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Carmen Sylva – Ein Gebet

Novelle

Carmen Sylva, Ein Gebet, Verlag von Alexander Duncker, Berlin, 1887



Sie saßen zusammen unter der blühenden Hecke, sahen einander mit großen Augen in's Gesicht und nickten eifrig.

»Ja,« sagte der Knabe, »die Großmutter weiß es ganz genau; die sagt, meine Mutter ist eine große Sünderin gewesen, und ich muß mein ganzes Leben beten, damit sie nicht in die Hölle kommt, sondern aus dem Fegefeuer in den Himmel.«

»Das ist auch sehr schön, Raoul, wenn Du Geistlicher wirst; dann halte ich Dir die Kerze und die Mutter macht mir ein weißes Kleid, und im Dom da wird der Chor singen, prachtvoll.«

Des Kindes Augen wurden immer größer. Der Knabe sah nachdenklich vor sich hin.

»Aber dann kann ich Dich nicht heirathen, Editha!«

»O, das thut nichts, dann werde ich Nonne; denn ich will keines Anderen Frau sein.«

»Und ich, ich ziehe zu Dir und führe Dir die Haushaltung!« klang über die Hecke die Stimme eines etwas größeren Mädchens.

»Du, Berthalda? Die Großmutter sagt, Du mußt Nonne werden, so gut wie ich Geistlicher.«

»Ach, was! Das ewige Singen und Beten, das ist nichts für mich! Ich habe gar keine Stimme und meine Kniee wollen sich nicht gern biegen. Ich tauge zur Nonne wie eine Libelle! Ich muß hin- und herschwirren und lustig sein!«

»Aber des Pfarrers Schwester,« meinte Editha und nickte wieder, so daß die blonden Locken vorfielen und ihre Wangen beschatteten, »muß ernst und ehrbar sein!« '

Raoul sah ihr in's Gesicht. »Du bist sehr hübsch, Editha!« und küßte sie.

Berthalda warf die Lippe auf und pflückte die Weißdornblüthen, an denen sie roch. »Pfui, die stinken!« rief sie, rümpfte die Nase und warf sie über die Hecke.

»O,– die armen Blümchen!« sagte Editha, hob sie auf und steckte sie in ihr Mieder. Berthalda lachte; ihre weißen Zähne blitzten aus dem braunen Gesicht und die Augen schienen so schwarz wie Brombeeren, von bläulichem Weiß umgeben. Ihr Haar war kraus und schwarz, während Raoul goldbraune Augen und ebensolches Haar hatte und eine hellere Haut, als seine Schwester. Nur neben Editha sah er dunkel aus. Deren Augen waren lichtblau, mit langen, goldenen Wimpern und feingezogenen Brauen; ihre Locken waren flachsblond und seidenweich. Das Gesichtchen hatte so zarte Haut, daß alle Adern blau durchschimmerten, besonders diejenigen in den Schläfen und das sogenannte Todesäderchen zwischen den Brauen; die Farbe fluthete bei jedem Worte auf und ab, nur die Lippen behielten immer ihr Corallenroth und ihre feuchte Frische. Wenn sie sich öffneten, ging die Oberlippe in reizender Schwingung in die Höhe, zeigte Perlenzähnchen und ließ eine Stimme vernehmen wie eine Silberglocke, während Berthalda in verschleierten, tiefen Tönen sprach und in Raouls Organ die metallische Singstimme durchklang, die allsonntäglich den Dom durchbebte und alle Frauen entzückte.

Berthalda hatte junge Gräser ausgerissen und biß das zarte Grün ab; dann fing sie Ameisen und Maikäfer, riß sie auf und aß gierig das süße Innere.

»Jetzt weiß ich, warum die Bienen Stacheln haben,« sagte Editha.

»Warum?« frug Raoul.

»Weil man sie sonst alle aufessen würde, bevor sie den Honig in die Zellen tragen.«

»Pfui, Berthalda,« sagte Raoul, »wie kannst Du nur so grausam sein! Du weißt, daß die Großmutter es nicht leiden kann!«

»Ach was! Ich darf machen, was ich will; hat die Großmutter mich je gescholten – und geschlagen? o nein! sie weiß, das vertrüge ich nicht! Sie hat mich lieb, sehr lieb sogar; denn sie sagt, ich gleiche ihr, wie sie jung war, ich sähe aus wie eine Französin; wo ist sie doch her, die Großmutter?« »Aus der Provence,« sagte Raoul.

»Ja, aus der Provence, und so soll ich aussehen, darum hat sie mich auch die Lieder gelehrt, die mein Vater sang; Dich kann sie nicht leiden, Raoul, denn Du gleichst der Mutter.«

»Was hat denn Deine Mutter gethan?« frug Editha und machte sehr große Augen.

Raouls Haut färbte sich um einen Ton dunkler: »Ich habe nie gefragt,« sagte er.

Editha wurde roth, so daß ihr die Augen übergingen.

»Ich weiß es,« sagte Berthalda, »aber ich sag's nicht.«

»Und Du willst doch keine Nonne werden?« frug Editha.

»Ich werde, was ich will; wofür giebt es denn ein Fegefeuer, wenn man für seine Eltern büßen muß sein ganzes Leben?«

»Du bist gottlos, Berthalda komm', Editha, wir wollen nach Hause gehen.«

Sie gingen Hand in Hand über das spitzige Pflaster der hochgiebeligen kleinen Stadt mit den reich verzierten Fensterbrüstungen und Treppengeländern; sie trugen schön gefältelte Halskrausen und lange Kleider, und das schwarze Barett stand Raoul gut im braunen Haar. Der schwermüthige Zug in seinem Gesicht machte oft den Vorübergehenden den Kopf nach ihm wenden. Sie gingen alle Drei so ruhig und gemessen einher, wie große Leute, weil sie von großen Gedanken bewegt waren.

Raoul sah sich schon als Geistlicher, Editha fühlte sich fast wie eine junge Nonne und Berthalda sah sich in einer Sänfte, von eignen Dienern getragen, in einem Gewande von Goldbrocat, reicher Halskette und Ringen an allen Fingern. Sie sprachen auch nichts mehr, so eifrig war ihre Phantasie beschäftigt.

Sie begegneten der Großmutter an der Steintreppe vor ihrem Hause, vom Kirchgange heim- kehrend, in schwerem Tuchkleide, goldner Haube, mit dem Gebetbuch in der Hand, das von Gold und eingelegten Edelsteinen glitzerte, wie ihre prachtvolle Halskette. Sie hatte dieselben schwarzen lebhaften Augen wie Berthalda und eine gebogene Nase. Ihre Zähne waren gesund, wenn auch etwas gelblich, ihr Gang aufrecht und fest, ihre Gestalt groß und hager. Alle Leute fürchteten sich vor ihr, mit Ausnahme von Berthalda, die von ihr über die Gebühr verwöhnt wurde, während Raoul sich selten eines freundlichen Wortes, nie einer Zärtlichkeit erfreute.

»Komm' mit herein, Editha,« sagte sie, »Du mußt Raoul Lebewohl sagen, er muß fort in's Kloster, zur Schule und wird nun selten mehr nach Hause kommen.«

Editha's Augen füllten sich mit Thränen, die sie aber, mit abgewendetem Kopfe, zerdrückte, damit ihres Freundes gestrenge und gefürchtete Großmutter sie nicht gewahre.

Raoul war wohl traurig, zu scheiden; doch schwoll ihm das Herz vor Stolz bei dem Gedanken, zu welch' hoher Würde er gelangen sollte.

Wie schmerzte es ihn daher, als die Großmutter ihn in die Schule brachte und in seiner Gegen- wart sagte: -

»Ich bitte, bei diesem Knaben die äußerste Strenge walten zu lassen, da man eine Neigung zu allem Schlechten bei ihm voraussetzen muß – von der Mutter her!« setzte sie leiser hinzu; aber Raoul hatte es doch gehört und konnte lange den Groll nicht überwinden, den diese Worte in ihm zurückgelassen. Die geistlichen Herren nahmen ihn sofort in die Zucht; sehr bald aber ließ ihre Strenge nach; denn er war einer der besten Schüler und blieb es auch.

Sie legten ihm sogar allerhand Versuchungen in den Weg, um ihn auf die Probe zu stellen; er aber blieb standhaft und erstaunte seine Lehrer durch seine große Festigkeit.

Als er zum ersten Male in den Ferien heimkam, verkehrten er und Editha ganz steif und verlegen miteinander; das verlor sich aber sehr bald und sie wanderten wieder durch Wald und Feld, wie in der schönen Kinderzeit. Ja, die Ferien hatten bald einen wunderbaren Zauber für sie, und monatelang schon freuten sie sich darauf. Nun kam aber eine längere Trennung, da Raoul sich auf die ersten Weihen vorbereiten sollte. Viele Stunden wandelte er in den Kreuzgängen umher, mit dem Buche in der Hand, während die Sonne über die Mauern herein, nach und nach alle Seiten des Klostergärtchens beschien, so daß der Buchs duftete, und helle Reflexlichter das Gesicht des jungen Mannes streiften, der in tiefer, friedlicher Andacht sich vorbereitete, ein Himmelsdiener zu werden.

Berthalda entwickelte sich unterdessen nicht so harmonisch: ihre übermüthige Laune hatte lange Zeit der Großmutter so großen Spaß gemacht, daß sie gar nicht daran dachte, sie zu zügeln. War es ihr doch ziemlich gleichgültig, wen ihrer Enkelin scharfe Zunge verletzte; die Leute verdienten es reichlich. Berthalda war ja doch die Gescheidteste; natürlich mußte sie Neider haben, und es war besser, wenn diese Neider sie fürchteten als wenn sie sie mißhandelt hätten. Sie entwickelte sich auch zu eigenthümlicher Schönheit, an der die Großmutter desto mehr sich freute, je südlicher und warmtöniger diese Schönheit war.

»Wenn meine Enkelin einmal lieben wird, so wird es mit heißer Gluth sein!« sagte die Alte und schmunzelte.

Editha hatte viel von ihrer Freundin zu leiden, blieb aber immer sanft und geduldig; was hätte sie nicht ertragen von Raouls Schwester! – Sie wurde öfter von ihrer Mutter hingeschickt, als ihr lieb war, besonders seit eines großen, reichen Kaufherrn Sohn, Tassilo genannt, in die Stadt eingeritten war, wie es hieß, um sich bei einem andern Kaufherrn umzusehen, in Wahrheit aber, um sich eine schöne, reiche Frau zu holen. Berthalda war ihm als Diejenige bezeichnet, in die er sich zu verlieben habe, was er auch nicht für ein gar so schweres Geschäft hielt, nachdem er ihre schwarzen Augen gesehen. Berthalda lachte über seine blonden Haare, seinen feinen Schnurrbart, seine blauen Augen, sowie über die glatten, knappen Seidenstrümpfe und die vielen prächtigen Anzüge, versteckte sich aber doch jedesmal hinter die Butzenscheiben, wenn er vorbeiritt, und wurde roth, wenn sie ihm begegnete.

»Mein Töchterchen ist auch nicht häßlich!« dachte Editha's Mutter, kleidete sie sorgfältig in hellgraue Wolle, mit schwarzer Sammettasche an feinen Ketten, durch die das Kleid heraufgezogen war und ein blaues Unterkleid sehen ließ. Das Mieder lag knapp um den zarten Busen, ebenso knapp die Aermel, deren Spitze die Hände theilweise bedeckte und die sich in den Ellenbogen bauschten. Vom Mieder bis zum schneeweißen Hals legte sich ein Hemdchen in sehr feine Falten und schloß unter dem Kinn mit einer zierlichen Krause.

