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Felix Dörmann – Warum der schöne Fritz verstimmt war

Erzählungen

Felix Dörmann, Warum der schöne Fritz verstimmt war, Wiener Verlag, Wien, 1900
Transkription von Christine Weber; wir bedanken uns.


Warum der schöne Fritz verstimmt war.

Er war einer von jenen, welche lachend siegen. Er fand gar nichts dabei, dass ihm alle Herzen zuflogen; das war doch so selbstverständlich! Er hätte sich gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Er hatte auch absolut kein Gewissen den Frauen gegenüber, nicht einmal besonders viel Rücksicht oder Schonung. Lange Belagerungen, Zweifel, Seelenstürme – all das kannte er gar nicht. Er kam und war da – na und damit war alles in Ordnung, wenigstens nach seinen Begriffen.

Da es aber bekanntlich doch nicht angeht, von der Liebe zu leben, wenn man ein Mann ist, so hatte der schöne Fritz auch noch einen bürgerlichen Beruf – er war im Rechtsbureau einer Bank beschäftigt. Dieser Arbeitszwang war die einzige Schattenseite, die der liebe junge Mann in seinem sonnigen Leben entdecken konnte. Die schönsten Stunden des Tages musste man in diesem heißen Raum versitzen, während draußen so und so viele andere spazieren fuhren, ritten und giengen. Wenn nicht die Abendunterhaltungen, die Theater und die Soiréen gewesen wären, er hätte sich gewiss höchst unglücklich gefühlt.

Es ist doch auch vollkommen begreiflich, ein Sieger von Geburt und Profession braucht doch Menschen, Volk, Frauen und Fräuleins – wenn niemand da ist, der besiegt werden kann, glaubt's ja keiner, dass man Sieger ist.

Also der schöne Fritz schlug seine Schlachten, die meist sehr unblutig verliefen, gewöhnlich in den Abendstunden. Berlin W. und das Thiergartenviertel waren ein günstiger Boden. Der schöne Fritz war viel geladen. Er gab eine gute Salonfigur ab, tanzte tadellos, war ein bequemer Gesellschafter – und außerdem, wie gesagt: der lächelnde Sieger.

Wenn er so durch die Salons spazieren posierte, ganz naiv seine Schönheit und Kraft in der Wirkung auf andere genoss, wenn er das Achselzucken der Männer sah und ihren Neid und die Blicke der Frauen, schwärmerisch bei den unverstandenen und sehnsüchtig begehrend bei den wissenden – o da war er glücklich, so glücklich, dass ihm die Muskeln leise zitterten und der Athem sich brach.

Er war also gewohnt, dass ihm die Frauen huldigten, es fiel ihm höchstens auf, wenn es eine nicht that. Darum hatte der schöne Fritz es auch gar nicht bemerkt, dass er tagtäglich, wenn er schweren Herzens morgens in sein Amt wanderte, einer kleinen, blonden Frau begegnete, die ihn mit ihren Blicken verschlang, die ihre mattblauen Augen schon von weitem mächtig aufriss, wenn sie ihn herankommen sah, die sogar manchmal stehen blieb, um ihm nachzustarren. Er hörte auch die leisen Worte nicht, die sie, wie unter einem zauberhaften Bann, immer vor sich hinmurmelte, wenn er vor ihr auftauchte:

»Das ist der Richtige, der ist es, der muss es sein, o, er ist so schön, so wunderschön!«

Er bemerkte sie erst dann, als er von einem Freunde, der ihn eines Morgens begleitete, auf sie aufmerksam gemacht worden war.

Jetzt sah er sie allerdings. Er gewöhnte sich sogar daran, ihr an der bestimmten Ecke zu begegnen. Er freute sich, das Aufleuchten ihrer Augen constatieren zu können, wenn sie ihn erblickte, und den deutlichen Ruck, den ihr schmächtiger Körper erhielt. Er grüßte sie mit dem leisen Lächeln des Mitleids: arme, kleine Frau, wie Du mich lieben musst! Wenn Du nur bisschen hübscher wärst, fügte er in Gedanken bei. Die kleine Frau aber quittierte seinen Gruß mit einem tiefen Erröthen und einem glücklichen Staunen. Er hat mich wirklich bemerkt? Was wird er weiter thun? Aber vierzehn Tage vergiengen und der schöne Fritz sprach nicht mit der kleinen Frau. Sprach wirklich nicht. Dachte nicht daran. Sie sah ihn nur einen ganz kurzen Augenblick im Vorübergehen. Und das war alles? Sie sah ihn jeden Tag verzehrender und unglücklicher, immer sehnsüchtiger an.

Endlich sprach er sie an. War es Laune, war es Mitleid, war es die Eitelkeit, welcher es schmeichelte, sich so geliebt zu sehen – was es war, das wusste er selber nicht, dachte auch gar nicht daran, – sondern sprach eben mit ihr.

Die kleine Frau strahlte. »Endlich doch am Ziel; er spricht mit mir, ich kann ihn ansehen, fest ins Gesicht, so lange ich will und so oft ich will.«

Er erfuhr, dass sie verheiratet sei. Diese Nachricht beruhigte ihn sehr; er bat sie um ein Wiedersehen, eine Zusammenkunft – aber nicht in einem Park oder auf der Straße. Der schöne Fritz war kein Freund unbequemer und zweckloser Rendezvous'.

»Ich werde meinen Mann vorbereiten,« versicherte sie treuherzig, »wir werden uns sehr freuen, Sie bei uns zu sehen. Aber bald! Sie brauchen keine Anstandsvisite zu machen. Wann kommen Sie also?«

Fritz dachte nach.

»Uebermorgen bin ich frei.«

»Wir werden zuhause sein.«

»Also ich mache mir das Vergnügen, es bleibt dabei.«

»Müller, Alvenslebenstraße 81.«

»Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!«

Es gab ein paar herzliche Händedrücke und man schied.

»Donnerwetter, diese kleine Frau macht sich's bequem, lädt mich da ohne Weiteres ein. Der Gatte muss eine schöne Figur sein! Na, wenigstens wird dieses Abenteuer bequem. Ich glaube, die kleine Frau ist imstande und schickt ihren Mann ins Nebenzimmer Klavierspielen, wenn sie ungestört mit mir plaudern will. Na, wir werden sehen!«

Also Fritz kam.

Er wurde wirklich reizend empfangen, von ihr und auch von ihm. Sie waren beide wirklich zu nette Menschen. Er und sie. Und wie liebreich sie bemüht war, ihrem Gaste eine Freude zu bereiten. Sie war ja nicht gerade schön, die kleine Frau, aber so warm, so reizend, so lieb. Und der Gatte war so arglos und vertrauensselig.

Fritz dachte schon an eine glückliche Ehe zu dreien. So nah war er seinem Ideal noch nie gekommen. Der andere hätte alle Sorgen, alle Unannehmlichkeiten, alle Pflichten, und er, der glückliche Fritz, nur die Freude. Fritz fragte ganz bescheiden an, ob sie keines ihrer Zimmer an ihn vermieten würden . . .

Leider wäre es unmöglich, sie seien zu beschränkt im Raum. Aber im Hause wäre ein sehr schönes Zimmer zu vergeben. Sie redeten ihm eifrig zu, alle beide. Sie giengen sogar mit ihm hinauf, in den zweiten Stock. Das Zimmer war wirklich hübsch, er entschloss sich rasch und nahm es, für drei Monate wenigstens.

Herr und Frau Müller waren begeistert, sie glühten förmlich vor Entzücken.

»Und Sie werden oft bei uns sein?«

»So oft Sie wollen!«

»Also den ganzen Tag, jede freie Stunde!«

Nein, dieses Ehepaar! Fritz war ganz erstaunt. Na, die Frau begriff er ja, so ein Glück passiert nicht alle Tage – aber der Mann, der Mann!

Er sah so gar nicht aus wie ein gemeiner Speculant – nein, wie dumm musste dieser Mann sein!

Na, Dummheit ist ja schließlich kein Verbrechen, wenn sie bei den Männern geliebter Frauen vorhanden ist.

Und er liebte die kleine Frau beinahe, diese Ueberfülle an Liebe machte ihn weich.

Also Fritz zog ins Haus zu Müllers. Er wurde täglicher Gast, er versaß Stunden bei ihnen, er fühlte sich gehätschelt und bemuttert, er fühlte sich wohl, wie nie im Leben, die Gatten giengen in seiner Pflege förmlich auf – aber er war noch immer nur der Hausfreund und nicht . . . der Sieger. Die ménage á trois war noch immer nicht complet.

Fritz wurde nervös.

Was sollte denn das heißen? Das war ja nicht ordnungsgemäß. Er war nicht gewohnt, so lange zu belagern. Diese kleine Frau, wie sie mit ihm umsprang! Wie sie jede Gelegenheit vermied, wie geschickt sie auswich. Jetzt wohnte er drei Wochen lang im Hause und – noch immer nicht? Ah, das musste sich ändern.

Fritz wusste, dass Herr Müller Sonnabend Nachmittag nie zu Hause war. Fritz nahm sich Urlaub in seinem Amt – für zwei Stunden am Sonnabend.

Unvermuthet stand er plötzlich vor Frau Müller. Er forderte sein gutes Recht. Aber es wurde nicht anerkannt, er wurde abgewiesen. Einfach abgewiesen, und nicht einmal besonders höflich oder fein. Er, der schöne Fritz, den eben diese kleine, unbedeutende Frau mit ihrer Liebe und ihren Blicken verfolgt hatte, der zuliebe er in diese trostlose Alvenslebenstraße gezogen war! Ja, was sollte denn das bedeuten? Das war ja unerhört!

»Frau Müller, Sie sind mir Rechenschaft schuldig! Sie haben mich bewogen, Ihre Bekanntschaft zu machen, Ihr Haus zu betreten. Sie haben mich eingeladen, immer wieder, Sie zogen mich an Sie heran, Sie überschütteten mich mit Aufmerksamkeiten, wie man sie sonst nur für den geliebten Mann übrig hat . . . Ich verstehe nicht, was wollten Sie eigentlich von mir?«

Frau Müller war wieder einmal sehr roth geworden und konnte kaum sprechen vor Verlegenheit.

»Ja, Sie müssen wissen – nämlich, wenn ich es durchaus sagen muss – wir haben uns sehr gern, mein Mann und ich, aber wir sind beide so gar nicht hübsch. Und da dachten wir, der Doctor hat uns nämlich gesagt, es wäre gut für mich, wenn ich immer etwas sehr Schönes vor Augen hätte, das soll eine gute Wirkung ausüben. Und wir sind doch gar nicht schön . . . und möchten doch ein schönes Kind . . . nicht so wie wir . . . und da dachten wir, mein Mann und ich, wenn wir einen Menschen kennen würden, der sehr schön ist, und der wäre viel bei uns, und ich sähe ihn immer an und immer wieder, dass dann vielleicht . . .«

–    –    –    –    –    –    –    –    –    –    –    –

»Aber da gibt's doch einen anderen Ausweg, der viel sicherer ist,« meinte Fritz aufmunternd.

»Aber dazu ist es doch zu spät – und ich liebe meinen Mann.«

»Ah so,« sagte der schöne Fritz und schien verstimmt.



Nizzi.

Ich hatte unerwartet Geld bekommen und war infolge dessen sehr fröhlich gestimmt. Das erste, was ich that, war, dass ich in das nächste Kaffeehaus gieng, ein Gläschen Cognac, Feder und Papier bestellte – und in aller Eile auf einen großen Bogen Papier ein lustiges Schweinchen vor einem vollen Futtertroge hinmalte. Das sollte nämlich meinen Seelenzustand klar und deutlich kundgeben. Unter diese Zeichnung aber schrieb ich mit großen lateinischen Lettern ein einziges Wort, und das hieß: »Komm'!«

Dieser Brief wurde durch einen Dienstmann an Nizzi befördert. Da sie aber, nach meiner Berechnung, keinesfalls vor fünfviertel Stunden bei mir eintreffen konnte, hatte ich also noch Zeit im Ueberfluss.

Vorerst ließ ich mir noch einen zweiten Cognac und das »Journal Amusant« geben. Nachdem ich mit beiden fertig geworden war, gestattete ich, lässig und vornehm, dass mir der Piccolo meinen Mantel umhieng, worauf ich ihm und mir auf eine wahrhaft wohlthätige Weise imponierte: – ich gab ihm nämlich zwanzig Kreuzer Trinkgeld.

Nun betrat ich in elegantem Schlenderschritt die neblige Straße und wandte mich der Stadt entgegen.

Mein einziger Gedanke war: Wie könntest Du Dir jetzt um Dein gutes Geld eine große, köstliche Freude bereiten, die aber doch wieder nicht allzu theuer zu bezahlen wäre? Anfangs dachte ich an einen Diamantring, dann an einen neuen Winterrock mit Pelzkragen, dann an ein halbes Dutzend färbiger Hemden, aber dazu war das Wetter doch schon zu herbstlich! Schließlich machten meine Gedanken vor einem großen, lichtgelben, prachtvollen Badeschwamm Halt. Und dabei blieb es auch!

Ich erwarb ihn um den spottbilligen Preis von einem Gulden und fünfzig Kreuzern und wanderte sehr vergnügt von dannen.

Unterwegs machte ich noch bei einem Delicatessenhändler Besuch und erstand daselbst für fünf und einen halben Gulden, sage fünf und einen halben Gulden folgende kostbare Dinge: Eine kleine Büchse Sardinen, eine kleine Büchse Hummer-Mayonnaise, dreißig Deka feinsten Prager Schinken, zehn Deka Imperialkäse, vier Aepfel, ein halbes Kilo Malagatrauben und Knackmandeln und schließlich eine Flasche »Dalmatiner«. Selig zog ich, mit meinen Schätzen beladen, weiter und erreichte nach einer halben Stunde glücklich meine kleine Stube im Olymp eines verwitterten Hauses in dem Gassengewirr hinter der Stefanskirche.

Kaum daß ich meinem plumpen, blauen Kachelofen ein wenig Wärme beigebracht hatte, war sie auch schon da, Nizzi nämlich. Nizzi hieß eigentlich Annunciata und war eine süße, kleine, rabiate Person, die mir sozusagen wild zugelaufen war; ich hatte sie mir ein bisschen erzogen und gezähmt – und mit der Zeit verwandelte sich unsere Bekanntschaft in eine Art Verhältnis. Nizzi sah etwas erfroren aus, was kein Wunder war; erstens war es wirklich kühl, zweitens war sie Neapolitanerin und konnte sich an unser Klima noch immer nicht gewöhnen, drittens war die Kleine etwas gar zu leicht gekleidet. Mein Gott, ich konnte ihr nicht helfen; man ist leider gewöhnlich nicht reich, wenn man noch jung ist. Und das war mein Fall in jener Zeit.

Nizzis erste That war, als sie ins Zimmer trat, dass sie sich auf mein Bett setzte, sich in alle Decken, die sie nur erwischen konnte, einwickelte und reglos, aber zähneklappernd liegen blieb.

Ich heizte einstweilen den Ofen fortwährend nach, dass es nur so prasselte und krachte, und deckte langsam und mit Raffinement den kleinen Speisetisch. Nizzi sah mir zu, lange Zeit, mit großen, verwunderten Augen. Endlich entschloss sie sich zu fragen: »Ja, sag' mir, was ist denn eigentlich los bei Dir?« Ich darauf: »Geld hab' ich bekommen!« »Geld, Geld!« fuhr die Kleine auf, warf die Decken mit einem Ruck von sich und pflanzte sich kerzengerade vor mich hin. »Geld?« Und nochmals halb bittend und halb kläglich: »Geld hast Du bekommen?« – und dann wehmüthig und naiv »und ich hab' gar keines!« Und sie faltete die Hände, ganz kindlich und demüthig, sah mich an mit ihren großen, süßen Kirschenaugen und wiederholte: »Bitte, bitte, lieber Bub – leih' mir 'was. Ich zahl' es Dir zurück, Du kannst Dich darauf verlassen, Kreuzer für Kreuzer, ganz gewiss! Schau', ich halt's da nimmer aus, bei Euch! Ich muss zurück, hinunter, ich stirb da heroben. Ich habe schon so lange keine wirkliche Sonne gesehen und keinen wirklichen blauen Himmel, bitte, bitte, hilf mir fort!«

»Schau', ich will es herumerzählen in ganz Neapel, was Du für ein lieber Mensch bist, und wie gut Du mich behandelt hast; sie werden Dich Alle lieb gewinnen, die Mama, der Peppo, der Bambino sogar, Alle, Alle, und wenn Du hinunterkommst, so führen wir Dich aufs Meer hinaus und auf den Vesuv und überall hin, und wir werden Dich pflegen und Dir Fische in Oel braten und Maccaroni dazu, und alles werden wir thun, was Du nur willst, aber hilf mir fort, bitte, bitte, lieber Bub!«

Und so plauderte und flehte sie weiter; immer rascher in der Rede, immer eindringlicher, immer heißer und sehnsuchtsvoller. Ich stand dabei, machte ein fröhliches Gesicht, sagte »ja, ja« und »freilich«, that recht selbstverständlich, und es war mir doch eigentlich ganz anders zumuthe. Recht übel!

»Ja, wann möchtest Du denn da reisen?« bemerkte ich mühsam.

»Morgen, heute noch, jetzt gleich, es geht ja aus, der Eilzug fährt erst um zehn, wir haben also fast drei Stunden Zeit vor uns, das genügt doch für alles! Meinst Du nicht auch?«

Ich hatte nur ein Kopfnicken als Antwort.

»Weißt Du,« fuhr sie dann beruhigt und fröhlich fort, »da können wir sogar geschwind noch etwas essen, dann gehen wir nachhaus, zu mir, und packen. Packen!« Und dabei paschte sie in die Hände. »Ich hab' nicht viel, wir sind schnell damit fertig, dann fahren wir auf den Südbahnhof, schön bescheiden mit der Tramway, dass Du nicht soviel für mich ausgibst, weißt, und dann, dann . . . . O, Du lieber, lieber Mensch,« unterbrach sie plötzlich ihre Rede, warf sich mir an den Hals und küsste mir Mund, Augen, Wangen, Haare, Stirn, Nase, Ohren, Bart, wohin sie nur langen konnte.

»Und es ist Dir wirklich Ernst,« schrie sie jetzt wieder auf, »und Du bereust es nicht, und es ist Dir nicht leid um das viele Geld? O, ich dank' Dir, dank' Dir!«

Wir setzten uns zu Tisch.

Sie aß und trank, plauderte, lachte und sang, kurz, sie war ein glückliches Kind. Ich aber aß und trank nichts, sah sie an und schwieg.

