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Marie Corelli – Absinth

Roman

Marie Corelli, Absinth, Aus dem Englischen von Adele Berger, Verlag von Otto Janke, Berlin, [1895]
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Erstes Kapitel.

Stille – Stille! Es ist die Stunde des tiefsten Schweigens der Nacht; die unsichtbaren, undurchdringlichen Wolken des Schlafes hängen über der glänzenden Stadt. Schlaf! Was ist das? Vergessen? Die süße Bewußtlosigkeit traumloser Ruhe? Ja, das muß es sein, wenn ich mich gut erinnere; ganz sicher bin ich nicht, denn es scheint mir ein Jahrhundert zu sein, seit ich gut schlief. Aber was liegt daran? Wer schläft heutzutage gut, außer Kindern und den schwer schaffenden Bearbeitern des Bodens? Wir, die wir denken – o, diese Wirrnisse und Verwicklungen dieses beständigen Denkens! – wir haben weder Zeit noch Muße, um zu schlafen; während der wenigen Stunden zwischen Mitternacht und Morgen liegen wir der bloßen Form wegen auf unseren Kissen, schlummern und träumen – aber wir schlafen nicht.

Mit einer heftigen Anstrengung reiße ich mich los und wandere langsam heimwärts.

Die Stadt schläft, sagte ich? O nein, Paris besitzt weder ein so reines Gewissen noch ein so schuldloses Herz, als daß seine Bewohner sich damit begnügen würden, zu ruhen, bloß weil es Mitternacht ist. Eine Unzahl von Leuten ist auf und in Bewegung: reiche Aristokraten, deren Namen in den Listen der haute noblesse glänzen, sind an jeder Straßenecke zu treffen, wie sie gleich Raubtieren umherstreichen; bemalte und geschmückte Parias, die ihre seidenen Gewänder hochmütig an sich ziehen, um sie vor einer Berührung mit den schmutzigen, zerlumpteren Kleidern der elenden, hungernden Mitglieder derselben beklagenswerten Schwesterschaft zu schützen, und hie und da beweisen die aufblitzenden Lichter eines vorüberfahrenden Wagens, der eine zweifelhafte Fürstin der Demimonde trägt, daß, wie fest die Tugend auch schlafe, das Laster doch auf und rührig sei. Aber wer bin ich, daß ich von Laster und Tugend reden sollte? Wie darf ein Wrack, das an der Küste des Verderbens gestrandet ist, sich um das ferne Segeln der stolzen, für dasselbe schmähliche Ziel bestimmten Schiffe kümmern?

Wie mein Gehirn wirbelt! Das heiße Pflaster sengt meine müden Füße, und der runde, weiße Mond sieht mich wie sein eigenes Traumbild an. Straße nach Straße durchschreite ich, ich weiß kaum, wohin ich gehe, und nur durch bloßen, mechanischen Instinkt erreiche ich endlich mein Ziel.

Zu Hause! Ich erkenne die dunkle, schmutzige Straße – das baufällige, elende Logierhaus, von dessen erbärmlichen Zimmern das erbärmlichste, hoch oben in der Mansarde, mir gehört. Die große Katze hockt immer auf der Schwelle, immer mit Klauen und Zähnen an irgend einer Beute zerrend; aber wie wild der Hunger sie auch gemacht hat, vor mir fürchtet sie sich doch und springt hurtig beiseite und fort, als ich die Schwelle überschreite. Zwei Männer, mein betrunkener Wirt und sein nicht minder betrunkener Bruder, streiten sich wütend im Korridor; ich schleiche unbemerkt vorüber, die dunkle, übel riechende Treppe hinauf in meine enge Höhle und schiebe eilig den Riegel vor. Allein, allein – immer allein! Ich trete ans Fenster und stoße es weit auf; ich lege meine Arme auf das Fensterbrett und sehe trüb in den großen, tiefen, sternbesäeten Himmel hinaus.

Die Leute im Café waren heute grausam gegen mich, besonders der junge, krauslockige Student. Wer ist er, was ist er? Ich hasse ihn, ich weiß selbst nicht warum – außer, daß er mich an einen erinnert, der aber tot ist. »Trinken Sie das nicht,« sagte er ernsthaft, indem er mein Glas berührte, »es wird Sie eines Tages Wahnsinnig machen.«

Mich Wahnsinnig machen! Gut, sehr gut! Das haben mir schon viele Leute gesagt – die Unken!

Wir leben in einer großen und wunderbaren Ära und haben große und wunderbare Bedürfnisse, Bedürfnisse, die erfüllt werden müssen. Einer unserer ersten Wünsche ist, daß wir alles wissen wollen, selbst Dinge, die einst um Ehre und Anstand willen verborgen wurden. Wir haben die weisen, reinen und schönen Dinge schon satt bekommen; sie gehören den alten klassischen Tagen Griechenlands und Roms an, dem Zeitalter der Idylle und Allegorie, und wir finden sie im ganzen und großen ziemlich langweilig. Unser Geschmack hat sich anders entwickelt. Wir wollen die häßlichen Wahrheiten des Lebens, nicht hübsche Fabeln. Wir lieben häßliche Wahrheiten, finden sie pikant und schmackhaft wie die heiße Sauce, die man über den Fisch gießt, um ihm einen Duft zu geben. Die Geschichte von Paul und Virginie zum Beispiel ist allerliebst, aber sehr zahm und thöricht. Sie entsprach dem litterarischen Geschmack jener Zeit; aber für uns liegt etwas viel Anziehenderes in einem Roman, der treulich die Liebesgeschichte von Jeanne der Wäscherin und Jacques dem Lumpensammler beschreibt. Ich dachte gestern daran, als ich, ziellos über den Pont Neuf schlendernd, die auf den offenen Bücherauslagen befindlichen Bücher betrachtete und den Realismus bis zur Hefe der Wirklichkeit dargestellt sah. Und dann fiel mir ein, wie die Geschichte meines Lebens gedruckt aussehen würde, und was die Leute von ihr denken würden. Dieser Gedanke hat mich die ganze Nacht und heute verfolgt. Liebe alte Welt! Wirst Du mir glauben, wenn ich Dir sage, was ich bin? Nein, ganz gewiß nicht! Du wirst vielleicht ein wenig schaudern, aber es ist viel wahrscheinlicher, daß Du lächeln und spotten wirst. Es ist ja so leicht, sich über den Fall eines Nebenmenschen lustig zu machen. Überdies werden Deine Kritiker Dir versichern, daß die ganze Erzählung ein Gewebe absurder Unwahrscheinlichkeiten ist, daß solche Ereignisse nie und niemals, unter keinen Umständen stattfinden können, und daß nur eine zerrüttete Phantasie ein so wildes Drama weben könne wie das meine! – – –



Zweites Kapitel.

Natürlich ist der Anfang meiner Geschichte – Liebe. Damit fängt die Geschichte jedes Mannes und jeder Frau an, wenn sie nur offen genug sind, es einzugestehen. Vor dieser Periode ist das Leben bloß eine Serie kleiner, einförmig angenehmer oder unangenehmer Ereignisse, eine Zeit, wo wir ein paar nützliche und sehr viel nutzlose Dinge lernen und zumeist in einem halbwachen, angenehmen Zustand der Ungewißheit und Verwunderung über die Welt im allgemeinen sind. Die Liebe fährt wie eine Flamme auf uns nieder, und siehe, wir sind verwandelt, zum ersten Male wach und unserer schlagenden Pulse, unseres warmen, stürmischen Blutes uns bewußt; wir fühlen, wir wissen, wir erringen eine viel größere und süßere Weisheit, als je in Büchern zu finden ist, und klimmen Stufe um Stufe der Wonne empor, bis wir so hoch stehen, daß wir Erde und Himmel zu beherrschen vermeinen. Freilich taumeln wir nur in ein Paradies für Thoren, aber alles in der Welt ist ja mehr oder minder thöricht; wenn wir die Thorheit vermeiden wollen, müssen wir einen anderen Planeten aufsuchen.

Laßt mich nachdenken; wo habe ich sie zuerst gesehen? Es muß im Hause ihrer Eltern gewesen sein. Ja, das Bild flutet über einem trüben Meer von Erinnerungen zu mir zurück und breitet sich einer Fata Morgana gleich vor meinen verstörten Blicken aus. Sie war eben aus ihrer Lausanner Pension nach Paris zurückgekehrt. Die Schweizer wilden Rosen hatten ihre zarten Farben auf ihren Wangen, die blauen Alpen-Enziane ihre kleinen Kelche in ihren Augen zurückgelassen. Sie war in jener Nacht nach der seltsamen Mode des Empire gekleidet; ein einfaches Gewand von reinster weißer Seide, mit einer breiten, dicht unter dem Busen gegürteten Schärpe, die reichen, dunkelbraunen Haare hoch hinaufgenommen und mit einem goldenen Bande gebunden. Zu Ehren ihrer Heimkehr fand eine kleine Gesellschaft statt. Ihr Vater, der Graf von Charmilles, ein strenger, alter Royalist, dessen Anhänglichkeit an die Familie Orleans nur seiner fanatischen Ergebenheit für die Kirche gleichkam, führte sie an seinem Arm durch die Räume und stellte sie in seiner feierlichen, altmodischen Weise allen versammelten Gästen vor. Ich war der letzte darunter, doch nicht der geringste, denn mein Vater und der Graf waren seit ihrer Knabenzeit Freunde, und in seiner Stimme lag eine besondere Freundlichkeit, als er neben mir stehen blieb und sagte:

»Herr Beauvais, erlauben Sie mir, Ihnen meine Tochter Pauline vorzustellen. Mein Kind, dies ist Herr Gaston Beauvais, der Sohn unseres lieben Freundes Charles Beauvais, des Bankiers, dem das schöne Haus in Neuilly gehört und der Dir immer so viele marrons glacés zu geben pflegte, als Du ein kleines gefräßiges Baby warst. Erinnerst Du Dich?«

Ein reizendes Lächeln teilte ihre Lippen, und sie erwiderte meine tiefe Verbeugung mit dem hübschesten Knicks, den man sich denken konnte.

»Ah!« sagte sie, scherzhaft die Achseln zuckend. »Ich muß gestehen, daß die Tage der marrons glacés noch nicht vorüber sind! Ich bin noch immer ein gefräßiges Baby, nicht wahr, Papa? Wollen Sie es glauben, Herr Beauvais, diese marrons glacés waren das erste, was ich verlangte, als ich heimkam! Sie sind so gut! Alles in Paris ist so gut! Mein liebes, schönes Paris! Ich bin so froh, daß ich wieder zurück bin. Sie können sich nicht vorstellen, wie langweilig es in Lausanne ist! Ein hübscher Ort? O ja, aber furchtbar langweilig! Es giebt dort weder Bonbons noch sonst Leckerbissen, und die Leute sind so dumm, daß sie nicht einmal ein éclair richtig machen können! Ach, wie habe ich mich nach éclairs gesehnt! Einmal habe ich welche in einem Auslagefenster gesehen und ging hinein, um sie zu versuchen; lieber Gott, sie waren so schlecht und schmeckten nach Käse! Ja, wirklich, in der Schweiz schmecken sehr viele Dinge nach Käse! Waren Sie zum Beispiel in Vevey? Nein? Wenn Sie dort hin kommen, werden Sie den Käse in der Luft schmecken!«

Sie lachte und stieß in der Erinnerung an den einen Nachteil ihres vergangenen Schullebens, nämlich den Mangel leckerer éclairs und marrons glacés, einen komischen, kleinen Seufzer aus, während ich, der bisher in einem verzückten Studium ihrer Augen, ihres Haares, ihrer hübschen Gestalt, ihrer schmalen Hand, die hie und da einen weißen Fächer auf- und niederbewegte, versunken war, bei mir dachte, was für ein Kind sie trotz der Würde ihrer achtzehn Jahre war, ein Kind, so unschuldig und frisch wie eine eben aufbrechende Blume, ohne alle Kenntnis der Welt, in die sie trat, und gewiß ohne das Bewußtsein der Macht ihrer Schönheit. Ich hörte ihrem weichen, unbedeutenden Geplauder mit viel tieferem Interesse zu, als ich im Gespräch mit einem geistreichen Diplomaten oder gelehrten Philologen gefühlt haben würde, und sobald ich eine Gelegenheit erspähte, beeilte ich mich, ihr meinen Arm zu bieten, nachdem ich zuerst, wie es meine Pflicht war, ihren Vater, um Erlaubnis bittend, angesehen hatte . . . welche Erlaubnis er mir sofort und lächelnd erteilte. Alter Narr! Warum führte er uns zusammen? Warum legte er unserem Verkehr keine Hindernisse in den Weg? Weil er, obwohl Royalist und gläubiger Katholik, die praktische Seite des Lebens ebenso gut, wenn nicht besser als irgend ein schlauer Republikaner verstand; er wußte, daß mein Vater reich und ich sein Erbe war, und entwarf demzufolge seine Plane. Er war wie alle französischen Väter; aber warum sollte ich gerade französische Väter so specifieziren? Die Väter aller Nationen achten heutzutage auf die materiellen Vorteile bei den Heiraten ihrer Kinder, und sie haben recht – man kann von den Luftblasen des Gefühls nicht leben.

Pauline von Charmilles war kein schüchternes Mädchen, aber auch nicht im geringsten kühn. Im Gegenteil, sie besaß bloß jene Lebhaftigkeit und jenen Esprit, der das glückliche Erbe so vieler Französinnen ist, die es nicht für nötig halten, jene eisige Rührmichnichtan-Gleichgültigkeit und unschöne Zurückhaltung zu üben oder anzunehmen, welche die Gesellschaft der jungen englischen »Mees« Männern von Vernunft und Humor so unerträglich macht. Sie ward bald gut Freund mit mir und wurde reizend geschwätzig und zutraulich, erzählte mir Geschichten aus ihrem Leben in Lausanne, beschrieb die Schönheit des Lac Léman und entwarf Porträts ihrer Lehrer und Mitschülerinnen mit solcher Leichtigkeit und Schärfe, daß man sie vor Augen zu haben meinte. Wir saßen einige Zeit in einer Fensternische zusammen, von der man einen reizenden Ausblick auf den Bois de Boulogne hatte, denn der Graf von Charmilles konnte nur in der Nähe seiner Lieblingspromenade wohnen, und sprachen von mancherlei, hauptsächlich vom Leben in Paris und den Festlichkeiten, welche für die kommende Wintersaison prophezeit wurden. Die naive Verehrerin der marrons glacés sah den Bällen, Empfängen, Theaterabenden mit ganz besonderer Lebhaftigkeit entgegen, und erst nachdem sie mehrere Minuten über Moden und Gesellschaften fortgeplaudert hatte, warf sie mir plötzlich einen wunderbar glänzenden, durchdringenden Blick ihrer dunkelblauen Augen zu, einen Blick, der ihr, wie ich später fand, eigen war, der mich aber damals wie ein unerwarteter Blitz überraschte, und sagte:

»Und Sie? Was werden Sie thun? Wie werden Sie sich amüsieren?«

»Mein Fräulein, ich arbeite!«

»Ach ja, Sie sind im Geschäft Ihres Vaters.«

»Ich bin sein Compagnon.«

»Haben Sie an schwierige Dinge zu denken? Arbeiten Sie den ganzen Tag?«

Ich lachte – sie sah so reizend mitleidig aus.

»Nein, nicht den ganzen Tag, aber mehrere Stunden. Sie wissen, wir sind Bankiers, und die Sorge für das Geld anderer Leute ist eine große Sorge, mein Fräulein!«

»O, das kann ich mir denken! Aber Sie müssen doch manchmal ausruhen – Ihre Freunde besuchen und lustig sein, nicht wahr?«

»Ganz gewiß, aber vielleicht ruhe ich mich nicht so aus wie andere Leute – ich lese sehr viel, und schreibe auch . . .«

»Bücher?« rief sie, ihre schönen Augen weit öffnend. »Sie schreiben Bücher?«

»Ich habe eins oder zwei geschrieben,« gestand ich bescheiden zu.

»O, sagen Sie mir, wie sie heißen!« bat sie. »Es interessiert mich so sehr! Ich lese jede Geschichte, die ich in die Hand bekommen kann, besonders Liebesgeschichten! Ich vergöttere Liebesgeschichten! Sie bringen mich immer zum Weinen und . . .«

Hier ward unser Gespräch plötzlich unterbrochen.

Die Gräfin von Charmilles, eine würdige grande dame; in reiche, schwarze Seide gekleidet, Diamanten da und dort an ihrer schönen Gestalt blitzend, segelte aus einer fernen Ecke des Zimmers, von wo sie uns sicherlich mit den spekulativen Betrachtungen einer partiesüchtigen Mutter bewacht hatte, auf uns zu und sagte:

»Pauline, mein Kind, der Marquis de Guiscard erbittet sich die Ehre, Dich zum Souper zu führen. Herr Beauvais wird die Freundlichkeit haben, Deine Cousine zu führen. Meine Nichte, Fräulein St. Cyr – Herr Gaston Beauvais.« Und damit stellte sie mich einem blassen, ernsthaft blickenden Mädchen vor, das meine formelle Verbeugung bloß durch ein leichtes Kopfnicken erwiderte und das ich kaum anblickte, so groß war mein Ärger, daß die reizende Pauline mir von de Guiscard, einem ausgemergelten Beau von sechzig Jahren, grauhaarig wie ein Bär und runzlig wie Pergament, entführt worden war. Ich glaube, der Ärger war deutlich auf meinem Gesicht ausgeprägt, denn Frau von Charmilles lächelte, als sie mich steif in den Speisesaal marschieren sah, ohne mich herabzulassen, ein Wort an meine blasse Gefährtin zu richten, die mir in diesem Moment ausgesprochen häßlich vorkam. Zu meinem Trost fand ich jedoch Pauline als meine Tischnachbarin wieder, und ich entschädigte mich für meine frühere Enttäuschung, indem ich zu der vollständigen Niederlage und Erbitterung des alten de Guiscard während der ganzen Zeit mit ihr sprach. Freilich mußte ihm in Wirklichkeit nicht viel daran liegen, da er ganz in das Essen vertieft war. Wir sprachen von Büchern und Bildern. Ich erbat und erhielt die Erlaubnis, ihr zwei meiner eigenen litterarischen Erzeugnisse zu senden, die beiden, welche ich für meine besten hielt: eine kritische Studie über Alfred de Musset und den früher erwähnten, hochtrabenden Roman, der eben erschienen war. Ich erzählte ihr von den großen Genies, die die musikalische Welt regierten, von dem unvergleichlichen Sarasate, von Rubinstein, Verdi, dem Wunderkinde Otto Hegener; dann aus dem Empyreum der Musik zu dem niedrigeren Standpunkt der darstellenden Kunst herabsteigend, beschrieb ich ihr die verschiedenen Talente der Schauspieler und Schauspielerinnen, die zu den populärsten des Tages gehörten. So plauderten wir, glücklich und alles andere vergessend; an die blasse Cousine, die, wie ich später erfuhr, Heloise hieß, dachte ich nicht einmal. Sie saß an meiner Seite, und das war alles, was ich damals von ihr wußte; später . . .Nicht doch; sie ist tot, und ich träume nur, daß ich sie noch sehe!

Die Stunden flogen auf goldenen Flügeln vorüber, und ehe der Abend zu Ende war, ehe ich ihre kleinen, weißen Hände zum Abschied drückte, fühlte ich, daß ich Pauline von Charmilles liebte, liebte, wie ich kein anderes Weib je lieben würde. Eine überwältigende Leidenschaft ergriff mich; ich war nicht mehr Herr meiner Bestimmung, Pauline war mein Schicksal.



Drittes Kapitel.

Ich will von Paulinens blasser Cousine Heloise sprechen, ehe ich weiter gehe. Sie war so bleich und still, so konzentriert in dem mystischen Kreis ihrer Gedanken, daß sie nur ungleich den anderen ihres Geschlechtes und Alters erschien. Zuerst faßte ich eine heftige Abneigung gegen sie; sie hatte so helles, blondes Haar, und ich haßte goldhaarige Frauen. Ihr Onkel erzählte mir, daß sie eine große Gelehrte sei, zahllose Romanzen im Kopf und alle Dichter im Herzen habe. Ich dachte damals, daß er aus liebevoller Nachsicht ihre Talente übertreibe, denn ich glaubte nie an die wirkliche Befähigung der Frau für das Studium. Ich pflegte jedoch auf Heloise St. Cyr mit einer gewissen Nachsicht herabzusehen und stellte sie in meinen Gedanken einen Grad höher als die gewöhnliche weibliche Intelligenz. Wie gesagt, ich hatte eine unbestimmte Abneigung gegen sie gefaßt, die nicht geringer ward, als sie beim Lesen meines Romans, auf den ich so stolz war, über die Leiden meiner sentimentalen Heldin lächelte und in sanftem Tone meinte, daß ich die Frauen noch nicht verstünde. Ich, ein geborener Pariser von fünfundzwanzig Jahren, die Frauen nicht verstehen! Lächerlich! Pauline jedoch »vergötterte« mein Buch, sie las es zu wiederholten Malen durch, und ich schrieb ihr einen viel besseren litterarischen Geschmack zu als der blassen, weiblichen Gelehrten, die immer über Homer und Plato brütete. Ich konnte Paulinens fast leidenschaftliche Ehrfurcht für ihre stille Cousine nicht verstehen, denn nie gab es zwei in Charakter und Gefühlen so gänzlich entgegengesetzte Wesen. Seltsamerweise schien jedoch die Liebe zu Heloise die eine wirklich ernste Seite von Paulinens Natur zu sein, während Heloisens Neigung für sie, obwohl nicht so offen zur Schau getragen, augenscheinlich stark und tief gewurzelt war. Fräulein St. Cyr war, wie ich hörte, arm; ihre Eltern lebten in einer unbedeutenden Stadt der Normandie und mußten sich sehr anstrengen, um ein anständiges Dach über ihrem Haupte zu halten, aus welchem Grunde die Gräfin von Charmilles die Sorge für die älteste Tochter ihres Bruders übernommen hatte und sie, wenn möglich, passend zu verheiraten gedachte. Aber Heloise zeigte keine Neigung zum Heiraten; sie war in der Gesellschaft von Männern still und zerstreut und schien durch ihre Gespräche eher gelangweilt als unterhalten zu werden. Trotzdem besaß sie ihren eigenen Reiz; worin er bestand, konnte ich damals nicht sehen, aber es war ein Reiz, der stark genug war, um ihr die herzliche Liebe ihres Onkels und ihrer Tante zu gewinnen, denen sie schnell unentbehrlich ward. Ich fand bald heraus, daß nichts im Hause gethan ward, ohne daß erst Heloisens Zustimmung eingeholt worden wäre; daß bei jeder häuslichen Unannehmlichkeit oder Schwierigkeit alles sich die Hände in Unschuld wusch und sie Heloise zuschob; daß, wenn ihr Onkel, um seine extreme Vorliebe für frische Luft und Bewegung zu befriedigen, jeden Morgen um sechs Uhr ins Bois ritt, sie ihn auf ihrer feurigen Stute begleitete, vor der sich der Groom selbst fürchtete; daß sie die letzte Schleife in Paulinens reiches Haar knüpfte, kurz, daß sie jedem diente. Diese Thatsache selbst machte sie mir ein wenig verächtlich; praktische Leute waren für mich nie anziehend, obwohl ich die Notwendigkeit ihrer Existenz widerstrebend zugestand. Auch glaubte ich nicht die Hälfte, was ich über sie hörte; ihre Talente und Tugenden schienen mir immer übertrieben. Ich sah sie nie anders als mit einem Buch beschäftigt. Sie las beständig und würde sich wohl zu einer »femme savante« entwickeln, etwas, was ich verabscheute. So schenkte ich ihr wenig Beachtung, und wenn ich mit ihr über einen Gegenstand sprach, so geschah dies stets mit jener nachlässigen Sorglosigkeit, die ein kluger Mann von fünfundzwanzig Jahren, der Bücher geschrieben hat, an einen tief unter ihm stehenden Menschentypus verschwendet.

In sehr kurzer Zeit wurde ich ein häufiger und intimer Besucher des Hauses Charmilles, und meine Absichten wurden von allen Familienmitgliedern erraten. Trotzdem war noch nichts von Heirat gesprochen worden, ich hatte nicht einmal gewagt, Pauline das Geständnis meiner Liebe zuzuflüstern. Ich kannte ihres Vaters altmodische Ansichten über Etikette und wußte, daß ich seinem Ehrbegriff nach verpflichtet war, erst seine Erlaubnis einzuholen, ehe ich ernstlich um seine Tochter warb. Aber ich beeilte mich nicht damit; es genügte mir vorläufig, meine Herzensbezwingerin von Zeit zu Zeit zu sehen, ihr Blumen oder Bonbons zu bringen, sie singen oder spielen zu hören – denn sie war eine anmutige Dilettantin in der Musik – an den Abendmahlzeiten der Familie teilzunehmen und mit dem alten royalistischen Grafen, dessen Verachtung für die Republik alle Grenzen überschritt und der mich gar zu gern bekehren wollte, gut gelaunt über Politik zu streiten. Oft kam bei solchen Gelegenheiten mein Vater, ein ausgezeichneter Mann, obwohl etwas weitschweifig, wenn er seiner Schwäche für Anekdotenerzählen nachgab, brachte auch wohl seinen besten Freund mit, den kleinen, dicken Pfarrer unserer Gemeinde, dessen Bonmots sprichwörtlich waren, und wir verbrachten so manchen angenehmen Abend, um den großen Tisch in dem eichengetäfelten Speisezimmer sitzend, von dessen Wänden die steifgemalten Porträts der früheren Charmilles lächelnd oder drohend auf uns herabblickten, je nachdem das Lampenlicht flackerte oder aufsprühte. Und wie die Tage dahinflogen und der November in seinem Kleide aus welken Herbstblättern vorüberraschelte, schien es meinen entzückten Augen, daß Pauline lieblicher sei als je. Ihre Munterkeit nahm zu, sie umgab sich mit tausend neuen Reizen, tausend neuen Koketterien. Jedes Kleid, das sie trug, schien ihr besser zu stehen als das frühere. Sie flatterte hin und her wie ein schöner Schmetterling in einem Rosengarten, und ich, der sie früher halbschüchtern geliebt hatte, liebte sie jetzt mit einer leidenschaftlichen Sehnsucht, die mich wie ein hitziges Fieber verzehrte und mich nicht schlafen ließ. Diese Selbstquälerei machte mir jedoch Freude, denn ich hätte ja mit dem Grafen sprechen können, aber ich hielt an mich und beschloß, bis nach Weihnachten zu warten. Seiner Einwilligung war ich sicher, ahnte, daß er mit meinem Vater über diesen Gegenstand gesprochen habe, und was Pauline betraf – wenn Blicke beredt sind, wenn der geheime Druck der Hand, ein plötzliches Lächeln, ein rasches Erröten etwas bedeuten, so liebte sie mich. Unserer Vereinigung standen gar keine Hindernisse im Wege, und es war unmöglich, welche zu erfinden; der Himmel war heiter, die See ruhig, und von allen Menschen in der Welt würden wir wahrscheinlich die glücklichsten sein. So dachte ich, und entwarf schöne Pläne, ohne einen Moment zu bedenken, wie thöricht es sei, im voraus Pläne zu schmieden; aber bedenkt, ich war sehr jung, und Heloise St. Cyr hatte recht, wenn sie sagte, daß ich die Frauen noch nicht verstand.

Ich und mein Vater lebten allein in Neuilly in einem großen, alten Hause, von dem ein Teil schon in der berühmten Schreckenszeit gestanden hatte. Die Zimmer waren voll antiker Möbel, die die Freude jedes Kenners gebildet hätten, und alles, selbst die geringste Kleinigkeit wurde ganz so gehalten wie es meine Mutter siebzehn Jahre zuvor zurückgelassen hatte, als sie bei der Geburt einer Tochter starb, die sie nur um wenige Stunden überlebte.

Ich erwähnte, daß mein Vater einen speziellen Freund besaß, mit dem er alle politischen und philosophischen Fragen zu besprechen liebte, nämlich Herrn Vaudron, den Pfarrer unserer Gemeinde. Es war ein guter Mann, vollkommen ungeziert, treuherzig und ehrlich. Denkt, ein ehrlicher Priester! Das ist eine Seltenheit in Frankreich. Auch hatte es gar keinen Nutzen, wenn man mit den schweren Geschützen der modernen Wissenschaft anrückte, um seine kleine Citadelle zu stürmen. Er stand fest.

»Redet, was Ihr wollt,« pflegte er zu sagen, »es ist doch immer etwas, was Ihr nicht verstehen könnt. Nein, weder Ihr noch Herr Renan, noch sonst ein Theoretiker, und für mich ist dies Etwas – alles. Wenn Ihr dies kleine unerklärliche Etwas erklären könnt – wer weiß – vielleicht gehe ich so weit, sogar weiter als die Ketzer . . .« hier lächelte er und rieb sich die Hände . . . »aber bis dahin . . .« Eine ausdrucksvolle Gebärde ergänzte den Satz, und sowohl mein Vater als ich liebten und achteten ihn zu sehr, um irgend welche ultrapositive Ansichten in seiner Gegenwart weiter auszuführen.

Eines Abends spät im November kam Herr Vaudron nach dem Abendessen zu uns, und zwar mit einer Miene, welche Ärger und Unruhe ausdrückte.

»Ja, ich bin ärgerlich,« gestand er endlich auf meines Vaters wiederholte Frage, ob ihm etwas fehle. »Ich habe böse Ahnungen. Mein Haushalt soll durch einen Neffen vermehrt werden, der Priester werden will. Sie haben noch nie etwas von meinem Neffen gehört? Freilich, ich habe nie gedacht, daß ich einmal Gelegenheit haben würde, von ihm zu sprechen. Er ist der einzige Sohn meiner einzigen Schwester, die an einen achtbaren, ziemlich wohlhabenden Bauer in der Bretagne verheiratet ist. Sie haben sich in jener Provinz niedergelassen, Haus und Hof gekauft und sie nie verlassen; der Junge – ich denke, er muß gegen zweiundzwanzig sein – hat nie eine größere Stadt gesehen als Rennes, wo er seine Studien begonnen und fortgesetzt hat. Jetzt wollen seine Eltern, daß er Paris kennen lernen und seine Probezeit bei mir vollenden soll; das ist alles recht schön, aber Sie wissen, wie ich lebe, und können sich vorstellen, wie meine alte Margot diesen unerwarteten Eindringling aufnehmen wird!«

Wir lächelten. Margot war des guten Pfarrers Köchin, Haushälterin und Haustyrann, eine magere, kleine Frau, runzelig wie ein getrockneter Apfel, einer von jenen Äpfeln, in die man erst recht tief schneiden muß, ehe man die Süßigkeit schmeckt, die an ihrem Kern sich befindet. Margot hatte auch eine scharfe Zunge, und wie fest der Pfarrer auch an die priesterliche Gewalt, den Teufel zu bannen, glaubte, so war es doch sicher, daß er die Zanksucht seiner alten Köchin nicht bannen konnte. Er fürchtete sich in lächerlicher Weise vor ihrem Zorn und sah uns jetzt mit einer komischen, flehenden Miene an.

»Sie begreifen, lieber Freund,« fuhr er, zu meinem Vater gewendet, fort, der, behaglich rauchend, ihn mit freundschaftlichem Amusement betrachtete, »dieser unbekannte Neffe kann sehr lästig werden.«

»Ganz gewiß!« stimmte mein Vater ernsthaft und doch mit einem Blinzeln zu. »Mit jungen Männern ist immer sehr schwer auszukommen.«

»Jawohl, jawohl,« und der Pfarrer schüttelte niedergeschlagen den Kopf. »Aber trotzdem kann ich die Bitte meiner einzigen Schwester nicht abschlagen, die erste Bitte, die sie mir seit ihrer Heirat gestellt hat! Übrigens, wenn ich sie auch abschlagen wollte, es wäre zu spät; der Junge ist bereits unterwegs – er wird morgen hier sein, und ich muß Margot die Nachricht beibringen. Es wird schwer sein, guter Gott! sehr schwer, aber gethan muß es werden!«

Und er stieß einen so tiefen Seufzer aus, daß ich, der bisher die langen Spalten der Zeitung auf- und abgeblickt hatte, um das Gespräch der alten Herren nicht zu stören, plötzlich in ein unbezähmbares Gelächter ausbrach. Meine Lustigkeit war ansteckend; das Bild des guten Vaudron, wie er wie ein Espenblatt vor der kleinen, wespenartigen Margot zitterte und die Neuigkeit hervorstammelte, daß sie fortan, einige Zeit wenigstens, statt eines Herrn zwei zu bedienen haben würde, war überwältigend lächerlich, selbst für den Pfarrer, der ebenso laut und anhaltend lachte wie mein Vater und ich.

»Ach ja,« sagte er endlich, die Lachthränen aus den Augen wischend, »ich weiß, daß ich ein alter Narr bin und Margot zu viel freien Willen lasse, aber sie ist eine so gute Seele, eine sehr gute Seele, und giebt so acht auf mich, wie ich es sicherlich selbst nicht thun würde! Wie gut wäscht sie die Kirchenwäsche! Kann etwas fleckenloser rein und weiß für den Gottesdienst sein? Sie ist eine ausgezeichnete Person – aber was meinen Neffen betrifft . . .«

»Ja, das ist eine ernste Sache,« brummte mein Vater, der entschlossen schien, ihm nicht aus der Klemme zu helfen. »Er kommt morgen, sagen Sie?«

»Ja, ohne Zweifel,« antwortete der arme Vaudron mit einem abermaligen niedergeschlagenen Kopfschütteln, »und da er wahrscheinlich vor Mittag kommt, bleibt mir nur wenig Zeit, um Margot vorzubereiten. Sie begreifen, ich möchte meiner guten Schwester um alles in der Welt keinen Vorwurf machen, aber ich glaube – ich glaube, sie war in dieser Sache etwas voreilig. Sie hat mir gar keine Zeit gelassen, mich zu weigern; nicht, daß ich mich geweigert hätte, aber ich hätte alles besser geordnet, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte . . .«

Hier hielt er inne und rieb sich verlegen die Nase.

»Wie sieht er aus, Ihr Neffe?« fragte ich plötzlich, »haben Sie eine Idee davon?«

»Nicht ganz,« antwortete er nachdenklich. »Ich sah ihn erst einmal, und das war, als er drei Jahre alt war, ein schönes Kind, wenn ich mich recht erinnere. Wenn man der Schilderung seiner Mutter glauben dürfte ( was man natürlich nicht darf), so ist er ein Wunder von Geist, ein wahrer Ausbund von Schönheit und Weisheit zusammen; ihrer Meinung nach hat es einen solchen Jüngling noch nicht auf unserem Planeten gegeben. Ja, die guten Mütter sind einander gleich, Gott hat ihnen die zärtlichsten Herzen der Welt gegeben.«

Mein Vater seufzte ein wenig. Ich wußte, er dachte der Toten, seiner verlorenen Liebe, mit der, für mich wenigstens, alle Mutterzärtlichkeit dahin war. Er erhob sich, klopfte die Asche aus seiner Pfeife, legte sie weg und sah sich dann mit einem Lächeln nach dem immer noch verlegenen und sinnenden Pfarrer um.

»Kommen Sie, mein Lieber,« sagte er heiter, »ich weiß ganz gut, was Sie wollen! Sie möchten, daß ich mitgehen und Margot die Sache beibringen soll. Nicht wahr? Gestehen Sie die Wahrheit!«

»Ah, mein Freund!« rief der arme Vaudron, entzückt vom Sessel aufspringend. »Wenn Sie mir diesen Gefallen erweisen wollten! Sie wird Sie anhören! Sie hegt die größte Bewunderung für Sie, und von Ihnen wird sie Vernunft annehmen. Sie wollen mich wirklich begleiten? Ach, ich danke Ihnen tausendmal! Sie werden alle Schwierigkeiten beseitigen, und ich werde wieder Ruhe haben! Machen Sie sich aber auch keine Ungelegenheiten?«

Während er so sprach, war mein Vater in das Vorzimmer getreten, um Hut und Stock zu nehmen, und stand jetzt zum Ausgehen bereit da, wobei seine stattliche Gestalt und sein feines, etwas melancholisches Gesicht einen großen Kontrast zu der runden Figur und dem dicken, glattrasierten Gesicht des guten, kleinen Pfarrers bildeten.

»Allons!« sagte er fröhlich. »Wir wollen hin, ehe es zu spät wird, und Frau Margot im Sturm nehmen. Sie ist verliebt in mich; ich warne Sie, Vaudron, sie hat Absichten auf mich! Nächsten Sonntag werden Sie sie absolvieren müssen, denn ich werde sie mit Komplimenten über ihre Wirtschaft und die Aufmerksamkeit, mit der sie Ihren Neffen sicherlich bedienen wird, so verwirrt machen, daß sie sich ordentlich für jung und heiratsfähig halten wird.«

Er lachte, der Pfarrer ebenfalls, und sie schickten sich an, das Haus zu verlassen. Ich begleitete sie bis an die Hausthür, und auf der Schwelle drehte sich mein Vater um und sagte.

»Amüsiere Dich, Gaston! Gehst Du heute zu der hübschen Pauline?«

Das Blut stieg mir in die Wangen, aber ich stellte mich gleichgültig und antwortete verneinend.

»Nun, ein Abend mehr oder weniger in der Woche wird in Deinen oder ihren Gefühlen nicht viel Unterschied machen! Sieh, wie hell der Mond scheint! Du kannst mit wirklicher Scenerie den Romeo spielen; giebt es keinen Balkon an dem Fenster Deiner Julia?«

Unter solchen Scherzen stiegen die zwei alten Herren die Treppe hinab, überschritten die Straße Arm in Arm und waren bald in einer gegenüberliegenden Allee verschwunden. Ich blieb ein paar Minuten in der offenen Thür stehen, sah ihnen nach und zog langsam an meiner fast zu Ende gerauchten Cigarette. Sie kannten – sie errieten meine Liebe zu Pauline; wahrscheinlich kannte und erriet sie jedermann. Es war daher das beste, offen und sofort mit dem Grafen von Charmilles zu sprechen; warum nicht schon morgen? Ja, morgen sollte es geschehen. Und von morgen ab dürfte ich denn meinen Liebling in die Arme schließen, ihr sagen, daß ich jede Minute des Tages und der Nacht an sie gedacht hatte, daß ich sie anbetete, daß ich sie vergötterte; ich dürfte diese weichen Lippen küssen und die reizenden Locken ihres losen, braunen Haares berühren! Sie würde mein sein, meine Verlobte! Der bloße Gedanke daran machte mich vor Freude zittern, und um mich zu beruhigen, ging ich hastig hinein und begann mich mit finanziellen Berechnungen und Berichten zu beschäftigen, die die größte Aufmerksamkeit erforderten. Während ich so beschäftigt war, dabei leise vor mich hinpfiff, stieg der Mond wie ein großes Signalfeuer hoch auf und überflutete das Zimmer, in dem ich saß, mit seltsamen, geisterhaft grünen und silbernen Strahlen; ein grüner Strahl fiel gerade über das Papier, an dem ich schrieb, und schien mit so auffallendem Glanz, daß er fast den Schein der über meinem Kopfe brennenden Lampe trübte. Ich hielt im Schreiben inne, um ihn anzusehen; er flackerte mit dem flüssigen, bleichen Glanz eines Smaragds oder des Absinth.



Viertes Kapitel.

Nach einer Weile glitt er weiter und ich fuhr mit meiner Arbeit fort; aber ich entsinne mich der seltsamen, fast geisterhaften Lieblichkeit des Himmels in jener Nacht; das Wetter war so ruhig und frostig klar. Als mein Vater nach einer Stunde zurückkam, nachdem er als Vermittler zwischen dem Pfarrer und seiner alten Margot gesiegt hatte, meinte er, während wir die Treppe zu unseren Schlafzimmern hinanstiegen:

»Dieser unerwartete Neffe Vaudrons hat schönes Wetter für seine Reise!«

»Ausgezeichnetes!« stimmte ich zu, ein Gähnen unterdrückend, denn ich war ziemlich schläfrig. »Übrigens, wie heißt dieser unerwartete Neffe?«

»Silvion Guidél.«

Ich blieb auf der Treppe stehen.

»Silvion Guidél! Ist das nicht ein seltsamer Name?«

»Ja, er klingt seltsam, aber ›Guidél‹ ist ein alter bretonischer Name, wie Vaudron sagt, und ›Silvion‹ ist gewiß nicht so gewöhnlich wie ›Sylvain‹, aber sie sind fast gleich.«

»Ja,« sagte ich, und sonst nichts. Aber so oft ich in jener Nacht aufwachte, dachte ich an diesen Namen und was für ein Mensch das wohl sein möge, der ihn trug. Er wollte Priester werden, es war daher nicht wahrscheinlich, daß ich ihn oft zu sehen bekommen würde; trotzdem stieg ein seltsamer Ärger in mir auf, daß dieser Bretagner überhaupt nach Paris komme. Ich konnte ihn schon damals nicht leiden, obwohl ich zugeben mußte, daß eine solche Abneigung thöricht und ungerechtfertigt sei. Der Name ›Silvion Guidél‹ verfolgte mich damals wie er mich jetzt verfolgt; nur bedeutete er damals gar nichts, außer einem leichten, unerklärlichen Gefühl von Abneigung; jetzt aber? Jetzt steht er in feurigen Lettern vor mir! Jetzt starrt er mich von jeder weißen Mauer an gräbt er sich vor meine Füße in den Boden und über mir in den Himmel; ich werde ihn immer vor Augen haben, immer, immer . . bis ich sterbe!

Am nächsten Tage führte ich den Entschluß der vorigen Nacht aus und bat den Grafen von Charmilles um die Hand seiner Tochter. Wie ich erwartete, ward ich sehr günstig aufgenommen, und als ich nach einer Stunde die Bibliothek des alten Aristokraten verließ, hatte ich seine volle Erlaubnis, direkt zu Pauline zu gehen und ihr meine Liebe zu gestehen. Wie mein Herz schlug, wie meine Pulse jagten, als ich rasch den Korridor durchschritt, um mein Idol aufzusuchen! Sie saß gewöhnlich mit ihrer Cousine in einem kleinen Boudoir, das in den Garten hinausging, und war zu dieser frühen Nachmittagsstunde zumeist zu Hause; diesmal konnte ich sie jedoch nicht finden Wo war sie wohl? Vielleicht in dem großen Salon, obwohl sie selten hineinging, da er nur für den Empfang von Besuchen bestimmt war. Trotzdem wandte ich mich nach dieser Richtung und durchschritt eben den Gang, als Musikklänge mich plötzlich stillstehen machten. Ich lauschte erstaunt und bezaubert; es war eine Violine, die diese milden Melodien hervorbrachte. Jemand spielte mit so viel Verve, Feuer und Gefühl, daß es schien, als sei jede bebende Note ein lebendes Wesen, mit Flügeln, die es hin und her durch die Luft trugen. Ich stieß die Seitenthür plötzlich auf und staunte verblüfft die einsame Gestalt darin an; ei, es war die blasse, stille Heloise St. Cyr, die da stand, den Bogen gehoben, das Antlitz vor Begeisterung strahlend, das blonde Haar zerzaust und die großen Augen voller Glut! Was für ein Gesicht, was für eine Haltung! Dies Weib war wirklich schön, und ich hatte es früher nie gemerkt! Als sie mich erblickte, fuhr sie zusammen; im nächsten Augenblicke hatte sie sich wieder beherrscht, den Bogen hingelegt und trat, die Violine noch immer in der Hand haltend, auf mich zu.

»Sie wünschen Pauline zu sehen?« fragte sie mit leichtem Lächeln. »Sie wird sogleich kommen, sie ist oben, sich umzukleiden; sie und Tante sind eben aus dem Bois zurückgekehrt – sie finden es sehr kalt.«

Ich sah sie an und wollte etwas über ihr wunderbares Spiel sagen, aber ich konnte in diesem Moment keine Worte finden. Ihre Augen sahen fest in die meinen, das leichte Lächeln lag noch in ihren klaren Tiefen.

»Ich habe geübt,« sagte sie nach einer kurzen Pause, lehnte die Violine an ihren schlanken, weißen Hals und ließ die Finger über die Saiten gleiten. »Ich habe selten ein paar Stunden für mich, aber heute nachmittag habe ich mich von der Spazierfahrt frei gemacht. Die Tante war bei Herrn Vaudron, um für seinen Neffen, der eben angekommen ist, ihre Karte zu lassen.«

Dies überraschte mich außerordentlich, und ich fand sehr rasch meine Stimme wieder.

»Ist die Gräfin nicht fast zu höflich in dieser Hinsicht gewesen?« fragte ich. »Der junge Mann ist ein ganz Fremder, der Sohn eines bloßen Bauern in der Bretagne . . .«

»Pardon!« fiel Heloise ein. »Er hat sich durch seine Gelehrsamkeit bereits sehr ausgezeichnet, und ein besonderer Empfehlungsbrief kam gestern nacht dem Onkel von dem Prior des Klosters St. Xavier in Rennes zu. Der Prior ist einer der liebsten und ältesten Freunde des Onkels. Sie sehen also, es ist ganz in der Ordnung, daß Herr Guidél das Willkommen von den Charmilles empfängt.«

Wieder fuhren ihre zarten Finger über die Saiten der Violine, und wieder ergriff mich jenes ungerechtfertigte, ärgerliche Gefühl, das mich in der vorigen Nacht ergriffen hatte. Alles schien sich ja zu verschwören, um diesen Bretagner thatsächlich zu einem der Unseren zu machen!

»Glauben Sie, daß Fräulein Pauline lange ausbleiben wird?« fragte ich ziemlich unwirsch. »Ich möchte sie gern sehen, ihr Vater hat mir erlaubt, mit ihr allein zu sprechen.«

Was für eine seltsame Veränderung über ihr Gesicht ging, als ich diese Worte sprach! Augenscheinlich erriet sie meine Absicht, und in ihrer Miene lag etwas Sonderbares, schwer zu Entzifferndes. Sie sah erschreckt, traurig, unruhig aus, und ich fragte mich verwundert, warum. Plötzlich legte sie die Violine beiseite, kam auf mich zu und berührte sanft, fast flehend meinen Arm.

»Übereilen Sie sich nicht, Herr Beauvais!« sagte sie sehr ernst. »Ich ahne – nein, ich weiß, worüber Sie mit Pauline reden wollen. Aber geben Sie ihr Bedenkzeit! Sie ist so jung, sie kennt sich noch selbst nicht. O werden Sie nicht böse, ich will ja nur das beste! Ich habe lange mit meiner Cousine zusammengelebt; eigentlich war ich nie von ihr getrennt, außer als sie vor drei Jahren nach Lausanne ging, aber vorher wurden wir zusammen im Sacré Coeur erzogen. Ich kenne ihre Natur durch und durch. Sie ist gut, sie ist sanft, sie ist ein Engel an Schönheit, aber sie versteht nicht, was Liebe ist, sie kann sich nicht einmal die Erregungen ihres eigenen Herzens erklären. Sie müssen Geduld mit ihr haben; geben Sie ihr Zeit, ihrer selbst sicher zu werden, denn jetzt ist sie es nicht, sie kann es nicht sein!«

Ihre Stimme bebte, und ihre seltsamen Augen, die, wie ich jetzt bemerkte, von einer graugrünen Farbe waren, wie die See vor dem Sturm, standen voller Thränen. Aber ich war sehr aufgebracht, daß sie über meine Liebe sprach, die sie doch gar nichts anging. Augenscheinlich zweifelte dieses blasse, ernste, kalte Weib an der Möglichkeit, daß Pauline mich wirklich lieben könne; aber sie sollte ihren Irrtum einsehen! Sie sollte bald erfahren, wie treu und warm mein Liebling meine Gefühle erwiderte!

»Mein Fräulein,« sagte ich kühl, »Sie sind sehr gütig, sich so mit dem Glücke ihrer Cousine zu beschäftigen. Ich bin Ihnen sehr dankbar, so dankbar, wie sie selbst es vielleicht sein würde, aber vorläufig, denke ich, ist es das beste, wenn die Sache mir überlassen bleibt. Sie können ganz sicher sein, daß ich Fräulein von Charmilles zu nichts zwingen werde, was ihr irgendwie unangenehm wäre, da es mein einziger Wunsch ist, ihr Leben, soweit es in meiner Macht liegt, völlig glücklich zu machen. Was das Verständnis der Liebe anbelangt, so glaube ich, daß es allen Frauen im heiratsfähigen Alter instinktiv kommt. Sicherlich müssen Sie selbst dies verstehen,« fuhr ich in scherzendem Tone fort. »Wenn Sie jemand liebten, würden Sie doch nicht Zeit brauchen, um darüber nachzudenken?«

»Gewiß würde ich es,« antwortete sie langsam. »Ich würde Zeit brauchen, um mit meinem eigenen Herzen einig zu werden, um es zu fragen, ob all diese Leidenschaft, dieses rastlose Fieber auch dauern würde. Ob es nur die Einbildung eines Augenblickes war, der Traum einer Stunde, oder das unauslöschliche Feuer der Liebe – der selbstlosen, reinen und unsterblichen Liebe! Ich würde Zeit brauchen, um mich und den Mann meiner Liebe kennen zu lernen, um zu fühlen, daß unsere Geister so harmonisch miteinander verschmölzen wie die zwei Töne dieses vollkommenen Akkordes!«

Und die Violine ergreifend, zog sie den Bogen über die Saiten. Ein süßer, feierlicher, orgelgleicher Ton flutete in so durchdringender Fülle durch das Zimmer, daß die Luft selbst in schwachen, doch beruhigenden Echos zu pulsieren schien. »Was ist das für ein seltsames Geschöpf,« dachte ich, und unwillkürlich entschlüpfte ein rascher Seufzer meinen Lippen.

»Ich wußte nicht, daß Sie Violine spielen, Fräulein,« begann ich hastig und etwas verlegen.

»Wirklich!« Sie lächelte. »Das wundert mich aber nicht; Sie wissen und werden wohl nie etwas von mir wissen. Ich bin eine sehr uninteressante Person und es ist nicht der Mühe wert, mich zu studieren. Aber hören Sie!« Sie hob den Finger, eine klare Stimme trällerte den Refrain einer populären Operettenarie, daß es durch das ganze Haus klang; »das ist Pauline, sie kommt hierher. Noch ein Wort, Herr Beauvais,« und sie wandte sich rasch mit einer Miene wahrhaft königlicher Würde zu mir, »wenn Sie eingebildet und thöricht sind, werden Sie vergessen. Auf Wiedersehen!«

Ehe ich Zeit hatte zu antworten, war sie samt ihrer Violine verschwunden und ließ mich in einem Zustand der Verlegenheit und vager Unruhe zurück. Aber ich schenkte ja Heloise St. Cyr nie viel Beachtung und ihren Ansichten nie große Bedeutung, und bei dieser Gelegenheit vergaß ich sie bald, denn in der nächsten Minute erschien eine ätherische, in weiche, rote und weiße Stoffe gehüllte Vision, ein lockiger, dunkler Kopf und ein Paar lachende, tiefblaue Augen in der Thüre, und Pauline selbst trat ein, mir zum Gruß fröhlich beide Hände hinstreckend.

»Guten Tag, Herr Gaston! Wie lange sind Sie schon hier und machen Heloise den Hof? O, ich weiß, wie schlecht Sie sind! Wie? Sie kamen nur, um mich zu sehen – nur mich? O, das ist eine gute Ausrede! Warum hätte dann Heloise geweint, als sie eben an mir vorbeiging? Sie haben sie gekränkt, und das werde ich Ihnen nie verzeihen, denn ich habe sie sehr lieb!«

»Geweint?« stammelte ich erstaunt. »Fräulein St. Cyr? Ei, sie war eben jetzt so munter wie möglich, sie hat Violine gespielt . . .«

»Ja, sie spielt nur, wenn sie traurig ist,« sagte Pauline mit klugem Kopfnicken, »nie, wenn sie glücklich ist. Daher weiß ich, daß ihr etwas fehlt, und wer ist daran schuld? Nur Sie, nur Sie!«

»Ich?« Ich starrte sie hilflos an, lächelte aber, denn ich bemerkte sogleich, daß sie nur scherze, und beobachtete sie mit wildklopfendem Herzen, als sie träge in die gepolsterte Ottomane neben dem Kamin sank und ihre kleinen Hände vor die rote Glut hielt.

»Mama und ich waren im Bois, und es war so kalt,« sagte sie mit einem leichten Zusammenschauern ihrer hübschen Gestalt. »Heloise war sehr klug, daß sie zu Hause blieb. Dafür hat sie freilich den Antinous von der Bretagne nicht gesehen!«

Trotzdem ich ganz in meine Gedanken und in die Betrachtung ihrer Schönheit versunken war – denn ich grübelte nach, wie ich mein Geständnis beginnen sollte – klangen diese letzten Worte unangenehm in mein Ohr.

»Meinen Sie den Neffen Herrn Vaudrons?« fragte ich, zweifellos in etwas geärgertem Tone, den sie nach Frauenweise rasch heraushörte.

»Ja freilich meine ich den Neffen Herrn Vaudrons!« antwortete sie, während eine spöttische Lustigkeit ihre schönen Augen erhellte. »Er ist angekommen. O, wie schön ist er! Er ist ein Wilder aus der Bretagne, ein Waldphilosoph, sehr klug, sehr ernst, sehr gut. Ja, sehr gut! Er will Priester werden, wie Sie wissen, und sieht so ernst und ruhig aus, daß man sich in seiner Nähe ganz schlecht vorkommt. Ah, Sie runzeln die Stirne!« und sie klatschte fröhlich in die Hände. »Sie sind eifersüchtig, weil ich Herrn Silvion Guidél schön finde!«

»Eifersüchtig?« rief ich etwas hitzig. »Ich? Warum denn? Ich kenne den jungen Mann gar nicht; wenn ich ihn gesehen habe, werde ich Ihnen offen sagen, was ich über ihn denke. Mittlerweile,« und ich raffte meinen ganzen Mut zusammen, hätte ich mit Ihnen zu sprechen, Pauline; wollen Sie einen Augenblick ernsthaft sein und mich anhören?«

»Ernsthaft?« Ein überraschter Ausdruck flog über ihr Gesicht. Dann, als ich meinen innigen Blick auf sie richtete, färbte ein tiefes Erröten ihre Wangen und ihre Stirne, und sie erhob sich rasch mit einer furchtsamen oder schüchternen Bewegung, als wollte sie aus dem Zimmer fliehen. Aber ich faßte ihre Hände, hielt sie fest, und die ganze verschlossen gewesene Sehnsucht meines Herzens fand in Worten ihren Ausdruck. Ihre Schönheit, ihre unwiderstehliche Anmut, meine tiefe Liebe, das Glück, das wir zusammen genießen würden, das waren die Themen, über die ich mit der feurigen Beredsamkeit eines Troubadours sprach. Und sie? Sie zitterte zuerst ein wenig, bald aber wurde sie sehr ruhig, erlaubte mir, ihre Hände zu halten, und sah mit unschuldiger Verwunderung zu mir auf.

»Sie wollen mich also wirklich heiraten, Herr Gaston?« fragte sie, wobei ein schwaches Lächeln ihre Lippen teilte. »Und bald?«

»Bald?« wiederholte ich leidenschaftlich. »Wollte Gott, ich könnte Sie schon morgen als mein Weib heimführen, Pauline! Dann wäre ich der glücklichste der Menschen. Aber Sie haben noch nicht geantwortet!« Und jetzt wagte ich, den Arm um sie zu legen und sie an mich zu ziehen, während ich das vertrauliche »Du« gebrauchte. »Liebst Du mich, Pauline, so wie ich Dich liebe?«

Sie antwortete nicht sogleich, und eine kalte Furcht ergriff mein Herz; hatte Heloise St. Cyr doch recht und war sie ihrer selbst nicht sicher? Ein nachdenklicher Ausdruck verlieh ihren Augen eine noch schönere Farbe; sie schien sich zu bedenken, und ich beobachtete sie in atemloser Angst. Dann, mit einer raschen Bewegung, als schlage sie alle Überlegungen in den Wind, fing sie zu lachen an und schmiegte ihren hübschen Kopf vertrauensvoll an meine Schulter.

»Ja, Gaston, ich habe Dich lieb! Du bist gut und freundlich, Papa und Mama gefällst Du auch; wir werden sehr glücklich sein! O, war das ein Kuß!« Denn ich hatte in der Erleichterung und Freude meines Herzens den ersten Kuß auf ihren lieben Mund gedrückt. »Müssen wir uns jetzt immer küssen? Muß das sein?«

»Vielleicht nicht für Dich,« flüsterte ich zärtlich und küßte sie wieder, »aber für mich!«

Mit einer impulsiven, halb unwilligen Bewegung entzog sie sich plötzlich meiner Umarmung, bereute jedoch bald und kam wieder auf mich zu, faltete die Hände über meinen Arm und sah mich so forschend an, als wolle sie in meiner Seele lesen.

»Armer!« seufzte sie leise. »Liebst Du mich wirklich? Sehr?«

»Mehr als mein Leben,« schwur ich ihr.

»Du bist sehr gut,« sagte sie, »denn ich bin sehr dumm, und alle sagen, daß Du ein so kluger Mann bist. Ist es auch gut für uns, wenn wir uns heiraten, Gaston? Glaubst Du es?«

»Wenn wir uns lieben – ja, Pauline!« antwortete ich eifrig, und eine unbestimmte Furcht stieg in mir auf. Sie wartete ein paar Minuten mit niedergeschlagenen Augen, dann sah sie mit strahlendem Lächeln auf.

»Dann also wollen wir heiraten,« sagte sie. »Wir werden in Neuilly wohnen, Papa, Mama und Heloise werden zu uns auf Besuch kommen, und alle werden mit uns zufrieden sein. So, Herr Gaston,« und sie machte mir einen übermütigen Knicks, »da haben Sie Ihre Braut!«

Sie sah so hübsch und bezaubernd aus, daß ich im Begriffe war, sie in meine Arme zu reißen und wieder und wieder zu küssen, als sich die Thür aufthat und die diskrete Gräfin von Charmilles mit so heiterer und freundlicher Miene eintrat, daß ihre Zustimmung augenscheinlich war. Sie sah lächelnd von ihrer Tochter zu mir und von mir zu ihrer Tochter und begriff sofort, daß alles in Ordnung war.

»Guten Tag, mein Sohn,« sagte sie freundlich, einen leichten Nachdruck auf den vertraulichen Titel legend und ohne weiteres Ceremoniell das »Du« anwendend. »Du bist sehr willkommen! Hoffentlich bleibst Du doch heute abend bei uns? Herr von Charmilles ist Deinen Vater holen gegangen, und auch Herr Vaudron wird kommen mit seinem Neffen, Herrn Silvion Guidél.«



Fünftes Kapitel.

Ich habe manches vergessen, viele Umstände, deren ich mich sonst erinnern würde, sind jetzt, dank meinem geliebten, mildthätigen Elixir, so gänzlich aus meinem Gehirn ausgelöscht, als wären sie mit Feuer ausgebrannt worden; aber jene eine Nacht – die Nacht, die meiner Verlobung mit Pauline von Charmilles folgte, bleibt ein fester Punkt in meinem Gedächtnis, ein Stachel, um mich zu erregen und zu quälen, wenn ich das Gefühl meines Selbst in den Tiefen des Vergessens verlieren könnte. Es war in mancher Beziehung ein merkwürdiger Abend, merkwürdig nicht nur durch meine Triumphe als Paulinens erklärter Bräutigam, sondern auch durch die erstaunliche und verwirrende Gegenwart Silvion Guidéls. Ich sage erstaunlich und verwirrend, denn dies war der erste Eindruck, den seine seltsame Schönheit auf den vorurteilsvollsten Beobachter machte. Nicht weil er in der ersten Blüte der Jugend stand und seine Züge noch die ganze feine Durchsichtigkeit und Glut des Knabenalters besaßen, nicht weil seine grauschwarzen, feurigen Augen voll magnetischer Gewalt schienen, die den Blick des Beschauers fesselte, nein, es war der Ausdruck dieses Gesichts, der so außerordentlich interessierte, ein Ausdruck, wie ihn ein inspirierter Maler in das Antlitz eines idealen Seraphs von unirdischer Geduld und Weisheit legen würde. Ich, wie alle anderen, wurde wider Willen von dem anmutigen Benehmen dieses bretagnischen Bauernsohnes angezogen, dieses Provinzlers, dessen Gesicht und Gestalt der glänzendsten aristokratischen Gesellschaft Ehre gemacht haben würden. Meine frühere instinktive Abneigung gegen ihn verschwand an jenem Abend, und ich horchte so aufmerksam wie die anderen auf, so oft seine Stimme, melodisch wie eine Glocke, in unser Gespräch hineinklang. Ich selbst war vollkommen glücklich, denn mit ein paar kurzen, einfachen, der Situation angemessenen Worten hatte der Graf von Charmilles den Versammelten die Verlobung seiner Tochter mit mir mitgeteilt. Während er dies that, blickte ich rasch zu Heloise St. Cyr hinüber; aber obwohl sie noch bleicher als gewöhnlich war, gab sie kein Zeichen von Überraschung oder Freude. Mein Vater brachte hierauf seinerseits einen Toast auf das »liebe Brautpaar« aus, dem alle bereitwillig zutranken, außer Silvion Guidél, der nie Wein berührte. Er entschuldigte sich deswegen und war im Begriffe, ein Glas Wasser an die Lippen zu führen, um sich dem Toast anzuschließen, als Heloisens Stimme in raschen, heftigen Lauten über den Tisch tönte:

»Trinken Sie nicht Wasser auf das Wohl meiner Cousine, Herr Guidél! Es könnte beiden Unglück bringen!«

Er lächelte und setzte sofort das Glas nieder.

»Sie sind abergläubisch, mein Fräulein,« sagte er, den schönen Kopf leicht zu ihr wendend. »Aber ich will Ihnen nicht widersprechen, sondern mich mit einem stillen Gebet für das Wohl Ihrer Cousine begnügen, einem Gebet, das nicht weniger aufrichtig ist, weil es nicht in Worten ausgedrückt werden kann.«

Seine Stimme war so ernst, weich und bewegt, daß wir alle ganz ernst wurden; jenes unbestimmte, gedämpfte Gefühl ergriff uns, das uns überkommt, wenn das Glöckchen in der Messe klingelt und die Gemeinde vor dem Allerheiligsten niederkniet. Ich sah die sinnenden Augen Heloisens mit einem sonderbar forschenden Ernst in ihren graugrünen Tiefen auf dem Fremden ruhen, mit einem Blick, der schweigend den Wunsch aussprach, mehr von Charakter, Leben und Zielen desselben zu wissen. Das Diner nahm seinen Fortgang, und wir sprachen alle mehr oder minder fröhlich über verschiedene Gegenstände, als sie ihn plötzlich fragte:

»Gedenken Sie wirklich Priester zu werden, Herr Guidél?«

Er wandte sein schönes, dunkles Gesicht nach ihrer Richtung.

»Ich hoffe, so Gott will! Mein verehrter Onkel kann Ihnen sagen, daß ich mich bloß dafür vorbereitete, bloß dafür studierte.«

»Das mag sein,« erwiderte Heloise, während eine schwache Röte die zarte Blässe ihrer Wangen überzog. »Aber verzeihen Sie! Sie scheinen auch manches studiert zu haben, das für die Theologie nicht notwendig ist. Zum Beispiel – –«

»Nur heraus, kleiner Sokrates!« rief der Graf von Charmilles gutgelaunt. »Was willst Du aus Deinem Vorrat von Weisheit auskramen? Sie müssen nämlich wissen, Herr Guidél, meine Nichte ist eine große Kennerin der Klassiker und wohlbekannt in der Litteratur vieler Nationen, so daß sie mich oft durch ihre Kenntnis der wunderbaren Werke, welche der Genius zum Wohle der Unwissenden geschaffen hat, beschämt. Verzeihen Sie ihr daher, wenn sie ihr Wissensfeld betritt; ich habe ihr oft gesagt, daß sie wie ein Mann studiert.«

Silvion Guidél verbeugte sich höflich und sah mit erneutem Interesse zu Heloise hinüber.

»Ich bin stolz auf die Ehre, mit einer Dame zu sprechen, deren Äußeres dem Corinnas gleicht und die zweifellos noch bewunderungswertere Talente besitzt als Corinna,« sagte er geschmeidig. »Sie finden, mein Fräulein, daß ich manches studiert habe, was nicht zur Theologie gehört. Was meinen Sie damit?«

Heloise begegnete fest seinem Blick.

»Ich hörte Sie eben mit dem Onkel über Wissenschaft sprechen,« antwortete sie, »über die moderne Wissenschaft und ihre verschiedenen wunderbaren Entdeckungen. Finden Sie nun nicht in diesem Zweige der Wissenschaft etwas, was viele der legendenhaften Doktrinen der Kirche umstößt?«

»Umzustoßen scheint, ja,« erwiderte er ruhig. »Wenn man dieses Etwas aber weiter verfolgen würde, müßte es, ich bin völlig davon überzeugt, unseren Glauben eher stärken als schwächen. Ich fürchte mich nicht vor der Wissenschaft, mein Glaube ist fest!«

Dabei schlug er seine herrlichen Augen mit dem Ausdruck eines verzückten Heiligen in die Höhe, und wieder fühlten wir jenen verlegenen Ernst über uns schleichen, als befänden wir uns in der Kirche und nicht bei einem Diner. Der gutherzige Herr Vaudron war tief gerührt.

»Gut gesagt, Silvion, mein Junge!« rief er mit zärtlichem Ernst. »Wenn der liebe Gott einmal unsere Herzen zur Liebe für seinen heiligen Dienst gewendet hat, so liegt wenig daran, was die Gelehrsamkeit oder die Philosophie der Welt uns lehren mag. Die Welt und die Dinge der Welt sind immer auf der Oberfläche, aber der Glaube eines Dieners der Kirche ist tief in die Seele gepflanzt!«

»Sie sind ebenso sehr ein Dichter wie ein Priester, habe ich gehört,« sagte ich spöttisch zu Silvion.

Er lächelte. »Mein Freund, Religion ist Poesie, Poesie ist Religion. Die Verehrung ist ein ebenso heiliger Kultus wie die Verehrung der schönheitschaffenden Gottheit. Meiner Ansicht nach ist es die Pflicht eines Priesters, von Glück und Hoffnung zu predigen, nichts von Schmerz und Tod. Wenn ich einmal geweihter Priester bin, will ich nur von Freude predigen. Ich werde von den Blumen, Vögeln und Bäumen, den Sternen und ihren unerschöpflichen Wundern, den großen Strömen und den noch größeren Oceanen, von der Lust des Lebens sprechen, von allem, was schön, anmutig und hoffnungsvoll ist!«

»Würden Sie zum Beispiel auch die Schönheit der Frau zum Text nehmen?« fragte ich ungläubig.

»Warum nicht?« antwortete er ruhig. »Die Schönheit der Frau ist eine der Gaben Gottes, um unsere Augen zu erfreuen, und sie darf nicht verschmäht oder für unheilig gehalten werden. Ich will gern von Frauenschönheit predigen! Sie ist der Widerschein reiner Seelen!«

»Nicht immer!« sagte ich trocken und über seine Unwissenheit etwas ärgerlich. »Sie haben noch nicht in Paris gelebt, Herr Guidél. Es giebt schöne Frauen in den Café-Chantants und noch an anderen Orten, die vor einem Schüler der Theologie nicht erwähnt werden dürfen; Frauen, so zart wie Nymphen und so lieblich wie Blumen, die nicht einen Funken von Charakter besitzen und seit ihrer frühesten Kindheit wahre Harpyien des Lasters sind.«

Ein plötzliches Interesse blitzte in seinen Augen auf. Ich bemerkte es mit Erstaunen, und er sah dies, denn eine helle Blutwoge stieg in seine Stirne, und er vermied meinen Blick. Dann schien ihm ein Gedanke zu kommen, und er sprach ihn sofort aus, mit jenem schwachen Anflug von Spott, den ich schon vorhin an ihm bemerkt hatte.

»Ah, Sie haben eine größere Erfahrung!« sagte er leise, »Sie sind diesen – Harpyien begegnet?«

Das ärgerte mich unbeschreiblich. Wie kam er dazu, auch nur einen Schatten von Verdacht auf meine Aufführung zu werfen. Nur mühsam bezwang ich meine Erregung und antwortete kurz:

»Sie irren sich. Kein Ehrenmann besucht die elenden und verächtlichen Höhlen, wo sie wohnen. Was ich Ihnen gesagt habe, weiß ich nur vom Hörensagen.«

»Wirklich!« Er seufzte. »Aber man soll immer erst die Wahrheit erproben, ehe man übler Nachrede glaubt. Die Tugend wird so leicht verleumdet.«

Ich lachte laut auf. »Möchten Sie vielleicht die fraglichen Harpyien kennen lernen?« sagte ich halb scherzend.

Er war nicht beleidigt, sondern sah mich mit dem größten Ernst an.

»Ja,« antwortete er offen. »Wenn sie gefallen sind, können sie wieder erhoben werden; auch unser Herr hat sich von einem sündigen Weibe nicht abgewendet!«

Ich stieß einen Ausruf der Ungeduld aus, schwieg aber, da eben der Graf von Charmilles sich mit meinem Vater und dem Pfarrer vom Tische erhob und wir uns alle in den Salon begaben, wo die Damen uns erwarteten und wo der Kaffee schon bereit war. Ich machte sofort von meinem neuerworbenen Privileg als Paulinens Bräutigam Gebrauch, ließ mich neben dem Sessel nieder, wo sie an einer feinen Stickerei tändelte, und plauderte mit ihr in jenem süßen Halbgeflüster, das wohl höchst angenehm für das betreffende Liebespaar, für die Unbeteiligten aber oft äußerst peinlich ist. Ein- oder zweimal sah ich Guidél mit einem seltsamen Aufblitzen der Augen zu uns herüberblicken, als sei er plötzlich zum Bewußtsein gekommen, daß es noch angenehmere Dinge gebe als Messelesen und das Zählen der Rosenkranz-Perlen; zumeist aber war er sehr still und zurückhaltend, ließ sich nur hier und da in ein Gespräch mit dem Grafen von Charmilles ein, zeigte sich jedoch, so oft er sprach, als ein Mann von seltener geistiger Begabung und glänzendem Wissen. Ich bemerkte, daß Heloise St. Cyr ihn mit tiefem Interesse beobachtete und machte Pauline scherzend darauf aufmerksam.

»Deine Cousine wird in den schönen Betragner ganz verliebt,« sagte ich. »Wer weiß, ob sie ihn nicht am Ende seinen heiligeren Absichten abwendig macht!«

Sie sah mich mit plötzlichem Erröten an. »O nein!« murmelte sie hastig, mit einem, so glaubte ich, Anflug von Mißmut in der Stimme. »Das ist unmöglich! Heloise liebt niemand, sie wird niemand lieben – außer mir!«

Ich lächelte, nahm ihre kleine Hand und studierte deren hübsche Grübchen und rosige Fingerspitzen.

»Noch nicht vielleicht!« antwortete ich leise. »Aber die Zeit der Liebe wird auch für sie kommen, Pauline, wie sie für Dich gekommen ist!«

»Weißt Du auch gewiß, daß sie für mich gekommen ist?« fragte sie halb schüchtern, halb schelmisch. »Bist Du so eitel, Gaston, daß Du zum Beispiel meinst, ich . . ich . . . bete Dich an?«

Ich sah sie an und bemerkte, daß sie lächelte.

