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Felix Dörmann – Neurotica

Gedichte

Verlag von August Schulze Leipzig, 2. Aufl. 1893.
Das Geleitwort wurde der Ausgabe, Felix Dörmann, Neurotica, des Georg Müller Verlages von 1914 entnommen.


Anton Lampa zugeeignet

Geleitwort

Man ist so schamlos und naiv, wenn man jung ist und dichtet; das Geheimste, Süßeste und Schmerzlichste plaudert man hinaus aus lauter Freude am Erlebnis. – Aber man wird anders später: stolzer und verschwiegener – man erlebt mehr für sich und weniger für »die Andern«; man leidet vielleicht mehr als früher – aber man spricht weniger davon Ja, es mag eine Zeit kommen, wo man überhaupt nicht mehr spricht, selbst wenn man eigentlich Lyriker von Beruf ist. –

Aber man lernt dafür in diesen Tagen lächeln, wieder für »die Andern«. – Man fürchtet jetzt, sie könnten am Ende erraten – und man lächelt und ist gemein Und, »die Andern« sind zufrieden und sagen: Seht, er lächelt ja wie wir und ist gemein – wie wir – er ist auch ein Mensch wie wir Und sie kommen näher und finden viele freundliche Worte. – –

Und der Dichter freut sich der gelungenen Täuschung Ach diese Neurotica Wenn ich im Frack bin – da verdamme ich sie immer aber heimlich in den Abendstunden, wenn die Seele leise zu weinen beginnt, da gleiten mir die Verse meines großen Bruders über die Lippen:

Ce livre est toute ma jeunesse,
Je l'ai fait sans presque y songer.
Il y paraît, je le confesse,
Et j'aurais pu le corriger.

Aber nein, ich will nicht – Lieder sind wie Särge, in denen längst verstorbene Gefühle schlafen. Ich will nicht rühren an ihnen, sie könnten erwachen. – Und ich fürchte mich vor meinen Toten. –

Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen, seitdem ich diese Worte geschrieben – und wieder einmal muß ich, beinah wie mein eigener Testamentsvollstrecker, das schmächtige Heftchen mit seinem tollen Versgestammel in die Welt schicken. – – Zum vierten Male. – – Jugend will zur Jugend sprechen, Herz zum Herzen. – –

Mit scheuer Wehmut hab ich noch einmal die Stimmen vernommen, die mir von mir selber erzählten und mir sagten: »Das warst Du« Ein Leben liegt zwischen dem Damals und dem Heut:

Lächerliche Erfolge, die das Herz kalt ließen, Enttäuschungen dort, wo man gezittert hat – Wandlungen und Verwandlungen, Stellungen und Verstellungen aller Art. Ich kenne mich selber kaum wieder und »die Andern« erkennen mich erst recht nicht. – – Die Maske ist beinah ins Fleisch gewachsen und die Unnatur zur zweiten Natur geworden. – –

Wie schön wär es, noch einmal stille Tage zu finden und bei dieser Gelegenheit sich selbst vielleicht – – vielleicht sag ich, vielleicht aber auch nicht. – –

Ich weiß wahrhaftig nicht, bin ich wirklich tot, oder komme ich mir nur so vor? – – Kann ich noch Verse machen? Machen, jawohl, da liegt's. Machen, o ja Aber Verse erleben, reifen und werden lassen, wie die Früchte in der Sonne?

Wo sind sie meine stillen Tage, die mich entführen aus dem widerlichen Betrieb meines täglichen, allzu alltäglichen Lebens? Süßer Müßiggang des Herzens willst Du mir noch einmal teilhaft werden? Ich bin des fremden Mannes so müde, in dem verbannt ich wandeln muß. Ich möcht mich suchen gehn, selbst auf die Gefahr hin, nichts mehr zu finden – als ein Phantom, das in leere Luft zerflattert, wenn man es endlich greifen will. – – Ich möchte wieder ich sein – oder ehrlich tot, damit die Grabschrift, die ich mir schon lange geschrieben, endlich ihre Geltung hat:

Und wenn Du behauptest, daß Du mich kennst,
So wirst Du getäuscht Dich haben,
Dann sprachst Du vielleicht mit meinem Gespenst
In Wien um zwölf am Graben.


Der Dichter, den wir beide geliebt,
Er starb verschollen und einsam,
Mit dem Manne, der noch durch die Menge schiebt,
Hat er nichts, als die Maske gemeinsam.

Wien, im Mai 1913.

An meinem 43. Geburtstag.

Felix Dörmann.



Widmung

(An A. L.)

Wenn grauenhaft Dir meine Verse scheinen
Und ungelenk und wüst, o so verzeih'
Du weißt es ja, es ist mit mir vorbei,
Und hast Du Lust, so kannst Du mich beweinen.


Dir lagen offen meiner Seele Schlünde,
Du hast mein reines Wollen ganz gesehn,
Du sahst auch dann mein Ich zu nichts vergehn,
Zuerst im Elend, dann im Rausch der Sünde.


Nimm diese Verse denn als Liebeszeichen,
Als letztes wehmutsvolles Grüßen an,
Von einem seelensiechen, armen Mann,
Der Alles oder gar nichts wollt' erreichen.



Präludien

Sturmflut

Gleichwie des Meeres Wogen dann und wann,
Den Damm zerreißend, mächtig überfluten,
Erscheinen jedem Menschen auch Minuten
Wo er sein Elend nicht verschweigen kann.


Sich selber überstürzend, naht es dann,
Aufwachen Qualen, die nur scheintot ruhten,
Vernarbte Wunden fangen an zu bluten,
Und es zerbricht des Schweigens starrer Bann.


Und wie das Meer, gepeitscht, der Stürme Spiel,
Aufrast und tobt und um Erlösung schreit,
So gellt der Mensch sein namenloses Leid
Hinaus zur Welt, wenn nur der Bann erst fiel.


Und rast und tobt und eher schweigt er nicht,
Als bis er todesmatt zusammenbricht.

Am Kamin

Im Ofen knistert lustig laut das Feuer,
Phantastisch zucken Lichter hin und her,
Ins Spiel der Flammen starrt' ich, weltvergessen,
Mich überflutet der Gedanken Meer.


Vorüber zogen meiner Kindheit Tage,
So freud- und freundlos, wie bei Andern kaum,
Ein stumpfergebnes Tragen und Entsagen,
Kein sorgenloser, sonnenheller Traum – – –


Und halbzerdrückt sich von den Wimpern löste
Wohl eine Träne nach der andern leis',
Weiß nicht, ob Zornes- oder Sehnsuchtstränen –
Doch bitter waren sie und brennend heiß.

Vergebens

Nimmer löschen, nimmer stillen
Kann ich diese dunkle Sehnsucht
Nach dem Tode.
All mein atemloses Kämpfen,
Sie zu zwingen, ist vergebens.


Jene Zeiten, wo ich glaubte
Eine heiße, tiefe Liebe
Könnte tilgen diese Sehnsucht,
Sind vorüber – tot – begraben;
Denn die Liebe ist gekommen
Und die dunkle Sehnsucht blieb,
Und die Liebe ist geschieden,
Und die Sehnsucht stieg und stieg.


Nimmer löschen, nimmer stillen
Kann ich diese dunkle Sehnsucht
Nach dem Tode.
All mein atemloses Kämpfen,
Sie zu zwingen, ist vergebens.

Mon âme est née avec une plaie

(Lamennais)

Ich bin nicht eine von den Machtgestalten,
Die sich im Leben ihren Platz erringen,
Die sich mit starker Hand ihr Schicksal zwingen
Und ihres Daseins feindliche Gewalten.


Mir graut vor dieser Welt, der fühllos kalten,
Ich kann es, kann es nicht zustande bringen,
Ihr meines Willens Stempel aufzudringen,
Mir graut es vor brutalem Kraftentfalten.


Zum Leidertragen bin auch ich erkoren,
Weil mir zu wenig Roheit mitgegeben;
Ich weiß es längst, daß alle Müh' verloren,


Jedwedes starkseinwollende Bestreben.
Auch meine Seele wurde krank geboren:
Ihr fehlt die Lust, die Kraft, der Mut zum Leben.

Im Kampf ums Dasein

In schlafberaubter stiller Nacht,
Wenn Alles müde ruht,
Steigt auf aus meiner Seele Schacht,
Mit trotzig ungestümer Macht
Der Qualgedanken Brut.


Es schwillt und quillt so heiß und rot
Das Blut empor zur Stirn,
Daß in des Denkens wilder Not
Zu bersten, zu versagen droht
Das müde Hirn.


Will ich des Lebens Kampf bestehn,
Mein Herz im Schmutz verdirbt – –
Nein – ich will schlafen, schlafen gehn,
Wenn kühl des Herbstes Winde wehn
Und Alles ringsum stirbt.

