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Carmen Sylva – Aus meinem Königreich

Geschichten aus den Karpaten

Carmen Sylva, Aus meinem Königreich, Heath’s Modern Language Series, D. C. Heath & Co., Boston, U.S.A., 1900
[ohne die amerikanische Einleitung, die amerikanischen Bemerkungen und Worterklärungen von Dr. Wilhelm Bernhardt]


I

Piatra Arsa

Stolz war die schöne Pauna, sehr stolz. Sie hatte nicht umsonst so große, dunkle Augen mit schwarzen Brauen, die eine scharfe Ecke bildeten, und eine Adlernase. Ihr Mund war eher groß, aber schön geschnitten, und wenn sie sprach oder lachte, sah man die beiden Zahnreihen leuchten. Ihre schwarzen Zöpfe lagen wie eine Krone über der Stirn, und die Leute nannten sie scherzweise Pui de Imparat (Kaiser's Junges), wenn sie mit ihren breiten Schultern und großen Schritten dahinging und den Kopf hielt, als trüge sie etwas. Sie war aber doch nicht zu stolz, den Kopf zu drehen, wenn Tannas vorbeiging, und ihn anzuhören, wenn er bei der Hora mit ihr sprach. Wenn man sie aber mit ihm neckte, schoß ihr das Rot in die Wangen, und eine scharfe Antwort strafte den Übermütigen.

Tannas war von den übrigen Burschen sehr beneidet, besonders als man die Verlobung für ganz sicher hielt. Da wurde das Land mit Krieg überzogen, und Tannas mußte fort, mit dem Heere zur Donau hinab. Pauna verschluckte ihre Thränen vor den Leuten; ob sie aber nicht heimlich einige vergossen, wagte niemand sie zu fragen.

Immer verstand sie es so einzurichten, eine der ersten zu sein, die im Dorfe Nachricht vom Heere erhielten, und wie man sich von den ersten Schlachten erzählte, mußte sie sich an das steinerne Kreuz lehnen, am Eingang des Dorfes, so schwindlig wurde es der starken Pauna. Nachts konnte sie gar keinen Schlaf mehr finden und mußte oft ihr Licht brennen lassen, um die Schreckbilder nicht zu sehen, die ihr Tannas von Wunden bedeckt sterbend oder tot zeigten.

So saß sie einmal in dunkler Nacht auf ihrem Bettrande, noch angekleidet, und wußte nicht, daß draußen einer ums Haus schlich und jetzt zu ihrem Fensterchen hereinlugte. Sie wußte auch nicht, daß sie schön sei, mit den weitaufgerissenen Augen vor sich hinstarrend, die Hände auf den Knieen gefaltet. Da klopfte es ans Fenster, und mit einem verhaltenen Aufschrei sprang sie auf und drehte den Kopf, das Dunkel mit den Augen durchforschend. Da war es ihr, als sähe sie Tannas, und im nächsten Augenblick hörte sie sich leise rufen: »Pauna, bitte, liebe Pauna, komm doch zu mir heraus! Fürchte Dich nicht, ich bin es, Tannas!«

Schon hatte Pauna die Hand auf der Thürklinke; jetzt stand sie draußen und fühlte sich sogleich umfaßt. Sie aber wehrte den Arm ab, der sich um sie gelegt hatte, und sagte:

»Bist Du es aber auch? Will mich keiner zum besten halten?«

»Hier, fühle Dein Ringlein, Pauna, und hier die Münze an meinem Halse, ich konnte es nicht aushalten, ich mußte sehen, ob Du mir treu seist!«

»Wer hat Dich denn vom Heere fortgeschickt?«

»Mich? Niemand!«

»Niemand? Und Du bist hier? Ist denn kein Krieg mehr?«

»O doch, es ist noch Krieg, ich aber bin heimlich fort aus Liebe zu Dir, Pauna.«

»Aus Liebe zu mir?« Pauna lachte rauh und kurz auf. »Glaubst Du denn, daß es mich freut, einen Fahnenflüchtigen zum Geliebten zu haben? Geh mir aus den Augen!«

»Aber Pauna! Ist das Deine ganze Liebe? In den Tod, ins Verderben schickst Du mich!«

»Geh, wohin Du willst, aber das sage ich Dir, nie werde ich Dein Weib; denn meinen Mann verachten zu müssen, das ertrage ich nicht!«

»Du hast einen andern gern!«

»Nein, Tannas, Dich allein, Dich habe ich gern und habe Nächte um Dich gewacht; das aber hat mir nicht geträumt, daß ich einen Feigling zum Schatz habe!« Pauna begrub das Gesicht in die Hände und weinte.

»Ich dachte, Du würdest mich mit Freuden aufnehmen und mich bei Dir verbergen!«

»O, Schande!« rief das junge Mädchen. »O die Schande, daß ich mich Dir verlobt, aber ich sage Dir, eher soll der Bucegi brennen, ehe ich Dein Weib werde!«

»Und ich sage Dir,« rief Tannas, »Du sollst mich nicht wiedersehen, bis ich ein Krüppel bin oder tot!«

In diesem Augenblicke standen sich die beiden jungen Leute mit so funkelnden Blicken gegenüber, daß ihre Augen im Dunkel leuchteten.

Da verbreitete sich ein roter Schein in der Höhe und wie sie aufsahen, schien eine Felsenspitze des Bucegi zu glühen. Immer heller ward die Glut, bis eine rote Flamme Sterne zu sprühen schien. Die beiden Liebenden standen wie versteinert. Da gingen in den Nachbarhäusern die Fenster auf; die Leute riefen einander zu, es sei Waldbrand, nein, sagten andere, der Berg brenne. Die Hunde wurden laut. Die Hähne krähten.

Da faßte Pauna den jungen Mann bei den Schultern und ihn weit von sich stoßend rief sie: »Fort von hier, verbirg Dein Gesicht! Sonst sterbe ich vor Scham!« Dann schlug sie die Thüre zu und löschte ihr Licht. Mit hochklopfendem Herzen sah sie Tannas nach, wie er im Schatten der Häuser davonschlich, sah den Berg glimmen und langsam dunkel werden und gab keine Antwort, als man sie rief, das Wunder zu sehen.

Von dem Tage an fand man Pauna außerordentlich bleich; kein Lächeln flog mehr um die Lippen, die sonst so leicht sich spöttisch verzogen, und keine rasche Antwort verkürzte das Neckwort, das ihr nachgeschickt wurde. Still that sie ihre Arbeit, war aber oft so müde, daß sie sich an den Brunnenrand setzte und mit dem Wasser die Stirn kühlte. Zuweilen betrachtete sie sich träumerisch im Brunnen oder blickte scheu zum Bucegi hinauf. Mit einem Mal begann man zu sagen, Tannas sei im Dorfe gewesen; dieser und jener wollte ihn beim Schein des brennenden Berges gesehen haben, und sogar seine Stimme hatte man mit der von Pauna gehört.

Als diese darüber befragt wurde, perlten Schweißtropfen auf ihrer Stirn und um ihre Lippen, die leise zitterten, als sie sagte: »War nicht alles still und dunkel bei mir, als der Berg brannte?«

Paunas Mutter schüttelte den Kopf, biß auf die Unterlippe und meinte, es geschähen allerhand merkwürdige Zeichen in dieser bösen Zeit. Da kam die Nachricht, es sei eine große, mörderische Schlacht geschlagen worden, Pauna erfuhr es diesmal zuletzt, ging rasch heim, schnürte ihr Bündel, nahm einen Kürbis und Mamaliga in einem Tuche mit, und als die Mutter ängstlich fragte, wohin sie wolle, sagte sie nur: »Ich komme bald wieder, Mutter, habe keine Angst um mich!«

In der Abenddämmerung lag daß Schlachtfeld gebreitet; tausende von Toten waren umhergestreut, Pferde wälzten sich sterbend oder hinkten mit gesenktem Kopfe umher. Um mächtige Wachtfeuer lagerte das Heer und horchte nicht mehr auf das Jammern, das vom Schlachtfeld klang. Eine hohe Frauengestalt wandelte allein durch die Reihen, nachdem Sie im ganzen Lager gesucht und nach Tannas gefragt. Beherzt näherte sie sich Freund und Feind, reichte manchem einen Trunk und betrachtete die Toten genau. Jetzt ward es völlig Nacht, und der Mond beschien die schaurige Stätte. Immer noch wandelte das Mädchen hin und her, kniete hier und dort nieder, legte eines Sterbenden Haupt an ihre Brust und suchte an gräßlich entstellten Leichen nach einem Ring und einer Münze am Halse.

Nur einmal taumelte sie entsetzt zurück, als sie Weiber eine Leiche plündern sah.

Sie eilte fort, kehrte aber bald wieder zurück, um ängstlich den Toten zu betrachten.

Daß ganze Lager war in Schlummer versunken, und noch immer schlich Pauna auf dem Schlachtfeld im Mondschein umher; manchmal rief sie leise: »Tannasse!« Oftmals antwortete ihr ein Stöhnen, aber traurig schüttelte sie das Haupt, nachdem sie einen Trunk gereicht. Der Morgen fing an, leise zu grauen und das Mondlicht bleicher zu werden, da sah sie etwas glänzen, und wie sie hintrat, lag ein Toter halb entkleidet da, hatte aber mit der Hand, an der ein kleiner Ring schimmerte, etwas, das er um den Hals trug, so fest ergriffen, daß man  offenbar darauf verzichtet, ihm die Finger zu öffnen.

