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Dito und Idem (Carmen Sylva) – Astra

Brief-Roman

Dito und Idem (Carmen Sylva), Astra, Verlag von Emil Strauß, Bonn, 1887



Burda, den 3. Mai 1877.


          Mein einzig lieb Engels-Mutterchen!

Meilen und Meilen und Meilen von Dir getrennt, und doch fühle ich Dich ganz nah von mir! Ich schaue mit Dir in den prachtvollen Frühling hinein, als wenn Dich nicht eben noch lauter Schnee umgäbe! Nein, wenn Du nur diese Pracht sehen könntest, Blumen in Hülle und Fülle und Nachtigallen, die alten Bäume im Park und drüben der Sereth, über dem die Morgennebel hängen, und das ganze Haus von Glycinien überwuchert, deren blaue Trauben mir fast auf den Kopf hängen und mein Papier beschatten! Eben ruft der Kukuk. Kukuk, wie lang bleib' ich hier? Kukuk, Kukuk, zwei! Zwei was? Zwei Wochen, zwei Monate oder zwei Jahre? Nein, lieber Kukuk! So lange bleibe ich doch nicht von meinem Mütterchen fort! Eben erklingt das Tam Tam zum Frühstück, ich muß fort. Margot hat mir große Angst gemacht vor ihrem Mann. Er sieht aber gar nicht brummbärig aus.

9 Uhr. Guten Tag! Da bin ich wieder! Ich muß Dir nur sagen, daß es hier zu hübsch ist und daß mich Alles entzückt. Nur aus Margot werde ich nicht ganz klug. Die ist hier anders als bei uns zu Hause, viel ernster und stiller und sieht immer nach ihrem Manne. Er ist so groß und stark, die schlanke Margot, finde ich, sieht neben ihm wie eine Schlingpflanze aus. Er begrüßte mich auf dem Bahnhofe mit großer Freundlichkeit, fast väterlich, meinte aber, ich gliche nur wenig seiner Frau, ich sei so viel dunkler und kleiner. »Sei froh,« sagte ich, da nehme ich auch nicht zu viel Platz in Deinem Hause ein!« Ich war so erregt, ich hätte einen Haufen Dummheiten sagen können, wenn man sich nicht zum Wagen begeben hätte, der mit acht Pferden und zwei Postillonen dahinsauste, in die Dämmerung hinein. Das war eine wonnevolle Frühlingsnacht! Ich hätte ewig so fahren mögen, und Sander lachte über meinen Jubel!

Margot wurde still und müde, aber ich mußte sprechen, ich war so aufgeregt! Was mag nur Sander von seiner dummen kleinen Schwägerin gedacht haben! Wir fuhren durch irgend ein breites Wasser, gerade als der Mond erschien, und das war prachtvoll, die kleinen schwarzen Pferde im schimmernden Fluß, die Leute knallend und schreiend darauf, die sprühenden, funkelnden Tropfen, wie Sternschnuppen. Es fiel auch eine Sternschnuppe. »So möchte ich sein!« rief ich. »Warum denn erlöschen, wenn man strahlen kann?« meinte Sander. »Weil man an der eigenen Flamme verbrennt«, sagte ich. »Ja, ja,« murmelte Margot, »Astra will immer brennen, die Mutter hat sie oft ihr Irrlichtchen genannt!« Ich weiß nicht, wie es kam, mir schossen Thränen in die Augen, als Margot das sagte, und besonders wie Sander hinzufügte: »Lieber Sternschnuppe als Irrlicht.« Das kam so ernst heraus, daß wir alle drei in Schweigen versanken. Da bogen wir in ein Thor und auf weiche Kieswege unter dichte schattige Baumgruppen, mit mondbeglänzten Wiesen dazwischen, auf denen Dammwild in schwarzen Umrissen furchtlos und regungslos zu uns herüberäugte. Dann erschien das Haus, schon mehr Schlößchen zu nennen, und blendend fiel der Lichtglanz aus der Halle, so daß ich zuerst gar nicht die alte Dame erkannte, die in der Hausthür erschien, und der Margot um den Hals flog. In der Halle wurde ich ihr vorgestellt; sie betrachtete mich mit ruhigen braunen Augen; das graue Haar war glatt gescheitelt unter der feinen, weißen Haube. Alles an ihr sah appetitlich und gepflegt aus, die Hände so weich wie Atlas, die Wangen so frisch, ich hätte sie auch gern gleich umarmt, frug sie aber nur, ob sie mich ein bischen gern haben würde? – Sie sagte: »Hier scheint mir mehr die Frage, ob die Jungen die Alten lieben werden. Die Jungen liebt man immer.« »Wenn sie artig sind!« lachte ich. »Ich fürchte, man liebt sogar ihre Unarten, nicht wahr, Sander?« Dies mit einem mütterlichen Blick, den Sander mit einem galanten Handkuß erwiderte.

»Du mußt wissen, Astra,« sagte er, »dies ist mein Vicemütterchen, wenn sie mich nicht unter dem Herzen getragen, so hat sie mich immer auf dem Herzen getragen, ihr allein verdanke ich, daß ich ein civilisirter Mensch wurde, statt einem Pferdehüter und Steppenjäger!«

Wir traten in den Speisesaal, den eine Hängelampe traulich beleuchtete, wo der Samovar dampfte und Fleisch und Butterbrödchen äußerst einladend aussahen.

»Aber die Kinder!« rief ich. Margot lachte: »Die pflegen Nachts zu schlafen! Willst Du sie ansehen?« Ich wollte schon fortstürmen, aber Sander rief: »Halt! erst essen und dann vor dem Schlafengehen die Kinder ansehen. In einer halben Stunde sind sie noch nicht weggeschmolzen, sie bleiben frisch.«

Die alte Dame lächelte und machte den Thee, während Margot in einen Sessel sank. Sie sah mit einem Mal sehr zart und müde aus, als hätte sie gar keinen Körper, so schmiegte sich ihre lange Gestalt in den Sessel, und ihre Hände, von denen sie langsam die Handschuhe zog, sahen auffallend durchsichtig aus. Sander blickte sie besorgt an, und ich dankte ihm im Herzen, daß er meiner Kopflosigkeit Halt geboten, Margot zweimal die Treppe hinauf zu jagen.

Als wir schlafen gingen, wollte ich der alten Dame die Hand küssen, sie litt es aber nicht, sondern umarmte und küßte mich zärtlich und sagte: »Kleine Sirene!« »Warten Sie doch, bis ich singe!« rief ich und nun ging's zu den süßen Geschöpfen mit glühenden Bäckchen, auf denen die langen Wimpern ganz fest lagen, als könnten die Guckaugen garnicht aufgehen; und die strubbeligen braunen und blonden Locken dazu! Sander strahlte, wie er sie betrachtete. Wie können eines starken Mannes Augen so weich blicken! Margot beugte sich besorgt über das kleine Mädchen und meinte, es athme rasch. Solch eine arme Mutter! Immer sieht sie Gespenster und ängstigt sich, wenn die Anderen lachen!

Nun habe ich die kleinen Herrschaften beim Frühstück gesehen, sie sind herzig! Du weißt ja, wenn ich unter die Kinder gerathe, so sind sie gleich außer Rand und Band. Margot wollte schon ihr würdevolles Gesicht aufsetzen, mußte aber mitlachen. Die Gouvernante, die sehr nett und frisch ist, hatte alle Mühe sie wieder zu sammeln. 

Sie heißt Fräulein Weiß, Dorothea Weiß und wird von den Kindern Dodo genannt. Die alte Dame heißt im ganzen Hause Gutchen. Ich frug deshalb noch nicht einmal nach ihrem Namen. Sie weiß Alles, ist ein lebendiges Buch, und die Kinder sagen, sie sei in Märchen unerschöpflich.

Da hast Du einen langen Brief von ein paar Stunden! Ich muß Dir ja Alles schreiben, wie ich Dir Alles sage, so mußt Du Augen und Herz mit Geduld rüsten für die Episteln!

Ich küsse Deine lieben Hände viele hundert Mal und bin

          Dein gehorsames Kind

          Astra.



Burda, den 10. Mai 1877.


          Meine liebe Mama!

Vor Allem laß mich Dir danken dafür, daß Du mir Deinen Liebling geschickt hast. Wenn dieser Dank nicht schneller kam, so ist wieder meine alte, Dir als langsam bekannte Natur daran schuld: ich konnte Dir nicht schreiben, ehe ich mir nicht ein Urtheil über Astra gebildet, und so hat »das Kind« (ich nenne sie noch immer so) mich überflügelt, und Du hast längst von dem Wann und Wie ihrer Ankunft gehört. Ueber diese gehe ich darum auch fort und führe zu meiner Entschuldigung nur noch an, daß Sander's Cousine Melanie sich mit unserm Nachbar Morosch verlobt hat, und wir Alle einige Tage bei Melanie's Eltern in Barso zugebracht haben. 

Nun Morosch sich so unerwartet verlobt hat, kann ich Dir auch gestehen, daß ich ihn manchmal mit dem Gedanken angeschaut habe, er könnte mein Schwager werden. Du weißt, alte Frauen sind Ehestifterinnen, und ich bin schon eine siebenjährige Frau! Du wirst mir den Gedanken nicht verargen, denn wenn wir Beide hier lebten, hättest Du, liebste Mama, Dich auch entschließen müssen, überzusiedeln, und unser Glück wäre vollkommen gewesen. Das war so ein Plan, durch dessen Zerstörung ich aber nicht verstimmt worden bin, weil er zu formlos war, obgleich uns Melanie nie sympathisch gewesen, wie Du längst weißt. Desto mehr wundere ich mich über die Freundschaft, die so plötzlich zwischen Astra und Melanie sich gesponnen, überhaupt scheint mir Astra etwas zu stürmisch, zu unüberlegt. Verzeihe, Mama, daß ich mit dem Tadel beginne, aber Du weißt, bei uns Deutschen ist Tadel der höchste Beweis wahrer Liebe. Als Astra ankam, wurde mir ganz schwindelig vor dem Wirbelwinde, sie sprach und sprach, und ich sah immer verstohlen auf meinen ernsten Sander, ob er auch nicht zu hart über den Backfisch urtheilte, und in der Sorge, er könne etwas Hartes denken, dachte ich es. Aber am nächsten Tage lernte ich sie besser kennen. »Weißt Du, daß sie ein kleines Genie ist?« sagte Sander, als ich ihn zuerst allein sprach, und mir fiel ein schwerer Stein vom Herzen; ich hatte mir während der ganzen Nacht Gedanken gemacht, wie traurig es sein würde, wenn er sie »albern« nennen könnte und ihm ihr Aufenthalt, auf den ich mich seit Jahr und Tag gefreut, zu einer Aufgabe würde. Uebrigens hätte ich mir die Gedanken wohl nicht gemacht, hätte die kleine Maria mich schlafen lassen, aber sie ist wieder im Zahnen, und ich muß das Entwöhnen noch hinausschieben. Die Jungen sind ganz wohl und lassen sich vom Schwesterchen in der Nacht nicht stören, obgleich ich sie auch zu mir genommen, seitdem Fräulein so bösen Husten hat. Für Astra, meine Älteste (sie ist doch auch so ein Stück mein Kind, nicht wahr, Mama?) habe ich Dein blaues Eckzimmer im ersten Stock herrichten lassen, d. h. eigentlich, selbst eingerichtet. Von ihrem Balkon aus hat sie den schönsten Blick über die Ebene, bis an den Fluß, und seitdem Du dort gewohnt bei Costi's Geburt, ist ein Geist der Liebe und Behaglichkeit in den Räumen geblieben. Freilich hattest Du damals keine Aussicht, d. h. keine schöne, Nebel und Regen und Schnee und Eis; ich glaube, seitdem der Nebelmonat Dich mir brachte, ist er mir so lieb. Doch ich spreche von vergangenen Freuden, anstatt Dir, wie Du gewünscht, »ein klares Urtheil« über Astra zu geben. Sie hat, glaube ich, viel von Papa's Eigenart, die bestechende Lebhaftigkeit, die große Geschmeidigkeit des Geistes wie des Körpers; vielleicht hätten wir besser gethan, sie nicht in der französischen Schweiz erziehen zu lassen, lieber im Norden irgendwo, damit ihrem Glanz die gehaltvollere Tiefe nicht verloren gehe. Doch bei ihrer Jugend und ihren Anlagen wird sie noch Alles ersetzen, was ihr fehlt. Hoffentlich langweilt sie sich nicht bei uns; wir sind sehr stille, ernste Leute, abgeschlossen in unsern Berufs- und Lebenskreisen. Unsere zwei Knaben machen ihr besonders viel Scherz, und sie quält sich viel mit ihnen, so viel wie wir erlauben. Eigentlich macht ihr Alles Scherz, sogar wenn wir musiciren; sie hat viel Verständniß für Kunst; Sander, in seiner lieben Art, redet ihr zu, ihre Stimme bei Frl. Weiß noch auszubilden. Ueber ihre Zeichentalente war er ganz entzückt. Eben gehen sie Beide aus, um einige Weidenstudien unten am Fluß zu machen; ich kann Dir nicht sagen, wie lieb Sander ist bei so besonderen Gelegenheiten; wenn er sieht, daß ich müde bin und doch das große Kind nicht an's Haus fesseln möchte, weiß er immer in so zarter Weise meinen Wünschen zuvor zu kommen. Wie hübsch sich ihre Gegensätze abheben, ich schaue ihnen beglückt nach. Es ist doch nichts schöner, als wenn Menschen, die man liebt, sich untereinander gern haben. Er sieht neben der kleinen Sylphe doppelt so groß aus. Sie muß die kindlichen Formen von Papa's Mutter geerbt haben, wir sind doch sonst ein mittelgroßer, kräftig entwickelter Menschenschlag!

           Doch nun für heute Adieu und zürne nicht Deiner trödligen, ergebenen

          Tochter Margot.



Burda, den 15. Mai 1877.


          Mein gutes, liebes Mütterchen!

Nein, solch ein Leben! Ich sage Dir, so etwas giebt es gar nicht wieder! Ich bin jetzt täglich im Gestüt und fühle die größte Sympathie mit den Füllen, die so tolle Sprünge machen. Und diese Ritte! Carriére davon über die Steppe, in die unermeßliche Weite! Ich möchte immer weiter und weiter, wenn Margot nur mitkönnte. Aber die wagt nicht, so lange von den Kleinen fortzubleiben. Zu kürzeren Ritten läßt sie sich bereden; sie sieht so schön zu Pferde aus, mit ihrer Ruhe und Würde. Ich glaube, sie findet es unweiblich, so zu jagen. Aber nicht wahr, Mütterchen, man kann doch auswendig ein bischen stürmen und inwendig ganz weiblich sein? Margot war als Mädchen auch wilder als jetzt, freilich nie so wie ich. Ich habe auch eine neue Freundin, Melanie. Die ist leider verlobt, sonst wäre es wunderhübsch. Aber überall muß der Bräutigam dabei sein, und doch sind sie gar nicht so liebenswürdig zusammen, wie Margot und Sander, sondern haben immer des petites prises de bec, die für den Zuhörenden nicht ganz angenehm sind. Neulich fischten wir zusammen, da wurden sie so heftig, daß der anbeißende Fisch Melanie die ganze Leine aus der Hand zog und mitnahm, den Fluß hinunter, und ich war so erstaunt, daß ich es ebenfalls geschehen ließ. Morosch hüpfte ins Wasser, der Leine nach, bekam sie aber nicht mehr und war nur pudelnaß geworden, worüber Melanie weinte und sich anklagte, und ich maßlos lachte. Es war zu komisch. Darauf wurden sie alle Beide böse auf mich, und ich konnte doch gar nichts dafür! Margot meinte, ich sollte das Brautpaar allein lassen, das wäre viel besser. Seitdem entschlüpfe ich, und Morosch mir nach, mich zu holen, als langweilten sie sich im tête á tête. Gutchen sagte: »Kleine Sirenen müssen nicht mit Brautleuten fischen gehen, dabei fällt immer Einer herein und manchmal Alle.« Gutchen heißt übrigens Fräulein Luise von Selten. Und selten ist sie; ich schwärme für sie. Sie sagt Alles so fein und graziös und wird nie gereizt und heftig.

Man glaubt nicht, wie viel Leute doch in dieser scheinbaren Einsamkeit leben, und was für hübsche Besuche man sich macht. Die Langweiligen muß man dann auch in den Kauf nehmen. Da stürze ich gleich an's Klavier, um nicht sprechen zu müssen. Margot und ich haben auch eine Reihe von Duetten kommen lassen und studiren sie fleißig ein. Sander hört uns so gern singen, Margot's zarte Stimme und meine wilde! Ihre beiden Buben singen glockenrein, der sechsjährige Costi sekundirt dem dreijährigen Nicu sogar, und die kleine Maria schaut ihnen in den Mund und schlägt mit beiden Zeigefingerchen den Tact dazu. Es ist nicht zum Sattsehen und Satthören, Margot am Klavier, mit schlanken Fingern Akkorde greifend und ihren Ältesten im Sekundiren unterstützend, das Engelsköpfchen auf ihrem Schooße, ganz raphaelisch und dabei so ernst, mit großen blauen Augen und seidigen, weißblonden Löckchen, Costi groß, schlank, dunkeläugig, schwarzhaarig, lebhaft, Nicu sanft, mit lichtbraunen Augen und goldblondem Haar, das Ebenbild seiner Mutter! Sander sitzt dabei und raucht und thut, als wolle er die Zeitung lesen, bis ich sie ihm aus der Hand nehme, damit sie vom unnützen Halten nicht müde wird. Ich singe auch manchmal die dritte Stimme, und so kommt ein ganz leidlicher Chor zusammen. Und dann heißt es: Dodo muß singen! Und sie singt sehr gut, mit Schule und Geschmack. So kann man auch auf dem Lande leben, mit geistreichen Menschen, Musik, Büchern und Pferden, – ach! und die Hunde nicht zu vergessen! Natürlich sind die schon meine großen Freunde. Du mußt mir ihretwegen noch einfache Kleider schicken; sie machen mir Alles schmutzig, aber recht leichte, bitte, denn es fängt an, hier furchtbar heiß zu sein. Man lacht mich zwar aus und sagt: Das nennst Du Hitze? Warte nur, im Juli! Im Juli werde ich in den Sereth gehen und gar nicht wieder herauskommen, das wird das Einfachste sein. Ich finde es jetzt schon heiß genug zum Schwimmen, aber Sander erlaubt es nicht, aus Furcht vor dem Fieber. Nein, Mütterchen, wie Sander gut ist! Mein Vater hätte nicht weiser und sanfter für mich gesorgt! Seitdem ich mit ihm bin, bekomme ich brennende Sehnsucht nach dem Vater, dessen ich mich doch nur dunkel erinnere! Wie hätte ich ihn vergöttert!

          Deine

          Astra.




Burda, den 25. Mai 1877.


          Meine liebe Mama!

Du hast mich in Deinen lieben Zeilen an Astra wieder mahnen müssen, das Schreiben nicht so zu vernachlässigen und gütigst hinzugesetzt, Du vermißtest meine regelmäßigen Schriftzüge. Sander meinte, das wäre gesagt, um Astra's originelle Buchstaben zu geißeln und neckte sie damit; ich finde übrigens, daß Astra's Schrift bei aller Eigenthümlichkeit schön ist. Ich weiß nicht recht, was in mich gefahren ist, liebste Mama, daß ich nicht mehr schreiben mag. Oft denke ich, es ist das Glück der Seligen, das mich verstummen macht; ich sitze still da und denke nur: »Du lieber Gott, wie soll ich Dir für all mein Glück danken.« Sander meint, es wären die schlechten Nächte; ich will Dir aber etwas gestehen, das lächerlich für Andere klänge, Du aber begreifen wirst, ich habe all die Unruhe gern, die mir die Kleine macht. Mir ist es lieb, oft geweckt zu werden, denn jedesmal, daß ich zum Bewußtsein komme, ist es, um mich desselben zu freuen! Das ist meine versteckte, ängstlich bekämpfte Sentimentalität, die mein großer, etwas realistisch angehauchter Gatte so gern bespöttelt. Und es ist gut, daß er es thut, ich würde sonst hyper-gefühlvoll in meinem inneren Leben werden. Wir leben so wie so schon zu viel innerlich, zerpflücken alle Gedanken und Empfindungen und geben ihnen durch das viele Nachdenken übermäßige Bedeutung. Wie Astra ihre Kohlenaugen weit öffnete, als sie uns zuerst so philosophiren hörte: »Oho, das macht die Ebene, der weite Horizont, den Ihr immer vor Euch seht«, sagte sie in ihrer geistvollen Art. Es ist unglaublich, wie schnell sie Alles erfaßt und so zu sagen bis an den Kern der Sache durchdringt. Sie fügt sich Allem an, nimmt Alles auf, weiß es aber in sich nach ihrer Eigenart zu gestalten. Je länger ich sie hier habe, je leidenschaftlicher hänge ich ihr an; es ist, als ob sie alle Stacheln Anfangs gezeigt hätte, ja sich künstlich welche gebildet, um später nur die wunderbare Süßigkeit ihrer Natur zu enthüllen. Das ist ein ganz unparteiisches Urtheil über das Kind, gar keine schwesterliche Blindheit drin, denn Sander selbst hat es mir zugestanden und unterschreibt es. Und Sander, weißt Du, ist ein strenger Richter, vor dem ich nur bestehe, da seine Liebe alle meine Mängel so fest zuzudecken versteht. Siehst Du, Mama, in Büchern steht immer, so glänzend begabte Männer könnten nicht Einer Liebe treu bleiben, und Sander liebt mich jetzt nach sieben Jahren eher leidenschaftlicher als früher. Vielleicht hat mein Vertrauen das erwirkt? Ich habe nie daran gezweifelt, daß ich ihm Ein und Alles bin, er hat es ja gesagt, und ein Mann wie er hält sein Wort. An ihm zweifeln könnte ich gar nicht, ich begreife Eifersucht nicht und bin überzeugt, daß Männer ihren Frauen nur untreu werden durch den Mangel an Vertrauen, welchen so viele Gattinnen in der Ehe hegen. Melanie z. B. ist nur verlobt und quält Morosch jetzt schon mit ihrer Eifersucht. 

Wenn er mit Astra spricht, verläßt sie ihn mit keinem Blick und es zuckt ihr immer unwillig um den Mund. Mich beleidigt das für meine Schwester, und ich war schon drauf und dran, den Umgang abzubrechen. Astra lacht aber nur darüber und sagt, ihr wäre nichts gleichgültiger als dies Brautpaar; ihre Schwärmerei für Melanie ist aber etwas abgekühlt zu meiner Beruhigung. Sander meinte, Morosch hätte sich mit seiner Verlobung übereilt und seitdem er das Unglück gehabt, Astra nur zu sehen, wäre er besinnungslos in sie verliebt; ich habe ihn aber genau beobachtet und bin überzeugt, daß mein Mann sich irrt. Sorge Dich also nicht, Mama, Dein Liebling könne hier Unheil anrichten, ich würde mir so etwas nie vergeben und wache über sie wie über meine Kleinen. Sie hat auch selbst, trotz ihres schalkhaften Lachens sehr ernste, strenge Grundsätze, und was sie so manchmal französisch herplappert, versteht sie gar nicht. Ueberhaupt ist es rührend, wie sie manchmal in aller Unschuld so most shocking Dinge hinsagen kann, das hatte mich in den ersten Tagen so verblüfft, jetzt lachen wir nur darüber. Man ist so leicht

ungerecht gegen lebhafte Menschen und meint, sie hätten stets bedacht, was sie sagen, während es doch meist eine Augenblicksstimmung ist, der sie Worte leihen. Ueberhaupt, wie schwer ist es, trotz aller Liebe, sich so recht in einen Andern zu versetzen. Das merke ich schon an meinem Costi.

Wieder solch ein langweiliger Brief, aber meiner Mama Herz sagt ja gütigst: besser als keiner.

          Margot.




Burda, den 5. Juni 1877.


          Mein süßestes Mütterchen!

Trotz allem Glück, bei der geliebten Schwester zu sein, bekomme ich manchmal ganz furchtbare Sehnsucht nach Dir, besonders wenn Du Dir Sorgen machst um mich. Sei ganz ruhig, mein Mütterchen! Ich werde mich nicht gehen lassen. Oder habe ich schon etwas gethan, das Dir mißfällt? Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, weil Du schreibst, Du machst Dir Sorgen! Wirklich, es geht ja Alles so gut! Wir leben im tiefsten Frieden! Nicht der leiseste Mißton in diesem ganzen Monat. Und man sagt, Schwestern streiten immer. Aber das kommt gar nicht vor. Und Sander sagt, er wolle mich überhaupt nie wieder fortlassen – nur wegen der dritten Stimme bei den Chören! 

Ich hätte schon beinah Gutchen gefragt, ob Du Grund zur Sorge hast, aber dann that ich es nicht aus Feigheit. Wenn sie nun Ja sagt und deckt mir irgend einen schrecklichen Fehler auf? Nicht wahr, wie feige ich bin? Dann wollte ich Sander fragen, dachte aber, der sagt mir nicht die Wahrheit, da bin ich so klug wie zuvor! und so muß ich selber nachdenken. Weißt Du, Mütterchen, solch ein geschriebenes Wort ist eine schlimme Sache; man kann die Stimme nicht hören, die es sagt, und der Tonfall ist oft eine völlige Erklärung. Du findest meine Ritte mit Sander zu lang? Aber er opfert mir nichts dadurch, denn er muß oft auf die entfernteren Güter. Und ob er mich mitnimmt oder nicht, das macht in seinen Geschäften keinen Unterschied, nur in seiner Unterhaltung. Und ich glaube wirklich, er spricht gern mit mir. Ich fange schon an, ein bischen Landwirthschaft zu verstehen. Und ganz beschäftigungslos bin ich auch nicht, ich lese sehr viel mit Gutchen, ernste Bücher, und Abends nach dem Thee lese ich vor, während Margot ihren müden Rücken ausstreckt. Costi gebe ich englische Stunden und Nicu habe ich seiner Dodo ein wenig abgenommen, bis ihr Husten besser wird. Dazwischen wird mit Sander aquarellirt. Er hat viel Talent und ein sicheres Auge. Man glaubt nicht, was die Ebene selbst so viel Schönes und Malerisches bietet. Könntest Du nur hereinsehen in das herzige Haus! Du hättest gewiß keine Sorge! Ich schicke schnell ab, damit Du den Brief einen Tag früher hast.

          Deine Astra.



Burda, den 10. Juni 1877.


          Meine liebe Mama!

Sander ist heute früh fort, er mußte in die Stadt zum Kreistage. Daß die Leute in solcher Hitze tagen müssen! Wir sind hier ganz verwaist, es lohnt sich gar nicht, zum Mittagessen sich umzukleiden, meinte Astra. Es ist eigentlich demüthigend für uns Frauen, daß ein ganzes Hauswesen seine Anregung, ja fast sein Daseinsrecht nur durch den Mann erhält. Nun ist mein Mann allerdings auch danach! Ich persönlich bin seine Abwesenheiten zwar gewohnt und nehme sie hin wie den Regen mitten in der Erntezeit, Astra war aber ganz verstimmt. Anfänglich hatte er sie mit in die Stadt nehmen wollen, Sander hatte mit mir besprochen, wie interessant ihr die kleine Abwechselung sein würde, und was er ihr Alles von unserem, doch auch eigenartigen Stadtleben zeigen könnte, Gutchen protestirte aber. Sie sagte, »was soll das Kind allein anfangen, während Sanders langen Sitzungen? Im Hotel bleiben? Und wenn dann Abends bekannte Herren kommen, soll sie allein unter ihnen das weibliche Geschlecht darstellen, oder wieder in ihrem Zimmer eingeschlossen sitzen?« Das war nun unleugbar schwierig, und ich schlug vor, Gutchen sollte Astra begleiten. Da wurde sie aber ganz ernst und sagte, sie könnte mich nicht allein lassen, denn Fräulein wäre mir eine sehr geringe Stütze. Das ist nun wieder wahr. Ich bin schon lange nicht mehr mit Fräulein Dorothea zufrieden. Aus dem anregenden, kinderlieben Mädchen ist ein ganz verträumtes Wesen geworden, das immer nur widerwillig auf die Spiele der Knaben eingeht. Anfangs dachte ich, es wäre der Einfluß des Klimas, Du weißt, unsere Ebene gilt nicht für gesund, oder dem Stadtkinde behagte das ruhige Landleben nicht, jetzt sind mir aber andere Gedanken gekommen: Ich glaube, das arme Mädchen hat sich in meinen Mann verliebt. Du kennst Sanders menschenliebe Art, besonders zu so armen abhängigen Personen, sein Wesen muß ihr unendlich bestechend erschienen sein, und da sie aus unerquicklichen Verhältnissen zu uns kam, berührte seine große Freundlichkeit sie wie etwas Außerordentliches. Sander hat oft das Unglück, solche Leidenschaften heraufzubeschwören und wahrhaftig höchst unschuldigerweise. Seitdem nun Astra hier ist, ist meine Schwester selbstredend die Hauptperson, und alle Anderen treten in den Hintergrund, so beschäftigt sich Sander naturgemäß, – denn seine Zeit ist ja beschränkt, – bei Tisch und Abends im Salon weniger mit dem Fräulein als im letzten Winter. Das hat dem thörichten Geschöpf nun das Herz gebrochen. Sie hegt einen förmlichen Widerwillen gegen Astra und macht so verstohlen kleine bittere Ausfälle gegen sie, die ich aber nie zu verstehen vorgebe. Gutchen denkt natürlich, ich durchschaue das arme Fräulein nicht, sie hat immer so eine mütterliche Art, mich vor den Kleinlichkeiten des Lebens schützen zu wollen, wie Du, meine Mama! Die Sache wird hoffentlich ruhig im Sande verlaufen, denn mir thäte es leid, eine so tüchtig geschulte Lehrerin entlassen zu müssen. Ich habe so viel Geduld und Mitleid mit so beklagenswerthen Menschen, daß ich schon einen Weg finden werde. Mit Sander habe ich aber diesmal nicht darüber gesprochen; er selbst, in seiner Unschuld, hat nichts gemerkt.

Als unser guter Doctor neulich einsprach, hat er mich zum ersten Mal im Leben ärgerlich gemacht: er verlangt, ich sollte Maria entwöhnen und nach Franzensbad gehen, ich würde anämisch. Sander war seiner Meinung, ich erklärte aber Nein, und sie mußten sich fügen! Der Doctor übrigens war gleich in Extase über Astra. Sie übt denselben Einfluß auf Männer aus, wie Sander auf Frauen. Dabei sind sie Beide keine eigentlichen Schönheiten, sie haben nur so etwas unwiderstehlich Anziehendes, die Grazie des Geistes. Eben sehe ich den Doctor wieder anfahren, ja, ja, sie hat es ihm wahrhaftig angethan, die kleine Sirene, er kommt sonst höchstens zweimal im Monat, ungerufen. Beruhige Dich aber, Mamachen, er ist über fünfzig Jahre. 

Alle Kinder des Hauses denken täglich Dein und lieben und verehren Dich über Alles.

          Deine

          ergebene Margot.



 Burda, den 16. Juni 1877.


Nein, Mütterchen, mir ist so etwas Dummes passirt, natürlich blos, weil Sander fort ist. Wäre der dagewesen, wäre es gewiß anders gekommen. Vor ein paar Tagen bekomme ich ein riesengroßes Bouquet von weißen Camelien. Nun kann ich schon an und für sich die Camelien nicht leiden, nun aber gar! Wo konnte die schrecklich theure und kostbare Gabe herkommen? Doch nicht von Sander? Das würde ihm zwar gleichen, aber er weiß schon längst, daß ich Camelien nicht leiden kann. Fräulein Dodo, die seit einiger Zeit an schlechter Laune leidet, machte allerhand spitze Bemerkungen, die ich zum Theil nicht verstand, zum Theil nicht beachtete. Denn ich stand ganz roth vor den dummen Camelien, die ganz blaß blieben und mich so unverschämt anstarrten. Ich fühlte genau, die konnten nur von unangenehmer Hand kommen. Den Abend sitze ich im Garten und male eine Theerose, die mir Sander als Knospe schenkte und die nun bei mir herrlich aufgeblüht ist. Auf einmal höre ich Pferdegetrappel und durch den Park jagt Melanie herein. Wie sie mich sieht, parirt sie ihr Pferd so, daß es sich bäumt, springt herunter, hängt die Zügel über den Arm, das Reitkleid dazu und geht mitten durch die Rosen und Reseda auf mich zu, ihr Pferd ihr nach. »Aber, Melanie,« rufe ich, »Sander's Rosen!« Und sie mit glühendem Gesicht: »Nun, Du hast ja jetzt die Wahl zwischen Rosen und Camelien, vous êtes toute fleurie, mademoiselle!«

»Ich verstehe Dich nicht!«

»Gänschen! Und das will Sirene sein!« Ihre Augen funkelten.

»Ich bin ja keine Sirene!«

»Ich habe ihm Valet gesagt, und es hat ihm gar nicht leid gethan, nicht so viel!« Sie drückte im glatten Handschuh die Nägel aneinander und warf die Hand in die Luft. Dann riß sie Grashalme aus, kaute daran und spuckte sie aus. 

»Aber, Melanie, Du hast sehr Unrecht! Wenn Du ihn meinethalben fortgeschickt, sehr Unrecht! Ich habe gar nichts mit ihm und erfahre durch Dich, daß die Camelien von Morosch kommen! Nie hätte ich's gedacht! Ich schicke sie ihm augenblicklich zurück!«

»Das laß Du nur bleiben! Das ist zu spät!«

»Aber ich hasse Camelien; ich dachte nicht, daß Jemand, der mich kennte, mir das Sinnbild der Dummheit schicken würde! Es hat mich gleich beleidigt.«

»Dummes Zeug, beleidigt! Uebrigens, wenn Dir Morosch so sehr mißfällt, so gratulire mir doch zur Entlobung!«

»Aber ich freue mich gar nicht, besonders, wenn ich schuld bin. Siehst Du, Melanie, das ist mir ungeheuer unangenehm.«

»Du bist classisch, Astra! Verdrehst allen Männern, verheiratheten und unverheiratheten, die Köpfe, und hernach bläst man die Federn auf und wendet sich teicheinwärts, wie ein Schwan!«

»Das verbitt' ich mir!«

»Aha! Blut ist drin! Ich dachte, Sirenen hätten kein Blut, wegen der Fischleiber.« 

»O, Melanie! Dein Pferd!« Es fraß nämlich ruhig die schönsten Blumen.

»Ich mache mir nichts aus Rosen!«

»Aber sie sind nicht Dein!«

»Die Camelien aber sind nicht Dein, und die Rosen auch nicht, gar nichts hier, nach dem Du die Hand streckst, es zu nehmen!«

Ich sah in dem Augenblick nichts als Feuerflammen in schwarzer Nacht und hörte nichts als Meeresrauschen in den Ohren. Ich riß Melanie ihre Reitgerte aus der Hand und hieb damit so wüthend auf's Pferd, daß es sich hoch aufbäumte, sich losriß und in wilder Flucht davonjagte.

Dann warf ich die Reitgerte von mir, rannte hinauf und verschloß mich in mein Zimmer. Eine Stunde später höre ich ein Pferd aus unserm Hofe galoppiren, und dann klopft es leise an meine Thür.

Margot kam ganz blaß herein:

»Um Gottes Willen! Was hast Du gethan! Das Mädchen ist unsre erklärte Feindin, sie wird ringsum Alles gegen uns aufhetzen! Sie wird unsre Stellung hier unmöglich machen! Was hast Du nur gethan! Ich habe Alles versucht, sie zu beruhigen und gab ihr endlich Tancred, um nach Hause zu reiten.«

»Meinen Tancred! Aber sie wird ihn zu Tode reiten!«

Nein, Mütterchen, es war zu schlimm, besonders weil ich Margot ihre abscheulichen Andeutungen nicht erzählen konnte, sondern nur die unschuldigere Hälfte, so daß die arme Margot meinen Wuthausbruch nicht verstehen konnte. Ich die Hand ausstrecken nach ihres Mannes Liebe! Nicht wahr, so etwas kann man nicht ertragen? Findest Du es nicht sehr schön von mir, daß ich nur das Pferd schlug und nicht die Herrin?

Margot saß ganz blaß im blauen Sesselchen und dachte an ihres Mannes Stellung und Einfluß, und ich rannte vor ihr auf und ab und dachte, was ich gethan, gesagt, geblickt, um so Abscheuliches von mir denken zu lassen! Wäre Sander dagewesen, ich hätte ihm Alles erzählt, und er hätte mir geholfen, aber Margot! Sie war noch dazu garnicht wohl und gestern Abend bekommt die kleine Maria Krämpfe. Nein, das war eine Nacht! Wir dachten jeden Augenblick, das Kind stürbe, Margot hielt es auf dem Schooß und sagte kein Wort, nur ihre Thränen rannen. Ich aber, ni une ni deux, mache ein Camillenbad und plongire das arme Würmchen und reibe die Beinchen und was mir so einfiel, und bis der Arzt kam, war es schon gerettet. Der Doctor lobte mich so, daß ich aus meiner Zerknirschung herauskam und wirklich meinte, ich wäre doch ein menschliches Wesen und keine Teufelinne! Morosch war zweimal da, und heute früh wieder, sich nach dem Kind zu erkundigen. Ich habe ihn aber nicht gesehen. Beinahe hätte ich ihm das verwelkte Bouquet zum Fenster hinaus, vor die Füße geworfen. Er machte aber ein so dummes Gesicht, daß ich Mitleid mit ihm hatte. Er hat wirklich kein Glück bei den Frauen! Der arme Kerl. Ja, wäre er nur halb so wie Sander.

Ich meine manchmal, Margot hat sich noch lange nicht so ganz in ihren Mann hineingelebt. Z. B. in der Kirche steht sie stocksteif und küßt auch nicht das Kreuz. Warum soll ich meines Mannes Kirche nicht so lieb haben wie die meinige? Ich machte Alles mit, als wäre ich darin geboren. Gottesdienst ist ja in jeder Form schön. 

Warum mich denn steif machen dagegen? O, wen ich liebte, der sollte es spüren, das weiß ich! Ich bin gemacht zum Liebhaben. Es muß nur der Rechte sein, Mr. Right, nicht so ein Mondkalb, sondern ein Mann! Aufgehen wollte ich in ihm, me faire sa doublure, nichts denken als er, nichts sehen als ihn. Aber, Mütterchen, nur nicht den Falschen! Nein, das könnte ich nicht! Ich bin zu entiére, zu sehr mit dem Kopf durch die Wand! Verzeih alle Dummheiten

          Deinem flackernden Irrlichtchen.



Burda, den 20. Juni 1877.


          Mein Mütterchen!

Man kann doch ganz unschuldig in zu fatale Situationen kommen! Margot ist ein ganz klein wenig gereizt gegen mich, soviel wie die gute, sanfte Seele es sein kann, aber doch gerade so viel, daß ein so empfindsames Geschöpf wie ich schon ganz unglücklich ist! In meiner Noth habe ich mich endlich an Gutchen gewandt, zumal da die dumme Dodo offenbar hetzt und häßliche Sachen über mich sagt. Sogar Gutchen sah einen Tag beinahe streng aus. Das ging mir über die Nerven. Nach dem Frühstück gehe ich hinauf und klopfe an. Sie saß am Fenster und las und war solch ein Bild von Ruhe und Harmonie, daß mein wildes Herz ganz still wurde. Ich kniete mich vor sie hin: »Gutchen!« sagte ich, »helfen Sie mir!« Sie hob mein Kinn, sah mir recht tief in die Augen und sagte dann: »Ja, Kind, es ist schwer, einem Andern zu helfen!« Ich ließ meinen Kopf sinken und sagte lange Nichts. Die Uhr tickte so laut und sogar die kleine Taschenuhr in Gutchens Kleide hörte ich ticken. Dann kam die Sonne und streifte das Fenster und ein Vogelpaar setzte sich darauf ganz dicht zu uns, aber durch einen Seufzer von mir flogen sie davon. Dann kam Alles heraus, die ganze Geschichte; aber als ich an die abscheulichen, grausamen Insinuationen kam, von dem Ausstrecken der Hand nach andrer Leute Gut, da wurde ich so roth, daß mir das Wasser in die Augen kam, und ich konnte fast nicht weiter sprechen. Sie aber streichelte mir das Haar und fand mich, glaube ich, noch sehr selfpossessed, daß ich nur das Pferd geschlagen. Sie begriff auch, daß ich so etwas Margot nicht sagen konnte! Ein solcher Gedanke darf ja gar nicht ausgesprochen werden! Es ist unanständig! Wie konnte das abscheuliche Mädchen so etwas in den Mund nehmen! Wie oft hast Du mich gewarnt vor meinen raschen Freundschaften! Aber Gutchen? In Gutchen habe ich mich am ersten Abend verliebt, und wie habe ich Recht gehabt! Sie hat mir eine ganz schöne, kleine Predigt gehalten, und ich küßte ihre Hände und dankte ihr, und versprach ihr alles Mögliche. Sie hat mich schon so erkannt und durchschaut! Sie kennt mich schon viel besser als Margot. Nun, sie ist ja auch so viel älter und erfahrener. Warum bin ich nur solch ein Irrlicht! Ich meine es doch gerade so gut wie die Andern! Mein Wille ist so ernst und viel fester als man denkt! Ich kann Dich versichern, Mütterchen, ich könnte mich gleich opfern, ohne Zögern, wenn es nöthig wäre! Ich spränge ins Feuer, wenn ich's für Jemand thun könnte. Gutchen sagt aber: »Das ist nicht genug! Man thut nicht das Gute der Andern wegen, sondern um der Schönheit des Guten willen und für sich selber!« Für mich selber würde ich aber gar nichts thun, rein gar nichts, das weiß ich. Ich brauche einen Gegenstand der Anbetung, und für den zu leben und sterben, das verstehe ich. Gutchen sagt: »Kein Mensch ist anbetungswürdig, und wer sich das einbildet, der wird von einer Enttäuschung in die andere fallen.« Ja, könnte ich so nüchtern sein wie sie, so klar und verständig. – Wie sie sauber ist und wie ihr Zimmer duftet! Und ihre Hände sind immer so frisch, als kämen sie eben aus dem Wasser. Man begreift, daß sie solch einen Menschen wie Sander erziehen konnte! Von ihr hat er diese Klarheit und Verstandesschärfe, von ihr das reife Urtheil. Und dabei ist er mit ihr wie ein Kind, legt seinen Kopf in ihren Schooß und sagt: »Zank mich, Gutchen, ich habe Dir heute keine Ehre gemacht!« Und dann strahlt sie, wie die glücklichste Mutter! Weißt Du, Mütterchen, ich habe auch Beruf zu solch einer alten Tante in mir. Ich habe einen großen Widerwillen gegen das Heirathen. Geisteskinder würden mir genügen, besonders wenn sie so wären!

Für Margot's Kinder habe ich natürlich die größte Passion. Ich war mit meiner Beichte noch nicht fertig, da hatten die Plagegeister meinen Kopf im Fenster entdeckt und schrien: »Tante Astra, Tante Astra!« bis ich herunterkam. Ich hatte ihnen versprochen, ihnen den größten Drachen zu bauen, den sie noch je gesehen! Ich nahm dazu Rohr und Packleinwand, fast so groß wie mich selber und einen Schweif von vielen Ellen, und nun kam der Wind über die Ebene angeblasen, gerade als man ihn am meisten wünschte, und siehe da, das Ding ging in die Luft mit solcher Gewalt, daß es mich und die beiden Buben fortzog. Wir schrien: Dodo, Dodo! Die kam und half halten, de fort mauvaise grâce, das muß man ihr lassen, und lachte kein bischen, was aber den Jubel nicht verdarb. Hernach verbat sie sich von mir das Dodo, sie sei nicht meine Dodo, wenn ich, mit meiner Katzennatur, mich auch geberden könne, als sei ich ein kleines Kind. Ich sagte ihr, ich werde sie fortan Fräulein Hefe nennen; denn sie erhielte allein eine heilsame Gährung, ohne welche wir Alle zu Matzen verflachen würden. Ich sagte das aber ganz freundlich, nicht so spitz wie sie. Arme Hefe! Was mag nur ihr Leben so versäuert haben? Vielleicht eine unglückliche Liebe! Ich habe großes Mitleid mit herzgebrochenen Mädchen, die Welt muß ihnen so grau und öde erscheinen! Und die Männer Alle so odios wie der Eine, der sie verschmähte! Wer mag sie nur verschmäht haben! 

Ich habe auf einmal so Angst, Du bist nicht wohl, Mütterchen! Du schriebst so lange nicht! Aber dann würde sich doch irgend eine mitleidige Seele finden, um mich davon zu benachrichtigen, nicht wahr, mein lieb, gut Engelsmütterchen! Du bist doch nicht sehr unzufrieden mit mir? Nicht so viel, daß ich es nicht fortküssen könnte? Du weißt ja, daß ich gern gut sein möchte, sehr gut, und meiner Unvollkommenheit so bewußt bin!

Margot ist doch sehr zart. Die letzten Tage lag sie fast beständig. Das ist schlimm für eine Frau! Ich küsse Dich mit Inbrunst, ich schmiege mich an Dein Herz! Wenn ich Gutchen umarme, dann bilde ich mir ein, Du wärst's, und dann kriegt sie einen ganzen Pack Zärtlichkeiten mehr als ihr zukäme, d. h. von mir, da sie mich nicht erzogen hat!

          Dein dummes Kind Astra.



Burda, den 26. Juni 1877.


          Meine liebe Mama!

Durch einen Brief von Marie Gösche erfuhr ich zufällig, daß Du an einer starken Erkältung gelitten, sogar das Bett gehütet hast ! Das sieht Dir ähnlich , daß Du es uns verheimlichst, um uns nicht besorgt zu machen! Ich habe mich aber doch geängstigt und bin doppelt betrübt, daß Astra Dir unsre kleinen Schwierigkeiten mitgetheilt. Glaube mir, das sensitive Kind hat sie Dir übertrieben; es wird sich Alles wieder ausgleichen, und die Einzige die darunter gelitten, ist Astra. Sie hat sich die Sache so zu Herzen genommen, daß sie ganz elend aussieht, und mir that es sehr leid, daß meine liebe Mama ihr ein bischen hart geschrieben hat! Bitte, bitte, mache es wieder gut durch ein zärtliches Briefchen; ihre Heftigkeit war doch nur Heftigkeit und nicht Seelenroheit wie Melanie's Gebahren. Klein Astra stand nach Empfang Deiner Zeilen wie ein geknicktes Pflänzchen da, und als Sander ein paar Stunden später unerwartet heimkehrte, fiel sie ohnmächtig hin. Ich war sehr erschrocken, aber noch mehr gerührt, als sie sich an meinen Hals hing, wie sie wieder zu sich gekommen, und immerfort sagte: »Nicht wahr, nun wird Alles wieder gut, nun er wieder da ist.« Und bei einem Haar wäre er nicht wieder gekommen! Man ahnt doch so selten den Abgrund, an dem man steht! Daß die Eisenbahn in Folge der starken Regengüsse unterbrochen, wußten wir, aber nicht, daß Sander jetzt schon heimkehren wollte, und daß der leichtsinnige Mann sich auf den Schienen so weit es ging mit einer Draisine fahren ließ, d. h. nicht so weit es ging, sondern weiter als er hätte gehen sollen, denn das kleine Gefährt warf plötzlich um und die Insassen fielen in den ausgetretenen Fluß von einer nicht geringen Dammhöhe. Was sich da nun zugetragen, ob er das Bewußtsein verloren und nur durch Andere gerettet worden ist, habe ich nicht aus ihm herausgekriegt. Er erzählt dies Erlebniß höchst drollig, aber an Astra's erschrockenen Augen sehe ich, daß die Sache noch anders lag, sie aber ein Complott hegen, es mir vorzuenthalten. Was überwunden ist, birgt ja auch kein großes Interesse mehr.

Weißt Du, daß ich mich ein paar Tage lang mit dem Gedanken peinigte, Du würdest nach dem Vorfall mit Melanie bereuen, mir Dein Kind anvertraut zu haben? Denn es ist entwürdigend, wenn ein Mädchen wie Astra solchen Anschuldigungen, seien sie noch so ungerechtfertigt, überhaupt ausgesetzt wird. Aber das ist ja der Fluch der hiesigen Verhältnisse; die wahre Durchbildung fehlt auch den höchsten Kreisen. Melanie, wie Du weißt, war mir immer besonders antipathisch, obgleich sie mehr als Schwester wie als Cousine Sander's erzogen ist. Sie ist, trotz ihrer Formen und ihrer Kenntnisse, eine gemeine Natur und legt die Triebfedern ihres Herzens natürlich auch Anderen unter. Daß ich trotzdem stets gut mit ihr ausgekommen, hat seinen Grund in dem Umstande; daß unsere Interessen sich nie kreuzten, und ich auch etwas gleichgültig bin. Astra ließ sich durch Melanie's graziöse Formen und ihre Lebhaftigkeit bestechen, sie schwuren sich gleich Freundschaft, was ja in Feindschaft umschlagen mußte, sowie ein Mann dazwischen kam. Uebrigens bin ich überzeugt, daß Melanie schließlich doch Morosch heirathet, er ist ihr jetzt nur viel interessanter geworden, und sie ist ein Mädchen, das an Zank und Streit und aufregenden Scenen Gefallen findet.