Obwohl ich jung

Dem Kelch der Leiden hab' ich viel enttrunken,
Obwohl ich jung,
Der Traum von Erdenglück ist mir versunken,
Obwohl ich jung.


Ich sah genug von Menschenlos, dem herben,
Obwohl ich jung,
Und ich bin müde, müde bis zum Sterben,
Obwohl ich jung.

Ins fremde Land

(An B. R.)

Auch Deinem Mund ist scheu und dumpf entglitten,
Was Jeder, Jeder schmerzlich noch erkannt,
Der nachzudenken nur die Muße fand:
Das Leben wird ertragen und gelitten.


Du hast es einst voll Leidenschaft bestritten,
Hast Lug und Trug, Komödienspiel genannt
Das Heimweh nach der Toten stillem Land;
Heut' aber brauch' ich leise nur zu bitten,


Und wir verreisen traulich Hand in Hand.

Lebensanker

Nur Eines kann mich halten noch im Leben
Und kann die dunkle Stunde weiter schieben:
Ein schrankenloses, weltvergeßnes Lieben
Und Gegenliebe heischendes Bestreben.


Denn Jeder, der das Dasein will ertragen,
Muß sich auf irgend eine Art berauschen,
Um nicht verzweifelnd und entsetzt zu lauschen
Der armen Erde wehevollem Klagen.


Dem Einen wird im scharfen, reinsten Denken
Des Sonderdaseins seliges Vergessen,
Ein Andrer muß den Schmerz in Wein ertränken,


Ich aber muß ein trautes Weib umpressen,
In heißer Liebe ihm die Seele schenken,
Wenn nicht, – so eines Abgrunds Tiefe messen.




Episoden

Vorgesang

Ich habe geliebt,
Wie Dichter lieben,
Und ob ich hohes Glück genossen –
Mehr noch hab' ich gelitten.
F. v. Saar.


Ich habe geliebt
Wie Dichter lieben:
Aus tiefster Seele,
Mit jedem Atom,
Schrankenlos und unbekümmert
Um Menschensatzung.


Der uferlose Strom
Rasender Liebeswonnen
Durchzog in wilden Wirbeln
Mein hochaufschlagendes Herz,
Und in mir lebt
Leuchtende Erinnerung
An liebesschwüle Stunden.



Aber auch der gierdelosen Liebe
Milderes Feuer
Kennt meine Seele:
Ich habe geliebt,
Wie Dichter lieben:
Anbetend, innig und keusch,
In tiefstem Schweigen,
In lautloser Seligkeit


Aber ob ich auch hohes Glück genossen –
Mehr noch hab' ich gelitten,
Durch meine Seele zogen
Götterwonnen und Titanenqualen

Jugendliebe

Dein Auge glüht und funkelt
Wie Morgensonnenlicht,
Und meines, qualenverdunkelt,
Von fressendem Elend spricht.


Was treibt den asketischen Schwärmer
Zu Deines Daseins Pracht?
Er kehrt ja nur schroffer und ärmer
Zurück in die heimische Nacht

An ***

Hoch durch die Wipfel der Bäume
Brauste der Frühlingssturm,
Und rauschende Lieder
Entquollen den Kronen.
Hier unten aber,
In weinblattumschatteter
Traulicher Laube,
War Götterfrieden
Und Götterstille.
Die roten Lichter
Der scheidenden Sonne
Durchtanzten neckend
Das Blättergewirr,
Und brachen sich schimmernd
Im Gold Deiner Haare.
Lichtdurchtränkt und sonnenumwoben
Erschienst Du mir
Wie eine Madonnengestalt
Des alten Venedigs.
Anmuttrunken und schönheitselig
Sah ich hinein
In die meerfluttiefen
Und meerflutblauen,
Leuchtenden Augen
Und sah durch sie
In eine reine, süße Kinderseele,
In die zum ersten Male
Farbenglühend
Die Liebe einzog.
Und zaghaft, wie des Mondes matte Sichel,
Die über jenen abenddunklen Wäldern
Schüchtern aufsteigt,
Zog der Gedanke ein in meine Seele,
Das schattentrübe, elendvolle Dasein
Gleich einer schweren Fessel abzustreifen
Und zu den Ungeborenen zurückzukehren.
Das heitere Sonnenkind,
Das nie den Schmerz gekannt,
Es würde
Den dunklen Träumer schnell vergessen haben;
Er aber stürbe
Im seligen Bewußtsein
Reiner Liebe.

Geliebte, kleine Braut

Schling' Deines Haares Strähne
Ums Haupt mir, kleine Braut,
Zerküsse die funkelnde Träne,
Die mir von den Wimpern getaut.


Vom Elend hier auf Erden
Hab' ich genug erschaut,
Genügsam will ich werden,
Geliebte, kleine Braut


Ich will mein Sehnen begraben,
Die Wünsche, so brennend und laut,
Du sollst allein mich haben,
Geliebte, kleine Braut

Frieden

Weiß Gott, ich hab' Dich lieb, mein zartes Kind,
Und Dein Geplauder – weich wie Frühlingswind -


Es tut so wohl; aufatmet das Gemüt,
Der Wettersturm im Abendrot verglüht. –


Nur fern am Horizont – ein wilder Strahl –
Aufleuchtet manchmal noch die alte Qual.

Vorgefühl

Noch ruht die Macht in Deinen lieben Händen,
Des Herzens wildes Toben einzudämmen,
Des Zweifels Bohren kinderleicht zu hemmen –
Und Sehnsuchtsqualen, dunkle, zu beenden.


Ich aber fühle schon die Stunde kommen,
Wo machtlos wird Dein liebevolles Mühen,
Wo für des Herzens wild und wildres Glühen
Kein sittig-sanfter Händedruck will frommen.


Ich würde längst in jener Stunde Ahnen
Für immerdar von Dir die Schritte wenden
Und wieder wandern windumbrauste Bahnen,


Fänd' ich die Kraft zu lösen und zu enden,
Und würde nicht mein Herz beständig mahnen,
Daß Dich verlassen heißt: den Tod Dir senden.

Abwehr

Gewahr' ich Deiner Augen banges Suchen,
Ihr liebevolles Hangen an den meinen,
So steigt in mir empor ein wildes Weinen,
Und mein und Dein Geschick möcht' ich verfluchen.


Ich weiß, Du bist mir grenzenlos ergeben,
Und jede Stunde zeigt es mir aufs neue,
Und doch verbittert diese Liebestreue,
So rührend schön und süß, mein ganzes Leben.


Zu trautem Glück willst Du mein Sein beschränken,
Ein stilles Leben soll ich bei Dir führen –
Und meine tiefste Wollust ist: zu Denken,


Dem Rätsel unsres Daseins nachzuspüren.
Ich kann Dir nicht mein Ich als Mitgift schenken,
Um stillvergnügt im Erdenstaub zu schüren.

Letztes Finden

Verlassene Geliebte, schwergekränkte,
Noch einmal gib mir freundlich Deine Hand,
Die mir Dein großes Herz in Tagen schenkte,
Wo Du noch viel zu wenig mich gekannt.


Ein heißes Lieben und ein heißes Leiden
Hat unser beider Herzen durchgewühlt,
Sekundenlanges Finden, bittres Scheiden,
Und Reue dann, von Starrsinn unterkühlt.


Erschienen bist Du mir in stillen Stunden,
Wo klar und ruhig floß mein wildes Blut;
Ich wähnte damals, daß ich heimgefunden,
Und Alles, Alles sei nun endlich gut.


Dir aber ist ein böses Wort entglitten,
Ein ungewolltes, doch ein böses Wort;
Umsonst war Deiner Augen scheues Bitten,
Es peitschte mich aus Deinem Bannkreis fort.



Zerschmettert fallen traulich enge Schranken,
In trunknem Toben geht es abgrundwärts;
Wie tolle Rosse rasen die Gedanken
Und sie zerstampfen Dir und mir das Herz …


Du hast bereut in Trauer und in Tränen,
Ich weiß es nun, daß Du es gut gemeint;
Noch einmal laß an Deine Brust mich lehnen,
Auch ich hab' die Vergangenheit beweint.

Totenliebe

1.

Und leise trat ich an Dein Sterbelager,
Du kaum erschlossne, schnell verwelkte Blüte.
– – Mir war ja heimlich zugeflüstert worden,
Du hättest ganz im Stillen mich geliebt. – –


Noch einmal hoben sich die schweren Lider
Und aus den todesmatten Augen brach
Ein letzter – langer – tiefer Blick der Liebe,
Und Deine abgezehrte, kleine Hand,
Noch einmal legte sie sich fest in meine,
Und dann war Alles, Alles, Alles aus.