Pauna erkannte ihren Ring und mit dem Aufschrei: »Tannasse!« sank sie neben der Leiche hin, deren Gesicht, mit Blut überströmt, kaum zu erkennen war. Nach wenigen Augenblicken kam Pauna wieder zu sich und begann, daß geliebte Gesicht zu waschen; sie sah, mit herabströmenden Thränen, daß beide Augen samt der Nase von einem Säbelhiebe durchschnitten waren, sah aber auch, daß das Blut wieder hervorquoll. Nun war sie sicher, ihr Geliebter sei nicht tot und eilte seine Lippen zu benetzen und seine Wunde mit ihrem Tuche zu verbinden. Da begann er zu seufzen, und wie er seinen Namen nennen hörte, griff er mit der Hand in die Luft und betastete lange Paunas Gesicht: »Meine Pauna!« sagte er kaum hörbar. »Laß mich sterben, ich bin blind, ich bin nichts mehr auf der Welt!« »Doch, doch!« rief Pauna, »Du bist mein Geliebter und, will's Gott, mein Mann, in kurzer Zeit; nur still jetzt, still!« –

 

* * *

 

Viele lange Wochen waren seit jenem Morgen verstrichen, Wochen, in denen Pauna Tag und Nacht an Tannasses Lager gestanden und ihn unermüdlich gepflegt. Da sah man zwei Wanderer die Straße entlang ins Dorf kommen: einen Blinden im Soldatenmantel, mit dem Ehrenzeichen auf der Brust, und ein Mädchen, das ihn sorgsam führte, und das mit freudigem Lächeln den Vorübergehenden sagte: »Hier ist mein Bräutigam! Er ist ein Held! Seht das Zeichen auf seiner Brust!«

»Und in seinem Gesicht!« fügte Tannas seufzend hinzu.

Noch nie war eine so große Hochzeit gewesen; von fern und nah strömten die Leute herbei, um die schöne Pauna zu bedauern an der Seite des Blinden. Sie aber lächelte allen zu und sagte: »Ich bin stolz! Ich habe einen Helden zum Mann! Und gottlob, daß ich stark bin, ich kann für uns beide schaffen!«

Den Berg aber, den man hatte brennen sehen, nannte man Piatra arsa, »den verbrannten Stein,« denn Hirten und Gemsjäger schworen, sie hätten dort die Felsen verkohlt gefunden.



II

Die Jipi

 

In der Gruppe des Bucegi ragen wie zwei Riesenzähne dicht neben einander die beiden Jipi empor und starren sich trotzig an. Zwischen ihnen stürzt in stäubendem Wasserfall die Urlatoare, »die Heulende,« zu Thal und tobt, bahnbrechend, zur Prahova hinab. Man sagt, die Jipi seien vor uralten Zeiten Zwillingsbrüder gewesen, die sich so lieb gehabt, daß keiner ohne den andern bleiben konnte, daß keiner einen Bissen Brot annahm, den er nicht mit dem andern teilte, daß, wenn man den einen etwas fragte, der andere Antwort gab. Wenn der eine sich weh gethan, weinte der andere und ließ sich gar nicht trösten. Sie waren beide so schön wie Morgen und Abend, so schlank wie Lanzen, so rasch wie Pfeile und so stark wie junge Bären. Ihre Mutter betrachtete sie mit Stolz und Freude und streichelte ihre Lockenköpfe, indem sie sprach: »Andrei und Mirea, meine schönen Söhne, möget Ihr so berühmt werden, daß die Steine Von Euch reden!« –

Sie waren von edlem Geschlecht und hatten eine Burg auf hohem Felsenkegel, auf dem sie thronten, als gehörte ihnen die ganze Welt, und oft sagten sie scherzend, sie könnten zusammen nur eine Frau heiraten, da sie gewiß nicht zwei gleichgeartete Frauen finden würden. Am besten sei es, sie heirateten gar nicht. Davon wollte aber die Mutter nichts hören, denn sie wollte ihrer Söhne Kinder auf den Knieen wiegen und ihnen Schlummerlieder singen.

Sie sang ihnen oft des Abends die alten Lieder, während sie spann, und die beiden Jünglinge umgaben sie zärtlich, Andrei kniete ihr zu Füßen, auf einem Kissen, Mirea lehnte mit dem Arm auf der Mutter Stuhl und sog den Duft ihres Haares ein, das in dicken, braunen Flechten unter dem feinen, weißen Schleier schimmerte. »Unsere Mutter ist noch eine ganz junge Frau!« sagte Andrei.

»Ja,« rief Mirea, »sie hat noch kein graues Härchen!«

»Und keine Falte!« ergänzte Andrei. »Wir finden keine Frau, die Deiner wert ist!« sprach Mirea und küßte den Schleier auf der Mutter Haupt. »Du stellst sie alle in den Schatten!« lachte Andrei und küßte den kleinen Finger der Hand, die eben den wunderfeinsten Faden spann. »Mein Vater war ein glücklicher Mann!« rief Mirea.

»Und wir sind glückliche Kinder!« fügte Andrei hinzu. Die Mutter lächelte zu dieser lieblichen Wechselrede und erzählte ihnen Geschichten von der Großmutter und der rauhen Zeit, in der die gelebt, von ihrem gestrengen Vater und noch gestrengerem Gemahl.

Die Mahlzeiten, welche die drei mit einander einnahmen, waren so heiter, als wäre das Haus voll Gesellschaft, wenn aber wirklich Gäste kamen, wurden sie stiller, wie es der Würde des Hauses ziemte. Sie waren treffliche Gastgeber und brachten manche Nacht auf dem Boden zu, um ihr gutes Lager den Fremden einzuräumen.

Allen Menschen wurde es wohl in dem trauten Heim, in dem die Liebe wohnte.

Eines Tages waren die beiden Brüder auf der Jagd und streiften an den steilsten Felsen entlang, den Bären zu finden, der jüngst großes Unheil angerichtet. Endlich waren sie ihm auf der Spur und lautes Brummen, sowie das Hinabrollen der Steine verkündete seine Nähe. In dem Augenblicke aber, als Mirea den Wurfspieß schleudern wollte, flog aus einem nahen Gehölze ein andrer Speer dem Tiere gerade in die Weiche, worauf glockenhelles Gelächter erklang. Der Bär richtete sich auf und schritt auf den Hinterbeinen dem Gehölz zu, mit wütendem Brummen. Andrei sah die Gefahr, in welcher der kühne Jäger sich befand, und während Mirea trotzig sagte: »Möge er die Jagd beendigen, die er angefangen!« rief Andrei: »Hörtest Du nicht, es war ein Knabe!« warf sich dem Bären, der ihn überragte, in den Weg und bohrte ihm sein Messer bis an das Heft in die Schulter. Der Bär hieb in die Luft und stürzte dann tot zusammen. »O wie schade!« rief die helle Stimme, und aus dem Gebüsch trat ein wunderschönes Mägdlein hervor, in kurzem Gewande, mit Sandalen und einer weißen Pelzmütze, unter welcher sich wild und üppig die braunen Locken hervorstahlen. Sie hatte grüne Augen mit goldenem Kern und braune, kühn geschwungene Brauen. Von den Schultern hing ihr ein Mantel von schneeweißem, seidigem Ziegenhaar, in der Hand hielt sie ein ebensolches breites Messer wie Andrei, mit dem sie festen Fußes den Bären erwartet hatte. »Wie schade!« rief sie wieder, »nun habe ich ihn nicht erlegt!« und Thränen traten ihr in die Augen. Andrei stand ganz beschämt und betrachtete den Bären, als hätte er ihn gern wieder lebendig gemacht, dem schönen Mädchen zu liebe. Sie stieß das Tier mit der Fußspitze, ohne zu wissen, was sie that, nur um ihren Unmut zu verbergen; da wandte sich der Bär noch einmal und hieb nach ihr. In demselben Augenblick ward sie zurückgerissen und mit einem: »Unverständiges Kind!« scheltend von Mirea auf die Füße gestellt. Verwundert sah sie in die Höhe, denn die Stimme war dieselbe wie die des jungen Mannes vor ihr, und nun gar das Gesicht zum Verwechseln ähnlich. Mit offnem Munde, wie ein kleines Kind, sah sie von einem Bruder zum andern, bis alle drei in ein stürmisches, nicht enden wollendes Gelächter ausbrachen. »Ihr seid ja doppelt!« rief das Mädchen, »wie zwei Haselnüsse in einer Schale!«

»Wir sind auch Haselnüsse aus derselben Schale,« sagte Andrei, »wer bist Du denn, kleine Waldfee? Du bist doch nicht etwa eine verkappte Hexe, die uns verderben wird?«

»Wer weiß!« sagte das Mädchen, »ich bin vielleicht eine Hexe, mein Großvater hat es schon oft gesagt, und ich bin doch erst eine Woche bei ihm.«

»Wir möchten Dich gleich als schlimme Hexe behandeln und Dich auf unsrer Burg gefangen setzen, da Du auf unserm Grund und Boden ohne Erlaubnis gejagt,« sprach Mirea.

»Wir haben auch eine schlimme Mutter auf der Burg!« sagte Andrei.

»So?« rief das Mädchen, »die muß ich sehen, ich bin Eure Gefangene!«

Sie rief einen Jäger herbei, gab ihm einige Aufträge an den Großvater, befahl ihm, sie mit den Pferden abzuholen und schritt lustig mit den Brüdern auf den schwindligsten Pfaden der Burg zu.

Die Mutter der beiden jungen Leute, Frau Roxana, sah zum Fenster hinaus und wunderte sich, was für einen jungen Hirten ihre Söhne mitbrächten. Hinterher trug man den Bären auf Baumästen.

Als sie in die Nähe der Burg gelangten, rief Frau Roxana erschrocken: »Aber, mein Gott, das ist ja ein Mädchen! Wo haben sie denn das gefunden?« Einige Augenblicke später erschallten die jugendlichen Schritte und Stimmen im Hofe, dann in der Halle, dann im Saal.

»Mutter!« rief Mirea, »hier bringen wir einen Gefangenen, einen Jäger, der uns die Jagd verdorben! Was soll seine Strafe sein?«

Frau Roxana betrachtete das junge Mädchen mit großer Bangigkeit; sie hätte sie am liebsten wieder so schnell als möglich fortgeschickt; es war aber ein so bezaubernder Anblick, daß Frau Roxana gütig lächelte und die Hand reichte, die das junge Mädchen ehrerbietig küßte. »Ich denke die ärgste Strafe für sie wird wohl sein, mit mir alten Frau einige Stunden zu spinnen!«

»O ganz und gar nicht; ich spinne so fein wie eine Fee; der Wurfspieß hat meine Hand nicht schwer gemacht. Und was das Alter betrifft, so befinde ich mich soeben in der einzigen Gesellschaft meines Großvaters, der den ganzen Tag im Sessel sitzt, und der immer einschläft, wenn ich ihm was erzählen will.« Indem sie sprach, nahm sie ihren Mantel ab und wollte ihn niederlegen, Andrei aber kam ihr höflich zuvor. Frau Roxana nahm ihr selbst die Pelzmütze ab und strich ihr das krause, feuchte Haar aus der erhitzten Stirn. Sie war noch viel schöner so, wie von einer Löwenmähne umwogt, und Mutter und Söhne betrachteten sie wohlgefällig.

