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Carola Bruch-Sinn – Ein vergessener deutsch-österreichischer Dichter.

Essay

aus: Das Magazin für Litteratur des In- und Auslandes, Organ des Allgemeinen Deutschen Schriftsteller-Verbandes, 54. Jahrgang, Nr. 25, Verlag von Wilhelm Friedrich, Leipzig, Berlin, 20. Juni 1885, 395 ff.

Vergessen, du Sang in Waldeinsamkeit,
Verlassenes Strombett, jetzt Dorf und Flur,
Du Stein, vor verschlossene Gräber gewälzt,
Erloschener Stern an des Himmels Azur.

Meinem Liede, meinem Worte
Eine kurze Liebesfrist,
Bis das Volk vom Grabesorte
Sich zerstreut und mich vergisst.


                                     Friedrich Bach.




Und er ist nahezu gänzlich vergessen, der vor bald fünfzig Jahren so sang, selten jedoch traf solches Loos einen Dichter so unverdient wie diesen. Man fühlt sich ganz eigenartig bewegt wenn man in dem vergilbten Büchlein blättert, der ersten Ausgabe von Friedrich Bachs »Sensitiven« (Leipzig, Weber).

Es war eine ganz ungewöhnliche Erscheinung, dieses Büchlein, mit seinem, alle Schablone hochüberragenden Inhalt, in jener Blütezeit der süßlichen Almanachpoesie und der wunderlich verschnörkelten Gefühlslyrik, die da »verdarb den Geschmack von unsern Müttern«, Hyperempfindsamkeit und Unklarheit des Gedankens wie des Ausdrucks, kleinliche Engherzigkeit in der Wahl des Gegenstandes rangen in der damaligen Modepoesie um die Palme. Traurig aber ist es, wenn unter dem Wust und Schutt verschollener Unbedeutendheiten von Anno dazumal auch ein großes Talent begraben wird und seine Werke, neben der verdienten Obskurität liedesfroher Halb- und Viertelpoeten, im Antiquarladen vermodern. Friedrich Bach verdient es wie Wenige der Vergessenheit entrissen zu werden weil er, gleich den Besten seiner Zeit, deren Namen volltönend herüberklangen in unsere Gegenwart, hoch über seiner Zeit stand und daher Vieles, sehr Vieles aus seinen Schöpfungen Anspruch auf bleibenden Wert zu erheben vermag. Nur in dem Einen dürfte Bach dem zimperlichen Geschmack seiner Zeit Rechnung getragen haben, in dem etwas archaistischen Sammelnamen, den er für seine Poesien wählte. Man ist versucht hinter den »Sensitiven« eine zärtliche Ueberempfindsamkeit zu vermuten, ohne welche damals kaum eine Poesie für salonfähig galt – zum Mindesten könnte man denken, dass das »Gefühl« in diesen Dichtungen vorwalte, und dass sie sich weniger durch Gedankentiefe als – Herzenseinfalt auszeichnen. Dem ist nicht so.

Wenn auch einem reichen Gefühlsleben unmittelbar entsprossen, ist es gerade der gedankliche Inhalt, das reflexive Element, was uns zumeist an Bachs Dichtungen zu fesseln vermag. Wenn man die schlichte Form, die ergreifende Einfachheit, mit welcher hier die originellsten (mitunter auch bizarrsten) Ideen zum Ausdrucke kommen, in Betracht zieht, – dann staunt man, dass nicht eine gute Anzahl dieser frappanten Aussprüche im wahren Sinne populär geworden, – mehr noch, dass dieselben innerhalb weniger Jahrzehnte gänzlich in Vergessenheit versinken konnten wie – das Grab desjenigen, aus dessen Geist sie geflossen. Hat es der Dichter geahnt als er sang:

Was seid ihr, meine Lieder?
Der Ruf des Verlassenen
An einsamer Küste,
Der duftige Blumenstaub der weinenden Palme
Verweht in der Wüste – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Gleich der verirrten Karawane, die der Sturm in die Sahara verschlagen –
Begräbt euch der stäubende Flugsand, die flüchtige Zeit – –


Bachs Dichtungen tragen ein vorwiegend düsteres Gepräge und selbst über seinen glutvollsten Liebesliedern lagert ein trüber Hauch, eine ungewöhnlich ernste Stimmung.

