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Carmen Sylva – Es klopft

Erzählung

Carmen Sylva, Es klopft, Verlag von W. Wunderlings Hofbuchhandlung, Regensburg, 1908


Sturmnacht.

Der Frühlingssturm braust und rüttelt an den blütenbedeckten Zweigen, daß sie sich biegen und winden in großer Pein, und von Regentropfen triefend, gegen die Fenster schlagen. Blitz und Donner haben sich verzogen, nicht aber die schwarzen Wölken, die ihren Inhalt in breiten Strömen ergießen und die Nacht noch dunkler machen.

Desto stiller scheint es in dem kleinen, traulichen Schreibzimmer, das von einer Studierlampe erhellt und von einem riesigen Strauß Flieder und Maiglöckchen mit Duft erfüllt wird. Scharf beleuchtet unter dieser Lampe sitzt eine mädchenhafte Frauengestalt am Schreibtisch, auf den sie beide Arme gestützt und die Augen in einen Brief versenkt hat. Ihre schlanken Finger drücken sich in die Schläfen, aus denen rötliches Haar in starken Wellen zurückgestrichen ist und in einem schweren, goldschimmernden Knoten im Nacken ruht, die Stirn ist gerade, fast eckig, die Nase fein, fast ein wenig zu kurz. Oder ist es der Schatten von der Hand, der sie kürzer erscheinen läßt. In dieser Hand liegt derselbe Zug von Willensstärke wie auf der Stirn, als wäre sie gewohnt, die Zügel festzuhalten und rebellische Geister zu bändigen. Was steht wohl in dem Briefe, den sie schon seit einer Stunde liest und den sie längst auswendig wissen muß?

 

»Meine gnädige Frau!

Es ist, vielleicht ein schlechter Dienst, den ich Ihnen erweise; ich kann es aber nicht länger mit ansehen, wie Sie betrogen werden. Ihr Herr Gemahl denkt schon längst nicht mehr an Sie, und seine verbotene Liebe hat ihm gebracht, was ein ungerechter Himmel Ihnen verweigert: einen Sohn. Sie haben nicht begreifen können, daß ich Ihren Dienst verließ, da ich es doch gut bei Ihnen hatte. Aber ich konnte das nicht mehr mit ansehen.

Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen die Augen öffne; aber wenigstens sind Sie nun nicht mehr wehrlos und können selber ermessen, was zu thun ist. Wenn Sie mich brauchen können, so werde ich stets zu Ihren Diensten sein.

Philippine Reisig

 

Die Fenster rüttelten. Die Prunus patus-Blüten wurden dagegen gepeitscht und herabgeschüttelt. Im Kamine heulte ein Klagegesang in auf- und absteigender Skala. Leonie hörte nichts davon. Wie in Marmor gemeißelt saß sie vor dem Schreibtisch, als wollte sie das Blut, das ihr beständig nach den Schläfen stürmte, mit den Fingerspitzen niederzwingen. Es gab eine Zeit, da hatte sie eine Frage von Burkhard in den Himmel gehoben und sie hatte, statt aller Antwort, sich dem geliebten Manne die Arme geworfen. Denn sie liebte ihn mit heißer Glut, mit der ganzen Leidenschaft, deren rote Haare und graue Augen fähig sind. Sie preßte die Hand auf den Mund, der etwas Starres hatte, geradelinig, mit langer Oberlippe, über einem festen, vollen Kinn, das sich nun in die Höhlung der Hand einbohrte, wie Gedanke auf Gedanke um Lippen und Brauen zuckte und wetterleuchtete.

Wäre der Brief wenigstens anonym, so hätte sie ihn ins Feuer geworfen und keines Blickes mehr gewürdigt. Aber die Schreiberin schien für ihre Behauptung einstehen zu wollen. »Philippine Reisig.« Fast war sie auf Pinchen eifersüchtig geworden, weil sie den Herrn so sonderbar ansah. Und als sie ihren Dienst verließ, da war Leonie überzeugt, Pinchen habe ihr Herz und ihr hübsches Gesicht vor dem Herrn verstecken wollen. Wie sollten auch nicht alle ihn lieben, mit seinen tiefen blauen Augen, seiner vornehmen Gestalt, dem weichen, braunen Haar und Bart und der wohllautenden Stimme. Und wenn er lachte! Wer sollte seinem Lachen widerstehen! Und doch! Und doch! Es gab einen Punkt, wo die Augen kalt, die Stimme hart wurde, wenn das Wort wiederkehrte: »Und da wir keine Kinder haben, so . . .« Leonie flog ein Zittern durch den Körper. »Seine verbotene Liebe hat ihm gebracht, was ein ungerechter Himmel Ihnen verweigert: einen Sohn!« – Das war der Satz, auf den Leonies Augen gebannt blieben, wie durch einen Magnet und ihr war es, als hätte sie seine Untreue ertragen können, wenn nur dieser Hohn des Schicksals nicht hinzugekommen wäre. Mit der Faust hatte sie manchmal ihre Lenden geschlagen, an denen Glück und Liebe in Scherben zu gehen drohten. Und nun waren sie in Scherben gegangen. »Nun sind Sie nicht mehr wehrlos und können selber ermessen, was zu thun ist.« Fast wollte sie lachen über diesen Satz. Wehrlos! vollkommen wehrlos, dem unglücklichen Weibe, der noch unglücklicheren Mutter gegenüber, so wehrlos, als wäre sie an Händen und Füßen gebunden. Sie konnte die andere kaum hassen; sie haßte nur sich selber. »Ermessen, was zu thun ist.« Ja, das wollte sie ja, fest und kalt, als ginge sie die ganze Sache nicht an. Darum saß sie ja hier, in der vorrückenden Sturmnacht, um zu ermessen, was zu thun. Aber sie fand nichts. Burkhard schlief drüben im schönen Schlafgemach mit den dunkelblauen Damastvorhängen, er schlief tief und fest, denn er war seit drei Uhr morgens draußen gewesen, den letzten Auerhahn zu schießen. Ermessen, was zu thun. Schweigen? – Es war doch alles aus zwischen ihnen, das Band zerrissen, das tiefe, rückhaltslose Vertrauen in den Wurzeln gelockert. Der Frau konnte sie nicht helfen. Das Kind war ein Bastard und mit aller Gewalt konnte es nicht der rechtmäßige Erbe werden. Was thun, wenn man noch nicht weiß, wie man tragen wird, was über einen hereingebrochen.

»O Burkhard, Burkhard!« sagte sie in ihrem Herzen unablässig, als hörte sie einen anderen sagen. Dann fing sie mit Selbstanklagen an, sie habe ihn nicht glücklich genug gemacht und vielleicht ging er deshalb davon. Aber sie hatte doch nur an ihn gedacht, Tag und Nacht. Sie suchte selbstquälerisch jede Stunde hervor, wo sie hätte anders sein sollen. Sie war nicht zärtlich genug vielleicht. Aber ihre Natur war nicht weich und schmiegsam, ihre Liebe hatte etwas Vulkanisches, Dämonisches gehabt und war nur immer erstarrt und erkaltet an dem Gedanken der Kinderlosigkeit. Das Muttersein ist doch der Frauen höchste Leidenschaft, vor der die Liebe weichen muß, wenn sie darin sich nicht potenziert. Als Mädchen war ihr ein kinderloses Haus stets trostlos vorgekommen und sie wollte ein Dutzend Kinder haben.

Es wäre ihr im Traum nicht eingefallen, daß ihr Haus still und leer bleiben sollte. Ihr schönes, vornehmes Haus, mit dem herrlichen Park darum. Wie war es ihr oft zuwider! Sie beneidete die armen Frauen, die weinten, weil schon sechs Kinder vorhanden und das siebente zu erwarten! Ja, sie hatte schon Hündinnen mit Neid angesehen, die stolz dalagen, inmitten ihrer taumelnden, tappenden, saugenden Jungen. Sie hatte alles Junge so gern und alle Kinder der Umgegend kannten und liebten sie.

Sie war für ihn nicht schön genug. Er war solch ein schöner Mann. Vielleicht hatte sich die Natur gerächt, daß seine Frau sein geträumtes Schönheitsideal nicht erreichte. Doch rühmte er ihre Gestalt, ihre Haare, ihre Hände und Zähne, ihren klassischen Fuß. Er hatte früher viel an ihr zu bewundern gefunden, freilich, schon lange nicht mehr. Sie hatte das aber gar nicht bemerkt, da Eitelkeit und Eifersucht ihrem Herzen gar fremd waren. – So wanderten die Gedanken über das gequälte Herz, wie die Regentropfen über die ächzenden Stämme und zitternden Blätter. Dann suchten ihre Augen die Worte: »Sohn«, und »was zu thun«. Und daran hörten die Gedanken auf. Eben kam ihr die trotzige Antwort: Nichts, gar nichts werde ich thun; ist es für ihn nicht Strafe genug, daß er nicht weiß, wohin mit dem Kinde? Ich schweige. Denn was soll ich ihm sagen? Wie soll ich nur denn überhaupt noch mit ihm sprechen, wie und wovon? Ich werde künftig nur noch mit meinen Büchern sprechen; die lügen doch höchstens aus Unwissenheit. – Ich schweige. In dem Augenblick klopfte es an ihre Thür, ein rasches, banges Klopfen. Sie erschrak heftig. In der Nacht dies Klopfen? War denn die Hausthür offen geblieben? Und wer konnte sich eingeschlichen haben? Einen Augenblick schlug ihr das Herz; dann dachte sie, vielleicht wollte Pinchen wieder alles leugnen, was sie aus Eifersucht erdichtet und erlogen, und die Lampe in die Hand nehmend, war sie mit drei langen, elastischen Schritten an der Thüre, die sie öffnete und in den Gang hinausleuchtete. Zuerst sah sie niemand und sie wollte schon weitergehen, als ihr Fuß an etwas stieß, das auf dem Teppich lag. Sie leuchtete nieder, und erblickte ein wundervolles Kind, mit goldenen Locken, wie ein Seraph, und zwei große tiefblaue Augen sahen sie an, wie eine Welt von Frieden. Rasch kniete sie zu dem schönen Kinde nieder und stellte die Lampe neben sich auf die Erde.

»Mein Gott!« sagte sie leise und betrachtete das Kind, ohne es zu berühren. Da fühlte sie eine kalte Hand auf der Schulter; aufschreckend sah sie empor und erblickte ein bleiches, abgemagertes Gesicht mit großen, glänzenden Augen, in denen eine namenlose Angst geschrieben stand, das dunkle Haar wirr und feucht um das Gesicht gab ihm etwas Gespenstisches.

»Wo ist er?« flüsterten trockne, bleiche Lippen, »Wo? Hier ist sein Haus, aber ich soll ihn nicht finden!«

»Wen suchen Sie denn?« frug Leonies tiefe Altstimme, während sie aufstand und das arme Weib betrachtete, das sie um einen halben Kopf überragte. Die faltete ihre abgezehrten Hände und alle Muskeln in ihrem Gesicht begannen zu zittern.

»Mein Gott! wer sind Sie denn?« flüsterte die Arme heiser, »und wo ist Burkhard? oder heißt er gar nicht so? hat er mich auch mit dem Namen betrogen, damit ich ihn nicht finden könnte?«

Leonie starrte die Unglückliche an, dann fiel ihr Blick wieder auf das Kind. »Burkhard heißt mein Mann,« sagte sie langsam, noch um mehrere Töne tiefer als vorher.

Als hätte sie ein Gespenst gesehen, so prallte die andere zurück, bis an die Wand, an die sie sich lehnte, um nicht zu fallen, und mit vorgestreckten Händen rief sie immer heiserer:

»O nein! O nein! nicht seine Frau! nicht seine Frau! Er hatte doch keine Frau, Burkhard?« Leonies ausdrucksvolles Gesicht zeigte eine ganze Reihe von Gedanken und Gefühlen, die sie durchbebten; dann aber siegte das Mitleid.

»Ist das sein Kind?« frug sie, hob es von der Erde auf, nahm die Lampe in die Hand und sagte: »Kommen Sie da herein!« Sie ging voran. Als sie sich umsah, war das Weib neben einem kleinen Sessel auf die Erde geglitten und das Blut quoll ihr aus dem Munde. Rasch legte Leonie das Kind auf einen kleinen Diwan und eilte der Armen zu Hilfe, bettete sie auf alle Kissen, die sie finden konnte, und öffnete auf ihr Verlangen das Fenster, da sie zu ersticken meinte.

»Er kam nicht mehr!« flüsterte sie, »er kam nicht mehr zu mir, weil er sich fürchtete, wenn ich ihm das Kind zeigte und verlangte, er soll mich heiraten, seine Maria, sein Weib! Und da bin ich krank geworden. Und jetzt muß ich sterben. Und da bin ich ihm nachgegangen den ganzen Tag. Ich mußte ihn finden. Und dann habe ich mich im Garten versteckt und dann im Hause, bis es still war. Und er war nicht mehr herausgekommen. Und hier brannte Licht. Ich dachte, er wacht noch und denkt vielleicht doch an mich. Und da find' ich – da find' ich – seine Frau –!« Sie griff nach der Brust, aus der der Atem pfeifend drang.

»Haben Sie Erbarmen mit dem Kinde! O, bitte, nicht ins Waisenhaus mein Kind! Er kann ja nichts dafür, daß er geboren ist! Und ich dachte, er wäre mein rettender Engel! mein rettender Engel! er würde meine Ehre retten und mein Glück, mein schöner Knabe, und da find' ich – seine Frau!« Sie begann zu röcheln und merkwürdig dunkle Schatten breiteten sich um Augen und Wangen und glitten über die Stirn. Leonie hatte noch niemals sterben sehen; aber sie sah, daß dies der Tod sein müsse, und zitterte am ganzen Leibe. Das Kind wurde unruhig und das Zimmer sehr kalt. Sie schloß das Fenster; da machte die Sterbende eine Anstrengung, sich aufzurichten. »Mein Kind!« seufzte sie. Leonie brachte ihr das Kind und legte sie noch höher, indem sie eine Tischdecke zusammenrollte. Der Kleine kroch auf der Mutter herum, versuchte, ihr das Kleid aufzumachen und suchte ihre Brust, »Ach!« jammerte die Sterbende, »kein Tropfen mehr! Baldo, mein armer Baldo! So hungrig!«

»Da kann ich helfen!« rief die junge Frau in hilfreichem Selbstvergessen. Sie hatte immer eine kleine Spirituslampe, da sie oft abends arbeitete, um sich Thee zu machen. Bald brannte die und die Milch wurde gewärmt, mit Zucker versüßt und gierig trank das Kind. Die Mutter hob ein Paar wundervolle Augen zu Leonie empor, lächelte, sagte: »Bitte, Mutter sein!« legte den Kopf zurück und seufzte leise. Dann drehten sich die Augen nach oben, der Mund öffnete sich und der Atem stand still. Leonie überkam das Grauen, das jeden Menschen vor dem ersten Toten überfällt; sie war aber eine starke Seele, drückte die erstarrten Augen zu und weil es ihr nicht gelingen wollte, den Mund zu schließen, hob sie den Kopf, bis das Kinn auf der Brust ruhte und so der Mund sich schloß. Die kleinen Hände hatten sich den Weg gebahnt bis zur Mutterbrust, da sie aber kalt war, zog sich das rosenrote Mündchen erschrocken zurück und verzog sich zum Weinen. Leonie aber nahm den Kleinen auf und begann leise zu singen. Sie sang das herrliche alte Lied, das ihr unbewußt auf die Lippen kam: »Mitten wir im Leben sind, mit dem Tod umfangen.« Wie Orgelton klang die tiefe Altstimme in den Sturm hinaus, während die junge Frau langsam vor der Toten auf und nieder ging, bis des Kindes wunderbare Augen sie nicht mehr unverwandt anstarrten, als könne es sich das Rätsel nicht erklären, und sich in tiefem Schlafe schlossen. Da legte sie es auf den Diwan, holte einen feinen, weißen Wollenshawl, deckte es behutsam zu und setzte sich dann hin, um nachzudenken, was zu thun. – Jetzt lag die Rache in ihrer Hand. Sie brauchte nur Burkhard zu rufen und er würde in einer Sekunde büßen, was er in Jahren gesündigt. Alles, was sie in dieser Nacht gelitten, flutete ihr durchs Herz mit heißer Gewalt und wie sie die Finger gegen die Augen drückte, flammte es und lohte, und schon sprang sie auf. Da fiel ihr Blick auf die beiden Schlafenden und eine unendliche Zärtlichkeit zog in ihr Herz zu dem Engelsköpfchen, das mit glühenden Wangen schlief und im Traume lächelte. Es war doch sein Kind, des Mannes, den einzig sie geliebt und den sie noch liebte, mehr als sich selber. Und sie wollte sich rächen an ihm, durch den grausigen Anblick, der ihr Blut erstarren machte? – Nein, er mußte vorbereitet werden. Doch wollte sie das Kind nicht allein lassen. Sie nahm es in die Arme, öffnete leise die Schlafzimmerthür und trug es beim Schein der Nachtlampe in ihr Bett. Dann ging sie um die beiden Betten herum und setzte sich auf den Lagerrand, ergriff ihres Mannes Hand und sagte mit ihrer tiefen Stimme: »Burkhard!« Er erwachte, erschrak, sie noch angekleidet zu sehen, fuhr verwirrt empor und frug: »Was ist? ist etwas geschehen?«

»Es ist sehr viel geschehen in dieser Nacht. Da, lies,« sagte sie gelassen, reichte ihm den Brief und zündete ein Licht an, das sie mit dem Vorhang halb verdeckte, um das Kind im Schatten zu lassen. Burkhard schwollen die Stirnadern fingerdick an: »Und du glaubst das?« sagte er gezwungen. Da hob sie das Licht und deutete auf den schlummernden Engel. »Baldo«, rief er; das Kind erwachte, lachte und streckte die Arme nach ihm aus, indem es »Papapapa!« lallte.