Mit Sander ist in unser Haus wieder aller Frohsinn eingekehrt; wir fühlen die Hitze gar nicht mehr. Sogar Fräulein Weiß scheint ihr altes Selbst wiederzufinden. Nur ich kann die Nächte nicht schlafen, so unnütze Gedanken haben sich meiner bemächtigt, dann setze ich mich in den großen Schaukelstuhl auf den Balkon und schaue in die Sterne, die mir immer ein unendliches Heimweh geben. Im ersten Jahre meiner Ehe saß ich oft auf demselben Fleck und dachte, ich hielte es nicht aus in der fernen Fremde, aber dann kam stets die liebe Hand, fuhr über meine Stirn, und er sagte, sie streiche die Gedanken fort, damit kein einziger von ihm wandere. Das ist recht sentimental, solchen Erinnerungen nachzuhängen, Sander ist genau so gut, wie er immer war, nur hat er, Gott sei Dank, einen gesunden Schlaf. Manchmal gehe ich bis an die Thür seines Zimmers, wenn mir gar so bang ist, aber ehe ich sie öffene und ihn unnöthig erschrecke, ist mir bis jetzt immer meine selbstsüchtige Anwandlung vergangen. Natürlich durchschauten wir einander im ersten Jahre besser, wir lebten ja ganz allein, nicht einmal Gutchen war bei uns, jetzt, wo das große Haus, die vielen Menschen mit ihren verschiedenartigen Ansprüchen um uns herumgewachsen sind, ist die innige Ausschließlichkeit nicht mehr möglich. Wäre sie wirklich nicht mehr möglich?

Melanie hat übrigens eine endlose Correspondenz mit Sander begonnen, zweimal täglich bringt der Reitknecht ihre dreieckigen Briefchen; »eigenhändig abzugeben und auf Antwort zu warten«, ist die Ordre. Mir mißfällt das, Sander sollte nicht antworten, Melanie hat meine Schwester beleidigt; als ich es ihm sagte, meinte er, daß es nicht in seiner Natur läge, Partei in Fraueneifersüchteleien zu ergreifen, und daß er Melanie seinen Rath nicht verweigern könnte, da ihr Vater ein Narr wäre, und sie keinen Bruder hätte. Natürlich schwieg ich, aber ich glaube, es hat mich verletzt, und Sander sah es, denn er fragte: »was ist denn aus meiner vernünftigen Frau geworden?«

War ich denn immer so »vernünftig«, daß ich keine eigene Meinung hatte? Ich fühle mich gar nicht sehr vernünftig gerade und sehne mich unbändig danach, meinen Kopf wie ein Kind in Deinen Schooß zu stecken und mich auszuweinen. Gott erhalte Dich mir!

          Deine ergebenste

          Margot.



Burda, den 29. Juni 1877.


          Mein süßes Mutterherz!

Mir wieder verzeihen, bitte, bitte, bitte! Ich kann selbst meinen Mangel an Selbstbeherrschung nicht begreifen! Ich bin so komisch jetzt, Alles reizt mich gleich so, das liegt gewiß am Klimawechsel und an den vielen neuen Menschen. Da bin ich ein bischen aus dem Gleichgewicht gekommen. Aber wie sie gut sind, nein, so gut! Mein Vater wäre nicht besser für mich als Sander und Margot ist jetzt so himmelsgeduldig mit mir, wirklich ganz beschämend! Denke Dir, heute Morgen fährt ganz elegant ein Wagen vor und pikfein angezogen, Lackstiefel, Glacéhandschuhe und Cylinderhut steigt Morosch aus. Ich guckte gerade durch die Jalousien und wunderte mich. 

Die Zöpfe hingen mir herunter, ich hatte so heiß! Wie ich aber die Anstalten sehe, denke ich: Es ist doch besser, das Haar zu machen, man weiß nicht, was passirt. Unter mir war bei Sander das Fenster auf, da höre ich die Herren sprechen und meinen Namen nennen. Das Blut schoß mir nur so in den Kopf, auch vom Hochhalten der Arme bei der Hitze, mit den schweren Zöpfen! Auf einmal höre ich Sander's Schritt auf der Treppe. Es klopft. Herein! Sander, ganz verlegen, fängt an, im Zimmer auf- und abzugehen, ich auch verlegen, mit einem Stück Haar in der Hand und den Pudermantel um die Schultern. Endlich kam es.

»Er will Dich heirathen!«

»Was will er?«

»Dich zur Frau haben!«

Ich lachte laut auf.

»Scht! Pscht!« machte Sander, »man hört Unten!«

»Aber Sander! Und Du schickst ihn nicht gleich fort?«

»Nun, ich muß Dich doch fragen!«

»Natürlich nein, sage doch schnell nein!« 

»Aber Astra! er ist eine vortreffliche Partie, ein sehr braver Mensch und wahnsinnig in Dich verliebt.«

»Herr Gott, wie gräulich! ich hasse das Zeug!«

»So?« macht Sander.

»Nun ja, natürlich! Verliebt! Er kennt mich ja gar nicht.«

»Er sagt: »Sehr genau.«

»Dazu ist er viel zu dumm!«

»Ich halte ihn nicht für dumm!«

»Ja, Du findest Jedermann vortrefflich!«

»Aber er ist es, und war schrecklich hereingefallen mit Melanie, konnte nur als Ehrenmann nicht heraus.«

»Und war doch gewiß auch wahnsinnig verliebt!«

»Nein, das war seine Mutter für ihn.«

»Ich will ihn aber nicht.«

»Kannst Du ihm das nicht selbst sagen?«

»Nein, danke sehr, Du siehst, ich bin nicht einmal angezogen. Und Du kannst sagen, was Du willst, ich gebe Dir carte blanche

Sander geht seufzend ab. Langes pourparler. Ich stehe immer mit dem Haar in der Hand und vorgestrecktem Hals, verstehe aber Nichts. Endlich freundlichstes Händeschütteln und Abfahren, und Sander tritt ein mit Tropfen auf der Stirn.

»Ich habe den Henkel an Deinem Körbchen möglichst mit Blumen verziert. Ich sagte, Du würdest nachdenken, besser kennen lernen, die Heirathsgedanken herankommen lassen – weißt Du, was man so sagt!«

»Das hast Du gethan? Aber Sander! Ich möchte Dich schlagen! Abfahren solltest Du ihn lassen! Sander, Du bist unausstehlich mit Deiner Vorsicht!«

»Nun, nun! schon wieder so hitzig! Kleiner Sprühteufel! Deine Augen funkeln wie zwei Kohlen! – Was hat er Dir nur gethan?«

»Er langweilt mich, und seit er mich nun gar liebt, hasse ich ihn! Ich will gar nicht heirathen, ich will bei Euch bleiben!«

»Tant mieux!« sagte Sander, lachte und ging fort, zu Margot. Die kam gleich gelaufen und lachte und wir lachten die Treppe hinunter, bis uns Fräulein Weiß mit einem bitterbösen Gesicht entgegen kam. Was hatte die nur? Ich glaube, sie ist Melanie's Freundin und hat die Lackstiefeln und den hohen Hut gesehen und spuckt Feuer und Galle! Was kann ich dafür? Ich kann heute nichts mehr schreiben, ich bin zu aufgeregt!

          Deine Astra.



Burda, den 1. Juli 1877.


          Liebe Mama!

Astra hat Dir von Morosch's übereilter Handlungsweise Mittheilung gemacht, ich bitte Dich aber dringend, ihn nicht danach gleich streng zu verurtheilen. Natürlich war ich auch höchst überrascht durch seine Unfeinheit und begriff Sander nicht, der seine Partei nahm. Da ich Morosch nun doch bereits seit Jahren kenne, bin ich nach einiger Ueberlegung zu der Ansicht gekommen, daß irgend ein uns unbekannter Umstand ihn dazu getrieben haben muß. Sicher ist ihm Astra's Benehmen zu Melanie in irgend einer Art verdächtigt worden, so daß er glaubte, sein Ehrgefühl erforderte, daß er ihr gleich seine Hand antrüge. Es ist doch merkwürdig! Seit Jahren dachte ich an Morosch als an einen Mann, dessen Führung ich getrost unser flackerndes Irrlicht anvertrauen würde; kurz vor Astra's Ankunft verlobt er sich, und nun muß er trotzdem das Kind so lieb gewinnen, daß er die Beziehung abbricht, – doch sie will nichts von ihm hören. Gewiß kann es ein Mädchen nicht für ihn einnehmen, daß er eben einer Anderen Herz und Hand versprochen hatte, mich würde das auch sehr bedenklich machen, kennte ich ihn nicht seit sieben Jahren als zuverlässig. Glaube aber nicht, daß ich Astra zureden werde, ihn schließlich doch zu erhören, ich hüte mich sogar, sie merken zu lassen, wie hoch ich Morosch halte, um sie nicht zu beeinflussen. Was mich bei der ganzen Sache stört, ist Sander's Stellung. Mit Melanie ein unaufhörlicher brieflicher Verkehr, zarte Aufmerksamkeiten wandern hin und her, Sander ist oft zu Pferd drüben; wäre es, um sie mit Morosch auszusöhnen, würde er doch nicht so perfide Astra zugeredet haben? Da er aber die fixe Idee hat, ich wäre plötzlich auf Melanie eifersüchtig, kann ich ihm kein Wort in dieser Angelegenheit sagen, ohne mißverstanden zu werden. Gut, daß Astra und ich uns so vollständig verstehen. Glaube aber nicht, liebe Mama, daß ich mir einbilde, Sander sei in Melanie verliebt und hätte darum ein Interesse, Morosch mit Astra zu verbinden; nein, Melanie ist denn doch nicht die Frau, auf die ich eifersüchtig werden könnte, die müßte überhaupt erst geboren werden. Wenn Sander mir ungetreu werden könnte, wäre er ja nicht mein Sander, also kein Besitz mehr, dessen Verlust ich zu beklagen hätte. Er ist aber mein Sander, und wenn ich in seine vollen Augen sehe, weiß ich, daß wir wohl in kleinen Aeußerlichkeiten von einander verschiedene Meinungen haben können, daß wir uns aber stets in einander wiederfinden werden.

Nun habe ich mich so ein bischen zu Dir ausgeklagt; Du hast mir ja so gütig geschrieben, daß Dir das am liebsten wäre. Möge nur Deine Gesundheit wirklich so gekräftigt sein, wie Du meinst. Den Kindern geht es trotz der tropischen Hitze sehr gut; da Fräulein Weiß sehr viel an Kopfweh leidet, hat Costi weniger Stunden und sie genießen Alle Tante Astra. Die Kleine ist ganz hergestellt, ich warte aber eine kühlere Jahreszeit ab, um sie vollständig zu entwöhnen. Etwas freier habe ich mich aber schon gemacht, Deinem lieben Rathe folgend. Neulich stritten wir uns, wer Dein Lieblingskind wäre, ich sagte Astra, und sie sagte Margot, bis Sander entschied, er wäre es! Was sagst Du?

          Deine Margot.



Burda, den 3. Juli 1877.


          Mein Engelslieb Mütterchen!

Heute bin ich von meinem Moroschschrecken doch ein wenig erholt, da mich Niemand damit plagt. Es ist merkwürdig: ein Heirathsantrag ist doch keine Gewaltthat, und doch wehrt man sich dagegen mit einer Energie, als hätte man schon halb den Kopf in der Schlinge. Gutchen meinte, sie hätte ganz egoistische Motive bei dem Wunsche, ich sollte annehmen! Ich solle in der Gegend bleiben; dann würdest Du auch herziehen, was sie besonders zu wünschen scheint; sie muß Dich sehr lieb haben. Nicht wahr, Alles wäre immer so hübsch und so passend und so vortrefflich, wenn's nur dem einzig Betheiligten paßte! Dir wäre die Luft hier sehr zuträglich, wegen der großen Wärme und des vielen Sonnenscheins. Sander lachte und sagte: »Wenn Du Morosch erst kennst, dann nimmst Du ihn doch! Du wirst mir noch auf den Knien danken, daß ich von Bedenkzeit gesprochen, anstatt mit dem kategorischen Imperativ aufzutreten, mit dem ich geladen war!« Er behauptet, meine Haare hätten sich sogar gesträubt.

Ich wollte gar nicht mehr mit Sander reiten, seit Melanie's abscheulichen Worten, konnte aber vorgestern Abend keinen passenden Grund finden, um schon wieder zu Hause zu bleiben, und so jagten wir nach Sonnenuntergang durch die Haide. Wem müssen wir anders begegnen, als Melanie, die allein dahinritt und den Kopf nachdenklich hängen ließ. Ihr Blick war nicht gut, als sie uns erkannte und ihr Lächeln nicht lieblich, mit dem sie unsern Gruß erwiederte. Ich wurde natürlich roth, was sie hoffentlich nicht sah, da es schon dämmerig wurde. Ich hatte ein so unbehagliches Gefühl in der Kehle und im Magen, wie ein schlechtes Gewissen, das ich doch nicht habe. Sander verscheuchte es bald durch sein Gespräch. Mit ihm kann man gar nicht aufhören, er macht jedes Thema interessant. Du solltest unsere Abende auf der Terrasse kennen, wenn die Kinder schlafen! Gutchen und Sander werfen den Federball der Unterhaltung in die Luft und erhalten ihn schwebend, so daß er Jeden berührt, von Jedem wieder emporgeschleudert wird, seiner Kraft entsprechend, und wenn er fallen will, dann stiegt er auf einmal recht hoch und schillert und glänzt in der Luft! Es geht doch nichts über geistreiche Menschen und ein lustiges Gespräch! Man bekommt Flügel und sprüht mit in die Feuerkugeln hinein und eins entzündet sich am andern. Margot nimmt nicht immer sehr lebhaften Antheil. Sie liegt in ihrem niedern Sesselchen, so durchsichtig, und ihre feine Hand spielt mit einem Bande. Wenn man dann etwas sagt, das ihr nicht recht ist, dann zerknittert sie das Band ein wenig, sagt aber Nichts. Sander scheint sich keine Gedanken darüber zu machen. Sie wird wohl öfter so sein. Die Hefe that etwas besorgt, wurde aber beinahe ungeduldig abgewiesen, was sie in gekränktes Schweigen versenkte. Wenn sie etwas Spitzes sagt, so macht Sander eine leichte Wendung und hat die Distel in eine Blume verwandelt. Gegen seine Liebenswürdigkeit ist eben gar nicht aufzukommen. Meine Kinder möchte ich ihm und Gutchen anvertrauen, dann wäre ich sicher, sie würden gut. Ich sagte ihnen das, wurde darauf ungeheuer ausgelacht, ich spräche von Kindern und wolle keinen Mann! »Doch«, sagte ich, » aber nur Mr. Right!« »Mädchen verstehen ja gar nichts davon, ob's der Rechte ist!« meinte Sander. »Ich glaube doch«, lächelte Margot, worauf er ihr die Hand küßte, dann aber ganz still und nachdenklich wurde.

Gestern hat er mich einmal ausgescholten wie ein kleines Kind. Ich hatte es aber auch verdient, denn ich fuhr auf einer Art Floß mit den zwei Buben auf dem sumpfigen kleinen Weiher herum. Er kam gerade dazu, wie ich mit der Stange keinen Boden fand, nur weichen Schlamm, und wir mitten drin steckten. Ich lachte, mir war's aber gar nicht zum Lachen, besonders als ich sein Gesicht sah. Er sprach kein Wort, nahm eine lange Stange und stieß uns dem andern Ufer zu. Als wir glücklich am Land waren, stand er schon vor uns: »Wer hat Euch erlaubt, das zu thun? Hab ich's Euch Buben nicht ein für allemal verboten? Marsch hinauf, und heute kommt Ihr nicht wieder herunter.« Ich wollte bitten. Er deutete aber nur nach dem Hause, und die armen Kerlchen schlichen durch meine Schuld zu ihrer Strafe, die doppelt groß war durch die ewige üble Laune der Fräulein Weiß, der sie nun nicht entgehen konnten. Ich wollte anfangen, mich zu entschuldigen, aber Sander schnitt mir das Wort ab und zeigte mir, was ich gethan, in solchem Lichte, in welche Gefahr ich seine Kinder gebracht und welchem Fieber oder gar welch' elendem Tode im Schlamm ich sie und mich ausgesetzt, daß ich beinahe vor ihm auf die Kniee gefallen wäre, wenn ich überhaupt gewagt hätte, mich zu bewegen. Mir fiel immer eine Thräne nach der andern herunter. Ich hätte mich am liebsten gleich in den Sumpf gestürzt, nur um seine schrecklichen Worte nicht zu hören! Ich bin wirklich ein Irrlicht und habe nicht Verstand in meinem Kopf für drei Groschen. Das wollte ich ihm Alles sagen, aber ich konnte nicht. Endlich streckte er die Hand aus, lächelte ein wenig und sagte: »So, nun ist's gut, nun sprechen wir nicht mehr davon. Aber bevor Du wieder eine große Dummheit machen willst, frage mich doch lieber!« Ich stammelte etwas von Verzeihen und er sagte: »Kann man denn anders? Was verzeiht man nicht solchen kleinen Irrlichtern«, und damit ging er fort und pfiff seinen Hunden.

Ich war im Leben nicht so zerknirscht! Ich brachte mehrere Stunden bei den Buben zu, ihnen den Arrest zu erleichtern, den ich ihnen über den Hals gebracht. Von Tisch wollte ich auch fortbleiben, da sie nicht kommen durften, aber Margot holte mich und sagte, Sander wünschte mich zu sehen. Ich saß auf Kohlen und sprach nichts, und zum ersten Mal fürchtete ich mich vor ihm. Er wurde aber bald so interessant, daß ich meine Scham und Schande ein wenig vergaß, im eifrigen Zuhören. Später ritt er, ohne mich aufzufordern, mitzureiten, was er sonst immer thut. Ich ging wieder zu den Buben, bis sie schlafen gingen. Die armen Kerlchen waren bei der Hitze nun um das Spiel in der Abendkühle betrogen. Ich hätte sie noch fort und fort um Verzeihung bitten mögen! Margot war besonders lieb mit mir, um mich zu trösten. Ich schlief aber doch die halbe Nacht nicht, durch die schrecklichen Bilder, die vor mir aufstiegen. Am Morgen begrüßte Sander seine Buben mit besonderer Freude. Es war ihm gewiß schwer angekommen, sie den ganzen Tag nicht zu sehen. Ach! Mutter! Das ist doch ein schreckliches Gefühl, so etwas gethan zu haben, in einem Hause, wo man zu Gast ist! – Niemand spricht mehr ein Wort davon, gerade als wäre nichts gewesen. Aber das imponirt Einem noch mehr. Etwas, über das man nicht spricht, bleibt viel größer und eindrucksvoller stehen. Wann werde ich aufhören, nach dem ersten Impuls zu handeln! Wann werde ich kühl und ruhig überlegen lernen! Ich wollte Dir das erst gar nicht erzählen, aber zu meiner eigenen Zerknirschung und Kasteiung habe ich's doch gethan. Wenn ich nur nicht in Sander's Augen ganz gesunken bin! Ich wäre sehr unglücklich! Bei manchen Menschen liegt Einem so viel an ihrer guten Meinung. Wenn Sander sagen würde: »Spring da hinein!« ich spränge, ohne zu fragen, ob's Feuer oder Sumpf ist. Wenn er mir so ernst und bestimmt, wie er am Weiher sprach, sagte: »Heirathe Morosch!« ich thät's, und wenn ich auch darüber stürbe! Warum flößt Ein Mensch so großes Vertrauen ein, und dem Anderen mißtraut man bei jeder Bewegung? Gutchen sagte, ich dürfte nicht alle Männer mit Sander vergleichen, denn ich würde Keinen â sa taille finden. Ob Margot wohl weiß, daß sie das große Loos gezogen? Sie müßte immerfort strahlen, und das thut sie doch nicht. Sie hält Morosch für sehr schätzenswerth. Ich lasse mir seine guten Eigenschaften aufzählen und höre andächtig zu, und wenn sie fertig ist, dann lache ich sie aus. So mache ich das! Sie schlug mir vor, ihn zum Thee einzuladen, ich hielt ihr aber den Mund zu. Ich brauche ja nicht zu heirathen, bin noch viel zu kindisch dazu, tête de linotte!

Wenn ich nur wüßte, ob Du wieder ganz wohl bist! Ich küsse Deine lieben Hände und Deine Augen und Deinen Hals und schlüpfe an Dein Herz, mit den Armen um Dich gelegt wie wilder Wein oder Convolvulus! Mütterchen, wie lieb habe ich Dich!

          Deine kleine, dumme Astra.



Burda, den 7. Juli 1877.


          Meine liebe Mama!

Wir kommen eben von einem so herrlichen Ausfluge zurück, daß ich Dir, obgleich es schon spät in der Nacht ist und der abnehmende Mond sogar schon erscheint, schnell noch davon erzählen muß. Bei allem Leid und bei aller Freude ist immer mein erster Gedanke, zu Dir zu kommen. Daß Du mir dies Glück durch alle Jahre der Trennung bewahrt hast, ist noch eine besondere Liebe; durch Dein freundliches Eingehen auf alle Details meiner Briefe hast Du mir oft die Illusion geschaffen, als lebten wir mit einander.

Wir haben also einige schöne Tage in einem kleinen Klösterchen einige Stunden von Czernovitz an der moldauischen Grenze zugebracht und zwar haben wir die ganze Fahrt dorthin per Achse gemacht, weil Astra und ich so viel lieber Wagen fahren als Eisenbahn. Damit ich alle Ruhe hatte, überraschte mich Sander damit, daß nicht nur Maria, sondern auch die beiden Großen und das Fräulein mitgenommen wurden. Die Bonne mit den Kindern fuhr im zweiten Wagen, Sander mit uns drei Damen voran. Wir wechselten aber hin und wieder, Sander und Astra setzten sich zu den Kindern, Lina zu Fräulein Weiß und mir. Astra war sprudelnder Laune, glückselig über jede Blume am Wege, als wir an's Gebirge kamen, sang sie alle ihre Lieder; Fräulein Weiß war auch einmal wieder die Alte, Sander ganz er selbst, die Kinder strahlend vor Lust, am glücklichsten aber war doch Deine alte Margot. All die leichten Wolken am Horizont, d. h. am Horizont meiner Einbildung verflogen vor der klaren, wenn auch heißen Sonne: es war ja Alles nur meine eigene Angegriffenheit, die mir die liebsten Menschen in anderem Lichte erscheinen ließ. Schade, daß Gutchen nicht mit war, die neunstündige Fahrt hatte sie aber abgeschreckt. Gegen Abend, als es schon stark dämmerte, kamen wir in das Kloster, das in einem engen Waldthal, durch das der Sereth rauscht, gelegen ist. Wir tauften es gleich nach Astra, Astracha um, weil sie es zuerst erblickte, wie Sander schon anfing sich zu beunruhigen. Er selbst war nämlich noch nie dagewesen, nur Morosch hatte ihm davon vorgeschwärmt und sich auch erboten, unsere Ankunft dort anmelden zu lassen. Zum Dank hatte er erwartet, daß wir ihn auffordern würden, sich uns anzuschließen, Astra hatte aber protestirt und Sander darauf hin sehr geschickt Morosch zu verstehen gegeben, daß wir mit einem Transport Kinder, Ammen und Gouvernanten führen, er uns also geniren würde.

Als wir uns dem Kloster näherten, das aus der Ferne einen stattlichen Eindruck gemacht, konnten wir uns eines gewissen Unbehagens nicht erwehren: es sah unheimlich aus. Astra riß ihre schönen Augen weit auf, alle Geschichten von verzauberten Schlössern standen in ihnen; als wir in den Hof einfuhren, rührte sich nichts, das große, steinerne Haus schien ausgestorben. Sander schüttelte den Kopf, Astra meinte, wir könnten schlimmstenfalls ja in den Wagen nächtigen, während er ausstieg und in die Eintrittshalle trat. Nach einigen Minuten gespannten Wartens sahen wir ihn mit einem alten, zerlumpten Mönch wieder kommen. »Wir sind zwar nicht erwartet, der Staritz ist mit fast allen Mönchen zu einer Kirchenfeier hoch oben im Gebirge und kehrt erst übermorgen heim, aber dieser brave, halbblinde heilige Vater wird für uns sorgen«, erklärte Sander, während er uns beim Aussteigen half. »Die Fremdenräume zeigen Spuren vergangener Pracht«, setzte er hinzu. Natürlich war es hundert Mal schöner und amüsanter, da wir nicht erwartet waren und uns eine Mahlzeit selbst bereiten mußten; die Kinder und Astra entwickelten einen Eifer, der nur noch von Sander und Fräulein übertroffen wurde. Es war ein wahres Gaudium! Gut, daß die vorsichtige Mama so viel Proviant mitgenommen hatte und auch die Lichter nicht vergessen, sonst wären wir auf die Sterne angewiesen gewesen, weil der Mond sich verspätete, – ganz kalendergemäß! Dazwischen solch schaurig Wald- und Wasserrauschen im engen Thal und so geheimnißvolles Herumschleichen der aufgeschreckten Mönche in den großen aber ungepflegten, einst fürstlichen Räumen. »Das ist doch der ganze Morosch! Verliebt bis über die Ohren, aber nicht fähig seiner Angebeteten auch nur ein Quartier zu bestellen«, lachte Sander, ich schalt ihn aber ungerecht, da der Staritz verreist, konnte der Bestellbrief unerbrochen da liegen. »Gesteh', daß mir das nie, unter keinen Umständen passirt wäre«, verlangte Sander und da Alle seiner Meinung, mußte ich es wohl zugestehen. Um 10 Uhr waren Alle – natürlich angekleidet – in ihren Schlafstellen untergebracht und versprachen ihr Möglichstes zu thun, um einzuschlafen. Leicht war es nicht, da gegen Uebermaß selbst Insektenpulver vergebens kämpft. Schließlich gelang es mir doch. Kaum aber, so schien mir, war ich eingeschlafen, als ich erwachte, weil Jemand meine Hand berührte. Ich fuhr erschreckt auf, und sehe im hellen Mondschein Fräulein Weiß vor mir stehen. »Gnädige Frau«, flüstert sie, »ich fürchte, dem Herrn ist etwas zugestoßen.

»Aber warum denn, um Gottes Willen?« 

»Er ist seit zwei Stunden fortgegangen und eben, als ich aus dem Fenster spähte, erblickte ich Berittene, bewaffnet bis über die Ohren, am Hause vorbeisprengen, in das Buschwerk hinein!«

Ich mußte laut auflachen, obgleich ich sie wirklich nicht ärgern wollte.

»Liebes Fräulein, Sie haben das ganze Mittelalter im Kopf, in diesem armen Waldthal Berittene! Mein Mann wird in der Kirche sein, er hatte ja erklärt, wer wach wäre, dürfe sich ihm zum Nachtgottesdienst anschließen. Astra scheint die Tokka auch verschlafen zu haben?«

»O nein, Fräulein Astra ist auch verschwunden.«

In demselben Augenblick hörte ich Hufegetrappel. »Sehen Sie,« rief Fräulein Weiß, zu verängstigt, um zu triumphiren, »man wird uns hier überfallen. Großer Gott!«

Ich war aufgesprungen und zu einem der großen, unverhüllten Fenster geeilt. Ja, es sah allerdings unheimlich aus; drei Männer zu Pferde hielten vor der Thür gerade an und schienen zu berathschlagen, was weiter geschehen sollte. Zurückkehrende Mönche konnten es nicht sein, denn ich sah auch Waffen, Grenzjäger vielleicht, deren Uniform unter dem großen, weiten Mantel verborgen, die Schatten der riesigen Tannen, durch die der Mond nur unsicher lugte auf der Landstraße unten, ließen mich nichts genauer erkennen. Der Weg bis nach unten war lang, das Fenster zu schwer, als daß ich es öffnen und sie ansprechen konnte, aber geschehen mußte etwas! Waren es am Ende wirklich Gebirgsräuber, die unsere Wagen und Pferde fortführen wollten? Die Stallung, in der die Leute auch nächtigten, lag weit ab, im Hause war Alles todtenstill. Wie fatal, daß Sander fortgegangen! »Ich muß hinunter und selbst sehen, was sie wollen,« sagte ich nach kurzer Ueberlegung. »Nein, nein, oder nehmen Sie mich wenigstens mit,« seufzte Fräulein Weiß. In dem fensterlosen Vorgemach war es stockfinster, wir mußten zurück, um uns ein Licht anzuzünden und krochen dann vorsichtig die Treppe hinunter. In einer Ecke des Vorgemachs schlief auf einem Fetzen Teppich der alte Mönch, der uns bedient hatte.  Das Fräulein bekam fast Krämpfe bei diesem unerwarteten Anblick. Als wir endlich unten waren – das Fräulein klammerte sich so fest an mich, daß ich sie beinahe mitziehen mußte – und aus der offenen Hausthür traten, lag das Thal still und friedlich vor uns, regungslose Tannen blickten uns an, und das einzige Geräusch war der brausende Strom. »Haben wir uns geirrt?« sagte ich ganz bestürzt. Das Fräulein spähte und horchte nach allen Richtungen: Todtenstille! Plötzlich Fußtritte und Astra's helles Lachen. Ich war doch froh, denn Sander kam mit ihr. Als sie uns auf dem Perron vor der Hausthür erblickten, stürzte Astra auf mich zu. »Bitte, Sander, ich muß es erzählen,« sagte sie, »es ist wirklich zu köstlich.« Sander aber unterbrach sie: »Der ganze Morosch, Margot, weiter brauche ich ja nichts zu sagen!« Aber Astra gab nicht nach. »Also, von Anfang an! Ich wollte mit Sander in die Kirche und warte und warte auf die Tokka. Vergebens. Nebenbei hatte Sander aber noch Licht – er las übrigens Byron wie ein sentimentaler Jüngling – ich klopfe an und sage: »komm, zur Kirche, es ist hier drinnen so dumpfig und so kühl draußen.« Er war dabei und wir trollen zur Kirche. Aber es war kein Gottesdienst, alle Mönche, die zurückgeblieben, sind taub, blind oder – wie heißt es doch? – Analphabeten? – zu deutsch, sie können nicht lesen. Zurück in's Zimmer mochte ich nicht, Sander, wie immer galant, meint, er zieht den lebenden Byron – mich, – dem todten vor, und so spazieren wir das stille Thal entlang, möglichst fern vom Fluß, damit wir reden können. Plötzlich, höchst romantisch, Pferdegetrappel! Sander, als vorsichtiger Mann, zieht mich zwischen die Bäume in's Dunkel, damit wir nicht gesehen werden, aber genau sehen und Euch so beschützen könnten. Seine Pistole hatte er aber weislich im Reisesack gelassen. Und was sehen wir? Räuber? Nein. Mönche? Nein. Soldaten? Nein. Niemand Besseres als Morosch mit zwei seiner Leute! Ich bin fast dort liegen geblieben vor Lachen. Da bewacht er Nachts heimlich das Haus, in dem sein Engel schläft, oder schlafen sollte, aber er bewacht's mit so viel Lärm, daß er das ganze Thal alarmirt.«

Ist das nicht wirklich charakteristisch für den guten Kerl? Sander moquirte sich weidlich, aber ich fand es wirklich nicht so dumm. Natürlich legten wir uns gar nicht mehr schlafen; ich setzte mich auf die Stufen und genoß die herrliche Nacht, während Sander mit Astra und dem Fräulein im Mondenschein auf- und abging, und die beiden Mädchen rauchen lehrte. Die Kinder hatten herrlich geschlafen, trotz aller Mängel. Den nächsten Tag blieben wir noch bis gegen 3 im Kloster, dann brachten wir Sander, der wieder Sitzungen hat, bis Czernovitz und heute fuhren wir ohne den lieben Mann, aber doch voll von ihm, heim. Es war gar zu schön! Die aus dem täglichen Einerlei herausgerissenen Stunden zählen wie Monate an Erquickung und Ruhe.

Nun habe ich Dir so einen langen Brief geschrieben, aber ich wollte auch einmal wieder ohne Klagen, nur dankbar und glücklich zu meiner lieben Mama kommen!

          In aller Liebe

          Deine ergebene

          Margot.



Burda, den 13. Juli 1877.


          Mein Herzensmutting!

Von unserem prachtvollen Ausfluge brauche ich Dir nicht mehr zu erzählen, da Margot es so ausführlich gethan, sogar daß unsere einzige aventure dabei Morosch war! Er wird jetzt so eine Art von Alp werden, ein Gespenst, das einem überall die Ruhe verdirbt.

Sander kam gestern wieder und brachte ihn mit, behauptet, es sei nicht anständig, ihn nicht zu Tische einzuladen, nachdem er sich für uns bemüht!

Solch ein Diner! Mich stach der Uebermuth, daß ich die größten Tollheiten sagen mußte. Ich wollte ihn von mir degoutiren, indem ich ihm zeigte, wie kindisch ich noch wäre. Ich warf ihm die kleinrussischen, polnischen und rumänischen Brocken an den Kopf, die ich hier erwischt habe und machte eine solche macédoine daraus, daß er ganz bewildered dreinschaute und nicht mehr wußte, an welchem Zipfel er mich packen sollte. Er wäre dann auch gern auf den Ton eingegangen, es stand ihm aber nicht, ich hätte ihn gern Tanzbär genannt und flunkerte und wirbelte so, daß er's aufgab und nur immer von Margot zu Sander blickte, und dann wieder nach mir. Du weißt ja, was ich in einer meiner tollen Launen zu leisten im Stande bin! Nach Tisch rannte ich mit den Buben davon, und Jeder von uns kam mit einem Füllen zurück, die wir nun auf der pelouse vor dem Hause ganz toll machten. Das waren Sprünge! Margot wurde ganz verlegen über meine Kinderei, und das reizte mich immer mehr. Als ich genug hatte, kam ich auf die Terrasse, sehr erhitzt und begann einen Kranz zu winden, zu dem mir die Kinder Blumen brachten. Morosch mußte sich natürlich hinter mich stellen und zusehen. Er fing sogar an, zu sagen: '»Wenn der Kranz keine besondere Bestimmung hat – –« »O doch,« rief ich und setzte ihn schnell der kleinen Maria auf den Kopf, die Margot auf dem Schooß hielt.

»Armer Tantalus!« flüsterte Sander.

Gutchen muß im Complott sein, denn auf einmal sprach sie von Musiciren. Ich sah mir meinen beau an und dachte: »der ist nicht für Musik, dem singe ich Händel und Bach, der hört sicher nur gern Fatinitza und Flick und Flock!« Ich also mit dem größten Ernst meine Musik herausgeholt, Fräulein Weiß gekniffen, als sie etwas Anderes vorschlagen will, Judas Makkabäus!

»Wie schön!« sagte der Arme ganz geduldig. Nun: Mein gläubiges Herze! von Bach. Da sprang er auf, kam näher heran und rief: »Das ist prachtvoll! Das möchte man in der Kirche singen!« »Man singt es in der Kirche!« sagte ich. Sollte ich mich geirrt haben? Fräulein Weiß sang jetzt ein italienisches Liedchen, er setzte sich und wiegte den Kopf und sagte, es sei doch entzückend! Aha! Doch richtig beurtheilt. Darauf komme ich mit der Cantate von Mozart. 

Beinah schlief er schon! Seine Augen wurden ganz schwer und er hielt sie mühsam auf, sah dabei aber nicht gescheut aus!

Margot bekam Mitleid, legte die reizenden Duos aus Figaro auf den Flügel und dann noch eins von Rubinstein. Und der Arme wurde wieder wach. Ich hoffte, nun würde er fortgehen. Aber Gott bewahre! Es war ihm zu wohl, er mußte noch mit in den Garten, suchte offenbar ein tête á tête; das ging mir denn doch über den Spaß. Ich rief die Jungen, sie hätten heute noch kein Französisch gelernt, grüßte und verschwand mit ihnen. Das Repetiren dauerte gerade so lange, bis ich sein Pferd fortgaloppiren hörte, dann erschien ich plötzlich im Salon mit einem tiefen Knix und den Worten: »Ich komme, mir meine Prügel zu holen, verdient habe ich sie!« Sander lachte.

»Ich fürchte, Deine List war nicht ganz das Richtige, vorausgesetzt, daß Du ihn abschrecken wolltest? Er hat in den überschwänglichsten Ausdrücken von Dir gesprochen, er ist so verliebt, daß er kein Pfötchen mehr machen kann und möchte bald wiederkommen.« 

»Und Du hast ihn natürlich für morgen eingeladen?« »Verdient hättest Du's! Das wäre die gerechte Strafe für Dein unerhörtes Kokettiren.« »Das nennt der Mensch kokettiren? Margot, sei Du gerecht!« »Du warst so kokett wie ein Füllen auf der Weide!« Nun ja, natürlich! Ich habe andere Leute kokettiren sehen, Melanie zum Beispiel, das sah ganz anders aus!« Margot wurde roth; es ist ihr immer unangenehm, wenn ich von Melanie spreche, weil das ein Dämpfer auf die Heirathspläne ist. »Er sollte durchaus einschlafen, der arme Kerl!« sagte Sander. »Ich hätte ihm gern eine Cigarette an den Kopf geworfen, damit ihm das nicht passirte!« »Laß mich ihn doch kennen lernen! Du hast ja den schönen Ausweg gefunden! Jetzt lerne ich kennen! Ich probire ihn durch, alle Register nach einander, dann weiß ich, woran ich bin, wenn Ihr mich halb ohnmächtig zum Altar schleppt, in die Bande der heiligen Ehe!« 

»Komm, Margot, reite mit uns,« sagte Sander. Sie bekam ganz rothe Bäckchen und lief eilig, sich umzuziehen, und dann machten wir einen Ritt, der geradezu berauschend war. Sander war förmlich glänzend. Es ist doch schön, wenn ein Mann sein Bestes für die Seinigen hat. So Viele glänzen in Gesellschaft und sind zu Hause unleidlich. Morosch glänzt entschieden nicht in Gesellschaft; ob er's aber zu Hause thut, das möchte ich doch bezweifeln. Seine Mutter soll ihn zwar vergöttern, seine Schwestern auch. Wie mögen Die sein? Melanie sagte, sie wären unleidliche Weibsbilder, aber Melanie ne ménageait pas ses expressions, wenn sie in der Ungeduld war. Ich wäre zu stolz, so zu sprechen von meines Mannes Familie! Und sie hatte ihn doch eigentlich lieb, war schrecklich eifersüchtig und hätte ihn gern wiedergenommen, wenn er sich nicht so leicht hätte fortschicken lassen. Es war anständig von ihm, um meine Hand anzuhalten. Das war dann aber auch Ehrenrettung genug. Ich wünschte, er vergäße das jetzt. Ich werde ihm nächstens auseinandersetzen, daß ich keinen Groschen habe, daß wir von Deiner Pension leben, und daß wir nicht zusammen kommen konnten, weil's zu theuer war. Vielleicht bringt ihn das auf andere Gedanken. Melanie ist sehr reich und seine Familie soll sehr auf das Geld sehen, wie die meisten Familien. Ob er so ist, habe ich noch nicht studirt. Wenn ich nur etwas zerbrechen könnte, das ihm gehört; das ist ein Augenblick, bei dem man jeden Charakter genau studiren kann, ob er gar nicht einmal hinsieht, ob er einen traurigen Blick danach wirft, ob er's in die Hand nimmt oder gar darüber klagt! Solch Einen muß man ja nicht zum Manne nehmen, der ist in der Haushaltung unleidlich. – Ich will ihn ja überhaupt gar nicht nehmen, denn ich schwärme noch von Liebe! So unpraktisch bin ich! Aber ich träume so eine recht große, immense, überwältigende Liebe, bei der man das Beobachten und Studiren ganz und gar vergißt. Sander meint, das käme auch hernach, aber Margot lachte und sagte, er wüßte recht gut, wie es käme, er sollte nur nicht so thun! Darauf sang er: Laurentia, liebe Laurentia mein, bis wir so lachten, daß die Pferde von selbst in Trab verfielen durch die Erschütterung. Nicht wahr, Mütterchen, Du willst mich noch gar nicht los sein? Das Geld reicht für uns Beide! Ich brauche nie zu denken, de te débarasser de ma personne?

Du willst mich gern noch behalten? Sag's doch, sag's geschwind, sonst mache ich einen coup de tête. Du weißt, ich bin dessen vollkommen fähig!

          Dein Irrlicht.



Burda, den 20. Juli 1877.


          Liebe Mama!

Wir haben gestern Abend ein so interessantes Gespräch gehabt, daß ich noch ganz erregt davon bin. Die ganze Nacht habe ich mich nämlich mit Sander im Traume herumgestritten, unaufhörlich suchte ich ihm klar zu machen, daß seine Theorien unhaltbar, und schließlich, als ich ihn nicht überzeugen konnte, weinte ich im Schlaf vor Verzweiflung. Seitdem wir uns am Tage wenig sprechen, halte ich ihm im Traum oft so lange Reden. Nun sollst Du aber entscheiden, wer Recht hat! Sander, anknüpfend an ein philosophisches Werk, aus dem er uns vorgelesen, – – er ruht nicht, bis er Astra in alle seine Marotten eingeführt, was ich, in Anbetracht ihrer Jugend, oft recht überflüssig finde! – Sander begann also, welch eine unbegreifliche, aber verbreitete Dummheit es wäre, den menschlichen Willen für frei zu halten. Ich fühlte mich gleich sehr getroffen und schwieg darum, während er Astra, die ihm ganz beistimmte, alle psycho- und physiologischen Gründe dafür auseinandersetzte, bis mir rein schwindelig wurde.

»Also hatte Peter Recht, als er voriges Jahr unsere Scheune ansteckte, er mußte es ja thun, er hatte keinen freien Willen!« unterbrach ich ihn.

»Natürlich mußte er es thun, aber das sogenannte Recht ist etwas Anderes; er mußte es thun, und ich mußte ihn angeben, wie Du ihn entschuldigen mußtest.«

»Mein Gott, Astra, hilf mir doch, fühlst Du denn nicht, welcher Schrankenlosigkeit man Thür und Thor öffnet mit solchen Theorien?«

Astra schwieg, sie war Sander's Ansicht, fand es aber besser, mir nicht zu widersprechen, weil ich es mir zu Herzen nahm. Ich schwieg darum auch wieder eine Weile, und er kam, wie ich lange erwartet hatte, auf die Liebe zu reden. Manchmal, wenn er dann so Alles, was Halt und Stütze im moralischen Leben giebt, wegdisputirt, das freie Recht jedes Gefühls vertritt, dann fühle ich mir den Boden unter den Füßen entzogen und muß an Marie Gösche's Wort, als sie meine Verlobung erfuhr, denken: »Margot, wie kannst Du einen Mann heirathen, der anderen Glaubens ist, Ihr könnt Euch ja in Eurem Heiligsten nie verstehen.« Freilich, sie war eine orthodoxe Protestantin und wir immer freisinnig, die Form des Glaubens schien uns nicht so wichtig, und Sander stand und steht moralisch so hoch wie Einer. Gestern also mußte ich schließlich doch ihm widersprechen. »Sander,« sagte ich, »das Recht eines Gefühls will ich Dir gern lassen, aber das Recht nach jedem Gefühl zu handeln hat der Mensch nicht! Ein Gefühl muß doch lange bewahrt und beobachtet, am kalten Licht der Einsicht geprüft sein, ehe man es praktisch verwirklichen kann, sonst ist man ja ein Thier und kein Mensch!«

»Aber das bedingt Falschheit! Ich soll das Eine fühlen, und das Andere thun? Wie kannst Du das vertreten, gerade in der Liebe, die Wahrheit erfordert?« 

»Ich weiß nicht, Sander, ich bin ja nicht des Ausdrucks mächtig wie Du, aber ich habe die felsenfeste Ueberzeugung, daß Deine Theorien im praktischen Leben mit der Würde des Individuums unverträglich sind.«

»O, wir sprachen nicht von Würde, das ist ein Convenienzbegriff, wir sprachen vom vorurtheilslosen Menschen, dessen Gefühle zergliederten wir.«

»Dann bin ich froh, keine vorurtheilslosen Menschen zu kennen,« entgegnete ich, worauf Astra lachte und mich küßte.

»Du streitest nach Frauenart, immer mit einer persönlichen Pointe,« meinte Sander etwas gereizt.

»O nein, Sander, für mich gerade sind es ja unpersönliche Theorien, da Du, auf den es mir doch allein ankommt, nie nach ihnen gehandelt! Du sagtest immer, – auch nach der Theorie – nie dauere eine Liebe länger als zwei Jahre, das sei das Maximum, nachher schlüge sie in Gleichgültigkeit um oder verblasse zu kühler Freundschaft, – sprich, welche von den beiden Möglichkeiten bei unserer Liebe eingetreten, und gestehe, daß Theorie und Praxis gerade bei Dir sich widersprechen!« 

»Gnädigste Frau,« entgegnete Sander etwas ironisch, so daß es mich verletzte, »für eine »unpersönliche Diskussion war das Beispiel etwas persönlich.« Darauf fuhr er mit seinen geistreich konstruirten Beispielen fort, bis mir eine so verzweifelte Heftigkeit hochstieg, daß ich aus dem Zimmer ging, um sie nicht ausbrechen zu lassen. Vielleicht bin ich nicht genial genug, um Sander's neueste Phasen ganz zu verstehen, ich verstehe nur, daß er sich einseitig in mir peinliche Gedanken verrennt.

Liebe Mama, hilf mir, rede mir gut zu, sage aber nicht, daß Sander verflacht ist, denn das wäre unwahr, sage auch nicht, er hätte Unrecht, wenn Du es nicht wirklich glaubst. Es hat ja Alles keine praktische Bedeutung, aber ich bin es eben nicht gewohnt, mich über einen Gegenstand gar nicht mehr mit ihm verständigen zu können!

          Deine Margot.



Burda, den 26. Juli 1877.


Weißt Du was, Mütterchen? Die Philosophie! Hoch lebe die Philosophie! Damit kann man alle épouseurs zum Tempel hinausjagen. Ich lasse mich von Sander vollstopfen, sage zu Allem Ja, worüber Margot ganz wüthend wird, und hernach werfe ich das ganze Zeug Morosch an den Kopf, als hätte ich's gedacht. Gestern war er da; da habe ich ihm einen Vortrag über Willensfreiheit gehalten, daß er ganz schwindlig war. Der arme Kerl weiß so viel von Philosophie wie sein großer Hund, der wirklich wunderschön ist. Beinahe hätte er ihn mir geschenkt, da hörte ich schnell mit Bewundern, Streicheln und Umarmen auf und stürzte wieder in die Philosophie. Wenn er mich davon nicht satt bekommt, dann ist die Sache hoffnungslos, und man muß ihn in's Bad schicken zu einer Kur. Ich bewies ihm, daß es keine Willensfreiheit gebe. Er aber lachte hell auf und sagte: »Ich möchte mir jetzt sehr gern eine Cigarette anzünden, thue es aber nicht. Das ist doch mein eigener Wille, der mich daran hindert!«

»O bewahre, Erziehung, Convention, Rücksicht, Alles, nur nicht der Wille!«

»Ich möchte Ihnen gern etwas sagen, thue es aber nicht; das ist doch mein Wille!«

»Erst recht nicht!« sagte ich, »es ist Mangel an Opportunität.«

Und so ging es fort und fort, ich immer widersprechend, er ganz praktisch und oft wirklich sehr vernünftig. Ich mußte ganz paradox werden, um ihm die Stange zu halten. Weißt Du, Mütterchen, er ist kein dummer Mensch, nur ungeheuer praktisch, und das paßt dann sehr komisch zu uns Träumern, die immer die Sterne vom Himmel heruntersprechen. Da kommt Sanders Vielseitigkeit wieder recht zum Vorschein. Mit Morosch wird er so praktisch, aber so praktisch! Sie sprechen Oekonomie und Verwaltung, bis es mir ganz schwarz vor den Augen wird, und wenn ich mich dann zum Sterben langweile, so wirft Sander auf einmal ein Thema auf, das meinen Kopf in schwirrende Thätigkeit setzt. Morosch ist nun gar Botaniker, die trockenste Wissenschaft, nach meiner Meinung!

»Sie ist aber viel wirklicher als die Philosophie«, sagte er, »ich halte doch eine lebendige Blume in der Hand und zergliedere sie –«

»O nicht«, rief ich und riß ihm die arme Blume weg. »Sie zerstören sie ja, und dann ist sie todt!«

»Und wieviel zerstört die Philosophie! Sie zerstört den heiligen Kinderglauben und die zartesten Bande und greift in Alles zersetzend hinein. Nein, ich will nicht Alles erklärt haben; denn der mir's erklärt, ist ein Mensch wie ich, und weiß nicht mehr davon als ich.«

Seine Stimme hatte dabei einen ganz warmen Ton angenommen. Ich mußte ihn unwillkürlich ansehen und still schweigen. Wenn es einem Menschen im Herzen zittert, wenn er etwas sagt, dann kann ich ihn nicht necken und abstoßen, auch wenn ich im nächsten Augenblick eine Deklaration ahne und befürchte. Meine Gutmüthigkeit gewinnt dann die Oberhand, und man möchte nicht weh thun. Bei einem so glänzenden Geist wie Sander fürchtet man nie zu kränken oder zu verletzen, weil man seiner Uebermacht gewiß ist. Siehst Du, es ist so köstlich, sich einem Menschen gegenüber ganz klein zu fühlen; wirklich, es ist ein Hochgenuß! So müßte es sein, wenn ich heirathete, ich fände gern meinen Meister, zu dem ich aufblickte und unter dessen Hand ich mich duckte, in kindlichem Vertrauen. Sander ist vielleicht der erste Mensch, der mir imponirt, und die Neuheit dieses Gefühls ist reizvoll. Er ist der Erste, der meinen Widerspruchsgeist zu Paaren treibt. Morosch ist darüber ganz unglücklich:

»So widersprechen Sie doch«, sagt er ganz aufgeregt, wenn ich überzeugt aussehe bei Sander's Paradoxen.

