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Carry Brachvogel - Neue Frauen

Novelle

Carry Brachvogel, Neue Frauen, Aus: Komödianten, Verlag von J. Engelhorns Nachfolger, Stuttgart, 1911, S. 106ff.


Er fühlte sich unbehaglich, sehr unbehaglich sogar. Fünf Jahre lang hatte er Pariser Pflaster getreten, fünf Jahre lang Pariser Luft geatmet, fünf Jahre lang kleine Pariserinnen geliebt, und nun – nun saß er wieder daheim, im Lande des Regenwetters, des Kalbsbratens und der braven Mädchen . . .

Als guter Deutscher war er natürlich in diesen fünf Jahren ein halber Franzose geworden. Darum haderte er mit dem Schicksal. Er grollte seinem Zeitungspascha, der ihn abberufen aus all dem Pathos und dem Frou-Frou des Boulevards, um aus »unserem Pariser Berichterstatter« den neuen Feuilletonredakteur zu machen. Er wütete und fluchte – innerlich natürlich, aber was half's? Gehorsam, wie eine Diakonissin ins Mutterhaus zurückgeht, mußte er heim in den Redaktionsstab. An seiner Stelle trat nun ein andrer Pariser Pflaster, atmete Pariser Luft, liebte die kleinen Pariserinnen und zeichnete mit dem Sternenkleeblatt, das hieß: »Von unserem eigenen Korrespondenten« . . .

O Paris . . . Paris . . .!

Ungeachtet seines Kummers warf er einen verstohlenen Blick in einen der hohen, schmalen Wandspiegel, welche den Empfangssalon schmückten. Nach Ablauf dieses Blickes erging es ihm wie dem lieben Gott am sechsten Schöpfungstage: er sah, daß es gut war. Mit Befriedigung konstatierte er, daß er tout parisien wirkte, von der eckigen Spitze seines Lackschuhs angefangen bis zur Krawatte, die auf weicher Hemdbrust träumend lag. Eine Krawatte, breit wie ein Epos und dunkel wie eine symbolische Dichtung.

Ein melancholisches Lächeln glitt um seine Lippen. Wer von den sechzig oder achtzig Personen dieses bis in die Nacht hinein verlängerten Jours verstand denn etwas von dem Pariser Hauch, der ihn umschwebte?! Etwa die jungen Mädchen, die da nebenan mit beseligten und beseligenden Fähnrichs Walzer hüpften? Oder die jungen Männer, die um ihn her standen, die aussahen wie Börsengalopins oder wie Reitknechte, in den Frack gezwängt?! Die Frauen vielleicht? Die Frauen?! Ja, gab es denn in dieser Gesellschaft überhaupt Frauen –?! Gab es hier jenes wundersame Gemisch von Seide, Spitzen, Grazie und naiver Prätension, das die Männer umwerben wie ein Reichstags­mandat und hochhalten wie eine Reliquie?! Freilich, die Hausfrau hatte ihn, gleich zu Beginn des Jours, zwei schönen, eleganten Damen zugeführt: »Lieber Doktor, ich glaube, das ist etwas für Sie!«

Die eine hatte ihm schon nach fünf Minuten mit vertraulichem Augenzwinkern erzählt: »Schöne Wäsch' is die Hauptsach' im Leben! Dafür schwärmen die Männer!«

Die andre dagegen, schlecht gelaunt, weil ihr Freund heut abend abgesagt hatte, gähnte nur verdrossen hinter ihrem Federfächer hervor: »So! Von Paris kommen S'?! Da wär' ich an Ihrer Stell' dort 'blieben! Bei uns is's ja fad zum Sterb'n!«

Verletzt hatte er sich zurückgezogen. Nein, in diesem Lande gab es kein reizvolles Geplänkel von »Herzen zu Herzen«, keinen graziösen Flirt zwischen dem Creme und den Krachmandeln. Hier gewährte man nicht mit einem Blicke, versagte man nicht mit einem Fächerschlag; der letzte modernisierte Rest der Ritterpoesie blieb diesen Frauen fremd. Grobschlächtig wie ihre Mahlzeiten waren auch ihre Liebesspiele. . . . Dann hatte er noch etliche sogenannte »Geistreiche« kennen gelernt. Die eine war unerträglich lehrhaft, die zweite posierte auf das »versonnene Kind«, die dritte warf ihm in buntem Wirrwarr alles an den Kopf, was sie nur je über Paris gehört oder gelesen hatte . . .

Mißmutig hielt er stand. Da erscholl, aus einem kleinen Nebenzimmer heraus, der Ruf einer Männerstimme: »Doktor! Doktor! Kommen Sie hierher! Hier ist Ihr Platz!«

Unwillkürlich beeilte er sich, der Männerstimme zu folgen. Hatte es doch geklungen wie ein Notschrei! . . .

Freilich, als er die Portiere lüftete, welche dies Zimmerchen vom Empfangssalon abtrennte, da wär' er am liebsten gleich wieder umgekehrt. Ein Tabaksqualm schlug ihm entgegen, der Atem und Sehkraft benehmen konnte. Um einen Tisch herum saßen acht oder zehn menschliche Wesen, die teils wie moderne, teils wie antikisierte Jünglinge aussahen. Erst als er näher hinschaute, merkte er, daß es Frauen waren, die sich hier versammelt hatten, Frauen mit einigen zaghaft eingestreuten Männern . . .

Man rückte zusammen, machte ihm Platz. Da saß er nun. Laut und leidenschaftlich wogte das Gespräch – um Frauenrecht und Frauenemanzipation. Es schwirrte nur so um ihn her von »Wahlrecht«, »Petition« an den Reichstag, »Erbrecht«, »Benachteiligung der Illegitimen« . . .

Zuerst wußte er gar nicht recht, was das alles heißen sollte. Seine jahrelange Abwesenheit von Deutschland hatte ihn eine mächtig und immer mächtiger anschwellende Woge völlig übersehen lassen. »Frauenemanzipation« – gewiß, auch in Paris hatte er das Wort vernommen, aber der graziösen Pariserin bedeutete es nur einen neuen Reiz, ein neues Schmuckstück, mit dem sie ihr Persönchen behängte. »Frauenemanzipation« – für sie hieß das so viel wie: Radhöschen, Zigarette und ein paar drollig-frivole Redensarten. So hielten es wenigstens jene Pariserinnen, die er kennen gelernt hatte. Seine kleine Grisette mit ihren Freundinnen ebensogut wie die großen Schauspielerinnen, die eleganten Damen, in deren Salons er verkehrte. Keiner von ihnen wäre es eingefallen, aus dem Wort »Emanzipation« einen Knüppel zu schnitzen, mit dem man dem Manne seine Superiorität herunterschlug – –

Und hier? Halb erstaunt, halb empört musterte er sie der Reihe nach. Da war ein kurzgeschorener Blondkopf mit einem »individuellen« Kostüm, das auf die Lachmuskeln wirkte, dort eine Giraffenhalsige mit einem Kneifer und klobigen Fingern, hier eine Ältliche mit Männerscheitel und Zigarre, drüben eine Blasse mit fanatischen Augen und einem abgeschmackten Präraffaelitenanzug. Auch eine ehemals schöne Frau saß da; mit den Jahren war sie »emanzipiert« geworden, so wie ihresgleichen früher mit den Jahren fromm wurden . . .