»Wie heißt Du denn, liebes Kind?« fragte jetzt Frau Roxana.

»Ich heiße Urlanda; welch häßlicher Name, nicht wahr! Rolanda wollten sie mich nennen, aber weil ich so wild war und so viel Spektakel gemacht habe, wurde Urlanda daraus.« Sie sagte das mit einer so komischen tiefen Stimme, daß alle lachten. »Mein Großvater wohnt auf der andern Seite der Berge; ich bin heute weit gelaufen.«

»Nun, dann wird Dir die Mahlzeit munden, die unsrer wartet.«

Sie traten in den Speisesaal, der mit den schönsten orientalischen Teppichen ausgehängt war, und in welchem prächtiges Silberzeug prangte.

Die beiden jungen Männer sprachen mäßig dem Weine zu, den sie mit Wasser mischten, die Frauen ließen sich an Wasser genügen. Anmutig floß das Gespräch dahin; man erzählte sich Bärenabenteuer, immer eines merkwürdiger als das andere, und Rolanda ließ sich darin nicht überbieten; sie wußte immer noch unglaublicheres zu erzählen, und in so ernsthaftem Tone, als wenn sie einen Eid darauf schwören wollte.

Viel Heiterkeit veranlaßte ihr fortwährendes Verwechseln der beiden Brüder, und als sich Andrei als ihren Lebensretter vorstellte, ward Mirea eifrig und meinte, er habe sie vor einer letzten Umarmung des Bären bewahrt. »Gut,« rief sie heiter, »daß ich Euch beiden mein Leben verdanke; sonst könnte ich meinen Lebensretter niemals erkennen!«

Nach Tisch bat sie um Kunkel und Spindel; sie wollte zeigen, daß ihr Spinnen keine Bärengeschichte sei. Dies that sie mit einem schlauen Blick auf die Brüder. Und wirklich, der Faden, den sie auszog, glich dem einer Spinne, so fein und gleichmäßig war er zur großen Bewunderung von Frau Roxana.

»Ich kann auch sehr schön sticken,« sagte das junge Mädchen, »das hat mich meine Mutter gelehrt, die stickte wie eine Fee und hat gemeint, sie würde meine Wildheit zähmen mit so schönen Arbeiten; aber ich war immer schneller fertig als sie dachte, und ehe sie sich dessen versah, war ich schon wieder draußen, im Gestüte oder auf der Jagd.«

Sie seufzte ein ganz klein wenig: »Jetzt ist das Gestüt verkauft und reiten kann man auch nicht in den elenden Bergen, man hat gar keinen Platz! Ach! da sind die Pferde!« rief sie und sprang vom Stuhl. »Ich muß jetzt fort, sonst komme ich nicht vor der Nacht heim, und der Großvater kann gewiß schelten, wenn er will; er hat so buschige Augenbrauen und so viele Falten drum herum!«

Sie flog auf Roxana zu, küßte ihr die Hand, grüßte die beiden Brüder mit einem Schwenken ihrer Pudelmütze, die sie auf die Locken warf, war zum Saal hinaus und wie ein Knabe im Sattel, wie ein Wirbelwind.

Die Brüder hatten aber auch ihre Pferde bestellt, den jungen Gast bis zur Grenze des Besitztums zu begleiten, und alle drei lachten und grüßten zu Frau Roxana hinauf, die mit ernsten Augen und lächelndem Munde hinabsah. Es lag ihr die Sorge auf dem Herzen, sie wußte nicht weshalb und hätte gern die Söhne zu sich zurückgerufen.

Rolanda wollte bergauf und bergab galoppieren und war kaum daran zu verhindern; erst als ihr Mitleid für die Pferde rege gemacht wurde, ließ sie nach und sagte seufzend: »Diese wandelnden Stühle nennt Ihr Pferde!«

Da die Nacht hereinbrach, lud sie die Brüder ein, nun beim Großvater einzukehren. Der alte Herr saß am Ofen und strich seinen schneeweißen Bart, der ihm weit über die Brust hinabreichte.

»Wo war denn der Wildfang wieder?« sprach er gütig.

»In schrecklicher Gefangenschaft wegen Jagdfrevels, und hier sind meine Verfolger gleich mitgekommen, sie wollten sehen, ob ich die Wahrheit gesagt habe.«

Der Alte betrachtete wohlgefällig die beiden jungen Leute, die in ehrerbietiger Haltung vor ihm stehen blieben. Bald war die Abendmahlzeit gerichtet und verlief nicht minder heiter als das Mittagsmahl bei Frau Roxana.

In dem ersten Frühlicht ritten Andrei und Mirea wieder von dannen und waren nicht wenig überrascht, aus einem Fenster mit Blumen überschüttet zu werden. Wie sie aber in die Höhe blickten, flog das Fenster zu und sie sahen niemand.

Dieser Tag war der Anfang von einer langen Reihe von Besuchen und Gegenbesuchen, von Jagden, Ritten und heimlichen Stunden, der Plauderei gewidmet.

Rolanda konnte auch ihre trüben Stunden haben, in denen sie noch viel anziehender wurde; dann sprach sie von den toten Eltern, und wie sie so ganz allein sei auf der Welt; der Großvater werde nicht lange mehr leben, und dann wisse sie nicht, wohin.

»O welche Beleidigung!« rief Andrei, »sind wir nicht Deine Brüder? Ist bei uns keine Heimat für Dich?«

»Hat die Mutter Dich nicht lieb?« fügte Mirea hinzu.

Wieder zog Frau Roxanas Herz sich ängstlich zusammen, und doch hatte sie das wilde Kind unendlich lieb gewonnen.

Kurze Zeit nach diesem Gespräche erklang rasender Hufschlag den Berg hinauf, zum Hofe herein; es war Rolanda ohne Mütze mit flatternden Locken. Totenblaß stürzte sie zu Frau Roxana herein:

»Ich bitte Euch um Gotteswillen, behaltet mich bei Euch! Der Großvater ist tot, ich habe ihm die Augen zugedrückt, ich habe ihn gewaschen und angezogen und in den Sarg und ins Grab gelegt und habe mich nicht gefürchtet; aber da sind die Verwandten gekommen, eine ganze Schar und haben sich um das Erbe gestritten und gerauft und haben mich wütend gescholten, da er mir etwas vermacht, und einer mit einem kahlen Scheitel begehrte mich gleich zur Frau! Hu! Da habe ich mich gefürchtet! So ein Kerl! Ich habe ihm aber gesagt, daß ich Urlanda heiße und so böse bin, daß mich gar niemand heiraten kann. Ich will auch gar keinen Mann, ich will bei Euch bleiben, so lange Ihr mich nicht hinausjagt!«

Frau Roxana hatte alle Mühe, die hervorsprudelnden Worte zu verstehen und hatte dann noch mehr zu thun, das aufgeregte Mädchen zu beruhigen. Sie zog sie an ihr Herz, glättete die wilden Locken und führte sie dann in die kleine weiße Kammer, die sie schon oft bewohnt, und sagte ihr, hier solle ihr Heim sein, so lange ein Dach über dem Hause sei.

Rolanda warf sich ihr in die Arme und küßte ihre Hände und versprach, so sanft zu werden, so sanft, wie ein großer, stiller See! Frau Roxana lächelte und meinte, die Sanftmut werde kommen, wenn sie einmal Frau sei.

»Aber ich will keine Frau werden, ich will immer ein Mädchen bleiben und frei, frei, wie ein Vogel!«

Frau Roxana seufzte ganz leise und horchte auf die Stimmen ihrer Söhne, die eben heimkamen und zuerst nach Rolanda fragten, die sie hatten von fern heranlaufen sehen.

Es war eine merkwürdige Wandlung in dem Benehmen der Brüder, seit der Stunde, daß Rolanda bei ihnen war. Sie hatten sie als ihre kleine Schwester begrüßt, worauf das junge Mädchen plötzlich schüchtern und befangen ward. Sie gingen von nun an viel mehr hinaus, als früher, aber nicht mehr mit einander, sondern auf getrennten Wegen, und Rolanda blieb viel bei der Mutter, war zerstreut und träumerisch und weinte heimliche Thränen. Wenn sie sich unbemerkt glaubte, sah sie oft von einem Bruder zum andern und wieder zurück, als wollte sie etwas entdecken, das ihr dunkel geblieben. Noch jetzt verwechselte sie die beiden oft, dann lachte sie aber nicht, sondern blickte ängstlich zur Mutter hinüber. Frau Roxana sah mit Betrübnis, wie eine düstere Wolke über ihrem Hause sich zusammenzog, und weinte noch viel heimlicher als Rolanda, seitdem jeder ihrer Söhne einzeln ihr in der Dämmerstunde seine große, unendliche, unbezwingbare Liebe gebeichtet und hinzugefügt hatte:

»Glaubst Du, mein Bruder liebt sie auch? Er ist so verändert! Und wem von uns wird ihr Herz sich zuneigen?« –

Frau Roxana trug manche Kerze ins Bergkirchlein zu Lespes und hoffte durch die mühsame Wallfahrt den Himmel günstig zu stimmen, daß nicht ein großes Unglück über sie hereinbreche.

Rolanda war in der letzten Zeit in unbeschreiblicher Aufregung; denn an dem nämlichen Tage hatten Mirea und Andrei, ohne von einander zu wissen, jeder ihr seine Liebe gestanden, und das arme Mädchen erforschte vergebens ihr Herz; sie hatte eben beide lieb, viel zu lieb, um einen unglücklich zu machen; sie konnte sie auch in ihrem Herzen nicht von einander trennen, so wenig wie mit den Augen. Sie wolle Frau Roxana nichts sagen, um ihr nicht wehe zu thun, und sah, wie die Brüder sich nicht mehr mochten und sogar scharfe Worte wechselten, was sonst nie geschehen.

Da rief eines Tages Frau Roxana die drei zu sich und sprach:

»Ich habe Eurer Herzen schweren Kampf schon allzulange mit angesehen. Einer von Euch muß ein schweres Opfer bringen, damit der andre glücklich werde.«

»Ja, einer von uns muß aus der Welt!« sprach Mirea dumpf.