»Anbeten ist ein starkes Wort, mein Herz,« antwortete ich. »Es liegt an mir, anzubeten, nicht an Dir!« Und ich küßte die kleine Hand.

»Ja,« sagte sie mit einer nachdenklichen Miene. »Aber manchmal kann auch eine Frau einen Mann anbeten, nicht wahr? Sie kann ihn so lieben, daß er ihr mehr als Gott ist?«

»Ganz gewiß!« erwiderte ich langsam und ein wenig überrascht, denn sie hatte mit ungewöhnlicher Ernsthaftigkeit und Leidenschaft gesprochen. »Aber solches Übermaß der Liebe ist selten und überdies nicht dauernd; es ist heftig und übertrieben, stets unklug und oft gefährlich; Deine Priester würden sagen, daß es schlecht ist.«

»Gewiß ist es schlecht,« stimmte sie leise seufzend zu, »schrecklich schlecht, und . . . und, wie Du sagst, gefährlich.« Sie hielt inne; der nachdenkliche Ausdruck verschwand von ihrem Gesicht wie eine vorüberziehende Wolke von einem Stern und sie lachte, ein leises Lachen völliger Zufriedenheit. »Du kannst ruhig sein, Gaston, Dich bete ich nicht an, bin also nicht schlecht! Ich bin Deine kleine Braut, die Dich sehr, sehr gern hat, voila tout!«

Dabei beugte sie sich zu mir, nahm eine Rose aus ihrem Brustbouquet und befestigte sie in meinem Knopfloch, während ich, durch ihre kokette Anmut bezaubert, ihren letzten Worten gar keine Beachtung schenkte. Erst später erinnerte ich mich ihrer – später, als ich erfahren hatte, daß eine Frau einen Mann wirklich mit solcher Inbrunst »anbeten« kann, daß sie sich um seinetwillen in den Staub treten, sich eher zu Tode foltern läßt als aufhört ihn anzubeten. Frauen sind ein seltsames Volk! Manche sind grausam, frivol, treulos, aber ich glaube, sie sind fast alle gleich in ihrer unendlichen, grenzenlosen Fähigkeit zu lieben. Findet mir die Frau, die nie etwas geliebt hat, und Ihr werdet das eine, das einzige Wunder der Jahrhunderte gefunden haben!



Sechstes Kapitel.

An demselben Abend, dem Abend der Einführung Silvion Guidéls in unseren Kreis, umgab sich Heloise St. Cyr plötzlich mit der Macht einer Zauberin aus Tausend und eine Nacht und trug uns auf den magischen Schwingen ihres Bogens wohin sie wollte. Ihre Tante sagte mir, daß sie ihr seltenes Talent nie vor fremden Zuhörern zur Schau stelle, so daß ihr Benehmen an jenem Abend ein ganz außergewöhnliches war. Pauline bat sie, zu spielen, und wahrscheinlich bewog sie die Thatsache, daß es der Verlobungsabend ihrer Cousine war, rasch und ohne Zögern einzuwilligen. Pauline begleitete sie auf dem Klavier, sorgsam bemüht, ihren Teil so leise wie möglich durchzuführen, so daß wir die wunderbare Musik, die dies seltsame, blasse, goldhaarige Weib in die Luft hinausschmetterte, in ihrer ganzen Tonpracht und silbernen Feinheit hören konnten. Während sie spielte, war sie selbst eine passende Studie für einen Künstler. Sie stand in der tiefen Nische eines Fensters und die dicht zugezogenen Vorhänge aus rosa Seide bildeten einen leuchtenden Hintergrund für ihre Gestalt; in ein einfaches glattes weißes Gewand gekleidet, dessen klassische Strenge von keiner Blume gemildert wurde, hoben sich ihre schneeigen Arme wie Marmor von dem Goldbraun ihrer Amati ab. Mit sicherer Grazie und köstlicher Präzision flog der Zauberbogen auf und nieder, leicht und zierlich wie ein im Winde wehender Weidenzweig, und doch mit einer Kraft und Gewalt, die bei einer Frau erstaunlich waren. Ich sprang von dem Stuhl auf, wo ich bisher in atemloser Aufmerksamkeit gesessen, und brach in ein entzücktes Lob aus, das keine bloße Schmeichelei war, denn es war nicht vorher bedacht und wirklich gefühlt. Sie hörte mich an und lächelte, ein seltsames, bedeutungsvolles Lächeln.

»So lieben Sie also die Musik, Herr Gaston!« sagte sie. »Und was erzählt sie Ihnen?«

»Erzählen?« wiederholte ich. »Wollen Sie mir Rätsel aufgeben, mein Fräulein?«

Pauline sah mit einer erstaunten Miene vom Klavier herüber.

»Das ist eine von Heloisens komischen Ideen,« rief sie. »Die Musik erzählt ihr, so sagt sie, allerlei, nicht nur Schönes, sondern auch Schreckliches. Ich kann nun nichts Schreckliches in Musik finden!«

Heloise beugte sich rasch über sie und küßte sie aufs Haar.

»Nein, Kind, denn Du hast nie an etwas Trauriges gedacht. Möge es immer so bleiben!«

»Gewiß läßt sich der Schmerz in Musik ausdrücken,« sagte Silvion Guidél, der sich unbemerkt unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, und sah, während er sprach, Pauline an, »Schmerz wie Freude, aber wenn Freude und Schmerz tiefere, tragischere Töne annehmen, so weiß ich nicht, ob die Musik auch ausgesprochenes Entsetzen, Wut oder Reue ausdrücken kann. Eine Tragödie in Tönen erscheint mir unmöglich.«

»Und doch besteht die Sprache aus Tönen,« antwortete Heloise, »ebenso wie Musik, und diese kann oft eine Geschichte fortsetzen, wenn die Sprache es nicht mehr vermag. Sie wollen eine Tragödie in Tönen hören, Herr Guidél? Dann hören Sie mir zu. Es giebt keine größere Tragödie, als die immer wiederkehrende von Liebe und Tod. Spiele nicht mit, Pauline, mein süßes Kind! Ich werde diesmal eine unabhängige Solistin sein.«

Wir sahen sie in reger Bewunderung an, als sie ihre Geige wieder ergriff und ein zartes Präludium zu spielen begann, das mehr dem Plätschern eines Baches als den Tönen eines Saiteninstrumentes glich. Der Faden der Musik schien durch Moos und knospende Veilchen zu wandern; auf einmal, während wir diese süßen Töne noch in uns tranken, hörte sie plötzlich auf und begann, die Geige in der Hand, mit einer Stimme, die so harmonisch war wie Musik selbst:


»Elle avait de beaux cheveux, blonds
Comme une moisson d'août, si longs
Qu'ils lui tombaient jusqu'aux talons.

Elle avait une voix étrange
Musicale, de fée ou d'ange,
Des yeux verts sous leurs noirs franges.«


Hier ging der Bogen schmeichelnd aufwärts und ein klagendwilder Ton, der von hohen Bergen und dichten Wäldern zu kommen schien, schwebte leise durchs Zimmer.


»Lui ne craignait pas de rival
Quand il traversait mont ou val
En l'emportant sur son cheval.

Car pour tous ceux de la contrée
Altière elle s'était montrée
Jusqu'au jour qu'il l'eut recontrée.«


Tiefe, schauernde Töne, ein klagendes Schluchzen brach aus den Saiten hervor.


L'amour la prit si fort au coeur
Que pour un sourire moqueur
Il lui vint un mal de langueur.

Et dans ses dernières caresses:
›Fais un archet avec mes tresses,
Pour charmer tes autres maîtresses.‹

Puis, dans un long baiser nerveux
Elle mourut!
Suivant ses voeux
Il fit l'archet de ses cheveux!«

Eine kurze Pause, dann schlugen plötzlich lärmende Akkorde wie Ausbrüche leidenschaftlicher Verzweiflung an unser Ohr.


»Comme un aveugle qui marmonne
Sur un violon de Crémone
Il jouait, demandant l'aumône.

Tous avaient d'enivrants frissons
A l'écouter. Car dans ces sons
Vivaient la morte et ses chansons.

Le roi, charmé, fit sa fortune.
Lui, sut plaire à la reine brune
Et l'enlever au clair de lune.

Mais chaque fois qu'il y touchait
Pour plaire à la reine, l'archet
Tristement le lui reprochait!«


O, die unendliche Trauer, die wehe Schwermut dieser wilden Töne! Thränen füllten Paulinens Augen, sie faltete die kleinen Hände im Schoß und blickte ihre Cousine in Angst und Verwunderung an. Guidéls Farbe kam und schwand in der heftigen Erregung, die das Lied, trotz seiner ruhigen, äußeren Haltung in ihm erweckt hatte. Heloise fuhr fort:


»Au son du funèbre langage
Ils moururent à mi-voyage
Et la morte reprit son gage.

Elle reprit ses cheveux, blonds
Comme une moisson d'août, si longs
Qu'ils lui tombaient jusqu'aux talons!«


Ein langer, seufzender Ton, und alles war still. Wir saßen wie verzaubert still, bis wir allmählich bemerkten, daß Heloise uns mit einem leichten Lächeln und etwas mehr Farbe in den Wangen als gewöhnlich betrachtete. Da drängten wir uns mit Lobsprüchen um sie und Pauline barg die nassen Augen an ihrer Brust.

»Sie sind ein Genie, mein Fräulein!« sagte Silvion Guidél, sich dabei tief verneigend. »Ihre Talente sind Gaben von oben!«

»Das ist wahr!« rief der gute Pfarrer, eine verdächtige Heiserkeit forthüstelnd. »So etwas habe ich nie gehört! Es war genug, um eine ganze Gemeinde von Sündern zum Weinen zu bringen!«

Heloise lachte. »Oder zu neuen Sünden zu bewegen,« sagte sie mit jenem leichten Anflug von Sarkasmus, der sie manchmal auszeichnete.

Der Diener trat eben mit einer Platte mit Wein und Biskuit ein, und sie schickte sich an, dieselben in ihrer gewöhnlichen praktischen Weise zu verteilen, damit jeder weiteren Konversation über ihre Talente aus dem Wege gehend. Der Graf und die Gräfin nahmen sichtlich erfreut meines Vaters warmes Lob ihrer Nichte entgegen, und bald wurde die Unterhaltung allgemein; nur ich hatte Pauline in eine Ecke gezogen, um von ihr mit all dem Stolz meiner neuen Würde als ihr künftiger Gatte einen längeren Abschied zu nehmen.

»Ich werde morgen kommen,« flüsterte ich. »Wird es Dich freuen, Pauline?«

Sie lächelte. »O ja; Du wirst wohl jetzt jeden Tag kommen?«

»Wäre es Dir recht?« fragte ich.

»Wäre es Dir recht?« gab sie, die Antwort umgehend, zurück. Darauf brach ich in neue, leidenschaftliche Beteuerungen aus, denen sie ein wenig matt zuhörte. Ich hielt plötzlich inne.

»Du bist müde, mein Herz,« sagte ich zärtlich, »ich sehe es deutlich.«

»Ja,« gestand sie, ein leichtes Gähnen unterdrückend und die reizenden, runden Arme nachlässig ein wenig in die Höhe reckend. »Ich glaube, das Spiel Heloisens hat mich erschöpft. Weißt Du« – und ihre schönen, blauen Augen richteten sich mit nachdenklichem Ausdruck in die meinen – »sie hat mich erschreckt! Aber sage mir, Gaston – Du hast es mir ja versprochen – was hältst Du von Herrn Silvion Guidél?«

Ich sah zu ihm hinüber; er trank nicht Wein wie die anderen, sondern lehnte am Kamin und sprach mit der Gräfin von Charmilles.

»Er ist sehr schön!« gestand ich zu. »Zu schön für einen Mann, er hätte eine Frau sein sollen.«

»Und klug?« fragte sie weiter. »Hältst Du ihn für klug?«

»Daran kann kein Zweifel sein,« antwortete ich kurz. »Ich denke, er wird als Priester nicht ganz in seinem Element sein.«

»Aber er ist gut!« sagte meine Braut und öffnete weit ihre blauen Augen.

»Das kann schon sein!« lachte ich, »aber alle guten Leute müssen nicht gerade Priester werden. So wirst Du doch mich zum Beispiel nicht für schlecht halten, aber ich werde kein solcher Narr sein und das Gelübde der Ehelosigkeit ablegen – bewahre, ich heirate Dich!«

»Das hältst Du wohl für ein großes Glück?« sagte sie übermütig lächelnd.

»Für das einzige Glück, das ich mir ersehne!« antwortete ich, ihre Hand küssend.

Sie errötete reizend; dann stand sie auf und gesellte sich den anderen zu. Ich folgte ihrem Beispiel, und nach einer Weile nahmen wir, das heißt ich und mein Vater, der Pfarrer und sein Neffe, Abschied. Wir gingen ein Stück des Weges zusammen, wobei unser Gespräch sich hauptsächlich um den uns alle interessierenden Gegenstand meiner Verlobung mit Pauline drehte. Der gute, alte Vaudron erschöpfte sich in Glückwünschen und sprach die Hoffnung aus, daß man ihm das Vorrecht zugestehen werde, unsere kirchliche Trauung vorzunehmen. Mein Vater befand sich in ausgezeichneter Laune, denn eine solche Partie hatte er immer für mich gewünscht. Er war ein starrer Republikaner, und wie alle Republikaner hatte er eine große Schwäche für einen tadellosen, aristokratischen Stammbaum, so wie ihn die Charmilles zweifellos besaßen. Silvion Guidél war der schweigsamste von uns; er schritt neben mir her und schien so in seine eigenen Gedanken versunken, daß er wie aus einem Traum erwachte, als wir bei einer Biegung des Weges stehen blieben, um uns zu trennen.

»Ich hoffe Sie recht oft zu sehen, Herr Gaston,« sagte er dann, mir plötzlich seine schmale, zart aussehende Hand hinhaltend. »Ich habe bisher sehr wenig Freunde meines Alters gehabt; darf ich auf Sie zählen?«

»Selbstverständlich,« fiel mein Vater fröhlich ein. »Freilich ist Gaston, wie ich fürchte, nicht sehr religiös, aber er ist ein netter Junge, obwohl ich das selbst nicht sagen sollte. Er wird Ihnen die Schönheiten von Paris zeigen und helfen, die Zeit angenehm zuzubringen. Kommen Sie zu uns, so oft Sie wollen; Ihr Onkel weiß, daß mein Haus ihm ebenso zur Verfügung steht wie sein eigenes.«

Mit diesen und noch anderen freundschaftlichen Versicherungen trennten wir uns; der Pfarrer und sein Neffe wandten sich nach links, mein Vater und ich setzten unseren Weg geradeaus fort. Wir zündeten unsere Cigarren an und gingen eine Zeitlang schweigend fort; dann brach mein Vater die Stille.

»Dieser Guidél ist ein merkwürdig schöner Mensch!« sagte er. »Für einen Priester ordentlich gefährlich schön! Ein Glück, daß seine Beichttöchter ihn durch das Gitter des Beichtstuhles nicht deutlich sehen werden – wer weiß, was sonst geschähe! Er ist auch sehr beredt; gefällt er Dir, Gaston?«

»Nein,« antwortete ich offen, »ich könnte das nicht sagen.«

Mein Vater sah erstaunt aus.

»Aber warum?«

»Ich weiß es selbst nicht, Vater. Er ist interessant, angenehm, geistvoll, aber etwas ist in ihm, dem ich mißtraue!«

»Na, na!« und mein Vater hängte sich gut gelaunt in meinen Arm ein. »Jetzt, wo Du ein verlobter Mann bist, solltest Du die Vorurteile beiseite setzen. Du ähnelst mir mit Deinem chronischen Mißtrauen gegen alle Geistlichen doch gar zu sehr! Aber bedenke, dieser schöne junge Mann ist noch kein Priester, und ich würde gern eine Wette eingehen, daß er es nie sein wird.«

»Wozu paßt er denn, da er für den Priester auferzogen worden ist?« fragte ich ziemlich gereizt.

»Wozu? Mein Lieber, er paßt für alles! Für einen Diplomaten, einen Staatsmann, einen großen Schriftsteller! Er hat Genie, und das Genie ist gleich dem Griechen Proteus; es kann alle Gestalten annehmen und in jeder groß sein. Glaub mir, Gaston,« und mein Vater schüttelte ernsthaft den Kopf, »in diesem jungen Manne steckt etwas ganz Besonderes und Merkwürdiges; meiner Meinung nach wird er eher dazu helfen, die Geistlichkeit zu stürzen, denn als ein Bollwerk der Verteidigung in ihre Reihen treten.«

Ich murmelte etwas Unverständliches. Dieses Lob des Bretagners war mir nicht so angenehm, daß ich das Gespräch hätte fortsetzen mögen. Wir kamen bald zu Hause an und begaben uns sogleich zur Ruhe. Während der ganzen Nacht jedoch verfolgten mich die Melodien Heloise St. Cyrs und die Worte aus den Versen, die sie gesprochen hatte.

Während der ersten zwei oder drei Monate, welche meiner Verlobung mit Pauline de Charmilles folgten, muß ich wohl der stolzeste, zufriedenste, glücklichste Mensch in ganz Frankreich gewesen sein. Keine Wolke trübte meine Freude, kein Schmerz verbitterte den Becher meines Glückes. Alles lächelte mich an, und in der warmen Expansion meiner Natur hatte ich selbst Silvion Guidél in meine Neigung eingeschlossen. Freilich war es schwer, ihm zu widerstehen; seine offenherzige Freundlichkeit gegen mich machte mich über meine frühere Abneigung beschämt und allmählich wurden wir so vertraut, wie dies für zwei so verschiedenen Berufszweigen angehörende junge Männer möglich ist. Er ward auch ein großer Liebling der Charmilles und oft von ihnen eingeladen, obwohl ich selbstverständlich ein noch häufigerer Besucher war, und wenn wir unseren Abend dort verbracht hatten, gingen wir immer gemeinsam nach Hause. Mir gefiel besonders seine außerordentliche Ehrfurcht und beinahe übertriebene Zurückhaltung gegen Pauline; er schien sie fast zu vermeiden und ihre Verlobung mit mir als eine Ursache zu noch größerem Respekt zu betrachten. Gegen Heloise St. Cyr war er nicht halb so zurückhaltend; er sprach ungezwungen mit ihr, verwickelte sie in Diskussionen über Litteratur und Musik, wobei ich ihre glänzenden Kenntnisse oft bewundern mußte, lieh ihr hier und da seltene alte Bücher und schrieb ihr aus dem Gedächtnis Fragmente alter bretonischer Balladen nieder, die sie dann mit unbeschreiblichem Pathos und großer Geschicklichkeit auf der Geige wiedergab, wodurch sie uns alle tief bewegte, Pauline sogar oft bis zu Thränen.

Weihnachten und der lustige Neujahrstag waren für Pauline durch die große Anzahl wertvoller Geschenke und Blumengaben bemerkenswert gewesen. Alle ihre Bekannten wußten, daß sie »Braut« war, und zahllose Glückwünsche und Geschenke wurden ihr dargebracht. Sie war jedoch entweder blasiert oder philosophisch geworden, denn sie zeigte nicht ihr einstiges kindisches Entzücken über die großen Körbe und Schachteln mit Bonbons, die sie erhielt; selbst ein großer runder Korb aus vergoldetem Flechtwerk, mit Veilchen bekränzt und dicht mit ihren einst geliebten »marrons glacés« gefüllt, erregte ihr ein nur mäßiges Entzücken. Am Morgen des Neujahrstages hatte ich ihr eine phantastisch geformte Elfenbeingondel voller Rosen und ein Perlenhalsband geschickt, ein Geschenk, das ihr zu meiner Freude am meisten von allen zu gefallen schien. Silvion Guidél hatte sich damit begnügt, ihr in seiner gewöhnlichen ernsten und zurückhaltenden Art zu gratulieren und ihr zum neuen Jahre kein anderes Geschenk geboten als einen großen Zweig weißer Lilien. Sie hatte sie mir mit einem, wie ich mir einbildete, nachdenklichen Blick gezeigt und gefragt, ob sie sie nicht in die Vase unter dem Muttergottesbild in ihrem eigenen Zimmer stecken solle. Ich bejahte, denn erstens schenkte ich ihren mädchenhaft - romantischen Ansichten über Religion keine Beachtung und zweitens war ich ebenfalls der Meinung, daß solche reine, weiße, keusche Blüten eher für einen Altar als einen Salon paßten. So stellte sie sie dorthin und ich billigte es . . . wie ein Narr, der ich war! Diese Lilien durften den geehrtesten Platz in ihrem Schlafzimmer einnehmen, durften ihren Duft mit jedem ihrer Atemzüge mengen, ihre Botschaft in ihre Mädchenträume flüstern! Gott, hätte ich nur gewußt!

Gegen Ende März wurde Heloise St. Cyr zu ihrer gefährlich erkrankten Mutter berufen. Den Abend vor ihrer Abreise brachte ich bei den Charmilles zu; ich war der einzige Besucher und wurde schon fast wie ein Familienmitglied behandelt. Ich fand, daß sie sehr matt und erschöpft aussehe, schrieb das aber den schlechten Nachrichten zu, die sie von Hause erhalten hatte, und war daher ziemlich überrascht, als sie, eine kurze Abwesenheit Paulinens benutzend, hastig auf mich zukam und sich neben mir niederließ.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, Herr Gaston,« sagte sie mit einem sonderbaren Zögern und ungewöhnlicher Aufgeregtheit. »Sie können sich nicht denken, wie leid es mir thut, gerade jetzt Pauline allein lassen zu müssen!«

»Das finde ich ganz begreiflich,« antwortete ich rasch, denn ich verstand einen solchen Kummer, der mir unerträglich gewesen wäre. »Hoffen wir aber, daß Sie nicht lange ausbleiben werden.«

»Ich hoffe es, ich hoffe es,« murmelte sie, und ihre Stimme bebte ein wenig. »Aber, Herr Gaston, Sie werden Pauline nicht zu lange allein lassen, nicht wahr? Sie werden sie jeden Tag besuchen und sie so oft wie möglich sehen?«

Ich lächelte. »Darauf können Sie sich verlassen. Seien Sie ohne Sorge, Heloise« – denn ich nannte sie jetzt Heloise wie die anderen – »ich habe nicht die Absicht, sie zu vernachlässigen.«

»O, gewiß nicht!« sagte sie in demselben aufgeregten Tone. »Aber sie ist nicht ganz wie sonst, finde ich, etwas traurig, vielleicht nervös. Sie vergießt oft Thränen über – über nichts, und ich finde, daß sie zu fromm ist. O, Sie lachen!« Ich hatte in der That bei dem Gedanken an die übertriebene Frömmigkeit meines Bräutchens lächeln müssen – glaubte ich doch, deren Ursache zu kennen: sie betete für mich! »Aber ich halte dies bei einem so jungen Mädchen nicht für natürlich und würde alles darum geben, wenn ich bei ihr bleiben könnte, statt fortzufahren! Sie pflegte sonst ihren religiösen Pflichten nicht gar zu eifrig nachzukommen, und jetzt verfehlt sie nie die Frühmesse; sie ist auf und fort, während ich noch schlafe, und wird ganz böse, wenn wir sie davon abhalten wollen. Es ist nicht notwendig, daß sie immer in die Kirche des Herrn Vaudron geht, finden Sie nicht auch?«

Sie sah mich voll an, aber ich konnte an ihren Worten keinen Doppelsinn heraushören – mir erschien alles, was Pauline sagte oder that, als die Vollkommenheit selbst.

»Sie hat den guten alten Vaudron so lieb wie wir alle,« antwortete ich, »und wenn ich offen sein soll, so ist es mir lieber, sie geht in seine Kirche als in eine andere. Sie sind überängstlich, Heloise, die Nachricht von der Krankheit Ihrer Mutter hat Sie ganz nervös gemacht. Seien Sie ruhig. Pauline ist unser Abgott und wir werden noch besonders acht auf sie geben, da Sie fort sind.«

»Ich hoffe, daß Sie das thun werden,« sagte sie mit seltsamem, fast leidenschaftlichem Ernst. »Ich hoffe es zu Gott!«

Diese Worte machten mir momentan einen sehr unangenehmen Eindruck; »was für eine unbequeme Person diese Heloise ist,« dachte ich, »mit ihren großen, leuchtenden, graugrünen Augen und den blassen Zügen, über welche das Licht einer inneren Glut einen seltsamen, unirdischen Schein wirft!« Sie brach das Gespräch unvermittelt ab, da Pauline ins Zimmer trat, und am nächsten Morgen war sie fort.

Ein paar Tage nach ihrer Abreise brachte ich das Thema dieser »übergroßen Frömmigkeit« zur Sprache.

»So gehst Du also wirklich jeden Tag in die Messe?« fragte ich Pauline fröhlich, indem ich dabei eine ihrer schönen, braunen Locken um den Finger wand.

Sie fuhr zusammen. »Woher weißt Du das?«

»Heloise erzählte es mir, ehe sie wegfuhr. Es ist Dir doch nicht unangenehm, daß sie es that? Es ist ja ganz in der Ordnung, aber stehst Du deshalb nicht gar zu früh auf?«

»Nein; ich pflege nach Sonnenaufgang nie lange zu schlafen,« sagte sie, während ihr Gesicht sich etwas färbte.

»Wie die richtige Lerche!« lachte ich. »Nun, ich muß mich auch bessern und fromm werden. Soll ich Dich zum Beispiel morgen in der Kirche erwarten?«

»Wie Du willst!« antwortete sie ruhig.

Sie war so ernst dabei, daß ich das Thema nicht weiter fortsetzen wollte; ohne Zweifel hatte sie die religiösen Skrupel ihrer Eltern geerbt, und ich hatte keine Lust, sie durch unpassenden Spott zu verletzen. Frömmigkeit steht einer Frau sehr gut; ein schönes betendes Mädchen ist das einzige Bild, welches sich die Welt von Gottes Engeln machen kann.

Der nächste Morgen kam, und ich ging nicht in die Kirche, wie ich beabsichtigt hatte, denn ich hatte mich verschlafen. Im Laufe des Tages traf ich jedoch zufällig Herrn Vaudron und sprach mit ihm über Paulinens tägliche Anwesenheit bei seiner Frühmesse. Der gute Mann sah außerordentlich erstaunt aus.

»Das ist sonderbar, sehr sonderbar!« meinte er nachdenklich. »Ich muß sehr kurzsichtig werden, oder das liebe Kind sich ganz im Hintergrunde der Kirche halten, denn ich sehe sie nie, außer am Sonntag, wenn sie mit ihren Eltern hinkommt. Bei der Frühmesse, sagen Sie? Es giebt deren mehrere; die erste ist um sechs Uhr, wobei mein Neffe mir assistiert, die zweite um sieben, wobei mir mein Kaplan hilft, denn um diese Zeit geht Silvion spazieren. Er war in der Bretagne an sehr viel Bewegung gewöhnt und kann hier nie genug bekommen. Wahrscheinlich kommt die Kleine um sieben, früher wohl schwerlich. Sie ist ein gutes Kind, sanft und tugendhaft; Du solltest sehr stolz auf sie sein, Gaston!«

»Und bin ich's denn nicht?« gab ich lachend zur Antwort. »Ich würde sie lieben und stolz auf sie sein, selbst wenn sie – seien Sie nicht böse, mein Vater – selbst wenn sie gar nie zur Messe ginge!«

Er schüttelte über diese kecke Erklärung mit frommer Strenge den Kopf, konnte aber trotzdem ein gütiges Lächeln nicht unterdrücken; dann schüttelten wir uns herzlich die Hand und gingen auseinander.

Am nächsten Tage ließ ich mich rechtzeitig zur Sieben-Uhr-Messe wecken und kam sehr vergnügt in der kleinen Kirche an, weil ich Pauline damit angenehm zu überraschen gedachte. Zu meinem großen Ärger war sie jedoch nicht da. Nur zwei oder drei Marktweiber und eine alte Witwe in tiefster Trauer bildeten die Versammlung. Ich schlüpfte bald wieder hinaus, eilte nach Hause und schrieb meiner treuen Verlobten, daß ich in der Hoffnung, sie zu treffen, in der Messe gewesen sei, sie aber trotzdem wieder verfehlt hätte. Später am Tage sprach ich bei ihr vor und fand sie in strahlender Laune.

»Armer Junge!« rief sie scherzend, indem sie beide Arme um meinen Hals schlang. »Wie schrecklich, daß Du ganz umsonst so früh aufstehen mußtest! Ich war gar nicht in der Kirche, denn ich war schläfrig; mir scheint, ich werde wieder faul, und einmal faul – ach, da ist es mit dem Frommsein wieder aus!«

Sie seufzte und nahm eine reuige Miene an; ich lachte und küßte sie und hatte bald unter dem Zauber ihrer Gegenwart den früheren kleinen Ärger vergessen. Als ich sie verließ, war ich überzeugt, daß ihre Laune, der Frühmesse regelmäßig beizuwohnen, vorüber sei, wie all die vorübergehenden Launen sehr junger, phantasiereicher Mädchen, und ich dachte nicht mehr daran.

Gerade um diese Zeit ward mein Vater genötigt, wegen großer, finanzieller Spekulationen, in die unsere Firma verwickelt war, nach London zu reisen. Er mußte auf eine Abwesenheit von zwei oder drei Wochen rechnen, so daß die Oberaufsicht über unser Pariser Bankhaus gänzlich mir zufiel. Ich war vom Morgen bis zum Abend beschäftigt, hatte in der That so wenig freie Zeit, daß ich mir den ununterbrochenen Genuß von Paulinens Gesellschaft höchstens am Sonntag Nachmittag und Abend gönnen konnte. Ich sah sie so selten und immer für so kurze Zeit, daß ich mich ganz unglücklich fühlte, um so mehr, als Heloisens Abschiedsworte mir beharrlich in den Ohren klangen; nichtsdestoweniger mußte ich meine Pflicht erfüllen und fand auch meine schöne Braut, so oft ich sie besuchte, in so fröhlicher, fast wildlustiger Laune vor, dabei so lieblich und wohl aussehend, daß ich mich wegen meiner Überängstlichkeit tadelte. Übrigens sollte Anfang Juni die Hochzeit sein, und wir befanden uns nun Ende April. Die Gräfin von Charmilles war angenehm mit dem Anordnen und Vorbereiten des Trousseaus beschäftigt, sogar ein paar verfrühte Hochzeitsgeschenke waren bereits eingetroffen.

Während dieser Zeit kam ich mit Silvion Guidél sehr häufig zusammen. Er pflegte mich nachmittags von der Bank abzuholen, nach Hause zu begleiten und, da es mir ohne meinen Vater in dem großen, alten Hause in Neuilly gar zu einsam war, mir manche Stunde Gesellschaft zu leisten. Er besaß ein großes und lebhaftes Verständnis für Kunst, Wissenschaft und Litteratur und seine Konversation jenes Glänzende und Treffende, das das gesprochene Wort fast so anziehend macht wie die sorgfältig gefeilten und witzigen Sätze eines Autors, bei dem der Stil der Hauptreiz ist. Manchmal, wenn ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden und in trockene Berechnungen vertiefen mußte, saß Guidél ganz still in einem Sessel neben dem Fenster, den Kopf zurückgelehnt und die Augen träumerisch auf das zarte Frühlingslaub der Bäume gerichtet, ganz in seine Gedanken versunken. Und ich muß das bitterste Geständnis machen: Ich begann ihn lieb zu gewinnen. Ja, selbst ich! Ein eigenartiges Gefühl ehrfürchtiger Zärtlichkeit überkam mich, so oft er mit seinem schönen, ruhigen Gesicht und heiligen Ausdruck in das Zimmer trat, wo ich allein saß, beide Hände freundschaftlich auf meine Schultern legte und sagte:

»Noch immer bei der Arbeit, Beauvais! Was für ein Glück ist es, so gewissenhaft zu sein! Ruhen Sie sich aus, mein Freund, wenn nicht um Ihret-, so doch um Ihrer schönen Braut willen, die sich kränken würde, wenn sie Sie so überanstrengt sähe!«

Diese freundliche Teilnahme rührte mich ordentlich, denn ich war zu jener Zeit ein gefühlvoller Mensch, rasch empfänglich für Güte und ebenso rasch im Zurückweisen jeder Ungerechtigkeit. Wie ich meinte, war ich gegen Silvion Guidél ungerecht gewesen; ich hatte ihn zu Anfang ohne allen Grund nicht leiden können und machte mir deshalb jetzt häufige Vorwürfe. Dennoch, obwohl erste Eindrücke oft irrig sind, liegt doch viel zur Bestätigung ihrer Richtigkeit vor. Wenn man beim ersten Anblick einer Person eine seltsame Antipathie fühlt, so kann man fast sicher sein, daß etwas in den beiderseitigen Naturen liegt, was sich ewig bekämpfen wird. Man kann sie eine Zeitlang besiegen, sie kann sich sogar, wie es bei mir der Fall war, in aufrichtige Neigung umwandeln; aber früher oder später wird sie mit verzehnfachter Kraft wieder aufschnellen, die Ursache der ersten Abneigung schmerzlich zu Tage treten und das Ende davon doppelt bitter sein, weil eben die Liebe sie einige Zeit versüßte. Ich habe Silvion Guidél geliebt, und im Verhältnis zu der Aufrichtigkeit dieser Liebe ermaß ich später die Größe meines Hasses!



Achtes Kapitel.

Ein herrlicher Mai war in Paris eingezogen, die Bäume standen in der ganzen Schönheit ihres blaßgrünen, sprossenden Laubes; die Champs Elysees waren voller Blumen, und die fröhliche Stadt hatte alle ihre Reize angethan. Mein Vater war durch seine Geschäfte noch immer in England zurückgehalten, aber ich wußte, daß er nicht mehr lange ausbleiben würde, da er in seiner Güte nur darauf bedacht war, mich vor meiner Hochzeit von den drückendsten Geschäften zu entlasten. Auch Heloise St. Cyr wurde täglich zurückerwartet; ihre Mutter hatte sich erholt und sie daher nichts mehr in der Normandie zu thun. Pauline teilte mir diese Nachricht mit, und ich bemerkte, daß die Rückkehr ihrer Cousine sie nicht übermäßig erfreute. Wie ein richtiger Narr schmeichelte ich mir, dies rühre davon her, daß ich jetzt den ersten Platz in ihrem Herzen einnehme und die einst vergötterte Heloise ganz natürlicherweise auf eine viel geringere Stufe gesetzt worden sei. Ich war von meiner Freude, meinem Triumph ganz erfüllt und gegen alles andere vollständig blind. Freilich bemerkte ich ein- oder zweimal bei meinen Besuchen, daß meine Braut nicht so blühend aussehe wie gewöhnlich, daß ihre Züge eine gewisse Durchsichtigkeit und ätherische Zartheit besaßen, welche auf heimliches Leiden deuteten, daß ihre tiefen, blauen Augen noch größer schienen als sonst – größer, dunkler und ausdrucksvoller; daß hie und da, wenn ich sie küßte, ihre Lippen heftig bebten, und daß es Augenblicke gab, wo sie nahe daran schien, in Thränen auszubrechen. Aber ich schrieb alle diese Symptome unterdrückter Erregung der Nervosität zu, welche ein junges Mädchen bei dem raschen Heranrücken ihres Hochzeitstages empfinden kann. Ich wußte, daß sie außerordentlich sensitiv war, und aus diesem Grunde sehnte ich ordentlich die Rückkehr Heloisens herbei, da ich überzeugt war, daß sie mit ihrem weiblichen Takt, ihrer ruhigen Weise und großen Liebe für Pauline durch ihre bloße Gegenwart schon die überreizte Stimmung meiner kleinen Braut beruhigen und auch einen großen Teil der ermüdenden Vorbereitungen für die Hochzeit abnehmen würde. Ich dachte jedoch nicht sehr viel darüber nach und war daher eines Nachmittags sehr überrascht, als ich, nachdem ich im Vorübergehen ein paar Blumen für Pauline abgegeben hatte, von dem Diener ersucht wurde, einzutreten und im Salon zu warten, da die Frau Gräfin den speziellen Wunsch ausgedrückt habe, mich in einer wichtigen Angelegenheit allein zu sprechen. Ich überschritt die bekannte Schwelle mit einem sonderbar gepreßten Herzen, und als die Thüren des großen Salons vor mir aufflogen, ergriff mich ein Schauer, als wäre es Winter, statt Frühling gewesen. Das Zimmer sah trotz seiner reichen Einrichtung kahl und öde aus. Keine Pauline kam hereingetrippelt, um mich zu begrüßen, und ich lehnte, den Hut in der Hand, an dem großen Klavier, starrte gedankenlos durchs Fenster und wunderte mich, warum der sonst so nette Gärtner einen Haufen welker, vorjähriger Blätter in einer Ecke des Kiesplatzes hatte liegen lassen. Da lagen sie, eine häßliche, braune Masse, und hie und da blies der leichte Maiwind hindurch und wirbelte zwei oder drei wie dunkle Flecken gegen den klaren, blauen Himmel. Ich grübelte noch immer über diese nichtige Sache, dabei die zusammengefegten Embleme der Verwesung mit dem Strauß roter, tauiger Rosen vergleichend, die ich eben für meine Braut gebracht und sorgsam auf einen Seitentisch niedergelegt hatte, als die Thür leise auf- und ebenso leise zugemacht wurde und die Gräfin von Charmilles eintrat. Sie sah angegriffen und ängstlich aus, und in ihren Augen lag ein Schmerz, der mich erschreckte. Ich hielt den Atem an.

»Pauline – ist sie krank?« stammelte ich, Gott weiß was fürchtend.

»Sie ist nicht wohl,« begann die Gräfin leise und hielt dann inne.

Mein Herz klopfte wild.

»Ist es gefährlich? Haben Sie nach dem Arzt geschickt? Haben . . .« Ich konnte mich nicht länger beherrschen und rief: »Lassen Sie mich zu ihr! Ich muß, ich will es! Ich habe das Recht, sie zu sehen! Warum wollen Sie mich daran verhindern?«

Die Gräfin legte beruhigend die Hand auf meinen Arm und lächelte etwas gezwungen.

»Sei ruhig, Gaston, es ist ja nichts geschehen. Es ist wahr, sie ist heute nicht ganz wohl; das arme Kind hat so viel geweint . . . bitterlich . . .« und die Stimme der Mutter bebte. »Ich habe sie hundertmal nach der Ursache gefragt, und sie versichert mich, daß es gar keine giebt. Dennoch muß sie irgend einen Grund haben, sonst würde sie, die immer so heiter und fröhlich ist, schwerlich so lange und bitterlich weinen . . . deshalb habe ich mit Dir sprechen wollen, mein Sohn . . . Dich fragen . . . ob die Liebe zwischen Euch noch immer so groß ist wie früher.«

Ich starrte sie erstaunt an. Wie albern von ihr, solch' eine komische und ganz unnötige Frage zu stellen!

»Ganz gewiß, Gräfin!« antwortete ich mit nachdrücklichem Ernst. »Sie ist auf meiner Seite sogar noch größer, und sie hat mir noch nie Gelegenheit gegeben, an der ihren zu zweifeln. Daß sie geweint hat, betrübt mich gewiß, aber andererseits ist es bekannt, daß Mädchen oft wegen Nichts weinen, besonders wenn sie nervös und etwas überreizt sind, wie Pauline vielleicht jetzt. Sie bedenkt wahrscheinlich mit einem ganz natürlichen Bedauern, aus dem ihr einen Vorwurf zu machen, ich gewiß der letzte bin, daß sie bald ihr Heim und die elterliche Fürsorge verlassen wird müssen; der Übergang von der Mädchen- zur Ehezeit ist ein sehr ernster, und da sie sehr sensitiv ist, hat sie vielleicht mehr darüber nachgedacht als wir denken.« Ich hielt verlegen und bestürzt inne, denn ich sah zwei große Tropfen langsam über die Wangen der Mutter fließen und in den Falten ihres kostbaren Seidenkleides glänzen.

»Ja, das kann es sein,« sagte sie mit leiser, zitternder Stimme. »Ich habe es selbst gedacht; dennoch bin ich manchmal auf den gewiß sehr thörichten Gedanken gekommen, daß das Kind sich vielleicht heimlich unglücklich fühlt. Aber wenn Du mir sagst, daß alles zwischen Euch gut steht, muß ich mich geirrt haben. Verzeih meine Ängstlichkeit« – und sie streckte mir ihre Hand hin, die ich ergriff und ehrerbietig küßte – »wir haben wahrscheinlich zu viel zu thun gehabt, weil unsere Heloise fort ist, und sind deshalb ganz nervös geworden. Auf jeden Fall, wenn Du das nächste Mal mit Pauline allein bist, so bitte sie, Dir anzuvertrauen, ob sie wirklich einen Kummer hat. Irgend eine Kleinigkeit kann sie verletzt haben, eine Kleinigkeit, die sie in der Einbildung übertreibt und über die wir sie, wenn wir sie kennen, leicht beruhigen können.«

Die gewöhnlich so würdevoll, fast streng aussehende Dame war durch ihre mütterliche Sorge ganz weich geworden, und ich bewunderte sie dafür, küßte abermals ihre Hand und versprach ihren Wunsch zu erfüllen.

»Aber kann ich Pauline heute nicht sehen?«

»Nein, Gaston, lieber nicht,« antwortete sie. »Das arme kleine Ding ist vom Weinen ganz erschöpft; sie liegt jetzt auf ihrem Bett und schläft. Wenn sie aufwacht, werde ich ihr diese Rosen geben – sie sind doch für sie bestimmt, nicht wahr?«

Ich bejahte eifrig und reichte sie ihr.

»Komm morgen zu Pauline,« sagte sie. »Ich werde ihr sagen, daß sie Dich erwarten soll. Wir werden im kleinen Frühstückszimmer einen hübschen ›thé à l'anglaise‹ herrichten lassen, und dann kannst Du die Ursache ihres Kummers erforschen.«

»Wenn ein solcher Kummer existiert,« ergänzte ich lächelnd.

»Jawohl, und wenn keiner existiert, dann mußt Du ihr sagen, daß sie ein dummes, kleines Mädchen ist und uns alle ohne Grund erschreckt. Auf morgen also!«

Sorgsam die Rosen tragend, verließ sie mit einem freundlichen Kopfnicken das Zimmer, und ich ging heim, um eine Arbeit zu vollenden, die bis zum nächsten Morgen fertig sein mußte. Ich fand Silvion Guidél, auf mich wartend, vor und begrüßte ihn mit einem Gefühl von Erleichterung, denn meine eigenen Gedanken waren mir heute keine angenehme Gesellschaft. Um mich noch mehr zu erleichtern, erzählte ich ihm alles von Pauline und ihren Thränen. Während ich sprach, trat er ans Fenster – wir waren in der Bibliothek meines Vaters – und sah auf die Bäume hinaus, die vor dem Hause standen. Da er mir konsequent den Rücken zukehrte, hielt ich dies für ein Zeichen von Gleichgültigkeit.

»Hören Sie mir zu?« fragte ich etwas unwirsch.

»Zuhören? Ich bin ja ganz Ohr!« rief er, sich jäh zu mir umwendend. »Was zum Teufel sollte ich denn sonst thun?«

Ich fiel fast vom Sessel herunter, so entsetzt war ich über diese Sprache von seinen Lippen. Als er meinen überraschten Blick bemerkte, brach er in ein lautes Lachen aus, das trotz seines klaren Klanges doch einen Anflug von Wildheit zu haben schien.

Ich konnte ihm nicht sogleich antworten, denn sein seltsames Gebaren hatte mich ganz starr gemacht. Das weiche, graue Licht des wachsenden Zwielichts, vermischt mit dem wärmeren Schein der beschatteten Lampe über unseren Köpfen, fiel über sein Gesicht – und ich sah zu meiner Verwunderung und Bestürzung, daß er aussah, als leide er an einem stechenden, körperlichen Schmerz, daß dunkle Linien um seine Augen lagen, und seine Wangen eine unnatürliche Röte besaßen, die auf Fieber zu deuten schien.

»Sie reden sehr sonderbares Zeug zusammen, Guidél,« sagte ich, ihn forschend beobachtend. »Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?«

»Krank? Ich? Was fällt Ihnen ein! Ich bin gesund, lieber Freund, ganz gesund und in erstaunlich guter Laune! Sehen Sie das nicht? Sehen Sie nicht, daß ich fast zu lustig bin für . . . für einen Priester? Hören Sie, Beauvais,« und zu mir tretend, legte er beide Hände auf meine Schultern – wie sie brannten! . . . »ich habe ein Geheimnis und will es Ihnen anvertrauen: Paris macht einen Narren aus mir! Der Wahnsinn dieser Stadt ist in mein Blut übergegangen. Ich fange an, Licht und Farben, lustige Musik, Gesang und Tanz zu lieben . . . und die schönen Augen der Frauen . . . blaue, leidenschaftliche, flehende Augen, die einem das Herz vor Sehnsucht nach unausgesprochenen und unaussprechlichen Freuden schwellen! Sie starren mich erstaunt an – ist es denn gar so wunderbar, daß ich, jung, stark und voller Leben, auf einmal ein Renegat an dem Berufe werde, zu dem man mich aufgezogen? Wissen Sie, ahnen Sie, was das heißt, ein Priester zu sein? An Dinge zu denken, die ein Menschenauge nie sehen, ein Menschenohr nie hören kann . . . sich selbst von all den Süßigkeiten des weniger frommen Lebens auszuschließen . . Leib und Seele dem großen Unsichtbaren zu weihen, der nie spricht, nie antwortet, nie, selbst dem leidenschaftlichsten Gebet ein Zeichen von Ablehnung oder Zustimmung giebt . . wegen des fernen Himmels auf tausend wirkliche Freuden zu verzichten . . . den Druck liebender Hände, die Berührung liebender Lippen rauh zurückzustoßen . . . ein lebendes Grab für seine eigene Seele zu werden . . . für die Welt zu sterben und für Gott zu leben? Aber – die Welt ist hier, Beauvais, und Gott ist – wo?«

Seine Worte bewegten mich tief, ich verstand oder glaubte seinen Gemütszustand zu verstehen und konnte ihn nicht unnatürlich finden. Das war der Kummer, der an seiner Seele zehrte und seinem Benehmen einen so wilden Anstrich gab! Ich beeilte mich, ihm meine Teilnahme auszudrücken, nahm seine Hände von meinen Schultern herab und drückte sie herzlich.

»Mein Lieber, wenn Sie wirklich derart über diesen Gegenstand denken, so sollten Sie sich nicht nur mir, sondern allen dabei Beteiligten anvertrauen,« sagte ich ernst. »Ihr Onkel zum Beispiel ist ein viel zu kluger und aufgeklärter Mann, um Sie gegen Ihren Willen zu einem Berufe zu zwingen. Schütteln Sie Ihre Fesseln ab, Guidél, und werden Sie ein freier Mann, schaffen Sie sich Ihre Zukunft; mit solchen glänzenden Fähigkeiten wie die Ihrigen muß sie schön und glücklich werden!«

Er sah mich an und lächelte.

»Sie sind sehr gütig, Beauvais,« sagte er leise, »einen so guten Menschen habe ich noch nie gesehen! Ich wünschte . . . ich wünschte zu Gott, ich hätte Ihr reines Gewissen!«

Diese Bemerkung verblüffte mich etwas. War er in schlechte Gesellschaft geraten und trieb er sich mit den bemalten Parias in den Tanzsalons von Paris umher? Quälte er sich mit Gewissensbissen, die seiner strengen Erziehung und religiösen Disciplin entsprangen? Was auch der Grund war, augenscheinlich war ihm sehr schlecht zu Mute. Plötzlich schien er seiner Unschlüssigkeit ein entschiedenes Ende zu machen und rief:

»Pah, was für Unsinn habe ich da zusammengeredet! Ich muß Priester werden! Die Leute sagen, daß ich schon so aussehe – meine Mutter hat ihr Herz daran gehängt, und mein Vater erwartet davon sein ewiges Heil – der Prior von Rennes hat mich dem Heiligen Vater als einen der hoffnungsvollsten Jünger empfohlen, und alle diese Vorbereitungen sollten zu nichts führen? Wenn ich auch ein lebendes Grab bin, was liegt daran? Es giebt viele solche wie ich – was sollte ich mit meinem Gewissen anfangen?«

Diese Worte thaten mir wirklich weh.

»Guidél, Sie sind in der That sehr verändert!« sagte ich fast vorwurfsvoll, »ich kann Sie nicht in dieser Weise reden hören! Ob nun Priester oder nicht, bleiben Sie den Prinzipien treu, welche Sie endgültig erwählen. Wenn Sie an nichts glauben können, ei, so bleiben Sie bis ans Ende ungläubig – wenn Sie, im Gegenteil, Ihren Glauben an etwas hängen wollen, dann erwerben Sie sich wie der gute, alte Vaudron die Achtung aller, indem Sie an diesem Etwas festhalten, bis der Tod es Ihnen entreißt. Nicht darauf kommt es an, was ein Mann thut, sondern ob er beständig ist. Wenn Sie bei sich fühlen, daß Sie den Beruf eines Priesters nicht gewissenhaft erfüllen können, so sollten Sie eher sterben als einer werden!«

»Ja, sterben,« murmelte er – er hatte sich in den Sessel zurückgeworfen und die Augen geschlossen – »das ist leicht!«

In seiner Stimme klang ein tiefes Weh, und mein Herz litt um ihn. Kein Zweifel, er hatte einen großen Kummer, und vielleicht hatte er mir nicht alles, vielleicht nicht einmal die Hälfte gesagt. Ich zog meinen Stuhl an den Tisch heran, wo ein großes Bündel finanzieller Berichte meine Aufmerksamkeit erwartete, und schenkte ihm absichtlich einige Minuten lang keine Beachtung. Plötzlich, obwohl mein Kopf über das Papier gebeugt war, fühlte ich instinktiv, daß er mich durchdringend betrachte, und ward, aufblickend, wirklich bestürzt, als ich sah, was für ein Ausdruck positiven Leidens in seinen schönen, dunklen Augen lag, die einst in ihrer Heiterkeit und Sorglosigkeit fast engelhaft gewesen waren. Ich legte die Feder hin und betrachtete ihn ängstlich.

»Silvion, mein Freund,« sagte ich sanft, »Sie haben mir noch nicht alles gesagt!«

Er runzelte die Stirn. »Was gäbe es denn sonst noch zu sagen!« antwortete er fast rauh, und fügte dann in milderem Tone hinzu: »Mein lieber Beauvais, wissen Sie nicht, daß ein Mensch tausend Unannehmlichkeiten haben kann, die so durcheinander gewirrt sind, daß er sie selbst nicht voneinander scheiden kann? Das ist mein Fall! Ich kann Ihnen nicht sagen, was mir fehlt – ich weiß es selbst kaum!«

»Also unglücklich wegen nichts!« lachte ich, wieder weiterschreibend »Gerade so wie meine kleine Pauline. Diese Krankheit muß in der Luft liegen!«

Es entstand eine Pause, während welcher die Uhr fast beleidigend laut zu ticken schien. Dann hob Guidél wieder zu sprechen an.

»Ist sie wirklich unglücklich!« fragte er mit so heiserer und zitternder Stimme, daß ich sie kaum erkannte. »Sie, dies Kind der Freude? Die ›kleine Heilige‹, wie ich sie manchmal nannte? . . . O Gott!«

Dieser letzte Ausruf brach wie ein Stöhnen wirklicher, körperlicher Qual aus ihm heraus, und da ich ihn das Gesicht mit den Händen bedecken sah, sprang ich rasch und entsetzt auf ihn zu.

»Guidél, Sie sind krank! Jetzt weiß ich es bestimmt! Sie müssen entweder die Nacht über bei mir bleiben oder mich Sie nach Hause begleiten lassen. Sie dürfen nicht allein bleiben!«

Er nahm die Hände von den Augen und sah mich seltsam an.

»Sie haben recht, Beauvais, ich darf nicht allein sein. Nur die reinen Herzens sind, dürfen allein sein – da es eine Einsamkeit nicht giebt! Nein, denn jeder Zoll Raum ist von einem sehenden Keim des Lebens besetzt, und niemand kann sagen, wie oder von wem unsere geheimsten Thaten beobachtet und aufgezeichnet werden. Allein sein heißt einfach Gottes unsichtbarer, schweigender Wolke von Zeugen gegenüberstehen – und Sie haben recht, Beauvais, so darf ich nicht allein sein!« Er stand auf, legte eine Hand auf meinen Arm und fuhr mit schwachem Lächeln fort: »Trotz alledem will ich Sie mit meiner heutigen abscheulichen Laune nicht weiter belästigen. Denken Sie nicht mehr an mich, lieber Freund, ich gehe schon – nein, ich kann Ihnen absolut nicht erlauben, mich nach Hause zu begleiten, ich bin nicht krank, Beauvais, glauben Sie mir – ich bin nur unglücklich. Die Krankheit mag, wie Sie sagen, in der Luft liegen!« Er lachte bitter, und ich sah ihn mit wachsender Bestürzung und Verwunderung an. »Ich glaube wirklich, daß manche seltsame Eindrucke in der Luft liegen; wie Pflanzensamen vom Wind auf Orte geweht werden, wo sie am besten wurzeln und gedeihen können, so sind vielleicht die unsichtbaren, aber lebenden, organischen Infusorien von Haß oder Liebe, Freude oder Leid in dem scheinbar reinen Äther verstreut, bereit, früher oder später in die menschlichen Herzen zu sinken, die sie empfangen sollen. Es ist ein wunderbares Universum. Und wunderbare Dinge entspringen daraus.« Er hielt wieder inne und reichte mir dann die Hand. »Entschuldigen Sie meinen Spleen, Beauvais, und gute Nacht!«

»Gute Nacht!« antwortete ich, durch seine tiefe Niedergeschlagenheit selbst betrübt. »Ich wollte, Sie ließen mich ein Stück Weges mitgehen.«

»Im Gegenteil, mein Lieber, Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie bei Ihrer Arbeit bleiben und mich allein nach Hause gehen lassen. Ich muß mir eine schwierige Sache zurechtlegen und dazu muß ich allein sein.«

Er schritt durch das Zimmer, während ich ihm folgte, und hatte schon fast die Thür erreicht, als er sich plötzlich jäh umwandte.

»Beauvais, wenn ich eine große, nie wieder gut zu machende Sünde begangen hätte, könnten Sie mir verzeihen?«

Ich starrte ihn erstaunt an.

»Sünde? Sie? Unsinn! Ebenso gut könnte man vom Erzengel Raphael eine Sünde erwarten!«

Er brach in ein herbes, gezwungenes Lachen aus.

»Tausend Dank! Auf mein Wort, Beauvais, Sie schmeicheln mir. Wenn ich dem Erzengel Raphael ähnlich bin, so hat er kürzlich den Himmel mit der Hölle vertauscht. Aber Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet. Könnten Sie mir verzeihen?«

Seine fieberisch glänzenden Augen schienen bis in meine Seele zu dringen, und ich zögerte mit der Antwort, denn seltsamerweise stieg das alte, unerklärliche Gefühl von Mißtrauen und Abneigung von neuem in mir auf und schien nicht nur einen plötzlichen Schatten über seine Schönheit zu werfen, sondern auch einen Teil meiner Teilnahme zu ersticken.

»Ich glaube nicht, daß ich von Natur aus boshaft bin, und habe, soweit ich mich erinnere, niemand einen Groll nachgetragen,« sagte ich endlich zweifelnd. »Ich will mich auch nicht besonderer christlicher Tugenden rühmen, denn wie viele meiner Zeitgenossen und Landsleute bin ich eher ein Anhänger der neuen Universalreligion, die einzig der sozialen Einigkeit entspringt . . . aber ich glaube, daß ich alles verzeihen könnte, außer . . .«

»Außer was?«' fragte er eifrig.

»Berechneten Betrug, absichtlichen Vertrauensmißbrauch . . .«

»Und wenn ich Sie nun in einer großen und wichtigen Sache betrügen würde?« sagte Guidél, indem er mich anblickte. Ich erwiderte fest seinen Blick und sprach aus, was ich fühlte: »Ganz offen, ich würde Ihnen nie verzeihen!«

Er lachte wieder, diesmal etwas geräuschvoll und schüttelte mir nochmals die Hand.

»Gut gesagt, Beauvais, diese Festigkeit macht Ihnen Ehre! Lassen Sie sich Betrug nie gefallen! Eine gesprochene Lüge ist arg genug, aber eine absichtlich gethane Lüge ist ärger. Und doch, in was für einer falschen Welt leben wir, wie voll ist sie von anmutigen Lügen! Nur jammerschade, daß, wenn die Wahrheit wirklich gesagt wird, niemand sie glauben will. Sie kennen ja das hübsche Liedchen:


Besser als die Wirklichkeit
Ist die schöne Lüge!


»Sonderbar, der geringste Vers erinnert mich stets an das kluge Fräulein St. Cyr! Sie kommt wohl bald nach Paris zurück?«

»Sie wird täglich erwartet,« antwortete ich, über die alltäglichere Wendung des Gesprächs erfreut. »Sie kann schon morgen kommen.«

»Wirklich! Das würde mich freuen.«

»Mich ebenfalls!« rief ich. »Pauline wird in der Gesellschaft ihrer Cousine bald wieder ihre gute Laune zurückgewinnen.«

»Gewiß, gewiß . . .« Er sah nachdenklich drein, dann fuhr er plötzlich auf: »Lieber Beauvais, ich habe es ganz vergessen! Ihre Hochzeit findet wohl schon sehr bald statt?«

»Anfangs nächsten Monats,« antwortete ich lächelnd.

Er ergriff meine beiden Hände. »Ah, das Glück kommt rasch! Ich schäme mich, Beauvais, wirklich ich schäme mich, daß ich Sie mit meiner schlechten Laune belästigt habe. Verzeihen Sie mir! Ich will heim und ins Bett gehen, morgen werde ich wahrscheinlich als ein anderer aufstehen, weiser und heiterer! Denken Sie nicht mehr an meinen Mißmut, hie und da hadern wir ja alle mit dem Schicksal. Auf Wiedersehen, lieber Freund – und mögen Ihre Träume von der Liebe – und dem Gesicht Paulinens erhellt werden!«

Mit einem sonnigen Lächeln – im Gegensatz zu seiner früheren Schwermut noch sonniger als gewöhnlich – verließ er mich, und ich sah ihm vom Hausthor nach, wie er rasch die Straße überschritt und sich nach der Wohnung seines Onkels wandte. Sein Benehmen war gewiß seltsam für einen, der sonst die wahre Quintessenz keuscher Heiterkeit und strenger Reserve war, aber nach einigem Nachdenken kam ich zu dem Schluß, daß er die Wahrheit gesagt, daß Paris ihn aufgeregt und er nun ernste Zweifel habe, ob es sein wahrer Beruf sei, Priester zu werden. Ich selbst hatte es bezweifelt, seit ich ihn näher kennen gelernt hatte; er war ein zu großer Freund der Wissenschaft und Philosophie, zu geistreich, zu schön und zu jung, um auf alle Freuden des Lebens zu verzichten. Ich konnte seine Seelenkämpfe wohl verstehen und wünschte ihm, daß er sich frei machen könne. In jener Nacht war ich fast bis zum Morgen mit meiner Arbeit beschäftigt, und als ich endlich zu Bette ging, war mein Schlaf nicht sehr erfrischend. Ich fuhr im Traum fort, Ziffern zu addieren, ohne jedoch zu einem Resultat zu kommen. Immer und immer wieder versuchte ich, aber vergebens, der arithmetische Wirrwarr wollte sich nicht lösen und quälte mich die ganze Nacht, obwohl sich die Ziffern hier und da in Worte verwandelten, in einen monotonen Refrain:


Besser als die Wirklichkeit
Ist die schöne Lüge!



Neuntes Kapitel.

Am folgenden Nachmittag zwischen vier und fünf Uhr begab ich mich zu Pauline, wie ich es ihrer Mutter versprochen hatte – ein Versprechen, das ich nur gar zu gern erfüllte. Ihrer außerordentlichen Liebe für Blumen gedenkend, kaufte ich bei einem berühmten Blumenhändler, der wegen seines hervorragenden Geschmackes im Arrangement bekannt war, einen Korb Maiblumen; sie waren mit weißen und blaßrosa Schleifen gebunden, und die zarten Blüten, die einst Christus geliebt hatte, wurden von den feinen Spitzen der schönsten Farrn, dem reizenden Frauenhaar überschattet. Mit dieser duftigen Liebestrophäe bewaffnet, trat ich in das kleine Frühstückszimmer, wo der »thé à l'anglaise« schon hergerichtet war und Pauline bereits auf mich wartete, wie ein Feentraum von jugendlicher Anmut, Fröhlichkeit und Lieblichkeit! Sie sprang mir entgegen – sie nahm mir die Lilien aus der Hand und küßte sie – sie schlang die Arme um meinen Hals und dankte mir mit demselben kindischen Entzücken und Enthusiasmus, der sie bei unserer ersten Begegnung ausgezeichnet hatte, als sie so begeistert über »marrons glacés« sprach. Ich hielt sie an mich gedrückt und studierte ihre Züge mit all dem leidenschaftlichen Forschen eines Liebenden, aber ich konnte keine Spur von Thränen in ihren Augen, keine Spur von Blässe auf ihren rosigen Wangen entdecken. Sie zog einen bequemen Stuhl an den Tisch heran, ließ mich niedersetzen, während sie den Thee bereitete, und ich sah ihr mit von Liebe und Bewunderung fast geblendeten Augen zu, wie sie wie eine Sylphide im Zimmer umherschwebte.

»Man hat mir gestern gesagt, daß Du krank warst, Pauline,« sagte ich plötzlich, »daß Du geweint hast, daß Du unglücklich warst. Ist das wahr?«

Sie sah lachend auf.

»Jawohl,« antwortete sie mit einer komischen, persiflierenden Miene. »Fast wäre ich auf dem Ocean meiner Thränen weggeschwommen! Das war ein Geschlucke und Geschluchze! Ich habe sicherlich noch jetzt eine rote Nase, nicht wahr?«

Sie kniete neben mir nieder und hielt mir übermütig ihr Gesicht hin. Ich küßte es und meinte, sie hätte nie schöner ausgesehen, worauf sie aufsprang und sittsam knickste.

»Das freut mich, daß ich noch hübsch bin,« sagte sie, dann zog plötzlich ein Schatten über ihre Stirn. »Wie furchtbar muß es sein, häßlich zu werden, Gaston, mager und alt, mit großen, schwarzen Ringen um die Augen wie Brillen, und so müde, so müde, daß die Füße einen kaum tragen! Neulich sah ich eine solche Frau – sie saß auf einer Bank im Bois, ganz, ganz allein – niemand kümmerte sich um sie. In ihren Augen stand Verzweiflung nur Verzweiflung – das Herz that mir um sie weh!«

»Aber Du darfst an solche Dinge nicht denken, mein Lieb,« sagte ich, ihre Hand ergreifend und an mich ziehend. »In Paris und allen großen Städten giebt es viele solche traurige Bilder, aber Du darfst nicht bei ihnen weilen. Und was das Häßlichwerden betrifft,« ich lachte, »davor brauchst Du Dich nicht zu fürchten! Du wirst mit jedem Tage schöner!«

»Meinst Du?« fragte sie kokett. »Das ist recht, das freut mich, denn ich möchte gern schön sein.«

»Du bist schön!«

»Nicht so schön wie ich sein möchte,« murmelte sie sinnend. »Es giebt Menschen, selbst Männer, die eine unvergleichliche Schönheit besitzen – unübertrefflich wie die Schönheit der gemeißelten Halbgötter und . . .« Sie hielt inne, raffte sich dann leicht zusammenfahrend auf und fuhr munterer fort: »Komm, Gaston, laß uns Thee trinken und zwischen jedem Schluck ein bißchen verleumden. Da ist Deine Tasse, da meine; wen wollen wir verlästern?«

Ich lachte, sie sah so hübsch und übermütig aus.

»Wart ein wenig«, sagte ich. »Du hast mir noch nicht gestanden, warum Du gestern so viel geweint hast. Du gestehst zu, daß Du geweint hast – – nun, und die Ursache?«

Sie zuckte die Achseln.

»Ich weiß nicht! Es war angenehm, es that mir wohl.«

»Das Weinen?« rief ich amüsiert.

»Ja,« antwortete sie. »Weißt Du, etwas war in meinem Herzen, etwas Seltsames wie ein Vogel, der gern weit weggeflogen wäre . . . aber es war gefangen und so flatterte es und quälte mich . . . aber als die Thränen kamen, ward es ganz still. Und jetzt bleibt es ganz still. Ich glaube nicht, daß es noch einmal wird singen oder wegfliegen wollen!«

Ein sonderbarer Ton in diesen Worten machte mich ganz betroffen. Ich setzte meine noch unberührte Tasse nieder und streckte die Hand aus.

»Komm her, Pauline!«

Sie kam gehorsam heran. Ich setzte sie wie ein kleines Kind auf meine Kniee und blickte ernsthaft in ihr Gesicht.

»Sag mir, mein Kind,« sprach ich zärtlich, »quält Dich etwas? Hast Du einen Kummer, den Du vor jedem verbirgst? Und wenn das der Fall ist, kannst Du ihn mir nicht anvertrauen? Du weißt, wie treu und innig ich Dich liebe; Du weißt, daß ich alles für Dich thun würde . . . Gieb mir die schwierigste Aufgabe, und ich werde trachten, sie auszuführen! Mein ganzes Leben gehört Dir, mein Lieb, willst Du mir da nicht Deinen Kummer mitteilen – wenn Du einen hast – und mich ihn nicht nur teilen, sondern Dir ganz abnehmen lassen?«

Sie erwiderte offen meinen forschenden Blick, ihr Atem ging wohl rascher als gewöhnlich, sonst aber gab sie kein Zeichen von Unruhe.

»Ich habe keinen Kummer, Gaston,« sagte sie mit leiser, ein wenig bebender Stimme, »wenigstens keinen, den ich in Worte kleiden könnte. Vielleicht . . . bin ich etwas ermüdet und . . . mir fehlt Heloise . . .«

»Ist das Dein Kummer?« lachte ich. »Aber was wirst Du ohne Heloise anfangen, wenn Du verheiratet bist?«

»Ich . . . ich weiß nicht!« stammelte sie. »Dann werde ich Dich haben!« Ich küßte sie. »Du bist sehr, sehr gut zu mir, Gaston, und ich verspreche Dir . . .«

»Was?«

Sie zögerte einen Moment. »Ich verspreche Dir, daß ich es Dir erzählen werde, wenn ich wieder traurig bin . . . ja ich werde Dir alles erzählen . . . und Du wirst gut und sanft zu mir sein und mich trösten, nicht wahr?«

»Ja, mein Liebling, mein Engel,« sagte ich, liebevoll ihr schönes Haar streichelnd. »Wer sollte Dich im Kummer trösten, wenn nicht ich? Ich werde auf Heloise ganz eifersüchtig sein, wenn sie den größten Teil Deines Vertrauens haben wird.«

»Aber sie wird ihn nicht haben,« rief Pauline plötzlich. »Ich könnte ihr nie einen furchtbaren Kummer erzählen!«

Ich lachte. »Hoffen wir, daß Du einen ›furchtbaren‹ Kummer nie kennen lernen wirst,« fügte ich ernster hinzu. »Warum aber könntest Du ihn Heloise nicht erzählen?«

Sie sann ein wenig nach und antwortete dann leise und nachdenklich: »Weil sie so gut und groß ist und in jeder Beziehung so hoch über mir steht. Du lächelst ungläubig, Gaston, aber Du kennst sie nicht! Heloise ist göttlich gut, ihre Güte kommt mir ganz unirdisch vor. Ich habe sie manchmal beim Beten beobachtet . . es ist wunderbar, wie rein und engelhaft ihr Gesicht aussieht . . . und ihre schönen geschlossenen Lider wie geschlossene Muscheln . . . und sie hat so lange Wimpern, Gaston, viel längere als ich . . . Sie ist in allem so gut, daß ich nie den Mut haben würde, ihr zu sagen, daß . . . ich schlecht war!«

Sie schlug die Augen nieder, und eine heiße Röte zog über ihre Wangen.

»Aber Du warst doch nicht schlecht, Kind rief ich etwas verblüfft. »Du könntest nicht schlecht sein, selbst wenn Du wolltest!«

»Meinst Du?« gab sie leise zurück, mich wieder anblickend, und ich bemerkte, daß sie jetzt so bleich war, wie vorhin rot. »Lieber Gaston, Du hast mich so lieb und bist immer so gut zu mir! Ich danke Dir!«

Niederkauernd legte sie eine Sekunde lang den Kopf an meine Brust – dann sprang sie wieder auf, warf ihre reichen Haare zurück und schalt mich lachend, weil ich nicht Thee trank.

»Er ist schon kalt, ich werde Dir frischen eingießen,« sagte sie, ihren Worten die That folgen lassend. »Laß uns jetzt von angenehmeren Dingen reden, Gaston! Es war sehr dumm von mir, so viel zu weinen – Du mußt es vergessen – denn heute bin ich ganz wohl und lustig und . . . und . . . o, laß uns glücklich sein, so lange es geht!«

Darauf setzte sie sich mir gegenüber und begann in ihrer alten, lustigen Weise über allerlei zu plaudern, über ihre Eltern, die Luxusgegenstände, welche »Mama« seit kurzem ihrem Trousseau hinzugefügt, und mit weiblichem Takt wußte sie mich derart mit ihrer Lebhaftigkeit zu bezaubern, daß ich ganz ihre gestrige Traurigkeit vergaß. Ehe ich sie jedoch verließ, machte mich ein unliebsamer Zwischenfall wieder ganz verstört. Gerade als ich im Begriffe war, von ihr Abschied zu nehmen, denn meine Arbeit erlaubte mir keine längere Muße, spielte ich nochmals auf ihre gestrige schlechte Stimmung an und sagte: »Du bist jetzt so lustig, Pauline, daß Du auch unsern Freund Guidél in bessere Laune zaubern mußt, wenn Du ihn nächstens siehst. Er scheint ja ganz melancholisch zu sein! Komisch, gestern, als Du traurig warst, war er bei mir und in ganz verzweifelter Stimmung. Ich dachte wirklich, daß er krank sei« . . . Pauline war eben im Begriff, eine Blume in meinem Knopfloch zu befestigen, aber sie ließ sie fallen und bückte sich, sie vom Boden aufzuheben . . . »so krank, daß ich ihn nach Hause begleiten wollte, aber er versicherte mir, es sei nur eine maladie de tristessé. Mir scheint, er will gar nicht Priester werden« . . .

Pauline hatte die Blume gefunden und steckte sie mit so zitternden Fingern in das Knopfloch, daß ich erschrak. »Du schauderst ja, Kind! Ist Dir kalt?«

»Ein bißchen,« murmelte sie.   »Ich  –  –  ich  –  –« die Worte erstarben auf ihren Lippen, und mit einer hilflosen, schwankenden Bewegung fiel sie mir ohnmächtig vor die Füße.

Außer mir vor Entsetzen fing ich sie in meinen Armen auf und klingelte wie rasend. Die Gräfin von Charmilles stürzte herein, ich legte, ihren raschen Befehlen Folge leistend, die arme Kleine auf das Sofa und sah in starrer Angst zu, während ihre Mutter ihr die Schläfen und Hände mit Eau de Cologne wusch.