IndentJa, Mütterchen, Du schreibst, ich soll doch versuchen Morosch lieb zu haben, und Gutchen sagt dasselbe. Aber er ist so ganz und gar nicht mein Meister! Ich fühle mich ihm immer überlegen, da ich ihn ad libitum schonen und unglücklich machen kann, statt daß er mit olympisch heiterer Ueberlegenheit auf mich kleinen Naseweis herabsieht. Ich hätte solche Angst, ihn gleich unter dem Pantoffel zu haben! Fürchten muß ich mich ein wenig vor dem Manne, den ich lieben soll, so ein ganz klein wenig. Aber wie soll ich mich vor Morosch fürchten? Du müßtest über die Idee lachen, wenn Du ihn sähest! Er muß selbst seine weiblichen Verwandten nicht präsentabel finden; denn er bringt sie nie her. Die mögen nett sein! Und ich muß sagen, in einem Hause mit Mutter und Schwestern, die gewöhnlich sind, – Mütterchen, das ist ein bischen viel verlangt! Er sagt nie mit Andacht: »Meine Mutter!« sondern etwas verlegen, als entschuldigte er sich, daß er eine Mutter hat. Das hat mir einen fatalen Eindruck gemacht. Natürlich, wenn Du mich durchaus los sein willst – Du sprichst dabei in so schrecklicher Weise von Deinem Alter und Deiner Gesundheit – Mütterchen, das kann ich nicht aushalten! Du bist noch sehr jung und sehr stark und wirst länger leben als wir Alle! Sage nicht so häßliche Sachen, es macht mich krank! Aber wenn Du gesund würdest, wenn ich mich verlobte, so verlobe ich mich morgen, ohne Besinnen! Er hat mich ja sehr lieb! Sander behauptet zwar, Liebe dauere nicht über zwei Jahre! Aber nach zwei Jahren werde ich anfangen mich zu verlieben, und so lösen wir uns dann ab in diesem angenehmen Gefühl. Wenn er mich zwei Jahre geliebt haben wird, so werde ich ihm so dankbar sein für die Ausdauer, daß ich nichts weiter mehr verlangen werde! –

Fräulein Weiß ist eine unleidliche Person. Wenn ich am angenehmsten mit Sander spreche, dann fährt sie immer dazwischen und mischt sich hinein und giebt mir Lehren, und dann brause ich auf, und dann wird sie giftig, und Sander sieht ruhig zu und lächelt, bis ich mich schäme. Sie widerspricht ihm nur, wenn ich einer Meinung mit ihm bin, und ist seiner Meinung, wenn ich widerspreche. Ich habe das Ding gemerkt und spiele nun Komödie, und hernach lache ich Thränen mit Gutchen, für die das Lustspiel aufgeführt wird. Margot hat es nicht gern. Die lacht nicht darüber. Margot ist überhaupt verändert. Ich weiß nicht recht, was sie hat. Sie ist gar nicht mehr so entzückt von Sander und wird manchmal gereizt gegen ihn. Und wenn er fortreitet, kommt sie nicht an sein Pferd, nicht einmal an das Fenster, sondern bleibt im Stuhle sitzen oder in der Laube und liest; und neulich hat sie anderthalb Stunden an einer Seite gelesen. Ich sah es genau. Was hat sie nur? Ist das nicht sonderbar, daß man um die Liebsten und Nächsten herumgehen kann und nicht wagen, zu fragen: Was hast Du? Was fehlt Dir? Wenn ein Mensch unvergnügt ist, bekommt er gleich so etwas Fremdes, Unnahbares, das jedes Wort der Theilnahme zurückweist. Aber warum ist sie mißvergnügt? Es hat sich ja doch gar nichts und Niemand verändert. Das Leben gleitet so schön und friedlich dahin, vielleicht fehlt es nur an einem kleinen Sturm, einem leichten Ungewitter. Vielleicht drückt sie nur die Hitze nieder, die mich exaltirt. Ich war wohl für den Süden geboren, denn je heißer es ist, je lebendiger werde ich und je frischer. Sander theilt ganz dieses Gefühl, während die blonde Margot nach dem kühleren Norden Sehnsucht hat. Du weißt, wie ich in mich zusammenkrieche, sobald es kalt wird. Ich werde so kraftlos, so eingeschlafen, wie ein Murmelthier, als hätte ich Gerstenschleim oder Limonade in den Adern. Jetzt habe ich irgend einen Feuerwein drin, das weiß ich, und eine Unruhe! Ich möchte immer laufen, springen, reiten. Neulich begegneten wir Morosch, Alle zu Pferde und Margot forderte ihn gleich auf, mit uns zu reiten. Da jagten wir über die Haide dahin, daß Mähnen, Schleier und Kleider flogen, und ich jauchzte, und Morosch's Hund bellte, und ich Allen voraus, bis mich Sander einholte und schalt wegen meiner Tollheit. Ich kehrte med hangende Potjes, wie die Holländer sagen, um, ich wollte nur den Andern entgehen. Man sollte uns nicht miteinander haben reiten sehen und schwätzen. Sander war wirklich ganz böse und ich ganz still. Er führte uns dicht an die Stelle, nach der ich hingejagt und zeigte uns einen schönen grünen Sumpf, in dem schon Pferd und Reiter auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren.

»Ich bin ja ein Irrlicht, ich bleibe drüber!« sagte ich.

»Und lockst die Andern in Tod und Verderben?« fragte er.

»Ich dachte nicht an die Retter!« antwortete ich. 

»Man muß sich retten lassen wollen«, meinte Morosch.

Margot's Pferd wurde unruhig, und da sie etwas ängstlich ist, so wandten wir uns in ruhigerem Tempo der untergehenden Sonne zu. Wenn ich zu Grunde gehe, werde ich es so einrichten, daß ich das allein thue, und Niemand mir nach in's Verderben kommt. Ich hätte es gern gesagt, aber die beiden Männer sahen gereizt aus und Margot unbehaglich, und so dachte ich: Schweigen ist Gold!

Nur finde ich es garnicht angenehm, in Gegenwart eines épouseur gescholten zu werden. Er wird dadurch intimer und rechnet sich zur Familie.

Ich hatte auf der Zunge gehabt, zu sagen: »Es kommt auf den Retter an!« sagte es aber, Gott sei Dank, nicht. Es war etwas in der Luft, das mich zur Vorsicht mahnte. Bist Du nicht erstaunt?

Nach einer Weile grüßte uns Sander und sagte, er hätte noch eine Besorgung und ritt ab, nach der Gegend, wo Melanie's Gut ist. Was in aller Welt hat er dort zu thun? Ich dachte, man würde sich nie wieder sehen noch schreiben, noch sogar in geschäftliche Verbindung treten. Als er abritt, war die Wirkung auf Alle ganz verschieden: Margot wurde still und blaß, Morosch sehr aufgeräumt und gesprächig, ich zerstreut. Morosch scheint Sander gar nicht mehr so gern zu haben.

IndentIch weiß nicht, wie das ist, daß man so ganz kleine Dinge fühlt und merkt, ohne sie sich erklären zu können. Morosch ist vielleicht eifersüchtig auf Sander's Gewandtheit und glänzende Gaben, die ihn zu sehr in Schatten stellen, wo er im besten Lichte erscheinen möchte. Er ist doch dumm! Solch eine kleinliche Eifersucht ist unausstehlich und einfältig. Sie liegt mir auf den Nerven, und dann werde ich ungeduldig gegen ihn. Ich habe lieber, wenn Sander schilt, als wenn Morosch artig mit mir ist. Das Erstere ist Salz und Pfeffer, das Zweite ist fleur d'Orange, das ich immer gehaßt habe, wie Bonbons!

          Deine Astra.



Burda, den 4. August 1877.


          Meine liebe Mama!

Heute ist nun Nicu's Geburtstag; die Kinder hatten den Tag so lange ersehnt, daß wir uns Alle freuten, ihre Freude erfüllt zu sehen. Deine lieben Briefe und der reizende, eigenhändig genähte Anzug sind rechtzeitig eingetroffen; Nicu zog ihn natürlich gleich an, und er paßt ihm herrlich, da er für seine vier Jahre sehr groß ist. Ich küsse die liebe Hand, die sich für mein Kind gemüht und danke Dir von Herzen. Wie schade, daß in der Stadt kein Photograph, und ich für's Erste nicht wieder nach Czernovitz komme, sonst schickte ich Dir den Kleinen gleich im Bilde in seinem neuen Staat. Wir haben also heute den ganzen Tag uns den Kindern gewidmet, und Astra war unübertrefflich. »Wir« heißt: wir Frauen, denn Sander ist gestern schon wieder in die Weite. Als ich meinte, so häufige Sitzungen hätte er noch nie gehabt, lachte er und Astra so herzlich, daß ich überzeugt bin, sie halten mich Beide für eifersüchtig.

Mir gab dies Lachen einen förmlichen Stich in's Herz, und ich wagte den ganzen Tag kaum den Mund aufzuthun, aus Angst, ich könnte es wieder hervorrufen. Ich sehne mich so danach, mich einmal mit Sander auszusprechen, ich habe so viel Sorgen auf der Seele, daß ich seine Heimkehr ungeduldig erwarte. Er hat uns leider auf zehn Tage Abwesenheit vorbereitet. Ich hoffe nur, Morosch sucht uns während der Zeit nicht zu oft heim; er reizt Astra so, daß sie bei seinen Besuchen ganz kindisch wird, und mich quält es, sehe ich sie in solcher Laune. Es wird Zeit, daß ich Maria entwöhne, in einem Monat spätestens; ich kenne mich selbst nicht, so sehr nimmt mich Alles mit und greift mich Alles an. Unser Doctor ist leider verreist und an einen Fremden mag ich mich nicht wenden, sonst könnte mir vielleicht mit einer Kleinigkeit geholfen werden. Gieb Du mir einen Rath oder schicke mir etwas aus unsrer lieben alten Hausapotheke. Zu seiner Mama darf man ja in allen Stimmungen kommen, wenn man sich auch vor dem eigenen Manne in sein Zimmer verschließt. Das habe ich ja übrigens nicht nöthig, da er so viel verreist ist. Gutchen sieht mich auch immer an, als dächte sie, ich wäre eifersüchtig. Es ist zu unangenehm, hat man einmal eine vorgefaßte Meinung, überall sieht man sie bestätigt. Früher war es Sitte, daß man mir in Sander's Abwesenheit den Postbeutel brachte, und ich entschied, welche Sendungen ihm nachzuschicken und welche nicht. Diesmal bat er am Abend vor der Abfahrt in meiner Gegenwart Astra, sie möchte sich der Post annehmen, das wäre so eine Arbeit für ihre geschickten Händchen, und möchte ihm Alles nach dem Hotel Adler in Czernovitz nachsenden. Er setzte liebenswürdig hinzu, indem er meine Schulter sanft umfaßte, seine Frau hätte zu viel Anderes auf den »feinen Knöchelchen« zu tragen. Als ob Briefe nachsenden eine Last wäre! Es sind ja Kleinigkeiten, Mama, das weiß ich; aber was mich daran quält, ist die eigene Seelenstimmung. Es ist ja ganz unwürdig und gegen meine Art, Alles zu beargwöhnen. Wie kam diese Krankheit nur in mich! Willst Du mir wieder gut zureden und nicht sagen, Du schämtest Dich meiner? Ich bin in diesem Augenblick nicht im Stande, ein hartes Wort zu vertragen, selbst wenn ich es verdient.

          Deine Margot.



Burda, den 4. August 1877.


          Mein eigen Mutting!

Nicht böse sein! Ich bin wirklich viel artiger! Ich sah, daß die Geschichte Margot zu viel wurde, und daß sie wirklich ganz elend ist. Da habe ich mich ein bischen anständiger benommen. Gutchen hat mir auch Vorwürfe gemacht und mir dabei so sanft das Haar gestreichelt und mir so feine und geistreiche Sachen gesagt, daß ich gar nicht rebellisch wurde, sondern versprach, in mich zu gehen und mich zu bessern. Seitdem bin ich ganz sittsam mit Morosch in der Allee auf und ab gegangen und nicht bei den ersten drei Worten, die er sprach, zu den Buben davon gejagt.

Möchtest Du denn wirklich so sehr gern, daß ich diesen Menschen heirathe? Schicke mir einen bestimmten Befehl, so bin ich die Stunde darauf verlobt, und werde auch weder thun noch sprechen, als wäre es nicht aus freiestem Willen geschehen. Nun ist gerade Sander fort, der mir so guten Rath geben würde, der überhaupt immer weiß, was man thun soll. Nein, wie sehr er fehlt, das glaubst Du gar nicht. Ich gehe wie verloren herum, wenn er fort ist. Ich kann mir gar nicht denken, daß ich ihn früher nicht sah und bald nicht mehr sehen werde. Es giebt solche Menschen, die man nach kurzem Kennen nicht mehr aus seinem Leben hinausdenken kann. –

Aber Margot ist wirklich nicht wohl. Wenn ich nur wüßte, was ihr fehlt! Sie ist so matt und traurig und sieht Alles schwarz, während mir Alles im hellsten Licht erscheint. Ich war in meinem Leben noch nicht so voll Freude und Uebermuth. Diese kleine Liebesgeschichte nehme ich auch durchaus nicht tragisch, sondern ganz von der lustigen Seite. Aber Margot nimmt sie tragisch und spricht von Lebensglück und Schicksal und Reue und Herz und all diesen großen schönen Wörtern aus Büchern. Ich werde dann praktisch. »Also, Margot«, sage ich und zähle an den Fingern, »erstens bin ich ein armes Mädchen, zweitens hat mich Einer gern, drittens ist der Eine reich, viertens bleibe ich in Deiner Nähe, fünftens bin ich mit Mütterchen zugleich versorgt, – aber sechstens – mag ich ihn nicht!« Sie weiß schon das Ende und wehrt vorher mit den schmalen Fingerchen ab. Ich aber fliege ihr um den Hals und drücke sie, bis sie erstickt und verspreche ihr, eine ehrbare, dicke Matrone mit 8 oder 9 Kücken zu werden, ganz breit und watschelig, und mir all das Romanzeug von Liebe und Helden und Seelenharmonie und Ineinanderaufgehen und Aufhändentragen aus dem Sinn zu schlagen. Das will sie auch nicht, und dann sage ich, man könne ihr auch gar nichts recht machen, und dann weint sie! Denke Dir, sie weint nämlich jetzt immer gleich. Was hat sie nur? Ich habe sie gefragt, ob Sander sie schlecht behandelt hat? Ueber die Idee hat sie gelacht, daß ihr die Thränen herunterliefen, und wie sie im besten Lachen ist, da weint sie schon wieder! Sogar scherzen darf man nicht. Nun soll Maria entwöhnt werden, da ist das Geweine auf der andern Seite, und dann weint Margot, weil Maria weint, und dann halte ich mir die Ohren zu und begreife, daß Sander eben lieber nicht zu Hause ist. »Hör' mal, wie sie jammert und so kläglich Mama ruft«, sagt Margot. Darauf ich an's Klavier und singe ihr eine Mazurka von Chopin vor, die sie besonders gern hat für meine Stimme. Wie ich mich umsehe, ist sie aus dem Zimmer. Ich lauf' ihr nach, keine Margot. Wo finde ich sie? Knieend vor Sander's Schreibstuhl und weinend. Nein, das ist doch zu arg! Ich drohe ihr, wenn sie nicht aufhört, gleich an Morosch zu schreiben und ihm zu sagen:

»Hier, Monsieur, haben Sie meine Hand! machen Sie damit, was Sie wollen und aus mir, was Sie können. Ihr verbundenes Irrlicht.«

Dann muß sie lachen und kommt auch in den Garten und spricht von Sander. Ich muß immer von Sander sprechen. Wenn der schlimme Mann wüßte, wieviel man sich mit ihm beschäftigt, er würde unausstehlich eitel werden.

Fräulein Weiß ist auch ein angenehmes Thema. Die wird nämlich ganz unleidlich jetzt, und gegen mich ist sie von einer Ungezogenheit, die geradezu amüsant ist. Ich habe ihr schon einfach in's Gesicht gelacht, darauf lachte auch Nicu und bekam von ihr eine Ohrfeige.

»Ich war der Esel«, sagte ich ganz ruhig.

»Natürlich«, antwortet sie.

»Wissen Sie, daß Sie mir gefallen?« ich.

»Es ist mir lieb für Sie, schade, daß es nicht gegenseitig ist.« sie.

»Womit habe ich das Unglück gehabt, Ihnen zu mißfallen?« ich.

»O, mit Vielem, so fabelhaft Vielem!« sie.

»Nun, zum Beispiel?« ich.

»Zum Beispiel mit Ihrer bodenlosen Koketterie, wenn Sie's so gern wissen wollen!« sie.

»Man ärgert sich nur, wenn man sich getroffen fühlt!« ich.

»Ich gratulire zur Haut!« sie.

So geht das die ganze Zeit, wenn's Margot nicht hört. Ich bleibe ganz vergnügt und gutmüthig, und da wird sie immer bissiger. Manchmal halte ich auch das rothe Tuch vor, und da fährt sie allemal los, zum Vergnügen von Gutchen. Gutchen findet mich gar nicht kokett, nur unvorsichtig. Wenn ich nur wüßte, worin ich unvorsichtig bin!

»Kleine Sirenen sind immer zu sicher in ihrem Element, und dann wollen sie an das Land, und zu den Erdensöhnen kommen und mit ihnen gut sein, und das giebt in allen Märchen ein schlimmes Ende«, sagt Gutchen. Dabei will sie mich doch nicht in meinem Elemente lassen, sondern ich soll die Freier ansehen und gar anhören. Wie stimmt das?

Mein süßes Herzensmütterchen, sei nur nicht krank! Bitte, bleibe gesund, Deine Handschrift sah so schwach aus! Soll ich kommen? Brauchst Du mich? Ich fliege zu Dir und lasse den ganzen Morosch und die magnifique Parthie und alles Geld und Gut im Stich, mit tausend Freuden! Findest Du mich nicht selbstlos und opferfähig? Nicht wahr, es grenzt an das Großartige.

          Deine Astra.



Burda, den 10. August 1877.


          Meine liebe Mama!

Heute habe ich einen großen Spaziergang ganz allein gemacht, um mich ein bischen in mir zurecht zu finden. Ich hatte auf einen Brief von Dir gehofft, da er nicht kam, wanderte ich in's Freie. Maria schlief, und ich wußte, daß ich stundenlang ausbleiben könnte, Niemand würde mich vermissen. Hätte ich eine Kirche, d. h. meine Kirche, in der Nähe gehabt, wäre ich wohl dorthinein gegangen und hätte mich in einem Chorstuhl von allen schweren Gedanken ausgeruht. Wenn man so jahrelang auf dem Lande lebt, überfällt Einen manchmal die Sehnsucht nach irgend einem großen Kunstwerk, an dem man sich unpersönlich freuen kann, ich hätte heute so gern in irgend eine hohe Kirchenwölbung geblickt. Wäre der Wald näher, würde er diese Sehnsucht befriedigen, auf unserm Grundstück haben wir aber nur den kleinen Weidenbusch. So ging ich zum Park hinaus in die Felder. Anfangs fiel mir nur ein, wie selig Sander mich dort die Kornarten unterscheiden lehrte, als ich dummes Stadtkind hier Herrin geworden. Er sagte, ich wäre zum Landleben geboren, ich hätte so schnell begriffen. Das würde er von Astra erst recht meinen, sie versteht Alles, ohne es gelernt zu haben. Schade, daß sie gar keinen Geschmack an Morosch findet; aber wer weiß, wozu es gut ist. Vielleicht verlangt sie nach einem glänzenden Leben, ihr lebhafter Geist fordert mehr Abwechselung, als ihr hier geboten werden könnte; habe doch selbst ich mich in Vielem bescheiden müssen, und ich bin doch von der Natur einfacher angelegt, mehr Dein Kind, und so viel älter. Oft habe ich das Gefühl von Alter, weit über meine Jahre, vielleicht weil Sander so viel jünger als seine Jahre ist, vielleicht auch nur wegen der Kinder, deren spätere Erziehung mir Sorge macht. Fräulein Weiß genügt ihren Pflichten gar nicht mehr, Sander sprach schon mehrere Male davon, er wolle Costi nach Wien in eine Pension bringen, oder ich müßte mich entschließen, mit allen Kindern dorthin überzusiedeln, er würde das Gut verpachten und auch Städter werden. Mir sind alle die Pläne so zuwider, alles, was eine Aenderung erfordert, beunruhigt mich, ich möchte ganz im alten Gleise bleiben. Sander ist auch durch Hauslehrer und von Gutchen bis zu seinem fünfzehnten Jahre auf dem Lande erzogen worden, da können seine Söhne es auch. Es ist nur Sander's entsetzliche Unruhe, die immer neue Combinationen macht, und in der Kindererziehung ist Gleichmäßigkeit die Hauptsache.

Denke Dir, Melanie hat sich in Czernovitz mit einem früheren Offizier verlobt! Ich kenne den jungen Mann, er mußte Schulden halber den Dienst quittiren, ist ein brillanter Offizier gewesen, ein schöner Mensch, sehr amüsant, aber ganz leichtsinnig. Er hatte sich früher schon einmal einen Korb von Melanie geholt, die doch im Grunde zu praktisch ist, um seine Armuth zu übersehen; nun scheint sie ihre Meinung geändert zu haben. Ob das die guten Rathschläge Sander's sind? Melanie erbt zwei große Güter von ihrem Vater, aber werden die nicht bald durchgebracht sein? Vielleicht stellt sich das kluge Mädchen sicher. Für Morosch und auch für Astra ist es mir sehr angenehm, daß Melanie diesen Schritt gethan; er muß sich doch ganz anders frei fühlen, und selbst für den Fall, daß Astra darauf beharrt, ihn auszuschlagen, ist eine leise Peinlichkeit, die sein häufiges Verkehren hier mir machte, überwunden. Schilt mich nicht abergläubisch, daß ich diese gute Nachricht der Verlobung auch für ein gutes Omen ansah; alle Schwierigkeiten können sich also lösen, die innerlichen, wie die äußerlichen, ohne daß man zu großen Mitteln greift. Interessant war mir aber doch, daß Melanie in der Stadt ist, gerade wo Sander dort auch so lange Sitzungen hat! Das ist unwürdig von mir, nicht wahr, das hätte ich nicht sagen dürfen? Du siehst nicht, daß der Spaziergang mir genützt, und ich fing doch den Brief im stolzen Gefühl meiner Wiedergeburt an. Mich drückt aber noch so manches Andere, das sich durch nichts erleichtern läßt. Da will ich lieber schließen und zu den Kindern eilen. Nicht wahr, wenn man gar zu glücklich ist, wird man gestraft? Das quält mich jetzt so! Ich habe gewiß zu viel Glück genossen und muß darum vor einer Leidenszeit stehen?   Ach,

und ich fürchte mich so vor dem Leid, liebe, liebe Mama, hilf Deiner muthlosen Tochter

          Margot.



Burda, den 12. August 1877.


Mutter, um Gottes Willen, telegraphire Du seist krank, ich müsse eilends kommen! Rette mich vor Allen, vor mir selber. Laß mich fliehen zu Dir! Ich wäre schon unterwegs, wenn ich nicht Margot schonen müßte. Mir ist etwas Furchtbares geschehen! Ich ging gestern Abend noch ein wenig im Mondschein in den Park, nach meiner alten, dummen, verträumten Gewohnheit. Da höre ich fernes Peitschenknallen und Räderrauschen. Ich denke: Wer kommt denn da noch? Dann war es aber wieder still. Auf einmal kommen Schritte den dunkeln Laubengang herunter, und in einem streifenden Mondlicht erkenne ich Sander, der rasch auf mich zukam, mich in die Arme nahm und küßte und in merkwürdiger Erregung sagte: »Ich hatte Dich so lange nicht gesehen, aber ich fühlte, Du wärest im Park!« Mir wurde es auf einmal so bange, daß ich zitterte. Er schlang meinen Arm durch den seinen und fing an, mit mir auf und ab zu gehen.

»Siehst Du, Astra«, sagte er, »Du bist in mein Leben gekommen wie ein Stern, und wie ein verirrter Seefahrer folge ich Dir!«

»Du warst ja doch schon im Hafen!« stieß ich hervor.

»Was weißt Du davon! Auf Dich hat meine Seele gewartet! Du warst das ergänzende Etwas, nach dem ich so heiß und brennend gesucht. Und Du fühlst es recht gut, Astra, meine kleine Sonne!«

»Nimm Dich in Acht! ich bin ein Irrlicht!« Mein Hals wurde schon so trocken, daß ich gar nicht sprechen konnte.

»Und bist Du Eins, ich folge Dir! Du kannst Dich vor mir nicht bergen und nicht retten, denn meine Liebe ist stärker als die Elemente!«

»Aber Sander, das ist Sünde,« flüsterte ich.

»Und wenn es Sünde ist, was kann ich dafür! Ich habe es bekämpft, zerdrückt, erstickt, aber es ist stärker als ich, es bringt mich um! Siehst Du, kleines Mädchen. Du bist doch nur eine Sirene! Denn Nichts antwortet in Dir, und Du siehst eiskalt zu, wie ich mich verzehre!«

Meine Lippen öffneten sich zweimal, aber ich konnte nicht sprechen.

»Seit der ersten Stunde liebe ich Dich, seit der ersten Fahrt!«

»Arme Margot!« sagte ich.

»Immer Margot! Ich spreche von Dir! Begreifst Du denn nicht, daß ich nichts mehr sehe, fühle, höre als Dich? Nein, nicht wahr, das begreifst Du nicht? Du hast gut predigen, ich bin Dir so gleichgültig wie der Stein unter Deinem Fuß!«

Siehst Du, Mutter, in dem Augenblick war ein Blitzen vor meinen Augen, und es war, als schaute ich in mein eigenes böses, sündhaftes Herz, und als könnte ich ihm verzeihen, und als könnte ich ihn verstehen, viel besser als Margot ihn je verstanden, und als wäre mir die ganze Welt todt, wenn er nicht darin wäre.

Mutter! Mutter! Ich dachte, ich hätte es ganz laut gerufen. Er aber sprach weiter, immer stürmischer, immer heftiger. In meiner Todesangst bekam ich Muth: »Du irrst Dich ganz und gar«, sagte ich, »wenn Du glaubst, daß Deine Sprache hier drinnen ein Echo findet. Du sagst es, ich bin Sirene und werde es ewig sein.« Und damit riß ich mich los und rannte, was ich konnte, die Treppe hinauf in mein Zimmer, das ich zweimal verschloß. Was ich hier gemacht habe die ganze Nacht? Ach, Mutter, ich habe mich auf der Erde gewälzt und vor meinem Bette gekniet stundenlang, und bin hin und her gelaufen und dann wieder auf die Erde gefallen! Ich weiß gar nichts mehr von dieser grausigen Nacht, als daß die nassen Taschentücher überall herumliegen. Ich dachte nicht, daß ein Mensch so viele Thränen in sich haben könnte! So habe ich noch nie geweint! Ich fühlte mich verloren und verworfen! Ich wollte mir gern das Herz aus der Brust reißen und es zertreten, denn die Sünde wohnt darin. Mutter, ich habe ihn wahnsinnig lieb! Ich sage nicht: Verzeih mir, denn das kann mir Gott selber nicht verzeihen! Es giebt nur eine Entschuldigung: Ich wußte es nicht.

Margot ist betrogen, Margot ist unglücklich und durch mich! Ich komme mir vor wie ein Ungeheuer! Und Melanie hatte Recht: ich streckte schon meine Hand nach anderer Leute Gut und wußte es nicht! Mutter, eben graut der Tag. Ich sehe fast nichts vor Weinen und Kopfweh, ich bin so fürchterlich müde, als wären die Knochen im Leibe zerbrochen. Warum bin ich nicht todt! Es wäre für Dich ein kleiner Kummer, im Vergleich zu der Nacht, in die Deine kleine Astra versunken ist. Es rieselt mir Frostschauer durch die Glieder, ein Mal über das andere. O, welche schreckliche Nacht! Ich habe alle seine Aquarelle zerrissen, die er mir geschenkt hat, alle Blumen zertreten, die wir zusammen gepflückt. Wenn ich nur sein Gesicht aus dem Herzen reißen könnte! Mutter, bin ich denn ganz verloren? Und ich war doch so glücklich! Warum hast Du mich von Dir gelassen, warum in die weite Welt, in die fremde Welt voll Gefahren? Du hast nicht gedacht, daß ich ein so schwaches Herz hätte! Nein, das hast Du nicht gedacht! Oder doch? Du hast mich ein, zweimal so sanft gewarnt, und ich hab's nicht verstanden! Aber Mutter, wie konnte ich denken, daß ich so schlecht wäre! Ich dachte, ich hätte ein reines Herz! Ich war ja noch ein Kind, Dein Kind! Mutter, verstoße mich nicht! Nimm mich an Dein Herz, ganz fest! Breite Deine Arme um mich wie Flügel! Glaubst Du nicht, daß ich es wieder vergessen kann? Nicht wahr, ich kann es vergessen? Ich kann wieder rein sein wie zuvor, als wäre kein sündhafter Gedanke durch mein Herz gezogen! Ich werde doch nicht darüber den Verstand verlieren? Ich bin nur von der gräßlichen Nacht so verwirrt; alles, alles habe ich hundertmal durchdacht, jedes Wort, jeden Blick und fand alles gefährlich, alles schlecht, alles unrecht! Aber ich dachte, er wäre mein Bruder, der Bruder, nach dem ich mich immer so gesehnt, an dessen kleinem Grabe ich gemurrt, daß er Dir und uns genommen wurde! Er wäre Dir jetzt Halt und Stütze und Trost, wo Deine Töchter so unglücklich sind. O, Mutter, daß ich Dir das thun muß! Nicht wahr, wenn ich zu Dir komme, dann siehst Du mich gar nicht an, damit ich nicht in die Erde versinken muß? Dann lege ich meinen Kopf in Deinen Schooß und weine mich einmal satt, und dann vergessen wir es und sprechen nie mehr ein Wort davon ! Ich könnte es nicht ertragen ! Nie mehr, denn es hilft nichts. Du wirst mit mir Geduld haben, und ich werde wieder Dein gutes Kind sein und keine anderen Gedanken haben als Dich , meine Mutter ! Wie sehne ich mich nach Dir ! Verzeih den verschmierten Brief! Es sind so viele Thränen darauf gefallen, daß Du ihn kaum lesen kannst. Ich bin so müde, will ein wenig schlafen, denn ich sehe aus wie ein Spuk , und so Gott will, wird Margot durch mich nichts erfahren. Wenn ich denke, daß ich sie sehen muß, heute, am Tage – und ihn!!

          Astra .



Burda, den 13. August 1877.


Schlafen kann ich nicht, darum zünde ich Licht an und schreibe bis der Tag kommt. Vielleicht läßt der mich ruhen. Die Nacht hat zu viele Schrecken. Das war ein langer Tag gestern, und ich bin so müde. O Mutter, so muß es sein, wenn man stirbt! Ich mußte gestern früh zum Frühstück hinunter, da waren sie schon alle. »Aber Tante Astra! Wie siehst Du aus!« schrie Costi gleich. Ich wurde blutroth. Sander sah mich unverwandt an. Margot wurde ganz erschrocken: »Ich habe nur eine schändliche Migräne! ich dachte schon, ich könnte gar nicht aufstehen.«

»Das kommt von der Nachtluft,« sagte Fräulein Weiß ganz spitz und schoß einen so giftigen Blick auf mich, daß mir's kalt wurde vor Angst. Margot machte mir sehr starken Thee. Ich that, als nähme ich davon. Gutchen sagte, ich sollte mich legen, sie wollte mich pflegen. Ich dankte vielmals und sagte, bei Migräne könnte ich keinen Menschen im Zimmer vertragen. Ich ging bald wieder hinauf und schloß zu. Bald hörte ich Sander's Schritte auf der Treppe und dann sein Klopfen. Ich antwortete nicht.

»Ich gehe fort, Astra,« sagte er leise.

»Adieu,« sagte ich.

»Willst Du mir nicht Adieu sagen?«

»Ich kann nicht aufstehen.«

»Warum auch zuschließen?«

»Adieu, ich kann nicht sprechen!«

Endlich ging er. Ich lag fast den ganzen Tag. Gegen Abend ging ich ein wenig in den Garten. Da stand er vor mir. Er hatte gelogen! Mutter, beinahe wäre ich in seine Arme gestürzt, die er nach mir ausbreitete! Aber ich stand ganz still und sah ihn an. »Ich dachte, Du wärest fort.«

»Ich kann nicht ohne Verzeihung.«

»Von mir willst Du Verzeihung?«

»Ja, von wem denn?«

»Da sind ganz andere Leute, die Dir verzeihen sollen, sahst Du Deine Frau und Kinder?«

»Astra, wenn Du eine Ahnung hättest, was Liebe ist, Du könntest nicht so kalt sein.«

»Ich habe Dir ja schon einmal gesagt; ich hasse die Liebe, ich will nichts von ihr wissen.«

»Das ist nicht wahr, Astra!«

»Beweise mir, daß es nicht wahr ist!«

»Armes Kind! schau in Deinen Spiegel!«

»Mein Spiegel wird, so ungalant wie Du, mir zeigen, daß ich geweint habe. Nun ja, ich habe geweint, et voilá tout. Ich habe vor Scham und Zorn geweint, daß ich so erniedrigt bin!«

»Bin ich Dir so gering, daß meine Liebe Dich erniedrigt?« Ich sah wieder die Flammen vor den Augen und hörte das Rauschen in den Ohren, bei dem ich nicht mehr weiß, was ich sage: »Ja,« stieß ich hervor, »Du bist mir so gering, seit gestern Abend!«

Ich sah, daß er leichenblaß wurde, und dann lief ich fort. Mutter! wenn Du mich nicht schnell rufst, dann sterb' ich, denn ich kann ihm nicht oft solche Schmerzen machen wie heute, ich kann nicht! Mir war's, als sähe ich Dorothea vorüberhuschen. Vielleicht irrte ich mich. Ich saß wie todt vor meinem Bett auf dem Stuhl und zählte die gelben Blumen im Fußteppich und das Ticken der Uhr auf dem Nachttischchen. Ich konnte nicht schnell genug zählen, denn sie schien immer schneller zu ticken und leise, leise kroch mir ein Schmerz nach dem Herzen, solch ein furchtbarer Schmerz, wie eine eiserne Kralle, bis ich ohnmächtig wurde. Als ich wieder zu mir kam, lag ich mit dem Gesicht auf der Erde und konnte mich doch nicht erinnern, daß ich gefallen war. Und dann war ich so unglücklich, noch am Leben zu sein. O Mutter, ist das Liebe? Sie klopften so laut an meine Thür, und ich konnte weder aufstehen noch antworten, ich war so todt. Endlich raffte ich mich auf.

Es waren die Kinder: »Tante Astra, spiel mit uns! Dodo will nicht, sie muß schreiben. Die Mama ist bei Maria, die ist wieder so unruhig, und der Papa ist davongeritten, als wenn's brennte!«

»Ihr armen Kerlchen! da kommt her, ich schneide Euch Männchen, die allein stehen und hier sind meine Farben, Ihr malt sie an.«

Die Kinder waren glückselig. Bald stand eine ganze Kompagnie auf dem Tisch und schöne Damen, die zusahen, und dann kam Einer geritten und eine Dame zu Pferde, die sollte durchaus ein rothes Reitkleid haben, nein, ein blaues, nein, ein grünes! Und ich konnte wieder ein wenig athmen, als Gutchen hereinkam und frug, ob denn jetzt gar nicht mehr gelesen würde?

Indent»Die Quälgeister lassen mich ja nicht!« sagte ich ganz heiter, ohne aufzusehen. Da kam Margot, blaß und müde, fiel in das kleine blaue Sesselchen am Fenster und sagte, Maria sei endlich eingeschlafen. Sie sah hinaus, als wartete sie und wie ich ihrem Blick folgte, fing das dumme Herz an, wild zu schlagen. Ich sprach schnell mit den Kindern und legte die Scheere hin, damit man das Zittern meiner Finger nicht sähe. Dann bliesen wir alle die Puppen auf dem Tisch herum, und die Kinder lachten so herzlich, daß Alle mitlachten. Ein Eintretender hätte sich freuen müssen über die glückliche Familie! Man wollte mit dem Essen auf Sander warten, aber der gnädige Herr hatte gesagt, er käme nicht, und so aßen wir allein und sprachen eifrig, so heiter als möglich. Nur Fräulein Weiß sprach kein Wort and looked daggers. Nach Tisch fand jeder einen Vorwand, schnell wegzugehen. Ich sagte Gutchen, ich müßte Dir durchaus schreiben, und nun bin ich mit Dir allein, mein Mütterchen und mir ist es, als sähest Du mich mitleidig an, als kämest Du gleich in das Zimmer, legtest die Hand auf meinen Kopf und sagtest: »Komm, ich verzeih Dir!« Nicht wahr, Mutter, Du wirst mir verzeihen, und wir werden wieder zusammen leben, wir zwei, Du und ich, als ginge uns die ganze Welt nichts an. O Mutter, warum habe ich Dich verlassen! Nie wieder gehe ich von Dir fort, Du mein Theuerstes, mein Alles auf der Welt, mein Stab und mein Anker, und wenn Du mir auch zürnst, sehr zürnst, so will ich mein Haupt in Demuth beugen und Deine Strafe still hinnehmen, ohne ein Wort. O Mutter! Und wenn mir Dein erstes Lächeln wieder in's Herz scheint, dann – dann           Dein verirrtes Kind.


Telegramm aus Königsberg,
aufgegeben den 14. August, 10 Uhr Vormittags.
Die gnädige Frau ist vor einer Viertelstunde
sanft entschlafen.          Hannchen.



Burda, den 25. August 1877.


Hättest Du das je gedacht, Sander, daß ich ein Tagebuch schreiben würde? Und noch dazu, während wir in demselben Hause leben, an demselben Tische essen und in demselben Wagen fahren? Und wenn ich Dich auch anrede, so ist es doch nicht für Dich bestimmt; nur sind durch die lange Uebung alle meine Gedanken gewohnt, sich an Dich zu wenden, wie ich eigentlich nur denke, indem ich mit Dir zu sprechen meine: Aber wir sprechen nicht mehr dieselbe Sprache, – vielleicht war Dir die meine, welche Du so meisterhaft beherrschest, in des Herzens Grunde doch immer ein fremdes Idiom? Und seitdem ich das gefühlt habe, seit dem Tage, wo ich zu Dir beichten kam, und Du mich verlachtest, ehe ich Dir nur die Hälfte meiner Sorgen anvertraut, seitdem lebe ich allein, inmitten des großen Hauses, das tagsüber alle meine Kräfte in Anspruch nimmt. Siehst Du, Sander, jetzt habe ich auch Geheimnisse vor Dir, jetzt strebe ich Dir, ohne daß Du es ahnst, entgegen, gehe meine eigenen Wege. Du hast es als Hallucination verlacht, daß meine arme kleine Schwester sich mit der ganzen Gluth ihres Herzens an Dich gehängt, Du hast mir die Bitte abgeschlagen, mit ihr und den Kindern einige Monate in der Heimath – habe ich denn eine Heimath, seitdem sich der Mutter Auge geschlossen! – zuzubringen. Aber es wird doch geschehen, wenn Astra's Ruhe es erheischt! Ich glaube Dir ja gern, daß Du nie ihr gegenüber anders als ein Bruder gesprochen, wie sollte ich das nicht glauben von Dir, den ich so hoch halte? Auch ahnt Astra noch nicht, welche Leidenschaft sie beherrscht und meine Pflicht ist es, darüber zu wachen, daß sie es nie erfährt. Eine Krankheit erschreckt den Patienten oft erst, wenn er ihren gefährlichen Namen hört. Und meine Krankheit? Ja, deren Namen kenne ich und sage ihn mir täglich vor; ich bin aber zehn Jahre älter als Astra und muß es begreifen lernen, daß das Leben bergab geht, wenn man Ende der Zwanziger. Freilich, freilich, einmal dachte ich anders; aber ein südlicher Frühling ist kurz und statt des Sommers folgt ihm nur die fruchtbringende Regenzeit.

Weißt Du, daß Du mir plötzlich nicht mehr in der unantastbaren Heiligkeit als Vater meiner Kinder vor den geistigen Augen stehst, sondern daß Du mir nur der Mann bist, den ich als Weib verzehrend liebe, den ich aber wie einen feindlichen Kämpfer beobachten und verfolgen muß? Wer wird stärker sein? Deine beginnende Gleichgültigkeit zu mir oder meine neugeborene Leidenschaft für Dich?



Burda, den 30. August 1877.


Waren die Menschen immer so schlecht, mit denen ich lebe, oder sind sie in demselben Augenblicke, wo sich mir die Binde vor den Augen lockert, Andere geworden? Mein Gott, die Eine, Melanie, ist meines Mannes Cousine, Blut von seinem Blute, und die Zweite, diese Person hatte die Erziehung meiner Kinder in der Hand, stundenlang war sie an jedem Tage mit ihnen, und ich zitterte nicht für die Kleinen! Gestern kommt sie kreideweiß in mein Ankleidezimmer, wo ich nie zu sprechen bin: »Ich muß es Ihnen sagen, gnädige Frau, wie schändlich Sie in Ihrem eigenen Hause verrathen werden,« stößt sie hervor und wirft sich dann in einen Sessel. Da ich ihre etwas übertriebene Art in letzter Zeit schon mehrmals bemerkt, glaubte ich, sie hätte die Wirthschafterin bei einem Hühnerdiebstahl oder etwas Aehnlichem betroffen und richtete mich nur ein wenig auf, um ihr zu verstehen zu geben, daß ich wenig geneigt wäre, ihr jetzt Gehör zu schenken. Sie war aber mit ihrer eigenen Wuth so beschäftigt, wie alle nicht ganz durchgebildeten Menschen, daß sie mich gar nicht beachtete. »Ich hätte es Ihnen schon damals gesagt, als er das letzte Mal heimkehrte, und ich sie im Park überraschte, aber er bethörte mich wieder mit seinen hohlen Worten, jetzt aber ist mir Alles gleichgültig, auch wenn ich mich selbst zu Grunde richte, ihm will ich die Larve abreißen!«

Großer Gott, sie sprach von meinem Manne! In einem Augenblick war ich aufgesprungen und stand dicht vor ihr: »Fräulein Weiß,« sagte ich, mit so erzwungener Ruhe, daß es ganz langsam von meinen Lippen kam, »Sie werden kein Wort weiter sprechen, Sie vergessen, zu wem Sie reden.« Sie war erstaunt aufgestanden, ich nahm sie bei der einen Hand ganz fest, öffnete die Thür und führte sie in ihr Zimmer. Da holte ich tief Athem, mir war doch nicht klar, ob ich recht handelte. Ich stellte mich an den Thürpfosten und befahl: »Jetzt packen Sie augenblicklich alle Ihre Sachen zusammen.« »Aber mein Koffer steht auf dem Boden«, entgegnete sie. Ich klingelte nach dem Mädchen, einem halbblöden Dinge und sagte ihr, den Koffer zu holen. Fräulein Weiß weinte unterdessen bitterlich, was mich veranlaßte, der Tinka zu sagen, das Fräulein müßte sogleich nach Hause reisen, ihre Mutter verlangte nach ihr. Tinka sagte nichts und ging wieder fort. Dann setzte ich mich in einen Lehnstuhl und sah zum Fenster hinaus, bis mir einfiel, daß ich den Wagen bestellen müßte. Ich ging darum selbst hinaus und schloß Fräuleins Zimmer währenddem von außen ab, ich wollte verhindern, daß sie auch nur Ein Wort mit irgend einem Bewohner des Hauses sprach. Dann holte ich mir auch noch Geld, ehe ich meinen Posten wieder einnahm.

»Der Wagen steht am Gartenthor, er bringt Sie und mich bis zur Stadt, von dort werde ich Ihnen ein Billet bis Wien lösen; die Sachen, welche Sie noch zurücklassen, schicke ich Ihnen nach.« »Gnädige Frau«, unterbrach sie mich schluchzend, ich aber war unerbittlich, ich ließ sie kein Wort sprechen, und sie gehorchte merkwürdigerweise.

Eine halbe Stunde später saßen wir Beide im Wagen, wir waren niemandem begegnet, Sander hielt gerade Mittagsschlaf, Gutchen auch und Astra war mit den Kindern auf der Wiese. An sie hatte ich ein Wort zurückgelassen, »ich brächte Fräulein selbst zur Stadt, sie müßte augenblicklich zu ihrer Mutter.« Das Fahren that mir wohl, meine Nachbarin aber, die aufgehört hatte zu weinen, nahm eine so feindselige, trotzige Miene an, daß ich zu befürchten anfing, meine Autorität würde nicht mehr lange ausreichen. »Ich hatte es gut mit Ihnen gemeint,« stieß sie hervor, wagte aber dann doch nicht mehr zu sagen, als ich sie groß anblickte.

In der Stadt hatten wir noch drei Stunden zu warten bis zum nächsten Zuge, aber die vergingen auch und endlich fuhr sie ab. Mit Geldmitteln hatte ich sie nicht übermäßig versehen, ihr aber gesagt, welche Summe ich augenblicklich bei einem Wiener Banquier anweisen würde.

Erst als der Zug den Bahnhof verlassen und ich langsam zum Wagen zurückging, fing ich an, zu überlegen. Ich hatte nach einem Impuls gehandelt, aber ich fand beim Nachdenken, daß er mir das Richtige vorgeschrieben. Es ist Melanie, von der sie sprach, welche sie mit »ihm« im Park überrascht haben will, sagte ich mir dazwischen; aber ich wollte nicht an die gemeinen Andeutungen denken, die Worte der Erzieherin sollten an meinen Ohren vorbeigesaust sein. Und doch, sie kamen immer wieder, standen wie eine Feuerschrift vor mir, besonders wenn ich die Augen schloß, und dann wurde ich dunkelroth und plötzlich beherrschte mich ein Gefühl, dessen ich mich schämte, als hätte ich thöricht gehandelt, nicht die Wahrheit zu hören. Denn was sie gesagt, war lautere Wahrheit gewesen, aber ich wäre lieber gestorben, als daß ich meine Schande von den Lippen der Untergebenen erfahren hätte. Nun galt es aber, eine Rolle zu spielen. Ich wußte, sie würden mich erwarten, obgleich ich vor Mitternacht nicht zu Hause sein konnte.

Es war wohl etwas gezwungen, daß ich lachend beim Absteigen fragte: »ob sie mir so viel Güte zugetraut haben würden?« denn währenddem, da mich Sander's Arm stützte, dachte ich: »sollte dieser Arm wirklich die Person je liebend umschlungen haben?« Ich mußte mit dieser verstohlenen Frage in seine großen Augen sehen, und gut, daß ich es that, denn in ihnen fand ich meine ganze Sicherheit wieder und unwillkürlich stieß ich ein: »Nein, nein« aus, wie ich in Thränen ausbrach. An diesen Thränen war nun meine Gutherzigkeit schuld und die Müdigkeit von der Fahrt! Trotzdem sah ich wohl, daß Sander etwas gemerkt hatte. Als er mich in mein Zimmer begleitete, fragte er: »Margot, steckt nicht da noch etwas dahinter?« »Wohinter, Sander?« fragte ich. »Findest Du es unpassend, daß ich der Gouvernante wegen so viele Umstände gehabt? Ich habe mir auch schon Gedanken darüber gemacht.« »O nein,« meinte er ablehnend. Gut, daß es dunkel war, und Sander nicht mehr so genau die Vibrationen meiner Stimme kennt. Einmal, vor Jahren, hätte ich ihm nichts verheimlichen können,



Burda, den 1. September 1877.


Natürlich, so mußte es kommen, ich bin ja solch ein Neuling, wie hatte ich auch das nicht bedacht! Freilich, meine Erfahrungen sind nicht groß, sonst hätte ich ja voraussehen müssen, daß die Gefühle dieses Mädchens, sowie sie fern, wieder umschlagen mußten. Nun hat sie an Sander geschrieben, schon von unterwegs und mich bitterlich angeklagt, ich hätte sie wie eine Verbrecherin aus dem Hause geschleppt. Sander kam sehr gereizt heute vor dem Frühstück zu mir und begann: »Du wirst mir mit jedem Tage unbegreiflicher, Margot.«

Ich sah ihn erstaunt an, bemerkte aber, wie sehr angegriffen seine Züge und seine ganze Haltung waren, und schwieg.

»Ist Dir die Trauer um Mama's Verlust in den Kopf gestiegen, oder was ist es sonst, Du machst eine Dummheit über die andere.«

Jetzt schwieg ich vor Schreck! Mein Gott, war das Sander, der so roh zu mir sprach? Meine Thränen stiegen schon wieder in die Augen.

»Dazu dies ewige Geweine, das allein würde genügen, einen Mann aus dem Hause zu treiben,« fuhr er fort, ungeduldig auf- und abgehend.

»Sander, Sander, das ertrage ich nicht!«

»Ja, Du denkst nur an Dich, was ich ertragen muß, ist Dir nicht in den Sinn gekommen, sonst hättest Du mich wohl gefragt, ehe Du diese Unvernunft mit der Weiß begangen hast. Wenn sie Dir nicht mehr paßte, hättest Du ihr ja kündigen können. Ueberhaupt, wie unterstehst Du Dich, solche Aenderungen unter lügenhaften Vorwänden ohne meinen Willen vorzunehmen?«

Ich sah, daß er heftig war und gar nicht mehr wußte, was er sagte, aber es war das erste Mal in den sieben Jahren unserer Ehe, und ich bedachte nicht, daß man solchem Zorn gegenüber wohl am Besten schweigt.