»Um Gotteswillen,« rief Rolanda, »doch nicht kämpfen um mich!«

»O nein,« sprach Andrei und lächelte wehmütig, »das wäre unmöglich; man kann allein gehen.«

Frau Roxana hob die Hände: »O Ihr gottlosen Kinder! Habe ich Euch so schwach geboren und erzogen, daß keiner Kraft hat, den ersten Schmerz zu tragen! Rolanda, bis morgen sollst Du Bedenkzeit haben; bis morgen wollen wir Kraft und Mut gewinnen!«

So trennten sie sich.

Andrei aber schlug einen Waldweg ein nach Lespes, kniete im Felsenkirchlein nieder und sprach: »Mein Gott! Du kennst mein Herz und meine Kraft! Gieb, daß ich keine Sünde begehe, an mir selbst, an meiner Mutter, an meinem Bruder, an dein Weibe, das ich liebe; sondern, wenn sie mich nicht nehmen will, so mache mich zu Stein, damit ich nichts mehr fühlen muß!« –

Auf einem andern Wege war Mirea auch zur Kirche gekommen und hatte dasselbe gebetet. Sie warfen sich einen traurigen Blick zu und gingen jeder allein nach Hause; denn jeder glaubte, er allein habe das Opfer gebracht.

Frau Roxana erschien am nächsten Morgen bleich wie der Schleier, der die ersten Silberfäden in ihrem Haare bedeckte.

Die beiden jungen Leute sahen aus, als gingen sie in den Tod, nur Rolanda trat freudestrahlenden Antlitzes herein. Es war eine Verklärung über sie ausgegossen, die sie überirdisch schön machte; sie erschien einen Kopf größer und sprach mit sanftem Wohlklang: »Tretet mit mir hinaus, meine einzigen Teuern; unter Gottes Himmel soll die Entscheidung fallen!«

Sie ging ihnen voran, als schwebte sie, nur ihre Hände waren durchsichtig wie Wachs und die Augen, die sie zum Himmel hob waren voll Thränen. Auf schwindelnd steilem Absturz blieb sie stehen und kniete vor Frau Roxana nieder:

»Segne mich, Mutter!« sprach sie. Frau Roxana legte ihre zitternden Hände auf das schöne Lockenhaupt.

»Und jetzt,« sprach Rolanda mit heller Stimme, »jetzt hört mich an! Ich habe Euch beide so lieb, so unendlich lieb, mehr als mich selber, mehr als mein Leben, darum kann ich mich keinem geben, aber wer mich aus dem Abgrund holt, des Weib will ich sein!«

Noch ehe einer die Hand ausgestreckt, flog sie wie ein Vogel über den Felsenrand in die unermeßliche Tiefe. Aber – o Wunder! – im Stürzen verwandelte sie sich in einen schäumenden Wasserfall, in der Luft zerstäubend, wie ein bräutlicher Schleier. Die beiden Brüder wollten ihr nachstürzen, konnten aber nicht, denn ihre Füße wurden Felsen, ihre Arme Felsen, ihre Herzen Stein, und so ragten sie zum Himmel empor.

Die unglückliche Mutter aber breitete die Arme aus und rief: »Und ich allein soll leben! O Himmel, hast Du denn kein Erbarmen?« Und mit ausgebreiteten Armen fiel sie zur Erde, ihre Kinder umklammernd. Und siehe, wo sie lag, verwandelte sich alles in dichtes, weiches Moos, das sich weiter und weiter ausbreitete und die Felsen zur Hälfte einhüllte. So stehen sie noch und werden immer so stehen, die wilde, bräutlich weiße Urlatoare, die opferfreudigen Söhne, die Jipi, und deren treue, zärtliche Mutter.



III

Die Hexenburg

Wenn man im Prahovathal hinaufgeht, so kann man Cetatea Babei, »die Hexenburg,« nicht sehen, weil sie hinter dem Bucegi, liegt. Sie ragt als spitzer Kegel empor und scheint mit Ruinen bedeckt; von dort bis zu den Jipi liegt ewiger Schnee.

Vor langen, langen Zeiten, als noch die Wölfe die Herden hüteten, und Adler und Tauben bei einander nisteten, stand dort eine stolze Burg, in der es sehr emsig zuging. Immerfort trippelten hundert eilige Schritte hin und her. Bei Nacht aber brannte im Turm ein Licht und schnurrte ein mächtiges Rad, und ein merkwürdiger, leiser Gesang schwebte über dem Schnurren und schien damit Takt zu halten. Die Leute im Thal blickten scheu hinauf und flüsterten: »Sie spinnt wieder!« Die aber dort oben spann, war die Herrin der Burg, eine schlimme Zauberin, der die Bergmännlein alles Gold aus dem Erdenschoß brachten, damit sie für alle Bräute den Goldfaden spänne, der am Hochzeitstage ihre Häupter schmückt. Das Gold wurde in Massen bei ihr ausgeschüttet; sie wog und wählte und wehe dem Bergmännlein, welches das gehörige Maß nicht gebracht; das wurde zwischen Stamm und Rinde eines mächtigen Baumes geklemmt, bis es das letzte Körnchen Goldes hergegeben, oder es wurde ihm nur der Bart eingeklemmt, und da konnte es zappeln und ach und wehe schreien, – die Alte machte taube Ohren. Sie hatte darum den Namen Baba Coaja bekommen, »Mutter Rinde,« oder, weil sie so hart war wie eine Brotkruste, und so runzelig wie eine alte Eiche. Sie allein verstand die Goldfäden zu spinnen und machte sie im voraus für viele hundert Jahre. Eine wunderschöne Tochter hatte Baba Coaja, die hieß Alba, »die Weiße,« denn sie war weiß wie der Schnee, der die Bergspitzen beständig bedeckt. Sie hatte eine Haut wie Samt und braune Augen wie Samt, und Haar wie die Goldfäden, die die Mutter spann.

Sie war immer eingeschlossen, denn Baba Coaja hatte viel Arbeit für sie, und es sollte sie auch niemand sehen und keiner freien, Sie mußte die Goldfäden aufwinden und in unterirdischen Kellern schichten, für alle die hundert und hundert Jahre.

Diese Arbeit war aber der holden Maid sehr zur Last, weil die Mutter allerlei böse Sprüche und Zauber sang und murmelte, während sie spann, so daß jeder Braut schon ihr Teil Unglück und Herzeleid mitgegeben war, sobald die Goldfäden auf ihrem Haupte geruht, und Alba gedachte traurig des Ungemachs, das so im voraus bestimmt wurde. Ja, sie setzte sich sogar einmal selbst ans Rad, während die Mutter fort war, und spann ein Stück, indem sie nur gutes wünschte. Als aber Baba Coaja nach Hause kam, wurde sie ganz wütend, schlug ihre Tochter unbarmherzig und sagte: »Du sollst nicht eher heiraten, als bis Du Dein eigenes Gespinst wieder erkennst!« und damit warf sie das Stück zu dem übrigen.

Die Alte war im Herzen froh, daß sie einen Vorwand hatte, ihre Tochter bei sich zu behalten, da ihr prophezeit war, Alba werde sehr unglücklich werden und früh sterben. Das einzige Wesen auf der Welt, das sie lieb hatte, war ihr holdes Kind; wie sehr sie sich aber bemühte, Alba Freude zu machen mit schönen Kleidern und allerhand hübschen Sächelchen, – sie brachte doch keine Farbe in ihre Wangen und kein Lachen in ihre Augen; denn das einzige, wonach sich das Mägdlein sehnte, war Freiheit, und die ward ihr nicht zu teil. Wie gern wäre sie einmal unter den Bäumen gewandelt, die den Fuß des Berges schmückten, auf dem sie lebte. Dort oben wuchs nichts als kurzes Gras, und es war länger Winter als Sommer. Wenn der Wind um die Burg heulte und tobte, als wollte er sie in Stücke reißen, dann wurde es ihr so traurig ums Herz; oft saß sie vor dem Kamin und starrte ins Feuer, sah dem Funkensprühen zu und dachte an gar nichts.

Manchmal lauschte sie den unheimlichen Gesängen der Mutter, während das Schnurren des Rades und das Heulen des Sturmes sich mischten, und dann dachte sie darüber nach, warum ihre Mutter den Bräuten soviel Bitternis in die Goldfäden spinne, warum denn die Menschen nicht froh und glücklich sein dürften in dem schönen Sonnenschein, der doch immer fröhlich aussähe. Aber sie konnte niemals den Grund finden und schlief ein vor lauter Denken.

»Mutter,« sagte sie einmal und stützte das Kinn auf die Hand, – »sind denn die Menschen gerade so wie Du und ich, oder haben sie eine andere Gestalt und andere Gedanken?«

»Was gehen Dich die Menschen an? Sie sind alle sehr böse und würden Dir nur übles thun, wenn sie Dich bekommen könnten.«

»Aber neulich kam ein wunderschönes Tier unsern Berg herauf, und darauf saß einer, der war viel schöner als alle Bergmännlein; er hatte schwarze Locken und gar keinen Bart und einen Purpurmantel – war das kein Mensch?«

Die Alte erschrak heftig bei dieser Rede und sprach: »Wenn der noch einmal hier heraufkommt, so werde ich ihm den Hals brechen, und die im Thale werden ihn nie wieder sehen!«

»O Mutter! Thu das nicht! Er war so schön!«

»Wenn Du noch einmal an ihn denkst, so sperre ich Dich in den Keller, das sage ich Dir und lasse Dich Gold wiegen Tag und Nacht; Du thust so wie so schon gar nichts mehr in der letzten Zeit und sitzest immer so da und stellst unnütze Fragen. Hast Du denn nicht alles, was Dein Herz begehrt?«

»Nein, Mutter, ich möchte auch ein so schönes Tier haben und darauf sitzen. Hier sind immer nur Schafe, auf denen kann man nicht sitzen.«

»Jetzt willst Du gar noch ein Pferd haben, Du thörichtes Kind! Siehst Du denn nicht, daß es lebensgefährlich ist, hier zu reiten? Das Gras ist glatt, und die Abgründe sind tief, und ein Fehltritt, so liegt man zerschmettert da unten!«

Alba dachte lange darüber nach, warum es für die Pferde gefährlich sei, da doch die Schafe so sicher gingen; sie bekam aber auch hierauf keine Antwort, da sie nicht zu fragen wagte. Die Bergmännlein kamen ihr nun noch viel häßlicher vor, als früher, und das Gold war ihr so zuwider, sie konnte es gar nicht mehr sehen. Sie dachte nur an das schöne, schöne Pferd und an den Jüngling, dem es den Hals kosten sollte, wenn er sich wieder sehen ließe. Warum wollte ihm die Mutter den Hals brechen? Auch hierauf fand sie keine Antwort, wie sehr sie auch nachdachte. –

Einige Zeit darauf ritt der schöne Jüngling wieder den Berg empor; ihn reizte die Neugier, zu sehen, wer in der gewaltigen Burg wohne, deren Mauern aus lauter Felsblöcken bestanden.