Aber das bemerkte sie gar nicht. »Weißt Du, ich hab' in den letzten Tagen so viel vom Meer und von Neapel geträumt, auch die Madonna ist mir im Traum erschienen und hat mir gewinkt. Siehst Du, das ist es, die Träume ziehen mich hinunter, die sind schuld. – Du, eigentlich hab' ich Dich ganz lieb gehabt, Du warst immer so nett mit mir und gar so gut, Du hast mich nie, wie man bei Euch sagt, »sekiert«! Aber ein bisserl langweilig warst Du auch und gar zu ernsthaft. Du hast nie gelacht beim Küssen, nicht ein einzigesmal, so lang' ich Dich kenne, und ich hab' das so gern, wenn man beim Küssen lacht!«

Und sie trank ein großes Glas Dalmatiner auf einen Zug aus.

»Wenn ich jetzt einen »Schwips« bekomme,« bemerkte sie ernsthaft, »tragst Du mich halt ins Coupé, und dort schlaf' ich mich schon aus, auf der langen Fahrt.«

Es war mittlerweile etwas spät geworden; ich sprang die Treppe voraus hinunter, holte schnell einen Einspänner, nahm noch in der Eile ein paar Tuberosen mit, das waren ihre Lieblingsblumen, und führte sie nachhause, zum Einpacken.

In dreiviertel Stunden waren wir fertig. Wir hatten noch mehr als eine Stunde bis zur Abfahrt des Zuges. Langsam giengen wir über die Ringstraße bis zur Elisabethbrücke. Nizzi war in rosigster Stimmung. Sie nickte den Monumentalbauten gravitätisch zu, warf dem ehernen Schiller-Standbild ein Kusshändchen hinauf, kurz, sie war selig und übermüthig. Bei der Elisabethbrücke bestiegen wir wieder einen Wagen und fuhren dem Südbahnhof zu.

Wie eine kleine, schnurrende, schwarze Katze schmiegte sie sich mir in der Dämmerung des Wagens zärtlich an, streichelte und küsste mir Wangen und Hände, alles lachend und kindlich, wie's ihre Art, und ihre großen, dunklen Augen funkelten und blitzten dabei wie zwei glühende Kohlen. Wir kamen schon nach dem ersten Läuten. Der Koffer war bereits vom Dienstmann, der ihn hergebracht hatte, aufgegeben worden, die Sorge fiel also weg.

Zweites Läuten, einsteigen! Mit einem Satz war die Kleine im Waggon; sie athmete auf, wie erlöst! »Beinahe wären wir zu spät gekommen; Du, das wäre schrecklich gewesen.«

»Ich wäre gestorben,« versicherte sie mir, »wenn ich noch eine Nacht hätte hier bleiben müssen.«

»Aber Du, hör' einmal,« begann sie plötzlich, »was wirst Du jetzt machen, wenn Du mich nicht hast? Du darfst nicht allein bleiben, hörst Du, Du musst Dich um eine andere kleine Freundin umsehen! Weißt Du,« fuhr sie dann altklug fort, »gerade Du darfst nicht allein bleiben. Du bist einmal so ein Mensch, Du wirst dann gleich so melancholisch und . . .« Da kam ihr plötzlich eine Idee:

»Da, da hast Du,« und sie zog eine Tuberose aus dem kleinen Blütenstrauß, den ich ihr geschenkt hatte, »da nimm, die schenk' ich Dir wieder, und die Tuberose gibst Du der Ersten, die nach mir Dich wieder küsst, als ein Zeichen Deiner Liebe, ja? Doch eil' Dich, mein Bub, Du weißt, verwelkte Blumen kann man nicht verschenken.«

Drittes Läuten! Hornsignale, ein schriller Pfiff, dann schweres Rollen.

»Napoli, Napoli!« schreit Nizzi jubelnd, ein Nicken noch zu mir herüber, ein Winken ihrer süßen, zarten Hände und ein hastiges »Addio« – und schon ist sie fort. Nicht einmal am Fenster war sie mehr zu sehen. Ich stand reglos, bis das letzte rothe Licht des Zuges in der Nacht verschwand – dann wandte ich mich zum Gehen.

Langsam schritt ich die öde Alleegasse hinunter, langsam durch die schlafende Stadt nachhause; müde stieg ich zu meiner Stube empor und machte Licht.

Ich war nicht mehr so fröhlich wie vor fünf Stunden, der Badeschwamm machte mir gar keine Freude mehr. Aber hungrig war ich doch. Ich setzte mich zu Tisch, zu den Resten des Mahles. Aber der Schinken war versalzen, der Hummer war sauer, das Oel der Sardinen ranzig. Schließlich traten mir gar Thränen in die Augen. Eines kleinen, kindischen Mädels wegen! War das nicht dumm?



Wenn Frauen altern . . .

Ich war ihr im Hause einer befreundeten Familie vorgestellt worden, aber ich hatte sie damals nicht sonderlich beachtet – sie war nicht jung und auch nicht hübsch. Ich hörte wohl, dass sie ganz gescheit sei und dass man vernünftig mit ihr plaudern könne, aber ich hatte an jenem Abend durchaus keine Lust, vernünftig zu plaudern, sondern zog es vor, mich an ein paar junge Mädchen gewöhnlicher Art anzuschließen und ihnen die Cour zu schneiden. Ich war unvernünftig – aber vergnügt.

Einige Wochen später traf ich die Dame wieder auf einem Hausball, den ich nothgedrungen besuchen musste; sie war als Begleiterin einer Nichte anwesend. An jenem Abend hatte ich weder Lust zum Tanzen noch zum Courschneiden, und so erschien mir Frau Pauline – so hieß jene Dame – geradezu als rettender Engel.

Sie war auch bei näherer Besichtigung nicht hübsch, ich fand kein Detail in ihrem Gesicht, das mich irgendwie entzückte, aber dafür hatte sie sehr schöne Hände und eine Stimme von der Art, wie ich sie liebe: tief und leicht umflort. Auch sprach sie langsam, wie leicht ermüdet, nicht so geschmacklos schnell und huschend, wie die meisten anderen Frauen – sie gefiel mir. Aber jung war sie gewiss nicht mehr, ich schätzte auf Ende der Dreißig, und an den Schläfen zeigte ihr Haar etwas wie einen grauen Schimmer. Ich ließ mich an ihrer Seite nieder und empfing einen Blick, halb Erstaunen, halb etwas wie Dankbarkeit.

»Sie sind nicht bei den jungen Mädchen? Aber Sie werden bedauern.«

Ich erwiderte mit einer mehr als banalen Artigkeit. Frau Pauline nahm die Phrase entgegen, als hörte sie sie zum erstenmale, ich wusste wirklich nicht, was ich mir denken sollte: war diese lächelnde Miene Ernst oder Ironie. Die Frau begann mich zu interessieren.

Ich hatte mich an ihrer Seite niedergelassen und plauderte mit ihr weiter. Das heißt, ich plauderte und sie hörte mir zu. Ich weiß heute nicht mehr, wovon ich damals sprach, ich ließ jedenfalls der Stimmung des Augenblickes freien Lauf und achtete nicht der Worte, in denen sie Ausdruck suchte. Ich sah nur immer Frau Pauline an und bestaunte den eigenthümlichen Ausdruck, den ihr Gesicht gewann. Es war, als ob die Jugend langsam darauf zurückkehrte. Ihr Auge leuchtete seltsam und freudig. Es war, als ob etwas aus ihr hervorbrechen möchte – aber ängstlich zögerte . . . .

Die Frau interessierte mich immer mehr. Ich begann über sie nachzudenken: was wusste ich von ihr? Ich erinnerte mich, man hatte mir gesagt, sie hatte jung geheiratet, einen ziemlich bejahrten Mann. Dieser Mann wäre kurz nach vollzogener Ehe schwer erkrankt, sie hätte ihn gepflegt Jahre um Jahre, still und treu. Es sei nicht anzunehmen, dass sie ihn geliebt hätte – aber ihre ganze Jugend und ihr ganzes bisheriges Leben sei ihm zum Opfer gefallen. Ein freudloses, vertrauertes Leben, also – kein Sonnenstrahl, nur immer graues, stumpfes Zwielicht. Ein Leben, das kein Leben war – arme Frau Pauline!

Hatten meine traurigen Gedanken den Ton meiner Rede gefärbt, war es Instinct, Ahnung, ich weiß es nicht – aber plötzlich unterbrach sie mich, und mit der Kopfwendung, die ihr eigenthümlich war, und mit dem vollen Augenaufschlag, der von unten kam, fragte sie mich: »Sie wissen um mein Leben und – bemitleiden mich? Das müssen Sie nicht thun. – Allerdings – besonders glücklich bin ich nicht gewesen, aber«, fügte sie nach einer Pause hinzu, – »auch nicht besonders unglücklich. Das Leben spann sich eben hin, Tag für Tag immer das Gleiche, ich vergaß, dass ich lebte, ich wusste eigentlich gar nichts von mir. Häusliche Pflichten und Krankenpflege füllten den Tag aus, und ich war immer so müde – dass ich im nächstbesten Sessel einschlief, wenn ich gerade nichts zu thun hatte. Und wenn ich einmal an die Straße kam, so wusste ich auch nichts von mir, da sog ich ein paar Athemzüge frische Luft, tauchte die Augen in das Grün der Bäume oder in die Wolken und lebte ein paar Viertelstunden rein körperlich auf. Und das war ganz genug – aber jetzt, wo ich soviel freie Zeit und gar keine Pflichten habe, jetzt, wo mein armer Mann todt ist – –«

»Wie leben Sie jetzt, gnädige Frau?« fragte ich sie leise.

»Jetzt, jetzt,« wiederholte sie nachdenklich, mit einem leichten Seufzer, »jetzt ist es viel trauriger mit mir bestellt als damals. Sie dürfen mich nicht auslachen, es ist so sonderbar, ich kämpfe ja auch dagegen an und verspotte mich selber – aber ich kann das auch nicht immer, manchmal ist es stärker als ich – sehen Sie, mein Gefühl betrügt mich – es kommt mir vor, als ob ich auf einmal aufwachen würde, aus einem langen Schlaf – als ob die ganzen, letzten Jahre nicht gewesen wären, als ob ich eben aufhörte, Kind zu sein – und anfienge, als erwachsenes Mädchen zu gelten. Es ist ein so seltsamer Widerspruch – – ich bin ja nicht mehr jung, ich weiß! Sie sehen doch selbst, mein Gesicht und mein Haar, ich belüge mich nicht, ich weiß genau, wie ich aussehe, aber dieser Zwiespalt – –« Es schüttelte sie leise und ihre Nasenflügel bebten. – »Dieser Zwiespalt« – und leiser fügte sie hinzu: »Dieses plötzliche Verlangen, diese Sehnsucht nach irgend einer Glückseligkeit, von der man nicht weiß, wie sie heißt und worin sie besteht – so muss ein Mädchen empfinden, wenn es ganz jung ist und den Frühling in den Gliedern ahnt. Und ich bin doch alt!« . . . Und ganz hilflos und mit verlöschender Stimme fügte sie bei: »Aber ich kann ja, kann ja nichts dafür, und ich schäme mich auch, aber es ist nun einmal so –«

Wir schwiegen beide.

Plötzlich aber raffte sie sich empor, strich sich mit dem Handrücken energisch über die feuchten Augen: »Es ist eigentlich unverantwortlich von mir, solche Dinge auszuplaudern, einem Manne, den man kaum kennt, solche Concessionen zu machen, aber ich weiß selbst nicht recht, wieso das kam – ich glaube, ich wusste gar nicht mehr, dass Sie da sind – es war wie ein lautes Denken. Verzeihen Sie mir meine schwache Stunde und schweigen Sie darüber.«

Sie wollte sich erheben, ich drückte sie leise in den Fauteuil zurück: »Bleiben Sie, bitte, gnädige Frau.«

Wieder schwiegen wir beide.

Diese seltsame Mischung von müder Reife und kindlicher Naivetät hatte mich merkwürdig ergriffen, die Frau erschien mir plötzlich in einem anderen Licht, wie ein neuentdecktes Wesen. – Durch meine Seele rieselte und rauschte es dahin, ein warmer Strom, es zwang mich, die Augen zu schließen und tief, tief Athem zu holen. »Es müsste unendlich süß sein, gerade solch eine Frau das Glück zu lehren. Es müsste eine fiebernde Hast, eine ruhlose Zärtlichkeit in ihr erwachen, das Gefühl müsste sie überströmen, mit brausender Gewalt, wie der Regen die verdurstenden Felder – es wäre ein ganzes, langes Menschenleben zusammengedrängt in eine Frist von Tagen . . . halb Jubel, halb Weh, Weh, dass es so spät gekommen, das Glück, und Jubel, dass es doch gekommen!« Meine Stimme klang heiser, als ich zu reden begann. Jähes Erstaunen, tiefe Angst, heißes Erröthen glitt über ihr Gesicht, wie abwehrend erhob sie die Hände, aber es bebte doch wie eine leise, schamhafte Freude aus ihrer Stimme, als sie mir entgegenstammelte: »O nein, o nein, das dürfen Sie nicht glauben, das nicht, das habe ich nicht gewollt, so dürfen Sie meine Worte nicht auffassen, o, ich hätte nicht reden sollen.« –

Ich war sehr ernst und sehr erregt geworden und begann leise, aber leidenschaftlich: »Meine liebe, gnädige Frau, wir wollen reden, Herz zum Herzen, wollen Convention und sogenannte gute Erziehung vergessen, Bekenntnis um Bekenntnis. Sie haben gesprochen, unter einem dunklen Zwange, halb willenlos, Sie mussten sprechen. Es war wie eine Ahnung in Ihnen, dass der Augenblick gekommen sei, der über Ihr Schicksal entscheidet. Wohlan, hören Sie mich: jung und alt wie Sie bin auch ich, ich habe gelebt, ich habe Erinnerungen, als wenn ich tausend Jahre zählte – aber trotz alledem, ich weiß nicht eine Stunde, von der ich sagen könnte, sie hätte meine Sehnsucht, meinen Hunger nach jenen letzten, tiefsten, kaum geahnten Zärtlichkeiten gestillt – ich habe noch immer das Gefühl, als hätte ich niemals geliebt . . . Wir taugen zusammen.« – Und ich erfasste ihre Hand. Sie ließ sie mir und sah mich an, ein wenig glücklich, ein wenig traurig, ein wenig ungläubig. Dann schüttelte sie den Kopf und lächelte leise.

»Sie glauben, mich zu lieben? Vielleicht ist es wahr – aber vielleicht ist es auch nur eine edelmüthige Regung oder eine Laune Ihrer Nerven? Ich bin eine alte Frau, an Ihnen gemessen! Wohl, mein Herz ist ein wenig krank, das gab ich zu, aber Sie können es nicht heilen – das muss von selbst gut werden. Ein paar Jahre noch und mein Herz wird mir nachgealtert sein. – Dann bin ich auch wieder gesund.«

»Wenn ich aber Ihnen nachgäbe, glauben Sie nicht, dass ich da erst so eigentlich erkranken würde? – Und sogar lächerlich könnte ich am Ende werden. Der Schluss wäre bitter, glauben Sie mir.«

»Kommen Sie, mein Freund, tanzen wir eine ehrbare Quadrille mitsammen, aber keinen tollen Walzer, und sprechen wir von guter Freundschaft, aber nicht von Liebe. Kommen Sie, beweisen Sie mir Vernunft.«

Aber ich rührte mich nicht von der Stelle. Der Salon war leer und halbdunkel, wir waren geschützt – ich küsste sie leidenschaftlich.

Sie wurde nicht erzürnt; einen Moment lang lag sie ruhig an meiner Brust und ertrug meine Zärtlichkeit. Dann bog sie sich zurück, ihre Augen schimmerten feucht.

»Sie sind ein lieber, thörichter Mensch.« Und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Ja, wer seine gute Erziehung vergessen könnte und den Muth fände, auch thöricht und glücklich zu sein! – Irgend ein dummes Weib aus dem Volke hat es doch besser als unsereins.«



Wie man Minister fängt.

Frau Erna von Manussi war eine glückliche Frau. Sie hatte einen Mann, der sie liebte, sie war reich, sie hatte zwei entzückende Kinder – sie hatte auch einen Salon, der glänzend besucht war. Wer nicht der pikanten und amüsanten Hausfrau zuliebe kam, der kam den anwesenden Künstlern zuliebe oder weil er gesehen werden wollte oder der trefflichen Soupers wegen. Jeder hatte vermuthlich einen anderen Beweggrund. Aber die Gründe sind ja wirklich gleichgiltig, die Menschen kamen, der Salon war beinahe zu eng, alle zu fassen, und die Berühmtheiten aufzuzählen, die gastlich hier zusammenkamen, war schlechterdings unmöglich, man vergaß immer die Hälfte.

Aber einen Schmerz gab es doch, der die glückliche Frau nie verließ, der ihre beständige Sorge war, der die dunklen Augenbrauen bisweilen ganz bedenklich und bedrohlich zusammenschob: In ihrem Salon verkehrten Künstler und Gelehrte, Schauspieler und Banquiers, Officiere und Staatsbeamte, echte und manchmal auch halbechte Aristokraten, aber trotz aller heißen Bemühungen: ein wirklicher, amtierender Minister hatte die Schwelle ihres Hauses noch nicht überschritten, das war der große Schmerz ihres jungen Lebens.

Was für Freuden hatte sie nicht schon erlebt. Ihr Salon war der einzige, den der Sultan von Johore besucht hatte. Der verstorbene Kaiser von Brasilien hatte ihre Kinderfrau auf offener Straße angesprochen, um zu fragen, wer die glückliche Besitzerin der zwei reizenden Babys sei. Die Kinderfrau hatte Auskunft gegeben – und am anderen Morgen brachten Kinder und Mutter dem Kaiser von Brasilien eine spontane Huldigung, als er sein Hotel verließ – die ganze Stadt sprach davon.

Solche Sachen hatte die schöne Frau schon erlebt, aber ein Minister war doch noch nicht in ihrem Salon gewesen.

Aber ein Minister denkt . . . . und eine schöne Frau lenkt, vorausgesetzt, dass sie klug ist, und die aschblonde Polin mit den dunklen Augen war sogar raffiniert, wenn ihr Salon in Frage kam.

Es war am Abend der ersten Redoute im Opernhaus; natürlich war Frau von Manussi dort, im schwarzen Domino, die Maske vor dem Gesicht. O, sie hatte für diesen Abend die glänzendsten Vorbereitungen getroffen. Sie wusste von jedem Minister etwas, sie hatte ihre zahlreichen Bekanntschaften auf das Gründlichste ausgenützt. Sie war besser informiert als der Chef der Polizeiverwaltung. Sie wusste von legitimen und illegitimen Beziehungen – sie war imstande, zehn Familien unglücklich zu machen, jede Zeitung hätte sie zum Beherrscher der Rubrik »Aus der Gesellschaft« gemacht, wenn sie die Absicht verrathen hätte, indiscret zu werden.