Wirklich alt war keine einzige von ihnen, die meisten hatten die Vierzig kaum erreicht. Aber den Schleier des Reizes hatten alle abgelegt und über allen lag etwas Streitbares, Männerfeindliches; aus aller Worten tönte die gleiche Leidenschaftlichkeit, die gleiche Erbitterung. Jede von ihnen nahm sich aus wie ein fleischgewordenes: »Mann! Auf dich pfeif ich!«

»Unser Pariser Berichterstatter« – Doktor Thieme – konnte sich eines bänglichen Gefühls nicht erwehren. Er empfand deutlich, daß jede einzelne sich innerlich über seine Krawatte mokierte, über die epische Mystik dieser Krawatte! daß sie seine Knopflochgardenie belächelten und seine Lackschuhe verachteten. . . . Ihm war, als säß' er bei Troglodyten zu Gaste.

Die eine richtete das Wort an ihn. »Sie kommen aus Paris, Herr Doktor! Ich glaube, unsre Bewegung macht sich dort leider nicht stark genug fühlbar!«

Ehe er noch gegen »unsre« Bewegung hätte remonstrieren können, schüttete bereits eine andre ein ganzes Füllhorn statistischer Kenntnisse aus. Sie wußte ganz genau anzugeben, wie viele Französinnen Universitäten besuchten, wie viele Jus, wie viele Medizin studierten, wie viele im letzten Jahr promoviert hatten, welche Rechte man den französischen Frauen neuerdings gegeben, mehr aber noch, welche man ihnen vorenthielt. . . . Und in aller Augen funkelte die Kampflust neu auf, und jedes Wort, das fiel, barg eine Stichelrede auf den Mann, auf den ungerechten, tyrannischen und ach! so inferioren Mann, der im Weib immer nur die Sklavin sehen will und niemals die Genossin! . . .

Vergeblich versuchte Doktor Thieme seinen Männerstandpunkt geltend zu machen, sich und sein Geschlecht gegen diese Angriffe zu verteidigen. Er wurde überschrieen. Die wenigen Männer, die dasaßen, vermochten nicht, ihm genügend beizustehen. Vielleicht wollten sie's auch gar nicht. Er war nahe daran, grob zu werden. Doch noch im letzten Augenblick schlug seine gute Erziehung durch. Sie befahl ihm, sich mit einigen kurzen, höflichen Worten aus diesem Kreise zu entfernen.

Eben wollt' er seinen Rückzug antreten, da zog es ihn mit sanfter Gewalt wieder auf seinen Sessel hin. Ihm gerade gegenüber saß ja eine, die er vorher gar nicht bemerkt! Eine, deren schmalschulteriges Figürchen schier erdrückt schien von den andern, den Massiven, Klotzigen. Sicher hatte sie den Mund noch gar nicht zum Sprechen aufgetan, sonst wäre sie ihm gewiß durch ihre Worte aufgefallen, durch ihre Stimme. . . . Er sah sie an; sie erwiderte seinen Blick. Ein leichtes Lächeln um die Lippen, aus den durchsichtigen Augen, das sagte: »O ja! Auch ich langweile mich tödlich!«

Noch ein paar Sekunden und die lächelnde Schweigsame stand vorsichtig auf, verschwand unbemerkt ins Nebenzimmer. Die andern diskutierten gerade über das Güterrecht in Meiningen.

Als Doktor Thieme ihr in einem schicklichen Zeitraum folgte, fand er sie in einem bequemen Armstuhl, neben einer hohen, gelbverschleierten Lampe sitzend. Er weidete förmlich seine Blicke an ihr. Endlich wieder einmal ein Abglanz von Paris! Ein molliges, leicht-par­fümiertes Nestchen, wie geschaffen zum Flirten, mit bric-à-brac, Nippes, bunten Fächern, schillernden Venezianer Gläsern, schwermütig lächelnden Miniaturen . . . von ferne her ein verrauschender Walzer und neben der sanft leuchtenden Lampe eine junge Frau . . .

Er verneigte sich.

»Mein Name ist Thieme!«

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

»Ich kenne Sie schon lange – aus Ihren Pariser Briefen! Wollen Sie sich nicht zu mir setzen?«

Ob er wollte?! Es zog ihn ja förmlich nach dem japanischen Rohrsesselchen, das dem ihren gegenüberstand. Sie sah ihn wieder mit jenem Lächeln an, das ihm vorhin schon aufgefallen war, bewegte ihren Fächer mit einer gleichsam erläuternden Bewegung: »Ich heiße Berent, Frau Henriette Berent, von meinen Freunden Henny genannt. So, nun wissen wir, mit wem wir's zu tun haben! Das heißt, wir wissen genau so wenig wie vorher, aber das tut nichts . . . Uns verbindet ja schon ein sympathisches Band –«

Er sah sie fragend an.

»Die Langweile,« sagte sie lachend. »Oder haben Sie sich etwa nicht gelangweilt bei den Emanzipierten?«

»Gelangweilt?! Nur gelangweilt?! Gnädige Frau, dies Wort ist zu arm für das, was ich empfand!«

»Das hat man Ihnen auch deutlich angemerkt!«

»Es täte mir leid, wenn ich unhöflich gewesen!«

»Das waren Sie nicht! Und selbst wenn – diese Damen wollen ja keine Galanterie, sondern Gleichberechtigung!«

»Und Sie, gnädige Frau, sind Sie keine Emanzipierte?«

»Ich gehöre nicht zu den ›neuen Frauen‹. Mir ist diese ganze Bewegung unsympathisch. Oder nein, nicht unsympathisch, nur gleichgültig. Ich verlange nur ein einziges Recht – das Recht der Persönlichkeit! Das geht mir weit über das Recht der Frau. Die Horden, die am Wege liegen bleiben, sind mir, um mich bismärckisch auszudrücken, Wurscht! Wurscht auch, ob es Männer oder Weiber sind!«

»Bravo, gnädige Frau! Das Recht der Persönlichkeit, dem beuge auch ich mich gern! Gleichviel ob ein Mann es ausübt oder eine Frau!«

»Herr Doktor, renommieren Sie da nicht ein bißchen?«

Ihre durchsichtigen Augen sahen ihn forschend an.