Er war ein Königssohn und hieß Porfirie und war nicht gewohnt, etwas nicht zu können; seiner stürmischen Natur war jede Schwierigkeit willkommen. Wenn man ihm vom Heiraten sprach, sagte er, er wolle seine Braut einem Drachen entreißen oder von einem Felsen pflücken, nur nicht so ganz gemütlich Freiwerber schicken und eine gewöhnliche Hochzeit machen.

Alba war gerade damit beschäftigt sich zu schmücken, als Zeitvertreib, nachdem sie den ganzen Morgen Gold gehaspelt. Sie hatte Hände und Gesicht gebadet, das lange Haar mit dem Elfenbeinkamm gekämmt, um die Stirn eine doppelte Perlenreihe gelegt, in welche sie seitwärts eine Alpenrose steckte. Ihr Gewand war weiß, mit goldenem Gürtel, darüber kam ein grüner Samtmantel, der mit Perlenketten von einer Schulter zur andern befestigt war. Um das schneeweiße Hälschen legte sie Smaragden, so groß wie Taubeneier, ein Geschenk der Bergmännlein, und dann betrachtete sie sich im Spiegel, in dem sie aber nicht sehen konnte, wie ihr goldenes Haar schimmernd auf dem grünen Samt lag. Nein, sie mußte wirklich schlecht sehen, oder der Spiegel war schlecht; denn jetzt schlug sie sich ins Gesicht und rief: »Wie häßlich bin ich! Nein, wie häßlich! Darum versteckt mich die Mutter vor allen Menschen, und giebt mir schöne Kleider und Juwelen, wie einer Königin, um zu vergessen, wie häßlich ich bin!«

In dem Augenblick erklangen Hufe auf den Felsen und mit entsetzensstarren Augen erblickte sie den schönen Fremden, dem es den Hals kosten sollte, wenn er wieder auf der Burg erschiene. Er mußte gewarnt werden, um jeden Preis. Wie eine Gemse flog sie bergab, mit wehendem Mantel und flatternden Haaren, in denen sich die Sonnenstrahlen zu fangen schienen.

Der junge König sah sie über die Felsen daherfliegen, als berührte ihr Fuß die Steine nicht, und hielt sein Pferd an in staunender Bewunderung. Er fragte sich, welch' Königskind, welche Bergfee ihm da entgegenflöge, und nun winkte sie mit beiden Armen und rief atemlos: »Zurück! zurück! Komm' nicht hier herauf! Es wäre Dein Tod!«

»Und wäre es mein Tod,« rief er, »so würde ich fröhlich sterben, da ich die schönste Maid erblickt, die je auf Erden gewandelt!«

Alba blieb vor ihm stehen, ein leises Rot überflog ihre Wangen, und ihn mit großen Augen anschauend sagte sie: »Bin ich denn schön?«

»Ja, wunderschön, so reizend bist Du mit Deinem goldenen Haar und Deinen goldenen Augen, daß ich Dich liebe, von dieser Stunde an!«

»Und ich liebe Dich auch!« sagte die unschuldige Maid, die nicht wußte, daß man unter den Menschen gewöhnlich nicht sagt, was man denkt. –

»Aber sage nicht, mein Haar sei golden, Gold ist ja so häßlich!«

»Häßlich?« Der Königssohn lachte. »Das habe ich noch nie gehört? Hast Du denn so viel Gold gesehen, daß Du es häßlich findest?«

»Ach ja, ich sehe ja nichts als Gold, statt grüner Bäume nur Gold, statt Blumen Gold, statt Menschen Gold, solche Haufen!« sie breitete ihre Arme aus und drehte sich um sich selbst. »O wie viel lieber möchte ich auf dem schönen Tier sitzen! Ich habe noch nie ein Pferd gesehen, darf ich's anrühren?«

»Ja, freilich, streicheln sogar und zu mir heraufsteigen auch; Du sollst reiten, so lange Du willst!«

Er hieß sie, ihren Fuß auf den seinigen stellen und beide Hände in die seinigen legen, so zog er sie vor sich auf den Sattel, schlang den Arm um sie und gab dem Pferd die Sporen. Er dachte, sie würde sich fürchten; das fiel der holden Unschuld aber gar nicht ein, denn sie kannte keine Gefahr. Sobald der Boden weich wurde, gab er die Zügel nach, und fort jagten sie, bald unter dem Waldesschatten, bald über blumige Wiesen.

Alba jauchzte, klatschte in die Hände und rief: »Schneller! noch schneller!«

So kamen sie in die Nähe der Stadt, die sie durchreiten mußten, um auf einen Hügel zum Königsschloß zu gelangen. Da wurde es plötzlich der Maid bange:

»Sind das alles Menschen?« fragte sie, als sie im Schritt durch die Straßen ritten. »Und die kleinen Häuser bläst der Wind nicht um?«

»Nein!« lachte Porfirie. »Hier weht der Wind nicht so, wie dort oben bei Euch!«

»Hier, meine Leute,« rief er, »hier bringe ich Euch Eure Königin! Sie ist eine Wunderblume, und ich habe sie mir vom Felsen gepflückt.«

»Aber ich bin keine Königin!« sagte Alba erschrocken.

»Ich, ich bin ein König, und da Du mein Weib wirst, so wirst Du Königin!«

»Dein Weib? Aber ich sollte ja keinen Mann haben, sagte meine Mutter.«

»Das hat sie nur so gesagt, weil sie wußte, daß keiner Dich haben sollte, außer mir!«

»Bist Du denn gar nicht böse?«

»Nein, ich bin nicht böse.«

»Du bist also kein Mensch?«

»Doch, das bin ich.«

»Aber die Mutter sagt, alle Menschen sind böse, und ich soll nichts mit ihnen zu schaffen haben.«

»Wer ist denn Deine Mutter?«

»Das weiß ich nicht; sie spinnt Gold.«

»Spinnt Gold? Zu was denn?«

»Für Bräute; aber ich will kein Gold bei meiner Hochzeit haben!« fügte sie rasch hinzu und griff nach ihrem Kopfe, als müßte sie ihn vor der schlimmen Berührung schützen.

»Das wird aber doch nicht anders gehen,« sagte Porfirie, »die Leute würden sich wundern. Hier bin ich zu Hause, jetzt reiten wir in den Hof ein, und Du mußt mit meiner Mutter freundlich reden.«

»Ist sie alt und häßlich?«

»Nein, sie ist sehr schön und stolz.«

»Was ist stolz?« sagte Alba.

Porfirie sah ihr in die Augen; die waren so lauter und rein, wie die Sonne; er drückte die Maid an sein Herz; dann warf er den Dienern die Zügel zu, sprang vom Pferde, hob Alba zärtlich herunter und reichte ihr die Hand, sie die breiten Steinstufen heraufzugeleiten.

Sie traten in einen weiten Saal, da saß eine hohe, stattliche Frau, von vielen Mädchen umgeben, und spann schöne, gelbe Seide. Alle erhoben sich von der Arbeit und blickten voll staunender Freude auf das herrliche Paar, das eben im Glorienschein der untergehenden Sonne unter dem Portal erschien.

»Hier, Mutter,« rief Porfirie, »ist Eure liebe Tochter, mein süßes Ehegemahl, das ich ganz nahe beim Himmel gefunden, und ich bin noch gar nicht sicher, daß es nicht ein Himmelsbewohner ist, der jeden Augenblick Flügel bekommen und uns enteilen kann!«

»O Du wunderschöne Frau!« rief Alba und fiel zu den Füßen der Königin, die sie gütig aufhob und küßte.

»Und Du spinnst auch, nur viel, viel schöner als meine Mutter; denn was Du spinnst, ist so zart und fein wie Schneeflocken und Blumenblätter!«

»Was spinnt denn Deine Mutter?«

»Ach immer das harte, häßliche Gold!«

»Gold!« scholl es rings im Kreise, manche lachten und glaubten es nicht.

»Kannst Du auch Gold spinnen?«

»Ich kann, aber darf nicht.«

»Warum nicht?« Sie öffnete die Lippen, um zu sagen, was ihre Mutter beim Spinnen thue, aber plötzlich überkam sie eine merkwürdige Befangenheit und das Gefühl, wie böse man sie ansehen würde, wenn die Mädchen wüßten, von wem ihnen alles Unheil in den Brautschleier gesponnen würde. Und dabei sahen sie alle so froh und so lieb aus, die bösen Menschen, vor denen die Mutter sie gewarnt, eigentlich viel besser, als ihre Mutter, vor der sich die Bergmännlein so entsetzlich fürchteten.

Sie wurde von ihrer Pein erlöst, indem eines der Mädchen flüsterte:

»Das Kleid ist Samt, echter, weißer Samt!« »Und die Juwelen? Von wem sind die Juwelen?« sagte eine andere etwas lauter.

»Von meinen Freunden,« antwortete Alba. »Wollt Ihr sie haben? Ich habe noch viel solches Spielzeug zu Hause,« und die Smaragden vom Halse lösend, gab sie jedem der Mädchen einen derselben.

Mit den Perlenschnüren hätte sie es ebenso gemacht, wenn die Königin sie nicht daran verhindert hätte.

»Sind denn Deine Freunde so reich?« fragte sie.

