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Carmen Sylva – Pelesch-Märchen

Märchen

Carmen Sylva, Pelesch-Märchen, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart, 1904


An die Kinder

Wo Urwald hohe Felsen krönt,
Der Bergstrom wild zu Thale dröhnt
Und tausend Blumen blühen,
Viel süße Düfte sprühen,
Da liegt, dem schönsten Garten gleich,
Mein Königreich.

Wo Märchens ganze Farbengluth
In reinen, tiefen Augen ruht,
Von Wahrheit übergossen,
Von Liebesglanz umflossen,
Dort ist, in Frühlingsdüften weich,
Mein Königreich.

In ganzer Welt, im hohen Wald,
Wo nur ein fröhlich Lied erschallt,
Wo sich die Nebel ballen,
Wo Wassertröpfchen fallen,
Da schwebt im flüsternden Gezweig
Mein Königreich.

Aus jedem neuen Pflanzenschaft,
In jeden Strahles Himmelkraft,
Beim Formen und Gestalten,
Beim Werden und Entfalten,
Da wächst – Ihr Kinder ich bin reich –
Mein Königreich.

Der Pelesch.

Der Pelesch.

Aus dem uralten Bucegi1, der schon so viele Dinge gesehen hat, daß er sich gar nicht mehr wundern kann, stürzt und sprudelt ein Waldbach hervor, so wild, so ungestüm, als wollte er die ganze Welt durchstürmen in seinem Uebermuth. Er ist ein herrlicher Geselle, der Pelesch, mit lockigem Haar und tiefen blauen Augen und ist so freudig und stark, weil er in der Tiefe eines gewaltigen Berges geboren ist. Man sagt, er käme aus einem ungeheuren, unterirdischen See, in welchem die Nixen wohnen. Und wenn man lange Zeit am Pelesch sitzt, so lange, daß man darüber die Welt vergißt, so kann man ganz deutlich die Nixen singen hören. Manchmal kommt auch ein Nixlein auf einem großen breiten Blatt den Pelesch hinuntergefahren, über die Wasserfälle fort und sieht sich mit lachenden Augen die Welt an. Die kann man aber nur sehen, wenn man beim Glockenläuten geboren ist und noch nie einen bösen Gedanken gehabt hat. Mit ihren zarten Fingern streicheln sie des Pelesch Lockenhaar und flüstern mit ihm von der Heimath, tief im Bergesschooß, und dann hält er ihnen kleine Spiegel vor, in denen sie ihr Rosenangesichtchen betrachten können. Das ist ein so wunderbares Geflüster, wie wenn ein leiser Wind durch das Laub streicht. Der Pelesch wird auch nie müde; so groß ist seine Kraft und so selig seine Reise.

In ewig neuen Massen spendet er seine schaumigen Wellen und fragt nicht wieviel er giebt. Er weiß ja, dort in der Tiefe ist der große See, der nie versiegt, so lange nicht der Bucegi Staub wird und das Meer die Karpathen bedeckt.

Er kann gar nicht rechnen, der Pelesch, und sagt nie: »ich will mich nicht erschöpfen, vielleicht werde ich arm!« O, nein, fleißig und freigebig läßt er seine Wellen dahinrauschen durch die Gotteswelt, daß Mensch und Thier und Pflanze sich erquicken können.

Manchmal ärgert er sich doch, wenn der Frühling nicht kommen will oder der Herbst zu schnell davoneilt, dann wird er ganz gelb und schwillt so auf, in seinem Zorn, daß er alles zerbricht und zerreißt, was er erfassen kann. Dann lacht der Sturm ihn aus, oder peitscht ihn zur Strafe, oder wirft ihm große Bäume in den Weg, an denen er sich müde schleppen muß, der ungeduldige Krauskopf mit der bösen Laune. Wie sollte er sich aber auch nicht ärgern, wenn der Winter zu früh kommt.

Er kann es ja gar nicht leiden, wenn die Bäume ihre Blätter ihm zuwerfen und er die todten Dinger forttragen soll, mit denen er den ganzen Sommer gescherzt, und der Eisbehang gefällt ihm auch gar nicht, der ihn einengt und zum Schweigen bringen will. Er hat nämlich einen großen Fehler; er muß immer und immer schwatzen, mit den Blumen, den Bäumen, den Vögeln, den Winden, sogar mit dem Moos auf seinen Steinen, zuletzt mit sich selber, wenn ihm gar Niemand zuhört. Aber welcher Mensch möchte immer mit sich selber reden? Der Klügste würde sich bald so langweilig finden, wie ihn sein liebster Freund nicht gefunden, der doch schon viel Geduld mit ihm hat haben müssen.

Und der Pelesch hat es sehr gern, wenn man sich über seine Geschichten verwundert; es kommt ihm auch gar nicht darauf an, Anvertrautes auszuplaudern, wie oft ihn auch die Berge dafür gescholten und ihn »Altes Weib« geschimpft. Dann hat er sein krauses Haar geschüttelt und dem Walde einen schelmischen Blick zugeworfen, als wollte er sagen: »Nicht wahr, du hörst mich gerne an!«

 

Ich habe viele, lange Stunden bei ihm gesessen und ihm zugehört und manchmal war mir's, als sähe ich die Fingerspitze eines Nixlein oder die rosenrote Zehe oder eine Haarlocke; und wunderbares Singen und Flüstern habe ich oft gehört. Das will ich Euch nun Alles erzählen.

Denn was der Pelesch gesagt, ist kein Geheimniß, da es so viele Leute wissen, Farren und Moose und Vergißmeinnicht und Buchen und Tannen, und die es noch nicht wissen, denen sagt es der Wind, der die Blätter bewegt, bis sie Alles erzählt haben, so daß die Vögel es forttragen können, über neun Länder und neun Meere, bis dahin, wo die Stürme aufhören, weil es keine Luft mehr giebt. Da ich aber keine Flügel habe, so kann ich die Geschichten nicht weit forttragen, sondern will sie Euch Kindern erzählen, damit Ihr auch dem Pelesch einen Besuch macht.

Vielleicht erzählt er Euch noch viel mehr als mir, und demjenigen, das noch nie einen bösen Gedanken gehabt hat, werden ganz gewiß die Nixen sich zeigen. Nun sollt ihr hören was war, wie's niemals war und wenn es nicht gewesen wäre, so würde es der Pelesch nicht erzählen.

Virful cu Dor.

Virful cu Dor.

Es war einmal eine Hora2 in Sinaia, wie sie noch nie gewesen war; denn es war ein großer Feiertag und im Kloster hatten die Mönche Essen ausgetheilt, ganze Kübel voll und Alle hatten sich satt gegessen. Von weither waren die Leute gekommen, von Isvor und Poeana Zapului3 von Comarnic und Predeal und von über den Bergen.

Die Sonne schien so warm in's Thal hinein, daß die Mädchen die Tücher vom Kopf nahmen und die Burschen die blumenbedeckten Hüte zurückschoben, weil ihnen warm wurde beim Tanzen.

Die Frauen standen auf dem Rasen umher und säugten ihre Kinder; ihre Schleier schimmerten weithin, so zart und weiß wie Blüthen.

Das war ein Stampfen und Jauchzen von den fröhlichen Tänzern: die Mädchen schienen zu schweben, als berührten ihre zierlichen Füße den Boden nicht, die unter dem engen Rock herausguckten. Ihre Hemden waren reich und bunt gestickt und glitzerten von Gold, sowie die Münzen am Halse. Unaufhörlich wogte der Tanz zum rastlosen Spiel der Lautari, wie der Puls in den Adern, wie die Wellen, in großen und kleinen Kreisen.

Etwas abseits, auf seinen langen Stab gelehnt, stand ein schöner Hirte, und sah mit seinen brombeerschwarzen Augen der Hora zu. Seine Gestalt war schlank, wie eine junge Tanne; sein Haar fiel unter der weißen Lammfellmütze in schwarzen Locken auf seine Schultern. Sein Hemd war grau, von einem breiten Ledergurt um die Hüften gehalten, an den Füßen hatte er Sandalen. Seine Augen hatten nur einen Augenblick geschweift; jetzt hatten sie gefunden, was sie suchten und hefteten sich funkelnd auf ein Mädchen, das ihn gar nicht zu bemerken schien. Schön war das Mädchen, schön wie die wunderschönste Blume, nein, viel schöner als Enzian und Alpenrose, zarter als das Edelweiß. Ihre Augen hatten zwei Lichter, Eines im schwarzen Kern, das Andere im braunen Kranz, der den schwarzen Kern umgab. Ihre Zähne blitzten, so oft sie die Korallenlippen öffnete; ihr Haar war schwarz wie der Abgrund, aus dem ein Wasserstrahl heraufblitzt und der Blumenkranz darin welkte nicht, als wenn sie ihm Frische und Leben gäbe. Ihr Leib war so schlank, als könnte man ihn mit der Hand zerbrechen, und dabei wußte man zu erzählen von ihrer Kraft. Ja, schön, sehr schön war Irina, und Jonel der junge Hirte, sah sie immer an. Endlich näherte auch er sich dem Kreise und ergriff ihre Hand. Die Mädchen sahen sie an und lachten und Irina wurde roth.

Nun hörten plötzlich die Lautari auf, mit einem schrillen Ton, die Burschen drehten ihre Tänzerinnen unter ihrem Arm durch um sich selber und Jonel zog dann Irina's Hand mit festem Ruck hinunter. Das wollte viel sagen. Aber Irina zuckte mit den Achseln und lachte. »Irina,« sagte er leise, »siehst Du die gelben Blätter dort an der Buche? Es ist Zeit, ich muß mit meinen Schafen zu Thal, hinunter in's Baragan, vielleicht in die Dobrudgea und bis zum Frühjahr sehe ich Dich nicht mehr. Sage mir ein gutes Wort, daß mein Herz nicht zittern muß, wenn ich denke, daß Du die andern Burschen ansiehst!«

»Was soll ich Dir sagen? Du hast mich ja gar nicht lieb und wirst mich bald vergessen!«

»Ich will eher sterben als Dich vergessen, Irina!«

»Das sind nur Worte, die glaub' ich nicht!«

»Was muß ich thun, daß Du mir glaubst?«

Irina's Augen funkelten, wie sie ihn von der Seite ansah und sagte: »Das was Du nicht kannst!«

»Ich kann Alles!« sagte Jonel langsam, als wüßte er nicht, daß er spräche.

»Nein, Du kannst nicht ohne Deine Schafe bleiben, die kannst Du schwerer missen, als mich.«

»Ohne meine Schafe?« sagte Jonel und seufzte.

»Siehst Du,« lachte Irina, »das Einzige was ich verlange, daß Du da oben auf dem Berg bleibst, ohne Schafe, das kannst Du nicht! Worte, nichts als Worte!«

»Und wenn ich's doch thue!« sagte Jonel erbleichend und biß die Zähne zusammen.

Die Burschen und Mädchen hatten sich um die Beiden versammelt und hörten zu. »Thu's nicht!« »Thu's!« riefen sie abwechselnd durcheinander.

Da legte ein alter Hirte mit silbernen Locken und buschigen Brauen die Hand auf Jonel's Schulter.

»Laß die Mädchen fahren,« sagte er rauh; »sie brechen Dir's Herz und lachen hernach; weißt Du nicht, daß der Hirte sterben muß, der seine Schafe verläßt?« Er drohte Irina mit geballter Faust: »Und Du meinst auch, weil Du schön bist, Du darfst Alles wagen und Nichts wird Deinen Uebermuth strafen, aber was Du Böses thust, das hast Du Dir selbst gethan!«

Irina lachte: »Er braucht ja nicht zu gehen und ich brauche ihn auch nicht!« drehte sich um und lief ums Kloster fort, zur Quelle, um zu trinken.

Jonel aber hörte auf Niemand; sondern mit bleichen Wangen und zusammengepreßten Lippen wandte er sich dem Berge zu. An Irina schritt er vorbei und winkte nur mit der Hand.

»Thu's nicht!« rief sie ihm nach und lachte mit den andern Mädchen. Der Pelesch rauschte: »Thu's nicht! Thu's nicht!« Aber Jonel hörte ihn nicht und stieg empor, in der Mittagssonne, über die glatten Bergmatten, unter den Riesentannen, die kaum sechs Männer umspannen konnten, durch den schattigen Buchenwald hinan zur Sennhütte, um die seine Schafe gelagert waren und aus der ihm seine Hunde mit Freudengebell entgegenkamen.

Er ließ seine Hand über ihr zottiges Fell hingleiten und rief seine Mioritza4: Brrr, brrr, oitza5, brrr, zu sich heran. Sie kam mit dem Lämmchen und ließ sich die Nelke in's Fell stecken, die er Irina gestohlen.

Die andern Hirten bat er, seine Schafe mitzunehmen und sagte, er käme später nach, er habe ein Gelübde gethan, das er zuerst erfüllen müsse. Alle hörten ihn verwundert. »Und wenn ich nicht mehr komme,« schloß er, »so sagt, die Sehnsucht habe mich zur Hochzeit geladen.« Sein Alphorn nahm er in die Hand und stieg höher, bis zum Bergesgipfel, von wo er über die Donau bis zum Balkan schauen konnte. Dort blieb er stehen, setzte das Alphorn an die Lippen und ließ es weithin klagend tönen. Da sah er seinen treusten Hund heranstürmen, der begann ihn winselnd zu umspringen, ihn am Hemde fortzuziehen, zu Thal, so daß Jonel sich seiner nicht zu erwehren wußte und ihn endlich mit Schelten und Steinwürfen und Thränen in den Augen fortjagte. So hatte er seinen letzten Freund entfernt und stand allein in der öden Bergwildniß. Zwei Adler kreisten zu seinen Füßen, sonst war Alles still. –

Er streckte sich in's kurze Gras und seufzte so tief, als spränge ihm die Brust, bis er vor lauter Sehnen und Herzeleid einschlief. Als er erwachte, wogten die Wolken um sein Haupt und kamen immer näher, zuerst in raschem Zuge, dann in plötzlicher Ruhe und als dichter Nebel umlagerten sie ihn, so daß er nicht einen Schritt weit sehen konnte.

Auf einmal schienen sie Form zu gewinnen und sich bei den Händen haltend, umschwebten ihn wunderschöne Frauengestalten in schneeweißen, glänzenden Gewändern. Er rieb sich die Augen, weil er noch zu träumen glaubte; da vernahm er ihren Gesang; der klang so weich, wie aus weiter Ferne und nun streckten sie Lilienarme nach ihm aus: »Du schöner Jüngling! sei mein! sei mein! komm' mit mir!« so rief es von allen Seiten. Er aber schüttelte nur das Haupt.

»Verachte uns nicht!« rief die Eine. »Wir wollen Dich so erfreuen, daß Du auf ewig das Thal vergissest.« Sie theilte die Nebel mit der Hand, da erschien ihm eine Bergmatte, so voll von Blumen, wie er deren noch nie gesehen und auf der Matte eine Sennhütte von Rosenblättern gebaut, mit einer Quelle, die über das saftige Moos hinperlte.

»Komm, dort wollen wir wohnen!« rief die Holde mit Silberstimme. »Nein, komm zu mir,« rief die Andre und baute aus Nebeln vor seinen Augen ein Haus, das, von der Sonne beschienen, aussah wie ein Regenbogen. Das Innere war weich, wie von feinster Wolle, Boden und Wände, und vom Dache herunter tropften die Regenbogentropfen, die kaum die Erde berührten, als Gräser und Blumen hervorsproßten. »Hier wollen wir wohnen!« rief das schöne Mädchen, »ich will Dich schmücken, wie ich geschmückt bin!« Damit legte sie ihm Ketten von glänzenden Tropfen um Haupt und Hals; er aber schüttelte sie ab! »Nur eine darf mich schmücken,« sagte er finster, »nur meine Braut.«

»So will ich Deine Braut sein!« rief eine Dritte: »Sieh her, meine Aussteuer!« und die Nebel ballend machte sie Schafe, immer mehr und mehr, bis der ganze Berg, alle Berge und der Himmel davon voll waren. Die waren blendend weiß, mit silbernen und goldenen Glöckchen um den Hals und unter ihren Schritten sprießte das Grün. Einen Augenblick erhellte sich das Gesicht des Verlassenen, dann aber wehrte er mit der Hand das verlockende Bild ab und sagte: »Ich habe nur eine Heerde, die meine, und begehre keine Andere.« Da wurden die Nebel dichter und dunkler; bald war er rings von schwarzen Wolken umgeben; aus denen zuckten die Blitze und dröhnte der Donner gewaltig nahe. Und im Donner hörte er:

»Du verwegener Erdensohn wagst es, uns zu verachten, Du bist dem Verderben verfallen!« Der Donner krachte, als berste der ganze Berg und zog dann zu Thal, auf Jonel aber fiel in leichten Flocken der Schnee, zuerst ganz fein, dann immer dichter, bis die Berge ringsum eingehüllt waren und sein Mantel, seine Haare, seine Brauen schneebedeckt. Und aus dem Schneegestöber klangen wieder die süßesten Stimmen in reichem Wohllaut, Hirtenflöten und Alphorn dazwischen und Gesang, und von unsichtbaren Händen gebaut erhob sich vor seinen Augen ein Palast aus Schnee, von solchem Glanze, daß er auf Augenblicke die Augen schließen mußte. Als er sie wieder öffnete, waren Mond und Sterne im Palaste versammelt, so daß seine Wände von ihrem Glanze durchleuchtet waren. Der Mond thronte auf hohem weichem Pfühl und sah den Sternen zu, die sich an den Händen hielten und Hora tanzten. Es wurden ihrer immer mehr, je schwärzer der Himmel wurde und so oft der Mond winkte, eilte ein Sternlein vom Himmel in den Palast hinein.

Da waren ganz kleine Sterne, wie Kinder, die kugelten durcheinander und lachten und spielten dem Monde zu Füßen. Andere kamen majestätisch, mit einer Schleppe, die sich über alle Bergwipfel hinzog, so lang wie der ganze Bucegi und die Schleppe war von vielen kleinen Sternen getragen, alle in strahlenden Kleidchen mit Kränzen und Kronen von seltenem Glanze. Die Thore des Palastes erweiterten sich von selbst, als die gewaltigen Sterne erschienen und einer derselben befahl dem Mond, vom Thron zu steigen, und ihm zu dienen. Dann winkte er Jonel und sprach: »Komm, Menschenkind, sei mein Gemahl, Du sollst mit mir das Weltall durchschweifen, meine Sternchen zu Dienern haben und selbst als leuchtender Stern von Licht umflossen sein!«

Jonel war dicht an die Pforte getreten, ohne es zu wissen und lauschte den berückenden Tönen, die vom leisen Gesang der übrigen Sterne begleitet waren. Da erhob der Mond sein Haupt und schaute ihn an und glich so sehr Irina, daß Jonel an's Herz griff und ausrief:

»Und läge die Welt zu meinen Füßen, ich brächte sie Irina dar!« Da ward ein Rauschen, ein Brausen und dann ein furchtbares Getöse; die Sterne rauschten gen Himmel, in endlosem, feierlichem Zuge, der Palast stürzte zusammen und begrub Jonel und der Mond sah bleich und traurig auf die Schneemassen herab.

Die Bergmännlein aber, die das furchtbare Getöse über ihren Häuptern gehört, krochen mühsam aus dem Bergesschooße hervor, um zu sehen, ob ihrer Behausung nicht Gefahr drohe. Da entdeckten sie den ungeheuern Schutt von lauter Edelsteinen, aus denen der Palast bestanden hatte. Voll Freude begannen sie, den köstlichen Fund einzusammeln und hinunterzuschleppen in des Berges Inneres, wo sie ihn in mächtigen Gewölben häuften. So fanden sie den armen Jonel und da er nicht ganz ohne Leben schien und so schön war, wie Keiner von ihnen, wurden sie mitleidig, schleppten ihn mit großer Mühe auch hinunter, und betteten ihn auf ihr weichstes Moos.

Sie schöpften aus ihren warmen und kalten Quellen, wuschen und badeten ihn, und brachten ihn dann an den mächtigen unterirdischen See, der alle Gewässer speist. Einmal tauchten sie ihn unter, da erwachte er ganz gesund und sah sich verwundert um. »Wo bin ich denn?« sagte er endlich. Wohl durfte er sich wundern; über ihm wölbte sich schimmerndes Felsgestein, in unabsehbare Höhe und verlor sich in schwarze Nacht; zu seinen Füßen breitete sich ein See, so weit, so unendlich weit, als füllte er das ganze Innere der Erde; auch der verlor sich in Finsterniß, und dicht umher standen, liefen, kletterten tausende von Gnomen, mit langen Bärten und Lichtchen, die sie theils im Gürtel, theils auf dem Kopfe trugen. In endlosen Reihen schleppten sie Edelsteine herbei, wuschen sie in dem See, was ihren Glanz erhöhte und schichteten und ordneten sie in Kammern und Haufen. Viele kamen auf Flößen angefahren und brachten ganz unbekannte Steine mit. Einige beluden Flöße zur langen Reise und stießen vom Ufer.

In dem gewaltigen Gewölbe war ein Gewirr von Stimmen und Lichtern, das Jonel völlig betäubte, doch schienen Alle ganz genau zu wissen, was sie zu thun hatten, mit Ausnahme derer, die ihn umstanden und nicht wußten, was sie mit ihm machen sollten. Ihn aber erfaßte plötzlich die Sehnsucht, mitzureisen, in die unbekannte, dunkle Ferne und er eilte auf ein Floß zu, das eben abstoßen sollte. Da erhob sich ein prachtvolles Weib aus dem Wasser, das Irina glich, wie einer Schwester und breitete die Arme nach ihm aus. Mit dem Ausruf: »Irina!« wollte sich Jonel hinabstürzen, als ihn zwanzig kräftige Arme festhielten und andere ebenso kräftige Arme ihn derb zu prügeln begannen. Er wehrte sich, da das schöne Weib noch immer winkte, aber sie ließen ihn nicht los, und begannen ihn zu steinigen in ihrer Wuth. Da trat ein gekröntes Bergmännlein vor ihn hin, gebot Halt und sprach: »Du irrst, Jonel, Deine Braut ist nicht hier; sie ist im Thale und harret Dein; dies ist die mir bestimmte Braut und ich harre auf sie schon manches Jahr.« Das schöne Weib machte ein sehr böses Gesicht, was ihr reizend stand, drohte und tauchte in die Wellen. Der kleine König seufzte und Jonel seufzte und da seufzten die Bergmännlein auch, als brave, gute Unterthanen; aber die Steine hielten sie noch bereit, im Falle Jonels Tod beschlossen wäre. Der König aber betrachtete voll Mitleid den schönen Hirten, befahl sofort, ihn mit heilenden Quellwassern zu waschen, da er aus vielen Wunden blutete und ließ ihn dann verjüngt und verschönert zum Bergesgipfel hinausbegleiten, auf dem sie ihn gefunden. Beim Abschied sagte er: »Du hast Dich schwer vergangen, Jonel; Du hast Deine Pflicht vergessen, eines schönen Weibes halber. Deine Treue gegen sie ist schön und groß, aber die Untreue gegen Deine Pflicht ist größer, und obwohl ich Dein Gefühl verstehe, so kann ich Dich der Strafe nicht entziehen, die Deiner harrt! Mit schwerem Herzen betrat Jonel den einsamen Berggipfel, um den der Sturm brauste.

Der Sturm ward jeden Augenblick heftiger, als wollte er den einsamen Menschen von seiner Höhe hinabstürzen, ihn in tausend Atome zu zerschmettern. Jonel hielt sich an einen Felsvorsprung und sah mit wilden Blicken umher, neue Feinde, neue Gefahren und Versuchungen erwartend. Da ward es ihm, als drücke ihn der Sturm zu Boden, als reiße und rüttle er an seinem Herzen, als stürbe er vor Schmerzen. Noch fester klammerte er sich an den Felsen, der unter dem Andrang zu wanken schien.

Und im Brausen und Tosen um ihn her vernahm er Rufen, Locken, Drohen, bald wie von mehreren Stimmen, bald wie von einer; dann waren es Posaunenstöße, die sein Hirn erschütterten und plötzlich verkehrte sich seine Liebe zu Irina in bitteren, brennenden Haß, da sie ihn mit lachendem Munde in den Tod geschickt. Ja, er wollte hier ausharren, getreu bis an's Ende, aber im Frühjahr wollte er zu ihr hinabsteigen und mit Hohn von ihr Abschied nehmen, auf Nimmerwiedersehn; es sollte kein Weib sein Herz besitzen, nur seine Heerde, die er schmählich verlassen.

Da erklang aus dem Gesteine heraus eine tiefe gewaltige Stimme: »Mein Knabe, Du bist mein, unrettbar in meiner Gewalt und für ewig!« und in dem Augenblick verwandelte sich der Fels in eine riesige Frauengestalt, die mit steinernen Armen Jonel umfaßte und ihn mit steinernen Lippen küßte. Entsetzt wehrte er sie ab und konnte nicht! »Wer bist Du!« rief er aus. »Hat sich denn die ganze Hölle gegen mich verschworen? Wer bist Du, wenn Du nicht Welwa bist?« Das Weib war wieder Fels geworden und durch den Sturm tönten die Worte: »Ich bin die Sehnsucht und Du bist mein, die letzten Lippen, die Du geküßt, die Meinen!«

In dem Augenblick ward es stille und die Sonne brach hervor. Sie schien auf einen bleichen Mann, der auf sein Alphorn gelehnt in's Thal hinabstarrte, bis zur Donau. Er seufzte nicht, er bewegte sich nicht, sein Herzschlag hob nicht die Arme, die auf der Brust gekreuzt waren. Kaum verrieth das langsame Bewegen der schweren Augenlider, daß er noch lebe. Da begann es rings, sich zu regen. Schnee und Eis schmolzen und rannen zu Thal und unter ihnen hervor kroch junges Grün. Jonel regte sich nicht. Der Wald streifte das dürre Laub ab. Die Knospen schwollen, Jonel schien ihrer nicht zu achten. Vogelgezwitscher klang bergauf und das Rauschen der Waldbäche im warmen Regen. Jonel horchte nicht. Es war, als versammle sich alles Lebende um ihn, ihn zu wecken –  umsonst; er starrte nur hinab, nach der Donau, als wäre er von Stein. Da, plötzlich kam Leben in seine Züge, die Augen leuchteten, ein schwaches Roth färbte seine Wangen und mit ausgebreiteten Armen und vorgestrecktem Halse lauschte er nahendem Hundegebell und Glockenklingen. Jetzt sah er seine Heerde deutlich schimmern, er setzte das Alphorn an die Lippen, den Willkomm zu blasen; dann aber griff er nach dem Herzen und mit dem Ausruf: »Ich sterbe!« sank er entseelt zu Boden.

Wohl leckten seine Hunde ihm Hände und Antlitz, wohl blökte seine Mioritza über ihm, wohl riefen ihn die Hirten bei Namen; mit einem seligen Lächeln auf dem abgezehrten Antlitz lag er da und gab keine Antwort mehr; das Alphorn war zerbrochen, das eben noch sein Hauch belebt, und Nichts umher trug die Spur von den Kämpfen, die der junge Held bestanden. Sie begruben ihn, wo sie ihn gefunden und nannten den Berg Sehnsuchtsgipfel, vîrful cu Dor; ich war schon oft oben und habe sein Grab gesehen, und die Schafe weiden noch immer dort.

Furnica.

Furnica.

Es war einmal ein sehr schönes Mädchen, das hieß Viorica; es hatte Haare wie Gold und Augen wie der Himmel und Wangen wie Nelken und Lippen wie Kirschen und so biegsam war ihr Leib, wie Schilf. Alle Menschen freuten sich, wenn sie nur die schöne Maid erblickten, aber nicht so sehr wegen ihrer Schönheit, als wegen ihrem großen Fleiße. Wenn sie an den Brunnen ging, mit dem Kruge auf dem Kopfe, so hatte sie zugleich die Kunkel im Gürtel und spann. Weben konnte sie auch und Sticken, wie eine Fee. Ihre Hemden waren die schönsten im ganzen Dorfe, schwarz und rot gestickt mit breiter Altitza auf der Schulter.

Den Rock hatte sie mit Blumen verziert und sogar ihre Sonntagsstrümpfe. Die kleinen Hände konnten gar nicht ruhen; auf Feld und Wiese leistete sie ebensoviel wie im Hause und alle Burschen blickten nach der schönen Viorica, die dereinst als Hausfrau berühmt werden sollte. Sie aber blickte nicht nach ihnen; sie wollte vom Heirathen Nichts wissen, dazu habe sie keine Zeit, sagte sie, sie müsse für ihre Mutter sorgen. Die Mutter zog darob die Stirne kraus, und meinte, ein tüchtiger Schwiegersohn würde eine vermehrte Stütze sein; dann betrübte sich das Töchterchen und frug, ob sie denn gar Nichts mehr leiste, daß die Mutter durchaus einen Mann in's Haus haben wolle. »Die Männer machen uns ja nur mehr Mühe!« meinte sie, »wir müssen dann auch noch für sie spinnen, weben und sticken und können mit der Feldarbeit nicht fertig werden!«

Dann seufzte die Mutter und dachte an ihren todten Sohn, dem sie soviel schöne Hemden gemacht und die sie so blendend weiß gewaschen, daß sich alle Mädchen die Augen nach ihm ausguckten. Es war ihr nie zu viel Mühe gewesen, aber freilich, was thut nicht eine Mutter, ohne müde zu werden!

Es kam die Stunde, da Viorica einsehen sollte, daß die Mutter Recht gehabt, sich einen Schwiegersohn zu wünschen, als hätte sie geahnt, daß sie nicht lange mehr auf Erden bleiben sollte. Sie begann zu kränkeln und alle Liebe ihrer Tochter war nicht im Stande, sie auf der Erde festzuhalten.

Das schöne Mädchen mußte die geliebten Augen zudrücken und saß nun ganz allein in dem kleinen Häuschen. Zum ersten Mal lagen ihre Hände im Schooße; für wen sollte sie noch arbeiten? sie hatte ja Niemand mehr.

 

Eines Tages saß sie auf ihrer Thürschwelle und blickte traurig vor sich hin; da sah sie etwas Langes, Schwarzes sich auf der Erde zu ihr hinbewegen, und siehe da, es waren Ameisen in endlosem Zuge. Von wo sie kamen, das konnte man nicht entdecken, so weit reichte die wandernde Schaar. Nun aber machten sie Halt in einem großen Bogen, rings um Viorica herum. Einige von ihnen traten vor und sprachen: »Wir kennen Dich gut, Viorica, und haben oftmals Deinen Fleiß bewundert, der dem unsrigen gleich kommt, was wir bei Menschen selten wahr genommen.

Wir wissen auch, daß Du allein bist auf der Welt und so bitten wir Dich, Du wollest mit uns ziehen und unsere Königin sein. Wir wollen Dir einen Palast bauen, der viel schöner und größer sein soll, als das größte Haus, das Du jemals gesehen; nur mußt Du uns versprechen, daß Du nie mehr zu den Menschen zurückkehren willst, sondern bei uns bleiben, Dein Lebelang.«

»Gern will ich bei Euch bleiben,« sprach Viorica; »denn mich hält Nichts mehr hier, als das Grab meiner Mutter; das muß ich besuchen und ihm Blumen und Wein und Kuchen bringen und für ihre Seele beten.«

»Das Grab Deiner Mutter sollst Du besuchen, aber mit keinem Menschen sprechen auf dem Wege, sonst wirst Du uns untreu und furchtbar wird unsere Rache sein.«

So zog Viorica mit den Ameisen fort, einen weiten Weg, bis dahin, wo der Platz geeignet schien, ihr einen Palast zu bauen. Da sah Viorica, wieviel geschickter die Ameisen waren, als sie selber, nie wäre sie im Stande gewesen, in solcher Schnelligkeit einen solchen Bau auszuführen. Da waren Gallerien, eine über der andern, die in weite Räume führten, immer tiefer und tiefer in's Innere für die Puppen, die hinausgetragen wurden, an die Sonne und ebenso oft und eilig wieder in's Innere geflüchtet, vor drohenden Regentropfen. Die Kammern waren auf das Zierlichste mit Blumenblättern geschmückt, die mit Tannennadeln an die Wände genagelt wurden und Viorica lernte Spinngewebe spinnen, aus denen Zelte und Lagerdecken gemacht wurden.

Immer höher erhob sich der Bau; die Kammer aber, die für Viorica bestimmt war, war so wunderbar schön, wie sie noch nie im Traum etwas gesehen. Viele Gänge führten dorthin, so daß sie in größter Schnelligkeit Nachricht von sämmtlichen Unterthanen haben konnte; der Boden der Gänge war mit Mohnblättern belegt, damit die Füße der Königin nur Purpurdecken berührten. Die Thüren waren Rosenblätter, an Spinnfäden befestigt, so daß sie geräuschlos auf- und zugingen. Der Boden der Kammer war von Edelweiß, ein dicker, weicher Teppich, in dem Viorica's rosige Zehen versanken; denn Schuhe brauchte sie hier nicht; die wären viel zu rauh gewesen und hätten den Blumenteppich zerdrückt. Die Wände waren von Nelken, Maiglöckchen und Vergißmeinnicht kunstvoll durchwoben und die Blumen wurden beständig erneuert, so daß ihre Frische und ihr Wohlgeruch wahrhaft berauschend waren. Die Decke der Kammer war von Lilienblättern, wie ein Zelt gespannt; das Ruhebett hatten die fleißigen Ameislein in vieler Wochen Arbeit geschichtet; das war von lauter Blütenstaub, das zarteste, was sie hatten finden können und darüber war Eines von Viorica's Gespinnsten gebreitet. Wenn sie dort im Schlummer lag, war sie so schön, daß die Sterne vom Himmel gefallen wären, wenn sie sie gesehen hätten. Aber die Ameisen hatten die Kammer in's Innere verlegt und hüteten eifrig und eifersüchtig die geliebte Königin, wagten sie es doch selber nicht, sie im Schlummer zu betrachten.

Das Leben im Ameisenhaufen wäre schwer schöner einzurichten gewesen, als es war. Jede und Alle setzten ihren Ehrgeiz hinein, am meisten zu leisten und der fleißigen Königin am besten zu gefallen. Jeder ihrer Befehle wurde mit Windeseile ausgeführt; denn sie befahl nie zuviel auf einmal und nie unverständige Dinge; sondern mit sanfter Stimme klang es stets wie ein freundlicher Rath oder eine Meinung, und der Dank war ein sonniger Blick ihrer Augen.

Die Ameisen sagten oft, sie hätten den Sonnenschein in ihrem Hause und priesen und rühmten ihr Glück. Sie hatten für Viorica eine besondere Plattform angelegt, auf der sie Luft und Sonnenschein genießen konnte, wenn es ihr in ihrer Kammer zu eng wurde. Auch konnte sie von dort aus die Höhe des Bau's betrachten, der bereits einem mäßigen Berge gleichkam.

Eines Tages saß sie in ihrer Kammer und stickte mit den Seidenfäden einer Raupe, die ihr die Ameisen herbeigeschleppt, ein Kleid, auf das sie Schmetterlingsflügel genäht. Nur ihren zarten Fingern konnte ein solches Werk gelingen. Da ward es laut um ihren Berg; es klang wie Stimmenschall und in einem Augenblicke war das ganze kleine Reich allarmirt und zur Königin kamen sie athemlos hereingestürzt: »Man zerstört unser Haus! böse Menschen wühlen darin. Zwei, drei Gallerien sind schon eingestürzt und die nächste ist bedroht. Was sollen wir thun! –

»Weiter nichts?« sprach Viorica ruhig. »Ich will gleich Einhalt gebieten und in ein bis zwei Tagen sind die Gallerien wieder gebaut.«

 

Sie eilte durch das Labyrinth von Gängen dahin und erschien plötzlich auf ihrer Plattform. Da sah sie einen herrlichen Jüngling, der vom Pferde gestiegen war, und mit einigen Begleitern beschäftigt war, mit Schwertern und Lanzen im Ameisenberge zu wühlen. Bei ihrem Erscheinen hielten aber Alle inne, der schöne Jüngling hielt geblendet die Hand über die Augen und betrachtete die Lichtgestalt im schimmernden Gewande. Viorica's Goldhaar umwogte sie bis zu den Fußspitzen; zartes Roth überfluthete ihr Antlitz und ihre Augen strahlten wie Sterne. Vor des Jünglings Blicken senkte sie sie einen Augenblick, dann aber hob sie die Lider und den rosigen Mund öffnend, sprach sie mit klingender Stimme: »Wer seid Ihr, die frevelnde Hände an mein Reich gelegt?«

»Verzeiht, holde Jungfrau!« rief der Jüngling, »so wahr ich ein Ritter bin und ein Königssohn, so will ich hinfort Euer eifrigster Vertheidiger sein! Wie konnte ich ahnen, daß eine Göttin, eine Fee dies Reich regiert.«

»Ich danke Euch,« sprach Viorica.

