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Carmen Sylva – Deficit

Roman

Carmen Sylva, Deficit, Emil Strauß Verlag, Bonn, 1891



I.
Der verlorene Sohn.

»Zwei und Drei ist Fünf, und Vier ist Neun und Sechs ist Fünfzehn und Zwei ist Siebzehn – nein, hier muß es eingeschoben werden. Aber wie? unter welchem Namen? Stoff für Kinderkleidchen. Wenn sie aber die Kleidchen nicht anhaben? Für Arme. Ja, für Arme. Bis jetzt habe ich sie stets mit Namen genannt. Doch es geht: Für Arme! Es ist ja für einen armen, armen Buben, mein Gott! Ist der Betrug strafbar? Harry hat mir verboten, ihm wieder Geld zu geben. ›Für Arme!‹ Ich zittere, während ich's schreibe, wie ein Dieb.« –

Diese geflüsterten Worte fielen von den schmerzlich zusammengezogenen Lippen einer schönen Frau, deren Profil scharf und bleich von dem unteren Theil der Lampe beleuchtet war, während der grüne Schirm derselben den ganzen übrigen Raum in Dunkel hüllte.

Große Schatten, die das plötzliche Aufflackern des Kaminfeuers gespenstisch umherwanken ließ, deuteten auf zahlreiche bequeme Möbel; auf dem Teppich am Kamin lag eine Puppe in schön gestickten Gewändern, mit wirklichen Haaren und weißen Zähnen, und schloß die Augen, als blendete sie die rothe Gluth. Ein immer lauteres Rauschen und Dröhnen kündete grollend die Nähe der See, und von Zeit zu Zeit rüttelte ein Windstoß an den hohen Bogenfenstern, an den Schiefern auf dem Dach, an den Bäumen, die ächzend zusammenschlugen, an den Fensterläden und Schlingpflanzen, die gegen Mauern und Fenster pochten und peitschten und manches Blatt in den Ritzen hängen ließen.

»Zwei und Sechs ist Acht und Vier ist Zwölf« – – flüsterten die Lippen, während die schmale, beringte Hand mit der Feder den aufsteigenden Zahlen im Buche folgten, dessen Widerschein das Gesicht noch weißer erscheinen ließ, die Wimpernschatten noch dunkler, die Brauen noch feiner, die sich schmerzlich zusammenzogen und zuckten. Das Haar lag in welligen, braunen Scheiteln über der Stirn, und aus dem Knoten im Nacken fiel es in Locken über den weißen Schlafrock. Die Finger waren so zart, daß der Federhalter sich tief hineindrückte, und als eben der Zeigefinger der linken Hand an die Wange gelegt wurde, blieb er auch in die Wange einen Augenblick eingegraben, als fehlte es dem zarten Frauenkörper an Elasticität. Die Hände waren außerordentlich schön, die Finger spitz, in durchsichtige Nägel auslaufend, und die Nase bildete eine sculpturale Linie mit den Brauen. Die Nasenlöcher, im Widerscheine des Ausgabebuches, waren lang und mandelförmig, und die Nasenflügel bewegten sich bei jedem Gedanken. Jetzt erschien eine ganz zarte Falte zwischen den Brauen, wie die Augen von vorn zu rechnen begannen und durch das Zusammenpressen der Lippen grub sich auch um die Mundwinkel eine Falte, die das Gesicht plötzlich viel älter erscheinen ließ. »Fünf und Sieben ist – Fünf und Sieben ist –« es war, als wollten die Zahlen nicht mehr zusammenkommen. Sie fuhr mit der Hand über die Stirn, wo ein indischer Diamant am Ringfinger Strahlen um sich blitzte. Dann bückte sie sich unter den Lampenschirm und drehte die Flamme ein wenig höher. Da fiel das Licht in ein Paar wunderbar dunkelgrauer Augen, die sich an Glanz und Farbenspiel nur mit dem Stein, genannt Katzenauge, vergleichen konnten und sich auch zu vergleichen strebten; denn den Kragen schloß am Halse ein einzelner solcher Stein, in kleine Diamanten gefaßt. Sehr zart bog sich der Hals aus den weißen Spitzen, und gab von Neuem den Eindruck großer Jugend. Es war eine überaus weiche, weibliche Bewegung. Diese Frau mußte berückend sein können mit den Augen und der Nackendrehung. »Fünf und Sieben,« sagte sie wieder, und dabei verlor sich der Blick im unendlichen Raum, dunkel, beinahe schwarz, über dem Rande des Lampenschirmes, während Mund und Kinn voll beleuchtet blieben; das Kinn war die Vervollkommnung der Linie, fein und rund wie ein Kinderkinn. Eben flackerte ein Holzscheit auf und beleuchtete die Puppe so grell, daß sie wie ein lebendiges Kind aussah. Der Schein spielte über das Parquet fort und tanzte über die Locken der einsamen Frau in warmen Lichtern dahin. Eine Uhr hob aus und schlug in tiefen Tönen Mitternacht wie eine ganz ferne Thurmuhr. Das Brausen wuchs zum Dröhnen und rüttelte an den drei mächtigen Fenstern, die im Halbkreis in Blumen hineinsahen; eben fiel eine Palme um, deren langes Blattgefieder sich fest an die Scheiben drückte und, von dem Kaminfeuer schwach beleuchtet, wie eine Gestalt aussah. Erschrocken fuhr der Kopf der schönen Frau herum, und, mit den Fingern sich vor dem Lampenscheine schützend, suchte sie das Dunkel zu erforschen. Da war es ihr in all' dem Gebrause, als klopfe es an die Scheibe. Im nächsten Augenblick wurde das Fenster hastig in die Höhe geschoben, und in's Zimmer sprang wie ein Panther, lautlos und geschmeidig, ein junger Mensch von achtzehn oder neunzehn Jahren.

»Mutter! Ach! Da bist Du noch, Mutter! Und am Rechnen! Gute Mutter! Mein Seelchen! Meines Herzens Herzchen! Mein Mutterchen! für mich sitzt sie die Nächte und rechnet und rechnet, um nicht gescholten zu werden für den unverbesserlichen Windbeutel! Mein Seelchen!«

Also redend hatte der junge Mann mit einem Ruck das Fenster herabgezogen, war auf die Frau zugeflogen, hatte sie stürmisch umarmt, die Wange auf ihren Kopf gedrückt, ihre Locken geküßt, und jetzt kniete er ihr zu Füßen und küßte ihr die Hände abwechselnd, dann jede Fingerspitze, und dann vergrub er seinen schwarzen Lockenkopf in die Spitzen auf ihrem Schoße. Ihre zarte Hand wühlte einen Augenblick in den seidigen Locken, und unendliche Zärtlichkeit öffnete die Lippen zu einem halben Lächeln. Dann aber wurde das Gesicht wieder ernster und bleicher:

»Was hast Du gethan – Tom?«

»Ich, Mutter?« Das unschuldigste Kind konnte nicht weicher, zärtlicher, gekränkter diese beiden Worte äußern. Dabei hob der junge Mann den Kopf und sah seine Mutter an, konnte aber nicht ihren Blick aushalten. Seine Züge glichen ganz den ihren, nur waren die Augen grün, Wimpern und Brauen schwarz, und ein leichter dunkler Flaum gab der Oberlippe etwas Trotziges. Die Lippen waren überhaupt voller, sinnlicher, als die der Mutter, und die Nasenflügel zitterten vor Genußsucht und Uebermuth. Die ziemlich niedrige Stirn zeigte starke Wölbungen über den Brauen, wodurch der Kopf etwas von der Antike bekam, zumal da er klein, rund und schmal war. Die Hände und Füße erschienen zu klein für männliche Schönheit, und die katzenähnliche Geschmeidigkeit des ganzen Körpers vermehrte den Eindruck beständiger Unruhe. Um dem mütterlichen Frageblick zu entgehen, sprang er auf und kniete im nächsten Augenblick am Kamin, schürte das Feuer, griff nach der Puppe und warf sie in die Flamme. Die Mutter sprang auf und wollte das kostbare Spielzeug retten; es war aber schon zu spät: »Oh! Tom!« rief sie vorwurfsvoll, über den Boden hingleitend und die Hand auf seine Schulter legend.

»Ich hasse Puppen?« sagte der zwischen den Zähnen. »Sieh' 'mal wie sie brennt!«

Sein Blick folgte dem Zerstörungswerk mit der genußsüchtigen Gespanntheit eines wilden Thieres.

»Aber Minnie, Tom, was fang ich mit Minnie an? Sie wird ihr Herzchen fortweinen!«

»Kauf' ihr eine Andere, oder gewöhne ihr die Puppen ab. Ich kann sie nicht sehen, und ich kann auch die kleinen Mädchen nicht leiden, die immer von ihren Kindern sprechen. Sie sind zu dumm. Hab' ich nicht den Tod allen Puppen geschworen?«

»Eine nützliche Beschäftigung!« sagte die Mutter bitter. Beide starrten in die Flamme, ein wahres Freudenfeuer, das in den Sturm hinausraste, während die See zu immer wilderem Anprall ausholte.

»Es giebt noch viele Puppen zwischen Anglesea und Cardigan, und in London giebt es noch mehr; und Du weißt wohl, daß Dein Stiefvater gern seinen Töchtern Puppen kauft, und sie besonders gern damit spielen sieht.«

»Ja, ja, ich weiß,« sagte der junge Mann, und Hohn und Ungeduld verzogen seine Lippen. »Für mich gab's keine Puppen, aber das spanische Rohr, und wenn ich mich bewegte, flammte Haß in seinen Augen, außer wenn er mich zu Pferde sah; er hofft immer, ich werde mir doch endlich den Hals brechen!« Der junge Mann lachte melodisch in sich hinein. Sein Lachen, sein Organ beim Sprechen waren außerordentlich weich und sehr leise. Seine Zähne blitzten und schimmerten dabei in seinem dunkeln Gesicht.

»Aber Tom! Du thust auch gerade immer das, was ihn am meisten reizen muß!«

»Daß ich ein Irländer bin, ist das nicht genug? Reizt ihn das nicht schon auf's Aeußerste?«

Der junge Mann stieß noch einmal mit dem Feuerhaken in die Gluth und sprang auf.

»Ich bin auch eine Irländerin, Tom, und er hat mich lieb.«

»Er hat doch gesagt: ›Du irische Brut, Du und Deine Mutter, Beide irische Brut! Auf euch ist kein Verlaß! Euch traut man nicht!«

»Bist Du ganz sicher, daß er das gesagt hat, Tom?«

»So was Aehnliches. Du weißt, ich habe ein schlechtes Gedächtniß. Nur die Schläge vergess' ich nie, überhaupt nie, wo ich mich rächen kann.«

»Nur die Dankbarkeit, die vergesse ich immer, hättest Du hinzufügen sollen, Tom!«

»Bin ich meiner süßen Mutter nicht dankbar?« sagte der junge Mann, legte den Arm um der Mutter zarte Gestalt und den Kopf auf ihre Schulter. »Sogar für Schläge von Deiner Hand habe ich Dir auf meinen Knieen gedankt, weißt Du nicht mehr, Mutter? Denn ich konnte Dich nicht so weinen sehen über meine Lüge; ich fühlte die Schläge nicht mehr, ich sah nur Deine Thränen und fühlte Dein Schluchzen zittern auf Deinem Schoße. Wie sollte ich da die Schläge fühlen? Und damals waren wir allein auf der Welt, wir Beide, Mutter lieb –«

»Ja, Tom, und so arm, so bitter arm!«

»Und jetzt noch nehme ich jede Strafe von Dir, Mutter, nicht von ihm, nein, nicht von ihm. Du bist Mein, ich habe Dich so unsinnig lieb, daß ich ihn hasse und meine kleinen Stiefschwestern und das schöne Haus und den Park und Alles, Alles, worauf Dein Auge ruht. Mutter! ich habe nur Dich! Mutter! ich hab' Dich so lieb, so lieb!«

»Wo ist der Stachel, den Du eben in Honig hüllst? Du schmeichelst immer, wenn Du weh' thun willst; ich fürchte mich vor Deiner Zärtlichkeit.«

Der junge Mann ließ sie rasch los, ging an die Uhr und ließ sie schlagen. Sie schlug Mitternacht und dann mit hellerem Klang die halbe Stunde.

»Das hat Er Dich gelehrt!« sagte er zwischen den Zähnen.

»Nein, das hast Du mich gelehrt; denn das konntest Du schon, als Du noch sehr klein warst.«

»Hätte nur das Geld Stacheln, Mutter, daß mir's in den Taschen und an den Händen hängen bliebe!«

»Für mich hat's Stacheln, Tom, und was für Stacheln! Was nicht Mein ist, soll ich Dir geben und Deine Thorheiten vertreten und verantworten. Die Stacheln an diesem Gelde machen mir Herz und Finger bluten!«

Mit einer trostlosen Bewegung ließ sie sich in einen kleinen Sessel am Kamin gleiten, legte die Arme um die Knie und starrte in die Gluth. Augenblicklich glitt er wie eine Schlange zu ihren Füßen nieder und rollte den Oberkörper in die Cachemirschleppe ihres Schlafrocks.

»So möchte ich liegen die ganze Nacht!« sagte er.

»Das ist nicht wahr!« kam es tonlos von ihren Lippen, als hätte sie im Traume gesprochen, willenlos.

Er fühlte heiße Röthe sein Gesicht überfluthen, wie sie mit ihren großen Augen auf ihn niedersah.

Er richtete sich rasch auf und nahm ihre beiden Füße auf seinen Schoß.

»Wie sie kalt sind!« sagte er, zog die Schuhe aus und streichelte sie sanft erwärmend.

»Niemand versteht meine süße Mutter zu pflegen! Niemand verwöhnt sie! Niemand nimmt ihr etwas ab!«

»Doch, Tom, Kathleen nimmt so viel sie kann auf ihre jungen Schultern!«

»Kathleen hat ja gar keine Schultern, die hat bloß Augen!« lachte Tom.

»Ja, sie hat schöne Augen. Ich hoffe, Du siehst nicht zuviel hinein?«

»Ich bin ja nie hier!« Tom wurde wieder heiß und dunkel; er bückte sich und küßte und hauchte der Mutter Füße.

Die See donnerte wie mit Kanonenschlägen, und der Wind brauste wie ein Athmen heißer Leidenschaft um das Haus, in kurzen Stößen und tiefen Seufzern.

»Da drin sind meiner Mutter Zauberschlüssel,« sagte Tom, und griff nach ihrer Tasche. »Und wer mit denen zu sprechen versteht, dem enthüllen sie Schätze.«

»Sind wir endlich so weit?« sagte die Mutter und sah nach der Uhr. »Drei Viertelstunden hast Du für mich verloren! Schade um die schöne Zeit!«

»Der Sturm wird nur so laut, sonst ist nichts verloren.«

»Dann bleibe die Nacht hier. Dein Zimmer ist leer.«

»Nein, ich sterbe, wenn ich hier eingesperrt bin; nein, Mutter, das geht nicht. Wäre nicht der Sturm, ich wäre noch drei Stunden bei Dir geblieben!«

»Und wäre nicht das Geld, das Du haben willst!«

»Mutter! Ich muß es haben! Du weißt nicht, was sonst geschieht!«

»Was geschieht denn?«

»Was Deine lieben Gedanken noch nie gedacht haben; Du kennst ja gar nicht die Welt, Du klein Mutterchen!«

»Und mein weiser Sohn kennt sie genau.«

»Ja, Mutter, ich war eine Waise! Das verwaiste Kind kennt bald die Welt. Mutter! gieb mir Geld! Mutter! Du weißt ja doch, daß Du's zuletzt thust, wenn Du Dich auch noch so lange wehrst, und wenn auf einmal Dein Mann merkt, daß Du noch nicht schläfst und uns hier findet, dann giebt es für Dich und mich eine schlimme Stunde.« Er zog ihr die Schuhe wieder an.

»Komm', Mutter! nicht so arg viel! Fünf oder sechs Pfund! Das ist doch nicht das Leben! Komm', Mutter!«

Er griff in ihre Tasche, zog die Schlüssel heraus, sprang auf die Füße, ohne die Hände zu gebrauchen, und war schon an der Schublade.

»Du stiehlst!« sagte dicht an seinem Ohre flüsternd seine Mutter. Er fuhr zurück.

»Dann gieb mir; ich bettle nur, ich stehle nicht.«

»Du bettelst mit Gewalt, wie der Räuber im Walde.«

»Mutter! ich muß es haben!«

Zögernd zog sie die Schublade auf. Er griff hinein, flog seiner Mutter um den Hals und zum Fenster hinaus, in den Sturm, und sie stand noch wie eine Statue, bleich wie der Tod und sprachlos. Dann begann sie mit bebenden Händen ihr Geld zu zählen.

War es der Sturm oder hatte das Fenster geklungen? Es wurden aber zugleich mehrere Hausbewohner wach.

»Kathleen! Kathleen!« klang im oberen Stock ein erschrockenes Kinderstimmchen. Zwei kleine Hände griffen nach dem Bettgitter, und im Schein der Nachtlampe erschien ein Engelsköpfchen in einer Fluth hellblonder Locken, die großen Augen weit aufgerissen und das Mündchen schon fast zum Weinen bereit.

»Kathleen!« rief es wieder.

Da erwachte im andern Bettchen ein zweites Rosengesicht, richtete sich auf und sagte verständig: »Schlaf', Minnie! es ist ja noch Nacht! Laß doch Kathleen!«

»Hörtest Du nichts, Winnie?« fragte die Kleine.

»Nein, gar nichts, als den Wind und die See, und die singen:


Schlaft, schlaft, schlaft, Kinderlein!
Ihr sollt vom Tannenbaum
Eingewiegt sein.
Mutter See, die singt dazu,
Dich zur Ruh!«


Das Kind hatte leise gesungen, und mit Glockenreinheit setzte das jüngere Schwesterchen ein, und so sangen die Beiden sich selbst wieder in Schlaf, während die angerufene Kathleen barfuß in's Nebenzimmer geschlüpft war und ihr Gesicht an die Scheiben drückte. Sie hörte das Hinabgleiten des Fensters unten, und der Lampenschein, der hinausfiel, beleuchtete die rasch fliehende schwarze Gestalt, die nach dem Fluß hinuntereilte, den Kahn löste und sich durch die rauschende Fluth hinüberruderte. Das Mädchen am Fenster schauerte in sich zusammen und suchte mit dem Blick das Dunkel zu durchbohren. Aber es war, als hätte die Nacht die Gestalt verschlungen, und man sah nichts mehr, als die vom Sturm umgewehten Blattpflanzen auf der Terrasse, die im Lampenscheine wie verzweifelte Gestalten die Arme ausstreckten, als flehten sie um Hülfe und Errettung. Das Mädchen lauschte, hörte im Sturmgebrause nicht die singenden Kinderstimmchen, wohl aber die Thüre des Ehegemachs in's Schloß fallen und den festen Schritt des Hausherrn den Gang entlang und auf der Treppe. Schwacher Lichtschein war unter der Thürspalte bis zu ihren winzigen nackten Füßen hingeglitten, und vorgebeugt lauschte sie noch gespannter, ob etwa Stimmenschall heraufdringen würde. Es blieb aber Alles todtenstill; nur der Sturm nahm zu an Gewalt. Das Mädchen schauerte wieder in sich zusammen und schlüpfte wie eine junge Katze in's Nebenzimmer und in's Bett, erhob noch einmal den Kopf, um zu sehen, ob die Kinder schliefen, und lag dann mit weit offenen Augen auf dem Rücken, die ganze Nacht.

Der Mann, der eben die Treppe hinunterschritt, war groß und breitschultrig, mit einem breiten Kopf, hoher, kahler Stirn, noch vollem blonden Haar am Hinterhaupt, weichem Backenbart, sonst glatt rasirt. Das Kinn und die Kinnladen waren außerordentlich fest, der Mund fein, schmallippig, als würde er oft und viel bei starkem Denken und Wollen zusammengepreßt. Die Nase war kurz, aber nicht unschön, die Brauen, blond und buschig, überschatteten leuchtend blaue Augen, die weit hinausblickten, als überschauten sie ungemessene Fernen. Zu der Gewalt der Stirne und des Kinns kamen die Augen wie Leuchtthürme hinzu, um den felsigen Eindruck des Mannes noch zu vermehren, dessen ganzes Gesicht doch von Güte überhaucht war, von kräftiger, kampfgewohnter Güte, solch' ein Gesicht, zu dem man sich in Noth wenden, und vor dessen Richterblick man erschrocken zurückweichen würde, ein Mann, dem Tausende gehorchten, nachdem er sich aus eigener Kraft aus Armuth und Entbehren emporgearbeitet.

Das war Harry Vaughan, der Hausherr.

So erschien er plötzlich im Salon und sagte mit tiefer Stimme:

»Edleen! was machst Du noch hier?«

Mit einem Gefühl von Todeskälte in Brust und Herzen wandte sie sich ihm zu, und es stand eine so namenlose Angst auf ihren schönen Zügen, daß er das Licht auf den nächsten Stuhl stellte und auf sie zueilte.

»Edleen! Was ist geschehen?«

»O nichts! Beinahe nichts! kein Unglück, Harry – nur – nur – eine kleine Unannehmlichkeit.«

Des Mannes Blick streifte die Ausgabebücher, die offene Geldschublade und die Gestalt seiner Frau.

»War Tom hier?« sagte er mit einer Stimme und Lippen, die er versuchte, nicht streng werden zu lassen, und dennoch zitterte seine Frau.

»Ach! Harry! er bringt mich in's Grab!«

»Warum kommt er denn jetzt bei Nacht?«

»Es war das erste Mal, Harry, ich weiß nicht, wo er herkam, noch wo er hinging in dem Sturm.«

»Und Du hast ihm wieder Geld gegeben?«

»Verzeih' mir, Harry!«

»Es handelt sich dabei nicht um's Geld; Du weißt, daß Du jederzeit haben sollst, was Dir eine Laune befriedigen kann. Aber es handelt sich um ihn. Ich hatte Dich so gebeten, ihm nichts mehr zu geben.«

»Aber wenn ich ihm nichts gebe, dann weiß man nicht –«

Sie konnte nicht weiter sprechen, und seine Lippen schlossen sich noch fester, als fürchtete er, es möchte ihnen ein unzeitiges Wort entfliehen. Er hätte den verlorenen Sohn in die Tiefe der Hölle verfluchen mögen, der seinem angebeteten Weibe den Lebenssaft verzehrte, wollte aber nichts Bitteres sagen, da es nicht sein Sohn war. Sie schämte sich vor ihm, sie zitterte vor Scham, während ihr Auge auf das Wort: »Für Arme!« fiel, das sie vorhin so geschickt eingeschaltet, und nun wußte sie noch gar nicht, wieviel der rasche Griff der schmalen Finger ihr entwendet.

»Wenn Du mir nur ganz vertrauen wolltest, Edleen,« fuhr er nach einer Weile fort. »Ich habe es nicht verdient, daß Du meinem Rath nicht folgst; ich kenne das Leben besser als Du, auch des Knaben Leben. Deine Schwäche macht ihn immer unglücklicher, und daß Du ihn vor mir verbirgst, macht Dein Leid nicht leichter. Es thut mir so leid, daß Du Dich vor mir fürchtest!«

»Nein, ich schäme mich!« flüsterte sie.

Dem starken Manne zog ein großer Schmerz durch die Brust, über die Brauen, um die Lippen. Sie wäre ihm gern zu Füßen gefallen, hätte seine Knie umfaßt und ihm Alles gebeichtet. Aber wenn er ihr verbot, noch einmal ihren Sohn zu sehen! Sein Sinn für Recht und Unrecht war wie Erz. Er würde sie verachten, und das konnte sie nicht ertragen.

So standen sie in qualvollem Schweigen, und die Uhr hob wieder mit tiefem Klang zum Schlagen aus, so tief, als wollte sie verkünden, daß in dieser Stunde schwere Schicksale entschieden wurden und ein unzeitiges Schweigen wie ein Abgrund gähnte. Nein, die Uhr hatte nichts gemerkt und nichts gesagt, sondern tickte ruhig weiter, und das Meer donnerte draußen, und der Wind heulte, als wollten Helden und Märtyrer und Jünglinge und Sünder zu Lande, die seit Jahrtausenden die See verschlungen.

»Ach! wär' ich doch todt!« dachte Edleen.

»Wie schütz' ich mein Weib!« dachte Vaughan, »und wenn sie sich vor mir fürchtet, so ist es vielleicht gut für sie und beschützt sie, und so will ich's geduldig hinnehmen, für ihr Bestes.«

Er war so gewohnt, das Schwere für sich und Andere auf seine starken Schultern zu nehmen, daß es für ihn kein Murren und kein Auflehnen gab.

»Schließe Deine Bücher, telegraphire Lewes, er soll Dir Geld schicken; quäle Dich nicht mit dem, was nicht zu ändern ist; komm' und versuche zu schlafen!«

Sie folgte ihm mit gesenktem Haupte und Armsünderschritten. Er hatte die Lampe ergriffen, und sie nahm das Licht mit, und so stiegen sie in ihr Schlafgemach hinauf; aber schlafen konnten sie nur wenig in dieser Nacht. Niemand schlief, als die beiden schuldlosen Engel, deren Seelen noch halb im Himmel waren auf dem Wege zur Erde und noch nicht ganz gelandet in diesem Thale der Schmerzen.



II.
Das alte Lied.

Die Nacht war nicht mehr lang für gute Schläfer. Der Sturm ließ endlich nach, und die aufgehende Sonne beleuchtete zerrissene Wolken in feurigem Rosenlicht, das sich in der See spiegelte, zwischen den unruhigen Schaumkronen. Dann kam sie selbst majestätisch über die See gegangen, mit ihrem breiten Strahl. In Busch und Hain erwachte ein Musiciren, und in den Bergwerken ringsum der Schall von tausend und abertausend Hämmern.

Da die Kinder stets mit den Vögeln erwachen, so wurde in den Bettchen ein Gezwitscher laut, zuerst im Flüsterton, aber bald immer heller; Kathleen richtete sich auf aus dem kurzen Morgenschlummer und wurde jubelnd begrüßt: Sie sah entzückend aus in ihrem weißen Nachthemde mit dem feinen Gekräusle, aus dem ein rosiges Gesicht voller Grübchen hervorsah. Es waren Grübchen in beiden Wangen, am Kinn, an der Unterlippe, an der Spitze des winzigen Näschens, im Nacken, und die guckten aus einem Wald von kurzen Haaren heraus. Das Mädchen mußte krank gewesen und geschoren worden sein. Denn es quollen Haarbüschel in den Schläfen, hinter den tadellosen Ohrmuscheln, im Nacken hervor, und wie sehr feines, schwarzes Gefieder umwehte es die schöne, gerade Stirn, die triumphirend kühnen Brauen. Das Schönste waren aber die Wimperrabenfedern, die sich über seeblauen Augen erhoben, sie in geheimnißvolle Schatten versenkten, und plötzlich in sanftem Licht enthüllten. Daß die Sonne nicht ganz verrückt zu tanzen und im Meere zu wühlen anfing, als sie in dieses Zimmer schaute, kam nur von ihrer langen Gewohnheit, schöne Menschenkinder zu wecken.

Bald pochte es an die Thür, und mit dem Jubelgeschrei: »Papa! Papa!« flogen die beiden Kleinen aus den Betten, barfuß in's andere Zimmer, dem Vater in die Arme, um den Hals, auf die Schultern, auf den Schooß, und nun begann ein Erzählen von ganz unglaublich merkwürdigen Erlebnissen. Kathleen hatte Minnie nicht erlauben wollen, die neue Puppe mit in's Bett zu nehmen, damit die schönen Kleider nicht zerdrückt würden, und damit sie nicht fröre, hatte Winnie sie vor den Kamin gelegt. Aber nun sei der Sturm gekommen, und die arme Puppe fröre gewiß, und wie lange das Baden wohl dauern würde, bis sie zur Puppe hinunter könnten, und wie sie heißen sollte, Edleen oder Temorah oder nur Dolly, und was der Papa wohl meinte? Wie sie so zwitscherten, erklang ein merkwürdiger Schritt auf der Treppe, nicht von einem Menschen und nicht von einem Hunde, doch vierfüßig, aber so schwer; dann trabte es den Gang entlang und schnaubte an der Thür, die die Kinder jubelnd aufrissen und ein winziges Shettland-Pony mit einer Mähne, die fast auf die Erde und über Augen und Nase hing, als Prinnie begrüßten. Das Thierchen wurde geherzt und geküßt, und man hatte Zucker aufgehoben und Brod, und dann spazierte es herum und roch an Allem, ward aber stets Bildsäule, sobald die Kinder ihm nahe kamen, als wußte es, daß die kleinen Rosenzehen mit seinen Hufen nicht zusammenkommen dürften. Winnie war wohl etwa neun Jahre alt; ihr wogte das goldbraune Haar bis zu den Knieen, in Wellen und Ringeln; ihre Augen waren grau wie das Meer vor dem Sturm, außerordentlich groß, glänzend und ernst, als bewegten sich wunderbare Gedanken dahinter. Minnie war fünf Jahre alt und sah aus wie einer der Violine spielenden Engel von Fiesole, mit den weißblonden Härchen, die bis auf die Schultern fielen und aus denen ein überirdisch süßes Lächeln und strahlend blaue Himmelsaugen hervorsehen. Jetzt hob der Vater sie beide auf Prinnie's glänzend schwarzen Rücken und sie spielten mit seinen Ohren, seinem Schweif, seiner Mähne, als wäre es ein großer Hund. Wie zwei kleine Feen saßen sie da und umritten ihr sonniges, luftiges Zimmer, Prinnie die Spielsachen vorstellend und in schallendes Gelächter ausbrechend, wenn Prinnie den Kopf schüttelte und dabei ein paar blaue Augen unter dem Wust von Haaren hervorschauten.

Kathleen war während dessen in ihr Bad gesprungen und hatte sich sehr eilen wollen. Aber das Eilen ist bei jungen Mädchen eine eigene Sache.

Soll man ein weißes oder ein rosa oder ein zartblaues Kleid anziehen und was für ein Schleifchen dazu, oder gar eine Blume? Ja, eine Blume! Und die unausstehlichen Haare wollen nicht trocken werden und nicht glatt und nicht ordentlich! Und sonst reichten sie bis an die Zehen, die armen Haare. Da muß man doch ein bischen mit den Fingern dran ziehen, damit sie schneller wachsen, und in den Spiegel gucken, ob man noch gerade so aussieht wie gestern, ganz wie ein Bub!

Im vorderen Zimmer hatte auch Keiner so große Eile, weder der Vater, den des Tages Arbeit für viele Stunden entfernte, noch die Kinder, die gern so wenig Kleider wie möglich anhaben, noch das Pferdchen, das während der Stunden entfernt wurde, und lieber hier spielen wollte.

»Prinnie! wir haben eine neue Puppe!« sagte ihm die Kleinste in's Ohr.

»Und sie soll Dolly heißen!« klangs im andern Ohr. »Prinnie! Du hättest sie uns holen können!«

»Prinnie! Du bist gar zu dumm!«

»Ach! da ist Kathleen schon!« sagte Winnie, mit dem Ausdruck tiefster Enttäuschung.

»Maggy!« rief die kleine Minnie in's andere Zimmer, »Maggy! Unten im Salon liegt die neue Puppe, bitte, bitte Maggy!« –

»Erst anziehen,« sagte Kathleen, »und dann die Puppe, sonst werden wir nicht fertig!«

Vaughan erhob sich: »Komm, Prinnie!« sagte er, und das Pferdchen lief ihm nach, die Treppe hinunter, wie ein Hund. Er durchwanderte seine Terrasse und den nächsten Theil des Parks, sprach mit dem Gärtner über den Schaden, den der Sturm angerichtet, bis ein leichter Schritt hinter ihm ihn den Kopf wenden ließ und sein Gesicht aufleuchtete bei dem Anblick seiner schönen Frau.

»Du bist müde!« sagte er, ihr sanft den Arm in den Rücken legend.

Eben stürmten die Kinder in den Salon, aber ihr Jubel verstummte plötzlich, und mit ganz verstörten Gesichtchen erschienen sie im Bogenfenster: »Dolly ist fort!«

Edleen wurde sehr roth und noch bleicher als zuvor.

»Wo ist Dolly?« fragte Winnie und sah ihrer Mutter ernst in's Gesicht.

Edleen's Lippen zitterten ein wenig, zumal da sie ihres Mannes und Kathleen's Augen auf sich ruhen fühlte. Wegblickend und mit einer Rose spielend, sagte sie: »Ich fürchte, Dolly ist heute Nacht sehr krank geworden!«

»Krank!« klang es von beiden Kindern.

Zögernd fuhr sie fort:

»Ein Funke flog auf sie aus dem Kamin, und da ist die arme Dolly ganz verbrannt!«

Minnie fing bitterlich an zu weinen, drückte ihre kleinen Hände auf's Herz und sagte, es thäte so weh. Winnie hatte die glitzernden Augen auf die Mutter geheftet und biß sich die Lippen.

»Seht ihr,« sagte Kathleen, »immer seid ihr so unbedachtsam!«

»O! nicht schelten!« bat Edleen so schmerzlich, daß Beide, Vaughan und Kathleen, besorgt nach ihr hinsahen.

»Wein' nicht!« flüsterte Winnie ihrer Schwester zu. »Wein' nicht, Minnie! Sieh Mama an! Ich weiß Alles: Tom hat's gethan und Mama will's nicht sagen!«

Augenblicklich trocknete die Kleine ihre Thränen und unterdrückte das Schluchzen, das ihr noch die Brust hob, versuchte sogar beim Frühstück zu lächeln und ihren Thee zu trinken, verschluckte sich aber dabei und lief auf die Terrasse hinaus, Winnie hinter ihr her, und bald brachten die Kinder das Pferdchen herein, das um sein Frühstück auf den Hinterfüßen bitten mußte.

»Nicht wahr, Tom hat's gethan?« sagte Winnie geheimnißvoll zu Kathleen, als sie die Treppe hinaufstiegen, zur Stunde.

Kathleen wurde sehr roth:

»Das glaube ich nicht.«

»Ich aber, ich glaub's nicht, sondern ich weiß es, und wenn Du nicht Tom so gern hättest, dann wüßtest Du es auch.«

Edleen hatte den ganzen Morgen gerechnet, an Lewes geschrieben, um Geld, und fühlte eine Erschöpfung und Müdigkeit, als fielen ihr die Glieder aus den Gelenken. Jetzt wandte sie sich zum Tröster, zum Clavier und begann zu improvisiren.

Ihre Finger glitten zuerst gedankenlos über die Tasten; denn immer noch gingen ihr die Zahlen nach, die schrecklichen Zahlen, die sich wie Feuer in ihr Gehirn eingebohrt.

Allmählich gewannen aber die Klänge Macht über sie, und mit Gesang einsetzend, erfand sie ein Lied, in ihrer tiefen weichen Stimme, von Weh durchzogen. Wenn ihr nicht paßte, was sie improvisirt, dann schüttelte sie leise den Kopf und begann wieder.

Sie war so versunken, daß sie nicht bemerkte, was hinter ihr vorging. Winnie war hereingeschlichen, stand mit großen Augen hinter ihr und lauschte, als wollte sie jeden Ton verschlingen. Kurz darauf kam Kathleen an eines der Fenster, und hinter ihr her Tom, der eifrig mit ihr sprach. Das Kind hatte sich einmal unwillig umgesehen, aber nur einmal; jetzt drehte es ihnen den Rücken und lauschte der Mutter, die mit ihrem wunderbaren Talent etwas Ueberirdisches für das Kind hatte. »Mama hat mich nicht sehr lieb!« dachte Winnie, »aber ich, ich hab' sie lieb; denn sie singt, wie Engel singen. Die Engel würden mich auch nicht viel ansehen; denn ich bin noch ein kleines Mädchen, und oft unartig. Aber Kathleen macht Einen unartig!« dachte das Kind und bewegte die Schultern, als wollte sie abschütteln was hinter ihr war. Der Morgen in der Schulstube war stürmisch gewesen, und Winnie hatte bitterlich geweint und fühlte noch ihr kleines Herz so schwer; sie hätte es gern Jemandem zu tragen gegeben. Aber Keiner wollte es haben. Keiner verstand, daß sie es so gern hinausgethan hätte und es neu machen lassen, so artig und so fröhlich. Und da stand Kathleen, mit dem Sonnenlicht im rothen Schirm, der sie wie mit Glorienschein umgab und war so schön, so voller Grübchen, so roth und so zierlich, und Tom hatte sich auf ein niederes Gartenstühlchen gesetzt und betrachtete sie von unten herauf mit unverschämtester Bewunderung.

»Woher weißt Du denn, daß ich bei Nacht und Sturm über den Fluß fuhr?« frug er sie eben.

»Das sind meine Geheimnisse.«

»Weißt Du auch, daß mein Kahn umschlug, und daß ich mich nur schwimmend rettete?«

Kathleen's Augen wurden noch viel heller und blauer in den schwarzen Wimpern:

»Du sagtest doch, Du hättest keine Kleider mehr als die Du am Leibe hast?«

»Ich habe sie getrocknet, d. h. ich habe sie anbehalten und mich mit ihnen in's Feuer gesetzt.«

»Ich habe Deine Geschichten gern,« sagte Kathleen.

»Das glaub' ich.«

»Warum glaubst Du's?«

»Weil ich sie erzähle.«

»Das ist nicht der Grund.«

»Weil sie neu sind.«

»Auch nicht.«

»Weil ich viel Abenteuer habe.«

»Nein.«

»Weil Du mich währenddem ansehen kannst.«

»Sah ich Dich vielleicht an?«

»Nein; Du betrachtetest Deinen reizenden kleinen Fuß mit dem neuen Schuh. Nein. Warum denn?«

»Weil ich sie nicht zu glauben brauche.«

»Nicht wahr? Ich glaube Dir ja auch nicht.«

»Mir?« Kathleen wurde sehr roth.

»Nun, natürlich nicht. Wenn Du sagst, Du hättest heute Nacht nicht am Fenster gestanden und auf mich gewartet, dann glaub' ich 's nicht. Denn ich kam nur, um Dich an's Fenster zu locken, und habe Dich auch gesehen.«

»Das ist nicht wahr.«

»Sei doch nicht so unhöflich!«

»Du hast gesagt, Du kannst höfliche Mädchen nicht leiden.«

»Natürlich nicht, dann denke ich immer, sie sind häßlich.«

»Kannst Du denn nicht sehen, ob man schön oder häßlich ist?«

»O nein! ich sehe nur, was man mir zeigt, und glaube nur, was man mir sagt.« –

»Und sage nur« –

»Was andere Leute denken. Z. B. denkst Du eben, daß Du mich küssen möchtest.«

»Daß ich Dich schlagen möchte.«

»O bitte, schlag mich doch!«

»Hast Du's verdient?«

»Ich? Ich verdiente – nun, wenn Du wüßtest, was ich verdiene, Du würdest Dich entsetzen vor mir!«

»Du? Aber Tom! Du lachst!«

»Soll ich heulen wie Winnie, wenn Du ihr Stunde giebst? Wär' ich doch an Winnie's Statt, aber als Tom, nicht als Winnie! Dann küßte ich Dich für jedes Scheltwort, und für jeden Schlag bekämst Du zwanzig Küsse!«

Das Kind hörte ihren Namen, sah sich nach den Beiden um, zog die Brauen zusammen und wandte sich so rasch dem Clavier wieder zu, daß ihr Haar flog. Sie hätte gern drei Rücken gehabt und noch ein paar Stuhllehnen, und die Ohren zugehalten, um das fade Geflüster nicht zu hören, während dem Himmelsgesang.

»Sie lügen ja doch, alle Beide,« dachte sie mit tiefer Verachtung. »Mein Vater weiß es, daß sie lügen und straft mich nicht, wie die Mama, wenn mich Kathleen verklagt. Gleich wird Kathleen Mama sagen, daß ich unartig war und eine Geschichte machen, soooooo dick!« Die kleinen Mundwinkel zogen sich nach unten, und die schönen grauen Augen glitzerten, wie von Thränen, und dabei schwoll das Herzchen, als wäre es zu groß für seine Wohnung. Dann aber wurde es wieder still über dem schönen Liede. Auf einmal brach Edleen ab, mitten im Gesang, und fuhr mit der Hand über die Brauen. Da hörte sie das Lachen draußen, und mit dem Ausruf: »Ah! Tom!« wandte sie sich zum Fenster, ohne Winnie zu sehen. Das Kind stieg leise auf den Clavierstuhl und spielte nach, was es eben vernommen; die kleinen Hände suchten gar nicht viel und fanden Tonart und Melodie im Augenblick, auch gewisse Accorde dazu.

»Winnie!« rief Kathleen, »Du darfst heute nicht spielen; Du warst unartig.«

»Wie gewöhnlich,« sagte Tom. Dann steckte er seinen Arm in den der Mutter, und wandelte mit ihr auf der Terrasse auf und ab. Kathleen rupfte Rosenblätter ab und ließ sie niederflattern. Winnie huschte zum Zimmer hinaus; denn sie hatte ihre kleine Schwester rufen gehört und vermied es, soviel sie konnte, mit Kathleen allein zu sein. Tom war gekommen! Der Mutter Herz wurde weit! Tom war gekommen! Er kam doch nicht nur um Geld! er kam zu ihr, zu ihrer Liebe! Sie verzieh ihm bereits alle Qual der letzten zwölf Stunden. Denn er war gekommen! Sie fragte ihn nicht, wo er gewesen. Sie sagte ihm nichts über seine nächtliche That; denn Vorwürfe verscheuchten ihn augenblicklich; die konnte er nicht vertragen.

In den Bergwerken läutete es Mittag. Die Hämmer standen still. Wenige Minuten nachher bog Vaughan um die Hausecke, an jeder Hand eine seiner Töchterchen, die in ihn hineinzwitscherten. Sie waren ihm eine große Strecke Wegs entgegengelaufen. Als er Tom am Arm seiner Mutter sah, veränderte sich sein Ausdruck. Er ließ die Kinder los.

»Tom! Komm einmal her!«

Tom gehorchte wie ein Hund, der Schläge erwartet. »Du meinst doch nicht, daß Du Dich jetzt an meinen Tisch setzen kannst, nach Deinem Benehmen der letzten Stunden? Ich weiß alles. Du wirst in Deinem Zimmer essen; denn vor meinen Leuten hast Du Dich erniedrigt. Glaubst Du, ich weiß nicht was Du mit dem Gelde gemacht hast, das Du heute hier geholt?«

»Wenn ich freilich von Spionen umlagert bin.« –

»Wer ist Schuld daran? Wer entehrt mein Haus? Nein, an meinem Tische ist heute kein Platz für Dich.«

»Wenn ich fortgetrieben werde, so geh ich,« sagte Tom, und ging mit raschen Schritten von dannen. Edleen hatte Thränen in den Augen, Kathleen zitterte; nur die kleinen Mädchen freuten sich und kicherten heimlich über eine Ameise, die eine Raupe forttragen wollte. Sie guckten so eifrig hin, als sie nur konnten, um nichts zu hören noch zu sehen. Wäre Minnie nicht gewesen, so wäre die Mahlzeit sehr still ausgefallen. Minnie war es aber gewohnt, als kleiner Retter in gespannten Situationen einzuspringen und zu sprechen, zu sprechen, bis sich die Stirnen geglättet und das Schweigen gebrochen war. Die erste halbe Stunde hörte man fast nur ihr Silberstimmchen; nur lauschte ihm Niemand als die Diener, die gern dem Kinde die Engelslocken und die kleinen Füße geküßt hätten.

»Wenn Harry es jedesmal wüßte, wenn ich ihm etwas gebe,« dachte Edleen, »so würde er mit seiner Strenge mein Kind für immer verjagen und verstoßen.«

»Wenn Edleen wüßte, was ihr Sohn ist,« dachte Vaughan, »so würde sie vor Kummer sterben.«

»Wenn Vaughan wüßte, daß wir uns lieben, er schlüge uns todt!« dachte Kathleen.

»Wenn Kathleen wüßte, daß ich sie gesehen habe und Tom gehört habe, wie würde sie lieb für mich sein!« dachte Winnie, »nur damit ich schweige!«

»Wenn Papa wüßte, daß Tom Prinnie gepeitscht hat, er peitschte ihn wieder,« dachte Minnie und plauderte weiter von der armen Frau, die nur eine Hand hat, und dem Hänfling, der seine Jungen fliegen lehrt und wie Eins aus dem Nest gefallen und sein armes kleines Hälschen gebrochen, und wie seine armen Augen ganz todt und erloschen sind. Niemand schien an dem Tage so merkwürdig viel erlebt zu haben, als die Kleinste der Gesellschaft; denn sie war unerschöpflich.

»Papa,« sagte Winnie auf einmal aus dem tiefsten Schweigen heraus, »weiß denn eine Ameise nicht, daß sie eine Raupe nicht forttragen kann?«

»Doch, sie sieht es bald, und dann ruft sie so viele Ameisen, bis sie sie tragen können.«

»Wie Menschen.«

»Nein, viel klüger als Menschen. Die Ameisen sind wunderbare Arbeiter, Baumeister und Bergleute.«

»Wer lehrt sie denn?«

»Doch wohl der liebe Gott.« Die Augen wurden dunkler.

»Wenn der liebe Gott selber die Ameisen lehrt, warum lehrt er nicht die kleinen Kinder?«

»Hast Du nie gesehen, wie zärtlich die Ameisen die Eier herumtragen? Der liebe Gott hat auch für die Ameisen Mütter und Erzieherinnen eingesetzt.«

»Und die tragen sie immer herum?«

»Ja, hinaus in die Sonne, und herein vor dem Regen, mit großer Sorgfalt.«

»Aber wie lehrte der liebe Gott denn die Ersten?«

»Frag' doch nicht so dumm,« sagte Edleen ungeduldig, »sieh 'mal, wie Minnie häßlich ißt, Kathleen, Du giebst auch gar nicht Acht!«

»Auf, in den Garten, Kinder!« sagte Vaughan. »Das Stillesitzen ist nicht eure Sache!«

Edleen vertiefte sich in einen Schaukelstuhl im Schatten, Vaughan griff nach den Zeitungen, und Kathleen wanderte nach dem Weiher, die Schwäne zu füttern. Die kleinen Mädchen saßen bald beide im Wagen, von Prinnie gezogen und kamen jubelnd auf die Terrasse gefahren.

»Was hat das Thier denn für Striemen?« fragte Vaughan.

Der kleine Groom wurde roth und schwieg, Minnie und Winnie sahen sich an. Endlich sagte Winnie: »Tom hat's gethan,« aber so leise, daß es nur der Vater hörte. Und Vater und Kinder sahen scheu nach Edleen, ob sie nichts vernommen, die war aber in Gedanken versunken und spielte mit der Quaste an ihrem Sonnenschirm.

»Du mußt mir nicht zürnen, Edleen,« sagte Vaughan, sich zu ihr setzend, »wie soll ich Tom retten, wenn ich's nicht mit Strenge versuche?«

»Wird es ihn retten, ihn von Tisch und Heerd zu jagen?« Stimme und Lippen zitterten, und theilnahmlos folgten die Augen der reizenden Kindergruppe.

Kathleen wanderte um den Teich und ging weiter in den Park hinein, der sich mit Treppen und Hängebrücken zum Flusse senkte. Wo Farren und Dolden am dichtesten standen, verließ sie die Brücke, kroch in die Felsenspalte und legte sich in die Blumen, um zu träumen.

»Wenn ich ihn schlage, dann küßt er mich!« dachte sie, und nun malte sie sich zwanzigmal aus, wann, wie, wofür sie Tom schlagen wollte, und dann wurde sie so roth und so heiß und drückte die Wangen an die Blätter und hielt sich mit Blumen die Augen zu, bis die wunderbarsten Farben davor herumtanzten.

»Ich hab's lieber, wenn er lügt, als wenn ein Anderer die Wahrheit sagt. Vaughan ist so plump mit seiner Wahrhaftigkeit, und wie er ihn behandelt hat! Ich wäre ihm gern nachgelaufen! Armer Tom! Er war beinahe ertrunken, und kam hungrig und bekam kein Stückchen Brod von seiner Mutter Tisch. Armer Tom!« Kathleen weinte, und die Blumen waren wenig erfreut, daß der Thau heute warm und salzig war.

Da klangen Stimmen hinter dem Felsen, und auf die Brücke kamen Schritte:

»Temorah!« sagte Tom, »Temorah! hör' mich doch!«

Ein wunderschönes Mädchen, in der schwarzen wälschen Tracht, mit dem hohen Filzhut auf den blonden Zöpfen betrat eben die Brücke, in der Hand einen mächtigen Strauß Feldblumen, um die Schultern den schwarzen Mantel. Sie lehnte sich an das Geländer und kehrte den Rücken der Stelle zu, wo Kathleen in den Farren versteckt lag. Ein Sonnenstrahl stahl sich durch die Baumkronen auf die Brücke hinunter und beleuchtete das frische Gesicht, die träumenden Augen mit den dunkelblonden Brauen und Wimpern und die Corallenlippen.

»Meine Mutter hat mir noch im Sterben gesagt, ich soll mit Euch nichts zu schaffen haben.«

»Aber, liebe, schöne Temorah!« schmeichelte Tom, und die Sonne vergoldete seine ganze Haut und streute Goldkörner in seine grünen Augen; »Was kann ich Dir denn thun? Warum soll ich denn nicht ein Wörtchen mit Dir sprechen? Wenn Du wüßtest, wie unglücklich ich bin, und wie mich mein Stiefvater mißhandelt« – – Tom brach ab und wischte sich die Augen .

»Euer Stiefvater?« sagte Temorah und sah ihn an.

»Er hat mich früher bald todtgeschlagen, und heute hat er mich von seinem Tisch gewiesen!«

Tom legte die Arme auf's Brückengeländer, den Kopf darauf und schluchzte. Und die Sonne streichelte sein schwarzes Haar. Temorah fühlte ihr Herz pochen, stand aber wie aus Holz gemeißelt, gerade und aufrecht:

»Hungrig seid Ihr?«

»Ja, freilich bin ich hungrig!« murmelte Tom.

Temorah sah ihn wieder an und blickte dann hinunter, wo die Sonnenlichter zwischen den Blätterschatten im Laube spielten. Da klang's von kurzen, raschen Schritten. Ein Reh kam vorbei, sicherte nach der Brücke hin, machte einen weiten Satz rechtsum und war verschwunden.

Tom richtete sich auf: »Bald bin ich nichts weiter als ein gescheuchtes Wild, und wenn ich Dich bitte, mir in Deinem Häuschen Unterkunft zu gewähren, so ist es, weil ich nicht habe, dahin ich mein Haupt legen kann.«

»Ich darf nicht,« sagte Temorah und stand noch gerader.

»Warum darfst Du nicht? Du hast Niemand! Du bist eine Waise! Und mich reißt man von der Mutter fort. Wir sind Beide sehr unglücklich, Temorah, so unglücklich, daß wir Keinem Rechenschaft schuldig sind für unsere Thaten!«

»Doch, Gott.«

»Gott hat uns verlassen!«

Temorah starrte wieder in die Tiefe, wo die ganze Natur in jauchzendes Glück versenkt schien, in des Glückes überströmende Sattheit. Und sie hatte so viel geweint, so viel, so viel! Sie kam eben von der Mutter Grab, mit den Blumen, die dort wucherten und hatte so viel geweint, und die Mutter gerufen und ihr gesagt, daß Tom so schön sei, und daß sie Tom fast so lieb habe wie sie selber! Und die Mutter hatte gar keine Antwort gegeben. Ihr Vater lag im Bergwerk verschüttet, und Edleen und die Kinder waren gut für sie, und Tom war der Allerbeste. Und nun war Tom so unglücklich.

»Nur für diese eine einzige Nacht laß mich in Deinem Hüttchen schlafen!« begann Tom, schlüpfte den Arm unter ihren Mantel und ihr um den Leib, so stark und so geschmeidig; und wie er sie an sich drückte, fühlte er ihres Herzens Stürmen an seiner Brust. In seinen Augen blitzte es triumphirend auf.

»Du hast mich gar nicht lieb, kein bischen, Temorah. Du bist so kalt wie der Felsen dort! Einmal kannst Du einem Menschen Gutes thun, und es kostet Dich nichts!«

»Es kostet mich alles!«

»Nun, dann laß es alles kosten und hab' mich lieb! Laß mich zu Dir herein, dies einzige mal!«

»Komm!« flüsterte sie. Da schloß er sie jauchzend in die Arme, und die Vögel jubelten, und der Fluß drunten rauschte und die Blätter zitterten ringsum.

»Temorah ist mein! Wald! Wald! Temorah ist mein!« jubelte Tom.

Und Temorah stand und hielt sich mit beiden Händen am Brückengeländer und war weiß wie der Tod.

»Sei doch still!« flüsterte sie, »meine Mutter könnte es hören!«

»Temorah! Wenn Du nur wüßtest, wie lieb die Liebe ist! Wenn Du nur wüßtest wie froh die Rehe sind und die Libellen und das kleinste Käferchen! Du würdest Dein Haus mit Blumen schmücken, mich festlich zu empfangen!«

»Ich werde es schmücken; denn ich liebe Dich!« Und dahin gingen sie Arm in Arm, wie zwei schöne Blumen, von den Sonnenlichtern geküßt.

Als sie um die Felsenecke verschwunden waren, bewegten sich die Farren. Kathleen richtete sich auf, und ein Blick schoß aus ihren blauen Augen, wie wenn stählerne Klingen vor der Esse blitzen. Sie knirschte mit den Zähnen, sie rang nach Luft, endlich schrie sie laut hinaus und wälzte sich in den Blumen hin und her.

»Tom! Tom! Tom! Tom! ich kann nicht! ich sterbe! ich sterbe, Tom! kehr um! es ist nicht wahr! Tom! Tom! hör' mich! ich sterbe!«

Wilder, heißer, wahnsinniger Schmerz überströmte sie wie Lava. Und die Natur lachte weiter, den beiden Liebenden nach und hatte nicht einen mitleidigen Wolkenschatten für das brechende Herz, das sich einsam an den Boden schmiegte und der Mutter Erde, der überreichen, gleichgültigen Mutter Erde fluchte, die es geboren.

Kathleen hatte bis zu der Stunde noch nie gewußt, was Leid sei. Nun kam es über sie mit tödtlicher Gewalt. Es war nicht eine Faser an ihrem Leibe, die ihr nicht zu reißen schien. Der Boden brannte wie höllisches Feuer. Den Mund hatte sie mit Erde gefüllt, um sein Geschrei zu stillen, und nun meinte sie zu ersticken. Da erklang ein gewaltiges Rauschen über ihr. Ihr stand das Herz still vor Schrecken. Es war aber nur ein Raubvogel, der sich einschwang, den schreienden kleinen Gefangenen in den Krallen.

Kathleen sprang auf die Füße und lief weiter, sie wußte nicht wohin.

Immer weiter, nur fort von ihrem Schmerz, von seinem Heim, von seiner Nähe, von Menschennähe überhaupt. Hut und Handschuhe hatte sie in den Farren gelassen und rannte nur weiter, wie das Reh vor unbekannter Todesgefahr.

So kam sie endlich an den Kirchhof. Ein wunderbareres Fleckchen Erde hat es wohl auf Gottes Welt nicht gegeben. In einer Thalsenkung, von Bäumen überschattet, von mächtigen Felswänden vor jedem Windhauch geschützt, mit einem schmalen Durchblick auf das fern schimmernde Meer. Unter moosigen Steinen wohnte hier die Ruhe, der heiligste Frieden. Vögel und Blumen hatten sich den Ort zur Heimstätte erwählt; in den dichtesten Epheugewinden um ganz zerfallene Monumente nisteten die Nachtigallen. Es war, als wollte die Friedensstätte das geängstete Menschenkind an sich locken. Gleichgültig und gedankenlos schlich Kathleen zwischen den Gräbern umher, bis ihr Auge zufällig durch den Namen Temorah auf einem einfachen Holzkreuze angezogen wurde. Sie bückte sich und sah, daß es die vielbeweinte Mutter ihrer Feindin war, die hier begraben lag, und ein häßlicher Gedanke durchkreuzte ihren Kopf. Sie zog ein kleines Taschenmesser heraus, setzte sich auf das Grab und schnitzte in großen Buchstaben den Namen: »Tom« in das Holzkreuz. »So,« sagte sie, »jetzt weißt Du, was Deine Tochter ist. Jetzt hab' ich's Dir gesagt. Hörst Du's?« Sie lächelte.

Während sie noch so saß und sich von ihrer Arbeit ausruhte, fiel ihr ein, daß Temorah mit dem sogenannten zweiten Gesicht behaftet sei, und daß ihr das Kreuz bald verkünden würde, wer hier gewesen. »Pah!« sagte sie, »hier kommt sie nicht wieder her. Sie schämt sich.« –

Dann wurde ihr Herz ganz kalt und still, und sie sah, daß die Schatten lang wurden.

Da raffte sie sich auf und wanderte dem Ausgang wieder zu, so ruhig, als machte sie einen angenehmen Spaziergang. Am Ausgang, der in Felsen gehauen war, nicht gemauert, fand sie in verwitterten, moosigen Steinen folgendes altes Lied, das sich ihr in's Gedächtniß grub, mit der Schärfe, die alles in großen Leidensstunden annimmt.


Der Herzen drei, der Herzen drei,
Die waren unter die Erde gelegt,
Nicht schlummert, nicht schlummert des Helden Herz:
Ich muß erwachen, weil man sich schlägt, weil man sich schlägt.

Der Herzen drei, der Herzen drei,
Die hatte der Erdengrund eingehüllt.
Nicht schlummert, nicht schlummert der Mutter Herz:
Ich will erwachen, wo's leiden gilt, wo's leiden gilt.

Der Herzen drei, der Herzen drei,
Die lagen im Erdengrund. Im April
Nicht schlummert, nicht schlummert der Jungfrau Herz:
Es muß erwachen, was lieben will, was lieben will.



III.
Reich und glücklich.

»Neun!« rief Tom und warf die Würfel auf den Tisch. »Neun! Ich habe die höchste Zahl! Noch ein Glas Whisky, schönste Ginevra, Weib meines Herzens! Perle von Glanberris, Königin der Tavernen von Carnaervon bis Cardigan! Und noch ein Glas, mein Schatz! Und noch eines, Juwel meiner Bettlerkrone! Und hier hast Du Geld und den schönsten Ring meiner Mutter, den ich ihr vom Finger gezogen! Sieh mal, welch ein Stein! Er kommt von der Stirn des höchsten indischen Gottes. Da hat ihn mein Vater geraubt. Er stürmte in den Tempel, die Hindus hinter ihm her; er machte Alles nieder, rechts und links; der ganze Tempel schwamm in Blut; mein Vater stürzte auf den Götzen los, faßte ihn um den Leib, warf ihn zur Erde, holte den Stein mitten aus der Stirn –«

»Womit denn?« fragte einer der Männer, die den Tisch umstanden und umsaßen, im Schein der einzigen Laterne, die mitten darauf stand. Sie wußten nicht, daß sie malerisch beleuchtet waren, diese wetterharten Männer, mit den schön geschnittenen Gesichtern und den tiefliegenden Augen. Im Tabaksqualm sahen diese Hünen der Berge, die dem Erdenschoß seine Schätze entrissen, noch viel gewaltiger aus. Ginevra, die Wirthin, gab ihnen nichts nach. Hoch aufgerichtet in ihrer schwarzen Tracht, mit dem Schatten, den sie warf, schien sie bis zur rauchgeschwärzten Decke zu reichen. Sie eilte sich nicht, die Hand nach dem Kleinod auszustrecken, das zwischen Tom's Daumen und Zeigefinger funkelte, ob aus Würde oder aus Unwissenheit und Unbekanntschaft mit dem Werthe desselben, stand nicht auf ihrem frischen Gesicht.

»Ja, das war ein Held, mein Vater!« fuhr Tom fort, als hätte er die Frage nicht gehört. »Nicht einer von euern Geldmenschen, die nur auf Gewinn bedacht sind, die jeden Groschen in der Hand wiegen, ob er sich nicht in Geld verkehren läßt! Darum fiel ihm der Schatz in den Schoß.«

»Merkwürdig, daß er dabei nicht reicher wurde,« sagte ein Anderer.

»Er war so wie ich,« rief Tom, »alles theilen, was er hatte! Immer hergeben! Er konnte nichts für sich behalten!«

»Zwölf!« rief Einer, und warf die Würfel neu. »Hergeben was Ihr gewonnen!« Er lallte.

»Hier, mein Freund!« Tom warf Geld auf den Tisch.

»Womit brach er denn den Stein heraus?« fragte der Erste wieder.

»Mit dem Degen natürlich. Schönste Ginevra! Was wird Deine Hand sagen zu solch' einer Pracht?«

»Steine gehen durch unsere Hände, aber bleiben nicht dran hängen,« sagte einer der Bergleute.

»Da steckt Werth drin,« meinte ein Andrer.

»Werth!« rief Tom, »ein ganzes Vermögen steckt da drin! Mit dem bin ich viel viel reicher, als mein Stiefvater, und gebe ihn fort für ein Glas Whisky. So bin ich!«

In dem Augenblick, da Tom das Kleinod der Wirthin überreichen wollte, schob sich eine andere Hand dazwischen, eine große kräftige Hand, an der die Knöchel stark hervortraten und die Adern hoch aufschwollen, und eine tiefe Stimme sagte:

»Nein, mein Junge, dieser Ring kommt Ihnen nicht zu. Er stammt von meines Herrn Mutter, von der alten Frau Vaughan. Der hat mit Ihres Vaters Heldenthum gar nichts zu schaffen. Ich werde Ihre Frau Mutter fragen, ob es ihr Wille ist, daß Sie den Ring haben sollen.«

Einen Augenblick saß Tom wie versteinert, als hätte er den Gebrauch von Zunge und Gliedern verloren. Dann sah er die gespannten, fragenden Gesichter auf sich gerichtet und sprang auf.

»Seit wann erstreckt sich Ihre Herrschaft auf meiner Mutter Eigenthum?« rief er trotzig.

»Seit sie unter meines Herrn Schutz steht, von dem sie alles empfängt.«

Tom stellte sich hinter einen der am Tische Sitzenden, so daß er ganz in Schatten kam.

»Und da messen Sie das Brod, das sie verzehrt, wieviel ihr neues Kleid kostet, wieviel werth ihre Schönheit sein mag.«

Der also Angeredete nahm ruhig die Laterne vom Tisch und hielt sie Tom in's Gesicht.

»Nein,« sagte er, »bis jetzt habe ich nur ihren Sohn gewogen und zu leicht gefunden. Das hilft nichts, sich vor mir zu verbergen. Ich sehe die Würfel, ich sehe das Geld und die rothen Gesichter. Ihre Reden, die kannte ich schon; sie gleichen sich alle. Und wenn Sie meines Herrn Arbeiter in Ihr Leben hineinziehen, dann bekommen Sie es mit mir zu thun.«

»Ich bin kein Aufwiegler.«

»So? sind Sie das nicht? Und wer sprach von Herrn Vaughan's Geiz und Geldgier und von anderer Leute Freigebigkeit?«

»Ich sagte nur die Wahrheit. Ich bin nun einmal solch ein offener Mensch, ich kann mit der Wahrheit nicht zurückhalten. Und daß ich so von Herrn Vaughan denke, daran sind Sie vielleicht schuld.«

Die Adern schwollen dem Anderen nun auch auf Stirn und Schläfen, während er die grauen buschigen Brauen zusammenzog, unter denen die Augen hervorblitzten, wie zwei Saphire, so steinern, so klar und leuchtend. Sie sahen den jungen Mann durch und durch, so daß der den Blick zu Boden senkte und die hübschen Lippen biß.

»Und wenn ich schuld bin,« sagte der Alte, und die Laterne bebte ein wenig in seiner Hand, »so sind Sie sehr unvorsichtig, mit dem alten Owen den Kampf aufzunehmen. Wenn ich Ihre Mutter nicht schonen kann, so ist es Ihre Schuld, Sie hergelaufener Bube, mit dem ich kein Mitleid kenne. Denn für mich gibt es nur einen Weg, den geraden, und den bin ich gegangen mein Lebenlang.«

Des Sprechers Stimme war tief geworden, wie Orgelton, nicht besonders laut, und doch klangen die Wände, und die Decke schien zu zittern, im unruhig flackernden Laternenschein. Der alte Mann überragte alle die jungen Leute, und Tom sah aus wie ein Rohr, in das der Sturmwind fegt.

Niemand sprach ein Wort, während Owen noch eine ganze Weile dem todtenbleichen Tom das Licht in die Augen hielt, mit einem Blick, unter dem ein Blatt hätte welken und absterben können. Dann stellte er die Laterne klirrend auf den Tisch und verließ mit dröhnend schweren Schritten den Raum, die Thüre hinter sich zuwerfend, daß die ganze Wand erschüttert wurde. Da hob Tom den Kopf und zeigte seine weißen Zahnreihen, aber sein Lächeln sah nicht echt aus.

»Nun, Kinder, da die Nachteule fort ist, nun laßt uns trinken und fröhlich sein, so lang ich einen Groschen in der Tasche habe! Ich geh' nach Australien und suche mein Glück. Wer will mit mir?«

Es war aber, als hätte plötzlich kalter Nebel den ganzen Raum gefüllt, und als sähen diejenigen sich nur noch undeutlich und aus weiter Ferne, die eben Brüderschaft getrunken. Einer nach dem Andern nahm seine Kappe und schob sich hinaus. Tom gedachte doch noch, den Schlußaccord zu spielen, und rief:

»Herrliche Ginevra! ich bitte um ein Lager für diese Nacht und um ein Stücklein Brod. Mein Stiefvater hat mich von Haus und Heerd gejagt! Ich weiß nicht wohin!«

Der Effect dieser Rede wurde einigermaßen abgeschwächt, als man den jungen Herrn am andern Tage auf Herrn Vaughan's bestem Hengste durch Berg und Thal jagen sah, als wollte er dem herrlichen Thiere die Glieder brechen. Dies war auch vollkommen seine Absicht. Nur war das Pferd diesmal geschickter als sein Reiter und kam gesund nach Hause.

Im Salon saß währenddem seine Mutter, von heißer Gluth überströmt, mit dem verhängnißvollen Ring in der Hand, unter dem Feuer von des alten Owen Augen.

»Hätten Sie mir erlaubt, Ihrem Sohn die Hundspeitsche zu geben, so müßte ich Ihnen nicht heute sagen, daß er noch auf die Galeeren kommt, oder an den Galgen. Mein Herr will Ihnen nicht weh thun. Wenn Sie aber so fortfahren wie bisher, so kann Ihnen Niemand das Ende ersparen.«

Edleen rang die zarten Finger, daß sie roth wurden, und bewegte die vertrocknenden Lippen. Ihr Athem keuchte, und ihre Augen schwammen. Unter des alten Mannes furchtbarem Blick konnte sie aber nicht einmal weinen.

»Ich weiß, daß mein Kind und ich in diesem Hause stets als Eindringlinge betrachtet worden sind,« sagte sie endlich mit unsicherer Stimme, die sie räuspernd fest zu machen suchte.

»Es stand unserm Herrn frei, sich wieder zu vermählen, und wir hatten Keinen als Eindringling zu betrachten, den unser Herr aufzunehmen wünschte. Für uns handelt es sich nur um seinen Besitz, den er im Schweiße seines Angesichts erworben, und den wir zu vertheidigen haben.«

»Wie können Sie nur um das bischen Geld solch eine Geschichte machen!«

»Es handelt sich nicht um wenig oder viel; das Viel wird schon kommen, und dann werden Sie vor dem alten Owen auf den Knien liegen und sagen: Retten Sie mein Kind! und dann wird es zu spät sein.«

»Aber er ist doch nicht so furchtbar schlecht?«

Der alte Mann drückte die Lippen zusammen. Die Frage klang so naiv, wie von einem Kinde.

»Meine theure, gnädige Herrin,« sagte er langsam. »Bitte, legen Sie Ihre Hand in die Meine und versprechen Sie mir heilig, daß Sie Ihrem Sohn gegenüber stark sein wollen, ihm kein Geld mehr geben und ihn zu mir schicken, so oft er welches braucht. Versprechen Sie! Ich will Sie gegen sich selber stark machen?«

Zögernd legte sich die zarte Hand in die dargebotene, die sie fest umschloß, und in der sie ganz verschwand.

»Ich halte Ihr Versprechen,« sagte Owen. »Ich glaube, ich habe in meinem langen Leben etwas Vertrauen verdient; denn ich habe nie an mich selber gedacht, sondern an meinen alten Herrn und an seinen Sohn und an dessen Kinder; ich habe schlechte und gute Tage miterlebt, und so wahr Gott mir helfe, sollen die Guten die Oberhand gewinnen und die Sorgenfalte von meines Herrn Stirn wieder verschwinden.«

»Es thut mir leid, daß mein Sohn und ich nicht in die Armuth zurückkehren können, aus der wir gekommen, und unsere Spur verwischen!« sagte Edleen mit bebender Stimme und bis zur Bitterkeit herabgezogenen Mundwinkeln.

»Es thut mir leid, daß ich Sie nicht stark und fest machen kann, und daß Sie mir zürnen, statt mir zu vertrauen.«

»Ich vertraue Ihnen ja blind, lieber Owen! das wissen Sie doch! Sie sind des Hauses Säule!«

»O bitte! Das verlange ich nicht. Worte sind nicht meine Sache. Ich gehe nur hier hinaus, und schon macht Ihr Sohn mich nach, hier an der nämlichen Stelle, und Sie lachen und geben ihm, was er will. Die Hundspeitsche hat er verdient! Statt der süßen Reden hätten Sie sagen sollen: Lieber Owen! nehmen Sie meinen Buben und machen Sie einen Mann aus ihm!«

»Ach! ich konnte nicht! Dem Tode hab' ich ihn abgerungen und ihn bewacht wie eine Blume! Es ist ein Wunder, daß er lebt!«

»Und in den Tod der Seele lassen Sie ihn verfallen. Nein, so versteh' ich Mutterliebe nicht.«

»Sie können sie nicht verstehen, lieber Owen!«

»Nein, offenbar nicht.«

»Sie hat keine Grenzen.«

»Hat sie die nicht?«

»Sie ist eine Leidenschaft, die bis zur Sünde geht.«

»Und bis zum Verbrechen, und Warnungen gibt es nicht.« Er stand auf. »Doch ich habe Ihr heiliges Versprechen! Das Wort ist doch stärker als alles!«

»O! es ist heilig, ja gewiß, es ist sehr heilig!«

Owen war noch nicht weit fort, da schlüpfte Tom von der Terrasse herein, wo er seit einiger Zeit gehorcht.

»Natürlich ist es heilig, Du alter Priester, Du Scheinheiliger! Wer weiß, wieviel er selber stiehlt. Man sagt, er hat zwei Häuser in London.«

»Oh Tom!«

»Ganz gewiß, Mutter! ich kenne diese braven Leute ganz genau! Mir sind die Windbeutel lieber. Mutter, liebe Mutter! gib mir Geld!«

»Wieder? ich darf nicht mehr.«

»Ha! ha! ha! Du darfst nicht! Was kann Dir die Nachteule denn thun, wenn Du mir Geld gibst! Ich brauche es so nöthig! Du wirst doch Dein Kind nicht ehrlos werden lassen! Mutter! liebes Mutterchen!« Er schlang die beiden Arme um ihren Leib.

»So! nun ist sie in meiner Gewalt! Und da gilt kein Versprechen, wenn man gezwungen wird! Haben sie mein arm' Mutterchen so erschreckt! Es zittert ja wie ein gescheuchtes Vögelchen! Und wie sein Herzchen schlägt! Solch' ein häßlicher alter Raubvogel! Hast Du nicht gesehen, was er für Krallen hat? Solche Krapschkrallen, vom ewigen Geldraffen. Pfui, Mutter! Unter was für Geldgier sind wir Beide gerathen! Du wirst sehen, die Schwestern sind auch schon so. Du und ich, wir bleiben eben unverstanden und ungetröstet und müssen uns ganz allein durchs Leben schlagen! Meine arme süße Mutter!«

Sie lauschte dem Honig seiner Rede, wie ein Reh dem Blatten, und nicht lange dauerte es, so hatte sie wieder in die verhängnißvolle Schublade gegriffen und Geld herausgeholt. Ihr war es, als errötheten ihre Hände dabei. Die waren aber schneeweiß geworden.

Sie kam sich erniedrigt vor; daß sie ihr Wort gebrochen, daß sie ihrem Sohn zugehört, daß sie den alten Owen nicht vertheidigt, als ihn Tom mit Schmutz beworfen, aber sie konnte den Alten nicht leiden und hätte so gern Unredliches von ihm glauben wollen, um das Recht zu haben, ihn zu hassen. Tom war längst fort mit seiner Beute, und sie stand noch im Zimmer und drehte gedankenlos an dem bewußten Ring und wischte ihn mit dem feinen Taschentuch, als wollte sie die Berührung unsauberer Hände herunterwischen und dabei starrte sie hinaus, ohne zu blinzeln.

Sie sah sich an einem Abhang hinabgleiten, in dem irgendwo ein Spalt in tiefen Abgrund führte; nur kannte sie die Stelle nicht genau, wo sich der Abgrund aufthun würde.

»Mama! Mama! Papa hat gesagt, wir fahren zum Vicar! Wir fahren zu Gwynne's! Mama! schnell!«

So stürmten die Kinder herein, und zogen die Mutter an Händen und Kleidern fort, damit sie sich schneller fertig machte.

»Wo ist denn Kathleen?«

»O, die zieht sich schon an. Sie setzt ihren Hut auf!«

»Komm, Mama! komm, Mama! Gleich ist der Wagen da! Komm, Mama!«

Zum Vicar fahren, das war immer das größte Fest, und Edleen's schwerem Herzen war der Gedanke an die Fahrt eine Wohlthat, auch das Besuchen des friedvollen Hauses. Sie hoffte Ruhe für ihr gequältes Gemüth.

Vaughan war ernst und still in seiner Wagenecke, Edleen fand nichts zu sagen, Kathleen wußte überhaupt nie mehr, wo sie war, und sprach kein Wort. Nur die Kinder jubelten über das Dammwild im Park, über die herrlichen Bäume, über die leuchtenden Wiesen, den Fluß, der mitten durch brauste, mit der Urgewalt des Gebirgswassers, ungestüm auch in der höchsten Civilisation. Und dahin rollten die Räder durch die wundervolle Gegend, lautlos und weich; man hörte nichts als der herrlichen Pferde gleichmäßiges Traben. An den Bergmannsdörfern vorbei. Die Frauen traten knicksend und grüßend auf ihre Schwellen. Vaughan war angebetet in der ganzen Gegend, und der Wagen voll Schönheit und strahlendem Glück war ein erheiternder Anblick für Alle. Manche Stirn glättete sich, wie sie so dahinrollten, und der Glauben an irdisches Glück wurde in manchen Herzen wieder wach.

Nun bogen sie in den vielhundertjährigen Park des Vicars, in dem das Abtei-ähnliche uralte Haus verborgen lag. Wie in einer Halle klangen die Pferdehufe unter der hohen Wölbung der Baumkronen.

Ein paar wundervolle Hunde, wie junge Bären sprangen bellend und schweifwedelnd entgegen; die Pfauen ließen ihr Radschlagen, und mit fächerähnlich ausgebreitetem Schweif liefen sie schreiend davon. In den hohen Bogenfenstern blitzte die Sonne warm und einladend und verkroch sich schelmisch in den Massen von schwärzlichem Epheu, der mit Riesenarmen die Mauern seit Ewigkeiten umklammert hielt. Drei kleine Kinder, ein Knabe und zwei Mädchen, kamen jubelnd über die Wiese gelaufen und begrüßten ihre Freundinnen im Wagen. Die Kinder hatten das Haar über der Stirn gerade geschnitten, und in wogenden goldenen Locken neben den Bäckchen bis an die Gürtel herabwallend, Eins wie das Andere, als hätte der Maler seine Phantasie nur einmal anstrengen wollen, um der Haare Gold, der Augen Sterne und die glühenden Aepfelchen der Wangen zu malen. Sie waren zum Hineinbeißen, und Edleen fühlte mit einem Stich, daß ihre Kinder sehr zart aussahen neben diesem Hünengeschlecht. Die Hunde steckten gleich ihre haarigen Schnauzen Winnie und Minnie ins Gesicht, und der Eine wedelte Minnie um, sprang dann noch mit beiden Vorderpfoten auf sie, während er sich niederlegte und den Boden fegte mit seiner mächtigen Fahne. Der Jubel der Kinder über diese Scene rief rasche Schritte über den Vorplatz heraus und zwei wunderschöne Mädchen, hoch, schlank wie junge Pappeln, mit Kronen von blonden Zöpfen und Gesichtern wie thauige Blumen, und flaumige Früchte flogen Edleen und Kathleen in die Arme, hoben die kleinen Mädchen hoch in die Luft und schwangen sie im Kreise herum, um sie nach Herzenslust zu küssen.

»Wie Du stark bist, Una!« sagte Vaughan bewundernd zur Aeltesten.

»Und wie Du gewachsen bist, Gladys!« sagte Edleen.

»Zu sehr! viel zu sehr! Mein Vater läßt schon alle Zimmerdecken erhöhen!«

Diese Rede erweckte große Heiterkeit beim Eintreten in den Sommersaal, der an Höhe eher an eine Kirche erinnerte.

Eben jagten drei junge Leute zu Pferde in's Portal, sprangen herab und kamen mit freudigen Begrüßungen herein. Der Aelteste war schon ein junger Mann, die beiden Andern noch Knaben, aber Alle, Alle waren frisch wie der Morgen und gesund wie eine Seebrise.

Eben trat die Mutter dieser Schaar herein, auf jedem Arm ein Kleines, das süßeste Zwillingspärchen, das man in hundert Zaubergärten hätte suchen wollen. Sie sahen Eins aus wie das Andere, Lilly und Lotty, und hatten so unermeßlich große Augen, als hätten sie den Himmel darin verschluckt. Die Mutter strahlte in voller Schönheit. Keine Spur von Müdigkeit war in ihrem elastisch ruhigen Gesichte zu lesen, sondern eine Harmonie der Züge, des Ausdrucks wie des Körpers ließen von dieser Frau ein Gefühl von Duft ausgehen, wie von einer Silberlinde in voller Blüthe. Frug man: Ist sie schön? »Natürlich ist sie schön!« war die Antwort, aber Keiner wußte recht, warum sie so schön sei, bis man den Mann sah, der eben aus seiner Bibliothek dem fröhlichen Stimmenschall entgegengeschritten kam. Da wußte man, warum Frau Gwynne schön sei. Denn herein trat der Vicar, und wenn das Zimmer vorher fröhlich war, so schien es nun erst hell zu werden durch den sonnigen Blick, der aus dieses Mannes wundervollen Augen strömte. Seine Gestalt war hoch, seine Züge edel, der Mund zeigte eine Milde und Güte, daß man ihm gleich alle Herzensschleusen aufthat, noch ehe man ihn kannte. Eine Wärme ging von ihm aus, als wäre er ein Mittelpunkt, ein Kern von Licht und Gluth. Die Kinder gehorchten und wußten nicht, warum. Die Frau hatte keinen andern Gedanken als ihn. Die Armen umdrängten ihn. Die Sünder küßten seiner Schritte Spur, und wer sich vor ihm verbarg, dem mißtrauten Alle; der mußte ganz verloren sein.

Dieses sonnige Heim that seine Arme auf und schloß die Müden ein, die es eben betraten.

»Wie sie glücklich sind!« dachte Edleen und sah die wohlgerathenen jungen Leute an, von denen der Aelteste eifrig mit Kathleen im hohen Bogenfenster sprach, so daß sich ihre Köpfe gegen das sonnige Grün draußen dunkler abhoben.

»Sie sind traurig, Kathleen. Was fehlt Ihnen?« sagte der junge Mann und sah ihr besorgt unter die dunkeln Wimpern, die sich eigensinnig auf die Wangen senkten.

»Ich kann Sie nicht so traurig sehen, Kathleen; Sie wissen, daß ich's nicht kann! Reißen Sie mir das Herz nicht aus, sondern sagen Sie mir, was Ihnen fehlt!«

Kathleen hob langsam die Lider und sah an ihm vorbei zum Fenster hinaus. Sie dachte, wie thöricht sie sei, die starke Liebe eines vortrefflichen Menschen zu verschmähen und ihr Herz an den Windbeutel zu hängen. Aber ach! Der verständigste Verstand steht machtlos vor dem thörichten kleinen Herzen, das seine eignen eigensinnigen, unwürdigen Wege wandert.

»Nicht fragen, Morgan! es wird wieder vergehen!« Die beiden Zwillinge spazierten eben Hand in Hand durch den Saal, ungeheuer ernst im schwierigen Vollbringen einer so weiten Reise, und alle andern Kinder begleiteten und umjubelten sie und wehrten die Hunde ab, die sie durchaus lecken und umwerfen wollten. Una ging mit ausgestreckten Händen, die schlanke Gestalt vorgebeugt, hinter ihnen her, während Gladys den Thee machte und wunderfeine Butterbrödchen zusammenschnitt und zierlich umherlegte.

Die Erwachsenen sprachen eifrig über die Bergleute und was für ihr Wohl zu thun sei und hatten sich in dieses Thema, das ihnen Allen sehr am Herzen lag, so vertieft, daß sie den Kinderspectakel gar nicht hörten. Die Theemaschine sang so heimlich dazu, und das Dammwild kam an die Fenster, von den Kindern den Nachmittagsimbiß mit sehr dreisten Gesichtern fordernd. Ihre Schatten zogen sich zierlich verlängert auf der smaragdgrünen Wiese dahin, und in den Bäumen war ein Vogelgezwitscher, als wollten sie den Kinderjubel übertönen. Die beiden Jünglinge hielten die Hunde fest, und lockten die Pfauen zum Futter herbei. Es waren auch Meerschweinchen und Kaninchen geboren und junge Katzen, und ein kleiner Bernhardiner, dem die wolligen Haare auf der Stirn und am ganzen Körper gerade hinausstanden, so daß er wie eine Kugel aussah, hatte ein junges Kätzchen als Spielgefährten, und tappte mit seinen breiten haarigen Tatzen darauf. Das Kätzchen drückte sich gegen den Boden platt, und versetzte ihm Ohrfeigen, die aber seiner strubbeligen Schnauze nicht weh thaten. Er machte nur ein sehr dummes, verdutztes Gesichtchen dazu, worüber sich die Kinder auf der Erde kugelten und so furchtbar lachten, daß die beiden Zwillinge beinahe zu weinen angefangen hätten, wenn die Schwestern ihnen nicht schnell die Kaninchen auf den Schooß gegeben hätten, die sie an den Schwänzchen zogen, weil sie gar nicht begreifen konnten, daß die Schwänzchen nicht lang werden wollten, wie bei den Hunden und Katzen.

Die Kinder meinten, Lilly und Lotty sehen gerade so verwundert aus, wie der kleine Bernhardiner, und da lachten sie wieder unbändig, und der kleine Bube wälzte sich auf der Erde und streckte die Beine in die Luft, zum großen Entsetzen seiner Schwestern.

Der schönste Tag geht leider schnell zu Ende, und ein Besuch beim Vicar noch schneller.

Die Insassen des heimrollenden Wagens hatten gar keine Lust, das schwere Herz auf dem Wege wieder mitzunehmen, das sie dort abgelegt hatten, um sich ein wenig zu freuen. Minnie und Winnie dachten, wie gern die Vicarkinder »Mama!« sagten und sich gar nicht vor ihr fürchteten, und wieviel freundlicher Una und Gladys seien als Kathleen. Vaughan dachte, daß er keinen Sohn habe, seinen Namen mit Ehren zu tragen. Edleen fühlte einen Strom von Neid und Bitterniß ihr Herz schwellen, und Kathleen dachte:

»Wär' ich doch todt!« –

So fuhren sie dahin, und wieder kamen die Leute auf ihre Thürschwellen und fanden sie so glücklich.

Nicht so die Bewohner des Vicariats. Die jungen Mädchen und Morgan sprachen von Kathleen's Traurigkeit, während die Aeltern meinten, Tom würde Mutter und Stiefvater unter die Erde bringen.

»Wenn Du wüßtest, was er eben treibt!« sagte der Vicar. »Und ich fürchte, seine Eltern wissen's oder ahnen's auch. Sie sahen so schwer beladen aus und als grollten sie einander. Es thut mir leid, daß man ihnen nicht helfen kann. Sie könnten so glücklich sein!« –

»Wenn Edleen fester sein wollte!«

»Ja, wenn! Das ist es ja eben. Doch wir haben gut reden. Wer weiß, warum sie so schwach ist. Wir würden ihr verzeihen, wenn wir's wüßten.«

»Arme Frau!«

»Ja, arme Frau! sie wird die Hölle durchwandern, und zwar auf der Erde. Und dann wird sie denken, daß sie selbst das Thor dazu geöffnet und selbst hineingegangen ist.«

»Sie hat hier geruht.«

»Glaubst Du, mein Herz? ich fürchte, sie hat unmenschlich gelitten durch unsere sonnigen Kinder!«

Als der Wagen am Parkthor hielt, damit es geöffnet würde, stand Tom da, an das schäumende Pferd gelehnt. Er sprach offenbar mit Jemand, einer Frauengestalt, die sich hinter einen Baum versteckte. Kathleen hatte sie aber erkannt.

Tom kam unbefangen an den Wagen heran.

»Ihr kommt von Gwynne's. Habt euch genug gelangweilt dort? Ich wollte das Thier bändigen, aber je heißer es wird, je wilder wird es auch. Seine Adern platzen beinahe vor Aufregung, und wenn man es kitzelt, wird es toll!« Er spielte mit der Reitpeitsche am Leibe hin, und das Thier schlug wie wahnsinnig.

»Mußt Du's durchaus verderben?« sagte Vaughan ruhig.

»Tom! es ist ja nicht Dein!« rief Edleen, und das Blut fluthete ihr nach den Wangen und über den Hals.

Die Pferde zogen an, und Tom ging der Gestalt hinter dem Baume nach; aber nur Kathleen bemerkte es.

»Und ich habe heute mein Wort gebrochen!« dachte Edleen.

»Maggie!« riefen die Kinder. »Weißt Du was? Die Gwynne's wollen bei ihren Eltern auch für uns Zwillinge bestellen, aber zwei kleine Buben! Wir wollen auch Zwillinge haben. Jetzt haben sie uns einstweilen zwei kleine Häschen geschenkt! Sieh mal die herzigen Thierchen! Aber die Zwillinge kommen auch bald, ganz gewiß! Nein, lach' nicht, Maggie! Die können Alles, Gwynne's! Sie hatten sich auch Zwillinge bestellt, und haben sie bekommen. Siehst Du, Maggie!«

»Wir sind nicht so reich wie die, wir können nicht so Alles haben!«

»Aber doch Zwillinge, Maggie! die kosten beinahe gar kein Geld, nur Kleider, und da geben wir ihnen Unsere! Ja, Maggie! Du wirst sehen, wir kriegen die Zwillinge, Eins für Winnie und Eins für Minnie!« –



IV.
Temorah.

Wer ist das Mädchen dort in dem Wagen?« sagte Temorah am Parkthor.

»Niemand, was geht sie Dich an!« kam es gereizt von Tom's Lippen, während er immer noch das Pferd mit der Peitsche zu Sprüngen reizte, die nur seine nervige Hand und das grüne Auge bändigen konnten, vor denen sich das Thier fürchtete.

»Mich geht sie an,« sagte Temorah zwischen den Zähnen; »denn sie hat Dich lieb; sie hat Dich so lieb, daß sie Dich tödten möchte, nur damit Du keiner Andern gehörst.«

»Dummheiten.«

»Nimm Dich in Acht, sie weiß Etwas, wofür sie sich rächt, ich hab's gesehen.«

»Temorah, ich fürchte mich vor Teufel und Hölle nicht; wenn Du aber die starren Augen bekommst und Deine Wimpern zu strahlen anfangen, dann überläuft es mich. Du bist mir unheimlich, Temorah. Was machst Du überhaupt hier?«

»Ich hatte auf Dich gewartet, weil ich wußte, Du kämest hierher.«

»Ich wußte es ja selbst nicht.«

»Natürlich nicht, aber ich; und ich wußte auch, daß ich eine Frau sehen würde, die Dich liebt. Und jetzt hab' ich sie gesehen und bin noch nicht todt von ihren Eisaugen. Sie hat Eisaugen unter ihren schwarzen Wimpern. Hu! ich fürchte mich!«

Tom lachte laut auf.

»Du kannst sie ja unter den linken Arm nehmen und dabei einen Korb mit Wäsche auf die rechte Schulter, und so den Snowdon hinaufsteigen!«

»Aber der Snowdon kann mich in einer Stunde in Schneeflocken hüllen zum Sterben.«

»Du langweilst mich.«

Temorah griff sich nach dem Herzen, und wie sie das that, wurde sie todtenbleich und lehnte sich an eine Buche.

»Was fehlt Dir nun?« fragte Tom barsch.

»Tom! Tom! fühl 'mal an meinem Herzen, da schlägt noch ein Herz! Tom! mir zuckte Leben durch den Leib! O Tom! Tom! wie bin ich unglücklich!«

Statt aller Antwort schwang er sich auf's Pferd: »Wenn Du heulst, dann geh' ich! ich kann das nicht leiden! Du hast mich haben wollen, nun hast Du mich gehabt!«

In Lancaden ging das Pferd los, zwischen den Bäumen durch und war verschwunden.

Temorah stand und stand, und große schwere Tropfen hingen ihr in den Wimpern und fielen langsam zu Boden, wie Regentropfen von den Blättern, wenn das Gewitter vorbei ist. Ihre Lippen zitterten vor bitterem, verhaltenem Weh, und sie drückte wiederholt die Hand in die Seite, als wollte sie zur Ruhe zwingen, was sich dort bewegte. Dann hob sie die Schultern, als wollte sie mit ihrer Schulterkraft Körper und Seele aufheben und fortbewegen, und ging mit ihren langen, elastischen Schritten davon.

Die wundervolle Welt, die sie durchwanderte, hatte keinen Reiz für sie, sie dachte nur an ihr einsames Häuschen am Bergeshang, und daß dort ein Riegel war innen an ihrer Thüre, so daß sie dort allein sein würde, ganz allein, mit dem Riegel zwischen sich und der Welt.

Sie ging durch eine schmale Schlucht dahin, an einem krystallenen Gebirgsbach entlang. Die Felswände, die sich hier erhoben, ließen so viel Licht herein, daß überall Blumen hervorgeschossen waren, und von oben hingen Schlinggewächse mit ihren Blüthen, wie reichbeladene Ampeln herein. Die Blumen streiften ihren hohen schwarzen Hut und ließen ihren süßen gelben Staub auf ihren Mantel fallen; sie sah und fühlte nichts.

Endlich that sich ihrer großen Müdigkeit das grüne Waldthal auf, in dem ihr Hüttchen lag, mit seinem dunkeln Schieferdach, seinen weißen Jalousieläden, überwuchert von Rosen und Gaisblatt. Es sah aus, als müßte man dort glücklich sein. Und sie war glücklich gewesen, als Vater und Mutter noch lebten, so glücklich, daß man von ihrem Lachen sprach.

Sie trat ein. Da empfing sie die kleine Küche mit dem ungeheuern Rauchfang, spiegelblank alles ringsum; das Zinn sah aus wie Silber, die Töpfe, als schiene die Sonne in ihre Glasur. Jetzt öffnete sie die braune Holzthür, unter der sie sich bücken mußte, um in's Zimmer zu treten. Dort war nur braunes Holz, von der Länge der Zeit theilweise geschwärzt und an vielen Stellen vergoldet, da wo Hand und Putztuch am meisten darüber hingegangen waren. Eine schrankähnliche Thür war nur angelehnt, um dem mächtigen Wandbett dahinter Luft zu geben. Sie machte eine zweite Thür in der Vertäfelung auseinander, um Mantel und Hut in den tiefen Schrank zu hängen, und verschloß sie sorgfältig wieder. Dann setzte sie sich in den mächtigen alten Holzsessel mit der hohen Lehne, am Fenster, legte die Hände auf die Knie und dachte nach. Wie aus Holz gemeißelt saß sie da, regungslos, und maß den Abgrund, der vor ihr gähnte, und maß den Weg, den sie zu wandern hatte. Ihrer starken Natur kam keinen Augenblick der Gedanke, dem Leben und seiner Qual zu entlaufen; sie besann sich nur, wie sie vor Aller Augen verbergen könnte, was kein Auge anging. So saß sie da. Das Spinnrad stand still und sah sie verwundert an. Die mächtige alte Uhr, mit dem gemalten Angesicht, ging mit unwandelbarem Herzschlag, ruhig, langsam, wie ein Schritt, der nie an's Ziel gelangt, wie viele Marksteine er auch hinter sich läßt, an wie vielen Generationen er auch vorüberschreitet, wie vielen Thränen er die Stunde gewiesen.

In das Fenster guckten und nickten die Rosen herein; sie langten förmlich nach dem hellbraunen Scheitel, den sie so gern streichelten, aber regungslos saß Temorah, und dachte und dachte. Die Dämmerung brach herein, und kein blaues Wölkchen wollte aus Temorah's Häuschen aufsteigen. Denn sie fühlte in des Herzens ödem Nagen nicht, ob der Hunger auch Theil daran hätte. Zähne und Lippen waren zusammengeschlossen, als könnten sie sich nicht mehr von einander thun, und die starren Augen sahen Tom am Pferde stehen, mit seinem hübschen Gesicht und den vor Ungeduld glitzernden Augen, mit dem harten Wort: »Nun hast Du mich gehabt!« auf seinen feinen Lippen, mit seinem schlanken Rücken, wie er davonsprengte, ohne sich umzusehen!

Es wurde immer dunkler. Die Blumen am Häuschen hüllten sich in Schatten, nur Temorah's weißes Gesicht leuchtete auf dem Hintergrunde.

Da klangen Schritte auf dem schmalen Kiesweg. Temorah fluthete das Blut nach Herzen, Lippen und Wangen; aber bald hörte sie, daß dies sein Schritt nicht war, und die Hand, die die Thür öffnete, nicht seine Hand.

»Ist denn Niemand hier?« frug eine tiefe, wohltönende Stimme in der leeren Küche; »kein Feuer und kein Rauch? Kein Lächeln, einen alten Mann zu erfreuen?«

Temorah machte schnell Licht und erschien im Thürrahmen, schön und ernst. Zum Lächeln war das Gesicht zu ernst geworden in den letzten Stunden. Der Lichtstrahl fiel auf eine Hünengestalt im weiten Mantel, mit bis zum Gürtel wallendem weißen Bart, weißen Locken, die das Haupt umwogten, und unter eisgrauen Brauen blaue Augen von solcher Tiefe und Kraft, als saugten sie Welten auf, und als schauten Welten aus ihnen heraus. Auf dem Rücken lag, wohl verhüllt, eine Harfe.

»Ach! Llewellyn!« sagte Temorah, und ihre Stimme klang, als hätte sie in Jahren nicht gesprochen, beinahe heiser.

»Was ist denn hier geschehen, seit ich nicht da war?« sagte der alte Mann. »Wo ist Temorah, die mir um den Hals flog, sich auf meinen Schooß setzte, und mir die Lieder mit den Fingern unter dem Bart herausholen wollte?«

Bei dieser Frage brach Temorah's Kraft. Sie lehnte den Kopf an den dunkeln Thürrahmen und schluchzte so herzbrechend, daß der Alte ihr schnell das Licht aus der Hand nahm, damit sie es nicht fallen ließe. Dann ließ er die Harfe von der Schulter gleiten, stellte das Licht auf den Schrank, so daß die alten Zinnschüsseln, die dort silbern prangten, lebendig wurden und ihre Gravirungen enthüllten, machte Feuer und suchte im Schrank nach einem herzstärkenden Tropfen, um ihn der armen Maid an die Lippen zu halten. Sie ließ ihn gewähren. Seine mächtige Gestalt warf große und kleine Schatten durch den Raum, wie er sich bückte und wieder aufrichtete. Und immer noch schluchzte Temorah. Sie hatte sich mit den Armen an den Thürpfosten geklammert, um von ihres Herzens Sturm nicht umgeweht zu werden.

»Meine Mutter ist todt!« stieß sie endlich heraus.

Die großen Augen ruhten auf ihr, und ein leises, unmerkliches Kopfschütteln deutete an: Das ist nicht Alles! – Wenn der Sänger keine Augen hätte, so fände er kein Lied, das in der Menschen Herzen greift. Sein Blick muß zuvor darin gewühlt haben, und der Sänger kennt aller Menschen Herzen.

Leise bewegte sich sein Bart, wie er von Neuem das schluchzende Mädchen betrachtete, und er sah, was Keiner sehen durfte. Ihm gingen die Augen über. Er ließ sie weinen, und schien nur in's Feuer zu starren, auf dem der Kessel zu singen begann.

»Es ist nichts so schädlich für großen Kummer, als nicht zu essen,« sagte er endlich, »und ich bin nicht gewohnt, allein zu essen. Wohin ich komme, thut man mir Bescheid!«

Temorah fiel es ein, wie unwirthlich sie den allgemein Geliebten empfangen, schleuderte die Thränen fort, griff nach dem Brode und begann Stücke herunterzuschneiden.

»So,« sagte der Alte, »so kann ich ein wenig ruhen. Ich bin müde.« Er setzte sich auf die Bank an der Wand und rieb sich die Knie.

»Ich bin sonst nicht so nachlässig und unwirthlich, lieber Llewellyn. Aber es hat mich so übermannt, Dich wiederzusehen, mein einziger Freund!«

Bei den letzten Worten begannen die Lippen wieder zu zittern.

»Ich kam ja gerade zur rechten Zeit, um Dir zum Abendimbiß zu helfen! Man ist hungrig nach dem langen Tage, und selbst der traurigste Mensch muß essen; ja, ich habe oft erfahren, daß Trauer sehr hungrig macht. Denn sie zehrt.«

Er sah, daß sie beinahe gierig aß und daß die schöne dampfende Milch ihr wieder Farbe in die Wangen trieb.

»Die Hausfrauen haben mich immer sehr gern, weil ich so gut alle Handgriffe weiß. Ich bin gar kein solcher Träumer, wie die Leute es meinen.«

Temorah lächelte: »Du bist in Allem vollkommen, Llewellyn! Und wenn die Sonne nicht eben untergegangen wäre, so meinte ich, sie ginge eben auf.«

»Eben untergegangen ist etwas viel gesagt. Eigentlich ist es Nacht. Da ich aber die Läden noch offen sah und ein weißes Gesicht am Fenster, so wußte ich, daß ich hier eintreten dürfte.«

»Du durftest jederzeit« – – – fing Temorah an, und brach in großer Verwirrung ab; denn ihr fiel ein, daß man nicht mehr zu jeder Stunde bei ihr eintreten durfte, wie zur Zeit, da der letzte Winkel sauber und die letzte Herzfalte rein war.

»Ja, ja,« sagte der Alte, ihre Verlegenheit gewahrend. »Ich weiß immer, wann und wo ich eintrete; mich führt auch ein Stern zur rechten Stunde die rechte Straße!«

»O, wie wahr! wie wahr! Wenn Du wüßtest, wie rechtzeitig Du kamst!«

»Natürlich, um Feuer zu machen!« sagte er heiter. Und Temorah mußte wieder lächeln.

Er dachte, daß man ein zu Tode getroffenes Herz und ein geängstetes Gemüth zum Reden bringen muß, und daß es Schmerzen giebt, von denen man immer sprechen kann. So ließ er sich der Mutter Tod ganz umständlich von Temorah erzählen, jedes, auch das unbedeutendste Wort, das sie gesprochen, und das in der Tochter Herzen große Bedeutung gewonnen hatte. Sie weinte ein wenig und lächelte dazwischen und sprach sich zur Ruhe, und während sie ihrem alten Freunde erzählte, war es ihr, als sei ihr Leben doch keine Unmöglichkeit, und als habe sie, die schon so viel durchgemacht, auch Kraft für größeres Leid. Und als dann Llewellyn von seinen Wanderungen zu erzählen begann, da konnte sie ganz aufmerksam zuhören, wie in der fröhlichen Kinderzeit, wo sie seine Geschichten mit den Fingern unter dem Bart herausholen wollte. Und als er nun gar nach der Harfe griff, da zitterte ihr Herz vor Freude. Sie lehnte sich mit dem Kopf an die Wand und ließ ihre Thränen fließen, während Llewellyn sang. Die Harfe hatte drei Reihen Saiten, so daß die Finger durchgreifen mußten, um die innere Reihe zu erreichen, das war von außerordentlicher Wirkung, und der Wohllaut davon erfüllte jedes tief musikalische Ohr mit Entzücken.


Die Thräne fiel in's junge Korn,
In's junge Korn!
Mein liebes Lieb! geh' nicht vorbei!
Es war ja deine Thräne!
Halt an! halt an, geliebtes Lieb!
Und heb' die Thräne auf
Und trag' sie fort, und trag' sie fort!
O weh! Ich bin gestorben,
Da ich die Thräne hab' geweint,
Die Thräne, die hinunterfiel,
In's junge Korn, in's junge Korn.


*


Drei Söhne hatte er einst fürwahr,
Der Große, Gewalt'ge, mit Mähnenhaar;
Er hat sie nicht mehr, er hat sie nicht mehr.
Den Einen gab er dem Erdengrund,
Den Andern gab er dem Bergesschlund,
Den Dritten dem Meer, den Dritten dem Meer.

Der Berg der hatte ein ehern Herz,
Und schloß den Ersten in's Felsenerz,
Im weiblichen Herzen hat weich die See
Den Zweiten gebettet, im Wogenschnee.
Ein mütterlich Herz hat die Erde groß,
Die schloß den Dritten in ihren Schooß.


*


Der Todte wacht auf! o sing' ihn zur Ruh',
Mutter, meine Mutter!
Sonst hört er mich jammern!
Geh'! sing' ihn zur Ruh',
Mutter! meine Mutter!
Der Todte wacht auf! o flüstre ihm zu,
In's Ohr, meine Mutter, o flüstre ihm du!

Der Todte wacht auf und hört mein Geschrei,
Mutter, meine Mutter!
Sag' ihm, o sag' ihm, es rauschte die See,
Nicht sei es mein bitt'res, mein ächzendes Weh,
Der Todte wacht auf und fragt dich: Wer weckt
Aus dem Schlaf mich? Wer hat mich erschreckt?
O flüstre du, Mutter: Es war nur die See!


*


An den Strand da ging sie vor Tagesgrau'n,
Das Scheitern zu schau'n,
Von Allen, die Ihr dem Tod geweiht,
Ihr Gatten, Verlobte,
Ist nicht ein Einziger, der mich freit,
Der lieber schimmernd mein Goldhaar schaut,
Als die Todesbraut?

Sie ging an den Strand in des Sturmes Weh'n,
Um Scheitern zu seh'n:
Ich werfe mein Herz in den Sturm hinein,
Will's Keiner greifen? Dem soll es sein!
Ich schenk' euch mein Herz! o nehmt doch, nehmt,
Ihr Alle, die ihr vervehmt, vervehmt,
Wem soll es sein?

Sie ging zum Scheitern an öden Strand,
Was greift denn Keiner nach meiner Hand?
Will Keiner küssen mein Haar von Gold,
Statt der kalten Woge, die weiter rollt?
Küßt Keiner lieber mein gold'nes Haar,
Als des Todes Mähne, von eurer Schaar?
Hat's Keiner gewollt?

Sie ging im Sturm zum Strand hinab,
Zum Scheiternsehen im Wogengrab.
Und die ihr scheitert, und wollt ihr nicht,
Daß euch mein Arm, mein Arm umflicht?
Und wollt Ihr lieber in's Todtenreich,
Als meine Arme so stark und weich?
Wenn Alles bricht?


Llewellyn kannte die Macht seiner Musik genau, und wußte, daß die Herzen still wurden und heil unter seinem Getöne, und daß in manches Auge Schlaf kam, das Nächte lang geweint. Er brauchte nicht zu sagen: »Du thust mir leid!« denn sein Mitleid war wie ein warmer Quell, in dem man kranke Glieder badet und heilt. Der Quell sagt nichts, er hüllt dich nur ein.

So saßen die Beiden, singend und plaudernd, die ganze Nacht. Wie der erste schwache Tagesschimmer Alles um das Häuschen und in demselben in bleiches Grau hüllte, sprang Temorah auf:

»Aber Du hast ja nicht geruht, Llewellyn!« und eilig richtete sie ihm ein Lager zu, in der Küche, von der Mutter Gespinnst, von ihrer Hand gefüllt, schloß die Läden und überließ sich selbst einem erquickenden Schlummer, der doch ihre Wangen bleich ließ und ihre Augen mit tiefen, dunkeln Rändern.

Im Morgenlicht erschien sie dem Alten leidender und trauriger, als es ihm lieb war, und mit schwerem Herzen nahm er von ihr Abschied. Er sagte, er käme wieder. Sie stand im Morgenroth auf der Thürschwelle, von Blumen eingerahmt. Der Thau lag wie Flaum, wie frischer Reif auf dem schwärzlichen Schieferdach und glitzerte tausendfarbig im ersten Strahle.

»Ach, könnte ich mit Dir ziehen!« sagte Temorah, und wäre ihm gern, wie früher, um den Hals gefallen. Aber ihr war es, als dürfte sie Keinen mehr umarmen, seit ihr Kuß unheilig geworden und das Kindsein von ihr gewichen war.

Er legte ihr die Hand auf den Scheitel:

»Gott behüte Dich, mein armes Kind! Nur Muth! einmal ist man ganz alt, und dann ist Alles verziehen, was man gesündigt und was die Andern einem gethan!«

Und dann wandte er sich und ging mit weiten Schritten davon, als hätte er Flügel unter dem Mantel, und als könnte das Alter ihm nichts anhaben.

Temorah's Lippen waren weiß geworden. Sie stand noch lange und sah ihm nach und dachte, daß er ihr furchtbares Geheimniß errathen, und sie doch nicht von sich gestoßen, wie eine arme Sünderin, wie etwas Schmutziges, mit dem man keinen Umgang mehr haben kann. Aber die Andern! Was würden die Andern thun? – Sie begann mit doppelter Kraft zu arbeiten, um so viel zu erübrigen, daß sie zu leben hätte in der Zeit, wo sie ganz verborgen bleiben mußte. Sie würde sich Keinem und Keiner anvertrauen, und Niemand hätte Interesse genug für sie, um ihren Jammer zu erfragen. Das Alles sagte sie sich mit festem Muth, öffnete ihren Wandschrank und griff nach ihrem Mantel, um zur Arbeit zu gehen; unter dem hohen Hute lag der Schatten noch dunkler um die schönen Augen, aber beim raschen Gehen in der Morgenluft färbten sich ihre Wangen.

In einem wunderschönen Wiesenthal wollte sie sich nach einigen Blumen bücken, in ihr Mieder zu stecken, da sah sie Einen im Grase liegen. Erstaunt ging sie etwas näher und erkannte Tom, der mit glühenden Wangen und schweißperlender Stirn allerhand murmelte: »Kathleen!« sagte er, »Kathleen, Du bist doch schöner, – ja – schöner – – als die welsche Dirne. Kathleen, Du – liebst – Du liebst – mich; sie hat's gesagt, – Du – liebst,« – dann lallte er weiter.