2.

Halb unbewußt war ich hinausgegangen …
Zu einer stillen, grünen Ruhestätte,
Zu einem schattenkühlen Schlummerbette,
In dem ein Herz vergißt sein Glutverlangen.


Und wieder faßte mich das alte Bangen,
Das ich so gerne längst begraben hätte,
Und wieder hörte ich Dein dumpfes: »Rette«
Das mich verfolgt in Nächten, qualvoll langen.


Und meiner Brust, der heißen, sehnsuchtstollen,
Erstickte Liebeslaute sich entrangen,
Und schwere Reuetränen niederquollen.


Da lebenswarm noch glühten Deine Wangen,
War ich zu kalt, um Freundschaft nur zu zollen,
Und jetzt, nach Deinem Tod, dies Glutverlangen?

Kleine, mit den großen Nixenaugen

Kleine, mit den großen Nixenaugen,
Mit dem bleichen, somnambulen Antlitz,
Mit der schweren, goldnen Flechtenkrone,
Schmiege Deine Wange an die meine,
Sag' mir noch einmal die trauten Worte:
»Dein für immer, Dein für immer«


Sieh, so seltsam, so erstaunlich dünkt's mir,
Daß gerade Du, das vielgeliebte,
Wohlgehegte, sorgenlose Schoßkind
Für den unruhvollen, rätselhaften,
Hirngepeitschten Schwärmer Liebe fühlst.


Presse Deinen Mund, den kleinen, heißen,
Innig an mein Ohr, und leise, leise,
Daß es niemand hört auf dieser Erde,
Auf der kühlen, spöttisch klugen Erde,
Sag' mir noch einmal die trauten Worte:
»Dein für immer, Dein für immer«

Stumme Liebe

Selig, willenlos dahingegeben,
Ruht der schlanke Leib in meinen Armen,
Und die feuchten, vollen Lippen suchen
Leise die meinen.


Aber keine Liebesworte schauern
Aus bedrängtem Busen weich ans Ohr mir;
Nur die dunklen, angstvoll großen Augen
Leuchten vor Liebe.


Schweigend pressen sich die heißen Hände,
Sprechen sich die Geister und die Herzen,
Und geheimnisvoll beschleicht die Seele
Ahnung des Glückes.

O sieh mich nicht so schmerzlich an

O sieh mich nicht so schmerzlich an,
Mein totenblasses Lieb,
Und hab' ich Dir auch wehgetan,
Vergib, vergib


Der Schatten der Vergangenheit
Das kranke Herz umspannt,
Und ihn vertreibt in Ewigkeit
Auch nicht der Liebe Hand.


O sieh mich nicht so schmerzlich an,
Mein totenblasses Lieb,
Und hab' ich Dir auch wehgetan,
Vergib, vergib

Niemals

Mit ehernem Griffel grub ich
Tief in Dein weiches Herz
Für immer mein Bild.
Und wenn auch Vorsicht,
Klugwaltende, sichergehende
Dich behütet
Vor des Dichters
Flammenzehrender Liebe,
Niemals wirst Du mich vergessen.
Deines Mundes erste Küsse
Ich hab' sie getrunken,
In meinen Armen
Lernte Dein herrlicher Leib
Ahnungsvolle,
Bebende Liebe.
All die süßen ersten Schwüre
Deines jungen,
Verlangenden Herzens
Galten mir.
In Deiner Seele leben
Ewig jung
Und ewig reizvoll
Ungenossene und unermessene
Scheugeahnte Wonnen,
Unzertrennbar gebunden
An meinen Namen.
Verfluchen wirst Du mich vielleicht,
Vergessen aber niemals

Zu Ende

Mein Herz ist viel zu müde, um zu toben,
In Haß und Groll, weil Du von mir geschieden
Und mit Dir nahmst das bißchen Glück und Frieden,
Ins trübe Dasein mühsam nur gewoben.


Noch kann zu lächeln ich die Lippen zwingen
Und kann auch noch für Andre warm empfinden,
Und sie ermutigen zu überwinden,
Nur will's mir selber nicht mehr gut gelingen.


Denn insgeheim die Ketten niederklirren
Die mich ans Dasein bisher festgebunden,
Nur Tropfen sickern noch aus meinen Wunden,
Und halb erlöst schon hör' ich Psyche schwirren.

Namenlos

1.

Ich habe nur ihr großes Herz gekannt
Und ihres teuren Leibes Paradies. –
Nicht weiß ich, wer sie war und wie sie hieß,
Denn ihren Namen hat sie nie genannt.
Doch auch den meinen wies sie stolz zurück:
»Ich brauch' ihn nicht – In meiner Seele lebt
Für alle Zeit das namenlose Glück,
Mit der Erinnerung an Dich verwebt.« –


Du bist ihr gleich, Du bräunlich blasses Kind. –
Dein tiefgelegnes, dunkles Auge rief
Vergangnes jach empor. – Ein Wirbelwind
Wühlt Alles auf, was tränenmüde schlief.
Und wieder flutet um das teure Bild
Der süßesten Erinnerungen Meer,
Und aus der Seele, stoßend, dumpf und schwer,
Ein fassungsloses Schluchzen bricht und quillt.


2.

Manches Mal, in stillen Nächten,
Steigt mir noch Dein Bild empor
Und ich kann's nicht, kann's nicht fassen,
Daß ich Dich so ganz verlor.


Deine großen, braunen Augen,
Mit den Wimpern lang und schwer,
Blicken ganz noch wie vor Zeiten
Warm und innig zu mir her.


Als in jener dunklen Stunde
In das fremde Land Du gingst
Und zum allerletzten Male
Weinend mir am Halse hingst,


Damals hast Du mir versprochen:
»Hören wirst Du bald von mir«
Aber niemals kam ein Zeichen,
Niemals nur ein Gruß von Dir.






Wilder Schmerzen wüstes Toben
Hat in Wehmut sich gewandt,
Und im raschen Lauf der Tage
Selbst Dein Bild dem Geist entschwand. –


Manchmal nur in stillen Nächten
Steigt es mir noch heiß empor –
Und ich kann's nicht, kann's nicht fassen,
Daß ich Dich so ganz verlor.

Wiedersehen

– – Und ich sah Dich wieder,
Sah Dein Haar ergraut
In schwerer Pflichterfüllung,
Und sah die Linien,
Die herber Trotz
Und bittre Menschenverachtung
Um Deine schmalen,
Blutlosen Lippen gezogen.


Mit halbverschleierter
Müder Stimme,
In der nur selten
Ein lichter Ton der Freude
Schüchtern emporklang,
Erzähltest Du mir
Von Deines Lebens
Dornigen Wanderzügen
Und qualvollen Kämpfen.



Ich und Du,
Wir hätten gerne
Von gemeinsam verlebten
Seligen Stunden gesprochen,
Von unvergessenen,
Liebesschwülen Tagen, –
Aber keines von uns Beiden
Fand das heißersehnte,
Das richtige Wort.



Ekstasen

Schneeflocke

Du bist eine weiße Flocke,
Ein himmelentsprungenes Kind
Und wirbelst – licht und selig
Dahin durch Wolken und Wind.


Du bist eine weiße Flocke –
Du stirbst der Flocken Tod:
Nach kurzem Sonnengruße
In Straßenstaub und Kot …

Verloren

1.

Die schimmernde Pracht Deiner Glieder,
Ich hab' sie voll Andacht geschaut,
Doch vor der umnachteten Seele
Hat mir gegraut.


Ich hätte dich gerne, so gerne
Emporgerissen zum Licht;
Du aber – wild und trotzig –
Du wolltest nicht.


Und doch war Deine Liebe
Gewaltig, heiß und echt – – –
Ich aber ließ Dich fallen, –
Und das war schlecht.

2.

Du bist krank gewesen,
Kleine Geliebte?
Krankhaft blaß ist Dein Antlitz,
Matt Dein Auge,
Mühsam schleppt sich Dein Schritt.
Komm, o komm zu mir,
Laß Dich stärken, laß Dich laben – – –
Fieberhaft heiß ist Deine
Kleine Hand und Deine Nerven
Zucken und schaudern,
Du bist immer noch krank,
Kleine Geliebte.
Sag, wo ist Dein Lachen geblieben,
Jenes helle,
Auf- und niedersteigende Lachen,
Wo Dein jauchzender Aufschrei,
Der mich an Grußesstatt
Immer empfing?
»Müde bist Du, sterbensmüde,
Kleine Geliebte?«
Komm an mein Herz
Laß mich diesen zarten Busen,
Der mir einstmals
Voll und wogend entgegenschlug,
Einmal noch röten mit lodernden Küssen.
Besser fast noch als ich
Weißt Du es selbst,
Kleine Geliebte,
Krank bist Du, todeskrank,
Nichts kann Dich retten
Aber eine Nacht, eine Nacht
Laß uns glücklich noch sein
Mög auch von Deinem Mund
Tödlich das Gift
Überfließen zu mir,
Was liegt daran –
Sterbend noch wollen wir
Höchster Wonnen tödliche Freuden
Ausgenießen.