»Küss' doch unsern Sohn,« sagte Leonie.

»Leonie! du könntest – – du wolltest« –

»Ich kann und ich will, so Gott mir beisteht.«

Man sah die Gedankenanstrengung hinter seiner Stirn wühlen und arbeiten.

Leonie war von einer beängstigenden Gelassenheit, wie eine Norne, die den Faden bricht. Sie wartete ruhig, bis der Sturm in ihm sich insoweit legte, daß er das andere würde hören können. Endlich fand er die Kraft zu sagen:

»Aber wie hast du es gefunden und behalten?«

»Ich habe es nicht gefunden, sie hat mich gefunden.«

»Dich, dich hat sie gefunden? Aber sie wußte ja weder meinen Namen, noch meine Wohnung, noch – noch –«

»Noch daß du eine Frau habest. Sie suchte dich, um bei dir zu sterben.«

»Zu sterben? Aber du sprichst doch von Maria!«

»So sagte sie, daß sie heiße!«

»Aber wie sagst du, daß sie sterben wolle?«

»O! Sie wollte nicht! Sie wollte ihr Kind nicht verlassen, aber nun liegt sie dennoch in meinem Zimmer und ist tot.«

Diese Worte fielen nieder wie Tropfen schmelzenden Bleies. Er hielt die linke Hand vor die Augen, da ihm schwindelte. Mit der Rechten, die sie nicht einmal losgelassen, drückte er die ihre zum Zerbrechen, wie ein Mensch, der sich im Schiffbruch festklammert. Und seine Hand wurde eiskalt in der ihren. Sie maß den Schmerz und maß die Liebe. Aber sie bebte nicht.

»Glaube nicht, daß sie sich umgebracht hat, sie starb an einem Blutsturz in meinen Armen!«

Er knirschte mit den Zähnen, und ein Zittern ging durch seine kraftvolle Gestalt. Sie hätte gern etwas gesagt, ihm zu helfen in seiner Qual, aber das konnte sie nicht. Ihr eigenes Leid war zu groß.

»Willst du sie nicht sehen?« frug sie nach einer Weile, »sie ist sehr schön.«

»Papapa,« lallte das Kind und schlief ein.

»Leonis,« sagte er und sah das Kind an; »du bist mein Anker und mein Heil! ohne dich würde ich wahnsinnig!« Er führte ihre Hand an die Lippen. Sie ließ es geschehen. Dann fuhr er in seine Kleider, ging unschlüssig der Thüre zu und sah sie fragend an.

»In meinem Zimmer, die Lampe brennt, ich bleibe so lange hier.«

Er tastete sich durch den Gang, bis wo die offen gebliebene Thür Lichtschein herausfallen ließ. Einen Augenblick konnte er sich nicht entschließen, einzutreten, und dann tat er es doch und fiel neben der Leiche in die Kniee. Der Sturm bebte mit erneuter Heftigkeit, zerbrach einen Baum und schleuderte seine Krone gegen die Fenster, bevor sie zur Erde fiel. Im Kamin war ein Heulen wie von Höllengeistern, die einen Sünder höhnen wollten. Lange blieb er fort. Endlich kehrte er in das Schlafgemach zurück, bleich, zerstört, ermattet und ihm war bange vor Leonies Augen. Sie aber hatte sich zu Bett gelegt und ihr Gesicht in des Kindes Locken vergraben. Sie that, als schliefe sie, um ihm die Pein zu ersparen. Er schlich hinunter in sein Schreibzimmer und wandelte dort auf und ab, bis der Tag graute.

Leonies Herz hatte stürmisch gepocht, solange sie ihn bei der Leiche wußte; sie hatte es gegen das Bett hämmern fühlen, bis ihr der Atem verging. Als er ihre Thür geöffnet, hatte es einen Augenblick stillgestanden und da sich sein Schritt, – der Schritt, auf den sie immer gespannt lauschte, wie eine Braut, – den Gang hinunter verlor, war es ihr, als verlöre er sich für alle Zeit und kehrte nie wieder zu ihr zurück. Immer ferner und ferner verhallte er durch das schweigende Haus, die Treppe hinunter. Leonie vergrub ihren Kopf ins Kissen und weinte bitterlich. Es löste sich der eiserne Schmerz, der wie eine Kralle ihr Herz umfangen gehalten, aber zugleich auch überfiel sie eine Trost- und Hoffnungslosigkeit, als hörte die Welt auf, als würde die Sonne nie mehr scheinen. Sie machte sich Vorwürfe, ihn so allein zu lassen in dieser Nacht, aber er war ja mit Herz und Seele bei der Toten. Sie würde ihn stören. »Alles vorüber! Alles verloren! Lieber Gott! hilf mir doch, daß ich nicht murre wider deine Hand!« Sie, die Willensstärke, Unbeugsame, fühlte sich schwächer als ein kleines Kind. Dann richtete sie sich auf und strich das Haar aus der Stirn. »Wer wird denn so elend sein und so feige!« sagte sie; da fiel ihr Blick auf den kleinen Schläfer. Sie hatte ihn fast vergessen. »O mein Gott!« seufzte sie, »und ich soll Mutter sein! Sie starb vor Liebe zu ihm; aber ihr Kind hat sie nicht vergessen und ich habe es vergessen, ganz vergessen, das arme kleine Kind! Und es wird »Mutter« sagen. Schnell muß es lernen, Mutter sagen, daß ich das Wort höre, nach dem ich mich so heiß gesehnt! Mutter! Mama, vielleicht das lernt es schneller. Aber Mutter sagt mehr! Darf ich denn? Womit kann ich's verdienen, da ich nicht mein Leben dafür eingesetzt und keine Wehen erduldet? O ja, ich darf! ich darf! Ich habe mein Leben zerschmettert, mein Herzblut fortgeweint, mein Glück verspielt, – ich darf Mutter heißen! Mir bleibt ja weiter nichts auf der Welt, Mutter, Mutter!« Mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit küßte sie des Kindes kleine Füße und Beinchen, die es im Schlafe frei gemacht und flüsterte: »Wie schön! wie schön!« und weinte von neuem.

Da begann der Tag zu grauen und brachte Leonie zu dem Bewußtsein, daß sie handeln müsse, daß die Leute ihr Zimmer betreten würden zum Abstauben und vor Entsetzen ein Geschrei erheben. Rasch ging sie in ihr Toilettezimmer, das durch eine Tapetenthür vom Schlafzimmer getrennt war, kämmte ihr reiches Haar, rollte es hoch auf dem Kopf zusammen und sprang ins Bad. Wie eine Wiedergeburt umspülte das kalte Wasser ihr heißes Gesicht, ihre matten Glieder. Sie lehnte sich zurück und lächelte, denn ihr war eingefallen, daß sie heute früh einen Zuber nehmen würde, da sie keine Kinderbadewanne besaß, um den kleinen Engel zu baden. Ob er wohl strampeln würde im Wasser? Und wie warm man solch ein Kind wohl badet? Augenblicklich wollte sie sich die besten hygienischen Bücher anschaffen. Wie sie noch so dachte, klang durch das Plätschern des Wassers und durch das Rieseln und Klatschen des Stromregens ein Stimmchen von drinnen. Sie sprang aus dem Bade, hüllte sich in das Tuch und lief barfuß ans Bett. Da lag der kleine Cherub so rot wie eine Granate und sah sie ganz erstaunt mit großen Augen an. Wie er aber ihr frisches Gesicht fühlte, das sich in sein Hälschen versenkte, lachte er und krähte ganz laut. »Sag' Mama!« flüsterte Leonie. Da lachte der kleine Schelm und sagte: »Papapa!« Zugleich hatte er mit beiden Händchen ihr Haar heruntergerissen und schnitt die drolligsten Gesichter, weil es ihn kitzelte. Das Spiel hätte noch länger gedauert, wenn Leonie nicht unten im Hause Bewegung gehört hätte. Sie fuhr rasch in ihr feines Nachthemd, dessen Spitzenkrause ihren schneeigen Hals umschloß, und dann in ihren Schlafrock aus milchweißem Kaschmir mit weißem Plüsch verbrämt. Einen Augenblick sah sie den Plüsch an und dachte: »Ob er ihn wohl naß strampeln wird im Bade?« Dann schellte sie. Keine Spur von Schmerz oder Unruhe war mehr in ihrem Gesichte zu erblicken.

»Melanie, sehen Sie, was mir der liebe Gott beschert hat, solch einen Engel! Es kam eine arme Frau an die Thür gestern abend spät, und ich sah sie in dem furchtbaren Wetter und ließ sie herein, und da ist sie in meinem Zimmer gestorben! Ich weiß gar nicht, wer es ist, aber sie hat mir ihr Kind vermacht und sagte, es heißt Baldo! Sagen Sie, daß man die Tote unten im Gartensaal aufbahrt, jetzt gleich, ehe der Morgen kommt, und dann machen Sie mir Milch warm für mein Kind!«

Es war heraus, sie hatte gesagt: Mein Kind! und die Lippen brannten nicht davon. Herr Gott! Mein Kind! Es war doch wohl eine Geburt gewesen in dieser Nacht; denn sie war eben so glücklich! Ob er wohl trinken wird? Und ob er schon auf allen Vieren kriecht? Einstweilen rollte sie ihn in den Kissen herum und machte ihn krähen. Und was wird sie ihm wohl anziehen? Es hat ja nur, was es auf dem Leibe trägt. Braucht es noch Windeln? Doch so wenig wie möglich Kleider! es wäre ja jammerschade, die Pracht zu bedecken. Malvine würde wohl wissen. Die aber dachte nicht viel an das Kind, sondern hatte das ganze Haus um die Leiche versammelt und es in die größte Aufregung hineingeredet, so daß alle meinten, sie wäre dabei gewesen.

Burkhard hörte den Lärm im Hause, das eilige Hin- und Herlaufen; dann hörte er der Männer regelmäßigen Schritt, die offenbar eine Last an seiner Thür vorbeitrugen und miteinander flüsterten. Er hatte nicht den Mut, seine Zimmer zu verlassen, noch zu schellen, sondern begann seine Toilette, bei der er stets von peinlicher Sorgfalt war. Heute waren seine Bewegungen langsam, als wäre er plötzlich alt geworden. Das Wasser war nicht kalt genug, ihm Haupt und Stirn zu kühlen und den pochenden Schmerz aus den Schläfen zu nehmen. Das Bad erquickte ihn nicht und die duftenden Gewässer, mit denen er den Bart parfümierte, rochen ihm heute unerträglich. Dann ließ er sich in einen Sessel fallen und begann die Nägel zu glätten und zu feilen und dabei bäumte sich sein Stolz auf gegen die Stellung, die er seiner Frau gegenüber haben würde. Leonie hatte ihn zerbrochen, Leonie hatte kaltblütig ihm einen Stahl in die Brust gesenkt und nicht einmal die Hand ausgestreckt nach seiner tödlichen Munde. Sie hatte kein Herz, das wußte er längst. Die andere hatte Herz, die war für ihn gestorben. Die hatte ihn geliebt. Alle bösen Geister waren wach in ihm. Die verfolgenden Furien hießen: Haß, Mißtrauen, Kälte, Undank, und sie jagten ihn vor sich her wie ein Blatt. Er war ihnen ausgeliefert ohne Erbarmen. Der moderne Orest kennt kein Orakel und keinen Tempel, darein er Rettung findet, und all seine hohe Bildung und sein vieles Wissen scheucht keine Furie von Schwelle und Lager. Aber dem modernen Orest beschert ein gütiger Himmel das Ewig-Weibliche, gerade wie dem antiken, und darum ging auch jetzt Burkhards Thür auf und in derselben erschien, vom ersten Sonnenstrahl, der die Wolkenmasse durchbrach, beleuchtet, was er jahrelang als unerreichbaren Traum geahnt, gehofft, erfleht – und aufgegeben: Leonie in ihrem weißen Gewande, von dem Glorienschein ihres Goldhaars umstrahlt, in den Armen das schöne Kind mit des Vaters Augen! Und bevor er aufstehen konnte, hatte er es schon auf dem Schoße und sie kniete vor ihnen und lehrte ihm, Papas Uhrkette in den Mund zu stecken und Papas Tiktak ans kleine Ohr zu halten.

»Ist er nicht entzückend, Burkhard? Sieh' nur diese Grübchen und diese Bäckchen und wenn er den Arm biegt, bleibt ein kleines Loch im Ellenbogen und wenn er ein Fäustchen macht, vier kleine Löcher in der Hand. Und heute abend mußt du ihn im Bade sehen! Wir konnten jetzt nicht warten und waren so hungrig. Und eben wird ein Bettchen gemacht, das soll neben meinem Bette stehen und füttern darf ihn niemand außer mir! Nein, sieh' nur! Ach Gott! wie schön ist das Kind! Tiktak, Baldo. Jetzt will er die Schere haben! was macht man nur, wenn ein Kind etwas nicht haben soll, daß es nicht weint!«

So plauderte sie fort und fort. Über Burkhards ernstes Gesicht flog wiederholt ein leises Lächeln und einmal wagte er es sogar, Leonie anzusehen. Sie schien es gar nicht zu bemerken, überhaupt nichts zu denken als das Kind. Einmal näherte er seine Lippen dem Kleinen und berührte seine Löckchen, als scheute er sich, vor Leonie ihn zu lieben.

»Ach! so küßt man ihn nicht!« rief sie, »da und da und da!« und hielt ihm die Ärmchen, die Beinchen, den kleinen Nacken hin.

»Er duftet so!« und das Kind lachte, weil der Bart es kitzelte.

Leonie hörte den Leichenwagen und die Schritte im nassen Kies und sprach desto eifriger von dem Kinde. Aber gerade, als sie den Sarg forttrugen, wandte Burkhard den Kopf nach dem Fenster und wurde bleich wie der Tod. »Es ist für alles gesorgt,« sagte Leonie rasch. »Auf dich fällt kein Schatten!«

Bis zur Neige sollte er den Kelch der Demütigung trinken. Sie wollte ihm helfen; sie wollte ihm alles leicht machen, es kam kein Vorwurf und keine Klage. Gerade ihr Schweigen zeigte ihm die Tiefe der Kluft zwischen ihnen. Wäre nicht der gottgesendete Engel gewesen, das Leben wäre unerträglich geworden. Sobald sie nicht vom Kinde sprachen, verfielen sie in dumpfes Schweigen, das beklemmend auf ihnen lastete. Wenn er sagte, er wolle ausgehen, so ließ sie ihn schweigend fort und fragte nie: »Wann kommst du wieder!« Sie flog ihm nicht mehr entgegen, wenn er heimkam, ihr unbewußt, denn sie besann sich, wie sie es früher gemacht, damit er sie ja nicht kälter fände. Es war alles so schwer, nichts ging von selber als die Pflege des Kindes. Dafür schienen alle Mutterinstinkte erwacht. Er war voll zartester Rücksicht für sie, aber eine bange Scheu hielt ihn von jeder Zärtlichkeit zurück. Sie fürchtete, ihm unangenehm zu sein, und that sich Gewalt an, um kalt zu erscheinen.

Der Resonanzboden war geborsten und darum konnte ihre Ehe keinen harmonischen Klang mehr geben. Jeder Griff in die Saiten von noch so zarter Hand schrillte und klang falsch und das ewig Unbesprochene zwischen ihnen wob immer dichtere Schleier, durch die Blicke und Wort unverständlich waren.


* * *


Baldo.