»Ich brauche keine andern Dienste als die meiner getreuen Unterthanen und verlange nur, daß keines Menschen Fuß mein Reich betritt.«

 

Mit diesen Worten war sie verschwunden, als hätte sie der Berg verschlungen und die draußen sahen nicht, wie Schaaren von Ameisen ihr die Füße küßten und sie im Triumph in ihre Kammer zurückgeleiteten, wo sie so ruhig ihre Arbeit wieder aufnahm, als wenn Nichts vorgefallen wäre. Der Königssohn stand im Traum verloren vor dem Berge und war in Stunden nicht zu bewegen, sein Pferd zu besteigen. Immer noch hoffte er, die holde Königin werde wieder erscheinen und wäre es auch mit strafendem Blick und Wort, so hätte er sie doch gesehen! Er sah aber nur Ameisen und immer noch Ameisen in unendlichen Schaaren, die in rasender Eile bemüht waren, den Schaden gut zu machen, den er in jugendlichem Uebermuthe angerichtet. Er hätte sie zertreten mögen vor Zorn und Ungeduld; denn seine Fragen schienen sie nicht zu verstehen, oder nicht zu hören und rannten ganz frech, im Gefühl ihrer Sicherheit, vor seinen Füßen vorbei. Endlich bestieg er traurig sein Roß und hin und her überlegend, wie er die schönste Maid, die je sein Auge geschaut, gewinnen könne, durchstreifte er den Wald bis zur sinkenden Nacht, zum großen Unmuth seiner Begleiter, die den Ameisenberg sammt der Jungfrau zum Teufel wünschten und an die Abendtafel und die Humpen Weines dachten, die ihrer schon lange harrten.

 

Viorica hatte sich später als alle ihre Unterthanen zur Ruhe gelegt, sie hatte die Gewohnheit, selbst nach den Puppen zu sehen, ihre Bettchen zu befühlen, ob sie weich genug seien, und so lüftete sie einen Blumenvorhang nach dem Andern, ein Leuchtkäferchen auf der Fingerspitze und sah zärtlich nach der jungen Brut. Nun kehrte sie in ihre Kammer zurück und entließ alle Leuchtkäfer, die stundenlang ihr zur Arbeit geleuchtet. Nur ein Glühwürmchen blieb bei ihr, während sie sich entkleidete. Sonst war sie immer augenblicklich in tiefen Schlaf gesunken; heute aber warf sie sich unruhig hin und her, wickelte ihr Haar um die Fingerspitzen, setzte sich auf und legte sich wieder nieder und dabei ward ihr so heiß, so heiß. Sie hatte noch nie gefunden, daß in ihrem Reiche zu wenig Luft sei und wäre nun gern hinaus geeilt, fürchtete aber, man möchte sie hören und ihr böses Beispiel Andere anstecken. Hatte sie doch schon, von den Andern gedrängt, manches harte Urtheil fällen müssen, wegen verbotener Wanderung Ameisen aus ihrem Verbande ausgestoßen, Andere sogar zum Tode verurtheilt und hatte mit blutendem Herzen zusehen müssen, wie sie erbarmungslos todtgestochen wurden.

 

Aber vor allen Andern war sie auf und überraschte sie damit, daß sie eine der Gallerien allein wieder aufgebaut. Daß sie dabei einige Male in den Wald geblickt und sogar ein wenig gehorcht hatte, wußte sie wohl selber nicht. Kaum war sie wieder in ihrer Kammer, als einige Ameisen in großer Angst gelaufen kamen: »Der böse Mann von gestern ist wieder da und reitet um unsern Berg herum!«

 

»Laßt ihn nur!« sprach Viorica, die Königin, ganz ruhig, »er wird uns Nichts mehr thun.«

Aber Viorica, der süßen Jungfrau, klopfte das Herz so laut, daß sie tief Athem holen mußte.

Es war eine merkwürdige Unruhe in sie gekommen; sie wanderte viel mehr umher, als früher, fand immer, die Puppen seien zu wenig in der Sonne, trug sie selbst hinaus, um sie ebensoschnell wieder hereinzutragen und widersprach sich manchmal in ihren Befehlen. Die Ameisen wußten nicht, was ihr geschehen und bemühten sich doppelt Alles schön und gut zu machen, überraschten sie auch mit einem neuen, großartigen Gewölbe, das sie aber zerstreut betrachtete und nur wenig lobte. Pferdegetrappel umkreiste oft den Berg, zu allen Tageszeiten, aber mehrere Tage zeigte sich Viorica nicht.

 

Sie war von einer Sehnsucht nach Menschen befallen, die sie bis dahin noch nie empfunden. Sie gedachte ihres Dorfes, der Hora, ihres Häuschens, der Mutter und des Grabes der Mutter, das sie nicht wieder besucht.

 

Nach einigen Tagen verkündete sie ihren Unterthanen, sie gedenke das Grab ihrer Mutter zu besuchen, worauf die Ameisen sie erschrocken fragten, ob es ihr nicht mehr bei ihnen gefalle, da sie sich der Heimat erinnert. »O nein,« sprach Viorica. »Ich will ja nur auf wenige Stunden fort und bin vor der Nacht wieder bei Euch.«

 

Sie verbat sich jede Begleitung, nur von fern folgten ihr einige Ameisen, die sie nicht bemerkte. Es kam ihr Alles so verändert vor; sie mußte wohl lange fort gewesen sein. Sie begann zu rechnen, wie lange die Ameisen wohl gebraucht, den großen Berg zu bauen, in welchem sie wohnte, und sagte sich, daß es wohl Jahre sein müßten. Der Mutter Grab war nicht mehr zu finden, so sehr war es von Grün überwuchert und Viorica wandelte weinend auf dem Kirchhof umher, da sie auch hier fremd geworden. Der Abend brach schon herein und noch immer suchte Viorica das Grab, das sie nicht finden konnte. Da erklang neben ihr die Stimme des Königssohns. Sie wollte entfliehen. Aber er hielt sie fest und sprach von seiner großen Liebe in so sanften und eindringlichen Worten, daß sie mit gesenktem Haupte stille stand und ihm lauschte. Es war so süß, wieder einen Menschen reden zu hören, und so reden zu hören, von Liebe und Freundschaft. Erst als die Dunkelheit ganz hereinbrach, fiel ihr ein, daß sie eine pflichtvergessene Königin und keine verlassene Waise sei und daß die Ameisen ihr verboten, noch mit Menschen zu verkehren. Und eilenden Fußes entfloh sie dem Königssohn. Er aber folgte ihr mit kosenden Worten bis in die Nähe ihres Berges, wo sie ihn bat und beschwor, sie zu verlassen. Er willfahrte erst, nachdem sie versprochen, am folgenden Abende wiederzukommen.

Leise schlich sie die Gänge tastend entlang und sah sich immer ängstlich um; denn ihr war es, als höre sie eiliges Trippeln und Flüstern ringsumher. Es war wohl nur ihres Herzens ängstliches Klopfen; denn so oft sie stille stand, blieb Alles ruhig. Endlich erreichte sie ihre Kammer und sank erschöpft auf ihr Lager; aber kein Schlaf senkte sich auf ihre Augenlider. Sie fühlte, sie hatte ihr Versprechen gebrochen und wer sollte noch Achtung vor ihr haben, da ihr Wort nicht mehr heilig war. Unruhig warf sie sich hin und her; ihr Stolz bäumte sich auf gegen die Heimlichkeit und doch kannte sie die Ameisen, ihren grimmen Haß und ihre unerbittlichen Strafen. Oftmals richtete sie sich auf und stützte sich auf den Ellenbogen und immer war es ihr, als höre sie das eilige Trippeln von vielen tausend Füßchen, als wäre der ganze Berg lebendig geworden.

 

Als sie den Morgen herannahen fühlte, hob sie einen Rosenvorhang auf, um hinauszueilen, in's Freie. Wie erstaunte sie aber, als sie den Ausgang vollständig mit Tannennadeln verstopft fand. Sie versuchte einen Andern, den Dritten, und so alle der Reihe nach, aber umsonst, Alle waren dicht bis Oben hin gefüllt. Da begann sie laut zu rufen und siehe, durch viele winzige unsichtbare Oeffnungen kamen die Ameisen in Schaaren herein. »Ich will in's Freie!« sprach sie streng. »Nein,« sprachen die Ameisen, »in's Freie lassen wir Dich nicht, sonst verlieren wir Dich!« »Gehorcht Ihr mir denn nicht mehr?«

»O ja, in allen Stücken, nur in dem Einen nicht; zertritt uns zur Strafe, wir sind bereit, für das Wohl der Gemeinschaft und um unsrer Königin Ehre zu retten, zu sterben.«

Viorica neigte das Haupt und Thränen strömten aus ihren Augen. Sie flehte die Ameisen an, ihr die Freiheit wiederzugeben; die kleinen Gestrengen schwiegen aber still und mit einem Male sah sie sich ganz allein in düsteren Raum. O wie weinte und jammerte Viorica und raufte ihr schönes Haar; dann begann sie, sich mit den zarten Fingern einen Weg zu bahnen; aber was sie wegscharrte, füllte sich fast ebenso schnell wieder, so daß sie sich endlich verzweifelt auf die Erde warf. Die Ameisen brachten ihr die süßesten Blumen und Nectar und Thautropfen, ihren Durst zu stillen, aber ihre Klagen blieben ungehört. In der Furcht, ihr Jammern könne hinausdringen, bauten die Ameisen höher und höher, so hoch wie der Virful cu Dor und nannten den Berg Furnica (Ameise). Der Königssohn kreist nun schon lange nicht mehr um den Berg, aber in stiller Nacht hört man Viorica's Weinen noch.

Piatra Ursa.

Piatra Ursa.

Stolz war die schöne Pauna6, sehr stolz. Sie hatte nicht umsonst so große, dunkle Augen, mit schwarzen Brauen, die eine scharfe Ecke bildeten, und eine Adlernase. Ihr Mund war eher groß, aber schön geschnitten und wenn sie sprach oder lachte, sah man die beiden Zahnreihen leuchten. Ihre schwarzen Zöpfe lagen wie eine Krone über der Stirn und die Leute nannten sie scherzweise Pui de Imparat  (Kaisers Junges), wenn sie mit ihren breiten Schultern und großen Schritten dahinging und den Kopf hielt, als trüge sie etwas. Sie war aber doch nicht zu stolz, den Kopf zu drehen, wenn Tannas vorbeiging und ihn anzuhören, wenn er bei der Hora mit ihr sprach. Wenn man sie aber mit ihm neckte, schoß ihr das Roth in die Wangen und eine scharfe Antwort strafte den Uebermüthigen.

Tannas war von den übrigen Burschen sehr beneidet, besonders als man die Verlobung für ganz sicher hielt. Da wurde das Land mit Krieg überzogen und Tannas mußte fort, mit dem Heere zur Donau hinab. Pauna verschluckte ihre Thränen vor den Leuten; ob sie aber nicht heimlich einige vergossen, wagte Niemand sie zu fragen.

Immer verstand sie es so einzurichten, Eine der Ersten zu sein, die im Dorfe Nachricht vom Heere erhielten und wie man sich von den ersten Schlachten erzählte, mußte sie sich an das steinerne Kreuz lehnen, am Eingang des Dorfes, so schwindlich wurde es der starken Pauna. Nachts konnte sie gar keinen Schlaf mehr finden und mußte oft ihr Licht brennen lassen, um die Schreckbilder nicht zu sehen, die ihr Tannas von Wunden bedeckt sterbend oder todt zeigten.

So saß sie auf ihrem Bettrande, noch angekleidet, in dunkler Nacht und wußte nicht, daß draußen Einer um's Haus schlich und jetzt zu ihrem Fensterchen hereinlugte. Sie wußte auch nicht, daß sie schön sei, mit den weitaufgerissenen Augen vor sich hinstarrend, die Hände auf den Knien gefaltet. Da klopfte es an's Fenster und mit einem verhaltenen Aufschrei sprang sie auf und drehte den Kopf, das Dunkel mit den Augen durchforschend. Da war es ihr, als sähe sie Tannas und im nächsten Augenblick hörte sie sich leise rufen: »Pauna, bitte, liebe Pauna komm doch zu mir heraus! fürchte Dich nicht, ich bin es nur, Tannas!«

Schon hatte Pauna die Hand auf der Thürklinke; jetzt stand sie draußen und fühlte sich sogleich umfaßt. Sie aber wehrte den Arm ab, der sich um sie gelegt und sagte:

»Bist Du es aber auch? Will mich Keiner zum Besten halten?«

»Hier, fühle Dein Ringlein, Pauna und hier die Münze an meinem Halse, ich konnte es nicht aushalten, ich mußte sehen, ob Du mir treu seist!«

»Wer hat Dich denn vom Heere fortgeschickt?«

»Mich? Niemand!«

»Niemand? und Du bist hier? ist denn kein Krieg mehr?«

»O doch, es ist noch Krieg, ich aber bin heimlich fort und aus Liebe zu Dir, Pauna.«

»Aus Liebe zu mir?« Pauna lachte rauh und kurz auf. »Glaubst Du denn, daß es mich freut, einen Fahnenflüchtigen zum Geliebten zu haben? Geh mir aus den Augen!«

»Aber Pauna? ist das Deine ganze Liebe? In den Tod, in's Verderben schickst Du mich!«

»Geh, wohin Du willst, aber das sage ich Dir, nie werde ich Dein Weib; denn meinen Mann verachten zu müssen, das ertrage ich nicht!«

»Du hast einen Andern gern!«

»Nein Tannas, Dich allein, Dich habe ich gern und habe Nächte um Dich gewacht; das aber hat mir nicht geträumt, daß ich einen Feigling zum Schatz habe!« Pauna begrub das Gesicht in die Hände und weinte.

»Ich dachte, Du würdest mich mit Freuden aufnehmen und mich bei Dir verbergen!«

»O, Schande!« rief das junge Mädchen. »O die Schande, daß ich mich Dir verlobt, aber ich sage Dir, eher soll der Bucegi brennen, ehe ich Dein Weib werde!«

»Und ich sage Dir,« rief Tannas, »Du sollst mich nicht wiedersehen, bis ich ein Krüppel bin oder todt!«

In diesem Augenblicke standen sich die beiden jungen Leute mit so funkelnden Blicken gegenüber, daß ihre Augen im Dunkel leuchteten.

Da verbreitete sich ein rother Schein in der Höhe und wie sie aufsahen, schien eine Felsenspitze des Bucegi zu glühen. Immer heller ward die Gluth, bis eine rothe Flamme Sterne zu sprühen schien. Die beiden Liebenden standen wie versteinert. Da gingen in den Nachbarhäusern die Fenster auf; die Leute riefen einander zu es sei Waldbrand, nein, der Berg brenne. Hunde wurden laut. Die Hähne krähten.

Da faßte Pauna den jungen Mann bei den Schultern und ihn weit von sich stoßend rief sie: »Fort von hier, verbirg Dein Gesicht! sonst sterbe ich vor Scham!« Dann schlug sie die Thüre zu und löschte ihr Licht. Mit hochklopfendem Herzen sah sie Tannas nach, wie er im Schatten der Häuser davonschlich, sah den Berg glimmen und dann langsam dunkel werden und gab keine Antwort, als man sie rief, das Wunder zu sehen.

Von dem Tage an fand man Pauna außerordentlich bleich; kein Lächeln flog mehr um die Lippen, die sonst so leicht sich spöttisch verzogen und keine rasche Antwort verkürzte das Neckwort, das ihr nachgeschickt wurde. Still that sie ihre Arbeit, war aber oft so müde, daß sie sich an den Brunnenrand setzte und mit dem Wasser die Stirn kühlte. Zuweilen betrachtete sie sich träumerisch im Brunnen, oder blickte scheu zum Bucegi hinauf. Mit einem Mal begann man zu sagen, Tannas sei im Dorfe gewesen; Dieser und Jener wollte ihn beim Schein des brennenden Berges gesehen haben und sogar seine Stimme hatte man mit der von Pauna gehört.

Als diese darüber befragt wurde, perlten Schweißtropfen auf ihrer Stirn und um ihre Lippen, die leise zitterten, als sie sagte: »War nicht Alles still und dunkel bei mir als der Berg brannte?

Pauna's Mutter schüttelte den Kopf, biß auf die Unterlippe und meinte, es geschehen allerhand merkwürdige Zeichen in dieser bösen Zeit. Da kam die Nachricht, es sei eine große mörderische Schlacht geschlagen worden. Pauna erfuhr es diesmal zuletzt, ging rasch heim, schnürte ihr Bündel, nahm einen Kürbis und Mamaliga in einem Tuche mit und als die Mutter ängstlich frug, wohin sie wolle, sagte sie nur: »Ich komm' bald wieder, Mutter, habe keine Angst um mich!«

 

In der Abenddämmerung lag das Schlachtfeld gebreitet; tausende von Todten waren umhergestreut, Pferde wälzten sich sterbend oder hinkten mit gesenktem Kopfe umher. Um mächtige Wachtfeuer lagerte das Heer und horchte nicht mehr auf das Jammern, das vom Schlachtfeld klang. Eine hohe Frauengestalt wandelte allein durch die Reihen, nachdem sie im ganzen Lager gesucht und nach Tannas gefragt. Beherzt näherte sie sich Freund und Feind, reichte Manchem einen Trunk und betrachtete die Todten genau. Jetzt ward es völlig Nacht und der Mond beschien die schaurige Stätte. Immer noch wandelte das Mädchen hin und her, kniete hier und dort nieder, legte eines Sterbenden Haupt an ihre Brust und suchte an gräßlich entstellten Leichen nach einem Ring und einer Münze am Halse.

Nur einmal taumelte sie entsetzt zurück, als sie Weiber eine Leiche plündern sah und die Knochen der Finger krachen hörte, von denen sie die Ringe zogen.

Sie eilte fort, kehrte aber bald wieder zurück, um ängstlich den Todten zu betrachten.

 

Das ganze Lager war in Schlummer versunken und noch immer schlich Pauna auf dem Schlachtfeld im Mondschein umher; manchmal rief sie leise: »Tannasse!« Oftmals antwortete ihr ein Stöhnen, aber traurig schüttelte sie das Haupt, nachdem sie einen Trunk gereicht. Der Morgen fing an, leise zu grauen und das Mondlicht bleicher zu werden, da sah sie etwas glänzen und wie sie hintrat, lag ein Todter halb entkleidet da, hatte aber mit der Hand, an der ein kleiner Ring schimmerte, etwas, das er um den Hals trug, so fest ergriffen, daß man offenbar darauf verzichtet, ihm die Finger zu öffnen.

Pauna erkannte ihren Ring und mit dem Aufschrei: »Tannasse!« sank sie neben der Leiche hin, deren Gesicht mit Blut überströmt, kaum zu erkennen war. Nach wenigen Augenblicken kam Pauna wieder zu sich und begann, das geliebte Gesicht zu waschen; sie sah, mit herabströmenden Thränen, daß beide Augen, sammt der Nase von einem Hiebe durchschnitten waren, sah aber auch, daß das Blut wieder hervorquoll. Nun war sie sicher, ihr Geliebter sei nicht todt und eilte seine Lippen zu benetzen und seine Wunde mit ihrem Tuche zu verbinden. Da begann er zu seufzen und wie er seinen Namen nennen hörte, griff er mit der Hand in die Luft und betastete lange Pauna's Gesicht: »Meine Pauna!« sagte er kaum hörbar. »Laß mich sterben, ich bin blind, ich bin Nichts mehr auf der Welt!« »Doch, doch,« rief Pauna, »Du bist mein Geliebter und will's Gott, mein Mann, in kurzer Zeit; nur still jetzt, still! –

 

Viele lange Wochen waren seit jenem Morgen verstrichen, Wochen, in denen Pauna Tag und Nacht an Tannasse's Lager gestanden und ihn unermüdlich gepflegt. Da sah man zwei Wanderer die Straße entlang in's Dorf kommen: einen Blinden im Soldatenmantel, mit dem Ehrenzeichen auf der Brust und ein Mädchen, das ihn sorgsam führte und das mit freudigem Lächeln den Vorübergehenden sagte: »Hier ist mein Bräutigam! er ist ein Held! seht das Zeichen auf seiner Brust!«

»Und in seinem Gesicht!« fügte Tannas seufzend hinzu.

Noch nie war eine so große Hochzeit gewesen! von fern und nah strömten die Leute herbei, um die schöne Pauna zu bedauern, an der Seite des Blinden. Sie aber lächelte Allen zu und sagte: »Ich bin stolz! ich habe einen Helden zum Mann! und Gottlob, daß ich stark bin, ich kann für uns Beide schaffen!«

Den Berg aber, den man hatte brennen sehen, nannte man Piatra arsa, den verbrannten Stein; denn Hirten und Gemsjäger schworen, sie hätten dort die Felsen verkohlt gefunden.

Die Jipi.

Die Jipi.

In der Gruppe des Bucegi ragen wie zwei Riesenzähne dicht nebeneinander die beiden Jipi empor und starren sich trotzig an. Zwischen ihnen stürzt in stäubendem Wasserfall die Urlatoare, die Heulende, zu Thal und tobt, bahnbrechend, zur Prahova hinab. Man sagt, die Jipi seien vor uralten Zeiten Zwillingsbrüder gewesen, die sich so lieb gehabt, daß Keiner ohne den Andern bleiben konnte, daß Keiner einen Bissen Brod annahm, den er nicht mit dem Andern theilte, daß wenn man den Einen etwas fragte, der Andere Antwort gab. Wenn der Eine sich weh gethan, weinte der Andere und ließ sich gar nicht trösten. Sie waren Beide so schön wie Morgen und Abend, so schlank wie Lanzen, so rasch wie Pfeile und so stark, wie junge Bären. Die Mutter, die sie geboren, betrachtete sie mit Stolz und Freude und streichelte ihre Lockenköpfe, indem sie sprach: Andrei und Mirea, meine schönen Söhne, möget Ihr so berühmt werden, daß die Steine von Euch reden! –

Sie waren von edlem Geschlecht und hatten eine Burg auf hohem Felsenkegel, auf dem sie thronten, als gehöre ihnen die ganze Welt und oft sagten sie scherzend, sie könnten zusammen nur eine Frau heirathen, da sie gewiß nicht zwei gleichgeartete Frauen finden würden. Am Besten sei es, sie heiratheten gar nicht. Davon wollte aber die Mutter Nichts hören, denn sie wollte ihrer Söhne Söhne auf den Knieen wiegen und ihnen Schlummerlieder singen.

Sie sang ihnen oft des Abends die alten Lieder, während sie spann und die beiden Jünglinge umgaben sie zärtlich, Andrei kniete ihr zu Füßen, auf einem Kissen, Mirea lehnte mit dem Arm auf der Mutter Stuhl und sog den Duft ihres Haares ein, das in dicken, braunen Flechten unter dem feinen, weißen Schleier schimmerte.

»Unsere Mutter ist noch eine ganz junge Frau!« sagte Andrei.

»Ja,« rief Mirea, »sie hat noch kein graues Härchen!«

»Und keine Falte!« ergänzte Andrei. »Wir finden keine Frau, die Deiner werth ist!« sprach Mirea und küßte den Schleier auf der Mutter Haupt. »Du stellst sie Alle in den Schatten!« lachte Andrei und küßte den kleinen Finger der Hand, die eben den wunderfeinsten Faden spann. »Mein Vater war ein glücklicher Mann!« rief Mirea.

»Und wir glückliche Kinder!« Andrei. Die Mutter lächelte fein zu dieser lieblichen Wechselrede und erzählte ihnen Geschichten von der Großmutter, und der rauhen Zeit, in der die gelebt, von ihrem gestrengen Vater und noch strengeren Gemahl.

Die Mahlzeiten, welche die drei miteinander einnahmen, waren so heiter, als wäre das Haus voll Gesellschaft und wenn wirklich Gäste kamen, wurden sie stiller, wie es der Würde des Hauses ziemte. Sie waren treffliche Gastgeber und brachten manche Nacht auf dem Boden zu, um ihr gutes Lager den Fremden einzuräumen.

Allen Menschen wurde es wohl in dem trauten Heim, in dem die Liebe wohnte.

 

Eines Tages waren die beiden Brüder auf der Jagd und streiften an den steilsten Felsen entlang, den Bären zu finden, der jüngst großes Unheil angerichtet. Endlich waren sie ihm auf der Spur und lautes Brummen, sowie das Hinabrollen der Steine verkündete seine Nähe. In dem Augenblicke aber, als Mirea den Wurfspieß schleudern wollte, flog aus einem kurzen Gehölze ein andrer Speer dem Thiere gerade in die Weiche, worauf glockenhelles Gelächter erklang. Der Bär richtete sich auf und schritt auf den Hinterbeinen dem Gehölze zu, mit wüthendem Brummen. Andrei sah die Gefahr, in welcher der kühne Jäger sich befand und während Mirea trotzig sagte: »Möge er die Jagd beendigen, die er angefangen!« rief Andrei: »Hörtest Du nicht, es war ein Knabe!« warf sich dem Bären, der ihn überragte, in den Weg und bohrte ihm sein Messer bis an das Heft in die Schulter. Der Bär hieb in die Luft und stürzte dann todt zusammen. »O wie schade!« rief die helle Stimme, und aus dem Gebüsch trat ein wunderschönes Mägdlein hervor, in kurzem Gewande, mit Sandalen und einer weißen Pelzmütze, unter welcher sich wild und üppig die braunen Locken hervorstahlen. Sie hatte grüne Augen mit goldenem Kern und braune, kühn geschwungene Brauen. Von den Schultern hing ihr ein Mantel von schneeweißem, seidigem Ziegenhaar, in der Hand hielt sie ein ebensolches breites Messer wie Andrei, mit dem sie festen Fußes den Bär erwartet hatte. »Wie schade!« rief sie wieder, »nun habe ich ihn nicht erlegt!« und Thränen traten ihr in die Augen. Andrei stand ganz beschämt und betrachtete den Bären, als hätte er ihn gern wieder lebendig gemacht, dem schönen Mädchen zu liebe. Sie stieß das Thier mit der Fußspitze, ohne zu wissen, was sie that, nur um ihren Unmuth zu verbergen; da wandte sich der Bär noch einmal und hieb nach ihr. In demselben Augenblick ward sie zurückgerissen und mit einem: »Unverständiges Kind!« scheltend von Mirea auf die Füße gestellt. Verwundert sah sie in die Höhe; denn die Stimme war dieselbe wie die des jungen Mannes vor ihr und nun gar das Gesicht zum Verwechseln ähnlich. Mit offnem Munde, wie ein kleines Kind, sah sie von einem Bruder zum Andern, bis alle Drei in ein stürmisches, nicht enden wollendes Gelächter ausbrachen. »Ihr seid ja doppelt!« rief das Mädchen, »wie zwei Haselnüsse in einer Schale!«

»Wir sind auch Haselnüsse aus derselben Schale,« sagte Andrei, »wer bist Du denn, kleine Waldfee? Du bist doch nicht etwa eine verkappte Hexe, die uns verderben wird?«

»Wer weiß!« sagte das Mädchen, »ich bin vielleicht eine Hexe, mein Großvater hat es schon gesagt und ich bin doch erst eine Woche bei ihm und seitdem hat er noch nicht einmal Magenschmerzen gehabt.«

»Wir möchten Dich gleich als schlimme Hexe behandeln und Dich auf unsrer Burg gefangen setzen, da Du auf unserm Grund und Boden ohne Erlaubniß gejagt,« sprach Mirea.

»Wir haben auch eine schlimme Mutter auf der Burg!« sagte Andrei.

»So?« rief das Mädchen, »die muß ich sehen, ich bin Eure Gefangene!«

Sie rief einen Jäger herbei, gab ihm einige Aufträge an den Großvater, befahl ihm, sie mit den Pferden abzuholen und schritt lustig mit den Brüdern auf den schwindlichsten Pfaden der Burg zu.

 

Die Mutter der beiden jungen Leute, Frau Roxana, sah zum Fenster hinaus und besann sich, was für einen jungen Hirten ihre Söhne mitbrächten. Hinterher trug man den Bären auf Baumästen.

Als sie in die Nähe der Burg gelangten, rief Frau Roxana erschrocken; »Aber mein Gott, das ist ja ein Mädchen! Wo haben sie denn das gefunden!« Einige Augenblicke später erschallten die jugendlichen Schritte und Stimmen im Hofe, dann in der Halle, dann im Saal.

 

»Mutter!« rief Mirea, »hier bringen wir einen Gefangenen, einen Jäger, der uns die Jagd verdorben! Was soll seine Strafe sein!«

Frau Roxana betrachtete das junge Mädchen mit großer Bangigkeit; sie hätte sie am liebsten wieder so schnell als möglich fortgeschickt; es war aber ein so bezaubernder Anblick, daß Frau Roxana gütig lächelte und die Hand reichte, die das junge Mädchen ehrerbietig küßte. »Ich denke die ärgste Strafe wird wohl sein, mit mir alten Frau einige Stunden zu spinnen!«

»O ganz und gar nicht; ich spinne so fein wie eine Fee; der Wurfspieß hat meine Hand nicht schwer gemacht. Und was das Alter betrifft, so befinde ich mich eben in der einzigen Gesellschaft meines Großvaters, der den ganzen Tag im Sessel sitzt und der immer einschläft, wenn ich ihm was erzählen will.« Indem sie sprach, nahm sie ihren Mantel ab und wollte ihn niederlegen, Andrei aber kam ihr höflich zuvor. Frau Roxana nahm ihr selbst die Pelzmütze ab und strich ihr das krause, feuchte Haar aus der erhitzten Stirn. Sie war noch viel schöner so, wie von einer Löwenmähne umwogt und Mutter und Söhne betrachteten sie wohlgefällig.

»Wie heiß Du denn, liebes Kind?« frug jetzt Frau Roxana.

»Ich heiße Urlanda; nicht wahr, welch häßlicher Name! Rolanda wollten sie mich nennen und weil ich so wild war und habe so viel Spectakel gemacht, wurde Urlanda daraus.« Sie sagte das mit einer so komischen tiefen Stimme, daß Alle lachten. »Mein Großvater wohnt auf der andern Seite der Berge; ich bin heute weit gelaufen.«

»Nun, dann wird Dir die Mahlzeit munden, die unsrer wartet.«

Sie traten in den Speisesaal, der ganz mit den schönsten, orientalischen Teppichen ausgehängt war und in welchem prächtiges Silberzeug prangte.

Die beiden jungen Leute sprachen mäßig dem Weine zu, den sie mit Wasser mischten, die Frauen ließen sich an Wasser genügen. Anmuthig floß das Gespräch dahin; man erzählte sich Bärenabenteuer, immer Eines merkwürdiger wie das Andere und Rolanda ließ sich darin nicht überbieten; sie wußte immer noch Unglaublicheres zu erzählen, und in so ernsthaftem Tone, als wenn sie einen Eid darauf schwören wolle.

Viel Heiterkeit veranlaßte ihr fortwährendes Verwechseln der beiden Brüder und als sich Andrei als ihr Lebensretter vorstellte, ward Mirea eifrig und meinte, er habe sie vor einer letzten Umarmung des Bären bewahrt. »Gut,« rief sie heiter, »daß ich Euch Beiden mein Leben verdanke; sonst könnte ich meinen Lebensretter niemals erkennen!«

Nach Tisch bat sie um Kunkel und Spindel; sie wollte zeigen, daß ihr Spinnen keine Bärengeschichte sei. Dies, mit einem schlauen Blick auf die Brüder. Und wirklich, der Faden, den sie auszog, glich dem einer Spinne, so fein und gleichmäßig war er zur großen Bewunderung von Frau Roxana.

»Ich kann auch sehr schön sticken,« sagte das junge Mädchen, »das hat mich meine Mutter gelehrt, die stickte wie eine Fee und hat gemeint, sie würde meine Wildheit zähmen, mit so schönen Arbeiten; aber ich war immer schneller fertig als sie dachte und ehe sie sich dessen versah, war ich schon wieder draußen, im Gestüte oder auf der Jagd.«

Sie seufzte ein ganz klein wenig: »Jetzt ist das Gestüt verkauft und reiten kann man auch nicht in den elenden Bergen, man hat gar keinen Platz! Ach! da sind die Pferde!« rief sie und sprang vom Stuhl. »Ich muß jetzt fort, sonst komm ich nicht vor der Nacht heim und der Großvater kann gewiß schelten wenn er will; er hat so buschige Augenbrauen und so viele Falten drum herum!«

Sie flog auf Roxana zu, küßte ihr die Hand, grüßte die beiden Brüder mit einem Schwenken ihrer Pudelmütze, die sie auf die Locken warf, war zum Saal hinaus und wie ein Knabe im Sattel, wie ein Wirbelwind.

Die Brüder hatten aber auch ihre Pferde bestellt, den jungen Gast bis zur Grenze des Besitzthums zu begleiten und alle drei lachten und grüßten zu Frau Roxana hinauf, die mit ernsten Augen und lächelndem Munde hinabsah. Es lag ihr die Sorge auf dem Herzen, sie wußte nicht weshalb und hätte gern die Söhne zu sich zurückgerufen.

Rolanda wollte bergauf und bergab galoppiren und war kaum daran zu verhindern; erst als ihr Mitleid für die Pferde rege gemacht wurde, ließ sie nach und sagte seufzend: »Diese wandelnden Stühle nennt Ihr Pferde!«

Da die Nacht hereinbrach, lud sie die Brüder ein, nun beim Großvater einzukehren. Der alte Herr saß am Ofen und streichelte seinen schneeweißen Bart, der ihm weit über die Brust hinabreichte.

»Wo war nun der Wildfang wieder!« sprach er gütig.

»In schrecklicher Gefangenschaft wegen Jagdfrevel und hier sind meine Verfolger gleich mitgekommen, sie wollten sehen, ob ich die Wahrheit gesagt habe.«

Der Alte betrachtete wohlgefällig die beiden jungen Leute, die in ehrerbietiger Haltung vor ihm stehen blieben. Bald war die Abendmahlzeit gerichtet und nicht minder heiter als das Mittagsmahl bei Frau Roxana.

In dem ersten Frühlicht ritten Andrei und Mirea wieder von dannen und waren nicht wenig überrascht, aus einem Fenster mit Blumen überschüttet zu werden. Wie sie aber in die Höhe blickten, flog das Fenster zu und sie sahen Niemand.

Dieser Tag war der Anfang von einer langen Reihe von Besuchen und Gegenbesuchen, von Jagden, Ritten und heimlichen Stunden, der Plauderei gewidmet.

Rolanda konnte auch ihre trüben Stunden haben, in denen sie noch viel anziehender wurde; dann sprach sie von den todten Aeltern und wie sie so ganz allein sei auf der Welt; der Großvater werde nicht lange mehr leben und dann wisse sie nicht, wohin.

»O welche Beleidigung!« rief Andrei, »sind wir nicht Deine Brüder? ist hier keine Heimath für Dich?«

»Hat die Mutter Dich nicht lieb?« fügte Mirea hinzu.

Wieder zog Frau Roxana's Herz sich ängstlich zusammen und doch hatte sie das wilde Kind unendlich lieb gewonnen.