Temorah richtete sich hoch auf. Ein Ausdruck grenzenlosester Verachtung spielte um ihre Lippen, und ihr Gesicht wurde hart wie Stein. Als zöge sich plötzlich ein plätscherndes Gewässer zurück und ließe nackte Felsen und graues Geröll übrig, so kam Temorah ihre Liebe vor. Sie hatte eine Garbe mit wogenden Körnern ergriffen, und leeres Stroh war ihr in der Hand geblieben. Der Abgott ihres Herzens, ihr kühner, stolzer Tom, – da lag er, und war schwer betrunken und verrieth seines Herzens Gedanken, und konnte sie nennen, jeden Augenblick, so gut wie er die Andere nannte. Ja, sie haßte nicht einmal mehr Kathleen. Sie hätte hingehen und sie warnen mögen, und sie retten vor dem Verführer. Sie wollte ihn nie mehr lieb haben, nie mehr; nein, sie wollte ihn hassen. Doch brach sie einige breite Huflattigblätter ab und bedeckte ihm Kopf und Antlitz damit, auf daß er sich nicht schämen müsse, wenn ihn die Sonne sähe. Dann ging sie weiter, und ihr Herz schlug so schwer, von dem Bücken und Wiederaufrichten, wie eine Masse Milch in einem getragenen Kübel.

Sie kam an den Bergleuten vorbei, die singend und scherzend zur Arbeit schritten, mit der Sorglosigkeit Derer, die stets in Todesgefahr leben. Manch' ein braver Bursche darunter wollte gern als Herr und Gebieter in ihr Häuschen am Bergeshang einziehen; denn sie war eine schöne Dirne, stark und fleißig und hoch geachtet in der ganzen Gegend, und ihre große Sprödigkeit machte sie noch begehrenswerther.

Das sagte sie sich voll Bitterkeit, wie sie den fröhlichen Burschen nachschaute und dabei an ihren Geliebten dachte, der seinen Rausch verschlief und ihren ehrlichen Namen den Winden preisgab. Auf dem Wege zu ihr war er dort hingesunken, und sie fühlte das Kind in ihrem Leibe beben, bei dem Gedanken, daß Llewellyn hätte Tom in dem Zustand bei ihr sehen können. Nein, sie haßte Tom, sie wollte ihn nie mehr lieben. Und das Kind schlug an ihres Herzens Thür und fragte: »Wo ist mein Vater?«

Sie mußte einen Augenblick stehen bleiben, vor Athemlosigkeit. Die Sonne brannte auch so heiß. Sie fühlte sie glühen, und wagte doch nicht den Mantel abzunehmen.

Da kam ihr Jemand auf dem Wege entgegen, die sie zuerst nicht erkannte. Plötzlich sah sie aber die langen schwarzen Wimpern sich heben und den Blick tödtlichen Hasses aus den lichtblauen Augen schießen, der sie bis in's Mark erschauern machte. Ihr schwand alles Mitleid aus dem Herzen bei dem Blick, in dem deutlich geschrieben stand: »Ich weiß Alles von Dir und kann Dich preisgeben, wann ich will.«

Woher wußte nur Kathleen? Hatte Tom sie verrathen? Wie konnte ein Mensch auf der weiten Welt ihr Geheimniß wissen? – Sie blieb für den ganzen Tag von dem einen Blick versengt, wie ein Baum, an dem der Blitz hinabgeschossen und eine klaffende schwarze Narbe zurückgelassen hat.



V.
Wie der Barde kam.

Una hat nämlich braune Augen, Martyn, ganz entschieden braune, wie Sammet, oder wie Herbstlaub, auf das die Sonne scheint,« sagte Morgan. Es kam gar keine Antwort. Er schien auch zu gar Niemand gesprochen zu haben. Denn er lag auf dem Rücken im Laube, mit den Armen unter dem Kopf, das eine Bein etwas herangezogen, und sah zu, wie in den höchsten Baumkronen die Blätter sich auf und zu thaten, und lauter runde Himmelsaugen herunterblicken ließen. Hie und da fing ein Blättchen an, sich zu färben, und manchmal, selten, flatterte solch ein gelbes Blättchen zur Erde, wie ein Stückchen Gold, bestimmt, sich in Staub zu verwandeln, der großen Verschwenderin Natur verwesliches Gold, das Staub und Moder wird.

Es wäre auch zu viel verlangt gewesen, zu antworten. Denn der Angeredete war damit beschäftigt, Una kommen zu sehen, die eben die Zwillinge in's Haus getragen hatte. Unerträglich lange schien es den beiden lebhaften dunkeln Augen zu werden, bis die reizende Gestalt wieder daherschwebte, bald im lichtgrünen Schatten, bald von Sonnenfleckchen überspielt, nicht ahnend wie grenzenlos schön sie den beiden Augen erschien. Der junge Mann that sich Gewalt an, um ruhig stehen zu bleiben und sich den Genuß des Daherkommens durch frühzeitiges Entgegeneilen nicht zu verderben. Er blinzelte sogar ein wenig, wie vor einem schönen Bilde und malte sich aus, wie sein Kind, sein eigen Kind in ihren Armen aussehen würde. Er war Arzt; ein voller Bart umkräuselte sein Gesicht und ließ seine Wangen noch frischer erscheinen. Seine Augen hatten etwas Stechendes und bewegten sich rasch hin und her im scharfen Beobachten der ihn umgebenden Welt. Er hatte Jahre lang Una geliebt und endlich das Geständniß langer Gegenliebe den spröden Lippen abgerungen, und nun stand der Himmel offen, und dem lieben Gott seine Englein, die geigten und sangen darin.

Una glitt auf die Bank, von der sie sich vorher erhoben, so daß ihre Füße in die Nähe von ihres Bruders Schultern kamen, ihre Schultern aber in die Nähe von Martyn's Armen, der dort aufgestützt stand, und sofort begann, ihr allerlei Thörichtes in's Ohr zu flüstern. Er hatte eine von jenen sympathischen Nasen, die einen feinen Spalt in der Mitte haben und sich beim Sprechen auf und ab bewegen. Sein Kopf war breit und mächtig, und die beiden Knochen von der Spitze der Brauen, über den Schläfen, bis unter die Haarwellen, markirten sich stark und schienen am Brauenwinkel hervorzutreten, wenn er etwas Drolliges sagte. Er war nicht groß, aber breitschultrig und hatte schöne Hände, mit denen er von den Mädchen viel geneckt wurde, die behaupteten, er sei nur Operateur geworden, um mit seinen schönen Händen zu coquettiren. Voll Humor und Schelmerei brachte er Gelächter in allen Taschen mit, für Alt und Jung, und war so hinreißend, daß der ernste Vicar und seine imponirende Frau Gwendoline sich vor Lachen schüttelten, während die Kleinen umhertanzten und schrieen, und sogar die Zwillinge ihren Ernst und ihre Wichtigkeit vergaßen und beinahe wild wurden. Seine künftigen Schwäger vergötterten ihn, und der Dritte erklärte, er müsse auch Arzt werden; das sei die einzige menschenwürdige und menschenfreundliche Beschäftigung, worauf sein Vater ihn lächelnd frug, ob es besser sei, den Leuten die Beine abzuschneiden, als sie mit Trostwort und Evangelium zu erquicken. Da stand er sehr verlegen und wollte Niemand beleidigen, bis Martyn helfend einsprang und sagte:

»Unsere Predigt wirkt einschneidender, wir handeln nach dem Bibelwort: Aergert Dich Dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf es von Dir!«

»Nur daß Ihr der andern Leute Augen ausreißt!« sagte der Vicar. Morgan wollte Pfarrer werden, sein zweiter Bruder war Seemann und nur für kurze Zeit auf dem Lande, und der Kleinste sagte: »Ich will gar Nichts werden, sondern bleiben was ich bin, das ist das Schönste!«

»Das glaub' ich!« sagte Gladys, die eben einen großen Teller voll Butterbrod und einen andern voll Obst auf die Bank stellte. »Das glaub' ich, Alles aufessen, was für die Andern bestimmt ist, und verwöhnt werden, so lang der Tag, und spielen bis einem die Augen zufallen! Sachte! sachte! die Andern wollen auch essen!«

Er hatte in jeder Hand eine Pfirsich und biß abwechselnd hinein und sah dabei gierig nach der dicksten Birne.

»Es giebt noch mehr drin!« sagte er, als er Athem hatte zum Sprechen.

»Das ist unser Moloch!« sagte Gladys. »Der frißt uns noch Alle auf.«

Der Moloch aß unbekümmert weiter und wandte nur ein wenig den Kopf, als seine kleinen Schwestern Butterbrod und Obst hinwarfen, und dem heranrasselnden Kinderwagen, von Prinnie gezogen, entgegenstürzten. Auf dem Vordersitz saßen Winnie und Minnie kutschirend, auf dem Rücksitz Kathleen, in sich zusammengerollt wie ein Kätzchen, und auf dem Fußtritt stand der kleine Groom, die Zügelenden in der Hand. Morgan sprang auf und stürzte roth und strahlend hin, um Kathleen herauszuhelfen. Die sprang mit gleichen Füßen wie eine Feder zu Boden und schnellte noch einmal in die Höhe, wie ein Ball.

Man aß, man plauderte, man lachte, und Morgan war nur mit Kathleen beschäftigt, die sich seine sanften Aufmerksamkeiten gern gefallen ließ. Es war Balsam für ihr traurig Herz. Die Heiterkeit der jungen Schar lockte sogar den Vicar aus seiner Bibliothek. Er nahm nichts, weder Obst noch Brod, aber stimmte in das helle Getöne mit seinem wohlklingenden tiefen Organ, wie eines Accordes voller Grundton. Gladys hatte hinter ihm stehend den Arm um seine Schultern gelegt. Eines der kleinen Mädchen hatte von seinem Schooß Besitz ergriffen und rief Minnie herbei, großmüthig ihr das andere Knie anweisend. Schüchterner stellte sich Winnie dazu und sah ihm beständig mit ihren großen Augen in's Gesicht, folgte der Bewegung seiner Lippen und seines Kinnes, wie er allerhand erzählte, und forschte nach dem Licht in seinen Augen, die doch im Schatten der Brauen lagen.

Die Beleuchtung aller dieser Köpfe hätte jeden Maler entzückt, in dem hellgrünen Baumschatten, mit den wunderbaren Reflexlichtern, die der Boden zurückwarf und die jeden Augenblick einen Andern in neuen Glanz hüllten, oder neckisch einen Theil des Gesichts erhellten. Kathleens Augen waren so berückend, daß Morgan sich ganz thöricht werden fühlte, aufsprang und die Allee ein paarmal durchwanderte, um sich zu fassen und nicht zusammenhanglos zu werden, oder ihr Geständnisse zu machen, die sie auf ewig von ihm fortscheuchen würden.

»Still halten, Kathleen!« rief der Seemann. »Ich will Sie zeichnen!« und er begann mit geschickter Hand eine allerliebste Skizze in hingehauchten Wasserfarben.

»Als Nymphe oder Sirene!« sagte er und begann, ein Gewässer umherzumalen.

»Nein, Gott bewahre!« rief Martyn, »als Elf aus einer Winde, anschmiegend und knabenhaft zugleich.« Kathleen erröthete.

»Das kommt von den kurzen Haaren!« sagte sie und strich mit den feinen Fingern durch, so daß sie noch dichter und schwärzer aussahen. Des Vicars Auge wurde ein wenig streng, als es eben auf ihr ruhte. Winnie folgte seinem Blick, sah, auf wen er gerichtet war, und schaute dann noch eifriger in seine Augen zurück. Das Mißfallen, das sie darin gelesen, machte ihr ihren Freund noch tausendmal lieber; unter so viel Bewunderern war doch Einer, der Kathleen richtig las. Es war Winnie, als hätte sie nun ein Geheimniß mit ihm, ein Einverständniß, und ihr Herzchen wurde leichter. Morgan machte keine Geständnisse, und Gwynne achtete seines ältesten Sohnes Charakter zu hoch, um sich in sein Vertrauen einzudrängen, bevor es begehrt wurde. Er dachte, eine gütige Vorsehung werde sein herrliches Kind nur prüfen und vor Unglück bewahren, vor dem, was der junge Mann als das höchste Glück ansehen würde. Der vielerfahrene Menschenkenner wußte, daß man vor Liebe nicht warnen kann und sie nicht fortreden kann. Sie stirbt nur an sich selber, an ihrem eigenen berauschenden Gift. Die Kinder hatten begonnen, allerhand Kunststückchen zu machen, mit den Fingern, mit dem Munde Kirschenstiele zu Knoten zu schlingen, und was der außerordentlichen Thaten mehr sind.

»Ich kann aber etwas, das kann Niemand von euch!« sagte Kathleen, nahm einen Bleistift und legte ihn auf die Wimpern, und die Wimpern hielten ihn. Der Jubel war sehr groß, und das Kunststück mußte vielmal wiederholt werden.

»Deine Wimpern eignen sich zu einem Schmetterlingskuß,« sagte Una.

»Schmetterlingskuß? Was ist das?«

Una legte ihre Wange an Kathleens Wange und schlug die Wimpern an den ihren auf und ab.

»Das ist ein Schmetterlingskuß,« sagte sie.

Die Zuschauer konnten im Leben das Bild nicht wieder vergessen, wie die blauen Augen mit den schwarzen Brauen und Wimpern und die lichtbraunen mit den blonden Wimpern sich verschmolzen und die beiden schönen Mädchen in dasselbe Reflexlicht von einem Sonnenfleckchen am Boden getaucht waren. Einen Augenblick war Alles still, wie vor einem wundervollen Meisterwerk. Da kam es die Allee daher, wie ein frischer Windhauch. Wenn ein Mensch mit einer großen Kraft und einer großen Seele durch die Natur schreitet, dann weht etwas vor ihm her, das ihn verkündet, und Alles wird still.

Aus dieser kurzen Stille brach aber ein solcher Jubel los, daß Frau Gwendoline aus ihrer Thüre trat, um zu sehen, was es gäbe, und siehe, es war Llewellyn mit seiner Harfe. Die Kinder ergriffen seine Hände und zogen ihn zur Bank; der Vicar begrüßte ihn mit langem Händeschütteln; Gladys lief in's Haus, suchte nach einem der ältesten und größten Pokale und nach dem ältesten und besten Wein und brachte ihn daher, daß er in der Sonne funkelte, wie der heilige Gral.

»Ha!« rief Llewellyn, und leerte das Glas, »Ha! der Erde Blut! der Sonne Seele! der göttlichste Gedanke in flüssig Feuer gegossen! Ich glaube, das war Mosis brennender Busch, der ihm Sprache und große Thaten verlieh! Das war die letzte Ranke aus dem Paradiese, die hinüberwuchs zu den Menschen, ihren Lieblingen, und sie nicht verlassen wollte! Das ist das erste Lied, aus dem alle Andern nur hinabgeträufelt sind. Hier schloß sich der Schaffensgedanke ein!« Gladys hatte den Pokal von Neuem gefüllt.

»Mir war's, als bewegten sich hier selige Gestalten,« fuhr der Alte fort. »Ich sah Liebe überall, und der Wald hatte so zärtlich das Glück eingehüllt, daß ja kein Leid in diese Friedensstätte dränge! Ach! hier ist's Einem wohl! Auf euer Heil!« Er leerte das Glas, nahm eine dargebotene Pfirsich und sog ihren Duft ein. Da reichte ihm Winnie zwei herrliche Rosen, die sie Frau Gwendoline abgebettelt, eine Theerose und eine Moosrose, und der alte Mann küßte des Kindes Scheitel und küßte die Blumen und geberdete sich wie ein richtiger Sänger, der ein großes Kind bleibt, sein Leben lang. Wohlwollen und Liebe lagen auf allen Gesichtern rings im Kreise; nur Kathleen sah ihn gleichgültig und verächtlich an; denn Tom hatte ihn einen alten Humbug genannt, einen Betrüger, der nichts erfinden könne und altes Zeug vortrüge, lieber tränke als sänge und ein Wegelagerer in großem Stil sei, den Leuten den Wein aus dem Keller und das Geld aus den Taschen zu locken.

Martyn betrachtete mit tiefem Interesse das Auge des Menschenfreundes in Gwynne's Gesicht und das Auge des Dichters in Llewellyn. Keines gab an Tiefe und Glanz dem andern nach; des Vicars Blick bekam etwas Bestimmteres durch das glatt geschorene Gesicht, in dem jede Linie beredt mitsprach, während Llewellyn nur Stirn und Augen hatte, sonst aber den nebelhaften, gewaltigen Bart, der ihn einhüllte, wie eine schneeige Wolke.

Der Sänger mußte erzählen und erzählen, von Wald und Flur, von Hütte und Palast, von Bergwerk und Wiesenhang, von Menschenfreud und Menschenleid, vom Ocean und seinen Stimmen, vom Sturm und seiner finstern Glückseligkeit, von donnernden Felsklüften und sonnigen Thälern, von den geheimnißreichen Nächten, die er durchwachte, und in denen ihm die Lieder kamen. Und um seine Stirne und Locken zog ein Glanz, als leuchte der Mensch von innen.

Er hatte mehr gesehen, als Alle, als der Arzt selber, der doch so gründlich schaute. Ihm waren alle Geheimnisse offenbar, aber mit zarter Verschwiegenheit ließ er nie errathen, wo er dies alles erlebt. Was er erzählte, war nicht immer für Kinderohren; aber Gwynne war der Meinung, daß, wo ein kindlich Gemüth spricht, es auch Manches enthüllen darf, wie die Natur selber, die Alles zeigt, weil ihr Alles rein und Alles heilig ist und Alles gleich. Der Sänger ist wie die Natur, schöpferisch, verschwenderisch, gut und grausam, gefühlswarm und schneidend, kalt und hart, lauteres Gold und Edelgestein, und weiche schwarze Erde, Fäulniß bergend und Saat befruchtend, ein spiegelndes Gewässer mit himmlischer Ruhe, und ein wilder Bergstrom mit stürzenden Fällen und kalter, schäumender Leidenschaft, Vulcan und Lava, Greis und Kind – wer könnte den Sänger verstehen, als nur Kinder und solche, die es geblieben sind.

Es verstand ihn auch offenbar Niemand so gut als Winnie, die mit ihren großen Augen zu blinzeln vergessen und gierig seine Worte trank. Sie hatte auch eine solche Anziehungskraft für ihn, daß er bald seine ganze Rede an sie richtete, wenn er nicht zu den Baumkronen und Vögeln sprach. Durch geschicktes Fragen erhielt man ihn im Fluß, und als er endlich die Harfe enthüllte, mußte er zuvor versprechen, viele Tage im Vicariat zu verweilen. Von Weglassen könne nicht die Rede sein.

Gladys hatte wieder den Pokal gefüllt, als der Alte in die Harfe griff, präludirte und noch einen tiefen Zug that, bevor er zu singen begann.


Ich singe dem lauschenden Waldesgrün,
Der lachenden Jugend, der Wohlgestalt,
Der Mägdlein Zauber, der Helden Erblüh'n,
Ich singe der Liebe und ihrer Gewalt;

Und blickt auch verschämt, die Erröthen schafft,
Wie knospendes Blühen in sich verhüllt,
So rauscht sie hervor mit unbänd'ger Kraft,
Ein Held unbezwingbar und siegerfüllt.

Bei der Schlacht, in der tosenden Herbstesnacht,
;In donnerndem Krachen und Windeswuth,
Da ward ein rauschendes Roth entfacht,
Als stünden die Wolken in Flammengluth.

Es raste das Schlachten den ganzen Tag,
Die Rosse verbissen, die Brünnen zerschellt;
Nicht sinke die Burg, bis vom letzten Schlag
Zu Tode getroffen der letzte Held.

Da sprüht es über die Häupter fort,
Von Feuerkugeln ein luftig Heer,
Aufflammt es züngelnd von hier und dort,
Bald wogt in dem Schlosse das Feuermeer.

Jung Nordmann sieht in des Feindes Schild
Von flammenden Fenstern den Widerschein,
Da reißt er ihn nieder vom Rosse wild,
Und wendet und jagt in die Gluth hinein.

Er spornt den Renner, der scheut und schäumt
Durch krachende Balken und Funkensprüh'n;
Ihm beben die Nüstern, es steht gebäumt
Mit brennender Mähne, im Auge Glühn.

Jung Nordmann schreit in den Wust hinein,
Da fliegt entgegen in weißem Gewand,
Die Braut in den Arm ihm, durch Gluth und Schein,
Durch Donnergedröhne und Rauch und Brand.

Er drückt an die Brust sein verlornes Lieb,
Sie schlingt ihm den Arm um den Nacken fest,
Mit blutendem Sporn und gewalt'gem Hieb,
Durchjagt der Ritter das Flammennest.

Und wie aus dem glühenden Thor er dringt,
Nachzüngelt das Feuer, nachringelt der Rauch,
Da stürzt die Brücke zusammen; er springt
Ob Leichen fort, vor des Todes Hauch.

Die Feinde staunen, es steht der Kampf.
Was jagt dahin übers blut'ge Feld?
Durch Feindesreihen zerstoben, wie Dampf?
Ein Geist in Flammen? ein flücht'ger Held?

Was trug im Arm er so weiß und licht?
Das Banner war's, das er retten wollt',
Des Heeres Fahne; denn ohne Gewicht
Lag's um den Leib ihm geschmiegt, entrollt?

Das war die Liebe und ihre Macht,
Der Liebe Banner, der Liebe Flucht,
Durch Feuerflammen und Todesnacht,
Durch Schwertesblitzen und Keulenwucht.

Ich singe der Liebe und ihrem Glanz,
Ich singe der Liebe verborgener Kraft.
Die Mädchenstirnen den Schimmerkranz,
Die Heldenherzen in Männern schafft.


»Warum sind Sie denn krank, mein Kind?« sagte er plötzlich zu Una, die auf Martyn's Arm gelehnt mit halb offenen Lippen und raschem Athem zuhörte. Als hätte Martyn einen Schlag vor die Brust bekommen, so schreckte er aus seinem Traum empor und sah seiner Braut in's Gesicht.

»Krank?« rief er entsetzt. »Krank? Wo sind denn meine Augen? Und meine Hand fühlt jeden ihrer Pulsschläge, und ich hörte jeden Athemzug. Krank? Una? Dir ist doch wohl?«

»O! so wohl! so wohl! Gerade als wär' ich im Himmel! Ich fühle den Boden nicht, so leicht bin ich! Ich glaube, mir war's im Leben noch nicht so wohl!«

»Alter Humbug!« dachte Kathleen und hob ein wenig die Schultern.

Der Sänger zog am Schnurrbart und am Bart, und fuhr sich durch die Locken, und in seinen Augen lag der unruhige Gedanke: »Warum schwätz' ich auch immer? Was brauch' ich denn immer zu sagen, was ich sehe? Hab' ich die armen Leut' erschreckt. Aber sie ist doch krank. Merkwürdig, daß es Keiner sieht!« –

Es erhob sich eine leichte, kühle Brise und fuhr durch die Blätter mit seufzendem Aufrauschen.

Kathleen rief nach dem Kinderwägelchen, Gwendoline schickte die Kleinen in's Haus, die Harfe wurde eingehüllt, und der junge Seemann lud sie auf die Schulter, um sie in's Haus zu tragen. Der Vicar folgte, mit Llewellyn in tiefem Gespräche. Er hatte weiter nicht auf des Sängers Aeußerung geachtet. Wen das Unglück noch nie getroffen, der glaubt nicht daran, während der Leidgewohnte vor jedem Windumsprung erbebt.

Una versicherte fast unwillig, ihr sei unglaublich wohl, während Martyn, mit der Qual, die jeder Arzt um sein Theuerstes erduldet, plötzlich ihre Wangen zu roth, ihre Augen zu glänzend, ihre Nasenflügel zu fein sah und vor Angst nicht mehr wußte, was er sagte.

Morgan durchwandelte den Park und dachte an Kathleen. Warum war sie so gleichgültig, als der Barde sang? Sie hatte vor sich hingestarrt und kein Wort gehört, nicht einen einzigen Ton. Was hatte sie gedacht? Morgan war in solchem Sonnenschein aufgewachsen, daß er von Stürmen der Seele noch keine Ahnung hatte und seiner eignen großen Liebe fast mit Befremden begegnete. Er hatte gar nicht gewußt, daß man so leiden kann, daß man heiß und kalt wird, und daß das Herz pocht und die Pulse schlagen bis in die Fingerspitzen, und daß man zu zerspringen meint, wenn sich der geliebte Gegenstand entfernt, und daß man ihm immer nahe sein möchte.

Fast wäre er wie ein Knabe dem Kinderwägelchen nachgelaufen. Mit immer größeren Schritten ging er in den dunkelnden Wegen hin und her. Die Vögel waren still geworden. Der Windhauch wehte stärker, und ein plötzliches Rieseln und Rauschen zu Häupten ließ ahnen, daß ein Regenschauer über den Park hinzog.

»Warum ist sie so traurig?« dachte Morgan und schleuderte mit der Fußspitze das welke Laub in die Höhe, daß es rauschte. Er malte sich eine reizende kleine Pfarrei aus, ein blumenüberwuchertes Häuschen, eine uralte Kirche und Kathleen ihm Bäffchen und Haar glättend und mit ihren wunderbaren Augen zu nie gehörter Beredtsamkeit begeisternd. Sie war natürlich eine Heilige, Kathleen ein überirdisches Wesen, das eine so urkräftige, menschliche Leidenschaft wie die seine nicht verstehen könnte. Kathleen! Und der süße Name! Kathleen! Er sagte ihn laut und leise. Er hatte ihn in eine ferne Buche eingeschnitten. Er hatte ihn in eine Felsenhöhle geschrieben und in sein Taschenbuch, das er auf dem Herzen trug. Seines Bruders Zeichnung hätte er für sein Leben gern gehabt; aber seine Liebe war zu stark und scheu. Wie sollte er den Muth haben, um ihr Bild zu bitten. Der Sänger hatte mit seiner bebenden Harfe alle Schleusen in seiner Brust geöffnet, und siehe da! er weinte! Morgan weinte! Das hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gethan, solche laue, leichte Thränen, wie sie sich in Blumenkelchen sammeln, um in einem warmen Winde, oder beim Uebergewicht einer naschenden Hummel überzufließen. Und sie hatte so kleine Füße! Wenn er nur einmal mit ihr ausreiten dürfte; dann könnte er den kleinen Fuß in die Hand nehmen, damit sie so in den Sattel flöge, von seiner Hand! Und wenn er nur einen steilen Schwindelpfad mit ihr besteigen und sie stützen könnte, oder sie in seinen Armen vor einem wüthenden Stier beschützen. Wenn er ihr nur etwas schenken dürfte! Unmöglich! Dieser Gedanke mußte für's Erste entfernt werden. – Es ist nicht abzusehen, wie lange Morgan in Begleitung seiner Träume den Park durchwandeln muß.

Währenddem saß Llewellyn in der prachtvollen Bibliothek des Vicars, wahrscheinlich eine alte Kapelle, mit Kreuzgewölben und einzelnen Säulen, mit mächtigen hohen Scheiben, alle nebeneinander, und wunderbaren Schatten, einem Kamin wie ein Haus und Büchern, Büchern, Büchern ringsum. Des alten Sängers größte Freude war, etwas aus diesen Schätzen zu vernehmen, kleine Stücke von Homer und Sophokles, wobei er vor Freude weinte, und nicht viel auf einmal vertragen konnte. Es erschütterte ihn zu sehr.

Jetzt saß er am Kamin, in einem mächtigen rothen Lehnstuhl, vom flackernden Feuer phantastisch beleuchtet, Gladys auf dem Teppich zu seinen Füßen, Una auf der Armlehne von ihres Vaters Sessel, Gwendoline am Spinnrad; Martyn stand in der dunkeln Kaminecke und beobachtete Una unverwandt, während die beiden jüngeren Gwynne's am Tisch in einem illustrirten Werke blätterten, aber beständig die Köpfe wandten, um zuzuhören, wie Llewellyn sprach.

Eben glitt Gwendoline's alte Erzieherin, die ihr nun ihre Kinder erzog, in den dämmerigen Raum, in dem schon tiefe Schatten sich unters Kreuzgewölbe lagerten. Sie kam so still herein, wie ein freundlicher Gedanke aus alter Zeit, in einem weichen, grauen Gewande und einem weißen Tuch von irgend einer wunderbar moosigen Wolle wie Schaum und Schnee um die Schultern, einem weißen Häubchen auf den silbergrauen Scheiteln, und großen, stillen Augen, wie Nebel im Tannenbaum, grau, gedankenvoll, sanft, als hätte mancher Tropfen lautlos dort gerieselt. Es lag etwas Einsames um die Eingetretene, die bis zu Gwendoline's Sessel glitt und ihr zuflüsterte, die fünf Kleinen seien in den Bettchen und warteten auf sie zum Abendgebet.

»Missy! liebe Missy!« flüsterte Gladys, sprang auf, schob einen Sessel zum Feuer, zog die Angeredete hinein, und setzte sich schnell wieder zu ihren Füßen an's Feuer, mit dem Rücken an ihre Knie gelehnt. Missy (Niemand kannte sie unter einem andern Namen) wollte eben ihre zarte Häkelarbeit aus dem Sack an ihrem Arm ziehen, als Llewellyn sie erkannte und freudvoll begrüßte. Ein leichtes Roth flog über ihre Wangen, und ihr Lächeln zeigte schöne Zähne. Una glitt hinter den Stühlen herum und sagte ihr leise etwas. Augenblicklich nahm Missy ihren weichen Shawl ab und hüllte das junge Mädchen hinein. Martyn wollte es vorkommen, als wären Una's Lippen ein ganz klein wenig bläulich, aber nicht viel, in dem unsichern Lichte des Flackerfeuers.

»Frierst Du?« sagte er, aus dem Schatten hervortretend.

»O, beinahe gar nicht. Ich glaube, es wurde kühl im Garten!«

Er wärmte ihre Hände zwischen den seinen.

Der alte Barde sah unruhig nach ihr hin und unterbrach das Feuer seiner Rede.

»Ist es Leid oder Glück, wenn die Gedanken kommen?« fragte der Vicar, erstaunt über das plötzliche Verstummen und in's Feuer Starren seines Gastes.

»Es ist das höchste Glück auf Erden,« sagte der alte Mann mit solcher Kraft, daß die Wölbung wiederhallte, und dabei leuchteten seine Augen in plötzlichem Feuer auf.

»Ich bin sehr glücklich auf der Kanzel,« sagte Gwynne, »wenn meine Zuhörer mit mir fortgetragen sind durch den Gedanken.«

»Ja,« sagte Llewellyn, »das ist auch schön, sehr schön, aber ich brauche keine Zuhörer, als die See und die Tannen. Wenn mir ein neues Lied einfällt, ja, dann wälze ich mich im Moose, wenn ich kann, und reiße die Kleider auf, weil mir die Brust springt, und weil das Herz hinaus will in's Freie, mit wildem Pochen. Ein Lied! Mein Gott! ein Lied! So muß es dem lieben Gott gewesen sein, als er den Finger ausstreckte, und die Sonne stand da, und als er hauchte, und seine Menschen bekamen eine Seele. Ein Lied! Selbst die Liebe ist kleiner als des Schaffens Glückseligkeit, wenn der Wohllaut uns umwogt und der Gedanke uns erschüttert, daß wir beben vom Scheitel bis zur Zehe, und meinen, solch' ein Gedanke sei noch nie gedacht worden. Kein Schatzgräber kann seinen Fund mit ähnlichem Entzücken betrachten. Es ist wie der englische Gruß der Maria, und man fühlt ein Flügelwesen um die Stirn, als wäre der Himmel herabgestiegen. Das Lied! Ja die Liebe ist groß; denn sie ist Schaffenskraft, aber irdische, das Lied ist auch Schaffenskraft, aber himmlische, und sie entzündet sich an sich selbst und gebiert sich aus sich selbst, in gewaltigen Wehen, manchmal in ungeheuern Schmerzen, und einer Angst, als bräche man zusammen unter des Geistes Aufschwung, als ginge das elende Gefäß in Stücken, das die Begeisterung durchglüht – das Lied! ja, das Lied!«

Während dieser Rede war Morgan leise eingetreten. Ihm lag der Glanz seiner großen Liebe auf den Brauen und nun hörte er, daß die große himmelstürmende Liebe nichts sei gegen das Lied. Der Alte war zu alt; er hatte gewiß die Liebe vergessen, sonst hätte er das nicht sagen können. So dachte Morgan, und Gladys glitt hinaus, den Brüdern am Tisch eine Lampe mit dunkelm Schirm zu holen, damit sie das Werk weiter betrachten könnten, anstatt über die Liebe nachzudenken, für die sie doch viel zu jung waren. Sie war ganz und gar des Sängers Ansicht; sie ging sogar noch weiter. Die Liebe kam ihr sehr thöricht vor, und sie konnte gar nicht begreifen, wie ein Fremder oder eine Fremde einem urplötzlich lieber sein könnte als Vater und Mutter. Sie hatte Missy bereits ihre Verwunderung mitgetheilt, aber gar keine befriedigende Antwort erhalten.

»Aber Missy! Du hast uns doch lieber gehabt als Alles auf der Welt!«

»Ja, mein Kind.«

»Immer, Missy?«

Ein warmes Roth überflog Missy's Gesicht:

»Ich war einmal jung und dachte, ich wollte für mich selber glücklich sein und selber eigne Kinder haben, aber der liebe Gott hat es nicht haben wollen.«

»Du hast doch nie Jemand lieber gehabt als meine Mama?«

Wieder das rasche Erglühen.

»Ich habe mich einmal geirrt und gemeint, ich könnte doch am Ende Einen lieber haben, aber der liebe Gott hat mir gezeigt, daß ich zu deiner Mutter gehörte, wie ihr Schatten, und ihr Schatten bin ich geblieben, mein Lebenlang.«

Gladys war gar nicht zufrieden. Ihre Missy sollte nur ihnen allein gehört haben mit Leib und Seele und frei geblieben sein von solchen kindischen Schwächen, wie sie sie an Una und Morgan gewahrte.

»Weißt Du, Gladys, einmal wird auch Dir Einer gefallen –«

»Niemals!« rief das junge Mädchen stürmisch. »Ich will bei Vater und Mutter bleiben und bei den Kleinen! Bis die groß sind, bin ich fast so alt wie Du, Missy!«

»O, noch lange nicht!«

»Missy, Du weißt, daß ich das nicht leiden kann! Du bist jung, sehr jung, Missy, und wir bleiben immer zusammen, hundert Jahre!«

»Erhöht es die Freude an der Erfindung nicht, wenn sich Andere daran freuen?« fragte Gwynne den Barden, der wieder in Traum versunken war.

»O, es freut Einen recht,« sagte der alte Mann in gleichgültig höflichem Ton, »ja, es freut Einen recht sehr, aber wenn es ihnen nicht gefällt, so ist es Einem einerlei. Wenn einmal Sturm und Entzücken vorüber sind, so ist das Lied kein Eigenthum mehr, so fällt es ab wie eine reife Frucht, und die Menschen können danach greifen, oder sie liegen lassen, wie es ihnen beliebt. Man wendet den Kopf nicht mehr danach. Nein, nur einmal ist Schaffensstunde, und sie kehrt niemals wieder.«

»Aber habt Ihr denn kein göttliches Gefühl für die Geisteskinder?«

»Keines. Sie sind ja so schnell alt und langweilig; man will Neues machen. Wenn ich einmal kein Lied mehr finde, dann nehme ich meine Harfe in die Arme und springe mit ihr in's Meer,« sagte Llewellyn mit großer Energie.

Die Abendmahlzeit wurde gemeldet, und der herrliche uralte Speisesaal nahm die fröhliche Familie auf. Der Theekessel dampfte und sang sein heimlich Lied. Missy machte den Thee, Una und Gladys trugen die Tassen umher, und die Gespräche dauerten bis tief in die Nacht hinein.



VI.
Für Tom!

Winnie war vor Tagesanbruch in ihren kleinen Pantöffelchen hinuntergeschlüpft, war auf einen Stuhl geklettert, hatte die Hülle von der Mutter Harfe entfernt und probirte Llewellyn's Lied, das sie nicht schlafen ließ. Sie weinte, weil ihre Hände die Saiten nicht erreichen konnten. Sie hatte nicht bemerkt, daß bei dem Herannahen ihrer Schritte sich eine Gestalt vom Schreibtisch entfernt und auf einen Divan unter einen indischen Shawl in der dunkelsten Ecke verkrochen hatte. Das Kind ging in seiner Noth an's Klavier und suchte singend und spielend Worte und Weise zusammen, und mit strahlendem Gesicht kehrte sie zur Harfe zurück. Bald klangen Bruchstücke und endlich die ganze Ballade durch das heranschleichende Morgengrauen. Des Kindes zarte Stimme wurde pathetisch, wie es sang; die Augen bekamen einen ganz fremden, tief ernsten Ausdruck; aber Keiner war da, um vor des Genius erstem Erwachen scheue Ehrfurcht zu haben.

Eben stürmte es die Treppe hinunter, und Kathleen flog wie ein zürnender Engel mit gesträubtem Haar in's Zimmer. Es fehlte nur das Flammenschwert in der Hand, um den Eindruck vollkommen zu machen.

»Mußt Du Dir hier den Tod holen, im Nachthemd, im kalten Sonnenaufgang. Schämst Du Dich denn nicht, so herumzulaufen? Und wenn Du krank wirst, bin ich verantwortlich.« Sie faßte des Kindes Schulter und schüttelte sie. »Und ist Dir's nicht streng verboten, die Harfe anzurühren.« Sie nahm die kleinen Hände und schlug sie, bis sie roth waren.

»Die Ruthe bekommst Du von mir. In den Garten werde ich gehen und die Gerten schneiden, und heute Abend, im Bett, werde ich Dich abstrafen, daß Du daran denken sollst.«

Kathleen bebte vor Wuth, und ihre blauen Augen schienen elektrische Funken zu sprühen unter den Wimpern. Sie war förmlich von Leidenschaft geschüttelt, und die Worte stürzten keuchend hervor.

»Todt ärgere ich mich an Dir! Da stehst Du wie ein Stein! Ich werde Dich lebendig machen! Heute Abend ist Dein Vater nicht da; da ist Dein Geschrei gleichgültig, und Du bekommst alle Schläge auf einmal, die ich für Dich aufgehoben, Du boshaftes Kind!«

»Ich rathe Dir nicht, es zu versuchen,« sagte Winnie mit bebenden Lippen und blaß wie der Tod.

»Wenn Du mich verklagst, dann schlage ich Dich mehr.«

»Dann bleibst Du keine Stunde hier und kannst gehen,« sagte Winnie.

»Bravo, bravo! bravissimo!« klang es plötzlich aus der Divanecke. »Ich freue mich doch, zu sehen, wie es zwischen Euch Beiden zugeht, nett, sehr nett!« sagte Tom im ruhigsten Ton.

Die Beiden standen einen Augenblick wie versteinert; dann rannte Winnie auf den Divan zu, schlug ihren Bruder mit der kleinen Faust in's Gesicht und war verschwunden, bevor er geathmet.

»Du hast eine hehre Begeisterung gestört,« sagte Tom, ohne aufzustehen; »das Kind ist offenbar ein Talent, und da kannst Du machen, was Du willst, Du kannst es nicht dämpfen.«

»Was machst Du hier?« stieß Kathleen hervor. Sie war weiß geworden, nur einzelne rothe Flecken an Hals, Ohren und Schläfen zeigten die Herzstöße an, die ihr den Athem raubten.

»Ungezogenheit ist es; sie thut Alles, um mich zu reizen, sie thut es mit Fleiß; denn sie haßt mich –«

»So?« sagte Tom gedehnt. »Ein kleines Kind und hassen? Wer hat sie denn das gelehrt?«

»Ich weiß nicht, ihre eigene böse Natur und böses Beispiel,« sagte Kathleen, als schleuderte sie einen Pfeil nach ihm.

»Ich hasse Niemanden,« sagte Tom gelassen und stand auf. »Warum denn hassen, mein Kind? Lieben ist so viel leichter!« Er näherte sich ihr mit seinen unheimlichen Augen. Sie stellte sich hinter einen Stuhl und legte die Hände darauf.

»Ja,« sagte sie, »das hab' ich gelernt, daß Lieben leicht ist; man zieht es an wie einen Handschuh und wirft es fort, wenn der Handschuh alt und schmutzig geworden ist, und kauft sich neue; das ist die Liebe. O ja, das ist sie, leicht wie eine Feder.«

»Hast Du hineingebissen und die Frucht unreif gefunden?«

»Nein, überreif, verfault.«

»Hu!« sagte Tom.

»Und ich ekle mich davor.«

»So? wie schade!«

»Ja, wohl ist es schade, wenn sich das Herz geekelt hat, sehr schade; denn von dieser Krankheit wird es nie wieder gesund.«

»Aber wann und wo hat sich Dein Herzchen geekelt?«

»Wann und wo? Ich schleiche nicht bei Nacht in die Zimmer und verstecke mich unter die Möbel, aber ich weiß doch Alles. Alles weiß ich. Und wenn ich seitdem das Wort Liebe höre, so spuck' ich aus.«

»Pfui Kathleen! liebe kleine Kathleen! Du bist ja wie eine wilde Katze; Kind, ich muß Dich bändigen und sänftigen, mein Schätzchen!« Er kam näher.

»Ich bin nicht Dein Schätzchen und bin nicht zu bändigen; hast Du nicht gesehen, daß ich lauter Stacheln habe, daß ich beiße und kralle und schlage? Hast Du es nicht gesehen? Hast Du nicht gesehen, daß ich mich sogar an den Unschuldigen räche? Was würde ich erst den Schuldigen thun?«

»Aber, Kathleen! Ich erkenne Dich nicht!«

»Ich auch nicht! Du hast alles Böse in mir geweckt, und nun ist es da; nun schreit es in mir, wie die ganze Hölle.«

»Mit einem einzigen Kuß mach' ich Alles gut.« Er wollte den Arm um sie legen; sie aber flog durch's ganze Zimmer.

»Eh' Du mich anrührst, muß der ganze Istwith über uns hingeflossen sein und Snowdon's ewiger Schnee geschmolzen, und die Minen einstürzen und alles Leben begraben und – und –«

»Nun, nun, genug! ich weiß jetzt. Aber ich weiß auch, daß es anders kommen wird und daß ich Dich, kleine Katze, in meinen Armen halten und küssen werde, so lang' es mir beliebt; ich kann warten.«

»Ich kann sterben!« sagte Kathleen und schritt an ihm vorbei und zum Zimmer hinaus, mit plötzlicher kalter Würde und Ruhe.

»Heut' hab' ich mit den Frauen in diesem Hause kein Glück,« sagte Tom, »da kommt Nummer Drei, wollen sehen, was hier passirt?«

Minnie kam mit ihrem süßen Lächeln herein und versuchte, weiter zu lächeln, als sie ihren Bruder sah, aber schon schlich Unbehagen in den Grund der reinen Augenspiegel, die noch nie geheuchelt, außer aus Liebe.

»Minnie, mein Schätzchen,« sagte Tom, »komm' einmal ein ganz klein bischen auf meinen Schooß.«

»Ja,« sagte Minnie, »kann ich nicht stehen?«

»So, wie Du willst, hier zwischen meinen Knieen, ich will Dir solch' eine traurige Geschichte erzählen!«

»Mir?« sagte Minnie und wäre gern weggeschlüpft zwischen des Bruders Knieen.

»Ja, denke Dir, da ist solch' eine arme, arme Frau! die hat nicht ein Stückchen Brod für fünf Kinder! und ich habe gestern mein Letztes hergegeben für Llewellyn, weil ich sah, daß sein Mantel zerrissen war. Willst Du mir nicht helfen?«

»Aber ich habe ja gar kein Geld, Tom!«

»Nein, aber das schöne Rubinenkreuzchen; davon bekäme ich viel Geld, wenn Du mir erlaubtest, es zu verkaufen; ich würde Dir natürlich das meiste Geld wiederbringen, nur so viel nehmen, als die arme Frau nöthig hat.«

»Ich brauche das Geld nicht, die arme Frau soll's haben; aber was wird Papa sagen, wenn das Kreuzchen fort ist?«

»Du sagst, Du hast's verloren.«

»Aber das ist ja gar nicht wahr.«

»Sag', Du hast's verschenkt.«

»Dann fragt er Wem?«

»Dann sag', armen Leuten, weil Du kein Taschengeld hast; dann wird er Dir gleich welches geben.«

»Wenn ich nur wüßte, ob es ganz recht ist? Soll ich nicht lieber Kathleen fragen?«

»O, nur nicht! Kathleen ist in einer ihrer Launen; sie hat Winnie tüchtig geschlagen heute Morgen, und weil ich's gesehen habe, ist sie auch auf mich böse.«

»Sie hat Winnie geschlagen?« Minnie verzog die Lippen zum Weinen und drückte sie mit den Fingerchen zusammen.

»Warum hat sie Winnie geschlagen?« frug sie mit großen Thränen, die ihr langsam über die Wangen rollten.

»Ai!« dachte Tom, »das hab' ich dumm gemacht.« Und laut: »O, weißt Du, Winnie hat's ihr gleich gesagt, sie bekommt's wieder, und sie wird's Papa sagen, und da war Kathleen ganz still. Aber ich würde sie doch nicht fragen.«

»Wenn ich nur wüßte: Du weißt nicht immer so genau, was recht ist,« sagte das Kind und schielte nach dem Kamin, in dem seine Puppe verbrannt war.

»Für Arme ist Alles recht, Kind, weißt Du denn das noch nicht? Weißt Du nicht, daß in der Bibel steht, die Rechte soll nicht wissen, was die Linke giebt?«

»Steht das in der Bibel?«

»Ja, frage nur Deinen Vater, der ist sehr bibelfest.«

»Aber werde ich's denn dann wirklich vergessen?«

»Natürlich vergißt Du?«

Minnie ging langsam davon. Tom durchwandelte das Zimmer und blieb von Zeit zu Zeit horchend stehen. Endlich kam der kleine Schritt zurück, und mit ernstem Gesichtchen sagte das Kind, die Hand öffnend:

»Als Maggie gerade mein Bett machte, hab' ich's genommen. Sie hat's nicht gesehen. Aber es ist doch mein. Ich durfte es doch nehmen!«

»Natürlich durftest Du. Gieb's nur schnell her! Denn ich muß damit nach Cardigan, oder vielleicht noch weiter, und so lange wartet die arme Frau.«

Er nahm es dem Kinde etwas ungestüm aus der Hand, so daß die großen Augen mit ernster Frage auf ihn geheftet blieben und er wie gescheucht so rasch wie möglich hinauszukommen strebte. Er küßte die Kleine, dankte ihr nicht einmal, rief nur: »Auf Wiedersehen, kleines Mäuschen!« und eilte über die Terrasse hinunter.

Minnie stand lange und schaute ihm nach, und ihr kam der Gedanke, daß sie doch gern selber der armen Frau das Geld gegeben hätte.

»Hat Dich Kathleen geschlagen?« war Minnie's erste Frage, als sie ihre Schwester sah.

»O, beinahe gar nicht!« sagte Winnie, wurde aber so roth, daß ihr die Augen übergingen.

»Warum denn?«

»Weil ich an der Harfe war. O, Minnie! Du weißt nicht! ich habe Llewellyn's Lied gefunden! ich kann's noch ganz gut! ich sing' Dir's, wenn Niemand da ist!«

Edleen saß wieder den ganzen Morgen an ihren Rechenbüchern, und machte sie nur zu und that, als schriebe sie Briefe, als sie ihren Mann mit dem Vicar auf der Terrasse auf- und abwandeln sah, immer an ihren Fenstern vorbei.

»Natürlich,« sagte Vaughan, stehen bleibend, »es will wieder kein Mensch sehen, was ich sehe! Es ist gerade, als wäre ich ein unpractischer Träumer, wenn ich Ihnen sage, der Suezcanal muß gemacht werden. Nein, so geht es mit Allem und Allem. Ich sehe immer groß, und die Andern sehen klein und schreien und schimpfen. Ich habe sofort massenhaft Actien genommen, ich, der Mann, der mühsam sein Geld erworben. Immer großartig! sag ich. Die Menschen wollen nie begreifen, wo man sein Geld hineinstecken muß, und ich kann ihnen vorrechnen, wie den kleinen Kindern, daß das Zehnfache herauskommt, zweihundert Procent und mehr. Und wenn ich mich heiser gesprochen und ihnen Alles gezeigt habe, dann schütteln sie die Köpfe und sagen: Vaughan ist ein Schwärmer! Wär' ich jetzt reich, wenn ich ein Schwärmer wäre? Nein. Ich habe aber immer weit gesehen, von Jugend an, und habe schon meinem Vater zu Geld verholfen, als er noch ein armer Mann war. Ein Schwärmer, wahrhaftig! Ich kann die kleinlichen Leute nicht leiden! Sie verkehren doch auch mit Indien und Australien, so gut wie ich, und sehen die Karte so gut wie ich, d. h. nein, sie sehen sie gar nicht an und rechnen nicht, wie viel Geld die Zeit kostet. Ich habe keine Geduld mit ihnen.«

Die beiden Herren gingen weiter in den Garten hinein, und Edleen holte die unglückseligen Bücher wieder vor. Sie zählte eine ganze Seite zusammen, nachlässig, suchte sich zu irren, schrieb dann die falsche Summe unter die Einnahme, und darunter mit rascher Hand: Deficit – soviel.

Sie athmete auf und betrachtete lange das Wort, das für sie mehrere schlaflose Nächte bedeutete, bis sie ihrem Gewissen vorgeredet, daß sie schließlich mit ihrem Nadelgeld machen könne, was sie wolle, und was in der Haushaltung fehle, an den Kleidern wieder absparen könnte. Tom war gestern zweimal dagewesen und hatte sie bis auf's Blut gequält, und zweimal hatte sie ihm gegeben. Ihr war es, als müßte ihres Mannes strenger Blick durch ihre Kleider ihr Herz schlagen sehen, und heute früh hatte er gefragt: »War Tom hier?« Und sie sagte schnell »Nein«, bevor er nach Tag und Stunde gefragt, und so war die Lüge nicht so schreiend. Er hatte geschwiegen und die Lippen zusammengepreßt. Er hatte ihn weggehen sehen, als er Minnie das Kreuzchen abgeschwindelt, und ein stechender Schmerz in der Brust ließ ihn fürchten, sein Weib belüge ihn, und doch hoffte er, sie habe wirklich nicht gewußt, daß er dagewesen.

Edleen lehnte sich im Stuhl zurück und starrte auf das Wort Deficit, bis es vor ihren Augen verschwamm und sie sich fragte, was aus ihr würde in den Augen ihres strengen, rechtlichen Mannes, mit dem großen, weiten Blick, den kühnen Gedanken und der Gewalt, die er über Tausende von Arbeitern ausübte. Sie sollte der Wurm an seinem Herzen sein, der Todtenwurm, der alle seine kühnen Gedanken vernichten würde. Ob er sie wohl einmal zertreten würde? frug sie sich. Spinnengewebe zog sich über ihre Augen; da trat ein Diener herein, brachte ihr eine Karte und sagte, ein Herr sei draußen, der sie zu sprechen wünsche.

Herein trat ein wohlgekleideter Mann, mit sehr scharfer, spitzer Nase, merkwürdig nahstehenden dunkeln Augen, hoher Stirn, spärlichem Haar und einem gaisbockähnlichen dünnen Barte. Der Mann war eher klein, schmalschultrig und hager.

»Ich habe nicht das Vergnügen –« begann Frau Vaughan etwas steif, mit leiser Stimme. Noch viel leiser antwortete der Eingetretene, sich tief verneigend:

»Was mich herführt, ist nur eine sehr große Kleinigkeit, und werde ich in einigen Minuten mich wieder entfernen können. Ihr Herr Sohn hat hier nur einige Wechsel auf Ihren Namen ausgestellt und mir gesagt, daß ich jederzeit mich hier bezahlt machen dürfte.«

»Geben Sie sie her,« sagte Edleen mit solcher kalten Würde, daß der Mann noch mehr in sich zusammenkroch. Sie hatte ihm den Rücken gedreht, so daß er sie nicht erbleichen sehen konnte. Sie stützte sich einen Augenblick mit der Hand auf den Schreibtisch; dann nahm sie rasch das Geld heraus, Gott dankend, daß es eben reichte, und verabschiedete den Fremden ohne ein weiteres Wort.

Als er hinausgegangen und sie ihres Mannes Schritte noch immer ruhig im Garten mit dem Vicar auf- und abwandeln hörte, fiel sie in den nächsten Sessel, preßte beide Hände auf's Herz und keuchte und keuchte, bis sich ihre Athemnoth in eine Art Brustkrampf verwandelte, und sie hustend und erstickend ihr Taschentuch zerriß und zerbiß, und dann die Karte aufhob, die sie auf den Teppich hatte fallen lassen. »Roberts« hieß der Mann. Das sagte ihr nichts. Mit zitternden Händen schloß sie die Karte, die Ausgabebücher, die leeren Schatullen und Geldbeutel in die Schublade ein und rannte händeringend auf und ab. Der Athem wollte nicht in die Brust wiederkehren; manchmal griff sie sich nach den Schläfen und drückte die Fetzen ihres Tuches an die trockenen, brennenden Augen. Was sollte sie thun, an wen sich wenden. Da kamen die Schritte der beiden Herren näher; der Vicar entschuldigte sich, daß er nicht gleich zuerst bei ihr eingetreten, und bald saß man am Kamin und plauderte. Gwynne's durchdringendes Auge sah bald, daß es der schönen Frau nicht wohl sei, und er strebte, sich zu entfernen, aber Vaughan, den es nicht danach verlangte, mit ihr allein zu sein, da er sein Herz beben fühlte vor den bald allzu nothwendigen Enthüllungen über Tom, hielt ihn fest und verwickelte ihn in's eifrigste Gespräch.

»Sind Sie der Meinung, daß man um jeden Preis einen Menschen retten muß, auch wenn es Andere in Gefahr bringt?« frug Vaughan plötzlich.

Der Vicar fuhr sich langsam mit der Hand über die Lippen. »Es giebt viele Arten, einen Menschen zu retten,« sagte er. »Im Ganzen habe ich wenig Hoffnung; ich habe sehr traurige Erfahrungen gemacht, große Opfer gebracht und sie meistens später bereut.«

»Wo ist die Grenze, da man helfen soll?« sagte Vaughan.

»Ja, wo ist sie? In der Bibel steht, siebenmal siebzigmal verzeihen! Und das Verzeihen ist wohl das schönste Recht des Christen und das Einzige, das ihn über das Thier erhebt; denn das Thier kennt nur die Rache.«

»Nicht wahr, siebenmal siebzigmal verzeihen!« rief Edleen und legte die zitternden Finger in einander, und die beiden Männer fühlten sich schmelzen in unendlichem Mitleid für die unglückliche Mutter. Vaughan schwor sich zu schweigen und geduldig zu sein, und der Vicar dachte, daß dieser Frau Leben nicht mehr lang sein würde, wenn ihr Sohn sich nicht besserte. Sie war so durchsichtig geworden, die Schläfen so müde, die Pupillen so groß, als fieberte sie.

»Und sie weiß noch nicht, welche Qualen ihr bevorstehen!« dachte Gwynne, wie ein erfahrener Arzt, der den Verlauf einer unheilbaren Krankheit deutlich vor Augen sieht. Er sah, daß er für heute genug dagewesen, und versprach, bald wiederzukommen.

»Du bist müde und schwach, Edleen! komm', lege Dich ein wenig!« sagte Vaughan sanft, und bettete sie auf den Divan, setzte sich in einiger Entfernung mit Zeitungen an's Fenster und war bald so sehr in neue Unternehmungen vertieft, daß er die Gegenwart seiner Frau vergessen hatte. Sie lag und marterte ihr Gehirn, und ihre Augen wanderten an der Decke hin und her. Die Zeitung knitterte und raschelte in Vaughan's Hand.

»Geld! Geld! Geld!« dachte Edleen und sah nach ihrem Manne hinüber und bebte vor dem Gedanken, ihm ein Geständniß machen zu müssen. Alles lieber. Nein, die Schmach war nicht zu ertragen, daß sie und ihr Sohn wie Blutegel an ihm hängen sollten. Da fiel ihr ein, daß sie Schmuck habe, erstens den Ring an ihrem Finger mit dem seltenen Stein, ein Diadem, schöne Perlen – Vaughan liebte es, seine schöne Frau zu schmücken. Aber wie sollte sie es machen, damit er es nicht bemerkte? Darüber später nachdenken. Für heute, für morgen Geld und keine Scene!

»Sagt' ich's doch!« rief Vaughan am Fenster. »Kleinliches Volk! Was sind denn ein paar Millionen! Aber sie wollen nicht! Begreifst Du, Edleen, wie man so engherzig sein kann?«

»Nein,« hauchte Edleen, und drehte an dem Ring. »Nein, es ist unbegreiflich.« Sie hatte ihres Mannes Frage nicht gehört.

»Die Actien sind heute auf 500, aber sie steigen, steigen auf 5000, auf 50000, und die Dummköpfe setzen sich hin, thun Sand in ein Sieb und sehen zu, ob ein Goldkörnchen übrig bleibt. Ich kann die Krämer nicht leiden.«

»Aber Du bist doch sonst so vorsichtig.«

»Vorsichtig! Natürlich bin ich vorsichtig, da wo nichts zu finden ist. Darin besteht ja gerade das Talent, in der Spürnase, im kühnen Griff, im großartigen Gelingen.«

»Wenn ich ihn bäte!« dachte Edleen und sah einem Sprung in der Zimmerdecke nach.

»Ich bin nicht ein Mann, der sein Geld verschleudert; ich kann Launen und Schwächen nicht leiden; ich will nicht für einen Zuckerhut mehr ausgeben, als er werth ist, aber Großes wagen, das ist ein Genuß wie kein anderer.«

»Ganz gewiß,« murmelte Edleen und dachte: »Nein, ich kann nicht bitten! Ich kann nicht!«

»Die Haushälterin muß z. B. entlassen werden. Es sind Unordnungen in den Einkäufen gewesen, die Dir entgangen sind. Das vertrage ich nicht. Sie muß morgen aus dem Hause.«

»Aber, Harry!« Alles Blut fluthete in Edleen's Gesicht und verließ es wieder. Die Unordnungen waren ja ihre Schuld allein!

»Wenn Du es nicht sagen willst, so sage ich's. Du brauchst nur Deine und ihre Bücher zu vergleichen, so wirst Du sehen, daß sie nicht stimmen.«

Edleen zitterte. Wußte er den wahren Sachverhalt und wollte sie strafen?

»Ich will in meinem Hause Ordnung haben; verstanden?«

»Aber – man könnte sie vielleicht ein erstes Mal warnen.«

»Warnen!« rief Vaughan ungeduldig. »Du kannst doch nicht zu einem Menschen sagen: Du bist nicht ehrlich, mein Freund! und dann noch weiter mit ihm verkehren!«

»Das wohl nicht, aber man braucht vielleicht nicht gleich ein so hartes Wort zu gebrauchen.«

»Warum nicht? Ich nenne die Dinge bei Namen und wer untüchtig ist, wird entlassen, Punktum. Alle meine Leute wissen's. Sie brauchen sich nur danach zu richten.«

»Aber, Du wirst ihr doch nicht sagen, sie sei nicht ehrlich gewesen?«

»Und warum nicht?«

»Weil es so grausam ist und ihr alle Thüren verschließt, und sie war doch so viele Jahre bei uns!«

Es war Edleen, als schrie es in ihrem Herzen: Sei du ehrlich und rette die arme Frau! Aber sie konnte nicht! Das strenge Auge ihres Mannes ruhte auf ihr und bewegte sich nicht; es schien, als wäre die Pupille versteint. Und vor dem Blick zitterte sie wie ein Birkenblatt im Winde und wurde so feige, wie ein Hund vor der Peitsche. Es war, als lösten sich die Nerven in ihr auf, wenn er sie so ansah, und diese Furcht theilte sie mit Allen, die mit ihm zu thun hatten, Er sah die Leute in den Boden hinein und schnitt ihnen den Athem ab, wie ein scharfer Ostwind.

»So will ich's ihr sagen,« flüsterte Edleen mit trockenen Lippen. Sie dachte, was sie wohl fürder machen werde, mit einer Fremden, da sie nichts mehr zuzudecken, nichts mehr zu verbergen. Wie hatte nur Harry gemerkt, daß Unordnungen waren? Hatte er sich die Bücher zeigen lassen? Hatte er mit Bäcker und Schlächter gesprochen? Oder strafte er sie selber in diesem Augenblick? Immer noch das unbewegliche Auge auf ihr, vor dem sie sich gern verkrochen hätte. So mußte Gottes Auge beim jüngsten Gericht auf dem armen Sünder ruhen.

Vaughan dachte: »Und wenn Du Dich vor mir fürchtest, so will ich's benutzen, Dich vor Schmach und Elend zu retten, mein armes Weib! Du sollst Dich so vor mir fürchten, daß Du dem Schlingel gegenüber Muth bekommst; wie Einer, der reiten lernt, sich vor des Stallmeisters Strenge mehr fürchten muß als vor des Pferdes Unarten! – So dachte Vaughan und beobachtete seiner Frau Gesicht mit einer gewissen Befriedigung, ahnte aber nicht, wie verzweifelt ihre Gedanken waren, und daß man Mutterliebe nicht bändigen und nicht fortängstigen kann, sondern daß sie wächst in der Noth und eine sinnlosere und gefährlichere Leidenschaft ist als alle anderen.«

»Ich werde gleich an Lewes schreiben,« fuhr er fort, »er soll eine andere Haushälterin suchen.«

»Lewes!« dachte Edleen. »Das ist ja wahr! Da ist noch Lewes! Mich hat Owen so erschreckt, daß ich da auch keinen Ausweg sah. Aber Lewes! das ist ja wahr! der kann mir helfen!« –

Vaughan sah die Unruhe aus Edleen's Zügen weichen und griff wieder nach seiner Zeitung.

»Nein!« dachte Edleen, »ich darf nicht wieder einen Menschen unglücklich machen! Wer mir nah' kommt, der wird unglücklich! Ich bringe eben kein Glück!« ihre Lippen zitterten, und eine einzige Thräne glitt die Schläfe entlang in ihre Locken, die wie ein Kissen unter ihren zarten Wangen sich bauschten.

»Harry hat nur einen Dieb im Hause, und der Dieb ist seine eigene Frau!« dachte Edleen, und ein bitterer Geschmack füllte ihr den Mund.

»Ich bin so durstig!« sagte sie leise. Augenblicklich sprang Vaughan auf, machte ihr sorgfältig ein Glas Wein und Wasser zurecht, und stützte ihr den Kopf, während sie trank. Er sah, daß die Schläfen feucht waren.

»Armes Kind! Wie hast Du Dich gefürchtet!« dachte er, küßte sanft ihre Stirn, streichelte ihr Haar, aber in der Furcht, sie würde diesen schwachen Augenblick zu einer Bitte benutzen, kehrte er rasch zu seiner Zeitung zurück.

Edleen wäre so gern allein gewesen, aber die Zeitung war ohne Ende, und sie fand in ihrer Verwirrung keinen Vorwand, um hinauszugehen.

»Aber man braucht die arme Seele doch nicht vor einem Monat zu entlassen?« begann sie nach einer halben Stunde Schweigen.

»Wenn ich gesagt habe, morgen, so ist es morgen. Hast Du das noch nicht gelernt, Edleen?« sagte er mit seiner schneidendsten Stimme, knitterte heftig die Zeitung zusammen, so daß das Rascheln Edleen in Kopf und Ohren schmerzte und ging hinaus, endlich.

Edleen sprang auf und eilte hinauf. Sie fand Kathleen allein, vor dem Spiegel, ein rothes Band durch ihr schwarzes Haar ziehend.

»Kathleen!« sagte sie, »Kathleen, mein Herz! Du mußt mir sehr schnell einen großen Dienst leisten. Hier nimm diesen Ring, fahre damit nach Cardigan und verkaufe ihn. Der Stein ist Tausende werth, und ich brauche Tausende, Kathleen, Du weißt wohl für wen, mein Herz! Und ich weiß, daß ich eine Stütze an Dir finde und ein Verständniß für meine unverzeihliche Schwäche. Kauf' Dir einen neuen Hut, einen recht auffallenden, aus dem Gelde, damit Jedermann sieht, warum Du in Cardigan warst!«

Kathleen drehte den Ring in ihrer Hand hin und her. Und wenn sie ihn auch haßte, den treulosen Tom, so konnte sie doch Edleen nicht in solcher Angst und Noth lassen. Nein, für Tom nicht, selbst wenn er in's Gefängniß käme! Bei diesem Gedanken wurde sie ganz weich und dachte gar nicht mehr an Temorah, sondern nur an Tom's hübsche Gestalt und lustige Stimme. In diesem ernsten, strengen Hause war Er das Einzige was Leben brachte und Helligkeit. Und heute früh, wie war sie stolz gegen ihn gewesen! Sie hatte ihn doch zu Paaren getrieben, den unwiderstehlichen Tom. Die Befriedigung über ihr eigenes Benehmen stimmte sie ganz großmüthig, und sie wollte heimlich für ihn sorgen, und ihn dabei äußerlich schmachten lassen. Diese Rolle gefiel ihrem eitlen Köpfchen ganz besonders, und Edleen umarmend, versprach sie, wahre Goldminen dem Juwelier zu entreißen.

Sie mußte aber die traurige Erfahrung machen, daß Goldminen zu allen Zeiten selten sind, am seltensten aber, wenn man Geld braucht. Der Juwelier lachte sie förmlich aus, wie sehr sie den Stein überschätzt habe, und gab ihr viel weniger dafür, als Edleen angegeben. Fast hätte sie den Ring wieder mitgebracht. Aber sie dachte an ihrer Cousine banges Gesicht und wahrscheinliche Geldnoth, kaufte sich ein ziemlich bescheidenes Hütchen, um die Summe nicht noch zu verkleinern, und kam sehr niedergeschlagen nach Hause.

Auf der Treppe begegnete sie Vaughan, der sie mit ihrem Ankauf neckte, und meinte, das hätte er besser besorgt, wenn sie's ihm aufgetragen.

»Merkwürdig, daß ein so schönes junges Mädchen nicht besseren Geschmack hat!«

»Was? das ist Alles?« rief Edleen. »Besser hättest Du den Stein wieder mitgebracht!«

»Soll ich hinfahren und ihn wiederholen?«

»Nein! nein! mein Gott! Gewiß nicht! Ach! Geld! Geld! Wo nehm' ich's nur her? Ich kann mir's doch nicht aus den Fingern saugen!«

Kathleen öffnete ihre Schublade und nahm ihren ganzen kleinen Besitz heraus. »Hier, Edleen, ich brauche ja gar nichts, wenn das Dir helfen kann!«

»Dein sauer verdientes Geld, Kind! Denn Dir wird es sauer! Du bist ungern bei den Kindern! Und die meinen sind auch so uninteressant und unbegabt. Ich glaube, Tom hat Alles bekommen! Für die Andern war nichts mehr übrig. Nein! was war Tom für ein Kind! ein Genie sage ich Dir, ein kleines Wunder! Er sprach Alles mit anderthalb Jahren; er hatte mit fünf allein lesen gelernt, und seine Fragen! Wie ein Mann! Nie frägt mich eines der Kleinen etwas! Arme Kathleen! Wie kann ich das nehmen!«

»Für Tom!« sagte Kathleen, und ein bitteres Lächeln spielte einen Augenblick um ihren hübschen Mund.

»Nicht wahr, Du hast ihn lieb?« sagte Edleen und behielt das Geld in der Hand.

»O nein!« Ein glühendes Roth sagte Edleen, daß sie richtig verstanden.

»Aber mein armes Kind! Daraus kann ja nichts werden!«

»Das ist ja auch ganz gleichgültig. Sollen die Kinder nicht jetzt noch ein wenig fahren? Sie laufen sich sonst zu heiß.«

»Wie soll ich Dir danken, Kathleen!«

»Gar nicht, das ist viel einfacher. Wer spricht denn von Geld!«

»Ach, leider wird in diesem Hause viel davon gesprochen! Ich war gar nicht daran gewöhnt!«

Kathleen lachte: »Darum sind wir auch so wunderbare Finanzleute. Das Geld vergeht förmlich in unsern Händen, wie Haar unter einer ungeschickten Hand. Unter einer guten Hand wird es immer dichter und giebt mehr aus. So ist es gerade mit dem Gelde. Schon bei Deinen Kindern reicht das Geld so weit. Es ist unglaublich, was sie mit den paar Schillingen anfangen, die sie geschenkt bekommen, das muß angeboren sein.«

»Ich hab's gar nicht gern,« sagte Edleen.

»Nein, natürlich nicht; es ist nicht sympathisch, aber doch bewundernswerth und sehr nützlich.«

»Ach, sehr! Kathleen! wer hätte das gedacht, daß wir in all' dem Reichthum schlimmer d'ran sein würden, als in der größten Armuth!«

»Wer kein Glück hat, der hat kein Glück; ich bin sehr abergläubisch, und ich glaube gar nicht an mein Glück, Edleen! ich glaube, ich bin zum Unglück geboren, und wo ich mich hinwende, grinst es mich an.«

»Aber, Kind! Du bist doch so schön!«

»Was hilft mir das?«

»Und so liebenswerth! Wie sollte man Dich nicht lieben!«

»Ist denn das Glück? Ich sehe nicht, daß es mir hilft!«

»Es kann Dir doch dazu helfen, eines guten Mannes Frau zu werden.«

»Ich mag nicht. Was ich von der Ehe sehe, macht mir nicht die geringste Lust, mich auf dies Glatteis zu wagen.«

»Aber eigene Kinder zu haben, Kathleen!«

»Ich mag gar keine Kinder.«

»Kathleen! Du sagtest früher gerade das Gegentheil!«

»That ich das? Dann war es wohl nicht wahr. Ich lüge oft.«

»Aber, Kathleen!«

»Nun ja, was denn? Ich lüge oft. Ich sage, ich habe Etwas gern, und mag's nicht; ich sage, ich mag Etwas nicht, wonach mir die Augen übergehen. Ich sage mir selber nie die Wahrheit, so wenig wie ich in den Spiegel sehe, wenn ich nicht ganz sicher bin, sehr hübsch zu sein.«

»Dann bist Du oft sehr sicher!« lachte Edleen.

»Ich sehe sehr selten in den Spiegel.«

»So oft einer auf Deinem Wege ist.«

»Du Scheusal!«

»Mein Gott! ich finde es sehr natürlich! Es fehlt hier so sehr an schönen Bildern, da muß man den Mangel ersetzen durch Spiegel.«

»Danke, Edleen!« sagte das junge Mädchen und küßte sie in der Thüre.

»Nein, komm' wieder herein, Edleen; das bringt Unglück, sich unter der Thüre zu umarmen!«

»Thöricht Kind!«

»Ja, ich bin sehr thöricht, so thöricht, wie Du's gar nicht weißt.«

»Ich habe Dich lieber als die Klugen.«

»Sehr unvorsichtig von Dir.«

»Und dann weiß ich, Du hast meinen Tom lieb, und den haben nicht mehr viele Menschen gern.«

»Du irrst Dich. Jedermann hat ihn gern.«

»Lieb' Kind! Du hast gesagt, Du lügst manchmal aus Nächstenliebe.«

»Nein, so sagte ich nicht.«

»Ich hörte es so.«

»Wenn Du nicht Tom's Mutter wärst, dann wärst Du vollkommen, Edleen.«

»Und ich war so stolz, es zu sein, das Einzige, worauf ich stolz war in meinem Leben!«

»Wie wär' ich stolz, ihn aus meinem Herzen zu reißen!« dachte Kathleen, während ihrer Cousine leichte Gestalt die Treppe hinunterhuschte, an den Schreibtisch, mit dem Geld für den Ring und dem Geld von Kathleen und tief aufseufzte, da es reichte, das Deficit zu decken.



VII.
Der Held des Tages.

Um die Minen drängte sich's in dichten Haufen. Die Nachricht von einem Unglück war in die Dörfer gedrungen, und Vaughan war in London. Immer mehr Leute strömten herbei; es war ein Lärm von ferne, wie in einem Bienenschwarm, der den Korb verlassen hat. Kopf an Kopf wogte das Gedränge. Zuerst hatte man gesagt, in der Kupfermine sei der Strick gerissen, nein, im Schieferbruch sei ein Bergrutsch gewesen, nein, in der Erzgrube sei Wasser losgebrochen. Wer zuerst die Nachricht gebracht, wer sie verbreitet, das wußte Niemand. Die Frauen drängten heran, Jeder stand Todesangst auf der Stirn, in den Augen, in dem zur furchtbarsten Frage geöffneten Munde.

Endlich erfuhr man, in der Kupfermine sei ein Erdsturz gewesen und zwei Arbeiter verschüttet. »Wer? Wer? Wer?« so ging es durch die dichten Reihen. »Und wer will hinunter, retten?« war die nächste Frage. Ein kurzes Zaudern in das hinein Tom's Stimme tönte: »Ich will hinunter, natürlich! Ich habe nicht Weib und Kind! Was thut's, wenn ich umkomme!« Dieser schönen Rede lauschte man schweigend; der Augenblick war zu bange, um an etwas Anderes zu denken, als an die so nöthige Hülfe. Er schwang sich in den Korb und wurde mit einem Andern hinuntergelassen. Die Axt in der Hand, Rock und Weste abgeworfen in der erstickenden Hitze des verengten Raums, ließ er seine Schläge dröhnen und versuchte es, sich den Unglücklichen hörbar zu machen. Tom's Beispiel lockte noch Andere hinunter, die er mit Wort und Zuspruch anfeuerte und sich selbst ein klein wenig mehr schonte. Tag und Nacht wurde mit Ablösung fortgearbeitet, mit doppelter Kraft, seit man Antworten von den Verschütteten bekam. Tom kam nur auf Augenblicke herauf, um Luft zu schöpfen und verschwand dann wieder vor den bewundernden Augen in der Tiefe. Toby's Frau und Will's mutterloses Töchterchen nahm er im Korbe mit hinunter, damit sie mit den Ihren sprechen und durch die Löcher die man gebohrt, ihnen Brod hineinschieben könnten. Tom schien Alles zu leiten. Er schlief nur stehend, an die Wand gelehnt und hatte Tag und Nacht die Axt in der Hand. Er redete den Verschütteten zu, Muth und Leben zu behalten; er betete mit ihnen, als sie den Tod herannahen fühlten. Das Alles berichtete man Edleen und dem eilig heimgekehrten Vaughan; Edleen strahlte. »Er ist doch nicht ganz verloren!« sagte sie.

»Er war doch ein guter Mensch im Grunde, nicht wahr, Harry? Glaubst Du nicht, er kann noch ein braver Mann werden?«

Vaughan lächelte traurig. Er kannte das Flackerfeuer, bei dem Eitelkeit und Ruhmsucht eine Hauptrolle spielten, und die Freude am Ungewöhnlichen, an jedem Nervenreiz. Temorah war auch einmal in der Morgendämmerung am Schacht, wo sie von den Anderen unbemerkt die Nacht gestanden. Sie weinte. Die Frauen stießen sich an:

»Sie denkt an ihren Vater, der so zu Grunde ging,« murmelten sie untereinander. Sie hatte sich auf einen Steinhaufen gesetzt und Will's Töchterchen auf den Schooß genommen. Mit sanften Trostesworten redete sie dem Kinde zu, und Toby's Frau gesellte sich zu der Gruppe, setzte sich neben sie und jammerte, den Oberkörper hin und herwiegend.

Vom Meere her kam der Nebel in dichtem Qualm herangewälzt, und vor Sonnenaufgang war er so dicht, daß man nicht athmen konnte, ohne zu husten und nicht den Fuß sehen, den man ausgestreckt. Die düstere, baumlose Landschaft troff von Nässe. Es war ein Rieseln ringsum wie leises Weinen; nur aus der Tiefe dröhnten die Hämmer. Jetzt stiegen die Nachtarbeiter herauf, die Tagarbeiter hinab; Tom war nicht dabei. Er war unten geblieben, und man brachte ihm Essen.

»Das ist doch mein Tom!« dachte Temorah .

Am vierten Tage wurden die Stimmen der Verschütteten so schwach, daß man fürchten mußte, zu spät zu ihnen hineinzudringen. Die Gruppen um den Schacht mehrten sich im dichten Nebel, der sich wie schwere Tücher gelagert und nicht mehr weichen zu wollen schien. Man erkannte sich nicht unter einander, jede herankommende Gestalt schien riesengroß, und die wenigen Worte die man wechselte, jagten Wolken von Rauch wirbelnd vor jedem Munde her. Die Kleider dampften, die Schuhe knirschten im tiefen Schlamm, und ernst und bleich waren alle Gesichter mit spitzen Nasen und blauen Lippen. Toby's Frau stand an den Schachteingang geklammert. Ihre Lippen bewegten sich unablässig in leisem Gebete. Sie konnte nicht einmal mehr weinen. Will's Töchterchen hatte einen alten Mann bei der Hand gefaßt und starrte mit großen Augen vor sich hin, mit leisem Seufzen. Die Stunden verrannen. Drunten arbeitete man rastlos, ohne ein Wort zu sprechen. Regelmäßig klang das Dröhnen herauf. Da wurde das Zeichen gegeben und der Korb aufgewunden. Schwarz, bleich, mit wirrem Haar, zerrissenem Hemde erschien Tom: »Sie leben!« schrie er so laut er konnte. Da wurde die Frau ohnmächtig. »Wer hat daran gedacht, Branntwein mitzubringen? Branntwein her!« rief er ungeduldig und stampfte mit dem Fuße.

»Hier!« klang Temorah's Stimme. Und unter ihrem Mantel hervor langte sie den Krug. Tom riß ihn ihr aus der Hand und war verschwunden. Temorah machte sich daran, Toby's Frau wieder zu sich zu bringen und sah, daß sie bald einem Kinde das Leben schenken sollte.

»Mehr als zuviel!« dachte Temorah. »Es sind ihrer schon Vier, Alle fast gleich groß!« –

Was man heraufbrachte nach endlosem Warten, glich kaum noch Toby und Will, und wenn sie nicht die veilchenblauen Lippen bewegt und die Augen geöffnet hätten, so hätte Niemand sie für lebend halten können. Langsam, langsam schien das Blut in ihre Adern zurückzukehren, und während man sie rieb, gesticulirte Tom in den Gruppen umher und erzählte, wie er Tag und Nacht gearbeitet, wie er manchmal zwischen einem Schlag und dem anderen eingeschlafen sei, stehend, wie plötzlich der Stein gewichen, der unter der Erdmasse den schmalen Gang verstopft, und wie ihm die beiden Leichen in die Arme gefallen. Er hätte im ersten Augenblick gedacht, sie seien todt und wäre selbst mit ihnen hingefallen, wären die Arbeiter nicht zugesprungen. Vaughan stand von ihm ungesehen in der Nähe, und hörte ihm zu, aber der alte Owen, der bis dahin nur mit den Unglücklichen beschäftigt gewesen war, konnte sein Erzählen nicht mehr mit anhören, legte ihm die Hand auf die Schulter, und sagte, ob er sich nicht waschen und ankleiden wolle?

»O ja, recht gern,« lachte Tom. »Ich sehe aus wie ein Schornsteinfeger und bin hungrig und durstig, zumal durstig sehr; denn ich gab den Arbeitern immer meinen Antheil, damit sie bei Kräften blieben.«

»Und womit blieben Sie lebendig? Und wo sind Ihre Kleider?« fragte der alte Mann.

»Meine Kleider, in die habe ich die Beiden gewickelt. Sie waren so kalt. Mir ist ganz warm, und ich laufe jetzt nach Hause, sobald ich die Beiden sicher weiß und lebendig. Es wäre doch schade, soviel Mühe, wenn sie nun doch sterben müßten!« – Er näherte sich den Tragbahren, auf die man Toby und Will gebettet. Toby's Frau fiel vor ihm auf die Knie und bedeckte seine Hände mit Küssen. Will's Töchterchen sah das und kniete auch im Schmutz vor ihm nieder. Er nahm das kleine Mädchen in die Arme und küßte es. »Du sollst nicht ohne Vater bleiben! Ich weiß, wie das thut!« sagte er laut und stark.

»Dreimal Hurrah für unsern Tom!« rief einer der Arbeiter, und tausend Stimmen gaben Antwort und schrieen dreimal Drei Hurrah's, und dann steckten sie die Köpfe zusammen, und ehe sich's Tom versah, flog er auf ihren Armen in die Luft und wurde im Triumph von dannen getragen. Es wälzte sich ein Strom von Menschen durch den Nebel nach Vaughan's Hause. Die Leute lösten sich ab, Tom zu tragen; Kinder stürmten voraus, und schnell hatte sich ein Chor gebildet; mit dröhnendem Gesang zogen sie dahin, Tom bei jedem Schritte wiegend und von Zeit zu Zeit auf den Schultern empor hebend, damit man ihn besser sähe. Er hatte die Arme auf der Brust gekreuzt, als wäre sein beschmutztes Hemd ein Königsmantel. Die Söhne des Vicars kamen ihm entgegen und schwangen ihre Mützen. Der Nebel schien sich vor der Menschenmasse leise wegzurollen, so daß Edleen aus ihren Fenstern sehen konnte, wen sie da brachten. Ihr Mutterherz schwoll hoch auf vor freudigem Stolz, zumal als ihnen Tom eine Rede hielt, die fortwährend mit jubelndem Hurrah unterbrochen wurde. Sie schloß ihren Sohn, wie sehr er sie auch abwehrte, zitternd in die Arme und flüsterte ihm Worte zu, wie nur ein froh bewegtes und geängstetes Mutterherz sie findet. Ihr verlorener Sohn war der Held des Tages, von Allen geehrt und geliebt, ein Menschenfreund und Wohlthäter!

Kathleen und die Kleinen fuhren gleich mit warmen Kleidern, Speise und Trank zu den Verschütteten hinaus und wurden ebenfalls mit Hurrah von den heimziehenden Arbeitern umringt. Am Abend wälzte sich eine feurige Schlange über Berg und Thal durch den Wald daher. Ein ungeheurer Fackelzug wurde Tom gebracht, und Vaughan's Keller mußte herhalten, für viele Reden und Gegenreden, und Tom genoß sein Heldenthum in vollen Zügen und erzählte und erzählte, und immer länger wurden die Tage, immer bänger die Nächte, immer schwüler die Luft, immer verstorbener die Verschütteten, die nur seine Kunst und seine Energie wieder zum Leben gebracht. Man glaubte ihm heute Alles, was und wie er's erzählte; ja seine Version ward die volksthümliche, und selbst die zugegen gewesen waren, schworen, Tom's Aussagen seien ganz genau. Es war ein Jubel, ein Singen, ein Rausch, eine Lustbarkeit.

Edleen sah aus wie eine Braut, so rosig, so strahlend, als wäre alle Sorge und Qual vergessen, als müßte ihr Kind von heute ab ein neuer Mensch werden, ein guter Mensch, dem man immer zujauchzen würde, den man noch oft auf die Arme heben und zu den Wolken tragen müßte, und sie die glückliche Mutter des Sohnes, den sie geträumt, als er unter ihrem Herzen und an ihrer Brust lag, als sie sein Leben erbetet und zu sterben gemeint, wenn er ihr entrissen würde. »Tom!« sagte sie manchmal, und Vaughan fühlte, daß sie an diesem Abend weder Herz noch Blick für ihn hatte. Sie war nur Tom's glückselige Mutter und wollte ihren Seelenrausch ausgenießen bis auf die Neige. Der Nebel hatte sich ganz verzogen, und der Mond glitzerte auf dem Meere und machte die Fackeln dunkel, deren Rauch sich in der tropfenschwangern Luft tief am Boden hinwälzte. Selbst als die Letzten zu einem großen Freudenfeuer zusammengeworfen und umtanzt wurden, behielt der Mond die Oberhand und schien still und groß. Und das Meer fuhr fort zu flüstern, und sein Flüstern übertönte auch die heiseren Menschenstimmen und Tom's zusammenhangslose Reden, die immer neue Begeisterung hervorriefen, zu der Wein, Bier, Branntwein reichlich beitrugen.

Tom war beständig mit seiner Mutter beschäftigt, so daß er die Theilnahme all' der kindlichen Gemüther auf sich lenkte. Für Vaughan und Kathleen hatte er keinen Blick, und dem alten Owen rief er herrisch zu, warum es dort an Bier fehle? Dort seien die ältesten Arbeiter! – Dann rief er einen Diener herbei und gab ihm einen Beutel voll Geld für Toby und Will, worauf er wieder in donnernden Jubel eingehüllt wurde. Kathleen sah dem Beutel nach und dachte: »Wie bezahlen wir das?« – Edleen dachte auch daran nicht in ihrer Freude.

Im kleinen, düstern Raume saß Temorah an Toby's Bett, und mehr als einmal dachte sie, sein Leben würde erlöschen in dieser Nacht. Die Frau lag hülflos und kraftlos neben ihm. Durch die Angst der letzten Tage hatten die Wehen sie ergriffen, und eine Frühgeburt war im Anzug. Sie wand sich hin und her, und Toby hob manchmal seine blutlose Hand, ihr die Wange zu streicheln. Dann flüsterte er Dankesworte Temorah zu. Gegen Morgen verfiel er in so tiefen Schlaf, daß er den ersten schwachen Schrei und das ebenso rasche Verstummen seines Kindes nicht hörte; man legte es in eine starre Wiege aus Brettern, und verzweifelte mehrere Tage am Aufkommen der armen Frau.

Während der Retter umjubelt wurde, kämpften die Geretteten einen schweren Kampf; es war, als wollte der Tod seine Beute nicht fahren lassen.

Will war ebenso sterbensschwach; er fühlte das Leben entweichen, und ihm war es, als versänke er in etwas Unendliches, in ungemessene Weiten. Da hörte er, wie aus meilenlanger Ferne sein Töchterchen verzweifelt: »Vater! Vater! Mein Vater! komm' wieder, Vater!« rief, und mit einer ungeheuern Willensanstrengung kam er des langen Wegs zurück, öffnete die Augen und erkannte sein Kind. Da war er gerettet.

Temorah saß an dem Bette und beneidete Toby's Frau um ihres Kindes Tod, während sie kräftigstes Leben in sich schwellen und pochen fühlte und nicht wußte, woher den Unterhalt nehmen, um ihre Schande zu verbergen. Da kam das Geld von Tom für die Verunglückten. Er hatte noch nie gefragt, ob sie zu leben habe, und seit er sie schwanger wußte, kam er nicht mehr in ihre Nähe. Bitter, bitter waren Temorah's Gedanken, während sie wachte und zu Glück und Leben zurückrief, was so gern glücklich sein und leben wollte. Wie ein Engel wurde sie in dem Hause verehrt. Sie wußte aber wohl, daß man sie dennoch verstoßen und verachten würde, wenn man wüßte.

Sie saß bolzengerade, in ihre Kleider eingeschnürt und wagte nicht einmal, sich zurückzulehnen, aus Furcht einer Nachbarin Auge möchte auf sie fallen. Endlich konnte sie nach Hause gehen und erschöpft in ihr Bett sinken. Da pochte es an ihr Fenster. Sie hielt den Athem an vor Schrecken und rührte sich nicht. Wer klopfte? Wer wollte zu ihr?

Da erklang draußen eine so tiefe Stimme, daß man zuerst nicht unterscheiden konnte, ob Mann oder Frau. »Willst Du mir denn nicht aufmachen? Ich bringe nichts Böses, arme Maid.«

Wer konnte es sein. Temorah ging ans Fenster und prallte entsetzt zurück. Es war Ulla, die Hexe, der Schrecken der Gegend, Ulla, die Nasenlose, die unheimliche Kräuterbrauerin und Wahrsagerin, die Feuer und Sturm, Gesundheit und Seuche, Glück und Unglück in der Hand hielt.

»Laß mich nur herein zu Dir,« sagte die Alte. »Nur die Glücklichen verschließen vor mir die Thüre, die Unglücklichen lassen mich herein.«

»Ich bin nicht unglücklich und begehre nichts,« stieß Temorah heraus.

»Seit Du Deinen Riegel vorschiebst, ist das Glück nicht mehr bei Dir; Du verbirgst Deine Sünde, mein Kind.«

Der Mond schien voll auf Temorah, die so weiß und so bleich dastand und deren Zähne zusammenschlugen.

»Mach' auf, Temorah, ich habe Dir das zu sagen, was die Blumen aus dem Schlafe weckt, was der Mond nicht hören darf.«

»Muß ich denn Dich anhören? Ich will schlafen.«

»Du kannst nicht schlafen, weil Dein Kind nicht ruht!« sagte die Hexe flüsternd und neigte sich zum Fensterchen herein, so daß Temorah um einen Schritt zurückwich.

»Wer hat Dir's gesagt?«

»Dein Gang, Dein Gang, mein Kind, und Deine todesbangen Augen.«

»Du kennst mich nicht, Du sahst mich nie!«

»Ich sehe Jedermann, auch den, der mich nicht sieht; ich sehe ihn schlafen, wachen, wann ich will; ich sehe ihn sündigen und leiden, im Wassereimer, in der Feuergluth; mir ist nichts verborgen. Laß mich herein. Du hast ja die Sünde hereingelassen!«

Temorah griff sich an die Stirn und schob mit zitternden Fingern den Riegel zurück.

»Hast Du keinen Schluck für mich? ich bin durstig,« sagte die entsetzliche Alte, und ihr Stock schlug klirrend auf die Küchenfliesen auf.

»Doch, Milch,« stieß Temorah hervor.

Die Alte griff knöchern nach der Hand, die die Milch hervorholen wollte. »Nein, nicht Milch; alte Leute brauchen warme Tropfen, Du wirst es nicht bereuen; denn ich bringe Dir Trost und Hülfe.«

»Mir?« –

»Ja, Dir, Dir bring' ich was, sonst wär' ich nicht gekommen.«

»Mir hat Keiner was zu bringen, und ich nehme nichts geschenkt.«

Die Alte lachte. »Das weiß ich. Darum begehre ich zuerst etwas.«

»Aber ich habe keinen Branntwein.«

»O doch! sieh nur nach! in Deinem Keller da sah ich deutlich die Flasche im Winkel links, hinter dem alten Fäßchen, das leer ist.«

Temorah zitterte noch mehr, nahm ein Licht, stieg in den Keller hinab und fand die Flasche, wo die Alte sie gesehen.

»Ein gutes Gläschen!« sagte Ulla und schmatzte. »Noch eins, mein Kind! Das thut dem kalten Herzen wohl. Ich könnte beinahe irgend Einen gern haben, und das ist mir lange nicht mehr passirt.«

»Hast Du nie gern gehabt?«

Ein merkwürdiger Blick aus den runzligen Augen schoß nach Temorah hin: »Ich war einmal schön, Kind, noch viel schöner als Du, und habe geliebt, noch viel stärker als Du, und wurde so unglücklich, wie Du es werden wirst, den Menschen fern, von Menschen gemieden. Ich sehe Dich wandern durch die Menschen hin, wie eine Gestorbene, Temorah. Darum komm' ich Dir zu helfen, ehe es zu spät ist.«

»Mir ist nicht zu helfen.«

»Doch! doch! Der alten Ulla ist nichts unmöglich. Ich will Dir geben, was die Spuren Deiner That entfernt, was das Leben in Dir tödtet, bevor es zum ersten Male geschrieen, so daß Du wieder makellos dastehst, bevor Einer Deinen Fehltritt ahnt.«

Temorah schien zu wachsen, so streckte sie sich.

»In mir? Tödten? Mein kleines Kind tödten? Aber – das – ist ja – ein – Mord!«

»Nur nicht gleich so starke Worte für etwas so Unbedeutendes. Es hat ja noch nicht geschrien, wie wäre das ein Mord?«

»Aber – es lebt,« sagte Temorah, und ihre Lippen wurden schneeweiß.

»Wer hat's gesehen?« –

»Gott!« flüsterte Temorah.

»Der sieht viel und läßt es geschehen; das kannst Du glauben, der hat eine lange Geduld!«

»Wehe, wenn sie reißt!«

»Du bist thöricht. Konntest Du denn nicht früher denken: Gott sieht's! anstatt jetzt, wo es nichts mehr hilft? Thörichte Maid! Thörichte Maid!«

»Was ich gedacht und nicht gedacht habe, das ist doch meine Sache, das geht Keinen etwas an.«

»So stolz! so sehr stolz!«

»Was bleibt mir, als mein Stolz?«

»Die Schande!«

Temorah durchflog ein Schütteln, wie wenn der Herbstwind durch einen Baum fährt.

»Ich will Dir ja gar nichts thun; ich will Dir nur den Mund abwischen, damit die Leute nicht sehen, daß Du genascht hast.«

»Was gehen mich die Leute an?«

»Entbehre sie, mein Kind, so wie ich; entbehre sie nur; aber sie lassen Dich nicht. Kein Waldesdunkel, keine Bergschlucht ist fern und finster genug; sie suchen Dich und gebrauchen Dich und werfen Dich nachher mit Abscheu fort.«

»Ich verlange ja gar kein Mitleid.«

»Und hast doch hier gesessen und gejammert und gejammert und gesagt: Kann mir denn Niemand helfen? Und da komm' ich, und da willst Du meine Hülfe nicht.«

»Nein, solche will ich nicht.«

»Du meinst doch nicht, er kommt und holt Dich und stellt Deine Ehre wieder her?« Die Alte lachte gräßlich auf.

»Nein, das meine ich nicht, und ich brauch' ihn auch nicht, so wenig wie die Andern,« sagte Temorah und starrte vor sich hin.

»Und Futter willst Du finden ganz allein?«

»Ganz allein.«

»Und Kleider?«

»Ich spinne und webe und nähe auch.«

»Bei Tag für die Leute, bei Nacht für Dich.«

»Nun ja, bei Nacht für mich. Es arbeiten Viele bei der Nacht.«

»Thu's fort, das Kind! ich sage Dir, wenn Du seinen ersten Schrei hörst, werden Dir die Finger zucken, ihm den Hals zuzuhalten, daß es still wird für immer.«

»Gräßlich!«

»Nein, natürlich. Du wirst es hassen, wie Deine Sünde, gar nicht lieb haben, nein, gar nicht; es wird ein Haken sein in Deinem Fleisch und eine Kette an Deinem Fuß und das Mittel entsetzlicher Rache. Glaube mir, ich seh' Dich ja, Temorah!«

»Es ist möglich, daß Du mich siehst. Ich aber, ich fürchte mich nicht.«

»So? Du zitterst!«

»Das ist nur so, wie Wasser beim Wind. Drunten ist's ganz ruhig, so still wie der Tod.«

»Thörichte Maid!«

»Ja, ich war sehr thöricht.«

»Und bist es heute. Die Liebe ist süß, die Liebe ist schön, aber für uns Frauen ist sie nicht so einfach. Wir müssen dran glauben.«

»Ungerechte Weltordnung!« stieß Temorah hervor.

»Ja, ja, für die Männer der Scherz, für uns die Qual, für uns die Qual!«

»Und dann vergeht sie.«

»So? vergeht sie?« ein lauernder Blick.

Temorah wurde es wieder so bang.

»Nun, ich meine, man kann nicht mehr so lieb haben, wenn man – wenn man –«

»Du brauchst Dich gar nicht zu entschuldigen, gar nicht. Ich weiß das Alles besser als Du; denn ich weiß es länger. Ich will Dir nur sagen: sie vergeht nicht, sie schreibt sich nur anders, sie schreibt sich später H A S S. So schreibt sie sich, ist aber immer dieselbe alte dumme Liebe, die aufwacht und blüht, wie ein Maienglöckchen aus dem todten Laube, mit ihrem ganzen wilden, berauschenden Duft.«

Temorah blickte erstaunt auf die Alte, die mit ihren Gedanken weite Wege zu wandern schien, aber ihr Anblick, die tiefen Blatternarben, die selbst die Augenlider, die Lippen entstellten, die zerstörte Nase, Alles brachte das Gefühl des Grausens zurück und verlöschte die Worte, die sie gesprochen.

»Jetzt geh' ich fort,« begann sie nach einer Weile, »ich geh' fort, und dann wirst Du weinen und heulen, daß Du mich fortgelassen, daß Du zu stolz warst, um zu sagen: Hilf mir! daß Du so furchtsam bist, thörichte Maid!«

»Ich kann mein Geschick tragen,« sagte Temorah und biß tief in ihre Lippe.

»Nein, das kannst Du nicht, und ich weiß es. Ja, ja, Du glaubst, Du bist so stark, so kernig, wie ein Mann. Dem ist nicht so, Temorah. Deine Feinde sind stärker als Du. Hüte Dich vor Schrecken, Kind, hüte Dich vor Schrecken!«

Der Stock klirrte, wie die Alte hinausschritt, und Temorah stand wie im Traum, noch eine lange, lange Weile. Sie lauschte den Schritten, die langsam verhallten immer ferner und noch ferner – und noch ferner. Und dann wurde es still. Da glitt sie, wo sie stand am Thürpfosten entlang, auf die Erde und stöhnte wie ein leidendes Thier und machte weit den Mund auf, um nicht zu ersticken, und legte die Hand auf die Stelle, wo ihr Kind hüpfte mit des Lebens jubelnder Gewalt, und fluchte sich und dem Kinde und Tom, und war so verzweifelt, wie eine starke Seele verzweifelt ist, die dem Orkan der Leidenschaft und des Unglücks preisgegeben. Sie schlug den Kopf an die Wand und rollte ihn hin und her, in der regelmäßigen Bewegung eine Art von Ruhe findend.

»Mord! es wäre ein Mord!« wiederholte sie. »Ich bin so unglücklich! Ich bin so unglücklich! Ach Gott! Ich bin so unglücklich!« – In der Liebe, im Glück und im Jammer findet der Mensch meistens nur ein einziges Wort, das er durch alle Steigerungen wiederholt.

Da saß sie bis zum Morgengrauen, im heißen Kampf mit des Lebens Unerbittlichkeit, hülflos, trostlos, so verlassen wie ein verlassenes Grab, so einsam, wie nur der Unglückliche einsam ist, und wäre er in Purpur gekleidet und von Bewunderern umringt. Es war ihr, als möchte sie sich vor dem ersten Tagesschimmer verbergen, raffte sich auf, schlich in ihr Bett und zog die Thüren davon zu. Und da fühlte sie sich noch immer gesehen, und zog die Decke über den Kopf, bis ihr das Herz zum Zerspringen schlug und ihre Wangen glühten. Sie fühlte sich so nervlos heute, nicht fähig, ihre Comödie vor den Menschen zu spielen, und besann sich, ob sie für diesen einen Tag Brod genug habe. Nein, sie hatte nicht genug für ihren Hunger, aber nicht jetzt, nein, nicht jetzt hinaus! O, nein! Nur noch diese Stunde verborgen sein! Und aus Schwäche und Erschöpfung sank sie in Traum. Sie träumte, Tom käme daher mit Fackeln in den Händen, und sie rief: »Gib Acht, Tom! Du verbrennst ja mein Häuschen!« Aber Tom lachte und sagte: »Ich bin ein Held! Und ich werde Dir einen Palast geben statt Deinem Häuschen. Aber das Kind thu' fort, das will ich nicht haben. Ich kann Kinder nicht leiden; und dann heirathe einen andern Mann; denn ich, ich bin ein Held! Ich frage nichts nach der Liebe! Du bist thöricht, Temorah! Ich habe Dir gesagt, ich hab' Dich lieb, und Du hast's geglaubt!« Und so redend warf er die Fackeln hin, daß das ganze Häuschen in Flammen stand. Einen Schrei auf den Lippen, erwachte Temorah. Es war aber nur ein Sonnenstrahl, der sich durch die Thürspalte auf ihr Bett gestohlen und das Holz an der Wand vergoldete. Sie träumte so oft von Feuer und von unerträglicher Helle in ihrem Kopf, und dann war sie immer so müde nachher, als hätte sie nächtelang gewacht. In solchen Zeiten war sie auch mit dem zweiten Gesicht begabt und sah, was sich in großer Entfernung zutrug. So auch eben sah sie deutlich Tom, wie er zu Kathleen hineinging, sie umfaßte, an sich zog und küßte. Sie sah auch, wie Kathleen sich wehrte, wie er aber ihr schmeichelte und sanfte Dinge zuflüsterte und sie endlich auf den Schooß nahm. Und Kathleen neigte ihr Köpfchen und wollte zürnen und lachte doch, und er küßte sie wieder, und dann bat er sie etwas, und da nahm sie ein wunderschönes Kreuzchen mit strahlenden rothen Steinen vom Halse – nein! wie sie funkelten! es that Temorah so weh, ganz hinten im Kopf, wie die Steine so funkelten, – und gab Tom das Kreuzchen, und Tom lachte und küßte sie noch einmal, und Temorah wollte schreien; da sprang er auf und lief fort, und Kathleen sah vom Fenster ihm nach.

Das unerträgliche Licht brannte noch in Temorah's Kopf. Jetzt war es ihr, als käme ihre Mutter herein, machte leise die Bettthüren auf und drohte ihr und sah dabei voll himmlischem Mitleid auf sie nieder. Und Temorah zitterte vor ihrem Blick und wollte die Arme nach ihr ausstrecken. Aber die Mutter wehrte sie ab und drohte wieder und war verschwunden, und Temorah weinte und weinte, bis es dunkel wurde in ihrem Kopf und Lippen und Zunge sich anfühlten wie Fetzen auf einem überheizten Ofen.

Da erhob sie sich und trank in gierigen Zügen alle Milch, die sie noch im Hause hatte. Wie sie einmal auf den Füßen stand, erwachte auch ihr Muth wieder, obgleich das Ankleiden, das Haaremachen, das Einschnüren in ihr Mieder täglich mühseliger und schwieriger wurde. Als aber die Morgenluft ihr frisch und kalt in die Augen und um die Wangen wehte, hätte kein Mensch denken können, welch' eine Nacht sie eben durchlebt.



VIII.
Llewellyn's Gedanken.

Unter den goldenen rauschenden Bäumen saß Llewellyn auf einem hohen Felsblock und sah in die Ferne über das Meer, das sich in glitzernden Wogenkämmen immer eiliger überstürzte. Flüchtige Wolkenschatten tauchten es stellenweise in dunkles Grün oder in schwärzliches Grau, so daß dahinter die Sonnenstrahlen sichtbar hinabschossen und grelle Lichter hervorriefen. Und rastlos bäumte sich heranwälzend die Fluth, als müßte sie das Land verschlingen. Die schnellen Schatten flogen auch über die Bäume dahin; die sträubten und schüttelten sich, und streuten ächzend ihren reizenden Schmuck auf die Erde, die sich weich darin einhüllte, in warmen Frühlingsregungen.

Llewellyn's Hand spielte in dem langen weißen Bart, und seine Augen starrten in sich hinein, nicht aus sich heraus. Eine wunderbare Wandlung ging durch seine Züge, als wenn auch dort Wolkenschatten plötzlichen Sonnenlichtern wichen, als würde das Grau der Jahre vom Sturm hinweggerollt, um einem strahlenden Jugendschimmer Platz zu machen. Seine Wangen rötheten sich; die Stirn verlor ihre Furchen, und ein leises Roth fluthete auch hier auf und ab; die weißen Locken wehte der Wind wie schneeiges Moos darüber hin, und die Nasenflügel bebten, wie unter dem Athem junger Leidenschaft. Die Züge schienen immer feiner und durchsichtiger zu werden und ein zweites Licht den Augengrund zu erhellen. Solch ein stürmischer Herbsttag ladet den Sänger mit Funken und Donnergekrache. In ihm braust und tost ein Werden, ein Gähren von unbekannten Gewalten, ein Gedankenerleiden, gegen das er sich vergebens aufbäumt.

»Eher wehrt man dem Hekla einen Ausbruch!« murmelte Llewellyn und zog die mächtigen Brauen zusammen, daß sie die Augen überschatteten, wie Buschwerk einen tiefen See. »Ich will nicht! ich muß nicht! Hab' ich nicht alte Lieder genug? Was drängen sich die neuen heran?«

Ihm stiegen Erinnerungen auf, wie Geisterschaaren, und sein Herz ward so voll Leid, daß es ihm war, als könnte er weinen, wie ein junger Mensch weint. Der Kampf von Jacob mit dem Engel, das ist des Dichters Schaffensstunde. Llewellyn kannte wohl des Engels Flügelrauschen, das ihm viel öfter dämonisch vorkam, da es ihn in höllische Feuergluthen tauchte. Denn hohnlachend sagte ihm Engel oder Dämon, daß er gar nichts sei, daß all' sein bisheriges Leisten eine Schande, nicht werth, gesungen zu werden. »Ich weiß es! ich weiß es!« stöhnte Llewellyn. »Ich habe umsonst gelebt, mein ganzes langes Leben! Den Leuten habe ich Schund vorgesungen, und es hat ihnen niemals Freude gemacht, niemals!« Eben flog ein Wolkenschatten über ihn hin, und der Sturm jauchzte, als wenn er Großes vollbrächte.

»Ja, ja,« sagte Llewellyn, »ich sehe sie genau, sie hat goldenes Haar und die Kunkel und spinnt. Warum spinnt sie nur so?« Die Sonne kam wieder, und in ihrem Glanz wirbelten Blätter umher, als spielten sie Ball und als wären sie gar nicht gestorben.

»An dieser Stelle sind wir uns doch begegnet, damals, Ulla und ich!« Bei diesem Namen stürmte eine ganze Blutwelle in des Sängers Stirn. »Sie war so schön wie das Lied, mit großen schwarzen Augen, wie ein Abgrund; ja, wie ein Abgrund war sie, und ihr Haar wie die Blätter hier, braun und golden und glänzend, und es roch so gut, es roch wie Moos, nein, wie Haide, wenn sie blüht. Und an ihrem Nacken da kräuselte sich's. Nein, wie sich's kräuselte! Ich mußte immer nach den kleinen Locken sehen. Und dann die Nase. Die Nase war so schön, daß ich stundenlang auf der Erde liegen wollte und ihre Nase ansehen. Und die Nasenspitze bewegte sich mit der Oberlippe, wenn sie sprach. Und die Stimme!« Der Barde sprang auf, ging hin und her und setzte sich wieder.

»Ich höre die Stimme bis in mein Grab hinein mir nachklingen. Das war so eine Stimme, wie sie zwischen den Harfensaiten wandert, immer da, wo man nicht spielt. Die fängt man nicht. Sie schmeichelt und neckt und kost und zürnt und ist so tief und hoch,


Wie Windesgeflüster, wie Säuseln in Blättern,
Wie Klagegetöne in tosenden Wettern,
Wie Saitenerklingen, wie gold'ner Pokal,
Als sänge die Sonne, als tönte ihr Strahl.

Das quirlt aus der Kehle wie Vogelgesinge,
Das lacht durch die Lüfte, als sauste die Klinge,
Dann zittert's im Herzen und schwindelt im Haupt, –


Nein, so nicht, dummes Zeug! Es zittert doch so hier, in der Brust zittert's, und dann flimmert's vor den Augen, daß man die Lippen küssen muß, aus denen der reizende Ton gedrungen. Und ich habe sie geküßt, die Lippen, nein, wie hab' ich sie geküßt! Hier an diesem Baum! Da hatte ich sie in's Moos geworfen, und um meinen Nacken schlang sie die Arme und sagte: ›Deine Augen sind ein See, und ich will ihn trinken, denn meine Augen sind brennende Kohlen, die können einen ganzen See trinken, und doch nicht verlöschen, so brennen sie. Fühlst Du, wie heiß!‹«

»Ja, ja, weiß Gott! so heiß! ich fühl' sie noch!« –

Er stand wieder auf und wandelte umher und lehnte sich an den Baum, und dann legte er die Arme um den Baum und die Stirn daran, und die Schläfen schlugen sichtbar.