»Burkhard! Burkhard! komm' schnell! er ist allein aufgestanden und hat den ersten Schritt gemacht!« Atemlos rief es Leonie, die Treppe herunterstürmend, in ihres Gatten Zimmer, das er ganz bewohnte, da es ihn störte, mit einem kleinen Kinde zu schlafen, und Leonie sagte, sie wolle nun auch ganz Mutter sein; der Himmel selber habe es ihr erlaubt und sogar auferlegt. Sie war glühend vor Aufregung, daß solch ein Kind Schritte machen kann, und Burkhard eilte, das Wunder zu sehen. Leonie war erstaunt, daß er nicht auch in die größte Aufregung geriet. Überhaupt war ihr der Schlüssel zu seiner Herzensthür ganz sachte entglitten. Sie merkte es nur nicht in der leidenschaftlichen, rückhaltlosen Liebe zu dem Kinde. Sie meinte, er würde nun vollkommen glücklich sein, da sein Wunsch erfüllt; sie meinte, sein Glücklichsein verdient zu haben durch ihre hochherzige Handlungsweise. Er aber konnte nicht froh sein. Das Kind war wie ein ewiger Vorwurf. Er dachte, er hätte Maria und jene Nacht eher vergessen können, wenn ihn das Kind nicht ewig daran gemahnt und seine Ähnlichkeit mit der Mutter nicht täglich zugenommen hätte. Dabei war er eifersüchtig auf Leonies Zärtlichkeit für den Knaben, in der sie mit ihrer einheitlichen, starken Natur ganz aufging. »Sie hat mich nie geliebt!« ging es hundertmal durch seine Seele, und dann legte sich ein bitterer Zug um seinen Mund und Trauer in seine Augen. Und das machte Leonie ungeduldig und gereizt. »Jetzt trauert er ihr wieder nach,« dachte sie, »das Beste von ihr hat er ja hier, sie war doch nur eine Dirne!« Und wenn er vielleicht sich am meisten nach einer Zärtlichkeit sehnte, wurde sie besonders kalt und dachte an den Schatten der Toten, der gerade in dem Augenblick ihm nicht vor der Seele gestanden. Er erinnerte sich ihrer bräutlichen Liebe, ihrer rührenden Hingabe, mit der sie ihn vergessen machen wollte, daß sie ihm kein Kind beschert, ihrer bitteren Selbstanklagen, während er oft auf dem Punkte war, seine Untreue zu gestehen, nur damit sie weniger demütig wäre. Und nun war sie so stolz, sie kam ihm hochmütig vor; sie konnte ihn so gut entbehren, denn sie dachte nur an das Kind. »Mein, mein Eigen, gerade als hätte ich ihn geboren!« war der leidenschaftliche Gedanke, der sie erfüllte. Und er sagte »Mama« und »Ta« und »Bad«; jeden Fluß oder Bach nannte er so. Das war doch zu niedlich! Und dann ging es merkwürdig rasch: jeden Augenblick war wieder ein neues Wort erlernt, ein Schrittchen mehr gemacht worden. Sie beschäftigte sich unablässig, ja viel zu viel mit dem Kinde und wußte nicht, daß es gefährlich ist, dem kleinen Gehirn zu viel aufzubürden. Mit eineinhalb Jahren sprach er schon viel und deutlich und bald hallte sein Stimmchen durchs ganze Haus. Burkhard sah wohl, daß man allerlei munkelte über das Kind, das seine Augen hatte. Leonie merkte nichts davon in ihrer Glückseligkeit. »Ach Burkhard!« sagte sie, »wer hätte gedacht, daß unser Leben noch einmal so schön werden würde! Nun fehlt uns gar nichts mehr!« Er wollte antworten: »Du fehlst mir immerfort!« dachte aber, er hätte nicht das Recht, das zu sagen und schwieg. Und sein Schweigen befremdete sie. Sie schalt ihn undankbar in ihrem Herzen.

Das Kind war bald der Abgott des ganzen Hauses; das Leben richtete sich nur noch nach ihm und jede kleinste Störung, jeder Gast war unbequem. Baldos eigentümliche Natur ließ sich aber nicht verwöhnen, denn er hatte immer noch mehr zu geben als er empfing, eine solche Liebesfülle wohnte in dem kleinen Herzen.

»Und du hast mich in einer Blume gefunden, Mama? In welcher Blume? Zeige sie mir doch!« »Sie ist eben abgeblüht, mein Kind.«

»Und ein Engel hatte mich hineingelegt? Aber woher brachte mich denn der Engel?«

»Vom Himmel, glaube ich; aber du konntest damals noch nicht sprechen und mir nicht erzählen, wo du herkamst.«

»Hast du denn den Engel nicht gefragt?«

»Ich sah nur seine Flügelspitzen, wie er wieder zum Himmel fortflog.«

»Wußtest du gleich, daß es für dich war?«

»O ja, gleich! Du lagst ja in meinem Garten!«

»Und war der Papa auch froh?«

Das Blut flutete durch Leonies durchsichtige Haut. »O, so froh! Denn wir hatten alle Tage den lieben Gott gebeten, uns ein Kind zu schicken.« Diesem Gespräch hörte Burkhard zu, scheinbar in eine Zeitung vertieft, nach dem Frühstück am Kamine sitzend. Leonie saß am Spinnrad und gleichmäßig schnurrte das Rädchen; nur bei der letzten Antwort riß der Faden und sie bückte sich, ihn mit dem silbernen Häkchen wieder vorzuholen.

»Dann wollen wir ihn alle Tage bitten, daß er mir ein Brüderchen und ein Schwesterchen schickt, andere Kinder haben Brüderchen und Schwesterchen!« Diesmal flog ein rascher Blick zwischen den Ehegatten hin und her und Leonie seufzte. »Aber, bist du denn nicht vergnügt? Du hast doch den Ziegenwagen und das kleine, kleine Pony und die Kaninchen und den großen Hund, – und bist noch nicht zufrieden?« Das Kind dachte einen Augenblick nach, wobei seine Augen noch tiefer blau wurden.

»Ja,« sagte es endlich, »ich bin zu vergnügt! Wenn ich nur ein bischen davon hergeben könnte! Es sollen noch mehr vergnügt sein!«

»Von da an nahm ihn Leonie mit in die Häuser der Armen; dort durfte er seine Spielsachen und Kleider selbst verschenken und die Leute hörten auf, über ihn zu munkeln, denn wenn er eintrat, war es, als käme ein Himmelsbote herein mit seiner goldenen Lockenflut und seiner süßen Stimme. Und singen konnte er, glockenrein; Leonie sekundierte. Das nannte Burkhard sein Abendkonzert. Und wenn der Kleine mit seinem Vater ausritt und dahingaloppierte, daß das Haar flatterte, so kamen die Leute auf die Thürschwellen und freuten sich des schönen Bildes, der stattliche, allgemein beliebte Mann mit dem schönen Knaben, von ein paar prächtigen Hunden begleitet.

Leonie wollte keinem gestatten, ihr Kind zu unterrichten, Sie that es selber mit großem Verstand und Geschick und war erstaunt über seine Fassungsgabe. Es schien ihm alles so leicht zu werden, daß sie sich dazu verleiten ließ, ihn schneller weiter zu führen als es dem eben sechsjährigen Knaben angemessen war. Einmal nahm sie vor zwei gewiegten Schulmännern eine Prüfung vor, weil sie stets fürchtete, zu wenig zu verlangen und Baldo erstaunte sie durch seine Antworten. Sie warnten aber die allzueifrige Mutter und meinten, man dürfe dem zarten Gehirn nicht allzuviel zumuten, es könnte überreizt werden. Sie sah die Herren verwundert an. Überreizt? Das war ihr noch niemals eingefallen. Es sollte ihres Geistes Kind sein und war es auch bis zu einem gewissen Grade. Aber daneben blieb Baldo dennoch der Seraph, mit dem Licht der toten Mutter über seine Erscheinung ausgegossen, so daß Fremde ihn sehr überirdisch fanden und hinzufügten: »Da sieht man doch gleich, daß er nicht seiner Mutter Kind ist! Das wäre kräftiger und irdischer ausgefallen!« Burkhard hatte sich in eine großartige Thätigkeit gestürzt, um ein gewisses totes Antlitz nicht mehr zu sehen, das ihn oft verfolgte und ihn bei Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen ließ. Er gründete einen Kreditverein, eine Viehkasse, er ließ Maschinen kommen, die er den Bauern borgte und die ganze Gegend hob sich und segnete ihn als ihren Wohlthäter. Seinen Bemühungen verdankte man einen Schienenstrang nebst Haltestelle, eine stark besuchte landwirtschaftliche Ausstellung, bessere Viehzucht und gesunde Kartoffeln. Ein Waisenhaus und eine Taubstummenanstalt verdankten ihm ihre Entstehung. Wo er nur hinkam, wurde es lebendig und sprießte Segen, so daß man aufhörte, sein Glück zu beneiden. Seine herzgewinnende Art trug jeden Sieg davon und so, daß alle glaubten, ihre Meinung sei durchgegangen, während sie nur der seinen folgten. Im Anfang seiner Thätigkeit hatte ihn kein froher Blick von Leonie belohnt. Jetzt aber strahlten ihre Augen manchmal in gerechtem Stolz und endlich flog sie ihm sogar in die Arme, wie sie von allen Seiten seinen Namen segnen hörte. Beim Erntefest war es hoch hergegangen und Baldo war an der Spitze der Kinderschar, sie anführend zu herrlichem Spiel. Dann kam der Bohnenschnitt mit Gesang und Tanz. Es war ein heiteres Leben auf dem Gute, wie man es dem allzu ernsten Gutsherrn nie zugetraut hätte. Die Nachbarn kamen gern zu den schönen Festen und begannen, Leonie angenehm zu finden, trotz ihrem überwiegenden Verstande, der ihnen stets unbequem gewesen war. Öfters wurde sie gebeten, etwas schwer zu erziehende Kinder eine Zeit zu sich zu nehmen. Anfangs that sie es nicht gern, aus Furcht, sie möchten Baldo verderben, den sie ohne Strafen leitete. Bald merkte sie aber, daß dem einsamen Kinde andere Kinder große Freude und Zerstreuung brachten und seinen Lerneifer nur vermehrten und so hatte sie Wochen und Monate eine förmliche kleine Schule, wo ein großer Wetteifer herrschte. Baldo war wirklich als segnender Engel eingekehrt und hatte in beiden Eltern das Beste und Edelste geweckt. Die Kinder nannten ihn Friedlein, weil er immer Friedensstifter war und Schelte und Strafe von ihnen abzuwenden wußte. Man erzählte in der ganzen Gegend, wie er einen Hieb aufgefangen, der einem anderen Knaben gegolten, und den erbosten Bauer mit solch himmlischen Augen angesehen habe, daß der den geschwungenen Peitschenstiel fortgeworfen, außer sich, den Engel getroffen zu haben. Der Knabe, dem er geholfen, war von da an wie sein Schatten und nicht mehr von ihm zu trennen. »Friedlein und sein Toni«, sagte man nur. Sie bauten Hütten miteinander, wie kleine Blockhäuser und verkleideten sie mit Rinde und Moos, erbaten sich auch rote Scheiben dazu und wohnten drinnen.

Es war nur eine Person in der Gegend, gegen welche Baldo eine entschiedene Abneigung hatte. Und diese Abneigung teilte niemand mit ihm; ganz im Gegenteil hieß das Mädchen nur: »die schöne Wilma«, und hätte sie nur einen Groschen Vermögen besessen, so hätte sie ebensoviele Freier als Anbeter gehabt. Sie war hoch und biegsam wie Schilfrohr, trug das Haar kurz, in reizenden, braunen Locken den feinen Kopf umkräuselnd, so daß der besonders schöne Nacken frei, die Stirn leicht verschleiert blieb, aber nur durch eine Locke auf der linken Seite. Darunter wölbten sich wunderbare Brauen über goldbraunen Augen, die bald sammetig, bald blitzend aussahen. Die Haut war mattweiß, die Wangen leicht gerötet, sehr wechselvoll; der Mund schien einer Antike entlehnt, so herrlich war er geschwungen und oft hob sich die kurze Oberlippe über glänzenden Zähnen. In Wangen und Kinn waren die ungezogensten Grübchen der Welt, die vielleicht nicht immer unwillkürlich erschienen. Zu Pferde, zu Fuß, auf der Jagd, beim Fischen, beim Tanzen und Schwimmen, bei Bogenschießen und Croquet, bei Landpartien und Komödiespielen – überall war Wilma die erste, von Übermut sprühend, ihre Verehrer neckend bis aufs Blut. Man sagte, sie habe bereits zwei Duelle und einen Selbstmord auf dem Gewissen. Aber das war nur ein Gerede, und man war so neidisch auf die schöne Wilma, die alle Partien den Mädchen verdarb, alle Courmacher den Frauen wegnahm und dabei unnahbar blieb, wie eine Statue. Leonie sah sie nur sehr selten; denn sie hatte viel zu thun und nahm an derartigen Vergnügungen nicht teil, die Wilma ganz beschäftigten. Dadurch war sie oft die Zielscheibe von Wilmas witzigen Geschossen. Leonie wußte aber nichts davon; denn sie war nicht jemand, der man Klatsch erzählen konnte; das wagte keiner, nicht einmal Burkhard, dem ein heimliches Grauen vor ihrer gewaltigen willensstarken Natur seit jener Nacht geblieben war. »Mutter!« sagte Baldo, er nannte sie stets »Mutter«, wenn er ihr etwas Feierliches oder Wichtiges mitteilen wollte. »Denke dir, sie hat Friedlein zu mir gesagt! Und ich bin nicht ihr Friedlein, ich bin nur für liebe Menschen Friedlein, und ich hasse sie!«

»Aber Kind! von wem sprichst du denn? Und wie kannst du denn so ein häßliches Wort sagen! Friedlein darfst du gar nicht heißen wenn du hassen kannst!«

Aber du weißt doch, Mutter, die der Papa schön findet und die manchmal mit uns reitet, und die immer so lustig ist und so dumme Sachen spricht, die sie gar nicht weiß. Sie spricht sehr dumme Sachen, Mutter, die der Toni nicht sagen würde.«

Leonie war auf einmal sehr ernst geworden und schien einen Augenblick den Knaben zu überhören und nur den dunklen Schatten zu sehen, der ihr unter den Wimpern lag; dann aber sagte sie mit gewohnter Selbstbeherrschung: »Wenn Friedlein jemand dumme Sachen sagen hört, dann muß er gleich denken: der Arme hat vielleicht keine sorgsame Mutter gehabt!«

»Und wenn sie den Armen nichts giebt und ihnen den Rücken kehrt, Mutter?«

»Dann geht Friedlein ganz still hin, wenn es niemand weiß, und hilft dem Armen. Man muß viel thun, um solch einen schönen Namen zu verdienen.«

»Aber wenn sie mich so nennt, Mutter?« »Kannst du das nicht ertragen, Kind, dafür, daß so viele Liebe dich so nennen. Und wer weiß, ob du nicht einmal, vielleicht nur ein einzig' Mal, ihr etwas Gutes thun kannst!« Leonie seufzte.

»Toni«, sagte Baldo im kleinen Häuschen, »weißt du was? Wenn sie vom Pferd stürzt und bricht das Bein, dann tragen wir sie hier herein und pflegen sie selber.«

»Aber wie machen wir nur, daß sie stürzt?« fragte Toni.

»O, wir bitten den lieben Gott,« meinte Baldo.

»Nein, Friedlein, wir machen ein Loch, daß das Pferd hineintritt.«

»O pfui, Toni! das dürfen wir nicht! Dann hat es ja nicht der liebe Gott gethan, sondern wir selber!«

»Und auf was legen wir sie denn in unserem Häuschen?«

»Auf Moos.«

»Auf Brennesseln,« sagte der rachsüchtige Toni, den Wilma angefahren, weil er ihr nicht schnell genug aus dem Wege ging; und er ging ihr nicht aus dem Wege, um sie zu ärgern, weil Friedlein sie haßt und weil sie gegen Friedlein hochmütig ist; und Toni ist wie ein Hund; er muß gleich knurren und beißen, wenn man die Hand nach seinem Beschützer ausstreckt.