»Sie ist bereits einmal ohnmächtig geworden,« sagte die Gräfin mit leiser Stimme. »Erschrick nicht, Gaston, sie wird gleich wieder zu sich kommen. Hast Du sie gefragt – –?«

Ich nickte bejahend. Meine Augen konnten sich von dem reizenden Gesichtchen nicht losreißen, das so blaß und still in den Sofakissen lag.

»Und hat sie etwas geantwortet?«

»Nein,« seufzte ich, »nichts, als daß sie ganz glücklich und ganz wohl sei, und daß ihr gar nichts fehle. Sie versprach, es mir gleich zu sagen, sobald sie wieder traurig würde.«

Ein Ausdruck sichtlicher Erleichterung erhellte das sorgenvolle Gesicht der Mutter.

»Das ist gut!« sagte sie sanft. »Ich freue mich, daß sie das versprochen hat. Was dieses kleine Unwohlsein betrifft, so messe ich ihm gar keine Bedeutung zu, denn junge und empfängliche Mädchen werden oft in dieser Weise von Ohnmachten befallen. Da . . . es ist ihr schon besser . . . sie sieht Dich an!«

In der That hatten sich die schönen blauen Augen, die mir den Himmel bedeuteten, geöffnet und waren groß auf mich gerichtet. Ich beugte mich zärtlich über sie.

»Bist Du's, Gaston?« fragte sie schwach.

Statt aller Antwort küßte ich sie.

»Ich danke Dir,« flüsterte sie. »Aber Du wirst jetzt weggehen, nicht wahr? Mama wird acht auf mich geben. Mein Kopf schmerzt, aber das hat nichts zu bedeuten.« Sie lächelte, und die Farbe kehrte wieder in ihre Wangen zurück. »Auf Wiedersehen, Gaston! Küsse mich noch einmal, es tröstet mich, daß Du so gut und treu bist!«

Nur Gott weiß, mit welch ehrfürchtiger Zärtlichkeit ich meine Lippen auf die ihren drückte – ich ahnte nicht, daß es zum letzten Male war! Sie schloß wieder die Augen, und die Gräfin flüsterte mir zu, daß sie nun wahrscheinlich einschlummern und den letzten Rest ihrer Schwäche fortschlafen würde. Auf den Zehenspitzen schlich ich aus dem Zimmer und hatte wenige Minuten darauf das Haus verlassen. Einmal wieder im Freien, wurde ich jedoch von der heftigsten Angst ergriffen, alles schien mir plötzlich finster geworden zu sein. Freilich war die Sonne untergegangen, und die Dämmerung rückte heran, aber nie noch war mir ein Abend so traurig erschienen. Mechanisch, über die Ohnmacht Paulinens grübelnd, ging ich heim und übertrieb sie in meinen Gedanken so sehr, daß sie mir zuletzt als ein Symptom des Todes erschien. Ich arbeitete mich in eine so düstere Stimmung hinein, daß mir selbst die Bäume mit ihrem jungen Grün und platzenden Knospen wie die Bäume in einem Kirchhof vorkamen, die auch so herzlos fröhlich aussehen, wenn es Frühling ist, ohne sich um die Toten zu ihren Füßen zu kümmern. Fast wäre ich gegen Silvion Guidél angerannt, der aus der entgegengesetzten Richtung kam. Er faßte mich hastig an der Hand.

»Wohin gehen Sie, Beauvais? Sie sehen aus, als taumelten Sie im Traum daher!«

Ich erzwang ein Lächeln. »Das wäre leicht möglich, Guidél! Pauline ist sehr krank, sie fiel mir heute ohnmächtig vor die Füße!«

Er drehte sich jäh um, als hätte er plötzlich einen Bekannten bemerkt, dann entschuldigte er sich hastig.

»Ich glaubte, es sei mein alter Chiffonnier,« sagte er in leichtem Tone. »Ich lasse ihm oft aus Mitleid einen übrigen Sou zukommen. Fräulein von Charmilles hatte eine Ohnmacht, sagen Sie? Nun, das ist doch kein bedenkliches Symptom!«

Ich fand, daß er die Sache höchst gleichgültig aufnahm, und sagte es ihm etwas geärgert. Er lachte.

»Mein Lieber, ich will Sie heute ebenso wenig in Ihrer schlechten Laune bestärken, wie Sie mich in meiner gestrigen. Sie sind wie alle Liebenden geneigt, das geringste Unwohlsein der geliebten Person zu übertreiben. Wenn ich liebte, wenn ich lieben könnte, würde ich es wohl auch so machen! Aber ich habe das verknöcherte Herz eines ewigen Junggesellen, lieber Freund –« und er lachte abermals – »daher kann ich weise und fröhlich sein, beides zusammen, und vermöge meiner Fröhlichkeit, die groß ist, und vermöge meiner Weisheit, die noch größer ist, rate ich Ihnen, das leichte Unwohlsein Ihrer schönen Braut nicht gar so tragisch aufzunehmen.«

»Aber es kam so plötzlich,« widersprach ich, »ganz unvermutet sank sie in einer tiefen Ohnmacht zusammen . . . ich hatte eben von Ihnen gesprochen . . .«

»Von mir!« Er biß heftig auf seine Unterlippe. »Lieber Gott, was für ein uninteressantes Thema!«

»Ich hatte ihr erzählt, daß Sie gestern abend krank zu sein schienen,« fuhr ich fort, »ja, ich hatte sie ersucht, Sie durch ihre eigene Heiterkeit wieder in gute Laune zu bringen . . . Wirklich, Guidél, Sie sind heute entschieden unhöflich!«

Denn er hatte meine Hand ergriffen, heftig geschüttelt und wollte fortstürzen.

»Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, mein Lieber,« sagte er hastig, fast heiser, »ich muß einen Krankenbesuch machen . . es wird spät – und ich habe wenig Zeit . . . Auf Wiedersehen! Ich spreche später noch bei Ihnen vor!«

Und fort war er. Im ersten Augenblick war ich über diesen Mangel an Teilnahme für Paulinens Krankheit ganz verletzt, bald aber kam ich zu dem Schlusse, daß er selbstverständlich für sie nicht so tief fühlen könne wie ich, und verfiel wieder in meine trübselige Stimmung, bis ich zu Hause ankam, wo meine Arbeit mich teilweise von den düsteren Gedanken abzog. Niemand störte mich. Silvion kam nicht »später«, wie er gesagt hatte, überhaupt gar nicht mehr an jenem Abend. Gegen Schlafenszeit erhielt ich ein Telegramm von meinem Vater, das mir seine Rückkehr für den zweitnächsten Tag anzeigte. Diese Nachricht war mir ein kleiner Trost, denn seine Ankunft befreite mich von der schwersten Arbeit und ich konnte Pauline mehr Zeit widmen. Trotzdem verblieb ich in demselben Zustande der Niedergeschlagenheit, vermengt mit einer vagen, abergläubischen Furcht; denn als ich mich in mein Zimmer begab und beim Schließen der Läden auf den Himmel schaute, sah ich eine tiefschwarze Regenwolke vom westlichen Horizont herankriechen und hielt sie sofort für ein böses Omen. Ich sah zu, wie sie langsam den Himmel verdunkelte und die Sterne auslöschte, dann, in der Kühle zusammenschaudernd, die der herannahende Sturm bereits durch die Luft wehte, schloß ich das Fenster, ging zu Bett und schlief tief, friedlich und köstlich – ich erinnere mich dessen ganz deutlich, denn es war das letzte Mal, wo ich den Segen des Schlafes genoß. Das letzte, das allerletzte Mal! Seither habe ich noch nicht geschlafen . . . nur geträumt!



Zehntes Kapitel.

Mit dem nächsten Morgen trat in der Witterung ein plötzlicher Wechsel ein. Der schöne Sonnenschein, der während der letzten zwei Wochen wie Gottes bester Segen die Welt erhellt hatte, verschwand, als ob er nicht existiert hätte, und der Regen fiel in Strömen. Ein wilder Wind fegte durch und um die Stadt, riß die zarten, jungen Blätter von den mütterlichen Zweigen und richtete unter den duftenden, bunten Frühjahrsblüten eine jämmerliche Verheerung an. Es war ein abscheulicher Morgen, aber trotz Wind und Regen begab ich mich noch früher als gewöhnlich in die Bank, denn da mein Vater für den nächsten Tag seine Ankunft angekündigt hatte, wollte ich, daß er alles in bester Ordnung treffe und von meinem Wert nicht nur als guter Sohn, sondern auch als verläßlicher Compagnon versichert werde. Wir hatten an jenem Tage Arbeit bis über die Ohren; eine große Menge Extrageschäfte war zu erledigen, und die Stunden flogen so blitzschnell vorüber, daß es sechs Uhr abends war, ehe ich die Bank verlassen konnte – ja, selbst zu Hause erwartete mich ein tüchtiges Stück Arbeit. Ich hatte keine Zeit, zu den Charmilles zu gehen, obwohl ich gern gewußt hätte, wie Pauline sich befand; dennoch kränkte ich mich nicht sonderlich darüber, da ich von morgen ab wieder Herr meiner Zeit war. Der Regen goß noch immer in Strömen herab, nur wenige Leute befanden sich in den Straßen, und, obwohl ich teilweise den Omnibus benutzte, genügten die wenigen Schritte von der Haltestelle nach meiner Wohnung, um mich gänzlich zu durchnässen. Ich zog mich sofort um, verzehrte mein einsames Diner und ließ im Kamin des Bibliothekzimmers ein leichtes Feuer anzünden, worauf ich mich mit meinen Papieren und Büchern dorthin zurückzog und bald so beschäftigt war, daß ich den draußen tobenden Sturm fast vergaß. Plötzlich schlug die antike Uhr, die auf einem ebenso antiken Sekretär hinter mir stand, mit einem lauten, metallenen Klang neun, und als sie ausgeschlagen hatte, legte ich einen Moment die Feder nieder, um auf das sich verdoppelnde Geheul der wilden Elemente hinauszuhorchen.

»Was für eine Nacht!« dachte ich. »Das richtige Wetter für Hexen, die auf ihrem Besen dahinreiten! Wie dumpf die Luft ist! Man muß rauchen, um die Feuchtigkeit abzuhalten!«

Ich öffnete meine Cigarrentasche und war im Begriffe, ein Zündhölzchen anzureiben, als ich ein schwaches, sehr schwaches Klingeln der Hausthür zu hören glaubte. Ich horchte – der Ton wiederholte sich. Er war viel zu leise, um die Aufmerksamkeit der Dienerschaft zu erregen, und da die Fenster des Bibliothekzimmers auf die Straße hinausgingen, ich daher, wenn ich den Vorhang zurückschob, gewöhnlich sehen konnte, wer zu uns kam, schaute ich vorsichtig hinaus. Zuerst konnte ich nichts bemerken, denn die Nacht war naß und finster; plötzlich aber entdeckte ich eine schmale, dunkle Gestalt, die sich an die Thür drückte, als suche sie Schutz vor dem erbarmungslosen Regen.

»Irgend ein armer, hungriger Teufel, der nicht weiß, woher er Brot nimmt,« sprach ich bei mir. »Ich will nachsehen, wer es ist.«

Rasch und leise durchschritt ich den Hausflur und öffnete weit die Thür. Während ich dies that, fuhr die Gestalt augenscheinlich erschreckt zurück – es war eine verschleierte Frau . . . und durch den Schleier fühlte ich ihre Augen auf mich gerichtet.

»Was giebt's?« fragte ich so sanft wie möglich. »Was wollen Sie?«

Statt der Antwort streckten sich mir zwei Hände in wildem Flehen entgegen und eine schluchzende Stimme rief:

»Gaston!«

»Gott, Pauline!«

Von tödlichem Schreck ergriffen und mit einer konvulsivischen Anstrengung, als zöge ich einen Ertrinkenden aus dem Meer, faßte ich sie in meine Arme und hob sie über die Schwelle; wie ich sie hineinbrachte, ob ich sie trug oder führte, weiß ich nicht – meine Sinne wirbelten durcheinander und ich unterschied nichts, bis ich die Bibliothek wieder erreicht hatte und die Schaudernde in den Lehnstuhl vor dem Feuer gesetzt hatte, den ich soeben verlassen. Da erst kam ich zu mir und warf mich, außer mir vor Angst und Entsetzen, neben ihr nieder.

»Pauline, Pauline, was ist das?« flüsterte ich. »Warum bist Du hierher gekommen? In einem solchen Sturm obendrein? Sieh! – und ich ergriff den Saum ihres Kleides und rang ihn aus – Du bist durch und durch naß! Mein Herz, Du erschreckst mich! Bist Du krank? War jemand schlecht gegen Dich?«

Sie hob den Kopf und schlug zitternd den Schleier zurück – und ich schrie auf über den Jammer, der auf ihrem schönen, jungen Gesicht lag.

»Niemand war schlecht zu mir,« sagte sie mit einer schwachen Stimme, mit der Stimme einer durch lange Krankheit Erschöpften, »und . . . ich bin nicht krank . . . Ich möchte mit Dir sprechen, Gaston . . . ich versprach, Dir alles zu erzählen, wenn ich traurig wäre . . . und Du sagtest, daß Du sanft sein und mich trösten würdest – erinnerst Du Dich? Jetzt bin ich gekommen . . . um Dir etwas zu sagen, was gesagt werden muß . . . heute abend ist die einzige Gelegenheit dazu . . . denn sie . . . Papa und Mama . . . sind im Theater und ich bin ganz allein. Sie wollten, daß ich auch mitkommen solle, aber ich bat sie, mich zu Hause zu lassen . . . ich fühlte, daß ich Dich allein sehen müßte . . . und Dir erzählen . . . ja, alles erzählen!«

Ein langer, schaudernder Seufzer entschlüpfte ihren Lippen, und bis ins Herz von einer dunklen Furcht erstarrt, die ich nicht analysieren konnte, erhob ich mich aus meiner knieenden Stellung und blieb steif aufgerichtet stehen. Mein einziger Gedanke war zuerst sie. Ein junges Mädchen, das in einer Stadt wie Paris abends in das Haus ihres Bräutigams kam, setzte sich, bewußt oder unbewußt, der häßlichsten Verleumdung aus, und diese Idee beschäftigte mich hauptsächlich, während ich ihre im Sessel zusammengekauerte Gestalt betrachtete. Ich bedachte rasch die eine Gefahr, in der sie schwebte – nämlich von der Dienerschaft bemerkt und zum Gegenstand ihres müßigen Geredes gemacht zu werden – und dies beschloß ich auf jeden Fall zu umgehen.

»Pauline,« sagte ich ernst, »was Du mir auch zu sagen hast, konntest Du damit nicht warten, bis ich zu Dir kam? Du hättest nicht so unvorsichtig hierherfliegen sollen, Vögelchen, und Dich der Verleumdung aussetzen!«

»Verleumdung!« wiederholte sie, mit einem fieberischen Glanz der blauen Augen mich anblickend. »Sie kann nicht Böseres von mir sagen, als ich verdiene . . . und ich konnte nicht mehr warten . . . ich habe schon zu lange gewartet!«

Bei diesen Worten fiel eine große Schwere auf mein Herz, meine Lippen wurden ganz kalt und ein Zittern durchlief meinen ganzen Körper. Nichtsdestoweniger beschloß ich, meinen vorher gefaßten Entschluß, ihre nächtliche Flucht geheimzuhalten, durchzuführen.

»Bleib hier,« sagte ich möglichst ruhig. »Trachte Dich zu erwärmen, ich werde Dir etwas Wein bringen. Nimm den nassen Mantel ab und sei still – ich komme sofort wieder zurück.«

Sie sah mir mit flehender Verwunderung nach, aber ich wagte ihr nicht ins Gesicht zu sehen, denn der Ausdruck darin erschreckte mich. Ich schritt wie im Traum in das Speisezimmer, nahm eine Flasche Wein und ein Glas, drehte sorgfältig das Gas aus und ging dann auf die Treppe hinaus, um unseren Diener zu rufen.

»Dunois!«

»Ja, gnädiger Herr!«

»Sag allen, daß sie zu Bette gehen können, Du ebenfalls. Ich brauche für heute nichts mehr. Ich habe die Hausthür geschlossen und das Gas abgedreht. Mein Vater kommt morgen, Ihr werdet daher früh auf sein müssen . . . wecken Sie mich um sieben. Haben Sie verstanden?«

»Ja, gnädiger Herr!«

»Gute Nacht.« Dunois antwortete, und ich lauschte atemlos, während er den anderen Dienern meine Befehle wiederholte. Ich wartete noch ein paar Minuten und hörte, wie sie bald darauf ihre eigene Treppe zu ihren Mansardenzimmern hinaufgingen. Beruhigt ging ich geräuschlos in die Bibliothek zurück und schloß sorgfältig die Thüre hinter mir zu. Pauline saß noch immer in derselben Stellung da – der nasse Mantel an ihrem Körper klebend, der Schleier zurückgeschlagen, die Hände ineinander verschlungen und die Augen starr auf die rote Glut des Feuers gerichtet. Wortlos nahm ich ihr den Mantel ab, hing ihn methodisch über zwei Stühle zum Trocknen auf, löste den regendurchweichten Hut von ihren zerzausten Locken, goß ein Glas Wein ein und hielt es mit ziemlich fester Hand an ihre Lippen, obwohl mein Herz zum Zerspringen schlug.

»Trink, Pauline,« sagte ich befehlend. »Du mußt trinken, denn Du bist kalt wie Eis. Nachher will ich anhören, was Du mir zu sagen hast.«

Sie gehorchte mechanisch und schluckte die Hälfte hinunter; dann schob sie es mit einer schwachen Gebärde des Abscheus von sich.

»Ich kann nicht trinken, Gaston,« stammelte sie, »ich fürchte zu ersticken.«

Ich setzte das Glas nieder und wartete, was sie sprechen würde. Aber sie sprach nicht. Sie richtete ihre großen, sanften Augen mit dem flehenden Ausdruck eines verfolgten Rehes auf mich, dann füllten sie sich plötzlich mit Thränen, und das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, brach sie in bitteres und leidenschaftliches Schluchzen aus. Das konnte ich nicht ertragen, und nochmals neben ihr niederknieend, schlang ich die Arme um sie und drückte ihren hübschen Kopf an meine Brust. Aber ich küßte sie nicht; davon hielt mich ein seltsamer Instinkt ab.

»Weine nicht, Pauline, weine nicht!« bat ich, sie wie ein kleines Kind hin und her wiegend. »Sag mir, was geschehen ist . . . Du fürchtest Dich doch nicht vor mir, mein Engel, nicht wahr? Still, still! Dich so weinen zu sehen, entnervt mich ganz! Sei ruhig. Du bist bei mir ganz sicher . . . niemand wird hierherkommen, niemand weiß, daß Du hier bist – und wie Du ruhig wirst, bringe ich Dich nach Hause. So! Jetzt kannst Du mit mir reden, so lange Du willst . . . mir alles erzählen . . . alles, außer daß Du mich nicht mehr liebst!«

Mit einer plötzlichen Bewegung löste sie meine Arme von ihrer Taille und wich zurück.

»O, armer Gaston!« schluchzte sie. »Gerade das muß ich Dir sagen! O, verzeih mir! Ich habe Dir großes Unrecht gethan . . ich habe Dich betrogen . . . aber sei nicht grausam gegen mich, obwohl ich so grausam gegen Dich bin! Ich hätte es Dir schon lange sagen sollen . . . aber ich war ein Feigling . . . ich habe mich gefürchtet . . ich fürchte mich noch! Aber ich darf Dir die Wahrheit nicht verbergen . . Du mußt alles wissen. Ich . . . ich liebe Dich nicht, Gaston! Ich habe Dich nie so geliebt wie Du es verdienst; ich habe nie gewußt, was Liebe ist, bis jetzt!«

Bis jetzt! Was bedeuteten diese Worte? Ich sah sie in dumpfer Verwunderung an . . Mein Gehirn war wie erstarrt. Ich konnte nicht denken, nicht sprechen, ich fühlte nur trüb, daß sie sich aus meiner Umarmung losgemacht habe, und daß es ihr – unter diesen Umständen – vielleicht peinlich war, mich in dieser anbetenden Stellung zu ihren Füßen knieen zu sehen, da . . . da sie mich nicht mehr liebte! Sie liebte mich nicht mehr! Ich konnte es nicht fassen, und noch weniger konnte ich es fassen, daß sie mich nie geliebt hatte! Ich stand langsam auf und blieb neben ihr stehen, einen Arm auf den Kaminsims gestützt . . . meine Glieder zitterten, alles um mich umher drehte sich im Kreise – und doch, trotz meiner Verstörtheit fühlte ich ihr Unglück, sah ich ihre thränenvollen Augen, ihr bleiches Gesicht, ihre bebenden Lippen, die unsägliche Verzweiflung, welche ihre jugendlichen Züge alt und verfallen aussehen ließ, und aus bloßem Mitleid suchte ich mich zu beherrschen. Ich versuchte zu sprechen – kein Ton kam aus meiner Kehle, und erst nach mehreren Anstrengungen ward ich wieder Herr meiner Sinne.

»Das ist eine seltsame Neuigkeit,« sagte ich dann in heiserem, unsicherem Ton. »Du liebst mich nicht mehr, Pauline? Du hast mich nie geliebt? Du wußtest nie, was Liebe bedeutet, bis jetzt? Bis jetzt? Verzeih, wenn ich Dich nicht verstehe . . ich bin gewiß sehr begriffsstutzig . . . aber solche Worte von Deinen Lippen klingen mir unwahrscheinlich, unmöglich! Ich muß die Zeit über geträumt haben, denn . . denn Du schienst mich zu lieben, bis jetzt, wie Du sagst . . . bis jetzt!«

Sie sprang auf und streckte mir, wie außer sich, die Hände entgegen.

»Das ist ja meine größte Sünde, Gaston!« schrie sie auf. »Das ist der Verrat, den ich an Dir begangen habe! Ich schien Dich zu lieben, ja, und das war schlecht von mir! Aber ich war verzweifelt, wahnsinnig . . . und jetzt weiß ich keinen Ausweg als . . . als Dir alles zu sagen . . . mich vor Dir auf die Knie zu werfen . . . so!« Und sie warf sich wild vor mir nieder . . . »zu Dir zu flehen, wie ich zu Gott flehen würde . . . Dich zu bitten, mir zu verzeihen, Mitleid mit mir zu haben . . und vor allem, großmütig das Band zwischen uns zu zerreißen . . . heute noch, sofort . . . damit ich wenigstens fühle, daß ich Dein Vertrauen nicht mehr mißbrauche durch meine Liebe für einen, der mir teurer geworden ist als Du es je mir sein konntest . . . teurer als das Leben . . . teurer als die Ehre . . . teurer als das Heil meiner Seele . . . teurer als Gott!«

Sie sprach mit stürmischer Leidenschaft, und ich sah sie an, wie sie so am Boden kauerte, sah sie mit dumpfer Verwunderung an. Dies Kind, dies anmutig gedankenlose Mädchen hatte sich in ein leidenschaftliches Weib verwandelt; und wer hatte die Veränderung bewirkt? Liebe! Für was, für wen? Nicht für mich, nein, für einen anderen! Wer war dieser Andere? Diese Frage bohrte sich allmählich als die Hauptsache in meinen wirren Kopf als der Bodensatz des ganzen bitteren Trankes – der letzte Stoß, der den Mord vollenden sollte.

»Steh auf, Pauline,« sagte ich, indem ich mich bemühte, meiner Stimme einen festen Klang zu geben. »Steh auf, fürchte Dich nicht. Ich . . . ich glaube, daß ich es jetzt besser verstehe. Vielleicht hast Du nie gewußt, wie sehr ich Dich geliebt habe, mit was für leidenschaftlicher Inbrunst, mit was für anbetender Zärtlichkeit – und was Du mir jetzt sagst, Pauline, ist ein grausamer Schlag, der mein ganzes Leben betäuben und vernichten wird. Aber der Schmerz eines anderen bedeutet ja nicht viel, nicht wahr? Steh auf, ich bitte Dich, und kläre mir diesen unerwarteten Wechsel Deiner Gefühle auf. Du liebst mich nicht, Du hast mich nie geliebt, sagst Du. Du gestehst ein, daß Du eine Rolle gespielt hast, und jetzt bittest Du mich, das Band zwischen uns zu zerreißen, weil Du einen andern liebst . . . habe ich Dich so weit verstanden?«

Sie war wieder in den Sessel neben dem Feuer gesunken, und ihre blassen Lippen flüsterten eine schwache Bejahung.

»Und wer, Pauline, wer ist dieser Andere?«

»O, warum willst Du das wissen?« rief sie unter neuen Thränen. »Es ist nicht nötig . . es würde Dich noch unglücklicher machen! Ich kann es Dir nicht sagen, Gaston . . . ich will nicht!«

Ich brach in ein bitteres Lachen aus. Der Gedanke, daß sie mir dies geheim halten wollte, belustigte mich fast. In meiner damaligen Stimmung fühlte ich, daß ich nicht nur die Erde, sondern Himmel und Hölle nach jenem Namen durchforschen würde, der mir fortan der verhaßteste in der Welt war. Aber ich zwang mich zur Sanftmut, versuchte selbst mir einzureden, daß sie vielleicht ein flüchtiges, vorübergehendes Getändel zu einer ernsten Liebe übertreibe, und unter dem Einflusse dieses Gedankens begann ich wieder zu sprechen.

»Höre, Pauline, Du darfst nicht länger mit mir spielen, ich kann es nicht ertragen. Ich muß wissen, wer mich aus Deiner Neigung verdrängt hat. Versuche nicht, es vor mir geheim zu halten, es würde nur Dir und – ihm schaden! Ist es jemand, den Du vor kurzem kennen gelernt hast? Ist Deine Liebe zu ihm urplötzlich, sofort aufgeflammt? Denn wenn dies der Fall ist, Pauline, glaube mir, wird sie nicht dauern! Und so groß und tief ist meine Zärtlichkeit für Dich, Liebste, daß ich es über mich gewinnen könnte, mit dieser grausamen Laune Deiner Frauennatur Geduld zu haben, zu warten, bis sie vorübergeht . . . da sie vorübergehen muß, Pauline! Keine dauernde Liebe ist noch mit so vulkanischer Plötzlichkeit aufgeflammt wie diese Deine Laune . . . Deine Worte, Dein Wesen, alles entspringt dem Impulse, nicht der Überzeugung, und ich würde Dir unrecht thun – ja, thatsächlich Deiner besseren Natur unrecht thun, wenn ich Dein seltsames Verlangen voreilig erfüllen und unsere Verlobung auflösen würde. Warum sollte ich das thun? Wegen einer Caprice, die zweifellos ebenso rasch verschwinden wird wie sie entstand? Nein, Pauline, unser Bund ist zu heilig und zu fest, um ihn wegen einer bloßen Mädchenlaune zu brechen!«

»Aber er muß gebrochen werden!« schrie sie, aufspringend und mich mit solcher Verzweiflung anblickend, daß mich eine unbestimmte Furcht ergriff. »Er muß gebrochen werden, und wenn ich darüber sterbe! Caprice! Laune! Sehe ich aus, als ließe ich mich von einer Laune leiten? Kannst Du, willst Du mich nicht verstehen, Gaston? O Gott, ich hielt Dich für barmherziger; ich habe Dich für meinen einzigen Freund gehalten und mich an dem Gedanken Deiner Zärtlichkeit als an meinem letzten Rettungsanker gehalten! Ich kann nicht, ich wage es nicht, denen zu Hause zu erzählen – ich fürchte mich, Heloise gegenüberzutreten! O, Gaston, nur Du kannst mich schützen – Du kannst mir die Freiheit wiedergeben, in der ich meine Schuld wieder gutmachen kann! Gaston, Du kannst alles für mich thun, Du kannst mich durch eine großmütige That retten – löse unsere Verlobung auf und sage aller Welt, daß es mit unserem beiderseitigen Einverständnis geschieht. O, Du verstehst mich, Du wirst mich nicht zwingen, meine ganze Schuld, meine ganze Schmach zu gestehen!«

Schuld, Schmach – diese Worte, und Pauline! Die Luft um mich wurde plötzlich schwarz, schwarz wie tiefste Nacht – dann tanzten grellrote Ringe vor meinen Augen, und ich griff nach etwas, ich weiß nicht wonach, um nicht zu fallen. Kalter Schweiß brach auf meiner Stirne und meinen Händen aus, und ich rang in tiefen, keuchenden Zügen nach Atem, mir nichts bewußt, als daß sie hier war und ihre großen Augen in wildem Schreck auf mich gerichtet waren. Plötzlich hörte ich wie im Traum ihre Stimme!

»Gaston, Gaston, sieh nicht so aus! O Gott, verzeih mir! Was hab ich gethan, was hab ich gethan!«

Langsam zog der schwarze Nebel vor meinen Augen fort, und ich kam zu mir.

»Was Du gethan hast?« flüsterte ich heiser, »was Du gethan hast? Nichts . . . Du hast mich getötet . . . das ist alles! Das hast Du gethan . . . das, endlich verstehe ich . . . endlich!«

Sie brach in ein bitterliches Schluchzen aus, aber ihre Thränen rührten mich nicht mehr. Ich stürzte zu ihr hin und ergriff ihren Arm.

»Rasch, rasch!« sagte ich, und die Wut gab meiner Stimme einen schrillen Klang. »Ich kann nicht länger warten . . . der Name, der Name . . .«

Sie hob in sprachloser Angst die Augen, ihre Lippen bewegten sich, aber kein Ton kam über sie. Meine Kehle war zusammengeschnürt, mein Herz sprang in der Brust umher wie ein wilder Vogel in einem Käfig; meine Wut war so furchtbar, daß sie mich in jenem Moment zu einem wahren Wahnsinnigen machte.

»Sprich!« schrie ich, »sprich – oder ich töte Dich! Der Name . . der Name . . .«

Halb ohnmächtig vor Entsetzen, versuchte sie vergebens, sich von mir frei zu machen; ihr Kopf sank auf die Brust herab, ihre Augen schlossen sich, und ihre Antwort klang wie der letzte Seufzer einer Sterbenden an mein Ohr: »Silvion . . .«

Silvion Guidél! Gott! Ich brach in ein wildes Gelächter aus und stieß sie mit einer Gebärde des Abscheus von mir. Silvion Guidél! Der Heuchler! Mein Freund, der »gute Junge«, den ich wirklich verehrt hatte – – ein wilder Impuls ergriff mich, hinauszustürzen und ihn zu suchen, ihn selbst vom Altar zu reißen, wenn er diesen heiligen Ort durch seine verräterische Gegenwart entweihte, und ihn mit seinem Leben für seinen Verrat bezahlen zu lassen. Mein Gesicht mußte diese stürmischen Gedanken ausgedrückt haben, denn plötzlich schien die Gestalt Paulinens immer höher vor mir emporzuwachsen.

»Du wirst ihm nichts thun!« sagte sie mit leiser, bebender Stimme. »Du wirst nicht ein Haar seines Hauptes berühren – – ich werde es verhindern, ich! Mein Leben gäbe ich hin, um ihm den Schmerz eines Augenblickes zu ersparen, und Du, Du wagst es, daran zu denken, ihm ein Leid anzuthun? O ja, ich lese in Deinem Herzen – – Du hast wohl ein Recht, grausam zu sein – – und Du kannst mich töten, wenn Du willst – – aber nicht ihn. Habe ich Dir nicht gesagt, daß ich ihn liebe? Liebe? Ich bete ihn an! Ich habe um seinetwillen alles geopfert, und könnte ich ihm mehr als alles opfern, ich thäte es! Ich wollte ewig in der Hölle brennen, wüßte ich, daß er sicher und glücklich im Himmel ist!«

Sie sah mich fest an, ihr Atem ging und kam rasch zwischen ihren geöffneten Lippen. Ich erwiderte ihren Blick mit erstaunter Verachtung und schleuderte die bittere Wahrheit wie Eiskörner auf die liebende Glut ihres offenen Geständnisses.

»Spare Dir Deine Beteuerungen!« rief ich; »rühme Dich Deiner Schuld nicht, als wäre es Tugend! Der Himmel und die Hölle, von denen Du so leicht sprichst, können trotzdem furchtbare Thatsachen sein und nicht bloße Namen, bei denen man schwört. Und zu einem von diesen beiden soll er gehen, das schwöre ich Dir, wenn ein ehrlicher Degen die Welt von einem so elenden Lügner befreien kann!«



Elftes Kapitel.

Als ich diese Worte laut und entschlossen hervorstieß, ging eine Veränderung über ihr Gesicht; es schien vor Angst plötzlich zu erstarren. Dann fiel sie nochmals vor mir nieder.

»Gaston, Gaston, hab Mitleid mit mir!« flehte sie. »Denke an meine tiefe Demütigung. Verlange ich denn eigentlich so viel von Dir? Daß Du ein unglückliches Mädchen frei giebst, das sich Deiner unwürdig erwiesen hat? O, um Gottes willen, gieb mich frei . . . und wir werden Paris verlassen, Silvion und ich . . . wir werden weit fortgehen, wo man uns vergessen wird . . . Höre, Gaston, Silvion vertraut auf Dein großmütiges Herz ebenso wie ich, er glaubt, daß Du mit uns beiden Mitleid haben wirst. Wir haben uns von allem Anfang an geliebt . . . konnten wir anders, Gaston? Ich sagte, daß ich nicht wußte, was Liebe sei, bis jetzt, und das ist wahr! Ich war so jung . . . ich ahnte nicht, daß ich je solche verzweifelte Freude, solch furchtbares Elend, solchen Wahnsinn kennen lernen würde! Mir ist, als wäre ich in einen großen, reißenden Strom gefallen, der mich wider Willen fortträgt, ich weiß nicht, wohin . . . Ja, ich habe Dich betrogen, Gaston, aber wenn Du mich je geliebt hast, so verzeih mir jetzt!«

Die Spannung meiner Nerven gab nach, das brennende Naß nichtfallender Thränen blendete meine Augen, und ich stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Gieb mir Zeit, Pauline!« sagte ich heiser. »Du verlangst viel von mir, und ich habe nie – wie er – die Rolle eines Heiligen oder Engels gespielt. Ich bin nur ein Mensch, erwarte nichts Übermenschliches von mir. Und ich habe Dich geliebt, Gott, wie habe ich Dich geliebt! Pauline, Pauline! Meine Liebe war in Ehre auf Dich gerichtet, nicht einmal mit einem Gedanken hätte ich Dir unrecht gethan, Pauline,« und meine Stimme zitterte immer mehr, als sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte und konvulsivisch weinte. »Du weißt nicht, was Du gethan hast, noch nicht! In der Blindheit Deiner Leidenschaft ahnst Du nicht, wie die Welt sich langsam wie ein dunkles Gefängnis über Dir schließen wird, wo Du in Thränen und Kummer Deine Schuld wirst büßen – Du begreifst nicht, wie die gütigen Gesichter, die Du von Kindheit an gekannt hast, sich von Dir wenden, wie Deine Freunde Dich meiden werden und wie trostlos Dein Leben sein wird, so trostlos, daß selbst seine Liebe Dich nicht trösten wird! Denn Liebe, die in Sünde beginnt, endet im Elend – – – und wenn ich daran denke, Pauline, so kann ich Dich bedauern, viel mehr bedauern, als wenn Du tot wärest! Wärest Du lieber gestorben!«

Sie antwortete nicht, sondern weinte fort, und meine Nerven bezwingend, bückte ich mich und hob sie mit sanfter Gewalt vom Boden auf. Eben schlug es elf; sie war seit zwei Stunden bei mir, und es war hohe Zeit, daß sie nach Hause zurückkehrte. Rasch reichte ich ihr Hut und Mantel.

»Kleide Dich an!« sagte ich.

Sie nahm die Hände von den Augen – wie rot und geschwollen sie waren! – und gehorchte zitternd.

»Jetzt komm mit mir – – leise!« Ich nahm ihre eiskalte Hand und führte sie aus dem Zimmer, durch den dunklen Flur, wo ich hastig Überrock und Hut nahm, und öffnete dann geräuschlos die Hausthür. Der heftige Wind fegte uns den Regen ins Gesicht, und ich suchte das zitternde Mädchen so viel wie möglich mit meinem eigenen Körper zu schützen, während ich die Thür ebenso geräuschlos schloß. Dann wandte ich mich mit formeller Höflichkeit zu ihr.

»Ich fürchte, Sie werden eine kleine Strecke gehen müssen – – es wäre nicht klug, einen Wagen zu rufen, denn Sie könnten bemerkt werden.«

Sie tastete sich sofort wie eine Blinde die Treppe hinab, und als ich ihre Schwäche, ihr Schwanken bemerkte, ging mein eigener Jammer plötzlich in ein überwältigendes Mitleid mit ihrem Schicksal über. Unwillkürlich streckte ich die Hand aus, um sie vor dem Fallen zu bewahren, und rief außer mir vor Schmerz:

»O, Pauline! Arme, liebe Pauline!«

Da sah sie wild auf, flog mit einem leisen Klagelaut in meine Arme und klammerte sich fest an mich. Ich hielt sie eine verzweifelte Minute lang an mein Herz gedrückt, dann, mich besinnend, schob ich sie sanft von mir, stützte sie mit meinem Arm und wir gingen eine kleine Strecke auf dem überschwemmten Pflaster, gerade dem Wind entgegen. Sobald ich einen leeren, geschlossenen Wagen erblickte, rief ich ihn an, half Pauline hinein und setzte mich neben sie. Bald fuhren wir rasch der Wohnung des Grafen von Charmilles zu, und meine zitternde Gefährtin wurde von neuer Angst ergriffen.

»Was willst Du thun, Gaston?« fragte sie flüsternd.

»Nichts!«

»Nichts?« wiederholte sie, und ihr bleiches Gesichtchen sah in dem gelben Licht der Wagenlaternen geisterhaft aus.

»Nichts . . . außer Dich nach Hause bringen . . . und dann selbst nach Hause fahren.«

»Aber . . . Silvion . . .« stammelte sie.

»Fürchten Sie nichts, mein Fräulein!« sagte ich, während die bloße Erwähnung dieses Namens meine Wut von neuem anfachte. »Heute werde ich ihn auf keinen Fall aufsuchen; es ist zu spät, um unsere Rechnung miteinander abzumachen.«

»Gaston!« schluchzte sie, »ich habe Dich um Mitleid gebeten!«

»Und ich habe gesagt, daß Sie mir Zeit lassen sollten!« gab ich zurück. »Ich muß über die Art und Weise meines künftigen Handelns nachdenken; mittlerweile – für die erste Zeit – ist Ihr Geheimnis sicher bei mir aufbewahrt, ich . . .«

»Aber Sie werden unsere Verlobung auflösen, nicht wahr?« fiel sie angstvoll ein. »Sie werden allen sagen, daß wir anderen Sinnes geworden sind, daß wir uns nicht heiraten wollen?«

Ich sah sie fest an.

»Ich glaube nicht, daß ich es in dieser Weise thun werde,« antwortete ich. »Um ein derartiges Benehmen meinerseits zu entschuldigen, müßte ich selbstverständlich Ihrem Vater die Ursache des Bruches angeben.«

Sie wich schaudernd in den Hintergrund des Wagens zurück.

»O, es wird ihn töten!« stöhnte sie, »ich weiß es sicher, es wird ihn töten!«

»Ein Mord mehr oder weniger ist bei einem solchen Massenmord wahrer Gefühle kaum von Bedeutung,« sagte ich kalt. »Sie haben Ihr Schicksal selbst gewählt, Pauline, nun müssen Sie dabei bleiben. Glauben Sie, daß Guidél Sie heiraten wird, wenn Sie frei sind?«

Sie sah rasch, mit plötzlich aufblitzender Hoffnung auf. »Ja – – er muß es – – er hat es geschworen!«

»Dann soll er seinen Schwur sofort erfüllen. Ist dies einmal geschehen, so ist das Schwerste für Sie vorüber – um mich und mein zerstörtes Leben brauchen Sie sich nicht mehr zu kümmern. Die Thatsache einer heimlichen Ehe zwischen Ihnen und Herrn Guidél wird aller Diskussion, soweit sie mich betrifft, ein Ende machen.«

Ein müder, verstörter Ausdruck glitt über ihre Züge, und ich lächelte bitter: Guidél würde sich mit der Erfüllung seines Schwures wohl nicht sehr beeilen!

Eben bogen wir in die breite, prächtige Avenue ein, in der sich das stattliche Heim des Grafen von Charmilles befand.

»Hören Sie,« sagte ich, mich zu ihr beugend und jedes Wort betonend. »Ich will Sie frei geben, wenn Silvion Guidél einwilligt, Sie sofort, ohne Aufschub zu heiraten. Thut er dies nicht, so muß ich, wie ich Ihnen bereits gesagt habe, Zeit haben, um über den besten Ausweg aus dieser furchtbaren Verwicklung nachzudenken.«

Der Wagen hielt an, wir stiegen aus, und ich bezahlte und entließ den Kutscher. Sie flüsterte leise, daß sie durch den Garten gehen und durch die große Terrassenthür des Frühstückszimmers, durch welche sie heimlich entschlüpft war, in das Haus gelangen würde, und dann richtete sie, mitten in Sturm und Regen, die traurigen, blauen Augen noch einmal auf mich.

»Hab Mitleid mit mir, Gaston,« sagte sie. »Vergiß nicht, daß Du mich retten kannst, wenn Du willst! Gott mache Dich mir gnädig!«

Und mit einem schwachen, schluchzenden Seufzer trat sie durch das große Thor, glitt zwischen den Bäumen des Gartens hindurch und verschwand. – – –

Plötzlich fand ich mich auf dem bekannten Wege nach den Champs Elysées; die Bäume bogen sich wild hin und her und stöhnten unter der Verwüstung, die das zarte Frühlingslaub von ihren Zweigen riß; müde an Geist und Körper, setzte ich mich auf eine der geschützteren Bänke, um zu einem Verständnis des Unheils zu gelangen, das mich befallen hatte. Und wie ich an die mannigfaltigen Träume von Glück, an die seligen Tage dachte, die ich seit kurzem verlebt, stürzten mir die Thränen aus den Augen. Gewiß, ein Mann darf weinen, wenn er allein ist, und ich weinte um den bittersten Verlust, den ein Mensch erleiden kann, den Verlust von Liebe, und den verlorenen Glauben an die Ehre der Menschen. Die Tropfen, welche meine Augen blendeten, waren heiß wie Feuer; sie verbrannten meine Augen, aber in gewissem Maße halfen sie mein Gehirn klären; der Sturm von Wut und Schmerz in mir beruhigte sich allmählich, und ich konnte nicht nur die Ausdehnung meines eigenen Unglückes, sondern auch das des unglücklichen Mädchens ermessen, dem ich so oft geschworen hatte, für sie sterben zu können.

Eine Hand fest auf meine Augen drückend und meine thörichten Thränen zurückpressend, bemühte ich mich aus ganzer Kraft, die ganze unselige Geschichte von der barmherzigsten Seite aufzufassen. Ich war unter meines Vaters sorgsamer Obhut, in den Prinzipien strenger Ehre und praktischer, nicht theoretischer Philosophie aufgezogen worden, denn seine Ansicht eines edlen Lebens war, daß man Gutes thun müsse, so oft man es thun könne, und wenn nicht, sich wenigstens des Bösen enthalte. Wenn ich an diese Lehren glaubte, so war jetzt die Zeit, danach zu handeln. Paulinens Liebe konnte ich nie mehr zurückgewinnen – die war mir gestohlen oder aus freiem Willen meinem Nebenbuhler geschenkt worden – aber es lag in meiner Macht, sie wieder glücklich und geachtet zu machen. Wie? Nichts war leichter. Zuerst mußte ich zu dem guten Vaudron gehen und ihm im Vertrauen alles sagen; ich mußte ihn bitten, daß er die gesetzliche Trauung zwischen Pauline und seinem Neffen sofort und heimlich vollziehe; ich mußte den Neuvermählten mit Geld helfen, damit sie Paris sogleich verließen, und, wenn sie einmal abgereist waren, dem Grafen von Charmilles von allem Mitteilung machen und seinen ganzen Zorn an mir austoben lassen. Damit würde ich Paulinens ewige Dankbarkeit gewinnen, ihre Eltern würden sich mit der Zeit mit dem neuen Schwiegersohn befreunden und alles würde gut werden. Ich, nur ich würde der einzige Leidende sein! Aber muß ein echter Mann sich nicht opfern, wenn er die einzige Frau, die er liebt, glücklich machen kann? Andererseits gab es einen natürlicheren Plan der Rache: ein Wort zu Paulinens Vater, und sie war verloren, ich konnte dann Guidél fordern und mein möglichstes thun, um ihn zu töten, was mir wahrscheinlich gelingen würde, und so den alten Vaudron und seine einfachen Verwandten in der Bretagne ins Unglück stürzen . . . ich konnte all dies thun und trotzdem unglücklich sein. Ich dachte und dachte, grübelte, bis mir der Kopf schmerzte; die gute und die böse Seite meiner Natur kämpften einen verzweifelten Kampf, während mein Gewissen, wie ein fernstehender Beobachter, unfähig war, zu entscheiden, wer gewinnen würde. Der Kampf der Elemente ringsum war nicht wilder als der Kampf in meinem gequälten Herzen; aber durch alles hindurch klang die klagende Stimme Paulinens – Paulinens, die ich doch noch liebte – an mein Ohr: »Hab Mitleid mit mir, Gaston! Gott mache Dich mir gnädig!« bis ich allmählich, ganz allmählich den Sieg über meine dunkleren Leidenschaften errang. Ich beschloß, Pauline zu retten, beschloß, die Ehre des Mädchens, das mir vertraute, wieder herzustellen und niemand, selbst meinem Vater nicht, etwas zu sagen, bis das Werk der Vergebung und Hilfe unwiderruflich geschehen war.



Zwölftes Kapitel.

Ich weiß nicht, wie lange ich auf der Bank in den Champs Elysées saß, während der Regen auf mich niederströmte; denn das Ringen mit meinem schlechteren Selbst hatte mich die Zeit nicht bemerken lassen. So erstarrt war ich vor Kälte und Elend, so blind für die ganze Umgebung, daß ich erschrak, als wäre dicht neben mir ein Pistolenschuß abgefeuert worden, als eine Hand auf meine Schulter fiel und eine heisere Stimme halblachend rief:

»Gaston Beauvais, bei allen Göttern und Göttinnen! Gaston Beauvais, naß wie eine gefangene Ratte! Was zum Teufel thun Sie hier zu nachtschlafender Zeit, Sie Glücklicher, auf den die Francs nur so niederregnen? Was bringt Sie auf die Idee, mit den Elementen zu fraternisieren und mit ihnen zu wetten, wer besser stöhnen und heulen kann? Meiner Treu, ich kann es kaum glauben, daß dies durchweichte Bündel schöner, ruinierter Kleider Sie sind!«

Ich sah auf, erzwang ein Lächeln und hielt ihm meine Hand hin. Ich erkannte den Sprechenden; freilich war er in seiner Art eine zu merkwürdige Person, um nicht sofort erkannt zu werden. Ganz Paris kannte André Gessonex, einen armen Teufel von Künstler, dessen Bilder viel zu außerordentlich und kühn für jeden respektablen Haushalt waren, und der sich deshalb bloß armselig durch seine gewagten Kohleskizzen aller berühmten Tänzerinnen und Operettensängerinnen ernährte. Seine bizarre Erscheinung in dem fadenscheinigen Anzug war jedem Besucher der Boulevards bekannt, und thatsächlich war sie excentrisch genug, um die Aufmerksamkeit jedes Fremden zu erregen. Seine mageren Beine waren mit den denkbar engsten Beinkleidern bekleidet, die durch häufiges Aufkrempeln – um den ausgefaserten Rand zu verbergen – so kurz geworden waren, daß sie fast eine viertel Elle der roten Socken frei ließen; sein dünner Rock, der einzige, den er für Winter und Sommer besaß, war dicht über seiner Brust zugeknöpft, um den Mangel der lange versetzten Weste zu verbergen; ein Kragen mit sehr großen, ungestärkten, schmutzigen Enden flatterte um seinen mageren Hals, von einem Streifen hochroten Flanells gehoben, der als Krawatte diente; auf den buschigen, halb ergrauten, immer zerrauften Haaren trug er einen zerknüllten Hut von der echten Banditenform, den er schon mehrmals mit Tinte geschwärzt hatte, um seine antike Rostfarbe zu verbergen, und den er mit großer Sorgfalt stets schief aufsetzte, um, wie er einst erklärte, Gleichgültigkeit gegen die Welt auszudrücken. Armer Teufel!

Ich hatte ihn immer von Herzen bedauert und manches Zwanzigfrancsstück hatte von meiner Tasche den Weg in die seine gefunden. Ein grausames Schicksal hatte ihm Genius ohne Vernunft verliehen, und das ganz natürliche Resultat dieser Gabe war, daß er hungerte. Er war voll guter, selbst feiner Gedanken; es gab Zeiten, wo er von dem glücklichsten Witz überströmte; viele Leute hatten ihn gern, bemühten sich sogar, ihm substantiell zu helfen, ohne jedoch in ihren barmherzigen Bestrebungen Erfolg zu haben. Denn André war einer von Gottes Unverbesserlichen – weder Geld noch guter Rat half ihm ein Jota. Erhielt er einen Auftrag, ein Bild zu malen, so produzierte er eine titanische Leinwand, die ihrer Größe nach nur für eine Kathedrale gepaßt hätte, und auf dieser Leinwand skizzierte er so luftige Personen, daß der mit den besten Absichten gekommene Käufer entsetzt seinen Auftrag zurückzog und floh, ohne auch nur den Duft eines Francs zurückzulassen. So befand sich der arme Teufel immer in Geldverlegenheit, und wenn man ihn ins Gebet nahm und ihm sagte, daß er selbst an seinem Unglück schuld sei, so nahm er eine Miene der naivsten Verwunderung an.

»Sie machen mich erstaunen,« pflegte er zu sagen, »wirklich, Sie machen mich erstaunen! Bin ich schuld, wenn die Leute, die Bilder kaufen, keinen Geschmack haben? Ich kann keine holländischen Interieurs malen – eine Rübe, die auf das Geschabtwerden wartet – ein dickes, altes Weib, das Kartoffeln schält – einen alten, beständig frierenden Herrn, der sich über ein Kohlenbecken bückt, um seine alte Nase zu erwärmen, während ein Hund und zwei Katzen vertraulich zu seinen runzligen Händen aufsehen – das ist nicht meine Sache! Ich kann nur große Dinge malen, nur klassische Gegenstände; ich kann nicht zu dem Standpunkt vulgärer Geister hinabsteigen! Meinetwegen will ich arm sein, hungern, aber ich will mein künstlerisches Gewissen behalten. Eine dankbare Nachwelt wird vielleicht anerkennen, was diese gedankenlose Zeit verwirft!«

Das war der Mann, der jetzt wie ein Gespenst im Regen vor mir stand und dessen trübe Augen mit einem leichten Interesse aufleuchteten, als er sie auf mich richtete. Ich konnte meine Stimme nicht sogleich beherrschen, um ihm zu antworten, und er schlug mir nach einer Pause wieder auf die Schulter.

»Haben Sie die Sprache verloren, Beauvais, oder Ihren Mut oder was sonst? Sie sehen entsetzlich aus, wollen Sie meinen Arm nehmen?«

Der Ton freundlicher Teilnahme in seiner Stimme rührte mich – ein andermal hätte ich gezögert, mich mit einer so bizarren Erscheinung, wie er es war, sehen zu lassen – aber es war spät, und ich fühlte mich so unglücklich, so verlassen, so hoffnungslos, daß ich mich selbst über die Gesellschaft dieses armen Teufels freute und daher seinen angebotenen Arm annahm, einen Arm, dessen spitzen Knochen ich durch den abgetragenen Ärmel fühlte.

»Ich bin wirklich etwas außer Rand und Band,« sagte ich dann, mit der Absicht, meine Verstimmung als bedeutungslos hinzustellen, »das Spazierengehen in einer solchen Nacht ist gewiß nicht amüsant. Aber – – wenn man in Sorgen steckt – –«

»Sorge!« rief Gessonex, seine freie Hand zur Faust ballend und gegen den drohenden Himmel herausfordernd schüttelnd. »Sorge ist das Fischnetz der liebenswürdigen Gottheit da oben, die keiner von uns sehen kann und die nur wenige zu kennen wünschen. Mitten aus den Wolken, ganz unerwartet, fällt das große, schwarze Netz herab, und wir sind darin alle gefangen, kämpfen und strampeln um das liebe Leben, gerade so wie die hilflosen Fische, die wir selbst so gern fangen, töten und verschlingen. Wir alle sind in unserer Weise kleine Götter, und der große droben ist nur eine vergrößerte Ausgabe, denn die Bibel sagt: ›Er schuf uns nach seinem Ebenbilde!‹ So sind Sie auch gefangen, lieber Freund? Das ist schlimm! Aber lassen Sie mich Sie darauf aufmerksam machen, daß es in dem Netz ein paar große Löcher giebt, durch welche jene, die goldene Schuppen haben, leicht heraus und entschlüpfen können!«

Armer Gessonex! Wie alle Hungrigen hielt er das Geld für das Heilmittel aller Übel!

»Mein lieber Junge,« sagte ich leise, »es giebt Leiden, die selbst Krösus unter seinen Goldbarren zu Tode quälen können. Ich fange an zu denken, daß Armut eines der geringsten menschlichen Leiden ist.«

»Vollkommen richtig!« rief Gessonex mit triumphierender Miene. »Es giebt nichts, an das man sich so leicht gewöhnen kann, es paßt einem wie ein alter Rock! Man hört auf, sich nach einem Mittagessen zu sehnen, sobald man es nie bekommt. Es ist ganz merkwürdig, wie der Appetit sich den Umständen anbequemt und sich mit einer Zwanzigcentimes-Cigarre statt mit einem Filet für einen Franc begnügt – das Filet geht einem zuletzt gar nicht mehr ab! Und wie viele merkwürdige Fälle von Menschen hat uns die Wissenschaft kürzlich gezeigt, die eine lange Zeit ohne eine andere Nahrung als Wasser existieren können! Dieser Umstand hat mich höchlich interessiert; ich glaube an dies System, habe es sogar versucht – zu meinem eigenen Amusement natürlich – ja, ich habe es mehrere Tage hintereinander versucht – und es hat mir sehr gut angeschlagen! Die Füße werden einem ganz leicht, und man glaubt fliegen zu können, als wäre man körperlos – – ein höchst sonderbares, angenehmes Gefühl!«

Das Herz that mir weh – dieser Mann hungerte, und meine Börse war voll. Ich drückte seinen mageren Arm fester an mich und vergaß ein paar Minuten lang meinen eigenen Kummer.

»Lassen Sie uns soupieren gehen, gleichviel wohin,« sagte ich hastig. »Ein Teller heißer Suppe wird mich erwärmen, ich bin wirklich durch und durch naß.«

»Das sind Sie, lieber Freund,« antwortete Gessonex liebenswürdig, »und abgesehen von dem Zustand Ihrer schönen Kleider, die, wie ich zu meinem Bedauern bemerken muß, ganz und gar ruiniert sind, werden Sie morgen höchstwahrscheinlich mit einem tüchtigen Schnupfen aufwachen. Und ein Schnupfen verschönt niemand – er entstellt selbst das Gesicht einer schönen Frau. Wenn Sie daher wirklich meinen, daß eine heiße Suppe Ihnen gut thun wurde (was mich betrifft, finde ich die Kaltwassernahrung viel angenehmer), so werde ich Sie in ein sehr anständiges Restaurant führen, wo Sie sich eine großartige Bouillon verschaffen können – großartig, sage ich Ihnen – ich habe ihren Duft oft – en passant eingesogen!«

Und unwillkürlich, aus dem bloßen Impuls des Hungers, den er doch nicht ganz unterdrücken konnte, seine Schritte beschleunigend, führte er mich aus den Champs Elysées und über den Place de la Concorde, von da über eine der Brücken, welche sich über die Seine spannen, und so weiter, bis wir zu einem schmutzigen, kleinen Hause in einer Seitenstraße gelangten, über dem sich in verblichenen Lettern ein Schild befand: »Grand Café Bonhomme«. Gessonex öffnete die Glasthür, und ich folgte ihm mechanisch; mein einziger Gedanke war, daß er, Gessonex, einmal ein ordentliches Mahl erhalten sollte, denn ich selbst würde wohl keinen Bissen berühren. Es befanden sich nur zwei oder drei Personen in dem Café. Ein einsamer Kellner, der vorhin im Hintergrund sich sorgfältig die Haare gekämmt hatte, kam heran, um unsere Befehle entgegenzunehmen, und machte uns in einer etwas entfernten Ecke des Zimmers einen Tisch frei, an dem wir uns sofort niederließen. Ich bestellte Suppe und was sonst noch Heißes und Kräftiges fertig war, während André mit einer eleganten Bewegung seinen Banditenhut abnahm und an einem Nagel aufhing – so vorsichtig, als fürchte er, daß er ihm unter den Händen in Stücke zerfallen könnte. Dann fuhr er mit den Fingern durch seine zerzausten Locken, stützte die Ellbogen behaglich auf den Tisch und betrachtete mich lächelnd.

»Mein lieber Beauvais,« sagte er, »mir ist, als hätte sich zwischen uns ein neues, mystisches Band geknüpft. Sie wissen, ich habe Sie immer gern gehabt, aber Sie waren stets durch einen ungeheuren Golf von mir getrennt . . Sie haben nämlich nie eine Sorge gekannt, und ich, wie Ihnen bekannt sein dürfte, hatte und habe immer welche! Glauben Sie jedoch nicht, daß es mir angenehm ist, Sie wie einen Fisch an des lieben Gottes unangenehm scharfer Unglücksangel zappeln zu sehen – im Gegenteil, das thut mir sehr leid – aber wenn etwas die Menschen zu Brüdern machen kann, so ist es ein Compagniegeschäft in Kummer! Trotzdem, Beauvais,« er dämpfte die Stimme ein wenig, »kränkt es mich wirklich, Sie so niedergeschlagen zu sehen.«

Ich machte ein stummes Zeichen der Dankbarkeit, und er sah mich forschend an, während er langsam seinen spitzen Bart strich.

»Doch keine finanziellen Unannehmlichkeiten?« spielte er nach einer Pause zart an.

»Guter André! Nein!«

»Das freut mich!« antwortete er prompt, »denn in einer Geldangelegenheit könnte ich Ihnen natürlich von keinem Nutzen sein. Aber für sonstige Bekümmernisse rein seelischer und doch höchst ärgerlicher Natur weiß ich ein Mittel!«

Ich erzwang ein Lächeln. »Wirklich!«

Er nickte ernst, und seine Augen erweiterten sich mit einem gewissen feuchten Glanz, den ich und andere oft in ihnen bemerkt hatten, wenn der »verrückte« Maler, wie er häufig genannt wurde, beredter als gewöhnlich werden wollte.

»Für die Wunden des Herzens, die nach innen bluten, für die Sehnsucht nach etwas, das nie mehr zurückgewonnen werden kann, für die Reue und die lästigen Gewissensbisse, für all dies, und noch mehr als dies, weiß ich ein Mittel,« sagte er langsam und träumerisch. »Für das Gift der Erinnerungen weiß ich ein Gegengift, einen herrlichen Balsam, der unsere verletzte Seele mit gänzlichem Vergessen heilt, uns Wonnen zeigt, von denen die Welt nichts weiß, für deren Genuß aber ein Mensch wohl gern hungern, leiden und alles opfern kann . . . selbst Liebe!«

Seine heisere Stimme war musikalisch geworden, ein schwaches Lächeln lag um seine dünnen Lippen, und ich sah ihn in vager Überraschung und Neugierde an.

»Wovon schwärmen Sie, Gessonex?« fragte ich halb scherzend, »was für ein magisches Elixir vitae erregt Ihre Begeisterung?

Er antwortete nicht, da man eben die Suppe brachte, und sich rasch aus seiner Träumerei aufraffend, verloren seine Augen den unnatürlichen Glanz, während sein ganzes Interesse sich auf das vor ihm stehende Essen konzentrierte. Armer Kerl! Wie elegant er aß, Widerstreben heuchelnd und doch jeden Bissen mit Wonne genießend! Wie hochmütig er den Kellner schalt, weil er ihm keine Damastserviette brachte, und wie seelig er die Rolle eines Epikuräers und feinen Herrn spielte! Mein Anteil an der Mahlzeit war ein bloßer Vorwand, und er bemerkte es, obwohl er sich während des Essens jeder Anspielung darauf enthielt. Erst als er fertig war und die Cigarre rauchte, die ich ihm angeboten hatte, beugte er sich über den Tisch und sagte in leisem, vertraulichem Ton: »Beauvais, Sie haben nichts gegessen?«

»Mein Lieber, ich habe keinen Hunger.«

»Wollen Sie nicht einmal rauchen?«

»Ihnen zu Gefallen,« und ich zündete in der Hoffnung, daß er sich über mich beruhigen würde, eine Cigarette an. Aber er erhob sich plötzlich, ohne mir ein Wort zu sagen, schritt zu dem Kellner hinüber und redete eine Minute lang ernsthaft auf ihn ein. Dann kehrte er wieder auf seinen Platz zurück, und ich sah ihn forschend an.

»Was haben Sie bestellt? Einen Cognac?«

»Nein.«

»Was denn?«

»O nichts, nur – Absinth.«

»Absinth!« wiederholte ich »Können Sie das Zeug leiden?«

Seine Augen öffneten sich weit und richteten sich seltsam blitzend auf mich.

»Leiden? Ich liebe es! Und Sie?«

»Ich habe es noch nie gekostet.«

»Noch nie gekostet!« rief Gessonex erstaunt. »Guter Gott, Sie, ein geborener Pariser, haben noch nie Absinth gekostet?«

Ich lächelte über seine Erregung.

»Ich habe andere ihn trinken sehen, aber sein Aussehen gefiel mir nicht, ein abscheuliches Medizingrün!«

Er lachte etwas nervös, und seine Hand zitterte, aber er gab keine Antwort, denn in diesem Moment stellte der Kellner eine Flasche des fraglichen Getränkes, zugleich mit Wasser und einigen Gläsern auf den Tisch. Sorgsam die opalschimmernde Flüssigkeit bereitend und mischend, füllte Gessonex die Gläser bis zum Rande und schob mir eines hin. Ich machte eine Bewegung des Widerwillens, worüber er belustigt lachte.

»Bei Venus und Cupido und all den guten alten Heidengöttern, bei denen es sich so bequem schwören läßt, Sie werden mich doch nicht zwingen, Sie für einen Narren zu halten, Beauvais! Was fällt Ihnen ein – medizingrün! Denken Sie lieber an geschmolzene Smaragde! Neben Ihnen steht das wunderbarste Getränk in der Welt – trinken Sie, und Ihr Kummer wird verschwinden, Sie werden verwandelt sein! Selbst wenn es keinen besseren Erfolg hätte, als Sie vor einem Schnupfen zu bewahren, so wäre es auch etwas! Leben ohne Absinth! Für mich wäre es nicht denkbar! Ich hätte mich aus Wut über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Welt schon längst erhenkt, ertränkt oder erschossen, aber durch diesen göttlichen Nektar kann ich dem Unglück trotzen und die Armut verlachen. Kommen Sie, auf Ihre Gesundheit, lieber Freund! Stoßen Sie mit mir an!«

Er hielt das Glas gegen das Licht, und ich richtete meine Augen zweifelnd auf die blaßgrüne Flüssigkeit, deren Lob er so sang – besaß sie wirklich einen so mächtigen Zauber? Würde sie das dumpfe Weh in meinem Herzen stillen, das Klopfen meiner Schläfen und den Widerwillen gegen das Leben, der mich wie ein Fieber ergriffen hatte, seit ich Pauline verloren hatte? Vielleicht – und langsam das Glas an meine Lippen führend, kostete ich. Es war sehr bitter, und ich verzog das Gesicht, als ich es wieder niedersetzte. Gessonex berührte meinen Arm.

»Noch einmal!« flüsterte er mit einem seltsamen Lächeln. »Noch einmal! Es ist wie Rache – erst bitter, aber zuletzt süß! Mein Lieber, wenn Sie nicht, wie Sie es sind, eine Beute der Sorgen wären, so würde ich Ihnen die Bekanntschaft dieses Trostmittels nicht vermitteln – denn wer keine Sorgen hat, braucht keinen Trost. So aber sehe ich nicht ein, weshalb Sie leiden sollten, wenn die Arznei für alle Leiden hier steht!« – und er schlürfte den Inhalt seines Glases mit fast verzückter Miene.

Ich sah ihn starr an. Ein seltsames, prickelndes Gefühl lief durch mein Blut, als hätte sich plötzlich ein innerliches Feuer darin entzündet. »Wollen Sie damit sagen, daß Absinth, den man den Fluch von Paris nennt, das Heilmittel für alle menschlichen Übel ist?« fragte ich ungläubig. »Lieber Freund, Sie rasen; so etwas ist nicht möglich! Wenn es wirklich vergessen machen könnte . . . ich bin grausam verraten worden, Gessonex, und wollte Gott, ich könnte es vergessen!«

Die Worte waren unwillkürlich meinen Lippen entschlüpft, und er hörte sie mit einem Ausdruck liebenswürdiger, halb melancholischer Teilnahme an. Statt der Antwort aber deutete er auf das Glas neben mir.

»Trinken Sie!« sagte er.

Trinken! Nun, warum nicht? Wenn auch nur, um meinen Gefährten zu befriedigen – und ich trank. Himmel, wie köstlich es jetzt war! In meiner angenehmen Überraschung schlürfte ich fast die Hälfte des Inhalts, während ein neues, unbeschreibliches Gefühl von Wärme und Behagen mein ganzes Wesen durchströmte. Ich fühlte, daß Gessonex mich beobachtete und sah ihn lächelnd an.

»Sie hatten recht, André!« sagte ich »Es ist prachtvoll!« Ohne mehr zu bedenken, was ich that, leerte ich das ganze Glas, zündete eine frische Cigarre an und begann behaglich zu rauchen.

»Jetzt werden Sie bald wieder ein Mann sein!« rief er freudig. »Zum Teufel mit all den Secaturen des Lebens! Sie sind im Leben zu gut gestellt, um sich von irgend etwas ärgern zu lassen, und ich bin ganz froh, daß ich Sie überredete, mein Heilmittel gegen die Püffe des Schicksals zu versuchen, denn ich kann Sie sehr gut leiden! Außerdem schulde ich Ihnen, offen gestanden, mehrere ausgezeichnete Diners – das heutige war mir ganz besonders willkommen, trotz meiner Lobhymne auf die Kaltwassernahrung, und meine einzige Revanche für so viele Freundschaftsdienste ist die Vorstellung der ›Fee mit den grünen Augen‹, wie dieses herrliche Getränk poetisch genannt wird. Eine reizende Fee! Ein Wink mit dem Opalstab und – dem Kummer ist mit Eleganz der Kopf abgeschnitten!«

Ich ließ ihn ohne Unterbrechung weiterreden, denn ich selbst war zu behaglich schläfrig, um zu sprechen. Ich sah zu, wie der Rauch meiner Cigarre in kleinen Ringen zur Decke aufstieg; sie schienen wie Phosphor zu glänzen, während sie hin- und herwirbelten und zerflossen. Ich hatte aufgehört, an Pauline, an Guidél, an meine Umgebung zu denken, mein ganzes Interesse konzentrierte sich auf diese aufsteigenden und verschwindenden Ringe. Mit steigender Befriedigung und Gier trank ich noch zwei Gläser – vorher war mir kalt und unwohl gewesen, jetzt war mir wohlig warm und behaglich; nur eine leichte Schläfrigkeit kroch über mich. Hier und da hörte ich Gessonex' Stimme; manchmal erhob sie sich zu energischer Beredsamkeit, aber allmählich erklang sie immer ferner, wie in einem Traum, und ich schenkte ihm gar keine Beachtung mehr, nur gelegentlich nickte ich mit dem Kopf, wenn er eine Antwort zu erwarten schien. Ich befand mich in jenem unklaren Zustand, der gewissen Phasen der Trunkenheit eigen ist, wo der Trinker der Meinung ist, daß er denkt, obwohl kein wirklicher Gedanke in seinem umwölkten Gehirn erstehen kann. Dennoch verstand ich ganz wohl, was Gessonex über die Liebe sagte; der Himmel weiß, wie er auf diesen Gegenstand kam, gegen den er einen wahren Hagel cynischer Pfeile losschoß.

»Was für Narren die Männer sind, daß sie sich wegen eines hübschen Gesichtes, das doch alt und häßlich werden muß, zum Sklaven fürs ganze Leben machen lassen!« rief er. »Die Liebe ist nur ein Fieber, wie jedes andere, und kann leicht gedämpft werden, wenn man es nur versucht. Sie ist auch eine abzehrende Krankheit, sie verzehrt Seele und Körper, aber der Haß füttert ihn! Gut hassen ist die richtige Eigenschaft eines Mannes – denn in der Weit ist sehr viel, das Haß verdient und so wenig, das der Liebe wert ist. Bei Gott, Beauvais, ich schwöre Ihnen, daß ich noch nie eine gute Frau gekannt habe!«

»Armer Gessonex!«

»Und Sie?« fragte er eifrig.

Das Bild eines reinen, blassen, stolzen Gesichtes, wie eine klassische Camee in einen Rahmen goldener Haare gesetzt und von dem ruhigen Glanz zweier stiller, herrlicher Augen belebt, flog fast wider meinen Willen an meinem Geist vorüber, und ich antwortete halb träumerisch: »Ein Weib kenne ich, das schön und weise ist, und ich glaube auch – gut.«

»Sie glauben!« lachte Gessonex auf. »Sie glauben nur, Sie sagen nicht, daß Sie es fürchten! Ja, fürchten – fürchten Sie es, mein Freund, wenn es wirklich gut ist; denn so sicher wie der Tod, wird die Zeit kommen, wo es Sie demütigt!«

Ich lächelte wieder. Was für Paradoxe der Mensch zusammensprach! Er plauderte mehr oder minder unverständlich fort, bis der Kellner uns zuletzt ehrerbietig darauf aufmerksam machte, daß Mitternacht längst vorüber sei und man das Café schließen wolle. Ich stand schläfrig auf, bezahlte die Rechnung und ging, besser gesagt taumelte Arm in Arm mit meinem Gefährten fort, der, als er sich wieder dem Regen ausgesetzt sah, der mit gleicher Heftigkeit niederströmte wie zuvor, die Elemente mit allerlei Schimpfreden zu schelten begann.

»Zum Teufel!« schrie er. »Was für ein elendes Wetter! Nur Katzen, Ratten und Kröten dürften in einer solchen Nacht im Freien sein, und ich . . ich, André Gessonex, der einzige geniale Maler Frankreichs, bin gezwungen, zu Fuß nach Hause zu gehen! Schändliche Ungerechtigkeit! Sie, mein lieber Beauvais, sind glücklicher, der Fiaker steht für zwei Francs zu Ihren Diensten – wenn einer heute überhaupt zu haben ist!«

Er blickte die fast menschenleere Straße auf und ab, während ich ihn neugierig beobachtete. Eine sonderbare Ruhe ergriff mich; die frühere rastlose Bewegung in meinem Gehirn schien plötzlich stillzustehen, und die geringste Kleinigkeit interessierte mich. So war in einer Höhlung des Pflasters zu meinen Fußen eine kleine Pfütze, und ich begann träumerisch die großen Regentropfen zu zählen, die mit der Gewalt kleiner Steinchen hineinfielen; dann erregte eine gewisse Veränderung in dem Gesicht Gessonex' meine Aufmerksamkeit. Seine Augen glänzten so fieberhaft, daß ihr Leuchten ihm einen Moment lang eine wilde Schönheit verlieh. Ich studierte ihn eine Weile, trat dann an ihn heran und ließ ein Zwanzigfrancsstück in seine Hand gleiten. Seine Finger schlossen sich sofort darüber.

