – ich bin gespannt, was du uns vorzutragen haben wirst.«

»Interessantes hoffe ich; Zukunftreiches denk' ich.«

Und plötzlich vergaß er all die Schranken, die persönliche Abneigung, Schuld und Vorsicht zwischen diesem Manne und ihm aufgerichtet hatten.

»Sanders,« sagte er warm, »es sollte mich herzlich freuen, wenn wir zum ersten Male Hand in Hand gingen. – Wir wollen ja doch beide dasselbe: die neue Blüte unserer Hansestadt!«

Solcher Wärme hatte Meno Sanders sich nicht versehen. Er dachte gleich: »Was bezweckt er damit?« und dachte weiter: »Die Sache wird wohl riskant sein und er hofft mehr von meinem als von seinem Gelde hineinzustecken ….«

Aber er sprach auch seinerseits einiges, worin unbestimmt und allgemein die Worte »vaterstädtische Interessen« und »Pflichten gegen unser auf sich selbst beruhendes Gemeinwesen« vorkamen.

Die anderen Herren taten, als ob sie auf die Begrüßung der beiden Männer, deren unklare, aber starke Gegnerschaft bekannt war, nicht achteten.

Einige von ihnen spaßten und neckten sich.

»Man weiß ja noch nich, was los ist,« sagte der Konsul Hartmann-Flügge, »aber daß du 'n guten Rock dabei anziehst, das ist allemal gewiß.«

Dabei schlug er Burmeester auf die Schulter, der wohlgelaunt lachte.

»Sehr richtig,« stimmte jemand bei, »die Welt stellt sich immer die drei Hansestädte als kaufmännische Republiken vor. Und im Grunde sind wir Kaufleute offenbar bloß da, damit wir die Fettweide für euch Juristen düngen.«

»Meine Herren, lassen Sie mich in Frieden,« sprach Burmeester vergnügt, »schließlich ziehen wir ja alle an einem Strang. Patriotismus und Geschäft durchdringt sich gegenseitig. Kann es was Gesünderes geben? Was man auch unternimmt: Nutzen muß dabei sein, für den Staat und für jeden beteiligten Bürger. Sonst sind die Sachen faul in sich.«

»Ich bitte, meine Herren!« rief jetzt Bording laut und nötigte mit anordnender Handbewegung zum Sitzen.

Nun reihte man sich um den Tisch, auf den durch das Oberlicht helles Licht fiel. Acht Bogen lagen auf der grünen Tischplatte, und neben jedem dieser länglich viereckigen weißen Papierflecke ein schwarzblanker Bleistift.

Der Herr des Hauses saß vor; hinter seinem Rücken blieb die Tür zum Privatkontor auseinandergeschoben und dort saß Naumann, etwaiger Befehle zum Stenographieren oder Telephonieren gewärtig, eine Schachtel mit hustensänftigenden Pastillen in der Seitentasche seines Sakkos.

Rechts neben Bording hatte Senator Doktor Landskron seinen Platz. Rote Bäckchen machten sein bartloses Gelehrtengesicht blühend und er saß beinahe in festlicher Erwartung wie ein Geburtstagskind und dachte immerfort gerührt und strahlend: »Ja, meine Therese …«

Obgleich sie ja in der Welt Gottes nicht das allermindeste mit dieser Konferenz zu tun hatte.

Ihm folgte in der Reihe Heinrich T. Kröger, ein bärtiger Mann, schon grau, mit nervöser Unruhe im Wesen und schweifenden Blicken. Vom beständigen gebückten Sitzen und Schreiben am Kontorpult seit seinem fünfzehnten bis zu seinem gegenwärtigen sechzigsten Jahre war seine rechte Schulter ein wenig höher und das Blatt trat nach hinten leise heraus, während die Linke etwas hing. Kritische Ablehnung lag vorweg in seiner Miene, ehe er wußte, worum es sich handelte, denn seine Frage war all und jeder Neuerung gegenüber: »Was soll das?«

Als dritter an dieser Seite des Tisches hatte der Konsul Hartmann-Flügge seinen Platz angewiesen bekommen, der etwas einem älteren Hauptmann in Zivil glich, blond und forsch, aber doch von allzu tollem, nicht mehr statthaftem Übermut schon fern. Jedenfalls machte er aber den Eindruck eines Mannes, der sich in unbesorgter Lage fühlt und was von Essen und Trinken versteht. Er hielt die Hände vor sich gemütlich auf dem Tisch gefaltet und sah aus wie einer, der alle Dinge wohlwollend an sich 'rankommen läßt.

Unten am Tisch, hoch und breit, in dem männlichen Charme seiner alternden Gladiatorenerscheinung, saß Burmeester und fuhr sich voll Ungeduld das eine und andere Mal mit fünf Fingern durch sein grauschwarzes, unwahrscheinlich dickes Haar.

Zu seiner Rechten, dem Konsul Hartmann-Flügge gegenüber, wartete der kaufmännische Senator Nikolaus Hedenbrink voll verzehrender Spannung auf Bordings Mitteilungen. Er, Hedenbrink selbst, ein weißhaariger Charakterkopf, an dem kein Mensch vorbeisehen konnte, so bedeutend waren seine etwas scharfen Züge, so klug und fest sein Blick, so stolz die hagere Gestalt – er trug sich auch mit einem großen Plan, ebenfalls eines Unternehmens von weithin wirkenden, förderlichen Möglichkeiten … Und da er wußte, daß die Duplizität der Ereignisse eine immer wiederkehrende Erscheinung ist, so wäre er nicht erstaunt gewesen, seinen eigenen Plan von Bording entwickeln zu hören – – für welchen Fall er seine Entwürfe und Berechnungen in einer Aktenmappe mit sich führte, um den Konferenzteilnehmern sogleich beweisen zu können, er habe den gleichen oder ähnlichen Gedanken gehabt.

Der ziemlich kleine Mann neben ihm war das, was man einen Sitzriesen nennt. Auf dem Stuhl, am Tische, hätte der Konsul Gundlach auf Fremde ganz stattlich wirken können. Sein weißer, starker Bart mit ausrasiertem Kinn, der Kneifer auf der gebogenen Nase, die kahle Stirn sahen nach etwas aus. Die Einheimischen wußten: wenn er aufstand, war er bloß ein Männchen, das sich rasch und vordrängerisch bewegte und es verstand, niemals übersehen zu werden. Es gab auch keinen Aufruf zu wohltätigem, vaterländischem oder vaterstädtischem Zweck, unter dem sein Name gefehlt hätte. Er war immer und überall dabei und glaubte in verantwortungsvollem Ernst, daß es anders nicht gehe, daß er sich einfach einer Pflicht beuge, und in dem Zwang dieser Autosuggestion brachte er viel Geldopfer. Denn natürlich: das ewige Aufrufunterzeichnen kostete Beiträge, die noch dazu einigermaßen ermunternd sein mußten. Oft, wenn von seinem Konsulat gesprochen wurde, hieß es, er sei Konsul von San Marino, aber das war natürlich nicht wahr. Immerhin vertrat er ehrenamtlich einen Staat von fabelhafter Fernheit und Kleinheit, der noch niemals einen Untertan in der Freien und Hansestadt in hilfsbedürftiger oder notheischender Lage gehabt hatte.

Zwischen Gundlach und dem vorsitzenden Hausherrn hielt sich Sanders imposant, ruhevoll und in äußerer Kälte, ohne zu vermuten, daß Burmeester es ihm an den bebenden Nüstern des Falkennäschens, an der erhöhten Farbe der langen Kürbiswangen ansah, wie er innerlich erregt war.

Bording, räusperte sich etwas. Das war seine Gewohnheit, ehe er zu sprechen begann. Die Linke auf die Mappe mit Dokumenten legend, die Finger der Rechten an die Tischkante gehakt, saß er gerade aufgerichtet, fast unbeweglich und sprach: »Zunächst, meine Herren, lassen Sie mich Ihnen danken, daß Sie meiner Aufforderung nachkamen. Ich darf wohl darin den Beweis erblicken, daß Sie, wenn nicht a priori mit Vertrauen vielleicht, so doch mit Interesse an das herantreten, was Ihnen zu unterbreiten ich mir nun erlauben werde. Es ist mir wohl bekannt, daß der eine oder andere von Ihnen jahrelang der Entwicklung meines Geschäftes mit einigem Mißtrauen gegenübergestanden und mich möglicherweise sogar mit jenem amerikanischen technischen Wunderkünstler verglichen hat, von dessen Arbeiten man jetzt Abbildungen in den Zeitungen sieht und der seine Brücken, ohne jenseitiges Widerlager und ohne Pfeilerstützen, in freiem Bogen in die Luft hineinbaut – wobei man noch nicht weiß: werden diese Bauten Dauerhaftigkeit haben?«

Jeder wußte: dies war vor allen Dingen Sanders gesagt. Während die Runde sich deshalb bemühte, Sanders nicht anzusehen, guckte Hartmann-Flügge in seiner völligen Gentlemanwurstigkeit ihn gerade an und dachte: »Süh so, Meno, nu kriegst du deinen Lex.«

»Mit einiger Genugtuung kann ich darauf verweisen, daß ich glaube, auch die Zögernden und Zweifelnden längst überzeugt zu haben, wenigstens davon, daß ich niemals ein Unternehmen begann, dem es an verständiger und übersichtlicher Grundlage gefehlt hätte. Auch das, an dem teilzunehmen ich heute nicht nur Ihnen proponieren will, sondern auch, je nach den Resultaten unserer Besprechung, einem weiteren Kreis von Mitbürgern, baut sich auf den verheißungsvollsten Vorbedingungen auf. Es ist Ihnen bekannt, meine Herren, daß mein Haus auf seiner ägyptischen Faktorei El Chatb seit acht Jahren Baumwolle gebaut hat. Man hat dort an Ort und Stelle mittels Egreniermaschinen den Samen abgeschieden und in der Hauptsache als Viehfutter und wohl auch zur Ölproduktion verkauft. Wir bauen dort die aus China eingeführte Gossypium religiosum, die gelbe Samenhaare, kurzstapelig, von zwanzig Millimeter Länge hat. Die Ernte ist ihrer Quantität nach stets befriedigend gewesen, weil durch die Nilregulierung und die Gleichmäßigkeit des Klimas alle Zufälligkeiten fast ausgeschlossen sind. Die Ballen der rohen Baumwolle wurden auf dem Schiffswege den westlichen Nil und den Mahmoudiehkanal entlang nach Alexandrien geführt, wo meine eigenen Dampfer, ›Iwan der Große ‹ und ›Ramses der Große ‹, die eine regelmäßige Verbindung zwischen dort und Odessa unterhalten, sie übernahmen. Unsere Baumwolle wurde abgegeben an Spinnereien in Moskau und Kiew. Indessen hat die Qualität der Baumwolle von Jahr zu Jahr nachgelassen; es besteht kaum ein Zweifel mehr, daß die Ursache davon der zur Regulierung und Ansammlung des Nilwassers gebaute Damm in Oberägypten ist. In dem zurückgehaltenen Wasser sinken die Bestandteile, die die natürliche Düngung der Felder besorgten, es ist vor allem wohl Tatsache, daß sich das Wasser dadurch an seinem Gehalt, besonders an kohlensaurem Kalk, der achtzehn Prozent betrug, erheblich verringert hat. Diese Verhältnisse haben in mir den Plan erstehen lassen, ohne die an sich ja sehr blühende Faktorei El Chatb aufzugeben, Baumwollkultur in Ostafrika, in unserer Kolonie, zu beginnen, in der Voraussicht, daß die dortige Produktion, wenn auch in ihrer Quantität nicht von solcher Regelmäßigkeit, doch in ihrer Qualität ganz besonders erstklassig sein würde.«

Der Senator Hedenbrink hatte längst befriedigt vor sich hingenickt – unwillkürlich – weil er hörte: seinem Plan ward kein Segelwind weggenommen, Bording wollte offenbar ganz wo anders hinaus. Und nun sah er so gesammelt aufmerksam den Sprecher an, daß in der Konzentration seines rechnerischen Nachdenkens ihm eine kleine Ader auf der Stirn anschwoll.

Bording sprach weiter. Er berichtete, daß sein Disponent Peter H. Petersen, von der Regierung der Kolonie unterstützt, beraten von Orts- und Fachkundigen, in Deutsch-Ostafrika Ländereien, soweit angängig längs oder in Nähe der in Bau befindlichen Bahn, aufgekauft habe, die für Baumwollkultur besonders geeignet seien. Man würde dort vorteilhafter die auch in Amerika angebaute Gossypium hirsutum mit langstapeligen Samenhaaren kultivieren. Die Ernte könne mit dem zweiten Jahr beginnen und würde im fünften Jahr des Bestehens der Plantagen volle Produktionskraft darstellen. Mittlere Ernten angenommen, dürfe die Produktion auf zwölf- bis fünfzehntausend Ballen eingeschätzt werden. Auf dem Wasserwege nach Hamburg verfrachtet, von dort durch den Kanal nach hier weitergeführt, würde diese Quantität genügen, um eine hierorts zu gründende Baumwollspinnerei von fünfzigtausend Spindeln und einen Arbeiterstab von zirka siebenhundert Köpfen zu beschäftigen. Bording legte auch dar, wie und wo das Absatzgebiet für das zu erzeugende Fabrikat zu suchen sei, und kam dann auf die Frage der Finanzierung des Unternehmens, das er sich als Gesellschaft mit beschränkter Haftung denke. Das Grundkapital habe vier Millionen zu betragen. Mit einer Million denke er als erster Zeichner aufzutreten. Die Nordische Handelsbank in Hamburg sei wahrscheinlich bereit, mit anderthalb Millionen sich zu beteiligen; der Bescheid hierüber, nach vorangegangenen ausführlichen Verhandlungen mit ihm, solle jetzt, von dieser Konferenz aus, per Telephon erfragt werden; man sei verbunden und der Draht für die Dauer dieser Sitzung belegt. Die weiteren anderthalb Millionen, denke er, würden sich in der Stadt unterbringen lassen. Er wisse, daß bei dem mehr nur wohlhabenden als reichen Charakter der Stadt vielleicht mit Zögerungen und Schwierigkeiten zu rechnen sei, aber da er ganz bestimmt an eine große Zukunft des Unternehmens glaube, so werde durch die Teilnahme vieler eben auch vielen die große Dividende zugeführt. Und mit dieser Teilnahme erwache das Interesse und die Lust für andere, zukünftige Unternehmungen.

Seine Stimme war zuletzt ein wenig spröde geworden. Er spürte mit der Feinheit des Nervösen, auf den die Stimmung der anderen wie von selbst hinüberwirkt, der aus dem Fühlen heraus schon Wissen hat, daß einige der Anwesenden ihm eine obstinate Stumpfheit entgegensetzten. Und das irritierte ihn. Zuletzt richtete er Wort und Blick nur an den scharfzügigen, weißhaarigen Kopf des Senators Hedenbrink, dessen kluge Augen wachsam waren. Große Kaufherren enthusiasmieren sich nie mit lebendigen Gesten und in raschem Feuer. Mit keiner Miene verriet Hedenbrink seinen Beifall oder sein Mißfallen. Er merkte eben nur sehr genau auf.

Jetzt gingen die Bögen mit den topographischen Aufzeichnungen, den Berechnungen und den Entwürfen für die Fabrik, den Abbildungen von Maschinen herum. Mit einem dumpfen, fast glucksenden Ton schwankten die Pappbögen in den Händen, rauschten knitternd die Papierblätter.

Und nebenan, vor dem breiten Fenster, beulte sich der Wind in die Markise, die knarrend widerstrebte.

Der erste, der ein Wort sprach, war Herr Heinrich T. Kröger. Mit dem Ausdruck äußerster Verstimmung sagte er: »Laß die Industriellen ihre Industrie besorgen. Ich bin Kaufmann.«

Der Konsul Hartmann-Flügge, der nachdenklich ein bißchen vor sich hingesummt hatte, lehnte sich zurück, versenkte die Hände in die Taschen seiner hellen Hose und sagte: »Oje – wem liefe nicht das Wasser im Mund zusammen, wenn er von hohen Dividenden hört! Das Dumme ist: es dauert immer zwei, drei Jahr, ehe sie 'reinkommen. Und das kann nicht jeder aushalten. Das finnländische Geschäft is höllisch prekär und mager geworden. Ich sitze da unangenehm fest. Dennoch, Jakob – vorbeilassen will ich das auch nich – Und recht hast du auch: nur wenn breite Kreise sich an neuen industriellen Sachen beteiligen, werden sie gewissermaßen Gemeingut des Ehrgeizes und helfen der Stadt weiter. Ich muß aber leider meine Zeichnung auf zehntausend Em beschränken.«

«Ich habe schon gestern meinem Vetter gegenüber meine Bereitwilligkeit erklärt, mich mit hunderttausend Mark an der Gründung zu beteiligen,« sprach Burmeester.

»Sag' ich es nich – die Juristen!« nickte Hartmann-Flügge vor sich hin.

»Meine Herren!« begann der Konsul Gundlach, indem er sich erhob – was er törichterweise immer tat, wenn er sprach, weil er sich dann noch wichtiger vorkam, während für andere dann erst recht das possierliche Mißverhältnis zwischen seinem Kopf und Körper hervortrat. »Meine Herren!«

Hier folgte schon eine Pause, während welcher Gundlach seinen Kopf erst nach rechts, dann nach links wandte.

»Meine Herren! An dem Einwand meines verehrten alten Freundes Kröger komme ich nicht vorüber. Der steht da wie ein Wahr- und Mahnwort. Jawohl, meine Herren, wir sind Kaufleute – mit Ausnahme unseres verehrten Senators Doktor Landskron und des Herrn Doktor Burmeester – jawohl, Kaufleute sind wir. Laß die Kolonisten Plantagen bauen, laß die Industriellen Industrie betreiben.«

Er setzte sich. Er war innerlich sehr zufrieden, eine Devise gefunden zu haben, unter der er verneinen konnte. Denn er würde niemals eingestanden haben, daß es ihm an den Mitteln fehle, eine des Konsuls Gundlach würdige Zeichnung zu machen.

Der Senator Doktor Landskron fühlte sich irgendwie ein wenig wie von einem Vorwurf oder einer Frage betroffen, durch Gundlachs Verbeugung zu ihm hin. Mit seinem heißen Gesicht, etwas atemlos, sprach er: »Ich, meine Herren, bin Jurist. Nicht wie unser verehrter Freund Doktor Burmeester im Gründungswesen, auf dem Kapitalmarkt und in kaufmännischen Fachangelegenheiten hocherfahren…«

»Gerissen,« flüsterte Hartmann-Flügge verbessernd, wofür er von Burmeester unter dem Tisch einen Knuff bekam.

»Ich bin Gelehrter und auch im Senat mehr als alle anderen juristischen Senatoren ein wenig Spezialist in diesen und jenen Verwaltungssachen. Meine Berufung in diese Konferenz hat mich überrascht und ich bin Herrn Bording zu großem Dank dafür verpflichtet. Die glänzenden Darlegungen haben etwas Begeisterndes. Das Unternehmen, wenn es zustande kommt – und ich wünsche heiß, daß es zustande kommt – ist geeignet, unsere Stadt abermals um einen guten Schritt vorwärts zu bringen. Ich bitte Herrn Bording um Erlaubnis, mich in dem sehr bescheidenen Maß, das ich ihm schon vor der Sitzung andeutete, an den Zeichnungen beteiligen zu dürfen. Ich bin nicht vermögend.«

Die Beflissenheit, mit der er diesen Schlußsatz anfügte, hatte für Jakob Bording etwas sehr Wohltuendes. Es lag so viel vornehme Besorgnis darin, in finanzieller Hinsicht von irgendeinem der Anwesenden vielleicht gar überschätzt zu werden. Man sah: dieser feine Mensch, in all seiner Unsicherheit von Entschlüssen, hatte doch die vollkommenste Sicherheit einer Persönlichkeit von reinlichem Stolz.

Bording schaute ihn fast liebevoll und sehr nachdenklich an.

Senator Landskron erwiderte den Blick strahlend. Er seufzte ein wenig. Und dachte abermals höchst unlogisch: »Ja – meine Therese …«

Die beiden, auf die es hier im praktischen Sinn vor allem ankam, hatten sich noch nicht geäußert. Senator Hedenbrink saß über die Berechnungen gebeugt und verfolgte Zahlengruppen mit dem Bleistift in der Rechten.

Sanders saß starr und stumm. In einer kleinen, wohlfeilen Böswilligkeit ließ er auf seine Äußerung warten. Seinem Verstand, der schnell und scharf war, leuchtete die Sache ein. Er wollte sich, wenn sie zustande kam, auch daran beteiligen. Aber er wollte auch Jakob Bording reizen.

Und außerdem wußte er nicht, wie sich Senator Hedenbrink zu der Angelegenheit stellen werde. Er war von den kaufmännischen Senatoren der einflußreichste und galt als Mann von Entschlossenheit. Sanders dachte, es sei klug, der Meinung des Senators Hedenbrink zu sein – in einem Moment, wo man selbst in den Senat gewählt zu werden wünschte…

Bording hatte in Geschäften die zähe, fruchtbare und für seine Gegner furchtbare Geduld, die große Arbeiter mit großen Zielen haben. Aber dem einzelnen Menschen gegenüber verließ sie ihn manchmal. Und er war in seinem Gefühl unfrei vor Sanders…

Er fing an, seinen Schnurrbart mit kurzen Bewegungen rasch abzuwischen, seine Nasenflügel bebten.

»Nun, Sanders?« fragte er endlich.

»Man müßte ja mal hören, was die Nordische Handelsbank sagt,« antwortete Sanders langsam.

»Das hab' ich bereits mitgeteilt. Sowie wir ihr telephonieren, daß die Gründung einer Gesellschaft, mit dem Zweck der Baumwollkultur in Ostafrika und der Baumwollspinnerei an hiesigem Platz, beschlossen ist, wird sie sich erklären, ob sie sich definitiv mit anderthalb Millionen beteiligen will, und zu welchen Bedingungen.«

»Wenn sie das auch tut – anderthalb Millionen kriegen Sie hier nicht zusammen,« sagte eifrig der Konsul Gundlach, indem er sich erhob, um sich fast sofort wieder zu setzen.

»Die hiesigen Banken sollen natürlich herangezogen werden und die Emission der Aktien übernehmen, sicher wird man auch auf ihre eigene Beteiligung rechnen dürfen,« sagte Burmeester.

Sehr abfällig, fast verächtlich, äußerte Herr Heinrich T. Kröger: »Mit Baumwollspinnerei kriegen Sie die Stadt auch nicht wieder hoch. In früheren Jahrhunderten hat es hier auch nich so was gegeben. Und da waren wir groß. Da regierten wir die Welt, nich bloß hier oben um die Ostsee rum. Das waren andere Zeitläufte. Jawoll, das waren sie. Die können Sie nicht wieder herschaffen.«

Hierauf sprach man ein wenig durcheinander, und Burmeester versuchte in aller Geschwindigkeit eine kleine kulturhistorische Belehrung Krögers.

Da erhob sich eine scharfe, durchdringende Stimme. Senator Nikolaus Hedenbrink sprach, und er war, wie Bording, gewöhnt, gehört zu werden und autoritativ zu sein.

»Meine Herren! Die Einwände der Herren Kröger und Gundlach sind mir nicht entgangen. Ich muß ihnen antworten, daß ein beklagenswertes Beharrungsvermögen sich in den dargetanen Ansichten kundgibt. Wenn es jemals für unsere alte und ruhmreiche Freie und Hansestadt eine günstige Möglichkeit gegeben hat, ihre einstige Blüte in veränderter und den heutigen handelspolitischen Konstellationen gemäßen Form wieder zu erobern, so ist es im Jahrhundert der Technik und der Chemie! Diese beiden gewaltigen Faktoren bestimmen jetzt fast in jedem Beruf die Arbeit, zeigen ihr neue Ziele, zersprengen ihre bisherigen Schranken. Sie sind es, die den Agrarier zum Fabrikanten und Kaufmann machten, sie erweitern das Feld des Kaufmanns und leiten ihn zu Plantagenbau und zur Industrie. Die Kulturaufgaben des Kaufmanns, die ich in unserem bürgerlichen Jahrhundert, im Jahrhundert des Verkehrs, höher einzuschätzen geneigt bin als die fast jedes anderen Berufes, diese Kulturaufgaben haben sich verzehnfacht! Nicht nur die Gesellschaft war früher in Kasten geteilt und ist es bei uns, in verhüllter Weise, vielleicht noch. Auch der Erwerb hatte seine Etiketten und Schranken. Zünftig war der Geist. Zerbrechen wir diese Einseitigkeit, wenn es mit Verstand und Vorsicht geschehen kann. Der Anfang ist seit fünfzehn Jahren ungefähr gemacht, er war, er ist schwer, aber er ist nicht entmutigend. Auch ich, meine Herren, kam in diese Versammlung mit einem Plan, betreffend ein anderes Unternehmen, in der Tasche. Ich erkenne, daß die von Herrn Jakob Bording uns dargestellte Gründung viel weiter vorgediehen ist, als meine Projekte es zur Stunde sind. Ich stelle sie deshalb auf einige Zeit zurück, bezwungen von der Klarheit und Gesundheit des Unternehmens, daran teilzunehmen Herr Bording uns proponiert. Alle heutigen Abmachungen werden ja naturgemäß nur einen provisorischen und noch nicht rechtsverbindlichen Charakter haben, jedermann wird das Material gründlich nachprüfen, aber jedermann wird sich auch an seine hier und heute gegebene Zusage ehrenhaft gebunden halten, wenn die Nachprüfung dem ersten Eindruck entspricht. Ich beantrage deshalb nunmehr: Die hierorts Versammelten, mit Ausnahme der Herren Gundlach, Kröger und Sanders, beschließen die Gründung einer Gesellschaft, deren Zweck es ist, Baumwollkultur in Ostafrika und Baumwollspinnerei am hiesigen Platz zu betreiben.«

»Mit Ausnahme meiner? Wieso?« fragte Sanders mit rotem Kopf.

»Ihre Haltung war so zögernd, daß ich sie für höfliches Fernbleibenwollen hielt,« sprach der Senator Hedenbrink in seiner völlig objektiven Art. Ihm waren der Mensch Bording und der Mensch Sanders ganz egal. Er wußte vielleicht nicht einmal etwas von ihrer kühlen Stellung zueinander. Ihm galt immer nur: die tüchtige Sache, der tüchtige Mann, das Vorwärtskommen der Stadt.

»Aber ich bitte, Herr Senator – –« versicherte Sanders in ergebenstem Ton. Und fuhr dann fort: »Beeindruckt von den Auseinandersetzungen des Herrn Bording erkläre ich mich bereit, vorbehaltlich der von Herrn Senator mit Recht erwähnten Notwendigkeit einer Nachprüfung des Materials, mich mit einem Betrage von Hundertfünfzigtausend Mark an der zu gründenden Gesellschaft zu beteiligen.«

Er würde in diesem Moment sein halbes Leben darum gegeben haben, wenn er sich mit seiner Ziffer in gleicher Höhe neben Bording hätte aufrecken können.

Aber um wenigstens in den Anwesenden die Vorstellung zu erwecken, er sei durchaus in der Lage, wenn er bloß wolle, sprach er jetzt, wo die Sitzung für einen Moment unterbrochen schien, ehe entscheidende Maßnahmen begannen: »Bording ist Junggesell. Der kann sein Kapital immer neu in Unternehmungen 'reinstecken und es so kühn umsetzen, wie er will – ich muß liquides Vermögen sammeln, ich habe Söhne und eine Frau.«

»Und was für eine!« bestätigte Hartmann-Flügge beifällig. Dann fragte er anschließend: »Sag mal, Sanders, heut morgen stand kolossal fettgedruckt in der Zeitung, daß deine Thora 'n Anhänger verloren hat. Ihr bild't euch doch nich ein, daß ihr 'n wiederkriegt?«

»Warum nicht?«

»Fünfzig Em Belohnung?! Das will ich dir mal sagen, mein Junge, Menschenkenner scheinst du nich. Der Anhänger wird doch woll 'ne fromme Liebesgabe höchstselbst von dir gewesen sein? Na – nu ja – dann setzt man den vollen Wert von so 'ner Chose als Belohnung aus.«

Senator Hedenbrink ärgerte sich über dies Zwischengespräch, aber er wußte, daß kein Mensch die Jovialität des Konsuls Hartmann-Flügge aus dem Gleichgewicht zu bringen vermöge, daß ein verweisender Blick oder ein Wort ihn auch nicht weiter träfe, denn ihm imponierte kein Mensch.

Bording aber saß und horchte, mit einem verschlossenen, ernsten Gesicht, in sich hinein.

Sollte das nun immer so gehen, daß jedes flüchtige Gespräch, das diese Frau streifte, ihm Befangenheit brachte? Bei der Erwähnung des Anhängers sah er sich wieder in der lächerlichen und entwürdigenden Stellung auf dem Fußboden. Und er litt …

Er begriff nicht: früher war das nicht gewesen – all diese Empfindlichkeit – dies Gefühl der Blöße und Erschreckbarkeit …

War das der bittere Nachgeschmack nach leidenschaftlichem Rausch? Die entnervende Kleinheit des Katzenjammers? Man war doch einst, auf der flammenumloderten Höhe der Liebe so stolz gewesen, so groß – begierig fast nach Leiden, um darin die überragende Macht dieses Gefühls sich einander erweisen zu können – so Tristan- und Isoldenhaft hatte man sich gedeucht … Und nun?

Er seufzte schwer – ohne sich dessen bewußt zu sein. Alle hörten es. Und sie nahmen es für einen Ausbruch seiner Ungeduld über Hartmann-Flügges Abschweifen.

»Ich zieh mir deinen Seufzer zu,« sagte dieser gemütlich, »aber Schamröte is nich mehr.«

Man wandte sich nun mit voller Sammlung den Arbeiten zu und ernannte einen provisorischen, geschäftsführenden Vorstand. Die Verteilung der Ämter ergab sich von selbst; Jakob Bording schlug, wie es sein Respekt und der Takt gebot, den Senator Nikolaus Hedenbrink zum ersten Vorsitzenden vor. Er selbst nahm die Wahl zum zweiten Vorsitzenden an und Burmeester, Sanders und Hartmann-FIügge wurden Aufsichtsräte, deren Reihe später noch durch Bankdirektoren vom hiesigen Platz und aus Hamburg verlängert werden würde.

Der Senator Doktor Landskron durfte sich wohl an den Beratungen und an der Gründung selbst beteiligen; aber ihm, als juristischem Senator, war durch die Verfassung verboten, was seinen kaufmännischen Kollegen zustand: an der Spitze einer Handelsgesellschaft ein Amt zu übernehmen. Deshalb konnte er nicht in den Aufsichtsrat gewählt werden. Hierüber war Bording etwas perplex. Das hatte er, als mit der Verfassung nicht intim vertraut, nicht gewußt. Beinahe wäre er verlegen geworden. Was fand man nun eigentlich für einen Sinn darin, daß er den Senator Landskron hierher geladen? Ihm war, als müsse es allen auffällig erscheinen und die unbestimmten Gründe würden von allen Anwesenden erraten und plumpe Deutlichkeit bekommen.

Aber das freudig interessierte Gesicht des Senators beruhigte ihn – ward ihm zum angenehmen Eindruck. Wie überflüssig dieses Mannes Gegenwart hier auch war – ihm selbst schien die Beratung und seine Teilnahme daran doch wie ein Vergnügen.

So wandte Bording sich denn seinem Sekretär zu.

»Baumann, melden Sie der Nordischen Handelsbank Hamburg, daß wir die Direktion zu sprechen wünschen.«

Eine erwartungsvolle Stille legte sich über die Gesellschaft.

Baumann meldete: »Direktion Nordische Handelsbank am Telephon.«

»Sanders, willst du das Gespräch führen,« sagte Bording in bestimmendem Ton. Ohne Einwendungen erhob sich Sanders und trat an das Telephon. Es befand sich an der Längswand, ungefähr hinter dem Platz, wo der Konsul Gundlach saß und sich in Ärger verzehrte, weil sein Name bei dieser Gelegenheit nicht mit in den Zeitungen stehen würde; er war schon auf dem Wege zum Entschluß, von Bording eine Anleihe zu erbitten, um sich dann mittels des geliehenen Geldes doch noch in den Vorstand hineinschleichen zu können; Bording mußte doch begreifen, was daran lag, daß Konsul Gundlachs Name das Unternehmen stütze! Man hörte jetzt Sanders etwas belegte Stimme: »Hier Sanders, in Firma Sanders und Kompanie. Ich habe zu melden, daß sämtliche Herren, die bereit sind, sich als Gründer an der Gesellschaft für Baumwollkultur und –spinnerei zu beteiligen, sich hier im Konferenzsaal des Hauses Jakob M. Bording versammelt finden. Die Gründung ist fest beschlossen. Als erster Vorsitzender wurde Herr Senator Nikolaus Hedenbrink in Aussicht genommen, als zweiter Bording selbst. Von den übrigen hier Anwesenden werden Konsul Hartmann-Flügge, Dr. jur. Georg Burmeester und Meno Sanders dem Aufsichtsrat angehören.«

Dann sah man ihn lauschen – wobei seine Augen sich halb zukniffen.

Die Anwesenden hielten den Atem an und der arme Baumann ängstigte sich, daß er gerade jetzt einen Hustenanfall bekommen könne.

Sanders am Telephon wurde rot – horchte weiter, ließ den Hörer, ihn in der Hand haltend, sinken und wiederholte das Gehörte: »Die Nordische Handelsbank ist bereit, sich an der Gesellschaft für Baumwollkultur und –spinnerei in besprochener Höhe zu beteiligen, aber nur, wenn die Firma Jakob M. Bording für die ersten drei Jahre einen Zins von fünf Prozent garantiert. Im Falle die Firma Jakob M. Bording hierzu sich bereit erklärt, will die Nordische Handelsbank das Kapital dem Unternehmen für zehn Jahre lassen und es erst dann, in noch festzustellenden Raten, nach und nach wieder herausziehen. Obgleich die Nordische Handelsbank von der Gesundheit und der Zukunft des Unternehmens sich überzeugt hält, muß sie doch ihren Aktionären gegenüber die Festlegung eines so großen Kapitals mit gewissen Sicherheiten verteidigen.«

»Wenn die Nordische Handelsbank eine Dividendengarantie für die ersten drei Jahre verlangt, werden es alle übrigen Aktieninhaber ebenfalls tun,« sagte Hedenblink.

Sanders wiederholte die Worte in den Schallfänger hinein und sprach nach einer Pause von noch nicht einer Minute: »Dieser Wahrscheinlichkeit, ja Gewißheit hat die Direktion der Nordischen Handelsbank sich nicht verschlossen. Sie begreift, daß an dieser Frage die Sache scheitern kann, ist aber ihrerseits nicht in der Lage, infolge von bestimmten Direktiven ihres Aufsichtsrates, andere Bedingungen zu bieten. Will Herr Jakob M. Bording das Unternehmen nicht als Gesellschaft mit beschränkter Haftung, sondern einzig auf seine Rechnung entrieren, so liegt alles ganz einfach und die Bank bittet Herrn Bording, in jeder Weise über ihr Entgegenkommen zu verfügen, falls er ihrer Dienste bedürfe.«

Bording stand auf.

»Einen Augenblick,« sagte er, »ich bitte – fünf Minuten …«

Er ging mit starken, gleichmäßigen Schritten auf und ab, von der Wand am Ende des Konferenzsaales, hinter den Stühlen der drei Herren entlang, bis zum Fenster vorn im Kontor – immer hin und her durch beide Räume.

Drüben, hinter den anderen Stühlen, stand Sanders wartend, mit dem Hörer in der Hand.

Alle schwiegen, in ernstes Nachdenken sich vertiefend. Sogar Hartmann-Flügge dachte benommen: »Der Donner ja – das ist kein Pappenstiel …« Konsul Gundlach und Herr Heinrich T. Kröger sahen sich scheu und rasch an, in der geheimen Hoffnung, daß nun aus der ganzen Geschichte nichts würde, was sie dann an der Börse und in ihren Familienkreisen als einen Sieg ihrer warnenden Solidität herumsprechen konnten.

Senator Doktor Landskron verfiel in eine allgemeine, ängstliche Bekümmertheit. Er dachte: »Wie wird Therese traurig sein, daß es Menschen gibt, die diesem Mann Schwierigkeiten in den Weg legen.«

Denn so sah er dies an. Und er war in aller Geschwindigkeit zum anstaunenden Bewunderer Bordings geworden.

Hedenbrink aber, der Senator, erfaßte mit Burmeester zusammen am völligsten den fast dramatisch spannungsvollen Inhalt dieser Minuten. Sie wußten wohl beide: wenn die Sache an der Forderung der Zinsgarantie scheiterte, so machte Bording sie für eigene Rechnung. Aber das ideale Moment bei dieser Gründung, das fördernde, anspornende, aufrüttelnde sollte ja gerade sein, daß breite Kreise teilnahmen.

Diese beiden klugen Männer wußten, daß eine solche Gründung nicht nur eine volkswirtschaftliche, daß sie auch eine erzieherische und bildungsfördernde Bedeutung haben könne. Jeder Aktieninhaber nicht nur, alle intelligenteren Köpfe der Bevölkerung würden sich über die in Frage kommenden Materien unterrichten. Das weitete Wissen und Blick. Und wenn die ersten Dividenden hereinkamen, wuchs der Mut – die bescheidenste Vergrößerung des Einkommens, womit sich den Aktieninhabern das Wagnis lohnte, gab Unternehmungslust, trieb zur Wachsamkeit an, erregte den Wunsch, in solchen Dingen urteilsfähig zu werden – ward Vorstufe zum weiteren Aufstieg. Hedenbrink dachte auch zurück. Er erinnerte sich noch der Erzählungen seines Großvaters und Vaters. Durch diese Berichte fuhren auf den lebhaft bevölkerten Landstraßen noch Planwagen dahin, der schwer ausschreitende Fuhrmann im blauen Kittel neben den großen Pferden mit klirrenden Aufzäumungen, den gedankenvoll mitwandernden Wolfspitz fast an seinen Hacken. An der Deichsel baumelte die Laterne, und hart stöhnten die plumpen Räder. Mit lärmender Umständlichkeit führten diese Planwagen Stückgut heran und hinaus. – Segelschiffe erlitten romantische und furchtbare Gefahren, wenn Skorbut die Besatzung befiel – in gelben Postwagen kamen Geschäftsfreunde vorkutschiert, und Briefe wurden einmal am Tage ausgetragen. – Dann, in des Vaters Erzählungen, war der Pulsschlag des Verkehrs schon rascher, und man erinnerte sich voll Erstaunen des Widerspruchs und der Besorgnis, die die erste Eisenbahn hervorrief. Er selbst, Nikolaus Hedenbrink, bewahrte aus seiner Jugend im Gedächtnis das Wunder der ersten Telegramme und wußte noch, wie sein Vater die Ausgabe für ein solches erwogen, und welche Aufregungen entstanden, wenn ein Telegramm eine Antwort selbigen Tages forderte …

Hedenbrink dachte an das Buch, an dem er sich in seiner Jünglingszeit begeistert hatte, und in Erinnerung an die Erhebung, die er damals empfunden, ging leise ein weiches Lächeln über sein Gesicht. »Soll und Haben.« Ja – wer auf die klassischen Bilder jenes Kaufmannslebens aus gelasseneren Zeiten ein anderes folgen lassen wollte, eines, das den Großkaufmann von heute schilderte, in der Fülle seiner, die Erde umspannenden Beziehungen – sie von seinem Schreibtisch aus bemeisternd, als habe er elektrische Funken in seinen Fingerspitzen …

Immer unmittelbarer, immer peitschender war der Verkehr geworden und der Zwang zu weittragenden raschen Entschlüssen …

Was einst in beschaulicher Betrachtung, in weitläufiger Hin- und Herrede lange erwogen ward, ehe es sich zum Entschluß kristallisierte, sollte nun in einer zusammengefaßten Kraft aller Gedanken, die über tausendfältige Möglichkeiten in scharfem Überblick hinglitten, in Minuten entschieden werden …

Der eigene Vorteil, die Verantwortlichkeit gegenüber fremdem Kapital, der volkswirtschaftliche Schaden oder Nutzen einer Sache, ihre handelspolitische Tragweite, ihr Platz im Rahmen der gegebenen Verhältnisse, ihr Widerhall in der öffentlichen Meinung, die Arbeitsleistung, die sie forderte und die sich den schon vorhandenen Pflichten einzuordnen hatte – – all dies und noch zahllose, unnennbare Feinheiten, Gemütsmomente, die in jedem Verstandesentschluß mit enthalten sein müssen, soll er nicht die Kälte und Unfruchtbarkeit des Eises haben – die ganze ethische und finanzielle Verantwortlichkeit, zusammengepreßt in Minuten – –

»Ja,« dachte Hedenbrink, »das kostet Nerven! Der Kaufherr von heute muß die Phantasie eines Künstlers, die rechnerische Konzentration eines Mathematikers und die Entschlossenheit eines Feldherrn, in einer Minute zusammengefaßt, aufbringen …«

Und er sah voll hoher Achtung auf den jüngeren Berufsgenossen, der mit blassem, strengem Gesicht, in Nachdenken versunken, auf und ab schritt … Nun stand Bording still. Er hatte seine Berechnungen beendet. Er sah niemand an. Seine grauen Augen richteten ihren durchdringenden Blick nach der Wand gegenüber auf das kleine dunkle Rund des Schallfängers.

»Ich bin bereit,« sagte er, »für das ganze Kapital für die Dauer von drei Jahren eine Verzinsung von fünf Prozent zu gewährleisten.«

Eine freudige Bewegung entstand.

Mit sehr kräftigem Händedruck sprach Senator Hedenbrink ihm stumm Beifall und Dank aus.

Sanders bebten die Flügel des Falkennäschens zwischen den langen, vollen Wangen. Er dachte erbittert: »Bording läßt es sich was kosten, um sich populär zu machen vor der Senatswahl.«

Kröger rechnete nach: »Der Bank und den Aktionären zahlt er fünf Prozent, mit seinem eigenen Geld in seinem Geschäft macht er fünfzehn und zwanzig, also ist es immer noch ein Profit für ihn, wenn er das Unternehmen zu drei Viertel mit fremdem Geld unter Dach bringt. Und wenn die Geschichte wirklich schon im zweiten Jahr groß verdient, sackt er obenein noch das Plus über die fünf Prozent Dividende ein – so wird er sich das doch wahrscheinlich ausbedingen …«

Er hatte nicht begriffen, worauf es bei der Sache ankam …

Man blieb noch eine weitere Stunde zusammen, um die notwendigsten Vorarbeiten zu besprechen. Senator Hedenbrink brachte den Antrag, daß Vorsitzende und Aufsichtsräte während der ersten drei Jahre keinerlei Tantieme beanspruchen wollten, welcher Antrag einstimmig angenommen wurde. In gehobener Stimmung trennte man sich. Am erregtesten war von allen Männern der eine, der mit der bescheidenen einzigen Aktie, die er nehmen wollte und konnte, am allerwenigsten praktisch an der Sache beteiligt schien. Aber seelisch fühlte sich der Senator Doktor Landskron dieser Gründung gewissermaßen höchst nahe. Nicht nur weil er, obgleich er kein Kaufmann war, im Gegensatz zu den Herren Kröger und Gundlach, völlig begriffen hatte, worauf es bei diesem Unternehmen ankam …

Er sagte nachher seiner Therese: »Er ist ein großer und ein herrischer Mann seiner geistigen Struktur nach. Solche Menschen mögen lieber allein handeln, weil sie allein sich am stärksten fühlen. Aber er lädt sich die Beschwerlichkeit auf, dies Unternehmen zu einem allgemeinen zu machen, weil es die Vaterstadt fördern und den neu und immer stärker in ihr wiedererwachenden hansischen Wagemut stärken kann. Liebe Therese, ich muß dir sagen: ich bewundere ihn.«

Therese fiel ihrem Vater um den Hals, in einer wunschlosen Glückseligkeit, weil er rühmte, was ihr groß war. Bording war ihr ja so fern, so fern.

Auch nicht in ihren leisesten Gedanken, in jenen, die man sich nicht zu stummen Worten formen läßt, und die man doch beinahe deutlich erkennt in sich – nicht einmal in diesem nebulosen Hintergrund ihrer Empfindungswelt sah sie einen Zusammenhang zwischen sich und ihm, oder die Möglichkeit, daß ein solcher einmal von den geheimnisvollen Fingern des Schicksals sollte geknüpft werden.

Nein, nichts dergleichen.

Aber sie fühlte einen fröhlichen Trotz in sich. Wen in aller Welt ging das was an, daß sie diesen Mann aus ihrer Herzenstiefe verehrte? Keinen Menschen. Nicht mal ihn selbst ging das was an!

»Ach, wie schön ist es zu leben, wenn man bewundern kann,« dachte sie.

Und Herr Senator Doktor Landskron mußte nun sein berühmtes genaues Gedächtnis zu schärfster Leistung anhalten. Denn Therese, die in seiner verräucherten Studierstube auf seiner Schreibtischecke saß, wollte alles wissen: was der gesagt hatte, was jener für ein Gesicht gemacht habe, wie viel alle gezeichnet hätten – ob Bording sehr imponierend gewirkt habe – ach, dumme Frage – natürlich hatte er das … wie es in seinem Privatkontor aussähe … so viele Dinge, auf die selbst der genaueste Beobachter nicht gemerkt hätte. Aber der Vater war gefällig und erzählte so unersättlich, wie die Tochter fragte.

Und eigentlich saßen sie hier nicht zusammen wie ein gelehrter Würdenträger und seine kluge, gereifte Tochter. Sondern wie zwei Spießgesellen, die miteinander eine wundervolle Heimlichkeit haben.

VI

Grete Burmeester konnte eigentlich den Mund nicht halten. Und wenn ihr Mann sie deswegen ausschalt, verteidigte sie sich: »Schlechtes darf ich nicht weiter erzählen, und erzähl' ich auch nicht weiter – na ja, wenn es schon was Bewiesenes ist und alle Leute sowieso davon sprechen. Gutes oder Gleichgültiges soll ich auch nicht mal erzählen? Bitte, was soll ich denn mit meinen Bekannten sprechen, wenn ich sie treffe und sie reden mich an?«

Aber in der Sache Jakob Bording –Therese Landskron schwieg sie … Nicht wie ein Mann! Denn als Burmeester mit diesem Ansporn ihre Schweigekraft zu ungewohnter Leistung anstacheln wollte, sagte sie, das blonde Köpfchen verachtungsvoll hochtragend: »Ihr Männer klatscht viel mehr als wir. Von der Börse aus und von euren Stammtischen tragt ihr jedes greuliche Gerücht, das mal aufkommt, herum. Nein, ich werde nicht schweigen wie ein Mann, sondern so wie eine Frau es kann, wenn sie einsteht: es kommt darauf an!«

Und das sah sie ein: es kam darauf an. Nicht das leiseste Geraune über diese sich entwickelnde Beziehung durfte entstehen! Eine vorzeitige Anspielung unzarter Art gegen Therese oder gegen Bording, und das, was werden zu wollen schien, ward gewiß nichts.

Sie hatte ganz harmlos an jenem Abend von ihrem Mann die telephonische Nachricht entgegengenommen: »Jakob kommt zum Essen. Er hat später noch was Wichtiges mit mir zu besprechen. Wir sind ja wohl allein?«

Hierauf hatte sie am Telephon einen von ihm leider nicht gesehenen Blick gen Himmel geschlagen! Ihr Mann wurde wirklich schon ebenso zerstreut wie Jakob! Hatte sie ihm denn nicht heute mittag erzählt, daß endlich einmal Therese Landskron bei ihnen zu Abend speisen werde!

Sie erinnerte ihn hieran mit der ihr eigenen Ausführlichkeit beim Vortrage von Nebensachen und fragte schließlich: »Soll ich ihr absagen?«

Denn sie wußte: Jakob Bording und seine wichtigen Angelegenheiten gingen allen anderen Dingen vor, weil sie zum großen Teil auch die Quelle des ausnehmenden Wohlstandes ihres Mannes waren.

»Um Gottes willen nicht. Es wäre zu unhöflich. Es ist mir im Gegenteil lieb, dann bist du nicht so allein, wenn wir Männer uns nach Tisch zurückziehen.«

Darauf hatte sie ihm noch am Telephon ihr »Schlüsselwort« zugerufen – sie hatten sich nämlich noch immer über die Maßen lieb und zuweilen, wenn der Übermut sie anwandelte, riefen sie sich ein für alle anderen Menschen sinnloses Wort zu, das sie sich in ihren mehrjährigen Flitterwochen ausgedacht hatten und das eine Unsumme von drolligen Schmeichelworten, Sehnsucht, liebevollem Herunterputzen, neckischer Bewunderung und dergleichen mehr umfaßte.

Und als Therese dann kam, hatte die kleine Frau vorweg Entschuldigungen über den wahrscheinlichen Verlauf des Abends.

»Von Georg werden wir nicht viel haben – schade, nicht? Er kann so munter sein – hat immer noch was von 'nem großen Jungen – Gott – wenn Sie ihn genau kennten, liebe Therese! Nie verstimmt! Eine Ausgeglichenheit! Ich staune es immer an. Aber meine Georgette artet nach ihm – die kennt keine Launen. Während ich – na ja, man hat ja auch so viel Zustände – und sein Weh und Ach – Was wollte ich noch sagen? Richtig. Also Bording hat sich angemeldet, will nach Tisch noch mit Georg was besprechen – Gott, der läßt sich und anderen ja nicht mal ein bißchen Feierabendruhe.«

Da bemerkte die kleine Frau Grete Burmeester, daß ihre Freundin sehr rot wurde. Sie dachte mitleidig: »Hilf Himmel – Therese wird doch nicht …«

Denn sie, Frau Grete Burmeester, wußte es von ihren vieljährigen vergeblichen Bemühungen, Bording zu verheiraten, her: an dem war Hopfen und Malz verloren! Schon so mancher ihrer Freundinnen hatte sie die Enttäuschungstränen abtrocknen und über die Verliebtheit hinweghelfen müssen. Es wäre ihr recht peinlich gewesen, wenn auch Therese sich mit Hoffnungen und Liebe in dieser Richtung würde beschäftigen wollen.

Dazu war Therese eigentlich zu charaktervoll. Sie mußte doch durchaus auf jenem Fest im März sich klar gemacht haben, daß Bording sie gar nicht beachtete! Aber auf einmal fiel es Frau Grete ein: das Erröten galt vielleicht nur der damaligen Nichtbeachtung und entsprang verletztem Selbstgefühl. Sie, Grete, vergaß es ja auch nie, wenn jemand sie von oben herab behandelte. Und sie sagte eifrig: »Hoffentlich gibt Bording sich heut abend menschlich. Aber wenn er zerstreut sein sollte, wollen wir es ihm gewiß nicht übelnehmen, nicht wahr? Ein Mann, der so viel zu bedenken hat …«

Dann hatte aber der Verlauf des Abends gezeigt, daß sich Bording nicht nur »menschlich« betrug, sondern von einer Liebenswürdigkeit und Unterhaltsamkeit war, wie Grete sie fast noch nie an ihm beobachten gekonnt. Und als Grete, nachdem man abgegessen, daran erinnerte, daß die Herren sich ja zu geschäftlichen Besprechungen in Georgs Zimmer zurückziehen wollten, sagte er: »Es ist nichts Eiliges. Wenn wir dürfen, bleiben wir und rauchen unsere Zigarette hier.«

Sie sah es, sie hatte ja Augen: Jakob beschäftigte sich ausschließlich mit Therese! Jede Erklärung, jede Erzählung richtete er an sie. Die ganze Baumwollgründung setzte er ihr auseinander. Von den Maßnahmen sprach er zu ihr, die für den armen Baumann die besten sein würden, dankte ihr für den Hinweis auf die größeren Vorteile einer Anstaltsbehandlung, kam hierdurch auf die Pflichten großer Arbeitgeber gegenüber ihren Angestellten und entwickelte die Grundzüge eines in ihm schon fast zum Entschluß gereiften Planes, einer Invaliden- und Altenkolonie für diejenigen Arbeiter seiner Firma, die ihr eine bestimmte Zahl von Jahren gedient hätten.

Grete traute sich natürlich nicht, ihren Mann bedeutungsvoll anzusehen. Aber später, als erst Therese, von ihrem Mädchen geholt, fortgegangen war und dann auch bald Jakob sich verabschiedet hatte, später sagte sie ganz enthusiasmiert: »Georg – die beiden! Hast du gemerkt – es wäre ja himmlisch!«

»Wenn du willst, daß es nicht wird, schwatz nur zu aller Welt von der Möglichkeit!« sprach er. »Pfui! Du bist manchmal zu eklig mit mir. Nicht mit einem Wimpernzucken werde ich mir was merken lassen.«

Und sie hielt sich tapfer. –

Als Bording an jenem Abend nach Hause ging, siebte er in seinem Gedächtnis sozusagen alle Eindrücke, um das Wesentliche von dem Unwichtigen zu scheiden. Sein Verstand rechnete ihm eine ganze Reihe von angenehmen, verheißungsvollen Zügen vor, die er an Therese hatte feststellen können. Er wunderte sich ein wenig, daß er dies Mädchen bisher so völlig übersehen hatte …

Aber wie konnte er sich eigentlich darüber wundern … Zwei schwarze Augen hatten ihn immer überwacht … So kam es ihm plötzlich vor: als wenn diese Augen, auch wenn er ihnen fern war, ihn eifersüchtig immer gezügelt hätten … Nein, so war es doch wohl nicht gewesen. Aber betäubt erst, monoman der Sklave der Leidenschaft, später dann in trüben Unsicherheiten der Stimmung, war sein Blick müde an allen anderen Frauen vorbeigegangen …

Sie hatte viel Intelligenz, diese Therese. Eine gesunde und klare Wißbegier sprach aus ihren Fragen und ihrer Aufnahmefähigkeit. Frauen, die langsam und unlogisch dachten, waren ihm unerträglich.

Ein guter Lebensgefährte konnte sie werden. Der mitging, wenn man es von ihm forderte, aber auch den Takt hatte, ohne Zudringlichkeit beiseite zu stehen, wenn man seine Mitwissenschaft und Teilnahme einmal überflüssig fand.

Das erkannte er mit sicherem Instinkt.

Ihr Organ war ihm sehr angenehm. Es war eher tief als hell. Es war ein sanftes Gleichmaß in ihrer Tonstärke. Und sie konnte so liebenswürdig lachen – über Grete mußte man ja manchmal lachen, die behielt immer was von einem putzigen, lieben Kind – diese beiden Burmeesters hatten überhaupt eine Jugend in sich! – Es war ja wohl das Jungsein des Glücks – Und Bording fühlte bitter: ein Glück von solcher Art konnte auf seinem Stück Lebensgarten nicht mehr wachsen – über den war Tropenhitze gegangen … Seine Gedanken kehrten zu Therese zurück: Ja, eine stille, wohltuende Heiterkeit war in ihrem Lachen.

Sie war nicht schön. Nur sympathisch. Er erinnerte sich besonders ihrer feinen Haut, die ihr direkt etwas Appetitliches gab. Und dann ihrer schönen, tiefen, großen blauen Augen.

Es war kein kühnes und energisches Feuer darin, wie in jenen schwarzen Augen …

Gottlob nein. Aber eine Wärme und Güte, der man blind vertrauen konnte …

»Ich werde sie heiraten,« dachte er entschlossen, »sie mag mich, das fühl' ich – sie wird ja sagen.«

Er erwog die äußeren Verhältnisse. Sie hatte kein Vermögen. Egal. Ihre Familie war angesehen und verzweigt. Ihr Stiefvater ein Mann, den man lieb haben konnte, mußte. Von einer feinen Vornehmheit – seine Silhouette stand fast fremdartig inmitten der lauten Farben der Gegenwart.

Die Mutter? Ja, das war ein Punkt! Kein zusagender. Ohne Zweifel. Eine kleine Szene fiel ihm ein. Eine Straßenszene. Er ging mit Hartmann-Flügge. Vor ihnen, in breiter Majestät, Frau Senator Doktor Landskron. Sie trug immer Mantillen; es schien, daß die Konfektion doch irgend eine Möglichkeit hergab, daß stets Mantillen gekauft werden konnten. Es war auch bekannt – wenigstens Hartmann-Flügge sagte, daß es bekannt sei – daß Frau Senator immer noch Zeugstiefel mit Lackkappen und Gummizug trage, die ein kleiner, uralter Schuster ihr mache. Sie war sparsam und trug sie lange. Sie war aber auch schönlich und hob ihre Kleider hoch auf, damit sie keinen Schmutzsaum bekämen. Das hatte sie an jenem Tage mit besonderer Energie des Handgriffs getan.

Und nun, in der Nacht, sah Bording plötzlich die ungraziöse Frauenerscheinung mit anspruchsvoller Haltung, in den vertretenen Stiefeln, vor sich einhergehen und hörte Hartmann-Flügge zitieren:

»O wie lieblich sind die Schuhe

Ungetrübter Seelenruhe.«

Der Gedanke, zu dieser Frau in einem, wenn auch noch so konventionellen Familienverhältnis stehen zu sollen, war ihm beengend.

Aber er schloß: »Irgend ein Nebenumstand von geringerer Ansprechendheit wird überall sein.«

Ja, er wollte Therese heiraten!

Es war sein unverbrüchlicher Entschluß, die letzten sechs Jahre gleichsam auszustreichen und wieder da anzuknüpfen, wo er vor jener Epoche gestanden hatte.

Und damals hatte er in dem Vorsatz gestanden zu heiraten …

Er erwog dies alles, gerade wie er seine großen Unternehmungen von den verschiedensten Seiten betrachtete – nicht ohne Wärme – o nein – auch bei weitgreifenden geschäftlichen Plänen schlug ihm das Herz rascher, und eine starke Freude des Vorhabens war dann in ihm …

Und dies war schließlich doch die allerwichtigste Unternehmung seines Lebens …

Dafür hatte er eine ehrfürchtige Erkenntnis …

Daß er nicht der Mann sei und nicht die Zeit habe, ein langes Werben durchzuführen, fühlte er wohl.

Er hatte eine unklare Empfindung: das würde geschmacklos wirken, ihn nicht kleiden, nicht zu ihm passen …

Also schnell! Um Therese anhalten und in drei Wochen heiraten …

Und hier zum ersten Male stockten seine raschen, sehr energischen Gedanken, die fast ohne Hemmung durch diese Erwägungen voll ungeheurer Tragweite geeilt waren …

Die bevorstehende Senatswahl fiel ihm ein. Und sein Rivale Sanders. Und die Drohung, die Eine ausgestoßen hatte in der Stunde, wo er von ihr schied.

»Wie, wenn der Haß, in den jäh ihre Liebe umgeschlagen scheint – was in seelischer Hinsicht durchaus nichts Überraschendes und bei mehr temperament- als gemütsvollen Frauen eine oft beobachtete Gefühlsentwicklung ist – wenn ihr Haß sie antreibt, jetzt in dieser Zeit ihrem Manne die Schuld zu beichten?! Um sich zugleich an mir zu rächen und meine Wahl zum Senator zu hintertreiben?«

Er stand still. Die Fragen, die sich da auftaten, waren so beunruhigend, daß sie ihn für ein paar Minuten ganz benahmen. Nahe seinem Hause auf dem Kirchplatz stand er, in der kühlen Maiennacht, und dachte nach. Und als die Gedanken nach diesem Anprall, der sich ihnen entgegengeworfen, wieder in Fluß kamen, ging er auf und ab, immer neben der Kirche hin und her.

»Wie sie will,« dachte er hart, »ich bin ihr dann nichts mehr schuldig.«

In der ersten Zeit ihrer Liebe hatte er ihr sein Leben angeboten. Aber sie wollte es nicht. Heute ahnte ihm: sie hatte nicht gewollt, weil sie seinen Reichtum nicht als fest fundiert angesehen und lieber im sichern Nest bei ihrem Manne zu bleiben vorzog. Später war er immer darauf gefaßt gewesen, daß sie in einer Stunde, entweder der übermächtigen Liebe zu ihm, oder der Gewissensbedrängnis ihrem Manne gegenüber, diesem alles eingestehen würde. Dann würde er stolz und fest in dem entstehenden Skandal zu ihr gehalten haben, wäre nach Hamburg übergesiedelt und hätte ihr seine Hand und seinen Namen gegeben …

Wenn sie jetzt spräche … Nein, dann war er ihr nichts mehr schuldig. Eine Frau, die sich aus Gründen der Rachsucht zur Wahrheit bekennt, braucht man nicht mehr zu heiraten.

Aber Therese konnte er dann natürlich auch nicht heiraten …

Er begriff: es hieß, die Haltung, die Frau Thora Sanders einzunehmen denke, erst beobachtend abwarten … Er durfte unter keinen Umständen wagen, Therese in eine Lage zu bringen, aus der ihr sofort peinliche Kümmernis und schmachvolles Aufsehen erwachsen konnten …

Er spürte Ketten! Er war nicht frei! Der ohnmächtige Zorn, der ihn erfüllte, war eine der elendesten Empfindungen, die er noch je gehabt.

Ihm war, als nage da heimlich etwas an der Würde seiner Persönlichkeit, als sei der Boden untergraben, auf dem er stehe …

Ah, schändlich – unerträglich …

Sein Verstand kam und sagte ihm, daß Thora ihre Drohung niemals ausführen werde, weil sie, ihm schadend, sich selbst noch viel mehr Böses antat. Sie verlor alles, und sie hatte doch ihren Luxus und ihre gesellschaftliche Stellung so lieb. Eine Frau, die so lange, so klug das Abenteuer mit dem moralischen Ansehen zu verbinden gewußt hatte, war im letzten Grunde doch zu beherrscht oder zu feige, um sich aus Haß zu verderben. Und daß Sanders im Moment, wo in seiner Ehe ein lärmvoller Krach entstand, auch nicht Senator werden konnte, war gewiß.

Thora würde sich still halten – ja – ja …

Allgemeine Betrachtungen kamen ihm: wenn jede Drohung sich zur Rachetat verkörpern würde, wenn jeder Schuld die Strafe wie ein derber Knüttelschlag sichtbar folgte, dann käme die menschliche Gesellschaft aus den chaotisch-katastrophalen Zustanden nicht heraus. Das wäre keine sittliche Weltordnung mehr, es wäre eine sittliche Weltunordnung.

Nein, das ging seiner zu – versteckter – schleichender – peinigender – man bezahlt nicht auf einmal … Diese Art Forderungen kassiert das Schicksal langsam ein – immer kommt es mit kleinen Mahnungen, wenn man nicht daran denken möchte, daß man etwas schuldig ist …

Er fühlte bestimmt voraus: es würde sich nichts Zerstörerisches ereignen. Und dennoch – daß er die Möglichkeit erwägen mußte, demütigte ihn über alle Maßen …

Durch welche Fegfeuer der Arbeit und des Zornes über das Vergangene sollte er noch gehen, um wieder ganz sein eigener Herr zu werden?

Also warten! Ja, in jedem Fall bis nach der Senatswahl.

Hatte die unselige Frau sich in ihrem inneren Kampf bis dahin bezwungen, bezwang sie sich auch weiter. Und im konventionellen Zwang des Lebens schließen sich allmählich Wunden. Er wollte es ihr von Herzen wünschen, daß sie ruhig werde. Vielleicht, wenn keine Leidenschaft sie mehr ablenkte, gewann sie auch Interesse für ihre Pflichten … er hoffte es.

Gleich nach der Senatswahl – falle sie, wie sie wolle – dachte er dann um Therese anzuhalten.

Das waren keine zwei vollen Wochen mehr.

Vorgestern, am ersten Sonntag nach Senator Leitolfs Tod, war von den Kanzeln aller Kirchen die Fürbitte ergangen, daß der »rechte Mann« gewählt werden möge … Am nächsten und übernächsten Sonntag würde, dem Gesetz gemäß, diese Bitte wiederholt … Den Tag darauf, am kommenden Montag in acht Tagen also, fand' dann die Wahlhandlung statt …

Indem Bording sich daran erinnerte, übermannte ihn ein seltsames Gefühl. Er wollte es als Sentimentalität oder wie er es sonst nannte, von sich scheuchen. Aber es wallte immer mächtiger in ihm auf.

Neben ihm, dunkel und stumm in der Nacht, erhob sich der wuchtige Bau der Kirche. Etwas Geheimnisvolles und Unerschütterliches umgab sie wie ein Dunstkreis. Die Finsternis und das Schweigen in ihr war wie ein Erstarren aller Unruhe und allen Lebens. Ehern schien es, ein Unsichtbares und Unzerstörbares, daran der Fluß der Zeit, eine geringe und kleinliche Bewegung, vorbeispült. Die Vorstellung der ungeheuren Einsamkeit, die jetzt in ihren Hallen webte, schied sie von allem Menschlichen.

Um ihre Säulenbündel schlichen die Überlieferungen einer sehr großen, sehr alten Geschichte. Und in ihrem Laufe war wohl viele hundert Male der sonore Widerklang des Gebetes um den »rechten Mann« in zitternden Schallwellen durch das Kirchenschiff gegangen.

Die fromme Einfalt dieses Brauches ergriff ihn in diesem Augenblick bis zur Erschütterung.