Die Mutter hatte das Alles selbst verfertigt und betrachtete wohlgefällig ihr schönes Kind mit der wallenden Lockenfluth, die sie, trotz der Widerrede der Nachbarinnen, nicht in Zöpfe gebannt hatte.

Editha hatte keine Ahnung von ihrer Mutter heimlichen Wünschen und trat heiter und unbefangen bei Berthalda ein. Sie wurde aber verlegen, als der vielbesprochene, schöne Tassilo, den man schon in der ganzen Stadt mit der »Teufelsdirn« verlobte, sie aufmerksam betrachtete und sich oft im Laufe des Nachmittags an sie wandte. Berthalda begann dann jedesmal, die Lauge ihres Witzes über ihn auszugießen, zog aber dabei oft den Kürzeren, denn er parirte gewandt, und so entstanden ganz anmuthige Scherzreden, wie ein leichtes Reitergeplänkel, bei dem nur hie und da ein Stich verwundend traf. Editha hörte einmal, wie er Berthalda frag: »Wer ist denn Eure liebwerthe Freundin?« und Berthalda antwortete: »Sie ist ein armes Mädchen; ihre Mutter ist Wittib und weiß sich kaum durchzubringen; da lassen wir die Kleine oft bei uns essen; sie will jetzt bald Nonne werden.« »Armes Kind!« sagte Tassilo und sah theilnehmend nach ihr hin. Editha fühlte den Blick, obgleich sie ihnen den Rücken drehte; denn sie stand vor Berthalda's Großmutter, ihr das Garn zum Wickeln zu halten; das war aber so verwirrt, daß die alte Frau mit hochrothem Kopfe daran zauste und weder das Gespräch hörte, noch Editha ansah, die wie mit Blut übergossen und Thränen in den Augen dastand; sie wagte die Augen nicht zu bewegen, damit die langen Wimpern die abscheulichen Verräther festhalten könnten. Sobald es möglich war, nahm sie Abschied und erzählte ihrer Mutter weinend die bösen Worte. »Nicht wahr, Mutter, Ihr laßt mich nicht mehr hin?« Dieser Ansicht war aber die Mutter durchaus nicht, sondern meinte, es sei gut für den Menschen, Demüthigungen geduldig zu ertragen und nichts davon merken zu lassen.

Berthalda stand unterdessen vor ihrem Spiegel und schlug sich in's Gesicht: »Nicht wahr, eine schwarze Hexe bin ich? nicht wahr, meine Zunge ist scharf und schneidig, wie ein Schwert? und Editha ist schön und weiß und sanft, wie ein Lamm, und so dumm, daß es eine Freude ist, das arme Kind! Das arme Kind, das Nonne werden will und doch schön geputzt wird, gerade in einer Farbe, die ich nicht tragen kann. Ich mit meinem ewigen Roth und die dummen Haare – sie riß daran – so schwarz und wild, wie Roßhaar, und sie mit den schönen Locken. Ich hätte auch Locken haben können, ganz krause; nein, die Großmutter muß sie zöpfen, damit man recht sieht, wie borstig sie sind!« Wieder fuhr der Kamm knisternd und krachend hindurch.

»Und Editha sagt immer Ja, wenn ich Nein sage; morgen sage ich auch nur immer Ja.«

Aber wenn Berthalda Ja sagte, klang es wie Nein und reizte Tassilo zu allerhand Neckereien, auf die sie dann desto schärfer antwortete, als ihrem heiß und zornig aufwallenden Blute das Witzigsein verloren ging und sie dem kühlen Gegner oftmals unterlag. Er sprach viel mit ihr und nur selten mit Editha; wenn er sich aber zu dieser wandte, änderte sich sein Ton und sein Wesen, zu Editha's unbeschreiblichem Unbehagen, die nachher von Berthalda mißhandelt wurde, in der verzehrenden Eifersucht, die sie blind und taub und lieblos machte.

Raoul hatte die niederen Weihen empfangen und sollte, während eines Aufenthaltes bei den Seinigen, noch einmal sein Herz prüfen, bevor er das bindende Wort sprach, mit welchem er der Welt für immer entsagte. Er sollte im Kloster zum Diakon geweiht werden und nach einem Jahre im Dom, in seiner Vaterstadt die Priesterweihe empfangen.

Editha trat heute erwartungsvoll bei der Freundin ein, ahnte sie doch, daß Raoul gekommen sei und war ihr Herz von heiliger Scheu bewegt, wenn sie dachte, wie bald ihr Jugendgespiele ein Gottesmann sein würde. Sie fand Tassilo bei Berthalda und hörte ihn darüber scherzen, wie großen Respect sie von nun an vor ihrem Bruder haben müsse.

Editha stand verletzt von Roth übergossen, als Raoul lächelnd auf sie zukam und ihr die Hand reichte. Sie sahen sich in die Augen und waren Beide still. Raoul wurde sehr blaß, Editha's Hand zitterte in der seinen. Tassilo drehte am Schnurrbart und sah Beide abwechselnd an; er runzelte sogar ein ganz klein wenig die Stirn. Berthalda zeigte ihre glänzende Zahnreihe. »Nun,« sagte sie, »erkennst Du ihn nicht mehr Editha?«

»Ich? o doch!« Editha sah ihn noch immer an.

»Oder fürchtest Du Dich vor ihm?«

»Nein, gar nicht – ich beneide ihn!« sagte sie leise und senkte den Kopf.

»Ihr würdet wohl auch gerne Pfarrer?« frug Tassilo, aber er lächelte nicht.

»So etwas Aehnliches,« war die Antwort.

»Ich habe Euch ja schon gesagt,« rief Berthalda, mit höherer und lauterer Stimme als gewöhnlich: »Sie will Nonne werden und darf nicht, und ich soll Nonne werden und will nicht!« Tassilo lächelte jetzt:

»Das glaube ich!« sagte er.

»Warum?« frug Berthalda rasch.

»Nun, im Kloster dürftet Ihr es nicht lange aushalten.«

»Wer weiß? ich hätte Willen genug mich ein- zusperren und nie wieder ein Wort zu reden.«

»Gott bewahre Dich davor!« sagte Raoul ernst.

»Hast Du den bittern Kern schon jetzt gefunden, Raoul?«

»Nein,« sagte er, »ich gehöre meinem Beruf so lange ich lebe und werde ihm gehören bis zum Tode – sein Blick ruhte auf Editha – und sollte es mich auch das Herzblut kosten; aber Du? Du hast keinen Beruf dazu, Du kannst der Welt nicht entsagen.«

»Wer weiß, ob sie Dich nicht so erfaßt, daß Du noch in der letzten Stunde Dich von dem Berufe abwendest, bevor Du Dein Herzblut vergossen.«

»Nein,« sagte Raoul, »nur der Tod könnte mich verhindern, meinen Schwur zu brechen.«

Er sah immerfort Editha an, die in rührender Schönheit dastand, mit einem madonnenhaften Zuge um die halb geöffneten Lippen, durch die ein leises Beben zog, das sich über Hals und Busen fortsetzte, bis zu den Händen, die gefaltet herabhingen; es war wie ein Frühlingswind im Laube. Tassilo sah es und seine Brust hob sich schneller. Berthalda sah sie an und dann Tassilo, und ihre Lippen zogen sich zurück, so daß die Zähne glänzten; aus ihren Augen sprühten Blitze auf Editha.

In diesem Augenblicke trat die Großmutter ein; ihre scharfen Augen überflogen rasch die Gruppe und ruhten drohend auf Editha's Gesicht: »Ver- zeih', liebes Kind,« sagte sie, »daß ich Dich für heute nicht mehr behalten kann, ich muß mit Berthalda einen wichtigen Gang thun.«

Editha blickte erschrocken in ihre zornigen Augen und entfernte sich rasch. –

Die Großmutter konnte die jugendlichen Zusammenkünfte und Spaziergänge aber doch nicht ganz verhindern, sah sie es doch wiederum gern, daß dabei Tassilo sich fast immer zu Berthalda hielt und eifrig mit ihr sprach. Ueber Raoul hatte sie sich auch beruhigt, da er fest erklärte, er bliebe bei seinem Entschluß, und Editha's Gefühle waren ihr insofern lieb, als sie die einzige Rivalin ihrer Enkelin in's Kloster treiben würden und auf ewig von Tassilo entfernen.

Der Tag des Abschieds war gekommen, die Großmutter und Berthalda sollten in wenig Wochen folgen, um Raoul's Weihe beizuwohnen; er sagte ihnen ruhig Lebewohl. Dann ging er zu Editha.

»Kind,« sagte er, »Du warst das einzig Helle und Schöne in meinem Leben, das Einzige, das mich an die Welt fesseln könnte, wenn ich mich fesseln lassen dürfte; aber mein heiliger Beruf ist größer als Alles. Bleibe Du rein und gut, damit ich immer an Dich denken darf, wie an eine Heilige! Du warst mein einziger Freund, Editha!«

Sie war so bewegt, daß sie nur immer seine Hand drücken konnte, die sie zwischen den beiden ihrigen hielt. »Ich freue mich für Dich!« sagte sie endlich im Flüsterton, »und ich will für Dich beten, alle Tage, auch dann, wenn ich Nonne werde! Denn ich liebe Dich als wärest Du mein eigener Bruder!«

Er ging rasch hinaus und sie folgte ihm auf die Treppe; sie mußte sich an das Geländer lehnen, aber sie lächelte ihm zu. Er ging einige Schritte und sah sich nach ihr um; da stand sie noch und that, als müsse sie die Augen vor der Helle schützen, aber es geschah, um die aufquellenden Thränen vor dem Freunde zu verbergen. Sie lächelte noch immer und ihre blonden Locken zitterten leise, als bewegte sie jeder ihrer Athemzüge. Raoul schritt die Gasse hinab; nun hatte ein vor- springendes Haus ihn verborgen; er aber kreuzte hinüber und sah sich wieder um. Da stand sie noch, unbeweglich, so schlank, im dunkeln Mieder, die Hand über die Augen. Raoul hätte fast die Arme nach ihr ausgestreckt; er besann sich aber, preßte die Faust auf die Lippen und eilte fort.

Editha wendete sich langsam und ging, als berührte sie den Boden nicht, in's Zimmer zurück. Ihre Mutter saß in einem hochlehnigen Stuhle auf dem Tritt am Fenster und spann; sie hatte hinausgesehen, jetzt aber hob sie nicht den Kopf von dem feinen Faden, der ihr durch die Finger lief. Editha ging an's andere Fenster; da stand ein mächtiger Stickrahmen, mit einem Kirchengewande, das sie für Raoul machte. Sie begann zu arbeiten; die Nadel entglitt aber fortwährend ihren Fingern und die Hände waren feucht. Sie nahm das Tuch aus der Seitentasche und begann die Hände zu reiben. Ein-, zweimal drückte sie das Tuch verstohlen vor die Augen und sah dann ängstlich, ob es nicht bemerkt worden. Die Mutter aber spann. Bald flog auch Editha's Nadel hin und her und die beiden Frauen arbeiteten schweigend mehrere Stunden. Die Mutter war eine kluge Frau und gönnte ihrer Tochter eine kleine Frist, in der sie nicht von der Arbeit fortzubringen war. Tassilo ließ sich auch nicht sehen, in dem richtigen Gefühl, daß er nicht zu früh sich zeigen dürfe, und Berthalda triumphirte im Besitze des Geliebten, war auch wenig erbaut von der Aussicht, sich für mehrere Tage zu entfernen. Sie hätte am liebsten die Großmutter allein zur Weihe gehen lassen, sagte sich aber, daß sie dann unmöglich Tassilo allein empfangen könne, da er sich immer noch nicht erklärte.