Sie war sehr aufgeregt. Wenn jetzt am Ende kein Minister auf die Redoute kommt? Was dann? Dann war ihr Plan auf Monate hinaus vereitelt.

Sie fasste Posten bei der großen Fontaine im Mittelpunkt des Saales; hier mussten sie vorbeikommen, die Minister. Sie wartete mit klopfendem Herzen. Sie war offenbar zu früh gekommen – es scheint, dass Minister nicht vor ½ 12 Uhr auftauchen. Also Geduld, nur die Fassung nicht verloren. Da . . . es gab ihr einen Ruck, da war ein Minister – das ist der Graf Schönstein, der Justizminister . . . Sollte sie ihn fragen, was das für ein Gefühl war, neulich, als er durch die einsamsten Alleen des englischen Gartens promenierte mit einer Dame, die nicht seine Frau war, und eine Dame begegnete, die seine Frau war, auch nicht allein. Sollte sie den Justizminister darum fragen?

Sie fand nicht den Muth, er sah so finster aus, er lässt sie am Ende kühl lächelnd abfallen.

Sie will lieber warten, ein anderer Minister wäre ihr lieber; am besten wäre der Finanzminister, der ist bürgerlicher Herkunft . . . Sie wartet lieber noch ein Weilchen.

Der kleine elegante Herr mit dem französischen Spitzbarte und den dunklen Augen – das ist Marquis Vanozzi, der Handelsminister, von dem weiß sie auch so manches . . . Sie beobachtet, sie prüft, er wirft die Augen nach rechts und links, er scheint vergnügt, gar nicht so abweisend, sie will es wagen. Sie verläßt ihren Standplatz, sie stürzt sich in das wogende Menschenmeer, sie rudert dem Marquis nach. Sie hat ihn erreicht, sie wagt es, sie hängt sich zutraulich an seinen Arm, das Herz klopft ihr zwar zum Zerspringen, aber die Maske macht kühn, ihr Geist bleibt hell, der Eroberungskampf beginnt.

»Excellenz – sind mir nicht böse?«

»Aber nein, gar nicht . . .«

O, sie weiß entzückend zu plaudern, so angenehm gefährlich – und dann wieder so unschuldig. Und was sie alles weiß . . .

Wer das nur sein kann?

Und diese Frau kennt man nicht! Er möchte herausbekommen, wer sie ist, wie sie heißt – sie muss seinen Kreisen, den besten Kreisen, angehören. Sollte sie ihre Stimme verstellen? Ist das am Ende doch die kleine Gräfin Wladicka? Der polnische Accent, der manchmal im Ton der Rede ganz leise aufschimmert . . . Excellenz ist absolut keine kalte Natur, man ist doch italienischer Abstammung, Excellenz wird immer entzückender – er küsst begeistert den schmalen Streifen Haut am oberen Ende des Handschuhs.

»O, ich muss Sie wiedersehen, Sie schöne, bezaubernde, kleine Dame!«

»Woher wissen Sie, dass ich schön bin?«

»Ah, das spürt man, das ahnt man.«

»Also Sie möchten mich wiedersehen?« Ihre Stimme zittert vor Erregung, so nahe steht sie der Erfüllung ihres heißesten Wunsches – nur jetzt den Kopf nicht verlieren. Sie fühlt seinen heißen Athem, er hält ihre Hände in den seinen, seine Nasenflügel zittern – o, er ist wirklich noch ein interessanter Mann, der Herr Minister.

»O, ich weiß, Sie sind ein Mann von Ehre; Sie werden mich in keine Verlegenheit bringen – Sie werden schweigen, nicht fragen – ja, werden Sie?«

»Ich schwöre, Ihnen zu folgen, wie ein Kind.«

»Also gut; heute ist Dienstag, Sonnabend kommen Sie Reisnerstraße 27, dort ist der rückwärtige Eingang in meine Wohnung, ein Diener wird Sie erwarten und führen – um 9 Uhr. Wollen Sie? Können Sie?«

»Ich werde können, um jeden Preis.«

»Gut, Excellenz, und Sie versprechen mir, bis Sonnabend nicht zu forschen, in welches Vorderhaus der Eingang in der Reisnerstraße führt und wer dort wohnt?«

»Auch das, meine süße, süße Dame.«

»Gut, dann erwarte ich Sie – und scheide jetzt, ich muss fort. – Soll ich Ihnen verrathen, dass ich nur Ihretwillen überhaupt kam?«

»Und das sagen Sie mir jetzt im Scheiden?«

»Ich will es Ihnen Sonnabend beweisen. Bis dahin – leben Sie wohl und vergessen Sie mich nicht!«

Der Minister legte noch die Hand betheuernd auf sein Herz, aber die Dame war bereits im Gewühl verschwunden – er war allein.

»Ach, war das eine reizende Stunde – aber Sonnabend, wie schön wird das Sonnabend werden. Er schloss für Secunden seine Augen. Es rieselte ihm warm durch die Seele, seine Muskeln dehnten sich. Diese Augen, dieser zitternde Ton der Stimme, was für eine Fülle von Zärtlichkeiten muss dieses Weib spenden können. Und wie sie reden kann, wie klug und fein, wie schalkhaft und graziös.

Und sie liebt mich, vielleicht schon seit Monaten, und ich gieng an ihr vorbei, ahnungslos, blind. O wie dumm man manchmal ist, wie dumm! Aber Sonnabend!

Sonnabend um acht Uhr bereits verließ der Herr Minister Marquis Vanozzi sein Palais – zu Fuß, er hatte nicht die Geduld, ruhig im Wagen zu sitzen, er konnte es überhaupt nicht mehr zuhause aushalten. Bereits um halb neun irrte er wie ein verliebter Jüngling um den Häuserwürfel, dessen eine Seite die Reisnerstraße bildete. Ach, diese Straßen waren alle so unangenehm belebt, da war eine ganze Front erleuchtet, da musste eine große Soiree sein. Ein Wagen nach dem anderen donnerte an ihm vorüber.

Wenn mich nur kein Bekannter hier sieht, ich wäre unsterblich blamiert.

Er schlug den Rockkragen in die Höhe.

Er war auf sich selber wüthend; wie kann man nur so sein, einer Dame wegen, die man nicht einmal ohne Larve gesehen hat. Ja, aber es war kein gewöhnliches Abenteuer, dieses schöne, aparte Geschöpf, das sich nach ihm verzehrte . . . .

Teufel, War es denn noch nicht neun Uhr? Ja, endlich doch. Er trat ans Gitter des Hauses. Der Diener wartete bereits; er grüßte schweigend und folgte. Es gieng durch dunkle Corridore über eine schmale Treppe, offenbar alles für seine Sicherheit, dass er nicht gesehen wurde. Er war zufrieden, diese Vorsicht gefiel ihm.

Der Diener hatte ihn in ein halbdunkles Gemach geführt: Bitte vielleicht hier abzulegen. Er that es. Der Diener öffnete die Thüre eines anstoßenden Cabinets, das hell erleuchtet war, er schritt bereits auf eine weitere Thür zu. Aber hinter dieser Thür klang es wie von menschlichen Stimmen. Doch er hatte keine Zeit mehr, zu fragen, denn schon hatte der Diener die Thür aufgerissen und rief in den menschenerfüllten Saal mit dröhnender Stimme: »Seine Excellenz Marquis Vanozzi.«

Blendend schön und mit liebenswürdigem Lächeln rauschte ihm eine Dame entgegen und begrüßte ihn als Hausfrau. Er erkannte die Stimme, er erkannte die Augen.



Muss i denn, muss i denn
zum Städtle 'naus.

Langsam drehte er sich noch einmal rund um und betrachtete sich das Zimmer, das ihn so viele Jahre beherbergt hatte. Wie hoffnungsfreudig war er eingezogen, wie reich und geschmackvoll hatte er sich eingerichtet – und jetzt war das Zimmer ein kahler, unfreundlicher Raum. Am Boden lagen zerknülltes Papier, Vasenscherben, weggeworfene Briefe und Papiere, von den Wänden hiengen die Tapeten in Fetzen herunter, alles öde, verwüstet.

Nur am Plafond glänzte noch ein letzter Zimmerschmuck, ein mattvergoldeter Kirchenengel, der in frommer Wehmuth auf das Bild der Zerstörung herabsah – und auf die zwei mächtigen Reisekörbe, welche hochbepackt inmitten des Zimmers standen. Möbel, Bilder, Teppiche, Nippes, all die tausend Dinge, welche eine Wohnung hübsch und behaglich machen, sie wurden verkauft, verschenkt, verschleudert. Nur weg damit, und alles losbekommen, nur frei werden um jeden Preis. Er hatte das Gefühl, als müsste er ersticken in dieser schwülen, entnervenden Atmosphäre. Nur fort, endlich einmal fort. Und der Tag war nach langem Warten doch gekommen. Er hatte es wie eine Erlösung empfunden, als er das knappe Telegramm in den Händen hielt. Zweimal, dreimal musste er es lesen, bis ihm der Sinn aufgieng: »Wir erwarten Sie am 3. November.«

Und dann war jene Wuth der Zerstörung über ihn gekommen, er wollte nichts, gar nichts in die Fremde mitnehmen, was ihn an seine Heimat erinnern könnte, nichts, was ihm wieder jenen Raum vor Augen hätte führen können, der ihm in der Erinnerung wie eine Folterkammer erschien. Dort stand der Schreibtisch, an dem er arbeiten wollte mit verzweifelnder Kraft. Nichts denken, nichts wissen, nichts wollen, kein Ziel mehr haben – nichts als Selbstvergessenheit und – Arbeit, langsam mordende stumpfe und abstumpfende Arbeit. Und dort in der dunklen Ecke, wo jetzt die zerfetzten Wedel einer Palme liegen, stand das Sopha, in dessen Kissen und Stoffwerk er so oft in lautloser, scheuverhüllter Verzweiflung die zuckenden Finger vergraben hatte, in dessen Polsterung er immer, immer wieder sein türkisches Messer hineinstieß – wie in lebendiges Menschenfleisch – bis endlich die Tage kamen, wo er stiller und müder wurde und nicht mehr tobte, sondern nur mehr lächelte, kühl, spöttisch, unheimlich vergnügt . . .

Und auf der Seite, dort, wo sich auf der dunklen Tapetenwand der lichte Fleck abzeichnet, hieng ein Bild. Ein blasses, capriciöses Gesicht, mit weiterschlossenen, brennenden Augen; halb spöttisch, halb traurig pfiff er vor sich hin: »Das ist die Liebe nur ganz allein, die gräbt sich tief hinein!« Ja wohl, tief, tief genug – und mit einer Wendung trat er aus dem Zimmer. Er sah auf die Uhr: 3 Uhr nachmittags, und um 9 Uhr geht der Zug, also hatte er 6 Stunden Zeit vor sich. Er war mit allem fertig, hatte keine Besuche mehr zu machen, keine Commissionen – er war fertig mit seiner Vaterstadt – in jeder Beziehung. Ins Kaffeehaus gehen, Freunde aufsuchen! Freunde? Hatte er überhaupt Freunde?

Er war gläubig und vertrauensselig gewesen – wie ein Kind – er hatte dafür büßen müssen – er hatte Zweifeln und Verachten gelernt. – Einen hat er als treu gefunden, und gerade der eine war gestorben. Es fröstelt ihn. – Er war so entsetzlich einsam – wie ein kalter Windhauch lief ihm die Lebensangst durch die Seele. Sollte er hinausfahren – dorthin, wo er lag, sein lieber Freund, in harter Erde unter verwelkten Blumen, einsam wie er selber? – Nein, er wollte nicht, der Ort war so fremd, sie hatten ihn niemals zusammen betreten, dort war keine Erinnerung!

Er war mittlerweile die Treppe hinabgeschritten und stand vor dem Thore. Langsam holte er aus seiner Tasche zwei Bilder hervor. Die Bilder jener beiden Menschen, die ihm zunächst gestanden vor allen Lebendigen, der Freund und die Geliebte – und beide todt; hinabgesunken in die Tiefe der eine, und die andere todt wie sein Freund – für ihn zum wenigsten – fortgespült vom Strome des Lebens – für immer. Sie hatten nichts mehr gemeinsam, wie vor Zeiten, sie waren andere geworden, sie und er. Wenn jemals ein Spiel des Zufalls sie zusammenführte – eines wie das andere würde staunen, dass sie dereinst durch Liebe verbunden waren. Wenn sie ihm heute in den Weg getreten wäre, er hätte sich abgewandt – aber die Geliebte von damals – liebte er auch heute noch und von jener, welche er damals geliebt, dachte er, Abschied zu nehmen. Er hatte Zeit genug dafür – mehr als fünf Stunden, und die Bahn, welche ihn auf jene Stelle der Erinnerung bringen sollte, war dieselbe, welche ihn später in die Fremde führte! Alles fügte sich zusammen . . .

Er war ausgestiegen, dicht am Ufer des Stromes, der seine grau-grünen Wellen schwer und stöhnend gegen Osten wälzt. Tiefe Schatten und glitzernder Sonnenglast glitten über die Flut – wie damals. Mit raschen Sprüngen erklomm er den kurzen, aber steilen Weg – er war auf der Höhe! Und dort war der breite, schattige Weg, der über den Bergrücken führt, auf jene andere Höhe hinüber – wo – die Erinnerung überkam ihn schwer. Langsam schritt er dahin. Damals war blühender Sommer, zitterndes, rauschendes, schattiges Laub – jubelnde Vögel und jubelnde Herzen. Und heute? Unter seinen Füßen raschelten die Blätter hin, und scharfer Herbstwind schüttelte die dürren Zweige. Er aber sah nichts von alldem. An seiner Seite schritt ein zierliches, üppigschlankes Geschöpf, und ihre wilden Zigeuneraugen hiengen glückselig an seinen, und die rothen, heißen Lippen blühten ihm entgegen immer wieder, wo nur eine Biegung des Weges oder dichtes Gesträuch die beiden bargen. O süßes, schönes Ding, ich habe Dich so lieb! Und auf einmal stand ein altes, halbverfallenes Landhaus vor ihnen. Sie drückten an Thür und Klinke, und die Thür gab nach. Das Haus war unbewohnt und leer, und sie stürmten durch die Zimmer und küssten sich in jedem, sie stiegen auf den Boden und stiegen in den Keller und küssten sich, und auf einmal standen sie in einem kleinen, verwilderten Garten, dicht am Berghang gelegen, und fanden eine enge Laube mit einer morschen Bank. Und eng und behutsam setzten sie sich nieder, und sie küsste ihn noch leise und dann schlief sie ein, wie ein müdgespieltes Kind. Zu ihren Füßen lag der sonnenüberglänzte Strom und die große, laute Stadt – dort unten war Hass und Streit – hier oben Friede und Liebe.


–    –     –     –     –     –     –     –     –     –     –


Langsam glitt der einsame Wanderer am Wegrand nieder und barg seine Stirne in den Händen! Aber nicht lange! Mit einem jähen Ruck sprang er empor, strich sich das Haar aus der Stirne, schüttelte das dürre Laub aus den Kleidern, und während eine dunkle Falte, die sich zwischen seinen Augenbrauen eingestellt hatte, langsam zerfloss, spitzten sich seine Lippen zu einem gellenden Gassenhauer, und mit leichten, wiegenden Schritten eilte er pfeifend von dannen. Er war mit der Vergangenheit fertig geworden, er war ein freier Mann mit einemmal, und er freute sich beinahe des erlittenen Leides! »Es hat mich ja so reich gemacht, so reich gemacht, so reich – und das Leben ist doch schön« – und schmetternd stieg ein Jauchzen empor, und er hob die Arme und ließ die Muskeln spielen, als bekämpfte er einen unsichtbaren Feind. Und auf seinen Lippen lag das Lächeln des Siegers.



Die Geburtstagstorte.

Kein fühlender Mensch wird mir seine Theilnahme verweigern können, wenn er von meinem Unglück hört; mein Geburtstag fällt nämlich auf den neunundzwanzigsten Mai. Viele Leute, denen ich mein Leid klagte, waren so unverständig, mir achselzuckend zu bemerken, sie sähen in dieser Thatsache kein besonderes Unglück, ein Tag wäre wie der andere . . . Von diesen gemüthsrohen Menschen durfte ich also kein Verständnis erwarten.

Aber auch eine junge Dame, für die mein Herz nicht ganz unempfindlich war und der ich gerne näher getreten wäre, hatte auf meine schüchterne Bemerkung über jenes Unglück meines Lebens nur die räthselhafte Antwort: »Ja, es scheint mir überhaupt ein Unglück, dass Sie einen Geburtstag haben.« Sie sah mich dabei so kühl und so feindselig an, dass ich meine Hoffnung – ihr durch das Unglück meines Lebens interessant und liebenswert zu werden, leider aufgeben musste. Dieses Scheitern süßester Hoffnungen hatte mich anfangs sehr traurig gestimmt; jetzt aber bin ich, Gott sei Dank, vollständig darüber weggekommen.

Ein höchst merkwürdiges Ereignis lieh mir dazu seine Hilfe und gestaltete jenen Tag, den ich sonst gewöhnlich in tiefster Betrübnis zuzubringen pflegte, zu einem recht erfreulichen; ja ich möchte jenen Tag sogar zu einem Wendepunkte meines Schicksals gestempelt wissen.

Es gibt eine Seele in dieser Welt, die mein Unglück errathen hat, ohne dass ich es ihr in deutlichen und gemeinen Worten geschildert hatte – sie verstand und half und linderte nach echt weiblicher Art mit edelster Güte und Menschlichkeit. Heil dem unbekannten höheren Wesen, das ich ahne – ihm oder besser ihr gehört mein ganzes Herz. Sie allein hat begriffen, was in meinem Leben der neunundzwanzigste im allgemeinen bedeutet und im besonderen der neunundzwanzigste Mai, als der Tag, wo man besonders glücklich sein möchte und besonders unglücklich ist, weil die Tage, wo man noch Geld hatte, längst verrauscht sind und der segenspendende »Letzte« noch in blauer Ferne weilt.