Das Gebet, das an diesen drei Sonntagen von ernsten Stimmen, im gesteigerten Vortrag hinausgerufen wurde aus dem Vogelnest des Kanzelkorbes am breiten Säulenbund, über die Köpfe der nachdenksam horchenden Gemeinde hin – dies Gebet galt vielleicht dieses Mal ihm … Die heiße Liebe zu seiner Vaterstadt brauste leidenschaftlich in ihm auf – vor seinem geistigen Auge, wunderlich zusammengedrängt, sah er all ihre roten, alten, malerischen Mauem und den ruhevollen Zauber der Wälder, die vor ihren Toren die Nerven und Augen des Überarbeiteten liebkosten … Er fühlte aus ihrer großen Vergangenheit eine ungeheure Verantwortung auf sich herüberwirken und sah ihre Gegenwart, als einen harten, aber stolzen Kämpfer …

Er atmete tief auf …

Ja, eine reine und rastlose Arbeit sollte sein Leben sein, zu ihrer Ehre!

Er hatte beide Frauen in diesem Augenblick vergessen – Die, welcher er seine besten Mannesjahre hingeworfen – und auch die, mit der er seine Zukunft zu teilen dachte … Acht Tage nur, und sie begegneten ihm beide, in denselben Räumen, bei der gleichen Gelegenheit.

Der Senator Nikolaus Hedenbrink gab ein Gartenfest. Das tat er jedes Jahr, und ganz gewiß hatten auch im vorigen Mai sowohl die Familie Sanders als auch die Familie Landskron daran teilgenommen. Nur Jakob Bording war damals nicht in der Gesellschaft gewesen. Er verkehrte ja wenig, und im Hause Hedenbrink hatte er nie Karten abgegeben. Nun aber, wo er den Senator Hedenbrink in Sachen der neuen Gründung fast täglich traf und sprach, erzählte dieser im freundschaftlichen Ton von dem Fest, das seine Frau zu geben im Begriff stehe, und fragte an, ob er und seine Frau sich gestatten dürften,

ihm eine Einladung zu schicken. Er fühlte wohl, daß dieses unvermutete gesellschaftliche Entgegenkommen auch mit der bevorstehenden Wahl zusammenhänge. Er glaubte auch zu wissen, daß Hedenbrink unbedingt für ihn sei und gegen Sanders.

Eine Ablehnung war also unmöglich, obgleich er sich voraussagen konnte, daß Thora Sanders auch dort sein werde.

Er machte sich klar: ihr aus dem Wege gehen kann ich niemals! Ich kann es auch niemals verhüten, daß sie und meine künftige Frau sich begegnen und sich im gesellschaftlichen Verkehr die Hand reichen.

Er fühlte: die einfachste Ritterlichkeit gegen Thora Sanders gebot ihm, sich unbefangen zu zeigen und seiner künftigen Frau Unbefangenheit zu erhalten! Man hat nicht das Recht, der eigenen Frau Dinge zu beichten, die nicht unser alleiniges Erlebnis waren, dachte er; wenn ich später meine Frau in auffallender Art von dem Zusammentreffen mit Thora Sanders fernhalte, handle ich wie ein grüner Bursch, der eine Frau zum Dank für ihre Liebe hinterdrein indirekt doch deutlichst kompromittiert.

Wieder ein Zwang – wieder etwas Unerträgliches, das getragen werden mußte … All das hing wie Tang und Algen an der freien Fahrt seines Manneslebens … Ja, ja, spürte er wieder: man zahlt nicht auf einmal – –

Die Hedenbrinks besaßen ein schönes, sehr stilrein und gut gehaltenes Haus aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Und es war um des riesigen parkartigen Gartens willen, den sie, in ihrer Freude an ihm, gern zeigten, daß sie im Mai ein Fest zu geben pflegten. Von der einen Seite hatte sich die immer verzweigter und bebauter werdende Villenstraße der Vorstadt an seine Grenze gedrängt. Von der anderen Seite aber stieß er an freies Ackerland. In seiner Tiefe gab es geschorene Hecken an einem Platz, und mit wenig Mühen, durch einige Efeuwände und Kübel mit Lorbeerbüschen, ließ sich so etwas wie ein Naturtheater dort herstellen.

Das Wetter war diesmal ungewöhnlich liebenswürdig. Ein beinahe kräftig blauer Himmel ohne die geringste Wolkenbildung, dazu eine schon sommerwarme Temperatur, gab allen anfahrenden Gasten von vornherein die Zuversicht, daß der Abend in dem freigebigen Hause auf das unterhaltsamste und befriedigendste verlaufen würde. Das Fest war umsichtig so angelegt, daß erst einmal vorzüglich und mit Ausführlichkeit gegessen und getrunken wurde. Es gab ein Diner, dessen Speisenfolge Hartmann-Flügge geradezu mit hanseatischem Stolz erfüllte. Er sagte: »So ißt man nur in Hamburg und Lübeck.« Was seine Tischdame, die aus Bremen gebürtig war, ihm übelnahm.

Bording sah sich dadurch ausgezeichnet, daß er die Hausfrau führen durfte. Es wurde sehr bemerkt und vielfach dahin gedeutet, daß Hedenbrink schon bestimmt in Bording den demnächstigen Kollegen sähe. Als Sanders diese Tafelordnung beobachtete, dachte er: »Es ist ja selbstverständlich, er ist doch zum ersten Male hier …«

Bording schaute sich in dem Saal um, der die hintere Breite des Hauses einnahm und schon durch diese seine räumliche Einordnung in die Struktur des Baues etwas Behagliches hatte. Während er mit der Senatorin die wohlerhaltene, vor hundert Jahren geschaffene, dem pompejanischen Stil sich nähernde Malerei des Saales besprach, konnte er sich unauffällig überzeugen, daß Therese weitweg von ihm, am rechten Ende der Tafel, mit einem jungen Amtsrichter als Tischherrn saß.

Es war ihm recht angenehm. Er hatte gestern abend wieder mit Therese bei Burmeesters sehr wohltuende Stunden verlebt und war sich ganz klar darüber geworden, daß sie ihn liebe … In ihren schönen Augen leuchtete ein Glanz von Glückseligkeit – – es stimmte ihn dankbar und respektvoll – –

All diese Menschen hier brauchten aber den Glanz nicht zu bemerken, zu belauern, zu beklatschen – –

Wenn es so weit war, sollten sie überrascht werden. Das schien ihm geschmackvoller. Und dann hier – gerade hier – wo wahrscheinlich zwei schwarze Augen ihn mit unablässiger Wachsamkeit beobachten würden, gerade darauf hin, ob eine andere Frau sich sehr mit ihm beschäftigte.

Er sah auch Thora Sanders. Sie saß an Hartmann-Flügges linker Seite und hatte einen älteren Offizier als Tischherrn. Sie schien in lebhafter Stimmung. Stritt sich lachend mit Hartmann-Flügge, der es den Damen angewöhnt hatte, daß sie allerlei Dreistigkeiten von ihm zu hören bekamen. Aber Bording merkte es wohl: sie war sehr bleich, ihre Augen brannten noch funkelnder als sonst, und ihre Lebendigkeit war übertrieben.

»Ich weiß nicht,« sagte Frau Senator Hedenbrink, die seinem Blick gefolgt war, »Frau Sanders hat neuerdings immer so was Forciertes, ich glaube, sie ist recht nervös.«

»Die Dame sieht in der Tat etwas bleich aus,« antwortete er fremd und höflich, »aber sie scheint sich gut zu unterhalten. – Sie sagten, die Malereien seien von einem französischen Künstler ausgeführt?«

»Ja, es kamen ja damals auch einige Emigranten hierher. – Und der Urgroßvater meines Mannes …«

Alle Welt zeigte unbefangene Munterkeit. Man fühlte sich, obgleich mehr als sechzig Personen da waren, gänzlich wie in einer Familie. Voll Intimität und Ungebundenheit neckte man sich, sprach mit erstaunlichster Indiskretion über den lieben Nächsten und eigene Verwandte, verhandelte Lokal- und Reichspolitik, wobei aber zu spüren war, daß die erstere für ungleich wichtiger gehalten wurde, man schien, alles in allem, das ganze Dasein äußerst jovial und ohne tiefere Bedenklichkeiten hinzunehmen. Es saßen viele sehr schöne Frauen in sehr elegantem Aufputz am Tisch, aber es gab auch einige Erscheinungen, die anderswo Staunen erweckt hätten in ihrer teils ahnungslosen, teils vorsätzlichen Verneinung von Grazie und Geschmack. Unter diesen befand sich auch Theresens Mutter. Hochfahrend und verstimmt thronte sie neben ihrem Tischherrn, mit dem sie nicht zufrieden war, und fühlte sich beständig mit der Sorge beschäftigt, daß ihr die Lohndiener Soße über den schokoladefarbigen Atlas ihrer zweitbesten Staatsrobe gießen würden. Im Hinblick auf den Umstand, daß man sich nachher im Garten bewegen werde, hatte sie ihre erste Garnitur gespart.

Es war noch heller Tag, und so fehlte dem Bilde, das die Tafelnden boten, der verbindende und flimmernde Reiz des künstlichen Lichtes.

Gleich vom Tisch aus ging man in den Garten, wo unmittelbar hinter dem Hause Sitzgelegenheiten für viele Gruppen zusammengestellt waren und der Kaffee genommen werden sollte.

Eine leise, bläuliche Dämmerung begann sich anzuzeigen, und in der Tiefe, unter den hohen, uralten Linden und Ulmen, sah es schon fast dunkel aus. Die reine Abendluft tat den Menschen wohl, die sich heiß gelacht und wohl auch getrunken hatten.

Bording fand sich mit seinem Vetter Burmeester und dem Senator Doktor Landskron zusammen, und dieser erzählte wichtig, daß sich auf seinem Schreibtisch eine ganze Literatur über Baumwollkultur ansammle und daß er anfange zu bemerken, wie recht seine Tochter Therese habe, wenn sie immer sage: er sei bisher zu einseitig gewesen, nichts erfrische mehr und weite auch den Blick mehr für die Fülle der Dinge im eigenen Gebiet, wenn man sich einmal mit vollem Interesse für eine Weile einer anderen nützlichen Materie zuwende. Und mit dem naiven Eifer, den neues Wissen immer hat, und zugleich mit dem belehrenden Ton, der ihm aus seiner Autorität in anderen Dingen kam, hielt er Bording und Burmeester einen kleinen Vortrag über alles, was sie sich seit Jahr und Tag durch Studium und in praktischer Erfahrung schon zu eigen gemacht. Aber sie hörten achtungsvoll und geduldig zu. Besonders der Aufwand von Geduld war bei Bording etwas so Bemerkenswertes, daß sein Vetter dachte: »Schon völlig ›Schwiegersohn ‹!«

Am Arme Hartmann-Flügges kam jetzt Sanders auf sie zu. Der sonst leicht stechende Blick seiner hellen Augen schwamm, als flösse weiche Stimmung über. Das lange, volle Gesicht war gerötet.

»Was soll ich mit ihm machen,« sagte er, »was soll ich nu mit so 'm Menschen machen – bekurt meine Frau in einer Weise, daß ich 'n eigentlich totschießen müßte.«

»Du kannst ja gar nicht schießen!« behauptete Hartmann-Flügge.

»Woll kann ich schießen. Mit Pistolen nich. Nee. Aber mit Kanonen. Jawoll. Ich hab' bei der Feldartillerie gedient und war Reserveoffizier – nun bin ich Landsturm – Landsturm kann auch schießen – mit Kanonen – jawoll – sollst mal sehen, dann spritzt deine ganze Unverfrorenheit in die Luft.«

»Lassen Sie ihn nur leben,« riet Burmeester vergnügt, »den kriegen Sie doch nich dod.«

»Wenigstens nich mit was, was knallt – nich mit Sektproppen und nich mit Küssen,« sagte Hartmann-Flügge, »mit Kanonen is noch kein Versuch gemacht.«

»Schön. Gut. Ich schenke dir das Leben. Aber du sollst hier vor diesen ehrenwerten Zeugen schwören, daß du meiner Frau nich so doll den Hof machen willst. Ich bin kein Mucius Scävola, der gestattet, daß man bei seiner Lukrezia mal anklopft,« sprach Sanders mit seiner fettigen Stimme.

»Tö – tö – tö – tö –«, machte Burmeester, »Mucius Scävola …«

»Ach ja – weiß schon – das war der mit der Hand – nee, nee, ich mein' den alten Verrina, der die Lukrezia nachher totsticht – ja, den mein' ich …«

»Und ich mein',« sagte Hartmann-Flügge, »du trinkst erst mal 'ne Tasse sehr starken schwarzen Kaffee …«

Sanders stutzte und fragte »So?« sehr langgedehnt. wie jemand, den man plötzlich darauf gebracht hat, über sich selbst ernsthaft nachzudenken. Aber er kam sofort zur Einsicht, daß Hartmann-FIügge sich täusche und daß kein Mensch nüchterner sei, als er selbst. Er sah von einem zum anderen. Und sein Blick traf mit dem Bordings zusammen. Darüber fiel ihm etwas höchst Wichtiges bei. Er trat auf Bording zu und nahm ihn beim Aufschlag des Fracks.

»Hör mal du, Bording,« sagte er, »in der Schule haben wir uns doch gut vertragen – nachher auf der Handelsschule auch – und wie wir uns mal in Petersburg und in London trafen – als junge Leute – weißt wohl noch? – Den Donner, ja! – Später kam man so auseinander – dje, ich weiß woll du hast wie 'n Wahnsinniger gearbeitet, wolltst Sanders und Kompanie einholen und überholen …«

»Das war nicht mein spezielles Ziel,« sprach Bording kühl dazwischen. Aber der andere hatte seine Gedanken auf einer Linie – der mußten sie weiter nachrollen – sonst wären sie gänzlich durcheinander gepurzelt. »Is dir ja auch geglückt – bist uns vorbei gekommen – gut, ja, zugegeben. Aber wir arbeiten auch und haben auch Geschäftsverstand – ist Konjunktursache – holen dich doch vielleicht wieder ein … Und ja – was ich dir schon all die Tage mal sagen wollte … hier, vor Senator Landskron kann ich das – das ist ja 'n Mann von Gemüt, 'ne Seele von Mann is es … Ich wollt' dir sagen: tritt zurück! Was kann dir dran liegen, ob du nu Senator wirst oder nich. Sieh mal, du bist Junggesell – ich hab' 'ne Frau. 'ner Frau macht so was Spaß. Meine Thora ist so 'ne rabiate kleine Tigerkatze – immer noch rasend verschossen in ihren großen dicken Ehegatten – ja woll – und sie will mich nu mal partout als Senator sehen – und ich selber – man darf doch zugeben: es liegt in den Verhältnissen, daß es mir eher zukommt als dir.«

Bording hatte die Farbe verändert.

Wie im tiefen Grunde widerwärtig war ihm dieser Mann und diese Szene … Und doch – es war auch etwas Befreiendes darin …

»Nein,« dachte er, »vor diesem Mann und gegen diese Frau bin ich wohl kein Schuldiger … Nur vor mir selbst – vor mir selbst …«

Er sprach voll Haltung, kalt, aber in allen Formen der Höflichkeit.

»Wenn es dir recht ist, lassen wir hier diese Erörterungen, in die hinein ich dir nicht folgen kann.«

»Ih nee, grade will ich das erörtern,« sagte Sanders hartnäckig, denn es ärgerte ihn über alle Maßen, daß Hartmann-FIügge ihn am Arm drückte und fortziehen wollte … »ich weiß woll: du bildest dir ein, du hast Chancen. Du denkst, du hast dich fein in Szene gesetzt.

So 'ne großen Geschichten, wie du nu mit der Baumwollgründung machst – die hatt'st du ja woll parat liegen, um im Moment einer Vakanz im Senat damit hervorzutreten und dich populär zu machen. – Na ja, mit so was kann ich nich aufwarten – solche Sachen liegen mir nich – dazu bin ich – Gott, wie soll ich das ausdrücken – nich modern genug, bin ich – denk' immer: Sanders und Kompanie: vornehm, vornehm. – Ich will dir was sagen, es gibt auch Leute, die den Trick mit der Bombengründung durchschauen und die nu denken: grade nich! Spar dir also den Ärger der Niederlage; tritt zurück!«

Bording war nun so bleich, daß Senator Landskron unwillkürlich mit einer väterlichen Bewegung nach seiner Hand griff.

»Unglaublich!« sagte er voll mißfälligen Erstaunens, »ganz unglaublich.«

»Ich bitte Sie, Sanders!« sprach Burmeester hastig, »betragen Sie sich, wie es diesem Hause und diesem Kreise zukommt.«

»Er hat einen sitzen,« begütigte Hartmann-Flügge.

»Und er kann nicht schießen!« brachte Bording heiser heraus, »sonst …«

»Nee – und wenn auch – zu so was wär' ich nich zu haben – das sind ja Faxen – Bording, sei kein Frosch – wenn man nich mal in gemütlicher Stimmung ein offenes Wort sagen soll …« Sanders war sich nicht im geringsten bewußt, einer menschlichen Seele zu nahe getreten zu sein – Herrgott, er war ja so 'n guter Kerl – die Fliege an der Wand war ihm heilig – Geschäft ist Geschäft – wenn er, Meno, so die Millionen riskieren könnte, würde er im Moment auch mit irgend was auftrumpfen, das nach Gemeinwohl aussieht, im Grunde aber der eigenen Bilanz auch förderlich ist. Aber er, Meno Sanders, er mußte liquides Vermögen sammeln, denn er hatte Söhne und eine Frau.

Da sagte Hartmann-Flügge wieder: »Und was für eine!«

Und darüber knüpften Sanders' Gedanken wieder an das erste Thema an: »Daß du ihr aber nich zu doll die Kur machst … ich bin ja ihrer sicher … aber …«

In diesem Augenblick kam die Hausfrau heran und bat, daß man ihr zur Vorstellung folgen wolle. Während Hartmann-Flügge nochmals auf Sanders einredete, doch Kaffee zu trinken, gingen die anderen drei Herren raschen Schrittes die Allee hinab, die zum sogenannten Naturtheater führte.

»Ich hätte Sanders dergleichen Taktlosigkeiten nicht zugetraut,« sagte Senator Landskron.

»Haltung und Geste beherrscht er immer, selbst wenn er mal wirklich betrunken ist,« erzählte Burmeester, »was nun freilich wohl nicht mehr vorkommt – aber ich erinnere mich – in unserer Jugend. – Von weitem sah man ihm nie was an – nur kann er, wenn er ein bißchen viel und schwer durcheinander getrunken hat, seine Zunge nicht bewahren – er schüttet förmlich seine innersten Gedanken aus – aber zwei, drei Tassen Kaffee ernüchtern ihn, und Hartmann-Flügge weiß ihn ziemlich zu nehmen …«

Bording sagte nichts. Eine erbitterte, quälende Schweigsamkeit lag auf ihm wie ein Druck. Er wußte: gegen diese Reden eines Halbbetrunkenen war er machtlos – sie hatten auch keinen Wert und konnten seine Ehre nicht antasten. – Er fühlte auch: im Grunde war es ja befreiend … Und dennoch – dennoch – wie verspottete ihn das, was dieser Mann von seiner Ehe ausgekramt hatte – wie machte es ihn noch nachträglich zum Toren. Gab all seinen harten Kämpfen, die er mit seinem Gewissen ausgefochten, das Wesen einer lächerlichen Donquichotterie … Um einer Heldin der Liebe willen hatte er geglaubt zu leiden, tragische Not hatte er ihr angedichtet – und sie war nur eine nach Aufregungen lüsterne Frau gewesen, die mit einem uralten Apparat von Lügen und Koketterie gearbeitet hatte …

Immer mehr erniedrigte sich das Vergangene …'

Man kam auf dem Platz an, der mit Reihen von Stühlen bestellt war. Ganz unwillkürlich schritt Bording immer hinter dem Senator Landskron her – er hatte dessen herzlichen Händedruck, die väterliche Bewegung darin wohl gespürt – das war nicht an ihm vorübergegangen – es wirkte wie ein Trost … so, als sage ihm jemand: das alles war ja nur ein närrisches, häßliches Zwischenspiel …

Landskron, mit seinem genauen Ordnungssinn in allem, nahm Bedacht, daß in den Stuhlreihen keine leeren Plätze zwischen den besetzten bleiben durften, sondern daß man sich hübsch an die schon Sitzenden anzuschließen habe. So war von Aussuchen der Nachbarschaft keine Rede.

Und gerade vor ihnen saß Frau Thora Sanders zwischen der Frau und der Tochter des Senators Landskron. Gleich nach Tisch hatte Thora sich der Senatorin mit großer Beflissenheit gewidmet – was diese mit Recht als stilles Werben auffaßte. Sie nahm es huldvoll auf; es tat ihr wohl; dergleichen ziemte sich; sie beschloß, ihrem Mann nochmals einen gründlichen Hinweis zu geben, daß doch Sanders der gegebene neue Senator sei. Zufrieden nahm sie deshalb auch wahr, daß ihr Mann nun hinter ihnen saß und sich verbindlich an Thora Sanders mit einer Frage richtete.

Er, als er die schöne junge Frau sah, dachte der eben erlebten Plumpheiten ihres Mannes und hatte das unbestimmte Gefühl, daß man zum Ausgleich dafür besonders aufmerksam gegen sie sein müsse, denn er hielt sie nun für bemitleidenswert.

Sie legte sich weit zurück, so weit, daß sie, indem sie mit dem Senator sprach, auch Jakob Bording ihr Gesicht zeigen konnte. Er grüßte mit einer ernsten Verbeugung von seinem Sitz aus. Dann hielt er sich vollkommen still. Unmittelbar vor ihm saß Therese auch schweigend.

Er war ihr dankbar dafür. Eine sehr starke und deutliche Empfindung sagte ihm, daß sie aus einer Art Keuschheit heraus so stumm und fremd vor ihm säße – das tat ihm wohl.

Er dachte, während er sehr gerade, mit sehr verschlossenem Gesicht dasaß: »Das Leben ist manchmal grotesk … Unter der manierlichen Oberfläche kreisen die tollen Wirbel …« Zwei Schritt von ihm war nun diese Frau, die er so genau kannte – oh, viel genauer jetzt, als damals, wo er sie liebte. – Und sie plauderte, etwas nervös zwar, aber doch harmlos mit dem freundlichen Manne – zugleich aber streiften ihre unruhevoll glänzenden Augen ihn – sie suchten. – Und er, der das fühlte, obgleich er sie nicht ansah, er dachte: »Sie findet mich niemals wieder – niemals – ein Abgrund hat sich aufgetan, er heißt: Verachtung.«

Wie eine körperliche Kälte durchschauerte es ihn – die Furchtbarkeit des Erlebnisses kam ihm zum Bewußtsein … Liebe, solche Liebe, die mit mehr als einem bürgerlichen Dasein gespielt hatte, die auf einem Vulkan ihre Heimstätte gehabt, war in Verachtung untergegangen, hatte sich in ihr aufgelöst …

Wenn Frauen wüßten! Wenn sie voraus erkennten, daß gerade der, um derentwillen sie sündigen, nachher meist ihr härtester Richter wird … Ach, keine, keine ginge einen Schritt vom Wege …

Und unter diesen schweren Gedanken hörte er doch, was um ihn herum gesprochen ward.

»Welche Genüsse harren unser?« fragte Landskron.

»Erst gibt es ein kleines Schäferspiel, das in einen Tanz ausgeht. Hinterher kommt eine Rüpelszene,« erzählte Frau Thora Sanders. Sie nannte auch die jungen Mädchen und Frauen, die mitwirkten. Sie erzählte, daß sie auch auf das dringlichste gebeten worden sei mitzumachen, aber ihre Stimmung habe es verboten, sie fühle sich seit einiger Zeit sehr elend.

Bording begriff: das war für ihn gesagt. Der scharfe Zug an seinem linken Mundwinkel, der nach Menschenverachtung aussah, ward deutlich.

Landskron drückte seine Teilnahme aus, und dann erzählte Frau Sanders weiter, daß »die Referendare« alles arrangiert hätten. Das war eine kleine Gruppe künftiger Leuchten der Jurisprudenz, die sich durch ihren Witz, ihre geistreiche Erfindungsgabe und ihren kecken Übermut als die Veranstalter und Verfasser amüsanter dramatischer Kleinigkeiten unentbehrlich gemacht hatten, wo es vergnügt zugehen sollte.

»Ach,« sagte Landskron, »da können wir uns auf etwas gefaßt machen.« Er lächelte etwas besorgt vor dem despektierlichen Übermut, der seine Frau stets entrüstete, denn sie verstand keinen Spaß.

Jetzt mischte sich die neben dem Senator Landskron sitzende Konsulin Hüpeden ins Gespräch und fragte, mit dem Ton leutseliger Anteilnahme: »Sie haben kürzlich solchen ärgerlichen Verlust gehabt, gnädige Frau?«

«Ich?«

»Man las es drei Tage hintereinander so groß gedruckt – von Ihrem Amethystanhänger.«

»Herrrrr-gott!« sagte Thora lang gedehnt, »damit öden mich die Menschen nun schon seit vierzehn Tagen an.«

Ihr Ton war sehr unartig, und die Konsulin Hüpeden, die es ungefähr als Auszeichnung betrachtete, wenn sie jemand ansprach, und auf alle Menschen, die nicht zu ihrer speziellen Clique gehörten, herabsah, eigentlich verwundert darüber, daß »so etwas« auch lebe und Ansprüche mache, hob ihren grauhaarigen Kopf mit dem römischen Profil noch höher. Sie sah Landskron an und fragte mit ihren Blicken: »Wie finden Sie den Ton?«

Thora beugte sich vor und erzählte auffallend laut der neben ihr sitzenden Therese: »Sie können sich nicht vorstellen, wie langweilig mir diese ewige Fragerei ist. Ich sagte Meno gleich – laß doch das Annoncieren. Man kriegt ja so was doch nicht wieder. Aber die Perle war ziemlich wertvoll, und es ließ ihm keine Ruhe.«

Jetzt legte sie sich wieder zurück und sprach: »Sie haben es gewiß auch gelesen, Herr Bording. Meinen Sie nicht auch, daß fünfzig Mark Belohnung zu wenig war?«

Er dachte: »Was eine Frau alles kann und wagt!« … Ihm war, als tanze sie auf dem Seil und müsse, müsse stürzen … Er, der Mann, er hatte eine Sekunde des innerlichen Stockens zu überwinden, ehe er mit etwas heiserem Ton antworten konnte: »Wäre das Schmuckstück von jemand aus der Gesellschaft gefunden worden, hätte man es Ihnen längst zugestellt. Einem armen Finder wären fünfzig Mark auch immer willkommener als der zu verbergende Besitz eines für ihn unnützen Anhängers.«

Er fühlte, sie hatte nur in verhüllter Form fragen wollen: ist es bei dir gefunden? Nun hatte er, dem Zwange folgend, ihr zu verstehen gegeben, daß er in seinen Räumen nichts gefunden habe. Er fand es unerhört, daß sie den Mut hatte, daran zu rühren …

»Es regnete an dem Tag so schrecklich – der Anhänger kann auf der Straße heruntergefallen und dann fortgespült sein,« sagte sie.

»Sehr wahrscheinlich.«

»Was hat er?« dachte Therese. »Seine Stimme ist verändert.«

Jede Unterhaltung wurde nun abgeschnitten, das Spiel begann.

Kleine rosige Lichtbirnen glühten in den gewachsenen und gestellten Hecken auf und zogen sich als Perlenbögen über den Raum, der die Bühne darstellte. Die Zuschauer saßen in einem ungewissen Halbdunkel, das sich plötzlich zu vertiefen schien. Weiterhin, zwischen den Baumstämmen, stand die Luft förmlich schwarzblau. Es war sehr angenehm, hier zu sitzen, in dem allmählich absterbenden Hingang der letzten Dämmerung, die wie ein Vorspiel heller Nächte war.

Zwischen den Hecken bewegten sich, die harmlosen Vorgänge einer kleinen Liebesintrige darstellend, anmutige Gestalten in weißen und hellgeblümten Rokokokleidern. Der Tonfall ein wenig pathetisch erhobener Stimmen schwebte durch die Luft. Das störte so wenig die Ruhe des Gartens, daß fern in seiner Tiefe eine Nachtigall zu schlagen begann.

Das gab dem Spiel eine anmutige Begleitung und vertiefte zugleich die Stimmung zu jener grundlosen Wehmut, die das Herz weitet und erhebt.

Bis eine feine Musik begann, die die Nachtigall zum Schweigen brachte und aus den Kulissen der Hecken acht zierliche Tänzerpaare hervorlockte, die in künstlicher Genauigkeit einen stilvollen Tanz ausführten.

Bording hörte nicht zu. Er sah auch eigentlich nicht genau – aber doch wirkte das Ganze angenehm auf seine Nerven und beruhigte sie.

»Ich bin doch ein Mann!« dachte er entschlossen. Und wußte: ein rechter Mann geht vorwärts – weg über Frauenliebe und Frauenkünste – ohne nervöses Unbehagen an dem, was war.

Die zärtlichen Rokokofigürchen hatten ihre Aufgaben glänzend beendet, alle Väter und Mütter strahlten, die ganze Gesellschaft klatschte mit Eifer.

Nun kam das Rüpelspiel, und auf das ästhetische Vergnügen an körperlicher Anmut und lichten Farbenreizen folgte das kräftige, niedersächsische Pläsier an derbem Ulk. Die bewußten Referendare erschienen als Gestalten aus dem Volk und verhandelten auf Plattdeutsch die Lokalpolitik des letzten Jahres. Es zeigte sich bald, daß ihnen da niemand und nichts heilig war, und die Senatorin Landskron wandte alle paar Minuten ihr breites, flaches Gesicht ihrem Manne zu, um sich seiner Mitentrüstung zu versichern. Er lächelte aber nachsichtig, obgleich er keine unmittelbare Aufnahmefähigkeit für Witz hatte.

Allerlei Regierungsmaßnahmen wurden dadurch verulkt, daß einer der Mitspieler in verbohrter Dummheit nichts verstanden hatte und sich alles von seinen Freunden erklären ließ, was mit erstaunlich treffender Nachahmung der Organe und Sprechweisen aller möglichen Lokalgrößen so komisch geschah, daß das muntere Gelächter der Schadenfreude gar nicht abriß. Natürlich kam auch die neue große Gründung vor.

»Wat?« fragte der eine, »nu will Djakob Bording unner de Bomwullspinners gahn?«

»Dje, worüm nich? Sied' hätt' he all ümmer spunnen!«

Alle lachten, und Bording selbst mußte gutmütig mitlachen.

»Dat heet je, he schall Zenater warrn – ob dat woll andem is?«

»Natürlich. Und dat is all utmakt: an 'n Wahltag kriegt wie alltosamen Bomwullak-zie-en geschenkt – nee, he lätt sich nich lumpen, denn treckt he sin Spendierbüxen an.«

»It hev ümmer hört, so 'n Art Kledasch gäv dat gornich in sien Gardrov.«

Die kräftige Anzapfung machte Bording Spaß. Er lachte abermals mit und nahm sich vor, diesen vier jungen, kecken Herren am Wahltage in humoristischer Form zu zeigen, daß sich in seiner Garderobe doch »Spendierbüxen« befanden.

Die gute Laune in ihm hielt eine Weile an, er folgte aufmerksam den drolligen Wechselreden der Szene, die noch lange weiterging und schließlich damit endete, daß die kannegießernden Proletarier von dannen zogen und sich seitwärts in die Büsche schlugen, well sie den Duft einer Bowle zu spüren meinten, dessen Ursprüngen nachzugehen sie für patriotische Pflicht hielten.

Die Gesellschaft hatte sich ausnehmend unterhalten. Man zerstreute sich im Garten. Die junge Welt strebte dem Hause zu, in dessen Saal man schon die Rokokopärchen sich im Tanze drehen sah.

Bording hatte das Gefühl, einer Pflicht genügt zu haben. Eine jähe Abspannung nach all den wechselnden Aufregungen kam über ihn. Er dachte auch, es sei klüger, der Möglichkeit auszuweichen, daß Frau Thora Sanders ihn irgendwo im Dunkel des Gartens stelle und eine Anrede wage.

Er ging in aller Stille davon.

In der Herrengarderobe traf er den Senator Landskron. Seine Damen wünschten schon das Fest zu verlassen, sagte dieser und hielt sich etwas ausführlich noch in Gesprächen aus.

Und im Vorflur, mit sehr hochgehobener Schleppe, so daß zwar keine Zeugstiefel, aber unförmliche Schuhe zu sehen kamen, stand die Senatorin, in ihren Winterabendmantel gehüllt, und wartete mit der verhaltenen Ungeduld einer Hoheit, die es nicht fassen kann, daß man sie warten läßt. Therese, in einer weißen Jacke und einen Spitzenschal um den Kopf, ging auf und ab.

Als sie sah, daß Bording mit ihrem Vater zusammen aus der Windfangtür trat, ging ein freudiges Aufleuchten über ihr Gesicht.

»Wir wollten gehen. Die Nacht ist so schön. Wir haben ja nicht weit.«

»Wenn die Herrschaften gestatten, schließe ich mich an.« Der Senator, in einer an ihm merkwürdigen Sicherheit, fragte seine Frau, ob sie die Rüpelszene nett gefunden habe, denn er wußte: nun hatte sie bis zu ihrer Haustür Entrüstungsstoff und dachte nicht daran, daß Therese mit Herrn Bording nach etwas großem Zwischenraum hinterdrein kam.

»Warum blieben Sie nicht dort, um mitzutanzen? Mögen Sie nicht tanzen?« fragte Bording.

»O doch. Zuweilen sehr gern.«

»So, so. Und heute …?«

Sie lachte ein klein wenig.

»Sie lieben es, mich zu examinieren,« sagte sie, »sind Sie sich dessen bewußt?«

»Nein – Verzeihung –«

Er schwieg. Stumm gingen sie einige Schritte.

Dann sprach sie leise: »Der Abend war Ihnen eine Last…«

Er sah überrascht auf.

»Woraus schließen Sie das?«

»Ich habe es gefühlt-Ihre Stimme klang anders,…«

Er griff nach ihrer herabhängenden Hand und drückte sie kurz und stark.

Es berührte ihn wunderbar … So kannte sie ihn schon? So erriet sie ihn schon? Das tat ihm wohl. – Ah – ja – eine Zukunft voll großer Arbeit und eine Häuslichkeit voll zarten Friedens – das waren gute Gedanken. – Das waren Lebensumstände, wie sie der gesunden und klaren Kraft eines Mannes dienlich sind …

Und während er schweigend diese erlösenden Empfindungen genoß, hatte man die beiden Villenstraßen schon durchmessen, die das Landskronsche Haus von dem Hedebrinkschen trennten.

»Gute Nacht.«

Alle Abspannung war gewichen – mit kräftigen Schritten, beinahe fröhlichen Herzens ging er in die Nacht hinein.

VII

Am Wahltage schien keine Sonne, aber es regnete auch nicht. Ein etwas beizend heller, grauweißer Himmel stand regungslos. Gegen zwölf Uhr begannen sich in der Hauptstraße vor dem Rathause Gruppen zu bilden; auch in den gewölbten Arkaden, die sich südlich an das Rathaus schlossen, standen Menschen umher. Nördlich vom Rathause, auf dem Kirchhof, warteten die Wagen der Senatoren und der ersten Würdenträger der Bürgerschaft.

Die angenehme Abwechslung, die ein so seltenes Vorkommnis wie eine Senatorswahl im alltäglichen Gange der städtischen Ereignisse bildete, ward von einem bestimmten Kreise Alteingesessener lebhaft empfunden. Die Menschen, aus denen sich die Gruppen der neugierig Wartenden zusammensetzten, gehörten allen Kreisen an. Man sah auch Damen der besten Gesellschaft, Großkaufleute und Juristen neben Ladeninhabern, Handwerkern und halbwüchsiger Jugend. Der Janhagel fehlte ganz.

All die klatschende Weisheit, all das übelwollende Unterrichtetsein, die seit fast drei Wochen an Stammtischen breitmäulig sich ausgesprochen hatten, kamen in einigen Gruppen nochmals zu Wort. Hochfahrend war Jakob Martin Bording – Grüße übersah er und verkehrte fast mit niemand; ein Knauser war er, lehnte Jugendfreunden ab, sie in ihrem Fortkommen zu stützen, hielt seine Hand verschlossen, wo er hätte mit kräftiger Stütze einen Zusammenbruch aufhalten können; ein Spekulant war er und spekulierte nun durch diese neue große Gründung auf die Ersparnisse seiner ärmeren Mitbürger und dachte sich im gleichen Atem populär zu machen. Was nützte sein Geld der Stadt? Was hatten die Gewerbetreibenden viel von ihm? Nicht mal Luxus trieb er. Lächerlich war es, aus ihm so viel zu machen. Da waren die Sanders doch ganz andere Leute. Die lebten und ließen leben.

Aber auch all die Verehrung und die Anerkennung fand in anderen Gruppen beschwingte Reden. Wie konnte man so eng sein, so pfahlbürgerlich verbohrt, um die Bedeutung dieses einzigen Mannes für das Gemeinwesen nicht zu begreifen. Man rechne nur einmal die Steuerquote zusammen, die Bordings und all seiner Angestellten Abgaben ausmachte! Man versuche nur einmal, die Unternehmungen dieses Mannes aus dem Handelsbilde der Stadt wegzudenken! Man höre nur seine Leute: sie waren die bestdotierten, die vornehm gestelltesten von allen. Gütig und menschlich war er mit ihnen, in ihnen seine Mitarbeiter ehrend. Von der offenen Hand, die er für Bedürftige hatte, erfuhren wenige, aber all die Zahllosen, die sich unverschämt an ihn drängten und zurückgewiesen wurden, die erzählten von seinem Geiz. Er war einer von denen, die Blick über das Ganze, über Zusammenhänge haben. Seine organisatorischen Fähigkeiten, die er in seinem eigenen Aufstieg bewiesen, würden dem Staate zugute kommen, wenn er nun Senator würde. Meno Sanders in Ehren – ein tüchtiger und vorsichtiger Mann – aber er hatte sich auf seines Vaters Kontorstuhl gesetzt und war offenbar mehr eine erhaltende als eine vorwärtstreibende Kraft. Das nächste Mal Meno Sanders. Aber jetzt durchaus Jakob Martin Bording.

All diese plaudernden Menschenansammlungen störten mit einer naiven Unbefangenheit den Verkehr, als gehöre ihnen Straße und Stadt. Sie, ein Teil des Kerns der alten hanseatischen Bevölkerung, waren voll Sinn und Interesse für die ehrwürdige und wichtige Feier einer solchen Wahl. Um sie herum aber, an ihnen vorbei ging das übrige Leben der Stadt weiter, das von der neuen Bevölkerung der sich entwickelnden Großstadt gebildet wurde. Und diese neuen Stadt- und Vorstadtbewohner, so sehr sie in der Überzahl waren, hielten sich mit ihren Gedanken kaum bei diesen Zeremonien auf, an denen sie keinen Anteil hatten, mit denen sie keine Überlieferungen verbanden.

Ein nachdenklicher Beobachter aber, falls sich ein solcher auf der Straße befunden hätte, würde sich höchst merkwürdiger und tiefer Betrachtungen nicht haben entschlagen können. Er würde sich vielleicht gefragt haben: Was sind feierliche Gebräuche? Mit ihren ernsthaften und würdigen Gesten heben sie die Geschichte hoch empor, damit sie im Gedächtnis der Gegenwart nicht versinke …

Vor dem Portal des Rathauses, unter seinem von uralten Säulen getragenen Balkon standen die Wachposten. Und auf dieses Portal richteten sich, je mehr die Zeit vorrückte, alle Blicke. Man kannte ja den Gang der Handlung: im Bürgerschaftsaal hatte sich zuerst die Bürgerschaft unter dem Vorsitz von Doktor Burmeester versammelt. Sodann erkor man dort die sogenannten Wahlbürger, Männer, die mit den ausgelosten Senatoren zusammen drei verschiedene Wahlkammern zu bilden hatten. Jede Kammer wählte geheim für sich. Kam dann aus allen drei Kammern der gleiche Mann heraus, so war die Wahl glatt vollzogen, wählte jede Kammer aber eine andere Persönlichkeit, so fing das Verfahren von vorne an, bis eine Einigung erzielt war. Im Senatsaal, unter dem Vorsitz Seiner Magnifizenz des regierenden Bürgermeisters, ward dann der Name des Erwählten festgestellt und ein Bote an ihn abgesandt, mit der Frage, ob er die Wahl annähme.

Auf diesen Boten nun warteten die Blicke. Für viele war eigentlich er, wenn auch im humoristischen Sinn, durchaus die Hauptperson bei der ganzen Sache. Vor Jahrhunderten hatte er sich zu so feierlicher Botschaft aufs Roß werfen und davon sprengen müssen. Das Pferd hatte sich in nebelhafter Ferne nicht mehr gebräuchlicher Formen verloren. – Der Mann hieß aber immer noch der »Reitendiener« und trug, wie in verschollenen Tagen, roten Frack und gelbe Stulpenstiefel. Er sprang in die für ihn vor dem Portal wartende Droschke, und aus der Richtung, in der sie fuhr, schloß die Straße sofort, wer gewählt sei.

Wenn er die Breitestraße hinauffahren würde, dann sagte dies: Sanders sei gewählt. Bog er sofort um die Ecke und in den Kirchplatz ein, so wußte man: Bording!

Ob er wohl in seiner Privatwohnung sich aufhielt? War er in seinem Kontor? Vermutlich im Kontor, denn wie man ihn zu kennen glaubte, so hielt ihn die Spannung dieser Stunden nicht im allermindesten von seiner Arbeit ab – wenn er überhaupt so etwas wie Spannung empfand. Es gab Leute, die behaupteten, es würde ihm wohl ganz egal sein. –«

Diese nun täuschten sich doch. Wohl hatte Bording mit vollkommener Ruhe gearbeitet und Naumann merkte seinem Herrn nicht die geringste Nervosität an. Ja, er allein schien kalt, während sich in den Kontoren und Speichern ein unverkennbarer Mangel an Sammlung spüren ließ. Alle Leute der Firma, von den Abteilungschefs an bis zu dem letzten Arbeiter hinunter, fühlten sich an dem Ereignis des heutigen Tages beteiligt, jeder war im voraus erbittert, wenn er sich vorstellte, der Herr würde etwa nicht der Erwählte sein. Sowohl das »Kontor« als auch der »Speicher« hatten Vorbereitungen getroffen. Glückwunschdeputationen waren gebildet, die Sprecher einstudiert. Man erwog einen Fackelzug, welcher Gedanke aber, als dem Herrn gewiß nicht sympathisch, fallen gelassen wurde.

Als Bording seine Morgenpost erledigt und einige notwendige Besprechungen genau durchgeführt hatte, war es halb zwölf. Die stumme Uhr, die schweigende und wache Wächterin an der Wand sagte es ihm. Er wußte: die Wahlhandlung hatte begonnen.

Er ging nach Hause. Durch stille Nebenstraßen führte sein Weg, dennoch begegnete ihm ein Bekannter und rief im Vorbeigehen: »Gratuliere im voraus, Bording!« Das war ihm peinlich. Gab einer etwaigen Nichtwahl den Charakter einer Niederlage, während sie in der Tat ein Zufall sein konnte. Dieser taktlose Pränumerando- Glückwunsch schädigte irgendwie seine Stimmung. Plötzlich war er nervös.

Im Vorflur erschien Schrötter in seiner Wachhund-pünktlichkeit in der Tür. Der Alte sagte nichts. Er sah seinen Herrn mit treuen, braunen Hundeaugen, die so dunkel im hübschen weißhaarigen Greisenkopf standen, beinahe ängstlich an. Darüber mußte nun Bording doch lächeln, denn er begriff aus dem Ausdruck des alten Gesichtes, Schrötter träfe es mehr als ihn selbst, wenn er nicht gewählt würde.

Er ging in sein Schreibzimmer. Vom Fenster aus sah er die Wagen, die auf dem Kirchhof angefahren waren und warteten, bis in ihnen sich die Senatoren und Spitzen zur Gratulation beim neuen Senator begeben würden. Diese Wagenburg störte ihn. Durchs Rauchzimmer schreitend, öffnete er die Tür, die von dort auf die Diele führte.

Das scharfe, aber nicht strahlende Licht des Tages war von kalter Gleichmäßigkeit, ohne den warmen Reiz, die belebende Gegenwirkung des Schattens. Der hohe Raum schien wohl recht hell zu sein, aber es war kein Sonnenschein mit glänzenden Lichtbändern und schwebenden Stäubchen, die jede Beleuchtung erst traulich machen.

Als Bording hin und her schritt, überkam ihn ein Gefühl grenzenloser Einsamkeit.

Er war, wie fast alle großen Arbeiter, seinen Bedürfnissen und seiner Veranlagung nach ein einsamer Mensch.

Aber er hatte in diesem Augenblick eine merkwürdige Erkenntnis. Er begriff den Unterschied zwischen den Erlebnissen, die sich aus unserem Innern heraus entwickeln, und denen, die von außen an uns herankommen. Die einen werden wir am stärksten in der Einsamkeit bemeistern, die anderen regen das Verlangen nach Aussprache an, die Sehnsucht nach einem verstehenden Freund. Vielleicht war es so. Vielleicht war die ihn selbst überraschende Sehnsucht nach irgend einer Gesellschaft in dieser entscheidenden Stunde eine neue Empfindung in ihm.

Er dachte an Therese. Er fühlte klar: ihre Nähe würde ihm angenehm gewesen sein, wenn sie diese Spannung schon zusammen zu tragen gehabt hätten.

Er kannte sie nun genau. Sie war eine von den wunderbar glücklichen Naturen, denen jede Lebenslage gemäß ist und die jeder gewachsen sind. Bei denen man immer den Eindruck hat, sie dürften nirgendswo anders stehen als da, wo sie vom Schicksal hingestellt wurden. Gar nichts Problematisches war in ihr. Kein pikanter, hin und her spielender Reiz, keine wechselnden Lichter in ihrem Wesen.

Vorbestimmt war sie zur Gefährtin eines Mannes, der weder eine dumme noch eine aufregende Frau brauchen konnte.

Er dachte auch an die andere. Sie hatte sich ruhig verhalten. Keinerlei aufsehenerregender Lärm war von ihr veranlaßt worden. Die Logik der Tatsachen gewährleistete, daß sie nun etwa nachträglich, wenn er und nicht ihr Mann gewählt werden würde, nicht noch tragische Konflikte herbeiführen konnte. Es sähe zu plump nach Rache und Enttäuschung aus. Und würde dann niemand mehr schaden als ihr selbst.

Wie fern war sie ihm doch – wie fern! Daß so rasch etwas völlig aus seinem Leben, aus seinen Empfindungen entgleiten konnte, das viele Jahre darin eine Hauptrolle gespielt! Welche Grausamkeit! Die Natur würde schon ihre tiefen Zwecke dabei haben, daß sie das Herz mit so schneller Heilkraft ausstattet …

Oder war vielleicht sein Herz niemals beteiligt gewesen?

Nicht einmal das?

Nun – wie immer – vorbei – vorbei –

Schon diese Betrachtung noch zuviel Rückwärtssehen…

Er atmete tief auf.

Er stand still und sah den Merkur an.

Ihm kam der Gedanke, daß der Renaissancekünstler, der diese leicht hinanschwebende Gestalt geschaffen, eine Vision gehabt haben müsse, darin er den Handel künftiger Jahrhunderte vorausgeahnt habe – über Länder und Meere flogen heute mit dem elektrischen Funken die Unternehmungen – es gab keine Fernen mehr – jeder Weltteil war nebenan. Wahrlich, im brausenden Fluge schwang sich Merkur durch die Lüfte um den Erdball.

Ein brennender Stolz auf seinen Beruf schwoll in Bordings Brust. Er wußte, die Aufwärtsentwicklung der Völker war ohne den Kaufmann nicht möglich. Und er sagte es sich in diesem Augenblick: er hatte es in seinem Beruf zu fürstlicher Größe gebracht …

Die Tür, welche die Diele vom Vorflur schied, ward aufgerissen.

»Herr Bording,« sagte Schrötter aufgeregt, »ach, Herr Bording« – beinahe hätte er gesagt »Jakob«, denn Jahrzehnte versanken und da stand der liebe, kleine blonde Junge, der so niedlich betteln konnte: »Schrötter, leih mich deinen Hammer mal eben ein klein büschen – ich schlag' mich auch gewiß nich den Daumen taputt …« ja, da stand er und war nun ein sehr großer Mann und sollte Senator werden… »Herr Bording, der Reitendiener ist da …«

Bording fühlte sich von einer tiefen Erschütterung ergriffen. Ganz wehrlos war er ihr hingegeben. Er ward sehr bleich. Und so, stolz aufgerichtet, auf seinen raschen Herzschlag hörend, als könne er ihn durch dieses aufmerksame Hinhorchen meistern, so sah er dem Mann im roten Frack und gelben Stulpenstiefeln entgegen.

Der trat, seinen Dreimaster in der Hand, erhitzt vor Aufregung und Verlegenheit, auf ihn zu und meldete in einer herzergreifend lokalgefärbten Aussprache des Deutschen – was Bording zu völligster Fassung brachte: »Seine Magnifizenz der Bürgermeister und ein Hoher Senat lassen Herrn Bording mitteilen, daß Sie zum Senator der Freien und Hansestadt erwählt worden sind und fragen an, ob Sie die Wahl anzunehmen bereit wären.«

»Sagen Sie Seiner Magnifizenz und einem Hohen Senat, daß ich die Wahl annehme, voll Dank auch gegen Gott und hoffe, mich ihrer allezeit würdig zu erweisen.«

Mit tiefer Verneigung zog sich der rote Mann zurück …

»Herr Senator!« sagte Schrötter aus tiefster Brust – denn er hatte dabei gestanden – vor Benommenheit dachte er gar nicht daran, sich zurückzuziehen – und er wollte ja auch der erste sein, der es sagte …

Und nun fing er an zu weinen. Kindertränen, wie sie Greise weinen können, die keine Hemmungen mehr für ihre Rührung in sich aufzubringen vermögen.

Bording gab ihm die Hand. Der Alte mit seinen Tränen machte ihn weich – die ganze Jugend kam zurück – die Eltern – alles Hoffen und Streben – die Arbeitswucht von zwanzig Jahren stand auf einmal vor ihm da – er sah mit einem umfassenden Blick zurück, wie man von Höhen auf einmal alles überschaut.

Und es war seinem Gemüt doch wie eine Liebkosung, daß der Alte, der seiner Kindheit Zeuge und Schützer gewesen, der erste war, der den neuen Titel aussprach …

Wenige Minuten später fuhren schon die Wagen vor. Sie hatten ja keinen weiten Weg zu rollen gehabt, vom Rathausportal bis hierher ging es fast nur um die Ecke. Für die Herren Senatoren, die zum Gratulieren kamen, war es ein Ein- und Aussteigen nach der Fahrt einer Minute.

Die Dielentür blieb geöffnet – weit stand das Haustor offen. Eine unruhevolle Bewegung füllte das Gäßchen, den Vorflur und die Diele.

Nach der Begrüßung des Senates, wobei kurze, ernste Ansprachen gewechselt wurden, die Mitarbeit zum Wohl der Freien und Hansestadt erbaten und treue Hingabe an die heilige, neue Pflicht versprachen – nach dieser Begrüßung kamen die Spitzen der Bürgerschaft, und Burmeester sprach seinen Vetter und Freund förmlich und feierlich als »Herr Senator« und »Sie« an. Dann strömten Männer aller Bevölkerungsklassen herbei und hunderte von Malen drückte Bording die Hände, die sich ihm glückwünschend entgegenstreckten.

Als sich der Zulauf nach zwei, drei Stunden ein wenig abzuebben begann, erschienen die Deputationen aus den Kontoren und Speichern.

Schrötter nahm die Telegramme an, die nun einzulaufen begannen und sich auf dem Schreibtisch uneröffnet häuften.

Die Unruhe war betäubend. Oben, von der Galerie erlaubten sich zuweilen die Köchin und das Folgemädchen einen Blick hinab auf ihren Herrn und das ihn umgebende Gedränge.

Um vier Uhr schloß Schrötter die Türen. Er fand: nun war es genug. Morgen vormittag setzte sich diese Gratulationscour, wenn auch in sehr abgeschwächtem Maß, noch fort, das wußte er. Nun sollte sein Herr Ruhe haben und etwas zu essen bekommen. Schrötter hatte förmliche Kinderfrausorgen um ihn.

Als Jakob Bording dann in seinem kleinen Eßzimmer saß, fühlte er keinerlei besondere Aufregung mehr, fand sich vielmehr in jenem Zustand einer gewissen Ernüchterung, der einem großen Augenblick zu folgen pflegt. Man glaubt, mit der Lebensveränderung müsse man auch ein anderer Mensch geworden sein, und spürt mit Erstaunen, daß sich in einem und um einen eigentlich nichts geändert hat. Kurz alle Gefühlsaufwallungen waren vorüber und er überdachte ganz nüchtern die Lage.

Er erinnerte sich aus der Unmenge der Gesichter, die sich um ihn bewegt hatten, eigentlich nur an ein einziges: das Meno Sanders'!

Natürlich. Der Ausdruck des unterlegenen Rivalen interessiert immer. Sanders hatte in seiner Eigenschaft als einer der stellvertretenden Wortführer der Bürgerschaft an der feierlichen Beglückwünschung des neuen Senators teilnehmen müssen. Seine Haltung war vollkommen gewesen. Aber sein Gesicht schien sehr erhitzt. Und als sein Blick dem Auge Bordings begegnete, blitzte kalter, erkünstelter Hochmut auf, der sagen wollte: ich mache mir nichts daraus! Auch natürlich – bei Sanders!

Während Bording aß, kam der alte Schrötter mit der Meldung, daß Herr und Frau Doktor Burmeester heute den Abend hier zubringen wollten. Sie fragten gar nicht erst, ob es genehm sei.

Man mußte doch beieinander sein – sich aussprechen – nach solchem Ereignis! Und Jakob konnte doch nicht zu ihnen kommen! Hausarrest hatte er nun, gefangen war er – dem alten Brauch und Gesetz nach durfte er seine Wohnung nicht verlassen, ehe er im Rathause auf die neue Würde vereidigt worden war. Er wußte das und hatte schon bei der Beglückwünschung gebeten, daß diese Zeremonie nach Möglichkeit beschleunigt werde. Er konnte nicht lange seinem Kontor fernbleiben.

Grete und Georg Burmeester waren am Abend äußerst vergnügt und wußten schon eine Menge kleiner Geschichten; die, welche Grete vortrug, klangen nach Klatsch, und ihr Mann sagte oft sehr ermahnend »Greteee!!« dazwischen. Sie hatte schon gehört, wie der sich gefreut und jener sich geärgert habe. Und Frau Thora Sanders hätte einen Wutausbruch gehabt, Fräulein Klara sollte es erzählt haben. Und Sanders selber tue, als wenn ihm eine Last erspart sei, während man doch wisse … Georg Burmeester konnte berichten und im Tonfall äußerst getreu nachmachen, wie der »Reitendiener« Bordings Antwort dem Senat überbracht habe. Nämlich mit den Worten: »Herr Senator Bording bedankt sich vielmals und wär' so frei und nähm' die Wahl an und stellt alles Sonstige dem lieben Gott anheim.«

Und wenn Burmeester erst auf all den Humor kam, der in die republikanischen Formen hineinspielte und natürlich stets unfreiwillig war, fand er kein Ende. Bording mußte Heidsick aus dem Keller holen lassen. Dabei fiel ihm ein, was er den kecken Referendaren zugedacht hatte, die von seinen »Spendierbüxen« so anzüglich gesprochen hatten. Sie sollten einen Korb Sekt hingeschickt erhalten.

Burmeester meinte: »Das wirkt unwahrscheinlich. Den Sekt glauben sie dir gar nicht.«

»Warum?«

»Weil man meint, du verstehst keinen Spaß. Weil es notorisch ist, daß du zerstreut und unaufmerksam in gesellschaftlichen Dingen bist.«

»So, so. Grete, warum hustest du so anzüglich?«

»Gott, Jakob, ich dachte an meinen Geburtstag.«

»Den ich ja wohl immer vergesse? Na ja – zu so was muß man 'ne Frau haben, die einen erinnert oder Vollmacht hat, einen zu vertreten …«

Da wurden alle still. Und Grete, die warmblütig, raschen Gefühlstempos und in ihren Mann noch immer sehr verliebt war, dachte: »Eigentlich heiratet man ja woll nicht nur zu solchen Zwecken.«

Die Vereidigung des neuen Senators fand schon am übernächsten Tage statt. Bording wurde dazu von dem Jüngsten seiner nunmehrigen Kollegen abgeholt. Um der feierlichen Auffahrt zuzusehen, hatten sich wieder Menschen angesammelt. Vom Balkon des Rathauses wehten die Flaggen in den Hansischen Farben rot und weiß mit dem Adler im weißen Felde. Sie flatterten scharf aus im warmen Ost und am blauen Himmel lachte die Sonne.

Am Abend dieses Tages gab Bording den Angestellten seines Hauses ein großes Fest in zwei verschiedenen Lokalen. Es war sein Vorsatz, sowohl den Schmaus der Arbeiter zu besuchen, als auch bei dem Essen und Ball des Kontors sich sehen zu lassen. Frühzeitig kleidete er sich an, denn er dachte noch einen Brief zu schreiben, den Schrötter austragen sollte, ehe auch er sich zum Fest der Speicherarbeiter begab. Als er in seinem Schubfach neben dem Lederkasten, den Krawatten füllten, die Kassette sah, in der mehrere Etuis mit Orden sich befanden, dachte er: »Was mach' ich nun mit dem Spielzeug?« Er hatte sie schon früher nur sehr selten getragen. Jetzt war es ihm ganz verboten. Der Senator einer Freien und Hansestadt trägt keine Orden – er darf keine annehmen – der schlichte, ungeschmückte Bürgerrock deutet seine Unabhängigkeit an. –

Dann saß er im Frack mit weißer Krawatte am Schreibtisch.

Was er schreiben wollte, stand schon Wort für Wort, in seinem Kopfe fest seit anderthalb Wochen. Völlig klar, ohne die mindeste Erregung, doch in einem ruhigen, guten Gefühl, das man hat, wenn man etwas sehr Vernünftiges tut, konnte er eigentlich nur abschreiben, was fertig in seinen Gedanken war.

Vielleicht schrieb er ein wenig langsamer als sonst …

»Hochgeehrter Herr Senator!

Diese meine Zeilen bringen Ihnen eine Bitte. Es ist die, mir morgen vormittag halb ein Uhr eine Unterredung mit Ihrer Tochter gestatten zu wollen. Wenn ich Ihnen als Schwiegersohn willkommen wäre, möchte ich Fräulein Therese fragen, ob sie Neigung und Vertrauen genug für mich empfindet, meine Frau zu werden. Sie gewährten mir eine Gunst, hochverehrter Herr Senator, wenn Sie Ihre Tochter vollkommen ahnungslos ließen. Sie begreifen, daß ich mir diese ernste Frage von niemand, nicht einmal von Theresens Eltern vorweg nehmen lassen will. Ich wünschte mich nur vorher Ihres Einverständnisses und der Gelegenheit, Fräulein Therese im Hause anzutreffen, zu versichern.

Bei dieser meiner Anfrage habe ich den Artikel 6 unserer Verfassung deutlich im Gedächtnis. Seine Bestimmungen erwähnen nicht den Stiefschwiegervater, so wenig wie sie zum Beispiel den Schwager erwähnen. Ich preise daher den Umstand, daß Fräulein Therese nur Ihre angeheiratete Tochter ist; um Ihre leibliche Tochter zu werben würde mir verwehrt sein. Nun aber darf ich hoffen, daß einem ernsten, starken Wunsch Erfüllung werden kann. In besonderer Verehrung bin ich

Ihr Ihnen hochachtungsvoll ergebener Jakob Martin Bording.«

Das war der Brief, der die Entscheidung über sein eigenes und noch ein anderes Leben herbeiführen sollte. Daß die Entwicklung der Dinge ihm gestattete, ihn zu schreiben, erfüllte ihn mit Genugtuung.

In einer ganz besonders harmonischen Stimmung begab er sich zu den Festen.

Als er ziemlich spät in der Nacht von ihnen zurückkam, war diese Stimmung fast bis zu einer Erhobenheit gesteigert. Die hinter ihm liegenden Tage mit all den außergewöhnlichen Anforderungen, die den geregelten Gang unterbrochen hatten, rächten sich. Nicht, indem sie Abspannung hinterließen. Vielmehr dadurch, daß eine nachzitternde Erregung alle Empfindungen noch lebhafter und eindringlicher machte als sonst. Er hatte auf den Festen von seinen Leuten sich in begeisterten Toasten anfeiern lassen müssen und die Echtheit der Verehrung gefühlt. Das riß ihn hin, da und dort in ausführlichen Reden zu sprechen, ihnen viel von den Pflichten und Lasten der großen Arbeitgeber zu sagen, sich ihnen verständlich zu machen, warum er fern von ihnen über ihnen stehe und doch ihnen nahe mit all seinen Gesinnungen sei. Mitarbeiter seien sie alle miteinander. Aber für ihn, den Einen, die große Verantwortung; die Sorgen; die Notwendigkeit durch immer neue, der fortschreitenden Wissenschaft, dem sich rasend entwickelnden Verkehr folgende und sich anpassende Ideen die Unternehmungen auf der Höhe zu halten; für ihn die Möglichkeit der Verluste; für ihn die Pflicht, einzutreten, wo Krankheit und Tod in die Familien

der Mitarbeiter ihre Schrecken hineintrügen. Und er hatte seine Rede mit dem Zitat geschlossen:

»Hört der Bursch die Vesper schlagen,
Meister muß sich immer Plagen.«

Da hatten sie ihn jubelnd umdrängt …

Mit dem Nachhall dieses Jubels im Ohr kam er heim.

Er dachte gar nicht daran, daß vielleicht schon auf seinem Schreibtisch eine Antwort des Senators Landskron liegen könne, oder daß im Briefkasten etwas dergleichen stecke. Er ging sofort hinauf und zu Bett.

Aber als Schrötter in einer niedlichen, immerhin ziemlich deutlichen Beschwipstheit glückselig nach Hause kam – bis an die Türschwelle von einem der Vorarbeiter, der sein Neffe war, sorglich geleitet – da wurde sofort seine pedantische Ordnungsseele wach. Und die war gewohnt, vor Schlafengehen daran zu denken, daß noch mal im Briefkasten nachgesehen werde.

Richtig, da war eine ganze Menge. Stadtpostsachen. Wohl meist Glückwunschkarten. Und noch ein Brief, der keine Freimarke hatte, also von einem besonderen Boten in den Kasten gesteckt worden war. Schrötter sah, daß ein Siegel ihn schloß und dachte schon: »Aha, einer von den Briefen …« Aber bei genauer Betrachtung in seinem Zimmer erkannte er dann: das war eine andere Handschrift und ein großes Wappensiegel.

Und dieses Schreiben mit dem Landskronschen Patrizierwappen fand Bording am anderen Morgen oben auf dem großen Berg von Zuschriften und p. f. Karten. Aber er blieb seiner Gewohnheit treu: das Nichtigste zuletzt! Mit raschen Fingern öffnete er Brief um Brief, warf Karten in eine bereitgestellte Schale und zerknüllte Umschläge in den Papierkorb. Er frühstückte dabei – fast in Seelenruhe. Das heißt, er zwang sich, eine merkwürdige Spannung, die sich beinahe zur Unruhe steigern wollte, nicht aufkommen oder doch nicht Herr über ihn werden zu lassen.

Dann erst, als dies Vorspiel seines Tagwerks beendet war, las er, was Landskron ihm schrieb. Es war dies:

»Hochverehrter Herr Senator!

Bewegten Herzens danke ich Ihnen für die Ehre, welche Sie willens sind, meinem Hause zu erweisen, indem Sie um die Hand meiner Stieftochter Therese sich zu bewerben denken. Es kann Ihnen nicht verborgen geblieben sein, daß ich Ihnen die lebhaftesten Sympathien entgegentrage, und Sie werden sich darum keinerlei Zweifel hingeben, daß Sie mir als Familienmitglied herzlich willkommen sein würden. Ich sehe voraus, daß Theresens Mutter, deren zweiter Gatte ich bin, wenn sie gleich mir erst die Freude haben wird, Sie näher kennen zu lernen, die Partnerin meiner Empfindungen für Sie werden dürfte.

Ich nehme Gelegenheit Ihnen zu erklären, wie es meine Pflicht ist, daß Therese nicht über ein Vermögen irgend welcher Art verfügt, noch nennenswerte Erbschaften zu erwarten hat. Von der Mutter meiner Frau, der jetzt fast achtzigjährigen Frau Wollwarth, dürfte meiner Frau und nach ihr Therese noch einmal ein kleines Kapital überkommen. Ich selbst bin, wie Sie wissen, kein wohlhabender Mann.

Zu dem von Ihnen angezogenen Artikel 6 unserer Verfassung kann ich allerdings nur zustimmend sagen, daß er dem Wortlaut nach uns nicht hindert, in ein so nahes verwandtschaftliches Verhältnis zu treten. Aber ich will Ihnen ehrlich sagen, daß ich meine Therese so ganz als mein eigenes Kind empfinde, daß ich das Gefühl, als ließe ich mir eine Gesetzesumgehung schuldig werden, nicht zu unterdrücken vermag. In dieser Frage wird sich aber ein Ausweg finden lassen. Ehe ich zum Senator erwählt wurde, war es mein heimlicher Wunsch, in der juristischen Karriere zu bleiben und dereinst Präsident des Gerichtes zu werden. Im Grunde genommen hat mich der starke Wunsch meiner Frau, mehr als eigene Neigung, bestimmt, die Wahl in den Senat anzunehmen. Meine Würde niederzulegen, wenn mir ein anderer, hochansehnlicher und mir tiefsympathischer Wirkungskreis eröffnet werden könnte, kostete mich kein Opfer.