Sie war einmal bei Editha, kniff sie in die Wange, fand sie blaß und lief eilends wieder fort.

Raoul kniete in seiner Zelle und schrie zum Himmel um Kraft, den Satan zu bekämpfen. Er war doch so stark gewesen, so lange er Editha gesehen; wo war sein Heldenmuth geblieben? Nächte lang stand er mit bloßen Füßen auf den Steinen; fastete; machte sich eine Geißel aus Lederriemen und zerschnitt damit seinen Körper. Er kniete stundenlang und glaubte zu beten; wenn er sich aber besann, so schwebten blonde Locken und ein rosiges Gesichtchen zwischen ihm und dem Crucifix, das er unverwandt angestarrt. Die Jungfrau Maria sah für ihn aus wie Editha, die seligen Engel hatten Editha's Lippen, die heiligen Märtyrerinnen Editha's Augen. Dann sank er entkräftet auf sein hartes Lager und blieb stundenlang wie betäubt liegen, um wieder aufzufahren und sich von Neuem zu mißhandeln. Plötzlich erschien ihm sein Beruf entsetzlich, eine Grausamkeit, ein Verhängniß, eine Unnatur, und dann verdammte er sich wieder wegen solch' sündhaften Denkens.

»Ist das der Fluch von meiner Mutter Schuld,« frug er sich, »daß ich dem Fleisch erliegen muß? Bin ich unwerth des hohen Berufs, der meiner harrt?« Bald fieberte er so, daß er zu verbrennen meinte, bald klapperten ihm die Zähne vor Kälte. »Keiner unsrer jungen Leute nimmt es ernster!« sagten die geistlichen Herren. Sie erlaubten ihm, so viele Stunden er wollte, in der Kirche zu bleiben; ihre Gesänge schienen ihn zu entzücken und zu beruhigen; aber immer schwebte Editha's Silberstimme über den Gesängen der Mönche. Endlich ward er Herr über sich; er fühlte wieder die ganze glühende Liebe zu seinem Beruf, der als Gottesbegnadigung seiner harrte. Ihm war es, als sei er gestorben und begraben worden und schwebe nun als abgeschiedener Geist hoch über der Erde und ihrer Qual. Sein Gesicht war ganz durchsichtig und leuchtete in höchster Verklärung; ihm erschienen auch seine Kämpfe nicht mehr als schwere Sünde, sondern als das größte Opfer, das er Gott gebracht, das Einzige, das er bringen konnte, da es das Einzige war, was sein Herz besessen. Er feierte selige Stunden in seiner Zelle; alle die furchtbaren Leiden schienen ihn wie heilige Gebete zu umschweben, er war nicht mehr Raoul, er war der Diener Gottes, dem er in ewiger Reinheit und Heiligkeit gehören wollte.

Berthalda hatte von Editha Abschied genommen und ihr den Tag und die Stunde angegeben, in welcher Raouls Weihe stattfinden würde.

»Wie glückselig wird er sein!« antwortete Editha und begegnete mit sanftem Lächeln den fragenden Augen ihrer Freundin.

»Thut Dir's nicht leid!« frug Berthalda.

»Mir? dann hatte ich ihn ja gar nicht lieb, wenn es mir leid thäte!«

Berthalda erzählte Tassilo diese Worte und setzte hinzu:

»So verstehe ich die Liebe nicht.«

»Nicht?« sagte Tassilo; »es ist eben eine andere Art von Liebe.«

»Als welche?«

»Als die meisten.«

»So blonde Leute sind überhaupt kalt.«

»So, meint Ihr?«

»Ja, ich meine,« sagte Berthalda bestimmt und sah ihm gerade in's Gesicht.

»Vielleicht sind die schwarzen zu heiß?«

»Wahrscheinlich ist Feuer dem Eise zu heiß,« sagte sie und ging hinaus. –

Es war der Augenblick der Weihe, das wußte Editha; sie kniete im Dom und ehe sie sich's versah, fiel eine Thräne auf ihr Gebetbuch, dann noch eine und noch eine, und dann war es eine Thränenfluth, die ihr aus den Augen strömte. Und je mehr die Orgel klang und je schöner die Gesänge waren, um so mehr mußte sie weinen. Als sie merkte, daß die Messe zu Ende war und daß sie allein zurückgeblieben, erhob sie sich und sah nach dem Altar, an dem die Lichter gelöscht waren; da hörte sie eine Bewegung ganz in ihrer Nähe und wie sie sich umsah, stand Tassilo, mit verschränkten Armen, an eine Säule gelehnt und sah sie an.

»O, es ist kein Kummer!« sagte sie halblaut und streckte die Hände gegen ihn aus, indem sie erröthend lächelte. »Ich bin so glücklich für ihn! Jetzt ist er ein heiliger Mensch und kann nur Gutes thun sein lebenlang! Er ist gewiß so selig und froh, wie er noch nie gewesen ist! Ich habe nur vor Freude geweint.«

»Ganz gewiß!« sagte Tassilo; »ich habe diese Thränen auch für heilige Freudenthränen gehalten, für nichts Anderes, glaubt mir, Editha!«

»Er war immer gut und fromm und hatte keine Fehler und Schwächen wie andere Menschen. Ich habe ihn nie etwas Unrechtes thun sehen, und wenn er da war, dann war es, als verklärte sich Alles um ihn her. Nie hat er mich geneckt, wie die bösen Buben, und hat mich immer gegen Alle vertheidigt; o, Ihr glaubt nicht, wie gut er ist!«

Tassilo seufzte: »Wer doch sonst noch so gut sein könnte – in Euren Augen!« setzte er leiser hinzu.

Editha's Mutter kam, sie zu suchen, da sie sie vergebens erwartet, und Tassilo ging mit ihnen nach Hause. Einige Zeit war verstrichen, bevor Editha den Muth hatte, anzufragen, ob Berthalda zurückgekehrt sei. Endlich entschloß sie sich dennoch, und als sie im Hause eintrat, hörte sie rasche Schritte hinter sich und gleich darauf war Tassilo auch da.

»Wie Du blaß bist, Editha!« rief Berthalda. »Schade, daß Du nicht mit uns warst; es hätte Dir gewiß große Freude gemacht, die heilige Handlung zu sehen; mir war es ganz schauerlich!«

»Schauerlich?« frug Editha und sah die Freundin aus großen traurigen Augen an.

»Wenn Du ihn nur gesehen hättest! Er war so bleich, so bleich wie der heilige Sebastian im Dom, wie er am Pfahl steht. Er muß sich schrecklich kasteit haben! Die heiligen Väter sagten auch, er würde viel eher die Priesterweihe bekommen, weil er von Anfang an so besonders brav gewesen ist.«

Editha sah Tassilo an: »Aber er sah doch freudig aus?« frug sie mit fliegendem Athem.

»O ja, gerade so freudig, wie der heilige Stephanus, wie sie ihn steinigen, der sieht da auch den Himmel offen und die Engel darin, wie sie die Harfe spielen.«

»Und Blumen waren am Altar?«

»Ja, ich glaube; aber Raoul war ganz weiß angezogen, als hätte er ein Todtenhemd an; das war mit einem Strick umgürtet, und auf dem Kopf hatte er ein weißes Tuch, so siehst Du; in der rechten Hand hielt er eine Kelle.«

»Eine Kelle?« frug Tassilo.

»Ja, das soll die Arbeit bedeuten, und in der Linken eine Kerze. Und die Kerze beleuchtete sein Gesicht; es war grade, als ob das Licht durch sein verklärtes, körperloses Gesicht schiene, so durchsichtig war es.«

Editha seufzte, wie ein kurzes Schluchzen.

»Nun aber,« fuhr Berthalda fort, »fing der Bischof zu reden an und sagte ihm, er solle sich ernsthaft prüfen, ob er die Kraft habe, die schwere Last auf sich zu nehmen; noch sei er frei, zu wählen; aber von dieser Stunde an sei er für die Welt gestorben, für die Seinigen, für sich selber; er gehöre nur Gott allein; wenn er die Kraft fühle, solle er einen Schritt vorwärts thun.« Berthalda hielt inne und sah Editha lauernd an.

»Und?« sagte Editha.

»Und da hob er die Augen zum Himmel und that einen Schritt vorwärts; dann fiel er mit dem Gesicht auf die Erde, wie todt, und blieb so liegen. Und der Bischof und alle Geistlichen und die Gemeinde knieten, und ich sage Dir, es war so still in der Kirche, daß die Leute mich weinen hörten!«

»Und dann?« frug Editha, indem ihr langsam die Thränen über die Wangen rannen.

»Dann machte der Bischof das Kreuz über ihm und sagte der Gemeinde, für ihn zu beten, der sich opferte für Gottes Ehre. Dann erhob Raoul sich langsam und durfte den Kelch berühren, und zuletzt kniete er wieder vor dem Bischof, der eine Hand auf seinen Kopf legte und ihm sagte, er solle durch den heiligen Geist dem Teufel wider- stehen und seinen Versuchungen. Es war sehr schön, Editha, das kannst Du glauben, und hernach war er beinahe fremd mit uns, als gehörte er nicht mehr zu uns. Was weinst Du denn so, Editha?«

»Ich? ich weine ja gar nicht.«

»Was ist denn das?« sagte Berthalda und zeigte die Tropfen auf ihrem Kleide.

»Es ist Thau!« sagte Tassilo ernst und that als bemerke er den bösen Blick nicht, den ihm Berthalda zuwarf.

Raoul war in der Stadt, das wußte Editha; er wohnte bei einem alten Geistlichen und that eifrig Dienst, bis zur Stunde, da er die Priesterweihe empfangen sollte. Er vermied es ängstlich, Editha zu begegnen, und geschah es einmal, so grüßte er flüchtig und ging vorüber. Das machte ihr unsägliche Schmerzen; sie hatte doch nicht gedacht, daß er ihr so ganz fremd werden müsse, doch wartete sie Tag für Tag darauf, ihn zu sehen, und weinte jeden Abend heiße Thränen in ihr kleines, weißes Kissen. Die Welt schien ihr auf einmal so leer und kalt, als wäre das Leben darin erloschen, und sie begann von Neuem ihre Mutter zu bestürmen, sie in's Kloster gehen zu lassen. Die Mutter aber sagte ihr, sie sei eine lieblose Tochter; ob sie glaube, gottgefällig zu sein, indem sie ihre arme Mutter ganz allein lasse?

Sie wurde immer weniger solchen Wünschen zugänglich, je mehr sie sah, daß Tassilo sich immer mehr zu Editha hingezogen fühlte. Er begann viel öfter zu kommen und setzte sich dann meistens zur Mutter, mit der er eifrig sprach, ihre Katze streichelnd.

Es fehlten noch wenige Tage bis zu Raoul's Weihe, da rief die Mutter Editha zu sich heran:

»Kind,« sagte sie, »Du kannst mich sehr, sehr glücklich machen und Dich auch, hoffe ich.«

»Ja, Mutter?« Die Augenlider waren schwer und müde, die sich dabei erhoben.