»Lieber Sander,« sagte ich, »ich bitte Dich, wohl aufzumerken auf das, was ich Dir jetzt mittheilen muß: ich bin gewillt, die Ehre meines Hauses um jeden Preis nach Außen hin zu wahren.«

»Die Ehre Deines Hauses! Romanphrasen! Ich bin auch gewillt die Ehre meines Hauses zu wahren und Deine Tyrannei nicht länger zu dulden.«

»Meine Tyrannei!?«

»Ja, die Tyrannei Deiner grenzenlosen Eifersucht! Bei jeder Bewegung, die ich mache, verfolgst Du mich mit ängstlichen Augen, jedesmal wenn ich ausreite, steckst Du Dein mater dolorosa Gesicht auf. Glaubst Du denn, daß ein Mann meiner Art sich das gefallen läßt? Ueberhaupt, Margot,« und dabei wurde er plötzlich so ruhig, als wäre seine bisherige Heftigkeit eine künstliche gewesen, »es ist Zeit, daß wir einmal ein vernünftiges Wort zusammen reden. Wie hast Du Dir eigentlich eine Ehe vorgestellt? Als eine ewige Liebelei? und wenn ich Dir nicht zu Füßen liege und Dich bewundere, Dir jeden Morgen Blumen an's Bett bringe, schneidest Du ein jämmerliches Gesicht! Aber bist Du denn so blind gewesen, daß Du nicht längst durchschaut, daß das Formen sind, die ich nur aus angeborener Liebenswürdigkeit beibehalten? Hast Du nicht tausendmal gefühlt, daß – so, nun weinst Du schon wieder, wie eine Wahnsinnige! – mit Dir ist eben nicht zu reden, solche sentimentalen Deutschen nehmen nicht Vernunft an« – und damit ging er aus dem Zimmer.

Und was geschah dann? Nichts! Es war dasselbe liebe, traute Zimmer, mein Zimmer; das Haus war nicht zusammengebrochen, nicht einmal ich, nur die Welt in mir. Die Thränen versiegten, als er die Thür so hart geschlossen, ich sah mich einmal wie betäubt um, dann ging ich ruhig in's Frühstückszimmer, denn es war höchste Zeit. Es war etwas in mir, das mich, so zertrümmert, doch noch trug, die Wuchtigkeit des Schlages hatte mir einen künstlichen Elan gegeben. Sander ließ sich durch den Diener seine Tasse Kaffee in das Bibliothekzimmer holen: meine kleine Astra sah ganz erschrocken darüber aus. Du armes, liebes Kind! Ich fühle so nach, wie Du für ihn schwärmst, und möchte Dich nicht einmal ernüchtern, selbst wenn ich es könnte.



Burda, den 1. September 1877.


          Verehrter Herr Morosch!

Sie haben vor einigen Wochen um meine Hand angehalten. Ich bat mir etwas Bedenkzeit aus, zumal da ich meine Mutter um ihren Willen befragen wollte. Meine Mutter ist todt, und Ihre diskrete Theilnahme hat meinem betrübten Herzen sehr wohlgethan. Ich habe nun Niemand zu fragen und komme aus eigenem, freien Willen, Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen gern mein Jawort gebe, wenn Ihnen meine Freundschaft genügen kann. Ich fürchte, es ist wohl nicht das Gefühl, das man in die Ehe hineintragen sollte; aber mein Herz ist so schwer getroffen, daß es eben keines stärkeren Gefühls mächtig ist. Sie sagten, Sie hätten mich sehr lieb. Ist Ihre Liebe stark genug, um auch die schlimmen Stunden mit mir zu theilen, so will ich es lernen, Ihnen eine gute und treue Frau zu sein. Sollten Sie vor meinem ehrlichen Bekenntniß erschrecken, so kommen Sie morgen nicht. Dann ist mein Schreiben als non avenu anzusehen, und Ihre Freundschaft mit diesem Hause in keiner Weise gestört. Denn ich sagte Niemand von diesem Briefe, den ich Sie zu vernichten bitte. Wenn Sie morgen kommen, so erwarten Sie mich im Gartenzimmer, wo ich mit Ihnen sprechen werde. Aber noch einmal bitte ich Sie, Ihren Antrag in keiner Weise für bindend zu halten, wenn Ihnen meine Worte mißfallen, oder Sie für die Zukunft Bedenken hegen. Sie hätten ein Anrecht auf Gegenliebe und wollen vielleicht auf ein solches Gefühl nicht Verzicht leisten.

          Ihre ergebene

          Astra von Longerton.



Burda, den 3. September 1877.


Ich bin eine Braut. Ich möchte das gern Jemand schreiben und weiß nicht wem? Meinen Freundinnen? Später. Dem Großonkel in Lübeck? Telegraphirte Margot. Mutter! meine angebetete, todte Mutter! Kann ich Dir's sagen? Ich bin nämlich eine Braut! Und dabei habe ich ein langes schwarzes Kleid an und einen großen Crèpeschleier am Hut, mit dem ich in die Kirche gehe, und mein Bräutigam hat gleich Crèpe um Hut und Arm gethan, da er nun zur Familie gehört. Er war doch sehr anständig. Ich wartete ohne das mindeste Herzklopfen, ob er wohl auf meinen Brief hin käme. Er ließ seinen Wagen vor der Thür und kam durch den Garten daher. Ich glitt die Treppe hinunter, und wir traten zugleich in den Gartensalon. Ich ging auf ihn zu, und er küßte mir ernst und schweigend die Hand. Ich blieb vor ihm stehen und sah ihn an, denn seine Hand hatte gezittert. »Haben Sie wirklich den Muth, es mit mir aufzunehmen?« sagte ich endlich.

»Wenn mir ein Stern in den Schooß fällt, dann sprechen Sie von Muth?«

»Ach, wenn Sie sich nur nicht furchtbar täuschen in mir!«

»Ich kenne Sie viel besser als Sie glauben!«

»Ich bin nur ein Irrlicht!«

»O nein, Heerdfeuer.«

Mir traten Thränen in die Augen. »Sie sind sehr gut; verzeihen Sie, wenn mein Herz so furchtbar schwer ist! Ich bin eben jetzt allein in der Welt!«

»Jetzt nicht mehr, so Gott mir helfe!«

Ich lehnte mich gegen den Holzladen im Fenster und schluchzte. Ich konnte mich nicht halten. Er blieb ganz still. Endlich faßte ich mich. Er nahm zaghaft meine Hand und sagte:

»Ich werde es nie vergessen, daß Sie in der schwersten Stunde zu mir gekommen sind, also haben Sie doch ein Gefühl für mich: Vertrauen!«

Ich nickte nur. Ich konnte ihm doch nicht sagen, daß ich seinen Antrag angenommen hätte, auch wenn er le dernier des miserables gewesen wäre, nur um Margot zu befreien und Sander zu entgehen: Er darf ja auch nie ahnen, daß Sander etwas in meinem Leben bedeutet hat.

»Armes Kind! Sie sind schattenhaft geworden!« sagte er mitleidig. Wirklich, er hat ganz gute Augen, nun da sie ernst sind. Das ewige Necken mit Melanie stand ihm so furchtbar schlecht, daß ich ihn für einen Laffen hielt. Er ist wirklich keiner.

»Sie müssen die nassen Rebellen verzeihen!« sagte ich, weil die dummen Thränen immer wieder hervorquollen. Ich hätte schreien können und dachte, ich hätte meiner Kraft zu viel zugetraut, denn der nagende Gedanke: Ist meine Mutter aus Sorge um mich gestorben? verließ mich selbst in der Stunde nicht.

Wir traten Arm in Arm in den Salon, wo Alle zum Essen versammelt waren. Sander wurde blutroth und dann weiß wie die Wand.

»Margot«, sagte ich, »hier ist mein Bräutigam!« Margot riß ihre schönen Augen weit auf, bis sie sich mit Thränen füllten.

»Gott segne Dich!« sagte sie endlich und zu Morosch: »Eine so traurige Braut hatten Sie nicht gewünscht und erwartet!«

»Ich habe Heiterkeit genug gesehen! Trauer kann ich theilen, während mich Scherz oft verletzt.«

Sander sagte kein Wort, auch als Morosch ihm die Hand schüttelte. Er reiste an demselben Abend fort. Arme Margot! Bald werde ich Deinen Mann nicht mehr verscheuchen!

Welches Glück, daß Dorothea fort ist! Wer weiß, was sie weiß! Was mag sie Margot gesagt haben! Ich kann und darf nicht fragen. Ich versuche immer, es aus Margot herauszusehen. Wir spielen förmlich Verstecken vor einander.

Gutchen sah mich nicht wenig verwundert an, nahm mich bei Seite und sagte: »Kind! Kind! Was machen Sie da?« »Un coup de tête!« sagte ich und lächelte. Ich hätte beinahe hinzugefügt: »Et un coup au coeur!« Als ich Sander's Gesicht sah, dachte ich, die Kraft würde mich verlassen. Es war auch furchtbar, mich in seinen Augen so herabzusetzen, als so vollständig herzlos darzustellen. O Mutter! Ich will ja nicht denken. Ich will an meinen Bräutigam denken. Er hat braunes Haar und Bart und sieht sauber aus, kommt mir nicht so nahe, küßt mir respektvoll die Hand, macht mir keine Komplimente, – kurz, er ist in allen Stücken so absolut anders als er mit Melanie war, daß – – –. Einmal lächelte er und sagte: »Meine armen Camelien, die so viel Böses gethan, haben mir doch das allergrößte Glück gebracht!« Ich wurde roth.

»Ich schäme mich noch!« sagte ich. 



Burda. den 6. September 1877.


Jetzt muß man die Tortur aushalten, jeden Tag stundenlang mit seinem Bräutigam zu sein! Hu! gräßlich! Ich nehme ihn in den Garten, wenn es kühl wird und sehe die Blumen an. Malen kann ich noch nicht, nein noch nicht. Aber es muß bald wieder gehen. Klavier und Gesang schweigen, der tiefen Trauer wegen, und so muß man sprechen, wenn man kann, oder schweigen, wenn man's aushalten kann. Ich habe ihn schon um Verzeihung gebeten, daß ich so idiotisch geworden bin. Er sagt aber, er sei zufrieden, bei mir zu sein, und dann wird er auch still. Die Kinder sind eine Hülfe. Ich mache aus Wachs allerhand Thiere für sie, ihre Lieblingspferde in allen Stellungen, und dann sieht er zu und bewundert meine Geschicklichkeit. 

Dabei kommt es mir in den Sinn, plötzlich etwas ganz Unerhörtes zu thun, Wachs zu essen, bis ich ersticke, zum Fenster hinaus zu springen, irgend etwas, um die Last los zu werden. Und jetzt, wo Sander fort ist, begreife ich nicht, warum ich mich verlobt habe. So unnöthig war es. Ich hätte ihn mir auch anders fern halten können, auch Gouvernante werden. Das geht aber nicht so schnell, und Margot würde es nie zugeben. Sie ist jetzt schon besorgt, weil ich ihre Buben unterrichte. Er will durchaus solch einer Stunde zuhören, darum weiß ich immer damit fertig zu werden, bevor er kommt. Er hat mich gefragt, ob er mich Astra nennen darf und mich gebeten, ihn beim Taufnamen zu nennen. Das that ich sehr ungern, weil ich's so oft von Melanie gehört habe. Paul hier! Und Paul dort! Und solch ein häßlicher Name. Nun, wenigstens nicht Peter, das wäre noch schlimmer. Mein Kopf ist müde, und mein Herz ist todt. Ich werde wirklich ganz kindisch. Ich kann mich nicht einmal sehnen, so bleischwer liegt mir's auf der Brust. Gedanken vermeide ich, aus feiger Furcht vor den Herzschmerzen, die immer wieder mahnen; ich möchte Steine klopfen, oder spinnen, irgend etwas Endloses thun, bei dem man nicht denken kann. Heute Nacht schlief ich ein ganz klein wenig. Aber da träumte ich, und das war über meine Nerven. Margot nahm Morosch, und ich Sander, und Alles war Glück und Freude und kein Herzeleid mehr. Und es ging ganz einfach und Gutchen zog mir ein weißes Kleid an und that mir den Schleier auf. Das soll viel Schlimmes bedeuten, besonders, da ich hier in der Kirche war, mit Popen und Kerzen, o weh, das ist ganz bös! Hier giebt es viele Traumdeuter; es ist eine ganz amüsante Beschäftigung. Ich freute mich schon; ich dachte, ich würde erschrecken oder mich fürchten und so aus der Apathie herauskommen. Aber mir blieb Alles gleichgültig. Was kann mich denn noch Schlimmeres treffen? Ich bin mir selbst einerlei, als stünde ich neben mir und sähe mir zu, wie ich so matt herumschleiche. »Tante Astra sieht gar nicht aus wie eine Braut!« sagte Nicu. »Warum nicht?« frug Morosch. Der Knabe besann sich eine Weile: »Weil sie ein schwarzes Kleid an hat!« Man athmete auf, der Moment war peinlich. 

Gutchen kam eben herein. Ich warf schnell ein Blatt auf das Geschriebene und stand auf. Ich sah, sie wollte mich in's Gebet nehmen, dazu hatte ich keine Lust.

»Ich störe Sie doch nicht, Kind.«

»O nie, wie könnten Sie mich stören!«

»Ich wollte nur fragen, ob Sie wohl sind.«

»Warum?«

»Sie sind so furchtbar blaß, und meine lieben Augen werden so groß und so dunkel!«

»Ich fürchte, Ihre lieben Augen sehen zu viel! Ich bin wirklich sehr wohl und würde sogar heiter sein, eine heitere Braut, wenn ich nicht eine Waise wäre.«

»Haben Sie nicht Ihre Verlobung ein klein wenig übereilt? Ich meine, so im ersten großen Schmerz?«

»Ich wollte eine Stütze haben, damit ich nicht herumflatterte wie ein loses Blatt. Nein, er hat ja Geduld mit meiner Trauer, und ich habe das größte Vertrauen zu ihm; ich denke, das ist das Beste, was man seinem Manne entgegenbringen kann!«

»Haben Sie ihn denn ein wenig lieb?« 

»O natürlich, Gutchen, sonst hätte ich ihn doch nicht genommen.«

»Mädchen sind doch räthselhafte Wesen!«

»Warum?«

»Sie mochten ihn doch gar nicht!«

»Ich mochte nicht Melanie's Bräutigam, weil mir das Verhältniß mißfiel.«

»Aber er war Ihnen sympathisch?«

»Natürlich, als ich ihn besser kannte.«

»Kind, seien Sie nicht zu stolz, abzubrechen, wenn Sie sich übereilt haben. Es ist ja eine sehr gute Parthie und ein achtbarer Mann und alles das. Aber, wenn Ihnen seine Annäherung unangenehm ist, wenn es Ihnen lieber wäre, er rührte Sie nicht an, dann nehmen Sie ihn nicht! Sie können mich jetzt noch nicht verstehen, aber denken Sie daran, was ich gesagt habe!«

Und damit ging sie fort und ließ mich erstaunt stehen. Es ist mir schrecklich, wenn er mir nahkommt, natürlich! Vielleicht habe ich das merken lassen. Ich muß mich besser beherrschen. »Seien Sie nicht zu stolz, abzubrechen!« Aber ich bin zu stolz! ich bin zu stolz, zu klagen! Niemand soll es ahnen, daß ich mich schlachte, daß ich mich selbst amputire! Ich habe doch gewiß spartanische Anlagen. Bis jetzt habe ich mich noch immer auf meine Willensstärke verlassen können. Heute werde ich meine Hand eine ganze Viertelstunde in der seinigen lassen, wenn es Gutchen sieht, um sie zu beruhigen wegen der Berührung.

Aber dann zittert seine Hand, und das ist ganz gräßlich; ich komme mir dann vor wie ein Stein in der Gluth. Er muß sie ertragen und bleibt doch ein Stein, während das glücklichere Holz zu Asche verbrennt. Was Morosch fühlt, ist doch auch Liebe? Ich glaub's nicht! Die Liebe kann nicht größer sein als der Mensch! Es giebt eine Gluth, in der ich auch zu Asche verbrenne, and welcome! Das ist aber ganz anders, ganz, ganz anders! – – 



Adr.: Poste restante.


Wien, den 6. September 1877.


Ich kann es nicht glauben, Astra, daß meine heftige Liebe, welche in ihrer Macht und Gewaltthätigkeit sich Alles dienstbar zu machen im Stande fühlt, so gar nicht von Dir mitempfunden werden sollte. Und wenn Du Dich auch gegenwärtig sträubst, und in christlich-germanischem Sinne ankämpfst, die in Deiner Seele für mich vorhandene Wärme aufkommen zu lassen, glaube mir, ich fühle es bestimmt, sie muß zum Ausbruch kommen, und wir werden in unserer fast unwillkürlich herbeigeführten, aber unwiderstehlichen Vereinigung glücklich werden. Muß ich Dir sagen, Astra, daß mein Empfinden für Dich rein und heilig ist, und daß Du mit Deiner Kindlichkeit nirgends besser geborgen bist als bei mir? Nahe ich mich Dir, so überfällt mich sogenannten starken Mann Zittern und Beklemmung, wie beim Herannahen eines mächtigen Naturereignisses, welches durch seine Großartigkeit den Menschen in seine Kleinheit und Nichtigkeit zusammendrückt. Glaube also nicht, Du Kind, daß ich gewaltig stürmend mich Deinem Herzen aufdrängen will, nein, zaghaft unsicher und rathlos stehe ich vor Dir und bitte Dich nur – ertrage mich! Die Liebe muß in Dir einziehen, denn allen Gesetzen der Natur würde Hohn gesprochen, wenn Du mich nicht erhören würdest. Verlobe, verheirathe Dich, um mir zu entgehen, Gott sei Dank, Du kannst so gewaltigen Impulsen, wie ich sie für Dich empfinde, nicht entrinnen – es giebt einen Gott, aber auch einen Dämon in uns! Verzeihe, Astra, ich verwirre mich, ich weiß nicht aus, nicht ein. Ich flehe Dich selber an, befreie mich von diesem quälenden Gefühl der Liebe, welches mich so kläglich, bejammernswerth macht, daß ich nicht den Muth in mir fühle, mich mit sammt dieser wühlenden Leidenschaft auszurotten. Bist Du da, kann ich nicht sprechen, mich nicht geben wie ich bin, Alles wird zur Unnatur in mir, ich habe das physische Gefühl des Erlöschens, des Vergehens vor Deinem Blick. Weißt Du noch, wie mädchenhaft Du mir in Deiner schlanken Gestalt in der wogenden Thusnelda -Tunika entgegentratest! Unsichtbar hätte ich Dich machen mögen, damit kein anderer Blick Dich treffen könnte. Mein solltest Du sein, nur für mich, der in Angst und Sorge verging, daß Du Andere verzaubern würdest. Geschehen ist es, denn der unglückliche Morosch steht und jammert nach Dir, daß ich ihn in Stücke zerschellen könnte.

          Dein, Dein, Dein

          Sander.



Burda, den 7. September 1877.


Alles Schwere befällt nach einem unbegreiflichen Gesetz ja stets zu gleicher Zeit den Menschen. Nun ist Astra Braut, und zwar Braut des Mannes, den ich einst für sie bestimmt hatte, aber wenn ich sie anblicke, dreht sich mir das Herz im Leibe um vor Weh. Und doch muß ich schweigen, darf sie nicht ahnen lassen, wie weit ich sie durchschaue. Und Sander ist fort und wir beiden Schwestern müssen es allein tragen. Wie konnte Sander uns so verlassen, wie konnte er seine Empörung gegen Morosch nicht besser verbergen, wie konnte er Astra nicht wenigstens zur Seite stehen und ihr das geben, was er zu geben hat, seinen brüderlichen Rath! Hat ihn Melanie so ganz verblendet, oder ist er, wie Gutchen meinte, wirklich in Maschinen-Angelegenheiten bis Wien gefahren? Jeden Morgen hoffen wir auf eine Nachricht durch die Post und jede Stunde eigentlich durch den Telegraphen. Und wenn ich dann stehe und horche, auf jede Thür, die klappt, auf jede Stimme, die vom Hof heraufdringt, dann befällt mich ein Verwundern. Ich bin es wirklich, ich, Sander's Frau, die mit dieser Seelenpein auf ein freundliches Wort von ihm harrt? Die armen Kinder fühlen den schweren Druck, der auf dem Hause ruht: »Wirst Du nie mehr mit uns singen?« fragte Costi heute. Ich lächelte, so gut ich kann, und erwiderte: »Später gewiß, mein Herz, nur jetzt ist mir's noch so traurig zu Sinn, weil die liebe Großmama von uns gegangen.« »Aber einmal wirst Du sie doch wieder sehen?« »Nein, Liebkind, nie!« »Doch, wenn Du auch stirbst.«

Wenn ich auch sterbe! Ja, aber das darf ich nicht, ehe meine Lieblinge groß geworden. Wie wirr liegt plötzlich das ganze Leben vor mir, das mir noch kürzlich so abgerundet, abgeschlossen erschien. Sander hat wohl recht, wenn er von Tyrannei spricht. Ist es nicht auch eine Tyrannei, die man ausübt, wenn man ganz und gar, mit Herz und Kopf, von einem Anderen abhängt?

In dem Sinne habe ich ihn tyrannisirt, das heißt ich ließ mich tragen, er dachte Alles für mich, jedenfalls mit mir; ich bin unselbstständiger als Astra, ja, als meine eigenen Kinder. Wie schön könnte jetzt Alles sein, wäre Sander ein Anderer! Auch der Schmerz, da er ein gemeinsamer ist, ist erhebend, und wie heilig könnten wir ihn ausklingen lassen, diesen Jammer um das Menschenloos, um das Höchste, was uns auf Erden geworden war, solch' eine Mutter, anstatt daß wir uns jetzt vor einander in unserem Leid verbergen. Astra will mich schonen und ich muß sie schonen, die kleine zarte Knospe, das letzte Vermächtniß meiner Mutter. Ob sie es nicht schon fühlte, als sie mir ihren liebsten Schatz sandte, daß sie uns bald verlassen würde? Jedenfalls, das fühle ich, daß ich mein eigen Leben und Glück dem ihren opfern würde, weil sie der Liebling der Verstorbenen war. Oft ist mir, als liebte ich sie mehr als die eigenen Kinder, weil sie Mama's Kind. Und dabei sehe ich sie sich einem ungeliebten Manne in die Arme werfen! Zwar weiß ich, daß sie an seiner Seite glücklich werden wird, aber da sie meine Einsicht nicht hat, warum thut sie es? Ich hatte Gutchen neulich geschickt, um sie auszuforschen und ihr abzureden; wäre Sander hier, er könnte sie gewiß bestimmen, aber er reiste schon einige Stunden nach ihrer Verlobung ohne Lebewohl fort. Glaubt das Kind, ihre Liebe zu Sander ist so mächtig, daß sie ihr so viele Riegel vorschieben muß? Aber, arme Kleine, der beste Riegel ist ja seine lieblose Gleichgültigkeit. Er hat uns Beide nicht mehr lieb, seit, – ja seit wann eigentlich? Ich suche mir die Zeit zurückzurufen, und sie verwirrt sich in meiner Erinnerung. Seit vier Monaten bist Du bei mir. Spielte er auch nur eine Rolle damals, waren es auch nur jene »Formen«, von denen er mir neulich sprach, die ihn gerade damals in den Frühlingstagen so besonders liebenswürdig machten? Als er entscheiden mußte zwischen Melanie und Dir, brach da erst seine Sympathie für sie durch, oder war sie immer da, und ich nur blind? Ach Gott, wie blind bin ich durch's Leben gegangen, immer geführt von ihm. Aber wohin geführt? Ich glaubte, zu den lichtesten Höhen menschlichen Erkennens, und vielleicht war es nur zu den Wellen des verschlingenden Flugsands? 



Burda, den 12. September 1877.


Da hat er mir einen Brief geschrieben. Ich habe ihm noch gar nicht geantwortet. Ich schäme mich, daß ich für mich allein ganz roth werde. Und dann kommt eine Angst, eine Angst! Und es packt mich an der Kehle und fällt in den Magen wie ein Stück Eis und steigt dann durch die ganzen Eingeweide siedend heiß zum Herzen und zum Kopf, daß er platzen möchte. Ich werde so mager, daß mir die Kleider am Leibe hängen. Vielleicht sterbe ich? Herr Gott! Wie wäre das süß! Ich habe nie gedacht, daß ich sterben könnte; ich dachte nur an Leben. Wenn ich ihm doch schriebe? Nein, mir sagt's meine todte Mutter: Schreib nicht! Noch höre ich Deine Stimme, Mutter, meine Mutter! Ich glaube, erst wenn ich nicht mehr kämpfe, wenn ich das Steuer fahren lasse, dann höre ich Deine Stimme nicht mehr. Wenn ich ihm schriebe, so hinter Margot's Rücken – pfui! nein, es geht nicht, es ekelt mich! Aber es quält mich, daß er denkt, ich bin so kalt! Ich wollte, er wüßte, wie ich kämpfe; dann bekäme er auch Respect vor mir. Er weiß nicht einmal, wie unglücklich er mich macht! Ich könnte ihn hassen. Oft hasse ich ihn auch und finde das viel angenehmer, als was ich für Morosch fühle. Wenn ich Morosch einmal ein bischen hassen könnte! Das wäre doch ein Gefühl. Und dies niederträchtige Studiren, wie eine glückliche Braut aussieht, um vor der besten Schwester, der edelsten, treuesten Seele Komödie zu spielen. Und wenn ich in den Spiegel sehe, habe ich schwarze Ringe um die Augen, wie eine Eule und bin ganz blaß. Immer reibe ich die Backen, aber es hält nicht. Nächstens kaufe ich mir Schminke, oder nehme Klatschrosenblätter wie die Bäuerinnen und reibe mir die Backen damit. Jeden Sonntag sind sie purpurroth, zur Kirche und zum Tanz; sie kommen Samstags her, sich beim Gärtner die Blumen zu erbetteln! 

Was fang' ich mit seinem Brief nur an? Ich kann ihn doch nicht zerreißen? Aber wenn ihn Jemand fände! Nein, ich antworte nicht. Es ist beschlossen. Er sagt, sein Wille sei so stark, er werde mich zwingen; mein Wille ist nicht stark, ich bin eine Schlingpflanze, aber einstweilen ranke ich noch fest an alten Grundsätzen. Einstweilen schäme ich mich noch. Ach, wenn ich doch laufen könnte durch die weite Welt! Ich will den Hochzeitstag beschleunigen, dann ist eine feste Barriere zwischen uns, dann bin ich sicher. Aber mir schaudert vor dem Hochzeitstag! Hu! Ich zittre vor Angst, wenn ich an das unbekannte Etwas hinter dem Tage denke! Was ist es nur, eine Frau zu sein? Ich sehe wohl, daß Frauen anders sind, aber was ist es? Ich habe so eine entsetzliche Furcht vor dem: »Er wird Dein Herr sein!« Aber ich will keinen Herrn! Wenn ich verheirathet bin, dann darf er jeden Augenblick in mein Zimmer, dann bin ich nie mehr allein, nie mehr! Es ist grausig, gebunden zu sein, gefesselt an Händen und Füßen und dabei ein Gewissen, ein ganz böses, schlimmes Gewissen, das foltert! Wie bedauere ich die Gefangenen und wie beneide ich sie doch um ihre verschlossene Zelle! Da kann Keiner herein und sie brauchen auch nicht vergnügt auszusehen. Aber das Gewissen! Haben sie auch solche Nächte wie ich? Ich weiß gar nicht mehr, was Schlafen heißt. Das macht mich dann am Tage so aufgeregt, daß ich immer leise zittre. Er will es mir wegdisputiren, mein Gewissen, und kann doch nicht. Ich denke an seine Stimme und an seinen Gang und an seine Handbewegung und an sein Haar, und dann fragt Morosch zweimal etwas, das ich nicht gehört habe, und dann werde ich dunkelroth. Ich möchte manchmal im Salon auf die Kniee fallen und ganz laut Alles erzählen, und wenn ich mit Margot allein bin, dann ist es eine solche Qual. Ich finde allerlei Listen, um Gutchen nicht fortzulassen und von Büchern zu sprechen, oder ich werde auf einmal so schläfrig, so schläfrig; während ich sonst noch immer lange auf Margot's Bett saß und schwätzte. Und nun kommen schon Kleider. Morosch schenkt mir meinen Trousseau. Noch besser Morosch als Sander! Und dann werde ich nach der Einrichtung gefragt, was ich gern habe. Und das ist Alles so wichtig und so interessant! Und man hält die Proben an mein Gesicht und frägt den Bräutigam, ob mir's steht. Er weiß es nie, findet Alles schön, würde mich anziehen wie seine Großmutter und fände es auch sehr schön. Und die Farben sind alle garstig neben meiner tiefen Trauer, die ich gar nicht abzulegen gedenke, wie sehr auch die Seinigen darüber schreien werden. Seine Mutter und Schwester waren auch da. Ich küßte die Hand und wurde geküßt, sehr kühl, sehr wenig; man sprach vom Wetter, von dem Hunde, von Maria's Zähnchen und Costi's Pferdchen und Nicu's Reh, und dann entstand ein furchtbares Schweigen, in welchem Morosch erschien mit einem Strauß für mich und Bonbons für die Kinder; denn ich esse keine. Ich war ganz blaß, noch viel blasser als gewöhnlich, wie ein Spuk im schwarzen Kleide. Ich sah's ihnen an, sie fanden mich garstig, mordsgarstig! Sie hätten sich sicher nicht in mich verliebt und werden's auch nie thun, das weiß ich genau. Ich war so stolz, als wenn ich eine Erbin wäre, je leur fais la grace ihn zu nehmen, ihren Abgott! 

Seine Mutter sagte: »Genirt Euch doch nicht vor mir, Kinder! küßt Euch doch!«

Meine Krause am Halse wurde mir zu eng, so roth wurde ich. Er aber auch. Er sah mich an und ich sah auf die Erde und die Damen lachten überlaut, ein bischen gewöhnlich. Morosch sieht ganz vornehm aus neben den Seinigen. Nur wenn er allein ist, dann ist er's weniger.

»Ich höre, Sie singen auch?« sagte seine Schwester.

»Ein wenig, früher.«

»Früher? Sie sind ja kaum geboren!«

»Es ist schon so lange her, daß ich nicht sang!«

»Ach bitte, bitte, ein kleines Lied!«

Mir dummen Gans fielen gleich Thränen aus den Augen, und Morosch sagte: »Aber Du weißt doch, die Trauer, Nadine!«

»Seitdem wurde sie doch Deine Braut!«

Herr Du im Himmel, ja! ich wurde seine Braut! Dieses Glück, es fiel in meinen unwürdigen Schooß! Ich glaube, ich werde nie wieder singen. Aber einen Brief bekommt er nicht. Und damit basta. 



Burda, den 12. September 1877.


Sander schreibt nicht, er kommt auch nicht zurück, und wenn ich nicht gewohnt wäre, daß ein Anderer immer für mich handelte, würde ich wohl etwas thun, um diesem unerträglichen Zustande ein Ende zu machen. Wodurch habe ich es denn verdient, daß er mich mit solcher Nichtachtung behandelt? Er, der mich so genau kennt, weiß er denn nicht, daß sein Schweigen mir eine Todesqual? Denkt er gar nicht an mich? Er, der Mitleid mit einer Kuhmagd auf seiner Meierei hatte, wenn er hörte, daß sie über eine zerrissene Schürze klagte, hat er kein Mitleid mehr mit seiner Frau? Sind alle die Jahre unseres glücklichen Ehelebens verlöscht aus seinem Gedächtnisse? »Glückliches Eheleben?« Vielleicht

war es ihm nicht glücklich? Wenn ich nachdenke über das kleine Streiflicht, was mir neulich einen Einblick in so unvermuthete Tiefen seiner Seele gegeben, ist mir, als müßte ich an seiner Grellheit erblinden. Warst Du unglücklich, geliebter Mann, in all den Jahren, wo Du mich beglücktest, und ich sah in dem Taumel meiner Seligkeit nicht die Wunden Deines Herzens? Habe ich Dir nicht genügen können? Nahm ich Deine Hingabe als einen Tribut meiner Liebe an, und trachtete ich in meiner Selbstzufriedenheit nicht danach, Dein Leben auch außerhalb meiner anregender zu gestalten? Da mir die stille Innerlichkeit genügte, fragte ich mich nicht, ob Dein hoher Sinn nicht nach mehr begehrte! Ich hatte alles Glück, das ich fassen kann, in Dir und meinen Kindern, Dir aber fehlte die Abwechselung, die Dein reger Geist verlangt. Aber legte ich Dir je auch nur den Schatten eines Hindernisses entgegen? Freute ich mich nicht, wenn Dich die Wanderlust gen Süden trieb? Wenn ich's bedauerte, Dir, der Kleinen wegen, nicht folgen zu können, war es auch, weil Du stets sagtest, ohne mich seien alle Lichter verblaßt, unvollkommen sei das Schönste, das ich nicht mit Dir genossen. Weißt Du es nicht mehr? Oder war es auch nur eine »Form«, was Du mir in den heißen Worten aus der Fremde schriebst? Noch nicht einmal ein Jahr ist vergangen, seit ich den letzten Liebesbrief meines Gatten jubelnden Herzens mit zitternden Händen empfing und immer wieder und wieder lesen mußte. Bogen lang und lauter Liebe, Deiner »Madonna«, Deiner »Königin« geschrieben. Und ich drückte die kleine Maria, die noch in dem Steckkissen lag, so selig an die Brust und flüsterte über ihr: »Du weißt es gar nicht, kleiner Engel, wie glücklich Du bist, daß der Storch Dich in die Wiege solch seligen Hauses gelegt.«

Und Du brachtest mir das Brahms'sche Lied: »Wie bist Du, meine Königin«, mit, und sangst es mir selber vor und sagtest, es wäre für mich gemacht, und als Du es zuerst gehört, wärst Du in Sehnsuchtsthränen ausgebrochen – weißt Du es noch, oder war es Form, nur Form, um meine »Tyrannei« zu beschwichtigen? Gestern holte ich mir alle Deine Briefe des letzten Jahres hervor, viele kurze Zettel dabei, auch Telegramme mit so lieben Worten, daß ich mich beim Empfang wie ein klein Mädchen schämte, und da war mir beinah zu Sinn, als sei unser letztes Gespräch die »Form« gewesen, nicht all diese greifbaren Zettel, die in meinen Schooß fielen. Ich bin wohl unverbesserlich optimistisch? Denn, wenn diese Deine eigenen Worte zeugen gegen die zornigen Aeußerungen und die gemeinen Andeutungen einer Dorothea Weiß, – dann muß ich von Neuem Dir vertrauen und sage mir: es ist irgend ein Mißverständniß, irgend etwas Geheimnißvolles, das sich zwischen uns gedrängt, mein treuer Glaube wird es aber bezwingen.

Dabei entrollt das Leben seine Bilder nach alter Reihenfolge in unserm Hause. Der Spätsommer naht. Ich habe den Monat August nie gern gehabt, gut, daß er vorüber; er hat nichts mehr vom Reiz des Sommers und will doch zu ihm gehören. Meine kleine Astra sieht die Zeit mit versteckter Sorge schwinden; manchmal wirft sie sich so leidenschaftlich in meine Arme, daß ich nur flüstern kann: Kind, Kind, es ist noch nicht zu spät, löse es auf und bleibe auf immer bei mir.« Dann zwingt sie sich zum Lachen, einer Karrikatur ihres früheren, frischen Gelächters, und sagt: »Aber Margot, nächstens werde ich Dich bei Morosch wegen Aufstachelung zur Empörung verklagen!« Dabei sehe ich, wie es sie verwundert, daß ich Sander's Abwesenheit so ruhig zu erdulden scheine. Man könnte meinen, sie leidet mehr unter ihr. Sie weiß nicht, welche Fälle von Vergangenheit ich in mir trage, sie ist noch so jung; ich habe ja einen ganzen Sander stets in mir, da ist die Gegenwart leichter zu überwinden. Astra ist überhaupt ein ganz eigenthümliches Mädchen. Sie hat ein warmes Freundschaftsgefühl für Morosch, daran zweifle ich nicht, jedenfalls keine Liebe, sie sagt ja auch, sie könnte gar nicht lieben – doch sucht sie sich in ihn einzuleben, wie es nur Verliebten sonst eigen. An jedem Morgen sehe ich sie mit Blumen in das Kirchlein gehen, und jeder Messe wohnt sie, inbrünstig auf den Knieen liegend, bei. Nun ist Morosch sehr kirchlich, hält streng die Fasten, seitdem sie seine Braut, thut auch Astra es. Mittwoch und Freitags berührt sie kein Fleisch oder Fisch und nichts, was mit Butter, Eiern oder Milch bereitet. Mir bangte wegen ihres zarten Körpers, sie sagte aber, die Kost würde wohl dem Klima angemessen sein, sonst hätten die heiligen Väter sie gewiß nicht vorgeschrieben. Mit solchem Scherz weiß sie tiefere Gefühle zu verdecken, aber mich täuscht sie nicht. 



Burda, den 15. September 1877.


Ich kann doch noch erschrecken, so viel Leben habe ich noch in mir. Ich dachte es wirklich nicht.

Nach Tisch sagt mir mein Bräutigam: »Ich möchte Dir gern etwas zeigen!« Wir sagen nämlich jetzt Du, was noch unangenehmer ist. Er nimmt mich in eine Fensternische und hält mir einen Brief hin, in dem die Schrift nach der linken Seite lief und ungeschickt aussah. »Was ist das?« frage ich. »Ein anonymer Brief«, sagt er, »lies, bitte.« Und dabei stellt er sich mit dem Rücken gegen das Licht, so daß er mir voll in das Gesicht sieht. Mir klopfte etwas Banges, wie ein Vogel in der Brust; ich dachte, es käme etwas Schlimmes und nahm alle Kraft, Selbstbeherrschung und Verstellungskunst zusammen und las:

»Mein Herr! Ich bin zwar weder Ihr Freund noch Ihr Anverwandter, aber ich muß Sie dennoch vor einem übereilten Schritt warnen. Ihre Braut gehört mit Herz, Leib und Seele einem Andern, der ein verheiratheter Mann und ihr naher Anverwandter ist. Die ganze Gegend ist voll davon, bis in die Stadt, in der alle Zungen darüber im Gange sind. Nur Ihre große Leidenschaft konnte Sie so lange in Unkenntniß erhalten. Es wäre bedauerlich, wenn ein solcher Schandfleck eine unbescholtene Familie träfe, und darum seien Sie bei Zeiten gewarnt.«

Ich las sehr langsam, da mir schwarze Wolken fortwährend die Zeilen verdunkelten. Endlich reichte ich ihm das Blatt zurück und sagte kalt: »Das kommt von Fräulein Weiß oder von Melanie; die Eine war in Sander, die Andere in Dich verliebt; und sie sind sehr gute Freundinnen. Die Eine hat Margot entlassen, die Andere habe ich tödtlich beleidigt. Das ist die Rache.«

»Wenn ich nur hoffen dürfte, es wäre ein Mann, daß ich meine Reitpeitsche über sein Gesicht ziehen könnte; aber gegen Weiberränke ist man machtlos.«

»Du thust mir sehr leid, Paul«, sagte ich, »ich bin so sehr zum Unglück geboren, daß ich meine Retter mit mir in den Sumpf ziehe. Ich hätte allein in die Welt hinaus gehen und mein Brod verdienen sollen. Ich bringe Schande auf beide Häuser. Gieb mich frei. Ich will verschwinden.«

»Aber Astra!« rief er mit solchem Schmerz, daß Margot herantrat.

»Ist etwas geschehen?« frug sie mit großen Augen.

»Nur ein einfältiger, anonymer Brief«, sagte ich.

Sie streckte die Hand danach aus, aber Morosch zerknitterte ihn in der Hand.

»Anonyme Briefe existiren nicht, sagte er, »sie kommen Dutzendweise, sobald Leute verlobt sind; ich dachte, Astra würde lachen, da es sie aber ärgert, so will ich nicht das Aergerniß vermehren. Astra wird nächstens Solche bekommen, und ich wollte sie eben darum bitten, sie ungelesen zu verbrennen. Ich habe zwar keine Furcht, aber ich möchte ihr jeden unangenehmen Gedanken ersparen. Wie gesagt, wenn ich nicht gedacht hätte, sie würde lachen, so hätte ich ihr den Brief gar nicht gezeigt.

»Aber was stand denn darin?«

»O, Dummheiten«, sagte ich. »Man warnt ihn vor mir, weil ich arm bin und ein Irrlicht und leichtsinnig und kokett, und was weiß ich noch! Ich lache wirklich!«

Morosch's Augen waren die ganze Zeit so durchbohrend auf mich geheftet, daß der Vogel in der Brust immer bedenklicher flatterte. Daß ich so gewandt log, war ihm wohl unheimlich, mir auch. Ich bin nicht daran gewöhnt. Und in die Ehe soll ich gehen mit einem so furchtbaren Geheimniß auf dem Herzen! Ich möchte vor ihn hinknieen und ihm Alles erzählen und ihm sagen: »Rette mich, rette mich, ich versinke!« Aber ich darf das nicht sagen und ihn für immer unglücklich machen. Viel besser, er rettet mich, ohne zu ahnen, aus welchem Sumpf er mich holt. Er möchte noch nachträglich vor Schrecken sterben, wie der Reiter auf dem Bodensee. Weder Sander noch Morosch sollen jemals ahnen, was in meiner Brust getobt hat. Es ist ja nicht der Mühe werth, sich zu opfern, wenn man Jedermann zuruft: »Seht, welch' ein Held ich bin!« Und der einzige Mensch, an dessen Brust ich fliegen möchte, den muß ich verachten! Wirklich, mein Unglück ist sehr groß, und das Leben vor mir so öde, so öde. – Ich bin noch todtmüde von den Paar Minuten im Fenster, als hätte mich ein Knüttel entzwei geschlagen, mir die Gebeine zermalmt. Solch' ein Augenblick ist wie ein Glühofen, eine ganze Hölle in wenigen Minuten! Und da soll man nicht müde sein! Peinlich befragt bin ich von den zwei dunklen Augen und sein Schweigen Margot gegenüber macht uns Beide zu Mitwissern eines Geheimnisses, einer Sache, die sie tief erschüttern würde, vielleicht ihr Alles auf einmal erklären und erhellen, was Morosch zweifelnd geahnt hat. Meine Stellung ist nun tausendmal schwerer geworden. Wenn mir nur Sander keine Briefe mehr schreibt. Ich zittere, man könnte sie finden, Nur kalt, kalt wie Eis sein, wenn er wiederkommt, allein oder vor Anderen, ganz gleich. So allein rette ich uns Alle vor Schmach und Verzweiflung. O warum kam ich her! Warum empfing ich nicht der Mutter letzten Seufzer! Warum warnte sie mich nicht ernster, eindringlicher und rief mich gleich zurück, lieber als auf diese unglückselige Verlobung zu hoffen! Lieber Gott! hilf mir! Lehre mich, Morosch lieb haben! Heute habe ich mich vor ihm gefürchtet, o, so sehr! Wie ist Furcht, wirkliche Furcht so entsetzlich! ich hatte sie noch niemals gekannt! Wie kann man lieben, was man fürchtet? Es war etwas in seinen Augen, als könnte er mich tödten, ganz ruhig, ohne wild zu werden, ohne Scene, sondern mich mit einer Bewegung leblos hinstrecken. Und besonders als er sagte: »Ich dachte, sie würde lachen!« Das klang so drohend, daß ich fast betete, ich könnte eine Sekunde lachen! Und als ich Margot das vorlog, war es, als hielte er mich auf der Folter und zwänge mir die falschen Worte aus dem Munde – Morosch!!

Begehe ich eine Sünde an ihm, indem ich ihm die Hand reiche? Ich habe ihm doch gesagt, ich liebte ihn nicht. Sein Blick verfolgt mich wie das Gewissen. Wieder eine schlaflose Nacht und das Gefühl tiefster Erniedrigung: ich habe mich gefürchtet! Wie soll ich ihm das verzeihen! Wie soll ich ihm seinen Verdacht verzeihen! Denn warum sagte er nicht auch zu mir: Anonyme Briefe existiren nicht. Es ist eine Beleidigung gewesen, und er war nicht gereizt und heftig, sondern vollkommen ruhig und von äußerster Selbstbeherrschung. Die Augen! Aber sein Ausruf war so schmerzzerrissen, daß er wohl gefühlt hat, daß ich gekränkt war. Was hat er gedacht, und was denkt er noch? – Ist es nicht furchtbar, wenn man vor einem Menschen steht, von dem das ganze Schicksal abhängt und man ahnt, daß er etwas Vernichtendes denkt, und man kann es nicht lesen und nicht verwischen?! Welcher Abgrund ist denn der Mensch, daß er so ganz unfaßbar, unbegreiflich sein kann? Vor wie vielen herzerschütternden Geheimnissen steht man ahnungslos. Ich sehe jetzt alle Menschen auf ihr Geheimniß an. Vielleicht hat Jeder etwas zu verschweigen, zu verbergen, und daher schießt dann manchmal ein räthselvoller Blick aus klaren Augen, ein Blick, als hätte man in die Hölle geschaut und könnte die Schrecken nie wieder vergessen.

O, warum hat Sander nicht geschwiegen! 

Ich wäre ewig über mich selbst im Dunkeln geblieben und müßte all das Entsetzliche nicht leiden! Ich habe solches Kopfweh, als wenn mein Gehirn Siedewellen schlüge. Ich kann nicht mehr schreiben.



Burda, den 18. September 1877.


Ich muß so oft an ein Wort denken, das Du mir einmal gesagt, Sander: »in meinem Kopfe wüchsen Dinge und Menschen an, bis sie sich in's Maßlose vergrößert«. Vielleicht ist mein ganzes Unglück wieder nichts als diese Anlage in mir selbst, alles zu übertreiben. Vielleicht hast Du geschrieben und die Briefe gingen verloren, vielleicht ist Astra nur verändert durch den ersten großen Schmerz, den sie kennen gelernt – denn bei Papa's Tode war sie noch ganz klein. In mir aber wuchsen die beiden geliebtesten Menschen an, bis der Eine zum Ungeheuer, die Andere zu einer reinen Märtyrerin wurde. Es ist ja gar nicht möglich, daß Astra, um selbstständig zu werden, Morosch's Hand angenommen, weder in ihrem Charakter noch in unserer Familie läge das. Hat sie nicht ihr Heim bei mir? Und ein freier, offener Charakter wie der ihre, kennt keine Sorge vor Abhängigkeit – außerdem kennt sie uns ja auch, Sander und mich! Trotzdem fürchte ich, daß sie mit dem Bewußtsein sich nicht in ihn einleben zu können, Morosch heirathet. Abgesehen von dem religiösen Zwang, den sie sich anthut seinetwillen, entdecke ich kein Zeichen irgend welchen Nähertretens. Seit dieser anonymen Briefgeschichte vor ein paar Tagen ist sie noch kühler. Nun kann ich Morosch auch nicht entschuldigen, daß er dem lieben, harmlosen Kinde solche Gräßlichkeit zu lesen giebt. Ich habe es ihm auch gesagt, habe ihn überhaupt ein wenig mütterlich vorgenommen und ihm Astra's Art erklärt. Sie ist unendlich tieffühlend und feinsinnig, und er muß sie schonen wie ein zartes Vögelchen, das man nicht einmal dem Zuge aussetzt. »Aber das weiß ich ja«, entgegnete er ganz außer sich, »sie läßt mich nur nicht mehr für sie sorgen.« »Mit Liebe und Güte ist Astra um den Finger zu wickeln, aber Liebe und Güte ist es nicht, wenn man die Pfeile giftiger Neider, nachdem sie abgeprallt, noch zeigt und zu kosten giebt.« Er schwieg.

»Sie dachten an sich und nicht an sie!« fuhr ich unbarmherzig fort.

»Sie haben Recht, ich dachte an mich; aber sie ist so schrecklich kalt und ich liebe sie so wahnsinnig.«

»Glauben Sie, daß, als Sander mich heirathete, ich war doch gerade so eine unbemittelte Fremde, es nicht ein Geschrei in der Gegend gegeben hat? Natürlich, aber ich habe nie auch nur eine Ahnung davon gehabt und glaubte, ich fände nur Freunde. Wenn Sander nur erst wiederkäme, da würden Sie sich auch wohler bei uns fühlen, als so allein zwischen Frauen. Sander verstand Astra Anfangs auch nicht so gut zu nehmen und aufzuthauen, sie ist eben nicht leicht zu fassen, er kann Ihnen helfen. Ich glaube, Morosch ist etwas beleidigt, daß Sander sich scheinbar so theilnahmlos zur neuen Verwandtschaft verhält, ich muß immer von seinen vielen Geschäften reden und bin so ungeschickt im Erfinden und Lügen. Auch hilft Astra mir gar nicht, sondern sitzt dann stumm neben mir. Daß ich keine Nachrichten habe, weiß leider das ganze Haus, ich habe darum auch einmal gelegentlich erwähnt, daß wir übereingekommen wären, uns nur für den Fall, daß etwas Besonderes geschieht, Nachricht zu geben, ich habe trotzdem pro forma ihm nach Czernovitz und Wien ein paar Worte aufs Gerathewohl gesandt.

Wenn ich ein Mann wäre, ich würde doch nie versäumen, der Frau, die meinen Namen trägt, gegenüber die Formen zu wahren! Ja, aber wenn es nur Formen sind, würde die Frau sie nicht lieber entbehren? Nein, nein, ich wenigstens nicht! Vor den Andern verlange ich von ihm die Form, auch wenn sie ohne jeden Inhalt ist. 



Wien, den 16. September 1877.