»Fahren Sie selbst nach Hause, wenn Sie einen Wagen bekommen können,« sagte ich. »Ich werde gehen.«

»Und die Ersten sollen die Letzten werden!« lachte Gessonex, das Goldstück ohne eine weitere Bemerkung einsteckend – er hätte jeden Ausdruck der Dankbarkeit für unfein gehalten. »Das ist's, was alle Mißvergnügten hier auf Erden nach dem Tode erwarten – sechsspännig um den Himmel zu fahren und auf die Feinde herabzusehen, wie sie auf dem heißen Höllenpflaster einhertraben! Eine echt christliche Hoffnung, nicht wahr? Sie wollen sich also richtig einem zweiten Bade aussetzen? Schön, dann thue ich es auch . . . ich kann mich ja umziehen, wenn ich nach Hause komme!«

Armer Teufel, ich wußte es wohl, daß er keine Kleider zum Umkleiden habe! Da seine Wohnung in ganz entgegengesetzter Richtung lag, nahm ich von ihm Abschied.

»Sie sind jetzt ein anderer Mensch, Beauvais, nicht wahr? Die ›grüne Fee‹ hat Sie von Ihrer Verstimmung geheilt?«

»War ich verstimmt?« fragte ich gleichgültig. »Auf jeden Fall, jetzt bin ich wieder ganz ich selbst.«

Er lachte wild auf.

»Das freut mich! Was mich betrifft, so bin ich nie ich selbst . . . ich bin immer ein anderer! Komisch, nicht wahr? Ich habe nämlich,« und er dämpfte seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern herab, »ein höchst seltsames Erlebnis gehabt. Ich habe mich selbst umgebracht und dann meinem eigenen Leichenbegängnis beigewohnt. Ja, wirklich! Kerzen, Priester, schwarze Draperien, wohlgenährte, langschweifige Pferde – Sie verstehen, keine Kosten gespart. Meine Leiche lag in einer offenen Truhe – ich habe einen komischen Widerwillen gegen geschlossene Särge – die Nacht und alle Sterne starrten darauf nieder – das Gesicht war noch jung, und es mochte einst wohl auch schöne Augen gehabt haben. Ich hatte weiße Veilchen für den Kranz gerade über dem Herzen gewählt – das sind die schönsten Blumen, nicht wahr? Und ganz Paris folgte weinend dem Sarge.«

Diese seltsamen, unzusammenhängenden Sätze strömten in stürmischer Schnelligkeit von seinen Lippen, in seiner Stimme klang ein jammervolles Pathos und zugleich Verachtung, und der Glanz in seinen Augen verwandelte sich in eine milde Wut, vor der ich unwillkürlich zurückwich. Die Bezeichnung »verrückter« Maler schien nie so auf ihn zu passen wie jetzt. Aber verrückt oder nicht, er bemerkte rasch die instinktive Bewegung des Zurückschreckens, die ich gemacht hatte, fing wieder zu lachen an, schüttelte herzlich meine Hand, hob mit übertriebener Höflichkeit den Hut und eilte davon. Ich sah ihm nach, wie er mit seinen gewöhnlichen tragikomischen Schritten dahinstelzte, bis er um die Straßenecke verschwunden war, und dann . . . dann, als wäre ein blendender Blitz vor mir niedergefahren, wurde es mir plötzlich klar, was er für mich gethan hatte.



Dreizehntes Kapitel.

Ich ging in jener Nacht heim, nicht um zu schlafen, sondern um zu träumen, mit weit offenen Augen und straff gespannten Sinnen zu träumen. Ich wußte, daß ich mich in meinem eigenen Zimmer und auf meinem eigenen Bett befand; ich konnte fast die kleinen Abstufungen des Lichtes in dem blassen Scheine zählen, den die flackernde Nachtlampe gegen die Wand und die Decke warf; ich konnte das gedämpfte Ticktack der Uhr im Nebenzimmer hören, aber obwohl diese alltäglichen Eindrücke klar und deutlich waren, war ich doch weit von ihnen entfernt – weit weg in einem nebeligen Lande voll seltsamer Überraschungen und wunderbarer Ereignisse, in einem Lande, wo Schönheit und Grauen, Wonne und Entsetzen sich in den Tag teilten. Ich war eine Beute der sonderbarsten physischen Empfindungen; die betäubte Stille in meinem Gehirn, die ich früher gefühlt hatte, ohne sie analysieren zu können, hatte jetzt einer raschen, palpitierenden Bewegung, gleich dem Schlage eines raschen Pendels, Platz gemacht, und allmählich, wie dieses Etwas hin- und herschwang, schienen seine Schwingungen meinen ganzen Körper zu ergreifen und zu erfüllen. Mein Herz klopfte in demselben raschen Tempo, meine Nerven bebten, das Blut stürmte wie ein wilder Strom durch meine Adern, und ich lag da und starrte die weiße Decke über mir an in vager Verwunderung über das, was ich sah, und die Scenen, an denen ich wie ein körperloses Wesen thätigen Anteil nahm, ohne mich zu rühren.

Als diese furchtbare Nacht vorüber war, erhob ich mich als ein anderer von meinem Bette. Es war der Tag, an dem mein Vater von England zurückkehrte, und ich betrachtete mich forschend im Spiegel, ob mein Gesicht einen veränderten Ausdruck trage. Nein, es war nur bleich, und die Augen glänzten unnatürlich. Ich kleidete mich mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt an und schrieb während des Frühstücks folgenden Brief an Guidél:


»Ich weiß alles, und es kann darauf nur eine Antwort geben. Ich lasse Ihnen den heutigen Tag für Ihre Vorbereitungen, morgen werden Ihnen meine Sekundanten sagen, wo und wann Sie mich zu treffen haben – außer Sie sind ein ebenso großer Feigling wie Lügner.

Gaston Beauvais.«


Mit diesem Briefe in der Hand begab ich mich in die Wohnung des Pfarrers. Der Tag war still und bewölkt, aber der Regen hatte nachgelassen und der früher stürmische Wind sich in eine bloß kalte Brise verwandelt. Ich schritt langsam dahin, denn ich war über die Art und Weise meines Handelns so vollständig mit mir im reinen, daß ich gar keine Erregung mehr fühlte, ja in ganz beruhigter Stimmung bei der Wohnung Vaudrons ankam. Der gute Pfarrer bewohnte eines jener kleinen Gartenhäuser, die in und um Paris immer seltener werden. Ich klopfte an, und die alte Margot öffnete. Ihre scharfen, schwarzen Augen betrachteten mich zuerst ganz erstaunt, und ihr Lächeln war nicht sehr ermutigend.

»O, Herr Beauvais!« sagte sie, die Arme in die Seiten stemmend. »Was können Sie zu einer so frühen Stunde wünschen? Noch nicht acht Uhr, und der Herr Pfarrer ist noch in der Messe – vor Mittag empfängt er ja keine Besuche!«

All das kam atemlos und ungeduldig heraus.

»Ich komme nicht als Besuch, Margot,« antwortete ich ruhig. »Meine Sache ist bald abgethan. Hier, geben Sie Herrn Guidél diesen Brief, und wir sind fertig.«

»Herrn Guidél!« rief sie, den Kopf zurückwerfend und mit zitternden Nasenflügeln, was bei ihr immer schlechte Laune voraussagte. »Schicken Sie ihm den Brief nur nach! Er ist nicht mehr da, er ist fort!«

»Fort?« wiederholte ich albern. »Fort?«

»Jawohl, und warum denn nicht?« fragte sie scharf. »Ich habe genug von ihm gehabt! Er ist so schwer zu befriedigen wie ein englischer Lord, und ich war zu ihm, wie seine eigene Mutter nicht einmal hätte sein können, und doch, fort war er gestern abend ohne ein Schön -Dank für meine Mühe. Er hat mir zehn Francs auf den Tisch gelegt – was sind zehn Francs, wenn man ein freundliches Wort hören will! Und Herr Vaudron trauert um ihn wie eine Katze nach ihren ersäuften Kätzchen!«

Ich war durch diese unerwartete Wendung der Dinge so verblüfft, daß ich nicht gleich Worte fand.

»Wohin ist er gegangen?« fragte ich dann mit unsicherer Stimme.

»Zurück in die Bretagne, natürlich, wohin denn sonst?« schrillte Margot gereizt. »Seinem Vater ist ein Unfall zugestoßen – ein Pferd hat ihn gestoßen, glaub ich, und da haben sie sofort nach ihrem lieben Silvion telegraphiert. Und wie gesagt, gestern abend fuhr er fort, ohne ein Wort oder einen Blick für mich, die ich wie eine Sklavin für ihn gearbeitet habe! Ja, das ist der Undank der Jungen gegen die Alten!«

Ich sah sie überrascht an: sie war immer empfindlich, aber hinter ihrer jetzigen Laune steckte mehr als bloße Empfindlichkeit.

»Margot, Sie sind zornig!« sagte ich mit einem halben Lächeln.

»Jawohl,« rief sie, mit dem Fuß aufstampfend, aber plötzlich stiegen ihr die Thränen in die harten, alten Augen, »ich bin zornig und gekränkt zugleich! Es war ein schöner Junge; es that einem wohl, ihn lächeln zu sehen, und obwohl er allerlei Seltsamkeiten hatte, wie das lange Spazierengehen, ganz allein, im Bois, und noch andere, ward es einem doch ganz warm ums Herz, wenn man ihn ansah – man ward ordentlich wieder jung dabei!«

»Können Sie mir sagen, ob Herr Guidél nach Paris zurückkommt?« fiel ich ein.

»Nein, das kann ich nicht,« antwortete sie schnippisch. »So viel steht fest, daß er fort ist, und daß ich zu arbeiten habe; wenn Sie mehr wissen wollen, fragen Sie den Herrn Pfarrer. Ich hab keine Zeit, dazustehen und zu schwatzen!«

»Schön! Guten Tag, Margot!« sagte ich und griff scherzend an den Hut.

»Guten Tag, Herr Gaston!« gab sie scharf zurück, »und seien Sie nicht eifersüchtig auf andere junge Herren, denen Gott ein hübscheres Gesicht gegeben hat als Ihnen!«

Ich hatte zum Nachdenken Stoff genug, als ich die Wohnung des Pfarrers verließ, und um dies ruhiger thun zu können, trat ich in das Bois, das sich dicht dabei befand, und schweifte länger als eine Stunde darin umher. Guidél hatte Paris verlassen. Wußte Pauline davon? Ich zerriß meinen Brief in tausend Stücke und ließ sie von der Luft fortwehen – sollte ich ihm nach der Bretagne folgen? Ich hatte zu der Reise keine besondere Lust. Margots Erwähnung seiner langen Spaziergänge im Bois klärte mich über die Art und Weise auf, wie er mit Pauline zusammengetroffen – die bösen Ahnungen Heloisens waren nur zu begründet gewesen! Ich dachte noch lange über die ganze Lage nach, kehrte endlich nach Hause zurück, und das Resultat meines Nachdenkens formte sich zu dem folgenden Briefe:


»An Fräulein Pauline von Charmilles.

Ich habe eben erfahren, daß Herr Guidél Paris verlassen hat. Hat er Ihnen seine Abreise angezeigt oder seine künftigen Absichten irgendwie bekanntgegeben? Wenn nicht, so nehme ich an, daß er für immer abgereist ist, in welchem Falle ich vielleicht – ich sage nicht gewiß – mich bemühen werde, unsere peinliche Unterredung von gestern abend zu vergessen. Um jener willen, denen Sie teuer sind, werden Sie fürs erste gut thun, zu schweigen und die Vorbereitungen für unsere Hochzeit ruhig ihren Fortgang nehmen zu lassen. Mit der Zeit wird sich vielleicht ein Ausweg finden lassen – aber bis eine definitive Nachricht von Herrn Guidél eintrifft oder ich eine passende Art und Weise finde, um den zwischen unseren Familien geschlossenen Kontrakt zu lösen, werden Sie allen Beteiligten am besten dienen, wenn Sie die Dinge lassen wie sie sind. Empfangen Sie den Ausdruck meiner Hochachtung.

Beauvais.«


Ich schrieb dies – aber warum? Beabsichtigte ich wirklich, zu vergessen? Gewiß nicht! Was meinte ich denn? Ich weiß es nicht! Im Hintergrunde meiner Gedanken schien ein anderes Motiv zu lauern, aber worin es bestand, konnte ich mir selbst nicht erklären. Eine äußere Gewalt beherrschte anscheinend meine Bewegungen; ich war der passive Sklave eines unsichtbaren, aber mächtigen Beherrschers meines Willens. Es existiert etwas, das man Hypnotismus heißt, der Einfluß eines Geistes auf einen anderen; aber es giebt noch etwas Stärkeres als Hypnotismus, und das ist Absinth! Seinen Suggestionen kann kein Wille widerstehen! Und er hatte einen Plan in mein Gehirn gelegt, einen Plan, der noch keine ausgesprochene Form besaß, sondern nur ein feuriger Nebel zusammenhangloser Phantasien war, aus denen ich kein festes Ganzes bilden konnte. Aber ich war zufrieden, daß es etwas bedeutete, etwas, das sich seiner Zeit zur That entwickeln würde, und bis dahin wollte ich gern geduldig warten.



Vierzehntes Kapitel.

Ein paar Stunden später begab ich mich zu den Charmilles und übergab den Brief in eigener Person der Jungfer Paulinens. Ich befahl dem Mädchen, ihrer Herrin zu sagen, daß ich auf Antwort wartete, und bald kam auch die Antwort zurück, ein kleines, hastig gekritzeltes und fest versiegeltes Billet.


»Ich kann, ich will nicht glauben, daß er fort ist ohne ein Wort zu mir! Was soll ich thun? Ich bin verzweifelt und hilflos. Aber ich vertraue Ihnen, Gaston, und da Sie es wünschen, werde ich schweigen – bis Sie mir erlauben zu reden.«


Das war alles, aber es genügte mir. Ich las es, auf der Thürschwelle stehend, während die Kammerjungfer mich neugierig betrachtete, dann fragte ich so ruhig wie möglich:

»Wie geht es dem Fräulein heute?«

»Nicht sehr gut, gnädiger Herr. Sie hat starke Kopfschmerzen und in der Nacht wenig geschlafen.«

»Das thut mir sehr leid! Sagen Sie ihr das! Nebenbei, sind Nachrichten von Fräulein Heloise gekommen?«

»Ja, gnädiger Herr, sie kommt morgen nachmittag zurück.«

Mit dieser Nachricht zog ich mich zurück und begab mich direkt auf den Nordbahnhof, um meinen Vater zu empfangen. Er traf pünktlich ein und begrüßte mich mit großer Zärtlichkeit.

»Es lebe Frankreich!« rief er, als er auf den Perron trat und mich umarmte. »Wie froh bin ich, daß ich aus diesem düsteren England wieder heraus bin! Wir sind bekanntlich im Monat Mai, und doch habe ich die Sonne erst dreimal aufsteigen gesehen, seit ich von Paris fort bin. Aber Du bist blaß, Gaston, hast Du zu viel gearbeitet?«

»Durchaus nicht,« versicherte ich.

»War die kleine Pauline etwa grausam?«

Ich lachte.

»Grausam! Sie ist ein Engel, Vater, zu gut, zu treu für einen Unwürdigen wie mich!«

Er warf mir einen raschen, verblüfften Blick zu.

»Deine Stimme klingt ganz sonderbar, Gaston,« sagte er ängstlich. »Ist etwas geschehen?«

Ich bemühte mich, so sorglos wie möglich zu erscheinen und hing mich zärtlich an seinen Arm.

»Nichts, Vater, alles steht gut – nur einen Freund habe ich verloren – der liebe Guidél ist zurück nach der Bretagne.«

»Wirklich! Wie schade!« Und mein Vater sah ganz bestürzt aus. »Wann denn?«

»Erst gestern abend, ganz plötzlich,« und ich erzählte ihm die Details, welche ich von Margot erhalten hatte.

Mein Vater schüttelte ärgerlich den Kopf. »So wird er also richtig ein Priester! Ein so talentierter, junger Mann hätte eine andere Carriere wählen sollen. Ich muß gestehen, ich hatte gehofft, daß Paris ihn ändern würde.«

Den ganzen Tag über hatte ich sehr viel freie Zeit, aber ich benutzte sie nicht, um zu Pauline zu gehen. Um die Dinerzeit sprach der alte Vaudron vor, mit einer traurigen Miene, die deutlich bewies, wie sehr er seinen Neffen vermißte, obwohl er in der Gesellschaft meines Vaters etwas heiterer ward. Ich beobachtete ihn, sagte aber nichts.

»Wer hätte gedacht, daß der Junge mir so ans Herz wachsen würde!« klagte er. »Und Margot auch! Sie ist untröstlich, denn seine Eltern werden ihn wohl nicht so rasch fortlassen! Sie begreifen, lieber Freund,« und seine guten, alten Augen wurden feucht, »er ist ein so schöner, sanfter Mensch, daß er mehr einem Engel ähnelt als einem menschlichen Wesen. Keiner kommt ihm gleich. Dennoch glaube ich, daß ihm Paris nicht gut gethan hat. Er war zuletzt sonderbar ruhelos und in seinen Reden eine gewisse Bitterkeit, die zu seiner Natur nicht paßte. Einmal hatten wir sogar eine peinliche Unterredung, die, wenn ich nicht mit der größten Umsicht vorgegangen wäre, ihn zu einer großen Sünde geleitet hätte!«

»Unmöglich!« rief ich lächelnd. »Sünde und Silvion Guidél sind meilenweit getrennt!«

»Das ist wahr, ganz wahr!« antwortete der ahnungslose alte Mann, »und ich danke Gott dafür! Aber es giebt auch geistige Versündigungen, die vermieden werden müssen, und einer solchen drohte Silvion anheimzufallen, nämlich der Verzweiflung! Er richtete damals höchst sonderbare Fragen an mich, wie, ob ich glaubte, daß Gott wirklich sich darum kümmere, wie wir lebten oder ob wir Gutes oder Böses thäten! Eine furchtbare Idee! Ein positives Herausfordern der göttlichen Gerechtigkeit! Ich versichere Sie, ich war ganz erschrocken.«

Nach dem Diner ließ ich die beiden alten Herren bei ihrem Wein allein und schlüpfte hinaus, denn eine sonderbare Gier hatte mich erfaßt – eine Gier, deren ungesunde Natur ich vollkommen begriff, obwohl ich weder die Kraft noch den Wunsch hatte, ihr zu widerstehen. Ich begab mich auf den Boulevard Montmartre, wo ich in eines der besten und elegantesten Cafés eintrat und sofort das Elixir bestellte, nach dem ich wahrhaft schmachtete. Mit welch prickelnder Erwartung mischte ich die opalgrüne Flüssigkeit, deren magische Wirkung die Thore des Traumlandes vor mir aufriß, mit welcher Wonne schlürfte ich zwei ganze Gläser – genug, um ein viel festeres Gehirn zu erschüttern als das meine! Die Empfindungen, welche darauf folgten, waren physisch und psychisch schärfer als die des gestrigen Abends, und als ich endlich das Café verließ und um Mitternacht nach Hause zurückkehrte, war mein Weg voll sonderbarer Phantasien.

Mein Vater wartete noch auf mich.

»Du kommst spät, Gaston,« sagte er, als ich eintrat. »Warst Du bei den Charmilles?«

»Heute nicht,« antwortete ich nachlässig. »Ich bin nur auf den Boulevard und zurück gegangen.«

»Wirklich! Das ist ein neues Vergnügen, nicht wahr? Hoffentlich wirst Du mir doch kein Boulevardier?« Und er klopfte mir gütig auf die Schulter, während wir die Treppe zu unseren Schlafzimmern hinanstiegen. »Aber nein, Du hast zu viel und gewissenhaft gearbeitet, als daß man auch nur im Scherz so etwas von Dir denken sollte. Ich bin mit Dir sehr zufrieden, mein Sohn.«

Ich nahm das Lob passiv entgegen, und er fuhr fort:

»Für die nächsten vierzehn Tage mache Dich frei, Gaston, dann kommt Deine Hochzeit, und ich werde trachten, zwei volle Monate ohne Dich auszukommen. Wo willst Du Deine Flitterwochen verleben?«

»Wo? Natürlich im Paradies!« antwortete ich mit einem gezwungenen Lächeln.

Mein Vater lachte, drückte seine bärtigen Lippen auf meine Wange, was er stets that, wenn er besonders zärtlich war, und wir trennten uns für die Nacht. »Wie ruhig er wohl schlafen würde!« dachte ich. Er würde nicht sehen, was ich sah, als ich mein Zimmer betrat. Da lag Pauline – ihr Kopf ruhte schlafend auf meinem Kissen, während über ihre ganze schöne Gestalt ein schimmernder, grüner Schleier fiel, wie der Nebel, der an schwülen Hochsommermittagen über Bergen und Seen hängt. Da war sie, von dem Spiegel meines Gehirnes so rein und treu widerstrahlt, wie sie einst in meinen Gedanken geherrscht! Ich stand und sah eine Weile schweigend auf das schöne Phantom meiner verlorenen Liebe, so ernst und bedauernd, als hätte ich eine Tote betrachtet. Dann streckte ich die Hand aus, um die zarte, ruhende Gestalt zu berühren . . . sie zerfloß in nichts . . . mein Bett war wieder glatt und leer. An Leib und Geist ermattet, warf ich mich nieder, schloß die schmerzenden Augen, versank wieder in die wirren, phantastischen Visionen und meinte zu schlafen, während ich doch nur träumte.



Fünfzehntes Kapitel.

In derselben Woche kehrte Heloise St. Cyr aus der Normandie zurück, und zwei Tage nach ihrer Ankunft in Paris wurden mein Vater und ich zum Diner bei den Charmilles geladen, an dem auch unser guter Freund, der Pfarrer, teilnahm. Die ganze Angelegenheit belustigte mich beinahe, sie ging so glatt ab; und zwei bewundernswerte Schauspieler befanden sich in der Gesellschaft, nämlich ich und Pauline. Eine Frau übertrifft alle in der Kunst der Verstellung! Pauline war ein wahres Feuerwerk übermütiger Lustigkeit und Koketterie, von Anfang des Diners bis zum Ende. Ich wußte, es war nur Verstellung, aber wer hätte gedacht, daß sie sich so gut verstellen konnte! Hier und da ward ich über sie ganz verblüfft, aber wenn ich sie schärfer beobachtete, bemerkte ich die fieberhafte Röte auf ihren Wangen, den brennenden Glanz ihrer Augen, das unnatürliche Scharlachrot ihrer Lippen und begriff, daß sie trotz ihres sorglosen Benehmens seelische Qualen erdulden mußte, wie sie nur wenige sich vorstellen können. Die Überzeugung erfüllte mich mit einer gewissen krankhaften Befriedigung, obwohl meine Aufmerksamkeit oft von ihr zur ihrer Cousine Heloise hinüberschweifte, deren Schönheit der Aufenthalt auf dem Lande erfrischt und erhöht zu haben schien. Denn sie war schön – ich, der es früher immer geleugnet hatte, gestand es endlich zu. Ihr Gesicht hatte mehr Farbe, und sie besaß eine ruhige, fast königliche Würde des Benehmens, die seltsam anziehend war. Mein Blick ruhte wie fasciniert auf ihr, und manchmal sah ich ihre ernsten Augen ängstlich und verwundert auf mich gerichtet. Der Graf und die Gräfin von Charmilles waren sichtlich befriedigt, ihre schöne Nichte wieder unter ihrem Dache zu haben, und Pauline – ei, sie konnte ja nicht anders als eine große Freude darüber zu heucheln. Selbstverständlich wandte sich das Gespräch häufig auf Guidél und seine plötzliche Abreise, und Herr Vaudron erzählte, daß er wohl ein Telegramm erhalten habe, das seines Neffen glückliche Ankunft in der Heimat meldete, aber sonst keine weitere Nachricht.

»Er wird gewiß nie wieder nach Paris zurückkommen!« sagte Pauline mit einem ganz fröhlichen Lachen. »Er ist auf Nimmerwiedersehen gegangen!«

»Ich fürchte das auch, mein Kind,« meinte der alte Pfarrer bedauernd. »Aber vielleicht ist es besser so. Paris ist nicht der Ort für Männer mit ernsten Zielen – er hat es gesehen, er weiß jetzt, wie es ist, das ist genug für ihn.«

Pauline schien durch diese Bemerkung nicht im geringsten interessiert zu werden; sie hatte eben eine große Traube mit der Traubenschere elegant geteilt und hielt mir nun lächelnd einen Teil der Frucht hin. Als ich sie nahm, sah ich ihr voll und fest in die Augen, aber sie errötete nicht. Was für eine Rolle hatten wir gewählt? Warum schrieen wir nicht wie ehrliche Menschen die Wahrheit heraus und nahmen die Folgen auf uns? Warum? Warum spricht sich nicht ein jeder seine geheimen Gedanken und Thaten vom Herzen und trägt dann ruhig seine Strafe? Es wäre edel, gewissenhaft, aber dann? Was geschähe, wenn wir uns alle als größere oder geringere Lügner und Schurken erklärten, die keines Händedruckes wert sind? Nichts als das: Die Gesellschaft hätte ein Ende und wir könnten unsere Städte niederreißen und wieder in die Wälder des Urbarbarentums zurückkehren. Was nun Pauline anbetraf, so war sie in meiner Gewalt; ich hatte das Spiel in der Hand, ich und meine »grünäugige Fee«, deren magischem Rat ich jetzt ohne Zögern folgte; und ich hatte keine Lust, zu reden – noch nicht. Ich wartete, und das unglückliche Kind wartete ebenfalls – weil ich es wollte.

Es giebt jedoch unbequeme Leute in der Welt, die sich nicht täuschen lassen, und Heloise St. Cyr war eine von diesen. Sie nahm sonst alles sehr ruhig und mit einer Art sokratischer Philosophie auf, aber sie ging allen Dingen bis auf den Grund nach. Das sah ich ein, als ich nach dem Diner wie gewöhnlich mit den anderen Herren in den großen Salon trat. Es war ein warmer, schöner Abend; die Fenster standen weit auf; der Garten war voller Blumen, und über den kleinen Grasplatz vor dem Hause schritt Pauline, leise den Refrain eines Liedes trällernd. Heloise, in einem jener glatten, weißen Kleider, die sie so liebte, stand in der Fensternische und sah hinaus, wandte sich aber rasch um, als sie mich eintreten hörte.

»Herr Gaston,« sagte sie halblaut, »sagen Sie mir, was ist mit Pauline geschehen?«

Ich sah ihr mit erkünstelter Verwunderung ins Gesicht.

»Mit Pauline?« wiederholte ich. »Nichts! Hören Sie, wie sie singt – wie eine Lerche im Sonnenschein! Sehen Sie, wie lustig sie ist, wie gut sie aussieht!«

»Ihre Lustigkeit ist gezwungen,« antwortete Heloise nachdenklich. »Und sie sieht nicht gut aus. Können Sie, der sie liebt, nicht sehen, daß sie sich unglücklich fühlt? Sie ist verändert, gänzlich verändert, selbst gegen mich – sie zieht alles, was ich sage, in einen Scherz, selbst wenn ein Scherz gar nicht am Platze ist; sie ist unruhig, gereizt. Früher hatte sie mich so lieb, und jetzt – sie schien sich gar nicht zu freuen, daß ich zurückkam, und vermeidet, mir ins Gesicht zu sehen! O, Herr Gaston, haben Sie an meine Warnung gedacht? Habe ich Sie nicht gebeten, das Kind nicht zu viel allein zu lassen?«

Aber ihre Angst erregte in mir nichts anderes, als daß ich mit jeder Minute ihrer Schönheit und Anmut bewußter ward.

»Ich vergesse nie etwas, was Sie sagen, Heloise,« antwortete ich, sie fest mit einem Blicke offener Bewunderung anblickend, und sah mit einem halben Lächeln, wie das Blut ihr heiß in die Wangen stieg, während eine erstaunte Verlegenheit in ihre Augen trat. »Aber ich konnte nie begreifen, warum Sie sich darüber solche Sorge machen. Man kann sich doch auf Pauline verlassen! Glauben Sie nicht?«

»Ganz gewiß,« antwortete sie rasch – die Gute, die Treue! – »Aber es ist zu viel verlangt, wenn man die Ruhe des Alters und der Erfahrung von einer erwartet, die fast noch ein Kind ist – und ein schönes Kind obendrein! Pauline ist ganz Impuls, ganz Gefühl, oft wankelmütig, und wie ich Ihnen schon einmal gesagt habe, versteht sie sich noch selbst nicht . . .«

Sie brach ab und hielt den Atem an, während ihre großen Augen sich in unbestimmter Angst auf mich richteten. »Warum sehen Sie mich so seltsam an, Herr Gaston? Was ist geschehen?«

Ich lachte. »Was? Nichts, meine teure Heloise, was könnte denn geschehen sein? Sie sind es, die etwas denken, was Sie nicht aussprechen, und ich bin es, der fragen sollte: Was ist geschehen?«

Sie legte plötzlich die Hand auf meinen Arm. »Sie sind auch verändert!« sprach sie. »Sagen Sie mir nur das eine: Lieben Sie Pauline noch?«

»Können Sie daran zweifeln? Ich liebe sie – bis zum Wahnsinn!«

Und ich sprach die Wahrheit. Die Leidenschaft, welche ich für das kleine, schwache Ding empfand, das dort unten im Garten zwischen den Blumen umherschwebte, war wirklich wahnsinnig . . . in keinem gesunden Gehirn konnte ein solcher Tumult von Sehnsucht und Haß herrschen wie in dem meinen!

»Ich will zu ihr hinuntergehen,« fügte ich etwas ruhiger hinzu. »Sie soll mir eine der Rosen, die sie gepflückt hat, als gage d'amour geben . . .« Ich machte ein paar Schritte und hielt dann wieder inne. »Ihre Reise hat Ihnen gut gethan, Heloise. Sie sehen anbetungswürdig aus!«

Was für einen Blick sie mir zuwarf! Er fuhr wie ein Blitz über mich hin – ich blieb wie in den Boden gewurzelt stehen, von dem plötzlichen Aufleuchten ihrer Schönheit geblendet. Warum schickte mein Herz solch' tobende Schwingungen durch meinen ganzen Körper? Welche Kraft lag in der Luft, die uns beide ein paar Minuten lang wie in einem Zauber gefangen hielt, während wir uns starr anblickten, als stünden wir am Rande eines seltsamen Geschickes? Eine kurze Zeit schien das Leben wie wartend stillzustehen, und hätte ich dem Impuls gefolgt, der mich ergriffen, so hätte ich die schöne Frau in meine Arme geschlossen und sie Liebe, Hoffnung, Rettung genannt – hätte ihr alles gesagt, ihr meine Seele zu eigen gegeben und wäre so dem Untergange entronnen! Aber es war nur ein vorübergehender Wahnsinn, den ich damals und auch jetzt nicht erklären kann; dann floh Heloise aus dem Zimmer, wie von einem rächenden Geist verfolgt, und ich faßte mich nach einigen Minuten und ging in den Garten hinab, zu Pauline. Sie sah auf, als ich nähertrat; ihr Gesicht trug einen Ausdruck tiefer Erschöpfung.

»Wie lange soll das noch dauern, Gaston?« flüsterte sie. »Wie lange soll ich diese schreckliche Rolle noch spielen? Ich kann nicht mehr – bei Gott, ich kann nicht mehr!«

Ich schritt schweigend neben ihr hin, bis zu einer Stelle unter dem Schatten einiger alter Bäume, wo man uns von den Fenstern aus nicht sehen konnte.

»Haben Sie von Guidél etwas gehört?« fragte ich kalt.

Ihr Kopf sank herab. »Nein!«

»Halten Sie es für wahrscheinlich, daß Sie von ihm hören werden?«

Sie seufzte. »Ich glaube an ihn,« sagte sie. »Wenn ich mich irre, dann helfe mir Gott.«

Ich prüfte forschend ihre zarten Züge. Sie war lieblich, lieblicher in ihrem Schmerz als in ihrem Glück, dachte ich; aber ihre Schönheit ließ mich eiskalt.

»Was gedenken Sie zu thun?« fuhr ich unbarmherzig fort. »Wie werden Sie Ihren Eltern diesen Schlag ersparen? Jetzt wissen sie noch nichts, wie aber, wenn sie es erfahren?«

Ihre blauen Augen starrten auf die Rosen in ihrer Hand, ihre Lippen bewegten sich schwach:

»Ich kann sterben.«

Ich schwieg.

Gewiß, das konnte sie. Wir alle haben diese Arznei. Keine Macht der Erde konnte sie hindern, wenn sie sich freiwillig entschloß, die Welt nicht mehr zu sehen und in der angeblichen Dunkelheit des Todes Ruhe zu finden. Ja, sie konnte sterben, selbst sie!

»Pauline, Pauline, was für ein Schicksal!« sagte ich endlich. »Zu denken, daß Sie, für die nichts schön und gut genug schien, zu solchen Entschlüssen gekommen sind, und nur durch die Schuld eines Feiglings, eines Schurken . . .«

»Still!« rief sie mit einer leisen, zornigen Stimme, die mich erschreckte. »Sie sollen ihn in meiner Gegenwart nicht beschimpfen. Ich habe Ihnen gesagt, daß ich sterben kann, aber ich werde ihn lieben, anbeten bis ans Ende!«

»Sie sind tapfer, Pauline,« sagte ich ruhig, »tapfer bis zur Tollkühnheit, bis zu den äußersten Grenzen unvernünftiger Verzweiflung. Aber beruhigen Sie sich und hören Sie mich an. Ich bin vorsichtiger, vielleicht praktischer als Sie. Selbstverständlich ist es fast unmöglich, das Resultat vorauszusehen, wenn wir die ganze Sache öffentlich machen; aber mittlerweile möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß die Ehre der Charmilles in meinen Händen vorläufig wohl behütet ist. Sie haben einmal an meine Großmut appelliert; das großmütigste aber wäre, wenn ich Sie zu meiner Gattin machen und so Ihren Namen mit dem meinen schützen würde. Für die Ruhe Ihrer Eltern wäre dies das beste, für mich freilich nicht. Ich hoffe daher aufrichtig, daß Herr Guidél es mit seiner Ehre,« ich legte einen sarkastischen Nachdruck auf dies Wort, »vereinbar finden wird, Ihnen zu schreiben und Sie von seinen Absichten zu unterrichten, ehe der für unsere Hochzeit festgesetzte Tag herankommt. Wie Sie wissen, liegt nur eine Spanne von zehn Tagen zwischen heute und jenem Tage.«

Sie sah mich angstvoll an.

»Und muß ich noch immer schweigen?« fragte sie.

»Wirklich, mein Fräulein, das steht ganz bei Ihnen,« antwortete ich ruhig. »Ich werde nicht sprechen – noch nicht, aber wenn Sie Ihren Eltern und Ihrer Cousine ein volles Geständnis ablegen wollen, so ist das etwas anderes. Zweifellos würde eine solche Offenheit Ihrerseits die Sache sehr vereinfachen – aber dies muß ich ganz Ihrem eigenen Ermessen überlassen!«

Und ich lächelte ein wenig. Ich wußte, daß sie ein zu furchtsames Temperament hatte, um dem Zorn ihrer Eltern gegenüberzutreten, so lange noch die geringste Hoffnung bestand, dem auszuweichen. Wenn Silvion ihr schrieb, wenn Silvion nach ihr schickte, so würde sie natürlich zu ihm fliehen, mochte auch nach ihrer Flucht alles entdeckt werden; aber wenn er nicht schrieb und kein Lebenszeichen von sich gab, so blieb nichts übrig, als zu warten – nach meinem Willen zu warten. Ich bot ihr den Arm, um sie in das Haus zurückzuführen; sie nahm ihn mechanisch an, und wir kehrten zusammen in den Salon zurück. Heloise las eben aus der Zeitung den Bericht der Triumphe vor, die ein berühmter Violinvirtuos, dessen Name seit kurzem eine Art Losungswort für die Musikwelt geworden, in Paris feierte; und ihre Augen glänzten, als sie uns, die Zeitung weglegend, erzählte, daß sie für den nächsten Abend in eine Soiree eingeladen sei, wo sie den berühmten »Stern« kennen lernen werde. Ihre Tante lächelte über ihren Enthusiasmus, und der Graf bemerkte:

»Du solltest ihn bitten, Deine Geige zu versuchen; nicht jede junge Dame besitzt einen echten Stradivarius«

»Ist es wirklich ein Stradivarius?« fragte ich mit einigem Interesse.

»Ja, es ist ein Erbstück und mehr als hundert Jahre in der Familie meiner Mutter; aber niemand spielte darauf, bis ich plötzlich auf den Gedanken verfiel, meine Geschicklichkeit daran zu versuchen.«

Wir baten sie, dies auch jetzt zu thun, aber sie weigerte sich.

»Ich bin jetzt nicht in der Laune,« meinte sie einfach. »Überdies,« sie lächelte ein wenig, »müßt Ihr bedenken, daß jetzt ein großer Maestro in Paris ist, und das bloße Bewußtsein seiner Anwesenheit in dieser Stadt scheint mich zu paralysieren.«

Es ärgerte mich, daß sie der Ankunft eines bloßen Professionsviolinspielers solche Wichtigkeit beilegte.

»Kennen Sie den Mann?« fragte ich plötzlich.

»Nicht persönlich,« antwortete sie. »Aber ich habe ihn spielen gehört, das ist genug.«

»Sie sind eine Enthusiastin, Heloise,« bemerkte ich achselzuckend. »Ich habe Sie anfangs für eine wahre Pallas Athene gehalten – immer ruhig, immer kalt!«

Sie sah mich mit einem seltsamen Blick an.

»Kalt?« stammelte sie. »Ich?«

Ich stand neben ihr, und unsere Blicke begegneten sich. Wieder lief das magnetische Zucken durch mich, wieder schien der unerklärliche Schlag uns beide zu erschüttern; aber er verging, wie er vorhin vergangen war, und Herr Vaudron trat mit einer alltäglichen Bemerkung auf uns zu, die unseren Gedanken eine andere Richtung gab. Der Abend endete allem Anschein nach ebenso befriedigend wie er begonnen hatte; niemand schien einen Schatten von Verdacht zu hegen, und als ich von Pauline Abschied nahm, geschah dies mit jenem liebenden Zögern, das einst so natürlich und ungeheuchelt gewesen war. Auch Heloise gab mir zur »Gute Nacht« ihre Hand – ich hielt sie einen Augenblick fest und küßte sie dann mit ernster Höflichkeit. Was kam über mich, daß mich ein solches Entzücken erfaßte, als ich eine jähe Röte über ihre blassen Wangen schießen sah, wie eine plötzlich aufglühende Sonne über Alabaster?



Sechzehntes Kapitel.

Die Zeit schritt vor, und noch immer kam kein Lebenszeichen von Silvion Guidél. Ein einziger Brief von seiner Mutter an den Pfarrer, in dem sie ihm für alle Güte und Sorgfalt dankte, die er ihrem »lieben Silvion« erwiesen, und berichtete, daß der Besagte sich sehr wohl befinde und eifrig mit seinen Studien beschäftigt sei, war alles, was wir von ihm hörten. Dann und wann dachte ich, daß ich nach der Bretagne reisen und ihn aufsuchen müßte – dann aber, nach einigem Nachdenken ließ ich den Gedanken immer wieder fahren. Es war doch besser, zu warten; denn Pauline hatte ihm zweimal geschrieben, und ich dachte natürlich, daß seine Antwort auf die verzweifelten Bitten des Mädchens eine rasche und unerwartete Rückkehr nach Paris sein würde, außer er war ein Mensch, der nicht einmal der Verachtung eines Bettlers wert war. Mittlerweile nahmen alle Vorbereitungen für meine Hochzeit mit Pauline ihren Fortgang, ohne daß von einer der beteiligten Parteien ein Widerspruch erhoben worden wäre. Es wurde bestimmt, daß die bürgerliche Trauung zuerst stattfinden solle, in dem großen Salon des Grafen von Charmilles, vor einer glänzenden Versammlung von Freunden und Gästen; die kirchliche sollte später in der kleinen Kirche Herrn Vaudrons erfolgen. Die Einladungen waren bereits ausgesandt worden, eine natürlich auch an Guidél, und ich dachte fast belustigt, was er wohl dazu sagen würde! Was mich betraf, so war ich mit mir bereits vollständig im reinen. Mein Gehirn hatte in manch' verträumter Nacht einen Plan erzeugt, und obwohl er teuflisch war, erschien er mir, in meiner Lage, doch gerecht. Warum sollten die Bösen nicht bestraft werden? Die heilige Schrift selbst tritt dafür ein, denn betet nicht David, »ein Mann nach dem Herzen Gottes«, daß seine Feinde wie von einem Feuer verzehrt und gänzlich vernichtet werden sollten?!

In der kurzen Zwischenzeit, die mich noch von dem Tage meiner Hochzeit trennte, entwickelte sich eine seltsame Veränderung in mir, eine Veränderung, deren ich mir geistig und körperlich bewußt war. Ich kann es nur damit erklären, indem ich sage, daß mein Gehirn tot schien. Ein bleiernes Gewicht lag schwer und kalt hinter meinen Schläfen. – Sonderbar und bedeutungsvoll war die Abneigung, die ich gegen das noch immer schöne, wenn auch traurige Gesicht Paulinens gefaßt hatte. Dies Mädchen mit ihrem geheimen Leid ärgerte mich; es gab Momente, wo ich sie haßte, und dann wieder Zeiten, wo ich sie liebte. Liebte? Ja, aber nicht in der Weise, wie gute Frauen geliebt werden wollen. Außerdem übte Heloise St. Cyr eine fast unnatürliche Anziehungskraft auf mich aus. Zwar sah ich sie nur selten, denn ein neues Interesse hatte sie erfaßt – der große Virtuos, auf dessen Bekanntschaft sie so gespannt gewesen, hatte sie spielen gehört und ward entweder von ihr oder von ihrer kostbaren Geige so entzückt, daß er sich erbot, ihr während seines kurzen Pariser Aufenthaltes täglich Stunde zu geben. Nach einigem Zögern nahm sie an und ward rasch in einen künstlerischen Kreis gezogen, der von dem unseren ganz verschieden war. Ich hatte nie Gelegenheit, den berühmten Virtuosen zu hören oder zu sehen; ich erfuhr nur, daß er nicht alt sei, daß manche ihn für schön hielten, und daß er seiner Kunst vollständig ergeben war. Auch Heloise war über diesen Gegenstand sehr zurückhaltend, bloß ihre graugrünen Augen sprühten auf, so oft seiner Erwähnung geschah, und das ärgerte mich. Der gefeierte »Stern« reiste jedoch bald ab, und außer daß Heloise noch herrlicher spielte als zuvor, vergaß ich unter dem Ansturm dringenderer Ereignisse, daß er je ihren Lebensweg gekreuzt hätte.

Drei Tage vor meiner Hochzeit – nur drei Tage – erhielt ich zu meinem grenzenlosen Erstaunen einen Brief von Guidél.


»Ich habe erfahren, daß Sie alles wissen; daher werden Sie begreifen, daß keinerlei Erklärung mich schlechter machen kann als ich mir selbst erscheine. Ich kann nicht heiraten. Gestern bin ich zum Priester geweiht worden. Die Umstände haben mein Schicksal gegen meinen Willen gestaltet, und ich kann nichts als Ihr Mitleid anrufen und Sie bitten, gegen das arme Kind barmherzig zu sein. Ich kann ihr nicht schreiben, ich wage es nicht; ich bin eine schwache Natur und fürchte mich vor Frauenthränen. Meine einzige Buße kann ein Leben der Reue und Entbehrung sein. Dieses habe ich gewählt und bitte Euch alle, mir zu verzeihen und meiner als eines Toten zu gedenken.

Guidél.«


Ein wilder Fluch brach über meine Lippen, als ich diesen Brief in meiner Faust zerknitterte. Der Elende, der Heuchler! Zum Priester geweiht, im Schoße der Kirche geschützt, zu ewigem Cölibat verpflichtet und, was das schlimmste war, jeder Herausforderung zu einem Duell entrückt! Hätte ich ihn in diesem Moment vor mir gehabt, so wäre ich wie ein wildes Tier auf ihn losgesprungen, hätte ihn zu Boden geworfen und sein schönes Gesicht zerstampft, bis keine Spur seiner Schönheit übrig geblieben! Ein paar Minuten lang gab ich mich dieser ohnmächtigen Wut hin, dann kam ich allmählich zu mir, glättete den zerknitterten Brief und las ihn nochmals durch. Das Netz des Schicksals hatte sich immer fester um die arme Pauline gewirrt. Freilich, ich konnte sie noch retten; wenn ich sie zu meiner Gattin machte, so war das Geheimnis in meinen Händen sicher. So viel ich jedoch über diesen Gegenstand grübelte, ich konnte zu keinem bestimmten Plane kommen. Was ich zuletzt that, war die Suggestion eines Augenblickes, die Folge eines heißen Blickes aus den Augen meiner »grünen Fee«. Ich dachte lange darüber nach, ob ich Pauline den Brief Guidéls zeigen sollte oder nicht. Besser warten, dachte ich, und sehen, wie die Dinge sich entwickelten; es war ja noch Zeit, mochte sie sich noch eine Weile an ihre falschen Hoffnungen klammern. Der schwache Rettungsanker würde ja so bald ihren Händen entgleiten!

Und so wurden die Minuten zu Stunden, die Stunden verflossen in der gewöhnlichen gleichmäßigen Weise, bald langsam, bald blitzschnell, je nach der Stimmung, in der sie aufgenommen und entlassen wurden, und der Vorabend meiner Hochzeit kam heran. Alles war scheinbar in der Ordnung. Ich spielte meine Rolle, Pauline spielte die ihre. Als ich bei den Charmilles vorsprach, fand ich alles in Thätigkeit; der Speisesaal wurde mit Blumen ausgeschmückt; große Kränze und Bouquets nahmen jeden freien Raum in der Vorhalle ein, und als ich nach meiner Braut fragte, wurde ich von der lächelnden, aufgeregten Kammerjungfer in das Frühstückszimmer geführt, in dem nach ein paar Minuten Pauline erschien. Sie sah sehr bleich, aber sehr ruhig aus.

»Haben Sie nichts von Silvion gehört?« fragte sie sofort mit leiser, aber dringender Stimme.

»Ich!« Ich zuckte die Achseln wie im höchsten Erstaunen über das Absurde einer solchen Frage.

»Freilich . . . Ihnen wird er nicht schreiben,« murmelte sie traurig. »Dann muß er krank oder tot sein.«

Seltsame Hartnäckigkeit! Sie konnte, wollte nicht glauben, daß er sie verlassen habe. Nach einer Weile hob sie mit einer eigentümlichen Miene an:

»Es scheint, Sie beabsichtigen, mich wirklich zu heiraten, Herr Beauvais?«

»In der That, so scheint es, mein Fräulein,« antwortete ich kalt.

Sie sah mich fest an.

»Hören Sie mich an!« sagte sie. »Ich weiß, warum Sie es thun – um meines Vaters willen und um den guten Vaudron zu schonen . . . nur darum thun Sie es, und ich . . . ich weiß nicht, ob ich Ihnen für Ihr Mitleid danken oder fluchen soll . . .« Sie hielt, vor Erregung zitternd, inne und fuhr dann fort: »Aber vergessen Sie es nicht, Gaston . . . ich werde nie Ihre Frau sein . . . nicht einmal eine Brotrinde will ich Ihnen zu danken haben. Ich werde die Ceremonie über mich ergehen lassen, da Sie es, um der anderen willen, für das beste halten, aber dann – dann will ich fortgehen, so weit, daß ich niemand mehr belästige, und wo nicht einmal die gute Heloise mich finden wird. Ich will die Folgen meiner Schuld tragen.«

Ich sah sie so kalt prüfend an, daß sie zu erröten und zu zittern begann, obwohl ihre Augen fest auf mich gerichtet blieben.

»Ich sehe, Sie haben Ihre Pläne gemacht,« sagte ich. »Aber auch ich habe meine Pläne. Sie wollen fortgehen – wohl um Guidél zu suchen? Ist es Ihnen nie eingefallen, daß er gar nicht nach Ihnen verlangt? Bisher ist alles gut gegangen, und durch Stillschweigen haben wir einen Skandal verhütet; aber ich bitte zu bedenken, daß, wenn ich Ihnen einmal meinen Namen schenke, ich auch Gehorsam verlange, daß, wenn ich Sie zu meiner Gattin mache, die Vergangenheit ausgelöscht sein muß, und ich die Pflichterfüllung einer Gattin von Ihnen fordere.«

Ich lächelte dabei, denn sie schrak zurück und schauderte, als hätte ein eisiger Wind sie mit seinem Atem berührt.

»Wie kann die Vergangenheit . . .« Sie hielt plötzlich inne und richtete sich hoch auf. »Gaston, als ich in jener Nacht zu Ihnen kam und Ihnen alles sagte, legte ich mein Schicksal in Ihre Hände. Ich bat Sie, unsere Verlobung aufzulösen . . . Sie wollten nicht. Sie ließen auch mich nicht sprechen. Ich vertraute Ihnen . . . ich dachte, daß Sie mich schonen, daß Sie großmütig und mitleidig sein würden. Aber Sie haben sich verändert, so verändert, daß ich Sie kaum erkenne – aber ich fühle, daß Sie mir nicht gut gesinnt sind. Sie lächeln so sonderbar . . . sagen Sie mir offen: Warum heiraten Sie mich?«

»Verzeihen Sie, mein Fräulein, aber Sie greifen vor,« antwortete ich ruhig. »Ich habe Sie – noch nicht geheiratet.«

»Morgen . . .«

Ich faßte sie plötzlich beim Arm. Ein wildes Feuer prickelte in meinen Adern, einer jener Wutanfälle, die mich seit kurzem so häufig ergriffen.

»Dieser Morgen ist noch nicht gekommen,« sagte ich leise. »Warten Sie, bis er kommt! Wofür halten Sie mich, Sie thörichtes Kind? Glauben Sie, daß Sie mit dem Herzen eines Mannes spielen und doch straflos ausgehen können? Aber Sie sind noch nicht mit mir verheiratet, und wenn Sie Mut besitzen, können Sie mir noch entschlüpfen. Gehen Sie hin und gestehen Sie alles Ihren Eltern, Ihrer Cousine Heloise . . . Aber ehe Sie dies thun – fragen Sie Herrn Vaudron um die letzten Nachrichten von seinem bewunderungswürdigen Neffen!«

Ihre Augen erweiterten sich vor Entsetzen, und sie sprach meine Worte nach, wie ein begriffsschweres Kind eine schwierige Lektion lernt.

»Fragen . . . Herrn Vaudron um die letzten Nachrichten von seinem Neffen« . . und ihre Lippen wurden dabei ganz weiß . . . »Die letzten Nachrichten von Silvion! Sie wissen also? Wie wagen Sie es, sie mir zu verschweigen? Sagen Sie es mir sofort! Denn wenn er krank ist, muß ich zu ihm gehen, wenn er tot ist, muß ich sterben . . .«

Ich lachte laut auf.

»Er ist für Sie tot, mein Fräulein!« sagte ich. »Im übrigen ist er frisch und munter. Er ist nämlich gestern geweiht worden, und durch diesen einfachen Akt sowohl mir als Ihnen entgangen!«

Sie stieß einen erstickten Schrei aus, taumelte und wäre gefallen, wenn ich sie nicht aufgefangen hätte, und lehnte, nach Atem ringend, an mir.

»Silvion – – geweiht!« keuchte sie. »Nein – – trotz seiner Versprechungen – – es ist nicht, es kann nicht wahr sein!«

»Fragen Sie den Pfarrer,« sagte ich. »Er hat die Nachricht gewiß schon erhalten. Er ist ein guter Mann, nicht wie sein Neffe an Lügen gewöhnt.«

Sie schob meinen stützenden Arm sanft, aber entschieden zurück und sah mir voll ins Gesicht.

»Woher haben Sie es erfahren?« fragte sie. »Warum sollten Sie, gerade Sie der erste sein, der es mir sagt?«

Ich erriet ihren Verdacht und erwiderte ihren Blick mit einem der tiefsten Verachtung.

»Sie mißtrauen mir?« fragte ich ironisch. »Nun, vielleicht erkennen Sie seine eigene Handschrift. Hier ist sie, lesen Sie.«

Ich zog den Brief aus der Tasche, entfaltete ihn und breitete ihn auf dem Tische vor ihr aus. Mit einem Aufschrei riß sie ihn an sich und durchflog ihn, dann – – o seltsame Natur der Frauen! bedeckte sie ihn mit Thränen und Küssen.

»Leb' wohl, Silvion,« schluchzte sie leise. »Leb' wohl, Geliebter, leb' wohl! –«

Sie wandte sich zu mir, während die Thränentropfen noch immer durch ihre Wimpern strömten:

»Darf ich den Brief behalten?«

Ich zuckte verächtlich mit den Schultern; ihre melodramatische Sentimentalität erfüllte mich mit Abscheu.

»Gewiß, wenn Sie es wünschen.«

»Es ist mein Todesurteil,« fuhr sie fort und bemühte sich, das Beben ihrer Lippen zu unterdrücken, »und es ist von der teuersten Hand in der Welt unterzeichnet. O, jetzt kann ich ganz tapfer sterben – ich habe nichts mehr zu bedauern, ebenso wenig wie zu hoffen. Aber Sie, Gaston, sind sehr grausam gegen mich, nicht mehr der gute Mensch, der Sie waren! Ich bin ein so armes, unglückliches Ding – ich kann gar nicht verstehen, warum Sie es der Mühe wert halten, so hart zu mir zu sein. Aber es ist alles eins – ich werde Ihnen nicht lange zur Last fallen. Sie wollen, daß ich bestraft werde, Gaston? Nun, freut es Sie nicht, zu sehen, daß mein Herz gebrochen ist? O Gott!«

Und das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, floh sie aus dem Zimmer. Ich hörte, wie die Thür sich hinter ihr schloß und glaubte, daß ich allein sei. Jeder Nerv meines Körpers zuckte vor Erregung, und eine Hand auf meine heißen Augen drückend, bemühte ich mich, das blaßgrüne Licht nicht zu sehen, das vor mir glänzte, als sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter legte. Ich sah auf, Heloise stand neben mir.

»Was ist geschehen, Herr Gaston?« fragte sie.

Ich erzwang ein Lachen. »Geschehen? Nichts, Heloise!«

»Nichts?« wiederholte sie ungläubig. »Warum hat denn Pauline geweint? Sie ging eben ohne ein Wort an mir vorüber, aber ich hörte sie schluchzen.«

Ich erwiderte fest ihren fragenden Blick.

»Ein Streit unter Liebenden, teure Pallas Athene!« sagte ich leichthin. »Haben Sie nie von so etwas gehört?«

»Ein Streit am Vorabend der Hochzeit?« fragte sie kalt. »Das erscheint unnatürlich und unwahrscheinlich. Sie täuschen mich, Herr Gaston.« Ich lächelte.

»Möglich!« antwortete ich. »Aber was wollen Sie? Ich glaube, wir sind alle nur zu dem sonderbaren Zweck geboren worden, um uns gegenseitig zu täuschen!«

Ihre Augen sahen mich erschreckt an. »Was meinen Sie damit?«

»Fragen Sie mich nicht, Heloise!« Ich trat zu ihr heran, faßte ihre zurückweichende Hand und hielt sie mit meiner fiebernden umschlossen. »Ich kann Ihnen nicht sagen, was ich meine – ich weiß es selbst nicht. Es giebt gewisse Phasen der Gefühle und Leidenschaften, die unsere Seelen manchmal aufstürmen; wir werden erschüttert und können uns die Erschütterung selbst nicht erklären. Sprechen Sie nicht, sehen Sie mich nicht an! . . . Ihre Augen könnten . . . Fragen Sie Ihr eigenes Herz, ob es nicht von seltsamen Gefühlen bewegt wird, die nie ausgesprochen wurden, nie ausgesprochen werden! Wenn wir Männer und Frauen in gewissen Momenten, wenn unser besseres Selbst die Oberhand hat, nur sprechen könnten . . . bei Gott, wenn wir wagen dürften, unser Ich zu zeigen, die Welt wäre glücklicher!«

Mit diesem unverständlichen Ausbruch, dessen Zweck ich kaum selbst verstand, küßte ich die Hand, die ich hielt, und verließ sie. Wie sie aussah, weiß ich nicht – etwas Tobendes, Wildes in meinem Blut warnte mich, ihr in die Augen zu sehen. Ich hätte sie sonst an meine Brust gerissen und mit der Leidenschaftlichkeit meiner Umarmung erschreckt . . . und doch . . . liebte ich sie? Ich kann es nicht sagen, ich glaube nicht. Es war nur der Zauber ihrer Schönheit – als ich wieder fern von ihr und im Freien war, verschwand meine Erregung, wie ein Schwindel, den der überstarke Duft tropischer Lilien verursacht hat, im kühlen Winde vergeht. Ich schritt rasch nach Hause, dachte an den morgigen Tag und was er wohl bringen würde. Entweder würde Pauline von Charmilles meine Gattin sein oder nicht. Alles schien an einem Haar zu hängen, denn in meinem Geisteszustand schien nichts in der Welt entschieden, weil die Eventualität des Todes immer anzunehmen war. Ruhig bedachte und erwog ich die Möglichkeit, daß Pauline, weil nun von der verachtlichen Natur Guidéls überzeugt, sich töten könnte. Viele Französinnen wählen diesen Ausweg. Oder ich konnte sterben! Das wäre komisch und auch unerwartet, denn ich fühlte, daß das Blut kräftig in mir brauste, und besaß auch etwas, für das ich leben konnte. Ich wünschte mir selbst Glück zu der bewunderungswerten Schlauheit, mit der ich meine wachsende Absinth-Manie vor meinem Vater und allen anderen verborgen hatte. Freilich hatte man ein- oder zweimal eine gewisse Veränderung in meinem Aussehen bemerkt, aber es ward hauptsächlich der Überarbeitung zugeschrieben. Die Veränderung in mir war für ahnungslose Fernstehende fast unbemerkbar; nur ich selbst wußte, wie vollständig und dauernd sie war.

In jener Nacht – der Nacht vor meinem Hochzeitstage! – trank ich tief und lange von meinem geliebten Nektar; ich trank, bis die Wände meines Zimmers, als ich mich endlich wieder darin befand, mir wie durchsichtiges, mit smaragdenen Flammen durchschossenes Glas erschienen. Von allen Seiten von Phantomen umgeben, taumelte ich in einer Art wacher Ohnmacht auf mein Lager, hörte überall seltsame Töne, wie das Läuten metallener Glocken, die Silberfanfaren der Kriegstrompeten, empfand ein eigentümliches Doppelgefühl, nämlich, als wäre ich selbst in zwei Wesen geteilt, die einander tödlich bekämpften, ohne sich besiegen zu können. Es war eine Nacht voll Grauen und Wonne, die erste von vielen solchen Nächten, und obwohl ich wie ein Blatt im Sturm geschüttelt wurde, war ich doch befriedigt. Ich vergaß – wie ich es immer vergessen möchte – daß es Narren in der Welt giebt, für die Absinth keinen Reiz hat und die daher noch immer, wie Kinder und Idioten, von Gott und Gewissen schwatzen!



Siebzehntes Kapitel.

Mein Hochzeitstag! Er brach mit dem herrlichsten Vergißmeinnichtblau am ruhigen Himmel heran. Ich stand früh auf und unternahm vor dem Frühstück einen langen Spaziergang; aber obwohl die Luft und Bewegung mir wohlthaten, war ich nicht imstande, gewissen Impulsen, die mich überkamen zu widerstehen, zum Beispiel laut aufzulachen, wenn ich an die wilde Fee dachte, die in den Phantasmagorien der gestrigen Nacht meine ständige Gefährtin gewesen. Meine herrliche Absinthfee! Sie war jetzt immer bei mir, in verschiedenen Gestalten, in verschiedene Farben gekleidet, aber immer als ein Teil von mir. Ihr Flüstern summte beständig in meinem Gehirn, und ich lauschte aufmerksam auf jedes ihrer Worte; an diesem Morgen – dem Morgen meines Hochzeitstages – war sie mir so nahe wie mein eigenes Blut; sie klammerte sich an mich, und ich schüttelte sie nicht ab, denn ich empfand nicht den Wunsch, es zu thun.

Die Civiltrauung war für zehn Uhr festgesetzt, damit für die kirchliche Ceremonie, die um zwölf stattfinden sollte, genügende Muße bleibe. Gerade als wir im Begriff waren, uns zu der Trauung zu begeben, sagte mein Vater, der mich aufmerksam beobachtet hatte, ganz plötzlich: »Bist Du gesund, Gaston?«

Ich sah ihn an und lachte.

»Ganz gesund, Vater. Warum fragst Du?«

»Deine Augen sehen fieberisch aus; ich habe auch bemerkt, daß Deine Hände zittern. Wärest Du nicht mein Sohn, so würde ich sagen, daß Du getrunken hast.«

Ich biß geärgert auf meine Lippen, erzwang dann aber ein Lächeln.

»Schönen Dank! Findest Du es so unnatürlich, wenn man an seinem Hochzeitstage etwas aufgeregt ist?«

Seine Miene hellte sich auf, und er legte liebevoll eine Hand auf meine Schulter.

»Gewiß nicht! Freilich, wenn ich ganz offen sein soll, so muß ich Dir gestehen, daß ich seit kurzem in Deinem Aussehen und Deinem Benehmen eine Veränderung bemerkt habe, die mich um Deine Gesundheit besorgt macht. Aber ein Monat in der Schweiz wird Dich wieder herstellen.«

In der Schweiz! Ich lachte abermals. Unsere Familien hatten festgesetzt, daß ich mit meiner Braut die Flitterwochen an den Ufern jener romantischen Seen verbringen sollte, die Byron so geliebt und so herrlich besungen!

Ich vermied jedes weitere Gespräch mit meinem Vater und war froh, daß sich keine Gelegenheit zu einem tête-á--tête mehr bot. Pünktlich zur festgesetzten Stunde fuhren wir bei den Charmilles vor und fanden bereits die ganze Straße mit Equipagen verbarrikadiert – die Gäste strömten in Mengen herbei. Wir traten in den großen Salon; er war mit Palmen und Blumen reizend geschmückt, und einen Moment sah ich nichts, als einen Wirbel fröhlicher Gesichter und herrlicher, mit flatternden, weißen und farbigen Bändern gebundener Bouquets. Man ergriff meine Hand und schüttelte sie warm; ich hörte Glück wünschen und brachte es über mich, ein paar formelle Phrasen zu antworten. Plötzlich stand ich der Gruppe der Brautjungfern gegenüber, alle in blasses Rosa gekleidet, alle schon für die kirchliche Trauung bereit, die für sie natürlich das größte Interesse besaß, und in der Mitte dieser Gruppe stand Heloise St. Cyr, mit einem seltsam bleichen und ernsten Gesicht. War es das Rosa ihres Kleides oder die satte Farbe der herrlichen Rosen in ihrer Hand, auf jeden Fall war sie mir noch nie so matt und hohläugig erschienen, und während ich sie ernst begrüßte, fuhr es mir durch den Sinn, ob sie vielleicht etwas wisse, ob vielleicht Pauline in einem plötzlichen Anfall verzweifelten Mutes ihr alles gesagt hatte. Eine wilde Lustigkeit erfaßte mich, und ich lächelte, als ich ihre behandschuhte Rechte drückte.

»Sie sind schön wie immer, Heloise,« sagte ich mit leiser Stimme, denn ihre große, geistige Schönheit übte auf mich einen Reiz aus, der von Furcht nicht frei war, »aber sind Sie nicht ein wenig erschöpft?«

Ihre Augen ruhten fest auf mir.

»Nein,« antwortete sie ruhig, »ich bin nur über Pauline geängstigt. Ich halte sie für sehr krank.«

Ich heuchelte die tiefste Betrübnis.

»Wirklich! Ich hoffe . . .«

Sie trat aus der Gruppe der Brautjungfern heraus und winkte mir, ihr zu folgen.

»Etwas Furchtbares muß geschehen sein, ich fühle es,« sagte sie mit leidenschaftlichem Nachdruck. »Sie haben gestern so sonderbar gesprochen, und sie hat die ganze Nacht geweint. O, warum – warum sagen Sie mir nicht, was vorgefallen ist? Das Kind fürchtet sich vor Ihnen!«

»Vor mir?« rief ich mit erheucheltem Erstaunen, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Wirklich, Heloise, ich kann nicht begreifen . . .«

Sie machte eine Bewegung der Ungeduld und führte ihr Bouquet leicht an die Lippen.

»Still! Wir können nicht mehr sprechen, es ist zu spät. Aber . . . wenn Sie gegen Pauline Böses im Schilde führen . . . Gott mag Ihnen verzeihen, ich nicht!«

Ihre Augen blitzten mich mit entschiedener Drohung an; sie sah in diesem Augenblick des Zornes wie eine Königin aus, und mein bewundernder Blick mußte ihr dies gesagt haben, denn ihre Wangen färbten sich tiefer als die roten Rosen in ihrer Hand. Augenscheinlich aber hatte mein Blick sie beleidigt, denn sie wandte sich mit einer Gebärde des Abscheus und der Verachtung ab, was mich in Wut versetzte. »Der Teufel hole die hochmütigen Weiber, die es wagen, mit einem Blick zu verwunden, mit einem Lächeln zu Boden zu schmettern!« dachte ich und trat mit festem Schritt an den Tisch, hinter dem die Standesamtsbeamten bereits mit ihren Büchern und Federn saßen, um jenen, die ich persönlich kannte, die Hand zu schütteln. Herr Vaudron war natürlich nicht gegenwärtig; er sollte seines Amtes erst später walten, in der Kirche, wo er sicherlich schon auf uns wartete. Die Gräfin von Charmilles stand neben mir; sie sah wie ihre Nichte Heloise bleich und ängstlich aus, während in ihrem Lächeln, als sie mich begrüßte, etwas Flehendes lag. Der Graf selbst hatte das Zimmer verlassen, jedermann wußte natürlich, zu welchem Zweck. Eine erwartungsvolle Stille trat ein; die Augen der schönen, eleganten Frauen waren gespannt auf die Thür gerichtet – sie that sich auf und Pauline erschien am Arme ihres Vaters in voller, bräutlicher Toilette. Weiß wie eine Schneeflocke, unempfindlich wie Marmor, schien sie wie im Traum zu gehen; sie sah weder nach rechts noch nach links; sie erwiderte keine der fröhlichen Begrüßungen ihrer Freundinnen, die sichtlich erstaunt zurückwichen; nur ein- oder zweimal teilte ein schattenhaftes Lächeln ihre Lippen, und sie verbeugte sich mechanisch, als sei diese Bewegung das Resultat einer sorgfältig einstudierten Lektion. Immer näher kam sie heran. Ich hörte geflüsterte Bemerkungen über ihre tödliche Blässe; aber meine wachsende Wut beschäftigte mich so sehr, daß ich auf nichts achtete. Wie konnte dies schwache, hilflos aussehende Mädchen es wagen, auf mich zuzukommen, als sei sie ein weißes Reh, das man zur Schlachtbank führte! Wie kam sie dazu, diese Miene starrer Verzweiflung zur Schau zu tragen! Einer jener plötzlichen, dämonischen Impulse, die stärker waren als ich, ergriff mich; ich fühlte das Blut in meinen Ohren brausen und in meinen Fingerspitzen prickeln; ich war in der Gewalt einer mächtigeren Kraft als zerstörendes Feuer, und ohne zu wissen, was ich thun oder sagen würde, wartete ich, wartete, bis der stolze Vater dicht an mich herantrat, wartete, bis er mit einer stummen, graziös-ceremoniellen Gebärde mich mit meiner Braut zu beschenken schien . . . Dann brach es in mir los, dann kostete ich meine Rache, dann hatte ich die Befriedigung, zu sehen, wie der hochmütige, alte Aristokrat erbleichte und wie ein Blatt im Winde zitterte, als er meinem kaltverächtlichen Blick und meinem höhnischen Lächeln begegnete. Gerade als er auf Armeslänge vor mir angekommen war, richtete ich mich steif in die Höhe und machte eine deutliche, entschlossene Gebärde des Ablehnens, dann erhob ich meine Stimme so laut, daß alle im Saale sie hören konnten, und sagte langsam mit studierter Höflichkeit:

»Herr Graf von Charmilles, es thut mir leid, Ihnen Kummer zu verursachen, aber die Wahrheit muß gesagt werden, wie unangenehm sie auch sein mag. Gestatten Sie mir, Ihre Tochter unter Ihren väterlichen Schutz zurückzustellen! Ich will sie nicht heiraten!«

Einen Augenblick lang herrschte eine entsetzte Stille – der alte Graf wurde geisterhaft bleich und schien gelähmt . . . Pauline rührte sich nicht. Dann tönte meines Vaters klare Stimme scharf durch den stillen Raum:

»Gaston, Du bist wahnsinnig!«

Ich blickte ihn ruhig an.

»Im Gegenteil, Vater, ich bin ganz bei Sinnen. Ich wiederhole es: Ich verzichte auf die Hand des Fräuleins von Charmilles. Das ist alles.«

Wieder tödliches Schweigen. Niemand im Saale rührte sich, und alle Augen waren auf mich gerichtet. Jedermann schien vor Schrecken und Erstaunen außer sich zu sein, außer Pauline, die so leblos dastand wie ein in Stein gehauenes Bild. Plötzlich erhob sich einer der Beamten von dem Tische, auf dem die Matrikelbücher vorbereitet waren. Er war ein alter Mann von korrektem, strengem Aussehen, und er sah mich finster an, als er sagte:

»Aus welchem Grunde bricht Herr Gaston Beauvais sein dem Fräulein von Charmilles gegebenes Wort? Möge er seine Gründe so öffentlich darlegen, wie es ihm beliebt hat, seine Weigerung zu publizieren!«

Ich sah den Grafen an. Sein Gesicht war gerötet, und er atmete schwer; ich bemerkte, wie er den passiven Arm seiner Tochter fester an sich drückte.

»Ja, aus welchem Grunde?« fragte er mit erstickter Stimme. »Sicherlich ist dies eine Frage, die beantwortet werden muß . . . aus welchem Grunde?«

Ich fühlte die instinktive Bewegung, welche die glänzende Versammlung gegen mich machte . . . jedermann beugte sich vor, um zu lauschen . . . ich fing einen Schimmer des bleichen, verstörten Gesichtes Heloisens auf, und gerade in diesem Augenblick schlug Pauline die blauen Augen auf und richtete sie mit einer Welt stillen Vorwurfs auf mich. Aber was kümmerten mich ihre Blicke? Ich war wahnsinnig und schwelgte in meinem Wahnsinn!

»Aus welchem Grunde?« wiederholte ich bitter. »Muß ich es sagen? Gut, dann hört die Wahrheit: Ich kann die verlassene Geliebte Silvion Guidéls nicht zu meiner Gattin machen!«



Achtzehntes Kapitel.

Der Schlag war endlich gefallen, mit zerschmetternder Wirkung.

