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Felix Dörmann – Alle guten Dinge

Novellen

Felix Dörmann, Alle guten Dinge, Wiener Verlag, Wien und Zürich, 1906
Transkription von Christine Weber; wir bedanken uns.


Alle guten Dinge . . . .

Die ganze Welt hätte eigentlich Prinzessin Anka Kesissoglu frühmorgens um elf Uhr, wenn sie aufstand, bewundern müssen, denn um diese Zeit war sie am allerschönsten. Um diese Zeit fielen noch die glatten Strähnen ihrer schwarzen Haare unverkünstelt und unregelmäßig über Brust und Schulter und bildeten einen prachtvollen dunklen Rahmen zu der matten Ambrafarbe ihres lichtbraunen Körpers.

Bis zum Lunch pflegte die liebenswürdige junge Dame gewöhnlich kein Hemd anzuziehen, sondern begnügte sich mit einem durchsichtigen Batistschlafrock, der wie ein Schleiermantel über den Flaum ihres Rückens fiel und den man im äußersten Notfalle sogar schließen konnte. Im äußersten Notfalle, denn die Prinzessin liebte es sehr, ihre schlanke und doch so volle Figur mit den tadellosen Beinen und den kleinen starren Brüsten mit den dunkelroten Granaten den bewundernden Blicken ihrer dienenden Umgebung auszusetzen.

Sie brauchte ihr tägliches Quantum Weihrauch und die gewissen entzückten Exklamationen bedingungslos ergebener Seelen.

Sie schätzte das noch aus der Zeit her, wo sie noch nicht verheiratet war und auch keine Verhältnisse zu Männern pflegte und sich mit der Liebe und Bewunderung einer raffinierten kleinen Französin begnügen mußte, die man ihr als Kammerjungfer zugeteilt hatte.

Ihre Heirat änderte an dieser lieben Gewohnheit nur ganz wenig. Der Prinz war zwar ein eleganter junger Mann und galant genug, auf ihre speziellen erotischen Bedürfnisse einzugehn und ihr die Brutalitäten der Ehe, die sie so sehr gefürchtet hatte, zu ersparen, aber der Prinz war leider nicht ihr Typ; er war kleiner wie sie, zierlich und hatte lebhafte dunkle Augen wie sie selbst. Ihr Traum aber wäre ein Mann gewesen, schlank wie eine Weidenrute. Haare weizengelb, Augen von einem schwimmenden Blau.

Diesen Mann hätte sie vielleicht lieben können, diesem Mann zu Gefallen auf die süßen Gewohnheiten, die ihr fast zur zweiten Natur geworden waren, verzichten können.

Auch der Prinz fand, daß seine erotischen Beziehungen zu seiner Frau nicht die richtigen wären. Seine schöne Anka ließ es sich genügen angeliebt zu werden und verhielt sich durchaus passiv. Der Prinz aber träumte von vehementen Zärtlichkeiten, die ihn wie eine Sturzflut attakierten, kurz auch er hatte das Bedürfnis wirklich oder scheinbar stürmisch geliebt zu werden, gewissermaßen von einer aktiven Naturgewalt überwältigt zu werden.

Das war aber auch der einzige Punkt, in dem die fürstlichen Eheleute nicht zusammentrafen, in allen anderen verstanden sie einander vortrefflich und bildeten eine durchaus harmonische und standesgemäße Ehe voll zartester Rücksichtnahme und taktvoller Zärtlichkeit. Zu Weihnachten waren Anka und Memi, denn so nannte sie ihn, nach Bukarest gefahren, um die alte Fürstin Kesissoglu zu besuchen. Der heilige Abend wurde natürlich en famille zugebracht. Am ersten Feiertag aber mußte man ebenso natürlich ein Variété aufsuchen, wenn man nicht vor Langeweile sterben wollte. Beinahe wäre das Ehepaar auch im Variété vor Langeweile gestorben, wenn nicht eine reizende internationale Liedersängerin aufgetreten wäre, die auf das Ehepaar geradezu elektrisierend wirkte. Sie war eine kleine Yvette ins Deutsche übersetzt. Ein zierliches, mittelgroßes Ding, mit einem aschblonden Madonnenscheitel und zwei müden Veilchenaugen, auf die sich die Lider, braun und schwer, voll süßer Melancholie herabsenkten. Und zu diesen heiligen Augen kam ein blaßrosa Lippenpaar, wundervoll geschweift, über das die gefährlichsten und korruptesten Dinge mit den süßesten Kindertönen der Unschuld fast wie Gebete glitten.

Das Ehepaar geriet in einen Taumel des Entzückens und sandte dem jungen Mädchen eine gemeinsame Visitkarte mit einer Einladung zum Souper. Die Einladung wurde angenommen.

Der Abend verlief reizend, drei Herzen fanden sich; der Prinz und die Prinzessin überboten einander an Edelmut, jedes fühlte, daß für den andern ein kritischer Moment gekommen sei und keines wollte dem andern sein Glück rauben.

Und da es sich um taktvolle und liebenswürdige Menschen handelte, die gerne bereit waren, das größte Entgegenkommen zu beweisen, so war es nur natürlich, da sich das junge Mädchen nicht verdoppeln konnte, das junge Mädchen zu teilen. Und so wurde sie Vorleserin bei Fürst und Fürstin Kesissoglu, verließ das Variété und Bukarest und kam nach Wien.

Der kleine Salon, der zwischen den Schlafzimmern des Ehepaares gelegen war, wurde für sie umgestaltet, ganz nach ihrem Geschmack, weiß und lichtblau, was zu den aschblonden Madonnenscheiteln wundervoll paßte.

Anka und Memi blühten förmlich auf. Das Glück war bei ihnen eingekehrt. Jedes hatte das gefunden, was es brauchte, denn das junge Mädchen war auch in den vehementen Zärtlichkeiten, die Memi bisher so schwer vermißt hatte und die ihm seine Gattin nicht gewähren konnte, weil er nicht ihr Typ war . . . wohl bewandert . . .

Und da Anka und Memi einander mit der besten und edelsten Liebe liebten, waren sie auch aufeinander gar nicht eifersüchtig. Ja es gab Nächte, wo es zu einem förmlichen Wettstreit kam, zu förmlichen Edelmutskämpfen, weil jedes das andere glücklich sehen wollte.

Auch das gesamte diplomatische Korps und die vornehme Gesellschaft überhaupt konstatierte, daß die Ehe Anka und Memi sich gegen alles Erwarten wundervoll anlasse, die beiden Leute von geradezu entzückender Liebenswürdigkeit und Laune seien und daß man sich in keinem Hause so wohl fühle, wie bei Kesissoglus.

»Selten nur hab' ich eine so vollkommene, so ungetrübte Ehe gesehen,« schrie der Doyen des diplomatischen Korps in den höchsten Tönen eines legitimen Begeisterungsanfalles.

Die einzige, welche nicht so ganz zufrieden und glücklich war, war das junge Mädchen.

Sie hatte es ja sehr gut, war gehalten wie das Kind des Hauses, hatte Schmuck und Kleider, hatte alles, nur eben das nicht, wonach sie sich am heftigsten sehnte: Liebe und Freiheit. Denn die Gefühle der Dankbarkeit, die sie gegen Anka und Memi hegte und die sie nebst dem großen greifbaren Nutzen bewogen, diese beiden seelensguten Menschen so glücklich wie möglich zu machen, ließen sie trotzdem nicht vergessen, daß sie selbst eigentlich ganz andere Bedürfnisse hatte und daß das verliebte Ehepaar für sie nur eine Chance war, die sie unmöglich auslassen konnte. Denn sie war ein gewissenhaftes und sparsames Mädchen, das stets an eine solide Heirat und eine geordnete bürgerliche Existenz dachte, wenn die Zeit der goldenen Ernte einmal vorüber sein würde.

Bei den idealen Anlagen, die sie hatte, war sie immer bedacht gewesen, ihrem Leben eine gewisse Harmonie zu geben, und unbeschadet aller Berufstätigkeit hatte sie ihre Herzensbedürfnisse gar niemals vernachlässigt, sondern ihnen einen gewissen, wenn auch beschränkten Spielraum zugestanden. Diesmal wurde es ihr aber sehr schwer gemacht, denn das Leben en famille nahm ihr jede Bewegungsfreiheit, und so reizend und duldsam Anka und Memi gegeneinander waren, so eifersüchtig waren sie nach außen.

Nur wenn Anka und Memi geladen waren, durfte sie ein bißchen aufatmen von ihrem anstrengenden Liebesdienst und ein wenig für sich selbst leben.

Ein junger Fechtlehrer hatte es ihr angetan und bei ihm verbrachte sie jede freie Minute, die sie nur entwischen konnte.

Er war weizenblond, schlank und sehnig wie eine Weidenrute und liebte sie nicht, deshalb lief sie ihm nach und war sehr glücklich, wenn er sich bisweilen herbeiließ, sie zu berühren. Seine Brutalität wirkte nach der Liebesdevotion des Fürstenpaares wie ein kräftiges Stahlbad. Jedenfalls empfand sie bei ihm, was sie bei Memi und Anka spielen mußte, Liebe und Erregung.

Wenn sie den geliebten Mann alle Tage hätte sehen können, hätte nichts zu ihrem vollkommenen Glück gefehlt.

Manchmal schoß ihr der Gedanke auf: ich gestehe Anka und Memi alles; wenn sie mir den einen, einzigen Mann nur vergönnen, bleib ich ihnen wandellos treu, aber wenn sie weiter dachte, fielen ihr die kleinbürgerlichen Vorurteile und Ansichten über Treue und Liebe ein, wie sie sie beim Ehepaar gefunden hatte, und mit einem schweren Seufzer schluckte sie ihr Bekenntnis wieder hinunter und murmelte den herrlichen Vers Lenaus vor sich hin, der ihr eigens auf ihr Schicksal gedrechselt erschien:


»Es hat den rechten Fergen
Das Schifflein lange noch nicht,
Wenn noch die Liebe verbergen
Sich muß wie ein Sündergesicht.«


Und in einer melancholischen Stimmung schrieb sie dem geliebten Mann einen langen Brief, in dem sie ihre großen und kleinen Schmerzen vor ihm hinbreitete. Und weil sie soviel geweint hatte über das Unglück ihres Lebens, so war sie müde geworden und schlief über dem Brief ein. Und so fand sie die Fürstin . . .

Es gab eine fürchterliche Szene, denn Anka liebte sie wirklich und tobte im Schmerz und Eifersucht und wußte sich gar nicht zu fassen und fand doch nicht die Kraft, die Treulose zu verstoßen. Der Prinz war viel ruhiger und mehr darauf bedacht, die bittere Enttäuschung und den Seelenschmerz Ankas zu lindern. In seiner edlen, gütigen und leisen Art vergaß er ganz an sich selbst.

Und weil er sah, daß Anka viel zu verliebt und schwach war, um auf das teure Mädchen verzichten zu können und er ihr doch eine gewisse Beruhigung verschaffen wollte, so entschloß er sich, den jungen Mann, um den es sich handelte, aufzusuchen, um ihn, koste es was es wolle, zur Abreise von Wien zu bewegen.

Trotz der heftigen Gegenwehr des jungen Mädchens begab er sich zu ihm. Er traf ihn in seinem Arbeitszimmer, einem weiten, fast völlig kahlen Raum, der zu gymnastischen Übungen sehr geeignet war. Apparate und Geräte standen und lagen in großer Menge umher, Säbel und Rapiere, und in der Mitte des Raumes stand der junge Mann auf einem roten Teppich völlig unbekleidet und arbeitete mit hohlen Keulen nach Jagerndorfers System und ließ sich durch den Besuch nicht im geringsten irritieren. Zu dieser Seelenruhe mußte wohl außer dem Bewußtsein einer überlegenen Kraft auch das Gefühl beitragen, dem geschätzten Besucher den Anblick eines vollkommenen und herrlichen Körpers zu bieten, an dem jede Muskel in wundervoller Plastik hervortrat und ihr emanzipiertes Dasein bildete. Der junge Prinz schien auch ganz entzückt, beinah verwirrt, was die heitere Überlegenheit und Nonchalance des Fechtlehrers nur erhöhte. Der Prinz hatte die Absicht gehabt, seiner Empörung freien Lauf zu lassen und dem Manne Vorwürfe zu machen, aber das Unmögliche der Situation kam ihm auf einmal allzu deutlich zum Bewußtsein. Er fand es unpassend Eifersucht und Kränkung einzubekennen, auch war er im Zweifel, wessen Eifersucht er vorschieben sollte, seine eigene oder die seiner Frau. Und dann merkwürdigerweise war ihm das junge Mädchen auf einmal so grenzenlos gleichgültig. Ganz en bagatelle sprach er auch von ihr. »Ein kleines Hausmöbel, das meine Frau in ihrer komischen Mischung der widersprechendsten Eigenschaften sehr heiter findet.« – Und dann glitt er rasch auf ein anderes Thema über.

Er hatte einen roten Kopf bekommen und wußte selbst nicht recht weshalb. Immer wieder mußte er die muskulösen Arme und ihre geschmeidige Kraft bewundern, und diese festen Hände, die aller Voraussicht nach so energisch zugreifen konnten. Empfindungen wurden in ihm wach, wie er sie noch nicht gekannt hatte, und er ertappte sich auf dem Wunsche, wenn der junge Mann doch nur Masseur wäre und nicht Fechtlehrer. Es mußte herrlich sein, ganz ruhig dazuliegen, ganz hilflos dieser ungeheuren Gewalt preisgegeben und fühlen, wie diese Hände anpacken und drücken und erbarmungslos streicheln. Und eine Sehnsucht stand in ihm auf, die neu und süß war . . . Und stammelnd, wie ein Mädchen, ganz schüchtern, wagte Memi zu fragen: »Und zu massieren . . . haben . . . Sie . . . gar . . . nie . . . versucht? Bei Ihrer Kraft und Geschicklichkeit müßte das ja ein glänzendes Geschäft sein.«

»O ja, Sie haben ganz recht, es wäre wohl ein glänzendes Geschäft, aber es genügt mir, was ich mir durch meinen Fechtunterricht verdiene . . . massieren tu' ich nur – manchmal – nur wenn ich gerade Passion habe, und das ereignet sich nur bei ganz vornehmen oder interessanten Menschen.« Und dabei lächelte er sonderbar und vielsagend, wie ein griechischer Gott . . .

»Und ich bin weder so besonders vornehm, noch so interessant,« sagte Memi mit einem traurig schmollenden Ton, aufs tiefste betrübt, und ließ den Kopf hängen.

»Nein, kleiner Prinz, verlieren Sie nur nicht gleich den Mut, Sie sind mir sehr sympathisch – und vielleicht mache ich bei Ihnen wieder einmal eine Ausnahme.« Und wieder lächelte er neugierig und grausam und vielverheißend auf ihn herab.

Memi strahlte, er war wie im Fieber. Er ahnte, daß er endlich sich selbst und damit sein Glück gefunden hatte. Er fühlte bereits eine andere härtere und süßere Vehemenz über sich hin toben, als er sie bisher erleben durfte, in seinem armen unbefriedigten Dasein.

In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, ohne daß vorher angeklopft worden wäre.