Aber diese Dinge wollen und müssen wir einstweilen in der Schwebe lassen, nicht nur aus Schonung für die Empfindungen meiner Frau. Wir werden und können abwarten, wie sich der Senat, die Bürgerschaft und die Bevölkerung zu der Sache stellt, immer vorausgesetzt, daß das Bündnis, welches Sie erstreben, vollzogen werden wird. –

Ihrem Wunsche, unsere Tochter Therese in Unkenntnis über Ihre Absicht zu lassen, wird entsprochen werden. Auch treffen Sie sie um die von Ihnen benannte Stunde sicherlich im Hause an.

Ich glaube so weit in dem Herzen meiner Tochter Therese Bescheid zu wissen, daß ich auf einen glücklichen Ausgang dieser Angelegenheit zu hoffen mich nicht unberechtigt fühle.

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochschätzung bin ich, sehr verehrter Herr Senator, Ihr ganz ergebener

Aug. Landskron, Dr. jur.«

Mit lächelndem Behagen las Bording diese Zeilen, die so charakteristisch waren, daß er den vorsichtigen, zögernden und vornehmen Menschen fast zu sprechen hören meinte.

Also heute … Plötzlich errötete er in der Einsamkeit seines Zimmers. Es war doch ein überwältigendes, ein ergreifendes und auch ein wenig beklemmendes Gefühl, einem Mädchen sich so zu nähern …

An diesem Vormittage präsidierte der Senator Doktor Landskron einer Kommissionssitzung. In irgend einem Verwaltungsgebiet hatten sich Mißstände und Verbesserungsbedürftigkeiten ergeben; man beriet die zu ergreifenden Maßnahmen und gesetzgeberischen Beschneidungen oder Erweiterungen bestehender Paragraphen. Was die Kommission dann in ihrer Weisheit als das richtigste herausfinden würde, ging später an die Bürgerschaft, die in parlamentarischer Verhandlung über Annahme oder Ablehnung der Kommissionsbeschlüsse sich herumzuschlagen hatte – versteht sich nur in Redeschlachten.

Außer Landskron befand sich noch einer seiner Kollegen bei der Kommission. Es war der Großkaufmann Senator Hüpeden, der mit auf der Brust verschränkten Armen dasaß, das Lordgesicht mit den englischen Bartstreifen hatte einen Ausdruck so vertieften Ernstes, daß sich, hiervon ausgehend, allen Anwesenden ein Gefühl für die ungeheure Wichtigkeit des verhandelten Gegenstandes suggerierte. In der Tat aber dachte Herr Senator Hüpeden angestrengt darüber nach, ob die Reichsbank den Diskont wirklich herabsetzen würde, was seinen geschäftlichen Plänen im Moment nicht willkommen gewesen wäre. Der gute Landskron nahm sich aber ein Beispiel an diesem Ernst, denn er war sich seiner – ach nur zu begreiflichen – Zerstreutheit wohl bewußt!

Außer den beiden Senatoren liehen den Beratungen dieser Kommission noch sechs ehrenwerte Mitglieder der Bürgerschaft ihre erprobten Kräfte. Da war der Bauunternehmer Lüttjohann, mit dem Kopf voll krauser Mauermannshaare, die trocken und negerartig werden vom Kalk. Er hatte sich aus einem fanatischen sozialdemokratischen Maurergesellen zum wohlhabenden, staatserhaltenden Mann – emporentwickelt oder herabverkümmert, von welcher Seite man dies nun ansehen wollte.

Wenn er in den Bürgerschaftsverhandlungen einmal das Wort ergriff, kurz und selten, so pflegte er, sei es infolge

seiner Verlegenheit, sei es wegen angeborener Undeutlichkeit seiner Aussprache, nicht genau verstanden zu werden. Man erzählte sich, daß einmal anderen Tags der Stenograph zu ihm gekommen sei und um den Text seiner Rede gebeten habe, worauf Herrn Lüttjohanns Antwort gewesen sein sollte: »Ach, schreiben Sie man unfäständlich, ich weiß nich mehr, was ich gesagt hab'.«

Aber in den Kommissionsberatungen stand er seinen

Mann, und was er vorbrachte, hatte Hand und Fuß.

Auch der Konsul Breitenfeld streckte in der länglich rund um den grünen Tisch sich hinreihenden Versammlung sein kleines Köpfchen mit den Maikäfer-Augen vor und kämpfte nervöse Kämpfe mit seiner Kneiferschnur, während er alles töricht fand, was alle sagten.

Kurz, breit, entschlossen saß der Schlossermeister Busekist da, sich seines gesunden Verstandes und der mannigfachen Resultate, die er mit diesem erzielt, wohl bewußt, ohne Furcht vor den schrecklichen Klippen, der deutschen Sprache, doch von Ehrfurcht für sein Amt erfüllt.

Konsul Gundlach gehörte zur Kommission, nahm oft das Wort und erinnerte dann alle daran, indem er sich erhob, daß er ein Sitzriese war. Er wendete das Haupt mit dem pompösen weißen Bart und dem goldgefaßten Kneifer nach rechts, nach links und setzte sich, sowie er gesprochen hatte.

Der junge Dr. jur. Stammer mit dem zerhauenen Korpsbruderantlitz, der das Küken der Bürgerschaft war, oder ihr Benjamin, wie man auch sagen konnte, spielte in der Kommission die Rolle des Volkstribun, der die Interessen, Rechte, Bedürfnisse der »breiten Schicht« vertrat. Sein Eifer in der Debatte war groß, seine Kritik scharf, seine Forderungen unerfüllbar. Er wollte dereinst mal selber Senator werden und hatte sich dazu ein Programm gemacht: einige Jahre rücksichtslose Kritik und kühner Liberalismus, dann, wenn man populär, langsames Hinüberschwenken zur Senatspartei.

Von dem sechsten Mann war nicht viel zu sagen. Der Kaufmann Schäfer, blond, wohlfrisiert, mit raschen, aufmerksamen Bewegungen, wie sie Leute haben, die hinterm Ladentisch leben, war eigentlich mit allem einverstanden,

was alle sagten, und nickte zustimmend, wenn Stammer sprach, der sein Kunde war, aber er neigte auch wohlwollend das Haupt, wenn Busekist sprach, der ebenfalls sein Kunde war.

»Meine Herrens,« sagte Busekist am Schluß eines längeren und sehr verständigen Vortrags, den er gehalten hatte, »das is dja färückt – eben waren die Fäordnungens bekannt gegeben, da kommen die Leute bei und machen es allens fäkehrt! Was nutzen mich die Fäordnungens, wenn der Disziplin nich da is – meine Herrens, auf den

Disziplin kömmt allens an. Das is die ganze Geschichte, damit lösen Sie die Frage.«

»Sehr richtig,« sagte Herr Senator Hüpeden, der sich inzwischen aus seinen Gedanken über den Diskont der Reichsbank losgerissen hatte und aufmerksam der Debatte folgte. Busekist war überdies sein Mann: eine treue Stütze des Senates.

»Herr Doktor Stammer hat das Wort,« bestimmte Landskron.

Stammer, mit sehr hohem Hemdkragen, untadelig aufrechter Haltung, saß vornehm da, seine wohlgepflegte Hand arbeitete spielend mit dem Bismarckbleistift, während er sprach: »Mein verehrter Herr Vorredner mit der gründlichen Beherrschung der Materie, die er immer bemeistert, ehe er sich eine Ansicht bildet und uns vorträgt, hat uns gesagt, daß der ganze Komplex von Vorgängen, deren Bedauerlichkeit wir einstimmig festgestellt haben, nur möglich gewesen sei, weil die Verstandesschulung des Publikums sich als lückenhaft erwiesen habe, während ich im Gegenteil der Ansicht bin, daß die Verordnungen von einer sehr bemerkenswerten Illogik waren und daher nichts anderes zu zeitigen vermochten als Verwirrung. Mein verehrter Herr Vorredner wollte, glaube ich, auch zum Ausdruck bringen, daß durch blinden Gehorsam der in Betracht kommenden Bevölkerungskreise die Frage am einfachsten zu lösen sei. In Parenthese erlaube ich mir zu bemerken, daß man Rätsel löst, Fragen aber beantwortet. Gesetze, die mit dem beschränkten Untertanverstand als Hauptfaktor rechnen müssen, um glatt funktionieren zu können …«

Die sonore Rednerstimme ging immer so im forschen Tempo weiter; gewandt wurden Sätze aufgebaut, ineinander geschachtelt, entwickelt …

Landskron mußte sich sonst schon Mühe geben, dem raschen Sprecher und seiner fabelhaften Wortflüssigkeit zu folgen.

Aber heute war es besonders schwer … Immer schweiften seine Gedanken ab und gingen nochmals durch, was sich seit gestern abend um halb sieben Uhr begeben hatte …

Da wollte er gerade das Haus zu einem kleinen Spaziergang verlassen. Seine Therese war zu einer Freundin zum Nachmittagstee geladen; um sieben Uhr würde sie wohl von dort zurückkehren, er dachte sie halbwegs vielleicht zu treffen.

An der Gitterpforte des Vorgartens kam ein kleiner alter Mann in einem drolligen, altfränkischen Bratenrock auf ihn zu. Der Mann sah aus wie ein Kleinbürger, den zu einem Fest will. Er fragte: Herr Senator selbst? Jawohl. Und gab einen Brief ab von Senator Bording …

Nicht gerade ahnungsvoll, aber doch in schnell aufwallender Neugier erbrach Landskron den Brief und las ihn, im Vorgarten stehend, den Stock wagrecht unter den linken Arm gepreßt, den Hut auf dem Kopf.

Er kehrte mit roten Bäckchen sofort ins Haus zurück. Ihm war auf der Stelle klar, daß diese Sache seiner Frau nicht vorenthalten werden konnte. Besaß sie doch von Natur aus die näheren Anrechte an Therese. Aber er hatte eine große Sorge vor den Aussprüchen, Meinungen und Entscheidungen seiner Frau. Es war ihm bekannt, daß sie aus kleinlicher Empfindlichkeit auf Bording herabsah, der sie oftmals nicht gegrüßt oder nicht beflissen umhuldigt hatte. Sie nannte ihn anmaßend, geizig, kaltherzig und war voll abfälliger Kritik, daß er und nicht der bei ihr hoch in Gunst stehende Sanders Senator geworden sei.

Und dann der Artikel 6! Landskron war ja, in Theresens Interessen, entschlossen, noch nicht von fern darauf hinzudeuten, daß die Bestimmungen dieses Artikels ihn doch beengten. Er wollte vielmehr zunächst betonen: daß ein Senator der Stiefschwiegervater des anderen werde, ist nicht vorgesehen und deshalb nicht verboten.

Er sah ja ohnedies schon Szenen voraus – Theresens Liebe gegen die Abneigung der Mutter in Waffen! Ach und er liebte den Frieden so! Man konnte doch nur denken, studieren, arbeiten, wenn im Hause Frieden herrschte.

Aber in der Veranda, wo er seine Gemahlin fand, die Füße in den Zeugstiefeln auf einem Schemel, die Knie breit auseinander, mit außerordentlicher Würde in der Haltung an einer rot-weiß-grauen Decke stickend – da erlebte er eine Überraschung, von der er sich noch nicht ganz erholt hatte.

Als die Senatorin den Brief gelesen, wobei auf ihrem breiten, flachen Gesicht keine Mienenveränderung erkennbar war, dachte sie eine Weile stumm nach. Dann fragte sie kurz, fast scharf: »Geht denn das überhaupt? Ich meine von Verfassungs wegen?«

Er sagte ihr den Artikel 6 her.

Wieder schwieg sie ein paar Sekunden. Und dann sprach sie, mit einem wahrhaft monumentalen Umschwung ihrer bisherigen Urteile: »Welches Glück. Ich dachte schon, Therese bliebe sitzen. Es war die höchste Zeit. Eine glänzendere Partie kann sie ja nie machen. Von ihm ist es sehr klug. Er sucht das einzige, was ihm fehlt: Anschluß an eine erste Familie. Woraus man wieder sieht, was für ein bedeutender Mann er ist.«

»Also du bist einverstanden?« stammelte er fast. Sie fragte nicht, weder jetzt noch in den nächsten Stunden und Tagen, ob denn er einverstanden sei, und sprach sentenziös: »Eine liebevolle Mutter darf sich dem Glücke ihres Kindes nicht entgegenstellen.«

Nach einer Weile sagte er, bittend, mit einer ganz vorsichtigen Ermahnung im Hintergrund seiner Gedanken: »Wir wollen uns aber doch zusammennehmen, damit Bordings Wunsch entsprochen wird und Therese ahnungslos bleibt.«

Da erhob sie das Haupt und sprach voll abweisender Würde: »Diese Hindeutung war mindestens überflüssig!«

Er glaubte, daß Bording wahrscheinlich, von liebender Ungeduld und Spannung verzehrt, in seinem Hause sitze und die Minuten zähle, bis die Antwort käme. Diese Ansicht sprach auch seine Frau aus, und so schrieb er noch vor dem Abendbrot die Antwort, und Elise, das Folgemädchen, mußte sie hintragen.

Seine Frau gab sich auch Sorgen hin: Therese hatte einen törichten Idealismus, war leider zuweilen untöchterlich selbständig! Wenn sie nein sagte! Landskron mochte nicht bekennen, daß er glaube, ja wisse, Therese liebe Bording. Denn das hätte seine Frau verletzt und sie würde gesagt haben: »Eine Mutter ist die Nächste zum Herzen der Tochter, ich sehe Undank darin, daß Therese dir mehr als mir vertraut – dir, dem Stiefvater!«

Dann kam Therese heim und fragte gleich: »Papa, was hast du? Du hast deine roten Bäkchen – ich bin in sie verliebt, aber die zeigen mir: du hast Aufregung.«

Er konnte nicht lügen und hatte sich auf solche Frage nicht vorbereitet. Deshalb plinkte er nur Therese zu: sei still. Denn er wußte ja: wenn er sie so ansah, fragte sie nicht mehr.

Seine Frau aber nahm das Wort zu einem Verweise.

»Mein liebes Kind, man fragt Eltern nicht. Eltern teilen sich von selbst mit, wenn sie es angebracht finden.«

Worauf Therese ihren Vater mit dem »Spießgesellenblick« vergnügt ansah.

Nachher bei Tisch erkundigte seine Frau sich bei der Tochter nach den Neuigkeiten, die etwa auf dem Tee erzählt worden seien und wie man sich unterhalten habe.

»Ach, es waren überflüssige Stunden: Gespräche über Reisepläne und Kleideranschaffungen, ein bißchen Klatsch und das Gerücht, daß neulich, auf dem Fest bei Hedenbrinks, der Oberleutnant von Jagsthagen sich mit Laura Dören verlobt habe, daß ihre Eltern aber dagegen sind.«

Da hatte seine Frau gelächelt. Gewissermaßen huldvoll – wie ihr selten vorkommendes Lächeln stets wirkte.

»Und du, du denkst gar nicht an Verloben?«

»Mich hat ja noch keiner gewollt,« antwortete Therese ganz gleichgültig.

Landskron hatte, vor Angst mutig, seine Frau unterm Tisch mit dem Fuß angestoßen. Aber es half nichts. Sie fragte weiter. Es trieb sie eben unwiderstehlich.

»Wenn nun aber mal ein sehr reicher Mann käme und dich wollte?«

»Den nähm' ich nicht! Kannst dich drauf verlassen, Mama! Ich heirat' nur aus Liebe und will geliebt werden.«

Hierauf war seine Frau in sichtliche Unruhe geraten und hatte ihn bedeutungsvoll angesehen, so bedeutungsvoll, daß er noch ängstlicher wurde und rasch von dem baldigst zu erwartenden Ableben der alten Großtante, Fräulein Therese Boß, zu sprechen begann.

Später im Schlafzimmer hatte seine sonst durchaus nicht phantasievolle Frau sich in den erregtesten Vorstellungen ergangen, welch ein Wahnwitz, welche Unbegreiflichkeit, ja Albernheit es sein würde, wenn Therese etwa den Antrag nicht annähme.

Er selbst begriff ja Theresens Antwort nicht – war sie so ahnungslos?

Aber was half es. Man mußte warten, bis die Nacht und der andere Vormittag verstrichen waren – bis man erfahren würde …

Ehe er heute morgen dann in die Kommissionssitzung gegangen war, hatte er Therese gebeten: »Sei von zwölf ab zu Haus, ich denke gleich nach zwölf zurückzukehren und stelle dich dann vielleicht zum Abschreiben an.«

Es kam ja manchmal vor, daß Therese für ihren Vater als Sekretär wirkte; einen natürlicheren Vorwand hatte er also nicht finden können.

Die Spannung war sehr schwer zu bemeistern – wenn das Lebensglück der einzigen, geliebten Tochter sich entscheiden soll …

Das alles dachte Landskron, während die sonore Rednerstimme den Raum füllte, dessen westliche Wand ganz hell vom Sonnenschein war. Und der Sonnenschein wuchs langsam über den Estrich weiter, auf den Tisch zu und mit einem Male hatte dessen Tuch zwei Farbenhälften: die eine golden hellgrün, die andere tiefsatt dunkelgrün, in schräger Linie, haarscharf voneinander unterschieden. Und diese durchstäubte Sonnenflut, die sich als sehr längliches Dreieck über die Tischplatte legte und das volle, rötliche Gesicht Busekists sowie die schmale Gestalt und den kleinen, vorgestreckten Kopf Breitenfelds mit in ihren Glanz nahm, sagte allen, daß es ungefähr zwölf sein müsse.

Jetzt schloß Doktor Stammer, von einem zustimmenden Kopfnicker Schäfers anerkannt.

Sofort erhob sich der Konsul Gundlach.

»Ich beantrage Schluß der Debatte und Abstimmung.«

Und setzte sich wieder.

Alle waren für den Schluß.

Das Gewissen Landskrons kam in einen schrecklichen Zustand: er hatte die Verhandlungen sozusagen mechanisch geleitet, ohne ihren wechselnden Inhalt wahrhaft in sich aufzunehmen; er durfte, er konnte es nicht vor sich verantworten, daß die Angelegenheit als geklärt angesehen werde.

Er hatte sonst ein sehr ernstes psychologisches und lokalpolitisches Interesse an solchen Sitzungen. Daß Männer aus so total verschiedenen Bildungsgegenden berufen waren, sich über praktische, das Gemeinwesen angehende Fragen verantwortlich auszusprechen, erschien ihm immer als ein Hauptvorzug der republikanischen Verfassung.

Nun nahm er das Wort, legte die Notwendigkeit einer nochmaligen Sitzung dar und beraumte für diese den übernächsten Tag an … fast mit entschuldigenden Worten.

Konsul Breitenfeld, der während der Sitzung gar nichts gesagt hatte, fand es töricht, daß man alles noch mal durchkauen müsse, und äußerte sich in jeder Weise abfällig über Landskrons lächerliche Gründlichkeit – aber natürlich gab er diese Kritik erst auf dem Heimwege gegen Schäfer ab, der weder zustimmen noch widersprechen mochte.

Schließlich war es doch ein Viertel vor eins, als Landskron sich auf den Heimweg machen konnte.

Ihm war nicht sehr männlich zumut. Sein Vaterherz war sozusagen nicht wetterfest. Was seine Therese anging, erschütterte es bis in die letzten Tiefen.

Und nun vielleicht, gerade in diesem Augenblick, entschied sie über ihr Leben …

VIII

Trotz des schönen Tages benutzte Bording ein Coupé. Ihm war geradezu, als würde er sich im offenen Wagen geniert fühlen, als würden ihm alle Menschen Zweck und Ziel seiner Fahrt ansehen.

Sein Zustand schien ihm unbehaglich. Er fühlte sich ein wenig zurückgeworfen in grüne Jünglingszeit. – Ein Mädchen sollte nun über ihn und seine Zukunft entscheiden …

Aber es gab ja wohl keine Lage, mochte sie noch so groß, noch so wichtig sein, in die nicht irgendwie auch Ärgerlichkeiten und Lästigkeiten, hineinspielten.

Schließlich war das, was ihm nun alles bevorstand, ein unumgängliches Vorspiel. Man mußte ein paar Wochen Rücksicht nehmen, Zeremonien ertragen, Zeitopfer bringen. Wie man oft auch eine lange und mühsame Seereise ertragen muß, um endlich im Idyll eines schönen Hafens zu landen.

Der Wagen hielt vor der eisernen Gitterpforte des Landskronschen Vorgartens. Bording fühlte kaum die Kälte des Klopfers in seiner Hand – sie war fast ebenso eisig.

»Wollen Sie mich melden,« sagte er im befehlenden Ton und gab dem Mädchen, das ihm die Haustür öffnete, seine Karte. Das Mädchen, in rosa Kattun mit dem weißen Rüschenhäubchen auf dem Kopf, wußte schon Bescheid. Denn die Senatorin hatte sich doch nicht enthalten können, mit besonderer Würde in Ton und Haltung das Mädchen zu unterrichten: »Wenn Herr Senator Bording um halb eins kommt, lassen Sie ihn unangemeldet ins grüne Zimmer und rufen mich dann von der Veranda ab, aber ohne zu sagen – verstehen Sie: oh-ne! zu sa-gen! daß er da ist!!!«

Sie hatte sich einen ganzen Plan ausgearbeitet. Ohne eine derartige tätige Mitwirkung würde sie sich von den Ereignissen ausgeschaltet gefühlt und in ihrem Mutterrecht verletzt gesehen haben. Auch hätte, ihrem Gefühl nach, der Vorgang an Wichtigkeit eingebüßt, wenn er sich in natürlichster Einfachheit abgewickelt haben würde.

So bat denn die rosafarbene Elise mit hastigem und aufgeregtem Wesen – denn ihr war höchst ahnungsvoll zumut geworden – den Herrn Senator, nur eintreten zu wollen, sie werde sogleich die Herrschaft benachrichtigen …

Dann stürzte sie durch das Eßzimmer auf die Veranda, wo ihre Herrin saß und ruhevoll an einer grau-rot-weißen Decke stickte, die Knie auseinander und die Füße in den Zeugstiefeln auf dem Fußschemel. Die Senatorin hielt der Tochter einen Vortrag über Verstandesehen und wußte mehr Beispiele, als sie Finger habe, von derartigen glücklich verlaufenen Bündnissen, so daß Therese schon längst gemerkt hatte: da ist was los, und sich zu der trüben Befürchtung verstieg, daß vielleicht der Amtsrichter Doktor Leuweg in Hamburg um sie angehalten habe. Er war sehr weitläufig mit ihrer Mutter verwandt, hatte viel Geld und war schon oft von der Mutter als der Schwiegersohn ihrer Träume an die Wand gemalt worden, ohne freilich bisher seinerseits das mindeste Zeichen von Absichten gegeben zu haben. Therese fand ihn unausstehlich, was sie jedesmal auf das kräftigste zu den Zukunftswünschen ihrer Mutter auch erklärt hatte.

Immer deutlicher wurden die Anspielungen der Senatorin. Schon hatte sie Theresen vorgerechnet, wie wenig sie zu leben habe, wenn Vater und Mutter vom Zeitlichen in die Ewigkeit würden abberufen werden und die Tochter unversorgt zurückließen.

Der Gegenstand riß sie fort. Bereits begann sie – allen Beschwörungen ihres Mannes zum Trotz und obgleich sie sie noch heut morgen hochmütig als unangebracht zurückgewiesen, zu fragen: »Wenn nun wirklich ein Mann vor dich hinträte, der dir einen angesehenen Namen, ein großes Vermögen böte?«

Therese sagte aufgeregt – sie hatte es endlich wohl werden müssen: »Gib dir keine Mühe, ich nehme Leuweg nie.«

Irrtümliche Auffassungen konnte doch die Senatorin unmöglich unwidersprochen lassen. Sie öffnete gerade den Mund und wollte sagen: »Ich spreche nicht von Jonnie Leuweg, ich spreche von Herrn Senator Bording …«

Da erschien das rosafarbene Kattunkleid und ein heißes Gesicht in der Tür vom Eßzimmer, und Elise sagte: »Ach, wollen vielleicht Frau Senator mal eben einen Momang 'rauskommen.«

Sie erhob sich voll Ruhe.

»Man hat doch keinen Augenblick ungestört,« sagte sie klagend, »ach, Therese, such mir doch inzwischen im grünen Zimmer das Stickgarn – ich glaube, ich habe es im Spiegelschrank verkramt.«

Unterdes wartete Bording eine Minute im grünen Zimmer, das seinen Namen von den Plüschmöbeln hatte, die einst in der Aussteuer der jetzigen Senatorin eine Prachtnummer gewesen waren.

Er sah sich um. Das Zimmer schien ihm seiner Besitzerin zu ähneln. Ihm war, als hätte er schon hundert solcher Einrichtungen gesehen.

Eine Minute … Sie flog gerade nicht. Irgendwo im Zimmer tickte eine Uhr – ja, dort, die Pendüle von Goldbronze unter dem Glassturz, auf dem Schrank …. Man sah den unteren Teil der Pendelscheibe, wie sie quer hin und her ging – – unbeschreiblich langsam – als habe die Zeit ein Bleigewicht an ihren Füßen ….

Zufällig bemerkte Bording sein Abbild im Spiegel – er erschrak beinahe über seine Blässe.

Jetzt öffnete sich die Tür, die von dem nach dem Vorgarten zu gelegenen Zimmer wohl in die anderen Wohnräume führen mußte.

Therese erschien auf der Schwelle.

»Ach –« sagte sie. Sehr überrascht, ganz glücklich, aber völlig unbefangen.

In aller Geschwindigkeit dachte sie: »Er will seinen Besuch als neuerwählter Senator machen« – und: »Elise lernt nie richtig anmelden.«

»Ach, guten Tag, Herr Senator.« Sie ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Seit einiger Zeit hatte sie ja das wundervolle Gefühl, daß sie auf dem Wege sei, seine Freundin zu werden, daß sie sich seine Beachtung erworben habe, daß er sie seines Zutrauens würdigte.

»Ich gratuliere Ihnen von Herzen. Verzeihen Sie – unser Mädchen scheint da irgend eine Ungeschicklichkeit begangen zu haben – ich will Mama benachrichtigen …«

»Bitte nicht. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Ihre Frau Mutter von meiner Anwesenheit unterrichtet ist und davon, daß ich allein mit Ihnen zu sprechen habe …«

Therese öffnete ein wenig den Mund – wie es jäh Überraschte tun …

»Mit – mir …?« brachte sie atemlos heraus.

»Ja, liebe Therese. Ich stehe mit der Einwilligung Ihres teuren Vaters hier …«

Eine Pause – vielleicht nur ein paar Herzschläge lang …

Therese dachte gar nichts … das ganze Zimmer versank – goldenes Licht füllte die Welt – ein Rauschen und Brausen war ringsum in der Luft – als sei das Glück ein Sturm geworden und komme in gewaltiger Macht heran …

»Liebe Therese,« begann er, »ich habe in der letzten Zeit manchmal gedacht, daß ich eine Frage wagen dürfe … ohne eine Abweisung befürchten zu müssen … Liebe Therese … haben Sie genug Zutrauen und Neigung für mich, um meine Frau werden zu wollen?«

»O Gott …« sagte sie. Immerfort sah sie ihn an mit ihren großen, tiefen Blauaugen.

Es brach eine solche Glückseligkeit aus diesem Blick – eine so grenzenlose Hingabe strahlte ihm entgegen, daß es ihn kalt überlief …

Der schwere Ernst in seinem Gemüt vertiefte sich noch – er war erschüttert – gerührt – beschämt … »Ja?« fragte er leise.

»Ja!« jauchzte sie und brach in Tränen aus.

Er biß sich auf die Lippen. Er begriff es nicht: aber diese Tränen machten ihn weich. – Auf irgend eine unerklärliche Weise kam er sich schuldig vor … als ob diese Tränen – die doch das Glück weinte, ihn belasteten …

Er nahm sie in seine Arme, küßte sie auf die Stirn, streichelte ihr das Haar –

Sie beruhigte sich schnell, legte den Kopf zurück, lächelte entzückt, während in ihren Augen noch die Tränen funkelten, und sprach: »Oh, das hätt' ich niemals – niemals – niemals – gedacht … ich dachte …«

»Nun, was dachtest du?«

»Daß du niemals heiraten würdest.«

»Keine hätte ich wählen können und mögen als dich!«

»Ach,« rief sie, »du – du …«

Und in einer Aufwallung der Hingabe – ohne zu erwägen – dem heißaufwallenden Blut, der Stimme der Natur gehorchend, küßte sie ihn auf den Mund, kurz und schnell.

Wieder überlief es ihn kalt … er spürte die Hingabe, er spürte auch zugleich die holde Unbefangenheit, die heilige Unschuld …

»Therese,« sagte er ergriffen, »ich hoffe, du wirst dein Ja niemals zu bereuen haben. Ich will versuchen, dich auf Händen zu tragen. Alles was ich bin und habe, bringe ich dir dar.«

Ihm fehlten die rechten Worte. Er fühlte es. Er litt, sein Mund konnte nicht natürlich sprechen, weil ja eigentlich sein Herz nicht sprach …

Er kam sich nicht wie ein Sieger, sondern wie ein Dankschuldiger vor.

Sie fiel ihm wieder um den Hals. Jubelnd rief sie: »Das ist mir ganz egal – was du hast und bist – und wenn du bloß ein armer Kommis noch wärst – dich, dich lieb' ich ….«

»Ich danke dir für dies Wort,« sprach er leise.

»Weißt du,« fuhr sie aufgeregt fort und hing sich in seinen Arm ein, als wolle sie mit ihm auf und ab gehen – »weißt du – ganz stimmt dies doch nicht – – schön ist es, daß du so große Dinge ausführst und so viel ernste Pflichten hast – das berauscht mich – macht mich stolz – ich hab' schon immer den Baumanns förmlich die Worte von den Lippen gelesen, wenn sie dich schilderten. – Aber ich möchte, du hättest noch schreckliche Kämpfe und ich könnte dir beistehen – nachts mit dir denken und wachen – sparen helfen – Opfer bringen – Liebe zeigen – ach, immerfort – damit ich würdig sei, deine Gefährtin zu heißen ….«

Mädchenträume – das Glücksbild, wie es sich reine Liebe ausmalt – wie es ihn mit Ehrfurcht erfüllte!

»Kämpfe hören nie auf, wenn man Verantwortungen trägt gleich den meinen,« sagte er. »Du wirst auf mancherlei Art meine Mitarbeiterin sein – mittelbar vielleicht …. Und dennoch – ich fühle es voraus – bald mir gewiß die unentbehrlichste.«

»Jakob,« sprach sie voll tiefsten Ernstes, »wie machst du meine Zukunft groß.«

»Kind, Kind – nein – nicht so – beschäme mich nicht – du bist es, die alles gibt … verzeihe mir im voraus … sieh … begreif … ich habe kein Talent vielleicht, den zärtlichen Liebhaber zu spielen … Du denkst vielleicht an lachenden Übermut – strahlendes Jugendglück … Sieh, Therese – ich bin ein ernster – in Arbeit und Sorgen hart geschmiedeter Mann …«

Er ging von ihr fort – er wollte ihr sein Gesicht verbergen – er fühlte – es war wie verzerrt …

Eine ungeheure Bewegung durchbebte ihn. Er begriff, wie viel sie gab – wie wenig er gab …

Er biß die Zähne zusammen. Und er schwor sich: »Gut soll sie es haben – gut …«

Da kamen zwei Arme und legten sich von hinten her um ihn. Und ein lieber Mädchenkopf drückte sich sacht gegen seine Schulter.

Er hörte eine sanfte Stimme sprechen, ergeben, ruhevoll und doch fest, wie man feierliche Gelöbnisse spricht: »Ich denke nicht an Übermut und an gar keine äußerlichen Dinge. Ich denke an gemeinsame ernste Lebensarbeit. Und ich weiß, daß eine Frau – die Frau eines solchen Mannes, auch anspruchslos beiseite stehen können muß.«

Er wandte sich und zog sie abermals an seine Brust.

Sie hielt ganz still. Und über ihren Kopf hinweg sah er mit tiefem Blick ins Unbestimmte …

So fanden die Eltern das Paar – –

Und Therese jubelte ihrem Vater entgegen: »Er liebt mich – er liebt mich …«

Was sollte sie anders fühlen – anders glauben – im Tumult ihrer Glückseligkeit fiel ihr nicht einmal auf, daß er dies Wort unausgesprochen gelassen hatte. Die Tatsache sprach ja zu ihr, die unfaßliche, überwältigende Tatsache, daß er, der eine, sie, sie, sie von all den Zahllosen erwählt hatte, nach denen er nur die Hand auszustrecken brauchte – sie, die kein Geld hatte, die man also nicht aus Berechnung wählte – sie, die nicht schön war, die man also nicht aus Eitelkeit oder in verliebter Aufwallung umwarb – sie, die man lieb haben mußte ganz und gar nur aus innerstem Herzenszwang, um jener grundlosen Gründe willen, aus jener geheimnisvollen Bestimmung heraus, die eben Liebe ist und die die Menschen zueinander reißt …

»Er liebt mich – er liebt mich …«

Der Vater hatte sehr heiße Bäckchen und nasse Augen und fühlte eine unbeschreibliche Zuneigung für Bording, weil dieser seine Therese glücklich machen wollte.

»Sie soll es gut haben bei mir,« versprach Bording mit festem Händedruck dem Vater.

Und der, vertrauensselig, dankbar und froh, antwortete gerührt: »Das weiß ich – das weiß ich …«

»Verehrungswürdigste Schwiegermama,« sagte Bording und küßte ihr die Hand.

Was er sonst sagen sollte, wußte er mit dem besten Willen nicht.

Aber Frau Senator Doktor Landskron wußte dafür eine ganze Menge zu sagen. Die Formlosigkeit und Rührung ihres Mannes hatte ihr mißfallen. Erstens sah es aus, als ob man Gott danke, daß man Therese noch unter die Haube bekomme. Zweitens erforderte die Würde und Wichtigkeit einer solchen Stunde eine passende Erläuterung. Sie war sich auch durchaus bewußt, daß sie in diesem Augenblick betonen mußte, Therese sei in erster Linie ihr Kind und ihr Mann habe nur erworbene, keine natürlichen Anrechte an die Tochter. Das wollte und konnte sie nicht geradezu sagen, aber sie zeigte es im Auftreten und gab eine kleine Anrede mit viel Würde zum besten. »Ich hoffe, lieber Herr Schwiegersohn, daß Sie das Vertrauen ermessen, welches sich darin bekundet, daß ich Theresens Hand in die Ihre lege. Zeigen Sie dafür Ihre Dankbarkeit, indem Sie mein Kind glücklich machen, so weit man, menschlicher Voraussicht nach, von Glück sprechen kann. Vor Prüfungen wird keine Ehe und Familie bewahrt. Sie werden von Gott geschickt, damit sich rechte Liebe daran stärke. Die Pflichten des Ehestandes sind nicht leicht. Mann und Frau müssen beständig an sich arbeiten. Nur durch Selbstzucht kommt man zur Zufriedenheit. Meine Therese ist bescheiden erzogen, sie ist häuslich und tüchtig. Sie war immer eine gute und gehorsame Tochter. Sie hat in unserem Hause nur Sittlichkeit, Pflichterfüllung und Ordnung kennen gelernt. Dies Beispiel wird ihr immerdar vor Augen sein. Ehegatten in bevorzugter finanzieller und sozialer Stellung haben die Aufgabe, vorbildlich durch ihr Familienglück zu wirken, welcher Aufgabe mein Mann und ich stets eingedenk waren und sind.«

Bording fühlte eine bedenkliche nervöse Ungeduld in sich aufsteigen. Während dieser Rede kam es ihm vor, als werde eine Kaffeekanne geöffnet und ein etwas wässeriger Duft kräuselte sich wichtig und emsig hervor – an Familienfrieden und befestigte Grundsätze mußte man denken, an selbstgestrickte Wollstrümpfe und ungeheuer viel Moral.

Therese und ihr Vater standen wie auf Kohlen, und kaum machte ihre Mutter jene abschließende Kopfbewegung, mit der ihre Reden endeten – es war ein kurzes Nicken, nach welchem Stirn und Kinn hochgehoben wurden, so bat Therese: »Darf ich Burmeesters telephonieren?« Sie fragte es mit kindlicher Fröhlichkeit – brennend vor Begier, den Nächsten ihr Glück mitzuteilen.

»Aber Therese, Burmeesters stehen uns doch ziemlich fern. Meine Mutter, deine Großmutter, und meine Schwester Tiefensand sowie meine Tante Voß würden es doch sehr übelnehmen, wenn sie nicht die ersten …«

»Aber Burmeesters sind die Nächsten, die Einzigen für Jakob – so gut wie seine Geschwister – darum nun auch mir so nah,« sagte Therese und ergriff seine Hand. »Komm mit – das Telephon ist neben der Küchentür.«

Er fühlte: seine Lieben waren ihr auch die liebsten – sie wollte sein Leben ganz und gar mitleben, das ihrige darin aufgehen lassen, in jeder Hinsicht. –

Die nächsten anderthalb Stunden mußten ja überstanden werden. Er konnte nicht umhin, zu Tisch dazubleiben. Während der Mahlzeit tat Frau Senator Landskron noch einige sehr bemerkenswerte Aussprüche. Einmal sagte sie: »Ich bin befriedigt, daß Liebe diesen Bund gestiftet hat; es wäre eines deutschen Mädchens nicht würdig, von Berechnungen und dem Verstande sich bestimmen zu lassen.«

Bording erzählte, daß er im Gespräch mit Naumann, als dieser so überraschend Therese erwähnte, sie für eine in Sachen der Volkshygiene irgendwie tätige Dame gehalten. Da erklärte die Mutter: »Unsere Therese sah ihre Pflichten durch das vierte Gebot bestimmt. Sie hatte ihre Zeit und ihre Gedanken Vater und Mutter zu widmen. Auch stehe ich auf dem Standpunkt, die deutsche Frau gehört ins Haus.«

Wer ihm das vor drei Wochen noch gesagt hätte, daß er es sich abgewinnen würde, in höflicher Haltung Gemeinplätze mit anzuhören – abgegriffene, wie alte Münzen, die keinen wertvollen Eindruck mehr machen, eigentlich nur, weil sie schon so lange umgehen!

Dennoch war es ja erleichternd zu denken, daß man dieser mütterlichen Weisheit nur kurze Zeit täglich unterstellt zu sein brauchte. Er wollte es gleich zur Sprache bringen.

»Wenn es dir recht ist, liebe Therese,« sagte er, »heiraten wir in drei Wochen.«

»Ja! So wünsch' ich mir es auch,« sprach sie einfach und nickte ihm glücklich zu.

Die Senatorin hielt die Gabel halbwegs zwischen Mund und Teller erstarrt fest. Einer derartigen Unweiblichkeit hatte sie sich von ihrer Therese nicht versehen. Sie warf ihr einen Blick zu, der fast Ausdruck hatte.

»Ich danke dir,« sagte Bording und drückte Therese unter dem Tisch die Hand.

»Es läßt sich denken,« begann Landskron, »daß Sie bei Ihrer enormen Tätigkeit die Unruhen eines Zustandes, den man immerhin einen provisorischen nennen könnte, mehr als Störung denn als Freude empfinden.«

»So ist es. Und die Störung soll so rasch wie möglich überwunden werden. Damit die ernste, große Freude still für uns kommt …«

Die Mutter entschloß sich, die Gabel vollends zum Munde zu führen und ihren Verweis über das unpassende Betragen Theresens sich bis nachher aufzusparen.

»Und warum sollten zwei Menschen, wie Therese und ich, die wir so genau wissen, was wir tun, noch warten?«

Als er das sagte, war ihm plötzlich, als frage ihn jemand: »Weißt du wirklich so genau, was du tust? …«

Dies war also abgemacht, und die Senatorin hatte ein unbestimmtes Empfinden dafür, daß man gegen Bordings Willen doch nicht ankönne. Sie machte nur einige Scheineinwände betreffend die Aussteuer, um die Solidität ihrer Grundsätze und Gewohnheiten erkennen zu lassen.

Da sagte Therese wieder etwas, das höchst tadelnswert war. Lachend rief sie: »Ach, das ist ja alles egal. Mit solchen Kleinigkeiten darf man dir nicht kommen – nicht wahr, Jakob? – Die Alltagsmaschinerie darf er nie merken, Mama – Jakob zweifelt nicht daran, daß ich eine genügende Menge ordentlich genähter Handtücher und Wischlappen mitbringe – auch wenn es etwas überstürzt zugeht – aber unterhalten dürfen wir ihn nicht davon.«

Die Senatorin hielt am Abend ihrer Tochter vor: »Ich dankte noch Gott, daß du nicht sagtest ›Hemden ‹; du entwächst nun meiner Zucht, Therese, aber dies eine merke dir: nur durch keusche Zurückhaltung erobert und erhält ein Weib sich die Liebe des Mannes.«

Für jetzt mußte sie alle ihre Sentenzen schweigend in der eigenen Brust bewegen. Sie fühlte sich aber erleichtert, als das Gespräch von Hochzeit und Wäscheausstattung sich fortwandte und die Männer von Lokalpolitik zu sprechen begannen. Landskron erwog mit seinem künftigen Stiefschwiegersohn, welchen Departements der Regierung er vermutlich zugeteilt werden würde – zweifellos der Kommission für Handel und Schiffahrt in erster Linie. Dann kamen die Herren auf die Gesellschaft für Baumwollkultur und Spinnerei. Therese nahm lebhaft Teil daran. Sie fragte intelligent. Bording erkannte, wie eifrig Vater und Tochter sich mit der Materie beschäftigt hatten. Nicht nur in der Art, wie Frauen sich in die Interessen eines Mannes hineinzuleben suchen, indem ihnen die Beschäftigung mit seinen Interessen nur eine Variante der Beschäftigung mit seiner Liebe ist.

Die Gründung war nun vollzogen, die Zeichnungen, dank der von Bording garantierten fünf Prozent für die ersten drei Jahre, hatten die erforderliche Höhe nicht nur erreicht, sondern noch ein wenig überschritten. Die Eintragung der Gesellschaft ins Handelsregister stand unmittelbar bevor.

Landskron fragte, ob Konsul Gundlach sich beruhigt habe. Kein Mensch verstehe seine Haltung: in der Vorbesprechung damals sei er ein Gegner gewesen, gleich nachher sei er umhergelaufen und habe überall leidenschaftlich dafür gesprochen, und nun wieder lache er fast verächtlich über das Unternehmen.

Nicht einmal hier im »Familienkreis« gab Bording die Aufklärung, die er hätte geben können. Gundlach hatte gehofft, von ihm ein Darlehen zu erhalten, mittels dessen er sich einige Aktien zu kaufen dachte, um durchaus in den Aufsichtsrat zu kommen. Ginge es denn ohne ihn? Aber Bording war sehr kühl geblieben, und nun hatten er und seine Unternehmungen wieder einen Feind mehr.

Die Senatorin sagte: »Schade, daß Gundlach nicht im Aufsichtsrat ist. Sein Name gehört doch eigentlich dazu. Man ist es so gewöhnt. Und die Gundlachs sind doch, eine erste Familie.«

»Die Zeit ist gottlob vorbei,« sprach Bording, »wo Männer, die eigentlich nichts sind und nichts leisten, zuweilen auch nicht einmal etwas haben, sich immer in den Vordergrund drängen und dort um ihres Familienklüngels willen geduldet werden. Diese Lokalgrößen sind immer ein Unglück. Ein Mensch, der außerhalb seiner Stadtmauer sofort zu einer nicht beachteten Null herabsinkt, hat nicht die Persönlichkeitsqualitäten, im Gemeinwesen eine Rolle spielen zu dürfen.«

»Er ist doch gräßlich,« dachte die Senatorin und lächelte huldvoll.

Über all diesen Gesprächen kam es fast – fast – zuweilen in Vergessenheit, daß vor einer Stunde eine Verlobung stattgefunden habe …

Bording verabschiedete sich endlich in einer guten Stimmung – voll Zufriedenheit und Behagen. Die knappe Zeit hatte hingereicht, daß er sich dem Verhalten von Vater und Tochter gegen die Beherrscherin des Hauses völlig anpaßte – mit ein wenig Höflichkeit und Geduld kam man schon an der Frau vorüber, die ganz gewiß nichts Übles wollte – – also das ließ sich ertragen.

Und der Vater war ihm von ganzem Herzen lieb.

»Ein prächtiger Mann!« sagte er in sich hinein.

Der Widerschein seiner Zufriedenheit war auf seinem Gesicht. Die Leute, die ihm begegneten und ihn kannten, dachten: »Dem leuchtet die Genugtuung über seine neue Würde aus den Augen.« Sie wußten noch nicht, daß er an seine Braut dachte – –

Ja, er dachte mit großer Sammlung an sie, alles nachprüfend, was sie gesagt hatte, wie ihr Blick, ihr Lächeln gewesen.

Er fühlte: ich habe recht getan – ich konnte nicht besser wählen.

Ganz und gar sympathisch war sie ihm. Der Gedanke, dieses natürliche Wesen, aus dem Wärme, Kraft und Gesundheit sprach, immer um sich zu haben, war Wohltat.

Die Achtung vor ihr, diese bis zur Rührung gesteigerte Achtung und die unbegrenzte Dankbarkeit für ihre Hingabe war ein schöner Ersatz für Liebe – ruhiger als sie, dauerhafter als sie …

Aber doch – ihm kam der Gedanke: wahr sein – ganz wahr! Gestehen, daß nur Freundschaft mich zu ihr führt ….

Er sah ihre glückseligen Augen – ihm fehlte der Mut, diesen Glanz zu trüben – vielleicht enttäuschte es sie doch, täte weh …

Und ganz im Untergrund seiner Empfindungen war vielleicht auch unbewußt etwas von jenem naiven Herrenhochmut, dem das Weib immer noch ein wenig die Hörige bleibt. – Dieser Nachhall uralter Unkultur, der hineinspringt in die Gegenwart … Vielleicht fühlte er: ich belohne ihre Liebe, indem ich mich ihr zu eigen gebe …

Als er in sein Haus kam, sagte er: »Ein Wort, Schrötter.«

Und der wachsame kleine Alte kam von seiner Türschwelle, auf der er als Posten erschienen war, und folgte seinem Herren ins Schreibzimmer.

Es begab sich nun etwas Unbegreifliches: der Senator Jakob Martin Bording war verlegen …

Einige Male ging er im Zimmer auf und ab, und der alte Mann stand in höchster Spannung

»Er hat was – er hat was!« dachte er unruhig.

Bording fiel ein: Schrötter hatte ja um die Teebesuche gewußt – mit einem Male war die Erinnerung wieder da. Nun, Schrötter würde wohl denken: »Junggesellenfreiheiten« – kleine Abenteuer – hundert und aberhundert Männer hatten solche. Schrötter konnte ja auch nicht wissen, ob es immer dieselbe Dame gewesen sei, und er ahnte natürlich nichts von »Nam' und Art« …

Wer auf das allermerkwürdigste war es nun Bording

sehr qualvoll … So, als ob es der Mitteilung, die er machen wollte, die Weihe nähme … So, als beraube dies Vergangene Therese in Schrötters Augen …

Wie unlogisch – vielleicht sentimental. Er verstand sich nicht – war ungeduldig gegen sich selbst. Oh, wie ihm diese Thora zuwider war und jeder Gedanke an sie … Daß sie sich so völlig ruhig verhielt, sich eigentlich so widerstandslos aus seinem Leben hatte weisen lassen, war ja ein günstiger Umstand – machte aber die Banalität des Erlebnisses völlig – und wenn man einer Sünde die Größe oder den Wahnsinn nimmt, bleibt nichts wie eine unsägliche Niedrigkeit …

Plötzlich sagte er, stillstehend und Schrötter fest ins Auge fassend, herrischen Tones: »Lieber Schrötter, wir bekommen nun eine Hausfrau. Ich habe mich verlobt.«

»Ach Gott,« brachte Schrötter heraus, »das is doch die – nee, zu und zu schön is es … Ich gratulier' auch vielmals, Herr Senator.«

Der Ton des Herrn erstickte die Rührung in ihm. Er ängstigte sich beinahe und wußte nicht warum.

»Ja. Mit Fräulein Therese Landskron. In drei Wochen ist Hochzeit.«

»Komm ich denn weg, Herr Senator?« fragte Schrötter mit zitternden Lippen.

»Nicht, Schrötter, solange Sie noch Ihrem bißchen Dienst nachkommen können. Und später wird ja für Sie gesorgt – das wissen Sie ja auch … sagen Sie, Schrötter, – wann werden es fünfzig Jahr?«

»Erst in vier Jahren, Herr Senator,« sagte Schrötter und zählte weinerlich her: »Ihre seligen Eltern hätten in drei Jahren Goldene Hochzeit gemacht, und ein Jahr vor der Hochzeit wurde ich Hausdiener bei Herr Bording. Wir wohnten ja damals im Geschäftshaus, und ich war eigentlich fürs Kontor und zugleich Kassenbote – es war ja man noch klein allens – und ich half auch oft oben in der Wohnung – wie es grade kam. Ich weiß noch den Hochzeitstag von die seligen Elterns von Herr Senator – es war solch schönes Wetter – und die Braut so wunderhübsch – der erste kleine Sohn starb ja – ich weiß noch die Freude, als denn nach ein weiteres Jahr Herr Senator geboren wurden …«

»Nun,« sprach Bording ganz milde, »hoffen wir, daß die alten Knochen noch bis zum Jubiläum so gut zusammenhalten wie bisher – die demnächstige Frau Bording – ja wohl – also … ja, also, Schrötter – meine Frau wird Ihnen Rücksicht und Herzlichkeit erweisen …. dafür kenne ich sie schon ….«

Seine Stimme schwankte … Er hätte fast mit dem Fuß aufgestampft … um sich zu bezwingen – zu strafen – für all diese unfaßlichen Gefühlsaufwallungen …

Schrötter zog sein riesiges, rotundweißundschwarz gemustertes Taschentuch heraus, knutschte es unschlüssig zwischen den Fingern und trocknete sich zwischendurch die Augen. Er dachte: »Gottlob, nu kömmt ja wohl nie wieder Teebesuch« – Und auch an den Amethystanhänger dachte er, und ob er es wohl sagen müsse – er fühlte die Unmöglichkeit – und ihm fiel ein: Männer, eh sie heiraten, räumen auf – – Er seufzte sehr erleichtert. Na ja, natürlich räumen Männer auf. – Da ist wohl keiner, der nicht so seine kleinen Geschichten hatte – – Gottlob, daß es nun im Hause ohne Heimlichkeiten zuging … ohne Gefahr ….

Bording sah ein – er mußte dem Alten aus seiner heillosen Rührung helfen und ihm eine Liebe antun – und damit vielleicht auch Therese.

Er schob ihn zur Tür.

»Nun gehen Sie – kaufen eine Handvoll Rosen – gehen zu Fräulein Landskron und sagen Sie ihr, ich schicke Sie, Sie sollten sich ihr vorstellen, weil Sie mich kennen, seit ich lebe ….« –

Drei Wochen folgten, voll so atemloser Unrast, daß inmitten all der äußeren Bewegung die Gedanken auch nicht zur Ruhe kamen. Das Gefühl, das den beiden Verlobten alles erträglich machte, war: es dauert nur kurze Zeit.

Obgleich es Juni war, fanden doch eine Reihe von Diners statt; die Senatoren gaben dem neuen Kollegen nach der Reihe ein festliches Mahl, das nun zugleich auch den Charakter der »Brautgesellschaft« hatte; desgleichen taten Burmeesters und einige Landskronsche Verwandte.

Gerade um diese Zeit hatte Bording im Geschäft eine Reihe der wichtigsten und anspannendsten Angelegenheiten abzuwickeln. Außerdem mußte er sich in seine neuen Pflichten und die Arbeiten, die ihm seine Senatorenwürde auferlegte, einarbeiten. Um die Stunden, die von sechs oder sieben Uhr an durch die gesellschaftlichen Anforderungen verloren gingen, einzuholen, arbeitete Bording bis dahin durch und sah seine Braut oft erst, wenn er sie abholte, um mit ihr und ihren Eltern zu einem Fest zu fahren. Er hatte sich am Tage nach seiner Verlobung ein Auto angeschafft. Nur halb in dem Gedanken, durch Schnelligkeit der Bewegung Zeit zu sparen. Vielmehr noch in dem undeutlichen Gefühl, für Therese irgend dergleichen Aufwand machen zu müssen. Vielleicht freute es sie. Und dieses rotschwarze Auto mit den grauen Polstern von Manchestersamt und den blitzenden Messingstangen und Griffen sauste immer mit einer so ängstlich knapp abgepaßten Pünktlichkeit heran und hielt vor der Landskronschen Gitterpforte, daß die Senatorin jedesmal klagte: »Wir kommen zu spät. Pünktlichkeit ist eine Höflichkeitspflicht der Gebildeten, ein Zeichen guter Kinderstube.«

Und sie stand, ihre schokoladenfarbene oder ihre schwarzseidene Schleppe sehr hoch aufgerafft, ungeduldig in ihren hackenlosen Zeugschuhen.

Aber man kam doch stets noch gerade so zeitig, daß man zwar als die Letzten, doch nicht als diejenigen eintraf, auf die schon alle voll Ungeduld gewartet hätten.

Zu Bordings Erleichterung traf man niemals das Ehepaar Meno Sanders auf diesen Gesellschaften. Er dachte zuweilen: »Sie sagen ab« – denn er kannte doch die Häuser, in denen sie sonst intim verkehrten. Aber in der nächsten Sitzung des Aussichtsrats der Baumwollgesellschaft ging ein Schreiben von Sanders ein: er unternehme eine achtwöchige Reise nach Schottland und bitte für diese Zeit um Entschuldigung. Burmeester erzählte im Anschluß hieran nach der Sitzung scheinbar harmlos seinem Vetter: »Die Sanders sind kolossal verstimmt, daß er nicht Senator wurde. Die Frau scheint's noch mehr als er. Sie hat neulich bei einem Besuch so etwas wie eine Ohnmachtsanwandlung bekommen – es war gerade von deiner Wahl die Rede, und Grete erzählte dann die große Neuigkeit von deiner Verlobung – da ist es auch am klügsten, sie reisen erst mal 'ne Weile.«

»So, so,« sagte Bording und verfiel in Schweigen …. Er hatte zuweilen die Empfindung, als sei Burmeester der einzige Mensch, der das Vergangene durchschaut habe ….

»So, so« – aber dann atmete er zufrieden auf. Er wurde von diesem Gespräch an geradezu heiterer.

Bording hatte sich daran erinnert, daß der Verlobte der Braut ein Geschenk zu machen hat. Er bat Grete Burmeester, dies für ihn zu besorgen. Und Burmeesters lachten und sagten: »Er wird ordentlich zivilisiert, bekommt so was vom bezähmten Herkules.« Es machte Grete auch Spaß, mit einem Blankoscheck zum Juwelier gehen zu dürfen – welcher Frau hätte es nicht Spaß gemacht? Von ihrer Wahl und ihrem Geschmack selbst hochbefriedigt, sagte sie, als sie Therese zum ersten Male mit den köstlichen Brillanten sah, die übrigens in keiner Hinsicht zu ihrer Kleidung paßten: »Na – bedank dich auch bei mir! Hab' ich Geschmack oder nicht?«

Therese stand neben Bording und man war im Burmeesterschen Hause. Sie sah ihn fragend an.

»Ja, Grete ist so liebenswürdig gewesen, den Schmuck zu besorgen.«

Therese stutzte – ein leichter Schatten ging über ihr Gesicht. Dann lächelte sie, als sei ihr nun der Zusammenhang klar. Sie nahm seine Hand und streichelte sie ein bißchen und sagte, drolliges Mitleid im Ton: »Ach du armer, lieber Jakob – hast gemeint, so was muß sein, gehört offiziell dazu – hast aber keine Zeit zu solchen Krimskrams …«

Sie legte, sich ein wenig aufreckend, plötzlich ganz nah ihren Mund an sein Ohr und flüsterte: »Hätte nicht nötig getan – du – nein … eine Rose, von dir selbst besorgt, ist ja mehr als das ….«

»O Gott, Therese, verwöhn' ihn nicht durch solchen Idealismus,« sagte Grete lachend, denn sie hatte es doch gehört.

Bolding lächelte –

Er hatte eine neue Art zu lächeln bekommen ….

Burmeesters sagten unter sich: »Wenn es nicht beinahe phantastisch wäre, so etwas auszusprechen, könnte man meinen, er lächelt – schüchtern ….«

Er führte wenige Tage nach der Verlobung Therese in sein Haus. Ihre Eltern waren dabei, auch Grete Burmeester hatte sich auf Bordings Bitte eingestellt, um gewissermaßen die Honneurs zu machen. Der Senator Landskron verlor sich in der Diele und versank in Bewunderung und äußerste Zerstreutheit, weil eine historische Erinnerung nach der andern in ihm aufstieg. Die übrige Gesellschaft wanderte durch alle Räume.

Bording sagte: »Wenn dir das Haus mit den vielen Treppen und den so weit auseinanderliegenden Räumen nicht zusagt – vielleicht ist dir das monumentale Gegenüber auch zu drückend – immer so auf die Kirche zu sehen zu trist – sei offen, liebe Therese: ich füge mich deinen Wünschen. Wollen wir lieber vor dem Tor wohnen? Soll ich ein Haus kaufen oder bauen? Du wünschest dir vielleicht einen Garten?«

Sie bekam einen roten Kopf. Welch ein Anerbieten! Wie viel Rücksicht! Wie sehr er sie liebte …

Glückstrahlend versicherte sie, daß sie gar kein charaktervolleres Haus sich denken könne als dieses, und daß es sie mit Stolz erfülle, hier wohnen zu sollen.

Der zweite Stock mit seinen sechs großen Zimmern war völlig leer, und obschon er beim Umbau ganz dekoriert worden war, zeigte er die Verblaßtheit und Öde, die unbewohnte Räume rasch bekommen.

»Laß alles neu malen, tapezieren, mit Stoff bespannen – ganz nach deinem Geschmack – Grete ist gewiß gern bereit, dich ab und an herzubegleiten, damit du die Handwerker unterweisen kannst.«

»Wenn du erlaubst, möchte ich, daß alles sehr hell und sehr einfach sei. Das ist heiter und ruhig zugleich.«

Die Senatorin war beleidigt, daß Bording durch seine Aufforderung an Frau Burmeester sie von dem ihr zustehenden Amt der Ehrendame ausgeschlossen hatte. Sie trumpfte in hochmütiger Schweigsamkeit umher.

Auch auf dem Heimwege von dieser Besichtigung fühlte sie sich zurückgesetzt, denn Therese hing an Frau Gretes Arm, und die beiden malten und dekorierten mit sich einander überstürzenden Vorschlägen und Einfällen die Räume in der Phantasie schon völlig aus, ohne sich um sie zu kümmern.

Es kam vor, daß Bording seine Braut mit sehr kritischen Blicken betrachtete. Er fühlte heraus: sie war ganz gewiß nicht gut angezogen. Eine, an die er ungern zurückdachte, hatte einen köstlichen Geschmack gehabt und ihn gelehrt zu sehen, zu bewundern.

»Gefall' ich dir nicht?« fragte Therese einmal ängstlich, als sie solchen prüfenden zweifelnden Blick an sich entlang gleiten sah.

»Du? Immer mehr – jeden Tag – Liebste – aber deine Kleider – daß ich's offen sage – nein, mit denen hapert es irgendwie. Weißt du, Verstand habe ich nicht davon. Nur den Eindruck kann ich spüren.«

»Ach, Jakob, ich will es dir wohl erklären. Ich muß einfache Sachen tragen, beste Stoffe, englischer Stil möchte ich sagen, hohe weiße Kragen und knappe lange Paletots, und so … und in Gesellschaft ununterbrochene Falten, weiche und helle Schleppen. Aber Mama, siehst du – sie ist so fürsorglich … ich hab' mir noch nie allein ein Kleid aussuchen dürfen …. Und Mama will mich immer schön putzen …. Na, und echte Spitzen sind zu teuer für uns, und die Stoffe sollen ja auch nicht so viel kosten …. Aber es ist alles nur Fürsorge von Mama,« schloß sie eifrig versichernd.

Das beruhigte ihn und berührte ihn angenehm, wie alles, was sie sagte. Wie viel Geduld hatte sie mit den Schwächen der Mutter! Wie sollte sie nicht Geduld haben mit den seinen!

Zuweilen hatte Therese in diesen drei Wochen das Gefühl, von dem Flügel einer Windmühle erfaßt zu sein und in einem Riesenschwung umhergetrieben zu werden. Sie hätte gewünscht, ihr Glück endlich einmal in stiller Sammlung überdenken zu dürfen ….

Auch war es ihr recht schwer, daß sie und der geliebte Mann sich so selten allein sahen.

Sie liebte mit leidenschaftlicher Kraft, mit gesunder Sehnsucht nach seinem Besitz – die Begierde, sich an ihn drängen, ihn nach Herzenslust küssen zu dürfen, wallte oft übergewaltig in ihr auf.

Und immer waren da Vater, Mutter, Burmeesters, oder fremde Menschen, und man mußte gesellig sein und unnütze Dinge sprechen und konnte nicht das eine, das ewige, das wichtigste Thema der Welt, das Wissen von der gegenseitigen Liebe ergründen ….

Es kam ja vor, daß man sich einmal für Minuten unbeachtet, ungestört sah –

Wie gütig war er dann – unerschöpflich darin, sie um ihre Wünsche zu bitten – als sei sie eine verwöhnte Prinzessin und er müsse sich nur angstvoll dazu halten, ihre Launen zu befriedigen ….

Welche Rücksicht sprach aus seinem Wesen – Sie fühlte – sie mußte fühlen: »Er stellt mich hoch, zu hoch, ich werde immerfort an mir arbeiten müssen, um das ungefähr zu werden, was er in mir sieht.«

Das rührte sie – ließ ihr Herz klopfen vor Stolz.

Und dennoch – dennoch – ach, einmal etwas weniger Rücksicht und Ernst – und einfach beim Kopf genommen werden und toll abgeküßt ….

Sie nahm sich zusammen – in schlaflosen Nächten hielt sie sich vor: er hatte gleich gesagt, er habe kein Talent zum zärtlichen Liebhaber ….

Aber war denn nicht alles was er tat, war nicht sein ganzes Wesen Liebe? Erhob er sie nicht, fast gleich einer Fürstin, über ihr ganzes bisheriges Leben, über ihre ganze Umgebung …. Zwang er nicht förmlich durch seine nahezu ehrfürchtig huldigende Art jedermann ihr nun zu begegnen, als sei sie wunder wer? …

War das nicht alles, fort und fort, wie lauter beglückendes Zeugnis großer Liebe?

Und sie konnte trotzdem noch ein Gefühl haben, als fehle etwas?

Sie war unglücklich über diese Empfindung, der sie keinen Namen geben konnte… Aber die brannte doch weiter in ihren Adern, wie Sehnsucht brennt, und machte ihre Nächte schlaflos. –Eine ganz merkwürdige, unfaßliche Wehmut schlich oft an sie heran, wie ein Feind – unsichtbar, dessen geahnte Nähe aber schon erzittern läßt.

Wenige Tage vor der Hochzeit war sie mit Grete Burmeester im Bordingschen Hause. Der Dekorateur nahm Befehle entgegen, wie die Möbel aufgestellt werden sollten, in welcher Art die Vorhänge angebracht werden müßten, bis zu welchem Termin die Rückkehr von der Hochzeitsreise zu erwarten sei. Schrötter stand umher und horchte auf alles, um seinerseits auf die richtige Ausführung passen zu können, da er glaubte, ohne seine Wachsamkeit würde nichts nach der Sache kommen. Er wollte sich bei Therese beliebt machen, und sein ängstlicher Eifer störte ein wenig. Aber Therese fühlte: er war mit ihr als künftiger Frau Bording einverstanden. Sie erzählte es dem Geliebten ganz wichtig, als sei es ein Erfolg, auf den man Wert zu legen habe.

An diesem Tage nun, als die Besprechung mit dem Dekorateur beendet war, standen die beiden Frauen am Fenster einer der leeren Stuben zwei Treppen hoch, nach dem Kirchplatz hinaus.

Von den blaßgestreiften Wänden ging ein Kleisterdunst aus. Auf dem blanken Parkett lag irgendwo ein Bündel aufgerollter Teppiche. Die hellgrauen Kacheln des Füllofens schienen vor Kälte zu blinkern.

Im Nebenzimmer pfiff der Maler die Stretta aus dem Troubadour.

Grete hatte den Arm leicht um Theresens Taille gelegt.

»Hoffentlich ist Freitag besseres Wetter,« sagte sie, »sonst regnet's dir noch in den Brautkranz.«

Draußen peitschte der Sturm Regengüsse durch den kalten Tag, und wenn nicht die Linden und das Buschwerk, unten am Fuß der roten Kirchenmauern im noch sauberen Grün des Frühsommers gestanden hätten, würde man von Novemberstimmung haben sprechen können. Grau und schwarz wälzte sich schweres Gewölk in heillosem Durcheinander, düster bewegt, am Himmel. Die beiden Türme hielten sich trotzig und ernst – das brausende Wetter focht sie nicht an, aber es schien ihren Ausdruck zu ändern…

»Merkwürdig,« dachte Grete, »zwischen Bauwerken und Natur muß doch so was wie ein geheimer Zusammenhang sein – ich habe noch nie eines gesehen, das lachend

wirkt bei Unwetter und völlig düster, wenn Sonne scheint.«

Sie fühlte plötzlich, daß durch Theresens Gestalt eine Bewegung ging … Ja, was war denn das?

Sie weinte? Weinte – leise – immer stärker – herzbrechend…

»Aber du…« schalt die muntere Frau sehr liebevoll und zog Therese an sich.