Kurze Zeit nach diesem Gespräche erklang rasender Hufschlag den Berg hinauf, zum Hof herein; es war Rolanda ohne Mütze mit flatternden Locken. Todtenblaß stürzte sie zu Frau Roxana herein:

 

»Ich bitte Euch um Gotteswillen, behaltet mich bei Euch! Der Großvater ist todt, ich habe ihm die Augen zugedrückt, ich habe ihn gewaschen und angezogen und in den Sarg und in's Grab gelegt und habe mich nicht gefürchtet; aber da sind die Verwandten gekommen, eine ganze Schaar und haben sich um das Erbe gestritten und gerauft und haben mich wüthend gescholten, da er mir etwas vermacht und Einer mit einem kahlen Scheitel begehrte mich gleich zur Frau! Hu! Da habe ich mich gefürchtet! so ein Kerl! Ich habe ihm aber gesagt, daß ich Urlanda heiße und so böse bin, daß mich gar Niemand heirathen kann. Ich will auch gar keinen Mann, ich will bei Euch bleiben, so lange Ihr mich nicht hinausjagt!«

Frau Roxana hatte alle Mühe, die hervorsprudelnden Worte zu verstehen und hatte dann noch mehr zu thun, das aufgeregte Mädchen zu beruhigen. Sie zog sie an ihr Herz und glättete die wilden Locken und führte sie dann in die kleine weiße Kammer, die sie schon oft bewohnt, und sagte ihr, hier solle ihr Heim sein, so lange ein Dach über dem Hause sei.

Rolanda warf sich ihr in die Arme und küßte ihre Hände und versprach, so sanft zu werden, so sanft, wie ein großer, stiller See! Frau Roxana lächelte und meinte, die Sanftmuth werde kommen, wenn sie einmal Frau sei.

»Aber ich will keine Frau werden, ich will immer ein Mädchen bleiben und frei, frei, wie ein Vogel!«

Frau Roxana seufzte ganz ganz leise und horchte auf die Stimmen ihrer Söhne, die eben heim kamen und zuerst nach Rolanda fragten, die sie hatten von fern heransausen sehen.

 

Es war eine merkwürdige Wandlung in dem Benehmen der Brüder, seit der Stunde, daß Rolanda bei ihnen war. Sie hatten sie als ihre kleine Schwester begrüßt, worauf das junge Mädchen plötzlich schüchtern und befangen ward. Sie gingen viel mehr hinaus, als früher, aber nicht mehr miteinander, sondern auf getrennten Wegen und Rolanda blieb viel bei der Mutter, war zerstreut und träumerisch und weinte heimliche Thränen. Wenn sie sich unbemerkt glaubte, sah sie oft von einem Bruder zum andern und wieder zurück, als wolle sie etwas entdecken, das ihr dunkel geblieben. Noch jetzt verwechselte sie die Beiden oft, dann lachte sie aber nicht, sondern blickte ängstlich zur Mutter hinüber. Frau Roxana sah mit Betrübniß, wie eine düstere Wolke über ihrem Hause sich zusammenzog und weinte noch viel heimlicher als Rolanda, seitdem Jeder ihrer Söhne einzeln ihr in der Dämmerstunde seine große, unendliche, unbezwingbare Liebe gebeichtet und hinzugefügt:

»Glaubst Du, mein Bruder liebt sie auch? er ist so verändert! und wem von uns wird ihr Herz sich zuneigen?« –

Frau Roxana trug manche Kerze in's Bergkirchlein zu Lespes und hoffte durch die mühsame Wallfahrt den Himmel günstig zu machen, daß nicht ein großes Unglück über sie hereinbreche.

Rolanda war in der letzten Zeit in unbeschreiblichster Aufregung; denn an dem nämlichen Tage hatten Mirea und Andrei, ohne von einander zu wissen, Jeder ihr seine Liebe gestanden und das arme Mädchen erforschte vergebens ihr Herz; sie hatte eben Beide lieb, viel zu lieb, um Einen unglücklich zu machen, konnte sie auch in ihrem Herzen nicht von einander trennen, so wenig wie mit den Augen. Sie wollte Frau Roxana nichts sagen, um ihr nicht wehe zu thun und sah, wie die Brüder sich nicht mehr mochten und sogar scharfe Worte wechselten, was sonst nie geschehen.

 

Da rief eines Tages Frau Roxana die drei zu sich und sprach:

»Ich habe Eurer Herzen schweren Kampf schon allzulange mit angesehen. Einer von Euch muß ein schweres Opfer bringen, damit der Andrei glücklich werde.«

»Ja, einer von uns muß aus der Welt!« sprach Mirea dumpf.

»Um Gottes Willen,« rief Rolanda, »doch nicht kämpfen um mich!«

»O nein,« sprach Andrei und lächelte wehmüthig, »das wäre unmöglich; man kann allein gehen.«

Frau Roxana hob die Hände: »O ihr gottlosen Kinder! habe ich Euch so schwach geboren und erzogen, daß Keiner Kraft hat, den ersten Schmerz zu tragen! Rolanda, bis Morgen sollst Du Bedenkzeit haben; bis Morgen wollen wir Kraft und Muth gewinnen!«

So trennten sie sich.

Andrei aber schlug einen Waldweg ein nach Lespes, kniete im Felsenkirchlein nieder und sprach: Mein Gott! Du kennst mein Herz und meine Kraft! gieb, daß ich keine Sünde begehe, an mir selbst, an meiner Mutter, an meinem Bruder, an dem Weibe, das ich liebe; sondern wenn sie mich nicht nehmen will, so mache mich zu Stein, damit ich Nichts mehr fühlen muß!« –

Auf einem andern Wege war Mirea auch zur Kirche gekommen und hatte dasselbe gebetet. Sie warfen sich einen traurigen Blick zu und gingen Jeder allein nach Hause; denn Jeder glaubte, er allein habe das Opfer gebracht.

Frau Roxana erschien am nächsten Morgen bleich wie der Schleier, der die ersten Silberfäden in ihrem Haare bedeckte.

Die beiden jungen Leute sahen aus, als gingen sie in den Tod, nur Rolanda trat freudestrahlenden Antlitzes herein. Es war eine Verklärung über sie ausgegossen, die sie überirdisch schön machte; sie erschien einen Kopf größer und sprach mit sanftem Wohlklang: »Tretet mit mir hinaus, meine einzigen Theuern; unter Gottes Himmel soll die Entscheidung fallen!«

Sie ging ihnen voran, als schwebe sie, nur ihre Hände waren durchsichtig wie Wachs und die Augen, die sie zum Himmel hob, waren voll Thränen. Auf schwindelnd steilem Absturz blieb sie stehen und kniete vor Frau Roxana nieder:

»Segne mich, Mutter!« sprach sie. Frau Roxana legte ihre zitternden Hände auf das schöne Lockenhaupt.

»Und jetzt,« sprach Rolanda mit heller Stimme, »jetzt hört mich an. Ich habe Euch Beide so lieb, so unendlich lieb, mehr als mich selber, mehr als mein Leben, darum kann ich mich Keinem geben, aber wer mich aus dem Abgrund holt, deß Weib will ich sein!

 

Noch ehe Einer die Hand ausgestreckt, flog sie wie ein Vogel über den Felsenrand, in die unermeßliche Tiefe. Aber – o Wunder! – im Stürzen verwandelte sie sich in einen schäumenden Wasserfall, in der Luft zerstäubend, wie ein bräutlicher Schleier. Die beiden Brüder wollten ihr nachstürzen, konnten aber nicht; denn ihre Füße wurden Felsen, ihre Arme Felsen, ihre Herzen Stein und so ragten sie zum Himmel empor.

Die unglückliche Mutter aber breitete die Arme aus und rief: »Und ich allein soll leben! O Himmel, hast Du denn kein Erbarmen!« Und mit ausgebreiteten Armen fiel sie zur Erde, ihre Kinder umklammernd. Und siehe, wo sie lag, verwandelte sie sich in dichtes, weiches Moos, das sich weiter und weiter ausbreitete und die Felsen zur Hälfte einhüllte. So stehen sie noch und werden immer so stehen, die wilde, bräutlich weiße Urlatoare, die opferfreudigen Söhne, die Jipi, und deren treue, zärtliche Mutter.

Der Caraiman.

Der Caraiman.

Der Caraiman ragt dunkel und drohend mit seinen gewaltigen Felsen empor, von denen es scheint, als hätte sich ein Stück abgelöst und wäre auf halbem Wege hängen geblieben. Dieses Stück sieht aus wie ein Dudelsack und dies ist die Geschichte, die man sich davon erzählt: Vor ururalten Zeiten, als der Himmel viel näher bei der Erde war und mehr Wasser als Land, da hauste in den Karpathen ein gewaltiger Zauberer. Er war so groß wie der allergrößte Tannenbaum und trug einen Baum mit grünenden Aesten und Zweigen auf dem Kopfe; sein Bart, der viele Ellen maß, war von Moos, wie seine Augenbrauen, sein Gewand war Rinde, seine Stimme rollender Donner und unter dem Arm trug er einen Dudelsack so groß wie ein Haus. Mit seinem Dudelsack konnte er Alles erreichen, was er wollte: spielte er sanfte Weisen, so sproßte junges Grün rings um ihn her, so weit sein Auge reichte, blies er stärker, so konnte er lebende Wesen machen; wenn er aber furchtbar blies, so entstand ein Sturm, daß die Berge wankten, daß das Meer von den Felsen zurückwich und Land frei wurde. Einstmals ward er von mächtigen Feinden angegriffen; statt sich zu wehren, setzte er nur seinen Dudelsack an die Lippen und verwandelte seine Feinde in Tannen und Buchen. Er wurde nie müde zu spielen; denn es erfreute sein Ohr, wenn das Echo ihm seine Lieder zurücksandte; noch mehr aber erfreute es sein Auge, wenn Alles Leben wurde, rings um ihn her. Da kamen tausende von Schafen, von allen Höhen, aus allen Thälern, denen wuchsen kleine Bäumchen aus der Stirn, woran der Caraiman sein Eigenthum erkennen konnte; dann sprangen auch die Hunde dazu aus den Steinen, die alle seine Stimme kannten.

Da er in allen Ländern von den Menschen nicht viel Schönes gesehen hatte, so zögerte er lange, Menschen zu machen; doch meinte er, Kinder seien lieb und gut und so wolle er sein Reich nur mit Kindern bevölkern. Da spielte er die lieblichste Weise, die er jemals erfunden und siehe, es sprangen Kinder hervor und immer noch Kinder, in nicht endenden Massen. Nun könnt Ihr Euch denken, wie merkwürdig es aussah in dem Reiche des Caraiman. Da wurde immer nur gespielt, und die kleinen Wesen kugelten auf der schönen, grünen Gotteswelt umher und waren sehr vergnügt. Sie krochen unter die Schafe, und sogen ihnen die Milch aus den Eutern; sie pflückten sich Früchte und Kräuter und aßen die; sie schliefen auf Moos, unter Steinen und waren so lustig als der Tag lang war. Sogar im Schlaf waren sie noch vergnügt; denn da spielte ihnen der Caraiman Lieder vor, so daß sie die süßesten Träume hatten. Nie gab es ein Scheltwort im Reiche des Caraiman; diese Kinder waren alle so lieb und glücklich, daß sie niemals mit einander stritten; Neid und Eifersucht kam auch nicht vor, da es Eines so gut hatte wie das Andere; denn der Caraiman sorgte, daß immer genug Schafe da waren, um alle Kinder zu ernähren und daß für die vielen Schafe Gras und Kräuter genug wuchsen, dafür sorgte er wieder mit seinem Spiel. Es that sich auch kein Kind weh, dafür mußten die Hunde sorgen, die sie umhertrugen und ihnen die moosigsten Gründe für ihre Spiele suchten. Fiel Eines in's Wasser, die Hunde holten es heraus, war Eines müde, so nahm es ein Hund auf den Rücken und trug es in den kühlsten Schatten, zum Schlafe. Die Kinder waren so glücklich, als wären sie im Himmel; sie wünschten sich auch Nichts, da sie noch Nichts gesehen hatten; da gab es noch keine schönen und häßlichen Kleider; noch keine großen Paläste und ärmliche Hütten daneben, sodaß die Einen gierig nach der Anderen Habe geblickt. Krankheit und Tod gab es auch nicht beim Caraiman; die Wesen, die er machte, kamen alle so gesund zur Welt, wie aus dem Ei geschält und zu sterben brauchte Keines, da soviel Platz war; All' das Land, von dem der Caraiman das Meer weggefegt, mußte ja bevölkert werden und für Schafe und Kinder war der Raum groß genug, noch in langer Zeit.

Von Lesen und Schreiben wußten die Kinder Nichts, das hatten sie gar nicht nöthig, da Alles von selber kam und sie sich um Nichts zu bemühen brauchten, auch nicht klüger zu werden brauchten, da es keine Gefahren gab. Doch begannen sie, da sie größer wurden, sich kleine Häuschen in die Erde zu graben, und sie mit Moos zu bedecken und dann sagten sie auf einmal: Das ist mein! Sowie aber einer zum ersten Mal gesagt hatte: das ist mein! wollten die Andern auch so sagen. Einige bauten sich eben solche Häuschen; Andere fanden es aber viel bequemer, sich in die fertigen hineinzulegen und wenn dann die Eigenthümer schrien und sich beschwerten, lachten die unartigen kleinen Eroberer. Da begannen die Betrogenen, ihre kleinen Fäuste zu gebrauchen und so entstand der erste Kampf; Einige liefen hin und beschwerten sich beim Caraiman, wofür dieser einen großen Donner blies, so daß sich alle entsetzlich fürchteten. So lernten sie zum ersten Mal die Furcht kennen und hernach schmollten sie mit den Angebern, so kam auch noch gar die Zwietracht in das schöne, friedliche Reich des Caraiman. Der ward sehr betrübt, als er sah, daß die ganz kleinen Menschen es in seinem Lande auch schon so machten, wie die Großen in den Andern und sann hin und her auf Abhülfe. Sollte er sie Alle miteinander in's Meer wehen und Neue machen? Aber die Neuen wären bald wieder so geworden und er hatte seine Kleinen gar zu lieb. Er gedachte Alles zu entfernen, worüber sie streiten könnten; aber dann wäre Alles nackt und kahl geworden, denn über ein wenig Erde und Moos war der Streit ausgebrochen, und eigentlich nur, weil die Einen fleißig gewesen waren und die Andern faul. Er gedachte, sie zu beschenken und gab Jedem besondere Schafe und Hunde und einen besonderen Garten. Aber da ward es noch viel schlimmer: die Einen bepflanzten ihren Garten, die Anderen ließen ihn wild wachsen und sahen, daß die bepflanzten Gärten schöner waren und die Schafe mehr Milch gaben, weil ihre Weide besser war. Da war denn das Unglück ganz groß. Die Faulen machten einen Bund, griffen die Fleißigen an und nahmen Vielen ihre Gärten weg. Die Fleißigen gingen an einen andern Platz und bald ward der wieder schön unter ihren Händen, oder sie ließen sich nicht vertreiben und dann entstanden lange Kämpfe, bei denen auch welche erschlagen wurden. Als sie zum ersten Mal den Tod sahen, waren sie sehr erschrocken und betrübt und gelobten einander Frieden und Freundschaft zu halten. Sie konnten aber nicht lange ruhig bleiben und da sie nicht mehr einander todt schlagen wollten, begannen sie, mit List sich ihr Hab und Gut zu entwenden. Das war noch viel trauriger mit anzusehen. Und dem Caraiman ward darüber das Herz so schwer, daß er Bäche von Thränen weinte. Die flossen zu Thal, bis in's Meer hinein; die bösen Kinder dachten aber nicht, daß es ihres guten Vaters Thränen seien, die er um sie vergossen, sondern haderten fort und fort. Da weinte der Caraiman immer mehr und siehe, seine Thränen wurden zu Flüssen und Strömen, die das Land verheerten und bald in einen großen See verwandelten, so daß unzählige lebende Wesen zu Grunde gingen. Da hörte er auf zu weinen und blies einen gewaltigen Wind, so daß das Land wieder trocken wurde. Aber da war alles Grün verschwunden, Steingeröll bedeckte Häuser und Gärten, die Schafe fanden keine Weide mehr und da sie keine Milch gaben, schnitten ihnen die Kinder mit scharfen Steinen den Hals auf, ob nicht die Milch wo anders herauskäme. Statt der Milch kam aber Blut, und wie die Kinder das getrunken, wurden sie sehr wild und begehrten immer mehr, tödteten viele Schafe, raubten die ihrer Brüder, tranken Blut und aßen Fleisch. Da sprach der Caraiman: »Man muß größere Thiere machen, sonst giebt es bald keine mehr.« Und blies wieder auf seinem Dudelsack; da kamen Auerochsen auf die Welt und Pferde mit Flügeln und einem langen geringelten Schweif und Elephanten und Schlangen. Die Kinder begannen mit allen diesen Thieren in Kampf zu treten, wodurch sie selbst sehr groß und stark wurden. Viele Thiere machten sie sich dienstbar, von Andern wurden sie verfolgt und getödtet und da sie nicht mehr so harmlos lebten, kamen auch große und schwere Krankheiten unter sie. Bald waren sie ganz so wie die anderen Menschen in den andern Reichen und der Caraiman ward immer finsterer und griesgrämiger, da Alles, was er hatte zum Guten wenden wollen, schlecht ausfiel.

Seine Geschöpfe hatten auch gar keine Liebe und kein Vertrauen zu ihm und dachten nicht, daß sie selbst das Unheil verschuldet, sondern meinten, der Caraiman habe ihnen das Unglück gesandt, aus Uebermuth und Zeitvertreib. Den Dudelsack wollten sie gar nicht mehr hören, der sie früher immer erfreut hatte, mit seinem süßen Klang. Der Riese aber blies auch gar nicht mehr so viel, er war so traurig, so traurig, daß er davon ganz müde geworden war und oft lange Stunden schlief, unter dem Schatten seiner Augenbrauen, die mit dem Bart zusammenwuchsen. Zuweilen fuhr er dann aus dem Schlafe auf, setzte den Dudelsack an die Lippen und blies wahre Posaunenstöße in die böse Welt hinein. Davon ward ein so gewaltiger Sturm, daß die Bäume ächzend und krachend sich einander rieben, bis sie darob in Brand geriethen und bald ein ganzer Wald in Flammen stand. Da langte er mit dem Baum auf seinem Haupte hoch in die Wolken und schüttelte den Regen herunter, den Brand zu löschen.

Die Menschen aber hatten nur einen Gedanken; wie sie den Dudelsack zur Ruhe brächten, für alle Zeit. Sie zogen aus, mit Lanzen und Speeren, mit Schleudern und Steinen, den Riesen zu bekämpfen. Der aber lachte so, daß davon ein Erdbeben entstand, das sie verschlang, sammt ihren Thieren und Häusern. Eine andere Schaar zog aus, mit brennenden Kienspänen, um seinen Bart in Brand zu stecken. Er aber nießte nur, da erloschen sie alle und die Menschen fielen auf den Rücken. Eine dritte Schaar wollte ihn im Schlafe binden; er aber reckte seine Glieder und alle Bande rissen und die Leute wurden zermalmt.

Dann wollten sie alle die gewaltigen Thiere auf ihn hetzen, die er geschaffen. Er aber ballte die Luft zusammen, da fiel ein endloser Schnee, der sie ganz einhüllte und bedeckte und zu Eis wurde, so daß nach tausenden von Jahren die Thiere noch mit Fleisch und Fell im Eise saßen, als es ihresgleichen schon längst nicht mehr auf Erden gab.

Da gedachten sie, mit List dem Dudelsack beizukommen; sie wollten ihn fortschleppen, während der Riese schlief. Der aber legte sein Haupt darauf, das war so schwer, daß alle Menschen und Thiere zusammen den Dudelsack nicht fortbewegen konnten. Da gingen sie ganz leise hin und bohrten ein kleines Loch in den Dudelsack und siehe da, es entstand ein Sturm, daß man nicht mehr wußte, was Erde, Meer und Himmel war und daß von der ganzen Schöpfung des Caraiman kaum noch etwas übrig blieb. Der Riese aber erwachte gar nicht mehr; er schlummert noch heute, mit dem Dudelsack im Arm, der manchmal zu tönen beginnt, wenn der Sturm sich darin fängt und das Prahovathal hinabfährt. Wenn nur Einer den Dudelsack flicken könnte, so würde die Welt wieder den Kindern gehören.

Die Grotte der Jalomitza.

Die Grotte der Jalomitza.

Wenn man über den Paß zwischen dem Virf cu Dor und der Furnica hinüberreitet, auf die andere Seite des Bucegi, so kommt man an die Jalomitza, deren Quellen eine in einer ungeheueren Tropfsteingrotte entspringt. Vor dem Eingang der Grotte ist ein kleines Klösterchen gebaut, schon seit uralten Zeiten; man sagt, die Grotte sei ohne Ende; es seit dort einmal Jemand hineingegangen und nicht wieder zum Vorschein gekommen, bis zum heutigen Tage.

Einst war die Grotte von einem furchtbaren Zauberer bewohnt, von dem es hieß, daß er schöne Mädchen entführe, vom Felde, aus dem Aelternhause, vom Traualtar. Sie folgten ihm alle, ohne Widerstreben, aber gesehen wurden sie nie wieder. Mancher kühne Jüngling hatte versprochen sie zu befreien, war auch beherzt hineingeschritten, hatte sogar den Zauberer gerufen: Bucur! Bucur! aber weder Bucur noch eine der Jungfrauen war zu sehen gewesen.

In dem schönen Dorfe Rucar, am Fuße des Bucegi, lebte aber ein herrliches Mädchen, die hieß Jalomitza; die hatte sich vermessen, dem Zauberer nicht zu folgen, in welcher Gestalt er ihr auch erscheinen würde und mit welchen Versprechen er sie auch locken würde. »Und brächte er mich selbst in die Höhle (Pesterea) hinein, ich käme doch wieder heraus!« Das war eine sehr kühne Sprache; die Alten schüttelten die Köpfe, zuckten mit den Achseln und meinten: »Wenn er nur recht kommt, so geht sie doch gern mit ihm, wie alle die Andern auch.«

Es verging eine geraume Zeit, in welcher Niemand und Nichts erschien, des jungen Mädchens Muth auf die Probe zu stellen. Sie war aller Menschen Freude und Augenweide, mit ihren rothen Wangen, frischen, kühlen Lippen, welligen, röthlichen Haaren und großen, blauen Augen. Die Nase war fein, die Nasenflügel durchsichtig, nur das Spitzchen guckte ein ganz klein wenig vorwitzig nach Oben. Das Hälschen kam schneeweiß aus dem reichgestickten Hemde heraus, und üppig kräuselten sich auf Stirn, Schläfen und Nacken die rothen Löckchen, die sich aus den Zöpfen hervorstahlen und jedem Kamme muthwillig trotzten. Wenn sie die Zöpfe aufmachte, war sie wie in einen goldenen Mantel gehüllt, von dem sie in ihrem kleinen Spiegel nicht einmal den dritten Teil sehen konnte, wenn sie sich Sonntags zur Hora schmückte. Es war Einer im Dorfe, der ihr immer nachlief, an den Brunnen, auf's Feld, zum Tanze. Sie aber wollte nicht viel von dem armen Coman wissen, der doch ein schmucker Bursche war und reich. Er hatte schöne Felder, Pferde und Kühe, Büffel und Schafe und ein prächtig gesticktes weißes Lederwams mit langem, weißem Mantel, der innen mit rothem Tuch ausgeschlagen war und außen mit Farben und Gold reich verziert.

 

Viel Mädchen schauten Coman nach, nur Jalomitza nicht. Sie dachte an den Zauberer Bucur und wie sie ihn bekämpfen wolle und alle die armen Mädchen rächen, die in seine Schlinge gegangen.

An einem wunderschönen Sonntag Nachmittag, da die erhitzten Tänzer einen Augenblick stille standen, erklang in ihrer Nähe ein so liebliches Flötenspiel, daß der ganzen jungen Schaar das Herz schwoll vor Entzücken. Sie wandten sich neugierig; da stand ein schöner junger Hirte an einen Baum gelehnt, die Füße übereinander gekreuzt, so ruhig, als hätte er immer da gestanden, und doch hatte ihn Niemand kommen sehen und war er Niemanden bekannt. Er spielte fort und fort, als sei er ganz allein auf der Welt; nur einmal hob er die Augen und sah Jalomitza an, die nahe an ihn herangetreten war und den himmlischen Melodien mit geöffneten Lippen und bebenden Nasenflügeln lauschte. Nach einer Weile sah er sie wieder an und dann zum dritten Mal.

Da flüsterte Coman hinter ihr: »Geh weg von da, Jalomitza, der Mensch ist frech.«

Das Mädchen machte eine ungeduldige Bewegung mit Schulter und Ellenbogen.

»Jalomitza,« flüsterte der Eifersüchtige wieder: »schämst Du Dich denn nicht, Dich angaffen zu lassen?«

Wieder gab sie keine Antwort, sondern drehte ihm den Rücken zu.

»Jalomitza, ich sage Dir, der Hirte dort ist Niemand Anders als Bucur, der Zauberer!«

In demselben Augenblick nickte der Hirte, ohne in seinem Spiel aufzuhören und Jalomitza wird es ganz kalt im Herzen und trocken im Halse.

»Was weißt Du davon?« sagte sie trotzig, doch zitterte ihre Stimme ein wenig.

»Ich weiß es; denn ich fühle es; ich fühle es, weil ich Dich lieb habe, und weil ich Dich lieb habe, sehe ich auch, daß er Dir gefällt und daß Du sein Opfer werden wirst, wie alle die Andern.«

»Ich? niemals! ich schwöre es!« rief Jalomitza und wurde todtenbleich.

»Hier ist meine Flöte, spiele Du!« rief der Hirte jetzt und reichte Coman die Flöte. Ohne zu wissen was er that, ergriff Coman dieselbe, begann zu spielen und spielte so schön, wie noch nie in seinem Leben; aber zu seinem Entsetzen merkte er bald, daß er nicht mehr aufhören konnte. Er erfand neue Hora's, die er noch nicht gehört, Briu, Kindia, Alles spielte er und sah, wie der Fremde fortwährend mit Jalomitza tanzte. Da fing er eine Doina an, die war so unendlich traurig, daß den Frauen Thränen in den Augen standen und Jalomitza ihn bat, aufzuhören. Er aber spielte fort und fort, blickte voll Todesangst umher, aber die Flöte ward nicht still. Der Abend brach herein, die Leute fingen an, einzeln und in Gruppen nach Hause zu gehen – Coman blies noch immer und Jalomitza stand neben ihm, wie gebannt. Der fremde Hirte war verschwunden.

»Hör' auf, Coman,« sagte sie, »Du brichst mir's Herz! Du weißt ja, daß ich Dich nicht lieb habe, ich habe Dir geschworen, dem Andern nicht zu gehören, hör' auf, Coman! sei vernünftig!«

Aber Coman spielte weiter, jetzt so lustig, als wollte er lachen, jetzt so klagende Weise, daß ihm die Nachtigall vom feuchten Thalgrund herauf Antwort gab. Näher und näher kam die Nachtigall, im Mondschein sah Jalomitza den Vogel, der sich über Coman's Kopf setzte und zu der Flöte sang. Dann entfernte er sich mit süßen Locktönen und Jalomitza ging ihm nach, die ganze Nacht, ohne zu wissen, wohin sie ging. Coman folgte, mit der Flöte, dem wunderbaren Vogel nach in das feuchte Thal, an des Baches Rand.

 

Da graute der Morgen und Jalomitza griff erschrocken nach ihrem Haupte: »Wo bin ich denn? ich bin ja weit von zu Hause fort und die Gegend ist mir fremd. Coman! wo sind wir denn? mir graut es! Der Vogel war Bucur!«

Aber Coman gab keine Antwort, sondern blies einen lustigen Tanz. Da sprengte ein Hengst über die Wiese daher, umkreiste das junge Mädchen, bot ihr seinen Rücken und rieb seinen Kopf an ihr.

»Ach!« rief sie, »wäre ich doch ein Vogel und könnte entfliehen! Ich erkenne den Schrecklichen!«

Kaum hatte sie das gesagt, da flog sie als Taube davon, weit, weit in den thauigen Morgen hinein. Der Hengst aber verwandelte sich in einen Falken, schoß aus schwindelnder Höhe auf sie nieder und trug sie in seinen Fängen fort, den Bergen zu. »Ach könnte ich eine Blume sein im Wiesengrund,« dachte das geängstigte Mädchen. In dem Augenblick stand sie als Vergißmeinnicht am Bache; der Falke aber ward ein Schmetterling und ließ sich auf die Blume nieder, umkreiste sie und schaukelte sich mit ihr.

»Wäre ich lieber eine Forelle im Bach!« dachte Jalomitza. Augenblicklich ward sie zur Forelle, der Schmetterling aber ward ein Netz, fing sie und zog sie an die Luft empor, bis sie zu sterben meinte.

»Ich wollte, ich wäre eine Eidechse!« dachte im Sterben die arme Maid, und siehe, im Augenblick schlüpfte sie mit Windeseile durch Gras und Blumen dahin und glaubte sich unter jedem Blatt und Stein geborgen. Aber siehe, unter dem nächsten Steine kroch eine Schlange hervor und hielt sie mit schrecklichen Augen gebannt, so daß sie sich nicht rühren konnte! Lange verharrten sie so; der kleinen Eidechse klopften die Seiten zum Zerspringen: »Wäre ich lieber Nonne geworden! im Kloster wäre ich geborgen gewesen!« dachte sie. In dem Augenblick wölbte sich eine hohe Kirchenkuppel über ihrem Haupte, die Lichter brannten und mächtiger Gesang erscholl aus den Kehlen von vielen hundert Nonnen. Jalomitza kniete als Nonne vor einem Heiligenbilde; noch klopfte ihr das Herz vor Angst und schon freute sie sich, im Heiligthume geborgen zu sein. Dankbar hob sie da die Augen zum Bilde über ihr. Doch siehe, aus demselben starrten Bucur's Augen sie an und hielten sie so gebannt, daß sie nicht von hinnen konnte, selbst als die Kirche leer wurde. Es ward Nacht; da begannen die Augen zu leuchten und Jalomitza's Thränen flossen unaufhaltsam auf die Steine, auf denen sie kniete.

»Ach!« rief sie, »selbst an heiliger Stelle finde ich keine Ruhe vor Dir! O wäre ich eine Wolke!« In dem Augenblick ward das Gewölbe über ihr zum Himmelsdom und sie schwebte als Wolke in schwindelnder Höhe! Ihr Verfolger aber ward zum Winde und jagte sie von Süden nach Norden und von Osten nach Westen, und um die ganze Erde.

»Lieber wäre ich ein Körnchen Sand!« dachte endlich die kleine Wolke. Da sank sie zur Erde und fiel, als goldenes Sandkörnchen, in den Riul Doamnei7, Bucur aber ward ein Bauer, der mit bloßen Füßen den Fluß durchwatete, nach Gold zu suchen und fischte das Körnchen aus der Tiefe. Das entglitt eilig seinen Fingern und ward zum Reh, das in's Waldesdickicht entfloh. Bevor es aber den schützenden Waldrand erreichte, ward Bucur zum Adler, schoß aus der Höhe auf sie nieder und trug sie in seinen Fängen dem Bucegi zu, in seinen Horst. Kaum ließ er sie los, so fiel sie als Thautropfen auf einen Enzian. Er aber ward zum Sonnenstrahl und schoß auf sie nieder, sie aufzusaugen; da jagte sie als Gemse, ohne es zu wissen, gerade seiner Höhle zu. Er eilte ihr lachend als Jäger nach und murmelte: »Nun habe ich Dich!«

Sie rannte in die Grotte hinein, immer tiefer und tiefer; da sah sie, daß alle Steine rings wunderholde Jungfrauen waren, aus deren Augen unablässig Thränen perlten.

»O flieh, flieh von hier,« riefen hundert Stimmen ihr zu; »Du unglückliche Maid! wenn er Dich küßt, so wirst Du zu Stein wie wir!«

In dem Augenblick flog ein Pfeil durch die ganze Höhle und traf die flüchtige Gemse. In Todesangst rief sie: »O wäre ich ein Bach, so könnte ich ihm entrinnen!« Sofort raste sie als wilder Bach zur Höhle hinaus; der Zauberer stieß einen Fluch aus, ward Felsen und fing das Bächlein in seinen Armen auf, das ihm aber beständig entwischte. Eben erreichte Coman die Höhle, erkannte seine Jalomitza an ihrer Stimme wie sie »Coman, Coman« rief und schleuderte mit letzter Kraft seine Flöte gegen den Felsen, den er als Bucur grinsen sah. Da brach der Zauber entzwei. Bucur konnte so wenig seine Gestalt mehr verändern, als Jalomitza und so rennt sie heute noch über seine erstarrten Arme dahin. Coman baute aber ein Kirchlein vor die Höhle, ward Klausner und betrachtete seine süße Geliebte bis an sein selig Ende.

Omul.

Omul.

Ein Berg, der »Der Mann« heißt! Ist der Berg so klein, oder war der Mensch so groß, daß man einen Berg nach ihm genannt? Was war er denn? War er ein großer Held, der Schlachten geschlagen? War er ein Einsiedler, der in der Wildniß gehaust? War er ein Räuber, deß Namen man zu nennen fürchtete? War er ein Bettler, deß Herkunft Niemand kannte? War er ein Kaiser, vor dem Reiche gezittert? Der Mann! – Hier ist seine Geschichte:

Es war einmal ein Jüngling, der vor Thatendurst brannte. Nichts schien ihm zu groß, Nichts zu kühn, Nichts zu gut, daß es für ihn unerreichbar wäre. Er liebte sein Land, wie eine Braut, er gab den Armen, wo er nur konnte, er diente den Frauen, den Armen wie Reichen, er beschützte die Schwachen – aber alles dieses war ihm zu wenig, viel zu wenig, um sein brennendes Herz zu beruhigen.

Denn solange er Noth und Kummer und Haß und Lüge sah, meinte er, sein Dasein sei dennoch unnütz auf dieser Welt; er müsse den Menschen das Glück schenken.

Seine Mutter war eine gute Kaiserin, die gleich einer Heiligen verehrt wurde; sie hatte die Gabe, Kranke zu heilen, wenn sie ihnen die Hände auflegte und von fern und nah strömten Kranke herbei, um von ihr geheilt zu werden. Man hatte sie deßwegen viel verfolgt und angefeindet und sie bei dem Kaiser verdächtigt, so daß er ihr das Heilen untersagte und sie vom Hofe verbannte. Sie aber zog sich in die Berge zurück und da alles Volk ihr nacheilte, so heilte sie auch in der Verbannung noch tausende von Kranken. Bald war sie aber erschöpft, mehr noch durch ihr großes Leid, als durch die viele Arbeit und legte sich zum Sterben hin. Die Kranken kamen aber noch zu ihrem Sarge, ihn zu berühren, um dadurch geheilt zu werden.

Ihren einzigen Sohn hatte sie nicht mitnehmen dürfen, aber er schlich heimlich fort und blieb stundenlang bei ihr, an ihren Lippen hängend, von denen die Worte flossen wie Honig, ihre schönen Hände betrachtend, wenn sie Kraft und Heilung spendeten.

»Machst Du die Menschen auch gut, wenn Du sie gesund machst, Mutter?« frug er sie manchmal.

»Wenn man gesund ist, ist es leichter, gut zu sein!« antwortete sie und streichelte ihres Knaben schönes Haupt.

»Aber ich bin gesund und doch bin ich nicht gut!« meinte er traurig.

»Man ist nicht auf einmal gut, das lernt man, Kind!« –

 

So hatte der süße Mund geredet, der sich nun für immer geschlossen, und der Knabe warf sich verzweifelt neben der Leiche zu Boden: »Ach ich kann nicht, kann nicht leben, ohne mein Mütterchen!« jammerte er; »Mutter, mein Mütterchen! wach' auf! mach' mein Herz gesund! es thut so weh! o Mutter!«

Die Leute umstanden schweigend die tote Mutter und den weinenden Sohn; denn trösten konnte doch Keiner.