»Das weiß ich nicht. Was ist denn reich? Sie bringen alles in Säcken aus der Erde herauf, und wenn sie nicht genug bringen, so werden sie gestraft.«

Da wurde das Gesicht der Königin finster, sie nahm ihren Sohn bei Seite und sprach: »Das Mägdlein ist keine andere, als die Tochter der abscheulichen Hexe Baba Coaja. Führe sie schnell wieder dahin, wo Du sie geholt hast, sie bringt nur Unglück in unser Haus.«

»Nur das fordere nicht von mir, Mutter,« sprach der junge König erbleichend. »Ich liebe die holde, unschuldsvolle Maid mit allen Gedanken, mit dem Blut in meinen Adern, mit jedem Atemzug! Und wäre sie Baba Coaja in eigner Person, ich könnte nicht von ihr lassen!«

Die Königin seufzte und befahl, der Maid eine Kammer neben ihrem Gemache zu bereiten, und am nächsten Tage sollte die Hochzeit sein. Die Königin wollte mit eigner Hand die neue Tochter schmücken; sie hatte aber einen schweren Kampf mit ihr zu bestehen, da diese durchaus keinen Goldfaden auf ihr Haupt haben wollte. Sie entfloh durch das ganze Schloß, wie ein gescheuchtes Reh, sie warf sich auf die Erde, unter die Decken, die die Diwans schmückten, sie bat und flehte mit herabströmenden Thränen, man möge sie verschonen. Die Königin solle ihr etwas von ihrem schönen Seidengespinst auf die Haare legen, nur daß schreckliche Gold nicht!

Während sie aber knieend bat und jammerte, gab die Königin einen Wink; zwei Mädchen banden ihr die Hände, während die dritte den goldenen Schleier befestigte. Alle erwarteten nun einen Ausbruch von Zorn und Verzweiflung. Aber Alba ward ganz still. Bleich wie der Tod neigte sie das Haupt unter der Last: »Du bist härter als meine Mutter!« sagte sie; »die wollte mich keinem Manne geben, damit ich nicht unglücklich würde, Du aber rufst selber das Leid auf mich herab!«

Niemand verstand diese Rede, und Alba war nicht dazu zu bewegen, sie zu erklären, was das allgemeine Mißtrauen vermehrte. Sie sah so traurig aus, daß das Volk in ihr gar nicht mehr die strahlende Maid von gestern erkannte, und alle Worte der Liebe ihres jungen Gemahls konnten nicht die Wolken von ihrer Stirn scheuchen.

Am Hofe war aber bald von nichts anderem mehr die Rede, als von den ungezählten Schätzen der jungen Königin, und viele trieben den König, sich dieselben in der Nähe zu betrachten. Ihm war es nicht um die Schätze zu thun; er dachte nur daran, sein junges Weib wieder lächeln zu sehen, und meinte, wenn er ihr die Sachen holte, die sie besessen, so werde sie fröhlich werden.

Sowie sie aber hörte, Porfirie beabsichtige nach ihrer Burg zurückzureiten, erschrak sie heftig und bat und beschwor ihn, das nicht zu thun! »Es wird Dein Tod sein, ganz gewiß!«

Er aber ließ sich nicht bereden, und je mehr sie ihm die Gefahr schilderte, die ihn dort erwarte, um so mehr reizte ihn eben diese Gefahr, und ganz heimlich machte er sich auf den Weg, als sie noch im tiefen Schlummer lag. Mit wenigen Begleitern sprengte er zur Burg von Baba Coaja hinan. Die aber sah ihn von weitem und rief ihm entgegen:

»Fluch über Dich, der Du mein Kind entführt hast, um es unglücklich zu machen! Da, sättige die Habgier, die Dich zu mir zurücktreibt, Du Unglücklicher! Ich habe nichts nach Dir gefragt, was suchst Du mich?«

Mit diesen Worten schüttete sie Juwelen in endlosen Massen auf die Reiter nieder; die Edelsteine aber wurden in der Luft zu Eis und Schnee und wirbelten dergestalt, daß die Unglücklichen sich nicht wehren konnten, und geblendet den Weg nicht mehr sahen. Die meisten stürzten in den Abgrund; der junge König aber, der im Rachedurst sich der Burg näherte, um die Alte zu erwürgen, ward dermaßen eingehüllt, daß er bald kein Glied mehr rühren konnte, und bevor er noch ein Wort hervorbrachte, war er tief unter dem Schnee begraben. Baba Coaja lachte hämisch und sagte: »Jetzt wird sie kommen, zu ihm, und nicht zu mir, aber sie kommt zu mir und nicht zu ihm! Ich habe mein Kind wieder, das nicht in der bösen Welt bleiben soll, und unter den Menschen, die ich hasse!«

Und wirklich dauerte es nicht lange, da eilte Alba, vom Wandern matt, im weißen Samtkleide, daß vom Staube befleckt war, den Berg herauf.

»Wo, wo ist er?« fragte sie mit blassen Lippen.

»So!« sprach die Alte, »mir bist Du entlaufen, mit einem fremden Mann, und kommst wieder und fragst nicht nach mir, sondern nach ihm? Er ist nicht hier!« –

»Doch, doch, ich fand seine Spur, bis zu dem Schnee dort!«

»Weiter kam er auch nicht!« lachte die Alte. »Er ist in Deinen Edelsteinen erstickt!«

Mit einem furchtbaren Schrei stürzte Alba auf die Schneefläche und begann mit ihren Händen sie wegzuscharren. Aber umsonst. Zu schwer lag die Decke, die den Geliebten verhüllte, zu fest war sie gefroren! Mit dem Ausruf: »O, Mutter! Mutter! Was hast Du mir gethan?« fiel Alba tot neben Eis und Schnee hin. Baba Coaja stieß einen so furchtbaren Fluch aus, daß der Berg wankte, ihre Burg zusammenstürzte und sie samt ihrem Golde unter ihren Trümmern begrub. –

An der Stelle aber, wo die schöne Alba ihr Leben ausgehaucht hatte, keimte eine weiße Blume in weißem Samtkleide auf, die man seitdem »Alba Regina,« zu deutsch »Edelweiß,« genannt hat. Sie blüht nur dicht beim ewigen Schnee, der den Geliebten bedeckt, so weiß und rein, wie sie selber war. –

Vielleicht verwandelt sich der Schnee einstmals wieder in Edelsteine, wenn ihn eine unschuldsvolle Jungfrau betritt. –

Das Stück Goldfaden, das Alba gesponnen, sucht man noch immer, und jede Braut hofft, sie habe es erhascht; darum fürchtet sich keine vor den Goldfäden, die so gefährlich sind, sondern jede glaubt, ihr sei das Glück beschert.



IV

Der Tschachlau

In der Moldau steht ein mächtiger Berg, fast so hoch wie der Bucegi; der heißt der Tschachlau; er erscheint sogar höher als der Bucegi, weil er ohne Vorberge gerade aus dem Thal emporsteigt und seinen schneegekrönten Gipfel leuchten läßt, als ein Wahrzeichen rumänischen Heldentums.

An einem Morgen, sehr frühe, stieg ein berühmter alter Bärenjäger mit leichten Schritten den Berg empor.

Mosch Gloantza war weit und breit wegen seiner kühnen Jagden bekannt; er ging sogar in die Höhle des Bären, mit einem brennenden Wachslicht am Ende des Büchsenlaufs und schoß den Baren tot. Ein guter Erzähler war er auch, Mosch Gloantza, der gern den jungen Leuten die Zeit vertrieb und von ihnen wohl gelitten war.

Jetzt kam er in einen dichten Nebel, den er aber bald durchschritten hatte, und über demselben schien die aufgehende Sonne auf eine enge Felsplatte und auf das lieblichste Bild, das sie nur bescheinen konnte: eine Schar junger Mädchen war dort um ein Muttergottesbild versammelt, das sie eifrig mit Kränzen und Blumen schmückten, während sie durch die weißen, wogenden Nebel von der ganzen Welt abgeschnitten waren.

Als Mosch Gloantza die Felsplatte erreichte, zuckte ein Blitz zu seinen Füßen und dröhnte ein Donner, wie Erdbeben, von unten herauf.

»Ah! Mosch Gloantza!« scholl es von allen Seiten. »Willkommen hier oben! Wir bringen der Mutter Gottes Blumen, weil sie hier immer Wolken hat, und siehe, nun hat sie schon den Segen gesandt! Jetzt erzähle uns was, erzähle!« –

Der alte Mann schob die Pelzmütze zurück und die buschigen Augenbrauen in die Höhe:

»Was soll ich denn erzählen?«

»Von alten, alten Zeiten!« riefen die Mädchen, zogen ihn auf ein Felsstück nieder und sammelten sich um ihn, die einen setzten sich ihm zu Füßen, die andern blieben vor ihm stehen, noch andere erschienen lachend auf den Felsen über ihm und legten sich dorthin, um besser zu hören. Er aber hub an:

»Wißt ihr denn, wer den Tschachlau gemacht hat?«

»Nein« – »Ja! o gewiß!« scholl es ringsum; »der liebe Gott natürlich!«

»Fehlgeschossen!« rief der Alte, »der liebe Gott hat die Sonne gemacht und die andern Berge und die Flüsse, aber den Tschachlau, den haben die Rumänen gemacht.«

»Die Rumänen?« riefen die Mädchen, wie aus einem Munde.

»Vor langen, langen Jahren, es weiß kein Mensch, wie lange, da war hier ein großer Krieg. Die Feinde, die zum Dniestr heranrückten, waren gar nicht wie Menschen, sondern wie wilde Tiere. Sie waren klein und krumm und hatten flache Gesichter, so gelb wie Zitronen, und ihre Augen waren so klein, daß man sie gar nicht sah. Sie waren mit ihren Pferden zusammengewachsen und jagten dahin, wie die Heuschrecken mit dem Ostwind. Wo sie hinkamen, da war alles im Umsehen verzehrt und blieb nichts zurück als der nackte Boden. Die Kunde von ihnen hatte das Land mit Schrecken erfüllt, doch waren die Rumänen entschlossen, ihren Boden bis aufs äußerste zu verteidigen. Sie verbündeten sich mit einem andern Volke, das war von heller Haut, blauäugig und hoch gewachsen, mit langem, gelbem Haar, von dem einige mit dem Messer in Holzstäbe schreiben konnten, und vereint zogen sie an den Dniestr, die Schwärme von grausamen Heuschrecken nicht herüberzulassen. Der Kampf war lang und heiß, und das Wasser des Dniestr war rot von Blut und schwer von Leichen, aber die Leute ohne Augen ließen sich durch nichts erschrecken. Und wie viele man ihrer auch tötete, es kamen mehr und mehr, immer drei für einen, der gefallen war. Sie hatten vergiftete Pfeile, die den sichern Tod gaben, und wenn sie in nächster Nähe einen abgeschossen, so jagten sie davon, um mit Lanzen wieder vorzustürmen. Die Leichen im Dniestr bildeten endlich eine Brücke, über welche die kleinen Pferde herüberkamen, und die Rumänen mußten sich hinter den andern Fluß, den Pruth, zurückziehen, um sich dort von neuem zu verteidigen. Die Schlacht dauerte acht Tage; blutrot ging die Sonne auf, und blutrot ging sie unter, und blutrot waren Fluß und Feld. Endlich sprach der Fürst der gelbhaarigen Leute: »Wir müssen weichen, aber wo finden wir ein Bollwerk gegen diese Drachen?«

»Wir haben noch ein schönes Land!« riefen die Rumänen, und zeigten den Weg. Da rief ihr weiser Fürst:

»Hört mich an, Ihr Mannen! Ein jeder von Euch nehme eine Hand voll Erde und werfe sie vor sich!«

Sie thaten, wie ihnen geheißen war, und da ihrer so viele waren, hatten sie bald einen großen Berg gebaut, den sie Tschachlau, die Gelbhaarigen aber Kaukland nannten.