Anka stürmte herein, mit blassen und verzerrten Zügen. Sie hatte um ihren lieben, kleinen, braven Memi Angst bekommen, weil sie ihn mit einem wilden und gefährlichen Mann allein und in heftigem Streit wußte . . . Sie war durch die friedliche Konversation der beiden Männer überrascht und verwundert, noch mehr Staunen aber, das beinahe schon helles Entzücken zu nennen war, bereitete es ihr, ihren Typus, den Mann, den sie immer gesucht hatte, endlich vor sich zu sehen. Ihn, nach dem sie sich immer in ihren weizenblonden Riesenträumen gesehnt hatte.

Und welche reizende Aufmerksamkeit des Schicksals, ihr nicht nur den gesuchten Mann, sondern auch sofort seinen vollen, unbeschränkten Anblick zu gewähren, so daß Enttäuschungen später vollkommen ausgeschlossen waren!

Der junge Fechtlehrer wollte sich sofort vornehm und diskret zurückziehen, aber das Ehepaar beschwor ihn zu bleiben, denn für Sportmenschen wie sie sei eben ein mangelhaft bekleideter Mann nichts anderes als ein lebendig gewordener antiker Athlet und erwecke durchaus keine unangenehme Empfindungen – – –

Der junge Fechtlehrer war vom dunklen und schlanken Liebreiz der Fürstin sehr begeistert und fühlte sich sofort verpflichtet zu erklären, daß er für das fade, blonde Ding, das ihm schrecklich nachgelaufen sei, kein wirkliches Interesse gehabt habe und froh sein würde, wenn sie nicht mehr käme, er hätte es ihr selbst schon oft genug gesagt. Die Prinzessin nahm diese Nachricht sehr freundlich, aber trotzdem merklich kühl entgegen, sie schien kein Interesse mehr an den Madonnenscheiteln zu haben. Kaum daß sie sich erinnerte, weswegen sie eigentlich gekommen war . . . Aber ihre Wangen begannen wie im Fieber zu glühen und ihre Augen gewannen einen starren Blick, wie wenn sie Dinge sehen würde, einer anderen Welt entstammend und von unsäglichem, niegeahntem Liebreiz. Der junge Fechtlehrer mußte sich auf einmal geradezu fluchtartig zurückziehen, ein leichtes Unwohlsein vorschützend . . .

Memi und Anka blieben allein . . . Anka gestand ihrem Manne plötzlich, daß sie jedes Interesse an ihrer Hausgenossin verloren habe, auch Memi konnte nicht umhin dasselbe zuzugeben. So beschloß man gemeinsam, sie mit einem größeren Betrage nach Paris zu schicken, um sie loszuwerden.

»Memi,« begann Anka auf einmal, »würdest du es übel auffassen, wenn ich von jetzt ab Fechtstunden nehmen würde, ich habe Lust bekommen . . .«

»Liebe Anka,« meinte Memi, »du weißt, ich habe dich viel zu lieb, um dir irgendetwas abschlagen zu können, was dir Freude bereitet . . . übrigens hab' ich auch daran gedacht, dasselbe zu tun . . .«

»Memi – du bist doch ein reizender Mensch.«

»Anka – du bist doch die süßeste Frau.«

Und sie umarmten einander zärtlich und küßten einander auf die Stirne . . .

Seit dieser Zeit hatte das Ehepaar Prinz und Prinzessin Kesissoglu nur eine Leidenschaft, und die hieß: fechten . . .



Die Ahnungslosen

Sie war noch immer eine wunderschöne Frau, wenn auch die Zeit ihrer Blüte schon vorbei war; keiner hätte ihr angesehen, daß ihre Dreißigerjahre zu Ende gingen, denn ihre Schönheit gründete sich auf den selten glücklichen Bau ihrer Knochen und nicht bloß auf liebenswürdige Zufälligkeiten des Fleisches und der Haut. Sie war eine strenge und düstere Schönheit, die jedes Spielerische und Graziöse ausschloß und die herbe, aber tiefe Wirkung einer tragischen Muse ausströmte.

Es war nichts Halbes an ihr – was sie fühlte, fühlte sie tief; was sie tat, tat sie ganz. Und ähnliche Forderungen stellte sie auch an andere Menschen, mit denen sie zusammenkam.

Bequem war sie nicht, die schöne Frau. Sie verlangte von jedem, er möge ganz und gar bei der Sache sein, die leider oft nur ihre Sache und nicht die des betreffenden Menschen war.

Für die Kompromißverhältnisse der Gesellschaft war sie untauglich, nicht einmal zur Ehe hatte sie eigentlich Talent. Biegen, schmiegen, hingeben, aufgehen war ihre Sache nicht. Sie blieb immer sie selbst, eine starre Natur, die der Größe nicht entbehrte, freilich aber auch an ihr leiden mußte.

Und so hatte auch ihre Ehe mit einem Mißklang geendet – wenigstens innerlich. Äußerlich war sie ja noch immer vorhanden. Es hatte zwar Momente gegeben, in welchen es ihr notwendig erschien, auch dieses letzte äußerliche Band zu lösen, aber diese Momente waren wieder vorbeigegangen . . . und so lebte sie neben ihrem Manne ruhig weiter, wie eine Schwester neben ihrem Bruder . . . neben ihrem lieben Bruder . . . denn sie hatte viel Sympathie, viel Verehrung, überhaupt viele gute Gefühle für ihren Mann, der ihr wahrscheinlich ein lieber Freund geworden wäre, wenn sie ihn nicht leider unüberlegterweise geheiratet hätte.

Die Ehe wurde eine Enttäuschung für beide – denn sie merkten zu spät, daß sie kein Talent für diese Institution hatten – wenigstens kein Talent, sie gemeinsam durchzuführen. Sie waren beide viel zu feste Naturen, unveränderliche Individualitäten, keines konnte sich, seine Bedürfnisse, seinen Standpunkt aufgeben. Jedes versuchte nur in nutzlosem Ringen das andere herüberzuziehen und zu seiner Ergänzung zu machen. Jedes wollte, daß das andere nur für ihn lebe und auf jedes Eigenleben verzichte. Jedes hätte aber eine andere Ergänzung gebraucht: Er eine wenig bedeutende Frau – sie einen Mann, der in seiner Frau das Höchste und Einzige, Gipfel, Krone und alleinigen Inhalt seines Lebens gesehen hätte. Und so gaben sie einander, müde des Kampfes, der sie nicht vereinigen wollte, auf. Sie mit dem Gefühl – er interessiert sich zu wenig für mich und zu sehr für sich, er mit dem Gefühl – ich kann mich nicht noch mehr meines Ichs entäußern, um ihr zu folgen, wenn ich mich nicht selbst verlieren will . . . ich kann ihr nicht helfen, ich muß sie leiden lassen; ich kann ihr das Gefühl der Vernachlässigung nicht nehmen, ohne mich selbst zu opfern. Vielleicht macht die Zeit sie reifer und gerechter, vielleicht finden wir uns einmal noch zueinander – wenn ich einige Lebenssiege hinter mir habe und selbst ruhiger geworden bin. So dachte der Mann, denn auch er war eine ringende Natur, die so mancherlei vom Leben und von sich selbst erreichen wollte und sich nicht begnügte, einen »Dienst« abzudienen.

Und so nahm er sich jede Freiheit, der er bedurfte, und ließ ihr das gleiche Recht. An Scheidung dachte keines von beiden, denn sie scheuten nicht nur den Skandal, sondern hofften so auch, sich vielleicht doch noch eines Tages zusammenzufinden; überdies war niemand da, dem zuliebe eine Scheidung nötig gewesen wäre – und die Wohnung war gottlob groß genug, so daß keines das andere zu stören brauchte.

Drei Jahre vergingen, während welcher die schöne Frau sich für viele interessierte, aber ohne daß sie eigentlich warm geworden wäre. Nicht einmal lau wurde sie. Aber eines Tages bemerkte sie, die scharfe Beobachterin ihres eigenen Ichs, daß sie sich für einen Mann interessierte, der nicht ihr Mann war. Die neue Erscheinung am Horizont ihres Lebens war ein junger Mensch. Er war den Jahren nach freilich nicht jünger wie sie selbst, aber der Eindruck, den er machte, war Jugend, unbedenkliche, losstürmende, brutale Jugend, die nicht an Werke und Taten denkt, überhaupt nicht denkt, sondern vorerst nichts will, als den brennenden Lebensdurst löschen. Mit Gefühlen, die zwischen schwärmerischer Anbetung und sinnlichem Verlangen schwankten, näherte er sich der Frau, die ihn, wie er selbst fühlte, turmhoch überragte, die zu begehren ihm wie Wahnsinn vorkam, wie eine hoffnungslose Narretei – und die er doch begehrte mit dem ganzen unsinnigen Begehren eines verwöhnten Kindes. Der schönen Frau erging es seltsam. Sie war nicht blind gegen ihren Anbeter, sie schätzte ihn richtig ein, sie überschätzte ihn nicht, aber es tat ihr wohl, blind angebetet, maßlos vergöttert zu werden, als Pythia, Heilige, Muse, Sybille dazustehen, grenzenlose Hingabe zu fühlen, mit jedem Worte, jedem Blick, jeder kleinsten Liebenswürdigkeit glücklich machen zu können . . . und wenn sie ihn anfangs nur wie einen schönen Bernhardiner betrachtet hatte, auf den man die schmalen Füße stellt und an dem man sich wärmt – so wurde auf einmal ihr Gefühl ihm gegenüber anders. Was vielleicht nichts war als lange unterdrückte, endlich aufquellende Sinnlichkeit, ihr Verstand deutete und drehte so lange an der Empfindung herum, bis sie scheinbar ihr ganzes Wesen beherrschte und zum großen Gefühlsereignis wurde, das sie erwartet und ersehnt hatte.

Und so geschah, was jedes von beiden als Wunder betrachtete, der Bernhardiner und die schöne Frau, die ihm so sehr überlegen war, fanden sich zu einem Verhältnis.

Monatelang dauerte die große Trunkenheit des Glückes auf beiden Seiten. Dann begannen die trüben Wolken aufzusteigen. Er blieb sich gleich, für ihn war sie noch immer das Wunder, die Tat, das Unbegreifliche, das Ereignis geworden war, die wirklich große Dame der vornehmen Welt, mit der er ein Verhältnis haben durfte und die er – ach wie gern geheiratet hätte! Aber sie konnte sich nicht entschließen, denn die rosafarbenen Nebel, durch die sie anfänglich ihre Beziehung und vor allem ihn gesehen hatte, wurden allmählich bleicher und dünner.

Ihre Kritik wurde schärfer und herausfordernder mit jedem Tage, und die süße Unbedeutendheit seines Wesens, die ihr anfangs so wohl getan hatte, wurde ihr jetzt unerträglich – und sie begann ihn zu quälen und begann ihn zu verhöhnen und ihm ihre Überlegenheit schmerzlich und demütigend fühlen zu lassen. Und bald empfand er die vor kurzem noch so geliebte Frau als bösartige Gouvernante, als gehässige Feindin, die sich ein Vergnügen daraus machte, ihn auf die Folter zu legen und die Daumschrauben spielend auf- und zuzudrehen.

Und so verließ er sie, viel rascher, als sie eigentlich erwartet hatte, denn sie wollte ihm eigentlich den Abschied geben, allerdings nicht, ohne noch einige Wochen lang ihr grausames Spiel fortgesetzt zu haben.

Diese Freude verdarb er ihr allerdings. Allein geblieben, dachte sie einen Moment daran, sich wieder gänzlich ihrem Manne zuzuwenden, denn sie sehnte sich nach seelischem Verständnis, nach einer überlegenen Persönlichkeit, zu der sie aufschauen konnte; aber sie fand ihren Mann so vertieft in eine Arbeit und so abweisend gegen den Ansturm ihrer Persönlichkeit, daß die momentane Stimmung für ihn wieder der gewohnten liebenswürdigem Gleichgültigkeit nur allzu rasch den Platz überließ.

So war sie wieder allein, zweifach allein. Nicht mehr dieselbe, die sie früher war, denn bisher war sie eine anständige Frau im strengsten Sinne des Wortes gewesen. Zwar sie hatte keine Gewissensbisse, sie hatte die Liaison mit dem jungen Manne als eine Forderung ihrer Natur empfunden, der sie nachgeben mußte, sogar eine Zeitlang geglaubt, das wäre das große Glück, und es sei Zeit, sich von ihrem Manne scheiden zu lassen – bis die Momente kamen, wo ihre seelischen Augen, die so wundervoll blind geworden waren, mit einemmal wieder grausam und scharf wurden und die zersetzenden und zerstörenden Elemente ihres Wesens ihr Werk von neuem begannen.

Und jetzt war alles vorüber und nichts mehr war da, als die Sehnsucht, einen Menschen zu haben, an dem man sich klammernd emporranken könnte, der einem nicht nur ebenbürtig, sondern sogar überlegen ist, der einen bekämpft und besiegt, in dem man aufgeht, den man lieben und bewundern kann. Sie sehnte sich krankhaft, ihr Ich loszuwerden, aufgesaugt zu werden wie ein Tropfen Tau von einer herrlichen Blume.

An ihren eigenen Mann dachte sie dabei nicht, den empfand sie nur als ebenbürtig, aber nicht als überlegen – und dann kannte sie ihn zu gut, er war für sie kein geheimnisvoller Fremder, von dem man alles Mögliche und noch viel mehr Unmögliches erwarten konnte, kurz, es fehlte die Distanz, die zu überwinden ja doch immer das schönste Gefühl jeder aufsteigenden Liebe bleibt.

Und wie wenn das Schicksal das inbrünstige Flehen ihrer Seele vernommen und in gütiger Laune sich bereit erklärt hätte, auch diesen Wunsch noch zu erfüllen, lernte sie den Mann kennen, von dem sie erwarten durfte, daß er endlich der absolut Richtige sein würde.

Sie erregte seine Aufmerksamkeit in erster Linie durch ihre Schönheit, dann erst bemerkte er ihre geistige Bedeutung, und wenn er anfangs nur der schönen Frau huldigen wollte, so vergaß er bald darauf die schöne Frau über der merkwürdigen und interessanten. Er bewunderte ihr Auffassungs- und Verarbeitungsvermögen der verschiedensten Materien, er weihte sie in die schwersten Probleme seiner Wissenschaft und seines persönlichen geistigen Lebens ein; sie wurde seine Schülerin, sein Apostel, seine geistige Sklavin, mit einem Hauch seines Geistes wischte er weg, was sie jemals gedacht und empfunden, sie lernte denken wie er, sie wurde der Spiegel seines Ichs, in dem er sich selbst genoß. Wie in einer Hypnose lebte sie dahin, jede Freiheit ihres Willens war gebrochen, ausgebrochen, denn sie hatte nicht einmal mehr den Willen zum Willen und den Gedanken eines selbständigen Gedankens. Die ungeheure Anspannung ihres geistigen Wesens ließ sie gänzlich darauf vergessen, daß auch das Weib in ihr seine Forderung hatte. Und ihr Freund dachte auch nicht daran. Er fürchtete, daß die schönen Beziehungen gestört werden könnten, wenn aus der Freundschaft eine Liebe geworden wäre, er fürchtete vor allem für die Intensität und die Kontinuität seiner Arbeit – er scheute die Last – und begnügte sich aus Angst und Egoismus, mit der schönen Frau zu reden und nur zu reden, und hütete sich ängstlich, auch nur den leisesten Versuch zu machen, sie aus ihrer Ehe herauszulocken und ihr Verhältnis auf eine sinnlichere Basis zu stellen. Auch empfand er eine gewisse Scheu, sich der bedeutenden Freundin von der rein menschlichen Seite zu zeigen. Und so kam es, daß er neben der Freundin noch eine Geliebte hatte, eine ganz unbedeutende Person, die ihm rein körperlich sympathisch war.