»Wieso renommieren?«

»Würden Sie wirklich einer Frau so ganz rückhaltlos ihr Recht auf Persönlichkeit, das heißt auf eine besondere Lebensauffassung und Lebensführung, zuerkennen?«

»Sofern sie ihr Recht kräftig vertritt – zweifelsohne. Und wenn sie der Kraft auch noch Anmut und Grazie beigibt, dann will ich sie sogar bewundern!«

»Wirklich?«

»Wirklich! Nun eine Frage: Warum haben Sie da drinnen nicht Ihre Ansichten mitgeteilt?«

»Es hätte doch niemand auf mich gehört! Wenn man nicht aussieht wie eine Vogelscheuche und auf die Männer schimpft wie ein Rohrspatz, dann gilt man bei diesen Damen nichts . . .«

»Wie kamen Sie denn nur an jenen Tisch?«

»Wie man zu so was kommt! Seitdem ich ein paar Novellen geschrieben habe, gehöre ich für die Welt einfach zu den ›Neuen‹!«

»Sie sind Schriftstellerin, gnädige Frau?«

»Ja. Bitte, keine Entschuldigung! Ich weiß schon! Sie haben nichts von mir gelesen. Trösten Sie sich – die kompakte Majorität steht hinter Ihnen.«

»Welches Genre kultivieren Sie?«

»Das Frivole!«

»Gilt das nur für die Kunst?«

»Herr Doktor, übereilen Sie die Dinge nicht!« Dabei lachte sie, ein wenig verlegen, ein wenig provozierend . . . mit einem Worte: reizend!

Sie schwiegen. Von draußen klangen die straffen Rhythmen einer Polka.

»Tanzen Sie nicht, gnädige Frau?«

»Nein. Ich war niemals eine leidenschaftliche Tänzerin. Und Sie?«

»Ich tanze schon lange nicht mehr.«

Wieder Schweigen. Ein süßes, gedankenreiches Schweigen. Sie lag in ihrem Stuhl zurückgelehnt und fächelte sich nach dem Takte der Musik. Seine Augen ruhten auf ihr. In all dem Hin und Her des Gesprächs war er noch zu keinem rechten Eindruck ihrer Erscheinung gekommen. Jetzt erst, in der Stille, sah er sie genau an.

Sie war ein mittelgroßes, überschlankes Figürchen, in einem braunen Samtkleid, dessen tiefer Ausschnitt einen reizvollen Schulteran­satz enthüllte. Seltsam war ihr Kopf, der sehr klein auf einem hochgestengelten Halse saß. Ein antiker Gedanke war's gewiß nicht, nach dem ihn die Natur geformt. Dies Gesichtchen sah aus wie ein mutwilliger Einfall. Mutwillig, aber nicht lustig! Denn es ermangelte der Unbefangenheit, drückte in Augen- und Mundwinkel zuviel spöttische, kleine Gedanken aus. . . .  Es schien wie in einen dunklen Goldton getaucht. Haare, Augen, Haut – alles schimmerte dunkel, goldig. Die Lippen schmal wie die Nase, wie die auffallend langgezogenen Brauen. Sie erinnerte ein wenig an jene entzückenden elfenbeinernen Götzenbilder des Ostens, die halb träumerisch, halb spöttisch zur Erde blicken . . .

Ihr Anzug war sehr einfach. Das Samtkleid war schon etwas abgetragen, die hellen Handschuhe an den Fingerspitzen weißlich abgeschabt, wie vom vielen Putzen, den Goldkäferschuhen sah man den billigen Schuhbasar an. Seltsam kontrastierte mit dieser Halbeleganz ihr echter Watteaufächer und ein unheimlich großer Smaragd, der an einem Goldkettchen auf ihrer Brust lag, wie ein Riesenskarabäus . . .

Es war, als ob sie seine Gedanken erraten hätte.

»Der Schmuck ist hübsch, nicht wahr?! Ich hab' ihn von Mama geerbt, wie den Fächer da –«

Er hätte gern mehr gewußt von ihr, doch es schien ihm indiskret, mit Fragen zu beginnen. Und dann – dies Schweigen war so süß. Diese entzückende Henny gehörte ja zu den seltenen Frauen, mit denen sich's ebensogut schweigen läßt, wie plaudern . . .

Solch' ein Schweigen ist wie eine Nacht voll süßen Spuks. Zögernd zuerst, mit reizvoller Scheu, werden da Gedanken lebendig . . . Sehnsüchte . . . Wünsche . . . Wie verschlafene, große Kinderaugen erwachen sie, traumbefangen und leuchtend zugleich – – Sie flüstern und raunen, sie grüßen und reden . . . sie locken und werben, sie schmeicheln und tasten, sie schwirren hin, sie schwirren her . . . sie möchten sich fliehen und können doch nicht voneinander lassen – – O du sanfte Zaubermacht zweisamen Schweigens, alle Freuden künftigen Glückes erschöpfest du in deinem dämmernden Kreis! . . .

Ein kleines Lachen störte ihn auf.

»Sie lachen, Gnädigste?! Darf man fragen, warum oder worüber?«

»Über Sie!«

»Über mich?« Er war betroffen über so viel Offenheit.

»Ja, über Sie! Sie waren zu komisch vorhin!«

»Wann?«

»Bei den ›Neuen‹. Sie wußten offenbar gar nicht, in welche Kategorie von Lebewesen Sie diese Damen einreihen sollten.«

»Und Sie, gnädige Frau? Wo würden Sie sie einreihen?«

Sie wurde ein wenig nachdenklich.

»Wer weiß?! Vielleicht sind Sie die Urmütter einer kommenden Generation, des ›dritten Geschlechtes‹! Freilich, als Mutter eines Babys könnt' ich mir nicht eine einzige denken.«

Er war entzückt. Vor lauter Entzücken wurde er sogar pathetisch.

»Glauben Sie mir, gnädige Frau, die Zukunft gehört jenen nicht, sondern Ihnen!«

»Mir?!«

Sie schien grenzenlos erstaunt.

»Ja Ihnen! Ihnen und den entzückenden ›alten‹ Frauen, die nicht nur Geist besitzen, sondern neben dem Geist auch Anmut und Weiblichkeit. Weiblichkeit – das sei die Krone jeder echten Frau! Ein Pereat allen Männeräffinnen, welche die Schönheit verleugnen –«

»Und den Mann!« setzte sie lachend hinzu. »Gestehen Sie es nur, aus Ihnen spricht nicht die Bewunderung für meine, sondern die Angst um Ihre eigene Person.«

»? ? ? ?«

»Sie zittern vor dem Augenblick, da an dem entgötterten Schönheitstempel schluchzend der ebenfalls entgötterte Mann kniet!«

Nun lachten beide.