»Die der Papa schön findet,« war von unschuldigen Kinderlippen auf Leonies Herz gefallen, wie ein Stück Eis, und es wollte nicht schmelzen. »Die der Papa schön findet;« sie schalt sich bitter, ob ihrer Schwäche, dies Wort nicht los werden zu können. Da sie sich aber Burkhard gegenüber ans Schweigen gewöhnt hatte, so sagte sie auch jetzt kein Wort und beobachtete nur. Sie sah, daß Wilma sich fortwährend mit ihm beschäftigte, ihn unvermerkt in ihre Schlingen zog und daß er sicher nicht gleichgültig blieb. Aber mit ihrem eisernen Willen zerdrückte sie die aufsteigende Bitternis und zeigte ihm weder Argwohn noch Gereiztheit. Sie wandte sich nur mit noch intensiverer Leidenschaft dem Kinde zu. Sie sah es nicht gern, wenn Burkhard den Knaben zum Reiten mit Wilma mitnahm und hatte es schon einigemal zu verhindern gewußt, aber heute hatte Baldo so sehr gebeten, mitreiten zu dürfen und war ärgerlich geworden und hatte gemeint, es könnte ihm ja nichts geschehen, er wäre ein großer Junge, und so hatte sie ihn mit schwerem Herzen fortgelassen. Unruhig ging sie im Hause hin und her, nahm auch wohl ein Buch auf, ließ es aber wieder fallen, zumal da die Dämmerung hereinbrach. Man trug schon den Tisch auf die Terrasse zur Abendmahlzeit, und noch immer erscholl kein Pferdegetrappel. Leonie wurde es so bange, daß ihr der Atem ausging. Mehrmals wanderte sie die Kieswege entlang und lauschte zum Gartenthor hinaus. Aber immer noch blieb es still. Wenn sie nur gewußt hätte, in welcher Richtung sie geritten, sie hätte anspannen lassen und wäre entgegengefahren. Sie schalt sich, daß sie nicht die Gewohnheit genommen, immer mitzureiten, da der junge Tollkopf Wilma, gewiß zu allen Thorheiten aufgelegt, die Kräfte eines kleinen Kindes nicht berechnen könne. Und wenn etwas geschehen! Sie sah Baldo mit blutendem Kopfe bewußtlos hereintragen, sie sah Burkhard mit einem gebrochenen Gliede; der Angstschweiß begann ihr herabzurieseln, da erscholl Pferdegetrappel und gleich darauf sprengten Vater und Sohn in den Garten herein. Sonst war der Kleine stets zuerst vom Pferde, um in der Mutter Arme zu fliegen; heute rührte er sich nicht und ließ sich herunterheben.

»Was ist dir, Kind?« rief Leonie, »und wo waret ihr so lange?«

»Verzeih', Leonie,« sagte Burkhard, »wir waren etwas weit geritten und Baldo war auf einmal so müde, daß wir Schritt reiten mußten. Deshalb die Verspätung.«

Sie zog den Knaben in die Nähe der Lampe.

»Wie du blaß bist! Ist etwas geschehen?«

»Ich bin nur müde,« sagte das Kind, »und es war so heiß!«

»Aber jetzt war es doch schön kühl?« meinte Burkhard.

»Ja, es ist kalt, nein, heiß,« sagte das Kind, und starrte vor sich hin.

Leonie warf einen vorwurfsvollen Blick auf Burkhard, dann nahm sie den Knaben in die Arme und trug ihn hinauf, ohne ein Wort. Mit raschen Händen kleidete sie ihn aus und legte ihn ins Bett; dann holte sie ihm Milch und Brot. Die Milch versuchte er ein wenig, das Brot rührte er nicht an; er sei zu müde zum Kauen sagte er, er wolle schlafen. Im nächsten Augenblick zeigten seine tiefen Atemzüge, daß er fest eingeschlafen war. Leonie rief die Kinderfrau und befahl ihr, bei dem Kinde zu bleiben, bis sie wiederkäme. Sie fand Burkhard ungeduldig, weil sie nicht gleich wieder da war und er war hungrig und wollte doch nicht allein essen. Er schalt sie, daß sie zu viel Wesens mit dem Kinde triebe und es wäre für den Knaben überhaupt viel besser, man thäte ihn in eine Schule; sie verzärtelte ihn nur. Leonie schwieg. In ihrem Herzen kämpften Groll und Sorge; sie hatte viel zu schwere Gedanken, um durch die augenblickliche Gereiztheit ihres Mannes gekränkt zu werden.

Der Abend wurde kühler, der Tau begann zu fallen und sie zogen sich in den Salon zurück. Beide unzufrieden mit sich und den anderen. Leonie ging einmal hinauf, fand den Knaben in demselben tiefen Schlaf, aber noch immer ganz bleich, kam wieder herunter und nahm ein Buch. Burkhard rauchte und las auch. Ein Nachtfalter flog zwischen ihnen hin und her, verbrannte sich an der Lampe und fiel in Todeszuckungen auf die Tischdecke. Leonie sah dem armen Tiere zu und dachte darüber nach, warum die Insekten immer und immer wieder sich verbrennen müssen, wenn schon Millionen sich verbrannt. Dabei wanderte ihr Blick nach Burkhard hinüber, und sie hatte es auf der Zunge, ihn zu warnen, ihn mit einem zärtlichen Worte zu sich zurückzurufen, ehe es zu spät war. Sie wollte aufstehen, einen kleinen Schemel zu ihm heranziehen und sein Herz öffnen mit sanfter Rede; da klopfte es leise und behutsam an die Thür. Leonie fühlte ihre Lippen steif werden. Burkhard rief: »herein«. Die Kinderfrau kam langsam herein: »Ich weiß nicht, der Kleine ist so sonderbar. Er schreit manchmal auf im Schlaf und hat so rote Backen und dann reibt er das Köpfchen hin und her und schreit wieder, aber er wird nicht wach.« Leonie hatte das Ende der Rede nicht abgewartet. Sie flog die Treppe hinauf und kniete schon neben dem Kinde. Seine Wangen glühten wie Purpur, plötzlich riß es die Augen weit auf, starrte sie an und schrie: »Mein Kopf, mein Kopf, mein Kopf!«

Augenblicklich rief Leonie nach Eis und befahl, den Wagen einzuspannen und den Arzt zu holen. Sie legte dem Kinde warme Tücher um die eiskalten Füße und Eis auf den Kopf  was es auf Augenblicke zu beruhigen schien. Wenigstens schlug es die Augen auf, lächelte: »Gute Mama!« und schien wieder einzuschlummern. Aber bald fing das Schreien wieder an. Als der Arzt kam, stellte ihm Leonie keine Frage; er lobte sie wegen ihrer Besonnenheit, verordnete kalte Umschläge um den Leib und kühle Bäder, sah aber so ernst aus, daß Leonie das Herz stillstand. Burkhard bestürmte ihn mit langen Fragen und stöhnte, als der Arzt das Wort »Gehirnentzündung« aussprach. »Dürfte es nicht ein Sonnenstich sein?« fragte Burkhard, »War er denn heute viel in der Sonne?« »Ziemlich,« war die zögernde Antwort. Dann wandte Burkhard den Kopf weg vor Leonies verzweifeltem Blick. –

Das Morgengrauen fand sie noch um des Knaben Bett, wo Fieber und Schmerz nur immer zu wachsen schienen. Sein Jammern zerschnitt Leonie das Herz. Am Morgen kam Toni und bat so eindringlich, man möge ihn zu seinem Friedlein lassen, daß man dem Knaben willfahrte. Er setzte sich ganz totenbleich in einen Winkel und starrte auf das Bett. »Toni, Toni!« rief der Kranke. Da kam er heran und nahm die brennende Hand. Aber Baldo erkannte ihn nicht. Bald raste er in Phantasien, bald schrie er vor Schmerz und dann verfiel er wieder in einen dumpfen Halbschlaf, während welchem die Krankheit nur an Gewalt zuzunehmen schien. Am Morgen des dritten Tages war er tot.

Leonie hatte sich über ihren schlafenden Engel geworfen und wollte ihn nicht mehr aus den Armen lassen. Man stand ratlos vor ihrem ungeheuren Schmerz.

Sie hörte nicht und antwortete nicht; da näherte sich der kleine Toni und sagte schüchtern: »Darf ich ihm denn gar keinen Kuß geben?« Da löste sich der Schmerz in einem Thränenstrom. Sie drückte den kleinen Freund ihres Lieblings an sich und streichelte ihn, als er erschrocken sagte: »Friedlein ist kalt!«

Sie wollte ihr Kind nicht fortlassen; erst am vierten Tage konnte man es begraben; mit solcher Leidenschaft verlangte sie, es noch zu sehen. Burkhard konnte den Anblick der engelschönen Leiche nicht ertragen. Er kam ein- oder zweimal herein, mußte aber gleich wieder fortgehen.

Es war wiederum Toni, der Leonies schwergetroffenes Herz aufrichtete. Er hatte wieder frische Blumen gebracht und sagte: »Jetzt hat er aber viel schönere Blumen im Himmel, nicht wahr?« Da schämte sie sich ihrer Trostlosigkeit und dachte, sie wolle ihrem Liebling den Himmel nicht leid machen mit ihrem ungestümen Schmerz und mit ihrer alten Ruhe befahl sie alles fürs Begräbnis. Sie bestellte ein kleines Kreuz von weißem Marmor.

Auf dem sollte nichts weiter stehen als: Friedlein. Und dann wurde es sehr still auf dem Gute. Leonie konnte den Anblick von Kindern nicht mehr ertragen. Auch Toni sah sie nur selten, meist nur an Baldos Grabe, das sie beide pflegten und schmückten. Sie blieb die vorsorgliche Armenmutter, die pflichttreue Hausfrau; aber ihr Ernst hatte für alle etwas Bedrückendes, zumal für Burkhard, der soviel wie möglich draußen war. Sie saß dann allein im großen, stillen Hause. Ihre Lippen schlossen sich immer fester, als sollten sie das Sprechen verlernen und in ihren Augen lag oft eine graue, teilnahmslose Müdigkeit. Ihr war es, als sei sie selber gestorben. So gleichgültig war ihr die Welt. Wilma war gekommen und wollte sie um Verzeihung bitten, da ihre Unbesonnenheit vielleicht die Krankheit zum Ausbruch gebracht. Leonie wollte sie aber nicht sehen. Burkhard empfing sie allein und da Wilma so weinte und sich anklagte, sagte er ihr zum Trost, der Knabe habe immer einen reizbaren Kopf gehabt und sei wohl auch im Lernen überangestrengt worden, so daß der Ritt höchstens das Ende beschleunigt habe. – Bald darauf hieß es in der ganzen Gegend, Leonie mache sich solche Vorwürfe, an des Knaben Tod schuld zu sein, daß sie darüber fast tiefsinnig geworden sei. Man sah sie mit scheuen Blicken an; sie aber hielt das für Teilnahme und es that ihr wohl, daß man ihren toten Engel noch betrauerte.


* * *


Wilma.

Als Leonie zum erstenmal Wilma wiedersah, war es im Walde bei einem Ritt, zu dem sie Burkhard veranlaßte.

»Es ist solch ein schöner Tag!« hatte er gesagt. »Viele wird es nicht mehr geben, und du kannst dich den ganzen Winter einsperren, wie es deine Passion geworden ist.« Es klang ungeduldig.

»Du hast recht,« sagte sie, »das ist eine schlechte Gewohnheit von mir; aber eigentlich hattest du auch ganz vergessen, daß ich reiten kann! Ich habe nie gedacht, daß du mich vermissest.« Sie eilte fort, sich umzukleiden. Er sah ihr nach und finster blieb seine Braue. Doch konnte er nicht umhin, zu bewundern, mit welcher Meisterschaft sie noch ihr Pferd regierte, als sei sie stets im Sattel gewesen. Leonie war in allem furchtlos, das sah man, wenn sie zu Pferde saß. Es war Spätherbst. Das rote Laub raschelte unter den Hufen und die Sonne schien allenthalben durch goldene Blätter und kahle Äste herein. Die Sommerfäden glitzerten tauschwer und blieben an Leonies langem schwarzen Schleier hängen. Sie ritt einen Fuchs, dessen Haar in der Sonne so goldig schimmerte, wie das von Leonie selber. An einem schönen Aussichtspunkte hielten sie und Burkhard deutete mit der Reitpeitsche in die Ferne, ihr dieses und jenes erklärend. Ihre Augen verloren den Schleier, der sie in der letzten Zeit verhüllt hatte, und blickten scharf hinaus, als sähen sie weiter und immer weiter. »Ach ja,« rief sie, »dort ritten wir im ersten Jahre unserer Ehe so oft hin, weißt du noch? Und im Laub bei den Buchen, wie du mich necktest, Burkhard!« Er antwortete nicht, denn bei den letzten Worten war Leonie ein Seufzer entschlüpft. Er hatte sie damit geneckt, wie bald es wohl einen Erben geben würde; beiden war es eingefallen, und die Gedanken wanderten wieder die mühevolle Lebensstraße entlang, die ihnen einst so leicht und eben erschienen war. Ihr Schweigen war so tief, daß rasches Pferdegetrappel und ein erstaunter Ausruf sie förmlich zusammenschrecken machte. Sie wandten sich und auf einem Araberrappen erschien Wilma, von Glut übergossen, in großer Verlegenheit. »Ich hatte keine Ahnung! Es war so still! Ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich störte!« Burkhard war rot geworden und ganz gegen seine Gewohnheit blieb der weltgewandte Mann stumm.

»Sie stören uns nicht im geringsten!« sagte Leonie freundlich. »Warum sollen wir den schönen Tag nicht alle genießen? Wir wollten nach dem Wildhof reiten, und wenn Sie uns begleiten wollen, so wird es uns große Freude machen.«

Burkhard traute seinen Ohren nicht. Was konnte Leonie wollen? Auf dem Wildhofe war er selbst nicht mehr gewesen seit jenem verhängnisvollen Ritt mit Baldo. Sie aber wandte ihr Pferd waldeinwärts, ohne eine Antwort abzuwarten. Burkhard und Wilma wechselten einen scheuen Blick und schwiegen.

Sie hatten mehr als zwei Stunden zu reiten. Hatte das Leonie gar nicht bedacht? Es war doch vom Wildhof gar nicht die Rede gewesen. Wilma hatte immer gemeint, das Wiedersehen zwischen ihnen würde sehr steif oder sehr erschütternd sein. Nun war es so einfach. Leonie war fast heiter; nur hatte sich eine tiefe Falte zwischen ihren Brauen eingegraben. Eine Zeitlang ritt sie voraus; dann wandte sie sich plötzlich um und sah beide an und beide wurden rot. Dann sah sie wieder gerade vor sich hin und setzte ihr Pferd in leichten Galopp, aber alle Farbe war aus ihren Wangen gewichen. Die Gedanken wühlten in ihren Augen, die bald dunkel, bald hell wurden, je nach dem Schatten der Buchenstamme und den plötzlichen Sonnenlichtern. Als der Weg breiter wurde, hielt sie ihr Pferd ein wenig zurück und ließ Wilma zwischen sich und ihren Mann reiten.

»Die Herbstluft zehrt,« sagte sie. »Auf dem Wildhof giebt es Milch und besonders gutes Schwarzbrot; die Frau ist sehr stolz darauf.«

»Du hast die Länge des Weges wohl nicht bedacht, Leonie, oder vergessen?« sagte Burkhard.

»Da müßte ich doch ein sehr kurzes Gedächtnis haben!« Die Antwort klang so einfach und war doch für Burkhard wie ein Schlag ins Gesicht. Sie suchten beide nach einem harmlosen Gesprächsstoff, fanden aber keinen und so dauerte das Schweigen, bis Leonie wieder ebenso gelassen sagte: »Hier ist der Hof. Rademann, geben Sie der jungen Dame etwas zu essen, sie möchte gern Ihr Brot kosten. Und du machst wohl die Honneurs der Mahlzeit, Burkhard? Ich will nur da vorne hinreiten, wo die Aussicht ist; du zeigst wohl dann den Weg zur Eiche?«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, jagte sie über die Stoppelfelder in wahrer Jagdpace dahin und verschwand im Eichenwalde, der sein erfrorenes Laub noch eigensinnig festhielt. »Wollen Sie absteigen?« fragte Burkhard. Er stand schon neben Wilma und sah ihr in die Augen. »O nein, lieber nicht!« war die Antwort. Ihr war es, als würde sie ihm weinend in die Arme fallen in ihrer unnennbaren Angst. Sie haßte Leonie, die sie so auf die Folter gespannt, und bedauerte den armen Mann mehr als je, der gewiß eine glückliche Ehe verdient hätte. Gewiß quälte sie ihn mit Eifersucht und hatte nur mitreiten wollen, um zu sehen, wie er mit ihr wäre. Aber sie hatte nichts gesehen, gar nichts, und gesprochen hatte keiner. Wenn nur der Heimweg überstanden wäre! Das alles dachte sie, während ihr Burkhard Milch und Brot aufs Pferd reichte und dem Verwalter sehr zerstreut antwortete. Ihre weißen Zähne in dem Schwarzbrot und die wundervolle Farbe ihrer Wangen beschäftigten ihn aber mehr als die Frage, warum Leonie das gethan und was sie eigentlich denke und wolle. Leonie hatte bald den Aussichtspunkt erreicht, von dem man eine kleine Burgruine auf waldigem Felsenkegel liegen sah. Unten schlängelte sich der Fluß mit klarem Grün um den Berg, an den sich ein ärmliches Dörfchen anlehnte. Droben umspann Epheu das Gemäuer, das zum Teil noch erhalten war; die Fenster strahlten feurig in der Abendsonne.