Auf diese Nebenbeziehung aber kam die schöne Frau eines Tages – und dieser Blitz des Erkennens löste die unnatürliche Spannung ihres Wesens – aus der geistigen Freundin wurde das Weib, das es nicht verträgt, eine Nebenbuhlerin zu haben, das den geliebten Mann allein oder gar nicht haben will.

Sie empfand diese Doppelexistenz, die er geführt hatte, als Affront und Kränkung, alle unterdrückten Selbständigkeitstriebe erwachten wieder, das geknechtete Ich erhob sich mit ungeheurer Elastizität, sie konnte die Oberherrschaft des superioren Geistes nicht länger vertragen – und so brach sie auch diese Beziehung ab, ohne ihm eigentlich viel Aufklärung über ihre »Warums« und »Weshalbs« zu geben. Sie hatte nur einen Wunsch nach dieser furchtbarsten Erschütterung ihres Wesens: Ruhe, Einsamkeit, Natur, Einfachheit, nichts wissen und nichts hören von allen Problemen der Seele, der Wissenschaften und des Lebens, ein stilles Leben führen, nichts mit Menschen zu tun haben oder höchstens nur mit ganz einfachen, die nichts wissen von allen den Dingen, die jahrelang ihre Lust waren, bis sie ihr zur Marter wurden. Und so zog sie sich wirklich zurück in ein kleines einsames Berghotel, um dort zu genesen von der letzten Liebe ihres Lebens – wie sie meinte . . . Aber es sollte auch diesmal wieder anders kommen. Je mehr sie zurückdachte, desto unsympathischer wurde ihr der gewesene große Freund, desto unbegreiflicher wurde ihr, daß sie ihn jemals geliebt hatte, so weit, daß sie ihm beinahe ihr ganzes Ich geopfert hatte – und für wen, für ein Gehirnraubtier, das ihre Seele auffraß, für einen Gewaltmenschen, der nur sich gelten ließ und alles so lange zurecht knetete, bis es als Werk seines Wesens gelten mußte.

Sie hatte das Gefühl, einer unendlichen, der größten Gefahr ihres Lebens entronnen zu sein – und aufatmend genoß sie die harmlose Frische und wohltuende Gesellschaft eines jungen Mannes, der aus weiter keinem Grunde in dem kleinen Schweizerhotel verweilte, als um von dort aus Hochtouren zu machen. Er redete auch nur von Hochtouren. Überstandene und zukünftige Hochtouren waren der alleinige Inhalt seines Lebens, der ihn vollkommen glücklich zu machen schien. Er ruhte auch nicht eher, als bis die schöne leidende Frau, die ihm ungeheuer imponierte und für die er eine große Schwärmerei ganz naiv zur Schau trug, endlich einmal so eine Hochtour mitmachte. Sie hatte keine Bedenken, sie kam sich diesem jungen Mann gegenüber so reif, so überlegen vor – sie ging also mit . . . .

Aber es blieb nicht bei diesem einen Male, auch sie fand Gefallen an den Touren. Eines Tages aber ging der junge Mann auf eine sehr große, sehr schwierige Tour, auf die er die verehrte Freundin und Genossin nicht gut mitnehmen konnte. Sie blieb also allein zurück. Er konnte nicht vor drei Tagen wieder im Hotel eintreffen. In diesen drei Tagen wurde ihr eine merkwürdige Erkenntnis. Sie bemerkte, wie sehr ihr der Gefährte abging, wie viel Angst sie seinetwegen ausstand – sie empfand auf einmal, daß er ihr nicht gleichgültig war, daß sie sich nach ihm sehnte, mehr noch, sie fühlte, daß über kurz oder lang aus der Freundschaft etwas ganz anderes werden würde – und mit Entsetzen erkannte sie, daß sie den jungen Menschen, diesen Touristen, liebte, sowie sie seinerzeit den Bernhardiner geliebt hatte, daß es ganz dieselben Gefühle waren, die sie schon einmal gehabt hatte. Und mit fürchterlicher Klarheit erkannte sie, daß es ihr bestimmt war von ihrer Natur, von einem männlichen Typus zum andern zu pendeln, vom überlegenen Mann zum untergebenen – ohne es jemals bei dem einen oder dem anderen Typus aushalten zu können.

Und ihr graute vor dieser Wanderschaft und vor dem Gedanken, durch wie viel Abenteuer sie die verhängnisvolle Eigenschaft ihres Wesens noch hetzen würde.

Und in fluchtartiger Eile verließ sie das Hotel, ohne die Rückkehr des jungen Mannes abzuwarten, ohne ihm mitzuteilen, daß sie gewissermaßen seinetwegen davonfuhr.

Jetzt begann ein wochenlanges Hin- und Herirren, eine entsetzliche Rastlosigkeit überfiel sie; sie kämpfte einen verzweifelten Kampf gegen ihre Natur. Der überlegene Geist versuchte die Forderungen ihrer Instinkte zu bewältigen, die sich dagegen ingrimmig wehrten. Ihr ganzes Nervensystem geriet in unendlichen Aufruhr, eine seelische Depression sondergleichen bemächtigte sich ihrer. Mehr als einmal war sie daran, jeden moralischen Halt zu verlieren und dem jungen Menschen zu schreiben: »Bitte, kommen Sie so rasch wie möglich«, aber schließlich siegte doch immer wieder ihre Selbstdisziplin, die sie mit eiserner Gewalt gegen sich selbst übte, seitdem sie den Glauben verloren hatte, an der Seite eines Mannes zur Ruhe kommen zu können. Aber es wurde nicht besser, sie vergaß nicht, die Zeit wollte nicht heilen. Sie versuchte sich vor sich selbst lächerlich zu machen und das Gefühl für diesen jungen Menschen als töricht und gemein hinzustellen, aber immer wieder tauchte es empor und brachte sie zur Verzweiflung. Und eine entsetzliche Lebensangst befiel sie, die Vorstellung nie überwinden zu können, ewig von dieser Forderung ihrer Natur gemartert zu werden. Und dabei wußte sie nicht einmal, ob der junge Mensch ihre Gefühle erwiderte, ob sie ihm nicht nur als alternde Frau erschien, ob er sie nicht ausgelacht hätte, wenn . . . Und mit gehässiger Aufmerksamkeit prüfte sie ihr Gesicht und ihre Gestalt immer wieder, nicht die kleinste Altersdeformation entging ihr. Und sie begann einen Ekel vor sich selbst zu empfinden, und immer tiefer nagte sich die qualvolle Überzeugung: wenn ich alle meine moralischen Bedenken überwinde, wenn ich wieder in seine Nähe komme, so wird es doch nur die erniedrigendste und beschämendste Enttäuschung meines Lebens – er so jung, so schön so frisch – und ich eine alte Frau . . . pfui, wie häßlich und wie trostlos, eine alte Frau, die liebt . . .

Und eines Tages wie von einer plötzlichen Besessenheit, wie von einem blinden Haß gegen sich selbst überfallen, beging sie einen Selbstmord in einer merkwürdigen und grauenhaften Weise, der sich wie eine barbarische Raserei eines orientalischen Tyrannen ausnahm.

Als ihr Mann von dieser Tat erfuhr, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, daß die arme Frau seinetwegen gestorben sei. Sie hat mich eben noch immer geliebt – und ich habe sie so vernachlässigt.

Auch der junge Bernhardiner erfuhr davon, und auch er hatte Gewissensbisse, denn er mußte sich sagen: bis ich kam, war sie eine anständige Frau; ich habe sie zur treulosen Gattin gemacht und sie dann verlassen. Sie hat es nicht überlebt, ihre Ehre befleckt zu wissen. Auch ihr großer Freund war tief, tief erschüttert. Ein ganzer Vormittag verging, ohne daß er seine Arbeit nur mit einem Auge streifte. Diese herrliche Frau, gekettet an einen unwürdigen Mann, der sie mißhandelte. Ich habe sie verstanden, mich hat sie geliebt, und daran ging sie zugrunde.

Ich hätte doch dieses dumme Frauenzimmer davonjagen sollen und die herrliche Frau befreien aus ihrem unwürdigen Joch und zur Gefährtin machen. Nur der junge Tourist war sehr erstaunt und sehr betrübt und konnte sich durchaus nicht erklären, was die schöne Frau wohl zu dieser Tat getrieben haben könne. Solange sie hier war, war sie gut aufgelegt, machte eine Menge Touren mit mir – auf einmal war sie weg – ohne eine Zeile. Vielleicht war sie ein bißchen verrückt. Jedenfalls hätte ich mich beinahe in sie verliebt – das steht fest.

Und von diesem Tage an, kam er sich sehr bedeutend vor, weil er jemanden gekannt hatte, der sich selbst . . . Und jeden Tag erzählte er ein bißchen mehr von seiner interessanten Freundin und manchmal, besonders jungen Mädchen gegenüber, ließ er sogar ungeheuer diskret durchschimmern, daß sie eigentlich an ihm gestorben sei, obwohl er wußte, daß das eigentlich aufgeschnitten war, und er sich ihren Tod beim besten Willen nicht erklären konnte.



Zwei Generationen

Die Jahre gingen spurlos an ihm vorüber, er wurde nicht älter. Die Bronzefarbe seines Römerkopfes wurde vielleicht etwas dunkler, die Schatten um Schläfen und Augen schwärzlicher grün, aber das war auch alles. Die Gestalt blieb wie sie war: knabenhaft, schlank und elastisch. Und auch seine Stimme blieb und behielt diesen werbenden Ton, dieses verhaltene, sehnsüchtige Schluchzen, und noch immer gelang ihm der Schrei der Ekstase, der die Menschen hinriß und erbeben machte. Und noch immer häuften sich die Briefe an seinem Schreibtische und noch immer warteten die Frauen, um ihn den einen Moment lang ganz nahe zu sehen, wenn er seine Garderobe verließ und in den Wagen sprang. Der einzige Unterschied gegen früher war, daß er selbst nicht mehr auf Abenteuer ausging, sondern die Abenteuer an sich herankommen ließ – und daß er es bereits vorzog, treu zu sein, und nicht mehr drei bis vier Beziehungen zu gleicher Zeit unterhielt. Auch war er bereits so weit daß es ihn unwiderstehlich zur Jugend zog und reife Frauen nichts mehr für ihn bedeuteten. Früher war es anders, umgekehrt gewesen. Es hatte natürlich mit dem landesüblichen Briefe begonnen, der ihn um Bild und Unterschrift bat. Als gewiegter Lebenskünstler hatte er geantwortet: »Ich folge Bild und Unterschrift nur persönlich aus.« Und so kam sie eines Tages, und da er gerade unbesetzt war und gut gespeist hatte, war er ungewöhnlich liebenswürdig und ließ seine oft bewährten, ungeheuer diskreten Verführungskünste spielen. Nicht das leiseste Wort fiel, das sie hätte erschrecken und verwirren können, keine Vertraulichkeit ließ warnende Ahnungen erwachen, nur sein Auge und seine Stimme umwarben sie. Er verstand es meisterhaft, den Blick wie verloren und vergessen auf ihrer Erscheinung ruhen zu lassen, um dann wieder plötzlich, wie erwachend, aufzufahren, bemüht, diese Selbstvergessenheit und Verwunderung schamhaft zu verbergen, was ihm natürlich genügend mißlang, so, daß sie es merken mußte. Und seine Stimme, die berühmte, geliebte, hochbezahlte Stimme, stieg und sank, bebte und brach, schien gleichgültig und verriet doch alles . . . Es war lebendiges, gelebtes Theater, was bekanntlich noch immer schöner ist, als das gewerbsmäßige. Er genoß seine geschliffenen Künste – aber sie auch, denn sie war ein modernes Mädchen, durchaus nicht blind und keineswegs so unschuldigen Gemütes, wie er dachte, obwohl sie noch nichts erlebt, sondern bisher vorgezogen hatte zu warten, bis das Richtige käme, das Erlebnis, für das es der Mühe wert ist, etwas zu opfern und zu riskieren. Und sie war sogar so klug, ihren Verstand nicht zu zeigen, sondern willig auf seine Schachzüge einzugehen und gerade nur so viel zu opponieren, um im richtigen Augenblicke matt zu werden. Sie wollte ihm das Bild nicht zerstören, das er sich von ihr gemacht hatte. Und weil sie so streng und schön aussah mit dem weißen Gesichte und dem glatten, schwarzbraunen Haar, und weil sie fürstliche Hände hatte, die man sich nur in der Pose einer stolzen und entrüsteten Abwehr denken konnte – war er überzeugt, das Innere müßte mit dem Äußern stimmen, und diese Frau könne vielleicht vom Atem einer Leidenschaft umgeblasen werden, aber nicht von einem galanten Anhauch. Und so spielte er Leidenschaft und sie spielte stolze und kühle Innerlichkeit, und er hatte nur Lust auf ein angenehm prickelndes Abenteuer und sie war neugierig und eitel und es schmeichelte ihr, mit dem berühmten Manne in eine Beziehung zu kommen.

Und eines Tages besiegte seine Leidenschaft ihren Stolz und das Mädchen wurde zum Weibe.

Aber all das Neue, das sie kennen lernte, änderte an ihrem inneren Menschen nur wenig. Sie war keine entzündliche Natur. Der Moment war ihr alles, sie lebte ohne Sehnsucht und ohne Erinnerung. Jeder kommende Tag schlug jeden gewesenen mausetot und begrub ihn. Sie lebte nur mit den Nerven und nur animalisch. Sie brauchte einen Mann, brauchte ihn sehr notwendig, aber ob es dieser oder jener war, war eigentlich für sie gleichgültig, wenn er ihr nur nicht physisch antipathisch war. Positive Forderung war eigentlich nur, er darf nicht dumm und nicht unelegant sein – und man darf nicht lächerlich werden durch ihn. Allen diesen Forderungen entsprach er und so fühlte sie sich so wohl, als es nur ging. Aber bei ihm war eine merkwürdige Wandlung eingetreten. Der überlegene Lenker seines Lebens, der es bisher so virtuos verstanden hatte, Beziehungen so zu knüpfen, daß die Lösung gleich von vornherein mit verknüpft war der überlegene Lenker war nicht mehr überlegen. Worte traten ihm über die Lippen, die unüberlegt und impulsiv kamen, die einen Ton und eine Färbung annahmen, die er ihnen nicht mit Absicht gab, sein Ausdruck emanzipierte sich von seiner Technik, kurz, was bei ihm Spiel gewesen war, wurde zu Wirklichkeit, Heuchelei wandelte sich in Natur, eine ehrliche Leidenschaft hatte ihn ergriffen, das Unglaubliche war geschehen, gegen seinen Willen. Der Mann von siebenundvierzig liebte das Mädchen von neunzehn Jahren. Sie bemerkte es nicht, sie empfand keinen Unterschied gegen früher und hielt ihn mehr als je für einen großen Liebes- und Lebenskünstler, der es meisterhaft verstand, ein Verhältnis, das für ihn doch ein gewöhnliches sein mußte, mit dem Scheine der Ungewöhnlichkeit zu umgeben, um sich und sie angenehm zu täuschen. Und immer rückhaltloser bewunderte sie seine Künstlerschaft, die diese Töne und diesen Ausdruck der Leidenschaft fand. Und sie war nicht die einzige, welche bewunderte. Auch auf der Bühne erlebte er eine Renaissance. So gespielt hatte er seit zwanzig Jahren nicht mehr. Alles Erstarrte wurde wieder feuerflüssig.