Ich war am 28. bereits mit meinem Gelde so gründlich fertig geworden, dass ich beschloss, den 29. im Bett zuzubringen – womöglich schlafend, eine Sache, die nicht aussichtslos war, weil ich zu Beginn des Monats wenig geschlafen hatte, und die Natur ist bekanntlich immer gerne bereit, einen Kräfteausfall zu ersetzen – ich hatte eine ziemliche Summe von schlaflosen Nächten einzubringen; abends konnte man dann ins Café gehen, der Nachtmarqueur ist einer jener ungemein sympathischen Menschen, denen man schuldig bleiben kann; vielleicht hält er auch eine positive Belastungsprobe aus – es käme auf den Versuch an. Ich könnte ihm ja dafür eine Seite in meinem Tagebuch und ein paar Zeilen in meiner Biographie einräumen. Wenn ich einmal ein ganz berühmter Mann geworden bin, wird gewiss ein reicher Engländer kommen, den merkwürdigen Marqueur betrachten, ein Endchen seines Frackes zur Erinnerung abschneiden und ein fürstliches Trinkgeld geben.

Ich hatte die Absicht, ihm das mit hellen, verführerischen Farben auszumalen, und wenn er dann, gerührt von dieser goldenen Zukunft, weich und gütig würde, dann wollte ich den Augenblick ausnützen und ihn um einen Vorschuss auf jenes fürstliche Trinkgeld des Engländers bitten. So musste es gehen.

Mit diesem einigermaßen tröstlichen Vorsatz schlief ich ein und hoffte den 29. durchzuschlafen. Das Schicksal beschloss es anders.

Die Fenster meines Zimmers gehen in den Garten, sie standen weit offen, wie immer; eine warme, weiche Luft zog herein, und die Sperlinge und alle die anderen Vögel, die ich nicht kenne, sangen so kräftig und vergnügt und ein verliebter Hahn krähte mit so unglaublicher Ausdauer – kurz, ich wachte auf.

Mit wehmüthigen Gefühlen genoss ich Milchkaffee und Brötchen; es war voraussichtlich die letzte Mahlzeit auf lange hinaus. Dann versank ich in ein schweres Träumen; sämmtliche Bekannte ließ ich Revue passieren, keiner erschien mir auszahlungsfähig; mit einem Seufzer der Resignation wollte ich mich wieder in die Kissen zurückfallen lassen – da, ein Klingeln. Meine Wirtin öffnet.

Eine fremde Stimme.

Es wird etwas abgegeben.

Jetzt kommt meine Wirtin herein, sie trägt einen mächtigen Bund weißer Lilien, an einem blauen Bändchen pendelt ein Brief.

»Herr Doctor, das hat ein Dienstmann für Sie abgegeben – wahrscheinlich von Fräulein Braut.«

Ich springe erregt aus dem Bett, meine Wirtin ist eine alte Dame, sie hält nichts mehr auf Kleider – und nehme den Bund Lilien sammt Brief. Ich muss etwas merkwürdig ausgesehen haben mit meinem Morgencostüm und den Lilien in der Faust – meine Wirtin quietscht vor Lachen und verschwindet.

Der Brief ist kurz, aber klar.

»Mein Herr – ich bewundere Sie – ja ich liebe Sie; ich werde Sie heute abends sieben Uhr an der Potsdamer Brücke erwarten; mit einem Lilienstengel in der Hand.« Eine stille Verehrerin? An der Potsdamer Brücke, mit einem Lilienstengel will sie mich erwarten, schrie ich auf.

Ich soll mit einem Lilienstengel durch die Potsdamerstraße wandern – weiter nichts! Dass mir die Straßenjungen nachlaufen. O, o, o, ich kochte vor Empörung.

Plötzlich fiel mir ein, dass es eine vielfach erwiesene physiologische Thatsache ist, dass heftige Gemüthserregungen oft von maßlos hervorbrechenden Hungeranfällen gefolgt würden . . .

Ich beruhigte mich tief erschrocken und bemühte mich, sofort meine Lebensfunctionen auf ein Minimum herabzustimmen. Es gelang mir, ich verfiel in einen Halbschlummer, der mir ganz niedliche Träume brachte, die ich nächstens unter dem Titel »Hungervisionen« veröffentlichen werde; ich will nur noch die Erfahrungen meines nächsten Geburtstages abwarten. Nach kurzer Zeit wurde abermals die Klingel gezogen. Wieder eine Stimme, die nach mir fragte. Sollte noch jemand um meine Vorliebe für Lilien wissen? Nein, meine Wirtin brachte mir ein großes Paket.

Ich öffnete und kämpfte, aus leicht begreiflichen Gründen, meine emporsteigende Aufregung nieder.

Aus unzähligen Papieren löste sich eine Mappe von kupferrothem Plüsch mit Atlasfutter; auf dem Vorderdeckel stand in fingerlangen Buchstaben mein Monogramm aus Gold gestickt und außerdem: »Meine Premiéren« – also eine Mappe für Recensionen.

»Meine Premiéren.« Ich gerieth außer mich vor Wuth. Wer hat schon eine Premiére von mir gesehen, wer? Welches Stück von mir ist aufgeführt worden? Welcher Director hat ein Stück von mir überhaupt gelesen? Wer hat dieser Person gesagt, dass ich Stücke schreibe?

Will sie mich uzen, mich zur Raserei bringen, wer gibt ihr das Recht dazu? Ich will aufstehen, zu ihr hingehen und ihr sagen, »Madame«, will ich ihr sagen, »es ist Schande genug für die deutschen Bühnen, insbesondere für die Berliner, dass ein Dichter wie ich gezwungen ist u. s. w. Aber mit welchem Recht, Madame, wagen Sie« – und wieder überfiel mich die Empörung so stark, dass ich aus dem Bett aufspringen wollte, aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt, d. h. in diesem Falle ohne die bekannte physiologische Thatsache gemacht, der heftigen Seelenerregung war ein maßloser Anfall auf dem Fuße gefolgt. Schwach vor Hunger sank ich in die Kissen zurück – und starrte lautlos, aber hasserfüllt auf »Meine Premiéren« und auf die Lilienstengel. Ich wurde so schwach, dass mir beinahe die Sinne schwanden, ganz schwarz wurde mir vor Augen und im Hinterkopf dieses Hämmern . . . Wieder verfiel ich in einen Halbschlummer; ich weiß nicht, wie lange er anhielt, aber plötzlich wurde ich ein drittesmal durch einen Riss an der Hausglocke geweckt.

Noch ein Geschenk am Ende?

Ich winkte der eintretenden Hauswirtin ab, ich will nichts sehen und hören, ich bin müde, ich will schlafen.

Er sagt aber, er muss sie Ihnen selbst geben – und schon stand »er« in der Thüre. Er war ein schlanker, junger Mann mit sympathischem Exterieur. Er war ganz weiß gekleidet und lächelte vergnügt. In seinen weit vorgestreckten Händen schwebte in leuchtenden Farben eine hochgethürmte Riesentorte. Es war ein herrlicher Anblick! Ich war zu Thränen gerührt, ich hätte ihm gern ein Trinkgeld gegeben, aber es gieng nicht, ich bedeutete ihm, sich ein Stück von der Torte abzuschneiden; er wies es mit einer würdigen und edlen Geberde zurück. »Bitte, Herr, es hat ja Zeit, wenn ich die Schüssel wieder abhole.« Und freundlich lächelnd und mit warmem Gruße ließ er mich zurück. Ich sah ihm mit einem Gefühle nach, das einer scheuen Ehrfurcht ziemlich nahe kam – ein Mann, der ein Stück Torte verschmähte, der auf Geld warten kann. »Du hättest ihn anpumpen sollen,« flüsterte mein böser Engel – »es ist doch schön, manchmal uneigennützig zu sein,« meinte der gute. An der Tortenschüssel hieng ein zierliches Briefchen; dankbar und zärtlich sah ich Brief und Torte an.

Langsam stand ich auf, langsam wusch ich mich, langsam zog ich mich an, ich wollte die Freude des Genusses auf raffinierte Weise steigern.

Endlich war ich fertig und erbrach das Schreiben:


Heut' soll das Leben süß Dir sein,
Drum will ich Dir die Torte weih'n;
Erräthst Du aber, wer ich bin,
So nimm auch meine Liebe hin!


O Du süßes, süßes Geschöpf, brach es jubelnd aus meiner Seele, und mit raschem Entschlusse nahm ich mein Papiermesser und griff die Torte an . . . . Abends um sieben Uhr war ich angegriffen – denn die Torte war beinahe aufgegessen; ich verließ meine Stube mit leichtem Herzen und schwerem Magen. Sorgfältig wich ich der Potsdamer Brücke und dem Lilienstengel aus; ich hätte das Rendezvous wie einen Treubruch empfunden, die unbekannte Spenderin der Torte hatte unstreitig stärkere Rechte an mein Herz erworben. Ich erreichte glücklich das Café, auch der Zahlmarqueur Ludwig fand die Sache mit dem Engländer sehr plausibel – ich war gerettet.

Aber ich bin ein treues Gemüth, die Tortenspenderin ist mir trotzdem unvergesslich. Leider konnte ich sie bis heute nicht finden. Aber ich suche sie noch immer mit unermüdlicher Ausdauer.

Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, sie aus ihrer Verborgenheit zu locken. Ich bin wirklich nicht abgeneigt, sie zu heiraten oder es ihr doch wenigstens zu versprechen.



Der kleine Baron.

Der kleine, schwarze Baron besah sich nachdenklich seine blankpolierten Fingernägel und machte ein betrübtes Gesicht. Er war sehr unglücklich. Er hatte auch alle Ursache. Erstens war er Baron und hatte trotzdem absolut kein Geld, zweitens wär' er gern ein Künstler gewesen und hatte absolut kein Talent – es gieng weder mit der Poesie noch mit der Musik. Er kam über einen gewissen netten, aber höchst bescheidenen Dilettantismus nicht hinaus. Im Laufe der Jahre hatte er sich übrigens in sein Schicksal gefunden, er geigte bei geschlossenen Thüren, zeigte seine Gedichte nicht mehr in Kaffeehäusern, sprach nicht mehr von Dramen, die er schreiben würde, und lebte im übrigen in einem verhältnismäßig ganz behaglichen Stumpfsinn weiter. Er hungerte und borgte mit Anstand, er zahlte kleinere Beträge zurück, wenn ein größerer Pump gelang, und trug das Los des unterdrückten Talentes, welches ganz gut könnte, wenn es nur wollte, mit einer gewissen Würde. Er bezeigte sogar manchmal einem trockenen Witz, der ganz sympathisch berührte. Nur von Zeit zu Zeit wachte er auf, besann sich auf sich selbst – und fühlte sich dann unglücklich.

Heute war ein solcher Tag des grauen Elends. Das hatte aber diesmal einen ganz besonderen Grund. Gestern abend, als er so durch die Straßen bummelte und eigentlich an nichts dachte, hatte ihn plötzlich bei der Votivkirche ein Bekannter aus dem Café zusammengepackt.

»Servus, kleiner Baron!«

»Guten Abend, Doctor!«

»Wie geht's? Was giebt's Neues? Was macht Ihr Stück? Schon fertig?«

»Nein, noch nicht ganz – aber Ende des Monats.«

»So, so, na, ich bin schon sehr neugierig. Uebrigens, kleiner Baron, was sagen Sie zur Abendpost heute?«

»Zur Abendpost? Was ist denn los?«

»Ja, haben Sie denn noch keine Zeitungen gelesen?«

»Ich? Nein! Aber so reden Sie doch. Was ist denn los?«

»Gott, Sie kennen doch die Leute auch; ich glaube, Sie verkehren sogar im Hause bei Hellers? Nicht?«

»Ja, allerdings. Ist was geschehen?«

»Nein, das nicht, aber die kleine Stephi Heller wird morgen abend im Opernhaus singen. Die Carmen! Die Renard hat absagen müssen, und die Mark hat die Partie nicht studiert. Na, die kleine Heller hat Muth, das muss man ihr lassen. Sie wird aber Erfolg haben; Talent hat sie, keck ist sie auch . . .«

»Nein, was Sie sagen!« Der kleine Baron war ganz blass und schwach geworden. Also Stephi wird singen. Sie ist hübsch, sie ist talentiert, sie wird Erfolg haben. »Erfolg!«

Ach, wie der kleine Baron dieses Wort hasste; diese zwei kurzen Silben waren ihm unausstehlich. Er empfahl sich vom Doctor und lief davon. Also Stephi wird singen! Natürlich Protectionssache, wie käm' es auch sonst. Jetzt hat sie kaum ein paar Monate gelernt und soll schon auftreten. Und gleich im Opernhaus! Und Sie wird  engagiert werden! Natürlich! Sie wird es nicht nöthig haben, jahrelang in der Provinz zu vagabundieren und im Ausland sich mühsam hinaufzuarbeiten. Sie wird singen, gleich im Opernhaus. Wird Erfolg haben – Geld, Ruhm, Anerkennung, gesellschaftliche Position. Und ist nur ein Mädchen, jünger als er. Und er kennt sie, er hat in ihrem Hause verkehrt und hat nie etwas Besonderes in ihr gesehen. Er hielt sich für viel bedeutender. Und jetzt – –? Sie wird in die Höhe kommen, und er bleibt nach wie vor ein Unbekannter und im Dunklen. Der kleine Baron raste. Alle seine Bekannten brachten es zu irgend etwas, hatten irgend etwas von ihrer Existenz. Der eine hatte Talent, der andere hatte Geld und konnte genießen, der dritte hatte schon ein Buch geschrieben, von welchem gesprochen wurde, der vierte hatte unglaubliches Glück bei den Frauen, ja sogar sein eigener leibhaftiger Bruder, ein junger Oberlieutenant, hatte eine glänzende Partie gemacht, weit über alle Erwartungen – alle hatten irgend einen Erfolg aufzuweisen, und nur er, er . . .

Es lief ihm heiß über die Wangen. Und jetzt kommt diese kleine, hübsche Person, diese Stephi, dran – mit dem Erfolghaben. Er hatte sie ja nicht geliebt, nicht daran gedacht, dass man sie heiraten könnte. Er wird doch kein Mädel ohne Vermögen nehmen – aber immerhin, sie stand ihm näher als andere. Er betrachtete sie als Schicksalsgenossin. Ja, er freute sich sogar gewissermaßen, wenn er an sie dachte. Er wusste allerhand von ihr, eine unangenehme Herzensaffaire und andere traurige Familienangelegenheiten. Es geht ihr auch nicht gut, dachte er, ihr nicht und vielen anderen auch nicht. Und bei dem Gedanken an das Unglück der anderen und mehr noch bei dem Gedanken an das Unglück der einen wurde er beinahe vergnügt. Und jetzt sollte ihm seine einzige Freude geraubt werden. Stephi Heller sollte singen, sollte Erfolg haben, sollte vielleicht gar glücklich werden. Der kleine Baron war empört; er begann auf und ab zu laufen, was bei ihm immer ein Zeichen tiefster Erregung war. Er war wirklich empört und unglücklich dazu. Schon wieder sollte jemand Erfolg haben! –

Der kleine Baron hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen, die Gedanken ließen ihn nicht los.

Endlich war es Tag geworden. Er war beinahe physisch krank. Er besah sich im Spiegel; das ganze Gesicht schimmerte grünlich. Er schob die Schuld auf den schlechten Spiegel. Natürlich! Langsam strich er sich die gesträubten Haare seines dürftigen Schnurrbärtchens zurecht. Das Frühstück schmeckte noch abscheulicher als sonst, der dünne Kaffee glänzte geradezu violett. Und seitdem er der Wirtin so wenig Neujahrsgeld gegeben hatte, erhielt er regelmäßig altes Gebäck und schlecht geputzte Stiefel. Aergerlich kaute er seine harten Semmeln hinunter und spülte hastig seinen Kaffee nach. Dann schloss er die Stubenthür vorsichtig ab und holte aus seinem Schreibtisch – ganz verstohlen – Stiefelputzzeug heraus.

Eintönig strich der Tag vorüber; er speiste wie gewöhnlich in seinem billigen Bierlocal; endlich war es sechs Uhr. Schweren Herzens opferte er einen ganzen Gulden für einen Platz im Stehparterre. Alle Ränge waren dicht besetzt.

Das Debut war in gewissen Gesellschaftskreisen ein kleines Ereignis. Der Vater war ja ein Staatsbeamter gewesen und hatte viele Freunde gehabt. Auch das Stehparterre war dicht gefüllt. Der kleine Baron war förmlich eingekeilt; er konnte nicht vorwärts und nicht rückwärts. Regungslos musste er einen Riesenerfolg miterleben. Von allen Seiten klatschte man ihm um die Ohren. Er tobte – innerlich; äußerlich wurde er nur etwas grüner, viel war nicht mehr möglich.

Der kleine Baron konnte natürlich nicht unterscheiden, ob die niedliche Sängerin dort oben auf der Bühne wirklich gut sang, dazu verstand er ja viel zu wenig, aber die Thatsache stand fest: Stephi Heller wurde zwölfmal gerufen.

Das Experiment war, dank der Handarbeit willfähriger Freunde, allem Anschein nach glänzend gelungen. Der Erfolg war großartig – seine ehemalige bescheidene Freundin war mit einemmal berühmte Künstlerin geworden – es war kein Zweifel mehr übrig – sie wird Mitglied des Hofoperntheaters.

Langsam und betäubt verließ der kleine Baron das Theater; er war tief unglücklich und elend – wieder ein Erfolg! Wieder jemand aus seinem Kreis. Und er? Die ganze Jämmerlichkeit seiner Existenz trat ihm grell vor die Seele. Alle anderen erreichten etwas, sogar diese kleine Person. Alle hatten entweder Talent oder wenigstens Glück. Nur er! Melancholisch sank er auf eine Ringstraßenbank, ganz mechanisch – er dachte gar nichts dabei, er wusste nicht einmal etwas davon, dass er hier saß. Es war ihm so jämmerlich, so elend zu Muthe. Er hatte gar keine Hoffnung mehr. Wie soll das enden? Selbstmord, das war das einzige Ziel – was denn sonst? Seine Gedanken verwirrten sich immer mehr. Das stundenlange Stehen im Parkett hatte ihn müde gemacht; dazu die letzte Nacht, die doch fast schlaflos verflossen war, und die karge Nahrung – Schwäche und Müdigkeit übermannten ihn plötzlich, die ganze übermäßige Nervenspannung gab nach – er schlief ein. Erst als eine empfindliche Morgenkühle eintrat, erwachte er wieder.