Unverwandt schaute Leonie hinüber; ihre Brust hob und senkte sich in raschen Atemzügen, während ein Lufthauch ihren Schleier hob und hinaus flattern machte, wie eine Trauerfahne. Eine Thräne stahl sich langsam über ihre Wangen hinab. Sie zog den schwarzen Handschuh herunter, um ihr Schnupftuch aus der Brusttasche zu ziehen, stäubte die Tropfen von ihrem Reitkleide und fuhr sich rasch über die Augen. Dann hörte sie hinter sich die Pferde heranschnauben und schien eifrig mit den Knöpfen ihres Handschuhs beschäftigt.

»Das Brot ist wirklich sehr gut!« rief Wilma. »Aber wie schön! Nein, wie wunderschön ist es hier! In allen meinen Streifzügen war ich nie hier hineingedrungen!«

»Es ist heimlich!« sagte Leonie.

»Heimlich? Das weiß ich nicht, gespenstisch eher, märchenhaft und sehr melancholisch.«

»Leonie hat diesen Punkt besonders gern,« erklärte Burkhard. »Sie hat eine Vorliebe für die Ruine dort, Altwehringen.«

Beide sahen erregt aus, Leonie schien es nicht zu bemerken.

»Dort zu wohnen, denke ich mir sehr schön,« sagte sie.

»Es käme darauf an, mit wem?« lachte Wilma.

»Natürlich allein,« sagte Leonie, und sah das junge Mädchen mit ihren großen Augen an.

»Allein?« Wilma schauerte leise zusammen.

Auf dem Heimwege machte Leonie das junge Mädchen unaufhörlich sprechen. Wegen einbrechender Dunkelheit mußte man bald Schritt reiten, bis an Wilmas Haus.

»Man wird sich ängstigen,« sagte Leonie, »und Sie müssen mich entschuldigen, daß ich Sie spät heimbringe.«

»Ich erlaube gar niemand, sich um mich zu ängstigen,« war Wilmas übermütige Antwort; dabei schoß ihr aber das Blut in den Kopf, denn sie dachte an den Ritt mit Baldo. Sie war sehr glänzend gewesen die ganze Zeit, noch mehr durch das Unbehagen, das ihr Leonies Gegenwart verursachte. Jetzt ging ihr Atem kurz, wie sie die Treppe hinaufeilte, sich umzukleiden. Sie hatte eben ihren Hut aufs Bett geworfen und stand vor dem Spiegel, die Unordnung ihres Krauskopfes betrachtend, als mit raschem Schritt ein etwas älterer Bruder bei ihr eintrat.

»Was denkst du dir eigentlich bei diesen Ritten?« frug er sie barsch.

»Daß sie mich amüsieren.«

»Aber uns amüsieren sie nicht, und der Vater läßt dich bitten, heute abend nicht mehr vor ihm zu erscheinen, sondern darüber nachzudenken, ob es ihm angenehm sein kann, wenn du bei Nacht mit einem Fremden herumreitest. Ich würde mich schämen an deiner Stelle!«

»Bist du jetzt fertig?« sagte Wilma mit unnachahmlicher Heiterkeit, »so wisse, mich hat seine Frau mitgenommen, mit ihr bin ich geritten, sie hat den ganzen großen Umweg für mich gemacht und läßt den Papa um Entschuldigung bitten, daß sie mich so spät heimbringt, sie meinte sogar, ihr würdet euch ängstigen.«

»Was soll das nun bedeuten?« sagte der junge Mann betroffen. »Es ist vielleicht ihre Laune so?«

»Diese Frau hat keine Launen und handelt nie ohne Überlegung. Was will sie nur?«

Dasselbe dachte Burkhard auf dem schweigenden Heimwege. Er konnte Leonie nicht enträtseln. Zu Hause legte sie nur ihren Hut ab und blieb im Reitkleide, um ihn nicht mit dem Essen warten zu lassen. Sie sah sehr bleich aus und sprach nicht, bis sie wieder im Salon waren und Burkhard sich mit der Cigarre am Kaminfeuer niederließ. Da trat sie vor ihn hin in ihrem langen Reitkleide und mit einem leisen Zittern der Stimme.

»Burkhard,« sagte sie, »wir wollen uns scheiden lassen.«

Er sprang auf, sie aber drückte ihn sanft wieder nieder.

»Nie und nimmer!« rief er.

»Sage das nicht, Burkhard! Ich kenne dich besser als mich selber, denn ich habe dich lieber als mich, wenn es mir auch nicht gelungen ist, dich glücklich zu machen.«

»Ich war höchstens deiner nicht wert!«

»Nein, das ist nicht wahr. Ich habe dich immer sehr hoch gehalten und werde es immer thun, auch wenn Wilma deine Frau sein wird.«

»Aber ich denke gar nicht daran, sie zu heiraten.«

»Natürlich nicht, weil ich da bin. Du hast aber eine verzehrende Leidenschaft für sie, und ich glaube – mir scheint – ich hoffe – sie hat dich lieb!«

Leonies Stimme zitterte ein wenig: »Jedenfalls will sie dich heiraten, wenn es möglich ist.«

»Aber, Leonie! Wie kannst du! Zählen dir denn alle die Jahre für nichts? Ich kann mich nicht von dir trennen, ich kann nicht ohne dich sein!«

»Du betrügst dich selbst, Burkhard. Du hast mich schon vor Jahren einsehen gelehrt, daß ich dein Herz nicht ausfüllen kann; dann kam eine andere und hat es eine kleine Weile gefüllt.« – Leonies Lippen zitterten – »aber nur eine sehr kleine Weile, bis du Wilma gesehen. Seitdem gehört dein liebes Herz ihr allein, und es wäre Feigheit von mir, den Platz ausfüllen zu wollen, der einer anderen gehört, und die dir Söhne schenken wird. Und dann wirst du glücklich sein, Burkhard.«

»Vielleicht habe ich diese Worte von dir verdient, Leonie, da ich dich nicht glücklich gemacht habe. Daß aber Eifersucht in dein Herz einziehen würde, das hätte ich nicht gedacht, darüber wähnte ich dich erhaben.«

»Eifersucht? Wenn ich mein Herz umdrehe, so finde ich keine Eifersucht darin, nur den einen Gedanken, daß ich ungenügend bin, daß du täglich von mir enttäuscht wirst, daß du« –

»Daß ich den Weg zu deinem Herzen verfehlt und nie wieder gefunden habe.«

»Vielleicht hast du ihn nicht gesucht.«

»Baldo füllte ihn ganz und ausschließlich.«

Leonies Augen flammten: »Und das wirfst du mir vor?«

»Du sagst, ich vergesse dich, aber du hattest mich auch vergessen, um das Kind!«

»Du giebst mir eben den Beweis, daß ich nicht die Rechte bin für dich. Laß mich fort, Burkhard.«

»Desertieren willst du, mein einziger Freund?«

»Der will ich bleiben für dich. Ich will sogar nicht so sehr weit fortgehen, nur nach Altwehringen. Dort will ich wohnen und mich finden lassen, wenn du mich brauchst.«

»Dort? Mutterseelenallein?« Burkhard standen blendende Thränen in den Augen.

Leonie seufzte.

»Ach! ich bin am besten allein, ich bin gern allein!« Sie hatte auf der Zunge, hinzuzufügen: »Mein Leben ist zerbrochen und wertlos!« Aber laut sagte sie: »Und du sollst in der Welt sein und eine Weltfrau neben dir haben, du kannst mich nicht wankend machen, Burkhard! Der Entschluß reift schon seit Monaten in mir. Ich wollte nur die Kraft gewinnen, dich einmal mit ihr zu sehen. Denn wenn sie nur eine kalte Kokette wäre, so würde ich ihr nicht weichen. Sie ist aber besser als ihr Ruf und sie hat dich lieb!«

Burkhard bot alle seine Beredsamkeit auf, sie wankend zu machen. Umsonst. Wer hatte noch je Leonie in einem Entschlüsse wankend gemacht! Sie sprachen und sprachen die halbe Nacht, und Burkhard fielen mehrmals die Thränen aus den Augen. Ihm war es, als haßte er Wilma in dem Augenblick, da sie ihm Leonie entreißen sollte. Noch nie war ihm sein edles Weib so begehrenswert erschienen. Sie aber stellte es ihm als die erste und höchste Pflicht hin, für die Fortpflanzung seines Namens zu sorgen.

»Und ich glaube, dir den Beweis gegeben zu haben, wie ich ein Kind von dir lieben kann,« sagte sie.

Am nächsten Tage wurde Wilma bei Leonie gemeldet. Ehe Leonie sich von ihrem Schreibtisch erheben konnte, stand das junge Mädchen schon vor ihr, zog einen kleinen Schemel heran und sagte: »Ich wollte Ihnen nur danken für den gestrigen schönen Ritt! Ich war so glücklich!«

»Nicht war, liebes Kind,« sagte Leonie, »Sie sind immer froh und glücklich?« Flammende Röte überflog das reizende Gesicht. »Soviel es eben geht! Ich gebe mir Mühe, es zu sein.«

»Wenn aber ihr Herz befriedigt wäre, dann brauchten sie sich keine Mühe mehr zu geben?«

»Mein Herz? Meinen Sie denn, ich hätte ein Herz? Das glaubt doch sonst kein Mensch!«

»Eine Zeitlang habe ich gefürchtet, Ihr Herzchen schliefe noch; aber es ist wach und lebt und leidet.«

Wilma erschrak heftig, aber Leonie fuhr ruhig fort: »Wenn es einmal befriedigt sein wird, dann versprechen Sie mir, daß Sie eine gute Frau sein wollen,« – Wilma atmete wieder ruhiger – »und daß Sie nie denken werden, Sie könnten genug lieben.«

»Ich will gar nicht heiraten!«

»Nein, natürlich nicht, bis der Rechte kommt!«

»Der kommt nie!«

»Sagen Sie das nicht, liebes Kind, denn der liebe Gott könnte Sie beim Wort nehmen und Ihnen Ihre Wünsche erfüllen!«

»Eher fällt der Himmel ein!«

»Der Himmel kommt manchmal ganz nahe heran, ehe wir's gedacht, und manchmal schließt er sich zu, ehe wir's gedacht. Und in beiden Fällen muß man ein großes Herz haben und edle Gedanken.«

In dem Augenblick trat Burkhard raschen Schrittes herein und blieb einen Augenblick wie gebannt stehen, als er Wilma erkannte. Sie aber sprang auf und ging ihm entgegen, und ihm schwindelte bei dem Gedanken, sie besitzen zu sollen.

»Ich kam, zu danken für den schönen Ritt! Mein Bruder hat mich ausgescholten und mein Vater wollte mich mit Stubenarrest bestrafen, bis ich sagte, unter welchem Schutze ich gewesen! Da konnte ich alle auslachen und wie gewöhnlich den Sieg davontragen!« Leonie thaten diese Worte weh wie ein heißes Eisen; sie sagte aber lächelnd: »Sie sollen immer siegesfroh sein, liebes Kind.«

Wenige Tage nachher war die ganze Gegend von der Nachricht erschüttert, daß Burkhard und Leonie sich scheiden ließen. Alle nur denkbaren Gerüchte wurden umhergetragen, hochdramatische Scenen erfunden, die Herkunft des toten Knaben von neuem besprochen, kurz es war ein Sturm und ein Aufruhr, von dem die Beteiligten allein nicht ergriffen schienen. Man sah Burkhard und Leonie öfters nach Altwehringen fahren, das ganz mit Leonies Sachen eingerichtet wurde; man sah Leonie freundlich und lächelnd, Burkhard tief traurig. Nur Wilma ahnte den Zusammenhang und konnte nicht mehr aufhören zu zittern. Sie wollte nicht mit den Zähnen klappern und biß sie aufeinander, bis sie schmerzten. Sie sprach und lachte aufgeregt oder sie saß in dumpfem Brüten versunken, bis ihr Bruder ihr eines Tages sagte: »Und das nimmt mir keiner aus dem Kopf, daß du an der Geschichte schuld bist. Und du bist noch imstande, den Menschen zu heiraten.«

»Ja, das bin ich vollkommen!«

»Den möchte ich doch nicht haben an deiner Stelle!«

»Aber ich will ihn haben!« sagte Wilma leise und langsam.


* * *


Altwehringen.

Der Schnee lag tief auf Höhen und Thälern; dunkel schlich die Wehr um das Gemäuer herum, das einst Burg und Dorf befestigt hatte. Im Orte waren schon alle Lichter gelöscht, nur im Erker am Turm oben leuchtete noch eine einsame Lampe in die Nacht hinaus. Manchmal regte sich ein Schatten, als legte sich ein Flügel davor, dann bewegte sich eine Hand, als höbe sie ein Tuch. Dann und wann wurde alles undeutlich in dem Schneetreiben, das wieder angefangen. Drinnen im Zimmer war es aber außerordentlich heimlich, die Wände voll Bilder, weiche, dunkle Möbel und Teppiche, ein helles Feuer, vor demselben ein Diwan mit einem altpersischen Tuche bedeckt, die Tische mit Büchern beladen und an der einen Wand eine mächtige Bibliothek. Am Schreibtisch im Erker saß Leonie, an demselben Schreibtisch, an dem sie einst den verhängnisvollen Brief gelesen. Sie las auch jetzt und las, wie damals, dieselben Zeilen immer wieder: nur war es kein Brief, sondern eine Zeitung, und statt des starren Entschlusses standen Thränen in den Augen und quollen unaufhaltsam hervor. Es war die Beschreibung von Burkhards Hochzeit mit Wilma. »Mein Gott!« flüsterte Leonie, »nimm mein Opfer gnädig an und schenke ihm Söhne! Und laß mein großes Leiden nicht vergeblich sein!«

Da war das herrliche Paar beschrieben, Wilma wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, berückend schön in dem Zauber großer Schüchternheit, die man zum erstenmal an ihr wahrnahm. Glanzvoll und zahlreich war die Versammlung gewesen; denn man war doch gekommen, obgleich man monatelang die Köpfe geschüttelt und sich von Wilma zurückgezogen hatte. Für den angesehenen mächtigen Burkhard hielt man es doch für besser, sich freundlich zu zeigen, da sein Einfluß groß war und er ebensoviel schaden als nützen konnte.

»Lieber Gott, zeige mir, daß sie ihn lieb hat!« weinte Leonie. »Wenn sie ihn lieb hat, dann will ich gern einsam sein, als Buße, daß ich sein Glück nicht verstanden, daß ich selbstsüchtig war im Schmerz um das Kind!«

Und alle Armen waren bedacht worden. Die schöne Braut hatte ein glänzendes Weihnachtsfest allen Kindern bereitet. Nur Toni hatte dabei gefehlt. Denn Toni war als kleiner Page mit Leonie gegangen, hatte ihr in der neuen Livree geholfen, in der alten Burghalle einen Weihnachtsbaum zu putzen für die ärmsten Kinder im Dorfe, denen Leonie die Weihnachtsgeschichte erzählte, mit ihnen ein Lied sang und ihnen gutes, warmes Nachtessen gab. Davon stand natürlich kein Wort in der Zeitung, auch nicht, wie Leonies Stuhl in der uralten Kirche am Weihnachtsmorgen mit Tannen geschmückt war und wie der Pfarrer laut Gott dankte, der ihnen einen hilfreichen Engel geschickt! In der Zeitung stand von einem glänzenden Feste, das man dem neuvermählten Paar gegeben und von der Abreise in den Süden; ganz genau war der prachtvolle Pelzmantel der jungen Frau beschrieben, aber dann wiederum nicht, wie sie sich im Waggon ihrem Manne in die Arme warf und ausrief: »Ich bin die glücklichste Frau auf der ganzen Welt!«

In dem Augenblick dachte Burkhard an Leonie, und Wilma sah den Schatten in seinen Augen mit heißem Erschrecken und auflodernder Eifersucht.