Rückkehr

Wieder ruht mir in den Armen
Der geliebte braune Körper
Mit dem dunklen Kranz der Haare
Auf der heißen, vollen Brust.


Wieder bett ich meine Lippen
Und mein tränenfeuchtes Antlitz
In das warme, duftdurchströmte
Lebenslust-durchglühte Fleisch.


Und die braunen, starken Arme
Pressen sich um meinen Nacken
Unter Lachen, unter Tränen,
Leidenschaftlich, wild und heiß.


Ja, Du bist der Born der Liebe,
Bist der Anfang und das Ende,
Und der müde Wandrer wendet
Nach der Fahrten trübem Irrsal,
Freudig wieder heim zu Dir.

Nur Vergessen

Diese Wangen, diese bräunlich bleichen,
Dieses dunkle, leichtgewellte Haar;
Diese Lippen, diese tollkirschgleichen;
Dieser Augen rabendunkles Paar;
Diese Brauen, dicht und schwer gezogen;
Dieser Wimpern nachtgefärbter Samt;
Dieser Leib, so müd zurückgebogen;
Diese Hände, weich und glutdurchflammt –


Aus dem Herzen hast Du mir getrieben,
Was es gut und stark und groß gemacht,
Tot ist alles, nur ein krankes Lieben
Zittert fäulnisfahl durch meine Nacht.
Nun, so laß das irre Haupt mich pressen
Tief ins duftdurchtränkte, weiche Haar,
Wahnwitz oder Liebe – nur vergessen,
Was ich bin und was ich war.

Liebesschauer

Liebesschauer mir im Herzen wühlen,
Deiner Schönheit blutigem Altar,
Sturmgewaltig wettert durch mein Fühlen,
Atemloser Wonnen wilde Schar.
Aus des Herzens abgrundtiefen Schachten,
Wo Gedankenfluten hoch gerollt,
Die den Weltenbau ins Wanken brachten,
Wenn empor zum Lichte sie getollt,
Quellen Lieder, Deiner Schönheit trunken,
Sausen Flammen irrer Liebesglut,
Meine großen Ziele sind versunken,
Bleich und todesstarr mein Wille ruht; –
Wehr und Waffen hat der Rost zerfressen,
Daß ich einstmals stritt, – ich weiß es kaum;
Meine Sendung hab' ich längst vergessen –
Nur für Dich hat meine Seele Raum

Schweigend

Wir haben in seligen Nächten
Blutsaumige Küsse getauscht,
Wir haben in stöhnenden Wonnen
Die hungernden Seelen berauscht.


Wir liebten uns bis zur Erschöpfung
Und liebten auch dann uns noch fort,
Doch niemals entglitt unsren Lippen
Ein einziges zärtliches Wort.

Ein Souvenir

O grabe der herrlichen Zähne
Blauschimmernde Perlenreihn
In raubtierwild-rasenden Küssen
Tief in die Schulter mir ein


Wir wollen noch einmal erkämpfen
Den heißesten, höchsten Genuß,
Eh' von dem erschlaffenden Körper
Die Gierde weichen muß.


Der brennenden fiebernden Wunde
Wollustdurchfolterte Qual,
Sie sei unsrer sterbenden Liebe
Blutiges Totenmal.

An C. C.

Zum Abschied will ich's offen Dir gestehen,
Dein helles Lachen machte mich nervös;
Du weißt, ich bin bizarr – vielleicht auch bös,
Denn manchmal muß ich Tränenelend sehen.


Und wenn auch grundgescheite Männer meinen,
Der größte Schatz sei stete Fröhlichkeit,
So sag' ich trotzdem keck: Von Zeit zu Zeit
Verleiht pikanten Reiz ein bißchen Weinen.

O lasse mein Flehn –

O lasse mein Flehn Dich erweichen
Und kehr' zu den Deinen zurück.
Weitab dort, im Schatten der Eichen,
An schilfrohr-umflüsterten Teichen,
Dort blüht Dir vielleicht noch ein Glück.


Doch hier, in dem dumpfen Gewühle
Der Stadt, in der Sünde Revier,
Du Reine, Waldeskühle,
O sprich: was willst Du hier?


Du wirst Deine Jugend versäumen
Und Deiner Seele Heil
In nervenerschlaffenden Träumen,
In Wonnen, wollustgeil,
Du wirst, mit erloschenen Blicken,
Der Nacht entgegenziehn,
Und wirst Deine Qualen ersticken
Gleich mir in Absinth und Morphin.


O lasse mein Flehn Dich erweichen
Und kehr' zu den Deinen zurück.
Weitab dort im Schatten der Eichen,
An schilfrohr-umflüsterten Teichen,
Dort blüht Dir vielleicht noch ein Glück.

Ahnung

Du schlummerst, – am Busen Geschmeide –
Als lebendes Titianbild,
Ein Schleier von rötlicher Seide
Den mattweißen Körper umquillt.


Wie leuchtet ums Antlitz, das bleiche,
Der Rosen brennende Pracht;
Wie zittert Dein Busen, der weiche …
Du träumst wohl von Freuden der Nacht?


Du wirst mit saugenden Küssen,
Mit rasender Liebeswut
Mein Herz erst wecken müssen,
Vielleicht sogar mit Blut.

Liebe

Du hast Deinen brünstigen Leib mir geschenkt,
Mit rasender Wollust das Hirn mir durchtränkt –
Ich aber ich dürste nach Liebe.


Der Wollust berauschender Opiumwein,
Er lullt ja die brennende Sehnsucht nur ein,
Die brennende Sehnsucht nach Liebe.


Im Wahnwitzgejauchz' dionysischer Gier
Aufzittert noch immer, noch immer in mir –
Die schreiende Sehnsucht nach Liebe.

Gebet

Wenn Du kein Popanz
Heuchelnder Pfaffen bist,
Herr des Himmels,
So hör' meinen Schrei
Laß Deiner Blitze
Zischende Schlangen
Niedersausen aufs schuldige Haupt mir,
Tilge die Sünden durch sühnenden Tod;
Oder reiße mir aus der Seele
Mit nerviger Faust
Den Stachel der Lust;
Pflanze die Kraft zur Buße
Tief in den zuckenden Leib,
Aber hilf mir, hilf mir, hilf mir
Oder es soll
Wie rachebrüllendes Volksgewimmel
Empor zu Deinem Thron
Die Schar meiner Flüche steigen,
Die Flut meiner Lästerungen
Soll Deinen Thron verschwemmen
Und Dich selber, Herr des Himmels,
Niederzerren in Nacht und Kot.

Klage

O hättest Du nur einmal
Die brennende Stirn mir gekühlt,
Entflohen wären die Geister,
Die meine Seele zerwühlt.


Du aber hast mit Grausen
Von mir Dich abgewandt,
Und weigerst dem Irrenden, Kranken
Für immer die rettende Hand.


Zerstoben ist und zerronnen
Der Traum vom reinen Glück,
Und wieder bin ich verfallen
Dem alten, wüsten Geschick.


Wohlan, Ihr Dämonen der Sinne,
Steigt auf, hebt Euch empor,
Ich will mein Bewußtsein ertöten,
Vergessen, was ich verlor.

Wieder grüßen Deiner Augen –

Wieder grüßen Deiner Augen
Märchenhafte Zaubersterne
Herab zu mir,
Vom bleichen Antlitz,
Dem unnennbar süßen,
Und die alte, heiße Liebe
Lodert auf;
Wie vom Ätna Feuerströme,
Brechen aus den Flammenaugen,
Aus den mächtig, dunklen Sternen
Wilde Gluten in mein Herz,
Und mich faßt ein stürmendes Verlangen,
Eine brennend heiße, tolle Sehnsucht,
In die Arme wollustschauernd
Dir zu stürzen,
Deines Mundes Küsse aufzusaugen
Wie den Sonnenstrahl der Heliosblume …
Und Du siehst die Flammen in mir wühlen,
Siehst den Leib in Liebeskrämpfen beben –
Und Du lächelst kühl und spöttisch.

Verurteilt

Du hast den Richterstab gebrochen
Ob meinem schuldbeladenen Haupt,
Hast klug, sogar gelehrt gesprochen
Und hast vielleicht es selbst geglaubt.


Du sprachst mit vieler Geistentfaltung
Für eine Frau beinah' zu frei,
Wie meiner Seele Mißgestaltung
An allen Fehlern schuldig sei.