Was half es ihm, daß die Andern weinten? was war es ihm, daß ein ganzes Volk dem Sarge folgte, der seine Wohlthäterin in den Erdenschooß vergrub? er fühlte nur einen Schmerz, der ihm Leib und Seele zerriß, in dem der Himmel Nacht und die Sonne grau geworden; denn er war ganz allein auf der großen Welt, aus der die Mutter hinweggenommen war.

Von dem Grabe der Mutter war er verschwunden, Niemand hatte es bemerkt; sie hatten ihn laut aufschluchzen hören und die Schaufel zurückstoßen sehen, mit der er die Erde hinabwerfen sollte und dann war er fort. Der Kaiser ließ Boten schicken nach den fernsten Enden des Reiches, aber als hätte ihn der Boden verschlungen, so war sein Sohn und Erbe verschwunden.

Niemand wußte von einem Klausner, der sich für todt ausgegeben und in den Klüften des Bucegi verborgen hatte. Nur Eine wußte von ihm und war seine Freundin gewesen und hatte ihren Sohn an ihn gewiesen, wenn sie nicht mehr sein würde.

Mit den Worten: »Lehre mich gut sein!« war der verwaiste Knabe bei dem Klausner eingetreten, war dann in den dunkelsten Winkel von dessen Höhle gestürzt und hatte geweint, als müsse er Augen und Herz fortweinen, viele Stunden. Der alte Mann sagte Nichts, sondern strich mit der knöchernen Hand über sein faltiges Gesicht und seinen Bart hinunter, blinzelte mit den schweren Augenlidern und räusperte die Thränen fort, die ihm aufsteigen wollten.

 

»Emanuel, mein Knabe,« sprach er endlich, »werde wie sie, dann bist Du gut!«

»Aber sie hatte nicht ein so heißes, wildes, ungestümes Herz wie ich!«

»Weißt Du das so gewiß, wer sagt Dir, sie sei nicht einmal so gewesen wie Du!«

»Wie ich! Das ist unmöglich!«

»Es ging eine große Kraft von ihr aus, und Kraft ist in der Jugend ungestüm; Du weißt nicht, wie sie gelitten hat!«

»O niemals so wie ich!«

»O Kind! Kind! Du stehst in Deiner ersten Leidensprobe und glaubst, Nichts käme Deinen Schmerzen gleich; Du denkst in dieser Stunde nur an Dich; das hat sie nie gethan!«

»An wen soll ich denken? Ich habe Niemand mehr!«

»An wen?«

Der Klausner deutete zu Thal; und plötzlich zogen Bilder vorüber von allen Leiden und Schmerzen, die die Erde birgt, Lahme, Blinde, Krüppel, Arme, Gefangene, Nothleidende, Kranke, weinende Frauen und Kinder. Tag und Nacht dauerte der Zug, dreimal ging die Sonne auf und unter und dreimal der Mond, und noch wandelten die bleichen Gestalten vorüber. Emanuel starrte hinab und sprach kein Wort. Da legte der Klausner die Hand auf des Jünglings müde Augen, daß sie zufielen.

Dann nahm er ihn in die Arme, trug ihn in das Innere der Höhle, gab ihm Milch zu trinken und ließ ihn schlafen, bis er nach zwei Tagen frisch und gestärkt erwachte.

»Weißt Du, für wen Du leben sollst?« frug ihn der Klausner.

»Ja,« sprach der Jüngling, wie im Schlafe, »mir hat so sonderbar geträumt, daß mir ist, als hätte ich die Welt durchwandert.«

»Jetzt geh und diene, Niemand wird Dich erkennen, und wenn Du mich brauchst, so lege Dich nur mit dem Gedanken an Deine Mutter nieder, sofort wirst Du bei mir sein. Aber hüte Dich, etwas Böses zu thun; in dem Augenblicke wird das Bild Deiner Mutter verschwinden, und Du kannst den Weg zu mir nicht mehr finden.«

Mit tausend heiligen Versprechungen nahm Emanuel vom Klausner Abschied und schritt zu Thal, einen Dienst zu suchen.

Er war noch nicht weit gewandert, als er einer alten Frau begegnete, die sich an schweren Reisern und noch verschiedenen Bündeln halb zu Tode schleppte und oftmals stehen blieb, um Athem zu schöpfen. Sie sah den schönen Jüngling verdrießlich an, der sich ihr mit freundlichem Gruße näherte und sie höflich bat, ob er ihr die Last abnehmen dürfte, er werde sie tragen, so weit sie wolle.

»Es ist aber schwer und der Weg ist weit!«

»Dann muß ich umsomehr Euch helfen!« sprach Emanuel freundlich, belud sich mit allen Stücken und schritt so rasch voran, daß die Alte Mühe hatte, ihm zu folgen. Sie wanderten bis in den späten Abend, bis sie an eine kleine Hütte kamen. Dort legte Emanuel seine Last nieder, grüßte und wollte sich entfernen. Da betrachtete ihn das alte Weib aufmerksam und sprach: »Und ohne Lohn willst Du von dannen gehen? Wo bleibst Du denn die Nacht?«

Emanuel zeigte auf die Erde: »Für Lagerstatt ist reichlich gesorgt in dieser Welt!« sagte er lächelnd.

»Nein, mein Kind, so war es nicht gemeint. In meiner Hütte sollst Du ruhen und Speise und Trank zu Dir nehmen, ich habe genug für Zwei.«

Sie bewirthete ihn freundlich und fragte ihn, wo er herkäme und wohin er wolle.

»Ich komme aus der Einsamkeit,« sagte Emanuel, »und will dienen.«

»Und welchen Lohn begehrst Du?«

»Ich? keinen!«

Sie bereitete ihm sein Lager und er schlief sanft die ganze Nacht. Als der Tag graute, wollte er sich leise entfernen, um die Alte nicht zu wecken. Sie war aber schon auf und hatte etwas Milch und Brod für ihn bereitet. Er war ganz beschämt. Sie aber sprach: »Nimm nur das Gute, wo Du kannst und wäre es nur ein Viertelstündchen Schlaf. Und ohne Lohn will ich Dich auch nicht ziehen lassen; Du wirst schon genug Undank finden auf Deinem Wege. Ich schenke Dir die Gabe, daß alles Gute, was Du Andern thust, daß Du es Dir selbst gethan, ob sie Dir danken oder nicht, ganz gleich, aber auch das Schlechte, was Du Andern zufügst, hast Du Dir selbst gethan, ob sie Dir grollen oder nicht. Denke daran, mein Knabe.«

Emanuel fand das Geschenk sehr sonderbar und wußte nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht, dankte aber der Alten und schritt von dannen. Da fand er einen Mann am Wege, der lag halbtodt, von einem Felsen gestürzt, fast zerschmettert. Er hatte nur noch soviel Leben in sich, daß er stöhnen konnte: »Mein Kind! mein armes Kind!«

Emanuel hob ihn vorsichtig auf und trug ihn nach Hause, eine weite Strecke, die unter der schweren Last noch viel weiter schien. Auf der Schwelle des Hauses stand die süßeste Maid, die er noch je geschaut, nicht mehr ganz Kind und noch nicht Jungfrau, mit großen, dunkeln, träumerischen Augen und rabenschwarzen Haaren, die sich an das feine Köpfchen schmiegten. Sie hob die zarten kleinen Hände auf, mit dem Ausruf: »Mein Vater!« und ihre Elfenbeinhaut ward so weiß wie der Kalk an des Häuschens Wänden.

»Es ist Nichts!« sprach Emanuel beruhigend; »er hat sich nur etwas weh' gethan, wir wollen ihn schon bald gesund machen.«

»Rada, mein Kind,« stöhnte der Verwundete, »wenn ich sterbe, so weine nicht, Du wirst noch sehr, sehr glücklich werden!« Nach diesen Worten verlor er das Bewußtsein, für viele lange Tage. Emanuel wich nicht von seinem Bette und pflegte ihn, wie der treueste Sohn.

Die kleine Rada gehorchte ihm in allen Stücken, als wäre er ihr Bruder; sie hoffte ihren Vater zu retten, denn ohne ihn wäre sie ja ganz verlassen auf der Welt! sagte sie mit niederfallenden Thränen. Tag und Nacht blieben die Beiden beim Sterbenden; manchmal fiel Rada's Köpfchen auf des Vaters Kissen und sie schlief vor Erschöpfung. Einmal, während sie so schlummerte, kam der Kranke zu sich, drückte Emanuel die Hand und flüsterte: »Rada!« Der junge Mann nickte und drückte die abgezehrte Hand, worauf der Sterbende die Augen schloß, um sie nicht wieder zu öffnen. Emanuel sah, daß er todt war, blieb aber ruhig sitzen, um den süßen Kinderschlaf nicht zu stören, aus dem die arme Maid zu so großem Schmerze erwachen sollte.

 

Er besann sich hin und her, was er mit der Waise anfangen sollte. »Wenn meine Mutter noch lebte!« dachte er. Und während er so dachte, streckte er sich müde auf die Erde. In demselben Augenblick befand er sich in der Höhle des Klausners, der ihn mit den Worten empfing: »Ja, bringe sie nur zu mir, ich will sie für Dich erziehen!«

»Aber, weißt Du denn Alles?« fragte Emanuel erstaunt.

»Ich weiß Alles was Dich angeht; denn Deine Mutter, die Dich auf allen Wegen begleitet, sagt es mir. Laß mir das Kind und diene Du weiter.«

Emanuel glaubte, nur geträumt zur haben; denn eine Bewegung von Rada weckte ihn.

»Mein Vater!« rief sie entsetzt, als sie in das Gesicht des Todten blickte.

Ihr junger Beschützer faßte ihre Hand und sagte: »Er hat Dich mir vermacht, und Du bist nun meine Schwester oder Tochter. Ich weiß auch einen Ort, wo Du gut aufgehoben bist. Willst Du mir folgen?«

»Wohin Du willst!« sagte das weinende Kind, »denn ich habe Nichts und Niemand mehr!«

Sie bestatteten den todten Vater und wanderten Hand in Hand der Höhle zu, wo sie bei anbrechender Nacht eintrafen. Emanuel fühlte die kleine Hand in der seinen zittern und kalt werden.

»Fürchte Dich nicht!« sprach er; »ich bringe Dich zu einem guten, guten Mann, der Dich lieb haben wird.«

Der Klausner betrachtete Rada mit so sanften Blicken, daß alle ihre Furcht verschwand und sie bald ganz zutraulich mit ihm plauderte.

In der Frühe, nach erquickendem Schlafe, ward Emanuel leise vom Klausner mit den Worten geweckt: »Erspare dem Kinde den neuen Abschied. Ich werde es von Dir grüßen! Die Arbeit wartet Dein!«

Emanuel warf einen zärtlichen Blick auf die schlummernde Maid, deren lange schwarze Wimpern die schmalen Wangen beschatteten, und die so leise athmete, daß sich kaum der Busen bewegte.

»Ich möchte hier bleiben! hier ist es schön!« flüsterte der Jüngling, wurde aber vom Klausner sanft hinausgestoßen, in's Freie.

»Du hast noch Nichts gethan, mein Knabe, Du verdienst noch keine Ruhe.«

Emanuel stieg wieder zu Thal und begegnete einem Diener seines Vaters, des Kaisers, der ihn aber nicht erkannte. Der war damit beschäftigt, aus Reisern und Lehm eine Hütte zu bauen, während seine Frau ein paar kleine Kinder versorgte.

»Was thust Du hier?« sprach Emanuel, der den Mann sofort erkannte, obgleich sein Gesicht von Gram gefurcht und zehn Jahre älter erschien, und mußte an sich halten, ihn nicht »Ilie!« anzureden und sich so zu verrathen.

»Ich war nicht immer so arm, wie Du mich jetzt siehst; ich habe lange Jahre dem Kaiser gedient und habe seinen Sohn im Arm getragen, aber nun hat mich ein böser Stern verfolgt, ich bin entlassen und mit Weib und Kind auf der Straße!«

»Warum denn?«

»Weil der junge Prinz davongelaufen ist, wer weiß wohin, und Alle, die ihn nicht haben finden können, sind aus dem Dienst geschickt! Und der Kaiser hat sich doch nie etwas aus seinem Sohn gemacht, so lange er ihn hatte. Jetzt muß der Himmel einfallen, wenn er ihn nicht sieht! Bald aber wird er ihn vergessen: denn er heirathet eben wieder und wenn die neue Kaiserin ihm einen Sohn schenkt, so wird er an den Andern nicht denken; wir aber bleiben arm und unglücklich!«

»Vielleicht kann ich Dir helfen!«

»Du?« Ilie sah ihn verächtlich an, »wie willst Du mir helfen? Wie heißt Du? wer bist Du?«

»Ich heiße Manoil und will Dir dienen; ich verstehe den Gartenbau.«

»Manoil! Emanuel hieß mein junger Prinz! Gott strafe ihn, daß er mich so unglücklich gemacht! Und Du bist auch nur ein Vagabund, der mir Leiden und Ungemach bringen wird!«

»Du wirst es sehen, Du kannst mich ja jede Stunde fortjagen, wenn ich ein schlechter Diener bin!«

»Du wirst meiner Kinder Brod essen und Nichts einbringen!«

»Versuch's!«

Ilie zuckte die Achseln: »In Gottes Namen, Vagabund! Wenn Du Dir aber das Geringste zu Schulden kommen lässest, so bin ich ohne Erbarmen, wie man gegen mich ohne Erbarmen war!« –

Der Tag war noch nicht vorüber, da hatte Emanuel schon Kräuter gesammelt, Mamaliga gekocht, ein Stück Land umgegraben; es war merkwürdig, seine Geschwindigkeit zu sehen. Er lief in die Stadt und versetzte seinen Mantel für Maiskörner und für eine Ziege, die er strahlend heimbrachte. Wie waren die Kinder froh und wie streichelten sie Manoil für die Wohlthat! Ilie aber brummte nur immer, war stets unzufrieden, gab dem jungen Manne nie ein freundliches Wort und selten satt zu essen.

Nur wenn der ihn auf seine frühere Stellung brachte, wurde er freundlicher und erzählte lang und breit von der prachtvollen Tafel und all den guten Brocken, die für seine Kinder abfielen, von den Leuten, die ihm höfliche Bücklinge machten, damit er sie schneller anmelde, von dem Kaiser der immer mißmuthig und sauertöpfisch drein geblickt und seine Leute schrecklich angefahren bei der geringsten Ungeschicklichkeit. Emanuel hatte Lust zu lächeln, wenn er dachte, wie Ilie ihn behandelte, ihn Vagabund und Bettler schimpfte bei jeder Gelegenheit.

»Und der Prinz, » fuhr Ilie fort, »nun der war auch nicht besser als er's nöthig hatte; er machte allerhand Unarten und dumme Streiche, und wenn man ihn verklagen wollte, war er verschwunden und hockte bei der Mutter, die ihn verwöhnte, wie das alle Mütter machen« – hier warf Ilie einen bösen Blick seiner Frau zu – »und die vom Kaiser verstoßen war, wegen schlechten Lebenswandels und Umgang mit allerhand gewöhnlichen Leuten.« Bei diesen Worten fuhr Emanuel, wie von einer Schlange gestochen, in die Höhe und rief: »Du lügst, sie war eine Heilige!« Ilie sah den Jüngling betroffen an und frug: »Was weißt Du von ihr, Manoil?«

»Ich? – ich? – Ich habe sie die Kranken gesund machen sehen! Ich habe –«

»Nun, was hast Du?«

»Ich habe sie von allen armen Leuten anbeten sehen!«

»Mir hat sie nicht besonders wohlgethan und ihr Bub hat mich einmal geschlagen, das fühl' ich heute noch; denn ich konnte es ihm nicht wiedergeben und angeben wollte ich ihn nicht, weil er sonst hart gestraft worden wäre; jetzt thut es mir leid; denn ich bin seinethalben im Unglück.«

Wo Emanuel am meisten beliebt war, das war auf dem Marktplatz, wo er die Gemüse hintrug, die er gebaut, um den Erlös Ilie zu geben. Bald trug ein Esel die Körbe und eines Tages führte er eine Kuh heim.

Die Frauen und Mädchen beschenkten ihn mit Blumen und die Kinder schrieen von Weitem: »Manoil! Manoil! komm', mein Pferd ist entzwei – unsere Ziege ist krank! – die Mutter hat Flachs und will, Du sollst ihn ihr verkaufen; Du bekommst mehr! – Mein Schwesterchen ist gefallen und ruft nur immer, Manoil soll kommen, weil Du den Sandu gesund gemacht hast!« – So brauchten ihn Alle und für Alle hatte er Zeit, was Ilie gewaltig ärgerte, der ihn Niemandem gönnte und ihn für sich allein haben wollte. Auch fürchtete er immer, sein Diener gäbe von dem Seinen den Andern, obgleich Manoil ein besonderes Plätzchen für sich bebaute. Er hatte einige Arme entdeckt, deren Vorsehung er war. Da lag in einer Kammer, die so klein war, daß kaum ein schmales Bett darin Platz hatte, ein blindes Mädchen, daß außerdem die fallende Sucht hatte. Sie war schon mehrmals so unglücklich gefallen, daß sie beide Arme an verschiedenen Stellen gebrochen: die waren schlecht zusammengeheilt, so daß die Arme gar keine menschliche Form hatten. Zuletzt hatte sie das Bein gebrochen, lag nun ganz zu Bett und strickte; ihre Schwester ging den ganzen Tag fort, in die Arbeit; wenn sie Abends heim kam und fand, die Blinde habe nicht genug gestrickt, so schlug sie sie. Das Geschrei der Unglücklichen hatte Emanuel angelockt. Er hielt der bösen Schwester eine brennende Strafpredigt und gab ihnen zu essen, ging aber nicht hinaus, bis er gesehen, daß die Blinde auch aß.

 

Dann war eine unglückliche Frau mit ein paar kleinen Kindern, deren Mann war im Gefängniß. Emanuel hatte von ihr gehört und auch, daß sie keinen Menschen zu sich hereinlasse. Er mußte lange vergeblich klopfen und erst als er sagte, er werde ihrem Mann Nachricht von ihr bringen, machte sie auf. Sie war so krank, daß sie auf den Knieen an die Thür gerutscht war. Im Stroh saß ein kleiner Bube, der spuckte in einen zinnernen Löffel und trank ihn dann aus. Ein kleines Mädchen weinte in einer Ecke, während ein sehr kleines Kind mit starren Augen und fiebernden Wangen unaufhörlich hustete.

 

Emanuel ward es ganz unwohl zu Muth über das Elend, das er hier erblickte; aber umsonst schritt er über keine Schwelle.

Wie ein segnender Engel brachte er Frieden und Freude mit und bald wandelte sich Schmutz und Elend in arbeitsame Armuth, dann in ein gewisses Wohlbehagen.

Hier brachte er Heilkräuter und dann täglich Arbeit, da die Frau sich schämte sich zu zeigen. – Einem Manne, der nach jahrelanger Haft aus dem Gefängniß entlassen, nirgends Arbeit finden konnte und mit seinen Kindern fast verhungerte, verschaffte Emanuel Arbeit und Brod, da seine gewinnenden Worte die mißtrauischen Leute beruhigten.

Unzählig waren seine Wohlthaten, Ilie's Kinder liebten ihn über Alles und seine Frau mußte immer Manoil fragen, Manoil's Hülfe haben, so daß Ilie endlich furchtbar eifersüchtig wurde.

Er behandelte den Jüngling täglich schlechter, lud ihm unerhörte Arbeit auf; aber nie klagte Emanuel. Es fiel ihm gar nicht ein, Ilie könnte eifersüchtig sein; er dachte nur, da es ihm zu wohl ginge, werde er hartherzig.

Eines Tages war Emanuel wieder auf dem Markt. Er hatte Alles was Ilie gehörte verkauft und das Seinige auch, seinen Gewinn aber bereits verschenkt, als ein Mann sich ihm näherte, der beide Arme verloren, und ihn um eine Gabe bat. Noch nie hatte Emanuel Hand an Ilie's Habe gelegt, aber diesmal glaubte er es verantworten zu können und steckte dem Unglücklichen etwas Geld in die Tasche. In dem Augenblicke fühlte er sich am Kragen gefaßt: »Ha, Du Dieb, Du Bettler!« schrie Ilie wuthschäumend, »habe ich Dich endlich ertappt, Du Lump, ich will Dir zeigen, Du Scheinheiliger, was ich von Dir halte, der Du mir mein Gut stiehlst und mein Weib abtrünnig machst.«

Und mit schwerem Knotenstock und eiserner Faust hieb er auf Emanuel los. Dem jungen Mann schoß das Blut in's Gesicht; er wollte sich zur Wehr setzen, besann sich aber und ließ die Arme schlaff herabhängen unter dem Hagel von Schlägen. Es dauerte aber nicht lange, da versammelten sich die Leute um sie und die Schwester des blinden Mädchens fiel Ilie beherzt in den Arm: »Du sollst Deinen und meinen Wohlthäter nicht mißhandeln! Schäme Dich!«

Nun drehte Emanuel sein todtenbleiches Antlitz Ilie zu und sagte mit flammensprühenden Augen: »Wir sind quitt, Ilie, mein Diener!« und war verschwunden.

Ilie griff sich nach dem Haupt und taumelte: »Das war kein Anderer als unser – unser Prinz und Erbe!« stotterte er. Der ganze Markt war in Aufruhr; viele liefen, den Prinzen, den geliebten Manoil zu finden. Andere schimpften und schlugen Ilie, der Aller Glück zerstört durch seine rohe That. Ilie war ebensowenig zu trösten, als Manoil zu finden. Er war so schnell entflohen, als ihn seine leichten jungen Füße trugen und fern, im wogenden Maisfeld, lag er auf der Erde, unter den breiten Blättern verborgen, und weinte wie er seit dem Tode der Mutter nicht geweint. »Nun weiß ich wie Undank thut!« stöhnte er und preßte die Faust gegen die Zähne, daß ihm das Blut aus den Lippen sprang, »O Mutter! Mutter! ich kann Alles ertragen, nur Schande nicht!«

 

Kaum hatte er das gerufen, da stand er vor dem Klausner, der ihm freundlich die Hand auf die Schulter legte: »Sieh her,« sagte der, »erkennst Du Deine kleine Rada noch?« –

Geblendet schaute Emanuel die wundervolle Maid, die ihn mit dunkler Augen Gluth betrachtete und dann die seidenen Wimpern wie einen Vorhang auf die erröthenden Wangen senkte. Er konnte gar nicht sprechen, vor staunender Bewunderung und vergaß sogar, ihr die Hand zu reichen, er sah sie nur immer an.

»Nicht wahr,« sprach der Klausner, »ich habe Dein Eigenthum besser gehütet, als Du das Deines Dieners? ich habe es Niemanden gegeben!«

Emanuel blickte den Klausner erschrocken an und ließ den Kopf hängen, wie ein gescholtenes Kind.

»Man kann nicht für andere Leute Gutes thun,« fuhr der Klausner fort, »das war ein Irrthum, mein Sohn.«

»Den ich hart gebüßt habe!« sagte der Jüngling mit brennenden Wangen und Thränen in den Augen.

»Hier wartet aber auch ein Lohn, den Du noch kaum verdient!« sprach der Klausner und deutete wieder auf Rada, die von Einem zum Andern mit staunenden Augen blickte, »und jetzt wollen wir einige Stunden fröhlich sein, bevor Du wieder zur Arbeit mußt!«

Rada bereitete ein erquickendes Mahl in der äußeren Grotte. Die ganze Höhle war unter ihren zierlichen Fingern verwandelt. Rings hingen die Teppiche, die sie gewoben und der Klausner trug ein Hemd, das sie gesponnen und gestickt. Sie selbst aber war auf das Sauberste gekleidet und zeigte stolz auf die Bücher, die sie mit dem geliebten Lehrer gelesen.

Da wurde Emanuel von Neuem traurig. »Ich werde täglich unwissender!« sagte er, »ich habe keine Zeit zu lernen, ich werde Deiner unwürdig, Rada!«

»Suche Dir andere Arbeit,« sprach der Klausner, »und was Du verdienst, verwende um zu lernen.« –

»Und die Armen?« fragte Emanuel.

»Es giebt noch andere Arten wohlzuthun; es giebt auch geistige Almosen.«

Emanuel brachte einige glückliche Stunden in der Grotte zu. Aber die Sonne wollte sinken und färbte rings die Berge violett und purpurn, während das Thal sich schon in bläuliche Schatten hüllte.

»Du mußt wandern!« sagte der Klausner, »ehe es völlig dunkel wird.«

Emanuel sah mit traurigen Augen in die Ferne. Diesmal war ihm das Herz so schwer. Wie ein Magnet hielt ihn Rada und die letzten Erfahrungen waren sehr bitter.

Der Klausner schien sein Zögern nicht zu bemerken und trieb kurz und streng zum Abmarsch. Emanuel fand ihn hart geworden und meinte, die ganze Welt sei so verändert!

Viel langsamer als sonst schritt er hinab. Wohl zehnmal blickte er zurück; da stand Rada in der rothen Sonnengluth und winkte ihm und er drückte die Hand auf's Herz, in dem er plötzlich einen Schmerz fühlte, den er noch nie gekannt.

Warum hatte ihn der Klausner in die Nacht hinausgeschickt? Warum durfte er nicht den neuen Tag erwarten? Warum sollte er mühsam das Wissen erwerben, das ihn erst der herrlichen Jungfrau gleich stellen würde? – Der Klausner war ganz unbegreiflich hart. So dachte Emanuel, legte sich unter einen Felsen und schlief ein.

 

Da sah er im Traum seine Mutter, wie sie unzählige Kranke durch Händeauflegen gesund machte und unter dem Sternenhimmel sprang er auf: Ich will Arzt werden! so helfe ich den Leidenden!« stieg zu Thal und trat bei einem Apotheker ein.

»Kann ich bei Euch Gehülfe werden?«

»Was kannst Du denn?«

»Ich kann Kräuter suchen und auch pflanzen und aufziehen, weiter Nichts.«

Der Apotheker lächelte; aber er lächelte nicht lange, denn der junge Mensch, der sich diesmal Manea nannte, zeigte eine große Fassungsgabe und einen wahren Riesenfleiß.

Neben seinen Arbeiten lernte er jede Nacht und gab armen Kindern nebenbei unentgeltlich Unterricht.

Dies waren seine Almosen, da er das Geld, das er verdiente, zu seinem eigenen Unterricht verwandte.

Er war noch nicht lange dort, als im ganzen Lande ein großes Fest gefeiert wurde: Die Kaiserin habe ihrem Gemahl einen Sohn geschenkt, der Trandafir genannt worden und den verlorenen Erben ersetzen werde. Emanuel lächelte wehmüthig: »Nach mir fragt Niemand mehr!« sagte er und arbeitete die Nacht durch.

»Ein guter Arzt ist auch etwas werth: mein Bruder soll nur Kaiser sein!« Seine übermenschlichen Anstrengungen wurden belohnt; auch kam ihm das natürliche Talent zu Hülfe, das er von der Mutter geerbt. Er hatte noch nicht ausstudirt und schon rief man ihn fern und nah in alle Dörfer, wo es nur einen Kranken gab. Er dachte oft sehnsuchtsvoll an Rada, aber mit dem sichern Gefühl, er werde sie wiederfinden, sobald er sie verdient. In dem Zeitpunkt war seine Liebe zur Wissenschaft stärker als jedes andere Gefühl; zum ersten Mal dachte er nicht daran, nur Andern zu dienen, sondern er wollte selbst etwas sein, aus eigner Kraft. Seine Züge wurden fein und scharf, durch die anhaltende Anstrengung seines Geistes, seine Augen glitzerten und lagen tief, durch die vielen Nachtwachen.

Aber er war ebenso beliebt, als es früher Manoil gewesen und wenn man nur Doctor Manea sagte, so wurden alle Blicke hell und die bekümmerten Herzen hoffnungsfroh.

 

Da erkrankte der kleine Thronerbe Trandafir so schwer, daß Alle an seinem Aufkommen verzweifelten. Die Kaiserin hatte aber von dem jungen Arzte gehört, den die Kinder lieb hatten, und schickte nach ihm. – Mit hochklopfendem Herzen trat er in sein väterliches Schloß ein, wo jeder Schritt ihn an seine Kindheit erinnerte, und aus welchem er sich in kindischem Zorn und Trotz selber verbannt. Sein Vater erkannte ihn nicht und sah ihm bekümmert in's Gesicht, als er an das Lager des todtkranken Bruders trat. Er untersuchte ihn sorgfältig und sagte dann ernst: »Ich glaube, ihm kann geholfen werden!«

Der Kaiserin rannen Thränen über das sonst harte und stolze Gesicht, vor dem selbst ihr Gemahl zitterte.

Emanuel war Tag und Nacht neben dem kleinen Trandafir und eines Abends fiel das Kind in einen tiefen und festen Schlaf. Emanuel bat die Aeltern, zu ruhen, da die Gefahr vorüber; er werde wachen.

Mitten in der Nacht ward der kleine Kranke wach, streckte beide Arme nach dem fremden Bruder aus, schlang sie ihm um den Hals und küßte ihn. »Sage: Emanuel!« flüsterte der. »Emanuel!« sagte des Kindes helle Stimme, so sanft, so zärtlich, wie es ihm seit Jahren nicht mehr geklungen. Dann schlief der Kleine wieder ein.

 

Am Morgen war er gerettet und die Dankbarkeit der Aeltern bekundete sich, indem sie den Lebensretter ihres Knaben nicht mehr fort lassen wollten. Der junge Arzt ließ sich aber weder durch Bitten noch Versprechungen dazu bewegen, zu bleiben, so daß er die Kaiserin in Zorn gegen sich brachte, nachdem sie ihn vorher gern umarmt hätte.

Emanuel gedachte nun seine Rada zu holen und sie als sein Weib zu begehren. Er meinte, er habe sie endlich verdient; da trat der Klausner bei ihm ein: »Mein Knabe!« sagte er und der Bart zitterte um seine Lippen, »ich fürchte, der wohlverdiente Lohn ist Dir entgangen! Rada hatte ich in's Thal geschickt, damit sie noch in aller weiblichen Tugend vollkommen werde, und nun wird mir die Kunde, sie wolle dort einen Andern heirathen!«

Emanuel schoß das Blut in die Augen, so daß er Blitze flammen sah: »Ist das Deine väterliche Sorge?« rief er, »heute wollte ich sie aus Deiner Hand empfangen – o Du hast mich unmenschlich auf die Probe gestellt! und es war Alles nicht wahr! O, ich könnte wahnsinnig werden!«

Er schüttelte den alten Mann und stieß ihn von sich. Der taumelte und schlug mit dem Kopf auf eine scharfe Kante, so daß augenblicklich das Blut hervorströmte. Emanuel sah was er gethan, warf sich neben dem Alten auf die Knie und bot Alles auf, den Bewußtlosen zu sich zu bringen. Endlich schlug er die Augen auf und mit großer Anstrengung die Lippen bewegend, sagte er: »Undankbares Kind!« dann schloß er die Augen, seufzte und verschied in den Armen des verzweifelten jungen Mannes. Emanuel rief ihm die zärtlichsten Namen zu, er bat ihn, ihm zu verzeihen. – Ach! es war zu spät! Er hatte Alles, Alles verloren, Vater, Freund, Braut, Alles, und sein frohes, unschuldiges Herz dazu!

Er verschwand aus der Gegend und vergrub sich in die Einsamkeit des Bucegi. Aber nicht lange dauerte es, da wurde er bekannt, weil er es nicht hatte lassen können, den Hirten die kranken Schafe zu heilen. Bald kamen auch Menschen und hielten ihn für wunderthätig. Sie nannten ihn nur: »den Mann«, und sobald Einer krank oder unglücklich war, suchte er den Mann auf. Der war aber so ernst, als wäre er hundert Jahre alt. Er wußte gar nicht mehr, daß er jung sei, so schwer war sein Herz durch seine That, die er nie wieder gut machen konnte.

Er hatte von der Stunde an das Bild seiner Mutter aus der Erinnerung verloren. So lebte er mit seinem großen Leid allein und that soviel Gutes als er konnte, der fremde Mann, zu dem man mit Scheu und Ehrfurcht aufblickte, der aber die Dankesworte stets von sich wies; denn immer hörte er in seinem Herzen: »Undankbares Kind!« von den Lippen seines einzigen Freundes.

Da erkrankte der kleine Trandafir von Neuem, der gute Doctor Manea aber war verschollen und weil der Kleine immerfort »Emanuel« rief, so sagten Alle, er müsse sterben, da er seinen todten Bruder rief, den er doch nie gesehen.

Wirklich starb das Kind nach wenig Tagen. Sein Vater starb auch, vor Kummer und das ganze Volk war sehr betrübt, da es keinen Kaiser hatte.

Da erklang plötzlich eine merkwürdige Kunde »Emanuel lebt!« so scholl es von Dorf zu Dorf; und von Stadt zu Stadt. Man wußte nicht, wer zuerst davon gesprochen, aber man sah eine wunderschöne Maid mit einem alten Mann umherwandern.

Ueberall sprachen sie von Emanuel und suchten seine Spur. So gelangten sie zum Bucegi und Hirten zeigten ihnen den Weg zum »Mann«. Der saß auf seine Hand gestützt und blickte in düsterer Schwermuth vor sich hin. Sie standen lange und sahen ihn an. Da hob er die Augen und rief: »Rada! und Ilie! Ihr hier! Was wollt Ihr von mir?«

»Unsern Kaiser!« rief Ilie, der sich vor ihm auf die Knie warf: »Ach Herr! könnt Ihr mir meinen Undank je verzeihen!«

Emanuel fuhr zusammen, dann sagte er: »Ich? verzeihen? Gott sei Dank, daß ich Dir verzeihen kann. Aber Du, Rada? wo ist Dein Mann? Ein bitterer Zug flog um seinen Mund.«

»Ich habe keinen Mann! ich bin Dir immer treu geblieben und habe Dich gesucht im ganzen Lande, dessen Kaiser Du bist; denn Dein Vater und Bruder sind todt.

Emanuel war aufgesprungen. Er mußte sich an die Felswand lehnen: »Rada!« sagte er, »ich bin Deiner nicht werth, ich bin der Mörder unseres Vaters!«

»Ich weiß!« sagte Rada, »ich weiß es schon lange, er hat es mir im Traum gesagt und hat mir auch gesagt, wo ich Dich finden würde.«

»Und Du kommst zu mir?« Emanuel bedeckte das Gesicht; sie aber zog ihm die Hände fort und warf sich in seine Arme. Da ward es ringsum von Stimmen laut: »Es lebe unser Kaiser! unser Kaiser, unser guter, guter Kaiser! Der Vater der Armen, der Beschützer der Schwachen, der Retter in aller Noth! Unser Kaiser soll leben!« Und siehe; alle Diejenigen, denen er wohlgethan, umringten ihn, küßten ihm Hände, Kleider und Füße, nannten ihn Manoil und Manea und Doctor und Kaiser in einem Athem. Er stand wie betäubt und sah Rada an, die ihm zunickte. Da nahm er sie bei der Hand und sprach: »Hier ist Eure Kaiserin, die treuste Maid! ohne sie hättet Ihr mich nie gefunden!« –

Sie brachten ihn in endlosen Schaaren nach seinem Palast; die Menschenmenge schwoll fort und fort an auf seinem Wege und erzählte von Wohlthaten, die er längst vergessen. Ilie ward sofort wieder Diener bei ihm und mußte alle diejenigen suchen, die seinethalben fortgejagt worden waren. Rada lebte gut und schön an seiner Seite und küßte ihm die Falte von der Stirn, wenn er an die schlimmste Stunde seines Lebens dachte. Sie hatten viele schöne Kinder, deren Kinder schon nicht mehr leben; der Berg aber heißt noch heute Omul, der Mann.

Das Hirschthal.

Das Hirschthal.