Es war sechs Uhr vorüber. Er erhob sich rasch. Er war anfangs verwundert, dann sehr erschrocken gewesen – das hatte er doch noch nicht mitgemacht, trotz seiner traurigen Lage, eine Nacht im Freien. Wenn mich nur niemand gesehen und erkannt hat. Er gieng eiligst von dannen. Der Hunger, die Kälte begann ihn zu quälen. Er griff nach der Westentasche: noch fünfzig Kreuzer. Er betrat ein Café. Es war noch nicht fertig aufgeräumt, auch noch kein Kaffee war erhältlich. Schon wollte er sich in eine Ecke setzen und geduldig warten – da sah er auf einmal nach dem Billard. Dort, am grünen Tuch, liegen ja schon alle Morgenblätter. So kann man lesen, bis der Kaffee kommt. Gedankenlos entfaltete er die Blätter. Ja, richtig, der Erfolg von gestern! Gefasst begann er zu lesen. Was da wohl wieder stehen würde an Lobeshymnen – aber nicht über ihn . . . Ja, aber was ist denn das? Er traute seinen Augen nicht. Ist denn das wirklich wahr, was da steht? Beinahe hätte er aufgeschrieen vor Entzücken. Er hatte sich also geirrt, trotz der donnernden Applaussalven? Es war kein Erfolg, kein Erfolg? Der Beifall war nicht echt – da stand es, schwarz auf weiß. Der Beifall war insceniert von guten Freunden; das wirkliche Publicum und die Kritik wären entrüstet gewesen – die Sängerin hätte elend gesungen, elend! . . .

Also kein Erfolg, er brauchte sich nicht zu genieren; anderen Leuten geht's auch nicht besser als ihm – dem kleinen Baron fiel ein Stein vom Herzen . . . er aß drei Milchbrötchen vor lauter Freude. Eiligst sah er nach der Kaffeehausuhr, eine eigene hatte er schon lange nicht mehr – jetzt war es halb acht, in einer schwachen Stunde konnte er zuhause sein. Etwas waschen und kämmen, die Manschetten konnte man noch umdrehen, aber jedenfalls einen frischen Kragen, und um elf Uhr konnte er als Hausfreund schon bei Hellers vorsprechen und die Damen trösten und sie seines aufrichtigen und herzlichen Mitgefühls versichern. Der kleine Baron war wieder ganz glücklich und zufrieden. Und im Gehen drechselte er sich einen schönen Satz zurecht, mit welchem er die enttäuschte, unglückliche Stephi trösten wollte. Er hörte sich im Geiste schon reden: »Der Neid und die Bosheit der Menschen« – und dann musste etwas kommen von giftigem Geifer oder von lächelnder Bosheit und von unsäglicher Gemeinheit, unter der jedes aufstrebende Talent zu leiden habe.

»Schade, dass man nicht gleich jetzt hingehen kann,« seufzte der kleine Baron, »ich wäre jetzt so in der richtigen Stimmung – aber es ist wirklich noch zu früh!«



Besuch.

Der Berti war Concipient beim Doctor Wangenschneider; er war sogar schon im letzten Jahr seiner subalternen Thätigkeit; deshalb war es aber auch schon die höchste Zeit, dass er sich endlich an die Arbeit machte; er hatte nämlich die Advocatenprüfung noch immer nicht abgelegt. Und eigentlich wollte er doch schon im Jänner seine eigene Kanzlei eröffnen. – Aber daran waren nur die verfluchten – nein, die lieben, lieben Mädchen schuld. Warum gibt's auch so viele hübsche Mädchen und warum waren sie auch alle – so – so zuvorkommend mit ihm. Er hätte einen tiefen und echten Schmerz so gut brauchen können, es wäre so überaus vortheilhaft gewesen, sich zurückzuziehen, mit gebrochenem Herzen, enttäuscht, verbittert, eventuell sogar entnervt. Man arbeitet immer am besten mit gebrochenem Herzen, aber dieses Glück war ihm nie beschieden. Er hatte kein Talent dazu – er musste immer ungebeugt an die Arbeit und konnte sie gar niemals als wohlthuendes Heilmittel benützen, das außerdem noch die angenehme Eigenschaft besitzt, förderlich zu sein.

»Also heuer im Sommer ist es nichts mit Ischl und Pörtschach, auch nichts mit Sulden oder Trafoi, denn dort komm' ich ins Kraxeln, heuer geh' ich ins hinterste Tirol, wo es gesund, aber reizlos ist, heuer wird der Sommer durchgestuckt, auch keine Reisefrau wird mitgenommen, heuer werden oberstgerichtliche Entscheidungen ans Herz geschlossen – sonst nichts. Einmal muss es sein. –«

Und der Berti setzte sich hin und schrieb seine Abschiedsbriefe: an die Mizzi, an die Fini, an die Poldi, und einen besonders schönen, langen und nahezu zärtlichen Brief schrieb er an die Milli. Denn die Milli war ja doch sozusagen die Hauptflamme. Er hätte sie gerne auch für den Herbst als Hauptflamme beibehalten, aber bis zum Herbst ist es lang, und vertrauensselig war er nicht, besonders nicht bei der Milli; sie that zwar riesig verliebt, vielleicht war sie's auch jetzt im Augenblick, aber halt zwei Monate allein, sich selber überlassen – er hatte kein Vertrauen – da war nichts zu machen und so schrieb er ihr halt, was man schon schreibt in diesen Momenten.

Dann gieng er auf die Südbahn, zum Schnellzug, der um 9 Uhr 45 abgeht, und sagte dem Cassier: »Ich möchte ein Billet zweiter Classe haben. Es darf ungefähr 25 fl. kosten. Bis wohin komm' ich um 25 fl.?«

»Bis Franzensfeste ungefähr!«

»Also gut, dann bitte ein Billet bis Franzensfeste.«

Und der Berti drückte dem Conducteur den berühmten österreichischen Gulden in die Hand, und der Gulden that wie immer seine Schuldigkeit und bewährte seine Berühmtheit und Berti erreichte seinen Zweck, er war allein im Coupé. Er machte sich's bequem, richtete sich häuslich ein und fuhr, lang ausgestreckt, in die Nacht hinein.

»Dort, wo ich in der Früh aufwach', dort bleib ich bis zum Herbst und stuck.« Und während er langsam seine Cigarre aufrauchte, sang er nach dem dumpfen Rhythmus der rollenden Räder: »Ich fahr' weg, ich fahr' weg, ich fahr' weg.«

Und dabei dachte er sich immer: »Und kein Mensch weiß, wohin ich fahr', und ich selber weiß es auch nicht, und das alles ist sehr schön – das heißt, es wäre sehr schön, wenn ich nicht stucken müsste.

Aber da ist halt nichts zu machen, und die Lini und die Mini und die Fini sollen mich buckelfünferln und die Milli auch – ja, ja, auch die Milli! Denn, wenn ich die verflixte Prüfung noch immer nicht hinter mir habe, die Milli hat die Schuld, die Fini und die Lini, die seh' ich oder seh' ich nicht, ganz wie's mir passt; die Mädchen parieren einfach: wenn ich will, sind sie da, und wenn ich nicht will, sind sie weg, das sind bequeme Mädchen.

Aber die Milli – na ja – sie hat ja was, es ist ja was dran an ihr – sie ist ja was Besonderes – aber halt unbequem ist sie, mit ihren Einfällen und Entschlüssen, mit ihren Plötzlichkeiten, man ist ja nie sicher, irgend etwas hat sie immer vor, und auf einmal geht's los. Und dabei ist sie wirklich entzückend, so ein lieber, süßer Kerl – halbtodt küssen kann man sie, man kann factisch nichts Besseres thun, als alles hinhau'n und sich mit ihr abgeben, wenn sie da ist. –«

Wenn sie nur ins Zimmer saust – wie eine Raketen – Herrgott, wenn man die nur ein bissel zähmen könnt', ihr ein bissel Ordnungssinn beibringen könnt' und Achtung vor einem Stundenplan! Wie schön wäre das gewesen, wenn sie mitgekommen wäre; besonders am Abend, wenn das Pensum vorüber ist, da wär' eine kleine Ansprache so erquickend gewesen – schade, schade! So gut wär' sie zu brauchen, wenn sie kein solcher Racker wäre. Und andererseits wieder, wäre sie kein solcher Racker gewesen, dann hätte sie ihm wieder nicht so gefallen. Und während er darüber nachdachte, wie compliciert das Leben eigentlich ist, schlief er ein.

Er schlief lange, fest und ungestört, kein Mensch stieg ein, er brauchte seine Glieder nicht in unerhörten Verkürzungen zu verschränken, und so verschlief er Graz, Marburg, Villach sogar, in Lienz begann er zu träumen, in Sillian erwachte er, und als er mit seiner Morgentoilette fertig war, fuhr er gerade in Bruneck ein.

Und dort stieg er aus. Aber Bruneck lag noch an der Bahn, und er wollte tiefer hinein ins Land. Er nahm also einen Sitz im Postwagen bis zur letzten Station Steinhaus. Als er aber in Sand ankam und die alte, graue Burg Taufers sah und darüber den Schwarzenstein und die weißen Gletscher, gefiel ihm das Ganze so gut, dass er ausstieg und zu bleiben beschloss. Er war ja schließlich weit genug gefahren. Er entdeckte eine kleine Pension, ganz gestopft voll mit norddeutschen Lehrerinnen, er musterte sie alle aufmerksam und fand sie insgesammt so unsympathisch und hässlich, dass er die warme und beruhigende Gewissheit fühlte; »Hier erlebst Du nichts, hier kannst Du ruhig arbeiten.« – Und so mietete er sich ein.

Und eine Woche lang gieng auch alles gut. Er futterte regelmäßig, büffelte still und emsig vor sich hin, gieng im Abendlicht friedlich, einsam und ehrbar spazieren und schon um halb zehn lag er im Bett und schlief süß und traumlos, nicht einmal die neue Civilprocessordnung beunruhigte ihn.

Er wurde zusehends fett und braun und lebte in dem herrlichen Gefühl: Ich bin ein ernst zu nehmender Mensch, der im Herbst seine Prüfung macht und alles war gut und dem Herrn ein Wohlgefallen.

Aber am zehnten Tag seines Aufenthaltes im gesegneten Taufererthal unmittelbar nach dem Frühstück wurde Berti übermüthig, weil es ihm gar so gut gieng, und er begann auf einmal, die Menschen unerhört zu lieben, er hatte direct ein Bedürfnis, Freude zu bereiten, Herzlichkeiten auszustreuen. Deshalb gieng er zum Kaufmann und kaufte für einen Gulden – Ansichtskarten, auf denen er sich Luft machte. Unvorsichtigerweise aber ließ er sie nicht zuhause auf dem Tisch liegen, sondern markiert sie im Rausch der Stunde und trug sie auf die Post. Es war auch eine Karte an Milli darunter gewesen, er wollte ihr zeigen, dass er sie nicht ganz vergessen habe, dass er sich immer noch der schönen Stunden erinnere, kurz, er wollte eine gewisse lockere Brücke zwischen ihm und ihr belassen. »Vielleicht kann man im Herbst, wenn die Prüfung vorüber ist, wieder anbandeln.« Der Abschiedsbrief that ihm ja doch leid, schließlich: »Es gibt ja noch Ausnahmen und Wunder, vielleicht ließ sie sich halten bis zum Herbst, gewissermaßen warmstellen – ohne allzu viel dabei einzubüßen.« »Versuchen schadet ja nichts«, und so sandte er ihr seine schönste Ansichtskarte mit ein paar herzlichen Worten, die er sogar empfunden hatte.

Drei Tage später erhielt er ein Telegramm. Es enthielt nur zwölf Worte: »Ich komm zu Dir. Erwarte mich morgen früh in Bruneck. Deine Milli.«

Na, das hatte er nicht erwartet. So war seine Ansichtskarte nicht gemeint. Diese Milli mit ihren Plötzlichkeiten. Es wäre ja entzückend gewesen eigentlich, aber halt die Prüfung! Es geht ja nicht – anderseits, wenn man sie zur Raison bringen könnte, tagsüber arbeiten und bei den Mahlzeiten und abends dann mit ihr – aber sie gibt ja keine Ruh', arbeiten in ihrer Nähe, das gibt's einfach nicht – das hat sie nie geduldet, das wird er ihr nie beibringen, dass das manchmal leider nöthig ist! Und überdies, wenn sie da plötzlich angefahren kommt, er kann nicht vor den anderen auf einmal verheiratet sein; ja, wenn sie zusammen gekommen wären, hätt' es sich ja durchführen lassen – aber jetzt hinterher – das glaubt kein Mensch, und die Pension und der ganze Ort überhaupt ist so beängstigend sittlich – da passt die Milli gar nicht herein mit ihrer wundervollen Ungeniertheit. Ganz schwül wurde ihm! Und abtelegraphieren geht nicht, aufsitzen lassen kann er sie auch nicht, er muss sie in Bruneck erwarten, sonst kommt sie wüthend hereingesaust, oder besorgt und wird erst dann wüthend! Und Reißaus nehmen, in eine Schutzhütte flüchten? Nein, er freut sich eigentlich doch auf sie – Herrgott, was fängt man da an! Und wie er das Telegramm so in der Hand herumdreht, sieht er, dass es schon gestern abends aufgegeben ist, dass sie also heute kommt, mit dem Mittagszug offenbar, dass er sich also beeilen muss, aber schon sehr, wenn er sie in Bruneck abfangen will. Sogar einen Wagen muss er sich nehmen, sonst kommt er zu spät. Ueberlegen kann er ja unterwegs. Also er nimmt sich einen Wagen, segelt ab mit sehr gemischten Gefühlen und völlig unklar darüber, was er sagen oder was er thun wird. Himmelherrgott, warum gibt es kein Versatzamt für Frauen. Es wäre doch wirklich schön, wenn man so ein theures Wesen wohlverwahrt deponieren könnte, so für ein paar Monate manchmal, und im Herbst dann wieder auslösen, unbeschädigt und wie neugeboren. Herrlich wäre das! Aber soweit sind wir leider noch nicht in der praktischen Cultur. Soll er sie am Bahnhof wüthend empfangen und definitiv brechen? Dazu hat er nicht das Herz! Soll er ihr sagen, der Scharlach grassiert, und sie besorgt weiterschicken und ihr nachkommen – oder auch nicht – sie einfach irgendwohin schicken und dann sitzen lassen? Ja aber – schön wär's ja doch – und er ist braun und fett wie ein alter Zigeuner – und es wäre so nett – so ein Besuch von einer kleinen Freundin ist nicht ohne – abgesehen von seiner Verliebtheit – und das arme, süße Ding wird doch müde sein von der Reise – er hat einfach nicht das Herz, mit ihr so umzugeh'n – so auf der Stelle sie mit einer kalten Douche zu empfangen und ihr die Retourmarke hinaufzupappen. Nein, nein, nein! Drei Tage mindestens darf sie, muss sie bleiben! Drei Tage will er dem Leben, dem Glück, der Jugend und der Milli weih'n. Dann mag der Ernst der Advocatenprüfung wieder in seine Rechte treten. Wie er sie nach drei Tagen wieder losbringen wird, darüber hat er vorderhand noch ganz unklare Begriffe, aber er verlässt sich auf die Inspiration des Momentes. Es wird sich schon eine Gelegenheit finden – warum soweit in die Zukunft denken, in drei Tagen kann viel gescheh'n – vorderhand spielen wir Mann und Frau in Bruneck – und basta.

Er kam in Bruneck an, schneller als er dachte. Pünktlich traf die kleine Milli ein. Mit einem Freudenschrei flog sie ihm an den Hals: »Da bist Du ja, da bist Du ja! Ich hab' mich schon so gesehnt! Du schlechter Mensch! Fahrt davon und schreibt mir einen so grauslichen Brief! Aber ich verzeih' Dir alles, Du liebst mich ja doch noch! Nicht wahr, Du liebst mich? Schwör' mir, dass Du mich liebst, dass Du keine so geliebt hast wie mich und auch keine mehr so lieben wirst . . . schwör' mir das –«

»Aber Milli, hier im Bahnhof, die Leute . . . nimm doch Vernunft an . . .«

»Schwör', sag' ich Dir – oder . . .

Er kannte dieses »oder« und schwur. Denn wenn er nicht geschworen hätte, hätte sie einen Herzkrampf bekommen oder wenigstens ihm einen vorgespielt, was ja auf dasselbe herauskommt schließlich, und das Aufsehen wär' noch größer gewesen, als es ohnedies war.

Unmittelbar nach diesem feierlichen Act und sogar mit einer gewissen Hast brachte er sie dann ins Hotel »zur goldenen Krone« und schrieb nach kurzer Ueberlegung in den Meldezettel, den ihm der Portier vorlegte: Hof- und Gerichtsadvocat Leopold Schneider aus Wien sammt Gemahlin.

Dann drehte er noch rasch seinen Siegelring herum, so dass der Stein nach innen kam, und die Milli machte es geradeso, obwohl sie es eigentlich für überflüssig fand – und das neugebackene Ehepaar war fertig.

»Du, Gemahlin, wir sind jetzt verheiratet, bitte, vergiss das nicht,« bemerkte Berti ernst. »Benimm Dich darnach – sei lieb, aber nicht zu zärtlich – überhaupt möglichst discret! Kokettier' auch nicht, weil ich sonst eine komische Figur werde, und dreh' Dich nicht um, wenn Leute vorbeigeh'n, und mach' mir keine abfälligen Bemerkungen über die Damen – und zieh' Handschuhe an, vor allem, wenn wir dann ausgehen werden – hast Du verstanden, Milli?«

»Uitschkaladi, ist das aber fad, wenn man verheiratet ist, mit Dir! Als Lediger warst Du mir lieber – aber viel! Möch'st Dich nicht vielleicht wieder von mir scheiden lassen und nur so ein Verhältnis mit mir eingeh'n?«

»Wenn Du Dir ein schöneres Kleid mitgenommen hättest, wegen meiner! Da könnt' ma ja glauben, Du bist wer, aber mit dem Lodenfrackerl da musst Du Dich schon d'rein fügen, als meine Frau zu gelten, damit Du wenigstens durch mich in Wert und Ansehen steigst. Sonst schaut Dich jeder nur so über die Achsel an, verstehst, und denkt sich: Uje die – na – so eine, wo hat er denn die her? – aber als Frau . . .«

»Also nicht nobel genug bin ich Dir auf einmal, na da schau her, na wenn Du wüsstest! Du irrst Dich sehr, wenn Du glaubst, dass mein ›Lodenfrackerl‹, wie Du Dich auszudrücken beliebst, ein Hindernis ist, wenn ich reden wollte, aber ich muss mir wirklich erst die Haare einbiegen und überhaupt mich nett machen, damit sich der feine Herr nicht genieren muss.«

»Gut! dann setz' ich mich daweil vors Haus und les' die Zeitung, ich hab' sowieso keine zu Gesicht bekommen die ganze Zeit.«

Nach einer guten Viertelstunde erschien die Milli in erneuter Herrlichkeit, mit einer blassblauen Blouse, strahlend, in kühler Frische. Herrgott, sie ist wirklich eine süße Person –«

»Na also, Millerl, da setz' Dich her, zum Essen hab ich schon was bestellt, und jetzt leg' los! Was war denn das früher mit den gewissen Andeutungen, mit dem: »Wenn Du wüsstest«, was soll ich denn wissen? Heraus mit der Sprache, was war denn los?«

»Was los war? Eine große Eroberung hab' ich halt gemacht, einen Cavalier hab' ich zum Reisebegleiter gehabt, und einen Heiratsantrag hab' ich unterwegs bekommen! Ja – ja – reiß' nur die Augen auf! Einen Hei–rats–antrag.« Sie buchstabierte ihm das große Wort langsam und deutlich vor!