»Und Sie, gnädige Frau, wie denken Sie sich jenen Augenblick?«

Sie schloß eine Sekunde lang die Augen. Dann mit einem warmen, tiefen Ton: »Wissen Sie, wenn wir einst so weit kommen, daß die Frau als Frau nichts mehr gelten will – als schöne liebe, verführerische Frau – dann möcht' ich überhaupt nicht mehr leben! Gefallen, bewundert, angebetet, begehrt werden – o, wie süß, wie berauschend süß das ist! Freilich, davon wissen diese Damen nichts! Das sind ja Gefährtinnen des Mannes! Ich aber, die ich mir ein Leben ohne seinen Beifall, seine Neigung nicht denken kann, ich bin ja nur seine Hörige!« – –

Sein edler Mannesstolz, den die Emanzipierten so schmählich heruntergedrückt hatten, schwoll wieder zu schöner Höhe. »Hörig!« Also in diesem tollen Getriebe doch wenigstens eine, die die Welt recht verstand. . . . Nun mochte die Emanzipation ihren lärmenden Zug weiter nehmen – gab es doch immer noch reizende und kluge Frauen, die nichts Besseres verlangten, als dem Manne »hörig« zu sein. Er ergriff ihre Hand und küßte die weißlich abgeschabten Fingerspitzen.

»Nicht seine Hörige, seine Königin sind Sie! Kein Weib soll mehr sein wollen als ein Weib!«

In tiefer Rührung schwiegen sie wieder eine Weile. Wenn er jetzt überhaupt irgend einen Menschen auf der Welt beneidete, so war es ihr Mann oder –

»Gnädige Frau, darf ich Sie bitten, mich Ihrem Herrn Gemahl vorzustellen –«

Sie sah ihn groß an.

»Ich bin geschieden! Sie hätten übrigens nicht so viel Diplomatie aufzuwenden brauchen, um es zu erfahren! Sie reißen keine Wunde auf! Es war eine Trennung nach Übereinkommen!«

Diese Trennung an sich war ihm recht sympathisch, nur die sachliche Ruhe, mit der sie davon sprach, verletzte ihn ein we­nig. Sie paßte auch nicht zu ihrem weiblichen Wesen. Weiblich! Das war das Zauberwort ihrer klei­nen Person. Wie holder, berau­schender Duft stieg es von ihr auf, umnebelte seinen Sinn. – – Von draußen klang die Polka immer quellender, immer süßer . . .

Mit einem Male wandte sie den Kopf zu ihm hin: »Ich möchte einmal mit Ihnen tanzen!«

Er zog ihren Arm in den seinen und führte sie hinaus in den Tanzsaal. Eine Sekunde lang standen sie sich noch mit schweigendem Erwartungslächeln gegenüber. Dann legte er seinen Arm um ihren schmalen, kinderhaften Leib – – dahin flogen sie!

Sie tanzte leicht und ohne Anstrengung. Das war nicht weiter erstaunlich. Erstaunlicher wäre es gewesen, wenn dies Nippesfigürchen schwer geatmet und schwer getanzt hätte. Entzückend aber war, daß ihr Tanz etwas sagte. Ohne auch nur mit der leisesten Bewegung die Grenzen des Schicklichen zu verletzen, fühlte er deutlich, daß sie ihm sagen wollte: »Ich bin dir gut.«

Sie hatte eine ganz besondere Art, sich fester in seine Arme zu schmiegen, den Kopf mit einem reizend vertraulichen Neigen an den Seidenaufschlag seines Fracks zu legen. Ihre flockigen Haare erreichten so gerade die Höhe seines Mundes. Wie zufällig senkte er seine Stirn und begrub seine Lippen in diesem wirren, goldstaubigen Gelocke . . .!

Der Tanz war zu Ende. Noch ruhte ihr Arm in dem seinen. Mit glänzenden Augen und fröhlich klopfendem Herzen sahen sie sich an. Sie lächelten wie nach einer ersten Liebesnacht. Ein wenig befangen . . . ein wenig verträumt . . . eine jauchzende Kraft in der Brust, daß man die Welt erobern möchte, und doch wieder eine müde Seligkeit, daß man beim ersten lauten Wort in Tränen ausbricht . . .

Sie bedeckte die Augen mit der freien Rechten.

»Ist Ihnen schwindelig, gnädige Frau?«

»Nein . . . . nein . . . Oder doch, ein wenig . . .«

Er führte sie wieder in das parfümierte Nestchen zurück, ließ sie behutsam in ihren Sessel gleiten.

»Bitt' schön!« sagte sie lächelnd und zeigte mit dem Kopf nach einer Spiegelkonsole. Dort lag ihre weiße Federnboa.

Hinter ihr stehend, legte er ihr das lichte Gekräusel um. Ehe er recht wußte, wie's geschah, hatte er mit der Boa auch seine Arme um ihr Hälschen geschlungen und drückte ihren Kopf an seine Brust. Sie sagte kein Wort. Sie blickte ihn nur mit großen, schwimmenden Augen an.

Er hätte nicht geglaubt, daß in Deutschland überhaupt so geblickt wird, darum verwirrten diese Blicke ihn mehr, als sich eigentlich mit der Würde eines sturmerprobten Boulevardiers vereinen läßt. Er trat neben sie hin. Ergriff ihre Hände und preßte sie an seine glühenden Wangen.

»Wissen Sie, daß Sie einen toll machen mit diesen Augen?!«

»Ich hoffe es,« sagte sie leise. Um ihre Lippen spielte wieder ein kleines, spöttisches Lächeln. Aus ihren Augen aber, aus ihrer Stimme jagte es her wie ein heißer Windstoß – –

Sie sprachen nichts weiter. Alles andere war ja so selbstverständlich – – –

Kurz ehe sie aus dem Wagen stiegen, wurde er sentimental. Er bog ihr Köpfchen zurück, so daß der weiße Schein der elektrischen Straßenlampe grell über ihr Gesicht glitt. Küßte schier andächtig ihre Augen und fragte flüsternd: »Weißt du denn auch, warum ich dich gleich lieb gehabt habe? Vom ersten Augenblick an?«

Sie drückte ihren Kopf an seine Schulter und lächelte.

»Weil ich nicht zu den neuen Frauen gehöre, sondern zu den ganz uralten. Ja?!«

«Ja, ja!« rief er und küßte sie wieder.

Er riß das Wagenfenster auf, als wollt' er der stillen Nacht verkünden, welche Perle von einem Weibe er sich errungen hatte.