Ich muß Dir schreiben, Astra, wenn auch diese Zeilen von Dir unbeantwortet bleiben. Wende Dich nicht ab und höre es wieder und wieder: ich liebe Dich! Und glaubst Du, mein inniges Empfinden und meine Sehnsucht könnten von Dir nicht erwidert werden? Nein, Astra, auch für die Liebe giebt es ein Gesetz; die Natur drängt unbeugsam darauf hin, daß die hochwogenden Gefühle zweier Menschen, welche ja nur mit der Vernichtung der Person zum Schweigen zu bringen sind, zur Vereinigung führen. Dich beängstigt die Liebe wie eine Leidenschaft, die Dich Dir selbst entfremdet. Aber beruhige Dich, Astra, und danke dem Geschick dafür, das Dir seinen wärmsten Sonnenstrahl hat zu Theil werden lassen. Ist es denn nicht stets dankbar aufzunehmen, wenn wir durch Idealisirung realer Verhältnisse endlich einmal in die Lichthöhe verklärten Empfindens versetzt sind? War ich auch diese Tage unglücklich, ja verzweifelt, weil keine Zeile von Dir mir die Erinnerung an Deinen Liebreiz, an den zauberhaften Nimbus Deiner kleinen Person brachte, so bin ich doch beneidenswerth, daß ich Dich, Astra, meine Astra, liebe und von Dir geliebt werde. Ja, Astra, Du liebst mich und wir gehören zu einander, weit über alle menschlichen Bande hinaus. Bestimme über mich, wie Du willst, ich bin nur noch Dein Sklave, ich leiste Dir den Kniefall der Hörigkeit.

In welche Form willst Du unsere Liebe kleiden? Willst Du sie einfügen in die bestehenden Verhältnisse, weil Du nicht den Muth hast, frei und offen zu mir zu kommen – so thue es! Ich verlange nichts von Dir, als die Gunst, den Zipfel Deines Gewandes küssen zu dürfen. Mir genügt zum Leben das Bewußtsein Deiner Liebe. An dem Tage aber, an dem Du einen Andern liebst, lege ich mich still hin und sterbe. Und der Tag wird kommen, denn ich habe den Höhepunkt des Lebens in Dir erreicht, während Du erst ein eben aufsteigendes Gestirn bist. Und den Mann, den Du nach mir lieben wirst, den werde ich Dir auf Kosten aller meiner Kräfte verschaffen, und dann werde ich verschwinden, wie naturgemäß. Denn der Sinn meines Lebens ist erfüllt in Dir, ich weiß doch, warum ich war, da ich Dich gesehen! In früheren Jahren irrte ich durch die Welt mit dem unbefriedigten Gefühl des Wozu? Meine Ehe war für meinen innern Menschen nur eine kurze Episode der Täuschung, – meine Frau ist mir schon lange so zuwider, daß ich nur mit der größten Selbstbeherrschung neben ihr ausharre. Seitdem Du Dein zierliches Füßchen, Gazelle, auf meinen Rücken gesetzt, weiß ich, wozu ich geboren wurde: Um die höchste menschliche Vollkommenheit zu erblicken, um Dich anzubeten in allen Formen Deiner Erscheinung: als Grazie des Weibes, als Intelligenz, als Herz und Genie! 

          Dein Sklave Sander.



Burda, den 20. September 1877.


Schon wieder ein Brief! Sander! Sander! welche Qual! Ich zitterte so, daß meine Lippen ganz steif wurden und eiskalt. Die Angst, die Diener hätten die Schrift gesehen, oder Margot könnte sie erblicken! Ich und mich verstecken! Ich und Angst haben! Ich habe immer so stolz gesagt: Ich habe keine Geheimnisse! Und jetzt! Lieber Gott, verlaß mich nicht! Der Brief brennt in meiner Brust wie heißes Eisen. Ja, so, so spricht Liebe. Ich habe es immer geahnt und habe gefühlt, daß ich jauchzend erwidern würde, daß ich mich sinnlos, willenlos, wortlos verschenken würde, und jetzt! Er ist ein abscheulicher Mensch, Sander. Ja, jetzt habe ich's geschrieben, die Zähne zusammengebissen, wie zu einer Operation, um nicht zu schreien. Und jetzt steht es da und ist wahr, und ich muß ein wenig im Zimmer auf- und abgehen, damit es austobt. – – –

So, da bin ich wieder. Ich habe die Blumen, die zu mir heraufgeklettert, an mich gezogen und daran gerochen. Das hat ein wenig zerstreut. Und der wilde Wein wird roth, so wunderschön und die Blätter fallen einzeln und leise und färben die Wege. Alles ist Licht und Farbe und Stille, nur in mir rast der Sturm. Der Baum, an dem die Stürme rütteln, verliert Aeste, aber er grünt immer wieder. Nur, den der Blitz getroffen, der bleibt schwarz und todt.

Er hat mich heute geküßt – o es war furchtbar! Ich stand so nahe und zeigte ihm das Bild meiner Mutter. »Astra«, sagte er ganz leise, »soll ich denn nie einen einzigen Kuß haben? Noch nie habe ich darum gebeten!« Auf der Stelle hob ich meinen Kopf und hielt ihm meine Lippen hin. Es ist sein Recht! Und er war so selig! Er drückte mich an sich und küßte mir das Haar und flüsterte allerlei. Und ich hielt ganz still, ganz still, und es war, als schüttete man kochendes Wasser über mich, die ganze Zeit. Und dann schlüpfte ich nicht gleich fort, sondern blieb ruhig neben ihm, damit er nicht dächte, es wäre mir unangenehm gewesen. Margot sagte: »Es ist Zeit zum Essen, wenn man stören darf,« und ein schelmisches Lächeln spielte ihr um die Augen über meinen feuerrothen Kopf. Morosch sagte zu mir: »Mein Alles!« Beinahe hätte ich geantwortet: »Du armer Mann! so wenig!« aber ich sagte es nicht. Ich bin wirklich eine verständige Braut, nicht mit Launen und Dummheiten behaftet, wie Melanie; aber Melanie quälte ihn todt und hatte ihn lieb! Wie könnte ich ihn quälen? Ich liebe ihn so nicht! Neben ihm steht immer ein hehres Weib und droht mir mit dem Finger, und das Weib heißt: die Pflicht! – So Gott mir hilft, will ich eine gute Frau sein, und er soll belohnt werden für seine Liebe. Auf Glück verzichtend, kann man da noch Glück schenken? Ein Fink fliegt eben auf mein Fenster und zwitschert. Bist Du ein Friedensbote? Margot war erstaunt, als ich von Beschleunigen des Hochzeitstages sprach. Sie sah von ihrer Arbeit auf:

»Wirklich?« 

»Er will so gern!« sagte ich mit gesenkten Augen und spielte mit einem Seidenfaden.

»Aber Du siehst so leidend aus! wäre es nicht besser, noch ein wenig zu warten? Du weißt, wie furchtbar schwer es mir wird, Dich fortzulassen! Ich wollte gern Mutter für Dich sein, wenn ich nur könnte!«

Der guten Seele standen Thränen in den Augen. Ich küßte sie fort.

»O, weißt Du, Margot, Bräute werden immer mager, man agitirt sich so, wegen der fremden Zukunft!«

»Ich weiß nicht, ich wurde blühend und frisch und kannte keine Furcht, meine Zukunft hieß: »Sander«, das war genug.«

Ihre Lippen zitterten ein wenig.

Und Sander's Brief lag in meiner Schublade. Das ist also das Ende von all dem schönen Vertrauen! Wann wird Morosch sich wieder verlieben und mich vergessen? Mir wäre es so gleichgültig und Margot bricht's das Herz, daß sie es nur ahnt. Wenn sie es wüßte, sie stürbe daran. Wenn ich nur erfahren könnte, was aus den Briefen an meine Mutter geworden ist? Ich wage nicht, danach zu fragen, aus Furcht, man wird aufmerksam. Ich dachte, man bekäme sie zurück. Manchmal quält mich's doch. Sie könnten mal á propos zu Tage kommen oder in die unrechten Hände. Wenn ich sie nur schon brennen sähe! Viel wichtiger wäre es, Sander's Briefe zu verbrennen, aber ich kann noch nicht. Morgen will ich's thun. Ich schreibe ihm: »Lieber Sander! Du hast mich um Nachricht von Margot gebeten. Ich finde sie etwas leidend. Ein Aufenthalt in wärmerem Klima wäre gut für sie. Die Kinder sind wohl und lernen fleißig. Von mehreren Gouvernanten sind Briefe und Photographien eingelaufen, die auf Deine Entscheidung warten. Wir wollen unsere Hochzeit beschleunigen, bevor es kalt wird, etc. etc.«

Soll ich's thun? Ja, ich thu's. Als ich den großen Sprung nicht wagte, stieß mich die Schwimmlehrerin hinein, und ich ertrank nicht, sondern kam wieder hinauf. Ihn könnte ich martern, quälen bis auf's Blut, todtärgern möchte ich ihn! Warum nur? Ja, ich schreibe ihm den Brief, um ihm zu zeigen, wie man seiner Schwägerin schreibt! Ich knirsche mit den Zähnen dabei, aber fühlen soll er's doch. Wie wird er sein, wenn er wiederkommt? O, er wird sehen, was ich von ihm denke, aber nie, was ich fühle. Ich werde ihm zeigen, wie glücklich ich mit Morosch bin! ja, das werde ich. Er soll sich nur nicht einbilden, ich hätte ihn aus Verzweiflung genommen. Und wenn er mit mir sprechen will, dann bin ich nur mit Paul beschäftigt, so wie Melanie. Er soll einmal sehen! Wenn ich nur einmal schlafen könnte, so ganz fest, wie Costi, den man aus dem Bette nehmen kann und wieder hineinlegen, und er merkt nichts davon. Ein Kind möchte ich sein und nicht wissen, daß es etwas Anderes giebt, als Schlafen, Essen und Spielen. Ach! Mutter, Mutter, mein Herz schreit nach Dir! Ich bin wie eine windverwehte, zerfetzte Fahne, an der Stange festgebunden, hin und her flatternd! 



Burda, den 25. September 1877.


Sander ist wieder da und nun ist Alles, Alles gut. Ganz der alte, liebe Mann. Scherz und Witz auf den Lippen und Güte aus den Augen strahlend. Wie ein Weihnachtsmann, beladen mit Wiener Schätzen, kam er an, für Jeden etwas, eine Fülle von Drolligkeiten dabei, für Astra eine kleine Puppe im Brautkleid, als Bonbonniere, ein Schweinchen mit Machinerie, das läuft, und ein großes Tagebuch, weißes Leder mit lauter gepreßten Camelien darauf und ihren künftigen Initialen A. M. Mit Morosch trank er gleich Brüderschaft und neckte ihn weidlich; zu Astra schien er mir ein wenig kühl, aber vielleicht bemerkte er, wie roth und verlegen das arme Kindchen war und wollte ihr Zeit geben, sich zu sammeln. Er küßte ihr nur die Hand, nachdem er sich an Morosch neckend mit einem: »Du erlaubst doch?« gewandt und sagte dann: »Nun, wie fühlt man sich als Braut, ziemlich unverändert, was?« Aber dabei sprach er schon zu den Kindern. Ueber Maria's Gehversuche freute er sich augenscheinlich und war wirklich ganz selig, wieder zu Haus zu sein. Jedes Gericht lobte er und meinte, ich wäre so viel rosiger im Aussehen, daß er öfters verreisen würde, wenn es mir so gut bekäme. Ich hatte wohl vor Freude und Aufregung alles Blut im Gesicht. Nach Tisch setzte er sich auf den kleinen Balkon vor meinem Zimmer, denn er sagte, wir dürften die Brautleute nicht stören, er räumte ihnen den Salon ganz ein, Gutchen hatte die Kinder zu sich genommen, und so plauderte ich allein mit meinem Sander den ganzen Abend. Wir sprachen von alten Zeiten, er erzählte mir aus Wien; er erlebt immer so viel überall, und es waren wonnige Stunden! Ich glaube, der schönste Abend meines Lebens! Und dann bat er mich, nun da Maria entwöhnt, wieder die alte Einrichtung zu machen und zu ihm hinüber zu ziehen; er sei eine so gesellige Natur, daß ihm nur wohl, wenn ich ihn nie allein ließe. Vielleicht hatte es uns wirklich entfremdet, daß ich zu den Kindern herübergezogen. Dabei war der letzte lichte Streifen der untergehenden Sonne längst erloschen, und wir schauten nur noch auf einen ganz dunklen Horizont, d. h. ich schaute gar nicht, sondern drückte meinen Kopf nur ganz fest an die treue Brust, die ich mir fast verloren geglaubt hatte. »Aber es ist Theezeit,« fuhr ich ganz erschrocken auf. »Laß uns den Thee hier serviren, und den Anderen im Salon! Nach so langer Abwesenheit habe ich doch das Recht, einmal mit Dir allein zu sein,« sagte er. Ob wir das Recht hatten, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß es entzückend war, unter der kleinen Ampel im milden Licht mit ihm allein zu sein und ihm im Geist Alles abzubitten, was ich gegen ihn gedacht, während er mir Zärtlichkeiten sagte und meine Hand nicht aus der seinen ließ. Ich schämte mich nachher beim Gute Nacht sagen fast vor Astra. Zum ersten Mal empfand ich, welch ein Unterschied doch zwischen ihrem und meinem Geschick ist, und mich schmerzte er tief im Herzen mitten in meinem seligen Traumglück. Ja, einem Morosch gegenüber sitzen einen ganzen, langen Abend ist eben nüchternes, alltägliches Leben, während ein Alleinsein mit Sander Himmelswonne. Unerschöpflich an Geist und Herz ist mein Geliebter, während Morosch wohl unerschöpflich an eigenem Fühlen; wenig oder nichts von sich zu geben weiß. Er ist eben ein Mensch, und Sander ist ein Gott, das ist der Unterschied! Aber wodurch habe ich es verdient, daß mir solch ein Glück zu Theil wurde, während das liebe Kind, mir in Allem überlegen, einen staubigen Erdenpfad zurücklegen soll! 



Burda, den 26. September 1877.


O der bitteren Pein! Solch eine Ankunft! Gar nicht angesehen hat er mich, auch seitdem noch nicht. Er sieht immer an mir vorbei und thut so zärtlich mit Margot, daß mir's todtenübel wird. Er wird mir förmlich unheimlich, während ich ihm früher meinen letzten Gedanken hätte sagen mögen. Die arme Margot strahlt; ihre Bäckchen sind zum ersten Mal wieder rosig, während die meinen im Fieber brennen. Meine Lippen sind ganz verdorrt und schwarz und die Hände so mager. Ja, ich bin sehr garstig geworden, da ich doch nie schön war, und mein einziger Schmuck, das Haar, verläßt mich auch; es fällt in Strähnen aus, wenn man es nur anrührt. Jetzt ist es an mir zu weinen! Ich glaube, ich bin eine Quelle und löse mich in Flüssigkeit auf, wie die Katzen im Struwelpeter. Es war wohl ungezogen von mir, ihm so zu schreiben, und ich habe Strafe verdient; aber ich wollte ihn und mich heilen! Ich bin wohl zu ungeschickt dazu, der Schnitt war zu tief, oder wir waren Beide zu krank und es gehört ein guter Arzt dazu. Wie konnte er nur so schreiben! Wie kann er nur so sein! Ich wollte kalt gegen ihn sein; ach! aber was ich Kälte genannt hätte, das wäre sonnenwarm gewesen gegen das, was er mir thut. Ich glaube, bald kann ich nicht mehr! Entweder ich springe in den Teich oder aus dem Fenster, oder ich werfe mich in seine Arme und sage: »Ich will sogar Deine Liebe ertragen, nur nicht Deine Kälte!« Nein, nein, das thue ich nicht. Ich werde ihm zeigen, daß er doch nicht stärker ist als ich. Heute schon sagte ich etwas Gutes:

»Denken Sie, Gutchen, ich habe wirklich schon angefangen in das Camelienbuch zu schreiben!«

»So, was denn?«

»Eine Zusammenstellung von Aussprüchen der Menschen, wie in einem Kontobuch, auf der einen Seite einen Satz, womöglich mit Datum und gegenüber das Gegentheil, auch mit Datum, es ist köstlich.«

»Weißt Du, Margot«, sagte Sander, ohne den Kopf nach mir zu drehen, »ich werde jetzt auch einmal Guano probiren, da man es lobt. Man muß doch auch endlich bei uns an Dung denken, worüber wir früher die Achseln gezuckt und es verbrannten.«

Nett, nicht wahr! Margot hat gar nichts gemerkt, denn Nicu verschluckte sich gerade, und so hörte sie nur die Guanogeschichte. »Nicht wahr, Gutchen, wie drollig,« fuhr ich standhaft fort.

»Sie nehmen doch hoffentlich Einen aus?«

»Meinen Bräutigam? bis jetzt ja; denn er hat sich noch nie widersprochen, so lang ich ihn kenne.«

»Es ist natürlich nur ein Versuch,« sagte Sander, man probirt so allerlei, bis man sich tüchtig die Finger verbrennt und ist dann froh, wenn wieder Alles beim Alten ist, nicht wahr, Margot?«

»O, nur keinen Wechsel!« sagt Margot, lächelt und sieht ihn dankbar an.

Das Gespräch war geladen wie eine Gewitterwolke, und ich fühlte etwas vom alten Trotz und Uebermuth in mir.

»Haben Sie sich mit Sander gezankt?« fragte mich Gutchen nach dem Frühstück.

»O so ein bischen, eigentlich aus Güte, wegen Morosch; Sander hat gemeint, ich nähme ihn nicht gern, und da bin ich einmal wieder heftig geworden und ungezogen, und da werde ich gestraft, wie ein Baby.« Ich lachte.

»Ich habe das gar nicht gern!« sagt das treue Gutchen.

»Vielleicht wird mir bald verziehen!«

»Ich möchte es ihm sagen!«

»O nur nicht, Gutchen, das muß von selbst kommen, wie der Regen, das künstliche Begießen nützt Nichts.« 



Burda, den 27. September 1877.


Wenn Morosch einen Augenblick mißtrauisch war, so kann er sich jetzt beruhigen. Ich habe doch ein Gefühl von bitterem Triumph gegen ihn, wenn er zusieht, wie mich Sander so ganz und gar ignorirt. Dafür geißelt er Morosch mit so giftigem Hohn, im liebenswürdigsten Ton der Welt, daß es der Andre manchmal kaum merkt und manchmal ganz erstaunt aufsieht, um zu entdecken, wie es gemeint ist. Er spricht dann stundenlang von Schweinezucht, von Kleesorten, von Speisen, bis ich aus dem Zimmer laufen möchte. Aber ich thue, als interessirte es mich ungeheuer, rufe dann die Buben und erzähle ihnen Märchen von lauter Schweinchen, indem ich sie als Papa's Lieblingsthiere bezeichne. 

Er hat auch Morosch gerathen, sich von mir portraitiren zu lassen. Ich habe mich sofort hingesetzt und ein Aquarell von ihm gemacht, und als ich fertig war, gab ich es ihm für seine Mutter. Während Margot es betrachtete, sagte Sander, es sei eine Karrikatur, aber Morosch meinte gutmüthig, ich hätte alles Mögliche aus seinem wenig schönen Gesicht gemacht und küßte mir die Hand. Ich habe so oft das Lied gesungen: »Mein Schatz, der ist auf die Wanderschaft hin«, das mit dem kreuzbraven Mann; nun hab' ich ihn, den kreuzbraven Mann, ich weiß es vorher, wie todt mein Leben sein wird. Sander giebt sich alle Mühe, mir's zu zeigen, indem er fortwährend Margot bedauert, daß sie schon so viele Jahre jede Anregung, jeden Kunstgenuß, jeden Umgang mit interessanten Leuten entbehren muß und solch einen Bauer zum Manne habe. Margot wehrt sich dann in der niedlichsten Weise. Sie sah mich gestern Abend nicht und sagte: »Weißt Du Sander, ich ängstige mich so um Astra; sie spricht kein Wort und magert ab und Du bist gar nicht mehr so freundlich zu ihr. Sie hat Dir doch nichts gethan?« 

Sander, der mich gesehen, erhob etwas die Stimme und sprach deutlich:

»Ich bin enttäuscht von ihr, sie ist eine Thörin, echt weiblich, macht Faxen und Scenen, sagt, sie könne ihn nicht ausstehen und im Handumdrehen ist sie verlobt; nein, ich habe gar kein Mitleid, nicht das geringste, und für Morosch's Leute ist sie noch lange gut genug im ausgetrockneten Zustande; sie werden ihr so wie so das Fleisch von den Knochen herunterquälen. Still sind übrigens nur die glücklichen Bräute, die sehr verliebt sind. Sie denkt und träumt nur den süßen Paul! Laß doch Titania, wenn sie sich in den Esel verliebt und merkt's nicht! Es ist eine köstliche Farce und obendrein Shakespearisch! Sie verliert wohl ihren Nimbus, aber das ist ja ihre Sache. Ein merkwürdiger Seelenkenner, der Shakespeare!«

Ich biß in den Vorhang, an dem ich stand, vor Wuth, vor Scham und Verzweiflung. Mir kam der Wunsch, ihn zu schlagen, ihn zu tödten und mich hernach. Was brauche ich mich denn von ihm foltern zu lassen? Warum denn leiden, wenn ich meine Pflicht thue? Aber er hat so eine Art, daß man wie ein gescholtenes Kind dasteht, im Gefühl des größten Unrechts und mit dem Wunsche, ihn um Verzeihung zu bitten. Vielleicht war mein Brief zu stark; er verachtet mich, weil ich seiner großen Liebe unwerth erscheine, weil ich sie in den Staub trete. Als er mir das Schweinchen mitbrachte, sagte ich nichts, den andern Tag stellte ich's auf's Camin im Salon, mit Glasperlen um den Hals und eine davon hatte ich ihm an die Schnauze gebunden. Er sah mich mit einem raschen, durchdringenden Blick an. Margot wollte sich todt lachen über meinen Witz und zeigte es Gutchen und Morosch, bis Sander sagte: »Laß doch, wer wird denn einen schlechten Witz so breit treten!« – Später sagte er:

»Astra giebt sich alle Mühe, ihren Geist der künftigen Umgebung anzupassen, in kurzer Zeit wird sie sie an Vulgarität übertreffen.«

»Desto besser für mich!« sagte ich und ging aus dem Zimmer. Wenn ich ihn verwunde, kehrt er gleich das Messer um und sticht tiefer. Ich habe nun schon so viel geweint, daß meine Augen kaum mehr roth werden. Ich kann die ganze Nacht weinen, und man sieht mir gar nichts an, nur, daß ich noch blasser bin wie gewöhnlich. Bei Tage erhält mich die Kampflust auf den Beinen, aber bei Nacht verläßt mich Alles, sogar der liebe Gott; denn wenn er nur einmal die Hand nach mir ausstrecken wollte, dann würde das arme Herz ruhig. Ich habe Morosch gebeten, mit mir zu reiten, und das habe ich recht gern. Da sind wir still, er kann mich nicht anrühren, und ich lasse die Pferde gut auslaufen. Das beruhigt mich. Sander hat das wohl gemerkt, denn auf einmal schließt er sich irgendwo an, weiß uns immer zu finden, oft mit Margot; dann fängt er ein eifriges Gespräch mit Morosch an, reitet im Schritt von Feld zu Feld und läßt sich über Fruchtsaaten etc. scheinbar belehren. Ich habe vorgestern mein Pferd so steigen machen, daß es sich fast mit mir überschlagen hätte. Morosch war bleich vor Schreck. Sander sagte so herrisch: »Bitte, steige ab!« daß ich erstaunt gehorchte. Er sprang auf das Pferd, gab ihm die Sporen und schlug es furchtbar, bis ich ihm den Arm festhielt.

»Laß das!« sagte ich, kalt vor Zorn. »Das Pferd ist mein,« entgegnete er, sprang ab, nahm meinen Fuß in die Hand, und ich flog in den Sattel. Er weiß sehr gut, daß ich das nicht sehen kann, und er weiß auch, daß das Pferd nie steigt. Ich habe es fort und fort gestreichelt; aber es blutete. Morosch sprach sanft in mich hinein, daß ich ihm um ein Haar unartig geantwortet hätte. Ich besann mich aber noch zur rechten Zeit und sagte: »Du bist gut, Paul, aber man kann nie das Geschehene ungeschehen machen!« Er biß sich auf die Lippen. Dachte er wohl daran, wie er mir den anonymen Brief gezeigt hat? Das kann er auch nie wieder ungeschehen machen. Ich habe nicht mehr davon gesprochen und er auch nicht. Desto mehr denken wir Beide daran. Es muß ihn übrigens beruhigen, Sander mit mir zu sehen. Man kann schwerlich kälter und abstoßender sein.



Burda, den 1. Oktober 1877.


Irgend ein Schatten muß doch stets auf unser lichtestes Glück fallen! Während ich selbst am Arm des einzig lieben Mannes nicht Wind noch Regen des Herbstes fühle, sehe ich Kämpfe in Astra's Augen, vor denen mir so entsetzlich bange wird. Sie sagt, es ist das unstillbare Heimweh nach der todten Mutter, sie durchlebe im Geiste ihr ganzes Leben noch einmal, ehe sie es abschlösse, und ihr bange vor den großen Pflichten der neuen Stellung. Manchmal glaube ich es, manchmal aber ist mir, als wäre es eine unglückliche Liebe. Und doch, wie sollte meine Schwester sich derart an einen Mann, der ihr nie anders wie als Bruder entgegengetreten, hangen? Es kann keine Leidenschaft, nur eine Kinderschwärmerei sein, und an der leidet man doch nicht! Sollte sie daheim irgend eine Neigung gefaßt haben, sollte es sie kränken, daß von dort kein Wort der Theilnahme gekommen? Ich habe alle diese Möglichkeiten so und so oft mit Sander besprochen, er lächelt dann und sagt: »Gott sei Dank ist Astra nicht so romantisch wie Du! Sie nimmt Morosch, weil er eine gute Partie und ein Mann ist, den sie ganz beherrschen wird. Ich freue mich schon auf das Pantoffelregiment. Sie wird sehr fidel von ihrer Hochzeitsreise nach Paris heimkehren, Dich dann ein bischen über die Achsel ansehen, weil Morosch 1000 Dukaten mehr Revenüen hat als ich; trägst Du Eine Perlenreihe, kauft sie sich schnell zwei! Es wird ein Gaudium, mal wieder mit anzusehen, was aus einem frischen, netten Mädchen wird, sowie sie geborgen und einen Mann hinter sich hat. In Euch deutschen Mondscheinfiguren steckt nämlich eine gesunde praktische Berechnung.«

Ich remonstrire dann, er ist aber so drollig, wenn er so raisonnirt, daß ich ihm nur mit einem Kuß den Mund schließen kann. Denn das sagt er Alles nur, um mich zu necken und um meiner Sentimentalität einen kleinen Riegel vorzuschieben.

Gestern langten endlich die lang ersehnten Gegenstände aus der Heimath an. Wir hatten Hannchen, welcher Mama zum Dank all der treuen Pflege, ihre ganze Wirthschaft vermacht, mit Ausnahme ihres Boudoirs, gebeten, uns Alles, Alles hierherzuschicken, was die Theure dort in täglichem Gebrauch gehabt. Ich hatte eigentlich die Erschütterung für Astra gefürchtet und mit dem Auspacken bis nach ihrer Hochzeit warten wollen. Sie hatte aber gehört, daß die Gegenstände angekommen und bestand darauf, sie gleich zu sehen. Wir haben bei jeder Kleinigkeit heiße Thränen geweint, an jeden Gegenstand knüpfte sich eine Fülle von Erinnerungen. Mit den Kisten zusammen bekam ich einen Koffer alter Briefe, den ich aber, da Astra ganz aufgelöst schon bei den Möbeln war, in mein Zimmer verschloß und erst am Abend öffnete. Da hat die liebe Mama, nach Jahrgängen geordnet, alle meine Briefe zusammengeheftet, ich blätterte sie nur flüchtig durch: mein ganzes Eheleben fand ich in ihnen wieder, tausend vergessene Freuden und Leiden! Obenauf im Koffer lagen unsere letzten Briefe uneröffnet, zwei dicke Schreiben von Astra und eins von mir. Eigentlich wollte ich Astra die ihrigen gleich einhändigen, aber wer weiß, wieviel Liebes darin stand, und wie weh es ihr in der augenblicklichen Stimmung thut, daß Mama diese Briefe nicht mehr empfangen! Sie schuldigt sich so wie so immer an, Mama Kummer und Sorge bereitet, ihr nie genug für ihre Güte gedankt zu haben. So werde ich die Briefe lieber gelegentlich verbrennen, damit das Kind hofft, sie wären noch rechtzeitig angelangt. Derweile verschließe ich Alles wieder in den Koffer; vielleicht macht es Sander einmal Freude, mit mir die alten Zeiten aus meinen Zeilen zurückzurufen. Man ist doch nur einmal jung und so strahlend glücklich! Zwar letzteres möchte ich zurücknehmen, ich war noch nie so verwöhnt, so verzärtelt von meinem lieben Idol wie jetzt. Wir leben förmlich unser kleines heimliches Leben für uns, so oft sagt er ein Wort in Gegenwart der Anderen, das nur ich verstehe; wie die Kinder rennen wir beim Spaziergang schnell um ein Gebüsch voraus, um uns einen verstohlenen Kuß zu geben, Abends schützt er Müdigkeit vor, damit wir uns früher aus dem gemeinsamen Salon zurückziehen können. »Nicht wahr, es war zum Sterben?« sagt er dann, »so eine Brautpaar-Langweiligkeit befällt alle Uebrigen, Du hast mich jetzt auch so verwöhnt, daß mir die Menschheit fade erscheinen muß!« Und dann liest er mir seine alten Lieblinge, Goethe's Gedichte, vor, und manchmal rührt uns ein Wort so, daß uns die Thränen in die Augen treten. In gehobener Stimmung sind sie Einem stets nah. Es ist eigen, wie durch und durch deutsch Sander eigentlich ist; kein Dichter spricht ihm so zum Herzen wie Goethe; kein Wort einer anderen Sprache hat für ihn soviel Tonfülle wie jedes deutsche. Ich glaube, ich hätte das nicht gekonnt, mich in einer fremden Sprache derart einleben; er denkt sogar deutsch und wenn er im Traum, wie oft, spricht, ist es in meinen Heimathlauten. Das hat doch die Liebe bewirkt, die echte, unwandelbare Liebe, welche Kämpfe und Wandlungen überdauert. Wie sollte man auch zweimal lieben können! Man kann nur einmal geboren werden und nur einmal sterben, man hat nur eine Mutter und einen Vater. Alles Große ist einzig und kann sich nicht wiederholen. Ueberhaupt ist die Liebe dem Tode verwandt; sie ist auch ein Vergehen, ein sich Auflösen; ich glaube, Leopardi vergleicht sie dem Sterben. Ich habe kein genaues Gedächtniß für Citate, wie Astra; ich brauche es auch nicht, da Sander ein lebendes Dictionnaire, nicht nur für Worte ist! O Sander, was bist Du nicht? Nächstens beichte ich Dir mein Tagebuch. 



Burda, den 5. Oktober 1877.


Es fallen die Blätter in wirbelndem Tanz, so lustig, so toll, so rauschend! Die Natur hat einen großen Ball, da bläst es mit Posaunen, und wer nicht tanzen will, der wird gefaßt und herumgewirbelt, bis ihm der Athem vergeht. Und sie wissen vielleicht, daß es zum Sterben geht und tanzen doch, weil Keiner der großen Posaune widerstehen kann. Und was haben die armen Dingerchen gethan, daß sie sterben müssen, keine Sünde hat sie befleckt; sie haben gegrünt und geblüht, als Gott sie rief; warum läßt er sie denn so grausam welken und sterben? Der Sturm rüttelt an meinen Fenstern und schlägt die kahlen nassen Ranken daran, daß ich jedesmal in die Höhe fahre und meine, es klopft Jemand. Ich sehe zurück auf diese Monate voll Glanz und Glück und unsäglichem Leide. Im Mai kam ich her; ich meine, zehn Jahre lägen wenigstens zwischen jenem Tage und heute. O liebe, wunderschöne Jugendzeit! Ich nehme Abschied von Dir mit heißem Weh; denn bald bin ich so todt, wie die armen Blätter, die alle Wege füllen und zertreten werden. Lebendig darf ich nicht zur Hochzeit gehen, sonst ist sie nicht zu ertragen; ich muß vorher still und todt in mir sein, damit nichts mehr mich rühre. Ich hätte auch tanzen sollen an meinem Polterabend wie die Blätter; vielleicht stirbt's sich dabei leichter im Schwindel, der die Gedanken fortnimmt. Manchmal braust es in mir auf, wie der Sturm draußen, daß ich etwas Unerhörtes thun möchte, und dann wird es plötzlich still, als hätte der Kampf aufgehört.

Schon manches Mädchen ist ungern zum Altar getreten, schon Manche hat man gezwungen, hingeschleppt mit dem Tode im Herzen. Ich aber, ich gehe selber zur Schlachtbank und mein Schritt darf nicht wanken, mein Gesicht muß heiter sein, sonst habe ich Morosch belogen und lasse Margot ahnen, daß ich ein Opfer bringe. Und sie ist gerade so glücklich, nein, so strahlend glücklich! Wie kann sie schön sein! Sie ist aufgeblüht wie ein junges Mädchen. Also giebt es doch Glück in der Ehe. Wenn ich das ihrige erkauft hätte, so wollte ich mich mit tausend Freuden geopfert haben. Dann ist doch all mein großes Leid nicht umsonst; der liebe Gott nimmt mein Opfer wohlgefällig an und wird mich vielleicht bald sterben lassen, zur Belohnung und zur Erlösung. Es ist ein Unglück, aber keine Sünde, daß ich Morosch nicht lieben kann. So viel Kraft werde ich doch haben, ihn glücklich zu machen, der mich so lieb hat! Es ist etwas sehr Rührendes in seiner Liebe; wenn ich ihn nicht sehe, wirklich, ich könnte ihm einen ganz zärtlichen Brief schreiben; nur wenn er da ist, da kann ich nicht, dann rührt er mich an und küßt mich manchmal, sogar vor Sander hat er mich geküßt! Und dann will er immer von mir sprechen, und ich möchte so gern dieses Thema vermeiden, es ist so außerordentlich uninteressant. Er hat mich auch schon ungeschickt vertheidigt, wenn mich Sander mißhandelt, und dann sah mich Sander mit so triumphirender Ironie an, daß ich aus dem Zimmer ging, um ihm nicht in's Gesicht zu springen. Auf einmal, seit gestern, ist Sander ganz sanft und mitleidig mit mir, väterlich freundlich und vorsorglich und giebt sich solche Mühe Alles schön zu machen. Cela me déroute encore plus! Ich hatte mich an den Kriegsfuß gewöhnt; es war scharf aber gesund. Aber jetzt behandelt er mich wie ein Mädchen, das Nonne werden will, spricht zu Margot immer: »Das Kind! was sollen wir machen, daß das Kind nicht traurig wird, die Mutter nicht entbehrt!« und solche Sachen, die so natürlich klingen und Margot rühren. »Es ist doch meine Schuld, wenn Sander mir kühler scheint,« sagte sie ganz demüthig. Ich bekam eine förmliche Wuth auf Beide, und dann mußte ich Gott danken, daß sie wieder glücklich ist! Wenn mir das gelingt, dann will ich durch die Hölle gehen ohne zu beben. Aber ich traue ihm nicht, er spielt Komödie; er berechnet jedes Wort, jeden Blick. Wir Beide sind so eine Art von Sport für ihn, der ihn eine Zeit lang amüsirt. Er denkt, er ist ein großer Meister und kann alle Instrumente tönen machen nach seinem Belieben. Und wenn auch ein paar Saiten springen, was thut es ihm? Er hat doch den Ton gehört, den er hören wollte. Ich kann aber nicht, wie Margot, schmelzen vor den Sonnenstrahlen, die er mir endlich wieder gönnt. Wenn er das glaubt, so wird er sich eben geirrt haben.

IndentVielleicht werden meine Hausfrauentalente mir helfen, das neue Leben erträglich zu finden. Margot hat sie schon immer bewundert, und es wird mir Freude machen, mein Haus zu halten wie ein Puppenschränkchen. Die Leute wundern sich immer, daß solch ein Irrlicht das so gut versteht. Margot erzählte es meiner Schwiegermutter, die kniff aber etwas den Mund zusammen und sah sich dabei im Zimmer um, als wollte sie sagen: »Wenn man dies ein gut gehaltenes Haus nennt!« Sander behauptet, sie sei geizig. Das ist mir nun ein Gräuel, ich bin sehr ordentlich, aber Geiz ist mir von Allem das Schrecklichste. Lieber Gott, hilf mir, daß ich es ertragen kann, und nicht wahr, wenn ich tapfer genug war, dann siehst Du mich gnädig an und nimmst mich fort mit einem Sturmwind und läßt mich niederschweben wie ein welkes Blatt! O bitte, bitte, lieber Gott! Du hälst ja mein Leben in Deiner Hand! Ich will mir's nicht nehmen, aber nimm Du es!



Burda, den 9. Oktober 1877. Nachts.


Morgen ist Astra's Hochzeitstag. O mein Kind, mein Kind, das Du mir tausendmal lieber als die eigenen Kleinen, welch einen Vorabend habe ich Dir bereitet! Großer Gott, gieb uns Beiden die Kraft, diese Tage zu überleben, wir haben nur noch einander hier auf Erden. Aber Deine Fügung war es, Herr, Du hättest uns diesen Kelch ersparen können; nein, nein, nichts ersparen, nichts verheimlichen, ich will Alles erdulden, Alles kennen lernen, – soweit meine Kraft reicht.

IndentWie kam es nur, großer Gott, wie geschah es nur? Es war ein trüber Abend, und ich dachte an Astra, dachte mit banger Sorge an die mutterlose Braut, an mein eigenes Glück. – o das verfluchte, falsche Glück, – und krame darum wieder in den alten Briefen. Und wieder fallen mir Astra's Schreiben an die Verstorbene in die Hand und ohne weiteres Nachdenken, ohne eine Ahnung, sie könnte je der Mutter schreiben, was nicht auch mir gegolten, öffne ich sie mit wehmüthigen Thränen und lese.

Als ich gelesen, war mir nicht, als wäre mein Himmel eingefallen, nein, der Mutter hatte sie's geschrieben, die Mutter sollte aus mir handeln, die Mutter oder mein eigenes Ich, oder etwas, was uns Allen gemeinsam, die wir Mütter sind. Ich war's nicht mehr, die dann aufstand, durch die dämmerigen Zimmer ging, ich sah nur wie im Traum, daß man den Saal geschmückt für meine arme, kleine Braut und dann stand ich in ihrem Zimmer; sie saß am Fenster, kehrte mir das bleiche Antlitz müde zu, bis ich »Astra, Astra!« rief und sie krampfhaft umschlang. Da wußte sie es, an dem einen Aufschrei; wir sind ja Schwestern und verstehen uns schnell. Sie sah den Brief in meiner Hand, löste sich aus meinem Arm, verschloß die Thür, die ich halb offen gelassen und sank dann schluchzend vor ihrem Bette nieder. »Astra, höre mich,« begann ich, »Astra, ich bin ganz ruhig, komm und höre mich, ich bin nur Deine Mutter, nicht mehr Sander's Frau, hast Du ihn so lieb, so furchtbar lieb?« Sie schluchzte krampfhaft weiter. »Weißt Du, kleine Astra,« fuhr ich fort und weinte wohl auch, obgleich mir war, als fühlte ich keine Thräne, »Du hast mir damit nichts Böses angethan. Wie solltest Du ihn nicht auch lieben, Du bist ja desselben Stammes wie ich, und es ist kein Unglück, es soll kein Unglück sein; aus einem Fluch kann der Mensch Segen schaffen, wenn er muthig ist und gut sein will, und wir wollen ja alle Beide gut sein, und nicht wahr, Astra, Du hast mich immer noch lieb? Du sollst sehen, hättest Du es mir eher gesagt, ich hätte Dir helfen können.«

Sie barg ihren Kopf in meinem Schooß, und ich sprach und sprach und weiß eigentlich nicht, was ich ihr sagte, so ein ganzes Herz voll, besonders als sie meinte, sie hätte ihn mir doch geraubt. »O nein, Astra, ein Mann ist nicht ein Gegenstand, der sich rauben läßt; wäre er mein gewesen, wäre er mir treu geblieben. O nein, Du bist nicht daran Schuld, glaube das nicht; er muß mich schon lange nicht mehr geliebt haben, er wollte mich wohl schonen, gewiß that er's mit guter Absicht, darum zeigte er es mir nicht! Ich hätte es fühlen sollen, vielleicht fühlte ich es, aber meine Eigenliebe und Feigheit waren zu groß, o Gott, ich weiß es nicht, aber ich war wohl schuldig, daß ich so blind blieb.«

»Und was soll nun geschehen?« fragte Astra, »was soll nun aus uns Allen werden?«

»Was soll nun geschehen?« wiederholte ich, und da war's mir mit einem Mal, als wüßte ich, was geschehen müßte; es war so etwas wie eine Offenbarung über mich gekommen. »Astra«, sagte ich, aber ich selbst erschrak vor meiner Stimme, »Astra, nur die Gegenwart hat ein Recht hienieden, Astra, gehe zu ihm, denn ich kann ihn nicht sehen, und sage ihm, daß ich Dich geschickt, verlaßt noch heute dies Haus, ich gebe Dir meinen Segen, im Namen meiner Mutter, ich gehe dann heim mit den Kindern, ich bin doch wie todt, seitdem seine Liebe nicht mehr mir gehört und siehst Du, Du bist jünger und glänzender, ihm ebenbürtiger, und ich will lieber sterben, als Dich leiden sehen, und er liebt Dich –« und dann weiß ich nicht, was geschah, weiß nicht, was ich gesagt oder gethan, nur nach einer langen Weile merkte ich, daß ich auf Astra's Bett lag und sie neben mir, und daß sie weinte, ich aber starrte auf die Zimmerdecke und fragte mich immer, ob wir uns Beide etwa vergiftet hätten? Und dann wunderte ich mich, daß Niemand nach uns gerufen, und ob die Kinder wohl schon schliefen? aber mir war, als könnte ich mich nicht mehr rühren, nur Astra's Hand ergriff ich, und da legte sie ihr weiches Köpfchen mit den Seidenhaaren noch dichter an mich, und wir blieben stumm so liegen.

»Sie werden nach uns fragen,« sagte ich endlich.

»Nein, Gutchen war vorhin an der Thür, und ich habe ihr aufgetragen, Allen« – ja, Allen, sagte sie, seinen Namen konnte sie nicht aussprechen – »zu bestellen, wir wollten diesen letzten Abend und die Nacht zusammen zubringen. Morgen ist ja mein Hochzeitstag.«

»Astra, um Gotteswillen, Astra, nein!« sagte ich, mich aufrichtend.

»Doch,« entgegnete sie, »selbst wenn meine Mutter jetzt nein sagte«. 

»Hast Du keinen Muth?«

»Gerade weil ich Muth habe!«

»Astra, das habe ich nicht verdient, stoß nicht meinen Wunsch zurück als ein unwohlgefälliges Opfer! Es ist sehr schwer für uns alle im Anfang, aber ich werde es auch überleben, – da ich dies überlebt, und es ist ein Gesetz der Natur, dem wir uns fügen.«

»Bitte, Margot, bitte, sage nichts mehr, ich habe Morosch mein Wort gegeben, und ich halte es; willst Du mich auch treulos sehen?«

Dann vergingen die Stunden, und endlich schlief sie ein wenig ein, und ich schlich in mein Zimmer. Was soll wohl aus uns Allen werden? Wenn unsere Kraft nur für morgen ausreicht, daß wir vor den Fremden bestehen und nicht den Keim des Mißtrauens in die neue Ehe pflanzen. Astra hat mir versprochen, Morosch zu sagen, daß sie einen andern Mann geliebt hat, daß sie aber mit ganzer Seele Vertrauen zu ihm hegt; ob ihre Ehe nicht am Ende glücklicher endet als die meinige, welche mit so leidenschaftlicher Liebe begann, oder als die ihrige mit Sander geendet hätte? Denn da er mich verrathen, würde er sie nicht auch später verrathen und nach ihr die dritte, vierte, so lange er lebt? Ich habe ihn nicht gesehen, seitdem ich seine Falschheit erfahren, o wäre er todt, und ich dürfte seinen kalten Mund verzeihend küssen. Lebend sind wir von jetzt an getrennter, als hätte uns der Tod geschieden. Und wenn ich ihm mein eigenes Leid verziehe, nie das, welches er Astra angethan. Ich ging vorhin an die Betten meiner Kinder und mir war im flackernden Licht, als sähe ich die Züge meiner Söhne älter und älter werden und auf ihnen stand die Lüge geschrieben! Ja, das ist Irrsinn. Aber mir war, als müßte ich sie in meinen Mutterarm nehmen, so schlafend, und ihnen das Gift auf die Lippen drücken, das den sichern Tod giebt. Doch warum ihnen, die noch nicht verrathen haben? Warum nicht dem Vater mit den weichen Lippen und der sanften wohltönenden Stimme? Ich ging bis an die Thür unseres Schlafzimmers, mir war, als müßte ich ihn wecken und ihm sagen, daß ich ihn umbringen möchte, wenn ich nur die physische Kraft dazu hätte, doch mir fiel die Hochzeit ein. Morgen ist ja der Hochzeitstag meiner Schwester! Aber nachher, wenn die Gäste fortgefahren, die Lichter verlöscht, wenn wir allein in dem »traulichen Zimmer unter der Ampel« sitzen, wo er mir gestern mit Thränen in den Augen, – großer Gott, wie konntest Du auch ihm Thränen verleihen – Goethe's Gedichte vorgelesen, – ja, dann! 



Burda, den 10. Oktober 1877.


Heute ist mein Hochzeitstag. Abgestreift sind Angst und Schrecken, still der furchtbare Kampf, das Opfer ist gebracht. Wir sind zusammen gestorben heute Nacht, Margot und ich, und nun gehen wir wie abgeschiedene Schatten durch die Welt, und kein Leid kann uns mehr erschrecken! O Margot, meine Schwester! Meine Schwesterseele, mein Vorbild, mein Halt! Opfern wolltest Du Dich, verschwinden, vergehen, Du! mit all Deinen heiligen Rechten als Frau und Mutter, mit Deiner großen Liebe, mit Deiner ganzen schönen Vergangenheit! O nein, da will ich doch lieber gehen. Was ist an mir gelegen! Auf mir ruht noch gar nichts! Wie konnte ich mir selbst nur so wichtig sein? Ich begreife jetzt gar nicht, wie ich mich so dramatisiren konnte. Ich habe Mutter und Schwester das Herz gebrochen. Ich verdiene ein hartes Loos. Ich will es auf mich nehmen wie eine Sühne für all die Selbstsucht, die mein Herz erfüllt hat! Dort liegt mein Kleid und der lange Schleier; mir ist es, als würde ich Nonne, als stürbe ich der Welt und mir selber, als würde mein Ich vernichtet für eine große, heilige Sache.

Wie auf Wolken gehe ich heute und höre fort und fort feierliches Glockenläuten. Margot ist eine große Seele, noch viel wundervoller im Unglück als im Glück; denn die Verklärung, die über ihr Gesicht ging, als sie mir Alles opfern wollte, hatte etwas Ueberirdisches. Es hat eine Heilige zu mir gesprochen heute Nacht und ihre starke Hand auf das flatternde Irrlichtchen gelegt, bis es ganz stetig brannte; ja, ja, mein Herzlicht, Du sollst Altarlämpchen und Heerdfeuer werden! Des Hauses Andacht und des Hauses Lebenswärme hängt an Deiner schwachen Flamme. Und wenn ich nicht eine brave Ehefrau werde, so bin ich nicht werth, Margot's Schwester zu heißen. Ich glaube, über die jungen Nonnen muß es auch kommen wie eine Erleuchtung, daß ihnen der Abschied vom Leben leicht wird. Was ist meine Zukunft gegen Margot's öde Bitterniß, der sie mit solcher Geduld entgegengeht. Ich war lange bei ihr heute Morgen. Sie war nur mit mir beschäftigt, und ich zeigte all meinen Muth und all meine Kraft und sagte, daß ich die ihr allein verdanke. Und dann ließ ich ihr mein Tagebuch und alle meine Briefe und sagte, ich werde ihr Alles schreiben; denn es müsse Alles licht und klar sein zwischen uns, und wir wollten entschlossen unser Schicksal auf die Schultern laden. Wir wollen der Mutter Ehre machen. Dann zog ich Margot an, in violettem Sammet, was ihrer Haarfarbe und ihrem süßen, ganz bleichen Gesicht wunderbar steht. Wo sind nur die rosigen Bäckchen hingekommen über Nacht? Der erste Frost hat sie zerknickt, daß sie die Farbe verloren! – Wenn sie's nur überlebt! Und ich dachte zu sterben! Mein Gott! was ist mein Leid gegen das ihre! Ich sagte es ihr auch, da legte sie mir den Finger auf die Lippen und sagte: »Nicht davon sprechen, Kind, sonst verblutet man zu früh! 

Heute ist Dein Hochzeitstag, heute müssen wir in Ruhe und Würde den Grundstein zu einer möglichen Zukunft legen. Wenn der anonyme Brief damals die Wahrheit sagte, so können wir nicht vorsichtig genug sein! Und es ist gar nicht unmöglich, daß diese abscheulichen Weiber die ganze Gegend vollgeschwätzt haben!«

Sie wird gleich kommen, mich anzuziehen. Gleich nach der Trauung reisen wir fort, nach Paris, auf drei Wochen. Könnten wir doch niemals wiederkommen! Die kleine Kirche ist mit Blumen geschmückt, die man von Nah und Fern herbeigefahren, und in meinem Zimmer, im Saal unten duften die letzten Rosen! Der ganze Weg ist mit Herbstlaub und Astern bestreut, ich sehe ihn von meinem Fenster. Der Himmel ist grau aber still. Die Bäume stehen fast kahl nach dem Sturm; hier knistert ein Feuer, aber zum offenen Fenster weht es lau herein. Es wogt und summt von Menschen, die Kinder wollen etwas singen, die Wagen haben die wenigen Gäste schon gebracht zur stillen Hochzeit. Margot und Paul's Schwager werden Brauteltern sein. Und ich bin so ruhig, als ginge mich das alles gar nichts an. Ich fühle gar kein Leid; so muß es sein nach dem Tode. Man begreift nicht, wo der entsetzliche, qualvolle Kampf geblieben ist. Sander sah ich noch nicht. Er ahnt nicht, was ihm bevorsteht. Vielleicht wird es auch für ihn eine Stunde geben, wo er sein Herz zertritt und wieder als freier, starker Mann die Leidenschaft beherrscht, die ihn geknechtet hält. Margot ist so stark, sie wird ihm helfen. Ach Gott! hilf uns Allen! Du siehst ja unsern redlichen Willen! Laß uns werth bleiben, Deine Kinder zu heißen! Ich höre Margot's Schritt auf der Treppe. Jetzt rauscht ihr Kleid leise, sie spricht mit einem der Kinder und ihre Stimme klingt sanft wie eine Engelsstimme. O Kinder, dankt Gott für Eure Mutter! Sie wird Euch brav und gut machen, wie sie mich brav gemacht hat. Ich will ihr heiter entgegengehen und nicht zittern, während sie mich anzieht, und dann kniee ich mich hin und bitte sie um ihren Segen an Mutterstatt, und dann – – – 



Burda, den 11. Oktober 1877.