Zwischen Caraiman und Omul liegt ein weites Thal im Halbkreise da, das Hirschthal8 genannt, obgleich es dort schon längst keine Hirsche mehr giebt. Aber etwas Anderes giebt es da; das ist unvergänglich: längs dem Berge und an denselben angelehnt sieht man eine ganze Reihe von Steinriesen, mit erkennbaren Gesichtern und Händen, etwa wie ägyptische Götterbilder. Von diesen erzählt man sich eine merkwürdige Sage: In diesen Bergen hauste früher ein Volk, das war gewaltig an Kraft, stolz und gefürchtet ringsum; denn was diese Männer unternahmen, das mußte gelingen. Sie lebten unter freiem Himmel, schliefen auf dem Schnee und badeten in den eiskalten Gebirgswassern, von ihrer Geburt an. Sie waren so groß, daß sie mit wenig Schritten die höchsten Berge besteigen konnten und wenn sie einem Baume einen Schlag versetzten, so blieb er krumm für alle Zeit.

Sie tranken die Milch von geflügelten Hindinnen und ritten auf geflügelten Hirschen, deren Flügel aber nur ihren Lauf auf der Erde beschleunigten; denn in die Lüfte konnten sie sich mit ihrer Last nicht erheben.

Sie hatten einen alten, uralten König; der war so weise, daß sie ihn immer fragten, und ihm wie Kinder gehorchten. Es sah prachtvoll aus, wenn der alte Mann mit wehenden weißen Locken und Bart auf dem Flügelhirsch dahinjagte und seine Mannen hinterdrein, wie eine Gewitterwolke, unter deren Donner die Karpathen zitterten. Nur eines erfüllte Alle mit ernstlicher Besorgniß:

 

Der König Briar hatte keinen Sohn, sondern nur eine einzige Tochter, eine holdselige Jungfrau, so hoch wie eine Tanne, so kühn wie ein Knabe und so stark, daß sie die wilden Flügelhirsche zu Dreien und Vieren am Halfter führen konnte, ohne nur einen Schritt breit zu weichen, wenn sie sich bäumten und am Zügel rissen.

Sie hielten einen großen Rath und kamen mit ihren besorgten Gedanken zum Könige:

»Der große Geist schenke Dir noch ein sehr, sehr langes Leben,« sprachen sie; »aber wenn er Dich hinabruft in die Höhle von Gold, wen sollen wir an Deiner Statt erwählen, da Du keinen Sohn hast? Uns wäre Deine Tochter lieb und wir wollten ihr gerne dienen; aber wie können wir ein Mägdlein unsrer harten Königswahl aussetzen?«

Der König strich seinen weißen Bart und sprach: »Wer weiß, ob mein Kind nicht ebenso heldenmüthig die Prüfung aushält, als wenn sie ein Jüngling wäre; Ihr seht, sie ist ja sonst in allen Stücken kühn und stark, und wenn sie sich dann einen guten und klugen Gemahl erwählt, so werdet Ihr ebenso glücklich sein, als jetzt. Ich werde sie fragen, ob sie will.«

Der König Briar klatschte in die Hände. Da dröhnten die Karpathen von einem Ende zum andern. Und plötzlich erscholl Hufegetrappel und Flügelrauschen und wie der Orkan brauste es heran.

Die Königstochter stand auf einem Hirsch und hielt deren Zehn an goldenen Ketten mit einer Hand, während sie mit der Andern eine Peitsche schwang, so lang wie die größte Schlange, so leuchtend wie der feurigste Blitz. Ihre Gestalt schien in den Himmel zu reichen und ihr Haar umflatterte sie wie eine dichte Wolke, die auf Augenblicke die Sonne verbarg. Statt der Sonne strahlten die Sterne in ihrem Gesicht und die Zähne, die ihr lachender Mund sehen ließ beim Jauchzen und Singen.

Der König blickte lächelnd nach seinen Mannen um, als wollte er sagen: »Ist sie Knabe genug?« In dem Augenblick sprang sie herab und die Ketten verschiedenen Leuten zuwerfend, rief sie: »Hier nehmt sie; es kann doch Keiner von Euch die Alle zugleich lenken!« und vor den König kniend sprach sie in sanftem Tone: »Du hast mich gerufen, mein Vater?«

»Vijelia9 mein Kind! steh auf, und schau diese Mannen an, die gekommen sind, mich zu fragen, wer König sein soll, nach mir; wen meinst Du?«

Die Maid blickte ernst von Einem zum Andern und wie sie Alle angesehen, fing sie von vorne an und zum dritten Mal; immer ernster ward ihr Gesicht, immer düsterer zog sie die mächtigen Brauen zusammen, bis sich die strahlenden Augen nächtlich beschatteten, in denen eine Thräne schimmerte.

Dann sprach sie mit tiefer dumpfer Stimme:

»Keiner, mein Vater; denn Keiner ist in meinen Augen Dir gleich; aber Du, in Deiner Weisheit, hast gewiß schon lange gewählt und den Besten gefunden.«

»Der, den ich wähle, muß sich der Probe unterwerfen, von der ich noch Narben an meinem Körper trage; kennst Du sie, mein Kind?«

»Ja, freilich kenne ich sie! Schade, daß ich kein Jüngling bin, mich sollte sie nicht erschüttern!«

»Und wenn ich Dich wie einen Jüngling behandeln wollte?«

»Mich?« Das Blut fluthete über die Wangen, Stirn und Hals der herrlichen Maid und mit bebenden Lippen sprach sie:

»Ich habe so hohe Ehre nicht verdient und weiß nicht, ob ich Verstand genug besitze; aber die Probe will ich gern ertragen, wenn mein Vater mit eigener Hand den ersten Wurf thut. Er soll mich selber zum Nachfolger weihen, aber dann noch lange Jahre leben und mir die frühere Freiheit gönnen.«

 

Mit stürmischem Jubel wurde diese Rede begrüßt, so donnernd und dröhnend, daß die Adler die Luft erzittern fühlten und die Bäume sich bogen, wie beim Nordsturm.

Die Königstochter neigte lächelnd ihr Haupt zum Gruße und strich die goldenen Haare zurück aus dem erglühenden Gesicht.

»Nur Eins, Vater,« sprach sie: »ein Gewand müßt Ihr mir gestatten, da ich leider ein Mägdlein bin!« Der greise König legte zärtlich die Hand auf ihr Haupt und nickte ihr bejahend zu.

Der Tag wurde bestimmt und der Ort gewählt, an welchem die Probe beginnen sollte.

Zuerst mußte sie einen ganzen Tag, ohne Speise und Trank, in der Sonne stehen.

Wenn sie Schwäche oder Mattigkeit zeigte, oder am Abende mit zu großer Gier aß und trank, so konnte sie nicht König sein. Am zweiten Tag mußte sie Steine zusammentragen, einen mächtigen Haufen, aus einem bestimmten Flusse, im tiefen Thal, so daß sie den Weg unzählige Mal machen mußte, bis die hergebrachte Zahl von Steinen gesammelt war, mit denen sie am dritten Tage beworfen wurde. Wenn sie die Steinigung nicht ertrug, so konnte sie nicht König werden.

Dies Alles verkündete ihr der Aelteste aus dem Volke, den sie mit heiterem Antlitz anhörte.

Ein glühend heißer Julitag brach an und Vijelia stand auf einem Bergkegel, in weißem Wollengewande, von Sonnenaufgang an. Sie sang in den ersten Stunden aus voller Kehle, was sie aber gegen Mittag einstellen mußte, da Mund und Hals zu trocken wurden.

Die Sonne hatte die höchste Höhe überschritten; da wechselte sie nur einmal den Fuß, auf dem sie ruhte. Mit einem Male hörte sie Hufegetrappel zu sich herauf und siehe: ihre Hirsche flogen heran und wehten mit ihren Flügeln ihr Kühlung zu; ihre Lieblings-Hindin drängte sich an sie und bot ihr das volle Euter zum Trunke dar.

Sie aber gebot ihnen mit strenger Stimme, sich zu entfernen und mit gesenkten Köpfen schlichen die Thiere der Weide zu.

Lang waren die Stunden und die Sonne brannte so heiß, daß sie die Spitzen von Vijelia's Goldhaar versengte. Sie aber rührte sich nicht.

Als die Sonne sich senkte, kamen die Männer und boten ihr einen Trunk Wasser. Sie netzte nur die Lippen und rief »Mititica!« Da kam ihre geflügelte Hindin angesprengt, von der sie ein wenig Milch nahm, alle weitere Speise verweigernd.

Der König Briar betrachtete seine schöne Tochter mit gespannten Blicken. Sie aber lachte ihn freundlich an und meinte, der erste Tag sei ja so schnell und leicht vorübergegangen.

In der Dunkelheit schritt sie zum Fluß hinab, in welchen sie wohl zehnmal untertauchte.

Dann stieg sie empor, setzte sich auf einen moosigen Stein und wand ihr Haar aus. Der Mond kam über den Berg herauf und sah die göttlich schöne Maid da sitzen. Zärtlich goß er seine Strahlen über sie aus, so daß die Tropfen wie Silber glänzten, die sie aus den Haaren wand.

Der Mond wußte nicht, daß der wundervolle Leib einen Hagel von Steinen aushalten sollte; sonst hätte er sich traurig verhüllt.

Als der zweite Tag graute, stand Vijelia schon in kurzem Gewande so frisch und fröhlich da, als könnte keine Müdigkeit über sie kommen. Als die Männer kamen, sie zu dieses Tages Arbeit abzuholen, jagte sie auf ihrem Hirsch Graur daher, warf sich auf seinem Rücken zurück und spielte mit seinen Flügeln, wie ein Kind in der Wiege.

Jetzt sprang sie herunter, entließ das Thier mit einem leichten Schlag ihrer Hand, nahm ein breites, flaches Felsstück auf die Schulter, stieg damit zu Thal, legte es an des Flusses Rand und im Wasser watend suchte sie Steine, die sie darauf schichtete, so hoch es gehen wollte.

»Helft mir, es auf die Schulter heben!« sprach sie. Aber keiner der Männer konnte die Last heben.

Da bückte sie sich und warf es lachend auf die linke Schulter. Die Steine, die währenddem hinabglitten, ließ sie sich aufheben und warf sie hinauf. Dann schritt sie so rasch bergauf, daß man ihr kaum folgen konnte, schüttete ihre Last aus und ohne zu ruhen jagte sie wieder zu Thal. Der König Briar sah von der Höhe seiner Tochter zu und strich schweigend seinen weißen Bart.

Der Tag war noch lange nicht zur Neige, als Vijelia die gehörige Zahl von Steinen bereits gesammelt hatte.

Sie kreuzte die Arme und betrachtete den Haufen, ohne mit der Wimper zu zucken. Dem Könige ward das Herz schwer, als er sein Kind so stehen sah und er schlief nicht viel in dieser Nacht. Sie aber schlief sanft und tief, unter einer Riesentanne, durch die sich des Mondes Strahlen hindurchstahlen, die schöne Schläferin zu betrachten, deren Haupt auf den Armen ruhte und deren Lippen sich leise öffneten, im süßesten Kinderschlummer.

Als der Morgen sie weckte, suchte sie ein Linnengewand, das sie selbst gesponnen und gewebt und auf dessen Festigkeit sie sich deshalb verlassen konnte.

So erschien sie vor ihrem Volke, so schön, daß Manchem das Herz brannte, bei dem Gedanken, sie zu mißhandeln. Der Steinhaufen verschwand in wenig Augenblicken; denn Jeder hatte sich mit einem Steine bewaffnet. Nun bildeten sie einen großen Kreis um die Maid, die ruhig ihr Haar zusammenfaßte und in einen Knoten schürzte: »Damit Ihr nicht glaubt, mein Mantel schütze mich!« sagte sie lächelnd.

Der erste Stein flog aus der Hand des Königs Briar, der dabei fest seiner Tochter in die Augen sah. Sie küßte die Stelle an ihrem Arm, der getroffen war und warf mit beiden Händen ihrem Vater einen Kuß zu. Dann stand sie wie eine Bildsäule, unter dem Hagel von Steinen, der sie traf, obgleich die Schmerzen immer größer wurden. Nur einmal entfloh ihr ein Seufzer und einen Augenblick kreuzte sie die Hände über der Brust und die Hände waren so weiß! Sofort ließ sie die Arme aber wieder sinken, wandte nur den Kopf und sah der Sonne nach, die sich den Bergspitzen langsam, sehr langsam näherte, und des Mägdleins Antlitz in helle Gluth tauchte. Plötzlich hörte der Steinregen auf und ihr zu Füßen knieten alle Mannen mit gesenkten Lanzen und Schwertern und schwuren ihr, mit dröhnender Stimme, ewige, unverbrüchliche Treue.

Sie aber erhob die Hand und sprach:

»Und ich schwöre Euch, für und mit Euch zu arbeiten, zu kämpfen und zu dulden, bis an mein Lebensende!« und sich zum Könige wendend sagte sie leise: »Gieb mir die Hand, Vater, ich bin müde!« Der alte Mann hüllte sie in seinen Mantel und sie umschlingend, führte er sie heim. Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt; da fühlte sie etwas in ihr Ohr schnauben, und siehe, es war Graur, ihr treuer Hirsch.

»Ha, trage Du mich!« rief sie und küßte des Thieres warme, flaumige Nase, schwang sich auf seinen Rücken und war im Umsehen verschwunden.

 

Graur trug sie zum Fluß hinab, in dem sie lange badete und die wunden Glieder streckte und kühlte. Sie schlürfte auch begierig das eiskalte Wasser und kam so heiter angesprengt, als hätte sie Nichts erlitten.

Eine Weile ging das Leben wieder so dahin, wie früher. Vijelia war wieder derselbe Sturmwind und Wildfang, der immer sie gewesen war und wollte von Staatsgeschäften nichts hören.

Der König Briar aber ward zusehends älter und seine Mannen bestürmten ihn, einen Eidam zu wählen für seine Tochter, damit er bald einen schönen Enkel auf den Knien halte.

»Wen willst Du zum Manne haben, Kind?« frug er eines Tages seine Tochter; »gefällt Dir Keiner unsrer Leute?«

»O nein,« sprach Vijelia »ich freie Keinen von denen, die mich gesteinigt haben; ich müßte immer daran denken und könnte ihm nicht in Liebe gehören; der Mann, den ich lieben werde, muß aus der Luft kommen, in die sich Keiner der Unsern erheben kann, trotz unsrer geflügelten Hirsche!« –

 

Kaum hatte sie das gesagt, kam es wie eine riesige Wolke vom Himmel daher und aus der Wolke klang ein überirdisches Harfenspiel. Langsam senkte sie sich und es erschien ein lockiger Jüngling, mit einer Harfe, so groß wie ein Baum, die mit goldenen Seiten bespannt war, in allen Farben schimmernd, wie Regenbogen. Bald griff er mit mächtiger Hand hinein, bald blies er nur über die Saiten weg und das gab ein solches Tönen, daß einem das Herz im Leibe zitterte. Vijelia sah regungslos zu ihm auf und schaute noch immer, als er mit kühnem Sprung die Erde erreichte und mit einem Stoß seiner Hand die Wolke, die ihn gebracht, in blaue Fernen zurück sandte. Nun schritt er auf die Maid zu, und ihr die Hand reichend sprach er:

 

»Ich komme aus der Luft, ich bin der Viscol10; willst Du mein sein; denn ich bin Deines Gleichen!«

»Ja,« sprach die Maid wie im Traume, »ich will Dein sein, für alle Zeit!«

Der König Briar aber zog die Stirn in Falten und fragte:

»Hast Du ihn denn jetzt schon lieb, Kind? Nimm Dich in Acht, Dir blüht kein Glück an seiner Seite und für unser Volk ist er nicht gemacht; er wird in die Weite schweifen und Dich allein lassen, bis Deine Mannen Dir nicht mehr dienen werden. Kind! Kind! es endet nicht gut und Du wirst nicht glücklich sein!«

»Ob glücklich oder nicht, das ist mir einerlei, Vater; ich kann nicht leben ohne ihn; ich will lieber mit ihm unglücklich, als mit einem Andern glücklich sein!« –

Seufzend willigte der alte König ein; aber er machte mit einer ungeduldigen Handbewegung den Versprechungen und Betheuerungen des jungen Mannes ein Ende.

»Ich werde Dich handeln sehen,« sprach er kurz.

Die erste Zeit ging es in Saus und Braus; bald durfte Vijelia auf Wolken fahren, bald jagte ihr Gemahl mit den Hirschen dahin. Der König hörte oft die Mannen klagen, es sei zuviel Unruhe im Lande und der Fremde wäre besser nicht gekommen.

Bald aber blieb Vijelia oft beim Vater daheim, während ihr Gemahl die Welt umbrauste. Sie sprach nicht mehr und sah so traurig aus, wie sie bei der Steinigung nicht ausgesehen, und wenn man sie frug, wo ihr Mann sei, sagte sie mit gesenktem Haupte: »Ich weiß nicht!« Wann er wiederkäme: »Ich weiß nicht!« Ob er sie bald wieder auf Wolken mitnehmen würde: »Ich weiß nicht!«

Und kam er wieder, so war er barsch und heftig und je demüthiger und stiller sein junges Weib geworden, um so härter ließ er sie an.

Dem alten König Briar zitterte oft der Bart und sein Haupt neigte sich der Erde zu, auf die er sich bald niederlegte und sprach: »Ich soll meinen holden Enkelsohn nicht mehr sehen! Der große Geist schenke Dir in ihm das Glück, das Du nicht gefunden!«

Als er gestorben war, klagten die Mannen mit gesenkten Speeren Tag und Nacht um sein Grab, neun mal neun Wochen und Vijelia hörte nicht auf mit Stöhnen und Seufzen, bis ihr mitten im großen Leide ein wunderschönes aber unendlich zartes Knäblein in den Armen lag. Ihre Thränen rannen auf sein kleines Gesicht, als sie ihm den Namen Zephyr gab. Aber wie sollte er jemals dies kraftvolle Volk beherrschen wie sollte er des Vaters Härte überleben!

Sie hielt ihn in ihren Armen Tag und Nacht; sie verließ ihn keine Stunde. Auf ihrem Schooße lag er, wenn sie Urtheile sprechen sollte und Streite schlichten, in Weisheit und Gerechtigkeit. Viscol beherrschte sich nicht vor Zorn, als er zurückkehrte; wie eine Löwin vertheidigte sie das Kind, das er an einem Felsblock zerschmettern wollte. Er wühlte das Land auf und fällte falsche Urtheile; er war eine Geißel bis er wieder davonsauste. Seine Harfe, die er vergessen, wurde eine Quelle des Trostes und der Freude für Mutter und Kind; sie lernte Klagelieder darauf spielen, denen alle Leute lauschten; aber noch schöner war es, wenn Zephyr darüber hinhauchte; dann war es, als sänge die ganze Luft, dann schmolz das Herz im Leibe vor Entzücken.

Zephyr wurde bezaubernd schön, besonders da seine Mutter daran dachte, ihn vorzubereiten und tüchtig zu machen für die Königswahl, vor der ihr graute für ihren zarten Knaben. Sie vertraute ihn bald Graur, bald Mititica an, die ihn stundenweit tragen mußten und ihn an ihren schnellsten Lauf gewöhnen, wobei Mititica sich oftmals hinkniete, daß er ihre Milch aussaugen könne. Dann lief sie mit dem Knaben um die Wette, lehrte ihn den Bogen spannen und Lasten tragen und damit er sich an Schmerzen gewöhne, hieb sie ihn mit Gerten und warf ihn mit Steinen und wenn er dabei nicht lachte, sondern zu weinen begann, so schalt sie ihn Feigling, badete ihn in den kältesten Wassern und hieb ihn den nächsten Tag mehr, bis er gelernt, die Zähne zusammenzubeißen und zu lachen.

Das Volk hatte einen solchen Haß auf Viscol, daß es ihn gar nicht mehr in's Land ließ und nach ihm schoß, sobald er sich in seiner Wolke näherte. Den Knaben hatten Einige lieb seiner herrlichen Mutter wegen, Andere mochten ihn nicht, da er so unendlich fein und zart war. Nur sein Saitenspiel berauschte Alle und wenn er mit den seidigen, blonden Locken an der Harfe stand, sah er aus, als käme er aus einer andern Welt. Freilich konnte er nicht fünf Hirsche zugleich regieren und solche Lasten tragen, wie seine Mutter: doch war er viel kräftiger, als sie es je gehofft, als er das sechzehnte Jahr erreichte und die Mannen es an der Zeit fanden, ihn zu prüfen, ob er zum König tüchtig sei; wonicht, wollten sie Vijelia einen andern Gemahl aus ihrer Mitte aufzwingen, von dem sie einen tüchtigen König erwarten konnten. Er ertrug die Sonnengluth den ganzen Tag und Niemand erfuhr, daß er nachher die Nacht durch fieberte und daß die Mutter bei ihm wachte und seine Schläfen badete. Am nächsten Tage trug er die Steine zusammen, seine Mutter ging immer neben ihm und legte heimlich mit Hand an. Abends, im Dunkeln, sank er ohnmächtig in ihre Arme. Nun kam der Tag, vor welchem es der armen Mutter graute. Jeder Stein, der ihres Knaben schönen Körper traf, traf sie in's Herz; einmal sah sie ihn schwanken, aber ihr heller, heiterer Zuruf brachte Farbe in seine Wangen und Lächeln auf seine weißen Lippen.

Es fehlten noch die letzten Steine; da flog einer aus böswilliger Hand, scharf und spitz und traf den Jüngling in die Schläfe. Ein wilder Aufschrei entrang sich der Mutter, die ihr taumelndes Kind in ihren Armen auffing und niederknieend seine bluttriefenden Locken an's Herz drückte. Er schlug noch einmal die Augen auf: »Meine Harfe, bringt mir die Harfe!« flüsterte er und sie mit den Armen umklammernd, hauchte er seine reine Seele in ihre Saiten aus, daß der himmlische Klang von Luftwelle zu Luftwelle weiterschwebte.

Die arme Mutter aber erhob sich mit stierem Blick und die Arme bis in die Wolken erhebend rief sie: »Möget Ihr Menschen von Stein zu Stein auch werden! Der große Geist wird eine Mutter hören, die nach Rache schreit! Stein sollt Ihr sein, die mir die Treue gebrochen! Stein sollt Ihr sein, die die reinste Seele von Euch vertrieben!«

Uns siehe, vor ihren Augen blieben die Leute im Halbkreis versteinert stehen. Sie aber seufzte so tief, daß ihre Seufzer ihr die Brust zersprengten und in tiefen Klagetönen der Welt erzählten von einer Mutter Schmerz, und an der Welt rüttelten, die so Uebles gethan!

Die Hirsche aber hoben sich in die Luft und entschwanden für alle Zeit.

Die Hexenburg.

Die Hexenburg.

Wenn man im Prahovathal hinaufgeht, so sieht man Cetatea Babei, die Hexenburg, nicht, weil sie hinter dem Bucegi liegt. Sie ragt als spitzer Kegel empor und scheint mit Ruinen bedeckt; von dort bis zu den Jipi liegt ewiger Schnee.

Vor langen, langen Zeiten, als die Wölfe die Heerden hüteten und Adler und Tauben bei einander nisteten, war dort eine stolze Burg, in der es sehr emsig zuging. Immerfort klang und rieselte es darin und hundert eilige Schritte trippelten hin und her. Bei der Nacht aber brannte im Thurm ein Licht und schnurrte ein mächtiges Rad und ein merkwürdiger, leiser Gesang schwebte über dem Schnurren und schien damit Tact zu halten. Die Leute blickten scheu hinauf und flüsterten: »Sie spinnt wieder!« Die aber dort oben spann, war die Herrin der Burg, eine gar schlimme Zauberin, der die Bergmännlein alles Gold aus dem Erdenschooß brachten, damit sie für alle Bräute den Goldfaden11 spänne, der am Hochzeitstage ihre Häupter schmückt. Das Gold wurde in Massen bei ihr ausgeschüttet; sie wog und wählte und wehe dem Bergmännlein, das das gehörige Maß nicht gebracht; das wurde zwischen Stamm und Rinde eines mächtigen Baumes geschoben und geklemmt, bis es das letzte Körnchen Goldes hergegeben, oder es wurde ihm nur der Bart eingeklemmt und da konnte es zappeln und Ach und Wehe schreien, – die Alte machte taube Ohren. Sie hatte darum den Namen Baba Coaja bekommen, Mutter Rinde, oder, weil sie so hart war wie eine Brodkruste, und so runzelig wie eine alte Eiche. Sie allein verstand die Goldfäden zu spinnen und machte sie im Voraus für viele hundert Jahre. Eine wunderschöne Tochter hatte Baba Coaja, die hieß Alba, die Weiße, denn sie war weiß wie der Schnee, der die Bergspitzen fast beständig bedeckte. Sie hatte eine Haut wie Sammet und braune Augen wie Sammet und Haar, wie die Goldfäden, die die Mutter spann.

Sie war immer eingeschlossen, denn Baba Coaja hatte viele Arbeit für sie, und es sollte sie auch Niemand sehen und Keiner freien. Sie mußte alle die Goldfäden aufwinden und in unterirdischen Kellern schichten, für alle die hundert und hundert Jahre.

Diese Arbeit war aber der holden Maid sehr zur Last, weil die Mutter allerlei böse Sprüche und Zauber sang und murmelte, während sie spann, so daß jeder Braut schon ihr Theil Unglück und Herzeleid mitgegeben war, sobald die Goldfäden auf ihrem Haupte geruht und Alba gedachte traurig des Ungemachs, das so im Voraus bestimmt wurde. Ja, sie setzte sich sogar einmal selbst an's Rad, während die Mutter fort war, und spann ein Stück, indem sie nur Gutes wünschte. Als aber Baba Coaja nach Hause kam, wurde sie ganz wüthend, schlug ihre Tochter unbarmherzig und sagte: »Du sollst nicht eher heirathen, als bis Du Dein eigenes Gespinnst wieder erkennst!« und warf das Stück zu dem Uebrigen.

Die Alte war im Herzen froh, daß sie einen Vorwand hatte, ihre Tochter bei sich zu behalten, da ihr prophezeit war, Alba werde sehr unglücklich werden und früh sterben. Das einzige Wesen auf der Welt, das sie lieb hatte, war ihr holdes Kind; wie sehr sie sich aber bemühte, Alba Freude zu machen, mit schönen Kleidern und allerhand hübschen Sächelchen, – sie brachte doch keine Farbe in ihre Wangen und kein Lachen in ihre Augen; denn das Einzige, wonach sich das Mägdlein sehnte, war Freiheit und die ward ihr nicht zu Theil. Wie gerne wäre sie einmal unter den Bäumen gewandelt, die den Fuß des Berges schmückten, auf dem sie lebte. Dort oben wuchs Nichts als kurzes Gras und es war länger Winter als Sommer. Wenn der Wind um die Burg heulte und tobte, als wollte er sie in Stücke reißen, dann wurde es ihr so traurig um's Herz; oft saß sie vor dem Kamin und starrte in's Feuer, sah dem Funkensprühen zu und dachte an gar Nichts. Manchmal lauschte sie den unheimlichen Gesängen der Mutter, während das Schnurren des Rades und das Heulen des Sturmes sich mischten, und dann dachte sie darüber nach, warum sie den Bräuten soviel Bitterniß in die Goldfäden spinne, warum denn die Menschen nicht froh und glücklich sein dürften, in dem schönen Sonnenschein, der doch immer fröhlich aussähe. Aber sie konnte niemals den Grund finden und schlief ein vor lauter Denken. Die Rollen Goldes in den Kellern hatten auch alle Ein Gesicht; doch spielte sie, es seien Menschen und erzählte ihre Geschichte und dachte sich aus, was Alles den Bräuten geschehen könne, die den Goldfaden tragen würden; da sie aber von der Welt gar Nichts wußte, so waren ihre Geschichten alle sehr unwahrscheinlich.

»Mutter,« sagte sie einmal und stützte das Kinn auf die Hand, – »sind die Menschen gerade so wie Du und ich, oder haben sie eine andere Gestalt und andere Gedanken?«

»Was gehen Dich die Menschen an! Sie sind alle sehr böse und würden Dir nur Uebles thun, wenn sie Dich bekommen könnten.«

»Aber neulich kam ein wunderschönes Thier unsern Berg herauf und darauf saß Einer, der war viel schöner als alle Bergmännlein; er hatte schwarze Locken und gar keinen Bart und einen Purpurmantel – war das kein Mensch?«

Die Alte erschrak heftig bei dieser Rede und sprach: »Wenn der noch einmal hier herauf kommt, so werde ich ihm den Hals brechen und die im Thale werden ihn nie wieder sehen!«

»O Mutter! das thu nicht! er war so schön!«

»Wenn Du noch einmal an ihn denkst, so sperre ich Dich in den Keller, das sage ich Dir und lasse Dich Gold wiegen Tag und Nacht; Du thust so wie so schon gar Nichts mehr in der letzten Zeit und sitzest immer so da und machst unnütze Fragen. Hast Du denn nicht alles was Dein Herz begehrt?«

»Nein, Mutter, ich möchte auch ein so schönes Thier haben und darauf sitzen. Hier sind immer nur Schafe, auf denen kann man nicht sitzen.«

»Jetzt mußt Du gar noch ein Pferd haben, Du thörichtes Kind! Siehst Du denn nicht, daß es lebensgefährlich ist, hier zu reiten? Das Gras ist glatt und die Abgründe sind tief, und ein Fehltritt, so liegt man zerschmettert da unten!«

Alba dachte lange darüber nach, warum es für die Pferde gefährlich sei, da doch die Schafe so sicher gingen, sie bekam aber auch hierauf keine Antwort, da sie nicht zu fragen wagte. Die Bergmännlein kamen ihr noch viel häßlicher vor als früher und das Gold war ihr so zuwider, sie konnte es gar nicht mehr sehen. Sie dachte nur an das schöne, schöne Pferd und an den Jüngling, dem es den Hals kosten sollte, wenn er sich wieder sehen ließe. Warum wollte ihm die Mutter den Hals brechen? Auch hierauf fand sie keine Antwort, wie sehr sie auch nachdachte.

Einige Zeit darauf ritt der schöne Jüngling wieder am Berge empor; ihn reizte die Neugier, zu sehen, wer in der gewaltigen Burg wohne, deren Mauern aus lauter Felsblöcken bestanden.

Er war ein Königssohn und hieß Porfirie und war nicht gewohnt, etwas nicht zu können; seiner stürmischen Natur war jede Schwierigkeit willkommen. Wenn man ihm vom Heirathen sprach, sagte er, er wolle seine Braut einem Drachen entreißen, von einem Felsen pflücken, nur nicht so ganz gemüthlich Freiwerber schicken und eine gewöhnliche Hochzeit machen.

Alba war gerade damit beschäftigt sich zu schmücken, als Zeitvertreib, nachdem sie den ganzen Morgen Gold gehaspelt. Sie hatte Hände und Gesicht gebadet, das lange Haar mit dem Elfenbeinkamm gekämmt, um die Stirn eine doppelte Perlenreihe gelegt, in welche sie seitwärts eine Alpenrose steckte. Ihr Gewand war weiß, mit goldenem Gürtel, darüber kam ein grüner Sammetmantel, der mit Perlenketten von einer Schulter zur andern befestigt war. Um das schneeweiße Hälschen legte sie Smaragden, so groß wie Taubeneier, ein Geschenk der Bergmännlein, und betrachtete sich im Spiegel, in dem sie nicht sehen konnte, wie ihr goldenes Haar schimmernd auf dem grünen Sammet lag. Nein, sie mußte wirklich schlecht sehen, oder der Spiegel war schlecht; denn jetzt schlug sie sich in's Gesicht und rief: »Wie häßlich bin ich! nein, wie häßlich! Darum versteckt mich die Mutter vor allen Menschen, und giebt mir schöne Kleider und Juwelen, wie einer Königin, um zu vergessen, wie häßlich ich bin!«

In dem Augenblick erklangen Hufe auf dem Felsen und mit entsetzensstarren Augen erblickte sie den schönen Fremden, dem es den Hals kosten sollte, wenn er auf der Burg erschiene. Er mußte gewarnt werden, um jeden Preis. Wie eine Gemse flog sie bergab, mit wehendem Mantel und flatternden Haaren, in denen sich die Sonnenstrahlen zu fangen schienen.

Der junge König sah sie über die Felsen daherfliegen, als berühre ihr Fuß die Steine nicht und hielt sein Pferd an, in staunender Bewunderung. Er fragte sich, welch' Königskind, welche Bergfee ihm da entgegenflöge und nun winkte sie mit beiden Armen und rief athemlos: »Zurück! zurück! komm' nicht hier herauf! es wäre Dein Tod!«

»Und wäre es mein Tod,« rief er, »so würde ich fröhlich sterben, da ich die schönste Maid erblickt, die je auf Erden gewandelt!«

Alba blieb vor ihm stehen, ein leises Roth überflog ihre Wangen und ihn mit großen Augen anschauend sagte sie: »Bin ich schön?«

»Ja, wunderschön, so reizend bist Du mit Deinem goldenen Haar und Deinen goldenen Augen, daß ich Dich liebe, von dieser Stunde an!«

»Und ich liebe Dich auch!« sagte die unschuldige Maid, die nicht wußte, daß man unter den Menschen gewöhnlich nicht sagt, was man denkt. –

»Aber sage nicht, mein Haar sei golden, Gold ist ja so häßlich!«

»Häßlich?« Der Königssohn lachte. »Das habe ich noch nie gehört! Hast Du denn soviel Gold gesehen, daß Du es häßlich findest?«

»Ach ja, ich sehe ja nichts als Gold, statt grüner Bäume nur Gold, statt Blumen Gold, statt Menschen Gold, solche Haufen!« sie breitete ihre Arme aus und drehte sich um sich selbst. »O wieviel lieber möchte ich auf dem schönen Thier sitzen! ich habe noch nie ein Pferd gesehen, darf ich's anrühren?«

»Ja, freilich, streicheln sogar und zu mir heraufsteigen auch; Du sollst reiten, so lange Du willst!«

Er hieß sie, ihren Fuß auf den seinigen stellen und beide Hände in die seinigen legen, so zog er sie vor sich auf den Sattel, schlang den Arm um sie und gab dem Pferd die Sporen. Er dachte, sie würde sich fürchten, das fiel der holden Unschuld aber gar nicht ein; denn sie kannte keine Gefahr. Sobald der Boden weich wurde gab er die Zügel nach und fort jagten sie, unter dem Waldesschatten, über blumige Wiesen.

Alba jauchzte und klatschte in die Hände und rief: »Schneller! noch schneller!«

So kamen sie in die Nähe der Stadt, die sie durchreiten mußten, um auf einen Hügel, zum Königsschloß zu gelangen. Da wurde es plötzlich der Maid bange:

»Sind das Alles Menschen?« fragte sie, als sie im Schritt durch die Straßen ritten. Und die kleinen Häuser bläst der Wind nicht um?«

»Nein!« lachte Porfirie. »Hier weht der Wind nicht so, wie dort oben.«

»Hier, meine Leute,« rief er, »hier bringe ich Euch Eure Königin! Sie ist eine Wunderblume und ich habe sie mir vom Felsen gepflückt.«

»Aber ich bin keine Königin!« sagte Alba erschrocken.

»Ich, ich bin ein König und da Du mein Weib wirst, so wirst Du Königin!«

»Dein Weib? aber ich sollte ja keinen Mann haben, sagte meine Mutter.«

»Das hat sie nur so gesagt, weil sie wußte, daß Keiner Dich haben sollte, außer mir!«

»Bist Du denn gar nicht böse?«

»Nein, ich bin nicht böse.«

»Also Du bist kein Mensch?«

»Doch, das bin ich.«

»Aber die Mutter sagt, alle Menschen sind böse, und ich soll Nichts mit ihnen zu schaffen haben.«

»Wer ist denn Deine Mutter?«

»Das weiß ich nicht; sie spinnt Gold.«

»Spinnt Gold? zu was denn?«

»Für Bräute; aber ich will kein Gold bei meiner Hochzeit haben!« fügte Alba rasch hinzu und griff nach ihrem Kopfe, als müsse sie ihn vor der schlimmen Berührung schützen.

»Das wird aber doch nicht anders gehen,« sagte Porfirie, »die Leute würden sich wundern. Hier bin ich zu Hause, jetzt reiten wir in den Hof ein und Du mußt mit meiner Mutter freundlich reden.«

»Ist sie alt und häßlich?«

»Nein, sie ist sehr schön und stolz.«

»Was ist stolz?« sagte Alba.