Am nächsten Tag, zu nicht gerade morgendlicher Stunde, erwachte »unser Pariser Berichterstatter« mit einem höchst respektablen Kater. Oder vielmehr, wirr war ihm der Kopf, total wirr. . . . Aus dieser Wirrnis hervor ragte etwas Peinliches, Quälendes . . . etwas, was da stand wie ein dunkler Klotz. Er versuchte, sich noch einmal auf die andere Seite zu legen, den Klotz zu ignorieren, wieder einzuschlafen . . . Es half nichts. Der Klotz blieb da. Das war ein schlimmes Zeichen. Sah beinahe aus wie ein böses Gewissen – –

So blieb ihm denn nichts übrig als aufzustehen. Mit kläglicher Miene hielt er sich die Schläfe, ächzte halb erstaunt, halb weinerlich: »Es ist zu dumm! Zu dumm!«

Die Einzelheiten der Toilette sogar – sonst eine Lieblingsbeschäftigung – vermochten nicht, dies verdüsterte Gemüt zu erheitern. Er brachte die eine Frage nicht aus dem Kopf: »Was war ihm gestern abend eigentlich eingefallen? Ihm, dem hartgesottenen Boulevardier?!«

Ja, hat sich was mit Boulevardier! Das Arrangement dieses ganzen Abenteuers freilich, das verriet Paris! Kommen – sehen – siegen! Er lächelte zufrieden. Gern hätt' er sich selbst auf die Schulter geklopft: »Patenter Kerl!«

Aber – ja, nun kam das Aber oder vielmehr der deutsche Hans Tapps zum Vorschein. Er, ein anständiger deutscher Mann, hatte in einem anständigen deutschen Hause eine anständige deutsche Frau aufgefaßt wie . . . wie . . . Na, er wollte lieber gar nicht erst er­örtern wie! . . . Freilich, sie hatte ihrerseits auch nichts getan, um ihm eine andre Auffassung ihrer Persönlichkeit beizubringen. Immerhin aber hatte er die Initiative ergriffen, war er der Mann – – der Verführer!

»Der Verführer!!« Einen Augenblick lang überflutete ihn doch das Dämonische des Wortes. Doch schon im nächsten Moment lächelte er bitter. Er kannte ja seine Landsmänninnen so genau! Entweder reißen sie so viel vom Baum der Erkenntnis herab, daß man sie wegen Baumfrevels belangen könnte, oder – oder sie wollen gleich nach dem ersten Apfelhäppchen geheiratet werden! Zu den letzteren gehörte die goldgetünchte Henny zweifelsohne! »Alte Frauen« in ihren Jahren mit oft geputzten Handschuhen wollen geehelicht werden, im allgemeinen und in Deutschland im speziellen! Darum auch ihre sentimentalen Redensarten von »dem Manne hörig« sein und den »Müttern einer kommenden Generation« . . . Sie hielt ihn für einen Familiensimpel! Er war empört, im Tiefinnersten empört über diese Frau, die seine Wüstlingsseele so schmählich verkannte. Empört auch über sich selbst, daß er sie nicht gleich in ihrem spießbürgerlichen Unwert erblickt hatte und ihr ganz zutraulich auf den Leim gegangen war . . .

Wer war diese Frau überhaupt?

Nichts wußte er von ihr als den Namen und daß sie geschieden war. Wie nun, wenn diese geschiedene Frau Brüder besaß? Brüder, die Offiziere waren? Brüder, die sie zu Hilfe rief, wenn er sich weigerte, ihre Ehre wieder herzustellen?!

Er richtete sich hoch auf.

»Zwingen?! Niemals! Eher fließe mein Blut –«

Einstweilen floß nur der Kaffee und zwar dünn und unerfreulich. Er hatte ihn völlig lieblos zubereitet.

Er rührte in der Tasse.

Natürlich, zwingen, was man so zwingen hieß, konnte ihn niemand! Aber das Aufsehen, das eine solche Sache machen mußte . . . der Skandal. Skandal, kaum daß er den Fuß wieder in die Heimat gesetzt hatte! . . .

Er stöhnte. Verwünschte diesen gestrigen Abend hundertmal.

Nach und nach faßte er sich. Wer weiß, ob er nicht zu schwarz sah? Ob Henny sich nicht mit Versprechungen trösten ließ? Ob ihr selbst ein Eklat nicht peinlich wäre?

Das Letzte leuchtete ihm ein. Und eins stand fest: nie und nimmer wollte er es dulden, daß man ihm ein Abenteuer, ein sehr reizendes Abenteuer allerdings, zu einer Lebenskatastrophe entwickelte. Jedenfalls wollte er die Dinge an sich herankommen lassen. Kaltes Blut und steife Hemdbrust – damit ließ sich viel machen; das hatte er in Paris gelernt! Jedenfalls wollte er zuvorkommend und liebenswürdig bleiben, bis – nun, bis man ihn eben zwang, anders aufzutreten.

Er lichtete sich auf, als stünde vor der Tür ein ganzes Dragonerregiment mit donnerndem »Lösch aus!« . . .

Als er sein Frühstück beendet hatte, schickte er sich an, auszugehen. Er wollte ihr ein paar Blumen senden – das gehörte sich. Selber zu ihr gehen? Nein! Sie sollte gleich sehen, wie's mit ihm stand . . . Aber Rosen, schöne, blaßgelbe Rosen wollte er kaufen. Er versuchte sogar Verse zu drechseln.


»Diese Rosen sollen grüßen,
Von der stillverschwiegenen, süßen
Stunde, da – –«


Weiter fiel ihm nichts mehr ein. Und da sich auch in Prosa süße Erinnerungen mit reservierten Zukunftsaussichten schwer vereinen lassen, schickte er nur einfach seine Visitenkarte mit.

Den ganzen Tag über ließ ihn ein bängliches Gefühl nicht los. Wenn er auf der Straße ging, fürchtete er, ihr zu begegnen. Wenn er nach Hause kam, zitterte er, daß ein Brief von ihr da sein möchte . . . Oder gar sie selbst, vorwurfsvoll, tränenüberströmt . . . Als es endlich Nacht war, atmete er auf. Der nächste Tag ebenso. Wieder kein Lebenszeichen. Er war sehr vergnügt. Der dritte wie der zweite, wie der erste. Er hätte laut hinausjubeln mögen. Er bekam ordentlich Respekt vor seinem Vaterland. Schau, schau! Dies Deutschland zählte also wirklich zu den Kulturländern! . . . Die blonde Henny war vernünftiger, als er einer Deutschen zugetraut hätte! Warum aber ließ sie gar nichts von sich hören?! Unbegreiflich, völlig unbegreiflich! . . . Als sie auch am vierten Tage noch schwieg, war er beinahe gekränkt. Zum Kuckuck, was fiel ihr denn ein?! Hatte sie denn gar nicht ein bißchen Sehnsucht nach ihm? Er strich seinen weichen, parfümierten Schnurrbart. Sie hatte sich doch nicht über ihn zu beklagen gehabt – in keiner Hinsicht! In gar keiner Hinsicht! . . . Er versank in Träumerei. Ach, sie war entzückend, einfach entzückend! In nichts, in gar nichts, gehörte sie zu den deutschen Trullen, deren Liebe ungeschickt und schwerfällig ist, wie ein bäuerliches Federnbett Sie, sie war wie ein Veilchenstrauß! So selbstverständlich, so leicht, so süß . . . So gottverdammt süß! Das bißchen Spott, das ihr immer im Gesicht sitzen blieb, wirkte dann gerade faszinierend. Ein bißchen gar zu spöttisch vielleicht! Denn gewisse Dinge wollte er natürlich mit feierlichem Ernst behandelt haben – wie jeder brave Mann – –

Und sie ließ immer nichts von sich hören. War sie am Ende krank? Oder böse? Böse, daß er fünf volle Tage hatte verstreichen lassen, ohne sie wiederzusehen? Mächtig stritt es in ihm.