Nun ist Alles vorüber! Der lange Tag mit allen seinen Erregungen, der bittere Abend, die schlaflose Nacht, und jetzt liegt der neblige Herbsttag über der ersterbenden Natur und über meinem gestorbenen Glück. Astra ist schon in weiter Ferne, der brausende Zug trägt ihr stilles Leid lärmend weiter, und ihr brennendes Herzweh wird betäubt durch den ewigen Wechsel vor ihren müden Augen. Wie frisch und strahlend zog sie in mein Haus ein, um wie ein Komet verblassend zu verschwinden! Als ich am Abend die Treppe heraufstieg, in ihr Zimmer, das jetzt das meinige wird, wo ihre kleinen flinken Füßchen so oft gesprungen, war's mir, als könnte ich vor Jammer über sie nicht weiter. Aber ich mußte weiter, gerade ihretwegen, und weiter muß ich auch im Leben, immer weiter. Wir sind Beide sehr tapfer gewesen, den ganzen Tag über, als wir uns aber Lebewohl sagen sollten, da brachen wir zusammen. Es war, als könnten wir einander doch nicht lassen, nachdem wir das zusammen stolz getragen; o Astra, glaube mir, es war noch bitterer zurückzubleiben, als fortzugehen! Dann verabschiedeten sich die Anderen, und als wir allein geblieben, brach ich wieder in Thränen aus. Sander ging aus dem Zimmer, und ich war so müde und todestraurig, daß ich mich nicht im Stande fühlte, mit ihm zu reden. Die Kinder in ihren hübschen Kleidchen kamen dann gute Nacht zu sagen, und ich saß noch immer auf dem kleinen Lehnstuhl im Salon, wie bewußtlos und gelähmt vor Leid. Sollte ich überhaupt mit ihm reden? Was sollte ich ihm sagen? Nutzlos wäre es ja, sie ist die Frau eines Anderen. Für meine eigene Würde? Ach Gott, die hatte ja keinen Werth mehr, so vernichtet wie ich war! Ich war so gebrochen, daß ich ihm nicht einmal zürnte in dem Augenblick. Da fühlte ich plötzlich seine Hand auf meinem Scheitel, und die Haare entlang streichelnd, sagte er: »Gott sei Dank, nun sind wir erlöst, selbst der harmloseste Mensch wird eine Plage auf die Dauer!« Ich wandte mich zu ihm um.

»O, Sander, bitte, sage es nicht, ich schäme mich sonst in Deiner Seele.«

»Ich sage immer, was ich denke, und wenn Du ehrlich wärest, würdest Du gestehen, daß Alles recht schön und gut war, es aber eine Erlösung ist, daß sie endlich fort und versorgt ist.«

»O Sander, Sander«, sagte ich wieder, und er zuckte mit den Achseln über meine Sentimentalität, lächelte und wandte sich ab, um fortzugehen. Ja, ich mußte mit ihm reden, obgleich er mir jetzt nicht mehr der Mühe werth schien. Darum hielt ich ihn fest am Rockärmel und sagte:

»Weißt Du, Sander, daß ich Alles weiß?«

Er wandte sich zurück, noch immer lächelnd:

»Na, was ist Dir denn nun wieder für ein Licht aufgegangen?«

»Es ist so schwer zu sagen,« entgegnete ich, aber ich hatte nicht den Muth ihn anzusehen, der vor mir saß, sondern starrte nach rechts auf die Thür, ich fühlte plötzlich, daß ich ihn so wahnsinnig liebte, daß mir die Bitterkeit schwand in seiner berückenden Nähe. »Es ist schwer zu sagen, weil ich es seit vierundzwanzig Stunden Dir immerfort sage: O Sander, wie hast Du ihr das anthun, wie hast Du das Kind so namenlos unglücklich machen können? Solch eine Leidenschaft darf kein ehrlicher Mann äußern, selbst wenn er sie hat anwachsen lassen! Ich rede nicht davon, daß Du Frau und Kinder hast, Du mußtest Mitleid mit der Jugend Astra's haben, Du durftest sie nicht ahnen lassen, was Du empfandest!«

»Und warum eigentlich nicht?« unterbrach er mich und guckte mich mit reinen Kinderaugen an. »Ich frage Dich, meine kluge Frau, warum eigentlich nicht?«

Er hatte mich ganz verwirrt gemacht. »Warum nicht? Weil Du ihr das Herz gebrochen, weil es schlecht, gemein gehandelt ist, weil es falsch und erlogen zu mir.«

»Was ist falsch und erlogen zu Dir? Daß ich Astra im Mondschein geküßt und ihr gesagt, daß sie mich für ein paar Tage verliebt gemacht hat! Aber, Margot, Du bist doch wahrhaftig zu vernünftig, um daraus eine Tragödie zu weben! Du weißt, ich bin ein Mann, der Alles mitnimmt, was ihm in den Weg kommt, nenne mich leichtsinnig, ich bin es, oberflächlich, was Du willst, aber übertreibe nicht.«

Mir wurde ganz schwindelig, ich wußte nicht, was ich ihm entgegnen sollte, ich fühlte nur, daß er ganz im Unrecht, aber ich zu schwach, zu unklar war, um ihn zu überzeugen.

»Sei doch nicht so idealisch, Margot«, fuhr er fort, »nimm doch das Leben wie es ist! Astra ist ein liebes, schönes Kind, dem ich als Schwager natürlich den Hof machen mußte, sie hat in meinen Aufmerksamkeiten mehr gesehen als ich beabsichtigte, hat sich den Kopf mit mir angefüllt, da war ich ihr doch eine kleine Liebesgeschichte schuldig!«

»Sander«, unterbrach ich ihn, »Du bist kein Mensch. Du bist ein Ungethüm!« Mir krampfte sich das Herz, als sollte ich ersticken, was mir heilig und wahr, wenn auch als verzehrendes Leid erschienen, wollte er fortblasen wie leeren Staub. »Wenn Du Dein Spiel mit Herzen treiben mußt, so suche Dir Deinesgleichen dazu aus, aber nicht fühlende Menschen mit Gewissensqualen«.

Er blieb ruhig und sanft, als hätte ich ihm das Liebste gesagt: »Siehst Du, Margot, ich glaube nicht an diese Gewissensqualen. Wenn ich das Spiel mit Astra fortgesetzt hätte, wenn es mich nicht gelangweilt hätte, würde sie sehr heiter geblieben sein und Dir keine Beichte abgelegt haben. Ihr Frauen gebt einer Liebelei immer zu viel Bedeutung.«

»Astra hat mir keine Beichte abgelegt, ihre Briefe an Mama sind mir zurückgeschickt worden, ich las sie und erfuhr Alles.«

»Um Alles in der Welt, was denn Alles! Ich habe ihr doch nichts gethan oder gesagt, was solche Erregung rechtfertigt?«

Ich schwieg, denn ich wußte nichts zu sagen, er verstand mich ja nicht, oder ich ihn nicht. Vielleicht war das Unglück wirklich nur in Astra's und meiner Einbildung und die wirkliche Welt dachte wie Sander. Ich stand darum auf. »Ist die Gardinenpredigt nun zu Ende?« fragte er lächelnd, »soll ich versprechen, es nie wieder zu thun, und wollen wir dann schlafen gehen?« 

»Ich möchte diese Nacht in Astra's Zimmer bleiben«, entgegnete ich. Er verbeugte sich: »Ganz wie die gnädige Frau befehlen«, und wandte sich zu seinem Zimmer. Ich war todtmüde und wie gebrochen, aber schlafen konnte ich doch nicht. Ein entsetzliches Gefühl größter Demüthigung schüttelte mich, ich fühlte mich rath- und hülflos. Ganz früh ging ich in das Kinderzimmer, um mir dort Ruhe zu holen. Sander war schon ausgeritten, als ich nach ihm fragte und ist bis jetzt nicht heimgekehrt. Das hatte ich ja eigentlich gewollt, daß unser Leben aufhören sollte, ein gemeinsames zu sein, und nun ist es mir doch nicht recht? Wie gut für die Kinder, daß die neue Gouvernante und Gutchen im Hause sind, ich bin jetzt eine schlechte, larmoyante Mutter und so reizbar heute, daß ich mich wieder hier oben einschloß, um nicht ungerecht zu schelten. Ach, wohl dem Menschen, der mit sich Eins ist, leiden ist nicht so schwer, als sich selbst verachten. 



Wien, den 14. Oktober 1877.


Ich habe Margot versprochen zu leben, sonst wäre ich schon todt. O warum konnte ich nicht in's Kloster, da wäre ich allein in meiner Zelle, mit dem hehren, schweigenden Krucifix. Wenn ich gewußt hätte, was es ist, ich hätte es nicht gethan, nie und nimmer. Margot hätte mir Manches sagen sollen, sie ist ja schon so lange verheirathet. Oder ist ihr Nichts schwer geworden? Ich meine, selbst bei wahnsinniger Liebe ist das Frauwerden doch ein furchtbarer Schritt! Das völlige Aufgeben seiner Selbst! Dem Andern angehören, an den man früher nie gedacht! Als Mädchen hat man ja keine Ahnung davon, was das heißt. Margot sagte nur: »Hast Du Muth, Alles zu tragen? Wirst Du Dich nicht in irgend einem Moment umbringen, wenn Dich der Widerwille übermannt?« »Nein, nein Margot,« sagte ich, »das thue ich Dir nicht!« Ich habe viel versprochen, zu viel, denn man sollte doch wissen, was man verspricht, man weiß es ja selbst am Altar nicht.

Ich könnte mich von der Eisenbahn überfahren lassen. C'était un accident! Das sähe doch ganz wahrscheinlich aus. Aber Morosch würde mich retten, er läßt mich ja gar nicht aus den Augen, er hat solche Freude an mir! Die Romane hören immer auf, wenn sie sich geheirathet haben; aber das Leben fängt da erst an. O, um Gottes Willen nicht heirathen, wenn es Einem unangenehm ist, daß der Mensch Einem nahe kommt! Gutchen hat es wohl gesagt, und ich habe sie nicht angehört, weil ich einer unerträglichen Lage entgehen wollte. Sie war vielleicht gar nicht unerträglich. Nun ja, ich war ein bischen verliebt, davon stirbt man doch nicht gleich. Man stampft es klein und lebt dann wieder weiter. Und wäre ich nur daran gestorben, ja, wär' ich nur! Ich habe so furchtbare Sehnsucht nach Burda, nach Königsberg, nach Amerika, Japan, nach irgend etwas ganz Fernem, wohin ich fliehen könnte vor mir selber, vor meinen Ketten, vor dem Abgrund, der mich angähnt, und in den ich hinunter muß, ich mag wollen oder nicht, denn der Abgrund heißt das Leben. Also das ist Leben? Nur das? Dann wäre ich lieber nie geboren! Ich sehe die Menschen auf der Straße vorübergehen und habe solches Mitleid mit ihnen. Wahrscheinlich ist ihr Leben auch so. Ich begreife nicht, daß sich nicht Alle gleich umbringen. Ich begreife nicht einmal, wie ich in Sander verliebt sein konnte. Er ist ja auch nur ein Mann! O läge ich doch in meinem kleinen Stübchen in Burda mit Margot auf dem Bette und weinte an ihrer Brust. Ich war ein freies Mädchen damals, und es scheint schon so lange her! Ich denke noch daran, wie ich beim Frühstück nach der Trauung immer meinen Ring herumdrehte und ihn frug, was er bedeute? und er wollte mir keine Antwort geben. Die Leute neckten mich und nannten mich Madame, und ich fühlte mich doch kein bischen anders als eine Stunde vorher. Ich konnte gar nicht begreifen, was für eine Wandlung mit mir vorgegangen sein sollte, weil ich, die Krone auf dem Kopf, drei Mal um den Altar gegangen war, an Margot's zitternder Hand. Und es war doch Alles vorbei! Ich war ausgeliefert an das grausame Leben, gefangen, geknechtet, eine Sklavin! Keine Stunde ist mehr mein! Ich darf nicht meine Thür zumachen und allein sein wollen. Er kann hereinkommen, wann er will, mich küssen, wann er will – ich bin seine Sache! Alles in mir bäumt sich auf gegen mein Schicksal.

Als Margot mir Kranz und Schleier aufgesetzt hatte, da bat ich sie um ihren Segen, und während ich vor ihr kniete, drückte sie meinen Kopf an sich und sagte: »Denke nur, daß Alles heilig ist, was von Gott verordnet ist, und Alles, was in der Natur ist, hat Gott verordnet!« Und dann nahm sie mich in die Arme und einen Augenblick schluchzten wir Herz an Herz, aber nur einen Augenblick, dann lag wieder die volle Ruhe auf ihren Zügen, sie stand so würdevoll, von dem schönen, weichen Kleide umflossen, wie eine Dalia. Sie hatte rothe und gelbe Herbstblätter angesteckt, die eine prachtvolle Diamantbroche hielt. Es war ein Einklang mit der regenfeuchten Herbstwelt, wie man nicht etwas Schöneres sehen konnte. Meine Schwiegermutter war scharlachroth, meine unverheirathete Schwägerin grün. Es sah horribel aus. Morosch kam auf mich zu und küßte mir die Hand. Er hatte Thränen in den Augen: »Wirst Du mich denn einmal ein wenig lieb haben können?« frug er mit zitternder Stimme. »Ich will Dich lieb haben, so viel und so stark ich kann!« sagte ich. »Nur jetzt bin ich noch so befangen und ängstlich, Du mußt mir verzeihen!« Wir waren sehr tapfer, Alle, Sander, der vollkommene Hausherr, der glänzende Redner blieb stecken, als er den Toast ausbringen wollte. Es war furchtbar peinlich einige Sekunden; dann half er sich mit einem Witz heraus, und es ging vorüber. Man that, als wäre nichts gewesen. Er war sehr erregt und sagte zu mir: »Ich beneide Dich um Deine eisige Ruhe!« Meine Ruhe war nicht eisig, sondern ich war getragen von der Liebe zu Margot, von dem Gefühl, das Einzige für sie gethan zu haben, das ich thun konnte. Daß es so ungeschickt ausgefallen, lag außer meiner Macht und meinem Wollen. 

Warum bin ich nicht lieber Stubenmädchen geworden! Dann wäre sie auch von mir befreit, und ich nicht gefesselt und gebunden! Ich war gar nicht dazu gemacht, Frau zu sein, ich war ja ein Irrlicht! Ich kann nicht stetig brennen, ich passe nicht für die Ehe. O wäre ich wieder ein Mädchen. Jedes Dienstverhältniß kann man lösen; wenn man aber Frau geworden, kann nichts auf der Welt einen wieder zu dem machen, was man war. Wenn das doch Alle besser bedenken wollten, die nicht in meiner verzweifelten Lage sind, sondern nur meinen, sie möchten Madame heißen, weil sie schon so lange Mademoiselle waren!

Ich habe Margot versprochen, ihr von Wien zu schreiben. Was schreibe ich nur? Ich weiß rein nicht was. Denn ich will ihr das Herz nicht schwer machen, und ich darf doch nichts schreiben, was Morosch nicht lesen könnte, sonst begehe ich eine Unehrlichkeit an ihm. Er hat schon gesagt, er wollte alle meine Briefe lesen. Auch das noch! Das hat mich außer mir gebracht. Welches Recht hat er, meine Briefe zu lesen? Alles Recht, denn ich bin sein! Nicht einmal an meine Schwester schreiben, ohne daß er es liest! Ich hätte ihn beinahe gefragt, ob ihm der anonyme Brief noch auf dem Herzen brennt, daß er kein Vertrauen zu mir haben kann? Aber ich dachte, es klänge zu bitter und schwieg. Und er ist dabei gar nicht amüsant. Er ist so still und will nur von mir und meiner Schönheit sprechen, und mir das Haar aufmachen und damit spielen, und mir die Schuhe ausziehen. Und ich ginge lieber in's Museum. Ich habe nie vertragen, wenn mir Jemand das Haar anrührte. Ich kann überhaupt den Körper nicht leiden. Ich wollte, ich hätte keinen. Ich kann das Küssen nicht leiden und bin schon immer deshalb ausgelacht worden. Ich habe ihm schon gesagt, in Moroschka könnte er mich küssen und mir die Haare kämmen, hier möchte ich so gern in's Belvedere. Aber das findet er langweilig. Ich spreche vom Theater und der Auffassung dieser und jener Rolle, da zerdrückt er ein leises Gähnen zwischen den Nasenflügeln. Er will mich nur lieben, lieben! Aber er soll doch ein bischen meinen Geist lieb haben und mit mir sprechen und meine Freude am Schönen theilen. 

Freilich, ihn hat kein Gutchen erzogen, das ihn erst zu einem vollkommenen Menschen gemacht hätte! Ob es mich wohl betrüben würde, wenn er mir untreu würde? Ich fürchte, nein! Ich glaube, die Männer wissen gar nicht, wie scheu wir eigentlich sind und wie Alles uns in tödtlichste Verlegenheit bringt. Sie glauben, viele Sachen machen uns Spaß, die uns zuwider sind. Wir sind überhaupt so ganz verschieden, das merkt man erst, wenn man verheirathet ist. Ach Gott! verheirathet, ich bin es ja, ich bin gar nicht mehr ich, sondern Frau Morosch. Das sind zwei Personen, Astra und Frau Morosch! 



Wien, den 14. Oktober 1877.


          Meine viel liebe Frau Schwester!

Paul guckt mir über die Schulter, darum erwarte nur keinen vernünftigen Brief von mir. Es geht mir natürlich gut; so gut es Einem gehen kann, wenn man mit einem fremden Herrn an einem fremden Ort in einem fremden Hause zum Fenster hinaus sieht. Wir gehen nämlich nicht aus, weil wir gar keine Zeit dazu haben, Paul muß mich immer ansehen. Sogar zum Sprechen hat man keine Zeit, da das Schauen genügt. Ich bin ihm Museum, Läden und Konzert, kurz Studie genug. Er will nichts weiter. Du hast noch gar nicht gewußt, wie interessant ich bin. Gestern singe ich ihm etwas: 

»Du hast zu schöne Zähnchen!« war die Kritik meiner Leistung und »Deine Hände sehen hübsch aus auf den Tasten!« die Schätzung meines Spiels. Das war doch ein bischen stark. Ich habe geschlafen wie ein Mops im Waggon, so gut, wie seit lange nicht; wenigstens sagt Paul so, der behauptet, kein Auge geschlossen, das meine aber nie offen gesehen zu haben. Das ewige Rolle Rolle hat etwas zu Angenehmes, es bewegt Einen, ohne daß man sich bewegte und giebt meiner Unruhe Befriedigung. Aber hier soll ich still sitzen auf dem Sopha, neben Paul und ihn ansehen! Stelle Dir eine solche Zumuthung vor! Er behauptet, auf diese Weise wolle er das Irrlicht stetig machen. So hat es noch Keiner probirt, vielleicht gelingt's. Ich bin gehorsam wie ein Kind, das muß er mir lassen, er sagt zwar Nein, wofür ich ihn fünf ganze Minuten nicht angesehen habe, zur Strafe. Wir waren gleich den ersten Abend im Theater und sahen Lohengrin. Ich sage Dir, es ist großartig, wunderbar, hinreißend! Ich weinte so furchtbar, daß Paul drohte, mich wegzunehmen, da er es obendrein mordslangweilig fand. Ich gab ihm aber zu verstehen, daß man auf der Hochzeitsreise alle Launen seiner Frau erdulden müsse und sich sogar im Theater für sie langweilen, wenn auch die schönsten Cigaretten warten! Ich habe ihm auch versprochen, nie mehr zu weinen, da er's nicht gern hat, d. h. wer weiß, ob ich's nicht probire morgen, wenn ich durchaus in das Symphonie-Konzert will. Ich habe schon damit gedroht. Ich habe ihm auch gesagt, daß wir so lange dergleichen nicht hören werden in Moroschka und ich meine Talente doch auch etwas bilden muß. Er meint, für ihn könne ich genug. Sehr schmeichelhaft, aber das sind honeymoon-Complimente, das kennt man! Zu Hause ist Alles verkehrt, man wird gescholten und kann nichts recht machen. Ich weiß es schon ganz genau. Kurz, Alles, was er mir bis jetzt noch nicht von Scheußlichkeiten anthut, das dichte ich ihm im Voraus an, um hernach nicht enttäuscht zu sein. Paul meint, nun ist's genug, weil's nicht an ihn ist. Die Männer sind eben Egoisten und wir sind auf der Welt, um diese ihre Eigenschaft groß zu füttern, als Mütter, Schwestern, Töchter, Frauen! Die Männer sind überhaupt – o weh, hier wurde mir die Feder weggenommen!

          Deine Astra.



Burda, den 14. Oktober 1877.


Sander kehrt nicht zurück. Vorgestern schickte er mir ein Zettelchen, er hätte sich unser Gespräch, nachdem ich ihn verlassen, überlegt und fände es, so kühl betrachtet, doch etwas merkwürdig; jedenfalls sei er nicht gesonnen, sich Derartiges von mir gefallen zu lassen und würde eine Zeitlang von Hause fortbleiben, bis ich wieder vernünftig geworden. Die Briefe Astra's hätte er sich aus meinem Schreibtisch gelangt und gelesen, beim besten Willen aber nichts entdecken können, was meine Auffassung rechtfertigte. –

Bin ich denn ein Kind, daß er mich so zu meistern wagt, handelt es sich denn um Kleinigkeiten, in denen ich ihm widersprochen, steht nicht mein Höchstes und Heiligstes auf dem Spiele?

Wie kann ich nur so gebrochen und unglücklich sein,  weiß ich denn nicht, daß ich recht gehandelt habe? Wodurch kommt es denn, daß er mich stets leiden läßt für sein Unrecht? Nie war mir das Leben so zuwider! Am Tage vor Astra's Hochzeit, da erfaßte ich die ganze Tragik unserer Lage, und ihre Größe schien mir zugleich die Kraft zum Ertragen zu geben, jetzt hat er mich an die kleine Misere des Lebens, an die Qual der Unsicherheit des eigenen Urtheils und der Mißverständnisse verwiesen. Dabei lebt in mir eine Stimme, die in jeder Stunde deutlicher spricht: der Mann, den Du vergötterst, belügt Dich, hat Dich stets belogen! Aber mein ganzes Herz bäumt sich dagegen auf, denn was wäre die Welt, wenn er selbst so schlecht sein könnte!

Wenn er wiederkommt, will ich ihn auf den Knieen bitten, mir die Wahrheit zu gestehen, nur die Wahrheit will ich, auf Glück, auf Liebe kann ich verzichten, nicht auf die Wahrheit. Und haben wir nicht so oft im Leben uns geschworen, aufrichtig zu einander zu sein? Habe ich es nicht verdient, mit Dir zu tragen, wenn es Dein Schicksal sein soll, daß Du eine Andere mir vorziehst? Ach, ich sehe Dich wieder spöttisch lächeln und die Achseln zucken über die sentimentale Deutsche, die vom Schicksal zu reden wagt. Mir bangt förmlich vor Deiner Rückkehr! Habe ich denn keine Macht über Dich, bist Du stets stärker als ich, mir überlegen, selbst wo Du Dich vor mir schämen solltest? Aber Du kennst keine Scham, es ist ja das Recht Deiner Natur! Das Recht der deinen, die meinige zu knechten und in den Staub zu ziehen sogar? O nein, das thue ich nicht, mich herabziehen lassen. Und bin ich es nicht schon? Ich nehme mich zusammen, soviel ich kann, ich suche, vor Gutchen und den Kindern die ruhige, liebe Mutter zu spielen, aber habe ich es eine Stunde durchgeführt, breche ich zusammen. Dabei fühle ich an Gutchen's Art, daß sie mich tadelt; und mich verletzt das, mehr als ich mir gestehen mag; sie ist blind gegen Sander, und es wäre unter meiner Würde, mit ihr über ihn zu reden. Sie ist eben keine Frau, bei aller ihrer weiblichen Einsicht, und kann Vieles nicht mir nachfühlen. Bin ich es doch selbst kaum im Stande. Ich hatte so zu sagen an der Springstange der furchtbarsten Erregung einen großen Schritt gethan, einen schweren Entschluß gefaßt, jetzt handelt es sich darum, langsamen Wanderns an dasselbe Ziel zu kommen. Und nun kommen die tausend Zweifel, ich zweifle vor Allen an Sander's Liebe zu Astra. Ist's, weil ich sie stets als Kind betrachtet, ist's, weil ich das viele Unreife an ihr gefühlt, oder ist's der instinktive Frauenneid, der den Reiz einer Anderen nicht anerkennen will? O nein, den erkenne ich! Aber wie konnte mir Sander, mit dem ich so tief verwachsen, untreu werden, wo hatte ich die Stelle seiner Seele leer gelassen, daß eine Andere Raum darin fand? Was habe ich versäumt, daß eine Andere es erfüllen konnte? Oder ist's kein Fehler, ist's die Macht der Wahrheit, die mich immer wieder zu der Ueberzeugung drängt: er ist doch mein, einzig mein. Hätte ich nur die Briefe, die ich damals nur wie irre überflog, mir ist ihr Wortlaut entfallen. War es wirklich nur meiner kleinen Schwester Schwärmerei, welche in harmlose Worte diese tiefe Bedeutung legte, oder war Sander gewissenlos? 

Hat er recht, mir Uebertreibung vorzuwerfen, oder bin ich eine Närrin, daß ich nicht fassen kann, was sonnenklar, oder bin ich so schwach, daß ich meine Augen schließe, weil das Sehen mich und meine Kinder um ihr Lebensglück bringt?  



Burda, den 16. Oktober 1877.


Soweit hatte ich geschrieben, als mir Sander's telegraphische Anfrage, ob ich ihn nicht mit den Kindern aus Czernovitz abholen wolle, übergeben wurde. Mit den Kindern konnte ich in dem Herbstwetter nicht die weite Fahrt machen, ich mußte entscheiden, ob ich allein reisen wollte oder nicht. Ich warf mich auf die Kniee und ging mit meinem Gewissen zu Rathe. Schon wollte ich schreiben, daß wir nicht kommen könnten, als mir das Bibelwort von der Langmüthigkeit der Liebe einfiel, und da bin ich gefahren! Mir selbst zur ewigen Erinnerung schreibe ich  es auf, daß ich es nach bestem Wissen gethan, daß ich ihm den Versöhnungsschritt entgegen ging, nicht getrieben von der eigenen leidenschaftlichen Sehnsucht, sondern trotz ihrer.

Wir beide haben seitdem Astra's Namen nicht ausgesprochen, obgleich ich mit banger Spannung ihrem ersten Briefe entgegensehe. Wie mag sie denken und fühlen, das arme Kind! Denn wenn ich auch an Sander's Liebe zweifele, an der ihren kann ich es nicht; ich weiß, sie kann nie seines Gleichen finden, und alle Herzensgüte und Hingabe Morosch's gilt ihr gegenwärtig nicht mehr als das Wiehern eines Pferdes. Ist es Sander's Schuld, daß er so weit über anderen Männern steht? Vielleicht kann ich durch doppelte Liebe und schwesterliche Hingabe Astra die Zeit erleichtern, bis sie ihre Liebe siegreich überwunden. 



Paris, den 22. Oktober 1877.


Meine Margot! Mein Seelchen! Aengstige Dich nur nicht um mich, es geht mir ja ganz gut, bis auf ein klein wenig Schwäche. Ich bin auf einmal so faul geworden; ich habe gar keine Lust mehr, auszugehen, weil die Müdigkeit mir jeden Genuß unmöglich macht. Ich sehne mich unendlich nach Dir, das brauche ich Dir nicht erst zu sagen. In der Nacht im Waggon hielt ich immer die Augen zu und murmelte: »Margot, meine Margot!« fort und fort. Das hatte etwas Beruhigendes für das dumme Herz! Jetzt werde ich einen Brief bekommen, nun Du weißt, wohin zu schreiben. Wenn ich nur wüßte, wie es Dir geht, wie Du weiter lebst, was Du erleidest. Meine Phantasie ist unablässig damit beschäftigt, mir zusammenzubauen, wie es Dir ergangen, und bald erscheint mir Alles ganz fürchterlich, bald sehe ich Dich äußerlich ruhig weiter leben, als wäre gar nichts vorgefallen. Gewiß machst Du Dir Sorgen über mich, und ich kann sie auf diese Entfernung so schwer verscheuchen. Paul hat es wirklich über's Herz gebracht, einmal ohne mich auszugehen, weil ich ihm sagte, ich könnte keine Briefe schreiben, wenn er die ganze Zeit hineinsieht. Da will er sich die Läden angucken und mir etwas mitbringen. Ich werde mit Güte überschüttet, wie eine Königin. Ich habe das gar nicht verdient und hätte mich mit der Hälfte von all der Liebe begnügt. Ich habe immer das erdrückende Gefühl, nicht wiedergeben zu können, was ich empfange. Aber es ist doch besser, man empfängt mehr als man tragen kann, als ganz leer auszugehen. Ich wäre von schwärzester Undankbarkeit, wenn ich nicht fühlte, wie ich verwöhnt werde! Aber allzulange wollen wir unsere Reise nicht ausdehnen. Paul sehnt sich so sehr nach Hause und macht sich Gedanken, wie Alles ohne ihn geht. Ich habe ihm schon gesagt, daß er sich wundern wird, eine wie gute und sorgsame Hausfrau ich bin, er meinte aber, seine Mutter würde sich das nicht nehmen lassen, sie habe kein Vertrauen zu deutschen Hausfrauen, könne unsere Küche nicht essen und müsse auch sehr viel zu thun haben, um zufrieden zu sein.

Eben kommt Paul wieder und bringt mir etwas mit. Rathe! In die Tasche konnte er es nicht stecken, deshalb bringt er nur die Zeichnung davon, was ist's? – Ein Flügel! Ein ganz herrlicher Flügel! Und er wird schon morgen abgeschickt nach Moroschka, wo er in sechs Wochen anlangen wird! Nein, so etwas! Meine Backen brennen vor Aufregung. Nichts in der Welt hätte mir so große Freude machen können. Wenn er nur selber mehr Genuß von Musik hätte, so könnte ich ihn belohnen mit häufigem Spielen; es ist aber die absoluteste Selbstverleugnung von seiner Seite, da er nichts davon hat.

Du verlangst doch keine Beschreibung von Paris, da Du es kennst? Ich hatte Burda lieber. So geht es mit vielen Sachen, die man sich stets so herrlich gedacht, – sie sehen anders aus, oder man ist in anderer Verfassung, wenn man sie genießen soll. Küsse die lieben Kinder tausendmal. Ich habe schon Allerlei für sie, das ihnen Freude machen wird!

          Deine Astra.



Burda, den 26. Oktober 1877.


          Mein geliebtes Astrakind!

Dieser Brief ist nur für Dich; sage Deinem Tyrannen, daß ich alle Rechte einer Schwiegermutter ihm gegenüber in Anspruch nehme, vor allem dasjenige, Dich unter vier Augen zu sprechen. Mit anderer Leute Briefen darf er thun wie ihm beliebt. Ach, mein süßes Kind, was habe ich geweint, als ich Deinen ersten Brief bekam, mein kleines flügges Vögelchen! Ehe ich ihn erbrach, weinte ich vor Rührung; Deine Handschrift brachte mir eine so überwältigende Fluth von Erinnerungen. In ihm drin stand nichts zum Weinen, nein, es stand überhaupt nichts drin von dem, was ich erwartet. Aber der Umstand war mir viel sprechender als Worte. Liebe Kleine, vergiß nicht, daß aller Anfang schwer ist, gerade für uns Norddeutsche, die wir uns so schwer in jede Neuerung finden, so urkonservativ sind. Es war auch keine gute Idee Deines Gatten, gleich mit Dir auf Reisen zu gehen, Ihr waret einander gar zu fremd und hättet Euch erst in Eurem Daheim ineinander einleben sollen. Zu meiner großen Verwunderung hörte ich, daß Deine Schwiegermutter und Nadine in Moroschka bleiben. Sie hatte mir früher immer gesagt, sie betrachte sich nur als die Verwalterin des Hauses für ihres Sohnes künftige Frau, der sie den Platz räumen würde. Nun ihr Sohn eine wirkliche Frau hat, bleibt sie aber doch. Du bist, Gott sei Dank, eine liebevolle Schlingpflanze und wirst Dich um eine ganze Familie mit aller Deiner Grazie ranken, aber im Anfang einer Ehe ist diese Aufgabe schwer, ich hätte sie Dir wenigstens ersparen mögen.

In meinem Hause ist alles in altem ruhigen Geleise, als hätte nie das jugendliche, silberhelle Lachen uns eingeschlafene Leute in ein Feenreich versetzt. Gutchen ist ganz alt geworden, seitdem Du uns verlassen und Costi ein kleiner ernster Mann. Wir sprechen täglich von Dir, nur Maria ist solch ein kleines Schaf, daß sie Dich fast vergessen. Du mußt bald kommen, um ihrem Gedächtnisse nachzuhelfen. Dein zweiter Brief schien mir das in Aussicht zu stellen? O Astra, welch herrlich Leben wollen wir miteinander führen, einander fördern in allem guten Streben! Wie schnell werden wir die anderthalb Stunden bewältigen können? Immer nur in anderthalb Stunden! Mir scheinen sie jetzt schon lang, obgleich Du noch in Paris bist. Sage Deinem Manne viel Liebes von uns und glaube an die treue Liebe

          Deiner mütterlichen Schwester

          Margot.



Paris, den 2. November 1877.


          Meine liebe Nadine!

Du wirst Dich gewiß wundern, einen Brief von Deinem Bruder zu bekommen, da es Dir nicht oft passirt ist. Ich muß Dich aber um Einiges bitten, das Du vielleicht der Mama beibringen kannst, ohne sie zu ärgern. Wir können uns doch nicht mit einem Zimmer begnügen, Du mußt die Mama bitten, uns noch ein kleines Stübchen außer dem Schlafzimmer einzuräumen; denn Astra sitzt über Tags nicht gern im Schlafzimmer. Du mußt auch das Doppelfenster nicht zukleben, da sie beständig die Fenster aufmacht. Fürchte nicht, daß das zu viel Feuerung verlangt. Sie schläft gern kalt, und erlaubt nur mir zu Liebe ein ganz klein wenig Feuer. 

Aber schon das Wenige raubt ihr den Schlaf. Du mußt dem Ilie einschärfen, daß er nicht solch ein Höllenfeuer macht, das sechsunddreißig Stunden hält. Wir werden wohl Abends ankommen, da mußt Du schon Mama bitten, für uns ein Hühnchen zu schlachten. Astra ißt eigentlich nur ein wenig Fleisch. Ich fürchte, unsere Küche wird ihr etwas schwer vorkommen; aber sie wird sich daran gewöhnen; sie hat ja schon als Braut gefastet, vermied aber die in Oel gekochten Sachen und aß nur etwas Gemüse, in Wasser gekocht. Nun kommt eine schwierige Sache. Ich habe nämlich Astra einen Flügel geschenkt und fürchte, es wird der Mama sehr unangenehm sein. Er ist zu groß für unser Zimmer, und da müßte man ihn doch wohl im Salon unterbringen. Du kannst ihn ja dann auch benutzen, wenn Du eine Mazurka spielen willst oder einen Walzer, und die Mama kann die Konfitürengläser darauf stellen; ich habe deshalb schon ein Wachstuch darüber machen lassen. Der Salon ist ja groß und nicht viel Möbel darin, außer dem Kanapee und dem Tisch und dem langen Divan an der anderen Wand. Der Flügel wird deshalb nicht zu viel Platz nehmen, und wenn Ihr Eure Damen zu Kaffee und Konfitüren habt, so kann Euch Astra mit Spielen und Singen die Zeit vertreiben. Man soll auch, wenn wir ankommen, in jedem Zimmer zwei Lichter anstecken, das ist für den ersten Abend freundlicher; nachher werden wir solchen Luxus nicht mehr beanspruchen. Und dann sage auch Mama, Astra wolle noch nicht die Trauer ablegen, Sie möchte es gütigst entschuldigen. Die schönen Kleider bleiben ja desto länger gut. Mir gefällt es besser in Moroschka als in Wien und Paris, und wenn ich's noch einmal zu thun hätte, so würde ich gar keine Hochzeitsreise machen.

Auf Wiedersehen. Ich küsse der Mama die Hand und Dir die Wange und bin

          Dein treuer Bruder

          Paul Morosch.



Burda, den 10. November 1877.


Astra ist in ihrem neuen Heim angelangt, und ich habe sie gesehen. Großer Gott, wie ist sie abgemagert und bleich, und welcher Zug von Bitterkeit um den Kindermund! Und ich war im Begriff mir einzureden, Alles wäre geglättet und überwunden, wir würden jetzt glücklich sein, wie im Märchen. Dabei die Abhängigkeit ihrer Stellung im Hause! Das ist nun Morosch's große Liebe! Die Frau, welche er zu vergöttern vorgiebt, weiß er nicht einmal in eine würdigere Umgebung zu verpflanzen! Astra sah, was ich empfand; damit ich es nicht ausspräche, sagte sie: »Du begreifst, mein Mann liebt seine Mutter unendlich und ist ihr gegenüber Kind geblieben. Ich glaube, er wagt nichts zu wünschen, was ihr nicht recht sein könnte.« »Da hätte er nicht heirathen sollen,« sagte ich scharf. Sie schwieg und mir that mein Wort leid; wenn ich da noch zum Bösen rede, dann ist der Krieg bald fertig. Und doch, vielleicht nicht; wenn Astra fühlt, daß ich ihr immer Recht gebe, und sie eine absolute Stütze, moralische Stütze an mir hat, wird sie viel milder und nachsichtiger sein. Zu Weihnachten kommt sie auf acht Tage ganz und gar zu mir zum Besuch, das habe ich mir gleich ausbedungen. Morosch ist mir gegenüber außerordentlich aufmerksam, er hat auch versprochen, nächsten Sonntag mir Astra den ganzen Tag zu überlassen. Sander lachte, als ich ihm von den Details der Wirthschaft in Moroschka erzählte: »eine Schweinezucht, natürlich«, sagte er, »Astra wird die holden Frauen aber bald herausbeißen!« Eigentlich hoffe ich das auch. Früher, wenn wir einmal in Moroschka waren, sahen wir natürlich nur den Salon, der ja ganz manierlich ist; wir waren aber selten dort, Morosch immer mehr bei uns; hinter die Coulissen blickte ich zum ersten Mal. Dabei ist Morosch viel vermögender als Sander, er ist sogar sehr reich zu nennen, und da er mit meinem Manne in Paris studirt hat, begreife ich nicht, daß er keine Luxus- oder wenigstens Komfort- Bedürfnisse mit nach Hause gebracht. Ach Gott, wie soll das noch Alles werden! Wenn nun Alles, was mir an ihm gefiel, ein Schein wäre? Sander beruhigte mich zwar. »Er ist ein guter Kerl, intelligent sogar, nur etwas geistig träge, ohne jede Phantasie, ungeschickt, im Physischen wie im Moralischen, zähe an dem hängend, was er erfaßt. Als Ehemann wirklich vortrefflich, wie geschaffen für die kleine Kokette!«

Trotzdem fühle ich einen so entsetzlichen Druck, so etwas, wie wenn man im Traum gemordet hat, und die grause Thatsache nun vor Einem steht. Bin ich nicht daran schuld? Habe ich sie nicht in das öde Leben gedrängt? Ich hielt ihn für einen guten Mann, warum denn? Weil er vermögend? Um Gottes Willen, nein, das war es nicht! Ich habe aber unverantwortlich gehandelt, gedankenlos, nach vorgefaßten Meinungen, ohne mit dem Herzen recht zu prüfen, und nun muß sie, nicht ich, die Folgen tragen! 

Wie eine Last fällt es mir vom Herzen, höre ich von irgend einem hübschen Zuge Morosch's; mit förmlichem Mißtrauen studirte ich neulich sein Gesicht, in der Todesangst, irgend eine Falte berge Gemeinheit. Seine Hände sind so breit und voll – aber das kann auch nur Gutmüthigkeit bedeuten – ich schlug gleich den Lavater auf, sowie ich zu Hause angelangt. Astra, Astra, wie konnte ich Dich nach eigenem Ermessen handeln lassen, warum hatte ich nicht die Energie, tiefer in Dich und in die Verhältnisse einzudringen, ich bin ja so viel älter! Und ich maßte mir den Namen Deiner Mutter an! Wenn wir nur recht muthig sind, wenn ich Dir nur mit rechter Seele zur Seite stehe – können wir dann das Schicksal zwingen? Kann ein Mensch dem andern überhaupt helfen? Sander zuckt wieder die Schultern über meine Sorgen; es giebt doch Dinge, die ein Mann nicht versteht, meine Gewissensqual z. B., daß im tiefsten Grunde ich daran schuld bin, wenn meine einzige Schwester unglücklich wird! 



Moroschka, den 10. November 1877.


Also das nennt man daheim! Ich bin daheim, bei mir zu Hause! Bei mir? Nein! Bei meiner Schwiegermutter! Ich muß laut auflachen, wenn ich denke, daß hier meine Tage verlaufen werden. Es war ein Schneefall und Regen darauf und nun glühend warme Sonne; das ganze Land ist ein See, alle Wege ein Schlamm, bis an die Achsen des Wagens – sehr heiter! Zur Abwechselung wälzen sich einige Schweine im Morast und grunzen vor meinem Fenster. Die großen Hunde, die wie Schakale aussehen, fallen sich an und zerfleischen sich, das ist ein gräßliches Geheul, und auf den Wegen ziehen die Büffel antediluvianisch vorüber, mit ihren nach hinten gelegten Hörnern, das schwarze Fell vom braunen Schlamm überzogen, in dem sie viele Stunden gelegen haben. Eben verdüstert sich der Himmel wieder; die Hühner schütteln sich vor den ersten Tropfen, während die Enten und Gänse einen wahren Festtag haben. Einige Buben, die nichts anhaben, als eine alte, offene Jacke und eine mächtige Pelzmütze, patschen mit ihren braunen Beinen im Sumpf herum. Und über dem allen kreischt und schimpft meine Schwiegermutter im Hause.

Ich denke an Burda mit seinem süßen Frieden, mit der lieblichen Herrin und sehne mich danach zum Sterben. Paul hat mir versprochen, mit mir hinzureiten, wenn's nicht mehr regnet. Eben steht er unten und spricht mit einem der unzähligen Juden, im schmierigen langen Rock, langen Locken und fetter Pelzmütze; es riecht nach Zwiebeln bis hier herauf. Aber wo riecht es nicht nach Zwiebeln? Das ganze Haus, das Dorf, die Zigeuner, alle Speisen. Es scheint, man lebt hier hauptsächlich davon. Da mir der Geruch zuwider ist, so lebe ich hauptsächlich von Brod und Eiern. Von jeder Speise nehme ich, aber das schwimmt Alles im Fett, ich kann's nicht essen. 

Meine Schwiegermutter und Nadine machen mir sehr scheele Gesichter darob. Ja, hätte ich Geld in's Haus gebracht, dann dürfte ich alle denkbaren Launen haben, so aber werde ich behandelt, als hätte man mich von der Straße aufgelesen. Und die Abende! Die entsetzlichen Abende! Ein Licht im Salon, und da sitzt man auf dem Divan und spricht von Kleidern und von den Nachbarn. Ich habe einmal gewagt, mich zu entfernen, um etwas zu schreiben, werde es aber nicht wieder probiren. Ich muß das Rauchen erlernen, denn sie rauchen alle Drei, Paul spricht kein Wort und hört auch nicht zu, sondern bläst ein Wölkchen nach dem andern vor sich hin. Wer Langeweile kennen lernen will, der tausche mit mir! ich habe immer gedacht, es wäre eine Schande sich zu langweilen, hier aber wäre es eine Degradation sich zu amüsiren. Und solches Organ wie das der beiden Damen! So laut und schrill! Und ihre Auffassung von allen Dingen so äußerlich und gewöhnlich! Ich komme mir vor wie ein fremdländischer Vogel im Käfig. Nächstens wird es ganz so sein, wenn der Flügel kommt. Da werde ich ihnen vorsingen, wenn ich kann, in dem Tabaksqualm. Ich begreife nur Eins nicht: Wie konnte sich Morosch in mich verlieben? Ich gleiche doch in keiner Weise den Wesen, die er bis jetzt lieb gehabt! Ich habe ihn sehr gebeten, in Gegenwart der Seinigen nicht zärtlich zu mir zu sein; sie lachen dann, und das kann ich nicht ertragen! Warum war Sander nicht so wie Morosch! Da wäre er mir niemals gefährlich gewesen! Warum war Burda so schön, daß mir hier die ganze Gegend lieblich vorkam? Ach, warum? Ob Sander auch einen so wilden, heißen Kampf bestanden hat, um über seine Gefühle Herr zu werden? Vielleicht, Margot konnte nichts erzählen. Man ließ uns nicht allein, aber es lag eine solche Trauer in ihren Augen und ein solcher Schrecken, als sie mein Heim erblickte! Und nun hat die gute Seele mir Mütterchens ganzes Boudoir geschickt, um mein Zimmer traulich zu machen. Ich habe unser Schlafzimmer damit hergerichtet, damit das Kämmerchen daneben für Paul bleibt, da er sonst nicht gewußt hätte, wohin er mit seinem Bureau und Geldschrank soll, und da sieht er auch die Leute, mit denen er zu thun hat. Meine Schwiegermutter war sehr gereizt über die vielen schönen Möbel und fand sie zu gut für einen Prunksaal, aber nun gar für ein Schlafzimmer! Ich sagte, meine Mutter hätte immer in diesen gewohnt, ich würde sie selber abstauben, um im Hause nicht mehr Arbeit zu machen. »Du wirst sehen, wenn die Kinder kommen!« sagte sie. Herr Gott! Kinder! Hier sollte ich Kinder haben? Nein, nicht wahr, dies Schreckliche wird nicht geschehen? Wie soll ich sie denn hier erziehen und zu Menschen machen? O nein, o nein! Nur kein Kind! Mein Gott – Du läßt ja den Menschen nicht über sein Vermögen leiden. Ich fand gestern Nadine in meinem Zimmer, in meinen Papieren lesend. Es lag nicht viel da, ein Band Heine, mit Auszügen und Bemerkungen von mir. Ich sagte ganz freundlich: »Ich habe das nicht gern, liebe Nadine.«

»Was?« frug sie höchst verwundert.

»Wenn man in meinen Sachen kramt.«

Sie rümpfte die Nase, was ihr nicht gut stand, da die Nase dick und roth ist. Eh' ich mich dessen versah, hatte sie mich auf ihren Schooß gerissen und kitzelte mich, wie sie sagte, zur Strafe, daß ich so eigen sei und so heikelig. Mir war, als könnte ich Krämpfe bekommen, nahm alle meine Kraft zusammen und sagte: »Das ist verlorene Mühe! ich bin gar nicht kitzelig!«

Sie wollte es nicht glauben und ließ mich noch nicht los.

Da hörte ich Paul's Schritt. Ich rief ihn wahrscheinlich so erschrocken, daß er rasch hereinkam und seine Schwester ziemlich barsch anfuhr: »Laß das.«

Sie antwortete etwas auf polnisch, das ich nicht verstand und ging ganz wüthend aus dem Zimmer. Ich warf mich auf mein kleines Chaiselongue und bekam einen förmlichen Weinkrampf. Paul war sehr lieb, brachte mir Wasser und schwor mir, so etwas würde mir nicht wieder geschehen. Seitdem schließe ich mein Zimmer zu. Nadine bekam noch eine besondere Strafpredigt, was zur Folge hatte, daß sie ihrem Bruder und mir den ganzen Tag grollte und nicht mit uns sprach. Ihre Mutter ärgerte sich darüber und sagte mir viele giftige Worte, die darauf hinausliefen, ich sei gekommen, Hader und Zwietracht in die Familie zu bringen und bilde mir ein, eine Prinzessin, eine Sainte n'y touche, ein Zuckerpüppchen zu sein, und sie werde mich schon ziehen, da ich so schlecht erzogen sei, und ob ich nicht wisse, daß die Schwester viel ältere Rechte habe als die neue Frau, die ihren Paul gar nicht lieb habe und sich doch zwischen ihn und die Schwester dränge. Kurz, es war schlimm und Paul suchte mit aller denkbaren Zärtlichkeit gut zu machen, was die Seinen mir gethan. Eben kommt er herein und frägt, ob ich mit ihm nach Burda reiten will? Ob ich will!

Was schreibst Du denn da?« frägt er. »O, mein dummes Tagebuch und Eindrücke und Erinnerungen, es ist gar nicht interessant!« Er frug nicht weiter. Wie war ich dankbar.