Porfirie sah ihr in die Augen; die waren so lauter und rein, wie die Sonne; er drückte die Maid an sein Herz; dann warf er den Dienern die Zügel zu, sprang vom Pferde, hob Alba zärtlich herunter und reichte ihr die Hand, sie die breiten Steinstufen heraufzugeleiten.

Sie traten in einen weiten Saal, da saß eine hohe, stattliche Frau, von vielen Mädchen umgeben, und spann schöne, gelbe Seide. Alle erhoben sich von der Arbeit und blickten voll staunender Freude auf das herrliche Paar, das eben im Glorienschein der untergehenden Sonne unter dem Portal erschien.

»Hier, Mutter,« rief Porfirie, »ist Eure liebe Tochter, mein süßes Ehgemahl, das ich ganz nahe beim Himmel gefunden, und ich bin noch gar nicht sicher, daß es nicht ein Himmelsbewohner ist, der jeden Augenblick Flügel bekommen und uns enteilen kann!«

»O Du wunderschöne Frau!« rief Alba und fiel der Königin zu Füßen, die sie gütig aufhob und küßte.

»Und Du spinnst auch, nur viel, viel schöner als meine Mutter; denn was Du spinnst, ist so zart und fein, wie Schneeflocken und Blumenblätter!«

»Was spinnt denn Deine Mutter?«

»Ach immer das harte, häßliche Gold!«

»Gold!« scholl es rings im Kreise, Manche lachten und glaubten es nicht.

»Kannst Du auch Gold spinnen?«

»Ich kann, aber darf nicht.«

»Warum nicht?« Sie öffnete die Lippen, um zu sagen, was ihre Mutter beim Spinnen thue, aber plötzlich überkam sie eine merkwürdige Befangenheit und das Gefühl, wie böse man sie ansehen würde, wenn die Mädchen wüßten, daß ihnen alles Unheil in den Brautschleier gesponnen würde. Und dabei sahen sie Alle so froh und so lieb aus, die bösen Menschen, vor denen die Mutter sie gewarnt, eigentlich viel besser, als ihre Mutter, vor der sich die Bergmännlein so entsetzlich fürchteten.

Sie wurde von ihrer Pein erlöst, indem Eines der Mädchen flüsterte:

»Das Kleid ist Sammet, ächter, weißer Sammet!« »Und die Juwelen! vom wem sind die Juwelen!« sagte eine Andere etwas lauter.

»Von meinen Freunden,« antwortete Alba; »wollt Ihr sie haben? Ich habe noch viel solches Spielzeug zu Hause,« und die Smaragden vom Halse lösend, gab sie Jedem der Mädchen Einen derselben.

Mit den Perlenschnüren hätte sie es ebenso gemacht, wenn die Königin sie nicht daran verhindert hätte.

»Sind denn Deine Freunde so reich?« fragte sie.

»Das weiß ich nicht? was ist denn reich? Sie bringen Alles in Säcken aus der Erde herauf und wenn sie nicht genug bringen, so werden sie gestraft.«

Da wurde das Gesicht der Königin finster; sie nahm ihren Sohn bei Seite und sprach: »Das Mägdlein ist keine Andere, als die Tochter der abscheulichen Hexe Baba Coaja. Führe Du sie schnell wieder dahin, wo Du sie geholt hast, sie bringt nur Unglück in unser Haus.«

»Nur das fordere nicht von mir, Mutter,« sprach der junge König erbleichend. »Ich liebe die holde, unschuldsvolle Maid mit allen Gedanken, mit dem Blut in meinen Adern, mit jedem Athemzug! und wäre sie Baba Coaja in eigner Person, ich könnte nicht von ihr lassen!«

Die Königin seufzte und befahl, der Maid eine Kammer neben ihrem Gemache zu bereiten und am nächsten Tage sollte die Hochzeit sein. Die Königin wollte mit eigner Hand die neue Tochter schmücken, hatte aber einen schweren Kampf mit ihr zu bestehen, da sie durchaus keinen Goldfaden auf ihr Haupt haben wollte. Sie entfloh durch das ganze Schloß, wie ein gescheuchtes Reh, sie warf sich auf die Erde, unter die Decken, die die Diwans schmückten, sie bat und flehte mit herabströmenden Thränen, man möge sie verschonen. Die Königin solle ihr von ihrem schönen Seidengespinnst auf die Haare legen, nur das schreckliche Gold nicht!

Während sie aber knieend bat und jammerte, gab die Königin einen Wink; zwei Mädchen banden ihr die Hände, während die Dritte den goldenen Schleier befestigte. Alle erwarteten einen Ausbruch von Zorn und Verzweiflung. Aber Alba ward ganz still. Bleich wie der Tod neigte sie das Haupt unter der Last: »Du bist härter als meine Mutter!« sagte sie; »die wollte mich keinem Manne geben, damit ich nicht unglücklich würde, Du aber rufst selber das Leid auf mich herab!«

Niemand verstand diese Rede und Alba war nicht dazu zu bewegen, sie zu erklären, was das allgemeine Mißtrauen vermehrte. Sie sah so traurig aus, daß das Volk in ihr gar nicht mehr die strahlende Maid von gestern erkannte und alle Worte der Liebe ihres jungen Gemahls konnten nicht die Wolken von ihrer Stirn scheuchen.

Am Hofe war aber bald von Nichts Anderem mehr die Rede, als von den ungezählten Schätzen der jungen Königin und viele trieben den König, sich dieselben in der Nähe zu betrachten. Ihm war es nicht um die Schätze zu thun; er dachte nur daran, sein junges Weib wieder lächeln zu sehen und meinte, wenn er ihr die Sachen holte, die sie gern besessen, so werde sie fröhlich werden, da sie mitleidig lächelte über die kleinen Steinchen, die die andern Leute Juwelen nannten und gar nicht begreifen konnte, daß diese Spielsachen kostbar seien.

Sowie sie aber hörte, Porfirie beabsichtige nach ihrer Burg zurückzureiten, erschrak sie heftig und bat und beschwor ihn, das nicht zu thun! »Es wird Dein Tod sein, ganz gewiß!«

Er aber ließ sich nicht bereden, und je mehr sie ihm die Gefahr schilderte, die ihn dort erwarte, um so mehr reizte ihn eben diese Gefahr und ganz heimlich machte er sich auf den Weg, als sie noch im tiefen Schlummer lag. Mit wenigen Begleitern sprengte er zur Burg von Baba Coaja hinan. Die aber sah ihn von Weitem und rief ihm entgegen: »Fluch über Dich, der Du mein Kind entführt, um es unglücklich zu machen! Da, so sättige die Habgier, die Dich zu mir zurücktreibt, Du Unglücklicher! Ich habe Nichts nach Dir gefragt, was suchst Du mich!«

Mit diesen Worten schüttete sie Juwelen in endlosen Massen auf die Reiter nieder, die Edelsteine aber wurden in der Luft zu Eis und Schnee und wirbelten dergestalt, daß die Unglücklichen sich nicht wehren konnten, und geblendet den Weg nicht mehr sahen. Die Meisten stürzten in den Abgrund; der junge König aber, der im Rachedurst sich der Burg näherte, um die Alte zu erwürgen, ward dermaßen eingehüllt, daß er bald kein Glied mehr rühren konnte, und bevor er noch ein Wort hervorbrachte, war er tief unter dem Schnee begraben. Baba Coaja lachte hämisch und sagte: »Jetzt wird sie kommen, zu ihm, und nicht zu mir, aber sie kommt zu mir und nicht zu ihm! Ich habe mein Kind wieder, das nicht in der bösen Welt bleiben soll, und unter den Menschen, die ich hasse!«

 

Und wirklich dauerte es nicht lang, da eilte Alba, vom Wandern matt, im weißen Sammetkleide, das vom Staube befleckt war, den Berg herauf.

»Wo, wo ist Er!« fragte sie mit blassen Lippen.

»So!« sprach die Alte, »mir bist Du davongelaufen, mit einem fremden Mann und kommst wieder und fragst nicht nach mir, sondern nach ihm? Er ist nicht hier!« –

»Doch, doch, ich fand seine Spur, bis zu dem Schnee dort!«

»Weiter kam er auch nicht!« lachte die Alte. »Er ist in Deinen Edelsteinen erstickt!«

Mit einem furchtbaren Schrei stürzte Alba auf die Schneefläche und begann mit ihren Händen sie wegzuscharren. Aber umsonst. Zu schwer lag die Decke, die den Geliebten verhüllte, zu fest war sie gefroren! Mit dem Ausruf: »O, Mutter! Mutter! was hast Du mir gethan!« fiel Alba todt neben Eis und Schnee hin. Baba Coaja stieß einen so furchtbaren Fluch aus, daß der Berg wankte, ihre Burg zusammenstürzte und sie, sammt ihrem Golde, unter ihren Trümmern begrub.

An der Stelle aber, wo die schöne Alba ihr Leben ausgehaucht, keimte eine weiße Blume in weißem Sammetkleide auf, die man seitdem Abla Regina, zu deutsch Edelweiß, genannt hat. Sie blüht nur dicht beim ewigen Schnee, der den Geliebten bedeckt, so weiß und rein, wie sie selber war.

Vielleicht verwandelt sich der Schnee einstmals wieder in Edelsteine, wenn ihn eine unschuldsvolle Jungfrau betritt. Das Stück Goldfaden, das Alba gesponnen, sucht man noch immer und jede Braut hofft, sie habe es erhascht; darum fürchtet sich Keine vor den Goldfäden, die so gefährlich sind, sondern glaubt, ihr sei das Glück bescheert.

Der Hundegipfel.

Der Hundegipfel.

Gegenüber von Furnica und Piatra Arsa, auf der andern Seite der Prahova, erheben sich dicht neben einander zwei mächtige Berge, zwischen denen die kleine Rea sich zu Thal windet. Dort herüber steigen Sonne und Mond, wenn sie den Bucegi vergolden und versilbern und in die Fenster von Castel Pelesch hereinscheinen, die Sonne in Carmen Sylva's Erker, wo ihre Feder über das Papier fliegt, der Mond in's Musikzimmer, wo Gesang und Saitenspiel erschallen und kein Licht angezündet wird, damit der Mond allein durch die hohen Holzbogen den geheimnißvollen Raum und die singenden Mädchen beleuchte. Manchmal haben die aufgehende Sonne und der untergehende Mond einen Zweikampf, wer von ihnen die Berge schöner mache und siehe, da strahlen oben die schneeigen Kuppen und drunter die Buchen und Tannen in doppeltem Licht: Rosa und Silber zugleich – ein wahrer Königsmantel, der sich in weichen Wellen über die Berge breitet, während die Thäler in Indigo gehüllt sind und nur winzige durchsichtige Wölkchen empor senden, die plötzlich in die doppelte Lichtregion eintreten und den Schleier bilden zu dem Königsmantel. Die Sonne bleibt natürlich die Siegerin, aber ihr voller Glanz ist lange nicht mehr so schön, als der erste, geheimnißvolle, jugendliche Kampf ums Dasein. Der Mond wird dann ganz weiß im Gesicht, vor Aerger, und eilt sich, der Welt ein schiefes Gesicht zu zeigen, wie die richtigen Volksbeglücker, denen es nicht gelungen ist, Alles in ihrem Sinn schön zu machen. Die beiden Berge aber heißen Cumpat, von Cumpânâ, Wage, und Piscu Cânelui, Hundegipfel. Und warum sie so heißen, das hat eine ganz sonderbare Geschichte.

Der Teufel hatte eine Wage in der Hand, oben auf dem Bucegi und rief in die Welt hinaus:

»Schaut her, meine Wage! Die ist so groß, daß sie Berge und Thäler bedeckt und ins Thal hinaus halte ich sie und werfe in die eine Schale alle Schlechtigkeit der Welt!« Bumm! ging die Schale auf der andern Seite der Prahova nieder und bildete einen gewaltigen Berg. »Wer kann die andere Schale so belasten, daß meine Wage gleich steht, aber wohlverstanden, nur mit Gutem, mit dem, was Ihr gut nennt!« –

Da schwebte eine Engelschaar wie zarte Wölkchen heran, in dem rosigen Silberlichte von Sonne und Mond, in der Stunde vor Tag. »Ich werfe alle Schönheit hinein!« rief ein Engel. Die Wage rührte sich nicht. »Ich werfe die Liebe hinein!« ein Andrer. Die Wage stand still. »Ich werfe die Freude hinein!« sprach ein Dritter. Aber der Berg sah aus, als ob Nichts ihn bewegen würde. »Ich werfe die Güte hinein!« sagte ein lieblicher Engel, aber umsonst. »Und ich die Ehre!« »Und ich das Glück!« »Und ich den Ruhm!« »Und ich die Kraft!« »Und ich das Wissen!«

So klang es eifrig von allen Seiten. Aber Nichts rührte die Wage und der Teufel lachte, daß die Berge zitterten. Da nahte ein Engel, der bisher in tiefen Gedanken abseits gestanden hatte: »Und ich,« sprach er, »ich werfe die Treue hinein und zwar die Hundetreue!« – In dem Augenblick begann das Zünglein an der Wage sich zu rühren, durch den ganzen, großen Berg ging ein Zittern und langsam hob sich die Schale, darin er lag. »Beweise!« schrie der Teufel in großer Wuth. »Erzähle!« riefen die Engel. »Ich soll erzählen, was ich in der Welt von Hundetreue gesehen? Da kann ich erzählen, so lange der Pelesch läuft und werde kein Ende finden.«

»Erzähle! erzähle! wir haben ja die Ewigkeit, um Dir zuzuhören!«

»Nun, so laßt mich nur schauen. Und was ich gerade sehe, das will ich erzählen.«

»Nimm Dich in Acht,« sprach der Teufel, »wenn Du ein Haarbreit neben der reinen einfachsten Wahrheit vorbeigehst, so wirst Du die Wage nicht bewegen, ja, was vielleicht gestiegen ist, wird wieder fallen und Ihr könnt meinen Berg nicht mehr rücken.«

»Ich werde nur sagen, was wahr ist. Was ich eben höre, ist aber so schön, daß ich es Euch nur singen kann. Ich sehe über neun Länder und neun Meere hinweg; da sitzt ein Schiffscapitän am Kamin und erzählt einem jungen Kreise eine Geschichte, eine herrliche Geschichte. Hört mich an!«

Der Engel griff in seine Harfe und zu ihrem sanften Getöne sang er folgende Ballade:


Ich zählte siebzehn Jahr, Johann,
Es war ein heißer Tag,
Als unser Schiff im Ocean
Mit schlaffen Segeln lag.

Wie Goldstaub zitterte die Luft,
Der Horizont war fahl,
Es schwamm auf dunkelblauer Gruft
Ein breiter Sonnenstrahl.

Die Stirne trieft, der Athem stockt,
Das Herz schlägt matt und schwer,
Und mit verschränkten Armen hockt
Die Mannschaft rings umher.

Da ruft mit frischem, hellem Ton
Der Capitän: »Hurrah!
»Es lebe unser Washington,
»Es leb' Amerika!

»Denn heut ist unser Freiheitstag!
»Zur Feier geb ich d'rum,
»Für Jeden, der da trinken mag,
»Noch einmal Grog herum!«

Lebendig wird da jed' Gesicht,
Man fühlt die Schwüle kaum,
Und ein Matrose steigt mit Licht
Hinab zum Fässerraum.

Er wird uns bringen, was uns fehlt,
Den rechten Feuergeist,
Der aus der Hitze, die uns quält,
Und aus der Schlaffheit reißt.

Mit einmal gellt sein Schreckenston
Herauf und über's Meer:
»Der Branntwein brennt!« Da wälzt sich schon
Die Flamme vor ihm her.

Sie fliegt am Takelwerk entlang,
Die Segel hat's erfaßt,
Sie leckt empor, ob Mast und Strang,
Und rauscht und heult und rast.

Doch ohne Hast der Capitän,
Ob Brand und Wellengrab,
Läßt Boot um Boot hinuntergeh'n,
Reicht Weib und Kind hinab.

Vier Boote voll; er selbst zuletzt,
Blickt um: »Fehlt Keiner doch?
»Glück auf! um's Leben rudert jetzt!
»Nein halt! ein Seil nur noch!

»Dearbourn, mein Sohn!« rief er mir zu,
»Hol mir's! sprich, Hast Du Muth?«
»Ich Muth?!« Ein Sprung – ich war im Nu
Hoch oben ob der Gluth.

Das war geklettert, schau, Johann,
Wie Vogelflug fürwahr,
Und um mich her, mir nach, voran,
Der Flammen wilde Schaar.

Den Strick gelöst, und nieder glitt
Ich flugs, an einer Hand,
Lautknisternd wogt' das Feuer mit,
Schon stand das Seil im Brand.

Erstickend war ich rings umloht, –
Ein Sprung! – und »Gut gezielt!«
So rief der Capitän im Boot,
Der mich in Armen hielt.

Und mit mir flog mein Hund auf Deck,
Durch Feuerqualm und Rauch,
Mir nach in's Schifflein setzt er keck
Und wedelt: »Nehmt mich auch!«

Auf tausend Meilen rings nur See,
Endlos der Wellen Spiel,
»Nun vorwärts Kinder, wie's auch geh,
»Seid Helden Ihr am Ziel!«

Wir setzen, ohne Aufenthalt,
Im Tact die Ruder ein,
Und ferner ragt der Mastenwald
Noch schwarz, im Feuerschein.

Wir dursten sehr, doch trinken kaum,
Das Wasser reicht nicht weit,
Wir drängen uns im engen Raum,
Wie Sklaven aufgereiht.

Die Nacht bricht an, im Sternenglanz,
Solch eine stille Nacht!
Wer hat da nicht, im Stillen ganz,
Der Heimath wohl gedacht?

Wir seufzen nicht, wir klagen nicht; –
Wie ferner, leiser Wind,
So stöhnt, mit bleichem Angesicht,
Das arme kleine Kind.

Die Mutter schwieg und hielt's im Arm,
Da stieg der Sonnenball
Gluthroth empor, ob Pein und Harm,
Ob finsterm Wogenschwall.

Wir haben oft den kleinen Mund
Mit Tropfen noch benetzt,
Doch ward er steif und schwarz und wund,
Und lallte nur zuletzt.

Vor Sonnenuntergang entschwand
Der kurze Lebenslauf.
Der Vater nahm ein Eisen, band
Die kleine Leiche drauf.

Die starren Augen drückt' er zu,
Und seufzte tief und schwer:
»So schlaf, mein Liebling, schlafe Du!«
Und senkte sie in's Meer.

Die junge Frau saß unbewegt,
Die Hände bleich im Schooß,
Kaum hat ihr Busen sich geregt,
Die Augen blickten groß.

Am dritten Tage sank sie leis
An ihres Gatten Herz,
Der Alles Leid zu stillen weiß,
Der heilt' ihr Qual und Schmerz.

Nichts Schweres war im Boote mehr,
Nicht Beil und Klammer nicht,
Und grausam trug, wie Spreu, das Meer
Das todte Weib an's Licht.

Da nahm er sie in's Boot zurück
Und küßte sie und sprach:
»Verzeiht! Ich muß mit meinem Glück
»Hinab, der Todten nach!

»Der Schmerz, den ich nicht tragen kann,
»Der zieht wie Stein und Blei
»Hinab! folgt nur dem Steuermann,
»Mit Gott! Ihr ringt Euch frei!«

Und liebevoll umschlungen glitt
Mit ihr er in die Fluth;
Sie zog ihn fort, er nahm sie mit
In's Brautbett still und gut.

Die Sonne neigt sich wogenwärts
Und steigt zu frühem Tag,
Der Himmel Blei, das Wasser Erz,
Nicht Wind, noch Wellenschlag.

Seit Gestern ging das Wasser aus,
Wir flüstern's heiser nur,
Wir schau'n nach den Gefährten aus –
Verschwunden ihre Spur.

Die Zunge hing mir aus dem Mund,
Geschwollen, fast verdorrt,
Da leckte sie mein treuer Hund,
Mir eifrig, fort und fort.

Er hat geleckt, bis er hinein
Sie wieder mir gebracht,
Bei Sonnenbrand und Sternenschein
Saß er und hat gewacht.

Die Andern starben, Mann um Mann,
Nur Fünfe blieben wir,
Und hier, mein kluger Hund, Johann,
Mich rettete das Thier.

Und endlich, endlich sah'n wir Land,
Da fast verwirrt der Sinn,
Verschmachtend in der Fluthen Brand –
Wir deuteten nur hin.

Wir rudern noch mit letzter Kraft,
Das Schifflein kriecht und schleicht,
Das Haupt ist schwer, der Arm erschlafft,
Und dennoch wird's erreicht.

Es war wohl Land, ja Land, Johann,
Doch dürr und todt und kahl,
Kein winzig Wasserfädlein rann
Vom nackten Strand zu Thal.

Wir sanken hin und weinten laut:
»Und wir verdursten doch!«
Da hat mein Hund sich umgeschaut,
Und suchte, scharrt' und roch.

Und schnobernd lief er fort; und bald
Erklang ein kurz Gebell:
»Auf frischer Fährte!« hat's gehallt
Und zitternd folgt man schnell.

Er scharrt wie rasend, bohrt und stößt –
Sieh da! ein Wasserstrahl!
Uns hat das treue Thier erlöst
Von sich'rer Todesqual.

Die Reise ging zu Fuß voran,
Der Hund war stets voraus,
Er rannte hin und wieder, dann
Fand Wasser er heraus,

Doch die Gefährten waren All
Zu sehr erschöpft und matt,
Ein Seufzer nur, ein dumpfer Fall,
Zu ew'ger Ruhestatt.

So ließen mich die Freunde! Jetzt
Bleibt nur mein Thier und ich.
Sind wir so stark, wir Zwei? Zuletzt
Heißt's Sterben sicherlich.

Ich lag und schlief, ermattet schwer,
In lautlos schwarzer Nacht;
Mein Hund, der setzt sich vor mich her,
Der hat für mich gewacht.

Auf einmal zerrt er mich, und laut
Klingt wüthend sein Gebell.
Da haben noch mich angeschaut
Zwei Augen, glühend hell.

Oft hat mein Vater mir gesagt:
Droht Dir ein wildes Thier,
Wirf Sand in's Auge, das verjagt
Es sicherlich von Dir.

Ich schleud're Sand, zwei Hände voll
In's glüh'nde Augenpaar,
Da wälzt und bäumt sich, zischt vor Groll
Ein Riesenthier fürwahr.

Und schuppig glänzend wälzt sich fort,
Der Boa mächt'ger Leib,
Seitdem hab' ich an keinem Ort
Mehr rastenden Verbleib.

Geschwind und leise huschten wir
Voran, im Sternenlicht,
Und wedelnd sprang mein Hund nach mir,
Und leckte mir's Gesicht.

Gerettet! sagt sein stummer Blick,
Nur fest auf mich gebaut,
Du hast Dein Leben und Geschick
Dem besten Freund vertraut!

Doch blieb die Küste öd' und leer,
Kein Leben weit und breit!
Mein gutes Thier! ich kann nicht mehr!
Nun ist's zum Sterben Zeit!

In einer kleinen, stillen Bucht,
Wo kaum die Welle schlägt,
Hab Felsenschatten ich gesucht,
Zum Sterben mich gelegt.

Mir sang es in den Ohren grell,
Wie Sturm hat's Meer geheult,
Und schwarze Wolkennacht schien hell
Von grünem Licht getheilt.

Da plötzlich plätschert es im Tact,
Als setzten Ruder ein,
Kann's an der Küste kahl und nackt,
Kann's eigner Herzschlag sein?

Herr Gott! Die Ruder kommen her,
Doch sehen sie mich nicht, –
Ich habe keine Stimme mehr,
Die Hand ist Bleigewicht.

Herr Gott! daß ich nicht rufen kann!
Entsetzlich ist die Qual!
Da schlägt mein Hund noch einmal an,
Bellt heiser ein-, zweimal.

Dann wird es völlig dunkel mir,
Und kühlig weht's um mich; –
Von vielen Tagen wissen wir
Nichts mehr, mein Hund und ich.

Nach Wasser ging der Leute Fahrt,
Nun kehrten sie geschwind
Zum Schiff und betteten uns zart,
Und ängstlich, wie ein Kind.

Der Arzt der reichte Krümlein Brod,
In Bier getaucht, uns dar,
Da wir vier Tage todtbedroht,
Bewußtlos ganz und gar.

Und süß ist es, zu leben, doch,
Das hab ich dann gespürt,
Und gute Menschen giebt es noch,
Ich lach' und wein', gerührt.

Und als ich sprechen durfte, mußt
Erzählen ich mit Fleiß,
Nur siebzehn Jahr! hab's noch gewußt,
Nein, nein! ich war kein Greis!

Mein Haar war nicht einmal ergraut;
Ich sprach von Tom, dem Hund!
Er ward gelobt, geküßt, beschaut«
Sie fütterten ihn rund.

Mich brachte weiter man ein Stück.
Bis man ein Städtchen sah,
Dort blieb ich dann allein zurück,
Ein Jahr in Afrika.

Noch nie war ich so gut gepflegt,
Nach Todesnoth und Graus,
Wie mich der Mann, die Frau gehegt,
Im kleinen, hellen Haus.

Sie frugen nach der Mutter gleich,
Mit Thränen – sprachen so,
Sie machten mir das Herze weich
Und machten's wieder froh.

Der Hund war Herr im Hause ganz,
Man kam, den Held zu seh'n,
Ihm fehlte nur der Lorbeerkranz
Und majestät'sches Geh'n.

Man sprach auch nie von mir allein,
Es ging von Mund zu Mund,
Ich konnte wo schon immer sein –:
Seht! Dearbourn und sein Hund!

Als endlich für Amerika
Das erste Schiff erschien,
Wie weinten sie, wie ließen da,
So ungern sie mich zieh'n.

Nun war daheim die erste Pflicht
Zum Rheder geh'n. Der mag
Von seinem Schiff vernommen nicht
Wohl haben Jahr und Tag.

Ich trete zögernd ein; im Bad
Hat er die Füße beid;
Da jauchzt er mir entgegen, grad
Als wär's ein Glück statt Leid.

Er sprang heraus, mit einem Schuh
Und Strumpf zur Hand, – verrückt
Durchlief er's Zimmer immerzu,
Hat mich bald todtgedrückt.

»Ist's wahr? Du sahst mein Schiff verbrannt?
»Du kommst allein zurück?
»Du rettest mich von Wahnsinns Rand!
»O Himmel! welches Glück!

»Weil ich das Ende künden kann,
»Beschwören mit Beweis,
»So bin ich nicht ein armer Mann,
»So zahlt man mir den Preis!

»Wo ist der Hund? Gott segne den,
»Der Dich dem Grab geraubt.
»Das Herz wird jung! Nun kann ich steh'n,
»Mit stolz erhob'nem Haupt!«

Noch eine Tagereise war
Bis zu der Mutter hin,  –
Was fang ich an? Wie künd ich's klar,
Daß ich am Leben bin?

Ich trat ganz leise bei ihr ein;
Gebückt saß am Kamin
Sie, bei der letzten Kohle Schein,
Und weinte vor sich hin.

Da stößt ein kühles Näschen ihr
Die Hände vom Gesicht,
Und Tommy leckt die Augen, schier
Als spräch er: Weine nicht!

Und heftig zitternd rief sie aus:
»Er ist's! es ist sein Hund!
»Du kommst doch nicht allein nach Haus?
»Mein Knab' ist noch gesund!«

Ich knie zu ihren Füßen schon,
Halt sie in Armen fest!
Weißt Du Johann, wie solch ein Sohn
Sich todt fast drücken läßt?

Der Hund der ist ein Mensch, Johann,
Wenn jetzt ich segeln muß,
Bleibt stets er bei der Mutter dann
Und weicht ihr nicht vom Fuß.

Einst fand ich beide nicht zu Haus,
Nachdem ich lange fort;
Ich ging der Kirche zu; ja drauß'
Lag vor der Thür er dort.

Laut winselnd flog zum Hals er mir,
Umarmte mich fürwahr,
Und Thränen rannen meinem Thier
Aus treuen Augen gar.

Nun ist er alt, kaum geht er mehr
Das Haus verläßt er nicht,
Doch setzt er stets sich zu mir her,
Und sieht mich an und spricht.

Wir reden dann von Schiffes Brand,
Vom heißen, durst'gen Blau;
Er legt den Kopf mir auf die Hand
Und weiß es noch genau.

Auch ist ein Grab ihm zugedacht,
Mit stolzem Leichenstein,
Drauf grab' ich, was mein Hund gemacht,
Mit gold'nen Lettern ein.

Und läßt man ihn, so treu und fromm,
Nicht ein am Himmelsthor,
So bleiben wir, ich und mein Tom,
Zusammen wohl davor!


Thränen der Rührung standen in der lieblichen Englein Augen, und sie hielten einen Rath, ob ein guter und treuer Hund nicht oftmalen den

Himmel verdient hätte und ob sie Tom nicht mit Ehren bei sich aufnehmen wollten.

Der Teufel aber fühlte die Wage ganz bedenklich schwanken in seiner Hand und den ganzen großen Berg Cumpât sich sachte heben. Das ärgerte ihn sehr: »Alles gelogen!« rief er, »Nimm Dich in Acht mit Deinen Erfindungen!«

»Ich erfinde gar Nichts!« sprach der Engel. »Wer würde eine Geschichte erfinden wie die Folgende:

Ein Förster hatte einen Hund, den er sehr liebte, weil er ein sehr kluger und sehr gewissenhafter Hund war. Eines Tages war man auf der Jagd gewesen und alles erlegte Wild, Rehe, Hasen, Rebhühner, waren in den Keller gehängt worden, auf daß sie recht zart würden, zum Essen.

Auf einmal wurde Fix vermißt. Das war noch nie dagewesen, Fix nicht auf seinem Posten! Der Förster suchte und ließ suchen, unbegreiflich, der Hund kam nicht, drei Tage lang.

Am dritten Tage stieg man in den Keller, einen Hasen zu holen; da lag der arme Hund und war todt. Nichts hatte er berührt von all dem schönen Fleisch und war neben demselben verhungert. Ob es wohl viele Leute geben würde, die lieber sterben, als ihrer Pflicht untreu werden? Das war nur ein Hund!

Man könnte so viele Geschichten erzählen, daß der Arm, der jene Wage hält, erlahmen müßte, da sie so bedenklich schwankt. Nur noch eine will ich erzählen von den Bergen.

Der Hirte Dan hatte einen Hund, den er besonders lieb hatte, ein prächtiges Thier mit langen Haaren, wie ein Bär, silbergrau, mit einem dunkleren Strich über den Rücken. – Eines Tages wurden Beide vermißt. Man suchte und suchte und fand endlich Dan, zerschmettert unter einem Felsen liegen, auf den er wahrscheinlich einem verirrten Schäfchen nachgestiegen war. Und auf ihm lag sein Hund, der ihn schon längst gefunden und wollte Niemand in seine Nähe lassen. Man suchte, ihn mit Speise und Trank von seinem todten Herrn fortzulocken. Er nahm weder Speise noch Trank. Endlich wurde er so schwach, daß er sich nicht mehr wehren konnte, als man seinen Herrn in die Erde versenkte; aber er legte sich auf das Grab und starb nach vielen Tagen, in denen seine urkräftige Natur ihn ohne jedes Nahrungsmittel am Leben erhalten. Er wollte nicht leben ohne seinen Herrn.«

Der Engel hatte noch nicht ausgeredet, da ging mit gewaltigem Getöse die Wage nieder, und ebenso hoch und mächtig wie der Cumpât stand demselben gegenüber der andere Berg, der Piscu Cânelui. Die Engel begannen vor Freude zu singen, nahmen sich bei den Händen und schwebten in einer endlosen Hora um alle Bergeshäupter. Immer dichter wurden ihre Schaaren, die wie weiße Wolken erschienen. Der Teufel aber ballte wüthend die Faust und schickte zwischen Cumpât und Piscu Cânelui ein Ungewitter zu Thal, daß die Berge zu wanken schienen. Seit der Zeit heißt das Thälchen zwischen den beiden Bergen valea reli, das böse Thal; denn von dort kommen alle Unwetter.

Der Ceahleu.

(Tschachlau.)

Der Ceahleu.

(Tschachlau.)

In der Moldau steht ein mächtiger Berg, fast so hoch wie der Bucegi; der heißt der Ceahleu12; er erscheint sogar höher als der Bucegi, weil er ohne Vorberge gerade aus dem Thal emporsteigt und seinen schneebedeckten Gipfel leuchten läßt, als ein Wahrzeichen rumänischen Heldenthums.

An einem Morgen, sehr frühe stieg ein berühmter alter Bärenjäger mit leichten Schritten empor.

Mosch13 Gloantza war weit und breit für seinen kühnen Jagden bekannt; er ging sogar im Winter in die Höhle des Bären, mit einem brennenden Wachslicht am Ende des Büchsenlaufs und schoß den Bären todt. Ein guter Erzähler war er auch, Mosch Gloantza, der gern den jungen Leuten die Zeit vertrieb und von ihnen wohl gelitten war.

Jetzt kam er in einen dichten Nebel, den er aber bald durchschritten hatte, und über demselben schien die aufgehende Sonne auf eine ganz enge Felsplatte und auf das lieblichste Bild, das sie nur beschauen konnte: eine Schaar junger Mädchen war dort um ein Muttergottesbild versammelt, das sie eifrig mit Kränzen und Blumen schmückten, während sie durch die weißen, wogenden Nebel von der ganzen Welt abgeschnitten waren.

Als Mosch Gloantza die Felsplatte erreichte, zuckte ein Blitz zu seinen Füßen und dröhnte ein Donner, wie Erdbeben, von unten herauf.

»Ah! Mosch Gloantza!« scholl es von allen Seiten. »Willkommen hier oben! Wir bringen der Mutter Gottes Blumen, weil sie hier immer Wolken hat und siehe, nun hat sie schon den Regen gesandt! Jetzt erzähle auch was, erzähle!« –

Der alte Mann schob die Pelzmütze zurück und die buschigen Augenbrauen in die Höhe:

»Was soll ich denn erzählen?«

»Von alten, alten Zeiten!« riefen die Mädchen, zogen ihn auf ein Felsstück nieder und sammelten sich um ihn, die Einen setzten sich ihm zu Füßen, die Andern blieben vor ihm stehen, noch Andere erschienen lachend in den Felsen über ihm und legten sich dorthin, um besser zu hören. Er aber hub an:

»Wißt Ihr denn, wer den Ceahleu gemacht hat?«

»Nein – Ja! o gewiß!« scholl es ringsum; »der liebe Gott natürlich!«

»Fehlgeschossen!« rief der Alte, »der liebe Gott hat die Sonne gemacht und das Korn und die andern Berge und die Flüsse, aber den Ceahleu, den haben die Rumänen gemacht!«

»Die Rumänen?« riefen die Mädchen, wie aus einem Munde.