»Schändliche Verleumdung!« schrie der Graf, den Arm seiner Tochter abschüttelnd. »Pauline, sprich, ist das wahr?«

Ohne Stütze stand sie da, die Hände schwach erhebend und wie zum Gebet zusammenfaltend; ein seltsames Lächeln flog über ihre Lippen . . . ein Lächeln, wie man es manchmal auf den Gesichtern der Sterbenden sieht; aber in ihren Augen, den schönen, leidenschaftlichen, dunkelblauen Augen stand das Geständnis ihres Unglücks. Niemand, der sie ansah, zweifelte. Mit einem einzigen verzweifelten Blick gestand sie . . . ihre Lippen bewegten sich, aber kein Laut drang über sie . . . dann, ganz still, wie der Schnee von den niederhängenden Zweigen eines Baumes gleitet, fiel sie zu Boden wie eine gebrochene Blume. Ein Murmeln des Mitleids zitterte durch den Raum – nichtsdestoweniger schrak jedermann vor der bewußtlosen Gestalt zurück, denn die Gräfin von Charmilles war ohnmächtig geworden, und es war mehr comme il faut, ihr, der tadellosen Frau und geachteten Matrone, beizustehen als dem unglücklichen Kinde. Jedermann schrak zurück, sagte ich? Nein, nicht jedermann, denn während ich noch auf die Scene starrte, befriedigt über die Verwüstung, die ich angerichtet hatte, sprang Heloise St. Cyr vor, am ganzen Leibe vor Zorn und Schmerz zitternd, warf sich neben ihrer bewußtlosen Cousine auf die Knie nieder, hob sie teilweise vom Boden auf und drückte sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an die Brust.

»Feigling!« schrie sie, während ihre Augen mich empört anfunkelten und das beschimpfende Wort mich von ihren Lippen wie ein Peitschenhieb traf. »Feigling, elender Feigling! Schmach über Sie, Schmach! O, was für einer herrlichen That können Sie sich jetzt rühmen, daß Sie dies arme, kleine Leben in den Staub getreten und für ewig zerstört haben! Ein Frauenleben obendrein! Pauline, Pauline! Sieh mich an, mein Herz! Sieh Deine Heloise an, die Dich liebt, die Dich nie verlassen wird – arme, arme Kleine! Geht!« rief sie fast wild, als eine der jüngeren Brautjungfern zitternd und mit Thränen in den Augen schüchtern vortrat, um ihren Beistand anzubieten. »Geht – – verlaßt sie, wie jetzt jeder sie verlassen wird, weil sie unglücklich ist – – so ist der Weg der Welt! Worauf warten Sie, Gaston Beauvais?« Ihr Blick fiel so vernichtend auf mich, daß die heiße Wut in meinem Gehirn plötzlich gestillt ward. »Sie haben Ihr reiflich bedachtes Werk erfüllt – gehen Sie! Sie haben Ihre Rache gehabt – genießen Sie sie! Wären Sie ein echter Mann, so hätten Sie Ihren Zorn an dem Haupthelden dieser Tragödie ausgelassen, nicht an diesem Kinde – –« Sie hielt bleich und atemlos inne, dann, wie alle ihre Kräfte zusammenraffend, fuhr sie leidenschaftlich fort: »Möge das Unheil, das Sie über andere gebracht, zehnfach auf Ihr Haupt zurückfallen! Möge Gott Sie strafen! O, er muß es, er wird es – – wenn er gerecht ist!« Sie hielt abermals, nach Atem ringend, inne, und eine der Damen berührte ihre Schulter:

»Heloise, Heloise! Sei ruhig! Sei ruhig!«

»Ruhig!« wiederholte sie mit einer wilden Gebärde. »Wie kann ich ruhig sein, wenn Pauline vielleicht tot ist! Tot . . . und er . . . er hat sie getötet! Pauline, Pauline, wach auf, Pauline!« und in Thränen und Schluchzen ausbrechend, küßte sie immer und immer wieder die kalten Hände und das totenähnliche Gesicht ihrer Cousine.

Mir kam all diese Aufregung und Unordnung bloß wie ein sonderbares Schauspiel vor, ganz bühnenmäßig, wie eine Scene aus einer romantischen Oper . . . ich hätte laut lachen mögen, wie die Mörderin Gabrielle Bompard, als man ihr die graphischen Polizeiaufnahmen ihres eigenen Verbrechens zeigte, und ich lächelte auch. Mehrere Leute sahen mich mit Staunen und Abscheu an . . . aber was kümmerte mich das! Der bloße Schimmer von Wahrheit widert ja die Gesellschaft an. Mittlerweile war die Versammlung in vollständiger Verwirrung aufgebrochen; alles entfernte sich schweigend und fast heimlich. Die Beamten hatten sich teilnehmend von dem Grafen von Charmilles verabschiedet, der steif und kerzengerade in einem Lehnstuhl saß und auf nichts, was man zu ihm sagte, eine Antwort gab . . . man hatte einen Boten zu dem Pfarrer Herrn Vaudron geschickt, um ihm mitzuteilen, daß die Ceremonie nicht stattfinden werde . . . die Gräfin war in ihre Gemächer geführt worden . . . Diener hoben jetzt die bewußtlose Gestalt Paulinens vom Boden auf . . . und mitten unter all diesem stand ich ruhig da und blickte fast amüsiert auf den Wirrwarr. Es belustigte mich, daß alle jene, die sich früher so eifrig an mich herangedrängt hatten, mich jetzt mieden; die Gäste entfernten sich, ohne mich zu begrüßen – ich schien plötzlich in Acht und Bann gethan. Was für eine komische Welt! Beständig predigt sie über Moral, und doch, wenn ein Mann kühn für dieselbe eintritt, wird er für einen herzlosen Barbaren gehalten! Dergleichen muß ganz still und heimlich abgethan werden, flüstert die Gesellschaft. Wirklich! Warum? Wie können die Interessen der Moral gefördert werden, wenn man derlei vertuscht? Ich sann noch immer darüber und über die menschliche Unbeständigkeit nach, als mein Vater meinen Arm berührte.

»Komm fort aus diesem Hause der Trauer,« sagte er streng. »Komm fort! Deine Gegenwart ist nur eine Beleidigung mehr!«

Wie zornig der schöne, alte Mann aussah! Sein Zorn kam mir ziemlich seltsam vor, aber ich folgte ihm mechanisch. Gerade, als wir das Haus verlassen wollten, kam uns eine Dienerin mit einer Karte nachgelaufen, die sie mir reichte, worauf sie wortlos wieder davoneilte.

»Eine Herausforderung,« dachte ich. »Wer unter dieser Menge eleganter Männer fand es der Mühe wert, für Pauline den Degen zu ziehen?« Niemand, denn die Karte trug bloß den Namen des Grafen von Charmilles und die folgenden, mit Bleistift geschriebenen Worte: »Ich ersuche Herrn Gaston Beauvais, mich morgen vor zwölf zu besuchen.« Ich schob die Karte in meine Tasche und eilte meinem Vater nach, der mich ungeduldig vor der großen Einfahrt des Hauses erwartete; er hielt sorgsam den Kopf von den Insassen der verschiedenen, wegfahrenden Equipagen abgewendet, um sie nicht erkennen oder mit ihnen über das Vorgefallene sprechen zu müssen. Als ich mich ihm anschloß, ging er einige Zeit steif und stumm dahin, bis wir alle aus dem Gesicht verloren hatten, dann wandte er sich mit funkelnden Augen und bebenden Lippen nach mir um.

»Gaston, Du hast Dich wie ein Schurke benommen! Ich hätte nie geglaubt, daß mein Sohn einer solchen feigen Rache fähig wäre!«

Ich sah ihn an und zuckte die Achseln.

»Du bist aufgeregt, Vater! Was habe ich gethan, als die Wahrheit gesprochen?«

»Die Wahrheit . . . die Wahrheit!« rief er leidenschaftlich. »Ist es die Wahrheit? Und wenn dies der Fall ist, konnte es nicht in einer weniger brutalen Weise gesagt werden? Du hast wie ein Teufel gehandelt, nicht wie ein Mensch! Gott, ebenso würde ich einem vertrauensvollen Vogel den Hals umdrehen, als den Schmerz eines bereits so unglücklichen, kleinen Mädchens vergrößern!«

Der ritterliche, alte preux-chevaliér! Er meinte, was er sagte, und ich . . . noch bis vor kurzem hatte ich diese Gefühle geteilt! Ich antwortete jedoch nichts auf diesen Ausbruch, sondern summte halblaut eine Melodie vor mich hin, worauf er mich mit zornigem Staunen anblickte.

»Warum hast Du Guidél nicht gefordert?« fragte er nach einer Pause.

»Ich war im Begriffe dies zu thun, als er plötzlich nach der Bretagne abreiste,« gab ich ruhig zurück, »und als er einmal dort war, wußte er mir zu entschlüpfen; er hat die Priesterweihen empfangen.«

»Bei Gott, so ist es!« Mein Vater stieß seinen Spazierstock heftig gegen das Pflaster. »Elender Feigling!«

»Ich freue mich, daß Dein Zorn sich endlich gegen den Richtigen wendet,« fiel ich mit leichtem Lächeln ein. »Es ist ungerecht von Dir, mich zu tadeln, weil . . .«

»Du bist ein eben solcher Schurke wie er!« rief er zornig. »Beide seid Ihr Feiglinge; ich weiß nicht, wer der größte Schuft von Euch beiden ist!«

Ich blieb stehen und sah ihn an.

»Sollen wir uns streiten, Vater?« fragte ich ruhig.

»Jawohl, das sollen wir!« erwiderte er hitzig. »Mein Blut empört sich gegen Dich, graut sich vor Dir, obwohl Du mein Sohn bist! Ich entschuldige Guidél nicht, ich entschuldige nicht Pauline, ich sage nicht, daß Du sie hättest heiraten sollen – aber Du hättest Dich wie ein Ehrenmann benehmen sollen, nicht wie ein Teufel. Wer hat Dich zum Richter über Gerechtigkeit und Moral aufgestellt? Welcher Mensch hat so reine Hände, daß er wagen dürfte, das geringste lebende Wesen zu verdammen? Ich sage es Dir offen: nach Deinem heutigen Benehmen können wir nicht mehr in Frieden unter demselben Dache leben! Es bleibt uns nichts übrig als uns zu trennen!«

»Wie es Dir beliebt!« antwortete ich kalt. »Gestatte mir jedoch die Bemerkung, daß es sehr sonderbar und unvernünftig von Dir ist, mich zu tadeln, weil ich mich öffentlich weigerte, ein Mädchen zu heiraten, das gewiß nicht würdig ist, Deine Tochter zu sein und das Haus zu bewohnen, in dem meine Mutter starb.«

»Sprich mir nicht von Deiner Mutter!« rief mein Vater außer sich, und ein solcher Zorn leuchtete in seinen Augen, daß ich unwillkürlich zurückwich. »Sie wäre die erste gewesen, die Dein grausames, unnatürliches Benehmen verdammt hätte! Sie war das Mitleid und die Geduld selbst! Du kannst ihre Natur nicht geerbt haben, aber auch nichts von der meinen! Ein Dämon scheint in Dich gefahren zu sein – wo ist der großmütige, warmherzige junge Mann, den ich meinen Sohn genannt habe? Ich verdamme Dich nicht, weil Du Pauline von Charmilles nicht heiraten wolltest – ich verdamme Dich nur wegen der Art Deiner Weigerung! Genug! Ich wiederhole, wir müssen uns trennen, und je eher, je besser. Das beste ist, Du verläßt Paris und reist ein Jahr lang – ich werde Dir genügende Kasse zur Verfügung stellen. Nach dem Vorgefallenen kannst Du unmöglich hier bleiben; großer Gott, ein Wahnsinniger, ein Trinker, ein delirierender Absintheur kann einer solchen nutzlosen Grausamkeit fähig sein, nicht aber ein Mensch mit gesunden Sinnen – nicht doch, es war eher die That eines wilden Tieres als eines mit Vernunft begabten, menschlichen Wesens!«

Ich schwieg. Die Worte »ein delirierender Absintheur« klangen immer und immer wieder in meinen Ohren und machten mich lächeln. Freilich hätte ich die Pro und Kontra meiner Sache ad infinitum erörtern können, aber ich war nicht in der Laune dazu, und außerdem war mein Vater zu erregt, um in eine Erörterung einzugehen.

Als wir bei unserer Wohnung ankamen, empfing uns unser Diener Dunois mit einer erstaunten Miene und der Meldung, daß Herr Vaudron in der Bibliothek warte.

»Ist denn keine Hochzeit?« fragte er mit weitaufgerissenen Augen.

»Nein, Dunois,« antwortete mein Vater scharf. »Das Fräulein ist nicht wohl, sie ist verschoben worden.«

Der wackere, alte Mann! Er belog seinen eigenen Diener, um nur den Ruf einer Frau eine Minute länger zu schützen!

»Ich will den armen Vaudron allein sprechen,« wandte er sich zu mir, als Dunois sich zurückgezogen hatte. »Sein Kummer muß grenzenlos sein – er braucht nicht mehr als einen Zeugen . . .«

Ich verbeugte mich und stieg gemächlich die Treppe hinan. Als ich in meinem Zimmer allein war, brach ich in ein unbezähmbares Gelächter aus. Wie urlächerlich war es, daß all die feinen Vögel der Pariser Gesellschaft herbeigeflogen waren, um eine großartige Hochzeit zu sehen, und statt dessen einen großartigen Skandal erlebt hatten! Und der Stolz der Charmilles? Wo war der jetzt? Im Staube! Was für ein furchtbar albernes Gesicht der alte Graf gemacht hatte, als ich ihm meine Weigerung entgegenschleuderte! Und Pauline? Sie war nicht Pauline . . . sie war ein Geist, ein Gespenst ohne Gefühl, Stimme oder willkürliche Bewegung! Ihr ganzes Leben schien in ihren Augen zu sein . . . den großen, vorwurfsvollen, blauen Augen . . . sie verfolgten mich wie zwei brennende Zwillingssaphire, die aus dem Dunkel hervorleuchten . . .

Ich setzte mich in einen Fauteuil beim Fenster und bemühte mich, die zahllosen Bilder zu entwirren, die mit überstürzender Schnelligkeit in meinem Gehirn aufstiegen. Wovon der Vater und Vaudron unten wohl sprachen? Von mir? Gewiß; ohne Zweifel schüttelten sie über mein seltsames Gebaren traurig die grauen Köpfe. Ich schloß die Augen, und sofort sah ich eine Unzahl grüner, goldener und roter Flammen. Farbenwogen schlugen mir entgegen, und schöne Gesichter, tausendmal lieblicher, als sterbliche sein können, nickten mir lächelnd und beifällig zu. Ich öffnete wieder die Augen und blickte auf die Straße hinab – die Leute gingen hin und her – klingelnde Tramwaywagen fuhren mit ihrer menschlichen Fracht auf und ab – das zarte, junge Laub der Bäume schimmerte in der Sonne – es war das Ideal eines Hochzeitstages! Und in meinem innersten Herzen fand auch eine wunderbare Hochzeit statt, ein unlöslicher Bund mit der schönen, wilden Absinthfee meiner Träume! Sie, und nur sie sollte fortan Fleisch von meinem Fleisch und Blut von meinem Blut sein – ei, sogar die Worte der Trauungsformel konnten unseren Bedürfnissen angepaßt werden: »Was Gott zusammengegeben hat, soll der Mensch nicht trennen!« Gott – oder der Zufall. Sie sind eins und dasselbe für den Absintheur.

Während ich schlaftrunken auf die Straße hinabstarrte, sah ich meinen Vater und Herrn Vaudron aus dem Hause treten und zusammen die Straße überschreiten. Der Kopf des alten Pfarrers war tief gesenkt; er schien nur mühsam zu gehen und augenscheinlich von meines Vaters starkem Arm unterstützt zu werden. Beide waren Ehrenmänner mit warmen Herzen und reinen Gewissen.

Von den Wirbeln meiner Gedanken erschöpft, schloß ich abermals die Augen und ließ mich von meinen Sinnen wieder in das Geisterland der Visionen entführen – so lange wanderte ich darin umher, daß ich mich in völliger Dunkelheit befand, als ich wieder zur Wirklichkeit erwachte. Ich hatte nicht geschlafen, das wußte ich, aber ich hatte geträumt, und der Nachmittag war vorüber. Die Nacht war unbemerkt herangekommen, und plötzlich von einem nervösen Entsetzen über die Stille und Dunkelheit meines Zimmers ergriffen, tastete ich, am ganzen Körper zitternd, nach den Zündhölzchen. Da ich sie nicht fand und den phantastischen Schrecken vor mir selbst nicht bemeistern konnte, riß ich wild die Thür auf und zu meiner Erleichterung strömte eine Flut von Licht aus der Vorhalle herein. Gerade in diesem Moment ertönte die Stimme meines Vaters:

»Gaston! Gaston!«

Er war also zurückgekommen. Was konnte er von mir wollen? Mein Mund war trocken und heiß, ich konnte ihm nicht sofort antworten.

»Gaston! Gaston!« rief es zum zweiten Male.

Ohne zu antworten, stieg ich die Treppe hinab, trat in die Bibliothek und stand zu meinem Erstaunen Heloise St. Cyr gegenüber! Bleich, leidenschaftlich, wunderbar schon in ihrem Schmerz stand sie neben meinem Vater, dessen Gesicht voll mitleidiger Teilnahme war . . große Thränen standen in ihren Augen, und als sie mich erblickte, ließ sie mir keine Zeit zum Reden, sondern stürzte auf mich zu und streckte mir flehend die Hände entgegen.

»O Herr Gaston, helfen Sie mir!« schrie sie schluchzend. »Helfen Sie mir, und ich will Ihnen alles verzeihen, was Sie der armen Pauline angethan haben. Nur helfen Sie mir, sie zu finden. Sie hat uns verlassen! Sie ist fort . . . und wir wissen nicht wohin!«



Neunzehntes Kapitel.

Ich starrte sie einen Augenblick stillschweigend an, dann, mich erinnernd, daß sie es war, die mich verflucht hatte, raffte ich meine Kräfte zusammen und lächelte ein wenig.

»Fort!« wiederholte ich. »Ei, mein Fräulein, ich sehe gar nicht ein, warum es Ihnen so schwer fallen sollte, ihre Spur zu verfolgen. Sie ist nur zu ihrem Geliebten gegangen!«

Als ich dies mit eisiger Ruhe sagte, brach Heloise in ein ersticktes Schluchzen aus und verbarg ihr Gesicht an der Schulter meines Vaters.

»O, ich hoffe, daß Gott barmherziger ist als die Menschen!« schluchzte sie. »Was soll ich thun, was soll ich thun? Meine arme, arme Pauline! In der Nacht allein in Paris – ein so junges, furchtsames Geschöpf! Sie würde nie zu Guidél gehen, da er jetzt ein Priester ist, nie, das weiß ich . . . und sehen Sie, Herr Beauvais, was sie geschrieben hat . . .« Sie zog ein kleines, zerknittertes Briefchen hervor und reichte es meinem Vater. »Nachdem wir sie in ihr Zimmer getragen und auf ihr Bett gelegt hatten, verließ ich sie,« fuhr sie schluchzend fort, »denn ich mußte nach der Tante sehen, die sehr krank ist, und als ich zurückkam, war sie fort! Ihr Brautkleid war in eine Ecke geschleudert . . . sie hat nichts von ihrem Schmuck mitgenommen, und ich glaube, sie hatte auch kein Geld. Nur ein einfaches schwarzes Kleid, ein Mantel und ein Hut fehlen aus ihrer Garderobe . . . und diesen Brief fand ich auf dem Tisch.« Heloise versuchte ihre Thränen zu bemeistern und las, sich gewaltsam beherrschend; »Verzeih, liebste Heloise, Du bist so gut, daß Du selbst die Schlechten bemitleiden wirst. Denke nie an mich, außer wenn Du betest – dann bitte Gott, daß er zu Deiner kleinen Pauline gütig sei.«

In die Augen meines Vaters stiegen Thränen; ich ließ mich gemächlich nieder und sah so unbekümmert zu, wie ein cynischer Kritiker ein neues Drama betrachtet.

»Armes Kind, armes Kind!« murmelte mein Vater, dann wandte er sich zu mir: »Hast Du nichts zu sagen, Gaston? Weißt Du keinen Plan?«

Ich zuckte die Achseln.

»In dieser Angelegenheit bin ich absolut machtlos,« sagte ich kalt. »Ich befinde mich selbst in einer eigentümlichen Lage, und weder Du noch Fräulein St. Cyr scheinen das zu beachten. Mir ist großes Unrecht gethan worden, dennoch empfange ich nicht die geringste Teilnahme, alles Mitleid wendet sich denen zu, die dies Unrecht begangen haben. Ich muß daher gestehen, daß diese neue ›Verwicklung‹ mich nicht besonders interessiert.«

Heloise sah mich fest an, dann näherte sie sich mir plötzlich und legte die Hand auf meinen Arm.

»So haben Sie also Pauline nie geliebt?« fragte sie.

Diese Frage versetzte mein Blut in Fieberhitze und ich sprach, ohne zu wissen, was ich sprach:

»Geliebt? Ich habe sie mit einer Leidenschaft geliebt, die sie nie kannte! Ich habe sie mit einer Verehrung angebetet, von der sie nie träumte! Sie war mir alles; Leben, Seele, Hoffnung, und Sie fragen mich, ob ich sie liebte! Sie können ja diese Liebe gar nicht ermessen, eine Liebe, die, einmal verraten, sich in Haß verwandeln muß und wird!«

Mein Vater schien über diesen plötzlichen Gefühlsausbruch erschreckt zu sein, aber Heloise blieb unerschüttert. Ihre grauen Augen sahen mich durch den Nebel der Thränen wie ruhige Sterne an. »Eine solche Liebe ist gar keine Liebe,« sagte sie. »Sie ist bloß Selbstsucht. Das Unrecht, das Ihnen widerfahren ist, erscheint Ihnen als das Höchste – für sie haben Sie keinen Gedanken, kein Mitleid. Ihnen steht die Welt noch offen, für sie aber ist sie geschlossen. Das ist die Gerechtigkeit der Welt! Wenn Sie sie jemals wahrhaft geliebt hätten, so würden Sie in ihrem Unglück Ihr eigenes vergessen haben, Sie würden sie erhoben, nicht noch tiefer in den Staub getreten, Sie würden sie gerettet, nicht vernichtet haben! Ich habe Sie schon vor langer Zeit gewarnt, daß sie ganz Impuls, zu jung und unerfahren ist, um über die Fragen der Liebe und ihrer selbst sicher zu sein; aber Sie haben meine Warnung nicht beachtet. Und jetzt ist sie zu Grunde gerichtet, verzweifelt, allein in dem großen Paris . . . Denken Sie daran, Gaston Beauvais, denken Sie daran, und trösten Sie sich bei dem Gedanken, das Sie Ihre erbärmliche Rache bis an die Grenze menschlicher Feigheit ausgekostet haben!«

Jedes Wort fiel mit einer ruhigen Entschiedenheit von ihren Lippen, die mich trotz meiner erzwungenen Ruhe bis ins Innerste traf; aber ich bezähmte mich, und als sie geendet hatte, verbeugte ich mich bloß lächelnd.

»Ihre tapferen Worte, mein Fräulein, lassen mich bedauern, daß ich so unklug war, Ihre Cousine zu lieben statt Ihrer. Es war ein großer Fehler – vielleicht von uns beiden!«

Sie fuhr zurück, das Blut strömte in ihre Wangen, und ihr Blick voll Zorn, Überraschung, Vorwurf und Angst blendete und verwirrte mich einen Moment. Hatte denn dieser Pfeil getroffen? Meine Bemerkung war ja fast eine Insulte gewesen, und doch lag in ihren Augen mehr Schmerz als Zorn! Hatte sie wirklich je etwas für mich gefühlt? Nicht möglich; sie hatte mir immer mißtraut, und jetzt haßte sie mich.

»Ich muß jetzt nach Hause, Herr Beauvais,« sagte sie ruhig und mit Würde zu meinem Vater; »wie ich sehe, war mein Kommen nutzlos. Wollen Sie mich zum Wagen begleiten? Er wartet unten. Mein Onkel weiß noch nichts von Paulinens Flucht; wir fürchten uns, es ihm zu sagen, und wir – – die Tante und ich, dachten, daß Sie uns vielleicht helfen – – –« Sie zögerte und wäre fast wieder in Thränen ausgebrochen.

»Mein liebes Kind,« antwortete mein Vater, ihr auf ihren stummen Wink hastig den Arm bietend, »sobald ich nur das Geringste erfahre, das Sie auf eine Spur bringen kann, so sollen Sie es sofort wissen. Ich werde alle nur möglichen Erkundigungen einziehen . . . Ach, was für ein Unglückstag war das, der diesen Neffen meines armen, alten Vaudron nach Paris brachte! Wer hätte das gedacht! Vaudron ist ganz gebrochen; aber wie groß sein Schmerz auch ist, er wird uns helfen, Pauline zu suchen, dessen können Sie sicher sein. Fassen Sie sich nur, mein Kind, Sie dürfen nicht verzweifeln. Wer weiß, wie bald das arme Kind sich vor der Einsamkeit fürchtet und Ihnen schreibt, wo sie ist.«

Mit diesen Worten führte er sie aus dem Zimmer. Sie schritt an mir vorüber, ohne mich zu beachten, und ich wartete, am Tische sitzend und in den Zeitungen blätternd, bis ich den Wagen wegfahren hörte und die Schritte meines Vaters langsam die Treppe heraufkamen. Er trat ein, setzte sich und schwieg lange Zeit. Ich fühlte, daß er mich beobachtete. Plötzlich sagte er mit scharfer Stimme:

»Gaston!«

»Ja?«

»Bist Du mit Deiner That zufrieden?«

Ich lächelte. »Lieber Vater, Du sprichst ja, als ob ich der einzige Schuldige wäre!«

»Aber die anderen sind bestraft!« rief er leidenschaftlich. »Härter bestraft, als es die meisten für ihre Missethaten werden, denn Du kannst Dich darauf verlassen, daß auch Guidél eine Beute der tiefsten Reue ist.«

»Meinst Du?« fragte ich langsam, ohne die Augen zu erheben.

»Gott, hast Du denn kein Herz?«

»Nein. Was ich an Herz besaß, habe ich meiner zukünftigen Gattin gegeben, und sie hat es getötet. Aber ich bitte Dich, lieber Vater, reden wir nicht mehr davon. Ich bin völlig einverstanden, Deinen Wunsch zu erfüllen und Paris zu verlassen; es wird entschieden das beste sein, wenn ich Dir und allen, denen ich plötzlich widerwärtig geworden bin, aus den Augen gehe. Aber ehe wir uns trennen, werde ich Dich bitten, Dich an zweierlei zu erinnern: erstens, daß ich Dir während meines ganzen Lebens nie absichtlich Grund zu einem Kummer oder Vorwurf gegeben habe, und zweitens, das daß einzige, was Du mir vorwerfen kannst, der Wunsch ist, die Zerstörer meines Lebensglückes durch eine gerechte Strafe zu strafen.«

Damit verbeugte ich mich und verließ das Zimmer.



Zwanzigstes Kapitel.

Am nächsten Tage erinnerte ich mich, daß ich einen Besuch zu machen hatte, denn der Graf von Charmilles erwartete mich vor zwölf, und ich gedachte nicht, ihn warten zu lassen. Ich machte mich auf eine stürmische Scene gefaßt und konnte mir den verletzten Stolz des hochmütigen alten Aristokraten ganz gut vorstellen, nicht aber, was er zu mir sagen würde. Sicherlich konnte er weder seine Tochter noch Guidél entschuldigen; er konnte seinen Zorn an mir auslassen, weil ich ihn vor allen seinen Verwandten und Freunden gedemütigt hatte, aber das war das Äußerste, was er zu thun vermochte. Ich beschloß, ihm mit der größten Geduld und Höflichkeit zuzuhören; er hatte mich ja nie beleidigt, außer durch seine alberne royalistische Tendenz und seine Bigotterie. Ehe ich mich zu ihm begab, packte ich ein paar Kleider und sonstige Notwendigkeiten in einen Handkoffer, um zu einer sofortigen Reise bereit zu sein, und ging dann meinen Vater aufsuchen. Er war eben im Begriffe, sich in die Bank zu begeben, und sah sehr erschöpft und müde aus. Er sah mich forschend an, als ich mich ihm näherte; seine Lippen bebten, und plötzlich sprach er, eine Hand auf meine Schulter legend:

»Gaston, es geht mir an mein altes Herz, daß ich mich von Dir trennen soll . . . denn ich hab Dich lieb, mein Junge! Aber irgend etwas hat Deine offene, großmütige Natur verbittert, und obwohl ich die ganze Nacht darüber gegrübelt habe, bin ich doch immer bei demselben Entschluß geblieben, nämlich, daß es das beste für uns beide ist, wenn wir uns eine Zeitlang trennen. Die Lage ist für alle Beteiligten zu peinlich, und ich will gern zugestehen, daß Dein persönliches Leid von einer Art ist, um einen Mann außer Rand und Band zu bringen. Ein Wechsel der Umgebung, andere Gesichter werden Dir gut thun, mein Junge, und dieser klägliche Skandal wird wohl während Deiner Abwesenheit in Vergessenheit geraten. Setze selbst die Zeit Deiner Abreise fest . . .«

»Ich habe das bereits gethan,« unterbrach ich ihn ruhig, »ich reise noch heute.«

Ein Ausdruck von heftigem Schmerz verzog einen Augenblick seine seinen Züge, dann gewann er anscheinend seine Selbstbeherrschung zurück und antwortete:

»Es sei, vielleicht ist es das beste! Du wirst in Deinem Pult in der Bibliothek ein Couvert finden. Ich halte es für das klügste, Dir eine runde Summe zur Verfügung zu stellen, die für die erste Zeit genügt. Dein Anteil als Compagnon in der Bank wird natürlich bis zu Deiner Rückkehr getreulich beiseite gelegt werden. Ich weiß nicht, ob Du bereits ein bestimmtes Reiseziel hast . . . ich würde Dir fürs erste England raten.«

Ich lächelte. »Danke, ich bin zu sehr Franzose, um am englischen Klima Gefallen zu finden. Nein, wenn ich schon wie ein neuer Kain auf der Erde umherirren soll, so will ich so weit gehen, wie ich kann; Afrika zum Beispiel hat unendliche Wälder, in denen man, wenn man will, fast das Bewußtsein seines Ich verlieren kann.«

»Mein Sohn, warum sprichst Du so bitter? Ist es notwendig, daß Du meinen Kummer noch vergrößerst?«

Ein plötzlicher Impuls bewegte mich zur Sanftmut, und seine Hand ergreifend, küßte ich sie ehrerbietig.

»Lieber Vater, es thut mir unaussprechlich leid, daß ich Dir Kummer verursachen muß. Wir werden uns trennen; es ist, wie Du sagst, das beste; aber indem ich von Dir Abschied nehme, bitte ich Dich, so gut wie möglich von mir zu denken und zu glauben, daß ich niemand auf der Welt so achte und schätze wie Dich. Sentimentalität zwischen Männern ist wohl lächerlich, aber . . .« Ich küßte nochmals seine Hand und fühlte, wie seine Finger zitterten, als sie die meinen einen Moment lang umklammerten.

»Gott segne Dich, Gaston,« murmelte er, »und noch eines: Laß mich die Sache noch einmal bedenken! Reise heute noch nicht, warte bis morgen!«

Ich machte eine halb bejahende Bewegung, versprach jedoch nichts und sah ihm mit einem sonderbaren Gefühl von Verlassenheit nach, als er das Haus verließ und seinen gewöhnlichen Weg zur Bank einschlug. Ob ich wohl je wieder in der offenen, traulichen Weise mit ihm verkehren würde, eher wie zwei Kameraden als wie Vater und Sohn? Schwerlich! Mein Leben war verändert, mein Weg führte ins Dunkle hinab – der seine ging frei und offen weiter, und der Sonnenschein der Ehre erleuchtete ihn bis aus Ende.

In das Bibliothekzimmer tretend, suchte ich das Couvert das mein Vater erwähnt hatte, und fand es. Es enthielt fünfzehntausend Francs; ich steckte sie in die Tasche, schrieb einen Brief an meinen Vater, in dem ich ihm für seine Freigebigkeit dankte und von ihm Abschied nahm, wobei ich, um ihn zu beruhigen, hinzufügte, daß ich fürs erste nach Italien reisen wollte. Natürlich war dies eine Lüge; ich hatte nie diese Absicht, gedachte nie Paris zu verlassen, aber davon später. Dann beendigte ich meine anderen Vorbereitungen und verließ das liebe, alte Haus mit kaum fühlbarem Bedauern.

Dunois rief einen Wagen, und ich befahl dem Kutscher, an den Westbahnhof zu fahren. Der Diener, welcher meinen Handkoffer in den Wagen gelegt hatte, hörte mich diesen Befehl geben, was ganz in meiner Absicht lag. Ich wußte, daß er es meinem Vater wiederholen würde, der dadurch zu der Überzeugung gelangen würde, daß ich, meiner Absicht gemäß, auf der Luzern- und Chiasso-Route nach Mailand gereist sei. Auf dem Bahnhof angekommen, übergab ich meinen Handkoffer dem mit der Aufsicht über derlei Gepäck betrauten Beamten und ging gemächlich zu Fuß durch die Stadt zurück, bis ich vor die Wohnung des Grafen von Charmilles gelangte. Schon das Äußere des großen Hauses sah düster aus; die meisten Rouleaus waren heruntergelassen, und dieses melancholische Aussehen war doppelt auffallend im Vergleich zu dem Glanz und der Pracht, die es gestern umgeben hatten. Das Mädchen, welches mir die Thür öffnete, sah bleich und übernächtig aus, wie wenn es nicht geschlafen hätte, und mit abgewendeten Augen murmelnd, daß der Herr Graf mich bereits erwarte, führte sie mich in dessen Arbeitszimmer und meldete meinen Namen. Der Graf selbst saß mit dem Rücken gegen die Thür in seinem Lehnstuhl und schien mein Eintreten nicht gewahr zu werden.

Die Dienerin entfernte sich geräuschlos und schloß die Thür hinter sich. Ich stand unentschlossen da und wartete, aber er sprach kein Wort. Plötzlich fielen meine Augen auf eine offen am Tisch stehende Pistolenkassette – nach der Lage und dem Aussehen der Waffen schloß ich, daß sie geladen und zum Gebrauch bereit waren. Die Situation ward mir im Nu klar, und ich lächelte verächtlich. Dieser thörichte, alte Mann war entschlossen, die Sache Aug' in Auge mit mir auszufechten. War das ein quixotischer Vater! Gott, es war wirklich zum Lachen! Dennoch lag etwas Romantisches und Pathetisches darin, das mich unwillkürlich bewegte, obwohl ich natürlich entschlossen war, seine Herausforderung abzulehnen, da ich keine Lust hatte, das Blut des alten Mannes zu vergießen. Wie aber, wenn er darauf drang? Nun, dann mußte ich mich verteidigen, und wenn ich ihn tötete, so war es ein Unglück, aber ich konnte mir nicht helfen. Der Gedanke, daß er mich töten könnte, kam mir nicht in den Sinn, denn es war etwas in mir, so glaubte ich, das nicht getötet werden konnte – noch nicht!

Mittlerweile verharrte der Gegenstand meines Sinnens in unbeweglichem Schweigen, und ich begann mich allmählich über dieses hartnäckige Stummsein zu wundern. Wahrscheinlich fiel es ihm, dem Stolzen, schwer, das Gespräch zu beginnen. Ich trat ein wenig vor.

»Herr von Charmilles! Sie haben mich ersucht, zu kommen; hier bin ich.«

Er gab keine Antwort. Seine linke Hand ruhte auf der geschnitzten Eichenlehne des Sessels, und es kam mir vor, als zittere sie ein wenig. War sein Zorn so groß, daß er ihn ganz sprachlos machte? Ich trat ein paar Schritte vor.

»Herr von Charmilles!« wiederholte ich, meine Stimme erhebend. »Ich bin es, Gaston Beauvais. Haben Sie mir etwas zu sagen?«

Keine Antwort. Eine unbestimmte Angst ergriff mich, und instinktiv meine Schritte dämpfend, näherte ich mich und wagte die Finger zu berühren, welche die Lehne leicht umklammert hielten . . . sie waren warm, aber bewegten sich nicht, nur der Diamantsiegelring an dem Mittelfinger glitzerte kalt wie ein Winterstern.

»Herr von Charmilles!« sagte ich abermals laut; dann das eigentümliche Gefühl von Bangen abschüttelnd, welches mich eine Weile unschlüssig gebannt hielt, ging ich entschlossen vor und um den Tisch, so daß ich ihm voll ins Gesicht blicken konnte. Mit einem unwillkürlichen Aufschrei fuhr ich zurück. Die Züge des alten Mannes waren starr und blutlos, die Augen standen weit offen, die Lippen waren in einem strengen Lächeln geteilt, und das feine, weiße Haar war über der Stirne leicht zerzaust, als ob sich eben eine Hand darauf gedrückt hätte, um einen quälenden Schmerz zu stillen. Wie eine Statue der Würde saß er da und betrachtete oder schien mich mit sprachloser, aber majestätischer Verachtung zu betrachten, während ich einen Moment in atemlosem Erstaunen, von der kalten Feierlichkeit seines Aussehens überwältigt, vor ihm stand. Dann, ganz plötzlich, fiel das Kinn herab, der geisterhafte Ausdruck des Todes verdunkelte die vorhin so ruhigen Züge, und mein Bangen wich einem wilden, nervösen Entsetzen. Zu der Glocke stürzend, läutete ich laut und unaufhörlich; die Diener strömten herein, und in wenigen Sekunden war das Zimmer eine Stätte der Verwirrung und des Jammers. Wie im Traum sah ich die Gräfin von Charmilles hereinschwanken und neben der regungslosen Gestalt ihres Gatten auf die Kniee fallen; ich sah, wie Heloise die noch warmen Hände ihres Onkels rieb . . . ich hörte krampfhaftes Schluchzen, dann bemerkte ich, daß ein Arzt ins Zimmer getreten war und plötzliche Stille eintrat . Eine kurze Untersuchung genügte; die Worte: »Er ist tot,« obwohl im leisesten Flüsterton gesprochen, erreichten das Ohr der unglücklichen Gräfin, die mit einem langen, schaudernden Aufschrei bewußtlos neben dem Toten niederfiel. Es war vorüber; irgend ein Gefäß des Herzens war geborsten, irgend eine feine Saite im Gehirn war unter dem Drucke des heftigen Zornes, des Kummers und der Erregung gesprungen, und der stolze, alte Aristokrat war zu jenem gleichmachenden Staub geworden, wo es weder Stolz noch Demut giebt. Er war tot, und beschränkte Geister können, wenn sie wollen, denken, daß ich ihn getötet habe. Aber wieso? Welches Verbrechen habe ich begangen? Keines. Meine Carriere war fleckenlos, außer der grünen Spur des Absinthschlammes, die niemand sah. Die Gesellschaft aber verdammt nie das Laster, das nicht öffentlich verletzt. Nur Pauline war an allem schuld, die kleine, kindische, blauäugige Pauline, und es verursachte mir ein grimmiges Vergnügen, sie für eine Vatermörderin zu halten. Ei, weil sie ein süßes Gesicht, eine schlanke Gestalt, ein reizendes Lächeln besaß, sollte sie den Folgen ihres Verrats entgehen? Das konnte ich damals und kann ich auch heute noch nicht einsehen. Niemand kann mich für den Tod des alten Grafen verantwortlich machen . . . Niemand! sag ich, obwohl sein weißes, stilles Gesicht mich manchmal im Dunkeln mit sprachlosem Vorwurf anblickt. Aber ich weiß, daß es nur ein Phantom ist, und tröste mich rasch mit der Auslegung, welche die fashionable Welt von Paris von seinem plötzlichen Tode machte, nämlich, daß er vor Kummer über seine Tochter gestorben sei.



Einundzwanzigstes Kapitel.

Von dieser Periode an datiert der rapide Verfall meines Lebens, ein Verfall, der mir doch die wildesten, unbezahlbaren Genüsse verschaffte: Genüsse, wie sie ein Wilder des Waldes kennen mag, wenn die absolute Freiheit der Luft, der Wälder, des Wassers sein ist, wenn gar keine Gesetze ihn binden und wenn er niemand hat, dem er für seine Handlungen Rechenschaft schuldet.

Der Graf von Charmilles war also tot, und volle vierzehn Tage waren verflossen, seit sein feierlicher Leichenzug sich durch die Straßen von Paris nach dem Pére-la-Chaise gewunden hatte, wo die Familiengruft ihre steinernen Arme öffnete, um die sterblichen Überreste des letzten männlichen Sprößlings seines Geschlechts zu empfangen. Sein großes Haus verwandelte sich in ein Trauerhaus; die verwitwete Gräfin und ihre Nichte Heloise wohnten darin, wie ich hörte, in völliger Abgeschlossenheit und empfingen keinerlei Besucher. Unter anderen Umständen hätten sie wohl die Stadt verlassen und in einem Ortswechsel Zerstreuung gesucht, aber ich wußte, warum sie in dem jetzt so einsamen Stadthause blieben. Sie hofften, daß Pauline nun, da sie den Zorn ihres Vaters nicht mehr zu fürchten brauchte, nach Hause kommen würde. Und ich – ich war auch noch in Paris. Wie ich vorhin sagte, hatte ich nie die Absicht gehabt, es zu verlassen. Ich nahm in einem obskuren Hotel unter angenommenem Namen ein kleines Zimmer und hielt mich auf meinen täglichen und nächtlichen Streifzügen sorgfältig in den Seitengassen, teils um eine zufällige Begegnung mit Bekannten zu vermeiden, teils unter dem Eindruck, daß ich in diesen ärmeren Vierteln von Paris Pauline finden würde. Von dem, was ich thun würde, wenn ich sie wirklich fände, hatte ich keine Idee; eines der Kennzeichen eines Absintheurs ist, daß er nichts lange vorher bestimmen kann. Kommt der Augenblick der Entscheidung, so handelt er, wie ein wildes Tier springt, aus Impuls; selbstverständlich ist dieser Impuls immer mehr oder weniger schlecht.

Vierzehn Tage sind keine lange Zeit, außer für Kinder und getrennte Liebende; dennoch hatten sie mir genügt, um in meiner selbst gewählten Lebensweise furchtbare Fortschritte zu machen, so sehr, daß mir nichts mehr wichtig erschien, wenn ich nur Absinth hatte. Wenn jemand, der die Macht gehabt hätte, mir den Genuß dieses Nektars, der mir jetzt so notwendig war wie das Blut in meinen Adern, zu versagen, ihn mir versagt haben wurde, so hätte ich ihn ohne Zögern auf der Stelle getötet. Glücklicherweise ist Absinth in Paris überall zu haben; es ist auch kein kostbarer Luxus, und ich wurde bald in den verschiedenen Lokalen bekannt, wo es in stärkster Form erhältlich war.

So lebte ich von Tag zu Tag in meiner Verborgenheit, mit meinem Lose ganz zufrieden, ohne etwas anderes zu thun, als träumerisch durch die Seitengassen der Stadt zu streifen und nach Pauline auszuspähen. Ich hätte nicht sagen können, warum ich sie suchte. Ich brauchte sie nicht, aber es trieb mich doch, sie zu suchen, und jede Frau von jugendlichem und schüchternem Aussehen, die mir begegnete, sah ich eifrig und forschend an. Ein paarmal traf ich Heloise St. Cyr, in tiefste Trauer gekleidet und dicht verschleiert, und nach dem Charakter der Orte, wo ich ihr begegnete, schloß ich, daß auch sie die Verlorene suchte. Sie sah mich nie, denn ich schlich rasch hinweg, um nicht von ihren schönen, stolzen Augen bemerkt zu werden. So waren also vierzehn Tage verflossen, als mich eines Abends eine unwiderstehliche Sehnsucht ergriff, nach Neuilly zu wandern, das alte, liebe Haus zu sehen, einen Blick auf die Fenster zu werfen und vielleicht den Schatten meines Vaters auf den herabgelassenen Vorhängen abgezeichnet zu sehen. Er glaubte mich jetzt in der Ferne und war ohne Zweifel erstaunt und geärgert, weil er gar keine Briefe von mir erhielt. Ob er sich einsam fühlte, ob er den Verlust meiner Gesellschaft bedauerte? Bald befand ich mich auf dem wohlbekannten Wege, den ich bisher so sorgsam vermieden hatte. Hier und da hielt ich inne, um meine Kräfte mit dem Absinthfeuer zu beleben, das, wie ich fest überzeugt war, das einzige war, was mich am Leben erhielt; aber nachdem ich alle Cafés passiert hatte, wo dies Elixir in seiner besten Form zu erhalten war, schritt ich stetig und ohne Unterbrechung durch die Champs Elysées weiter.

Es war eine schöne Nacht; die Bäume standen im vollen Schmuck, ein paar Vögel zwitscherten schläfrig in den Zweigen, und unter dem weichen Licht des Mondes wanderte manch ein Liebespaar dahin und flüsterte einander die alten Lügen von Liebe und ewiger Treue zu, über die alle klugen Leute lachen. Ich schritt langsam dahin, wie immer den flackernden grünen Strahlen folgend, die über meinen Weg huschten . . . Heute nacht hatten sie die Gestalt kleiner Pfeile, die nicht nach rückwärts deuteten, immer nach vorwärts und gerade aus. Endlich war ich in Neuilly, und wenige Schritte führten mich vor das Haus, das noch bis vor kurzen mein »Zuhause« gewesen. Alle Fenster waren dunkel, außer denen der Bibliothek und dort war das Rouleau nur halb herabgelassen, so daß ich meinen Vater, eifrig schreibend, sehen konnte. Der Tisch war mit Papieren bedeckt. Der Greis sah vergrämt und müde aus, und einen kurzen Moment lang that mir das Herz weh. Das lästige Gewissen war noch nicht ganz tot und des alten Mannes feines, geduldiges, doch erschöpftes Gesicht erregte in mir einen Sturm von Bedauern und Reue. Es ging bald vorüber, und dem Hause den Rücken kehrend, sah ich auf das dunkle Asphaltpflaster vor meinen Füßen hinab. Die kleinen, flackernden Lichtpfeile zeigten wie früher nach vorwärts, und ohne mich zu kümmern, wohin ich ging, folgte ich ihrer Führung. So schritt ich weiter und weiter, von seltsamen Bildern und Tönen umgeben, an die ich bereits gewöhnt war und von denen selbst die schlimmsten mir ein phantastisches Vergnügen bereiteten. Diese Empfindungen, obwohl vollkommen imaginär, schienen real zu sein – nichts konnte dem Aussehen nach substanzieller sein als die Gesichter und Gestalten, die um mich schwebten – bloß wenn ich sie berühren wollte, verschwanden sie. Das seltsamste dabei war, daß ich ihre Berührung fühlte; Küsse wurden auf meine Lippen gedrückt; weiche Arme umschlangen mich; manchmal schien der Atem dieser Phantome mein Haar zu fächeln. Noch realer als diese Gesichter und Gestalten waren die Stimmen, die ich hörte; sie ließen mich nie in Ruhe; sie sangen, sprachen, flüsterten von seltsamen, furchtbaren Dingen, die einem ehrlichen Menschen das Blut in den Adern hätten erstarren lassen – aber ich war nicht mehr ehrlich – das wußte ich – weder ehrlich gegen mich selbst, noch in meinen Gefühlen gegen die Welt. Übrigens existierte ja niemand, der sich um meine Prinzipien kümmerte, niemand, außer meinem Vater, und er war ein alter Mann, dessen Lebensfrist bald zu Ende sein würde. Selbstachtung ist die Wurzel der Ehre, und meine Selbstachtung war dahin. Dagegen war ich gegen mich sehr nachsichtig geworden, was übrigens die meisten gegen sich sind, wenn ihr Lieblingslaster auch nicht die Liebe für Absinth ist.

Ganz befriedigt lauschte ich dem Geplauder der Geisterstimmen um mich her und schritt unter dem mondbeschienenen Himmel fort, ohne auf Zeit oder Entfernung zu achten, bis die glänzenden Lichter von Paris hinter mir zurückblieben und ich mich, aus meinen finsteren Grübeleien auffahrend, in der stillen, kleinen Vorstadt Surésnes fand.

Kennt Ihr Surésnes? An einem schönen Sommernachmittag ist es der Mühe wert hinauszuwandern, in der Mitte der Brücke stehen zu bleiben und den still dahinfließenden Strom auf und nieder zu sehen, der rechts das Bois und die gegenüberliegenden, welligen Hügel mit einem breiten, schimmernden Bande trennt. Fast bis an den Rand des Wassers senken sich ein paar herrliche Wiesen und Gärten hinab, die zu den weißen Villen gehören, welche man aus dem reichen Laub der Bäume hervorlugen sieht, und an diesen vorüber zieht in einem Halbkreise die Seine, immer weiter und aus dem Gesichtskreis, gleich der in der Ferne verschwindenden Silberschleppe einer Königin. Links liegt Paris, eine Vision luftiger Brücken, Gebäude und Türme, und manchmal, wenn der Sonnenuntergang wie Feuer und der Wind still ist, wenn die Glocken melodisch die Stunde schlagen und jeder Giebel und Schornstein in rosiges Licht gebadet ist, könnte man es für eine Zauberstadt halten, die morganagleich einen Augenblick auftaucht, um im nächsten wieder zu verschwinden. Jenseits der Brücke beginnt das Bois, von dem die offenen Wege nach Longchamps führen; aber unter den großen Bäumen am Ufer selbst giebt es viele lauschige Pfade und stille Winkel, wo man stundenlang in seliger Einsamkeit träumen kann – in einer so vollständigen Einsamkeit, daß man meilenweit von jeder Stadt entfernt zu sein glaubt. Oft war ich in meiner Knabenzeit hier gewesen, um mein Lieblingsbuch zu lesen oder Luftschlösser zu bauen; heute jedoch kam mir die bekannte Gegend ganz fremd vor. Surésnes selbst war still wie eine Gruft; das größte Café war geschlossen, und nicht eine einzige Lampe flimmerte durch die Fenster, welche ich sehen konnte; nur die Mondstrahlen versilberten die Dächer und Thüren und verwandelten die hübsche Brücke in einen funkelnden Lichtbogen. Die Flut war hoch; sie rauschte und plätscherte melodisch. Ich lehnte mich über das Brückengeländer und lauschte halb beruhigt, halb erregt auf ihr unaufhörliches Gemurmel. Dann, langsam dahinschlendernd und mich bemühend, die stille, geistige Schönheit der Landschaft zu verstehen – ein Verständnis, das mir täglich schwieriger ward – schritt ich dem Bois zu. Die großen, blätterschweren Bäume rauschten geheimnisvoll und vermischten ihre Seufzer mit dem klaren Plätschern des Flusses; nirgends war eine lebende Seele zu sehen – diese Stunde feierlicher Ruhe und Stille schien mir, mir allein zu gehören.

Jenseits der Brücke hielt ich inne und sah weiter in den Wald hinein. Die Luft war so still, daß ich deutlich das Fallen der künstlichen Kaskade hören konnte, die mit dem anstoßenden Café der Ort so manchen fröhlichen Rendezvous ist, und einen Augenblick lang gedachte ich, bis dahin zu gehen. Plötzlich, mit einem lauten, silbernen Klang schlug die Uhr einer nahen Kirche die Stunde – elf. Es klang eher wie eine Meßglocke als wie ein Stundenschlag, und meine Gedanken, die immer zerstreut und schwankend waren, begannen wie Bienen um die verschiedenen Ideen von Religion und Gottesdienst zu schwärmen, welche jene Glockenschläge suggerierten.

Plötzlich flatterten meine Gedanken wie ein Schwarm aufgescheuchter Vögel auf, wie es mir oft geschah; ein heftiger Schwindel zwang mich, nach dem nächsten Ast zu greifen, um mich festzuhalten . . . die ganze Landschaft schwamm in einem grünen Kreise um mich, und die Sterne sprühten wie Flammen vom Himmel. Alles war einen Augenblick lang rot, grün und blendend weiß, und um die unangenehme Schwäche loszuwerden, die in eine Ohnmacht auszuarten drohte, ging ich unsicher vorwärts, dem Ufer zu. Ich hatte die Absicht, ein wenig auf dem kühlen Gras auszuruhen, und schritt einem der versteckten, einsamen Winkel zu, deren ich mich erinnerte; ein winziger Rasenfleck, von riesigen Ulmen beschattet, von wo man einen Ausblick auf das glitzernde Wasser hatte und die Frische des leichtesten Windes einatmen konnte. Ich ging sehr schwach, denn meine Sinne wirbelten durcheinander und schienen mich fast gänzlich zu verlassen; ich bog die Zweige auseinander und schlüpfte zwischen dem dichten und verschlungenen Unterholz hindurch, um so rasch wie möglich den gesuchten Platz zu erreichen – da, wie von einem lähmenden elektrischen Schlag getroffen, blieb ich stehen und sah in Zweifel, Zorn und Erstaunen vor mich hinaus; eine übernatürliche Kraft spannte jeden meiner Nerven und Muskeln zum Bersten an, und ich sprang mit einem wütenden Aufschrei vorwärts. Ein Mann stand neben dem Ufer, ein Mann in dem engen, schwarzen Gewande eines Priesters, und er wendete mir sein blasses, schönes Gesicht furchtlos zu, als ich herankam.

»Sie . . . Sie!« flüsterte ich heiser, denn die Wut erstickte meine Stimme. »Sie hier! Sie . . . Silvion Guidél!«



Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Seine Augen hefteten sich ruhig, fast gleichgültig auf mich – tiefe, müde Augen waren es in jener Nacht – und er seufzte.

»Ja, ich bin hier,« sagte er langsam. »Ich habe mich bemüht, fortzubleiben, aber zuletzt konnte ich es nicht mehr aushalten. Ist sie gesund?«

Ich starrte ihn an, von Zorn und Erstaunen zu überwältigt, um im ersten Moment sprechen zu können. Er wiederholte ängstlich seine Frage:

»Ist sie gesund? Ich habe vielleicht kein Recht, danach zu fragen . . . Sie sind ihr Gatte . . . aber ich . . . Gott verzeih es mir, ich habe sie geliebt . . . und darum frage ich nochmals: Ist sie gesund?«

Er wußte also nicht, was geschehen war! Als ich dies begriff, wurde ich plötzlich ganz ruhig.

»Sie ist tot,« antwortete ich kurz.

Er machte eine leichte, verächtliche Gebärde und sah mich noch immer an.

»Ich glaube Ihnen nicht,« sagte er. »Sie kann nicht gestorben sein, noch nicht; sie ist noch zu jung. Ich wollte, sie wäre tot, aber ich weiß es, sie lebt.«

»Sie wissen es? Woher wissen Sie es?« antwortete ich. »Ich sage Ihnen, daß sie tot ist – tot für alle, die sie liebten. Wie, hat sie Sie noch nicht aufgesucht? Sie hatte doch Zeit genug!«

Sein Gesicht wurde sehr bleich, in seinem Blick lag eine plötzliche Angst.

»Mich aufgesucht?« stammelte er. »Was meinen Sie? Ist sie nicht Ihre Gattin? Haben Sie sie nicht geheiratet?«

Meine Hände ballten sich unwillkürlich, bis die Nägel in mein Fleisch schnitten.

»Feigling!« schrie ich wütend. »Wagen Sie zu denken, daß ich Ihre verlassene Geliebte heiraten würde?«

Mit einer plötzlichen Bewegung faßte er mich an den Schultern und hielt mich wie in einer Klammer fest.

»Sagen Sie das nicht, Beauvais!« murmelte er zornig, und seine tiefe Stimme bebte vor Leidenschaft. »Kein Wort der Beleidigung gegen das arme Kind! Ich, ich allein bin an allem Unglück schuld. Sie haben sie nicht geheiratet, sagen Sie? Wo ist sie dann? Ich will alles wieder gut machen, Gott kennt meine Reue! Aber Sie dürfen ihr Richter nicht sein, Beauvais, Sie sind nicht mehr als ein Mann, und einem Manne steht es nicht zu, ein Weib zu verdammen!«

Er ließ mich so rasch los, daß ich leicht zurücktaumelte; der alte, magnetische Zauber seiner Stimme hielt meine Wut einen Augenblick lang im Zügel, und ich sah ihn halbbetäubt an. Die große, geistige Schönheit seines Gesichtes wurde durch den weichen Glanz des Mondes noch erhöht; seine stolze, fast herausfordernde Haltung hätte einen gewöhnlichen Beobachter glauben lassen, daß er der Beleidigte und ich der Beleidiger sei. Hätten wir unsere Lebensrollen auf der Bühne gespielt, so wäre die Teilnahme des Publikums sicherlich ihm zugefallen, denn er sah schön aus und sprach furchtlos. Das ist die schurkische Inkonsequenz der Welt! Er wartete, als ob er seine Kräfte sammeln wollte; ich wartete ebenfalls, auf die beste Art und Weise sinnend, um das Satyrherz in dieser heiligen Hülle zu treffen. Ein sonderbares, nervöses Zittern ergriff mich; meine Pulse begannen zu schlagen; das Blut brauste stürmisch in meinen Ohren; aber es gelang mir, äußere Ruhe zu erheucheln.

»Wo ist sie?« fragte er abermals.

»In den Straßen von Paris!« antwortete ich höhnisch.

»Großer Gott, ihr Vater . . .«

»Ist tot. Was wünschen Sie jetzt zu hören? Fragen Sie – ich werde antworten, denn es ist gut, daß Sie wissen, für wen Sie beten, wenn Sie Messe lesen.«

Sein Kopf sank auf die Brust herab, und ein tiefer Seufzer zitterte durch seinen ganzen Körper.

»Pauline, Pauline!« hörte ich ihn murmeln, »armes, kleines Kind! Was kann ich für Dich thun?«

Da schien die Leidenschaft in mir plötzlich Stimme zu erhalten.

»Was Sie thun können?« rief ich. »Nichts, jetzt ist es zu spät! Was, haben Sie mich für einen Heiligen gehalten? Habe ich je diese Rolle gespielt? Ich habe Ihnen einst gesagt, daß ich selbst meinem besten Freunde nicht verzeihen würde, wenn er mich zu betrügen wagte – glauben Sie, daß das bloß Worte waren? Hören Sie! Pauline von Charmilles gestand mir ihre Liebe für Sie im geheimen – ich publizierte sie vor allen! Ich stieß sie zurück . . . ja, Silvion Guidél, Sie heiliger Mann, ich stieß sie an dem Tage unserer Hochzeit zurück, in Gegenwart all der feinen Leute, die zu unserer Trauung gekommen waren. O, es war eine seltene Rache, süßer als Glück! Nun? Was erregt Ihr frommes Erstaunen? Sie starren mich ja an, als sähen Sie einen Geist?«

Seine Augen flammten.

»Ich sehe Schlimmeres als das!« antwortete er leidenschaftlich. »Ich sehe . . . o Gott, was ich nie zu sehen geglaubt hätte . . . einen ärgeren Schurken als mich selbst!«

Er hielt inne; sein Atem kam und ging blitzschnell, dann, als hätte er mich völlig vergessen, rief er mit einer wilden Gebärde: »Pauline, Pauline, mein Lieb, mein Alles! Verloren, verlassen! Pauline . . .!«

Die sehnsüchtige Zärtlichkeit in seiner Stimme stürmte mein Blut von neuem auf, und leise ein paar Schritte näher tretend, studierte ich sein verstörtes Gesicht, wie man ein seltenes Bild studiert. Er bemerkte es, und ein eigentümliches Lächeln verzog seine Lippen.

»Warum töten Sie mich nicht?« fragte er mit einer einladenden Gebärde. »Ich würde gern sterben.«

Ich antwortete nicht sogleich. Warum ich ihn nicht tötete! Es war eine thörichte Frage, und sie summte mit thörichter Beharrlichkeit in meinen Ohren. Um ihr zu entgehen, zwang ich mich zu einer Seitenfrage.

»Warum sind Sie Priester geworden?« fragte ich.

Er seufzte. »Weil ich mußte,« antwortete er müde. »Sie werden es mir natürlich nicht glauben, aber Sie verstehen das nicht, und meine Erklärung würde zu weit führen. Ich konnte mir nicht helfen, die Umstände sind oft stärker als der Wille. Nachdem ich geweiht war, wurde ich nach Rom geschickt und dort unter dem Vorwand besonderer Gunst und Protektion zurückgehalten . . . ich flehte um Nachrichten von der Heimat . . es kamen keine . . . und endlich hielt ich es nicht mehr aus und reiste heimlich nach Paris; ich bin erst heute angekommen.«

»Und weshalb sind Sie hier?« fragte ich, auf den Wald und das rauschende Wasser deutend.

»Warum?« Er seufzte wieder und sah zu dem friedlichen Himmel auf. »Weil hier der Himmel auf das einzige Glück herablächelte, das ich je kannte. Hier errang ich mir die Liebe, das natürliche Geburtsrecht des Menschen. Aber ich kam auch her, weil ich nicht wagte, irgendwo anders hinzugehen, denn obwohl mir das, was Sie mir eben erzählten, unbekannt war, vermied ich das Haus meines Onkels . . . ich weiß nicht, warum . . . ich fühlte nur, daß ich es nicht mehr betreten durfte.«

Ich schwieg und beobachtete ihn.

»Hier haben wir uns heimlich getroffen,« fuhr er träumerisch fort. »Hier unter diesen Bäumen ist Pauline mit mir gewandert, ihre kleine Hand in der meinen, ihr Kopf an meiner Schulter. Hier haben wir die herrlichste Freude genossen, die das Leben geben kann – eine Freude, die Sie nie gekannt haben, Beauvais . . . nein, denn mein Liebling hat Sie nie geliebt, nur mich, mich allein. Ja, selbst wenn Sie sie geheiratet hätten und meine Fehler noch tausendmal größer wären, als sie sind, sie würde mich doch immer lieben!«

»Sie rühmen sich dessen?« sagte ich heiser. »Sie wagen noch, sich dessen zu rühmen?«

Er lächelte triumphierend.

»Ja, ich rühme mich dessen! So geliebt zu werden, ist ein Grund, stolz zu sein!«

Meine Hände ballten sich.

»Werden Sie sie aufsuchen?« fragte ich atemlos.

»Ja.«

»Wann?«

»Morgen.«

»Heute ist noch nicht vorüber,« murmelte ich, nähertretend und mich bemühend, meine Gedanken in dem tobenden Tumult zischender und flüsternder Stimmen, die durch mein Gehirn summten, festzuhalten. »Und wenn Sie sie finden . . . was dann?« – –

Wie ein Blitz brach die unterdrückte Wildheit in mir hervor, und ohne seine Antwort abzuwarten, warf ich mich auf ihn. Eine Sekunde lang starrten wir einander in die Augen, unsere Gesichter berührten sich fast, unser Atem vermischte sich; dann, dem natürlichen Impuls der Notwehr folgend, stemmte er sich mir entgegen und kämpfte um sein Leben. Er war leicht, geschmeidig und muskulös und wäre für jeden anderen ein mächtiger Gegner gewesen . . . aber seine Kraft war nichts gegen die übermenschliche Stärke, die ich besaß, als stünde die Kraft von zwanzig Teufeln gegen dies eine kämpfende Leben auf. Wilde Stimmen sangen, schrieen und gellten in meine Ohren: »Töte! töte! töte ihn!« Feurige Kreise schwammen vor mir her, und einmal, als er unter meinem Griff schwankte und fast fiel, lachte ich laut auf – lachte, während ich wieder auf ihn lossprang und ihn hin- und herschüttelte, wie ein wildes Tier seine Beute schüttelt. Dann aber gelang es ihm, meine Arme derart zu packen, daß ich eine Minute lang machtlos war, und seine großen, dunklen Augen flammten wieder in den meinen.

»Sind Sie wahnsinnig, Beauvais?« keuchte er. »Wollen Sie mich ermorden?«

Während er sprach, fiel mein Blick auf seinen Hals, der bloß und weiß über dem engen Collare sichtbar war – ich sah, wo ich den Sieg erringen konnte! Ich stellte mich, als taumelte ich . . unwillkürlich ließ sein Griff nach –- in einem Nu hatte ich mich losgerissen – im nächsten umschlossen meine beiden Hände den glatten, vollen Hals wie mit eisernen Klammern . . . fester, fester . . . und das schöne Gesicht über mir wurde dunkel und verzerrt. Die Augen . . . wie sie mich anstarrten . . . wollte das Leben in ihnen denn nie erlöschen?

»Stirb, stirb!« flüsterte ich zornig. »Gott, daß es so lange braucht, um einen Menschen zu töten!«

Plötzlich schüttelte ein heftiger Schauder die Glieder, auf denen ich kniete . . . die klopfenden Adern unter meinen Fingern hörten auf zu pulsieren – der Kopf fiel mehr zurück . . . und dann kam Stille! Stille? Grauen! Was war das? Was bedeutete das? Was war dies stumme, starre, starrende Ding dort? War das der Tod? Von Furcht ergriffen, sprang ich auf und sah umher. Überall Einsamkeit . . . nur das Flüstern der Bäume und das Scheinen der Sterne. Nur die Natur und das dort . . . die seltsame, stille Gestalt auf dem Grase, mit den ausgebreiteten Armen. Was hatte ich gethan? Ich dachte nach und betrachtete indes meine Hände. Sie waren rein. Hatte ich ihn also getötet? Nein, nein, nicht möglich, er war nur ohnmächtig.

Ich trat dicht an ihn heran, nahm seine Hand –- sie war warm.

»Guidél,« sagte ich, und der Klang meiner eigenen Stimme verletzte mein Ohr. »Kommen Sie, stehen Sie auf! Liegen Sie nicht so da, als wenn ich Sie ermordet hätte! Stehen Sie auf, sag ich Ihnen! Unser Streit ist vorüber, wir werden nicht mehr kämpfen . . .«

. . . Stille. Die weitoffenen Augen sahen mich starr an; ein seltsamer Schleier begann sie zu überziehen. Ein Vogel fuhr aus den Zweigen über mir auf und flog durch die Luft . . . Das Geräusch seiner Flügel versetzte mich in kalten Schweiß, und ich fiel, über und über zitternd, auf die Kniee. Wiederstrebend kroch ich zu der dunklen Masse hin . . . Wenn er tot war . . . dann, dann mußte ich seine Augen schließen! Meine frühere, wahnsinnige Wut hatte einem schwachen, halb delirierenden Entsetzen Platz gemacht; ich konnte kaum den Mut fassen, die Hände auszustrecken und die Augenlider zu berühren . . . dann aber drückte ich sie fest über die glasigen Augäpfel darunter . . . So, jetzt konnten sie mich nicht mehr anschauen!

Mit einem Seufzer der Erleichterung kroch ich wieder weg und stand auf. Was sollte jetzt geschehen? Ich hatte Silvion Guidél getötet; das war augenscheinlich, und doch bemühte ich mich, mir einzureden, daß es nicht sein konnte. Irgend eine angeborene Schwäche des Herzens mochte es bewirkt haben, nicht aber der bloße Griff meiner Hände. Aber hatte ich nicht die Absicht gehabt, ihn zu töten? Hatte der Gedanke nicht seit Wochen in meinem Gehirn geschlummert, und war er nicht in dem Moment, als ich ihn anblickte, in Thätigkeit getreten? Ja, es war ein Mord, und ein vorbedachter Mord, wenn die Wahrheit gesagt werden sollte. Ich sah mich furchtsam nach meinem Opfer um und schrie dabei laut auf: Die Augen, die Augen, die ich so fest geschlossen hatte, waren offen – weit offen und noch mehr hervorstehend. Wie sie mich anstarrten! In wilder Hast stürzte ich zu der stillen Gestalt zurück und drückte meine Finger nochmals hart und schwer auf die kalten, aber rebellischen Lider. Umsonst, sie drehten sich noch unter meinem Druck aufwärts und ließen die Augäpfel wieder frei. Ich stöhnte und schauderte, während der Schweiß mir vor Angst von der Stirne rann; und plötzlich zuckte ein furchtbarer Gedanke durch mein Gehirn. Ich hatte Gelehrte sagen gehört, daß die Augen eines Ermordeten in ihrem letzten Blick das Bild des Mörders aufnehmen und daß dieses schreckliche Miniaturporträt getreulich Zug um Zug nachgebildet werden könne. War so etwas möglich? O, warum konnte ich diese Augen nicht schließen? Ich konnte sie mit meinem Absatz zerstampfen, wenn ich es wagte – aber, ich wagte es nicht!

Eine Zeitlang schwankte mein Gehirn unter dem Drucke der stürmenden Gedanken, aber zuletzt kam ich auf die Idee, daß ich den Leichnam auf irgend eine Weise loswerden müßte. Begraben konnte ich ihn nicht; ich konnte ihn nur an das Ufer schleppen oder tragen, das in einiger Entfernung jäh zu dem Flusse abfiel, und von dort konnte ich ihn in die Seine schleudern. Die Seine aber würde ihn hin- und herschwemmen, mit Schlamm und faulen Gräsern entstellen und ihn vielleicht wie einen Balken an Dörfern und Städten vorbei ins Meer tragen, in das große, mitleidige Meer, wo schon so vieles versunken und vergessen ist. Oder . . . oder er konnte auch gefunden und ans Ufer gebracht werden, aber an diese Möglichkeit wollte ich gar nicht denken, und alle Nerven und Muskeln anspannend, machte ich mich an die Arbeit. Ich hob den Körper vom Boden auf und vermochte es durch gewaltsame Anstrengung, sein kaltes, furchtbares Gewicht auf meinen Schultern zu erhalten, während ich dem Fluß zuschwankte. Dort legte ich ihn keuchend nieder – vielleicht war das Leben doch noch nicht ganz aus ihm entflohen! Meinen ganzen Mut zusammenfassend, beugte ich mich hinab und befühlte das Herz; es war still wie ein Stein; aber etwas wie ein kleines Päckchen lag darauf. Ich nahm es heraus; es war ein gefaltetes Papier und darin eine dicke Locke weichen, dunklen Haares. Paulinens Haar! Ich kannte es wohl – der bloße Duft davon hieß mich wie in einem Krampf erzittern, und ich schob es rasch in meine Tasche. Dann starrte ich auf mein Werk hinab und – lächelte. Ich – ich allein – ohne jede Hilfe hatte diesen feinen Mechanismus zerstört; ich hatte all diese Schönheit zerstört, auf welche die Natur ihr schönstes Siegel gedrückt zu haben schien! Warum sollte ich mich vor diesen offenen Augen fürchten, dachte ich. Sie waren tote, glanzlose Körper, ihr vorwurfsvoller Ausdruck bloß Schein. Rasch hinab in das stille Wasser mit dieser unnützen Last; mochte sie erst wie ein Stein versinken und dann, eine entstellte Masse, mit der zerstörenden Flut schwimmen! Denn das Wasser brütet wie die Erde hungrige Wesen aus, die mit einem Leichnam kurzen Prozeß machen. Überdies war kein Blut, keinerlei Zeichen von Gewalt an ihm zu sehen, kein Beweis von – Mord. Freilich, am Halse waren die Spuren meiner Finger, aber was that das? Der ruhig arbeitende Fluß würde sie wohl in einer Stunde verwischen!