»Wenn Du eine brave, geliebte und reiche Ehefrau würdest, so wären wir aus aller Noth und ich könnte ein heiteres Alter erleben und Enkel auf meinem Schooße wiegen.«

Editha fiel neben ihr auf die Kniee und ließ den Kopf in die Hände sinken. »O, Mutter! Mutter! kann ich Dir denn kein anderes Opfer bringen? O, bitte, erspare mir dieses!«

»Aber Du bekommst einen vortrefflichen Mann, der Dich sehr lieb hat.«

»Aber ich habe Keinen lieb! Ich bin gar nicht für die Ehe geschaffen! O, Mutter, wie kann ich Einen glücklich machen?«

»Das laß seine Sorge sein; er denkt, daß es Glück genug ist, Dich zu besitzen.«

»Aber ich fürchte mich!«

»Das vergeht, wenn man sich eingewöhnt.«

»Ach, habe doch Mitleid mit mir, Mutter!«

»Habe Du Mitleid mit mir, Editha!«

Das junge Mädchen rang die Hände und  sprach unter Thränen:

»Mein ganzes Leben habe ich mich nach des Klosters Frieden gesehnt und in der letzten Zeit so sehr, so sehr!«

»Die Mädchen wissen nicht, was gut für sie ist.«

»Ach! wenn Du mein ganzes sündhaftes Herz kenntest!«

»Dann würde ich sagen, daß Du nicht werth bist, eine Himmelsbraut zu sein.«

Editha schluchzte.

»Ich war Dir doch immer eine gehorsame Tochter; nur dies eine Mal verlange keinen Gehorsam von mir!«

»Gerade diesmal fordere ich ihn.«

»Ich kann nicht! – ich kann nicht!«

»Sei nicht thöricht, Editha; ich verlange nur, mir zu erlauben, für Dein Glück zu sorgen, und Du wehrst Dich, als wäre es Dein Tod!«

»Es wird mein Tod sein, Mutter!«

»Schweig' jetzt, Du weißt nicht, was Du redest. Vergiß nicht, daß Du eine lieblose, pflichtvergessene Tochter bist, wenn Du den Mann nicht nimmst, den ich für Dich gewählt, und daß Du mich einem elenden, einsamen, trostlosen Alter preisgiebst! Geh' jetzt!«

Editha wollte noch etwas sagen; die Mutter aber hob verwehrend die Hand und wies sie hinaus. –

Der Dom war gedrängt voll von Menschen, die Sonne fiel durch die bunten Scheiben und die weichen Orgelklänge verloren sich in der dämmernden Höhe. Wie feierlich klang des Bischofs Stimme, als er frug, ob Raoul würdig sei, die Weihe zu empfangen. Wie schön sah es aus, als der alte Mann ihm die Hände auf den Kopf legte und ein breiter Sonnenstrahl ihn und Raoul beleuchtete! Nun ward er angekleidet, nun wurden seine Finger mit heiligem Oel geweiht, auf daß Alles, was er berühre, geheiligt sei. Und nun durfte er die Messe feiern. Als er sich wandte, den Kelch zu heben, sah er in der ganzen großen Menge nur Editha, deren Augen an ihm hingen. In dem Moment, da ihre Blicke sich begegneten, wankte das junge Mädchen und fiel ohnmächtig auf die Steine. Raoul's Stirn verfinsterte sich und das Gesicht, das er dem Altare wieder zukehrte, war so von Schmerz zerrissen, wie eines Märtyrers Antlitz. Tassilo hatte geholfen, die Bewußtlose aufzuheben, war aber nicht gefolgt, als man sie aus der Kirche trug; denn Berthalda's Augen ruhten auf ihm.

Tassilo hatte seinem Vater geschrieben, er fühle keine besondere Neigung für Berthalda, habe aber ein Mädchen gefunden, das ihm weit mehr zusage, das aber arm sei. Er erhielt die Antwort, die Liebe könne in der Ehe kommen; es sei durchaus wünschenswerth, die reiche Erbin zu heirathen, und man habe sich bereits sehr gewundert, noch keine Nachricht erhalten zu haben. Tassilo seufzte. Er gedachte des Betragens von Berthalda bei jeder Gelegenheit, und in letzter Zeit war sie so launenhaft, daß es Niemand mit ihr aushalten konnte. Die Großmutter wurde sogar ungeduldig gegen sie und bekam dann so ungezogene Antworten, daß sie still wurde, um ihre Würde zu retten.

»Du bist unklug, liebes Kind,« sagte sie, »so gewinnt man keines Mannes Herz; hüte Deine Zunge; ich erkenne in Dir Regungen von Deiner Mutter her, die mir oft ähnlich antwortete, wenn mein Rath sie vom Abgrund zurückhalten wollte, in den sie sich und meinen Sohn hinabstürzte.«

»Die scharfe Zunge, die habe ich eher von Dir, Großmutter.«

»Mit dem Unterschiede, daß Du nie gelernt, hast, sie zu zügeln.«

»Das hat mich Niemand gelehrt.«

»Weil Du überhaupt unbezähmbar bist.«

»Ich wäre wohl zu zähmen gewesen, wenn Du nicht immer mich lieb und gut und reizend gefunden hättest, bis ich so geworden bin, wie ich bin, bis ich die Leute abstieß und erschreckte, bis ich so unglücklich geworden bin, wie nie ein anderer Mensch vor mir!«

»Schweig'!« schrie die Großmutter.

»Nein, ich schweige nicht; ich will reden. Wenn ich ungezogen war, hast Du gesagt: Sie ist reizend, wenn mich kein andrer Mensch ertragen konnte. Du hast mich immer gereizt, noch mehr zu sagen, Du hast mich gelehrt, die Leute auszulachen, Du hast mich geküßt, wenn ich die Ruthe verdiente und hast Raoul gestraft, wenn ich schuldig war. Und jetzt ist das Gute in mir getödtet und ich kenne nur meine eigene, heiße Leidenschaft, die ich nicht bezwingen kann, und wenn mein Leben und mein Glück auf dem Spiele stände. Du hättest mich schlagen sollen, Großmutter!«

»Das kann noch heut geschehen!« sagte die alte Frau mit sprühendem Blick und bebenden Lippen, holte weit aus und gab ihrer Enkelin eine Ohrfeige, so daß diese Funken vor den Augen sah und die vier Finger als weiße Striemen auf der Wange standen. Berthalda stand einen Augenblick wie versteinert; dann stürzte sie aus dem Zimmer, schlug die Thüre zu, verschloß sich in ihre Kammer, schlug den Kopf an die Wand, stach sich mit einer Scheere tiefe Wunden in den Arm und dachte daran, sich zu tödten. Da fiel ihr aber ein, daß dann Tassilo sicher Editha heirathen werde, und das durfte nicht geschehen! Er kam noch an demselben Nachmittage, war aber sehr still und sah traurig aus. Berthalda gab sich undenkliche Mühe, liebenswürdig und heiter zu sein und ihn zu Scherzreden zu bewegen oder zu Erzählungen; sie wollte nur ein Lächeln von ihm sehen, aber umsonst; er lächelte nicht, gab kurze, zerstreute Antworten und ihre Liebenswürdigkeit schien ihm zur Last zu sein. Raoul kam an dem Tage auch, zum ersten Mal seit langer Zeit. Auch er war ernst und sah sehr leidend aus; er sagte, er hätte sich etwas überangestrengt. Er saß müde im Sessel und seine Hände lagen durchsichtig auf den Armlehnen. Es war eine unbehagliche Schwüle im Zimmer, die nicht vermindert wurde, als die Großmutter eintrat und Berthalda in kaltem Tone einige Befehle gab. Berthalda gehorchte ohne Widerrede, so daß Tassilo sie ganz verwundert ansah. Raoul war sehr beliebt in der Stadt; er war so mitleidig und verstand so gut Leidende zu trösten. Die Schwermuth seines Wesens machte ihn immer anziehender. Doch hielt er sich nirgends lange auf und ging seines Weges, sobald er nicht dringend nöthig war. Zur Großmutter ging er so selten wie möglich, aus Furcht Editha dort zu begegnen. Sie aber kam nur hin, wenn sie dazu gezwungen wurde, da Berthalda und ihre Großmutter gleich unfreundlich gegen sie waren. Heute aber trat sie dort ein und erröthete tief, als sie sah, wer hier versammelt war. Fast wäre sie an der Schwelle umgekehrt, die Großmutter aber war froh, einen Blitzableiter zu erblicken, und rief sie zu sich heran. »Berthalda und ich waren heute nicht ganz derselben Meinung,« sagte sie etwas spitz, »und Du sollst unser Schiedsrichter sein, liebes Kind.«

Berthalda's Wangen färbten sich dunkel, während Editha erbleichte, Tassilo horchte gespannt, Raoul athmete schnell und schloß die Lippen fester.

»Berthalda wirft mir vor, ich habe sie zu sehr verwöhnt und sie dadurch zum Leben untüchtig gemacht; ich aber war stets der Meinung, daß Liebe einem jungen Wesen so nöthig sei, wie Sonnenschein der Blume; freilich erlernt man das Gehorchen dadurch nicht.«

»Das Gehorchen ist immer schwer,« sagte Editha.

»Besonders, wenn unsere Eltern sich nicht um unsere Gefühle bekümmern,« sagte Tassilo mit einem leisen Beben in der Stimme.

»Berthalda behauptete, ich hätte nach ihren Gefühlen nicht fragen sollen.«

»Das beweist,« sagte Tassilo, »daß Ihr noch nie einen Zwang erfahren und nicht wißt, wie gut Ihr es gehabt!«

»Meistens merken wir zu spät,« sagte Raoul, wie gut es die Eltern mit uns gemeint.«

»Aber wir müssen doch nachher das Leben leben, das wir uns gebaut!« rief Tassilo.

»Das heißt,« sagte Raoul, »wir gehorchen unser Leben lang irgend einer Macht, ohne zu wissen, wohin sie uns führt, und wohl dem, der es versteht, sich ohne Weiteres zu fügen.« Raoul war aufgestanden, grüßte und ging.

Wenige Tage nachher stieg Tassilo die Steintreppen wieder hinauf, mit klopfendem Herzen und sorgenvoller Stirn; er wollte seinem Vater das schwere Opfer bringen und um Berthalda's Hand anhalten. Aber an der Thüre, die angelehnt war, blieb er, wie gebannt, stehen; er hörte ihre Stimme laut und heftig: »Du, Du allein hast ihn von mir abwendig gemacht, denn mir war er bestimmt von seinen und meinen Eltern; aber mit Deiner sanften Stimme mußt Du dazwischen kommen. Du mußt vor ihm weinen, um ihn zu rühren, Du mußt ohnmächtig werden, um ihn zu erschrecken und eifersüchtig zu machen, wenn die Leute sagen, Du seiest in Raoul verliebt! Du schamlose Dirne! Wer weiß, was Du ihm für Liebestränkchen gegeben, damit er die schwarze Hexe vergißt und sich in Dein Puppengesicht vergafft! Wie vielen jungen Leuten mußt Du denn noch den Kopf verdrehen, sag's gleich, daß ich sie warne!«

»Aber,« schluchzte Editha, »Du weißt doch selbst, daß ich Nonne werden will!«

»Ich weiß, daß Du eine Lügnerin bist, mit Deinen frommen Mienen; ich weiß, daß Du so scheinheilig thust, damit ich ihm desto wilder vorkomme, ich weiß, daß Du sein Herz bestrickt hast und daß er mir nun nie, nie, nie mehr gehören wird!«

»Aber ich spreche ja fast nie mit ihm!«

»Gerade, daß Du so kalt bist, reizt ihn mehr; o ich sehe scharf; denn ich liebe; Du aber wirst nie lieben, Du kannst gar nicht lieben, Du weißt nicht, was Leiden heißt, Du verwöhntes Ding. Siehst Du, ich möchte mich unter seine Füße legen, und Du würdest nicht die Hand für ihn rühren! Ich ließe mich in Stücke schneiden, und Du ließest ihn für Dich sterben, ohne den Kopf zu wenden. Begreifst Du, Editha, ich bin gewöhnt, zu erreichen, was ich will und, glaube mir, ich werde Dich eher zertreten, als Dir weichen!« ·

Tassilo ließ die Thürklinke los, die er bis dahin in der Hand gehalten, und flog die Treppe hinab. In höchster Aufregung trat er bei Editha's Mutter ein: »Ihr dürft Euer Kind nicht mehr zu Berthalda schicken; sie wird dort mißhandelt und gekränkt und ich will es nicht haben, daß ihr reines Herz verdächtigt wird, ich sage Euch, ich leide es nicht!«

Die Frau lächelte fein und bückte sich nach ihrer Spule, als hätte der Faden sich verwirrt.