»Die Andere die spinnt, was will die denn von mir? Ich will an Ulla denken. Ich bin hierhergekommen, um an Ulla zu denken. Ich will nicht, ich will kein Lied! Ich will an Ulla denken.«

»Ist die Ewigkeit lang?« hat sie damals gesagt.

»Die Ewigkeit ist wie ein Kuß, siehst Du, so!«

»Dann ist sie zu kurz für mich und meine Liebe!«

»Ja, ja, die Ewigkeit.« Llewellyn stöhnte laut.

»Ich bin nichts. Gar nichts bin ich, kein Ehrenmann, kein Sänger, kein Held, kein Denker, nicht Vater und nicht Freund! Ich bin gar nichts.«

Der Baum wiegte seine Krone und ächzte unter des Windes Heulen, und die Blätter wirbelten Llewellyn auf Haar und Mantel.

»Sie spinnt für Jemanden, aus Liebe. Sie spinnt sogar bei der Nacht. Im Mondschein sah ich sie genau und die Burgzinne sah ich. Unten ist Meer und dann schaut sie so oft um und lauscht hinab. Ich will nicht. Es wird ja doch nichts. Ich kann ja gar kein Lied machen. Ja, wenn ich ein Maler wäre, das wäre ein anderes Ding! Wenn ich ein Maler wäre, dann hätte ich Ulla gemalt, bevor sie – bevor sie – nun ja!« Es ging ein Schütteln durch seine gewaltige Gestalt, wie durch den Baum, an dem er lehnte. Er ließ ihn los, kam und setzte sich wieder auf seinen Stein, und schlug mit den Händen auf die Knie, in der Qual seiner Gedanken. Dann begann er leise zu singen. Der Sturm donnerte und heulte. Er hörte es nicht. Die See stieg drohend heran. Er sah es nicht. Er sang mit leiser, tiefer Stimme in den Sturm, brach ab und setzte wieder ein:


»Ich frage nicht nach Glanz und Licht,
Nach Ruhm und Namen frag' ich nicht,
Nicht Heimath mir, nicht Lieb und Glück,
Allein sink' ich in's All zurück,
Allein, wie Waldesbaum.

Mein ganzes Leben Träumerei,
Dem Herzensrausch geh' ich vorbei.
Das Schicksal hat mir nichts bescheert,
Nicht Weib noch Kind, nicht Tisch noch Heerd,
Mir selber selbst ein Traum.«


Zerstreut stand er wieder auf, und tastete nach seiner Harfe umher. Die lehnte nahe an einem Baum und erklang von Zeit zu Zeit im Windgebrause, als wäre sie selbst in Qual und bäte um die erlösende Hand, die Seele und Harmonie herauszuholen verstand. Aber Llewellyn hatte schon wieder vergessen, daß er nach seiner Harfe gesucht.

»Meine Einsamkeit könnte Steine erbarmen!« murmelte er. »Die Steine dürfte es rühren, daß sie mir Antwort gäben wie dem Sturm. Aber dann vergäßen sie mich, wie sie den Sturm vergessen. Die ganze Welt ist so, lauter Echo. Stürmt man, so stürmt sie, sonnt man sie an, so lacht sie und vergißt einen, bevor man ihr den Rücken kehrt. Der Sänger ist für sie eine Naturgewalt und ein Spiegel. Ich will nicht. Ich will nichts mit Dir zu schaffen haben, Du Spinnerin. Für wen spinnt sie denn? Sie liebt, sie liebt einen drunten im Burgverließ und spinnt und weint, weil ihr der Flachs ausgeht, und ruft den Mond an, er soll ihr seine Strahlen schenken, daß sie sie spinnen kann, statt Flachs. – Ich konnte doch nichts dafür, daß ich ohnmächtig wurde, als ich Ulla wiedersah, voll Narben, ohne Nase, so gräßlich, gräßlich! Was hatte ich denn gethan? Und sie, was hatte sie gethan? Wir hatten uns geliebt, mein Gott! Die große Sünde! Die Sünde vor Menschen, sehr groß vor Menschen, aber heiliges Naturgesetz, mein heilig Recht. Sie war mein! Sie gab sich mir zu eigen. Sie wollte nicht mehr eigene Seele haben, als die Harfe, die nur unter meinen Fingern Seele wird. Und als ich mich von ihr wandte, entsetzensvoll, da wurden die schönen Haare grau in einer Nacht, und sie floh vor den Menschen, und ich, Feigling der ich war, ich ging ihr nicht nach, ich fragte nicht nach ihr. Sie ist vielleicht gestorben. Ich weiß es nicht. Aber an stürmischen Tagen, da wird die alte Liebe wieder wach; da schüttelt sie mich vom Scheitel bis zur Zehe; da steht sie so lebendig da, in ihrer großartigen Schönheit, mit ihrer goldenen Stimme.« Der Alte raufte sich die Haare, und große Tropfen perlten auf seiner Stirn. »Mir ist kalt!« sagte er auf einmal, »mir ist so kalt, als läge ich schon längst im Grabe!« Er zog den Mantel dichter um sich und begann wieder leise zu singen.


»So weiß ist sie, still, geht hinaus bei der Nacht,
Was trägt sie unter dem Mantel, doch?
Die Kunkel trägt sie versteckt bei der Nacht?
Den Kopfputz trägt in den Mond sie noch,
Damit der Mondenstrahl sie küßt?

Was trägt sie hinaus bei der dunkeln Nacht?
Was trägt unterm Mantel sie zugedeckt?
Hat sie ein Banner zum Fluß gebracht,
Ein schimmerndes Banner so wohl versteckt?
Und wirft's hinunter in schwarzen Fluß?

Was ist's, spricht der Fluß, so weiß bei der Nacht?
Die Burgfrau wandelt ganz still in's Schloß,
Hat nichts im Mantel zurückgebracht, –
Was ist's, spricht der Fluß, in meinem Schooß,
Wie warmes Leben, wie eis'ger Tod?

Es flieht der Fluß voll Furcht bei der Nacht,
Wie auf der Wange die Thräne fließt,
Und spricht: Ich hab' Dir was mitgebracht,
Was Weißes, Kleines, das weiter schießt,
Ganz stumm in die weite See.

Was ist's? spricht die See, und rauscht bei der Nacht.
Ist's Kunkel? Ist's Banner? Ist's Kopfputz fein?
Nein, sprach der Fluß, sie hat es gebracht,
Die Burgfrau bracht' es, im Mantel fein,
Es ist was Weißes und stumm und kalt.

Ich halt', spricht die See, in der Tiefe Nacht
So manche Burgfrau mit weißem Gesicht,
So manchen Helden aus Kampf und Schlacht,
Mit schweren Brünnen, und weine nicht,
Daß ich sie decke so schwer und schwarz.

Nein, spricht der Fluß und schluchzt durch die Nacht,
Es ist ein Kindlein! Da weint das Meer.
Die Burgfrau klimmt auf dem Pfade sacht,
Hat gar nichts unter dem Mantel mehr,
Der Mond scheint weiß auf das Weiße im Meer.«


Er starrte vor sich hin, wie er sang, mit der furchtbaren Frage, die er in seinem ganzen Leben nicht zu thun gewagt, auf der Stirn geschrieben. Das Lied, das die Lippen dabei sangen, war nur das Echo der brennenden Frage. »Lebte das Kind, so wüßt' ich's doch! Es wäre nicht möglich! Aber sie war so verzweifelt, und ihr Haar war weiß, und was thut eine Maid nicht, wenn sie verzweifelt!«

Es waren wieder perlende Tropfen auf des Barden Stirn, und wieder zog er den Mantel um sich und merkte nicht, daß schon lange Jemand dicht bei ihm stand, ihn unverwandt ansah, tief in ihren schwarzen Mantel verhüllt und ein Kopftuch dicht über das Gesicht gezogen. Nur die runzligen Augen, die Temorah so lauernd betrachtet hatten, schienen an der reglosen Gestalt zu leben.

»Ulla!« flüsterte der Barde vor sich hin. »Ulla! lieb hab' ich Dich gehabt! Ulla! hast Du's todt gemacht, mein Kind? Das Kind unserer großen Liebe? Nein, nicht wahr? Aber sie hatte graue Haare in einer Nacht. Und sie hat sich nie wieder gezeigt. Sie war verzweifelt. Und ich ließ sie verzweifelt, ich Elender! Ulla! bist Du todt? Sei todt! sei längst gestorben, daß ich endlich Ruhe finde vor Dir!« Ganz nahe an ihm vorüber glitt die schwarze Gestalt durch den Sturm dahin und wandelte zwischen den Bäumen fort. Oft stand sie still und sah sich noch einmal um. Er wußte es nicht. Nicht ihren Schritt, nicht ihre Nähe hatte er vernommen, sie aber hatte ihr Herz gestillt und sich an ihm satt gesehen. Wieder stand sie und sah sich um. Er war noch immer der wunderschöne Llewellyn mit den Kinderaugen, mit dem goldenen Munde, der die Wahrheit singen und sagen mußte, weil sie sich ihm enthüllte. Ja, er sagte sie oftmals, bevor er selber verstand, was er verrieth. Und Ulla war es, als fühlte sie die kleine Last unter dem Mantel noch, als sähe sie noch das weiße Gesichtchen im Wasser, unter dem Mondesglanz.

»Immer derselbe Llewellyn!« murmelte sie und ballte die Faust. »Ich gönne ihm diese Stunde der Reue und Qual. Er soll sie durchkosten, wie die Hölle!« Sie wandte sich noch einmal und streckte den Arm nach ihm aus. Llewellyn knirschte mit den Zähnen und schlug die Faust vor die Brust: »Ich leide!« dachte er, und tiefe Furchen gruben sich um den Mund und zogen den Bart zusammen. Ein Blatt flatterte langsam vor seinen Augen nieder. Er griff danach und zerdrückte es in der Hand: »Soviel ist mir mein Leben. Ein grünes Blatt, ein dürres Blatt und Staub. Was sing' ich denn, um die Leute zu unterhalten? War ich zum Lustigmacher geboren? Bin ich ein Fluß, der alle Thränen aufsammelt und zum Meere trägt? Ich pflüge den Ocean; meine Furchen schließen sich hinter mir und tragen keine Früchte, und wenn sie manchmal leuchtend sind, so ist es nicht mein Verdienst. Ich werde so vergessen sein, wie die Welle. Die ist vergessen, und wenn sie auch einen Leviathan getragen und zertrümmert hat. Sie kann ja nichts dazu. Ich kann nichts dazu, daß ich die Lieder tragen muß; aber ich stehe draußen, ich wandle am Heerd vorbei, ich trete nur an der Menschen Herzen heran, wie der Wind, der erwacht, und bin ich vorüber, so bin ich vergessen. Und ich gehe dahin durch die Welt, erdrückt von meinen Gedanken, mit der furchtbaren Frage, die ich Keinem gestellt und auf die Keiner mir Antwort geben kann. Da seh ich sie schon wieder, die Spinnerin. Fort! ich will an Ulla denken. Ich kam nicht her, um ein Lied zu finden, sondern meine Liebe, meine große vergangene Liebe. Aber des Sängers Liebe ist wie der Strahl. Er wandert und kann nicht bleiben. Die schönen Frauen haben mich geliebt. Ich liebte sie nicht mehr; denn ich sah, daß sie drunter häßlich Knochengerippe waren und sündhafte Seelen. Ich sah immer nur das Innere. Ich sah sie krank und schlecht; ich sah sie zerstört und zerstörend. Ich dachte an die Nasenlose, die ich geliebt, weil sie schön war. Und dann war die Liebe selber Lug und Trug. Alles ist nichts, wenn selbst die Liebe nichts ist. Denn sie ist doch eine Gewalt. Da steht sie wieder, die Spinnerin und läßt mich nicht los. Was spinnt sie denn da, im Mondenschein? Ich sehe nicht deutlich. Doch, ich sehe! Herr Gott! Wie wundervoll! Ein Meisterzug! Ich halte mein Lied! Still, still! Nur nicht so rauschen, Wind, ich habe anderen Rhythmus! ich habe ein wundervolles Lied! Horch! Still! mein Lied!« Ein Strahlen wie von überirdischer Leuchtkraft glitt über seine Züge, die eben noch so düster waren.

»Das ist ein Lied, des Singens werth, ein Lied voll Urgewalt der Liebe! Aber ach! wo nahm ich die Freude her? Ich bin eben zum Sterben schwach. Solche Todesangst fühlte ich nie! Und dazu hab' ich die Harfe vergessen. Wo ließ ich nur meine Harfe?«

In dem Augenblick ging ein leises Tönen durch alle Saiten auf einmal. Llewellyn kam es vor wie ein schrillendes Getöse, in der Aufregung, in der er sich befand. Er fuhr zusammen, als wäre ein Baum gestürzt und mußte dann über sich selber lächeln, als er mit bebender Hand nach der Harfe griff und sah, daß sie ganz nahe und ganz heil war und nur auf seine Frage geantwortet.

»Ja, ja, du giebst mir Antwort!« sagte er, sie zärtlich in den Arm nehmend. »Liebe Harfe! Du und ich, wir Beide! wir stürmen die Welt! Wir haben Flügel an Schultern und Füßen, liebe Harfe!« Er streichelte sie. »Komm! sei gut! sei groß! und hilf mir singen! Ich bin so müde!« – Seine Hand sank an seiner Seite herab, er neigte den Kopf und lehnte die Stirn an die Harfe, die dicht an seinem Ohre fortwährend leise tönte, unter dem Windgebraus. Llewellyn ließ sich von dem Tönen einwiegen, nach dem Sturm seiner Seele, in Seelenschlaf. Es wurde so still in ihm, so schwer im Haupte, so ruhig seine Brust, als hätte sie zu athmen vergessen. Und in diesem Traumzustand stiegen seiner Ballade Gestalten vor ihm auf in greifbarer Wirklichkeit. Er sah jede ihrer Bewegungen. Er hörte den Klang ihrer Stimmen. Sein eignes Selbst hatte er vollkommen vergessen. Er fühlte nicht mehr den Sturm, er sah nichts als seine eigenen Bilder und hörte halb unbewußt das säuselnde Getöne, als spräche die Harfe ihm Muth zu. Von Zeit zu Zeit ließ der Sturm nach. Da war es ihm, als glitte eine zarte Hand oder weiche Lippen über sein Haupt dahin. Plötzlich aber war er wach, sein Herz that einen gewaltigen Sprung und begann, in der Brust zu hämmern, seine Hände wurden eiskalt, seine Wange jugendlich roth, sein Auge voll Feuer und Gluth, und von Mund und Hand strömte das Lied dahin, als hätte man aus dem Hochofen den Pfropfen entfernt, und als strömte die Speise in ihrem ganzen glühenden Glanz heraus, jubelnd, frei, in die harrende Form widerwillig sich gefangen gebend, mit ungeduldigem Zischen. Es war, als hielte der Sturm plötzlich inne mit seiner Gewalt, dem Liede zu lauschen, und als pulsirte die ganze Natur mit dem Herzschlag des Sängers, der Sturm und Sonne und Schatten und Licht für sich eingefangen und in sich vereinigt. Er war in der Stunde der Naturkraft, die Alles beherrscht mit elementarer Gewalt, ein Schöpfungswerdetag.

War silberschimmernd ihr weißes Kleid,
Ihr Haar, wie gesponnen Gold,
Umwogte sie wie der Mantel breit,
Nachschleppend, in Ringeln entrollt.

Und als der Sänger das Mägdlein schaut,
Da war's im Herzen ein Schlag,
Und als ihr Veilchenauge bethaut,
Da war es sein erster Tag.

Und als sie den ersten Kuß ihm gab
Mit zitterndem Rosenmund,
Da fuhr es durch seine Glieder hinab,
Wie Blitz, in den Erdengrund.

Und als sie sprach: Mein liebes Lieb!
Mit der quellenden Stimme Klang,
Da blitzt's vor den Augen wie Schwerteshieb,
Da tönt's in der Brust wie Gesang.

Er lag auf den Knien im Rosenhain,
Sein Antlitz in ihrem Schooß,
In seinem Gelock ihre Finger fein,
Sein Glück unerträglich groß. –

Da erklang ein Schritt und da dröhnt ein Wort,
Und ein Griff von Eisen am Arm:
»In den Kerker schleppt mir den Sänger fort!«
»Erbarm' Dich, mein Vater! erbarm'!
 Ich will ihn vergessen von dieser Stund',
Ich will ihn nicht sehen mehr,
Nur laß den Knaben mir frei und gesund,
Von hinnen, über das Meer!«

»Der Knabe stirbt in der Kerkernacht,
Muß sterben von Henkershand,
Er hat Dich um Deine Ehr' gebracht,
Den Ruhm mir getreten in Sand.«

»O Vater! Ich leide die tiefste Qual,
Will ewig verloren sein,
O Vater! Du sollst dieses einzige Mal
Voll Gnad' und Erbarmen sein!«

»Wohlan, so lange Dein Finger spinnt
Den Faden, bei Nacht und Tag,
So bleibt Dein Buhle am Leben, Kind,
So lang er noch leben mag.«

»Doch wenn nur einmal die Kunkel leer,
Nur einmal die Hand Dir sinkt,
So athmet Dein feines Lieb nicht mehr,
Noch eh' mein Auge gewinkt.«

Das Mägdlein griff nach der Spindel gleich,
Und spann, bis die Sonne schwand,
Und spann am Meere im Mondlicht bleich,
Bis die Sonne am Himmel stand.


Und kam und lehnt' an der Kerkerthür
Und spann sich die Finger wund.
»O singe, mein Liebster, mir für und für,
Sing' wach mich mit gold'nem Mund!«

Da hub von drinnen ein Singen an,
Daß Kette und Gitter erdröhnt,
Mit blutenden Fingern das Mägdlein spann,
Der Graf steht drohend und höhnt:

»Acht Tage spinnst Du, acht Nächte nun,
Ich will Dich nicht tödten, Maid,
Ich will Dich zwingen, nun auszuruh'n,
Nicht Flachs ist mehr weit und breit.«

Kein Flachs! wie weint da das Mägdelein,
Verhüllt ihr bleiches Gesicht,
Sie zieht den Faden wie Spinnweb fein,
Doch reicht er die Nacht ihr nicht.

»Hör auf, mein Liebster, und sing' nicht mehr!
Mein Flachs ist heut' Nacht zu Rand,
Das nächste Morgenlicht auf dem Meer
Das ruft Dich in's Todtenland!«

Doch als der Morgen durch's Wasser geht,
Was sieht er: Ein bleiches Kind,
Den schönsten Knab', der am Kerker steht,
Und weint und lächelt und spinnt.

»Die gold'nen Locken hab' ich gemäht,
Mein Liebster, und spinn' sie Dir,
Zwei Haare werden zusammengedreht,
So reicht es für's Leben mir!«

Und als der Burgherr hinunterblickt,
Ward trüb sein Auge. Zum Thor
Hat er den Schlüssel hinabgeschickt:
»Geht, holt den Sänger hervor!

Und wenn so häßliche Braut er will,
So soll er sie eben han,
Und was ein thörichtes Mägdlein will,
Das muß man geschehen lan!« –


Ein volltönender Accord schloß wie triumphirend die Ballade, und lächelnd saß Llewellyn im Sonnenschein, glückselig wie ein Kind, und wiederholte sich einzelne Strophen, Worte und Melodie verändernd. Der Sturm schwieg, und durch den lauschenden Wald verhallten die Töne und des Sängers geflüsterte Worte: »Mein erstes gutes Lied! Wem sing' ich's nur! ich muß es Jemand singen, das kann ich sonst nicht aushalten!« Er wußte nicht, daß hinter einem Baum verborgen, ein von Gott und Menschen verlassenes Weib in ihren Mantel weinte, als wollte das Herz ihr brechen. »Alle Geister umschweben ihn!« schluchzte sie. »Und er ist jung und schön geblieben, und ein großer Sänger! Und er weiß es! Wie strahlt sein Gesicht! Wie zeigt er die weißen Zähne der Sonne! All' seine Qual ist vorüber, wie der Sturm vorüber ist! Frei und reich und glücklich, als gehörte ihm die ganze Welt, und als könnte er sie verschenken! Ja, er war immer ein König und wird es immer sein!«

Und das arme Weib weinte, als sollte ihre Thränenfluth den Brand ihrer Seele löschen, den jeder Blick auf ihn von Neuem entfachte. Sie sah, wie er sich erhob und zärtlich die Harfe verhüllte, um sie von hinnen zu tragen. Es war, als hüllte er ein geliebtes Weib in ein weiches Tuch, so sanft ruhte sein Blick auf der Harfe, so zart faßten seine Hände sie an. Dann ließ er sein Auge ringsum schweifen, als wollte er dankbaren Abschied nehmen von der Lauscherin Natur, der er die ganze Kraft seiner Seele geschenkt, in die er seine Seele hineingesungen. Es war, als streckten die Grashalme kleine Hände nach ihm aus, als erhöben die Blumen ihre runden Gesichtchen zu ihm, als kämen die Blätter ihm nachgeflattert. Alles lebte um ihn her, von seinem Odem bewegt, und er war so glücklich, als hätte er zwanzig Leben in seiner Brust, nie versiechende Jugend, nie erlöschende Schöpferkraft. Er glaubte an dieses eine jüngste Lied. Er hielt es für das einzige, das er je erfunden, das erste, das aus ihm einen rechten Dichter gemacht. Gleichgültig, beinahe mit Widerwillen, gedachte er seiner früheren Sachen. Weggehend wiederholte er sich noch Theile seiner neuen Ballade, mit Wohlgefallen, und lächelte. Und als er gegangen war, schlich Ulla an die Stelle, die er verlassen, warf sich auf die Erde, küßte seiner Füße Spur, den Stein, auf dem er gesessen, die Blätter, auf denen seine Hand gelegen. Eifersüchtig raffte sie Gras und Blätter zusammen, barg sie an ihrem Busen und eilte mit raschen Schritten in der entgegengesetzten Richtung von dannen.



IX.
In der Esse.

»Hier ist es zum Ersticken!« sagte Una und schob das Fenster in die Höhe. »Ich weiß gar nicht, was den Leuten einfällt, zu heizen, als wäre es Winter, bloß weil's ein bischen regnet draußen.«

Ein brausender Wind fuhr durch's Zimmer und peitschte eine ganze Fluth von Regen herein. Die nassen Ranken schlugen gegen die Scheiben und die Bäume rauschten wie die See, ihre Wasserlast zu den braunen Bächen in den Wegen niederschüttelnd.

»So! Da ist doch ein bischen Luft!« sagte sie. »Nein, Missy! nicht zumachen! Bitte, nicht! Ich ersticke schon den ganzen Morgen und mir ist so heiß, so heiß; ich habe schon ein leichteres Kleid angezogen! Nein, Missy! mach' nicht zu, es macht mich unglücklich, wenn Du zumachst!«

»Ist das meine Una, die so spricht, wie ein launenhaftes Kind? es ist sehr kalt heute, und Du hast gestern gehustet und heute Nacht auch, sogar recht oft, und Dich hin und hergeworfen im Schlaf, ich war bei Dir!«

»Liebe Missy! Muß ich denn immer bewacht sein wie ein kleines Kind?«

Was war es nur? Una war gereizt und ungeduldig und wußte nicht warum. Sie ging an den Kamin und jagte die Scheite mit dem Feuerhaken auseinander, und dabei flog ihr die Röthe bis in die Schläfen, dann ging sie an die Console.

»Da steht schon wieder die Uhr, und es ist so langweilig, sie herumschlagen zu lassen. Nein, Missy! Nicht, Missy! es schlägt mir so im Kopf!«

Das schöne Mädchen wehrte Missy's sanfter Hand, die ohne ein Wort die Uhr hatte richten wollen; dann ging sie an den Tisch:

»Schon wieder hat Gladys meine Bleistifte weggeräumt, mit ihrer Ordnungswuth! ich sehe es ordentlich, wie sie sie weggetragen hat. Aber! hier ist es zu heiß; ich muß wirklich ersticken!« Sie schob das nächste Fenster in die Höhe, auf das der Wind weniger losstieß, und an dem der Regen schräg vorüberpfiff. »Ach! da ist Luft für mich! nicht den Kopf schütteln, Missy! Wenn ich's nicht aushalten kann! Ich bin noch so jung, da ist mir noch so heiß!« sie hielt die Hände in den Regen hinaus.

»Welche Freude wird es Martyn machen, wenn sich seine Braut auf den Tod erkältet!« sagte Missy vorwurfsvoll.

Una zog ihre Hände zurück und drückte sie an die Wangen. »Heiß! heiß!« sagte sie, und zeigte auf die Brust. »Und solch' ein sonderbarer Geschmack!« Im nächsten Augenblick stieß sie einen gurgelnden Laut aus, drückte das Taschentuch an die Lippen und hielt es purpurroth, von Blut triefend, Missy unter die Augen. Ein stummer Blick voll tiefem Entsetzen begleitete die Handbewegung. Missy dachte, die Beine wichen unter ihr und ihr Herz stände still, aber mit dem unerschütterlichen Heldenthum der Liebe sagte sie lächelnd:

»O, das ist gar nichts; das hab' ich oft gehabt, als ich jung war, das ist so wie Nasenbluten, ein ganz kleines Aederchen, das im Halse springt. Ich würde nur eben nicht sprechen und mich ganz still hinsetzen; denn es ist unnöthig, daß mehr kommt. Nein, es ist gar nichts, Una; Du siehst ja, wie ruhig ich bin! Wir wollen nur das Tuch entfernen; ich hole Dir ein frisches und etwas Salzwasser, da ist es gleich vorbei!«

So redend ließ sie das Fenster herab, setzte das junge Mädchen in einen großen, weichen Sessel – »So,« sagte sie, »jetzt sieh' 'mal drei Minuten lang den hübschen Regentropfen zu, bis ich wieder da bin.«

Draußen lehnte sich Missy einen Augenblick an den Thürpfosten, bis die zitternden Beine sie tragen wollten. Als sie wieder eintrat, war bereits ein Telegramm an Martyn abgegangen und Gwendoline mit großer Vorsicht in Kenntniß gesetzt. Mit Salzwasser und frischem Tuch, den Finger auf den Lippen, kam sie zurück, Gwendoline mit ihr, und hinter Beiden erschien Gladys, bleich wie eine Lilie. Schluchzend warf sich Una ihrer Mutter in die Arme: »Muß ich sterben, Mutter? Sage nein, Mutter! Ich bin so glücklich! Nicht wahr, ich sterbe doch nicht? Mutter! Mutter! Laß mich nicht sterben!«

»Wie kannst Du denn glauben, daß wir Dich sterben lassen?« sagte Gwendoline, das Zittern der Stimme besiegend, während Missy und Gladys einen stummen Blick wechselten, bei dem sich Beider Augen mit Thränen füllten.

»Wir wollen doch gleich Martyn kommen lassen. Siehst Du, wie schön, daß Dein Bräutigam Arzt ist; da kannst Du ihm die Freude machen, Dich gesund zu pflegen, mein Kind!«

»Kommt Martyn?«

»Ich habe schon geschrieben,« sagte Missy.

»Aber nicht telegraphirt?«

»Doch, sogar telegraphirt.«

»Daß ich sehr krank bin?« Die Thränen flossen wieder.

»Nein, unwohl, ich sagte nur unwohl.«

»Du bist ja auch nicht sehr krank, meine Una,« fiel Gladys ein, »wie schnell wirst Du wieder gesund!«

»Weiß mein Vater?«

»Nein,« sagte Missy. »Soll ich ihn holen?«

»Ja, hol' meinen Vater, Missy. Nein, nein noch nicht. Was wirst Du ihm sagen, Missy?«

»Die Wahrheit, Kind!«

»Die Wahrheit!« Wie etwas Zerbrechendes klang dieser Ausruf, und von Neuem quoll Blut durch des Mädchens Lippen.

»Sterben! was wird er sagen, daß seine Una sterben muß!«

»Martyn wird ihm sagen, daß es nicht gefährlich ist!« flüsterte Gwendoline und küßte ihres Kindes feuchte Stirn. Una ließ ihren Kopf auf der Mutter Schulter fallen, wie sie neben ihr kniete. Gladys ging an ein fernes Fenster, und ihre Thränen flossen ebenso schnell über ihre Wangen, wie die Regentropfen an den Scheiben entlang.

»Wir wollen Dich lieber zu Bett bringen,« meinte Missy.

»Ach! schon zu Bett! wann steh' ich wieder auf! Ach! noch eine Stunde laßt mich hier! Ich friere nur so! Mutter! Mir ist so kalt! kannst Du mich nicht erwärmen?«

»Ich will Dich ganz warm machen, nur bitte, bitte, nicht sprechen!«

»Aber, Mutter! Ich muß Dich fragen, sonst sterb' ich vor Angst!«

»Glaubst Du nicht, daß wir Alles thun werden, mein Kind, Alles, was in unsern Kräften steht.«

»Und ich war so glücklich! Mutter! Mutter! muß ich sterben?«

In seiner Bibliothek saß Gwynne und arbeitete. Er war von schweren Kranken heimgekehrt, hatte seine durchnäßten Kleider ausgezogen und las, zur Vorbereitung seiner nächsten Predigt. Da klopfte ein bebender Finger an die mächtige Eichenthür.

»Herein!«

So ruft man manchmal Herein, wenn das Schicksal pocht, so leise, so sanft, und bringt doch Jammer und Verderben.

Missy hatte noch nie einen schwereren Gang gethan, und sie hätte gern gewollt, das Haus stürzte über ihr zusammen, bevor sie in jenes Zimmer eintrat. Sie kam still und weiß herein, und stellte sich Gwynne gegenüber, vor seinen mächtigen Schreibtisch.

»Es wäre vielleicht gut, Sie kämen einen Augenblick.«

»Ich bin eben sehr beschäftigt. Hat es nicht Zeit?«

»Es hätte wohl noch Zeit, aber wir sind ein klein wenig beunruhigt.«

»Ist Jemand krank?«

Missy's Lippen wollten zittern, aber die Stimme blieb leise und fest: »Wir wissen nicht recht, was Una fehlt; sie ist gar nicht wohl.«

»Martyn rufen.«

»Das ist schon geschehen. Sie selbst ist so erschrocken.«

»Erschrocken? Was fehlt ihr denn?«

»Nun, sie hustete doch schon ein paar Tage, und heute Nacht fieberte sie auch, und vorhin, vorhin, da kam Blut.«

Gwynne ergriff die Armlehne seines Sessels und drückte die Lippen zusammen. In dem Augenblick schob sich Gladys herein, blieb aber an die Thür angelehnt und brach in ein Schluchzen aus, wie nur ein sehr junger Mensch bei seinem ersten großen Schmerze weint.

»Komm' her, Gladys, mein Kind!«

Gladys' hohe Gestalt glitt durch den Raum, fiel vor dem Vater hin, und, den Kopf auf seinem Knie, weinte sie zum Herzbrechen. Er streichelte das glänzende Haar, und seine Augen wurden feucht. Als er fühlte, daß er wieder sprechen konnte:

»War es denn viel, das Blut?« fragte er. Missy nickte.

»Und sie war erschrocken?«

»Sie frägt beständig – ob – ob – ob sie sterben muß!« stieß Gladys heraus. »Und das – kann man – kann man nicht anhören!«

»Deine Mutter hört es an!«

Gladys erhob ihren Kopf: »Ja, Mutter! Mutter ist wie ein Held!«

»Nun, dann wollen wir sein wie Deine Mutter!«

»Aber! Sie muß doch nicht sterben! Vater! Gott wird das nicht thun! Er wird uns nicht Una fortnehmen.«

»Wenn es sein Wille ist, so ist er heilig.« Gwynne mußte räuspern. Er fühlte einen solchen Schmerz in der Kehle.

Missy war hinausgeschlüpft, hatte Una zugedeckt und war damit beschäftigt, auf einem niederen Schemel sitzend, ihr die Füße zu wärmen, während Gwendoline ihrem geängsteten Kinde Ruhe in's Herz flüsterte.

Als Gwynne eintrat, erhob Una ihre glänzenden Rehaugen zu ihm: »Vater!« sagte sie nur.

Er ergriff ihre Hand und sprach nicht. Das Feuer knisterte, der Regen prasselte, die Bäume rauschten, und die drei Menschen waren so still, wie nur höchstes Glück und tiefstes Leid still sind. Der Himmel hatte sich so verfinstert, daß das Kaminfeuer die Gruppe stärker beleuchtete als des Tages Licht. Eben kam wieder Husten und einige Tropfen Blut. Gwynne's Augen wurden sehr groß, einen Augenblick wandte er den Kopf dem Fenster zu; dann aber sah er auf seine Frau, die immerfort ihrem Kinde Muth zulächelte Ihren Mann wagte sie nicht auzusehen, aus Furcht, die Kraft zu verlieren.

»Sollen wir Dich nicht in's Bett bringen?« sagte Gwynne.

»Ach! Ach! ich steh' nicht wieder auf!«

»Das ist Martyn's Sache. Vielleicht läßt er Dich morgen wieder aufstehen! Laß Deinen Vater Dich in die Arme nehmen, wie in alter Zeit, und Dich in's Bettchen tragen. Du weißt nicht, wie gut warm es da ist, und so weiß und nett und riecht so gut!«

Una lächelte.

»Und dann finde ich auch etwas zum Spielen! Du brauchst ja nicht allein zu sein! Wir wollen ganz vergnügt sein! Man muß der Krankheit ein heiteres Gesicht zeigen, dann geht sie viel schneller fort, als wenn man erschrickt.«

Gwynne hatte von jeher die Gabe, Kranke froh zu machen; das junge Mädchen lächelte wieder, konnte auch gar nicht die furchtbare Frage an ihn richten, für die sie ihn doch hatte rufen lassen, sondern ließ sich ohne ein weiteres Wort von ihm in die Arme nehmen und hinauftragen. Gwendoline und Missy entkleideten sie schnell, und bald lag sie so wunderschön in ihrem weißen Bett, mit den großen braunen Augen und den blonden Zöpfen auf ihren Schultern, die fast bis zu den Knieen reichten. Ihre Hände waren in den wenigen Stunden weiß und durchsichtig geworden. Gwynne war hinuntergegangen ein Bilderbuch zu holen, mit dem er sein krankes Kind zerstreuen wollte. Ihm war es, als wären seine Füße Blei und als könnte er, in dem Aufschrei seines Herzens, nicht sagen: »Herr! Dein Wille geschehe!« es war zu schwer. Er fand Gladys am Kamin, die Arme um die Knie geschlungen, den Kopf darauf und ihren Thränen rückhaltlos freien Lauf lassend. Seine Stimme wurde ein wenig streng.

»Gladys!«

Sie sprang auf die Füße. »Gladys! hier giebt es viel zu thun, und Du willst ein fauler Arbeiter sein!«

»Vater! ich kann nicht! Ich kann nicht, Vater!«

»Womit habe ich das verdient, ein feiges Kind zu haben?«

Gladys weinte nicht mehr. Sie legte die Hände ineinander und senkte den schönen Kopf auf die Brust.

»Es kommt eine schwere Leidenszeit, Gladys, und Du willst am ersten Tage schon das Joch abschütteln, anstatt Deine jungen Schultern darunter zu beugen und ziehen und tragen zu helfen? Ist das eines jungen Christenmenschen würdig?«

Gladys ging zu ihm heran, neigte sich über seine Hand, küßte sie und war aus dem Zimmer, die Treppe hinauf, in ihrer Mutter Gemach, ihr Gesicht zu baden, um nicht verweint vor Una zu erscheinen.

Je schwerer das Leid, je weniger Worte.

»Was fehlt Una?« fragte Morgan, den Gang entlang kommend.

»Blutspucken!« flüsterte Gladys und stob an ihm vorbei, zu Missy hinein, der sie viele Handreichungen leistete, bevor sie sich getraute, in's Nebenzimmer zu treten und Una anzusehen. Morgan wollte zum Vater. Der kam die Treppe herauf, mit einem Buch in der Hand.

»Wie bald kann Martyn hier sein?« sagte Gwynne, und ein brennend rother Punkt erschien auf seinen Wangen.

»Morgen Abend,« war die lakonische Antwort.

»Wirst Du ihn abholen?«

»Natürlich, Vater.«

»Und was wirst Du ihm sagen?«

»Was ich weiß.«

»Er wird sehr erschrecken.«

»Hat man's ihm denn nicht telegraphirt?«

»Nicht zu deutlich.«

»Dann will ich ihm jetzt gleich deutlich telegraphiren, damit er die nöthigen Mittel mitbringt und keine Zeit verliert.«

»Glaubst Du, daß mit Zeit viel gewonnen ist?«

»Doch, Vater!«

»Ich nicht.« Der Vicar ging mit schweren Schritten den Gang entlang und ließ seinen Sohn vernichtet stehen. Eben rutschte der kleinste Bube vom oberen Stockwerk auf dem Treppengeländer herab. Morgan ergriff ihn strenge am Arm und sagte mit leiser Stimme und zusammengezogenen Brauen: »Wie oft hat man Dir das verboten, Du unartiger Bube; das nächste Mal bekommst Du Prügel von mir, an die Du denken sollst. Heute sei still und sag' den Schwestern, sie sollen keinen Lärm machen. Una ist krank.«

»Una?« Die wundervollen blauen Augen strahlten aus der goldenen Mähne zum Bruder empor, in dem erleichterten Gefühl, daß es sehr hübsch von Una sei, rechtzeitig krank zu werden, um ihm eine Tracht Prügel zu ersparen.

»Sehr krank?« sagte er, um des strengen Bruders Herz zu erweichen, aus ganz selbstsüchtigen Gründen.

Er sah dabei aus wie ein raphaelischer Engel, der direct aus dem Himmel gestiegen und in dessen Herzen noch nie ein menschlicher Gedanke eingezogen. Aber Morgan war nicht zu erweichen. Im Gegentheil. Er schien jeden Augenblick finstrer zu werden.

»Ja, sehr krank! Und ihr werdet gut thun, unten zu bleiben, damit über Una's Kopf kein Füßegetrappel ist. Und nun muß es auch gerade so strömen, ihr unnützes Volk!« –

»Aber wir sind sehr artig!«

»So? Prügel giebt's für solche Artigkeit. Jetzt wird nicht mehr gespaßt. Ich will sie Dir zeigen, die Peitsche.« –

Der Kleine lächelte, als hätte man ihm einen Garten voll Blumen versprochen, so herzgewinnend, wie nur er zu lächeln verstand, und schmiegte sich an den Bruder:

»Das kannst Du gar nicht, Morgan, Du hast Deinen Freddy lieb!«

»Der liebe Gott hat uns auch lieb,« sagte Morgan und streichelte die goldene Mähne, »und straft uns so schwer, und wir wissen nicht einmal, wofür.«

Starr sah der Kleine, daß sich seines großen Bruders Augen mit Thränen füllten. Der erste Zweifel war hier eingezogen, mit einem Schlag, und er wollte Prediger werden. Mit Entsetzen fühlte er seinen Glauben erschüttert, sein Vertrauen wanken. Das erste »Warum?« war seinen Lippen entflohen; die erste Frage hatte seine Seele ergriffen. »Warum das Unglück den Schuldlosen?«

Er stand, mit dem Treppengeländer in der Hand, an dem sein Daumen glättend auf- und niederstrich, und sah dem Kampf in's Angesicht, der seiner wartete. Wenn er nicht freudig sein Bekenntniß ablegen konnte, dann durfte er nicht Pfarrer werden, und dann konnte er Kathleen nicht Herz und Heim bieten. Er wollte ja so gern der kindlich gläubige Mensch bleiben, der er gewesen. Aber jeder Augenblick entfernte ihn schneller von der Paradiesespforte, die er mit dem ersten Warum überschritten und das ihn in ein Meer von Fragen, in ein Dorngebüsch von Zweifeln hoffnungslos hineinstürzte.

Die Nacht durch war Alles auf den Füßen. Una klagte über große Schmerzen in der Seite und Stiche bei jedem Athemzug. Ein kurzer, trockener Husten machte ihr große Schmerzen, und jeder kleinste Tropfen Blut, der über die Lippen kam, erfüllte sie mit Entsetzen. Am nächsten Tage hatte bereits das ganze Haus den Anstrich von schwerer Krankheit und bangen Nachtwachen. Alle sahen hohläugig aus, Alles war still. Die Diener flüsterten, die Kinder saßen traurig zusammengedrängt am Kamin, und einer der Brüder versuchte, sie zu beschäftigen, versank aber immer in seine eigenen trüben Gedanken. Draußen brauste der Regen in Strömen nieder. Morgan war fortgefahren, um Martyn an der Eisenbahnstation abzuholen. Er hatte auch nicht geschlafen, und war ganz erstaunt, als ihm auf seinem schweren Wege vor lauter Traurigkeit die Augen zufielen.

Die beiden jungen Männer begrüßten sich schweigend, aber im Wagen überstürzten sich Martyn's Fragen, und seine Augen flackerten hin und her, während er seinen Schnurrbart zerbiß, und auf Morgan's Antworten keine einzige Bemerkung machte.

»Aber was denkst Du denn?« frug Morgan endlich.

»Ich muß erst sehen,« war die Antwort, dann versanken Beide in tiefes Schweigen und sahen nur immer ungeduldiger auf den endlosen Weg. Doch griffen die Pferde gewaltig aus, schweißtriefend in den aufgeweichten Wegen. Sie spritzten den Schmutz über den Wagen und schäumten vor Anstrengung.

Una saß in den Kissen und athmete rasch und hustete fast bei jedem Athemzug.

»Horch!« sagte sie, und hob die weiße Hand, und ein helles Strahlen überflog einen Augenblick ihr Antlitz.

Martyn's erster Blick, als sich ihm ihre beiden Arme entgegenstreckten, in die er hineinflog, sagte ihm Alles: Lungenentzündung und Brustfellentzündung! Er hörte es, noch bevor sie ihn losließ, während er ihr »Mein Herz! mein Liebling! mein Engel! mein Alles!« zuflüsterte und sie ihn immer nicht loslassen wollte, sondern ihre brennende Wange an die seine drückte.

»Ich dachte, ich würde sterben, bevor Du kämst! Und nun hab' ich Dich, Martyn! Du bist da, Martyn! Nicht wahr, Du läßt mich nicht sterben!«

Es gehörte übermenschliche Kraft für den jungen Mann dazu, hier standhaft zu bleiben, mit den todesbangen Augen von Vater, Mutter, Bruder, Schwester auf sich geheftet, die von seinen Lippen Trost und Verderben erwarteten. Lange, lange auscultirte er und bat Una immer um Verzeihung, sie so müde zu machen. Ihr Vater setzte sich auf den Bettrand und nahm sie in seine Arme, während Martyn den Rücken behorchte, und ihre Fieberhitze brannte durch seine Kleider. Martyn horchte und horchte, bis er seine Stimme bemeistern konnte. Dann sagte er in ganz heiterem Ton: »Nun ja, Lungenentzündung, das haben Hunderte bei dem abscheulichen Wetter, das wird sehr schnell vorbei sein, wenn meine süße Braut gehorcht!«

Una hielt ihn fest: »Nicht hinausgehen und mit den Andern draußen sprechen!«

»Nein, ich bleibe hier,« sagte Martyn, setzte sich auf den Bettrand und behielt ihre glühende Hand in der seinen. »Morgan wird mir Feder und Papier geben. Ich schreibe hier. Und ich darf wohl auch alle Verhaltungsmaßregeln schriftlich geben, damit sie genau befolgt werden.«

Sie wollte kaum seine Hand loslassen, während er schrieb. Die Eltern suchten Martyn's undurchdringliches Gesicht zu entziffern, konnten aber nichts bemerken, als daß sich schwarze Schatten um seine Augen lagerten. Er schrieb ihnen auf, was er gefunden, und wandte sich dann wieder lächelnd zu seiner Braut, ihr die Kissen wendend, die schon wieder so heiß waren, und mit seinen lebhaften Augen jede Kleinigkeit erspähend. Und sie lächelte selig und zufrieden, und meinte, mit der Undankbarkeit aller Kranken, deren Liebling erscheint, nun sei sie erst gepflegt! – Gladys fühlte darob eine stechende Eifersucht, um derentwillen sie sich aber selbst bitter schalt. Missy wußte, daß es so sein muß und war still in sich. Gwendoline versuchte Hoffnung zu fassen, und Gwynne gedachte, die unerträgliche Angst durch Arbeit stumpf zu machen.

Martyn erlaubte nicht mehr, daß Alle zugleich um die Kranke beschäftigt waren, sondern verlangte, daß sie abwechselnd ruhten, um bei Kräften und guter Laune zu bleiben, wie er sagte.

»Und Du,« sagte Gwendoline.

»O, er muß bald ruhen!« sagte Una, ließ ihn aber nicht los.

»Ich,« sagte er lächelnd. »Ich brauche wenig Ruhe, ich bin nicht daran gewöhnt.«

»Er wacht immer!« flüsterte Una, als wollte sie sagen: Nicht wahr, Du wirst nie müde? –

»Immer!« sagte Martyn, und schien sein Wort wahr machen zu wollen. Denn in den nächsten acht Tagen kam er nicht von den Füßen und nicht aus den Kleidern, und bewachte das auf- und abflackernde Lebenslicht, wie ein Geiziger einen in's Meer versinkenden Schatz. Wenn sie etwas nicht erdulden wollte, dann sagte er: »Für mich!« und dann ließ sie es geschehen. Gladys war Aller Erquickung. Es war, als hätte sie in jenem ersten Sturm sich selber abgethan, und als sei sie nur noch eine liebliche Maschine, dem Wink gehorchend, immer da, und nie zu nah, immer wachsam und nie müde. Einmal fand ihr Vater sie im Nebenzimmer, mit heißen Wangen auf Spiritus ein köstlich Getränk bereitend. Ohne ein Wort zu sagen, legte er den Arm um sie und zog sie an sein Herz, sie fest, fest an sich drückend. Sie warf eine Secunde die Arme um seinen Hals und neigte sich dann ebenso eifrig über ihre Kocherei wie zuvor.

Mit der schönen Herbstsonne kamen bessere Tage, und Alle fingen an, zu hoffen; da aber ward der andere Lungenflügel ergriffen; man rief noch andere Aerzte zu Hülfe, die die Köpfe schüttelten, und ein neuer heftiger Blutsturz brachte Una an den Rand des Grabes und warf sie in die ganze Verzweiflung der ersten Tage zurück.

»Muß ich sterben?« flüsterten ihre Lippen Tag und Nacht, und wußten nicht, die Grausamen, wie sie folterten! Es war Martyn, als würde sein Herz in eine Schraube gefaßt und gewunden, und er magerte zusehends ab. Gwynne griff sich so oft nach der kranken Seite, daß die Bewegung Niemandem mehr auffiel, als Martyn, der eines Morgens bei ihm eintrat und um die Erlaubniß bat, sein Herz auscultiren zu dürfen. Was er dort fand, behielt er für sich; es muß aber nichts Gutes gewesen sein; denn er seufzte schwer auf der Treppe.

An einem Abend nach einem schweren Tage saß Gwynne am Feuer und starrte hinein. Er sollte seine Predigt machen! Was sollte er sagen? Worüber predigen? Wie seines Herzens schweres Pochen überwinden und aus der Tiefe seiner eigenen Noth die Andern trösten? Er hatte die Arme auf die Knie gestützt, die Hände gefaltet und preßte die Lippen so fest zusammen, daß das Kinn Runzeln bekam. Das Feuer warf rasche Lichter unter seine Brauen; aber die sonst so leuchtenden Augen blieben trübe.

Da trat Morgan bei ihm ein.

»Vater, störe ich Dich?«

Keine Antwort.

»Ich möchte gern mit Dir sprechen, Vater.«

Wie aus weiter Ferne rief ihn seines Sohnes Stimme zurück.

»Ja, mein Sohn. Was wolltest Du mir sagen?«

Erstaunt, fast ungeduldig, dachte er an Kathleen, und fand den Zeitpunkt schlecht gewählt, um von Lieben und Heirathen zu sprechen, ohnedem war ihm die Schwiegertochter nicht willkommen.

Morgan schwieg einige Augenblicke, als suche er nach Worten. Wie es aber immer geschieht, wenn man etwas Schweres zu sagen hat, so auch heute; er fiel mit der Thür in's Haus: »Vater! ich kann nicht mehr Prediger werden!«

Gwynne streckte sich, als wollte er durchgehende Pferde zügeln und harrte des Weiteren.

»Nein, ich kann nicht!« fuhr Morgan fort und ergriff eine Stuhllehne, um sich fest zu machen.

»Warum nicht?«

»Weil ich meinen Kinderglauben verloren.«

»Und läßt sich nicht ein gestählter, männlicher Glaube an die Stelle setzen?«

Morgan schüttelte langsam den Kopf.

»Seit Wochen habe ich nicht mehr geschlafen, Vater, in dem Kampfe meiner Seele. Ich schäme mich vor Dir, wenn ich Dich so fest im Sturme sehe, so ohne Wanken, aber ich kann nicht. Warum denn leiden? Warum diese Weltordnung? Ist das überhaupt Ordnung? Ist das Gesetz? Ist das Gerechtigkeit? Seit der Zweifel in mir erwacht ist, sehe ich Ungerechtigkeit überall. Warum Reichthum und Armuth? Warum Krankheit und Tod? Warum Sünde? Und was heißt Verzeihen hier und das Strafen der Sünden bis in's siebente Glied dort? Und warum büßen die Reinen? Was hat Una gethan, daß sie sterben muß? Was habt Ihr gethan, daß Ihr leiden müßt? Was habe ich gethan, daß mein Frieden zerstört, mein Glaube vernichtet ist? Vater! antworte mir doch!«

Er ging mit großen Schritten im dunkelnden Gemach auf und ab und blieb jetzt vor seinem Vater stehen.

»Und sind das die Gedanken, die die erste Prüfung in Dir wachgerufen? Ist das Alles, was ich Dir habe mitgeben können aus der Fülle meines Herzens? Kannst Du nichts Gutes mehr sehen, weil der erste Reif gefallen?«

»Nichts mehr, Vater. Du weißt, ob ich eifrig war und mit ganzer Seele meinem wunderschönen Beruf entgegenging. O! ich habe Nächte lang geweint, Vater, meinem theuren Beruf nachgeweint, den ich verlassen muß, wenn ich nicht ein Lügner und ein Meineidiger werden will. Und je mehr ich mich festklammern will, je mehr reiße ich los. Die Ranken, an denen ich mich halte, geben nach und nehmen die Mauer mit, und alles stürzt über mir zusammen, und ich liege unter Schutt und Trümmern, ein verlorener Mensch.«

»Mein Kind! es kommen solche Zeiten in der Jugend. Und glaube mir, sie sind nicht die schlimmsten. Ich kenne Dich. Du wirst durch dieses Feuer geläutert werden. Habe nur ein wenig Geduld mit Dir selbst. Ich lasse Dir Zeit. Meine Bücher sind Deine Bücher. Meine Zeit ist Deine Zeit, wenn Du Dich aussprechen willst. Du brauchst nicht zu verzweifeln, weil Du zweifelst. Du kannst viel stärker daraus hervorgehen. Nur Zeit und Geduld, und laß Dein heißes Herz austoben. Du kommst mir vor wie eine Ameise, die sagt: Warum zertritt man mich? Ich war doch so fleißig und so nothwendig an meinem Platz! Ich will nicht mehr Ameise sein, wenn das alle Gerechtigkeit ist und aller Lohn für meine Treue! – Sei nicht so feige, mein Sohn, vor Dir selbst zu entfliehen, sondern kämpfe Du! Was schaden Dir Nachtwachen und Thränen? Unser Beruf ist ein so hehrer, daß wir dazu gemeißelt werden müssen, mit schmerzenden Hammerschlägen. Dir ist es zu gut gegangen. Zum Dienen bist Du berufen; so ertrage die Ruthe, die Dich dazu tüchtig macht. Geh' Du durch's Fegefeuer Deines Zweifels wie ein Held. Ich dränge Dich nicht. Ich lasse Dir Zeit. Du sollst mit strahlendem Angesicht, als Sieger, Dein Gelübde ablegen, zwanglos. Wer bist Du denn, daß Du die Weltordnung zu erkennen meinst? Was ist Dir Ordnung? Das nächste Zimmer ist für Dich ein Geheimniß, das Keimen der Pflanze ein Buch mit sieben Siegeln, und Du sprichst groß von Weltordnung, als stündest Du in den Sternen. Hochmuth ist Dein Zweifel und weiter nichts. Und Gott wird Dich in die Hand nehmen und nicht eher loslassen, als bis er Dich in den Staub geworfen hat. Denn Du sollst ein Mann werden und ein Christ!«

Mit leuchtenden Augen hatte Gwynne gesprochen, er hatte sich selbst aus seiner trüben Stimmung herausgehoben und fühlte sich wachsen unter dem Strahl seiner eigenen Ueberzeugung. Morgan stand vor ihm und zerbiß sich die Lippen, und der Athem ging rasch durch die zitternden Nasenflügel. Er dachte, daß sein Vater kein Verständniß für ihn habe, und ebenso ungerecht sei als der Himmel, ihn in einen Beruf hinein zwingend, für den er nicht geboren. Mit seiner ganzen Jugendkraft lehnte er sich auf gegen seine ihm bekannte Welt. Gwynne fühlte es und hatte eine Art von Freude daran. Denn er hatte Vertrauen zu seines Sohnes Charakter und gedachte, ihn heranreifen zu lassen zu gesunder Männlichkeit. Er fürchtete nicht den Kampf für ihn. Er fürchtete nur einen schwarzen Punkt: Kathleen! Hätte er den entfernen können, so wäre er freudig in die Arena getreten, seinen Sohn selbst dahin zu führen, wohin er gelangen sollte. Aber Kathleen nahm ihn von ihm fort, machte ihn fremd und nährte den Zweifel, da sie selber in größter Verwirrung war.

»Wie lange soll das dauern?« sagte Morgan bitter, nachdem Beide ihren eigenen Gedanken nachgegangen waren.

»Das wird Gott uns zeigen.«

»Ich glaube nicht.«

»Doch! Dem ehrlichen Kämpfer wird der Ausgang gezeigt.«

»Und wenn der Ausgang Tod und Verderben ist?«

»Der Held kann sterben, aber nicht verderben.«

»Ist das Dein ganzer Trost, Vater?«

»Ich fürchte ja, mein Sohn.«

»Besser wäre ich nicht geboren.«

»Und Du schämst Dich nicht, das zu sagen?«

»Hab' ich drum gebeten?«

»Und werden die darum bitten, die von Dir geboren werden, und die jetzt schon in Deinem Blute leben, und ungestüm das Leben fordern, ohne zu wissen, was sie verlangen?« –

Morgan neigte den Kopf und schwieg. Er dachte an Kathleen mit solcher Sehnsucht, daß es war, als sprängen ihm die Adern am Halse. Er hätte sich gern seinem Vater vor die Füße geworfen und ihn angefleht, den Beruf von ihm zu nehmen und ihm Kathleen zu geben, ohne deren Besitz er zu sterben meinte. Jetzt gleich wollte er sie haben. Und nun sollte er warten, bis er ein glaubensstarker Christ geworden, er, der nicht mehr glauben konnte. Seine Ungeduld, seine Verzweiflung war so groß, daß es ihm war, als würde er sich mit dem Kopf in die Flammen werfen und ihn ruhig verbrennen lassen, um dem Zweifel und dem Kampf und der Liebe ein Ende zu machen. Immer noch stand er da, und sein Vater betrachtete im unsicheren Licht den Sturm der jungen Seele und hatte seine Freude dran und seine schwere Sorge. Stunden verrannen; und immer noch saß der Vater im Sessel, und der junge Mann stand vor ihm und wagte nicht, sich ihm zu Füßen zu werfen. Er fürchtete sich dennoch vor des gewaltigen Mannes feurigem Ernst und heiliger Strenge.

»Und dazu hast Du mich erzogen, Vater?« sagte er endlich leise und heiser.

»Ich hoffe, ich habe Dich dazu erzogen, stärker zu sein als Dein Schicksal, fester als das wankende Loos, besser als Deine wilden Triebe, ehrlicher als Deines stürmischen Blutes Begehren, klüger als Deines Sinnenrausches Thorheit.«

»Du irrst Dich, Vater. Ich erliege.«

»Du irrst Dich, Knabe, Du wirst geführt.«

»Zertreten.«

»Gerettet.«

»Gute Nacht, Vater.«

»Gute Nacht, und Gott segne Dich, mein Kind!«

Morgan lag in seinen Kleidern auf seinem Bett und biß in die Kissen, und raste und dachte, er würde wahnsinnig, und wollte hinunter zum Vater, ihm Alles sagen, und wollte davonlaufen, in die weite Welt, Kathleen entführen nach Australien und Kuhhirt werden. »Ich kann nicht! Ich kann nicht!« so stöhnte er die ganze Nacht. Morgens stieg er zu Pferde und durchjagte die Gegend und dachte, ob er nicht den Hals brechen könnte.



X.
In der Schlinge.

Wißt ihr's schon? Una Gwynne liegt im Sterben!« sagte Tom zum Frühstück hereintretend, um das Alle versammelt waren.

»Es wird wohl nicht so schlimm sein,« sagte Vaughan streng.

»Wenn ich lüge, so glaubt man mir nicht, und wenn ich die Wahrheit sage, erst recht nicht.«

»Una sterbend!« rief Kathleen und sprang todtenbleich auf die Füße.

»Una sterbend!« sagte Edleen leise und faltete die Hände im Schoße.

Minnie dachte, sie hätte Lust zu weinen, wenn der Vater nicht so streng und ungläubig aussähe. Winnie hatte durchbohrende Blicke auf Tom geheftet.

»Das wird so sein wie mit der armen Frau,« sagte sie auf einmal; Tom wurde roth.

»Mit welcher armen Frau?« frug Edleen.

»Für die Tom etwas haben wollte, Du weißt noch was, Tom!«

»Nein, ich weiß gar nicht, wovon Du sprichst.«

»Du weißt überhaupt nie, wovon Du sprichst,« fiel Kathleen ein. »Deine Gedanken kommen immer Gott weiß woher.«

»Sie weiß sehr gut, wovon sie spricht,« sagte Minnie unerbittlich.

»Wovon denn?« frug Vaughan.

»Soll ich's sagen, Tom?«

»Natürlich! Ich habe doch keine Geheimnisse mit Dir!«

»Hmm! Nicht?« machte Winnie mit schlauem Gesicht.

»Seht einmal, Wer dort kommt!« rief Kathleen, und mit dem Jubelgeschrei: »Llewellyn!« stürzten die Kinder auf die Terrasse, ihrem Liebling entgegen. Vaughan sah streng nach Tom hin: »Ich werde das wohl noch erfahren?«

»Natürlich. Es war ja nur für die armen Verschütteten, daß mir die Kinder ihre kleinen Ersparnisse gaben. Weiter war es nichts.«

»Und haben sie die armen Verschütteten bekommen?«

»Gewiß, wenn mein Bote ehrlich war.« Vaughan begann, leise zu pfeifen und ging in sein Arbeitszimmer.

»Ich habe Lewes bestellt,« rief Edleen ihm nach. Er wandte sich an der Thüre um.

»Ich habe Lewes bestellt, mir ein wenig meine Bücher in Ordnung zu bringen.«

»Aber Du bist doch selber so ordentlich!«

»O, nicht immer!« Edleen war sehr roth geworden.

Sie begab sich an ihren Schreibtisch und sah harrend zum Fenster hinaus, auf die Terrasse, die sich nun in ein Glashaus verwandelt hatte, und wo Minnie und Winnie je ein Knie des Sängers erobert hatten, und er ihnen von den alten, alten Harfen erzählte, die aus Stein gebaut waren, und die Esel oder Maulthiere dem Troubadour nachtrugen, und die von drei Männern in den Saal geschleppt wurden. Und wie wenn der Troubadour gesungen, ein Pokal ihm mit Gold bis zum Rande gefüllt überreicht wurde. Die Kinder lauschten mit offnen Mäulchen und gaben selbst auf Prinnie nicht Acht, der durch die offne Glasthür in's Eßzimmer wanderte und sich vom Tisch die Frühstücksreste nahm, Zucker, Brot, Milch, und was der guten Dinge mehr waren. Denn die sich im Eßzimmer befanden, gaben auch nicht auf Prinnie Acht.

»Kathleen!« sagte Tom, »komm' her, auf meinen Schooß.«

»Nein, das geht nicht.«

»So, warum nicht? es ging doch einmal; warum geht es nicht wieder?«

»Ich weiß nicht, warum. Es geht nicht. Willst Du was von mir?«

»Ja, ich will einen Kuß.«

»Und was noch?«

»Nichts.«

»Das ist nicht wahr.«

»Ich will Dir was in's Ohr sagen.«

»Sag's laut.«

»Soll ich's schreien?«

Kathleen lief hin und hielt ihm den Mund zu:

»Du bist's im Stande!«

Er aber hatte sie im Nu umfaßt und auf den Schooß genommen.

»Ich muß Dir's sagen, daß Du hübsch bist, zum Verrücktmachen, und der arme Morgan ist so verrückt wie ein Märzhase, und Llewellyn ist toll, wenn er Dich sieht, und Temorah möchte Dich vergiften, und für das alles muß ich Dich jetzt abstrafen!« sagte er und begann sie zu küssen.

Sie entwand sich ihm und stand erglühend und erzürnt vor ihm. »Du, Du, Du bist nicht werth, daß man Dich ansieht!«

»Das weiß ich, und eben darum sieht man mich an. Das wäre eine schöne Welt, darin man nur die braven Kerls gern hätte! Wo blieben denn alle die Unbraven, die so viel netter sind und lustiger und gutmüthiger? Du hättest mich nicht halb so lieb, wenn Du nicht so gräßlich eifersüchtig auf Temorah wärst!«

»Wenn Du die noch einmal nennst, so kratze ich Dir die Augen aus!«

Er fing ihre beiden Hände und hielt sie fest.

»Und Temorah ist schöner als Du, viel schöner und viel leidenschaftlicher und hat mich viel lieber. Du bist nur solch ein kleines Mädchen mit Limonade in den Adern statt Blut; Du kannst gar nicht lieb haben. Temorah, das ist ein Weib!«

Er hielt sie so fest, daß er ihr weh that und weidete sich an den Blitzen, die aus den blauen Augen unter den schwarzen Wimpern hervorschossen. Er mußte sie quälen, wie er die Katzen den verkehrten Weg streichelte, bis sie Funken sprühten, und wenn sie ganz wüthend waren, dann erdrosselte er sie.

Er mußte Kathleen bis zur äußersten Wuth reizen, sie war dann eine zu niedliche Katze, und wenn sie dann zuletzt weinte, ließ sie sich trösten, wie ein gestraftes Kind.

Dies angenehme Spiel ging im Speisesaal vor sich, während Edleen den alten Barden freundlich begrüßt, ihm ein Frühstück bestellt und lächelnd erzählt hatte, daß Winnie ganz allein Harfe spielen lerne. Augenblicklich hatte Llewellyn sich angeboten, das Kind zu unterrichten, und nun ging das liebliche Wechselspiel draußen vor sich. Das Kind zitterte am ganzen Leibe vor Aufregung, und Minnie sang und zwitscherte abwechselnd dazu, wie ihre Schwester spielte und sang und dem alten Mann sein Lied von den Lippen zu pflücken schien. Die Herbstsonne streichelte den alten und die jungen Köpfe und weckte in den drei Kinderherzen Lied um Lied. Llewellyn war nie so froh, als wenn er unter Kindern war. Er konnte noch mit ihnen spielen und sich im Grase wälzen und endlos erzählen, und die Kinder hatten ihn lieb, wie die Blumen den Sommerwind. In dem Glashause klangen auch die Harfe und die Stimmen ganz besonders schön, und die Vögel kamen ganz nahe heran, machten schiefe Köpfchen und lauschten dem lieblichen Getön. Manchmal lachten sie alle Drei hell auf und schüttelten sich vor Lachen, und dazwischen griffen Winnie's kleine Hände in die Saiten, als hätten sie es immer gethan. Der Alte drückte das Kind wiederholt an sich in der Freude, daß er solch' ein kleines Genie entdeckt, an das früher Keiner geglaubt hatte.

»Meine Vögelchen!« nannte er die beiden Kleinen und war betrübt, daß Edleen zu sehr in Anspruch genommen schien, um sich an Gottes herrlichen Gaben mit dankbarem Mutterherzen zu freuen.

Wenn Winnie ernst war, so gingen die Mundwinkel ein wenig abwärts, wie bei Kindern, die über ihr Alter hinaus gedacht und gelitten haben, und die Augen wurden größer und größer. Brach aber dann ein Lächeln hervor, so ergriff es Wangen, Augen und Kinn und kündete unendliche Schelmerei. Minnie blieb stets der gleiche Fiesole, und wenn sie aus voller Brust sang, so schien es, als stünde sie vor dem lieben Gott und sänge ihn an. Llewellyn blickte mit unersättlichem Entzücken von dem einen Kinde zum andern.

»Ich glaube,« philosophirte Winnie, »als wir noch nicht geboren waren, da lagen wir in Stücken auseinander.«

»Und ich glaub', ich hab' geschlaft!« sagte Minnie.

»Es ist doch sehr schade,« begann Winnie wieder, »sehr schade!«

»Was ist schade, mein Kind?«

»Ich weiß ja schon, daß es nicht geht, aber ich meine nur so, es ist doch sehr schade, daß es dem lieben Gott nicht ganz, ganz einerlei ist, ob man artig ist oder unartig.«

»Man ist ja immer artig, Kind!«

»O nein! Das ist so komisch! Jetzt bin ich artig und mache so, und wenn ich gerade so mache, an Mama's Harfe, dann schlägt mir Kathleen die Hände roth und nennt mich ungezogen.«

»Hattest Du denn gefragt, ob Du spielen dürftest?«

»Nein!« sagte das Kind langsam, zog die Brauen in die Höhe, und ein feines Roth überflog das Gesichtchen.

»Und Tom nennt mich artig, wenn ich ihm all' meinen Schmuck schenke, und Papa würde mich strafen, wenn er's wüßte,« sagte Minnie und nickte dazu, daß die weißen Löckchen ihr Gesicht beschatteten.

»Ich habe Blumen lieber als Schmuck,« meinte Winnie.

»Warum denn, Kind?«

»Weil man mit den Blumen Mitleid hat.«

»Ja,« sagte Minnie, »die armen Blumen! aber ich hatte auch Mitleid mit den Steinen, als Tom sie so rasch forttrug, und dachte, ob sie nicht Heimweh haben würden nach meinem Halse.«

»Aber Steine fühlen ja nichts,« sagte Winnie und zog sehr verächtlich ihre Mundwinkel herunter; »der Wind thut ihnen nichts, und das Pflücken macht sie nicht welk.«

»Aber sie glänzen doch so inwendig, wie Augen?«

»Vielleicht macht das Himmelslicht Augen und Steine glänzen?« meinte Llewellyn.

»Nein,« sagte Minnie, »wenn ich mit den Fingern die Augen drücke, dann glänzen sie auch bei der Nacht.«

»Was ist denn das, ein Stiefvater?« meinte Winnie.

»Nun, was Dein Vater von Tom ist.«

»Ja, was ist er denn von Tom? Denn, siehst Du, er hat ihn gar nicht lieb, und da hat Maggie gesagt: er ist nur sein Stiefvater. Was ist denn das: Stiefvater?«

»Tom hatte einen andern Vater.«

»Und wo ist der denn?« fragte Minnie.

»Der ist schon lange gestorben.«

»Kann man denn mehr als einen Vater haben?« sagte Winnie.

»Jawohl, wenn die Mutter wieder heirathet.«

»Das hätte ich gar nicht gern,« meinte Winnie, und ihre Augen wurden ganz rund und sehr dunkel.

»Ich auch nicht,« echote Minnie.

»Dann ist Tom gar nicht mein Bruder,« schloß Winnie.

»Und meiner auch nicht,« das kleine Echo.

»Aber er ist doch eurer Mutter Kind.«

»Hmm!« machte Winnie, »auch nicht so recht.«

»Nein, nur ein ganz klein bischen,« sagte Minnie.

»Er ist ein böser Bub'! man darf's aber nicht sagen!« flüsterte Winnie.

»Er quält uns immer,« flüsterte Minnie ebenso.

Und dann nickten die Beiden und sahen ihrem alten Freunde tief in die Augen.

So plauderten die Drei.

Währenddessen saß Edleen mit trocknen Lippen und feuchtkalten Händen Lewes gegenüber. Ihre Schläfen schienen einzusinken, und ihre Hände wurden sichtbar schmäler, während sie sprach.

Lewes war ein Mann von unbescholtenstem Rufe, von unerschütterter Gewissenhaftigkeit, der sich mühselig emporgearbeitet, ein Weniges erspart hatte, und so unbegrenzte Verehrung für seine schöne Herrin hegte, daß es im tiefsten Innern seines Herzens wie uneingestandene, zertretene Liebe aussah, ein ganzes Blumengärtchen, doch so reifgedrückt und traurig, wie nur ein herbstlich Blumengärtchen aussieht.

»Ich habe Sie gebeten zu kommen,« begann Edleen, »weil ich in einer sehr peinlichen Angelegenheit Ihre Hülfe haben möchte.«

»Ich bin sehr dankbar, daß Sie an mich gedacht.«

»Nein, nein, nicht, o gar nicht! Ich weiß nicht einmal recht, wie ich's Ihnen sagen soll.« Edleen versuchte, mit der Zungenspitze ihre Lippen anzufeuchten. Es gelang aber nicht. Mit dem feinen Taschentuch rieb sie die Hände, und ein leises Hüsteln sollte sie von dem erstickendem Gefühl befreien.

»Mein Sohn macht mir leider große Sorgen,« begann sie wieder. »Er geht, fürchte ich, auf schlimmen Wegen, von denen ich ihn nicht zurückhalten kann. Ich weiß nicht, was er thut und treibt, ich weiß nur, daß er beständig Geld von mir verlangt und sogar schon Wechsel auf mich gezogen hat. In meiner Noth habe ich sie von dem Haushaltungsgeld bezahlt, und weil ich nicht wußte, wie das zu ersetzen, durch Kathleen etwas Schmuck verkauft.«

»Ich weiß,« sagte Lewes.

»Was? Sie wissen –«

»Wir sind durch unsern Juwelier benachrichtigt worden, und der Ring wurde sofort von unserm Herrn zurückgekauft. Er muß jetzt in seinen Händen sein.«

Edleen schlug einen Augenblick die Hände vor's Gesicht:

»Aber was soll ich thun!« stöhnte sie.

»Unserm Herrn alles gestehen; dann wird er helfen.«

»Ich kann nicht! Nein! Ich kann nicht! Er hat mir schon auf das Strengste verboten, meinem Sohne noch Geld zu geben; aber jetzt in diesem Augenblick, sind meine Kassen leer, und gestern war der furchtbare Mensch wieder da.«

»Welcher furchtbare Mensch?«

»Mit dem rothen Gesicht, den nahestehenden Augen und den weißen Haaren; ich fürchte mich so vor ihm. Er brachte mir diese Wechsel, die mein Sohn von Neuem auf mich gezogen hat, und ich kann sie nicht bezahlen, und mein Sohn sagt, er erschießt sich, wenn ich nicht zahle.«

»Und da soll ich helfen? Wie?«

»Ja, das frage ich Sie eben, Wie?«

»Der geradeste Weg ist immer der beste.«

»O nein! o nein! Ich kann nicht! Ich bin solche Demüthigungen nicht gewohnt gewesen. Ich habe nichts in's Haus gebracht, als einen verlorenen Sohn; ich habe Recht und Anspruch auf gar nichts. Wie eine Fremde fühle ich mich, möchte immer um Verzeihung bitten, daß ich hier bin, mit meinem Sohn, und jetzt – und jetzt – nehme ich meinem Mann das Geld fort, um es dem unglücklichen Kinde zu geben! Ich muß es ersetzen. Verstehen Sie doch! Ich muß! Ich stehe ja sonst vor mir selber da wie – wie – nein! Ich bin sehr unglücklich!«

Diese Frau weinen zu sehen, das ging Lewes fast über die Kraft.

»Und nun dachte ich,« fuhr sie, sich schnell fassend, fort, »daß Sie mir helfen könnten, meinen Schmuck zu verkaufen, etwas geschickter als Kathleen, die für den prachtvollen Stein beinahe nichts bekam, und der sofort entdeckt wurde.«

»Schwer, schwer. Wie soll man das nicht entdecken?«

»O, ich weiß ein Mittel.« Edleen wurde mit flammender Röthe übergossen. »Man ersetzt die Steine durch falsche.«

Lewes sprang bolzengerade in die Höhe und setzte sich wieder. Seine schmächtige Gestalt schien noch schmächtiger zu werden.

»Ich weiß,« sagte sie bitter. »Ich weiß, wie Sie das eben in Ihrem Herzen nennen! Aber wenn Sie wüßten, welche Qual ich erduldet, bis ich so weit kam! Das Entsetzen vor meines Mannes unerbittlicher Strenge treibt mich zu unredlicher That. Ich bin so feige, daß ich lieber mein brennendes Gewissen ertrage, als meines Mannes Blick!«

Lewes fühlte in dem Augenblick, daß er seinen Herrn haßte.

»Mein Mann ist von so strenger Rechtlichkeit, daß er für kleine Jugendsünden kein Verzeihen hat. Aber der arme Sünder ist mein Kind, Lewes!«

»Wäre es denn nicht möglich, ihm fernere Ausgaben unmöglich zu machen? Denn ich sehe hiervon kein Ende.«

»Nein, ein Ende giebt es nicht, das weiß ich! Ich habe keine Macht über ihn. Niemand hat Macht über ihn, und ich habe mir mit frevelndem Munde mein unglückliches Kind erbetet!«

»Erbetet?«

»Sie wissen nicht. Mein erster Mann war schwindsüchtig, und ich war schon mehrere Jahre verheirathet und hatte immer kein Kind und immer kein Kind! Und ich lag auf den Knieen Tag und Nacht und betete um ein kleines Kind, da Gott doch vielmals Wunder gethan! Und siehe da! Mein Gebet wurde erhört und ein wundervoller Knabe mir geschenkt, an dem mein Mann sich nur noch kurze Zeit freuen durfte. Ich habe seinen Tod nicht einmal so tief empfunden, als ich sollte; denn ich hatte das Kind, das mein einziger Gedanke, meine einzige Leidenschaft war. Bis zu sechs Jahren war er das süßeste Kind, das man je gesehen. Die Leute blieben auf der Straße stehen und sahen meinem Cherub nach. Ich verließ ihn nicht, Tag und Nacht, ich bewachte jeden Athemzug. Ich glaube, die höchste Liebesleidenschaft ist ein Kinderspiel gegen Mutterleidenschaft! Sie können das nicht begreifen, Lewes, da Sie kein Kind haben. Aber ich sah die Sonne nicht und die Welt nicht und meine Armuth nicht. Ich sah nur ihn, ihn, meinen gottgesandten Engel, mein kleines Wunder. Von seinem vierten Jahre an unterrichtete ich ihn spielend. Er konnte schon zwei Sprachen lesen und schreiben und Geographie und sehr viel Geschichte, die ich ihm statt Märchen erzählte; er war beinahe ein Wunderkind, und die Leute staunten bald noch mehr über seine Klugheit als über seine Schönheit. Da, mit einem Mal, wurde er schwer krank, sterbenskrank an einer Gehirnentzündung. Die Aerzte sagten mir, das Kind habe nur noch wenige Stunden zu leben. Da fiel ich auf die Knie und versündigte mich schwer. Ich sagte: Lieber Gott! Laß mir nur mein Kind und lege mir jede Buße, jede Strafe, jede Sühne auf, ich will sie mein Lebenlang tragen, ohne zu murren, aber laß mir mein Kind! – Und mein Kind war gerettet!

Die Aerzte warnten mich, ihn sehr ruhig zu halten, denn es könnte leicht Gehirnschwäche zurückbleiben. Er schien sich aber rasch zu erholen. Nur war er wie umgewandelt. Er begann Unwahrheiten zu sagen, für die ich keine andere Strafe fand, als heiße, heiße Thränen. Dann versprach er mir auf seinen Knien, sich zu bessern, wurde aber immer unartiger, neckte und quälte Thiere und Kinder, zerbrach meine Sachen, zerriß seine Kleider, so daß ich zum ersten Male fühlte, daß ich arm sei.

Da kam Vaughan und trug mir Herz und Hand an, und ich nahm ihn voll Dankbarkeit, nur um Tom einen Vater zu geben und ein Obdach uns Beiden und die Möglichkeit einer sorgfältigen Erziehung. Da aber fing meine Qual an. Mein Mann wollte alles mit Strenge erreichen. Ich sehe noch, als er mir zum ersten Male sagte, er müsse Tom Schläge geben, und wie das Kind beinahe rasend war unter der schweren Hand und der bittern Demüthigung. Seitdem waren das spanische Rohr und die Peitsche vielfach in meines Mannes Hand. Ich versteckte mich dann immer, um mich satt zu weinen. Denn ich sah, daß es ganz vergebens war, und daß Tom's Charakter ganz zu Grunde ging bei dieser Behandlung. Aber Vaughan hat ja nicht viel Menschenkenntniß und meint, die Welt ließe sich mit Grundsätzen regieren.

Von da an habe ich mich von Neuem schwer versündigt, indem ich Tom's Vergehen verbarg und bemäntelte, um ihn vor der Strafe zu schützen. In den Keller hat er ihn mir gesperrt, festgebunden bei Wasser und Brod, und das Kind bekam furchtbares Erbrechen, aber besser wurde es nicht, nur mit mir war er immer so lieb, so einschmeichelnd und zärtlich und bat mich auf Knien um Verzeihung, daß ich soviel seinethalben weinte, und warf seine Arme um mich, als wollte er mich beschützen. Er hatte doch soviel Süßigkeit in seinem Charakter bewahrt, daß ich ihm nicht widerstehen konnte und ihm allen Willen that, um ihn zu trösten, wenn er verzweifelt war. Er wälzte sich vor mir auf der Erde, er schlug den Kopf wider die Möbel, er drohte, er würde seinen Stiefvater erwürgen, und war er fort, so sagte mir mein Mann, daß er schon wieder etwas verbrochen, für das er unerbittlich gestraft werden würde. Es war gerade, als hätte ich Feuer und Wasser zusammengebracht. Wirklich, wirklich, mit etwas mehr Sanftmuth wäre Tom besser geworden. Nun aber stehe ich noch immer zwischen Beiden und mein Leiden wird täglich größer. Meine Qual vermehrt sich, ich weiß in meiner Angst nicht mehr, wohin zu flüchten. Mein Mann hat mich selbst gelehrt, mich so grenzenlos vor ihm zu fürchten, nun muß er die Folgen tragen. Es ist ein großes Unglück. Denn er ist ein vortrefflicher Mann, und ich bin ihm den tiefsten Dank schuldig. Er hat mich aus Noth und Elend gerissen mit Geschenken überhäuft, mir alle Liebe gezeigt, nur die nicht, meinem armen Kinde zu verzeihen. Und so ist langsam eine Kälte und Bitterniß zwischen uns aufgestiegen, die unheilbar ist. Darum, lieber Lewes, kann ich mich nicht bittend zu ihm wenden. Lieber gehe ich durch Feuerflammen. Er wird mir meinen Sohn ganz entfremden, oder ihn hinausstoßen in die weite Welt.

Ich zittre jede Stunde, daß er mit diesem Entschlusse vor mich hintritt. Und ich kann es nicht ertragen! Ich kann mich von ihm nicht trennen! Ich habe mein armes Kind unverzeihlich, unverantwortlich, unmenschlich lieb! Ich kann nicht, Lewes! Und will ich lieber Unrecht thun, und es auf mich nehmen, für mein Kind! Ich habe ja gesagt, ich wollte jede Strafe und jede Sühne erdulden. Man weiß manchmal nicht, was solch ein Wort bedeutet, und was man vorhersieht, das tritt nicht ein, am Unvorhergesehenen geht man zu Grunde. Helfen Sie mir, Lewes, bitte, helfen Sie mir!«

Mit zitternden Fingern holte sie einen wundervollen Schmuck aus der Tasche.

»Bitte, Lewes!« sagte sie und reichte ihn hin. Und Lewes fühlte ein Blitzen und ein Schwimmen vor den Augen, und dann lag das Kästchen wie heißes Blei in seiner Hand.

»Ich werde nachdenken,« sagte er und war so bleich geworden, als wollte eine Ohnmacht seine Sinne umnachten und ihn erlösen von den Schmerzen am Herzen, dem Brausen in den Ohren, dem bittern Geschmack im Munde. Aber mit äußerster Willensanstrengung bezwang er die Ohnmacht und saß da und starrte vor sich nieder.

»Wenn ich sie nur nicht so wahnsinnig liebte!« dachte er. Auf einmal wurde es heller in seinem Kopfe. Ihm fiel ein, daß er ja noch ein kleines Vermögen erspart, und ein flüchtiges Lächeln wetterleuchtete über sein Gesicht.

»Ich werde es versuchen,« wiederholte er, stand auf, ergriff einen Augenblick die dargebotene Hand und dankte Gott, als er draußen war, wie man aus der berauschenden Atmosphäre der Orchideen aufathmend in's Freie tritt. Ja, er hatte ein kleines Vermögen. Das sollte geopfert werden und ihr Glaube erhalten, daß es der Erlös ihrer Diamanten sei. Aber nachher? Wenn das verschlungen war von jenem Abgrund? –

»Und als der große Hund sah, daß es sein Schwesterchen war –,« erklang draußen Minnie's Stimme.

»Da wedelte er und legte sich zu ihr und wollte sie beschützen,« fiel Llewellyn's Tiefton ein.

Im Eßzimmer standen Tom und Kathleen noch immer; ihre Wangen glühten, ihre Augen funkelten.

»Du bildest Dir doch nicht ein, ich hätte eine gute Meinung von Dir?«

»O nein, mein Herzchen! Aber Du hast mich um so lieber, weil Du mich retten möchtest. Siehst Du, ich bin so unglücklich, Kathleen, daß es die ganze Welt erbarmen könnte, wievielmehr ein herziges kleines Mädchen. Zu Temorah ging ich ja wirklich nur, weil ich nicht wußte, wohin. Ich war ohne Geld und Obdach. Weiter war's nichts. Aber Dich habe ich lieb, wie meine Seele!«

»Die hast Du gar nicht lieb.«

»Meine Seele?«

»Kathleen!« dröhnte des Hausherrn Stimme in der Thür. Sie fühlten ihre Herzen stille stehn vor Schrecken.

»Kathleen, habe die Güte, einmal zu mir in mein Zimmer zu kommen.«

Mit hängendem Köpfchen folgte Kathleen des Hausherrn gewichtigen Schritten die Treppe hinauf.

Er machte selbst seine Thür hinter ihr zu.

»Wenn Du Dir einbildest,« begann er, »daß es mir paßt, wenn Du Dir unter meinem Dach von meinem Lump von Sohn den Hof machen lässest, so bist Du in einem tiefen Irrthum befangen. Und wenn Du meinst ich hätte nicht das Herz, trotz Deiner Armuth und Edleen's Bitten und Thränen Dir den Stuhl vor die Thür zu setzen, so bist Du in einem noch größeren Irrthum befangen. Glaubst Du, ich lasse mir das gefallen, daß man sich in meinem Hause so aufführt? Was müssen wohl meine Diener denken, die das Frühstück nicht abgeräumt, um euer tête á tête nicht zu stören. Findest Du das anständig, wenn ein junger Mann nach Dir die Hand streckt? Und schämst Du Dich nicht, Dich von einem Straßenbuben berühren zu lassen, der vielleicht eben eine Kellnerin umarmt hat? Ich sage Dir, Kathleen, ich dulde Solches nicht, und ich habe Dir mein Theuerstes, Heiligstes, Kostbarstes anvertraut, nicht damit Du Dich selber in den Schmutz treten lässest, sondern damit Dein Wandel unsträflich sei, würdig, reiner Kinderseelen Hüterin zu bleiben.«

»Mein Mann hat nicht viel Menschenkenntniß!« hatte Edleen gesagt, und es war, als sollte sie Recht behalten. Vaughan hatte sich auf einen Thränenstrom und auf einen Fußfall gefaßt gemacht, lauter Dinge, die ihm höchst widerwärtig und peinlich waren.

Wie erstaunte er aber, als ein schelmisches Gesichtchen sich zu ihm erhob und mit schallendem Gelächter Kathleen ausrief: »Tom! Aber mit Tom habe ich ja gar nichts zu schaffen! Es ist ja Morgan Gwynne, der mich lieb hat und heirathen will! Nein, Tom nicht! Gott bewahre! Wie komisch! Nein, wir sprachen von den armen Verschütteten und wo wir Geld hernehmen sollten für sie, und Tom ist ja immer so gerührt oder thut doch wenigstens so, und da wollte er mich umfassen. Aber ich habe es ja gar nicht geduldet! Nein! Gott bewahre!!! Ha! ha! ha! ha! Morgan Gwynne ist mein schmachtender Liebhaber! Ha, ha, ha! Und ein ganz Annehmbarer dazu, kein Straßenbube! Ha! ha! ha! Nein, Tom! Hu! Tom! Das ist ja ein schlechter Mensch! Nein, mit dem habe ich gar nichts zu schaffen!«

Und mit einer langen und tiefen Verbeugung glitt sie hinaus wie ein Kätzchen, flog in drei Sprüngen die Treppe hinunter zu Edleen hinein, die noch sterbensbleich und kraftlos im kleinen Sessel zurückgelehnt lag.

Kathleen kniete sich neben sie und küßte und streichelte ihr die Hände.

»Ist's überstanden?« flüsterte sie. Edleen bejahte mit einem Augenblinzeln.

»Ich habe währenddem das ganze Haus beschäftigt, eine ganz kleine Liebesscene mit Tom agirt, wohl wissend, daß der Hausherr uns beobachtete und mich eben tüchtig von ihm ausschelten lassen, Alles nur um die Luft hier rein zu erhalten. Er schilt wirklich recht nett, Dein Mann, das muß man ihm lassen. Ich finde es ganz angenehm.«

»Findest Du?« flüsterte Edleen, und ihre Nasenflügel bewegten sich leise, wie ein Blatt in einem Luftzug.

»Ja, er hat solch' ein schönes Organ, das einem ganz zu Herzen geht. Ich möchte mich so gern einmal vor einem Manne fürchten!«

»So?« erklang Tom's Stimme, der unbemerkt hereingekommen war.

»O, nicht vor Dir!« lachte Kathleen.

»Wollen sehen! – Aber was fehlt denn meinem Mutterchen? Sie ist ja krank, Kathleen? Siehst Du denn gar nichts? Mein Mutterchen! Mein klein lieb Mutterchen! Du wirst mir doch nicht krank?«

Die Drei im Glashaus waren still geworden, als wäre ihre Freude gestört und als fürchteten sie einen feindlichen Angriff. Winnie's Händchen blieben in den Saiten der Harfe hängen, und Minnie hatte ein Fingerchen auf den Mund gelegt.

»Wo sind denn die Kinder?« fragte Kathleen.

Jetzt klang ihre Stimme nicht liebenswürdig.

»Da draußen,« sagte Tom.

»Es ist längst Zeit zur Stunde, fort Kinder!« rief das junge Mädchen. Die beiden Kleinen warfen die Aermchen um Llewellyns Hals und nahmen dankbaren Abschied.

»Ich muß sehr darum bitten,« sagte der alte Mann, »daß das Kind täglich zu Uebungen zugelassen wird.«

»Ja, wenn sie artig ist zur Belohnung«, sagte Kathleen und nahm die Kinder fort. Llewellyn eilte von dannen. Er fühlte, daß er hier nicht trösten noch erheitern könne, und wollte bei seinem alten Freunde Gwynne nachsehen, ob er ihn eine Stunde lang von seinem Schmerze zerstreuen könne.

»Tom!« sagte Edleen.

»Ja, meine süße Mutter! Da bin ich zu Deinen Füßen!«

»Tom! Ich versündige mich aus Liebe zu Dir! Ich bitte Dich, schone mich! Du bringst mich um's Leben! Um Glück und Ruhe hast Du mich schon gebracht, um Schlaf und Frieden und gutes Gewissen! O Tom! Tom! verschone mich!«

Tom legte sein Gesicht in ihre Hände, und seine Thränen rieselten darüber hin. Er konnte so schön weinen, wenn er wollte, solch' einen Schauer von Reuethränen, daß er ganz unwiderstehlich wurde.

»Mutter! ich bin ein Sünder! ich bin Deiner nicht werth! ich weiß es! ich bin nicht werth, daß mich die Sonne bescheint!« und immerfort rieselten seine Thränen durch ihre schlanken Finger. »Wenn Du einmal hörst, ich habe mich erschossen, dann verzeih' mir, Mutter, verzeih' Deinem unglücklichen Kinde!«

Er sprang wie überwältigt auf und stürzte hinaus. Draußen dachte er: »Was mach' ich jetzt? Halt! die schöne Ginevra hat ein Gläschen für mich und freundliche Gedanken und ein niedliches Stübchen! Hurrah! es lebe Ginevra!«

Vaughan kam herunter und fand seine schöne Frau allein und so schwach, daß sie kaum die Hand heben konnte. Voll ängstlicher Besorgniß setzte er sich zu ihr und schob ihr den Arm unter den Nacken; sie schloß matt die Augen an seiner Brust, und er freute sich, daß sie an ihm ruhen wollte, und wußte nicht, daß sie nur die Augen schloß, um nicht sprechen zu müssen.



XI.
Der Kirchgang.

Ein leichter Reif thaute an der fröhlichen Sonntagssonne, während ringsum die Glocken läuteten und sich Kirchgänger von allen Seiten sammelten. Hie und da krachte durchsichtiges Eis unter den Sprüngen rothwangiger Kinder. Die gelben Blätter glitzerten wie unter Diamantenstaub, und wo die Sonne noch nicht hingeschienen, waren die Wege verzuckert, in bläulichen Schatten. Ueberall erschienen die hohen schwarzen Filzhüte und rothen Mäntel der Bäuerinnen, die mit frischen Gesichtern der alten Abtei zuwanderten, in der Gwynne predigen sollte.

Unter den Kirchgängern waren Vaughan, der mit schwerem Herzen an sein armes Weib dachte, das der schlechte Bube in's Grab quälen würde und vor dessen Mutterschwäche er gelähmt und wehrlos dastand; Edleen, der die Schamröthe in's Antlitz stieg, wenn sie dachte, in welcher Lage sie sich Lewes gegenüber befand und wozu sie ihn verleitete; Kathleen, die ihre Liebe zu Tom in Flammen lodern fühlte und doch Morgan zu begegnen und ihn verrückt zu machen hoffte; Winnie, die sich vor dem lieben Gott anklagen wollte, weil sie Kathleen zu hassen begann; Maggie, die von Kathleen lügenhaft und hinterlistig verklagt und mit Entlassung bedroht, fürchtete von ihrem Herzblättchen Minnie, das sie an der Hand hielt, losgerissen zu werden; Lewes, der Edleen seine ganze Habe zu Füßen gelegt und hatte vernehmen müssen, daß sie nicht reichte, die neuen Schulden zu decken, so daß er vor seinem ersten Betrug stand und zauderte und mit kalten Schauern dachte, daß er ihr seine Ehre opfern würde und keinen Lohn, kaum Dank davon haben; Gwendoline, die für eine Stunde das ruhige Lächeln ablegen und zu Gott schreien durfte um Kraft in ihrem nagenden Mutterschmerz; Gladys, die hoffte, sich einmal auszuweinen; Missy, die ihr müdes Herz gern mit ihrem Liebling in's Grab gelegt hätte; Morgan, der hohläugig und finster der Begegnung mit Kathleen und dem Auflehnen gegen jedes Wort von seines Vaters Lippen entgegensah; alle Kinder aus dem Vicariat, auf die der Schatten des ersten Leids gefallen war, Temorah, mit dem laut und doppelt pochenden Herzen unter den Mantelfalten; die aus dem Schacht Geretteten, die Tom wie einen Gott verehrten; sogar Llewellyn, der kein Kirchgänger war, und der sagte, der Wald sei seine Kirche, die Vögel seine Sänger, der Sturm seine Predigt, und den Gladys überredet hatte, nur dies eine einzige Mal als Bruderdichter ihren Vater reden zu hören – Alle, Alle waren gekommen. Nur vier Menschen fehlten aus dem Kreise, zwei, die nahe am Himmel, und zwei die um die Hölle wanderten: Una, die ihr Bräutigam an's Fenster getragen, um die Sonne zu sehen; Martyn, der ihren Kopf mit Arm und Schulter stützte und ihr von Gesundwerden, Heimath und Kindern vorredete, während sein Auge, von ihr unbemerkt, sich verschleierte; Tom, der nach durchstürmter Nacht in fieberndem Schlaf im Bett lag, und Ulla, die Hexe, die in ihrer Bergschlucht Kräuter sonderte und ihren Gedanken nachhorchte, wie einem Lied aus der Kinderzeit.

Die Sonne schien vom Himmel herunter auf all' das Erdenelend und that, was die Sonne thut: sie weckt Leben und Kraft, aber sie verzehrt und verdorrt auch; sie lockt Blumen aus Dung und Reben aus Steinen, aber sie läßt auch verschmachten und beleuchtet Moder und Staub. Sie heißt Kinder und Vögel jubiliren, und arme Sünder verzweifeln, sie lacht den Glücklichen zu und martert und verhöhnt die Leidtragenden, die gewaltige, hehre Sonne, mit dem unerbittlichen Lächeln!

Unter dem Glockengeläute näherte sich die Gemeinde der uralten keltischen Kirche, deren Krypta in den Felsen gehauen war, deren Dach kaum noch zusammenhielt. Sie lag in einem wundervollen Waldthal und nahm in ihren Steinhallen mit den plumpen Rundbogen und schwerfälligen Säulen, mit den hoch herabschauenden Fenstern, seit vielen Jahrhunderten die Gläubigen auf. Eine Orgel gab es nicht; dafür aber außerordentlich schönen und reinen Gesang, der unter den Gewölben fast ebenso feierlich klang, als stimmten Orgeltöne ihn an.

Gwynne war bei Sonnenaufgang durch die verborgensten Wege des Parks gewandelt; er wollte Kraft finden, aus seiner tiefen Noth heraus seine Gemeinde zu erbauen. Mit Todesangst dachte er daran, daß er auf der Kanzel stehen müsse und reden, zu den Andern von Muth und Kraft sprechen, während er selber verzagte. Jetzt, während dem Glockengeläute, lag' er in seinem Arbeitszimmer auf den Knieen, vor seinem Schreibstuhl, das Gesicht in den Händen und zeigte seinem Gott sein ganzes schwaches, leidensmüdes Herz; er sagte ihm, er könne das nicht thun. Er könne nicht reden, heute nicht. Er könne sich nicht beugen unter seine Hand, die zu schwer auf ihm lastete. Der körperliche Schmerz am Herzen war so groß, daß schon darum alle Kraft ihn verlassen wollte.

»Ich bin Dein unwürdiger Knecht!« betete er. »Lehre mich doch, mich selbst vergessen, Herr, mein Gott! verlaß mich nicht! verlaß mich nicht!«

Seine Gedanken verwirrten sich. Ihm war es, als hätte er Text und Predigt vergessen, in der Qual, die er erduldete, in dem Ausruf: »Ich kann nicht!« Und da läuteten die Glocken mit ihrer alten Gewalt, und sprachen von Hunderten von Feiertagen, an denen er mit solcher Freude die Kanzel bestiegen, in der Vollkraft seiner Beredtsamkeit, in des Herzens Weite, die einem guten Menschen das Glück verleiht. Und heute hätte er sich und seinen unendlichen Schmerz verbergen mögen, wie ein angeschossenes Wild, und sollte vor all' die Leute, vor all' die Blicke; Vertrauen einflößen, wo er selber scheitern wollte.

»Mein Gott! Mein Gott!« betete er in seiner Qual, »Du lässest nicht die Kelche vorübergehen, wenn es Dein Wille ist, daß wir sie leeren sollen! Aber verlaß mich nicht! Steige herab zu mir! Erleuchte mein bebendes Herz mit Deinem Lichte und mach' es stille!«

Vor seinen Augen flimmerte das rothe Blut, das von seines Kindes Lippen quoll, und ihre gebrochene, heisere Stimme tönte in sein Ohr, und wieviel er sich bemühte, das Entsetzliche abzuthun – wie ein glühendes Eisen schoß es immer wieder durch sein Herz; es war, als füllten rothe Kohlen ihm die Brust, als würde seine Zunge gelähmt.

»Mein Gott! Mein Gott!« betete er, »Du verleihst Wollen und Können! Du schenkst auch die Demuth, die sich selber abthut und ihr Leid für klein erachtet, vor Deiner Macht und Größe. Mein Gott! ich murre nicht, ich zittere nur, und meine Seele verdorrt unter dem Strahl der Schmerzen!«

Und die Glocken läuteten und läuteten und riefen ihn und sagten, daß die Gemeinde harrte. Da stand er auf und griff nach Käppchen und Büchern mit bebender Hand und warf noch einen inbrünstigen Blick aus dem hohen Bogenfenster, durch das ein Sonnenstrahl sein Haupt verklärte. Wie Erhörung zog der Strahl über ihn hin, und mit festem Schritt trat er aus dem Hause. Ohne zu denken, was er that, hob er den Blick zu seines kranken Kindes Fenster, und fast wäre sein schwer erworbener Muth gebrochen. Dort lächelte ein abgezehrtes Gesichtchen herab, in dem es nur noch Augen gab, große strahlende Augen und die weißen Zähne. Tief ernst erschien Martyn's Kopf neben dem ihren, als ob er mehr an des Vaters schweren Gang, als an sein eignes Weh dächte; auch sein Gesicht abgezehrt von Nachtwachen und Todesangst, der die doppelte Qual erdulden mußte, stündlich des Uebels Fortschreiten machtlos belauschen zu müssen.

Bei dem Anblick war es Gwynne, als wurzelten seine Füße sich ein, und als stünde sein Herz ganz still. Doch winkte er mit der Hand hinauf und ging weiter.

Denn die Glocken läuteten und läuteten.

In der Kirche war schon einige Spannung und Unruhe über sein verspätetes Erscheinen. Gwendoline schaute beständig nach der Thüre; aber sie hatte so unbegrenztes Vertrauen zu ihres Helden und Führers Kraft, daß sie den bangen Gedanken, ihm sei unwohl geworden, bekämpfte.

Endlich ging die Thüre auf und in einem breiten Lichtstrahl erschien des Predigers hohe Gestalt. Alle Köpfe wandten sich theilnahmsvoll und neugierig ihm zu, wie er die Kirche durchschritt. Seine Schultern hatten sich ein wenig gebeugt, und sein Haar war fast plötzlich ergraut, besonders an der linken Seite, wo meistens beim Denken und Arbeiten seine Hand ruhte. Sein Antlitz hatte etwas überirdisch Strahlendes, wie eines Heiligen und Märtyrers Antlitz, und der Gesang schwoll in besonderer Macht hinaus, da sein Anblick allein seine Gemeinde bereits gehoben und gestimmt hatte. Ihm war es, als umbrauste ihn der Ocean, und er konnte, als er die Kanzel bestieg, einen Augenblick keine Zeile unterscheiden, kein Gesicht erkennen. Er mußte in kurzem Gebete verharren, bis des Herzens Stöße etwas zur Ruhe gekommen und ihn athmen und sehen ließen, und mit übermenschlicher Willensanstrengung schlug er die Bibel auf.

Klar und tönend zogen in seinem wundervollen Organ die Textesworte über die Häupter dahin, und während er sie sprach, wurde es plötzlich still in ihm und um ihn, und als würde er auf eine Wolke gehoben, so fühlte sein Fuß den Boden nicht mehr.

»Suchet den Herrn, weil Er zu finden ist; rufet ihn an, weil Er nahe ist.

Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Uebelthäter seine Gedanken, und bekehre sich zum Herrn, so wird Er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott; denn bei ihm ist viel Vergebung.

Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr.

Sondern, soviel der Himmel höher ist, denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege, und meine Gedanken denn eure Gedanken.«

Durch der alten Kirche athemlose Stille klang jede Silbe, nicht laut, sondern wie köstliche Tropfen, die in ein heiliges Gefäß fallen. Leise fing auch seine Rede an, wie eine Quelle in verborgener Schlucht. Bald aber wurde er fortgerissen von der Gewalt seiner Beredtsamkeit, und in einem Sonnenstrahl, der schräg durch ein Fenster hereinfiel, stand er, wie von Glorienschein umhüllt; seine Stirn leuchtete, sein Auge schien in den Herzen zu wühlen, und die Stille ringsum wurde so tief, als athmete Niemand in der großen Kirche, die doch voll war bis zum Ausgang, wo die Leute noch gedrängt standen.

»Seid doch nicht so furchtsam, meine Lieben!« rief er, »und wandert nicht euern Gedanken nach, die euch in's Verderben locken. Eher als Dich zu demüthigen vor Deinem Bruder, willst Du eine schlechte That begehen, deren Folgen unabsehbar sind, wie die Kugel aus ihrer Bahn. Es ist noch Zeit, kehr' um! Geh' hin zu Deinem Bruder und sprich zu ihm: »Ich wollte übel an Dir handeln, strafe mich und verzeihe mir, aber laß mich nicht versinken!« Du fürchtest Dich vor seinem harten Wort. Du zitterst vor einem Blick der Verachtung aus seinen Augen? Aber glaubst Du denn nicht, mein Christ, daß, wenn Gott zu Dir zu reden anhebt, Dein Herz ganz anders erbeben, wird, daß, wenn Er Dich anblickt, Du nicht mehr bestehen kannst, und vor seinem Zorn verschmachten mußt? Du wehrst Dich gegen Demüthigungen, die Dir von Menschen kommen, und denkst nicht in Deiner Thorheit, daß Gott Dich hinabtreten kann in den Schlamm, den Du berührt hast, und Dich darin versinken lassen, ohne Rettung; daß Du dann gebrandmarkt und verachtet der Menschen Hohn und Achselzucken ertragen mußt und Dich nicht auflehnen darfst gegen ihre blinde und grausame Gerechtigkeit.

Und Du, der aus Liebe sündigst, frage Dich, ob das Liebe ist, die einen Menschen in's Verderben bringt? Selbstsucht ist es, Herzenskälte, grenzenlose Schwäche ist es, aber nicht Liebe. Wage nicht, vor Dir selber das heiligste Wort so zu entweihen, es als Mantel zu gebrauchen für Deines Herzens Fäulniß, für den Wurm, der Dich zernagt. Aus Liebe! Aus Liebe sei stark, sei rein, sei strenge. Aus Liebe zertritt Dein Verlangen, aus Liebe bringe nichts zum Opfer, was Deiner Seele Leben ist, und wenn Du Dich besudelst, so denke nicht, daß das Wort: »Aus Liebe!« Dich rein wäscht, sondern frage Dich, welcher Natur Deine Liebe ist.

Du, der so hoch stehst in Deiner Gerechtigkeit, hast Du Dich nicht durch eben diese vermeintliche Gerechtigkeit versündigt? Hast Du nicht zurückgestoßen, in's Elend getrieben, was Deine Milde zurückgerufen hätte? Sahst Du den Abgrund nicht, nach dem Du die Gestraften hinscheuchtest und fühlte nicht Deine Hand, als sie zu schwer auf den Schwachen lastete? Du meinst, Du wandelst im Lichte Deiner Unbescholtenheit und tappst im Finstern, armer Thor! Hast Du Dich nie gefragt, ob Dein Wesen auch wohl geeignet ist, Sünder auf den »rechten Pfad« zurückzuführen? Hast Du Dich zu Deinem Gott gewandt, um Erleuchtung, anstatt mit Härte und Starrsinn denselben Weg zu verfolgen, und zu sagen: Biegen oder Brechen!

Und Du, mein Kind, das gestrauchelt und gefallen, wende Dein zerrissenes Herz und Deine zerschmetterte Seele empor. Auch für Dich giebt es Erlösung. Trage die Buße wie ein Mann, weil Du so schwach warst zu sündigen, sei nun nicht noch schwächer vor ihren Folgen. Sondern beuge Dein Herz unter die züchtigende Hand, die Dich hindurchführt durch das Fegefeuer der Sühne. Sieh Deine Sünde, nun da sie begangen, und allen Duft und allen Honig und alle Wohlgestalt verloren hat, in ihrer ganzen Häßlichkeit und bebe nicht. Gott sah sie bereits so häßlich als Du sie begingst, und zerschmetterte Dich nicht sogleich, sondern wußte, daß Du wieder emporklimmen sollst zu Ihm, daß Er Dich einmal mit Seiner allgewaltigen Liebe einhüllen wird und Du dann wissen wirst: Dir ist vergeben!

Und Du hast Haß und Rachegedanken in Deinem Herzen Wurzel fassen lassen, und siehe, nun blüht ein Giftbaum empor, und Du weißt selbst nicht, wie weit der Schaden reicht, den Du gethan und thun mußt, solange Du den Baum nicht ausreißest. Hast Du schon bedacht, daß Du den Namen eines Christen verloren, daß Du ein schädliches Glied der menschlichen Gesellschaft geworden? Denn der Rachedurstige ist seiner Gedanken und Thaten nicht mehr mächtig und richtet Uebel an, wohin er greift. Er wird zum Thiere herabgewürdigt, das Neid und Haß nicht bekämpfen kann, sondern sich rächt ohne Reue. Ist es nicht ein erhabenes Gefühl, still nach der Hand Gottes zu greifen, und Deine Peiniger nur als ein schwaches Werkzeug zu betrachten, das dazu bestimmt ist, Dich durch Selbstüberwindung und Güte zu einem viel edleren Menschen zu machen?

Und Du, mit der Lüge auf den Lippen, fürchtest Du Dich denn nicht vor Gott? Hast Du seine gewaltige Sonne noch nie gesehen, die plötzlich den fernsten Winkel bescheint, die hell macht, was Du in Dunkel hüllen wolltest, und vor der Du stehen wirst, nackt und elend, verhöhnt und verachtet, daß Dich anspucken darf, wer vorübergeht? Zitterst Du nicht, daß Gott den Mantel Dir von den Schultern ziehen wird, wenn Du es am wenigsten erwartest, und daß er den Finger hinhalten wird auf Deine Lüge und Dir Augen und Herz verbrennen mit seinem furchtbaren Blick? – Seid doch nicht so furchtsam, meine Christen! Denn aus der Furcht springt eure Sünde, aus der Furcht vor Menschen, vor Zungen, vor kleinem Ungemach, vor sogenannten Demüthigungen. Aber wer bist Du denn, daß Du Deines Bruders strafendes Wort nicht ertragen willst? Schäme Dich vor Deiner Feigheit und denke nicht, daß Du der Qual Deiner Tage entrinnen kannst. Du mußt sie durchwandern, den einen nach dem andern. Dir wird keine Stunde geschenkt. Und wenn Du nicht im Fegefeuer Dich läuterst, emporwächsest zum göttlichen Lichte, dann wirst Du hinausgeworfen in äußerste Finsterniß. Und Du, der Du jammerst unter des Leidens Last, der Du Dich auflehnst in Unmuth und Verzweiflung, der nicht glauben kannst, daß Gottes Gedanken gut sind, auch wenn Du sie nicht verstehst, bete, bete um Erleuchtung. Bete um die Demuth, die nicht mehr frägt, sondern trägt, die nicht murrt, sondern danken kann, die nicht zweifelt, sondern sich führen läßt. Es muß in Gottes Gedanken ein so erhabener Wille zum Guten ruhen, daß wir oft mit unserer Nacht zufrieden sein und uns bescheiden müssen. Was wissen wir denn von dem, was über uns leuchtet. Kennen wir denn unsere endliche Bestimmung? Wissen wir, was der Erde Kern, der nächste Stern verbirgt? Ahnen wir denn, welche Freude aus unsern Leiden wachsen soll? Laß Gottes Hand den Herzensgrund Dir pflügen, mein Christ. Er allein ist Säemann. Er allein weiß was aus Dir reifen soll. Und legt er Dir Dein Theuerstes in's Grab« – hier zitterte des Predigers Stimme ein wenig – »so laß aus diesem Grabe Deine Zuversicht hehrer emporblühen, den Gottesgedanken nach, die Du einmal werth sein sollst, zu erkennen.