Ja, die weinte, und mit dem Kopf auf der Schulter der Freundin weinte sie lange.

»Was ist denn das?« fragte Grete.

»Ich weiß nicht…« murmelte Therese unter Schluchzen.

Die unbegreifliche Wehmut war plötzlich gekommen – diese Sehnsucht, die das Herz zerriß…

Aber Grete fragte nicht mehr … sie erinnerte sich: ein paar Tage vor ihrer Hochzeit vor zwölf Jahren, da hatte sie auch nicht mit sich wohin gewußt vor ungeduldiger Sehnsucht nach dem geliebten Mann; vor Angst, daß die Stadt noch von Feuersbrunst und Pestilenz verheert und ihre Hochzeit unmöglich werden würde … Und dann überhaupt – all diese Empfindungen, die man nicht nennen kann: Spannung, Verlangen, ein unbegreifliches Zittern – auch ein bißchen Kummer, daß man die Eltern verlassen muß, was einem als Schlechtigkeit gegen den geliebten Mann erscheint – und die heiße Vorfreude auf ihn, was einem wieder wie, Undankbarkeit gegen die Eltern vorkommt – na ja – ein Mädchen, das Gemüt hat, kann wohl so weinen vor der Hochzeit, und im Grunde sind es doch Glückstränen.

Als Therese ausgeweint hatte, erhob sie ihr Gesicht.

Die Frauen sahen sich an – und lächelten sich plötzlich strahlend zu …

Nein, Therese bekam keinen Regen in ihren Brautkranz.

Am einundzwanzigsten Juni war die ganze Stadt in Sonne getaucht. Über die roten Mauern legte sie orangefarbenen Glanz. Wenn man die Hauptstraße hinab ging, erhob sich in der Perspektive, als köstlich buntes Bild, die hohe, schlanke Jakobikirche, und der prachtvolle Grünspan ihres spitzen Kupferdaches auf dem quadratischen, steilanragenden Backsteinturm stand in wahrhaft prunkendem Farbenkontrast vor dem grellblauen Himmel.

Und wo all das jubilierende Licht in die kleinen, wunderlich malerischen Gäßchen und Gänge kam, ward es gleichsam stiller, sänftigte sich zu milder Liebkosung, hellte das wehmütige Idyll der Bescheidenheit zu behaglich lächelnder Lebensfreude auf.

Rund herum um das Häusergehocke mit den urwürdigen Giebeln und den vielen himmelanweisenden Türmen, rund herum um das Durcheinander von roten und grauen Mauern und Dächern, zogen sich wie blankes, spiegelndes Stahl die Wasserbänder der Flüsse. Und auf dem Fluß, der an Jakob Martin Bordings Kontoren, Speichern und Lagerplätzen sacht vorbeizog, wehten von allen Masten die bunten Flaggen. Von Großtop bis zum Heck und Bug an straffen Leinen flattern in Reih und Glied die Signale, die die Sprache des Schiffes auf dem Meere sind und die heute alle in ihrer munteren Farben- und Musterbuntheit nur das eine Wort ausdrücken sollten: Freude! Denn Jakob Martin Bording heiratete.

Und so wie hier die großen und kleinen Fahnentücher im Sonnenwinde wallten, so flaggten sie von den Stangen und Masten in Odessa und in Alexandrien; am Nil hoch oben, wo die ungeheuren Steinpharaonen vor den Felsentempeln tausend und abertausend Jahr auf der Wacht sitzen, während der gelbe Wunderstrom vorüberzieht, spielte der Wüstenwind mit dem weißen Halbmond und Stern auf rotem Tuch, das am Tore der Baumwollplantagen wehte; in Ostafrika, vor der blaugrünen Üppigkeit unendlicher Wälder zitterten lustig bunte Pünktchen – die Fahnen, die an dem Hause des Direktors der Baumwollgesellschaft aufgezogen waren; in Hamburg vor den dortigen Speichern des Hauses Bording lagen auf der ockerfarbigen, schwerflutenden Elbe bewimpelte Dampfer, und zwischen ihren Raen hing der Schifferkranz, der Hochzeitfeiernden gewidmet wird: rund, mit Buchstaben von Blumen in der Mitte; auf Ceylon schwebten an schwankenden Bambusstangen phantastische Stoffe, und die schwüle Luft auf den Teefeldern hatte keine Kraft, frisch mit den grellen Streifen zu spielen. Die Filiale der Firma in Guatemala, deren Aufgabe Kaffeeaufkäufe war, prangte im Schmuck langhängender blauweißblauer Banner.

Rot und weiß leuchteten die hansischen Farben an den Spitzen der Fahnenstangen zwischen den Gartenbäumen der Vorstädte, die wie eine breite, grüne, von weißen Häusern durchsprenkelte Girlande sich um die Wasserbänder der Flüsse zogen.

Und all diese Zeichen, mit denen Luft und Wind sich zu schaffen machten, all diese farbig-stummen Tücher kündeten es der Welt: Jakob Martin Bording heiratet!

Und all die Menschen, die in vier Weltteilen auf seinen Kontoren, Faktoreien, Lagerplätzen, Plantagen und Speichern arbeiteten, feierten heute einen fröhlichen Tag, je nach den Lustbedürfnissen und Gewohnheiten ihrer Kultur. Die Freigebigkeit ihres Herrn hatte dafür gesorgt, daß dieser Tag ihnen lange in Erinnerung bleiben solle.

Die standesamtliche Verbindung war am Vormittag geschlossen worden. Sie ging vorschriftsmäßig vorüber, ohne Bording als sonderlich wichtige Begebenheit zu erscheinen. Die übergroße Hast und Arbeitslast der letzten Tage zitterte in seinen Nerven nach, und im Grunde genommen waren seine Gedanken noch nicht ganz frei von all den Geschäften, die er zurücklassen mußte, um seine Hochzeitsreise anzutreten. Diese Hochzeitsreise ging ihm völlig gegen sein Behagen. Er hatte erraten, daß auch

Therese lieber gleich in der eigenen Häuslichkeit sich eingerichtet haben würde. Aber die Vorstellung, als junger Ehemann hier den Beobachtungen und Neckereien von Bekannten und Neugierigen ausgesetzt zu sein, schien ihm unvereinbar mit dem Gefühl, das er für seine Persönlichkeit und seine Stellung hatte. Es war einfach ein undeutliches Bedürfnis, sich zu verstecken. Er hatte den Vorsatz der Hochzeitsreise auch ausgesprochen, ehe er wußte, daß Meno und Thora Sanders abgereist seien. Und da er in sehr entschiedener Weise diesen Vorsatz kundgegeben, bildete er sich nachher ein, nicht davon abstehen zu können, ohne aufzufallen. Schließlich dachte er auch: Therese hat fast noch nichts von der Welt gesehen – ich kann ihr nicht zumuten, den ganzen Sommer in der Stadt zu sitzen. –

Nun stand er in seiner Diele und wartete. Er war einige Minuten zu früh mit dem Anziehen fertig geworden. Er wünschte genau, wie es bestimmt war, eine Viertelstunde vor drei bei Landskron vorzufahren.

Kühl war es in dem hohen Raum, der sonnenlos lag. In der Mitte erhob sich, wie immer, die hinanschwebende nackte Jünglingsgestalt des Merkur, der das Zeichen des Handels um den Erdball zu tragen bereit schien ….

Bording dachte einige Augenblicke darüber nach, wie eng sein Name, sein Wille, seine Tat, sein Erfolg mit diesem Zeichen verknüpft war …. Und er wußte, daß heute zu seinen Ehren auf Ceylon und in Guatemala, in Odessa und El Chatb Flaggen wehten ….

Stolze Genugtuung schwoll in ihm empor ….

Dann wandelte ihn ein Gefühl seltsamer Ungläubigkeit an – Unglauben an die Realität des heutigen Tages – daß er heiratete, wirklich er, war doch wie ein Märchen – die ganzen letzten Wochen wurden plötzlich zu einer Art Theater ….

Vor sechs Wochen, auf den Tag, hatte dies alles begonnen – sechs Wochen nur und so viel Wandlungen, die nun seine ganze Zukunft – unfrei machten …. Ja wirklich, war es im Grunde genommen so? Um sich aus der einen Gefangenschaft zu befreien, hatte er sich in eine andere gestürzt?

Aber er fühlte auch sofort den Unterschied und rang diese Wallung nieder: er hatte unwürdige Fesseln mit würdigen Pflichten vertauscht!

Er wußte auch genau: der stille, schwere, jahrelang mit sich selbst geführte Kampf, der gärende Wunsch, sich von Thora frei zu machen, hatte sich zum energischen Entschluß verdichtet, im Augenblick, als sie mit Eitelkeitswünschen und egoistischen Liebeslaunen in den Gang seines Lebens, in die Ausdehnung seines Wirkungskreises hatte hindernd eingreifen wollen.

Der bittere Nachgeschmack jenes Erlebnisses blieb ihm für immer auf der Zunge …. Das fühlte er genau …. Er war ja ein Mensch von scharfem, unerschütterlichem Gedächtnis – dieser notwendigsten Begabung für Arbeiter großen Stils ….

Und die Eigenschaften, die dem Berufsmenschen zu Stützen seines Erfolges werden, entziehen dem Leben seiner Seele oft die heitere Sicherheit ….

Kehrseitenlogik …

Nun kam Schrötter mit heißem Gesicht und sehr blanken Augen, schon seit dem Morgen von Rührung, Wichtigkeit und Eile wie berauscht. Er hatte den Kopf verloren und dachte eigentlich: die ganze Feier läge auf ihm.

Ganz besonders verwirrte es ihn, daß er nun die Autorität über einen jüngeren Diener hatte, der ein in jeder Hinsicht gewandter Mensch war, dem er nichts befehlen konnte, ohne Furcht vor Blamage.

»Es ist Zeit, Herr Senator,« meldete er.

Bording griff sofort nach seinem hohen Hut, der auf einem Tischchen stand.

»Sie werden in der Kirche sein?« fragte er.

»Wie Herr Senator es erlaubt und befohlen haben,« antwortete Schrötter, und dachte: »Wenn da einer hingehört, bin ich es woll, wo ich schon seine seligen Elterns ihre Hochzeit gesehen habe …«

»Gut –« Bording gab ihm die Hand – aus einem Gefühl heraus, als sei der kleine Alte da so etwas wie Familie für ihn …

Am Schlage wartete der neue Diener, der sich zum Chauffeur setzte. Und dann sauste auf seinen dicken Pneumatikwülsten das Auto davon.

Bording mußte seine Frau zur kirchlichen Trauung abholen. Nach der Trauung noch das große Hochzeitsmahl, das in einem Gesellschaftshause stattfand, wo für solche Zwecke vornehme und intim wirkende Räume gemietet werden konnten. Und dann gottlob kam das stille Leben, ohne Reden, ohne Gläserklang, ohne beständige leere Verpflichtungen.

Im Landskronschen Hause empfingen ihn seine Schwiegereltern. Der Senator, vor Rührung stumm, umarmte ihn.

Bording fühlte in dieser Umarmung einen Dank, der ihm ein jäh aufsteigendes Gefühl der Beschämung verursachte.

Die Mutter war auch bewegt und zwar so sehr, daß sie nur sagen konnte: »Welch ein Tag … welch ein Tag ….«

Und dann nahm sie sich zusammen und unterwies Bording noch in der Fahrordnung und den Zeremonien, obgleich dies überflüssig war. Denn bei solchen Gelegenheiten war man eigentlich den Befehlen der Lohndiener unterstellt, die, durch tausend solcher Feierlichkeiten eingeübt, sagten, wann man abzufahren hatte, in welche Räume man sich begeben müßte – die einen, in der Form höflicher Meldungen, zu Marionettengehorsam zwangen.

Und dann ließ man ihn in das grüne Zimmer eintreten.

Da wartete Therese – seine junge Frau ….

Auf einmal war die große, unbegreifliche Wahrheit da. Er heiratete – Zorn, Beistand, Achtung, Wärme – in wunderbarer Reihenfolge sich auseinander entwickelnd, hatten ihn hierher geführt, bis in diese Stunden hinein ….

Er war betroffen, ergriffen, wie er sie sah.

Die fromme Schlichtheit ihres weißen Kleides, dessen stumpfe Seide kaum glänzte, der weiße, leichte Flor der Schleierhülle um ihre Gestalt – im Haar das strenge Diadem der Unschuld, aus all den kleinen herben Myrtenzweigen geflochten – das Gesicht farblos vor Aufregung – und die tiefen blauen Augen darin ihm entgegenstrahlend in Liebe und Glauben …. Die Weihe über ihr gab ihr eine Schönheit, die ihn mit Staunen erfüllte – mit Andacht – die seine rauhe Männlichkeit irgendwie ganz klein machte vor dem Wunder edler Frauenliebe und Reinheit ….

All diese Zeit hatte er ja gefühlt, wie überreich ihre Liebe ihn beschenkte – schwer lag in der Tiefe seines Gemütes das Bewußtsein, daß er so wenig dagegen gab –

Aber erst in diesem Augenblick begriff er es völlig ….

Dieses stolze, klare, gütige Mädchen war sein – ihm allein – für immer nur ihm allein gab sie sich –

Er wollte ihr danken – ihr von seinem grenzenlosen Vertrauen – von seiner höchsten Achtung etwas sagen ….

Es durchschauerte ihn – er war ja doch ein Mann – und dieser unerhörte Augenblick war auch für ihn eine ganz neue Erfahrung. Diese Stunde gab ihm Rechte … heilige und zugleich erregende ….

»Meine Therese,« sagte er leise ….

Er zog sie an sich und küßte ihre Lippen, innig und lange.

»Mein …«

So hielten sie sich umschlossen.

IX

Die Hochzeitsreise ging nun zu Ende. Durch die Nacht fuhr der Zug, von München nach Berlin. Von da wollte man am anderen Mittag weiter, um nachmittags fünf Uhr die Heimat zu erreichen.

Therese lag wachend in ihrem Schlafcoupé. Nebenan schlief ihr Mann, die Tür zwischen beiden Abteilen stand offen. Es war nicht ganz dunkel in den beiden schmalen Räumen, obgleich die blauen Hüllen die Glashalbkugeln um die gelbe Zunge der Gasflammen fest umschlossen. Durch den Gitterstreifen oberhalb der Türen, durch Spalten und Ritzen kam eine schwache Helligkeit und nahm der Nacht die beklemmende Finsternis. Die gleichmäßigen Geräusche der Zugbewegung waren angenehm. Wenn die Schnelligkeit stockte und das dumpfe Zuschlagen von Türen, Ruf und schriller Pfiff eine Station und ihren Ein- und Ausfahrtbetrieb erraten ließ, dachte Therese, wie wunderlich es doch sei: man hielt sich an einem Ort auf und wußte nicht seinen Namen – Station Unbekannt …. So fährt man auch vielleicht durchs Leben. Und auf Station Unbekannt hätte man die größten Freuden und Eindrücke haben können, wenn einen das Schicksal nicht so daran vorbeigerissen haben würde.

Manchmal richtete sie sich ein wenig auf, um ganz vorsichtig einen besseren Blick in den anderen Raum zu gewinnen. Jakob schlief so wenig – er lag nachts oft wach und dachte. Seit sie das entdeckt hatte, war eine Empfindung in ihr, als müsse sie seinen Schlaf bewachen,

und es sei beinahe plump, wenn sie fest und gut, wie es ihre Gewohnheit gewesen war, ihre sieben, acht Stunden ungestört schlafe.

Er schien ganz ruhig zu liegen. Gottlob! Sie wußte ja nun schon lange: Liebe ist tiefste Fürsorge und Sorge … Ein merkwürdiges Bangen und Zittern, in allem Glück des Besitzes.

In dieser letzten Nacht vor der Heimkunft konnte sie gar keine Ruhe finden. Zwei Fragen waren da und wollten betrachtet und beantwortet werden.

Wie war es gewesen? Wie würde es sein?

Ach, ein Wunder, das Glück, die Erfüllung aller Sehnsucht, die Seligkeit auf Erden, das Unbegreiflichste war es gewesen. Wie lange? Therese wußte nicht mehr… sank dies süße Erstaunen, der berauschende Taumel so schnell? Das würde sie sich wohl niemals klar machen und nachrechnen können.

Manchmal dachte sie: »Alles vorher war nur wie Ahnung – ein unbewußtes Hinstreben zu ihm, dem einen – jetzt erst, jetzt weiß ich, was Liebe ist.«

Sie begriff auch schaudernd, wie tausendfach es vorkommen möge, daß solche Ahnung trügt, daß solch fast nachtwandlerisches dem Mann sich Entgegendrängen in jähe Enttäuschung, ja in Widerwillen sich auflösen kann.

Und sie empfand das unerhörte Glück mit voller Erkenntnis, daß sie ihren Mann nach der völligen Vereinigung noch heißer liebte als vorher.

Sie betete ihn an – in' den Tod hätte sie für ihn gehen können.

Sie liebte in der gänzlichen Hingegebenheit, deren nur eine Frau fähig ist, selbst seine Fehler: die kleinen Schwierigkeiten seines Umgangs, die aus seinem langen Junggesellentum erstanden waren, belächelte sie bei sich in der zärtlichen Verliebtheit, wie Mütter die ungefährlichen, drolligen und intelligenten Unarten ihrer kleinen Kinder eigentlich bewundern, während sie sie zum Schein tadeln.

Aber aus der Klugheit ihres Herzens heraus, in jenem Geschmack, den Seelenkeuschheit hat, erzählte sie ihm nie von ihrer Liebe, wenn er diese Offenbarungen nicht suchte …

In den unbegreiflichen, berauschenden ersten Tagen, als er mit dem Wehen der Leidenschaft sie zu eigen nahm, da durfte sie von ihrer Liebe alles in sein Ohr flüstern, und immer wieder küßte er ihre Hände und ihren Mund – voll heißer Dankbarkeit für so viel Ergebenheit – das klang ihr so wunderlich. Verstand sich die nicht von selbst?

Sehr bald nahm sein Benehmen wieder eine gleichmäßige Ruhe an – es schien beinahe, als habe die Zärtlichkeit des Gatten etwas bürgerlich Geregeltes bekommen. –

Therese hatte zahllose Male gelesen und gehört, wie rasch die Flitterwochenseligkeit verrauscht, wie schwer sich die jungen Frauen dann in das Gleichmaß der Temperatur finden, wie viel Kämpfe ihrem Herzen daraus entstehen, wie sie in solchen Kämpfen dem Mann die Stimmung verderben, wie hieraus die ersten Trübungen im Eheleben erwachsen – weil die jungen Frauen nicht begreifen, daß Schaum zerrinnen muß. –

Und sie dachte: »Das ist dies nun. Das ist der Augenblick, wo die Liebe sich recht dadurch zeigen muß, daß sie sich weniger zeigt.« – Nun hieß es klug sein, sich in der Hand behalten, Würde haben! Daß so schnell der Schaum vergehen würde – so rasch die heiße Poesie verklingen – die beklemmend schwüle Wonne des feurigen Umworbenseins sich so bald in beschämt vergebliches Erwarten umwandeln würde – alles drängende Feuer so bald zur ruhevollen Güte werden würde – nein, das hatte sie nicht gedacht …

Aber das Glück blieb ja doch ihr eigen – das Beste, Größte, worauf es eigentlich ankam: sie wußte nun, er liebt mich und er gehört mir allein und für immer.

Sie hatte keine Erfahrung. Sie wußte nichts vom Manne als das, was sie nur durch ihn, mit ihm erlebte. Sie wußte auch nichts von der Liebe als die Wissenschaft ihres eigenen Gefühls.

Und das war so riesengroß, daß es keiner leidenschaftlichen Bekundungen bedurfte.

So sah sie sein Gefühl im Lichte ihres eigenen – –

Vielleicht hatte auch diese Reiseunruhe dem glückseligen Rausch so rasch ein Ende gesetzt. Und daheim, im eigenen Haus gehörte man sich wieder in innigerer Nähe an …

Sie waren zuerst fast vierzehn Tage im Inselhotel in Konstanz gewesen. Und Therese dachte manchmal: »Da hätten wir bleiben sollen,« denn ihr schien, daß zugleich mit dem Szenenwechsel eine Veränderung im Zusammenleben eingetreten sei. Dann hatten sie in der Schweiz jeden schönen Punkt besucht, auf den es ankam, um den Charakter der verschiedenen Gebirgspartien und Kantons recht beurteilen zu können.

Zuweilen, wenn die Größe des Eindrucks Therese hinriß und ihr Dank dafür sich an den geliebten Mann richtete, war er beinahe weich gewesen und hatte sie mit einer schonenden, seltsam milden Herzlichkeit an sich gezogen.

Große Stunden hatte sie erlebt, viel gesehen – das bedachte sie nun in der Nacht voll Glück.

Und sie legte sich auch Rechenschaft darüber ab, daß sie noch niemals einen Ehemann habe beobachten können, der eine solche ergebene, beständige Ritterlichkeit seiner Frau gegenüber zeigte, wie ihr Mann für sie hatte. Ob das schön war!

Ihre Augen wurden feucht. Sie faltete die Hände unterm Hinterkopf, lag regungslos und träumte zu der verhüllten Halbkugel der Lampe hinauf, deren Licht ganz wenig den blauen Stoff durchschimmerte.

Frauen sind anders als Männer veranlagt – nun, das war Binsenweisheit. Sie hatte es hundertmal sagen und klagen hören und eigentlich nicht begriffen, warum diese natürliche, simple Tatsache ein Gegenstand des Bejammerns sein sollte.

Nun fing sie an zu ahnen, nein, mehr als das, sich zu sagen: wir Frauen möchten immerfort von der Liebe sprechen, sie immer neu erleben, und den Männern genügt es, sie bewiesen zu haben.

Aber eine Frau, die wahrhaft liebte, mußte sich eben in diese andere Art des Mannes fügen – nicht vorwurfsvoll klagen, daß er nicht lange in zärtlichem Schmachten sich zu ihren Füßen aufhielt – daß die großen Pflichten seines Lebens rasch wieder seine Gedanken mit Beschlag belegten.

Er hatte es gleich gesagt, daß er zum zärtlichen Liebhaber kein Talent habe –

Hier schalteten Theresens Gedanken aus und ein süßes, sehnsuchtsvolles Schwellen ging ganz durch sie hin – ach, zum zärtlichen Liebhaber kein Talent? – Sein Wesen, damals, in jenen ersten Tagen, war wie ein Sturm von Glückseligkeit für sie gewesen –

Sie fühlte: »Still für mich träumen von jener ersten Zeit, das will ich mir nicht verbieten…

Die macht mich reich für immer – diese Erinnerung –«

Und dennoch – manchmal wollte die unerklärliche Wehmut wieder heranschleichen, die in jenen Brauttagen ihr das Herz zuweilen schwer und riesengroß gemacht, als müsse es von Überfülle des Leids zerbrechen …

Sie wies das von sich –

Vielleicht waren da Verwandtschaften in den höchsten Gegensätzen – wie ein Stück Eis gleich Feuer in der Hand brennen kann – so kann Überfülle des Glücks wie Schmerz sein…

Dankbar wollte sie bleiben – und hatte tausend Gründe …

Oh, die schöne Zeit, die war – die schöne Zeit, die kam!

Wie würde alles werden?

Gut! Nicht anders als gut konnte, mußte es werden.

Die Arbeit und all die mit ihr zusammenhängenden großen Interessen kamen nun. Sie hatte sich ihnen schon in den letzten Reisewochen entgegengedrängt, gleich einer Flutwelle, die sich nicht mehr halten lassen will. Hundert Dinge, die doch der letzten Entscheidung des obersten Chefs bedurften, kamen und hatten wichtige Fragen auf den Lippen. Depeschen trafen ein und wurden abgesandt. Wo man ankam, übergab das Hotelbureau schon Briefe und Telegramme, die gewartet hatten. Und in den letzten acht Tagen war Baumann und seine Schreibmaschine in ihrem Gefolge. Der liebe, ergebene Baumann, der sich sehr in der Anstalt im Taunus bei einer Ernährungs- und Liegekur im Freien erholt hatte. Aber immer verlegen war, weil seine Kindheitsgespielin nun die Gattin seines Chefs geworden. Er ängstigte sich beständig, daß er etwa vertraulich wirken könne oder daß Absichten zur Vertraulichkeit bei ihm gemutmaßt werden könnten, und verfiel darüber in Devotion. Therese sah, daß dies die Gründe seines unsicheren Benehmens waren, und half ihm mit Güte.

Ja, von dem Tage an, wo im Hotelzimmer die Schreibmaschine tippelte, war Jakob eigentlich schon voll heimlicher Ungeduld. Er zeigte es nicht. Aber da Therese jede Wandlung seiner Züge, jeden Blitz seiner Augen, jede Färbung seiner Stimme kannte, half ihm all seine Beherrschtheit nichts.

Und so konnte alles nur harmonischer werden, wenn man zu Haus war.

Es beglückte sie, daß ihr Mann gelegentlich aus Briefen, und Depeschen ihr erzählte, dies und jenes Geschäft gleichsam vor sie hinstellte, indem er Aussichten und Gefahren, Arbeit und Umriß erklärte.

Das war ja auch das hohe Streben ihres Herzens: seine Gefährtin sein, von seinen Sorgen und Mühen wissen, seine Pflichten würdigen, indem sie sie ganz ermaß.

Auf ihren großen Hausstand freute sie sich auch. Sie beunruhigte sich gar nicht darüber, wie sie ihn regieren solle, in ihr war eine heitere Zuversicht zu allem, was das Leben heranbrachte. Fehler würde sie natürlich zuerst machen – nun ja! Aber wer vor Fehlern zittert und sich der Möglichkeit ihrer vorweg schämt, der wird gewiß kein Meister.

Die vielen Leute? Hm – da war Schrötter, der liebe kleine Alte, dem man natürlich nicht befehlen, den man bitten mußte, so ein wenig töchterlich fast – jeder andere Ton wäre lächerlich gewesen. Dann war da die Köchin, sechs Jahre im Haus, kannte aber Jakobs Geschmack und kochte, wie es ihm angenehm war – die würde wohl ein wenig anmaßend sein, oder voll unbewußter Gegenwehr gegen das neue Regiment; man mußte ihr Zutrauen machen, das eine und andere Mal sagen: »Das kennen Sie besser – machen Sie es nur, wie Sie es gewohnt waren« – jawohl, auf Zutrauen kam wahrscheinlich alles an zwischen Herrschaft und Dienstboten. Das bisherige Folgemädchen heiratete bald, es kam am ersten September eine neue. Der Diener und die Jungfer hatten sich auf der Reise als willige, geschickte, anständige Leute bewährt. Der Chauffeur kam nur zum Essen ins Haus.

In der ersten Zeit gäbe es natürlich sehr viel Arbeit, bis alles aufgezogen war – bis sie jedes Stück ihres Hausstandes kannte – das ganze Haus vom Boden bis zum Keller durchforscht haben würde.

Wie schön! – Das Vergnügen, so viel zu sollen, zu dürfen, benahm Therese ganz. Im Elternhaus war so wenig Arbeit für sie gewesen. Und Mama hatte natürlich durchaus ihre eigenen Ansichten und die Rechte ihrer Autorität. Auch hatte sie – wie oft Mütter – der unerprobten Tochter nichts zugetraut.

Aber Therese selbst traute sich schon was zu.

Und auch diese Gedanken, ihren nächsten praktischen Frauenaufgaben gewidmet, endeten mit einem stillen Dank an den geliebten Mann, der ihr Stellung und Pflichten gegeben hatte…

Der Zug fuhr und fuhr – ließ die gleißenden Schienen hinter sich, Kilometer um Kilometer – hielt, verschnaufte sich und lief weiter in die Nacht hinein, immer begleitet von jenem wunderlichen Gesang der Technik, deren Geräusche keine Lieder haben und doch melodisch sind, im Zauber strenger Rhythmik. –

Auch der Mann horchte der ihm wohltuenden Gleichförmigkeit der gedämpften Tonfolgen und dem leisen Zittern aller Zugbewegungen nach. Das geleitete seine Gedanken, wie eine sanfte Pianobegleitung den Vortrag eines Sängers – kaum beachtet und dennoch ihn tragend und weiterleitend …

Er fragte sich nicht geradezu – wie es Therese tat – »wie ist es gewesen – wie wird es werden?« Doch prüfte sein Gedächtnis unwillkürlich die ganze Zeit nach, die nun erlebt war und die den Besitz an »Ewig-Gestrigem« in seinem Dasein um allerwichtigste Dinge bereicherte.

Wie seltsam sich Erlebnisse aufeinanderhäufen können, ohne daß das eine das andere ganz verschüttet – die Scherben der Vergangenheit zeigen sich in den Ackerfurchen der Gegenwart…

Da nebenan lag seine Frau – sie schlief nicht – er spürte es wohl – er hatte bemerkt, wie sie mit der Vorsicht einer Kindswärterin sich leise aufreckte, zu sehen, ob er schlafe …

So fühlte er sich nun immer von ihrer wachsamen Fürsorge umgeben. Aber weil die zart war, fast unmerklich und ganz ohne Anspruch, so beengte sie ihn nicht – tat ihm vielmehr wohl…

Er wußte es nun ganz gewiß: es war eine Glücksstunde für ihn gewesen, als er um Therese warb. In ihr waren noch so viel mehr Eigenschaften und Möglichkeiten, als er geahnt hatte. Ihre Entwicklung in diesen wenigen Wochen war mit einer Raschheit und Sicherheit vorwärts gegangen, daß er nie genug ihre Intelligenz und ihren Takt bewundern konnte.

Ein hoher Stolz auf seine Frau hatte sich in ihm fest eingebürgert. Das war eine sehr beglückende Empfindung für ihn.

Es rührte ihn und erweckte seine unbegrenzte Bewunderung, mit welcher vollkommenen Selbstbeherrschung sie sich in der Hand behielt, als das Erwachen aus dem kurzen Taumel kam …

Dinge gibt es, über die man gar nicht nachdenken darf, um nicht an der Würde der eigenen Menschlichkeit zu verzweifeln.

Ihre Liebe, die wundervolle Unberührtheit ihrer Seele und ihres Körpers hatten ihn in einen kurzen Rausch versetzt gehabt – –

Und eben, weil es nur ein Rausch gewesen war, litt er unter der zurückkehrenden Besonnenheit wie unter einer Beschämung.

Die große Dankbarkeit für ihre Liebe blieb, die Hochachtung vor ihr ward fast zur Andacht.

Daß diese Frau seinen Namen trug, daß durch sie vielleicht sein Geschlecht sich fortpflanzen könnte, erfüllte ihn mit Genugtuung.

Wenn sie an seiner Seite war und in der stillen und lieblichen Heiterkeit ihrer Art mit ihm sprach, oder in ihrer aufmerkenden Klugheit zuhörte und fragte, fühlte er sich in einem Zustand vollkommener Harmonie.

War sie nicht zugegen und kamen ihm dann Gedanken über seine Ehe, so fiel ein Druck auf sein Gemüt. Er begriff, daß all diese Herzlichkeit, all diese Bewunderung, all diese tiefe Freundschaftlichkeit nicht die Empfindung war, auf welche sie einen heiligen Anspruch hatte …

Und er staunte die Unbestechlichkeit der Natur an. Durch ethische Gründe läßt sie sich zu ihren Wundern nicht zwingen. Elementare Dinge können Verstand und Gemüth zusammen nicht auslösen. Die sieden und wallen aus, Feuerherden empor, die unter der Bewußtseinsschwelle liegen … Es ginge im Königreich der Liebe weniger grausam zu, wenn es eben nicht so wäre.

Es lastete auf ihm wie ein beständiger Vorwurf, daß er nicht das sich immer erneuernde, verzehrende Verlangen empfand, sein Weib zu umarmen.

Aber er mußte es sich gestehen: Irgend etwas in seinem Herzensleben war zerstört worden – irgendwo war da tote Lava. – Er konnte es sich selbst nicht klar machen – als sei seine Seele zu sehr ermüdet an der vieljährigen verbotenen Leidenschaft …

Daß ein Herz steril bleibe, hat die Natur nicht gewollt – sie zeigt immer wieder Kraft zu neuem Blühen – also das Märchen von dem ›nur einmal lieben können ‹ kam hier nicht in Frage … Er liebte Thora nicht mehr. Er gönnte es ihr nicht, daß er sie früher geliebt hatte – das seltsame Gesetz, unter dem Mitschuldige stehen, hatte sich erfüllt: er verachtete Thora. Vielleicht haßte sie ihn. Er wußte es nicht. Es war ihm auch gleichgültig.

Aber die Erinnerung an sie stand ihm im Wege.

Die Spuren ihres Wesens konnte er nicht ganz aus dem seinen tilgen. Zuweilen ertappte er sich auf der Freude an Dingen, die er durch sie erst recht sehen gelernt hatte; oder brauchte ein Wort, das zu ihren besonderen Sprachgewohnheiten gehört hatte. In Basel in der Gemäldegalerie ward ihm plötzlich klar, als er zu Therese über Böcklin und Holbein sprach, daß er Wendungen brauchte, in denen Thora einmal sich zu diesen Malern geäußert hatte. Und Therese wunderte sich und bewunderte, daß er ihr von den großen Geistern erzählen konnte, die an der Baseler Universität gewirkt hatten, und Knappes, aber doch Zutreffendes von Burckhardt, Nietzsche, Overbeck zu sagen wußte – sie hatte es doch aus seinem eigenen Mund gehört, wie seine ungeheure Arbeit ihm ein so gewaltiges Gebiet von Interessen und Wissen aufschließe, daß für andere Zweige der Kultur ihm keine Zeit verbleibe. Ja, Thora hatte einen pikanten Flackergeist gehabt, der über alle Modefragen ein wenig hinleuchtete, und sie konnte plastisch davon sprechen. Davon war eben allerlei in ihm hängen geblieben …

Er hatte doch das Gedächtnis, das unerbittliche, scharfe, unerschütterliche, das einen Teil seiner Begabung ausmachte …

Ja, von ihr war allerlei hängen geblieben – harmlose, vielleicht sogar bereichernde Dinge …

Aber alles in ihm wehrte sich gegen diesen Nachlaß – dies Erbe einer verbotenen Leidenschaft.

Auslöschen wollte er … Aber es war ja erloschen … nun denn: zornig noch auf der Asche herumtreten …

Die Scherben der Vergangenheit zeigten sich eben in der Ackerfurche der Gegenwart …

Und immerfort hatte er das Gefühl: Therese entschädigen! Ohne Aufhören gut an ihr machen, was er als einen Raub an ihr erkannte. Sie auf Händen tragen, weil sein Herz sie nicht trug …

Sie war glücklich. Das glaubte er fest. Und das gab ihm oft eine Beruhigung. Sie war zufrieden mit seiner Art herzlicher Neigung.

Frauen sind auch anders veranlagt: das Wissen des rechtmäßigen, unverlierbaren Besitzes hebt sie, tröstet sie, läßt sie leichter resignieren, wenn ihnen die Poesie der großen Leidenschaft versagt bleibt. Wenn ihnen der Mann nur gehört – wenn er ihnen nur von keiner anderen genommen wird – dann ertragen sie alles.

Niemals in seinem ganzen Leben würde er jenen Abend vergessen – in Konstanz. – Der weite See verdämmerte mit dem seinen Blauduft der Berge wie in eins – friedvoll zogen Dampfer mit Lichteraugen ihre endlosen, feingewellten Furchen in die vom Abendglanz vielfarbige Spiegelfläche des Wassers – von irgendwo her klangen Glockenschläge – Therese stand an seinem Arm auf dem großen Balkon vor ihrem Zimmer – die Baumriesen, zwischen deren Wipfel hindurch man auf den See sah, waren von Schatten voll und dunkel, so wundervoll beruhigt schien die ganze Welt nach dem fröhlich-bunten Lärmen eines schönen Sommertags …

Und in seine Seele war, unbegreiflich woher, jene seltsam beschämende Besonnenheit gekommen – schwer war sein Gemüt von Ernst und dem Wissen, daß er dies edle, herrliche Geschöpf in einem Rausch und nicht in der echten Inbrunst heißer Liebe zu eigen genommen.

Zugleich fühlte er mit der qualvollsten Deutlichkeit, daß das üppig-stille, große Abendwesen der Natur Theresens Seele mit Zärtlichkeit überfüllte – daß ihr Schweigen Sehnsucht war nach seinem Munde…

Ihr Blick suchte den seinen … Sie atmete ein wenig kürzer und schneller als sonst … ihr ganzer Mensch, Seele und Leib bebte ihm entgegen in Verlangen…

Da zog er sie fast brüderlich an sich, streichelte sanft ihr Haar und küßte sie auf die Stirn – wie er als Verlobter zuweilen getan …

Welche Feinheit in ihr! Sie fühlte auf der Stelle dies schonende Ausweichen in seiner maßvollen Herzlichkeit. So dunkel war es noch nicht, daß er nicht das schnelle Erröten hätte sehen können, das über ihr Gesicht ging …

Und dies Erröten blieb ihm das schmerzlichste, wunderbarste Schauspiel seines bisherigen Lebens …

Und wie sie dann in zarter Zurückhaltung und dennoch im Leuchten einer ungetrübten Liebe weiter durch die Tage ging, das schien ihm erhaben …

Er genoß das seltene Glück, ein Weib ganz und gar bewundern zu können.

Und es war sein Weib.

Eines Tages hatte er sich zurecht gedacht, daß sie vielleicht grüble über den Wandel in seinem Benehmen. Und er dachte, er müsse ihr Krücken darbieten, auf denen sie sich notdürftig den Weg zu einer Erklärung suchen könne.

»Bin ich dir nicht zu trocken und zu schwer, Therese? Ist der Altersunterschied nicht zu groß?«

»Altersunterschied?«

»Nun ja, ich bin doch siebzehn Jahre fast älter als du.«

Da hatte sie den Kopf verneinend und auch ein wenig verwundert bewegt.

»Das ist doch gerade das rechte Verhältnis. Wenigstens für meine Ansichten und Anforderungen. Ich hätte keinen Mann mögen, der noch unreif ist.«

»Aber doch vielleicht einen, der mehr heiße Lebensfröhlichkeit hat?«

»Ich meine, man heiratet nicht, um zusammen durchs Leben zu jubeln, sondern um zusammen zu wirken.«

Das Gespräch beruhigte ihn nur halb, denn nach ihren letzten Worten sah er einen ihm unverständlichen Ausdruck über ihr Gesicht gehen – wie eine Wehmut, die sich in Träumen dann verlor…

Nun war diese Zeit zu Ende. Von Konstanz, nach dem schmerzlich-zarten, von ihnen beiden in Schweigen durchlittenen Erlebnis jener Minuten, hatte es ihn förmlich weggetrieben – dann kam ein beständiger Szenenwechsel, und dann reiste ihnen das Geschäft gleichsam entgegen, schickte Herolde auf Draht und Bahn, und schließlich kam Baumann.

Auch in diesen unruhigen Wochen hatte Therese sich bewährt. Ihre grenzenlose Liebe war keine Sklavendemut. Weil sie sich mit Zurückhaltung auf das herrlichste verband, blieb es immer ein wundervolles Geschenk.

Und er gewann aus diesem allen schließlich doch die Hoffnung, daß Therese glücklich sei und bleiben werde, daß er eine friedvolle Häuslichkeit fände und daß alles in allem die Zukunft solche Formen haben könne, wie sein Verstand und sein Lebensgeschmack sie wünschten. Er war ja oft und lange auf Reisen gewesen. Von vier Weltteilen kannte er manchen Platz und manche Gegend. Immer reiste er mit Ungeduld, sein Ziel zu erreichen, ab, und immer kehrte er mit Ungeduld heim, weil sein Kontor ihn schon zu lange entbehrte.

Diesmal hatte er nicht nur Ungeduld, sondern eine tiefe Heimkehrfreude.

Er freute sich auf seinen Schreibtisch und auf den Wind, der an der Markise zerrte, daß sie knarrte, und der das Wasser schuppte, daß das Widerspiel seiner Wellenlinien sich zitternd an der Wand abmalte. Er freute sich auf den Geruch von rohem Kaffee, der aus den Speichern kam, während im Halbdunkel drinnen die Männer mit den Säcken hantierten.

Auch war eine ganz merkwürdige Neugier in ihm, wie es nur sein würde, wenn er aus dem Geschäft nach Haus käme und eine Frau darin fände. Wie Therese wohl

darin schalten und walten würde? Unter allen Umständen praktisch, geräuschlos, freundlich.

Welch eine gute Zuversicht …

So fuhr der Zug durch die Nacht und begleitete mit seinen eiligen, plaudernden Geräuschen all die rückwärts- und vorwärtsgewandten Gedanken. Und durch die Einförmigkeit des gedämpften, rhythmischen Lärmens verwirrte sich zuletzt die Empfindung und verlor sich das Bewußtsein der Vorwärtsbewegung –

Einmal hatte Bording noch ein kurzes Erschrecken: warum schütterte sein Bett und was für Geräusche raunten um ihn herum? – Und dann schlief er fest ein …

Am anderen Tage, auf der letzten Strecke ihrer Heimreise, waren sie beide in der besten Stimmung.

Vorfreude und Neugier mischte sich mit dem Gefühl: es war doch schön gewesen!

Therese saß am Fenster, aufgeregt und dringlich aufpassend, um die ersten Zeichen der ihnen gleichsam entgegenrückenden Heimat nicht zu übersehen. Ihr gegenüber saß ihr Mann und freute sich, wie angenehm ihre Erscheinung wirkte.

Keine Frage: sie hatte sich verschönert. Ihr Ausdruck war noch bestimmter geworden, ihre schönen Augen blickten so klug, so gütig in die Welt hinaus. Ihre Haltung war selbstbewußter geworden. Sie war nun auch sehr gut gekleidet. Einfach, aber in der vollkommensten Vornehmheit. Wie der scharfweiße hohe Kragen ihr famos stand – wie sein die Haut, wie hübsch der Haaransatz. Der graue Strohhut mit dem graubraunen Fittichbesteck kleidete sie sehr günstig.

Sie fühlte diesen langen, taxierenden Blick und lächelte ihn glückselig an – sie merkte ja: sie gefiel ihm, wie sie so dasaß …

Er dachte: »Ihr Papa wird sich freuen …«

Und es war ihm erleichternd, mit diesem ersten Eindruck, den Therese machen mußte, vor dem lieben Mann bestehen zu können. Auch vor diesem, der ihm seinen besten Schatz anvertraut hatte, fühlte er sich immer verantwortlich … Und dieser herzenstiefe, vertrauende, feine Mann durfte niemals, niemals ahnen, daß Jakob Bording eigentlich eine Verstandsehe geschlossen hatte…

»Ob die Eltern wohl an der Bahn sein werden?«

»Vermutlich.«

»Burmeesters müssen auch gerade von der Reise zurück sein.«

»Ich glaube auch.«

»Wenn Mama nur nicht mit ihren Anordnungen den Dekorateur unsicher gemacht hat! Ich hatte ihn so genau instruiert. Mama ist so fürsorglich, so pflichteifrig und meint, sie muß das ab und an etwas zeigen … Nicht wahr, Jakob, du fühlst, daß Mama es immer liebevoll im Sinn hat.«

»Ja, liebe Therese.«

»Ach, Jakob… ich mache dich nervös mit all meinen unnützen Bemerkungen … aber ich will es lieber offen sagen: ich bin geradezu aufgeregt.«

»Das versteh' ich völlig. Solche Heimkehr wie die unsere heute hat beinahe etwas eben so Entscheidendes, wie der Hochzeitstag selbst.«

»Ja. Es ist, als ob man zum zweiten Male eine Tür zum Glück öffnen will. Weißt du was? Manchmal hab' ich das Gefühl, als wenn das Leben ein Schreiten durch viele und voneinander ganz verschiedene Räume sei. Wände hat man hinter sich und vor sich.«

»Nur daß die, die hinter einem liegen, von Glas sind, und die, die man vor sich hat, von Mauersteinen.«

Sie sah ihn an. Da war ja mit einem Male der scharfe Zug an seinem linken Mundwinkel, der sein Gesicht so hart machte.

Aber sie fragte nicht. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, daß Männer gewiß nicht das Bedürfnis haben, sich so grenzenlos mitzuteilen wie Frauen. Und ihr gesunder Takt bewahrte sie immer davor, ihn merken zu lassen, wenn ein veränderter Ausdruck seiner Züge ihr gelegentlich auffiel.

Sie schwiegen nun, und Therese begann wieder die vorbeijagende Landschaft zu studieren, um die ersten bekannten Baumgruppen und Gehöfte sogleich feststellen zu können. Der große, lang sich hinziehende, von sanft gewelltem Gelände umgebene Ratzeburger See lag schon lange hinter ihnen.

In Sommerpracht zeigte sich die Landschaft. Goldgelbe Garben standen in Reih und Glied auf dem strohfarbenen Teppich der Stoppeln. Und vom obersten Bund, der sie umfesselte, an öffneten sich die Garben, abwärts geneigt, in anmutigem Bogen strebten die Ähren im Kreise auseinander. Wie dicke, niedrige Mauern umschlossen die voll belaubten Knicks die blonden Breiten. Auf leuchtend grünen Wiesen weideten die rotweißen Kühe mit der Gelassenheit, die keine Zeitwerte kennt.

Nun sah Theresens Auge am Horizont eine Reihe italienischer Pappeln; uralte, riesige Bäume von zerzausten Formen waren es in Wirklichkeit – fern, klein, wie mit farbenblassem Pinsel am Fuß des Himmelsgewölbes hingetuscht, schienen sie kaum erkennbar vom Zuge aus. Aber an ihnen orientierte sich Therese: noch fünf Minuten oder sechs … Man war da – man war da …

»Jakob…« sie stand auf. Sie war förmlich atemlos.

Er stellte sich neben sie, legte leicht den Ann um ihre Taille.

Auch ihm klopfte das Herz.

Ja – da kamen sie in Sicht, die schlanken, ruhevollen Türme, die über das weite Flachland hinaussahen. Vor dem heute fast kornblumenblauen Augusthimmel standen sie, mit ihren hohen, sich langsam zu seinen Spitzen verjüngenden köstlich grünen Dächern. Auf dem Messingglanz der einen oder anderen Turmkugel brannte die Sonne und setzte da strahlenaussprühende Brillanten hin. Die Wälle und Anlagen mit ihren Baumriesen im schweren Dickicht der Hochsommerbelaubung zogen sich, traulich und intim wie lauter sich ineinander öffnende Gärten, als grüner Gürtel hin. Wasser blinkte fröhlich auf. Da kroch ein kleiner Dampfer mit Ausflüglern. –

Und da kamen die ersten Häuser in Sicht – anmutige Brücken spannten sich über das schuppige Kanalland –

Da war sie – da war sie – die Heimat – die einzige – die alte, wunderbare Stadt, in der Glorie ihrer großen Vergangenheit, im warmen Farbenreichtum ihrer roten Mauern und ihrer getreppten und geschweiften Giebel, in dem bezaubernden Reiz ihrer malerischen Ecken und Winkel, in der stolzen Strenge ihrer alten Prunkbauten. Und die Sonne schien – dann wehte der Ostwind, und er hatte einen wunderbaren Atem, voll Salz und voll Waldwürze – denn auf seinem Wege vom Meere strich er durch die großen Eichen- und Buchenwälder und nahm den Duft ihres Laubes mit hinein in die Stadt…

Therese hatte nasse Augen.

Sie begriff es ja selbst nicht, daß sie durch das Wiedersehen der Heimat so erschüttert sein konnte.

Bording sagte: »Ich glaube, die Heimatliebe ist immer am leidenschaftlichsten da, wo das Volk ein sehr nahes Verhältnis zur alten Geschichte seiner Heimat hat und das Gefühl, daß es, das Volk selbst, tätig und mitbestimmend in dieser Geschichte gewirkt hat. Eine ähnliche Kraft des Heimatsempfindens und Heimatstolzes wie bei den Schweizern und Hanseaten habe ich nirgends gefunden. In monarchischen Ländern setzt sich ein Teil dieser Empfindungen in Anhänglichkeit an die angestammte Dynastie

um, und der Fürst ist der Heimat Symbol. Man könnte also vielleicht sagen: kleine Republiken mit großer Geschichte haben die heißeste Anhänglichkeit für ihr Gemeinwesen, weil sie fortwährend unbewußt fühlen, nur ihre eigene Liebe und Arbeit und Wachsamkeit kann die ideellen und praktischen Werte erhalten und weiter entwickeln. Man könnte vielleicht das auch so ausdrücken: monarchische Völker lieben ihre Heimat mit Kinderliebe, republikanische fühlen zu ihr mehr so etwas wie Elternliebe. Es müßte sich einmal ein Völkerpsychologe mit den feinen Unterscheidungen befassen und uns etwas Erklärendes darüber schreiben.«

Sonst hing Therese an seinen Lippen, wenn er zu ihr sprach. Aber in diesen Augenblicken hörte sie etwas flüchtig zu.

Der Zug fuhr auf die Halle zu – glitt hinein – stand …

»Papa – ja – Mama auch – oh…«

Bording hatte sie auch gesehen, als der kurze D-Zug an den nahe der Einfahrt auf dem Bahnsteig wartenden Gruppen langsam vorbei rollte. Das heißt, es waren eigentlich keine Gruppen. Sie standen in Reih und Glied, ein Spalier der Erwartung. Der Senator Landskron mit seinem schlichten Blondhaar, seiner goldgefaßten Brille und den von Freude roten Bäckchen. Die Senatorin mit einer Mantille, unter deren starkem Spitzenmuster schwarze Seide schimmerte, in einem schwarzen Kleid von leichtem Stoff, das sie sehr hoch gerafft, aber doch nicht ganz erfaßt hatte, denn ein durchsichtiges Stück des Rockes ließ die Zugstiefel und ein wenig grauen Strumpf sehen. Doktor Georg Burmeester, ein wuchtiger Riese, der mit dem ganzen rötlich-bartlosen Gesicht lachte und den Panamahut hochschwenkte. Frau Grete, klein neben ihm, schlank, hellblond in einem blassen Lilakleid, dünn und leicht und ebenfalls mit einem Panamahut, den sie sicher auch am liebsten geschwenkt hätte, wenn es nur angängig gewesen wäre. Fünftens und sechstens waren da Jakob und Georgette mit den zu langen Beinen und zu kurzen Hosen und Röcken ihrer zehn und neun Jahre. Sie hatten dicke Blumensträuße in den Fäusten und waren ohne Zweifel in großer Spannung, ob Tante Therese, die neue Tante, nun das getan habe, was Onkel Jakob stets vergessen hatte: was mitzubringen. Siebentens endlich, in hellgrauer Sommereleganz besonders lebemännisch und flott anzusehen, Konsul Hartmann-Flügge, mit einer kleinen, braunen Tasche in der herabhängenden Linken, was gleich verriet, daß er mit eben diesem Zuge nach Kiel fahren wollte und demgemäß die Zahl der Empfangenden nur zufällig vermehrte.

Natürlich löste sich diese stattliche Reihe zu wilder Unordnung auf, und alle eilten in der bekannten überflüssigen, aber unbezwingbaren Hast dem Zuge nach. Nur die Senatorin schritt wuchtig und würdig als letzte, während ihr das durchsichtige Stück Rock als Zipfel nachschleppte und förmlich wie eine Kelle den Bahnsteigstaub auffegte.

Wie erklärlich, gewannen Jakob und Georgette das Flachrennen und hängten sich im Gewühl der Ein- und Aussteigenden bleischwer an Jakob und Therese.

»Görenzeug – wollt ihr woll!« schalt Burmeester.

Dann fiel Therese ihrem Vater um den Hals, und er strahlte vor Stolz und sah gleich, wie wunderhübsch seine Tochter geworden war, und dachte bei sich: »Wie eine junge Fürstin!«

In das allgemeine Umarmen und Händeschütteln hinein kam dann noch die Senatorin und setzte ihre Rührung in passende und belehrende Segensworte um.

Alle sagten, wie wohl und wie blühend beide aussähen.

Und Hartmann-Flügge, schon die eine Hand am Griff, um den D-Wagen zu besteigen, bemerkte: »Bording, du bist 'n büschen stärker geworden. Von der Hochzeitsreise mit 'nem Embonpoint zurück? Wer erklärt, Graf Örindur, diesen Zwiespalt der Natur?«

Bording überhörte mit seinem hochmütigsten Gesicht diese echt Hartmann-Flüggesche Randglosse.

»Es ist eins von den Zitaten,« belehrte die Senatorin, »die immer entstellt gegeben werden.«

»Steig ein, mein Junge, und bringe dein Mundwerk unbeschädigt nach Kiel,« sagte Burmeester.

»Ja, weiß Gott, da werde ich es brauchen,« erwiderte Hartmann-Flügge nun noch aus dem Fenster. »Der ›Swedenborg ‹ ist zwischen Kiel und Gotenburg leck geworden, ich hatt' für ein badisches Haus zweihundert Stück Nähmaschinen und dreihundert Stück Fahrräder darauf, und nun machen die Assekurateure Schwierigkeiten.

Na – adjö – wünsch viel Glück zum Einzug ins eigene Heim.«

Die Gruppe schritt nun der Treppe zu, die vom Bahnsteig zur Empfangshalle emporführte. Jakob und Georgette voran, mit dem Handtäschchen Theresens und den Blumen: Das junge Ehepaar in der Mitte, als die Helden des Augenblicks. Den Beschluß machte die Jungfer mit einer großen, blankgelben Hutschachtel.

Draußen wartete das Auto, mit großen Sträußen von dunkelroten Rosen geschmückt. Die Senatorin hatte eigentlich vorgehabt, als Mutter mitzufahren, um auf der Schwelle des eigenen Hauses der Tochter noch einen Hinweis auf Pflicht und Liebe zu geben, deren Hochhaltung allein die Zufriedenheit des Lebens gewährleisteten.

Aber es geschah, daß Therese sich von allen auf das innigste und zugleich selbstverständlichste verabschiedete. So, als gehöre niemand in dies Auto als sie und ihr Mann.

»Morgen kommen wir zu euch oder ich allein, wenn Jakob nicht kann, denn die Familienrücksichten, die sich in Besuchen und äußerlichen Formen ausdrücken, verlangt ihr gewiß nicht von ihm. Und bald, bald müßt ihr bei uns essen. Tausend Dank, Papa – Mama – euch, Grete, auch – ja und Georgette und Jakob: der Diener bringt euch noch heute abend ein Paket…«

»Hurra!« schrien Jakob und Georgette.

»Georg, ich muß dich noch geschäftlich sprechen heute, haben Sie Dank, lieber Papa – verehrungswürdigste Schwiegermama.«

Bording küßte ihr den rehfarbigen Zwirnhandschuh.

Und als das Auto nun davon fuhr und Therese hinter den Glasscheiben der Karosserie noch einmal winkte, da begriff eigentlich die Senatorin erst, daß ihre Tochter nun ihrer Aufsicht und ihren Lehren entrückt sei, und sie dachte: »Mein Gott, wie wird sie sich ohne meinen Beistand mit diesem schwierigen Mann und ihrem großen Hausstand zurechtfinden!« Es konnte unmöglich glatt und in standesgemäßer Vornehmheit abgehen…

Therese hatte ein heißes Gesicht. Sie drückte ihrem Manne einmal fest und stark die Hand.

Dann saßen sie schweigend.

Über die Brücke sauste das Auto, wo die alten Götterfiguren von grauem porigen Sandstein trocken und heiß in der Sonne sich abhoben gegen den fernen Hintergrund der grünen, mit Riesenbäumen und dichten Gebüschpartien bestandenen einstigen Festungswälle, während tief unten das blaubraune Wasser des Stadtgrabens blinkerte. Das alte Tor kam mit den dicken, rot und schwarzen Rundtürmen, klobig und wuchtig; im Mittelbau, der die Türme verband, öffnete sich das Halbrund eines Tormundes. Aber der Verkehr spülte seinen Strom um das alte Tor herum und ließ es als Insel unberührt liegen. Und wieder eine Brücke, neben der alte Speicher, fast wie Taumelnde sich aneinander lehnend, im Flusse ihr Spiegelbild mit der greisenhaften Melancholie der Ausgelebten still betrachteten. Auf dem Fluß stromauf das Idyll von großen Sandkähnen und kleinen Verkehrsdampfern, stromab einige schwedische und finnländische Dampfer, die Bretter löschten.

Nun die Straße hügelan, zwischen den Häuserreihen, die sich nah in die Gesichter sahen.

Therese saß mit gefalteten Händen und dachte in großem Ernst: »Nun komm' ich in sein Haus …«

Und ihr war, als finge damit doch erst ganz eigentlich ihre Ehe an, mit allen schönen Aufgaben und – Opfern. Aber darauf war sie ja gefaßt. Sich ihm und seinen Aufgaben unterordnend und anschmiegend ein Teil seines Lebens zu werden war ja das Ziel ihrer Liebe.

Eine glückliche Rührung machte ihr das Herz groß.

Ihr Mann saß auch schweigsam – sie hätte wohl wissen mögen, ob auch sein Herz jetzt eine besondere Bewegung fühlte.

Aber Bording dachte: »Wie die Kaffeebörse wohl heute notiert hat …«

Er bekam täglich, wo er auch war, eine Depesche über Stimmung und Verlauf der Hamburger Kaffeebörse. Nur natürlich, wenn er in der Bahn saß, konnte ihn das Telegramm nicht erreichen. Dann lag es schon wartend an seinem Reiseziel, wenn er spät nachmittags oder abends ankam.

Ja, das Geschäft packte ihn wieder. So ganz und gar, daß er eigentlich kaum noch besondere Gedanken dafür hatte, daß er nun seine junge Frau in sein eigenes Heim brachte. Alles dies hatte ihn in der Nacht bewegt – da sah er der Sachlage und seinen und ihren Empfindungen mit unerbittlicher Genauigkeit ins Gesicht. Nun war das praktische Leben wieder da. Mit den gegebenen Faktoren mußte es so herzlich, so von Grund aus anständig und vor allen Dingen so ungestört als möglich gelebt werden, damit er seinen Frieden und Therese ihre Zufriedenheit habe …

Das Auto fuhr über den Kirchplatz. Da war die alte Kirche, rot und warm von Sonnenglanz umbadet. Mächtig stand sie dem Bordingschen Hause gegenüber. In der Tür, die nach der schmalen Gasse mündete, wartete der alte Schrötter mit einem Freudenglanz in seinem Gesicht, daß es Therese weich machte.

Ach, alles machte sie weich. Die häßlichen, von den Dienstboten beschafften Plakate mit den Inschriften »Willkommen« – »Gott segne euren Einzug« – all die Girlanden von Eichenlaub um die Türen und über den Treppenaufgängen – die einen starken Geruch wie von Herbst und Absterben durch das ganze Haus hindufteten.

»Dank!« sagte sie mit überströmenden Augen, immer wieder »Dank« und drückte den Dienstboten freudig die Hände.

»Sehr hübsch,« sagte Bording zerstreut, »sehr hübsch. Schrötter, sind die Depeschen da?«

»Das Kontor hat eben geschickt – alles liegt auf dem Schreibtisch, Herr Senator,« meldete Schrötter.

Sie standen in der Diele.

»Du verzeihst, Therese …« Er hatte schon den Türgriff in der Hand, um durch sein Rauchzimmer an seinen Schreibtisch zu gehen.

»Jeden Tag und immer, wenn erst das Geschäft kommt, und dann ich,« rief sie mit etwas erzwungener Heiterkeit, »aber heut mußt du mich erst ganz herumführen im Haus.«

»Du kennst es ja – aber du hast recht.« Er hakte sie ein, er sie, wie es verliebte junge Leute sonst tun – aber ihm war, als müsse er mit dieser Geste burschikoser Zutraulichkeit seine Unart gutmachen … Er fühlte wohl: sie hätte verletzt sein dürfen.

Aber gerade, weil sie es nie war oder, wenn sie es war, es nie zeigte – das zwang ihn zur Rücksicht. Es wäre ihm unmöglich gewesen, ihrer vornehmen Haltung mit Rauheit zu begegnen.

Und so wanderten sie durch das ganze Haus. Da war sein Schreibzimmer mit den Bücherschränken.

»Dies ist nun meine unantastbare Welt für mich allein.«

»Versteht sich – das soll auch Schrötter nach wie vor ganz allem besorgen.«

Das Rauchzimmer mit seinem an die Wand gepolsterten lila Ecksofa und dem hellen Fleck des Heidebildes an der Wand fand Therese sehr gemütlich.

»Ich will es ändern lassen. Ich mag die Farbe nicht mehr.«

»Was für schöne alte Schränke, die habe ich schon immer bewundert.«

Sie war ja als Braut das eine und andere Mal hier durchgekommen.

»In dem einen sind Zigarren und Ascheservice. Im anderen allerlei altes Silber und Teegerät. Beide Schränke haben einen interessanten Druckverschluß, ich zeig' ihn dir ein andermal, dann kannst du da aufräumen. Die Schränke sind beide von 1572. Wenn du die Schnitzerei genau studierst, findest du die Jahreszahlen und die Initialen ihrer ersten Besitzer.«

Sie kamen wieder auf die Diele.

»Sieh, diese alte Spindeluhr und ein Rubinglasschälchen auf Silberfuß – das sind die einzigen Stücke, die sich in der Familie erhalten haben.«

»Ich werde sie besonders bewachen. Wo ist die Rubinglasschale?«

»In dem Schrank unter dem Heidebild.«

Es ging treppan. Der erste Stock war nun ganz für die Dienerschaft und häusliche Zwecke bestimmt. –

Sie umwanderten die Galerie.

»Wie Elsa auf ihrem Brautzug,« scherzte Therese.

»Bewahr dich Gott vor ihrer Neugier.«

»Du bist ja nicht geheimnisvoll,« sagte sie munter.

Im zweiten Stock war alles neu und schön. Ein Wohnzimmer für Therese und ein Eßzimmer, in dem man auch ein Dutzend Freunde versammeln konnte. Nebeneinander die beiden Schlafzimmer und dann zwei Räume, die einstweilen unter der Etikette »Fremdenstube« ein unbewohntes Dasein führen sollten.

Therese preßte den Arm ihres Mannes fester an sich. Sie sah ihm mit strahlenden Blicken in die Augen.

»Wer weiß …« sagte sie. Und lächelte einer fernen Möglichkeit zu …

»Es würde mich zum glücklichsten Menschen auf der Welt machen,« sprach er leise.

Und dann nahm er ihre beiden Hände und drückte sie fest.

»Also Frau Therese Bording,« sagte er heiter, »von nun an Frau und Herrin dieses Hauses – sei mir eine nachsichtige Regentin. Mir ist die merkwürdige Tatsache nicht unbekannt, daß gerade die Männer, die in ihrer Berufswelt stark und selbständig sind, zu Haus am wenigsten zu sagen haben. Ich gehe also meiner neuen Stellung mit Einsicht und Demut entgegen, mich deiner Güte empfehlend. Und jetzt muß ich aber wirklich zu meinen Depeschen.«

Sie lachte hell, wie das sorgenlose Glück lacht.

Und als er treppab eilte, war der Nachhall dieses Lachens in seinem Ohr, und auch er lächelte.

X

Die ersten Tage waren einfach wundervoll. Therese hatte mittags und abends eine ganz köstliche Heiterkeit, die ihrem Mann wohltat. Wie anders ruhten ihn diese Mahlzeiten aus, als jene früheren, wenn er einsam saß, hastig essend, daneben die Zeitung lesend oder so vertieft einer Geschäftsangelegenheit nachgrübelnd, daß er oft ganze Schüsseln übersah. Therese behauptete von sich, ein Laster habe sich bei ihr entwickelt, sie sei wie beschwipst von Besitzerhochmut und Befehlshabermacht. So ein großes Haus voll schöner Sachen! Und alles ihr Miteigentum! Und den Dienstboten Anordnungen geben dürfen, ohne daß Mama hinterdrein kam und einen vor den Mädchen blamierte, indem sie die gegebenen Anweise als unverständig tadelte.

Allein die Stunden mit Schrötter auf dem Boden! Denn natürlich, mit dem Inspizieren fängt man von oben an und geht systematisch herunter bis zum Keller. »Das Systematische habe ich von Papa.« Und wenn sie nun lebendig erzählte, sah Bording es förmlich vor sich, wie die beiden da auf dem Hausboden hockten und eigentlich nichts taten, als ein bißchen Götzendienst mit seiner Person trieben.

Die Hausfront, die sich der Kirche zuwendete, hatte oben, in Reih und Glied vor dem Ziegeldach stehend, drei merkwürdige kleine Treppengiebel und in jedem war ein Fensterchen. In diese ovalen Glasscheiben kam vormittags das Sonnenlicht herein, in Strahlenbündeln, die gelb und glänzend die Dämmerung des Bodens durchschnitten.

Ein Teil des Bodens war durch eine Lattenwand von dem anderen geschieden. Das eine war die prosaische, das andere die poetische Hälfte. Die Hausfrau konnte der prosaischen höchstihre Zufriedenheit nicht vorenthalten. Da gab es nur saubere Dielen, ganz neue, noch weiße Waschkörbe, Waschleinen und Klammern in bester Ordnung nebeneinander.