Mit Seligkeit und Grauen empfand er selbst seinen Zustand. Er hatte nicht geglaubt, noch einmal so etwas erleben zu dürfen, mit Grauen, weil er wußte, daß es ein Sinnenuntergang für ihn war, halbvergessene Verszeichen stachen ihm durchs Gedächtnis, wie verzaubert mußte er immer wiederholen:


Wenn in so späten Tagen noch einmal
Das brausende Gefühl der ersten Jugend
In uns erwacht, dann ist's ein letztesmal,
Dann ist's ein wundervolles Abschiednehmen
Und eines Unterganges Sterbepracht . . .


Und mit der schwer erkauften Wissenschaft eines Menschen, der um der Liebe willen viel gelitten hatte, bemühte er sich von dem Moment der Erkenntnis an seine Leidenschaft zu ironisieren, um sie nichts merken zu lassen, um nicht die kluggewahrte Oberherrschaft zu verlieren. Aber diese Wendung merkte sie nicht, weil sie an die Echtheit seiner Gefühle von vornherein nicht geglaubt hatte. Selbstverständlich aber ging sie auch darauf ein und begann eine Leidenschaft zu ironisieren, die sie nicht gehabt und auch nicht erworben hatte wie ihr Freund. Das war eben der Unterschied zwischen beiden: sie tat, als ob sie etwas zu verbergen hätte, und er hatte etwas zu verbergen: Leidenschaft – und Angst. Hauptsächlich Angst. Neunzehn und siebenundvierzig, da lag es. Wie lange werde ich sie noch halten können! Neunzehn und siebenundvierzig! Immer wieder schlugen ihn diese Zahlen wie stählerne Hämmer aufs Haupt. Und er gönnte sich keine Müdigkeit und Bequemlichkeit und gab sich jünger wie der jüngste, was freilich nicht ohne Gewaltsamkeiten abging, die ihr scharfer Blick sah und übersah, denn sie war klug genug, seine kleine Eitelkeit zu schonen. Heimlich aber dachte sie: drei oder vier Jahre wird es noch herrlich sein, dann ist es Zeit, sich zu verheiraten. Meinen Roman habe ich gehabt, und es ist ja eigentlich doch das Schönste, die letzte Liebe eines so raffinierten Menschen zu sein. Und daß ich die letzte bin, so weit er imstande ist zu lieben, dessen bin ich sicher. Wie weit er aber noch imstande war, das ahnte sie nicht, weil ihr eigenes Wesen, in enge Grenzen eingeschlossen, einer wirklichen Hingabe und einer Liebe, von der es keine Rettung gab, nicht fähig war.

Er aber erlebte seine herrlichsten Tage. So wissend, so jedes kleinste Detail auskostend, hatte er noch nie geliebt. Nichts entging ihm, keine Freude, kein süßer Schmerz, alle Wonnen und alle Leiden schienen sich ein letztes strahlendes Stelldichein in seiner Brust zu geben. Und Stunden gab es, wo er sich vorkam wie ein schmaler Jüngling, der noch vor den Pforten des Lebens steht mit zitternder Erwartung und fieberhaft durchglüht. Der Schreibfaule wurde zum Brieffanatiker, und merkwürdigerweise konnte er jetzt schreiben. Und er merkte, daß es ihm früher nur deshalb so unsäglich schwer geworden war zu schreiben, weil er nichts empfunden und sein gesunder Geschmack sich gegen tote Phrasen gewehrt hatte. Und so dauerte dieses merkwürdige Verhältnis des jungen Mädchens mit dem reifen Manne schon zwei Jahre, als sich eines Tages die Mutter des jungen Mädchens bei ihm melden ließ. Er war unangenehm berührt. Was kann sie wollen?

Offenbar sollte eine Flut von Vorwürfen über ihn niederprasseln, offenbar hatte sie die Beziehungen ihrer Tochter entdeckt und kam jetzt, Rechenschaft zu fordern, ihn zu brandmarken als Verführer. Ihm graute vor der Szene, die bevorstand, er fürchtete den Skandal. Und in dem tollen Gedankenwirbel, der durch ihn hinraste, vom Moment, wo er die Visitkarte las, bis zum Moment, wo er die Dame bitten ließ einzutreten, blitzte es auch verwirrend wie eine unerwartete Rakete in ihm auf: wie, wenn sie verlangt, ich soll sie heiraten! Und er wußte keine Antwort, er wußte nicht, sollte er oder sollte er nicht. Neunzehn und siebenundvierzig! hämmerte es wieder. Und andererseits, wenn er wagte, der Lächerlichkeit zu trotzen, wenn er sein spätes Glück festhielte, selbst auf die Gefahr hin, in ein paar Jahren betrogen und elend dazustehen, unglücklich und gedemütigt. Er war fest entschlossen, den großen Schritt, den er bis heute nicht gemacht hatte, jetzt an seiner Lebenswende zu wagen.

Und schon stand die Mutter vor ihm. Gar keine Ähnlichkeit mit ihrer Tochter, war sein erster Gedanke; furchtbar bürgerlich sieht sie aus, sein zweiter.

»Bitte Platz zu nehmen, gnädige Frau,« sagte er fast beklommen, »womit kann ich Ihnen dienen?«

»Hochverehrter Künstler,« begann ihre Mutter. »Ich weiß, Sie sind ein Ehrenmann, auf den man sich unbedingt verlassen kann und der nie etwas tun wird, was er nicht verantworten kann, und ich bin überzeugt, Sie sind nie vom Pfade der Rechtschaffenheit und bürgerlichen Anständigkeit abgewichen.«

Er nickte mechanisch ein »Ja« und dachte: »Gott erhalte dir den Kinderglauben, geschätzte Schwiegermutter.«

»Ich weiß also, daß es gar nichts zu bedeuten hat, wenn meine Tochter manchesmal auf der Straße mit Ihnen gesprochen hat. Ich weiß, Sie werden nichts Unrechtes von ihr verlangen, und sie würde nichts Unrechtes tun, dazu habe ich sie viel zu gut erzogen.«

»Ich habe nie daran gezweifelt,« sagte er aufatmend.

»Ich weiß, meine Tochter hat nur eine unschuldige Schwärmerei für Sie, wie man eben für Künstler schwärmt. Das hat nichts zu bedeuten.«

»Nein, das hat nichts zu bedeuten.«

»Heiraten tut man doch einen anderen.«

»Einen anderen, ganz richtig.«

»Und trotzdem möchte ich Sie bitten, auch diesen unschuldigen Verkehr mit meiner Tochter abzubrechen.«

»Und warum, wenn ich bitten darf, wenn Sie doch selbst zugeben und glauben, wie unschuldig er ist.«

»Ihr Verlobter könnte davon hören, und da er sehr streng denkt . . .«

»Ihr Verlobter? . . . Sie ist verlobt? . . .«

»Seit drei Jahren; hat sie Ihnen das nicht gesagt?«

»Allerdings. – Nur . . .«

»Ein sehr braver junger Mensch, Eisenwarenfabrikant. Er macht noch Studienreisen in Amerika, im Herbst kehrt er zurück, sie werden in der Nähe von Prag wohnen, wo er seine Fabrik hat. Wie gesagt: er ist ein bißchen streng und ich möchte nicht, daß er Anstoß nimmt. Ich bin ja nicht so, ganz und gar nicht . . . Ich möcht' Ihnen sogar ein kleines Geständnis machen, wenn es Ihre Zeit noch erlaubt.«

»O bitte, ich habe Zeit, soviel Sie wollen,« so sagte er mit dem ruhigsten Ton von der Welt. Dafür war er doch der große Künstler, daß er sich und seine Affekte in der Gewalt hatte.

»Ich habe mich gefreut, Gelegenheit zu haben, Sie aufzusuchen, denn ich muß Ihnen gestehen – na, ich bin ja eine alte Frau und habe eine erwachsene Tochter . . . ich war einmal rasend verliebt in Sie.«

»In mich?«

»Ja, Sie waren damals am Stadttheater in Prag.«

»Mein erstes größeres Engagement.«

»Ich hatte gerade geheiratet, das heißt, es war schon ein Jahr beinah', die Eugenie war schon unterwegs. Gott, mein Mann war so lieb und gut und brav, aber das unerreichbare Ideal für mich waren halt doch Sie . . . Ich war ganz theaternärrisch – und ganz besonders närrisch mit Ihnen, und wer weiß, wenn ich nicht damals schon verheiratet gewesen wäre . . . so blieb es halt ein schöner unerfüllter Traum.«

»Und Ihre Tochter wußte um diese Jugendschwärmerei ihrer Mutter?«

»Anfangs nicht, sie hat von selbst angefangen, für Sie zu schwärmen, na und ich hab' natürlich aus alter Gewohnheit mitgeschwärmt, und wir haben beide bedauert, daß wir Sie nicht persönlich kennen. Eines Tages hat sie aber ein ganzes Paket von Bildern gefunden, lauter Bilder von Ihnen, und viele Briefe, die ich Ihnen nicht geschickt habe, denn im Geiste war ich immer mit Ihnen verbunden und habe Ihnen alles gebeichtet, meine kleinen Freuden und meine großen Sorgen.«

»Und was hat sie, die Tochter mein' ich, zu den Briefen und Bildern gesagt?«

»Ausgelacht hat sie mich und mich komisch und antiquiert genannt. Na ja, so modern wie sie, die Eugenie, bin ich ja auch wirklich nicht. Ich hatte mich nie getraut, Ihnen wirklich zu schreiben – und schließlich hat ja das Mädel recht . . . Unrechtes ist nichts dabei, heiraten tut man ja deswegen doch einen anderen. Für die Künstler schwärmt man halt. Aber nicht wahr, Sie erfüllen meine Bitte? . . .«

»Selbstverständlich, gnädige Frau. Und für das Geständnis danke ich Ihnen separat. Eitel sind wir ja alle, und so etwas tut immer wohl . . .«

Drei Tage war der gefeierte Künstler durch Proben unerhört in Anspruch genommen und war leider gezwungen, seiner Freundin konsequent abzusagen.

»Du siehst aber sehr schlecht aus,« war ihr erstes Wort, als sie am vierten Tage wieder bei ihm war . . .

»Ich war sehr angestrengt – und dann die peinliche Szene mit deiner Mama . . .«

»Ach ja, Mama ist kostbar, nicht wahr?«

»Sehr originell . . . ich fürchtete eigentlich beinahe, wie sie kam, daß sie uns zu einer Heirat zwingen will, da sie aber tatsächlich nichts zu wissen scheint . . .«

»Nein, die Mama weiß nie etwas, so etwas kann sie sich nicht vorstellen; sie ist ganz anders.«

»Apropos – warum hast du mir nicht selbst gesagt, daß du verlobt bist . . .«

»Ich dachte, es sei dir diese Vorstellung vielleicht doch unangenehm.«

»Im Gegenteile, sie hätte mich beruhigt, du weißt doch, was für ein Freiheitsfanatiker ich bin. Ich bin nur ganz glücklich, wenn irgendein äußeres Hindernis da ist, welches eine Legitimierung meiner jeweiligen Beziehungen von vornherein unmöglich macht, soweit könntest du mich doch endlich kennen.«

Sie sah ihn an, mit leise zwinkernden Augen und dachte: Eigentlich ist er ein herzloser Lump, aber gerade das hab' ich gern an ihm. Und sie küßte ihn wie verrückt.



Der letzte Mann

So, was man sagt schön, war sie ja nicht, aber sie wirkte auf die Männer. Ein gewisses Aufwerfen und Zerren der Oberlippe, das die Eckzähne entblößte, ein gewisses halbes Schließen der Augen weckte Vorstellungen und Empfindungen von einem scharfen Reiz, von ungewöhnlichen Erlebnissen animalischer Natur.

Sie kam von unten, von sehr tief unten herauf. Die ersten halbwüchsigen Jahre schon nahmen ihr die Kindlichkeit. Ganz früh wurde sie zur Wissenden, die das Leben in seiner vollen Brutalität kannte und in voller Klarheit sah, wie die Menschen sind, wenn der dünne Lack abfällt, mit dem sie die Scham oder die Furcht überziehen.

Früh schon setzte sie die moralischen Hemmungen außer Kraft, die ja nur dazu dienen, den Aufstieg zu stören oder gar zu vernichten. Sie war zu kalt und zu schlau, um lange, um nur einen Tag länger, als nötig war, in der Sphäre zu bleiben, die zuerst überwunden werden mußte. Diese erste Sphäre ihrer Existenz hieß: kleine Verhältnisse, kleine Stellungen, alle nur bestimmt, über den Tag wegzuhelfen und die paar Groschen zu liefern, damit man zu essen hat, damit man sich besseres Schuhwerk kauft und ein paar Kleider. Im übrigen ist nur eines wichtig: den Menschen finden, der einen ausstaffiert und zum Theater bringt. Denn das Theater ist das große Sprungbrett, von dem man hineinschnellen kann in die Welt des Reichtums und des Glanzes. Die Frage des Talentes war für sie vorläufig keine Frage. Sie wußte, sie war schlau, sie wußte, sie hatte Energie, und in ihrem Kopf war jene Helligkeit, die sie untrüglich erkennen ließ: das nützt und das schadet. Und selbst wenn es mit der künstlerischen Karriere nicht geht, was liegt daran? Das Weib wird doch gesehen und – vielleicht verlangt. Sie hatte nur zu gewinnen und nichts zu verlieren. Für den armseligen Liebeshandel im kleinen hatte sie nichts übrig, der endet immer im Spital oder in der Bettlerherberge. Oder irgendein Zusammenleben, Ehe oder nicht, mit einem in bürgerlicher Anständigkeit? Wer weiß, ob man einen findet, wer weiß, wie er sich entwickelt? Sie hat so viel gesehen an Not und Mißhandlung, sie hat keine Lust zur armen anständigen Frau; sie hätte vielleicht trotzdem selbst arbeiten müssen, schlecht bezahlte, mühsame Arbeit, die kaum der Mühe lohnt. Und wofür? Für ein bißchen Existenz, für Kinder, die sie sich nicht verlangt hatte, die sie hinderten, ihr eigenes Leben zu leben. O nein, so dumm war sie nicht! Und nach wenigen Monaten eines vorsichtigen Lavierens und Tastens war sie beim Theater und betrat den Boden, für den sie geboren war.

Allerdings vorläufig bedeutete sie dem Theater nichts und das Theater für sie auch nicht mehr als die Gelegenheit zur Phrase: »Ich bin beim Theater.«

Vorerst lernte sie leben. Mit erstaunlicher Geschicklichkeit eignete sie sich Formen und Manieren an, gewöhnte sich Ausdrücke ab und andere an, bereicherte ihren Wortschatz und sammelte Begriffe von Dingen und Sachen, die sie früher kaum geahnt hatte.

Ihr Freund war ihr Erzieher, der sie möglich machte.