»Na geh', wirklich! Im Ernst – Du?«

Er zweifelte.

»Na, so schau her, da ist seine Visitkarten. August von Listian heißt er. Gutsbesitzer aus Sachsen! Er wollte sich gleich mit mir verloben! Aber ich hab' mir noch Bedenkzeit ausgebeten. Weißt, ich hab' gesagt, ich bin noch ein bissel zu jung und ich muss erst mit meinem Bruder reden. Der Bruder bist nämlich Du. – Er wird vielleicht herüber kommen, ich hab' ihm versprochen, dass ich ihm die genaue Adresse schicke und ihm überhaupt schreibe.«

»Das ist ja eine nette Ueberraschung – also meine Schwester bist auf einmal – und hier sind wir Mann und Frau wieder – wünsch' guten Appetit – das kann nett werden.«

»Aber das macht ja nichts,« meinte Milli harmlos, das werd' ich ihm schon erklären, ich erkläre den Menschen immer alles so lange, bis sie's verstehen.«

»So! So! Das ist ja ein ganz neuer, liebenswürdiger Zug, den ich da bei Dir entdecke.«

»O, Du kennst mich noch lange nicht.«

»Es scheint – Du hast es übrigens eilig gehabt mit einer neuen Bekanntschaft. –«

»Wenn Du mir einen solchen Brief schreibst – übrigens – ich hab' ihn erst auf der Reise kennen gelernt – ich hab ja nicht gewusst, wie Du mich aufnehmen wirst – übrigens – nein – das ist ja alles Wurscht jetzt – Du hast mir geschworen und jetzt ist alles gut – ich bleib' bei Dir und der Baron soll mich gern haben. Ich schreib' ihm nicht einmal mehr. – Ist's Dir so recht –? Wir bleiben beisammen, den ganzen Sommer – sitzen im Wald oder fahren spazieren und haben uns lieb – Ist's Dir so recht? – – Und recht lustig wollen wir sein!«

»Recht schon – aber – ich bin ja sehr glücklich – sogar – gewiss, Milli – ich hab' Dich ja sehr gern – aber halt – ah, was – wir werden's schon machen, hat ein hoher Herr immer gesagt und ich sag's auch – es wird schon geh'n – wir bleiben beisammen.«

An diesem Tage hat der Berti mit der Milli nicht ein sogenanntes vernünftiges Wort mehr gesprochen – aber sie sind beide sehr verrückt und sehr glücklich gewesen. –

Am dritten Tag aber in der Früh, unmittelbar nach dem Frühstück complet, legte der Berti sein Gesicht in ernste Falten und begann würdig: »Weißt Du, Milli – ich mach' mir eigentlich die ganze Zeit bittere Vorwürfe! Da ist ein Mensch da, der die kleine Milli liebt, ein Baron, ein Gutsbesitzer, der sie heiraten will und versorgen – und ich bin ihr im Weg – lass mich ausreden, Milli – Du weißt, ich werde Dich nie heiraten – ich werde Dich nie versorgen können – Du solltest den Antrag des Barons nicht so ohne weiters zurückweisen – so einen Menschen (Esel dachte er eigentlich) findet man nicht alle Tag, dafür soll man Gott auf den Knieen danken! Ich bin doch so ein schlechter Kerl und der Baron scheint so anständig zu sein – also schau, Milli – deswegen können wir noch immer gute Freunde bleiben, ich denke ja nur an Dich dabei – ich leide ja am meisten darunter – wenn ich Dir einen Rath geben darf – es ist vielleicht das Beste – Du schreibst erst gar nicht, sondern fahrst direct hinüber – wenn er Dich wirklich liebt, wird er ja glücklich sein . . . .

Wie eine Katze, sprungbereit, mit funkelnden Augen war die Milli dagesessen – als dem Berti nichts mehr einfiel und er nothgedrungen einhalten musste, da fuhr sie los:

»O Du – Du, Dich durchschau' ich, Du bist mir gar ein feiner Hecht! Für drei Tag' war ich Dir recht, als Abwechslung, und jetzt willst mich los haben – und ich weiß auch, warum – weil Du dort hinten, wo Du wohnst, schon eine andere sitzen hast, deswegen also hab' ich nicht nach Taufers hinein dürfen und hab' hier heraußen sitzen bleiben müssen in dem sonnigen Nest – und Du hast mich ang'schmiert und falsch geschworen und hast Dir dabei eingebildet, Du bist der Garg'scheite – bist aber doch aufgesessen, mei Schnuckerl – jetzt sollst Du's auch wissen: Ich bin ein Tag früher schon weggefahren, und in Lienz bin ich ausgestiegen mit dem Baron – und wir sind dort geblieben und haben uns sehr gut unterhalten. Hörst Du, sehr gut – und ich hab' mir sogar vorgenommen, dass ich ihn manchmal besuchen werde – aber jetzt geh' ich natürlich ganz zu ihm hinüber! Und für immer! Er ist mir eigentlich so lieber – wie Du!«

»Na also, dann ist uns ja beiden geholfen,« meinte Berti kühl – »übrigens – schade ist es doch, dass es kein Versatzamt für Frauen gibt – sehr schade! Vielleicht kannst Du das alte Telegramm an mich gleich verwenden, liebe Milli – ich habe es noch da, Du brauchst bloß die Adresse zu ändern und ersparst, Dir den neuen Text aufzuschreiben.«



Das Gluthäferl.

Die Dame gab es ohne Weiteres zu, dass sie gar kein sogenanntes Gemüth habe; also war es vollkommen ausgeschlossen, dass sie von dieser Seite etwas erlebte. Sie war aber eine gescheite Frau und begriff vollkommen, dass ein Leben, welches vegetativ verdämmert, sich von dem Leben, das man in sich und um sich mit Schauern und Entzücken auf- und niederschwellen fühlen kann, sich höchst unangenehm und trübselig unterscheidet. Und weil ihr jede Lust fehlte, bloß als Speiseröhre und Kleiderstock zu functionieren, so suchte sie sich auf eine ganz eigenthümliche Weise schadlos zu halten, damit sie wenigstens einigermaßen zu dem Gefühl käme, dass auch sie zu den Lebenden gehört und nicht bloß als wohlerzogenes Gespenst dahinwandelt.

Zu diesem Zweck konnte sie einen Oberlieutenant von den Tiroler Kaiserjägern ausgezeichnet verwenden; der junge Mann hatte sich in die kleine, zierliche Dame mit den müden Augen und dem ewig gelangweilten Mund auf das heftigste verliebt und sie hatte nichts dagegen, wenn er sich ihretwegen erhitzte, vielleicht, dass er ihr etwas davon abgeben konnte mit der Zeit, sie hätte das wirklich brauchen können.

Der Oberlieutenant hatte die ernstesten Absichten, er dachte nicht bloß an ein flüchtiges Verhältnis, er dachte an ein langes Verhältnis, er dachte sogar manchmal: »Wenn es durchaus nicht anders geht, so heirate ich sie auch, die Caution hat sie ja, wir brauchen also bloß protestantisch werden, wegen einer eventuellen Scheidung, wenn es doch nicht gehen sollte auf die Dauer – allerdings, man macht als katholischer Officier viel eher Carriere, besonders bei den Kaiserjägern – aber schließlich, für diese Frau kann man schon was opfern.«

Kurz, der Oberlieutenant war zu allem bereit: Verhältnis oder Heirat, nur irgend etwas, was mit dieser kleinen Dame einen Zusammenhang herstellt. Denn so, wie es bisher gieng, konnte es nicht weiter gehen. Er durfte zweimal oder dreimal in der Woche kommen, wurde um elf weggeschickt, vor sieben wurde er nicht hereingelassen, zweimal oder dreimal durfte er ihr die Hand küssen. Das war ihm alles viel zu wenig. Ueberdies hatte seine liebe Dame die Gewohnheit, ihm von allen möglichen anderen Herren zu erzählen, für die sie sich interessiert hatte und zum Theil noch interessierte. Sie quälte ihn furchtbar damit. Er hatte alle möglichen Leute in Verdacht, dass sie seiner Dame viel öfter die Hand küssen dürfen wie er und nicht nur die Hand. Er sprach ihr diesen Verdacht auch offen aus; sie bestätigte ihm auch diesen Verdacht mit derselben Offenheit – er wusste nie, sagte sie die Wahrheit oder machte es ihr bloß Vergnügen, ihn zu reizen und zu martern.

Sie hatte ein unendliches Geschick, ihn aufzubringen und immer mehr seinen Zorn zu steigern. Er inclinierte leider zu Aufregungen. Es war der letzte Rest einer ehemaligen Gelbsucht, der sich auf diese temperamentvolle Art äußerte. Er hatte sie oft so herzlich gebeten, an seine Liebe zu glauben, er hatte ihr geradezu rührend zugesprochen, doch ein bisschen Mitleid zu haben, ihn nicht so zu quälen – er könne dann nichts dafür, wenn er sich vergessen würde und losbräche.

Seine Natur sei einmal so: eine Weile gienge alles gut, aber dann sei es aus mit jeder Selbstbeherrschung, und was dann käme an Worten, Geberden oder Thaten, läge vollkommen außer seiner Machtsphäre.

Der schlanke Oberlieutenant von den Kaiserjägern hatte nämlich keine Ahnung davon, dass es gerade seine Verzweiflungs- und Wuthausbrüche waren, die ihn der kleinen Dame so überaus wertvoll und zweckentsprechend machten, sie benützte ihn gewissermaßen als ihr »Gluthäferl«, an dem sie sich wärmte. Sie fühlte so etwas wie eine Art tragischer Erregung, aus Furcht und Mitleid zusammengesetzt. Sie hatte wenigstens bessere Theatergefühle. Was drunten auf der Bühne vorgeht, fremde Schicksale, fremde Menschen, gespieltes Leben, auf große Distanzen gesehen, das alles kann einen noch viel weniger packen, als so eine Scene im Zimmer; ein Bekannter, der agiert, das war schon eher was, da erwischt man schon leichter einen Zipfel des Gefühles; noch dazu war sie ja eigentlich selbst betheiligt an der Sache, stand gewissermaßen mitten drin in der schicksalsschwangeren Stunde, die von lebendigstem Leben vibrierte. Wenn schon keine Eigentöne aus ihrer Seele kamen, sie tönte wenigstens in solchen Momenten halbwegs mit, wie ein leidlicher Resonanzkasten.

Und da der Oberlieutenant natürlichen und gesellschaftlichen Schliff genug hatte und auch in den Viertelstunden des gelösten Temperaments graziös und angenehm blieb und unwillkürlich nie zu weit gieng, so blieb es für die kleine Dame ein angenehmes und nicht allzu gefährliches Spiel mit dem Feuer, das sie anfachen und löschen konnte – je nach dem Bedürfnis und dem Kältegefühl ihrer sogenannten Seele.

Andere Absichten hatte sie mit dem Oberlieutenant nicht. Für ein Verhältnis hatte sie zu wenig Temperament und zu viel Principien und für eine Heirat hatte sie einen anderen in Aussicht genommen, der ihren gesellschaftlichen Absichten bedeutend besser entsprach. Sie war mit dem anderen sogar schon vollkommen einig, und beide warteten eigentlich nur mehr einige Aeußerlichkeiten ab, um die Verlobung publik zu machen. Es konnte höchstens noch 14 Tage dauern, dann waren alle Schwierigkeiten bewältigt. Die kleine Dame hatte sogar schon die Verlobungsanzeige drucken lassen, und das Paket – Büttenpapier mit eingepresstem vierblätterigen Klee – lag bereits im Schreibtisch, sogar schon adressiert und frankiert, denn die kleine Dame freute sich eigentlich, ihren Namen in Gesellschaft eines so hübschen und vornehmen präsentieren zu dürfen, und war recht ungeduldig, weil sie bisher die einzige bleiben musste, welche ihre Verlobungskarte lesen konnte – aber wie gesagt, jeden Moment konnte sich das ändern.

Sie freute sich sehr darauf; besonders hübsch stellte sie sich aber den Moment vor, wo der Oberlieutenant, ihr Kaiserjäger, die Sache erfahren würde.

Herrgott, wird der losbrechen! Und sie wird mit angenehmem Gruseln das Schauspiel genießen – und wird ihn bändigen. Uebrigens, warum soll sie sich das Vergnügen so lange aufsparen, weshalb nicht heute um ihm ruhig nach dem Souper die Karten auf den Tisch legen und ihn fragen; »Lieber Oberlieutenant, Sie haben doch Geschmack, wie gefällt Ihnen also der typ dieser Verlobungskarten?«

Was er wohl für ein Gesicht machen wird im ersten Moment – und dann der große Moment, wo's losgeht bei ihm. Wie die Worte sprudeln werden – oder nein, anfangs stockend und heiser vor Zorn – oder vielleicht verzweifelnd – am Boden hingeworfen, mit dem Gesicht nach abwärts – oder gar ihre Knie umklammernd, kurz, sie war furchtbar neugierig, wie er sich benehmen würde. Sie konnte es kaum erwarten, so lang, wie noch niemals, dauerte es diesmal, noch nie hatte sie so ungeduldig auf ihn gewartet.

Wie viel oder wenig sie bei alledem empfinden würde, darauf war sie neugierig. Und mitten im Nach- und Vorausdenken gab sie den Auftrag, ja nicht auf Rebhühner mit Linsen zu vergessen, er aß sie nämlich gerne, und Yvorne hatte sie auch kommen lassen, er sollte sich großartig wohl fühlen beim Souper – je schärfer der Contrast heraus gearbeitet wurde, desto größer war die voraussichtliche Wirkung. Und überdies wollte sie ihm erzählen: dass sie ihren kommenden Gatten stürmisch liebe, ihm die ganze Zeit alle die Zärtlichkeiten gewährt hatte, die sie ihm, dem Oberlieutenant, verweigert, dann wollte sie ihm erzählen, dass der Herr von der Verlobungskarte das letztemal, als er sich so geberdete, anwesend gewesen wäre, hinter einem Vorhang verborgen, und alles gesehen und gehört hätte.

Der Oberlieutenant ist ja heut' ohnehin zum letztenmal da, da kann man schon was riskieren, höchstens wird er frech und muss hinausgeworfen werden. Mehr kann nicht passieren, er ist ja doch ein Gentleman schließlich, und am Ende . . .

Endlich kam er.

Vielleicht wirkte das Bewusstsein, nach dem Souper kommt was, so belebend auf sie ein – jedenfalls war sie animiert, wie noch nie, und wirkte auf den armen Kaiserjäger geradezu unheimlich – die schmalen, rothen Lippen tanzten wie zwei zierliche Kupferschlangen auf und nieder; die Augenlider, die sonst braun und schläfrig über dem Gewitterwolkengrau ihrer Augen lagen, waren plötzlich aufgeschlagen, und die Nasenflügel bebten. Ueberhaupt, die ganze, kleine Dame lebte, sie genoss ihre Nervosität in vollen Zügen.

Der Kaiserjäger war verliebter und ahnungsloser als je, er glaubte endlich weiterzukommen. Sie hatte ihn zart auf das Menu verwiesen, wie aufmerksam sie es componiert hatte, sie hatte das heliotropfarbene Kleid an, das ihren mattweißen Teint so wundervoll ergänzte, sie hatte den alten Bischofsring angesteckt: den blassen Saphir mit dem schmalen Rautenkranz. Kurz, sie hatte versucht, ihm soviel Freude zu bereiten, als nur möglich war, sie wollte ihn in Stimmung wiegen und hatte ihn während des ganzen Soupers gar nicht gequält und gereizt, sondern war von jener müden Grazie und jener ironie douloureuse gewesen, die ihr so entzückend stand und den Oberlieutenant rettungslos bezauberte.

Er schwamm in Wonne und strahlte vor Glück und hatte die Empfindung: Ich habe gesiegt, ich bin der Herr, meine Standarte zieht übers Schlachtfeld, vom Jubel umrauscht.

Beinah' hörte er die jubelnden Trompetensignale.

»Oberlieutenant, Sie träumen mit offenen Augen, der Kaffee steht vor Ihnen, wachen Sie auf, Benedictiner oder Chartreuse oder –

Wir trinken hier den Kaffee, im Speisezimmer.«

»Ihr Salon ist doch viel gemüthlicher!«

»Ja, wir trinken hier, hier ist es heller, ich muss Ihnen dann was zeigen.«

Die kleine Dame dachte nämlich: In meinem Salon stehen so viele Tiffanygläser und Porzellansachen; es wär' doch schade, wenn denen was passieren würde – und man kann nicht wissen, es gibt keine Sicherheiten im Leben.

»Nein, Oberlieutenant, wir bleiben hier. Da haben Sie Ihre Khedives, die zünden Sie noch an, und dann schauen Sie her – wie gefällt Ihnen dieser typ: Büttenpapier mit eingepresstem Glücksklee?«

Und sie schob ihm das ganze Paket hin und lauerte gespannt.

Er schaute zuerst ganz ruhig das Papier an, wirklich nur das Muster, den Text las er gar nicht; sie musste erst fragen: »Na, und die Schrift? Der Druck?« Jetzt las er!

Aber er war ganz dumm, er fragte ruhig und naiv: »Sie sind einmal mit dem verlobt gewesen – ja, wann denn eigentlich?«

Sie musste es ihm erst sagen, klar und deutlich: »Nein, die Karten werden erst ausgeschickt, nächste Woche, ich werde mich erst verloben: mit dem da.«

Na, jetzt begriff er, das merkte sie.

Aber er sprach kein Wort, ganz stumm blieb er; sie übrigens auch. Er sah sie an, sie sah ihn an. Sie sah, wie er roth wurde, dann wurde er blass, sprach aber noch immer kein Wort, aber seine Lippen zitterten, und sie sah seine breiten Zähne, mit denen er vergeblich die Lippen zur Ruhe bringen wollte.

Plötzlich aber, sie wusste gar nicht, wieso das kam, fühlte sie sich in die Luft gehoben, am Gürtel, wie ein Kind mit dem man spielt, aber es war keine Spielerei, denn sie merkte plötzlich, dass sie auch wie ein Kind behandelt wurde, wie ein sehr ungezogenes Kind. Das Merkwürdige dabei aber war, dass sie sich fortwährend wunderte – er behandelt mich so – und ich bin nicht böse – sie kränkte sich nur ein bisschen, dass sie nicht sein Gesicht dabei sehen konnte und den Ausdruck, den es hatte.