Aber die poetische Hälfte erregte einfach Entzücken. Da standen alte Bettschirme, deren Rahmen von faltig gezogenem, buntem Kattun ausgefüllt waren. Eine alte Mahagonikommode mit schönen Beschlägen fand sich, nichts fehlte ihr als zwei Füße und ein Schloß. Sie sollte nicht länger als gefallene Größe dort verbleiben, sondern restauriert werden. Drollige Stühle gab es, von deren Art und Bestimmung man gar nicht sprechen konnte, ohne vor Lachen umzukommen. Zwei köstliche Delfter Blumenkübel, deren Kanten leider fast ausgezahnten Mauerrändern glichen – aber man konnte ihnen einen breiten, stilisierten Messingrand obenherum legen, und dann würden sie sich, mit blühenden Blumen gefüllt, höchst prunkvoll ausnehmen. Und welch ein Stapel alter Bilder, zum Teil schauderhaft eingerahmt! Verblaßte Photographien. Schrötter konnte alle erklären. Auch Knabenbilder Jakobs waren dabei. Die wurden feierlichst herausgesondert und sollten in Theresens Schlafzimmer hängen. Hundert Sachen – ganz zerbrochen, die nur nicht fortgeworfen worden waren, weil die Hausfrau gefehlt hatte, die es hätte befehlen können.

Und vor allen Dingen war eine Wiege da – von Mahagoni, breit, niedrig, Dach und Bett mit ganz verschossenem, fast grau gewordenem, grünem Damast gefüttert. Und Schrötter erzählte, daß er damals den kleinen Jakob darin habe liegen sehen, und vielleicht ging Schrötters alte Phantasie ein bißchen durch, oder an seine tatsächlichen Erinnerungen hatten sich so viel Vorstellungen herankristallisiert, genug, es war beinahe, als habe er Jakobs ersten Schrei mit angehört und ihn selbst großgezogen. Therese aber hockte auf dem Estrich, während ein Strahlenbündel ihren Kopf in seinen flimmernden, durchstäubten Glanz nahm, und stieß leise an die Wiege, die im Schatten lag und sich schaukelte, in jener etwas ungleichen und widerwilligen Querbewegung, wie eben Wiegen tun, die leer sind…

Und wenn ihr Mann sie von diesen Stunden erzählen hörte, dachte er froh: »Ja, sie ist glücklich.«

Therese vergaß in ihrem Vergnügen nicht ihre Eltern und ein paar andere Beziehungen. Die förmlichen Besuche wollte das Ehepaar erst zu Beginn der Saison machen, jetzt war doch der halbe Senat auf Ferien, viele Familien wohnten an der See.

Aber Therese hatte ein kleines Häuflein Menschen, die für gesellschaftliche Berücksichtigung nicht in Frage kamen, an denen sie aber mit Herzlichkeit hing. Die alte Großtante Voß lebte immer noch, Therese war ihr Patenkind und ihre Erbin, auf welche Tatsache die Greisin seit vielen, vielen Jahren immer etwas anspruchsvoll hinwies, die Rücksichten einfordernd, die man auf eine Erbtante nimmt. Dabei wußte Landskron genau, daß die alte Dame den größten Teil ihres bißchen Vermögens auf Leibrenten gegeben hatte und daß Therese vielleicht einmal acht- oder zehntausend Mark bekommen würde. Großtante Therese hatte kein übles Geschäft aus diesem Erbe gemacht – denn bei der Senatorin Landskron, ja sogar auch bei dem Senator war es stehende Rede geworden: »Man muß sich um Tante Therese bekümmern.« Auch Therese selbst kannte es gar nicht anders, dachte nicht daran, sich dieser Familientradition zu entziehen, und sagte schon am zweiten Tag fast ängstlich: »Ich muß aber zur Tante.« Jakob lachte sie aus und stellte Betrachtungen darüber an, wie oft aus solchen eingebildeten Zusammenhängen und Rücksichten das bestehe, was man »Familiensinn« nenne und wie viel Zeit damit vertrödelt werde. »So,« fragte Therese, »und daran denkst du nicht, daß alte Frauen schrecklich einsam sind und sich freuen, wenn man noch was aus ihnen macht? Was bist du für ein Realist!«

Welchen Tadel sie gleich dadurch milderte, daß sie mit ihrer Hand ganz leise über die seine strich. Das war überhaupt ihre Zärtlichkeitsgeste; wenn er etwas sagte oder getan hatte, was ihr besonders gefiel, dankte sie ihm damit; wenn sie anderer Ansicht war als er, gab sie damit ihrem Widerspruch Objektivität. Und er mochte es gerne haben, wenn die leichte, weiche Hand so über die seine strich.

Außer der alten Großtante, die besucht werden mußte, waren da noch zwei, drei Freundinnen, mit denen Therese durch Erinnerungen der Schul- und Mädchenzeit verbunden war. Diese wollte sie gern begrüßen. Sie hoffte auch, sie manchmal zu sich einladen zu dürfen, falls es Jakob nicht störe – er verreiste ja auch zuweilen. Das alte Fräulein Westfehling wiederzusehen, drängte es sie auch von Herzen. Die saß nun gebückt und schon ein wenig zittrig, als Konventualin des Sankt Johannis-Jungfrauenklosters am Fenster hinter ihren Blumenstöcken, nachdem sie vielen, vielen Jahrgängen heranwachsender Mädchen feine Handarbeit und englische Konversation gelehrt hatte. Alle Schülerinnen »schwärmten« immer für Fräulein Westfehling. Das war auch Tradition. Sie hatte so niedliche weiße, still gescheitelte Haare und ein Gesicht voll wehmütiger Güte und ganz flinkbewegliche Händchen. Die Mütter erzählten den Töchtern, daß Fräulein Westfehling einen schmerzlichen Liebesroman erlebt habe. Genaues wußte man nicht mehr. Aber es gab ihrer kleinen, verschüchterten Persönlichkeit doch einen geheimnisvollen Reiz. Fast alle ihre Schülerinnen hingen treu an ihr und besuchten sie ab und an im Kloster, in dem sie als Tochter eines dereinst angesehenen Bürgers eine Freistatt gefunden. Da saßen dann, in der hellen und friedvoll behaglichen kleinen Wohnung, die jede Konventualin ganz allein für sich hatte, die Frauen und jungen Mädchen und erzählten Fräulein Westfehling von den schrecklichen Unruhen des Lebens und beneideten sie, daß sie hier diese stimmungsvolle Zuflucht gefunden habe. Und Fräulein Westfehling lächelte klug in sich hinein.

Ganz allein traf man das alte Fräulein beinahe nie. Als Therese an einem schwülen Augustnachmittag das Johanniskloster, einen erneuten, stattlichen Barockbau, betrat, sagte ihr der Pförtner, daß Fräulein Westfehling im Garten sei. Da hatte sie unter einem Birnbaum ihr

Plätzchen und eine samtgrüne Rasenfläche mit einem roten Geraniumbeet vor sich. Ihr Tisch war für Kaffeebesuch gedeckt, und es saß schon ein Gast vor den uralten Tassen mit Vergoldung und Rosenmalerei.

Therese drückte Fräulein Westfehling wieder auf die Bank nieder, legte ihr ein Paket mit Schokolade und Konfekt in den Schoß und sagte dann: »Guten Tag, Trudi.«

Aber Fräulein Gertrud Gundlach, des weißbärtigen kleinen Konsuls vollblütige, große und breite Tochter mit dem mißfarbigen Blondhaar um das feiste Gesicht, antwortete der freundlichen Begrüßung mit Steifheit. Therese wußte ja nicht, daß der Konsul ein gehässiger Feind ihres Mannes geworden sei, und daß die dicke Trudi eigentlich verlegen war, weil sie im Elternhaus so viel über den Senator Bording klatschen hörte. Vor allen Dingen wußte die Gundlachsche Familie genau, aber absolut genau aus der allersichersten Quelle, daß Therese den geizigen und herrschsüchtigen Mann gar nicht gewollt hatte, daß ihre Eltern sie kniefällig gebeten hatten, und daß sie noch am Hochzeitstage gejammert habe, sie könne nicht, er sei ihr zu verhaßt. Trudi war aber der Ansicht, noch auf dem Standesamt hätte ein Mädchen von Charakter lieber nein sagen, als sich an einen Mann verkaufen sollen, und sie verachtete deshalb Therese. Denn sie, Trudi, sie würde ganz gewiß und unter gar keinen Umständen den Senator Bording genommen haben.

Therese ließ sich aber durch diese Unmanier der Schulgenossin nicht die gute Laune verderben, sondern sagte, daß sie natürlich sehr gern Kaffee mittrinken würde, worauf Trudi Gundlach dem alten Fräulein den Weg abnahm und ins Haus ging, um noch eine Tasse zu holen.

»Da sind vier Tassen – wer kommt denn noch? Sehen Sie, Fräulein Westfehling, das finde ich ja reizend, daß Sie Ihre Schülerinnen immer noch so voll Güte um sich zusammenhalten. – Frau Sanders kommt und Betti Rothhaus? Fräulein Rothhaus kenne ich beinahe gar nicht, sie ist so viel älter als ich – auch Frau Sanders nur wenig, wenn es Frau Nikoline Sanders ist. – Ach, Frau Thora Sanders? So, so.«

Therese wußte gar nicht, daß sie sich schon das »So, so« ihres Mannes angewöhnt hatte.

»So, so, Thora Sanders!« dachte sie. Es war ihr recht lieb. Man hatte damals so viel davon gesprochen, daß das Sanderssche Ehepaar sich schwer enttäuscht gefühlt habe, als die Wahl nicht auf Meno Sanders, sondern auf ihren Jakob gefallen war. Nun wollte sie Thora recht herzlich begegnen und vor allen Dingen vermeiden, von der vielen Freude zu sprechen, die sie durch die glänzende Wandlung ihres Lebens erfahren habe. Aber inzwischen erzählte sie dem lieben alten Fräulein mit raschen Worten, wie schön die Hochzeitsreise gewesen und wie glückselig sie sich als Hausfrau fühle, was für ein unerhört bedeutender Mann der ihre sei, und wie er sie auf Händen trage.

Fräulein Rothhaus kam, eine lange, magere Dame, die mit Entschlossenheit dem Altjungferntum zustrebte, entzückt war, die Senatorin Bording zu treffen, und gleich ihre Mitgliedschaft und ihre Beiträge für mehrere Vereine

erzwang, in denen allen Emmeline Rothhaus als organisatorisches und agitatorisches Element eine unruhige Rolle spielte.

Und endlich erschien auch Thora Sanders.

Wie sie so durch den Garten schritt, langsam, um sich nicht zu erhitzen, weil Erhitzung entstellt, sah sie sehr schön aus. Sie war weiß gekleidet, und ein Federhut in allen Schattierungen von graurot saß schräg und malerisch auf ihrem bleichen Kopf mit dem breitausgebauschten dunklen Haar.

Nun bemerkte sie Therese. Ihr Auge weitete sich ein wenig – irgend etwas blitzte darin auf – feindseliges Erstaunen – Therese sah es wohl und konnte es nicht deuten.

Man begrüßte sich und Therese sagte: »Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich glaube, seit dem Fest im Mai bei Senator Hedenbrink nicht.«

»Kann sein. Wir waren in Schottland,« antwortete die schöne Frau kurz.

Und dann, als man wieder saß und die fünf Damen in enggeschlossener Reihe das runde Tischchen umgaben, nahm Thora Sanders das Wort mit einer Art von Eile – als denke sie darauf, das Gespräch zu beherrschen, nur keine andere zu irgend welchen Berichten kommen zu lassen. Sie sprach nur Oberflächliches. Von ihrer Reise: Land, Leute, Beförderungsgelegenheiten, Klima, Kultur. Lauter Dinge, die auch nicht die allermindesten persönlichen Beziehungen zu einer der hier Anwesenden hatten.

Aber was kann eine Frau nicht alles sagen ohne Worte! Sie braucht keine Beziehungen und Brücken und Übergänge und greifbare Anspielungen.

Sie kann vom Planetensystem sprechen und einer anderen Frau dabei zu verstehen geben: ich halte dich für unbedeutend. Sie vermag zu erzählen, daß der Kaiser von China den Schnupfen habe, und kann zugleich Wendungen treffen, die der anderen verraten: man findet dich allgemein häßlich. Sie ist imstande, von mangelhaften Schiffsanschlüssen und Zugverbindungen zu plaudern und zugleich der andern ins Gesicht zu schleudern: du bist geschmacklos. Sie kann bei ihrem Vortrage in der allerunbefangensten Weise nur mit den eigensten Erlebnissen beschäftigt scheinen und doch Pfeil auf Pfeil gegen eine überraschte und wehrlose Zuhörerin abschnellen. –

Therese war nicht mißtrauisch und empfindlich veranlagt. Sie war vor allen Dingen auch von dem Wunsch beherrscht, Frau Thora Sanders verbindlich, ja herzlich zu begegnen. Aber allmählich mußte ihr doch die deutliche Empfindung kommen, daß die schöne Frau einen versteckten Hochmut, eine scharfe Gehässigkeit und Geringschätzung gegen sie ausdrückte – nein, nicht ausdrückte. Ungreifbar war alles, übertrug sich aus Mienen, Klangfarbe eines Wortes, Vieldeutigkeit eines Satzes – vielleicht spürten die übrigen Anwesenden es nicht. Aber es kam auf Therese zu, wie zuweilen etwas von einem Menschen zum anderen hinüberwirkt – Nichts kann man beweisen und fühlt doch für gewiß: es ist so.

»Wie schade,« dachte Therese sehr ruhig. »Die Sanders haben es also nicht verwunden, und die Frau läßt es mich entgelten.«

Sie beschloß sogleich, ihrem Manne von dieser Frauenkleinheit nichts wiederzuerzählen. Da er doch mit Meno Sanders zusammen kam, nicht nur in vaterstädtischen und Regierungsangelegenheiten, sondern auch bei den Aufsichtsratssitzungen der Baumwollgesellschaft. »Frauen,« dachte sie, »müssen bei Männern, die zusammen zu arbeiten haben, keine Verstimmungen schüren.«

Sie fand auch jetzt die Haltung, die ihrem klaren und sicheren Wesen die gemäße war. Frau Thora Sanders mit ihrer Gereiztheit tat ihr ja leid – sie meinte aber auch: mit solcher Art Gereiztheit vergibt man sich selbst etwas. Sie blieb also ganz gelassen, tat, als ob sie nicht von fern die Möglichkeit annähme, daß man sie kränken wolle. Und das war die beste Waffe. Unverwundbar saß sie da – im Bewußtsein ihres Glücks, das von Äußerlichkeiten nicht abhängig war. –

Am Abend dieses Tages kam Bording mit großer Verspätung zum Abendessen. Therese war darauf vorbereitet. Sie wußte: es fand nach Kontorschluß noch die erste Aufsichtsratssitzung der Gesellschaft für Baumwollkultur und Spinnerei statt. Sie wartete aber nicht auf ihn, sondern aß zur pünktlichen Zeit allein.

»Findest du es vernünftig oder nimmst du es übel?« fragte sie, während sie ihn auf das sorgsamste selbst bediente. »Ich beobachtete, daß Papa es fast wie eine Art Vorwurf empfand, wenn Mama so ostentativ wartete; auch hetzte er sich oft in dem Bewußtsein, daß man hungrig dasaß und nach der Uhr sah, ob er nicht endlich bald käme.«

»Vernünftig,« sagte er einfach und fühlte sich sehr erleichtert, denn er hatte unterwegs, im Auto, etwas beklemmt gedacht: »Die arme Therese – aber Geschäft geht doch eben vor.«

Und nachher erzählte er Therese allerlei. Es war ihm schon Gewohnheit, ja Bedürfnis geworden, sich zu ihr auszusprechen.

»Männer sollten ihren Frauen niemals auf ihre Fragen mit der Antwort kommen: das verstehst du doch nicht,« sagte er.

Aus Ostafrika waren die ersten Nachrichten eingetroffen, berichtete er. Es war Borgwardt, dem Direktor der Plantagen, geglückt, den großen Arbeiterbedarf genügend zu decken. Zu den Eingeborenen hatte er indische Arbeiter anwerben können, und von einem arabischen Vermittler geführt, wurde noch eine Anzahl tüchtiger Sudanesen vom oberen Nil her auf dem Gelände erwartet. Da die Arbeiterfrage drüben immer als die erste und schwerste Sorge gelte, so habe man schon aus ihrer guten Bewältigung erkannt, daß Borgwardt der rechte Mann sei für die auf ihn gefallene Aufgabe.

Aber Bording hatte auch Sorgen. Abenddepeschen und Telephonnachrichten brachten fatale Gerüchte aus Hamburg: das Haus Steffens und Kahler sollte schwanken. Es war ein Kolonialwarenhaus en gros, eine alte Firma, die aber auch vielerlei Geldgeschäfte nach Art der Handelsbanken gemacht hatte. Jakob Martin Bording selbst stand in regem Verkehr mit ihr; Steffens und Kahler waren auch die Kreditgeber einer Anzahl hiesiger Detailgeschäfte, die ganz gewiß in Verlegenheiten, wo nicht in Gefahr kamen, wenn nun, bei einem Zusammenbruch, die Kredite sistiert und das Debet abgerechnet werden mußte. Er hatte gleich eine vorläufige Besprechung mit Burmeester gehabt, der morgen vormittag mal hinüberfahren wollte, um sich an Ort und Stelle zu informieren.

»War Sanders denn nicht da?« fragte sie, »Der hat doch wohl auch in Verbindung mit Steffens und Kahler gestanden.«

Bording konnte ja nicht mehr unbefangen von dem Manne sprechen und hatte es deshalb umgangen, ihn zu erwähnen. Aber nun mußte er wohl antworten.

»Freilich. Und zeigte sich, an der Besprechung teilnehmend, als der tüchtige und klare Kopf, der er ja in kaufmännischen Dingen ist. Sanders würden einen mäßigen Verlust haben, es ficht sie nicht sehr an, nimmt ihnen aber die Stimmung, irgendwie einzutreten. Schade und komisch, daß der Mann, der sonst so 'n gesunden Verstand hat, vor Hochmut immer geschwollener wird – er war speziell gegen mich von den hochnasigsten Allüren.«

»Ja, das ist amüsant,« sagte Therese. Und dann, aus einer nur zu natürlichen Ideenverbindung heraus, setzte sie hinzu: »Ich traf heute Thora Sanders bei Fräulein Westfehling.«

»Wie war sie?« fragte Bording und erschrak schon zugleich über die Hast seines Tones. Was mußte Therese davon denken!

Aber sie dachte nichts, sondern antwortete nur, getreu ihrem Vorsatz, nicht den Mann mit Frauenkleinlichkeit aufzuhetzen: »Sie sprach sehr angeregt von ihrer Reise nach Schottland.«

Bording verfiel in ein vollkommenes Schweigen, bis seine Frau, an seine Mitteilungen anknüpfend, fragte: »Du sagtest etwas von ›Eintreten ‹. Würdest du das tun?«

»Wahrscheinlich.«

»In welcher Art?«

»Indem ich die Verpflichtungen der hiesigen kleinen Firmen gegen Steffens und Kahler übernähme und an deren Stelle als Kreditgeber träte. Steffens und Kahler kann ich und will ich nicht halten, wenn ihr Zusammenbruch sicher ist. Aber der hiesige Platz soll keinen Schaden erleiden.«

»Erklär' mir das alles ganz genau …«

So saßen sie einander gegenüber am Tisch, den das von orangefarbenen Stoffen umschleierte elektrische Licht beschien. Bording sprach angeregt, wie Männer tun, die sich vor einem intelligenten Zuhörer über ihre eigensten Interessen verbreiten können.

Und plötzlich fühlte Therese: gerade so hatte sie oft und oft ihrem Vater gegenüber gesessen, wenn er ihr juristische Fragen oder gesetzgeberische Maßnahmen erklärte. Gerade so ruhevoll und behaglich war es gewesen …

Da war die unbegreifliche Wehmut wieder, die ihr das Herz schwer machte – diese Wehmut, die das Glück umschlich und es anzuzweifeln schien …

Sie wehrte sich dagegen – sie wollte, nein, sie wollte nicht zugeben, daß dies alles wie Nüchternheit sei – gerade neun Wochen war sie seine Frau – und man saß hier – in friedlichster Stimmung – als nähere man sich ungefähr der silbernen Hochzeit …

»Ich bin undankbar,« dachte sie voll Strenge gegen sich. »Ist denn sein Behagen nicht mein Glück? Hab' ich nicht meine Erinnerungen an die Wundertage? …«

»Höre du,« sagte sie am anderen Tag bei Tisch, »wenn nun zu deinen laufenden Geschäften noch all diese Besprechungen in Sachen Steffens und Kahler kommen, dann werd' ich wohl in den nächsten Tagen sozusagen nichts von dir haben. Ich presse dir also nachher noch ein paar Minuten für mich ab. Du sollst Augen machen – es gibt eine Überraschung! Und dann zeig' mir auch gleich die Kniffe, wie man die Schränke im Rauchzimmer öffnet; ich will da ausräumen lassen –«

»Gut, ja. Vortrefflich. Also es wird dunkelgrün, sagtest du? Sehr einverstanden. Und überrascht soll ich werden? Mit was?«

Sie lachte ihn einfach aus.

»Was für eine unlogische Frage!«

Er lachte mit. Er tat ihr sogar den Gefallen, eine gewisse Neugier zu heucheln, als sie nach Tisch zusammen treppab gingen. Wenn er sich so auf ihre harmlosen kleinen Unterhaltungen einließ, war es nie aus selbstverständlicher Gutmütigkeit oder gar in der Stimmung, die sonst junge Ehemänner haben, die selber wichtig in ihrem neuen Hausstand mit herumzukramen nicht verschmähen. Nein, wachsam und vorsätzlich zeigte er ein Interesse, das er eigentlich nicht hatte, damit Therese nicht gekränkt werde.

Sie ersuchte ihn in der Diele mit fröhlicher Feierlichkeit, Platz zu nehmen, und schob einen Klubsessel zurecht. Er sah vor sich die Wand, in ihrem unteren Drittel mit Eichentäfelung verkleidet, darüber geweißt. Und auf dem weißen Grunde die alte Spindeluhr, die da immer hing.

Therese griff in die langen Ketten und zog das einzige Gewicht langsam und knarrend in die Höhe. Schwer stieg die uralte, mit punktiertem Messing umkleidete Bleirolle, die das Gewicht bildete, empor. Nun nahm Therese einen langen, bereitstehenden Stock und stieß mit Vorsicht den Pendel an, der unter der buntbemalten Uhrfassade heraushing.

Dann trat sie hinter ihren Mann, legte die Arme über seine Schultern und faltete die Hände unter seinem Kinn. So hatte sie früher oft auch den Kopf ihres Vaters umschlossen und gleichsam an sich genommen.

»Am Tage nach unserer Ankunft hab' ich die Uhr fortgegeben, und es hat dem Uhrmacher riesig viel Spaß gemacht, mit dem alten, verstaubten Werk, das wohl zweihundert Jahr gestanden hat, sich zu versuchen. Ich ängstigte mich jeden Tag, daß du es merken könntest – Aber du hast es natürlich nicht gemerkt… hör zu…«

Sie legte, sich tief neigend, ihre Wange oben auf seinen Scheitel.

So lauschten sie beide schweigend.

hart und laut tickte die alte Uhr, deren Stimme so lange geschlafen hatte. Wie wunderlich ihn das berührte – als kämen die Geister vergangener Geschlechter wieder – diesem Tick – tack hatten seine Vorfahren einst gelauscht, nun wachte er wieder auf zugleich mit seinem Hause …

»Das war eine wunderschöne Idee von dir,« sprach er leise, als habe die Uhr so sehr das Wort, daß man ihr, wie einer Respektsperson, nicht laut in die Rede fallen dürfe.

Pünktlich schlug die Uhr. Elf volle dunkle Schläge … Als sie verhallt waren, sagte Therese: »Richtig gehen und schlagen kann sie nicht mehr – aber das find' ich gerade so geheimnisvoll … Nicht? Ist es nicht wie mit dem Glück? Man wartet, die Zeit wär' da – aber die Stunde schlägt nicht – Und auf einmal wenn man gar nicht daran denkt, schlägt es voll und hallend.«

Er nahm ihre Hände und küßte sie eine nach der anderen, indem er damit sich zugleich aus ihnen löste.

Dann stand er auf.

»Was du alles denkst und fühlst,« sprach er mit einem schwachen Lächeln.

Sie fühlte es: es hatte ihn tief erfreut, dieser ihr Einfall, die alte Uhr wieder lebendig zu machen. Aber immer wenn sie etwas getan oder gesagt, das ihn irgendwie wirklich nah berührte, hatte er dies Lächeln, das sie nicht verstand und von dem Burmeesters einmal gesagt hatten, es sei »schüchtern« – was natürlich Unsinn war. »Vielleicht lern' ich mit der Zeit, was das Lächeln sagt,« dachte sie.

»Aber nun die Schränke.«

»Burmeester kann jeden Moment aus Hamburg zurück sein.«

»Du sollst ja auch nicht mit auskramen.«

So gingen sie denn zusammen ins Rauchzimmer. Das lag in einer stillen, kraftlosen Helle, denn es war nachmittag, und da gab die Sonne drüben den roten Mauern der Kirche orangefarbene Lasur, und gegen diese breite und riesengroße Glanzfläche fielen alle anderen Dinge wie in Schwächlichkeit ab.

Bording, der ja ein Liebhaber von alten Eichenschnitzereien war, besah mit seiner Frau den großen Schrank noch genau, ehe er ihr zeigte, wo man drücken und schieben müsse, um ihn zu öffnen. Er machte sie auf die kleinen Laubgirlanden aufmerksam, die zum Teil hohl gearbeitet waren. In den Füllungen sah man biblische Szenen. Eine Zierleiste, die sich senkrecht vor dem Schrankschloß hinabzog, war auf das feinste kanneliert und von stilisierten Rosen in Zwischenräumen verziert. Den Kelch jeder Rose bildete eine kleine Halbkugel.

In seinem satten, warmschimmernden, tiefbraunen Ton war der Schrank eine Schönheit, und sein Besitzer konnte wohl ganz verliebt in ihn sein.

»Paß auf – da – aber sehr stark drücken – so.«

Die Schranktüren sprangen auf und Therese sah so etwas wie einen Zigarrenladen vor sich. Sie hob gleich

dieses und jenes Kistchen auf. »Leer, leer. Du meine Güte, alles durcheinander! Wie Männer doch sind! Und der ordentliche alte Schrötter?« Na ja, an den Zigarrenschrank ängstigte mich jeden Tag, daß du es merken könntest – Aber du hast es natürlich nicht gemerkt … hör zu …«

Sie legte, sich tief neigend, ihre Wange oben auf seinen Scheitel.

So lauschten sie beide schweigend.

Hart und laut tickte die alte Uhr, deren Stimme so lange geschlafen hatte. Wie wunderlich ihn das berührte – als kamen die Geister vergangener Geschlechter wieder – diesem Tick – tack hatten seine Vorfahren einst gelauscht, nun wachte es wieder auf zugleich mit seinem Hause …

»Das war eine wunderschöne Idee von dir,« sprach er leise, als habe die Uhr so sehr das Wort, daß man ihr, wie einer Respektsperson, nicht laut in die Rede fallen dürfe.

Plötzlich schlug die Uhr. Elf volle dunkle Schläge … Als sie verhallt waren, sagte Therese: »Richtig gehen und schlagen kann sie nicht mehr – aber das find' ich gerade so geheimnisvoll … Nicht? Ist es nicht wie mit dem Glück? Man wartet, die Zeit wär' da – aber die Stunde schlägt nicht – Und auf einmal, wenn man gar nicht daran denkt, schlägt es voll und hallend.«

Er nahm ihre Hände und küßte sie eine nach der anderen, indem er damit sich zugleich aus ihnen löste.

Dann stand er auf.

»Was du alles denkst und fühlst,« sprach er mit einem schwachen Lächeln.

Sie fühlte es: es hatte ihn tief erfreut, dieser ihr Einfall, die alte Uhr wieder lebendig zu machen. Aber immer, wenn sie etwas getan oder gesagt, das ihn irgendwie wirklich nah berührte, hatte er dies Lächeln, das sie nicht verstand und von dem Burmeesters einmal gesagt hatten, es sei »schüchtern« – was natürlich Unsinn war. »Vielleicht ging er aus unsicheren, überpeinlichen Gefühlen heraus niemals. Er rauchte selbst sehr gern, und sein Herr sollte nie denken, daß … »Unsinn, Schrötter, das denk' ich nie,« hatte Bording oft gesagt, aber so Leute sind komisch.

Therese sonderte schon die Kistchen voneinander. Ach, und die vielen hübschen Aschbecher, kleine Messingkübelchen mit Silbereinlage. Arabische Arbeit, aus Ägypten mitgebracht.

Burmeester, der auf der Türschwelle von der Diele her eintrat, blieb da erst mal erstaunt stehen.

Bording, Jakob Martin Bording, Senator Jakob Martin Bording kramte hockend wie ein guter Hausvater, oder – wie ein verliebter junger Ehemann mit seiner Frau in Kisten und Kasten herum? Herkules und Omphale?

»Hast du ihn schon so weit?« fragte er vergnügt, während Bording sich rasch und wie ertappt erhob.

»Ach nein,« sagte Therese, »dies ist bloß schöner Schein. Das will ich sonst auch gar nicht haben. Aber seine Zigarren – und sein Rauchzimmer? Nicht?«

»Also hier hast du immer noch ein bißchen Herrentum behaupten können? Ich nicht mal mehr das. Neuerdings hatte Grete sich sogar mit meinem Zigarrenhändler in Verbindung gesetzt, und ich muß eine leichtere Sorte rauchen, die sie mit ihm verabredet hat.«

»Was bringst du aus Hamburg?« fragte Bording.

Burmeester machte ein Gesicht wie jemand, der üble Dinge riecht.

»Die Lage ist ernst?«

»Sie scheint hoffnungslos.«

»Komm in mein Zimmer – Therese, du verzeihst …«

Sie nickte nur, im Begriff, die Aschbecher zu zählen und nach ihrem Muster zusammenzustellen.

Die Männer schlossen die Tür zwischen den Räumen. Ihre Stimmen aber hörte man doch, denn sie waren beide mit sonoren Organen begabt und sprachen, im Eifer, ungedämpft. Therese kramte, mit dem Vergnügen, das sie nun einmal an solcher Beschäftigung hatte, emsig weiter. Neben ihr auf dem Teppich standen schon neun leere Zigarrenkistchen. Der scharfe Tabakgeruch, der aus dem Schrank kam, strömte durch das Zimmer hin.

Nun war alles geordnet. Man mußte morgen alle Borde gründlich auswischen und den Inhalt des Schrankes, so lange bis der Tapezier das Zimmer umdekoriert hatte, nach irgend einem anderen Raum schaffen lassen. Nervöser Einfall übrigens von Jakob, das noch Wohlerhaltene alles fortnehmen und durch neue Stoffe ersetzen zu lassen.

Ach wie schade, daß Jakob abberufen worden war. Hätte er doch vorher noch rasch den anderen Schrank geöffnet. Sie stand und versuchte auf eigene Faust, die Stelle zu finden. Sie hätte ja Schrötter rufen können, der die Mechanik kannte. Aber es machte gerade Spaß, mit der eigenen Schlauheit weiterzukommen. Ob man wohl auch hier nur sehr kräftig auf diese kleinen Halbkugeln zu drücken brauchte, die stilisierte Kelche waren?

Auf der Platte des niedrigen Schränkchens standen vier Bronzen, die mit ihren Scheiteln fast den Rahmen des Heidebildes berührten. Ratlos sah Therese in die blanken Metallgesichter, als könnten sie ihr Auskunft geben.

Sie legte die Linke fest auf die Platte, bückte sich ein wenig und preßte den Daumen ihrer Rechten auf die Halbkugeln, der Reihe nach. Einmal – zweimal – beim Druck auf die dritte sprang die einflügelige Tür auf.

Ach wie reizvoll – was sah man da! Therese wußte ja von Burmeesters: zuweilen, wenn sie einmal bei Jakob gespeist hatten, war man hier gemütlich gewesen, trank Tee und an sehr strengen Winterabenden auch wohl einen Grog, und die Herren räucherten Grete entsetzlich ein. Noch ehe sie ein einziges Stück besehen hatte, dachte sie gleich: »Das muß hier beisammen bleiben, das gehört nun einmal zu dem Zimmer.«

Fast mit Andacht nahm Therese jedes Ding heraus und stellte es nach genauer Besichtigung wieder hin, wo es gestanden hatte. Aus dem obersten Bord die Teekanne, das durchbrochene Körbchen, Zuckerschale, Sahnenguß, alles von sehr altem Silber; sechs Tellerchen waren da, mit Tulpen und Nelken und einem Meißener Zeichen ganz früher Jahre. Und im unteren Borde die feinen Tassen, vielleicht jede ein Wertstück, und auf jeder ein besonderes Löffelchen. Ganz hinten, fast versteckt, in der Tiefe einer Ecke blinkte etwas Leuchtendes, feurig, wie Wein. Ja, das besprochene Rubinglasschälchen. Wie eine weitentfaltete Blume lag es auf dem zierlichen runden Silbergestell.

Therese holte es zu sich heran. Und sah mit Erstaunen, daß Pralinen darauf gehäuft waren, in einer zierlichen kleinen Pyramide. Sie waren weißlich, wie angetrocknete Schokolade wird, aus der der Zuckergehalt herausschwitzt. Gewiß mal für Grete oder für Georgette und Jakob beschafft und vergessen.

Was lag denn da … ?

Mit vorsichtig spitzen Fingern nahm Therese das dünne Platinkettchen und zog daran. Wie ein bunter, blanker Käfer, der in seinem Schlupfwinkel aufgestöbert wird, kam ein längliches Etwas heraus, hing an der Kette, folgte ihrem Zuge, gelangte an den Rand des Schälchens, glitt darüber fort und hing nun freipendelnd: ein veilchenblauer Stein und an ihm, durch einen kleinen Brillanten mit ihm verbunden, eine Birnenperle vom schimmernden Glanz des weißen Atlas! – –

Therese starrte dies Ding an – es pendelte noch immer fort …

Von nebenan kam der Klang der kraftvollen Männerstimmen her – angenehm gedämpft – gesellig …

Die Bewegung, die durch den Körper der Frau wie ein jähes Frösteln ging, setzte sich bis in ihre Fingerspitzen fort und machte sie eiskalt und unsicher.

Sie stand lange so. Ganz benommen – beinahe zu sehr, um überhaupt zu denken …

Sie tat dann etwas völlig Mechanisches. Sie legte mit großer Behutsamkeit den Amethyst wieder auf das Rubinschälchen. Die Platinkette wurde von den Fingerspitzen losgelassen und sank, wie geschmeidiger, grauer Faden, wieder in sich zusammen.

Dann stellte Therese das blutrote, leuchtende Glas in die tiefe Ecke, aus der sie es hervorgeholt, und drückte den Schrank wieder zu.

Mit hartem Knacks schnappte die Feder ein …

Darüber erschrak Therese und meinte, der Knall sei so mächtig gewesen, daß er nebenan den Mann entsetzen mußte – daß er durchs Haus hinschwelle – mißtönig, hart, drohend – ein Klang des Unheils …

So laut krachte diese Tür zu – so laut – Therese

war, als wurde dieser Ton immer, immer in ihrem Gedächtnis bleiben …

Sie ging aus dem Zimmer – kam auf die Diele … da tickte die alte Uhr – die so unerwartet Glückstunden schlagen konnte und schwieg, wenn man gespannt auf sie horchte … Durch den großen, prächtigen Raum ging der Pendelschlag – Therese schien es, als käme er hinter ihr drein, wie sie nun treppan stieg … höhnte hinter ihr her.

Sie ging in ihr Wohnzimmer und setzte sich an das Fenster. Es war jenes, an welchem sie damals so grundlos und so leidenschaftlich an Gretes Schultern geweint …

»Man muß nachdenken,« sagte sie beinahe laut vor sich hin – verdummt – verwirrt war sie und suchte nun ihre alte Klarheit und Zuversicht wieder.

Das war der Amethystanhänger von Thora Sanders!

Hierüber gab es keinen Zweifel. Therese hatte ihn oft am Halse der schönen Frau gesehen, erinnerte sich der Gespräche über seinen Verlust, der groß gedruckten Anzeigen, des lächerlichen Interesses ihrer Mutter daran – an alles.

Aber wann war das alles gewesen? Wie kam das Ding hierher? Warum hatte man es ihr nicht zurückgesandt?

»Man muß nachdenken,« sagte Therese wieder mit farblosen Lippen vor sich hin.

Ja, ganz genau – Datum für Datum – – Tage gibt es, die für das Herz einer Frau unvergeßlich sind, von deren Stunden sie jeden Inhalt anzugeben vermöchte, von denen sie noch nach Jahren, sollte sie Zeugnis ablegen müssen, auszusagen imstande wäre. Solche Tage waren für Therese alle die gewesen, in denen der von fern geliebte Mann ihrem Leben sich zu nähern anfing. Sie erinnerte sich so genau jenes Morgens, an welchem ihr Vater ihr von der überraschenden Aufforderung Bordings zur Versammlung der Baumwollgesellschaft Mitteilung gemacht. Für Theresens Buchführung in Sachen ihrer Liebe hatte an jenem Morgen und mit jener Aufforderung das Vorspiel seiner Bewerbung begonnen. Und das war für ihr Gedächtnis wie ein Markstein. Sie wußte mit absoluter Sicherheit: an eben jenem Morgen hatte die Mutter aus dem Anzeigenteil der Zeitung den Verlust des Amethystanhängers der Frau Thora Sanders mitgeteilt.

Das Schmuckstück war demnach einen oder längstens zwei Tage vorher verloren gegangen. Wenn Jakob es auf der Straße gefunden hätte, würde er es abgeliefert haben. Wenn einer seiner Dienstboten der Finder war, würde dieser sich die Belohnung im Hause Sanders geholt oder, bei Unkenntnis der Inserate, den Anhänger zur Polizei getragen oder aus Ratlosigkeit bei sich verwahrt haben.

Der Stein konnte also nur hier, in diesem Zimmer, von seiner Besitzerin verloren oder vergessen worden sein, und Jakob ahnte nicht, daß ein solches verräterisches Zeugnis zurückgeblieben war.

Plötzlich fiel Therese ein: auf dem Maifest bei Senator Hedenbrink hatte man von dem Anhänger gesprochen. Irgend eine Dame redete Thora darauf an – sie ward ungeduldig, fast unartig – wandte sich merkwürdig eindringlich an den schräg hinter ihr sitzenden Bording und fragte ihn … ja, jetzt, in ihrem Gedächtnis merkte Therese: eine versteckte Frage war es gewesen … Und mit einem Male hörte sie auch wieder, wie gepreßt und nervös seine Stimme dann geworden war … Für das Vorhandensein des Anhängers hier im Hause, in jenem Zimmer, gab es ja nur eine Erklärung…

»Er hat sie geliebt,« dachte Therese, »vielleicht war es keine rechte Liebe, nur so ein böses Abenteuer, wie Frauen ohne Gewissen und leichtlebige Männer haben –

»Aber er, er, er – – Er ist doch kein leichtlebiger Mann?

Welche Zauberkraft muß ihre Schönheit und ihr Temperament ausgeübt haben …

»Ob es wohl ein kurzer Rausch gewesen ist? Oder ein langer Roman? … Hat er vielleicht deswegen so lange gewartet mit einer Heirat?

»Und so unmittelbar kam er von ihr zu mir?

»Seine Liebe zu mir half ihm vielleicht aus dem Unrecht heraus?«

Therese fühlte sich ein wenig schwach. Sie hatte das Empfinden einer leichten Ohnmacht, legte sich zurück, drückte ihren Haarknoten fest gegen die Lehne und schloß die Augen. Ein paar Minuten gab sie sich einem Dämmerzustand hin, der beruhigend und erlösend schien – so, als werde von ihr keine weitere Teilnahme an den Mühseligkeiten des Lebens erwartet.

Der erste deutliche Gedanke, der wiederkam, war: »Ich darf es nicht wissen – ich habe ihn nicht gesehen… Nichts weiß ich – nichts …«

Sie atmete schwer auf – seufzend, als fehle ihr rechte Luft.

»Die Frau eines anderen,« dachte sie in schmerzlichem Erstaunen, »die seines Feindes – was man so Feind nennt, im geordneten bürgerlichen Leben, wo man sich nicht niederschlagen und einander nicht in romantischen Intrigen vernichten kann – wo man höflich sogar mitsammen am gleichen Tisch sitzt und sich doch heimlich und ohnmächtig haßt …«

War vielleicht dies der eigentliche Grund gewesen, weshalb die beiden Männer sich voll Abneigung mieden – dies, und nicht, wie man sagte, die geschäftliche Rivalität? …

Die Frau eines anderen! Das hatte er gekonnt – Er, der so hoch, so lauter, so bedeutend vor ihr auf einem Altar stand –

Und nun mußte sie begreifen: sein Junggesellenleben war von einem gewagten häßlichen Abenteuer ausgefüllt gewesen!

Therese hatte immer gedacht: Er, der mächtige Arbeiter, der Sklave seiner vielen Aufgaben, ist unfrei gewesen, wie Fürsten sind, er kann sich nur mal ganz gelegentlich und ganz flüchtig ein wenig ausgetobt haben – er hatte auch gar kein Talent und keine Veranlagung zum unbedenklichen Genießer . . .

Und er! Er! Die Frau eines anderen war heimlich in sein Haus gekommen … Welche Macht mußte sie über ihn gehabt haben, daß er ihretwegen seine und eines anderen Mannes Ehre vergaß …

Als Therese das dachte, wallte ihr Blut kochend empor und färbte ihr das Gesicht heiß.

Eine nachträgliche, wahnwitzige Eifersucht fiel über sie her … Die Vorstellung, daß er damals ein zärtlicher Liebhaber gewesen sei – er, der von sich manchmal sagte, daß er kein Talent dazu habe … ja, diese Vorstellung machte sie krank …

Dumpf stieg so etwas wie eine Erkenntnis in ihr empor, daß sie ihrem Mann keine Geliebte sei – nicht seine Leidenschaft erwecke …

Sie wehrte sich dagegen …

»Er liebt mich – er liebt mich!« Sie holte ihren Verstand herbei. Der rechnete ihr vor, daß ihr Verlobter, später ihr Gatte, sie von Stund an, wo sie ihm ihr Ja gegeben, auf Händen getragen habe.

Ja. Gewiß. In einem verbotenen Abenteuer wird wohl die Temperatur heiß und beängstigend sein … In der Ehe herrscht Klarheit und Wärme und ein anderes Klima – denn sie soll bis zum Tode dauern …

Über Theresens Wangen liefen Tränen.

»Was früher war, weiß ich nicht,« sagte sie sich tapfer, »was jetzt ist – weiß ich aber.«

Und jetzt war Jakob ihr Gatte, gehörte ihr allein – immer ergeben, immer voll Dank für alles, was sie tat, immer bestrebt, ihr jede freie Minute zu schenken, die er fand, immer voll zarter Rücksicht.

Mit dem Genie der Liebe kam sie in vorwärtsstürmenden Gedanken dahin: er war verführt worden, er hatte gelitten, er verdiente Mitleid; das Bewußtsein dieser Schuld war es, das oft den harten Ausdruck in sein Gesicht brachte und ihn sich in Schweigsamkeit verlieren ließ.

Aber dann stockten die Gedanken doch wieder wie Renner vor dem einen Hindernis: »So schnell kam er von ihr zu mir – so unmittelbar?«

Therese wollte nachrechnen, wie lange Zeit zwischen dem Tag, wo hier der Anhänger verloren ging, bis zu jenem verstrichen war, da er kam, um sie zu werben.

Sie verwirrte sich – sie fühlte wieder, in einem fast kindlichen Bedürfnis nach Trost: »Ja, seine Liebe zu mir half ihm aus dem Unrecht heraus …«

Das war gut zu denken …

Sie schrak auf. In der Tür zeigte sich eine schwarze Gestalt.

Sie strich sich die Haare aus der Stirn. Mein Gott, welche Nervosität …

Es war ja nur Sophie.

»Frau Senator Landskron haben eben telefoniert,« meldete die Jungfer, »das alte Fräulein Voß habe einen Schlaganfall bekommen und gnädige Frau möchten sich gütigst sofort hinbemühen, es ginge zu Ende.«

»Schön – schön,« sagte Therese und erschrak über die törichte Antwort; »ja – ja – sofort –«

Sie stand ein wenig schwindelig auf. »Gnädige Frau sehen aber leidend aus,« meinte Sophie.

»Es ist nichts –«

Der Hut war rasch auf die Haare gesteckt; während sie sich die Handschuhe anzerrte, sagte sie: »Wissen Sie zufällig, ob der Herr noch mit Herrn Doktor Burmeester unten in seinem Zimmer ist? Ja? Also passen Sie auf. Sowie der Herr herauskommt, melden Sie ihm, daß ich fortgehen mußte und wohin.«

Die Besprechung der beiden Herren dauerte an drei Viertelstunden und endete in dem Beschluß, daß alle hiesigen Interessenten an dem drohenden Bankrott von Steffens und Kahler noch für heute abend halb acht Uhr zusammenberufen werden sollten. Am stärksten gefährdet war die Firma Gundlach Söhne, die einen sehr großen Kredit von Steffens und Kahler laufend beansprucht hatte und unter allen Umständen zusammenbrechen mußte, wenn diese Verbindlichkeiten nun auf einmal und an einem unerwarteten Termin einzulösen waren. Von seinem Bureau aus wollte Burmeester die Telephonnachricht herumsenden, daß die Herren sich im Konferenzsaal des Kontorhauses der Firma Jakob Martin Bording einfinden möchten.

»Kommst du mit?« fragte Burmeester, indem er nach seinem Panamahut griff.

»Ich möchte erst noch Therese benachrichtigen,« sagte Bording.

»Wer hätte geglaubt, daß aus dem mal so 'n rücksichtsvoller Ehemann werden würde,« dachte Burmeester bei sich, denn Rücksichten waren früher eben nicht sehr die Sache Bordings gewesen.

Der Senator fand sein Rauchzimmer leer; er hatte sich eingebildet gehabt, daß Therese hier in unermüdlicher Geduld auf ihn warten würde. Aber es sah fast aus, als sei sie plötzlich abberufen. Denn dies war nicht ihre Gewohnheit: weit geöffnete Türen an einem Schrank zu lassen und davor auf dem Teppich einen Stapel leere Zigarrenkistchen … Nun, vielleicht kam sie gleich zurück. Er wollte ihr nur endlich den Gefallen tun und auch den kleinen Schrank öffnen. Ein Druck und die Tür schlug auf … Silber und Porzellan schimmerte ihm entgegen.

Er dachte sofort: Thora! Aber voll Trotz verscheuchte er diesen Gedanken. Es war vielleicht wie eine Antwort, dieser Erinnerung ins Gesicht geschleudert, daß er sich sagte: »Ich will Therese doch das Rubinglasschälchen schenken.«

Er bückte sich ein wenig und holte es aus dem unteren Borde heraus … Er erschrak. Da lagen die armen kleinen, weißlich gewordenen Pralinen – vergessen – eingetrocknet –

Welch ein peinlicher, jämmerlicher Anblick –

Und welch ein Glück, daß Therese nicht zugegen war …

Diese alten Süßigkeiten, von denen ein weichlicher Duft nach Kakao und Vanille immer noch aufstieg, erregten seinen Widerwillen …

Er trug die Schale in sein Schreibzimmer, um die Bonbons in seinen Papierkorb zu schütten.

Und da sah er das kleine Häuflein der in sich verschlungenen grauen Kette – mit spitzen Fingern, gerade wie vorhin Therese getan, erfaßte er die dünne, feingegliederte Metallschnur und zog daran, bis der lila Stein und die schimmernde Perle über den Rand der blutroten Schale fortglitten …

Er war wie geschlagen vom Schreck …

Mit quälender Deutlichkeit erinnerte er sich plötzlich an jenen Morgen, wie er hier auf dem Fußboden herumkroch und suchte – im Gefühl einer elenden, schmachvollen Demütigung.

Hörte denn diese Vergangenheit niemals auf, sich in sein Leben zu drängen! In sein friedvolles, freundliches Leben, darin nun eine kluge, gütige und unendlich verehrungswürdige Frau wie ein Engel des Segens stand …

Er trat mit dem Fuß auf – hart – zornig – verzerrt von Verachtung war sein Gesicht.

Was nun? Nicht eine Stunde durfte dies Ding da in seinem Hause mehr bleiben. Wenn Therese es sähe – Welch ein gnädiger Zufall, daß sie abberufen worden war … Sie kannte zweifellos diesen vielbesprochenen Anhänger. – Sie hätte erraten. Und das wäre nicht nur unnötig, es wäre gefährlich gewesen. War dieses kleine Stück auch nur ein Requisit aus einer Vergangenheit: es

hätte den Frieden der Gegenwart zerstören müssen … Es würde in Therese Gedanken erweckt haben – Fragen …

Ihn selbst brachte es fast aus aller Fassung. Was für Rätsel doch in Liebe und Leben! Unbegreifliche, grausame …

Diese Frau, von der er sich so vollkommen losgelöst, daß er die Erinnerung an sie wie eine Last trug, diese Frau hatte einen starken sinnlichen Reiz auf ihn ausgeübt – noch an dem Tage, wo er sich von ihr trennte, hätte der beinahe betäubend gewirkt – und dennoch fand er die männliche Festigkeit, die starke Energie, sie aus seinem Leben fortzuweisen …

Sein Weib aber, sein eigenes, das er hoch über alle Menschen stellte, das er achtete wie sonst nichts auf der Welt, der er jeden Gram und jede Kränkung fernzuhalten wünschte, der er in unendlicher Dankbarkeit ergeben war, sein Weib übte diesen Reiz nicht auf ihn aus – und kein fester Wille, kein starker Wunsch zur Leidenschaft konnte sie aufflammen lassen.

Der Verstand kann machtvoll sein, wenn es Entsagung gilt. Er hat wohl Fäuste zum Erwürgen, aber den Prometheusfunken der Liebesleidenschaft kann er nicht entzünden …

Eine lächerliche Frage kam nun. Auf welche Weise konnte er das Schmuckstück unauffällig an seine Eigentümerin zurückstellen? Die Schwierigkeit, die sich hier ergab, erbitterte ihn abermals.

Dann dachte er böse: »Sie kann ja so gewandt lügen!« alle Schwierigkeiten wollte er ihr überlassen …

Er packte den Anhänger in scharf zusammengefaltetes Papier, zwei-, dreimal, tat das kleine Paketchen dann in einen festen Briefumschlag, siegelte und schrieb mit seiner eigenen, großzügigen, unverkennbaren Handschrift die Adresse darauf …

Er dachte: »Jemand, der wie in eine Versenkung aus unserem Leben verschwinden kann, hat nie das Recht gehabt, einen Platz darin zu behaupten.«

Und so war Thora aus seinem Dasein verschwunden.

Nach ihrem Abschied war alles so fürchterlich banal verlaufen – heimlich war das Unrecht gewesen – heimlich blieben die nagenden, zerstörenden, erbitternden Zorngedanken. Katastrophen können befreiend wirken – die gesellschaftliche Ordnung aber liebt Stille, und unter der lärmlosen Glätte kann die Reue zusehen, wie sie sich unterduckt …

Er ging, den versiegelten Brief in der Tasche, um Therese zu suchen. Er wollte ihr sagen: »Ich habe dir den kleinen Schrank geöffnet.« Ferner: »Verzeih, daß ich heute abend abermals spät heimkomme.«

In der Diele saß Sophie. Ein bißchen kokett in ihrem schwarzen Kleid mit der weißen Wäsche und der Spitzenschleife im Haar. Sie häkelte und wartete auf den Herrn, sich bei seinem Eintritt sofort erhebend.

»Frau Senator sind dringlichst abberufen worden,« meldete sie, »es ist telephoniert worden. Das alte Fräulein Voß hat einen Schlaganfall bekommen.«

»So, so,« sagte Bording zerstreut.

Das traf sich günstig – so, so – deshalb also eiligst alles im Stich gelassen – offene Schranktüren – Zigarrenkisten auf dem Fußboden – in der alten Gehorsamsgewohnheit, zu laufen, wenn die greise Verwandte winkte … Aber heute hatte dieser blinde Gehorsam eine große Peinlichkeit verhütet – vielleicht mehr als das …

Er verließ sein Haus. Aber ehe er den Weg nach seinem Geschäft nahm, ging er mit raschen und festen Schritten zur Post hinüber und gab den Brief auf.

Er hatte oben auf den Umschlag geschrieben: Einliegend Probe ohne Wert –

Er wollte keine Einschreibsendung machen, und diese Aufschrift schien einen gleichgültigen Inhalt vorzutäuschen.

Ehe er den Brief in den Briefkasten warf, las er noch einmal mit einem sonderbaren Lächeln die Worte: Probe ohne Wert …

XI

Es schien wirklich, als habe Therese mit dem schwarzen Kleid einen anderen Menschen angezogen. Bording wußte doch: jede Heuchelei war ihr unmöglich; eine theatralische oder verlogene Hineinsteigerung in Trauer bei ihr ausgeschlossen. Der Tod einer dreiundachtzigjährigen Großtante konnte aber unter keinen Umständen einen lange vorhaltenden Druck auf dem Gemüt einer jungen Frau hinterlassen. Ganz gewiß, es war das schwarze Kleid, das Therese nicht stand, das vorzutäuschen schien, als sei sie immer ernst und versonnen.

»Willst du noch lange schwarz tragen?« fragte er nach ungefähr drei Wochen, »ich meine, es ist nicht vorteilhaft für dich.«

»Wie du befiehlst, ich kann es sofort ablegen.«

Er stand neben ihr, die noch am Frühstückstisch saß. Nun streichelte er ihr das Haar.

»Was für eine Antwort!« sagte er herzlich, »als sei ich ein Tyrann.«

Sie wurde rot.

»Verzeih. Man sagt mal was … Das kommt so auf die Lippen … Ich wollte vier Wochen schwarz tragen – wegen Mama. Du weißt: jede äußere Form ist ihr wichtig, und hier ist es doch nun mal Gebrauch, bis ins dritte und vierte Glied Todesfälle zu betrauern.«

»Ach ja, die Menschen haben so viel Zeit übrig für Sippenpflege –«

Mittags fand er Therese in einem hellen Kleid. Aber nun konnte er feststellen: es waren doch nicht die schwarzen Stoffe gewesen.

»Kind, was hast du? Du scheinst mir verändert.«

»Ich fühle mich zuweilen etwas angegriffen.«

Er küßte ihr die Hand. Glücklich und zugleich beruhigt. Im Grunde war es ja das Selbstverständlichste von der Welt, daß Therese nicht mehr so blühend aussah und gedankenvoll ernst durch die Tage ging. Und die Ursache war die beseligendste Hoffnung …«

»Schone dich um Gottes willen! Denke immer daran: keinen Wunsch brauchst du dir zu versagen. Mach dir dein Leben so bequem, als es dir bekömmlich erscheint.«

Damit waren seine Beobachtungen nun beruhigt und zunächst auch abgeschlossen.

Die Geschäfte nahmen ihn mehr als je in Anspruch. Einerseits war da die Geschichte mit Steffens und Kahler, im Verfolg deren er tatsächlich als deus ex machina für mehrere kleine Firmen aufzutreten hatte. Ohne seinen energischen Eingriff hätte unter anderen der kleine Konsul Gundlach all sein geschwollenes Selbstgefühl zusammennehmen und ans Gericht gehen müssen, um seine Zahlungseinstellung anzumelden. Bording handelte aber hierbei nicht im geringsten als Menschenfreund, der sich mit dem Mantel des Edelmuts drapiert und in bedeutender Pose dasteht: Seht was für 'n großartiger Kerl bin ich! Nein, Bording hielt nichts vom Vergnügen des Sammelns feuriger Kohlen auf feindliche Häupter. Er kannte Gundlachs Gesinnung, seine häßlichen Klatschereien. Burmeester berichtete sie: »Damit du's weißt, ehe du Hilfe leistest.« Und der kleine Konsul Gundlach bekam es mit einer Objektivität zu hören, die härter und zerschmetternder wirkte als jeder Zornesausbruch. Denn als Gundlach sich aus seiner Abstammung aus altem hanseatischen Hause, aus seiner eifrigen Tätigkeit in allen vaterstädtischen und Wohltätigkeitsangelegenheiten Meriten machen wollte und weinerlich aufgeregt meinte, dies gebe ihm ein gewisses Recht auf Hilfe, sagte Bording: »Ihre bisher innegehabte und Ihnen niemals zukömmlich gewesene Stellung war so hohl wie ein Papierballon; Ihre Familiengeschichte ist nicht Ihr Verdienst und hat gar keine Bedeutung. Ich halte Sie, weil ich nicht will, daß das Ansehen unseres Handels durch mehrere Zahlungseinstellungen in rascher Folge geschädigt wird.«

Außer diesen Angelegenheiten war es die Jahreszeit, die einen noch erhöhteren Pulsschlag des Geschäftslebens mit sich brachte. All die Fenster des Kontorhauses leuchteten oft bis gegen Mitternacht hell in der roten Mauer. Der Herbst war da. Noch ehe der Kalender ihm gestattet hatte, zu kommen, war er schon mit Stürmen und Regengüssen erschienen, hatte die letzte Nachwärme von Sommerzeiten aus dem September hinausgejagt. Und im Herbst nahmen die nordischen Geschäfte das Tempo eines Reitenden an, der noch vor Torschluß ans Ziel kommen muß, während schon der Abend um ihn düstert. Ehe die finnischen, russischen, norwegischen und schwedischen Häfen der höheren geographischen Lage zufroren, hieß es noch sie mit Waren verproviantieren.

In eben dieser Zeit folgte auf eine Epoche der Hochkonjunktur ein plötzlicher Sturz aller Werte. Man sprach wieder einmal von einem Kriege mit England. Das Geld wurde knapp, die Banken sahen sich genötigt, vorsichtigste Zurückhaltung zu bewahren. Bording hatte seinen Kopf übervoll von den tausend Anforderungen, die seine eigenen Unternehmungen an ihn stellten. Auf den Plantagen auf Ceylon hatte es eine Mißernte in Tee gegeben. Die Kaffeebörse war schlecht.

Dazu wurde Bording von Berufsgenossen überlaufen, die in diesen schwierigen Zeiten seinen Rat oder seine Ansicht hören wollten.

Und eben jetzt trat auch Graf Strachow, ein mecklenburgischer Großgrundbesitzer, mit einem verheißungsvollen Gedanken an ihn heran: eine Fischdüngerfabrik ließ sich am unteren Flußlauf errichten, konnte für die Landwirtschaft der Umgegend von größter Bedeutung werden und sich zu einem sehr einträglichen Unternehmen gestalten. Bording ergriff die Idee mit der ihm eigenen leidenschaftlichen Raschheit, nicht nur weil sie gesund war, sondern auch weil es ihm immer Vergnügen machte, wenn er den Uradel sich kaufmännisch und industriell betätigen sah.

In diesen Wochen fühlte Bording manchmal: »Eigentlich hat man ja gar keine Zeit für eine Frau.« Aber er dachte dennoch nebenbei voll Fürsorge an Therese.

»Georg,« sagte er, »schick deine Frau recht oft zu Therese. Sie kommt mir jetzt manchmal still vor, sieht auch elend aus. Liegt im Zustand. Begreif' ich. Laß Grete ihr beistehen – sie zerstreuen.«

Und Grete kam und schalt: »Ich will lieber weniger Geld und mehr von meinem Mann haben. Was meinst du?«

Therese sagte: »Ich meine, wir sollen uns zu bescheiden wissen. Sie arbeiten ja nicht allein für ihre Taschen, du weißt, wie Jakob denkt: die große Blüte eines Hauses ist ein Teil der Blüte des Ganzen.«

»Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten,« zitierte Grete, »die gegensätzlichsten Dinge können vom gleichen Gesichtspunkt aus angesehen werden.«

Nun fing auch die Saison an. Bording war unaussprechlich glücklich über die Gründe, die Therese verhinderten, diesen Winter in Gesellschaft zu gehen. In dies andächtige Glück hinein spielte aber auch stark die Erleichterung, daß er selbst von dem Zwang befreit blieb, in zahllosen Häusern lange Speisefolgen abzuessen und sich dabei mit einer zuerteilten Tischdame zu unterhalten, mit der er sich nichts zu sagen hatte.

Theresens Eltern aber gaben ihre große Gesellschaft, die einzige, die sie im Winter zu geben pflegten, gleich anfangs Oktober: »Damit Therese keinenfalls dabei fehle.« Denn natürlich war es für die Senatorin Landskron ein Staatsakt von äußerster Wichtigkeit. Sie hatte kein Talent zur Gastgeberin. Sie wollte es immer sparsam machen und lud deshalb alle Menschen auf einmal ein, denen sie verpflichtet war, ganz egal, ob sie zusammen paßten oder nicht. Die Sparsamkeit führte auch in der vorhergehenden Unterredung mit der Kochfrau das Wort. Es wurden Sachen gewählt, »die schmeckten als ob …« – »die aussahen wie …«, bei denen »man denken würde, daß …« und ihre Bemühungen, den schönklingenden gastronomischen Namen Täuschungen unterzuschieben, waren groß. Das durchaus nicht zu Ersetzende wurde in den genauest berechneten Portionen beschafft, und Therese saß früher manchmal in Angst an der Festtafel ihrer Mutter:

wenn sich ein Gast mehr als ein Stückchen Fasan nehmen würde! … Möglicherweise wurde dann die Schüssel früher leer, ehe sie ganz herumgereicht war. Auch der Senator ging bei solchen Gelegenheiten etwas unsicher und voll heimlicher Beklemmung durch seine Räume und ahnte dumpf, daß die Leute sich langweilten – was ihm sehr bekümmerlich und verlegen war.

Die Senatorin war aber durchaus und voll tiefster Befriedigung davon überzeugt, daß alle Anwesenden sich von der Ehre erhoben fühlten, bei ihr zu Gast sein zu können. Und das war ja genug. Eine Gesellschaft, in der man gelacht, witzig geplaudert und sehr angeregt sich gegeben hätte, wäre ihr vielleicht verdächtig und von nicht gutem Ton erschienen. Bei ihr aber ging es nach einem ruhevollen Programm zu. Nach Tisch zogen sich die Herren, nicht etwa für eine halbe Stunde, sondern für den Rest des Abends, ins Rauchzimmer zurück und überließen die Damen ihrer Mühseligkeit. Die Intelligenten und Interessierten unter ihnen wollten nicht auf das Niveau des Klatsches sinken und ermüdeten rasch im Gefühl, sich durchaus munter unterhalten zu müssen, um ihre Langeweile zu verbergen. Die, die den Klatsch unbekümmert pflegten, amüsierten sich beinahe, denn unter die Räder ihrer hoch daherfahrenden Worte kamen Abwesende und wurden gründlich zermalmt, was ja für die Nerven unbewußt ein Anreiz war. Von der belebenden Wirkung, die männliche Intelligenz und Plauderkunst auf weibliche ausüben kann, hatte die Senatorin keine Ahnung, oder – keine gute Meinung.

Und wenn der letzte Gast gegangen war, sagte sie: »Gottlob, das wäre nun abgemacht; ich hatte das Gefühl, es war sehr nett … sehr nett …« So hatte Therese einige Sorge, sah aber nicht, wie sie ihrem Mann und sich die Teilnahme an diesem Diner sollte ersparen können. Aber das war es ja nicht allein … Früher verkehrten Herr und Frau Sanders bei ihren Eltern … Im Augenblick, als ihre Mutter von dem Plan der Gesellschaft zu sprechen anfing und Kochfrau sowie die alten, schon fast historisch gewordenen Lohndiener auf das festgelegte Datum bestellte, dachte Therese schon an diese eine Frage … Sie wußte: in der gleichen Stadt wohnend, den gleichen Gesellschaftskreisen angehörend, konnte sie es niemals ganz vermeiden, mit Thora Sanders zusammenzutreffen. Das mußte mit Haltung ertragen werden. Wie oft mochte es geschehen, daß die Geliebte von gestern und die Frau von heute sich zu begegnen hatten …

Aber am Tisch ihrer Eltern? … Nein, undenkbar … In ihres Mannes Gegenwart? … Nein, unmöglich …

Therese dachte: »Ich werde später, wenn ich in Gesellschaft gehen muß, schon stets irgendwie zu erfahren wissen, wer die übrigen Geladenen sind.« Den Versuch, eine Begegnung zu meiden, wollte sie immer machen.

Für diesmal beschloß sie, ihre Mutter mit dem Hinweis auf die bekannte geschäftliche Rivalität der Männer von dem Gedanken abzubringen, auch Sanders' einzuladen. Aber Therese hätte ihre Mutter kennen sollen. Die Rivalität fing doch an sich abzuschwächen, Sanders sei ja mit im Aufsichtsrat der Baumwollgründung. Solle man später wohl extra Sanders einladen? Wie solle man das anfangen! Nun gehe alles in einem hin. Schuldig sei man es ihnen. Man stehe aber nicht so nah, daß man sie im kleinen Kreis hätte noch besonders einladen müssen oder können. Sie gehörten eben zu denen, die alljährlich einmal mit abgefüttert wurden.

Therese fühlte: »Ich kann nicht …« Sollte sie nun anfangen Komödie zu spielen?

Sie brauchte es nicht. Am Tage des Diners war sie von Aufregung fast krank. Beim zweiten Frühstück brachte sie es heraus, mit blassen Lippen, fröstelnd, die Stimme heiser vor Aufregung: »Jakob, ich fühle mich recht unwohl – ich muß absagen – geh du allein …«

Ach, er, er mußte gehen – sah jene Frau dann wieder … Wie sollte sie es ertragen … Tränen traten in ihre Augen, sie konnte es nicht hindern … sie starrte ihn an …

Er erschrak über all das Elend, das ihn aus den schönen Augen ansah …

An die Gesellschaft hatte er nur flüchtig und mit jener seufzenden Ergebenheit gedacht, mit der man sich in ein kurzes Opfer, das schließlich den Hals ja nicht kostet, hineinfindet. Davon, daß Sanders' dort sein würden, wußte er nichts. Er dachte, der Kreis der Geladenen gehe nicht über die offiziellen Persönlichkeiten und die Verwandten hinaus.