Sie lernte rasch und wuchs so rasch in die Kunst des Lebens hinein, und da sie den Freund nur angenommen hatte, um weiter zu kommen, so hatte sie keinerlei Skrupel, wenn sie ihn ausbeutete, immer zügelloser wurde in ihren Ansprüchen. Und da er so viel älter war als sie und das Gefühl hatte, meinetwegen allein bleibt sie nicht, und es ist vielleicht das letztemal, daß es mir überhaupt gelingt, irgend jemanden an mich zu fesseln – so tat er, was er konnte, und mehr, als er konnte und durfte.

Das Ende war sein vollkommener finanzieller Zusammenbruch und ein unauffälliges Verschwinden, das freilich nicht lange verborgen blieb. Dafür sorgte sie selbst, denn es erfüllte sie mit einer Art von grausamem Stolz, daß einer an ihr zugrunde gegangen war. Jedenfalls war sie seit dieser Zeit als Lebedame gemacht, der gewisse Zauber war vorhanden, der die Motten ans Licht lockt, das sie verbrennt.

Aber noch immer spielte sie kleine Rollen und war als Künstlerin unbedeutend und unbekannt. Eines Tages aber wurde sie vom Schauplatz ihrer Tätigkeit weggeholt von einem klugen Theatermann an ein anderes Theater, in eine andere, wärmere Stadt.

Und dort blühte sie auf. Klug gewählte Rollen gaben ihr Gelegenheit, ihre fliegende Hitze, ihre kalte Leidenschaft, die nur aus hungrigen Nerven kam, zu entfalten; sie konnte Toiletten und Raffinement zeigen.

Und in wenigen Jahren stieg sie empor. Jetzt lernte sie die Süßigkeiten der Macht kennen, der Macht über eine bewegliche Menge, der Macht über Kollegen, über Autoren, über Direktoren. Ihr Ehrgeiz erwachte, sie wollte mehr und mehr erreichen. Sie begann zu lesen und zu lernen, ihre Energie kehrte sich gegen sich selbst, sie begann sich viel zuzumuten, – und trotzte sich noch mehr ab, als sie selbst erwartet hatte.

Ihr Name bekam Glanz und Ansehen von der Bühne aus. Auch ihr privates Leben, die Beziehungen, die sie anknüpfte und löste, interessierten die ganze Stadt. Die tolle Verschwendungssucht der ersten Jahre hatte einer klugen Sparsamkeit Platz gemacht, sie erwarb ein Vermögen, ein Haus, sogar einen Mann, der ihr viel nützte und ihre Stellung ungeheuer festigte. Als sie ihn nicht mehr brauchte, ließ sie sich scheiden, oder besser, sie trieb ihn zur Scheidung. Und so war sie nachgerade vierzig Jahre alt geworden, war eine schöne Frau, war eine berühmte Künstlerin und war reich. Ihre Nerven, ihr Körper hatten unendlich viel erlebt, ihr Herz so gut wie nichts.

Sie stand auf der Höhe ihres Lebens.

Aber das fühlte sie nicht; sie wollte noch weiter, noch höher, denn sie war unersättlich geworden und hatte das Gefühl: für mich gibt's keine Schranken, denn die Kraft ist mein und die Jugend, und die Zeit kann nicht heran an mich – und die Menschen glauben an mich, und da kann man alles wagen, denn der Glaube ist ein Talisman.

Und so ging sie über die Schranken hinaus, die ihr gezogen waren, und verlor den festen Boden, auf den sie bisher getreten war.

Aber sie glaubte an sich fester als je, und wie um sich selbst zu beweisen, wie jung sie sei, knüpfte sie eine Beziehung mit einem Manne an, der reichlich zehn Jahre jünger war als sie. Das war die einzige Berechnung, die sie zu dem Manne trieb, denn viel mehr als Jugend und ungebrochene Kraft hatte er ihr nicht zu bieten. Und was nie geschehen war, solange sie jung, solange sie im Reifwerden war, das geschah jetzt: ihr Herz begann zu sprechen, ganz laut und vernehmlich. Bisher war ihr jeder Mann gleichgültig gewesen, der oder ein anderer, wenn er nur ein Mann war. Eifersüchtige Gefühle hatte sie nicht gekannt. Jetzt erwachten sie in ihr. Eine entsetzliche Angst kam über sie, eine andere, Jüngere könnte ihm eines Tages besser gefallen – und dann würde er gehen. Und keiner würde dann mehr kommen, das fühlte sie; der letzte war dann der Tod. Und sie begann sich zu martern, nur um ihn zu halten. Sie wollte ihm beweisen, daß sie trotz der zehn Jahre, die sie älter war, noch gerade so jung war wie er. Ihre Jugend, ihre Frische, ihr Ruhm mußten ihm von allen Seiten in die Ohren gellen, er mußte sie als das köstliche Wunder seines Lebens empfinden und nicht als eine alternde Geliebte, als eine Last, die man höchstens noch ein paar Jahre aus Mitleid weiterschleppt. Mit ungeheuerem Eifer und mit einer Hingabe sondergleichen spielte sie jetzt ihre Rollen. Es gab keine toten Punkte, keine Nachlässigkeiten, kein Sichgehenlassen. Sie war die erste bei den Proben und die Unermüdlichste von allen. Es kamen sogar Töne bei ihr zum Vorschein, die man nie erwartet hatte: zagende Seelenangst. Und dabei kasteite sie sich, denn sie hatte eine tödliche Angst vor dem Fettwerden. Und nicht genug, daß sie auf der gewohnten Stätte neuerdings Triumph auf Triumph feierte, sie hielt es nicht aus: sie fuhr gastieren. Jede freie Minute mußte zu einem Erfolge ausgenutzt werden.

Glühend von der großen Rolle, die sie bis knapp zehn Uhr abends im Theater festgehalten hatte, mußte sie zur Bahn, um noch den Nachtschnellzug zu erreichen. Früh Ankunft in der Provinzstadt, Proben bis nachmittags, ein paar Stunden Schlaf, dann die Vorstellung und nachher wieder zurück. Und wenn es keine Vorstellungen gab, so war der Sport da, den er so liebte.

Rasende Automobilfahrten schüttelten ihren Leib, stundenlange Tennispartien. Ihm zuliebe lernte sie sogar fechten. Sie mußte, mußte ihm beweisen, daß für sie nichts zu viel war, daß sie alles konnte, was sie wollte. Sie durfte nie müde sein, zu keinem Erfolg, zu keinem Sport, zu keiner Zärtlichkeit. Er durfte nichts, nichts an ihr vermissen. Und die Faszination gelang ihr. Der elegante junge Mann mit den tief gelegenen, unheimlich flackernden Augen wurde von einem fanatischen Liebesgefühl gepackt, das ihm bisher so fremd geblieben war wie ihr. Die beiden galanten Lebenskünstler, die abenteuerfreudigen, kalten Genußmenschen begannen zu glühen. Und er, der gesunde, athletische Dreißiger, der nichts zu tun hatte, als den prachtvollen muskulösen Körper zu trainieren, der keine Nerven und keine Nervenerschütterungen, keine Aufregungen seelischer Natur kannte, liebte diese Frau mit seiner ganzen erbarmungslosen Zärtlichkeit, die keine Schonung und keine Rücksicht kannte, die gedankenlos und barbarisch mit ihr umsprang wie mit der Nächstbesten, die wie er für nichts auf der Welt war und nichts kannte als ihr animalisch beschränktes Genußleben.

Und sie war selig, daß er so war, daß er keine beleidigende Rücksicht nahm, daß er an die Unerschöpflichkeit ihres Wesens, daß er an ihre Jugend glaubte, die sie ihm mit aller Energie, die sie besaß, und mit den feinsten Mitteln ihrer Kunst vorspielte.

Und während sie sich zerbrochen erhob, neuen Glanz und belebenden Erfolg in heißer Arbeit zu sammeln, blieb er träumerisch liegen, ließ heiße und kalte Wasser über sich hinströmen, seine Muskeln kneten und streichen und stärkte sich in klugen Übungen, verschlief wundervolle Stunden, um verjüngt und gekräftigt wieder zu erwachen.

Noch einmal hatte sie das Gefühl: ich stehe ganz oben und habe das Leben besiegt. Aus Schmutz und Elend bin ich gekommen und bin jemand geworden. Alles, alles habe ich erreicht, was eine Frau nur erreichen kann: Stellung, Name, Reichtum. Alles habe ich genossen, was eine Frau nur genießen kann. Und sogar die Liebe habe ich kennen gelernt und nicht nur den Genuß. Ja, die Liebe, denn diese Angst, dieses Beben um den einen Mann, dieses Erschauern bei seiner Berührung und all diese schmerzlichen und süßen Empfindungen, diese Lust, verwoben und verknotet mit entsetzlicher Qual, was sollte das anders sein als Liebe? . . .

Und mit einem siegreichen Lächeln, das die Oberlippe zerrte und die Eckzähne bloßlegte, sah sie zu ihm hinüber, der der Ihre war, den sie festhielt, wie sie die fliehende Jugend hielt, wie sie ihre Stellung hielt vor dem Ansturm der Nachrückenden. Sie hatte keine Zeit, alt oder müde zu werden, und was daran mahnte, schob sie mit starker Hand zurück; denn sie war von jenen, die nicht bemerkten, was sie nicht bemerken wollten, vergessen konnten, was sie nicht wissen wollten, und den Begriff der Reue nicht kannten und die Qual des Gewissens oder der Selbstvorwürfe. Und wie sie so in der Dämmerung ihres Zimmers eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung ihm gegenüber saß, lief es ihr auf einmal durch den ganzen Leib wie ein elektrischer Schlag; sie wollte aufstehen und konnte nicht, sie wollte schreien und konnte nicht – nur ihre Augen schrien angstvoll aufgerissen: Was ist das, was geschieht mit mir? Wie ein unterhöhlter Fels war sie in sich zusammengebrochen.

Ganz plötzlich war sie eine alte Frau, ein hilfloses, steuerloses Wrack. Die Nerven hatten ihren Dienst versagt, die Kraft war ausgeronnen, der Rosenschein der Jugend, der sie geschminkt hatte, war verloschen, alles war verloren – aus! Und sie wußte es und konnte nicht sterben, konnte nicht auf der Stelle sterben. Ihre weit aufgerissenen Augen flehten und zürnten, aber es war umsonst, er verstand nicht, wollte nicht verstehen. Er war mitleidig, widerwärtig mitleidig. Und sie mußte dulden, daß er um Kammermädchen und Arzt schrie und sie zu einem Leben verdammte, das kein Leben war. Und sie sah in fliegenden Gedanken, wie er ihr entglitt, zu einer anderen, wie er über sie hinwegschritt, wie das Leben über sie wegschritt, wie die Nachfolgerin auf der Bühne heraufkam, – und konnte nicht sterben – noch immer nicht . . . Und das weit aufgerissene Auge sprühte Haß zu ihm hinüber, und mit unsäglicher Mühe wandte sie den Kopf zur Wand. Sie wollte ihn nicht sehen, sie wollte ihn wegstoßen, sie – ihn. Er sollte ihren gänzlichen Verfall nicht sehen. Nur die Erinnerung an eine letzte Energie sollte er in das Leben hinausnehmen.


Und aus letzter Liebe quoll letzter Haß.



Die geliebte Wohnung

Seine Sehnsucht war größer gewesen als seine Kraft; er war zwar nicht am Wege gestorben, aber an das Ziel, das er so gerne erreicht hätte, war er auch nicht gekommen. Er war ganz wo anders, an einem ganz anderen Gestade, ferne von dem Lande, von dem er geträumt hatte, ausgeworfen worden. Anfangs hatte er gemeint: Einstweilen kann ich ja hier auch wohnen und warten, bis ich wieder in mein richtiges Fahrwasser komme, bis ein Schiff anlegt, das meinen Weg geht und mich mitnimmt, oder ein anderes märchenhaftes Ungefähr mich befreit und mich meiner eigentlichen Bestimmung zuführt.

Das war anfangs, als er noch Jugend fühlte und Illusionen hatte und den Glauben an sich. Aber langsam wurde das anders. Er lernte um, er begann sich selbst anders anzusehen, mißtrauisch und weniger wohlwollend. Er maß seine Kräfte an anderen und begann sich zu hassen oder vielmehr die Natur, die ihm das Wollen gegeben, das so groß war, und die Kräfte versagte, dieses stolze Wollen durchzuführen, und ihn zu einer bescheidenen Mittelmäßigkeit der Existenz und der Produktion verdammte. Er war nacheinander Schauspieler, Maler und Schriftsteller gewesen. Nirgends, in keiner Gegend, wo er auch angesetzt hatte, war er an die Oberfläche gedrungen, nirgends hatte er etwas hervorgebracht, das auch nur ihm selbst genügt hätte. Sogar das heiße und bittere Glück der Verkannten und Mißachteten blieb ihm versagt. Langsam rettete sich seine Seele aus den wilden Wirbeln der Verzweiflung und des Hasses auf den grauen und trüben Felsen der Resignation und allmählich lernte er das eigene Wünschen zu ersticken und die Liebe für die anderen, glücklicher Gearteten, die das vollenden durften, was er geträumt hatte.

Er zimmerte sich ein seltsames Dasein zurecht, malte Ansichtskarten, fertigte Übersetzungen an, las Korrekturen und übte so verschiedene kleine Berufe aus, die ihm die Existenz gewährleisteten. Er verdiente eigentlich mehr, als er zu seiner bescheidenen Existenz brauchte, und wäre vielleicht sogar im stande gewesen, sich ein paar Gulden zurückzulegen, wenn nicht die verhaltene und getretene Liebe zur Schönheit und zur adeligen Kunst eine seltsame Leidenschaft in ihm erzeugt hätte.

Diese Leidenschaft war seine Wohnung. Seine Liebe klammerte sich an die toten Dinge, die schön waren, ohne Schmerzen zu bereiten, die ihn nicht erinnerten und die Narben seiner Seele nicht berührten: Möbel, Stoffe und Plastiken. In einem alten Jagdschlößchen, weit draußen in einer armen Vorstadt, die auf dem Waldgrund erwachsen war, der sich hier einmal gedehnt hatte, schlug er seine Behausung auf. Das kleine Haus war verfallen und entwürdigt. Der sechseckige Saal, der wohl einst den fröhlichen Sammelpunkt der schmausenden Jagdgesellschaft gebildet hatte, war einem Photographen zum Opfer gefallen, der Dienstleute und Soldaten und geschmacklose Brautpaare mit Myrtenkränzen und phantastischen Zylindern verewigte. Aber im Hoftrakt waren doch zwei Zimmer und ein kleiner Vorsaal verhältnismäßig unversehrt geblieben und dort hauste er mit seinen Schätzen.

Gelbe Damaste aus einem alten Schloß hatte er erworben, bauchige Barockkasten, alte Wandleuchter aus Dorfkirchen, deren Metallschilder den Kerzenarm trugen, verräucherte, dunkle Figuren von Heiligen mit süßer Ekstase in den hageren Zügen, verblichene Meßgewänder bekleideten die Wände und vor den Türen hing schwarzer Sammt mit breiten Silberborten. Eine alte Kopie des Konzertes von Giorgione hing als einziges Bild in dem stillosen und doch so reizenden Raum, und das hagere Antlitz des jungen Mönches, dessen Hände die Tasten rühren, schien sich zu seinem Nachbar zu wenden mit der Frage: Glaubst du nicht, daß es unserem wunderlichen Zimmergenossen wohltut, wenn ich ihm was ganz Leises, Zärtliches spiele, daß er vergißt und träumt vom ungelebten Leben seiner Sehnsucht?