»Vor langen, langen Jahren, es weiß kein Mensch, wie lange, da war hier ein großer Krieg. Die Feinde, die zum Dniestr heranrückten, waren gar nicht wie Menschen, sondern wie wilde Thiere. Sie waren klein und krumm und hatten flache Gesichter, so gelb wie Citronen, und ihre Augen waren so klein, daß man sie gar nicht sah. Sie waren mit ihren Pferden zusammengewachsen und jagten dahin, wie die Heuschrecken mit dem Ostwind. Wo sie hinkamen, da war Alles im Umsehen verzehrt und blieb Nichts zurück, als der nackte Boden. Die Kunde von ihnen hatte das Land mit Schrecken erfüllt, doch waren die Rumänen entschlossen, ihren Boden bis auf's Aeußerste zu vertheidigen. Sie verbündeten sich mit einem andern Volke, das war von heller Haut, blauäugig und hoch gewachsen, mit langem, gelbem Haar, von dem Einige mit dem Messer in Holzstäbe schreiben konnten, und vereint zogen sie an den Dniestr, die Schwärme von grausamen Heuschrecken nicht herüberzulassen. Der Kampf war lang und heiß und das Wasser vom Dniestr war roth von Blut und schwer von Leichen, aber die Leute ohne Augen ließen sich durch nichts erschrecken. Und wieviele man ihrer auch tödtete, es kamen mehr und mehr, immer Drei für Einen, der gefallen war. Sie hatten vergiftete Pfeile, die den sichern Tod gaben und wenn sie in nächster Nähe einen abgeschossen, so jagten sie davon, um mit Lanzen wieder vorzustürmen. Die Leichen im Dniestr bildeten endlich eine Brücke, über welche die kleinen Pferde herüberkamen und die Rumänen mußten sich hinter den andern Fluß, den Pruth zurückziehen, um sich dort von Neuem zu vertheidigen. Die Schlacht dauerte acht Tage; blutroth ging die Sonne auf und blutroth ging sie unter und blutroth waren Fluß und Feld. Endlich sprach der Fürst der gelbhaarigen Leute: »Wir müssen weichen, aber wo finden wir ein Bollwerk gegen diese Drachen!«

»Wir haben noch ein schönes Land!« riefen die Rumänen und zeigten den Weg. Da rief ihr weiser Fürst:

»Hört mich an, Ihr Mannen! Ein Jeder von Euch nehme eine Hand voll Erde und werfe sie vor sich!«

Sie thaten wie ihnen geheißen war, und da ihrer so Viele waren, hatten sie bald einen großen Berg gebaut, den sie Ceahleu, die Gelbhaarigen aber Kaukland nannten.

Noch bevor die furchtbaren Feinde herangestürmt waren, ragte der Berg in die Wolken und die Heere lagerten auf demselben in unerreichbarer Höhe. Hier waren sie die Stärkeren und schlugen jeden Angriff aus ihrer Höhe ab. Die Drachen unten gedachten aber, sie auszuhungern und umzingelten den Berg, so daß Keiner mehr herunter konnte. Bald wurden der Lebensmittel wenige und aus hohlen Augen sahen die Heere auf die feindliche Fluth im Thale, die sich auf ihren Aeckern und Weiden sättigte, nach dem sie alle Weiber und Kinder getödtet, die sich nicht hatten flüchten können und alle Wohnungen in Brand gesteckt.

Das Schlimmste war der Durst. Da der Berg noch unbewaldet war, so konnte es auch keine Quellen geben und jeder Krug Wasser, der aus dem Thal geholt wurde, kostete Einem oder Mehreren das Leben. In dieser großen Noth gingen die Fürsten schon zu Rathe, ob sie nicht einen Ausfall machen wollten und kämpfend zu Grunde gehen.

Da trat ein Hirte vor sie hin, jung und schön, mit langen schwarzen Locken und schwarzen Augen, wie Kohlen, der sprach: »Ich habe Tag und Nacht gesonnen, den Drachen da unten den Untergang zu bereiten; denn sie haben vor meinen Augen, meiner geliebten Maid die Brust durchstochen, sie so auf einen Baum genagelt, den ihren Pferden an die Schweife gebunden und sie fortgeschleift, daß eine blutige Straße den Weg bezeichnete, auf dem sie von dannen gejagt, bis von der wundervollen Maid Nichts mehr da war, als eine lange Haarsträhne, die sich fest um den Baum geschlungen. Ich weiß, wie ich meinen Rachedurst befriedigen kann, wenn ich auch selber dabei den jämmerlichsten Tod erleiden muß. Ich habe den ganzen Berg begangen, den wir gebaut und fand eine Stelle, die man loslösen und hinabwälzen kann. Ich will Euch sie zeigen; wenn Ihr tief genug gegraben, so gehe ich hinab und sage den Drachen dort unten, ich wolle ihnen den Weg zeigen, wie sie den Berg stürmen können und wenn ich den Bucium13 hören lasse, so wälzt den Berg auf sie herunter, aber nicht eher, damit ihrer genug beisammen sind und Ihr über Geröll und Leichen entkommen könnt!«

»Wie heißt Du denn, Du Tapferer?« sprachen die Fürsten.

»Ich heiße Bujor.«

»Weißt Du denn, Bujor, was Dich erwartet, wenn sie Dich als Betrüger erkennen?«

»Ich weiß es,« sprach der junge Mann mit gerunzelten Brauen, »ich sah, wie sie die Unschuld behandeln, was werden sie den Schuldigen thun!«

»Und Du fürchtest Dich nicht?«

Wovor soll ich mich denn noch fürchten, da mir das Leben leid ist, ohne meine Maid, die ich habe sterben sehen! Mich kann der Tod nicht schrecken!« –

Sie gruben nun Tag und Nacht eine tiefe Rinne in den Berg, sie trugen soviel Steine zusammen, als sie nur finden konnten, was Alles keine leichte Arbeit war, da sie von Durst ermattet waren. Aber endlich war die Erde genug gelockert, um beim ersten Anprall hinabzustürzen und Bujor nahm von ihnen Abschied, machte das Zeichen des Kreuzes und stieg zu Thal.

Er sagte den Wachen, er wolle mit dem Fürsten sprechen, er sei dem Verhungern nahe und wolle Viele vorm Tode retten.

Als er vor dem Gefürchteten stand, schlug dem jungen Manne doch das Herz; denn der Fürst sah ganz entsetzlich aus; Ihr müßt Euch vorstellen, was Ihr Euch nur von Grausamkeit und Bosheit denken könnt, und dann ist das Alles noch lammfromm gegen des Drachenfürsten Gesicht.

Er grinste und leckte sich die Lippen, da ihm Bujor erzählte, er wolle ihm eine Stelle zeigen, die ganz unbewacht sei und an der er leicht den Berg erstürmen könne.

»Wenn Du mich aber irre führst,« sprach der Fürst, »so wirst Du so sterben, daß der Tod Dir als süßes Labsal erscheinen wird.«

»So geschehe mir,« sprach Bujor ernst und bat um einen Trunk Wasser.

Die Nacht brach dunkel und sternlos herein, da rückten die Feinde zum Ceahleu heran, in schweigsamen Schaaren; die Hufe der Pferde hatten sie mit Heu umwickelt, damit sie keinen Lärm machen konnten. Bujor ging zwischen zwei krummen Reitern, die aus ihren Augenschlitzen ihn unverwandt anschielten. Er ging sehr langsam, damit möglichst Viele dicht am Berge seien, bevor er das Zeichen gab; er wußte die Stelle genau, wo der Bucium versteckt war und mit klopfendem Herzen ging er voran: Wenn es ihm nun nicht gelang sein Horn an die Lippen zu setzen, ohne daß die Drachen es merkten, was dann? –

Er sah ihre schwarzen Schaaren sich dichter und dichter um ihn und ihm nach drängen; jetzt begannen sie zu steigen, und hier lag der Bucium.

Bujor nahm ihn fest in die Hand, sah sich noch einmal unter den Feinden um, machte das Kreuz und blies aus aller Kraft. In dem Augenblick wurden ihm sämmtliche Zähne eingeschlagen und eine Schlinge um seinen Hals gezogen. Ehe er aber das Bewußtsein verlor, sah er den Berg sich bewegen und hörte ein Dröhnen, als wenn der Erdenschooß sich aufthäte, dann ein Angstgeheul ringsum und dann lag er begraben, inmitten von tausenden von Feinden. Die Rumänen aber stürmten zu Thal, über Schutt und Erde und Leichen von Menschen und Pferden fort; es ward ein solches Gemetzel, daß man nach Jahre nachher nichts als Schädel und Gliedmaßen fand, wie Maiskörner geschichtet. Die Feinde wichen zurück und die Rumänen bahnten sich den Weg in die Berge, wo sie geborgen waren; die Drachen gaben es endlich auf, sie zu verfolgen, sondern jagten in andere Länder davon, sie zu verheeren.

Bujor war aber nicht todt; ein Stein hatte ihn gedeckt, anstatt ihn zu zerschmettern, so daß die nachstürzende Erde leichter auf ihm geschichtet lag und ihm etwas Luft gewährte.

Nach mehreren Stunden kam er zu sich und spürte die Schlinge an seinem Halse; als er sie losmachen wollte, fühlte er eine erkaltete, steife Hand, die sie hielt und die er nicht öffnen konnte. Er gedachte, sie mit den Zähnen zu zerbeißen, da merkte er, daß er keine Zähne mehr hatte, und wenn er sich zu viel bewegte, rollte die Erde herab und beengte mehr und mehr den Raum, in welchem er athmete. Da kroch er langsam an die todte Hand heran, lockerte die Schlinge und zog den Kopf heraus. Jetzt konnte er sich rühren. Mit großer Vorsicht begann er, wie ein Maulwurf, die Erde wegzukratzen, den Platz unter dem Stein schonend, da er athmen konnte. Er mußte oft absetzen; denn immer wenn er glaubte, Luft zu haben, stieß er auf einen Todten, den er nicht aus dem Wege räumen konnte.

Schaudernd merkte er, daß er statt in Erde, in Augen griff, oder in einen Mund und einigemale hörte er ein Stöhnen, das Leben verrieth.

Aber endlich, endlich ward eine Stelle hell, so weit wie die Dicke eines Fingers, dann wie eine Hand, und wie trunken sog er die Luft ein, die hereinströmte. Mit letzter Anstrengung arbeitete er sich frei! als er den Tag sah, ward er ohnmächtig. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht. Als er die Augen aufschlug, war es ringsum todtenstill; Freund und Feind waren verschwunden und was unter dem Berge begraben lag, das stand nicht mehr auf, um zu erzählen, was geschehen sei. Bujor kam sich gar nicht vor wie ein großer Held, der er doch war, sondern wie ein armes, verlassenes Menschenkind, das gar kein Recht hatte, am Leben zu sein, da es todt war, für Freund und Feind. Doch regten sich Hunger und Durst und er schwankte auf matten Beinen zu Thal. Lieber wollte er von den Drachen gespießt und geschleift werden, als so elend Hungers sterben, allein unter lauter Leichen. Aber kein Feind ließ sich sehen und Bujor konnte zum Fluß gelangen, seinen Durst zu stillen; er trank auch, obgleich das Wasser roth von Blut war und sah sich um, wo die Seinen hingekommen sein könnten. Auf Tage im Umkreise gab es keine Menschen dort, was Beine hatte, war entflohen und was nicht fliehen konnte, war getödtet. Bujor wandte sich den Bergen zu; dort konnten die Heere sein, die wie vom Erdboden verschwunden waren. Er schlug aber einen falschen Weg ein und kam weiter und weiter von ihnen ab. Sie waren auch schon wieder zu Thal gezogen, bevor er sie erreichte.

Endlich war er das Suchen müde und dachte: »Sie halten mich ja doch für todt, warum suche ich sie noch!« stieg weiter in die Berge und ward wieder Schäfer, wie er es früher gewesen. Wenn er dann Abends den Hirten seine Geschichte erzählte, so lachten sie über seine schöne Erfindung, denn bis zu ihnen war der Kriegslärm nicht gedrungen, sie hatten auch die Drachen nicht gesehen und Bujor's eingeschlagene Zähne schrieben sie einem Streite zu. Sie sagten: »Bujor erzählt so oft seine Geschichte, daß er sie schon selber glaubt!«

»Der Arme!« riefen die Mädchen, als Mosch Gloantza still war. »Was machte er denn dann? Ist er immer dort geblieben? Wurde er nie belohnt, für seine Heldenthat?« so schwirrten die Fragen der Mädchen durcheinander.

Mosch Gloantza aber hatte seinen Tabak herausgenommen, seine Pfeife gestopft, rauchte behaglich und schüttelte nur den Kopf zu allen den Fragen.

»Geht ihn suchen,« sagte er endlich; »vielleicht hat ihm Gott zum Lohn ein langes, langes Leben geschenkt!«

»Dann ist er gar zu alt und unheimlich!« riefen die Mädchen und tanzten eine Hora, um Bujor zu vergessen.

Valea Rea.

Valea Rea.

Daß ich, der Pelesch, erleben muß, wie man mir meine kleine süße Geliebte vorenthält, das ist doch unerhört! Und wer kommt zwischen uns, um die langersehnte Vereinigung zu verhindern? Niemand Anderes als die böse, abscheuliche Prahova, die auch gar keine Heilige ist, sondern mit rasender Eile von dannen rennt, und eifersüchtig die Doftana zurückstößt, die denselben Weg will und auch gefallen möchte. Nein, ich möchte gleich wüthend werden! Solch ein herziges Schätzchen immer sehen müssen und nicht erreichen können! Ueberhaupt etwas nicht können, wenn man der Pelesch ist, der Bäume zu entwurzeln und Felsen zu versetzen im Stande ist – das ist zum Rasendwerden! Und die dummen Berge, der Cumpât und der Piscu Cânelui machten der süßen Nixe böse Gesichter und nennen sie Fata rea, böses Mädchen, bloß weil sie mich lieb hat. Und ich bin doch ein ganz hübscher Kerl. Ist es vielleicht unnatürlich, daß sie in meine Arme will? Aber wie können die alten griesgrämigen Berge die Gefühle einer kleinen, wilden, quellgeborenen Nixe verstehen! Von der Prahova rede ich gar nicht; die will, ich soll sie allein verehren und fängt mich stets in ihren Armen auf, wenn ich an ihr vorbei, über sie hinweg, unter ihr, neben ihr, durch sie hindurch zu meinem Schätzchen will.

So ein mächtiges altes Weib, wie die Prahova! Wie kann sie nur Einem gefallen, der die grauen Augen dort drüben hat blinken und funkeln sehen, der die zierliche Gestalt erblickt hat, wie sie von Felsen zu Felsen hüpft, wie sie sich durch die engsten Stellen hindurchwindet, als hätte sie gar keinen Körper! Aber Einer versteht sie doch, das ist der Himmel; denn immer, wenn die liebe Kleine die schwarzen Brauen zusammenzieht und ungeduldig mit den Füßen stampft, dann macht der Himmel noch ein viel finstereres Gesicht und schickt gleich die schwärzesten Wolken herauf, um der Welt zu zeigen, was es heißt, mein süßes Liebchen zu ärgern!

Manchmal seufzt sie so, daß sie davon ganz aufquillt, und dann wird es ihr in ihrem Bette zu eng, das nicht für starke Gefühle berechnet war.

In solchen Augenblicken denke ich oft, sie springt zu mir herüber, aber vor meinen Augen faßt die abscheuliche Prahova sie an den Locken, schüttelt sie, peitscht sie und reißt sie mit sich fort, und wie sehr ich nachrenne, wie sehr ich auch der Prahova auf die Schleppe trete, sie zu zwingen, stille zu stehen, und mir die Geliebte herauszugeben, – sie ist stärker als wir Beide und zieht mich mit zu Thal, aber so, daß sie immer zwischen uns steht. Nicht einmal umsehen darf sich die Kleine, sonst wird sie schrecklich mißhandelt.

Alle Heiligen möchte ich anrufen, aber die hören nicht auf so einen heidnischen Bach, der nie in die Kirche geht und nicht fasten kann!

Ich habe schon die Bären geschickt, die Prahova auszusaufen, aber Keiner hat das fertig gebracht. Ich wollte auch nicht, daß sie zu lange dort weilten und mein Liebchen anstarrten. Eigentlich gönne ich's sogar dem Himmel nicht, daß er sie ansieht und die zwei Berge – anspucken möchte ich sie mit meinem wildesten Schaum; aber ganz ruhig streift die Prahova vorbei und nimmt Schaum und Haß und Zorn und fegt Alles hinunter, als wenn ich gar nicht auf der Welt wäre, mit meinen überwältigenden Gefühlen.

Nicht einmal daß ich in Knechtschaft gerathen bin, kann ich ihr sagen, und ich weiß doch, daß ihre schönen Augen überfließen würden, wenn ich's ihr erzählte. Früher war ich schon wüthend, wenn ich die alten Holzsägen während ein paar Augenblicken bewegen sollte; was sind Holzsägen gegen meine jetzigen Leiden! Mein schönstes Wasser haben sie in enge Röhren von Thon und von Blei gefaßt und mich darin den Berg hinauf geführt, was ganz gegen meine Natur ist und einen rechtschaffenen Bach in äußerste Verzweiflung bringen muß. Und dort oben, wo sie mich endlich das Tageslicht wieder erblicken lassen, was muß ich sehen? Steine und immer wieder Steine, die sie auf einander thürmen, und dazwischen meine Freunde, die Bäume, ganz jämmerlich zugerichtet, des Laubes, der Zweige, der Rinde und der schönen, runden Form beraubt! In dem Zustand finden die Menschen sie schöner und sagen, sie machen ein Schloß und nennen es nach mir, Castel Pelesch! Castel Pelesch, wahrhaftig! Ich habe es ihnen aber auch sauer gemacht, das Bauen! Ich habe unter all den kleinen Quellen im Berge hinten, im Ausläufer von Piatra Arsa, eine Verschwörung angestiftet, so daß jedesmal, wenn die Menschen Alles schön ausgegraben und heruntergekratzt hatten und anfangen wollten zu mauern, meine kleinen Freunde anfingen zu drücken aus Leibeskräften – und bautz! lag die ganze Erde wieder drunten! Das haben wir so getrieben, zwei Jahre lang. Doch eines Tages fiel mir's ein zu fragen, für wen das Schloß sein sollte.

»Für Carmen Sylva!« war die Antwort.

Für Carmen Sylva, meine Freundin? und das hat sie mir gethan? in solche Knechtschaft hat sie mich gerathen lassen? Ich verhüllte mein Angesicht und weinte viele Tage, solche Ströme von Thränen, daß ich alle möglichen Dämme einriß, Holz fortschwemmte, kurz eine ganze Verwüstung anrichtete. Dann aber wurde ich ganz still und geduldig. »Für Carmen Sylva!« flüsterte ich den kleinen Quellen zu und von Stund an haben wir uns nicht mehr gewehrt. Nun steht das Schloß fertig da, mit lauter schlanken Spitzen, die im Mondschein und Nebel genau so aussehen, wie die Tannen. Ich dachte, mein Leid sei nun zu Ende; das war aber ein bitterer und schwerer Irrthum. In Röhren mußte ich nun durch das ganze Schloß spazieren, bis unter's Dach, in alle Gänge, Bäder und Gott weiß was noch!

Carmen Sylva hat gesagt: »Wasser! ich muß Wasser, viel Wasser, überall Wasser haben!« und anstatt zu mir herunterzusteigen, wo sie Wasser genug gehabt hätte, – denn ich habe nie gegeizt, – quält sie mich auf den Berg hinauf, d. h. das thun andere Menschen in ihrem Namen. Wenn sie wüßte, daß ich die ganze Revolution der kleinen Quellen ihr zu Liebe erstickt habe, sie würde vielleicht nicht so undankbar sein und mich so schlecht belohnen. »Viel Wasser!« Die nichtsnutzigen kleinen Quellen waren schlau und ließen sich nicht fassen, nachdem sie den Aufruhr gemacht, sondern krochen weit zurück und tröpfelten schwächlich herunter, als könnten sie nicht drei zählen. Nun rutschen sie ganz glatt um das Schloß herum und den Berg hinunter und lachen mich aus, indem sie noch den ganzen Boden heben und schütteln, so daß man ihnen unterirdische Gewölbe bauen muß, als wären sie Kostbarkeiten!

Ich kann nicht sagen, daß es da drinnen im Schlosse häßlich wäre. Erstens sind viele schöne Farben drin: alle Gänge sind gemalt und überall sind farbige Scheiben; dann sind die Bäume zu allerhand Zierrath benutzt, sehr kunstvoll geschnitzt, mit Blumengewinden. Diese sind aber farblos und leblos, da sie von Holz sind. Teppiche sind drin, die an Moos erinnern und Vorhänge, die aus der Entfernung dem Laub gleichen. Einen Raum nennen die Menschen Speisesaal, einen Andern Tanzsaal, einen Andern Musiksaal. Sonderbare Menschen! Warum thun sie denn das Alles nicht in einen Raum, oder unter Gottes freien Himmel, wo sie wirkliche Blumen und wirkliche Bäume, anstatt geschnitzte Blumen und gemalte Bäume hätten. Auch Menschen werden hingemalt, als wenn ihrer nicht schon genug herumliefen und sie sich gar nicht oft genug sehen könnten. Und vor diesen unbeweglichen Menschen, die sich jahraus jahrein freuen oder ärgern, die ewig drohen oder immer lächeln und gar immer weinen, stehen sie in großer Bewunderung und nennen das »Madonna« und »Judith« und »Magdalena« und »Herkules«, und eine Schaar von steifleinenen Gesellen, die Alle dasselbe Lächeln haben« nennen sie »Ahnen!«

Wenn ich nur einmal begreifen könnte« was das ist: Ahnen! in meiner Welt weiß Keiner etwas davon, selbst die ältesten Bäume nicht, die doch viel erlebt haben. Ich frug sie, ob sie Ahnen hätten. Da zeigten sie auf die Erde, wo lauter faule, modernde, moosige Stämme lagen. Die glichen aber so wenig den Bildern im Treppenhaus von Castell Pelesch, daß ich die dummen Bäume tüchtig auslachte.

Carmen Sylva's Zimmer habe ich auch gesehen. Da ist ein so großes Fenster drin, daß man glaubt, es ist gar Keines da und die Tannen und der Rasen von der Bergwand würden direct hereinspazieren. Zu was aber alle die Stühle und Kissen und die kleinen Tische sind und die vielen, vielen Bücher, das möchte ich wissen. Sie sitzt doch sonst so gern auf Baumstämmen, auf Steinen und Moos; warum hat sie die nicht in ihr Zimmer getragen? –

Zu aller Qual, die ich ausstehen muß, gesellt sich aber nun noch ein furchtbarer Schrecken. Sie machen ein schnaubendes Unthier, Maschine genannt, an mein Ufer und sobald ich in die Räder fahre, beginnt ein Blitzen und Funkensprühen, daß mir Hören und Sehen vergeht, und ich meine, das stärkste Gewitter sei ein Kinderspiel dagegen, weil es Oben in den Wolken ist, aber nicht Unten auf der Erde. Und in demselben Augenblick wird das ganze Schloß droben hell. Da stehen wieder die Menschen bewundernd davor und sagen: Feenschloß! Zaubermärchen! Schönes Märchen, wenn ich vor Angst vergehe und vor Schwitzen zerfließe. Uebernatürlich ist das Ding wohl, daß hier Unten die Funken krachen und dort Oben das Schloß ganz ruhig hell wird. Vielleicht, wenn es ohne mich und ganz von selbst hell würde, wäre ich auch entzückt, so aber fürchte ich mich den ganzen Tag vor dem Abend, was eines stolzen Baches ganz unwürdig ist.

Warum hatte Carmen Sylva nicht genug an ihrem kleinen, lieben Forsthaus, das höher im Berge und tiefer im Walde an meinem Ufer gelegen ist und mir weiter keine Qual bereitet, als daß ich für einige Augenblicke in einen kleinen See aufgefangen und zur Ruhe unter den mächtigen Bäumen gezwungen werde, um dann mit einem Fall weiter zu brausen. Dort ist es so still, so still, alle Zimmer von dunkelm Holz, alle kleinen Scheiben in Blei gefaßt und in ganz winzigen Stübchen, unter dem weitvorspringenden Dach, ist Carmen Sylva versteckt und hört mir zu. Dort hat sie alle diese Geschichten geschrieben und dabei oft und oft herausgesehen, in die Tannen und Buchen und über den kleinen Bär gelacht, der an einen Baum gebunden war und spielte wie ein Hund. In dem größeren Zimmer saßen schöne junge Mädchen und machten Feenarbeiten, sie zauberten Blumen hin, als wären sie frisch und duftend. Oft klang auch lieblicher Gesang aus dem Hause, der mein Herz erfreute. Das ist nun Alles vorüber!

In dem großen Schloß wird sie wohnen, mit vielen, vielen Menschen und mein Gemurmel kann nicht mehr zu ihr hinaufdringen. Wie manche goldene Morgenstunde haben wir zusammen verplaudert, wie manches Mal habe ich ihren Fuß, ihre Hand, ihre Wangen genetzt! Wird sie noch kommen? Man sagt, sie sei nicht bloß Carmen Sylva, sondern noch etwas Anderes, Fremdes, das ich nicht glauben will; denn sie selbst hat mir Nichts davon gesagt. Sie sagt mir freilich nicht viel; denn ich lasse sie gar nicht zu Worte kommen. Wir sind oft monatelang getrennt und wenn sie dann wiederkommt, ist sie müde und ernst und will von mir erheitert sein. In Einem ist sie glücklicher als ich, sie kann die kleine Rea besuchen und ich bin festgebannt, eingeengt, betrogen, gequält, erschreckt, kurz in jeder Weise unglücklich gemacht. Diese Schicksale könnte ich Alle der kleinen Rea erzählen, aber die Prahova rauscht immer ganz besonders mit ihrer Schleppe, wenn ich etwas sagen will, so daß man Nichts hören kann. Und meine Zeichen versteht die Rea nicht, weil sie sich von all diesen Wundern gar keine Vorstellung machen kann. Sie ist solch ein unschuldig Bergkind, das noch Nichts gesehen hat als Schafheerden und den einsamen Hirten dazu und ein paar Holzhacker. Wenn sie wüßte, was ich für vornehmen Umgang habe, und daß ich Ahnen gesehen, sie machte einen Fall vor Verwunderung!

Nun muß ich mich damit begnügen, den dummen Menschenkindern meine Geschichten zu erzählen, die mich die halbe Zeit gar nicht verstehen. Sie gaffen mich an und sagen sogar: »Ach wie hübsch!« Aber wie hübsch mich die schöne Kleine finden würde, das ahnen sie gar nicht! Einige bilden sich sogar ein, sie hätten mich begriffen und dann erzählen sie allerlei dummes Zeug, was ich nie gemeint habe. O, wie lachte ich sie aus! aber so, daß es schallt, daß die Felsen davon klingen und sie stehen mit offenem Munde dabei und merken gar nicht, daß ich sie auslache, weil ich gleich nachher vor Zorn weine. Ich habe überhaupt so viele Gedanken und Gefühle, wie sie nur ein wilder Waldbach haben kann und alle diese stürmischen Gefühle verschlingt die Prahova ganz gleichgültig und trägt sie lächelnd an der großen Welt vorüber, die ja weder hört noch sieht und gar nichts fühlen kann weil der Wind fortwährend über sie hinstreicht und alles was als Gefühl aufkeimen könnte, auslöscht und verweht.

Sei nur böse, kleine Rea, sei böse auf die windige Welt und weine um Deinen ewig treuen, mißverstandenen, stürmischen Pelesch!

Balta.

(Der See.)

Balta.

(Der See.)

Sie schwamm auf dem stillen See, in leuchtender Weiße. Es rührte sich Nichts. Kein Hauch kräuselte die Fläche; selbst die einsame Libelle, die vorhin darüber hingeflogen, war verschwunden und die Unke wollte nicht vor Abend singen; darum lag sie still auf dem Wasser und träumte. Wer konnte rathen, was das schöne Haupt in sich barg? Viele hatten es versucht, aber verschlossen blieb ihnen das Räthsel, dunkel wie des See's Tiefe, von dem man sich allerlei Unheimliches erzählte.

Aber viel umworben war sie, die weiße Wasserrose, mit dem zarten Gesicht, den feinen Würzlein, die so willenlos und beweglich immer umsonst nach festerem Halte zu suchen schienen. Rings war sie von Schilf umgeben, der ihr beständig vorsäuselte und schmachtend das Haupt zu ihr hinabneigte. Sie hatte schon mehrmals die schönen Blätter vor Ungeduld geschlossen; dann versprach er so fest zu schweigen, bis sie sich wieder aufthat; aber jeder Windhauch gab ihm einen Vorwand zu neuem Geflüster; noch dazu war er so grau und hatte so nichtssagende, flockige Blüthen, deren feines Gefieder sich erdreistete, sich hin und wieder an die schöne Einsame anzuhängen, was ihr jedesmal ein leises Schaudern verursachte. Der Wind rühmte sich, er allein habe die Träumende in heftige Aufregung versetzt, so daß er sie fast von den zarten Würzlein gerissen und entführt hätte.

Das hörte der Epheu und machte ein mitleidiges Gesicht: »Ihre Wurzeln sind nicht zarter, als die meinen, und wie oft habe ich Dir widerstanden, wenn Du mich zerreißen wolltest auf dem Wege zu ihr hin.«

»Auf dem Wege zu ihr!« lachte der Schilf. »Hast Du Dich nicht vergebens an mich geklammert, und mich gefleht, Dir eine Brücke zu bauen?

Aber ich hütete die Reine vor Deiner Umarmung.«

»Du hättest sie gehütet?« sagte giftig der Löwenzahn; »Ihr seid Alle plumpe Gesellen, so fein, wie ich wirbt nicht einmal der Wind, wenn er am leisesten flüstert, schaut her!« und wie er das sagte, schickte er eine kleine Flocke der Träumenden zu, aber sachte, sachte blies der Wind sie dicht an ihr vorüber, an's andere Ufer, und so oft der Löwenzahn wieder ein Samenflöckchen hinaussandte, blies der Wind es sachte fort, bis ein säuselndes Gelächter durch das ganze Schilf ging, so daß der Löwenzahn gelb wurde vor Aerger.

»Ach!« seufzte der Mohn, »meine Liebe ist doch so brennend heiß, wie keines Anderen, mein zartes Erröthen so beredt! aber sobald ich ihr nahe, schläft sie ein und hört kein Wort von Allem, was ich ihr sage!«

»Die Tölpel!« lachte der Goldregen – »kalten Schönen seufzt man nicht vor, sondern lockt sie mit Glanz und Reichthum. Ich werde sie mit meinem Gold überschütten und in einem Augenblick gewinnen!« So sprechend schüttelte er sich und bedeckte den ganzen See mit seinen schimmernden Blüthen, wobei er triumphirend die Abgewiesenen ansah. Aber wie erschrak er, als die Wasserrose noch so unbewegt wie zuvor nach dem Himmel empor sah, und all' das Gold gar nicht bemerkte. Der Goldregen stand verarmt und beraubt und hüllte sich in dunkles Grün. Er wollte eben solche Trauergewänder anlegen, wie der Epheu, dessen Blätter die allerdunkelsten waren und der seit seinem großen Kummer sogar schwarz blühte, aber er konnte es nicht fertig bringen, und darum glaubte ihm Niemand, so wie dem Epheu. Nur eine kleine Steinnelke flüsterte mit spitzer Zunge, es sei Alles nicht wahr, der Epheu habe auch hinter dem Felsen nach ihr geschmachtet und ihr dann weiß gemacht, er sei ihretwegen in so tiefer Trauer; er sei überhaupt ein Dichter und darum in Alles verliebt und immer betrübt. Stets wolle er Jemand umarmen und auf dem Wege zu den kleinen Blumen behielte er zuletzt Nichts im Arme, als eine alte garstige Mauer, oder eine gräuliche Grauwacke.

Warum aber die Wasserrose immer nur nach dem Himmel sah, das hatten die thörichten Verliebten noch gar nicht bemerkt; sie hätten doch sehen müssen, daß der Mond dort oben stand; freilich war er so weiß und unbedeutend, daß sie gar nicht auf ihn Acht gaben. Er aber wartete, bis sie alle schliefen, dann begann er zu leuchten und schickte seine Strahlen in den See, die Wasserrose zu küssen, und so oft er sie küßte, verwandelte sie sich aus Liebe und ward zum Irrlicht. Das tanzte und schwebte und wollte durchaus zum Geliebten empor. Aber weil das Irrlicht eigentlich eine Wasserrose war, hielten es unsichtbare Würzlein am See fest, darum tanzte es wie verrückt hin und her und zerrte an den Fäden, rächte sich auch an den langweiligen, schlaftrunkenen Liebhabern durch unzählige Neckereien. Am ärgerlichsten war aber die Staatsdame Tulpe über das Irrlicht, das sie beständig weckte, und weil sie bei Hofe gewesen und an vieles Wachen gewöhnt, war ihr Schlaf ohnehin immer schlecht; darum hatte sie allein es nach einiger Zeit ausgekundschaftet, wie es sich mit dem Irrlicht verhielt. Sie reckte sich noch viel mehr, als sonst; nun wußte sie, die Wasserrose sei eine ganz unmögliche Person, die in unanständigster Weise sich nicht nur vom Mond küssen lasse, sondern ihm sogar nachlaufe, wie eine Hexe tanze, aller Keuschheit entkleidet, und alle diejenigen, die sie wie eine Heilige verehrten, so herzlos neckte und mißhandelte. Sie beeilte sich, die Geschichte gleich den andern Blumen zu erzählen.

Vergißmeinnicht riß darüber seine unschuldigen blauen Augen so weit auf, bis sie viel größer stehen blieben, als sie je gewesen, was die Tulpe unausstehlich dumm fand und es Maiglöckchen sagte. Maiglöckchen aber hatte die Wasserrose unendlich lieb und weinte bitterlich. Darüber wurde die Tulpe vor Aerger roth bis über den Hals hinunter, und sagte es allen Gräsern; die schlugen zusammen und kicherten und sagten es dem Wind, der eben über sie hinzog, und der Wind sagte es dem Schilf und dem Wasser und den Wolken, die bitterböse die Stirn runzelten und den Mond verhüllten. In den Gräsern aber hatten die Leuchtkäfer gesessen; die meinten das reizende Irrlicht für sich zu gewinnen. Da ward an dem ganzen See ein Jagen und Turnieren, Irrlichtchen tanzte verzweifelt hin und her, die Leuchtkäfer meinten, es locke sie und tanze zum Spaß, schwirrten rings umher, um es zu erhaschen. Tausend Lichtchen glänzten im Schilf, im Moose, unter den Blättern, über dem Wasser; der See spiegelte sie wieder mitsammt dem Monde. Es war eine wunderbare, geheimnißreiche Nacht, und all' die verschwendete Liebe ward leuchtender Nebelduft, der wie ein zartes Gewebe die Bethörten einhüllte, um bei aufgehender Sonne thauig auf alle die Blumen zu fallen, die nichts mehr sahen, als die stille Wasserrose und einen blassen Mond, in blauender Höhe.

Der Ritter Enzian auf der Bergeshöhe vernahm aber die Kunde von der wunderbaren Wasserrose und meinte in ihm schlummere ein Feuergeist, der wohl des Irrlichts werth wäre. Er war zwar schon längst in das Edelweiß verliebt, dessen zarte Blätter er gar zu gern umarmt hätte; er war um so verliebter, als ihre beiden Bergschlösser durch einen tiefen Abgrund getrennt waren. Da die Ritter aber stets ein weites Gewissen besaßen, und nur von ihren Frauen alle Tugenden verlangten, so zog er aus, mit Schild und Speer, so recht vor des holden Edelweiß Augen, damit es dächte, es gälte einen Kriegszug. Die Alpenrosen bewunderten ihn sehr, und wurden ganz roth bei seinem Anblick und bedauerten, daß das einzige Interesse des Sommers, der Ritter Enzian, auf Abenteuer zöge, anstatt sich um sie zu bemühen. Edelweiß aber war viel zu vornehm, um sich das geringste Bedauern merken zu lassen. Es stand kühl im weißen Sammetkleide auf seiner Burgzinne und winkte kaum merklich mit dem Haupte, als Ritter Enzian mit gesenktem Speer sie grüßte. Ein Falke, der hoch über ihr kreiste, sah aber den ganzen, vermeintlichen Kriegszug mit an und erzählte dem Edelweiß von dem Wasser in der Tiefe und der weißen Rose darauf und wie Ritter Enzian mit dem Prinzen Narciß turniere, aber von den tausend starken Duftpfeilen des Prinzen Narciß so schwer verwundet ward, daß er entkräftet zu Boden sank.

Edelweiß that ganz gleichgültig, aber inwendig spürte es ein Zittern und hätte gern noch mehr gefragt, doch der Falke flog in weiten Kreisen davon und ihn zurückzurufen, dazu war sie zu stolz, es geziemte nicht ihrer Würde.