»Liebes Kind,« sagte er nun voll Sorge, »dies kann ohne ärztlichen Rat nicht so weiter gehen …«

»Was soll mir ein Arzt …« murmelte sie.

»Selbstverständlich lasse ich dich nicht allein,« versicherte er, »ich werde sofort an deine Eltern telephonieren – oder besser noch – Mama ist empfindlich – schreiben. Jawohl. Schreiben. Die Eltern müssen begreifen, daß ich bei dir bleibe.«

»Sie werden dringlich bitten, daß du doch kommst. Mama wird böse werden.«

»Tut mir leid – du gehst vor – ich würde dort keine Ruhe haben …«

Er sprach die Wahrheit. Ihr Aussehen ängstigte ihn. Aber ganz im Untergrund seiner Empfindung war auch ein: »Gottlob, ich habe Vorwand abzusagen.«

»Nein, unter keinen Umständen gehe ich ohne dich,« wiederholte er voll Entschlossenheit.

Da weinte sie. Ihre Aufregung löste sich in Tränen – sie schluchzte an seiner Schulter, immerfort … Es war das zweite Mal, daß er sie weinen sah. Er dachte, daß dies, im tiefsten Grunde, ja doch wieder Glückstränen seien. Und sie bewegten ihn tief. Er war sehr herzlich zu ihr, tröstete sie über all das vorübergehende Weh und Ach der jungen Frauenwürde und wußte gar nicht, wie viel dankbare, sie erhebende Worte er ihr zuflüstern sollte.

Und schließlich schickte er sie ins Bett – Sophie und das Folgemädchen mußten kommen, als ob es gar nicht genug der Bedienung sein könne.

Dann lag Therese mit blassem Lächeln auf ihren Kissen, in jenem Zustand des kümmerlichen Getröstetseins, den ein Ängstlicher hat, an welchem für diesmal noch der Schrecken vorüberging. Bording kam herein, um Abschied zu nehmen, sagte, daß er sehr liebevoll an die Eltern geschrieben habe, die es denn doch schließlich nur angenehm vermerken könnten, wenn dem Schwiegersohn mehr an seiner Frau als an allen Gesellschaften läge; empfahl Therese nochmals Ruhe und küßte ihre Stirn, während sie ihm leise die Hand streichelte.

Unten hatte Bording noch ein Gespräch mit seinem alten Schrötter. Ganz einfach aus einer allgemeinen, seltsam gemischten, frohen und zugleich ängstlichen Unruhe heraus. Er teilte dem Alten mit, daß gleich nachher der Doktor Irmler kommen werde, an den er soeben telephoniert habe. Und Schrötter sagte, daß ihm die gnädige Frau seit »'n Wochner vier oder so« nicht mehr gefalle. Aber der Senator tröstete ihn und ließ durchblicken, daß schon in gegebener Zeit die frische Farbe und die alte Heiterkeit wiederkommen werde. Worauf Schrötter nichts tun konnte, als nach seinem rotweißen Taschentuch suchen.

Bording sah wohl ein, daß er Grete Burmeester nicht von der Landskronschen Gesellschaft abkommandieren und zur Unterhaltung seiner Frau beordern könne. Sein Bedürfnis, für Therese etwas zu tun, ehe er wieder ins Geschäft ging, war aber groß.

Und so geschah es, daß sie kaum eine Stunde nach seinem Abschiedskuß einen riesigen Korb mit Blumen bekam, wie man ihn etwa einer Primadonna auf der Bühne überreichen läßt, und vom Juwelier ein Etui, darin ein Armband lag und ihres Mannes Karte mit den Worten: »Meiner teuren Therese!«

Aber es geschah weiter, daß Bording keineswegs den Abend an Theresens Bett verbrachte, sondern die günstige Gelegenheit benutzte, durchzuarbeiten, um alle Kalkulationen für die neu zu gründende Fischdüngerfabrik selbst nochmals durchzugehen.

Das erfuhr die Senatorin Landskron, die noch spät, als man bei ihr von Tisch aufgestanden war, per Telephon – obgleich es um diese Stunde erhöhte Taxe kostete – nach dem Befinden der Tochter fragte. Sie wünschte darüber zu ihrer eigenen Beruhigung etwas zu erfahren, denn nach ihrem Gefühl mußte etwas Katastrophales eingetreten sein. Wie hätte Therese sich sonst die Gesellschaft im Elternhaus entgehen lassen dürfen! Sie wünschte aber auch ihren Gästen etwas über das Befinden der Tochter zu sagen, so gewissermaßen ein Bulletin auszugeben.

Am Telephon war Sophie. Als sie hörte, daß die Senatorin Landskron anbot, sofort nachdem der letzte Gast gegangen sein würde, noch in das Bordingsche Haus zu eilen und die Nacht über bei der Tochter zu wachen, falls es nötig sei, bekam Sophie es mit der Angst. »Das könnte uns hier passen,« dachte sie. Denn die Mutter der gnädigen Frau war nicht sehr beliebt; sie gab der Köchin gelegentlich belehrende Winke und hatte eine gewisse Art, die jungen Mädchen zu fragen, wobei jede Frage wie eine moralische Vermahnung klang. Und somit winkte Sophie in der ihr möglichen Form ab. Sie versicherte mit starker Betonung in den Schallfänger hinein, daß Frau Senator sich nur durchaus nicht beunruhigen sollten, es gehe der jungen Gnädigen schon wieder ganz ausgezeichnet, es sei nur so eine kleine Anwandlung von Schwäche gewesen. Aber das Mutterherz an dem anderen Ende der Telephonverbindung war zu lebhaft beunruhigt, es wünschte von autoritativer Seite eine Auskunft zu hören und Sophie vernahm den Befehl: »Rufen Sie Herrn Senator Bording ans Telephon.« Sophie konnte nur sagen: »Er ist nicht da, er ist im Geschäft.«

Sophie hatte nicht gelogen. Nach ihrer Meinung ging es der jungen Frau ausnehmend gut. Das bißchen Übelbefinden war ja keine Herzkrankheit. Und dann – wenn man so von seinem reichen Mann mit Aufmerksamkeiten überschüttet wird! – Als die Blumen kamen, in ihrer vollen, aus dem Korbe quellenden, farbenprächtigen Fülle, hatte Therese sie verklärt angelächelt. Und so, liebevoll, nachsichtig, lächelte sie auch das Geschenk an, das ebenso wie diese Blumenspende ein wenig drollig, hilflos und vielleicht sogar unzart war. Aber nein – Männer sind oft so ungeschickt, sie verstehen nicht, worauf es ankommt. Jakob hatte ihr Liebe zeigen wollen, sie zu erfreuen gewünscht – das erzählten diese unerwarteten Aufmerksamkeiten. Er konnte nicht an ihrem Bette sitzen, sie unterhalten, sich ihrer Pflege widmen. Dazu hatte er keine Zeit. Therese vermochte sich ihn auch auf keine Weise in solcher Rolle vorzustellen. Er war hingegangen und hatte Geld für sie ausgegeben und gewiß gedacht: Blumen und Schmuck erfreuen eine Frau immer. Und ganz aus sich selbst, ohne daß Grete es angeregt oder besorgt hätte … Ja, das fühlte Therese dankbar und sie legte das Armband gleich an und spielte damit, und wenn er abends heimkam, sollte er sehen: es machte sich ganz gut an ihrem Arm, von dem er einmal, in jenen ersten Tagen, gesagt hatte, daß er weiß und schön sei …

Aber er kam nicht. Er ließ per Telephon anfragen, wie es gehe. Und wenn es gut gehe, halte er ungestörte Ruhe für sehr heilsam und bitte um Erlaubnis, durcharbeiten zu dürfen. Da ließ Therese natürlich sagen, daß sie sich von der Nervosität wieder erholt habe, ihm viele Male danken lasse, und daß er nur ohne Rücksicht auf sie bei der Arbeit bleiben möge. Sie gab auch Befehl, daß in dem Thermophor, einem geschickt hergestellten Wärmeapparat, ihm ein kleines Essen ins Kontor gesandt werde. Früher, ehe er verheiratet war, vergaß er die Essenstunde und den Hunger und nahm oft nachts elf Uhr oder später im Ratskeller noch ein Mahl. Das bekam dann seinem Magen natürlich nicht. Therese sorgte sogleich für regelmäßige Ernährung, schaffte den Apparat an und beriet mit der Köchin eine ganze Anzahl kleiner, leichter Fleisch- und Gemüsespeisen, die sich besonders für diesen Zweck eigneten.

Als sie nun wußte, er käme nicht, legte sie still das Armband wieder ab. Sie hätte eigentlich gewünscht, aufstehen zu dürfen, sie fühlte sich wohl und sehnte sich danach, Jakobs Nachhausekunft wachend zu erwarten. Aber sie begriff: um des abgesagten Diners willen, weil Doktor Irmler es auch befohlen hatte, ja um Jakob nicht ihre Tränen von heute mittag verdächtig zu machen, mußte sie einfach im Bett bleiben.

Von aller Welt losgelöst kam sie sich vor. Wohl war es hell und warm im Zimmer, das in lauter lichten Farben wie von Frische und Freundlichkeit strahlte. Aber als sie nun ganz allein und still lag, hörte sie immer auf den Sturm. Er heulte so merkwürdig orgelnd um die Kirche. Man hatte deutlich die Vision von ungeheuren Luftströmen, die an den riesigen Türmen emporbrandeten und zur Höhe gerissen wurden. Die großen, dunklen, runden Töne, mit denen der Sturm einsetzte, zogen sich zum schneidenden Pfeifen hinaus – wie bei einer schlecht geschulten Stimme, die keine Intervalle nehmen kann, sondern jaulend gleitet.

Therese dachte an das Rubinschälchen. Und daran, wo der Anhänger wohl geblieben sei … An dem Tage, als die Tapeziere in das Rauchzimmer zogen, brachte Jakob ihr das Schälchen – er stellte es nur ganz nebensachlich im Wohnzimmer auf den Tisch und sagte: »Ich glaube, wir sprachen einmal über dies kleine Stück – gib ihm irgend einen Platz. Schrötter bringt die anderen Sachen herauf.«

Und ganz unbefangen scheinbar hatte Therese es zu bewundern vermocht …

Nachher war Schrötter gekommen, mit einem vergnügten, plitschen Ausdruck auf seinem alten Gesicht und hatte das Silber und Porzellan vor ihr aufgebaut. Sie ahnte natürlich nicht, daß er es nun für gewiß ansah: der Herr hatte »aufgeräumt«, ehe ei heiratete …

»Ja, wo wohl der Anhänger geblieben war …« Therese stellte sich vor: zurückschicken kann Jakob das Ding doch nicht – eine solche Sendung konnte Meno Sanders in die Hände fallen – es konnte Skandal geben … Manchmal dachte sie auch: der Anhänger sei ein Geschenk Jakobs gewesen. Obgleich Thora mal besonders erzählt hatte, wie sehr sie deswegen ihrem Manne um den Bart habe gehen müssen; aber diese Frau log in Taten, warum sollte sie es nicht auch in Worten – vielleicht ließ sie dann den lila Stein im Zorn zurück – wollte nicht mehr behalten, was einst Liebesgabe gewesen …

Ach, was half alles Denken! Therese würde niemals wissen, was und wie es gewesen war … jede Frage verbot sich. Sie mußte sich darein finden: ihr geliebter Gatte war kein lauterer, unfehlbarer Held gewesen – in der Geschichte seines Manneslebens gab es eben eine Seite, die mit der bedrohlichen Schrift einer verbotenen Leidenschaft beschrieben war …

Und sie mußte jede rückblickende Eifersucht niederkämpfen; eine solche konnte nur zerstörerisch auf ihre Ehe wirken. Sie mußte sich damit begnügen. daß sie es jetzt sei, die sein Herz und seine Treue besaß.

Da stand die Frage wieder groß und bang vor ihr: »Bin ich wirklich geliebt? . . .«

Und wenn diese Frage sich vor sie hinstellte, die so oft zurückgewiesen wurde und immer wieder heranschlich – dann war ihre Nacht verloren …

Doktor Irmler kam am anderen Tage wieder und zwar so früh, daß er sicher war, den Senator Bording noch im Hause zu treffen. Irmler nahm seine neue Patientin sehr wichtig. Wie sollte er nicht! Er glaubte sich nur den Dank des Ehepaares zu verdienen, wenn er fortab Theresens Ernährung, Bewegung und Beschäftigung auf das sorgsamste unter ein Reglement stellte. Er war ein kleiner, dem Rundlichen sich nähernder Mann mit rötlichem Spitzbart und hellen, eifrigen Augen. In der Bartumrahmung stand ein Mund mit zu kurzer Oberlippe, wie ihn Kaninchen haben, und zwei weiße Nagezähne blinkten immer vor. Therese mochte ihn nicht gern leiden; ohne sie zu fragen, hatte Jakob ihn gerufen. Er dachte nicht von fern daran, daß für eine Frau die Wahl eines Arztes eine sehr eigenartige, schwere Sache ist, bei der vielerlei Empfindungen berücksichtigt sein wollen, die so fein und so unklar sind, daß man sie nicht einmal alle mit Worten erklären kann.

Nur ein zärtlich liebender und verliebter Mann hätte von selbst das Gefühl gehabt: zwischen Patient und Arzt gibt es eine merkwürdige Nähe, das Natürliche hat so sehr die keusche Zurückhaltung zu überwinden, daß größte Sympathie der Frau vorhanden sein muß, um in einem solchen Verhältnis die Geniertheit in Beruhigung zu verwandeln.

Dergleichen Betrachtungen waren Bording nicht gekommen. Er hatte sich nur erinnert: Irmler galt als Autorität. Und Tatsachen hatten für Bording ja Gewicht.

Therese mochte nun natürlich nichts mehr von ihrer innerlichst abwehrenden Empfindung gegen Irmler sagen, das hätte doch Jakob bestürzt gemacht. Auch konnte man unmöglich den Arzt wieder hinaussetzen, ohne ihn schwer zu kränken.

So litt sie unter all den Fragen und Besprechungen, und um das Verfahren abzukürzen, sagte sie zu allem ja. Denn auch ihr Mann in seiner Gewissenhaftigkeit und Rücksicht drang darauf, daß alles geschähe, was Irmler gesagt habe. So aß und trank Therese Sachen, die sie eigentlich nicht mochte, ging spazieren, auch wenn sie lieber zu Hause geblieben wäre, und weil Irmler auch »Zerstreuung empfohlen hatte – keine Diners, keine Abendgesellschaften – aber Theater, vielleicht auch mal ein Konzert, abonnierte Bording auf eine Loge. Sie konnte ihre Eltern, Grete Burmeester und ihre Kinder, sie konnte Jugendfreundinnen und wen sie wollte in die Loge einladen; denn er selbst würde natürlich nie oder höchst selten Zeit haben, sich einmal für die Dauer eines Aktes im Theater zu zeigen. Und wie er seine Frau kannte, machte ihr allein die Tatsache schon Spaß, daß sie anderen viel Freude bereiten konnte.

Bording war mit sich zufrieden. Ihm schien, er tue, was er könne und selbstverständlich auch müsse. Und das gab ihm dann das gute Gefühl: es fehlt Therese an nichts.

Therese dachte aber mit melancholischem Lächeln: »Wenn das alles Liebe ist, so sieht man, daß Liebe einen auch mit Rücksichten malträtieren kann.«

Und sie saß, um vor Jakob nicht undankbar oder kränklich zu erscheinen, manchen Abend im Theater ab, wenn sie lieber still mit ihren Gedanken allein in ihrem Zimmer geblieben wäre. Wenn die Vorstellungen ihr gleichgültig geblieben, ermatteten sie sie. Und wenn sie von Musik oder der Wucht dramatischen Geschehens erfaßt wurde, hatte sie das unerklärliche Gefühl, als ob alles Leid, das sich auf der Bühne begab, sie selbst irgendwie unglücklich mache.

Zuweilen sah sie auch Thora Sanders im Theater. Dann rührte sie sich in den Zwischenakten nicht von ihrem Platze fort, um der Frau im Foyer nicht zu begegnen und gar durch gemeinsame Bekannte mit ihr in ein Gespräch zu kommen. Therese hatte von ihrer Mutter in der Berichterstattung über jene Gesellschaft erfahren, daß Sanders' in der Tat erschienen waren, daß Thora in einer phänomenalen blaßgelben Toilette beinahe zu auffallend schön gewesen sei. Und daraus schloß Therese in einer quälvollen Eifersuchtssorge, daß Thora dem einst Geliebten sich nachdrücklich habe unter die Augen bringen wollen…

Hoffte sie vielleicht … auf was? Auf seine Rückkehr zu ihr? …

Aber Frau Senator Landskron schien nicht mehr so entzückt von Thora Sanders. Sie äußerte sich aburteilend über den Umstand, daß man neuerdings die schöne Frau beständig in Gesellschaft eines jungen Engländers sähe, der als Volontär im Hause Sanders & Cie. arbeite, sich aber mehr als im Kaufmännischen im Flirten zu betätigen scheine.

Das hörte Therese mit einem gewissen hoffenden, gierigen Interesse – über das sie dann selbst erschrak.

Ach, wohin kam man … Hätte sie doch niemals dies unselige Beweisstück einer unklaren Vergangenheit gefunden …

War es nicht gerade, als ob man durch solch Wissen kleiner und kleinlicher werde …

Um jene Zeit gab man im Theater in häufigen Wiederholungen »Hoffmanns Erzählungen«. Therese, von ihrem literarisch interessierten und sehr durchgebildeten Stiefvater geleitet, war mit der Gestalt und den Werken des dämonischen Dichters wohl vertraut. Sie wußte von früheren Aufführungen her, daß in der Offenbachschen Oper die Erzählungen auf das geistreichste und tiefsinnigste zu dramatischen Bildern zusammengefaßt waren. Sie sah aber jetzt alles erst mit verstehenden Augen.

Sie sah den unseligen Mann zwischen trunkener Genußsucht und furchtbarsten Enttäuschungen hin und her gerissen. Sie begriff die symbolische Bedeutung dieser verschiedenen Liebeserlebnisse: im Olympiaakt sah sie den Mann der kalten, äußerlichen Schönheit verfallen und verstand, was das für eine Zauberbrille war, die ihn einen Automaten für ein begehrenswertes Weib halten ließ; im Giuliettaakt zitterte sie, weil ein Schönheitsrausch den Dichter zum Opfer machte, weil dieser Rausch ihm sein Spiegelbild – seine Selbstkritik – raubte; und im Antoninaakt erkannte sie, daß echte und edle Liebe, die ihrer Art nach wohl Dauer und Glück verheißen hätte, durch das Schicksal, durch den Tod vernichtet wird.

Und ihr ward klar, daß in jeder Vereinigung auch schon von vornherein etwas Zerstörendes verborgen ist …

Ihr schien: Das Wesen der Leidenschaft ist Unglück.

Und die schwüle Musik in ihrer tödlichen Traurigkeit in ihrem bangen Spott, in ihrer verzehrenden Innigkeit – diese Musik, in der alle Tränen zittern wie klingende Tropfen – alle Tränen, die Liebe jemals geweint, diese Musik, deren Tänze und Fröhlichkeiten selbst noch von verhaltenem Schluchzen erfüllt sind, deren aufjauchzende Lebenslust schon den Schrei des Entsetzens auf den Lippen zu haben scheint, – diese Musik erfaßte sie, betäubte sie. Ihr war, als seien ihre eigenen Nerven die Saiten, auf denen eine dämonische Macht diese herzzerreißenden Lieder geigte.

Die Rolle des Hoffmann, dessen Glücksbegier, Rausch, Vernichtungen, Leidenschaften und Hohn in einer furchtbaren Unmittelbarkeit, in einer beklemmenden Schroffheit des Nebeneinander, in der Musik wie in der Darstellung zum Ausdruck kamen, wurde von einem jungen Sänger gegeben, der eine wundervolle Stimme besaß. Man sprach viel in der Stadt von dieser Stimme und es war bekannt, daß der Künstler durch auf lange Zeit hinaus gesicherte große Engagements an der Schwelle einer ruhmreichen Zukunft stehe. Vielleicht war es in diesem Bewußtsein, vielleicht auch im Vergnügen, am Klangreiz der eigenen Töne und in der Hingegebenheit an die Aufgabe, daß er in schwelgerischer Sicherheit und Fülle seine Stimme nur so über die Hörer hinströmen ließ, sie in einen Rausch schmerzlichen Entzückens, nervöser Erregtheit, leidvoller Spannung, heißer Schönheitsfreude versetzend. Denn diese Stimme schien in ihrer schmerzlich beseelten Kraft, in ihrer zärtlichen Sehnsucht und eindringlichen Innigkeit das ganze Wesen des Werkes auszudrücken. Und alle Qual und alle Furcht vor den tödlichen Enttäuschungen spiegelte sich in den edlen und schönen Zügen des Sängers wider.

Therese kannte ja das Werk, hatte es früher schon zuweilen gesehen und gehört.

Nun aber, mit ihrem wissenden zitternden Herzen erlebte sie es neu, erfuhr Offenbarungen … Jeder Ton ward zur Folter, jede Melodie zur weinenden Klage … Und diese Musik in all ihrer brünstigen Eindringlichkeit schien ihr zu sagen: »Nein – du bist nicht geliebt – du nicht!« Und sie wußte auf einmal, daß das Geheimnis aller Liebe im Leiden liegt. Er, ihr Mann, er, für den sie hätte sterben können – er hatte ihretwegen nicht gelitten und würde niemals um sie leiden …

Neben ihr saß Frau Grete Burmeester. Bording und Burmeester, beide durch Sitzungen in vaterstädtischen Angelegenheiten in Anspruch genommen, hatten versprochen nachzukommen, sobald sie es vermöchten. Nun warteten hinter den beiden Damen die beiden leeren Sessel von Akt zu Akt und die Männer zeigten sich nicht. Grete, in ihrer lebhaften Art, ging in jedem Zwischenakt hinaus, um mal nachzusehen – aber nein, sie kam immer allein zurück, hatte indessen jedesmal irgendwelche Bekannten gesprochen und flüsterte Therese Neuigkeiten oder Beobachtungen ins Ohr … Therese hörte kaum … Sie bat auch einmal Grete: »Hab' Geduld mit mir.« Da fragte die flinke Frau, von hellstem Vergnügen sofort zur eifrigsten Besorgnis überspringend: »Willst du fort?«

Therese wehrte sich: nein, nicht fort – sie gab sich in schon fast krankhafter Stimmung der Qual hin – ihr war, als weinte und litt die Musik für sie mit – sie wollte sich weiter berauschen und peinigen lassen von diesen Tönen. Aber nicht sprechen, nicht sprechen … Grete konnte ziemlich alles nachfühlen, was eine Menschenbrust bewegt, nur nie das Schweigebedürfnis. Wenigstens mußte sie noch schnell Therese zuflüstern, daß Thora Sanders mit »ihrem Engländer« da sei – man könne sie nicht sehen – sie säße in der Proszeniumsloge an derselben Seite …

Und das hörte Therese doch. Sie dachte müde: »Was soll das? Was bezweckt diese Frau damit, daß sie sich den Anschein gibt, in diesem jungen Fremden einen Verehrer zu haben? …« Denn für Therese konnte es doch nur »Anschein« sein. Sie fühlte: wenn man ihn geliebt hat! Danach konnte es doch nichts mehr geben. Ihr schien, das mache jeden neuen Herzensfrühling unmöglich – das sei etwas das Dasein Beherrschendes. – Ja, zuweilen staunte sie: »Diese Frau kann weiterleben, nachdem sie ihn verlor? … Das kann sie? … Und in einem Alltag weiterleben, ganz wie alle anderen Menschen – als habe sie nichts Ungeheures erlebt? … Welch ein Rätsel … Und nun zieht sie in ihrem Gefolge einen anderen mit sich durch Säle und über die Straßen? Was soll das? Eine Komödie? Wem vorgespielt? …«

Der Haß, der in ihr langsam und immer stärker emporgewachsen war, wallte leidenschaftlich auf. Ihr Wesen war überreizt, die brünstige Musik hatte sie gleichsam verführt, hinübergerissen über die Grenzen des Maßvollen. Sie dachte zum erstenmal: »Sie, sie ist schuld, daß für mich bloß ein bißchen Wärme übrig geblieben ist – sie hat ihn vergiftet – irgendwie, und ich kann es nie verstehen –«

Sie sah mit starren Blicken auf das Schlußbild – das Morgengrauen lag als fahles Licht über den trunkenen Zechern, und Hoffmann, nach den vorübergerauschten Erzählungen, in denen er seinen Trinkgenossen seine Liebeserfahrungen dargestellt – hatte noch einmal das höhnische Lied vom Klein-Zack auf den Lippen, ehe er sinnlos zusammenbrach.

Es war zu Ende. Therese stand benommen und hörte noch immer den Nachhall in ihrem Ohr und dachte: »Ich will nicht hinausgehen – da könnte ich sie treffen …«

»Aber so komm doch!« mahnte Grete.

Schwerfällig, sich an den Sessellehnen haltend, als könne sie nur tastend den Weg finden, gehorchte Therese. Zum Eigensinn reichte ihr dumpfes Gefühl nicht.

»Himmlisch hat er gesungen – nicht?« schwärmte Grete.

Es gab ein Gedränge – Grete sah schon, sie mußte Therese einfach bevormunden. – Herrgott, wie die verliebt in ihren Jakob war! Denn die völlige Verstörtheit Theresens kam aus der Enttäuschung, daß ihr Mann doch nicht im Theater erschienen sei – das war für Grete gänzlich klar. :

»Hier hast du deinen Mantel – so – da ist der Schal – … Mach schnell – ich denk' mir: Georg und Jakob stehen gewiß unten – holen uns ab – dann könnten wir eigentlich noch in den Ratskeller soupieren gehen – was meinst du …«

Therese hörte nur: vielleicht war Jakob da, wartete unten – das löste bei ihr eine Art Reflexbewegung aus – den Wunsch, Mantel und Spitzenschal kleidsam und sorgsam umzunehmen.

Sie ging an den Spiegel. Vor ihm stand eine andere Frau – zierlich, mit schwarzen Haaren, in einem weißen Kleid – die sich mit erhobenen Händen eine Art Haube von Pelz und Spitzen mit einer Nadel auf dem Haupt befestigte.

Therese wollte zurücktreten. Das war ein Aufzucken, kurz wie ein Herzschlag. Aber sie stand willenlos. Im Spiegel sah sie in die schwarzen, kühnen und heißen Augen der Frau – sie brannten ihr daraus entgegen, in einer triumphierenden Geringschätzung, in dem aufflammenden Hochmut bewußter Schönheit … Und Therese hatte ein Gefühl von ihrem eigenen elenden, entstellten Gesicht, das alt und entfärbt aussah seit einiger Zeit … Ihre Nasenflügel bebten, ihr ganzer Körper zitterte. – Sie hatte eine dumpfe Empfindung davon, daß sie diesem brennenden Spottblick, der den ganzen Spiegel zu füllen schien, mit stolzer Ruhe begegnen müsse … Aber ihre Würde war wie gelähmt von ihrer Aufregung … Ihr Blick irrte ab – ertrug die schwarzen funkelnden Augen nicht – glitt weiter und blieb am Halsschmuck der Frau hängen…

Die trug an einem dünnen grauen Platinkettchen einen lila Stein, länglich und glänzend geschliffen; eine Birnenperle von weißem Atlasglanz hing daran und lag leuchtend auf den seinen Chiffonfältchen, durch die weiße Haut schimmerte …

Therese erhob die Hand, ohne zu wissen, was sie tat… sie fühlte gar nichts mehr als dies eine: das da der Frau vom Halse reißen, es ihr ins Gesicht werfen – ihr entgegenschreien: »Ich hasse dich – ich verachte dich …«

Ihre Hand zitterte wie die eines Trunkenen. Schon näherte sie sich tastend dem Halse der anderen … Die trat einen Schritt zurück, unwillkürlich – oder auch, weil sie fertig war.

»Da,« sagte Therese fast lallend, »da …«

Aber nun stand gar nicht mehr die weiße Gestalt dort, an deren Hals ein lila Stein glänzte – nun schoben sich viele Menschen durcheinander – die hatten alle nur Rücken – schwarze – graue – bunte – und seltsam vermummte Köpfe – und Gretes helle Stimme sagte irgendwelche ungeduldigen Worte – die man nicht genau verstand, weil ein tosendes Brausen die Luft erfüllte. Und dann wurde alles schwarz und stumm.

Der Schrei, den Grete ausstieß, veranlaßte die letzten Fortgehenden sich umzuwenden. Die Logenfrauen stürzten herzu.

Auf dem Estrich lag Therese, einer Toten ähnlich, in schwerer Bewußtlosigkeit.

XII

Ein stiller Wintertag lag über der Stadt. Kein Schnee lichtete das graue Bild mit weißen Farben auf, nebelnde Feuchtigkeit war in der Luft, die mehrere Grad Wärme hatte. Die Spitzen der Kirchtürme bohrten sich in schleierartig seinen Dunst hinein, und wenn sie dort auch nicht ganz unsichtbar wurden, so schienen ihre Formen doch blaß und äußerst zart. Diese unbewegte, nasse Luft drückte auf alles Leben wie ein Dämpfer. Über die Häuserfronten und Kirchenmauern glitt kein Sonnenstrahl. Sie standen in einer öden Glanzlosigkeit, all ihre grauen und roten Töne erschienen, wie Farben voll zu reichlichen Wassergehalts, dunkler als sonst. Weinerlich und duldend war die Stimmung des Tages. Das Leben auf den Straßen hatte etwas Trübes.

Vor dem Portal des Rathauses, als muntere Farbenflecke vor den alten, schwarzdüsteren Mauern, standen die Schildwachen, die dort jedesmal aufzogen, wenn Senatssitzungen waren.

Die heutige dauerte bis weit über den Mittag hinaus. Die Börse war längst vorüber, als die Wachen endlich präsentieren konnten: die Senatoren traten einzeln, oder zu zweien miteinander plaudernd aus dem Portal, in Frack und weißer Krawatte unter dem Paletot. Sie trennten sich, um fast alle zu Fuß sich nach ihren Häusern zu begeben.

Als die beiden letzten kamen Bording und Landskron heraus, und noch einmal klirrten die festen Griffe der präsentierenden Posten.

Das Auto wartete. Bording hatte auf schnellere Abwicklung der Sitzung gehofft und vorgehabt, noch vor Tisch für eine Stunde ins Geschäft zu fahren. Aber nun war es unmöglich, denn in der Sitzung hatte sich Unerwartetes begeben und sie ungeahnt verlängert.

Was der Senator Landskron mit einigen juristischen Kollegen, und vor allen Dingen mit dem Bürgermeister besprochen hatte, trug er nun in der Ratssitzung als seinen unwiderruflichen Entschluß vor. Er gedachte aus dem Senat auszuscheiden. Er fühlte sich dauernd durch die Empfindung bedrückt, daß er zu seinem jüngeren Kollegen Bording in einem Verwandtschaftsverhältnis stehe, das ganz gewiß nicht gegen den Wortlaut des Artikels 6 der Verfassung sei, aber ebenso gewiß gegen dessen Sinn.

Bording war vielleicht der einzige, dem diese Erklärung überraschend kam. Zwar er wußte: Landskron war mit all seinen Neigungen so sehr Jurist, daß er eigentlich stets mit geheimer Sehnsucht nach dem Gerichtssaal im Rathaus gesessen hatte. Dennoch aber hatte dieser Entschluß des feinfühligen Mannes den Beigeschmack eines Opfers. Und an das, was die Senatorin Landskron dazu sagen werde, wagte Bording kaum zu denken …

Ein Opfer – um der Tochter willen – für ihre Liebe und ihr Glück … .

Und aus dieser Erwägung heraus kam eine beklemmende, beschämende Unruhe über Bording, die er gewaltsam niederringen mußte.

Der Senat hatte dem Entschluß Landskrons kaum widersprochen. Man war schon vorbereitet, für Landskrons Fähigkeiten und Zukunft das beste Feld zu eröffnen. Der gegenwärtige Präsident des Gerichts feierte in einem Jahr sein Jubiläum und dachte dann zurückzutreten. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte Landskron seinen Austritt aus dem Senat hinausschieben, um alsdann Präsident zu werden. Die Lage erforderte ja keine jähe Lösung – in der Tat stand man keineswegs einer Verletzung der Verfassung gegenüber. Wenn Landskrons Absicht, aus dem Senat zu scheiden, als öffentliches Geheimnis sich herumsprach, wurden auch die etwaigen Schreier still, denen »Sippenschaft« und »Familienklüngel« als Schlagworte gelegen kämen.

Landskron und Bording hatten beide gezögert – es sah aus, als trachteten sie danach, zusammen fortzugehen, sich von den Kollegen abzusondern – vielleicht zu vertraulicher Aussprache, was allgemein verstanden wurde.

Aber nun standen sie fast verlegen nebeneinander. Das natürlichste Gespräch, das über Landskrons Entschluß und den Verlauf der Ratssitzung, vermieden sie, als sei da eine Gefahr.

Bording sagte, er könne nicht mehr ins Geschäft, er wolle Therese nicht allein essen lassen. Und er bat seinen Schwiegervater, doch das Auto zu benutzen.

Landskron lehnte fast ängstlich ab.

Er kam nicht über eine fast kindliche Art von Scheu hinweg, daß irgend ein Mensch meinen könne, er spiele den großen Herrn mit den Lebensannehmlichkeiten seines Schwiegersohnes, und hatte es sich unter anderen zum Gesetz gemacht, niemals das Auto zu benutzen, außer wenn Bording oder Therese selbst mit darin waren.

Und gerade in diesem Augenblick war ihm das Gemüt so bedrückt von einiger Angst. Seine Frau ließ seit vielen Wochen allerlei energische Andeutungen verlauten und erging sich in Sentenzen über Mutterrechte. Sie war nicht mit Bording zufrieden – durchaus nicht …

Landskron dachte immer, er müsse Bording einmal etwas Warnendes oder Bittendes sagen, und wußte eigentlich selbst nicht, welchen Inhalt und welche Form solche Worte hätten haben können.

Ehe man Vorwürfe erhob, müßte man doch wissen, ob Therese Gründe zur Klage habe. Und Therese klagte nie … daß sie sehr ernst und schweigsam war, daß ihre anmutige Heiterkeit geflohen war – Gott wußte wohin – das hing vielleicht mit der großen Hoffnung zusammen. Er, der Vater, dessen Glück und Daseinszweck Therese war, er wagte nicht, sie zu fragen … Seine Augen funkelten nur manchmal feucht und seine Bäckchen wurden rot, wenn ihn die Angst packte, daß da was nicht in Ordnung sein könne.

Nun stand er unsicher, sprach etwas von der feuchten Luft und der Schwere des atmosphärischen Druckes und kämpfte dabei mit dem Entschluß, kühn zu fragen: »Können Sie mir etwas Aufschlußgebendes über die Veränderungen sagen, die mit Therese vorgegangen zu sein scheinen?«

Bording fühlte sich festgehalten. Zu unnützen Gesprächen in der klammen Luft hatte er keine Zeit. In dem ihm eigenen Gemisch von Höflichkeit und Ungeduld fragte er: »Sie haben noch etwas auf dem Herzen, Papa?«

»Nein, nichts,« sagte da Landskron mit der plötzlichen Entschlossenheit, die Unsichere finden, wenn es den Rückzug gilt.

Nur noch einen Gruß an seine Therese hatte er auf dem Herzen – und sie ließe sich so selten bei den Eltern sehen.

Da sagte Bording: »Noch vier, fünf Wochen, dann haben wir Frühlingsanfang und dann bald hoffentlich endlich wieder normale Zustände. Jetzt darf man Therese keine Vorwürfe machen – aus gar nichts. Adieu.«

Er hielt schon die Uhr in der Hand, um seine durch die lange Senatssitzung bedrängt gewordene Zeit zu überdenken.

Es war fast halb drei. Seit einiger Zeit aß man so früh. Irmler hatte es gewünscht. Bording teilte in Gedanken die Viertelstunden ein: zwanzig Minuten nach drei kann ich abgegessen haben, dann ins Kontor, um halb fünf wollte der Makler tor Straten zu einer geschäftlichen Rücksprache vorkommen; heute früh waren wichtige Berichte aus Ceylon eingelaufen von dem zurzeit dort zur Inspektion sich befindenden Peter H. Petersen; ihr Inhalt war mit den Herren der betreffenden Abteilung durchzuberaten. Für sechs Uhr war Konsul Gundlach zur Rechnungsablage bestellt. Um halb sieben fand im Konferenzsaal seines Kontorhauses eine Aufsichtsratssitzung statt. Dies alles flog durch seine Gedanken und er sagte kurz dem Chauffeur: »Zwanzig Minuten nach drei vor Privatwohnung abholen.«

Er ging eilends die kurze Strecke unter den Mauern des Rathauses hin, um dessen Ecke biegend, und während dieses raschen Ganges dachte er: »Arme Therese!«

Sie hatte heute wieder einmal so gut wie nichts von ihm.

Aber sie war eine so verständige Frau, klagte nie – nun, in dem sicheren Vorgefühl, daß sie ein besonders vernünftiges und einsichtsvolles Wesen sei, hatte man sie ja auch gewählt.

Seit längerer Zeit hatte er sogar das Gefühl, als ob sie ihn gar nicht entbehre, als ob sie das Alleinsein vorzöge.

Merkwürdig! Daß ein Mensch sich so verändern könne, hätte er nie für möglich gehalten. Ihm schien es rätselhaft. Irmler zwar sagte, es sei nichts Ungewöhnliches, alles werde wieder gut und fröhlich aussehen im Frühling.

In Bording war einige Unruhe zurückgeblieben – die versank oft und wurde vergessen im Tumult der Geschäfte, kam aber zuweilen in sein Gemüt zurück. Jener schreckliche Abend hatte ihn sehr ergriffen … Im Menschengewühl der aus dem Theater strömenden Menge huschte Thora Sanders an ihn heran, sich kürz nahe an ihm vorbeidrängend, und mit ihren flammenden Augen sah sie ihn an und sagte: »Ihre Frau ist eben ohnmächtig geworden.«

Fast zugleich riefen es ihm schon andere Bekannte zu und er stürzte treppan …

Er kam dazu, wie man Therese nach der Theaterkonditorei trug, um sie dort auf eine der Polsterbänke zu betten. Und gleich einer Leiche hatte sie da hingestreckt gelegen – lang und steil – farblos zum Entsetzen …

Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er eine Frau in einer sehr schweren Ohnmacht sah. Und ganz gewiß: anders konnte Therese auch im Tode nicht aussehen – erstarrt, erloschen, weiß selbst die Lippen – geschlossen die lieben schönen Augen …

Sein Herz begann rasend zu klopfen, als sie wieder die Augen aufschlug – sie sah ihn an, mit einem Blick – vielleicht wie eine Sterbende, die Abschied nimmt – dieser Blick war ihm erschütternd, aber dann noch eine Minute – dann sah er: sie lächelte schwach, bemühte sich schon wieder, niemand zu ängstigen … Und da begriff er: es war nicht der Tod, und ein Gefühl heißer Freude erhob ihn … Wie kahl wäre sein Leben plötzlich geworden ohne sie – wie entsetzlich, wenn alle Hoffnungen vernichtet worden wären!

Aber seit jenem Abend war Therese ein anderer Mensch geworden …

Gedanken gehen schneller als Füße, und während des kurzen Wegs nach seinem Hause durchmaß sein Gedächtnis so die ganze Zeit, die seit jenem Novemberabend vergangen war.

Unterdes saß Therese wartend in ihrem Zimmer am Fenster und sah hinaus. Der ganze Kirchplatz war von feinem, kaum bemerkbaren Dunst erfüllt. Er war nicht dicht genug, um als Nebel zu wirken, aber er legte eine weiche, stille Traurigkeit um alle Dinge. Und die hohen spitzen Dächer der ragenden Türme, zu denen Therese wie aus der Froschperspektive aufsah, waren vom Schleier umhangen.

Manchmal war es Therese, als könne sie den starren Anblick der roten, wuchtigen Mauern nicht mehr ertragen. Manchmal aber geheimniste sie allerlei Stimmungen und wandelbaren Ausdruck in sie hinein: bei stürmischem Sommerwetter erschienen sie ihr kraftvoll, unter windigen Regengüssen trotzig und in so still durchnebelter Luft von duldender Traurigkeit.

An dies stolze und feierliche Gegenüber voll Ewigkeitshochmut richtete sie all ihre Gedanken. Und sie hatte so viel gedacht seit jenem Abend.

Als sie wieder zu sich gekommen war damals und die Lider öffnete, sah sie in ihres Mannes Augen.

Eine kurze, völlige Besonnenheit kam über sie – sie wußte alles, was geschehen war – sie sah ihn an, ihre Blicke fragten ihn: »Hast du mich verraten?«

Ihr Herz sprach zu ihm: »Ich weiß es, du liebst mich nicht …« Aber ihre Lippen blieben geschlossen und die kurze Besonnenheit verdämmerte in neuer Schwäche. –

Das war nun viele Monate her. Sie waren in einem schweren Einerlei vergangen. Aber Therese hatte es eigentlich nicht als solches empfunden. Es war ja für sie von einem ungeheuren Kampf erfüllt gewesen, dem unentscheidbaren: sollte sie eine offene Frage an ihren Mann richten?

Stand er noch in einer geheimen Verbindung mit der anderen Frau? Hatte er selbst den Anhänger in ihre Hand zurückgelegt?

Aber immer wieder schien es Therese unmöglich, daran zu rühren … Wenn sie sich das vorstellte: Er, beschämt vor ihr? … Der herrische und ungewöhnliche Mann als ertappter Sünder?

Eine dunkle Furcht war in ihr, daß er eine solche Stunde der Aufklärung oder Rechenschaft nicht ertrage, daß er dafür sie, die eine solche herbeiführte, hassen werde … Es gibt Naturen, die keine Demütigung ertragen.

Sie wußte, hellsehend geworden, es nun ganz gewiß: ihr Mann hatte sie nicht aus Liebe geheiratet – das war auch eine Art von Lüge, denn er mußte erraten, er mußte gefühlt haben: sie gab Liebe und glaubte an seine Liebe – ohne welchen Glauben sie niemals die Seine geworden wäre.

Sie fühlte: sie konnte nicht einfach fortgehen aus dieser Ehe – noch nicht – jetzt nicht. – Sie mußte noch festhalten an den Pflichten, die sie beschworen hatte. Und große, heilige Erwartungen näherten sich der Erfüllung.

Über das, was sich nachher gestalten mußte, welche Formen ihr Leben anzunehmen hatte, wenn sie nicht unter der Demütigung zusammenbrechen sollte, dachte sie kaum nach. Ihr ganzes Wesen trug so schwer an der mühsamsten Last, die es für ein Frauenherz gibt, an dem Zwang: vor Unerklärlichkeiten geduldig halt machen zu müssen …

Nun drangen allerlei Töne in ihr stumpfes Hinbrüten und weckten sie auf. Das Glockenspiel der Kirche ging fast immer an ihrem Ohr vorüber, sie war es so gewohnt, wie der Müller den Lärm seiner Mühle, den er gar nicht mehr spürt. Aber in manchen Stimmungen nahm sie es auf, horchte ihm wartend entgegen. Und als sie jetzt die Turmuhr halb drei schlagen hörte, lauschte ihre Seele … Die wehmütigen Töne tändelten durch die stille, feuchte graue Luft, verträumte Klagen, die eine übermenschliche Stimme vor sich hinsingt.

Dann, mitten in der Hingegebenheit des melancholischen Horchens, erschrak sie. Sie hörte einen Schritt – eine Tür ward geschlossen, sie kannte ja seine Art so ganz genau. Er war da … Röte flog über ihr abgemagertes Gesicht, sein Kommen löste immer von neuem ein Gemisch von qualvoller Freude, von bebender Angst in ihr aus … Sie litt durch seine Gegenwart und sehnte sich doch immerfort verzehrend nach ihm.

Nun kam er und küßte ihr die Hand und sagte gleich, daß er leider sehr gehetzt sei, daß man schnell abessen müsse.

Ihr das Haar zu streicheln, ihr die Stirn zu küssen hatte er aufgegeben – sie entzog sich ihm ein paarmal, und da dachte er: »Sie mag jetzt nicht einmal mehr diese brüderliche Herzlichkeit…« Er machte sich gar keine Gedanken darüber. Burmeester bestätigte ihm einmal, was Irmler gesagt hatte: »Die Frauen sind oft wunderlich in solcher Zeit, mögen von dem armen Vater in spe gar nichts wissen – hassen ihn beinahe – aber sei nur unbesorgt – das schlägt nachher in jubelnde Zärtlichkeit um.« –

Man aß also ein wenig im Tempo einer Stationsmahlzeit.

Er erzählte Therese, was sich in der Ratssitzung begeben habe.

»Ich bewundere Papa,« sagte er, »ich glaube nicht, daß irgend ein Mensch jemals ihn und mich in den Verdacht von Interessenwirtschaft genommen hätte. Als ich um dich anhielt, deutete Papa schon die Möglichkeit seines späteren Austritts aus dem Senat an … weil er nie darauf zurückkam, dachte ich …«

Er verstummte. Er wollte nicht vollenden: »… dachte ich, daß deine Mutter ihrem Gatten diesen Schritt nicht gestattet habe.«

Therese war rot geworden und schwieg völlig. Wie ein leidenschaftlicher Sturm brausten allerlei Betrachtungen und Erinnerungen durch sie hin … O ja, sie hatte den Vorsatz ihres Vaters gekannt – sie ahnte auch den Unwillen ihrer Mutter voraus … Sie dachte in einer Aufwallung von grenzenloser Bitterkeit: »Und warum? Um meiner Liebe, meines Glückes willen?«

Oder um ihres Mannes Behagen und Bequemlichkeit willen?

Opfer und Unruhe und neue Lebensgestaltungen um eines kurzen Rausches und einer langen Täuschung willen?

Bording fiel ihr Schweigen auf. Er fand es klüger, nicht daran zu rühren. Er versank auch selbst in Stummheit und war unversehens mit seinen Gedanken so sehr bei all den vaterstädtischen und geschäftlichen Angelegenheiten, die ihn gerade jetzt so über alle Maßen beschäftigten, daß sein Grübeln den Charakter völliger Geistesabwesenheit annahm.

Zum Schluß fuhr er daraus empor: »Verzeih mir, Therese – ja dies Wort ist nun fast das Leitmotiv in unserer Ehe … Aber ich tröste mich: Gott und die Frauen haben ein gemeinsames Metier: immer wieder zu verzeihen.«

»Hierbei ist nichts zu verzeihen,« sagte Therese, »deine Arbeit geht meiner Unterhaltung vor.«

Und sie, vergiftet von all dem Halbwissen, wie sie nun war, dachte zugleich: »Wenn es wirklich immer nur die Arbeit ist, die ihn von mir fernhält …«

Er küßte ihr zum Abschied wieder die Hand, sagte noch, daß sie mit dem Abendessen, wie gewohnt, nicht warten solle, und als er dann zwei Minuten später im Auto saß, dachte er: »Eine sehr bequeme Frau, meine gute Therese – ausnehmend bequem – fällt jetzt, wo es ihr ersichtlich unerfreulich geht, nicht mit Klagen und Ansprüchen lästig.«

Ja, durch diese beständige »Bequemlichkeit« sank eben zuweilen seine Andacht und heiße Dankbarkeit ein wenig zu wohlwollender Anerkennung herab …

Im Kontor vertiefte er sich zunächst in seine Korrespondenz, und als sie durchflogen, war, berief er Baumann. Baumanns Gesicht hatte sich inzwischen etwas gerundet und man hörte ihn sehr selten husten. Er saß an der Schreibmaschine, Bording, die Hände in den Hosentaschen, daß der Gehrock zurückgerafft ward, wanderte auf und ab. Das regelmäßige Getippel erfüllte den Raum und gab das Begleitgeräusch her zu der diktierenden Stimme. Der feuchte Dunst, der draußen die Luft erfüllte, schien vor der Ferne zu stehen wie eine blaugraue Glasscheibe.

In diesen Arbeitsfrieden hinein kam der Kontordiener mit einer Miene, die Ungewöhnliches ankündigte: »Frau Senator Landskron wünschen Herrn Senator zu sprechen.«

»Nanu!« dachte Bording perplex und gerade nicht erfreut.

Heute! Wo die Dinge, die erledigt sein wollten, einander auf die Hacken traten in der Unmittelbarkeit ihrer Eile … Aber abweisen war unmöglich – Theresens Mutter! Die zum erstenmal sein Kontor betrat! Weshalb kam sie? Bording dachte: »Sicherlich um mit mir den Entschluß ihres Mannes zu besprechen – sie wird sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, daß er aus dem Senat tritt, und ich soll ihr beistehen.« Das konnte ein lästiges und resultatloses Gespräch geben. Denn er dachte nicht daran, Landskron beeinflussen zu wollen. Er wußte ganz genau: wenn zögernde Charaktere endlich einen Entschluß faßten und laut aussprachen, war der unerschütterlich.

Er seufzte. Also ja: er lasse bitten. Und Baumann bekam den Handwink, der hieß: Verduften …

In ihrer vollen Wucht und Breite kam sie nun über die Schwelle, die Zugstiefel in Gummischuhen unter dem hochgerafften Kleid sichtbar, in der den Oberkörper noch verbreiternden Mantille, die im Winter von dickem Stoff war und eine Pelzkante hatte.

»Verehrungswürdigste Schwiegermama,« sagte Bording, »Sie selbst in der Höhle des Löwen …«

Er schob ihr seinen Schreibtischstuhl zurecht, in welchem sie mit langsamer Majestät Platz nahm.

»Sie haben ein Recht, erstaunt zu sein,« begann sie und hakte die Mantille oben an ihrem Halse auf, was Bording äußerst beunruhigte, denn es schien ihm auf die Absicht eines langen Gesprächs zu deuten.

»Ich bin sehr pressiert, verehrungswürdigste Schwiegermama, eine Reihe der allergewichtigsten Angelegenheiten …«

»Keine kann wichtiger sein als die, welche mich herführt.«

»Sie sehen mich gespannt.«

»Sie mußten sich doch sagen, daß ich das Bedürfnis fühlen würde, den Entschluß meines Mannes, von dem er mir soeben Mitteilung machte, mit Ihnen zu besprechen.«

»Nein – allerdings nicht gerade – ich dachte nicht, daß ich so sehr in Ihrem Vertrauen – ich möchte vorweg bemerken, verehrte Mama, daß ich mich nicht berufen fühle, auf Ihren Gatten irgendwie einzuwirken,« sagte Bording, von geheimer Ungeduld verzehrt.

»Sie irren sich,« sprach sie streng, »auf meinen Mann einzuwirken wollte ich Sie nicht einladen.«

Und sie dachte: »Das tue ich selbst, wo es möglich ist!«

Er schwieg mehr aus Ratlosigkeit als in Erwartung.

»Ich wollte Ihnen nur sagen, was mich der Entschluß meines Mannes kostet, und ich wollte Sie nur fragen, ob das Opfer, das wir bringen, gewürdigt wird, ob es verdient ist! Wohl darf ich es eingestehen, daß ich, als junge Witwe mit meinem kleinen Töchterchen verwaist dastehend, die Hand Landskrons mehr aus Gründen der Achtung und des Verstandes annahm als gerade aus Liebe. Er war der Vetter meines Mannes, trug den gleichen Namen wie er. Er war, gleich ihm, von bescheidenen Vermögensumständen. Aber er trug in seinem Namen, seiner Familie, seinem Beruf, seiner Persönlichkeit die Garantien für eine dennoch ansehnliche Zukunft. Es erschien mir schon damals so gut wie sicher, daß er

einmal Senator werden würde, und das ist eine Position, die mir zusagt.«

Sie besann sich ein paar Sekunden. Sie wünschte so wuchtig als möglich zu sprechen, in jeder Hinsicht vor Bording aufzutrumpfen. Da hieß es die Worte bedenken, denn es war schwer, zugleich taktvoll und richtend zu sein.

»Ich habe,« fuhr sie fort, »in meiner Ehe dann bald Landskron von Herzen lieben und verehren gelernt.«

Dies sprach sie zum erstenmal, auch vor sich selbst aus, ohne eigentlich genau zu wissen, ob es eine Wahrheit sei. Sie dachte nicht über Gefühle nach. Aber sie wollte dies als geschmackvolle Ergänzung und Verbesserung sagen, zu ihrem Eingeständnis der Motive ihrer zweiten Heirat.

»Wer sollte ihn nicht lieben und ehren,« bestätigte Bording.

»Hauptsächlich aber gewann mein Mann meine Dankbarkeit, weil er meinem Kinde ein hingebender, opferwilliger Vater ward. Und nun will er das Äußerste tun. Thereses Heirat hat ihn in einen Konflikt mit seiner Stellung gebracht, niemand hat bisher daran Anstoß genommen, sein subtiles Ehrgefühl kommt dennoch nicht zur Ruhe … Er will den Senat verlassen. Ich bin die Mutter. Ich kann nicht umhin, mich zu fügen. Es wird mir nicht leicht. Ich liebe meine Stellung. All dies nehme ich im letzten Grunde Ihretwegen auf mich. Wie freudig täte ich es, wenn ich dächte, die Ehe meiner Tochter ist solch Opfer wert. Können Sie mir das mit freier Stirn bestätigen? Haben Sie, im Hinblick auf Therese, gar keinerlei Schuldbewußtsein?« fragte sie erhobenen Hauptes und mit einer wahren Erzieherinnenstrenge.

Bording bekam eine rote Stirn. Dieser Ton reizte ihn. Ihn reizte die ganze Frau, in deren rundem, flachen Gesicht alle Züge nur wie angedeutet schienen, ohne irgendwelche kraftvolle Vertiefungen und Erhöhungen. Die blassen Augen unter den breiten Lidern, das Näschen, der dünnlippige Mund – über dem Stückchen glatten Scheitels die thronende Kapotte mit dem steilen, kleinen Federtuff – alles ärgerte ihn, alles.

»Ich bin mir keiner Rücksichtslosigkeiten gegen meine Frau bewußt,« sagte er kurz.

»Sind Sie sich auch bewußt, sie glücklich gemacht zu haben?« fragte die Senatorin mit einem zitternden Pathos in der Stimme, ohne daß der Ausdruck ihres Gesichts zeigte, was offenbar ihr Gemüt bewegte.

Diese Frage traf Bording wie ein unerwarteter

»Ich habe bis zu diesem Augenblick geglaubt, daß Therese glücklich ist.«

»Und Sie haben nicht die traurigen Veränderungen an ihr bemerkt, die mit ihr vorgegangen sind?«

»Ich glaube, von Irmler in meiner Annahme bestärkt, daß es vorübergehende körperliche Indispositionen sind.«

Die Senatorin zog ihre schwere Mantille, die rutschen wollte, mit einer besonderen, spreizenden Ellbogenbewegung höher und um sich zusammen. Es war in der Geste etwas wie Kampfesvorbereitung.

»Das wäre nun ja sehr bequem für Sie, wenn es stimmte,« hob sie an. »Aber Therese ist eine vollkommen gesunde Frau; es liegen keinerlei Gründe vor, die ihr einen Zustand so beschwerlich machen sollten, den ich seinerzeit in bestem Wohlsein ertrug, den tausende vorzüglich ertragen. Und da die Ursache dieses Zustandes ein großes Glück ist, von Ihnen doch wohl als solches empfunden wird, so wäre das Natürliche, daß Therese strahlte in Vorfreude. Aber sie strahlt nicht. Es wäre das Natürliche, daß Therese vor Wichtigkeit und glücklicher Spannung ihre Mutter außer Atem brächte mit Fragen und Vorbereitungen. Aber Therese ist ernst und schweigsam.«

Mit wahrhaft schneidender Schärfe antwortete Bording: »Es tut mir leid, daß Theresens Mienen nicht dem Schema entsprechen, welches es offenbar für junge Frauen in dieser Disposition zu geben scheint. Aber ich muß es ablehnen, mich mit Ihnen darüber auszusprechen.«

Die Frau öffnete vor Erstaunen ein wenig den Mund und blieb eine halbe Minute still, während welcher Zeit er heftig auf und ab ging. '

Was denn? Er verbot ihr gleichsam den Mund? War

sie nicht die Mutter? Hatte schon jemals ein Mensch gewagt, solchen Ton ihr gegenüber anzuschlagen?

»Das ist stark,« sagte sie endlich ohne Heftigkeit, aber mit der völligsten Überlegenheit über alle Menschen und Dinge, in der sie sich immer fühlte; »ich bin die Mutter. Und als solche fordere ich von Ihnen Rechenschaft, wohin die Heiterkeit und Gesundheit meiner Tochter gekommen ist, und ich ermahne Sie, mit mehr Liebe und Rücksichtnahme Ihre Pflichten zu erfüllen.«

Er war vor Zorn ganz blaß. Hatte schon jemals ein Mensch gewagt, einen solchen Ton gegen ihn anzuschlagen? Er dachte nicht daran, daß es ja ohne Zweifel ein echtes Muttergefühl sei, das hier in unglücklich gewählter Form sich äußerte; er empfand diese Frau gar nicht als Mutter Theresens. Er empörte sich nur gegen eine Einmischung in seine Ehe – um so leidenschaftlicher, als er sich bewußt

war, auf welchen Fundamenten er diese Ehe errichtet hatte. Aber er war nicht der Mann, sich durch brausende Ausbrüche in eine schwächere Stellung dem Angreifer gegenüber zu bringen.

Er stand vor ihr still. Mit Feldherrnhaltung stemmte er die Linke auf die Platte seines Schreibtisches.

»Ich verbitte mir jede Einmischung in meine Ehe!« sprach er hart und kurz.

»Von der Mutter,« sagte sie höchst belehrend, »haben Sie sich gar nichts zu verbitten. Das Mutterrecht wird sogar von unzivilisierten Völkern anerkannt, und es gibt einige Stämme in Afrika, bei denen die Schwiegermutter die Rechte einer geheiligten Person besitzt. Es ist somit nicht nur mir zukommend, sondern sogar meine Pflicht, mich um das Glück und die Gesundheit meiner Tochter zu bekümmern. Ich urteile nicht leichtfertig, nach allgemeinen Eindrücken. O nein, ich habe auch Beweise davon, daß meine Therese tyrannisiert wird. Ober wie wollen Sie es anders nennen als Tyrannei, daß Sie Therese hinderten, an einer Gesellschaft im Elternhause, die ihr gewiß Vergnügen gemacht hätte, teilzunehmen, daß Therese Unpäßlichkeit vorschützen mußte, daß Sie vorgaben, ihr Gesellschaft leisten zu wollen, aber ganz einfach im Kontor saßen, um zu arbeiten?! Dergleichen Vorkommnisse sind symptomatisch. Und wenn nun eine Tochter vielleicht selbst nicht den Mut hat, für sich und ihre gerechten Ansprüche einzutreten, ist eben der Moment da, wo die Mutter aufzustehen und Rechenschaft zu fordern hat.«

Diese ihre Ansprache gab ihr ein gutes Gefühl von Selbsterhebung. Sie war sicher, diesem hochmütigen Mann einmal gründlich etwas klargemacht zu haben. Und voll Befriedigung hakte sie mit Entschlossenheit ihre Mantille wieder zu, vom Triumph des letzten Wortes getragen. Denn was konnte er hiergegen noch sagen?! Einfach nichts.

Das Allerschlimmste war geschehen: man war ihm mit Kleinlichkeiten gekommen! Das schlug seinen Zorn nieder, stellte eine ungeheure Entfremdung zwischen ihm und dieser alten Frau her. Gab ihm das Gefühl: wie lästig – ja, nur noch lästig war sie ihm …

Er sprach kalt: »Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, mit Damen völlig überflüssige und meine kostbare Zeit beraubende Dispute zu führen.«

Dabei lag eine beleidigende Höflichkeit in seiner Art – sie war ganz die des großen Herrn, der sich durch die kleine und nebensächliche Unruhe, die sich an ihn herangewagt hat, nun nicht einen Moment länger aufhalten lassen wird.

Die Senatorin Landskron begriff endlich: sie kam nicht an ihn heran, an diesem Mann scheiterte ihre Autorität, die sie, weil sie ihr selbst so bedeutend vorkam, für bezwingend gehalten hatte. Sie mußte mit einer Niederlage abziehen – dafür fehlte ihr aber die Vorbereitung und die Veranlagung.

Sie saß hilflos. Sie suchte nach einem Wort, um ihn zu übertrumpfen, und fand es nicht, gelähmt von der Furcht, er würde gar nicht darauf hören …

Denn in der Tat – das Unglaubliche geschah: er trat an den Schreibmaschinentisch und nahm einen kleinen Stapel aufeinandergelegter, schon beschriebener Blätter in die Hand und schien das oberste zu lesen …

Da erhob sie sich.

»Es tut mir leid, daß ich mich herbemüht habe,« sagte sie beinahe heiser vor Groll.

»Ich beklage es auch,« antwortete er kühl; »verbessert hat sich unsere Beziehung durch diesen Ihren Besuch sicherlich nicht.«

»Sie dürfen sicher sein, daß ich ihn niemals wiederholen werde.«

Er zuckte die Achseln.

»So gehe ich denn,« sagte sie erbittert, »in bester Meinung bin ich gekommen. Aber mit Ihnen ein inniges Familienleben zu führen, ist unmöglich.«

Er machte eine bedauernde Bewegung.

Und so, da er seiner Kälte die Krone aufsetzte, indem er schwieg, so mußte sie wohl wirklich gehen.

Wuchtig schritt sie zur Tür, öffnete und schloß sie sofort wieder. Denn durch den Spalt hatte sie den wartenden Baumann gesehen.

»Nun hat Baumann gehorcht. Es ist mir um so fataler, als diese Baumanns früher von uns protegiert worden sind – das entwickelt so wie so Neugier und Zudringlichkeit bei kleinen Leuten,« sagte sie, sehr unangenehm berührt durch diese verkehrte Einrichtung, Lauscher vor die Tür zu postieren.

Bording sah sie an. An seinem linken Mundwinkel zog sich hart die tiefe Falte hin.

»Beruhigen Sie sich, verehrungswürdigste Schwiegermama,« sprach er, »mein Sekretär Baumann hat genau ebensoviel Ehrgefühl wie ich selbst, und er horcht niemals.«

»Ach Gott – das denken Sie so …« machte sie zweifelnd.

Aber sie mußte ja doch an Baumann vorbei, von dem sie fest glaubte, er hätte gehorcht. Sie stärkte sich durch Hochmut und fand einen Ausgleich darin, daß sie an dem jungen Menschen vorbeirauschte, ohne ihn zu grüßen.

Bording berief noch keineswegs sofort Baumann zur Fortsetzung der Korrespondenz herein.

Er stand und starrte ins Gegenstandslose hinein.

Dieses Zwischenspiel, so gänzlich unerwartet in seine Stundenordnung hineingebrochen, hatte ihn aus der Fassung gebracht.

Er begriff dies eine: Therese mußte also auf ihre Eltern – ja auch der liebe, herzenstiefe, vornehme Vater war in letzter Zeit so bedrückt – noch heute mittag vor dem Rathaus schien es so – Therese mußte also auf ihre Eltern und vielleicht auf alle Welt den Eindruck einer unglücklichen Frau machen.

War es nur ein Eindruck? Ein irreführender? Oder war sie wirklich nicht glücklich?

Er biß sich auf die Lippen. Seine erste Empfindung war: verletzter Stolz! Seine Frau, Jakob Martin Bordings Frau, sollte nicht von der Welt für unglücklich gehalten werden.

Und wie konnte sie es denn sein? Sie liebte ihn. Er trug sie nach besten Kräften auf Händen. Daß er so wenig Zeit für sie habe, begriff ihre Einsicht. Sie klagte nie.

Ihm nie!

Und da war plötzlich die große, schwere Frage: Hatte sie ihren Eltern geklagt?

Das wäre …

Eine Frau, die aus den Stimmungen und Geheimnissen ihrer Ehe spricht …

Wie verletzend, wie kindisch, wie klein, wie würdelos!

Eine kurze feindselige Aufwallung, gegen Therese gerichtet, kochte in ihm hoch.

Aber schon im selben Augenblick fast, als ihn das benahm, zwang er es nieder.

Ah – nein – das hatte Therese nicht getan! Er bat ihr heiß diese schnelle Aufwallung ab.

Er fühlte ganz zweifellos, ganz felsenfest, mit einem wundervollen Vertrauen zu Theresens Vornehmheit: sie würde niemals ihre Ehe von Worten und Blicken anderer betasten lassen …

Und als dieser Glaube so warm und völlig sein Gemüt erfüllte, wurde ihm wieder gut und freudig zumut.

Therese war glücklich. Natürlich war sie glücklich. Die Mutter, schon lange in den Hintergrund versetzt und dort ihrer Veranlagung nach nicht zufrieden, hatte sich nur mal irgendwie vordrängen und betonen wollen. Und das, was sie heute erfahren hatte, reizte die Frau, die an kleinlichen, äußerlichen Nuancen hing, die ihr »Ehre« bedeuteten. Irgendwie hatte sich ihre Aufregung entladen müssen, und ein lang genährter Eifersuchtsgroll gegen den Schwiegersohn brodelte auf. Indem sie gegen ihn auftrumpfte, erleichterte sie eigentlich ihr Gemüt von dem Ärger über den Verlust ihrer Stellung. Ja, so war es. Therese hatte nicht teil an diesen Taktlosigkeiten.