Er sagt sehr bezeichend:

Meine Seele ist still und in sich gekehrt
Wie der Wald zur brennenden Mittagszeit,
Wo kein Ruf durch die düstern Räume dringt
Und der Baum seine dichtesten Schatten streut!


Ob dies nicht teilweise auf den Einfluss seines Freundes Lenau zurückzuführen ist, mag eine offene Frage bleiben; Veranlagung und herbe Lebenserfahrung haben jedenfalls den Grund gelegt zur Verdüsterung dieses Dichtergemüts. In dem über zweihundert Seiten starken Bande seiner Gedichte, findet sich auch nicht eine humoristische Anwandlung, kaum hie und da ein heiterer Aufblitz. Nirgend aber trifft man auch auf Ausflüsse der herben Bitterkeit eines welt- und menschenverachtenden Pessimismus und die beißende, zersetzende Satire scheint Bach ebenso wenig eigen gewesen zu sein wie der leichte, schalkische Humor. Und leicht und froh kann der Mann das Leben nicht genommen haben, der da singt:

Es ist mein ganzes Dichten ein Friedhof, ernst und still,
In dem das Herz verzichten und einsam weihen will, –
Mich darf kein Glück hinieden, kein dauernd Glück erfreun.


Und:

Was frommt es, wenn's in meinem Haupte von ferner, bess'rer Zukunft spricht?
Bis in das Herz, das trostberaubte, dringt diese süße Hoffnung nicht;
So taucht der Alpenfels, der kahle, den Gipfel hoch ins Morgenrot,
Doch webt die Nacht im dunklen Tale um seine Brust so öd und todt!


Mit besonderer Vorliebe vertieft sich Bach in Betrachtungen die Tod und Sterben und Vergänglichkeit alles Irdischen zum Ausgangspunkte haben. Gelegentlich bewertet er da die »Unsterblichkeit der Seele« nicht eben hoch:

O armer Trost, zu wissen dass, wenn der Staub verstreut,
Aus Grabesfinsternissen die Seele sich befreit!
Hat doch die Form, die schöne, der Sehnsucht heißes Ziel,
Beklagt durch Lied und Trane, kein schützendes Asyl!


Doch neidenswert dünkt ihm das Loos des Dichters, im Tote sich zu betten:

Auf seine eig'nen, heiligsten Gefühle,
So wie die Muschel stirbt in Perlenstätten,
So wie der Lenz auf duftigem Rosenpfühle,
So wie der Herbst im bunten Traubenhttgel,
Der Funke in der Glut, die er entzündet,
Der Sonnenball im glüh'nden Meeresspiegel,
Der Klang im lauten Echorufe schwindet.


Durchs Leben aber zieht der Dichter einsam, er hat nicht Stätte, nicht Gefährten:

Nicht des Kämpfers stolze Stirne ziert der Liebe Friedenskranz,
Flur und Hütte nicht die Firne, nur des Wetters roter Glanz!
Einsam zieh'n des Himmels Lichter, einsam schweifet der Komet,
Einsam ragt im Volk der Dichter, keinen Herd hat der Prophet!


Mit wunderlichem Behagen vertieft er sich oft in das Schauervolle, ja Grausige und seltsam genug ist es, dass er gerade in diesen Bildern seine volle künstlerische Kraft entfaltet. Eines für Viele mag hier Platz finden.

Der Schädel.

Der Mondstrahl schleichet am Friedhofssaum,
Der Schädel kollert und spricht im Traum:
Komm wieder, o Eigner, dein Haus zerfällt,
Wie ist es nun, ach, so schlecht bestellt!
Zu den Augen, statt goldenen Lichtes Schein,
Da kriechen die Würmer jetzt aus und ein;
Mit Erde verschließ1 ich des Auges Riss,
Mein Antlitz sucht nun die Finsterniss;
In Moose hüll' ich die berstende Wand
Und wühle die Kiefer ins Ackerland – – – – –
– – – – – Komm wieder, o Eigner – – – – –


Die Worte: Beinhaus, Leichen, Friedhof, Todtenuhr kehren in Bachs Dichtungen immer wieder; er sieht eine kahle öde Gegend, die einst ein schattiges Revier gewesen, die gefällten Bäume liegen »wie ein Beinhaus aufgeschichtet« und kein Leben ist mehr da als das Nagen des Wurmes, »das Picken der Todtenuhr«.

Und es träumt mein böser Dämon wie auch dieser Ton versiegt,
Bis der Tod im wesenlosen Baume selbst begraben liegt!