Ich komme eben von Burda zurück, der scharfe Ritt war köstlich! Wie habe ich mich erholt in der frischen, freien Luft! Und Burda war so schön mit seinem reizenden Salon, dem behaglichen Feuer, den hübschen Bildern und als allerhübschestes Bild Margot am Klavier, mit ihren Kindern singend, Gutchen mit Maria auf dem Schooß und die sehr nette, neue Erzieherin mit einer schönen Arbeit am Fenster. Es schlich mir etwas um's Herz, wie Frühlingsluft, so weich, so warm! Der Hausherr fehlte und Margot war traurig, und dennoch war es so schön, so schön! Wo mag er nur wieder sein? Ich wagte nicht nach ihm zu fragen. Ich sog den Geruch des Hauses, der lieben Zimmer ein, ich lief hinauf in mein Stübchen, da wohnt Margot noch allein! Es war ein Stich in's Herz, und wir fielen uns um den Hals und weinten eine Minute und Margot sagte: »Kind, Du bist furchtbar unglücklich!«

»So lange Du hier allein wohnst, will ich nicht glücklich sein; denn ich verdiene es nicht!« sagte ich.

»Ich bin ja besser daran, als Du denkst, ich bin eine schwache Frau und verzeihe ihm!«

»Ich nicht!« sagte ich bitter; es war mir leid, daß es heraus war.

O wie glücklich hätten wir sein können, so nah bei einander, Jede in einem sonnigen home, mit einem geliebten Manne. So aber! Warum ist es nur immer so im Leben, daß man so nahe am Glück vorbeijagt, meistens auf eine kopflose, dumme Weise. Melanie wäre mit Morosch glücklich geworden, das ganze Haus hätte nach ihrer Pfeife getanzt, während ich täglich mehr Boden verliere.

Freilich, ein Irrlicht! Das hat ja überhaupt eine ephemere Existenz! Die mich so nannten, haben mir schon den Stempel des Unmöglichen, des Unrealen auf die Stirn gedrückt. Ich locke die Menschen in's Unglück. Besser, wäre ich nie geboren. Aber ich habe ja Niemand locken wollen, ich bin gar nicht einmal schön! Was ist es nur? Vielleicht gelingt es meiner Schwiegermutter das Lichtchen auszutreten. Sie hat gute Lust dazu. Sie sah mich wüthend an, weil die Freude meine Backen geröthet hatte.

Seit der dummen Kitzelgeschichte habe ich wieder den Schmerz in der linken Seite, so daß ich husten muß. Ich sage es natürlich Niemand, es ist zu einfältig. –



Burda, den 25. November 1877.


Jetzt ist der Winter eingezogen, aber der klare Frost hat keine Herbstnebel von meiner trüben Seele genommen. Ich ängstige mich todt über Astra. Es ist, als ob mein eigen Leben still steht in dieser Sorge, ich denke kaum noch an Sander und mich. Astra sieht jetzt besser aus, sie kann auch plötzlich ganz ausgelassen sein, wie in der guten alten Zeit, aber dieser Wechsel beunruhigt mich mehr, als die frühere Apathie. Es liegt in ihren Augen manchmal ein Glanz, der Glück bedeuten könnte, wenn er nicht der Verzweiflung seinen Ursprung verdankte. Was ist aus dem Kinde geworden? Wird ihr in's Endlose schweifender Geist die Beschränkung erlernen können? Ich denke dann an den Vater, den ich so wenig gekannt, von dessen Eigenthümlichkeit man aber, selbst als ich erwachsen war, noch sprach. Es heißt – glauben wollte ich es nie, aber vergessen konnte ich es auch nicht – er hätte eine andere Frau geliebt, als meine Mutter und wäre an dieser Liebe gestorben. Aber stirbt ein Mann an Liebe? Nein, nein! Und Astra hat die zusammengewachsenen Brauen, die Unglück bedeuten, und der Sereth fließt nah am Hause – und was das Schlimmste ist, ich fühle, wie sie mir nicht ganz vertraut. Sie fühlt sich oft mehr zu Gutchen hingezogen. Es ist gewiß meine Schuld; sie fühlt sich zu beobachtet bei mir; vielleicht bin ich auch zu überschwänglich, oft so traurig und unruhig. Ich habe nicht das feste Gottvertrauen, bin nicht zu jeder Stunde überzeugt, daß Er uns helfen wird. Gutchen ist wohlthuend, weil sie eigentlich ganz unpersönlich lebt, leidenschaftslos; für mich ist ihre Harmlosigkeit jetzt aber manchmal eine Aufgabe, ich bin zu sehr durchdrungen von dem Unrecht, das ich durch meine Blindheit während des ganzen letzten Sommers begangen, um sie zu schätzen. Jetzt bin ich nicht mehr blind. Entweder sind mir neue Fühlfäden gewachsen, oder sie sind nur erstarkt: ich fühle, daß in Sander wieder eine Wandlung vorgegangen. Wie er immer von dem spricht, was ihn gerade beschäftigt, ist es allerdings nicht schwer zu errathen. Seine Verachtung deutschen Wesens und deutscher Langweiligkeit sind wiederum an der Tagesordnung. Warum nahm er sich denn eine deutsche Frau? Machte er solche Aeußerungen nicht oft vor der Französin, der neuen Gouvernante, würde ich sie belächeln, so aber ärgern sie mich. Er, der so taktvoll im Herzensgrunde ist, wie kann er mir das anthun? Dabei trägt er sich wieder mit der Idee, von hier fortzugehen, er will seine Fähigkeiten besser verwerthen! Freilich, eine Gutswirthschaft ist seinem Geiste nicht genügend; aber er ist 32 Jahre alt, zu alt, um von Neuem zu beginnen. Und was könnte ihn reizen, ihn, der keine Abhängigkeit je gekannt! Er möchte nach Paris ziehen, sich irgend einer Wissenschaft ganz widmen und in ihr das Höchste leisten. »Das hätte ich gethan, hätte ich nicht so jung geheirathet«, sagt er dann. »So thue es noch«, entgegne ich. »Ich  kann nämlich«, fährt er fort, »nicht nur von dem leben, was Andere schon gedacht, ich muß ihre Gedanken weiter denken.« »Das kannst Du auch hier, schreibe, was Du denkst.« »O nein, hier im langweiligen Familienleben erstickt der Geist.«

Was soll ich darauf erwidern? Vielleicht hat er Recht! Soll ich ihn daran erinnern, daß er mich einst so intelligent fand, um die höchste Stufe menschlichen Erkennens zu erreichen? Er würde spöttisch lächeln oder zugestehen, daß er in blinder Verliebtheit geredet. Es ist eine Ruhelosigkeit über ihn gekommen, die ich lange nicht gesehen, und der Grund all der Unzufriedenheit ist bei ihm, wie immer, eine Frau. Es ist entsetzlich, es zieht ihn hinab und mich, und darum habe ich es wohl früher nie einsehen wollen. Wer es ist, scheint mir augenblicklich sehr gleichgültig – ich möchte nur nicht, daß Astra davon erführe, sie soll stets denken, sie war seine einzige Liebe, nachdem er die Ehe eingegangen. Sie könnte ihm nie verzeihen, wäre sie ihm nur Eine in der langen Gallerie von Frauengestalten gewesen. Ich war doch wenigstens seine Frau, bin die Mutter seiner Kinder, und gehörten mir selbst seine kommenden Mannesjahre nicht, – sein Alter wird einst mein sein! Ich übertreibe wohl wieder?



Moroschka, den 29. November 1877.


Es giebt nur zwei Alternativen für mich: der leibliche oder der geistige Tod. Es fragt sich, welcher von beiden sich schneller erreichen läßt, und welcher von beiden der umgebenden Welt am wenigsten Unbequemlichkeit verursacht. Umbringen darf ich mich nicht, wegen Margot und auch wegen Paul. Der geistige Tod ist für sein Glück vorzuziehen, und ich hatte mir ja geschworen, ihn glücklich zu machen. Er würde es nicht einmal bemerken und die Seinigen noch viel weniger. Aber für mich selbst ist der Prozeß schwieriger, während ich so nur in die Pfützen zu laufen brauche, mit nassen Kleidern stundenlang zu sitzen, meine Haare naß regnen zu lassen, beim Schneegestöber das Fenster aufzumachen, mit Husten gegen den Wind zu reiten und Schlitten zu fahren – nun, mein Gott, man ist ja nicht von Eisen. Einmal muß sich doch der elende Körper zerstören lassen, wenn man nur ernstlich will. Ich werde zwar darob tüchtig gescholten von meiner Schwiegermutter; aber ich sage ihr dann, ich sei hart gewöhnt, von einem nordischen Klima, hier sei Alles Verweichlichung, mir schade das alles gar nichts. Paul versucht, mich zur Vernunft zu bringen und schüttelt den Kopf über seine tolle Frau, sein Irrlicht, das er nicht fassen und nicht halten kann. Abends spielt man Karten, und jedesmal, wenn ich huste, macht meine Schwiegermutter eine ungeduldige Bewegung. Sie wollte mir auch die Karten legen, ich dankte aber höflich; wer weiß, was mir die alte Hexe gesagt hätte. Da hat sie die Karten ohne mich gelegt und schüttelt seitdem beständig den Kopf: »Schlimm, schlimm!«

Dazu brauche ich die Karten nicht, um zu wissen, daß ich es schlimm habe, sehr schlimm. Ich bekomme so eine Art von Haß und Gleichgiltigkeit gegen mich selber. Was bin ich mir denn? Nun ja, hier ist es langweilig. Aber was wollte ich denn? Ich wollte aus dem Wege sein, und das bin ich auch. Wenigstens habe ich Sander noch nie in Burda gefunden, und er kommt auch nicht her. Er hat Recht, wenn er seiner nicht sicher ist. Ich habe ihm genugsam gezeigt, wie ich es zu halten gedenke. So lange er sich fern hält, fühlt er in sich nicht die Kraft? Oder hat er mich vergessen? Wie, wenn er nur mit mir gespielt, und ich mich geopfert hätte, während er nie an mich gedacht? Nein, es wäre um verrückt zu werden! Margot hat ihm verziehen – um welchen Preis? Hat er ihr gesagt, daß er nur mit mir gescherzt, und daß ich als dummes Kind gleich Feuer gefangen? Ich sollte mich freuen für Margot, wenn es so wäre, aber dann ist all mein Leiden umsonst, umsonst, daß ich es hier in dieser Hölle aushalte, umsonst, daß ich mich in des ungeliebten Mannes Arme gestürzt, umsonst, daß ich sterbe, Alles, Alles, Alles umsonst! Er ist schon bei einer Anderen und lacht mich aus und erzählt ihr, daß er so große Eroberungen gemacht. Seit ich verheirathet bin, weiß ich viel mehr. Morosch hat mir genug erzählt, und was er nicht gesagt, das vollendet meine Schwiegermutter, die sich todt lacht über meine Naivetäten.

»Du bist dumm, Astra,« sagt dann Nadine, wirft sich in den Lehnstuhl mit den mystéres de Paris, schlägt die Füße übereinander, daß man ihre Knie sieht und bleibt so, wenn der Diener oder ein Pächter hereinkommt, und wenn ich sage: »Aber Nadine!« dann lacht sie laut und sagt: »Es sind ja nur Domestiken, das sind keine Männer!« Neulich stand sie im Hemd und Unterrock am Fenster und sprach mit dem jüdischen Händler. Ich schäme mich, solche Sachen zu schreiben, aber ich werde es vielleicht los. Und wenn meine Schwiegermutter erzählt, so werde ich immerfort roth und so verzweifelt melancholisch, daß ich mich in der nächsten Pfütze ertränken möchte. Was wird Paul machen, wenn ich sterbe? Er wird eine Andere nehmen, die ihm seine Mutter aussuchen wird, und die besser da hinein paßt. Mein Flügel ist da. Aber er steht und liegt so voll, daß ich nicht darauf spielen kann. Zum Singen bin ich doch zu heiser. Selbst beim Sprechen werde ich manchmal stimmlos, besonders Abends in dem Tabaksqualm, den ich mit meiner Cigarette vermehre. Ich rauche jetzt auch und finde es sehr unangenehm. Wenn ich an unsere Abende in Burda denke, mit all dem schönen Lesen, Singen, Sprechen, Scherzen, mit meinem Mütterchen und unsrer Arbeit und einem schönen Buch bei der friedlichen, beschatteten Lampe! O mein Gott! mein Gott! was ist aus mir geworden! Ist denn die ganze Welt so grundschlecht? Sind vielleicht alle die Menschen schlecht, die ich früher verehrt und angebetet? Ich habe auch jetzt erst gehört, daß Nadine verheirathet war und geschieden ist, sie will mir immer Details erzählen, bei denen ich davon laufe, mich in den Schnee setze und den Schweinen mein Frühstück mitbringe. Die kommen mir besser und sauberer vor als die Menschen. O Pfui! Anspucken möchte man die ganze Welt, unter die Füße treten, was heilig war! Seit ich diese Frauen in der Kirche sehe, ist mir auch die Kirche verleidet. Ich weiß gar nicht, was mir daran gefiel. Der Pope trinkt mit den Bauern und feilscht mit den Juden und bettelt mich an bei jeder Gelegenheit. Melanie war hier, mit ihrem Mann. Sie frug mich gleich nach Sander; ich antwortete, Margot wäre wohler als früher und wurde weder roth noch verlegen. Paul sagte zu mir: »Und wenn ich denke, daß ich auf Sander eifersüchtig war und so undelikat, Dir den abscheulichen Brief zu zeigen! Ich kann mich selbst nicht begreifen. Du hast es mir doch verziehen?«

Wie konnte Paul so gut bleiben in der häßlichen Welt? Er ist die Güte selbst und von kindlicher Einfachheit. Vielleicht noch ein wenig, so habe ich ihn lieb, weil er so viel besser ist, als alle die Anderen, weil er ein reines Herz hat, weil er mich nie vergißt! O, es ist bitter, vergessen zu sein, sehr, sehr bitter! Und wenn ich dann todt bin, dann – – –



Den 30. November 1877.


So wenige Stunden und so viel verändert, und Alles so leicht, so federleicht, und ich kann vielleicht doch noch leben! Als ich den letzten Satz schrieb, hörte ich die Hunde bellen, dann einen raschen Schritt auf der Treppe, nicht Paul's Schritt, dann kam es durch sein Zimmer und machte meine Thür auf, und da stand Sander und sah mich an. Ich stieß einen Schrei aus und flog ihm entgegen. Er schloß mich ganz sanft in die Arme und küßte ganz väterlich meine Stirn, absolut ruhig und selbstbeherrscht. Der tobende Sturm in meiner Brust war mit einem Mal still. Etwas vom Frieden der Jugendtage von Burda zog in mein Herz, und ich wußte gar nicht mehr, warum ich so verzweifelt gewesen war. 

»Ich dachte, Du zürntest mir wegen meiner knabenhaften Unbesonnenheit!« sagte er. »Und deshalb wagte ich nicht, Dich aufzusuchen. Aber ich sehe, mir ist verziehen, und ich bin wieder der willkommene Bruder, den die kleine Astra nicht ungern hatte, bis sie sich ohne seine Einwilligung verlobt und verheirathet hat.«

Ich dachte wirklich, ich hätte geträumt, und es würde nun Tag, und ich sehe, daß Alles nicht wahr war, und ich mich um Hirngespinnste geängstigt hatte. Er frug gar nichts, sondern sprach so angenehm von allerlei, und als Paul hereinkam, umarmte er ihn so herzlich und war so unbefangen, daß mir's ganz leicht zu Sinn wurde. Dann besuchte er meine Schwiegermutter, war mit Nadine die Galanterie selber, was diese entzückte; darauf ritt er davon, so jugendlich frisch, so heiter und winkte uns noch mit der Hand, daß ich Moroschka auf einmal ganz hübsch fand und meine Grübeleien eine Dummheit. Ich habe ja einen ganz guten Mann und in Burda die geistige Anregung, deren ich zum Leben bedarf, und am Ende ist Sander in derselben verdorbenen Welt ein so vollkommener Gentleman geworden. Und er bereut so ernstlich die schlimmen Stunden, die er mir gemacht und hat wohl Recht, daß ich selbst hineingerannt bin, ohne seinen Willen. Ich dachte mir das Wiedersehen markerschütternd. Und nun war es so einfach, so vollkommen ruhig. Er hatte meine furchtbare Erregung gar nicht bemerkt oder nicht bemerken wollen und half mir liebevoll, mich wieder zurechtzufinden. Es kann doch noch Alles gut werden, wenn Alle tapfer ihre Pflicht thun und ganz von sich selbst abstrahiren. Mit ein klein wenig Selbstüberwindung kann man sogar leben bleiben. Ach Gott! ich hatte solche Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie, nach stillem Ausklingen und nach neuem Einklang! Die Disharmonien haben mir Leib und Seele zerrissen!



Burda, den 4. Dezember 1877.


Es ist eigen, welch unwiderstehliche Anziehungskraft die alten Briefe, welche ich meiner lieben Mutter nach Hause schrieb, auf mich ausüben. Aber nicht mit Sander, wie ich geträumt, gehe ich die fast vollendeten acht Jahre meiner Ehe durch, allein, eingeschlossen in das Zimmer, welches einst die Mutter, zuletzt Astra bewohnte. Und die Gegenwart scheint mir dann so hoffnungslos, das Leben so ungerecht, bis ich zu meinen Kindern eile und sie schluchzend in die Arme schließe. Wie unvernünftig das ist, weiß ich; wozu ein ruhiges Kinderleben mit ihm unbegreiflichen Erregungen unterbrechen? Wie man doch Vieles vergißt! Wie sich Gestalten und Umstände verschieben, und wie verzweiflungsvoll es ist, blickt man zurück und sieht, daß man nichts durch den Lauf der Jahre gewonnen hat. Welch' Leben war mein, und wie langsam, allmählich, aber unwiederbringlich wurde es meinen leitenden Händen entzogen. Nein, das Leben nicht, der Gatte!

Da man so viel vergißt, will ich es mir genau aufschreiben. Es ist wohl Jahr und Tag vergangen – vielleicht nicht so lange, vielleicht begann es erst im Frühling, vielleicht wirklich erst, als Astra kam – daß ich dies beklemmende Gefühl zuerst empfand: ich durchschaute ihn nicht mehr. Zu beschreiben ist es kaum, woran ich es zuerst bemerkt; war sein Blick zerstreuter, sein Interesse oberflächlicher, seine Zärtlichkeit war größer als vorher. Machte das mich so bang mißtrauisch? Früher hatte er mich auch mit Zärtlichkeiten überschüttet, aber sie waren nicht so gewaltsam. Vielleicht fühlte er im Frühling, wie er sich von mir abzuwenden begann und wollte, stark wie er ist, seine Natur zwingen, zu mir zurückzukehren. Und so war es nicht seine Schuld, wenn es ihm mißlang; er hatte den reinsten Willen. Aber ich war ihm zu bekannt! Jede Falte meiner Seele, meines Herzens kannte er, meine Gleichmäßigkeit schreckte ihn zurück. Und doch, großer Gott, ich bin ja auch nicht leblos! bringt nicht jeder neue Tag auch mir neue Anschauungen? Vielleicht vertrug er nur nicht, daß meine Liebe unwandelbar dieselbe blieb, aber soll ich mich darum anschuldigen? Die Frauen seiner Race sind veränderlicher, launisch; aber wie geißelte er sie einst in seinen Reden, und nun sollte er gewollt haben, daß ich ihnen gliche? Jetzt vergeht kaum ein Tag, wo er nicht meine Nation bespöttelt. Langweilig sind wir, tödtend für den frischen Impuls seiner genialen Seele. Manchmal widerspreche ich. Was nennt er denn sein Genie, da es sich noch nie manifestirte, und welcher Art wäre es, wenn meine bloße Gegenwart es zu erdrücken im Stande wäre! Ich lasse ihn viel allein, da meine Erscheinung ihn schon lähmt, aber ich denke der Jahre, wo er überhaupt nur das Wohlgefühl des Lebens zu haben meinte, wenn ich ihm möglichst nahe; und eine Bitterkeit schnürt mir den Hals zu, daß ich an ihr ersticken könnte. Und welche Studie waren ihm einst seine Kinder; das Menschwerden Costi's, wie er es nannte, schien ihm eine Offenbarung, und sein bestes Nachsinnen setzte er dran, um seine Kinderstube so herzurichten, daß sie ihm die nöthige Anregung ohne Ueberreizung bot. Die Farben der Tapete wurden lange überlegt, lange Untersuchungen darüber gelesen, – ich las es Alles in den Briefen an Mama. Und jetzt, wo mein liebes Kind sieben Jahre erreicht hat, und ich in banger Sorge Nächte lang überlegte, ob ich ihn noch Frauenhänden überlassen könnte, ließ Dich die Frage seiner Erziehung ganz gleichgiltig: »Es kommt so wenig darauf an, hauptsächlich, da er nicht dumm ist! Er wird schon sein Theil lernen und damit ist's genug«.

Als ich darauf zu Gutchen ging, um mit ihr die Frage zu überlegen, mußte ich am folgenden Tage von Dir, Sander, hören, wie verblendet ich wäre, daß ich meinte, Gutchen ließe sich gegen Dich aufhetzen, wenn ich Dich bei ihr verklagte! Als ob es sich darum gehandelt hätte. Und die Ungeduld! Maria ist die reine Milchsuppe, so blond und weiß, der kleine Nicu, mein süßer Liebling mit seinem verschlossenen, träumerischen Wesen, ein deutscher Michel, – und ich höre es mit an und sage nicht das Wort: »Du verdienst Deine Kinder gar nicht«, obgleich ich es denke. Dein eigenes früheres Ich trügt mich noch, Sander!

Welch' sorgenvoller Winter! Astra magert zusehends ab! Manchmal, wenn sie mit den Kindern scherzt, gleicht sie noch der Astra, welche meine Mutter mir schickte, o, die schöne, schöne Zeit! Oft glaube ich, Astra trägt den Tod im Herzen, und wenn ich bei dem Gedanken auch weinen muß, so ist es doch mit einer Art Beruhigung. Ich habe solch' Weh um ihr ödes Leben, daß ich sie geborgen wissen möchte. Dasselbe Gefühl habe ich für mein verträumtes Kind, den Nicu. Um Costi ist mir nicht bange, seine gesunde Kraft wird mit dem Leben fertig werden, er wird sogar gern leben wollen. – Nicu hat die ganze nordische Schwermuth, verdoppelt mit der der Steppe in seinem großen Auge; bei jeder Krankheit, die ihn befiel, dachte ich, er würde mir genommen werden, und neben dem Jammer um mich beschlich mich die selbstlose Ruhe, daß er aus einer Welt ginge, in der doch nur seine Mutter ihn verstehen konnte. Und wie lange wird sie noch um ihn sein? Selbst wenn sie lebt, führt ihn seine Erziehung doch bald von ihr fort. Als ich glücklich und sicher in Sander's Liebe war, habe ich nie daran gedacht, daß meine Jugend schwindet; dies Jahr aber hat mir auch jene Einsicht gebracht. Soll ich überhaupt meinem Frauenleben entsagen, als die Erzieherin meiner Kinder in die Fremde gehen und Sander zu vergessen suchen? Aber Astra, was wird aus ihr dann?



Moroschka, den 8. Dezember 1877.


Heute holte uns Sander zu einer herrlichen Schlittenfahrt; er fuhr die vier Pferde, Morosch neben ihm, Costi zwischen ihnen, drin saßen Margot und ich mit Nicu. Das war ganz herrlich! Es brachte meine schlaffen Lebensgeister wieder in die Höhe. In zehn Tagen darf ich nach Burda, Margot hat erbettelt, daß ich für die Weihnachtstage, die hier nicht gefeiert werden, Urlaub bekomme; ach! wie wird das wunderschön. Ein ganz klein wenig habe ich Angst, als wäre es nicht sehr vorsichtig; aber ich kann nicht mehr! ich muß einmal hier heraus aus dieser Hölle. Gestern saß ich zwischen Margot und Sander und erzählte ihnen unter Scherzen und Lachen von den hiesigen Verhältnissen. 

Sogar Margot mußte lachen, und als ich sah, daß sie traurig wurde, rief ich: »ich habe Euch ja, meine Geschwister, und wenn Paul mich noch viel lieber hat und großes Vertrauen zu seiner tapferen Frau, dann erinnere ich ihn daran, daß er noch ein Gut in der Moldau hat, welches in herrlicher Gegend liegen soll, am Fluß, mit schönem Wald und reichen Dörfern ringsum, und daß wir dort das Leben von Neuem anfangen wollen und recht glücklich sein; denn Paul ist gut, er gewinnt so, wenn Sander bei ihm ist; der versteht aller Menschen beste Eigenschaften herauszulocken! Und dann kommt Ihr zu uns, und ich brauche nicht zu betteln um ein Stückchen Braten für Euch, sondern ich koch es selber. O, dann wollen wir glücklich sein! Ich habe wieder ganz schön Geduld, seit ich Euch mehr sehe. Und dann nehme ich die Sachen lustig; wenn Du Nadine den Hof machst, Sander, dann falle ich um vor Lachen, und sie glaubt's. Sie ist ganz entzückt, und die Alte auch; Du hättest ohnedem schon längst nicht mehr kommen dürfen, man hätte Deine Besuche zu theuer gefunden; denn man muß Dir Kaffee und Konfitüren geben! Wartet nur, bei mir wird Alles schön, dort in der Moldau, am Waldesrand. Ich habe in Burda gelernt, wie man ein home reizend macht, und ich bin eine gelehrige Schülerin!«

Und so sprach ich fort und fort, obgleich die Heiserkeit mich viel im Sprechen genirt. Das ist Alles, was ich gewonnen habe vom Sterbenwollen: einen tüchtigen Katarrh, der nur schlimmer wird, statt besser. Ich wette, man schickt mir nächstens den Doctor auf den Hals. Ich habe weder Lungen- noch Unterleibsentzündung erwischt, ich muß wirklich von Eisen sein. Jetzt will ich nicht mehr sterben, seit ich einen andern Ausweg sehe. Ich werde eine gute Hausfrau und die Freundin meiner Bauern sein, ihr Arzt, ihr Advokat und bei Paul's Güte wird kein Bedürftiger von unserer Thür gewiesen werden. Das war nicht recht von mir, daß ich sterben wollte; es war nicht tapfer, Sander hat mir das begreiflich gemacht. Er sagt, wenn man das Schicksal herausfordert, dann muß man nicht feige davonlaufen, sondern es zwingen und beugen. Er giebt sich alle Mühe, mir zu helfen, weil er das Gefühl hat, daß er mich hineingestürzt hat; und wirklich, er hat eine seltene Redegabe! Wenn er so spricht, beweist er Einem die Sterne vom Himmel herunter; ich bin eigentlich ganz glücklich, und es ist nur mein Ungeschick, wenn ich nicht Alles erreiche, was ich will. Wofür ist man denn une femme supérieure? Doch nicht, um sich von den gemeinen Weibern unterkriegen zu lassen? Im Gegentheil, da mein Mann mich erwählt, so beweist er damit, daß er höhere Bedürfnisse hat und sich durch mich vervollkommnen will. Ja, natürlich, wie konnte ich nur so dumm sein! Aber so ein arm Irrlichtchen, dem muß man helfen. Es ist ein unglückliches kleines Wesen, das selbst immer den rechten Weg sucht und nicht finden kann. Es will ja nicht die Andern locken, will nur, daß man ihm hilft und möchte gern folgen, wenn es nur könnte! Ueber dem Suchen nach dem rechten Wege verliert man seine schönste Zeit, und dann rennt man ein Stück und glaubt, man hat es gefunden, und wenn man dann sieht, daß man sich geirrt hat – das ist bitter zum Sterben! Sander wird mir helfen. Er wird es gut machen, daß ich seinethalben so viel schlimmen Weg gegangen! Er hat mit keinem Wort mehr die fatale Stunde erwähnt, die so viel Unglück über mich gebracht, als hätte das nie existirt. Er zeigt mir, daß ich gar nicht so dumm geheirathet habe, und daß Paul die besten Eigenschaften für die Ehe besitzt: Geduld und Güte. O, ich hätte nie gedacht, daß dieselbe Hand mich zurechtweisen würde, die mich in Tod und Sünde lockte! Was dachte ich nur damals?

Ich habe mich doch ein bischen erkältet auf unserer Fahrt; ich merke, daß ich ganz blau bin und zittere. Sollte ich das hiesige Fieber erwischt haben, mit dem man mir so oft gedroht? Ein Wunder wäre es nicht. Es ist ja ein Sumpf ringsum. Nein, diese Kälte! und dabei Schmerzen in den Gliedern und in der Seite. Es geschieht mir ganz recht. Warum auch langsam sterben wollen, anstatt mit beiden Füßen hineinzuspringen! Aber Margot, es wäre zu schlimm für Margot gewesen, die ich doch lieber habe, als Alles auf der Welt.

Pfui, das ist aber unangenehm, diese Kälte! Das Gut in der Moldau soll auf einem südlichen Hange liegen, viel wärmer sein und nicht so sumpfig. Freilich soll das Haus das höhere Bauernhaus sein! Wie niedlich. Und dann kann man ja bauen. Ich habe schon ganz heimlich angefangen, Pläne zu zeichnen und zwar zuerst Zimmer für Sander, Margot, die Kinder und Gutchen. Denn Gutchen muß mich dann auch besuchen. Dann werde ich ganz rund und behäbig, nicht so fadenscheinig und knochig als ich jetzt bin. Hu! was ich friere! Ich habe mich in die Wagendecke gepackt, aber ich klappere mit den Zähnen, und dabei muß ich so arg husten. Wahrscheinlich geht alles Blut von den Extremitäten nach der Brust. Das ist ja abscheulich, das Fieber. Wenn es nur meine Schwiegermutter nicht merkt. Die kann nicht vertragen, wenn man krank ist. Und Paul wird gleich so ängstlich. I caught a chill auf dieser Fahrt, und nun kann ich nicht heizen lassen, weil die Stücke Holz für diesen Tag schon im Ofen sind und meine Schwiegermutter Krämpfe bekäme, wenn man eins mehr verlangte. Sie war schon so froh, daß ich gern kalt schlafe, die Folge davon ist aber, daß man bei Tag auch nicht viel heizen darf, sonst wird's Abends nicht kühl, und unter diesem Vorwande wird täglich weniger nachgelegt, obgleich es täglich kälter wird und ein Nordostwind pfeift, der mich bereuen läßt, daß meine Fenster nicht verklebt sind, denn es zieht furchtbar herein. Ich schreibe nur, um mich zu vergessen, aber meine Buchstaben sind so zitterig, daß ich es nicht werde lesen können. Nach einigen Stunden soll dann Hitze eintreten; das muß viel angenehmer sein, dann braucht man kein Feuer, sondern hat von selber Wärme. O weh! eben kommt Nadine herein.

»Du hast ja Fieber,« ruft sie überlaut und rennt davon.

»Mama, Mama, Astra hat das Fieber,« hör' ich sie schreien.



Den 9. Dezember 1877.


Gleich darauf kamen Beide herein und wollten mich gewaltsam in's Bett bringen. Sie legten sogar Hand an mich, um mich auszuziehen. Ich wurde aber unangenehm, und erklärte, keinerlei Hülfe zu brauchen, ich wüßte schon selber, was ich zu thun hätte.

»Eigensinniges Ding!« war das Liebenswürdigste von alle Dem, was sich über mich ergoß. Dann kam Paul herein, schickte die Weiber fort und begann, mich nach Kräften zu reiben und zu klopfen, bis ich nach einer Stunde warm wurde. Mein Körper brannte aber, und der Kopf that so weh, daß mir Alles vor den Augen schwamm, und ich zu Bett mußte.

Also so fühlt man sich nach Chinin! Meine Schwiegermutter sagte, sie brauchte keinen Arzt und hat Paul verboten, ihn rufen zu lassen. Sie wisse schon, wie man Fieber behandelt und hat mir einen ganzen Berg Chinin zu verschlucken gegeben. Davon bin ich in solcher Aufregung, daß ich an den Wänden herauf laufen möchte; ich höre Schellen und Glocken und ferne Musik und sehe Rädchen, welche sich drehen. Wenn ich es hier nicht aushalten kann, dann nehme ich Chinin; das ist ja lustig; man lebt in einer anderen Welt, dem niederen Dasein entrückt und bewegt sich von der Mühle zu den Glocken, fährt mit der Post, sieht tanzen und springen, und inwendig drin fühlt man ein Drängen und Wogen wie ein Meer. Ich wollte das am Flügel ausrasen, machte aber die Entdeckung, daß ich zu schwach war zum Spielen. Sogar Schwäche fühlt man nicht. Das ist ja prächtig, das Chinin! Und dabei sehe ich rosenroth aus und Paul verspricht mir, sobald die ärgste Kälte vorüber, in die Moldau zu gehen, damit ich beim Luftwechsel das Fieber los werde. Diese Aussicht hat mich so erfreut, daß ich alle Schwäche vergesse. Ich möchte irgend etwas Ungehöriges thun und könnte meiner Schwiegermutter Grobheiten sagen, darum halte ich mich fern von ihr. So muß es sein, wenn man betrunken ist, ein Gefühl von Schrankenlosigkeit, von Freiheit des Redens und Handelns, von heiterer Sorglosigkeit, mit einem leisen Bewußtsein, daß man seiner selbst nicht ganz mächtig ist. Gott sei Dank ist das wahnsinnige Kopfweh fort, das mich keinen Augenblick hat schlafen lassen.

Eben höre ich lauter Glocken; das dürfte doch wohl Sanders Schlitten sein. Wenn er heute wieder Nadine den Hof macht, dann platze ich heraus; dann kann ich mich nicht beherrschen! 

Heiser bin ich noch, trotz der Schwitzpartie; ich dachte, ich würde den Katarrh los davon, aber gar nicht. Den habe ich solid angepflanzt, der ist nicht so leicht zu vertilgen.



Burda, den 10. Dezember 1877.


Ist das Eifersucht? Mein Gott, so bewahre mich vor ihr. Nie im Leben fühlte ich mich so gedemüthigt, so vor mir selbst erniedrigt wie diese Tage. Ich und eifersüchtig und auf wen? Auf meine eigene, einzige Schwester, auf Astra! Das Kind, für welches ich glaubte mein Leben geben zu können, beneide ich um die wenigen Stunden Glück, welche sie auf meine Kosten genießt? Nein, das ist nicht möglich, ich erkenne mich selbst nicht! Ich gönne es ihr ja, nur möchte ich aus der Welt verschwinden, nur nicht mit ihr in Rivalität treten, ich kann das nicht, wenn ich auch jedem Stolz entsagen will und die eigene Persönlichkeit auslöschen; ich war doch einmal da, ich kann es nicht ungeschehen machen. 

Ja, sie lieben sich! Vorgestern auf der Schlittenfahrt habe ich es plötzlich gesehen. Wie sich Sander umdrehte nach ihr und mit dem strahlenden Blick, unbekümmert um alle Anderen, ihre Augen suchte, und sie mit der reizenden Sicherheit der sich geliebt fühlenden Frau ihn anlächelte, da wußte ich es, und ein physischer Schmerz durchzuckte stechend meine linke Brust. Seitdem habe ich darüber nachgedacht und habe die Naturnothwendigkeit verstanden, doch nutzt meine Einsicht mir nicht, unentwirrbar sind die Lebensfäden verschlungen. Ich darf auch nicht mich hinlegen und sterben, ich muß die Frau eines Anderen vor meinem Manne schützen. Habe ich es verdient, daß uns trotz allen Kämpfens dies Unglück übermannte? Ja, ich habe es gewiß, denn ich war schwach und konnte die Liebe nicht aus meinem Herzen ausrotten, und eine unerwiederte Liebe ist eine Schmach und eine Widernatürlichkeit, selbst wenn man sie in die Gesetze der Welt einfügt und zum eigenen Gatten hegt. Und dabei glaube ich nicht, was ich mir klar zu machen suche, ich glaube immer, ich habe ein Recht an ihn, die wahnsinnigsten Gedanken zucken mir durch den Kopf, und ich weiß nicht mehr, ob ich bei Verstand bin oder nicht. War er es denn nicht, der in unser stilles Haus kam und mit der ganzen Heftigkeit seiner Natur um mich warb? Ich hatte ihn wohl interessant gefunden, als ich ihn auf dem Gut des Onkel Lengerten zuerst sah, mehr aber nicht. Vier Wochen war er zur Jagd und Pferdeeinkauf dort, Felix hatte ihn in Wien kennen gelernt und mit zu den Eltern gebracht. Ich war dort wie Kind im Hause, und der Onkel und die Tante wünschten wohl, daß Felix und ich uns lieben sollten, aber wir hatten uns nur sehr lieb. Armer Junge, der Felix, er ist so elend seinen Wunden erlegen! Sander aber sah des Onkels Wunsch, und die Angst, daß ich mich ihm fügen würde, war es, die ihn dann plötzlich, als ich wieder im winterlichen Stübchen bei der Mama saß, nach dem Norden zurücktrieb. Als er eintrat, wußte ich, daß er hatte wiederkommen müssen, und daß mein Schicksal in seinen Händen lag. Ich fühle den Augenblick noch, ich war nicht einmal erregt, nur wurde mir, wie er mich anschaute, Alles klar: daß wir zusammen gehörten, daß es die gewaltige Liebe war, die uns verband. Dabei hatte er mir in den vier Wochen des Zusammenlebens nie ein Wort von Liebe gesagt; erst als er in der Ferne gewesen, war ihm zum Bewußtsein gekommen, daß er nicht mehr ohne mich leben könne. Er war der heiß Liebende, ich die lächelnd seine Huldigungen hinnehmende, kühle Nordländerin – und jetzt?

Hat er es vergessen, oder glaubt er, die Vergangenheit binde ihn nicht? War er nicht wahr damals, oder hat er sich verändert? Aber derart kann sich doch kein Mensch verändern? Denn klar verstandesmäßig gehörten wir ebenso sehr zusammen, wie in der Leidenschaft. Nicht weil ich ihm in der äußerlichen Erscheinung gefallen, weil er gern über mein langes blondes Haar strich, weil die Linien meiner Gestalt ihm statuenhaft schienen – ach, wie vielen Göttergestalten hat er sie verglichen! – nein, weil sein Herz nur durch das meinige ausgefüllt, mein Geist die Ergänzung des seinigen war, darum mußte gerade ich seine Frau werden. Und es sollte dennoch ein Irrthum gewesen sein? Was ist denn richtig auf dieser Welt? Dann ist die ganze Welt ein Irrsinn, ich bin eine Verbrecherin, daß ich Kindern das Leben gab, um dieses Narrenhaus zu bevölkern, und dann kann ich nicht weiter. Was giebt es denn hienieden? Die Pflicht? Und habe ich nicht meine Pflicht gethan? Kann es meine Pflicht sein, mich und meine Kinder verschwinden zu machen? Ach, das Verschwinden wäre ja leichter als das Leben!

Als er heute von Moroschka heimkehrte, fand er mich am Klavier. Ich sang leise ein Lied, das Astra oft gesungen, und es störte ihn! Woran ich es merkte, und auch er verstand, daß ich es gemerkt, weiß ich nicht; aber ich stand auf vom Klavier und werde es nie mehr berühren. Der Ausdruck in seinem Gesicht sagte mir, daß es ihm unangenehm wäre, eine andere Stimme zu hören. Die ihrige ist auch schöner, jugendfrischer; aber ich mußte doch weinen, obgleich sie mir soviel frohe Stunden gemacht hat.

Ich weiß mir nicht zu helfen, mich nicht zu retten, ich werde ihn selber um Hülfe bitten. Aber wenn er es Astra wiederholte? Nein, das wäre zu grausam, das könnte ich nicht ertragen. Dabei naht das Weihnachtsfest! Die beiden Knaben brachten mir ihren Wunschzettel eben, sie legten ihn heimlich in meinen Schlüsselkorb. Mein klein schüchtern Jungchen, Nicu, der so eifrig und früh schreiben lernte, wünscht sich ein lebendig Lämmchen! Nein, das kann ich ihm nicht erfüllen, das macht zu viel Umstände, aber ich werde ihm noch schnell aus Wien eines, das läuft und blökt, kommen lassen, so groß, wie man sie bekommen kann. Ich frage Sander gar nicht danach, der hielte es für Verwöhnung. Seitdem Nicu sich weigerte im vorigen Frühling, auf dem Pferd zu sitzen und vor Angst fast Krämpfe bekam, als Sander ihn mit Gewalt darauf setzte, seitdem hält er ihn für einen Feigling. Und ich weiß doch, daß es physische Angst des Kleinen war und kein Charakterfehler. Nicu aber fährt seitdem zusammen, spricht sein Vater ein lautes Wort und ist immer ungeschickt in seiner Gegenwart. Ich thue mein Möglichstes, aber ich fürchte, das Kindchen wird ganz nervös. Sander merkt nicht, wie Nicu ihm aus dem Wege geht, ich aber sehe es mit Weh und nehme das Kind viel zu mir. Die Folge ist aber wieder, daß Sander meint, ich bevorzuge es, und wenn ihm mal die Laune kommt, sich um die Kinder zu kümmern, ist er doppelt hart zu Nicu. Glücklicherweise kommt ihm die Laune selten.



Burda, den 14. Dezember 1877.


Ich habe mich doch nicht bezwungen und war unvernünftig und leidenschaftlich und bin doch wieder zu Sander gegangen, immer mit der versteckten Hoffnung, ich fühlte Alles übertrieben, was mir Leid bereitet, und nun sind die Worte gesprochen, die nie über seine Lippen gedurft hätten. Aber es ist am Ende doch besser so. Mich drängte die eigene, offene Natur so unwiderstehlich zur Klarheit, daß ich ihr folgen mußte. Gut war es ja auch nicht vorher!

Sander lag auf seinem Sopha und las; er war von Moroschka heimgekehrt, ohne mir einen Gruß von Astra zu bringen, ohne mir überhaupt Nachricht über ihr Befinden zu geben. Er legte das Buch nicht zur Seite, als er sah, daß ich einen Stuhl an sein Lager rückte. Aber ich war entschlossen zu sprechen, ob er wollte oder nicht.

»Nicht wahr, Sander, ich bin nicht nur Deine Frau, ich bin Dir auch Schwester und Freundin?«

Er zog ungeduldig die Brauen in die Höhe.

»Was soll das nun wieder?« entgegnete er, klappte das Buch zu und sah mich kalt an.

»Und darum kannst Du mir anvertrauen, was Du auch Deiner Frau nicht zu sagen wagst.«

»Verzeih, mir ist diese Redewendung zu komplizirt; ich bin müde und würde Dich bitten, mir schnell zu sagen, was Dir so wichtig scheint.«

»Ach, Sander,« sagte ich und die Thränen standen mir leider in den Augen, »hast Du denn gar kein Mitleid mit Deiner Frau?«

»Ich wüßte nicht warum. Es geht ihr sehr gut in der Welt, sie hat sogar die Freude, mich zu quälen, während ich sie ganz in Ruhe lasse.«

»Und meinst Du, dies In-Ruhelassen sei nicht quälender als die sogenannte Qual?«

»Das glaube ich nicht, jedenfalls möchte ich, daß Du es mal probirtest; laß mich doch einen einzigen Monat meines Lebens in Ruhe, das ist Alles, was ich von Dir verlange. Bohre nicht immer in mich, laß mich einmal so, wie ich bin.«

»Wie bist Du denn eigentlich? ich habe schon so viele Phasen an Dir erlebt.«

»Ich bin vor Allem ein harmloser Mensch, der Deine Argwöhnerei nicht verträgt.«

»Aber siehst Du nicht, daß ich an meinem Mißtrauen selbst zu Grunde gehe!«

»Nein, das sehe ich nicht, denn sonst würdest Du es Dir wohl abgewöhnen. Ich aber gehe daran zu Grunde!«

»Sander, Sander!«

»Du giebst Dir zu viel Bedeutung, Margot, Du denkst immer nur an Dich und grübelst über Dein Verhältniß zu mir und meines zu Dir. Das hat Dich rein ungenießbar gemacht. Laß das doch einmal links liegen und beschäftige Dich mit dem wirklichen Leben; unterrichte Deine Kinder, kümmere Dich mehr um die Wirthschaft, da werden Dir die Sentimentalitäten schon vergehen. Das ist mein wohlgemeinter Rath an Dich.«

Damit wandte er sich ab, nahm sein Buch wieder auf und that, als suche er die verschlagene Stelle.

»Und lieb hast Du mich keine Spur mehr, das ist das Ende der großen Leidenschaft?« flüsterte ich leise. Ach, hätte ich das doch nicht gesagt, es war so unwürdig, aber ich saß so hülflos, schwach und vernichtet da, daß ich kein Gefühl mehr besaß von dem, was ich mir schuldig war. Mußte ich denn das Wort ihm von den Lippen holen, lag es nicht über jeder seiner Aeußerung?

Er richtete sich jetzt zornig auf und stand vor mir.

»Ich begreife nicht, daß Du gar kein Taktgefühl hast! Immer dieses alberne Gejammere nach meiner Liebe! Nein also, ich habe Dich keine Spur lieb, mir liegt Dein Anblick auf den Nerven!« Etwas weicher fuhr er dann fort – er schämte sich wohl vor sich selbst? – »Wozu reizest Du mich, so etwas zu sagen? Du weißt ja selbst, daß man in unserem Alter und nach so langem Zusammenleben Besseres mit einander zu theilen hat. Auf die sogenannte Liebe kommt es ja in einer Ehe nicht an.« »O, Sander, wie anders redetest Du noch vor kurzer Zeit! Wem soll ich denn glauben? Deinem jetzigen oder Deinem früheren Ich?«

»Wem Du willst!« entgegnete er, indem er auf die Thür zuging. »Eine Frau, der man immer Alles erst sagen muß, ist eben keine, wenigstens nicht für mich.« Und damit wollte er die Thür schließen. Aber schon stand ich neben ihm und zog ihn in's Zimmer zurück. Jetzt hatte ich keine Thräne mehr im Auge, sondern sah ihn mit der furchtbarsten Spannung an:

»Nur noch ein Wort, Sander, ein einziges, damit ich sehe, ob ich meine Vergangenheit retten kann: Warst Du früher, wo Du mir von Liebe sprachst, wahr zu mir, oder hast Du mich immer belogen?«

»Immer belogen,« entgegnete er und ein teuflisches Lächeln umzuckte seinen Mund, »immer belogen, von Anfang an, Du Närrin!«

Wie er dies Wort äußerte, ließ ich seinen Arm, den ich halb unbewußt gefaßt hatte, los und er ging fort und schlug die Thür hart zu. Ich stand noch, an die Wand gelehnt, eine Weile dort. »Immer belogen!« Weiß denn ein anderer Mensch auf Gottes Erde, was das für einen vernichtenden Sinn birgt? Belogen, wenn er mich küßte, zu einem Thier mich erniedrigt! Ich war mir selbst zum Ekel. Mit Haß oder Gleichgültigkeit im Herzen hat er mir heiße Worte von Liebe in's Ohr geflüstert, die vielleicht einer Anderen galten! O Gott, womit kann ich mich denn retten vor der Schmach! Der Vergangenheit gehört sie an, also ist sie unauslöschbar, ich kann meine Lippen nicht mehr reinigen von der sündhaften Berührung, selbst wenn ich mich vernichte, ich bin nicht zu retten mehr, es ist ja geschehen, es ist gewesen! Und ich soll weiter leben, weil ich Kinder habe? Aber ich schäme mich ja meiner Kinder, sie sind eine Lüge, wie mein ganzes Eheleben, sie tragen das Zeichen der Sünde auf der Stirn. Für mich giebt es nichts, nicht einmal den Tod, der den Verbrechern Ruhe bringt, denn ich bin kein Verbrecher; weiß Gott, ich habe nie einem Menschen Böses thun wollen, ich habe nicht einmal geahnt bis heute, daß man derart verwunden kann.



Burda, den 15. Dezember 1877. Früh.


Jetzt sind einige Stunden vergangen, Stunden der Nacht für die Anderen, für mich sind sie alle gleich. Ich will aber nicht an mich denken, ich bin ja auch nicht mehr, da ich immer nur in dem Manne lebte, der mich belogen, mein ganzes Leben lang belogen hat! Ich will ganz ruhig sein, vielleicht kann ich so wenigstens meine Schwester retten; in einigen Tagen kommt sie ja. Sander hofft gewiß, ich werde sein Haus verlassen; oder denkt er gar nicht an mich? Ach Gott, es wäre ihm so gleichgültig, wenn ich stürbe, vielleicht wäre es ihm lieb? Und ich, nachdem die ersten Stunden der selbstsüchtigen Erbitterung vergangen, ich wäre im Stande ihm zu Gefallen mich umzubringen. Ich bin so erbärmlich schwach zu ihm mein ganzes Leben gewesen, daß ich auch das noch zu thun im Stande wäre. Aus seinem Gedächtniß, das so untreu ist, wie der ganze Mann, würde ich so schnell verschwinden, daß er nicht einmal eine Sekunde der Reue empfände. Worüber auch Reue? Er meint ja, seine Natur verlangt, daß er so ist, wie er ist: kann er für seine Natur? Er hatte ja keinen freien Willen; er mußte mich belügen und betrügen, wie ich von Geburt an dazu bestimmt war, so knechtisch ihn zu lieben und durch ihn zu leiden. Diese Leidenaturen sind eben weniger mächtig beanlagte, – all das habe ich so oft gehört, bis ich die Geduld verlor und sich mir der ganze Sinn für gut und böse verwirrte, bis ich einen Haß auf all die Spitzfindigkeiten der Philosophie bekam, den er bornirt nannte. Aber es handelt sich ja nicht mehr um mich, nicht einmal mehr um meine Kinder, nur noch um Astra, Mama's Kind, groß gezogen in den frommen Traditionen eines deutschen Hauses. Warum mußten wir nur hierher kommen? Büßend für irgend eine Sünde der Vorväter? Aber fort darf ich Astra's wegen nicht; ich weiß, sie bleibt eine ehrliche Frau, trotz ihrer heißen Liebe, wenn ich fest auf meinem Posten ausharre. Werde ich selbstsüchtig und pflichtvergessen, suche ich das Meine, gebe ich ihr ein Beispiel, dem sie zu leicht folgen könnte. Vor Unglück habe ich uns nicht bewahren können, vielleicht giebt meine todte Mutter mir die Kraft, uns vor Unehre zu schützen! Welcher Fluch führte uns in die Nähe solcher Menschen! Ich möchte ihn nicht tödten mehr, wie in jener Nacht, als zuerst mein Haß und meine Liebe kämpften, ich möchte mich und die Kinder nur von ihm loslösen können, möchte ihm nur beweisen, daß er mir jetzt nicht mehr überlegen ist, daß jedes Atom von Liebe sich in kalte Verachtung verwandelt, daß ich nur Eins möchte: befreit sein von ihm! Aber, großer Gott, wie konnte er so werden? Er, mein Sander! 