Es war auch für ihn, gerade aus diesem warmen Glauben heraus, selbstverständlich, daß er Therese kein Wort von den Taktlosigkeiten ihrer Mutter erzählen würde. Es könnte sie aufregen. –

Nun drückte er auf den Knopf in seiner Schreibtischplatte, und Baumann trat alsbald ein. Verlorene Zeit war einzuholen. Er hatte auf der Stelle seine völlige Sammlung wieder. Das war eine seiner Begabungen, alles von sich schieben zu können, was ihn von seinen Geschäften abzulenken vermocht hätte.

Die Kontorstunden wickelten sich mit dem vorbestimmten Inhalt ab.

Der Makler tor Straten kam, einer der Vertrauensmänner Bordings, durch den er Grundstücke kaufen und Gelder hypothekarisch anlegen ließ. tor Straten, dessen bartloses Gesicht durch die berufsmäßig stets zu übende Vorsicht, Besonnenheit und Verschwiegenheit einen beinahe diplomatischen Ausdruck bekommen hatte, brachte den Bericht über den Ankauf der Gelände am Flußufer, wo die Fischdüngerfabrik errichtet werden sollte. Der Plan war ins Stocken gekommen, und seine Ausführung hatte um ein Jahr hinausgeschoben werden müssen, weil Graf Strachow, der Urheber des Planes, nicht seine Mittel hatte flüssig machen können, aber gewiß war für den späteren Zeitpunkt die nötige finanzielle Ellbogenfreiheit zu bekommen. Bording fand indessen jetzt den Augenblick zu günstig, sich der in Aussicht genommenen Ländereien zu bemächtigen, um ihn vorübergehen zu lassen. Der Eigentümer, ein kleiner Landmann, brauchte Geld, billig und bar zu verkaufen war ihm eben erwünscht. Da nun ein Besitzwechsel gerichtsnotorisch ins Grundbuch einzutragen war und dadurch bekannt geworden wäre, entschied Bording: Wiesen und Felder sollten einstweilen in der Benutzung des Landmannes bleiben, der die künftige Kaufsumme sofort in Form eines zinslosen Darlehns erhielt; Burmeester hatte einen Vertrag aufzusetzen, in welchem ausgesprochen war, daß das Besitzrecht an Bording überzugehen habe an dem von ihm noch zu bestimmenden Zeitpunkt. Denn geheim mußte die Sache bleiben. Vorzeitiges Gerede über das geplante Unternehmen konnte es gefährden, konnte eine andere Seite zu dem Entschluß treiben, zuvorzukommen. Auch eine ganze Reihe sonstiger vorbereitender Schritte ließen sich in aller Stille tun. So stand man schlagfertig da, wenn Graf Strachow sagen konnte: »Ich bin in der Lage …« Also das hatte tor Straten zur Zufriedenheit erledigt – die betreffenden Ländereien hatte man fest in der Hand.

Als der Makler gegangen war, traten der Disponent und der erste Buchhalter der Teeabteilung an. Es gab eine sehr lebhafte Debatte, denn Bording wünschte von seinen Mitarbeitern völlig franke Aussprachen und ertrug, Widerspruch in einem Grade, wie es niemand für wahrscheinlich gehalten hätte.

Später zeigte sich Gundlach mit Auszügen aus seinen Büchern, aus denen Bording die jämmerliche Bedeutungslosigkeit des Hauses Gundlach, das ganze Scheindasein der kleinen alten Firma völlig erkannte. Und das Konsulchen mit seinem bedeutenden Haupt saß bleich, mit verkniffenen Leiden gefolterter Eitelkeit dabei, als Bording einfach einen der Herren aus der Finanzabteilung berufen ließ und mit ihm, über Gundlachs Kopf hinweg, einige Maßnahmen besprach, die der verschlafenen Firma neuen Aufschwung zu geben geeignet sein sollten und die Gundlach in seinem Herzen sämtlich für verkehrt hielt.

Gundlach zog sich gerade mit einer zu tiefen Verbeugung zurück, als auch schon die Herren vom Aufsichtsrat der Baumwollgesellschaft im Vorzimmer ihre Pelze ablegten.

Als erster kam Meno Sanders herein.

Er war seit einiger Zeit etwas herablassender gegen die übrige Menschheit, denn man sprach davon, daß der Senator Flügge, ein Großonkel Hartmann-Flügges, an einem unheilbaren Leiden hinsieche. Und so hoffte vielleicht Herr Sanders, daß durch diese unerwartete Schicksalswendung doch möglicherweise sich der Ärger ausgleichen könne, der ihm durch Bordings Wahl in den Senat geworden war.

Als Bording den großen blonden Mann sah und sie einander mit kalter Freundlichkeit die Hand reichten, dachte er: »Ob auch wohl Sanders und – Thora meine Frau für unglücklich halten?«

Und dieser Gedanke empörte ihn. Sie, sie zuletzt von allen Menschen sollte an Theresens Glück zweifeln …

Wenn doch die Zeit flöge und Therese erst der Welt wieder das glückselige, frische Gesicht zeigte, das sie damals gehabt hatte, als sie seine Braut war . . .

»Tag, Senator,« sagte Hartmann-Flügge, »wie geht es deiner Frau? Ich höre mit Bedauern, daß sie sehr misepetrig ist.«

»Wer sagt das?« fragte Bording scharf.

»Sachte, sachte, sachte,« ermahnte Hartmann-Flügge äußerst gemütlich, »teilnahmvolle Nachfragen nach höchstdero Gattin sind ja woll noch erlaubt.«

»Es geht meiner Frau durchaus nach Wunsch.«

»Na also!« sagte Hartmann-Flügge.

»Wie erfreulich,« sprach der Senator Hedenbrink; »man hörte Beunruhigendes. Also wieder mal bloß Klatsch.«

Bording verachtete Klatsch. Und dennoch hatte er jetzt eine brennende Begierde zu hören, was man denn zusammenlöge …

Ja, das hätte ihm aber keiner gesagt. Es hieß, er behandle seine Frau hart, sperre sie beinahe ein, halte sie von ihrer Mutter fern, sei geizig, daß sie sich deshalb so unscheinbar und unkleidsam anziehe. Und Fräulein Trudi Gundlach und andere Schulgenossinnen und Jugendfreundinnen sagten: das käme davon! Warum habe Therese sich auch gegen ihren Willen an den reichen Mann verkaufen lassen! Unglücklich war Therese nun, das sah man ihr schon auf zehn Schritt an. Ja, für Geld kann man alles haben, nur kein Glück.

» Klatsch?« sagte Bording und zuckte die Achseln.

»Teilnahme!« verbesserte Burmeester gutmütig.

»Meine Frau befindet sich durchaus normal,« versicherte Bording nochmals laut ins Zimmer hinein, als stehe er vor lauter Feinden.

»Meine Herren, ich bitte!« ermahnte Hedenbrink.

Und sie sammelten sich um den grünen Tisch, den zwei elektrische Birnen unter grünen Schirmchen beschienen. Die Stimmen lösten einander ab und hoben und senkten sich, und Baumann saß und stenographierte, und jeder neue Redner, jede langausgesponnene Debatte machte dem armen Baumann das Gesicht heißer. Denn er sehnte einen schnellen Verlauf der Sitzung herbei, weil er nachher noch ein Anliegen an seinen Herrn hatte. –

Therese ward an diesem Abend dadurch überrascht, daß ihr Mann viel früher nach Hause kam, als er vorgehabt und ihr verheißen hatte.

Gegen halb neun öffnete er die Tür zum Eßzimmer. Und der Anblick, den er in Sekundenschnelle und ohne im Türrahmen länger zu verweilen, in sich aufnahm, ergriff ihn.

Wie einsam saß die junge Frau da in dem ziemlich großen, hellbeleuchteten, prachtvollen Raum. Obgleich eine Silberschale voll Blumen auf dem Eßtisch stand, wirkte er doch leer. Das weiße Damasttuch war nicht mit Bestecken und Gläsern versorgt. Nur da oben, an der Schmalseite, wo Therese saß, stand ein bißchen kaltes Fleisch und eine Teetasse dampfte. Und Bording hatte plötzlich das unabweisbare, furchtbare Gefühl, daß seine Frau ihr Butterbrot vielleicht mit verhaltenen Tränen hinunterwürge …

Therese fuhr auf. Es war nicht für ihn gedeckt; seine leichte warme Schüssel nun noch nicht fertig; er mußte

entschuldigen … Der Diener kam, das Gedeck für ihn wurde aufgelegt, die Karaffe mit Rotwein hingestellt.

In allem war eine fast zitternde Fürsorge, die ihn beschämte.

Dann saß er bei Therese, und obschon er versuchte, sie lebhaft zu unterhalten, sah sie doch: er zwang sich, hatte seine besonderen, verstimmenden Gedanken im Hintergrund. Sie kannte ihn ja so genau.

»Darf ich wissen? Du hast Ärgerliches?«

Ehedem, wenn sie so fragte, hatte sie zugleich sehr vorsichtig und liebevoll seinen Handrücken gestreichelt. Er erinnerte sich plötzlich daran … Es fehlte ihm … Ihre Hand war so leicht – die Liebkosung von solcher zarten Bescheidenheit … Mit einem Male war ihm, als hätte all ihre stolze Keuschheit und zugleich all ihre seelische Hingabe in dieser kleinen, leisen Geste sich immer gezeigt …

»Ach – Baumann …« sagte er zerstreut. Fast nur, um überhaupt etwas zu antworten.

»Baumann!« wiederholte sie verwundert. Wenn man ihr erzählt haben würde: Baumann hat sich für seinen Herrn totschlagen lassen, hätte sie es geglaubt. Aber Arger? Von der treuen Seele verursacht?

»Ja, denke, nach Schluß der Konferenz, als ich es schon eilig hatte herzukommen. Baumann, sag´ ich, ich habe meine Dispositionen geändert, wir machen heute keine Überstunden- da fragt er, ob ich ihm eine Fünfminutenunterredung gewähren will. Na, das heißt bei Untergebenen ja stets, daß sie was zu klagen haben, oder was zu erbitten denken. Also rasch, rasch, Baumann, ermahn' ich ihn – ich hab's eilig, muß zu meiner Frau. Aber wie langsam und umständlich sich die Leute beim Bitten betragen! Was wirst du sagen! Du kannst es dir nicht denken: es kommt heraus: er will wahrhaftig heiraten!«

»Ach – Baumann!« rief Therese voll Interesse. »Wen denn?«

»Nun, das hab' ich ihn nicht gefragt. Er sagte wohl einen Namen, ich hab' ihn wieder vergessen. Das ist ja auch Nebensache.«

»O Jakob, es ist die Hauptsache, alles kommt ja auf das Mädchen an.«

»Liebes Kind, alles kommt auf die wirtschaftlichen Verhältnisse an. Und die sind: Baumann ist finanziell nicht in der Lage, eine Familie zu begründen, und die Gehaltserhöhung, die er zu diesem Zweck erbat, schlug ich ihm ab.«

Theresens Augen wurden voll Leben und Glanz.

»Gerade ihm? Warum? Weil er dich voriges Jahr so viel Geld gekostet hat?«

»Bewahre. Ich habe ihm, damit er nicht etwa auch diesen Einfall habe, gleich eine abermalige Kur für den Sommer versprochen.«

»Du gewährst doch Kommis und Arbeitsleuten Zuschüsse, damit sie heiraten können – wenigstens hab' ich das eine und andere Mal vom alten Schrötter dergleichen rühmen gehört.«

»Wenn ich einen gesunden, ordentlichen Mann vor mir habe, der in der subalternen Kontorkarriere sicher gut weiterkommen wird; wenn es sich um einen braven Arbeiter handelt, der einen Hausstand gründen will, sehe ich es als meine Pflicht an, nach genauer Prüfung der Verhältnisse den Leuten eine frühe Heirat zu ermöglichen. Darin liegt volkswirtschaftliche Gesundheit. Ganz was anderes ist es aber, wenn ein kränklicher Mensch, der über seine jetzige Stellung hinauszukommen kaum die Kräfte und die Fähigkeiten hat, eine Familie gründen will. Da wird es umgekehrt volkswirtschaftliche Pflicht, solche Leute am Heiraten zu hindern.«

Therese sah ihren Mann förmlich flammend an.

»Und was sagte Baumann?« fragte sie.

»Mein Gott, wie du dich über den guten Baumann aufregst!«

»Und was sagte er?« wiederholte sie leidenschaftlich.

Bording sah plötzlich den armen jungen Menschen vor sich stehen, aus vertrauensvollster Hoffnungsseligkeit bis zur Fassungslosigkeit zerschmettert, leichenblaß, mein Gott, es hatte ihn ja selbst gedauert – aber nun wurde es mit einem Male wie ein Vorwurf schwerer Art … Aber Therese mußte Einsicht haben! Der Verstand sprach durchaus dagegen, daß Baumann heirate.

»Baumann sagte nicht viel. Er wurde sehr blaß – ja, leider – er sagte nur ganz leise: Herr Senator, ich liebe das Mädchen über alles in der Welt, und ich glaube, das Glück mit ihr würde mich gesünder machen als alle Kuren.«

»Und du hast es ihm dennoch verweigert?«

»Ich deutete ihm schonend an, daß Brustkranke …«

»Oh – schonend – schonend – nein, nur Grausamkeiten konntest du sagen, denn dein Verstand sprach. Und in diesen Dingen – in diesen – muß nur das Herz sprechen … wenn man – eines hat …«

»Therese!«

»Ja, und er soll glücklich werden – mir zu Gefallen wirst du ihm alles gewähren,« sprach sie außer sich, »es ist die erste Bitte, die ich an dich richte! Du wirst sie erfüllen. Denn ich will dir sagen: es ist besser früh sterben und in Liebe zusammen Tränen und Sorge haben, als ohne Liebe in Glanz und Leere leben …«

»Therese!«

Sie stand auf – an allen Gliedern fliegend – sie wollte sich flüchten –

Denn sie fühlte, die Fugen ihres Herzens öffneten sich, der ganze stolze Bau von Fassung und Verschwiegenheit zerbrach – das Leid wollte herausströmen …

In diesem Augenblick klopfte es kurz, und auf der Stelle kam der Diener herein. Er gab sich den Anschein, die heiße Erregung der Herrin, das verstörte, blasse Gesicht des Herrn nicht zu bemerken.

»Von Frau Senator Landskron,« meldete er und reichte Therese das silberne Brettchen hin.

Sie nahm den Brief. Mechanisch öffnete sie ihn. Empfand ihn nur als Störung, als Aufenthalt. Sah nur Buchstaben und begriff keinen Sinn. Und las dann noch einmal, well ihr Blick sich an die Worte »Dein Mann« festklammerte – von diesem Wort ging ja die Herrschaft über ihr Leben aus…

»Mein geliebtes Kind, Du hattest, wie erinnerlich, meinen Mann und mich, Deine Mutter, zu übermorgen zu Tisch gebeten. Wir müssen aber diese Einladung, die schon angenommen war, nachträglich ablehnen. Der Ton, den Dein Mann gegen mich anzuschlagen beliebte, hält mich für so lange von seinem Hause fern, bis er sich bewogen findet, meine Verzeihung zu erbitten. Hingegen hoffen wir Dich bald bei uns zu umarmen. In Treue Deine schmerzlich bewegte Mutter.«

Therese las halblaut – beinahe lallend – sie ließ den Brief sinken.

»Was ist geschehen – was?«

»Ich würde es dir völlig, für immer verschwiegen haben. Aber dieser Brief . . .« Er räusperte sich etwas. »Ja, also … deine Mutter war heut bei mir im Kontor – es schien, als wolle sie es mir vorhalten und anrechnen, daß ihr Mann aus dem Senate treten will – als wolle sie mich zur Rede stellen, ob der Preis auch für eine wirkliche Leistung gezahlt werde. Gott, wie soll ich das ausdrücken, was sie ziemlich unklar, aber jedenfalls recht vorwurfsvoll zu sagen wünschte … Kurz, sie wähnt dich unglücklich …«

Therese mußte sich an der Stuhllehne festhalten, neben der sie stand. Ihre Blicke brannten förmlich auf dem Gesicht des Mannes.

»Das – das – das …« sie konnte noch keine rechten Sätze formen – in ihr war Sturm – der warf alles durcheinander…

»Erzähl' mir – sprich – sage – was war …«

Wie sollte er diesen Bericht geben? Wie das törichte Betragen der Mutter, die eigene, eisige Schärfe schildern?

Und plötzlich schien ihm: ein nachsichtig gütiges Wort von ihm, vielleicht eine freundliche Wendung, ein wenig Geduld hätte alles zum Harmlosen wenden können. Die Frau war sicherlich gereizt – die Sorge um ihr Kind war doch schließlich ein vielleicht irrtümlicher, aber jedenfalls menschlicher Grund ihres Benehmens gewesen – und ihr, die mit so viel lächerlicher Eitelkeit an dem bißchen äußerer Würde ihrer Stellung hing, ihr war es sicher höchst erbitternd, auf diese Stellung verzichten zu sollen.

Es tat ihm leid, keine Großmut aufgebracht zu haben …

»Therese,« begann er, »ich gebe zu, ich hätte darüber stehen sollen. Ich wies deine Mutter sehr scharf zurück. Alles in mir bäumte sich gegen ihre Einmischung auf. Kein Mann läßt sich ungereizt zur Rede stellen …«

Sie atmete schwer – schnitt ihm schon mit einer Geste die Worte ab, als wolle sie nun gar nicht mehr den Bericht hören, den sie eben noch erbeten – nein, befehlend gefordert hatte.

Ihr Aussehen entsetzte ihn – er erhob sich – seine Angst um sie ward groß – so außer sich war sie –

»Ja,« begann sie, und nun stürzten ihre Worte nur so hintereinander her, »ja, du konntest wohl erzürnt sein – du warst im Recht – dein Verstand war im Recht – das ist wie in Baumanns Sache – mit dem Verstand läßt sich nicht anders urteilen. Aber hinter den Dingen gibt es noch etwas anderes … größer als Verstand – eine mächtige Stimme – du, du hast kein Ohr für sie . . . O ja, Mama hat sehr verkehrt gehandelt – ganz verkehrt – ich kenne Mama und ihre Schwächen. Ich weiß, alles in ihr leidet jetzt und zittert, weil sie allzu hochmütig auf das war, was sie nun verlieren und infolge unserer Heirat verlieren soll – das ist gewiß nicht groß von ihr empfunden. Aber es ist auch echte Sorge dabei um mich – um ihr Kind. O ja, ich weiß es, jedes Wort, das sie sprach, wäre besser ungesprochen geblieben – niemals hätte sie so zu dir kommen dürfen – gewiß nicht – aber sie ist die Mutter, es ist Liebe, die sie antrieb – Liebe, die nur in der Form fehlte, der man deshalb leicht verzeihen kann … Und nichts als Liebe zu mir ist es im allerletzten Grunde, die Vater zu der Gewissensfeinheit treibt, seine Stellung aufzugeben – liebte er mich weniger, empfände er robuster und sagte: Therese ist ja nicht mein Kind. Und deshalb. ist mir sein Entschluß wie ein himmlisches Geschenk – ja, was von den Eltern geschieht, geschieht aus Liebe – sie lieben mich – Vater und Mutter – sie lieben mich … Wer tut es sonst auf der Welt? …«

Und von der höchsten Erregung sank ihre Stimme herab und beantwortete die laut hinausgerufene Frage mit einem leisen, vergehenden »Niemand – niemand …«

Er wollte auf sie zutreten. Da wich sie zurück – hob die Hand – feierlich fast – in großer Abwehr –

Und ihre Augen, in denen Tranen funkelten, sahen ihn an …

Fest und lange.

Plötzlich schien sie ganz ruhig geworden.

Sie wandte sich ab und ging hinaus.

Er, als sei er noch immer von diesem Blick bezwungen und an seinem Platz festgehalten – er stand regungslos. Nun wußte er es.

Seine Frau war nicht glücklich!

XIII

Am anderen Mittag stand Baumann vor Sophie und bat darum, bei der gnädigen Frau gemeldet zu werden. Aber Sophie hatte den putzigen Hochmut, den Dienstboten großer Häuser bei sich ausbilden, und sie besaß ganz feste Ansichten darüber, wer zu melden und wer ungemeldet abzuweisen sei. Von Baumann konnte gar keine Rede sein. Die gnädige Frau empfing ja nicht einmal die nächsten Bekannten mehr. Da sagte denn Baumann, was er eigentlich für sich hätte behalten sollen: Herr Senator selbst habe ihn ermutigt, sich melden zu lassen. Und Sophie machte bei ihrem Bericht aus dem »ermutigt« schon ein »befohlen«.

Therese saß schwer und müde in einem Lehnstuhl am Fenster oben, den roten Kirchenmauern gegenüber – da wo sie jetzt immer saß, wartende, traurige Stunden.

Also Baumann? Und auf Befehl? Es gehörte nicht viel Prophetengabe dazu, um voraus zu wissen, was er bringe.

Nun stand er auch schon vor Therese – in einem verwirrten Zustand von Glückseligkeit, Dankbarkeit und kummervollem Schreck. Besonders der letztere, und weil er ihn verbergen mußte, machte ihn ganz verlegen. Er konnte sich gar nicht vorstellen, daß diese Frau mit den gealterten Leidenszügen seine Jugendgespielin und gute Gönnerin Therese sein sollte.

»Nun, lieber Baumann, setzen Sie sich und erzählen Sie mir, mit welchen Nachrichten mein Mann Sie schickt,« sagte sie freundlich.

»Herr Senator schicken mich nicht,« log Baumann – halb und halb log er, das fühlte er und wurde noch verlegener. Bording hatte ihm gesagt: »Wenn es Ihnen ein Bedürfnis sein sollte, meiner Frau selbst zu danken, so glaube ich, könnten Sie den Gang zu ihr wohl wagen.« Das war ja kein eigentliches Hinschicken.

»Aber Sophie sagte doch …«

»Sie weigerte sich, mich zu melden. Da ließ ich durchblicken, daß Herr Senator mir ein wenig Mut machten …«

»So, so.«

Therese lächelte. Das war ein sonderbares Lächeln. Beinahe bitter. Baumann wußte nicht, was er daraus machen sollte. Schmal und ängstlich saß er auf seine: Stuhlecke.

Therese sah, sie mußte ihm helfen.

»Was hat mir mein Mann da gestern abend anvertraut?! Mir, als Ihrer Jugendgespielin, durfte er's doch erzählen? Sie haben eine Liebe, Sie wollen heiraten? Wer ist es denn?«

Das war die vernünftigste Frage, die Therese an einen Verliebten richten konnte, und er machte auch gleich, wie auf ein Stichwort, ein strahlendes Gesicht. Natürlich war es Mimi Schreiber, vielleicht erinnerte sich Frau Senator, die Schreibers hatten einen kleinen Buchbinderladen, sie waren sehr achtbare Leute in bescheiden auskömmlichen Verhältnissen, erzogen ihre Kinder in liebevoller Strenge, und die Älteste, die wunderhübsche und tüchtige Mimi, war Kindergärtnerin und schon seit zwei Jahren in Stellung bei Doktor Lehmanns. Und Mimi wußte, daß er sehr kränklich gewesen sei und auch niemals Bäume würde ausreißen können, aber sie wollte nicht von ihm lassen. Das Kefirtrinken vorigen Frühling und den ganzen Winter, und dann die schöne Anstaltskur im Sommer, die hätten ihn fast gesund gemacht, und Fischlein, der Arzt des Bordingschen Personals, habe festgestellt, daß die Tuberkeln sich bei ihm verkalkten und daß der Prozeß zum Stillstand gekommen sei. Dies habe er, Baumann, ja eigentlich nur den Ratschlägen und der Fürsorge von Frau Senator zu danken.

Therese wollte abwehren. Aber nun war er im Zuge, und die Wichtigkeit seiner Liebesangelegenheit übernahm ihn.

»Und nun verdanke ich Ihnen auch noch mein ganzes Lebensglück. Denn Herr Senator hat mir gesagt – – gestern abend war Herr Senator ein wenig hart – ich dachte – ich – ja, wenn ich das sagen darf: ich verstand es nicht. Ich hatte ja nur den Mut zu bitten, weil ich dachte: Herr Senator weiß nun selbst, was Liebe und eine glückliche Ehe ist – und es war, als bekäme ich einen Stoß vor die Brust, als er es mir schroff abschlug – – ich weiß wohl, manchmal, wenn Herrn Senator was leidtut, versteckt er das so … aber es war doch schrecklich. Aber heut morgen, als ich mich an die Maschine setzen wollte, da sagte er mit einem Male … Baumann, meine Frau meint . . . meine Frau wünscht.«

Baumann schluckte an seiner Rührung und an seiner Freude. Und da schloß er mit einer Erklärung ab, die ihm das Imponierendste und Überraschendste schien, was es im Augenblick auf Erden geben könne: »Und Pfingsten darf ich heiraten, und mein Gehalt ist vorerst um fünfzig Mark monatlich erhöht!«

Therese saß bleich und still. Eine undeutliche Empfindung war in ihr: ist es eine Art von Handel? Eine Abbitte, ein Gutmachenwollen, eine versöhnende Geste? Soll Naumanns Glück mir sagen: »Ich, dein Mann, ich habe doch ein Herz . ..«

Sie gab sich Mühe, Baumann die Teilnahme zu zeigen, die sie wirklich hatte – nur, daß im Augenblick alles wie tot lag – daß sie sich entfernt fühlte von allen anderen Menschen –

Der Mut, zu dem sie gestern abend ihr zorniger Schmerz emporgetragen, war einer völligen Vernichtung gewichen …

Sie hatte ihren Mann noch nicht wiedergesehen. Zum ersten Male hatte er das Haus verlassen, ohne sich von ihr zu verabschieden.

Hieß das: Feindschaft?

Oder war es Scham?

Der eine Gedanke war ihr so unerträglich wie der andere.

Ach, alles war schief. Wie hatte es auch anders werden können in einer Ehe, die auf Unwahrheit aufgebaut worden war …

Baumann, der in seinem seinen, treuen Sinn die Mühe spürte, die sie sich gab, dachte voll Mitleid: »Sie ist krank und müde.« Darüber verfiel er in seine Verlegenheit zurück, und Therese mußte ihm helfen, daß er seinen Abgang fand, ohne sich in Ungeschicklichkeit zu verheddern.

Leute mit übervollem Herzen mögen ihre gütigen Götter gern lobpreisen. Und so ging Naumann denn die versteckte Wendeltreppe hinab, die für Lieferanten und Dienstboten zum Ein- und Ausgang durch Schrötters Zimmer führte. Der Alte war sein »Gönner«. Schrötter war eben in den Selbstgefühlsverhältnissen, sich gönnerhaft zeigen zu können. Da saßen sie denn zusammen, der Junge und der Alte, und sprachen sich über den Herrn und die gnädige Frau aus.

Schrötter beruhigte Baumann über das krankhafte Aussehen der Herrin. Er konnte es nur unter heftigem Gebrauch seines rot und weiß gemusterten Riesentaschentuchs. Um seine und Baumanns Gemütsbewegung zu lindern, spendierte er sich und ihm einen Pomeranzen, den er – wie er ausdrücklich betonte – sich selbst in seinem Schrank hielt und den ihm keineswegs die Köchin zugesteckt habe. Übrigens gäbe es auch im Bordingschen Keller keinen.

»Er weiß nich, was gut schmeckt,« sagte Schrötter, indem er den stark duftenden Likör mit der Zunge noch auf den Lippen nachkostete. »Er wußt' früher überhaupt gar nichs von Essen und Trinken von, er merkte öfters nich mal, wenn Kathrin ihm was Extras gekocht hatt'. Das hat Sie ihm schon 'n büschen beigebracht, sorgt fürs Regelmäßige und Bekömmliche und aus Liebe zu ihr ißt er und lobt allens. Jawoll. Das bin ich mir selbst je nich vermuten gewesen, daß aus ihm mal so 'n gehorsamen Ehemann würde werden.«

»Die Leute sagen,« flüsterte Baumann ängstlich, »daß er sie tyrannisiert.«

Schrötter, in Verachtung – wie konnte er sie kräftiger ausdrücken? – kippte, noch einen.

»Das is je nu kumpletten Unsinn,« sagte er, »das brauch' ich Sie, mein bester Baumann, je nich erst zu beschwören. Sie haben je nu in Momang selbst 'n Beweis von's Gegenteil erfahren. Sie winkt bloß, und er erlaubt, was er gestern verweigert!«

»Sie ist ein Engel,« erklärte Baumann voll Enthusiasmus.

»Ob!« stimmte Schlötter kurz und kräftig bei. »Das sieht man woll wieder: was lange währt, wird endlich gut. Oft hatt' ich Angst: er heirat – nie. Da waren so Sachen. Na, da kann ich nich von sprechen – aber er hat noch zur rechten Zeit 'n Strich unter seine Junggesellenabenteuers gemacht.«

»Ja,« sprach Baumann, »er hat einen großartigen Verstand. Und mit dem behält er auch wohl immer Übersicht über sein Gefühlsleben.«

Das war für Schrötter etwas zu hoch. Aber er spürte, es war eine Zustimmung zu seinem – Schrötters – autoritativen Urteil über den Herrn. Und sie nahmen voneinander in gehobener Stimmung Abschied, sich ein wenig als Säulen des Hauses Bording fühlend – denn schließlich: auch Dienertreue, gute, feste Dienertreue gehört dazu, wenn in einem Hause alles wohlgefügt sein soll. – –

Therese, die oben in ihrem Lehnstuhl zurückgeblieben war, die ewige rote Kirchenmauer, ihr den Blick verschränkend, gegenüber, dachte einen Augenblick bekümmert: »Ich habe dem guten Menschen keine rechte Mitfreude gezeigt …«

Aber sie hatte eben keine kräftigen Mienen und Worte aufbringen können … Nun, Baumann wußte ja ohne dies, wie sie es meinte …

Doktor Irmler kam und störte sie und war ganz und gar unzufrieden. Sie sollte in die Luft. Jeden Tag spazieren gehen. Er hielt einen Vortrag über Pflichten. Therese hatte deren drei: erstens gegen sich, zweitens gegen ihren Mann, drittens gegen das Kind, das erwartet wurde. Sie hörte höflich und duldend zu. Jedes Wort war abgegriffen, klang, als habe man es hundertmal gehört; alles wußte Therese auch von selbst.

Sie konnte und wollte nicht sagen: »Wenn ich an die Luft gehe, muß ich auch zu meinen Eltern gehen.«

Sie wußte: ihre Mutter wiederzusehen, ihren Vater zu umarmen, war ihr jetzt unmöglich.

Sie zürnte der Mutter wegen des verkehrten Auftretens und wußte doch, daß sie beim Wiedersehen entwaffnet in ihre Arme sinken werde. Denn auf das Merkwürdigste war ihr, als ob sie jetzt überhaupt erst anfange, ihre Mutter wirklich lieb zu haben.

Aber wenn sie die Eltern, vor allem die Mutter sähe, würden endlose Erörterungen beginnen. Die Mutter konnte sicherlich weder mit ihren Gedanken noch mit ihren Gesprächen von den beiden Dingen loskommen, die sie jetzt völlig beschäftigten: dem bevorstehenden Austritt ihres Mannes aus dem Senat und ihrem Zorn auf den Schwiegersohn. Therese aber konnte ihren Gatten nicht anschuldigen hören, ihn nicht entschuldigen und überhaupt nicht ertragen, daß sie nun werde über ihre Ehe aussagen sollen . . . Wahrheit oder Lüge – es schien ihr beides unmöglich.

Und so wehrte sie sich und erklärte, sie sei am besten in ihrem Zimmer aufgehoben. Als Irmler ihren Widerstand gegen seinen Befehl, sich Bewegung in freier Luft zu machen, spürte, sagte er, er würde sich an Herrn Senator wenden, bei ihm vorstellig werden, ihn ersuchen, daß er sich die Zeit nähme, seine Frau alltäglich etwas in die Luft zu führen.

Da bekam Therese Angst. Der Gedanke, von Jakob jeden Tag umhergeführt zu werden wie von einem Krankenwärter, wäre ihr unter allen Umständen beklemmend gewesen. Jetzt war ihr solche Vorstellung fast grotesk. Um Irmler nur los zu werden, um zu verhüten, daß er sich an ihren Mann wende, versprach sie, allabendlich im Dunkeln eine halbe Stunde auf dem Kirchplatz hin und her zu gehen.

Dann zitterte sie der Mittagstunde entgegen. Würde er überhaupt zu Tisch kommen? Dachte er jede Begegnung mit ihr zu vermeiden? War sein schweigendes Davongehen heute morgen Zufall oder zornige Absicht gewesen? Was bewegte ihn?

Feindschaft?

Scham?

Therese glaubte schon nach wenigen Stunden sich diese Fragen beantworten zu können. Und sie wurde auch in den nächsten Wochen in ihrem Glauben nur befestigt: Feindschaft war sein Wesen gegen sie – Feindschaft, die sich unter höflichen Formen verbirgt, die zu hochmütig ist, um in streitenden Worten und schroffen Gesten hervorzubrechen … Feindschaft!

Und über diese Feindschaft, die aus seinen verschlossenen Zügen, aus seiner stolzen Haltung, aus seinen zeremoniellen Gesprächen ihr entgegen zu wetterleuchten schien, empfand sie einen krankhaften, schmerzlichen, sie zerfleischenden Triumph – aber doch eben einen Triumph! –

Sie wollte lieber von ihm gehaßt sein, als die demütigenden Brocken vom Tische seiner Vergangenheit in Gnaden zugeteilt bekommen. Wenn es denn wirklich alles Vergangenheit war, was mit jener Frau zusammenhing – –

Ja, doch, das war es, das mußte es sein …

Das schrie Theresens Herz förmlich jeder sie peitschenden Eifersuchtsregung zu – das befahl sie – als könne man dem Geschick befehlen, was nicht sein soll …

Wie das auch zusammenhing, daß der veilchenblaue Stein und die atlasschimmernde Perle wieder am Halse jener Frau funkelten … Ein gemeiner Verräter war er nicht – konnte er nicht sein – sollte er nicht sein –

Sie wollte fortfahren dürfen, ihn zu achten … Oder lieber sterben …

In dieser Richtung hatte ihr nun der Zufall eine Wohltat zugedacht … Vielleicht eine Wohltat, denn erkrankte Seelen saugen auch noch Gift aus Ereignissen, die sie gesunden lassen könnten.

Voll stumpfen Gehorsams ging sie nun jeden Abend von sieben bis halb acht Uhr, falls es nicht gerade zu stürmisch war, auf dem Kirchplatz umher, umkreiste meist ein paarmal den ganzen mächtigen Bau. Es war dann dunkel. Therese hatte sich in einen alten Abendmantel gehüllt, den Kopf mit einem schwarzen Spitzenschal umbunden, und kein Mensch konnte sie so erkennen.

Laue Abende gab es, in denen feuchte Frühlingsluft war, wie ein rührendes scheues Ahnen von künftigem Glück. Voll schwerer, stiller Wolken stand der Himmel. Und inmitten der lebendigen, lichterfüllten Stadt lag, wie ein verschwiegenes Herz, der halbdunkle, von geringer, unsicherer Beleuchtung wehmütig überdämmerte Kirchplatz. Stumm und drohend, ein Monument des Geheimnisses aller Göttlichkeit, ragte die gewaltige Kirche. Und Therese irrte am Fuß ihrer Mauern umher, geängstigt und hoffnungslos.

Oder ein sanftes, gelbes Licht winkte zart aus den hohen Fenstern in den dunklen Abend hinaus. Orgelspiel brauste, und die volltönigen, feierlichen Schallwellen verschwammen mit dem Sausen des Windes in eins, der durch die noch kahlen Reiser der alten Linden fuhr. Und diese Töne, voll milden Vaterernstes, groß und gütig, liebkosten ihre arme Seele und lösten ihre Empfindungen in grenzenlose, unbestimmte Wehmut auf.

An einem solchen Abend, gegen die Mitte des März, unternahm Therese ihren Pflichtgang. Sie glich ja nicht einer Dame, dunkel vermummt und schwerfällig, wie sie mühsam ging, konnte man sie für eine Arbeiterfrau halten.

Als sie unter den westwärtsgewandten Mauern der Fassade hinschlich, aus der die steilragenden Türme emporwuchsen, sah sie einen Mann dort stehen. Die Häuserrückseiten der westlich am Kirchplatz vorüberziehenden Straße bildeten hier mit der Fassade zusammen so etwas wie eine Gasse, die in keiner Richtung dem Verkehr zu dienen hatte. Nur aus Zufall verirrte sich einmal ein Fußgänger hierher.

In dem sehr schwachen Licht, das da herrschte, hatte Therese doch den ungefähren Eindruck, daß es ein junger Herr sei, der wartend oder lauschend zu stehen schien. Denn im Bau mit den Doppeltüren befand sich drinnen das Orgelgehäuse, und die brausenden Tonfluten des pastoralen Instrumentes konnte man gerade hier am genauesten behorchen. Sie selbst blieb einige Augenblicke stehen – ließ ihre Empfindungen umströmen vom Klanggewoge – hatte einen flüchtigen Gedanken, daß dieser junge Mensch vielleicht – gleich ihr, vollen, zu vollen Herzens hier stehe – ach, wenn man immer von dem Leid wüßte, das den Nebenmenschen drückt – – es wäre zu viel; gottlob, daß man fremd aneinander vorüberstreicht – – So sah sie ihn an, fast in naiver Betrachtung – und ging seufzend weiter. Einen Moment kam ihr noch die äußerliche Beobachtung ins Gedächtnis: er sah aus wie ein Engländer …

Dann war sie wieder völlig bei ihren eigenen Lebensdingen … Ihren Kümmernissen ganz hingegeben, ging sie mechanisch weiter, umkreiste den langgestreckten Kirchenbau und kam zum zweiten Male an die westliche, vom Verkehr völlig abgeschrankte Fassade.

Da sah sie wieder den jungen Herrn, er wandte ihr den Rücken, ging langsam vor ihr her – aber er war nicht mehr allein. Eine Dame schritt neben ihm, die leise und mit der Gebärde leidenschaftlicher Eindringlichkeit zu ihm sprach … Schlank und zierlich war sie in ihrem enganschließenden langen Paletot, mit einem Hut voll weicher, dunkler Straußfedern – diese ganze weibliche Silhouette kam Therese so bekannt vor – so qualvoll bekannt, daß sie unwillkürlich ihren Schritt verlangsamte, um hinter dem Paar zu bleiben, das hier ganz offenbar ein verabredetes Zusammentreffen hatte – sie wollte diese Frau nicht überholen, um sie nicht zu erkennen – und erkannte sie doch schon an der Gestalt – erkannte sie in diesem trügerischen Halbdunkel – weil es die Frau war, die sie haßte …

Nun hatte das Paar das Ende des kleinen Gäßchens erreicht – da brannte, aus der Kante des Eckhauses sich hervorreckend, eine Gaslaterne, und im Schein dieser Laterne kehrte das Paar um – –

Therese stand still. Sie konnte gar nicht anders, handelte aber ohne Vorsatz –

Sie sah mit großen, festen Blicken in das weiße Gesicht – es war hell beschienen – wie aus all dem Dunkel ringsum leuchtend herausgehoben. Und schön war es – sündhaft schön …

Die schwarzen, kühnen Augen erwiderten ihren Blick – über das weiße Gesicht ging ein triumphierendes, fast belustigtes Lächeln – dann verschwamm der schöne Kopf wieder im Schatten – man war aneinander vorüber.

Therese ging nach Hause – sann staunend dem Lächeln nach … sie wußte nicht, daß so Siegerinnen lächeln über Armselige, die niemals imstande sind, solche Siege sich zu erringen – sie wußte nichts von Frauen, deren Leidenschaftlichkeit und Eitelkeit so groß ist, daß sie ihren Fall noch als Ruhm empfinden …

Sie dachte nicht daran, ihre Beobachtung nachher beim Abendessen – zu welchem Jakob jetzt immer mit unbegreiflicher Pünktlichkeit kam – ihrem Manne mit. zuteilen. Den Namen jener Frau nur auszusprechen vor seinem Angesicht, wäre ihr unmöglich gewesen.

Aber das tat ein paar Abende später Frau Grete. Sie guckte unerwartet noch gegen neun Uhr mal ein, wollte fragen, wie es gehe, hatte das Bedürfnis mit Therese

ein bißchen »herumzukluckern«, log ihr vor, daß sie ihr Aussehen vorzüglich finde, schalt, daß ihr Mann nun schon fünf Abende hintereinander in vaterstädtischen Angelegenheiten Sitzungen habe und seine Frau allein lasse, und zuletzt merkte man, daß dies alles nur Vorrede war und daß ihr eigentlich eine höchst interessante Geschichte auf den Lippen brannte.

Sie äugte aber Bording schelmisch und durchtrieben an und sagte, sie traue sich nicht, denn immer meinten er und ihr Georg gleich, sie klatsche, wenn sie mal was erzähle. Aber dies nun sei wahrhaftig kein Klatsch.

»Nein, sondern wie immer aus bester Quelle und wirklich und wahrhaftig nicht erfunden,« spottete Bording.

»Fräulein Klara hat es mir selbst erzählt,« sagte Grete.

»Fräulein Klara?« fragte er, förmlich in einer Reflextätigkeit seines Gehirns – er hatte den Namen früher so oft gehört – und bereute schon die Frage, als habe sie ihn verraten.

»Jawoll! Das langjährige Kinderfräulein von Sanders, und die muß doch wissen, was vorgeht im Haus. Es hat einen unerhörten Streit gegeben – Herr Sanders hat irgend was entdeckt – Fräulein Klara meint, es hängt mit Mr. Worthword zusammen, dem Engländer, der bei Sanders als Volontär war; bei Sanders' gibt es eine kleine eiserne Wendeltreppe, hinten vom Balkon hinab in den Garten – na, ich will lieber nichts mehr erzählen. Ihr macht solche Gesichter – herrjes, man interessiert sich doch für das, was bei Bekannten vorgeht. Nun, es kurz zu sagen: Thora ist heut morgen mit ihrer Mutter, die ganz vernichtet vor Kummer sein soll, abgereist. Mr. Worthword soll schon gestern abend auf und davon sein. Sanders soll sich scheiden lassen wollen. Das kann er ja nun auch wohl nicht mehr anders. Aber man darf, wenn's wahr wird, Schlüsse ziehen. Sanders ist ja so 'n Mensch, der aus Hochmut und Eitelkeit lieber beide Augen zudrückt, bloß um in seiner Familie keinen Skandal zu haben. Muß also wohl unmöglich gewesen sein, das Augenzudrücken. Ja, das ist eine Geschichte. – Und so 'n hochdramatisches Ende hat Thora gewiß nicht gewollt, die hing ja viel zu sehr an Geld und Luxus und Stellung, die hat sich bloß amüsieren wollen, da geh' ich jede Wette darauf ein. Ihre Mutter hat nicht viel, das weiß man doch . . . Und so 'ne noble Frau die Mutter – ja, die dauert mich – o Gott, und dann die Jungens …«

Bording und Therese schwiegen vollkommen – so merkwürdig, so starr, daß Grete einen roten Kopf bekam und das Schweigen wie eine Belehrung und Beschämung empfand.

»Euch erzähl' ich auch nie was wieder,« sagte sie trotzig.

Da sie aber nicht länger als eine halbe Minute böse sein konnte, war ihre muntere Laune unversehens wieder da, und sie half dem Ehepaar über den Abend fort. –

In der Nacht lag Therese und dachte: »Wie wirkt dieses alles auf ihn?« Empörte sich sein Mannesgefühl dagegen, daß eine Frau, die ihn geliebt hatte, sich so bald an einen beliebigen jungen Menschen fortwarf? Oder erlöste ihn das?

Und wenn er ganz frei wurde von der Vergangenheit, wandte sich dann endlich seine Liebe ihr, seiner Frau, zu?

Aber dagegen lehnte sich alles in ihr auf … Und ihr weiches, zermartertes Herz wurde hart und stolz bei solchen Gedanken …

Wie hätte Therese erraten können, was in ihrem Manne vorging! Wußte er doch selbst nicht, wie er seinen Gemütszustand nennen, wie er ihn sich klar machen sollte.

Bording war sich in dieser Zeit vielleicht zum ersten Male in seinem Leben selbst ein Rätsel. Die Nachricht, daß Thora Sanders auf ihrem Wege offenbar wieder einen Schritt abwärts getan, der sie für immer hinwegführte aus ihrem bisherigen Lebenskreis, erschütterte ihn kaum, blieb ganz an den Grenzen all der unerhört wichtigen Empfindungen, die ihn jetzt beschäftigten.

Er konnte den leidenschaftlichen Schmerzensausbruch Theresens nicht überwinden.

Er wußte es nun: sie fühlte sich um das eigentlichste Glück des Lebens betrogen.

All sein Reichtum, all seine Rücksicht, all seine Güte waren ihr kein Ersatz für das, was fehlte.

Und sie hatte erkannt, was fehlte …

Seine Beschämung war so schwer und so qualvoll, daß er zuweilen dachte, er hasse Therese.

Seine Erinnerung stellte jenen Abend in Konstanz wieder vor ihn hin, auf ihrer Hochzeitsreise, wo er ihre liebende Sehnsucht nach ihm spürte, wo er vor dieser Zärtlichkeit leise zurückwich und wo sie, mit vollkommener Keuschheit, mit einem zarten Takt ohnegleichen sein Zurückweichen verstand …

Rot vor Scham ward ihm die Stirn …

In jener ersten Nacht nach dem zornigen Ausbruch ihres Grames kämpfte er mit sich: er hätte sofort abreisen mögen – lange, lange Wochen, am liebsten für immer ihren Blick vermeiden … Aber das wäre feige Flucht gewesen … obenein in dieser erwartungsschweren Zeit …

Er mußte wohl den Mut haben, sich das Geständnis zu machen: heiße Reue war es, die ihn quälte. Über alles: am stärksten darüber, daß er Therese geheiratet hatte! Er litt unter ihrem sanften, kummervollen Blick, unter ihrem leidvollen Aussehen. Ihr ganzes Dasein war wie ein Vorwurf geworden für ihn.

Und diese seine seelische Reizbarkeit war ihm unbegreiflich, er empfand sie fast als etwas Unmännliches, er hatte sie in dieser peinlichen und ihn ganz und gar beherrschenden Art noch nie in sich erlebt.

Er erinnerte sich: Jahrelang ertrug er früher eine heikle und unwürdige Lage, hatte in kühler, reueloser Gleichgültigkeit dem Mann ins Auge sehen können, den er betrog. Sein Verstand half ihm immer, Überlegenheit zu bewahren.

Aber jetzt half ihm sein Verstand gar nichts.

Ja, das alles war wohl rätselhaft, und er dachte: »Je älter man wird, desto stärker spricht die einfache, uralte Fibelmoral zu einem …«

Unter der glatten Oberfläche des Alltags, wo von Schuld und Sühne beinahe nie etwas zu spüren ist, wo die Dinge scheinbar verbindungslos sich hintereinander aufreihen, gibt es doch geheime Zusammenhänge – es ist wie das sich ineinander Verschlingen und Verknoten von Wurzeln …

Seine Lebenslage war indessen nicht so, daß ihm viel Sammlung zum Grübeln über seelische Dinge gelassen werden konnte. All die großen praktischen Angelegenheiten, mit denen er durch seinen Beruf, seine Stellung verknüpft war, riefen ihn fortwährend zudringlich an. Und es war gerade, als ob sie ihm beweisen wollten, daß seine Aufgaben anderswo lägen als auf dem Gebiete des Familienglücks.

Er erfuhr in diesen Tagen, daß der ihn immer wie ein bemerkbarer und doch ungreifbarer Moskitoschwarm umfliegende Neid sich mit Heftigkeit auf ihn stürzte, um seinen Namen und seine Ehre zu zerstechen. Man beschuldigte ihn, seine Stellung als Senator mißbraucht zu haben, um sich ein gutes Geschäft zu sichern. Man sagte, daß er jenes Gelände am Flußufer, wo die geplante Fischdüngerfabrik erbaut werden sollte, nur erworben habe, um es mit großem Vorteil an den Staat, der gerade dieses Uferstriches jetzt bedürftig werde, wieder abzugeben.

Bording hatte wohl gewußt, daß in jener Abteilung der Verwaltungen, die sich mit den Wasserbauaufgaben des Staates beschäftigte, eine Verbesserung des Flußlaufes geplant war. Es handelte sich um einen bestimmten Punkt, den man bei einer großen, vor Jahren schon erfolgten Stromkorrektion nicht als so ungünstig erkannt, wie er sich nachmals, vielleicht gerade infolge der Veränderungen der Uferlinien und damit der Wassergewalt herausstellte. Bording selbst hatte sich, noch ehe er Senator war, an den Debatten beteiligt, die die bezügliche Vorlage in der Bürgerschaft hervorrief. Diese Vorlage war dann einer Kommission überwiesen worden, die in ihrem Studium und ihren Ausarbeitungen zu einem anderen Schluß gekommen war, die erste Vorlage verwarf und in ihrer Berichterstattung einen ganz neuen Plan zu unterbreiten gedachte. Und dieser Plan wollte die von Bording in aller Stille erworbenen Ländereien zum großen Teil vom Ufer abschneiden. Die Kommission hatte, um gleich mit dem Entwurf schon einen Kostenanschlag der Bürgerschaft vorzulegen, sich mit dem Eigentümer der in Frage kommenden Parzellen über seine Forderung ins Einvernehmen setzen wollen. Dem Landmann kam durch

diese Anfrage der Verdacht und Glaube, daß Herr Senator Bording ihm so ungefähr das Fell über die Ohren gezogen und ganz gewiß von dem Plan der Uferkorrektion gewußt habe, ferner, daß er, der Eigentümer, vom Staat unbedingt einen noch mal so großen Preis erzielt haben würde. Ihm erschien es nachträglich so, als habe der Makler tor Straten ihn förmlich gedrängt. Er fühlte sich des Versprechens der Verschwiegenheit völlig entbunden, ja daß er dies Versprechen hatte geben müssen, war ihm plötzlich verdächtig.

Böser Wille entstellte oder übersah vorsätzlich die Logik der Tatsachen, die doch unverkennbar machte, daß Bording gar nichts davon gewußt haben konnte, zu welchem Schluß die Arbeiten der Kommission führen würden.

An den Biertischen hieß es: So 'n mächtiger, reicher Mann hatte eben überall seine Finger drin. Die Arbeiten der Kommission waren ja nicht gerade geheim gewesen; irgend ein Mitglied würde es ihm schon gesteckt haben, daß jene Uferstelle dem Staate zum Ankauf würde empfohlen werden. Vielleicht hatte auch der Schwiegervater die Hand im Spiele. Bei so nahen Familienbeziehungen zwischen zwei Senatoren war es doch selbstverständlich, daß der eine die Wissenschaft nicht verschweige, die dem anderen Nutzen bringen mußte.

Ja, einige wollten sogar wissen, daß Bording der eigentliche Urheber des Kommissionsbeschlusses sei, ihn inspiriert und beeinflußt habe, um seine Ländereien dabei anzubringen;

die Kommission habe anfangs durchaus den Plänen der ersten Vorlage zugeneigt. Man rechnete auch gar nicht nach, daß ein etwaiger Verdienst Bordings an dem Wiederverkauf der Ländereien nur eine lächerliche Kleinigkeit für einen so reichen Mann bedeuten würde.

Man war voll davon, daß Jakob Martin Bording in seinem unersättlichen Erwerbssinn seine als Mitglied der Regierung erlangte Kenntnis benutzt habe, eine gute Grundstückspekulation zu machen. Denn der Kommissionsentwurf sollte so einleuchtend sein, daß die Annahme unbedingt erfolgen mußte.

Andere sagten freilich: der Entwurf tauge nichts, aber er werde dennoch durchgehen, weil Bording es zu seinem Vorteil wolle. Und was er wolle, setze er bekanntlich durch; auf den Schaden, den die Allgemeinheit davon habe, komme es ihm nicht an.

Ja, anderen Leuten den Wind aus den Segeln nehmen, das war seine Kunst. Andere Leute das Geld riskieren lassen und selber dann den Gewinnst einstreichen, wenn das Risiko geglückt war, das verstand er. So wurde man groß. Den Bankerott von Steffens & Kahler hatte er auch benutzt, um einige kleine Geschäfte förmlich an sich zu reißen, und wenn er ihnen auch Firma und scheinbare Selbständigkeit ließ, waren sie doch nichts weiter wie Filialen von Jakob Martin. So zum Beispiel der Konsul Gundlach, der ja in seinem eigenen Kontor nichts mehr zu sagen hatte …

So ging das Gerede und schwoll immer böser an, und noch ehe die neue Vorlage zur Verhandlung auf die Tagesordnung gesetzt war, zeigte sich eine Gruppe von Bordingfeinden, die Mitglieder der »Bürgerschaft« waren, entschlossen, ihn in den parlamentarischen Verhandlungen gehörig und ohne Furcht anzugreifen.

Konsul Breitenfeld mit seinem kleinen, vorgebeugten Kopf auf seiner langen, schmalen Gestalt lief wie ein Agitator umher und sah die Menschen durch seinen Kneifer stierend an, während er ihnen klarmachte, daß das Haus Jakob Martin Bording eher ein Schaden als ein Nutzen für das Gemeinwesen sei, und wie verkehrt man gehandelt habe, Bording anstatt Sanders in den Senat zu wählen.

Es hieß, daß Hartmann-Flügge ihm einmal wegen solcher Redereien in aller Ruhe und Jovialität Ohrfeigen angeboten habe.

Kurz, die ganze Stadt war erfüllt von der Sache; das Gerede blieb auch dem Senator Landskron und seiner Frau nicht verborgen. Er war bekümmert und begriff die Menschen nicht, die Bording eine kleinliche Unlauterkeit zuzutrauen vermochten. Daß man ihn selbst mit in das Gerede hineinzog, entlockte ihm ein gewissermaßen verwirrtes Lächeln. Er war verlegen – aber in die Seele der Schwärzer hinein und für sie.

Seine Frau aber, verbissen und zornig, erging sich in den abfälligsten Kritiken über Bording. Sie fing an zu erwägen, ob man denn nicht vielmehr ihn zum Austritt aus dem Senat zu bewegen suchen müsse. Sie sagte, sie sehe nicht von fern ein, warum ihr Mann, der Geachtetere, das Opfer bringen solle.

Landskron wußte ja, es war am besten, man ließe sie sprechen. Er wagte auch nicht zu widersprechen, denn seit jenem Nachmittag, wo sie bleich und fast fauchend vor Ärger aus Bordings Kontor heimgekommen war, konnte man nicht mehr mit ihr reden. Sie nannte ihre Tochter nur noch »unsere arme Therese!« Sie warf ihrem Manne vor, daß er, verblendet von dem Reichtum Bordings, ohne Prüfung seines Charakters, ihm Therese »hingeworfen« habe. Landskron in seinem etwas zu zarten Gemüt konnte nichts tun, als geduldig sein und auf einen jener jähen Stimmungswechsel hoffen, wie er solche schon einigemal im Leben bei seiner Frau erstaunt wahrgenommen. Wenn er mit seinem Schwiegersohn im Senat zusammentraf, vermieden sie es unauffällig und wie auf Verabredung, sich zu persönlichen Gesprächen zu finden.

Jetzt aber, wenige Tage vor der Versammlung der Bürgerschaft, wo die vielberedete Vorlage zur Verhandlung kommen sollte, konnte Landskron es nicht mehr ertragen. Zwar hatte seine Frau ihm befohlen: »Du sprichst nicht mit ihm! Das bist du mir schuldig. Straf ihn durch vornehmes Übersehen …«

Aber Landskron war nicht die Natur, die »vornehm übersehen« konnte, wo sein Herz beteiligt war.

Er fragte sich: wußte Bording von dem Gerede? Natürlich. Es war ja von einer Art, daß man es ihm nicht verschweigen konnte. Aber hatte er Ärger? Tat es Therese weh?

Und so hielt er ihn am Schluß einer Senatsitzung beinahe mit Courage fest und sagte ganz unfrei: »Gehen wir ein paar Schritt zusammen?«

»Therese befindet sich gut?« fragte er dann, und seine Lippen zitterten ein wenig.

»Den Umständen gemäß. Wollen Sie sich nicht selbst überzeugen?«

Sie standen vor dem Rathause, auf dem Bürgerstieg, den Blicken aller Vorübergehenden ausgesetzt.

»Wie, gern,« sagte der alte Herr, kaum verständlich, »ich sehne mich sehr nach Therese – aber – meine Frau – Sie verstehen – es hat, wie es scheint, eine etwas scharfe Auseinandersetzung zwischen Ihnen gegeben – meine Frau fühlt sich leicht in ihrer Würde verletzt – aber – nicht wahr, Sie begreifen es – ich muß doch wohl ihre Partei nehmen – man steht eben fest zu seiner Frau – wie die Frau zum Manne – wie Therese zu Ihnen … Sie meidet uns – es tut sehr weh – aber es würde auch meiner Frau wehtun, wenn ich zu Ihnen ins Haus …«

Bording sah kalt an ihm vorbei. Er zuckte nur die Achseln.

»Sie haben im Moment viel Unangenehmes?« begann Landskron wieder.

Es hielt ihn förmlich neben dem Mann seiner Therese … er mochte nicht gehen, ehe seiner hungernden Vaterliebe nicht ein bißchen warme Nahrung geworden war.

»Daß ich nicht wüßte …« sagte Bolding hochfahrend. »Nun all das Gerede über jene Ländereien, die Sie sich in aller Stille sicherten.«

»Ah, ja – das. Burmeester hat mich unterrichtet. Beruhigen Sie sich, Papa, ich hatte sie mir nicht gesichert, um damit ein Geschäft mit dem Staat zu machen: Graf Strachow, Sie wissen, der Mecklenburger, und ich dachten eine Fischdüngerfabrik auf dem Gelände zu errichten.«

»Mein Gott,« wehrte Landskrom ganz entsetzt ab, »wie können Sie denken, daß ich beunruhigt … daß ich Erklärungen … Ich wollte nur meine Teilnahme … und ob Sie … ob Sie Schritte …«

»Ich werde in der Verhandlung zugegen sein.«

»Die Sache gehört nicht in Ihr Departement – Sie haben die Stellung des Senats zur Vorlage nicht vor der Versammlung zu vertreten.«

»Ich werde aber doch zugegen sein,« sprach Bording kurzen Tones, »es beliebt mir nicht, mich mit Verleumdungen bewerfen zu lassen.«

»Dagegen kann sich kein Mensch schützen,« meinte Landskrom zaghaft, »das Herrentum grenzt, wo die ungreifbare Menge anfängt.«

»Aber man kann auch ihr einmal einen Fußtritt versetzen.«

Nun war es Landskron unmöglich, das Gespräch noch weiter hinzuspinnen. Vor lauter Beklommenheit fiel ihm gar nichts ein.

Seine Bäckchen waren rot von seiner Gemütsbewegung und seine Stimme hatte keinen sicheren Ton. Dessen war er sich bewußt und schämte sich eigentlich ein wenig vor dem eisenfesten anderen Mann. Er wußte wohl, der war von jener Art, die das Bedürfnis hat, alle seelischen Zustände unter kalten Stolz zu verstecken.

Aber ihn täuschte die hochfahrende Haltung Bordings nicht. Er sah es ihm an: seine Farbe war blasser noch als sonst und der Zug am Mundwinkel trat so scharf hervor. Nein, ihm war nicht gut zumut, dem Mann seiner Therese . . .

Daß der neidvolle und unverständige Klatsch ihn tief ärgerte, glaubte Landskron nicht.

Und die große Sorgenfrage beschwerte ihn: »Hängt dieser bittere, verschlossene Ausdruck seines Gesichts mit meiner Therese zusammen? Sind sie wirklich nicht glücklich, diese beiden auserlesenen Menschen? …«

Aber eine Frage wagte er natürlich nicht, und er schied von seinem Schwiegersohn mit einem zögernden Händedruck.

Die Gelegenheit, die Bordings Hochmut mit der größten Ungeduld erwartete, die Gelegenheit, es laut der Öffentlichkeit zu sagen, wie sehr er die Anschuldigungen verachte und wie lächerlich sie ihm erscheinen durften, sollte sich Ende März an einem Montagabend bieten. Am Abend zuvor, als er mit Therese am Tische saß, sprach er ihr mit großer und aufgebauschter Lebhaftigkeit davon. Die unfreie Stimmung zwischen ihnen mußte doch immer mit wachsamer Absicht verjagt werden. Und ein Interesse an diesen Dingen brauchte Therese nicht zu heucheln. Das spürte Bording wohl. Wenn sie auch ihn, den Mann, verworfen hatte – seiner Tätigkeit schenkte sie immer noch ihre Bewunderung … Und das war ihm eine merkwürdige Freude, fast eine Auszeichnung.

Also sprach er zu ihr von seiner innersten Stellung zum kritiklosen Geschwätz der Menge … Er dachte, diese Ländereien, an welche die gierige Phantasie kümmerlicher Erwerbsmenschen sich festgeklammert hatte, in deren Vorstellung ein Gewinn von zwei-, dreitausend Mark schon ein Preis für Ehre, eine Verführung zur Unredlichkeit bedeutete – er dachte sie dem Staate zum Zweck der Flußkorrektion zu schenken! Und dies Geschenk wollte er den Bürgern von seinem Sitz herab förmlich ins Gesicht werfen. Er wollte ihnen auch sagen, daß ein derartiges leichtfertiges Angreifen seiner geschäftlichen und senatorlichen Unberührbarkeit ihm die Lust raube, mit der bisherigen opferfreudigen Energie weiter am Aufblühen des Gemeinwesens zu arbeiten.

»Ja,« sagte Therese, »so geht es wohl leider in solchen Dingen immer: der geringe Prozentsatz der Kleinlichen, Böswilligen läßt die Gesamtheit als strafwürdig erscheinen. Darin ist aber keine Logik. Es ist beinahe wie bei gewissen Pädagogen, die die ganze Klasse nachsitzen lassen, weil zwei Übeltäter darin verborgen sind.«

Er mußte über ihren glücklichen Vergleich lächeln.

Da fuhr sie rasch fort: »Wie schön wäre es, wenn du, anstatt aus Geringschätzung, aus Großmut diese Schenkung machen wolltest.« –

»Für eine Großmutsgeste ist das Objekt zu klein.«

»Nichts ist zu klein, wenn man es als Beispiel patriotischer Gesinnung auswerten kann. Und du bist zu bedeutend, um mit den Konsul Breitenfelds und Konsorten abzurechnen. Du darfst nur über sie hinsehen.«

»Der Unnoblesse darf man nicht nobel begegnen. Sie hat kein Organ für solche Haltung und versteht sie falsch.«

»Ich will lieber von den Kleinlichen falsch verstanden werden, als zu ihnen hinabsteigen und die Einsichtsvollen brüskieren. Und ich bin im voraus sicher: wenn du da morgen abend sprichst – all die Gesichter voll Spannung dir zugewendet – so wird deine Würde stärker sein als dein Zorn. Wie beklage ich, daß ich nicht dabei sein, nicht auf der Tribüne sitzen und zuhören kann – oh, das möcht' ich gern. Es freut mich, daß du sprechen willst, offen sagen wirst, daß dir all der Klatsch bekannt ward – aber du wirst ihn nur mit einem Wort des Bedauerns richten. Schade, wirst du sagen, schade! Und nur das Sachliche darlegen – o, es wird sehr wirken – vornehm und überlegen.«

»Du bist Idealistin, Therese,« meinte er. Er fand ihre Gesinnung unpraktisch schön, aber sie freute ihn doch. »Frauen vergessen, daß man die Faust braucht, um Gestrüpp niederzuschlagen …«

»Frauen denken mehr an die Würde des Angegriffenen als an die Haltung des Feindes.«

»Wenn sie den Angegriffenen lieben!« dachte er … Liebte sie ihn noch?

Aber zugleich fast erschrak er, denn er sah, kaum daß Therese ausgesprochen hatte, so veränderte sich ihr Gesicht. Es verzog sich, ward dunkelrot, zeigte einen Ausdruck von schreckhaftem Staunen – ward langsam wieder bleich.

»Therese!« rief er und war schon bei ihr.

»Ich glaube, mir ist nicht wohl.«

Er half ihr vom Stuhl auf – umfaßte sie – geleitete sie der Tür zu.

»Irmler soll sofort kommen.«

»Nein,« wehrte sie rasch ab, »oh, bitte, nein …«

»Aber …«

»Oh, bitte, nein.«

In ihrem Ton lag fast Widerwille. Das überraschte, erschreckte ihn. Der Arzt sollte ihr doch Wohltäter sein.

»Du magst Irmler nicht?«

»Nicht sehr – aber es ist ja gleichgültig – er ist gewiß tüchtig …«

Sie bemühte sich schon wieder, ihre erste unwillkürliche Abwehr gutzumachen.

»Warum hast du es nie gesagt?«

»Du hattest ihn berufen, ohne mich zu fragen.«

Mein Gott ja, er kam sich wie ein Barbar vor. An all die vielen feinen Abhängigkeiten des Frauengefühls, an all die unbenennbaren Zartheiten der weiblichen Empfindungen kann der Verstand eines Mannes nicht denken …

Sein Verstand nicht, aber wohl sein Herz … schien, eine laute Stimme ihm zu sagen …

Langsam, Schritt vor Schritt, kamen sie weiter. Hinter ihnen war schon Sophie und die alte Köchin Kathrin. Es war gerade, als sei die Nachricht von Theresens plötzlichem Unwohlsein einer Stichflamme gleich durchs Haus gezuckt.