Berthalda hatte den Schritt auf der Treppe gehört und rasch hinaus gesehen. Sie wurde todtenbleich.

»Er war da und hat Alles gehört, und ich bin verloren!« flüsterte sie heiser. Im nächsten Moment faßten ihre Hände Editha's Schultern und schüttelten sie so, daß dieser fast die Sinne vergingen.

»Ach! laß mich los!« rief sie, »willst Du mir denn nicht glauben, daß ich Dich gern mit ihm verlobt sähe?«

»Versprich mir, Nein zu sagen, wenn er um Dich anhält.«

»Wenn ich nur dürfte?«

»Thu's, dann glaube ich Dir!«

»Ich kann nicht! ich darf nicht!«

»Heuchlerin!«

»Ich wünschte, ich wäre es! Ich wünschte, ich hätte ihn lieb und könnte ihm für Dich entsagen!«

»Dann weißt Du nicht, was Liebe ist! Du feiges Gesicht mit den gleißenden Augen! ich könnte Dich erwürgen, so hasse ich Dich!«

Editha zitterte am ganzen Leibe; denn der Blick, der die Worte begleitete, war so wild, als läge Nichts mehr zwischen der Drohung und der Ausführung. Da trat die Großmutter ein, betrachtete erstaunt die beiden Mädchen und sagte: »Ich dachte, Tassilo sei hier? ich habe ihn doch kommen sehen?« –

»Du irrst, Großmutter, er war nicht hier, er will eben um Editha anhalten und Editha geht jetzt nach Hause zu ihrem Bräutigam; adieu, kleine Editha! viel Glück und Heil auf Deinen Weg.« Sie warf ihre Arme um die Freundin, als wollte sie sie erdrosseln, küßte sie, als wollte sie sie beißen und schob sie zur Thür hinaus; dann rannte sie in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett, biß in's Kissen, raufte ihr Haar und schrie vor Schmerz, dann lachte sie und drohte mit der Faust und sprach leise wahnsinnige Worte, dann schrie sie wieder. Endlich sprang sie auf, ordnete ihr Haar und ihre Kleider, ging zur Großmutter und unterhielt diese mit einem Sprühfeuer von Witz und Bosheit.

Editha war langsam die Treppen hinabgestiegen, sie mußte sich mehrmals wider das Haus lehnen, so schwach fühlte sie sich; dann nahm sie den weitesten Umweg, um nach Hause zu gehen. »Raoul! Raoul!« seufzte sie unhörbar. Es war ein kurzer Regenschauer gefallen, die Luft war schwül und bräunlich und zwischen den Pflastersteinen standen kleine Seen; sie mußte ihr Kleid in die Hand nehmen und vorsichtig treten, mitten in der Gasse, da alle Erker und Giebel tropften. Die Vorübergehenden sahen dem schönen Mädchen wohlgefällig nach.

Ein altes Weib trat unter ihre Thür: »Grüß Gott! Jüngferchen! Glück und Heil auf Euern Weg!«

»Ach Barbara! ich wollte, ich wäre an Eurer Stelle!«

»Gott bewahre, Jüngferchen! was ist Euch denn so Schweres begegnet?«

»Ich wünschte, ich wäre gar nicht auf der Welt!«

»Das wär' doch schade um Eure schönen Augen!«

»Könnt Ihr mir nicht einen Zauber geben, daß ich häßlich werde und Niemandem mehr gefalle?«

»Nein, Jüngferchen! solchen Zauber hat noch Keiner von mir verlangt! Aber hütet Euch, Kind, Euch droht Gefahr!«

»Mir?« sagte Editha.

»Ja, von einem Priester; nehmt Nichts aus Priesters Hand, Kind!«

Editha lächelte: »Da fürchte ich mich nicht!« grüßte die Alte, die ihr noch lange kopfschüttelnd nachsah, und ging immer langsamer nach Hause, bis einige große Regentropfen sie zwangen, einzutreten. Sie fand Tassilo in eifrigem Gespräch mit ihrer Mutter, die eben aufstand und das Zimmer verließ, nicht ohne ihr noch einen strengen Blick zugeworfen und drohend den Finger erhoben zu haben.

Editha näherte sich ihrem Stickrahmen, aber Tassilo kam ihr zuvor und legte die Hand darauf.

»Ich habe mit Euch zu reden,« sagte er. Editha wurde sehr bleich und lehnte sich wider das dunkle, wurmstichige Holz der Fensterbrüstung. In dem Augenblick rollte der Donner, und der Regen begann stromweise in die enge Gasse hinabzurauschen. Es wurde so dunkel im Zimmer, daß man die Umrisse des Kachelofens kaum noch unterscheiden konnte. Die beiden jungen Gestalten waren eigenartig beleuchtet durch das Dämmerlicht das durch die bleigefaßten runden Scheibchen fiel. Ihre Herzen klopften laut, in dem kurzen Schweigen, das von einem Blitz und näherkommenden Donner unterbrochen wurde.

»Ich fürchte, wankelmüthig vor Euch zu er- scheinen,« begann Tassilo, »wenn ich Euch von meiner langen, tiefen Liebe zu Euch spreche, nachdem ich Euch bisher als der bestimmte Bräutigam einer Anderen bekannt war. Ich habe genug gewogen, und was ich heute gegen meinen Willen gehört, hat den Ausschlag gegeben und dem schweren Kampf ein Ende gemacht. Ich wollte dem Wunsch meiner Eltern willfahren, ich wollte mein Herz zertreten; aber dies Opfer verlangen sie nicht von mir; einen Mund, der solche Worte spricht, kann ich nicht küssen – wieder erhellte ein Blitz den Raum und der Donner krachte – und mein Herz gehört Euch, und Euch allein, seit ich Euch erblickt.«

»Aber Berthalda ist viel schöner als ich und viel gescheidter und viel« – sie wollte sagen »besser«, konnte aber nicht« –

Editha sprach so leise, daß Tassilo sich vor- beugen mußte, um sie zu verstehen, bei dem Geräusch des fallenden Regens.

»Ihr thut ihr großes Unrecht und mir auch!« Ihr habt nur ihre Heftigkeit gesehen und wißt nicht, wie sie leidet.«

»Ich habe andere Leute so leiden sehen, daß ich vor ihnen hätte auf die Kniee fallen mögen und sie anbeten, wie einen Engel.« Editha hob abwehrend ihre Hand.

»O, ich will mich nicht eindrängen in Eures Herzens Heiligthum, das Ihr so strenge und keusch gehütet; aber erlaubt mir nur, meine Hände unter Eure Schritte zu breiten und Euch zu lehren, glücklich zu sein! ich verlange Nichts, gar Nichts, als Euch lieben zu dürfen!«

»Aber dort« – Editha hob die zitternde Hand – »dort wird Euch ein Strom von Liebe zu Theil, die ich nicht geben kann! Ihr verachtet ein starkes Herz, um Euch an ein schwaches zu hängen!«

»Wie stark dies schwache Herz ist, das habe ich erprobt und wenn ich Euch bitte, nicht des Himmels Braut zu werden, sondern die Meine, so sollt Ihr es als ein gottgefälliges Opfer ansehen, als weiter Nichts.«

»Wenn ich nur glücklich machen könnte!«

»Das laßt meine Sorge sein.«

»Ich verrathe meine Freundin!«

»Sie hat sich selbst verrathen! Mir graust vor ihrer Liebe, die dem Hasse gleicht, wie die Gluth der Flamme. Nein, ich bitte um so viel, als Ihr geben könnt, nicht mehr – so bin ich reich!«

Editha hob die gesenkten Augenlider und sah ihn an, wie eine Nonne einen Kranken ansieht.

»Ich danke Euch für Eure große Liebe,« sagte sie. »Und wenn ich ihrer nicht so unwerth wäre –«

»So wäret Ihr mein!« rief er. »O, seid mein, herrliches Mädchen, Ihr sollt es nicht bereuen!«

Sie senkte die Augen, hob langsam ihre Hand und reichte sie ihm. Er aber erfaßte die beiden ihrigen und drückte sie an seine Brust, an seine Lippen. Beide gewahrten den Blitz nicht, der die eintretende Mutter erschreckte, sondern Tassilo führte ihr Editha entgegen, die ihr bebendes Kind vor Freude weinend in die Arme schloß, während ein tosender Donner das Haus erschütterte. Plötzlich ließ aber der Regen nach, die Sonne brach hell durch die Tropfen am Fenster, in tausend Farben spielend, herein und glitt über Editha's Haar, wie ein Heiligenschein. –

»Editha Braut!« Diese Kunde durchlief die verwunderte Stadt, die gewöhnt war Berthalda mit Tassilo zu verloben, und erreichte auch den jungen Geistlichen, der eben von einem Begräbnisse heimkam.

Er schloß sich in sein Stübchen ein und wandelte die ganze Nacht auf und ab. Wohl sagte er sich, es sei recht und natürlich so und Editha gehöre nun einmal der Welt und brauche ihre Schönheit nicht hinter Klostermauern zu bergen. Auf ihrem Haupte laste keine Schuld von den Eltern, die zu sühnen sei. Alle diese große Vernunft klang aber wie ein fernes Rettungssignal, ein Orkan; man konnte längst gescheitert sein, bevor man den Hafen erreicht. Ach, und läge man nur im Meeresgrund! Aber die fürchterliche Qual, fort und fort leben zu sollen, an der Freudentafel des Lebens hungernd und durstend vorüber zu müssen! Allen Menschen Trost und Stütze zu sein, und selbst so unsäglich elend. Was sollte er Andern sagen, da er so einsam, so naivenlos litt, bis zum Wahnsinn litt. Er sah sich im Geiste wahnsinnig, gefangen, gefesselt, mißhandelt, wie ein wildes Thier. Eisige Kälte durchzog seinen Körper, so daß sich seine Haare sträubten. Doch nein, er war noch nicht gestorben, das fühlte er in den Kämpfen dieser langen Nächte. Der Schlaf hatte ihn ganz verlassen. Hungrig ging er zur Mahlzeit und konnte doch keinen Bissen essen. Einmal sagte er zum alten Geistlichen: »Betet für mich! ich fürchte ich werde den Verstand verlieren.«

»Ach was! der verliert sich nicht so schnell,« sagte der heiter, indem er dabei den jungen Mann scharf beobachtete. Er schickte ihn von da an viel auf's Land, zu Kindtaufen und Begräbnissen, aber nie zu einer Hochzeit, wenn er es vermeiden konnte, – und zwang ihn so, sich zu zerstreuen, auf langen Wegen in schöner Gegend, zu Fuß und zu Pferde. Er ritt einsam und schweigend dahin; seine Augen schweiften gleichgültig über Wiesen und Wälder; selten einmal schien ihn eine Blume zu erfreuen, die er seufzend und zärtlich betrachtete. Doch wandelte sich die Verzweiflung in Melancholie und Müdigkeit und so kam der Schlaf allmählich wieder und die Gedanken rasten nicht in wildem Tumult durcheinander, sondern gingen dieselbe trostlose, einförmige Straße. Schon das war ein Gewinn. Als er nach langer Zeit einmal wieder zur Großmutter kam, erschrak er über Berthalda. Bleich und eingesunken waren ihre Wangen, und ihre Augen glitzerten in den Höhlen, wie bei herannahendem Wahnsinn, starr und groß.