»Geh hin!« sagte sein deutsches Herz.

»Bleib daheim!« sagte sein gallischer Verstand.

Selbstverständlich behielt das deutsche Herz recht.

Unterwegs traf er einen Bekannten, einen Maler, der ebenfalls in jener Gesellschaft beim Rechtsanwalt gewesen war.

»Wo gehen Sie denn so im Sturmschritt hin?« fragte jener.

»Ich muß einen Besuch machen! Begleiten Sie mich doch ein Stückchen!«

Der andre tat's.

Nach einigen gleichgültigen Redensarten hin und her, wie beiläufig: »Ich gehe zu Frau Behrend. Henriette Behrend, Alexanderstraße 8. Kennen Sie sie?«

»Behrend?! Behrend?! Ja, ja, ich erinnere mich. Hab' sie ein paarmal in Gesellschaft getroffen. So 'ne Magere, Blöndliche, nicht?!«

»Das könnte stimmen. Sie ist von ihrem Manne geschieden.«

»Jawohl, ist sie schon!«

»Kennen Sie sie näher?«

»Nein.«

»Wissen also auch nichts weiter von ihr?!«

»Nur allgemeines!«

»Aus was für einer Familie ist sie denn?«

Der andre zuckte die Achseln.

»Ich glaube aus einer eingeborenen Protzensippschaft, – weiß es aber nicht genau.«

»Hat sie eigentlich einen guten Ruf?«

»Guter Ruf – Unsinn! Eine Frau hat entweder gar keinen Ruf oder einen schlechten. Soviel ich weiß, hat die Behrend gar keinen.«

Damit empfahl er sich. –

Als Doktor Thieme auf den elektrischen Knopf an der Haustür drückte, hatte er regelrechtes Herzklopfen. Am liebsten wär' er jetzt doch wieder umgekehrt und nach Hause gelaufen. Aber es war zu spät. Schon führte ihn das Dienstmädchen in einen kleinen Salon: »Die gnädige Frau wird gleich kommen.«

Er hatte Zeit, das Zimmer zu mustern. Es war mit koketter Wohnlichkeit eingerichtet, nicht nach der allerletzten Mode, aber mit hübschen Möbeln, die behaglich aussahen. An einem Fenster stand ein Schreibtisch, an dem offenbar fleißig geschrieben wurde, denn da lag ein ganzer Stoß loser, beschriebener Blätter; Papierschnitzel mit flüchtigen Notizen, teils geschichtet, teils zerstreut trieben sich darauf umher. Am andern Fenster ein kleiner Arbeitstisch: ein Strauß blaßgelber, halbverwelkter Rosen darauf . . . Ein paar schwere Stühle, ein Rauchtaburett, auf dem Fenstersims blühende Hyazinthen. Alles nett, aber einfach. Einfach wie das saubere Dienstmädchen, das ihm geöffnet hatte, wie die schmale Aufgangstreppe, wie dieses ganze Haus überhaupt, das in einer nicht unfeinen, aber abgelegenen Gegend stand und dessen vierten Stock Henny Behrend bewohnte. – An den Wänden hingen allerhand Bilder, Porträte. Eins davon, ein alter Mann mit grauweißem Rundbart, fiel ihm auf. Das Gesicht kam ihm bekannt vor, er mußte es schon anderswo gesehen haben. Ja, ja, nun wußte er's! Das war Martin Kempf, einer der reichsten Brauer der reichen Brauerstadt. Gelegentlich des zweihundertjährigen Jubiläums der Brauerei hatte »Über Land und Meer« sein Bild gebracht. Während er noch zu der Hopfenmajestät emporblickte, hörte er hinter sich die Türe gehen.

Henny war da.

Sie trug ein hübsches, hellrotes Hauskleid mit butterfarbenen Spitzen, dazu rote Pantöffelchen. Jedem andern wäre sie elegant vorgekommen . . . Aber, du lieber Gott, wenn man fünf Jahre in Paris gelebt hat! So merkte er denn sofort, daß Henny auch heute nur billige, französische Basarware trug, Bon-marché oder Printemps . . . doch alles sah schick an ihr aus. –

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

»Das ist lieb, daß Sie sich einmal sehen lassen!«

Er verneigte sich. Ihre vollkommene Haltung, die kein Erröten, kein Stammeln, keinen ausweichenden Blick kannte, imponierte ihm. Er selbst wurde dadurch sicherer. Man setzte sich an das Arbeitstischchen. Henny zog ein Zigarettenetui aus der Tasche: »Sie rauchen doch?«

»Wenn Sie gestatten!«

Sie langte Feuer und Aschenschale herbei. Ehe sie die eigene Zigarette ansteckte, reichte sie ihm lächelnd das brennende Streichholz.

Ihre Sicherheit verblüffte ihn immer mehr. Nicht einen Moment hatte sie geschwankt, ob sie »Du« oder »Sie« zu ihm sagen sollte.

Er wurde ganz irre an ihr. Von wannen kam ihr diese Wissenschaft?!

Er sah die spießbürgerlichen Hyazinthen an und den Mann mit dem Rundbart. Sie war seinen Blicken gefolgt.

»Das ist mein Papa.«

Er fuhr auf seinem Sitz herum.

»Ihr Papa?«

Es klang so naiv-erstaunt, daß sie laut auflachte.

»Nicht wahr, das imponiert Ihnen, daß ich einen so reichen Papa habe?!«

Er wurde verlegen, stotterte . . .

Sie aber, als ob sie ihm die Gedanken aus dem Kopf heraus lese: »Sie können wohl meine façon de vivre und Vaters Reichtum nicht in Einklang bringen? Hören Sie nur! Ich werde Ihnen gleich weniger imponieren, wenn ich Ihnen sage, daß ich mit Papa entzweit bin – schon seit Jahren. Wieso? – Ja, sehen Sie, er läßt's Dreinreden nicht, und ich lass' mir nichts dreinreden! Über dies geistreiche Wortspiel sind wir ganz auseinandergekommen. Wie Sie mich da sehen, lebe ich kümmerlich von meiner Hände Arbeit,« schloß sie mit lustigem Pathos und deutete tragisch nach dem Schreibtisch.

Sie lachten beide.

»Nein, ich will nicht flunkern,« sagte sie noch. »Von dem Ertrag meiner Arbeit leb' ich nicht; die Mama hat mir ein paar Groschen vererbt . . .«

Pause.

Dann sie, auf die halbverwelkten Rosen zeigend: »Ich dank' auch noch recht schön für die Blumen! Sie waren herrlich. Ich hätt' mich schon schriftlich bedankt, aber dann hätten Sie sich am Ende für verpflichtet gehalten, gleich zu kommen, und das wollt' ich nicht . . . Solch schleuniges Wiedersehen hat meist einen Haken! Denn wenn der Mann auch anfängt wie ein Held – so endet er doch meist wie ein Primaner.«

»Ich danke Ihnen im Namen unsres Geschlechts. Ich hoffe übrigens, zu Ihrem Besten, daß nur die Phantasie der Schriftstellerin Sie zu solch bitteren Thesen verleitet und nicht persönliche Erfahrungen!«

Er hatte recht spitz gesprochen. Absichtlich tat er's, denn diese Frau verletzte sein männliches Selbstgefühl tief.