Wie friedlich die Flocken wirbeln, so gewichtlos, so leidenschaftslos, ganz anders als die Orangeblüten, die berauschend sinnlich auf das junge Liebespaar niederschneien. Leonie sieht sie sitzen, vielleicht in Sorento oder schon in Genua, um das Frühjahr an der Riviera zu genießen. Ihr ist es, als hätte sie auch noch jugendliche Flammen in sich gehabt; die sind aber zertreten und verschneit worden. Ihr ist es, als sei sie doch eigentlich gar keine kalte Natur. Sie hat es oft von sich gedacht. Wenn ihr aber die Orangeblüten einfallen und Burkhards blaue Augen, dann zittert das Herz ganz jung. Und dann sagte sie: »Du hast es gewollt! Du wolltest lieber leiden, als leiden machen! Nun, so leide!« – Sie stand auf, legte ein Scheit in den Kamin und nahm ihr Spinnrad. Auf ihren Schoß legte sie ein Buch, in dem sie während dem Spinnen lesen wollte und dann stand das Rädchen still und das Buch blieb offen, – Leonie starrte ins Feuer, wie es die Funken emporsandte, so viele nutzlose Funken. Draußen legte sich Flocke auf Flocke, bis die ganze Welt in ein zartes Daunenbett gehüllt war. Sehr friedlich sah es aus in Altwehringen. Da ging die Thür auf und herein kam Toni, sehr geschäftig, mit einem Serviertischchen, das er vor sich her rollte, auf dem die Theemaschine oben brodelte, während unten kaltes Fleisch und zierliche Butterbrötchen einladend genug aussahen. Aber Leonie spann wieder weiter, ließ das Wasser zischen und das Feuer knistern und dachte. Sie hatte den geringen Appetit der Einsamen und vergaß das Essen oft. Das schien Toni aber schon zu wissen, denn nach einer Weile erschien er wieder und meldete sehr ernst, der Thee sei serviert. Leonie mußte lächeln und aß dann auch ein wenig. Dabei mußte sie denken: »Ob sie wohl jetzt Eis essen am Meere und zu heiß haben?« Es war ihr, als röche sie die Rosen, die ihr Burkhard täglich brachte bei ihrer italienischen Reise, – Toni zeigte wutentbrannt der Köchin, was übrig geblieben. »Wenn Sie etwas Ordentliches machen könnten, so thät gnädig' Frau auch essen!« worauf die Köchin sich bitter beim Kammerdiener beschwerte und jedermann die feinen Bissen kosten mußte zu ihrer Rechtfertigung, bis nichts mehr übrig war.

Leonie hob die Portiere, die in ihr Schlafzimmer führte. Das sah fast jungfräulich aus: so einfach und so duftig, und als sie ihr prächtiges Haar entrollte, erschien sie um viele Jahre jünger.

Endlich ward es doch Frühling, nachdem der ganze März nur Schnee gebracht. Die Buchen streckten ihr zartes Grün hervor, die Eichen ihre roten Blättchen und der Wald hallte wieder von Vogelgezwitscher.

Da kam eines Morgens ein reitender Bote und brachte einen Brief: »Wenn du es erlaubst, so bitte ich dich heute abend um einen Schluck Thee. Burkhard.«

Wie zitterte der Brief in ihrer Hand und rasch schrieb sie: »Herzlich willkommen!« und dann hätte sie gern mehr geschrieben; aber es ging nicht, nein, es ging wirklich nicht. Was sollte sie schreiben? Zum erstenmal entfernte sie das schwarze Kleid und hüllte sich in weißen Kaschmir, den er immer so gern an ihr gesehen hatte. Sie sah aus wie eine Braut, eilte geschäftig hin und her und konnte nicht genug des Besten und Feinsten haben. Sie rückte den bequemsten Sessel an den Kamin, damit er darin rauchen sollte und stieg dann in der Ruine umher, die ersten Maiglöckchen zu finden.

Endlich sprengte ein Pferd den Berg herauf. Hochklopfenden Herzens, aber äußerlich vollkommen ruhig, trat sie Burkhard auf der Treppe entgegen und mit den Worten: »Grüß Sie Gott, mein Freund!« reichte sie ihm die Hand, die er an die Lippen führte.

Er kam ihr um einen Hauch gealtert vor, seit den nahezu acht Monaten, da sie ihn nicht gesehen. Ja, es zogen sich sogar ein, zwei Silberfäden durch Bart und Schläfen, in denen bei Leonies Anrede die Adern schwollen. Er bot ihr den Arm und führte sie in das Erkerzimmer.

»Ich durfte doch kommen?« sagte er. »Ich brauchte doch nicht ewig von der Schwelle verbannt zu sein, hinter welcher mein Schutzengel wohnt?«

»Ich habe Ihnen ja versprochen, Ihr Freund zu bleiben! Wie fragen Sie denn?«

»Und wie friedlich ist es hier!« sagte er, sich umsehend, »wie ein ganzer Himmel!«

Leonie stand das Herz still. Wie, wenn er nun nicht glücklich wäre!

»Nicht wahr, wie bei einer alten Frau, die mit sich und der Welt abgeschlossen hat,« sagte sie lächelnd, »und nun möchte ich von Italien erzählt haben und von Wilma, während ich den Thee mache!«

Das Wort »Wilma« war ihr so glatt von den Lippen gegangen, daß Burkhard sie bewundernd ansah. Sie war aber nur mit dem Thee beschäftigt, und bezwang das Zittern ihrer Hände.

»Die Reise war ein wenig anstrengend,« sagte Burkhard und ließ sich müde in den Sessel fallen.

»Und hier war gewiß gleich zu viel Arbeit?«

»Natürlich. Man kann nicht ungestraft so lange fortbleiben. Es macht sich doch niemand eine Vorstellung davon, wie sich dann die Geschäfte häufen, und nun alle die Besuche noch dazu. Es ist merkwürdig viel Leben auf Großheimbach, fast etwas zu viel.«

»Es ist aber gewiß nützlich, wenn Sie viele Leute sehen und Ihren Einfluß weit ausdehnen.«

»O mein Gott! meinen Einfluß!« – Burkhard lächelte – »dessen habe ich mich ganz begeben!«

Leonie erschrak von neuen: über diese Antwort.

»Aber warum denn?« forschte sie.

»Andere Hände führen das Scepter, wie eine Maienkönigin, und da bin ich gar nicht mehr nötig.«

»Ich würde doch die Regierung nicht so ganz niederlegen, das ist manchmal unvorsichtig.«

»O! ich bin sehr unvorsichtig geworden; denn ich finde es gar nicht der Mühe wert, meine Persönlichkeit hervorzukehren. Man muß die Leute nicht zu ihrem Glück zwingen; man findet mich viel liebenswürdiger und angenehmer so.«

Jedes Wort war Leonie wie ein Schlag. Was war aus ihrem stolzen Burkhard geworden! Und er schien es nicht einmal zu fühlen, wie sehr er sich verändert.

»Lernten Sie in Italien viel interessante Leute kennen?«

»Interessante weniger, oder interessierten sie mich nicht; ich fürchte, ich bin recht einseitig und habe vom Leben nie die rechte Ansicht gehabt.«

Leonie dachte an ihre Reise mit ihm, wie er den Cicerone gemacht, wie er sie in die hochgeistigsten Kreise geführt, so daß sie davon etwas behalten fürs ganze Leben. Sie sagte aber mit großer Ruhe:

»Natürlich, wenn man so sehr lange auf dem Lande bleibt, verliert man leicht die Fühlung mit der großen Welt und ihr kleines Gerede wird uns wichtig, weil ungewohnt. Wir können nicht mehr leicht fortgleiten über das Unbedeutende.«

»Was ist denn überhaupt noch bedeutend im Leben? mir kommt alles hohl und unwichtig vor.«

Leonie traute ihren Ohren nicht. Was hatte den lebensfrohen Mann so zum Philosophen gemacht? hatte sie ihn denn so falsch beurteilt? hatte sie seine Natur verkannt?

Sie sprachen noch eine Weile; da er aber Wilma hartnäckig nicht nannte, so wagte sie auch nicht mehr zu fragen. Endlich stand er auf und fragte:

»Ich darf doch manchmal kommen?«

»Immer!« war die Antwort. Dann küßte er ihr die Hand und gleich darauf sprengte er davon, den Berg hinunter, daß es Leonie ganz dunkel vor den Augen wurde, bis sie den Fluß entlang ihn auf guten Wegen wußte. Sie saß lange da und starrte auf den Platz, den er verlassen hatte. War er denn wirklich nicht glücklich? Sollte ihr ungeheures Opfer – – nein, nur nicht denken! Nicht Gespenster rufen! Sie trat auf die Altane hinaus. Da ging der Mond auf und spiegelte sich in der Wehr; und ringsum standen die Berge in feierlichem, düsterem Schweigen. Unten rauschte der Fluß fort und fort und in dem Gemäuer der Ruine flogen die Fledermäuse hin und her. Zerstreut sah Leonie hin, wie der Mond ihre flüchtigen Schatten auf die Mauer warf und es erfaßte sie ein solches Weh, eine solch grenzenlose Sehnsucht, daß sie meinte, ihr müßten Flügel wachsen. Und wozu Flügel? fragte sie sich. Auch Flügel würden hier eingesperrt und dürften nicht schweifen.

Der Sommer brachte ihr viele Gäste, die meistens aus Neugierde kamen, zu sehen, wie die noch junge Frau es in dem Eulenneste aushielte. Man fand sie stets vollkommen heiter, umringt von Armen und Kranken, für die sie ein angebeteter Arzt geworden war. Man erzählte sich Wunderkuren von ihr und bald ließ man ihr keine Ruhe mehr; von fernen Dörfern kamen die Leute und baten um Hilfe. Der Pfarrer fand an ihr seine größte Stütze und sie wurden bald feste Freunde, die miteinander Gartenbau und Obstzucht trieben und die Obstkultur der ganzen Gegend zu solcher Blüte brachten, daß sie eine neue Erwerbsquelle für die arme Bevölkerung wurde. Auch eine Flickschule hatte Leonie organisiert und lehrte die Kinder die Sachen flicken, die sie am Leibe hatten, wozu eine Reihe von Röckchen in ihrer Halle hing, die während der Arbeit angezogen wurden.

Bald war Leonie von früh bis spät beschäftigt. Wenn aber ein gewisser Hufschlag den Berg herauf erscholl, dann wurde alles beiseite geschoben. Dann erschien der bräutliche Ausdruck in Leonies Gesicht und jedesmal bereitete sie dem teuern Gaste wahre Feierstunden.

»Es scheint fast unbegreiflich,« sagte er einmal, »wie viel wir uns jetzt mitzuteilen haben, nachdem früher jedes Verständnis zwischen uns aufgehört hatte.« Leonie lächelte: »Weil früher ein unausgesprochener Vorwurf zwischen uns schwebte.«

»Der Vorwurf konnte nur mich treffen, da ich das Unrecht that.«

»Ich glaube nicht,« sagte Leonie gedankenvoll, »ich hatte den Weg zu Ihrem Glück verfehlt und konnte ihn erst finden, indem ich gewaltsam Bahn brach.«

»Den Weg zu meinem Glück? Aber, Leonie! Ist er denn gefunden? Und wo ist das deine geblieben?«

»Das meine? O, das war nebensächlich. Aber das Ihrige zu erkämpfen, mein Freund, das war mein Recht, auch wenn es mich das Leben kostete!«

Burkhard seufzte, daß es wie Stöhnen klang.

»O Leonie! Ich werde mir dein Opfer nie verzeihen!«

»Doch! doch! Ich bin ja so zufrieden!« sagte das heldenmütige Weib.

»Weil ich dich nicht mehr elend machen kann,« sagte Burkhard bitter.

»Weil ich nicht mehr eine Last bin, der Stein zwischen Ihnen und dem Glück, Burkhard!«

»O Leonie! wer weiß, wessen Verblendung größer war!«

Leonie fühlte ihre Lippen weiß werden, sie biß darauf und sagte heiter:

»Ich beanspruche das Recht, Hellseherin gewesen zu sein. Die Vorsehung gestattet auch keine Kritik. Und da ich ein wenig Vorsehung gespielt habe, so bitte ich mir sehr aus, daß man meine Verfügungen ohne Murren hinnimmt.«

»Aber die Vorsehung ist gefühllos und leidet nicht.«

»Wer sagt denn, daß ich leide?«

Er stand auf, nahm ihre beiden Hände in eine der seinen und strich mit dem Finger leise darüber hin.

»Ich sehe die Zeichen des Martyriums hier und sonst noch!«

Sie entzog ihm die Hände und lachte:

»Die Zeichen der Jahre und weiter nichts!« sagte sie und erzählte von ihren Blumen.

Die wißbegierigen Freunde hatten einmal das Glück, bei einem solchen Besuch gegenwärtig zu sein, und da ihnen der Takt fehlte, sich zu entfernen, so hatten sie die besondere Genugthuung, der ganzen Gegend erzählen zu können, wie er ihr die Hand küßte, wie sie ihn »mein Freund« nannte, wie sie sich verjüngte und doch würdevoll und gehalten blieb ihm gegenüber, mit welcher Ehrfurcht er sie behandelte und wie sie ihnen Vorwürfe gemacht, als sie sich rühmten, noch nicht den Fuß nach Großheimbach gesetzt zu haben. »Aber wer mich lieb hat, der geht hin!« hatte sie gesagt, »mich kann es nicht kränken; denn mit meinem Willen ist es so geworden.«

Die Jahre zogen vorüber. Burkhard fing an, grau zu werden, und Wilma schenkte ihm keinen Erben. Wenn Leonie dies Thema berührte, faltete sich Burkhards Stirn und er sagte: »Wenn man aber auch auf gar keinen Rat hören will!«

Es war so geblieben wie beim ersten Wiedersehen. Wilma wurde nicht genannt. Leonie wußte genug von ihr durch andere. Sie blieb nach wie vor die Sonne, um die sich alles drehte; sie war noch viel schöner geworden und viel übermütiger und kostete ihrem Manne viel Geld. Er befriedigte ihr jede Laune und sie war so strahlend glücklich, daß alles sie beneidete. Nur die Frage wegen des Erben wurde immer ernster, da das Vermögen an entfernte Verwandte ging und Wilma ohne einen Groschen blieb, wenn sie keinen Sohn bekam. Sie schien sich jedoch weniger Gedanken darüber zu machen als andere Leute. Man sah sie immer nur an der Spitze aller Lustigkeit und fand, daß Burkhard manchmal recht müde und geduldig aussah. Er war nicht mehr der einflußreiche Mann von früher, da ihm zum Arbeiten keine Zeit blieb und er manche Frage von sich weisen mußte, die er sonst mit großer Energie in die Hand genommen hatte.

Wilmas Zimmer waren äußerst zierlich eingerichtet; aber von Arbeit war nirgends etwas zu sehen. Doch stand ein kleiner Maltisch, am Fenster, an dem sie mit großem Geschick Blumen auf Seide malte; auf diese Art übte sie Wohlthätigkeit, denn diese Malereien waren für Bazars und Lotterien bestimmt und wurden von ihren Verehrern für hohe Summen gekauft. Großheimbach war sehr verändert, mehr als Altwehringen, das seine feierliche Ruhe auch unter der neuen Herrin bewahrt hatte.

An einem ziemlich rauhen Herbsttage war Leonie von Krankenbesuchen heimgekehrt und sah, wie das Wetter sich veränderte, dichter Nebel vom Fluß heraufstieg, und bald die ganze Burg umhing, wie mit weißen Tüchern. Leonie hatte immer eine besondere Vorliebe für Nebel gehabt: er beleuchtete die Zimmer, die Bilder so hell, schloß einen so ganz von der Außenwelt ab und machte wunderbar malerische Wirkungen an dem dunkeln Gemäuer, das doppelt groß erschien und dessen Lasten vom saftigen Grün glitzerten wie die tropischen Pflanzen in einem Warmhause.

Eifrig woben die Spinnen ihre letzten Netze und zogen lange Brücken von einem Rosenstock zum anderen. Und an jeden Faden hing sich der Nebel in großen Tropfen, so daß die Gewebe aussahen wie Diamantketten. Da waren mikroskopische grüne und blutrote Spinnchen und ganz große Schneider, und alle woben geschäftig. Leonie lehnte am Fenster und sah den eifrigen Tierchen zu und konnte sich nicht genugsam wundern über die regelmäßige Form, die unter den knüpfenden Füßchen entstand. Da erscholl Hufschlag vom Berge herauf. Hufschlag um diese Stunde? Sollte das Burkhard sein?