Ich richtete mich steif in die Höhe und betrachtete forschend das gegenüberliegende Ufer der Seine, ob nicht vielleicht ein Einsamer dort sich ergehe und das schmeichelnd rauschende Wasser betrachte; aber niemand war zu sehen. Ich hätte ebenso gut allein in einer Wüste sein können, so tief still und einsam war die Nacht; die ganze Natur schien nur mich zu beobachten, so schien es mir; der Himmel beugte sich mit allen seinen flirrenden Sternen zu mir herab, als ob sie verwundert meinen Erschlagenen anstarrten. Abermals hob ich den Körper in die Höhe; diesmal fiel der Kopf mit erschreckender Plötzlichkeit über meinen Arm, und ein leichter Wind hob das lockige Haar von der Stirne. Ich sah hin – eine instinktive Kraft zwang mich, hinzusehen . . . und bemerkte eine leichte, aber tiefe Narbe gerade über der linken Schläfe, was mich mit neuer Furcht erfüllte. Wie, wenn der Leichnam gefunden und an dieser Narbe erkannt werden würde? Besaß er vielleicht noch etwas, was zu seiner Identifizierung führen und Nachforschungen bezwecken konnte, die zuletzt auf meine Spur führten? Ich legte meine furchtbare Bürde wieder nieder und durchsuchte hastig alle seine Taschen – sie enthielten weder einen Brief noch ein Papier, die auf eine Spur leiten konnten, nur ein Retourbillet nach Rom, das ich zerriß, ein altes Brevier und eine Börse mit etwa vierhundert Francs. Das Brevier enthielt keinen Namen, und ich steckte es zugleich mit der Börse wieder in die Tasche zurück, wo ich sie gefunden. Indem ich das Geld nicht berührte, berechnete ich, daß der Leichnam, auch wenn er gefunden werden sollte, für den eines Selbstmörders gehalten werden würde, da ein Ermordeter gewöhnlich, besonders in Frankreich, seiner Wertsachen beraubt wird. Diese Art von Verdacht, der Gedanke an Mord – wie das Wort mich erstarrte! – würde in diesem Falle abgewendet werden, denn dem Umstande der Priesterkleidung legte ich keine Wichtigkeit bei.

Von meiner Untersuchung befriedigt, hob ich die starre, jetzt noch schwerer gewordene Last in die Höhe, erreichte den Rand des abschüssigen Ufers, schwankte langsam, Zoll um Zoll den natürlichen Steindamm entlang, der in den Fluß hinausführte, und schleuderte den Leichnam mit aller Gewalt von mir. Er fiel aufklatschend in das Wasser, und das laute Echo des Falles hallte von beiden Ufern des Stromes so laut wieder, daß es mir schien, als müsse die ganze Welt sogleich aus dem Schlaf erwachen, über mich herstürzen und Rechenschaft über mein Verbrechen verlangen. Ich wartete – mein Herz stand vor Schrecken fast still – wartete bis die engen Kreise im Wasser immer weiter und weiter wurden und endlich verliefen. Kein Laut folgte – alles war still wie zuvor, alles so wachsam, als ob jedes einzelne Blatt auf den Zweigen der Bäume Augen hätte.

Ich eilte auf den Platz zurück, wo das Ringen stattgefunden hatte, glättete mit Händen und Füßen die aufgerissene Erde, schritt so lange darüber hin, bis sie in dem klaren Licht des Mondes so flach wie ein Brett aussah; ja, ich überwand mein Grauen so weit, daß ich das zerdrückte Gras, auf das Guidél sterbend niedergefallen war, aufrichtete und zurechtzupfte.

So, alles war gethan. Ich hielt inne und betrachtete die Scene. Welch tiefer Friede! Der Mond sah nachdenklich herab und war wohl in seine eigenen Gedanken versunken, während er über den Himmel zog; die Bäume bebten leise in ihren Träumen, vielleicht von zärtlichen Erinnerungen bewegt, und der Strom plätscherte flüsternd an das Ufer, als ob er von den Blüten auf der anderen Seite den Blüten auf dieser Seite Küsse brächte. Der schlaftrunkene Zauber der ineinander verschmelzenden Mitternacht und Frühe schien wie ein Opalschleier in der Luft zu hängen, und während ich mich umblickte, fühlte ich plötzlich, daß ich aus dem schönen Vertrauen der Natur ausgestoßen war, daß der Leichnam, den ich eben in das murmelnde Wasser geworfen, den Herzen der Dinge näherstand als ich!

Langsam und mit einem unerklärlichen Widerstreben kroch ich fort, schlich durch die Bäume wie ein erschrecktes Tier, das vor seinem Verfolger flieht, fürchtete mich vor den Mondstrahlen und den Schatten, vor allem aber vor der tiefen Ruhe um mich her, einer Ruhe, die fast fühlbar war. Ich stahl mich aus dem Bois und betrat die Surésnes-Brücke; eine lose Planke knarrte unter meinem Tritt, und alles Blut schoß mir in die Schläfen; dann zwang mich ein Impuls stillzustehen. Etwas zog mich, meine Arme auf das Geländer zu legen und hinunter in den Strom zu sehen. Das Wasser wogte mir silberweiß entgegen, und während ich noch hinunterblickte, schwamm eine dunkle Masse heran . . . etwas Schweres, Flutendes, Schwarzes, aus dem zwei furchtbare Augen zu mir und dem Mond emporstarrten. Ich klammerte mich mit schlagendem Herzen an das Geländer, und plötzlich brach ich in ein fieberhaftes Gelächter aus.

»Silvion!« flüsterte ich. »Silvion Guidél, wie, schon wieder da? Noch nicht zur Ruhe? Schlaf, Mann, schlaf . . . Sei zufrieden, daß Du Deinen Gott jetzt gefunden hast. Gute Nacht, Guidél, gute Nacht!«

Mein Gelächter ging in ein schluchzendes Stöhnen über; ich fuhr, an allen Gliedern zitternd, von dem Geländer zurück, und wie ein Kranker aus einem Morphiumschlaf erwacht, ward ich mir plötzlich bewußt, daß die Flut sich gegen Paris zu wenden schien, nicht gegen das Meer! Was dann?

Ich wagte es nicht auszudenken. Mit einem wilden Schrei bedeckte ich das Gesicht mit den Händen und floh – stürzte den stillen Weg nach der Stadt mit der Hast eines Wahnsinnigen entlang, wie mir schien, von einem geflüsterten »Mord! Mord!« verfolgt, das mir die rächende, aufwärtsfließende Seine nachrief, die den furchtbaren Zeugen meiner That mit sich trug.

Die nächsten drei, vier Tage verlebte ich in einer Art von Delirium, zwischen Hoffnung und Furcht, Befriedigung und Verzweiflung. Allmählich aber begann ich meine Feigheit zu verspotten; denn obwohl ich alle Zeitungen mit Gier verschlang, fand ich nie das Gefürchtete, nämlich den Bericht von der Auffindung eines Priesters in der Seine und dem Verdachte, daß er auf gewaltsame Art ums Leben gekommen war. Gerade an dem Tage, an dem ich Guidél getötet hatte, war ein anderer Mord in Paris geschehen, ein viel glänzenderer, dramatischerer, der das Gespräch von ganz Paris war, so daß ein Ertrunkener mehr oder weniger im Flusse gar kein Interesse erregte.

Ich glaube, fast eine Woche war verstrichen, seit ich Silvion Guidél zu seiner Abrechnung mit der Gottheit geschickt hatte, als ich eines Tages in einer Seitengasse Pauline entdeckte. Es dämmerte, und sie schritt rasch dahin; aber einen Augenblick erspähte ich doch ihr junges, kindliches Gesicht, die sanften, blauen Augen und das dunkle, lockige Haar. Sie bemerkte mich nicht, und ich folgte ihr in der Entfernung, neugierig, wohin sie ging und wie sie lebte. Sie war sehr ärmlich gekleidet; ihre Gestalt sah dünn und überzart aus; aber sie ging mit einem leichten, raschen Schritt – einem Schritt, der mir anzudeuten schien, daß irgend eine Hoffnung, ein Interesse sie noch am Leben erhalte, wie einsam und verlassen sie auch in der bösen Welt von Paris war. Plötzlich verschwand sie an einer Ecke, und obwohl ich sie fast im Laufschritt verfolgte, konnte ich nicht entdecken, in welcher Richtung sie gegangen war. Zornig über meine Dummheit, streifte ich ziellos in der engen Gasse umher und war im Begriff, in einem der schmutzigen Läden nachzufragen, als eine Hand mich von rückwärts faßte, ein lautes Gelächter an mein Ohr tönte, und ich, mich umwendend, André Gessonex gegenüberstand.

»Wollen Sie mir einen Besuch abstatten, mein Lieber?« fragte er mit einem halb spöttischen, halb ceremoniösen Gruß. »Meiner Treu, Sie erweisen mir eine unschätzbare Ehre. Ich wohne da.« Er deutete auf ein erbärmliches Haus, dessen Dach zur Hälfte abgerissen und dessen drei oberste Fenster zerbrochen waren. »Sehen Sie: ›Appartements meublés!‹« In der That war diese großartige Ankündigung deutlich auf einem hölzernen Brett zu lesen, das aus einem der zerbrochenen Fenster heraushing. »Ich habe die besten Zimmer,« fuhr er fort, »den Salon wollen wir es nennen; die anderen Gemächer habe ich noch nicht untersucht, aber ich denke, sie müssen sehr luftig sein. Doch treten Sie ein, lieber Beauvais, treten Sie ein . . . seien Sie mir herzlich willkommen, das Beste, was ich habe, steht zu Ihrer Verfügung.«

Mit den seltsamsten Gebärden phantastischer Höflichkeit lud er mich ein, ihm zu folgen.

Ich zögerte einen Augenblick; er sah so wild aus, daß mir der Gedanke kam, ob ich mich nicht einem Wahnsinnigen auf Gnade und Ungnade überlasse; dann aber erinnerte ich mich rasch an meine eigene Lage; wenn er auch wirklich wahnsinnig war, zu einem Morde hatte ihn der Wahnsinn noch nicht geführt, noch nicht! Auch trieb mich die Neugierde, zu sehen, wie er wohne, und so folgte ich ihm eine krumme Treppe hinauf, wobei ich fast über ein Kind gefallen wäre, ein struppiges, halbnacktes Geschöpf, das in einer dunklen Ecke kauerte, an einer Brotkruste knabberte und dabei wie eine zornige Tigerkatze pfauchte. Als Gessonex meinen unterdrückten Ausruf hörte, wandte er sich um, spähte nach dem Gegenstand und lachte entzückt auf.

»Ah, das ist eines meiner Modelle aus der Steinzeit!« rief er. »Wenn Sie den reizenden Jungen zufällig gestoßen haben, Beauvais, so brauchen Sie ihn nicht um Verzeihung zu bitten – er würdigt solche Höflichkeiten nicht! Nur zwei Gefühle bewegen ihn: Furcht und Wildheit.« Damit ergriff er die Masse aus Haaren und Lumpen beim Kragen, schüttelte sie heftig hin und her und rief: »Komm mit, zeig Deine Zähne und Nägel, komm mit!«

Das Geschöpf stieß einen unverständlichen Laut aus und stellte sich auf die Füße; gleich darauf standen wir alle drei in einem niedrigen, großen Raum, der mit Malergerät und allerlei Plunder angefüllt war, und dessen eine Wand eine riesige Leinwand einnahm, welche eine kopflose Venus darstellte. Gessonex warf sich auf einen Stuhl nieder und begann mit dem Griff eines langen Pinsels allmählich die zerzausten Locken aus dem Gesicht des geheimnisvollen Gegenstandes zu entfernen, der, ohne sich um die Aufmerksamkeit seines Patrons zu kümmern, weiter biß und pfauchte. Endlich kam das Gesicht zum Vorschein – ein Gesicht, halb Affe, halb Wilder, tierisch, abstoßend in jeder Hinsicht außer den herrlichen Augen, die so diamanthell, klar und grausam waren wie die eines Wolfes.

»Da!« sagte Gessonex triumphierend, indem er die seltsame Physiognomie mir zuwendete. »Sehen Sie den Jungen an! Er würde dem antediluvianischen Zeitalter, wie sich der Mensch im Werdeprozeß befand, Ehre machen. Sie sehen, das Kinn ist noch nicht entwickelt, die Stirne weicht wie bei einem Affen zurück, die Nase hat noch nicht ihren intellektuellen Vorsprung, aber die Augen sind bereits vollkommen ausgebildet. In diesen Augen haben Sie die vollkommene Widerlegung des poetischen Gedankens, daß ›die Augen die Spiegel der Seele‹ sind, denn dieses Kind hat einfach keine Seele. Es ist ein Tier, bloß geschaffen, um, mit der heiligen Schrift zu reden, ›aufzustehen, zu töten und zu essen‹. Er hat gar keine Gedanken, und die wenigen verständlichen Sätze habe ich ihn gelehrt. Hören Sie ihm zu, er wird Ihnen eine ausgezeichnete Predigt über die Pflichten des Lebens halten. Sag mir, Affe,« wandte er sich an den Knaben, indem er mit dem Pinselgriff künstlerisch eine der zerzausten Locken aufhob, »was ist das Leben? Willst Du es uns erklären?«

Das kleine, wilde Geschöpf sah uns in dumpfer Furcht und Neugierde an; sein Atem ging rasch, und es ballte seine kleinen Hände. Sichtlich bemühte es sich, sich an etwas zu erinnern, und konnte es nicht. Plötzlich ertönten aus seinen aufeinandergebissenen Zähnen die Worte: »Ich hab Hunger!«

»Bravo!« sprach Gessonex beifällig, das Haar seines Schützlings weiter schlichtend. »Sehr gut gesagt! Sie sehen, Beauvais, dieses Kind versteht das Leben. ›Ich hab Hunger.‹ Damit ist alles gesagt. Das ist der allgemeine Schrei des Lebens: Hunger! Der Mensch ist nie zufrieden; er durchstöbert Erde, Luft und Ocean; er rafft Gold, Juwelen, Paläste zusammen, und dann, wenn alles erreicht ist, was aus dem arbeitenden Universum zu gewinnen ist, dann wendet er das Gesicht dem Himmel zu und fordert die Gottheit heraus. ›Diese Welt genügt meinen Bedürfnissen nicht!‹ ruft er. ›Ich will Orion in die Tasche stecken und die Plejaden in meinem Knopfloch tragen! Ich will die Ewigkeit zum Erbteil haben und Dich selbst zum Gefährten! Ich habe Hunger!‹«

Er lachte wild auf, öffnete eine Lade neben sich, nahm einen kleinen Apfel heraus und warf ihn spielend in die Höhe.

»Fang auf!« rief er, und der Knabe fing ihn mit erstaunlicher Geschicklichkeit mit den Zähnen auf. »Gut gemacht, und jetzt laß sehen, wie Du ihn verschlingst, wie es einst wohl Adam gemacht hat! Ach, wie das schmeckt! Wär' er gestohlen, so schmeckte er noch besser.«

»Er hungert wohl oft?« fragte ich.

Gessonex betrachtete mich mit einem Lächeln, das etwas Spöttisches in sich hatte.

»Mein Freund, wir hier hungern alle,« antwortete er, »es ist so Mode in dieser Gegend. Manche von uns – ich zum Beispiel – halten Essen für einen vulgären Luxus und finden einen gewissen Stolz darin, es manchmal ganz zu entbehren. Traun, dieses Stadtviertel ist noch aristokratisch gegen andere! Aber ich bin neugierig, was Sie hergeführt haben kann! Darf man, ohne indiskret zu sein, danach fragen?«

»Ich meinte eine Frau zu sehen, die ich kannte und suchte,« antwortete ich ausweichend.

»Ah! Und das Resultat?«

»Gar keines. Ich verlor sie plötzlich aus den Augen, weiß nicht, wie und wohin sie verschwand.«

»Ah!« wiederholte Gessonex nachdenklich. »Ja, Frauen giebt es in dieser Gegend viele; aus warmen Palästen und Equipagen, von Vollblutrossen gezogen, kommen sie hierher und dann –«

Er deutete durch das Fenster, und ich folgte seiner Hand – ein Wasserstreif flimmerte aus dem Zwielicht – die Seine – ich fuhr zusammen und wandte mich, um das Thema zu ändern, dem »wilden« Kinde zu, das seinen Apfel verzehrt hatte und mich unter seiner Haarmähne hervor wie eine junge Eule anstarrte.

»Wer ist er?« fragte ich.

»Mein lieber Beauvais, ich habe es Ihnen doch schon erklärt! Er ist ein Typus aus dem Steinalter! Wollen Sie eine nähere Definition, so will ich ihn ein Kind des Absinth nennen!«

Ich fuhr zusammen, beherrschte mich aber, da Gessonex mich forschend betrachtete, und lächelte.

»Ein Kind des Absinth?« wiederholte ich ungläubig.

»So ist's, und deshalb ist er mir so interessant. Ich kenne seinen Stammbaum, gerade so wie man den Stammbaum eines wertvollen Hundes oder Pferdes kennt, und er ist sehr logisch. Sein Großvater war ein Gelehrter.«

Ich brach über das Paradoxe dieser Behauptung in ein Gelächter aus, aber Gessonex schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

»Mein Freund, lachen Sie nie über einen Scherz, den Sie nicht ganz verstehen. Sie können und werden den furchtbaren Witz der Mutter Natur nie verstehen, und eine Phase ihrer ungeheuerlichen Scherzhaftigkeit werde ich Ihnen erzählen. Ich wiederhole, der Großvater dieses Knaben war ein Mann der Wissenschaft; mit einer Brille auf der Nase und einem Stoß Bücher in der Hand machte er sich daran, die innersten Schichten der Schöpfung zu durchforschen. Durch seine Brille guckte er zweifelnd die Schatten-Helle an, die man Gott nennt, und erklärte sie für non est. Er wog Herz und Geist des Menschen auf seiner kleinen Metallwage und versteinerte beide durch seine eisige Analyse. Er sprach von Materie und Kraft, von Evolution und Atomen. Die Liebe schritt vorwärts, die Treue, der Schmerz, der Tod – er kümmerte sich nicht darum, sein einziges Ziel war, das Leben von Fleisch und Blut zu entkleiden und zu beweisen, daß es ein Skelett ist. Das gelang ihm wunderbar, und im Alter von sechzig Jahren fand er sich mit diesem Skelett allein. Es aß mit ihm, es trank mit ihm, es schlief mit ihm. Zuletzt, in einer stürmischen Nacht, weckte es ihn aus dem Schlaf und zeigte ihm die Stelle, wo sein Rasiermesser lag. Er machte sich den Wink gleich zunutze und starb, oder zarter ausgedrückt, begab sich in jene geheimnisvolle Region, wo man keine Brillen trägt und auch ohne die Hilfe von Druckerschwärze zum Wissen gelangt. Er war ein sehr interessantes Individuum . . . groß, so lange er lebte, wie die Gelehrten sagen, wie gewöhnlich vergessen, da er jetzt tot ist.«

Er hielt inne, und ich sah ihn forschend an.

»Nun?«

»Nun, er hinterließ einen Sohn, einen lustigen, jungen Mann, dessen größtes Vergnügen Trinken und Tanzen war. Sie sehen, ein merkwürdiger Gegensatz zu seinem Vater. Dieser junge Mensch, in Paris geboren und ein Verehrer alles Pariserischen, gewöhnte sich sehr früh an Absinth – nicht, daß ich ihn deshalb tadle – und wurde später, infolge einer besonderen Laune der Götter, ein Schauspieler. Ungleich seinem ehrwürdigen Vater, bekümmerte er sich nie um die tieferen Fragen des Lebens; das Chaos war sein Glaube und das Nichts sein Prinzip. Er heiratete eine Tänzerin, die sich Fatima nannte – in Wirklichkeit war sie die Tochter einer Pariser Wäscherin – aber die Liebe war eine zu schwache Rivalin des Absinth, und einige Monate später wurde unser Freund von einer höchst lästigen, fixen Idee ergriffen, nämlich nicht mehr oder weniger, daß seine teure Fatima eine Schlange sei, die ihn ersticke. Als Fatimas Geduld (ihr Vorrat war nicht sehr groß) erschöpft war, steckte sie ihn in ein Irrenhaus, wo er, da er nicht, wie sein Vater, ein scharfes Instrument bei der Hand hatte, sich mit seinen eigenen Händen erwürgte. Stellen Sie sich vor, dies muß ein höchst unangenehmer Abgang sein!«

Ein Zittern durchlief mich, und ich vermied seinen Blick.

»Es war eine höchst fatale Geschichte,« fuhr Gessonex sinnend fort; »ich fürchte, daß es hauptsächlich die Schuld der Absinthfee war, die wohl eine herrliche Sklavin, aber eine außerordentlich schlechte Herrin ist. Ja, eine außerordentlich schlechte Herrin! Wenn die Leute meinem Beispiel folgen und ihre Freuden ohne ihre Tyrannei nehmen würden, es wäre besser!«

»Die ›passion verte‹ unterwirft Sie also nie?« fragte ich mit einem gezwungenen Lächeln, »sondern Sie sie?«

Unsere Augen trafen sich. Eine gelbliche Röte stieg in seine krankhaft blasse Haut, aber er lachte und machte eine nachlässige Gebärde.

»Natürlich, ein Mann wird sich doch nicht von einem bloßen Liqueur beherrschen lassen! Lächerlich! Aber um meine Geschichte zu vollenden: Dieser Junge da, dieses Überbleibsel des Steinalters, ist das Kind des Absintheurs und seiner ›Schlange‹. Ich kenne die Eltern, auch den gelehrten Großpapa, und habe an ihrem einzigen Sprößling immer ein wissenschaftliches Interesse genommen. Jetzt weiß ich, wie wir uns, wenn wir wollen, physiologisch zu der primitiven Periode zurückarbeiten können – einfach, indem wir nichts anderes als Absinth genießen.«

»Aber sind Sie nicht auch ein Liebhaber von Absinth?« fragte ich halb scherzend. »Ein positiver Epikuräer des grünen Nektars? Warum verdammen Sie dann so seine Wirkung?«

Er sah mich mit der naivsten Verwunderung an.

»Lieber Freund, ich verdamme nicht seine Wirkung – da irren Sie sich gewaltig! Ich sage, daß es uns helfen wird, unsere tierische Natur zurückzuerlangen, und das gerade wünsche ich ja! Die Civilisation ist ein Fluch; der Mensch wurde als Wilder geboren und befindet sich im Zustande der Wildheit am glücklichsten. Glauben Sie mir, er ist seit unzähligen Zeitcyklen immer und immer wieder civilisiert worden, aber der Wilde kann aus ihm nicht herausgetrieben werden, und wenn er nur kann, kehrt er mit der erstaunlichsten Leichtigkeit zu seinem Urzustand zurück. In der Civilisation sind wir auf tausend Arten gefesselt, wenn wir unseren natürlichen Impulsen die Zügel schießen lassen wollten; im Urzustand wären wir viel zufriedener. Ich zum Beispiel bin nicht halb so civilisiert wie mein Ich, das ich begraben habe – ich habe es Ihnen doch erzählt, nicht wahr? Und als eine natürliche Folge davon bin ich viel glücklicher. Das andere Ich war ein furchtbar gewissenhaftes Wesen, das sich immer bemühte, Gutes zu thun, die unmögliche Vollkommenheit zu erreichen, seine Nebenmenschen zu bekehren, zu lieben, zu unterstützen und zu trösten – war das nicht dumm? Ja, mein anderes Ich war ein ausgemachter Narr: es malte Engel, poetische Ideale und ätherische Visionen, und für alle seine Mühe nannten ihn die Kunstkritiker einen Esel! A propos, Kunst . . . da Sie einmal hier sind, sollen Sie mein letztes Werk sehen . . . es ist jetzt zu gar nichts nütze, aber in hundert Jahren wird es vielleicht etwas wert sein.«

»Ist's das dort?« fragte ich, auf die kopflose Venus deutend.

»Das? O nein, das ist nur eine Studie á la Rubens. Das aber ist mein Meisterstück!«

Er sprang erregt vom Sessel auf und näherte sich der gegenüberliegenden Wand, die, was ich früher nicht bemerkt hatte, mit einem dunklen Vorhang bedeckt war, während der Knabe, wie automatisch die Bewegungen seines Beschützers nachahmend, ihm folgte und sich neben ihn auf den Fußboden setzte. Langsam, mit zögernder Zärtlichkeit, zog er die Draperie beiseite und stieß zugleich ein Fenster auf, so daß das Licht voll über die Leinwand fiel. Ich starrte wie fasciniert und doch abgestoßen darauf hin. Der Hintergrund war so dunkel grundiert, daß ich den Sinn nicht gleich erfaßte. Allmählich begriff ich. Es war das Innere einer großen Kirche oder Kathedrale, nur von ein paar mattbrennenden Lampen erhellt. Vor dem Altar kniete ein Priester, das Gesicht von Zorn und Schmerz entstellt, mit den bloßen Händen einen Sarg aufreißend. Ein Teil des zerbrochenen Deckels ließ ein Frauengesicht sehen, von noch seltsam verführerischer Schönheit, obwohl der Pinsel des Künstlers die bläulichen, entstellenden Schatten des Todes angedeutet hatte, die sich um Augen, Nasenlöcher und Mundwinkel zu zeigen begannen. Unter dem Bilde stand in deutlichen Buchstaben: »O Gott, gieb mir dies Weib zurück!«

Die Qual eines ganzen Lebens war in diesem furchtbaren Bilde ausgedrückt, und auf mich machte es einen erschütternden Eindruck. Ich dachte an Silvion Guidél und meine Füße zitterten, als ich nähertrat, um es zu betrachten. Das wilde Kind sah mich an und stammelte, auf das Bild deutend:

»Schön! Schön! Er stirbt! Nicht wahr, er stirbt?«

Gessonex hörte es und lachte.

»Ja, er stirbt. Er stirbt an enttäuschter Liebe, wie wir alle an irgend einer Täuschung sterben, wenn es auch nur die Täuschung ist, daß wir zu atmen glauben. Was halten Sie davon, Beauvais?«

»Es ist ein herrliches Werk!« sagte ich und sprach die Wahrheit.

»Ja, das weiß ich,« antwortete Gessonex stolz. »Aber trotzdem will ich lieber wie eine Ratte in ihrem Loch hungern, als es verkaufen.«

Ich sah ihn erstaunt an.

»Warum?«

»Warum? Weil ich nach meinem Tode für meinen Namen Reklame gemacht haben will, und die einzige Art, dies zu thun, ist, das Bild Frankreich zu schenken! Wenn Frankreich nichts dafür zu zahlen haben wird, wird es mit Lob freigebig sein, und die Kunstkritiker, wohl wissend, daß meine Knochen keinen Nutzen mehr davon haben werden, werden die Welt mit ihren Lobeshymnen aufstürmen!«

Er ließ den Vorhang über das Bild fallen und wandte sich zu mir.

»Sagen Sie mir, Beauvais, haben Sie seit jener Nacht noch einmal Absinth getrunken?«

»Natürlich, sehr oft.«

Seine Augen blickten mich sonderbar prüfend an, dann ergriff er meine Hand und schüttelte sie heftig.

»Das ist recht, das freut mich! Nur lassen Sie sich von der reizenden Fee nicht überrumpeln, Beauvais, behalten Sie immer die Oberhand, wie ich!«

Das war nicht wahr, ich wußte es; niemand liebt Absinth mit lauer Wärme, sondern immer voll und ganz.

»Kommen Sie!« rief er plötzlich. »Lassen Sie uns lustig sein! Gehen wir in die Morgue!«

»In die Morgue?« wiederholte ich, zurückfahrend, denn ich war einmal dort gewesen, und der Anblick hatte mir Grauen eingeflößt – »warum gerade in die Morgue?«

»Weil es dämmert, lieber Freund, und weil der Zauber des elektrischen Lichtes die Toten verklären wird. Wenn Sie zu dieser Stunde noch nicht dort waren, so werden Sie etwas Neues sehen. Ich ziehe es dem Theater vor – bitte, entziehen Sie mir Ihre Gesellschaft nicht!«

Ich bedachte mich einen Moment, und dann beschloß ich, mit ihm zu gehen. Er setzte den Hut auf und wandte sich zu dem Kinde.

»Warte, bis ich zurückkomme, mein Affe,« sagte er, seine zerzauste Mähne streichelnd. »Vorläufig habe ich nichts für Dich.«

Als ich dies hörte, zog ich ein paar Francs aus der Tasche und reichte sie dem Knaben. Einen Augenblick starrte er das Geld an, als ob er seinen Augen nicht traute, dann stieß er einen schrillen Schrei aus, sprang auf und rannte wie eine gehetzte Antilope die winklige Treppe hinab, während Gessonex ihm lachend nachblickte.

»Ein komisches, kleines Geschöpf!« sagte er. »Jetzt wird er mit den zwei Silbermünzen allerlei Dinge einkaufen, aber er wird keinen Bissen berühren, bis ich zurückkomme. Er ist wie ein Hund, liebt mich, weil ich ihn füttere, und darin gleicht er, obwohl er ein Barbar ist, des reichen Mannes civilisierten, armen Verwandten!«



Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wir verließen zusammen das Haus und schritten durch die elende Gasse, in der es lag, wobei ich scharf nach rechts und links blickte, um zu sehen, ob unter den Frauen, die unter den verschiedenen Hausthüren miteinander plauderten, sich nicht auch Pauline befinde. Aber nein, sie waren alle alt, häßlich, von Krankheit und Hunger entkräftet, und sie sahen uns kaum an, obwohl der phantastische Gessonex sich die Mühe gab, den Hut vor ihnen zu ziehen, trotzdem keine von ihnen, nicht einmal zum Scherz, den Gruß erwiderte. Wir hatten bald die Straßen durchschritten, welche zwischen Gessonex' Wohnung und der Morgue lagen, und langten bei dem langen, niedrigen Gebäude an, als eben eine bedeckte Bahre hineingetragen wurde. Gessonex berührte sie in vertraulicher Weise.

»Wer spaziert da?« fragte er scherzhaft.

Einer der Träger sah auf und lachte.

»Nur ein Kind . . . überfahren.«

»Nur das!« Gessonex zuckte die Achseln. »Wie uninteressant!«

Wir traten Arm in Arm in das unheimliche Haus; das Licht war noch nicht voll aufgedreht, und nur ein blasser Schimmer zeigte uns die Platte, auf der die unbekannten Leichname Seite an Seite gelegt zu werden pflegen, während vom Dach aus eiskaltes Wasser auf sie niederrieselt. Im Augenblick waren nur zwei vorhanden – das überfahrene Kind war weggetragen worden, »um Toilette zu machen«, ehe es zur Schau gestellt werden konnte. Außer uns waren nur noch vier oder fünf Personen anwesend; das Licht war trübe, und Gessonex beklagte sich laut darüber.

»Zum Teufel, wir sind nicht in den Katakomben!« rief er. »Wenn ein großer Künstler wie ich herkommt, die Toten anzusehen, so will er sie sehen, nicht ihre Umrisse erraten!«

Die Anwesenden starrten ihn an, lächelten dann und schienen ihm beizupflichten; in der Thür erschien jedoch plötzlich ein würdig aussehender Beamter, der, nachdem er Gessonex erkannt hatte, sich höflich verbeugte.

»Pardon,« sagte er entschuldigend, »das Licht soll sofort aufgedreht werden. Es sind heute nur wenig Zuschauer.«

Gessonex lachte und schlug ihn auf die Schulter.

»Ha, Sie sind sparsam, lieber Freund!« sagte er. »Sie kargen selbst den Toten ihre letzte Laterne auf dem Wege zum Styx ab! Sie haben noch nichts vom Styx gehört? Thut nichts! Lassen Sie es nur licht werden; vielleicht finden wir Bekannte . . . Der eine sieht im Zwielicht erstaunlich massiv aus; ein wahrer Herkules!«

Der Beamte lächelte. »Dieser Leichnam wurde vor zwei Tagen in der Seine gefunden, und der Herr weiß ja, daß das Wasser einen Leichnam nicht gerade sehr schön auftreibt.«

Mit diesen Worten und einem liebenswürdigen Nicken verschwand er, und etwas, ich weiß nicht was, bewog mich, sorglos eine Melodie vor mich hinzusummen, während ich das Gesicht an die Glaswand drückte und hineinstarrte. Plötzlich flammte das Licht weiß, glänzend und blendend auf . . . im ersten Augenblick sah ich nichts, dann aber hörte ich Gessonex sagen:

»Die alte Frau ist schöner als der junge Mann, Beauvais. Der Tod durch Vergiftung ist augenscheinlich beruhigender für die Muskeln als der Tod durch Ertrinken.«

Ich sah hin, und allmählich nahm mein Blick die Scene auf. Der erste Körper, der mir am nächsten lag, war der jener Frau, von welcher Gessonex sprach; einer von den Nebenstehenden begann ihre unglückselige Geschichte zu detaillieren, daß sie sich in einem Anfall von Wahnsinn vergiftet habe. Ihre Züge waren ganz ruhig, und die kleinen Wassertropfen rieselten wie Perlen von ihrer runzligen Haut ab. Aber das andere, das etwas abseits lag . . . die andere dunkle, bläuliche Masse . . . war es, konnte es der sterbliche Teil eines Menschen sein?

»Was ist das?« fragte ich, darauf deutend, wohl ein wenig unsicher, denn meine Schläfen klopften und ich hatte ein eigentümliches, würgendes Gefühl im Halse, das mir das Sprechen erschwerte.

»›Das‹ war ein Mensch, ist's jetzt aber nicht mehr,« antwortete Gessonex leichthin. »Jetzt ist es ein ›Es‹, und ein ganz abscheuliches Es, so abscheulich, daß ich es näher besehen muß. Kommen Sie, Beauvais, Herr Jéteaux kennt mich sehr gut und wird uns hineinlassen.«

Herr Jéteaux war der Beamte, der früher mit uns gesprochen hatte, und als Gessonex ihm erklärte, daß er eine Skizze des Ertrunkenen anfertigen wolle, außerhalb der Glaswand aber die Züge nicht aufnehmen könne, gestattete er uns sofort, einzutreten.

»Freilich ist das Gesicht kaum noch ein Gesicht zu nennen,« meinte Herr Jéteaux mit liebenswürdiger Gleichgültigkeit. »Man kann die Züge fast nicht mehr unterscheiden; das sonderbarste aber ist, daß die Augen nicht zerstört worden sind. Er muß doch mindestens drei Tage im Wasser gelegen haben und ist seit zwei Tagen hier, aber die Augen sind wie Steine und fast gar nicht verletzt.«

Dabei begleitete er uns dicht vor die Marmorplatte, und der Tote lag vor uns. Der Anblick war so furchtbar, daß selbst Gessonex erschrak, während ich, von einem Schwindel ergriffen, zurücktaumelte. Ich kannte diese Augen, und hätte ich noch einen Zweifel gehegt, so wäre er von der Narbe über der linken Schläfe widerlegt worden, die, weil das durchnäßte Haar gänzlich von der Stirn zurückgestrichen war, deutlich sichtbar ward. Ja, alles, was sterblich war von Silvion Guidél, lag vor mir, doch soviel ich weiß, gab ich kein Zeichen von Schuld oder Entsetzen. Aber um mich her war lautes Singen und Tosen, wie das Geräusch eines zornigen Stromes, dessen Flut steigt . . . mein Gehirn drehte sich, und ich hielt den Blick starr auf den Körper gerichtet, bloß weil ich unfähig war, einen Muskel zu rühren oder ein Wort hervorzubringen. Die kalte, geschäftsmäßige Stimme des Herrn Jéteaux aber brachte mich beinahe außer Fassung.

»Die Kleider beweisen, daß er ein Priester war,« sagte der Beamte und deutete auf ein paar Kleidungsstücke, die gerade über dem Toten aufgehängt waren (ich erkannte sie wohl!) – »aber von welchem Orden er ist und von wo er kommt, weiß niemand. Wir fanden eine Börse mit Geld bei ihm – so daß ein Verbrechen also ausgeschlossen erscheint – und ein Brevier ohne Namen. Er ist nicht identifiziert worden und wird sich nicht mehr lange halten – morgen kommt er weg.«

»Wohin?« fragte ich; meine Stimme klang so erstickt, daß ich heftig hustete, um es mit Heiserkeit zu entschuldigen.

Gessonex lachte. Er war eifrig beschäftigt, von dem Toten eine Bleiskizze zu machen.

»Wohin? Lieber Freund, in die schöne ›Grube‹, wohin wir alle kommen. Freilich können wir unsere eigene haben, wenn wir für einen solchen Luxus zahlen können, aber wir machen die Erde fruchtbarer, wenn wir uns alle in eine Furche werfen lassen – es ist für unsere Nachkommen besser, und wir können so gefällig sein. Die allgemeine ›Grube‹ aber ist das schönste Grab, weil es alle gleich macht. Dieser Mann,« er fügte seiner Skizze ein paar ausführende Striche hinzu, »muß einmal schön gewesen sein.«

Jéteaux lächelte ungläubig.

»Der Herr ist ein Künstler und sieht Schönheit auch dort, wo sie nie existiert hat,« meinte er höflich.

»Durchaus nicht,« antwortete Gessonex, noch immer eifrig mit dem Bleistift arbeitend. »Dieser Körper ist vom Wasser aufgeschwollen worden, aber man kann seine natürlichen Umrisse noch erraten. Die Glieder waren schön geformt, Schultern und Brust stark und edel gebaut . . . das Gesicht . . . ja, das Gesicht mag einmal schön gewesen sein, denn Spuren davon sind noch vorhanden, die Augen aber waren sicherlich bemerkenswert.«

»Dennoch sehe ich nicht ein, warum Sie eine Skizze von ihm machen,« warf ich gereizt ein.

Gessonex zuckte die Achseln.

»Nur des Studiums halber,« erwiderte er. »Sehen Sie,« und er berührte den Hals von dem, was einst Silvion Guidél gewesen, »die Arterien hier sind geschwollen, und zwar in einer Weise, daß man fast glauben könnte, er sei erwürgt worden. Hier die Muskeln des Beines sind so angespannt, als hätten sie sich mit ganzer Gewalt gegen einen widerstrebenden Körper gestemmt. Ich bin nicht umsonst ein Künstler,« fuhr er, zu Jéteaux gewendet, fort, »und ich versichere Sie, das Leben ist nicht leicht und nicht freiwillig aus diesem Priester entflohen; er ist wahrscheinlich ermordet worden.«

»Der Teufel hole ihn und seine anatomischen Kenntnisse!« dachte ich. »Warum kann er nicht den Mund halten!«

Aber Herr Jéteaux lächelte und zuckte ebenfalls ungläubig die Achseln.

»Aber, lieber Herr, für ein Verbrechen liegen gar keine Beweise vor,« sagte er. »Und dann – ein Priester! Übrigens muß er morgen begraben werden – er hält sich nicht länger!«

Dieser Gedanke belustigte mich außerordentlich. Er ließ sich nicht mehr »halten«! Da lag er, der wackere Silvion Guidél, einst schön wie Antinous, geistreich, witzig und geliebt, und ich hätte ihn identifizieren können, und doch erriet, ahnte niemand das Geheimnis zwischen diesem stillen Toten und mir!

»Lassen Sie mich Ihre Skizze ansehen!« sagte ich zu Gessonex, als wir die Morgue verlassen hatten und einen Augenblick stehen blieben, um unsere Cigarren anzuzünden.

Er reichte sie mir. »Nicht übel! Aber Sie haben die Augen so groß wie Theetassen gemacht. ›Guter Gott,‹ scheinen sie zu sagen, ›gieb mir die Gnade, nur einmal zu lieben!‹ Was ist das Leben ohne Liebe!«

Dabei zerriß ich mit einer Miene völliger Bewußtlosigkeit die Skizze in winzige Stücke und ließ sie vom Winde forttragen. Gessonex stieß einen leichten Ausruf aus.

»Zum Teufel! Wissen Sie, was Sie gethan haben, Beauvais?«

Ich starrte ihn an. »Nein. Was?«

»Sie haben meine Skizze zerrissen.«

»Wirklich? Ich habe es nicht gewußt, mir war, als sei es ein leeres Stück Papier. Verzeihen Sie, ich werde jetzt oft so furchtbar zerstreut, seit – seit ich mich an das Absinthtrinken gewöhnt habe.«

Er fuhr nervös zusammen.

»Gott, haben Sie sich wirklich daran gewöhnt?«

»Ja,« antwortete ich kurz.

Er starrte mich an und schien zu zittern; dann lächelte er.

»Gut . . . aber Sie müssen auch die Folgen tragen!«

»Ich finde die Folgen sehr angenehm – vorläufig.«

»Ja, bis . . .« Er brach ab und sah sich um – er hatte mich schon mehrmals durch dieses rasche Umblicken erschreckt und geärgert. – »Sehen Sie ihn?« fragte er hastig, während ein eigentümlicher Ausdruck in seine Augen trat.

»Sehen? Wen?« fragte ich erstaunt.

Er lachte.

»Einen Freund . . besser gesagt, einen Gläubiger. Er will, daß ich ihn bezahle . . . und ich habe keine Lust, mit ihm abzurechnen . . . noch nicht!«

Wir standen an der Ecke einer sehr ruhigen Straße; ich sah von rechts nach links, in die Runde, aber außer uns beiden war kein Mensch zu sehen.

»Sie träumen, Gessonex,« sagte ich achselzuckend.

Er lächelte – sehr seltsam, kam es mir vor.

»Sie thun es auch,« antwortete er lächelnd »Sie träumen auch, ich weiß es . . . ich kenne alle seine Freuden und seinen Wahnsinn. Aber man wacht auch auf . . . Sie werden auch erwachen . . .« Er hielt inne und fügte langsam hinzu: »Es thut mir leid, daß Sie meine Skizze zerrissen haben.«

»Mir auch, mein Lieber,« meinte ich, an meiner Cigarre ziehend, »aber es war ein häßliches Andenken; warum wollen Sie so etwas aufbewahren?«

»Um mich an den Tod zu erinnern,« antwortete er, »um mich zu überzeugen, wie häßlich und abstoßend die Schönsten unter uns werden, wenn die Seele aus uns fort ist. Gott, wenn man es bedenkt; und doch, so lange die Seele noch in uns ist, werden wir geliebt, wirklich geliebt!«

»Während das Leben in uns ist, meinen Sie,« sagte ich kalt. »Es giebt keine Seele, behaupten die Positivisten.«

»Seele – Leben,« murmelte Gessonex träumerisch; »ist das nicht eins und dasselbe? Ich denke. Das Lebensprinzip, die seltsame, ätherische Essenz, welche das Blut färbt, die Nerven anspannt, die Augen erhellt und das Gehirn in Thätigkeit setzt – wir nennen es Leben – aber es ist mehr als Leben – es ist Geist. Und stellen Sie sich vor, Beauvais, es liegt in unserer eigenen Macht, dies feine Ding, was es auch sei, aufzuheben – wir können einen Menschen töten, und siehe, die Essenz ist fort. Wir können uns auch selbst töten, mit demselben Resultat – nur, was wird aus uns?«

»Nirvana, nichts!« antwortete ich leichthin. »Das ist die buddhistische Idee ewiger Seligkeit, eine Idee, die jetzt in Paris sehr in Mode ist.«

»Mode in Paris!« wiederholte er bitter. »Ich bitte Sie, Beauvais, nehmen Sie nicht die Pariser Ansichten an. Selbst in dem scheinbaren kleinen Raum ist mehr als ›nichts‹,« und er sah sich wie furchtsam um – »Glauben Sie mir, es giebt kein ›Nichts‹. » Er hielt inne, lachte ein wenig und fuhr mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen unangenehmen Gedanken fortwischen. »Gute Nacht, ich muß zu meinem enfant terrible zurück, das ohne mich hungert. Ich wollte, Sie hätten die Skizze nicht zerrissen.«

»Ich wollte es auch, da Sie so daran zu hängen scheinen,« sagte ich, zwischen Ärger und Schreck schwankend – das letztere Gefühl suchte ich so gut wie möglich zu verbergen – »sollen wir in die Morgue zurückgehen, damit Sie sie nochmals anfertigen können?«

»Nein, nein, ich könnte diese Augen nicht mehr ansehen, sie enthielten eine Anklage!«

Ich erzwang ein Lächeln.

»Wie unangenehm Sie heute sind, Gessonex!« sagte ich nachlässig. »Ich werde Sie Ihren eigenen Betrachtungen überlassen. Auf Wiedersehen!«

»Warten Sie!« rief er eifrig und faßte meine Hand. »Ich bin heute unangenehm, wie Sie sagen, aber ich bin's nicht immer. Wir werden uns bald wieder treffen, und dann werden Sie sich sehr unterhalten. Wo kann ich Sie hie und da treffen?«

Ich bezeichnete ein Café auf dem Boulevard Montmartre, den Lieblingsaufenthalt der Absintheure.

»Ah!« rief er lachend. »Ich kenne es – es ist mir zu großartig, ich hasse das Licht, die Vergoldung, die bunten Tapeten, aber es thut nichts, ich komme einmal abends hin. Erwarten Sie mich!«

»Wann?« fragte ich.

»Bald! Sobald meine Gläubiger mir erlauben, in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Guten Abend!«

Er zog mit seinem gewöhnlichen phantastischen Schwung den Hut, lächelte, und war fort. Ich seufzte erleichtert auf. Die Spannung meiner Nerven war zu groß gewesen – ich hätte seine Gesellschaft schwerlich länger ertragen können. Dann sah ich mich um. Ich befand mich in einer sehr stillen Gegend; es standen ein paar Bäume, und unter den Bäumen waren Bänke – aber es war zu nahe dem Flusse, viel zu nahe. Entschlossen wandte ich mich ab und schritt weiter, weiter, bis ich mich in der lebhaften und glänzend beleuchteten Avenue de l'Opéra befand. Hier sah ich plötzlich einen Mann in dem engen, schwarzen Gewand eines Priesters vor mir hergehen. Das ärgerte mich, ich hatte keine Lust, an Priester erinnert zu werden. Konnte ich dem langsam dahinschlendernden Narren nicht zuvorkommen? Ich beeilte meine Schritte und holte ihn ein . . . ging an ihm vorüber . . . sah mich um und erkannte Silvion Guidél . . .

Silvion Guidél, bleich, verträumt wie immer, nur – als ich ihn anstarrte, teilten sich seine Lippen in dem furchtbaren, höhnischen Lächeln, das ich in dem Gesicht des Toten in der Morgue bemerkt hatte. Ich führte einen zornigen Schlag gegen ihn – meine Faust ging durch seinen anscheinend festen Körper . . . er verschwand vor meinen Augen! Ich fluchte und stampfte, da schleuderte mich eine Hand zur Seite.

»Fort!« sagte eine rauhe Stimme. »Der Kerl ist zu sehr betrunken.«

Betrunken! Ich! Alle meine Kräfte zusammenraffend, begann ich so rasch wie möglich zu gehen, meine ganze Energie auf die Bewegung konzentrierend, um nur nicht denken zu müssen. Bald erreichte ich das Café, wo ich ein häufiger Besucher war, verlangte das eine, das einzige Elixir meines Lebens, den gesegneten Betäuber des Gewissens, den Verwirrer der Gedanken, und trank und trank so lange, bis jede Ader in mir brannte, jeder Tropfen Blut wie sengendes Feuer durch meinen Körper brauste und ich hinauslief in die stille, kühle Nacht, immer weiter, immer weiter . . .



Vierundzwanzigstes Kapitel.

Seit mehreren Stunden lag ich in dumpfer Betäubung auf dem Pflaster, als die unsanfte Sorgfalt eines Gendarmen mich zu mir brachte, indem er mich anfaßte und hin und her schüttelte, als sei ich ein Sack Weizen.

»Steh auf, Bestie!« brummte er. »Um neun Uhr früh betrunken! Ein netter Anfang für den Tag!«

Ich stellte mich auf die Füße und starrte ihn an.

»Lassen Sie mich in Ruhe!« sagte ich hochmütig.

Er fing zu lachen an.

»Ah, ein feiner Herr! Sieht schon danach aus! Wohl einer aus der alten Aristokratie?«

Dabei hob er meinen Hut auf – er war auf der einen Seite ganz eingedrückt – und reichte ihn mir mit einer Verbeugung. Ich sah ihn so fest an, wie ich konnte – vor meinen Augen schien alles zu flackern und zu tanzen – aber ich erinnerte mich, daß ich noch etwas Geld in der Tasche hatte. Ich suchte und zog ein Zwanzigfrancsstück hervor.

»Was wissen Sie von feinen Herren oder Aristokraten!« sagte ich. »Da« – und ich ließ das Goldstück in seine rasch ausgestreckte Hand fallen – »das ist jetzt etwas anderes, mein Freund, nicht wahr?«

Er zog den Hut, und das Gelächter war jetzt auf meiner Seite. »Gewiß, mein Herr, gewiß,« murmelte er verlegen, indem er das Geld einsteckte. »Bitte tausendmal um Verzeihung, aber Sie wissen . . . die Pflicht! Nun . . . ich habe die Ehre, mein Herr!«

Und er zog sich mit so viel Würde zurück, wie es ihm seine höchst unwürdige Lage erlaubte, nämlich, daß er Geld nahm, um eine Bestie zu einem Herrn zu machen. Sein erster Ausruf bei meinem Anblick war ehrlich und wahr gewesen, er wußte das, und ich wußte es. Aber zwanzig Francs bewogen ihn, zu sagen: »Mein Herr, ich habe die Ehre!« Armer Teufel! Er war nur einer von den Tausenden gleich ihm in dieser komischen Welt, in der so viel bombastisches Geschwätz über Pflicht und Ehre herrscht!

Neun Uhr morgens! So spät. Ich sah mich um und bemerkte, daß ich mich dicht neben den Champs Elysées befand; wie ich hierher gekommen, wußte ich nicht, ebenso wenig, wie ich die Nacht verbracht hatte. Ich fühlte eine tödliche Schwäche und war so unsicher auf den Füßen, daß ich genötigt war, langsam zu gehen. Mein Hut war rettungslos ruiniert; ich setzte ihn auf, zerdrückt und verbogen, wie er war, und mit meiner beschmutzten Wäsche, den unordentlichen Kleidern und dem ungekämmten Haar muß meine Erscheinung an diesem schönen, hellen Morgen nicht besonders einnehmend gewesen sein. Aber was lag mir daran! Wer sollte mich sehen? Wer würde mich erkennen? Halblaut eine Melodie vor mich hinsummend, taumelte ich weiter, aber die furchtbare Schwäche wurde mit jedem Schritt größer, und endlich beschloß ich, mich eine Weile niederzusetzen, um mich zu erholen. Ich schwankte blindlings auf eine Bank unter den Bäumen zu und fiel fast darauf nieder, wobei ich heftig gegen einen alten, würdig aussehenden Herrn stieß. Ich murmelte ein paar schwache, entschuldigende Worte, aber der laute Schrei, den er ausstieß, rüttelte mich erfolgreicher auf, als es eine kalte Dusche hatte thun können.

»Gaston! Großer Gott, Gaston!«

Ich starrte ihn an, meine Augen blinzelten in dem hellen Sonnenschein – wer war dieser nette, respektable, alte Herr, der mich totenbleich, wie einen Geist anstierte?

»Gaston!« rief er wieder.

Ah, jetzt kannte ich ihn! Natürlich, mein Vater! Wirklich, mein Vater, wer hätte das gedacht! Ich fühlte trüb, daß ich das Recht auf seine Verwandtschaft verwirkt hatte, und lachte schläfrig, während ich an meinen verbogenen Hut griff und ihn herabriß, um ihn zu begrüßen.

»Bei Gott, das ist eine unerwartete Begegnung, Vater,« sagte ich. »Ich freue mich, daß Du so gut aussiehst.«

Bleich bis in die Lippen stand er da und starrte mich an, eine Hand um den Goldknopf seines Stockes geklammert, die andere nervös ballend und wieder ausstreckend. Wäre noch ein Gefühl von kindlichem Mitleid in mir gewesen, so hätte ich begriffen, daß der alte Mann eine Erschütterung erlitten hatte, gegen die anzukämpfen, es seines ganzen physischen Mutes bedurfte, und hätte ihn bedauern müssen; so aber fühlte ich eine Art grimmigen Vergnügens bei dem Gedanken, was für eine furchtbare Enttäuschung er eben erleide. Sein Gaston! Ich!

»Meine Anwesenheit in Paris muß Dich überraschen, nicht wahr?« sagte ich. »Du glaubtest mich wohl in Italien?«

Er beachtete meine Worte nicht, sondern schien ganz betäubt zu sein. Plötzlich, wie mit einer übermenschlichen Anstrengung seine Kräfte zusammenraffend, trat er einen Schritt auf mich zu.

»Gaston!« rief er. »Was bedeutet das? Warum bist Du hier? Was ist mit Dir geschehen? Warum hast Du mir nie geschrieben? Wie kamst Du in diese furchtbare Verfassung? Großer Gott, was habe ich gethan, um diese Schande zu verdienen?«

Seine Stimme schwankte, und sein Zorn schien nahe daran, sich in Thränen aufzulösen.

»Was Du gethan hast, Vater!« antwortete ich ruhig. »Ei, nichts. Aber warum sprichst Du von Schande? An Dir klebt nicht die geringste Schande. Kränke Dich nicht. Du stellst mir so viele Fragen auf einmal, und da ich heute nicht besonders wohl bin . . .«

Sein Gesicht veränderte sich im Nu, und er trat hastig auf mich zu.

»Ah, Du bist krank! Du warst krank und hast es mir nie geschrieben,« sagte er sichtlich erleichtert. »Ist es wirklich das, mein lieber Gaston? Dann verzeihe meine Übereiltheit! Nimm meinen Arm und laß Dich von mir nach Hause führen!«

Was für ein guter, einfacher Mensch dies halbvergessene Individuum war, dem ich mein Leben verdankte! Er war bereit, mir seinen Arm zu bieten, er, der geachtete, ehrenhafte Bankier, dessen methodisch regelmäßige Gewohnheiten und fast übertriebene Pünktlichkeit allen seinen Freunden bekannt war, er würde, hätte ich bloß Krankheit vorgeschützt, meine beschmutzte, zerlumpte Gestalt an seinem Arm durch die Straßen geführt haben . . . mich, den Mörder! Ich lächelte; seine Einfachheit war zu aufrichtig, um weiter getäuscht zu werden.

»Du irrst Dich,« sagte ich herb und mühsam. »Ich bin nicht krank. Ich war nur die ganze Nacht auf . . . habe die ganze Nacht über getrunken . . ah, das überrascht Dich? Ich sehe nicht ein, warum! Man geht eben mit seinem Jahrhundert!«

Er trat von mir zurück, und ein Ausdruck von Zorn und Verachtung verdunkelte seine seinen Züge.

»Wenn das ein Scherz ist, so ist das ein sehr schlechter und geschmackloser,« sagte er streng. »Vielleicht willst Du so gut sein, mir zu erklären . . .«

»O gewiß!« Und ich fuhr mit der Hand über mein zerzaustes Haar. »Womit soll ich anfangen? Also, erstens; was das bedeutet? Nun, es bedeutet, daß die Majorität der Menschen Tiere sind und die Minorität achtungswerte Leute; selbstverständlich gehöre ich zu der Majorität. Zunächst: warum ich hier bin? Ich kann es Dir wirklich nicht sagen; ich weiß nicht mehr, wieso ich herkam. Warum ich noch in Paris bin, statt in weniger interessanten Teilen von Europa herumzulaufen? Ich habe keinen Grund gehabt, es zu verlassen, und darum blieb ich. Man kann sich in Paris gerade so gut verlieren wie in einer Wildnis. Ich bin Dir aus dem Wege gegangen, ebenso unseren gemeinsamen Bekannten. Ich habe Dir nicht geschrieben, weil . . nun, weil ich es für das beste hielt, daß Du mich vergißt. Und endlich, Du fragst, was mit mir geschehen ist und was die Ursache meiner jetzigen Verfassung ist. Einfach, ich habe mich einem neuen Beruf zugewendet.«

»Einem neuen Beruf!« wiederholte mein Vater mechanisch. »Was für einem?«

Ich sah ihn fest an, ihn heimlich bedauernd, aber doch nicht entschlossen, ihm den letzten Schlag zu ersparen. »O, ein sehr gewöhnlicher in Paris,« antwortete ich mit erzwungener Nachlässigkeit. »Wohl bekannt, wohl gewürdigt und auch gut bezahlt, wenn auch in anderer Münze. Das beste aber ist, daß man ihn nie mehr verlassen kann, wenn man ihn einmal erwählt hat.«

Der alte Mann richtete sich ein wenig steifer in die Höhe und sah mich mit einem zornigen und doch schmerzlichen Erstaunen an.

»Ich verstehe Dich nicht,« sagte er kurz. »Ich kann nicht glauben, daß das mein Sohn ist.«

»Ich bin's auch nicht mehr,« antwortete ich ruhig. »In dem Leben, das ich gewählt habe, schneidet man alle Bande bloßer Verwandtschaft entzwei. Ich würde Dir von keinem Nutzen mehr sein, noch – verzeih, daß ich das sage – noch Du mir. Was sollte ich mit einem Heim an fangen, ich – ein Absintheur?«

Als das Wort meine Lippen verließ, schien er zu taumeln; ich glaubte, daß er fallen würde und machte unwillkürlich eine hastige Bewegung, um ihm beizustehen, aber er wehrte mich mit einer schwachen, doch beredten Gebärde ab.

»Zurück! Berühre mich nicht!« sagte er mit leiser, zorniger Stimme. »Wie wagst Du mir mit einem so furchtbaren Geständnis gegenüberzutreten? Ein Absintheur, Du? Dies eine Wort schließt ja die Möglichkeit aller Verbrechen in sich! Warum, warum in des Himmels Namen bist Du so tief gesunken?«

»Tief!« wiederholte ich. »Das ist komisch. Nennst Du es ein tiefer Gesunkensein als den Verrat einer Frau? Habe ich nicht gelitten und soll ich nicht getröstet werden? Manche finden einen Trost, indem sie ihre Pflicht thun und ihr Leben einer Idee opfern – ein schöner Lohn erwartet sie am Ende! Ich ziehe es vor, nach meiner Art zu leben, ich bin glücklich – warum bekümmerst Du Dich um mich?«

Seine Augen begegneten den meinen, diese ehrlichen Augen, die nie einen Verrat gekannt hatten, und der unaussprechliche Vorwurf in ihnen traf mich bis ins Herz. Aber ich zeigte es nicht.

»Ist das alles, was Du zu sagen hast?« fragte er endlich.

»Alles! Ist es nicht genug?«

Er wartete, als ob er seine Kräfte sammeln wolle, und als er wieder sprach, war seine Stimme scharf und klingend, fast metallisch in ihrer abgemessenen Deutlichkeit.

»Ja, genug, mehr als genug,« sagte er. »Genug, um mich ohne weiteres Argument zu überzeugen, daß ich keinen Sohn mehr habe. Großer Gott, jedes Verbrechen hätte ich Dir verziehen, jedes Verbrechen wäre mir leicht erschienen gegen diese freiwillige Verschwendung von Intelligenz und Gewissen, ohne die kein Mann seines Namens wert ist!«

Ich blinzelte ihn träg unter meinen halbgeschlossenen Lidern an. Der alte Mann hatte wirklich ein edles Gesicht!

»Schön,« murmelte ich. »Sehr gut gesagt! Natürlich Phrasen – aber sehr schön ausgedrückt!«

Sein Gesicht rötete sich, er faßte konvulsivisch seinen Stock.

»Beim Himmel!« stammelte er, »ich wäre versucht, Dich zu schlagen!«

»Thu's nicht!« antwortete ich lächelnd. »Du würdest Deinen schönen Stock beflecken und Dich vielleicht verletzen. Ich bin es nicht wert.«

Er sah mich in starrem Erstaunen an.

»Bist Du wahnsinnig!« rief er.

»Ich glaube nicht,« erwiderte ich ruhig. »Im Gegenteil, mir scheint, daß Du der Wahnsinnige bist – verzeih mir diese rohe Bemerkung!«

»Ich!« wiederholte er mit einem verblüfften Blick.

»Ja, Du! Du, der Du von den Menschen erwartest, was nicht in ihnen ist, der von allen Tugend und Achtbarkeit verlangt, damit sie die gute Meinung der Welt gewinnen. Die gute Meinung der Welt! Pah, wer, der weiß, wie die Welt sich ihre Meinung bildet, kümmert sich ein Jota um diese Meinung? Ich nicht! Ich habe mir eine eigene Welt erschaffen, wo ich der einzige Gesetzgeber bin, und mein Moralkodex ist eigentlich ganz derselbe, der unter anderen Auspizien von der ganzen Gesellschaft befolgt wird, nämlich: ich thue, was mir gefällt!«

Das stieß ich hastig, halb unverständlich heraus, gleichgültig, ob mein Vater mir zuhörte oder sich in Abscheu abwandte. Er aber hatte seine gewöhnliche Ruhe zurückgewonnen und hob mit einer gebietenden Gebärde die Hand.

»Genug, ich will nichts mehr hören, kein Wort! Und jetzt merke Dir, was ich Dir sage: Erstens wirst Du in dem Leben, das Du Dir erwählt hast, aufhören, meinen Namen zu tragen.«

Ich verbeugte mich mit heiterem Lächeln.

»Das versteht sich von selbst! Ich habe es bereits gethan, denn Deine Ehre ist bei mir in sicherer Hut, obwohl ich mich um die meine nicht kümmere.«

Er fuhr fort, als hätte er mich nicht gehört.

»Mit der Bank hast Du nichts mehr zu thun, auch keinen Anteil daran. An Deiner Stelle werde ich Emil Versoix zum Kompagnon nehmen.«

Ich verbeugte mich abermals. Emil Versoix war meines Vaters Schwestersohn, ein munterer junger Mensch, etwa in meinem eigenen Alter. Wie stolz würde er über die Stellung sein, die ich freiwillig aufgegeben hatte!

»Ich werde Dir das Geld senden, das Dir von Deinem früheren Anteil gebührt,« fuhr mein Vater fort. »Das und nichts mehr. Ist dies verbraucht, so lebe, wie Du kannst; aber komm nicht zu mir, unsere Verwandtschaft ist fortan zerrissen, denn ich weiß, daß das abscheuliche Laster, dem Du huldigst, keine künftige Reue oder Besserung gestattet. Ich hatte einen Sohn,« seine Stimme zitterte, »einen Sohn, den ich zärtlich liebte und auf den ich stolz war – aber er ist für mich verloren, ebenso verloren wie die unglückliche Pauline und der nicht weniger unglückliche Guidél.«

Ich fuhr zusammen.

»Verloren? Silvion Guidél?« stammelte ich. »Wieso? Verloren, sagst Du?«

»Ja, leider,« antwortete er. »Wenn Du es noch nicht gehört hast, so höre es jetzt, denn Du bist an all diesem Unglück schuld. Dein einstiger Freund ging nach Rom, und von Rom ist er verschwunden, niemand weiß, wohin. Alle nur möglichen Nachforschungen sind gemacht worden, aber vergeblich, und seine Eltern sind wahnsinnig vor Schmerz und Verzweiflung. Wie das arme Kind Pauline ist er verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen, und obwohl Mitleid und Verzeihung beide erwarten, wenn sie zurückkehren würden, haben sie nichts von sich hören lassen.«

»Sie sind wahrscheinlich vereinigt,« sagte ich mit einem zornigen Lachen, »in irgend einem versteckten Winkel der Welt und lachen über den Kummer derer, die sie verraten haben.«

Mit einer raschen Bewegung erhob mein Vater den Stock; ich erwartete, daß er mich diesmal schlagen würde; aber er bezwang sich.

»Du Teufel!« schrie er, »ist es möglich . . .?«

»Was?« fragte ich, und auch mein Zorn brach aus.

»Nein, ist es möglich, daß Du von ›Mitleid und Verzeihung‹ sprichst? Mitleid und Verzeihung! Der verlorene Sohn und die verlorene Tochter kommen nach Hause, und das fette Kalb wird ihnen zu Ehren geschlachtet! Was für eine falsche Sentimentalität! Ich, ich war und bin der einzige, der gelitten hat, und weil ich Trost in einer Weise suche, die niemand schadet als mir selbst, werde ich enterbt, verleugnet, ausgestoßen, während nach den beiden Himmel und Erde durchsucht werden, um sie zu Frieden und Glück zurückzuführen. Seltsame Gerechtigkeit der Welt! Aber genug, wozu sollten wir noch weitere Worte darüber verlieren! Du hast Deinen Weg gewählt, ich den meinen, und Du kannst Dich darauf verlassen, auch der vielbetrauerte Silvion Guidél hat den seinen gewählt! Geh! Warum stehst Du da und starrst mich an?«

Ich hatte mich erhoben und kühn vor ihn hingestellt, denn er kam mir jetzt nur wie einer vor, den das Alter geistesschwach gemacht hat und der Recht nicht mehr von Unrecht unterscheiden kann. Niemand befand sich in der Nähe; wir waren in einem abgelegenen Winkel der Champs Elysées, und von den großen Alleen tönte von Zeit zu Zeit das Gelächter und Geplauder spielender Kinder herüber. Er – mein Vater – sah mich mit einem verstörten Blick an, wie einer, der zu Tode getroffen worden ist.

»Kann Kummer so verändern?« sagte er langsam. »Bist Du ein so moralischer Feigling, daß Du von einer bloßen Liebesenttäuschung in der Jugend Deine ganze Laufbahn zerstören lassen willst? Bist Du nicht Mann genug, um sie zu überwinden?«

»Ich überwinde sie auch, aber auf meine Art,« antwortete ich herb. »Ich vergesse die Welt und ihre geleckte Heuchelei, ich kümmere mich nicht mehr darum, ob Frauen treu und Männer ehrenhaft sind . . ich weiß, daß sie es nicht sind, und erwarte es nicht mehr. Ich töte meine Illusionen, eine nach der anderen. Wenn ein edler Gedanke durch meinen Kopf fährt (was nur selten geschieht), so springe ich ihm an die Kehle und erwürge ihn, ehe er Zeit hat, zu atmen. Du siehst mich erschreckt an? Du hast recht, Vater . . . für Dich bin ich gefährlich, denn – ich habe Dich geliebt, und alles, was ich einst geliebt habe, ist mir jetzt ein bloßer Vorwurf, ein Hindernis auf meinem Wege . . . geh mir daher aus dem Wege, wenn Du klug bist! Ich verspreche, Dir aus dem Wege zu gehen. Dein Geld will ich nicht haben . . Du sollst mein Gesicht nicht mehr sehen . . . ich werde sterben und Dir kein Zeichen geben . . . für Dich bin ich ja schon tot . . . vergiß mich also, wie die Toten immer vergessen werden . . .«

»Gaston!« schrie er auf. »Du tötest mich!«

Ich sah ihn ruhig an.

»Nicht doch, Vater, ich töte mich selbst, nicht Dich! Du wirst noch viele Jahre in Frieden und Ruhe leben und in neuer Umgebung den Sohn vergessen, den Du verloren hast. Denn Du bist kein Feigling, aber ich bin es! Ich fürchte mich vor dem Leben, das in mir klopft; es ist mir wie eine scharfe Klinge, die ihre Scheide durchfrißt – ich thue mein möglichstes, um sie abzustumpfen! Mache mir keine Vorwürfe mehr, denke nicht mehr an mich, ich bin Dein Bedauern nicht wert und ich will nicht bedauert werden. Aber wir wollen als Freunde scheiden. Adieu!«

Ich streckte meine Hand aus. Er sah sie an, berührte sie nicht, sondern legte entschlossen den Stock auf den Rücken und faltete beide Hände darüber. Sein Gesicht war noch bleicher als zuvor, die Lippen waren fest geschlossen, und sein Blick glitt mit unaussprechlichem Zorn und Vorwurf über mich hin . . . ich lächelte über diesen Ausdruck würdigen Abscheues, und als er mich lächeln sah, wandte er sich ab.

»Adieu, Vater!« sagte ich nochmals.

Er antwortete weder mit einem Zeichen, noch mit einem Wort, sondern ging mit langsamen, gemessenen Schritten weiter, den Kopf hoch erhoben, den Rücken gerade aufgerichtet – in seiner ganzen Haltung so tadellos wie immer. Niemand hätte denken können, daß er Ärgeres als eine Kugelwunde in der Brust mit sich forttrug; ich wußte es, aber es lag mir nichts daran. Ich sah seiner hohen Gestalt nach, wie sie langsam zwischen den Bogengängen der Bäume verschwand, ohne Bedauern, ohne Reue, eher fast mit einem Gefühl der Erleichterung.



Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Den Rest jenes Tages verbrachte ich in einer seltsamen Art von Schlaftrunkenheit, einem Zustande dumpfer Gleichgültigkeit gegen alles, was zunächst geschehen sollte. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich dachte, denn die Fähigkeit zu denken war wie paralysiert. Das Gespräch, welches ich mit meinem Vater gehabt hatte, verblaßte zu einer matten, verschwommenen Erinnerung; es schien vor Jahren stattgefunden zu haben, nicht vor Stunden. Das ist eben einer der Hauptreize der Absinthfurie: sie macht aus allen Eindrücken ein wirres Chaos, so daß es häufig unmöglich ist, zwischen einem lange vorher und einem eben geschehenen Ereignisse zu unterscheiden.

Den ganzen Tag über schweifte ich wie im Traum in Paris umher, einem Traum, in dem trübe Reflexionen, zweifelndes Erstaunen, unbestimmte Grübeleien hin- und herschwebten, ohne daß ich ihren Sinn und ihre Bedeutung ergriff. Ich lachte ein wenig bei der Vorstellung, was mein Vater gesagt haben würde, hätte er gewußt, was aus Silvion Guidél geworden war, wenn er hätte erraten können, daß ich ihn ermordet hatte. Was er dann wohl gethan hätte? Wahrscheinlich mich der Polizei übergeben, denn er hatte furchtbar übertriebene Ansichten von Ehre und würde nie dazu gebracht werden können, die Gerechtigkeit meines Verbrechens einzusehen, so wie ich es that. Es belustigte mich, daß die dummen Bretagner überall nach ihrem »geliebten« Silvion suchten, während er in dem Schachtgrabe lag und sich in Nichts auflöste. Ja, er war jetzt nichts, er war tot, und doch, ich konnte den Eindruck nicht los werden, daß er noch lebte! Meine Nerven waren in einem Zustande, daß ich ihn in jedem Moment zu sehen erwartete; es kam mir ganz wahrscheinlich vor, daß ich ihm an der nächsten Straßenecke begegnen könne.

An jenem Nachmittag starrte ich in viele Läden, trat auch in einige ein, um nach dem Preise von Dingen zu fragen, die ich nicht zu kaufen beabsichtigte. Es gewährte mir ein phantastisches Vergnügen, die verschiedenen kostbaren Kleinigkeiten in die Hand zu nehmen, die zum weiblichen Schmuck gehören, wie Armbänder, Halsbänder, klingelnde Châtelaines und sonstigen unnützen Tand – Dinge, die Auge und Seele jeder Evastochter bezaubern, die mit ihren hohen Louis-Quinze-Stöckeln über den Asphalt unserer Avenuen klappert. Wie kam es, dachte ich, daß Pauline von Charmilles in diesen Dingen doch nicht ganz so wie die andern ihres Geschlechtes war? Ich hatte ihr in Fülle kostbare Geschenke gegeben, aber sie hatte das Feuer von Silvions leidenschaftlichem Blick vorgezogen, und sein Kuß war ihr mehr wert gewesen als köstliche Perlen oder funkelnde Diamanten. Seltsam, und dennoch war sie das Kind, das mir an jenem ersten Abend fröhlich entgegengelacht und wie ein Schulmädchen von ihren geliebten »marrons glacées« geplaudert hatte!