Die Eidechse sieht nicht weiter als ihr Gemäuer, die Biene nicht weiter als ihre Wiese, der Maulwurf als seine Hand, wie müßte der Adler ob ihrer Blindheit erstaunen, und ob der Enge ihres Gesichtskreises, er, dessen Auge die Lande bestreicht. Und er ist doch nur der Bewohner der Höhen und kennt die Tiefen nicht.

Und so wollen wir, die unsern winzigen Erdball nicht kennen, Gottes Wege verfolgen und beurtheilen können, und Ihm sagen, was er thun soll?

Bete an, mein Christ! es ist nicht so schwer! Du mußt nur abthun, was Dir von Erde anhaftet, und den Flug Deiner Seele nicht mit kleinen Käfigen begrenzen. Laß sie nur hinaus aus der Enge Deiner Brust. Sende sie empor, laß sie von den Strahlen aufsaugen, wie Wasser von der Sonne, zweifle nicht, zage nicht; Dich trägt das Element, für das Deine Seele geboren ward. Sende sie jauchzend den Höhen zu, da ihre Heimath, ihr Ausgang und ihre Vollendung ist, den Theuern nach, die Dir vorangeschwebt, dem Hymnus nach, der sich zu Gott emporschwingt, Gott nach, in dessen Gedanken Du endliche Erlösung und ewiges Schauen finden sollst. Amen.«

Die Gewalt der Stimme, sein Feuerblick, das Bewußtsein, daß dieser Mensch aus der Nacht bitterster Leiden sprach, wirkten noch weit erschütternder als seine Worte. Ein guter Prediger ist wie die Luft, die tausend Stimmen auffängt und als Einheit emporträgt in unermeßliche Höhen. Er sammelt alle Leiden und alle Gedanken und alle Thränen auf und trägt sie hoch empor und läßt sie dann als Thau gereinigt und erquickend niederfallen, bis für einige Augenblicke Jeder sich besser fühlt und stärker und bereit, den guten Kampf zu kämpfen, bis ihn des Lebens Alltäglichkeit in ihrer ganzen Herbheit wieder erfaßt, und er dennoch schwächer ist als sein Schicksal, muthlos vor der langbekannten Last, murrend unter dem täglich schärfer einschneidenden Kreuze, und sich zuletzt sagt: Er hat gut reden! er weiß nicht, wie mir ist! –

»Er hat gut reden!« Das durfte heute Niemand denken, der den Stempel einer schweren Leidenszeit ihm aufgedrückt sah und die Würde, mit der er sein Geschick trug. Schon an der Kirchenthür wurde er heimgerufen. Una verlange nach ihm; sie habe wieder einen Blutsturz gehabt und sei so erschrocken, und nur Er könne sie aufrichten. Die Kirchgänger standen in Gruppen zusammen und sprachen davon; nur die ein eigenes Leid zu bewältigen hatten, schlugen schnell und stille den Heimweg ein. Die Familie Vaughan zögerte noch, um Nachrichten zu haben, und wandelte im Park schweigend auf und ab.

Lewes eilte nach Hause, und setzte sich an den Schreibtisch. Er wollte seiner Herrin schreiben, er könne das nicht thun; er habe nur eine Ehrlichkeit und nur eine Seele. Und dann zerriß er es wieder und warf die Feder hin und dachte, vielleicht würde Edleen selber heldenmüthig sein und ihn erlösen. Aber auf dem Heimwege hatte Vaughan mit einer unbedachtsamen Aeußerung ihren ganzen Muth zertreten, und sie war dieselbe schwache, hülflose Frau wie zuvor.

Winnie wollte allen Haß aus ihrem Herzchen reißen, bis sie sah, wie Kathleen mit Morgan kokettirte und ihre Empörung stärker war als alle Vorsätze.

Temorah dachte, sie wollte auf der Mutter Grab, das sie nie mehr zu betreten gewagt, Vergebung suchen und ihr sagen, daß sie alle Sühne still erdulden und ihres Lebens Zerstörer verzeihen wollte. Allein wandte sie ihre Schritte nach dem Kirchhof, in dem das Laub hoch auf den Wegen lag und glitzerte von dem weggethauten Reif. Auch auf den Gräbern thürmte sich das Laub, so daß Temorah es entfernen mußte, um das schlichte Kreuz auf der Mutter Grab frei zu machen. Schüchtern kniete sie an demselben nieder, in Todesangst, das Grab könnte sie fortscheuchen, umschlang das Kreuz mit den Armen und lehnte die Stirn daran. Alles blieb todtenstill. Es war ihr, als würde sie gnädig aufgenommen und nicht zurückgestoßen, und mit thränenumflortem Blicke suchte sie der Mutter theuren Namen. Wie aber erstarrten ihr Augen und Adern, als sie in tiefen Buchstaben, groß und deutlich: Tom! in das Holz des Kreuzes geschnitten fand. Fast wäre ein Schrei ihren Lippen entfahren. Sie taumelte zurück und hielt sich an einem mächtigen Granitkreuz fest, eines reichen Mannes Grab, auf das schon längst keine Thränen mehr geflossen waren. Sie umklammerte den kantigen, eiskalten Stein, um nicht hinzustürzen; bald aber umnachteten sich ihr die Sinne, und in tiefer Ohnmacht lag sie unbeachtet im Laube, mehrere Stunden lang. Als sie wieder zu sich kam, hatte die Sonne die Mittagshöhe längst überschritten und schien von der andern Seite auf den todtenstillen Friedhof. Keine Seele weit und breit, der armen verlassenen Maid einen Tropfen Wasser auf die Lippen zu träufeln. Da saß sie im feuchten Laube, und starrte auf das furchtbare Wort und meinte immer noch, es sei eine Sinnestäuschung, bis sie auf den Knieen hinrutschte und mit den zitternden Fingern die tief geschnittenen Buchstaben fühlte. Wer hatte diese teuflische That gethan? Wer hatte ihr Geheimniß erlauscht, und es so aller Welt verkünden wollen? Sie zitterte wie Wasser in peitschendem Regen; ihre Zähne schlugen laut aufeinander, und ein furchtbarer Fluch gegen diesen verborgenen Feind entfuhr den veilchenblauen Lippen. Mit einemmal wurde sie ganz still. Sie sah den Sommertag, an dem sie Tom geliebt, sie sah die Brücke, wo sie »Komm!« gesagt, sie sah Kathleen in den Blumen versteckt, sie sah Kathleen hierherwandern und den Namen einschneiden. In fiebernder Hast begann sie, mit den Händen das Kreuz auszugraben, und dann riß sie daran hin und her, bis sie es aus der Erde gezogen. Es war schwer; aber sie wollte es schleppen und band es unter ihrem Mantel auf den Rücken fest. So wankte sie von dannen, vorn über gebeugt, wie ein altes Mütterchen, den Weg, den damals Kathleen gewandelt. Endlich hatte sie die Brücke erreicht und kroch hinunter, in die Vertiefung, bis über die Knie im Laube. Dort nahm sie Mantel und Kreuz herunter, und begann zu suchen. Und nach längerem Wühlen unter den gelben Blättern fand sie einen Handschuh und einen Schleier und steckte Beides zu sich, dann machte sie die Blätter auseinander, und mit Holz und Stein grub sie tiefe Rinnen in die schwarze, weiche Walderde. Dort senkte sie das Kreuz hinein, mit der Aufschrift nach unten und bedeckte es hoch mit Erde und Laub. Lange kniete sie in den nassen Blättern, bis alles geschichtet war, dann erhob sie sich mühsam, nahm den Mantel um und schlug den Heimweg ein. Sie erreichte ihr Häuschen erst bei sinkender Nacht, todtmüde und ausgehungert. Als sie eintrat, bewegte sich etwas im Zimmer und kam auf sie zu; sie konnte im Dunkeln nicht erkennen, wer es war, bis Tom's Stimme erklang: »Nun endlich! Läufst Du jetzt auf den Straßen herum bei der Nacht, und suchst Liebhaber?«

Ein Schlag in's Gesicht war die Antwort, die er erhielt. Dann wurde es plötzlich hell, und Temorah stand mit funkelnden Blicken vor ihm.

»Hinaus!« sagte sie sehr ruhig.

»O bewahre! Hier ist es mein Recht zu sein, und hier bleib ich heute Nacht, und so lange es mir beliebt. Ich wünsche eine Zeitlang meine Spur zu verwischen. Und hier vermuthet mich Niemand.«

»Hinaus!« sagte Temorah wieder und deutete nach der Thüre.

»Nein, mein Schatz! Das hättest Du diesen Sommer sagen sollen. Da sagte man aber: »Herein!« Da breitete man die Arme aus und empfing den Bräutigam, Honig auf den Lippen und Sonne in den Augen. Ja, mein Schätzchen, und jetzt bin ich wiedergekommen, an demselben Herzen mich zu verbergen, dessen Schlag ich kenne wie den meiner Uhr. Thu nur nicht so stolz! Du bist so froh, Deinen Tom zu haben!«

Sie schüttelte den Kopf, stützte sich mit der Hand auf den Tisch und stöhnte laut. Im nächsten Augenblick lag sie wieder ohnmächtig auf der Erde. Der Tag war für sie zuviel gewesen, und die jetzige Schmach ging über ihre Kräfte. Tom fand das merkwürdig unangenehm, sah aber doch ein, daß er ihr helfen müsse.

Sobald sie zu sich kam, drückte sie ihn mit beiden Händen von sich, was ihn so belustigte, daß er sich fast wieder in das schöne wilde Mädchen verliebte, das schamhaft verhüllte, was er aufgerissen, um ihr Luft zu verschaffen.

Temorah ertrug seine Gegenwart in stummem Trotz, schloß ihn ein, wenn sie zur Arbeit ging, und gab ihm Essen; denn er hatte nichts, nicht einen Groschen mitgebracht. Sie gab keine Antwort, wenn er sie seine kleine Frau nannte und ertrug seine Zärtlichkeit, wie die eines großen Hundes, den man nicht abwehrt aus Mitleid. Gegen seine Langeweile kämpfte sie nicht. Im Gegentheil. Sie saß ihm stumm gegenüber. Er aber arbeitete sich zum Zeitvertreib in flammende Leidenschaft hinein und begann, sie erobern zu wollen, wie in alter Zeit. Ihr war es so elend zu Muth dabei, daß sie manchmal an Selbstmord dachte.

Aber dann fielen ihr Gwynne's Worte ein, man müsse seiner Sünde Häßlichkeit in's Antlitz schauen und ihre Folgen tragen, wie ein Mann. Tom war ihr so zuwider, daß ihr jede seiner Bewegungen hassenswerth, jedes seiner Worte fade erschien. Die Liebe war todt in ihr, ganz todt, in der Angst und Scham gestorben, und sie konnte gar nicht begreifen, wie sie sich so hatte vergessen und berauschen können. Sie ekelte sich vor sich selber. Es fiel ihr niemals ein, von der Zukunft zu sprechen, was Tom reizend von ihr fand, da er ihr doch nicht helfen konnte, sondern im Gegentheil selber des Schutzes bedürftig war. Er schien gar nicht zu leiden unter der Unwürdigkeit seiner Lage, während Temorah ihr Herz immer in den Mund steigen fühlte, als wollte es hinaus und vor ihre Füße, in dem Abscheu vor ihm, vor sich selber, in der Erniedrigung, eines solchen Mannes Sache und Sklavin zu sein und von ihm behandelt zu werden, wie eine Dirne. Keine Würde ihres Benehmens konnte ihn in der Schamlosigkeit seiner Aeußerungen zügeln: ja, es schien ihm ein ganz besonderes Vergnügen zu bereiten, sie in jeder Weise zu erniedrigen, sobald er ihren Stolz bemerkt hatte. Eines Tages war er verschwunden, wie er gekommen, ohne ein Wort des Abschieds, und sie durfte aufathmen und sich satt essen. Denn sie hatte sehr gehungert, um ihn zu befriedigen. Fast vier Wochen lang war er bei ihr versteckt geblieben, vier Wochen unsäglichster Marter und Qual, in denen ihre Wangen eingesunken waren, so daß erstaunte Blicke auf ihr ruhten, denen sie sich nicht entziehen konnte, da sie für Tom's Erhaltung arbeiten mußte.

Wenn sie ihm zu stolz war, dann hatte er noch eine besondere Art gefunden, sie zu peinigen. Er drohte ihr, sich Vorübergehenden zu zeigen, nicht sein Gesicht, aber seine Gestalt, damit Jedermann erführe, daß ein Mann bei ihr sei. Er weidete sich dann an ihrer Angst und meinte, so müsse man solche Geschöpfe zahm machen; er sei zum Thierbändiger geboren, ihm müsse Alles zu Füßen liegen.

Nun war er fort, aber wer wußte, ob er nicht wiederkommen würde!

Edleen verbrachte diese Zeit in einem Zustand, der Vaughan für ihr Leben fürchten ließ. Sie frug ihn wiederholt, ob er Tom habe verschwinden machen, übers Meer geschickt, und glaubte ihm nicht, wenn er verneinte und freute sich, als er wiederkam, so über die Maßen, daß Vaughan in tiefer Bitterkeit das Zimmer verließ.



XII.
In Sängers Haft.

»Der Kampf war lang und heiß' und schwer,
Doch trotzig stand sie da,
Die Burg, ob Widder, Schleuder, Speer,
Die Feindesfuß nie sah.

Laut rasselnd flog die Brücke auf,
Das Thor, des Schlosses Hof,
Und Huf und Helm stob glitzernd d'rauf,
Manch Kettenhemde troff.

Im Steinsaal, bei der Fackeln Gluth,
Bei Trinkhorn und Pokal,
Da hat der Helden Schaar geruht,
Doch sanglos bleibt das Mahl.

»Mein treu'ster Held liegt heut' im Sand!«
Der Burgherr seufzt und spricht:
»Mir fällt der Bissen aus der Hand,
Der Wein, der schmeckt mir nicht.

Mit Feuerblick und Rabenhaar,
Im Schleier duftig zart,
Mit Wogebusen, Lippenpaar,
Da jeder Reiz gepaart

Dient mir mein Weib, mich freut es nicht;
Die Arme weiß und rund,
Ihr Blumenathmen, wenn sie spricht,
Nicht kenn' ich sie zur Stund'.

Mein treu'ster Held liegt auf dem Plan,
Er hat dem Feind gezeigt,
Wie sieghaft man erlöschen kann!«
Der Herrin Lippe schweigt.

Sie hat kein Trosteswort für ihn,
Der sich die Stirne hält,
Man hört der Knisterflammen Zieh'n,
Wie Harz zu Boden fällt.

Wen tragen sie zum Saale her?
Der ist's, der stumm beweint,
In Jugendschöne liegt er hehr,
Von Fackelglanz umscheint.

Er liegt geheimnißstarr und fremd,
Im Goldgelock; es klafft
Auf seiner Brust das Kettenhemd,
Die Schwerthand hängt erschlafft.

»Trinkt ihm, ihr Helden, trinkt ihm zu!«
Der Burgherr ruft es laut,
»Ihm sei der Weg zur Götterruh'
Noch freudevoll bethaut.

Doch Wer noch wider diesen Mann
Sühnlose Klage hat,
Erhebe sich und klag' ihn an,
Vor Walhalls Richterstatt.«

Es schweift des Burgherrn Blick und frägt.
Doch stumm der Helden Kranz,
Und in des Todten Wimpern regt
Sich roth der Flammen Glanz.

Doch wer erhebt sich bleich, und ragt
Im Lichtgewand empor?
Die Herrin ist's, nicht wankt, nicht zagt
Ihr Schritt, sie tritt hervor.

Sie wandelt durch den weiten Saal,
Nicht bang, nicht scheu, nicht schnell,
Und zieht den scharfen Doppelstahl
Aus ihrem Gürtel hell.

Und hebt ihn hoch. Von wilder Lust
In ihrem Blick ein Schein,
Und gräbt in starre Heldenbrust
Bis an das Heft ihn ein.


Llewellyn hatte es nicht gesungen, nur gedacht; jetzt flüsterte er es noch einmal den Riesenscheiten zu, deren loderndem und prasselndem Zusammenstürzen er im Sessel zusah, die Füße auf dem weiten Kaminrand, das Knie in der Hand. Draußen wirbelte der Schneesturm sausend um das burgähnliche Haus, das auf schroffem Felsenriff kantig emporragte, nach der Rückseite aber sich fast in den Wald hineingrub. Heute waren Dächer und Wald von Schnee belastet, der manchmal in schweren Klumpen hinabrutschte und mit donnerähnlichem dumpfem Getöse auf der Schneedecke drunten zerschellte.

An des Sängers Seite stand ein Tisch mit einem Humpen Wein. Harfen von jeder Form und Größe warfen gespenstische Schatten auf die fernen Wände, und die Säulen und Spitzbogen des Saals waren bald strahlend beleuchtet, bald in Nacht versenkt, je nach dem Aufflackern der Bäume im Kamin.

Es lag sogar ein großes Buch aufgeschlagen da, und eine Feder darauf, aber Llewellyn fand sein Lied noch nicht sauber genug gefeilt, um es einzutragen. Er lauschte den Aeolsharfen, die vom Thurme heruntertönten in überirdischen Lauten; Geistergesang, Rhapsodien unfaßbarster Natur. Er war in jenes Wohlgefühl versunken, das den Dichter in einsamer Nacht ergreift, wenn die Schaffensstunde kampflos ist, Gestalten und Worte sich von selber vor die Augen und auf die Lippen drängen und ein Lied nach dem andern dahinfließt, wie ein breiter Strom. Solche Sturmnächte sind dazu sehr geeignet; es ist, als raunten fremde Stimmen ihm zu, was er singen soll, und er fühlt sich wie ein Herrscher über den Erdball, den sein Sang umschweift, wie ein Walhallbewohner, der das eitle Leben längst hinter sich gelassen und vergessen hat. Die von hohem Genuß sprechen, und dabei an Wein, Frauen, weiche Polster und volle Tafeln denken, auch wohl an ein gutes Pferd, an gute Musik oder was es an Freuden noch mehrere geben kann, die kennen nicht den höchsten, den feinsten, den vollkommensten aller Genüsse: des Dichters leichte Schaffensstunde. Der Gedanke ist so stark, daß er ihm Alles vorspiegelt, was er haben will, in greifbarer Wirklichkeit; er sehnt sich nach nichts, denn er hat alles in vollkommenster Form, und die Leute, die die Thorheit begehen, aus dem Spiel ihrer Phantasie Stein und Blut machen zu wollen und sich das alles vor die leiblichen Augen zu stellen, was sie im Geist gesehen, die werden bald mit bittrer Enttäuschung gewahr werden, daß sie weit besser daran waren und weit Schöneres sahen und weit Köstlicheres erlebten, in einfachster Zelle, auf hölzernem Stuhl, in regloser Entrückung. Diesen Hochgenuß muß sich der Dichter oftmals in schweren Kämpfen erkaufen, aber oftmals wird er als wahres Götterkind mit allem Glanz überschüttet, so daß er sich mit Schöpferkraft allumfassend ausgestattet fühlt und kaum athmet, um das Wehen des Geistes nicht zu überhören. Daher das Arbeiten bei der Nacht, wo er mit zufriedenem Lächeln sagt: »Nun kann mich Niemand stören!« –

Es ist aber keine Nacht so finster, kein Schneesturm so dicht, daß nicht ein unerwarteter Gast die Einsamkeit mit raschem Hufschlag unterbrechen und an's Thor pochen könnte. Llewellyn horchte erstaunt. Wer konnte das sein, der ihn zu dieser Stunde aufsuchte?

Er hörte ihn draußen den Schnee herunterstampfen und einige Worte wegen des Pferdes mit dem Diener wechseln, dann trat durch den tiefen Schatten, die nasse Pelzkappe in der Hand, eine schlanke junge Gestalt plötzlich in das Licht der Scheite und sagte lachend:

»Sie sind gewiß erstaunt, mich hier zu sehen. Ich habe mich aber im Schneesturm verirrt, sonst wäre ich nach Sonnenuntergang hier gewesen.«

»Tom! Sie sind das? Im Winter bei mir?«

Tom lachte, aber Llewellyn bemerkte, wie sich zwei scharfe Linien von den Nasenflügeln abwärts, um die Mundwinkel zogen, wie die Augen unstät flackerten, die Wangen eingesunken, die Schläfen eingedrückt aussahen. Der glänzende Tom zeigte Spuren der Zerstörung in seinem hübschen Gesicht, und Llewellyn betrachtete ihn traurig, während Tom, in Gedanken verloren, in das Feuer starrte und offenbar vergessen hatte, wo er sich befand. In einem gastfreien Hause braucht der Hausherr nicht erst zu schellen und nach Essen zu rufen. Die Diener wissen das schon. Und so kam bald sauber gedeckt, was Keller und Speisekammer Bestes zu bieten hatten, mit der Entschuldigung, daß für warmes Essen bereits das Feuer brenne, bei dem heftigen Sturm aber keine rasche Arbeit zulasse.

»O, das ist mehr als zuviel!« meinte Tom und stürzte einen Becher Rothwein nach dem andern hinunter, ohne die Speisen zu berühren.

»Ich war so durstig,« sagte er. »Ich glaube, man wird bei der Kälte durstiger als bei der Hitze, und wenn man friert, müder, als wenn man schwitzt.«

»Gewiß!« sagte Llewellyn zerstreut, und betrachtete aufmerksam seinen jungen Gast.

»Der fürchtet sich vor Etwas und versteckt sich hier,« dachte er, nachdem seine durchdringenden Augen eine Weile auf Tom geruht.

»Ihre Frau Mutter ist doch wohl?« fragte er.

»Meine Mutter? Ja, sehr wohl, nein, nicht besonders, so ziemlich, so etwas schwach; man weiß ja eigentlich nie recht, was ihr fehlt.« Die Sätze überstürzten sich, dann versank Tom wieder in Brüten, wobei er offenbar gar nicht wußte, wie viel Wein er trank.

»Ich war krank wie ein Hund,« sagte er endlich.

»Da war aber Ihre Frau Mutter erschrocken?«

»O nein, sie weiß nichts davon; die brauchen doch nicht gleich alles zu wissen, besonders nicht die Andern.« Tom lachte bitter, wobei die Falte um Nase und Mund scharf wurde, als wäre sie mit dem Messer geschnitten. Wieder starrte er in's Feuer.

»Es wäre doch gut,« meinte der alte Mann freundlich, »ein wenig zu essen. Sie sehen so erschöpft aus.«

»Wie seh' ich aus?« fuhr Tom auf, der nur die letzten Worte gehört zu haben schien.

»Recht müde, und da wäre etwas Essen gut; der Wein schmeckt dann auch besser.«

Tom versuchte, einige Bissen zu verschlucken, es wollte aber nicht recht gehen, nur die dampfende Suppe, die eben erschien, verschlang er fast gierig und schob alles Uebrige zur Seite.

»Wollen Sie nicht einige Tage bei mir bleiben, bis Sie sich erholt haben?« fragte der Sänger.

Tom athmete wie erleichtert auf.

»O, sehr gern! ich werde nicht sehr unbequem sein! ich bin nicht viel zu Hause, treibe mich gern im Wald herum und verlange nicht viel.«

Der Alte sah ihn unter den buschigen Brauen noch fester an: »Der muß sich verstecken!« dachte er von Neuem. Laut sagte er: »Hier kann man von Vielem gesunden, hier ist reine Luft.«

»So,« sagte Tom zerstreut, »giebt es noch irgendwo reine Luft? Ich glaube nicht.«

»O, wie düster, mein Sohn!«

»Ekelhaft ist sie überall. Sagen Sie mir einen Ort, wo man sich nicht schütteln kann vor Ekel, wenn man nicht vor Langerweile sich umbringen möchte.«

»Wenn nur nicht dieses Letztere bei mir der Fall ist.«

»O nein! ich habe mich schon ganz anders gelangweilt; ich habe mich gelangweilt, wo Andere vergnügt sind, wo Andere viel d'rum gegeben hätten, nur für eine Nacht zu sein, da habe ich mich so gelangweilt, daß ich mich zum wilden Thiere werden fühlte.«

»Ich habe mich noch nie gelangweilt,« sagte Llewellyn.

»Natürlich nicht. Sie sind ja wie ein junges Kind!«

Der alte Mann lächelte: »Hab' ich's so nicht besser?«

»Weiß nicht. Was ist besser? Was ist schlechter? Was ist überhaupt gut und schlecht, angenehm und unangenehm? Weiß nicht. Ich weiß nur, daß alles ekelhaft ist, und sehe, daß Sie sich nicht ekeln. Also sind Sie ein Kind; denn sie werden wohl bemerkt haben, daß Kinder sich nicht ekeln.«

»Ich finde die Welt so wunderschön, daß ich mich noch gar nicht satt gefreut habe, und daß ich nur immer fürchte, die Kraft zur Freude könnte schwächer werden.«

»Bei mir ist sie so schwach, daß ich nur noch Freude fühle, wenn ich etwas quälen kann. So recht quälen, das ist noch ein angenehmes Gefühl. Man möchte sich an Allen rächen, an Einem nach dem Andern, bloß weil sie da sind und so dumm sind oder so ekelhaft, oder bald so ekelhaft werden wie die Andern.«

»Mich entzückt eine Blume und das Krystall der Schneeflocke.«

Tom hatte einen Blick so ungläubiger Verachtung auf Llewellyn schießen lassen, daß es dem fast unbehaglich wurde, als hätte er eine Ungehörigkeit gesagt.

»Schnee bedeckt Schlamm, und Blumen werden Heu,« sagte er und zog die Mundwinkel herab, was sein schönes Gesicht sehr entstellte.

»O, die Vergänglichkeit der Dinge nimmt ihnen nicht ihren Reiz. Im Gegentheil. Am Vergänglichen freue ich mich mit noch größerer Intensität, im Vollbewußtsein, daß ich es meinem Gedächtniß anvertrauen muß, um es im Geiste tausendmal wieder zu genießen.«

»Das nennen Sie Genuß? Der meine muß etwas materiellerer Natur sein.«

»Nicht rathsam. Der Körper wird zu rasch erschöpft und kann nicht mehr genießen.«

»Sagen Sie doch nicht, daß ich nicht mehr genießen kann, ich brauche nur stärkere Gewürze.«

»Und immer stärkere, bis die Erde keine mehr zu bieten hat; nein, mein junger Mann, das ist kein gutes System; man kommt dabei zu kurz, und wenn man Einnahme und Ausgabe vergleicht –«

»Ich bin an Deficit gewöhnt. Das ist mein täglich Brod. Aber es stopft sich wieder; es füllt sich wieder, die Muskeln und der Beutel werden wieder straff, so hoffe ich, und dann ist man flott und kann von vorne anfangen. Nur der Ekel! Ginge nur der Ekel fort! Was denken Sie von den Frauen?«

Llewellyn lächelte schelmisch und heiter, nachdem er noch eben tief traurig geblickt.

»Sie fragen einen Sänger, was er von den Frauen denkt?«

»Ach, wir sind ja unter uns, keine Frauen weit und breit, hoffe ich; denn ich habe sie satt. Ich will sie nicht mehr sehen.«

»Schade!«

»Was schade? Fade! fade sind sie, und dumm wie Bohnenstroh; glauben Sie, daß es Eine giebt, eine Einzige, die nicht auf mich hereinfällt, und anzufangen mit meiner Mutter, hoch und niedrig, Frauen, Jungfrauen; ich kann drei Abenteuer an einem Abend haben, wenn ich will, und ich umwerbe sie Alle, und sag's ihnen, und sie wissen Eine von der Andern und verlieben sich nur um so rasender. Es ist zum Uebelwerden!«

»Sie thun mir sehr leid.«

»Ich mir auch. Die Einzige, die mir trotzt, ist meine Schwester Winnie. Ich räche mich dafür in jeder Weise, das macht sie aber nur schärfer. Ich habe einen förmlichen Respect vor dem kleinen Ding.«

»Ich auch.«

»Ja Sie, wegen ihres Talentes.«

»Nein, wegen ihres Charakters.«

»Charakter! das ist auch solch' ein Wort! Charakter! Was ist denn das? Das ist, wenn man sich einbildet, man hätte etwas gewollt, was den Andern unangenehm war, oder etwas nicht gewollt, was einem angenehm gewesen wäre.«

»Charakter ist Erkenntniß, mit Willen gepaart.«

»Es giebt ja weder Erkenntniß noch Willen.«

»Ich meine doch.«

»Sie sind eben ein Dichter und leben in den Wolken!«

»Mein lieber junger Freund! Der Dichter ist der Mann, der aller Dinge Kern und Grund sieht!«

Tom lachte laut auf.

»Das ist nicht wahr! Denn der Kern und Grund aller Dinge fängt mit einem D an und hört mit k auf, und der Dichter findet, daß es nach Blumen riecht, wo Dung liegt, und daß der Mensch schön ist, weil er eines Andern Gedanken nachgeschwätzt hat, und daß die Frauen lieb sind, die ihm eine Rose schenken, wenn er sie besungen.«

»Und daß der Mensch beklagenswerth ist, dem frischer Dung nicht nach dem Heu und den Blumen duftet, aus denen er besteht, und dem der Mann nicht schön ist, dem ein erhabener Gedanke in's Herz gedrungen, und der die Rose nicht küßt, welche eine schöne Frau ihm gab.«

»Aber es ist ja alles Lug und Trug und Schein! Sehen Sie das denn gar nicht?«

»Ich sehe hinter Lug und Trug und Schein soviel pochendes Herzeleid, soviel wahre Freude, soviel tiefen Glanz, wie in einem Stück Erde und Sand, aus dem ich Gold und Edelsteine hervorarbeite.«

»Scherben sind Ihre Edelsteine, Blech Ihr Gold, und um das Blech dreht sich alles Herzeleid, und über die Scherben jubelt scheinbare Freude, bis der nächste Fuß oder der eigene sie zertritt. Wer wird mir des Lebens Hohlheit füllen?«

»Ein schönes Lied! Ein Kuß, ein Gedanke!«

»Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihren Liedern, die besingen, was Keiner glaubt; Küsse sind Fortpflanzungstrieb und Spielerei und Elendigkeit – und Gedanken! mein Gott! wo find' ich denn einen Gedanken, der nicht schon tausendmal gedacht ist!«

»Mir ist er neu.«

»Weil Sie ein Kind sind.« Llewellyn wurde roth.

»Und meinen Sie denn, Sie seien ein Mann, weil Sie aus allen Kelchen geschlürft und in Allen Galle gefunden?«

»Ja, ich bin vielleicht ein Mann; aber auch hieran zweifle ich. Ich bin vielleicht nur die Incarnation des Zweifels.«

»Ich weiß Etwas, woran Sie glauben: An Ihrer Mutter Liebe!«

Tom schwieg einen Augenblick.

»Wenn ich nicht so schön wäre, dann hätte sie mich nicht lieb, meine Schwestern liebt sie gar nicht.«

»Mein armes, armes Kind!« sagte Llewellyn.

»Für's Blech hat sie meinen Stiefvater genommen, und wenn sie welches braucht, so kann sie's nicht haben, obgleich er sich im Golde wälzt. Das ist seine Liebe. Gold machen! Gold machen! Gold machen! Schon die Kleinen haben Sparbüchsen und rechnen wie kleine Geldmenschen, und ich bin der Paria, der verlorene Sohn, das räudige Schaf. Seit man mich nicht mehr prügeln kann, verweigert man mir das tägliche Brod, und seit junge Mädchen im Hause sind, werde ich bewacht wie ein toller Hund. Ist das ein Leben? Meine Mutter wird daran sterben; denn sie kann das nicht ertragen, alle Tage gedemüthigt zu werden. Sterben wird sie ganz gewiß, der Mensch bringt sie um, der ›Mein Sohn!‹ sagt und dabei nicht fürchtet, von mir erwürgt zu werden. Und wenn es mit mir abwärts geht, dann tritt er nach mir, damit ich rascher sinke. Ob ich eine Seele habe, hat er nie gefragt, nur ob ich Geld habe, oder keins habe, was natürlich immer der Fall ist. Meine Mutter hat er mit Diamanten überschüttet, daß sie strahlt, wie eine Königin, und wie sie einen einzigen Stein für mich verkauft hat, da hat er ihn schnell zurückgekauft, und was er ihr darüber gesagt haben mag, das habe ich Gott sei Dank nicht gehört, sonst hätte ich ihn wahrscheinlich erdrosselt. Ich träume manchmal Nachts, daß ich die Hände um seinen Hals habe und zudrücke.«

»Und haben Sie sich nie gesagt, daß Sie Ihrer Mutter Elend ein Ende machen könnten?«

»Indem ich mich erschösse, ja!«

»Gott bewahre, mein armer junger Mann! Indem Sie ein ordentliches Leben führten!«

»Ein ordentliches Leben! Zum Teufel auch!«

»Zum Teufel gehen Sie auf Ihrer jetzigen Bahn.«

»Natürlich, wenn ich kein Geld bekommen kann. Sehen Sie, Gold! Gold! Gold! Das ist meine Gier und mein Gott! Um Gold dreht sich alles im Leben! Wäre ich reich, ich meine reich, reich, reich, dann hätte ich einen Palast mit Wasser und Divans, mit unsichtbarer Bedienung und lauter schönen Mädchen, die dort gefangen säßen und auf die Stunde meiner Liebe warteten, wie auf die Seligkeit, – ich weiß selbst nicht, was ich haben würde an unsagbaren Seligkeiten, Düften und Wonnen der ganzen Erde.«

»Ich habe sie,« sagte Llewellyn.

Tom sah sich in der großen, strengen Halle um, mit den großen Holzsesseln und dem Nußbaumtisch und den alten rostigen Waffen an der Wand.

»Ja, ich habe alles!« wiederholte Llewellyn, »alles im kleinsten Raum, in meinem Arsenal!« er deutete auf die Stirn.

Tom lachte schrill und bitter.

»Ich bin so arm, daß ich nicht einmal Phantasie habe, auch hier ein Deficit! Begreifen Sie, daß das weniger ist als Null? Ich bin weniger als Null, und wenn ich Gold hätte, wär' ich mehr als ein König, und die Leute lägen im Staub vor mir und gehorchten meinem Wink, Gold! Gold! Gold!«

Tom legte die Ellenbogen auf die Knie, das Gesicht in die Hände und weinte.

Und der Schnee fiel nieder, und die Aeolsharfen erhoben ein Klagegewirr wunderbarster Art, so daß Llewellyn hinaushorchte und dachte:

»Heil mir! mein ist der Töne Gold und des Sanges Königreich! Mir jauchzt alles entgegen und folgt meinem Wink, und lacht, wenn ich will, und weint, wenn ich will! Heil mir! Ich bin ein König!« aber er sagte nichts und ließ den jungen Mann weinen, in der Hoffnung, seines Herzens Härte würde schmelzen.

»Ich habe solche Angst vor der Hölle!« sagte Tom mit einem Male.

»Nun, dann vermeidet man den Weg.«

»Ach, ich meine nicht die Hölle der Pfaffen, ich meine die Erdenhölle, das Aufhören von allem, von Kraft, von Genuß, von Rache sogar, von allem, und den Beginn ungeheurer, wüstenweiter Alltäglichkeit.« Er gähnte. »Das ist die Hölle, Gähnen.« –

»Ich glaube, es giebt noch andere. Es giebt eine irdische Hölle, eine mit Zellen und Ketten an Händen und Füßen und ein böses, böses Gewissen als einziger Gefährte darin.«

»Und ein Taschentuch und ein Gitterfenster, daran sich aufzuhängen.«

»Das Hängen besorgen auch manchmal andere Hände.« Tom schauderte.

»Man muß nur geschickt sein, geschickter als Alle. Die Menschen sind ja so dumm!«

»Nicht so dumm wie der Geschickte, der Angst bekommt.«

»Ja, vor Angst muß man sich hüten, da läuft man in's Garn.«

»Aber, mein Kind! warum denn nicht früher umkehren?«

»Ich kann nicht umkehren! Wohin?«

»In die weite Welt.«

»Gold!« rief Tom außer sich. »Ohne Gold geht man kläglich zu Grunde dort drüben, als Kellner, oder Straßenkehrer oder Orgeldreher. Das thu' ich lieber hier, meinen Stiefvater zu ärgern.«

»Ich wäre lieber Straßenkehrer als im Gefängniß.«

»Das weiß ich doch nicht. Im Gefängniß giebt es gratis zu essen und ein ziemlich gutes Bett.«

»Warum verstecken Sie sich dann davor?«

»Ich?« Tom sprang auf die Füße.

»Ich weiß, daß ich eben den Schuldthurm ersetze, mein Sohn!«

»Wer hat's Ihnen gesagt?«

Llewellyn stand auf und langte aus ziemlicher Höhe einen kleinen orientalischen Spiegel herab.

»Der hat es mir gesagt,« sprach er und hielt Tom den Spiegel vor's bleiche Gesicht. »Wollen Sie bei mir nicht auch ein ganz klein wenig Zwangsarbeit versuchen? Ich mache sie nicht schwer. Sie sollen nur sehen, ob Sie gähnen.«

»Ich gähne! o! ich gähne! wie kann ich arbeiten! Für nichts bin ich beanlagt! Nichts kann ich thun!«

»Dann wollen wir zusammen schreinern, das ist lustige Arbeit und gesund, und man kann gar nicht dabei gähnen.«

»Ich will schlafen,« sagte Tom. »Gute Nacht, und danke für's Obdach!« Er ging hinaus und ließ sich ein Zimmer zeigen. Llewellyn saß noch lange am Kamin und dachte über Edleen nach und über ihren verlorenen Sohn. Weil er aber ein Dichter war, nahmen seine dunklen Gedanken Gestalt und Form, und ihm kam folgendes Lied:


»O, tödtet mir nicht mein einzig Kind,
Euch wär' es nicht zum Frommen,
Er war zum Bösen ja nicht gesinnt,
Ihn that es überkommen!

Es focht von ungefähr ihn an,
Er wußte nichts von Verbrechen.
Er hat es gewiß nicht gern gethan!
O, hört mich und laßt mich sprechen! –«

Der Landgraf hört's, die Stirne kraus:
»Sind wir,« spricht er, »von Steinen?
Ich gebe Dir Deinen Sohn heraus,
Du darfst ihn Dir erweinen.

Mit Mutterthränen bis zum Rand
Füll' mir nur diese Schale,
Dann nimm den Sohn bei seiner Hand
Und führ' ihn aus dem Saale.

Wo Dir's so bang, so schwer Dein Leid,
So wein' mir all' Dein Sehnen,
Daß ich auch einmal Kostbarkeit
Erkenn' in Frauenthränen.«

Er reicht den Goldpokal ihr dar,
Ihr zittern sehr die Hände:
Doch trocken blickt ihr Auge, starr,
Ihr reißt das Brustgebände,

Vor Seufzern und vor Schluchzen schwer
Doch bleibt ihr Auge trocken,
Sie weinte Jahre lang. Zu sehr
Ist sie verwirrt, erschrocken.

Sie blickt in gold'ner Schale Grund,
Sie schaut nach ihrem Sohne,
Ein Lächeln zieht um schmalen Mund
Dem Landgraf auf dem Throne.

Ich hab' um Dich, mein Kind, geweint
Ein Meer von Thränen: heute
Steh' ich verdorrt, erstickt, versteint,
Mich ängsten all' die Leute.

Ich hab' im stillen Kämmerlein
So heiße Fluth vergossen,
Gehöhlt ist selbst der harte Stein,
Darauf mein Leid geflossen.

Erbarmen! ach! Erbarmen! seht
Den Stein in meiner Kammer!
Die Brust verbrennt, und schwindelnd dreht
Mein Hirn der Todesjammer!«

Umsonst! es starb von Henkers Hand
Der Sohn, sie mußt' es schauen!
Der Landgraf sprach: »Und nimmer fand
Ich Thränen werth von Frauen!« –



XIII.
Die Hexe.

Ringsum von den Bergeshängen rieselte das Wasser; denn heiß hatte die Sonne in die Schlucht geschienen und geschmolzen, was von Schnee noch übrig gewesen. Unter dem Laube war Wohlgeruch; in die Zweige kehrte, wie röthliches Blut, das Leben zurück, und es war ein Tröpfeln und Klopfen überall, von vergessenen Tropfen, die lange am Zweige herabgeglitten und an den schmalen, festgedrehten Knospen hängen geblieben waren, ehe sie sich entschlossen, niederzufallen. Aus der nahen Höhle drang eine feine Rauchsäule und glitt dicht an dem feuchten Gestein empor, als wollte sie sich daran festklammern, und bei der sinkenden Dämmerung erleuchtete sich der Höhleneingang, wie das Thor einer Schmiede. Die Tropfen, die von den Felsen fielen, glitten wie feurige Thränen für einen Augenblick an dem Lichtkreis vorüber und schlugen drunten auf den Steinen auf, daß es fast einen klingenden Ton gab, bald im Tact, dann wieder in fernen Zwischenräumen, der einzige Laut in der greifbaren Stille.

Zusammengekauert, in malerische Lumpen gehüllt, saß Ulla vor dem Feuer, über dem ein mächtiger Kupferkessel hing, fast genau in der Mitte des Raumes, so daß man es rings umgehen konnte. Der Kessel hing an einer schweren Kette von der rauhen Felsendecke herab, die rauchgeschwärzt und formlos allerhand phantastische Gebilde zuließ, wie große Eidechsen und Drachen mit langen Zähnen, Todtenschädel und Riesenleiber. Ulla's eigner Schatten nahm an der nahen Steinwand wunderbare Gestalten an, und das nasenlose Antlitz hatte etwas Todtenkopfähnliches, zumal da vor Magerkeit Backen- und Kinnknochen sich deutlich abzeichneten. Es war, als hätten die Wangen so wenig Fleisch, daß man die tadellosen Zahnreihen durch sie hindurch erkennen konnte. Manchmal blinzelte sie langsam mit den runzligen Lidern, wie Papageien blinzeln; sonst schien nichts an ihr lebendig. Zuweilen schluckte sie, man sah deutlich die Bewegung an dem dürren Halse, und einmal that sie die schmalen Lippen etwas auseinander, so daß die Zähne schimmerten, wie ein Kreidestrich.

Jetzt kam der Mond über die Höhe gestiegen und beleuchtete ein wundervolles Waldthal, durch das silbern der Fluß sich hindurchzog, wie ein glänzendes Band. Auf diesen Augenblick hatte Ulla gewartet. Sie warf einen Blick in das Innere der Höhle, in die durch eine Oeffnung der Decke zwischen Haidekraut und Gräsern, sich das Mondlicht hereinstahl und allerhand Hunde- und Fledermaushäute, Schädel und vertrocknete Schlangen, gespenstisch beleuchtete. Da ließ sie ihr Gewand fallen und löste ihr graues Haar, das bis zu ihren Füßen hinabwallte, und die Arme ausbreitend, begann sie, sich langsam zu drehen. Immer schneller wurde ihre Bewegung, so daß bald die Haare wie ein Kreis um sie standen und schwirrten wie des Seilers Rad. Dann wurde das Drehen etwas langsamer, so daß sie sich von oben bis unten in ihr Haar hineinrollte. Sie schien schwindelfrei; denn sie stand plötzlich still und machte die entgegengesetzte Drehung, um aus den Haaren sich frei zu machen, wobei ihr Auge wunderbar zu leuchten begann. Jetzt warf sie allerhand ungesehene Dinge in ihren Kessel, Kräuter, die kein Fuß gestreift, die kein Thier beroch, weil sie giftig waren, Embryonen von Thieren und von einem Kinde, und umschlang den heißen Kessel mit ihren Armen, ohne seine Hitze zu fühlen, aber die Schweißtropfen, die an ihr hinabrieselten, fing sie mit den Fingern auf und schleuderte sie in den Kessel. Immer reichlicher strömte ihr Schweiß, immer funkelnder wurde ihr Auge. Jetzt belegte sie ihre Schwelle mit Kohlen und überschritt diese mit den bloßen Füßen, ohne sich zu verbrennen. So trat sie vor die Höhle hinaus, wo der Mond durch die kahlen Bäume herableuchtete und sie erscheinen ließ, wie hundertarmige Gerippe.

»Komm!« rief sie mit dröhnender Stimme. »Komm, Du Weltgeist! Du Geist der Zerstörung, Du Geist des Zweifels und des Hohns, komm in Deinem Stolz und Deiner Gewalt! Hier harr' ich zärtlich Dein! Komm in meine Arme, dem meine Seele gehört, dem alles verfallen, der alles knechtet und alles verschlingt. Komm im Orkan, daß ich Dich erkenne, als der Du bist! Komm in Deiner Herrlichkeit aus der Hölle Gründen empor und jauchze mit mir und vollbringe in mir Wunder um Wunder!«

Und während sie noch sprach, erhob sich zuerst leise, dann immer stärker der Wind und schwoll und schwoll ihren ausgebreiteten Armen entgegen, bis er zum Sturm anwuchs, so daß es ihr war, als bögen sich die ächzenden Bäume vor ihr, als neigten die Tannen ihre Häupter ihr entgegen, als heulte und schrie die ganze Hölle unter ihr und das wilde Heer über ihr. Bald verdunkelte sich der Mond in schweren, schwarzen Wolken. Ulla warf sich auf die Erde, grub ihre Finger hinein bis an das zweite Glied und aß, was sie herausgrub. Wie Fieberschauer durchschüttelte es ihren Körper.

»Geist! Geist!« stöhnte sie, »Höllenbeherrscher, Weltvernichter! Was gehst Du mir heute vorbei? Hat Dein Blick gesehen, daß ich der verachteten Erdenliebe eine Stunde geschenkt, daß ich um einen Menschen geweint? Sieh hier! Ich reiße sie aus, diese irdische Liebe, aber gieb mir meine Gewalt und Deine Liebe zurück!« Sie drückte Gesicht und Busen wider die Erde, die sie von Blättern frei gemacht. »Nein!« schrie sie, »nein! rasest Du über mich weg in Zorn und Verachtung? Ich will eins sein mit Deiner Erde, zerstöre mich, aber liebe mich!«

Ein gewaltiger Blitzstrahl erhellte zuckend Himmel, Berg und Thal und fuhr zündend und knatternd dicht neben ihr in einen Baum, dem er das Mark ausriß und weithin zerstreute. Der Boden schien zu wanken unter dem Donnergetöse; es war, als wogte und rollte alles hin und her, und ein nachfolgender Blitzstrahl entzündete eine fernere Tanne, und heulend, pfeifend, jammernd flog der Orkan durch das Donnergekrach. In das Jammern stimmte Ulla mit furchtbaren Klagelauten ein: »Gewaltiger! Was betrittst Du die Bäume und nicht meinen Leib! Ich will frei sein von der Erde!« sie lief über die Kohlen in das Innere der Höhle, und begann sich mit Brennnesseln zu peitschen und sich in Brennnesseln zu wälzen. Dann rollte sie einen langen Gürtel von Disteln um sich und trat so wieder in's Freie, von einem neuen flammenden Blitzstrahl und nachkrachendem Donner begrüßt. Sie warf sich mit ihrem Asketengürtel zu Boden und wälzte sich darin, bis die Dornen und Disteln sie förmlich zerfleischt hatten.

»Sieh hier, meine Buße! Sieh, hoher Geist, die Strafe für meine Schwäche! Verzeih mir und komm! komm zur Geliebten! Umwehe mich mit Deiner Höllengluth, entführe mich mit deinen Heeren durch die Lüfte, Geist der Verlorenen!«

Da war es ihr, als erfaßte sie der Wind, an den Sohlen, unter den Armen, in den Haaren, als hörte ihr Körper auf zu sein, und den Schaum vor dem Munde, stieren Blicks erhob sie sich, schwebte in der Höhle Inneres, wo sie auf ihr Lager sank, ein Lager aus der Asche ihrer eigenen Feuer bereitet, und eine Zeitlang in regloser Bewußtlosigkeit verharrte. Dann begann sie unzusammenhängend zu murmeln, lächelnd von Liebesentzücken zu reden und sich mit dem vermeintlichen Bösen zu besprechen, der ihre Höhle und ihr Lager beschritten. Sie fühlte sich emporgehoben; ihr war's als schwebte sie zu der Oeffnung der Felsendecke hinaus, dem Monde nach, von seinen Strahlen gefangen. Sie wand seine Strahlen wie Fäden um ihren Leib und begann sich zu schaukeln, und schaukelte von Stern zu Stern, sich mit den Fußspitzen abstoßend, wenn sie einen Stern berührte, alles Funken und Flammen um sie her, ihr eigenes Haar in wogende Flammen, wie Kometenschweife verwandelt. Durch unergründliche Nächte schaukelte sie an den Mondesstrahlen hangend, höher als das wilde Heer, das unter ihr vorüberpfiff und schrie, und mit den Peitschen nach ihr hieb, aus Wuth, daß sie allein höher gestiegen als Alle, die Sterne berührend und mit der Fußspitze aus ihrer Bahn schleudernd. Vorübersausend griff sie nach einem Stern, zermalmte ihn und warf die glänzenden Stücke als Meteorsteine durch die Nacht. Dann rief sie einer Wolke und sprang aus ihrer Strahlenschaukel hinein. »Komm auf mein Lager, Geist des Hasses!« rief sie und fühlte sich so überirdisch schön, daß ihr alle Geister der Tiefe unterthan sein mußten. Sie schlug auf die Wolke, und ein Blitz fuhr in die Tiefe, alles entzündend. Ein ungeheures Wehgeschrei stieg aus einem Flammenmeer empor. Ulla lachte und lauschte und lachte, und hinabblickend sah sie tausend Hände sich rühren, den Flammen Einhalt zu thun, die weiter und weiter um sich griffen. In dem Augenblick schwebte ein Adler mit stillem Fittig vorüber. Sie ergriff die Flügelspitze und schwang sich hinauf. »Hei, mein verkappter Geselle! Meinst Du, ich erkenne Dich nicht in dieser Gestalt? Unvorsichtig war's, mir zu nahen; denn Du mußt mir dienen. In Deinen Krallen wirst Du mir die jungen Tannen in die Höhle tragen und Lämmer dazu, daß ich ihr Blut trinke. Dienen mußt Du mir ohne Zaudern. Was kamst Du mir nahe, Geist der Blutgier in Adlergestalt. Vorwärts! Ich will reiten! Höher! höher! Was nimmst Du Adlermiene, wenn Du nicht zum Himmel emporschweben kannst? Auf! Dein Gefieder ist zart, Deine Schwingen stark, ich will reiten. Ich will die Lüfte bestreichen und Welten sehen!«

»Elender Geselle! Was kriechst Du unter den Wolken hin? Soll ich die Erde seh'n? Ha! Dort geht ein Mensch durch die Nacht, siehst Du, wie sein Inneres brennt? Zeig' ihm, daß er seine Mutter erwürgen soll; denn sie hat Geld! Und dort das Mädchen, das sich in Kindesnöthen windet; mir, mir dieses Kind! Entreiße es ihr; das Sündenkind ist mein, in Aengsten geboren, in Aengsten erwürgt! Und dort, schneller, Du fauler Geselle, oder ich reiße Dir die Hände voll Federn aus! schneller zur lust'gen That! Führe den Mann dorthin, wo er sein Weib findet, und gieb mir ihres Liebhabers Blut zu trinken, daß mich sein Entzücken entzücke und sein Entsetzen erquicke. Und von dem überraschten Weibe überriesele mit ihrem warmen Blute meinen Leib, daß ich vor Schönheit den Mond aus seiner Bahn locke und die Hölle sich aufthut vor meinem Glanz!

Und den Falschmünzern dort nimm ihr Geld aus der Hand, daß ich es den Armen zuwerfe, die hungrig sind. Dann wollen sie Brod kaufen und müssen Erde essen, gleich mir. Und den Dieb wirf mir in den Brunnen, daß seine Leiche das Wasser vergiftet. Dort dem verliebten Mädchen reiße schnell das Herz heraus; es muß in meinen Kessel, und sie braucht gar kein Herz, sie hat ja Schönheit! Dem Wanderer einen Schlag in die Lenden, daß er nur weiter schleichen kann, mit großen Schmerzen, und sich nicht niederlassen kann zum Ruhen. Den Schläfern will ich Träume senden, daß sie sich vor sich selber schämen und, von Blutgier befallen, Entsetzen anrichten. Rache! Rache! an der ganzen Menschheit! Die Menschen in meiner Gewalt bei Nacht! mir verfallen! Mir anheimgegeben! Jetzt trage mich auf den Felsen dort. Ich will Dich nicht mehr, Du bist mir nicht kühn genug. Nur das Reh, das eben aus der Dickung tritt, das bring' mir her. Ich brauche sein Blut für neue Höllengeister. Geh', ich hab' Dich satt.«

In unwegsamer Schlucht saß sie auf dem schwarzen Felsen und horchte.

»Wir weinen!« rieselten die Bäche. »Sieh! wir weinen! Hilf uns doch! wir müssen hinaus, wir müssen durch Mühlen und Bergwerk, Menschenwohnungen und Menschenelend, vom gewaltigen Flusse gefangen, in das bittere Meer! Kehr uns um! kehr uns zum Ursprung zurück, zur Süßigkeit des Werdens, zum geheimnißreichen Entstehen!«

Sie grinste und nahm einen der kleinen Bäche und kehrte ihn um: »Ich kann nicht!« jammerte der Bach! »Ich kann nicht hinauf! ich kann nicht zurück! O, wie bin ich unglücklich! laß mich los! Du thust mir grausam weh! hemme mich nicht!« Aber sie hielt ihn fest. Da machte er einen verzweifelten Sprung und überstürzte sich zerstäubend in unabsehbare Abgrundtiefe.

»Wende mich einmal um!« sprach der Felsen, »wende mich! Ich stehe schon tausend und hunderttausend Jahre in Sonne und Schnee, in Sturm und Dürre, wende mich einmal um!« Da streckte sie die Finger aus und zog wie mit einem Magnet den Felsen aus seiner Stelle. Bevor er sich aber wenden konnte, wankte er und stürzte und zersplitterte sich in ein ganzes Meer von Felsen, Bäume zerbrechend und mitfegend auf seiner Bahn, bis er ein ganzes Dorf begraben und verschüttet für alle Zeit.

»Laß mich hinaus!« sprach der See. »Ich bin die Stille satt. Ich will auch einmal furchtbar sein!« Da streckte sie die Hand aus, und der See schwoll und schwoll und begann, sich Bahnen zu brechen, Steine zu sprengen und hinabzubrausen, über die Städte und Felder herein, verschlingend, was ihm begegnete. »So,« lächelte die Hexe, »räumt man auf unter dem Menschengewürm! Die Elenden!«

»Weißt Du nicht,« sprach der Berg, »in mir lodert die ganze Hölle, und ich vergehe dran. Ich hab' das satt. Ich will die Flammen hinausschicken, die mich verzehren!« Da grub sie mit der Hand die Erde fort auf des Berges Spitze, nahm Felsen heraus und schleuderte sie zu Thal.

»Nun,« rief sie, »mach' Dich selber frei!« und stampfte mit dem Fuß den Grund. Da gähnte ein weiter Schlund, und mit Riesengewalt schossen Flammen, Steine, Erze zum Himmel empor und begannen hinabzufließen in glühenden Strömen, den Berg in graue Erstarrung, Städte und Dörfer in Asche verwandelnd.

»Ich will wo anders stehen,« sagte der Baum. »Mir ist es hier oben so kalt, und ich werde später schön als die andern!« »Ich will Dich warm und schön machen!« rief die Hexe, riß ihn aus und strich mit seiner Krone in den Wolken hin und her, bis sie Blitz auf Blitz entzündete und der Baum in ihrer Hand wie eine Fackel brannte, qualmte und sprühte. Dann warf sie ihn in den Wald hinein, kreuzte die Beine, schlang die Arme darum und sah dem Waldbrand zu. »Wie muß ich schön sein in diesem Licht! »‹ dachte sie und strich sich an Leib und Gliedern entlang, faßte ihr langes Haar, das ihr golden vorkam und schüttelte es hinaus.

»Sehr schön! sehr schön! sehr schön!« klang das Echo von allen Seiten, und bald umzog und umkreiste sie's in wunderbaren Gestalten, der ganze Höllenchor. Sie neigten sich vor ihr und lachten und sangen und brüllten, und sie sah schweigend in den Tumult hinein, größer, stärker, schöner, des höchsten Teufels Geliebte, unerreicht von irgend welcher Größe auf der Erde oder in der Hölle. Warme, weiche Dünste stiegen auf und streichelten ihre Glieder, die immer schöner wurden, daß sie die Lust des eigenen Seins, die eigene Liebe ihrer selbst in wonnevollem Vergnügen empfand und vergessen hatte, wie sie die Haide durchirrte in stürmischer Nacht, von allen Teufeln die Fähigkeit fordernd, zu gebären, ein lebendiges Wesen zu zeugen, das eine Teufelin wäre wie sie selber, sich zerfleischend ob ihrer Unfruchtbarkeit. In dem Entzücken dieser Nacht war der Lohn für die unsäglichen Qualen, die sie zur großartigsten, weltumfassenden Hexe gemacht, der die ganze Hölle dienen mußte, deren Macht grenzenlos war, die Lust zum Bösen und zum Genuß des Bösen unersättlich und doch ewig befriedigt, unbeschränkt und ihrer ungeheuren Phantasie ewig neuen Spielraum gewährend. Zwischen dem armen verlornen Weibe, das des geliebten Mannes Kind in der Sturmnacht auf der Haide erwürgte, dessen Haar ergraut war in wenigen Stunden, das sich den Busen an Dornen zerfleischt, weil der Quell lebendiger Milch aus ihm zu strömen begehrte, dem Weibe, das in verborgener Höhle schrie und Gott fluchte, weil sich die Menschen voll Abscheu von ihr kehrten, und der gewaltigen Hexe, vor der die Hölle kroch, die Himmel und Erde beschreiten konnte wie einen Teppich und sich selbst ergänzend verschönen, wie die Natur, war ein weiter Weg zurückgelegt worden, unerhörte Leiden erduldet, grausige Thaten begangen und höllische Verträge geschlossen. Sie fühlte sich ewig, bald körperlos, bald berückend schön und schaute wohlgefällig auf den schwindelnden Kreis hinab, der sich beständig ergänzte, beständig erneute, während die Dünste sie umspielten wie ein warmes Bad und sie immer blendender, immer berückender vor ihren Unterthanen erschien. Ein unermeßlicher Hochmuth gab ihr das Gefühl, als leuchte ihr Gehirn, als wüchse der Felsen, auf dem sie saß und trüge sie zu den Sternen hinauf, höher, immer höher, und von ihren Lippen floß Wohllaut in Schwingungen von solcher Gewalt, daß die Luft davon erzitterte, die Bäume wankten und stürzten, die Felsen barsten und in Feuerzungen sich auflösten. Alle Leiden ihres Lebens, alle Verachtung, die sie erduldet, hatte sie heimgezahlt an der sündigen, jammernden Menschheit; Scharen hatte sie der Hölle zugeführt, die ihr nun dienen mußten, die vor ihr zitterten, wie vor dem Herrn selber. Sie fühlte sich als Seele der ganzen Natur, und wenn der Herr ihr sagte, er sei stärker als sie, dann lachte sie in solchen Stunden ihn aus, und wollte vergessen, daß sie schwach gewesen, daß sie sich gemartert, um mit ihrer irdischen Hülle die irdische Liebe herabzureißen, und sich selber zu gehören, mehr als ihm, an sich selber sich zu sättigen, wie eine Elementargewalt.

»Ich brauchte Dich nur!« rief sie ihm zu, »nun siehst Du, wie Du kriechst vor mir, wie Du meine Fußsohlen küssest; ich habe mehr Macht als Du; denn die Schönheit ist mein, vor der Du bebst, weil Du sie für ewig verloren! Sieh nur, wie wundervoll ich bin und doch nicht Dein! Weit über Dich hinaus bin ich mein eigen. Grolle nicht! Schreie nicht! Winde Dich nicht so häßlich hin und her! Du hast mir die Macht gegeben, jetzt zertrete ich Dich und deine ganze Hölle. Deine Glieder verlassen Dich, weil Dich meine Schönheit auflöst und vernichtet, weil die Hölle in mir größer ist, als alle Deine Gluthen, die ich durchwandern kann, ohne ein Haar mir zu verbrennen. Ich denke, was ich will. Ich rede, was ich will. Ich fühle, was ich will. Ich koste, was ich will. Du mußt mir dienen wie die andern; wenn Du auch sagst, daß Du mir Leben gegeben! Höher! ich will höher! Der Berg soll schneller steigen, der meine Schönheit trägt und meine Allgewalt. Und bedecken soll er sich mit jungem Grün, damit ich den Reif so lustig drüber streuen kann, den Reif, der so weiß ist wie Zucker und schneidend scharf und alles schwarz macht, was leben wollte. Reif, Reif! fall nieder auf Blatt und Blume und verbrenne mir mit höllischer Kälte, was blühen will! Reif! Reif! fall nieder auf Menschenherzen, daß sich entzweit, was sich geliebt, daß sich verloren giebt, was sich erretten wollte, daß der Sünde fröhnt, was sich rein gehalten. Reif! Reif! Fall auf alles Glück, wie mein Hauch auf Blumen, und zerdrücke es, zerknicke es, zertritt es, zerstäube es, zersplittere es, wie ich mein Herz zerdrückt, zerknickt, zertreten und zerstäubt habe, wie ich mein Sein, zersplittert, in die ganze Natur, so daß nur die ganze Natur mich aus sich selber wieder erzeugt, als ihres Daseins höchste Kraft!« –

Acht Tage und acht Nächte lag sie so, in starrer Reglosigkeit, wie eine Leiche da. Hätten Menschen sie gefunden, auf ihrem Bett von Asche, sie hätten sie unfehlbar begraben; denn kein Hauch hätte die zarteste Feder bewegt. Kein Herzschlag rührte sich. Bewußtsein und Gefühl waren verschwunden. Fledermäuse und Eulen schwebten mit ihrem lautlosen Fluge aus und ein, unbekümmert um die Todte auf dem Aschenlager. Die Schädel grinsten rings umher, die Häute bewegte manchmal ein leiser Luftzug, der Mond kam und ging und beleuchtete mit seinem weißen Lichte die reglose nackte Gestalt, wie ein Gerippe. Nur die Augen standen glänzend weit offen Nacht und Tag, ohne ein einzigmal zu blinzeln, ohne etwas zu sehen, als die inneren Gesichte.

Und über der Oeffnung der Höhle keimte es leise, nach dem Frühlingsgewitter, Knospen sprangen, Haide und Gras wurde grün, Schneeglöckchen schossen hervor und wiegten die zarten Häuptchen über der schlafenden Ulla, gerade so unschuldig rein, als schliefe ein Engel dort drunten und träumte von seligen Gefilden. Häschen tanzten droben herum und liebten sich im Mondenschein. Ein erster Schmetterling schwebte schillernd durch die Haide, und jauchzend begannen die Amseln zu singen, die Meisen zu zwitschern, und unter den Blättern am Boden hörte man sich's regen, von all' den kleinen Wesen, die zum Leben hervorkeimen wollten. Wohl kam noch ein Reif, wie von Ulla gerufen, und wollte häßliche Arbeit machen, aber die Frühlingssonne war stärker und weckte und weckte und richtete auf, was die Häuptchen gesenkt, und machte wieder grün, was schwarz geworden.

In einer der Nächte schwebte Ulla im Geist über die Kirchhöfe hin und zwang die Todten, sich zu erheben, und zwang sie in Riedgras und Schilf hinein, um Antwort zu geben, wie sie sprach. So rief sie Temorah's Mutter hervor und verlangte von ihr das Kind, das Temorah ihr nicht geben wollte. Da ging ein Schluchzen und Seufzen durch die Blätter und ein dürres Rauschen durch die Halme.

»Das wirst Du nie haben!« sprach die Todte, nie! »Das ist mein, ich nahm es zu mir! Mein armes Kind! mein armes Kind! Temorah! mein armes Kind! Was rufst Du grausam mich wach, daß ich mein Kind so sehen muß! Oh! Oh! Oh! Laß mich fort! Laß mich in mein Grab hinein, daß ich's nicht sehen muß! mein Kind! mein Kind!«

»Was wird aus deinem Kinde?«

»Riedgras und Stoppeln.«

»Und aus deines Kindes Kind?«

»Asche! Asche! Asche!« Die Todte versank in einem See von ihren eignen Thränen, und Ulla lachte, daß die Berge widerhallten. »Ich habe es besser als Lebende und Todte!« sagte sie, »ich habe Macht und Schöne und Glanz und kein Herz! kein Herz!«



XIV.
Una.

»Una ist besser!« Der Jubelruf hallte aus den Kinderkehlen im Vicariat. »Una tommt! Una tommt!« riefen die Zwillinge und sprangen mit ganz geraden, dicken Beinchen in die Luft, sehr stolz, so viel springen zu können. »Liebe Dott macht Una sund!« rief das Eine »Una danz sund!« das Andere, und dann sprangen sie wieder, während die drei Größeren hinausliefen, die kleinen Hände voll Weidenkätzchen und Veilchen, mit denen sie Salon und Frühstückstisch schmücken wollten. Denn Una wollte zum Frühstück herunterkommen in einem Schlafrock von weißem Flanell, mit gefälteltem Battistkragen und zart rosa Bändern, die Wangen leise geröthet, die schönen Augen strahlend vor Glück, und die langen glänzenden Zöpfe, die auch mit rosa Bändern gebunden waren, mit den schmalen Fingern streichend. Sie ging, auf Martyn's Arm gestützt, bis zur Treppe, wo er, keine Widerrede gestattend, sie in die Arme nahm und hinuntertrug bis in den großen Sessel am Kamin, und ihr zärtlich einen feinen Wollenshawl über die Knie breitete.

»Nicht schwindlig, mein Herz?« frug er, als sie lächelnd den Kopf zurücklehnte und mit halb geschlossenen Lidern in das junge Grün hinaussah. Die Kinder umdrängten sie und füllten ihren Schooß mit Veilchen.

»Ach! wie schön! wie wunderschön, Martyn! noch nie sah ich solch' einen Frühling!«

»Nicht wahr, mein Herz? Es wird alles einen Monat früher grün, Dir zu Liebe, um Dich gesund zu machen!«

»Mein Lebensretter!« flüsterte das junge Mädchen und zog Martyn's Hand an die Lippen. Er beugte sich rasch zu ihr nieder, während eben Gwendoline eintrat, einen großen Strauß junger Zweige in der Hand, den ihr die beiden jüngeren Söhne gegeben. Wie sehr war die stattliche Frau in den wenigen Monaten gealtert, und die Freude schien sie auch jetzt nur zu verklären, wie mit einer Kirchenlampe; es war eine zitternde, unsichere Freude, ein Nichtglaubenkönnen, nachdem ihr Herz Nacht um Nacht und Tag um Tag das Opfer gebracht. Es lag in ihren Augen die Bangigkeit des Ertrinkenden, der wohl das Rettungsschiff sieht, aber die Ferne mißt und seine Kräfte. Viel hoffnungsfreudiger trat Gwynne herein; sein Gang war förmlich wieder elastisch, seine Haltung aufrecht geworden.

»Wir wollen Gott ein Dankgebet darbringen!« sagte er mit strahlendem Blick. Und Alle knieten nieder, während er ein kurzes Gebet voll Feuer und Innigkeit über sie hinsprach, in der Vögel Jubiliren und in das Sonnenflimmern hinaus. Die drei Söhne waren leise eingetreten, Missy mit einem stärkenden Tropfen in der Hand für ihr Herzenskind; die drei kleinen Kinder knieten beim Vater, und sogar die Zwillinge knieten an Gladys' Arm und hatten die kleinen grübchenvollen Hände zusammengelegt. An der Thüre knieten die Diener, die eben das Frühstück hatten melden wollen, und so feierten sie Una's Genesung mit von Dank überströmenden Herzen. Der Einzige, der nicht so froh aussah wie die Andern, war Martyn. Trotz all' seiner Anstrengungen, trotz der wahrhaft genialen Behandlung, von der Liebe eingegeben, war er nicht so vertrauensvoll und folgte jeder Bewegung seiner Braut mit ebensoviel banger Sorge, als wäre gar kein besonderer Grund zum Jubeln vorhanden. Morgan's Gesicht war zu schöner Männlichkeit entwickelt. Alles Knabenhafte war abgethan; in seinen ernsten Augen, die mehr und mehr an den Vater erinnerten, lag der Kampf dieses langen Winters eingeschrieben, und in ihm wollte es immer noch nicht Frühling werden. Er stimmte in die Freude nur ernst ein und sah oft nach Martyn hinüber, um aus seinem Blicke Zuversicht zu lesen. Manch langes Gespräch hatte Vater und Sohn in dem Arbeitszimmer vereinigt, aber immer gingen sie unruhig und unbefriedigt auseinander, und Gwynne dachte seufzend, daß es einer andern Hand als der seinen bedürfe, um seinen Sohn aus Kampf und Zweifel hinauszuführen.

Ueber Gladys lag die Schönheit gebreitet, die sehr junge Wesen durch frühes Leid gewinnen, wenn die überströmenden Lebensgeister schon ein wenig gehemmt und beschränkt worden sind und große körperliche Ermüdung dem Auge etwas Rührendes gegeben, dem Auge, das immer nur in liebender Sorge, selbstvergessen auf dem Theuersten ruht. Es giebt solche Frauengesichter, die ihr ganzes Leben nur für Andre lächeln und auf Andre blicken und dadurch aussehen wie Heiligenbilder, zu denen man beten könnte. Gladys hatte manch rasches, ungeduldiges Wort in Geduld hinnehmen gelernt, das oft ungerecht auf sie niederfiel in der allgemeinen Angst; sie hatte gelernt, nicht gleich hinauszustürzen, sich in ihr Zimmer einzuschließen und in einem Strom von Thränen sich Luft zu machen. Nein, sie blieb still bei ihrer Beschäftigung und sagte nichts. Zumal Una mußte sie oft um Verzeihung bitten, wenn die Reizbarkeit der Krankheit über sie gekommen war und die arme Gladys ihr gar nichts recht machen konnte, mit rührender Geduld immer wieder versuchend, ihrer kranken Schwester Leben und Sterben leichter zu machen.

Wo in einem Hause die Liebe wohnt, da werden die Charaktere in viel schönerer Weise abgeschliffen; anstatt daß Jeder sagt: »Ich bin eben einmal so, und die Andern sind auch oft unleidlich!« denkt er: »Mein Gott! Wenn ich nur endlich so wäre, wie ich sein sollte!« –

Die Tage wurden immer schöner; Una fortwährend besser, durchwandelte die Zimmer, als glitte sie vorüber. Ihre Züge waren sehr fein, die Haut sehr durchsichtig, die wundervollen Augen so sprechend geworden wie noch nie; denn Liebe und Todesangst hatten zugleich darin gewohnt. Martyn fühlte sein Herz pochen, wenn er sie so dahingehen sah, in dem hellen Licht des ersten jungen Grün, das das erste Gewitter und der warme Sturm so rasch hervorlockt. Manchmal fiel Nachts ein kurzer Schauer, so daß die zarten Blättchen in der Morgensonne funkelten und strahlten, wie gewaschene Kindergesichtchen, und das Vogelgezwitscher nahm täglich zu. Es war, als wollten sie von ihren langen Reisen endlos sich erzählen. Una saß meistens im Sessel, an der offenen Thüre und sah den Kindern zu, wie sie spielten, während Martyn leise mit ihr sprach, ihr auch hier und da vorlas, nicht viel, um sie nicht anzustrengen, und ihr nicht erlaubte, nach einer Handarbeit zu verlangen, weil er behauptete, die Hände seien sein und zu keinem andern Zweck auf der Welt, als in den seinen zu ruhen.

Gladys ging dann bescheiden hinaus und wandelte allein durch den Park Blumen pflückend und träumend, wie junge Mädchen träumen, wenn es Frühling ist, und die Säfte steigen und die Luft so duftig ist. Meistens hatte sie den Hut am Arme hängen, und die flüchtigen runden Sonnenlichter stahlen sich über ihr Haar dahin und über ihr weißes Kleid, während sie die hohe Gestalt nach Veilchen und Anemonen hinunterbog, oder emporreckte, um irgend eine ausbrechende Blüthe von Baumeszweigen zu langen. Eines Tages fühlte sie sich bei dieser Beschäftigung beobachtet, und wie sie aufsah, stand Tom vor ihr. Er war ihr noch nie so schön vorgekommen, als an diesem Morgen. Sie hatte wohl hie und da gehört, er sei etwas leichtsinnig, aber ihre zarten Ohren wurden vor solchen Dingen gehütet, und so sah sie den hübschen Tom an und dachte, ob er wohl wirklich gar so schlimm sein könnte.

Tom näherte sich grüßend, Bewunderung in Blick und Bewegung, und sagte, er sei nur gekommen, Nachrichten einzuholen, da er so lange fortgewesen.

»Wo denn?«

»Rathen, wo!«

»Unmöglich zu rathen! In Irland? In London? Wo? –

»Beim Sänger! Ich war mehrere Wochen bei Llewellyn, und es war eine wunderschöne Zeit, habe auch viel gelernt, und Manches vergessen und komme als neuer Mensch mit neuem Willen zurück.«

Gladys sah ihm voll warmem Interesse in's Gesicht.

Sie bemerkte darin einen Ausdruck, den sie noch nie gesehen, fast etwas wie Weichheit und Güte. Und er schien auch so viel bescheidener. Wie war es nur, daß er so anders geworden, oder daß er ihr so anders vorkam an dem schönen Frühlingsmorgen. Was Tom dachte, stand deutlich in seinem Gesicht geschrieben:

»Das ist das allerschönste Mädchen zwischen Carnarvon und Llanelly, und ich sehe das heute zum ersten Male! Wo waren denn meine Augen? Aber sie ist ja entzückend. Die gewinnen und ordentlich werden, das wäre was für meine Mutter!«

»Ich fand meine Mutter sehr leidend,« fing er an, mit dem feinen Instinct, daß eine Leidenszeit junge Herzen anderer Leiden sehr zugänglich macht. Augenblicklich strahlte warmes Mitleid aus den schönen Augen vor ihm, das er geschickt zu erhalten und auf sich zu lenken wußte, indem er sagte, daß er kein Heim mehr haben würde, sollte seine Mutter sterben, und rein nicht wüßte wohin, vielleicht nach Australien. Er klagte sich an, er habe nichts Ordentliches gelernt, weil sein Stiefvater ihn nie habe etwas lernen lassen. Alles sei zu theuer gewesen für ihn, und seine Fähigkeiten seien unbeachtet geblieben, da er leider in Geldsachen nicht zu brauchen. Llewellyn habe entdeckt, daß er eine Feder habe und Talent zum Schreiben, und so wolle er unter die Zeitungsschreiber gehen und dabei sich heimlich zum Dichter und Romanschreiber heranbilden.

»Ich bin ja viel herumgekommen und habe viel gesehen. Es war wohl ein Vorgefühl, daß ich zum Schreiben bestimmt, das mich dazu trieb, das Volk und seine Sitten zu studiren. Wieviel habe ich unter den Arbeitern gelebt, oft wochenlang. Ich kenne sie genau und könnte wohl etwas Hübsches darüber schreiben.«

So plauderte er, ließ sich die ganze Krankheitsgeschichte von Una erzählen und trug dabei die wärmste Theilnahme zur Schau. Seine Augen füllten sich sogar ein paarmal mit Thränen, und er konnte gar nicht sprechen vor Bewegung. Gladys weinte nicht in dem Glücksgefühl, das ihr leise in's Herz schlich. Una war ja wieder ganz gesund, und der Frühling so schön, und Tom ein Dichter, ein verkanntes Genie, das studirt hatte, als man ihn für unordentlich hielt und der seine Mutter so unendlich liebte! Sie wußte nicht recht, wie lange sie dort gestanden und wie langsam sie zurückwandelte und warum sie nichts von der Begegnung sagte. Sie hatte nur das Gefühl, man würde ihr Blumengärtchen zerstören, wenn sie's zeigte. Und so verschwieg sie, daß sie ihn den nächsten Tag wiedersah und den andern wieder, und so alle Tage, bis er ihr seine große, gewaltige Liebe gestand und sie mit hochklopfendem Herzen sich den ersten Kuß rauben ließ.

»Gladys!« klang fast in dem Augenblick Martyn's Stimme »Gladys! Warum bist Du nicht bei Una? Ich war zu Toby gerufen und dachte, Du seist bei Una geblieben.« Seine Stimme klang streng und hart. Gladys erschrak bis in's Herz hinein. »Verflucht!« dachte Tom, grüßte und war verschwunden.

»Was machtest Du denn hier mit dem Menschen?«

»Ich?« Gladys war roth wie eine Centifolie, so roth; daß ihr die Augen übergingen.

»Das ist nicht ein Mensch, mit dem ein junges Mädchen auch nur zwei Minuten sprechen kann.«

»Warum?«

»Weil er ein schlechter Mensch ist.«

»Er ist sehr verleumdet!« stieß Gladys hervor und hatte das Gefühl, als würden die Adern am Halse springen.

»Verleumdet!« rief Martyn. »Er ist so schlecht, daß kein anständiger Mann ihn grüßt, daß die Arbeiter über ihn die Achseln zucken; was hast Du mit dem zu schaffen?«

Wer denkt, daß er aus einem Mädchenherzen die Liebe ausreißen wird, indem er Uebles redet vom Gegenstand derselben, der irrt. Es geht so wie mit dem jungen Mädchen, dem man sagte: »Du kannst Jenen nicht heirathen, er trinkt.«

»Wenn er aber doch so einen großen Durst hat!« –

Etwas Aehnliches dachte Gladys, als Martyn auf einmal sagte: »Wenn Dein Vater das wüßte, es würde ihm mehr das Herz brechen, als Una's Krankheit in den schlimmsten Tagen.«

»Aber mein Vater ist so milde und verzeiht jedem Sünder!« Martyn mußte lächeln, nahm aber gleich wieder seine strenge Miene an: »Zwischen Verzeihen und ihn dem Heiligsten nahen lassen, das man besitzt, ist noch ein weiter Weg.«

Gladys fühlte ihr Herz immer schwerer werden, und das flammende Roth war plötzlicher Blässe gewichen. Sie sah sich in einen schweren, endlosen Kampf verwickelt, vielleicht gegen ihre ganze Familie, und hätte Martyn so gern gebeten, nichts zu sagen, war aber zu stolz, eine solche Bitte auszusprechen.

So traten sie bei Una ein, die strahlte, Martyn zu sehen, ihm aber besorgt in die dunkeln Augen und finstern Brauen sah. Missy erhob sich und wollte gehen.

»Bitte, Missy, ich möchte mit Ihnen sprechen; Toby ist weniger wohl,« sagte er zu seiner Braut und sah Gladys nicht an, die ihre Lippen pochen fühlte. Lange, lange gingen Missy und Martyn in der großen Allee auf und ab, manchmal stehen bleibend und dann wieder wandelnd. Missy beschloß, mit Gwendoline zu sprechen, nicht aber mit dem Vicar, wenn es nicht nöthig wurde. Una versuchte währenddem, Gladys zum Sprechen zu bringen, scheiterte aber an ihrer Zerstreutheit und legte sich still und müde in den Sessel zurück. Das lange Warten ging schon über ihre Kräfte.

Endlich kam Martyn allein zurück. Gladys stürzte hinaus, Missy zu suchen, fand sie aber nicht mehr, wohl aber die kleinen Schwestern und zwei arme Frauen, und wurde lange aufgehalten. Sie sagte sich, daß ihre Mutter bereits in Kenntniß gesetzt sein müsse und haßte Martyn.

»Gladys,« sagte Gwendoline am Abend desselben Tages, an dem das junge Mädchen vergebens alle Gesichter studirt hatte, »Gladys, mein Kind, komm mit in mein Zimmer, ich muß Dir etwas sagen.«

Mit Blei in den Füßen und bebender Brust gehorchte Gladys.

»Mein Kind! Ehe Du Tom's Frau wirst, legt man mich in's Grab. Verstanden, mein Kind? Du darfst den Mann nicht lieben, und einmal wirst Du Dich in den Boden hinein schämen, daß Dein reines Herz sich zu ihm hin verirrt hat. Ich werde nie mehr hiervon sprechen, wie wir es stets gehalten haben, wenn ich etwas gesagt. Du weißt von jeher, daß nichts meinen Willen erschüttern kann. Deine Spaziergänge im Park werden für's Erste aufhören, bis ich wieder Vertrauen gewinne zu meiner Tochter und nicht fürchten muß, daß sie wie eine niedere Magd sich Stelldicheins erlaubt und Liebschaften anfängt hinter meinem Rücken. Du hast kein Vertrauen zu mir gehabt, nun habe ich leider keines mehr zu Dir!«

Gladys lag auf den Knien und weinte sich die Seele heraus. Ihr schien alles zertrümmert, ihre Liebe, ihr Glück, das Verhältniß zur Mutter, das ideal gewesen war; sie kam sich elend vor, verachtet und verstoßen und lag in heißen Thränen die ganze Nacht.

Frau Gwendoline spaßte nicht. Sie hatte mit fester Hand den Frieden im Hause erhalten und gedachte ihn auch ferner zu erhalten. Sie betrachtete der Tochter Leiden als einen heilsamen Frühlingssturm, aus dem sie nur schöner emporblühen würde.

Am nächsten Morgen war Gladys bleich und hohläugig heruntergekommen und so leise hereingeschlüpft, daß die auf der Terrasse auf- und abwandelnden Gwynne und Gwendoline ihr Kind nicht sahen und nicht bemerkten, daß sie jedes Wort hörte.

»Ja,« sagte Gwynne, »wir müssen es als eine Demüthigung von Gott hinnehmen, daß unser Kind sich so verirrte. Er ist ein bekannter Mädchenverführer. Keine ist vor ihm sicher, und ich habe nur eine Hoffnung: daß er Morgan von Kathleen befreien und von seiner Liebe zu ihr heilen wird, sobald Morgan die Augen aufgehen werden über Tom's und Kathleen's Verhältniß.«

Gladys stand das Herz still.

»Morgan will nicht auf mich hören,« fuhr Gwynne fort. »Und da wird der liebe, Gott ihm einmal die Augen aufthun, hoffentlich ehe es zu spät ist. Er darf aber nichts von dieser Sache erfahren, sonst erschießt er Tom, was für die Menschheit kein Verlust wäre, die arme Edleen aber in's Grab brächte. Du wirst doch Gladys bewachen?«

»Natürlich.«

Man kam zum Frühstück. Gladys war mit Blumen beschäftigt und hatte keine Hand für Martyn, hörte auch nicht, als er mit ihr sprach, sondern antwortete Freddy, der etwas Wichtiges wissen mußte. Martyn wandte sich fort und wartete in Geduld, bis die Ungnade von ihm genommen würde. Er sah voll Mitleid, daß Gladys ganz zerstört aussah, und hätte sie gern getröstet. Aber da war nicht zu helfen, so wenig wie dem Himmel, der sich plötzlich in schwarze Wolken hüllte und einen dreitägigen Regen niedersausen ließ. Es war schlimm, an's Haus gefesselt zu sein, und dazu Una nicht merken zu lassen, daß man nicht zusammen sprach.

Am Ende des dritten Tages klagte Una über Kopfweh. Martyn's Erschrecken erstaunte die Eltern, die es ganz natürlich fanden, daß Una von dem häßlichen Wetter Kopfschmerzen bekommen. In der Nacht verlor sich's ein wenig. Den nächsten Morgen aber, wo ein kalter Sturm die Blüthenbäume schüttelte, meinte sie, noch nie einen solchen Schmerz gefühlt zu haben. Sie konnte nicht liegen und nicht stille sitzen und wandelte beständig hin und her, die kalten Hände windend und leise stöhnend. Zuletzt warf sie sich auf die Erde vor ihren Vater und drückte ihr Gesicht gegen seine Knie.

»Wie in einer Maske ist mein Gesicht, wie in einer zu engen Stahlhaube mein ganzer Kopf! Ich leide fürchterlich.«

Sie sprang auf und taumelte. Martyn und Gladys sprangen zu gleicher Zeit auf sie zu, sie aufzufangen. Sie machte sich aber frei mit einer Art Ungeduld!

»Laßt mich! laßt mich! ich muß gehen! ich kann nicht ruhig bleiben!«

Morgan legte seine Hand auf Martyn's Schulter und sah ihm fragend in die Augen. Martyn schüttelte den Kopf, und zwei große Thränen stürzten ihm über den Bart. Er biß die Lippen zusammen und neigte die Stirn. Im nächsten Augenblick hatte er lächelnd Una's Arm durch den seinigen gezogen und wandelte mit ihr auf und ab, bald von der Lampe, bald vom Kaminfeuer beleuchtet und sich im Schatten des großen Raums verlierend. Manchmal legte Una ihren Kopf auf seine Schulter und stöhnte laut, hörte aber nicht mit Gehen auf, bis tief in die Nacht. Schweigend saßen die Eltern und Missy, schweigend Gladys und Morgan, und eine Schwere am Herzen verkündete ihnen, daß Gefahr im Anzug sei. Gladys stieß an ein kleines Buch, das auf den Teppich fiel. Una schrie beinahe auf:

»Welch ein Lärm, wie ein Schuß!« und hielt sich mit beiden Händen den Kopf fest. Einen Augenblick später meinte sie, der Sturm heule so entsetzlich, sie könne den Lärm nicht mehr ertragen, sie würde verrückt, wenn er nur diese Nacht dauerte.

»Wäre Ulla, die Hexe, hier, sie würde ihn besprechen!« meinte sie lächelnd, aber das Lächeln war ein stechender Schmerz und entlockte ihr ein lautes Stöhnen.

Endlich warf sie sich auf den Teppich und wälzte sich hin und her. Martyn und Morgan wechselten einen Blick, und im Nu hatten sie sie in den Armen und die halb Bewußtlose die Treppe hinauf und in's Bett getragen, bevor sie merkte, was mit ihr geschah. Dort lag sie mit geschlossenen Augen, purpurnen Wangen und sprach und stöhnte ohne Aufhören. Man rührte sich nicht, da der leiseste Laut sie aufschreien machte. Morgan gab das Zeichen, die Stiefel auszuziehen und holte seiner Mutter weiche Pantoffeln, die sie entfernt hatte, seit Una's Genesung. Missy hörte man so wie so nie. Die Kinder hatten stets behauptet, sie trüge Filzsohlen. In lieblichen Phantasien lag Una Tag und Nacht. Nur wurde ihr Gesicht täglich abgezehrter, die Augen eingesunkener, die Lippen schmäler, so daß sie die Zähne nicht mehr bedeckten, die man mit Pinsel und Schwämmchen anfeuchtete. Gwendoline, Missy und Gladys legten sich nur auf Viertelstunden im Nebenzimmer auf's Sopha, oder gingen Gesicht und Hände zu waschen. Martyn nickte manchmal auf dem Stuhl ein, wenn Una still wurde, aber er rührte sich nicht von ihrer Seite.

Drei Wochen lag sie, glückselig lächelnd, auf schönen Wiesen wandelnd, im Himmel mit Engeln, dann nahm sie zärtlich Abschied von Allen, immer freundlich lächelnd.

Wiederholt erfaßte sie Martyn's und Gladys' Hände und legte sie ineinander. »Martyn und Gladys!« flüsterte sie und nickte. Die Beiden hatten den Blick auf Una geheftet und sahen sich nicht an. Martyn hatte nur mit Gladys gesprochen, wenn er ärztliche Befehle zu geben hatte, und sie neigte schweigend den Kopf mit der Krone von Zöpfen, wie eine kranke und gekränkte Königin, deren Würde es aber nicht zuläßt, krank oder gekränkt zu sein. Gladys hatte sich wahre Bacchanalien von Thränen gestattet, in den ersten Tagen und Nächten vor Una's Erkranken, bis sie vor Kopfweh nicht mehr weinen konnte und jedes Augendrehen ihr unsägliche Schmerzen bereitete.

»So leicht! so leicht!« flüsterte Una. »So leicht ist's Sterben, wie wenn Kinder spielen! Denn siehst Du, sie winken mir Alle aus ihren Gärten und rufen: »Flieg'! flieg'! Dir wachsen Flügel! Flieg' wie eine rosenrothe Wolke! Seht ihr denn nicht, wie sie winken? O bitte! Haltet mich doch nicht! Gladys! mein Liebling! Komm' her in meine Arme! Sei Du ihr Trost für Vater, Mutter und Martyn, sei Du ihr Trost, sei Du ihr Licht, ihre Sonne! Sie winken! sie winken! Dort ist es so hell, so wunderschön! Seht ihr denn nicht, wie das große Licht herunterstrahlt? Seht ihr nicht die seligen Gesichter? Sie lächeln und lächeln, und ich muß zu ihnen. Ich kann nicht bleiben. Hier ist's zu dunkel für mich! Und ich werde auch dort oben stehn! Mein Vater! Du kommst zuerst mir nach, lange vor allen Andern. Martyn und Gladys müssen noch im Dunkeln wandern und sich sehr, sehr lieb haben. Aber ich, ich warte. Ich warte auf euch Alle. Dann kommt Missy! Morgan! Mein Herzensbruder! sei stark! sei gut und laß das schlechte Mädchen mit ihrem schlechten Freund. Das ist keine Frau für Dich. Laß sie bei Tom, und nimm Winnie, die kleine Winnie, Morgan. Die hab' ich lieb. Die ruf' mir, wenn ich fort bin, sie soll mich noch einmal sehen, nicht Kathleen, o nein, nicht Kathleen, die ist schlecht, die laß bei Tom, der ist noch schlechter. Morgan! Mein Herzensbruder! Du wirst ein so guter Mann werden! Ich sah Dich hier, wenn mein Vater bei mir ist, auf seiner Kanzel, und Winnie ist Deine Frau! Nicht wahr, ihr werdet Winnie hier hernehmen? Kathleen mißhandelt sie und verdirbt ihren wunderschönen Charakter. Sie soll keine andern Lehrer haben als Missy, Morgan und Llewellyn, meinen Freund. Grüßt mir Llewellyn. Und er soll mir ein schönes Lied nachsingen und es Winnie lehren, und Winnie soll es singen wie ein kleiner Vogel. Daß ihr mir Winnie bringt, wenn ich fort sein werde und ihr mein Vermächtniß geben, die Bibel, die mir Morgan geschenkt, und ihr sagen, daß ich sie verstehe und ihre Leiden kenne. Wirst Du's sagen, Missy? Nein, laßt mich fort! laßt mich fort! Sie winken und ihr haltet mich zurück mit eurer Liebe!«

So sprach sie fort und fort mit kurzen Unterbrechungen. Niemals kam sie zu sich, niemals erkannte sie ihre Umgebung, obgleich sie beständig zu ihnen sprach. Näherte sich der Angeredete, so sah sie ihn nicht an und sprach zu einem Andern. Welche Arbeit diese Leidenszeit in einem Jeden vollbrachte, das werden spätere Ereignisse darthun. Aber fruchtlos blieb sie für Keinen, da Denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.

Sogar die drei Kleinen, die manchmal hereingelassen wurden, bekamen ganz ernste Gesichtchen und gingen wie Alte im Garten umher, ihre Gedanken über Sterben und ewiges Leben austauschend, bis ein Schmetterling oder ein Eichhörnchen sie außer sich brachte vor Entzücken, und der Jubel, auf der Welt zu sein, unwillkürlich durchbrach.

Es war bei Sonnenaufgang, nach heiß durchkämpfter Nacht, daß Una den Kopf neigte und die wunderschönen Augen für ewig schloß. Ueber die still und leise schluchzend Knieenden hin tönte fest und tief Gwynne's Stimme:

»Der Herr hat's gegeben! Der Herr hat's genommen!

Der Name des Herrn sei gelobt!«

Aber am Abend hatte er einen Erstickungsanfall, der Alle in die tiefste Besorgniß stürzte, so daß Niemand Zeit hatte, auf seine eigene Erschöpfung zu achten in der neuen großen Sorge.

Am nächsten Morgen hatte Missy Winnie bei der Hand und betrat mit ihr das Sterbezimmer. Gladys hatte gerade das ganze Bett mit Blumen überstreut, so daß Una dalag, wie eine schöne, weiße Braut, lächelnd. Fast stieg ein Rosenschimmer in die Marmorwangen, als die Sonne die niedergelassenen Vorhänge beschien. Missy nahm das Kind auf den Schoß, das mit großen Augen auf Una's Wimpern starrte, die so schwarze Schatten machten; auf die weißen Lippen, die reglos lächelten, auf die abgezehrten Hände, die die Blumen nicht halten konnten.

»Aber sie ist doch beim lieben Gott? Warum ist sie denn noch hier?« flüsterte Winnie.

»Sie hat ihren Körper hier gelassen, wie ein Kleid, das sie nicht mehr braucht; denn im Himmel bekommt sie ein tausendmal schöneres mit Flügeln, und sie läßt Dir sagen, Du sollst gut sein und sehr geduldig und denen verzeihen, die nicht recht an Dir handeln, weil sie selber unglücklich sind, und einmal ruft sie Dich hinauf; sie ruft uns Alle, Alle, und dann lassen wir das Erdenkleid zurück und fliegen in ihre Arme!«

Lange saßen die Beiden. Gladys stand am Fußende des Bettes und weinte nicht mehr, sondern schien in ihren bleichen Zügen der Schwester stilles Lächeln wiederzuspiegeln.

Eben trat Morgan herein und sah Winnie in die wundervollen Augen und in das ernste Gesichtchen. Er sah tief hinein. Dachte er an Una's Vermächtniß, während er die kleine Hand in der seinen hielt?

In dem Augenblick schlüpfte Kathleen in's Zimmer und begann laut zu weinen.

»Wir wollen fortgehn,« bat Winnie, und Missy nahm das Kind fort in dem richtigen Gefühl, daß eine so laute Schmerzäußerung den Friedenseindruck vernichten würde. Da stand Kathleen zwischen den Geschwistern, die sie thränenlos anstarrten, Jeder mit der Frage im Herzen: Und Tom? –

Kathleen kniete zur Leiche nieder und weinte und betete, griff aber doch mit der Hand nach den Haaren, die sich in dicken Locken über den Nacken herunterwellten und mit einem schwarzen Bande zusammengehalten waren. Hätte sie in dem Augenblick der beiden Geschwister Gedanken lesen können, sie wäre wohl weniger damit beschäftigt gewesen, ob ihr Kleid beim Niederknieen auch hübsche Falten geworfen. Als sie sich erhob, fiel sie Gladys um den Hals und reichte Morgan erröthend die Hand und stand noch lange in Betrachtung der Leiche versunken, weil sie der Geschwister Blicke, wie sie dachte, bewundernd auf sich ruhen fühlte. –

Die Glocken läuteten und läuteten und läuteten. Langsam und feierlich ging der Trauerzug endlos dahin.

Die ganze Gegend war dazu erschienen; da fehlte Keiner, der gehen konnte. Gwynne ging zwischen Morgan und Martyn. Die jüngeren Brüder halfen den Sarg tragen. Freddy ging an Morgan's Hand, während des Hauses weinende Frauen hinter den niedergelassenen Vorhängen schweigend versammelt blieben und dem herzzerreißenden Gesange nachlauschten, der aus tausend Kehlen durch das Läuten in den wundervollen Frühlingstag hineinklagte. Ein Anderer hielt die Rede, ein Anderer segnete den Sarg ein. Und als man Gwynne die erste Schaufel Erde in die Hand gab, bebte die Hand, daß sie schüttelte, aber mit lauter Stimme wiederholte er: »Des Herrn Name sei gelobt!«



XV.
Gefallene Engel.

Das Glockengeläute, das über Una's offenes Grab hinzog, an dem andern, zerstörten vorbei, in dem das unbarmherzige Loch an Kreuzes Statt von der gütigen Natur mit zarten Frühlingsblumen gefüllt worden war, klang auch tief in den Wald, einer einsamen Gestalt nach, die wanderte und sich an die Bäume lehnte und wieder wanderte, und wieder an die Bäumen lehnte, mit großen, geängsteten Augen und knirschenden Zähnen. Temorah's Stündlein war gekommen, und sie hatte keiner Menschenseele sich anvertrauen wollen. Einen Augenblick hatte sie an Ulla gedacht, sich aber mit Schauder erinnert, daß ihr Kind in solchen Händen schwerlich mehr als einen Athemzug thun würde. Und ihr Kind sollte leben, und wenn sie selbst sich von Wurzeln und Kräutern nährte.

Es war ein wundervoller Frühlingstag, an dem jedes Blättchen seine Lebensfreude darthun zu wollen schien. Die Buchenblätter hatten noch ihre silberhaarigen Ränder, und in diese Wimpern waren die Knospen an den Zweigenden flaumig eingerollt; während die Eichenblätter noch blutroth an den braunen Zweigen waren. Der Boden war mit Blüthen bedeckt, die aus ihren hellgrünen Blättern neugierig herausguckten. Wo Temorah hintrat, duftete Waldmeister, und das Moos, das blühende Häuptchen emporsandte, duftete selber mit seinem eigenen belebenden Wohlgeruch. Es war, um sich vor Freude zu wälzen, um sich Haare und Kleider mit Waldgeruch zu füllen und alles Erdenleid zu vergessen.

Aber die arme Maid, die dort in ihrer Verlassenheit sich fragte, bis zu welchem Grade sich die Schmerzen des Gebärens wohl steigern könnten, die jetzt schon so unerträglich waren, und was geschehen würde, wenn sie daran stürbe, im fernen Wald allein, wußte nichts von Wohlgeruch und Blumennicken, von Blüthenschnee und erwachendem Leben. Die großen Schweißtropfen perlten von ihrer Stirn und manchmal sank sie zu Boden, wo die Blätter glänzten von ihrem Schweiß, der niederrann, und von ihrer Qual erzählte. Dann raffte sie sich auf, sah sich erschrocken um, war's ihr doch, als wäre ein Stöhnen ihren Lippen entflohen, und ging weiter in den Wald hinein.

Immer furchtbarer wurden die Schmerzen, immer entsetzlicher ihre Angst. Sie mußte in diesen Stunden das furchtbare Einschnüren büßen, mit dem sie ihre Schande hatte verbergen wollen.

Die Dämmerung brach herein, und immer wüthender schüttelten sie Kälte und Schmerzen, die nun schon über zwölf Stunden dauerten. Sie fing an, es zu bereuen, daß sie alle Menschenwohnungen geflohen. Sie fühlte deutlich, daß ihre Wehen fruchtlos waren, und dachte an alle die entsetzlichen Geburten, von denen sie hatte erzählen hören. Ihr war es, als würde sie nun alle Scham und Schande bei Seite setzen, als dürften Dorf und Stadt erfahren, daß sie gefallen, wenn nur eine Hand ihr beistehen wollte in den entsetzlichen Leiden. Oft fiel sie in's Moos und schlief minutenlang, um sich jedesmal in heftigeren Wehen zu winden, und ihr Stöhnen klang wie von einem Thier, das sterben will. Umsonst die furchtbaren Anstrengungen, umsonst die Riesenkraft, die Alles leisten, heben und tragen konnte. Ach! wenn nur Jemand das Kind ihren Eingeweiden entreißen wollte! Sie versuchte, sich des Weges wieder zurückzuschleppen, konnte aber nicht mehr gehen. Da stieß sie einen Weheschrei aus, so laut, so furchtbar, als müßte die Erde sich erbarmen. Die Vögel zogen einen Augenblick die Köpfchen unter dem Flügel hervor und lauschten; das Wild floh tiefer in den Wald; sie hörte ein fernes Trollen, Rascheln und Knacken, und dann hörte sie nur ihr Blut in den Ohren sausen und hämmern in den Wehen, die sie in immer kürzeren Zwischenräumen überfielen. Ach! einen Tropfen Wasser! Sie hatte vergessen, sich in Baches Nähe zu halten. Wohl hörte sie's rieseln in der Ferne, konnte aber nicht mehr so weit gehen und bereitete sich mit schwindenden Kräften zum Sterben vor. Es ward völlig dunkel; kein Mond, nur ein leises Schwingenwehen von Zeit zu Zeit verkündete das Wandern der Nachtvögel. Sie fluchte Tom, sie fluchte sich und ihrer Schwäche. »Mutter!« schrie sie, »Mutter! Mutter! meine Mutter! meine, meine, meine Mutter!« Sie dachte nicht mehr, was ihre Mutter ihr sagen würde, ob Ulla das Kind tödten würde, ob Tom hohnlachen würde, nur einen Menschen, an den sie sich anklammern, den sie um Hülfe flehen könnte in der entsetzlichen Qual. Die Stunden verrannen, von denen jede Minute eine Ewigkeit enthielt, in denen sie sich fragte, warum denn die Frau allein die Folgen einer Schuld mit dem Leben bezahlen müsse, in denen sie verdurstete und nicht mehr schreien konnte, weil ihr die Kehle verdorrt war und sie zu Gott betete, sie zu erlösen, da ihre Leidenskraft zu Ende. Endlich brach der Morgen an, mit jauchzendem Vogelgezwitscher, und das Morgenroth glitt die alten Baumstämme entlang, daß sie gar verschämt dastanden, aber auch der Morgen brachte keine Hülfe, keines Menschen Schritt in der Armen Nähe, keinen Tropfen auf ihre Lippen. Die Sonne stieg höher und höher; der Mittag ging vorüber, mitleidslos in seinem seligsten Lächeln, und Temorah ächzte leise und wand sich hin und her, wie zum Sterben. Sie sah mit Entsetzen noch einer solchen Nacht entgegen. Da, gegen Abend, kam noch ein Schmerz, bei dem ihr die Sinne schwanden, und als sie wieder zu sich kam, hörte sie ein Wimmern, das ihr verkündete, wenn sie ihr Kind behalten wollte, so müßte sie sich selber Hebamme sein. Welche Kräfte die Mutterliebe birgt, das weiß eine Mutter allein. Temorah hielt bald den wunderschönen Knaben in den Armen, der ihr sehr klein vorkam, einem geübten Auge aber einen Ausruf des Erstaunens entlockt haben würde. Sie hatte wollene Sachen mitgebracht, ihr Kind einzuhüllen, und war traurig, es nicht waschen und kleiden zu können. Sie war aber so schwach, ihre Arme so müde, daß dunkle Nacht sie überraschte und in Schlaf senkte, bevor sie es selber recht bemerkt. Sie war so kindisch vor Erschöpfung, daß sie kaum wußte, wie sie das Kind anrühren sollte, daß sie überhaupt gar nichts denken konnte, als sie erst durch das sehr kräftige Schreien ihres Kindes geweckt wurde, und selbst fast verdurstend, unbehülfliche Versuche machte, ihm die Brust zu reichen. Vor Tagesanbruch raffte sie sich auf und wankte ungesehen und unerkannt nach Hause, mußte sich wohl zwanzigmal hinsetzen auf dem Wege, weil sie ohnmächtig zu werden fürchtete. Sie versuchte immer zu rechnen, ob sie sechsunddreißig oder achtundvierzig Stunden gelitten, war aber zu schwach, um mit der Rechnung zu Stande zu kommen. Das Kind war ihr weder Leid noch Freude. Sie fühlte überhaupt gar nichts, als daß sie ihr Geld zählen mußte, ob sie sich noch drei Tage Ruhe gönnen durfte, bis sie wieder arbeiten ging.

Es war aber ein Mensch auf der Welt, der an die arme Temorah dachte. Und das war Llewellyn. Am Abend des dritten Tages pochte er an ihre Thür.

»Mach auf, mein Kind! von mir hast Du nichts zu fürchten, vor mir nichts zu verbergen, ich weiß alles und schweige wie das Grab!«

Sie zitterte so, daß sie eine Weile brauchte, bis sie aufschließen konnte, und auf der Schwelle fiel sie in seine Arme und weinte laut, wie ein Kind an der Mutterbrust.

»Ach! ein Mensch! ein lebendiger Mensch! eine Stimme! ein Trost!« schluchzte sie. »Ich bin beinahe gestorben im Walde und bin so schwach, so schwach, und so durstig, nun schon drei Tage ist es her!«

Llewellyn sah gleich, daß sie im Fieber war, und zwang sie, sich zu legen. Mehrere Tage pflegte er sie wie eine zärtliche Mutter, sorgte für alles und bewachte das Kind. In ihren Fieberträumen hörte sie ihn ihr Kleines in Schlaf singen, während er es auf seinen Knieen wiegte. Eines seiner Lieder blieb ihr halb im Gedächtniß. Es lautete also:


Von Schnee mach' Dir ein Kleide,
Mein süßes Lieb, mein süßes Lieb,
Dann schweigt Dein Herzeleide,
Und Du und ich, wir Beide,
Wir haben treu uns lieb.

Mein Kleidchen ist gewoben
Von Blüthenschnee, von Blüthenschnee,
Komm' Liebster! Denn zerstoben
Ist's schnell, so zart gewoben,
Mir thut das Herz so weh!

In Schnee sollst Du Dich hüllen,
Sonst komm' ich nicht, sonst komm' ich nicht,
Kannst Du nicht meinen Willen
Vollbringen noch erfüllen,
Bleibt streng mein Angesicht.

Ich mach' mir ein Gewande
Wie Schnee so weiß, wie Schnee so weiß
Von Tauben im ganzen Lande
Von Möwen am Meeresstrande
Die Federn zart und weiß.

In Schnee will ich Dich schauen
So licht und rein, so licht und rein,
Sonst will ich meiner Frauen
Nicht lauschen und nicht trauen,
Nicht werd' ich früher Dein.

Von Mondstrahl, Spinngeweben,
Liebfrauenhaar mein Kleid.
Drein Nebeltröpfchen beben,
Von frischem Reif umgeben,
Sieh' her, mein schneeig Kleid.

In Schnee nicht eingeschlossen,
Bist Liebchen noch, bist Liebchen noch,
Vom Mondenstrahl umflossen,
Von Reif wohl übergossen,
Ich seh' Dich untreu doch.

Da fällt der Schnee, gestalten
Will ich zum Scherz, will ich zum Scherz
Des weißen Kleides Falten,
Doch schmilzt es, will nicht halten,
Zu heiß mein sehnend Herz.

Doch Deines Herzens Brennen,
Kühl's ab, mein Kind, kühl's ab, mein Kind!
In Schnee will ich Dich kennen,
In Schnee will ich Dich nennen:
Viel holde Braut geschwind.

Da will ich niederfallen,
In's kalte Grab, in's kalte Grab,
So wird mich Schnee umwallen,
Und nicht herunterfallen,
Weil ich kein Herz mehr hab'.


Temorah hörte, und hörte doch nicht. Das Lied kam ihr gar nicht traurig vor, weil es von Schnee handelte, von etwas Kühlem in ihrem brennenden Fieber und großen Durst.

»Schnee!« murmelte sie, »Schnee! weißen, kühlen Schnee!« Dann gab er ihr zu trinken und wiegte das Kind von Neuem ein. Es war rührend des alten Mannes Güte und Sorgfalt zu sehen.