Sie schrie nicht, sie wehrte sich nicht – sie wunderte sich nur – darauf war sie wirklich nicht gefasst gewesen.

Endlich setzte er sie nieder und wollte gehen – aber sie ließ ihn nicht fort . . . . . .

Er hat dann im Verlauf des Abends die Verlobungskarten zerrissen, und sie war einverstanden – sie ist auch nicht mehr böse geworden und hat ihm sogar recht gegeben, was sein Verfahren anbelangt.

Sie hat ihn später sogar geheiratet, weil es doch nicht gut angeht, sich von einem prügeln zu lassen und den anderen zu heiraten. Und wer weiß, ob der andere so bös hätte werden können. Beim Oberlieutenant war sie wenigstens gewiss, etwas zu erleben.



Der erste Spaziergang.

Anfangs hatte sie sich heftig geweigert, aber schließlich war sie doch seine Frau geworden; sie war kaum achtzehn, er war allerdings nicht älter als dreißig, aber man hielt ihn immer für vierzig, so mitgenommen sah er aus. Und auch sein Teint hatte ihr nie gefallen können, und wenn er sie mit den großen, gelben Zähnen lachend anfletschte, so wurde ihr angst und bang. Man hatte ihr recht lang und sehr nachdrücklich zureden müssen, bis sie sich endlich entschloss, ja zu sagen. – Aber schließlich siegte die Familie, und das junge Mädchen begriff, dass man eine so glänzende Partie nicht auslassen dürfe.

Und jetzt war die Hochzeitsreise vorüber und sie waren wieder in Wien.

Ihr Aussehen hatte sich stark verändert; sogar gewachsen war sie. Das Gesicht war schmaler und feiner geworden und hatte seine lachende Frische verloren. Sie sah gar nicht mehr aus wie ein urgesundes Stubenmädel, damit konnte sie keiner mehr necken. Ihre Augen hatten so etwas wie eine Art Seele bekommen, es lag was drinnen, was früher nicht drinnen gelegen hatte. Und jetzt war sie wieder zurück.

Abends neun Uhr war sie eingetroffen, nach einer achtzehnstündigen Fahrt, er war telegraphisch einberufen worden, man brauchte ihn in der Fabrik.

Als die junge Frau um halb 11 Uhr morgens erwachte, war er schon fort, und sie war allein, ganz allein im Zimmer. Und nebenan war keine Mama und kein Er, sondern niemand und wieder niemand, und erst weit draußen, wusste sie, waren die Mädeln und der Diener.

Und es war niemand da, der ihr sagte: »Mella, Du musst aufstehen, die Engländerin kommt,« oder wie's in der letzten Zeit immer geheißen hatte: »Mella, wir müssen doch die Stadt anschau'n, tummel Dich mit dem Anzieh'n.«

Es war niemand, niemand da, kein Mensch wünschte, oder befahl ihr – sie war allein und konnte zum erstenmale in ihren Leben thun und lassen, was sie wollte. Und so blieb sie mit offenen Augen liegen, starrte zum Plafond empor und streichelte mit zarten Fingern unablässig und leise ihre blaue Seidendecke.

Sie dachte eigentlich an nichts, sie fühlte eigentlich nur: Es ist wunderschön, wenn nichts, kein Wunsch und keine Stimme, rein gar nichts von außen kommt, sondern alles nur von innen, von mir selbst.

Sie klingelte nicht nach ihrem Mädchen, ganz allein drehte sie sich das Haar hinauf, ganz allein machte sie Toilette, sie dachte nicht einmal, sich was Besonderes auszusuchen, sie hatte so noch das Gefühl, auf der Reise zu sein; die halbentleerten Koffer standen ja noch von der gestrigen Ankunft mitten im Zimmer. Kein Mensch wusste noch, dass sie schon zurück sei! Mama und Papa hatten keine Ahnung. Frau Mella sah ganz gut, dass auf dem kleinen Marmortischel ein beschriebenes Blatt lag, sie erkannte auch die Schriftzüge ihres Gatten, aber sie wollte nichts bemerkt haben! Wer konnte sie zwingen, diesen Zettel zu bemerken und zu lesen?

Sie wollte einmal das Gefühl haben, allein zu sein – ohne liebenden Anhang, ganz allein vis-á-vis dem Leben.

Nicht einmal eines von den Mädchen wollte sie sehen, sie fürchtete jede Frage, die da lauten hätte können: Wenn jemand kommt, wann sind gnädige Frau wieder zurück? wann soll das Mittagessen serviert werden? kommt der Herr auch?« u. s. w.

Sie wollte nichts hören und nichts wissen. Ganz leise schritt sie durch die Zimmer, horchte vorsichtig, ob auch niemand im Vorzimmer wäre – und auf einmal war sie draußen vor der Hausthüre, auf der das blanke Schild mit ihrem Namen glänzte, und die Thüre war hinter ihr zugeklappt.

Hastig über die Stiege hinunter und hinausgehuscht beim Hausthor und ein paar Schritte noch, und jetzt war der große Moment da – allein auf der Straße, in Wien, mitten im Trubel.

Wie oft hatte sie sich das als Mädchen gewünscht, einmal ohne Gouvernante, ohne Mama, ohne Aufsicht, ganz allein bummeln dürfen und von niemandem ausgezankt werden, wenn man um 2 Uhr nachhause kommt statt um 1 Uhr.

Und jetzt war es so weit.

Sie stand hinter der Votivkirche.

Sie konnte schnell geh'n oder langsam geh'n, rechts abbiegen oder links, es gab keine verbotenen Wege mehr.

Sie hatte nie zur Mittagszeit über den Graben und durch die Kärntnerstraße gehen dürfen, Papa wollte nicht, dass sie zu oft gesehen und zur bekannten Straßenfigur würde.

Was war ihr heute der Wunsch des Papa –!

Heute wird sie gerade diesen Weg nehmen. Sie musste auch immer mit gesenkten Augen gehen; wie einen Ruthenschlag empfand sie es immer, dieses zischende baissez les yeux ihrer Französin.

Heute geht sie mitten durch die Stadt und mit erhobenem Kopf und weitoffenen Augen – und wo sie Lust hat, wird sie stehen bleiben.

Nur ganz langsam kreuzt sie den Schottenring, kommt in die Schottengasse, auf die Freiung.

Es ist Mittag vorüber, aus allen Comptoirs und Geschäften strömt es heraus. Mittagspause. Ganz neue Gesichter sieht sie – sie sieht das Aufathmen der befreiten Arbeitssclaven, sie sieht die suchenden Blicke der Erwerbsmädeln, die ihn erwarten, der jeden Augenblick an einer Ecke auftauchen muss! Sie sieht den Jubel, wenn er kommt, und die Enttäuschung, wenn sie einander verfehlt haben.

Bei einem Buchhändler sieht sie in der Auslage das Tagebuch der Maria Batzkirtscheff, man hat es ihr früher verboten – jetzt fragt sie nicht mehr darnach. Sie nimmt es gleich selber mit, sie will sich von dem Buch nicht trennen, es wird ihr das Symbol ihres neuen Lebens in der Freiheit.

Wie ein Rausch kommt es über sie. Es singt in ihr; immer wieder hört sie es, ich und das Leben – das Leben und ich. Sie möchte sich in den Hüften wiegen und tanzen und singen. Ihr Blick gewinnt etwas Herausforderndes, sie möchte irgend etwas anfangen mit allen diesen Menschen, ihnen etwas zu rufen, sie zu etwas bringen, an der Spitze von vielen dahermarschieren – irgendwem entgegen, dem sie begegnen möchte. Er müsste groß sein, schlank, ein junger Siegfried, ein lachender Sieger. Dem möchte sie entgegenziehen und dann vor ihm niederknieen. Aber er müsste irgend etwas gethan haben, was keiner vor ihm gewagt hat und keiner nach ihm wagen wird. Etwas Großes oder etwas herrlich Verrücktes. Nach einem solchen Menschen sehnt sie sich.

Und auf einmal, wie sie sich so hinschiebt durch das Weihnachtsgedränge der Kärntnerstraße, überkommt sie das Gefühl: er ist vielleicht schon da, mitten unter dieser Menge, und ich weiß es bloß nicht.

Und sie beginnt die Vorübergehenden darauf hin anzusehen, ob er dabei sein könnte. Aber sie sieht »ihn« immer nur in Bruchstücken. Etwas stimmt immer nicht. Aber auf einmal gibt es ihr einen Riss: der da, der könnte es sein, so kann er ausschauen – vielleicht –wirklich – o Gott, wenn das wahr würde – – –

Der junge Mann hatte den Ruck bemerkt, den es ihr gegeben hat. Unwillkürlich hat er zum Hut gegriffen, um gleich darauf die Hand wieder sinken zu lassen. Er weiß offenbar nicht: kenn' ich sie oder kenn' ich sie nicht. Er wechselt die Richtung und geht ihr nach – er muss herausbringen: kennt er sie, hat sie sich geirrt, ist sie anständig oder nicht, war das ein Acquis oder ein Zufall – jedenfalls ist er neugierig.

Sie kommt kaum weiter; es ist ihr in die Glieder gefahren, und dann – sie weiß es nicht und sie weiß es doch, sie sieht es nicht, aber sie fühlt es – er folgt ihr – sie fühlt, dass die große Stunde da ist, wo ihr Schicksal sich erfüllt: er ist gekommen. Sie ahnt alle Consequenzen, sie weiß, es wird ein Riesenscandal – und sie lacht dazu, was liegt daran – Scandal hin, Scandal her – wenn man nur was erlebt dabei. Wenn sie nur schon heraußen wär' aus dieser Kärntnerstraße mit den vielen Leuten – sie weiß schon, wenn sie in stillere Gassen kommt, wird er auf einmal neben ihr gehen und sie ansprechen. Ihre Freundin hat ihr's erzählt, der ist es ähnlich ergangen – wenn sie nur endlich in stilleren Gassen angelangt wäre. In den Spiegelscheiben der Auslagen sieht sie, wie er ihr folgt – ganz deutlich –! O, sie lernt rasch.

Aber mit keinem Blick wendet sie sich, ganz starr ist sie geworden vor Erwartung – aber innerlich tobt es und ihre Ohrenläppchen glühen wie Feuer – bald, bald wird sie das große Erlebnis haben – einer, der nicht weiß, wer sie ist, woher sie kommt, ob sie reich ist oder arm – einer, der sie gesehen hat und der ihr folgt, weil er das Gefühl hatte: die ist es!

Und er? Was weiß ich von ihm – nichts, als dass er so ausschaut, wie ich ihn mir gewünscht habe – er darf ein Lump sein – aber dann wieder muss er sich aufraffen können und zehnmal herrlicher sein als alle. Und sie begann beinah' zu laufen vor lauter Ungeduld, damit sie endlich wegkäme von den vielen Menschen, in die richtige einsame Gegend, wo man angesprochen werden kann.

Der junge Mann aber dachte: »Wenn die so lauft, das ist doch kein Vergnügen, und was habe ich auf der Wieden zu suchen – ich hab' mich offenbar geirrt, der Blick galt einem anderen.

Und er stieg in einen Einspänner. Erst viel später erinnerte sich die junge Frau, dass sie eigentlich doch schon fürs Leben gewählt hatte, und erwachte aus ihren Träumen. Zuerst schämte sie sich, dann wurde sie traurig – aber schließlich nahm auch sie einen Einspänner, denn ganz plötzlich fiel ihr der Zettel am Marmortischel ein. Weiß Gott, was ihr Mann aufgeschrieben hatte.



Das Perlen-Collier.

Nach langer Zeit war ich wieder einmal nach Wien gekommen; bei der table d'hôte im Hotel Imperial traf ich meinen alten Freund, mit dem ich seinerzeit soviele fröhliche und verrückte Sachen aufgeführt hatte. Er sah nicht mehr glänzend aus, er war in den letzten Jahren sehr gealtert. Wir beschlossen, den Abend gemeinsam zu verbringen. Eine Weile beriethen wir hin und her, was man anfangen könnte, bis er plötzlich, beinah' ohne Uebergang, meinte: »Das Beste ist: Du kommst zum Souper zu uns –«

»Du bist verheiratet –?«

Er wurde leicht verlegen – »nein« – er dehnte die Worte – »nicht gerade – aber so gut wie – Clara – Du erinnerst Dich vielleicht – ich hätte sie ja längst geheiratet – aber Du weißt ja, wie die Frauen werden . . . wenn sie eines Mannes ganz sicher sind, werden sie gleich anders, ich will, dass sie immer das Gefühl, dass ich jeden Augenblick wegkann, wenn sie nicht so ist, wie sie sein soll . . . Du verstehst?«

»Gewiss – ich versteh' vollkommen – also noch immer die Clara – –«

»Aber Du kommst – es geniert Dich doch nicht –«

»Gott bewahre!«

»Also dann Wohllebengasse 17, zweiter Stock.«

»Sogar die alte Wohnung, dieselbe, die Du ihr damals eingerichtet hast –«

»Die Eintheilung der Zimmer ist so gut und praktisch, und die Möbel wurden doch extra für diese Wohnung gebaut–«

»Wie lang ist das her? Seit Du mit Clara –?«

»Wir kennen uns 15 Jahre.«

»Damals war sie wohl zwanzig und Du in meinem Alter, also vierzig oder einundvierzig, nicht?«

»Nein, sie hat zwanzig gesagt, aber sie war schon zweiundzwanzig, siebenunddreißig ist sie jetzt, seit 1. October –«

»Schaut sie noch gut aus?«

Etwas zögernd kam es heraus: »O – ja – gewiss – sie hat sich erhalten – freilich, Jugend bleibt Jugend – Jugend hat sie nicht – aber sie hat was zugelernt, sie liest viel – sie hat sich sehr gemacht, man kann gut verkehren mit ihr . . .«

Wir trennten uns, und ich versprach, um sieben Uhr bei Clara zu sein.

Mein Freund meinte, »wenn es vielleicht ein paar Minuten später wird bei mir, man kommt im Club nie pünktlich fort – Du wirst das entschuldigen – –«

Es gieng mir mit der Zeit so aus, dass ich schon nach halb sieben bei Clara ankam; ich nahm keinen Anstand, früher zu kommen, wir kannten uns so lang und so gut, hätten beinah' einmal etwas miteinander gehabt, also warum denn genieren? Sie empfieng mich sehr herzlich.

Sie war wirklich eine liebe Person; sie hatte etwas von einer wirklichen Dame bekommen und etwas wie eine wirkliche Seele. Oder hatte sie das alles schon damals und ich war nur blind gewesen. Aus ihrem Wesen blinzelte etwas, das sich so gab, wie eine Klugheit, die schmerzt, wie eine Berechnung, die man üben muss, die aber weh' thut und die man wegwerfen möchte, wenn man nur dürfte. Aus ihren Augen leuchtete etwas, wie eine Sehnsucht, ehrlich und nicht berechnend sein zu müssen.

Ich wollte und musste Näheres erfahren, denn ich begriff nicht, wie es möglich war für diese verblühte Frau, meinen flatterhaften Freund zu fesseln! Allerdings, er war nicht mehr jung und schön, wie einstmals, aber seit wann war das ein Hindernis für einen Lebemann, eine junge und schöne Freundin zu haben?

Ganz behutsam stellte ich ihr mit vielen Umschreibungen die heikle Frage: »Wie haben Sie das gemacht, ihn zu halten, gerade den Menschen, der es doch nie lange aushielt und immer wieder etwas anderes wollte – und auch fand?«

Aber ich sah, dass meine Behutsamkeit vollkommen überflüssig gewesen war; sie schien sehr stolz auf ihren Erfolg und sehr glücklich darüber, jemandem davon erzählen zu können, und ein ganz klein wenig schmerzlich bewegt schien sie auch, wie wenn sie hätte sagen wollen: »Sehen Sie – das alles, so viel und noch mehr ist nöthig, damit ein Mann, dieser Mann bleibt, und ich möchte doch eigentlich ganz anders sein und muss so sein – damit er bleibt; ich hab' ihn gern und möchte dumm und verliebt sein und muss immer auf der Lauer liegen und Tag und Nacht und jahraus jahrein schlau sein –! O, wie das ekelhaft ist und niederträchtig, diese ewige Schlauheit! – – –«

Und dann erzählte sie mir ungefähr Folgendes: »Er war ja in unseren Kreisen sehr bekannt, und ich wusste schon, wie er war, dass er bei keiner lang aushielt. Er hatte so die Gewohnheit, alle Jahr' oder höchstens alle zwei Jahr' seine Freundin zu wechseln! Er war ein schöner Mensch und hatte eine sehr leichte Hand, überhäufte jede mit den prachtvollsten Geschenken, also erreichte er beinah' immer seine Zwecke und hatte die Freundin, die er gerade wollte.

Ich war sehr verliebt in ihn, schon lange, ehe wir uns kannten; endlich war ich frei. Schon acht Tage später hatte ich es einzurichten gewusst, dass ich seine Bekanntschaft machte. Ich war damals wirklich schön und ich gefiel ihm riesig. Er suchte gleich Anschluss, aber ich wies ihn kühl zurück. Ich war zwar rasend verschossen, aber doch schlau genug, trotzdem mir die Verliebtheit den Kopf heiß machte, um mir einen Plan zu machen.

Klüger, als die Mädeln beim Theater im allgemeinen sind, bin ich immer gewesen, ich traute mir's schon zu, diesen Menschen zu halten, so lang ich schön war – aber dann – heiraten nützt ja nichts, und man spricht doch auch nicht gern davon, um nicht gleich Verdacht und Unwillen zu erregen. Nichtsdestoweniger stand meine Absicht fest: heiraten oder nicht heiraten, das war mir gleichgiltig, aber die letzte musste ich werden, festhalten musste ich mir diesen Menschen für immer, denn ich liebte ihn. Ja, ja, staunen Sie nicht so beleidigend, ich liebte ihn. Alles hätte ich für ihn gethan, wenn er es gewollt hätte, schäbig und klein gelebt, nur um in seiner Nähe zu sein, aber das hätte nur vier Wochen gedauert, dann wär' es aus gewesen, denn er brauchte seine Freundin nicht nur für sich, sondern auch für die anderen. Er wollte mit ihr gesehen, bewundert und beneidet werden.

Er war damals schon vierzig Jahr alt. Ich rechnete mir's aus, er ist ein Mann, wie lang kann er begehrenswert bleiben? Bestenfalls bis fünfundfünfzig. Also fünfzehn Jahre. In diesen fünfzehn Jahren muss alles geschehen sein, wenn ich ihn so lang halte, dann halte ich ihn für immer.