Wie eine Frau oder ein geliebtes Kind schmückte er seine Wohnung, baute sie aus, füllte die Stellen, die ihm noch tot erschienen, bis sie sich harmonisch in den Rahmen des Ganzen fügten, mit immer neuen Dingen, die er mühselig erwarb, für deren Besitz er oft nahezu hungern mußte. Aber das spürte er nicht, denn Nahrung, Kleidung, Lebensgenuß, alles war ihm gleichgültig, er lebte nur für seine Wohnung, die er eifersüchtig vor jedem fremden Blick hütete, deren zerbrechliche Schätze keine fremde Hand jemals berühren durfte.

Da geschah es eines Tages, daß er mit einem jungen Mädchen zusammenkam. Natürlich geschah das bei einem Trödler, der sich stolz Antiquitätenhändler nannte. Das junge Mädchen suchte einen alten, aber nicht zu teueren Ring, den sie für ein Kostümstück haben wollte, denn das junge Mädchen war eine Schauspielerin.

Er, der sonst mit Frauen kaum etwas zu tun hatte, begann sich, natürlich auf dem Umweg über den alten Ring, für das junge Mädchen zu interessieren, und weil der Verkäufer nichts Brauchbares hatte, so trug er ihr an, unter seinen Schätzen zu kramen und etwas herauszufischen, was sie gewiß brauchen könne. Und da Eile nottat, begleitete sie ihn arglos und ohne den leisesten Hintergedanken nach Hause, um den alten Ring, den er ihr leihen wollte, gleich mitzunehmen. Keinem von beiden kam auch nur der Schatten eines leichtsinnigeren Gefühls.

So betrat sie seine Wohnung zum erstenmal. Und die warme Bewunderung und das instinktive Verständnis, das sie diesen Dingen und ihrer Eigenart entgegenbrachte, gewann ihr sein Herz. Langsam begann er sie näher zu betrachten und sah ein Gesicht von einem süßen, wehmütigen Reiz, sah einen Mund voll zuckender Sehnsucht und melancholische Augen – und ahnte hinter diesen weichen Formen eine Seele und ein Schicksal.

»Sie müssen mir verzeihen,« begann er, »wenn ich Sie vielleicht beleidige, aber ich führe ein so abgeschlossenes Leben, daß ich so viele Dinge nicht weiß; sind Sie vielleicht etwas sehr Berühmtes, das man eigentlich kennen muß?«

Traurig verneinte sie. »Im Gegenteil! Ich wollte, ich könnte abgehen von der Bühne, ich weiß ja, daß ich ganz vernünftig, aber ebenso talentlos bin. Das heißt, nicht gerade talentlos, aber mein Talent ist so komisch, so publikumscheu und menschenfeindlich geradezu. Wenn ich mir eine Rolle durchlese, so empfinde ich ihren Gehalt bis zur letzten Nuance, und wenn ich sie in diesem Moment auch spielen würde oder lesen, vom Blatt herunter gewissermaßen, so glaube ich, könnte ich allen alles begreiflich machen und geben. Aber das Auswendiglernen und Wiederholen der Worte und Gefühlsreihen und gar erst die Proben! Es wird immer weniger, was ich gebe, immer kälter und mechanischer, was ich da auf den Brettern mache, und kommt gar erst die Premiere, so ist mir Hals und Seele wie zugeschnürt, ich bringe nichts heraus. Und ein Abscheu kommt über mich, diesen fremden, feindlichen Menschen da unten meine Gefühle preiszugeben, alles flutet in mich zurück, was hinausfluten sollte, und schließlich habe ich nur mehr ein Gefühl: um Gottes willen nur rasch fort von der Bühne. Weg von diesen Menschen, weg vom Theater, in meine vier Wände zurück! Da ich aber gescheit genug bin, mir zu sagen, daß das nicht angeht, weil ich sonst davongejagt werde und keine Gage mehr bekomme, so bleibe ich eben auf der Bühne und spiele weiter und rede meine Worte herunter, aber eine Müdigkeit kommt über mich, eine Gleichgültigkeit und Verdrossenheit – kurz, die Leute sagen: Daß ich eine schlechte Schauspielerin – und sie haben recht. Vielleicht bin ich auch wirklich krank, denn ich bin immer müde und möchte am liebsten immer in einem großen Sessel sitzen, so wie da welche stehen, und nichts denken, und nur so vor mich hinschauen auf alle die schönen stillen Sachen, die einem niemals wehtun können, sondern nur wohl.«

»Ich werde Ihnen einen Schlüssel einhändigen und dann können Sie kommen und gehen, wie Sie wollen, ganz ohne Rücksicht, ob ich da bin oder nicht.«

Sie nahm den Schlüssel an und die stille Welt der schmerzentrückten Schönheit wurde ihre neue Heimat und ihr neues Glück, in dem sie die arme und gequälte Existenz vergaß.

Und ganz leise entwickelte sich zwischen den beiden gescheiterten Existenzen ein heimlicher Bund, der aus Freundschaft herauswuchs und zur Liebe wurde. Und alles Zärtlichkeitsgefühl, das in ihm aufgespeichert war, ergoß sich über die geliebte Freundin, und es kam der Moment, wo seine Liebe so groß wurde, daß sie heroisch empfand und zur Lust wurde, sich selbst Entbehrungen aufzuerlegen, um das geliebte Wesen glücklich zu sehen.

Und er sagte zu ihr: »Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dich jeden Abend in dein trauriges, reizloses Heim zurückkehren zu lassen, das zu dir nicht paßt und in dem du dich unglücklich fühlst; deshalb mache ich dir einen Vorschlag, ich überlasse dir meine Wohnung, so wie sie liegt und steht; du ziehst herein, und wenn ich komme, finde ich dich und meine lieben Sachen. Einmal werden wir ja doch heiraten und dann kommt alles wieder zusammen.«

Und so zog sie in die Wohnung ein und er nahm den Schlüssel an sich und wurde Gast . . .

Und jetzt begann für beide eine sehr glückliche Zeit. Und er war so dankbar und so selig, daß ein Wahnsinn des Schenkens über ihn kam, denn es machte ihn wieder so glücklich, wenn er sah, wie das arme Ding, das nie etwas besessen hatte, über all die schönen Sachen mit zärtlichen Händen hinstrich und dazu flüsterte: »Und das alles gehört mir und dir . . .«

Aber das Glück war nicht von langer Dauer, denn plötzlich brach sie zusammen und war nicht mehr zu retten. Heimlich und unaufhaltsam hatte die Krankheit in ihr gewütet und die Lebenskraft verzehrt. Jene Müdigkeit, die ihrem Wesen diesen wunderbaren süßen und traurigen Reiz gegeben hatte, war ihr äußeres Symptom gewesen.

Und so erlosch das Licht . . .

Aber als er wieder in ihre, seine Wohnung einziehen wollte, zwischen den teueren Dingen zu leben, ihrer gedenkend, die sein ganzes Glück für immer mitgenommen hatte, fand er die Wohnung von Amts wegen und im Auftrage der Erben versiegelt und er durfte die Wohnung der fremden Dame nicht mehr betreten. Und nach kurzer Zeit meldeten sich die natürlichen Erben: eine unsäglich gemeine Mutter und ein halbverkommener Bruder, und nahmen das Eigentum der Verstorbenen rechtmäßig in Besitz. Kein Protest half und keine Bitte. Und die große Summe, mit der alle diese Dinge abgeschätzt wurden, die er in Jahren zusammengetragen hatte, diese Summe hatte er nicht, um sie ein zweitesmal zu erwerben. So kamen die Dinge unter den Hammer, denn die Familie der Verstorbenen konnte Geld nur allzugut gebrauchen. Und bei der öffentlichen Feilbietung nahm er Abschied von seinen Erinnerungen und seinen Schätzen und tausendmal ärmer kehrte er ins graue Leben zurück.



Meine Bräute

Als ich noch sehr jung war, hatte ich einen starken Hang zur Anständigkeit, den zu beherrschen mir durchaus nicht immer gelang. Ich machte infolgedessen viele Dummheiten. Nun soll ja jeder Mensch Dummheiten machen, aber doch nur solche, die ihm Freude bereiten und sein Wohlbefinden steigern. Leider beging ich aber damals die Dummheiten mehr zur Freude der anderen als zu meiner eigenen. Insbesondere in meinen Liebesaffären machte sich mein schon erwähnter Hang zur Anständigkeit auf das peinlichste fühlbar. Er äußerte sich als ein chronisches Verlobtsein. Natürlich nicht immer mit derselben und nicht nur mit einer allein. Ich befestigte damals das Prinzip der Legitimität en gros.

Auf eine mir selbst ziemlich unerklärliche Weise hatte ich eine junge Dame kennen gelernt, welche intime Beziehungen zu Schlangen hatte. Und da ich damals eine ausgesprochene Vorliebe für das Exotische und Dämonische hatte, so wurden unsere Beziehungen äußerst seriös. Ich verlobte mich mit der Schlangenbändigerin und beschloß, fortan mit ihr durchs Leben zu ziehen. Sie wollte mich ihre Künste lehren und zu einem nützlichen Mitgliede ihrer Gesellschaft heranbilden.

Ihre erste Forderung war, daß ich mich vollständig dem Kultus ihrer Person und ihrer Schlangen zu widmen habe. Es war damals ein heißer Sommer und das gute Mädchen wohnte ganz nahe vom Schauplatze ihrer Tätigkeit, im Prater. Eine der Buden hatte nämlich einen Bretterverschlag in ziemlicher Höhe, der mit Hilfe einer Leiter erreichbar war. Dort verkehrten wir also friedlich und glücklich: das Mädchen, die Schlangen und ich. Die Schlangen erwiesen sich als äußerst gebildete und vor allem sehr ruhige Tiere, die meine ungemein empfindlichen Nerven durch keinerlei peinliche Geräusche störten. Sie bellten nicht, sie schrien nicht, sie heulten nicht. Infolgedessen wurden sie mir äußerst rasch sympathisch und ich konnte ungestört in ihrer Gegenwart meinen dichterischen Träumen nachgehen. Das Hantieren mit den lieben Geschöpfchen wurde auf eine spätere Zeit verschoben, weil, wie das junge Mädchen sagte, »die lieben Viecherln sich erst an dich und deine Art gewöhnen müssen«. Ich erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß die Schlangen sehr schüchtern und verlegen sind, ungemein leicht erschrecken, und wenn sie einem Menschen was tun, so sei das immer nur aus Verlegenheit und weil sie gerade nicht wüßten, was sie sonst anfangen sollten, um eine peinliche Pause der Untätigkeit entsprechend auszufüllen.

So kam ich also programmgemäß mit den Schlangen vorläufig in wenig Berührung. Desto mehr mit meiner Braut, welche ein schönes engelgutes Geschöpf war und mich zärtlich liebte. Leider hatte sie ein paar Gewohnheiten, die mich einigermaßen störten und die sie nicht ablegen wollte. Besonders eine Gewohnheit war es, welche mich anfangs sehr verwirrte. Sie pflegte sich von rückwärts an mich heranzuschleichen, mich am Nacken zu fassen und meinen Kopf viertelstundenlang zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand eingeklemmt haltend hin- und herzubeuteln. Anfangs war ich über den Sinn und Zweck dieses Manövers vollkommen im unklaren und tat sehr erstaunt. Später, nach vielen Wochen und nach hartnäckigem Fragen, denn meine liebe Braut hatte eine Abneigung gegen allzuvieles und allzudeutliches Reden, erfuhr ich ihre geheime Absicht. Vielmehr ich erriet sie. Eines Tages nämlich erklärte sie mir: »Weißt du, das mit den Schlangen ist gar keine Kunst, daß mir die Viecherln nichts tun und so anhänglich und treu sein und zu keinem anderen zuwi gehn als zu mir. Ich hab' nämlich ein Sympathiemittel, man braucht so eine Schlange nur von Zeit zu Zeit so von rückwärts beim G'nack zu packen und eine Zeitlang hin und her zu schütteln, da werden s' ganz damisch und teppert und dann sind sie auch treu und brav und schauen niemanden an als mich.«

So erfuhr ich, auf welche Weise ich an Liebe und Treue gewöhnt werden sollte. Ein anderer wäre vielleicht vor dieser Gewaltmaßregel erschrocken geflohen, aber da ich den guten Kern der Sache gefunden hatte und es eigentlich doch sehr schön war von diesem jungen Mädchen, daß es sich meiner Liebe und Treue, wenn auch auf die ungewöhnliche Art des systematischen Verteppens, versichern wollte, so blieb ich. Nur ein leises Angstgefühl beschlich mich von Zeit zu Zeit, weil ich mich erinnerte, von ihr gehört zu haben, daß sie eine besondere Geschicklichkeit besäße, gefährlichen Schlangen die Zähne zu reißen, und zwar mit einem einzigen unerwarteten Griff. Vor diesem Griff fürchtete ich mich bisweilen, denn wer bürgte mir, daß sie aus lauter Liebe mich nicht noch zahmer haben wollte, als ich ohnedies schon war! Diese leise Angst wurde zu einer Art Zwangsvorstellung, die mich sogar bisweilen in meinen Träumen verfolgte und mich laut stöhnen ließ. Meine Braut war eine sehr zärtliche Natur und es tat ihr weh, mich leiden zu sehen, ohne zu wissen warum, denn ich hütete mich, ihr meine heimliche Angst mitzuteilen, um sie nicht vielleicht gar selbst auf diese Idee zu bringen. Es war nämlich geboten, im mündlichen Verkehr äußerste Vorsicht zu üben. Gewöhnlich verstand sie überhaupt nicht, was ich meinte, oder bestenfalls verstand sie es falsch. Beides war gefährlich und führte stets zu Szenen und Komplikationen. Ich gewöhnte mir deshalb selbständige Äußerungen nahezu vollständig ab und begnügte mich, auf ihre Äußerungen mit dem noch zulässigen Mindestmaß an Worten zu reagieren. Unsere Konversation wurde infolgedessen äußerst einfach, da das gute Mädchen ein festes Repertoire von Sätzen hatte, auf die meine Antwort ein für allemal feststand. Es waren die folgenden:


Äußerung: Das halt sich nicht.
Gegenäußerung: Stürmische Umarmung.
Äußerung: Ein Blick und es genügt.
Gegenäußerung: Stürmische Umarmung.
(wenn nicht, Szene wegen Herzlosigkeit).
Äußerung: Sein mir im Wald oder wo?
Gegenäußerung: Stürmische Umarmung.
(wenn nicht, Szene wegen Herzlosigkeit).
Äußerung: Sieh mir ins Auge, wie es leuchtet.
Gegenäußerung: Stürmische Umarmung
(wenn nicht, Szene wegen Herzlosigkeit).
Äußerung: Blutrache ist süß.
Gegenäußerung: Stürmische Umarmung
(wenn nicht, Szene wegen vermeintlicher Untreue).