»Wozu bin ich denn auf der Welt, als zum Helfen!« Er wanderte in's Dorf, kaufte Speise und Trank, und war verschwunden, bevor man seinen Weg verfolgen konnte. Da man aber wußte, daß er mit der Wahl seiner Wohnorte oftmals wechselte, so frug man nicht weiter und forschte dem wunderlichen Alten nicht nach. Eines Abends umdrängte ihn eine junge Schaar, ein Lied begehrend. Es waren Bergleute mit ihren Schätzchen, und wohlgefällig sah er sich unter den hübschen Gesichtern um, von der untergehenden Sonne beleuchtet. Da er seine Harfe nicht mitgebracht, wurden ihm von allen Seiten Instrumente herbeigeschleppt. »Ihr Sängervolk!« rief er freudig. »Mein schönes, sangreiches Wales, wo die schönen Mädchen aus dem Boden und die Lieder auf den rothen Lippen wachsen, wie Erdbeeren aus dem Baumstamm! Jetzt will ich singen, und Ihr gebt im Chor mir Antwort. Paßt auf, Kinder!«


Rings flattern die Banner, vorbei die Schlacht,
Rings lodern die Dörfer, wie Tag die Nacht,
Und wer sich nicht retten, nicht reiten mag,
Der schlummert dort ein, bis zum jüngsten Tag.

Der furchtbare Ritter auf schäumendem Thier,
Mit blutigem Schwertkorb, geschloss'nem Visir,
Roth strahlt ihm die Brünne, im Widerglanz,
Nicht klingt seine Stimme beim Schwertertanz,
Weiß Keiner, von wannen der Ritter kam,
Nicht kennt man des Schrecklichen Heim und Nam',
Nicht sah man ihn trinken, und essen nicht,
Hat Keiner erschauet sein Angesicht,
Sein Roß kennt ein Jeder und seine Gestalt,
Des Unverwundbaren Allgewalt,
Des Unbesiegbaren Windesritt,
Des ewig Schweigenden Donnerschritt.

Es flattern die Banner, die Schlacht ist aus,
Die Flammen fliegen von Haus zu Haus,
Die blutigen Leichen hinwälzt der Fluß,
Es reitet, wer müde noch reiten muß.

Am Schloßfallgatter da pocht es laut,
Die schönste Jungfrau herniederschaut.
O gieb, viel herrliches Jungfräulein,
Verschmachtendem Ritter 'nen Tropfen Wein!
Sie steigt hernieder, den Krug in der Hand,
Und schaut auf's Visir ihm ganz unverwandt:
Was wendest Du trinkend Dein Antlitz fort,
Viel edler Ritter, mit Sturmeswort?
Bin ich nicht werth denn, es anzuschau'n? –
Mein Antlitz ist Schrecken, mein Blick ist Grau'n.
Ich bin der Ritter, der immer schweigt,
Ich bin der Kämpfer, der nie sich zeigt. –

Es flattern die Banner, die Schlacht vorbei,
Von Stöhnen dröhnt es, von Wehgeschrei,
Verflogen, zerstoben ein mächt'ges Heer,
Will Keiner sich wenden, nicht stehen mehr.

Und wärest Du furchtbar, ein Bild aus Stein,
Dein Blick wie flammender Schlachtenschein,
Die Wange zerspalten, die Stirn zerschellt,
Du bliebest mein liebster, mein höchster Held,
Dir wollt' ich mich schenken mit Seel' und Leib,
Dir wollt' ich gehören, Dein selig' Weib.
Und wirst Du wohl, Mägdlein, mein Eh'weib mir,
So schau' unerschrocken mir in's Visir.
Er hebt den Helmsturz, da lacht die Maid
Der herrlichste Jüngling in Landen weit:
Für Thaten wollt' ich geliebt nur sein,
Viel muthige Jungfrau, nun bin ich Dein!

Es flattern die Banner im Stahlgedröhn,
Drommeten schmettern mit Sieggetön,
Ein feierlich Brautbett der blut'ge Grund,
Die treu'sten Schwüre von stummem Mund.


Als Temorah in den Häusern wieder erschien, wo sie gewöhnlich arbeitete, sagte sie, sie sei über Land gerufen worden, zu einer Verwandten im Kindbett. Die sei aber in ihren Armen gestorben, und sie habe das Kind mit zurückgebracht.

»Womit sie es denn aufziehen wolle?«

»Llewellyn hat mir eine Ziege geschenkt!«

Das war die Wahrheit. Wenn sie dann stundenlang fort war, so legte sie eine Flasche Milch zum Kinde, daß es nicht verhungerte, bis es sich gierig auf die Mutterbrust stürzte und sich Nachts dafür entschädigte, daß es bei Tage zu kurz kam. Temorah mußte manchen Weg viermal des Tages machen, um nach dem Kinde zu sehen, aber Llewellyn hatte Edleen für sie interessirt, und so wurde ihr vielfältig geholfen, mit Speise und Trank, Windeln und Hüllen. Auch Gwendoline schickte Missy mit Sachen und Arbeitsbestellungen, um Temorah bei ihrem Werke der Mildthätigkeit zu helfen. Im Vicariat hatte der Schmerz die warmen Quellen der Menschenliebe nicht verschlossen, und Edleen war überströmend von Dank und Glück, daß Llewellyn ihr Tom als einen besseren Menschen, voll guter Vorsätze, zurückgegeben. Daß sie ihn während der Zeit mit Verkaufen und Umtauschen ihrer schönsten Steine erlöst und befreit hatte, daß sie aus dem zufriedenen Lewes einen geängsteten und gequälten Mann gemacht, das vergaß sie vor Freude. Kathleen erfuhr die Geschichte von Temorah's vermeintlichem Neffen, und ihr Haß steigerte sich noch um Vieles, seit sie Tom gedrückt und traurig sah. Er war viel zu Hause, zerbrach viele Federn, zerriß viel Papier, schrieb viel Gedichte und Briefe an Gladys, die alle in Flammen aufgingen, und sah Kathleen nicht an. Die arme kleine Kathleen dachte aber mit einem dicken Bissen in der Kehle, der nicht hinabzuschlucken war, daß sie ihre ganze Habe, ihren sämmtlichen Schmuck, sogar ihre seidenen Strümpfe, die sie gern hatte, für den schlechten Tom verkauft, daß sie auf all' die kleinen Bänder und Gürtel und Handschuhe verzichtet, mit denen sie sich stets so gern geschmückt, nur damit Tom nicht in's Gefängniß käme, und das war ihr Lohn! Winnie und Minnie hatten seitdem viel von ihr zu erdulden, und da sie keinen Entschuldigungsgrund für ihre Launen kannten, so begannen sie, ihr allerhand Schabernack zu spielen, um sie zu reizen, worin Tom sie eifrig unterrichtete. »Jetzt wollen wir sie wüthend machen!« war das dritte Wort, und wenn dann die Tropfen heißen Zornes und bitterer Empörung in den langen Wimpern hingen, dann lachten die drei Quälgeister, und keine Strafe konnte ihnen das häßliche Spiel abgewöhnen. Es war ein neues Vergnügen, das Tom gefunden in der entsetzlichen Langeweile, die ihm sein sogenanntes ordentliches Leben verursachte. Die kleinen Mädchen waren in ihrem ganzen Leben nicht so unartig gewesen, es war gerade, als ob Tom alles Schlechte in ihnen erst entdeckt und genährt hätte. Vaughan war erstaunt über die beständigen Klagen. Seine Kleinen hatten allein bis dahin ihm reine Freude bereiten können. Nun wurde er oft gebeten zu strafen, sie von seinem Tische zu verbannen, was ihn tief traurig machte. Denn ihre Zwitscherstimmen waren seit lange seine einzige Erheiterung. Tom war teuflisch vergnügt, sich so fein an seinem Stiefvater zu rächen, und Kathleen und die verwöhnten Schwesterchen zugleich recht gründlich zu quälen. Jeden Tag hatte er etwas Neues erfunden, und war dabei so gewandt, sich stets bei Zeiten zurückzuziehen und herauszulügen, so daß es Minnie, der kleine Engel, auch einmal mit einer ganz kleinen Lüge probirte. Da aber nahm Vaughan seine Töchterchen und sprach ihnen so flammend, so fürchterlich in's Gewissen, sperrte sie für acht Tage beim schönsten Wetter ein, ohne sie sehen zu wollen und war so bekümmert, daß die Kleinen sich gelobten, nie mehr zu lügen, so lange sie lebten. Sie sahen, daß ihr Vater ganz abgemagert war und Querfalten in der Stirn hatte, als er sie am neunten Tage wieder in seine Arme schloß. Ihr ganzer Trost war Maggie gewesen, deren Dableiben sie mit Strömen von Thränen durchgesetzt. Kathleen sahen sie fast gar nicht. Die ging ihre eigenen Wege.

Sie durchstreifte die Gegend in ihres Herzens Unruhe und besann sich, wie sie sich ihrerseits an Tom rächen könne. Sie hätte ihn gern erdrosselt, erstochen, ihn im Gefängniß gesehen, aus dem sie ihn so mühsam gerettet. Sie fühlte einen Haß in sich lodern, so groß wie ihre Liebe, und beide Gefühle hielten gleichen Schritt, so daß das arme Kind vor Zerrissenheit und Verzweiflung sich nicht zu helfen wußte. Sie dachte nicht anders, als daß Temorah an ihrem Leiden schuld sei. Nächte lang lag sie und sann auf Rache.

Unter diesen Umständen zog die Familie Vaughan nach London, wo Tom die Tinte weggoß, das Papier seinen Schwestern schenkte und bald in einen Taumel von Vergnügungen seiner Art versunken war. Die Kleinen bekamen Lehrer und Kathleen träumte. Vaughan sah wohl, daß ihr Unterricht nicht mehr zählte. Edleen strahlte in ihrem falschen Schmuck, mußte ihre Salons öffnen und füllen, Besuche erwiedern, in Theater und Ballsälen glänzen. Vaughan verlangte das von seiner schönen Frau, und war stolz auf die Huldigungen, die ihr von allen Seiten dargebracht wurden, und unter denen sie zuckte, wie unter Geißelhieben.

»Ich fürchte,« sagte Vaughan eines Tages, »wir müssen den neuen Kutscher entlassen, trotz seiner guten Zeugnisse.«

»Schade,« sagte Edleen gleichgültig. »Noch nie wurde ich so gut gefahren, wie seit den letzten sechs Wochen.«

»Aber es kommen fortwährend Diebstähle an Weißzeug, Silber, Geschirren und Peitschen vor, so daß ein starker Verdacht auf ihm ruht.«

»Nun, dann wollen wir ihn entlassen, nur keinen Lärm, Harry!« sagte Edleen müde und wandte ihm ihr zartes Gesicht zu.

»Ich weiß nicht, ob Du die sonderbaren Gesichter bemerkt hast, die unseren Wagen umgeben, seit wir den Kutscher haben?«

»Gewiß habe ich sie bemerkt, und mich schon oft davor gefürchtet, doch sieht der Kutscher so gut aus, mit seinem schönen Backenbart. Er pudert sich geschickt und hat etwas Vornehmes in der Haltung.«

»Der Bart kann falsch sein, Edleen, und die Zeugnisse einem Andern abgekauft. Wer weiß, wer sich bei uns versteckt?«

In dem Augenblick, wo Vaughan das sagte, fühlte Edleen einen Schlag, als stünde ihr das Herz still. Sie sah ihren Mann an. Nein, der hatte ohne Hintergedanken gesprochen.

Sie ließ Lewes rufen.

»Lewes!« sagte sie mit zitternder Stimme, keuchend, mit glitzernden Augen. »Lewes! der neue Kutscher, der heute entlassen wird, weil er stiehlt, ist Tom!« sie schrie es beinahe.

Lewes wurde bleich und mußte nach einem Stuhl greifen, um stehen zu bleiben.

»Lewes! Hier, das große Diadem! und die Perlen! Und mein Kind retten! Lewes! Lewes! was fang' ich an! Ich bin sehr krank, Lewes, will London schnell verlassen, denn ich habe innerlich entsetzliche Schmerzen, und nur Martyn will ich fragen. Ich will keinen anderen Arzt. Ich kann gar nichts mehr essen vor Schmerzen, und so schleppe ich mich durch Ball und Diner seit zwei Monaten, um Tom zu beschützen! Und so beschütz' ich ihn! Lewes! wenn ich nur todt wäre!«

»Wenn ich nur todt wäre!« klang es in Lewes' Herzen wieder. Vaughan hatte ihn mit Vertrauensbezeugungen überhäuft. Jetzt sollte er den Lohn ernten für jahrelange Treue. Und glühende Kohlen verbrannten ihm den Scheitel. Seine Lippen, seine Zunge waren beständig kalt, seine Hände und Füße nicht mehr zu erwärmen, und seinen alten Freund Owen mied er wie sein Gewissen.

Doch ließ er Tom, den vermeintlichen Kutscher rufen, kündigte ihm seine Entlassung an, sagte ihm, er sei vielfachen Diebstahls verdächtig, und er, Lewes, würde ihn sofort den Gerichten überliefern.

Da gab sich der Verkleidete zu erkennen und bat und flehte um Gnade und Schutz, um ein wenig Geld, verheimlichte aber die ganze Summe seiner Schulden, wie ein Feigling, nannte sich selbst einen Elenden, der nicht werth sei, daß die Sonne ihn beschiene, und kroch fast auf dem Boden herum vor Lewes, der seinen tiefen Groll und Abscheu in seiner ungeheuern grenzenlosen Liebe erstickte. Er schloß ihn in seinen Zimmern ein, bis die schreiendsten Schulden bezahlt waren, und behandelte ihn mit solcher Verachtung, daß Tom ihm Rache schwor wie allen Andern. »Warte!« dachte er, »Du sollst auch elend werden, damit Du lernst mit Armen höflich sein und mit Gefallenen demüthig!«

Edleen athmete auf, als sie Tom in Lewes' Gewahrsam wußte, und reiste erleichtert ab, ohne ihren Sohn gesehen zu haben.

Vaughan ging zu Gwynne, als er angekommen war, und fand den so verändert, daß er auf das Tiefste erschrak. Doch faßte er sich endlich ein Herz, des Freundes Milde gegenüber, ihm die große Bitte vorzutragen, seine beiden Töchterchen in Gwendoline's und Missy's Hände übergeben zu dürfen.

»Sie sind das Licht meiner Augen,« sagte er mit zitternden Lippen, »aber meine Frau ist so krank, und die Verhältnisse sind derart, daß ich für meine Kinder sehr besorgt bin. Kathleen genügt kaum, meine Frau zu pflegen. Ich finde meine Bitte ungeheuerlich. Aber mein Herz ist so gequält!« sagte er, konnte nicht weiter sprechen und klopfte leise mit der Fußspitze auf den Boden, um seine Fassung wiederzugewinnen.

»Ein Freund in Noth ist ein Freund in Wahrheit!« sagen die Engländer. Vaughan's Bitte wurde freundlich willfahrt, Missy ließ sich geduldig die neue Last aufladen, Gladys freute sich, Tom's Schwestern zu pflegen, Morgan dachte, die Kinder würden für Kathleen ein Magnet, und Gwendoline dachte still an Una's Prophezeihung und bebte, ob alles wahr würde, was sie gesagt.

Wohl hatte sie Grund zu beben, denn Gwynne's Erstickungsanfälle nahmen zu und wiederholten sich öfter; er mußte ganz lose Tücher um den Hals werfen, weil die angeschwollenen Adern keine Binde mehr zuließen, und oftmals klagte er über geschwollene Hände und Füße. Martyn wurde so oft gerufen, daß er sich ganz in der Gegend niederließ, sich ein wunderhübsches Häuschen kaufte und bald so viel zu thun hatte, daß er Tag und Nacht auf den Beinen war, für ihn gewiß das Beste, denn sein Herz war schwer. Er hatte wenig Hoffnung für Gwynne und war entsetzt, bei Edleen eine unheilbare Krankheit zu ahnen, die schwerer Kummer erzeugt und täglich nährte, und dieser beiden Kranken Leiden zu lindern, war seine heiligste Aufgabe.

Gladys behandelte ihn immer noch mit großer Kälte, aber mit Achtung und oftmaliger Anerkennung seiner Opfer. Sie konnte ihm nicht verzeihen; und Una's Vermächtniß entfernte die Beiden scheu von einander, weil Keiner aussehen wollte, als dächte er noch an jene Worte.

Einen besonderen Liebling hatte Martyn in der Gegend: Das war Temorah's kleiner Bube, der unglaublich niedlich war, voll Schelmerei, immer versuchte, sich auf die strammen Beinchen zu stellen, und mit ausgebreiteten Aermchen nach ihm langte, sobald er erschien. Temorah hatte eine schlimme Brust bekommen, und ihm gestehen müssen, daß sie Mutter sei. Martyn war dabei so zart gewesen, und hatte sie nach der schmerzhaften Operation so freundlich getröstet und aufgerichtet, daß sie fast dem Leben und der Menschheit zurückgegeben war, durch soviel Güte, während bis dahin Menschenfurcht und Menschenscheu sich krankhaft steigerten.

Die neuen Vicariatbewohner hatten zuerst so geweint, daß man um Minnie ganz besorgt war. Sie zeigte immer auf ihr kleines Herz und schluchzte: »Weh! Weh!« Man frug, ob sie nach der Mutter weine, nach Kathleen, nach dem Vater, nach Prinnie?

»Nein! nein! nein!« schluchzte das Kind. »Hier thut's weh!« und Winnie umschlang ihr Schwesterchen und weinte leise an ihrer Schulter.

Da zog Morgan die beiden Kinder in seine Arme.

»Mir sagt's ganz leise, was euch so traurig macht?«

»Maggie!« schluchzte die Kleine. »Maggie! ich kann nicht sein ohne Maggie!«

»Niemand hat uns lieb, als Maggie allein!« sagte Winnie.

»Maggie! meine arme Maggie! so weh! hier so weh! sie kann nicht ohne uns! Maggie wird sterben ohne uns!« –

In der nächsten Stunde hielt Morgan's Wägelchen vor dem Vicariat an, mit dem er zu Vaughan's gejagt war, und herunter flog Maggie in die Arme der jauchzenden Kinder, die nun so glückselig waren, daß es Gwendoline manchen Aufschluß gab, über die Hölle, in der sie gelebt und über Vaughan's Angst um ihre reinen Seelen. Morgan fühlte es tief, daß sie für Kathleen keine Thräne, kein Wort gehabt, und sich eher fürchteten als freuten, so oft sie erschien. Er fand Winnie merkwürdig entwickelt und staunte über ihr großes Talent, ihren entzückenden Gesang. Llewellyn mußte den ganzen Sommer im Vicariat verweilen, Gwynne zerstreuen, die Kinder lehren, Gwendoline trösten, und die stille Trauer, die über das Haus gebreitet war, nahm ihm nichts von seinem Zauber. Die große Kinderschaar weckte Leben überall, und Vaughan kam oft, sein traurig Herz zu erquicken. Gladys lauschte den Gesprächen zwischen ihrem Vater, Llewellyn, Vaughan, Martyn und Morgan, wie eine Blume dem Licht sich zuwendet. Ihre Seele that sich weit auf und ließ die großen Gedanken einziehen, die von diesen Männern bewegt wurden. Ihre Liebe trug sie still und geduldig wie einen schweren Stein, und wenn ihr Herz unbändig und ungehorsam werden wollte, dann ging sie zu Una, auf ihrem Grabe Ruhe zu erbeten.



XVI.
Zauber.

»Hast Du Llewellyn lieb, Missy?« fragte Winnie.

»Sehr lieb.«

»Ach! das freut mich! ich habe ihn so lieb, und da wäre ich so traurig gewesen, wenn Du ihn nicht lieb hättest! Daisy hat ihn lieb und Freddy und Lizzy und alle die Kinder.«

»Weil er ein guter, guter Mann ist.«

»Der liebe Gott wird ihn doch nicht fortnehmen?«

»Ich hoffe nicht, mein Kind!«

»Aber Freddy sagt, der liebe Gott nimmt alle guten Menschen, und darum wird er seinen Vater fortnehmen.«

»Ach! ich hoffe, noch nicht!«

»Aber Missy! er leidet!«

»Ja, das ist wahr, er leidet.«

»Was bedeutet denn das: Ein Handschuh?«

»Ein Handschuh, Kind?«

»Ja, was meint man, wenn man einen Handschuh giebt?«

»Als die Ritter den Handschuh hinwarfen, war's Fehde.«

»Ja, das weiß ich ja schon lang. Aber zwischen Frauen?«

»Ich verstehe wohl Deine Frage nicht, Winnie.«

»Ja, ich verstehe nicht, was ich sah, Missy.«

»Was hast Du gesehen?«

»Ich sah Kathleen auf der Brücke stehen, wo Daisy das Vogelnest hat, in der alten Weide, weißt Du, Missy? Es sind ganz kleine Vögelchen drin. Sie sind aber gar nicht hübsch.«

»Das sind kleine Vögel nie.«

»Doch, Hühnchen; die sind sehr hübsch, gleich aus dem Ei; weißt Du noch, Missy, wie's mit der Schale herumlief?«

»Ja, das weiß ich noch. Was machte denn Kathleen auf der Brücke.«

»Gar nichts, wie immer. Sie thut ja nie was.«

»Ist das hübsch und freundlich von Dir, das zu sagen?«

»Nein, es ist wahr.«

»Weißt Du denn, warum sie nichts thut?«

»Nein.«

»Hast Du sie gefragt, ob sie vielleicht traurig ist?«

»Natürlich ist sie traurig.«

»Warum denn?«

»Weil Tom sie nicht mehr lieb hat und sie nicht heirathen will.«

»Woher weißt Du das?«

»Ich hab' ihn gefragt, und da hat er gesagt: Um keinen Preis, denn wir sind Beide arm wie die Ratten.«

»Und das hast Du Kathleen erzählt?«

»O, sie war schon vorher traurig. Sie weinte immer.«

»Und das that sie wohl auch auf der Brücke?«

»Nein, gerade nicht. Da kam Temorah hinter sie; Du weißt doch, wer das ist, Temorah?«

»Ja, sehr gut.«

»Und da zieht Temorah einen Handschuh hervor und zeigt ihn Kathleen. Und da wurde Kathleen blaß. Ja, ich hab's gesehen.«

»Du hast Dir's vielleicht eingebildet.«

»Ich bin nicht wie Tom, ich bin wie mein Vater; Tom hatte einen andern Vater, er ist gar nicht mein Bruder.«

»Doch, Kind, ihr habt eine Mutter.«

»Hmm!« machte das Kind und zog die Mundwinkel herunter.

»Und der Handschuh?«

»‹Ich wollte Ihnen blos Ihr Eigenthum zurückgeben,‹ sagte Temorah, ›und Ihnen danken für das Schmücken meiner Grabstätten.‹ Und da hättest Du Kathleen's Gesicht sehen sollen, Missy! Sie war so weiß, so weiß, nun wie soll ich sagen, wie Milch?«

»Du siehst doch, Kind, daß wir Beide nicht verstehen können, was die zusammen sprachen.«

»Ja, aber nun kommt's erst.«

»Noch mehr?«

»Findest Du das hübsch, Jemand etwas in's Gesicht zu werfen?«

»Nein, Kind, wer thut denn das?«

»Kathleen hat's gethan. Sie hat Temorah den Handschuh in's Gesicht geworfen, und da hat Temorah ihr Handgelenk gepackt, daß sie schrie und sich hin und her drehte, ja, so weh that sie ihr. Und Temorah war auch ganz weiß geworden und knirschte mit den Zähnen und sagte: ›Wenn Du mich noch einmal öffentlich erniedrigst, wie gestern, so erstech' ich Dich!‹ Und Kathleen wand sich immer noch und jammerte. ›Ich thu Dir ja nichts! Du hast mir alles genommen, alles! alles! alles!‹

›Nimm's wieder, ich mag's nicht mehr!‹ sagte Temorah und lachte ganz laut, aber weißt Du so, Missy: Ha! ha! ha! ha! und ihre Augen lachten nicht und ihre Lippen auch nicht, und Kathleen fürchtete sich. Denn Temorah's Augen funkelten, und Temorah ist so groß und stark. Die hassen sich, die Beiden.«

»Was weißt Du, kleines Kind, von Hassen?«

»Tom haßt meinen Vater und Temorah haßt Kathleen, und meine Mutter haßt Owen – –«

»Pfui! still, Kind! Du sollst das abscheuliche Wort nie mehr in den Mund nehmen. Hast Du es je bei uns sagen hören?«

»Nein. Aber das ist auch ganz was Anderes.«

»Warum?«

»Das ist bei 'nem Pfarrer.«

»Ich meine, alle Menschen sollen Frieden halten.«

»Missy! Wir waren ganz still, als Tom unsere Puppe verbrannte, obgleich wir uns hätten rächen können, wenn wir's dem Papa gesagt hätten; aber die Mama hat Tom lieb.«

»Nun, das war brav von euch.« Missy dankte Gott, mit dem raschen Lobe die schwierige Unterhaltung abbrechen und die Kinder auf die Wiese schicken zu können. Sie dachte viel und lange über das Gehörte nach, und bewahrte es tief im Herzen. Dachte sie doch, vielleicht hierdurch Gladys zu heilen. Denn daß es sich dabei um Tom handelte, das war ihr augenblicklich klar geworden, und sie war nur beruhigt, daß das Kind den Namen nicht gehört.

Kathleen hatte von der Brücke aus einen Waldweg eingeschlagen, der sie, an einem der metallgrünen, kupfervergifteten Seen vorbei, zu Ulla, der Hexe führte. Sie verirrte sich mehrmals; denn sie wußte den Weg nicht genau, und ihre heißen Augen sahen auch nicht recht deutlich. Sie wollte Rache. Rache wollte sie, Temorah vernichten. Denn Tom's Kälte gegen sie war in der letzten Zeit sehr gewachsen. Er war jetzt viel zu Hause, oder bei Martyn. Seit seine Mutter auf den Knieen vor ihm gelegen, war noch einmal der bessere Wille in ihm erwacht und er versuchte, zu arbeiten. Zu Martyn ging er nur, in der Hoffnung, in ihm einen Vertreter bei Gwynne zu finden, wenn er es versuchen würde, Gladys zu erobern. Und Martyn ertrug seine Gegenwart, wie die eines Kranken. Er hatte so großes Mitleid mit der unglücklichen Mutter und hatte Tom gesagt, er könne seiner Mutter Tage verkürzen oder verlängern, wie er wollte. Wenn man aber eines schlechten Menschen Herz rühren will, so denkt man nicht, daß er das wohlgemeinte Wort in böser Weise benutzen wird, und daß man ihm nur neue Waffen in die Hände gegeben, um neuen Schaden anzurichten.

Kathleen wurde es allmählich unheimlich, da die Sonne sank und tiefe Schatten die Thäler einhüllten, aus denen das Aufsteigen leichter Nebelschleier den Weg der Flüsse andeutete. Doch war sie nicht umsonst so weit gekommen, und fürchtete, sich bei der einbrechenden Dämmerung, in Schluchten und Wäldern ganz zu verirren. Ein schwacher Lichtschein verkündete ihr, daß sie der Hexe Höhle erreicht, und mit leisem, schüchternem Schritt betrat sie den Eingang. Zuerst sah sie nichts als ein kleines Feuer und etwas Dunkles, am Boden Zusammengekauertes. Bald aber erkannte sie die dunkle Gestalt als eine Frau, und nun sah sie auch das entsetzliche Gesicht, von einer bläulich aufzüngelnden Flamme beleuchtet. Beinahe wäre sie jetzt noch entflohen und hob schon den Fuß, als eine tiefe, wohllautende Stimme ihr sagte:

»Was willst Du so eilig von hinnen, Maid, da Dein Herz Dich hergeführt, Dein armes, banges Herzchen, das wie ein Vogel flattert in Deiner Brust?«

»Man sagt, Mutter, Du könnest Gegenwart und Zukunft lesen und verkünden.«

»Ja, mein Kind, so manchmal, so ein wenig, wenn der große Geist es will. Manchmal will er sich mir nicht offenbaren. Aber wer weiß, was er für solche Schönheit thun wird!«

»Ich bin nicht schön, bin Keinem zur Freude, mir selbst zur Last, sage mir, daß ich bald sterben werde, das wäre mir das Liebste.«

»Sterben, weil der Liebste sich abgekehrt? Sterben, weil das Herz nicht befriedigt ist? Sterben, so lange die Sonne scheint, wenn man jung ist wie der Tag, schön wie die Sünde, reizend wie ein Reh, wenn man Augen hat wie ein tiefer See, und Wimpern daran wie Haide dicht?«

»Was hilft mir das alles, Mutter, wenn ich so unglücklich bin?«

»Ist der junge Falke verflogen, vor dem Du zärtlich gezittert?«

»Er sieht mich nicht mehr an!«

»Haben Andere sein Herz bestrickt?«

»Woher weißt Du das, Mutter?«

»Ich weiß alles unter der Sonne, unter dem Monde, unter den Menschenstirnen. So weiß ich auch, daß Du an eine Rache denkst.«

»Ich? An Rache? – Wie sollt' ich nicht?«

»Die Rache ist aber nicht so leicht. Sie kommt oftmals wieder zurück, mit umgekehrtem Stachel Den verwundend, der sie entsandte, und ich will nicht, daß so süße Maid verwundet werde. Schön sind Deine Glieder, Mägdlein, schön das volle Haar, schön der Busen und die Gestalt. Wie wandte er sich von Dir?«

»Ich weiß nicht warum; ich sah sie nur, ich sah sie zusammen reden, ich hörte, wie sie sagte: Komm! komm in mein Hüttchen! Und da bin ich beinahe vor Schmerz gestorben!«

»War's Frau oder Jungfrau, die Dich so betrog?«

»Jungfrau, schön und blond, o so schön, so groß, viel schöner als ich!«

»Du hättest gleich Erde nehmen sollen, da wo sich zwei Hunde gebissen, und auf ihre Fährte werfen, dann hätte er sie nicht mehr angesehen.«

»Und er schämt sich nicht, er sagt mir, sie ist schöner als Du!«

»Wie grausam! Und dafür willst Du Rache, mein holdes Kind?«

»Ja, aber ich fürchte mich auch vor der Rache.«

»Wir wollen sie schon einrichten, daß sie die andere Maid vernichte, und ihn zu Dir zurückführe. Er soll Dich so lieb haben, so lieb, so lieb, so lieb, daß er vor Liebe zittert, wenn er Dich nur sieht und Du ihn sogar quälen kannst und reizen und mit ihm spielen. Das möchtest Du gern?«

»O gern! Dann wär' ich auch an ihm gerächt.«

»Er soll Dir nachlaufen wie ein Bergwasser, kriechen wie eine Schlange, Dich umflattern wie ein Adler, und Du sollst Dich weiden an seiner Qual.«

»Ja, Mutter! Ja, Mutter! hierzu sollst Du helfen!«

»Ist er jung und schön?«

»Sehr schön und sehr jung und sehr wild.«

»Und hat Vater und Mutter?«

»Ja und nein, sein Vater ist todt, wenn Du das wissen mußt.«

»Ja, ja, ich weiß, er hat einen Stiefvater, nicht wahr?«

»Woher weißt Du das?«

»Ich weiß alles, mein Kind. Und wenn Du mir Zeit giebst, so werde ich Dir den Anfangsbuchstaben seiner Geliebten sagen: Ist es nicht ein T?«

»Ja gewiß ist's ein T.«

»Nun, siehst Du, mein Kind, mir ist nichts verborgen.«

»Wie weißt Du denn das alles?«

»Ich weiß auch noch mehr. Ich weiß, daß sie ein Kind hat.«

»Ein Kind! von ihm ein Kind! von ihm ein Kind! o! nun versteh' ich, daß er mir fremd geworden!«

»Das ist kein Grund, meine süße Maid, meine unschuldige Taube, mein herzig Nichtwissen.«

»Wenn sie ein Kind hat!«

»Nein, mein Schatz, er kann dennoch zu Dir zurück, besonders wenn das Kind nicht mehr wäre.«

»Aber, wie soll das nicht mehr sein?«

»Ich habe die todte Mutter gerufen, die Mutter von dem Mädchen mit T, Du weißt doch, mit T?«

»Ja, ja, kam sie aus der Hölle?«

»Richtig, mein Kind! aus der Hölle kam sie und jammerte: Mein Kind! mein Kind!«

»Sie jammerte?« Kathleen zitterte am ganzen Leibe, der Hexe Augen blinzelten langsam.

»Und ich frug: Was wird aus Deinem Kinde? – Riedgras und Stoppeln! – Und aus des Kindes Kind? – Asche! Asche! – So sprach die Mutter von dem Mädchen mit T und jammerte so furchtbar. Wenn Du sie hören willst in dieser Nacht, so rufe ich sie hier in die Binsen, und Du kannst sie fragen.«

»Nein! nein! um Gottes willen! ruf' sie nicht, ruf' sie nicht! Ich wär' des Todes vor Schrecken!«

»Du hast doch mit der Mutter nichts gehabt?«

»Doch – doch – ich habe – ich habe seinen Namen in ihr Kreuz geschnitten – aus Rache!«

»Und sein Name fing mit T an?«

»Woher weißt Du das?«

»Die Todte hat mir alles gesagt. Sie hat alles gefühlt. Jeder Schnitt von Dir war ein Schnitt in ihr Herz, und seit jenem Tage hat ihre Tochter keine Ruhe mehr gehabt.«

»Woher weißt Du das?«

»Ich war bei ihr, mein Kind!«

»Bei ihr?«

»Ja, ich hatte im Spiegel gesehen, daß sie mit einer Last belastet ging, und da wollte ich die Last, die Folgen ihrer That, ihr fortnehmen, damit sie wieder eine Jungfrau sei. Aber sie hat nicht gewollt.«

»Nicht gewollt? Warum nicht?«

»Weil sie gemeint hat, ihn, der mit T anfängt, damit zu halten.«

»Natürlich.«

»Wir wollen's ihr vertreiben. Er soll sie hassen und verstoßen. Hast Du dir noch nie sein Kind angesehen?«

»Nein, noch nie.«

»Ei, das wundert mich!«

»Warum?«

»Nun, es ist doch solch' ein Gefühl: sein Kind! kitzelt es nicht hier?« Sie war zu ihrer vollen Höhe aufgestanden und legte die knöcherne Hand in Kathleen's Herzgrube.

»Kitzelt es nicht da drinnen und brennt, wenn Du denkst: sein Kind! Und wenn Du's siehst, dann möchtest Du es todtküssen, todtsaugen, todtblicken. Fühlst Du das nicht, mein Herzchen? Du bist doch wie ein lodernder Berg!«

Kathleen's Wangen brannten. Ulla ließ sie nicht einen Augenblick aus dem Bann ihrer Augen.

»Sprich nicht so, ich werde rasend!« sagte das junge Mädchen.

»Ich sehe in Dir Quellen von Leidenschaft; Du bist ein edles Geschöpf, und wie junger Wein kreist das Blut in Deinen Adern. Es war grausam, Dich so zu quälen. Er wußte nicht, was er that, mit was für einem Weibe er so spielte, welche glühende Gedanken hinter der reinen Stirn toben! er dachte Dich zu reizen, wie ein junges Kätzchen, und sah nicht die Tigernatur in Dir, die rachedurstige Tigernatnr, die sprungbereit lauert, ihn zu verderben!«

»Wie sollte ich ihn verderben! ich habe ihn vielmals gerettet!«

»Und das war sein Dank! Soll ich ihn verfluchen?«

»O nein! nein! nein! das will ich nicht! Nur die Andre, das Kind, alles was er lieb hat außer mir!«

Ulla beobachtete das junge Mädchen mit der größten Aufmerksamkeit, und als es ihr vorkam, daß sie genugsam erregt sei, begann sie, ihr Feuer zu schüren und dem Kessel allerhand leise zuzumurmeln, in unverständlichen Lauten und cabbalistischen Wörtern. Sie umkreiste ihn währenddem mit unhörbaren Schritten, als wollte sie fliegen. Man sah kaum die Bewegung ihrer Füße. Ihre Arme schienen sie zu tragen, und das Feuer, das sie allein beleuchtete, von unten herauf, halb in des Kessels schwankendem Schatten, übergoß sie mit rother, höllischer Gluth. Zugleich schien der Eingang zur inneren Höhle schwarze Nacht und feuchten Moder hervorzuspeien. Kathleen kam es vor, wie ein Hölleneingang, welcher Eindruck sich nicht verminderte, als sich drinnen ein magisches Licht wie ein weißer Strahl verbreitete. Sie kehrte dem Ausgang den Rücken zu, und hatte daher des Mondes Erscheinen nicht bemerkt. So meinte sie, durch Zauberkünste habe die Hexe die Höhle erhellt, und ihre Zähne schlugen frostschauernd aufeinander. Es war solch' ein sonderbares Licht, nach der greifbaren Schwärze vorher, doppelt weißlich und kalt, im Gegensatz zu dem Feuer und dem rothglühenden Todtenkopf, der es lautlos umkreiste, wie ein Nachtfalter, wie eine Fledermaus. Dem jungen Mädchen pochte das Herz hörbar; aber die Verzweiflung, die sie hergetrieben, war stärker als die Furcht, zumal da Ulla mit geschickter Hand der Seele Flammen geschürt, bevor sie an ihr äußeres Werk ging. Kathleen stand regungs- und fast athemlos. In ihren schwarzen Wimpern spiegelte sich der Feuerschein und auf den Zähnen, die die halb geöffneten Lippen, wie fragend, freiließen. Ulla schien ihre Gegenwart vergessen zu haben und nur mit dem Kessel beschäftigt zu sein, in dem ein leises Brodeln anfing und der feine blaue Dünste emporsandte.

»Du sollst süß sein, wie Honig, festhalten wie Honig, berauschen wie Honig im Gähren!« sang die Hexe, holte aus einem irdenen Topf etwas steifen, weißen Honig und schleuderte je drei Tropfen von ihren Fingern in den Kessel. Dreimal drei Tropfen sprangen zischend hinein. »Süß sollst Du sein, daß Dir folgen muß jed' Bienlein, daß jede Fliege Dir verfällt, daß nicht mehr frei werden kann, wer Dich berührt.«

Dann deckte sie eine Platte vom Boden auf. Darunter krabbelte und wimmelte es von Ameisen, die in einem ausgehöhlten Stein gefangen waren. Auf diese goß sie einige Tropfen aus dem kochenden Kessel; die obenauf schwammen, nahm sie heraus, und deckte die andern wieder zu.

»So wie ihr stechend brennt, so soll stechen und brennen die Liebe Den, der euch berührt. Siedet, siedet, und spendet euern Saft dem Honig, der eurer wartet, der gierig saugen will, was brennende Kraft ihm leiht. Wie euer Stich verwundet, wie euer Saft stark und scharf und ätzend ist, so verwundet, so stecht und ätzt das Herz, das euch berührt!«

Sie umkreiste beständig das Feuer.

Jetzt nahm sie ein Messer, hieb es in dem Boden ein, und umwand es mit einem Bande.

»Sieh hier,« sprach sie, »hier ist das Weib mit T, das uns entgegen ist, das unsern Zauber stört. Wir wollen es bezwingen mit unserer Macht. Ha! willst Du nicht! Willst nimmer Du Dich beugen!


Koche, du Honig, mit Ameisensaft,
Koche und schäume zur Liebeskraft,
Siede wie Herzen, in Sünd' und in Schmerzen,
Siede wie Liebe, die Leiden schafft.


Und Du! Du willst immer nicht! Du Verlorene, Du irrender Geist, Du schwarze Seele!

Ich umwehe die Flamme, wie säuselnder Wind, wie des Frühlings erstes Athmen, und jetzt liege ich darüber gebreitet, wie ein stiller See unter des Mondes Licht, und jetzt rauscht es darum wie ein Adlerfittig und wie der Falke, der auf Beute niederstößt. – Und Du! Du Schlangenbrut! Du der Hölle Verfallene! Geh' von hinnen!« sie drohte dem Messer mit der Faust. – »Geh' dahin Du gehörst! Weiche von ihm! Laß ihn! Hass' ihn! Thu' ihm weh und erlösche! – Ich wehe wie der Athem der Liebe um die Flamme harrender Ungeduld, ich hauche hinein, wie der Wind in die Esse, darin Eisen schmilzt, wie der Sturm im Kamin, der Feuer faßt und frohlockend zur Dachfirst entführt.«

Jetzt nahm sie einen frischen, blätterreichen Haselzweig und warf ihn unter ihre Füße, die sie zuvor entkleidet, und mit unglaublicher Schnelligkeit drehte sie ihn zwischen den Füßen und entriß ihm einzeln Blatt um Blatt.

»Wie Du Dich windest unter meinem Fuß, so winde der Liebende sich, wie ich Dir schmerzend die Blätter entreiße, so leide er Schmerzen und halte an dem, was sich ihm gegeben. Wie Du kahl bist und leer, so stehe er entlaubt vor Sehnen und Bangen. Wie Du zitterst und tobst, so zittere und bebe sein Herz.« Dann warf sie das nackte Zweiglein in den Kessel und umkreiste ihn von Neuem. Jetzt begann sie, schwer seufzend und stöhnend, sich nach der Herzgegend zu greifen, von dort Etwas losreißend, scheinbar in den Kessel zu schleudern.

»O, das schwere Herz! Die Last auf dem Herzen! Die werf' ich hinein in die siedende Gluth, die wälz' ich hinunter von meiner Brust, die schleudere ich nieder und schenke sie ihm und lege sie ihm auf's Herz und fülle damit sein Gehirn, und verzehre damit seine Brust, wie der Waldbrand die Haide verzehrt ringsum, wie der Felsblock das Haus zerschmettert, wie die Schneelast das Gras erdrückt. Hinweg von meinem Herzen, Du tödtliche Last. Und Du dort in der Ecke! Noch immer reckst Du Dein Haupt empor? Ich will Dich erniedrigen, daß Dein Schatten Dich erschrecken soll, daß Deine eigene Stimme Dich verwirrt, daß Dein Schritt nicht mehr weiß, wohin sich zu wenden. Zum Verderben hast Du meine Bahn gekreuzt. Zum Verderben nah' ich Dir. Hinweg, Du Last von meiner Brust! Uf! Uf! Uf! Hinweg, wie schwer Du auch seist, so schwer wie schwarze Wolken, so schwer wie Grabeserde, so schwer wie des Ertränkten Stein am Gürtel, so schwer wie ein todtes Kind, so schwer wie das Eisen dem Pferd im Karren, so schwer wie Kupfer und Blei, wie Schiefer und Sand, wie Wasser im Eimer, wie Milch im Faß, so schwer wie Jahre des Leids, hinweg von meinem Herzen und falle auf seines!«

Nun ging sie in der Höhle Inneres, durch den Mondstrahl hindurch, in schwarze Nacht verschwindend, und kam wieder, eine voll aufgeblühte, prachtvolle Rose in der Hand. Sie begann sie zu schütteln und mit voller Kraft hineinzublasen, und wieder zu schütteln, bis eines nach dem andern die Blätter zu Boden schwebten.

»Fallt, fallt, fallt! wie Thränen, wie Seufzer, wie müde Schritte, wie Thau, wie Federn, wie Staub, wie Asche, wie Gold, wie Gedanken. Ich blase euch an mit meiner Seele sengendem Leid, daß wie vor giftigem Hauch ihr vergeht, wie vor Wüstenbrand ihr hinwelket, wie vor der Mittagsgluth ihr verdorrt.«

Sie hörte nicht auf mit Schütteln und Blasen, bis nur noch ein Blatt übrig war.

»Das Beste, das Theuerste, das Köstlichste, das die duftige Blume der Liebe besitzt, ihr letztes Blatt, das sie in Sturm und Dürre, im Samum und im Reife, in Sonne und Finsterniß festgehalten, das entreiße ich ihr mit Gewalt, und schleudere es hinein in die siedende Gluth, und hoch aufspritzt sie, und drohend zischt sie und gährend mischt sie, was ich ihr gab, Liebe, Liebe, Liebe!«

Jetzt hob sie den Kessel in einen höheren Haken und deckte das Feuer.

»Kühl sollst Du werden für Menschenhand, doch nicht für Menschenherzen. Du sollst verzehren wie Krankheit, wie Hunger, wie Durst, wie Liebespein, wie Qual, wie böses Gewissen. Verzehren, verzehren! »‹ –

Sie nahm das Messer heraus aus dem Boden und warf es in eine Ecke, das Band in die Flamme, in der es verkohlte, wie eine Motte am Licht, und sprach:

»Nun, meine Maid, bis der Zaubertrank für Dich kühl genug, will ich Deine Zukunft Dir sagen. Tritt hinaus mit mir, dort sollst Du eine Flamme sehen, die redet.« Sie nahm Kohlen aus dem verglimmenden Feuer und warf sie in einen Berg von Stroh, Reisern, Haidekraut, Wurzeln und Heu. Augenblicklich schoß baumhoch die Flamme empor und warf phantastische Lichter und Schatten auf die Felswand, die der Mond nicht beleuchtete. Aufmerksam schaute die Hexe hinein und begann, das Feuer zu umtanzen, mit einer Grazie, als wäre höchste Schönheit ihr Theil, und dazu sang sie mit tiefer Stimme, ihren eigenen Schatten betrachtend, so oft sie zwischen dem Feuer und der Felswand vorüberschwebte. Wieder war es, als berührten ihre nackten Zehen den Boden nicht, als würde sie vom Gewande getragen, das sie manchmal wie schwarze Flügel über sich breitete.

»Feuer! Feuer! Künde was Keiner gesehen, als die Sterne in ihren Bahnen, als der Wind, der aus unergründeten Fernen kommt, und vorüberbraust, in verlorene Ewigkeit. Feuer, zeige mir deine Macht! Ich schaue! ich schaue! O Maid! Wie bist Du furchtbar in Deiner Liebe und in Deinem Haß. Du hältst die Flamme in Deiner Hand, Du sendest sie zum Himmel, Du hüllst Geister in Nacht und Seelen in Dunkel, Du wirst tödten mit Lächeln und Spielen, und wirst weiterschreiten und liebender Liebe begegnen. Doch hart wie Feuerstein bleibt Dein Herz. Aber Der, den Du liebst, er schleicht Dir nach, er muß Dich besitzen, er wird Dich foltern vor Liebe und Dich lieben vor Haß, er wird thun, was Dir Keiner that. Du wirst gesättigt und übersatt für Dein ganzes Leben, und wirst nie mehr nach ihm begehren, um den Du heute Dich der Hölle gelobst. Denn höllisch sind Deine Gedanken. Und Deine Reue wird Andere heilen, die Du verwundet hast, gesund wird werden, der durch Dich erkrankt, Glück wird sprießen, wo Du Unglück gesät, aber Unglück über Unglück trifft den Einen, der Dich geliebt, Unglück über Unglück; er wird in Nächte versinken, daraus kein Strahl erlöst, nicht Mond, nicht Sonne, nicht Thau, nicht Früchte. Er schleppt etwas nach, eine schwere Last. Mägdlein, Mägdlein! Du bist von höllischer Kraft beseelt und von der Hölle berührt in Dem, den Du liebst. Er hat Dich hinabgerissen in seinen Pfuhl, aber er läßt Dich los, er kann Dich nicht mitnehmen, dahin er wandeln muß, und Du wirst nicht mehr mit ihm wollen. Mägdlein! Mägdlein! Flammen in Deiner Hand!«

Das Flackerfeuer erlosch, und mit ihm die dröhnende Stimme, der Geistertanz, des Mantels Flügelwehen.

Die Hexe nahm die zitternde Kathleen bei der Hand: »Komm, Mägdlein, nun haben wir den Geistern den Zauber überlassen, nun darfst Du ihn berühren.«

Sie nahm einen kleinen irdenen Krug und begann mit einem Bleilöffel aus dem Kessel zu schöpfen, immer dreimal drei Tropfen in den Krug niedergleiten lassend. Dann erfaßte sie denselben mit beiden Händen, hob ihn über ihr Haupt, und bog sich nach rückwärts, so weit ihr geschmeidiger Körper es erlaubte und flüsterte in's Gefäß hinein und bog sich wieder zurück. Endlich war es gefüllt, und sie überreichte es Kathleen, mit dem Bedeuten, die innere Hand damit einzureiben, bevor sie Tom sie reichte; dann würde er sie grenzenlos lieben, und um ihn ganz rasend zu machen, solle sie ihm täglich einige Tropfen aus diesem Fläschchen heimlich in seinen Wein gießen, aber nur wenige Tropfen, sonst würde sie über die Folgen nur tiefes Entsetzen erleben und keine Freude.

»Und nun müssen wir draußen harren, bis der Mond sich entfernt, sonst ist er unserm Zauber nicht gewogen und verweigert seine Hülfe. Sie hielt Kathleen an der Hand fest und trat mit ihr vor die Höhle, wo der Mond ihre Schatten scharf und grell auf die Felswand warf, indem er sich zum fernen Bergrande immer eiliger senkte.

»Mond! geh' nicht von hinnen!« rief Ulla. »Mond, mein Freund! was verlässest Du mich! Sei nicht so eilig auf Deinem Wege, denn Schöneres sahst Du nie, als was ich in der Hand halte! Mond! Mond! eile nicht so hinweg! Du bist so flüchtig, wie ein brennendes Gewissen, so schamhaft wie ein verliebtes Mägdlein, so herzlos wie ein Dieb! O Mond! geh' nicht von hinnen! Dein Strahl ist meine Wärme, Dein Licht mein Tag, Deine Klarheit meine Erkenntniß, Dein Schein mein Glück! Nichts hab' ich mehr als Dich und nimmer läßt Du Dich halten – Mond! Mond!«

Aber immer schneller versank er, während das erste leise Morgenroth die ersten Herbstesbäume vergoldete mit rosigem Glanz, als erwärmte sich langsam der silberne Schein, der sie eben noch umflossen, und Kathleen die Hexe verließ, die das Geld zu Boden warf, das das Mädchen ihr gab, und in die Höhle verschwunden war, bevor Kathleen ihren Dank gestammelt. Wie betrunken und wegunkundig schritt das junge Mädchen in den dämmernden Morgen hinein, und wußte nicht, wie es kam, daß sie auf einmal vor Temorah's Häuschen stand, das im Morgensonnenschein unter seinen blühenden Rosen so frisch, so einladend aussah, wie eine friedliche Heimstätte. Kathleen wandte sich wie träumend dem Hause zu und wußte nicht, was sie wollte, noch weßhalb sie die Schwelle überschritt.



XVII.
Feuer.

Temorah war fort zum Fluß hinunter, wo sie für Leute zu waschen hatte, und schon dachte Kathleen, das Haus sei leer, als sie ein Kinderstimmchen drinnen kodern hörte. Abu! und Agu! und brrrrr! und was der wunderbaren ersten Laute noch viele sind, ein ganzes entzückendes Wörterbuch für Mutterohren und Mutterherzen. Kathleen trat in das Zimmer, sah aber immer noch Niemand, und es war auch plötzlich still geworden. Sie stand unschlüssig zaudernd. Da stieß etwas an die Bettthüre, die angelehnt war, und ein rosenrothes Füßchen wurde in der Spalte sichtbar. Gleich darauf erklang wieder das behagliche Kodern und ein Lutschen, das wenigstens drei Fingerchen zugleich im Munde vermuthen ließ.

Leise machte Kathleen die Thüren auf, und im tiefen Bettschatten sah ein so wunderschönes Knäblein sie an, daß sie den Athem innehielt vor Erstaunen. Goldne Löckchen umkräuselten den kleinen Cherub, Tom's Ebenbild, mit geraden, dunkeln Brauen, lockigen Wimpern, so lang wie ein Fingerglied, Augen von tiefer Bläue, mit weit vergrößerten Pupillen, durch den Schatten, in dem sie lagen. Das Mittel- und Ringfingerchen steckten zwischen feuchten Korallenlippen, und einen Augenblick hielt der erstaunte einsame Hausbewohner mit Lutschen inne, um das fremde Gesicht aufmerksam zu betrachten. Die übrigen kleinen Finger hatten ebensoviele Fettpölsterchen als Glieder, und das andere Fäustchen, in dem eine Schelle ruhte, ebensoviele Grübchen als Finger. Wie wundervoll die runden Aermchen, die rosigen Beinchen waren, die sich in der Luft herumbewegten, unbekümmert, daß kein Laken und kein Hemde sie mehr bedeckte, der schneeweiße Hals, auf dem Doppelkinn und Backen behaglich ruhten, wie frische Aepfel auf flaumigem Kissen, dies alles war so unbegreiflich und unbeschreiblich schön, wie es meistens bei dem großen Wunder, Kind genannt, der Fall ist und jedes Auge entzückt, wenn es auch kein Mutterauge ist. Kathleen stand, in den Anblick des reizenden Geschöpfchens versunken, mit einem Gefühl am Herzen, über das sie weder sich noch Gott hätte Rechenschaft geben können; es war jubelnder Schmerz und doch wie ein Schlangenbiß so heiß, so tief, wie ein Schwindel und Flimmern vor den Augen. »Tom's Kind! Tom's wirkliches Kind!« hauchten ihre Lippen. Eine Zeit lang betrachteten die Beiden sich in tiefer Stille. Welcher Ausdruck in Kathleen's Gesicht aber plötzlich den kleinen Kerl erschreckt haben mochte, er nahm die Fingerchen aus dem Munde und machte ein sehr bedenkliches Schüppchen. Kathleen hatte die größte Angst, Temorah könne plötzlich eintreten, vielleicht war sie ganz nahe und würde laufen, wenn sie des Kindes Stimme hörte. Sie rasselte mit dem Schellchen, sie schnalzte mit Fingern und Zunge, denn Temorah's Kind in die Arme nehmen, das konnte sie nicht, nein, das nicht – umsonst, er fing bitterlich an zu weinen, – und große Thränen quollen durch das Wimperngelock. Kathleen's Blick schweifte allenthalben hin, nach etwas Neuem, Hellem, das das Kind zerstreuen könnte. Sie sah aber nichts, als eine Schachtel mit Schwefelhölzchen. Nach dieser griff sie: »Paß auf, Kleiner!« rief sie und entzündete das rasche Licht. Das Kind hielt mit Weinen inne und blickte verwundert nach der kleinen Flamme, die sich in den Thränen spiegelte, mit denen seine Augen gefüllt waren.

»Noch Eins!« rief Kathleen, das Erste vorsichtig zertretend, und das Kind lachte und griff nach der Flamme, die das junge Mädchen neckisch in seine Nähe brachte und dann rasch entzog. Und wenn er lachte, dann erinnerte er noch mehr an Tom, und so bereitete sie sich die süße Qual, ihn immer wieder lachen zu machen, oder seine herzige Ungeduld zu reizen, indem sie ihn auf die nächste Flamme warten ließ. »Du wirst ihn todtküssen, todtsaugen wollen!« hatte Ulla gesagt. Wenn sie es nur gewagt hätte. Wenn er aber wieder anfing zu weinen, so konnte Temorah erscheinen. Nein! die herzige Ungeduld! Gerade wie Tom zog er die Brauen zusammen und bewegte seine winzige Nase so. »Du bist wunderschön!« flüsterte sie. »Mmm!« Mmm!« machte das Kind, um mehr Licht zu sehen. »Und wenn Du sprichst, wirst Du ihn nennen? Und wie nennen?« Tom's Kind! Wie sollte er nicht stundenlang hier verweilen und mit dem reizenden Wesen spielen! Sie wußte nicht, daß Temorah ihn nie mehr hereingelassen, daß er sein Kind noch nie gesehen und auch keine besondere Lust empfand, es zu sehen, aus Furcht, Temorah würde von ihm verlangen, es anzuerkennen und zu ernähren. Aber die leidenschaftlich zärtliche Mutter gedachte, ihr Kind vor allem vor Tom zu hüten und es nie ahnen zu lassen, daß es einen Vater besessen. Sie brauchte nichts mehr auf der Welt; sie hatte all' ihr Leid vergessen. Das Kind, das schöne Kind war all' ihr Denken, und jede Stunde der Trennung von ihm war Angst und Pein. Sie nahm sich vor, ihn künftighin mitzunehmen, wenn sie in die Arbeit ging, um die Angst und Sorge nicht mehr erdulden zu müssen. Ihre beiden treuen Freunde, Llewellyn und Martyn kamen oft, und dann war es ein Spielen und Jubeln und Entzücken. Dem Kleinen fehlte kaum die Sprache, so lebhaft konnte er seinen kleinen Willen kundthun, und wohl nie sah man ein schöneres Madonnenbild aller Schulen, als Temorah mit ihrem Kinde in der Geißblatt- und Rosenumrahmung.

»Mmm! Mmm!« machte der Kleine, und wieder flammten die Zündhölzchen auf. Dieses Spiel dauerte ein ganze Weile. Ein Zündhölzchen nach dem andern wurde angebrannt, bis es mit einem Male Kathleen in dem Krachen der Holzvertäfelung wie Gehen klang, und sie ohne Umsehen hinausrannte, die Thür offen lassend, und als sie weit und breit Niemand erblickte, aufathmend die Wiese hinunter, dem Walde zulief und bald unter den hohen Bäumen des nächsten Thales hinwandelnd, ihr hochklopfendes Herz ruhig werden fühlte. Keine Seele in der großen, ruhig athmenden Natur, in diesen emsigen Arbeitsfrühstunden. Doch, da klang es wie Pferdehuf, und fast wäre Morgan an ihr vorbeigeritten, als er sie mit einem erstaunten Ausruf erkannte, vom Pferde sprang, den Zügel über den Arm warf und neben ihr herwandelte, sich nach Edleen's Gesundheit erkundigend, erstaunt, Kathleen so weit vom Hause zu finden. Kathleen fühlte den Krug in ihrer Tasche, das Fläschchen an ihrem Busen und kam sich mit einem Male höchst albern und kindisch vor. Morgan war verlegen und schweigsam geworden, und so gingen sie eine ganze Weile neben einander her, ohne sich etwas zu sagen. Plötzlich war es Kathleen, als hätte sie in ihrer Hast nicht auf die letzten Zündhölzchen Acht gegeben und als wäre etwas davon in's Bett gefallen. Sie überlegte, ob sie wieder umkehren und nachsehen wollte, als Morgan begann:

»Liebe Kathleen! Mein ungeschicktes Schweigen kommt nur aus zu vollem Herzen. Ich habe Ihnen schon seit lange so viel, so unendlich viel, und so Wichtiges zu sagen, daß sich die Worte nicht gestalten wollen, nun da ich vor Ihnen stehe.«

»Wie unangenehm! dachte Kathleen. Was fang' ich jetzt an! So eine gute Heirath! aber ich mag ihn gar nicht! Aber er ist reich und auch ein recht hübscher Mensch, aber so furchtbar brav und fromm und wird Pfarrer, hu! Pfarrer! Das ist nicht mein Fall!« sie schwieg beharrlich.

Morgan biß die Lippen und fing noch leiser an:

»Kathleen! ich liebe Sie wie ein Wahnsinniger, und wagte nicht, es Ihnen zu sagen, bis ich ein Heim habe, das ich ihnen anbieten kann. Aber aus allerlei Gründen kann ich das nun noch nicht. Bitte, liebe Kathleen, versprechen Sie mir nur das Eine, daß Sie noch ein wenig warten wollen, bevor Sie sich verschenken!«

»Flammen in Deiner Hand und Liebe auf Deinem Wege!« dachte Kathleen. »So sagte die Hexe, nun ist Beides schon erfüllt! Wenn ich nur ganz ruhig wäre, wegen der letzten Streichhölzchen! Kalt wie ein Stein würd' ich sein und unglücklich würde, der mich liebt. Das sieht auch aus, als würde es sich erfüllen.« So schossen die Gedanken durch das gesenkte Köpfchen, mit einem Staunen dazu: »Herr Gott! wie seh' ich aus? Ich bin ja heute noch nicht gewaschen!« –

»Ich weiß, daß es viel von Ihnen verlangt ist, zu warten, zumal wenn Sie nicht im Stande wären, das geringste Interesse für mich zu fühlen.« – Ein rascher Blick aus den herrlichen Augen sah verheißungsvoll und gütig aus. »Ich hätte schon mein Examen vorbereiten können, aber es stellten sich gewisse Umstände dem entgegen.«

»Wie ist er pedantisch und langweilig!« dachte Kathleen. »Was geht mich sein dummes Examen an! Wenn nur mein Haar nicht so unordentlich wäre!«

»Sehen Sie, Kathleen, ich habe mich verzehrt um Sie; mich hat der Schlaf geflohen, nächtelang habe ich die Wälder durchirrt, und nun bitte ich um weiter Nichts, als um ein wenig Geduld!«

»Es will mich ja gar Niemand heirathen,« sagte Kathleen, »es weiß ja Jedermann, daß ich keinen Groschen habe.«

»Was thut das mir, mein süßes Mädchen? Ich danke Gott, wenn ich Ihnen alles zu Füßen legen darf und meine Hände dazu, damit Sie sich nicht an einen Stein stoßen!«

»Mein Gott!« dachte Kathleen, »das hat er aus den Büchern! Wie ist er unausstehlich langweilig!« laut sagte sie:

»Sie sind sehr gütig, und ich weiß gar nicht, wie ich danken soll?«

»Nicht danken, nur warten, bitte, Kathleen!«

»Vielleicht kann ich warten, besonders wenn Keiner kommt!« sagte sie und lachte hell auf. Dabei dachte sie wieder an die Streichhölzchen. Morgan schwieg von Neuem. Das war alles, das war sein ganzer Trost, nach dem heißen, ehrlichen Kampfe, nach der Qual, nach dem Stürmen in seiner Brust! Er fühlte sich bitter werden.

»Es ist doch Keiner da, der es wagen dürfte, Ihnen sein Herz anzutragen, ohne eine Zukunft, ohne Heim, ohne Beruf?« Seine Stimme bebte vor Aufregung.

»Aha!« dachte Kathleen, »da haben wir's! Da brennt die Eifersucht lichterloh!« laut sagte sie: »Vielleicht verlange ich gar nicht so sehr nach einem Heim; den man lieb hat, mit dem kann man auch betteln gehn.«

»Sie haben doch Keinen lieb?«

»Bin ich Ihnen Rechenschaft schuldig über meine Gefühle!«

»Nein, ich habe ja kein, gar kein Recht! Aber ich bitte um Mitleid!«

»Mitleid mit Ihnen?« wieder erhob sich der Blick, vor dem er jedesmal bis in's Mark erzitterte.

»Nein!« rief er. »Sie wissen doch, Gott sei Dank, noch nicht, was Liebe ist, sonst würde meine Bitte Sie nicht so befremden! Ach! Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen mit Ihrer unschuldigen Frage! Ach! Kathleen! Kathleen! Sie sind noch ein Kind und spielen mit dem Feuer und ahnen nicht, welchen Brand Ihre kleinen Hände entzünden können!«

Bei diesen Worten bemerkte Morgen eine merkwürdige Unruhe in Kathleen's Gesicht. Er freute sich, daß er endlich einen Eindruck gemacht mit seiner Beredtsamkeit, und ahnte nicht, daß sie an wirkliche Zündhölzchen und an wirkliche Feuersgefahr dachte.

»Ich muß etwas sehr Unhöfliches fragen,« sagte sie, tief erröthend. »Wie viel Uhr ist es?«

»Acht Uhr vorbei. Warum?«

»O, dann muß ich eilen!« Im Stillen dachte sie: »Noch lange kommt kein Arbeiter nach Hause!«

Morgan stand traurig vor ihr, neigte den Kopf und strich am Zügel entlang. Das Pferd steckte die Nase in seine Tasche und holte ein Stück Zucker heraus. Er merkte es nicht. Aber Kathleen lachte hell auf: »Sehen Sie mal, wie unbescheiden!« rief sie. »Das ist Einer, der nicht warten kann! Adieu! Adieu! ich muß eilen!« und immer noch lachend eilte sie von dannen.

Morgan stand auf sein Pferd gelehnt, und starrte auf die Stelle, wo Kathleen's reizende Gestalt verschwunden war.

Das Frühstück im Vaughan'schen Hause war sehr still. Edleen hatte wenig geschlafen. Vaughan legte die Zeitungen und Briefe nicht aus der Hand, Tom war nie da, so früh stand er nicht auf, und Kathleen saß in ihren eignen Gedanken. Die Abwesenheit der Kinder war für Vaughan allein ein täglich erneuter Schmerz, eine ewige Sehnsucht, und als eben Prinnie in's Zimmer kam, fühlte er, als würden ihm die Augen feucht. Wie war das Rechtthun so schwer für den rechtlichen Mann! – Die Tage schlichen hin, wenn nicht Tom Leben und Spaß mitbrachte und die beiden Frauen an seinen Lippen hingen, als entströmte ihnen lauter Weisheit. Sie sprachen immer nur von ihm; denn kein anderes Thema konnte sie ablenken oder interessiren, und heute war Kathleen in besonderer Aufregung. Hatte sie doch die Hand mit dem Zauber eingerieben und in Tom's Weinflasche die Tropfen fallen lassen aus dem geheimnißvollen Fläschchen. Sie wartete auf die Wirkung mit klopfendem Herzen. Die beiden Frauen und Tom warteten aber heute sehr lange auf den Herrn. Es verging eine halbe Stunde, es verging eine ganze Stunde; die Glocken hatten in den Bergwerken geklungen, der Schall der Hämmer begann aber nicht. Tom zog die Uhr heraus. »Sonderbar!« sagte er. »Man hört ja die Hämmer nicht!«

»Es wird doch kein Unglück passirt sein?« sagte Edleen und erhob sich mühsam aus dem kleinen Sessel.

»Warum gleich ein Unglück, meine süße Mutter? Aber sonderbar ist es doch.«

Es verging noch nahezu eine Stunde. Da trat Vaughan erhitzt und verstört herein.

»Was ist geschehen?« riefen die beiden Frauen.

»Das ist geschehen, daß trotz all' unserer Anstrengungen Temorah's Häuschen in Grund und Boden verbrannt ist und das Kind darin. Die Mauern rauchen noch.« Er ließ sich in einen Stuhl fallen. Kathleen war weiß wie der Tod, Tom ging an's Fenster und sah hinaus.

»Das ist noch nicht alles,« fuhr Vaughan fort.

»Temorah selbst?« –

»Temorah?« fragte Edleen.

»Sie stand am Flusse und wusch neben Toby's Frau.« Tom wandte sich seinem Vater zu.

»Und?« fragte Edleen. Tom sah Kathleen an und ließ ihr Gesicht nicht mehr aus seinem Augen. Er mußte dort höchst merkwürdige Dinge lesen; denn er konnte gar nicht fortsehen.

»Temorah wusch neben Toby's Frau,« fing Vaughan wieder an. »Du weißt doch, sie hatte öfters das zweite Gesicht.«

»Ja, ich weiß,« sagte Edleen. Kathleen biß sich die Lippen, um wieder Blut hineinzubringen. Sie fühlte, daß Tom hinsah und bemerkte, wie weiß die verrätherischen Lippen geworden.

»Nun, auf einmal hebt sie den Kopf, starrt vor sich hin, über den Fluß weg und sagt ganz ruhig:

‹Seht Ihr nicht, da brennt mein Haus und mein Kind ist todt. Die Flammen sind in seinem Bett. Es griff danach, aber es ist schon todt. Es hat keine Schmerzen mehr. Seht Ihr, wie die Flammen aus den Fenstern schlagen? Ja, es ist todt, es weint nicht.‹ Und dann fuhr sie mit Waschen fort, und kein Mensch kann sie vom Flußufer fortbringen, sie wäscht und wäscht, und nimmt man ihr das Weißzeug fort, so reißt sie Blätter ab und wäscht die. Mit Lebensgefahr sind meine Arbeiter in's Häuschen gedrungen, haben aber nichts mehr gefunden, als Asche. Sie sagen, das Kind sei so schön gewesen wie ein Engel, und jetzt munkeln Alle, daß es Temorah's eignes Kind gewesen.«

»Natürlich war es,« kam es wie unbewußt von Kathleen's Lippen, die wo möglich noch tiefer erblaßte, als ihr das Wort entflohen, das sie nicht mehr zurücknehmen konnte. Vaughan sah sie an.

»Woher weißt Du das?«

»An der Aehnlichkeit.«

»Hast Du es denn gesehen?«

»O ja, es lag immer in der Wiese.«

Draußen dröhnten die Hämmer. Das Leben hatte wieder begonnen und ging weiter, mit seiner unerbittlichen Nothwendigkeit. Die Familie Vaughan that, als wollte sie essen. Aber Niemand aß. Vaughan nahm nur etwas Brod und viel Wein; denn er war sehr erschöpft. Tom war verschwunden, sobald man sich vom Tische erhob. Kathleen klagte über Kopfweh und eilte in ihr Zimmer, in das sie sich einschloß, und Vaughan und Edleen saßen so stumm einander gegenüber am Kamin, daß man nichts hörte, als das Ticken der Uhr.

»Das Kind war Tom's Kind,« sagte Vaughan endlich. Edleen fuhr zusammen. »Nein, Harry! bitte nicht!« –

»Es war Tom's Kind, und Kathleen weiß es!«

»Nein! nein! nicht! es ist zu gräßlich!«

»Hast Du denn keine Augen, Edleen?«

»Dann muß ich für Temorah sorgen!«

»Natürlich werde ich das, Edleen, das versteht sich von selber.«

»Aber sie ist doch nicht unheilbar?«

»Ich habe nach Martyn geschickt. Er wird es vielleicht wissen, er hat sie öfter behandelt.«

Eben trat Martyn herein: »Ich komme von Temorah,« sagte er. »Tom ist bei ihr, aber sie erkennt ihn nicht.«

Er dachte in der Bewegung des Augenblicks gar nicht daran, ob hier noch etwas zu verheimlichen sei. Wozu auch verheimlichen? Es war ja alles verloren! – Edleen weinte.

»Ist keine Hoffnung für Temorah?« frug Vaughan.

»Keine! Und ist es nicht besser für sie, ihr Geist bleibt in Nacht gehüllt? Sie hat genug gelitten. Da hat ein gütiger Himmel die Leidensfähigkeit gelöscht. Sie lächelt und singt und wäscht. Hätten die Leute ihr nur gleich gefolgt, als sie sagte: da brennt mein Haus! Das Kind war zu wundervoll!«

Martyn hatte Thränen in den Augen.

»Ich glaube, man ist doch ziemlich rasch hingelaufen,« meinte Vaughan. »Man kannte Temorah's zweites Gesicht; es täuschte nie.«

»Das Kind war so schön, daß ich Beruf und alles vergaß, wenn ich mit ihm spielte.«

»Arme Temorah!«

»Ja, arme Temorah! Besser, besser, sie fühlt nichts mehr!«

»Aber, man muß sie doch fortbringen vom Fluß?«

»Gewiß nicht, man muß ihr zu waschen geben, so daß sie gar nicht an Heimkehren denkt.«

»Aber bei Nacht?«

»Sie wird für's Erste draußen herumirren und sehr wenig schlafen. Kälte und Nässe fühlt sie nicht mehr. Sie wird sehr heiter und zufrieden sein und immer waschen und manchmal irgend einen Gegenstand zärtlich in den Armen wiegen.«

Edleen brach von Neuem in Thränen aus.

Tom war verschwunden und blieb verschwunden, mehrere Wochen lang.

Wer am meisten erschüttert schien durch die Schreckensnachricht, das war Llewellyn. Er konnte sich gar nicht fassen, vor den Trümmern des kleinen Hauses und vor den Trümmern von der, die Temorah gewesen und die ihn ebensowenig erkannte, als alle Andern. Sie lächelte und sang und wusch und hing ihre Wäsche auf, und wenn sie einmal schlafen wollte, so legte sie sich auf ihrer Mutter Grab und bedeckte sich mit Laub. »Gut! gut warm! Warmes gutes Bett!« sagte sie.

Kathleen war in einem Zustand, der an Wahnsinn streifte. Sie verstummte fast ganz, weil sie immer fürchtete, sich zu verrathen, wie am ersten Tage. Was Vaughan von ihr dachte, das behielt er für sich, und dankte Gott, daß er seine Kinder so wohl versorgt. Er kam, so oft er konnte, in's Vicariat, da er es zu Hause nicht mehr aushalten konnte. Es riß ihm das Herz entzwei, sein vergöttertes Weib hinwelken zu sehen, und den furchtbaren Verdacht in seine Brust zu verschließen, mit Kathleen zu sprechen, als hielte er sie nicht für eine Verbrecherin. Sie fürchtete sich vor ihm, wie vor einem Richter, und verwünschte Ulla in die tiefste Hölle hinein, die ihre Eifersucht so gereizt, und ihr den Gedanken eingegeben, Tom's Kind zu sehen.

Hätte sie Ulla in einer Mondnacht des Häuschens Trümmer durchsuchen sehen, wie hätte es sie gegraust. Ulla suchte und suchte nach ganz besonderer Asche und als sie sogar einen kleinen Knochen fand, grinste sie vor Freude. Sie hielt ihn gegen den Mond, daß er glänzte und bewegte ihn lange hin und her, um herauszufinden, welcher Knochen es gewesen, sogar ein kleines Schädelstück entdeckte sie, halb verkohlt. Das waren kostbare Funde und verschwanden schnell in des Brusttuchs Falten.

»Das Kind war mein, ich wußte es immer. Asche! Asche! Ja! ja! Du wolltest mir's anders nicht geben! Da habe ich die kleine Teufelin geschickt und ihr Herz vergiftet und wußte, sie würde das thun. Sie wird mir auch verfallen. Bald ist sie reif. Bald ist sie in meiner Gewalt. Noch ein wenig Geduld! ein ganz klein wenig Geduld! Der Sand rinnt, der Fluß fließt, das Meer hat Ebb' und Fluth. So sicher ist die kleine Teufelin mein, die so gut hassen kann. Sie muß nur erst das Lieben verlernen, bald, bald, bald, wie der Fluß fließt, wie das Meer steigt und fällt, wie der Mond wechselt, wie das Herbstlaub fällt, so bist Du mir verfallen, wenn Du Dich ausgestoßen und verachtet weißt; ja, ja, meine kleine Hexe! Dann will ich Dich knechten, Dich peinigen, Dich rasend machen, eine Geißel der Menschheit. Ja, ja, ja, so gewiß wie der Wind weht, wie der Frost verbrennt, wie das Feuer reinigt. Du sollst sturmgepeitscht, frostverbrannt, flammenrein sein, durch alle Martern Leibes und der Seele, ja, meine kleine Hexe, bis Du reif bist, bis Du fein bist, bis Du stark bist und ich Dir mein Reich überlassen kann.

So murmelte Ulla vor sich hin, während sie vorsichtig Asche in die hohle Hand faßte und fortblies, was ihr nicht des Kindes Asche zu sein schien.

Kathleen wanderte und wanderte ruhelos in ihrem Zimmer umher, die ganzen Nächte, und durch die Wälder tagelang. »Hätte ich nur gleich gebeichtet, was ich gethan!« jammerte sie. »Aber da ich schwieg, muß ich schweigen, sonst werde ich der Brandstiftung, beschuldigt. Wer weiß, was sie denken! Wenn Tom das Kreuz gesehen hat, dann bin ich verloren; dann ist er sicher, daß ich's gethan habe! Und Vaughan! Vaughan! Wie sieht er mich an, wie behandelt er mich! Ich habe ihn damals ausgelacht, das hat er nicht vergessen! Er denkt, ich habe es gethan! O mein Gott! mein Gott! wie bin ich unglücklich! Ich habe das nicht verdient, mein Gott, für meine bösen Gedanken! Warum kehrte ich nicht um, als ich Angst bekam; aber ich dachte, Temorah würde kommen! Temorah allein! Was hätte sie da machen können in den Flammen, was?!« So gingen die Gedanken immerfort, wie ein Rad. Immer dieselben, immer dieselben. Da war kein Entrinnen. Dann dachte sie, daß sie des braven Morgan Frau nie mehr werden könne, mit dem schweren Gewissen und dem schweren Verdacht, und auch darüber wurde sie traurig. Sie malte sich ihre friedliche Zukunft aus an seiner Seite, als geliebte und geachtete Frau. »Vorbei! vorbei!« jammerte sie. Wenn sie nur einen Menschen gewußt hätte, vor dem sie ihr Herz hätte ausschütten mögen.

Aber vor Jedem hielt sie unüberwindliche Scheu zurück, und das Gefühl, man würde ihrer Geschichte keinen Glauben schenken.

So wanderte sie weit durch die Herbstnatur am Meerstrand entlang, zu den kupfergrünen Seeen, auf die sogenannte Teufelsbrücke, die über dem brausenden Wasserfall zwischen mauerglatten Felsen schwebt, als hätten Menschenhände Solches nicht vollbringen können. Dort lehnte sie und dachte daran, in die kochende kalte Tiefe hinunterzuspringen. Aber ihr junger Körper wehrte sich gegen den Tod, und so ging sie wieder weiter.

Eines Abends merkte sie, daß sie nicht vor Nacht nach Hause kommen könne, wenn sie nicht den Fluß durchwatete, da keine Brücke weit und breit, die sie hätte vor der Dunkelheit erreichen können. Ohne sich weiter zu besinnen, zog sie Schuhe und Strümpfe aus und wollte eben den Fuß in's Wasser setzen, als sie sich von rückwärts gefaßt und auf eine Schulter gehoben fühlte, und Tom's Stimme sagte: »So, mein Kind, wir Beide jetzt!«

»Laß mich los! laß mich los!« rief Kathleen. »Ich will fort, laß mich los! ich habe nichts mit Dir zu schaffen!«

»Ich aber, ich habe mit Dir zu schaffen, das wirst Du gleich sehen, mein Kind!«

Er lief mit ihr einer nahen Höhle zu, die tief und dunkel war, voll schauerlicher Schatten; dort warf er Kathleen auf den Boden und hielt sie mit dem Knie fest.

»So, mein Schatz,« sagte er. »An den Galgen bring' ich Dich nicht, aber Strafe muß sein. Da ich keine Folter habe, Dir Geständnisse zu entlocken, so werde ich das auf meine Manier versuchen.«

»Was willst Du thun? Laß mich los! Tom! Tom! bei allen Opfern, die ich Dir gebracht, beschwöre ich Dich, laß mich los! Was willst Du thun! O! Hülfe! was willst Du thun! Tom! Laß mich los!«

Er hatte mit eisernem Griff ihre beiden Füße erfaßt und hielt sie so hoch, daß sie sich nicht rühren konnte.

»Laß mich los!« schrie Kathleen in steigender Angst.

Er aber begann, ihr die Fußsohlen zu kitzeln, ohne ein Wort zu sprechen. Sie wand sich hin und her, sie zuckte, sie schrie, sie brach in ein schallendes Gelächter aus, von dem die Höhle aus Bergestiefen widerhallte als antwortete ein Höllenchor. Sie hoffte, das furchtbare Gelächter, das ihr entrungen wurde, würde Menschen herbeilocken. Aber draußen rauschte der Fluß, weithin dröhnte die See, und Menschen kamen zu so später Stunde hier nicht mehr vorbei. Entsetzen, Todesangst, Grausen, alles vermehrte nur das gräßliche Gelächter, bei dem es ihr war, als sähe sie im Dunkeln Tom's Augen wie Tigeraugen leuchten. Er kitzelte fort und fort, bis sie dachte, Wahnsinn würde ihren Geist umnachten. Da brach er plötzlich ab. »Nun,« sagte er, »wirst Du mir jetzt beichten, daß Du Temorah's Häuschen angesteckt?«

»Nein! nein! nein!« rief Kathleen. »Nein, ich that es nicht!« Sie hatte so viel Besinnung, sich zu sagen, daß ein gewissenloser Mensch wie Tom sie auch an den Galgen ausliefern würde.

Augenblicklich begann die von ihm erfundene Folter von Neuem. Kathleen lachte, mit Schaum vor dem Munde, mit rollenden Augen, lachte, lachte, aber schrie: »Nein! Nein!« sobald er ihr zum Athmen Luft ließ.

»Ich habe Zeit,« sagte er gelassen. »Und ich will die Wahrheit wissen, und wissen werde ich sie.«

Kathleen rief: »Und wenn Du mich getödtet, was weißt Du dann?«

Man stirbt nicht so leicht, mein Herz. Hast Du Temorah's Häuschen verbrannt?«

»Nein! nein! nein! ich hab' es nicht verbrannt!«

»Du lügst! und ich will es Dir zeigen!« Das gräßliche Kitzeln begann von Neuem. Da half kein Wehren. Im Gegentheil. Er zog einen Strick aus der Tasche, band ihr damit die Arme an den Leib, und begann die grausame Arbeit mit frischer Kraft.

Als er sah, daß sie wirklich an Wahnsinns Rande war, frug er sie noch einmal. Diesmal antwortete sie nicht.

»Was mit der Qual nicht geht, wird die Liebe Dir entreißen,« sagte er, und Kathleen gab sich verloren.

Während der Zeit saß Lewes allein bei seiner Lampe mit einem Brief von Edleen in den Händen, in welchem sie ihn beschwor, Geld zu finden. Sie habe keines mehr. Einliegend ein Brief von Tom, der mit Selbstmord drohe, oder mit einer Diebesbande, der er sich anschließen würde, wenn man ihm nicht sofort Geld verschaffe.

Lewes hielt sich den Kopf fest, und seine abgezehrten Finger gruben sich in die feinen Haarsträhne, die sich unablässig lichteten. Sein Gesicht war gefurcht, wie ein Weg im Winter, seine Augen erloschen, sein Gang unsicher. Owen sah mit großer Besorgniß des trefflichen Freundes Gesundheit schwinden und hatte darüber manches Gespräch mit seinem Principal. Er war aber stets derselbe tadellose Geschäftsmann, der nicht einen Tag seine Pflicht versäumte, nicht einen Augenblick seine Klarheit verlor und mit seltener Gewandtheit und sicherem Blick die Sachen vorhersah und benutzte, so daß Vaughan's Reichthum sich rasch mehrte. Um so bitterer waren die Gedanken, die Lewes zerwühlten. Was half all' der Reichthum? Edleen schlich dem Grabe zu; er hatte es bei seinem letzten Besuche gesehen. Er hatte versucht, Vaughan zu bitten, etwas für Tom zu thun, aber Vaughan war in diesem Punkt unerbittlich; er konnte nicht einmal vertragen, daß man von Tom sprach, seinen Namen nannte, seine Mittellosigkeit erwähnte. Seine Augen bekamen dann einen stählernen Ausdruck, seine Stimme wurde hart und schreiend, und selbst alle seine Liebe zu Edleen konnte ihn da nicht erweichen. Im Gegentheil, er fühlte einen steigenden Haß gegen den Urheber ihrer Leiden. Sie mußte ihn zuweilen um Geld bitten, um vor ihm zu verbergen, daß sie welches hatte; denn es mußte ihn befremden, daß Tom fortfahren konnte mit seinem Treiben. Edleen war jedesmal vorher und nachher zu Bett, wenn sie für ihren verlorenen Sohn bitten mußte, denn Vaughan konnte sich gar nicht mehr beherrschen, wenn von diesem die Rede war, nicht einmal vor Edleen.

Lewes hatte dem beigewohnt; es war für ihn eine Folter gewesen, und ihm war es, als dürfe er diese herrliche Frau nicht mehr in solche Lage bringen. Da saß er die ganze Nacht, manchmal ging er mit leisen Schritten auf und ab, um Keinen im Hause zu wecken, dann setzte er sich wieder. »Ich habe diese Frau lieber als mich selbst, ganz gewiß, sogar lieber als meine Ehre! Ich will das thun, das mich zu einem Verbrecher macht, und ich weiß es. Ich thu's mit kaltem Blute, ganz kalt. Mein Herz klopft nicht einmal. Vielleicht wird Gott ein gnädiges Verzeihen mir armem Sünder spenden, um meiner großen, großen Liebe willen!«

Der Gedanke, der ihm gekommen war, erfüllte ihn mit Entsetzen. Er erschrak vor sich selber, daß er im Stande gewesen, ihn zu fassen, und wieder schoben die durchsichtigen Finger die matten Haarsträhne über den Scheitel, und ein feines Roth überschlich die Stirn, die sich mit Falten bedeckte, wie ein See im Ostwind. Die Finger ließen weiße Striemen darin, so hatte er sie eingegraben. »Ich bin ein verlorener Mann, ein verlorener Mann! Ich bin nicht besser als – – Und wenn ich das thue, wie lange dauert's bis zur Entdeckung? Wie lange? Und wenn es nur dauert, so lange sie noch lebt, dann ist's einerlei, was aus mir wird. Geld soll sie haben, die arme Frau! Geld will ich ihr schaffen, damit sie friedlich sterben kann. Warum sieht Er es denn nicht? Was thäte es ihm, den hundertsten, den dreißigsten, den zehnten Theil seines Vermögens zu opfern für ihre Ruhe.

Aber nein! Da steht er groß, stark, unantastbar, gefürchtet, mit seinen weittragenden Plänen, – was werden die ihm helfen, wenn er an ihrem Sarge kniet! Und ich armer Mann gehe in die Hölle um sie! Wer liebt sie mehr, er oder ich? Wer? Wenn ich das thue, dann liebe ich sie mehr. Ja, mein gewaltiger Principal, Du kannst nicht aufkommen gegen Deinen Diener, den Du verachten, verstoßen, verklagen wirst, ohne Mitleid, ohne Reue, ohne einen Gedanken an den Beweggrund seiner Handlungen. Und meine ganze lange, ehrliche, tadellose Laufbahn wird Staub sein und Plunder, wie die Steine, die er heute noch für echt hält, und die lauter Scherben sind! Bisher tauschte ich Steine um, jetzt komm' ich selber an die Reihe. Jetzt werde ich umgetauscht, man wird mich noch lange für werthvoll halten, bis man mich hinausfegt als schlechten Scherben und mit dem Fuß zertritt, um zu beweisen, daß ich niemals echt gewesen. Aber ich war echt, so echt wie Wenige, so gewandt wie Wenige, und nun muß mir meine eigne Gewandtheit den teuflischen Gedanken eingeben! Was hat dieses Weib aus mir gemacht mit ihren Augen! Jetzt aber, wenn ich ein Verbrecher bin, durch sie, jetzt will ich's ihr endlich sagen: Um Dich! Für Dich! Aus Liebe! Thor! Thor, der ich bin! Sie wird mich mitleidig anhören und sagen: »Nun, dann haben Sie mein armes Kind auch lieb!« Das ist alles, was sie mit sanfter Stimme sagen wird. Ich kenne sie ja. Kenn' ich sie nicht?« Er lachte einmal auf.

»Sie wird sagen: »Ich sterbe bald, verlassen Sie mein Kind nicht!« und dann kann ich antworten: »Ich werde zu seiner Diebesbande gehören!« Das kann ich dann antworten. Nein, sie soll nicht wissen, wie ich das Geld für sie finde. Nie soll sie es wissen; denn am Ende verachtet sie mich noch um das, zu dem sie mich verführt hat. Was ist denn auch an mir gelegen? Ich geh' zum Teufel, weiter nichts. Die Firma wird nicht viel leiden. Ich nehme ihm so wenig! Solch ein kleiner Aderlaß ist ganz gesund, der schadet Keinem; wie lange Zeit wird er es gar nicht merken! Und wenn er's merkt, dann lebt sie nicht mehr, und dann brauche ich auch nicht mehr zu leben. Owen, mein Freund! wie wird es Dich kränken! Wie wirst Du mich verfolgen! wie wird Deine rechtliche Seele mich verleugnen und verachten! Aber Du hast dieses Weib nicht geliebt, Du weißt nicht, was das heißt, Edleen zu lieben, Owen, mein alter Owen! Das ist eine Kraft und eine Schwäche, von der Du keine Ahnung hast!«

Er ergriff die Feder zu einem Geschäftsbrief. Große Tropfen perlten auf seiner Stirn, und er zerriß in winzige Fetzen, was er geschrieben, und verbrannte sie mit äußerster Sorgfalt.

»Sonderbar! es will doch nicht recht gehen. Es muß vielleicht eine Formel geben, durch die man seine Seele dem Teufel verkauft, und dann stirbt das Gewissen.«

Er ging eine Weile auf und ab, dann setzte er sich wieder und schrieb einen zweiten, ähnlichen Brief, aber nach einer andern Richtung. Auch diesen vernichtete er mit derselben Sorgfalt, aber scheinbar mit weniger Unruhe.

Beim dritten Male schien er sich an seine Schriftzüge gewöhnt zu haben. Er las und las wieder, was er geschrieben, und las es eine Stunde lang, obgleich es sehr kurz war. Einmal griff er nach des Blattes Rand, als wollte er auch Dieses zerreißen, da fiel sein Blick auf Edleen's verzweifelten Brief, und er zerriß es nicht, sondern faltete. Dann entfaltete er das Blatt noch einmal, las es noch einmal durch, schrieb die Adresse und siegelte. Seine Hand bebte, die den Siegellack niederfallen ließ. Dann lag der Brief da und sah gerade so aus, wie all die andern Briefe, die den Schreibtisch bedeckten. Aber Lewes sah nicht mehr so aus wie am Abend zuvor, als das trübe Morgendämmerlicht durch den Londonnebel brach und ihn so alt, so müde, so bleich erscheinen ließ, wie ein Gespenst, wie sein eigner Geist, der aus dem Grabe aufgestanden.



XVIII.
Aus den Tiefen.

Dasselbe Dämmerlicht schien rosig auf den Felsen, der Grotte gegenüber, so daß der Reflex dieselbe bis tief in's Innere erleuchtete. Da lag Kathleen im Sande, wie eine abgemähte, zertretene und zerrissene Blume, aus der alles Leben und aller Duft gewichen, und von der Keiner mehr wissen wird, daß sie eine schöne, stolze Blume gewesen. Die langen Wimpern lagen auf wachsbleichen Wangen und blauschwarzen Schatten; um die Lippen zuckte es von Zeit zu Zeit, wie ein welkes Blatt zittert, wenn ein Lufthauch es berührt; die Hände lagen ineinander, weit ausgestreckt, kein Willen mehr darin; die wirren schwarzen Haare waren grau von Staub, ihre Kleider zerfetzt, und der Athem ging so leicht, als wenn sie sterben wollte. Tom war pfeifend davongegangen, nachdem er sie mit dem Fuß fortgestoßen und sie Brandstifterin genannt, ganz dicht an ihrem Ohre. Sie aber hatte nicht einmal mit den Wimpern gezuckt und keinen Laut von sich gegeben, als er davongegangen, durch den herrlichen Morgen, um sich in Bad und Bett zu erquicken und heiter vor seiner Mutter zu erscheinen, zärtlich, weich, ihr zehnmal die Kissen wendend, die Füße bedeckend, sie mit einem kleinen Löffel fütternd, damit sie die schwachen Hände nicht zu bewegen brauchte. Sie fragte einmal nach Kathleen. »Nun,« sagte Tom sehr heiter, »Kathleen ist sterblich in mich verliebt! Sie hat keinen andern Gedanken mehr, die arme Kleine! Schade, daß man sie nicht heirathen kann!« – Damit war das Thema abgethan.

Kathleen lag wie todt, während Stunde um Stunde verrann. Einmal versuchte sie es, sich auf ihren Arm aufzurichten, fiel aber wieder zurück in ihr Bett von Staub, und bewegte ein wenig die Lippen, wie von großem Durste. Es war wohl ein Wunder, daß sie nicht gestorben war, so kam es ihr wenigstens vor, und nun blieb ihr nichts als sterben. Warum hatte Tom sie nicht getödtet? Er war doch nahe daran, und sie hätte den Tod von seiner Hand gern hingenommen. Endlich raffte sie sich empor und die Kleider um sich, so gut es ging, und verließ taumelnd die Höhle. Ohne zu wissen, was sie that, lief sie in den Fluß, der war aber, wie viele Berggewässer, an der Stelle gar nicht tief; klar rieselte er über das farbige Gestein weg: Wohl legte sie sich hinein, hatte aber nicht die Willensstärke, mit dem Kopf unter dem Wasser zu bleiben und stieg triefend wieder empor. Sie mußte sich an's Ufer setzen und Haar und Kleider auswinden, um nur weiter zu können vor Entkräftung. Dann schlich sie die Felsen entlang in die einsamste Schlucht, dem grünen, kupfergiftigen See zu, der sie bald aufnehmen und für ewig trösten würde.

Wunderschön winkte ihr Ziel ihr entgegen, als sie mit sinkender Kraft es erreichte. Sie gedachte, sich ganz langsam hinabgleiten zu lassen. Die Schuhe hatte sie im Fluß verloren und war barfuß hergekommen. Sie setzte sich an's Ufer und hielt die kleinen wunden Fuße in das schöne grüne Wasser und betrachtete sie wie ein Thier, ohne etwas zu denken. Gedanken hatte sie überhaupt keine mehr, nur das Gefühl, daß das Wasser kühl sei, kühl und gut; sie glitt tiefer hinein, bis an den Gürtel, mit dem Arm um einen Baumstumpf; noch ein wenig tiefer. Es war immer kühler. Jetzt wurde auch das Herz kühl, kühl, kühl, und dann war nichts mehr.

Der Mond stieg einmal wieder über die Berge um zu sehen, was man in dem Thal des Erdenleides machte, und schien in den grünen See, und schien an dem grünen See auf eine wunderbar schöne Gruppe. Da saß Llewellyn im Silberbart am Ufer, und auf seinem Schooße lag allem Anschein nach eine todte Jungfrau; denn sie war weiß wie eine Leiche, und kein Hauch kam mehr über ihre Lippen. Und doch schien der Menschenfreund an Leben zu glauben; denn er rieb ihr die Glieder und flößte ihr Tropfen aus seiner Wanderflasche durch die geschlossenen Zähne ein und bewegte ihre Brust, die in ihrer ganzen Schöne vor dem Monde lag und auf die Llewellyn nicht bewundernd wie ein Künstler, sondern gespannt wie ein Arzt den Blick geheftet hielt, bis eine leise Bewegung ihn lächeln machte, und er dem Herzschlag nachfühlte, der sich zu regen begann und die Halsadern pulsiren machte. Langsam hoben sich die schwarzen Wimpern, und mit starrem, abwesendem Blick betrachtete Kathleen, das Gesicht, das sich freundlich über sie herabneigte und ihr zulächelte.

»Mein armes Kind!« sagte endlich Llewellyn. Dieses erste Menschenwort brach den Zauber und Kathleen schrie beinahe auf: »Was? ich lebe noch?« –

Sie schlug beide Arme vor's Gesicht: »Aber ich will nicht! ich muß nicht leben!« Llewellyn sah ruhig auf sie nieder, und als er die erste Bewegung sah, die bei jedem weiblichen Wesen zwischen drei und achtzig Jahren Wiederkehr zum Leben anzeigt: Schamhaftigkeit, das Bestreben, den Busen zu verhüllen, da begann er, leise wie ein murmelnder Bach, wie fernes Blätterrauschen zu ihr zu sprechen, ihr zu sagen, daß das Leben etwas zu Kostbares sei, um es so zu verschleudern, selbst wenn es für den Augenblick unerträglich erscheine. Er zwang sie, noch zu trinken, und als sie endlich in einen Thränenstrom ausbrach, ließ er sie sich ausweinen und streichelte still ihr feuchtes Haar. Dann begann sie zu erzählen und erzählte ihm alles, alles. Der alte Mann lauschte tief erschüttert und hüllte sie mit väterlicher Zärtlichkeit fester in seinen Mantel, den er um ihre erstarrten Glieder geschlagen.

Sie sprach und sprach, und zuletzt nahm sie etwas Brod von ihm an, wie sie sah, daß er sie nicht mit Abscheu von sich fortschleuderte. Der Morgen wollte schon leise dämmern, als Kathleen einschlief vor Erschöpfung, und Llewellyn, ohne sich zu rühren, sie schlafen ließ, dabei hin und her überlegend, wohin sie zu bringen in diesem Zustand.

Das nächste bewohnte Haus nach irgend welcher Richtung hin war Martyn's Haus. Wenn er sie bis dahin schleppen konnte, so war sichere Hülfe da, im Fall heftiger Erkrankung, die wohl vorauszusehen war. Er sah die Höhen rings um sich in Rosenlicht tauchen, die Herbstbäume, die noch voll im goldenen Laube standen, sich in warmer Gluth entzünden, während unten am See noch alles in tiefblaue Schatten gehüllt war. Es war ein Tagesanbruch, wie er den greisen Sänger entzücken mußte. Er hatte auch in seinem Leben nie sehr lange traurig sein können, nun mußte er lächeln in all' die Pracht hinein, die sich vor ihm entfaltete. Er bemerkte nicht, daß schon seit einigen Minuten Kathleen's düstere Augen auf ihn geheftet waren, mit der Frage des Verzweifelten darin: Was hat der Mensch zu lächeln, während ich vor Elend sterbe! – Jetzt gewahrte er, daß sie erwacht sei, und fragte sie freundlich, ob sie wohl die Kraft fühle, sich zu erheben, Sie richtete sich auf. »O ja!« sagte sie rauh und kurz. »Ich kann gehen. Adieu!«

»Nein, mein Kind. Wir gehen zusammen.«

»Wohin?« mit scheuem Blick den Boden suchend.

»Ich weiß, wohin Kranke vor allem gehören, und wenn wir sicher sind, daß Sie gesund sind, dann bringen wir Sie nach Hause.«

»Mich? wohin bringen Sie mich? Doch nicht in's Vicariat? Da habe ich nichts zu suchen!«

»Nein, gewiß nicht in's Vicariat. Vertrauen Sie sich mir an, mein Kind. Wir wollen zuerst eine Menschenwohnung erreichen, Ihre Kleider in Ordnung bringen und dann Ihren Weg so ebnen, daß Sie ihn betreten können.«

»Ich weiß nur Einen, zu Ulla, der Hexe.«

»Zu Wem?«

»Zu Ulla, der Hexe.«

»Lebt Ulla noch?«

»Ja, freilich, sie ist auch solch' ein ausgestoßenes Wesen wie ich; da gehöre ich hin, in die Höhle der Hexe, die Menschenherzen vergiftet und irre führt, um sich an Allen zu rächen. Ja, da will ich hin.«

»Also sie lebt?«

»Ja, was erstaunen Sie denn so. Wissen Sie etwas von ihr?«

»O ja, ich bin ja alt. Ich habe viel gesehen und Viele gekannt. Aber da werden Sie nicht hingehen, sondern zu Ihrer Pflicht zurück.«

»Zu meiner Pflicht?«

»Und was soll Edleen machen ohne Sie?«

»Sterben, wie sie es sicher thun wird.«

»Sie wird weder bald, noch leicht sterben.«

»Und ich soll in das Haus?«

»Ich werde Ihnen das Haus vorbereiten.«

»Eher gehe ich in die weite Welt.«

»Nicht wahr? Als Bettlerin oder als was?«

»Als gar nichts.«

»Wir werden bald eine Wohnung erreichen; so, wollen wir den Mantel noch besser um Sie schlagen, daß man die Füße nicht sieht.«

Langsam und vorsichtig schritten die Beiden durch den wundervollen Herbstmorgen dahin. Kathleen hielt den Blick gesenkt auf den Staub zu ihren Füßen; in ihrem bleichen Gesicht lag die Härte der Verzweiflung. Sie sah medusenhaft aus, mit dem wirren schwarzen Haar, und sprach kein Wort. Einen Selbstmörder zu retten, ist ein undankbares Geschäft; denn es handelt sich darum, ihn mit sich und der Welt auszusöhnen, während er vor Scham sterben möchte, und nicht verzeihen kann, daß er nicht gestorben ist. Das alles sagte sich der Herzenerforscher und war sehr still. Mit einem Male klang an der Biegung des Weges ein sehr schönes leises Singen, und vor ihnen lag das Thal mit den Trümmern von Temorah's Häuschen, und im Rasen ging Temorah hin und her, wiegte ein weißes Kissen in den Armen und sang.

Kathleen blieb wie eingewurzelt stehen.

»Ich will fort!« flüsterte sie. »Ich will fort von hier.«

»Kommen Sie, mein Kind, die arme Gestorbene dort erkennt uns nicht.«

»Ich kann da nicht vorbei.«

Llewellyn seufzte müde und bog in einen ziemlich weiten Umweg ein. Ihm war es, als wanderte Kathleen langsam, und Kathleen dachte, er schliche, bis sie endlich Martyn's Haus in einem wundervollen Thale erreichten.

»Doch nicht hier hinein?« sagte Kathleen mit zusammengezogenen Brauen.

»Doch, mein Kind, wo wären wir besser als bei dem vortrefflichsten Freunde und klugen Arzte. Er wird uns helfen.«

»Helfen! Das nennen die Menschen helfen!«

»Ja, nicht wahr, Menschenhülfe ist nur Stückwerk und Grausamkeit.«

Llewellyn klopfte an. Die freundliche alte Köchin machte auf und schlug die Hände über'm Kopf zusammen über Kathleen's Anblick.

»Bitte, liebe Frau, schnell ein warmes Bett und warmen Thee; wir sind vom Felsen gefallen, in den See, und es ist ein wahres Wunder, daß wir noch am Leben sind. Und im Magen haben wir auch nichts mehr, seit vorgestern.«

Die gute Alte behielt ihre Gedanken hinter den Brauen und ihre Fragen hinter dem Zaum der Zähne, wie sie's vom Herrn gewohnt war, und that, wie man ihr geheißen. Während dessen setzte sich Llewellyn an Martyn's Bett, erzählte ihm die ganze Geschichte und fragte ihn, was nun zu thun?

»Ich will nachdenken,« sagte Martyn, eilte, in sein Bad und in seine Kleider zu kommen und trat bald bei Kathleen ein, die in einem sauberen weißen Hemde der Alten in den weißen Kissen lag, mit den Wimpernschatten auf todtenbleichen Wangen, von dem schwarzen Haar umwogt, und die bläulichen Lippen und Nägel zeigten an, daß jetzt erst die ganze Kälte der kalten Gewässer in sie eingedrungen und wahrscheinlich ein starkes Fieber herbeiführen würde. Als sie den Doctor erkannte, drehte sie den Kopf nach der Wand und machte eine Bewegung mit der bleichen Hand, als winkte sie ihn hinaus. Die Hand fiel aber matt auf das weiße Linnen zurück. Martyn setzte sich an's Bett, nahm die eiskalte Hand in die seine und sagte mit seinem angenehmen Organ:

»Wenn einen der Tod nicht hat haben wollen, dann muß man es eben doch wieder mit dem Leben versuchen.« Keine Antwort.

»Und wenn man Unrecht gethan hat und Böses gedacht hat, dann muß man zuweilen einen langen Weg wandern, bevor man von sich selber Absolution erhält.«

»Ich habe mehr als gesühnt,« sagte Kathleen zwischen den Zähnen.

»Ja, Sie sind sehr unglücklich, was aber nicht sagen will, daß Sie nicht dennoch leben müssen. Es leben viele Unglückliche.«

»O ja, ich kann auch noch betteln gehen. Das kann man ja. Zu Kindern und von Krankenpflegerinnen verlangt man Zeugnisse von tadellosem Wandel. Ich kann etwas singen. Da werde ich Straßensängerin, das ist auch gelebt.«

»Glauben Sie, wir lassen Sie verkommen? Glauben Sie nicht, daß wir uns Alle verpflichtet fühlen, an Ihnen gut zu machen, was Einer gesündigt.«

»Ach!« sagte Kathleen mit einem Ausdruck von so tiefem Widerwillen, so unsäglicher Müdigkeit, so meertiefer Verzweiflung, daß es Martyn in die Seele schnitt. Er hatte sie nie leiden mögen, sie kam ihm leichtsinnig vor, und ihr Coquettiren mit Tom und Morgan zugleich war ihm ganz zuwider. Aber sie so zu finden, das löschte alles aus, was er früher von ihr gedacht. Bald schlugen die Zähne in heftigen Fieberfrost schauernd aufeinander, aber Kathleen phantasirte nicht. Sie schwieg beharrlich, in der Angst, sich zu verrathen. Beständig war es ihr, als stürze sie von einem Felsen und wate durch immer tiefere und schwärzere Gewässer, bis unter die Arme, dann zog man sie an den Haaren heraus, und dann fiel sie wieder und watete wieder. Vor dem Herausziehen hatte sie besondere Angst, das brachte jedesmal wahnsinnige Kopfschmerzen, als zöge man ihr Gehirn mit heraus.

Die Nacht war schlimm, und ihre Freunde verließen nicht ihr Lager, damit sie ihr etwaiges Phantasiren bewachen könnten. Am Morgen richtete sie sich plötzlich auf.

»Horch!« sagte sie. »Horch! da ist er! da ist er! nicht hereinlassen! O, nicht hereinlassen! Da ist er wieder! O! mein Gott! mein Gott! laßt mich fort!«

Einige Minuten später hörten sie einen Schritt auf dem Kieswege. Martyn sah hinaus, es war wirklich Tom. Martyn trat vor seine Thüre.

»Wen suchen Sie hier?«

»Nun, Sie doch!«

»Ich bin nicht zu Hause, ich bin nie mehr zu Hause, verstanden? Ich habe nur eine Bitte, daß Sie augenblicklich nach London reisen und in den nächsten Monaten nicht wieder erscheinen.«

»Muß es London sein? Ich kann zu meinem Freunde Llewellyn.«

»Bei Llewellyn ist kein Raum mehr für Sie; er würde Sie nicht aufnehmen. Gehen Sie nach London und bleiben Sie dort. Man kann Sie hier nicht brauchen.«

»Aber was ist denn geschehen?«

»Soll ich Ihnen erzählen, was geschehen ist? Fort, wir kennen Sie nicht mehr. Gehen Sie dahin, wo man nichts von Ihnen weiß, oder wo Ihres Gleichen ist.«

Martyn warf die Thüre zu und trat wieder bei Kathleen ein, wo Llewellyn Wache gehalten.

Kathleen hatte mit weit aufgerissenen Augen zugehört, jetzt seufzte sie tief auf, legte sich zurück und schlief ein.

»O!« flüsterte Martyn. »Nun ist alles gut, morgen ist sie gesund.«

Sie schlief fast den ganzen Tag, immer noch in einer Art von Betäubung; in der nächsten Nacht kehrte Fieber zurück, aber am darauf folgenden Morgen blickte sie klar aus den Augen und nahm auch etwas Speise und Trank zu sich.

Die Alte erzählte ihr, Edleen habe mehrmals geschickt und verlange sehr nach ihr. Sie sei gar nicht wohl, und Niemand könne sie pflegen, Niemand ihr etwas recht machen, ob das Fräulein nicht bald käme?

Kathleen hörte schweigend zu. Das war also ihr Weg? Dort war ihre Pflicht? Die Pflicht der Dankbarkeit? O nein, nein, nein! Denn sie hatte mit allem bezahlt, was sie jemals schuldig gewesen. Aber es gab doch ein Wesen auf der Welt, das nach ihr verlangte. Merkwürdig! – Sie lag und dachte über alles nach, und als Martyn hereinkam, theilte sie ihm ihren Entschluß mit, aufzustehen und zu Vaughan's zurückzukehren. Er streichelte ihre Hand, wie einem Kinde, das man nicht laut loben und doch zum Rechtthun ermuthigen will. Ihre Kleider hätte man ihr geschickt sagte er. Kathleen schien noch etwas auf dem Herzen zu haben, das sie nur mühsam hervorbrachte.