Sie zuckte die Achseln . . . lächelte . . .

Gekränkt erhob er sich.

 »Ich will Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen –«

»Und ich darf Sie nicht länger aufhalten –« parodierte sie seinen steifen Ton. »Aber ehe Sie gehen, muß ich Ihnen eins sagen –«

»? ? ?«

»Mein Lieber, vor fünf Jahren flatterten Sie als Deutscher über den Rhein. Sie sind auch als Deutscher wieder heimgekommen.«

»Das heißt?!«

»Das heißt: wenn Sie sich in einer neuen Situation befinden, so versuchen Sie nicht, dieselbe zu begreifen, sondern – Sie werden unangenehm. Leben Sie wohl, Herr Doktor!«

Eine leichte Verneigung. Nun konnte er gehen.

Aber er ging nicht. Er trat auf sie zu, ergriff ihre Hand: »Verzeihen Sie einem Primaner,« sagte er einfach. Es klang so warm, daß sie ihn nun doch aufforderte, noch ein wenig zu bleiben. Sie steckten sich frische Zigaretten an. Als sie die ihrige mit einigen festen Zügen ordentlich in Brand gebracht hatte:

»Nun sagen Sie mir, Lieber, was haben Sie sich eigentlich gedacht? Wie haben Sie sich dies Wiedersehen vorgestellt? Sentimental? ›Geliebter, ewig dein!‹ Oder pathetisch? ›Elender – du hast mich betört!‹ . . .«

Sie lachte. Er lachte auch. Innerlich schämte er sich ein wenig.

»Bitte, sagen Sie mir, wie haben Sie sich's gedacht?«

Er schwieg. Könnt' er ihr erzählen, daß er sie für eine Heiratsjägerin gehalten hatte, Sie, die Tochter Martin Kempfs?! Sie, die, wenn sie wollte, ein Nadelgeld bezog, dreimal so hoch wie das Einkommen des gesamten Redaktionsstabes?!

Sie schien zu verstehen, was in ihm vorging. Mit ihrem spöttischen Lächeln fuhr sie fort: »Oder haben Sie gefürchtet, unversehens eine Liaison auf dem Halse zu haben? Eine Liaison mit Briefen, Rendezvous, roten Radlern, Skrupeln und Szenen? Mit einem Wort: eine turbulente Liaison! Hatten Sie davor etwa Angst?«

»Ooooooooo!«

»Sehr gut ›oooooo‹ gebrüllt, Löwe! Beruhigen Sie sich, mein Teurer, ich denke weder an eine turbulente Liaison, noch an eine friedliche.«

»Ah!« sagte er sehr verblüfft.

»Nein. Ich habe gelernt, sparsam zu sein, mit Zeit und Gefühlen! Mit der Zeit vor allem! Ach, wer gibt sie einem wieder, die Zeit, da man nur lebt von einer Post zur andern . . . Da man fiebernd herwartet, bis einem wieder einmal gnädig verkündet wird: ›Ich liebe dich noch immer!‹ . . . Die Zeit, da man sich die Augen aus dem Kopf weinen möchte, wenn dieses Gnadengeschenk endlich zurückgenommen wird . . . O, meine schönen, vergeudeten Jahre – wer gibt sie mir wieder?!«

Ihr Gejammer um die verlorene Zeit ärgerte ihn. Was hatte denn so ein alleinstehendes Frauenzimmer überhaupt zu tun?! Da er sich aber nicht nochmals als »Primaner« offenbaren wollte, fragte er höflich: »Sie wollen also die Liebe aus Ihrem Leben verbannen?«

Sie lachte.

»Momentan ja – ich muß arbeiten. Ich schreibe jetzt einen Roman. Da muß ich meine Gedanken fest zusammenhalten.«

Wieder eine Pause. Er hätte sie gar zu gern etwas gefragt. . . . Doch er fand das rechte Wort nicht gleich. Alles, was er sagen wollte, schien ihm so ungeschliffen, so roh, so direkt . . . Endlich nahm er doch einen Anlauf: »Wenn Sie aber die Liebe aus Ihrem Leben verbannen wollen (er wiederholte diese Wendung, weil sie ihm sehr gefiel!), wie verträgt sich damit . . .«

»Eine Laune, wie jener Abend, meinen Sie?«

»Eine Laune!« Er war schwer gekränkt.

»Aber, mein Lieber, das ist das Fieber des Augenblicks! Der Rausch einer Stunde . . . Du lieber Gott, jeder Künstler braucht ihn doch so nötig, diesen Rausch! Man arbeitet ja nachher dreimal so gut. Da, sehen Sie nur, was ich in den paar Tagen geschrieben habe.« Sie zeigte ihm den hochgehäuften Stoß beschriebener Blätter.

Er sah kaum hin. Er hörte kaum, was sie sagte. Nur ein Wort blieb ihm im Ohr: »eine Laune!« Eine Laune hatte sie es genannt. Klipp und klar eine Laune. . . . Und er, Esel, hatte sich darüber Stunden, Tage verbittert. Hatte nicht ohne Scheu an sie denken können. Hatte Herzklopfen bekommen, als er draußen auf der Treppe stand. Um einer Laune willen! . . . Er wußte nicht, sollt' er lachen oder sich ärgern. Da er aber doch ziemlich gekränkt war, entschloß er sich zum Ärger. Recht spitz sagte er: »Ei, gnädige Frau, ich sehe mit Staunen, daß Sie die Partei der ›alten Frau‹ verlassen haben!«

»Wieso?«

»Nun, wenn man sich den Luxus solcher Launen, solcher Räusche gestattet, ist man doch unbedingt eine ›neue Frau‹!«

»So, meinen Sie?! Ich denke, die Sache ist gerade umgekehrt. Solange man den Mann nicht entbehren kann, ist man eine ›alte Frau‹. Die Neuen fassen ihn ja nur als veraltete Institution auf. . . . Ich kann das leider nicht. In meinem Leben wurzelt er zu tief –«

»Als Belebungsmittel für schwache Romankapitel?«

»O, es ist nicht das allein! Der Mann gibt meinen Leben erst Schönheit, Kraft, Poesie, alles.«

»Das heißt – wenn Sie gerade in Laune sind!«

Ihre durchsichtigen Augen wurden sehr spöttisch.