Auf diese Äußerungen und Gegenäußerungen beschränkte sich der gesamte geistige Verkehr, was mir damals ungeheuer wohltat, denn, daß ich es nur gestehe, die vorhergegangene Braut hatte ein Mundwerk wie ein Wasserfall gehabt und hatte täglich vierundzwanzig Stunden ununterbrochen geredet, weshalb die sporadischen Äußerungen der Schlangenbraut geradezu erquickend auf mich wirkten. Überdies war ich ihr dankbar, daß mein Geist so wenig in Anspruch genommen wurde und sich unser Verkehr so wundervoll animalisch gestaltete, so daß ich die Empfindung einer unerhörten seelischen Gesundung und Erholung hatte. Die Braut als Medizin war die Formel, die mich an sie band.

So lebten wir bereits zwei Monate in Glück und Frieden, als meine Braut plötzlich fand, es sei Zeit, daß die Schlangen und ich auf einen vertrauteren Fuß kämen als bisher. Überhaupt ich müßte endlich anfangen, an meine Karriere zu denken.

Die ominöse Blechkiste mit dem Luftsieb war bisher friedlich in der Ecke gestanden und nur immer abends vor der Produktion abgeholt und nachher wieder heimgebracht worden. Das sollte von jetzt ab aber anders werden.

Um mir einen Vorgeschmack des Kommenden zu geben, wurde an einem warmen Nachmittag die Blechkiste geöffnet und die lieben Tierchen mit Roßfleisch und Milch herausgelockt. Bald entwickelte sich ein munteres Treiben. Ich schien die lebhafte Neugier und das sichtbare Wohlgefallen meiner zukünftigen Freunde zu erregen, denn sie bekrochen und bezüngelten mich von allen Seiten. Ich hatte direkt Laokoongefühle und wartete sehnsüchtig, daß die geschätzten Herrschaften bald wieder in den Kasten zurückspazierten. Aber es kam anders. Meine liebe Braut reichte mir ein kurzes, ledernes Schwimmhöschen, dessen drei Öffnungen von festen Gummischnüren gebildet waren. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie mir das Lederhöschen reichte.

»Du sollst sehen, was ich für dich tue und wie sehr ich dich liebe. Dieses Lederhöschen stammt von meinem Bräutigam Karl. In diesem Lederhöschen ist er gestorben. An einem heißen Nachmittage in Südamerika, als weit und breit kein Wasser zu haben war, in dem man baden hätte können, legte er sich die Riesenschlange wie eine kühle, eiskalte Binde um den Leib, was ihm sehr wohltat. Unvorsichtigerweise aber schlief er ein und vergaß, die Schlange am Hinterkopfe hin und her zu beuteln, und so hat sie, ganz ohne böse Absicht, ihm, während er nichts Arges dachte, alle Rippen eingedrückt, aber nur im Spiel, denn sie war ein gutes und treues Tier, wohlwollend und zuvorkommend gegen jedermann und äußerst musikalisch. Und wenn mein Karl auf der Okarina muntere Weisen spielte, so war sie geradezu entzückt und lauschte andächtig. Besonders schwärmte sie für die »Donauwellen«, da tanzte sie sogar bisweilen mit, wenn sie nicht gerade zu viel gefressen hatte.«

»Was soll ich mit diesen Lederhöschen machen?« fragte ich angstbeklommen und erwartungsvoll.

»Anziehen,« meinte die Braut unschuldig. »Du entledigst dich deiner sämtlichen Kleider, ziehst das Lederhöschen an und legst dich dann ganz ruhig und harmlos auf den Fußboden. Die Schlangen müssen über dich hin kriechen und sich an deinen Körper gewöhnen und das Gefühl bekommen, daß du ihnen nichts tust und daß sie bei dir sicher sind. Was sie auch anfangen, du darfst dich nicht rühren und sie vor allem nicht anfassen, denn das könnte sie erschrecken. Erst wenn wir das vierzehn Tage jeden Nachmittag gemacht haben, können wir weiter gehen.«

Bei dieser Vorstellung wurde mir tatsächlich sehr übel und ich sah mich genötigt, ein bißchen Urlaub zu verlangen, um die Leiter hinabzuklettern. Meine Braut gab mir das Lederhöschen mit und meinte: »Du kannst sie vielleicht gleich drunten anziehn.«

Ich nahm das Lederhöschen und verschwand mit ihm. Meine Braut wartet vermutlich noch heute auf meine Wiederkehr. Damals lief ich, was ich laufen konnte, und kam schließlich nach Franz Josefs-Land wo ich die Tochter eines Schwimmeisters kennen lernte, die mir damals sehr ungefährlich vorkam. Sie wurde auch meine kleine Wasserbraut. Aber davon ein anderesmal.


* * *


Als ich auf der Flucht vor meiner Schlangenbändigerin nach Franz Josefs - Land gekommen war, überfiel mich plötzlich ein fürchterlicher Hunger und eine bleierne Müdigkeit. Ich trat in ein Wirtshaus ein und stärkte mich, soweit die vorhandenen Barmittel reichten. Dann suchte ich mir ein Plätzchen, um in stiller Verborgenheit zu schlummern und über mein ferneres Leben nachzudenken. Ich kam zum Resultat, daß nur die Liebe eines reinen Weibes mich vor dem Abgrund retten könne, in den ich sonst hoffnungslos versinken würde. Es war mittlerweile Abend geworden. Ich schlenderte über die Reichsbrücke, der Strom funkelte im Abendlicht und alles war sehr schön und still und feierlich. In diesem Augenblicke kreuzte, unmittelbar vom Kommunalbad kommend, ein junges Mädchen meinen Weg. Ich fühlte in meinem Herzen den bekannten Stich und wußte dementsprechend ganz genau: mit der wird was. Sie war braun und schlank und duftete nach Frische und Reinheit, was mir sehr imponierte. Ich sagte ihr das auch und es erfüllte sie mit großem Stolz. »Sie gehen wohl nie baden?« fragte sie mich mit forschendem Blick. »Warum,« fragte ich bestürzt, »merkt man was?« »O nein,« erwiderte sie gütig und beschwichtigend, »das nicht, aber ich habe Sie hier unten noch nie gesehen und ich kenne doch alle Herren, die bei uns regelmäßig verkehren, mein Vater ist nämlich Schwimmeister im Kommunalbad.« Ich freute mich, die Tochter eines städtischen Funktionärs kennen zu lernen und gestand ihr, daß es sogar jetzt mein heißester Wunsch wäre, ein kaltes Kommunalbad zu nehmen, wenn ich nicht dadurch die Aussicht verlieren würde, noch länger ihre Gesellschaft genießen zu können, außerdem seien durch einen stundenlangen Aufenthalt im Prater meine Barmittel der Erschöpfung nahe. Sofort bot mir die junge Dame auf mein ehrliches Gesicht zwei Kronen leihweise an und außerdem eine Freikarte ins Bad. Ich nahm beides an; sie versprach auf der Terrasse zu warten. Und so ging ich baden. Es war herrlich! Überdies mußte ich beständig an das junge Mädchen denken, dem ich dieses reine Glück verdankte, und immer stärker stiegen die Gefühle auf, so daß ich mit förmlicher Sehnsucht aus dem Wasser stieg. Welch ein Unterschied zwischen der Schlangendame und diesem Mädchen! Während die Schlangendame nur an sich dachte, wenn sie an mich dachte, sorgte diese junge Dame für mein körperliches Wohl. Als ich wieder zu ihr kam, konnte ich mir nicht helfen, ich mußte sie küssen. Dann wanderten wir durch die wundervolle Abendkühle friedlich zusammen hin und als wir uns bei ihrer Wohnung voneinander trennten, mußte ich mir sagen, die oder keine, und in dem dunklen Torflur verlobten wir uns noch rasch, weil ich, wie gesagt, ein Feind unklarer Situationen war und immer wissen mußte, wohin ich gehörte. Es war nur natürlich, daß meine Braut als Tochter eines Schwimmeisters starke Beziehungen zum freundlichen Element des Wassers hatte. Wir verbrachten also wundervolle Tage im Franz Josefs-Land, rudernd und liebend. Ich wurde braun und schlank, jedes ungesunde Fett schmolz dahin. Ich war glücklicher Besitzer einer Familienkarte für das Kommunalbad, aber nach und nach lernte ich auch die übrigen Bäder von Wien und Umgebung kennen, denn meine Braut liebte die Badereisen unendlich. Ihr größter Schmerz war nur, daß wir nicht zusammen in ein Seebad fahren konnten, wo es möglich gewesen wäre, sich gemeinsam im geliebten Wasser tummeln zu können. Mir war aber das ganz recht, denn daß ich es nur gestehe, ich hatte ihr bisher verborgen, daß ich wohl baden, aber nicht schwimmen konnte. Ich hatte mir allerdings ein Büchlein angeschafft: »Die Kunst, in fünfundzwanzig Minuten ein perfekter Schwimmer zu werden«, und übte in einsamen Stunden, mit dem Bauch auf einem Stockerl liegend, nach den Anweisungen des Buches. Aber praktisch hatte ich die Kunst eigentlich noch nicht ausgeübt.

Eines Tages teilte mir die Braut aber mit, daß ihr Vater, der Schwimmeister, zum Präsidenten eines Schwimmklubs gewählt worden sei und ich müßte in diesen Klub eintreten, erstens, weil der Klub zahlende Mitglieder brauchte, und zweitens, weil das die beste Art sei, meinen künftigem Schwiegervater auf eine harmlose und natürliche Art kennen zu lernen, überdies hätte ich Gelegenheit, Ehre und Ruhm zu erwerben, weil ein Junioren-Wettschwimmen veranstaltet würde, an dem ich mich beteiligen könnte. Ich zögerte zuerst ein wenig, aber als ich ihre gekränkte Miene sah, sagte ich rasch zu, denn ich konnte sie nicht leiden sehen, und es war doch eigentlich sehr schön, daß sie für mich ehrgeizig war . . .

Meine Braut riet mir, mich morgens um neun Uhr ins Kommunalbad zu begeben, weil um diese Zeit ihr Vater gewöhnlich allein sei und, fügte sie verschämt hinzu, um diese Zeit ist es auch noch nicht so heiß und da wirst du einen sehr guten Eindruck von meinem Papa bekommen. Nach dem Gabelfrühstück ist er oft so aufgeregt, weil er gar nichts verträgt und nur notgedrungen bei der großen Hitze etwas trinken muß.

Ich ging also um neun Uhr hin. Wir verstanden uns ausgezeichnet. Das Büchlein von der Kunst, in fünfundzwanzig Minuten ein perfekter Schwimmer zu werden, hatte auch eine historische und sportwissenschaftliche Einleitung gehabt, ich wußte alles, was ein Wassergigerl nur zu wissen braucht. Ich empfand, daß ich einen ausgezeichneten Eindruck machte. Wir gingen zusammen frühstücken, mein Schwiegervater in spe und ich, und wurden sehr heiter. Ich vertrage nämlich auch nichts. Wir lachten fürchterlich viel und kehrten sehr vergnügt zur Schwimmanstalt zurück. Besonders der braune Riese im blau-weißen Trikot war ungewöhnlich heiter – so heiter, daß er plötzlich sagte, ich will doch sehen, was du kannst. Und schon hatte er mich gepackt und im eleganten Bogen mitten ins Bassin geworfen. So viel Besinnung hatte er aber doch noch gehabt, daß er mir selbst auch nachgesprungen war. Und das war mein Glück, denn ich sank wie eine bleierne Ente zu Boden.

Natürlich wurde ich herausgeholt und gerettet. Der Nimbus war pfutsch und ich war sehr blamiert. Durch ein Trinkgeld bestach ich meinen künftigen Schwiegervater, über den Vorfall zu schweigen, und da ich mich gleichzeitig auf Lektionen abonnierte und in den Verein eintrat, so erfuhr meine Braut nichts und erlebte es mit Vergnügen, wie ihr Vater und ich Freunde wurden.

Ich wurde wirklich ein ausgezeichneter Schwimmer und gewann sogar den zweiten Preis beim Juniorenschwimmen und meine Braut war sehr stolz auf mich.

Da sie aber nicht nur meine Braut sein wollte, sondern das Bedürfnis fühlte, unsere Beziehungen zu legitimieren, so geriet ich ihr gegenüber in eine schwere Lage. Ich wurde wieder einmal gemütskrank, wie mir das gewöhnlich passierte, wenn ich heiraten sollte. Ich bekam eine direkte Wasserscheu, was einen schrecklich deprimierenden Eindruck auf meine Braut machte, weil es gerade das Wasser war, bei dem wir uns gefunden hatten. In gutgespieltem Wahnsinn zerschlug ich eines Tages Waschschüssel und Krug, warf Seife und Bürste beim Fenster hinaus und erklärte, meine Gesundheit sei derart erschüttert, daß nie mehr ein Tropfen Wasser meinen Leib berühren würde. Von nun ab würde ich mich nur mehr mit Schmalz oder Öl abreiben, eventuell sogar Ölbäder nehmen. Scheinbar gefaßt und ergeben, entfernte sich meine Braut und ich ging schlafen mit dem Gefühl, sie gibt dich auf, denn, daß ich es nur gestehe, das viele kalte Wasser, das mir im Sommer äußerst wohlgetan hatte, begann nachgerade sehr nachteilig auf meinen Körper zu wirken und ich lief in beständiger Angst und Erregung und in vollständig überflüssiger Erwartung herum, ähnlich wie Karlsbader Kurgäste, nur ohne innere Notwendigkeit und ohne ärztliche Anordnung. Ich schlief noch sehr gut, denn es war zeitig früh, als ich mich zu meinem großen Erstaunen plötzlich von starken Armen emporgehoben fühlte. Ich erkannte den Schwiegervater Schwimmeister und erkannte das tränenüberströmte Antlitz meiner Braut.

»Nur eine Gewaltkur kann ihn retten. Mir ist mein schönster Hund hin geworden, nur weil er nicht ins Wasser ging.« Ich ahnte mit Entsetzen mein Schicksal und konnte nicht schreien, denn mein Mund war fest verbunden. Unten wartete ein Wagen. Ich war wehrlos, denn ich stak in einem Sacke, der nur den Kopf freiließ. Wir fuhren in der Oktoberkühle nach Franz Josefs-Land. Dort geschah das Ungeheure; ich wurde in meinem Sack ins Wasser gehängt. Es war morgens, es war frisch; ich hatte am vorhergehenden Abend gut und reichlich genachtmahlt. Ich fühlte mich in meinem Sacke äußerst unglücklich und krümmte mich wie ein getretener Wurm vor Schmerzen. Befriedigt sahen mir Vater und Tochter zu. »Ich wußte, daß das hilft, jetzt treibt's ihm die Krankheit heraus, jetzt ist er gerettet.«

Und so wurde ich wieder nach Hause gebracht, der Mundverband war entfernt worden, aber ich schrie nicht mehr, ich wehrte mich nicht mehr, ich war viel zu schwach. Man brachte mich zu Bette und meine Braut bezog die Wache, um mich weiter zu pflegen. Jede Stunde wurde ich in ein kaltes nasses Leintuch eingeschlagen und mit einer Gießkanne begossen, als ob ich ein Blumenbeet wäre und Blüten hätte treiben sollen. Ich war verzweifelt und wehrlos und zerbrach mir den Kopf, wie ich meiner Braut und dem Wasser entkommen könnte.