Mich könne niemand mehr erretten
Vom Übel und vom Untergang,
Und meiner Sünden Sklavenketten,
Ich trüge sie mein Lebelang …


Ich aber möcht' Dir heimlich sagen,
Du kennst mich nicht, o nein, o nein,
Noch kann mein Herz für Großes schlagen,
Noch ist mein tiefstes Wollen rein.



Und würdest Du zu mir Dich neigen,
Es brächte Deiner Liebe Kraft
Für Zeit und Ewigkeit zum Schweigen
Den Dämon meiner Leidenschaft.


Du aber, ach, Du kannst nicht lieben,
Nach Männlichkeit Dein Trachten geht,
Ich seh' die Rettungsfrist entstieben,
Wie lang noch – und es ist zu spät.

Sehnsucht

Ich sehne mich nach einer Traumgestalt,
Nach einem unberührten, keuschen Wesen,
Das noch im Buch der Sünde nicht gelesen,
Das Wollust nicht einmal im Geist umkrallt.


In ihrer Seele müßte Mitleid wohnen
Mit jedem Menschen und mit jedem Tier,
Am allermeisten aber doch mit mir,
In dem das Elend und die Marter thronen.


Und wie vom übervollen Weinpokal
Die goldnen Fluten achtlos niederschießen,
Müßt' ihre Himmelsreinheit mich umfließen
Und tilgen meiner Seele Sündenqual.

Reinigung

Und als Du leise mich geküßt
Und Dich mir angeschmiegt,
War mir's, als ob ich weinen müßt' –
Mein Lieb, Du hast gesiegt.


Der brandigen Gedanken Heer
Vertrieb Dein junger Mut,
Mein ganzes Herz begierdeleer
In Deinen Händen ruht.


O hab' mich lieb und bleib' bei mir
Und mach' mich ganz gesund,
Zeitlebens will ich's danken Dir
Aus tiefstem Herzensgrund.

Entgöttert

O daß ich doch von dir geschieden wäre,
Als ich am Gipfel meines Glückes stand;
Nur süße Schmerzen hätt' ich dann gekannt,
Nicht diese grenzenlose, wüste Leere.


Denn all mein Lieben ist zu nichts zerronnen,
Und all mein Glück zerfiel in eklen Staub;
Daß Du, auch Du, mein Lieb, der Sünde Raub, –
O daß ich die Erkenntnis nie gewonnen.


Der Dich so süß verklärt, der Heil'genschimmer,
Verblichen ist er, und ein Phosphorlicht
Mit bläulichgrünen Strahlen Dich umflicht, –
Ich aber glaub' an reine Liebe nimmer.

Heimsuchung

Und wieder durchwindet den heißen,
Gemarterten Körper ein Krampf,
Die Zähne die Lippen zerbeißen,
Weit offen die Augen ergleißen,
Sie schauen nur rötlichen Dampf.


Die tobenden Nerven erlechzen
Der Wollust Opiumwein,
Das liebeverlangende Ächzen,
Nun wird es zum Fauchen und Krächzen –
Jetzt mußt Du zu Willen mir sein.



Dem seligsten Sterben ergeben,
Verschlungen, verbissen, verkrallt,
Die brennenden Leiber erbeben –
Und rasend flutet das Leben
Und wütet der Liebe Gewalt.

Unvertilgbar

Einmal
Ein einziges Mal nur
Möcht' ich mich ganz vergessen
In Deinen Armen,
Möcht' ich bewußtlos trunken sein.
Aber ach,
Mag den zerfallenden,
Siechgefolterten Leib
Peitschen, schütteln, zusammenwinden
Höchste Wollust,
Immer noch, immer noch
Kann ich denken,
Kann ich mich selbst zerfasern,
Regt sich noch
Mein verfluchtes,
Elendes Ich

Mir ist es gleich

Ich weiß, daß Deine Liebe
Verkäuflich ist;
Ich weiß, daß Dir der Reichste
Der Liebste ist;
Ich weiß, daß diese schäumenden Ekstasen
Erheuchelt sind,
Daß sie nur künstlich Deinen Leib durchrasen,
Mein bleiches Kind;
Ich weiß, daß dieses traumverlorne Flüstern,
Daß dieser liebesirre, heiße Blick
Ein wohlgeübtes und ein oft erprobtes
Komödienstück;
Und dennoch fühl' ich mich an Deinem Busen
Beglückt und reich;
Ob Wahrheit oder Lüge diese Liebe,
Mir ist es gleich

Dämmerung

Zur Abendzeit, wenn sich die Wolken färben,
Wenn Alles glüht in rötlich-gelbem Licht,
Da muß der Sinne Glut in mir ersterben,
Und keusch und lauter meine Seele spricht, –
Zur Abendzeit, wenn sich die Wolken färben.


Und es erwacht in ihr ein tiefes Sehnen,
Nach keuscher Liebe zittert ihr Gebet,
Und niederrieseln ätzend-scharfe Tränen,
Sie weiß es wohl, daß es zu spät, zu spät
Und immer qualenreicher wird das Sehnen.


Mit stiller Freude sehn es die Dämonen
Und flüstern süß-verlockend ihr ins Ohr:
Wir wollen Dich für jede Qual entlohnen,
Auf, auf, sei stark und raffe Dich empor
Und immer süßer locken die Dämonen


Erstorbne Gluten wieder sich entflammen,
Es stöhnt das Herz nach jener Trunkenheit,
In welcher das Bewußtsein bricht zusammen,
Nach Wollustkrämpfen meine Seele schreit;
Erstorbne Gluten wieder sich entflammen

Ich weiß, –

Ich weiß, Du bist entstiegen
Des Mondes eisigem Pfühl,
Durch Deine Adern fliegen
Und wiegen
Lichtwellen bleich und kühl.


Ich hab' mit Dir Erbarmen,
Erbarmen auch mit mir.
Du wirst in meinen Armen
Erwarmen, –
Ich werde kalt bei Dir.

Satanella

1.

Wenn die Gluten des Weines
Dein Antlitz röten,
Bleiche Madonna,
Dann flieh' meinen Augen.
Ich bete Dich an
Und liebe Dich grenzenlos, –
Aber nur mit todesblassen Wangen;
Doch zeigst Du Dich mir
Durchflutet vom Feuer
Des spanischen Weines,
Sanft erglühend,
So faßt mich die Lust,
Die schreiende Lust,
Dich zu küssen, zu küssen, zu küssen,
Und im Kuß zu erdrosseln; –
Denn Du mußt bleich sein,
Totenbleich.

2.

Ruhbedürftig, liebesübersättigt,
Sinkt nach tobenden Genüssen
Dein gespensterblasser,
Herrlicher Leib
Keuchend zurück.
Weit geöffnet, in schweren Atemzügen
Zittern die Nüstern,
Und im leisen Nachkrampf
Zerren sich die hochgeschürzten Lippen …
Langsam steigt von Deinem tiefgelegnen
Onyxdunklen Auge
Deines Lides leichtumblauter,
Schwerer Schleier.
Liebesicher und hochmut-funkelnd
Glutet Dein Blick in meinem …
Plötzlich, den hilflos-zornigen,
Liebezermarterten Leib
Machtvoll niederzwingend,
Wühlt sich der Wille zur Wollust
Nochmals stürmisch auf aus Deiner Seele,
Und herüber zu mir
Zischt Dein gewaltiges
Grauenhaft süßes:
»Her zu mir«

3.

Blaugrünes Ampellicht
Flutet in vollen Strömen,
Wie zitternder Weihrauchdampf,
Wie phosphorschimmernde Mondesgloriole
Um Dein weit zurückgebogenes,
Geisterhaft herrliches Haupt;
Schreckhaft leuchten
Aus dem mattgetönten Antlitz
Deiner Augen
Bräunlich violette Ringe.
Düster glosend wie Granaten
Wühlen und drängen und bohren sich
Deine gewaltigen, bannenden
Flammensterne
Tief hinein ins Herz meines Herzens …
Nein, ich kann nicht,
Kann nicht widerstehen
Diesem wortlos-heißen Wollen,
Dieser liebesirren Bitte –
Nimm mich hin

4.

Ineinander schlingen sich die Glieder …
Aus Deinem hoch aufwogenden,
Wonnegepreßten Busen quillt
Ein seliges Seufzen und Stöhnen …
Wieder wirft und biegt sich mein Leib
In markaussaugenden Krämpfen der Lust …
Durch jede Nervenfaser bebt ein Sturm …


Von Deinen blutig gebissenen Lippen bricht
Unheimliches Freudengeheul –
Weiter wütet die Liebesfeier.

5.