»Muß ich nicht,« sagte sie endlich, »muß ich nicht dem Hausherrn mittheilen, wen er unter seinem Dache hat?«

»Nein, das ist nicht nöthig. Ich habe ihm gesagt, Sie seien krank geworden aus Verzweiflung, weil durch Ihre Unvorsichtigkeit Temorah's Häuschen in Brand gerathen.«

»Er denkt, ich hab's angesteckt.«

»Nicht mehr. Und er ist ein so gequälter Mann, daß er nicht mehr viel an Andere denkt und sehr nach Hülfe verlangt, da er seine Frau nicht zu behandeln versteht, und sie weder seine Nähe noch seine Hülfeleistungen vertragen kann. Sie ist sehr krank.«

»Stirbt bald?«

»Vielleicht nicht, wenn wir sie pflegen wie eine Blume.«

Am Nachmittag saß Kathleen im Sessel am Kamin, und Llewellyn erzählte und erzählte, und manchmal hörte sie ihm sogar zu, was offenbar kaum der Zweck seines Erzählens war.

Als sie sich zurückzog, sagte sie:

»Man dankt wohl gewöhnlich seinem Lebensretter?«

»Manchmal,« sagte Martyn. »Aber doch nicht oft.«

»So? Dann brauch' ich's nicht zu thun?«

»Nein, gewiß nicht,« sagte Llewellyn . »Sie können mir aber vielleicht verzeihen, wenn Sie erfahren, daß ich wirklich gezaudert habe, Sie wieder lebendig zu machen.«

»Dafür danke ich Ihnen,« sagte sie und reichte ihm die Hand.

Am andern Tage brachten Llewellyn und Martyn sie in Vaughan's Wagen heim, nachdem sie sicher waren, daß Tom nach London gefahren. Edleen war sehr verändert, streckte nach Kathleen die Arme aus und schloß sie in einen solchen Strom von Zärtlichkeit ein, daß das arme Kind sich wenigstens nicht unnütz vorkommen durfte. Als sie aber ihr altes Zimmer betrat, wurde ihr's so weh, daß sie um ein anderes bat, unter dem Vorwande, näher bei Edleen wohnen zu müssen. Die hatte offenbar ihre eigenen Gedanken; denn sie folgte Kathleen unablässig mit bangem Blick, ließ sie gar nicht von ihrer Seite und schien demüthig dankbar für jede kleine Handreichung. Vaughan's Stirn furchte sich nach allen Richtungen; es war, als schriebe jeder Tag neue Falten hinein. Tom hatte die Bergleute gegen ihn aufgereizt, und mehrere kleine Unruhen mußten mit einiger Härte unterdrückt werden, und Edleen lag tagaus tagein auf ihrem Schmerzenslager und konnte nicht mit sanfter Hand lindern und heilen, was die Männer zu rauh anfaßten. Owen war gekommen. Sie sah ihn aber nicht viel. Sie fürchtete sich vor seinem Blick und vor dem Mahnen an ihr einstiges Versprechen. Wie weit war sie seitdem hinabgeglitten, und was gähnte ihr entgegen!

Der Novembernebel brachte auch Gwynne schlimme Tage; er hatte häufigere Erstickungsanfälle, die er mit stoischer Geduld ertrug, und mit seiner Freundlichkeit keine gedrückte Stimmung duldend, sprach er lebhaft und nahm an allem Theil.

Eines Tages fand Martyn ihn aber dennoch niedergeschlagen.«

»Was fang' ich mit Morgan an! Du bist mir ja ein lieber Sohn geblieben, ich darf mit Dir alles besprechen, Martyn? Ich habe so große Sorge wegen Morgan. Er verzehrt sein Herz um Kathleen, und die wünsche ich ihm nicht als Frau.«

»Nein, gewiß nicht,« fuhr Martyn heraus. »Ich bin sogar der Meinung, daß man ihn mit einem Schlage heilen sollte von dieser Thorheit, die ihm nur unnütz das Leben vergiftet.«

»Mit einem Schlage?«

»Ich halte den Blitzstrahl in meiner Hand; wenn er aber zerstört?«

»Morgan hat ein starkes Herz.«

Martyn erzählte Kathleen's Geschichte einfach und wahr.

»Ja,« sagte Gwynne endlich, »das ist allerdings entscheidend, aber schwer, schwer. Der arme Bube.«

»Jedenfalls hat es noch einige Tage Zeit.«

»Ich möchte mich nur ein wenig kräftiger fühlen.«

Während dieses Gesprächs saß Gladys im Nebel an Una's Grab, auf einer kleinen Bank, die ihr die Brüder gemacht. Sie hatte das Heimliche, Geschlossene des Nebels so gern und das leise Rieseln im todten Laube. Einige Rosen blühten noch auf Una's Grab, und die kleinen Nebeltropfen hatten sie mit Diamanten übersät. Gladys war zu seltener Schönheit erblüht. Die stille Trauer, das schwarze Kleid, das schweigend getragene Liebesleid, die Angst um den Vater, die träumerischen Augen unter der Krone von goldenen Zöpfen, die hohe, biegsame Gestalt, dies alles verlieh dem jungen Mädchen wunderbaren Zauber. Missy dachte unablässig an Una's letzte Worte; sie sah aber zur Erfüllung ihres Herzenswunsches keinen Schritt geschehen. Gladys blieb kalt und hochmüthig, Martyn blieb ernst und fremd ihr gegenüber, und reichte sie ihm einmal die Hand, so ließ er sie augenblicklich fallen. Sie konnte nicht umhin, sein Lob zu hören, von allen Seiten, von Armen besonders, begegnete ihm auch oft auf Liebeswegen in den elendesten Hütten; meistens entfernte er sich dann schnell. Aber einige Male hatten sie doch Beide an Sterbebetten ausharren müssen und bei einem schwindsüchtigen jungen Mädchen hatten sich ihre Blicke begegnet und ihre Augen mit überquellenden Thränen gefüllt. Den nächsten Tag war aber das Eis zwischen ihnen fester gefroren als je.

Gladys war bald selbst vom Nebel bethaut wie die Rosen und träumte in die Stille hinein, als sie ziemlich nahe und durch die feuchte Luft scheinbar noch viel näher, süßen Gesang vernahm.

Es war eine Frauenstimme, die so zart und tief sang und so rührend, daß Gladys auf der Schwester Grab stillen Thränen ihren Lauf ließ.


Der Nebel fällt, mein Kind hat kalt, –
Mutter, meine Mutter!
Die Flur hat Schnee, sein Laub der Wald,
Mein Kind hat Linnen nicht noch Kleid,
Kalt bläst der Wind zur Winterszeit,
Der Nebel fällt, mein Kind hat kalt,
Mutter! meine Mutter!

Wo ist der Vater von Deinem Kind!
Tochter, meine Tochter!
Verließ er Dich in Schnee und Wind?
Gab er nicht Dach noch Lager Dir,
Ich bin ja todt, flieh' nicht zu mir, –
Wo ist der Vater von Deinem Kind,
Tochter, meine Tochter?

Mein Kind, das weint, der Nebel fällt,
Mutter, meine Mutter!
Ich bin allein auf weiter Welt,
Worein hüll' ich mein Kindelein,
Mein Bett Dein Grab, bin ganz allein.
Mein Kind, das weint, der Nebel fällt,
Mutter, meine Mutter!

Nichts hab' ich mehr in meinem Grab,
Tochter, meine Tochter!
Ein Todtenhemd nahm ich hinab,
Das schenk' ich Dir zu Windeln weich,
Mich deckt die Erde warm und gleich,
Sonst hab' ich nichts in meinem Grab,
Tochter, meine Tochter!


Gladys fühlte sich hingezogen zu dem traurigen Gesang; giebt doch das schwarze Kleid ein Verwandtschaftsgefühl und ein Mitleidsrecht mit denen, die trauern. Leise ging sie dem verklingenden Liede nach und fand Temorah auf ihrer Mutter Grab, die Bewegung machend, als wüsche sie die todten Blätter, die es bedeckten, eines nach dem andern, und dazu sang sie, halb abgebrochen, das Lied, und wenn sie damit zu Ende gekommen, fing sie wieder von vorn an, oder brach am Anfang ab und sang die letzte Strophe. Gladys sah ihr lange zu, mit überquellendem Herzen. Sie hatte schon oft mit Temorah zu sprechen versucht, und gemeint, man müsse ein verständiges Wort von ihr hören, aber umsonst. Heute nickte die arme Tolle ihr freundlich zu und sagte:

»Es friert nicht, gar nicht; denn Kathleen, die hat's verbrannt. So hat sie gemacht mit den Hölzchen, und da haben sie gebrannt, und dann hat das Bett gebrannt, und Kathleen ist fortgelaufen und hat gesagt: ›Tom's Kind! Pfui! Tom's Kind! Und wie gleicht es Tom, und ist gar nicht mein, sondern Temorah's!‹ Und da ist sie fortgelaufen. ›Pfui! Tom's Kind!‹ sie wollte es nicht haben, Kathleen! Sie wollte es nicht! nein, sie wollte es nicht! sie war nicht wie Temorah. Temorah wollte das Kind haben, aber nicht Tom, nein, nie Tom – Tom hat gesagt, – – – was hat er gesagt?« – hier legte sie den Finger an den Mund und lächelte schlau. »Tom hat gesagt: ›Viel Geld! Und noch Geld! Und ich verstecke mich bei Dir!‹ Und da war er, und aß und aß immer, und aß meine Milch und mein Brod, und das Kind das war in meinem Leib, und das schrie und war hungrig, aber er aß und aß und aß. Er hat sehr viel gegessen, und dann hat er gesagt: Kathleen ist doch schöner als Du! Und das Kind schrie, weil es hungrig war, aber er aß soviel er wollte.«

Gladys hatte den Arm um das nächste Kreuz geschlungen, um fest zu stehen. Denn der Boden schien unter ihr zu wanken.


»Mein Todtenhemde zart und weich,
Das schenk ich Dir zu Windeln weich,« –


sang Temorah. »Flämmchen waren's, ich sah ja Kathleen und die Flämmchen, und dann war's eine Flamme, groß, groß, groß. Kathleen ist gelaufen, damit ihr die Flammen nicht nachkämen. Sie wollte zu Tom. Ja, ja, Kathleen und Tom! Und als sie seinen Namen in's Kreuz – – – – seinen Namen, sie hat doch da hineingeschnitten. Wo ist denn das Kreuz? Das Kreuz ist fort! Mein Kreuz ist fort! Hast Du es fortgetragen? Tom stand darauf, und jetzt ist's fort –


Ich gab Dir alles, was ich hab',
Ein Todtenhemd aus meinem Grab,
Tochter, meine Tochter!


Und nun hat sie nicht einmal ein Kreuz!« Temorah weinte. »Weißt Du denn nicht, wo das Kreuz ist? Ich bin so müde, sonst würd' ich's finden, denn es war nicht in der Flamme. Aber Kathleen hat's gehabt, das Kreuz. Tom hat sie hineingeschrieben. Und das hat der armen Mutter so weh gethan, da hat sie Tom verflucht; ja ja, er ist verflucht!


Wo ist der Vater von Deinem Kind,
Tochter, meine Tochter!
Er ist, wo andere Diebe sind,
Mutter, meine Mutter!


Und wenn ich nicht wasche, dann ist mein Kind hungrig, denn meine Milch ist fort, ja die Milch ist fort, und Tom hat alles getrunken, und Kathleen hat die Ziege verbrannt, und meine Milch ist fort! Sieh' hier!« sie machte ihr Brusttuch auseinander und zeigte die Narbe in ihrer Brust: »Das hat der Doctor gethan, weißt Du, der Doctor, der gute Doctor, er ist sehr gut, aber er hat da hineingeschnitten, und die Milch ist fort. Und da muß ich waschen. Denn meine Ziege ist todt, die mir mein guter Vater, der Sänger, geschenkt hat.


Wer ist der Vater von Deinem Kind,
Tochter, meine Tochter!
Er trinkt und singt in Nacht und Wind,
Er sagt: Ich hab' Dich lieb! Und lacht,
Und hat's der Andern auch so gemacht!


Und die ihm glaubt, die ist verloren, verloren, verloren! Wo ist mein Kreuz? Ich bin so müde; denn ich hab's getragen. Weißt Du denn nicht, wo es ist? Kathleen weiß es auch nicht; Kathleen schrieb Tom, und da hat meine Mutter Kathleen verflucht. Weißt Du denn nicht wo's ist?


Gab er nicht Dach noch Lager Dir?
Was flieh'st Du denn, mein Kind, zu mir?
Ich bin so todt in meinem Grab,
Ein Todtenhemd nahm ich hinab –


Weißt Du denn nicht, wo es ist? Ich bin so müde. Aber hier will ich's haben. Die arme Mutter hat gar nichts. Und wenn ich hier schlafe, dann sagt sie: Mein Kreuz! Wo ist mein Kreuz? Und ich weiß es nicht mehr und kann es nicht finden. Aber Du, Du wirst es finden. Bist Du Kathleen? Dann wirst Du's finden. Denn Du weißt, wo Du gelegen hast.«

Gladys ließ sich zitternd von Temorah fortziehen, in einer Angst, die sie vollkommen sprachlos machte, und als Temorah sie unter die Brücke herunterzog und begann, das Laub fortzuscharren, da dachte sie, die arme Irre wollte sie erwürgen. Sie hob schon den Fuß zur Flucht, als wirklich ein Kreuz zum Vorschein kam.

Temorah lachte: »Dreh's um! Umdrehen, Kathleen!« sagte sie. »Du weißt doch, wo Du Tom hineingeschrieben hast! Du hast es nicht vergessen!«

Mit großer Anstrengung wandte sie das Kreuz, da stand wirklich Tom. War denn alles wahr? Gladys mußte sich einen Augenblick in's Laub niederlassen, weil die Beine sie nicht mehr trugen. Sie starrte auf das Wort und dachte an Martyn, und ihr war es, als müßte sie vor ihm niederknieen. Er stand vor ihr wie der Engel mit dem flammenden Schwert und dem zürnenden Blick, aber doch wie ein Engel. Denn er hatte sie offenbar von einem Abgrund zurückgehalten.

»Willst Du's verbrennen?« fragte Temorah, und ihre Augen begannen so bedenklich zu funkeln, daß Gladys aufsprang und lief, so rasch die Füße sie tragen wollten.

Temorah lud das Kreuz auf ihre Schultern und trug es zurück, bis auf der Mutter Grab, warf es dort hin, ohne sich noch einmal umzusehen und ging an den nächsten Bach, Blätter zu waschen.


»Ich bin ja todt in meinem Grab,
Ein Todtenhemd nahm ich hinab –«


murmelte sie noch immer leiser vor sich hin.



XIX.
Mit dem Untergrundspflug.

»Nicht wahr, Martyn,« sagte Gwynne an einem der Morgen, »nicht wahr, als Gott Abraham das Messer in die Hand gab, seinen Sohn zu schlachten, da führte Gott die Hand zum Heil und Segen und nicht zum Tode?«

»Freilich,« sagte der Angeredete und betrachtete mit banger Sorge die heftig schlagenden Adern an Gwynne's Halse, »das müssen wir Aerzte jede Stunde denken! Gott führt das Messer! Sonst nähmen wir es nicht mehr zur Hand.«

Morgan sah nicht das Gebet auf seines Vaters Lippen entschweben, als er zu ihm heruntergerufen wurde, aber ein eigenthümlich banges Gefühl sagte ihm, daß etwas für sein Leben Entscheidendes hier auf ihn niederfallen würde.

»Ich fürchte, mein Sohn,« begann Gwynne, »daß Deine Kämpfe Dich keinem Ziele entgegenführen.«

»Ich fürchte, ich kann Deinen Herzenswunsch nicht erfüllen, Vater, ich kann nicht Pfarrer werden.«

 »Und mir ist es immer, als gehörte Deine Seele nur zu sehr der Erde an, um Dich über Dich selbst zu heben.«

»Vielleicht, Vater.«

»Hast Du nie bedacht, daß diese Erde wohl nur Schein und Schatten ist, und in unsern Händen zerrinnt, wie Sand, wie Thau?«

»Einstweilen muß ich doch darauf leben und davon leben.«

»Aber als gingest Du vorüber, in eine andere Welt.«

»Wer weiß, Vater!«

»Ich weiß es, als sähe ich die Thore offen stehen, und hörte die Chöre mir entgegenschallen. Sonst könnte ich Dir heute das nicht sagen, was ich Dir sagen muß.«

»Mir, Vater?«

»Und wenn Du Dein Herz nicht dem Himmel zuwendest, dann kannst Du es nicht vernehmen.«

»Mir wird bange bei Deinen Worten.«

»Man hat vor einigen Tagen Kathleen aus dem grünen See gezogen, in dem sie sich ertränken wollte.«

Morgan griff nach einer Stuhllehne. Aber das Zimmer drehte sich in immer schnelleren Kreisen vor seinen Augen.

»Es war, daß Tom Temorah rächen wollte, deren Haus und Kind Kathleen verbrannt hatte, weil es Tom's Kind war, und da hat er das aus ihr gemacht, was sie in den See geführt hat.«

»An jenem Morgen, als ich« – flüsterte Morgan, dann schwankte er wie eine junge Tanne im Sturm, und mit tiefem Stöhnen schlug er aus seiner vollen Höhe bewußtlos auf den Teppich. Gwynne strich sich über die Stirn, auf der die Tropfen perlten, kniete zu seinem Sohne nieder und begann Wiederbelebungsversuche zu machen. Er hatte genug Fläschchen mit kräftigen Tropfen zur Hand, die er immer öfter brauchte; es dauerte aber lange, bevor Morgan die Augen aufschlug. Er richtete sich rasch auf:

»Aber, Vater! Du kniest doch nicht! wie schädlich! bitte, setze Dich und verzeih mir, daß ich mich benehme wie ein kleines Mädchen und nicht wie ein Mann; aber, Vater, es thut zu weh!«

Er ließ sich noch einmal niederfallen, mit dem Kopf in den Armen und schluchzte, daß er bebte, wie ein Baum, den der Axt Schläge tiefer und tiefer treffen, oder der Sturm entwurzeln will.

Gwynne seufzte schwer. Er hatte sich in seinen Sessel niederlassen müssen, weil sein Herz bedenklich zu schlagen begann, und er in diesem Augenblick nicht schwach sein durfte.

Endlich sprang Morgan auf, und mit raschen Schritten auf und abwandelnd, wie einer, der einen heftigen körperlichen Schmerz bekämpfen will:

»Ich höre, Vater,« sagte er, »jetzt erzähle mir alles.«

Und Gwynne erzählte, wie nur er zu erzählen verstand, milde und gütig, verzeihend und beweinend, und dabei immer den Blick auf den Sohn heftend, der leise und rasch hin und her wandelte, mit zusammengebissenen Zähnen, wie Einer, der eine schwere und langwierige Operation stoisch und bei klarem Bewußtsein erleidet. Sprechen konnte er nicht, aber dulden wie ein Mann. Manchmal lehnte er Stirn und Arme an die Fensterscheiben und starrte dem fallenden Laube nach, dann, wanderte er wieder hin und her.

»Ich habe sie lieb gehabt,« sagte er endlich.

»Ja, mein Sohn, und es soll Dir nicht leid sein; denn Liebhaben macht gut, und Verzeihen macht besser.«

»Ich kann ihr nicht verzeihen, daß sie mich belog und betrog.«

»Sie wußte vielleicht selbst nicht, was sie wollte.«

»Sie wußte, daß ich sie mehr liebte als meine Seele und mein ewiges Heil.«

»Darum ist sie Dir genommen.«

»Aber so, Vater! Wie grausam! wie grausam!« er lehnte wieder an der Scheibe.

Gwynne schwieg eine Zeitlang vor Erschöpfung, trank etwas Wasser, wischte die perlenden Tropfen von Stirn, Oberlippen und Kinn, und versuchte ruhig zu athmen. Es war eine schwere Stunde für Vater und Sohn, und Beiden war es wie Sterben. Manchmal sprachen sie, aber mit immer längeren Pausen.

»Ach! Vater! Vater!« stöhnte der junge Mann. »Kannst Du mir die Lanzenspitze nicht aus der Brust ziehen, daß Blut und Leben entströmt?«

»Wir müssen lernen, das Schwert im Herzen zu ertragen, und mit einer tödtlichen Wunde weiterzuleben.«

»Ach!«

»Ich wäre viel lieber gestorben, mein Kind, als Dir das zu thun!«

Morgan kam, warf sich vor seinem Vater auf die Knie, ergriff seine abgezehrten Hände und drückte sie vor die Augen.

»Vater! ich leide!«

»Ja, mein Kind! ach! leider leidest Du! Hätt' ich's Dir ersparen können, ich hätte lieber noch viel öfter mit dem Tode gerungen, als ich es jetzt schon thue.«

»Aber Du darfst nicht fort, Vater!«

»Die rufen mich, die Una riefen, und Una lächelt und winkt. Ich sehe sie Tag und Nacht lächeln und winken.«

Morgan sprang auf und schleuderte die Thränen fort, die wieder hervorstürmen wollten. Was war Una's Tod gegen diese Stunde? Und sein Vater starb daran. Und er, er lebte; er war nicht gestorben an dem tödtlichen Streich.

»Ich glaube, Vater, ich möchte gern hinaus. Ich ersticke.«

»Ja, mein Sohn! geh', aber vergiß nicht, daß Du Tom nicht erwürgen kannst, ohne seine Mutter zu tödten. Die Rache ist mein, spricht der Herr, und Du wirst so furchtbar gerächt werden, daß es Dir selber leid thun wird.«

»Nein, Vater, ich will ja keine Rache an dem Elenden, ich will nur ein wenig Luft.«

»Und Einsamkeit, nicht wahr, mein Kind?«

»Ja, Vater! Du weißt, ich muß mich austoben, dann wird's still.«

Der junge Mann legte Hand und Wange auf seines Vaters Scheitel und ging dann rasch hinaus, in den tiefen Wald, ohne Weg und Steg, in Schluchten und über Felsen und wälzte sich im Laube wie ein Thier, das den Speer aus den Weichen entfernen will und einsame Plätze aufsucht, seine Qual zu verbergen. Er weinte, wie man in der Jugend weint, feurige Lava aus des Herzens kochendem Krater, solche Thränen, die auf ewig tiefe Narben zurücklassen. Das sind die Rinnen, in denen alle späteren Leiden hingleiten, auf wohlbekannten Wegen. Ihm war es, als zerpflügte ein Eisen seine Brust, als siede sein Hirn, als könne er nicht lebend aus dieser Marter hervorgehen. Scene um Scene malte er sich aus, als wollte er sich an seiner eigenen Pein weiden, und dann stöhnte er laut und wühlte mit den Händen durch's Laub in die feuchte schwarze Walderde, als könnte die den Seelenbrand löschen. Dann war es ihm, als hielte er Tom zwischen den Händen, ihn zu erdrosseln; er trat ihm mit dem Fuß in's Gesicht; er spie auf ihn, und dankte Gott, als er bemerkte, daß er das alles nur im Geiste gethan, nicht in der Wirklichkeit. In Wirklichkeit hatte er nur Moos zerwühlt und zertreten, und das arme Moos duftete und wußte nicht, warum es zerrissen wurde.

Es war dunkle Nacht, als Morgan heimkam. Er hatte das Gefühl, als käme er aus dem glühenden Ofen, als sei er gar nicht mehr derselbe Mensch wie am Morgen, als würden sie ihn nicht erkennen, die ihm begegneten. Er hatte bis dahin gemeint, ungeheure Seelenkämpfe erduldet zu haben, aber sie waren nur die Vorbereitung gewesen zu dem unmenschlichen Weh, durch das er hindurchgezogen und gestählt werden sollte. Jetzt war es ganz still in ihm geworden, wie er's versprochen; er setzte sich zum Theetisch nieder, mit eingesunkenen Augen, doch auf des Vaters sorgenden Blick mit einem Lächeln antwortend. Seine Mutter legte leise die Hand auf seine Schulter und fragte ihn eine Kleinigkeit. Gott! wie sah sie alt und leidensvoll aus! Sah er das heute zum erstenmal? Und Gladys! Gladys sah aus, als hätte sie ein Gespenst erblickt und kämpfe noch mit dem Schrecken. Auch Gladys hatte sich so sehr verändert, und er hatte es nicht gewahrt. Martyn war auch gekommen, weil Gwynne sehr schlechte Stunden gehabt, und war tief ernst, und Gladys sah ihn beständig an. Wirklich, sie waren doch alle ganz verändert. Wann sah Gladys sonst Martyn an? War er wie Rip von Winkel zwanzig Jahre fortgeblieben? Er hatte Lust, sich zu befühlen, so befremdend war der Eindruck. Martyn kam sich wie ein Schuldbeladener vor, so oft sein Blick auf Morgan's bleiches Gesicht und müde Augen fiel, und doch, wie hätte er anders handeln können? – Mit diesem Gedanken kam auch der an Gladys und an das, was er ihr gethan, und unwillkürlich schweifte sein Blick zu ihr hinüber, um dem ihren zu begegnen, der voll und groß, wie mit magnetischer Kraft auf ihn geheftet war, und sich jetzt vor dem seinen auf erglühende Wangen senkte. Jetzt war an Martyn die Reihe, zu erstaunen. Gladys sah ihn an! Gladys erröthete wie eine Centifolie! Wie war sie schön in diesem Augenblick, und wie gern hätte Martyn noch einmal ihr Auge gesehen. Dieses Glück widerfuhr ihm im Laufe des Abends, als sie sich ganz unbeobachtet glaubte, während Winnie ihren Adoptivvater zur Ruhe spielte und sang. Es war seine größte Freude, das Kind singen zu hören, und bald merkte er, daß sie improvisirte, ohne es eingestehen zu wollen. Sie liebte es, sich in die entfernteste, dunkle Ecke zu stellen, wo nur der Schatten der Lampenschirme, aber kein Strahl sie erreichte, und von dort aus zog die süße Stimme wie die eines Vogels oder eines Chorknaben dahin, so aus voller Brust. Morgan hatte der Lampe den Rücken gekehrt und empfand den Schatten als Wohlthat. Die kleine Minnie kam und schmiegte sich an ihn; das Kind wußte immer, wenn Jemand traurig war, und trug ihr liebendes Herzchen dahin. Morgan legte den Arm um das Kind und drückte die Lippen in seine Engelslocken. In dem Augenblick ruhte wieder Gladys's Auge auf Martyn, und diesmal war er es, der erröthete. »Wenn ich ihn nur um Verzeihung bitten dürfte!« dachte Gladys, »aber ich thu's noch, ganz gewiß.«

»Sie will mich etwas fragen,« dachte Martyn, »aber was?«

Winnie's Stimme klang wie ein Friedensgruß mitten in all die pochenden und bangenden und zagenden Herzen hinein:


Zwei Kinder sitzen an Flusses Rand,
Sie sitzen stille im weißen Sand,
Und warten auf Etwas, das gar nicht kommt,
Und wissen auch nicht, ob das Harren frommt.

In fernes Land ging die Mutter fort,
So sagten die Leute, an schönsten Ort,
Doch wenn ihr wartet und betet fein,
So seht ihr's wieder, das Mütterlein.

»Nun warten wir Beide den ganzen Tag,
Ob unsere Mutter nicht kommen mag,
Und weil am weitesten reist der Fluß,
So warten wir hier, weil sie kommen muß!«

Im Wasser spiegelt ein Wölkchen sich.
»Der Mutter Schleier ist's sicherlich!«
Das Wölkchen wandert so weit, so weit,
Die Kinder weinen vor Herzeleid.

Von Wasserrosen ein weißes Blatt,
Das schwimmt vorbei. »Aus der gold'nen Stadt
Bist Du das Schifflein so weiß und schön,
Drauf unsre Mutter wir kommen seh'n?«

Doch auch das Blättchen schwimmt vorbei.
Da wiegen im Wasser sich Flügel zwei.
»Sind's Engelsflügel und kommt beschwingt
Die Mutter wieder und singt und singt?

Doch nein, es war nur ein Vögelein,
Das wiegte sich lustig im Sonnenschein,
Und spiegelte sich in des Flusses Licht,
Doch unser Mütterlein war es nicht.«

Da kommt der Mond auf der Wasserbahn,
Die Kinder schauen ihn fragend an,
Sie sehen die Scharen der Sternlein hell,
Und jubeln und schlagen die Händchen schnell.

»Bist Du die Stute mit Silberhuf,
Und bringst die Mutter auf unsern Ruf,
Und sind das die Knappen, die eingeschirrt,
Dich führen, daß Dich der Fluß nicht verirrt?«

Doch auch der Mond ist vorüber still, –
»Warum die Mutter nicht kommen will?«
»Ihr dummen Kinder, ihr müßt hinauf,
Zur ersten Quelle von Flusses Lauf!

Ihr dummen Kinder, ihr müßt hinab,
Zur grauen See, in des Flusses Grab,
Und sind eure Füßchen erst weh und wund,
Dann küßt die Mutter sie euch gesund!« –


Winnie's Stimme verklang leise, als ginge sie in die Ferne, dann folgten noch einige Accorde auf der Harfe. »Meine Harfe ist verstimmt,« sagte sie, »und Niemand kann sie so gut stimmen, wie Llewellyn, und wie meine Mutter,« setzte sie leise hinzu, als fürchtete sie, ungerecht zu sein.

»Woher hat Winnie das Lied?« fragte Morgan.

»Von hier,« sagte Minnie und zeigte auf ihre Stirn.

»Sie hat es doch nicht erfunden?«

»O doch! sie erfindet auch sehr schöne Märchen und erzählt sie uns.«

Martyn sah auf die Uhr. »Kinder und Kranke müssen zu Bett!« sagte er.

»Bitte,« meinte Morgan, »mich zu Kindern oder Kranken zu zählen, ich bin sehr müde.«

Gwynne, der die kleine Sängerin herangerufen, geküßt und mit ihr über ihr Lied gesprochen, hörte die letzten Worte.

»Ja, wir wollen zur Ruhe. Laßt uns beten.«

Sein Gebet war für Morgan an dem heutigen Abend. Der ging hin, reichte seinem Vater die Hand, seiner Mutter die Stirn zum Kuß und war mit einem »Gute Nacht, Alle!« verschwunden. Ehe seine Brüder heraufkamen, lag er schon in tiefem Schlaf und schlief wie todt die ganze Nacht.

Am andern Morgen gingen Gladys und Morgan miteinander in den Wald. »Ich möchte Dir was erzählen, das ich Niemand erzählen kann, und das Du mir erklären sollst, Morgan!« hatte Gladys gesagt, und fort waren die beiden schönen Geschwister gewandert, um das von einander zu erfahren, was ihre jungen Herzen heilen sollte.

Währenddessen stand Lewes im Salon und wartete auf Edleen's Erscheinen. Sein Gesicht war erdfahl; er sah es im Spiegel. Da ging die Thür auf und herein trat Kathleen. Lewes machte eine Bewegung der Ueberraschung, als er sie erkannte. Sie war so blaß, als wäre sie von einer tödtlichen Krankheit erstanden, das Blau der Augen fahl, die Wimpernschatten so schwarz, daß man nicht sehen konnte, wo sie aufhörten und die blauen Ringe anfingen, die die Augen umkränzten, die Nase schmal bis zur Durchsichtigkeit, und ein Zucken um die Mundwinkel, als könnten die Lippen nicht mehr ruhig bleiben. So muß es sein, wenn sich zwei arme Seelen im Fegefeuer begegnen und sich fragen, wie bald die Hölle sie verschlingen wird.

»Meine Cousine ist heute ganz besonders leidend,« fing Kathleen an. Ihre Stimme war auch verändert, beinahe rauh und um mehrere Töne tiefer als sonst. Sie war doch nicht heiser? Lewes sah sie mehr und mehr befremdet an. Jetzt bemerkte er, daß sich die Schultern nach innen bogen und ihre Haltung schlaff war, ohne Elasticität. Zwischen den Brauen erschien von Zeit zu Zeit eine Falte, die den medusenhaften Ausdruck des Kopfes vermehrte, obgleich die Haare glatt gestrichen und in einen Knoten im Nacken geschlungen waren. Sie schien seine Gegenwart vergessen zu haben, und sah mit schweren Lidern und erloschenem Blick zum Fenster hinaus, übers Meer, wo sich mit leisem Schäumen die Wellen überschlugen, lauter kalte weiße Striche, im einförmigen kalten Grau des Himmels und der See.

»Das Wetter ist auch so unfreundlich,« sagte er nach einer so langen Pause, daß Kathleen, die ihren ersten Satz nicht mehr wußte, mit ihrer heiseren Stimme »Was?« antwortete und dabei langsam die Augen nach ihm hindrehte.

»Das Wetter ist ungünstig für Kranke,« wiederholte Lewes und betrachtete Kathleen aufmerksamer. Für den Augenblick zog ihre Erscheinung ihn von seinem Leiden ab.

»Meinen Sie? Sie hat ja nicht die Schwindsucht.« Dies kam kurz und hart heraus. Wo war Kathleen's Geschmeidigkeit in Organ und Bewegung geblieben?

»Gott bewahre uns vor Schwindsucht!«

»Finden Sie? Schwindsucht wäre nichts gegen die Schmerzen, die sie erduldet.«

»Mein Gott! Aber kann man denn nicht helfen, Aerzte rufen, den Wohnort wechseln? Man braucht sie doch nicht in dem Zustande zu lassen?«

Wieder wanderte der eigenthümliche Blick zu ihm hinüber, und schien ihn zum ersten Male anzusehen.

»Wie sieht denn der aus!« stand darin geschrieben.

Laut sagte sie nach einer langen Pause:

»Es wäre besser, sie gleich todtzuschlagen oder zu vergiften.« Lewes preßte die Lippen zusammen und griff mit einer kurzen, knappen Bewegung nach der Stirn. Kathleen stand mit ihren schwarzen Brauen und ihrer Stirnfalte vor ihm, wie eine Giftmischerin, die ihm eben seinen Tod verkündete.

»Sie möchte doch noch gern leben, für ihren – für ihren Sohn,« sagte Lewes zögernd.

»Für den wär's besser, sie wäre längst gestorben.«

Lewes sah das Gesicht an, das diese Worte sprach. Es war marmorn geworden.

»Aber,« sagte er, »jeder Sünder kann umkehren.«

»Nein, das kann er nicht. Das kann er gar nicht. Er kann nie mehr zurück, der verloren ist.«

Die Augen starrten über das Meer, und Lewes griff sich wieder nach der Stirn.

»Das wäre ja trostlos.«

»Natürlich ist's trostlos. Was ist nicht trostlos?«

»Es giebt so sonderbare Süßigkeit in allem, selbst im Trostlosen.«

»Finden Sie?«

»Ja, zum Beispiel im Aufopfern. Das Opfer kann beinahe Glück enthalten.«

»Ich habe das noch nicht gemerkt.«

»Ja, doch, es ist solch' ein sonderbares Gefühl, daß selbst, wenn das Opfer schädlich, thöricht, sogar sündhaft ist, man es eben doch bringt, weil man lieb hat.«

»Und was ist dann das Schöne davon oder das Nützliche?«

»Nützlich? mein Gott! frägt man denn eigentlich in solch einem Augenblick danach?«

»Und thut etwas noch viel Schlechteres, als man glaubt.«

»Ist nicht das Meinen mehr werth als das Thun?«

»Nein, ich denke nicht. Die Mutter meint, ihr Sohn wird besser, wenn sie ihn verwöhnt, und sie macht ihn zum Verbrecher.«

»Ist das Wort nicht sehr hart?«

»Nein, es ist nicht härter als Wahrheit.«

»Wahrheit ist manchmal grausam.«

»Wahrheit ist wie der Tag heute, kalt und grau und reißt die Blätter ab, bis alles nackt ist und häßlich. Wahrheit! Wahrheit! Wenn man immer daran denken würde, daß der Geliebte oder die Geliebte unter der äußeren Hülle Todtenschädel und Gerippe ist, dann würde man zu lieben aufhören.«

»Glauben Sie?«

»Wenn man sich's lebhaft genug, grinsend genug, knöchern genug vorstellte.«

»Ich weiß nicht, ich würde ihre Asche küssen.«

»Hmm!« machte Kathleen kurz und preßte die Lippen zusammen.

»Man nährt seine Liebe doch oft nur von Asche, von einem Schatten, von gar nichts, und baut ihr doch Altäre und opfert darauf Gut und Blut, Ehre und Gewissen, Ruhe und Glück, und hat doch immer nichts, gar nichts als einen Schatten.«

»Besser einen Schatten, als ekelhafte Wirklichkeit.«

»Ach! aber das Ersehnte kann doch nicht widerlich sein!«

»Meinen Sie? Es kann so sein, daß man sich dran erhängt, um's nicht mehr zu haben und um's zu vergessen.«

»Nicht wahr, wenn man nur vergessen könnte!«

»Ja, wenn man nur vergessen könnte, dann gäbe es kein Leiden mehr, denn das gegenwärtige Leiden ist nichts gegen seinen Nachklang oder Nachschatten. Der ist raffinirt, während die gegenwärtige Qual zum Thier macht, stumpf und todt.«

»Nicht immer. Man erträgt viel Foltern, ehe man stumpf wird.«

»Das kommt auf die Art der Folter an,« sagte Kathleen, und ihre Nasenflügel dehnten sich so weit, daß sie durchsichtig wurden wie ein Blatt Papier.

Lewes, seine eigenen Gedanken verfolgend, hatte den Blick gesenkt. Ueberhaupt war jeder der Beiden so sehr mit seinem eigenen Leid beschäftigt, daß die Worte des Andern ihm keine Aufschlüsse gaben, sondern sie dieselben stets nur auf sich selbst bezogen.

»Werde ich unsere theuere Herrin heute nicht sehen?« fing Lewes nach einer langen Pause wieder an.

»Ich glaube nicht. Sie meinte, sie könnte Sie nicht sehen; sie meinte es sogar beinahe heftig.«

»So?« sagte Lewes flüsternd und wurde noch bleicher, und die Augenränder rötheten sich ein wenig.

»Es thut Ihnen leid?«

»O ja, ein wenig.«

»Hatten Sie denn etwas Schlechtes ihr zu bringen?«

»O, eigentlich wohl eher etwas Gutes. Hier, etwas Geld.«

»Ach so!« sagte Kathleen bitter, »das ist ja in diesem Hause allerdings stets das Beste und Willkommenste, für die Einen wie für die Andern.«

Lewes seufzte und holte sein Taschenbuch hervor. Seine Finger zitterten merkwürdig, als er es aufschlug und darin suchte. Jetzt wurde Kathleen endlich aufmerksam.

»Woher nehmen Sie das Geld? Wir haben Beide keinen Schmuck mehr, soviel ich weiß.«

»Das Geld? Nun, das Geld? Ich hatte vorhin schon die Ehre zu bemerken, daß Opfer süß sind und dachte, Sie hätten reichlich davon die Erfahrung gemacht?«

»Eben nicht. Die Erfahrungen gleichen sich offenbar nicht.«

»Gott sei Dank,« flüsterte Lewes; aber Kathleen hörte es.

»Jedem ist seine die bitterste,« sagte sie und sah auf seine zitternden Finger, die ihr das Geld hinzählten.

»Und das soll ich nehmen?« fragte sie.

»Natürlich, nehmen, nehmen, nehmen.«

Kathleen zögerte:

»Es wird wieder vergebens sein.« Diesmal klang ihre Stimme mitleidig.

»Natürlich ist es vergebens!« sagte Lewes mit ganz leichtsinnig heiterem Ton. »Das wissen wir ja schon lange, daß es vergebens ist, aber sie soll Ruhe haben!«

Kathleen sah ihn so sonderbar an.

»Es thut mir sehr leid, daß meine Cousine Sie heute nicht sehen kann; wenn Sie in fünf Tagen oder sechs wiederkommen könnten, so würde sie sich freuen.«

»Freuen? Nein, aber meine Gegenwart vielleicht erträglich finden, die ihr heute so – so – zuwider ist.«

»Sie hat jetzt manchmal Stimmungen, in denen sie Niemand sehen will, auch nicht ihren Mann.«

Lewes verschluckte, was er antworten wollte, und Kathleen sah es.

»Manchmal freue ich mich über solche kleine Launen, sie geben mir beinahe Hoffnung.«

»Ach! sie wird leben! sie muß leben!« Lewes drückte mit den schmalen Fingern der rechten Hand die beiden Schläfen zusammen.

»Und das sagen Sie, der sie lieb haben?« fragte Kathleen vorwurfsvoll. »Und wollten doch an Schatten und Asche genug haben!«

»Genug hab' ich nicht gesagt.«

»Nein, das ist wahr; Sie hätten es sagen sollen, es ist klüger, viel klüger.«

»Wer ist klug!«

»O ja, es giebt kluge Thiere, Bienen, Hamster und solche.«

»Bienen und Hamster. Wir kennen nicht ihr Privatleben.«

»Doch, soviel wie das unserer Nebenmenschen. Denken Sie mal, wer neben Wem hergeht, wer Wem die Hand reicht, den Bissen mit ihm theilt, schaudert Sie's nicht.«

Es war beinahe ein Nachklang von ihrer einstigen Schelmerei in dem letzten Satz.

»Ach Gott! Arme Menschen!« sagte Lewes.

»Arme schlechte Menschen, aber doch schlecht.«

»Nun ja, schlecht, aber in unserer Schlechtigkeit wohnt oft das Gute, wie der Honig im Aas, bei Simson.«

»Da möchte ich Ihnen doch Manches zeigen und Sie nach dem Honig fragen.«

»Vielleicht sähe ihn ein Unbefangener, ein Kind.«

»Kinder richten, Kinder hassen, Kinder verachten ohne Mitleid. Kinder sind grausam ohne Maß.«

»Das sagen Sie doch nicht?«

»Das sage gerade ich.«

»Sie thun mir sehr leid!«

»Ich? mein Gott, wie sonderbar!«

»Sonderbar?«

»Und Sie thun mir leid.«

»Und dabei wissen wir Beide kaum warum.«

»Kaum!« –

»Und sind nicht in der Lage, einander zu beichten.«

»Wenn's helfen würde, wäre ich dafür, es ist aber vergebens.«

»Und tröstet nicht viel,« meinte Lewes.

»Und tröstet gar nicht,« sagte Kathleen mit großer Energie.

»Ich muß fort,« sagte Lewes und sah nach der Uhr. Kathleen reichte ihm die Hand.

»Auf Wiedersehen in der Hölle!« sagte sie, »da können wir Beide zusammen herumtanzen und singen: Es lebe das Opfer!«

Sie lachte wild auf und war verschwunden, und Lewes griff nach seinem Hut und ging seiner Wege mit gesenktem Haupte.

Kathleen warf die Banknoten Edleen in den Schooß. »Geld!« sagte sie, »da hast Du Geld von ihm.«

»Von wem?«

»Von Deinem Liebhaber.«

»Kathleen!«

»Wenn der nicht sein ewiges Seelenheil für Dich zum Pfand gegeben hat, dann hat Kathleen keine Augen.«



XX.
Es war einmal.

Winnie saß auf einem Tisch vor dem Kamin und eine liebliche Gruppe um sie her, während es draußen in dichten Flocken schneite und die Nacht rasch hereinbrach. Minnie und Daisy hielten sich umschlungen auf demselben niedrigen Schemel, während Lizzie zwischen ihres Bruders Ned Beinen stand und ihre goldne Mähne wider ihn lehnte. Freddy lag auf dem Leibe und stützte das Kinn in die Hand, während das Feuer seine Locken beleuchtete; seine Füße kreuzten sich bald von der einen, bald von den andern Seite und nahmen lebhaftesten Antheil an dem, was er hörte. Missy hatte ihre Arbeit hingelegt und streichelte Gladys das Haar, die auf der Erde saß, mit dem Rücken an Missy gelehnt und den Armen um die Knie geschlungen. Morgan stand auf des Vaters Sessellehne gestützt und discutirte eine Stelle aus den Kirchenvätern mit ihm. Die Lampe hatte einen grünen Schirm und beleuchtete den aufgeschlagenen Folianten, so daß der alte und der junge Kopf in dem Reflexlicht höchst malerisch aussahen.

Gwendoline lag im dunkelsten Theil des Zimmers in einem langen Sessel und suchte Morgan's Gesicht zu studiren, das mehr und mehr dem seines Vaters ähnelte, zumal da es in den letzten Wochen magerer und männlicher geworden.

Robert, der Seemann, ging auf und ab, auf Quarterdeck, wie er sagte, verlor aber nichts von dem, was am Kamin vor sich ging. Die Zwillinge lagen Beide auf dem schwarzen Neufundländer, der zuweilen den Kopf hob, Eines der Kleinen zu lecken, oder durch starkes Klopfen mit der Fahne auf den Boden seine Zufriedenheit kundzuthun, wenn sie ihm die kleinen Hände in's Maul oder unter die buschigen Ohrlappen steckten. Manchmal keuchte er ein wenig, um anzudeuten, daß ihm sehr warm sei. Martyn war vor wenigen Minuten eingetreten, hatte die Schneelast draußen abgeschüttelt und sich zu Gwendoline gesetzt, von wo aus er auch gut sehen und hören konnte.

»Es war einmal vor ungeheuer langer Zeit,« sagte Winnie, »ein großer Sänger –«

»Mit einer Harfe?« fragte Daisy.

»Und langem Bart?« Lizzie.

»Hatte er auch Kinder?« Minnie.

»Sänger haben keine Kinder,« kam es sentenziös von Freddy's Lippen, »die haben andrer Leute Kinder, das ist genug.«

»Er hatte natürlich keine Kinder,« fuhr Winnie fort, worauf Freddy ein stolzes »Aha« dem ganzen Kreise zunickte, »und einen Bart und eine Harfe, viele Harfen und Geigen auch; denn er konnte alles.«

»Natürlich, immer in den Märchen!« sagte Freddy, »da kann man immer alles.«

»Und er hatte auch ein sehr schönes Haus am Meer« – »Und ein Pony?« fragte Minnie.

»Nein, ein großes Pferd; denn er war ja ein ganz großer Mann.«

»Er sah wohl so ein bischen aus wie Llewellyn?« fragte Ned.

»Sie sehen Alle so aus,« entschied Freddy.

»Aber gar nicht!« sagte Winnie und machte sehr große Augen. »Habt ihr denn nicht die Bilder gesehen von den jungen Sängern mit den Sammetkäppchen und langen Federn dran und einer Mandoline und so 'nem kurzen Mäntelchen und Strümpfen und kurzen Hosen? Sehen die so aus wie Llewellyn?«

»Wer weiß, ob die was konnten,« sagte Freddy.

»Das war ja gar keine alte Zeit, fünfzehntes Jahrhundert,« sagte Ned.

»Natürlich, aber ich meine nur. Meiner war aus der Zeit, wo man noch nie eine Note geschrieben hat und wo man nie mehr als einen Ton auf einmal singen konnte.«

»Singt man jetzt zwei Töne auf einmal?« fragte Robert, der Seemann, stehen bleibend.

»Ich kann's noch nicht,« meinte Daisy.

»Dumm!« sagte Winnie, »ich sprach von Chören; damals wußte man noch nicht, daß Einer A singen kann und der Andere Cis dazu, oder E, oder das andere A.«

»Oder C und F,« sagte Freddy.

»Oder C D Fis,« fuhr Winnie fort. »Aber er sah seine Instrumente an und dachte, ob das nicht hübsch sein würde, wenn Jedes etwas Anderes spielte.«

»Und wenn er's probirt hätte,« sagte Ned, der nie lachte bei seinen trocknen Witzen, »dann hätte er Was erlebt!«

»So wie wenn man das Orchester stimmt,« sagte Minnie.

»Hast Du das gehört?« fragte Lizzie mit stillem Neid.

»Natürlich hab' ich's gehört, im Concert in London.«

»Ist das schön, so ein Concert?«

»Das ist gerade wie im Himmel!«

»Wie im Himmel, Minnie?« sagte Ned. »Ich denke mir die Engel doch nicht im Frack mit weißer Halsbinde.«

Alle lachten laut auf, so daß Gwynne von seinem Folianten herüberschaute und lächelte.

»Das wäre auch komisch, die Musiker in weißen Gewändern mit Flügeln,« sagte Lizzie. Sie lachten wieder.

»Und da ging er immer am Strand herum,« fuhr Winnie fort und dachte und dachte und dachte, wie man das nur machen könnte, daß mehr Leute sängen und spielten, und wie man ihnen Zeichen machen könnte, zu wissen wann sie hoch und tief spielen sollten. Und er dachte und dachte und dachte.«

»Ich denke auch oft, es hilft mir aber nichts,« sagte Ned.

»Du brauchst ja auch nichts zu erfinden,« meinte Freddy, »das thun die andern Leute.«

»Warum soll Ned nicht erfinden? Er schnitzt immer und klebt und macht Chemie und Pulver und Glas und Schiffe, nicht wahr, Ned? Du willst doch erfinden?« sagte Lizzie.

»Und er ging so lange am Strand herum und sah dem Meerleuchten zu, bis er einschlief. Da träumte er einen merkwürdigen Traum.«

»Ach, wenn's blos ein Traum ist, dann ist es gar kein Märchen, träumen kann ich auch,« sagte Freddy.

»Wart' doch!« sagte Daisy, »Du weißt ja nicht was.«

»Kann mir's denken.«

»Nun, dann erzähl' Du!« sagte Winnie gereizt.

Freddy schlug das rechte Bein über's linke und das linke über's rechte. »Ich hab's noch nicht zurechtgemacht,« gestand er endlich.

»Du bist immer so, Freddy!« schalt Lizzie.

Gladys sagte nichts und schien bis jetzt noch nicht zuzuhören.

»Weiter, Winnie! Weiter, Winnie!« riefen die Kinder.

»Da ging auf einmal ein Ton durch den Himmel, wie von einer ungeheuern Posaune, aber so eine Posaune, davon die Erde und der Himmel und alles zittert. Nun geht's los! dachte der Sänger, er meinte das jüngste Gericht. Aber gar nicht. Auf einmal wurde es am ganzen Himmel lebendig. Die Sterne waren lauter, lauter, lauter Engelsköpfchen und die flogen und hüpften durcheinander und trugen Leitern herbei, immer von fünf Stricken zusammengebunden. Und die Leitern waren auch glänzend, wie alles Uebrige.«

»Und verbrannten nicht?« fragte Freddy.

»Verbrennen vielleicht die Sterne?« sagte Winnie, »sie leuchten doch auch. Also leuchteten die Leitern, und drunter hingen sie wieder welche auf, und drunter wieder welche und immer so fort, und dann kamen Engelchen und setzten sich drauf, Jeder an seinen Platz, der Eine mit einer Trompete, der Andere mit einer Violine, der Andere mit einer Baßgeige, der Andere mit einer Flöte. Und von den Engeln sah man manchmal gar keine Flügel, das waren die ganzen Noten, oder ein Beinchen, das waren die halben Noten, oder ein Beinchen und ein Flügelchen, das waren die Achtel-Noten und zwei Flügel die Sechzehntel und vier Flügel die Zweiunddreißigstel, und so immer mehr?«

»Und die Viertel-Noten?« fragte Daisy.

»Die hatten ganz dunkle Gesichterchen und ein Beinchen. Und Manche legten sich mit dem Kopf nach unten und dem Fiedelbogen unter dem Kinn, das war wie die Noten, die einen Strich durch den Hals haben. Und so war der ganze Himmel voll. Die Sänger hatten ihre besondern Leitern.«

»Merkwürdig' Kind!« sagte Missy zu Gladys, »gestern hat sie sich von mir Partituren erklären lassen.«

»Und,« fuhr Winnie mit strahlendem Blick fort, »da fing ein Musiciren an, daß es dem Sänger ganz komisch wurde hier drin; er hatte noch nie so etwas gehört. Und ganz unten da machte die See: Bum, wuh wuh! wuh! Bum, wuh, wuh, wuh, Bum, Bum, Schschschschsch – das war die Begleitung von den Pauken und Contrabässen, für die am Himmel kein Platz war. Und er war so froh, so froh; denn er sah, wie Alle zusammen singen und spielen konnten, wenn Jedes seinen richtigen Platz hätte, und mit dem Finger zeichnete er's im Sand ab, was er am Himmel sah, und da war alles leuchtend im Sand, von dem Meerleuchten, und da sah es doch gerade so aus wie am Himmel. Und er war so froh. Und am andern Morgen, da hat er gedacht, er hätte nur geträumt, aber da standen die Leitern und Köpfchen und Beinchen und Flügelchen im Sand ganz deutlich, und er war so froh, so froh, – War's so, Freddy?« schloß Winnie, vom Tisch herunterspringend, wie eine Elfe.

»Winnie!« klang auf einmal Morgan's Stimme, »was hat denn da Dein Sänger vor Freude gethan?«

»Er hat den Göttern zwanzigtausend Stiere und hunderttausend Schafe geopfert,« sagte Winnie ganz tapfer, ohne sich verblüffen zu lassen.

»Bravo, Missy!« lachte der Seemann. »Ich gratulire zur Schülerin!«

»Winnie wird groß und klug,« sagte Martyn leise zu Gwendoline.

»Ich will euch ein Räthsel aufgeben!« sagte Minnie. »Sehr viele Frauen laufen immer einander nach, und können sich nicht kriegen. Was ist das?«

»Frauen?« sagte Robert.

»Das sind die Wolken!« rief Freddy.

»Die Sterne!« meinte Lizzie.

»Aber die Sterne laufen doch nicht!« sagte Winnie.

»Nicht?« meinte Ned.

»Wir sehen's nicht,« sagte Winnie.

»Müssen's gerade Frauen sein?« fragte Robert.

Minnie nickte: »Sie haben lange Schleppkleider und Schleier und laufen immer, immer, und wir sehen's immer immer.«

»Ich hab's,« rief Robert: »die Wellen!« Die Kleine klatschte in die Hände.

»Sie macht immer Räthsel,« sagte Winnie bedächtig.

»Kathleen wollte nie Winnie Märchen erzählen lassen, dann erzählte sie sie Maggie und mir,« sagte die kleine Schwester.

Morgan war zusammengezuckt, Gladys aufgesprungen und Gwendoline sagte, sich erhebend, alle Kinder müßten zu Bett, es sei hohe Zeit. Die Zwillinge hatten auf einmal noch Hunger, und da fiel es allen Andern ein, daß sie auch wieder hungrig seien, und so mußten sie noch Alle Milch und Brod haben, und der Hund mußte viel davon haben, und dann mußten sie Alle den Vater umdrängen, von seinem Lächeln frohe Herzen zu bekommen, wie von einem schönen Sonnenuntergang. Und fort stob die Kinderschaar, mit Gwendoline und Missy. Robert hatte Morgan den Arm um die Schultern gelegt; denn er überragte ihn noch und ging mit ihm auf und ab, während Ned vom Vater über seine Arbeiten ausgefragt wurde, mit denen er zur Schule zurückkehren sollte. Währenddessen hatte Gladys sich Martyn genähert. Woche um Woche hatte sie vergehen lassen mit ihrem Vorsatz, jetzt faßte sie sich ein Herz.

»Ich habe Dich schon lange um Verzeihung bitten wollen, Martyn,« flüsterte sie.

»Mich? wofür?«

»Für mein ungehöriges und liebloses Benehmen.«

»Aber, Gladys! Was soll ich zu Dir sagen, der ich rauh und hart war und Deine Blumen zertrat, noch ehe sie recht erblüht waren.«

»Desto besser für mich. Es waren nur Disteln und Giftblumen, und ich wußte es nicht. Jetzt weiß ich's, ich weiß es schon eine Weile, aber ich war zu stolz, Dir's zu sagen und Dich zu bitten: verzeih' mir doch!«

Wenn ein schönes Mädchen um Verzeihung bittet, so müßte der Mann wohl ein Herz von Stein haben, dem das Gewähren nicht wunderbare Süßigkeit brächte.

»Es war mir gerade so schwer, meine Pflicht zu thun, als wenn ich eine schwere Operation machen soll,« sagte er, »und ich hätte Dich um Verzeihung gebeten, wenn ich es gewagt hätte; aber Deine Ungnade lastete sehr schwer auf meinem Haupte?«

»Ach! ich schäme mich so! ich war so thöricht!«

»Nein, unschuldig und gut und konntest nicht glauben, was Du nicht sehen durftest.«

»Temorah hat mich belehrt.«

»Temorah? wie ist das möglich?«

»Sie ist ja nicht stumm!«

»Aber sprach sie denn zusammenhängend?«

»Nein, aber deutlich, und zeigte mir Manches und zuletzt meinte sie, ich sei Kathleen und kam mit funkelnden Augen auf mich los, und da bin ich davongelaufen wie ein großer Held!«

»Wann und wo?«

»Auf dem Kirchhof.«

Martyn sah zu Boden und schwieg eine Weile.

»Und da habe ich eingesehen, daß Du eine Vorsehung für mich warst,« begann Gladys wieder. »Und daß ich Dir nicht genug danken kann, und daß Du mich vor einem Abgrund bewahrt hast, und daß ich mir noch heute meine Verblendung und Thorheit vorwerfe!« –

»Und daß Du jetzt aufhören darfst, Dich anzuklagen, Gladys, es ist genug; wir wollen vergessen und das Leben von einer andern Seite anfassen.«

»O, wie gern!«

»Wir könnten uns gegenseitig helfen darin.«

»Wir?«

»Ja, ich meine« – Martyn zögerte, – »ich meine, unsere Wege haben sich schon so oft genähert, als wollten sie wie zwei Flüsse ineinanderfließen.«

Gladys zitterte am ganzen Leibe.

»O Martyn! Martyn! Solch' ein dummes kleines Flüßchen!«

»Ich habe die Flüsse am nächsten ihres Ursprungs am liebsten, Gladys, und wenn ich Dich auffangen darf, so stürze Dich vertrauensvoll in meinen Lauf!«

Und wie eine schöne Calla neigte Gladys sich, sank an seine Brust und brach in einen Strom von glückseligen Thränen aus.

Die beiden Brüder hatten sich zum Vater gestellt, und sprachen dort eifrig, ohne sich umzusehen, nur Ned und Robert lächelten einander zu. Es war ein schönes Bild, wie der verklärte Gwynne, mit dem Blick, der schon in eine andere Welt schaut, so dasaß und seine drei Söhne ihn umstanden, wie ein junger Wald um einen verwitterten Prachtbaum.

Die Beiden im Dunkeln kamen gar nicht in die Helle und flüsterten und flüsterten, bis Gwendoline und Missy wieder eintraten. Da näherte Martyn sich Gwynne und zog Gladys mit sich fort, um die er den Arm gelegt.

»Vater,« sagte er sehr heiter, »lieber Vater! Ich weiß nicht, ob Du das hübsch und sittsam findest, aber eben hat Gladys um meine Hand angehalten, oder sich mir angetragen, wie es besser klingt.«

»Abscheulich! Schändlich!« rief Gladys und von den Wimpern fielen noch glitzernde Tropfen über die glühenden, lachenden Wangen. »So bin ich verrathen und verkauft! Er hat noch nicht einmal auf mein Jawort gewartet, denn ich habe gar nichts gesagt, nicht das kleinste Ja! Er weiß ja noch nicht einmal, ob ich ihn haben will!«

»Nein, natürlich habe ich keine Antwort bekommen, denn sie ist mir gleich schluchzend in die Arme gefallen, da war also keine Zeit zum Jasagen!«

»Nimm's schnell zurück! Noch ist es Zeit!« scherzte Robert. Gwendoline hielt ihr Kind in den Armen und that, was wohl in dem Augenblick das Wichtigste und Mütterlichste war: sie weinte.

Die beiden Eltern dachten an ihr schönes Kind unter der Erde und waren dennoch dankerfüllt, daß ein anderer Liebling das Glück genießen sollte, des trefflichen Mannes Frau zu werden. Es war nur alles so rasch, so unglaublich rasch für die Menschen, denen das vergangene Jahr nur Leid gebracht. Sie hatten sich daran gewöhnt, Morgan und Gladys als Sorgenkinder zu betrachten, und nun sollten sie auf einmal ruhig sein und sich freuen dürfen.

Und Gladys selbst wußte nicht, wie ihr geschah, wie sie auf einmal Braut geworden, sie, für die es nur Thränen und Zerknirschung gegeben, monatelang. Sie wurde unsäglich geneckt; denn die Brüder bezeugten, daß sie aufgestanden war und mit entschlossenem Ausdruck zu Martyn hingegangen, und daß er verwirrt ausgesehen wie ein junges Mädchen, als sie zu ihm gesprochen. Sie konnte sich gar nicht wehren gegen die vier jungen Leute, flüchtete sich endlich auf des Vaters Knie, und mit den Armen um seinen Hals und dem Kopf auf seiner Schulter bat sie um Schutz und Hülfe gegen die Vier, sprang aber sogleich wieder auf aus Furcht, ihn zu ermüden und flog zu Missy. »Missy! sie sind so schlimm! Du hast mich oft vor den bösen Buben beschützt!«

Es war ein wunderbarer Abend, wie sie als seltene Meteore durch's Leben gehen und leuchtende Bahnen in allen Herzen zurücklassen für alle Zeit.

Gwynne sollte mehrere Freuden auf einmal erleben.

»Vater,« sagte Morgan einige Tage später, während die Wintersonne hell und freundlich in's Arbeitszimmer schien, »ich glaube, ich darf nun doch Pfarrer werden.«

Gwynne fühlte sein Herz fast unheimlich schwellen, aber man kann viel Freude vertragen, ohne davon krank zu werden.

»Ja, mein Sohn! Bist Du Sieger?«

»Sieger, Vater? Ach! ich bin sehr geschlagen und an die Stelle strahlender Liebe ist die Pflicht im stillen grauen Gewande getreten. Aber ich frage nicht mehr warum. Ich will ganz geduldig sein und gut werden, wie Du und beten: Lieber Gott! mach' mich fromm, daß ich zu Dir in den Himmel komm'! Das ist am Ende genug, Vater, nach all' dem Toben und Stürmen, das so vergebens war, wie die Arbeit des Sisyphus.«

»Aber nicht müden Herzens, mein Sohn!«

»Nein, auch die Müdigkeit will vergehen; mich lockt die Arbeit.«

»Und Du kannst Dein Selbst von Dir legen wie ein Gewand?«

»Ja, Vater, ich glaube ich kann's.«

»Gott segne Dich, mein Kind, und ich danke Gott, der mich noch diese Stunde erleben läßt. Gladys und Du! Una war schon gut geborgen. Aber Du und Gladys, um euch habe ich noch viel beten müssen, eure lieben Seelen zu erlösen.«

»Ja, wir waren Beide im Irrthum, aber er war doch viel, viel süßer als die Wirklichkeit!«

»Einmal wirst Du das nicht mehr sagen.«

»Ich werde es nie mehr sagen, Vater!«

»O, ich meinte nicht die Lippen!«

Gladys' Verlobung brachte unter der Kinderschaar sehr verschiedenartigen Eindruck hervor. Freddy fand es sehr gut, Daisy jubelte, Lizzie meinte, sie habe doch Martyn nie leiden können, Minnie sagte: »Ich dachte, sie würde Llewellyn heirathen!« Nur Winnie blieb vollkommen ernst und sagte gar nichts.

An einem warmen Februarmorgen trat Morgan in seiner Mutter Zimmer, fand sie aber nicht. Statt ihrer lehnte Winnie am Schreibtisch, mit dem Kinn in der Hand, den Augen auf Una's Bild geheftet und mit dem Fuße schaukelnd zu einer sehr leisen Melodie. Morgan lauschte. Bald kamen Worte hinzu, und dies war es, was Winnie sang:


Lieb' Una, weine nicht so sehr,
Schneeglöckchen bring' ich Dir,
Daß Du im Grab ihr Läuten hörst,
Nicht sind es Hochzeitsglocken.

Lieb' Una! Vöglein singen laut,
Es schallt der ganze Wald,
Und um die Kirche jubeln sie,
Es sind nicht Hochzeitschöre.

Lieb' Una! Lorbeer blüht und Pflaum',
Und Mandel, Birnen, Schleen,
Es schmücken Bäum' und Sträucher sich,
's ist nicht die Hochzeitsmyrthe.

Lieb' Una! Und es fiel ein Reif,
Davon ist alles weiß,
Er liegt so zart auf jungem Gras,
Es ist kein Hochzeitsschleier.

Lieb' Una! Ich vergess' Dich nicht,
Ich sing' ja ganz allein
Zu Deinem Bild, auf Deinem Grab,
O weine nicht mit Schluchzen.


Sie konnte mit ihrem Liede kaum zu Ende kommen, so weinte sie. Auf einmal fühlte sie sich sanft umfaßt und auf den Schooß genommen, und Morgan sagte mit seiner weichsten Stimme in ihrem Ohre:

»Die Todten leiden gewiß nicht mehr und weinen nicht mehr, sondern lächeln zu allem, was auf der Erde geschieht. Ich glaube nicht, daß sie noch Eifersucht fühlen, sondern sie müssen noch viel glücklicher sein als die glücklichste Braut.«

»Aber wie soll Martyn in dem Himmel und vor Una stehen?«

»Ich glaube, daß Una ihn und Alle mit seligem Lächeln begrüßen wird, und nicht mehr fragen, wer Mann und Frau, Bruder und Schwester gewesen ist.«

»Aber das ist doch so traurig!«

»Warum ist das traurig?«

»Wenn ich lang', lang', lang' Vater und Mutter entbehrt habe, und sie wissen nicht mehr, daß ich ihr Kind bin, statt mich auf den Schooß zu nehmen und zu sagen: Mein Kindchen!«

»Das können sie doch thun, und nicht traurig sein, wenn Du auf der Erde vorher geheirathet hast und selber Kinder lieb hast. Um Deinen Mann und Deine Kinder wirst Du sie auf der Erde so wenig vergessen, wie sie Dich im Himmel vergessen.«

Morgan war' so erschüttert, daß er alle Kraft zusammennehmen mußte, um befriedigend zu antworten; da waren all' seine Zweifel und Fragen auf unschuldigen Kinderlippen, und er sah, daß sie nicht einverstanden war und weiter grübelte.

»Una hat sterbend Gladys' Hände in Martyn's Hände gelegt und immer gesagt: Gladys und Martyn! Gladys und Martyn! Also siehst Du, daß sie schon auf der Erde wie im Himmel war.«

»Was hat sie noch gesagt?«

Bei dieser Frage fiel Morgan zum ersten Male ein, was sie noch gesagt, und er betrachtete das Kind auf seinem Schooße und sah, daß das Kind auf der Scheide stand, zur Jungfrau sich zu verwandeln, und daß Kathleen – er griff sich nach der Stirn.

»Sie hat gesagt,« fuhr er fort, um unter dem tiefen fragenden Blick doch etwas zu sprechen, »sie hat gesagt, bald, bald würde unser Vater folgen.«

»Und muß er sterben?«

»Ich fürchte, liebe Winnie!«

»Mein bester Freund!« schluchzte das Kind und war nicht mehr zu trösten. Sie weinte an Morgan's Brust, als ob ihr kleines Herz brechen wollte. Morgan ließ sie weinen; er war in dem Augenblick so von seinem eignen Leid überfluthet, daß er keinen Trost spenden konnte. Endlich sagte er:

»Würde mein Vater zufrieden sein, mit seinem Töchterchen, mit seinem Seelenkinde, wie er Dich nennt, wenn er Dich so trostlos sähe? Mein Vater liebt heldenmüthige Christen.«

»Aber er kann uns doch nicht verlassen? Der liebe Gott muß doch sehen, daß wir nicht können?«

»Kind! Kind! Der liebe Gott sieht sehr gut, was wir können und nicht können.«

»Nein! nein! nein!« rief das Kind außer sich. »Er hat nicht gesehen, daß meine Mutter den schlechten Buben nicht ertragen konnte! Er hat nicht gesehen, daß Kathleen uns quälte, er hat nicht gesehen« – –

»Und hat er das nicht gesehen, warum brachte er euch dann hierher in unsern Frieden?«

»Aber meine Mutter?«

»Vielleicht will er sie lehren, stark zu werden.«

»Siehst Du, daß er nichts sieht?«

»Warum?«

»Sie wird doch alle Tage schwächer.«

»O das ist nur der Körper!«

»Meinst Du? Ich will Dir was sagen, aber Du sagst es Niemand, gar Niemand?«

»Nein!«

»Nicht Missy?«

»Nein.«

»Nicht Deiner Mutter?«

»Nein, Kind.«

»Nicht Deinem Vater?«

»Aber, Winnie! Wenn ich Etwas verspreche!«

»Du weißt doch, Nachts kommt er immer, damit man ihn nicht sieht.«

»Wer?«

»Nun, Tom natürlich. Und sie schickt ihn nie fort und sagt ihm nie: Marsch, böser Bub'! nie! Und neulich Abend war er hier, ganz spät, und hat mich in den Garten gerufen.«

»Wer, Tom?«

»Ja, Tom. Warum wirst Du denn so blaß? Ist er ein Räuber?« fragte das Kind mit Augen so groß wie kleine Tassen.

»Beinahe ein Räuber,« sagte Morgan zwischen den Zähnen.

»Ich habe mich auch sehr vor ihm gefürchtet; denn er rollte die Augen und sagte, unsre Mutter würde sterben, und wie ich weinte, da hat er mich so geschüttelt und gesagt: Still, kleines – so ein häßliches Wort! – und dann wollte er, ich sollte Deine Mutter um Geld bitten, für mich, und es ihm geben, und wenn ich das nicht thäte, so würde er mich forttragen in den Wald und mich prügeln, bis ich's verspräche, und wie er das sagte, wollte er mir sein Taschentuch in den Mund stecken, und aus Angst habe ich ihm Alles versprochen. Seitdem kann ich Nachts nicht schlafen vor Angst und gehe gar nicht mehr in den Garten. Hinter jedem Busch mein' ich, da steht Einer. Ist er ein Räuber, Morgan?«

Wenn sie auf einen bedeutenden Eindruck gerechnet hatte, so wurde ihre Erwartung noch weit übertroffen. Ihm schwollen die Stirnadern, als wollten sie springen, und mit den Zähnen knirschend und die Faust ballend murmelte er Sachen, von denen das Kind Nichts verstand.

»Ich habe so viel gebetet, der liebe Gott soll mir zeigen, was zu thun; aber er war ganz stumm.«

»War er das? Hat er mich nicht zu Dir geführt, heute, um Dir zu sagen: Fürchte Dich nicht! Das ist kein Versprechen, was man mit Gewalt von Dir erzwungen hat. Laß Dein Gewissen ganz ruhig sein. Und daß T– dieser Schuft hier nicht mehr erscheint, dafür werde ich sorgen. Freilich hat der liebe Gott Dein unschuldig Gebet gehört, mein armes Kind, mein armer, armer kleiner Grübler und Zweifler!«

Winnie war sehr zufrieden, Morgan so erschüttert zu sehen, da sie sich im Stillen mit allen ihren Gedanken so sehr gequält hatte.

»Nicht wahr, mein Kind, Du willst Dich nicht mehr fürchten?«

»Nein, ich will's versuchen. Aber jetzt habe ich mich schon dran gewöhnt, mich zu fürchten.«

»O nein, Du mußt nur immer denken, Gott ist ganz nahe bei Dir und beschützt Dich, wenn Du ihn anrufst.«

»Wenn mich aber Tom fortgetragen hätte?«

»Hat er's gethan?«

»Nein, aber ich that etwas Schlechtes, ich versprach.«

»Das hat Dir der liebe Gott erlaubt, sonst hättest Du es nicht thun können; sein Engel verzieh Dir die Lüge der Todesangst, dem Bösen gegenüber. Denn Du hast noch nie gelogen, früher, nicht wahr, Winnie?«

»Nein, aber Kathleen log immer und brachte Strafen über mich, weil sie log. Und wie Tom lügt, nein das glaubt man nicht. Aber weißt Du so, daß er sagt: das hab' ich nie gedacht! was er vor zwei Minuten gesagt hat! Wir sahen uns dann nur an, Minnie und ich; denn unsre Mutter glaubte ihm, nicht uns. Und Kathleen glaubte ihm eigentlich gar nicht, aber sie war so verliebt! Sie hat ihm Alles geschenkt, sogar ihre seidenen Strümpfe, und hat uns Alles weggenommen, und dann sagten sie, es wäre für Arme! Das ist ein sehr schlechtes Mädchen, Kathleen! Und wie hat sie mich geschlagen und hat gesagt, sie hätte es nicht gethan! Sie war ein schlechtes Mädchen. Und wenn Tom sie küßte, dann sagte sie mir, ich dürfte es Niemand sagen. Und da frug ich: Warum nicht? Und da sagte sie: Weil er nicht mein Bruder ist. Ich küsse, wen ich will, und sag's auch. Ich küsse Dich und Du bist doch nicht mein Bruder. Aber ich habe Dich doch tausendmal, nein hunderttausendmal, nein millionenmal lieber als Tom! Aber sie wußte sehr gut, daß Tom ein schlechter Bube ist und küßte ihn doch. Wird er nicht wiederkommen? Ich habe doch noch immer ein bischen Angst, Morgan! Denn wenn ich das nächste Mal Nichts für ihn habe, dann trägt er mich in den Wald und schlägt mich beinahe todt! Ja, Morgan! Ja, ganz gewiß!« Das Kind zitterte am ganzen Leibe.

»Ich begreife gar nicht, wie er es hat wagen können, bis hierher zu kommen.«

»Er hatte vielleicht noch Räuber bei sich.«

Morgan lächelte. »Nein, die Räuber gehen nicht im Land herum, wie in den Märchen. Hat Dir denn Missy erlaubt, Abends in den Garten zu gehen?«

»Ich hatte sie nicht gefragt.«

»Siehst Du, das war die Strafe. Und Du meinst, Gott sieht Dich nicht, und sorgt nicht für Dich! Sobald wir ihm nicht blind gehorchen, straft er uns.«

»Hat er Dich schon einmal gestraft?« fragte Winnie ganz leise, wie ein großes Geheimniß.

»Mich? O ja, furchtbar.«

Fast unwillkürlich war ihm das Wort entflohen, und er saß mit geneigtem Kopf, in Gedanken verloren. Winnie starrte ihm in's Gesicht mit ungeheuerm Interesse.

»Warst Du denn ungehorsam?« sagte sie endlich. Er fuhr auf und schien jetzt erst wieder zu bemerken, mit Wem er sprach.

»Ich? Ja, ich war ungehorsam. Ich habe es so gemacht wie Du, ich habe an Ihm gezweifelt und an Seiner Macht, und da hat er mich so getroffen, daß ich lange nicht mehr aufgestanden bin.«

»Der liebe Gott?«

»Ja, der liebe Gott.«

»Und – und – hat er Dir jetzt verziehen?«

Morgan lächelte: »Ich hoffe, mein herziges Kind!«

»Ich habe Dich gesehen!« sehr leise.

»Mich? Wann?«

»Im Wald hab' ich Dich gesehen; da hast Du auf der Erde gelegen und so geweint! Und ich war so dumm und habe mich gefürchtet und bin davon gelaufen und hab's keinem Menschen gesagt. Aber ich hatte Dich gesehen und habe immer gedacht, warum Du so weintest?«

Morgan drückte die Lippen in Winnie's Haar; denn sie zitterten sehr.

»Und ich dachte, daß Du so gut bist und Tom so schlecht, und daß Tom nie weint, und Du weintest und sagtest: Mein Gott! Und beinahe hätte ich auch geweint, weil ich dachte, Dein Vater müßte sterben, aber er ist doch nicht gestorben.«

»Ich fürchte, Winnie, wir werden meinen Vater nicht mehr sehr lange behalten, aber wir wollen das ertragen, wie er gern hat, daß man die Sachen erträgt, wie heldenmüthige Christen.«

»Wirst Du auch so schön predigen wie er?«

»O! wenn ich das hoffen dürfte!«

»Kannst Du's nicht wollen?«

»Kannst Du ein Lied erfinden wollen?«

Winnie lachte. »Nein, das ist aber ganz was Anderes, die kommen ja von selber! Weißt Du so, von hier, aus der Brust und auch ein bischen aus den Augen. Weißt Du? so? Und der Mund der sagt nur, was die Ohren hören. Glaubst Du, es sind Engel, wenn einem im Schlaf ein Lied kommt?«

»Gewiß sind's Engel, Kind!«

»Dann werden die Engel Dich auch predigen lehren.«

»Willst Du sie darum bitten, jeden Abend, Winnie?«

»O gern! gern! Und dann wirst Du nie mehr weinen?«

»Nie mehr?! O Winnie! Wer könnte das versprechen!«

»Aber wenn Du wunderschön predigen kannst?«

»Dann?«

»Dann brauchst Du nie mehr zu weinen.«

»Warum nicht?«

»Wenn ich sehr gern weinen will, dann mach' ich ein Lied, und dann vergeht's.«

»Ich wollte, ich könnte auch Lieder machen.«

»Aber das ist ja so leicht!


Komm, liebes Lied! wie Flügel,
Sollst du vorüberweh'n,
Und über Wald und Hügel,
Wie Windesrauschen geh'n.«


Siehst Du, so. Nicht schön, ich mein' ja nicht, daß das schön ist, aber so leicht wie Sprechen oder Denken oder Singen. Es kommt von selber. Woher käme es denn sonst den Vögeln?«

»Freilich. Den Vögeln kommt's auch von selber, und Llewellyn auch.«

»Ja, und Llewellyn weint nie und singt immer. Warum bist Du nicht wie Llewellyn?«

»Vielleicht weil ich noch keinen weißen Bart habe; als er jung war, soll er auch nicht immer gelacht haben.«

»Hast Du Martyn sehr lieb?«

»Sehr lieb.«

»Wie einen Bruder?«

»Wie meinen liebsten Bruder.«

»Warum konnte Gladys ihn nicht leiden?«

»Weil ihn der liebe Gott geschickt hatte, als Gladys etwas Schlechtes thun wollte und Tom gern haben.«

»Wollte sie Tom gern haben?«

»Und da hat ihr Martyn gesagt, wer er ist.«

»Schade, daß sie mich nicht erst gefragt hat, ehe sie das that.«

»Vielleicht hätte sie Dir nicht so geglaubt.«

»Hat sie denn Martyn geglaubt?«

»Nicht gleich, aber später.«

»Aha! Und seitdem hat sie ihn gern.«

»Seitdem hat sie ihn lieb; sie hat zu mir gesagt: Er war der Engel, der mich gerettet hat.«

»So?« sagte Winnie und wurde wieder sehr gedankenvoll.

»Warum spricht er denn nicht zu meiner Mutter?«

»Glaubst Du nicht, daß Deine Mutter sehr gut weiß, wie Tom ist?«

»Sehr gut nicht; denn sie will nicht.«

»Denk' mal, Winnie, eine Mutter! Wenn der arme Mensch von seiner Mutter verstoßen wird, dann hat er ja kein Verzeihen mehr auf der ganzen Erde.«

»Dem würde ich gar nicht verzeihen.«

»Was wissen wir davon! Kennst Du nicht die Geschichte vom verlorenen Sohn?«

»O ja, sehr gut; ich denke auch immer an Tom dabei.«

»Nun, und?«

»Eigentlich denke ich – aber Du mußt es nicht sagen – eigentlich denke ich, sein Bruder hatte recht.«

»Aber Winnie!«

»Ja, siehst Du, es war hart für den Braven, und geht meistens den Braven so; man sieht sie kaum an.«

Morgan hatte ungeheure Lust zu lachen, blieb aber ganz ernst und sagte:

»Wenn es ein ganz guter Bruder gewesen wäre, so hätte er sich mitgefreut und gedacht, wieviel Herzeleid sein Vater gehabt, schlimmer als wenn sein Sohn gestorben wäre.«

Hier wurde das Gespräch durch den Eintritt von Gwendoline unterbrochen, die sehr müde aussah und sagte, der Vater habe einen schlimmen Anfall gehabt und schlafe jetzt. Gladys und Martyn seien bei ihm geblieben, damit sie einen Augenblick ruhen könne.

»Willst Du Dich zu mir setzen und mir die Hand geben, mein Sohn, damit ich ruhig werde, und Winnie singt mir ganz leise ein Lied. Vielleicht kann ich dann schlafen.« Sie thaten, wie ihnen geheißen. Morgan strich zärtlich der Mutter leise ergrauendes Haar aus den Schläfen, während er ihr ein kleines Kissen unter den Kopf schob, setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand, die er zärtlich streichelte und küßte, mit fast weiblicher Sanftmuth, und Winnie versteckte sich in den fernsten Winkel und sang leise wie ein Vogel im Erwachen:


»Und wenn die Engel kommen,
Dann sind sie stark und schön,
Und wenn die Engel singen,
Ist's sanftes Meergetön.

Und wenn die Engel wachen,
Dann fürchte Dich nicht so,
Und wenn sie Dir verzeihen,
Dann werde wieder froh.

Und wenn sie lieb Dich rufen,
Dann breit' die Arme aus,
Nach Gottes Vaterherzen,
Und fliege Du nach Haus!«


Gwendoline schien wirklich unter dem fast geflüsterten Singen einzuschlummern, und Morgan betrachtete bekümmert die feinen Falten, die der Schmerz in das edle Gesicht geschrieben, so zart wie Spinngewebe zogen sie über die Haut, die in bleicher Ruhe durchsichtiger aussah als in des täglichen Lebens auf und ab fluthender Bewegung. Morgan und Winnie athmeten kaum, um den kostbaren Schlaf nicht zu stören, und als einmal ein tiefer Seufzer in abgebrochenen Stößen, wie Schluchzen, der Mutter Brust hob, sahen die Beiden sich verständnißvoll an. Dann wanderten Winnie's Gedanken in's Traumland hinüber und ihr emsiges Köpfchen hatte schon wieder ein neues Märchen erdacht. Morgan beobachtete bald die schlafende Mutter, bald das träumende Kind und dachte so viel, so viel, daß auch er bald auf wunderbaren Pfaden durch des Lebens Fragen hinwandelte.



XXI.
Nemesis.

Lewes war in seine einsame Wohnung zurückgekehrt, mit so schwerer Trauer im Herzen, daß ihn die Luft wie Blei dünkte und er sein Fenster öffnete, um athmen zu können. Warum hatte sie sich so gefürchtet, ihn zu sehen? Er wollte ihr ja nur Freude machen, und bis dahin hatte sie noch immer geglaubt, er brächte den Erlös der Steine, langsam und allmählich, wenn sie besonders darum schrieb. Er hatte das gethan, was ihn vor seinen und ihren Augen in Sünd' und Elend stieß, aber sie konnte das doch nicht ahnen, und vor allem nicht ahnen, daß es um sie geschehen. Warum war sie so furchtsam? Warum war sein Anblick ihr so unerträglich geworden? Er zermarterte sein Gehirn, um sich zu erinnern, wann und wo er sich könnte unangenehm gemacht haben. Umsonst. Des Schlafens war er schon längst ungewohnt geworden, seit er gelernt, sich zu fürchten. Immer und immer wieder mußte er im Geiste das wiederthun, was er gethan. Es war ein Schreiben um eine unbedeutende Abschlagszahlung an den Smyrnaer Correspondenten von ihm verfaßt und dem Principal gezeigt worden zur Begutachtung; das war aber nicht, was Vaughan unterschrieben, sondern Lewes hatte ihm einen andern Brief unter die Hand geschoben, in dem die Summe von dreitausend Pfund angegeben war. Lewes war selbst auf die Bank gegangen, um es in Empfang zu nehmen, da er sich keinem der Unterbeamten anvertrauen konnte. Dieses Geld verwahrte er zu Hause und gab so wenig als möglich davon heraus. Trotzdem schwand es mit erschreckender Geschwindigkeit. Zugleich sagte er sich, daß es nur höchstens noch Wochen dauern würde, bis das conto current ankäme und seine That entdeckt würde. Jedes Frühlingswehen, jede schwellende Knospe jagte ihm das Blut fiebernd in die Schläfen. Er magerte dergestalt ab, daß der alte Owen um seinen jungen Freund besorgt wurde und mit dem Principal über ihn sprach, was zu thun sei, einen so ausgezeichneten Menschen, ein wahres Finanzgenie, sich gesund zu erhalten. Sie wußten wohl, wie sehr sich alles gehoben durch seine wunderbaren Combinationen und seine sichere Voraussicht.

»Ich schlafe so schlecht,« sagte Lewes, und sein Blick suchte den Boden vor Owen's durchdringenden Augen.

»Mein Freund! ich glaube wahrhaftig, Sie sind verliebt!«

Lewes wurde so roth, als es ein sehr bleiches Gesicht werden kann.

»Zu solchen Kindereien hätte ich doch wohl wenig Zeit; ich bin in meine Zahlen verliebt; Sie wissen doch, daß die meine einzige Leidenschaft sind, und daß ich eine Poesie in ihnen finde, wie ein Anderer in der Liebe.«

»Ja, ja, ich weiß; aber davon wird man nicht elend.«

»Doch schlaflos zeitweise.«

»Wenn man Sie nur entbehren könnte, man schickte sie einen Monat nach Schottland. Aber Sie sind weder Jäger noch Fischer.«

»Ich bin ein Holzwurm und gehöre in die Kanzlei, und wenn man mich zertreten wird, bin ich inwendig nur Staub.«

Owen schüttelte den Kopf. »Machen Sie mir nichts weiß, mein Freund! Das rasche Blut hat schon zweimal Ihre Adern gefüllt und verlassen seit meiner Frage. Das sieht nicht aus wie Staub, sondern wie ganz menschlicher Herzschlag. Aber Sie sollen mein warmes Interesse nicht für Indiscretion halten, beileibe nicht, und vergessen Sie meine Frage!«

»Wollen Sie nicht einige Tage mein Haus in Wales bewohnen? Sie wissen, wie sehr Sie meiner Frau stets willkommen sind,« sagte Vaughan, »und von einem Uebersiedeln nach London kann in diesem Frühjahr nicht die Rede sein; dazu ist sie viel zu krank.«

»Ich möchte für den Augenblick lieber hier bleiben.«

»Wie Sie wollen. Ich möchte Sie nur gesund sehen.«

Lewes dachte wirklich manchmal daran, sich die Backen zu reiben und zu kneifen wie bleichsüchtige Mädchen, wenn Gäste kommen; es wäre aber vergebens gewesen, denn nach wenigen Minuten wäre er noch aschfarbener erschienen.

Tom war in der Zeit zweimal bei ihm, und er hatte ihm kleine Summen gegeben, wenn er versprach, in London zu bleiben und seine Mutter nicht zu quälen. Tom fing an, äußerst verkommen auszusehen. Kleider und Haltung waren gleich sehr vernachlässigt. Unrasirt, ungekämmt, fast ungewaschen war er bei Lewes erschienen, und sein Ausdruck war derart, daß man unwillkürlich an Verbrechen dachte bei seinem Anblick. Die grünen Augen irrten unstät umher, die Rede war noch immer übermüthig, aber wie im Rausch, und unvorsichtig wie im Fieber.

»Und das ist der Mensch, für den ich ein – ein – geworden!« dachte Lewes. Das furchtbare Wort brauste durch sein Gehirn und ließ ein Klirren darin zurück, als wäre eine große Glasschale zersprungen: »Dieb!« – und als er es einmal gehört, da hörte er es immer, bei Tag und bei Nacht, als läuteten es Glocken in seinem Kopfe, als zwitscherten es Vögel, als schlüge es jede Herzenswelle, als hämmerten es Nägel ein: Dieb! Dieb! Dieb! Dieb! Es war zum Wahnsinnigwerden.

Und die Londoner Parks wurden grün, und die Leute ritten und fuhren darin herum, gerade wie sonst. Die Welt war Lewes noch nie so übertrieben lustig vorgekommen, als in diesem Frühjahr. Was hatten nur die Menschen am Leben gefunden? Es war ja ein so elendes Geschäft, ein Deficit das Ganze, eine saftlose Frucht mit angefaulter Schale. Und hatten diese alle denn keine Angst? Er betete um Kraft, in der Stunde der Entdeckung standhaft zu bleiben, und das Weib seines Herzens nicht zu verrathen. O Qual! Qual! Oft überkam ihn die Reue heiß, bohrend, versengend, und zeigte ihm die Nutzlosigkeit seiner That und die Thorheit derselben, für ein paar Frauenthränen mehr auf der Welt! Manchmal war es ihm, als würde eine Zeit kommen, da er Edleen hassen müßte, da er ihre zarten Handgelenke ergreifen und ihr zuschreien würde, daß ihre Mutterliebe Verbrechen gewesen. Aber vor diesem Tage würde sie gestorben sein und ihr Unrecht und ihre Schmerzen hinuntergenommen haben in's stille Grab, in die ewige Ruhe, da vielleicht sogar bange Mutterherzen gleichgültig werden, so groß muß die Ruhe sein. Wenn sie nur sterben wollte vor der Entdeckung seiner That, die für sie allein klar und offenkundig sein mußte. Das hätte er ihr gern erspart. Aber man erspart Keinem sein Schicksal, und am wenigsten Denen, die man liebt.

An einem schönen Maimorgen ließ Vaughan eilig Lewes und Owen in seine Kanzlei rufen.

»Hier,« sagte er, »ist eine sonderbare Geschichte, die Abrechnung von Smyrna mit dreitausend Pfund, die er mir geschickt haben will, und von denen ich nicht die geringste Erinnerung habe. Lewes! wollen Sie nicht die Bücher holen, daß wir vergleichen?«

Lewes gehorchte schweigend.

»Was soll denn das heißen?« fragte Owen. »Was ist denn das?«

Sie schlugen die Bücher auf. Da war nirgends eine Spur von einer aus Smyrna eingegangenen Summe. Sie studirten und verglichen lange, und endlich setzte Vaughan ein Telegramm auf, worin er um Aufklärung bat. Die Antwort kam, sein eigener Brief würde ihm zugesandt werden, zur Rechtfertigung. In den Tagen, die bis dahin verliefen, erschöpften sie sich in Vermuthungen. Sie kamen auf den Gedanken, daß hier eine Fälschung durch einen entlassenen Cassirer ausgeführt worden. Man schickte auf die Bank, um sich zu erkundigen, ob eine solche Summe an irgend Wen ausgehändigt worden. Ja, kam die Antwort, unter dem und dem Datum.

»Ich denke,« sagte Lewes sehr ruhig, »man übergiebt die Sache den Gerichten, anstatt hin und her zu rathen und vielleicht Unschuldige zu beschuldigen.«

Vaughan ließ einen Polizeibeamten rufen, gab ihm Einsicht in seine Bücher und bat ihn, den Thäter zu finden.

»Haben Sie keine Erinnerung von dem Briefe, den Sie nach Smyrna geschrieben haben sollen?« fragte der.

»Ich habe eine dunkle Erinnerung von einem unwichtigen Briefe, den mir Herr Lewes dort vorlegte.«

»War er in Herrn Lewes eigener Schrift?«

»Das weiß ich nicht mehr; es wäre also möglich, daß einer der Abschreiber sich verschrieben und die Zahl unsrer Beider Aufmerksamkeit entgangen ist, nicht wahr, Lewes?«

»Ja,« sagte Lewes, »es wäre möglich.« Seine Stimme klang tief und eintönig.

»Ich werde auf die Bank gehen und fragen, wer das Geld in Empfang genommen.«

Gesagt, gethan. Der Polizeibeamte erschien auf der Bank und fragte, ob sich einer der Cassirer erinnerte, wem er unter dem und dem Datum eine Summe von dreitausend Pfund aus Smyrna eingehändigt?

Ja, er würde den Herrn erkennen, wenn er ihn sähe.

»Weißt Du noch,« rief ein Anderer. »Ich meinte noch, wie sonderbar es gewesen, daß Herr Lewes selber kam um das Geld.«

»War es Herr Lewes? können Sie das beschwören?«

»Ich möchte doch noch ganz sicher sein, bevor ich schwöre.«

»Und Sie werden Den erkennen, der das Geld holte?«

»Ganz gewiß.«

Vaughan, Owen und Lewes hatten schweigend dagesessen. Es war, als wären sie alle von Stein geworden. Nun wurde es draußen laut. Man bat Vaughan, mit den Beiden in den Saal zu treten, wo die Schreiber arbeiteten; der Polizeibeamte trat mit zwei Constablern und den beiden Cassirern der Bank ein.

»Wollen die Herren Denjenigen in diesem Saale bezeichnen, der das Geld von Smyrna abgeholt?«

Das Schweigen, das auf diese Frage folgte, war athemlos.

»Herr Lewes,« sagte der Eine fast leise, während der Andere direct auf ihn zuging und sagte:

»Dieser Herr hat das Geld bei mir geholt.«

»Lewes!« riefen Vaughan und Owen aus einem Munde.

In dem Augenblick wurde die Post gebracht und der Brief aus Smyrna lag in Vaughan's Hand. Er erbrach ihn hastig und las, zeigte ihn Owen und dem Polizeibeamten.

»Ist das des Herrn Lewes Handschrift?« fragte dieser.

»Ich möchte es dafür halten,« sagte Owen mit bebender Stimme, aber sie ist vielleicht nachgemacht.«

»Sie ist nicht nachgemacht,« sagte Lewes; seine Lippen waren weiß, aber seine Stimme blieb ruhig, die Aussprache klar. »Ich habe das geschrieben und es Herrn Vaughan zur Unterschrift vorgelegt.«

»Lewes!« rief Owen, und das Blut wollte ihm aus den Augen springen, »Lewes! Sie sind verrückt! es ist nicht wahr! Lewes! besinnen Sie sich doch! Sie fiebern vielleicht? Sie reden irre! Hören Sie nicht auf ihn! Er ist schon längere Zeit krank!«

»Ich bitte Sie, überhaupt nicht zu sprechen,« sagte der Polizeibeamte; »jedes Wort ist hier zu viel. Sie sind sehr gebeten, zu schweigen.«

Vaughan stand stumm und starrte Lewes in's Gesicht.

»Lewes,« sagte er endlich, »ich habe Ihnen vertraut wie mir selber, und möchte Sie um Verzeihung bitten, daß ich in dieser Stunde gezwungen werde, zu zweifeln. Ich suche nach Gegenbeweisen gegen meine eigenen Augen.«

»Sie werden keine finden,« flüsterte Lewes.

»Bereiten Sie sich, mir zu folgen,« sagte der Polizeibeamte.

Es entstand eine Bewegung im Saale, wie in einer Werkstatt, in die man Dynamit geschleudert, die Einen blieben wie todtgetroffen, die Andern tobten in höchster Aufregung. Owen weinte. Er hatte die Hände auf Lewes' Schultern gelegt, und wußte nicht, daß große schwere Tropfen aus seinen ehrlichen Augen auf den Boden fielen. Lewes stand da wie ein Märtyrer am Pfahle und sah Owen an, mit einer Trauer, als bedauerte er den alten Freund in einem Kummer, der ihn selber nicht betraf.

»Lewes!« sagte der, »aber Lewes! Sie haben es nicht gethan! Ich könnte ebensogut glauben, ich hätte es gethan! Es ist nicht möglich! es ist nicht wahr! Lewes! Lewes! Nehmen Sie nicht auf sich, was vielleicht Andere verschuldet! Sieht der Mensch denn nicht so unschuldig aus wie ein Heiliger, und so ruhig wie das gute Gewissen? Es ist nicht wahr! es kann nicht sein! Hier liegt ein ungeheurer Irrthum vor.«

»Lewes!« sagte Vaughan, »warum beichteten Sie mir nicht! Ich hätte Sie dieser Qual und Schande nicht ausgesetzt! Ich hätte Ihnen geholfen! O Lewes! warum haben Sie mir das gethan! Hatte ich das verdient?«

Ein wunderbarer, beredter Blick aus Lewes' hellen Augen war die Antwort, als wollte er sagen: »O, wohl verdient!« fast nickte er unmerklich mit dem Kopfe. Dann war er gegangen, man sah auf die Stelle hin, wo er noch eben gestanden, und Jeder hatte etwas Anderes an ihm wahrgenommen. Alle fühlten sich getroffen, als wenn von nun an eines Jeden Redlichkeit in Frage gestellt würde, als könnte Keiner mehr zu den Andern Vertrauen haben, seit Lewes ein Verbrecher war. Die Einen wollten von jeher etwas Sonderbares an ihm bemerkt haben, die Andern sagten, sie hätten zu Niemand Vertrauen, die Dritten, man könne überhaupt auf dem Wege der Tugend zu keinem Reichthum gelangen. Das sagten sie nur leise und mit scheuen Blicken nach der Thüre, hinter der Vaughan und Owen verschwunden waren. Der alte Owen war in einer Aufregung, daß ihm beständig die Tropfen unter den Haaren und um die Nasenflügel hervorperlten.

»Es ist unnatürlich, ganz unnatürlich,« wiederholte er fortwährend. »Und wenn Lewes durchaus ein Märtyrer sein will, so giebt es eben Leute, die ihn gewaltsam aus dem Gefängniß holen werden.«

Er war dabei, als man bei Lewes Haussuchung hielt, und sagte, er kenne genau seine Ersparnisse, sogar die Nummern seiner Papiere, aber es fand sich keine Spur mehr davon, dagegen ein kleiner Rest von dem verhängnißvollen Gelde. Der war eingeschlagen und darauf stand: »Das Letzte«. Was sollte das heißen: »Das Letzte«? – Wo war das kleine Vermögen hingekommen? Und was bedeutete das Wort? Alle Bücher waren offenbar verbrannt, und Owen wußte, daß er selbst in seinen Privatsachen von peinlichster Ordnung gewesen war. »Man soll jede Stunde mir die Augen zudrücken, mich von dem Meinen begraben und den Armen etwas geben können, und Alles finden. Ich habe auch mein Testament gemacht; ich hasse die Unordnung.« Solche Aeußerungen citirte Owen in Masse von ihm. Und wie stimmte das. »Ich kann schwören, daß hier seine Bücher lagen, und hier sein Geld, und hier sein Testament, schwören kann ich's. Aber wo ist Alles hingekommen?« –

Auf einmal schlug er sich mit der Faust vor die Stirn, eilte nach Hause, warf einige Sachen in eine Handtasche und war fort, ohne zu sagen, wohin.

Am nächsten Tage trat er bei Kathleen ein.

»Ich muß Frau Vaughan augenblicklich sehen.«

»Das geht nicht. Sie liegt im Bett.«

»Ich weiß, wo das ist, ich werde sie eben im Bett sehen.«

Kathleen wollte sich widersetzen, aber vor des alten Mannes Energie hätten selbst eiserne Riegel und eichene Thüren weichen müssen, und Edleen zitterte unter ihrer Decke, als er auf einmal vor ihr stand, zornroth, mit funkelnden Augen.

»Ich habe Ihnen eine sehr ernste Mittheilung zu machen, die keinen Verzug erleidet,« sagte er, ohne auf die schmalen Hände zu sehen, die sich zuckend ineinanderlegten.

»Unser vortrefflicher Lewes ist des Diebstahls angeklagt und in's Gefängniß geworfen.«

»Wegen Steinen?« rief Edleen und erhob sich auf den Ellenbogen mit starrem Blick.

»Wegen was für Steinen?« fragte Owen, seine furchtbaren Augen noch weiter aufreißend. Edleen sank in die Kissen zurück, und mit den Händen, aus denen jeder Blutstropfen zu weichen schien, bedeckte sie das Gesicht.

»Sehen Sie nicht, was Sie da machen?« sagte Kathleen rauh.

»Ich sehe nur eine schwache Frau, die einen ehrlichen Mann in's Unglück stürzt, wenn sie nicht sprechen will.«

Er griff nach ihren Handgelenken und zog ihr die Hände vom Gesicht: »Von was für Steinen sprechen Sie? Warum glauben Sie, daß Lewes im Gefängniß ist?«

»Wie kann ich das ahnen?« kam so kalt von Edleen's Lippen, daß Owen fürchten mußte, geschlagen zu sein. Sie hatte Zeit gehabt, zu denken, zwei Secunden Zeit. Das war schon viel zu viel gewesen.

»Ich weiß, daß es Ihre Schuld ist,« fuhr der alte Mann fort, »und die Ihres elenden Sohnes, ich weiß es, leugnen Sie nicht; es ist schon Sünde genug, wenn Sie schweigen. Wissen Sie denn nicht, daß der Mensch nichts hat als seinen ehrlichen Namen? Wo ist das Geld, das er Ihnen geschickt hat?«

»Er hat mir keines geschickt.«

»Herr Gott! nein! er hat's selbst gebracht, jedesmal, wenn er hier war, brachte er Geld.« –

»Vielleicht war das Geld mein.«

»Ihr Geld? Dann zeigen Sie mir, wie Sie haben zu Gelde kommen können? Was haben Sie verkauft, Ihre Kleider, Ihren Schmuck, Ihre Ehre, oder alle Drei? Was? Was? Wie haben Sie den armen Kerl angesehen, bis er verrückt war? Und als nichts mehr da war, da haben Sie gesagt: Geld! Geld! Um Gottes willen Geld! Und haben die Hände gerungen! Mein Gott! giebt es denn keine Folter, Ihnen die Wahrheit zu entreißen?«

»Ich kann viel Foltern aushalten,« sagte Edleen, und lächelte mit dem Lächeln, das Sterbende bei großen Schmerzen haben können, und das entsetzlicher ist als Wehgeschrei.

»Verdient es Ihr Sohn, daß, um ihn zu retten, an dem Nichts mehr zu retten ist, Sie einen ehrlichen Mann umbringen? Denn wenn er sich umbringt im Gefängniß, dann ist es Ihre Schuld, Frau! Haben Sie denn kein Herz und keine Eingeweide? Haben Sie denn keine Angst vor der Sühne Ihrer Schuld? Giebt es denn für Sie keine Hölle mehr?«

»O doch! ich bin schon lange darin!«

»Und da meinen Sie, ist's einerlei, wen Sie mitreißen, wie unglücklich Sie Ihren Mann gemacht haben und Ihre drei Kinder, das Eine wie das Andere, und Lewes, und das arme Mädchen, das da vor mir steht und aussieht, als wäre auch sie verloren. Weib! womit öffne ich denn diese Lippen, daß ich die Wahrheit erfahre, die ich mit Augen sehe, mit Händen greife. Ich schleppe Sie vor's Gericht, wenn Sie nicht beichten.«

»Und mit welchem Recht? Was habe ich denn verbrochen?«

Owen wühlte sich im grauen Haar, und sein Herz schlug so, daß er es lauter hörte, als Edleen's schwache Stimme.

»Wie ein Märtyrer ging er in's Gericht, und Sie, Sie waschen Ihre Hände in der Unschuld, die Sie zur Schau tragen. Und was macht Sie denn besser als andere verlorene Frauen? Was? Haben Sie nicht eines Menschen Schwäche für sich ausgebeutet? Das thun andere Frauen auch? Haben Sie nicht Ihren Mann betrogen? Das thun andere Frauen auch. Haben Sie nicht Schande in's Haus gebracht? Das thun andere Frauen auch. Haben Sie nicht die Reinen beflecken lassen? Das thun andere Frauen auch. Alles, alles wie die Andern, unter dem Deckmantel der rührenden Mutterliebe! Weib! Weib! könnte ich Ihnen Ihre grinsende Mutterliebe in den Mund stopfen, bis Sie daran erstickten! Anstatt Ihren Sohn zu züchtigen, haben Sie ihn gestreichelt. Anstatt ihn von Haus und Herd zu stoßen, haben Sie ihn gefüttert. Anstatt ihn in's Gefängniß zu schicken, das noch zu schön für ihn war, haben Sie Unschuldige hineingebracht. Aber das soll Ihnen nicht helfen. So wahr der alte Owen lebt, soll sein strafender Arm ihn und Sie erreichen, undankbare Brut!«

Mit diesen Worten schritt er dröhnend zum Zimmer und zum Hause hinaus, ohne einen Bissen oder einen Trunk angenommen zu haben. Er eilte nach London zurück und erreichte mit unendlicher Mühe und Geduld, daß man ihn zu Lewes in's Gefängniß ließ. Vaughan mußte förmlich für ihn gut sagen und versichern, es sei, als ginge er selber hin. Owen's ungeheure Aufregung wich vor dem Ausdruck, der über Lewes gebreitet lag. Er fand ihn auf seiner Bank sitzend, die Arme auf dem Tisch, die abgezehrten Hände gefaltet, das Gesicht dem Fenster zugekehrt, durch dessen Gitter ein Stück Himmel hereinschien. Er wandte langsam den Kopf dem Eintretenden zu und lächelte.

»Ich weiß alles! lügen Sie nicht!« rief Owen.

»Hab' ich denn gelogen oder geleugnet?« fragte Lewes.

»Für das Weib, für sein Weib haben Sie's gethan! Lügen Sie nicht! Kein Groschen davon war für Sie, nein, kein Groschen!«

»Und dann? macht das meine Schuld kleiner?«

»Nein größer, viel größer!« rief Owen. »Verstehen Sie denn nicht, Mensch, daß Sie nicht das Recht hatten, Ihren unschuldigen Namen zu opfern? Nein, Sie hatten nicht das Recht!«

»Mein Name ist mein! Ich kann damit machen, was ich will.«

»Das können Sie eben nicht und das durften Sie nicht! Aber, Lewes! Sind Sie denn ganz blind? Wissen Sie nicht, um was es sich handelt?«

»O gewiß! ich weiß es schon lange.«

»Und zuerst haben Sie alles hergegeben, was Ihr eigen war.«

»Geht es Jemanden etwas an, wenn ich's gethan habe?«

»Aber, Mensch! es macht doch Ihre Schuld kleiner!«

»Was thut das jetzt!«

»Es thut, daß ich Sie heraushole aus Ihrem Gefängniß, daß Sie frei und geachtet sein sollen, daß unserm Hause nicht die Schmach angethan wird, die Sie ihm anthun wollten.«

»Jedes Haus kann unredliche Diener haben.«

»Lewes! ich kann Sie nicht hören! Sie machen mich rasend! Und sie, das Weib, wollte nicht gestehen!«

»Wer?« rief Lewes aufspringend und Owen's Arm ergreifend. Seine Ruhe war mit einem Schlage fort.

»Nun, die angebetete Edleen!«

 »Wollte was nicht gestehen?«

»Daß sie schuld ist.«

»Wer hat sie denn gefragt?«

Owen schwieg einen Augenblick ganz still vor dem bebenden Zorn in Lewes' Blick.

»Ich!« sagte er endlich ganz kleinlaut.

»Und Sie haben ihr gesagt« –

»Daß Sie im Gefängniß sind. – Sie sagte etwas von Steinen, das ich nicht verstand, noch verstehen wollte, und ich habe sie geschüttelt, aber sie war stumm und kalt; ja, ich habe sie geschüttelt!«

Lewes ließ sich auf die Bank fallen, mit dem Kopf in den Händen, und stöhnte tief.