Ich legte mir also folgendes Verfahren zurecht: Ein halbes Jahr lang widerstehen, kein Geschenk annehmen, anziehen, abstoßen, verrückt machen, bis er nicht weiß, wo ein und aus, scheinbar ganz kalt sein, um seine Glut bis aufs äußerste zu steigern. Ich hatte in Erfahrung gebracht, dass er nur mehr über ein Einkommen von ungefähr fünfzehntausend Gulden verfügte, wovon zehntausend Zinsen eines beweglichen Vermögens waren und fünftausend eine unantastbare Rente.

Nach einem halben Jahre war er vollkommen mürbe; sechs Monate Belagerung, das war ihm doch etwas Neues. Jetzt war der Moment gekommen, wo ich fordern durfte. Ich behandelte die Affaire sehr kühl und geschäftsmäßig, nur so, wie wenn ich nichts wäre als eine kühle Speculantin, jedes Gefühl wurde unterdrückt.

Ich verlange eine Jahresapanage von sechstausend Gulden, ich erhielt sie, ich verlangte, dass er mir eine neue Wohnung einrichte, er that es. Er musste sein Capital angreifen, um meine Forderungen erfüllen zu können. Ich wusste genau: als ich fertig installiert war, belief sich sein Einkommen nur mehr auf zwölftausend Gulden.

Nach kurzer Zeit erreichte ich es von ihm, dass er mir hunderttausend Gulden anlegte, sodass ich einen Theil meiner Ausgaben schon vom eigenen Geld decken konnte. Nichtsdestoweniger hielt ich mit meinen Forderungen nicht ein. Ich verlangte mehr und mehr! Und überall erzählte ich herum, wie er mich überhäuft mit Geschenken, ich brachte ihn in den Ruf des freigebigsten Cavaliers von Wien. Meine Wohnung füllte sich mit Kunstgegenständen, was ihm gefiel, bekam ich; ich plünderte auch seine Wohnung. Alle seine Lieblingsbronzen, seine Bilder, seine Waffen, hier finden Sie alles – alles brachte ich zu mir – und immer noch blieb ich kühl, jede Zärtlichkeit musste er sich erkämpfen. Seine Liebe wurde Raserei. – Ich führte heimlich Rechnung über sein Vermögen, ich wusste genau, wie sehr es angegriffen war und der Erholung bedurfte, aber ich wollte nicht, er muss sich meinetwegen ruinieren. Endlich nach anderthalb Jahren brachte mir mein Vertrauensmann, der Concipient seines Advocaten, die Nachricht: Außer seiner unantastbaren Rente hat er nur mehr dreißigtausend Gulden im Vermögen. Ich jubelte auf: endlich ist es so weit. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Bei nächster Gelegenheit provocierte ich eine Scene. Ich drohte mit einem Bruch. Er weinte, er bat, er schmeichelte – und ich forderte – ich hatte am Graben ein herrliches Collier von weißen und schwarzen Perlen geseh'n, es kostete dreißigtausend Gulden geradeaus. Er brachte es mir. Er war todtenbleich, als er kam. – »Du hast mich so gut wie ruiniert – aber was liegt daran, ich liebe Dich, ein paar Tage wirst Du mich doch jetzt noch dulden auf das hin – was dann geschieht, ist ja gleichgiltig –.«

Ich nahm das Collier und legte es ruhig in meine Casse.

Dann sagte ich ihm alles – wie rasend ich ihn liebe, und dass ich ihn ruinieren hätte müssen, damit nichts übrig bliebe für eine andere. Ich hätte jetzt genug zum Leben, ich brauchte nichts mehr, seine fünf Tausender Rente reiche für ihn allein – ich würde nichts mehr fordern.

Jetzt begannen für mich Jahre eines beispiellosen Glückes, in denen ich ihm unbedenklich zeigen konnte, was er mir war, wie sehr ich ihn liebte – endlich durfte ich mich ausleben und gehen lassen.

Aber er ist eben der, der er ist! Er hat mich sehr geliebt, fünf Jahre lang – dann war es auf einmal aus! Der Sturm hatte ausgerast. Wäre er der reiche Mann noch gewesen, der er war, wie er mich kennen lernte, er hätte mich wahrscheinlich abgefunden und sich eine neue Freundin gesucht.

Aber er kann ja nichts machen, er hat kaum genug für sich. Und dann – er liebt meine Wohnung, alle diese Möbel und Kunstgegenstände, er findet auch keine Freundin mit einem so prachtvollem Perlen-Collier, es macht ihm Freude, wenn es die Leute an mir bewundern, er speist auch abends täglich bei mir, kurz, er hat eine Freundin, die so ausgestattet ist, wie er es liebt, die ihn nichts kostet, von der er ruhig ein Souper annehmen darf, weil es ja schließlich doch von seinem Gelde bestritten wird. Er ist Gottseidank nicht mehr jung und schön genug, dass er um seinetwillen von einer Frau geliebt werden könnte, und was die anderen anbelangt, auf die Geschenke Eindruck machen – ich hab' ihm doch den Ruf gemacht, der nobelste, freigebigste und verschwenderischeste Freund zu sein, man kennt doch mein Perlen-Collier – und diesen Ruf wird er doch nicht zerstören wollen, dazu ist er viel zu eitel.«



Eine Ehrenerklärung.

Es war Sonntag, halb zehn Uhr früh. Der schöne Fritz lag ganz allein in seinem leuchtenden Messingbett und war fabelhaft glücklich. Er hatte sich das Zimmer hellgrün streichen lassen, er hatte sich zarte, bunte Teppiche beinahe käuflich erworben, er hatte seinen Bildern neue Rahmen, sehr modern in Form und Farbe, zukommen lassen, er hatte endlich ein neues Verhältnis gefunden, das seinen zahlreichen und complicierten Anforderungen vorzüglich entsprach – kurz, das Leben lächelte ihm zu und er war fabelhaft glücklich.

Er konnte sich gar nicht entschließen, aufzustehen, er erhob sich zwar manchmal so ein bisschen aus den Kissen, stützte sich auf den Ellbogen und machte eine ernste Miene, wie wenn er sich selber sagen wollte: Man bleibt nicht an einem so wunderschönen Herbsttag im Bett, man radelt oder reitet oder bummelt – aber dann dachte er doch wieder: Ah was, und ließ sich selig und strahlend zurückfallen. »Wenn ich glücklich bin und mir das so viel Freude macht, dieses ganz ruhige Liegen.«

Dann musste er plötzlich an »sie« denken.

Ueber seine helle Stirne lief es wie ein leiser Schatten. – »Schade«, dachte er, »schade, jetzt wär' ich so in der Stimmung, verheiratet zu sein! Ich hätt' ihr gestern wirklich sagen sollen: »Bertha,« hätt' ich ihr sagen sollen, »wenn Du Dich freimachen kannst in der Früh von Deiner Wirtschaft und Sippschaft, so komm' zu mir, ich werde Dich erwarten, wir werden zusammen frühstücken, es wird sehr gemüthlich werden. Wir müssen doch die Zeit ausnützen, solang Dein Mann auf Reisen ist.«

Er ärgerte sich wirklich, dass er geglaubt hatte, er würde diesen Morgen dem Sport widmen, er hätte sich doch besser kennen sollen und wissen, dass er schließlich doch nicht aufsteht.

Bertha hätte ruhig kommen können. Wenn er sie jetzt auch holen lässt, jetzt ist es nicht mehr das Wahre.

Aufgeweckt muss man werden, nach einer köstlich durchschlafenen Nacht aufgeweckt von der liebenden Frau eines anderen – das ist Sonntagsglück.

Vielleicht kommt sie übrigens selbst auf die gloriose Idee; nach einer mehr als vierzehntägigen Bekanntschaft könnte sie ihn doch so weit schon kennen . . .

Jedenfalls entschloss er sich, vorderhand nicht aufzusteh'n und noch eine halbe Stunde im Bett gemüthlich zu warten.

Vielleicht erbarmte sich das Schicksal des nothleidenden Jünglings . . .

Er tunkte wieder ein.

Plötzlich fuhr er aber auf.

Er wusste nicht recht, hat es wirklich geklopft oder hat er nur geträumt?

Jedenfalls rief er: »Herein!«

Die Thüre öffnete sich, ein sehr fremder Herr trat ein und sagte klar und deutlich:

»Guten Morgen, Herr Reimann –«

»Pardon,« sagte der schöne Fritz empört, »entschuldigen Sie gütigst, haben Sie nicht bemerkt, dass ich noch schlafe –?«

»Allerdings,« meinte der fremde Herr, »deswegen bin ich auch gekommen – übrigens, es gibt Fälle und Situationen, ich habe darauf gerechnet, Sie noch zuhaus' zu finden. Sie kennen vielleicht eine Frau Klapsch?«

So schön, dachte Fritz, das hab' ich sehr gern, solche neugierig fragende Morgenbesuche – es ist doch gut, dass sie nicht gekommen ist . . . aber schon sehr.

»Klapsch, Klapsch?« wiederholte Fritz nachdenklich, »ich habe den Namen noch nie gehört – meinen Sie nicht vielleicht Klapper? So hat eine Wäscherin einmal geheißen oder war sie Tanzlehrerin, das kann nämlich auch sein, ich hab' ein so miserables Gedächtnis – um was handelt es sich denn, hab' ich vielleicht vergessen, eine Rechnung zu bezahlen?«

»Herr Reimann, es wird Ihnen nichts nützen, wenn Sie sich verstellen – ich weiß alles – man hat es mir geschrieben – ich bin der Herr Klapsch selber –«

»Ah, sehr angenehm, Herr Klapsch – aber wie gesagt, ich weiß wirklich nicht, bitte vielleicht Platz zu nehmen, dort stehen auch Cigarren –«

»Es wird Ihnen nichts nützen, sag' ich Ihnen, wenn Sie sich verstellen, ich weiß alles –«

»Ja, was wissen Sie denn – Sie setzen mich in Erstaunen!«

»Herr Reimann – ich war auf der Reise, weil der Mensch etwas verdienen muss – ich hab' Vertrauen zu meiner Frau gehabt, weil ich ein guter Mensch bin. Da sind Sie gekommen und haben sich herangedrängt an meine Frau und haben geschrieen und gebettelt und haben gesagt, Sie müssen sterben aus Liebe, wenn meine Frau Sie nicht erhört – meine Frau ist eine gute Frau, wenn man sie bittet, kann sie nicht »Nein« sagen, das weiß ich! Aber Sie hätten sie nicht bitten sollen – das war ein Verbrechen, dass sie gebeten haben, und das werden sie gut machen müssen –«

»Sie irren sich wirklich, Herr Klapsch – ich erinnere mich jetzt an den Namen – Diese Frau hat das Cravattengeschäft in der Rothenthurmstraße, nicht wahr? Wenn die Dame dort Ihre Frau ist, ich habe mit der Dame allerdings gesprochen, aber nie ist etwas vorgefallen!«

»Herr Reimann, es wird Ihnen nichts nützen, ich weiß alles. Leugnen Sie nichts – es gibt Briefe von Ihnen – ich hab' sie – es gibt Freunde von mir, welche gesehen haben – meine eigene Frau hat mir alles eingestanden. Also, wozu leugnen Sie – ich will Sie nicht fangen – da sehen Sie – da ist Ihre Schrift, das kann Ihnen doch genügen.«

Fritz sah hin – es genügte ihm wirklich. Herr Klapsch hatte seine sämmtlichen Briefe in der Hand.

Nachdenklich sah der schöne Fritz den Gatten an, erwartungsvoll Herr Klapsch den schönen Fritz.

»Nun, leugnen Sie noch immer?«

Eine kleine Weile noch drehte und riss der schöne Fritz mit Daumen und Zeigefinger an seinem linken Ohrläppchen herum, was er immer that, wenn er in Verlegenheit war, dann sagte er fröhlich und heiter, denn das Lügen war ihm eigentlich sehr zuwider:

»Nein, Herr Klapsch – Sie haben recht, es ist was los gewesen.«

Herr Klapsch schien sehr erfreut über dieses offene Geständnis und sagte mit deutlicher Befriedigung: »Na also, ich hab's doch gewusst, wenn mir meine Frau was sagt, kann ich mich darauf verlassen. Es thut mir leid, Herr Reimann, dass ich Sie hab' aufwecken müssen, aber man hat doch eine Ehre, welche man vertheidigen muss, sonst steht man vor den Leuten da, wie ein begossener Pudel – also Herr Reimann, der erste sind Sie nicht gewesen, das kann ich Ihnen im Vertrauen sagen, denn meine Frau ist leider ein bisschen schwach von Charakter – aber Gottseidank, ich hab' noch jedesmal meine Ehre trotzdem zu wahren gewusst, und ich kann Ihnen nicht helfen, auch Sie, Herr Reimann, werden sich entschließen müssen – ich hab' es immer noch so gehalten!«

Der schöne Fritz war aus dem Bett gesprungen und stand mit weit aufgerissenen Augen verwundert vor Herrn Klapsch! Das hatte er nicht erwartet, so sah er gar nicht aus, dieser Herr Klapsch, und auch der ganze Ton seiner Rede kam ihm nicht so kriegerisch vor – übrigens, wenn der Herr Klapsch Lust hatte – warum denn nicht?

Also der schöne Fritz schlug die Hacken zusammen, dass es nur so krachte, was ihm sehr weh that, weil er noch keine Zeit gefunden hatte, Stiefel anzuziehen, und bemerkte, schneidig und vornehm schnofelnd: »Herr Klapsch, unter diesen Umständen, glaub' ich, haben wir zwei nichts mehr mitsammen zu reden. Darf ich fragen, wohin Sie mir Ihre Zeugen schicken wollen?«

»Zeugen? – Zeugen? – Ja wozu denn Zeugen?«

»Ja, erlauben Sie, wenn Sie sich in Ihrer Ehre gekränkt fühlen?«

»Gewiss, und ich muss auch darauf bestehen, dass Sie mir die gekränkte Ehre wieder reinwaschen, aber dazu brauchen wir doch keine Zeugen, das ist doch eine Sache zwischen Ihnen und mir, Herr Reimann, wozu soll man da erst fremde Leute incommodieren, das machen wir zwei aus, ganz allein, hier im Zimmer.«

»In diesen vier Wänden?«

»Aber ja, ich hab's immer so gehalten, und es war immer gut so für beide Theile. Sie werden auch nachgeben.«

»Ich versteh' wirklich nicht – Sie meinen doch nicht amerikanisch oder übers Schnupftuch weg?«

»Aber nein, Herr Reimann, Sie geben mir einfach eine Ehrenerklärung.«

»Ehrenerklärung – wie meinen Sie das – da muss ich doch erst –«

»Setzen Sie sich hin und schreiben Sie – wir können ja den Text ändern, wenn Sie wollen – aber er war noch jedesmal gut, und jeder hat gesagt, das ist eine feine und gerechte Erklärung, und ich bin überzeugt, Herr Reimann, Sie werden auch sagen: Nein dieser Klapsch, man sieht ihm das gar nicht an, dass er so ein Cavalier ist – ja – das werden Sie sagen! Also bitte, setzen Sie sich zum Schreibtisch und schreiben Sie: »Ehrenerklärung –«  

»Sofort, Herr Klapsch, gestatten Sie mir vorher, ich incliniere sehr zu Verkühlungen, ich will mich wenigstens in meine Bettdecke einwickeln.«

Mit unfrisiertem Haupt, den goldenen Zwicker auf der Nase, von einer Decke, wie von einer Toga, faltenreich umflossen, saß der schöne Fritz an seinem Schreibtisch und schrieb, Herr Klapsch dictierte:


Ehrenerklärung!

Der Endesunterfertigte bestätigt hiermit, mit Frau Klapsch ein Verhältnis gehabt zu haben,«

»– gehabt zu haben – Beistrich oder Punkt?«

»Beistrich!«

»– was ihm sehr leid thut –«

»Aber« – wollte der schöne Fritz schon sagen –

»–leid thut, ich muss darauf besteh'n – und verspricht mit Ehrenwort, es nie wieder zu thun. – So und jetzt N. Unterschrift!«

Fritz leistete sie mit Vergnügen. – »Herr Klapsch,« drängte es ihn zu sagen, »ich habe Sie unterschätzt, Sie sind wirklich ein Cavalier, gestatten Sie mir, Ihnen die Hand zu schütteln, es freut mich, Sie kennen gelernt zu haben.«

»O, ich hab' doch gewusst, wir werden uns vertragen – ich bin doch nicht so – na, und Sie sind auch ein gescheiter junger Mann, der gebildet ist und einsieht, was recht und billig ist –«

»Gewiss, gewiss, ich bin kein Barbar –«

»Na, sehen Sie, Herr Reimann – mit Ihnen kann man reden, ich werde Ihnen also auch gleich das andere sagen, wozu soll man erst klagen und dem Advocaten das Geld in den Rachen werfen – Herr Reimann, ich war auf meiner Geschäftsreise, die hab' ich unterbrechen müssen! Ihretwegen bin ich heraufgefahren von Arad – weil Sie die Ehre meiner Frau gekränkt haben . . . natürlich muss ich jetzt wieder hinunter, Sie werden also so freundlich sein müssen, mir die Hin- und Herreise zu vergüten, sowie den Geschäftsverlust; ich muss doch mindestens vier Tage rechnen – und die Aufregung, in der ich gewesen bin, Sie können unmöglich verlangen, dass ich die Kosten trage, weil Sie mir eine Sache angerichtet haben –«

»Bitte, nennen Sie mir den Betrag, ich bin natürlich bereit – warten Sie, wir werden gleich sehen, wieviel ich da hab' in meiner Brieftasche –«

»Aber, Reimann, das hat doch keine solche Eile, es muss ja nicht gleich sein – ich werde mir schon einen Calcül aufzustellen erlauben – – – suchen Sie nicht, Herr Reimann, wir werden schon auf gleich kommen!«

»Glauben Sie wirklich?«

»Ganz bestimmt, Herr Reimann, ich bin ein anständiger Mensch . . .«

»Das hab' ich schon mit Vergnügen bemerkt!« –

»Und werde mir erlauben, den Calcul loyal zu berechnen.«

»Es hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«

»Auch mich, Herr Klapsch, auch mich!«

Und nochmals kehrte der schöne Fritz auf sein verlassenes Lager zurück, und mit verklärtem Antlitz rauchte er die beste seiner Cigarren. Er wusste jetzt, man soll nie an der Menschheit verzweifeln, es gibt doch noch wirklich gute Menschen, die Freude bereiten, wo immer man sie findet.