Zerfetzte Kamelien
Im heliotrop-durchtränkten,
Blauschwarzen Haar;
Die strotzende Brust,
Dicht an die meine gebettet,
Mich umschlingend
Mit den kußgeröteten Armen,
Mit dem ganzen schlangengeschmeidigen Leib –
Also teilst Du mein Lager.
Agonie der Wollust,
Süß betäubende,
Hat Dir langsam
Deine fiebernden Sinne
Eingeschläfert,
Hat die hochgespannten,
Pressenden Muskeln
Leise gelöst.
Ruhig steigt Dein Atem
Auf und nieder
Und ein Lächeln,
Eines glücklichen Kindes
Seliges Lächeln,
Streift verklärend,
Dämon verscheuchend
Über Dein Antlitz.



Rhythmen

(Erste Reihe)

Ein Stern geht auf in meines Herzens Nacht,
Der neues Leben mir verspricht,
O lüge nicht

Heine.

1.

Totenmüde,
Mit wankenden Gliedern,
Mit fiebernder Stirne
Steh' ich auf dürrer,
Trostloser Heide.


Mein Herz ist zerfressen,
Qualenzerrissen
Und halbvermodert.
Mich schreckt nicht mehr
Der zischenden Blitze
Todkündendes Funkeln,
Nicht der Bestien
Näher schwellendes,
Hungriges Heulen.


Und wenn am dunstigen,
Bleifarbenen Himmel
Schimmernde Schemen
Fata Morganas
In brennenden Farben
Lockend erglänzen, –
Ich bleibe kalt.


Was noch vor Monden
In meiner Seele
Rasende Flammen,
Zuckende Wonnen
Emporgewirbelt,
Ich seh es kaum.
Mein Fühlen ist tot. –


Vorübergegangen
Ist Wollusttoben,
Knirschender Zorn
Und fressende Reue.
In mir ist Stille,
Tiefste Stille,
Stille des Todes.

2.

Noch einmal steigt
Das alte, süße Wahngebilde
Schmeichelnd empor;
Laute, – lang entbehrte, milde, –
Klingen zaghaft süß ans Ohr.
O führet mich nicht in Versuchung –


Mein Herz ist schwach,
Alle die Täuschungen,
All der bacchantische Taumel, ach,
Nichts kann ertöten
Ewig aufsteigender Liebessonnen
Morgenröten.

3.

O Liebe, o Liebe,
Du bist unsterblich
Noch einmal regt sich
Auf meines Herzens
Verkohlter Trümmerstätte
Ein Frühlingsahnen.


O dürft' ich glauben?


Vom dunklen Grunde
Unnennbarer Qualen
Ringst Du Dich auf,
Heilige Liebe.



Ich glaub' an Dich
Zum letzten,
Zum allerletzten Mal.
Wenn auch Du nichts weiter bist
Als eine Täuschung,
Schmerzengeborene Liebe, –
Ein Rausch der Sinne,
Oder ein flüchtiges Spiel
Höhnender Schicksalsmächte,
Dann bin ich vernichtet,
Zermalmt und zerbrochen
Für immer und ewig.


O lüge nicht,
Heilige Liebe,
Schmerzengeborene.



Rhythmen

(Zweite Reihe)

Ich fühl' im Herzen tief die Liebe singen.

Vrchlicky.

1.

Dein Antlitz ist bleich und rein
Wie Mondlicht.
Nur Deine Lippen lodern
In brennendem Rosenrot.
Weich und tief,
Versöhnung singende Orgellaute,
Quellen Worte des Herzens
Von Deinen sündhaft schönen Lippen,
Und in meine zuckende Seele
Träufelst Du
Lindernden Balsam.

2.

So laß mich knien vor Dir
Tief im Staube,
Laß mich Deine schmalen Hände
Leise küssen;
In diesen tränenfeuchten,
Dunklen Augen
Wohnt das Mitleid,
Wohnt die Alles vergebende,
Göttliche Liebe.
O laß mich knien vor Dir
Tief im Staube. –

3.

Ich möchte beten,
Beten aus tiefster Seele, –
Und weiß nicht zu wem;
Denn ich glaub' es nicht,
Daß über der Sterne
Funkelndem Reigen
Ein Vater thront.
Und so sing' ich denn
Meiner Seele Jubelfanfaren,
All ihre jauchzende,
Trunkene Seligkeit
Hinaus in die Welt,
In die kalte, blütenarme Welt:
Noch kann ich lieben,
Noch kann ich lieben,
Tief und keusch und wunschlos
Ich möchte danken –
Und weiß nicht wem,
Ich möchte singen, weinen und beten.

4.

Kalt und schneidend
Zog der Dezembersturm
Über meiner Seele
Weiße Rosen.
All die süßen,
Frühlingstrunken,
Aufblühenden Knospen
Hangen nieder und sinken nieder,
Verbrannt und verdorrt,
Von Frost und Rauhreif.
Weiße Blätter rieseln, rieseln
Eins ums andere
Immer weiter,
Endlos weiter.
Doch wenn sie die Dornen berühren,
Die bösen Dornen,
Dann sickern dunkelrote,
Blutige Tropfen
Aus den weißen,
Zarten Blüten.
Es ist heißes, starkes,
Achtlos verquellendes Herzblut …

Vergeblich

Ich habe gewartet von Tag zu Tag,
Ob nicht ein Zeichen mir werden mag;


Ich habe gewartet, gläubig und fromm,
Und habe gebetet: O komm, o komm


Doch ein Tag zog nach dem andern vorbei, –
Vergeblich erklang meiner Sehnsucht Schrei …



Das alte Leben von Neuem beginnt,
Der Strom meiner Liebe – im Schmutze verrinnt.



Madonna Lucia

Madonna Lucia

1. Teil

1.

Und bist Du wie Marmor so starr und so kalt
Und kennst Du der Liebe Dämonengewalt
Bisher nur vom Sagen und Singen,
So wallet wie siedende Lava mein Blut
Und weckt auch in Dir die verhaltene Glut –
Ich will Deine Lieb' noch erzwingen


Lagst Du mir nur einmal, nur einmal im Arm,
Und saugten die Lippen nur einmal sich warm,
Im tobenden Aufruhr der Sinne,
Dann bricht auch in Deine gefühllose Brust
Bacchantisch, unzähmbar, für immer die Lust,
Dann schwörest auch Du zu der Minne.

2.

Du mußt in mir versinken,
Mir ganz zu eigen sein,
Ich will Deine Seele trinken
Wie feuerflüssigen Wein;
Und wenn sich zur Liebesekstase
Die schäumende Wollust gesellt,
In stammelndes Liebesgeflüster
Der Schrei des Genusses gellt,
Und wenn dann – fester und fester –
Dein zitternder Arm mich umschlingt,
Und in die erstickenden Küsse
Lethargisches Röcheln erklingt, –
Dann bist Du für immer mein Eigen,
Du sinneberückendes Weib,
Und mein ist die mystische Seele
Und mein ist der leuchtende Leib …
Du mußt in mir versinken,
Mir ganz zu eigen sein,
Ich will Deine Seele trinken,
Wie feuerflüssigen Wein.

3.

O laß mich, laß mich umranken
Die schmiegsam volle Gestalt,
Laß Busen mich betten an Busen
Mit stürmischer Glutengewalt.
O laß mich in trunkener Liebe
Durchwühlen Dein flimmerndes Haar,
Wundküssen die zuckenden Lippen,
Der Lider kühles Paar.
Ich liebe Dich übermenschlich,
Du bleiches Medusengesicht,
Und weiß, daß Deine Seele
Schon für die meine spricht.
Was soll das törichte Weigern,
Das halberstickte »Nein«,
Du wirst in meinen Armen
Noch todeszärtlich sein

4.

Es schläft in Deinem Auge
Ein Liebeswahnsinn-Atom,
Noch scheut und fürchtet die Seele
Den tosenden Flammenstrom.
Ich aber will ihn entfesseln,
Und sei es mit frevelnder Faust,
Ich will, daß sein Gluthauch betörend
Zwei selige Menschen umsaust.
Auch Deine Seele dürstet
Nach einem Liebesmeer,
Es brennen und glühn Deine Hände, –
Dein Herz glüht tausendmal mehr.
Du schweigst und Du zitterst, Lucia,
Und über Dein Antlitz fliegt
Ein heißes, dunkles Erröten –
Lucia – Du bist besiegt

5.

Ein fahles Mondlicht zittert
Durchs offene Fenster herein,
Dein nackter Leib erschimmert
Wie mattes Elfenbein;
Die halbgeschlossenen Augen,
Sie glühen begehrend mich an –
Dann flüsterst Du innig und leise:
Du lieber, Du teurer Mann.
Und Deine kühlen Arme,
Sie reißen mich an die Brust,
Und ich küsse die wogende, heiße,
Und wilder erfaßt uns die Lust.
Von Deinen Lippen ringt sich
Ein jauchzender Liebesschrei, –
Und achtlos rollen die Stunden
In endlosen Küssen vorbei.