Moroschka, den 20. Dezember 1877.


Lebe wohl, mein Tagebuch, für acht Tage! Ich bin frei, ich fliege davon, nach Burda. Dort will ich nicht schreiben, nicht arbeiten, nicht denken, nur lustig, lustig sein! Ich will vergessen, daß ich verheirathet bin, daß es ein Moroschka giebt und Schwiegermütter und Schwägerinnen. Ich will noch einmal unbändig jung sein. In Burda bin ich ja auch gleich wieder wohl, ohne das abscheuliche Fieber, das mich noch viel toller geschüttelt hat als das erste Mal. Das ist aber unangenehm, das Fieber. Sander kam herein, als ich vor Kälte zitterte. Er wärmte meine Hände in den seinen und erzählte mir lauter lustige Schnurren, eine ganze Stunde lang und wurde noch lebhafter, als Paul hereinkam, dem er befahl, meine eisigen Füße zu wärmen. Ich zitterte wie ein Blatt, wie eine Levrette ohne Decke im Winde, bin auch bald einem Windhund ähnlich; denn essen kann ich rein gar nichts mehr. Das Chinin ist so nahrhaft, es benimmt jede Spur von Appetit. Ich habe so große Augen wie der Wolf im Rothkäppchen und auch so eine große Nase und großen Mund, und die Ohren stehen auch ganz ab. Schön wird man in Moroschka, wie eine Vogelscheuche! Der Trauring fällt mir immer herunter, worüber Nadine ganz entsetzt ist und sagt, es sei ein böses Omen. Margot wird die Omina schon zum Guten wenden mit ihrem Braten und guter Butter und Schwarzbrod und Kuchen! Hier giebt's zum Frühstück nur türkischen Kaffee und Konfitüren; ich kann es schon gar nicht mehr sehen, nicht mehr riechen, nicht mehr kosten! Alles ist mir zuwider. Wenn ich nicht so große Willensstärke hätte, ich läge schon längst auf der Nase. Aber ich gehe nach Burda und vergesse alle die kleinen Miséren! Wenn ich nur nie wieder hierher zurückkäme! Ich meine immer, es müßte etwas geschehen, das die Situation ändert, zum Guten oder zum Schlimmen. Ich bin in einer so sonderbaren Stimmung, wie Einer, der vom Thurm in's Meer springt und glaubt, ihm wachsen Flügel unterwegs. Wenn das Meer tief genug und sein Athem lang genug, dann kommt er lebendig wieder empor und wird als Held begrüßt. Bleibt er zerschellt, oder rührt ihn der Schlag, so nennt man ihn verrückt und sagt, ihm sei recht geschehen. Ich sehe nicht meinen Thurm und nicht mein Meer, es ist nur solch ein Gefühl. Ich schreibe es dem Chinin und der Schwäche zu und dem heißen Wunsche, erlöst zu sein!

Jedem Schweinchen möchte ich erzählen: »ich gehe nach Burda und komme nicht wieder.«

Ich könnte die schmutzigen Zigeunerkinder herzen, vor Freude, sie nicht mehr zu sehen. Aber malerisch sind sie doch. Im Frühjahr, da male ich sie und schick's nach Deutschland, damit die Leute auf dem Kopf stehen und denken, das wäre mein einziger Umgang. Wenn ich doch von Burda gleich in die Moldau könnte, nur nicht wieder herkommen! Hier möchte ich nicht einmal begraben sein. Ich war auf dem Kirchhofe, da liegen fünf Geschwister von Paul, die dem Scharlach und der Angina erlegen sind. Diese Frau hat fünf Kinder verloren und hat's überlebt und bringt noch Andere unter die Erde! Und sie hat noch eine Tochter, die sie gewaltsam in's Kloster gesperrt hat, um Nadine ihre Mitgift zu geben und besser zu verheirathen. Das Mädchen soll sich an die Räder des fortfahrenden Wagens geklammert haben, mit der Gefahr, überfahren zu werden. Aber die Mutter blieb mitleidslos. Sie soll auch den Versuch gemacht haben, davon zu laufen, wurde aber eingefangen und furchtbar gestraft.

Seitdem hat sie sich in ihr Schicksal gefunden, d. h. ihr Leben so eingerichtet, daß es ihr angenehm, den Andern ein Aergerniß ist. Sie war hier zu Besuch, sah aber nicht aus, wie eine Nonne, sondern so unzufrieden und keifend wie die Anderen.

Melanie war auch wieder hier und weidete sich offenbar an meinem Aussehen. Als sie fort war, sagte Nadine:

»Weißt Du, was sie gethan hat? Sie hat eine Kerze in die Kirche getragen, damit Du sterben mußt, und nun kommt sie sehen, ob es hilft.«

»Es scheint fast so!« antwortete ich und lachte.

»Hast Du denn keine Angst?«

»Angst? Wovor?«

»Vor dem Sterben!«

»Nein, nicht gerade. Warum sollte ich nicht sterben?«

Nadine war so entsetzt, daß sie sprachlos blieb.

Aber wenn ich wirklich in die Moldau komme, dann will ich gern leben bleiben. Ich meine, mit Paul könnte ich doch noch glücklich werden! Ich fühle wirklich schon eine ganz schwesterliche Zärtlichkeit für ihn. Es freut mich, wenn er lächelt, und wenn er heiter aussieht. Und dann gebe ich mir alle Mühe, ihn lächeln zu machen. Er ist so besorgt für mich! Wirklich, der Mensch braucht nicht die Künste zu lieben und Philosoph zu sein, um gut und brav und auch liebenswerth zu sein. Ich bin zur Einsicht gelangt, daß, wenn Jeder nur an seiner Stelle sein Bestes giebt und sein Bestes thut, die Nebenmenschen nicht mehr von ihm verlangen dürfen als der liebe Gott selber. Vielleicht verlangt der liebe Gott auch nicht mehr, als daß ich Paul eine treue, sanfte Ehefrau bin, nachdem ich die verbotene Leidenschaft aus meinem Herzen gerissen! Wenn ich keinen Augenblick an mich denke und nach meinem Begehren nicht mehr frage, dann werde ich ihn auch so glücklich machen, wie er es verdient. Nicht wahr, lieber Gott? Gieb mir die Weihe, den heiligen Eifer der Trauungsstunde wieder! Gieb mir Flügel und Entsagungskraft und mache mich zu einer guten Frau! Vielleicht trägt mich die Fluth, wenn ich mich hineinstürze! Vielleicht komme ich sieghaft zu Tage – oder sterbe! Lebewohl, Moroschka, lebewohl, ich bin frei! 



Burda, den 24. Dezember 1877. Abends.


Es war doch ein schönes Weihnachtsfest, denn meine lieben Kinder strahlten und in dem grünen Baume glänzten all die Wehmuthsthränen der Erinnerung. In diesen letzten Tagen schien mir manchmal, als wäre das Leben dann am leichtesten, wenn man ganz hoffnungslos ist. Ja, es war ein wonniger Abend – wenn nur die Sorge nicht wäre, die Sorge um Astra's glänzende Augen; ach Kind, Kind, ich kann Dich nicht mit Worten hüten vor dem Verführer, der sein goldig Netz um Dich geschlungen hat, Du würdest mir ja nicht glauben, nur ihm, weil Du ihn liebst; aber meine Gedanken und Gebete umschweben Dich, und fest traue ich Deiner reinen Natur. Welche Grazie trat in mein Haus von Neuem, als Du vor vier Tagen wieder heimkehrtest. Ich war am Meisten unter Deinem Zauber, Sirene, denn ich fühlte nach den Höllentagen, daß es doch noch Zuneigung und Wärme auf Erden giebt, und daß Du mich lieb hast. Und an jedem Tage habe ich es Dir wiederholt, wie ich Dich liebe, damit Du es nie in den Augenblicken der Gefahr vergessen mögest. Und Du hast mich lieb, weil ich ich bin, nicht nur, weil ich Sander's Frau!?

Ging da nicht Astra's Thür? Großer Gott, mir ist alles Blut siedend in den Kopf gestiegen, es ist ja die Weihnachtsnacht, nimm die bangen Aengste von mir, lieber, heiliger Christ! Ich habe mich nur geirrt, es ist Alles still im Hause, das eigene Blut kochte mir im Ohr und verwirrte das Hören. Es ist wirklich lautlos still.

Also Astra kam am 20. Dezember, und ich bettete sie natürlich in ihr kleines Eckzimmer, in dem sie ihre ganzen Mädchentage wiederfand; für mich ließ ich ein Bett in's Kinderzimmer tragen; »in der Weihnachtszeit muß man ganz den Kleinen gehören«, entgegnete ich Gutchen, welche meinte, es wäre nicht richtig, wenn Mann und Frau sich entfremdeten! Was er wohl gesagt haben würde, wenn ich zu ihm gezogen wäre? Und was könnte er noch sagen, das er nicht schon über seine Lippen gebracht; ich bin taktlos, aufdringlich, o, Alles, was ich wirklich nicht sein kann. Und dabei quält mich immer die Angst, daß ich vielleicht wirklich, verblendet durch meine eingebildeten Pflichten, taktlos handle, indem ich noch unter seinem Dache weile. Habe ich vielleicht das Gefühl meiner eigenen Würde wirklich verloren durch meine grenzenlose Liebe zu ihm? Aber ich darf doch nicht an mich denken, so lange Astra in Frage, Astra, meine kleine heißblütige Schwester, die noch ein Ideal in dem Manne sieht, der so herz- und gewissenlos ist, sowie er nicht mehr liebt! Er glaubt, seine Pflicht an mir und den Kindern ist erfüllt, wenn er uns erhält, nährt, kleidet und eine gesunde Wohnung besorgt; aber war es, um versorgt zu sein, daß ich ihm in die Fremde folgte, war das unser Verhältniß zu einander? Noch darf ich es ihm nicht sagen, aber sowie Astra ihrem Manne in die Moldau gefolgt, gehe ich nach Deutschland und verdiene mir das tägliche Brod für mich und die Kinder. Dann wird er sagen, ich brächte Unehre auf seinen wohltönenden Namen, aber ich werde ihm erwidern, daß er Unehre nicht nur auf meinen Namen, sondern auf meine Seele gebracht hat. Aber werde ich Kraft zu solchem Leben haben? Giebt nicht der Wille Riesenkräfte? Und wenn ich zusammenbreche, wird Gott sich der Kleinen erbarmen, Gutchen wird sie erziehen, und werden sie Menschen wie ihr Vater, desto besser für sie!

Mir scheint das Alles so einfach heute Abend, vielleicht weil die Erregung mich trägt, mir ist eigentlich, als wären die Schwierigkeiten schon gelöst und als hätte der heutige Abend den Abschluß meiner Beziehung zu Sander gebildet. Dabei war er so lieb und sanft zu mir alle diese Tage, seitdem Astra hier ist. Anfangs verbitterte es mich, ich dachte, »vor ihr will er sich liebenswürdig zeigen!« aber das war gewiß ungerecht, er war glücklich, sie in der Nähe zu haben, und darum zu Allen freundlich. Man muß nie das Schlimmste, immer das Natürlichste vom Menschen denken.

Nicu schläft so unruhig; er wird doch nicht krank sein? Costi hat seines Vaters Nerven und darum auch seinen festen Schlaf. Ich glaube, das Licht stört den Kleinen, oder er fühlt den Mondschein durch die geschlossenen Läden, wie seine Mutter. Vielleicht hat der mich so erregt? Nein, nein, – es war doch Astra's Thür, ich wollte es mir ausreden, aber ich kann nicht, und doch habe ich nicht den Muth, hinüber zu gehen, um zu sehen, ob sie schläft. Das nennt man ja Eifersucht, und doch ist mehr mütterliche Sorge als verletzte Liebe in mir. Müßte ich hinüber gehen? Nein, ich würde mich vor mir selbst schämen, Gott allein weiß, ob es nicht doch aus quälender Eifersucht geschähe! Dabei wollte ich mir vom Weihnachtsfest den ganzen Verlauf aufschreiben, um ihn dann mit den folgenden vergleichen zu können, mir thut es so leid, es früher nicht gethan zu haben. Zwar habe ich die Briefe an Mama. Aber dazwischen muß ich immer lauschen, und dann wird mir so kalt und heiß, als schüttelte mich ein Fieber. Und kein Schlaf kommt mir, und es ist schon ein Uhr. Im vorigen Jahre brachte Melanie den Abend mit uns zu, um den deutschen Weihnachtsbaum zu sehen, und da die Eltern verlangt hatten, sie müßte zum Frühgottesdienst zu Hause sein, fuhren wir sie in der Nacht nach Barso. Weißt Du es wohl noch, Sander, wie wir lieb auf der Heimfahrt im grellen Mondschein sprachen, während die Pferde über die glatte weiße Schneedecke dahin jagten? Aber es war ja Alles erlogen! Fast vergaß ich es! Und Du warst ein schlechter Kutscher – doch hattest Du den Alecco der Weihnachtsnacht wegen schlafen lassen und seine Bedenken aus Güte zurückgewiesen – und wir wären beinah in den Sereth gerathen, dicht am Hause. Und wie schön Du da vom Tode und Vergehen sprachst, und wie gern wären wir zusammen den eisigen Tod gestorben – und das ist noch nicht länger als ein Jahr her! Schon wieder vergesse ich's, es war ja auch erlogen! Ich bin übermüdet, darum finde ich keine Ruhe! Ich wollte all meinen vielen Leuten einen deutschen Weihnachtsabend bereiten, damit sie der fremden Frau gedachten, wenn einmal eine Andere hier herrscht. Das hat mir Mühe und Arbeit gebracht. Jeder sollte seine Gabe aus meiner Hand erhalten, und dann macht das Denken auch müde, das ewige geistige Abschiednehmen. Seit dem letzten Gespräch mit Sander thue ich das. Es ist so ein kleiner Kreis lähmender Gedanken, den ich immer wieder mit meinem Bewußtsein durchwandern muß; das muß ja schwindelig machen! Ich war wohl überhaupt nie dem Horizonte Sander's gewachsen; es muß doch eine andere Art Gehirn sein, welches immer überzeugt ist recht zu denken, welches in seiner Selbstgewißheit übersieht, daß die Gegenwart nur das Band von Vergangenheit zu Zukunft ist. Von der großen Philosophie habe ich wohl überhaupt nur den kategorischen Imperativus verstehen können. Mir schien der Geist zum Herrn des Körpers bestimmt zu sein, nicht Geist und Körper Eins, willenlos materiellen Gesetzen verfallend. Vielleicht liegt es wirklich an der Beschränktheit meines Denkvermögens, daß ich nicht fassen kann, wie Sander das wurde, was er heute ist. Ich suche und suche, aber kein Pfad zur Klarheit – wie sollte ich ihn auch finden, da er mich immer belog! Ich muß aber wirklich jetzt das Licht auslöschen, mein kleiner Junge findet keine Ruhe, und vielleicht kann ich endlich schlafen, mich vergessen und all die räthselhaften Gedanken. – Vergessen? Nein, vergessen kann ich nie!



Burda, den 24. Dezember 1877.

Nacht auf den 25.


O Gott, Gott! Du bist, Du lebst! Du hast sichtbarlich neben mir gestanden und mich beschützt! Sonst war ich verloren! Du wolltest mich nicht verderben lassen, verzeih mir mein sündhaft Herz, meine frevelhaften Gedanken, verzeih mir! Oder wenn Du mich strafen willst, so werde ich in Demuth auch die Strafe hinnehmen, wie eine Wohlthat. Ich verdiene nicht, Dein Kind zu heißen! Zu meiner eignen Vernichtung will ich schreiben, was mir geschehen, auf daß ich von heute ab das werde, was ich immer habe werden sollen: Heerdfeuer, Altarlicht. Von nun an ist es vorbei mit dem Irrlicht! Aber es war noch einmal so ganz haltlos, so willenlos, daß es verdient, ausgelöscht zu werden! 

Die Bescheerung war vorüber; Paul war mit Nadine im Schlitten nach Hause gefahren, um heute früh bei der Mutter zu sein, Margot ging dann auch, um sich mit den Kindern niederzulegen, denn sie war sehr müde von den Anstrengungen der letzten Tage, und ich war in mein Zimmer gegangen. Ich konnte aber nicht schlafen, ich fühlte mich wieder so heiß und solch eine Unruhe in mir.

Es hatte stark geschneit, als Paul wegfuhr; jetzt hellte sich der Himmel auf und über die leuchtende Schneedecke stieg der Mond. O welch prachtvolle, lautlose, lichte Nacht! Mich hielt es nicht im Zimmer. Leise stieg ich die Treppe hinunter, um beim Christbaum zu bleiben. Es duftete so heimathlich in dem Saale, und der Mond beleuchtete hie und da der Kinder Spielsachen. Es war wie ein Wehen aus der schönen Kinderzeit. Mich überfiel das Heimweh wie ein brennender Schmerz in der Brust, und ich dachte mit solcher Bitterniß an mein Leben in Moroschka. Es kam mir trost- und hoffnungslos vor. Alles Schlimme wird ja riesengroß in der Nacht. Ich setzte mich in einen kleinen Sessel am Fenster und starrte in den Schnee hinaus, auf dem keine Spur zu sehen war und dachte, ob er mich nicht auch einhüllen und meine Spur verwischen könnte. Da hörte ich Schritte in Sander's Zimmer, die Thür ging auf, und da stand er und sah mich an. Er kam, ehe ich sprechen konnte, dicht heran, setzte sich zu mir und nahm meine Hand.

»Astra,« begann er, »sage nicht nein: Du bist furchtbar unglücklich! Ich weiß es und weiß auch, daß es meine Schuld ist, und daß Du hast sterben wollen, und daß Irrlichtchen nur solche unvernünftige Sachen thut, um schneller zu erlöschen. Ist das recht? Ist's recht, mich so zu betrüben und zu kränken, der ich heiß und schwer gerungen habe gegen die verzehrende Liebe in meinem Herzen. Siehst Du, Kind, es ist keine Sünde, daß wir uns lieben! Wir konnten nicht anders; es war vom Schicksal über uns verhängt. Aber nun nicht sterben wollen!«

»Ich kann nicht mehr kämpfen«, sagte ich, und die Thränen rannen mir über das Gesicht, während er mir so die Gedanken aus dem Herzen holte.

»Ich habe es Dir doch nicht schwerer gemacht?«

»O nein, so leicht, so leicht! Ich dachte wirklich, wir hätten es Beide erstickt und überwunden!«

»Das glaubtest Du, Astra? Und währenddem haben wir Beide uns vor Liebe verzehrt und spielten für einander Komödie, als hätten wir es vergessen. Hätte ich Dich stark gesehen, hätte ich vielleicht nie gesprochen, aber meine kleine Astra wollte sich zerstören, und da darf ich doch die Freundeshand nach ihr ausstrecken, nicht?«

»O, Sander, Sander! Du kannst es ertragen! Dich halten hundert Bande der Liebe und der Pflicht, aber ich – ich kann nicht mehr! Ich will vergehen, desto leichter im Glanz Deiner großen Liebe!«

»Und Du glaubst, ich könnte leben ohne Dich? Die Pistole ist schon geladen, die mir das Leben nimmt, sobald das Deinige erlischt!«

Ich zitterte furchtbar.

»Aber Sander, Du darfst nicht!«

»Was darf ich nicht? Ich lasse die Meinen im Vollgenuß eines sicheren Vermögens, die Kinder wird Margot besser erziehen als ich; nein, ich lebe keine Stunde, wenn Du aus der Welt gehst!«

Er sprach und sprach mit seiner Schmeichelstimme, er drehte mir in einem Augenblick das Herz um, im nächsten brachte er es in zitternde Glückseligkeit. Ich weiß nicht mehr Alles, was er sagte. Er zeigte mir meine trostlose Zukunft, an welche Familie ich gekettet wäre, und malte mir ein Leben mit ihm aus, weit, weit fort, wo uns keiner kennt. Er zeigte mir, da wir Beide doch sterben wollten, warum wir nicht lieber für die Welt stürben, um für einander zu leben! Jetzt begreife ich's nicht mehr, daß mir das Alles so lockend schien. Aber in der stillen Nacht, seine Augen so dunkel und tief in dem Mondlicht, seine berauschende Nähe und mein eigenes schwaches Herz – ich weiß nur, daß er vor mir kniete, und daß ich an seine Brust sank und flüsterte: »So nimm mich!«

In dem Augenblicke ging leise, leise die Thür auf, und im Nachthemdchen und bloßen Füßchen, von Mondschein übergossen, stand wie ein leuchtender Cherub Nicu, der kleine, sanfte Nicu. Ich stieß Sander von mir und schrie beinahe: »Dein Kind!« Sander richtete sich bestürzt auf.

»O bitte, nicht zanken, Papa! Ich wollte nur mein Lämmchen holen, es soll bei mir im Bettchen schlafen!« bat das Kind.

»Da hast Du Dein Lämmchen«, rief ich, flog auf das Kind zu, nahm es in die Arme und huschte die Treppe hinauf, so lautlos wie möglich. Vor Margot's Thür setzte ich das Kind nieder, kniete vor ihm hin, küßte seine kleinen Hände und Füße, schloß sachte, sachte die Thür hinter ihm, stürzte in mein Zimmer, drehte den Schlüssel um und fiel auf die Kniee, in heißem Dankgebet, in tiefster Reue, in einem solchen Sturm und Tumult, daß es mir war, als brauste ein Meer in meinen Ohren. Durch das Brausen hörte ich einmal leises Klopfen, ich rührte mich aber nicht, und dann war es, als verlören sich Schritte.

Ich hätte mir jede denkbare Marter anthun mögen! Ich wollte Margot verrathen, Margot, die edelste, selbstloseste Schwester und Paul, den mir angetrauten Mann, dem ich Treue gelobt! Aber Gott hat mich nicht ganz verlassen im Augenblicke äußerster Schwäche! Er hat mir seinen Engel geschickt, mich zu retten, da ich mich selbst verlor. Ich wollte, ich hätte die Worte nicht gesagt. Sie werden auf meinen Lippen brennen, mein ganzes Leben!

Wie konnte er nur, wie konnte er meine Schwäche und Verzweiflung mißbrauchen! Ich hasse ihn, er ist ein böser Mensch! Der Versucher hat wohl von jeher berückende Gestalt angenommen, sonst würde man nicht in seine Schlinge gehen. Er sprach so, daß ich ihm glauben mußte, daß es mir war, als nähme ich mein Recht, wenn ich ihn für mich begehrte. Der ganze, lange Kampf fiel in Staub zusammen vor seinen glühenden Worten. Ich fand mich selbst so gering, dem großen, edlen Manne gegenüber. Was war denn an mir zu bewahren? Nur ich ging verloren! Das that ja nichts! Ich dachte nicht an Margot, nicht an seine Kinder, nicht an meinen Mann, ich dachte nur, daß mich Sander liebte, übermenschlich, endlos, groß wie die Welt, und daß ich mit ihm leben müßte, um nicht zu sterben. Ich klammerte mich wie ein Ertrinkender an die rettende Hand und dachte nicht, daß diese Hand mich in die Tiefe zöge, ohne Hülfe. Denkt man denn, wenn man wahnsinnig ist?

Und jetzt sind so wenige Stunden vergangen! Der Mond steht immer noch da, derselbe Mond, der zu uns hereingeschaut und der mit seinem Strahl den kleinen Engel begrüßte!

O Sander! So oft ich ihn sehe, wird mir Scham das Herz verbrennen! Und wie bald würde er mich verlassen haben, wenn er schon nach so wenig Jahren der herrlichen Margot überdrüssig wurde! Er hätte mit mir eine Stunde gespielt und mich dann mitleidslos sterben lassen. Also all die vielen Wochen hat er mit mir Comödie gespielt, um mich sicher zu machen?! Ach, ich sterbe vor Scham! Ich kann morgen nicht vor dem Kinde erscheinen, ich will gleich zu Margot, sie bitten, mich vor Tag fortzulassen, damit ich Paul beim Frühstück überrasche; es würde ihn so sehr freuen. Er sah so sehnsüchtig nach mir, als er davonfuhr und hatte schon so traurig gesagt:

»Warum kann ich Dir solch ein Heim nicht schaffen!« 

»Das wird meine Sorge sein, in der Moldau!« habe ich ihm geantwortet, und er lächelte so vertrauend wie ein schuldloses Kind, das er auch ist. Ich habe ihn noch nie so lieb gehabt wie in dieser Nacht! Ich möchte vor ihm niederknieen und ihm dienen und an ihm gut machen, was ich ihm gethan und mich in seinen Schutz flüchten! Sander wird gewiß abreisen, und ehe er wiederkommt, sind wir in der Moldau. So brauche ich ihn nicht mehr zu sehen!

Paul soll sich nie wieder über Kälte von mir beklagen! Einen Strom von Liebe will ich ihm entgegentragen und nie mehr denken, ich sei ihm überlegen. Er steht hoch, hoch über mir, weil er ein reines Herz hat und nichts kennt, als seine Pflicht. Mir tagt es jetzt erst, wie wenig froh er zu Hause gewesen sein muß, und wie er bemüht war, mich zu schützen, aber seine Kindespflicht schien ihm heilig. Wie glücklich will ich ihn machen und ihn belohnen für seine stille, treue Liebe! Und ich wollte mich seiner Zärtlichkeit entziehen, da er doch keine Freude auf der Welt hat als mich! Ich schrieb mit solcher Bitterkeit: Ich bin sein Museum, sein Theater und Konzert, anstatt mich zu freuen, daß ich ihm Alles sein kann! Ich sah nicht, was es heißt, wenn ein solcher Mensch sagt: »Mein Alles!« Das hat einen ganz andern Werth als von Sander's Lippen, die es schon Vielen gesagt haben und noch sagen werden.

O das himmlische: »Nicht zanken, Papa!« im Augenblick, wo der Vater wie ein strafwürdiger Sünder vor seinem Kinde stand! Kein Wehruf, kein Fluch hätte so vernichtend klingen können!

Und ich wollte kein Kind haben!

Ich verdiene kein Kind, ich verdiene nicht, einem schuldlosen Wesen das Dasein zu schenken. Margot wird belohnt werden in ihren Kindern, denen sie ihre edle Seele mitgegeben. Im Mutterglück wird sie das Leid der Gattin verwinden. Denn an Sander's Rückkehr ist nicht zu denken; er hat eine Bahn betreten, auf der es kein Halten giebt. Ich sehe es Alles vor mir in den Gewissensqualen dieser Nacht. O, das Gewissen beleuchtet scharf und schneidet tief, wenn es einmal das Regiment hat! Es ist wie eine andere Person, die vor Einem steht und Einen mit solchem Blick ansieht, daß man zu Boden fällt und sich krümmt wie ein Wurm.

O, wer schuldlos bleiben dürfte in dieser wüsten Welt! In der Bibel steht ein Vers, der mir früher zu schwach vorkam, und der jetzt mein einziger Trost ist in diesen bittern Stunden der Reue: »Mein Kind, hast Du gesündigt, so höre auf!« Nicht mehr, doch welche Fülle von Weisheit und Langmuth den schwachen Menschenkindern gegenüber!

Jetzt will ich zu Margot, sonst graut der Tag und die Kinder erwachen.



Burda, den 25. Dezember 1877.


          Herrn Doctor Krapos, Czernovitz.

Ein schweres Unglück hat dieses Haus betroffen. Eilen Sie nach Moroschka, wo vielleicht noch ein junges Leben zu retten ist. Uns ist nicht mehr zu helfen. Unsere beiden jungen Frauen haben heute früh wahrscheinlich sehen wollen, ob der Sereth steht, um den Kindern einen Weihnachtsscherz auf dem Eise zu machen. Die Unsrige scheint mit Nicu im Arm ausgeglitten zu sein, und unter dem starken Eisgang sind Mutter und Kind augenblicklich verschwunden, während die jüngere Schwester ohnmächtig von Sander am Ufer gefunden wurde. Sie muß einen Blutsturz gehabt haben, denn sie konnte kaum sprechen und rings war der Schnee mit Blut gefärbt. Sie verlangt so dringend nach Hause, daß ich eben im Landauer ein Bett machen lasse; ich werde die arme Kranke hinbringen und Sie dort erwarten. Eilen Sie.

          L. von Selten.



Moroschka, den 31. Dezember 1877.


Sprechen kann ich nicht, aber schreiben muß ich, sonst verliere ich den Verstand. Vom Bette aus sehe ich über den glitzernden Schnee in unermeßliche Ferne, dahin ich bald meine Seele schicken werde. Der Tod greift nach mir mit eisiger Hand, und von Innen verbrenne ich in heißer Gluth. Wenn ich erzählen will, so muß ich erst ausruhen, mündlich habe ich aber nichts erzählt! Ich kann nicht, und ich will nicht. Der Einzige, den es angeht, ahnt wohl den Zusammenhang, und das ist genug. Ich aber will es schreiben, um mich von Gespensterfurcht zu befreien.

In derselben Nacht ging ich leise zu Margot und fand ihr Bett leer. Gleich faßte mich eine sonderbare Angst. Ich lief hinunter und horchte an Sander's Thür, Alles todtenstill, im Salon Niemand; ich suchte mit dem Lichtchen, das ich in der Verwirrung vom Christbaum nahm, durch das ganze Haus, in allen Winkeln und kehrte in's Schlafzimmer zurück. Nicht nur Margot's Bett war leer, auch das des kleinen Nicu. Margot's Schlafrock fehlte, ihre Schuhe waren nicht da. Wo war sie? Mit der kleinen Wachskerze in der Hand ging ich zur Hausthür hinaus. Der Mond beleuchtete scharf und hell die Fußspuren im Schnee, den schmalen Fuß, den ich so wohl kannte. Erstarrt vor Angst ging ich die Stufen hinunter, in den Park hinein; wo die eisbelasteten Bäume durchsichtige Schatten warfen, leuchtete ich mit meiner Kerze in die Spuren, die nah bei einander auf viele eilige Schritte deuteten. Ich ging immer schneller. Fiebergluth jagte mir durch den Körper, so daß ich überall die Pulse schlagen fühlte. In den Schläfen hämmerte es so, daß ich mich einige Male aufrichten mußte, weil ich nichts mehr sah. Und weiter ging es, weiter, bis ein gewaltiges Rauschen und Krachen mich aufblicken machte: es war der Sereth mit seinem Eisgang. Die beschneiten Schollen rieben sich aneinander über der schwarzen Fluth, und dahin führten die Schritte, keine anderen und keiner zurück! Sie hatte nicht einmal gezaudert. Ich sah es; da fiel mir das Lichtchen aus der Hand in den Fluß und erlosch, und ich wußte nichts mehr, als daß es Nacht wurde um mich und eisig kalt. Ich dachte, ich wäre im Fluß und todt.

Wie lange ich da gelegen, das weiß ich nicht. Es müssen Stunden gewesen sein, denn die Sonne stand am Himmel, als ich erwachte, in Sander's Armen erwachte!

Ich sah ihn an und sah den Fluß an, und dann fing ich an zu lachen und lachte so furchtbar, als lachte ein Dämon aus mir.

»Was? ich lebe noch?« schrie ich. »Ich bin noch da? Frage mich doch, wo Deine Frau ist? Frage doch, wo ist Margot und Nicu? Wo sind sie?«

Sander starrte mich an, und je mehr er mich anstarrte, je lauter lachte ich.

»Im Fluß sind sie alle Beide! Jetzt küß' mich doch, Sander, küß' mich, wenn Du kannst!«

Ein furchtbares Dröhnen des Eises antwortete und eine heiße Blutwelle erstickte mich fast. Es strömte mir aus dem Munde, rubinroth in den weißen Schnee. Sander sprach kein Wort; er war ohne Hut und ein leiser, eisiger Windhauch wehte ihm Haar und Bart hin und her. Ich sah immer das Haar an und wunderte mich, daß es noch nicht grau war, und dann kam wieder ein Strom von Blut und ein solches Ersticken, daß ich dachte, in der ganzen, großen Welt wäre nicht Luft genug für mich. Es kamen wohl Leute, oder kam Niemand, und trug mich Sander auf seinen Armen nach Hause? Das weiß ich nicht. Ich sah nur immer nach seinen Haaren, ob sie nicht grau würden, sonst konnte ich nichts denken, bis ich auf dem Sopha lag, unter dem Christbaum. Ich hörte dann eiliges Laufen und Lärmen und von Zeit zu Zeit sagte Jemand: »Nichts gefunden!«

Sander war fort und Gutchen saß bei mir und weinte.

»Bitte, Gutchen,« flüsterte ich, »bitte, gleich anspannen, nach Hause, bitte, bitte!«

»Aber, Kind, Sie können ja nicht!«

»Muß!« war das Einzige, was ich keuchend hervorstoßen konnte, denn schon wieder kam Blut. Ich legte die Hände zusammen und sah sie so bittend an, daß sie den Wagen bestellte.

Sander kam gerade wieder herein.

»Sie will nach Hause!« klagte Gutchen.

»Ja, gleich, auf der Stelle!« war die Antwort, ohne mich anzusehen. »Der Leute wegen.«

»Aber sie stirbt unterwegs!«

»Nein,« sagte Sander, »sie muß nach Hause zu ihrem Manne.«

Wieder kam ein »Nichts gefunden!«

In demselben Augenblicke stürzte Costi herein.

»Wo sind Mama und Nicu, wo?«

Beinah kam das gräßliche Lachen wieder, aber Gutchen hatte ihn schon sanft hinausgedrängt und sprach draußen mit ihm.

Der Wagen kam, man machte ein Bett darin und Gutchen schickte einen reitenden Boten nach Moroschka voraus.

Sie dachte an Alles. Ich weiß, wie es war.

Ich seh's Tag und Nacht vor mir. Margot wurde wach, als ich die Thür zumachte, ganz gewiß, und da hat Nicu erzählt, und Margot hat gedacht, wir hätten sie schon lange betrogen, uns hätte nicht der Zufall dort zusammengeführt, und ihr Kind, das das gesehen, sollte in der häßlichen Welt nicht leben, es sollte ohne sie nicht leben, das zarteste ihrer Kinder. Sie hat immer gesagt: Costi kann mich entbehren, Maria würde mich bald vergessen, aber Nicu, der braucht mich, ich dürfte nicht aus der Welt gehen, ohne ihn mitzunehmen.

Als sie mir vor der Hochzeit anbot, zu verschwinden, wollte sie es da schon auf solche Weise? Dachte sie, ich könnte dann glücklich werden?

Ich habe so verzehrende Sehnsucht nach Nicu und sehe ihn doch nie, während ich Margot fortwährend sehe, bald todt aus dem Wasser gezogen, bald steht sie vor mir und sieht mich mit großen, düsteren Augen an. Es ist gräßlich, und ich fürchte mich.

Man hat nach drei Tagen viel tiefer unten die rothe Schlittendecke am Ufer gefunden. Wahrscheinlich hat sie mit Mutterinstinkt danach gegriffen im Flur, und das Kind hineingewickelt. Sander soll bitterlich darüber geweint haben.

Ich will so gern die Kinder sehen, und Gutchen hat versprochen, sie mir zu bringen, sobald ich es ertragen kann, wenn Sander fort ist, der nur noch sein Gut verpachten will, um in das Ausland zu reisen. Er ließ mich durch Gutchen fragen, ob ich ihn sehen wolle? Ich sagte Nein.



Moroschka, den 2. Januar 1878.


Meine Schwiegermutter sagt, ich hätte die neue Trauer über die Familie gebracht, weil ich die alte nicht hätte ablegen wollen in der glücklichen Zeit. Also meine Schuld bleibt es sogar hier! Dann quält sie mich mit Fragen und Nadine kann nicht begreifen, daß ich nicht wenigstens nach dem Kinde gegriffen und es gerettet. Wenn Paul da ist, erlaubt er solche Gespräche nicht. Er hat Sander noch nicht besucht, um mich nicht so lange zu verlassen, und ich erklärte ihm mit dem Bleistift Sander's Abwesenheit dahin, daß ich seinen Anblick noch nicht ertragen könnte. Paul's Verzweiflung über meinen Zustand war geradezu erschütternd.

Ach! ich bin besser aus der Welt! Es ist umsonst! Ein Irrlicht wird nicht Heerdfeuer. Entweder man ist als stille Flamme geboren, oder man muß hin und her flackern und sich selbst verzehren. Wie sagte Sander am ersten Abend? »Besser Sternschnuppe als Irrlicht!« Das will ich meinen! Die Sternschnuppe schießt den Himmel entlang, das Irrlicht schwebt über Sumpf und Gräbern. Ich dachte mir meine Bahn leuchtend und habe Denen Verderben gebracht, die ich am meisten auf der Welt liebte.



Moroschka, den 6. Januar 1878.


Ich sollte die Kinder sehen, aber es sind zwanzig Grad Kälte. Das treue Gutchen kam allein. Sie erzählte mir ein Märchen. Und dann kam der Doctor, welcher früher ein kleines tendre für mich hatte, und der jetzt den Kopf schüttelt und mich so fragend ansieht, als müßte er mein furchtbares Geheimniß ergründen.

Nadine hat einen Haß auf Gutchen, der an das Lächerliche grenzt. Sie begeht jedesmal eine Grobheit gegen sie, die Gutchen aber nie bemerkt. Sander soll übermorgen reisen. Jeden Morgen schickt er einen Reitenden und frägt, wie ich geschlafen. Ich schlafe nie, das weiß aber Niemand, da ich Paul nicht erlaube, im Krankenzimmer zu schlafen, und sonst Niemand wacht.



Moroschka, den 18. Januar 1878.


Ich habe die Kinder gesehen. Costi starrte mich mit großen, erschrockenen Augen an, sagte: »Das ist nicht Tante Astra!« und ging gleich fort. Gutchen reichte mir Maria. Die streichelte mich und sagte auf einmal: »Mama«. Darüber bekam ich einen Weinkrampf und einen Hustenanfall, der mir fast die Brust zersprengte. Gutchen droht, die Kinder nicht mehr zu bringen. Sie wird sie nicht lange mehr bringen müssen! Wenn ich nur dem armen Paul über diese Leidenszeit weghelfen könnte! Ich zog den Doctor ganz nahe zu mir heran und sagte:

»Doctor, ein kleines Pulver, das man kranken Hunden giebt, bitte.«

Dem alten Manne zogen sich die Brauen zusammen:

»Zuerst gesund werden, ehe man Entschlüsse faßt; ein Kranker ist nicht beschlußfähig.« – 



Moroschka, den 25. Januar 1878.


Ich bin etwas besser und soll ein wenig im Sessel sitzen. Paul's Freude darüber ist unbegrenzt. Er hält mich für gerettet. Und wenn ich's wäre, so will ich nicht leben.



Moroschka, den 8. Februar 1878.


Es will Frühling werden. Thauwetter, Südwind, überall schmilzt der Schnee. Ich bin jetzt mehrere Stunden auf, d. h. Paul trägt mich in meiner Mutter Sessel, und da sitze ich und schaue hinaus über die Weite, lauter Wasser und Schlamm. Ich wollte das nicht ertragen, und jetzt ertrage ich sogar meine Schwiegermutter!

Paul spricht so viel von der Moldau, daß ich ihm beinahe glaube, wir werden dort ein neues Leben anfangen.

Täglich kommt ein Telegramm von Sander, auf das Paul gerührt antwortet. Er fährt ruhelos von Ort zu Ort, wie ein böser Geist.

Ich sah heute Margot, die mir das todte Kind entgegenhielt, und ich schrie so laut, daß Paul schnell hereinlief. Ich sagte, ein plötzlicher Stich in der Seite habe mir den Schrei ausgepreßt. Das Schlimme ist, ich bin ganz wach, wenn ich die Sachen sehe und sehe sie doch so deutlich, als ob sie wirklich da wären. Ich delirire nicht dabei, sondern denke vernünftig. Ist das nur das furchtbare Gewissen, das mich so foltert?



Moroschka, den 15. Februar 1878.


Wenn ich denn leben soll, durchaus leben soll, so muß ich's wohl ertragen, als die Sühne meiner Schuld. Wird Gott dieses Aeußerste von mir verlangen?

Heute brachten sie mir Schneeglöckchen; ich hielt sie in meiner Hand, und da welkten sie, und meine Hand war doch blaß und kalt und die Nägel so blau und krallig; es war keine Fiebergluth darin. Vergifte ich denn, was ich anrühre? Ich hatte früher noch nicht bemerkt, daß meine Nägel so blau sind. Paul meinte, ich sei eine Idee schwerer geworden; er trug mich aber in den Sessel, als wäre ich ein Jahr alt, nicht mühsamer. Er ist aber auch sehr stark. Gestern hat er mir etwas vorgelesen, der gute, aufopfernde Mensch! Es ist ihm eine äußerst mühselige Beschäftigung, aber er dachte, es würde mich zerstreuen. Gestern sprach er davon, wann ich wieder spielen würde. Mir kamen Thränen in die Augen bei dem Gedanken an den Flügel, den er mir mit so kindlicher Freude geschenkt und dessentwegen er so viel Unangenehmes geduldig ertragen hat!



Moroschka, den 27. Februar 1878.


Paul hat mir versprochen, schon im März in die Moldau zu gehen. Ich werde gewiß reisen können, ich bin ja so viel besser! Wenn ich nur sagen könnte, was Paul war in dieser Leidenszeit. Ich habe nie solche Güte gesehen. Wie oft fühlte ich feurige Kohlen, wenn er zehnmal in der Nacht kam, zu sehen, ob ich durstig wäre, wenn er mir geduldig zwei Stunden vorlas, oder mich in seine Arme nahm, wenn ich in jeder Lage erstickte. Nein, das kann man nicht beschreiben! Wie soll ich jemals an ihm gut machen, was ich ihm unwissentlich gethan? Und ich dachte, er wäre plump und hätte keine Seele. Ich möchte ihn jetzt demüthig um Verzeihung bitten. Er hat eine große und gute Seele und ein tiefes Gemüth, und wenn ich denke, ich wäre beinahe gestorben, so finde ich das mein größtes Unrecht an ihm, der mir jeden Augenblick zeigt, wie er mich nicht entbehren kann. O warum habe ich von der ersten Stunde an nicht gesehen, wie gut es der liebe Gott mit mir gemeint, anstatt mit ihm zu hadern und zu grollen, daß mir kein Glück beschieden! Wenn Jemand die Folterqualen der Reue kennen lernen will, der tausche mit mir! Ich wollte nicht, daß er mir die Haare anrühren sollte, und jetzt darf sie Niemand kämmen als Paul, da er allein mir nicht weh thut, und ich selber noch nicht die Arme so viel bewegen darf. Die Anderen wollten sie abschneiden, er aber sagte, er würde sie so pflegen, daß ich sie behalten würde.

Es ist wirkliche Lebenslust in mir erwacht, und ich meine, ich könnte von Neuem beginnen und etwas Besseres aus meinem Leben machen. Paul sagt immer, jetzt sei ich sein schwaches Altarlämpchen; aber bis zum Heerdfeuer sei es nicht mehr weit! Und dann erzähle ich ihm, wie wir unser Haus einrichten wollen, und die kleine Maria adoptiren, die darauf besteht, mich Mama zu nennen. Aber vorher muß der letzte Rest von Husten fort sein, damit ich dem Kinde nicht schade.

Ich lebe von Stutenmilch, und sie hat Wunder an mir gethan!

Es hätte ja Alles gut werden können, Alles, wenn Margot – ach, wie konnte ich denken, das Kind werde schweigen! Ich hätte in der nämlichen Stunde ihr beichten sollen. Sie hat es wohl an mir verdient, sie hätte mich auch in der Stunde nicht von sich gestoßen. So aber hat sie geglaubt, die beiden liebsten Menschen hätten sie seit Monaten betrogen, sie hat an Allem gezweifelt und verzweifelt. O, Margot, Margot, wie sehne ich mich nach einem Wort von Dir! Nun wäre ich stark genug, sogar Deinen Sander zu sehen, ohne daß mein Herz einen Schlag geschwinder schlüge. Ich begreife gar nicht, wie ich ihn so vergöttern, so wahnsinnig lieben konnte, von dem ich nichts als Schmach und Tod zu hoffen hatte. Ich bin geheilt an Körper und Seele, nur von dem Einen kann ich nie genesen, von dem Erscheinen Margot's. Gestern stand sie wieder vor mir, aber so, daß ich meinte, sie müßte es sein. Wenn ich diesen Schrecken durch mein Leben schleppen muß, so bin ich gestraft genug, denn von der Angst macht man sich keinen Begriff. Paul war im Zimmer und sah mich auf einmal aschbleich werden, mit den Tropfen auf der Stirn, wie zum Sterben. Er eilte zu mir, da war es fort, und ich athmete wieder. Ich sagte, es wäre eine Beklemmung gewesen.

Wenn man sie gefunden hätte, so wäre ich vielleicht beruhigt. Aber nichts, keine Spur, kein Grab, keinen Frieden!



Moroschka, den 3. März 1878.


Heute will ich Gutchen diese Blätter geben. Denn wenn ich mein Tagebuch behalte, so muß ich vielleicht darin lesen. Und ich will ein neues Leben anfangen. Sie soll Alles verbrennen, was sie von Margot und mir findet, damit unsere furchtbare Geschichte aus der Welt ist. Niemand soll jemals ahnen, was so viel schönes Familienglück zerstört hat. Sie sollen nicht wissen, daß ich ein Irrlicht war, sondern nur eine tüchtige Hausfrau kennen, die durch die Schule der Schmerzen geläutert worden ist.

In acht Tagen reisen wir zu den Veilchen im Buchenwald, wenn dies Stürmen, Schneien und Regnen aufgehört hat. Das schlimme Wetter liegt mir ein wenig auf den Nerven. Ich habe Kopfweh und Athemnoth, sage es aber nicht, um Paul nicht zu erschrecken. Margot war wieder da und winkte mir, und diesmal lächelte sie. Es war nicht so gräßlich, sie sah auch nicht so todt aus. Wenn sie lebensvoll vor mir stünde, würde ich mich ja gar nicht fürchten; oder hat das Gewissen Margot's Gestalt angenommen, um mir mein Leben lang jede Freude unmöglich zu machen?

Lebe wohl, mein liebes Buch! ich nehme Abschied von Dir auf Nimmerwiedersehen. Du warst mir ein sicherer und diskreter Freund. Du wirst mich nicht verrathen. Dein Mund wird stumm bleiben und mich nicht verklagen! Ich sollte es selbst verbrennen, weiß aber nicht wo, ohne Aufsehen zu erregen. Gutchen thut es sicher, auf die kann man Häuser bauen.

Melanie war mehrmals unten, bei den Damen, und wenn sie Paul erwischen konnte, gab sie sich alle denkbare Mühe, ihn zu trösten und zu zerstreuen. Das arme Ding! Sie hat ihn vielleicht immer noch lieb und hat ein großes Glück leichtsinnig verscherzt! Sie hat mir es in den Schooß geworfen, die es nicht haben wollte, die es verachtete! Und jetzt beneidet sie mich! Was für eine krause Welt, voll Ironie und Lächerlichkeit! Warum? – 



Moroschka, den 11. März 1878.


          Mein theurer Bruder Sander!

Mein Telegramm hat Dir schon die Botschaft des schweren Unglücks gebracht, das mich betroffen, und das Dich tief erschüttern wird. Du hast ja meine herrliche Astra hoch geschätzt und geliebt; Niemand wird mein Leid so gut mitfühlen wie Du und darum schreibe ich Dir, mein theurer Sander, um Dir einige Details zu geben, nach denen Du verlangen mußt.

Sie war vor acht Tagen so wohl, daß wir daran dachten, abzureisen. Da traten die Märzstürme ein, bei welchen sie sich, trotz aller Vorsicht, erkältete. Am Abend des 3ten begann ein leichtes Fieber mit Schüttelfrost. Sie sagte immer, es wäre nichts, sie fühle sich ganz wohl.

Am anderen Morgen kam etwas Bluthusten mit steigendem Fieber und am Abend ein Blutsturz. Sie sah mich noch einmal an, sagte: »Danke Paul! Gute Nacht!« und ihr treues, edles Herz stand still.

Sie hat in den zwei Tagen noch viel und schön zu mir gesprochen, hat auch Deine Kinder kommen lassen, ihnen Vieles geschenkt und Costi gesagt, er sollte immer nur an seine Pflicht denken.

Sie nahm Abschied von meiner Mutter und Schwester und bat sie um Verzeihung, falls sie sie je gekränkt hätte.

Die Beiden haben so viel geweint, daß es mir wohl gethan hat zu sehen, wie sie meine theure Astra so lieb hatten. Nadine bekam solche Zufälle, daß ich den Arzt holen mußte.

Sie hat mir noch einen Auftrag für Dich gegeben: »Sage Sander, das Irrlicht wolle nun doch Sternschnuppe werden, wenn es am Himmel Einlaß findet.«

Uns Beiden, Dir und mir, war wohl das höchste Glück zu Theil geworden, darum durften wir es nicht lange besitzen. Vielleicht werde ich Dich aufsuchen, denn uns eint das festeste Band, und wir können einander verstehen.

Es umarmt Dich in tiefster Wehmuth

          Dein treuer Bruder

          Paul Morosch.