»Aber, lieber Lewes! Ich kann Sie doch nicht elend zu Grunde gehen lassen. Sie wissen gar nicht, was Ihnen droht, welche furchtbare Strafe« –

»Ach! warum, warum haben Sie das gethan!«

»Was soll ich nun mit dem Menschen machen; hilf, Himmel!«

»Sie haben mir meinen einzigen Trost genommen!«

»Ihren einzigen Trost?«

»Ich hätte nicht viele Tage mehr gelebt. Nun, da sie weiß, nun darf ich nicht. O, warum haben Sie's ihr gesagt! Man sollte ihr sagen, ich sei verreist, gestorben, irgend Etwas, aber Owen! Owen! nun darf ich nicht sterben! Wie grausam!«

»So? Das ist grausam, daß ich Sie vom Marterpfahl reißen will?«

»Aber mein Martyrium war mir vielleicht so viel wie einem Andern sein Glück.«

»Verrückt sind Sie, Lewes, mein Freund, ganz verrückt, und Sie werden hingehen und sich an den Galgen reden, wenigstens in die Zwangsarbeit hinein, in lebenslange Haft, in alles, alles, nur damit das elende Weib und ihr miserabler Sohn gesund bleiben! Aber Mensch! Sie dürfen nicht! Sie sind verrückt!«

»Ich wollte, ich wär's.«

»Aber, ich hole Sie hier heraus, ehe Sie noch vor Gericht stehen, ehe Sie noch mehr Thorheiten begehen können, Mensch! Kind! Dieses Weib kann die Engel um den Himmel reden, und Sie danken ihr noch, daß Sie für sie in die Hölle haben wandern dürfen. Und sie hat noch kaum danke gesagt! Ich weiß es! lügen Sie nicht!«

»Mein Gott! Sie war so geängstet!«

»Und was ist sie jetzt? Wir wollen nur acht Tage warten, dann halte ich den Buben. Nur acht Tage darf Vaughan Ihre Geschichte nicht kennen, sonst macht er den Buben frei, und der soll mir an den Galgen!«

»Owen! Erbarmen! Dann wäre ja umsonst, umsonst alles, meine ungeheuere That!«

»Und die soll auch umsonst gewesen sein! Glauben Sie, der Himmel nimmt ein Opfer an, das wider Natur und Gesetz ist? Mit nichten. Und die Gesellschaft auch nicht, und sie hat recht. Sie sind verrückt und können, Gott sei Dank! nicht sprechen und sich nicht rühren, und der alte Owen macht die Schuldlosen frei.«

»Aber, Owen! Schuldlos, ich?«

»Natürlich, verrückt, rein närrisch, und weiter nichts!«

»Nicht sterben dürfen, umsonst ein Verbrecher! Alles, alles vorbei! Owen! Owen! es ist unmenschlich!«

Lewes ließ wieder den Kopf auf den Tisch fallen und weinte wie ein Kind.

»Lewes!« sagte der alte Mann, »bitte, Lewes, hören Sie mich an. Wie lange glaubten Sie denn, daß Sie dem elenden Weibe noch helfen konnten?«

»Bis an ihren Tod.«

»Schade. Fast hätte ich sie todtgeschüttelt.«

Lewes sprang wieder auf: »Und das nennen Sie Freundschaft?« rief er zornglühend.

»So, mein Freund! Nun ist's gut! Adieu jetzt! Und bleiben Sie nur wüthend auf mich, das ist besser, männlicher und macht Appetit, und wenn Sie nicht folgsam sind, dann räche ich mich an Edleen.«

Und fort war der alte Mann, mit seinen großen, energischen Schritten, aber nicht um nach Hause zu gehen, sondern um Tom zu suchen. Das war kein leichtes Beginnen, und es kostete viel Umherfahren und viele Hülfe der Polizei, bis er ihn ziemlich betrunken, kaum gekleidet, in einer verlorenen Kneipe entdeckte. Er setzte sich ihm gegenüber und sah ihn so lange an, bis Tom ihn erkannte und unsicher und halb erschrocken zu ihm hinübersah.

»Ich komme nur, Ihnen zu sagen, daß Lewes Ihrethalben im Gefängniß ist, und daß Sie von heute ab keinen Groschen mehr zu erwarten haben. Richten Sie sich danach.«

Tom war sehr nüchtern geworden.

»Ich brauche Lewes gar nicht, habe ihn nie gebraucht. Was habe ich mit Ihres Herrn Gelde und seinen Dieben zu schaffen? Die gehen mich gar nichts an.«

»Ihre Mutter ist auch außerdem sterbend.«

»Meine Mutter?« Tom wurde sehr blaß.

»Ich wollte es Ihnen nur gesagt haben, damit Sie sich danach richten. Ich würde an Ihrer Stelle das Geld nicht so über die Tische rollen lassen, wie Sie es eben thun, denn es ist das letzte.«

Und bevor Tom sich besinnen konnte, war Owen verschwunden. Der ging in's Vaughan'sche Haus und fragte die Diener aus über Tom. Die wußten schon längst von manchen Diebstählen, die nur er begangen haben konnte. Sie wollten Beweise herbeibringen.«

»Gut,« sagte Owen, »aber nur mir, sonst Keinem.«

Es vergingen etwa vierzehn Tage, als bei Vaughan verschiedene Wechsel auf ziemlich starke Summen mit seiner Unterschrift einliefen.

»Owen,« sagte er, »was ist denn das nun? Diese Wechsel habe ich nie ausgestellt; das habe ich nicht unterschrieben.«

Owen behielt seine Gedanken für sich und meinte trocken, man müsse die Zahlung derselben verweigern, und wenn er ihm Vollmacht zu handeln geben wolle, so wäre es besser, er ginge so lange nach Wales, da die Nachricht von den letzten Ereignissen ungünstig auf Edleen's Gesundheit gewirkt.

Vaughan mußte vor Gericht beschwören, diese Wechsel trügen nicht seine Unterschrift. Dann eilte er zu seiner Frau, in banger Sorge, zumal da er nichts mehr von Tom gehört, noch gesehen. Er erstaunte nicht wenig, ihn an seiner Mutter Lager sitzend zu finden, in heiterem Gespräch, wohl gekleidet und renommirend, wie immer. Und Edleen lächelte über seine Späße und sah lebhafter aus als seit lange. Bei seinem Anblicke hatte sie alle Noth und Qual vergessen. Kathleen hatte sich in die fernste Fensterecke zurückgezogen und spielte mit einer Gaisblattblume, die ihr vor den Augen hing, als wollte sie auf ihren langen Wimpern ruhen und als fürchtete sie sich doch dabei vor dem Blick, der darunter hervorschoß.

»Ich höre, wir haben Diebe im Hause,« sagte Tom mit großer Gelassenheit.

»Wir wollen lieber hiervon nicht sprechen, mein Sohn. Siehst Du nicht, wie es Deine Mutter angreift?«

Edleen war sehr weiß geworden.

»Mein Gott!« sagte Tom. »Ist das solch' ein Unglück? Das kommt doch überall vor.«

Am nächsten Tage bekam Vaughan aus einer der nahen Städte einen ähnlichen Wechsel zugeschickt, den er sofort an Owen abgehen ließ. Er fand Edleen außerordentlich schwach und so schreckhaft geworden, daß sie beim leisesten Geräusch zusammenfuhr und auf die Thüre starrte.

»Erwartest Du Etwas? ›« fragte er dann besorgt.

»Nein,« sagte Edleen, »gar nichts! ich bin nur so schwach jetzt, von den vielen Schmerzen, daß mich alles so erschreckt.«

»Hat Tom Geld von Dir verlangt?«

»Nein, gar nicht.« Wie kam er nur zu der Frage heute? Edleen war so verwirrt, daß sie die gute Gelegenheit versäumte, oder die mildere Stimmung, um etwas Geld zu bekommen für Tom. Später hatte sie schon nicht mehr den Muth dazu. Warum hatte er nur gefragt?

Aber Vaughan hatte gar nicht soviel dabei gedacht, als die schuldbewußte Frau wähnte.

Sie fürchtete sich vor jedem Blick und Wort; jeden Augenblick war es ihr, als stürzte die Zimmerdecke über sie herab, oder als versänke sie sammt ihrem Lager unter die Erde. Ging Jemand durch's Zimmer, so däuchte sie's wie Erdbeben, und ihres Mannes gealtertes und bekümmertes Gesicht kam ihr furchtbar vor, wie das eines unerbittlichen Richters.

Wenn sie an die Scene mit Owen dachte, bekam sie jedesmal einen Schüttelfrost, in dem man sie kaum mehr erwärmen konnte. Kathleen pflegte sie unermüdlich und ging nur selten aus dem Hause, selbst jetzt, trotz Tom's Anwesenheit. Sie sah ihn nicht, und sprach nicht mit ihm, wie oft er es auch versuchte, sich ihr zu nähern. Es war gerade, als spräche er zu einer schönen stummen Blume, die schon reifgedrückt, doch noch die Krone stolz und gerade trägt und kein Mitleid begehrt. Er wagte sogar einmal, sie zu fragen, ob sie einsame Spaziergänge denn gar nicht mehr liebe. Ohne sich umzusehen, ging sie aus dem Zimmer.

Ein andermal sagte er, er sei der Hexe begegnet, die sich nach ihr erkundigt. Da habe er geantwortet, sie käme bald zu ihr, um ihr Amt zu übernehmen. Kein Wimpernzucken verrieth, daß sie seine Worte vernommen, sondern sie schüttelte eine Wespe von ihrem Kleide und zertrat sie.

»Tom!« sagte Edleen, »wenn Du mich vor meinem Tode ruhig machen willst, so tritt bei Deinem Stiefvater als letzter Arbeiter ein und heirathe Kathleen.«

»Meine süße Mutter will mich doch nicht zu Zwangsarbeit und schweren Ketten verurtheilen. Meine Sünden sind zwar groß und zahlreich, aber noch bin ich nicht reif, zu Kreuz zu kriechen und pater peccavi zu sagen!«

Eines Tages trat Owen in seines Herrn Arbeitszimmer. »Ich muß augenblicklich Ihren Stiefsohn sprechen,« sagte er.

»Nichts leichter als dies. Er ist hier.«

Tom wurde gerufen, sah wenig erfreut aus, bei Vaughan erscheinen zu sollen, und sehr erschrocken, als er Owen erkannte.

»Ihre Stunde ist gekommen,« begann dieser, indem er seine furchtbaren Augen auf den jungen Mann heftete. »Ihren Missethaten ist nun für alle Zeit eine Schranke gesetzt. Diejenigen sind draußen und umgeben das Haus, die Sie von nun an nicht mehr unter freie Menschen lassen werden. Denn hier diese Wechsel haben Sie gefälscht, dieses Hauses Silber und Schmuck haben Sie gestohlen, ebenso Weißzeug und noch viele Dinge, während Sie sich verkleidet, als Kutscher, darin aufgehalten. Sie haben sich unter die Räuber begeben, und mit einer Bande Einbruch ausgeübt und sogar einen Mordversuch gemacht, der mißglückte; Sie haben Ihres Vaters Arbeiter zu Unruhen aufgewiegelt, Ihren kleinen Schwestern Schmuck entwendet und verkauft, hier einige Proben davon, von Ihrer Mutter Schmuck weiß man noch nicht, wieviel verschwunden ist; kurz, Sie sind zu Ende, mit Ihnen ist es vorbei, und wenn Sie dem Strang entgehen, so können Sie von Glück sagen.«

Tom hatte den Kopf geneigt, um zu verbergen, wie bleich er geworden. Auf einmal fühlte er seines Stiefvaters Hand schwer auf seiner Schulter.

»Tom!« sagte der, »ist das alles wahr?«

Aber der übermüthige Tom fand kein Wort zu seiner Rechtfertigung.

»Dann kann ich Dir nur einen Rath geben, mein Sohn. Eher als daß Du solche Schande erleidest, mach' Deinem Leben ein Ende. Hier hast Du eine Pistole. Erschieße Dich! Denn das kannst Du nicht über Dich hereinbrechen lassen!«

Tom richtete sich auf wie eine Natter.

»Ha!« rief er, »ist das alles, was Du für mich thun kannst, nachdem Du mich im Elend hast verkommen lassen, nachdem Du meine Mutter sterben lässest vor Herzeleid. Als ich Wechsel auf meine Mutter zog, hat sie sie bezahlt, da es sie fast das Leben kostete, sie hat alles hergegeben, das ihr eigen war, sie hat gebettelt für mich; sie hat ertragen, daß man Lewes in's Gefängniß warf für mich! Du warst mein und ihr Feind Dein Leben lang und giebst mir die Rache in die Hand.«

»Erschieße mich, wenn Du willst,« sagte Vaughan mit dem Ausdruck unendlichster Müdigkeit.

»Dich erschießen? Nein! Das wäre keine Rache und brächte mir doch den Tod! Wenn ich doch sterben muß, so soll mein Tod Dich elend machen! er soll meine Mutter tödten!«

Mit diesen Worten stürzte er aus dem Zimmer. Vaughan und Owen eilten ihm nach, und fanden ihn, wie er seiner Mutter Hände ergriffen und ihr sagte, er müsse jetzt sterben. Als sie eintraten, hob er gerade die Pistole nach seiner Schläfe. Aber Edleen fiel ihm in den Arm und sank ohnmächtig zu Boden.

Vaughan fiel auf die Kniee und hob sie in seine Arme. Er dachte, sie sei todt. Den Augenblick benutzte Owen, um Tom die Pistole zu entwinden, die der sich auch sehr gern nehmen ließ, und einen lauten schrillen Pfiff auszustoßen. In dem Augenblick füllte sich das Zimmer mit Polizeidienern, und Edleen schlug die Augen auf, um zu sehen, wie ihrem Sohn die Hände geschlossen wurden. Da sprang Kathleen auf ihn zu:

»Sei Du verflucht! Verflucht sollst Du sein! Dein Weg sei Schlamm und Dornen, Ketten an Deinem Fuß! Kein erlösendes Wort falle mehr tröstend auf Dein Herz! Verflucht sollst Du sein! Verflucht in die Hölle, dahinein Du reißen wolltest, was Dir nahte! Verflucht sollst Du sein in Ewigkeit.« –

»Erbarmen, Kathleen!« klang der verzweifelten Mutter Stimme dazwischen. »Nicht fluchen! Jedes Wort ist ein Todesstoß! O! nicht fluchen meinem armen Sohn! Es ist Fluch genug, daß ich sterbe!«

Wiederum umnachtete sich ihr Geist. Tom wurde fortgeführt, und Owen trat in's Freie, in dem Gefühle, daß sein Anblick eben Allen gleich unwillkommen sein müsse. Im stillen Herzen betete er zu Gott, er möge das arme schwache Weib vom Erdendasein erlösen, in dem sie nutzlos, ja schädlich gewesen. Aber so gut war es der armen Edleen nicht beschieden. Sie kam nach einigen Stunden wieder zu sich, und als sie ihren Mann erkannte, der sie immer noch in Armen hielt, und so alt, so uralt aussah, als wären zwanzig Jahre über ihn hinweggegangen, da machte sie eine Bewegung, als wollte sie sich von ihm abwenden. Dann aber besann sie sich eines Besseren, ergriff seine Hand, führte sie an die Lippen und flüsterte: »Verzeih' mir, Harry! ich habe Dich sehr unglücklich gemacht und große Sünde gethan. Verzeih' mir, wenn Du kannst!« Er konnte sie nur sanft an seine Brust drücken und ihr Haar streicheln, aber sprechen konnte er nicht.



XXII.
An der Himmelspforte.

»Llewellyn ist da!« rief Freddy, »nun kann's losgehen!«

Der Sommertag lag in goldener, satter Pracht auf dem Vicariat, auf der in den unteren Räumen versammelten Familie, auf der großen Gemeinde, die harrend vor den offenen Thüren im Garten stand, damit die Luft drinnen nicht zu eng würde.

Da schwebte Gladys im Brautstaat herein; der weiße Schleier umhüllte sie wie zarter Nebel; die strahlenden Augen quollen von Thränen über, und die lächelnden Lippen zitterten unter verhaltenem Schluchzen.

Jetzt wurde von den Söhnen der verklärte, sterbende Mann hereingerollt, der zum letzten Mal das Ornat angelegt, um sein Kind zu trauen, um mit den Seinen die letzte Communion zu feiern.

Llewellyn mußte sich abwenden, er konnte das Gesicht seines Freundes nicht ansehen, und als die Glocken herüberschallten und der Chor seinen wundervollen Gesang anhob, da war kein Auge trocken, außer die der Zwillinge, die auf Gladys starrten und sie sehr schön fanden und gar nicht verstanden, warum die Leute so weinten.

Heute strömte keine glänzende Rede von des großen, geliebten Predigers Lippen. Sein Athem ging kurz und schwer, aber seine Augen strahlten in überirdischem Glanz, als er seinem Kinde die schönen Worte vorsagte, die bei der englischen Trauung gebräuchlich sind und die Gladys mit fester Stimme nachsagte, nur in kleinen Absätzen, um die Thränen hinabzuschlucken, die nassen Rebellen, die immer wieder emporstiegen. Die Worte lauten in deutscher Uebertragung etwa also:


Ich nehm' Dich zu meinem vertrauten Gemahl,
Mit ganzem Herzen, aus freier Wahl,
Zu haben, zu halten, an diesem Tag,
Ob Gutes, ob Böses Dich treffen mag,
Ob Armuth Dein harret, ob Reichthum Dein Theil,
Ob krank Du und leidend, ob stark Du und heil,
Dir weih' ich mein Lieben, so lang' ich nur bin,
Dich will ich verehren mit Herzen und Sinn,
Dir will ich gehorchen und Deinem Gebot,
Bis dann, wenn uns scheidet der bittere Tod,
Wie Gott es verordnet für ewige Zeit,
Dir schwör' ich's, mein Gatte, mit heiligem Eid.


»Lieber himmlischer Vater! segne meine Kinder!«

Das war die ganze Rede. Aber sie wirkte erschütternder, als alles, was seine Feuerseele im Leben über seine Gemeinde ausgegossen. Und dann rief er sie um sich, und unter ergreifendem Gesang theilte er den Seinen mit zitternder Hand das Abendmahl aus; Morgan mußte die Hand mit dem Kelch stützen. Dann kniete er vor dem Vater, hielt mit beiden Händen den Kelch umfaßt, während Gwynne die Hand auf sein Haupt legte und sagte: »Gott! nimm meinen Sohn auf und mach' ihn zu Deinem getreuen Diener!« Das war des jungen Mannes recht eigentliche Priesterweihe. Llewellyn stand in der einen Thüre, mit Winnie's Hand in der seinen.

»Nun reiche Du mir den Kelch, mein Sohn, und sprich Du die Einsetzungsworte, auf daß Du Dein Leben lang daran denkst, daß Dein Vater der Erste gewesen.« –

Morgan's Hand zitterte, und Gwendoline hatte die überströmenden Augen an ihres zweiten Sohnes Schulter geborgen; aber es waren Thränen heißen Dankes für das unendliche Glück, dieses Mannes Weib gewesen zu sein, und des Sohnes Mutter, dessen Seele gerettet war.

Die ältesten Leute erzählten in späteren Zeiten ihren Enkeln von Gladys' Trauung, von der wahren Blumenlaube, zu der die Geschwister das Haus umgewandelt, von dem Gesang und der Abendmahlsfeier, wie schön die Braut gewesen, wie ein himmlischer Engel, und all' die vielen Kinder so wunderschön. Einige Wenige knieten und baten, noch einmal aus Gwynne's Hand die Communion zu erhalten. Morgan führte die Hand, sah aber, wie die Kräfte schwanden und winkte den Andern, fern zu bleiben. Aber Niemand ging. Sondern mit kurzen Pausen fuhren sie fort zu singen. Einigemale kam Freddy zu den Leuten heraus: »Mein Vater läßt Euch sehr danken, wenn Ihr nicht müde wäret, so hätte er gern noch ein Lied!« Klar klang die Kinderstimme hinaus, und ringsum schmetterten die Vögel, und die Nachmittagsschatten wurden lang auf den Wiesen. Aber Niemand dachte an's Heimgehen. Gwynne saß noch immer im bekränzten Lehnstuhl im Ornat und lächelte, wenn ein Lieblingslied erklang.

»Der Kampf ist nicht schwer, gar nicht schwer!« flüsterte er. »Dort schwebt Una herein und lächelt! Und um mich her singen die himmlischen Schaaren. Gar nicht schwer!«

Winnie warf sich weinend auf seine Füße, und umklammerte sie: »Aber Du darfst nicht sterben! Nein! nein! wir können nicht ohne Dich! Du darfst nicht sterben!«

Gwynne machte Morgan ein Zeichen, der hob das Kind auf und hielt es seinem Vater in die Arme!

»Muth, mein Kind! sei gut! sei stark mein Töchterchen!« Die Sonne wollte sinken. Da erhob sich der alte Mann ganz gerade aus seinem Sessel:

»Lebe wohl, liebe Sonne und Dank für deine Strahlen!« rief er; dann sank er in der Söhne Arme zurück und hatte ausgeathmet. Und weinend sangen die Leute noch, während Morgan laut betete, und Alle so still wurden, als feierten sie mit ihm seliges Auferstehen . . . . Sie betteten ihn unter Gladys' Traualtar, entzündeten ringsum Kerzen und verließen ihn nicht die ganze Nacht. Gwendoline kniete ihm zu Häupten; Gladys saß in Martyn's Arm, mit dem Kopf an seiner Schulter, im Brautkleid, das sie nicht abgelegt; Morgan betete leise, oder las manchmal eine schöne Bibelstelle. Die jüngeren Söhne waren mit der Mutter beschäftigt, brachten ihr erquickendes Getränk und schoben einen kleinen Sessel mit Kissen heran, ganz nahe, so daß sie des Vaters Hand noch immer in der ihren halten konnte. Die Leute hatten sich entfernt. Als Missy die kleinen Kinder zu Bett bringen wollte, hob Morgan sie einzeln zu des Vaters wunderschönem Gesicht, damit sie ihn küssen könnten; dann hieß er sie niederknien und betete mit ihnen, und dann waren sie still davongegangen. Balsamisch zog die Nachtluft zu den offenen Thüren herein. Vor einer derselben saß Llewellyn im Mondschein und griff feierliche Accorde, manchmal in unbestimmtem Getöne, wie Aeolsharfen, dann wieder Nachklänge der Choräle. So hielt er bei dem Freunde Leichenwacht.

Nach Mitternacht erklang plötzlich wundervoller Gesang. Im Schatten der Bäume hatten sich die Leute lautlos wieder versammelt und sangen mehrere Stunden lang. Sie konnten alles so deutlich sehen, als stünden sie mit im Sterbezimmer, weil sie selbst im Dunkeln waren, und drinnen die strahlenden Kerzen. Das war Gladys' und Martyn's Brautnacht, und die warf ihren heiligen, andachtsvollen Schein über dieser beiden Menschen ganzes späteres Leben. Martyn hatte seiner Braut längst gelehrt, den Tod als einen Freund, als etwas Natürliches, ohne Schrecken zu betrachten, und ein solches Sterben mußte ihm jedes Grauen nehmen.

Während des Gesanges huschte eine weiße Elfengestalt barfuß herein und versteckte sich in die Blumen. Missy sah, daß es Winnie war und wollte sie fortschicken, aber Llewellyn rief sie herbei, schlug sie in seinen Mantel und behielt sie auf dem Schooß, die ganze Nacht, manchmal auf ihre geflüsterten Fragen antwortend und dann mit ihr dem Gesange lauschend. Die Leute sahen das Kind und hatten es von Stund' an lieb. Ein wundervoller Sonnenaufgang übergoß die Leiche so rosig, daß Winnie einen Augenblick das Herz hörbar schlug, weil sie hoffte, Gwynne würde erwachen, aber er blieb still und kalt mit seinem seligen Lächeln, das sich auch nicht rührte.

Missy zwang Gwendoline, etwas Ruhe zu suchen, Martyn nahm seine junge Frau mit, damit sie den Brautstaat ablegte und womöglich einen Augenblick schlief. Die Brüder blieben allein bei der Leiche, mit Llewellyn, der sie aber auch bald zur Ruhe schickte, und um die besondere Gunst bat, ein Stündchen allein den alten Freund zu bewachen.

Friedlichere Tage als die bis zum Begräbniß sah man noch nie. Nachts kamen die Leute, nach ihrer Tagesarbeit, und sangen ein paar Stunden. Am vierten Tage war das Begräbniß, so feierlich, so wunderschön, daß es war, als wäre Himmelsfreude auf die Erde hinabgestiegen, Thränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen. Der gottgeweihte Mann ließ noch im Hinscheiden Frieden zurück und Trost, da wo sein trostreiches Wort für immer verstummt war.

Gwendoline blieb mit Missy auf dem Kirchhof, während Martyn seiner Braut im langen schwarzen Kleide und Schleier den Arm reichte, sich an ihrer rührenden Schönheit erquickend, und mit ihr die saftgrünen Wege zu Fuß ihrem neuen Heim zuwandelte, das sie heute zum ersten Mal betrat. Das ganze Häuschen war von Rosen überwuchert. Innen war es mit Kränzen und Topfgewächsen zu einem Feenpalast umgewandelt, und Gladys dankte Martyn mit Thränen in den Augen, durch die heiße junge Liebe hindurchstrahlte, daß er alles so schön gemacht. An ihrem Bett stand des Vaters Bild bekränzt, und an der Wand hing das von Una, beinahe lebensgroß, halb in langen Rosenzweigen verborgen. Dafür mußte er von Neuem stürmisch umarmt werden, und so blühte aus den Gräbern ihr junges Glück in kräftigen Trieben empor und versprach, bald ein stattlicher Baum zu werden.

Morgan wandelte einsam durch den Wald und nahm Abschied von den Plätzen, da er die heißen Schlachten geschlagen mit Unglauben und irdischer Liebe. Er fühlte sich noch, wie Jacob, gelähmt von dem langen Kampfe, gelähmt, aber Sieger. Er hatte an Kathleen gedacht, als er Martyn und Gladys langsam davongehen sah, durch die blüthenreichen Wege; er hatte an sie gedacht, mit einem stechenden Weh in der Brust, und wie er die Augen hob, war es ihm, als sähe er ihre Gestalt, ihr Profil hinter den Kreuzen verschwinden. Er wollte ihr nachgehen, hielt sich aber zurück. Nun wollte er fort, zum Examen, zur nächsten Pfarrei, und nur als Gast sollte er ferner im Vaterhause sein. Robert, der Seemann, war abgerufen, drei Jahre lang die Welt zu umsegeln, und Ned sollte zur Schule zurück.

Sehr still wurde es zuerst im Vicariat, bis Freddy es auf sich nahm, mehr Lärm zu machen, als sonst die vier Brüder zusammen. Llewellyn blieb bis zum Spätherbst. Er konnte sich von Winnie nicht trennen, die sich unter seiner Leitung so rasch entwickelte, daß Missy bald zur armen Henne wurde, die dem Entchen nicht folgen konnte. Minnie war zart und liebevoll und liebebedürftig. Die Gwynne'schen Kinder waren kräftiger angelegt und insofern sehr gut für die allzufein besaiteten Kinder der armen Edleen.

Kathleen hatte nicht nur dem Begräbniß beigewohnt, nicht nur auf dem Kreuz gekniet, das zwischen wuchernden Blumen lag, auf dem aber der Name Tom noch deutlich zu lesen war – sie hatte auch in der Nacht draußen gestanden, Martyn und Gladys sitzen sehen, und Llewellyn im Mondschein, und Morgan's männliches Gesicht vor der offenen Bibel, und Gwynne, Gwynne mit den wundervollen, gemeißelten Zügen in seiner letzten Ruhe. Sie kam sich wie eine arme Seele vor, die zur Himmelsthüre hereinschaut; denn sie wußte, wieviel glühender Haß, wieviel furchtbare Rachegedanken sie hin und her gerissen. Sie wußte sehr wohl, daß sie den Funken in Temorah's Bett hatte fallen sehen, der den Brand entzündete. Bis dahin hatte sie sich immer vorgelogen, es sei nicht so gewesen, aber jetzt ging sie unerbittlich mit sich selber in's Gericht. Und wo war all' die große Liebe, um die sie ihr Gewissen so schwer belastet hatte, um die sie das Schlafen verlernt und gelernt hatte, sich zu fürchten? Wo war sie? Tom haßte sie aus dem Grund ihrer Seele; denn sie sah ihn nur noch wie ein wildes Thier. Und es überkam sie bitteres Leid, daß sie Morgan's reine Liebe von sich gestoßen, nachdem sie ihn an sich gelockt, wie eine kleine Katze. Gwynne's schweigendes Gesicht hielt ihr eine Predigt, wie sie noch nie eine vernommen, da sie nie Ohren gehabt zu hören. Und jetzt stand sie draußen in tiefer Reue und Zerknirschung, ganz nahe bei Temorah, die auch gekommen war, in ihrem ruhelosen Wandern und in den heiligen Raum verständnißlos hineinstarrte.

Dort hätte sie nun auch sein können, als eine geliebte und liebende Tochter. Sie biß in ihr Taschentuch, bis es Löcher hatte, und biß dann noch in ihre Finger, bis sie bluteten. Ja, das war Reue, das nutzloseste, traurigste Gefühl auf Gottes Erde; denn es gilt dem Unabänderlichen, dem, das so wenig umkehren kann, wie der Fluß in seinem Lauf, dem, das man selbst gebaut und selbst zerstört und selbst zertreten und selbst beschmutzt hat. Reue! Reue! Nie hätte Tom also an ihr handeln können, wenn sie nicht zuvor sich versündigt. Er hatte sie Brandstifterin genannt, er hatte sie zertrümmert an Leib und Seele. Ach! wie zuckte es so weh durch ihre Brust! Wie kehrten in ewiger Reihenfolge die ewig gleichen Gedanken wieder, bis sie Temorah um ihre Geistesnacht und Gleichgültigkeit beneidete. Sie stand so dicht neben ihr, daß sie ihr Athmen hörte, die tödtlich gehaßte Nebenbuhlerin. Wo war ihr Haß, wo der Rachedurst, wo ihr junges, warmes, pochendes Herz? Wieder sah sie nach Temorah hin und malte sich das Kind aus, das Tom glich. Und sie hatte dennoch den Funken in's Bett fallen sehen. Tom hatte das Geständniß aus ihr herausgequält, daß sie den Funken bemerkt. Vielleicht hatte sie ihn doch nicht so deutlich gesehen, als sie es später glaubte. Und warum war sie nicht zurückgekehrt, als das Gewissen mahnte? Das hatte Tom sie auch gefragt, donnernd und leise, fast heiser, und hatte gesagt: »Kathleen! das war mein Kind; ich räche mein Kind, Du Dirne!« Ein Schauder lief durch ihr Gebein; denn ihr war es, als hätte sie's eben jetzt gehört. Aber nein! Da lag ja Gwynne regungslos, und Martyn küßte seiner Braut die Thränen aus den Augen, und Morgan wandte leise das Blatt der großen Bibel. Und wie er es wandte, fiel ein hellerer Schein auf sein Gesicht. Wie war das Gesicht so ganz verändert, seit jener Stunde, wo er ihr seine Liebe gestand, wo er so ängstlich war und so ungeschickt und so rein und gut! Damals! ach, damals! hätte sie Ja gesagt! Was war es nur in seinem Gesicht? Das, was Kathleen noch nie gesehen, und nicht entziffern konnte. War es der Abglanz von dem todten Antlitz? Denn es war wie etwas Gestorbenes darin, etwas, das die Welt und sein Wünschen hinter sich gelassen hat. Ihr war es, als ginge eine große Sehnsucht von ihr aus, nach den beiden stillen Gesichtern, dem todten und dem lebenden. Stehen so die Verlorenen an der Himmelsthür und sehen die Liebsten und dürfen sie mit Wort und Blick nicht mehr erreichen? So fragte sie sich. Da erhob sich von Neuem der Gesang um sie her, und Morgan wandte sein Gesicht ihr zu. Wie war es trauervoll und lieb und so ungeheuer ernst! Dann sah sie Llewellyn den Kopf neigen, in Lauschen versunken. Er saß wie eine Statue im Mondschein in der Thüre. Dann war es Missy, die Gwendoline das Kissen unter dem Kopf zurechtschob. Jetzt sah man auch Gwendoline's Profil fein und deutlich sich von dem Todtenbett abheben, unter den ergrauten Haaren. Missy küßte die Stirn und streichelte das Haar und war dann wieder im Schatten verschwunden. Da dachte Kathleen daran, daß sie eine Waise war, daß sie nicht die leiseste Erinnerung von ihrer Mutter hatte, und wie es gewesen, als ihr Vater starb, und sie so jung, daß sie gar nicht verstanden, was das für sie bedeutete. Erst Monate nachher war es ihr klar geworden, daß er doch ihr Vater gewesen, der nie an eine Seele bei ihr gedacht, nie, sondern nur an den schönen Körper, an das reizende Gesicht. Er hatte mehr Freude an ihren langen Wimpern, als wenn sie ein schönes Gedicht gesungen hätte. »Du brauchst keine Talente, Talente sind gut für die Häßlichen,« hatte er gesagt. Und sie glaubte das gern. Denn sie gab sich nicht gern Mühe. Nein, auch als Edleen sie aufgenommen, war ihr das Erziehen der Kinder ein fatales Geschäft. Eben glitt Winnie herein. Sie sah das Kind sich Morgan nähern, und mit der Hand auf einer Bibelstelle, ihm mit ihren großen Augen fragend in's Gesicht sehen. Und Morgan legte den Arm um sie, und erklärte ihr leise, was sie wissen wollte, eine von ihren quälenden Fragen, warum sterben? Und was ist Sterben? Und was nehmen wir mit? – Kathleen war es, als hörte sie die Fragen, die sie stets so unleidlich gefunden, da sie nie eine Antwort gewußt. Warum fühlte sie denn eben etwas wie stechende Eifersucht? Auf was denn Eifersucht? Auf des Kindes oder auf des jungen Mannes Vertrauen? Und Vaughan hatte ihr seine Kinder weggenommen, die einzige Freude seines Lebens von sich gethan, ihrethalben, ja ihrethalben, das wußte sie genau. Hatte er's erfahren, daß Winnie häufig mit der Gerte Bekanntschaft machte, daß sie ihr die Musik entzog, als beliebteste Strafe – oder war sie vergiftend für Kinder? Durfte sie bei den Reinen nicht mehr sein? Da wurde es ihr glühend heiß, wie sie dachte, daß Winnie sie manchmal mit Tom gesehen, wenn sie ihm Freiheiten gestattete, die sie nie hätte gewähren dürfen. Ja, Winnie wußte. Hatte sie's erzählt im Vicariat? Unerträglich war der Gedanke. Sie wollte fortgehen, um das Kind nicht mehr zu sehen, aber sie blieb doch da und sah, wie Llewellyn Winnie in die Arme faltete. Was sprach er denn so Schönes mit ihr, das des Kindes Antlitz strahlen machte? Kathleen bemerkte zum ersten Mal, daß Winnie schön war, besonders einen wundervollen tiefen Blick hatte. Aber sie haßte das Kind so, daß sie es Llewellyn von den Knieen hätte reißen wollen. Winnie hatte ihr oft gesagt, sie sei nicht wahr, und sie hatte sie dann geschlagen, da sie bessere Beweismittel nicht kannte. »Llewellyn! Llewellyn! warum zogst Du mich aus dem Wasser! Ich wäre besser, viel besser ertrunken! Denn an mir ist nichts Gutes!« dachte die arme Kathleen, und erinnerte sich, wie kühl das Wasser gewesen, so kühl, so still! Wie lange hätte sie nun ausgelitten, – ausgekämpft durfte sie nicht sagen; denn sie wußte wohl, daß sie bis dahin kein tapferer Streiter gewesen, sondern sich jedem Gefühl willenlos überlassen hatte. Wozu auch kämpfen? Was war für sie noch zu erreichen? – Ein bitterer Geschmack kam ihr in den Mund. Da sah sie, daß Gwendoline sich stille Thränen trocknete, ganz stille, ohne Aufschluchzen, ohne Verzweifeln, und konnte ihre Ruhe nicht begreifen. Ja, es war wie eine Verklärung über sie gebreitet, als wäre sie mit dem Geliebten gestorben und wandelte selig mit ihm weiter. Die Leute hatten ein wundervolles Lied angestimmt, vierstimmig, leise, und ein leises Lüftchen vom Meere her zog wie ein schwacher Seufzer durch die Bäume.

Hatte Llewellyn ihre furchtbare Beichte verschwiegen, oder war man im Gwynne'schen Hause davon unterrichtet? War Morgan vor ihr gewarnt worden? Was hatte Martyn gesagt, der ihr Fiebern und Verzweifeln belauscht? – Und was that es? War das Gwynne'sche Haus noch für sie? Und wo würde sie hingehen, wenn Edleen stürbe? Was würde dann aus ihr? Betteln, betteln!

O, warum hatte Llewellyn sie gerettet! Welch' grausame That! Eben schwieg der Gesang, und Morgan las mit tiefer, wohllautender Stimme die trostreichen Worte: In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!

Ein Schauer ging durch die draußen: es war, als hätte Gwynne gesprochen, so ähnlich waren Aussprache und Organ. Ein Schauer ging auch durch Kathleen. Sie gedachte jener Predigt, nachdem sie die erste That der Rache vollbracht, damit sie gesucht, Temorah vor der ganzen Gemeinde und vor sich selber zu brandmarken. Es war eine schlechte That gewesen; aber wie hatte sie gelitten! Wie konnte sie Tom nur noch einen Blick gönnen! Aber sie hatte ihn so lieb, daß jede Bewegung seines Nackens, seiner Hände, sein Gang, sein Lachen sie entzückte. Wie war er schön gewesen, als sie ihn triumphirend getragen brachten! –

»Ich muß waschen,« sagte eben Temorah, Kathleen's Arm ergreifend, »siehst Du, ich muß waschen; denn ich habe keine Milch mehr für mein Kind. Kathleen hat meine Ziege verbrannt und ich habe keine Milch mehr. Da muß ich waschen, waschen, waschen.« Mit diesen Worten ging sie fort; Kathleen zitterte wie Laub bei der Sonnenaufgangsbrise und hatte eine Bewegung gemacht, sich von Temorah zu befreien. Dadurch war ein Mondstrahl auf sie gefallen, und Martyn's rascher Blick erkannte sie.

»Dort draußen steht Kathleen,« flüsterte er unhörbar. Aber Morgan's gespannten Nerven war in der großen Stille das Wort nicht entgangen. Er hob den Kopf und sah sie draußen stehen, und dann wandte er langsam den Blick auf seinen schlummernden Vater. Er dachte an seines Vaters Muth und Kraft in der bittersten Stunde und gelobte sich Standhaftigkeit und Muth, um seiner würdig zu sein. Sein Herz hämmerte einen Augenblick und die Buchstaben vor ihm schwammen ineinander. Die arme, arme Kathleen stand allein da draußen, und er durfte sie nicht einmal trösten. Doch, er wollte ihr einen erquickenden Trunk reichen. Er schlug die Seite um, erhob die Stimme zu etwas vollerem Klang und las in die schweigende Nacht hinaus: »Den Frieden lasse ich Euch, Meinen Frieden gebe ich Euch. Nicht: gebe ich Euch, wie die Welt giebt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.«

Er wagte nicht, noch einmal hinauszusehen; er meinte, es nicht ertragen zu können. Darum blätterte er weiter und las:

»Denn Ihr habt nicht einen knechtlichen Geist empfangen, daß Ihr Euch abermal fürchten müßtet; sondern Ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater! Derselbe Geist giebt Zeugniß unserm Geiste, daß wir Gottes Kinder sind. Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf daß wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden. Denn ich halte es dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht werth sei, die an uns soll geoffenbaret werden. Denn das ängstliche Harren der Creatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes.«

Eben sah Kathleen, daß Winnie sie bemerkte und Llewellyn auf sie aufmerksam machte, und war schnell im tiefen Baumschatten verschwunden.

In der nächsten Nacht kam sie wieder, nur für kurze Zeit. Denn sie konnte Edleen nicht mehr so viel verlassen. Ihr Leben flackerte auf und nieder wie eine ausgebrannte Wachskerze, und nur der Gedanke, Tom könnte dennoch freigesprochen werden, hielt sie von Grabesrand zurück. – Kathleen nahm einen Augenblick wahr, wo Llewellyn allein bei dem Freunde saß, kam und kniete auf den Steinstufen nieder und lehnte den Kopf an das Thürgesimse. Llewellyn winkte sie herbei, und Kathleen trat schüchtern an das Todtenbett heran. Dort sank sie wieder in die Kniee, lehnte die Stirn an Gwynne's kaltes Lager und starrte ihn mit solcher Verzweiflung an, daß Llewellyn ihr die Hand auf den Kopf legte und flüsterte:

»Verzeih mir, Kind, daß ich Dich nicht sterben ließ! Ich habe Dir nichts Gutes gethan. Sei Du aber nun stärker als Dein Schicksal und größer als Dein Unglück. Sei wie die Natur, die aus sich selbst sich erneut und nie gestorben ist.«

Kathleen schwieg und weinte nicht. Sie griff aber nach Llewellyn's Hand, um die sie beide Hände legte, die Finger zitternd ineinanderschließend. Dann war es ihr, als klänge ein herannahender Schritt, sie huschte hinaus und war rasch in der Nacht verschwunden, wie ein irrender Geist. Es war aber doch etwas wie Frieden über sie gekommen. Der Sänger hatte sie hereingerufen in's Allerheiligste, sie, die Sünderin, und hatte sie nicht verstoßen und hatte Trostreiches zu ihr gesagt, und sogar gefühlt, daß er ihr kein großes Geschenk gemacht mit dem armen Leben. Wirklich, sie war etwas getröstet; die eisige Kälte und Bitterniß schwanden ein wenig und schmolzen vor dem warmen Schein, der aus der Blumengrabcapelle zu ihr gedrungen war.

In derselben Nacht war auch Vaughan einige Augenblicke dagewesen. Llewellyn sah einen Greis mit gebeugten Schultern und weißen Haaren eintreten, und erkannte ihn zuerst gar nicht, bis er die Augen sah, die sich auf des Freundes stilles Antlitz hefteten und mit schweren Thränen füllten. Und Vaughan brach in ein Weinen aus, als wollte er zerbrechen, als wenn der Sturm ein Wrack steuer- und mastlos hin und her schleudert. Llewellyn zog ihn auf einen Sitz nieder und betrachtete, in tiefer Bekümmerniß, den stolzen, starken Mann, der in den Staub gelegt war. Er konnte nicht ahnen, wie bitter die Vorwürfe waren, die der von Gwynne's schweigenden Lippen las, wie heiß die Pein, die ihm die Brust zerwühlte. Er hätte hinausschreien mögen, wie ein Stier, der den Tod in den Eingeweiden fühlt, und Gwynne aus dem Todesschlaf aufrütteln mit der Frage: Hatte ich das verdient? Und seine Qual nicht sagen zu können, Niemand mittheilen zu können, was er täglich entdeckte! – Llewellyn legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach nicht, bis sich der Sturm ein wenig legte.

»Armer Freund!« sagte er endlich.

Vaughan konnte nicht sprechen, nur auf die Leiche starren und sie beneiden um die himmlische Ruhe, um ihr leidloses Lächeln. Und der Mensch dort war vor Kummer gestorben, ihm war ganz einfach das Herz gebrochen über seines Kindes Tod, und was war Una's Tod gegen das Unglück, das über Vaughan hereingestürzt? – Und er lebte! – Gwendoline trat eben in der Hoheit ihres weihevollen Schmerzes herein, und sogar Vaughan wurde still bei ihrem Anblick.

»Nicht wahr,« sagte sie, »wie schön er ist! Ich bin ganz getröstet! Vierundzwanzig Jahre reinsten Glücks! Wie dürfte ich klagen! Nicht wahr, wie schön er ist! Ich muß mich noch an ihm satt sehen, für's ganze Leben!«

»Gott im Himmel Dank, daß meine Kinder in diesen Händen sind!« Und so ging auch er mit einem erquickenden Gedanken von Gwynne's Leiche in sein Elend zurück.

Das Leben ging unerbittlich seinen Gang weiter, über Gräber und gebrochene Herzen fort, sich aus sich selbst gebärend. Die Hämmer dröhnten weiter in den Bergwerken, das Meer hatte Ebbe und Fluth und schlug seine ewigen Wellen an das gleiche Gestade; die Sonne kam und ging, und die Leute folgten ihr zur Arbeit und zur Ruhe. Nur für die Leidgetroffenen sah alles verwandelt aus, unwirklich, schattenhaft. Sie hörten wohl das Gedröhn, aber es sagte ihnen nicht mehr als der ferne Wellenschlag, als die flüchtigen Wolken und ihre vergänglichen Schatten. Alles war für sie in unermeßliche Fernen gerückt, und zwischen ihnen und der übrigen Welt ein Abgrund, über den der Stimmenschall kaum herübertönte. In großem Leid wandelt man wie abgeschieden dahin und hat keine Gemeinschaft mehr mit denen, die einem so liebevoll umgeben. Und es ist besser so und wohlthätig; es ist wie ein Dämmerlicht, in dem man das Grundlose seines Unglücks nicht mehr erkennt, wie ein Halbschlaf, der die Gefühlsfähigkeit theilweise lähmt und den armen Menschen vor Wahnsinn und Tod bewahrt. In dieser Einsamkeit müssen die treuesten Freunde den Leidenden lassen, zumal da er ihnen fast nie das ganze Maß seiner Schmerzen mittheilen kann.



XXIII.
Im Rosenhäuschen.

»Gladys! Gladys! Gladys! Gladys!« klang's wie Unken aus dem Thalgrund zum Rosenhäuschen herauf, das im Sonnenschein mit offenen Thüren und Fenstern dalag, wie ein frohes Lächeln. Und in der Thür erschien Gladys' hohe Gestalt, noch schlanker, noch blonder, noch rosiger, durch das lange schwarze Trauerkleid, das sie umfloß und ihre schönen Linien noch deutlicher zeigte. Der kleine Zug, der auf der blumigen Wiese emporstieg, war auch schwarz gekleidet, aber über den schwarzen Kleidern war goldene Lockenfluth und Kindergelächter, das herzige Herzensgelächter, an dem ein Sterbender sich freuen, ein Kranker gesunden, ein Trauernder sich erquicken kann. Voran kam Daisy, den Hut am Arm, so voll Blumen, daß sie den Pfad bestreuten, den die kleinen Füße unter den Grashalmen bildeten, danach Freddy, der Prinnie am Zügel führte, und auf Prinnie, in einem Doppelsattel festgebunden, saßen die Zwillinge, unter dem besonderen Schutz des Hausmütterchens Lizzie, die beständig die Puppen aufheben mußte; denn die Zwillinge hatten sie durchaus mithaben wollen, und warfen sie fortwährend kichernd und jubelnd auf die Erde. Minnie kam über die Wiese geflogen, wie ein Schmetterling und rief! »Ich bin zuerst in Gladys' Armen!« Und aus dem Walde traten Llewellyn und Winnie, in tiefem Gespräch über eine Raupe, die Winnie vorsichtig bewundernd trug und deren Wandlungen Llewellyn erzählte; es war wie ein Märchen. »Heuhaufen!« jubelten die Zwillinge, Lotty und Lilly, »Heuhaufen!« und klatschten in die kleinen Hände.

»Wälzen?« sagte Freddy, mit einem schlauen Augenblinzeln zu ihnen hinauf.

Eben trat die einzige ernsthafte Person der ganzen Gesellschaft aus dem Walde, besah sich die Wiese, gähnte und wälzte sich in dem versteckten Bach der zwischen Blumen und Gras hingurgelte und den die kleinen Mädchen wie Elfen übersprungen hatten. Das war North, der Neufundländer. Er fand diese Spaziergänge höchst überflüssig, zumal da es hier nicht genug Wasser gab, konnte aber so viele Kinder doch nicht allein und unbewacht lassen. Denn Llewellyn zählte er zu den Kindern, da er immer unter ihnen war und gerade so unverständig als sie sich benahm, sogar ihn, den würdevollen North an Fahne und Ohren zog, wenn die Zwillinge es thaten. Natürlich kam er so triefend als möglich am Hause an und wartete auf das allgemeine Umarmen, um sich nach Herzenslust zu schütteln und die ganze Gesellschaft mit funkelnden Tropfen zu übersprühen. Minnie lachte darüber so sehr, daß sie in's Gras fiel, was die Zwillinge als das Signal zum ersten Kugeln betrachteten.

»So ganz allein?« fragte Llewellyn.

»Mein Mann muß jeden Augenblick kommen!«

»Ha! ha! ha! ha!« sie sagt: »Mein Mann!« lachten die Kinder. Und Gladys erröthete bis zu den Haarwurzeln, unter dem Feuer von Llewellyn's schelmischem Blick.

Freddy behauptete stolz, er könne allein für Prinnie sorgen und führte das Pferdchen von dannen. Als er wieder erschien, meinte er trocken, sie haben von der gemähten Wiese gehört, und seien zum Arbeiten gekommen, d. h. zum Heumachen, gar nicht zum Amüsiren.

»Aha!« sagte Gladys ebenso ernsthaft. »Ich verstehe. Dann will ich mit Llewellyn mich hier auf die Bank setzen, und Ihr arbeitet.«

»Hmm!« machte Freddy. »Und wer giebt uns dann Milch und Erdbeeren?«

»Ich dachte, Ihr wäret zum Arbeiten gekommen?«

»Es steht ja schon alles da!« rief Daisy, zu dem Fenster emporklimmend, und die Andern klommen nach, und sämmtliche Köpfchen guckten in's Zimmer: »Hmm! Was für Milch! und was für Butter! und Thee auch! Und solche dicke Erdbeeren! Ja! Und Himbeeren!«

Auf einmal fingen die Zwillinge zu weinen an.

»Was habt Ihr denn?«

»Wir sind zu klein!« schluchzte Lilly.

»Viel zu klein!« schluchzte Lotty.

»Wir sehen gar nichts!« Lilly.

»Gar nichts!« Lotty.

Natürlich mußten sie besonders in's Fenster gehoben werden und machten Augen so groß wie Kirschen über all' die Herrlichkeiten drinnen.

»Sie sind noch sehr dumm,« sagte Freddy entschuldigend.

»Kinder!« rief Gladys, »wenn Ihr mir helfen wollt, dann tragen wir all' unsere Herrlichkeiten in's Wäldchen. Dort ist ein guter Tisch und Bänke und schmeckt es noch einmal so gut. Aber wer etwas fallen läßt, der bekommt nur das zu essen, was er auf die Erde geworfen hat, sonst nichts!«

Die Zwillinge wollten auch etwas tragen; da gab man ihnen die Löffel und den Zucker. Unterwegs steckten sie abwechselnd ein Fingerchen hinein und leckten dran.

»Wenn wir ihn hinwerfen, essen wir ihn,« sagte Lilly.

»Aber dann haben wir die Erdbeeren nicht,« Lotty.

Diese weise Voraussicht rettete den Zucker vor sicherem Untergang. Llewellyn trug die große duftende Erdbeerenschale und Gladys die Milch. So waren die zwei schwierigsten Gegenstände in sicherster Obhut.

Zu sagen, wie gut der Imbiß bei Gladys schmeckte, dazu gehörte eine ganz besondere Feder. Sogar North war der Meinung, daß es sich hier leben lasse, da er Butterbrod bekam und gar nicht gequält wurde, solange alle Hände und Backen voll waren. Auf einmal wurde Gladys über und über roth, und auf flüchtigen Füßen lief sie dem Hause zu.

»Das wird wohl Martyn sein,« sagte Freddy, ohne sich umzusehen, denn dazu hatte er keine Zeit.

Strahlend kam sie an Martyn's Arm zurück. Der wurde jubelnd begrüßt, und Lizzie eilte sich, seinen Teller zu füllen; denn sie hatte bemerkt, daß er sehr müde aussah. Er hatte nicht die Gewohnheit, sein Haus traurig zu machen mit dem Traurigen, das er gesehen; aber Gladys kannte den Schatten in den Augen, den sie verscheuchen durfte mit ihrer holden Gegenwart. Sie frug nichts, bis er nicht selbst zu erzählen begann, und dann ging sie oft mit ihm, oder ihm nach, um zu helfen und zu lindern. Die Beiden wurden wie Engel verehrt in der ganzen Gegend.

»Ich habe nur wenig Zeit,« sagte Martyn, »ich bin zu Vaughan's gerufen. Es geht natürlich nicht gut dort.«

»Die armen Leute!« Gladys seufzte.

In dem Augenblick hörte man einen leichten Galopp, und siehe da, Prinnie war entsprungen und freute sich seiner Freiheit, als wäre er wieder ein Füllen geworden.

»Nun, Freddy,« meinte Llewellyn, »Dich ernenne ich noch nicht zu meinem Leibkutscher!« North sprang bellend um das Pferdchen und machte es wild.

Freddy wurde sehr roth, sprang auf und wollte das Pferdchen fangen, das ließ ihn stets auf zwei Schritte herankommen, schüttelte dann übermüthig die Mähne und lief in großem Bogen davon, über die Wiese. Llewellyn freute sich an dem hübschen Bilde.

»Wenn Freddy still stünde, dann käme es,« meinte Minnie.

»Nun,« sagte Gladys, »fang' Du's, es kennt Dich ja viel besser.«

Freddy wurde zurückgerufen. Minnie nahm Zucker und rief nur ganz leise: »Prinnie!« Und das Thierchen lief hinter ihr her, über die ganze Wiese, wie ein Hund, bis zum Tisch, wo es sich ruhig ein Stück Kuchen nahm, als wäre das sein Recht. North wollte knurren und seine Entrüstung über die schlechte Erziehung kund geben, aber Freddy schlug ihn mit dem Finger auf die Nase und bedeutete ihm, Prinnie sei ein Gast und dürfe alles thun. Gladys wollte nach dem losen Zügel greifen.

»O nein,« sagte Winnie, »das ist er nicht gewohnt. Er kam immer die Treppe herauf in unser Zimmer. Er ist gewohnt zu gehen und zu kommen, wie er will. Er spielte früher immer mit uns. Komm, Prinnie!« Und das Thierchen lief um den ganzen Tisch und steckte seine Nase auf der jungen Herrin Schulter, suchte auch in ihrer Tasche und nahm sich Brod und Zucker heraus.

North fand diese Freiheiten unerhört und sah zu Gladys hinüber, ob sie denn das erlaubte, und als Prinnie schon wieder ein Stück Kuchen vom Tisch nahm, gab er mit einem kurzen Kau! seinen Unwillen zu erkennen. Er, North, hatte von Morgan und Robert in unvergeßlichen jungen Tagen manchesmal die Peitsche bekommen für ähnliche Heldenthaten, die man an dem Pferdchen bewunderte und belachte. Das ging über sein Begriffsvermögen. Prinnie nahm aber North's Erziehungsmaßregeln übel und schlug nach ihm. Die Kinder lachten, daß sie fast von den Bänken fielen; dann rannten sie mit Hund und Pony auf der Wiese umher und wälzten sich im Heu, bauten Burgen und vertheidigten sie, warfen sich gegenseitig hin und begruben sich im Heu, dann wurde North begraben, der sich das auch ganz gutmüthig gefallen ließ. Die Kindergesichter glühten, die ganze Halde tönte wider von Jubelstimmen. Sie hatten im Schatten einen Thron gebaut, auf dem Llewellyn und Gladys Platz nahmen, nachdem Martyn zögernd und ungern von so viel Freude Abschied genommen, um der schweren Pflicht des Arztes nachzugehen. Mit einem Mal waren die Zwillinge von der Wiese verschwunden.

»Die machen was Dummes!« rief Gladys, sprang auf und eilte dem Eßtisch zu. Da saßen die Beiden; Lotty aß die Butter mit Löffeln und Lilly den Zucker. »Ich bin North!« sagte Lotty, »und ich bin Prinnie!« sagte Lilly.

»Aber Ihr habt ja nur Euere eigenen Mägen, Ihr schrecklichen Kinder! Was wird Mama sagen, wenn die verdorben sind!«

Eilig brachte sie die kleinen Delinquenten auf die Wiese zurück.

»Die Kinder haben sich schrecklich erhitzt, was machen wir nun mit ihnen?«

»Wir erzählen ihnen etwas,« sagte Llewellyn, und bald waren sie herangeholt und auf dem Heu rundum niedergesetzt; denn eine Geschichte war doch noch schöner als die schönsten Spiele. Eine Geschichte ließ sich auch stets als Spiel verwerthen, später.

»Prinnie's Geschichte,« begann Llewellyn. Die Kinder klatschten in die Hände. »Prinnie's Geschichte,« jubelten sie, »Prinnie's Geschichte! die wird schön sein!«

»Prinnie,« begann Llewellyn, »war zu allererst ein Feenpferdchen, noch viel winziger als jetzt; und seine Hufe waren von Gold, die Nägel dran von Diamanten, der Zaum von Rubinen, der Sattel von Elfenbein, und sein Schweif war so leuchtend, daß die Menschen meinten, es sei ein Komet, wenn er die Feen auf ihren Rosen- und Mooskißchen durch die Luft trug.« –

Des Märchens Fortgang wurde aber durch die Ankunft von Missy unterbrochen, die alle Kinder fortholte, ehe der Thau fiel. Llewellyn wollte alle berühmten Pferde, Bucephal, Rossinante, das Pferd von Heliogabalus, der Walkyre, des Eid, und wer weiß welche noch als Prinnie's Seelenwanderungen erzählen. Im Ganzen war er aber froh, diesmal von seiner Aufgabe erlöst zu werden und die Fortsetzung für den nächsten Tag zu versprechen.

Der Abend war hereingebrochen, und immer noch saßen Gladys und Llewellyn vor dem Hause. Gladys hatte den Thee und das Abendessen heraustragen lassen, und die kleine Lampe dazu und war sehr still geworden, weil die Stunden verrannen, und Martyn nicht wiederkam. Auch Llewellyn lauschte, wie es drinnen Mitternacht schlug, und frug die junge Frau, ob sie sich nicht dennoch legen wolle?

»Es wäre das erste Mal,« sagte Gladys.

»Es geht schlecht bei Vaughan's, sonst wäre er wieder da.«

»Mir ist, ich höre seinen Schritt!« rief Gladys aufspringend. Martyn kam daher und gab keine Antwort auf Gladys' Fragen, sondern ließ sich auf die Bank fallen, warf seinen Hut auf den Tisch, legte die Arme auf die Kniee, die Hände ineinander und saß so vorn übergebeugt, mit gefalteten Brauen. Gladys schob eine Tasse Thee vor ihn hin, schnitt Butterbrödchen so fein wie Bohnenblätter, machte alles so niedlich und so still mit ihren langfingrigen weißen Händen. Aber Martyn sah nicht auf.

»Wie geht es Edleen?« fragte Llewellyn endlich.

»Sie ist todt.«

»Todt!« rief Gladys, und ihre schönen Augen füllten sich mit Thränen.

»Besser, viel besser für sie,« sagte Llewellyn, »aber welch' ein Sterben!«

»Ja, welch' ein Sterben!« sagte Martyn dumpf, stützte den Arm auf den Tisch, die Stirn in die Hand und spielte mit dem Löffel in der dampfenden Tasse, ohne ihn zum Munde zu führen. Llewellyn wußte, daß Erzählen erleichtert.

»So wie ich die Verhältnisse kenne,« sagte er, »muß es bitter gewesen sein.«

»Bitter?! es war grausig!«

»Aber sie konnte doch nicht mehr leben wollen?« rief Gladys.

»Sie bat und flehte, ihr Kind zu retten, uns alle, Vaughan, mich, im Bett, mit den Armen gen Himmel – gräßlich! gräßlich!«

Martyn drückte die Faust gegen die Lippen.

»Aber hat ihr denn Niemand gesagt, ihm würde nichts geschehen?« fragte Llewellyn.

»Kathleen hatte irgendwo gelesen, er würde gehängt werden.« –

»Und hat's ihr doch nicht erzählt?« Gladys schrie es beinahe.

»Ich fürchte doch.«

»Das war Rache, teuflische Rache,« flüsterte Llewellyn.

»Denn immerfort schrie die arme Frau: ›Nein, es ist nicht wahr! Kathleen war nie wahr! Kathleen hat oft gelogen! Sie hat gelogen, weil sie Tom liebte, und jetzt lügt sie wieder, weil sie ihn haßt! Kathleen! Kathleen!‹ und jetzt kniete sie sich in's Bett und zitterte und wankte hin und her, ›Kathleen! verzeih mir doch! verzeih doch meinem armen Sohn! Rette ihn! sage, er war nicht so schlecht! Harry! Harry! Warum hast Du gesagt, daß das nicht Deine Schrift war? Warum hast Du das gethan?‹ Und dann raufte sich Vaughan die Haare aus und sagte: ›Mein ganzes Vermögen gäbe ich hin, wenn ich mein Wort zurücknehmen könnte, mein Weib zu retten! Hätt' ich geahnt, daß Tom es gethan!‹ Und dann raufte er sich das Haar, und währenddem warf sich die Sterbende dem alten Owen in die Arme: ›Owen! lieber Owen! Helfen Sie meinem Kind! Ziehen Sie die Klage zurück! sagen Sie, es sei ein Irrthum gewesen! Bitte, lieber Owen! ich will Ihre Füße küssen, wenn Sie mir helfen! Und den armen Lewes laßt Ihr meinethalben im Gefängniß verschmachten! Ihr grausamen Männer! Aber Ich liege ja in Ketten, Mir schnürt der Strick die Kehle zu, Ich brenne in Höllenqualen, in Reue und Todesangst! Rettet! Helft! Rettet! Ach! wie verlaßt Ihr mich denn alle in meiner Qual! Rettet mein Kind, meinen einzigen Sohn, meinen Abgott, mein Alles! rettet doch! Und da steht Ihr so kalt wie Stein, so hart wie Stahl! Du bist noch eisiger als die Männer, Kathleen! Kathleen! Du hast ihn doch lieb gehabt! Du hast alles geopfert! Du bist verloren um ihn! Wie kannst Du so hassen, den Du eine Stunde geliebt hast! Kathleen! Martyn! Helfen Sie mir! Sagen Sie, mein Kind ist geisteskrank! mein Sohn ist irrsinnig, ja Martyn! Bitte! bitte, sagen Sie das! Aber nicht an den Galgen, mein Kind! Ach! bitte! bitte! bitte!‹ – es war grausig, gräßlich. Die Hölle ist auf der Erde, nicht drunter!!«

Martyn war weiß geworden, bis in die Lippen.

»Und das muß man gehört haben durch das Beben und den Schüttelfrost, der stundenlang die Zähne rasseln, und das Bett, den Boden zittern machte, und die Kraft der sterbenden Arme, die uns heranzogen, und die glühende Beredtsamkeit, die nicht nachließ, als sie schon röchelte – gräßlich, o gräßlich!«

Martyn hielt sich mit beiden Händen den Kopf fest. Gladys war marmorbleich geworden. Llewellyn zerkaute seinen Bart.

»Ich wollte, ich wäre nicht Arzt geworden!« fuhr Martyn nach einer Weile fort, »dann brauchte ich das alles nicht zu erleben!«

Wieder längeres Schweigen. Martyn versuchte etwas Thee zu nehmen, schob aber die Tasse zurück.

»Diese Frau hat gelitten, daß es einer Hölle Ewigkeit gleichkommt. In ihren Sterbestunden hat sie erst erzählt. Bald bat sie Vaughan um Verzeihung, daß sie ihm so wenig Vertrauen gezeigt; aber er sei immer vollkommen und makellos gewesen und habe sie und ihr schwaches Kind nie verstanden.«

»Der arme Mann!« sagte Llewellyn.

»Ja, das ist ein armer Mann! Was haben ihm sein Reichthum, sein großes Gelingen, seine großartigen Pläne geholfen, nicht einmal seine strenge Rechtlichkeit! Er hat sein Weib verschmachten lassen, weil er den Haß und die Eifersucht nicht hat überwinden können, statt Mitleid zu haben mit dem mißrathenen Kinde.«

»Nicht wahr, meine liebe Gladys,« sagte Llewellyn, »Du wirst stets blindes Vertrauen zu Deinem Manne haben und ihm alles beichten, nie etwas verbergen, nie etwas thun ohne sein Mitwissen und Mitwollen? versprich mir das, mein Kind!«

»Gern!« sagte Gladys, »er war schon einmal mein rettender Engel; ohne ihn wäre ich in Tom's Klauen gefallen und untergegangen, und ich habe meinem Martyn gegrollt, weil er mir mein Glück zerstörte! Und jetzt ist kein Tag, an dem ich ihn nicht im Herzen um Verzeihung bitte!«

Martyn legte den Arm um seine junge Frau und sah ihr tief in die Augen. »Ich war lange in Ungnade!« lächelte er.

»Ach! Martyn! nicht mehr davon sprechen! ich schäme mich!« sagte Gladys. Sie saßen wieder lange schweigend. Endlich sagte Llewellyn:

»Aber den armen Lewes wird man doch aus dem Gefängniß holen können, wenn es sich herausgestellt, daß er nichts für sich nahm?«

»Der alte Owen hat schon manchen Strauß darum mit seinem Herrn gehabt. Jetzt wird es geschehen. Vaughan zieht die Klage zurück. Der arme brave Owen hat es so redlich gemeint, aber es geht ihm ein wenig wie dem Bären mit dem Eremiten. Er hat Tom nachgespürt wie ein Bluthund, und jetzt sieht er, was er gemacht hat; jetzt ist er ganz verzweifelt, zumal wenn sein Herr sagt, er hätte lieber alles geopfert, um seine Frau zu retten.«

»Hätte er das?« fragte Llewellyn.

»Ich glaube doch, wenn er alles gewußt hätte. Er hat sie lieb gehabt.«

»Der arme Mann!« sagte Gladys.

»Sie haben Edleen versprochen, Tom zu retten, wenn sie können, ich habe fast versprochen, an Geisteskrankheit zu mahnen. Aber ich glaube es nicht. Er ist nicht geisteskrank. Ihm ist's besser, er ist nicht mehr unter Menschen. Denn für ihn giebt es kaum eine Umkehr.«

»Vielleicht doch,« sagte Llewellyn.

»Ich glaube, er ist verloren, und Edleen ist ungetröstet gestorben.«

»Hätte man ihr nicht ihre Kinder bringen sollen?« fragte Gladys.

»Das war unmöglich. Was hätten wohl Winnie's große Augen und Minnie's zartes Herzchen und Beider reizbares System zu einem solchen Eindruck gesagt? Nein, es hätte Edleen nicht getröstet und den Kindern ein Grausen gegeben für immer. Ich habe schon viel sterben sehen, und habe, gute Nerven, aber das war über meine Kraft.«

»Sie hatten die Mutter nicht lieb,« sagte Gladys.

»Weil die Mutter sie nicht lieb hatte. Ich habe ihr oft gesagt, daß Winnie ein kleines Genie ist, daß sie das Kind nicht hemmen soll in seinem Fluge; aber sie glaubte mir nicht. Sie hat es nie verstanden.«

»Und Kathleen?«

»Nun, Kathleen ist zum Erziehen gemacht wie ein Papierboot zum Segeln.«

»Wenn sie nur nicht die Kinder zurücknehmen!« sagte Gladys. »O nein, Edleen hat auch davon gesprochen und Deiner Mutter danken lassen und sie bitten lassen, sehr streng mit ihren Kindern zu sein, damit sie nicht schlecht würden, wie Tom.«

»Und der arme Vaughan sagte nichts? Der vergöttert die Kinder!«

»Vaughan bat und flehte mich nur, ihm sein Weib zu retten, als wenn ich ihm nicht längst gesagt hätte, sie sei unheilbar! Aber die Menschen haben ja keinen Verstand, wenn sie leiden! Ich wollte, ich wäre kein Arzt. Welch' ein Beruf! Der ewige Nothschrei: Helfen Sie mir! Und meistens sind die Menschen selber schuld an ihrem Elend, und wir sollen helfen, helfen! Ach! welch' ein Beruf! Alle Tage Scenen des Jammers und der Verzweiflung, alle Tage der erneute Kampf wider Thorheit und Unverstand – bald wird man mit unverdienten Vorwürfen überhäuft, bald mit widerwärtiger Dankbarkeit gequält, vom Undank nicht zu reden, den man erntet. Kein Sonntag, kein sicherer Ruhe- oder Freudentag. Und selbst die Nacht nicht zu eigen haben. Ich fluche manchmal meinem Beruf, meiner Blindheit, und meinem Hellsehen noch mehr. Denn in lachenden Familien sehe ich alles Unglück voraus, das über ihnen schwebt und dem sie nicht entrinnen können. Und das Vorjammern über ganz kleine Leiden, wenn man eben das Elend mit Augen gesehen. Und manchmal ist man selber auch nicht besonders glücklich und hat mit einem rebellischen Herzen fertig zu werden, das sich aufbäumt wider sein Schicksal, – aber wer frägt danach? Wer hätte nur einen Augenblick Zeit, nicht an sich allein zu denken? Ich habe da schöne Dinge erlebt, als ich traurig, ja verzweifelt war und nicht wußte, daß neben mir Trost und Glück aufblühte, sondern im Gegentheil dachte, ich sei auch hier verstoßen für alle Zeit und zu ewiger Einsamkeit verdammt. – Da habe ich den ungeheuern Egoismus der Menschen ergründet, und er ist meertief und höher als der Snowdon und ewig neu wie der Istwyth in seinem vollsten Lauf und nährt sich von allem, was ihm zuströmt. Ich! und Ich! und Ich! Daraus besteht die Welt.«

»An solchen Abenden wie der heutige kommt Ihnen Ihr wundervoller Beruf bitter und undankbar vor, mein Freund! Aber es giebt auch andere Stunden!«

»Selten.«

»Ja, aber diese seltenen Stunden wiegen ein ganzes Leben anderer Leute auf. Und dann das Studiren der Natur, der großen, heiligen Natur!«

»Der unerbittlichen Natur, sagen Sie lieber.«

»Muß sie nicht unerbittlich sein, um sich ewig zu erneuen?«

»Aber wozu erneut sie sich? zu immer gleichem Elend, nicht zu größerer Vollkommenheit.«

»Ach! wozu denn Vollkommenheit? Ich freue mich am Keimen und am Verwesen und an der Menschen Sünden und Leidenschaften freu' ich mich eigentlich auch; denn woher nähme ich sonst meine Lieder?«

»Ja, wenn mein Leben ein Lied wäre! Wenn ich nicht täglich an meiner Kunst zweifelte und verzweifelte!«

»Und ich beneide Sie darum, daß man Sie ruft, wenn man in Noth ist.«

»Sie würden mich nicht lange beneiden, wenn Sie das Häßliche sehen und berühren müßten. Ich gäbe oft viel darum, wenn man mich vergäße.«

»Es geht Ihnen wie dem lieben Gott, man vergißt Sie in der guten Stunde.«

»Ein göttliches Attribut, das mir gleichgültig ist, solange die gute Stunde mein Haus bewohnt! Aber als ich allein war, da war ich sehr allein.«

»Martyn! sprich nicht davon! es thut mir weh, und ich verzeih' mir nicht, Dich nicht getröstet zu haben!«

»Sie wissen nicht, wie diese kleine Königin hier kalt und hoheitsvoll ihren armen Sklaven behandelte!«

»Martyn! Nicht!«

»Aber das Gras unter ihren Füßen wurde weniger zertreten als ich armer Sünder!«

»Martyn! Du bist grausam!«

»Rache ist nicht edel, aber süß! Und wenn ich ein Wort wagte, dann wurde man noch um einen ganzen Kopf größer und der Mund ganz streng und die Augen– –«

»Martyn! Martyn! ist das edel? habe ich Dich nicht so demüthig um Verzeihung gebeten?«

»Ja, auf einmal, plötzlich neigt meine Königin das Haupt, beinahe hätte sie sich vor mich hingekniet und bittet mich um Verzeihung! Ich weiß noch nicht warum.«

»Ich weiß es. Das hat sehr merkwürdige Bewandtnisse. Eigentlich verdankst Du Temorah Dein jetziges Glück, Martyn!«

»Temorah! Da hör' doch mal Einer! Und danach soll ich nicht in mein Nichts durchbohrendes Gefühl zurückkriechen?«

»Ja,« meinte Llewellyn, »das finde ich demüthigend.«

»Und danach kommt sie und hält um meine Hand an!«

»Martyn!«

»Ja freilich! Also Temorah hat Dir das gerathen?«

»Ja, nein, nicht so!« lachte Gladys.

»Die Boten des Himmels haben nicht immer Engelflügel,« meinte Llewellyn.

»O mein Gott, nein! Sie hielt mich für Kathleen, und wollte mich sogar erwürgen! Ich bin mit knapper Noth dem Griff um meinen Hals entronnen.«

»Du?«

»Ja, ich!«

»Und davon sagtest Du nie ein Wort!«

»Frauen sind versteckter als eine Quelle,« sagte Llewellyn, »und wenn man meint, man hat sie gefangen, dann hört man noch ein unterirdisches Kichern, und fort sind sie.«

»Sollen wir das nicht erzählt bekommen?« fragte Martyn.

»O, nicht heute! Wir sind eben erst ruhig und schläfrig geworden!«

»Wir? ich bin gar nicht schläfrig, und Llewellyn auch nicht.«

»Doch, ich bin sehr schläfrig, und wenn es hier kein Bett für mich giebt, dann lege ich mich in's Heu und sehe in die Sterne, die ganze Nacht.«

»Das nennen Sie schlafen?«

»O, das ist auch ein Schlaf, wie ein anderer.«

»Wir haben aber ein Gastzimmerchen, lieber Llewellyn.«

»Ja,« sagte Martyn, »wir haben ein Zimmerchen für einen ganz kleinen Gast!«

»Martyn!«

»Nun, was denn? Ich meinte nur, solch' einen großen Geist zu beherbergen.« –

»Wer weiß, welch' großer Geist darin in's Leben hineinschlummern wird!« sagte Llewellyn.

»O für mich ein Genie natürlich!« lachte Martyn. Und so sagten sie sich gute Nacht. Aber Niemand schlief bald ein. Martyn lauschte, mit dem schönen Gesicht an seiner Brust, der Erzählung von der Kirchhofsscene, die er zu wissen forderte, beinahe streng und herrisch, und wenn sich Gladys vor Aufregung im Bett in die Höhe setzte, dann mußte er sie sanft wieder zu sich herunterziehen in seine Arme und dann bat sie ihn wieder um Verzeihung und weinte auch ein bischen, weil er so bittere Sachen gesagt, heute Abend, anstatt glücklich zu sein, durch sie!



XXIV.
Unter den Gräbern.

In ihrer Verlassenheit wußte Kathleen nicht, wohin sich zu wenden. Nach dem Begräbniß hatte Vaughan sich eingeschlossen, und war nicht wieder erschienen; Owen war nach London gefahren, mit einer Schrift seines Herrn in der Tasche, der seine Klage gegen Lewes zurückzog, und Kathleen durchwanderte das Haus in ihren langen Trauerkleidern, ohne Zweck und Ziel und fragte sich: wohin nun? In die weite Welt?

Der Sommerabend war still und schön. Sie wanderte zuerst am Strande entlang, wo die Wellen wie Gold im Sonnenuntergang heran spielten mit dem leisen Athmen der See, wenn sie schlummern will. Der Himmel spiegelte sich weißlich-blau darin, so daß das Wasser Opalfarbe annahm, mit zart röthlichen und grünlichen Streifen, immer leuchtender, je tiefer der Sonnenball sich senkte, der nun im Dunstkreis wie eine rothe Kugel aussah. Kathleen stand still und sah in den rothen, kalten Sonnenball hinein, ohne zu blinzeln, mit der Trauer in den Augen, die ein flügellahmer Adler hat. Ihn lockt nicht einmal mehr die Weite, da ihn nichts mehr trägt, nicht sein Element, nicht seine Schwingen. In ihren schwarzen Wimpern spiegelte sich der röthliche Widerschein, der nicht mehr Kraft genug hatte, ihr bleiches Antlitz zu überhauchen, das regungslos, medusenhaft über die ewige Unruhe zu ihren Füßen zu herrschen schien, als müßte sie selbst das Meer versteinen. »Nichts! Nichts! Nichts!« dachte sie und preßte die Lippen zusammen.

Es lag alles öde und grau vor ihr, wie die Wasser- und Himmelswüsten, die sich nun zu begegnen und zu verschmelzen schienen, in verdichtende Bleimasse, einförmig, farblos. Aller Glanz war erloschen, gestorben die ganze Welt, nur das ewige Pulsiren gegen den fühllosen Strand wollte kein Ende nehmen. Und weil das Meer nicht still werden wollte, so wandte sich die einsame schwarze Gestalt von ihm fort und wanderte ziellos in die Dämmerung hinein, sie wußte nicht wohin. Denn sie wollte, sie konnte zu Niemandem. Sie kannte keine Schwelle, die sie gern überschritten hätte, keinen Herd, an dem sie willkommen gewesen wäre. Nur Einen Ort gab es, da Niemand sie verscheuchen, Niemand sie fremd und scheu begrüßen würde, und wo doch so Viele wohlbekannt waren – der Kirchhof. Dorthin lenkte sie ihre Schritte. An der alten Kirche kam sie vorüber, die eine Schattenmasse bildete, unheimlich finster. Sie aber fürchtete sich nicht; sie fürchtete sich gar nicht mehr. Auf dem Kirchhof klang es wie Spatenstich, dann wie eine Harke. Sie ging dem Ton nach, und in einem tiefen Grabe erschien der weiße Kopf des Todtengräbers, als wäre er über und über gepudert; denn er war lange nicht rasirt, und weiße Bartstoppeln bedeckten das ganze Gesicht.

Kathleen sah ihm schweigend zu, bis er sein Feuerzeug herausnahm und seine Laterne anzündete. Da merkte er die schwarze Gestalt an des Grabes Rand, hielt die Hand vor das Licht, das ihn blendete, und sagte:

»Ach, Sie sind das! eine späte Stunde für einsame Jüngferchen.«

»Für wen ist denn das Grab?« fragte Kathleen, um etwas zu sagen.

»Für Toby's Frau. Wissen Sie, die wo der Herr Tom ihren Mann gerettet hat, und nun ist sie im Kindbett gestorben. Es ist doch schade für den Herrn Tom. Man sagt, alle Bergleute werden als Zeugen gerufen werden, wenn die Assisen losgehen.«

»Was werden die denn sagen?«

»Hmm, das ist schwer. Sie wollen ihn nicht hereinbringen, wegen Toby und Will, aber mit dem Schwören da ist das so 'ne Sache.«

»Wird denn Jedermann gerufen?«

»Ja, man sagt, Jedermann wird gerufen, wer ihn nur gekannt hat.«

»So? Und da muß man kommen?«

»Ja freilich muß man, sonst wird man geholt.«

»Und muß schwören?«

»Natürlich muß man schwören. Ich war 'mal Zeuge. Das ist sehr fatal gewesen. Denn es war eine Kindesmörderin, und ich mußte schwören, die Wahrheit zu sagen, und sie hat's hier auf dem Kirchhof gethan. Und das arme Ding wurde gehenkt, weil ich die Wahrheit sagte.«

Kathleen fühlte alle Pulse schlagen. Der Alte hatte seine Arbeit wieder aufgenommen. Plötzlich hielt er inne:

»Sind Sie verwandt mit dem Herrn Tom?«

»Ja,« sagte sie, »ich bin verwandt.«

»Nun, dann wird man Sie vielleicht laufen lassen. Sind Sie auch mit der Frau Vaughan verwandt gewesen.«

»Ja, wohl.«

»Arme Dam'!« sagte der Alte. »Die ist auch besser unter der Erde als drüber. Gute Nacht auch, und gehen Sie nach Haus; es wird kühl jetzt. Sie fürchten sich doch nicht?«

»Nein, ich fürchte mich nicht. Gute Nacht.«

Kathleen wanderte bis zu Gwynne's Grab. Dort setzte sie sich hin, und blieb mit dem Gesicht auf den Knieen, bis ein rascher Schritt, der unruhig und unschlüssig bald kam, bald ging, sie verwundert den Kopf heben machte. Sie erkannte Temorah daran, daß sie ihr Kleid rieb, als wüsche sie. Dabei sang sie ganz leise:


Sie haben ihn genommen und in Ketten gelegt,
In Ketten die Füße, die Hände,
Damit sich sein Herze, sein Herz nicht regt,
Damit sein Wandern zu Ende.

Sie haben in dem Kerker geschmiedet ihn an,
Dieweil er die Ehr' mir genommen,
Und weil er sein Kind nicht erkennen kann,
Drum ist er nicht wiedergekommen.

Und hoch ist der Galgen, und der Himmel ist grau,
Mein' Ehr' ist in Flammen vergangen,
Ich bin keine Mutter und bin keine Frau,
Mein Liebster wird morgen gehangen.


Auf einmal hielt Temorah mit ihrem Singen inne und kam dicht zu Kathleen heran, bückte sich tief und sah ihr so dicht in die Augen, daß sie fast ihre Stirn berührte. Und mit einem gräßlichen Aufschrei prallte sie zurück. Kathleen taumelte auf die Füße; aber schon stürzte sich die Wahnsinnige auf sie und schnürte ihr mit beiden Händen die Kehle zu. Kathleen wehrte sich mit aller Kraft, aber Temorah war viel stärker und so fühlte Kathleen bereits ihre Sinne schwinden, als ein kurzer, rascher Schlag auf Temorah's Arm dieselbe zum Loslassen brachte, und sehr erstaunt blickte sie in das Gesicht vor ihr.

»Bist Du der Tod?« sagte sie so gelassen, als hätte sie nie daran gedacht, Kathleen zu erwürgen.

»Ich bin Ulla, die Hexe, und wenn Du nicht gleich hier fortgehst, dann nehme ich Dir alle Deine Wäsche fort, dann darfst Du nie mehr waschen. Marsch! fort! zum Fluß hinunter!«

Kathleen sollte an dem heutigen Abend von einer unwillkommnen Begegnung zur andern kommen. »Hätte sie mich doch erdrosselt!« dachte sie, während Ulla mit ausgestrecktem Finger Temorah zum Kirchhof hinauswies und den Eulenschrei nachmachte, um sie durch Schrecken ganz zu verscheuchen. Dann kam sie zu Kathleen zurück.

»So,« sagte sie, »wir Beide jetzt.«

»Wir Beide?« antwortete Kathleen. »Hab' ich Dich gerufen, Hexe?«

»Ist das mein Dank für die Lebensrettung?«

»Dafür soll ich wohl noch danken? Ich geb's billig, mein Leben.«

»Etwas Ungeschickteres als Deine Hände habe ich mein Lebtag nicht gesehen. So macht man das nicht, wie Du's gemacht hast. Alles verkehrt, alles verkehrt! Ich weiß alles und muß über Deine Dummheit lachen.«

»Dein Rath hat mich so weit gebracht.«

»Mein Rath? hab' ich Dir gesagt, Tom den Liebestrank zu geben? hab' ich das gesagt, wenn doch ein viel Besserer zum Heirathen da war? Jetzt ist's verpfuscht und vorbei, kein Mann, kein Haus, kein Herd, vorbei, mein Kind!«

»Ich weiß schon, das brauchst Du mir nicht zu sagen.«

»Ja, aber Du fühlst es nicht genug, sonst wärest Du nicht hierher gekommen, sondern zu mir. Ich warte schon lang' auf Dich!

»Auf mich? Was willst Du mit mir?«

»Du sollst werden wie ich.«

Kathleen trat einen Schritt zurück. Ulla lachte.

»Nein, so häßlich nicht, wie ich, nein, mein Kind; die echten Hexen sind sehr schön; denn sie brauchen Schönheit. Ich bin schön, wenn ich will, wenn ich's brauche, wunderschön, und Du sollst Deine Schönheit genießen, wenn Du mir folgst.«

»Ich will gar nichts, nicht Schönheit und nichts Anderes.«

»Aber doch essen und trinken?«

Kathleen schwieg.

»Ja, mein Kind, essen und trinken, und da will ich Dir sagen, ist es viel besser, den Leuten das Essen zu erpressen, als es zu erbetteln. Man lacht sie noch aus nachher, wird reich und glücklich, sehr glücklich und mächtig. Die ganze Welt ist einem unterthan. Du bist geboren zur Hexe, die Leute zu berücken; sei doch nicht dumm. Du holst ihnen heraus, was Du haben willst, und vermählst Dich, wie Du's nie geträumt und herrschest über ein Heer von Dienern. Sei nicht einfältig.«

»Und warum bist Du in Lumpen und abgezehrt? Wo ist Dein Reich, Dein Ehegemahl, Dein Heer von Dienern?«

»Ich will Dir Dinge zeigen, daß Du an meiner Macht nicht zweifeln sollst.«

»Aber wie hast Du sie gewonnen, diese Macht?«

»Das lehr' ich Dich. Du mußt Eins werden mit der Natur, mein Kind, und aus Dir selbst Dich selbst erzeugen, wie sie. Für mich giebt es nicht Staub noch Asche. Selbst die Asche lebt.«

»Ich will sehen und dann glauben.«

»Nun, so sieh!« rief Ulla plötzlich mit dröhnender Stimme und legte Kathleen einen Augenblick die Finger auf die Augen. Zugleich murmelte sie sinnlose Worte, ohne Reim und Zusammenhang, und als Kathleen die Augen öffnete, saß Ulla hoch oben auf einem Kreuze und streckte die hageren Arme aus.

Und leise, leise begannen die Gräber zu zittern, als ob das Gras darauf kleine Wellen bildete, dann war die Erschütterung stärker, als höbe sie ein Athmen, dann begann die Erde darauf zu zittern und nach allen Seiten auseinanderzufallen, und heraus stiegen die Schatten von allen Seiten, grau, selbst die Gesichter grau, durchsichtig, wesenlos. Sie trugen alle kleine Lämpchen in den Händen und bewegten die Lippen, aber man vernahm nicht ihre Stimme, und begannen einen Reigen, in dem sie sich kreuzten, begegneten und die kleinen Lämpchen einander in's Gesicht hielten. Und es standen immer mehr und mehr Todte auf, bis kein Grab geschlossen blieb, und aus den Lüften kam es daher, auf durchsichtigen Pferden. Brücken bauten sich mit hohen Bergen, wie von Alabaster, und darauf kam es in Carossen herangestoben, mit vier und sechs und acht Pferden, Reitern und Fackelträgern, alles durchsichtig. Die Insassen verließen mit ihren Lämpchen die Wagen und mischten sich unter den Reigen.

Und neugierig kamen sie zu Kathleen heran und beleuchteten ihr Gesicht und hingen die Lämpchen an ihre Kleider. Da bewegte sich auch Una's Grab und Gwynne's, und Edleen's, und mit strahlendem Antlitz kam ein Kind daher – o Graus! es war Temorah's Kind, das führte ein ganz Kleines, kaum Erkennbares an der Hand und legte es Kathleen in den Schooß, und so oft es Kathleen entfernen wollte, so oft lag es wieder da, als sollte es heißen: »Das wäre Dein gewesen, das sollte Leben gewinnen ohne den grünen See!« Kathleen erschauerte in sich. Toby's Frau kam händeringend daher und sah sich immer um und streckte die Arme aus nach dem, was sie verließ. Edleen kniete vor Kathleen nieder und bewegte unablässig die Lippen, aber kein Wort war vernehmbar. Gwynne ging ruhig durch das Gewühl hindurch und sah, daß Una's Antlitz weiß und leuchtend war und glückselig. Dann nahmen alle die Todten ihre Herzen aus der Brust, hielten sie an ihre Lämpchen, bis sie brannten, und schienen sich an der schönen Flamme zu freuen. Und dann zeigten sie Kathleen ihre brennenden Herzen und schienen zu lächeln, mit den grauen Gesichtern, die beständig zergingen und in Nichts zerflossen. Und immer neue Schaaren kamen durch die Luft daher, wie zu einem ungeheuern Feste, das aber sang- und klanglos verlief; nicht einmal ein Schritt, nicht das Rauschen eines Gewandes war zu vernehmen. Doch gelang es Edleen, fast in Kathleen's Ohr hinein zu flüstern: Tom! Retten! und dann zerging sie fast ganz auf einige Augenblicke, bis auf ihre Hand mit dem brennenden Herzen darin. Und das Herz gab ganz bläulichen Schein. Alle die Todten schienen sich so viel mittheilen zu wollen, ohne aber in den Andern die geringste Theilnahme zu erwecken, sie wollten auch Kathleen etwas sagen. Aber sie verstand sie nicht. Auch Gwynne's einst so beredter Mund bewegte sich umsonst; Kathleen konnte seine Worte nicht vernehmen, wie sehr sie auch mit Aufbietung aller Kraft lauschte. Sie hörte nur wie ein Seufzen in den Grashalmen, und da lag wieder das wesenlose Kind auf ihrem Schooße, dessen winziges Gesicht Tom's Züge annahm und gleich wieder in Nebel zerfloß.

Una nahm ihr brennendes Herz und steckte es an seinen Platz zurück, und da brannte es weiter und erleuchtete sie ganz. Auch die Brust war von der Flamme ergriffen und brannte, und dabei verlor sie nicht das Lächeln und die Helle von ihrem Antlitz.

Und zwischen allen diesen Gestalten saß Ulla regungslos, wie der Tod. Die kleinen Lampen beleuchteten von Zeit zu Zeit ihren Kopf, der gestorbener, schädelhafter aussah als diejenigen aller dieser Todten. Ihre nackten Füße ruhten auf einem der Arme des gewaltigen Granitkreuzes, auf dem sie thronte, die Hände ruhten eingehüllt auf den Beinen, und so saß sie starr und still und grinste manchmal, wenn einer der Schatten ihr seine Lampe entgegenhielt.

Das währte fort und fort die ganze Nacht. Kathleen wußte nicht, ob sie gewacht oder geschlafen, als ein breites, blutiges Morgenroth sich auf der Ostseite aller Grabkreuze und auf der alten Kirche spiegelte. Ulla war verschwunden, und vor ihr stand der Todtengräber.

»Was?« sagte er, »seit wann schlafen denn die schönen Jüngferchen auf den Gräbern? Haben Sie denn nichts gesehen?«

»Doch!« sagte Kathleen, noch bevor sie merkte, daß sie sprach, »doch, ich habe viel gesehen, sehr viel. Wo ist denn Ulla?«

»Wer?«

»Nichts, ich meinte nur.«

»Sie meinten doch nicht Ulla, die Hexe? war die wieder hier?«

»Ich weiß nicht, es kann sein,« sagte Kathleen, erhob sich mühsam, und ging davon, so rasch sie die Füße tragen wollten. Sie hatte Ulla nachgehen, sich ihr übergeben wollen, mit Leib und Seele, aber da war der Todtengräber gekommen und hatte die Nachtgespenster verscheucht, und die Sonne ging in ihrer Herrlichkeit auf; da war es ihr, als könnte sie sich nicht lebendig begraben, als läge dennoch das Leben, irgend ein Leben, eine Lebensmöglichkeit vor ihr. Ihr Fleisch wehrte sich gegen das Kasteien, das sie ahnte, durch Ulla's abgezehrtes Aussehen, und ihre Schönheit wehrte sich gegen den Dienst des Häßlichen.

Sie ging heim und pochte leise an Vaughan's Thür. Der hatte sich offenbar noch nicht ausgekleidet, und seine Lampe brannte in den Sonnenschein hinein.

»Ich wollte Dir Lebewohl sagen,« begann Kathleen.

»Mir? Nein, das wirst Du nicht. Edleen war bei mir in dieser Nacht und sagte, ich soll Dich bei mir behalten. Ja, Kind, ich kann Dich nicht entbehren. Ich bin allein. Denn die Kinder nehme ich in mein Unglückshaus nicht zurück. Die sollen bleiben, wo sie sind. So wollen wir Beide versuchen, unser zerbrochenes Dasein zusammenzuflicken. Nicht wahr, Kathleen? es wird schon gehen? Wir werden einander nicht unbequem sein und sprechen manchmal von ihr?« Hier brach seine Stimme.

Kathleen schwieg und spielte mit dem Crepp an ihrem Kleide.

»Kannst Du mich denn sehen?« fragte sie endlich. »Wäre es nicht besser, Du vergäßest mich?«

»Ich habe nicht die Absicht zu vergessen; es wäre unmöglich.«

»Danke,« sagte Kathleen kurz. »Ich danke Dir und bleibe.«

Vaughan zog sich in seinen Sessel zurück, als hätte er bereits über seine Kräfte gesprochen, und Kathleen stieg die alte Treppe hinauf, in das alte Zimmer, und stand lange, ehe sie sich entschloß, ihren Hut abzunehmen und das Haar glattzustreichen, das ganz unordentlich war von dem Nachtlager. Sie besann sich, ob sie nicht zu Bett gehen wollte, ob sie nicht ein Bad nehmen und an's Meer gehen wollte, ob sie – ob sie – – sie wußte nicht; unschlüssig stand sie mitten im Zimmer, als ein wohlbekannter schwerer Schritt auf der Treppe erdröhnte, dann ein Traben den Gang entlang und ein Schnauben an ihrer Thür. Es war Prinnie, der zum ersten Mal seit langer Zeit sie besuchte. Da warf sie die Arme um des Thierchens Hals und weinte laut:

»Du kommst zu mir, Du armes Thierchen!« schluchzte sie. Sie weinte so, daß es ihr war, als quöllen ihr die Augen aus ihren Höhlen, und das Pferdchen schien die warme Fluth an seinem Halse ganz gern zu dulden. Dann suchte sie in allen Ecken nach einem Stückchen Zucker und fand etwas vergessenen Zwieback, steinhart, aber es war doch etwas, so daß Prinnie verstehen konnte, seine Besuche hier seien erwünscht.

»Prinnie! Prinnie! Wie hast Du nur auf einmal an mich gedacht! Du armes Thierchen! Dir bin ich nicht zu schlecht! Prinnie! Prinnie! Du hast wohl keine Seele, sonst wärst Du nicht gekommen! Denn keine Seele will zu mir!«

Das bittere Gefühl der Verlassenheit war nicht vermindert durch Vaughan's Anerbieten; denn das war nicht viel mehr, als wenn Einer der Todten ihr heute Nacht sein Grab angeboten hätte, um darin zu wohnen.

Zur ersten Mahlzeit ging Kathleen sorgfältig gekleidet hinunter. Herr Vaughan ließ sich entschuldigen. Sie frühstückte allein und setzte sich dann in's Fenster, mit den Händen im Schooß. Der Sommer hatte seine Höhe überschritten und jetzt kam, was das glühende Morgenroth verkündet hatte, das letzte Gewitter im Jahr heraufgezogen, mit krachendem Donner und niedersausendem Regen. Kathleen dachte an jene Gewitternacht, als Tom über den Fluß gefahren und sie ihm mit heißen Augen nachgesehen. Was war seitdem über sie hingegangen! Ein schwerer Schmerz lagerte sich ihr auf die Herzgrube, den sie in Wochen nicht mehr los werden konnte.

Sie mußte manche Mahlzeit allein einnehmen, bevor sich Vaughan zum ersten Mal entschloß, zu erscheinen. Und da saß er ganz gebeugt und sprach kein Wart, und Kathleen zerwühlte ihr Gehirn, etwas zum Sprechen zu finden, aber es kam nichts, gar nichts. Die Todten in jener Nacht hätten keine schattenhaftere Mahlzeit gehalten. So dachte Kathleen und besann sich über ihren Traum, und lächelte, daß Ulla sie für so kindisch gehalten, für so abergläubisch, zu meinen, sie hätte wirklich Todte emporgezaubert, während sie ihr einfach die Augen zu tiefem Schlafe zugedrückt. Nein, Kathleen war nicht zur Hexe zu brauchen. Ihr fehlte der Glauben, aus dem Heilige und Hexen werden. Sie glaubte an nichts mehr, als an ihre Schönheit, die ihr dennoch Freude machte. Es war eine Zerstreuung, in den Spiegel zu sehen, sich zu frisiren, bald so, bald anders und mit den langen Wimpern den Spiegel zu streicheln.

Eine oberflächliche Natur vertieft sich auch durch die bittersten Erfahrungen nicht. Sie kann ihr Wesen nicht ändern. Und so sagte sie sich auch, daß es Vaughan mit der Zeit ganz bequem sein würde, eine so gute Haushälterin zu haben, und bei seinem Reichthum es schließlich natürlich sei, daß er sie anstandshalber nicht auf die Straße gesetzt.

Wenn nur zwischen der Langenweile jeder Stunde und der peinlichen Aufregung wegen der herannahenden Assisen etwas Greifbares gewesen wäre, etwas, das dem Leben das Blei grauer Erinnerungen genommen hätte!

Der Einzige, der im Hause des Unglücks seine volle Energie und allen Lebensmuth bewahrt, das war der alte Owen. Mit festem Schritt und einer Flamme in den Augen trat er in Lewes' Zelle ein. Der war zu einem Schatten abgemagert, und seine hellen Augen standen vor, als hätten die Augenhöhlen nicht mehr die Kraft, sie festzuhalten. Wangen und Lippen bedeckten kaum die Zähne, die doppelt groß und weiß aussahen, während die Nase sich vor Magerkeit bog. Die Stirn hatte Adernknoten und Stränge, die sie bläulich durchzogen, wie von ewiger Gedankenpein.

»Lewes, mein Freund! Sie sind frei!« rief Owen. Lewes sprang auf und hielt sich am Tische fest.

»Frei?« flüsterte er.

»Ja, frei, frei! Und Sie treten gleich wieder an Ihren alten Pult und arbeiten mit mir! Die Klage ist zurückgezogen, und Sie sind wieder mein alter Lewes!«

Der schüttelte langsam den Kopf.

»Ich will wohl als letzter Schreiber still und demüthig bei Ihnen mein Brod verdienen; aber kein Kassenschlüssel, kein Geldgeschäft darf mehr in dieser Hand ruhen. Lassen Sie mich in einem dunkeln Winkel schreiben, wo man mich nicht bemerkt und von wo ich hinaussehen kann, ob ihr Wagen vorbeifährt.«

»Wessen Wagen?«

»Der einzigen Frau, die es für mich auf Erden giebt.«

»Aber, Lewes! sie ist ja nicht mehr auf der Erde!«

»Edleen?«

»Nein, sie ist erlöst.«

Lewes sank auf seine Bank, mit dem Kopf an die Mauer und rang nach Luft. Owen dachte, er würde sterben in dieser Stunde. Aber seine zähe Natur behielt die Oberhand über den Herzkrampf der seine Lippen blau, seine Finger krallig machte. Sobald er wieder sprechen konnte, fragte er nach ihrem Sterben. Owen beschrieb es so trocken und so wenig dramatisch als möglich und meinte, Jeder, der sie lieb gehabt, müßte sich für sie freuen, da wenig Hoffnung sei, Tom vor dem Strang zu retten.

Lewes behielt seine trostlosen Gedanken für sich. Wozu auch den alten Mann mit Vorwürfen kränken? Er hatte nach Ehre und Gewissen gehandelt, den Uebelthäter verfolgt, in heiligem Zorn; daß er dabei der unglücklichen Edleen Tod herbeigeführt und Vaughan das Herz gebrochen, das war nun nicht mehr zu ändern. Die streng rechtlichen Menschen und die streng Wahrheitsliebenden richten oft viel Uebel und Herzeleid an, weil sie nur eine Seite an den Dingen erkennen können, und sich stärker fühlen als sie sind, einsichtsvoller als ihre Kurzsichtigkeit es erlaubt, besser als die armen Sünder, die manchmal ursprünglich edlere Naturen hatten als sie selber; und darum größeren Versuchungen ausgesetzt waren.

Lewes hatte in den langen Monaten viel nachgedacht, und im fahlen Licht der grauen Gefängnißmauern war es ihm so einfach vorgekommen, zu Vaughan hinzugehen und ihm zu sagen: »Geben Sie dem Buben ein paar Tausend Pfund und schicken Sie ihn nach Australien!« –

Ja, so einfach erscheint alles, wenn die Leidenschaft vorübergebraust ist, wenn der Kummer die Stolzen und Harten gebeugt, wenn das graue Einerlei der Tage die Phantasievollen ernüchtert hat. Lewes konnte nicht begreifen, warum er das nicht gethan. Dann wäre all' das Unglück nicht gekommen. Schweigend saß er da, und Owen saß vor ihm, ungeduldig ihn mitzunehmen, ihn der Freiheit und der Ehre wiedergewonnen zu haben, und Lewes hatte keine Eile; er fürchtete sich vor der lauten Straße, vor bekannten Gesichtern, vor seinem eigenen Schatten, vor dem Eintritt in das Bureau. Und doch mußte er tief dankbar sein, daß man ihn wieder anstellte. Er ahnte nicht, was es Vaughan gekostet, der sich noch heute Tag und Nacht fragte, wie weit das Verhältniß zwischen Edleen und Lewes gegangen, und als überaus praktischer Mann nicht glauben konnte, daß man umsonst, ohne ein Wort der Ermuthigung, ohne einen Blick liebender Hingabe, für zwei schöne Augen zum Verbrecher wird. Vaughan war aber viel zu stolz, um an Irgendwen die Frage zu stellen, die ihm das Herz verzehrte und immer mehr Gestalt gewann, je längere Zeit ihn von dem geliebten Weibe trennte, in deren Augen er bald gelesen hätte, daß es für sie nur eine Leidenschaft gab – Tom! – So trug der arme, stolze Mann seine Qual. Er kam nie nach London und ging auch fast nicht vor seine Thüre. In den Geschäften blieb er weitsichtig und groß, und bald erfaßte ihn seine alte Leidenschaft so sehr, daß er nur noch in Zahlen zu leben schien. Kathleen's Gegenwart war ihm eher angenehm geworden. Der Haushalt war gut besorgt. Sie sah immer vornehm und gut angezogen aus, und ihre Gedanken und Empfindungen beschäftigten ihn in keiner Weise. Er rettete sie davor, als Zeugin wider oder für Tom gerufen zu werden, indem er zu nahe Verwandtschaft vorschützte. Seinen Anstrengungen gelang es, daß Tom zu lebenslänglicher Zwangsarbeit begnadigt wurde und somit zu den Gestorbenen gehörte, ohne getödtet zu werden. Vaughan fühlte, als dürfte Edleen nun ruhig schlummern, anstatt ihm jede Nacht händeringend zu erscheinen.



XXV.
Wie es kam.

Die Zeit wanderte und wanderte. Die Todten waren Staub. Die Lebenden wurden älter. Die Kinder wuchsen heran und entwickelten sich als die holden Gottesblumen, zu denen sie bestimmt waren.

Da trat eines Tages Vaughan in Kathleen's Zimmer. »Ich habe eine sonderbare Frage an Dich,« fing er an. Seine Sprache war ruhig, geschäftsmäßig. »Ich möchte gern eine Reise machen, und da ich Dich nicht ganz allein zurücklassen will, so möchte ich mich zuvor mit Dir trauen lassen.«

»Mit mir?« Kathleen wurde roth und dann blaß. »Ich bleibe für immer Dein väterlicher Freund, wie bisher, aber ich gebe Dir einen Namen, eine Stellung und schönes Erbe. Und als reiche Wittwe steht Dir dann die Welt offen. Für meine Kinder ist reichlich gesorgt, sie können heirathen, wen sie wollen und bekommen allen Schmuck ihrer Mutter.«

»Den Schmuck ihrer Mutter?« lachte Kathleen, »an dem ist kein Stein mehr echt! Den haben wir all' verkauft! Wußtest Du das denn nicht? Das war ja der Anfang!«

Vaughan stand mit gerunzelter Stirn und war verstummt.

»Uebrigens,« fuhr Kathleen fort, »nehme ich Dein Anerbieten an, unter der Bedingung, daß ich mir Kleider machen lasse, soviel ich will, in London bleibe, so lang' ich mag und reise, wenn es mir Spaß macht.«

»Wer A sagt, muß auch B sagen,« antwortete Vaughan trocken. Und so wurden sie Mann und Frau und machten eine schöne Reise nach Paris und Italien, und Kathleen kam als die eleganteste aller Londoner Damen genau zur rechten Zeit an, um in neuem, echtem Schmuck und äußerst geschmackvollen Toiletten als die neueste und gefeiertste Schönheit überall zu strahlen. Man beglückwünschte Vaughan von allen Seiten zu dem märchenhaften Geschöpf, das er zu erobern verstanden und das seinem Namen und Reichthum erst Glanz verlieh. Ihre Salons waren die schönsten, ihr Tisch der beste, ihre Gäste die auserwähltesten, und wenn sie dahinglitt mit dem elfenbeinweißen Teint, den blauschwarzen Haaren, Brauen und Wimpern und dem plötzlichen Aufschlag der berückenden blauen Augen, dann verging manchem jungen Mann der Athem, und die Frauen wollten vor Neid bersten. Sie sah aus wie die Verkörperung der Leidenschaft und war doch von marmorner Kälte. Man erfand Romane für sie, eine merkwürdige Vergangenheit, die natürlich weit hinter der Wirklichkeit zurückblieb. Aber Mistreß Vaughan war das Tagesgespräch und die Königin der Nacht, der Brennpunkt aller Operngläser, die kühnste Reiterin.

»Ich rathe Dir,« sagte Vaughan gelassen, »lege Dein Herz auf's Eis, bis nach meinem Tode. Denn dann kannst Du die glänzendste Heirath machen. Wenn Du aber Deinen Ruf Dir entgleiten lässest, so sinken Deine Actien; mir ist es gleichgültig, ich rathe Dir nur gut.«

»Man verbrennt sich nur einmal im Leben, Vaughan: il n'y a que le premir pas qui ne coûte pas, weil man nicht weiß was man thut. Hernach ist es leicht, sich zu hüten, vorausgesetzt, daß das Verbrennen gründlich war. Das kühlt ab für's ganze Leben.«

Vaughan galt für entsetzlich eifersüchtig.

Im Rosenhäuschen wohnte der Frieden. Rosige Kinder kugelten über die Schwelle, und Martyn wurde alle Tage verliebter, Gladys alle Tage glücklicher und hatte sich zu verklärter Schönheit entwickelt.

Im Vicariat herrschte reger Fleiß: Der Seemann Robert wurde zurückerwartet nach jahrelanger Abwesenheit; Morgan sollte sich zu dem fröhlichen Wiedersehen einfinden und Ned Ferien haben. Und so war zum ersten Male seit des Vaters Tode eine Familienvereinigung in Aussicht, zu der Kränze gewunden, Chöre einstudirt, Zeichnungen auf bunten Lampen ausgeführt wurden, die Abends den Garten erleuchten sollten. Missy präsidirte vom Lehnstuhl aus, an den die Gicht sie gefesselt hielt. Daisy und Minnie standen auf hohen Leitern, um dem noch höher stehenden Freddy die Guirlanden zu reichen. Die Zwillinge brachten auf ihren Köpfen große Körbe voll Rosen, die sie bei Gladys abgeschnitten, Lizzie war in Küche und Keller beschäftigt und kam mit leichten Schritten zwanzigmal zu ihrer Mutter herein, um sie nach diesem und jenem zu fragen. Eben erhob sich North sehr steif und mühselig und wedelte, so arg er konnte, Llewellyn entgegen, der sich nie zu verändern und nie zu altern schien, und der zum frohen Feste mit frohen Liedern geladen war.

»Wo ist denn Winnie,« fragte er, während er freundlich den lieblichen Kreis begrüßte.

»Winnie? Ja, wo ist denn Winnie? Sie war ja eben noch hier?«

Wo war Winnie? Die hatte sich ganz feige versteckt; denn Morgan sollte ankommen, und Morgan sollte nicht sehen, daß ihr Herz ihm entgegenschlug; denn er hatte keines für sie. War er nicht kälter und zurückhaltender jedesmal? Und nun war er fast zwei Jahre fortgewesen, zwei lange Jahre, in denen er ihr nicht einmal einen Gruß geschickt hatte! Ihr Herz hatte ihm immer gehört, sie wußte nicht, wann sie angefangen hatte, ihn zu lieben; denn er war ja stets der Inbegriff aller Vollkommenheit gewesen, ein Mensch, der gar keine Fehler hatte, wie andere Menschen, und der so ernst war immer, und der sie verstanden, als Keiner sie verstand. Als die Nachricht von ihres Vaters Verheirathung mit Kathleen sie von London erreichte, da hatte sie vor Schmerz den Kopf an einen Baum geschlagen. Das leidenschaftliche Kind wollte ihn zerschmettern. Und da hatte sie plötzlich etwas Weiches zwischen ihrem Kopf und dem Baum gefühlt, und wie sie die Augen geöffnet, war es Morgan gewesen, von dessen Ankunft sie nichts gewußt, und der ganz leise seine Hand hingehalten und sie jetzt blutig zurückzog.