»Was ist denn aus Dir geworden, Berthalda?« fragte er bekümmert.

»Eine Hexe!« sagte sie und lachte heißer, »alt und häßlich bin ich geworden und böse, so böse, daß selbst die Großmutter Furcht vor mir hat!«

»Und Du schämst Dich nicht, so etwas zu sagen?«

»Andere sollten sich schämen, nicht ich!«

»Berthalda, der Teufel reckt die Krallen nach Dir! geh' in's Kloster und verbirg Deine Augen und bete, daß sie wieder rein werden; Du kommst sonst auf schlechte Gedanken!«

»Die schlechten Gedanken, die habe ich schon,« murmelte sie, »ich möchte sie erwürgen; ich kann nicht an ihren kleinen weißen Hals denken, ohne daß meine Finger zucken, ihn einzuschnüren.« – Raoul schauderte es. »Und sie haben nicht einmal so viel Mitleid mit mir, sich vor mir zu verbergen. Da! Da sieh hinaus, Raoul! Da ziehen sie zusammen vorbei! So sieh doch hin, Raoul, dort! und er macht so verliebte Augen und ist so blaß, sie ist eine Dirne, eine Betrügerin, eine Diebin.« –

Raoul's schmale weiße Finger schlossen der Schwester die Lippen, und als er sie ansah, loderte sein Blick, so daß sie sich fürchtete.

»Berthalda,« sagte er, »Du jammerst mich! der Teufel faßt Dich schon, bald setzt er Dir den Fuß auf den Nacken.«

»Rache, Raoul, Rache will ich, oder den Tod!«

»Geh' in Deine Kammer und steh' nicht auf von den Knieen, Tag und Nacht, bis Du den Wurm zertreten hast in Deinem Herzen. Du stehst vor einer bösen That, Berthalda, kehr' um ehe es zu spät ist!«

Sie hörte ihn nicht; denn ihr Blick flog schon wieder die Straße hinab. Raoul seufzte und verließ sie und zog weit hinaus vor die Stadt, um Ruhe zu gewinnen und Klarheit.

Die Zeit für Editha's Trauung kam so rasch näher, daß die beiden Geschwister meinten, die Tage hätten keine Stunden und die Nächte keine Minuten mehr. Editha war eine stille Braut; immer freundlich und sanft, dankte sie Tassilo wieder und wieder für seine große Liebe. Und wenn er dann zärtlich sagte: »Hast Du das Kloster vergessen, Herzchen?« dann schüttelte sie leise den Kopf und flüsterte: »Ich werde vergessen, laß mir nur ein wenig Zeit!«

Tassilo schien die Zeit schon sehr lange, die Trauungsstunde ewig weit und sein Glück zu groß, als daß er es jemals werde erleben können; es müsse ihm vorher etwas zustoßen, das Alles vernichtete, fürchtete er. Nun aber fehlten nur noch drei Tage. Editha hatte ihre Mutter zu Raoul geschickt.

»Sage ihm, ich bäte ihn, mich zu trauen, und sage ihm, er hätte mich gelehrt, wie man sich opfert, nun soll seine Hand mich führen bei dem großen Schritt; und sage ihm, daß es mir schwer wird und daß ich's aus Liebe thue zu Dir und zur Pflicht, und daß seine Worte mich dazu gebracht, Dir zu gehorchen und daß ich gewiß gut bleibe, wenn er mich segnet. Ich wolle auch früh von seiner Hand die Communion empfangen und seine kleine treue Schwester bleiben, wie ich's immer war! Man hat mich gewarnt, Nichts von der Hand des Priesters zu nehmen, aber die seine kann nur Segen bringen.«

Tassilo ließ es zu, da ihm Alles heilig war, was Editha wollte, und erstickte jede eifersüchtige Regung als eine unmännliche Beleidigung für das reine Herz.

Als Editha's Mutter ihr Anliegen vorbrachte, stand Raoul mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Zuerst antwortete er kurz und rauh: »Nein, ich kann nicht, ich habe keine Zeit!«

»Auch wenn Editha Euch bittet?«

»Auch dann nicht, Ihr hört ja, ich habe keine Zeit!«

»So spreche ich mit seiner Hochwürden.«

»Ich bitte Euch sehr, das nicht zu thun.«

Die Mutter, die sich fest vorgenommen, Editha's Aufträge nicht auszurichten, begann jetzt doch, sie mitzutheilen, zuerst wenig, dann immer mehr, weil sie keine Antwort erhielt und endlich Alles. Noch immer schwieg Raoul.

»Mein Kind opfert sich für mich, es hat schwere Kämpfe gekostet, und Ihr wollt der kämpfenden kleinen Schwester nicht helfen?«

Raoul sagte nach einer Pause: »Ja, ich bin bereit.« Dann öffnete er die Thür, damit sein Gast sich entferne.

Es war schon dunkle Nacht, als sie heraustrat und eben huschte eine vermummte Gestalt vor ihr vorüber, die eine kleine Blendlaterne verbarg, die sie trug und erst etwa hundert Schritte weiter wieder öffnete. Man sah nur eine hohe Gestalt, einen langen Schatten und das Licht, das unruhig und spukhaft bald hierhin, bald dorthin fiel. An dem Hause der Barbara blieb die Gestalt stehen und pochte leise, indem sie ihre Laterne wieder schloß. Als die Alte aufmachte, trat die, Fremde ein, und ohne sich zu entschleiern, sagte sie mit tiefer Stimme:

»Ihr könnt doch wahrsagen, hier ist meine Hand.« Sie zog eine magere, unberingte Hand aus dem Mantel.

»Oho!« sagte die Alte. »Was führt Ihr denn im Sinn? Seid Ihr betrogen? Ihr habt Rachegedanken. Aber die Rachegedanken, die habt Ihr geerbt, die habt Ihr eingesogen mit der Muttermilch.«

»Nicht wahr?« sagte die Verhüllte.

»Aber zu meiner Rache brauche ich Deine Hülfe, Hexe; sei gescheidt; ich kenne Dich und Deine Künste, und wenn ich will, bist Du morgen vor der heiligen Vehm und übermorgen auf dem Scheiterhaufen; hilfst Du mir, so schweige ich ewig.«

Lange sprachen die Beiden leise miteinander und endlich verließ die Verhüllte das Haus mit einem kleinen Gegenstande, den sie unter dem Mantel barg.

Am Vorabend von Editha's Trauung schlich dieselbe Person in den Dom und ließ sich dort einschließen. In der Stille der Nacht näherte sie sich dem Altar, und ihre Laterne öffnend, zog sie einen eisernen Haken heraus, mit dem sie das Schränkchen erschloß. Es machte Lärm und sie sah sich erschrocken um, keuchte und drückte einige Minuten lang die Hand auf's Herz. Dann zog sie den Kelch näher, begann die Hostien darin so zu ordnen, daß eine sich in die andere schob und legte dann eine ganz oben auf; dann bog sie sich zurück und betrachtete ihr Werk; jetzt sah sie sich wieder um und schloß rasch die Laterne; ihr war es, als stiege ein Bild aus den Rahmen. Sie griff sich nach dem Kopfe, öffnete die Laterne wieder, schob den Kelch zurück, schloß vorsichtig das Schränkchen und schlich durch die Kirche. Ihr Schatten lief bald an den Säulen, bald auf der Erde hin. Jetzt brach der Mond durch die Wolken und schien durch die bunten Fenster herein. Die Gestalt duckte sich erschreckt hinter eine Säule. Dann setzte sie sich eine Zeitlang auf die Erde, sprang aber wieder auf und suchte einen andern Platz. Oft sah sie sich um, mit vorgebücktem Oberkörper; es war nur ihr Kleid, das hinter ihr gerauscht hatte. Jetzt setzte sie sich auf die Treppe, die zur Kanzel führte, stieg dann auf die Kanzel und duckte sich, kam aber bald wieder herunter und suchte einen andern Platz; dann stieg sie zur Orgel hinauf, stieß aber an den Hebel zu den Bälgen, so daß sie einen seufzenden Ton gaben. Sie fuhr zusammen und flog die Treppe wieder hinunter. Endlich kauerte sie in der Nähe der Thüre zusammen und schien vor Kälte zu zittern; der Mond sah noch zu manchem Fenster herein, aber die Gestalt schien verschwunden, es lag wie ein Schatten oder eine dunkle Kugel in der unbeleuchteten Ecke. Von Zeit zu Zeit krachte ein Chorstuhl, oder rieselte der Kalk; die Käuzchen schlugen auch wohl an die Kirchenfenster und schrieen, im Dachstuhl bewegte sich eine Fledermaus. Es war nie so still, daß man nicht etwas gehört hätte und jedesmal zitterte der Schatten am Boden. Der Morgen graute trüb und matt herein; endlich klang des Küsters Schlüsselbund im Schloß; er trat ein, wandte sich, machte langsam die Thür zu, erstieg mit schweren Schritten den Glockenthurm, und bald begann der erste Ton, dann zwei, dann drei, dann das Geläute den Dom zu durchdröhnen. Der Schatten am Eingang erhob sich und huschte hinaus.