Damals hätte man meinen können, daß eine Schachtel Bonbons genüge, um ihr die größte Freude zu machen – ein Schmuck würde sie sicherlich in Begeisterung versetzt haben! Und dieses grübchenwangige, kindische, gedankenlose, plaudernde Ding hatte den verhängnisvollen Sprung in den Ocean der Leidenschaft gewagt und dort untersinkend, kämpfend, sterbend, verloren; mit fiebernden Pulsen und vertrockneten Lippen klammerte sie sich noch an den schwachen Anker ihrer Hoffnung, war gern bereit, unterzugehen – nicht nur bereit, sondern dankbar, sogar stolz, unterzugehen, weil es der Tod für die Liebe war! Ein solcher Charakter bei einem so jungen Geschöpf wie Pauline war merkwürdig – so dachte ich wenigstens – und ich fragte mich, ob ich sie so sehr geliebt hatte, wie sie Guidél liebte. Kaum begann ich über diesen Gegenstand nachzudenken, so fühlte ich jenen kalten Schauer über mich kriechen, den ich jetzt kenne. Ich sage Euch, zweifelt, so viel Ihr wollt, daß meine Liebe für Pauline von Charmilles, das alberne Kind, das mich quälte und verriet, unermeßlich größer war, als ich selbst gedacht hatte – – selbst jetzt wage ich es nicht, zu lange bei dieser Erinnerung zu verweilen! Ich liebte sie, wie Männer lieben, die sich der Liebe nicht schämen; jede weiche Locke auf ihrem Haupte war mir teuer, und ich geriet in einen Paroxismus ohnmächtiger Wut, als ich daran dachte, wie sie mich genarrt, verhöhnt und aller Freuden des Lebens beraubt hatte. Manchmal, wenn ich ziellos durch die Gassen schweifte, kam mir der Gedanke, das verlorene Mädchen durch eine praktische Detektivmethode aufzuspüren; aber dieser Plan entbehrte wie alle meine andern Pläne der Klarheit, und ich spielte damit nur in meiner Phantasie wie mit etwas, das geschehen und noch wahrscheinlicher nicht geschehen konnte.

Ich aß an jenem Tage sehr wenig, und als der Abend kam, empfand ich eine große Niedergeschlagenheit und ein Gefühl der Verlassenheit. Wie in der verflossenen Nacht hatte ich Sehnsucht nach Lärm und Licht und begab mich daher auf den Boulevard Montmartre. Hier drängte sich die Menge auf und nieder, wie Ebbe und Flut auf dem Ocean; es war schönes Wetter, und die kleinen Tische vor den Cafés waren bis fast an den Straßenrand hinausgeschoben, während das beständige Geschrei und Geplauder auf dem Boulevard die stille Luft mit unaufhörlichen schrillen Dissonanzen zerriß.

Ja, es ging an jenem Abend sehr lustig auf den Boulevards zu. Ich schlenderte gemächlich in das Café, das ich am besten kannte, wo meine Absinthfee ihren Smaragdtrank mit mehr als gewöhnlicher Kraft braute, und saß noch nicht lange dort, als ich André Gessonex herankommen sah. Ich erinnerte mich, daß ich ihm versprochen hatte, ihn eines Abends in diesem Café auf dem Boulevard Montmartre zu erwarten, obwohl ich nicht vermutet hatte, ihn so bald zu sehen. Er sah netter als gewöhnlich aus; selbst sein zerzaustes Haar war etwas geordnet. Er erblickte mich sofort und kam auf mich zu, mit seinem gewöhnlichen Schwung den Hut lüftend. Dann sah er in mein Glas.

»Das alte Elixir,« sagte er lachend. »Es ist doch eine gesegnete Arzenei für alle Übel des Lebens; fast so gut wie der Tod, nur nicht ganz so sicher in ihrer Wirkung. Sind Sie schon lange hier?«

»Nicht lange,« antwortete ich, ihm einen Stuhl neben den meinen rückend. »Soll ich Ihnen auch eine Portion bestellen?«

»Ja, thun Sie das« – und er strich wie abwesend seinen spitzen Bart, während er mich mit einem vagen, doch lächelnden Blick anstarrte. »Ich will mir ein Journal pour rire kaufen – es hat heute einen Karton, der . . aber vielleicht haben Sie ihn schon gesehen?«

Ich hatte ihn gesehen – es war eine politische Karikatur – aber seine Frechheit hatte selbst mich angewidert. Ich sage »selbst« mich, denn ich ward jetzt nicht leicht empört oder abgestoßen. Auch von Gessonex wunderte es mich, daß er davon sprach, es war doch sonst nicht sein Geschmack. Kurz bejahte ich seine Frage.

»Es ist geschickt gemacht,« fuhr er, noch immer nachdenklich seinen Bart streichend, fort, »und es ist ein Reflex der Zeit, in der wir leben. Der Verkauf davon wird heute mehr Geld einbringen, als ich für eines meiner Gemälde verlangen dürfte. Das ist wieder ein Reflex unserer Zeit! Ich bewundere den Karton und ich beneide den Künstler, der ihn entworfen hat!«

Ich fing zu lachen an.

»Sie! Sie beneiden den gemeinen Menschen, der seinen Stift mit etwas Derartigem befleckte?«

»Gewiß« – und Gessonex lächelte – ein eigentümliches, wie fernes Lächeln. »Er ißt zu Mittag, und ich nicht, er schläft, und ich nicht, er hat eine volle Börse, meine ist leer, und die seltsamste Anomalie von allem: Weil er seinen Lebensunterhalt bezahlt, wird er für ehrenhaft gehalten, während ich, der ihn nicht bezahlen kann, für das Gegenteil gehalten werde. Gemein? Beflecken? Still, lieber Freund, heutzutage giebt es keine Gemeinheit außer Mangel an Geld, und das einzige, womit der Stift eines modernen Künstlers befleckt werden kann, ist, daß er zu einer Arbeit verwendet wird, die nichts einträgt.«

Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und ging auf den kleinen Kiosk zu, wo die Tageszeitungen verkauft wurden; ich beobachtete ihn neugierig, ohne zu wissen warum. Sein Gang war immer affektiert, aber an jenem Abend schien er noch stärker zu schwanken. Ich sah ihn das Journal pour rire in die Hand nehmen und hörte, wie er über den abscheulichen Karton in ein lärmendes Gelächter ausbrach, in das die Verkäuferin einstimmte, und wandte geärgert die Augen von ihm ab, denn ich hatte ihn nie für roh gehalten. Das war mir eine neue Phase seines Charakters, und sie stand ihm schlecht; überdies schien sie eine Art Maske zu sein. Ich blickte also von ihm weg, als ganz plötzlich der scharfe Knall eines Pistolenschusses durch die Luft tönte . . . ein Aufblitzen . . . ein Rauchwölkchen . . . dann ein furchtbares Geschrei des Mädchens im Kiosk, von einem plötzlichen Herzuströmen der Menge gefolgt – und ich sprang gerade zur rechten Zeit auf, um zu sehen, wie Gessonex taumelte und schwer zu Boden fiel. Im Nu hatte sich eine Ansammlung um ihn gebildet; aber ich drängte mich durch die Menge, bis ich ihn erreichte, und dann, dann begriff ich sehr rasch, was geschehen war! Absinth hatte sein Werk gut gethan: Gessonex hatte das menschliche und übermenschliche Recht in seine eigene Hand genommen . . . er hatte sich erschossen. Seine Finger umschlossen noch krampfhaft die Waffe, mit der er die That verübt hatte, aus seinem Munde strömte das Blut, und das Journal pour rire mit seinem abscheulichen Karton lag neben ihm, mit demselben Rot gefärbt. Ein furchtbarer Anblick, ein furchtbares Ende. Meine Angst bemeisternd, beugte ich mich über ihn; ein junger Arzt, der zufällig vorbeiging, beugte sich ebenfalls über ihn und wischte sanft das Blut von seinen Lippen, und an diesen richtete ich eine hastige Frage:

»Ist er tot?«

»Nein, er atmet noch. Aber noch ein paar Minuten, und es ist zu Ende.«

Gessonex hörte es, und seine Hand fuhr leicht über seine Brust hin und her.

»Ja, es ist zu Ende,« murmelte er erstickt. »Das letzte Wort Christi! Das letzte Wort der ganzen Welt . . . es ist zu Ende! Endlich . . . hab' ich bezahlt . . . alles!«

Und mit einem langen Schauder die Glieder ausstreckend, verschied er. Die Züge erbleichten langsam – es war vorüber. Wie im Traum stand ich vom Pflaster auf, kaum die erschreckten und mitleidigen Mienen der Nebenstehenden bemerkend, und sah ein paar Gendarmen vor mir stehen. Sie waren sehr höflich, mußten aber ihre Pflicht erfüllen.

»Kannten Sie ihn?« fragten sie mich, auf den Toten deutend.

»Nur oberflächlich,« antwortete ich.

»Ah! Aber können Sie uns seinen Namen angeben?«

»Gewiß. André Gessonex.«

»Was, der Künstler?« rief jemand neben mir.

»Ja, der Künstler.«

»Gott, welch ein Unglück! André Gessonex! Ein Genie, und wir haben so wenige Genies! Meine Herren, das war André Gessonex! Ein großer Maler, ein großer Franzose!«

Ich hörte verblüfft zu. Ein großer Franzose! Was, nun er tot war, so rasch groß geworden? Ganz verstört hörte ich, wie der Name von Mund zu Mund lief; Leute, die ihn nie gekannt hatten, fingen ihn wie ein Losungswort auf, und in einem Nu hatte sich das Fieber französischer Begeisterung über die Boulevards verbreitet. Der Mann, der es zuerst erregt hatte, sprach immer lauter, wurde immer beredter mit jedem bombastischen Schwall von Worten, den er seinem eifrig aufhorchenden Publikum zuwarf – die Erregung stieg – die Tugenden des Toten wurden verkündet und übertrieben, und seine Talente mit lautem Beifall anerkannt. Eine Bahre ward herbeigebracht, der Körper von Gessonex daraufgelegt und ehrerbietig mit einem Tuch bedeckt. Man befragte mich um die Adresse des elenden Zimmers, wo der Unglückliche um die nackte Existenz gekämpft, und in wenigen Minuten bildete sich eine Prozession, die sich mit jedem Schritte vergrößerte. Frauen weinten, Männer priesen mit echt Pariser Geläufigkeit die großen Gaben eines Mannes, von dem sie bisher kaum gehört hatten, und ich sah mit dumpfem, ungläubigem Staunen zu, wie die sterblichen Überreste André Gessonex' trauernd in sein elendes Dachzimmer zurückgetragen wurden von der launischen, lachenden, weinenden, gedankenlosen Menge von Paris, die ihn hatte verderben lassen, sterben durch eigene Hand!



Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Ein paar Tage verstrichen, und der Rest dieser elenden, kleinen Farce des Ruhmes wurde mit all dem Pomp einer großen Tragödie zu Ende gespielt. Das ärmliche Loch, das dem armen Gessonex sowohl als Arbeits- wie als Schlafzimmer gedient hatte, wurde so hoch mit Rosen- und Lorbeerkränzen angefüllt, daß man vor lauter Blumen kaum in die niedrige Thür treten konnte; alle seine Schulden wurden durch freiwillige Beiträge plötzlich entdeckter Bewunderer bezahlt, und die geringste, unvollendete Skizze, die er hinterlassen, erzielte fabelhafte Summen. Das große Gemälde, den Priester in der Kathedrale darstellend, wurde unverhüllt gefunden, und darüber befand sich ein Papier mit den folgenden Worten: »Frankreich, zum Tausch für ein Grab.«

Und sein Ruhm ging durch das ganze Land. Alles sprach von »Le prêtré«, wie das Bild genannt ward: alle Zeitungen waren voll davon; es wurde ehrerbietig in das Museum von Luxembourg getragen, in einem eigenen großen Raum aufgestellt, mit gebührender Pracht eingerahmt und mit königlichen Purpurfalten geschmückt. Die Leute traten leise ein und schauten bewundernd auf das Grauen und Pathos seiner Geschichte, und geflüstertes Mitleid für des Malers Schicksal war auf den Lippen aller schönen und eleganten Frauen von Paris, die in Mengen herbeikamen und kostbare Kränze sandten, um den Sarg seines toten Schöpfers zu decken. Und ich, ich sah mit sarkastischer Belustigung allem zu; alles, was ich that, war, daß ich von Zeit zu Zeit das blumendurchduftete Dachzimmer betrat, um nach dem seltsamen Knaben zu sehen, den Gessonex als sein »Modell aus der Steinperiode« bezeichnet hatte. Das Geschöpf wollte nicht glauben, daß sein Beschützer tot sei, noch konnte man ihn überreden, einen Bissen zu genießen Nacht auf Nacht, Tag auf Tag hielt er bei den sterblichen Überresten seines einzigen Freundes Wache wie ein treuer Hund; seine ganze Seele schien in seinen großen, hellen Augen konzentriert zu sein, die auf den wächsernen Zügen des Toten mit einer Zärtlichkeit und Geduld ruhten, die fast furchtbar war. Endlich kam die letzte Stunde, die Zeit des Begräbnisses, welches ein öffentliches sein sollte, mit all den Ehren, die vergangener Größe gebühren, und nun wurde das arme »Tier« lästig. Er klammerte sich mit mehr als gewöhnlicher Stärke an den Sarg, und als man ihn wegzureißen versuchte, pfauchte und biß er wie eine Wildkatze. Niemand wußte etwas mit ihm anzufangen, und endlich ward der Entschluß gefaßt, ihn zu binden und mit Gewalt aus dem Zimmer zu entfernen, in dem das arme Kind alles, was es vom Leben wußte, gelernt hatte. Früh an dem Nachmittage, an dem dieser Entschluß ausgeführt werden sollte, trat ich in das Zimmer und schaute ihn an, während ein reges Mitleid über sein Schicksal in mein Herz schlich. Das Sonnenlicht strömte herein und bildete große Muster auf dem Fußboden; Gewinde und Kissen von Immortellen, Lorbeerkränze waren überall aufgehäuft, und in der Mitte dieser aufgeschichteten Blumengaben stand der Sarg. Der Deckel halb weggeschoben, denn der kleine, wilde Wächter ließ ihn nie gänzlich zumachen. Bloß das Gesicht Gessonex' war sichtbar – seine Magerkeit hatte sich in Schönheit verwandelt; stiller Friede war darauf eingezeichnet, und duftende Lilien lagen um seine Stirne, die Wunde in der Schläfe verdeckend und alle Entstellung verbergend. Der Knabe saß unbeweglich neben dem Sarge, augenscheinlich erwartend, daß sein Freund erwachen würde.

»Hast Du Hunger, mein Kind?« fragte ich.

Er sah auf.

»Nein!« Die Antwort war schwach und trotzig, dabei hielt er den Kopf abgewendet.

Ich wartete einen Moment; dann trat ich auf ihn zu und legte ihm sanft die Hand auf die Schulter.

»Höre,« sagte ich langsam und deutlich, denn ich wußte, daß sein Verständnis der Sprache beschränkt war. »Du wartest auf etwas, das nicht geschehen wird. Er schläft nicht, deshalb kann er auch nicht aufwachen. Du mußt mich verstehen – er ist nicht hier.«

Die großen, juwelenhellen Augen des Kindes ruhten ernst auf mir.

»Nicht hier,« wiederholte er. »Nicht hier?«

»Nein,« sagte ich fest, »er ist fort. Wohin? Das ist schwer zu sagen, aber . . wir glauben, nicht weit weg. Sieh« – und ich schob die Blumen, die die Brust des Toten bedeckten, ein wenig beiseite – »dieser Mann ist bleich, er rührt sich nicht, er spricht nicht, er sieht Dich nicht an – kann das Dein Freund sein? Er ist nicht hier – dies weiße, stille Ding ist nicht er – er ist fort!«

Ein Schimmer des Verständnisses schien in seinem Gehirn aufzublitzen, denn er stand plötzlich auf, und ein ängstlicher Ausdruck verdunkelte sein Gesicht.

»Fort?« wiederholte er. »Fort? Warum?«

»Er war müde,« antwortete ich mit einem halben Lächeln. »Er wollte Ruhe und Frieden. Wenn Du ihn suchst, wirst Du ihn gewiß unter den grünen Bäumen finden, wo die Vögel singen und der frische Wind die Zweige schüttelt – wo alle Künstler gern sind, wenn sie der Stadt entgehen können. Das ist nicht Gessonex, sag' ich Dir – warum gehst Du ihm nicht nach und findest ihn?«

»Ja, ja,« murmelte er hastig, »ich geh' ihn suchen – aber – wo denn?«

Nun war die Gelegenheit da, wenn er sich nur überreden lassen wollte, fortzugehen.

»Komm mit mir,« sagte ich, »ich führe Dich zu ihm.«

Er richtete seinen Blick auf mich – den halb scheuen, halb vertrauensvollen Blick eines wilden Tieres, der mich fast beschämte. Er war ein kleiner Wilder und besaß den Instinkt der Wilden für Verrat.

»Nein,« murmelte er entschlossen, »ich geh' ihn suchen, allein – Er ist nicht mehr da?«

Mit dieser Frage, die mehr an sich selbst als an mich gerichtet war, sprang er wieder zu dem Sarg hin und schaute hinein; nun zum ersten Male schien ihm das veränderte Aussehen seines Freundes aufzufallen.

»Das ist wahr,« sagte er erstaunt. »Das ist er nicht. Ich habe die Zeit verloren – ich geh' ihn suchen, aber allein – allein –«

Im nächsten Augenblick war er an mir vorüber, die Treppe hinab und verschwunden. Ich saß einige Zeit still im Zimmer und wartete, ob er zurückkommen würde, aber er kam nicht; er war fort, nur Gott weiß, wohin. Ein wenig später erschienen die Männer, die ihn hätten fortschaffen sollen, und waren sehr froh, als sie ihn nicht mehr fanden, denn sie hatten sich nicht auf den Kampf mit dem kleinen, wilden Geschöpf gefreut. Die Vorbereitungen für die Totenfeier André Gessonex' wurden nun ohne Unterbrechung beendet. Ich aber wußte, daß ich das Kind in Wirrnisse hinausgestoßen hatte, die es sich nie würde erklären können; er würde wahrscheinlich seinen Beschützer suchen, bis er vor Erschöpfung und Enttäuschung starb . . . Aber was that das? Ich konnte ihn nicht zu mir nehmen, und selbst wenn ich es gewünscht hätte, würde er mir nicht vertraut haben. Auf jeden Fall sah ich ihn nicht mehr wieder; ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

Und so kam es, daß das Begräbnis des verhungerten, unglücklichen, halbtollen Malers des »Prêtre« das schönste war, was man seit langer Zeit in Paris gesehen hatte. So viel Pomp und Feierlichkeit – so viele sich bäumende Rappen – so viele geweihte Kerzen – so viele duftende Blumenwagen! Und ich lächelte, als ich die Überreste meines Absinth trinkenden Freundes zu der letzten, langen Ruhe getragen werden sah; ich dachte an seine eigenen phantastischen Träume, in denen er sich sein Ende ausgemalt hatte. Der »Raphael von Frankreich!« so hatte er sich nennen hören, wenn er mir in seiner unzusammenhängenden, aber pittoresken Weise sein eigenes Begräbnis schilderte. Nun, so weit war er ein richtiger Seher gewesen, und indem er die Grenzlinie des Lebens übersprang, hatte er den Ruhm wie einen fallenden Stern erfangen und zu einer Fackel gemacht, die seltsamen Glanz über sein Grab warf. Alles ging ihm nach Wunsch; sein Wesen hatte die beste Verwandlung erfahren, sein Genius war alles und er nichts. Ich wohnte seiner Trauerfeier bis zu Ende bei, hörte einen der berühmtesten Redner Frankreichs sein Lob verkünden, und als alles vorüber war, entfernte ich mich mit den anderen. Ein paar Stunden später jedoch kehrte ich auf den Pére Lachaise zurück und setzte mich allein neben das eben bedeckte Grab. Er hatte einmal gesagt, daß er weiße Veilchen liebe, und ich hatte einem albernen Gefühl nachgegeben und ihm einen kleinen Kranz gekauft. Ich legte ihn auf die frisch aufgeworfene Erde nieder und blieb ein paar Minuten ruhig denkend sitzen. Mein Geist war seit den letzten zwei Tagen klarer, meine Denkfähigkeit, statt gelähmt zu sein, mehr als gewöhnlich scharf. Ich sah zum Himmel auf . . . er war von hellgrauer Farbe, hie und da mit Gold gesprenkelt, denn die Sonne war im Untergehen; dann sah ich wieder auf die weißen Veilchen, die duftend und rein auf all den Lorbeer- und Myrtenkränzen lagen, welche Gessonex' Grab bedeckten.

Plötzlich begannen meine Augen über den Friedhof zu schweifen, der in seiner Art schön ist – eine wahre Stadt der Toten, wo kein rauher Lärm die Luft erfüllt, und allmählich fiel mein Blick auf den Namen »de Charmilles« über dem marmornen Portal einer nahen Gruft. Ich bemerkte, daß ich mich neben der Begräbnisstätte der einst so stolzen Familie befand, die Pauline (nicht ich !) ins Unglück gestürzt hatte, und instinktmäßig aufstehend, schritt ich darauf zu. Sie hatte die Form einer kleinen Kapelle, mit gemalten Glasfenstern und gemeißelten Wappen, und ein Paar marmorne Engel mit erhobenen Schwertern und gesenkten Flügeln hielten vor ihr Wache. Aber vor der geschlossenen Thür kniete noch eine Gestalt, die kein Engel, bloß eine Frau war. Sie war schlank und sehr ärmlich gekleidet; der Abendwind blies ihr dünnes Tuch wie ein Spinngewebe hin und her, aber das späte Sonnenlicht schimmerte auf einer Flechte nußbraunen Haares, die lose über ihren Rücken hing – mein Herz schlug zum Ersticken, als ich hinsah . . . ich wußte, ich fühlte, daß dies Pauline sei. Sollte ich sie ansprechen oder sollte ich warten – warten, bis diese Bußübung im Freien vorüber war, und ihr dann heimlich folgen, um auszuspüren, wo sie in der Wildnis der großen Stadt ein Heim gefunden? Ich sann einen Augenblick nach und entschied mich für das letztere; dann kauerte ich hinter einem der Grabsteine nieder und beobachtete sie. Wie lange sie da kniete! Was für eine Geduld Frauen besitzen! Die Sonne ging unter; der Wind wehte kälter, und endlich, mit einem langen Seufzer, der fast wie ein Stöhnen klang, stand sie auf und schritt langsam, fast schwankend aus dem Friedhof. Ich folgte ihr, auf dem Grase gehend, damit sie meine Fußtritte nicht höre. Einmal drehte sie sich herum, und ich fuhr zurück. Denn ihr Gesicht war noch immer schön und kindlich, obwohl von Kummer verwüstet und von Entbehrung gebleicht – es war noch immer das Gesicht, das meine Seele gefangen und mich zum Wahnsinn getrieben hatte. Wir schritten hinaus in die Gassen, sie und ich – ich immer hinter ihr her, und mehr als eine halbe Stunde behielt ich sie im Auge, den Bewegungen ihrer schlanken Gestalt folgend, wie sie durch die dichte Menge glitt . . . da . . . ganz plötzlich verlor ich sie! Mit einem unterdrückten Fluch stand ich still und spähte nach allen Seiten aus . . . vergebens, sie war fort! War sie auch ein Phantom wie Silvion Guidél? Was für ein Narr war ich gewesen, sie nicht anzusprechen, als sie bei ihres Vaters Grab kniete! Nicht Pietät hatte mich davon zurückgehalten . . . warum hatte ich sie gehen lassen? Zornig über mich selbst, schlenderte ich unzufrieden nach Hause. Ich war vor kurzem umgezogen, denn mein Geld war nicht unerschöpflich, und da ich das mir rechtlich zukommende meines Vaters zurückgewiesen hatte, mußte ich mich frühzeitig an Sparsamkeit gewöhnen. Ich hatte in einem reinlichen und ziemlich anständigen Hause ein paar nette kleine Zimmer genommen . . . denn erst kürzlich bin ich in die Höhle gekommen, wo ich jetzt lebe. Das ist eben der Humor des Absinth – er führt einen nur sanft, Stufe um Stufe, die soziale Leiter hinab, so unbemerkbar, so sorgsam, daß man das Ende gar nicht sieht. Und selbst für mich ist das Ende noch nicht gekommen!



Siebenundzwanzigstes Kapitel.

In den dichteren Teilen des Boulogner Wäldchens glaubt man meilenweit von Paris entfernt zu sein; die Landschaft ist lieblich und friedlich, und Augen, die nicht von großartigen Scenerien gesättigt sind, wird sie gewiß reizend erscheinen. Eines Morgens, etwa um elf, fand ich mich dort ein; plötzlich hatte mich die Sehnsucht überkommen, grüne Bäume zu sehen, den Duft der Fichten einzuatmen und den leichten Wind zu beobachten, wie er über das Gras hinstrich und es zu zarten, grauen und grünen Wellen aufrührte. Ich vermied die Alleen, wo die hübschen, jungen Mädchen von Paris in Begleitung ihrer Gouvernanten zu sehen sind. Ich schlenderte in lauschige Bogengänge, die durch die süße Einsamkeit noch traulicher wurden, und obwohl der Flecken eines Mordes auf meiner Seele lag, war ich fast ruhig. Träumerisch und gedankenlos wanderte ich umher – der Absintheur hat seine Phasen der Ruhe wie andere Menschen, einer Ruhe, die so seltsam und überwältigend ist wie eine plötzliche Ohnmacht, in der die erschöpften Sinne ruhen, und das Gehirn bilder- und eindrückelos ist. So erschrak ich fast gar nicht, als ich, die Zweige auseinanderschiebend, welche einen schattigen Winkel beschützten, etwas sah, was zuerst das Bild einer lesenden Frau schien – bis es endlich körperlichere Formen annahm und ich Heloise St. Cyr erkannte. Sie saß allein auf einer kleinen, primitiven Bank, Gesicht und Gestalt leicht von mir abgewendet; sie war in Schwarz gekleidet, hatte aber den Hut abgenommen und neben sich gelegt, so daß das Sonnenlicht, das durch die Zweige über ihr flimmerte, voll auf ihr herrliches, goldenes Haar fiel. Ihr Kopf war aufmerksam über das Buch in ihrer Hand gebeugt, ihre Haltung voll Anmut und ungekünstelter Ruhe, und als ich sie aus einiger Entfernung beobachtete, kroch ein Gefühl plötzlicher Angst über mich . . . ich zitterte an allen Gliedern. Ein gutes Mädchen, wißt Ihr . . . eine gute, reine Frau ist der furchtbarste Vorwurf, den es auf Erden für einen schlechten Mann giebt. Es ist, als ob der blinde, taube Gott sich plötzlich zu erkennen gebe, als ob er nicht nur sehe und höre, sondern laut anklagend donnere. Viele von uns Männern hängen an schlechten Frauen, bewundern sie sogar . . . warum? Weil sie uns helfen schlecht zu sein, weil sie über unsere Laster lachen und sie pflegen . . . dafür lieben wir sie! Aber gute Frauen . . . die bleiben oft liebeleer und allein, weil sie nicht mit uns schlecht sein wollen. Wir brauchen Spielzeug, nicht Engel, Puppen, nicht Königinnen! Dennoch, wenn der Engel oder die Königin mit ruhiger Verachtung in ihren klaren Augen an uns vorübergeht, so weichen wir zurück und schämen uns – wenn auch nur einen Augenblick lang!

Der Wind bewegte die Zweige – ein Vogel sang leise in den oberen kühlen Blätterdolden, und ich stand, vom Laubwerk geschützt, zögernd da und sah Heloise an, die beste Frau, die ich je gekannt. Plötzlich schloß sie das Buch, hob die Augen und sah in die Landschaft hinaus, von mir fort. Mein Herz schlug heftig, aber ich beschloß, sie anzusprechen, und mit einer hastigen Bewegung schob ich die trennenden Zweige beiseite.

»Heloise!«

Sie fuhr auf – was für ein blasses, verstörtes Gesicht sie mir zuwandte! Erkannte sie mich nicht?

»Heloise,« sagte ich nochmals.

Sie stand nervös auf und blickte von rechts nach links, augenscheinlich zur Flucht bereit, denn sie hielt mich wohl für einen Betrunkenen oder Frechen. Ich hatte vergessen, wie verändert ich war, vergessen, daß ich wie ein Vagabond aussah. Etwas verlegen lachte ich und zog den Hut.

»Sie scheinen mich nicht zu erkennen, Heloise,« sagte ich nachlässig, »dennoch war Gaston Beauvais Ihnen einst kein Fremder!«

O, was für einen staunenden, mitleidigen Blick sie über mich gleiten ließ, was für ein sprachloser Schmerz plötzlich in ihre großen, lieblichen, grauen Augen trat!

»Gaston!« stammelte sie, »nein . . . nicht möglich! Sie, Sie . . . Gaston! O nein, nein . . .«

Und das Gesicht mit ihren beiden weißen Händen bedeckend, brach sie in ein bitteres Weinen aus. Wie gut wäre es gewesen, hätte ich mich damals getötet! Denn mein Herz war bewegt, mein hartes Herz, das, wie ich dachte, in Stein verwandelt war. Ihre Thränen, der aufrichtige Ausbruch des Schmerzes einer reinen Frau, fielen wie Tau auf meine verbrannte Seele; ich empfand ein würgendes Gefühl in der Kehle, versuchte ein- und zweimal zu sprechen, aber vergeblich; und sie . . . sie, das arme Kind, fuhr fort zu weinen. Endlich machte ich eine Anstrengung und trat einen Schritt auf sie zu. »Heloise! Fräulein St. Cyr!« sagte ich unsicher. »Bitte . . . bitte, regen Sie sich nicht so auf! Es war unrecht von mir, Sie anzusprechen . . . Sie waren nicht darauf vorbereitet, mich zu sehen . . . ich habe Sie überrascht, erschreckt . . . ich habe mich sehr verändert, das weiß ich . . . aber ich habe das vergessen . . . verzeihen Sie mir!«

Sie unterdrückte ihr Schluchzen und richtete ihre feuchten Augen voll auf mich. Ich fuhr ein wenig zurück, sie aber streckte ihre zitternden Hände aus.

»Sind Sie's wirklich, Herr Gaston?« murmelte sie erregt. »O, Sie müssen sehr krank gewesen sein! Sie sehen so seltsam, so bleich aus . . . Sie haben sich sehr verändert!«

»Ja, und zum Nachteil, das weiß ich,« unterbrach ich sie ruhig. »Aber Sie konnten doch kaum erwarten, daß ich mich zum Vorteil verändern würde, nicht wahr, Heloise? Haben Sie mich denn nicht selbst vor gar nicht langer Zeit verflucht? Überrascht es Sie, daß dieser Fluch in Erfüllung gegangen ist?«

Sie sank auf die Bank zurück, von der sie sich eben erhoben, und sah mich mit einem erschreckten Blick an.

»Ich habe Sie verflucht?« wiederholte sie mechanisch . . . »ich? O ja, ja . . . ich erinnere mich . . . es war an jenem unglückseligen Tage . . . ich war außer mir vor Schmerz und Zorn – aber glauben Sie mir, noch in derselben Nacht betete ich für Sie! Ich habe immer für Sie gebetet . . . für Sie und meine arme Pauline . . .«

Die weiche Stimmung, welche ihr Anblick in mir erregt hatte, erstarrte plötzlich zu eisigem Cynismus.

»Bei Gott, Frauen sind seltsame Geschöpfe!« sagte ich mit einem bittern Lachen. »Um Mittag verfluchen sie einen Mann, und um Mitternacht beten sie für ihn! Komisch! Aber hüten Sie sich, die Namen unglücklicher Liebender in einem Atem zu vereinigen, selbst im Gebet – wenn Ihr Gott logisch ist, so kann er eine solche Bitte nicht gewähren – zum Beispiel sehen Sie ja, wie er für mich gesorgt hat!«

Ihr Kopf sank herab, ein Schauer lief durch ihren Körper, aber sie schwieg.

»Sehen Sie mich an,« fuhr ich rücksichtslos fort. »Ei, Sie hätten mich ja gar nicht erkannt, wenn ich mich nicht zu erkennen gegeben hätte! Erinnern Sie sich noch an Gaston Beauvais? Was für ein Dandy er war, wie nett und elegant, fast peinlich in der Kleidung? Erinnern Sie sich, wie er nie an etwas anderes dachte, als seine Arbeit gewissenhaft zu erfüllen, keine Schulden zu machen, gegen alle ehrenhaft zu handeln und mit der Welt auf gutem Fuß zu stehen? Er war das dümmste Geschöpf auf der Welt – er glaubte an die Möglichkeit von Glück – er liebte und hielt sich für geliebt! Er wurde betrogen und genarrt wie alle diese vertrauensvollen Einfaltspinsel und nahm die Prügel des Schicksals ziemlich ungebärdig hin. Endlich aber wurde er weise – er sah ein, daß die Männer Dummköpfe und Narren, die Frauen gefallsüchtige Koketten sind, und beschloß zu leben, wie es ihm paßte! Es ist ihm gelungen – da stehe ich, um für seinen Erfolg zu bürgen – ich bin sehr glücklich! Man sagt, daß Frauen die Männer nur nach ihren Kleidern beurteilen; aber wenn Sie das thun, so irren Sie sich. Meine Kleider sind wohl abgetragen, aber ich fühle mich in ihnen wohl, und sie stehen mir besser als ein Hofkleid einem Lakaien. Ich sehe krank aus, sagen Sie – aber ich bin nicht krank, ich lebe bloß lustig« – hier brach ich in ein herbes Gelächter aus, als ich ihren verwunderten, traurigen Blick bemerkte. »Ja, ich bin ein Spieler, ein Müßiggänger, ein Fainéant der Pariser Cafés; ich habe mein Leben in die eigene Hand genommen und es in Stücke gerissen, um es den Hunden hinzuwerfen – und endlich bin ich ein Absintheur, welche Bezeichnung, wenn Sie sie überhaupt verstehen, Ihnen den Schlüssel zu dem Geheimnisse meiner jetzigen Existenz geben wird. Und auf mein Wort, wenn ich an meine einstigen albernen Anstrengungen denke, mit unserem abgenutzten System der Moral in Übereinstimmung zu bleiben, und sie mit meiner jetzigen Freiheit von aller Zurückhaltung und Verantwortlichkeit vergleiche, so habe ich nichts, positiv nichts zu bedauern!«

Während dieser Tirade war das schöne Frauengesicht neben mir immer bleicher geworden; die Lippen waren fest aufeinander gepreßt, die Augen niedergeschlagen. Als ich vollendet hatte, erwartete ich den Ausbruch leidenschaftlicher Vorwürfe, aber nichts kam. Sie nahm ihr Buch auf, bezeichnete mechanisch die Stelle, wo sie zu lesen aufgehört hatte, setzte den Hut auf, obwohl ich ihre Hände zittern sah, und sagte einfach:

»Adieu!«

Ich starrte sie erstaunt an.

»Adieu?« wiederholte ich. »Was meinen Sie? Glauben Sie, daß ich Sie nach so langer Trennung ohne weiteres werde gehen lassen? Es war Juni, als ich Sie zuletzt sah, jetzt ist es Ende September . . .« mit einer unwillkürlichen, flehenden Gebärde streckte ich die Hand aus – »Gehen Sie nicht, Heloise – noch nicht! Ich will mit Ihnen sprechen – ich habe Sie so vieles zu fragen . . .«

»Warum?« fragte sie wie mechanisch. »Sie haben ja nichts zu bedauern.«

Ich verstummte. Ihre Augen ruhten jetzt fest, aber mit einem klagenden Ausdruck auf mir, der mich sehr erregte.

»Sie haben nichts zu bedauern,« wiederholte sie. »Die alten Tage sind für Sie vorüber – wie für mich! Während des Zeitraumes weniger Monate ist der beste, der glücklichste Teil unseres Lebens zu Ende gegangen. Nur,« sie atmete tief auf – »ehe ich gehe – will ich eines sagen – es thut mir leid, daß ich Sie verfluchte oder zu verfluchen schien. Es war unrecht von mir, obwohl nicht ich Sie dazu getrieben habe, Ihr Leben zu zerstören, wie Sie es gethan haben. Ich weiß, daß Sie schwer litten, aber ich hoffte, daß Sie Mann genug wären, um es zu überwinden und zu besiegen. Ich wußte, daß Sie getäuscht wurden, aber ich hielt Sie für großmütig genug, um diese Täuschung zu verzeihen. Ich hielt Sie für den besten, den ehrlichsten Menschen auf der Welt – ich habe nicht erwartet, daß Sie so schwach und – feig sind . . .«

Sie zögerte vor dem letzten Wort, aber als sie es aussprach, lächelte ich.

»Ganz recht, Heloise,« sagte ich ruhig, »ich bin ein Feigling, und ich bin stolz darauf! Die Tapferen laufen um anderer oder um einer Idee willen die größte Gefahr, die eventuellen Erfolge genießen sie aber nicht mit. Diese Mühe vermeide ich, ich bin ›feig‹ genug, um nur mein Behagen und meine Ruhe zu wünschen – die Ehre überlasse ich jenen, denen an ihr liegt – mir liegt nichts an ihr.«

Sie sah mich empört an, und ihre Augen funkelten.

»O Gott, ist es möglich, daß Sie so tief gesunken sind?« rief sie. »War Ihnen Ihre grausame Rache nicht genug? Sie haben Pauline aus ihrem Heim vertrieben; ihr Unglück, das Sie so öffentlich verkündeten, tötete, wie Sie wissen, ihren Vater – selbst der unglückliche Guidél ist geheimnisvoll verschwunden, keine Spur von ihm kann gefunden werden – und mit dieser Verwüstung nicht zufrieden, richten Sie sich selbst zu Grunde? Und warum? Weil ein Kind Ihnen die Treue gebrochen hat; ein Kind, das, wie ich Ihnen gleich sagte, zu jung war, um sich selbst zu kennen; das sich mit Ihnen verlobte, bloß weil sie damit ihren Eltern zu gefallen gedachte! Sie hatte damals keine Idee, keinen Begriff von der Liebe; und als sie kam, konnte sie ihr nicht widerstehen.

»Ich warnte Sie, – ich sah alles voraus; ich fürchtete es, denn kein Mädchen, so jung und impulsiv wie Pauline, hätte lange in Guidéls Gesellschaft sein können, ohne von ihm mächtig angezogen zu werden. Ich warnte Sie, aber Sie wollten nichts sehen; Männer sind so blind! Sie können, sie wollen nicht verstehen, daß in dem Herzen jeder Frau der Hunger nach Liebe ist, ein Hunger, der gestillt werden muß. Als Sie Pauline zuerst sahen, hatte sie dieses Gefühl noch nie gekannt – und Sie haben es nie in ihr erweckt; aber bei dem bloßen Blick, dem bloßen Klang der Stimme Guidéls erwachte es! Solche Dinge geschehen oft, man kann sie nicht verhindern. Wenn man immer nur dort lieben könnte, wo es ratsam ist! Aber man kann es nicht! Sie aber, Sie haben nichts zu bedauern, sagen Sie; nichts, obwohl Sie zwei Familien ins Unglück gestürzt haben? Und jetzt haben Sie Ihr eigenes Leben vernichtet! Das hätten Sie schonen sollen; ja, das hätten Sie schonen sollen – und es Gott überlassen!«

Ihre Brust wogte, eine tiefe Blutwelle strömte in ihre Wangen und flutete ebenso rasch zurück.

»Sie hätten es mir ersparen können, zu denken, daß vielleicht mein thörichter Fluch Ihnen Nachteil gebracht hat. Das ist ein vager Vorwurf, an den ich trotzdem oft werde denken müssen. Und dennoch weiß ich, daß ich nur im Zorn gesprochen habe, ohne jede Absicht . . . ich konnte nicht« – ihre Stimme wurde immer leiser – »ich konnte nicht wirklich etwas verfluchen, was ich einst liebte.«

Mein Herz that einen wilden Schlag und stand dann fast still. Liebte. Was sie einst liebte! Hatte sie mich also geliebt? Gewiß, eine Art Instinkt, daß sie mich vielleicht geliebt haben würde, war hie und da, während der Zeit meiner Verlobung mit ihrer Cousine Pauline, in mir aufgestiegen, aber daß sie mir wirklich ungebeten ihre Neigung geschenkt habe, war ein Gedanke, der mir nie gekommen wäre. Und jetzt? . . . Wir sahen uns an . . . sie mit einer seltsamen Blässe im Gesicht, die ich noch nie bei ihr gesehen hatte – ich erstaunt, aber eines ungeheuren, unwiederbringlichen Verlustes bewußt, eines Verlustes, den ihre Worte »was ich einst liebte« gänzlich und ewig machten.

»Heloise,« stammelte ich – und dann versagte meine Stimme und ich schwieg.

Sie rückte unruhig auf der Bank umher, wo die Schatten der grünen Blätter über sie flirrten, verschlang die weißen Hände ineinander und hob die großen Augen zu dem tiefblauen Himmel auf.

»Es ist jetzt keine Schande mehr,« sagte sie mit gedämpfter, ernster Stimme. »In dem, was tot ist, giebt es keine Schande. Die größte Sünde, das ärgste Verbrechen wird durch den Tod gesühnt, und so ist auch meine Liebe nicht mehr tadelnswert, denn sie ist vorüber. Ich habe Sie seit langer Zeit nicht gesehen – vielleicht werde ich Sie nie mehr wiedersehen – man sagt so viele Lügen im Leben und so selten die Wahrheit . . . aber jetzt muß ich sprechen. Ich habe Sie geliebt! Sie sehen, wie ruhig ich es sagen kann, wie leidenschaftslos, denn es ist vorbei. Das alte Herzweh quält mich nicht mehr, und ich fürchte mich nicht mehr vor Ihnen. Früher – da fürchtete ich Sie . . . ich dachte, daß Sie mein Geheimnis erraten müßten und mich verachteten. Sie liebten Pauline – sie war viel liebenswerter als ich – und ich wäre wohl ganz ruhig gewesen, hätte ich gewußt, daß sie Sie wieder liebte. Aber ich war dessen nie sicher, ich fühlte, daß ihre Neigung nur die eines Kindes für einen älteren Bruder war – ich fühlte, daß sie nichts von Liebe wisse – von Liebe, wie Sie für sie empfanden, oder – ich für Sie. Aber Sie, Sie sahen nichts . . .«

Sie brach ab, denn ich hatte mich auf die Bank neben sie niedergeworfen und ihre Hände gefaßt.

»Nichts, nichts,« stammelte ich außer mir. »Wir Männer sehen nie etwas . . . Heloise, Heloise! Sie haben mich geliebt, sagen Sie . . . Sie? Heloise, Heloise, hätte ich gewußt, hatte ich nur ahnen können, daß ich Ihre Liebe erwerben konnte . . . aber jetzt . . . warum haben Sie es mir jetzt gesagt, Sie Schöne, Gute, Thörichte, wenn es zu spät ist!«

Ich war atemlos vor Erregung, obwohl ich mich so weit wie möglich beherrschte, denn ich fürchtete sie zu erschrecken, aber meine ganze Seele war von der Verzweiflung plötzlich so aufgestürmt worden, daß ich den Wortschwall, der von meinen Lippen brach, nicht hemmen konnte. Es machte mich wahnsinnig, zu denken, daß wir zwei immer unbewußt am Rande der Liebe gestanden hatten und doch wegen etwas in uns selbst, das der beiderseitigen Anziehungskraft widerstand, und wegen einer Laune des Zufalls und der Umstände die Liebe auf Nimmerwiederkehr hatten entschlüpfen lassen! Und sie – o, sie war kalt und ruhig, oder wenn sie es nicht war, besaß sie die Nerven, es zu scheinen. Ihr Gesicht war ganz farblos, ihre Hand lag passiv in der meinen, kalt wie eine gefrorene Schneeflocke.

»Warum,« wiederholte ich fast wütend, »warum haben Sie mir all das erst jetzt gesagt, wo es zu spät ist?«

Ihre Lippen zitterten auseinander, aber kein Ton kam aus ihnen. Dann sagte sie mühsam:

»Gerade weil es zu spät ist, habe ich es Ihnen gesagt, – weil meine Liebe tot ist, sollten Sie wissen, daß sie einst lebte. Klopfte noch der schwächste Puls des Lebens in ihr, so hätten Sie es nie erfahren.«

Und sie zog ihre Hand aus meinen Fingern.

»Sie sind ein seltsames Geschöpf, Heloise!« sagte ich unwillkürlich.

»Vielleicht,« antwortete sie mit plötzlicher Leidenschaft, die dem weichen Beben ihrer Stimme Fülle gab. »Und doch, vielleicht nicht so seltsam, wie Sie denken. Es giebt viel Frauen, die lieben können, ohne ihre Liebe in die Welt hinauszuschreien, viele, die aus Liebe sterben und doch kein Zeichen geben, daß sie leiden. Aber wozu noch weiter davon reden. Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß ich Ihnen unmöglich wirklich und ernstlich Böses gewünscht haben konnte, und Sie bitten, um der Vergangenheit willen Ihrem Leben nicht mehr zu schaden. Wenn einem auch von anderen unrecht geschehen ist, so braucht man sich doch nicht selbst unrecht zu thun!«

»Nicht, wenn unser Leben für irgend jemand in der Welt Wert hat,« antwortete ich. »Wie aber, wenn es jedermann vollkommen gleichgültig ist, ob wir leben oder sterben? Ich sage Ihnen, Heloise, daß ich zu weit gegangen bin, um wieder zurückzugehen – selbst wenn Sie mich jetzt liebten, was Sie nicht thun, könnten Sie mich nicht aus der Tiefe erheben, in die ich gesunken bin, und in der ich ganz gern bleibe!«

»Dann danke ich Gott, daß meine Liebe gestorben ist!« rief sie leidenschaftlich; »denn hätte ich Sie noch geliebt, hätte es mich getötet, Sie so erniedrigt zu sehen, wie Sie es sind!«

Ich lächelte etwas verächtlich.

»Liebe Heloise, sprechen Sie nicht von Erniedrigung,« sagte ich. »Oder wenn es schon sein muß, so denken wir lieber an das Schicksal Paulinens!«

Sie fuhr auf, als hätte ich sie mit einem Messer verletzt.

»Haben Sie sie gesehen? Wissen Sie, wo sie ist?« fragte sie eifrig.

»Ja und nein,« antwortete ich. »Ich habe sie zweimal gesehen, aber nicht mit ihr gesprochen, noch weiß ich, wo sie wohnt. Das erste Mal sah ich sie, ärmlich gekleidet, in den Seitengassen von Paris« – Heloise stieß einen schwachen Schrei aus, und Thränen stürzten aus ihren Augen – »das zweite Mal kniete sie neben dem Grabe ihres Vaters im Pére Lachaise. Aber ich werde sie aufspüren, werde sie finden wo sie ist.«

Was für ein glückliches, hoffnungsfreudiges Licht glitt über das blasse, schöne Gesicht neben mir!

»Wirklich?« rief sie. »Sie wollen sie suchen, Sie werden sie zu ihrer Mutter, zu mir zurückbringen? Das arme, unglückliche Kind! O Gaston, wenn Sie das thun, so werden Sie sicherlich mit Gott Frieden machen!«

Ich zuckte die Achseln.

»Ich möchte mit Ihnen Frieden machen. Wenn ich Pauline finde, werden Sie mich da wieder lieben?«

Sie stieß einen schwachen Laut aus und wich von mir zurück.

»O nein . . nie, nie!« sagte sie schaudernd. »Nie! Was für eine Macht kann eine gestorbene Liebe beleben, Beauvais? Einmal tot, ist sie für immer tot. Sie sind mir bloß das Phantom des Mannes, den ich einst im geheimen vergötterte; ich könnte Sie jetzt nicht mehr lieben als einen lange begrabenen Toten!«

Sie sprach hastig und feurig, und jeder Nerv in mir schien sich zornig gegen sie aufzubäumen. Ich fühlte, obwohl sie mich einst geliebt hatte, empfand sie jetzt etwas wie Abscheu gegen mich, wenn auch dieser Abscheu mit Mitleid gemischt war, das ich verschmähte. Sie war ungerecht, wie alle Frauen; die feinen Nerven ihrer weiblichen Organisation waren von getäuschter Liebe ebenso gefoltert und verrenkt worden wie die meinen – ich konnte ihre Empfindungen wohl analysieren – ich sah, daß sie sich instinktiv verachtete, weil sie einem so Unwürdigen je einen zärtlichen Gedanken geschenkt! Aber was lag mir daran? Wenn sie mich nicht lieben konnte, so sollte sie mich fürchten!

»Danke, meine liebe, schöne Freundin,« sagte ich sarkastisch. »Wir haben aus einem Grunde, den ich nicht einsehen kann, Katz und Maus miteinander gespielt. Sie haben mich mit Ihren reizenden Klauen gefangen, allerliebst über Ihre einstige Neigung zu mir geschnurrt, und jetzt schlagen Sie Nagel und Krallen in mich und zerreißen mich zu Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Es sei! Das ist Frauenart, und ich will mich nicht beklagen. Wie ich Ihnen sagte, werde ich Pauline aufsuchen, aber ich glaube nicht, daß ich sie in Ihre Arme zurückführen werde. So dumm bin ich nicht. Ich behalte sie mir selbst . . .«

Mit einer raschen Bewegung sprang Heloise auf und sah mich an – ihre ganze Gestalt bebte vor unterdrückter Bewegung.

»So niedrig würden Sie nicht sein!« rief sie. »Sie könnten nicht, Sie würden es nicht wagen!«

Ich erhob mich ebenfalls.

»Wie unlogisch Sie sind, Heloise,« sagte ich nachlässig. »Niedrig! Ich sehe darin gar nichts Niedriges. Ihre vielgeliebte Cousine ist freiwillig mehrere Stufen der Leiter des Verderbens hinabgestiegen; es wird keiner Gewalt bedürfen, um sie zum Weitergehen zu bereden. Sie überschätzen die Sache . . .«

»Sie werden ihr nichts zuleide thun!« rief Heloise außer sich. »Ich habe sie auch gesucht und werde sie weiter suchen, noch eifriger jetzt, da ich weiß, daß ich sie vor Ihnen verteidigen muß! O, ich werde in Ihrer Nähe sein, wenn Sie es am wenigsten denken . . . ich werde Sie aufspüren, ich werde Ihnen folgen . . . ich werde alles thun, um sie vor Ihnen zu retten, vor Ihrer . . .«

Sie hielt atemlos inne.

Ich lächelte.

»Seien Sie nicht melodramatisch, meine Liebe,« murmelte ich kalt. »Freilich steht es Ihnen, Sie sehen im Zorn reizend aus – aber wir sind im Bois – man kann uns belauschen. Es wird mich sehr freuen, wenn Sie mir folgen und mich aufspüren werden, wie Sie sagen; freilich wird Ihnen dies etwas schwer fallen. Sie können nicht retten, was hoffnungslos verloren ist, und was das ›Wagen‹ betrifft . . . lieber Gott, wie wenig kennen Sie mich – es giebt nichts, das ich nicht wagen würde, außer eines!«

Sie stand still, ihre Augen vergrößerten sich, ihr Atem kam und ging stürmisch, ihre Hände ballten sich, aber sie sprach kein Wort.

»Sie fragen nicht, was dieses Eine ist,« fuhr ich fort, sie fest anblickend.

»Ich werde es Ihnen sagen. Die Grenze meines Mutes hält vor Ihnen an. Ich wage nicht – hören Sie! – ich wage nicht, Sie anzutasten – wie sehr ich auch nach Liebe hungere, ich wage nicht, Sie zu lieben! Sie sind das einzig Heilige für mich auf der Welt, und Sie werden es bleiben, denn ich habe freiwillig Heim und Familie aufgegeben – mein Vater hat mich vollständig verleugnet, wie ich ihn, und nur das Gedächtnis Ihrer Schönheit wird mir bleiben, wie etwas, was mir um ein Geringes weniger kostbar und süß ist, wie – Absinth!«

Ich lachte, und sie betrachtete mich erstaunt.

»Als Absinth,« wiederholte sie mechanisch, »ich verstehe nicht . . .«

»Das glaube ich Ihnen,« antwortete ich ruhig, »Sie werden wohl nie verstehen, wie Absinth einem Manne teurer werden kann als sein Leben. Es ist seltsam, aber in Paris kommt es vor. Heloise, Sie waren heute in sehr gefährlicher Gesellschaft – danken Sie Gott, daß Sie heil davonkamen! Sie haben von vergangener Liebe und Leidenschaft zu einem Manne gesprochen, der in seinen Adern Feuer statt Blut hat, der, hätte er nur einmal die Zügel der mühsam zurückgehaltenen Selbstbeherrschung fahren lassen, sich wenig Gewissensbisse gemacht hätte, Ihre Lippen zu küssen und Sie hinterher zu töten! Sehen Sie nicht so erschreckt aus . . . ich wage nicht, Sie zu berühren . . . ich wage nicht einmal Ihre Hand zu küssen. Sie sind frei . . . Sie können in Frieden und Sicherheit von mir gehen, mit jenem armseligen Segen, den ein durch eigene Schuld verlorener Mann auf Sie herabflehen kann. Aber bitten Sie mich nicht, von Pauline so zu denken, wie ich von Ihnen denke – ebenso gut könnten Sie von mir verlangen, Silvion Guidél zu verzeihen!«

Sie schwieg noch immer – ich glaube, diesmal vor Entsetzen – und eine ruhelose Neugier regte sich in mir, ob sie etwas über das geheimnisvolle Verschwinden des einstigen Heiligen wisse, den ich in die andere Welt geschickt hatte, damit er die Berechtigung seines Glaubens ergründe.

»Was wohl aus ihm geworden ist?« sagte ich plötzlich. »Ist er vielleicht tot?«

Wie bleich sie war – wie verstört und sonderbar!

»Vielleicht,« murmelte sie fast unhörbar.

»Vielleicht ist er gar ermordet worden,« fuhr ich tollkühn fort und lachte dabei. »Haben Sie nie daran gedacht? Es wäre ganz möglich!«

Und in diesem Augenblick trafen sich unsere Augen! Wie, stand mein Verbrechen in meinem Gesicht geschrieben? Ich weiß es nicht . . . ich weiß nur, daß sie einen erstickten Schrei ausstieß . . . einen Schrei der Furcht oder des Entsetzens oder beides und mit einer Bewegung der Hände, als stoße sie etwas von sich, sich wandte und floh! Ich sah das Sonnenlicht über ihr Haar blitzen, wie die himmlische Glorie über der Stirn eines Engels . . . ich hörte den Saum ihres Kleides blitzschnell über das lange Gras rauschen, das sich unter ihrem Tritt beugte, und sie war fort. In ihrer Eile hatte sie ihr Buch zurückgelassen und ich nahm es mechanisch auf. Es war eine Übersetzung Platos; es öffnete sich von selbst an der Stelle, die sie bezeichnet hatte.

»Wenn jemand nach edlen Dingen strebt, so ist es auch edel, zu leiden, was wir zu leiden haben.«

Ja, für die alten Griechen war dies Wahrheit, aber was für einen Sinn hat es für uns moderne Menschen? Und dennoch, dennoch war mir das Bewußtsein meiner Erniedrigung fühlbarer als je, als ich mit dem Plato in der Hand, den Hut tief in die Stirn gedrückt, auf Seitenwegen aus dem Bois schlich.



Achtundzwanzigstes Kapitel.

Wochen gingen vorüber – ich bemerkte es nicht, denn ich lebte in einer Art von Traumhaftigkeit dahin, die ebenso wenig Leben genannt werden kann wie Fieber Gesundheit. Ich lernte einige der schwereren Strafen kennen, die eine Folge der mich verzehrenden Leidenschaft sind, und die bloßen Voranzeichen dieser Strafen waren furchtbar genug, um einen stärkeren Mann zu erschüttern, als ich es bin. Um diese Empfindungen zu ersticken, trank ich immer mehr und mehr Absinth; manchmal verfiel ich in eine Betäubung, welche mir die gewünschte Erleichterung brachte, aber diese Erleichterung war nur vorübergehend. Die Visionen, welche mich jetzt verfolgten, waren mannigfaltiger und unnatürlicher; dennoch litt ich weniger an Visionen als an Eindrücken. Diese waren kräftig, seltsam und beunruhigend realistisch. So bemerkte ich plötzlich, daß alles um mich her abnorme Proportionen annahm, oder das Gegenteil; Männer und Frauen wurden, wenn ich sie ansah, plötzlich groß und breit wie Ungeheuer oder verwandelten sich im Nu in Zwerge. Dies kam häufig oder – ich wußte, daß es nur eine Verzerrung der Gehirneindrücke war, aber es war doch lästig und verwirrend. Dann sah ich eine Unzahl von Personen, die nicht real waren, die ich unter die »Visionen« klassifizierte; aber während in der Art ihres Erscheinens früher eine gewisse Ordnung und Methode gewesen war, stürmten sie jetzt in ungeordneten Massen an mir vorüber, mit Gesichtern und Gebärden, die unbeschreiblich grauenhaft und abstoßend waren. Deshalb strebte ich nur danach, mein Gehirn gänzlich zu betäuben und zu töten; ich hatte die Qualen satt, welcher sein feiner Mechanismus mich erleiden ließ. Mittlerweile zerstreute es mich etwas, Pauline zu suchen; es war das einzige, außer Absinth, das mich noch interessierte. Der Rest der Welt war eine bloße Maskerade, bald trüb und undeutlich, bald blendend grell, immer geisterhaft, immer wie etwas, das mit mir in keinem Zusammenhang stand.

So, ohne daß ich es bemerkte, welkte und schwand der Sommer, und auch der Herbst nahm ein Ende mit einer Pracht goldener und roter Blätter, die zu Boden fielen, fast ehe man noch Zeit gehabt hatte, ihre reiche Schönheit zu bemerken. Ein eisiger November zog heran, mit blassen Nebeln und kalten Regen; die Blätter, die erst in so bunten Farben geprangt, fielen tot herab oder trieben traurig in dem fegenden Winde; die kleinen Tische vor den Cafés wurden hineingeschafft, und das Düstere des herannahenden Winters begann über Paris niederzusinken, obwohl Paris sich nicht sonderlich um drohenden Himmel oder unfreundliches Wetter kümmert, da sein lustiges inneres Leben dem trübsten Tage trotzt. Wenn man selbst ein sehr bescheidenes Einkommen hat, gerade genug, um das winzigste Häuschen von Paris zu mieten, so kann man dort angenehmer leben als in jeder anderen Stadt der Welt. Immer hat man lebhafte Farben um sich, denn das kleinste »Appartement« in Paris ist traulich durch seine bunten Tapeten, Vergoldung und Spiegel; den Frauen bringen ihre Verehrer mitten im Dezember weißen Flieder und Orchideen, die mit jenem französischen Geschmack arrangiert sind, dem nichts in der Welt gleichkommt; an einem kalten Tage wird die »cuisiniére« eine Boullion bereiten, von der keine Köchin des Universums eine Idee hat, und selbst von dem obersten Stockwerk des höchsten Hauses aus braucht man nur aus dem Fenster zu sehen, um irgend etwas Lustiges zu erblicken –- denn wir Pariser, was unsere Fehler auch sein mögen, sind immer lustig; selbst wenn wir wie Affen ein großes Ideal in Stücke reißen und es in den Staub werfen, lachen wir dabei!

An einem dunklen, kalten Abend – wie gut ich mich an jede seiner kleinsten Einzelheiten erinnere! – ging ich in meiner gewöhnlichen, planlosen Art nach Hause, in einem Zustand erhabener Gleichgültigkeit gegen das Wetter, das naß und windig war, als ich in einer der Seitenstraßen, durch welche ich gewöhnlich meinen Weg nahm, eine singende Frauenstimme hörte. Etwas Süßes und Weiches lag in den bebenden Tönen, die leise durch Nebel und Regen aufwärts stiegen, und ich konnte die Worte des Liedes deutlich unterscheiden; es war ein mir wohlbekanntes Klosterlied an den »Schutzengel«

Ich schlenderte träg in die Gasse und spähte hinab; die Frau, welche sang, stand neben dem Randstein, von ein paar Zuhörern umgeben; einer und der andere ließ eine Münze in ihre schüchtern ausgestreckte Hand fallen. Als ich näher kam, blieb ich stehen und starrte sie zweifelnd an – dann aber konnte ich nicht mehr zweifeln und stürzte auf sie zu.

»Pauline!«

Sie fuhr zusammen und wich vor mir zurück; ihr Gesicht wurde noch bleicher, ihre Augen öffneten sich weit vor Erstaunen und Angst. Die kleine Gruppe, die ihr zugehört hatte, zerstreute sich; sie nahm nicht mehr Interesse an ihr als an jeder anderen Straßensängerin, und in weniger als einer Minute waren wir fast allein.

»Pauline,« sagte ich wieder, und dann brach ich in ein höhnisches Gelächter aus. »Was, ist es dazu gekommen? Du, die einzige Tochter eines stolzen, alten Hauses, singst auf der Straße um Brot! Lieber Gott, man sollte meinen, daß es einen bequemeren Erwerb giebt – für Dich wenigstens – Du, mit Deinem schönen Gesicht und Deiner Kenntnis des Bösen hättest etwas Besseres unternehmen können!«

Sie sah mich fest an, antwortete aber nicht; augenscheinlich war sie über meinen Anblick ebenso erstaunt und entsetzt wie ihre Cousine Heloise. Mittlerweile unterwarf ich sie einer raschen, aber durchdringenden Prüfung – ich bemerkte ihre ärmlichen, fast fadenscheinigen Kleider, die Magerkeit ihres Gesichtes, die Linien des Leidens um Mund und Augen und doch – trotz allem war sie noch immer schön, schön wie ein Engel oder eine Fee, über der die Wolke des Kummers hängt, wie Reif auf einer Blume.

»Endlich hab' ich Dich, scheint's,« sagte ich rauh, nachdem ich vergeblich erwartet hatte, daß sie sprechen würde. »Ich habe Dich überall gesucht, ebenso wie Deine Familie. Du hast das Geheimnis Deines Versteckes sehr gut bewahrt, ohne Zweifel aus triftigen Gründen! Wer ist Dein Geliebter?«

Noch immer derselbe feste Blick.

»Mein Geliebter?« sprach sie mir leise und überrascht nach. »Wenn Sie, wie ich glaube, wirklich Gaston Beauvais sind, so wissen Sie ja, haben Sie immer seinen Namen gewußt. Wen kann ich lieben – wer kann mich lieben, wenn nicht Silvion?«

Ich lachte wieder.

»Schön, dann liebst Du also einen Toten? Das kann ich nicht glauben, dazu bist Du zu schön. Ein Toter kann nicht küssen, und der schöne Silvion . . . Warum starrst Du mich so an? Weißt Du nicht, daß er tot ist?«

Ihr Gesicht wurde aschgrau und vor Furcht ganz starr.

»Tot?« keuchte sie. »Nein, nein! Das kann nicht sein! Tot? Silvion? Nein, nein – Sie sind grausam – Sie waren immer grausam, und Sie belügen mich, um mich zu quälen; Sie waren immer froh, wenn Sie mich quälen konnten, ja, selbst als Sie mich noch liebten! Ich habe das nie verstehen können, denn wenn man liebt, verzeiht man immer. Und darum glaube ich Ihnen nicht – Silvion ist nicht tot – er konnte nicht sterben, er ist noch zu jung.«

»Närrin,« fiel ich zornig ein, »sterben nicht auch die Jungen? Die Jungen, die Starken, die Schönen, wie Dein Silvion, gehen gewöhnlich am ersten – sie sind zu gut für diese böse Welt, sagen die alten Weiber. Zu gut! Haha, das paßte auf Guidél, der ja ein Heiliger war! Komm her, Pauline,« und ich ergriff ihre Hand. »Wehre Dich nicht, oder es wird Dir schlecht ergehen. Ein Blick in mein Gesicht wird Dir sagen, was ich geworden bin – wie Du, der Abschaum der Straßen von Paris! Komm mit! sag ich. Schreist Du, so werde ich Dich töten, so sicher, wie diese Wolken dort Regen niederfallen lassen! Du weißt, ich war nie zur Barmherzigkeit angelegt, und jetzt bin ich es weniger als je. Es giebt vieles, das ich Dir sagen muß, was Du hören mußt, was Du hören sollst – komm an einen abgelegeneren Ort, wo man uns nicht bemerken wird – wo niemand uns unterbrechen oder denken wird, daß wir etwas anderes sind als zwei Bettler, die ihren Tagesgewinn überschlagen!«

Und ihren Arm ergreifend, zog und schleppte ich sie mit mir – ich selbst voll seltsamer, wachsender Wut, sie – vor Schreck wohl – fast gelähmt . . . hinaus aus der Straße und in eine kleine Sackgasse, von deren Ecke man die Seine und die Lichter auf dem Pont Neuf aufschimmern sah.

»Jetzt,« sagte ich heiser, sie gewaltsam so nahe zu mir heranziehend, daß unsere Gesichter sich fast berührten und unsere Augen ineinanderstarrend die Geheimnisse in unseren Herzen hervorzuglühen schienen – »jetzt laß uns die Wahrheit sagen; und da Du immer am anmutigsten von uns beiden zu lügen wußtest, fang an! Reiße die Maske ab, Pauline von Charmilles, beichte – sag mir, wie hast Du die ganze Zeit über gelebt, und was hast Du gethan? Ich kenne Deine Vergangenheit – ich ahne Deine Gegenwart; aber sprich, sag mir, wie Paris Dich behandelt hat; – was Du warst, erinnere ich mich, alles, was ich jetzt wissen will, ist – was Du bist!«

Wie seltsam ruhig sie geworden war, dieses einst so lustige, kindliche, kokette Geschöpf, das ich geliebt hatte! Sie zuckte nicht unter meinem Blick, sie versuchte nicht, ihre Hände aus den meinen zu ziehen; ihre Züge waren farblos, aber ihre Lippen fest geschlossen, und keine Thränen trübten den fieberischen Glanz ihrer Augen.

»Was ich bin?« murmelte sie mit schwacher, aber klarer Stimme. »Ich bin, was ich immer war – ein armes unglückliches Weib, das treu ist . . .«

Ich starrte sie an, erstaunt über ihre herausfordernde Kühnheit.

»Treu?« wiederholte ich. »Du, die mit dem Herzen eines Mannes spielte, wie mit einem Spielzeug, die das Leben eines ehrlichen Menschen zu Grunde richtete, um eine selbstsüchtige Liebe zu befriedigen – Du wagst von Treue zu reden, Du . . .«

»Still,« sagte sie sanft und mit vollkommener Ruhe. »Sie verstehen mich nicht; Männer verstehen die Frauen nur selten. Was Selbstsucht anbetrifft, so sind Sie gewiß mehr zu tadeln als ich; denn Sie denken an nichts als an das Unrecht, das Ihnen geschehen ist, ein Unrecht, für das ich, Gott weiß es, zu jeder Buße bereit wäre. Und ich wiederhole es – ich bin treu! Sie können, Sie dürfen die Frau nicht falsch nennen, die dem Gedächtnis der einzigen Liebe ihres Lebens treu bleibt. Ich habe nur eine Leidenschaft, einen Gedanken, eine Hoffnung, einen Faden, der mich an das Leben bindet: Silvion! Sie wissen, denn ich habe Ihnen ja alles gesagt, daß ich Sie nie liebte – Sie wissen, daß ich nie ahnte, was Liebe ist, bis er, Silvion, sie mir in ihrer ganzen Glorie, in ihrem ganzen Elend zeigte. Weder er noch ich sind für unser unglückliches Schicksal zu tadeln. Aber Treue! O Gaston Beauvais, wenn es je eine treue Frau in der Weit gegeben hat, so bin ich es! Dieser armselige Stolz wenigstens wird mich trösten, wenn ich sterbe. Wenn in diesen langen Monaten je die Hand eines anderen Mannes mich mit einer liebenden Gebärde berührt hat, wenn die Lippen eines anderen Mannes die meinen auch nur leicht berührt haben, dann, dann hätten Sie das Recht, mich zu verachten, wie ich mich selbst verachten würde. Aber ich bin wie eine Geweihte – ja, eine der Liebe und dem Kummer Geweihte – und obwohl ich gegen meinen Wunsch und Willen Ihnen und vielen, die mir teuer waren, Leid gebracht habe, bin ich doch treu – treu der einen Leidenschaft meines Lebens und werde ihr treu bleiben bis ans Ende!«

»Quixotische Närrin!« dachte ich, als ich ihre leidenschaftlichen Worte langsam, melodisch durch die gleichgültige Luft tönen hörte. Ei, sie sah ja mit ihrem furchtlosen, frommen Blick wie eine Heilige aus . . . Guter Gott, und einen flüchtigen Augenblick kam sie mir auch wie eine solche vor, denn ein Vergleich zwischen ihrem und meinem Leben blitzte an mir vorüber und ließ mich vor ihr zurückweichen, als sei ich unwürdig, neben einer so Reinen zu sein!

»So! Und wovon hast Du bei dieser großartigen Treue, deren Du Dich so rühmst, gelebt?« fragte ich höhnisch.

»Ich habe gearbeitet,« antwortete sie einfach, »und wenn ich keine Arbeit bekommen konnte, so habe ich gesungen, wie Sie mich heute sahen – in den ärmeren Straßen, denn die Armen sind großmütiger als die Reichen, und viele Leute waren sehr gut gegen mich. Manchmal habe ich auch gehungert, aber immer habe ich gehofft und gewartet . . .«

»Worauf?« schrie ich. »Albernes Geschöpf, worauf hast Du gewartet?«

»Auf Silvion,« sagte sie und hob die Augen mit einem vertrauensvollen Licht in ihren dunkelblauen Tiefen zu dem finstern, mürrischen Himmel empor. »Ich fühlte immer, daß er eines Tages nach Paris zurückkommen wird und daß ich sein Gesicht noch einmal sehen würde! Ich möchte ihn nicht aus dem Leben rufen, das er hat wählen müssen, und ihm keine Vorwürfe machen, daß er es gewählt hat . . . ich will nichts mehr, als seine Hand küssen und ihn dann gehen lassen . . . aber ich möchte ihn sehen! Dann würde ich in irgend ein armes Kloster gehen und dort bleiben! . . .«

»Und für ihn beten, wie für einen zweiten Abälard!« unterbrach ich sie herb. »Wir verstehen das. Was, willst Du mir wirklich schwören, daß Du Dich versteckt hast, bloß um zu arbeiten und zu hungern, bloß in der Hoffnung, ihn wiederzusehen, obwohl Du weißt, daß er sich selbst für ewig von Dir getrennt hat?«

Sie sprach nicht, sondern machte bloß ein Zeichen geduldiger Bejahung.

Ich brach in ein lautes, langes, unwiderstehliches Gelächter aus.