Der Dichter forscht und grübelt unaufhörlich über den tiefsten Rätseln des Daseins, er möchte gar Vieles ergründen ...

Wenn ich nur wüsste, was die Wellen sagen
Wenn sie um die Häupter Versinkender schlagen;
Wenn ich nur wüsste, was die Mauern sprechen
Wenn sie morsch vor Alter zusammenbrechen;
Wenn ich nur wüsste, was die Sterbenden lallen
Wenn schlaff schon die Arme herunter fallen – –
Sind es Klagelaute, sind es Jubellieder? – – – –


Von wunderbarer Schönheit sind die Apostrophen an die Liebe:

Schlachtschwerter, die im Kampf geraucht von heißem Blut,
Zu Tempelglocken schmilzt sie deine Flammenglut, o Liebe!


doch bald wieder heißt es wehmutsvoll:

So lang ich nur gelauscht, sah ich was Liebe sei –
Ein Wellenatmen ist's und dann vorbei, vorbei!


Niederdrückend mag es auf Bachs Stimmung gewirkt haben, dass der hochgebildete, durch den Verkehr mit Meißner, Hartmann, Lenau und andern ausgezeichneten Zeitgenossen verwöhnte Poet, bald nach Antritt seiner ärzlichen Praxis, nach kleinen Ortschaften Deutschböhmens, später nach dem Banate kam, wo er gewiss jeder geistigen Anregung entbehrte. Geboren in der deutsch-böhmischen Stadt und Festung Königgrätz (1817), übersiedelte er mit seinen Eltern frühzeitig nach Prag wo er sein Brotstudium – Medizin – absolvirte und auch eine Zeit lang praktisch tätig war.

Sehr ergötzlich schildert Alfred Meißner in seinen »Erinnerungen« das erste Abenteuer aus Bachs ärztlicher Praxis in einem kleinen Orte Deutschböhmens, wo ihn die Bauern mitten in der Nacht zu seinem ersten Patienten holten, der sich dann später als – der Gemeindestier erwies.

Er bewarb sich nun um die Stelle eines Montanarztes in Oravitza (Banath), wo er, 1865, entfremdet allen ehemaligen Freunden, einsam und verbittert starb.

Seine »Sensitiven« erschienen in zweiter Auflage und Meißner, der überhaupt allein noch des Verschollenen sich erinnert, lässt dessen Dichtungen auch alle Gerechtigkeit widerfahren, indem er konstatirt, dass sie »Goldkörner echter Poesie« enthalten. Darunter zählen auch die Betty Paoly zugeeigneten, mit welcher Dichterin ihn eine warme Freundschaft verbunden haben mag. Dieser starke, durchbildete Frauengeist dürfte den stillen Mann, den armen Sensitivus verstanden haben, der so oft klagt, dass die Freunde, ja selbst die Geliebte, ihn verkennen.

Die Freunde mieden mich, weil mein Gefühl
Nicht schmeichlerisch um ihr verwöhntes Haupt
Gleich einem duftgen Blumenregen fiel –
Und wo ich liebte, hat man's nicht geglaubt!


Friedrich Bach war eine stille, in sich gekehrte Natur und die äußeren Verhältnisse, unter deren Druck er den größten Teil seines Lebens verbrachte, waren nicht geeignet diese Naturanlage zu modifiziren. Es ist in Bild seines eigenen Lebens und Dichtens wenn er sagt, dass sich sein Lied zurückgezogen

                                   ... in die einsame Schlucht
Und hüllte sich scheu vor den blöden Blicken
In den rauschenden Wald,
Den stäubenden Wasserschaum
Und den zitternden Regenbogen.

Die vorhin citirte Angabe eines Zeitgenossen, dass Bach in Oravitza gestorben und begraben liege, ist eine irrtümliche; er starb in Werschetz und das einfache Holzkreuz, mit welchem seine Grabstätte geschmückt ward, ist längst vermorscht und nicht wieder ersetzt worden. Niemand vermag beute mehr die Stätte zu bezeichnen, wo seine Gebeine ruhen – verschollen – vergessen!


Carola Bruch-Sinn - Ein vergessener deutsch-osterreichischer Dichter.

Carola Bruch-Sinn - Ein vergessener deutsch-osterreichischer Dichter.

Carola Bruch-Sinn - Ein vergessener deutsch-osterreichischer Dichter.