Noch bevor die furchtbaren Feinde herangestürmt waren, ragte der Berg in die Wolken, und die Heere lagerten auf demselben in unerreichbarer Höhe. Hier waren sie die stärkeren und schlugen jeden Angriff aus ihrer Höhe ab. Die Drachen unten gedachten aber, sie auszuhungern und umzingelten den Berg, so daß keiner mehr herunter konnte. Bald wurden der Lebensmittel wenige, und aus hohlen Augen sahen die Heere auf die feindliche Flut im Thale, die sich auf ihren Äckern und Weiden sättigte, nachdem sie alle Weiber und Kinder, die sich nicht hatten flüchten können, getötet, und alle Wohnungen in Brand gesteckt hatten.

Das schlimmste war der Durst. Da der Berg noch unbewaldet war, so konnte es auch keine Quellen geben, und jeder Krug Wasser, der aus dem Thal geholt wurde, kostete einem oder mehreren das Leben. In dieser großen Not gingen die Fürsten schon zu Rate, ob sie nicht einen Ausfall machen wollten und kämpfend zu Grunde gehen.

Da trat ein Hirte vor sie hin, jung und schön, mit langen schwarzen Locken und Augen, schwarz wie Kohlen, der sprach: »Ich habe Tag und Nacht gesonnen, den Drachen da unten den Untergang zu bereiten; denn sie haben vor meinen Augen meiner geliebten Maid die Brust durchstochen, sie so an einen Baumstamm genagelt, den ihren Pferden an die Schweife gebunden und sie fortgeschleift, daß eine blutige Straße den Weg bezeichnete, auf dem sie von dannen gejagt, bis von der wundervollen Maid nichts mehr da war, als eine lange Haarsträhne, die sich fest um den Baum geschlungen. Ich weiß, wie ich meinen Rachedurst befriedigen kann, wenn ich auch selber dabei den jämmerlichsten Tod erleiden muß. Ich habe den ganzen Berg umgangen, den wir gebaut, und fand eine Stelle, die man loslösen und hinabwälzen kann. Ich will sie Euch zeigen; wenn Ihr tief genug gegraben, so gehe ich hinab und sage den Drachen dort unten, ich wolle ihnen den Weg zeigen, wie sie den Berg stürmen können, und wenn ich den Bucium hören lasse, so wälzt den Berg auf sie herunter, aber nicht eher, damit ihrer genug beisammen sind, und Ihr über Geröll und Leichen entkommen könnt!«

»Wie heißt Du denn, Du Tapferer?« sprachen die Fürste.

»Ich heiße Bujor.«

»Weißt Du denn, Bujor, was Dich erwartet, wenn sie Dich als Betrüger erkennen?«

»Ich weiß es,« sprach der junge Mann mit gerunzelten Brauen, »ich sah, wie sie die Unschuld behandeln, was werden sie den Schuldigen thun!«

»Und Du fürchtest Dich nicht?«

»Wovor soll ich mich denn noch fürchten, da mir das Leben leid ist, ohne meine Maid, die ich habe sterben sehen! Mich kann der Tod nicht schrecken!« –

Sie gruben nun Tag und Nacht eine tiefe Rinne in den Berg, sie trugen so viele Steine zusammen, als sie nur finden konnten, was alles keine leichte Arbeit war, da sie von Durst ermattet waren. Aber endlich war die Erde genug gelockert, um beim ersten Anprall hinabzustürzen, und Bujor nahm von ihnen Abschied, machte das Zeichen des Kreuzes und stieg zu Thal.

Er sagte den Wachen, er wolle mit dem Fürsten sprechen, er sei dem Verhungern nahe und wolle viele vom Tode retten.

Als er vor dem Gefürchteten stand, schlug dem jungen Manne doch das Herz; denn der Fürst sah ganz entsetzlich aus. Ihr müßt Euch vorstellen, was Ihr Euch nur von Grausamkeit und Bosheit denken könnt, und dann ist das alles noch lammfromm gegen des Drachenfürsten Gesicht.

Er grinste und leckte sich die Lippen, als ihm Bujor erzählte, er wolle ihm eine Stelle zeigen, die ganz unbewacht sei, und an der er leicht den Berg erstürmen könne.

»Wenn Du mich aber irre führst,« sprach der Fürst, »so wirst Du so sterben, daß der Tod Dir als süßes Labsal erscheinen wird.«

»So geschehe mir,« sprach Bujor ernst und bat um einen Trunk Wasser.

Die Nacht brach dunkel und sternlos herein, da rückten die Feinde zum Tschachlau heran, in schweigsamen Scharen; die Hufe der Pferde hatten sie mit Heu umwickelt, damit sie keinen Lärm machen konnten. Bujor ging zwischen zwei Reitern, die aus ihren Augenschlitzen ihn unverwandt anschielten. Er ging sehr langsam, damit möglichst viele dicht am Berge seien, bevor er das Zeichen gab; er wußte die Stelle genau, wo der Bucium versteckt war, und mit klopfendem Herzen ging er voran: Wenn es ihm nicht gelang, sein Horn an die Lippen zu setzen, ohne daß die Drachen es merkten, was dann? –

Er sah ihre schwarzen Scharen sich dichter und dichter um ihn drängen; jetzt begannen sie zu steigen, und hier lag der Bucium.

Bujor nahm ihn fest in die Hand, sah sich noch einmal unter den Feinden um, machte das Kreuz und blies aus aller Kraft. In dem Augenblick wurden ihm sämtliche Zähne eingeschlagen und eine Schlinge um seinen Hals gezogen. Ehe er aber das Bewußtsein verlor, sah er den Berg sich bewegen und hörte ein Dröhnen, als wenn der Erdenschoß sich aufthäte, dann ein Angstgeheul ringsum, und dann lag er begraben, inmitten von tausenden von Feinden. Die Rumänen aber stürmten zu Thal, über Schutt und Erde und Leichen von Menschen und Pferden fort; es ward ein solches Gemetzel, daß man noch Jahre nachher nichts als Schädel und Gliedmaßen fand, wie Maiskörner geschichtet. Die Feinde wichen zurück, und die Rumänen bahnten sich den Weg in die Berge, wo sie geborgen waren; die Drachen gaben es endlich auf, sie zu verfolgen, und jagten in andere Länder davon, sie zu verheeren.

Bujor war aber nicht tot; ein Stein hatte ihn gedeckt, anstatt ihn zu zerschmettern, so daß die nachstürzende Erde leichter auf ihm geschichtet lag und ihm etwas Luft gewährte.

Nach mehreren Stunden kam er zu sich und spürte die Schlinge an seinem Halse; als er sie losmachen wollte, fühlte er eine erkaltete, steife Hand, die sie hielt und die er nicht öffnen konnte. Er gedachte, sie mit den Zähnen zu zerbeißen, da merkte er, daß er keine Zähne mehr hatte, und wenn er sich zu viel bewegte, rollte die Erde herab und beengte mehr und mehr den Raum, in welchem er atmete. Da kroch er langsam an die tote Hand heran, lockerte die Schlinge und zog den Kopf heraus. Jetzt konnte er sich rühren. Mit großer Vorsicht begann er, wie ein Maulwurf, die Erde wegzukratzen, den Platz unter dem Stein schonend, daß er atmen konnte. Er mußte oft absetzen, denn immer, wenn er glaubte, Luft zu haben, stieß er auf einen Toten, den er nicht aus dem Wege räumen konnte.

Aber endlich, endlich ward eine Stelle hell, so weit wie die Dicke eines Fingers, dann wie eine Hand, und wie trunken sog er die Luft ein, die hereinströmte. Mit letzter Anstrengung arbeitete er sich frei. Als er den Tag sah, ward er ohnmächtig. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht. Als er die Augen aufschlug, war es ringsum totenstill; Freund und Feind waren verschwunden, und was unter dem Berge begraben lag, das stand nicht mehr auf, um zu erzählen, was geschehen sei. Bujor kam sich gar nicht vor wie ein großer Held, der er doch war, sondern wie ein armes, verlassenes Menschenkind, das gar kein Recht hatte, am Leben zu sein, da es tot war, für Freund und Feind. Doch regten sich Hunger und Durst, und er schwankte auf matten Beinen zu Thal. Lieber wollte er von den Drachen gespießt und geschleift werden, als so elend Hungers sterben, allein unter lauter Leichen. Aber kein Feind ließ sich sehen, und Bujor konnte zum Fluß gelangen, seinen Durst zu stillen; dann sah er sich um, wo die Seinen hingekommen sein könnten. Auf Tage im Umkreise gab es keine Menschen dort; was Beine hatte, war entflohen, und was nicht fliehen konnte, war getötet. Bujor wandte sich den Bergen zu; dort konnten die Heere sein, die wie vom Erdboden verschwunden waren. Er schlug aber einen falschen Weg ein und kam weiter und weiter von ihnen ab. Sie waren schon wieder zu Thal gezogen, bevor er sie erreichte. Endlich war er das Suchen müde und dachte: »Sie halten mich ja doch für tot, warum suche ich sie noch?« stieg weiter in die Berge und ward wieder Schäfer, wie er es früher gewesen.