»Natürlich muß ich in Laune sein! Oder lieben Sie etwa ohne Laune?! So immerfort ins Blaue hinein?«

»Ich? Bei einem Manne ist das doch etwas andres!«

»Was hat denn das mit Ihrer edlen Männlichkeit zu tun? Wie sagten Sie doch neulich so schön? Sie gestehen jedem Menschen, auch der Frau, das Recht der Persönlichkeit zu, vorausgesetzt, daß sie dies Recht kräftig vertritt. Ich vertrete mein Recht, das dürfen Sie mir glauben!«

»Ihr Recht auf Laune?«

»Mein Recht auf Laune, wenn Sie wollen! Darum hab' ich mich doch mit meinem Vater entzweit. Mit all seinen Millionen hab' ich mir's nicht abkaufen lassen. . . . Wissen Sie, was Sie neulich noch sagten?«

»Großer Gott! Buchen Sie denn alle Dummheiten, die man sagt?«

»Dummheiten?! Es war gar nicht dumm; sehr reizend war es. . . . Sie sagten: ›Und wenn eine Frau der Kraft auch noch Anmut und Grazie beigibt, will ich sie sogar bewundern‹.«

»Hab' ich das wirklich gesagt?«

»Wirklich und wahrhaftig!«

»Dann bleibt mir, wenn ich logisch sein will, nichts, als Sie auch noch zu bewundern.«

Seine Schnurrbartspitzen zitterten vor Wut. Dennoch ergriff er ihre Hand und küßte sie – sehr kühl allerdings.

»Darf ich noch etwas fragen, Gnädigste?«

»Soviel Sie wollen.«

»Wie verhält sich die Gesellschaft zu Ihrem Recht auf – Laune?«

»Gar nicht. Sie weiß doch nichts davon.«

»Ist das möglich?! Die Gesellschaft spürt doch alles aus . . .«

»Kann man Seifenblasen ausspüren?! Unbildlich gesprochen, mein Lieber, nur in der Ehe kompromittiert die Untreue. Beim Flirt kompromittiert gerade die Treue.«

»Ahnt man auch nichts?«

Sie zuckte die Achseln. »Gute Gesellschaft und gute Ehemänner haben gern schlechte Augen.«

»Und –«

Er zögerte.

Sie erriet sofort, was er meinte.

»Nein. So etwas erzählt keiner!«

Dabei tänzelte das kleine spöttische Lachen um ihren Mund.

Der herausfordernde Hohn in ihren Worten reizte ihn auf. Seine Augen wurden dunkel. Ein abscheulicher Gedanke schoß ihm durch den Kopf.

Und sie, als ob's ihm auf der Stirn geschrieben stünde: »Sie sehen – wenn Ihnen daran liegt, besitzen Sie die Primeur der Indiskretion. Wenn es Ihnen Spaß macht, lassen Sie sich ja nicht davon abhalten. Erzählen Sie ruhig, was Sie wollen! Was Sie wollen!« setzte sie noch einmal nachdrücklich hinzu.

Nachdem er sich natürlich entrüstet gegen solchen Verdacht verwahrt hatte, empfahl er sich. Ein freundliches »Auf Wiedersehen!« geleitete ihn zur Türe hinaus.

* * *

Später traf er sie wieder in einer Gesellschaft bei demselben Rechtsanwalt, in dessen Haus er sie kennen gelernt hatte. Sie trug immer noch ihr braunes Samtkleid und den Smaragdskarabäus auf der Brust. Auch die übrige Gesellschaft war ziemlich die gleiche; die beiden Schönheiten, die drei Geistreichen, die junge, tanzende Welt, »die Neuen« . . .

Zu dem Tisch der letzteren trat der Pariser Berichterstatter mit Miene und Gefühlen eines bußfertigen Sünders. Bescheiden ließ er sich bei ihnen nieder, hörte aufmerksam zu, wie sie über Eherecht, Gütertrennung und verstaatlichte Prostitution hin und her schrieen. Er sah sie mit andern Augen an als damals. . . . Hübsch fand er sie freilich noch immer nicht; aber er begriff nicht mehr, daß diese klugen Frauen ihm einst wie Feinde erschienen waren. Diese edlen Geschöpfe, die den Mann, den herrlichen Mann, immerhin noch in seiner Würde achteten, die nichts Höheres erstrebten, als seine Gefährtin zu werden . . .

Verbindlichen Angesichts lauschte er noch einer Diskussion über »mäßiges Züchtigungsrecht des Mannes«, unterzeichnete eine Petition an den Reichstag, versprach ein Abonnement auf »Die Frau« zu nehmen und verabschiedete sich endlich mit warmen Händedrücken . . .

Als er Henny mit ein paar höflichen Redensarten begrüßen wollte, vertrat ihm ein Bekannter den Weg. Ein junger Attaché war es, den er von Paris her kannte, ein blonder Hüne, der im Affekt leise schwäbelte.

»Endlich kommen Sie da 'raus, Herr Doktor! Ich bin vorhin auch eine halbe Stund' drin g'sessen; schauderhaft, diese ganze Emanzipation, gelt?!«

»Diese Emanzipation?!« sprach der andre mit scharfsinniger Betonung des Fürwortes. »Diese Emanzipation ist lange nicht die schlimmste!«

»Sooo! Ich hätt's nicht zehn Minuten ausgehalten. Aber da saß zuerst eine entzückende kleine Person –«

»Ah!«

»Eine Frau Behrend . . .«

Der Doktor unterdrückte ein Lächeln.

»Eine reizende Frau,« fuhr jener begeistert fort, »so einfach, so echt weiblich . . . Eine ›alte Frau‹ nennt sie sich, im Gegensatz zu den Mannweibern . . . ist der Ausdruck nicht reizend?«

»Reizend!« sagte der andre. Mit mephistophelischem Behagen strich er seinen Schnurrbart. Eben trat Henny unter die Tür, heiter, rosig, reizend . . . Ihn begrüßte sie mit freundlichem Nicken. Zu dem andern aber sagte sie: »Ich möcht' einmal mit Ihnen tanzen, Baron!«

Leuchtenden Auges stürzte der Baron zum Klavierspieler. Er bat um einen möglichst langen Walzer . . .

Eine seltsame Regung überschlich den Boulevardier. Beinahe dauerte ihn das junge Schwabenblut . . . Er wollt' ihn beiseite nehmen, ihm zuraunen: »Nehmen Sie sich in acht! Diese ›alte Frau‹ hat ein Recht auf Laune, das uns zu Freudenmädchen degradiert . . .«

Aber er schwieg; – wenn auch nicht aus Diskretion . . .

Er sah um sich. Alles wieder wie damals. Draußen die lockende, rauschende Musik . . . drinnen das verträumte, parfümierte Nestchen mit der sanft verschleierten Lampe des Schweigens . . . Auf der Spiegelkonsole wie hingeweht eine weiße Federnboa . . .

Eben tanzten sie vorüber. Henny lehnte ihr Köpfchen an des Riesenschwaben Schulter. Er begrub seine Lippen in ihrem goldbestäubten Gelocke. Wie eine Vision zog alles an dem Pariser Berichterstatter vorüber. Grimm und Spott im Herzen sah er zu. Doch sein Mund blieb stumm. –  – Henny behielt recht: »So etwas erzählt keiner!«