Schüchtern begann ich: »Roserl, mit mir geht's ja doch zu Ende, möchtest du nicht einen wirklichen Arzt holen?« Aber Roserl verachtete die Ärzte und meinte, der Arzt wäre mein sicherer Tod – nur Wasser und Naturheilverfahren könne mich retten. Ich mußte eine andere Idee ausführen. Ich begann davon zu reden, daß ich am Sterbebette wenigstens noch mit ihr getraut werden möchte, ob sie sich nicht die nötigen Papiere verschaffen könnte, überhaupt die Sache einleiten möchte. Das verfing. Eine Nachbarin sollte die Wache bei mir übernehmen, in einer Stunde wollte sie alles besorgt haben. Und so ging sie.

Mit der Nachbarin hatte ich leichtes Spiel, die wollte ja nicht geheiratet werden. Ich entfloh zu einem Freunde, der mich verborgen hielt und in dessen Bett ich mich nach langer Zeit zum erstenmal wieder erwärmte. Da mir das aber nicht genug war, floh ich nach Italien, von wo ich meiner Braut eine höhnische Karte schrieb und ihr mitteilte, daß ich schon wieder bade, aber nur mehr warm, und eine andere Braut hätte ich auch schon und die wäre ein Ideal und denke nicht im entferntesten daran, mich zu martern, im Gegenteil.

Ich hatte nämlich in Venedig ein junges Mädchen kennen gelernt – aber davon ein anderesmal . . .


* * *


Ich hatte kurz hintereinander zwei Bräute gehabt, welche für mein reich entwickeltes Innenleben nur selten und auch nur widerwillig und beinahe gezwungen Interesse an den Tag gelegt hatten.

War es da ein Wunder zu nennen, wenn in meinem mißachteten Dichtergemüte auf einmal eine unbezwingliche Sehnsucht erwachte nach Verständnis, dargebracht von einer anschmiegsamen Frauenseele! Die unerhörte Heftigkeit dieses Bedürfnisses wird allerdings erklärlich, wenn man bedenkt, welche Rolle bei meinen früheren Bräuten das Leibliche gespielt hatte. Nach den Erfahrungen mit der Schlangen- und der Wasserbraut war ein förmlicher Seelenheißhunger in mir erwacht, der sich gegen alles Körperliche, gegen alles, was nach Animal duftete, mit krankhafter Scheu sträubte. Boshafte Leute hätten vielleicht für diesen Gesinnungswechsel gehässige Erklärungen gefunden und mich gekränkt und gesagt, das hänge vermutlich mit dem Altwerden und seinen unvermeidlichen Folgen zusammen. Aber für solche böse Zungen stand mir jederzeit mein unverfälschter und sehr ehrenvoller Taufschein zur Verfügung. Ich selbst führte diese zunehmende Vergeistigung, welche geradezu pathologische Formen annahm, teils auf die Hitze, mit der der Herbst noch in Venedig auftrat, teils auf die Meerbäder, zum allergrößten Teile aber auf die Sodawasserorgien zurück, von denen ich mich nicht losreißen konnte. Vielleicht waren es aber auch die blutdürstigen Moskitos, welche in intime Beziehungen zu meinen Beinen traten und sich von ihnen bis an ihr Lebensende nicht trennen konnten, was mich so verklärt und allem Irdischen so abgeneigt machte und meine ramponierte Seele plötzlich wieder so herrlich emporgedeihen und zu neuen Ehren gelangen ließ.

Es waren Oktobertage von märchenhafter Schönheit.

Auf den Kanälen schwammen bereits braune Blätter, die die Sommerhitze ausgedörrt und der erste Herbstwind abgeschüttelt hatte.

Aber der stahlblaue Schild des Himmels funkelte noch von Licht und Wärme. Ich war fast den ganzen Tag am Lido draußen und erholte mich von den Strapazen meiner Wasserbraut und lag wie ein sonnenlüsternes Reptil im Sand und dämmerte vor mich hin.

Viele Tage schon hatte ich kein Wort gesprochen, wenigstens kein deutsches. Ich erwachte, als ein plötzlicher Windstoß mir das Taschentuch wegblies, welches ich mir über das Gesicht gelegt hatte. Bei der Gelegenheit sah ich, daß nicht weit von mir eine Dame im Sande saß. Gewohnheitsmäßig sah ich hin. Ich sah ein Reformkleid, ich sah Sommerloden, ich sah biedere Stiefletten ohne Absätze, ich wußte genug, es war unbedingt ein deutsches Weib und gänzlich ungefährlich. Schon wollte ich wieder einschlafen, ohne mir die Dame genauer anzusehen, als eine Stimme mit einem sehr ruhigen, sehr gleichmäßigen, sehr beschwichtigenden und doch sehr festen Tone sagte: »Bitte, hier ist eine Sicherheitsnadel, befestigen Sie Ihr Taschentuch, sonst fliegt es davon.« Gleichzeitig fühlte ich, wie sich blaue Augen bittend und unnachgiebig auf mich richteten. Unwillkürlich erhob ich mich und machte meine Verbeugung, stammelte ein verlegenes »Danke sehr« und nahm aus der vorgestreckten Hand die Nadel entgegen.

»Sie dürfen noch zwei Stunden so liegen«, fügte die Dame hinzu, »weil es Ihnen gut zu tun scheint, aber dann müssen Sie aufstehen, gegen Abend wird es zu kühl. »Ich wollte etwas entgegnen, aber sie winkte mit einer energischen Handbewegung ab. »Schon gut, schon gut, schlafen Sie nur. Es geschieht Ihnen nichts, ich wache ja.«

Auch gut, wenn sie will, dachte ich mir und schlief wirklich ein.

Ich erwachte durch ein sanftes Kitzeln in der Gegend meiner Nase. Es kam von einer Feder her, mit der die junge Deutsche merkwürdigerweise in meinem Gesicht herumfuhr. Sie tat dies mit großer Selbstverständlichkeit und unerschütterlichem Gleichmut. –

»Es ist Zeit, daß wir jetzt nach Venedig hineinfahren – oder wollen Sie am Lido soupieren?«

»Ich bitte, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, so möchte ich überhaupt noch nicht soupieren. Ich werde um zehn Uhr in der Panada ein paar Maler aufsuchen.«

»Davon kann keine Rede sein«, erwiderte das Reformkleid freundlich und bestimmt. »Das ist kein Umgang für Sie. Man weiß, wie Maler sind. Die trinken und reden bis morgens – und Sie gehören ins Bett. Sie sind eine zarte, sensitive Seele, eine nervöse Natur, die viel Schlaf und Ruhe braucht, auch scheinen Sie Kummer gehabt zu haben. Und dieser melancholische Zug von den Nasenflügeln abwärts beweist mir, daß Sie ein Träumer sind, eine Poetennatur. Sie dürfen sich nicht mit brutalen Kraftnaturen herumtreiben. Sie müssen von einem zartbesaiteten Weib gepflegt und gehegt werden, das auf Ihre leisesten Wünsche verständnisinnig eingeht.«

Tiefe Rührung bemächtigte sich meiner, als ich diese Worte vernahm, die aus zartem Frauenmunde zu hören längst mein heimlichster Wunsch war.

Ich sah das Reformkleid nicht mehr und nicht die absatzlosen Normal-Zugstiefletten, ich sah nur eine Frauenseele, die um mich sorgte. Die Tränen des erfüllten Glücks kollerten mir nur so über die Wangen. Sie sah den tiefen Eindruck, den sie mir gemacht hatte, und leise und beschwichtigend meine Schulter klopfend, sagte sie mir beruhigend: »Ich bin dir gut, sei still, ich bin dir gut.«

Einträchtig schritten wir den Weg, der vom Strand zum Ankerplatz der Lido-Dampfer führt und ich pries mein Glück, das mich nach so vielen Irrtümern endlich die Richtige finden ließ.

Wir waren ein recht verschiedenes Paar. Zu meinem großen Schmerz bin ich leider sehr klein geraten, zu meinem größeren Schmerz neige ich sehr stark zum Embonpoint, was einen Dichter leider immer in Mißkredit bringt, denn erstens glaubt man ihm nicht den Hunger, zweitens bezweifelt man sein tiefes Gefühl. Leider gehen mir jetzt auch schon die Haare aus und semmelblond sind sie auch gewesen und nicht schwarz, wie ich es mir immer gewünscht hatte.

Meine Gefährtin hingegen, mit welcher ich lustwandelte, war so groß, daß ich mir ganz gut vorstellen könnte, daß auf ihrem Haupte ewiger Schnee lag, während auf ihren Füßen noch die Veilchen blühten und die unschuldigen weißen Lämmer fröhlich hin- und herhüpften. Das junge Mädchen hatte mich unterm Arm gefaßt und leitete mich mit großer Sicherheit. Während des Weges und der kurzen Lagunenfahrt redete sie mit leiser, eindringlicher Stimme auf mich ein und bewies mir, daß Gott sie speziell zu meinem Heil gesendet habe – und ich glaubte ihr.

Sie war sehr traurig, als sie erfuhr, in welcher Gegend ich meine Wohnung gefunden hatte. Es war weit von ihr und eine ungesunde Gegend. Sie beschwor mich, auf die Giudecca hinüberzuziehen, das sei das einzig Richtige für mich, nur dort werde ich ganz genesen. Zufällig sei in ihrem Hause ein Zimmer frei, das müsse ich mieten, ich müsse . . . Und wieder traf mich dieser seltsame Blick, der tief in meine Seele drang und mich erkennen ließ, daß sie es gut mit mir meine. Ich ging also noch mit ihr nachtmahlen und dann, auf ihre dringende Bitte, nicht in die Panada, sondern nach Hause schlafen und nachdenken, was mir Gott mit diesem Mädchen für ein Glück beschieden hatte. Ich hätte gern gewußt, wie sie eigentlich heiße, was sie in Venedig zu tun hat und anderes mehr. Aber ich wollte sie nicht durch unziemliche Neugierde verletzen oder betrüben.

Zeitig früh wurde ich bereits wieder von ihr abgeholt, sie hatte die ganze Nacht hindurch kein Auge geschlossen, gestand sie mir. Sie hatte so viel Angst um mich ausgestanden. Ich begriff das zwar nicht, warum man um mich Angst ausstehen solle, aber jedenfalls war es ein edles Gefühl, und da sie es meinetwegen gehabt hatte, nahm ich es dankbar entgegen. Ich zog also auf die Giudecca und in ihr Haus. Unsere Zimmer waren nur von einer dünnen Bretterwand getrennt. Man hörte jedes Geräusch hinüber und herüber.

Venedig wirkte auf mich in poetischer Beziehung äußerst anregend.

Die Muse begann mich fortwährend zu küssen, und notgedrungen kaufte ich mir Papier und Tinte, was bekanntlich das Dichten ungemein erleichtert. Aber als ich morgens nach dem Frühstücke die Poesie kommandieren wollte, waren Papier und Tinte verschwunden.

Meine Freundin gestand mir, sie habe diese Dinge in den Kanal geworfen, denn eine liebende Braut dürfe es nicht ansehen, wie der geliebte Mann, der schonungsbedürftig sei wie ich, sich durch angestrengte geistige Arbeit ruiniere. Sie schlug mir vor, statt zu arbeiten, lieber von Stunde zu Stunde einen Löffel Lebertran zu nehmen; das wäre das einzig Richtige für mich. Ich wollte zuerst nein sagen, aber sie war so besorgt und so aufgeregt, daß ich schließlich, um sie zu beruhigen, nachgab, denn ich erkannte ihre gute und edle Absicht.

Außerdem aber bildete eine andere Tatsache eine Quelle großer Schmerzen für meine treue Freundin: Ich schlief bei offenen Fenstern und trug Leinenunterwäsche. Da sie mich infolge dieser Umstände fortwährend tot im Bette liegen sah und ich sie unter so störenden Halluzinationen nicht länger leiden lassen wollte, so gab ich nach, denn ich erkannte ihre gute und edle Absicht. Ich empfing also von ihr drei ihrer eigenen »Kombinations«, bestehend aus Hose und Leibchen in einem Stücke, in welches man mit einem Aufwande hoher Kunst hineinschlüpfen mußte. Ich mußte gestehen, die Kombinations hielten sehr warm und spannten etwas über den Magen, während sie an Armen und Beinen wiederum zu lang waren. Ich war infolgedessen gezwungen, sie an den Fuß- und Armgelenken einzurollen, was einen Anblick gewährte, wie wenn ich Arm- und Fußbraceletts von Münchener Weißwürsten trüge. Aber ich gewöhnte mich sehr rasch auch daran. Ich gewöhnte mich an alles überhaupt, weil ich die Uneigennützigkeit meiner Braut in jeder Kleinigkeit sah und weil es mir wohltat, wenn sie mir jeden Wunsch von den Augen ablas und ihn erfüllte, noch ehe ich ihn ausgesprochen hatte. Ich tat nur scheinbar, was sie wollte, sie bewies es mir, daß es nur meine eigenen Wünsche waren, die mir bisher noch nicht zum Bewußtsein gekommen, die sie aussprach und ich erfüllte. So gewöhnte sie mir, meinem Wunsche entsprechend, auch das Flechten von Papierdeckchen aus farbigen Pappstreifen und ähnliche Kindergartenbeschäftigungen an.

Reden durfte ich so viel und was ich wollte. Sie ging auf alles ein und bewies mir unendliche Geduld, unendliche Hingabe an meine Ideengänge. Sie widersprach nie. Ich liebte, romantische und abenteuerliche Erzählungen zu erfinden, in deren Mittelpunkt ich mich selbst stellte. Ich log und fabulierte mit Genuß. Sie folgte willig und quälte mich durchaus nicht mit spöttischen oder zweifelnden Fragen, sondern lebte voll und ganz mein Phantasieleben mit. Sie wurde mir so unentbehrlich, daß ich keine Viertelstunde mehr ohne sie sein konnte – und ihr zuliebe auf alle weiteren Ausflüge und Exkursionen verzichtete. Ich saß beinahe immer zu Hause oder im kleinen Gärtchen hinter dem Hause. Selten fuhren wir auf den Lido hinaus. Denn sie litt merkwürdigerweise entsetzlich Angst, wenn sie mit mir unter anderen Menschen war. Sie behauptete nämlich, die Leute machen mich nervös und das hätte die übelsten Folgen für meine Gesundheit, und ihretwegen sei es durchaus nicht nötig, außer Hause zu gehen, sie fühlt sich am wohlsten mit mir allein. Und so blieben wir zu Hause. Und immer höher lernte ich die Frau schätzen, welche treu und fest, ich möchte beinahe sagen, mit hündischer Ergebenheit mich betreute. Und weil ich das Wunder dieser seelischen Anpassungsfähigkeit verstehen wollte, wurde ich indiskret und tat, was man nie tun soll, ich fragte nach ihrer Vergangenheit, ich mußte erfahren, wie so sie so geworden sei, wer sie wäre. Ich gestand ihr, daß ich sie für durchaus keine gewöhnliche Person hielte und endlich konnte ich mich nicht mehr halten und platzte mit der Frage heraus: »Was bist du gewesen, ehe du meine Braut geworden bist?«

»Irrenhauswärterin aus Passion!« war die Antwort.


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Ich habe schließlich erkannt, daß auch diese Braut nicht die richtige wäre und habe es noch mit einigen anderen versucht. So hatte ich zum Beispiel noch eine Riesenbraut, eine Faschingskrapfenbraut, eine Heilsarmeebraut – aber die richtige habe ich nie gefunden.

Deshalb bin ich auch neulich unvermählt gestorben und kann die Geschichte meiner diversen Bräute nicht fortsetzen.