Raoul hatte in dieser Nacht wieder zur Geißel gegriffen, aber er fühlte sie nicht, obgleich sie ihn zerschnitt. Denn in ihm wühlten feurige Schlangen, die ihm das Herz zerrissen. Entsetzlich waren die Schmerzen dieser Nacht; es war ihm, als faßte eine eiserne Hand sein wild schlagendes Herz und drehte es um, daß es still stand – ihm schwindelte. In heißem Gebet strömten die Worte von seinen Lippen:

»Mein Gott, mein Gott! verlaß mich nicht in den Qualen meiner Seele; laß diesen Kelch vorübergeh'n, schicke ein Wunder durch Deine große Güte, daß ich dieses Weib nicht selbst einem andern Manne antrauen muß. Ich kann die Worte nicht sprechen, die mir die Lippen verdorren! Zerschmett're Deinen unwürdigen Diener! Laß Deinen Blitzstrahl mich treffen, aber heiße mich nicht mich foltern mit eig'ner Hand! Bin ich denn nicht gestraft genug für meine sündige Liebe? Ich bin schon jetzt in der Hölle; die Flammen verzehren mein Eingeweide, mein Herz zerreißt in der Brust, mein Hirn siedet; Wahnsinn will mich umnachten. O Herr, Herr! Kennst Du kein Erbarmen? Ich will mich beugen unter Deine Hand! Ich will mich selbst verleugnen alle Tage! Nur diese eine bitt're Stunde, entferne sie von mir! laß dies wilde Herz stille stehen, aber heiße mich die Worte nicht sprechen, die die Maid für ewig binden! Mein Gott! ich leide über mein Vermögen! Rette mich, himmlischer Vater, da Keiner mir helfen kann! Ich ertrinke und mir wird kein Strohhalm gereicht! Ich verdurste und kein Tropfen erquickt meine Zunge! Meine Sünde ist groß, aber Deine Güte ist größer! Errette mich, mein Gott, mein Gott!«

Es war, als hätte der Heiland am Crucifix das Haupt geneigt, ganz leise, ein einziges Mal; Raoul sah noch lange hinauf; aber nun blieb es still. Still und kalt sahen die Wände ihn an; ruhig schliefen die Gassen in sternklarer Nacht. Nur in seiner Brust wüthete der Sturm fort und fort, und Nichts, gar Nichts brachte Trost und Ruhe. Seine Lippen waren verdorrt, die Zunge klebte am Gaumen, die Sinne begannen zu schwinden; endlich fiel er bewußtlos zu Boden. So lag er mit dem Gesicht und ausgebreiteten Armen auf den Steinen, bis der Tag graute. Da begann das Bewußtsein zurückzukehren, aber mit demselben auch das ganze unendliche Weh. Er raffte sich auf und stand an die Wand gelehnt, müde zum Sterben. Seine Augen starrten wie abwesend vor sich hin; da streifte der Strahl der aufgehenden Sonne seine Schläfe; sie war grau geworden. Er öffnete und schloß die Lippen einige Mal, wie ein schwer Kranker, dann setzte er sich auf den Bettrand, und mit den abgezehrten Händen auf den Knieen, wiegte er den Oberkörper hin und her. Er schien um Jahre gealtert, so tiefe Furchen zogen-sich um seinen Mund.

Endlich entschloß er sich dazu, sich anzukleiden trotz der Schwere in seinen Gliedern, die alle seine Bewegungen lähmte.

Auf einmal sah er, daß er im Dom war; wie er hingekommen, wußte er nicht. Er sah, daß er  auf derselben Stelle stand, wo er die Priesterweihe empfangen: hätte er nicht damals laut aufschreien sollen: »Nein, nein, ich bin nicht würdig!«? – Es war ihm, als hätte ihn das Jemand laut gefragt, und er wandte den Kopf; es war der Küster, der ihn frug, ob er nicht mit der stillen Messe beginnen wolle, und ihn verwundert anstarrte. Ihm war es, als läse ein Anderer die Messe und als wäre er ein ganz kleines Kind an der Hand seiner schönen, jungen Mutter, die er so bewundert und geliebt, und die ihm zeigte, wie er das Kreuz, schlagen sollte. Er fühlte ihre zarten, warmen Finger, die sein winziges Händchen umschlungen hielten und es führten. Jetzt wandte er sich und hob den Kelch; seine Augen suchten seine Mutter und erblickten Editha, die im bräutlichen Schmuck als einzige Communicantin vor ihm kniete, verklärt wie ein Engel in dieser Andacht.

»Ach, könnte ich Dich in den Sarg legen, so rein, so unschuldig, so unberührt!« dachte er im Augenblicke, da er ihr die Hostie auf die zitternden Lippen legte. Sie sah mit einem Ausdruck zu ihm auf, der bis zu seiner Sterbestunde ihn wie ein Himmelsgruß begleitete; dann erhob sie sich und kniete im fernen Dunkel der Kirche nieder, den Bräutigam erwartend. Sie sah, wie sich die Kirche mit Hochzeitsgästen füllte, sie glaubte Berthalda ganz in ihrer Nähe gesehen zu haben, aber es schwamm Alles in einem immer dichter werdenden Nebel; dann begann der Nebel zu kreisen, allerhand bunte Farben anzunehmen; und ein Brausen in den Ohren, wie bei heftigem Sturm. Die Mutter rieb ihr die eiskalten Hände und sie mußte sich fest auf Tassilo's Arm stützen, um zum Altare zu gelangen. Glieder und Zunge waren ihr so schwer wie Blei; doch fand sie noch Kraft, ihn anzulächeln und zu flüstern: »Vergessen, das Kloster ist vergessen! Ich werde gerne Dein!« Das letzte Wort war nur ein Lallen.

Nun standen sie vor dem Altar. Raoul hielt eine Ansprache, bei der Alle tief erschüttert waren, mit Ausnahme des Brautpaars, das nichts davon hörte, und Raoul selber, der nicht wußte, was er sagte. Denn er sah Editha's Züge sich ganz verändern; er sah, wie Tassilo sie ängstlich ansah und ihre Hand fester durch seinen Arm zog. Mit lauter Stimme sprach er die Worte nach: »Editha, ich nehme Dich zu meiner Gemahlin!« Als aber Raoul sich aschbleich zur Braut wandte und sagte: »Tassilo, ich nehme Dich« – da rief sie laut: »Raoul!«, streckte die Arme nach ihm aus, erhob sich kerzengerade, mit gebrochenen Augen, und stürzte todt ihm zu Füßen. Die Mutter schrie laut auf, alle Anwesenden umringten den Altar; da kniete Raoul und hielt Editha's Haupt in den Armen, während Tassilo, bitterlich weinend, ihre Hände zu erwärmen suchte und sie zärtlich bei Namen rief. Aber Raoul drückte mit fester Hand die Augen zu, so ruhig, als hätte er sie nie gekannt, und ein Lächeln irrte um seine Lippen. Einige wollten Berthalda gesehen haben, wie sie sich über ihren Bruder gebeugt und die Todte betrachtet, Andere aber hatten sie nicht bemerkt und in der Kirche war sie nicht. –

Editha's unglückliche Mutter kam erst nach vielen Stunden wieder zu sich und konnte nicht begreifen, daß sie noch am Leben sei. Ihr Schmerz war trostlos.

Tassilo versuchte mehrmals, die schöne Leiche zu besuchen, brach aber bei ihrem Anblick jedesmal in Schluchzen aus, das ihm die Brust zu sprengen drohte und am andern Tage raste er in hitzigem Fieber. Editha lag im Brautgewande, mit dem Myrthenkranz in den wundervollen, seidenen Locken, friedliches Lächeln auf den Lippen und ein kleines Kreuz in den auf der Brust gefalteten Händen. Raoul verließ sie nicht Tag und Nacht, Gebete lesend, sobald Jemand eintrat; mit der Leiche zärtlich flüsternd, wenn er allein war. Ein Lächeln verklärte dabei sein Antlitz, so überirdisch, wie jenes der Todten.

»Ich habe Dich mir erbetet und Du bist mein, für Zeit und Ewigkeit! Gott war so gütig und hat die Hand nach mir gestreckt, da ich ertrinken mußte. Jetzt hat mein Herz kein Band mehr auf Erden; es ist bei Dir im Himmel!« So sprach er fort und fort, in diesen wunderbaren, erlösenden Feierstunden.

Die öffentliche Meinung hatte aber nicht geruht, sie wollte nicht an ein Wunder glauben und suchte zu erfahren, was geschehen. Die heilige Vehm hatte sich der Barbara bemächtigt, sie in unterirdischem Gewölbe auf die Folter gespannt und den Stab über sie gebrochen. Sie konnte nicht beweisen, daß sie keinen Zauber, Liebestränkchen und andere Dinge bereite, die nützen und schaden könnten; sie konnte nicht beweisen, daß sie in letzter Zeit Niemand dergleichen gegeben; sie wußte aber nicht Wem. Sie wurde zum Scheiterhaufen verurtheilt, aber noch am Leben erhalten und gefoltert, in der Hoffnung, sie werde Aufschluß geben.

Einige Leute murmelten etwas von Berthalda's Großmutter, von der man wußte, daß sie Tassilo  für ihre Enkelin hatte haben wollen. Sie war aber reich und angesehen und man wagte nicht Hand an sie zu legen. Berthalda war in der letzten Zeit so heiter gewesen und hatte an diesen Tagen eine so große Trauer zur Schau getragen, daß sie von jedem Verdachte ledig war; Editha's Mutter konnte man zu keiner verständigen Antwort bringen; sie schien vollständig schwachsinnig.

Raoul hatte seiner geliebten Todten den letzten Dienst erwiesen; er war nicht von der Stelle gewichen, bis ihr Grab zugeschaufelt war. Nun lag er angekleidet auf seinem Bette, so erschöpft, daß er sich nicht mehr bewegen konnte; eine Art von dumpfer Gefühllosigkeit überschlich seinen Körper und umhüllte allmählich auch seinen Geist. Die Leiden der letzten Zeit schienen in unermeßliche Fernen gerückt. Ihm war es, als sei er ein Körnchen Sand in kleinem Raum, der sich erweitert bis zu einer ungeheuren Arena; die zog sich dann wieder langsam zusammen, um sich noch weiter auszudehnen; und so fort und fort, in's Unendliche, bis er in tiefen Schlaf verfiel. Er sah aus, als wäre er todt, so still lag er da, mit eingesunkenen Augen, Schläfen und Wangen, wie- ein alter Mann. Sein Athem ging so leise, als drohe er stillezustehn, er hob nicht die abgezehrte Hand, die auf dem Herzen lag. Er wurde auch nicht wach, als in tiefer Nacht seine Thür leise aufging und eine verhüllte Gestalt bei ihm eintrat, vorsichtig die Thür hinter sich schließend. Sie stellte eine kleine Laterne auf den Boden; der Schein kroch über die Erde hin bis zum Bette. Jetzt näherte sie sich demselben, indem sie ihre Hüllen abwarf. Als sie aber Raoul erblickte, schrie sie auf: »Du auch todt!«, fiel vor ihm auf die Kniee und bedeckte seine herabhängende Hand mit Küssen. Er schlug die Augen auf und starrte die Knieende einige Secunden an, ohne sie zu erkennen. Endlich fuhr er empor. »Berthalda! Du hier? bei der Nacht? wie ein ruheloser Geist!«

»Ich komme nicht zu meinem Bruder,« sagte sie mit tiefer Stimme, die aus einer Gruft zu steigen schien, »sondern zum Priester, dem ich beichten muß.«

Raoul setzte sich auf des Lagers Rand; sein müdes Gesicht verrieth ängstliche Spannung. Berthalda faltete die Hände in seinem Schooß und ließ mehrere Minuten lang den Kopf darauf fallen. Es war Nichts zu hören, als das Athmen der Geschwister. Raoul sah nach dem Crucifix hinüber, als wolle er Kraft suchen, zu ertragen, was er hören sollte und legte die Hand auf der Schwester krauses Haar. Er dachte dabei an das Haar, das er noch am Morgen berührt und das nun unter der Erde lag – doch nicht Alles! Nein, eine Locke lag auf seiner Brust, um erst mit ihm unter die Erde gebettet zu werden.

Jetzt hob Berthalda den Kopf.

»Es muß sein!« sagte sie. »Wenn Du wüßtest, was ich gethan habe, so würdest Du mich nicht berühren, so würdest Du mich fortstoßen, wie ein giftiges Thier.«

»Ich bin ein Priester,« sagte Raoul.

»Siehst Du, Raoul, es giebt Dinge, die man tragen kann, und Dinge, die man nicht tragen kann.«

Raoul sah wieder nach dem Crucifix hinüber und nach der Geißel, die neben dem Betstuhl lag, und nach den Steinfliesen, auf die sein Blut getropft und auf denen er wie todt gelegen.