Bording, von einer Aufregung erfaßt, wie er sie noch niemals gespürt hatte, bot Therese alle möglichen Ärzte an, wollte per Draht und mit Extrazügen Professoren aus Kiel und Rostock kommen lassen …

»Ja,« dachte sie, »nun soll mit Geld gutgemacht werden, was damals nur einen liebevollen Gedanken gekostet hätte.«

Aber sie hatte sich schon wieder ein wenig in der Hand, lobte Irmlers Fürsorglichkeit und sagte, man müsse sich nicht von Antipathien bestimmen lassen …

Es blieb dem Mann bald nichts übrig, als sich zurückzuziehen und seine Frau den vielen Weibern zu überlassen, die ihr Zimmer und die Nebenraume füllten – wenigstens wirkte es auf ihn, als seien es »viele Weiber«.

Er ging hinab. In der Diele traf er schon auf Irmler. Er sagte ihm, daß bei der leisesten Schwierigkeit oder nur bei der Vermutung, daß vielleicht solche eintreten könne, noch mehr Spezialärzte zugezogen werden sollten, und daß sofort aus Kiel per Extrazug der Professor kommen müsse.

Die weißen Raffzähne zwischen Irmlers schwellenden roten Lippen blinkten unverdeckter auf, und hinter den Gläsern funkelten seine Augen spöttisch. Er mokierte sich über diesen Mann, der sich feig und aufgeregt zeigte, wenigstens taxierte Irmler so die Haltung Bordings ein. Und er fertigte alle Besorgnisse des Senators mit ein paar launigen Schnäcken ab, die gewiß zum Urbestand solcher Lagen gehörten, durch die Bording sich aber verletzt fühlte, denn er hatte nur in ganz seltenen Fällen Verständnis für Humor. Heute und in seiner Stimmung, die von Spannung und Angst durchsetzt war, schien gerade Humor der unmöglichste Ton für ihn. Ja, es kam ihm roh vor, daß man in solcher Stunde scherzen könne. Mit einem Male teilte er Theresens Abneigung gegen Irmler.

Dies steigerte seine Aufregung ins Grenzenlose.

Da lag sie nun oben in ihrem Zimmer und litt, und war dem Beistande von Dienstboten und der Fürsorge eines Mannes anheimgegeben, der ihr ganz und gar fatal war …

Sie, von der er geglaubt hatte, es sei genug Gegengabe für ihre Liebe, wenn er ihr mit seinem Gelde und mit seinen Rücksichten ein Leben voll Glanz und Behagen anbiete … Arme reiche Frau – seine Frau … Wie ein Rasender lief er in der Diele umher …

Schrötter schlich einmal heran. Er wagte nichts zu sagen. Aber es trieb ihn doch, sich mehr in die Nähe des zu erwartenden Ereignisses zu begeben – und ihm kam vor, als sei er das bei seinem Herrn.

Bording sah den weißen Kopf des Alten … zwischen den Klubstühlen tauchte er auf, in der Nähe des bronzenen Merkurs, auf dessen schlanken, emporstrebenden Jünglingsleib das elektrische Licht blanke Flächen hingleißte …

Und wieder, wie damals an seinem Hochzeitstage, kam es ihm vor, als sei dieser kleine alte Mann, der Überlebende aus seiner Kindheit, ihm fast der Nächste auf der Welt …

Er ging zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und schwieg lange.

Endlich sagte er, scheu, mit gepreßter Stimme: »Ja, Schrötter – das sind Stunden …«

Und Schrötter wühlte sein Taschentuch aus der hinteren Rocktasche.

XIV

In dieser Nacht erlosch das Licht nicht im Hause Bording. Gelbrot glomm es auf den Kirchplatz hinaus. Und drüben stand, die hohen Spitzbogenfenster vom blauglasigen Mondlicht gefüllt, stumm und drohend die Kirche. Stunde um Stunde bebten von ihrem Turm herab die zerstreuten Töne des Glockenspiels und priesen in zaghaften Chorälen Gott den Herrn. Und von Stunde zu Stunde beschwor der Arzt es dem zerschlagenen Mann, daß alles gut gehe, nur Geduld müsse man haben, Geduld …

Geduld? Wenn das Höchste sich begibt, was Menschenwissen erleben kann – Geduld? Wenn alles verzagt, was Verstand, Geld, Macht, Rücksicht, Fürsorge kann … Geduld? Wenn die heilige Natur sich aufreckt wie eine gnadengebende oder vernichtende Göttin, vor der es keinen Willen mehr gibt …

Und von Stunde zu Stunde ging Bording zu seinem Weibe … seine Knie flogen, seine Lippen bebten …

Er küßte ihre Hände, als küsse er die einer Heiligen –

Und als er einmal von der tapferen und großen Seele seines Weibes einen Blick des Trostes empfing – da kniete er an ihrem Bette nieder – ein demütig Gewordener.

Der Tag graute – er fürchtete sich vor ihm. Eine Nacht war vergangen? Nur erst eine Nacht? Nicht viele Nächte voll Sorge und der unaussprechlichen, zerfleischenden Wucht des Mitleidens?

Er hoffte nichts mehr. Er sah nur Leiden, spürte nur Leiden. –

Und als er wieder einmal neben dem Bett der schwerringenden Frau stand, übermannte ihn seine Ohnmacht so sehr, daß fast Zorn daraus ward …

»Therese,« sagte er, »liebe Therese – könnte ich was für dich tun …«

Vielleicht hatte sie es gehört … vielleicht auch nicht. Vielleicht war es die einfachste Natur in ihr, die aufschrie – die Not des Kindes, das in banger Stunde die Mutter ruft.

»Mama …« stieß sie hervor. »Mama …«

Es war wie ein Jammerlaut.

Da nahm der stolze Mann sein herrisches Wesen zusammen.

Unten, in der kleinen Gasse vor dem Hauseingang, stand das Auto – da hatte es die ganze Nacht gestanden – bereit, davonzusausen, falls eilige Fahrten zu machen feien.

Nun brauste es in die perlgraue, kühle Morgendämmerung hinein, mit den großen, grellen Laternenaugen das Wegstück voraus überhellend, das Wegstück hinter sich mit Staub überwölkend.

Und hinter den spiegelnden Scheiben saß starr und aufrecht ein Mann.

Aus ihrem Schlaf fuhren die Eltern auf, denn der hohle Hupenruf, den das Auto vor der Gartentür ausstieß, als es bremste, war durchdringend. Gleich danach schrillte ein Klingelton durchs Haus.

Sie hatten beide auf der Stelle nur dies eine Wissen: Therese. Und als die Senatorin das Fenster öffnete, sah sie unten Jakob Martin Bording stehen …

»Er selbst!« sagte sie.

Und kein Wort als dies. Sie zog sich unerhört rasch an, fuhr in ihre Zugstiefel und nahm ihre Mantille um.

Der große Augenblick verschlug ihr die Sentenzen und die pomphafte Würde und auch jeden kleinlichen Zorn. Sie war nichts wie eine ganz einfache, in ihrem Herzen zitternde, in ihrem Wesen aber entschlossene Mutter.

Als sie vor ihren Schwiegersohn hintrat, den Landskron in fragwürdiger Halbbekleidung eingelassen, schien sie an nichts zu denken als an die Lage der Tochter.

»Wir wollen fahren. Mein Mann kommt nach. Sie erzählen mir unterwegs, wie es steht.«

Bording war benommen – vor Überraschung nicht ganz Herr seiner Haltung …

»Liebe Mama,« sagte er, »ich – dieser Augenblick … ich habe mich töricht Ihnen gegenüber verhalten – mehr als töricht – – aber diese Nacht – liebe Mama – man lernt viel begreifen! Verzeihen Sie mir!«

Trotz allem – eine starke Genugtuung schwoll doch in ihr empor. Aber das mischte sich auf das Wunderlichste mit Verlegenheit, ja mit Beschämung – weil ihr das ward, worauf sie pochend bestanden hatte, und was doch eben in dieser Stunde so nebensächlich schien …

»Nichts mehr davon – wir wollen fahren.«

Und an diesem Tage, der noch endloser, spannungsvoller und marternder war, als es die Nacht gewesen, begab sich das Niegeahnte: für Bording bedeutete die Nähe seiner Schwiegermutter so etwas wie Trost. Sie verstand doch, was vorging. Sie hatte all dies selbst an sich erfahren.

Sie konnte wissen, ob dies drohende Gefahr und völligste Hoffnungslosigkeit sei. Sie stand wie ein Fels in der raunenden, angstvollen Unruhe, die das Haus erfüllte. Diese Stunden gehörten eben der Mutter, der Frau – es waren die Stunden, wo auch der größte Mann klein wird vor dem Märtyrerglanz allen Weibtums.

Und als er Theresens rührendes Dankeslächeln sah – als er Zeuge ward, wie die Tochter hilfeflehend die Arme um den Hals der Mutter schlang – als er die Träne sah, die aus dem Auge der alten Frau auf das Haupt der Tochter niederperlte, da ging er still hinaus …

Er starrte lange hinüber auf die im Morgendämmer blauroten Kirchenmauern.

Er fühlte tief in seiner Brust: es gab Dinge, von denen er nichts geahnt hatte . . .

Und eine Weichheit kam über ihn und quälte ihn …

Dieser Tag hatte gewiß viele hundert Stunden. Bordings Ungeduld und Sorge – es war schon keine Ungeduld und keine Sorge mehr, es war Verzweiflung – hatte längst Irmlers Fachkollegen an Theresens Lager berufen, und ein Extrazug mit dem berühmten Spezialisten aus Kiel war unterwegs.

Irmler sagte, es sei Unsinn. Wahrscheinlich fanden seine Kollegen es auch. Aber schließlich konnte ja Bording Tausende hinauswerfen, wenn es seinen Nerven im Moment wohltat …

Theresens Mutter aber genoß diese großartige Form der Angst um ihr Kind doch.

Der Senator Landskron erlebte jenen plötzlichen Umschwung, auf den er gehofft, denn seine Frau sagte ihm einmal zwischen Tür und Angel belehrend: »Bording ist eben ein besonderer Mensch. Er liebt Therese doch. Er beweist es heute.«

Und Landskron dachte: »Gottlob!« So war die Stimmung doch milde bis – zum nächsten Umschwung. –

Gegen sieben Uhr kam Burmeester. Man war ja den Tag über in telephonischer Verbindung gewesen. Bording hatte Gretes Anerbietungen, zu kommen, etwas schroff abgelehnt, und daraus schlossen Burmeesters dann, daß er lieber allein bleiben wollte.

Aber nun mußte der Freund und Vetter wohl die getroffene Verabredung innehalten: sie hatten vor jener Sitzung, in der Bording über den geheim gehaltenen Erwerb von Uferparzellen Auskunft zu geben dachte, noch einige geschäftliche Dinge bereden wollen.

Frisch und fröhlich wie immer, die mächtige Gestalt mit der gewohnten Forschheit aufgereckt, kam Burmeester an – im voraus gewiß, daß er seinen alten Jakob Martin in einer ganz neuartigen Gemütsverfassung antreffen und eine gehörige Portion von humoristischen Trostsprüchen anzubringen haben werde.

Aber als er den bleichen Mann sah, dem nun schon fast vierundzwanzig Stunden unerhörter Aufregungen die Züge geschärft hatten, dem eine aufs äußerste gespannte Nervosität im Gesicht geschrieben stand, da verschlug ihm der Humor und er spürte auf der Stelle, daß er sich hüten müsse, zu spaßen. Das Empfinden für den Ernst solchen Erlebens kehrte aufwallend ihm zurück. Ihm fiel ein, wie's gewesen war, als sein erster Junge kam …

Die beiden Männer umarmten sich sehr fest.

»Ja,« sagte Burmeester, »das sind so Sachen … Da

wird auch ein Realpolitiker klein und windelweich. Nichts sind wir vor der Frau … Nichts …«

Und Bording schwieg. Was in seiner Brust sich begab, war zu groß, zu heilig, um in Worte gefaßt werden zu können …

»Du wirst nicht mitkommen wollen,« sagte Burmeester. Es war eine halbe Frage. Bei Bording konnte man ja nie wissen … Und dann in der Tat: es lag viel daran … So eine Gelegenheit, mit diesen und jenen Verunglimpfungen abzurechnen, kam nicht bald wieder. Und auf das Quos ego, das Bording sprechen würde, freuten sich schon alle Einsichtsvollen. Es war ein fatales Zusammentreffen, daß gerade heute … Ein wenig überredend fügte er hinzu: »Ich habe die Vorlage zuoberst auf die Tagesordnung gesetzt, in einer Stunde kannst du wieder hier sein.«

Bording erschrak beinahe – er hatte wohl hie und da im Laufe des Tages an die bevorstehende Sitzung gedacht – flüchtig – oder mit dem halbeingestandenen Gefühl: bis heute abend ist alles gut.

Nun war der Abend da und alles schien noch auf demselben Punkt wie heute morgen.

Burmeesters Frage zwang ihn nachzudenken. Das Gespräch, das er gestern abend mit Therese noch geführt, ging ihm wieder durch den Kopf. Sie hatte gesagt: »Es freut mich, daß du sprechen wirst« – sie wünschte sich, zugegen sein zu können … Mit jedem Wort, mit jeder Miene zeigte sie, wieviel ihr daran lag … Seine Ehre war ihr Stolz – immer noch – trotz allem . . .

Es war bekannt geworden, daß er kommen und sprechen werde …

Wenn er nun nicht erschien? Wenn der volle Saal und die vollen Tribünen vergebens auf ihn warteten? Wie würde die Gehässigkeit aufrauschen – Die Unterstellungen würden sich nur so drängen … Daß es mit seiner Sache doch nicht ganz sauber sei, würden sie sagen … Und wenn auch morgen der Grund seines Fernbleibens aller Welt bekannt würde – wie ein Bienenschwarm würden seine Feinde erfreut aus der Sitzung schwirren und es an alle Biertische tragen: Bording traute sich nicht …

Und wenn er morgen durch die Presse bekannt geben ließ, daß er die Ländereien noch in Unkenntnis ihres plötzlich entstandenen Wertes erworben, daß er sie nunmehr dem Staate schenke, so würde man sagen: es sei ein Druck auf ihn ausgeübt – er habe mit Zähneknirschen sich gefügt, weil er begreifen mußte, daß ein hanseatischer Senator nicht als Großkaufmann mit dem Wissen Geschäfte machen darf, das er als Staatsmann erlangt hatte. Einen solchen Verdacht durfte er auf seinem Ehrenschilde nicht dulden …

Aber sein leidendes Weib verlassen?

Es mußte wohl sein. Denn es gibt Lagen, wo nur der Sieger werden kann, der das lebendige Wort, der die Persönlichkeit selbst im Kampfe einsetzt … Und diese Angelegenheit war von solcher Art …

Auf das allermerkwürdigste beruhigten diese Erwägungen seine Nerven – drängten die unerhörten Erregungen zurück, deren Beute er seit gestern abend gewesen war … brachten ihm zum Bewußtsein, daß die Welt draußen ja noch stand, mit ihren großen Anforderungen an ihn nicht innehielt … Seine Herrennatur reckte sich wieder auf … Ein Rückschlag kam … Seine Arbeit, seine Ehre stand mächtig vor ihm … wollte nicht plötzlich wie ein Nichts übersehen, vernachlässigt werden …

Aber dennoch – jetzt, gerade jetzt das Haus verlassen? Wo die Wage des Geschicks in der Schwebe stand …

»Einen Augenblick!« bat er und eilte hinauf. Er traf auf Irmler, und der sagte drastisch: »Wir freuen uns, wenn wir Sie los sind. Wenn Sie morgen früh wiederkommen, kommen Sie immer noch zur rechten Zeit.«

Er trat an Theresens Bett. Still und erschöpft lag sie, und neben ihr saß die Mutter, ruhevoll und tröstlich.

»Ich möchte gern schlafen,« klagte Therese.

»Therese,« sagte er, »soll ich hier bleiben oder in die Sitzung gehen?«

Ach – ja – die Sitzung – das war ihr alles entschwunden – Sie schloß die Augen …

Er wartete. Er war sich nicht bewußt, daß er stand wie einer, der Befehle erbittet …

»Gehen Sie nur, lieber Jakob,« sagte seine Schwiegermutter. Sie wußte ja, worum es sich handelte, und daß er kam und um Erlaubnis fragte, entschied für sie. Sie fand nun verständig, was sie sonst unerhört gefunden hätte.

»Ja – geh –« flüsterte Therese, »und denke …«

Da sprach er mit starker Betonung, ja wie in einem leidenschaftlichen Versprechen: »Ich will denken, du hörst zu …«

Ihr Ausdruck blieb rätselvoll – undurchdringlich – von ihm und allem abgewendet …

Und als er ging, blieb ihr Gesicht vor seinem geistigen Blick – immerfort sah er es … von hehren Leiden bis zur Erhabenheit verklärt – geheimnisvoll – als verschweige es Kämpfe, die nicht von dieser Welt waren … Es beunruhigte ihn so sehr, daß die kurze Ablenkung auf seine Angelegenheiten wieder zerstob – daß er aller gewaltsamen Sammlung bedurfte, um Herr seiner Gedanken und seiner Sprache zu bleiben …

Vor der Tür zum Bürgerschaftssaal trafen Burmeester und er auf Herrn Sanders. Und Thoras Gatte wurde rot, sein Blick stechend, seine Haltung voll erzwungenen Stolzes! – Er war ja auf der Wacht, ob irgend ein Mensch sich unterstehen werde, ihn wegen seines Familienunglücks geringschätziger zu grüßen – und diese Sorge sah man ihm deutlich an …

Als Bording diesen blassen, scharfen, kalten Augen begegnete, wallte ein unbegreifliches Gefühl in ihm auf, das alle Abneigung gegen diesen Mann durchbrach und überströmte. Er reichte ihm die Hand zu einem kräftigen, ehrlichen Druck. Es war wie ein Abschluß – vielleicht wie eine späte, stumme Abbitte … Bording verstand selbst nicht, was ihn trieb … Es war eine Fülle der Empfindung in ihm … von all seinen Feinden wünschte er gerade diesem Versöhnlichkeit zu zeigen …

Was der andere sich bei diesem Händedruck denken mochte, blieb unaufgeklärt. Aber jedenfalls sah man deutlich: es hatte ihm wohlgetan …

Burmeester nahm seinen Platz als erster Wortführer und Vorsitzender ein. Die Formalitäten wickelten sich ab, und die Sitzung begann.

Vom elektrischen Licht war der braune Saal gefüllt. Es beschien hell all diese hundert Gesichter der hanseatischen Männer, die aus so verschiedenen Berufen herkamen. Und viele trugen die Prägung ihrer sie peitschenden Arbeit in ihren Zügen. Alle Augen hatten ein Ziel: Burmeester.

Alle Ohren nahmen den gleichen Klang auf: Burmeesters sonore Rede. Er verlas die Tagesordnung, und auf ihr stand tatsächlich an erster Stelle die Vorlage, betreffend die Veränderung der Uferlinie. Die Pläne waren den Mitgliedern des bürgerlichen Parlaments vorher zugegangen und lagen überdies auf dem Tisch des Hauses aus. Nun hätte die Debatte beginnen können. Es war auch zwischen Burmeester und Bording so verabredet worden, daß alle Männer, die etwa Feindseliges, Verdächtigendes oder nur Anspielendes gegen Jakob Martin Bording zu sagen dachten, sich erst aussprechen sollten, und daß er dann in aller Ruhe und Kälte – womit er eigentlich meinte: Verachtung! – erklären wolle, er stelle, im Fall der Annahme des Kommissionsbeschlusses, seine Ländereien dem Staate als Geschenk zur Verfügung.

Aber Burmeester wurde völlig durch Bordings Vorgehen überrascht.

Der saß hochaufgerichtet und ließ von seinem Sitz am Senatstisch aus seine Blicke langsam über die Versammlung hingehen, während Burmeesters klangvolle Stimme sich in bebenden Schallwellen durch den Raum schwang. Seine hellen Augen, klug und stolz, schienen jedes Gesicht besonders zu durchforschen. Der taxierende Blick ruhte auf des Konsuls Breitenfeld kleinem, vorstrebendem Kopf mit dem Kneifer vor den stierenden Käferaugen; er betrachtete die vermückerten, bärtigen Züge Heinrich T. Krögers, er schaute auch das imposante Haupt des winzigen Konsuls Gundlach an, den er vor Zusammenbruch und Niedergang gerettet; und manche andere Stirnen sah er noch, hinter

denen er ihm gehässige Gedanken wußte – vom Neid oder von Berufsenge genährt …

Und er hatte so etwas wie eine Vision – das Bild des Saales verschwamm, nur all die Gesichter, neben einander aufgereiht, waren wie helle Flecke in einem undeutlichen, braungoldenen Farbenstrom.

Über ihnen aber schwebte deutlich ein anderes Gesicht – ein bleiches, von erhabenen Leiden verklärtes Frauenangesicht …

Wie klein war alles, neben der Größe dieser Erscheinung!

Und plötzlich schien ihm, als sei der Neid nicht wichtig genug, seinen Zorn zu erregen, als sei die Gehässigkeit zu tief unter ihm, als daß er sie mit scharfen Worten strafe und beschäme …

Burmeester erteilte dem Berichterstatter der Kommission das Wort … Bording hörte nicht eigentlich zu – saß nur wartend – wann denn des Sprechers letzte Silbe verhalle … Und als der Redner geendet hatte, geschah etwas Unvermutetes.

Senator Bording erhob sich, sagte mit einer halben Wendung gegen Burmeester, daß er vor Eintritt in die Debatte eine persönliche Bemerkung zu machen wünsche. Und ehe jemand eine Einwendung erheben, ehe die Versammlung nur erstaunt aufatmen konnte, sprach er schon.

Er redete aber nicht zu der Versammlung.

Er sprach zu dem bleichen, verklärten Frauenantlitz.

Und weil er in diese tiefen, schönen, traurigen Augen sah, verlor seine befehlshaberische Stimme ihren harten Klang … Und weil er vor den leidvollen Zügen nicht erröten wollte, versank sein Hochmut in nichts, und sein Stolz fand eine einfache und herzliche Haltung … Von seinem schnellen und scharfen Verstand fiel die Ungeduld mit der Kleinheit ab, und mit einem leisen Lächeln der Nachsicht streifte er die törichten Unterstellungen …

Das Gefühl der Einsamkeit, das ihn so merkwürdig über alle seine Mitbürger erhoben und sie zugleich von ihm entfernt hatte, erlosch.

Neue Zauber gingen von seinem Wesen aus.

Seine leidenschaftliche Liebe zur Heimat, die er in herber Kraft nur in Taten gezeigt, sättigte nun auch das Verlangen der Kleinen und Engen, die Worte hören wollen … denn nur im Wort kann man zu ihnen, die zu schwach oder zu gebunden zu Taten sind, sich gesellen, ihnen sagen: sieh, wir haben ja alle die gleiche Liebe und den gleichen Wunsch, die Heimat und ihre Blüte …

Er erzählte die Geschichte des Ankaufes der Ländereien, den Plan, auf ihnen eine neue, durch die Nähe der See so aussichtsreiche Industrie zu gründen, er nannte jede Zahl und erklärte die so begreiflichen Gründe der Geheimhaltung. Er sagte, daß er gehofft habe, durch diese Gründung die noch junge Industrie des Staates abermals um ein gesundes Unternehmen zu kräftigen. Und er schloß: »Als ich, meine Herren, von den Kommissionsbeschlüssen zuerst und zwar Ungenaues noch erfuhr, fühlte ich mich gestört. Sorgsam ausgearbeitete Pläne, deren Ausführung nur Zufälle verzögert hatten, sollten nun weggeworfene Arbeit sein? Wer von Ihnen, die Sie alle gleich mir in Ihrem Beruf rastlose Arbeiter sind, empfände mir das nicht nach? Als ich dann hörte, daß die Dinge in der Tat so lagen, wie wir sie nun aus dem Munde des Herrn Berichterstatters vortragen hörten, konnte es für mich keinem Zweifel unterliegen, daß ich eine Verhandlung oder Expropriierung nicht abzuwarten, sondern daß ich die Ländereien zum Ankaufspreis dem Staate zur Verfügung zu stellen habe. Es scheint aber, daß der eine oder andere unter Ihnen diese selbstverständliche Haltung von mir nicht erwartet hat, während ich meinerseits überzeugt bin, daß jeder von Ihnen, in gleicher Lage, nur an das Interesse des Staates und nicht an den eigenen Vorteil gedacht haben würde. Ein solcher möglicher Vorteil könnte in diesem Fall immer nur so gering geworden sein, daß er bei den Maßstäben, die ein hanseatischer Kaufmann anzulegen gewöhnt ist, beinahe ein wenig humoristisch wirken müßte, wollte man ihn in Zahlen ausdrücken. Meine Herren, für die geplante Gründung werden mein Geschäftsfreund, Graf Strachow, und ich andere, vielleicht weniger glücklich gelegene, aber dennoch geeignete Ländereien finden. Diese vielbesprochenen Uferparzellen waren noch nicht unser gemeinsamer, sondern noch mein alleiniger Besitz. In der Lage, frei über seine, ich wiederhole es, verhältnismäßig bescheidenen Werte zu verfügen, gestatte ich mir, sie dem Staate, falls die Vorschläge der Kommission von Senat und Bürgerschaft zum Beschluß erhoben werden, als Geschenk anzubieten, in dem Wunsch, dadurch die Angelegenheit zu fördern. Ich drängte mich dazu, dies noch vor Beginn der Debatte zu erklären, damit nicht unnütze Reden über die Erwerbsnotwendigkeit dieser meiner Ländereien gewechselt zu werden brauchen. Ich bitte die hochansehnliche Versammlung, diese Schenkung nicht zu überschätzen, sie vielmehr als das anzusehen, was sie sein will und ist: eine Selbstverständlichkeit unter den zufälligen Verhältnissen. Denn, meine Herren, wie weit auch die einzelnen von uns in politischen Anschauungen, in wirtschaftlichen Verhältnissen, in den Zielen und Mühen der Berufe voneinander entfernt stehen: eine Nähe, ein gemeinsames Empfinden gibt es zwischen uns allen, eine Gleichheit, die alle anderen Nuancen des bürgerlichen Lebens wie eine warme Flutwelle überströmt … es ist die heiße Hingabe unserer Herzen an die alte, ruhmreiche Hansestadt, deren Kinder wir sind und für die wir alle arbeiten, wie sonst nirgendwo auf der Welt Bürger arbeiten – von nichts belohnt, als von dem Gefühl der Pflicht. Ich habe in dieser Angelegenheit nur die meinige getan. Sie war bescheiden.«

Ein lautes Bravo brauste durch den Raum.

»Bist du zufrieden?« fragte Bording ins Unbestimmte hinein – da, wo seine Phantasie ein bleiches Frauenhaupt sah …

Und noch unter dem erneuten Aufrauschen des Beifalls trat er zurück. Er hatte in dieser Angelegenheit nichts mehr zu sagen.

Er verließ den Saal, nahm im Senatszimmer Hut und Paletot und ging davon. Er sah nach der Uhr – ja kaum eine Stunde … Doch schien ihm, als sei er lange, lange Zeit von seinem Hause fern gewesen. –

Zum ersten Male in seinem Leben hatte die Begabung ihn verlassen, sein Gemütsleben völlig auszuschauen und seine Verstandeskräfte ganz auf den Gegenstand zu sammeln, den Berufspflicht ihm gerade in den Weg warf. Auf das wunderbarste hatte sich ihm alles miteinander durchwirkt. Und indem er seine Kaufherrn- und Senatorwürde klarstellte, ohne sich herabzulassen sie zu verteidigen, sprach er eigentlich zugleich zu seiner Frau – für sie – vielleicht allein für sie …

Plötzlich hatte er einer Erleuchtung gleich die Erkenntnis: es handelte sich heute um mehr als darum, ob seinem Hause ein Erbe geboren werde … Heute vielleicht erfuhr er auch, ob sein Weib ihn noch liebe …

Er kam heim.

Und ein Schreck ohnegleichen warf sich auf ihn –

Die Tür zwischen Vorflur und Diele stand weit geöffnet, Straße und Haus schienen durch keine Schranken mehr getrennt. Völlig menschenleer war das Erdgeschoß.

Bording stürmte treppan – seine Knie bebten –

Er hatte die peitschende Angst: ein Unglück ist geschehen …

Oben stand die Dienerschaft in einer Gruppe zusammen, in ihrer Mitte sah man Schrötters weißen Scheitel und als krassen Farbenfleck etwas vom rotweißen Taschentuch –

Sie wichen vor ihm zurück.

Er riß die Tür auf. Da traf er auf Landskron, der fassungslos und eilig hinaus wollte …

»Therese?« fragte Bording, zitternd, »was ist geschehen?«

»Ein Junge! … Ein Junge!« brachte der alte Herr heraus und fiel Bording um den Hals.

Einen Augenblick später kam die Mutter, verdienstvoll, in wiedergewonnener pompöser Würde, mit leuchtender Genugtuung im Gesicht. Sie sprach mancherlei: Lob über Theresens Tapferkeit, Belehrendes für Männer, die nie dankbar genug sein können. Sentenzen über Pflichten, die nun neu begannen.

Bording hörte sie nicht. Kaum das Geräusch getragen und wichtig gesprochener Worte kam als bloßer Schall an sein Ohr.

Von der wahnwitzigen Angst war er jäh hinübergerissen zu einer betäubenden Glückseligkeit. Starr und stumm stand er, leichenblaß. Fassungslos stand er vor dem unerhört Neuen und Großen, das nun

sein Leben erfüllte. Er konnte nicht glauben, daß es wahr sein sollte.

Er hatte einen Sohn! Einen Sohn! Einen Sohn!

Das heiße Verlangen, sein Weib zu sehen, war in ihm – Hilflos, verwirrt, von einer seltsamen Befangenheit wie gebändigt, wagte er nicht zu fragen …

Doch nachdem die von ihr wohlabgewogenen Minuten verflossen waren, sagte die Mutter von selbst: »Ich glaube, Sie können jetzt hinein.«

Und dann war er neben dem Bett seiner Frau …

Die Wärterin zeigte ihm ein weißes Bündel, daraus ein bißchen von einem kupferigen und dunkelhaarigen Köpfchen hervorguckte …

Ja, das war sein Sohn … sein Sohn …

Er beugte sich über Therese. Mit zitternder Andacht – klein vor ihrer heiligen Würde – erschüttert von der Wucht des Erlebens, küßte er ihre Lippen, zart und vorsichtig – und fühlte, daß sie diesen scheuen Kuß in starrer Unbeweglichkeit hinnahmen …

Dann sahen sie sich an. Lange und schweigend …

Und in den Augen seines Weibes fand er wohl einen tiefen, geheimnisvollen Ernst … Aber strahlende Liebe fand er nicht darin.

XV

Von diesem Tage an wußte Bording nicht, ob sein Leben ein Siegerrausch oder ein Entsagen sei.

Alles war sein, was er in den ehrgeizigen Plänen seiner Jünglingszeit schon ersehnt. Großer Reichtum häufte sich für ihn auf den Banken und lag fest in wohlbedachten und klug geleiteten Unternehmungen, sich immer noch vermehrend; die höchste Würde, die die Freie und Hansestadt zu vergeben hatte, war ihm geworden; ohne peinliches Aufsehen, im glatten Gang unauffälligen Lebens wickelte sich sein Dasein vornehm ab. Und vor allen Dingen: er hatte einen Sohn, gesund und kraftvoll – einen Sohn und Erben! Er wußte nun, für wen das Haus Jakob Martin Bording so hoch und fest gebaut stand …

Ja, an all dies zu denken, war berauschend und erhebend.

Aber er hatte keine Frau …

Dies junge Weib, durch das Wunder der Mutterschaft zu einer unerwarteten Schönheit erblüht, die ihn täglich mehr bezauberte, dieses Wesen voll unbegreiflicher Würde, ging in einer so sicheren und so unantastbaren Haltung neben ihm her, daß er nicht einmal wagte, sich ihr mit zärtlichem Werben zu nahen.

Er wußte es nun: er hatte sie verloren! Oder ihr Stolz war so groß, daß er ihre Liebe niederzuzwingen vermochte.

Jahre seines Lebens hätte er darum gegeben, zu wissen, was in ihr vorging. Er verzehrte sich vor Verlangen danach, einmal, endlich einmal wieder den Ausdruck süßer Glückseligkeit auf ihrem Gesicht zu sehen, wie damals, als sie seine Braut war …

Aber er wußte auch, aus ihrem klaren, tiefen und reinen Wesen heraus konnte sie jedes Unrecht verzeihen. Nur gerade die schweigende Lüge nicht, in der er einst ihre Liebe hingenommen …

Und er, der große, kluge, reiche Jakob Martin Bording beneidete seinen armen Sekretär Baumann um das kurze aber gewiß volle und zweifelsfreie Glück, das der seinem kümmerlichen bißchen Leben noch abgewinnen durfte …

Therese hatte den Wunsch geäußert, im Sommer auf dem Lande zu wohnen. Sie sagte »des Kindes wegen«, und es war möglicherweise die Wahrheit, die jedermann auch als solche einleuchten mußte. Aber Bording dachte erbittert: »Sie wünscht zugleich ferner von mir zu sein!« Und es war ein Trotz in ihm: »Nein, sie soll sich mir nicht ganz entziehen …«

Er bot alle möglichen Agenten auf, der Makler tor Straten fuhr acht Tage in der Umgegend umher, Geld spielte keine Rolle. So konnte Bording seiner Frau bald mitteilen, daß er ein schön gelegenes kleines Landgut erworben habe, mit einem sehr wohnlichen, geräumigen Herrenhaus. Der parkartige Garten ging an den Fluß hinab, da, wo er sich zu weiten Buchten rundete und sein Wasser sich mit dem der See schon salzig mischte. Wälder grenzten an den Besitz, hundert Morgen alter Tannenbestand gehörte dazu. Es wurde sofort eine Schar von Handwerkern aufgeboten, alles sollte nach Theresens Geschmack aufgearbeitet werden.

Um diese Zeit war gerade Theresens Geburtstag, und als Bording mit ihr im Auto zum ersten Male hinausfuhr, ihr die Besitzung zu zeigen, hörte sie, daß er sie ihr als Festgeschenk zugedacht habe. Er pries auch mit einer gewissen nervösen Lebhaftigkeit den Umstand, daß er ebenfalls hier draußen wohnen und mit dem Auto in fünfunddreißig Minuten im Geschäft sein könne.

Theresens Mienen verloren bei diesen Eröffnungen nichts von ihrer freundlich-höflichen Undurchdringlichkeit. Sie sagte in einem Ton, der seine Ungeduld rasend entfachte, gegen den er aber waffenlos war: »Ich bitte dich herzlich, davon abzusehen. Ich möchte nicht, daß von deinen Besitztümern irgend etwas als mein Eigentum auf meinen Namen überschrieben werde.«

Warum nicht? Aber er unternahm es nicht, dies laut zu fragen. Er beantwortete sich das selbst, mit scharfen, spitzen, unerbittlichen Worten. »Dein Geld ist nicht meines – ich lehne es ab, irgend eine Gemeinschaft mit dir zu haben, weder mit deinem Besitz, noch mit deiner Person – ich gab mich dir aus Liebe und du dachtest vielleicht, dein Geld sei Gegengabe genug für mich – nein, gar nichts Gemeinsames soll zwischen uns mehr sein. Ich tue nur meine Pflicht als Mutter, sie allein hält mich zu einem äußerlichen Zusammenleben an deiner Seite fest.« Ja, so etwas dergleichen konnte ihm Therese antworten, wenn er fragte …

Männer wissen sonst mit kleinen Kindern wenig anzufangen. Bording aber hatte eine fanatische Zärtlichkeit für sein Kind und er konnte es lange und in einem ängstlich glücklichen Gefühl betrachten – ihm war dabei, ohne daß er es sich geradezu eingestand, als werbe er um die Mutter …

Mitte Mai zog man hinaus. Zu des Alten unnennbarer Freude kam Schrötter mit. Er wäre sonst vor Sehnsucht und Kummer eingegangen, meinte Therese. Denn sein ganzes wichtig-gemütliches Greisenleben hatte einen neuen Mittelpunkt bekommen: das kleine Kind. Der Sohn und Erbe des Hauses, dem er bald fünfzig Jahre diente. –

Bording hatte unbestimmte Hoffnungen an den Landaufenthalt, an die veränderte Umgebung, an den Frühling, an die Einsamkeit gehängt …

Als er die von Therese angeordnete Einteilung der fertiggestellten Räume sah, begriff er …

Sie hatte für sich, das Kind und die Wärterin Zimmer bestimmt, die von den seinen weitab lagen.

Und so wurde zur erhöhten Qual, was eine Erlösung hatte herbeiführen sollen …

Wenn er, um sechs Uhr das Geschäft verlassend, in dem rasenden Tempo hinausfuhr, das ihm die Nerven beruhigte, malte er sich jeden Tag eine andere Möglichkeit aus, die es ihm erlauben konnte, sich Therese zu nähern. Vielleicht schien sie verstimmt oder abgespannt, vielleicht war sie von einer unnötigen Sorge um das Kind geängstigt, vielleicht war sie von einem allzu einsamen Tag ermüdet und hatte Sehnsucht nach ihm empfunden. Und sie kam zu ihm mit Klagen, er vielleicht konnte fragen, trösten – o wie viel Wege öffneten sich dann, auf denen er vorsichtig tastend sich an ihr Herz heranschleichen konnte … Aber er fand sie immer in jenem Gleichmaß des Wesens, durch das sie einst sein Vertrauen erworben. Nur daß es jetzt nicht mehr von der stillen, feinen Heiterkeit durchsonnt war, sondern einen undurchdringlichen Ernst zeigte. Wie jemand ihn haben mag, der mit sich im klaren ist, der Unabänderliches in stolzer Haltung und in den Formen des Friedens zu tragen denkt.

Und er litt, wie er nie von sich geglaubt hatte, daß er so leiden könne …

Es war zu Beginn des Sommers, daß aus Ostafrika eine schlimme Nachricht kam. Auf der Borgwardtschen Plantage, die der Kern des ganzen Baumwollunternehmens gewesen war, sowie auf den sonst schon kultivierten und bebaubaren Ländereien der Gesellschaft hatte sich der Baumwollsamenwurm gezeigt. Ein Unheil, das das Unternehmen schwer schädigen und auf Jahre hinaus zu einem resultatlosen Kampf gegen unbezwingbare Mächte werden lassen konnte.

Und beinahe schien es, als sei diese böse Wendung Bording willkommen.

Er belebte sich daran. Seine eigentlichste Natur reckte sich auf, seine Tatkraft sprühte von raschen Entschlüssen.

Immer hatte er nach dem alten Hansenwort gehandelt »Koplüd – Loplüd« – und wenn irgendwo auf seinen Faktoreien oder in seinen Filialen sich bedrohliche Kluft auftat zwischen dem hineingesteckten Kapital und der Verzinsung, die berechnet und erwartet worden war, reiste er unverzüglich an den Schauplatz dieser Sorge oder Unklarheit. So war er im Lauf der Jahre in vier Weltteilen herumgekommen, überall dorthin, wo die Firma Jakob Martin Bording ihr stolzes Schild zeigte.

Er wußte auch auf die Mitteilung des Direktors der Baumwollplantagen sofort, was zu tun sei.

Und am gleichen Abend sagte er es seiner Frau. Voll Unruhe, gespannt bis zum äußersten, fuhr er hinaus. Jetzt endlich hatte er ein Mittel, sie aus ihrer Unberührbarkeit herauszulocken.

Sie saßen am Tisch auf einer Terrasse, von welcher aus man die Landschaft übersehen konnte. Sanft senkte sich der Garten zum Ufer hinab, durch wohlbedachte Veschneidungen von Büschen und Baumwipfeln war dem Blick eine gerade Gasse gebahnt. An ihrem Abschluß stand ein schönes, weites Bild: eine schuppige Wasserfläche, belebt von den roten Signalen der Schiffahrtstraße; drüben ein anmutig gewelltes grünes Gelände, von schwerem Dickicht alter Baumgruppen und der ruhevollen Farbennote grauer Strohdächer wohltuend und malerisch gefleckt.

Zuweilen zog ein Dampfer in vorsichtiger Fahrt über das sichtbare Stück Wasser. Hohl klang sein Sirenenpfiff durch den Abendfrieden und die langausgezogene Rauchfahne hinterließ einen schwärzlichen Dunst, der lange wie ein Schleierstreif in der feuchten Luft stehen blieb.

Bording erzählte Therese von dem bedrohlichen Zwischenfall, der das vor Jahresfrist gegründete Unternehmen gefährden könne.

»Diese, man möchte sagen, dämonischen Überraschungen der Natur werden für immer aller Kultur in den Tropen etwas Zufälliges, Unsicheres, Unausgeglichenes geben. Gleichmaß und Verläßlichkeit für Zivilisation ist nur im gemäßigten Klima möglich. Aber dann liegt wohl. grade ein Teil des Reizes, den die heiße Ferne für uns hat. Im rechten Hanseaten steckt so etwas vom Kondottiere: Herrentum, das erobern will und im tiefsten Grund vielleicht noch gern über Sklaven herrschte.«

»Was denkst du zu versuchen?« fragte Therese.

Er sah sie fest an, so durchdringend, daß ihr Herz zu klopfen begann und sie warnte: nimm dich zusammen …

»Ich habe sofort an Professor Fehlbrunn depeschiert, du weißt, der berühmte Botaniker. Er ist jetzt in Berlin. Ich habe ihn eingeladen, mit einem seiner Assistenten mich nach Ostafrika zu begleiten …«

»Dich …?«

»Ja, ich denke in acht Tagen dorthin abzureisen!«

Eine Pause.

»Sie ist blaß geworden!« dachte er. Seine Nasenflügel bebten. Sein ganzes Wesen war leidenschaftliche Erwartung.

Jetzt – jetzt würde sie die gesenkten Lider heben und er würde eine Träne in ihrem Auge sehen – der Schreck, daß er sie verlassen wollte, nahm ihr die Maske ab …

Jetzt würde ihre Stimme zittern und sie würde, sie mußte sich verraten …

Und er konnte sie in seine Arme reißen und ihr mit heißen Küssen sagen, was verzehrend in ihm brannte …

Was war all die flammende Unruhe gewesen, in der er einst jenem dunkeläugigen, abenteuerlichen Weibe entgegenfieberte? Nichts als ein Rausch – eine Suggestion – eine Verführung – eine Krankheit –

Was war es gewesen, gegen diese drängende und dennoch wunderbar erhebende, gegen diese begehrliche und dennoch andachtsvolle Sehnsucht nach ihr, nach seinem Weibe …

Er wartete …

Da hob sie die Lider, unter denen sich lange, seltsam lange der Blick verborgen, sah ihn ruhevoll an und fragte: »Jetzt, im Sommer? Nach Afrika im Sommer? –«

Weiter nichts als dies …

So hart fühlte er seine qualvoll überspannte Erwartung niedergeschlagen, daß er Zeit brauchte, sich zu fassen.

Gerade kam auch der Diener aus der Tür, um die auf der Terrasse speisende Herrschaft mit dem Nachtisch zu bedienen.

Bording brachte es über sich, einen Löffel voll Crême auf seinen Teller zu legen, und er sprach, etwas heiser und eilig: »Nach dem Süden sollte man im Sommer, nach dem Norden im Winter reisen; das wird dir jeder Erfahrene bestätigen. Man ist immer am besten gegen die Beschwerden eines Klimas da geschützt, wo die Einwohner die Erfahrung und Tageseinteilung haben, ihm zu begegnen.«

Nun fragte Therese noch: »Mit welchem Schiff und welchen Weg?«

Und da wußte er, dieser Überfall, der wie mit einem überraschenden Schlag die Verschlossenheit ihres Herzens hatte zertrümmern sollen, war zurückgewiesen …

Oder war ihr Herz gar nicht verschlossen? War es nur ganz leer und tot? …

So reiste er denn nach Afrika. Er wollte sich wehren gegen die Gleichgültigkeit, die sie gezeigt, sich vielleicht rächen, sich selbst quälen oder betäuben. Kurz, er tat, als sei es nicht viel mehr als eine Fahrt nach Berlin oder Paris. Er schien in den letzten acht Tagen in Geschäften förmlich zu versinken und hatte für nichts Zeit.

Nicht einmal dazu, seinen Schwiegereltern einen Abschiedsbesuch zu machen, was bei der Senatorin Landskron einen »Umschwung« hervorrief.

Den vierten oder fünften. Aber diesmal war sogar der Senator Landskron ein wenig gekränkt. Nicht nur, weil es für ihn immerhin noch eine bemerkenswerte Sache war, wenn jemand nach Afrika reiste. Vor allen Dingen auch, weil sein Austritt aus dem Senat, seit anderthalb Jahren geplant und vorbereitet, nun Tatsache werden sollte und die Formalitäten sich in den nächsten Wochen abwickeln würden. Es hätte Landskron schließlich doch wohlgetan, wenn Bording dafür ein erinnerndes, vielleicht sogar bedauerndes Wort gehabt hätte.

Und wie viel Reden, Anzüglichkeiten, Vorträge und Empörungen hätte ein solches Wort voll Rücksicht verhindert. Aber eben weil es ausblieb, erregte sich die Senatorin immer von neuem.

Die Eltern waren auch erstaunt und traurig, daß Therese sie nicht zu sich einlud für diese Zeit. Die Senatorin vergötterte ihr Enkelkind und war so eifersüchtig auf ihr näheres Anrecht, daß sie ihrem Mann verschiedentlich vorhielt, er könne nicht solche Liebe fühlen, während er überzeugt blieb, er fühle sie doch. An der Wiege vergaß sie Würde und Weisheit, war glücklich ohne Aufwand von Standeszutaten und vergaß alle klagenden und vorwurfsvollen Gespräche über ihres Mannes neue Lebensgestaltung.

Aber nun erachtete sie sich für verletzt und erklärte es für unschicklich, daß eine junge Frau allein auf dem Lande wohne. Der gute Landskron hätte seine ethischen Anschauungen sehr erweitern und bereichern können, wenn er genau allen Lehrsprüchen zugehört haben würde, die seine Frau an ihn, als an ihr ehekontraktlich gesichertes Publikum, hinsprach. Aber er hörte nicht zu, sondern dachte immerfort bekümmert darüber nach, daß Therese ihren Gatten nicht auf den Bahnhof geleitet hatte. Denn

er, der Vater, hatte sein bißchen Empfindlichkeit über den unterbliebenen Abschiedsbesuch niedergeschluckt, war zur Abreisestunde an den Zug gegangen, um – Therese tröstlich nahe zu sein … Denn er dachte an Abschiedstränen und Trennungskummer … Und auf seine vorsichtige Anfrage nach Theresens Gemütszustand hatte Bording kühl geantwortet: »Aber ich bitte dich, Papa – es ist doch weiter kein Aufhebens davon zu machen, daß ich auf acht bis zehn Wochen nach Ostafrika reise.«

»In acht bis zehn Wochen kann sich viel begeben,« sagte Landskron und wollte eigentlich schüchtern damit auf die Tatsache hindeuten, daß in diese Zeit sein Austritt aus dem Senat falle. Er hoffte auf irgend eine herzliche Äußerung – ach, nicht seinetwegen. Aber es wäre so angenehm gewesen, mit einigen Abschiedsliebenswürdigkeiten von Bording in der Tasche heimzugehen und berichterstattend zu sagen: »Jakob war so warm, so teilnehmend.«

Doch Bording verstand diese Andeutung nicht – er war ja wie beherrscht von dem einen Gedanken – zerstreut, fast kalt nahm er Abschied.

Trotzig sagte er sich, als er davonfuhr und der alte Herr mit den roten Bäckchen und der bekümmerten Miene auf dem Bahnsteig zurückblieb: »Wie Therese will!«

Er erinnerte sich, daß er aus seinem Verstande heraus einst die Kraft gehabt hatte, sich von Thora Sanders zu trennen, genau in dem Augenblick, wo er es für angebracht hielt, wo er diese Leidenschaft als störend für seinen Lebensgang erkannte.

Und so wollte er jetzt auch die Kraft haben, sich innerlich frei zu machen von dem beständigen Gedanken an Therese … Sein herrischer Hochmut kam seinem Verstand noch zur Hilfe … Er bäumte sich dagegen auf, der hoffnungslos Werbende zu sein; er wehrte sich dagegen, immerfort diese Unruhe und diese Bitterkeit in sich zu finden, wenn er der völligsten geistigen Freiheit für seine Geschäfte bedurfte. Ja, Kopf und Herz sollten ihm wieder unabhängig werden.

Aber er mußte begreifen: weder sein Hochmut noch sein Verstand waren stark genug, irgend etwas auszurichten.

Immer war seine Unruhe mit ihm, immer dies drängende Verlangen nach Umkehr. Immer wieder ertappte er sich darauf, daß er die Tage zählte.

Das Schiff trug ihn durch den Suezkanal; bleichgelb und orangefarben, knochenblaß und graurot geströmt dehnte sich von seinen Ufern die Wüste hin. Vor dem Hintergrund ihrer ungeheuren Einsamkeit zeigte sich ab und an am Saum des Wasserlandes eine menschliche Ansiedlung. In brennender Glut, beizend grell besonnt lagen die rotweiß quergestreiften flachen Bauten der Kanalbeamten da, Palmen mit kargen, zerzausten Wedeln ragten neben ihnen und standen fahl vor dem krassen Blau des Himmels. Grauschwarze Negerkinder warfen ihre blankglänzenden Leiber ins Wasser und schwammen bettelnd neben dem Schiff.

Bording dachte: »Wie lebhaft hätte Therese dies alles angesehen …«

Die strenge Hitze des roten Meeres schwälte salzdunstig tags um das Schiff, und in den lauen Nächten, die sich einatmeten wie beruhigende Liebkosungen, funkelten die Sterne am leuchtend blauschwarzen Himmel, als seien sie große Brillanten, und ihre Bilder hatten sich phantastisch verschoben; des jungen weißsilbernen Mondes Sichel stand nicht auf ihrer Spitze, sondern lag auf ihrem gerundeten Bogen.

Und Bording fühlte: »Dies wäre ein Nachtbild gewesen, daran Therese sich entzückt hätte …«

Er landete und betrat zum ersten Male in seinem Leben die üppige, schwüle, blaugrüne Tropenwelt der Kolonie, mit ihren bedrohlichen Schönheiten und ihrem wucherischen Reichtum des Wachsens und Vergehens, des Werdens und Verderbens.

Er sah alles, wie Therese es gesehen hätte – –

Mit klugen Männern verbrachte er seine Tage, und von ihnen lernend, mit ihnen Ansichten erwägend, sah er die gedeihliche Tätigkeit, die aus dem Zusammenwirken ihres Wissens mit seinem Gelde und seiner praktischen Begabung erwuchs und die für die Plantagen sichere Rettung und Segen bringen mußte.

Und er wußte: Therese mit ihrer beweglichen Frische, ihrer raschen Intelligenz hätte das Zusammensein mit solchen Männern und zu so wichtiger Kulturarbeit unerhört genossen. –

Er schrieb ihr oft. An allem ließ er sie teilnehmen, in seiner klaren, kraftvollen Art schilderte er ihr, was er sah und was erzielt wurde.

Von Liebe aber und von Sehnsucht stand kein Wort in seinen Briefen. Als reifer Mensch, der er war, hatte er das schmerzliche Wissen: von Liebe und Sehnsucht zu einem Herzen sprechen, das nicht wiederliebt, heißt sich vor diesem Herzen zum Bettler herabwürdigen.

Als er sich endlich auf dem Heimwege fand, reiste er mit jener unaufhaltsamen Eile, die zähe Willensmenschen aushalten können, wenn ihr Ziel sie reizt. Er depeschierte Therese von Neapel aus, daß er dort angekommen sei. Alles übrige ließ er unausgesprochen. Sie mochte sich seine Reiseroute ausdenken wie sie wollte, über den Gotthard oder den Brenner, über Frankfurt oder Berlin. Sie würde ganz gewiß annehmen, daß er sich unterwegs da oder dort eine Nachtruhe gönne und eine nochmalige Depesche erwarten, die Tag und Stunde seiner Ankunft zu Hause anzeige. Und so müßte sie dazu kommen, sich auszudenken, daß er in fünf Tagen etwa bei ihr eintreffen könne.

Er aber reiste Tag und Nacht. Er hatte den Glauben, die feste, fanatische Gewißheit: was mir der Abschied verbarg, muß nun ein unvermutetes Wiedersehen offenbaren.

An einem Morgen in der Mitte des August kam er in Hamburg an. Anstatt den nächsten Zug zur Weiterreise zu benützen, beschloß er, die letzte Strecke mit einem Auto zu machen.

Es war noch sehr früh. Die Nachtkühle hatte sich nur da vertreiben lassen, wo die Sonne die Landschaft überhellte und trocknete. Im Schatten bewahrte die Luft noch feuchte und von Kräuterduft durchwürzte Frische. Auf goldenen Haferfeldern rauschte die Sense, vom schweren Armschwung schräg hingereihter Mäher geführt. Im dichten Schwarzgrün der Knickbüsche hingen die langfingrigen, schwül duftenden bleichen Blüten des kletternden Geißblattes. Blaßgelbe Stoppelbreiten, schon von der Roggenernte entblößt, zeigten sich von rotbraunen, ruhevoll schreitenden oder lagernden Kuhherden belebt.

Aus den sanftgewellten Linien des Landes wuchsen schlanke Spitzen empor, das Auto sauste auf die Richtung zu, die sie wiesen. Sie hoben sich und rückten immer höher, nadelscharf, grün vor dem blauen Himmel. Auf dem einen oder anderen dieser vielen Türme brannte oben ein Brillantpunkt. Da traf die Sonne die messingenen Turmkugeln.

Das waren die Türme seiner Heimat, die in lang sich hinziehender Linie wie aufgereiht, meilenweit übers Flachland hinaussahen; diese Türme, die niemand, der in ihrem Schatten geboren oder aufgewachsen war, wiedersehen konnte, ohne daß eine merkwürdige, aus Freude und Stolz, aus Wehmut und Resignation seltsam verwirrt zusammengesetzte Gemütsaufwallung ihn übernahm –

Bording erinnerte sich des Tags, da Therese und er sie vom Fenster des Wagenabteils gesehen, als sie von der Hochzeitsreise heimkehrten –

Damals war Therese noch gläubig und glücklich gewesen – sie, die Reine, die Unerfahrene, sie hatte noch nichts begriffen …

Und damals hatte er noch gedacht, sie werde immer gläubig und glücklich bleiben …

Woraus ihr das schmerzliche Wissen erstanden war, er wußte es nicht – vielleicht nur aus der Fülle ihrer Liebe heraus – mit jenem feinen Sinn der Frau, die eines Tags zu ahnen beginnt, daß ihr nur Achtung, Herzlichkeit, Rücksicht geschenkt wird, anstatt Leidenschaft …

Niemals erwog er die Möglichkeit, daß zu diesem inneren Erkennen und Erraten noch ein Eindruck, eine Erfahrung, ein Wissen gekommen sein könnte …

Er war sich ja von jenem Tage an, wo Therese seine Braut geworden war, einer völlig ehrenhaften Haltung ihr gegenüber bewußt. – –

Näher rückten die Türme. Zwischen dem Grün der Landschaft blinkten die Wasserbänder auf, und auf ihrem langgestreckten Hügelrücken buckelte sich die rote Stadt hin, aus deren Dächer- und Giebelgehocke die vielen schlanken, hohen Türme mit ihren spitzen, grünen Dächern ragten. Über Brücken raste das Auto; durchsauste die Stadt; nahm wieder eine Brücke, unter der tief im schuppigen Wasser ein Schleppdampfer breite, flachbedachte Oberländerkähne als Riesenschweif zog; rollte auf seinen Gummiwülsten fast lautlos tiefschattige Alleen entlang, huschte über Landstraßen durch tröstlich ruhevolle Buchenwälder, erschütterte den Boden eines freundlichen Dorfweges, fuhr zwischen dem öden Spalier von Chausseebäumen hin und hielt endlich unfern des hohen Drahtgitters, das die Buschumzäunung des Parks noch sichernd umklammerte.

Bording atmete auf. Angekommen! Er entstieg dem Auto, dessen Fenster grau von Staub geworden waren. Noch ein paar Worte mit dem Chauffeur, der dann langsam dem Gutshof zulenkte.

Und Bording ging schnellen Schrittes durch den Vorgarten, der dem stattlichen Herrenhaus gleichsam einen freundlichen Auftakt gab, durch Blumenfülle und Rasensamt.

Es war gegen neun Uhr. Das Haustor stand weit geöffnet, eine Frau lag auf den Knien im Flur und scheuerte die schwarzweiß gewürfelten Marmorfliesen. Schrötter setzte gerade eine blinkend geputzte Lampe auf den Kaminsims. Im Spiegel darüber sah er seinen Herrn, wie der über die Schwelle kam. Mit klirrendem Bumbs bekam die Lampe noch eben ihren festen Stand.

Ein bißchen zittrig, sehr aufgeregt und verwirrt vor

der Menge dessen, was er sofort glaubte alles tun zu müssen, sagte Schrötter immer nur: »O Gott – Herr Senator – nee – wahrhaftig – und mit einmal – wir dachten – frühestens übermorgen – –«

»Wo ist meine Frau?« fragte Bording.

»Na, ja,« dachte Schrötter, »wie sollt' er auch an was anderes denken …« Nichts sonst: keinen »Guten Tag« und »Wie geht's?« und gar nichts … Nur nochmal und sehr ungeduldig – in dem scharfen Ton, vor dem alle flogen: »Wo ist meine Frau?«

»Im Garten, Herr Senator – jawoll – mit dem Kleinen –«

Bording machte eine Handbewegung, die genügte, um den alten Schrötter förmlich festzunageln neben dem Kamin – denn eigentlich wollte er ja vorauslaufen und es melden. Er wußte ja, wie still und ernst und traurig »sie« gewesen war. Und nun dachte er: »O, wie sie sich freut – wie sie sich woll freut …«

Bording ging durch das Zimmer, aus welchem eine Tür auf die Terrasse führte …

Leer lag sie, überdacht von gelb und weiß gestreifter Markise, umgeben von der dichten, niederen Blütenmauer der blaßrosa Hortensien, die in ihren Kübeln wucherten.

Sein lascher Schritt klang auf dem steinernen Estrich wieder.

Hinab in den Garten. Er lag im stillen Glanz des Sommermorgens, Sonnenschein grellte auf Wegen, Rasen und den Oberflächen der Gebüsche, und selbst in den Schatten war keine schwere Tiefe, sondern eine braungoldene Wärme.

Bording erinnerte sich, daß Therese einen Platz liebte, den eine große, dichte Busch- und Baumgruppe vom Hause schied, einen Platz, von dem aus man den weiten Blick in den Frieden der Landschaft hatte. Da standen Korbstühle um einen Tisch. Da war Schatten und Frische.

Er ging vorsichtiger. Er horchte. Aber er hörte nur den dumpfen, schnellen Schlag seines Herzens.

Nun war er am Rande des dichten Gebüsches …

Nun noch zwei Schritt … Und er sah sie … Wie man in einer einzigen, jagendraschen Sekunde sehen kann – wenn das ganze Leben sich in diesen Blick zusammendrängt.

Sie stand, schlank und hell, und neigte sich ein wenig zu dem Kinde herab. Das lag im Hemdchen oben auf den Decken seines flachen Wagens – runde kleine Arme und Beine strampelten – das blonde Köpfchen ruhte auf einem Kissen.

Sein Weib, sein Kind – ein Bild holdester Anmut – nein – nicht sein Weib – nicht mehr sein Weib –

Nun hob sie das Haupt – nun sah sie ihn …

Ihre Augen wurden groß – ein Blitz von Glück, sinnlos, überwältigt, strahlend ging in ihrem Antlitz auf – und erlosch – noch ehe er bei ihr war.

»Du!« sagte sie, »du?« Und hielt sich mit klammernd Händen an dem nächsten Stuhl fest.

Er aber riß sie an sich – er hatte ja das Aufleuchten gesehen – ganz gewiß, er hatte es gesehen. –

»Therese!«

Er küßte sie … Ihre Stirn, ihre Augen, ihren Mund …

Sie hielt still und alles in ihr schien tot zu bleiben.

Er ließ sie wieder und wandte sich dem Kinde zu und seine Augen feuchteten sich … wie war es gewachsen und rundlich – schon ein Menschlein, dem man Gesundheit und Lieblichkeit ansah – Und ihm so ähnlich – ganz sein Sohn – sein Kind –

War es nicht, als ob diese schon so beredte Ähnlichkeit davon heilige Kunde gäbe, wie alle Gedanken der Mutter, da sie das Kind trug, nur ihm gehört? …

»Therese,« sagte er, schmerzlich und glückselig – zornig und bittend, leidenschaftlich und demütig zugleich, »Therese – ist das mein Willkommen, wie es mein Abschied war? Fremdheit! – Was hab' ich dir getan?«

Sie sah ihn an, fest und traurig. Eine große, würdige Ruhe war in ihr und ein Stolz, der ihr half, ihren Schmerz zu verbergen.

»Ich dachte nicht,« begann sie, »daß du mir Vorwürfe zu machen hast. Warum hast du mich geheiratet? So weit ich die Gründe begreifen kann: Du wolltest eine friedliche Häuslichkeit und du wolltest einen Sohn. Ich habe dir beides geben dürfen …«

»Therese! Ja, das suchte ich damals … das – nicht mehr als das, damals … Ich weiß aber jetzt …«

Sie unterbrach ihn. Höher noch hob sie das Haupt.

»Ich,« sprach sie, »ich hatte mich dir aus Liebe gegeben. Und wenn du ein erfolgloser Kämpfer, und wenn du arm und ein Unglücklicher gewesen wärst – ich hätte mich dir gegeben, denn ich liebte dich! Du aber, du hast geglaubt, mit deinem Gelde und vielleicht mit deiner Persönlichkeit sei meine Liebe – bezahlt …«

»Vielleicht, Therese, hab' ich das gedacht – ich bin sehr schuldig vor dir; aber deine Liebe, dein Wesen, dein Wert ist stärker gewesen als alles …«

Er machte eine Pause – es war nur wie ein Atemzug … ein letztes Besinnen vor dem Großen, was er sagen wollte.

»Therese – ich liebe dich!« sprach er mit heißer Bitte.

Sie stand unbeweglich. Ihr Blick ruhte fest auf ihm.

» Vielleicht gab es noch einen anderen Grund zu heiraten – zufällig mich – weil ich dir gerade in den Weg kam – weil du meine Liebe spürtest und sie dir recht war, als Mittel zu deinem Zweck …«

Was wollte sie sagen? Er wartete, atemlos vor Schreck.

»Vielleicht war da eine andere Frau … Und du wolltest dich dem Unrecht und ihr und einem gefährlichen Abenteuer entziehen …«

»Was … was denkst – du?« fragte er völlig unbeherrscht.

Nun vermied sie seinen Blick und sah an ihm vorbei ins Unbestimmte.

Sehr langsam sprach sie, jedes Wort suchend und abwägend, um mit äußerster Vorsicht an den Dingen vorbeizusprechen und doch alles erraten zu lassen …

»Ich denke an einen lilafarbenen Stein, daran eine Perle hing – ich fand ihn in deinem Schrank – ich denke daran, daß ich diesen selben Stein einige Wochen später am Halse einer anderen Frau funkeln sah.«

Er war sehr blaß geworden. Da war sie wieder, diese tausendmal verwünschte Vergangenheit und höhnte hinein in sein Leben und wollte ihre zerstörerische Kraft noch spät an ihm erproben.

Sein Gefühl wehrte sich dagegen. Er nahm sich fest zusammen.

»Für das, was früher war, hast du selbst das Wort gefunden: Abenteuer,« sagte er sehr ernst. »Ich schwöre dir aber …«

Sie machte eine abwehrende Bewegung – Keine Schwüre, hieß es vielleicht – was für Wert können sie haben, von dir, für mich? …

Wieder sah sie ihn klar an.

»Du hast keine Liebe in unsere Ehe mitgebracht,« sprach sie, »hast du sie wenigstens rein und heilig gehalten?«

»Ja!«

So einfach, so feierlich und laut klang dies Ja unter den grünen Wipfeln durch die Morgenstille, wie es damals vor dem Altar gesprochen worden war.

Ein Manneswort.

Was ging in Therese vor? Sie stand mit geschlossenen Augen. Zitterte in ihrer Erinnerung dies Ja nach? Hörte sie wieder die Orgel brausen und im Kirchenschiff in Schall und Widerhall Töne zwischen den Säulenbündeln umherjubilieren?

Er wartete …

Bis sie die Lider hob und ihn ansah.

Da erkannte er aus ihrem Blick: sie glaubte ihm.

Sie mußte ihm auch die andere, die große heiße Wahrheit glauben! Er trat näher an sie heran.

»Therese,« sagte er leise und ergriff ihre Hand, »ich liebe dich – ich liebe dich mehr als alles, was ich habe und bin – ich liebe dich, anders und heiliger, als ich je ein Weib geliebt habe – –«

Sie entzog ihm die Hand.

Hastig bückte sie sich über den Wagen.

»Ich habe mein Kind,« flüsterte sie und küßte das kleine pausbackige Puttengesichtchen.

Er sah – Abwehr lag in dieser hastigen Bewegung –

Er stand erschüttert. Und dennoch erhob sich ihm aus dieser Erschütterung freudige, gläubige Zuversicht …

Eine deutliche und starke Empfindung sagte ihm: diese Abwehr war die letzte Waffe eines Stolzes, der schon in Liebe und Verzeihung hinsank …

Er hatte ja ihr glückseliges Aufleuchten gesehen, als er unvermutet vor sie hintrat …

Und da lag ja ihr Kind – sein Kind. Mit seinen Augen sah es sie an, mit seinen Zügen sprach es zu ihr … Und warb für ihn – mit jedem Lächeln – jeder Träne. – –

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