Im nächsten Augenblick warf Toni ihre Thür weit auf, ohne anzumelden, und herein trat schüchtern und ängstlich Wilma. Überrascht ging Leonie auf sie zu. Was suchte Wilma bei ihr? Aber ehe sie ein Wort sagen konnte, war die junge Frau vor ihr auf den Teppich geglitten und in einen Strom von Thränen ausbrechend rief sie:

»Verzeihen Sie mir! Ach, verzeihen Sie mir! Ich habe ihnen ein furchtbares Unrecht gethan! O, bitte, verzeihen Sie mir! Eher wird der Himmel mich nicht segnen!« »Um Gottes willen, liebes Kind!« sagte Leonie, sanft die junge Frau aufrichtend, »was ist denn geschehen? Habe ich Ihnen jemals gegrollt? War ich nicht immer überzeugt, Sie würden Burkhard glücklich machen? Was soll ich Ihnen denn verzeihen?«

»Aber ich habe ihn nicht glücklich gemacht!« schluchzte die junge Frau, »er ist so verändert! Zuerst sah ich es nicht, bis mir's die Leute sagten. Und jetzt habe ich solche Angst und weiß mir nicht zu helfen und bin so dumm! Und er hat Sie doch noch immer lieb, viel lieber als mich und das ist auch ganz natürlich!«

Leonie lächelte, zog die junge Frau mit sich fort in ihr Schlafzimmer bis vor ihren Spiegel und sagte ruhig: »Sehen Sie einmal!«

Und Wilma sah sich in ihrer strahlenden Schönheit und Jugend neben einer älteren Frau stehen, in deren Gesicht das schwere Leben tiefe Furchen gezogen hatte. Sie wandte sich zu Leonie um und warf sich ihr in die Arme:

»Lehren Sie mich einen Teil Ihrer Seelengröße, nur einen ganz kleinen Teil!« rief sie leidenschaftlich, »lehren Sie mich ihn glücklich machen!«

»Nun,« sagte Leonie mit freundlicher Ruhe, »Sie haben Ihre erste Pflicht nicht erfüllt, Sie haben ihm keinen Sohn geschenkt!«

»Zu spät! zu spät!« seufzte Wilma, »hat er Ihnen über mich geklagt? Hat er sein Herz ausgeschüttet?«

»Burkhard? Ich denke, er würde sich eher die Zunge ausreißen, als über sie zu klagen, oder überhaupt zu klagen. Ich habe nur gefühlt, daß die Kinderlosigkeit ihn immerfort quält.«

Leonie hatte das Feuer geschürt und Wilma hatte sich auf den Teppich gekniet, als Leonie sich an ihren gewohnten Platz neben das Spinnrad setzte. Der Nebel draußen und das Feuer drinnen beleuchteten wunderbar die beiden Frauen, von denen die eine mit brennenden Augen die Worte von den Lippen der anderen zu saugen schien. Leonie hatte viel zu große Übung, der Menschen Herzen und der Menschen Leiden zu behandeln, um sich jetzt in große Reden zu verlieren. Sie gab der jungen Frau die praktischten, mütterlichsten Ratschläge, und Wilma, die nie eine Mutter gehabt, horchte hoch auf, erstaunt und erschrocken und flüsterte immer: »O, warum kam ich so spät! – Und wenn ich denke, wie ich ihn mit meiner Eifersucht gequält habe, alle die Jahre! Ich wußte es immer, wann er hierher ritt und dann war ich ganz außer mir und machte ihm Scenen vorher und nachher. Aber er blieb immer fest wie Stahl; ich konnte weinen und wütend sein und bitten und befehlen; es war gerade, als wäre ich gar nicht da, wenn Sie im Spiele waren! Er sagte oft gar nichts, oft sagte er: »Wilma! in allem bist du mein verwöhntes Kind! nur in dem Einen weiche ich dir nicht, das merke dir!«

Und ich dachte, es sei nicht anders möglich, als daß er Sie lieber haben müßte, als mich! Und neulich habe ich ihn wieder so gequält und da wurde er furchtbar heftig und sagte: »Wilma! Gott wird dich strafen dafür! Wenn du die Heilige in Altwehringen sehen könntest, du würdest knieen vor ihr! Du verdienst es nicht, daß sie sich für dich geopfert!« Ich habe ihn noch nie so gesehen und bin so furchtbar erschrocken über seinen gewaltigen Zorn. Und mit einem Male war mein Haß gegen Sie wie weggeblasen und ich hatte nur einen Gedanken: ich mußte Sie sehen! Und wie ich hereinkam und Ihr Gesicht sah, da habe ich mich geschämt, aber geschämt, und ich mußte auf die Kniee, gerade, wie er es gesagt hat. O! wie schlecht bin ich! Wie schlecht bin ich! Wie habe ich ihn unglücklich gemacht! Ich kann es gar nicht begreifen, daß meine Augen es nicht sahen! Ich war eifersüchtig von der ersten Stunde an. Denn er konnte mir nicht gehören! Er dachte doch noch an Sie, und das wollte ich nicht ertragen! O, verzeihen Sie mir und lehren Sie mich, das Verlorene wiederbringen, alle die vielen Jahre, in denen ich ihn so schwer gekränkt habe, und er so geduldig alle meine Launen ertrug! O, welch ein verlorenes Leben!«

Leonis fühlte diese Worte, als hätte sie sie selber gesagt. In ihrem großen Egoismus bedachte Wilma nicht, welchen Schmerz sie der Einsamen bereitete mit ihren Geständnissen. Aber Leonies Willensstärke bezwang das ächzende Herz und sie war mild und kraftvoll wie ein trefflicher Beichtvater, als wäre sie dabei gar nicht im Spiele. – Von dem Tage an war Wilma öfter bei Leonie als Burkhard selber, bis eines Tages Burkhard strahlend und verjüngt in Altwehringen erschien:

»Wilma kann heute nicht kommen; sie schickt mich, zu sagen, sie sei sehr leidend!« Bei diesen Worten ergriff er Leonies beide Hände, küßte sie mit Inbrunst und sagte:

»Und du hast mich dennoch glücklich gemacht, Leonie!«


* * *


Zur Ruhe.

Es war Sommer und wieder Herbst geworden und Leonie hatte den ganzen Abend eifrig genäht. Vor ihr stand ein Korb mit weißer Seide gefüttert und darin häuften sich winzig kleine Sächelchen: Hemdchen von wunderbarer Fein­heit genäht wie mit Feenhänden, kleine weiße Schuhe mit blauen Bändchen, »denn es muß ein Bub' sein, der muß alles blau haben!« so lächelte und flüsterte Leonie vor sich hin. »Rosa ist nur für die Mädchen!« – Dann stand sie auf und hob ein weißes Tuch auf, das eine herrliche Wiege verhüllte. Sie war von blauer Seide mit weißen Stickereien und Spitzen bedeckt, die gestickten Kopfkißchen darin bereit und die Bettdecke mit weißem Kaschmir gefüttert, alles aus Leonies eigenen Händen. Niemand sollte für das lang ersehnte Wunderwesen arbeiten dürfen, als sie allein. Wilma war so leidend, daß sie nur immer liegen mußte und Burkhard war erfinderisch in kleinen Zerstreuungen für sie. Er las ihr stundenlang vor, sogar Märchen und Kinderbücher, wenn alles andere sie zu sehr ermüdete. Er machte sie essen mit sanftem Zureden und überhäufte sie mit Zärtlichkeit, wenn sie kindisch klagte, sie sei so mager und häßlich geworden. Wenn sie sich mit Todesahnungen ängstigte, so heiterte er sie auf und machte sie lachen mit allerhand Jugendstreichen, die er ihr erzählte. Oft dachte sie, sie hätte lieber kein Kind, als so zu leiden, hatte aber Selbstbeherrschung genug, diesen Gedanken für sich zu behalten und nur leise zu seufzen, wenn der Arzt sie von neuem zum Liegen verurteilte.

Leonie stand lange vor der fertigen Wiege und dachte an Friedleins Bettchen und wurde von so heißem Weh um ihr Friedlein erfaßt, daß die Thränen ihre alte Straße zu rinnen begannen. Alle die Jahre waren verwischt, ausgelöscht der Gedanke, daß Baldo nun schon ein junger Mann sein würde. Sie war wieder in jener Nacht, wo sie zum erstenmal an Burkhard gezweifelt, wo ihr der Himmel einen Sohn beschert hatte! – Endlich strich sie sich über Stirn und Haar, nahm die Lampe, ging in ihr Schlafzimmer, kleidete sich aus und dann fiel sie auf die Kniee vor ihrem Bett:

»Mein Gott! Mein Gott! Hast du mich immer geführt? Habe ich nur dir gehorcht? Oder bin ich eigenwillig meine Wege gegangen? War dir mein Opfer wohlgefällig, Gott? Dann laß mich bald ausgelitten haben und nimm mich zu dir, Gott!«

Stillen Herzens schloß sie die Augen und schlief, von Müdigkeit übermannt, knieend ein. Da kam der Traum von jener Frühlingssturmnacht und ihr war es, als hörte sie wieder das Klopfen an ihrer Thür. Es schien sich sogar zu wiederholen. Sie erwachte darüber und lächelte, daß sie im Gebete eingeschlafen, als diesmal ein stärkeres Klopfen sie aufspringen ließ und an die Thür eilen.

»Ein Reitender hat diesen Brief gebracht!« sagte die Jungfer blaß, mit großen Augen.

Leonie riß ihn auf:

»Bitte um Gottes willen, kommen Sie! Burkhard ist plötzlich schwer erkrankt und ruft immer: »Leonie!« – »Wilma«.

»Anspannen! rasch!« sagte Leonie, zog sich mit fliegenden Händen an, warf einige Sachen in eine Handtasche, zeigte, was man ihr nachschicken solle, und stand schon im Burgtor, bevor der Wagen vorfuhr. – Das war ein langer Weg durch die Nacht; sie dachte, er würde nie enden.

Zum erstenmal betrat sie wieder das Haus, in dem sie die Herrin gewesen war. Derselbe Flur nahm sie auf, von einem Windlicht matt erhellt, das der alte Kammerdiener ihr entgegen trug.

»Was ist denn um Gottes willen?« fragte sie. Des alten Mannes Hände und Lippen zitterten, während er die Hüllen abnahm.

»Ich weiß nicht. Der gnädige Herr ist so sonderbar. Er war schon immer nicht recht wohl, hat aber immer gelacht, wenn man's gesagt hat, und seit gestern da hat er es so auf der Brust, daß er gar nicht atmen kann und hustet in einem fort.«

Er leuchtete ihr die Treppe hinauf. Ohne Zögern ging sie den Gang entlang auf ihr einstiges Ehegemach zu, als müßte es so sein. Als sie eintrat, erhob sich Wilma und kam auf sie zu. »Sie sagen mir nicht die Wahrheit!« flüsterte sie, »aber es ist in der Lunge, ich weiß es wohl!« Sie weinte.

»Leonie! bist du's?« keuchte der Kranke.

Rasch trat sie an ihn heran, der erhöht in den Kissen lag und nach Luft rang. Er ergriff ihre Hände und ließ sie nicht mehr los.

»Ich wußte – ja– ich wußte, du kommst!« sagte er in raschen Absätzen, »ich kann nicht – sterben – ohne dich!«

»Aber wer spricht denn von Sterben?!« klang es fast heiter von Leonies Lippen, während große Thränen in starren Augen festgehalten wurden. Sie setzte sich auf den Bettrand, da Burkhard immer enger ihre Hand umklammerte, legte ihren Arm um Wilma und zog sie zu sich heran: »Da aufs Bett legen Sie sich hin,« flüsterte sie, »Sie dürfen sich nicht so anstrengen!« Wilma wollte nicht, aber Burkhard stieß hervor: »Thu', was sie sagt! Thu' alles, was sie sagt! Sie führt dich besser als ich! Ich war ein – schlechter Lootse!« Und Wilma gehorchte weinend.

Trotz der besten Pflege ging es nicht gut! das sah Leonie schon am zweiten Tage. Am Abend des dritten sagte Burkhard: »Bitte, Wilma, geh' einen Augenblick, nur einen Augenblick hinaus!« Sie ging, ohne umzuschauen.

»Leonie!« sagte er, »sei du ihr Schutz – und meines Sohnes Vormund! Und bitte – bitte – vergieb mir alle – meine Sünde!«

Er breitete die Arme aus und drückte sie an sein Herz mit solcher Kraft, als sollte Leben und Lebenslust wieder einströmen; aber ein neuer Hustenanfall brachte Leichenfarbe über die Stirn und rief Wilma zurück, die kaum einen Aufschrei zurückhalten konnte, als sie die Veränderung sah. Leonie drückte sie vor bis in Burkhards Arme. Aber er hatte kein Wort mehr für sie. Er hielt Leonies Hand fest und seine brechenden Augen waren nur auf sie geheftet. Sie lächelte ihm zu, solange er sie sehen konnte; dann drückte sie ihm die Augen zu, trug die ohnmächtige Wilma hinaus und legte sie auf ein Ruhebett, sie dem Arzt und den Frauen überlassend, die sie von der Leiche fortrief. Dann waren alle aus dem Zimmer, als sie die Thür hinter ihnen verschloß, um sich einen Augenblick rückhaltlos dem Schmerze überlassen zu können. Sie nahm das teure Haupt in die Arme und bedeckte es mit Küssen, während ihre Thränen unaufhaltsam flossen und das Schluchzen ihr fast die Brust sprengte.

»Mein! Mein! Mein!« flüsterte sie und küßte seine Augen, seine erkaltenden Lippen. Dann rieb sie die Hände, als wollte sie dieselben erwärmen, und wieder steckte sie sich ihr Tuch in den Mund, damit kein Schluchzen laut wurde. Der lang zurückgedämmte Strom ihrer großen Liebe brach nun hervor, da er nichts mehr davon fühlen konnte. Es war ein Orkan, der Leonies gewaltige Natur durchtobte, des Lebens ganzes Leid in eine Stunde zusammengedrängt. Des Toten Kopfkissen war naß von ihren Thränen, seine Hände waren noch warm von ihrem heißen Umfassen; aber marmorn lagen seine Züge und eine große Müdigkeit war über sie ausgegossen. Leonie grollte dem Himmel, der ihr den Tod nicht gönnen wollte, den Tod mit ihm, an seiner Seite. Sie hatte ihn doch verdient! Aber eisern rollte das Leben durch ihre Adern und sein Vermächtnis baute auf ihre Kraft. Eine Hand auf dem Drücker der Thüre brachte sie auf die Füße. Hoch aufgerichtet ging sie hin, zu öffnen. Es war der Arzt, der sie zu Wilma rief und der kopfschüttelnd sagte, ihr Zustand wäre sehr beängstigend. Zum erstenmal stand Leonie Wilmas Verwandten gegenüber, dem Vater, den Brüdern, die ihr mit scheuer Ehrfurcht begegneten. Man hatte Wilma zu Bett gebracht. Als Leonie zu ihr herantrat, warf Wilma die Arme um ihren Hals und klammerte sich an ihr fest, »Leonie, liebe Leonie! Meine Schwester, meine Mutter! Bleibe bei mir, ich bitte dich!« Wie ein kleines Kind weinte sie hilflos in den starken Armen. Leonie sah sofort, daß sie hier nötig sei. Sie wich nicht mehr von Wilmas Seite, besorgte alles mit männlicher Energie und weiblicher Zartheit und war bald so unentbehrlich in Großheimbach, als sei sie nie von dort fortgezogen und als sei Wilma ihre Tochter. Es waren mühselige sechs Wochen, durch welche die trostlose, junge Witwe nur mit aufopferndster Pflege gebracht werden konnte. Sie schien aber noch einmal aufzuleben und sich fast auf ihr Kindchen zu freuen, als sie am Weihnachtsabend von Schmerzen ergriffen wurde. Leonie hielt sie in ihren Armen die ganze, lange Nacht. Es war, als wollte sie dem hilflosen Wesen ihre Seelenstärke einhauchen.

»Wie glückselig hätte ich das alles erduldet!« dachte sie bei sich. Als der erste Sonnenstrahl ins Fenster schien, ertönte der erste Schrei.

»Wilma, dein Kind lebt!« rief Leonie.

»Sie lebt,« sagte der Arzt.

»Eine Tochter?« fragte Leonie. Der Arzt nickte. Alle schwiegen. In dem Augenblicke färbten sich Wilmas Lippen blau. »Gute Nacht! Jetzt will ich schlafen!« sagte sie, drehte ihren Kopf zu Leonie, als wollte sie sich in ihren Busen nesteln und war – tot.


* * *


Es klopft noch einmal.

Achtzehn Jahre waren seit jenem Tage vergangen. Da lag der Frühling über Altwehringen gebreitet mit Glanz und Duft und Herrlichkeit. In der Kirche saß Leonie an der Orgel mit schneeweißen Haaren; ihre edlen Züge hoben sich verklärt zu dem reizenden jungen Wesen empor, das sie begleitete, und das eben die Pfingstkantate von Bach hinausschmetterte. »Nein, Mona, nicht so, hier mußt du leiser einsetzen!«

»Ach, Mutter! Wie kann ich leise einsetzen, wenn ich jauchzen und jubeln muß! Ich kann meine Stimme gar nicht zurückhalten!« »Mein gläubiges Herze! Frohlocke, sing', scherze!« hallte es durch die Kirche, während enzianblaue Augen den Zügen, die so unglaublich an Burkhard erinnerten, Glanz und Tiefe gaben. Leonie lächelte. Wenn die junge Kehle sich nicht sattjubeln konnte, so konnte sie sich nicht satthören.