Wenn er dann abends den Hirten seine Geschichte erzählte, so lachten sie über seine schöne Erfindung, denn bis zu ihnen war der Kriegslärm nicht gedrungen, sie hatten auch die Drachen nicht gesehen und Bujors eingeschlagene Zähne schrieben sie einem Streite zu. Sie sagten: »Bujor erzählt so oft seine Geschichte, daß er sie schon selber glaubt!« –

»Der Arme!« riefen die Mädchen, als Mosch Gloantza still war. »Was machte er denn dann?« – »Ist er immer dort geblieben?« – »Wurde er nie belohnt, für seine Heldenthat?« so schwirrten die Fragen der Mädchen durch einander.

Mosch Gloantza aber hatte seinen Tabak herausgenommen, seine Pfeife gestopft, rauchte behaglich und schüttelte nur den Kopf zu allen den Fragen. »Geht ihn suchen,« sagte er endlich; »vielleicht hat ihm Gott zum Lohn ein langes, langes Leben geschenkt!«

»Dann ist er gar zu alt und unheimlich!« riefen die Mädchen und tanzten eine Hora, um Bujor zu vergessen.



V

Rîul Doamnei

Unweit dem lieblichen Gebirgsstädtchen Câmpa Lungo windet sich ein frischer, klarer Bach dahin, der Rîul Doamnei, »der Bach der Fürstin« genannt. Dieser Bach führt Gold in seinem Bette, zuweilen Stücke halb so groß wie ein Fingernagel, und es war vor Zeiten Sitte, daß dieses Gold allemal der Fürstin gehörte. Und warum es ihr gehörte, das ging so zu:

In dem Rumänenlande war eine große Hungersnot, eine Hungersnot, wie man seit Menschengedenken nichts ähnliches gesehen. Zuerst waren die Heuschrecken gekommen, in solchen Schwärmen, daß sie die Sonne verdunkelten, und wo sie sich niederließen, da war das schönste Ährenfeld in einigen Minuten kahl wie eine Tenne, die Bäume ohne ein einziges Blatt starrten mit ihren nackten Ästen in den Sommer hinein, dessen ewig blauer Himmel die Hitze immer größer werden ließ, so daß bei Nacht keine Erfrischung mehr in der Luft war. Sobald alles ringsum abgefressen war, erhob sich die Wolke von Heuschrecken, um sich schnell wieder auf das nächste Grün zu senken. Und so ging es unaufhaltsam fort, und damals war man noch nicht so klug wie heute, wo man die großen Strecken mit Petroleum begießt und das alles dann in Brand steckt. Kanonen gab es auch noch nicht, mit denen man, wenn sie fliegen, darunter schießen und sie so auseinandersprengen kann.

Nach den Heuschrecken waren die Polen von Norden her eingefallen, die Ungarn von Westen und die Türken von Süden, und so wurden die Häuser verbrannt und das Vieh geraubt. Jetzt hatten alle diese Feinde das Land verlassen, hatten aber Fieber und Seuchen unter Menschen und Tieren zurückgelassen. Mit schwarzen Lippen und Wunden am Körper gingen die Menschen umher. Das Vieh verreckte in Massen auf den dürren Feldern, wo es keinen Halm mehr gab. Nur die Hunde und Raben hatten gute Tage. Die Luft zitterte vor Hitze, und auf weite Strecken verbreitete sich ein entsetzlicher Geruch, der wie ein Pesthauch die Menschen niederwarf, so daß sie in wenigen Stunden starben. Man hörte keine Klagen mehr, denn dumpfe Verzweiflung hatte alles zum Schweigen gebracht. Es läutete keine Glocke mehr, es gab weder Sonn noch Feiertag; auch keine Arbeit, denn man hatte keine Ochsen zum Pflügen und kein Korn zum Säen. Wie Gespenster schlichen die Menschen umher. Kaum fanden sich noch Leute, die Toten zu verscharren. Viele blieben, samt dem Vieh, auf dem Felde liegen.

Die schöne Fürstin Irina fühlte ihr Herz vor Mitleid brechen. Sie hatte alle ihre Juwelen hergegeben für die Armen; sie hatte mit ihrem letzten Gelde Vieh gekauft für die Bauern; das war aber gleich der Seuche erlegen. Sie hatte die Hungernden gespeist, bis sie selbst kaum mehr genug hatte für ihre vier kleinen Kinder. Verzweiflungsvoll stand sie am Fenster, rang die Hände und betete: »Lieber Gott! Hast Du mich denn ganz verlassen? Willst Du unser armes Land ganz vernichten? Haben wir denn so viel gesündigt, daß wir solche Heimsuchung ertragen müssen?« – Da kam ein leises, kühles Wehen herein, mit einem so süßen Duft, wie von dem schönsten Blumengarten, und eine silberne Stimme sagte: »Aus einem Flusse wird Dir Hilfe erwachsen. Suche nur!«

Da ging sie zum Fürsten, ihrem Gemahl, und zu ihren Kindern, nahm Abschied und sagte, sie werde bald wiederkommen. Sie wisse, wo zu suchen, um alle von der Qual zu erlösen. Sie that so heiter und so sicher, daß alle Vertrauen und Hoffnung gewannen; denn sie verschwieg ihnen, daß sie nicht einmal wußte, was sie suchen solle.

Sie begann eine mühselige Wanderung in der heißen Sommerglut, den Flüssen nach. Manchmal fand sie noch ein mageres Pferdchen, das sie eine Strecke weit trug, dann aber unter ihrer leichten Last tot zusammenbrach. Sie ging am Olto hinauf, am Gin, am Buzlu, am Sereth, an allen großen und kleinen Flüssen. Spärlich wanden sich diese durchs Gestein, und die sonst so mächtigen Wasser flüsterten kaum noch dahin, wo sie sonst rauschten und brausten.

»Lieber Gott!« betete die Fürstin. »Laß doch eine kleine Wolke erscheinen, wenn ich den Fluß gefunden, der mir helfen soll!« Aber es kam keine Wolke. Sie wanderte zum zweiten Mal den Argesch hinauf und wollte eben traurig umkehren, als sie die Mündung eines kleinen Baches gewahrte, auf die sie vorher nicht geachtet. Zögernd lenkte sie ihre Schritte dahin, mit immer schwererem Herzen, je kleiner und unbedeutender der Bach ihr erschien.

Von den Steinen, auf denen sie ging, ermattet, blieb sie einen Augenblick stehen und seufzte: »Ich finde nichts, gar nichts! Und vielleicht verhungern und sterben unterdes meine Kinder! Vielleicht war mein Gedanke thöricht, ein Hirngespinst, eine Lüge!« Wie sie so sprach, war es ihr, als fiele ein Schatten über sie. Sie dachte, es seien die Thränen, die ihre großen, müden Augen zum ersten Male füllten. Sie wischte sie fort; nein es war ein Schatten in der baumlosen Heide, und wie sie die Augen erhob, hatte sich die Sonne hinter eine ganz kleinen Wolke versteckt, die langsam größer wurde.

Irina begann zu zittern vor freudigem Schreck. Hatte Gott sie gehört, oder war es wieder ein Irrtum? »Lieber Gott!« betete sie, »wenn dies der Fluß ist, so laß die Wolke größer werden und Regen fallen; denn schon der Regen ist Segen und hilft aus vieler Not!« Sie ging immer ein wenig weiter; ja, die Wolke wurde größer; sie ging schneller, ja, sie lief, bis sie vor Schwäche nicht mehr konnte; da begannen einige große schwere Tropfen zu fallen. Sie sog sie mit den Lippen auf, mit den Augen, mit Händen und Haaren.

Da rauschte und rieselte es ganz leise um sie her, und mit einem Mal brach ein wahrer Wolkenbruch los. Sie ging, so gut sie konnte, im nassen Lehm, im Flußbett, bis der Fluß zu schwellen begann und in braunen, schaumigen Massen angerauscht kam, wie ein breiter Fluß. Sie mußte manchmal stehen bleiben und ihren Pfad suchen, ging aber immer fort aus Furcht, der Regen möchte wieder aufhören. Es regnete den ganzen Tag und die ganze Nacht. Die Fürstin war so naß, daß es wie ein Bach aus ihren Kleidern floß. Sie wand sie aus, schürzte sie und ging weiter noch einen Tag und noch eine Nacht. Sie war schon im Gebirge und fiel oft hin vor Erschöpfung. Endlich blieb sie am Ufer liegen und schlief ein, während der Regen auf sie niederströmte und das Wasser immer höher schwoll, als wollte es nach ihr greifen und sie fortschwemmen.

Von Frost geschüttelt wachte sie auf. Da stand in der Morgenluft die leuchtende Sonne so frisch, als hätte sie selber ein Bad genommen und siehe, der Bach war nicht mehr braun, sondern klar und blau wie die Luft, und im Grunde desselben blinkte und glitzerte es wie lauter Sonnenstrahlen. Irina schürzte ihr Gewand und watete hinein. Sie mußte sehen, was so wunderbaren Glanz hatte. Und siehe, es war lauter Gold! Im Wasser fiel sie auf die Kniee und dankte Gott laut und inbrünstig. Gold! Gold! Nun konnte sie helfen. Sie ging behutsam im Wasser weiter und sammelte die Körnchen und die kleinen Stücke und füllte ihren Mantel damit, bis sie die Last kaum mehr tragen konnte. Nun aber schnell nach Hause mit ihrem Schatz, den sie vor ihren Gemahl ausschüttete! Die Kinder lebten noch, wenn auch in großer Schwäche und Erschöpfung, und erkannten sie fast nicht, so war sie abgemagert und sonnverbrannt. Aber Boten gingen nun in die Länder und kauften Korn und Mais, Samen und Vieh, und der Fluß wurde nicht müde, zu spenden, bis der Not ein Ende war und lachendes Grün und fette Weide wieder die rumänischen Gefilde deckte. Das dankbare Volk aber nannte den Bach »Rîul Doamnei« und niemand sollte das Gold darin anrühren dürfen als Eigentum, als nur die Fürstin des Landes. Die späteren Fürstinnen müssen es aber wohl weniger gut angewendet haben, denn der Fluß ist sparsamer geworden, und daß Gold, daß hier und da ein Bauer darin findet, wird im Museum aufgehoben.