»Höre, Du kindisches Ding, das so an der Treue hängt, die heutzutage nur als eine Hundetugend gilt, höre und erfahre, wie Du Deine Zeit und Deine Gebete verschwendet hast! »Höre,« und ich faßte wieder ihre Hände und beugte mich zu ihr hinab, »höre, denn ich bin in der Laune, Dir alles zu sagen – alles! Du hast gesprochen, jetzt ist an mir die Reihe. Die Wahrheit, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so helfe mir Gott! . . . Nun also, bei diesem Schwur schwöre ich Dir, daß Silvion Guidél tot ist! Wenn Du willst, so denke, daß seine Seele im Himmel ist – wenn Dich das tröstet – aber wo seine Seele auch ist, sein Körper ist tot – tot und verwest! Du schauderst? Du wehrst Dich?« Denn sie suchte ihre Hände aus meiner Umklammerung loszureißen. »Errätst Du vielleicht, wie er gestorben ist? Nicht gern, das versichere ich Dich! Still! Schrei nicht, oder ich töte Dich. Er ist tot, sag ich, ganz tot – wer sollte es besser wissen als ich, der ihn – gemordet hat!«



Neunundzwanzigstes Kapitel.

Was für Thoren sind die Frauen! Ihre Herzen zu brechen ist manchmal so leicht, wie dünnes Glas zu brechen – ein Wort genügt. »Mord« zum Beispiel, ein Wort aus vier Buchstaben, hat auf ihre Nerven einen lächerlichen Effekt. Auf die dumme Pauline fiel es wie ein Donnerschlag nieder, und sie brach zu meinen Fußen zusammen, weiß wie Schnee, leblos wie ein Stein. So hilflos und betäubt lag sie da, als hätte ich sie mit einem schweren Hammer vor die Stirne geschlagen oder ihren Körper mit einer scharfen Waffe durchbohrt. Der Anblick ihrer regungslosen Gestalt machte mich zornig; sie sah ja aus, als ob sie tot sei. Sie that mir nicht leid, nein, mir war nichts leid mehr, aber ich hob sie von dem nassen Pflaster auf und drückte sie fest an meine Brust, in dem mechanischen Bestreben, sie wieder ins Bewußtsein zurückzurufen.

»Arme, hübsche Puppe,« dachte ich, während ich eine ihrer kalten Hände rieb, und dann – kaum wissend, was ich that, küßte ich sie. Auf ihren Lippen mußte sich wohl Honig oder ein feines Gift befinden, denn als ich sie küßte, wurde ich wahnsinnig. Was, nur einen Kuß für mich, der sie so lange entbehren mußte? Nein, zehn, zwanzig, hundert! Ich ließ sie auf ihre Wangen, Augen, Stirn und Haar niederregnen, obwohl ich ebenso gut eine Tote hätte küssen können, so still und kalt war sie. Aber sie atmete – ihr Herz klopfte gegen das meine; ich konnte seine schwachen Schläge fühlen, und ich küßte sie immer wieder, nicht mit der Inbrunst der Liebe, sondern mit der des Hasses. Ich hielt sie mit aller Kraft in meinen Armen fest – mit aller Kraft? Meine Kraft war wie ein Rohr im Winde vor dem plötzlichen Anfall übermenschlicher Stärke, die sie erfaßte, als sie aus ihrer Ohnmacht erwachte! Sie riß sich von mir los, stieß mich heftig von sich und stand dann entschlossen da, die Hand auf die Augen gelegt, als wolle sie ihre Gedanken fassen.

»Silvion – tot!« stammelte sie, »tot, und ich habe es nicht gewußt! Keine Warnung, keine Botschaft, keine Stimme in der Nacht, die es mir sagte . . . Nein, so grausam kann Gott nicht sein! Tot und gemordet! Nein, es ist nicht wahr . . Gaston, nicht wahr, Sie haben es nicht gesagt . . . ich habe phantasiert . . . Sie haben es nicht gesagt . . . Sie konnten es nicht sagen . . .«

Sie hielt, nach Atem ringend, inne. Mein Blut brannte, als ich sie ansah; in ihrem Schmerz und ihrer Angst war sie so schön! Wie wild und glänzend waren diese schönen Augen!

»Pauline, ich habe gesagt, was ich wieder sagen werde; Silvion Guidél ist tot, und ich habe ihn getötet. Ohne eine Waffe obendrein, mit den bloßen Händen, und doch, sieh her: es ist kein Blut an ihnen!«

Ich hielt sie ihr hin; sie beugte den Hals vor und sah sie mit einem seltsamen Grauen an, das ihre Augen zu verglasen schien. Dann blitzte ein Licht über ihr Gesicht, ihr Mund stieß einen schrillen Schrei aus.

»Mörder!« schrie sie, wild die Hände ausstreckend, »Mörder! Du hast gestanden, Du sollst büßen! Du sollst für Dein Verbrechen sterben . . . ich will Gerechtigkeit haben! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«

Ich stürzte wild auf sie zu, verschloß ihr den Mund, umfaßte ihre schlanke Kehle und erstickte ihre Schreie.

»Schweig, Närrin!« flüsterte ich heiser. »Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich Dich töte, wenn Du schreist? Noch ein Laut, eine Bewegung, und ich halte mein Wort. Warum schreist Du? Was willst Du mit der Gerechtigkeit? Weder auf Erden noch im Himmel giebt es eine! Guidél ist tot und begraben, aber wer kann beweisen, daß er ermordet wurde? Er ist als Selbstmörder begraben worden. Wenn ich Dir auch sage, daß ich ihn umgebracht habe, so kann ich den andern eine andere Geschichte erzählen und Deine Anklage wird als Hysterie ausgelegt werden. Sei still!«

Da ich sie schwanken sah, entfernte ich meine Hände von ihrem Munde und ließ sie fahren. Sie taumelte und fiel, an allen Gliedern zitternd, auf das Pflaster nieder, vor sich hinstöhnend wie ein krankes Kind. Ich wartete ein paar Minuten und horchte. Hatte jemand ihren Aufschrei gehört? Halb erwartete ich, einen Gendarmen erscheinen zu sehen, aber nein – nichts störte die dunkle Stille als ferner Straßenlärm und das langsame Plätschern des Regens. Beruhigt wandte ich mich wieder zu ihr, diesmal mit einigem Hohn.

»Warum liegst Du da?« fragte ich. »In meinen Armen hattest Du es wärmer! Ich habe die Küsse gestohlen, die Silvion auf Deinen schönen Lippen zurückgelassen hat . . . sie waren duftend wie Rosen, nur etwas kalt. Aber Du willst wohl von Silvion hören . . . gut, ich werde Dir von ihm erzählen. Du hattest recht; er kam nach Paris zurück.«

Sie antwortete nicht, sondern stöhnte und schauderte.

»Kennst Du Surésnes?« fuhr ich fort. »Es giebt dort schattige Plätzchen, und die Vögel bauen ihre Nester beim Klang ihrer eigenen Lieder . . . Der Strom fließt sanft vorbei, und früh morgens, wenn die Glocken zur Messe läuten, ist es dort viel reizender als in der Kirche. Du weinst? Ja, der Ort, an dem wir sündigen, macht uns immer sentimental. Wir lieben den Ort, ein verhängnisvoller, aber mächtiger Reiz zieht uns dorthin zurück – und so kam auch Silvion Guidél wieder hin . . .«

Noch immer keine Antwort.

»Ich traf ihn dort,« fuhr ich fort, denn meine Erzählung begann mir ein phantastisches Vergnügen zu bereiten. »Es war Nacht und der Mond schien. Wir sprachen miteinander; der schöne Silvion hatte seltsame Ansichten über die Möglichkeit, seine Liebe mit seinem Gelübde zu vereinigen – in der That, er schien zu denken, daß Gott auf seiner Seite sein würde, wenn er seinen Beruf ganz aufgeben und zu Dir zurückkehren würde . . . Hast Du Schmerzen, daß Du so beständig stöhnst? . . . Aber ich überzeugte ihn bald, daß er sich irre und daß die göttliche Hilfe sich nur dem Recht leihe, vorausgesetzt, daß das Recht stark genug ist, um sich sein Recht zu verschaffen. Und diesmal war dies starke Recht in mir verkörpert. Wir stritten uns nicht, dafür war keine Zeit. Wir sagten einander, was wir zu sagen hatten, und dann hatte es ein Ende. Ich griff ihn an, er verteidigte sich. Ich hatte keine Waffe – er auch nicht . . . meine bloßen Hände verrichteten das Werk der Gerechtigkeit.«

»O Gott!« Der Schrei klang wie der letzte Ruf eines Sterbenden auf der Folterbank der Inquisition – er machte selbst mir Furcht, und ich hielt einen Augenblick inne. Aber der Dämon in mir trieb mich weiter, und ich fuhr mit erkünstelter Gleichgültigkeit fort:

»Alles aber hat ein Ende, so auch er. Er starb endlich. Ich warf ihn in die Seine – nun, was giebt's?« Denn sie war plötzlich aufgesprungen und sah mich mit einem sonderbaren Blick an, wie ein gefangenes Wild, das auf Flucht denkt. »Du darfst noch nicht fort, Du hast noch nicht alles gehört. So, bleib stehen – Du siehst wie eine junge tragische Muse aus, Du bist schön so . . . ich möchte fast glauben, Du freust Dich, daß er tot ist! – Ich warf ihn also in die Seine, und ein paar Tage später sah ich ihn in der Morgue. Ich schwöre Dir, ich habe den schönen Silvion kaum erkannt! . . . Die reine Karikatur eines Menschen, bis auf die Augen. Die waren der abgeschiedenen Seele treu geblieben –- die drückten noch immer die letzte Sehnsucht des vernichteten Lebens aus: Liebe! Liebe und Pauline!«

Und ich lächelte. Sie stand wie ein Steinbild vor mir – fast zweifelte ich, daß sie gehört hatte.

»Liebe und Pauline,« wiederholte ich, die letzten Worte wie befriedigt wiederholend, »das haben jene toten Augen gesagt, das sagt jetzt mein Herz: Liebe und Pauline . . . jetzt ist an mir die Reihe! Denn er liegt in dem Schachtgrabe, unter anderen Selbstmördern, und Du kannst nicht einmal sein Grab finden . . . Freilich, ich sehe ihn manchmal . . .«

Die leblose Gestalt vor mir rührte sich und schwankte wie ein schlanker Zweig unter einem Windstoß, und eine Stimme sprach schwach und heiser:

»Was? Wen?«

»Silvion,« antwortete ich, und einer unwillkürlichen Empfindung folgend, wandte ich mich hastig um, gerade zur rechten Zeit, um die Gestalt eines Priesters sich trüb, in blassen, phosphorescierenden Umrissen von der dunklen Mauer der engen Gasse, in der wir standen, abheben zu sehen. »Da,« schrie ich wütend, »siehst Du, Pauline? Da ist er, da kriecht er wie ein Feigling daher! Also habe ich ihn doch nicht getötet! Da, da . . . sieh! Er winkt Dir!«

Sie stürzte vorwärts, mit glühenden Augen, die Arme ausgestreckt, die Lippen geöffnet.

»Wo? Wo? Silvion! Nein, nein, Sie quälen mich – es ist ja alles still, alles dunkel! O Gott, Gott, ist denn kein Mitleid?«

Und plötzlich die Arme in die Höhe schleudernd und in ein lautes, mißtöniges Gelächter ausbrechend, stürzte sie an mir vorüber. Schreck oder Wahnsinn gaben ihr Riesenkräfte, denn obwohl ich dicht hinter ihr drein war, konnte ich sie nicht einholen. Regen und Nebel schienen sich über ihr zu schließen, so daß sie zuletzt wie ein Phantom aussah, das der Wind vor sich herblies . . . einmal in der offenen Straße angelangt, sah ich ein oder zwei Vorübergehende stehen bleiben und uns einen Augenblick nachstarren – weiter aber achteten sie nicht auf uns. Immer weiter rannte sie – geradeaus auf den Pont Neuf zu, der in dieser nassen, trüben Nacht einsam und leer war. Ich beschleunigte meine Schritte, spannte Nerven und Muskeln an, um ihr nachzukommen, aber vergebens. Sie war wie ein Blatt im Sturm – von temporärem Wahnsinn fortgefegt, schien sie thatsächlich Flügel zu haben, zu fliegen statt zu laufen – aber mitten auf der Brücke hielt sie an. Noch eine Sekunde – und sie war auf die Brüstung gesprungen.

»Pauline!« schrie ich. »Warte, Pauline!«

Sie drehte nicht ein einziges Mal den Kopf – hob die Hände in die Höhe und schlang sie wie flehend ineinander – dann warf sie sich so rasch vorwärts, wie ein Vogel sich in die Luft schwingt. Ein kurzes, dumpfes Aufplätschern widerhallte durch die Stille – fort! Einen Moment später erreichte ich die Stelle – beugte mich über die Brüstung, sah in das düstere Wasser hinab . . . nichts! Nichts als Stille, nichts als Dunkel.

»Pauline!« murmelte ich, »Paulinchen!«

Dann, als ich fester über die gleichmäßige Breite des Flusses spähte, sah ich etwas emportauchen – ein Frauenkleid blähte sich auf und aus, wie ein dunkles, nasses Segel – es wirbelte einmal, zweimal herum . . . noch einmal, dann sank es! . . Meine Zähne schlugen aufeinander; ich klammerte mich an die Brüstung, um nicht zu fallen. Dennoch regte sich etwas wie Belustigung in mir; es war so lächerlich, daß dies schwache, zarte Kind mir entschlüpft, wirklich ruhig dahingegangen war, wohin ich ihr nicht folgen konnte, zu folgen nicht wagte!

»Pauline!« flüsterte ich. »Sag mir, wie ist der Tod? Ist er leicht? Weißt Du jetzt da drunten, was die Liebe ist? Vergiß nicht, meine Küsse waren die letzten auf Deinen Lippen, meine, nicht die Silvions! Gott selbst kann das nicht rückgängig machen! Sie werden Dich von Silvion trennen . . . Du darfst nicht bei ihm sein . . Du darfst nicht . . .« Und ich schrie fast auf, als der Gedanke durch mein wirres Gehirn zuckte, daß vielleicht die Poeten doch recht haben, daß treu Liebende bei Gott zusammenkommen, der ihre Liebe verzeiht.

Das Blut strömte in mein Gehirn – meine Schläfen klopften stürmisch; der Himmel, die Bäume, die Häuser, die Brücke drehten sich in dunklen, wirbelnden Kreisen um mich herum. Plötzlich stieg ein erstickendes Gefühl in meine Kehle, Thränen sprangen in meine Augen, und ich brach in wildes Schluchzen aus.

»Pauline, Pauline!« rief ich in das stille, trübe Wasser hinab. »Ich habe Dich geliebt! Du hast mein Herz gebrochen! Du hast mein Leben zerstört! Du hast aus mir gemacht, was ich bin! Pauline, Pauline!«

Der Wind füllte meine Ohren mit einem dumpfen, brausenden Geräusch . . . etwas Schwarzes, Wolkiges schien greifbar aus dem Fluß aufzusteigen und auf mich zuzuschweben . . . das blasse, strenge Gesicht Silvion Guidéls kam zwischen mich und den finstern Himmel, und mit einem schwachen Stöhnen und einem Geschmack wie von Blut im Munde verlor ich den Halt meiner Gedanken und taumelte bewußtlos in vollständige Dunkelheit nieder.



Dreißigstes Kapitel.

Während der nächsten zwei Tage lebte ich einzig für die Morgue. Ich konnte nicht glauben, daß Pauline tot sei, bis ich sie dort gesehen hatte, dort auf dem nassen, kalten Marmor, wo Guidél vor ihr gelegen hatte. Ich schlich um das Haus herum, ich lauerte wie ein Dieb auf seinen Raub. Und endlich wurde meine Geduld belohnt. Ein Nachmittag kam, wo ich die Bahre mit mehr als gewöhnlicher Ehrerbietung vom Flußufer bringen sah und ich, mich mit den anderen neugierigen Zuschauern in das Gebäude drängend, den schönen, weißen Körper derjenigen, die ich geliebt und gehaßt, zum Wahnsinn und in den Tod getrieben hatte, auf der harten Steinplatte wie eine Figur aus gefrorenem Schnee liegen sah. Der Fluß hatte sie schonend behandelt . . . arme, kleine Pauline! Er hatte sie sanft geliebkost und weder ihre zarten Glieder noch ihr hübsches Gesicht entstellt – sie sah so weiß, so süß und ruhig aus, daß die kalte, schlammige Seine bei der Berührung ihrer ertrunkenen Schönheit wohl warm und freundlich geworden sein muß!

Ja, der Fluß hatte sie geliebkost, hatte ihre Wangen gestreichelt und sie weiß und rein gelassen . . . hatte ihre Lippen geküßt und sie in einem kindlichen, glücklichen Lächeln geschlossen . . . hatte das dunkle Haar von der glatten, weißen Stirn zurückgestrichen, um zu zeigen, wie hübsch die blauen Adern unter der weichen durchsichtigen Haut gezeichnet waren . . . hatte die sanften Augen geschlossen und die langen, dunklen Wimpern schläfrig niedergedrückt, hatte aus einem einfachen, toten, kleinen Mädchen ein so wunderbares und jammervolles Bild gemacht, daß sonst hartherzige Frauen bei seinem Anblick weinten und starke Männer sich mit feuchten Augen abwandten. Selbst die Beamten der Morgue standen abseits und sahen ernst darauf hin. Einer von ihnen hob die winzige, weiße Hand in die Höhe und betrachtete einen Ring am Finger, ein kleines, emailliertes Vergißmeinnicht in Gold, und schien ihn abziehen zu wollen, bedachte sich aber und ließ ihn an seiner Stelle. Ich kannte den Ring – Heloise hatte ihn ihr gegeben – es war ein Schmuckstück, für das sie immer jene sentimentale Vorliebe gehabt, die Mädchen oft für ganz wertlose Andenken hegen. Ich starrte und starrte, aber mein Gehirn war klar genug, um mich zu erinnern, daß es jetzt meine Pflicht sei, die arme, kleine Tote ohne Zögern zu identifizieren, damit sie ehrfürchtig der Obhut der Gräfin von Charmilles und Heloisens übergeben werde. Dann würde sie ein ehrenhaftes Begräbnis erhalten, und Pauline, wie Shakespeares Ophelia, hätte »ihren Mädchenkranz und das Bestreuen mit jungfräulichen Blumen, Geläut und Grabstätt'.«

Nein; ich schob den Gedanken sogleich von mir. Es gewährte mir ein besonderes Entzücken, zu denken, daß sie, wenn nicht zur gesetzlichen Frist identifiziert würde, gleich Guidél in das Schachtgrab geworfen würde, ohne einen Namen, ohne ein Recht auf Erinnerung. Mein entstellter, verwirrter Geist fand an einer solch' kleinlichen und nutzlosen Grausamkeit lebhaftes Vergnügen; es that mir so wohl, die Tote zu verhöhnen; denn wie ich schon früher erwähnte, hält ein ausgemachter Absintheur die teuflischsten Ideen für schön und gerecht. Wenn Ihr daran zweifelt, so fragt in einem der großen Irrenhäuser Frankreichs an, laßt Euch die Verirrungen der Absinth-Besessenen erzählen, die den größten Prozentsatz der unheilbar Kranken stellen, und Ihr werdet genug hören, um Material zu hundert ärgeren Geschichten als die meine zu sammeln! Was kann man von einem Manne erwarten, der sein Blut vergiftet und sein Gewissen getötet hat? Redet von der Seele, so viel Ihr wollt – die Seele kann sich im Leben nur durch die Sinne deutlich machen, und wenn die Sinne krank und verdorben sind, wie können die Botschaften der Seele anders sein?

So schwieg ich und klärte Paulinens Identität nicht auf: aber ich ging so häufig in die Morgue, thatsächlich fast jede Stunde, und starrte so lange, so beharrlich auf die Tote, daß mein Benehmen zuletzt die Aufmerksamkeit der Beamten erregte. Eines Abends – ich glaube, es war der dritte, seit man sie hergebracht hatte – berührte einer der Beamten leicht meinen Arm.

»Pardon, der Herr scheint die Leiche zu kennen!«

Ich sah ihn zornig an, und obwohl ein paar Leute um uns herumstanden, schleuderte ich ihm die Lüge ins Gesicht:

»Sie irren sich. Ich weiß nichts!«

Er sah mich mißtrauisch an.

»Dennoch scheinen Sie an dem armen Geschöpf ein sonderbares Interesse zu haben.«

»Was ist dabei?« gab ich zurück. »Das Mädchen, obwohl tot, ist schön – ich bin Künstler und studiere die Schönheit, wo ich sie finde, ob lebend oder tot – ist das so sonderbar?«

»Gewiß nicht, durchaus nicht,« sagte der Beamte achselzuckend und mich noch immer von der Seite her anblickend. »Ich möchte Ihnen nur eines bemerken: Wenn wir nur eine Spur, wenn auch die geringste finden könnten, die zu einer Identifikation dieses unglücklichen Fräuleins führen könnte, so würden wir uns sehr freuen. Sie war sicherlich eine Dame – daran zweifeln wir nicht, aber ihre Wäsche war nicht gezeichnet, wir finden nirgends einen Namen, außer in einem Medaillon, das sie trug . . .«

Ich beherrschte mich mühsam.

»Was für ein Medaillon?« fragte ich.

»O, ein ganz wertloses. Wir öffneten es natürlich, aber es war nichts darin als ein vertrocknetes Rosenblatt und ein kleiner Zettel, auf dem das eine Wort ›Silvion‹ stand. Das kann nun der Name eines Ortes oder einer Person sein, wir wissen es nicht und es hilft uns zu nichts.«

»Nein, Ihnen nicht, aber mir!« Es machte meinen kleinlichen Zorn gegen das hilflose, lächelnde, wächserne Ding, das in so feierlicher und eisiger Schönheit vor mir lag, noch größer. Ein vertrocknetes Rosenblatt und dieser Name! Waren das also ihre einzigen Schätze? Alles, was sie aus dem Schiffbruch ihres kurzen Sommerlebens retten wollte? Ja, Frauen sind seltsame Thoren, und die weisesten Männer, die je gelebt, können das Geheimnis ihres komplexen Mechanismus nicht enträtseln. Halb Puppen, halb Engel, und man weiß nie, an welche Seite ihrer Natur man sich wenden soll!

»Wir haben in unseren Annoncen eine sehr eingehende Schilderung der Leiche gegeben,« fuhr der Beamte nachdenklich fort, »aber vorläufig hat sie noch zu nichts geführt. Wir wären wirklich froh, wenn es zu einer Identifikation käme – obwohl es nur Gefühlssache ist . . .«

»Eine Gefühlssache? Was meinen Sie damit?« fragte ich rauh.

»Lieber Herr, wir Franzosen haben ein Herz! Die arme Kleine da ist zu zart und hübsch, um im Schachtgrabe zu liegen.«

Guter Gott, was für einen lächerlichen Einfluß kann die Schönheit einer Frau auf die schwachen Gehirne der Männer üben! Das tote Mädchen würde nie wissen, ob sie in einem Schacht- oder in einem anderen Grabe liegen würde, und dennoch bedauerte dieser Beamte der Morgue, von ihrem Aussehen gerührt, daß sie ohne Zärtlichkeit und Ehrfurcht begraben werden müsse.

»Sie sind sehr galant,« lachte ich; »ich wollte, ich könnte Ihnen helfen. Die junge Selbstmörderin ist wirklich schön – ich habe sie mit vielem Vergnügen betrachtet . . .«

»Wollen Sie sie in der Nähe sehen?« fragte er, mich plötzlich scharf anblickend.

Ich verstand seine Absicht. Er dachte, daß ich etwas wisse, und wollte mich überrumpeln, es zu gestehen. Ein schöner Kerl! Aber ich nahm es mit ihm auf.

»Mit Vergnügen,« antwortete ich nachlässig.

Er sagte nichts, sondern ging schweigend voran. Noch eine Minute, und das elektrische Licht flammte blendendweiß über das ertrunkene Mädchen . . . ich fühlte, daß die Augen des Beamten auf mir ruhten, und blieb fest. Aber in Wirklichkeit war mir sehr weh ums Herz, und ein eisiger Schauer kroch durch mein Blut, denn ich stand nahe genug, um die berühren zu können, die ich so geliebt hatte! Ich hätte sie küssen können . . . ihr weißes, starres Händchen lag nur wenige Zoll von mir entfernt! Ich atmete mühsam; trotz meiner Anstrengungen konnte ich nicht hindern, daß ein sichtliches Zittern meine Glieder schüttelte. Und sie – sie lag da wie eine schlafende, kleine Marmorgöttin . . . armes Paulinchen!

Plötzlich beugte sich der Beamte über den Körper und hob ihn gewaltsam an Kopf und Schultern auf. Fast hätte ich laut aufgeschrieen.

»Rühren Sie sie nicht an!« flüsterte ich heiser. »Es ist eine – Entweihung!«

Er sah mich fest an, ohne sich von meinen Worten rühren zu lassen.

»Sie können sie also nicht identifizieren? Sie haben keine Idee, wer sie war?« fragte er gemessen.

Ich wich zurück. Wie er das tote Mädchen so in aufrechter Haltung festhielt, fürchtete ich, daß sie die Augen aufschlagen könne!

»Nein,« antwortete ich mit einer Art von dumpfem Trotz. »Nein, nein, nein! Legen Sie sie nieder! Warum, zum Teufel, können Sie sie nicht in Ruhe lassen?«

Er warf mir noch einen forschenden, mißtrauischen Blick zu, dann legte er langsam und mit einer gewissen Zärtlichkeit den Körper wieder in seine ruhende Stellung und winkte mir, ihm zu folgen. Ich that es.

»Sehen Sie, lieber Herr,« sagte er vertraulich, »hier liegt kein Mord vor, es ist gar kein Grund zu einem solchen Verdacht vorhanden. Es ist ein bloßer Selbstmord – wir haben viele solcher – aber nach Ihrem Benehmen zu schließen könnten Sie uns, wenn Sie wollten, eine Aufklärung geben. Warum reden Sie nicht offen? Zum Beispiel, wollen Sie schwören, daß Sie absolut nicht wissen, wer die Frau war?«

Der Narr! Ich sah ihn herausfordernd an – wir waren jetzt in dem äußeren Zimmer, der Glasschirm wieder zwischen uns und den Leichen – ich war daher ruhiger.

»Schwüre sind heutzutage in Frankreich nicht viel wert!« lachte ich. »Unsere Lehrer haben uns keinen Gott gelassen wobei soll ich also schwören? Bei Ihrem Kopf oder bei meinem?«

Der Beamte war geduldig, und obwohl ich laut sprach und mehrere herumstanden, fühlte er sich nicht beleidigt.

»Schwören Sie bei Ihrer Ehre. Das genügt.«

»Bei meiner Ehre! Ausgezeichnet! Also bei meiner Ehre schwöre ich, daß ich die Person da drinnen nicht kenne,« sagte ich lachend. »Sie ist wirklich allerliebst, aber ich kann Ihnen nicht sagen, wer sie ist, besser gesagt, wer sie war . . .«

Als ich die Lüge aussprach, lief etwas wie ein elektrischer Schlag durch mich – mein Herz klopfte heftig, und das Blut strömte mir in die Schläfen . . . ein Paar ruhige, traurige, leuchtende Augen blickten über die Köpfe der wenigen Zuschauer hinweg mit staunendem Vorwurf zu mir herüber . . . es waren die Augen Heloisens!

Ja, sie war es . . . sie hatte ihr Wort gehalten . . . sie war gekommen, um Pauline zu retten, mich meiner Rache an der Toten zu berauben. Hoheitsvoll und mitleidig stand sie in dem engen, kalten Raume, so bleich wie die Ertrunkene, die Hände zitternd ausgestreckt. Wie im Traum sah ich, wie die Leute ihr Platz machten – sah den Beamten auf sie zutreten und ehrerbietige Frage flüstern, und dann – dann hörte ich ihre Stimme, harmonisch, obwohl von Thränen erschüttert, eine Stimme, deren Wohlklang bis in das Innerste meines Wesens drang . . .

»Ich will sie holen,« sagte sie einfach, zu dem Beamten gewendet. »Sie ist meine Cousine, Pauline von Charmilles, die einzige Tochter des verstorbenen Grafen von Charmilles. Wir haben sie verloren – schon lange« – und ein unterdrücktes Schluchzen entfuhr ihren Lippen. »Geben Sie sie mir jetzt – und ich will sie – o, arme Pauline! – ich will sie – heimnehmen!«

Die Kraft verließ sie; sie verbarg das Gesicht in den Händen, und ein paar Frauen begannen aus Teilnahme mitzuweinen. Es war, was cynische Leute eine »Scene« nennen würden, und dennoch, ich konnte darüber nicht spotten, wie ich es gern gethan hätte. Der Geist der Menschlichkeit war selbst unter den angekränkelten Besuchern der Morgue, und vor allem, Heloise war gegenwärtig, und in ihrer Gegenwart konnte man nicht scherzen. Man glaubte an Gott – in der Nähe einer guten Frau glaubt man ja immer an Gott!

Ich hob die Augen, entschlossen, ihr ins Gesicht zu sehen, und ich that es – aber nur eine Sekunde lang. Denn ihr Blick schweifte mit so unaussprechlichem Entsetzen, Abscheu und Schmerz über mich hin, daß ich mich bückte, wie ein Sklave unter der Peitsche. Ich schlich hinaus, immer weiter, in das kalte Dunkel der Mitternacht, besiegt! Ja, besiegt, des letzten Tropfens in dem Fiebertrunk meiner Rache beraubt . . . Allein unter dem kalten, sternenlosen Himmel, häufte ich wilde Flüche auf mich, auf Gott, die Welt, das Leben, während sie, Heloise, deren Liebe ich einst unwissentlich besessen, ihre teure Tote nach Hause brachte.



Einunddreißigstes Kapitel.

Was sollte jetzt geschehen? Nichts – Absinth trinken! Mit dem Tode Paulinens hat jedes bestimmte Ziel ein Ende. Ich kümmerte mich um niemand, und mein früherer Platz in der Gesellschaft schien nicht leer zu sein. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie wenig der Welt an einem Menschen liegt, der sich selbst keinen Wert mehr beilegt. Er hätte ebenso gut nie geboren werden oder gestorben sein können – er ist vergessen, gänzlich abgethan.

Natürlich wohnte ich Paulinens Beisetzung bei. Ich fand heraus, wann sie stattfand, und sah ihr aus der Entfernung zu. Es war ein hübscher Anblick, wie ein weißes Feenbegräbnis. Es fiel viel Schnee an jenem Tage; der kleine Sarg war mit einer weißen Decke belegt, alle Blumen darauf waren weiß; und als die große Gruft aufgesperrt wurde, um die zarte, unter Blumen versteckte Bürde einzulassen, waren die dunklen, feuchten Wände ganz mit Kränzen und Gewinden bedeckt wie ein Hochzeitsgemach. Das war wohl das Werk Heloisens . . . süße, gute Heloise! Sie sah an jenem Nachmittage bleich wie ein Geist und dünn wie ein Schatten aus, als sie an der Seite der Gräfin von Charmilles einherschritt, die sichtlich sehr schwach war und von Kopf bis zu Fuß in Schwarz gehüllt ging. Ich sah dem feierlichen Zuge aus einer dunklen Ecke des Friedhofes zu und lächelte, als ich dachte, daß ich, ich allein all dies Unglück über diese einst so stolze, jetzt im Staube liegende Familie gebracht hatte – ich und Absinth! Wenn ich derselbe Gaston Beauvais geblieben wäre, der ich einst war – wenn ich in der Nacht, in der Pauline mir ihre Schuld gestanden, der Stimme des Mitleids in meinem Herzen gefolgt wäre – wenn ich André Gessonex nie begegnet wäre – so viel hängt an einem »wenn«! Hier und da empfand ich Gewissensbisse, aber sie waren nur vorübergehend, belästigten mich bloß, wenn ich an Heloise dachte oder sie sah. Sie war und ist der einzige Vorwurf meines Lebens, der einzige Schimmer von Gott, den ich je gekannt habe! Als Pauline zur Ruhe gebracht war, als das Eisengitter der Gruft sich grimmig hinter dem schloß, was von dem fröhlichen, thörichten Kinde übrig war, als das ich sie kennen gelernt – frisch aus ihrer Lausanner Pension – da verlor Heloise für einen Moment ihre Fassung und fiel mit einem langen, schluchzenden Aufschrei ohnmächtig nieder, mitten unter die erschrockenen kleinen Meßknaben und ihre flackernden Kerzen. Aber sie erholte sich rasch, und als sie wieder aufrecht stehen konnte, schwankte sie zu der Thür des Mausoleums, küßte sie und hing einen Kranz weißer Rosen darüber, auf deren Schleifen das Wort »Liebe« in silbernen Buchstaben stand. Dann entfernte sie sich mit den übrigen Trauergästen; ich aber blieb zurück. Von den Bäumen verdeckt, lag ich ruhig und ungestört da, so daß die Nacht mich noch dort traf. Die Wächter des Pére-la-Chaise gingen wie gewöhnlich umher, und verschlossen die Thore; ich aber ward wie ein Gefangener eingeschlossen, was ich bezweckt hatte. Einmal allein, ganz allein in dem Dunkel der Nacht, streckte ich die Arme in fieberndem Entzücken in die Höhe – die Stadt der Toten gehörte jetzt mir – ich war der einzige Beherrscher dieser weiten Domäne von Gräbern! Dann stürzte ich zu dem marmornen Gefängnis Paulinens, warf mich davor nieder, weinte, tobte, fluchte und rief sie mit jedem Liebesnamen, den ich mir erdenken konnte; die furchtbare Stille machte mich wahnsinnig! Ich schlug auf das Eisengitter mit den Fäusten los, bis sie bluteten. –«Pauline!« rief ich, »Pauline!« Keine Antwort – o Gott, sie würde nie mehr antworten!

Ich darf nicht länger dabei verweilen; ich darf nicht zu den Stunden zurückblicken, die ich vor Paulinens Grabe verbrachte, denn sie waren furchtbar! Einmal, als die Nacht verblich, sah ich Silvion Guidél; er lehnte an den Säulen der Gruft und verwehrte mir mit erhobener Hand den Weg. Ich konnte ihn nicht angreifen – er war ja Nebel und Luft –- aber sein Gesicht war wie das eines Engels, und der heitere Triumph darauf erfüllte mich mit ohnmächtiger Wut. Ich fühlte, er hatte den Sieg davongetragen; Pauline war sein, nicht mein; Gott war auf seiner Seite gewesen, und der Tod, statt ihn zu unterwerfen, hatte ihm den Sieg verliehen!

Eines Tages, Wochen nach Paulinens Begräbnis, ward ich sehr krank. Ich konnte mich nicht bewegen – die Macht über meine Glieder war dahin. Eine so seltsame Schwäche befiel mich, daß ich vor Hilflosigkeit den ganzen Tag weinte. Es war eine Art temporärer Lähmung, die nach einiger Zeit verging, aber mich mit Schrecken erfüllte. Als es mir besser ging, kam mir eine Idee in den Sinn: Ich wollte zur Beichte gehen. Ich war damals ganz entkräftet, eine Beute der unerträglichsten Niedergeschlagenheit. Außerdem hatte es mich furchtbar gekränkt, daß ich einmal zufällig meinen Vater mit seinem neuen Compagnon getroffen, den Sohn, den er an meiner Stelle adoptiert, einen schönen, eleganten, liebenswürdig aussehenden jungen Menschen, und er – er, mein Vater, schien vollkommen glücklich zu sein! Ja, vollkommen glücklich! Er hatte mich nicht gesehen – wahrscheinlich hätte er mich auch nicht erkannt – stützte sich auf den Arm seines neuen »Sohnes« und lachte mit ihm, wohl über irgend einen Scherz; er hatte mich vergessen, oder wenn auch nicht wirklich vergessen, so war er doch entschlossen, so zu scheinen. Ich hielt ihn für grausam, für herzlos, verwünschte das Schicksal, alles und alle, außer mir selbst, der ich doch meinen eigenen Ruin herbeigeführt hatte.

»Offenes Geständnis thut der Seele wohl,« sagt irgend ein Moralist. Ich beschloß, es zu versuchen, und mein Beichtiger sollte niemand anderes sein als der gute, alte Vaudron. Aber war ich reuig? Gewiß nicht; ich fühlte mich bloß unglücklich und empfand das Bedürfnis, mich gegen jemand auszusprechen, der es nicht weiter sagen würde. Ich bereute nichts, ich war nur müde und von den furchtbaren Hallucinationen, die mich verfolgten, nervös überreizt. Feurige Räder in der Luft, ein großer Leopard, der mich überallhin verfolgte, grüne, wirbelnde Löcher im Boden, in die ich jeden Augenblick zu fallen drohte, das waren die gewöhnlichsten Visionen; aber ich begann mich mehr als je zuvor vor dem Wahnsinn zu fürchten, und je mehr ich darüber nachdachte, desto entschlossener ward ich, mit Vaudron zu sprechen, der mich von Kindheit an gekannt hatte . . . wer weiß, vielleicht gab es in der Kirche doch noch Wunder! Und so begab ich mich denn eines Abends in die kleine, wohlbekannte Kapelle, wo ich, wenn alles gut gegangen wäre, mit Pauline getraut worden wäre, wo der »schöne Silvion« seinem zu vertrauensvollen Onkel bei der Frühmesse »assistiert« hatte. Alles war still, überall Blumen, und die ewigen Lampen brannten hell. Eine Frau fegte die Kanzel; ich erkannte sie gleich, es war Margot. Sie erkannte mich nicht, sah auf, als ich eintrat, machte sich aber, da sie mein Aussehen zweifellos für das Gegenteil von einnehmend fand, mit erneutem Eifer an ihre Arbeit. Außer ihr und mir war die Kirche ganz leer. Nachdem ich ein wenig gewartet hatte, ging ich auf sie zu und sprach sie an.

»Nimmt der Herr Pfarrer heute noch Beichte ab?«

Sie starrte mich an und wies dann auf die Sakristeiglocke.

»Läuten Sie!«

»Ist es vielleicht nicht die gewöhnliche Stunde?«

Sie antwortete nicht, und über ihre mir vertraute Bissigkeit lächelnd, that ich, wie sie mir geheißen, und zog an der bezeichneten Glocke. Ein kleiner Meßknabe erschien.

»Hört Seine Hochwürden heute noch Beichte?«

»Ja, er wird gleich in die Kirche kommen.«

Ich zog mich zurück und setzte mich nieder. Allmählich amüsierte mich die Sache. Es war die reine Komödie – ich heuchelte ein Gewissen. Mittlerweile entfernte sich die alte Margot mit ihrem Besen und sonstigen Reinigungsapparaten und ließ mich allein in der Kirche zurück. Sie schlug geräuschvoll die Thür hinter sich zu, und die tiefe Stille, welche dem hohlen Echo folgte, bedrückte mich unheimlich. Neben mir befand sich ein großes Kruzifix, und die Gestalt Christi darauf sah gemartert und wehevoll aus; was für ein Thor war er, dachte ich, für eine so trügerische Idee, wie die Vergeistigung des Menschen, zu Grunde zu gehen! Wir werden nie geistig werden; wir sind von der Erde, irdisch, unsere Begierden niedrig, unsere Leidenschaften verächtlich; aber da wir so geschaffen wurden, sollen wir, meiner Ansicht nach, so bleiben. Andere können, wenn sie wollen, verschieden darüber denken.

Ein langsamer Schritt ertönte auf dem Marmorfußboden und ich beugte hastig meinen Kopf, während ich zwischen den gefalteten Fingern den guten, alten Vaudron betrachtete, wie er durch die Sakristei kam und langsam auf den Beichtstuhl zuschritt. Himmel, wie verändert er war, wie gebückt, wie schneeweiß sein Haar! Auch sein einst so blühendes, rundes Gesicht war jetzt runzlig, versorgt und bleich. Der arme alte Mann hatte also ebenfalls gelitten, und auch das war mein Werk! Ich wartete, bis er sich in seine Nische gesetzt hatte, dann schritt ich auf den Beichtstuhl zu. Als ich niederkniete, hörte ich ihn die gewöhnliche lateinische Formel murmeln; er dachte, daß ich ebenfalls betete, aber ich sagte nichts. Ich schwieg so lange, daß er endlich ungeduldig wurde und, die Lippen an das verhüllte Gitter legend, milde sagte:

»Ich warte, mein Sohn! Fasse Mut!«

»Hochwürden,« murmelte ich, mich mühsam beherrschend, »meine Beichte wird seltsam und furchtbar sein – sind Sie gefaßt, etwas ganz Ungewöhnliches zu vernehmen?«

Ich fühlte, daß er erschrak, aber in seiner ruhigen Stimme lag nur ein schwacher Anflug von Strenge, als er antwortete:

»Ich bin gefaßt. Befiehl Dich Gott, Du sprichst zu ihm, wie zu mir – daher sei aufrichtig und verhehle nichts; denn nur durch aufrichtige Beichte kannst Du Gnade erhoffen.«

»Meine Sünde ist keine alltägliche, und alltäglicher Trost wird mir nichts helfen. Um gleich zu beginnen: Ich habe einen Menschen ermordet! Das ist mein Verbrechen. Können Sie mir Absolution geben?«

Ich hörte eine plötzliche, aufgeregte Bewegung im Beichtstuhl. Durch die kleinen Löcher des Gitters konnte ich sehen, wie er vor Schreck oder im Gebet die Hände faltete. Dann sprach er wieder:

»Absolution? Unglücklicher, es giebt keine – keine; wenn Du nicht den Behörden gestehst und Dich der Gerechtigkeit übergiebst, so giebt es für solche eine That weder im Himmel noch auf Erden Verzeihung. Wer war es?«

»Mein Feind!«

»Du hättest ihm vergeben sollen!«

»Hochwürden, ich wollte Gerechtigkeit! Ich tötete einen Betrüger, einen Lügner, einen Verräter, einen Priester, der mir die Frau raubte, die ich liebte!«

Ein schaudernder Seufzer, fast ein Stöhnen entfuhr ihm.

»Einen Priester – o Gott!«

»Ja, einen Priester,« fuhr ich unbekümmert fort. »Und er, der, den ich tötete, hatte sie, gewann sie durch einen bloßen Blick, ein bloßes Lächeln; er hatte schöne Augen und ein anmutig schmeichelndes Benehmen. Er war glücklich, eine Zeitlang wenigstens. Er war schön wie ein Engel, gelehrt wie Marc Aurel – haben Sie nie einen solchen wie ihn gekannt? Das Beste, was die Welt hatte, die Liebe einer Frau, die schön war wie der Tag, gehörte ihm. Jetzt ist sie auch tot. Sie ertränkte sich, als sie erfuhr, daß er tot ist, und daß ich ihn getötet hatte. So behielt er also ihre Liebe bis zu Ende, und ich bin genarrt worden. Darum bin ich zu Ihnen gekommen – gerade weil ich genarrt worden bin – ich will, daß Sie mich trösten, ich will, daß Sie mir sagen, daß der Mann, den ich ermordete, für alle Ewigkeit verdammt ist, weil er keine Zeit hatte, seine Sünden zu bereuen, ehe er starb!« Ich hielt aus Atemlosigkeit inne, sah, wie Vaudron entsetzt in die Höhe fuhr, als ich ihm meine Tirade entgegen schleuderte, und als er jetzt zu Worte kam, zitterte seine Stimme vor gerechter Empörung.

»Schweige!« sagte er. »Unglücklicher, wie darfst Du es wagen, in einem solchen Zustand das Gotteshaus zu betreten! Du bist wahnsinnig oder betrunken! Bete um wahre Reue, wenn Du beten kannst, und geh – ich will nichts mehr hören!«

»Sie sollen hören!« rief ich wild. »Sie müssen hören! Ich habe einen Menschen ermordet, sag ich Ihnen – und Sie fragen gar nicht, wer es war . . . trotzdem kennen Sie ihn . . . es war Ihr Neffe, Silvion Guidél!«

Kaum hatten die Worte meine Lippen verlassen, als die Thür des Beichtstuhles aufflog und Vaudron herausstürzte – er packte meinen Arm, und sein gutes, altes Gesicht glühte vor Zorn.

»Sie haben ihn gemordet . . . Sie, Sie?« keuchte er, mit funkelnden Augen, die Hand erhoben, als wolle er mich niederschlagen.

Ich lächelte.

»So ist's, Hochwürden, ich! Und hier bin ich, Ihnen auf Gnade und Ungnade überliefert, nur bedenken Sie, was ich Ihnen sagte, habe ich unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses gesagt!«

Sein erhobener Arm fiel entnervt herab – er sah mich starr an, sein Atem kam und ging so rasch, als sei er blitzschnell gelaufen. Dann, mich noch immer festhaltend, zog er mich vor den Altar, wo das Licht aus den hin- und herschwingenden Lampen voll auf meine Züge fallen konnte. Dort, wie in einem Fiebertraum, betrachtete er mich von oben bis unten, erst zweifelnd, dann mit allmählich aufdämmerndem, entsetztem Erkennen.

»Gott sei mir gnädig!« stammelte er, »es ist Gaston Beauvais!«

»So ist's, mein lieber Vaudron,« antwortete ich ruhig. »Es ist Gaston Beauvais, der Gaston Beauvais, welcher betrogen und verraten wurde und sich nach guter alter Bibelweise gerächt hat, indem er den Verräter tötete. Mehr als das – dieser Gaston Beauvais hat Pauline von Charmilles in ihren selbstgesuchten Tod getrieben, indem er ihr das Schicksal ihres Geliebten erzählte . . . . was konnte man von ihr anderes erwarten – sie war immer ein dummes Geschöpf! Und jetzt beichte ich Ihnen, damit Sie mich kennen lernen.

»Sie können Ihr Gelübde brechen, wenn Sie wollen,« fuhr ich nachlässig fort. »Sie können meinem Vater sagen, daß ich ein Mörder bin, der Mörder von Silvion Guidél, und ihm so neuen Grund geben, sich zu seiner Vorsicht, mich enterbt zu haben, zu beglückwünschen – Sie können Heloise St. Cyr sagen, daß ich ihre Cousine in den Wahnsinn trieb – Sie können mich den Gerichten verraten. All dies ist in Ihrer Macht.«

»Halt, halt!« rief er heiser und rang die Hände über dem Kopf. »Ich kann es nicht ertragen . . . o Gott, ich kann nicht! Unglücklicher, was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich so quälen?«

Ich schwieg. Was er gethan hatte? Ei, nichts! Ich beobachtete ihn kalt; denn sein Gesicht war eine seltsame Studie. Er kämpfte einen geistigen Kampf – die beschworene Pflicht stritt gegen die Instinkte des Menschen – es kam mir komisch vor, daß er es überhaupt der Mühe wert halte, diesen Kampf zu kämpfen. So vergingen ein paar Minuten; niemand betrat die Kirche, die Lampen warfen einen blutroten Schein über die Gestalt des gekreuzigten Christus. Plötzlich, wie von einem Instinkt geleitet, wandte er sich diesem Bilde seines Glaubens zu, ein tiefer Seufzer entfuhr seinen Lippen, und vorwärtstaumelnd fiel er auf die Kniee nieder und verhüllte sein Gesicht – ich sah, wie die Thränen langsam durch seine runzligen Finger tropften.

Und ich – ich stand unentschlossen da, halb beschämt, gänzlich verlegen, hatte Lust zu lachen oder zu weinen, ich weiß nicht, wozu – da plötzlich überfiel mich eine furchtbare Empfindung – etwas in meinen Schläfen schnappte wie eine zerrissene Feder auseinander – das ganze Schiff der Kirche wurde stockdunkel, und ich griff mit den Händen in die Luft, um nicht zu fallen. Dann kamen Massen blaßgrünen Dampfes, die wirbelten und sich drehten und glühende Feuer- oder Blitzstrahlen in mein Gehirn sandten. Durch alles hindurch aber, obwohl ich von den Flammen erfaßt und umgeben schien, sah ich Vaudrons Gestalt vor dem Kruzifix knieen und stürzte darauf los wie auf eine Rettung.

»Retten Sie mich!« schrie ich verzweifelt. »Haben Sie kein Mitleid? Sehen Sie nicht? Ich werde verrückt – verrückt!«

Und ich brach in ein irres Gelächter aus, das von dem Gewölbe ein lautes Echo weckte und meine eigenen Ohren entsetzte. Aber mit diesem Lachen verging der Paroxysmus, mein Gehirn klärte sich und ich gewann meine Selbstbeherrschung zurück wie durch einen elektrischen Schlag, der nur in meinen Gliedern nachzitterte. Mittlerweile war Vaudron aufgestanden und sah mich jetzt an.

»Verzeihen Sie,« sagte ich und erzwang ein Lächeln. »Ich bin nicht wohl. Ich habe nervöse Irritationen . . . ich lebe zu lustig. Lustig leben ist sehr angenehm, aber es hat Folgen, die nicht immer angenehm sind. Es ist nichts, ein bloß vorübergehendes Unwohlsein. Aber jetzt, Hochwürden, da Sie nun gebetet haben – hoffentlich hat es Ihnen wohlgethan – haben Sie mir nichts zu sagen? Ich glaube, es ist die Pflicht eines Priesters, wenn er schon nicht Absolution erteilen kann, so doch wenigstens eine Buße aufzuerlegen!«

Er begegnete meinem satirischen Lächeln mit einem Blick finsteren Kummers.

»Das Geheimnis Ihres Verbrechens ist bei mir wohl bewahrt«, sagte er und wandte sich ab. Ich eilte ihm nach.

»Ist das alles?« fragte ich halb spöttisch.

Er blieb stehen und blickte mich abermals an; der Schmerz, der sich in seinem Gesichte malte, hätte mich rühren müssen, wäre mein Herz nicht härter gewesen als Diamant.

»Alles!« wiederholte er leidenschaftlich. »Ist es nicht ›alles‹, was Sie brauchen? Sie sagen mir, daß Sie den unglücklichen Silvion ermordet haben, Sie, Gaston Beauvais, und warum haben Sie es mir gesagt? Einfach, um mich durch die furchtbare Last dieses Geheimnisses ins Grab zu beugen! Sie fühlen weder Bedauern noch Reue – Sie sprechen von Ihrer That mit dem furchtbarsten Cynismus, und von Buße zu reden, hieße ihren Namen mißbrauchen! Um Gottes willen gehen Sie! Gehen Sie, so lange ich noch Kraft habe, Sie gehen zu lassen . . . ich bin nur ein Mensch . . . Ihr Anblick macht mich krank . . . ich habe keine Kraft zu . . .«

Die Stimme versagte ihm, er winkte mir schwach, zu gehen.

»Und ich – denken Sie nicht daran, daß ich elend bin?« sagte ich zornig. »Was für Egoisten Ihr seid, Sie und mein Vater, und die ganze Bande! Für mich fühlen Sie kein Mitleid?«

»Ich bemitleide Sie, Gott weiß es,« sagte er feierlich. »Ein Mensch mit dem Kainszeichen auf der Seele, ein Mensch ohne Herz, ohne Gewissen, ohne Frieden in dieser Welt oder Hoffnung in der andern – so wahr Christus lebt, ich bemitleide Sie! Aber erwarten Sie nicht mehr als Mitleid von mir! Ich bin ein alter, schwacher Mann, besitze nicht die Tugenden der Heiligen, und ich kann nicht – Gott helfe mir, ich kann Ihnen nicht verzeihen!« Seine Stimme schwankte, als er, mich mit der Hand abwehrend, auf die Sakristei zuschritt. »Ich kann nicht . . . ich habe nicht die Kraft zu . . . die arme Pauline, der unglückliche Silvion . . . nein, nein, ich kann nicht verzeihen . . . Gott muß es mich erst lehren . . . von selber kann ich's nicht!«

Mit einem plötzlichen Impuls warf ich mich vor ihm nieder.

»Vaudron!« rief ich, »erinnern Sie sich! Sie kannten mich als Kind . . . Sie sind meines Vaters Freund! Bedenken Sie – ich bin zu Grunde gerichtet, ein Verlorener – wollen Sie mich ohne ein Wort des Trostes gehen lassen?«

Er stand regungslos da – sein Gesicht war totenbleich – seine Lippen zitterten. Der Kampf in ihm war bitter – er hatte Silvion ja auch geliebt. Nach einer Weile hob er die zitternde Hand und deutete auf das Kreuz.

»Dort . . . dort!« murmelte er abgebrochen. »Dorthin gehen Sie und beten Sie! Als Mensch wage ich Ihnen nichts zu sagen, als Priester sage ich; Gott helfe Ihnen!«

Er entzog sich meinen Händen – die Sakristei-Thür öffnete und schloß sich – er war fort.

Ich zuckte die Achseln und lächelte, als ich in die kalte Nachtluft hinausging. Eine Melodie vor mich hinsummend, schlenderte ich schläfrig den Boulevard entlang, und als einen passenden Abschluß dieses Abends betrank ich mich mit – Absinth.



Zweiunddreißigstes Kapitel.

Die Zeit, die unmittelbar auf diese Nacht folgte, ist mir wie verwischt; ich erinnere mich an gar nichts, was darin geschah. Denn ich war sehr krank. Während eines vollen Monats lag ich zu Bette, die Beute heftigen Fiebers und Deliriums. Das erfuhr ich später – ich wußte von nichts. Die Nachbarsleute erschraken und holten einen Doktor; er war in seiner Art ein guter Mensch und nahm ein liebenswürdig-wissenschaftliches Interesse an mir. Als ich zum Bewußtsein kam, sagte er mir, was ich schon lange wußte, nämlich daß mein ganzes Leiden von übermäßigem Absinthgenuß herrühre.

»Sie müssen es aufgeben,« sagte er entschieden, »sofort und für immer. Es ist eine entsetzliche Gewohnheit, ein furchtbarer Wahnsinn der Pariser, die wegen ihrer Leidenschaft für dieses Gift an Blut und Gehirn entschieden moralisch und physisch mehr und mehr verkommen. Wie die nächste Generation sein wird, will ich mir nicht einmal ausmalen! Ich weiß, es ist sehr schwer, etwas aufzugeben, an das sich das System bereits gewöhnt hat, aber Sie sind noch ein junger Mann, und ich kann Sie gar nicht genug vor der Gefahr warnen, welche ein Fortsetzen Ihrer gegenwärtigen Lebensweise Ihnen bringen wird. Moralische Kraft ist notwendig, und Sie müssen Sie anwenden. Ich habe eine große Praxis und Fälle gleich Ihrem sind beunruhigend häufig, so im Anwachsen wie die Morphinomanie unter den Frauen – aber ich sage Ihnen offen, daß keine Arznei hilft, wo der Patient nicht seine eigene Widerstandskraft verwenden will. Ich muß Sie daher um Ihrer selbst willen ersuchen, Ihre ganze Willenskraft aufzuwenden, um diese verhängnisvolle Gewohnheit zu überwinden, wie es Pflicht und Gewissen gebieten.«

Pflicht und Gewissen! Ich lächelte und starrte ihn, mich auf meinen Kissen umwendend, neugierig an. Es war ein stiller, beherrschter, schöner Mann von mittlerem Alter, mit einer ruhigen Stimme und zurückhaltendem Wesen.

»Pflicht und Gewissen,« murmelte ich matt. »Wie schön klingen diese guten, kleinen Wörtchen! Also, Doktor, Sie finden meinen Zustand sehr schlimm?«

Er betrachtete mich mit einer kalten, berufsmäßigen Miene.

»Ja,« antwortete er. »Besäßen Sie nicht die Kraft der Jugend, so wäre ich geneigt, Sie für unheilbar zu erklären. Müßte ich Ihren Zustand analysieren – –«

»Thun Sie's, ich bitte Sie darum!« fiel ich eifrig ein. »Analysieren Sie mich nur, ich bin ein Freund der Wissenschaft!« Er sah mich zweifelnd an und befühlte, die Uhr in der Hand, meinen Puls.

»Die Wissenschaft befindet sich noch in ihrer Kindheit,« sagte er nachdenklich, »besonders die medizinische. Einige Fakten jedoch sind bereits festgestellt worden, und so, ohne Reserve sprechend, muß ich Ihnen erklären, daß, wenn Sie beim Absinthtrinken beharren, Sie ein hoffnungsloser Irrer werden. Ihre Krankheit scheint von Gott gesendet zu sein; sie hat Sie gezwungen, einen Monat unter meiner Pflege zu leben, ohne einen Tropfen jener infernalischen Flüssigkeit zu sich zu nehmen, und ein gewisses Wohlbefinden war das Resultat, so daß Sie für eine Heilung vorbereitet sind. Aber Ihre Gehirnzellen sind noch immer von dem Gifte erfüllt, und eine heftige Irritation hat sich in dem Nervengewebe festgesetzt. Ihr Blut ist vergiftet, der Kreislauf unregelmäßig, oft unterbrochen – ein Zustand, der natürlicherweise Schwindel, Ohnmachten und Anfälle von Delirium hervorrufen muß, die starker Epilepsie ähnlich sind. Ein solcher Zustand kann Sie sogar höchst unangenehmen Hallucinationen aussetzen –«

»Jawohl,« warf ich lässig ein. »Und mit aller Ihrer Geschicklichkeit, lieber Doktor, haben Sie mich nicht von dem Tier dort befreien können.«

Er fuhr auf und blickte forschend in die Richtung, nach der ich deutete, wo meinen Augen deutlich und greifbar sichtbar der große, gelbe Leopard auf, nicht unter meinem Bette lag, die großen, gelben Tatzen dicht an meine Füße gelegt.

»Was für ein Tier?« fragte er, seinen ruhigen Blick abermals auf mich richtend, und seine kühlen, festen Finger wieder auf meinen klopfenden Puls drückend.

Ich erklärte ihm mit wenigen Worten die Visionen, die mich schon so lange quälten. Seine Stirn runzelte sich, er schien verblüfft zu sein.

»Keine Hilfe für mich?« fragte ich gleichgültig, als ich seinen Gesichtsausdruck bemerkte.

»Ich weiß nicht . . . ich kann es nicht sagen,« antwortete er hastig. »So auffällig markierte Spektra sind gewöhnlich ein Symptom schon bestehender Krankheit . . . ich hatte gehofft, daß . . .«

»Sie hatten gehofft, daß es bloß temporär sei,« sagte ich. »Ich verstehe. Aber wenn die Krankheit wirklich schon begonnen hat, worin besteht das Heilmittel?«

Er zögerte.

»Sprechen Sie doch,« und ich erhob mich ungeduldig aus den Kissen, »fürchten Sie sich nicht, Ihre Meinung abzugeben.«

»Es giebt kein Heilmittel,« antwortete er widerwillig. »Geisteskrankheit ist unheilbar – sie kann nur verzögert werden. Gute Nahrung, Ruhe, vollständige Enthaltung von jeder Art geistiger Getränke – dies Regime kann wohl frische Symptome abhalten – in manchen Fällen kann sogar ein normaler Zustand erreicht werden, der vollständiger Heilung gleicht. Mehr als dies liegt außerhalb des menschlichen Könnens . . .«

»Danke!« murmelte ich, mich wieder zurücklegend. »Sie sind sehr gut! Ich will es bedenken, obwohl es mir, die Wahrheit gestanden, ganz gleich scheint, ob man in dieser langweiligen Welt verrückt oder geistig gesund ist.«

Er trat von mir weg an den Tisch, wo er sich niederließ und ein Rezept schrieb. Ich beobachtete schläfrig sein Äußeres – seinen glatten Kopf, seine gut sitzenden Kleider, die weiße, reine, geschäftsmäßig aussehende Hand, welche die Feder führte.

»Sagen Sie mal,« lachte ich, »haben Sie in Ihrer Praxis schon einmal einen Absintheur gekannt, der Absinth aufgegeben hat? Selbst um ›Pflicht und Gewissens‹ willen?«

Er antwortete nicht, sondern nahm seinen Hut, blickte hinein, verbeugte sich leicht und ging. Ein paar Wochen später war ich imstande, aufzustehen und wieder umherzukriechen, und da bemerkte ich, daß mein Geld auf die Neige ging. Meine Krankheit hatte viel gekostet, und ich sah bald ein, daß ich mein ohnehin bescheidenes Zimmer für ein noch billigeres in einem geringeren Stadtteil vertauschen müsse. Auch mußte ich etwas unternehmen, um mir den Lebensunterhalt zu verschaffen – irgend etwas, wenn auch nur betteln – etwas, um das Geld für Absinth zu haben. Und eines Tages, als das Wetter warm und sonnig war, wanderte ich in die Tuilerien hinaus und setzte mich dort nieder, schläfrig über mein Sein grübelnd, die Pro und Kontra meiner elenden Existenz erwägend und mich fragend, wovon ich leben würde. Denn so wertlos mein Leben auch war, wollte ich doch nicht sterben – ich hatte nicht den nötigen Mut dazu.

Ganz plötzlich, wie ein Regenbogen der Hoffnung am dunklen Himmel, kam mir der Gedanke an Heloise St. Cyr. Ihr schönes Gesicht schwebte wie eine heilige Vision an meinem Blick vorüber, und in meiner Schwäche stürzten mir bei dem bloßen Gedanken an ihre sanfte Weiblichkeit und Treue die Thränen aus den Augen. Ihre Stimme, mit ihrer weichen, musikalischen Kadenz schien lockend auf mich zuzufluten – mir war sogar, als hörte ich die Melodien der Violine, die sie meisterhaft spielte, deutlich durch die stille Luft widerhallen. Ich wollte zu ihr gehen, diesen Weg gehen, solange ich von der Wirkung meiner Krankheit gebändigt, zerbrochen war; ich wollte ihr alles sagen und sie um Mitleid, um Verzeihung anflehen; wollte sie bitten, mir zu helfen, mich vor mir selbst zu retten, wie nur eine gute Frau einen unglücklichen Mann retten kann. Und wenn sie es wünschte – wenn sie befahl – wollte ich, wollte ich sogar um ihretwillen den Absinth aufgeben – sie sollte mit mir thun, was sie wollte, mein zerstörtes Leben sollte ihr gehören, sie sollte darüber herrschen nach ihrem Belieben!

Ich stand hastig auf, noch immer mit Thränen in den Augen, und mich auf meinen Stock stützend, denn ich war nicht imstande, ohne diese Stütze zu gehen, ging ich mit peinlich langsamen Schritten dem Hause der de Charmilles zu. Die Gräfin und ihre Nichte waren wohl gar nicht in der Stadt, sie mochten den Winter über nach dem Süden gereist sein; dennoch fühlte ich, daß ich einen, wenn auch vergeblichen Versuch machen müsse, um das einzige Wesen in der Welt zu sehen, das gerade an diesem Wendepunkt meines Lebens mich jetzt noch retten konnte!

Es waren sehr viele Leute in den Straßen. Alles sah munter und vergnügt aus – die Sonne glänzte, und die Champs Elysées waren voll glücklicher Kinder, die sich auf den Spielplätzen herumtrieben oder in ihren hübschen Ziegen-Equipagen kutschierten, während Kinderfrauen und Gouvernanten ihre unschuldigen Vergnügungen bewachten. Mir war, als hätte ich Paris noch nie so schön gesehen – eine eigene Stimmung kam über mich – ich war traurig, aber nicht verzweifelt – und obwohl ich keine ausgesprochene Reue fühlte, war ich mir doch eines schwachen, sehnsüchtigen Wunsches, zu büßen, bewußt. Der kleine Funken meines besseren Selbst war zu einer schwachen Flamme aufgeloht und brannte jetzt mit einem Gefühl der Scham in meiner Brust.

Allmählich führten mich meine langsamen, schwankenden Bewegungen in die bekannte Straße, vor das wohlbekannte Haus, in dem ich in glücklicheren Tagen so oft ein willkommener Gast gewesen. Das Thor stand offen, aber das Ganze sah so seltsam aus, daß ich mir die Augen rieb und verwundert um mich starrte – was für eine neue Sinnestäuschung hatte mich ergriffen? Das Thor stand offen, wie ich sagte – und der Umstand, der mich so verwirrte und erstaunen machte, war, daß die Thüren der Vorhalle ebenfalls weit offen standen und der ganze Hausflur mit schwarzen, weißverzierten Draperien verhängt war, schweren Draperien, die trauernd wie gesenkte Fahnen bis auf den Boden schleiften. Wieder rieb ich mir heftig die Augen – ich konnte ihrem Zeugnis nicht glauben, sie hatten mich schon so oft betrogen. War das eine Sinnestäuschung? Ich schritt zögernd vorwärts – stieg die Treppe hinan – näherte mich den Draperien und berührte sie: sie waren wirklich – und der Flur war dunkel und feierlich, nur von wenigen, hohen Kerzen erhellt. Niemand bemerkte mich, obwohl viele Leute aus- und eingingen – sie waren in Schwarz gekleidet, traten leise auf, und viele trugen Blumen in der Hand. Allmählich dämmerte die Bedeutung der düstern Scene in mir auf – das war, was man in Frankreich eine »chapelle ardente« nennt – ein prunkvolles Aufbahren der Toten, wobei allen, Freund und Feind, die Thür geöffnet wird, damit sie zum letzten Mal das Gesicht sehen können, das sie geliebt oder gehaßt. Eine chapelle ardente – ja, aber für wen? Wer war gestorben? Die Antwort blitzte mir sofort auf – es war die unglückliche, verwitwete Gräfin von Charmilles, die gestorben war – natürlich, sie mußte es sein! Des Gatten und des Kindes beraubt, was war natürlicher, als daß sie des Lebens überdrüssig geworden und sich nach der Vereinigung mit ihren Lieben gesehnt! Abermals kamen mir die Thränen in die Augen, als ich zu der Gewißheit kam, daß dem so war. Die Arme! Ich erinnerte mich an ihre ruhige Anmut und Würde, ihr hoheitsvolles und doch echt mütterliches Wesen, ihre beständige Güte und Sanftmut gegen mich, als ich noch ihr künftiger Schwiegersohn gewesen war. Jetzt war sie dahin, war sie mit gebrochenem Herzen ins Grab gesunken – und an ihrem Tode hatte ich den größten Anteil!

»Ich Unglücklicher,« dachte ich, als ich schwach an der großen Treppe lehnte, wo die Besucher auf- und abgingen, »ich bin verflucht, und nur Heloise kann mich von dem Fluch befreien . . .«

Mich gewaltsam beherrschend, sprach ich eine Dienerin an, die eben vorbei kam.

»Ist sie tot?« fragte ich mit gedämpfter Stimme.

»Ach, ja, mein Herr! Sie war ja schon lange kränklich!«

Das Mädchen brach in Thränen aus und eilte hinweg. Ich wartete noch ein paar Minuten, dann meine Kraft zusammenraffend, stieg ich mit den übrigen, schweigsamen, leise auftretenden Leidtragenden langsam die Treppe hinan. Der Geruch von frischem Weihrauch, mit dem schweren Duft der Lilien vermischt wehte mir entgegen, als ich dem Zimmer näher kam, das jetzt in einen Hochaltar für den Totendienst verwandelt worden . . . weiße Draperien schimmerten mir entgegen . . . weiße Blumen . . . alles weiß! Seltsam! – Weiß, reines Weiß gehörte ja nur für die Junggestorbenen!

Noch ein Schritt – noch einer . . . still, still! Was für ein stilles Engelsgesicht war das dort, unter blasse Cyclamen gebettet? . . .

Ich riß die seidenen Vorhänge zur Seite – wie ein Wahnsinniger stürzte ich vorwärts . . .

»Heloise!« schrie ich, »Heloise!«

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Tot! Tot! In wildem Schmerz mich auf dem Boden windend, griff ich in die Blumen, mit denen ihr Lager bestreut war – ich stöhnte, schluchzte, raste – ich hätte mich in der wilden Wut meines Entsetzens und meiner Verzweiflung töten mögen.

»Heloise!« schrie ich immer und immer wieder. »Heloise! Wach auf! Sprich zu mir! Verfluch mich! Liebe mich! O, Gott, Gott, Du bist nicht tot, nicht tot! Heloise, Heloise!«

Das schöne Gesicht schien heiter zu lächeln. »Ich bin in Sicherheit,« schien es zu sagen. »Sicher vor dem Bösen – sicher vor dem Kummer – sicher vor der Liebe – sicher vor Dir! Ich bin Deiner Berührung entgangen, Deinem Blick, Deiner Stimme, und all der Bitterkeit, daß ich Dich je gekannt. Und weil ich nun im Tode weise geworden bin, verzeihe ich . . . bemitleide ich Dich. Laß mich in Frieden ruhen!«

Mit einem wilden Schrei sprang ich auf und stürzte aus dem Zimmer, ohne es zu wagen, noch einmal das weiße Gesicht der toten Frau anzublicken, das mit so sieghaftem Triumph, mit so gleichgültiger Kälte auf meine Verzweiflung lächelte. Ich sah, wie die Leute mir entsetzt aus dem Wege wichen . . . ich hörte jemand rufen, daß ich vor Schmerz wahnsinnig sei, aber ich achtete nicht darauf, wußte nicht, ob ich erkannt worden oder nicht, und wollte es nicht wissen. Hinaus auf die Straße stürzte ich, mitten in das Gedränge der Vorübergehenden . . . konnte ich mich nicht selbst verlieren, dachte ich, war da kein tiefes, offenes Grab, in das ich fallen und verschüttet werden konnte, ehe ich Zeit hätte, zu kämpfen oder zu leiden? O, wie sehnte ich mich nach einem plötzlichen Tode ohne Schmerzen, nach einem raschen Beenden der ätzenden Bitterkeit in meinem Blute, des schweren Wühlens in meinem Herzen! So raste ich tagelang in fieberischen Qualen, die verzweifelt, hoffnungslos, hilflos, unheilbar waren! Was für Gespenster standen damals um mich! Was für furchtbare Stimmen schrieen mir in die Ohren! Der ermordete Silvion kam und sah mich an, als sei ich ein faules Ding; Pauline, blaß und schön, mit einer sterbenden Süßigkeit in ihrem Lächeln schwamm an mir vorüber, märchenhaft wie eine stockige Wolke zur Sommerszeit; und die großen, sanften Augen Heloisens strahlten mich mit klagender Verwunderung und stummem Vorwurf an, wie große Sterne feierlich auf den Verbrecher in seiner Zelle herabscheinen. Diese Augen – diese Augen! Sie quälten mich, ihre Milde erstarrte mich, ihr reiner, leidenschaftlicher Glanz beschämte mich. O diese furchtbare Zeit, die grauenhaften, dunklen Tage und Nächte völliger Verlassenheit und gänzlichen Elends – wie ich sie überlebte, kann ich nicht sagen!

Und als es endlich ein Ende nahm, wie alles ein Ende nimmt, als ich wieder ruhig wurde, mit der furchtbaren Ruhe gänzlicher Erschöpfung, da – da verstand ich alles, und meine Absinthfee gab mir den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis. Es gab einen Gott, ja, einen wirklichen Gott – und mit seiner ganzen Allmacht hatte er sich gegen mich gekehrt! Er, dessen stolzer Wille das wachsende Universum schuf, er hatte die mächtigen Gewalten des Himmels und der Erde gegen ein elendes Atom der Erde aufgestellt, und die titanischen Räder des Lebens, der Zeit und Ewigkeit waren in Bewegung gesetzt worden, um mich, einen Wurm, zu zermalmen! Alles ist Gottes Werk, und als ich mit der Hilfe meines Lebenselixirs diese Thatsache völlig begriffen hatte, sah ich ein, daß es nichts nützte, sich dem Schicksal zu widersetzen. Denn mir war nicht die leiseste Spur von Hoffnung geblieben, der kleine Funken der Reue in mir war zu spät erwacht. Gottes Absicht war klar: er überließ mich meinem eigenen Gutdünken, er hatte mir deutlich gezeigt, daß mein Leben für niemand Wert hatte als für mich selbst. Ich machte mir den Wink zunutze. Wie es bestimmt war, so mußte es sein – und ich that, was André Gessonex vor mir gethan hatte, tötete die letzte Spur des aufflackernden Gewissens mit einem letzten Schlage und wurde – was ich bin!