»Nun ist es aber doch genug!« sagte sie endlich.

»Habe ich dich müde gemacht?« rief das junge Mädchen und preßte die weißen Haare stürmisch an ihre Brust. »O Mutter, nicht wahr, du bist nicht müde an dem wunderschönen Morgen?«

»Nein, Kind, aber wir haben ja auch das schöne Buch, das auf uns wartet und von dem wir uns gar nicht trennen konnten.«

»Ach, Michel-Angelo! Der liebe Michel-Angelo!« rief Mona, »Mutter, ist es nicht gerade, als stünden wir wieder in Florenz und Rom, wenn wir das lesen! Nein, was sind wir so glücklich, nicht wahr, Mutter?«

»Ja, mein Kind, sehr glücklich!« Das verklärte Lächeln einer Heiligen begleitete die Worte.

Die beiden hohen schlanken Gestalten verließen die Kirche und schritten den Burgpfad empor. Rings grüßte alles ehrerbietig.

»Toni!« rief das junge Mädchen dem wohlbestallten und wohlbeleibten Kammerdiener entgegen, »Toni, das Pfauenauge ist ausgekrochen und ist wundervoll und im Amselnest piept es und der junge Spatz ist mir heute auf den Kopf geflogen!«

»Und die Minka hat Junge,« ergänzte Toni. »Nein! Wie viele? sind sie schön? sind sie nicht scheckig? sind sie dick? ist Minka vergnügt?« so jagten sich die Fragen, bevor Toni einmal antworten konnte, während das junge Mädchen davonstürmte, Minkas Junge der Reihe nach zu herzen.

»Aber neun Junge, das ist viel zu viel!« sagte Toni.

»O, nur nicht ertranken! Pfui, Toni! Nein, nicht ertränken! Weißt du was? Wir nehmen eine Ziege, die legt man auf die Seite und die fünf können trinken!«

Schon stürmte Mona zu Leonie herein: »Nicht wahr, Mutter, wir mieten der Ammi ihre Ziege für Minkas Junge? Wir geben ihr eine Masse Geld dafür und da wird sie so froh sein.«

»Und Ammis Kinder?«

»Denen schicken wir Milch aus unserem Stall, nicht wahr, Mutter, so ist dir's recht?«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, war sie schon wieder hinaus und auf dem Wege ins Dorf hinunter. Eine Viertelstunde später kam schon eines der unzähligen Kinder mit der Ziege am Strick hinter Mona her, die die improvisierte Amme unter vielen Scherzreden und Komplimenten der Hundemutter vorstellte.

Und nun saß Leonie am Spinnrad und Mona auf einem kleinen Schemel mit dem Buch auf ihren Knieen und begann zu lesen. Mitten im Satz hob sie die blauen Augen und heftete sie gedankenvoll auf Leonie: »Mutter, muß ich den Vetter auf Großheimbach heiraten?« Das Spinnrad stand plötzlich still: »Wer hat denn das behauptet?« Der Vetter selber. Er kam mit seinem dummen Gesicht ganz nahe heran und ich ging rückwärts und da kam er mir wieder nach, bis ich an der Wand stand und nicht mehr rückwärts konnte, und da sagte er: »Wissen Sie was, Cousinchen? Das Vernünftigste ist, wir heiraten uns!«

»O ja, recht gern, sag' ich, wenn Sie dabei in Großheimbach bleiben und ich bei meiner Mutter in Altwehringen, dann fände ich es auch ungeheuer vernünftig. Und da lachte er so dumm, weißt du, wie er so lachen kann, hohohoho, so dick, und ich ducke mich und schlüpfe an ihm vorbei und mache ihm eine Reverenz, so tief, und sage: Auf Wiedersehen, mein Herr Gemahl, und bleiben Sie nur immer vernünftig! Und fort war ich. Begreifst du, Mutter, wenn ich heirate, so muß es ganz unvernünftig sein, so muß ich ihn lieb haben, aber lieb, lieb, so, wie dich. Denn wie kann ich sonst von dir fort, Mutter! Ich bin so wie die Wehr zu dir, ich möchte hunderttausend Jahre um dich herumfließen!«

Jetzt kniete das junge Mädchen vor Leoni« und barg ihren braunen Lockenkopf in deren Schoß.

Am nächsten Morgen saß Mona auf einem Mauervorsprung in schwindelnder Höhe, mit den Füßen in der Luft, senkrecht über der rauschenden Wehr. An einem roten Bande hing ihr eine Mandoline um die Schulter, auf der sie prädulierte, während sie mit den Füßchen in der Luft den Takt dazu schlug. Dann sang sie ein italienisches Liedchen über die zarten Buchenblätter dahin wie ein junger Vogel und endigte mit einem langen Triller, als wenn so etwas wie Atemholen bei ihr nicht vorkäme.

Sie ahnte nicht, daß unten im Grase ein Reisender im grauen Anzuge mit dem Feldstecher vor den Augen stand und sie betrachtete, so nahe, daß er jede Bewegung der Kehle sehen konnte wie bei einer Nachtigall.

Ihm wurde es so schwül und heiß, als naschte er in einem fremden Weinberge. Er hatte die Ruinen für unbewohnt gehalten, hatte sein Skizzenbuch hervorgezogen und zu zeichnen begonnen, als sein Auge an der Sängerin haften blieb. Zuerst war er heftig erschrocken über die gefährliche Stellung, dann aber hatte der bezaubernde Ton ihn gefesselt und er stand wie betrunken, während ein Lied dem anderen folgte. Da klang unter ihm eine tiefe Altstimme: »Mona!«

»Ja, Mutter!« rief es oben und wie eine Gemse hüpfte das Mädchen von Stein zu Stein, ohne sich der Hände zu bedienen, mit denen sie eine junge Weinranke abriß und sie sich um den Kopf legte.

Überrascht blieb sie vor dem Fremden stehen, der den Hut abzog und fragte:

»Verzeihen Sie, mein Fräulein, wissen Sie nicht, wem diese Ruine gehört?«

»Meiner Mutter.«

»Und Sie besuchen den reizenden Punkt oft?«

»Nein, wir wohnen drin.«

Der Fremde trat einen Schritt zurück: »Wohnen drin? Das hätte ich kaum für möglich gehalten; aber freilich, als Sommeraufenthalt.«

»Im Winter sind wir auch hier, wenn wir nicht in Italien sind.«

»In dieser Einsamkeit?«

»O, wir sind nie einsam; erstens sind mir immer zweisam, meine Mutter und ich, und dann sind so viele arme Leute und der Pfarrer und die Tiere.«

Der Fremde lachte und lachte so angenehm, daß Mona vom Wohllaut der Stimme betroffen wurde, und dabei wurden seine Augen so gut und weich, daß Mona hineinsehen mußte.

»Und die Nachtigallen waren wohl Ihre Singlehrer?«

»Als ich jung war, aber dann war's meine Mutter und dann ein Meister in Italien.«

»Waren Sie lange dort?«

»Zwei Winter lang.«

Und was ist Ihnen das Liebste dort? Ich kenne es nämlich genau.«

»Mir? O, der Moses natürlich und der liebe Gott in der Sixtina und dann die Medicäergräber in Florenz und dann – – und dann, – ich soll Ihnen sagen, was ich in Italien gern habe?«

»Ja.«

»Alles!«

»Mona!« klang es von unten.

»Dürfte ich hier wohl zeichnen?«

»O ja, gewiß, natürlich, ich will meine Mutter fragen.«

»Besten Dank! Und ich werde Gelegenheit nehmen, mich der gnädigen Frau Mutter vorzustellen.«

»Auf Wiedersehen also!« und fort flog die reizende Gestalt. Der Fremde stieg direkt zum Pfarrer hinunter, frug ihn nach den Burgbewohnerinnen aus, bis er ihre ganze Geschichte erfahren und mit wachsendem Interesse den Pfarrer bat, ihn dort einzuführen.

Mona kam langsam und träumerisch auf die Terrasse und starrte vor sich hin.

»Was ist denn, Kind?« frug Leonie.

»Ich dachte eben an Italien.«

»Durch die Lieder?«

»Ja, zuerst durch die Lieder, dann aber bin ich einem Herrn begegnet, ich glaube einem Maler, der sprach davon, – nein, war der erstaunt! Er frug mich, wem die Ruine gehörte, und als ich sagte: Meiner Mutter, da hättest du einmal sein Gesicht sehen sollen. Es war so komisch! Und dann lachte er einmal in d-moll so angenehm. Er war anders als andere Leute.«

»Hast du lange mit ihm gesprochen?«

»O nein, so kurz! Du riefst ja gleich wieder.«

Leonie sah merkwürdig sorgenvoll auf das süße Gesicht.

»Es wäre doch recht unangenehm, wenn jetzt allerhand Reisende unsere Ruhe störten, um in der Ruine umherzustöbern,« sagte sie.

»Wenn es aber nette Leute sind, Mutter?«

»Mit denen man gleich von Italien spricht, nicht wahr?«

Mona lachte. »Dem wollen wir in der Kirche singen, nicht wahr, Mutter?«

»Wenn er uns hören will.«

»Mutter, wer so lacht, der ist musikalisch, das versprech' ich dir!«

Den nächsten Tag brachte der Pfarrer seinen Gast mit, der sich auf unbestimmte Zeit bei ihm einquartiert hatte, um zu malen.

»Graf Burkhard Liegenau,« sagte der Pfarrer und Leonie griff nach einer Stuhllehne, während sie ihn begrüßte. Der Name konnte nur von schwerer Bedeutung für sie sein und ein Blick in ihres Kindes Auge sagte ihr, daß es der Rechte sei.

Eine Brautzeit in Altwehringen und eine Hochzeit in der kleinen Kirche, das ist natürlich ein ganzes Gedicht und es wäre schon eines ohne solch passende Umgebung, wenn in einem Wesen wie Mona die Liebe erwacht.

»Mutter! Er hat mir gesagt, er hat mich lieb! Weißt du noch, wie das ist, Mutter? das ist gerade, als wenn die Sonne auf ein kleines Blatt scheint! Da wächst es zum Baum, Mutter! Weißt du's nicht mehr?«

»Doch, Kind, ich glaube, ich weiß noch!«

»Mutter! Wenn er mich auf einmal nicht mehr lieb hätte, ich würde sterben, Mutter!«

»Ja, wenn man gleich davon sterben könnte!«

»Wie kann man denn dann noch leben? Nein, Mutter, das verstehst du doch nicht, was die Liebe ist.«

»Vielleicht nicht.«

»Und weißt du, was er zu mir gesagt hat?« (flüsternd): »Mein Alles!« Und da hat mein Herz einen großen Sprung gethan, bis in den Mund, und ich habe so gezittert!«

Versprechen Sie mir, daß Sie meinem schönen Kinde immer treu sein werden, hatte Leonie am Hochzeitsmorgen gesagt: »Nicht wahr, Sie werden immer an Ihren Schwur denken? Denn Sie wissen nicht, was es heißt, ein liebendes Herz zu brechen!«

Und dann war Mona so engelschön gewesen unter dem Schleier und der Wagen war fortgefahren, von Blumen bedeckt, und Leonie kehrte in ihr einsames Zimmer zurück. Dort fiel sie vor dem Sessel auf die Kniee, in dem Burkhard immer gesessen.

»Mein Gott!« betete sie; »nun ist meine letzte Aufgabe erfüllt auf Erden! Nun nimm mich fort, ich warte schon so lange!«

Wie eine Antwort war es, als die gesunde, starke Frau zum erstenmal zu Bette blieb und über große Schmerzen im Herzen und in den Gliedern klagte. Bald verschlimmerte sich ihr Zustand so sehr, daß man die jungen Leute zurückkommen ließ. Und Mona durfte den ganzen Tribut der Dankbarkeit in den unsäglich langen und schweren Leidenswochen und Monaten bezahlen, die Leonie als letzte Prüfung auferlegt wurden. Sie litt klaglos wie ein Held und wenn Mona die zärtlichste Tochter war, so wurde Burkhard ihr treuer Sohn. Er trug sie auf seinen Armen umher, er las ihr vor, er teilte sich mit Mona in die Pflege, so daß Leonie oft sagte: dies sei die glücklichste Zeit ihres Lebens. Und doch überstiegen ihre Leiden oft das Maß des Erträglichen. Sie aber blieb sich treu, auch in Körperschmerzen, immer freundlich die anderen vergessen machend, was sie litt. Wie ein Heiligenschein lag ihr weißes Haar um das durchsichtige Antlitz und Worte der Weisheit fielen von ihren Lippen wie köstliche Perlen. Neben ihr erblühte der beiden jungen Menschen Glück, gerade als sei es kein Sterbehaus und sie keine Märtyrerin. Sie wollte sich nur immer fröhlich sehen. Oft lag sie mit der Hand in der ihres Schwiegersohnes und beide lauschten Monas herrlicher Stimme, die an Kraft und Fülle zu wachsen schien.

Es thut mir so leid,« sagte sie einmal, »daß ich euch die Hochzeitsreise verdorben und euch nun an mich feßle, statt euch frei zu geben, euer eigen Nest zu bauen.«

»Liebe Mutter!« antwortete der junge Mann, »wir danken Gott für jede Stunde in deiner Nähe!«

Nächtelang lag sie in unsäglichen Schmerzen, sagte aber kein Wort davon, nur damit man nicht bei ihr wache.

»Nicht wahr, Mutter, mein Kindchen darf Leonie heißen, oder Leo, wenn's ein Bub' ist, und ich bitte Gott alle Tage, daß es deine Löwenseele erbe!«

Mona verstand nicht den eigentümlichen Ausdruck, der über der Mutter Züge glitt; denn sie wußte nichts von der Vergangenheit. Leonies Augen wurden nur größer und größer, als schaue sie in weite Fernen zurück auf ihren langen Leidensweg. Noch einmal zog der alte Schmerz durch ihr Herz, noch einmal erklang ihr das alte Wort: »Kinderlos!« das sie wie ein Gespenst verfolgt hatte, ihr Leben lang; dann aber strich sie über die Brauen und lächelte: »Versprich mir, Kind, daß dir ein großer Kindersegen nie zu groß sein wird, sondern daß du jeden neuen Ankömmling mit gleicher Dankbarkeit und Freude begrüßen wirst, als wenn er der erste wäre.«

Der Pfarrer besuchte sie oft und ging stets getröstet und gestärkt von ihr hinaus.

»Ich habe die Hölle durchwandert,« sagte sie, »aber dafür bin ich jetzt schon im Himmel! Jetzt ist alles klar; ich murrte zuerst, daß ich allein weiter leben sollte; aber nun weiß ich warum; ich sollte dennoch für Burkhard leben in seinem Kinde, und nun erst darf ich gehen! Und ich gehe in lauter Licht einher. Die Dunkelheiten sind zerstreut, der Zweifel, der mich quälte, ist still. Jetzt weiß ich, daß Gott das Opfer meines ganzen Lebens angenommen hat, an dem Frieden, den er mir gewährt. Der Himmel muß doch sehr schön sein, den man sich so mühsam verdient!«

Ein Schmerzanfall machte ihr das Sprechen unmöglich. Aber sie zog eine kleine Schatulle hervor und gab sie dem Pfarrer.

»Zum Verschenken!« stand auf den Papieren und Geldrollen, die sie füllten.

»Toni,« sagte sie, »geh' mit Mona und sorge mir gut für sie und für ihr Kind, und erzähle dem – von Friedlein!«

Toni konnte vor Weinen nicht antworten.

Bei einem wundervollen Sonnenuntergang verklärten sich auf einmal ihre Züge: »Mona«, rief sie, »hörst du nicht? Es klopft! Sieh' schnell, es klopft!«

Mona öffnete.

»Nein, Mutter, da war niemand!«

Noch strahlender wurde Leonies Gesicht! »Es klopft noch einmal! Ja! Ich komme: Burkhard! Friedlein! mein Friedlein! Sie sind alle da, und der Himmel ist offen!«

Und mit dem seligen Lächeln auf den Zügen entschlief sie in den Armen ihrer Kinder, die sie plötzlich mit dem Zauber früher Jugend übergossen sahen, mit dem Glanz von der großen Liebe, die ihr Leben erfüllt hatte. Und an ihrer Leiche erzählte der junge Mann der weinenden Mona ihre ganze Geschichte, die Leonie ihr immer verschwiegen hatte, um keinen Schatten in die junge Seele fallen zu lassen.

Mona wurde alles, was Leonie gehofft hatte, und so glücklich, wie sie es hätte sein können, wenn  – –