6.

Der Tag ist langsam verronnen,
Die Nacht bricht endlich herein,
Zu seliger Liebe Wonnen
Leuchtet der Sterne Schein.
Wie sind Deine schneeigen Glieder
Vom Feuer der Liebe durchloht, –
Und wieder küss' ich und wieder
Die Lippen so heiß und so rot.
Den Haaren die Funken entstieben,
Wenn zitternd die Hand sie durchwühlt,
Ja, Du kannst küssen und lieben,
Wie Du hat noch keine gefühlt.
Gefangen nimmst Du die Sinne
Das Herz und den Geist und den Leib,
Du bist die Fürstin der Minne,
Du liebegewaltiges Weib. –


Schon brennt die Ampel trüber,
Schon zeigt sich Frührotschein –
Wär' erst der Tag vorüber
Und bräch' die Nacht herein.

7.

Die müden Leiber ruhen
Jedweder Regung bar,
Und um uns beide flutet
Narkotischen Duftes Dein Haar.


Noch sind die heißen Glieder
Einander angeschmiegt,
Noch küssen sich die Lippen,
Bis uns der Schlaf besiegt.

8.

Aus dunklen Seelentiefen
Steigt's herzerschütternd empor,
Es quellen qualengepeitschte,
Wildschmerzliche Tränen hervor.


Wie hab' ich einst empfunden
So lauter, keusch und tief,
Eh' Dein berückender Anblick
Die schlafende Wollust rief.

9.

Ich könnt' Dich erwürgen, Lucia,
Wie giftige Vipernbrut,
Ich möchte Dein Antlitz zerfetzen,
Zerstampfen in rasender Wut.


Was stachelst Du wieder und wieder
Erlöschende Sinnengier,
Hinweg mir aus den Augen,
Mir ekelt, ekelt vor Dir.

Intermezzo

1.

Durch meine Träume zittert
Der Erde reinste Gestalt,
Die dunklen Augen strafen
Mit göttlicher Gewalt.


Doch eine Träne rieselt
Von ihrem Angesicht,
Die mir von Mitleid, Liebe
Und von Erlösung spricht.

2.

O sieh meine Seele verfaulen
In Elend, Sünd' und Qual,
O neige Dich erbarmend
Zu mir ein einzig Mal.


O lege Deine Hände
Nur einmal weich und mild
Auf meine heiße Stirne,
Du reinstes Frauenbild.


Dann wird sie von mir weichen –
Die dumpfe Sinnengier,
Aus Elend, Not und Sünde
Schrei' ich empor zu Dir.

3.

O laß bei Dir mich wohnen,
Bei Dir mich immer sein,
Erlösung kann mir werden
Bei Dir, bei Dir allein.


Denn nur bei Dir ist Frieden
Und stilles, tiefes Glück,
O sei nicht grausam, stoß' mich
Nicht in die Nacht zurück.

4.

Dein Name klingt so süß und weich,
Ist ganz und gar Dir selber gleich,
Du blasse, zarte Lilie.
Ich will ihn nicht entweihen,
Nicht an die andern reihen
Aus alter, trüber Zeit,


Wo Sinnengier und Leidenschaft
Mit trotzig ungestümer Kraft
In meinem Herzen wühlte;
Wo ich verträumt die Tage
Und abends beim Gelage
Der tollste Zecher war.


Mit Deiner Liebe milder Kraft
Hast Du den Bann der Leidenschaft
Zerschmettert und gebrochen.
Ein tiefes, keusches Lieben
Ist alles, was geblieben,
Und das gilt Dir allein.

5.

Und wieder nah'n die düstern,
Hohläugigen Geister der Nacht,
Mit sinnbetörendem Flüstern
Und prüfen gierig und lüstern
Die alte, gewaltige Macht.


O rette, Geliebte, rette
Hör' meinen verzweifelnden Schrei
Nicht schreckt sie die heilige Stätte,
Sie schließen um mich ihre Kette,
O hilf, o steh' mir bei


Auflodert das tollste Begehren,
Der Sünden schlummernde Brunst,
Bei ihrem Gifthauch schwären
Der Seele Wunden und leeren
Ins Hirn ihren krankhaften Dunst.



Mein tiefes, keusches Lieben
Die flammende Gier durchloht,
Die reinen Gedanken entstieben,
Und nichts ist zurück mir geblieben,
Als wollustrasende Not.


Sieh meine zuckenden Glieder, –
Des Mundes blasigen Schaum;
O neig' zu mir Dich nieder, –
Hinweg das starre Mieder,
Für meine Lippen Raum


Hinweg von Deinen Brüsten
Das faltige Schleiergewand,
Es ringt mein ganzes Gelüsten
Nach keuschen, ungeküßten,
Hinweg, hinweg Deine Hand


Ich fühle mein Aug' sich verglasen,
Mein Leib verkohlt, verbrennt,
Jetzt mußt Du mit mir rasen, –
Mußt teilen meine Ekstasen,
Der Seligkeit höchsten Moment.

6.

Auch Dich hab' ich, reinste der Frauen,
Mit Lasterbegierden entweiht.
Nicht darf ich Dein Antlitz mehr schauen
In Ewigkeit.


Mein Herz ist im Schlamme versunken,
Gespenstig flackert in mir
Nur Sehnsucht, wahnwitztrunken,
Und kranke Gier.


Was soll mein schluchzendes Ringen,
Der Seele Verzweiflungsgebet?
Ich kann die Dämonen nicht zwingen – –
Es ist zu spät.

Madonna Lucia

2. Teil

1.

Ich grüße Dich, Taumel der Sinne,
Hirnzehrendes Autodafé,
Nur Du kannst löschen und dämpfen
In rasenden Wollustkrämpfen
Der Seele schneidendes Weh.
Ich grüße Dich, Taumel der Sinne.


Mein Hoffen, mein Träumen, mein Sehnen,
Es liegt im Staube zerschellt.
Wer Lust hat, umkreise die Trümmer
Mit tränendem Aug', mit Gewimmer,
Bis selber zusammen er fällt.
Ich aber, ich lenke die Schritte
Zu Dir, Lucia, zurück, –
Du wirst mich gierig umpressen,
Und ich, ich werde vergessen
Mich selber, die Welt und das Glück.



Ich grüße Dich, Taumel der Sinne,
Hirnzehrendes Autodafé,
Nur Du kannst löschen und dämpfen
In rasenden Wollustkrämpfen
Der Seele schneidendes Weh.
Ich grüße Dich, Taumel der Sinne.

2.

Der Traum der keuschen Liebe,
Längst ist er ausgeträumt,
Es tanzen und toben die Nerven,
Das Blut zum Hirne schäumt;
Es bricht sich in wilden Kaskaden
Am Herzen, verdorrt und versteint,
Das seine verbissenen Qualen
Verschüttet und ausgeweint.
Ich will meine Zähne vergraben
In Deinem knirschenden Haar,
Im Blutrausch will ich vergessen,
Daß ich ein Anderer war.
Ich weiß, Du kannst genießen,
Unfaßbar, riesenhaft stark,
Wohlan, so genieß' mich, Lucia –
Es schreit nach Fäulnis mein Mark.

3.

Im Herzen wühlt und lodert
Die wüsteste, tollste Begier
Und reißt und stößt und peitscht mich,
Madonna Lucia, zu Dir.
Die Glieder schauern und beben,
Das Auge Flammen sprüht,
Wie kochende Lavaströme
Das Blut meine Adern durchglüht.
Ich flehe Dich an, o gebrauche
Die göttlich dämonische Macht,
Die meine zerfaserten Nerven
Zum rasendsten Taumel entfacht.
Und wenn an Deinem Busen
Zum Wahnwitz schwillt die Lust,
Dann, üppigste, geilste der Schlangen,
Erwürg' mich an Deiner Brust.

4.

Und wieder umpreßt und umschnürt mich
Das grauenhaft herrliche Weib,
Es brennt und zuckt und zittert
Morphiumgesättigt ihr Leib.


Jedwede Muskelfaser
Sich zum Zerreißen dehnt,
Die schrankenlosesten Freuden
Das trunkene Hirn ersehnt.


Es hebt in wilden Stößen
Schweratmend sich die Brust,
Durch jede Fiber rieselt
Bewußtseinertötende Lust.


Dein Feuerauge funkelt
In brünstiger Liebesgier,
Jetzt ist die Zeit gekommen, –
Geliebte, – jetzt sündigen wir.

5.

Die bläuliche Haarflut umschattet
Dein müdes, entfärbtes Gesicht,
Aus dem mit unendlichem Zauber
Schwermütige Grausamkeit spricht.