Prinz Narciß war nun ein Held geworden, worüber er selbst nicht wenig erstaunte, denn bisher hatte er gar keine Zeit dazu gehabt. Er mußte sich im Wasserspiegel betrachten, sich parfümiren und nach der Wasserrose schmachten, aber gerade nur soviel, daß es ihn interessant machte vor den anderen Blumen. Doch hatte er noch mit Keiner ein Turnier ihretwegen gehalten, da ihm Niemand vornehm genug gewesen war. Auf den Dichter Epheu sah er huldreich herab, den Schilf, diese Crapule, sah er gar nicht an und hielt beleidigt und nervös die Ohren zu, wenn der zu säuseln begann. Dem Goldregen that er aus Mitleid nichts; denn mit seinem mächtigen Duft hätte er ihn sofort getödtet. Er fand auch dessen prunkhaften Reichthum entsetzlich parvenuhaft. Mohn und Löwenzahn waren aber zu gewöhnliche Leute, gar nicht »comme il faut!« – als daß man sich mit ihnen in Streit einlassen konnte; sie wären gleich grob geworden. Nun aber war der Ritter Enzian von Bergeshöhen herabgezogen und erklärte Fehde allen, die die Wasserrose liebten.

Narciß hob den Handschuh auf und tödtete den armen Ritter mit seinem furchtbaren Duft. Da er nun ein Held geworden, hätte er gewünscht sein Lob tausendfältig singen zu hören und ärgerte sich furchtbar, daß statt dessen die Unken ein Klagelied anstimmten zu Ehren des gefallenen Ritters. Aber so ist die Welt: so lange man lebendig bleibt, wird man nicht beachtet; todt muß man sein, um besungen zu werden. Was würde er gesagt haben, wenn er erfahren hätte, daß Edelweiß später den Schleier genommen, aus Herzeleid um den Ritter Enzian! –

Gegen Abend, als er sich etwas von den Anstrengungen des Tages erholt hatte, rief er so, daß Alle es hörten: »Komm' zu mir, schöne Einsame! Du bist weiß und rein, wie ich, Du bist es werth meine Prinzessin zu werden!«

Kaum hatte er das gesagt, als er ein heftiges Brennen fühlte, von allen Seiten, bald hier, bald dort, weil er aber ein Held geworden, ertrug er den Schmerz standhaft, ja er haschte sogar nach dem Irrlicht und hielt es fest. Eine Zeitlang litt er große Schmerzen, dann aber fühlte er das Irrlicht kälter und kälter werden und schwerer und schwerer. Weil er aber den Ritter Enzian bezwungen, mußte er noch weiter seine Kraft zeigen und hielt sich aufrecht.

Endlich wurde die Last so groß, daß er loslassen mußte, und vor seine Füße fiel ein wunderbarer Stein, so weiß wie die Wasserrose, der alle Farben des Himmels und der Erde in seiner Tiefe enthielt und Feuer, so strahlend wie das Irrlicht. Prinz Narciß aber fiel ohnmächtig zu Boden, worüber im Schilf ein feines Gelächter entstand; sie hatten gut lachen, sie wußten nicht, wie viel er in einem Tage ertragen. Und die Unken sangen keine Klagelieder, denn sie kannten ihn schon zu lange, darum konnte er in ihren Augen kein Held sein.

Da ward mit einem Mal ein Rascheln im Schilfe, die Halme wurden zur Seite gebogen und ein Bergmännlein mit langem Barte betrachtete mit entzückten, weit vorstehenden Augen den herrlichsten Opal, den er je geschaut. Mit äußerster Anstrengung hob er ihn auf; er wollte ihn in seinen Sack stecken, da fing der Stein an, als helle Flamme in seiner Hand zu brennen. Bergmännlein wollte sich den kostbaren Stein nicht entgehen lassen und steckte die Flamme schnell in die Laterne, die ihm um den Hals hing und so huschte er davon in den Berg hinein: »Schaut her!« rief er den Andern zu, »Schaut her! welch wunderbaren Opal ich fand!« Die Gefährten lachten laut:

»Es ist ein Irrlicht!«

»Nein,« sprach Bergmännlein, »ich habe den Stein selbst aufgehoben, und in meiner Hand begann er zu brennen.«

»Es ist ein Irrlicht!« lachten die Andern.

Das arme Bergmännlein wurde ganz wüthend, drohte mit den Fäusten, konnte sich aber auf kein Raufen einlassen, wegen seiner Laterne, die es nicht zerbrechen wollte. Darum sagte es ganz grimmig: »Es ist doch ein Opal, und ich bin der Reichste von Euch Allen!« Mit diesem Gedanken beruhigte er sich, hütete seinen Schatz viele Tage, bis mit einem Male die Flamme anfing immer kleiner und schwächer zu werden, ja so schwach, daß man sie kaum noch sah.

»Trage sie an den See,« sagten die Andern, »Du wirst sehen, sie wird wieder groß!«

Bergmännlein ging mit schwerem Herzen an den See und hoffte noch im Stillen, er würde wieder mit dem Opal heimkehren; kaum aber öffnete er seine Laterne, da huschte die Flamme heraus und glitt, größer und größer werdend, geräuschlos über das Wasser hin, bis mitten in den See, wo sie noch größer ward, sich in leuchtende Blätter theilte, und endlich als Wasserrose unbeweglich nach dem Monde hinaufsah. Das arme Bergmännlein ging ganz verdutzt nach Hause und wurde weidlich ausgelacht. Die Geschichte von der Wasserrose glaubte ihm natürlich Keiner.

Rîul Doamnei.

Rîul Doamnei.

Unweit dem lieblichen Gebirgsstädtchen Câmpa Lungo windet sich ein frischer, klarer Bach dahin, der Rîul Doamnei, der Bach der Fürstin genannt. Dieser Bach führt Gold in seinem Bette, zuweilen Stücke halb so groß wie der Nagel, und es war vor Zeiten Sitte, daß dieses Gold allemal der Fürstin gehörte. Und warum es ihr gehörte, das ging so zu:

In dem Rumänenlande war eine große Hungersnoth, eine Hungersnoth, wie man seit Menschengedenken nichts Aehnliches gesehen. Zuerst waren die Heuschrecken gekommen, in solchen Schwärmen, daß sie die Sonne verdunkelten, und wo sie sich niederließen, da war das schönste Aehrenfeld in einigen Minuten kahl wie eine Tenne, die Bäume ohne ein einziges Blatt starrten mit ihren nackten Aesten in den Sommer hinein, dessen ewig blauer Himmel die Hitze immer größer werden ließ, so daß bei Nacht keine Erfrischung mehr in der Luft war. Sobald Alles ringsum abgefressen war, erhob sich die Wolke von Heuschrecken, um sich schnell wieder auf das nächste Grün zu senken. Und so ging es unaufhaltsam fort, und damals war man noch nicht so klug wie heute, wo man die großen Strecken mit Petroleum begießt und das Alles dann in Brand steckt. Kanonen gab es auch noch nicht, mit denen man, wenn sie fliegen, drunter schießen und sie manchmal so auseinandersprengen kann.

Nach den Heuschrecken waren die Polen von Norden her eingefallen, die Ungarn von Westen und die Türken von Süden und so wurden die Häuser verbrannt und das Vieh geraubt. Jetzt hatten alle diese Feinde das Land verlassen, hatten aber Fieber und Seuchen unter Menschen und Thieren zurückgelassen. Mit schwarzen Lippen und Wunden am Körper gingen die Menschen herum. Das Vieh verreckte in Massen auf den dürren Feldern, wo es keinen Halm mehr gab. Nur die Hunde und Raben hatten gute Tage; sie rissen das Fleisch von den Knochen, so daß man stundenweit Nichts sah als weiße Gebeine mit dem rothen Fleisch daran und Milliarden von Fliegen, die in den prachtvollsten Farben schillerten, darauf. Die Luft zitterte vor Hitze und entsetzlicher Geruch verbreitete sich auf weite Strecken, der wie ein Pesthauch die Menschen niederwarf, daß sie in wenig Stunden starben. Man hörte keine Klagen mehr, denn dumpfe Verzweiflung hatte Alles zum Schweigen gebracht und Niemand erzählte es, wenn die verhungernden Menschen sich untereinander aufzehrten. Es läutete keine Glocke mehr, es gab weder Sonn- noch Feiertag, auch keine Arbeit; denn man hatte keine Ochsen zum Pflügen und keine Körner zum Säen. Wie Gespenster schlichen die Menschen umher, denen die Knochen durch die Haut herausstarrten, deren Lippen zurücktraten, daß die Zähne bloß lagen und denen noch einige Fetzen am Leibe hingen. Kaum fanden sich noch Leute, die Todten zu verscharren. Viele blieben, sammt dem Vieh, auf dem Felde liegen.

Die schöne Fürstin Irina fühlte ihr Herz vor Mitleid brechen. Sie hatte alle ihre Juwelen hergegeben für die Armen; sie hatte mit ihrem letzten Gelde Vieh gekauft für die Bauern; das war aber gleich der Seuche erlegen. Sie hatte die Hungernden gespeist, bis sie selbst kaum mehr genug hatte für ihre vier kleinen Kinder. Verzweiflungsvoll stand sie am Fenster und rang die Hände und betete: »Lieber Gott! hast Du mich denn ganz verlassen?! Willst Du unser armes Land vernichten? Haben wir denn mehr gesündigt, daß wir solche Heimsuchung ertragen müssen?« Da kam ein leises, kühles Wehen herein, mit einem so süßen Duft, wie von dem schönsten Blumengarten und eine silberne Stimme sagte: »Aus einem Flusse wird Dir Hülfe erwachsen. Suche nur!«

Da ging sie zum Fürsten, ihrem Gemahl und zu ihren Kindern, nahm Abschied und sagte, sie werde bald wiederkommen. Sie wisse wo zu suchen, um Alle von der Qual zu erlösen. Sie that so heiter und so sicher, daß Alle Vertrauen und Hoffnung gewannen; denn sie verschwieg ihnen, daß sie nicht einmal wußte was sie suchen solle.

Sie begann eine mühselige Wanderung in der heißen Sommergluth, den Flüssen nach. Manchmal fand sie noch ein mageres Pferdchen, das sie eine Strecke weit trug, dann aber unter ihrer leichten Last todt zusammenbrach. Sie ging am Olto hinauf, am Gin, am Buzlu, am Sereth, an allen großen und kleinen Flüssen. Spärlich wanden sie sich durchs Gestein und die sonst so mächtigen Wasser flüsterten kaum noch dahin, wo sie sonst rauschten und brausten.

»Lieber Gott!« betete die Fürstin. »Laß doch eine kleine Wolke erscheinen, wenn ich den Fluß gefunden, der mir helfen soll!« Aber es kam keine Wolke. Sie wanderte zum zweiten Mal den Argesch hinauf und wollte eben traurig umkehren, als sie die Mündung eines kleinen Baches gewahrte, auf die sie vorher nicht geachtet. Zögernd lenkte sie ihre Schritte dahin, mit immer schwererem Herzen, je kleiner und unbedeutender der Bach ihr erschien.

Von den Steinen, auf denen sie ging, ermattet, blieb sie einen Augenblick stehen und seufzte: »Ich finde Nichts, gar Nichts! und vielleicht verhungern und sterben meine Kinder! Vielleicht war mein Gedanke thöricht, ein Hirngespinnst, eine Lüge!« Wie sie so sprach, war es ihr, als fiele ein Schatten über sie. Sie dachte, es seien die Thränen, die ihre großen, müden Augen zum ersten Male füllten. Sie wischte sie fort; nein es war ein Schatten in der baumlosen Heide und wie sie die Augen erhob, hatte sich die Sonne hinter eine ganz kleine Wolke versteckt, die langsam größer wurde.

Irina begann zu zittern vor freudigem Schreck. Hatte Gott sie gehört, oder war es wieder ein Irrthum? »Lieber Gott!« betete sie, »wenn dies der Fluß ist, so laß die Wolke größer werden und Regen fallen; denn schon der Regen ist Segen und hilft aus vieler Noth!« Sie ging immer ein wenig; ja, die Wolke wurde größer; sie ging schneller, ja, sie lief, bis sie vor Schwäche nicht mehr konnte; da begannen einige große schwere Tropfen zu fallen. Sie sog sie mit den Lippen auf, mit den Augen, mit Händen und Haaren.

Da rauschte und rieselte es ganz leise um sie her und mit einem Mal brach ein wahrer Wolkenbruch los. Sie ging, so gut sie konnte, im nassen Lehm, im Flußbett, bis der Fluß zu schwellen begann und in braunen, schaumigen Massen angerauscht kam, wie ein breiter Fluß. Sie mußte manchmal stehen bleiben und ihren Pfad suchen, ging aber immerfort aus Furcht, der Regen möchte wieder aufhören. Es regnete den ganzen Tag und die ganze Nacht. Die Fürstin war so naß, daß ein Bach aus ihren Kleidern floß. Sie wand sie aus, schürzte sie und ging weiter noch einen Tag und noch eine Nacht. Sie war schon im Gebirge und fiel oft hin vor Erschöpfung. Endlich blieb sie am Ufer liegen und schlief ein, während der Regen auf sie niederströmte und das Wasser immer höher schwoll, als wollte es nach ihr greifen und sie fortschwemmen.

Von Frost geschüttelt wachte sie auf. Da stand in der Morgenluft die leuchtende Sonne so frisch, als hätte sie selber ein Bad genommen und siehe, der Bach war nicht mehr braun, sondern klar und blau wie die Luft, und im Grunde desselben blinkte und glitzerte es wie lauter Sonnenstrahlen. Irina schürzte ihr Gewand und watete hinein. Sie mußte sehen, was so wunderbaren Glanz hatte. Und siehe, es war lauter Gold! Im Wasser fiel sie auf die Knie und dankte Gott laut und inbrünstig. Gold! Gold! Nun konnte sie helfen! Sie ging behutsam im Wasser weiter und sammelte die Körnchen und die kleinen Stücke und füllte ihren Mantel damit, bis sie die Last kaum mehr tragen konnte. Nun aber nach Hause mit ihrem Schatz, den sie vor ihrem Gemahl ausschüttete. Die Kinder lebten, wenn auch in großer Schwäche und Erschöpfung und erkannten sie fast nicht, so war sie abgemagert und sonnverbrannt. Aber die Boten gingen in die Länder und kauften Korn und Mais und Gras, Samen und Vieh und der Fluß wurde nicht müde, zu spenden, bis der Noth ein Ende war und lachendes Grün und fette Weide wieder die rumänischen Gefilde deckte. Das dankbare Volk aber nannte den Bach Rîul Doamnei und Niemand sollte das Gold darin anrühren dürfen als Eigenthum, wie nur die Fürstin des Landes. Die späteren Fürstinnen müssen es aber wohl weniger gut angewendet haben; denn der Fluß ist sparsamer geworden und das Gold wird im Museum aufgehoben, das hie und da ein Bauer findet.

Die Dîmbovitza.

Die Dîmbovitza.

Die Dîmbovitza war eine wunderschöne Quelle, tief im Gebirge. Sie trat als blühende Jungfrau zu Tage und beschattete die blauen Augen, weil das Sonnenlicht sie blendete. Sie war eine scheue kleine Quelle; aber die Donau hatte den Befehl geschickt, sie solle niedersteigen und sich mit ihr vereinigen und da half kein Wehren und Sträuben. Der Regen, den die gewaltige Donau als Boten geschickt, peitschte die kleine Quelle so lange, bis sie mit überströmenden Augen zu wandern begann. Sie sollte allein dahin, in die unbekannte Welt und fürchtete sich. Darum machte sie allerhand gewundene Wege und suchte unter den größten Felsen Schutz vor des Regens furchtbarer Geißel. Die Felsen legten sich so weit aus, als sie konnten, aber der Regen fand sie doch und trieb sie voran; rings um sie her blühten Blumen auf und in dem Thal der Dimboviciora nahmen die Vergißmeinnicht die Farbe ihrer Augen an und bedeckten den ganzen Grund, so daß es aussah, als sei der Himmel herabgefallen.

Im Vorbeihuschen klopfte die Dimbovitza an die Felsen und flüsterte den Berggeistern zu, sie möchten sie nicht vergessen, und die Berggeister antworteten, sie solle sie nur rufen in der Noth, sie würden ihr zu Hülfe eilen. Wer aber beschreibt den Schrecken der armen Kleinen, als auf einmal die Berge aufhörten und das Thal sich endlos ausbreitete, ohne Schatten, ohne Schutz, ohne heimlichen Versteck. Sie fühlte sich nackt und hülflos; ihr war es, als würde sie auseinandergerissen, als würde sie verschlungen von der sonnenglühenden Weite. Des Regens Peitsche hatte aufgehört; dafür aber stachelten sie die furchtbaren Sonnenstrahlen, da sie langsam, immer langsamer sich von der schönen Heimath entfernte. Ach der lange, bange Weg, der zum Verschmachten war! Wo war der Muthwillen geblieben, mit dem sie früher durch die Felsen gehüpft! Ein paar Mal erinnerte sie sich ihrer früheren Freiheit und versuchte, in wilden Sprüngen sich von der Qual zu befreien. Das bekam ihr aber sehr schlecht. Sie wurde in Bande gelegt und eingedämmt und ihr Weg gewiesen und die Menschen bewarfen sie mit Schmutz, in ihrem Unverstand. Das war aber der reinlichen Dimbovitza doch zu arg und ihr Angstruf drang bis in die Berge.

Da kamen die Geister wüthend angestürmt und fanden ihr süßes Kind verschmachtend, braun von Schmutz, durch eine große Stadt hinschleichen, aus der sie allen Koth wegtragen sollte, damit Bucarest reinlich sei. Natürlich war es aber viel zu viel für das zarte, kleine Bergkind; es blieb soviel liegen, daß sie darin watete, daß es ihre Schritte hemmte, daß sie vor Ekel krank wurde und hinsiechte. Mißhandlungen hatte sie ertragen können, aber den Schmutz nicht, das war ihrer Natur zuwider und ihr war es, als müßte sie vor Ekel sterben. Die Berggeister hielten einen großen Rath, wie ihr zu helfen sei. Sie wollten sie zum Aufruhr treiben; aber Dimbovitza schüttelte traurig das schöne Haupt, das bis zur Unkennlichkeit entstellt war und sagte, sie habe nicht mehr die Kraft dazu; sie solle zur Donau und hoffe bald zu sterben und nicht mehr zu sein. Wo aber die Donau sei, das wisse sie nicht. Die Berggeister sahen, daß sie ihr nicht helfen könnten, da gedachten sie sie wenigstens zu rächen.

Und in unterirdischen Gängen verbreiteten sie sich durch die ganze Stadt und weit hinaus durch das Land, bis an die Donau und bis nach den Karpathen hin. Und wie Maulwürfe stiegen sie zu Tage, unsichtbar, unhörbar, mit Gift beladen das sie mit starkem Odem aushauchten. Sie flogen durch die Luft, sie krochen in alle Häuser, wo nur eine Ritze war, schlüpften sie hinein und bliesen den Menschen ihr Gift in's Gesicht. Und siehe, die Menschen bekamen das furchtbare Fieber, das ihre Glieder schüttelte, bis sie nicht mehr stehen konnten und sie dann in Hitze tauchte, wie in einen Glühofen, bis ihnen Lippe und Zunge und Hals verdorrten und das Hirn siedete. Und nicht müde wurden die furchtbaren Rächer. Unablässig trugen sie das Gift umher, ohne Aufhören schürten sie das Fieber, das formlos, gestaltlos, unfaßbar, unangreifbar, wie ein entsetzliches Ungeheuer, wie die Welwa, die Menschen gebannt hielt, so daß sie jeden zweiten oder dritten Tag darniederliegen, wie die Fliegen.

So mußten sie etwas von der Qual erdulden, die sie der armen Dimbovitza seit Jahren bereitet. Sie aber freute sich nicht der Rache. Sie klagte: »Hättet Ihr mich lieber heim gebracht, oder mich schnell getödtet! was nützt mich Eure Rache! sie giebt mir weder Schönheit noch Reine noch Muth zurück; im Gegentheil, mich jammern die hageren Gestalten mit den gelben Gesichtern und ich möchte sie rein waschen und von ihrem Schmutze befreien damit sie fröhlich und gesund wären. Statt dessen habt Ihr sogar ihr Blut vergiftet mit Euerm Pesthauch. War das Eure vielgerühmte Hülfe? Lieber leide ich allein!« – Die Berggeister waren so betrübt, daß sie ihrem Liebling so wenig geholfen, daß sie anfingen, den Weg zur Donau zu suchen.

Nach vielem Bemühen stießen sie auf einen ziemlich großen Fluß und fragten ihn, ob er die Donau sei. Er antwortete sehr unwirsch, nein die sei er nicht; er sei der Argesch und habe den Befehl, die Dimbovitza als Braut zu empfangen und mit ihr in der Donau Hochzeit zu halten. Er schwoll hoch auf bei dieser Rede und schäumte vor Zorn, als er die ihm zugedachte Braut erblickte, klein, mager, schmutzig, kränklich. Fast hätte er alle Berggeister verschlungen. Kaum aber berührte seine starke Fluth die kleine Dimbovitza, als sie sich von ihrem Schmutze zu reinigen begann und strahlend von Frische, mit leuchtendem Haar und funkelnden Augen in seine Arme flog. Da ward der Argesch ganz übermüthig, vergaß die Donau und seine Reise und überfluthete die ganze Landschaft mit seiner kleinen Dimbovitza. In seiner ausgelassenen Freude war es ihm ganz gleichgültig, wieviel er zerstörte. Endlich kam er aber doch wieder zur Besinnung und eilte mit seiner Braut der Donau zu, die die beiden Kinder mit ihrem sonnigsten Lächeln empfing und ihnen in ihrem Bette eine schöne Hochzeit bereitete.

Aber auch hierbei durfte nicht lange verweilt werden. Flüsse sind zum Wandern bestimmt und müssen schnell vorüber und immer weiter, bis sie sich in's große Meer verlieren. Die kleine Dimbovitza wurde vom Argesch mit allen ihren fremden Geschwistern bekannt gemacht und fühlte sich ganz erdrückt von ihrer Masse; da waren Isar und Lech, Inn und Theiß, Sawe und Olto und noch viele, viele mehr, deren Gesichter sie unterscheiden lernte und deren Charakter sich auch hier noch erkennen ließ.

Dann mußte sie lernen, Schiffe zu tragen wie die Andern und durfte nicht damit spielen und sie umwerfen, das erlaubte Mutter Donau nicht. Wie erstaunte aber die Dimbovitza, als sie auf den Schiffen alle die Dinge sah, die sie so gut gekannt: Schafwolle und Rindshäute, Ochsen und Schweine, Weizen und Mais, Rübsamen und Gerste, Salz und Marmor, Petroleum und Wein. Tausende und tausende von Schiffen mußte sie helfen zum Meere tragen und hörte alle Sprachen sprechen, Rumänisch und Italienisch und Deutsch und Russisch und Schwedisch und Englisch, Dänisch und Französisch, Spanisch und Holländisch. Und große, gewaltige Bäume kamen auf Flößen aus der Moldau an und es hieß, sie gingen nach Panama.

Was aber Panama sei, das wußte die dumme kleine Dimbovitza nicht und konnte es auch dann nicht begreifen, als es ihr der Argesch erklärte.

»Vielleicht,« sagte er, »finden wir unsern Weg durch das Meer bis dorthin, dann wirst du begreifen, wie weit das ist. Aufgepaßt, hier ist die Sulina, hier wird's eng!« Ein Theil der Flüsse drängte sich durch die Schleusen und Dämme; einige wurden eigensinnig und wollten nicht Alle denselben Weg gehen. Die hatten aber nicht genug Kraft allein und kamen beinahe im Sande um, bevor sie das Meer erreichten. Der Argesch zwang die Dimbovitza, fest auf ihrer Bahn zu bleiben und tapfer ihre Pflicht zu thun und ihre Last zu tragen, wie es einem rechtschaffenen Flusse geziemt. »Denn siehst Du,« sagte er, »wenn Du das Meer nicht erreichst, so bist Du gar Nichts, so bist Du nicht werth geboren zu sein und zu leben.« Und so kam die kleine, zarte, scheue Dimbovitza ganz froh und stark und stattlich in's Meer hereingefluthet und wie sie all' das große Wasser um sich fühlte, da wurde sie ganz glückselig und vergaß all' ihr Elend, die schmutzigen Städte und den Schlamm und das Fieber und war so crystallhell wie an ihrem Ursprung. Nur ein wenig salzig wurde sie und sagte ganz scharfe, spitze Sachen, was sie früher nie gewagt haben würde.

Sie fühlte sich aber auf einmal so erfahrungsreich und rächte sich durch scharfe Reden, über die viel gekichert wurde, bis die Meereswellen ganz groß aufschwollen und sich schüttelten vor Lachen.

Seit einiger Zeit nimmt sie den Mund sehr voll und sagt, sie käme aus einer sehr schönen Stadt, Bucarest genannt; man habe sie, die Dimbovitza, in ein tiefes und schön gemauertes Bett geführt, und nächstens werde man sie schiffbar machen für kleine Fahrzeuge. An ihren Ufern seien stattliche Quai's, mit Bäumen und Kirchen und großen Gebäuden, überall seien breite Straßen durchgebrochen und mehr als tausend Häuser wurden alljährlich gebaut. Wie sie sich bläht, die Kleine! sie hat schon vergessen, wie unglücklich sie war, in dem Glanze, der sie umgiebt und in der Wichtigkeit, aus einer schönen Hauptstadt zu kommen. Ja, ich fürchte, sie macht es wie andere kleine Leute, die etwas geworden sind: sie spricht gar nicht mehr von ihrem Vaterhause in der Bergwildniß, sie will vergessen machen, daß sie einmal ein Landkind gewesen und weiß nicht, wie viel schöner sie war, in ihrer ursprünglichen Natur. Freilich, damals haben nur die Bergmännlein sie geliebt; jetzt ist sie eine wichtige Person im ganzen schwarzen Meer. Ja, ja, was nicht Alles aus solch einer kleinen, unbeachteten Dimbovitza werden kann!

Puiu.

(Nesthäkchen.)

Puiu.

(Nesthäkchen.)

Die Erde war ein herrliches Weib und hatte viele gewaltige Söhne und Töchter. Sie dachte, wie sie ihre Kinder glücklich machen könnte und schenkte Jedem einen besonderen Garten und dazu eine eigene Sprache. Die Aeltesten bekamen die wärmsten, üppigsten Gärten, von Palmen beschattet, in die die Sonne immer hineinschien. Aber da Ihrer immer mehr wurden, so rückte ihr Antheil immer weiter hinaus, nach Westen, nach Norden, wo die Sonne nicht mehr so warm hineinschien und die darum mit mehr Fleiß bebaut werden mußten.

Einige bekamen Gärten in den Bergen, Andere im ewigen Eise, Andere auf Inseln im Meere. Sie waren aber Alle nicht sehr zufrieden mit ihrem Antheil und da die räthselhafte Mutter auch noch Jedem eine besondere Sprache gegeben, so verstanden die Geschwister sich schlecht untereinander. Dadurch entstand häufig Streit und Kampf und oft rieselte das Blut der eigenen Kinder auf den mütterlichen Schooß.

Zuletzt gebar die Erde noch ein liebliches Töchterlein, mit großen dunkeln Augen, von schwarzen Wimpern beschattet, von schwarzen Brauen überwölbt, mit einem wogenden Wald von dunklen Haaren, Perlenreihen hinter den frischen Lippen, einem Leib, so schlank, daß man ihn hätte durch einen Ring ziehen können, und kleinen Füßchen, auf denen sie dahintanzte, als berühre sie den Boden nicht.

Diesem ihrem jüngsten Töchterlein wollte sie das Loos am lieblichsten bereiten.

Zwischen den weitausgedehnten Gärten der gewaltigen Brüder, von diesen beschützt, bekam sie einen wunderschönen, kleinen Garten, zwischen Bergen, Fluß und Meer, von der Sonne durchströmt, vom Regen befruchtet, vom Schnee erfrischt, mit rauschenden Flüssen, grünen Feldern und lachenden Rebengeländen.

Dazu schenkte ihr die Mutter eine weiche, wohllautende Sprache, wie Musik, und wenn die herzige Puiu mit einem Kranz von rothen Blumen in das krause Haar gedrückt, singend dahintanzte, so freuten sich Himmel und Erde, Sonne und Feld, und Alles wuchs und blühte der lachenden Königin von selber entgegen, ohne daß sie die kleinen Hände zu rühren brauchte.

Die älteren Kinder sahen aber mit Neid auf die schöne Puiu, für welche Mutter Erde eine so große Vorliebe hatte. Gewöhnt, am allerbesten für sie zu sorgen, hatte sie aber nicht bedacht, daß ihre Kinder in stetem Unfrieden lebten und darum keine guten Beschützer für die zarte Puiu sein würden. Sie waren so wild und unbändig, und immer wenn die Schwester ihren Garten gepflanzt, so kamen die starken Brüder und raubten ihr Blumen und Früchte, oder sie hatten einen Streit miteinander und weil Puiu's Garten mitten inne lag, wurde er häufig zum Kampfplatz, wobei er dann gräulich zertreten und verwüstet wurde.

Puiu versuchte wohl, den Brüdern zu wehren, aber im Ringen mußte sie stets unterliegen. Dann kamen ihr die Andern ungebeten zu Hülfe, verlängerten den Streit und nahmen der Schwester manches Stück Garten weg – da sie ja doch zu schwach sei, soviel zu bebauen, sagten sie.

Zuletzt warf ein Bruder sie gänzlich darnieder, legte sie in Ketten und befahl ihr, das Beste aus ihrem Garten in seine Hände zu liefern.

Da ging die schöne Puiu in Ketten dahin und sang so traurig, daß es der Mutter Erde im innersten Herzen weh that. Sie bebaute müßig und lässig ihren Garten und wurde von dem Bruder gescholten und geschlagen, der sie zu seiner Sklavin gemacht. Sie sah nun auch gleichgültig zu, wenn die andern Brüder in ihrem Garten kämpften, dachte doch Keiner an sie, – oder sie versprachen ihr, sie zu befreien und ließen sie in Ketten, wie zuvor.

Eines Tages lag sie unter den Blumen dahingestreckt und schlief. Die Arme hatte sie unter den Kopf gelegt, so daß der auf den Ketten ruhte. Ihre langen Wimpern waren schwer von Thränen und zwischen den Lippen hindurch stahl sich von Zeit zu Zeit ein Seufzer, der entfloh mit dem Blumenduft in schimmernde Fernen.

Da tönte aus der Tiefe der Mutter Stimme erst leise wie wehender Wind, dann immer lauter wie rollender Donner und der Boden wankte, so daß die Schläferin erwachte.

»Puiu!« klang der Mutter Stimme, »wer wird denn verzweifeln? höre mich an und lerne: in stiller Nacht sollst Du langsam, langsam Deine Kette durchfeilen, aber so, daß es Niemand sieht bis ich Dir das Zeichen gebe, sie fallen zu lassen!«

Manche lange Nacht feilte Puiu und ward dabei stark und gewandt; denn die Ketten waren gut geschmiedet und mußten gewaltig gefeilt werden, und doch so leise und geschickt, daß es Niemand gewahrte; denn einmal hatte der Bruder das Feilen bemerkt und hatte die Ketten stärker gemacht, als zuvor.

Endlich war die Arbeit vollendet und Puiu stand auf einem Berge und wartete auf der Mutter Stimme, die noch immer nicht tönen wollte, so daß Puiu mit dem kleinen Fuß vor Ungeduld stampfte und die Perlenzähne in die glänzenden Zöpfe grub.

Sie hatte noch eine Erinnerung davon, was Freiheit sei und zitterte vor Sehnsucht danach.

Da entspann sich von Neuem ein Streit und der eine Bruder stürmte durch ihren Garten, um den andern zu Boden zu werfen.

Aber der, welcher Puiu geknechtet, wartete festen Fußes und es entspann sich ein fürchterliches Ringen zwischen ihm und dem Anstürmenden, der zu unterliegen drohte. Puiu stand und sah zu und hob ihre Arme, so daß leise die Ketten klangen. Da donnerte es aus der Tiefe:

 

»Nun ist es Zeit!« und mit einem Jubelschrei schüttelte die Maid ihre herrlichen Arme frei. Die Ketten fielen zu Boden und mit nie geahnter Kraft riß sie einen Felsblock los, schleuderte ihn weit hinaus und zerschmetterte dem Bruder die Glieder, der sie so unglücklich gemacht.

 

Dann stand sie im Sonnenschein, in ihrer ganzen Schönheit da, sah auf die Ketten ihr zu Füßen nieder, sah hinüber zu dem bestraften Bruder und in ihren Garten hinab, der zum ersten Mal ihr freies Eigenthum geworden und lächelte. In der Erde Eingeweiden bebte es vor Freude über das herrliche Kind und vom Meere her kam schmeichelnd der Wind gezogen, spielte mit ihren Haaren und sang ein Siegeslied durch den rauschenden Wald.

Die Geschwister aber waren überrascht und versteinert und wollten nicht glauben, daß die kleine, verachtete Puiu den Felsen geschleudert. Die Meisten waren auch sehr unzufrieden damit und begannen ihr zu drohen und sie zu schelten:

»Du! Du! hast meinen Lieblingsbruder zu Grunde gerichtet!« »Du! Du! hast uns den Spaß am großen Kampf verdorben!« »Warum mußtest Du Dich einmischen? konntest Du nicht zusehen, wie früher?«

Puiu schwieg und fühlte nur nach ihren Armen, die so lange die Ketten gedrückt.

Die Brüder konnten sich über ihr Erwachen nicht zufrieden geben; der Sieghafte nahm ihr ein Stück Garten weg und sagte:

»Du hast es ja doch nicht bebaut!«

Der Geschlagene schenkte ihr ein Stück und sagte: »Ich habe nichts damit machen können, versuche Du's!«

Und alle die Andern begannen, sich in ihren Gartenbau einzumischen, Dieses und Jenes zu tadeln, und verlangten von ihr, es anders zu machen.

Trotzig antwortete Puiu: »Was geht Euch mein Garten an?«

Aber die Brüder faßten sie an beiden Armen und führten sie von Bett zu Bett und von Steg zu Steg und zwangen sie, so zu bauen und nicht anders.

Wohl runzelte sie finster die Stirn, wohl standen ihr zornige Thränen in den Augen; es half Nichts; die stärkeren Brüder wollten die Stolze beugen, hielten sie mit eisernem Griffe schmerzhaft fest und klirrten und drohten mit den Ketten.

Endlich war die mühsame Arbeit gethan, Puiu schüttelte sich frei, lief in die Berge, wo sie Niemand sehen konnte und warf sich weinend auf die Erde:

»O Mutter! Mutter!« rief sie, »wie schlecht meinst Du es mit mir!« Du hast mir ein heißes Herz gegeben und schwebende Gedanken und einen schönen Garten – aber schwache Glieder! Schmach und Demüthigung ist mein Loos! Wenn Du mich sterben lassen wolltest, warum schufst Du mich denn?«

 Da dröhnte wieder Antwort aus der Tiefe, gewaltig und ernst:

»Habe ich Dich nicht bis hierher beschützt? Nicht umsonst machte ich Dich so reich, gab Dir so große Schönheit, eine so liebliche Sprache und glühende Gedanken! Du sollst leben und blühen voll Kraft und Würde und alle Welt erfreuen, mit der Fülle Deiner Früchte!«

Da erhob sich Puiu von der Erde und schaute weit hinaus und in ihren träumerischen Augen spiegelte sich eine große Zukunft.




1 Sprich Butschdesch

2 Hora is ein ein Tanz

3 Poeana Zapului: Gemsmatte

4 Mioritza: junges Mutterschaf

5 oitza: Schäfchen

6 Sprich Pa-una (a und u getrennt) aus.

7 »Fluß der Fürstin«. Das Gold, was man darin findet, gehörte ehemals der Fürstin.

8 Valea Cerbului

9 Vijelia heißt der Sturmwind

10 Orkan

11 Der rumänische Brautschleier

12 Sprich Tschachlau

13 Mosch heißt Alter

14 Alphorn, aussprechen Butschum