»Aber, Winnie!« war so vorwurfsvoll von seinen Lippen gekommen, daß sie mit gesenktem Kopfe vor ihm stand und wartete, was er sagen würde. Und wie er immer nichts sagte, hob sie den Blick und begegnete dem seinen. War es der Blick von jener Stunde, den sie nie mehr vergessen konnte? Er war ihr in's Herz gedrungen, so tief, tief hinein, wie etwas Schweres, das in's Meer versinkt.

»Ich – ich – ich kann nicht, Morgan!« hatte sie endlich gestammelt, als er immer noch schwieg. Und da sagte er wieder nichts und sah sie immer an.

»Nein, Morgan! bitte nicht! sieh mich nicht so an! nimm Deine Augen fort von mir, Morgan!«

»War das meines Vaters gutes Töchterchen?« fragte er endlich.

»Aber, Morgan! er hat mir nicht gesagt, daß das geschehen würde!«

»Daß was geschehen würde?«

»Daß Kathleen, Kathleen – – – meine – Mutter würde! Morgan! Das hat er nicht gesagt!«

»Aber, Kind! sie wird nicht Deine Mutter.«

»Sie wird mich fortnehmen von hier, sie wird wieder lügen und meinen Vater reizen wider mich, und mich, und mich – und mich wieder peitschen; denn sie haßt mich, und mir wieder die Harfe fortnehmen und mich vom Clavier jagen, und mich – und mich –«

Morgan hatte sich da auf die Bank gesetzt, wo er an jenem Morgen im Laube gelegen, neben Martyn und Una, hatte um Winnie den Arm geschlungen, ihr die Haare aus der schmerzenden Stirn gestrichen und gesagt:

»Meine kleine Winnie! Das wird alles nicht geschehen! Wie willst Du denn Unglück ertragen lernen, wenn Du Dir alles dazu denkst, was noch nicht ist, und vielleicht nie sein wird?«

»Morgan! Du warst auch verzweifelt und hast mir nie gesagt, warum.«

»Warum ich verzweifelt war? Das wirst Du einmal erfahren, wenn noch viele Jahre vergangen sind. Aber, Winnie, ich habe mir nie den Schädel zerschlagen!«

»Du bist ein Mann.«

»Das macht im Leiden wenig Unterschied. Ich glaube sogar, die Frauen sind im Leiden stärker.«

»Deine Mutter, Morgan!«

»Ja, meine heilige Mutter. Kannst Du nicht sein wie sie?«

»Ich bin ja gar nicht ihr Kind. Kann ich's gar nicht sein, nicht ein ganz klein bischen, Morgan?«

»Bist Du nicht schon jetzt ihr Seelenkind?«

Und da war er wieder, der Blick, und Winnie frug sich, wie tief wohl der Sonnenstrahl eindringt, der in's Meer fällt und frug das auf einmal laut.

»Das hängt vom Stand der Sonne ab,« sagte Morgan erstaunt und verstand des Kindes Frage nicht, das ihm unverwandt in's Gesicht sah. Er bemerkte, daß sie über seine Antwort grübelte. Was hatte sie wohl gemeint?

Ja, was hatte sie gemeint? Wozu war die junge Seele unter seinem Blick erwacht? Er wußte es nicht, und sie auch nicht. Sie wußte nur, daß er vollkommen sei und ein Held und eine Kraft und so wie das Gewissen, also wie Gott für sie. Aber was der Sammelname von all' diesen Attributen war, das wußte sie noch nicht an dem Tage, da sie sich versteckte vor seiner Ankunft. Sie hörte den Wagen rollen, sie hörte alle Begrüßungen, und ihre Wangen brannten. Sollte sie jetzt heruntergehen? ihm auf der Treppe begegnen? Ja, vielleicht auf der Treppe. Doch wie sie aus der Thüre trat, da kam er den Gang entlang, am Arm seiner Mutter.

»Ist das Winnie?« fragte er zögernd und erstaunt.

»Ja; nicht wahr, wie groß sie geworden ist?«

Eine schmale, kalte Hand lag einen Augenblick in der seinen und wurde ihm rasch entzogen, ein meertiefer Blick streifte sein Antlitz und fort stob sie, wie eine Gazelle, den Gang entlang, die Treppe hinab. Er sah nur noch die braune Lockenfluth aus dem Niobeknoten im Nacken quellen, von einem schrägen Sonnenstrahl beleuchtet, und fort war sie.

Eine Stunde später kam hager und sonngebräunt, südländisch und fremd aussehend, Robert an. Er erkannte Niemand mehr, und Niemand erkannte ihn. Sie fanden sich gegenseitig so verändert, daß sie stumm wurden, bis Gladys in ein helles Gelächter ausbrach und ihm ihre Kinder hinhielt.

»Lotty und Lilly!« sagte er.

»Hier sind Lotty und Lilly!« tiefen die Zwillinge ganz groß, größer als Daisy und Winnie gewesen. Vor Winnie blieb er förmlich bestürzt stehen.

»Aber – Du bist ja eine Dame!« stammelte er, »wo ist denn die kleine Winnie, die ich an den Haaren zog?«

»Hier, zieh'!« sagte Winnie ganz dreist und wandte lachend die Lockenfluth ihm zu. Morgan war erstaunt, daß sie mit seinem Bruder gar nicht scheu war, wogegen Robert seine Zunge verloren zu haben schien, seit er sie gesehen. Sie erinnerte sehr an ihre Mutter, mit den graugrünen Augen und den goldbraunen Locken, der zierlichen Gestalt und den schmalen Händen und Füßen. Es war ein bedeutender Contrast gegen die weit derbere Schönheit und den kräftigen Bau von Daisy und Lizzie.

Bald war ein wahrer Tumult in dem lieben alten Salon, der all' ihr Glück und all' ihre Trauer erlebt hatte, und als sie eben vor Freude schwermüthig werden wollten, da kam Ned an, mit seiner Ruhe und seinen trockenen Witzen, der die Heiterkeit auf eine unglaubliche Höhe brachte. Endlich kam auch Martyn hereingestürmt. Das war ein Händeschütteln und Jubeln und Fragen und Durcheinandersprechen. Es war solch' ein Lärm, daß North zu bellen anfing, weil man ihn ganz vergessen. Missy lächelte unter ihren Gichtschmerzen, so glücklich, ihre ganze Schaar einmal wieder versammelt zu sehen, gewiß zum letzten Male, eh' ihr treues Herz stille stand, und ihre gütigen Worte verstummten.

»Missy, liebe Missy!« sagte Minnie und drückte ihr Gesicht an das der alten Freundin, denn die armen Hände konnte man nicht viel anrühren. »Nicht wahr, nun bist Du froh, ich will werden wie Du, Missy, ich will mich nie verheirathen, und nur den andern Leuten gehören, und anderer Leute Kinder haben, und so lieb haben, lieb haben, wie Du, Missy!« –

Winnie bewohnte ein Dachstübchen ganz allein. Sie hatte das Stübchen so sehr gewünscht und hatte sich's mit allerhand bunten Geweben auf das Originellste austapezirt. Das Stübchen sah direct in die Baumkronen und Vogelnester hinein, und manchmal, Nachts, erklang von dort die Harfe und Winnie's tiefe, weiche Stimme in endlosen Improvisationen. Dies mütterliche Erbtheil war unter Llewellyn's Hand wunderbar gediehen, und Missy vergaß oft ihre Schmerzen, wenn Winnie sang. So strömte auch heute bis spät in die Nacht hinein Winnie's Lied den Baumkronen zu. Sie wußte nicht, daß ein schlummerloser Lauscher drunten saß und sich nicht bewegte, um seine Gegenwart nicht zu verrathen. »Sie war so scheu mit mir!« dachte Morgan. »Vielleicht mag sie mich nicht mehr. Sie hat am Ende Robert lieb. Wenn sie's nur sagen wollte, dann zieh' ich mich zurück.«

Da klang oben die Harfe. Er wußte noch gar nicht, daß ihr das Zimmerchen eingerichtet worden, und zuerst frug er sich, ob das nicht Llewellyn sei, aber nicht lange, denn bald erklang das Lied:


Sie harren alle auf den, der kommt,
Der Strand erwartet die Welle.
Es weiß die Nacht, daß das Harren frommt
Auf des Tages siegende Helle.

Es harrt die Blüthe auf Blüthenstaub,
Der Himmel auf's Sterngeglänze,
Der Wald auf den Herbst und sein goldenes Laub,
Die See auf des Sturmes Tänze.

Die Rebe harret der Sonne Kraft,
Die Erde lechzt nach dem Regen,
Es stürzt sich die Quelle aus Felsenhaft,
Voll Sehnsucht dem Meer entgegen.

Wohl schlägt die Welle den bebenden Strand,
Doch ist sie zerstoben, gebrochen,
Und vor dem Tag an des Himmels Rand
Hat die Nacht sich zitternd verkrochen.

Auf andere Blüthen fiel Staub und Thau,
Der Himmel ist wolkenumschleiert,
Der Sturm rast weiter, in wüstem Grau,
Der Wald hat sich todtgefeiert.

Die Erde in Strömen ist aufgeweicht,
Die Rebe zerdrückt und verschlossen,
Und als die Quelle das Meer erreicht.
Da ist sie zu Nichts zerflossen.

Es harren Alle auf den, der weilt,
Auf höchster Wonnen Erlangen,
Und da das Glück, das Glück sie ereilt,
Da sind sie vor Bangen vergangen.


»Vor Bangen vergangen!« klang Morgan wie die Erklärung ihres Benehmens beim Wiedersehen mit ihm. Aber warum bange? Er fragte sich, ob er sie so lieb hätte wie Kathleen, nachdem er all' die Jahre auf ihr Erblühen gewartet – und war viel zu ehrlich und zu wahrhaftig, um sich nicht einzugestehen, daß er all' sein erstes Entzücken verschenkt, seines Herzens tiefste Leidenschaft verschleudert, und daß sein Gefühl für Winnie solche Sturmeshöhen nie mehr erreichen würde. Er hatte Kathleen nie mehr wiedergesehen. Sie war fast immer in London, oder im Ausland, oder auf Schlössern zu Besuch. In der Gegend war sie ein Mythus geworden und schon fast vergessen. Auch Morgan hatte sie vergessen, so dachte er an jenem Abend, und dürfte mit ruhigem Gewissen die Hand nach der schönen Blüthe strecken, die sich ihm erschließen wollte, wenn er sich nicht getäuscht, wenn nicht sein Bruder der liebend Geliebte war.

Er beschloß nach einigen Tagen, seine Mutter zu befragen, da er aus Winnie nicht klug werden konnte. Und Gwendoline lächelte schelmisch und sagte, er solle doch nicht so ängstlich sein.

»Aber Robert?«

»Nun, Robert ist sehr entzückt, aber er wird damit schon fertig werden. Sei Du nur unbesorgt und laß Dir nicht rauben, was Dein ist.«

Aber Morgan zögerte und zögerte. Er konnte die schnöde Abweisung bei seiner ersten Liebeswerbung nicht vergessen und fürchtete sich.

Die Tage gingen hin in sonniger Herrlichkeit und Jubel ohne Ende. Es herrschte ein Taumel von Uebermuth im Vicariat, an dem Winnie manchmal in solcher Weise theilnahm, daß sie lustiger, drolliger, witziger war als Alle, sich aber dann wieder in sich zurückzog und die Blätter schloß, wie Enzian, wenn die Sonne geht.

Llewellyn beobachtete sie still und mit tiefer Freude.

Eines Morgens waren Alle nach dem Frühstück im Salon, scherzend, lachend, Pläne machend für den Tag. Winnie hatte lange zu Missy's Füßen gesessen. Jetzt stand sie auf und glitt von Allen unbemerkt durch's große Bogenfenster hinaus, auf die Terrasse, und von da in die große Allee, die so viel Liebe, Liebesfreud' und Liebespein gesehen. Winnie wußte nichts von den Andern. Sie wußte nur, daß Morgan kalt war und sich immer entfernte, wenn ihr Robert den Hof machte. Sie zog die Gräser aus ihren Kapseln und biß die zarten Enden ab und fragte sich, was sie denn eigentlich von Morgan wolle? So wie früher sollte er sein, ganz so, nein, auch nicht so, anders, sie wußte selbst nicht, und wäre lieber todt eben, viel lieber todt, als den Tumult des jungen Herzens zu ertragen.

Währenddessen war Robert an Morgan herangetreten, der Winnie einige Schritte nachgegangen und dann unschlüssig im Fenster stehen geblieben war.

»Hör 'mal, Morgan, mein Alter, ich wußte noch gar nicht, daß Du ein Hasenherz hast! Wenn Du nicht hingehst, dann geh' ich; denn verliebt bin ich, wie ein Märzhase.«

»Soll ich sie Dir lassen, Robert?«

»Wenn sie Dich durchaus nicht will. Aber ich würde es doch erst probiren! Siehst Du, wie ehrlich ich mit Dir bin?«

»Du bist gut, und ich bin ein Thor.«

»Nein, Du bist verbrannt, einmal, und hast es nicht gründlich genug vergessen. Wer wird denn an so was denken!«

»Sie ist sehr scheu geworden.«

»Ach! wäre sie doch mit mir so scheu! Ich hätte sie längst geküßt. Du hast keine Erfahrung, Morgan!«

Morgan drohte dem Bruder mit dem Finger.

»Du bist ein Heiliger, und ich bin Seefahrer,« sagte der erröthend. »Wirklich, Morgan, ich möchte Dir helfen, aber ich fürchte, ich würde mich versprechen und für mich selber werben!«

Morgan sah dem weißen Kleide nach, das zwischen den Stämmen auftauchte und verschwand.

»Sie macht's wie die Rehe und Hasen und wie alle andern Thierchen auf Erden, in Wasser und Luft: sie lockt und flieht, lockt und flieht, sie coquettirt und weiß es nicht; sie geht Dir nach, und Du merkst es nicht, weil sie forthuscht, sobald Du Dich wendest. Ich sah ihr gestern zu. Da gingst Du aus dem Zimmer, und ohne zu wissen, was sie that, stand sie auf und ging Dir nach, und ich sagte: ›Wohin so schnell?‹ Da wurde sie ganz verwirrt, besann sich und sagte, sie wolle Missy einen Shawl holen. Die hatte aber schon einen um. Wie soll ich ihr danach den Hof machen? Ich müßte blind sein. Sie ist Dir schon oft nachgegangen, und Du hast es nicht gesehen. Morgan! sie ist ein Gedicht, ein Märchen! Ich habe schon viele Frauen gesehen auf dieser bunten Erdkugel, aber Winnie hat einen Zauber – sieh' 'mal, wie sie die Gräser abbeißt! gleich fängt sie an zu weinen! sie ist ja viel zu unschuldig, um sich zu verstellen. Sie weiß noch nicht einmal, daß sie in Dich verliebt ist. Probir' 'mal, ihr zu sagen, Du müßtest wahrscheinlich morgen fort, und Du wirst sehen, was passirt. Nein, Morgan! wie bist Du ungeschickt! Warte doch nicht, bis ihr von selber die Augen aufgehen! Du verlierst ja die allererste und feinste Süßigkeit! Jung'! muß man Dich denn das alles erst lehren? Weiß man das nicht von selber?«

Morgan seufzte und ging hinaus. Robert rief Llewellyn heran, und die Beiden warteten, was nun passiren würde. Doch gerade, als Morgan Winnie erreichte, schoben sich zwei dicke Bäume in den Weg, so daß die beiden Indiscreten geduldig auf die nächste Lichtung warten mußten. Aber sie wurden reich belohnt. In der nächsten Lichtung geschah etwas Außerordentliches: Winnie fiel einen Augenblick in die Knie, sprang auf wie ein Reh und wollte im Bogensprung fortschießen, als sie von Morgan gefangen, an's Herz gedrückt und geküßt wurde, als wollte er sich nie mehr von ihr trennen. Und sie wehrte sich gar nicht, sondern empfing den Kuß wie die Blume den ersten Regentropfen. Llewellyn und Robert sahen einander an und lächelten, und Robert sagte: »Den hätt' ich gern gehabt, sehr gern, und hab' ihn großmüthig abgetreten!«

»Es wachsen solcher rosigen Blumen noch mehr für kühne Seefahrer,« sagte Llewellyn, »für einsame Landpfarrer blühen sie seltener.«

»Die Beiden kommen gar nicht wieder.«

»Wozu sollten sie auch wiederkommen? Wie ich Winnie kenne, wird es Morgan alle seine Ueberredungskunst kosten, sie hier herein zu bringen.«

Sie waren, dank ihrer Ausdauer, ebenfalls Zeugen der Ueberredungskunst und der Kämpfe, die es kostete, die spröde, erröthende, abweisende Braut in's Zimmer und in die Arme der Anwesenden zu bringen. Auch Llewellyn wurde von Morgan aufgefordert, seine Braut in die Arme zu schließen. Winnie war ganz still und lachte verschämt und versteckte den Kopf in Missy's Schooß und war nicht mehr von dort und ihren Knien wegzubringen. Und als Ned und Daisy sie mit vereinten Kräften in die Höhe zwangen, versteckte sie sich hinter Gwendoline und ein Sophakissen.

»Bravo Morgan!« sagte Robert, »das hast Du gut gemacht! es ging ja wohl ganz leicht?«

»Ach! so schnell! ich war ganz überrascht! Begreifst Du's eigentlich, Robert? Sie muß mich lieb haben!«

»Ja, denk' Dir, ich glaube wirklich, sie hat Dich lieb!«

»Aber, Robert, mich!«

»Ja, Morgan! hältst Du Dich denn für ein Monstrum?«

»Nein, das wohl nicht. Aber es scheint, sie hat mich schon lange lieb.«

»Mir war es, als hätte ich Dir das bereits angedeutet.«

»Sie war doch ein Kind!«

»Oho! Kind! ein Mädchen, Morgan! Das thut so, als wäre es ein Kind, und ist eine kleine Sirene vom ersten Jahre an, und coquettirt, bevor es spricht, und liebt, bevor es denkt. Und Du hast immer hübsch die Flammen geschürt und Oel dazu gegossen, und hast's gar nicht gemerkt, natürlich.«

»Ich muß wohl sehr dumm sein?«

»Mein alter Morgan! wie oft habe ich Dich gehauen! könnte ich's doch eben thun! es würde mir solche Erleichterung verschaffen!«

»Thu's!«

»Nein, das geht nicht, Herr Pfarrer und Herr Bräutigam! Was würde sie sagen, wenn ich ihren Herrn und Gebieter, ihr Ideal, ihren Abgott prügelte?«

»Ach, Robert! ich bin so himmelweit von einem Ideal entfernt!«

»Sag' ihr das nur nicht, sondern bleibe Du hübsch auf dem Piedestal, das sie Dir macht, es ist besser für Dich und für sie.«

»Aber nicht wahr.«

»O doch, ganz wahr und besonders sehr nützlich.«

»Wenn sie aber die thönernen Füße entdeckt?«

»Dann ist der Honigmonat längst vorbei. Nur so lange bleibe Du auf Deiner Höhe.«

»Robert! Robert! Hätt' ich doch Deinen leichten Sinn!«

»Nicht wahr? Wenn ich Dich nur hauen könnte, Morgan, ich kann Dir versichern, Du würdest so viel glücklicher!«

»Ich kann nur wiederholen: Thu's!«

Und siehe da: auf einmal rangen die beiden Brüder und balgten sich auf der Wiese herum wie Knaben, und glühten, und was Morgan an größerer Breite und Kraft hatte, das hatte Robert an biegsamer, katzenähnlicher Gewandtheit; aber nachdem er's seinem Bruder hatte sauer werden lassen, ließ er sich großmüthig besiegen, weil er Winnie's ängstliches Gesicht gesehen.

Diese kleine Scene brachte die gewünschte Wirkung hervor: Morgan wurde übermüthig, Winnie zutraulich, die Kinder wild, Gwendoline heiter, und Llewellyn nannte Robert einen großen Menschenkenner und Künstler im Modelliren von Menschenherzen.

»Schade, daß ich meinem Bruder nicht etwas davon borgen kann; der braucht's nöthiger als ich.«

Wie tapfer Robert die ganze Zeit auf seinem eigenen Herzen herumtrat, das erfuhr Niemand, als seine Mutter, die es sah, ohne daß ihr Sohn ein Wort geäußert, oder sich mit einem Augenblinzeln verrathen. Sie dachte an den Theuersten auf Erden, und wie sein starker Geist und leuchtendes Beispiel in seinen Kindern fortlebte, nachdem er sie schon so lange verlassen.

»Meine Kinder haben sich lieb untereinander,« sagte sie.

Llewellyn schaute in den Kreis hinein: »Ja, sehr lieb, mit starker, opferfreudiger Liebe.«

Gwendoline folgte des Sängers Blick, der wohlgefällig auf Robert ruhte, und sie sah, daß auch er ihren Sohn verstanden und seine Güte hochschätzte, und ihr Mutterherz schwoll in freudiger Erregung und bangendem Stolze.

In all' den Jubel hinein fiel eine Nachricht, die für ein paar Stunden Alle beunruhigte, als drohe eine Wetterwolke heran. Vaughan schrieb, er und Kathleen würden in vierzehn Tagen eintreffen und ihre beiden Töchter auf einige Wochen zu sich nehmen, so lange der Bräutigam im Hause sei.

Winnie stürzte Gwendoline zu Füßen und beschwor sie, sie zu behalten. Minnie weinte auch, obgleich sie eigentlich das Vaterhaus ganz vergessen hatte. Gwendoline zitterte vor Kathleen, und sie, Missy und Llewellyn hatten über Morgan und Winnie manches lange und bange Gespräch. Morgan selbst war tief erschrocken und zitterte vor dem Wiedersehen, und vor Winnie's Augen, die leicht seine einstigen Gefühle entdecken würden, wenn er sich nicht hütete. Doch dachte er, so gründlich geheilt zu sein, und so verliebt in seine liebreizende Braut, daß alle Hexen und Sirenen der Welt ihm nichts anhaben könnten. Am allerbesorgtesten war Martyn, der aber sein Bangen für sich behielt. Durfte er doch Gladys nicht ahnen lassen, daß er Una nie vergessen. – Er wußte genau, wie es mit einer ersten Jugendliebe beschaffen ist, und wünschte Kathleen hundert Klafter tief unter die Erde.

Gladys war ganz unbesorgt. Sah sie doch, daß ihr lieber Mann ihr allein gehörte, und noch nie hatte sie daran gedacht, eifersüchtig Una's Bild zu entfernen. Sie war so eingehüllt von ihrem Glück, wie in weichen Federkissen, und nicht sehr egoistisch dafür, aber hatte doch einen andern Standpunkt und andere Augen, um Verhältnisse zu beurtheilen. Hätte sie nur ihrem Martyn in's innerste Herz sehen können, in dem Una wohnte, so wäre sie sehr unruhig geworden und sehr traurig, und hätte sich unnütz gehärmt und gequält. Darum sind die heiligen Lügen der Liebe und ein würdevolles Schweigen in den schönsten Verhältnissen rathsam. Keinem ist es gut, alles zu wissen, und Keinem ist es nützlich, alles zu sagen. Es muß Jeder mit sich selber fertig werden und es nie für falsch und unredlich halten, wenn er nur das Ergebniß, die Auslese aus seiner Seele Gährung den Andern mittheilt. Das Beste ist eben gut genug für die Nebenmenschen. So dachte Martyn und ging mit schwerem Herzen von Bett zu Bett und wünschte Kathleen einen guten Typhus oder gründliche Masern an den Hals. »Wäre ich nur Ulla,« dachte er, »und könnte sie mit Hokus - Pokus lahm legen!« –



XXVI.
Aus Winnie's Tagebuch.

Ich bin so traurig heute, daß ich es Niemand sagen kann. Darum schlage ich mein altes Buch auf und vertraue ihm an, was mich drückt. Vielleicht wird es dann besser. Es sind auch vielleicht Uebertreibungen von mir. Sie sagen ja, ich übertreibe immer. Hier bin ich in dem alten Zimmer, in dem ich ein Kind war. Das allein ist nicht verändert. Sonst erkennt man das Haus gar nicht wieder, so schön ist es geworden. Sie wollten natürlich keine Erinnerungen. Aber die eine können sie nicht entfernen: das Dröhnen der Hämmer. Mir erwacht meine ganze Kindheit bei dem Ton, und ich sehe meine Mutter. Zum ersten Male sehne ich mich nach meiner Mutter. Mein Vater hatte mich lange nicht gesehen und stand sprachlos vor mir, und endlich flüsterte er mit zitternden Lippen: »Edleen!« – Also muß ich ihr sehr gleichen. Ich will aber nicht so leiden wie sie. Ich will meinem Morgan immer alles sagen, da durch das Nichtsagen alles Unglück angefangen hat. Aber mit dem Sagen ist es so schwer. Ich kann ihm doch nicht erzählen, wie er war, als Kathleen ausstieg, meine Stiefmutter, wollte ich sagen. Mein Gott! wie ist sie schön! So schön war sie noch nie. Und so prachtvoll angezogen. Mein Vater muß sehr reich geworden sein. Er sieht aber so alt und grau aus und gar kein bischen glücklich. Kathleen warf einen Blick auf mich, den ich kenne. Mit dem Blick riß sie mich sonst vom Klavier. Warum aber jetzt? Was habe ich ihr denn gethan? Und als sie Morgan die Hand reichte, verneigte der sich tief, und als er sich aufrichtete, war er blaß bis in die Lippen, und seine lieben Augen so düster, so düster, wie damals, als er so traurig war, und er mir immer noch nicht erzählen will, warum. Ich fürchte, ich habe es errathen, und fühle einen Schmerz am Herzen und in der Brust, als brennte da eine heiße Flamme. Es ist gewiß ganz thöricht, und ich schäme mich fast, es zu schreiben, aber als ich meinen Morgan so blaß sah, hatte ich wieder das auflodernde Gefühl von Haß gegen Kathleen, wie früher.

Lieber Gott! hilf mir doch, daß ich es überwinde! Ich will ja still sein und gut und dankbar, so dankbar, daß mir Morgan gehört, der mein einziger Gedanke war, seit ich denken kann. Natürlich kann ich nicht sein einziger Gedanke gewesen sein. Denn er war schon ein junger Mann, als ich noch ein kleines Mädchen war. Aber es sind doch in Wirklichkeit sehr wenige Jahre. Nur mir erscheinen sie lang, weil ich in der Zeit erwachsen wurde. Lieber Gott! Mir ist das Herz so schwer wie ein Stein! Und das kann ich doch Morgan nicht sagen. Es wäre, als hätte ich kein Vertrauen zu ihm. Und sie ist jetzt eine Frau und meine Stiefmutter, also brauchte ich gar nichts mehr zu fürchten. Und doch ist mir's so bange. Was mache ich nur, damit er's nicht sieht! Martyn wurde unruhig, als er Morgan so erregt sah, und sprach leise mit ihm, und da wurde Morgan feuerroth und bekam eine ganz dicke Stirnader. Ich that, als sähe ich Kathleen an, damit er nicht dächte, ich sähe sein Gesicht. Es war auch unmöglich, Kathleen nicht anzusehen. Sie war so wunderschön. Ich schäme mich furchtbar, aber seitdem gehe ich oft an den Spiegel. Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gethan. Sie war wie eine Katze so geschmeidig! Ach! Und die verhaßten blauen Augen, die wie Messer sind, unter den Wimpern. Ob sie wohl noch einen Bleistift auf die Wimpern legt, damit die Leute sehen, wie lang sie sind? Ihr Gesicht ist wie Elfenbein, und die schwarzen Haare sind lang und dick und ihre Gestalt das Zierlichste, was man sich denken kann. Ich komme mir so plump vor neben ihr. Aber sie ist ja verheirathet, und muß so glücklich sein mit meinem guten, guten Vater. Nur wohnt sie allein, in einem reizenden Zimmer, und mein Vater bleibt unten, im Arbeitszimmer, und sie sind eigentlich nie zusammen. Warum hat er sie nur geheirathet? Mein Morgan wird bei mir sein, und wenn er arbeitet, ich wie ein Mäuschen bei ihm, und sein Arbeitszimmer soll werden, was meines theuern Vaters Gwynne Arbeitszimmer gewesen ist, für's ganze Haus. Nicht so wie Kathleen.

Sie sprachen auch gar nicht sehr freundlich zusammen. Warum haben sie sich nur geheirathet? Heute hat sie ihm schon etwas Unangenehmes über Minnie gesagt und gestern über mich. Aber mein Vater hat gar nicht zugehört. Und da machte sie Augen! Ich hörte, wie meine theure Schwiegermutter sagte: »Sie ist ja wunderschön!« Und mein Vater antwortete nichts. Und auf seinem Schreibtisch steht Mama's Bild, über seinem Bett hängt es lebensgroß in Oel, auf seinem Betttisch steht es in einem Silberrahmen, und aus seiner Reisetasche nahm er es in einer Kapsel. Wenn das so ist, dann wird mir's von Neuem todesbang um Morgan. Er kam mir gar nicht nahe, während meine Stiefmutter da war, als wenn er sich fürchtete. Wovor fürchtete er sich denn? Martyn verwickelte ihn in ein Gespräch und stellte sich so, daß Morgan ihr den Rücken drehen mußte. Aber Morgan war ganz zerstreut und hörte gar nicht was Martyn sagte. Und mir schlug das Herz, so daß ich seufzen mußte. Da drehte Robert schnell den Kopf nach mir und sagte, ob meine Stiefmutter nicht hassenswerther sei als je. Das that mir so wohl. Und die ganze Zeit machte er sich lustig über sie und sagte, sie gefiele ihm gar nicht. Solche Frauen gäbe es Tausende in den südlichen Ländern, die hätten gar keinen Reiz mehr für ihn. Sie seien kalt wie Eidechsen und glatt wie Schlangen, er kenne die Art genau. Und als ich immer wieder nach ihr hinsah und nach Morgan: »Weißt Du, Winnie,« sagte er, »wir weinen auf unsern Gräbern, aber wir lachen gleich darauf über den warmen Sonnenschein und die aufgeblühte Blume.«

»Gräber sprechen nicht. Sie sind stumm,« sagte ich. Also das war Morgan's Verzweiflung damals. Warum nur? Warum hat er sie denn nicht geheirathet, wenn er sie doch lieb hatte? Was hat ihn denn verhindert? Ich möchte wissen, ob sie ihn lieb gehabt hat?

Sie sah ihn so sonderbar an. Ich habe nie so blicken sehen. Das kann ich auch gar nicht beschreiben. Ich wüßte nicht wie. Ich habe es seitdem vor dem Spiegel probirt, so mit den Augen, aber es geht nicht. Sich selber kann man auch nicht so ansehen, und meinen Morgan könnte ich erst recht nicht so ansehen. Ich würde mich zu Tode schämen. Und was würde er von mir denken?

Mein Vater sagte ihm, er solle seine Tage bei uns zubringen, und meine Stiefmutter sagte, sein Platz an unserm Tisch sei stets bereit. Und er war nur eine Viertelstunde hier, mein Morgan! Nur eine Viertelstunde! Ich fühle etwas ganz Dickes in der Kehle seitdem. Und wie ich sagte: »Was? Du gehst schon fort und läßt mich hier allein?« Da sagte er, seine Mutter habe ihn nöthig, und Gladys habe ihn so dringend eingeladen, und Martyn wolle ich weiß nicht was – so viele Entschuldigungen, daß ich ganz kalt sagte: »Ach so!« und ließ ihn gehen. Wenn sich mein Odysseus vor Sirenen fürchtet, dann locke ich ihn gewiß nicht zu ihnen hin. Dann soll er lieber fern bleiben. Aber sie ist doch angeschmiedet, seine Sirene. Ich verstehe da offenbar etwas nicht. Es ist etwas undeutlich in meinem Kopfe. Mir ist's immer wie Vorhänge drin, und ich kann nicht finden, wo sie sich öffnen, sonst wäre ich schon hineingedrungen. Und ich habe all' die Jahre ihm im Geist alles gesagt, was ich dachte und fühlte, wenn es noch so stürmisch war. Und jetzt bin ich mit einem Male verstummt. Was soll ich ihm sagen? Ich schäme mich. Wie soll ich das nennen, was ich fühle? Denn es ist noch etwas Schlimmeres als der alte Kinderhaß, der mich so oft geschüttelt hat. Ich fürchte mich auch vor ihr; denn sie sieht so gewaltig aus in ihren schönen Kleidern, als beherrschte sie alles, nur meinen Vater nicht. Er ist eisig mit ihr, eisig. Und sie ist respectvoll mit ihm, so sonderbar, und dabei, wenn sie sagt: »Ich brauche noch ein Sommerkleid und ein Reitkleid, Vaughan,« dann sagt er: »Und Du hast es noch nicht bestellt?« So war das früher nicht bei uns. Es muß da ein Geheimniß sein, und ich werde nicht ruhen, bis ich es ergründet habe. Warum hat Morgan sie nicht geheirathet? Und warum hat mein Vater sie geheirathet? Er hat sie kein bischen lieb.

Es war sehr schwer, in den Wagen zu steigen und fortzufahren. Mir war's, als risse man mir ganz langsam das Herz aus, weil es vom Vicariat nicht fortkonnte, und man mich dennoch mitnahm. Es war, als zerbräche mein ganzes Glück. Aber ich weinte nicht, erstens um meinen Vater nicht zu kränken, und zweitens um meiner Stiefmutter keine Schwäche zu zeigen. Das darf man bei der nicht. Als sie zu Morgan »Auf Wiedersehen« sagte, da wurde er wieder blaß und sah mich gar nicht an. So wurde ich um meinen letzten Blick betrogen. Und in ihrem Gesicht lag ein so häßlicher Triumph; ich hätte ihr gern mit der Faust hineingeschlagen. Minnie ist noch so ein dummes Kind. Die frägt dann so einfältig, warum ich nicht Morgan noch einmal umarmt habe, und solche Sachen. Wie konnte ich ihn noch einmal umarmen, wenn er mich nicht ansah und nur der Sirene »Auf Wiedersehen!« hörte. Warum hat er sie nicht geheirathet? Robert drückte mir die Hand, bis sie mir weh that und sagte: »Nur Muth! es wird schon schief gehen!« so daß ich lächeln mußte, und sah, wie er seinen Arm in den seines Bruders schlang und mit ihm in den Park ging.

Es passirte noch etwas Sonderbares auf dem Wege: An unserm Parkthor, wie der Wagen hielt, kam auf einmal die arme geisteskranke Wäscherin heran, legte die Hand auf den Schlag, drohte meiner Stiefmutter mit der Faust, sagte: »Tom!« und war verschwunden. Mein Vater sah zum andern Schlag hinaus, und Kathleen war weiß geworden wie ein Tuch, schneeweiß, und wie sie sprechen konnte, sagte sie: »Unbegreiflich, daß man Verrückte nicht einsperrt.« Aber die Arme ist so harmlos, sie thut ja Keinem was, sie wäscht und singt sehr schön, und bleibt immer schön und jung. Aber was hat das nur bedeutet? Ich dachte, Tom wäre gestorben, so hat man uns doch gesagt. Es war aber etwas mit Kathleen und Tom, ich erinnere mich nicht recht. Sie waren so ein bischen, als wären sie verlobt, und doch nicht. Ich weiß nicht. Da sind die Vorhänge wieder. Man sprach ja auch nie davon, und da habe ich so viel vergessen. Wegen Tom's Tod ist doch meine Mutter gestorben, so sagten sie. Ich sehe wohl, daß ich nichts sehe, und habe nur solch eine Angst, solch eine furchtbare Angst, und Sehnsucht nach Morgan und nach Missy und nach meiner Mutter auch. Wie sonderbar! ich habe mich nie nach Mama gesehnt, bis heute. Ich habe das Gefühl, als gehörte ich nicht recht hierher, und bin doch bei meinem Vater. So oft er mich ansieht, füllen sich seine Augen mit Thränen, und wenn ich an's Klavier gehe, dann geht er aus dem Zimmer, und ebenso mit der Harfe, nachdem er mich doch eben gebeten hat, zu singen. Ich muß sehr meiner Mutter gleichen. Kathleen sagte es auch, nicht gerade in freundlichem Ton. Wann wäre je, ihr Ton freundlich? – Minnie frug mich, warum sie so blaß wurde am Parkthor. »Ich weiß gerade so viel wie Du,« sagte ich. Da dachte sie lange nach und dann wußte sie immer noch nichts und ich auch nicht.

Dies alles schrieb ich gestern. Heute bin ich noch viel trauriger. Morgan war wieder nur zwanzig Minuten da, und in der Zeit ist meine Stiefmutter nicht aus dem Zimmer gegangen; sie sagte nachher, sie fände es nicht passend, Brautleute allein zu lassen. Warum nicht? Ich war immer mit Morgan allein, im Park und im Salon, und einmal war er auch in meinem Stübchen, und fand es so hübsch. Und da saß sie und sprach die ganze Zeit mit ihm, und ich saß daneben. Und Morgan war so verändert, unruhig und dabei kalt und fremd. Und ich sah über's Meer hinaus, das sah so gereizt und ungeduldig aus wie mein Herz. Und sie sprach mit ihm von der Kunst des Predigens, vom Predigen überhaupt, und dann von der Kunst im Allgemeinen, sehr im Allgemeinen; denn sie weiß gar nichts davon, obgleich sie im Louvre gewesen ist. Ich weiß besser die Bilder, die drin sind, als sie, viel besser. Aber ich schwieg. Hier ist kein Bild im ganzen Hause, und im Vicariat hängen alle Wände voll Photographien und Stichen nach großen Meistern, und in meines lieben Vater Gwynne Bibliothek, welche Schätze, und wie habe ich da geschwelgt! . . . .

Ich habe hier einen Ort entdeckt, den einzigen, den Kathleen nie betritt: das ist meines Vaters Schreibzimmer. Dahin hatte ich mich heute vor ihr geflüchtet, weil sie meine Garderobe besichtigen wollte. Ich kenne das und zittere davor. Denn das versteht sie, und ich nicht. Und so hatte ich bei meinem Vater ein schönes Werk über Minen gefunden, mit Zeichnungen und mich damit hinter den Fenstervorhang versteckt. Da hörte ich, wie die Thüre aufging und mein Vater sagte: »Kommen Sie hier herein, Lewes, hier können wir ungestört sprechen. Also Owen schickt Sie?«

»Der Arme kann heute nicht aufstehen, ihm ist gar nicht wohl.«

Ja, das war Lewes' Stimme. Ich erkannte sie sehr wohl, obgleich ich ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen habe. Einmal sagte man doch, er wäre im Gefängniß, aber das war wohl nicht wahr. Denn mein Vater sprach sehr freundlich mit ihm. Und mein Vater ist sonst ein strenger Mann. Wie hätte er Einen im Dienst, der im Gefängniß war!

»Sie haben einmal wieder eine glänzende Combination gemacht, Lewes. Sie sind ein Genie, und ich werde nicht ruhen, bis Sie wieder höhere Stellen annehmen. Es ist Ihrer unwürdig, unter den Schreibern zu sitzen, während sie Finanzminister sein könnten und mich beschämen mit der Kühnheit und Sicherheit Ihrer Griffe.«

»Lassen Sie mich, wo ich bin. Ich will nicht steigen. Ich will nicht mit Großmuth erdrückt werden. Dazu bin ich zu stolz. Wenn ich Ihnen dienen kann, so ist es eine alte Rechnung, die ich dennoch nicht bezahlen kann, wenn ich noch 40 Jahre lebe.«

»Sie haben mein Vermögen verdoppelt, Lewes.«

»Habe ich das, so ist es gut für Sie. In meinem Gefühl macht es keinen Unterschied. Ich bleibe vor meinen Augen derselbe Verbrecher, der ich war, und meine freiwillige Zwangsarbeit macht mein Gemüth nicht ruhiger.«

»Lewes! Lewes! Ich war vielleicht der größere Sünder von uns Beiden!«

Da hatte ich das Gefühl, als dürfte ich nicht mehr hören, und hustete ein wenig. Mein Vater kam und schob den Vorhang fort und machte ein sehr strenges Gesicht, und ich sah sehr erschrocken und sehr bange zu ihm auf und stammelte: »Verzeih' mir!«

Da hörte ich ein dumpfes Stöhnen, und Lewes war halb ohnmächtig in einen Sessel gefallen. Mein Vater stellte sich vor ihn, während ich mich um ihn bemühte, ihm Luft zu verschaffen, und sah ihn immer an, so durchbohrend, so finster, so strenge, als hätte er ihm nie ein freundliches Wort gesagt. Ich verstand wieder nichts und ward immer ängstlicher.

Endlich sprach Lewes: »Bitte, mein gütiger Herr, erschrecken Sie nicht das Kind, bitte, nicht! Sie sehen doch! Sehen Sie nicht den Blick?«

Aber mein Vater sprach kein Wort und sah ihn immer an.

»Verzeihen Sie,« begann Lewes wieder, »aber vielleicht kommt Ihnen die Aehnlichkeit nicht so stark vor, wie sie so bange und erschrocken aussah?«

»Doch, sehr stark,« sagte mein Vater mit ganz tiefer Stimme. Ich stand und rieb meine Hände, weil sie so feucht waren; denn ich fürchtete mich vor Beiden. Aber sind denn hier lauter Geheimnisse? Ich habe bis jetzt nie gewußt, daß es Geheimnisse giebt. Von was für einem Verbrechen sprach mein Vater? Er hat doch sein Geld nicht unredlich erworben? Dann will ich Morgan bitten, mich arm zu heirathen. Aber nein, mein Vater war immer ein rechtlicher Mann. Soll ich Morgan fragen, was das bedeutet? Der weiß es auch nicht. Ich weiß, wen ich frage! Llewellyn. Der weiß alles; denn er ist ein Sänger. Und ein Sänger ist wie das Meer, verschlingt alles und schleudert es nach Jahren auf den Strand, und da werden Geheimnisse klar, und Schätze gefunden, und auch arme verlorene Menschen ehrlich begraben. Ja, ich frage Llewellyn. Daß er alles weiß, das habe ich schon lange entdeckt. Denn als ich ging, sagte er: »Recht tapfer sein, Kind, und die kurze Prüfungszeit bestehen wie ein Held. Du wirst nicht untergehen. Ich kann nicht zu Dir kommen; denn ich bin dort nicht gern gesehen.« Ich sah auch, als Kathleen ihn begrüßte, daß sie sehr verändert war, kein Wort mit ihm sprach und rasch zu Missy sich wandte, zu Missy, Kathleen!! –

Da stand ich nun zwischen den beiden Männern, die offenbar etwas Furchtbares auf den Lippen festhielten. Denn Beider Lippen zitterten. Mein Vater sah aus, als wollte er etwas wissen, fragen, dem Andern entreißen, und Lewes sah aus, als stünde er vor Richter und Geschworenen, und das Wort »Schuldig« schwebte über ihm, ohne ausgesprochen worden zu sein. Ich kann mich irren. Aber so kam es mir vor. Kann man ein Held sein gegen Spinnweben? Vor meinen Augen sind lauter Spinngewebe, und womit soll ich die bekämpfen? Sie werden nur immer dichter.

Lewes Lippen waren ganz blau, und er machte die Augen zu; ich dachte wirklich, er wollte sterben, besonders als er mehrmals nach dem Herzen griff, wie es mein lieber Vater Gwynne immer that.

»Nicht sterben, Lewes,« sagte ich ganz leise. »Mein Vater hat Sie ja so lieb und kann Sie gar nicht entbehren.«

Da lächelte der arme Mann schwach, machte die Augen auf und sah mich an mit einem so furchtbar traurigen Blick, daß ich die ganze Nacht von ihm geträumt habe.

»Ich sterbe noch immer nicht,« flüsterte er, »aber bald, bald! ich bin so müde!« Und da schloß er die Augen wieder. Ich lief hinaus und holte ihm Sherry und rieb ihm die Schläfen mit etwas Starkem, von meines Vaters Toilettetisch, und mein Vater ging dabei auf und ab, die Hände auf dem Rücken, und dann stellte er sich vor meiner Mutter Bild und sah sie mit demselben Blick an, wie vorhin Lewes. Aber Lewes sah es nicht; denn er sah mich an und folgte mit den Augen jeder meiner Bewegungen. Wie muß er meine Mutter lieb gehabt haben. Herr, mein Gott! nein! nein! er hat sie doch nicht so lieb – – nein! ach, nein! Und mein Vater sah ihn an, wie ich gestern Kathleen ansah. Mein Gott! Bitte schicke mir die Spinngewebe wieder und mache sie dicht vor meinen Augen. Ich will nichts wissen. Ich will gar nichts wissen. Denn vielleicht müßte ich am Wissen sterben. Ich will singen und vergessen. Komm', herzliebe Harfe, wir wollen zusammen singen, Du und ich. Llewellyn ließ mir einen schönen Gedanken, den will ich erzählen.


Im dunkelblauen Mantel,
Im Kleid aus Goldbrocat,
Am Mantel die gold'ne Kette,
Die Eisenschwere hat;

So gleitet die bleiche Herrin
Von Ritter zu Rittersmann,
Die stehen in stolzem Kreise,
Stahlfunkelnd angethan.

Sie sehen die zarten Schultern
Erdrückt von ihrer Last,
Und von der Falten Schwere
Zum Niederzieh'n umfaßt.

Wer darf, viel edle Herrin,
Euch von der Qual befrei'n,
Wer darf des Mantels Halter,
Der Kette Träger sein?

Es passten zartem Busen
Die Kerkerringe nicht,
Den wundervollen Gliedern
So lahmend Prachtgewicht.

Uns soll als Banner wehen
Der Mantel weit entrollt,
Den kühnsten Held umschmiedet
Mit Eurer Kette Gold.

Ich darf mich nimmer trennen
Von dem, was mich beschwert,
Ihr könnt mich nicht befreien,
Ihr Helden kühn und werth! –

Wovon ist denn der Mantel,
Der Euch so schwer umfließt,
Woher die ring'ge Kette,
Die Euch so eng umschließt?

Ist er in Stein gehauen,
In Erz gegossen? liegt
Die Erde an den Himmel
Durch dieses Gold geschmiegt?

Soll groß wie Eure Liebe
Der Falten Weite sein,
Und stark, wie Eure Treue
Der gold'ne Sonnenschein?

Ist es ein prächt'ger Kerker,
Ein herrisch Machtgebot,
Weil Ihr mit raschem Lieben
Und jäher Flucht gedroht? –

Aus Seufzern ward und Schmerzen
Der Mantel mir gewebt,
Und meiner Sünden Kette
Ist's, die mein Busen hebt.

Nicht eher sollen Beide
Befreiend fallen mir,
Als bis hinweggeglitten
Die tödtlich prächt'ge Zier.

Wenn meine Thränen trocknen,
Und meine Lippen stumm,
Nicht mehr in Aufruhr fragen:
Warum das Weh, warum?

Wenn meiner Sünden Folgen
Gesühnt, getilgt, verweht,
Aus meines Fluches Furchen
Kein Giftkraut mehr ersteht,

Dann wird der Mantel fallen,
Der mir den Nacken bückt,
Die Kette selbst sich lösen,
Die mir die Brust zerdrückt;

Dann will Euch edlen Rittern
Ich's danken tausendmal,
Daß Ihr mir treu geblieben,
In meiner hehren Qual!


Weiß nicht, ob das so gut ist. Kette und Mantel ist schwer zu vermeiden und kommt zu oft. Ich will's Llewellyn zeigen. Der findet etwas Besseres. Ach! wenn ich ein Dichter wäre wie er, dann würde ich auch so fröhlich sein! Warum hat er mir den schönen Stoff geschenkt? Und doch paßt er mir so, er ist wie ein schweres Geheimniß, das einem um die Schultern liegt. Vielleicht wußte die arme Burgfrau nicht einmal, wessen Sünde sie trug. Es war am Ende gar nicht ihre eigene, sondern die anderer Leute. Muß man denn anderer Leute Sünde tragen? Und was ist denn Sünde? Von was für einem Verbrechen sprachen mein Vater und Lewes? –

Heute machten wir einen großen Ritt, Morgan, Robert, Kathleen, Minnie und ich. Das hätte sehr schön sein können. Aber sie war immer dazwischen. Robert pfiff ein wenig und frug mich, ob wir einen kleinen Galopp machen wollten? Als wir etwas weiter waren, frug er mich, ob mich meine Stiefmutter stets so nahe beaufsichtige. Und ich klagte ihm ein bischen darüber, so ein bischen. Er runzelte die Stirn und pfiff wieder ein ganzes Liedchen, ein sonderbares, südländisches Ding. Da wurde der Weg schmal, und wir mußten einzeln reiten. Und immer pfiff er das sonderbare Lied und sang es auch. Ich glaube, es ist von Haiti, sagte er, solch' ein Gefühl von Wäldern und tropischen Blumen ist drin und von Meer und Einsamkeit. Ich weiß nicht, ob es meine Stimmung war, oder die Lust, oder das Meer, es kam mir alles so anders vor als sonst. Ich sah wieder Lewes' Gesicht vor mir, und da wußte ich ganz gewiß, daß ein Geheimniß da ist. Ich sah mich um. Kathleen hatte die Augen auf mich geheftet, so böse, so böse, und Morgan, mein Morgan sah Kathleen an, mit solchen Augen! Nein, es war wie ein Messerstich in meiner Brust! Ich war gewohnt, seine Augen anzusehen wie die Kirchenthür, aber sie waren nicht heilig, sondern hungrig! Morgan! Morgan! Ich bückte mich und machte etwas an meinem Handschuh; denn ich wollte vor ihr nicht weinen. Was fang' ich an! Robert sang und sang, und Minnie war so stumm und dachte nur an ihr Pferd und merkte Gott sei Dank gar nichts. Ich merkte aber, daß Robert immer die schmalsten und steilsten Wege vorschlug, wo man nur einzeln reiten kann. Er ist gut, Robert, sehr gut, aber er kann mir nicht helfen.

Ich bin doch noch sehr jung, um mit solchen unbekannten Sachen zu kämpfen. Vielleicht wenn ich wüßte. Und meinen Morgan nichts fragen zu können! Ich würde ihm sagen: Die Frau hat Dich unglücklich gemacht! Und sie ist so falsch, so falsch! Ich würde ihn warnen vor ihr. Vielleicht ist er zu gut und zu unschuldig und weiß nicht, daß man so falsch sein kann. Morgen soll er eine Gastpredigt halten, auf der Kanzel, wo unser theurer Vater immer predigte. Wie wird mein Herz klopfen! Als wir nach Hause kamen, waren Lizzie und Daisy da, und da war mir's auf einmal, als wär' ich fremd geworden, oder käme aus einem andern Lande, oder wär' ein paar Jahre fortgewesen. Und es sind doch nur ein paar Tage. Mein Gott! was soll ich thun? Wäre Kathleen ein Mädchen und frei, dann wüßte ich genau, was meine Pflicht wäre. Denn mein lieber Vater Gwynne hat immer gesagt: »Man thut seine Pflicht, und wenn auch das Herz bricht!« Aber nun? Kathleen ist meine Stiefmutter. Es kann doch nicht sein, daß man eine Frau ist und hat einen Andern lieb? Nein, nein, es kann nicht sein! es darf nicht sein! »Und wer eines Andern Weib ansiehet, ihrer zu begehren,« – das steht in der Bergpredigt, und ich hatte es nie verstanden. Morgan! mein Held! mein Gott! mein Geliebter! bin ich denn Nichts für Dich? Kann ich Dich denn gar nicht schützen! Sie hat Dich gar nicht lieb, sie spielt wie eine Katze! sie will mich ärgern. Morgan! Du wirst doch Dein liebes Herz nicht fangen lassen! Aber – es wäre ja Sünde, Morgan! Ach! wenn ich doch eben ein Anderer wäre, ein Freund, ein Bruder, daß ich ihn warnen dürfte, ohne Selbstsucht! . . . . . .

Meine Verwirrung wird immer größer. Von meines Morgan wunderschöner Predigt, auf die ich mich so gefreut hatte, habe ich kein Wort gehört. Alle Leute weinten und sagten: Ganz der Vater! Meine geliebte Schwiegermutter fiel ihm in die Arme mit Freudenthränen; Missy hatte sich in die Kirche tragen lassen, und auch ihre lieben Augen strömten über; mein Vater war erschüttert, ich sah's; Kathleen war todtenbleich; Robert ging zu den Gräbern allein, Ned sagte: Mein Bruder ist ein Redner, wie es scheint, und nur ich habe kein Wort gehört! Denn heute Morgen, – was ist geschehen! Heute Morgen giebt mir mein Vater einen Schlüssel und sagt: »Kind! Du darfst hinaufgehen in das Zimmer, das nie geöffnet wird, da wirst Du Deiner Mutter Gesangbuch finden. Du sollst es haben!« Ich dankte ihm, indem ich seine Stirn küßte und ging hinauf. Mir war es sehr feierlich zu Muth, als ich das Zimmer betrat. Ich erkannte auf einmal den Geruch davon, nach all' den Jahren. Wie sonderbar! Da stand ihr Schreibtisch. Und als ich den Schreibtisch sah, fiel mir ein, daß ich sie einmal daran weinen sah, mit einem Rechenbuch vor sich. Ja, ich sehe es noch, ganz deutlich. Nur stand der Schreibtisch unten, glaub' ich. Da stand auch ihre Harfe, eingehüllt. Und es lagen noch Sachen herum. Sogar auf dem Bett lag noch ein Shawl von ihr. Und neben dem Bett das Gesangbuch. Ich dachte, ob ich wohl ein Wörtchen für Eines von uns darin finden würde, das sie vor dem Sterben hineingeschrieben, und schlug es auf. Da steckte allerhand zwischen den Seiten, ein Brief von Tom, worin er Besserung versprach, wenn sie ihm nur dies eine einzige Mal noch helfen wollte, trockene Blumen, ein Lied, und dann fiel etwas in meine Hände, das offenbar mit schwacher, zitternder Hand geschrieben war. Ich will es abschreiben; dann werde ich es vielleicht deutlich verstehen. Zuerst wußte ich nicht einmal, von wem es sei, da ich meiner Mutter Schrift nie gesehen. Ich wußte auch nicht, an wen es sei. Einen Augenblick schlug mir das Herz, ich dachte, es sei an mich und setzte mich dicht an den herabgelassenen Vorhang, um still zu lesen. Aber bald sah ich, daß das nicht an mich war.

. . . . »Bevor ich dem Grabe zueile, aus dem meine Liebe Dich nicht mehr erreichen kann, möchte ich Dir, mein Kind, noch ein Wort schicken! Was soll ich Anderes sagen, als: Verzeih' mir! Verzeih' mir, mein Kind, daß ich eine so schlechte, thörichte, schwache Mutter gewesen, daß ich nie für Dich war, was ich hätte sein sollen, Dein starker Halt und Deine Stütze. Vor dem allerhöchsten Richter klage ich mich an und nenne mich schuldig, höchst schuldig! Und wenn ich Dich damit rein waschen könnte, so wollte ich's selbst vor menschlichen Richtern thun. Aber Du bist mir entrückt, weit fort von meiner Liebe, von meinem Thun und Helfen! Und ich, die Dir um jeden Preis geholfen habe, ich liege hier im Sterben und kann Dich vor schmachvollem Tode und noch schmachvollerer Begnadigung nicht retten. Als sie meines Sohnes Hände in Ketten legten, da ist mir das Herz gebrochen! O! Warum hast Du Dich nicht erschossen, wie Du wolltest! Dann wäre ich todt gewesen! So muß ich noch leben und leiden und kann nur bitten und flehen, daß sie meinen Sohn am Leben lassen! Aber welch' ein Leben! Tom! Tom! Kind meiner Seele, meiner Thränen, meiner Gebete! Ich habe nur eine Leidenschaft auf Erden gehabt, das war meine strafwürdige Mutterliebe! Verzeih' mir, mein Sohn, daß ich Dich so schlecht und verderblich geliebt! Einen guten, opferfreudigen Menschen habe ich um meiner sündhaften Mutterliebe willen zu Grunde gehen und in's Gefängniß werfen lassen. Ich habe ihn nie mehr gefragt, wo das Geld für Dich herkam, als all' mein Schmuck verkauft war. Und er opferte alles, sein Vermögen, seinen ehrlichen Namen, und ich hatte nicht den Muth zu sprechen, und zu sagen: »Für unseres Hauses Ehre hat er das gethan!« Er schmachtet noch im Gefängniß, weil ich schweige! Tom! Tom! Was haben wir gethan! Ich muß Dir wohl den Keim der Feigheit in die Seele gelegt haben, die Dich zum Verbrechen geführt! Verzeih' mir, mein Kind! Und wenn sie Dich zum Tode führen, dann denke, ich gehe neben Dir und begieße Deinen Weg mit meinem Herzblut und fange Deinen letzten Seufzer auf. Und wenn sie Dich zu Ketten und Zwangsarbeit und Deportation begnadigen, dann denke, daß selbst der Galeerensklave sich den Weg zum Himmel zurückverdienen kann. O, mein Kind! mein Kind! ich darf Deine Verzeihung erhoffen; denn ich habe bei lebendigem Leibe die ganze Hölle durchwandert um Dich und werde zu Tode gemartert! Meine körperlichen Leiden fühle ich oft nicht mehr, unter den Folterqualen der Seele! Ich bin vor Gott verantwortlich für das, was ich aus Dir gemacht; denn Du warst mir anvertraut! Kann denn meine Liebe, meine Verzweiflung Dich nicht erlösen? Muß ich aus der Welt gehen mit dem Gefühl, daß wir Beide nie hätten in Deines Stiefvaters Haus eintreten dürfen, über das wir Schande gebracht. Und sein ehrlicher Name stand ihm höher als alles! Tom! Tom! warum habe ich Dich so thöricht, so sündhaft, so grenzenlos geliebt! Wird diese meine ungeheure Liebe für mich bitten vor Gottes Thron, und Dich erlösen? Ich meine Deine Seele! Denn Du bist besser nicht mehr in der Welt, aus der ich scheiden muß. Ich habe mich zu Tode gegrämt um Dich, mein Sohn, aber es ist alles meine Schuld, meine eigene, furchtbare Schuld, aber wenn ich Dir doch hundert und hundert Mal verziehen, was Du mir gethan, und Gott unser Vater ist, so wird auch Er – – – – –«

Hier wird die Schrift unleserlich und hört schnell auf. Das war meine Morgenandacht. In der Kirche saß ich und sah von einem Gesicht zum andern, und dachte: Also die wissen alle, daß mein Bruder ein Verbrecher ist oder war, daß er ehrlos starb oder ehrlos lebt. Vielleicht ist er in Cardigan gehängt worden, mein Bruder. Und die wissen es alle. Halt! Hier, auf einmal kann ich noch etwas lesen: »Der furchtbare Fluch, den Kathleen gegen Dich ausgestoßen, als man Dich in Ketten legte, wird auf sie selber zurückfallen; er wird vor Gott aufgewogen durch meine Thränen!« –

Der furchtbare Fluch von Kathleen! Warum hat sie Tom verflucht, als er schon den Gerichten verfallen war?

Wie sollte ich wohl noch etwas hören in der Kirche? Ich sah mich manchmal um, weil ich dachte, das Meer brauste zur Kirchenthür herein, so rauschte es in meinen Ohren. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich aus dem Zimmer und in die Kirche gekommen bin. Davon habe ich gar keine Erinnerung. Ich dachte dort, Jedermann müßte mir's ansehen, daß ich einen Verbrecher zum Bruder habe und daß meine Mutter vor Gram starb, und daß ein ehrlicher Mann für die Beiden in's Gefängniß ging. Aber Keiner schien an das Ungeheure zu denken. Und da saß Kathleen, die Tom verflucht hat! Und sie hat ihn oft genug geküßt, und die arme Temorah rief ihr »Tom« entgegen. Was war denn das? Mein Gott! Das Meer braust noch immer, oder die Bergwerke sind so laut. Ich bin wie taub, und manchmal schwimmt mir ein Nebel vor den Augen. Mit wem könnte ich sprechen? wen fragen? Das Natürlichste wäre Morgan – aber! Nach der Kirche hob er nicht einmal den Blick von dem Maasliebchen im Grase, als ich zu ihm sprach, so wenig freute er sich. Und sonst sah mich Keiner an. Sie dachten alle an sich selber, an die Predigt, an Morgan, an Kathleen's schönes Kleid. Und das rauschte so laut, das Kleid. Ich hasse Kathleen's Kleider. Sie machen Lärm.

Mein Bruder war ein Verbrecher. Und Niemand war darum unfreundlich gegen mich! Und Morgan wollte mich sogar heirathen, trotzdem. Aber vielleicht müßte man ihn warnen. Kann man Tom's Schwester heirathen?

»Heute habe ich endlich zu Einem gesprochen, und das war Robert. Der hat doch gesehen, daß mir's nicht wohl ist, und hat es auch in der Kirche gesehen, und da habe ich ihm den Brief gezeigt und ihn gefragt, ob das alles so war und was noch mehr war, was ich nicht verstehe. Und er sagte mir, daß mein Bruder lebt, aber wie! Und lachte mich aus, daß ich meinte, ich dürfte nicht heirathen. Die Leute sprechen noch von Morgan's Predigt. Er schlägt aber immer die Augen nieder, wenn man ihm etwas darüber sagt. Ich weiß warum. Ich deutete es Robert ganz leise an, nur sehr leise, und er nickte und sang wieder sein Haiti-Lied. Aber die Geschichte von Tom und Kathleen und Morgan wollte er mir doch nicht erzählen. Ich sagte: »Ist Kathleen nicht eine Katze?«

»O ja,« sagte er, »und noch allerlei dazu. Ich möchte ihr eine Lehre geben, an der sie genug hätte, ihr Lebenlang.«

»Was möchtest Du thun, Robert?«

»Mein Herzchen, davon verstehst Du nichts.«

»Ach Robert! ich verstehe so viele Sachen nicht!« Und nun erzählte ich ihm die ganze Scene bei meinem Vater, und als so weit die Schleusen geöffnet waren, da gab es kein Halten mehr, und ich fing an so bitterlich zu weinen, und frug ihn, ob ich meinen Morgan freigeben solle und nicht mehr an ihn denken, auch wenn mir's Herz bräche. Da nahm er meine beiden Hände in die seinen und sagte: »An Dir liegt es, Morgan zu retten vor dem Weibe. Hier handelt sich's nicht um scheues Zurückziehen, sondern um's Festhalten an dem was recht und ehrlich ist und natürlich. Er wird schon die Sirenen vergessen. Binde Du ihn an den Mast und ich will steuern, und wenn wir von hier in einiger Zeit nicht an den Sirenen vorbei sind, so will ich im obersten Mastkorb bei Wasser und Brod die Welt umsegeln. Habe Du nur Vertrauen zu mir, und folge mir, und paß auf, was ich thue. Mir machen die Sirenen nichts; die will ich schon untertauchen in ihre Fluth, daß sie nie wieder den Kopf herausstrecken. Morgan kennt ihren Fischschwanz genau und weiß sehr gut, warum sie Tom verflucht hat. Frage ihn doch einmal, warum, und gieb Acht, was er da macht.«

»Ach! das kann ich doch nicht!«

»So? das kannst Du nicht? Willst Du sein wie Deine Mutter, und Dich verstecken vor Deinem Mann? Du zeigst ihm den Brief und sagst ihm alles.«

»Wann?«

»Ja, wann? siehst Du ihn denn nie allein?«

»Nie.« »Dann frage nach Tom vor Kathleen; aber denke, daß das Dynamit ist, ein Sprenggeschoß; also wähle den Augenblick.«

Robert ist gut, und ich habe ihn so lieb, und bin so froh, daß ich solche Brüder habe wie ihn und Ned; wenn ich nur Tom vergessen könnte! – –

Ich habe gethan, was mir Robert gerathen. Robert war dabei. Wir saßen auf der Terrasse, wir Vier. Ich hatte Minnie nach Hause geschickt, zu Daisy, und Robert war ungeheuer liebenswürdig mit meiner Stiefmutter. Auf einmal sagte ich ganz laut zu Kathleen: »Warum hast Du denn Tom verflucht, als man ihn gefangen nahm?«

Ich hatte ja gewußt, es wäre ein Sprenggeschoß, aber solche Wirkung hatte ich doch nicht erwartet. Sie sprangen alle auf. Kathleen war weiß wie der Tod, Morgan lief an den Fluß hinunter. Kathleen zischte mich an: »Du lügst!« und war verschwunden. Robert hatte die Hände in die Hosen gesteckt, that als hätte er nichts gehört, sah über das Meer hinaus und pfiff. Da saßen wir Beide und waren ganz still. »Nun?« sagte Robert, »und Du läufst Deinem Morgan nicht gleich nach? Schnell dort hinunter!«

Und ich lief und lief; da saß Morgan auf einem Felsen und ließ das Wasser über seinen Schuh laufen und hörte mich nicht in dem Rauschen. Und ich schlich hinter ihn und legte meinen Arm um ihn, und da fuhr er so zusammen, daß ich dachte, er stürzte in's Wasser: »O! Morgan!« rief ich. »Ach! Du bist es! Gott sei Dank!« sagte er und schlang seinen Arm um mich, ganz fest, drückte sein Gesicht gegen meine Brust und weinte, weinte wie ein Kind. Ich konnte gar nicht athmen vor Angst und Schrecken. »Ach! was habe ich gethan!« sagte ich endlich. »Was Engel thun, Gottesboten,« sagte Morgan, »sie stehen am Wege und winken mit der Hand und führen die Irrenden zurück in's Vaterland!«

»Morgan! bitte, weine nicht so!« sagte ich, »was soll ich thun, wenn Du so weinst! Siehst Du, ich bin so thöricht, so dumm, und sehe lauter Räthsel und Geheimnisse, und hier diesen Brief hab' ich gefunden und Lewes gesehen, und das alles konnte ich Dir nicht sagen, weil wir nie mehr allein sind. Morgan! nicht wahr, Du lässest mich nicht im Dunkeln? Bis gestern dachte ich, Tom wäre gestorben, und nun weiß ich erst, und da habe ich schon gedacht, ich müßte Dich frei geben, Morgan, weil mein Bruder ein Verbrecher ist. Ich dachte, ich könnte das nicht ertragen. Und von Deiner ganzen Predigt hab' ich nichts gehört.«

»Das war auch viel besser,« murmelt er und liest.

Den letzten Satz konnte er zuerst auch nicht entziffern, da las ich ihn vor, und das Blatt bebte in seiner Hand.

»Bitte, bitte, Morgan! sage mir, warum sie ihn verflucht hat.«

»Das kann ich Dir nicht sagen, Kind; denn das kommt auf die alten Wunden wie Salz, wie neue Schnitte. Wenn Du erst meine Frau bist, dann will ich Dir's erzählen.«

»Morgan! warum hast Du Kathleen nicht geheirathet?«

»Wegen Tom!«

»Wegen Tom! hast Du gesehen, daß er sie küßte?«

»Ja, ungefähr.«

»Nicht wahr, das war nicht schön? Aber Kathleen hätte es nicht zu thun brauchen?«

»Natürlich nicht.«

»Aber gestern fehlte wenig, da küßte sie Dich.«

»Mich? Wann?«

»Sie dachte, ich wäre nicht da. Ich war aber doch da; darum haßt sie mich auch so. Nicht wahr, Morgan, Du wirst sie nicht küssen? Denn siehst Du, dann kann ich es nie mehr thun, nie mehr!«

Heute sieht die Welt ganz anders aus. Morgan kommt nie mehr allein seit jenem Tage, darum habe ich zum Schreiben auch keine Zeit. Robert kommt immer mit und macht Kathleen den Hof wie närrisch. Und sie ist scheu mit Morgan und vermeidet ihn und hört Robert zu, wie schön er erzählt, ich glaube wahrhaftig, sie verliebt sich. Wie kann man sich nur in Robert verlieben! Aber Gott sei Dank! laß sie nur! Ich bin nicht ihr Hüter, und Robert hat mir so lustig zugeblinzelt gestern, und hat ihr solche Sachen über ihre Schönheit gesagt, daß ich ganz roth wurde und schnell ein paar Blumen pflücken ging. Solch' ein Schlingel! Aber wie hab' ich ihn lieb! er hat mir meinen Morgan gerettet! Er that ganz mitleidig mit ihr, nachher, aber so sanft und solche Augen und die Sammetstimme! Und sie weinte vor Wuth, und dann lachte sie mit ihm. Mit mir spricht sie gar nicht mehr. Ich bin Luft! Wie schön! Mein Morgan ist ganz erstaunt, daß ich in vierzehn Tagen so verändert bin. Er sagt, man erkennt mich gar nicht wieder. Er sieht mich auf einmal wieder an und ist besorgt, weil ich so abgemagert bin. Aber dann sage ich, daß ich nur sein Spiegel bin, und dann lächelt er so traurig, so traurig, und seine lieben Augen sinken in Schatten. »Ich schäme mich vor Dir,« hat er gestern gesagt, und da habe ich ihm den Mund zugehalten.

Von Abreisen ist noch immer nicht die Rede. Ich wollte doch, ich könnte in's Vicariat zurück. Daß ich mein Glück damit erkaufe, daß Kathleen sich den Hof machen läßt, vor Morgan's Augen, und so!! nein! ich möchte mir manchmal die Augen zuhalten vor Scham. Aber der abscheuliche Robert spielt seine Rolle weiter, und wirft mir hinter ihrem Rücken triumphirende Blicke zu.

Zum Schreiben habe ich keine Zeit mehr; denn wir sind den ganzen Tag im Walde. Robert hat große Landparthien organisirt, zu denen Alle kommen, auch manchmal mein Vater, aber selten. Wenn der das sehen würde mit Kathleen, das könnte ihm nicht gefallen. Martyn hat es gesehen und lächelt. Morgan ist ungeheuer ernst und geht kaum mehr in ihre Nähe. Llewellyn ist nicht hier. Dem könnte ich das alles erzählen. Aber er ist wieder auf Wanderschaft. Er kann nicht lange an einem Ort bleiben. Lizzie sagte gestern zu mir: »Bist Du zehn Jahre fortgewesen? Du bist ja ganz alt geworden!« Und da hat Martyn gesagt: »Ein bischen Fegefeuer thut nichts, macht leuchtend und schlackenfrei, nicht wahr, meine kleine Schwester?« –

Ich weiß nicht. Ich fühle mich weder leuchtend noch schlackenfrei, sondern voll Sorgen und Zweifeln. Ich weiß nur, daß ich meinen Morgan lieb habe über alles, und daß ich ihn nicht traurig und gedemüthigt sehen will, sondern stark und groß. Aber Robert hat ja versprochen, daß er vorbeisteuern will an den Sirenen, und der hält, was er verspricht. Ich sage kein Wort mehr über die letzten Tage. Vielleicht viel viel später, wenn wir schon ganz alte Leute sind.

Ich sprach gestern in seiner Gegenwart mit Minnie von Odysseus, und wie er sich habe am Mast festbinden lassen, um gefahrlos vorbeizukommen. Da lächelte er, meinte, der Mast sei ganz gewiß von Fleisch und Blut gewesen, verfiel aber gleich wieder in tiefen Ernst.

Es ist merkwürdig, wie man zu leiden aufhört, wenn man mit einem Andern beschäftigt ist, der einem theurer ist, als man selbst.

Ich sagte das Robert, und auf einmal ging etwas Schweres, wie ich es noch nie gesehen, über sein Gesicht, und er fing sein Haitilied zu singen an. »Ich weiß nicht,« sagte er nach einer Weile, »ich glaube doch, man leidet manchmal noch mehr.«

Vielleicht weiß er nichts davon. Oder hat er auch Geheimnisse? Ich denke jetzt, Jedermann hat Geheimnisse, sogar Llewellyn, sogar am Ende Missy! mein Gott! Missy! ich habe noch nie daran gedacht, daß die auch ein Leben gelebt hat!

Das Haitilied habe ich auf die Harfe gebracht, und die Worte ungefähr übersetzt. Morgan hat es so gern. Später sage ich ihm, was es bedeutet. Vielleicht bedeutet es ihm etwas Anderes.

Die Wochen vergehen, und man denkt nicht an Abreisen. Morgan wird wahrscheinlich meines Vaters Stelle bekommen. Welches Glück! Dann werden wir im Frühjahr getraut, wenn ich nicht mehr zu jung bin. Ich bin schon jetzt nicht mehr zu jung, nach Dem was ich erlebt und erfahren habe. Aber ich bin nicht mein eigener Herr. Warum nur meine Stiefmutter nicht fort will? Ich weiß warum. Es ist nicht schön und nicht recht von Robert. Sie ist sterblich in ihn verliebt, sterblich. Wohin er geht, dahin folgen ihre Augen. Was er sagt, ist schön. Was er thut, ist recht. Morgan sieht sie nicht mehr an, gerade als wäre er ein Baum. O Robert! wie dank' ich Dir! Wie bin ich wieder glücklich! Ich dachte, ich würde sterben, und die Andern dachten es auch. Denn Martyn kam immer und behorchte Lunge und Herz, weil ich hustete. Das war aber nur Kummer. Ich hatte mich gar nicht erkältet. Es war so ein Ersticken, und dann Schmerzen in der Brust. Ich fühlte es ganz gut. Martyn und Morgan gingen lange zusammen auf und ab. Der arme Morgan hat sich gewiß geängstigt; denn seitdem ist er so lieb mit mir wie noch nie und spricht gar nicht mehr mit Kathleen. Ich glaube, mein Glück ist gerettet, dank dem guten Steuermann; ich muß mich nur wundern, wie kalt ihn seine Sirene läßt. Er muß ein sehr hartes Herz haben. Ich sagte ihm das. Da lachte er ein bischen und meinte, es gäbe Mittel, es zu gerben.

Das Haïtilied ist aber so:


Mein Lieb' ist wie die Rosenranke,
Sie schlingt sich fest und blüht und sticht,
Sie liegt, ein schlafender Gedanke,
An meiner Brust und kennt sich nicht.

Die Dornen haben scharfe Spitzen,
Doch nicht für mich, den sie umschmiegt,
Die Augen haben wildes Blitzen,
Nicht, wenn sie mir im Arme liegt.

Doch kommt ein Andrer hergeschritten,
Und greift hinein und sticht sich sehr,
Hat bei der Nacht sie abgeschnitten:
Wohlan, so sei sie Keinem mehr!

Nun ist mein Lieb' wie Gras vergangen,
Noch schwebt um sie der leise Duft:
Die Dornen starren noch und langen
Rachsüchtig stechend durch die Luft.


Gestern sagte ich zu Morgan, daß ich mich gern zurückziehen wollte, wenn er mich nicht lieb hätte. Da wurde er feuerroth und sagte, ich würde ihm doch diese Schmach nicht anthun! Er sagte nur Schmach! Nur das! O mein Gott! wie konnte ich nur glauben, er hätte mich lieb! Sein Ernst ist nur immer größer geworden. Nun sind Monate vergangen.

Weihnachten ist nahe, und ich bin wie die Rosenranke und kann nicht von ihm los, wenn ich auch gar keinen Duft für ihn habe und er all' mein Blühen nicht sieht. Ich legte gestern meine Hand auf seine Schulter und fühlte, wie er eine Bewegung machte, sie loszuwerden. Ich fürchte, ich verstehe ihn eben nicht ganz. Er ist nicht freundlich mit Robert, und schweigsam, als fände er nicht drei Worte zu sagen. Meine Stiefmutter will nach Rom, sobald ich getraut bin; sie kann mich ungetraut mitnehmen, damit ich in Rom sterben kann, ohne daß Morgan es sieht. Denn ich muß sterben, wenn ich mich von ihm losreiße, das weiß ich. Aber das thut ja nichts. Besser als ihn unglücklich zu machen.

Gestern bin ich sehr erschrocken. Ich ging und wollte unsern alten Prinnie sehen, der keine Zähne mehr hat und sehr steif ist, aber uns noch kennt wie ein Hund. Da kommt Temorah daher und frägt mich, ob ich Kathleen sei und was ich mit ihrem Kind gemacht, mit Tom's Kind? Was ist denn nun das wieder? Noch ein Geheimniß! Ach! ich bin so müde! ich möchte lieber sterben, glaub' ich. Ich bin wie eine Fliege im Spinngewebe und zappele mich zu Tode, bevor die große Spinne mich zu Tode saugt.

Martyn sagt, gleich nach unserer Hochzeit soll Morgan einen Stellvertreter herthun und mit mir in den Süden fahren. Was kann mir der Süden helfen, wenn mich Morgan nicht lieb hat? Wäre doch Llewellyn hier! Er würde mir sagen, was ich thun soll. Kathleen ist so roh mit mir. Wenn ich den Mund aufmache, dann sagt sie: »Du lügst! sei doch still, Du lügst immer!« Und wie sie mit Robert ist, das kann ich nicht sehen. Gut, daß mein Vater fast die ganze Zeit in London ist. Wenn sie nur auch ginge, daß ich nach Hause könnte, zu Missy, zu meiner lieben Schwiegermutter, zu meinen Schwestern. Dort würde ich auch Morgan viel besser gefallen, als hier, wo ich so unglücklich bin. Ich sagte Robert, ich sei ein schwacher Mast, und meine Stricke seien Blumengewinde. »Du irrst Dich!« sagte er, »nur Muth! nur Muth! noch ein klein wenig Geduld, und Du bist für immer von ihr befreit!«

»Aber Morgan?«

»Was denn, Morgan?«

»Wird der mich denn einmal lieb haben?«

Da stampfte Robert mit dem Fuße und stieß beinahe einen Fluch aus. »Natürlich wird er das! Sei Du nur nicht mattherzig! Und wenn er Dich nicht liebte, nun so opfere Dich auf dem Altar der Ehe zu seinem Heil. Kannst Du denn sein ohne ihn?«

»O nein, natürlich nicht, ich sterbe dann; das ist so einfach.«

»Meinst Du, das ist gut für Jemand? Das hilft Jemand? Das macht Jemanden besser oder glücklich? Nein, Du sollst leben und lieben, und Morgan wird Dir auf den Knien danken.«

Ist es nicht traurig für mich, daß ich an ein Leben ohne Morgan gar nicht denken kann? Ich bin wie eine Hollunderflöte, die eine Seele bekommt, wenn sein Hauch sie belebt. Und er könnte so gut sein, ohne mich! Unser Hochzeitstag kommt heran, immer näher und näher, und ich freue mich nicht. Neulich war der alte Owen da und freute sich, daß ich solch' einen tüchtigen jungen Mann heirathe. »Owen,« sagte ich, »bitte, lieber Owen! ich möchte Sie gern etwas fragen: Warum war Lewes im Gefängniß? Nein, nicht erschrecken, bitte, nicht, und auch Keinem sagen, daß ich gefragt habe, aber ich schäme mich, so viele Sachen nicht zu wissen.« Und hab' ihn gefragt und gefragt, bis ich alles wußte; von Tom, von meiner Mutter, von Lewes. Natürlich sprach ich nicht von Kathleen, sie ist ja die Hausfrau jetzt. Aber von den Andern hab' ich alles gehört. Er konnte mir nicht widerstehen. Ich bin ruhiger seitdem. Ist es nicht sonderbar?

Gestern kam endlich Llewellyn. Ich hörte das und eilte in's Vicariat, und lief hinein in sein Zimmer, und drehte den Schlüssel um im Schloß und steckte ihn in meine Tasche. Dann warf ich mich in seine Arme und weinte und weinte, und dann in den Sessel am Kamin und weinte und weinte. Natürlich war mein bester Freund sehr erschrocken. »Ich gehe nicht von hier hinaus, bis ich alles weiß, alles. Wer ist Temorah und wo ihr Kind, und was ist mit Kathleen, und hatte Morgan sie lieb? Ich will nicht blind und taub und in Fesseln heirathen. Ich will wissen. Wissen will ich. Wie kann ich unbekannte Feinde bekämpfen? Und dann setzte ich mich auf seinen Schooß, als wäre ich wieder ein kleines Kind, und habe ihn mit meinen Fragen bestürmt, bis ich alles wußte, bis ich Kathleen nicht einmal mehr haßte und meinen Morgan noch tausendmal lieber hatte, vor Mitleid. Es wäre viel besser gewesen, er hätte mir alles gebeichtet. Warum war er scheu und verschlossen mit mir, die doch seine Frau werden soll, seine Freundin und sein Trost! Ach! wie hat mich Llewellyn erquickt? Warum ist er nicht früher gekommen? – Er sagte, ich solle nur ganz getrost sein und meinen Morgan lieb haben, mit der ganzen Kraft meiner Seele. Ach! wie gut war er, wie ein Heiliger, wie ein Apostel! Er sah, daß bei mir alle Schrauben los waren und alle Rädchen durcheinander liefen, ohne Willen und ohne Sinn, und da hat er alles fein säuberlich an seinen Platz gethan, und hat gemeint, es sei gar nicht nöthig, so himmelhoch jauchzend in die Ehe einzutreten. Und so, und so! ich weiß so gut, was er gesagt, daß ich's gar nicht zu schreiben brauche; es wohnt in mir, tief, für's ganze Leben. Am Nachmittag nahm er Morgan mit in's alte Arbeitszimmer meines theuern Vaters Gwynne. Was sie da zusammen gesprochen, hat mir Keiner von Beiden erzählt. Ich habe auch nicht gefragt. »Ich habe gebeichtet und die Absolution erhalten,« sagte mir Morgan nur, mit einem friedlichen Lächeln in seinem lieben, abgemagerten Gesicht; »ich habe dem alten Manne die Hand geküßt, weil er zu mir sprach, wie es mein Vater gethan hätte. Nun verzeih' auch Du mir, und laß mich Dich glücklich machen, wenn ich kann. Siehst Du, ich bin solch' ein armer Grübler und Zweifler und nehme alles schwer. Und Du mußt manchmal Geduld mit mir haben!«

Ich streichelte seine liebe Hand, die er um mich geschlungen, und lag an seinem Herzen, und es pochte so stark und so rasch, und sprach noch viele Dinge, die die Lippen verschwiegen. Ich bat ihn auch um Verzeihung, daß ich so eifersüchtig gewesen. Und so war alles, alles gut! Ich habe darum gebeten, die letzten Tage im Vicariat bleiben zu dürfen. Meine theuere Schwiegermutter soll mich ankleiden, ihre lieben Hände mir Brautkranz und Schleier aufsetzen. Dann sollen wir wirklich fort. Martyn befiehlt es ganz streng. Wenn er wüßte, daß ich nun wieder glücklich bin, dann würde er meinen dummen Husten gar nicht beachten. Der ist nur von Herzeleid und Quälerei gekommen.

Seit gestern bin ich mit Minnie hier eingezogen. Mein Vater sagte gar nicht Nein. Kathleen war unleidlich bis zuletzt. Aber ich haßte sie nicht mehr. Ich dachte immer daran, wie sie im grünen See gelegen und Llewellyn sie herausgezogen hat. Aber Robert will sie nicht so leichten Kaufes loslassen: »Strafe muß sein!« sagt er beständig, »und ich will sie strafen, daß sie dran denken soll.« »Aber Du kannst sie doch nicht durchprügeln?«

»O, viel schlimmer als das. Aber davon verstehst Du nichts. Das ist meine Sache ganz allein.« – Und da saßen wir wieder um die liebe Lampe, und Missy freute sich, und mir war es, als wäre ich hundert Jahre fort gewesen, so alt kam ich mir vor.



XXVII.
Die Glocken läuten.

Es war für Kathleen eher ein gutes Zeichen, daß ihr Herz aus seiner Todeskälte erwacht war und in warmem Frühlingspulsiren dem frischen jungen Manne entgegenschlug, der es zu wecken verstanden. Aber es war in gefährlicher Gewalt erwacht. Aus dem koketten, gefallsüchtigen Mädchen war eine genußfähige, gefeierte Frau geworden, deren Herz leer und deren Leben öde geblieben war. Schmuck und Kleider, Reisen und Glänzen konnten die ungeheure Langeweile nicht ausfüllen, die wie Fadenregen ihre Tage durchzog, doppelt einförmig, nach den Stürmen ihrer frühen Jugend.

»Wenn Sie wüßten,« sagte sie zu Robert, »was es heißt, dankbar sein zu müssen, wo man Verachtung fühlt, Sie hätten Mitleid mit mir!«

»Aber warum denn verachten?«

»Ich verachte den, der das ungeheuerste Elend herankriechen läßt, bloß weil er bei Zeiten ein paar Groschen scheut, deren Ausgabe es vielleicht abwenden würde. Ich habe das ja Schritt für Schritt erlebt.«

»Ich glaube, Sie thun Vaughan Unrecht. Er hat eben nur Fernblick, und nur in einer Richtung, wie ein Astronom, und sieht nicht, was im Dunkeln um ihn her passirt.«

»Da haben Sie Recht!« lachte Kathleen.

Vaughan hatte sich geirrt, wenn er gemeint, den beiden Menschen, die in seinem Hause unglücklich geworden, auch in seinem Hause ein erträgliches Dasein verschaffen zu müssen. Er war nicht dazu bestimmt, die Menschen und ihre Gefühle zu verstehen, und trug das Kreuz seiner Irrthümer mit heroischer Geduld, ohne Murren, ohne Klage. Er war nur sehr alt und grau geworden.

Seine Passion für Finanzcombinationen hatte aber alles überlebt und womöglich noch zugenommen. Hier blieb er der gewaltige Mann, den Robert mit Recht einem Astronom verglichen. Es war nicht die Sorge um das leibliche Wohl seiner Kinder, das ihn trieb; darum war er unbekümmert. Es war die Ausübung seiner Kraft und seines Genies, die ihn freute. Wohl dem, der ein Talent hat. Das Leben kann ihn nie völlig zerschmettern; denn wenn alles verloren ist und er niobidenhaft versteint, oder medusenhaft erstarrt, so bleibt das Talent leben, dem er dienen muß, ganz gleich ob mit gebrochenem Herzen, zerstörtem Dasein, und, was das Furchtbarste ist, völliger Hoffnungslosigkeit. Der Talentvolle kann auch der Hoffnung entbehren. Denn ihm ist alles Sein und Wirklichkeit, und wo der Andere nur Wüste sieht, da umdrängen ihn Völkerschaaren. Oft wundern sich die Draußenstehenden, die einerseits die Versteinerung, die völlige Gleichgültigkeit sehen, andererseits des Lebens und Schaffens Verdoppelung wahrzunehmen, von dem kein persönliches Gefühl mehr hemmend abzieht. Vaughan war als Finanzmann bedeutend gewachsen, und Viele beneideten ihn um sein Glück; denn Niemand sah die Stunden, in denen er vor Edleen's Bilde brütete und sich anklagte, zu stolz, um sein Herz von der quälenden Frage zu befreien, ob sie ihrer Mutterliebe selbst ihre Frauenehre geopfert. Manchmal, in der Nacht, rief er sie laut, und wenn dann im ersten Tagesgrauen der Möwen Klagen antworteten, so überfiel ihn fast abergläubische Furcht.

Er wußte, daß Kathleen ungern ihre erworbene Habe, Kleider und Schmuck geopfert, und glaubte, sie reich belohnt zu haben, zumal, da er sie noch testamentarisch bedacht, ihre Zukunft gesichert hatte. Denn er dachte, er würde nur sehr kurze Lebenszeit mehr haben, nach dem, was sein Dasein zerstört, seine Pulsadern durchschnitten. Er rechnete nicht mit dem Talent, das ihn zum Leben zwang und das stärker war als sein unsägliches Leiden.

Er machte nicht einmal den Versuch, Kathleen für seine Arbeit zu interessiren; denn er wollte kein neues Dasein beginnen, und darum ließ er sie gewähren in dem, was ihr Vergnügen machen konnte, und zog großen Gewinn aus dem Glanz, den sie zu verbreiten wußte. Ihr Benehmen war stets untadelhaft, und es konnte ihm nur schmeicheln, wenn sie einen wahren Hof um sich versammelte, in dem sie thronte.

Hier fand er das Zusammensein mit der Familie Gwynne so natürlich, daß er keine Ahnung von dem Duell hatte, das täglich vor seinen Augen stattfand, und ebensowenig bemerkte, wie Robert sich allmählich in Kathleen's Herz geschlichen. Nach ihrem Herzen hatte er überhaupt nie gefragt. Er wähnte es so gestorben wie sein eigenes, und rieth ihr nur Klugheit und Vorsicht in Voraussicht auf eine spätere gute Heirath. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß er sie vielleicht überleben würde. Aber es hat schon mancher Mann seine Frau überlebt, deren Vater er hätte sein können.

Kathleen hatte sich nur an Winnie und Morgan für ihre Mißachtung rächen wollen; sie konnte auch solch himmelhohes Glück nicht vertragen, in ihrer Oedigkeit. Als aber Robert anfing, sich ihr zu nähern, da bemerkte sie erst, daß er eigentlich viel hübscher und interessanter sei, als Morgan, der ihr stets langweilig vorgekommen war. Sie freute sich auch, diesem eine neue Pein anzuthun, indem sie sich vor seinen Augen von seinem Bruder den Hof machen ließ. Wer aber mit dem Feuer spielt, ist mit Verbrennen bedroht, und bald fühlte sie, daß sie ohne Robert nicht mehr sein konnte. Er war ihr wie ein frischer Quell, dessen Sprudeln sie erquickte; er konnte endlos erzählen und war dabei körperlich so gewandt und elastisch, daß sie mit den Augen seinen Bewegungen folgen mußte, ob sie wollte oder nicht.

Die Süßigkeit der erwachenden Leidenschaft war doppelt groß nach der langen, trostlosen Dürre, nach dem kläglichen ersten Schiffbruche, und sie stürzte sich rückhaltlos hinein, ihrer Straflosigkeit gewiß. Vaughan war fast beständig in London, und in der Einsamkeit zwischen Bergen und Meer fühlte sie sich sicher und unbeobachtet. Robert sah mit wachsender Freude, wie vollkommen sein Spiel gelungen, wie das Wild in seine Schlinge gegangen war. Es war eine sehr bittere Freude. Denn er dachte an Winnie und sah sie abmagern und hintrauern. Ihm war es manchmal, als müßte er Morgan schütteln, ihn mit Steinen werfen, ihn durchprügeln, um ihn zur Einsicht seines Glücks zu bringen, das er wie ein Blinder mit Füßen trat. Er ließ ihn wiederholt die Fortschritte sehen, die er in Kathleen's Gunst machte, und trieb zur Hochzeit mit aller Energie. Endlich, endlich war ein früher Frühlingstag festgesetzt. Der Polterabend hatte stattgefunden, bei dem die ganze junge Schaar sich in Erfindungen überboten. Freddy war als Clown erschienen, und hatte mit Körper und Geist den kleinen Spautzteufel gespielt, sich selbst übertroffen an Gewandtheit und Witz, und nun hatte Robert sich Kathleen zur Begleitung angeboten, da sie durchaus zu Fuß nach Hause gehen wollte. Die ganze Gesellschaft war noch durch den Park mitgegangen, und die beiden Einsamen hörten durch die Nacht das Gelächter der Heimkehrenden verklingen.

Martyn und Gladys fuhren mit Vaughan, der schon längst nicht mehr weit gehen konnte', und Kathleen beeilte nicht ihren Schritt, wußte sie doch, daß Niemand sie erwartete und Vaughan nicht wissen würde, wann sie heimkehrte. Auf diesem Gang entlockte er ihr das glühende Geständniß ihrer Leidenschaft, und der junge Mann brauchte alle Seelenstärke, dem berückenden Weibe gegenüber nicht zu erliegen. Aber er hatte geschworen, Winnie zu rächen, und rächen wollte er sie, ihr Glück sichern für alle Zeit. Ihr zartes Gesicht schwebte unablässig vor seinen Augen, während Kathleen den ganzen Feuerstrom ihrer Liebe vor seine Füße schüttete. Endlich war sie erstaunt, daß er nicht jauchzend einstimmte, daß sie nicht an's Herz gedrückt wurde, als sie sich in seine Arme warf, und er ganz gelassen sagte:

»Morgen, gerade vor der Trauung, komm' in die Krypta der Kirche hinunter, da will ich Dir Antwort geben. Gute Nacht.«

Und fort war er und ließ sie stehen, an ihrer Gartenthür, starr und kalt vor Schrecken und Verwunderung. Sie schlief keinen Augenblick in dieser Nacht; entweder wälzte sie sich auf dem Lager hin und her, oder wandelte auf und ab und marterte ihren Geist, zu begreifen, was plötzlich Robert von ihr entfernt, als sie ihm Seele und Leib zu eigen geben und ihm das höchste Glück gewähren wollte.

Am Morgen früh ging sie zum Strand, um nicht hohläugig beim Feste zu erscheinen. Die See war unruhig, die Brise kalt, und Möwen schrieen über ihrem Kopfe, wie arme Seelen. Noch nie war ihr der Möwenschrei so widerwärtig vorgekommen, während die schönen Thiere wie japanische Verzierungen weiß und grau gegen den blauen Himmel standen. Dann tauchten sie in die schaumigen Wellen und segelten wieder mit ihren breiten Flügeln und unsichtbaren Füßen dahin, wie etwas Heraldisches, wie unwahrscheinliche Flächendecoration. Da schlich Jemand hinter Kathleen heran und stand plötzlich neben ihr: »Ja, ja,« sagte Temorah, »da schreit mein Kind, und Kathleen hört's, wie es schreit, weil die Flamme brennt, und sie kehrt nicht um, weil sie Tom nachlaufen will. Hörst Du, wie es schreit? Rette es doch! O! rette es doch! Kannst Du mir nicht sagen, wo Kathleen ist?« – hier kam Temorah an ihr Ohr und ergriff ihren Arm, – »denn ich will sie verfluchen, weil sie mein Kind verbrannt hat; ja, ich will sie verfluchen, denn sie ist eine Hexe. Ich will sie auf meiner Mutter Kreuz festnageln. Kannst Du mir nicht sagen, wo sie ist?«

Kathleen zitterte vor Angst, bekam aber den Muth der Verzweifelten, und sagte: »Kathleen ist nach London, sie ist gar nicht hier.«

Temorah lachte: »Das ist nicht wahr. Ich habe sie gesehen heute Nacht, mit Tom, und sie sagte: ›Ich habe Dich lieb, Tom! ich will Dein sein, Tom!‹ ja, das sagte sie. Und darum will ich sie auf meiner Mutter Kreuz nageln; da ist Tom, da steht er, da kann sie ihn küssen, bis ihr die Lippen steif werden. Ich muß nur zuerst noch waschen. Hörst Du, wie mein Kind schreit?«

Endlich ließ der Eisengriff ihren Arm los, und Kathleen fühlte, als würde sie taumeln und zu Boden sinken. Aber die Seebrise belebte sie wieder, so daß ihr der Möwenschrei nun wirklich so klang wie das Weinen von Temorah's Kind. Sie wandte sich und ging langsam zum Hause hinauf, so daß sie sicher war, der Wahnsinnigen aus dem Gesichtskreis zu bleiben.

Im Vicariat waren Alle in Gwynne's Arbeitszimmer versammelt, und Morgan las die Andacht.

Winnie hatte darum gebeten. Er las sie mit der klangvollen Stimme, die so sehr an seinen Vater erinnerte. Er las sie mit der tiefen Erschütterung, die ihn an seinem Hochzeitstage an den dornenvollen Weg gemahnte, den er zurückgelegt, an die Stunde, hier in diesem Raume, in der ihm das Herz gebrochen war, und als er den Blick hob und Winnie's meertiefe Augen auf sich geheftet sah, da gelobte er ihr mit stummem Munde ewige Treue und so viel Glück, als man auf Erden bescheeren kann.

»Jetzt, mein Kind, ist es Zeit, Dich anzukleiden,« sagte Gwendoline, »aber vorher knie' hier an der Stelle nieder, da Dich der Vater geliebt und gelehrt, und laß mich Dich in seinem Namen segnen!« –

Die hehre, weihevolle Stimmung wich der Eile des Ankleidens in allen Zimmern. Maggy war heute sehr ungeschickt; denn Thränen machten ihre Augen blind. Wenn nicht Lizzie geholfen hätte, so wäre Winnie niemals in ihren Brautstaat hineingekommen.

Robert war zuerst fertig und schlenderte in seiner hübschen Seemannsuniform der Kirche zu. Er sah besonders schmuck aus an diesem Morgen, mit einem Glitzern in den dunkeln Augen und einer Spannung in den Zügen, an der man die Aufregung und den Sturm in ihm hätte wahrnehmen können, wenn irgend Jemand Zeit gehabt hätte, hinzusehen. Er blieb hinter der Kirche, als er den Vaughan'schen Wagen heranrollen hörte; er vernahm, wie Kathleen sagte, Vaughan solle nur nach dem Hause fahren, sie müsse noch mit dem Gärtner sprechen und nachsehen, ob der Altar so in Blumen gehüllt sei, wie sie es gewünscht. Er sah sie aussteigen, in einem dalienfarbenen Sammetkleide, das die Weiße ihrer Haut und die Schwärze ihrer Haare besonders hob. Sie war noch nie so schön gewesen und wußte es. Mit leichtem Schritt glitt sie durch die Kirche dahin und stieg in die Krypta hinab, die in den Felsen gehauen, von oben beleuchtet, ihre moosigen Wände in feuchter Dunkelheit zeigte. Magisch fiel der Schein von oben auf Kathleen, auf des Kleides helle Lichter, und warf scharfe Schatten gegen das Moos des Felsens. Robert betrachtete sie eine Weile, bevor sie es wußte, und mit einem Male stand er vor ihr, als wäre er die Stufen hinuntergesprungen. Aber auch der Sprung verhallte wie der Fall eines Blattes in dem weiten Raum, so leicht war er gewesen.

»Hier bin ich,« sagte Kathleen. »Aber warum, das weiß ich nicht.«

»Ich weiß, warum,« sagte Robert und sah sie immer an.

»Ist Zeit und Ort nicht sonderbar gewählt?« fragte sie.

»Nicht für das, was ich zu sagen habe.«

»Was hast Du zu sagen?« fragte sie erschrocken.

»Ich habe Dir das zu sagen, daß ich Dich nie geliebt, nicht eine Stunde, daß ich nur Eine in meinem Leben geliebt und lieben werde, und das ist Winnie, und daß ich geschworen habe, sie vor Dir zu schützen und an Dir zu rächen, daß ich Dir hier Lebewohl sage auf ewig, denn mein Weg geht über den Ocean, und daß ich Dir rathe, nicht weiter mit der Männer Herzen zu spielen; für Hexen giebt es auch einen Feuertod, gegen den sie nicht immer gefeit sind. Das habe ich Dir zu sagen, Kathleen, und nun lebe wohl und vergiß, wenn Du kannst.«

In dem Augenblicke dröhnte das Glockengeläute durch die ganze Kirche, und Kathleen war es, als wankten Boden, Mauern und Felsen unter dem Ton.

»Ist das alles?« sagte sie leise.

»Alles. Ich habe nichts weiter zu sagen. Lebewohl.« Und fort war er, so rasch wie er gekommen, aber nicht so rasch, daß Gladys' ältester Bube, der dem vergötterten Onkel Robert nachgelaufen, ihn heraus kommen sah und es seinem Vater in Vaughan's Gegenwart erzählte. »Und,« fügte der Kleine hinzu, »ich sah eine Dame in wunderschönem violetten Kleide, wie ein Bild, unten stehen, ja, ich sah sie.«

Martyn wollte das Kind zum Schweigen bringen. Aber schon war Vaughan davongegangen. Mit gewichtigen Schritten kam er in die Krypta hinuntergestiegen. Da stand Kathleen, mit dem Taschentuch zwischen den Zähnen, die blutlose Hand an den moosigen Fels gedrückt, wie eine Bildsäule. Sie drehte langsam die Augen Vaughan zu, der auf sie zukam, bewegte sich aber weiter nicht.

»Ich glaubte, Dich gebeten zu haben,« begann er in eisigem Tone, »Deine und meine Würde zu wahren, so lange ich lebe. Das war die einzige Bedingung, soviel ich weiß. Und es paßt mir nicht, in hiesiger Gegend unter der Leute Geschwätz zu gerathen und klein gemahlen zu werden. Wir werden darum heute abreisen, verstanden?«

Er wandte sich und ging. Kathleen hatte unmerklich den Kopf geneigt und folgte mit den Augen des alten Mannes Schritt, der das Recht hatte, so zu ihr zu sprechen, mit einem unsäglichen Widerwillen in Blick und Lippen. Die Glocken dröhnten und dröhnten. An der Treppe wandte sich Vaughan:

»Nun?« sagte er, »folgst Du mir nicht? Oder gedenkst Du, während der Trauung hier zu verweilen, um ganz gewiß in aller Leute Munde zu sein? Ich wünsche, daß Du mit mir oben erscheinst. Hörst Du nicht, Kathleen?«

Sie stand so unbeweglich, daß er zwei Schritte zurückthat. Aber der Gedanke, von ihm geholt zu werden, war so unerträglich, daß die Erlahmung der Glieder von ihr wich und sie langsam daherkam, als bewegte sich eine der Säulen, auf der die Kirche ruhte. Die Glocken dröhnten und dröhnten, und als Kathleen die Kirche betrat, erschien eben der Brautzug in der Thüre. Gwendoline in ihrer vornehmen Wittwentracht, Llewellyn wie der wandelnde Snowdon selber, so hoch, so schneegekrönt, der Bräutigam mit den tiefliegenden Augen, die von langen und bangen Seelenkämpfen erzählten, Winnie wie die Verkörperung des Märchens, Gladys in der vollen Blüthe schöner Weiblichkeit, ein Blumenkranz von frischen Mädchengesichtern, in weißen Kleidern mit Blumen bedeckt, Martyn und Robert, Ned und Freddy, die Zwillinge mit Gladys' Kindern, und die Bauern und Bergleute aus der ganzen Gegend. Kathleen stand marmorn und sah die Kirche sich füllen und sah Martyn's Auge forschend und mißbilligend auf ihr ruhen, und sah Robert, der todtenbleich war und nur auf Winnie starrte, und sah Llewellyn und dachte an den grünen See.

Warum, o warum hatte er sie da herausgezogen? Was war damaliges Leid gegen den wühlenden, wüthenden Schmerz dieser Stunde, den sie unter Sammetgewand und Schmuckgefunkel verbergen mußte. Es kam ihr der wilde Gedanke, auf Robert zuzustürzen und ihn vor versammelter Gemeinde zu küssen, oder sich jetzt auf der Stelle den Schädel an der nächsten Säule einzurennen. Der wundervolle Gesang ging ihr durch Mark und Bein, wie das Geheul der ganzen Hölle. Sie dachte an das Möwengeschrei und an Temorah's Häuschen und an Ulla, und daß sie eben in diesem Augenblick gekreuzigt war, wie Temorah es hatte thun wollen.

Ja, Winnie war gerächt, grausam gerächt, und die Rache kostete Rächer und Opfer fast das Leben.

»Robert!« flüsterte Martyn. »Wird Dir' s unwohl?«

»Nein, warum?«

»Willst Du nicht hinausgehen?«

»Bitte, wenn es zu Ende ist, dann schnell fort.«

»Ja, Robert. Ich fürchte, Du hast mit dem Feuer gespielt.«

»O nein, ich habe eine Schlacht geschlagen und bin Sieger, siehst Du es denn nicht?«

»Du Sieger?«

»O ja, aber auch Invalide. Solche Schlachten schlage ich nicht viele mehr.«

»Vater!« sagte Winnie, als sie Vaughan nach ihrer Trauung umarmte, »Vater! Morgan sagt, ich soll Dir diesen Brief geben, den ich in meiner Mutter Gesangbuch fand; er meint, er würde Dich trösten und Dein Herz beruhigen; aber mach' ihn nicht eher auf, als bis Du ganz allein bist bei Mama's Bild und Deine Thüre verschlossen.«

Und dann war das Brautpaar fortgefahren, dem schönen Süden zu, wo Winnie unter Orangenbäumen und Rosen sich der Liebe erschließen sollte, wie eine seltene Blume, die alle hundert Jahre nur einmal blüht.

Vaughan und Kathleen fuhren nach London, und Kathleen sah man in Wales nie wieder. Robert erklärte, er müsse wieder zur See. Die Luft am Lande mache in krank. Freddy wollte mit, auch Seemann werden, und Ned hatte die ärztliche Laufbahn erwählt. So stand das Vaughan'sche Haus leer, und das Vicariat versank in tiefe, friedliche Stille, die durch neues Glockenläuten nicht gestört wurde, als sie Missy's treues Herz zur letzten Ruhe brachten, und als des Hauses schöne Töchter blühende und treffliche Ehefrauen wurden.

Es war ein glücklicher Tag, als nach einer Abwesenheit von anderthalb Jahren Morgan und Winnie ihren Einzug hielten, strahlend, als wollte der Honigmonat eben erst beginnen.

Sie hatten Berge von Photographien mitgebracht und waren ungeheuer interessante Erzähler für Alt und Jung, Winnie mit ihrer starken Phantasie alles in Farbenglanz tauchend, Morgan das Gesehene den einfachsten Kindergemüthern zugänglich machend. Sie hatten in Rom im Colosseum gar nicht gewußt, warum sie auf einmal solch eine kalte Luft angeweht, bis sie Kathleen erkannt, die marmorn, eisig, an Vaughan's Arm unter dem Wimperngefieder sie angeblickt, Vaughan jünger, kräftiger, härter, und sehr ungeduldig, wieder an die Arbeit zu kommen.

»Arme Kathleen!« sagte Llewellyn und versank auf einen Augenblick in Erinnerungen, aus denen etwas ganz Ungewöhnliches, ein helles Auflachen von Morgan, ihn weckte. Morgan lachte mit dem ganzen Gesicht, sobald man von Winnie sprach, und Winnie sah etwas weniger geistig aus. Ein Hauch von gesunder Körperlichkeit hatte ihre Schönheit bedeutend erhöht, so daß Martyn sehr zufrieden und beruhigt mit dem Kopfe nickte, und Llewellyn meinte, nun dürfe auch er ruhig sterben, da sein Liebling glücklich sei.

Während er noch so redete, klang draußen ein tiefer, weicher Gesang:


Ich wasche das Tuch, das Du naß geweint,
Bis Du die Thränen vergessen,
Und wenn Du weinend zu sterben gemeint,
Da wirst Du das Sterben vergessen.

Vergessen das Feuer im Busen gar,
Es ist verglommen und Asche, –
Vergessen wie brennend, wie wüst es war;
Das Wasser ist kühl, und ich wasche.

Vergessen den Fluch und des Blutes Spur,
Mit dem den Weg Du beträufelt,
Dem Winde Dein Fluch und Dein Blut der Flur,
Und Blumen, wo einst Du verzweifelt.


Morgan und Winnie wechselten einen tiefen, langen Blick, sowie Himmel und Meer sich ansehen, wenn nach Nacht und Sturm rosig und leuchtend der Tag anbricht. Man weiß nicht, ob die See den Himmel aufgesogen, ob sich der Himmel in's Meer gestürzt hat, in dem unersättlichen, stillen Glanz.

Die Stimme verhallte, in die Nacht sich verlierend. »Das war Temorah!« sagte Martyn, »sie ist so heiter jetzt, wie ich sie noch nie gesehen. Sie lacht und meint, alles zu besitzen, was sie geliebt.«

»Und besitzen wir nicht alles, was wir geliebt?« sagte Llewellyn. »Es ist unsere Schuld, wenn wir's verloren geben. Unser ist es, so lange das Blut sich regt.«

Gwendoline hob einen strahlenden Blick von den Bildern, die sie betrachtete, zu ihm auf. Sie hatte die rührende Schönheit der alternden Frau bekommen, in der Jungfräulichkeit und Mutterliebe sich vereinen zu einer Harmonie, wie sie die Jugend vergebens erstrebt. Sie ließ ihr Auge schweifen durch die blühende Schaar ihrer Kinder und Enkel und sagte, solch' ein Sonnenuntergang künde, wie schön der Tag gewesen.