»Und das konnte ich nicht tragen, daß Tassilo einer Anderen gehörte, als mir. Siehst Du, Raoul, Du weißt nicht, was Liebe ist« – es glitt ein schattenhaftes Lächeln über sein Gesicht, aber Berthalda sah ihn nicht an – »sonst würdest Du begreifen, daß sie eine überwältigende Macht ist, die Herz, Sinne und Gedanken zerstören und verdüstern kann.«

Raoul dachte an sein Gebet in jener Nacht, und es überkam ihn Reue, zum ersten Mal, und der Gedanke, daß Gott ihn nur erhört, um ihn zu strafen.

»Du weißt nicht, wie es ist, wenn einem das Herz bricht!« fuhr sie fort, hob den Kopf und sah ihn eine Secunde lang an; in dem Moment glichen die beiden Geschwister einander außerordentlich.

»Du bist so rein und edel, Raoul; Dir sind alle menschlichen Leidenschaften so fern, daß Du gar nicht ahnst, welche Höllenqualen man erdulden kann!«

»Ich ahne es,« sagte Raoul.

»Man ist wie verzehrt im brennenden Feuer, man fühlt den Wahnsinn heranschleichen und einen erfassen, bis man vor Angst schreit.«

»Bis man vor Angst betet,« sagte Raoul.

»Nein, ich konnte nicht beten; denn ich hatte einen scheußlichen Gedanken, den ich nicht vor Gottes Angesicht tragen konnte. Ach! ich glaubte, ich haßte Editha; ich dachte, sie hätte ihn mit ihren Künsten gefangen; ich dachte, sie triumphire über mich, da sie mich so maßlos elend wußte; ich dachte, sie hätte ihn doch nicht halb so lieb wie ich, und so ging ich in der Nacht zu Barbara und frug sie um Rath. Sie hat mir Rath gegeben und noch etwas dazu, das mir nicht die Hand verbrannt hat, als ich's nach Hause trug, das mich nicht zerschmetterte, als ich's in die Kirche trug, das nicht Stimme bekam und zum Himmel schrie, als ich's an die Stelle der Hostie legte. Raoul, die Hostie, die Du Editha gabst!«

Raoul machte eine Bewegung, als wollte er sie fortschleudern; er faßte sich aber und ließ den Kopf in die Hände sinken.

»Und ich war in der Kirche, um sie sterben zu sehen, denn ich fürchtete, Du habest nicht die rechte Hostie ergriffen.« –

»Mein Gott!« stöhnte Raoul.

Und ich fühlte keine Reue. Ich stand hinter Dir, als sie Dir todt in den Armen lag und fühlte keine Reue. Ich sah Tassilo verzweifeln und fühlte keine Reue, sondern ich lachte. In der Nacht aber da war mir's, als käme sie in mein Zimmer, als riefe sie mich, als drohe sie mir.« – Berthalda schüttelte sich und sah sich um, mit derselben vorgebeugten Bewegung, wie sie's im Dome gethan. – »und siehst Du, welche Todesangst ich seit jener Stunde ausgehalten, das kannst Du, Reiner, wiederum nicht begreifen. Ich fürchte mich im Hellen und im Dunkeln, ich fürchte mich vor jedem Laut, vor meinem Schatten, vor dem Rauschen meines Kleides, vor meinen eignen Athemzügen; ich fürchte mich vor der Rohheit der Henker, sonst wäre ich zum Richter gegangen, nicht zu Dir.«

»Man sucht Andre, um sie an Deiner Statt zu foltern.«

»Darum komme ich her; rette die Unschuldigen! Sage, ein armer Sünder hat Dir seine That gebeichtet und Du habest« –

»Und ich habe?« –

»Ach!« rief Berthalda, »nie, nie kannst Du mir verzeihen! ich bin verdammt für ewig!«

»Wer auf Erden hat die Macht, solche Unthat zu verzeihen? Würdest Du mir glauben, wenn ich Dir sagte, Gott vergiebt Dir? Du bist nicht werth, daß die Sonne Dich bescheint.«

Berthalda war auf ihre Füße zurückgesunken und stützte die gefalteten Hände vor sich auf die Erde.

»Ich weiß es, ich weiß es wohl,« sagte sie, »ich sollte sterben! Aber, Raoul, ich fürchte mich! Es ist entsetzlich, die Schmerzen des Todes zu ertragen, und welche Qualen würde man für mich erfinden! und es ist noch entsetzlicher, der Hölle überantwortet zu werden ohne Buße gethan zu haben.«

»Und Du willst noch unter Menschen wandeln? Wer soll Deine Nähe ertragen?«

»O Niemand, Niemand! ich habe geschworen, daß dies das letzte Wort sein soll, das meine Lippen sprechen, daß dies das letzte Mal sein soll, daß ein Mensch mein Antlitz sieht. Es giebt ein Kloster mit Felsenzellen für Büßerinnen. Dorthin gieb mir einen Brief, ohne meinen Namen zu nennen; denn ich bin hinfort todt für die Welt und für Dich; ich wandre von hier aus, die ganze Nacht, so bin ich vor Tage dort – und so bescheint mich die Sonne nicht mehr, Raoul, denn ehe sie aufgeht, bin ich unter der Erde verborgen, bis zu meinem Ende.«

Raoul stand auf und ging an sein Pult. Berthalda ließ jetzt den Kopf auf des Bruders Lagers fallen. Er stand mit der Feder über dem Blatt und sah zu ihr hinüber. Die kleine Lampe, bei, deren Schein er so viel gearbeitet und so viel gelitten, hatte er angezündet und schützte die Augen mit der Hand, die durchsichtig erschien wie Wachs. So alt, so uralt war sein Gesicht, als hätte er hundert Jahre gelebt und wollte fragen: »Darf ich denn noch nicht sterben, mein Gott?«

Mühsam und in vielen Absätzen schrieb er den kurzen Brief; denn immer wieder verlor er sich in Gedanken. Als er ihn faltete, stand Berthalda auf.

»Wenn Du nach Jahren einmal an die Sünderin denkst, der Du keine Absolution gegeben und die Deine Schwester war, – dann Raoul – dann verzeih' mir! und möge Gott Dich vor sündhaften und wahnwitzigen Gedanken bewahren!«

Sie verhüllte sich dicht, nahm den Brief von des Pultes Rand, dahin er ihn gelegt, drehte sich an der Thür, sah noch einmal ihren Bruder an und verschwand in die Nacht. –

Raoul hatte sich noch nicht bewegt, er stand mit der Hand über den Augen, und als der Morgen graute, stand er noch so. Die Lampe brannte matter, wie ein sinkendes Lebenslicht und erlosch; Raoul bewegte sich nicht.

Da ging die Sonne auf, wie am Morgen vor Editha's Trauung, die kleine Zelle schimmerte in rosigem Lichte. Raoul sah durch's Fenster; ja, da stand sie in ihrer ganzen Glorie und Majestät, die Sonne, die eine arme Sünderin nie mehr bescheinen sollte – nur Eine unter den Vielen und diese Eine war seine Schwester!

Er ging zum alten Geistlichen hinauf und klopfte bei ihm an. Der saß bei der dampfenden Morgensuppe und die Sonne beschien sein Gesicht jugendlich rosig und frisch. »Aber, mein lieber junger Freund, was habt Ihr denn mit Euren Haaren gemacht?«

»Mit meinen Haaren?«

»Ihr habt sie doch nicht mit Mehl bestreut, sie sind ja ganz weiß!«

Raoul griff nach seinen Haaren, seine Hand zitterte.

»Ich habe heute Nacht eine merkwürdige Beichte abgenommen,« sagte er mit zuckenden Lippen. »Der Uebelthäter, der den Tod jener Braut herbeigeführt, hat sich mir genannt und ist für immer verschollen; er bat mich, weitere Nachsuchungen zu verhindern, damit keine Unschuldigen geopfert würden.«

Der alte Mann hatte die kräftige Hand auf den Mund gelegt und rieb sich leise damit, während sein Auge scharf und klar auf dem jungen ruhte.

»Ihr würdet wohl gern diese Gegend auf einige Zeit verlassen?« sagte er endlich.

»O, wie gern!« rief Raoul und faltete die Hände, ein Hauch von Farbe überflog dabei sein Gesicht und erlosch wieder.

»Würdet Ihr gern zu den Heiden gehen im fernen Osten?«

Raoul näherte sich und küßte des Alten Hand. »Dann ist hier Eure Ernennung und Ihr könnt schon morgen gehen mit Gott.«

Raoul kniete nieder.

»Mein einziger Freund in der Noth!« stammelte er und küßte wieder des Alten Hand.

»Seht Ihr,« sagt der. »Man muß nie verzweifeln, denn wenn man's nicht mehr tragen kann, dann ist Hülfe nah'. Geh' hin und vergiß, mein Sohn; vergiß Dich selbst und was Dich gebeugt hat, und behalte die Kraft, die Du in heißem, ehrlichem Kampfe errungen! Und wenn wir uns jemals wiedersehen auf dieser Erde, dann schau' mir freudig in die Augen als Held und Sieger.«


* * *


Die Sonne brannte in sengender Gluth am Rande der Wüste; die Luft zitterte, wie über einem großen Feuer, und ringsum lagen Todte und Sterbende. Die Pest wüthete dort und raffte die Menschen hin wie Gras bei einem Waldbrande. Das Jammern und Wehklagen durchzog die Luft und lockte die Geier, die flügelschlagend in großen Schaaren über dem Orte der Verwüstung standen. Mitten durch die verzweifelnde Menge schritt ein Priester dahin, den Kelch in der Hand, Trostesworte auf den Lippen, Frieden in den Zügen. In seinen Armen hauchte eben ein junges Mädchen den letzten Seufzer aus; er hielt ihr das Kreuz an die Lippen, das sie küßte; dann deutete er damit gen Himmel, und während ihr Auge der Bewegung folgte, sank der Kopf zurück und der Athem stand still. Einem fluchenden Manne starb das Wort im Munde bei diesem Anblick; er winkte Raoul zu sich heran, küßte den Saum seines Gewandes und war todt. Einen Säugling nahm er aus erstarrten Mutterarmen, trug ihn zärtlich umher, benetzte seine schwarzen Lippen, streichelte seine bleiche Wange und legte ihn endlich todt wieder in der Mutter Arm. Sie nannten ihn den frommen Mann der Wüste, den Retter, den Engel den die Seuche fürchte, weil Allah ihn gesandt. – Der Engel war Raoul.

Nach vielen, langen Jahren kehrte er in seine Vaterstadt zurück, sonngebräunt und hager, mit einer himmlischen Milde um Augen und Lippen. Alle sahen dem merkwürdigen Pilger nach, mit weißen Haaren und braunem Barte. Er frug nach Einigen, fand aber Niemand mehr.

Auf einem verlassenen Grabe kniete er lange, in wuchernden Gräsern und Blumen; er schob die Rosen und Epheuranken zurück von dem moosigen Marmorkreuze und küßte den Namen »Editha«.

Dann gedachte er einer anderen Verstorbenen und wanderte nach dem Kloster, um nach seiner Schwester zu fragen; die war Tags zuvor begraben worden, nach ihrem Wunsche verhüllt wie sie gelebt. Sie hatte aber einen kleinen Zettel in ihrer Zelle gelassen. Darauf stand:

»Nun darfst Du mir verzeih'n, Raoul! Bete für mich, denn Dein Gebet ist heilig, ich glaube an seine Kraft.«

»Auch ich!« sagte Raoul und seufzte aus tiefster Brust.