ngiyaw-eBooks Home

Carola Bruch-Sinn – Frauenwerke

Essay

aus: Frauen-Werke, Österreichische Zeitschrift zur Förderung und Vertretung der Frauenbestrebungen in Schule, Haus und Öffentlichkeit, Herausgegeben von Marianne Nigg, Nr. 1, I. Jahrgang, Kornenburg, Juni 1894, S. 2

Wenn ein mehr oder minder hoher Grad von geistiger Befähigung im Menschen diesen zu einer schöpferischen Bethätigung veranlasst und drängt, aus welcher mehr oder minder Wertvolles, Bedeutsames an's Licht tritt, Schöpfungen, in welchen sich keine Individualität spiegelt und seine geistige Existenz, die Potenz seines Könnens und Wollens sich gleichsam abformt – dann nennen wir die Producte dieser Leistung »seine Werke«.

Dieselben können mechanischer oder spiritueller Art sein oder beides zugleich – immer sind sie Betätigungen des prometheischen Funkens, des göttlichen Intellects in der Menschenseele, ein Product, das häufig den sterblichen Theil seines Schöpfers überdauert, weil es eben eine Ausstrahlung seiner Unsterblichkeit bedeutet.

Dies gilt (wenn auch in verschiedener Ausdehnung) sowohl von der Erfindung der kunstreichen Spitzenarbeit einer Barbara Uttmann, als von der Entdeckung neuer mathematischer Gesetze und Probleme einer Professorin Gavalowska.

Keine Arbeit, die einer selbständigen Äußerung des Intellects ihr Dasein dankt, kann völlig »geistig« sein, mag dieselbe auch rein mechanischer Natur sein, auf eine noch so niedrige Stufe der Ausführung oder auch der Erfindung zu stehen kommen.

Sie bleibt Äußerung des Gedankens, der Willenskraft, des Ewigen im Vergänglichen und verdient als solche in erster Linie unsere Achtung, die dem Fleiße der Energie, der auf Gutes gerichteten Thatkraft allein schon gebürt.

Je größer die äußeren Schwierigkeiten und Hindernisse sind, unter deren Druck sich eine Schöpfung vollzieht, ein Gedanke zum Willen erwächst, ein Wille zur That heranreift, desto größer auch der Kraftverbrauch, der Aufwand an Energie, an Selbstverleugnung, Muth, Charakterstärke des Wirkenden.

Gleichen Schritt mit diesen Eigenschaften hält sodann unsere Achtung, unsere Bewunderung derselben; mit anderen Gefühlen blicken wir auf ein Werk, welches die Gunst der jeweiligen Umstände getragen und gefördert, anders auf eines, welches über tausendfältigen Hindernissen, unter zahllosen Mühen zustande gekommen.

Mit solcher Achtung, mit solch bewundernder Anerkennung müssen wir heute auf jene Frauenwerke blicken, auf jene Betätigungen des Frauengeistes, auf jene Früchte weiblicher Intelligenz, rastlosen, weiblichen Fleißes, weiblicher Thatkraft, die unter den schwierigsten Verhältnissen gereift und die der socialen Stellung der Frau ihr heutiges Gepräge verliehen.

Es ist aus mehr denn einem Grunde zu beklagen, dass die Frau arbeiten muss, sich im Daseinskampfe in tausendfach erschwertem Wettbewerbe mit dem »erbgesessenen« Manne abmühen muss; es ist dies eine bitter-traurige Erscheinung der Zeit, eine beschämende für all jene, die da mitschuldig sind an dem Elende von so vielen verfehlten und vernichteten, gewaltsam in die Arena getriebenen Frauenexistenzen. Denn nicht immer endet da der Kampf mit dem Siege, nicht immer wiegt der Sieg die Qualen, den blutigen Schweiß des Kampfes auf.

Um so erhebender und ehrfurchtgebietender stehen vor uns die Resultate des Ringens und Strebens jener Wesen, die sich über alle Hemmnisse gesellschaftlicher Vorurtheile und des Concurrenzneides der Männer (welche einzig und allein die Notwendigkeit der Frauen-Emancipation geschaffen) emporgerungen mit nie rastender Beharrlichkeit, mit eiserner Geduld und heldenhaftem Muthe.

Sie, die muthig Neues schufen, so die Kraft ihres Willens betätigend, die wir mit staunender Bewunderung anerkennen und verehren – sie haben zu Meilenzeigern und Wahrzeichen moderner Cultur erhoben die Frauenwerke von heute.


Carola Bruch-Sinn - Frauenwerke
bruch_sinn_neuzeit_biographie_3