Wenn auch der gemarterte Körper
Sich gegen die Liebe schon bäumt,
Von qualengeborenen Wonnen
Die trotzige Seele noch träumt.


Ihr wühlendes Flammenbegehren
Höhnt jeglicher irdischen Glut;
Du wirst noch die brennende kühlen
In des Geliebten Blut.

6.

Du hast mit krampfigen Griffen
Die dampfenden Glieder enthüllt,
Du hast bei meiner Umarmung,
Eine brünstige Wölfin, gebrüllt.


Dein fieberglühendes Auge,
Von rötlichen Linien durchsprengt,
Im Überreize tränend,
Blutgierig an meines sich hängt.


Festklammern sich knirschend die Zähne, –
Jetzt sprengt ihren Wall ein Gekreisch –
Ein Aufschrei, – und sie graben
Und wühlen mir im Fleisch.

7.

Ich hab' in Deiner Seele
Das schlafende Feuer entdeckt,
Und seine verheerenden Gluten
Mit tollem Jauchzen geweckt.


Die Flammen lodern und steigen,
Mein Leib versiecht und verfällt,
In Schande, Blut und Vernichtung
Dein schmetterndes Lachen gellt.


Die blutige, blasse Madonna,
Mit Augen bräunlich umringt,
Die stachlichte Knute der Liebe
Ins Herz mir, ins zuckende schwingt.


Die dunkelroten Tropfen,
Sie perlen langsam zu Tal,
Und Leib und Seel' durchschüttert
Die tödlichste Wonne der Qual.

8.

Du bist meine Herrin geworden,
Bacchantisch berauschendes Weib,
Trink' aus, trink' aus meine Seele,
Zerstör' den vergifteten Leib.


Ich kann nicht mehr heißer empfinden,
Ich reiche zu Dir nicht hinan,
Du bist der Dämon der Liebe
Und ich – ein sterblicher Mann.

9.

Leb' wohl, Madonna Lucia.
Dem Untergang bin ich geweiht,
Ich habe geliebt und genossen,
Verflossen
Ist meines Lebens Zeit.
Leb' wohl, Madonna Lucia.


Der todeswunde Adler
Nach öden Felsen kreist,
Er kann kein Mitleid brauchen,
Verhauchen
Will einsam er den Geist. –
Leb' wohl, Madonna Lucia.



Nachklänge

Bekenntnis

Ich habe zerwühlt und zerbissen
Mein Kissen
In ächzenden Qualen der Nacht,
Am Tage dann Witze gerissen,
Das Gewissen
Betäubt und die Schmerzen verlacht.


Ich träumte von Lilienstirnen,
Von dunkler Augen Gewalt,
Und umgab mich mit Bestiengehirnen
Und umkrampfte der wüstesten Dirnen
Lusttolle Gestalt.


Ich schien ein Apostel des Lebens
In der Fäulnis betörendem Schein
Und spottete jeglichen Strebens,
Weil ich selber gerungen vergebens,
Um »Etwas« zu sein.


Ich sprach von Göttergenüssen,
Von Küssen,
Von schwellender Glieder Pracht,
Von Freude und Glücklichsein-müssen,
Zerrissen
Von ächzenden Qualen der Nacht.

Reue

Daß mir der Vater gar so früh gestorben,
Das war für mich der allerärgste Schlag;
Das ist's, was ich beweine Tag für Tag,
Das ist der Grund, warum ich ganz verdorben.


Ach, ungestüm und liebelechzend rollen
Die Flammenbäche meines wilden Bluts,
Und jene Gabe dann des Wankelmuts
Und jenes sieche, trotzig-scheue Wollen …


O hätte meinem ersten Wollustlallen
Des Vaters gütig starke Hand gewehrt,
So wäre meine Stirn nicht lustentehrt,
Und nimmer wär ich gar so tief gefallen.

Herbstschauer

Hinter fernen dunklen Häusermassen,
Versinkt die Sonne,
Ein tränenverschleiertes,
Müdegeweintes,
Riesengroßes Menschenauge.
Der Himmel aber leuchtet
Aus schwarzen Wolkenbänken
Matt und fahl,
Schier wie ein totenblasses Menschenkind,
Ein gramgebeugtes,
Das gern, so gerne sterben möchte –
Und leben muß.
Es klingt so schaurig
Wie Krankenstöhnen
Durch kahle Bäume
Das Ächzen des Windes,
Und gelbe, dürre, verfaulende Blätter
Sie tanzen mit ihm einen taumelnden Reigen
Und flüstern und rauschen
Geschichten sich zu,
Sterbenstraurig,
Verwesungsduftig
Und totentanzlustig.
Schwer auf die kalte, starre Erde
Tropft meiner Tränen brennende Saat …
Nicht der Taumel schreiender Lust,
Nicht verspäteter Arbeit eherne Fessel
Tilgt aus der Seele den marternden Stachel,
Den das Bewußtsein
Eines verlorenen,
Achtlos verstreuten Lebens
Qualvoll hineinbohrt.

Vorwurf

Ich seh' Euch mit den Fingern nach mir zeigen,
Die Achseln zucken, lächeln dann und schweigen.
Ihr rechnet mich seit jeher zu den Tollen,
Und Mitleid nur vermögt Ihr mir zu zollen;
Doch würdet Ihr in meine Seele schauen,
Euch überfiele namenloses Grauen,
Ihr würdet mich der schwersten Sünden zeihen:
»Auf Kreuzigt ihn« so klänge Euer Schreien, –
Und einen Vorwurf nur für mich es gibt:
Ich hab' im Leben viel zu viel geliebt.

Julinacht

Die Mondeslichter rinnen
Aus sterndurchsprengtem Raum
Zur regungslosen Erde,
Die müde atmet kaum.


Wie schlummertrunken schweigen
Die Linden rund umher,
Des Rauschens müde, neigen
Herab sie blütenschwer.


Nur manchmal, traumhaft leise,
Rauscht auf der Wipfel Lied,
Wenn schaurig durchs Geäste
Ein kühler Nachthauch zieht.


Mein Herz ist ruh-umfangen,
Ist weltvergessen still,
Kein Sehnen und Verlangen
Die Brust bewegen will.


Nur manchmal, traumhaft leise,
Durchzieht der alte Schmerz,
Wie Nachtwind durchs Geäste,
Das müdgeliebte Herz.

Verzeiht

Hab' ich Euch gekränkt, beleidigt,
Zugefügt Euch herbes Leid,
O verzeiht
Ach die namenlosen Schmerzen,
Die da fressen tief im Herzen,
Machen böse oft mein Wort;
Bitter fliegt's und höhnend fort,
Trifft vielleicht Euch in die Seele,
Macht Euch herbe Qual,
Während schon mein Herz bereute
Tausendmal.

Du weißt es nicht, –

Du weißt es nicht, wie wohl es tut,
Wenn Deine feste, kühle Hand,
Die mir so manche Qual gebannt,
In meiner ruht.
Dann ist's, als ob versiegen wollt'
Der Glutstrom, der mein Herz durchrollt,
Dann naht so selig kühl,
Starkflutend, ein Gefühl,
Als könnt' auch ich auf Erden
Noch einmal friedlich werden,
Als könnt' ich überwinden
Und jene Stätte finden,
Auf der mir sternenweit
Die Lust und auch das Leid.

Menschenleben

Ein schrankenloses Sehnen und Verlangen,
Ein stetes Suchen und ein stetes Meiden,
Ein hoffnungsfreudiges Erwartungsbangen,
Und dann aufs neue der Enttäuschung Leiden,
Ein zornig-wildes Rütteln an den Ketten,
Ein heißer Fluch den namenlosen Plagen,
Ein Klageheulen auf den Marterstätten –
Und stumpfergebnes Wiederweitertragen.
Ein Sinnenrausch anstatt der echten Liebe,
Und doch nach ihr ein atemloses Streben,
Und Graus und Ekel vor dem Weltgetriebe –
Das gibt den Inhalt für ein Menschenleben.

An M. H.

Noch bin ich jung an Jahren,
Noch glänzt mein Scheitel braun,
Doch wärest Du im Klaren,
Was ich erlebt, erfahren,
Dir würde sicher grau'n.
Du würdest nimmer meinen,
Wie heut' so herzlos kühl,
Daß alt ich wollte scheinen, –
Du würdest mich beweinen,
Nicht höhnen mein Gefühl.

Zurück

(Den guten Freunden.)

Mein Innerstes wollt Ihr nach außen kehren,
Betasten wollt Ihr meiner Seele Schwären,


Durchwühlen wollt Ihr branderfaßte Wunden,
Bis Ihr zum Sitz der Qual Euch durchgefunden,


Erbarmungslos wollt Ihr das Spiel der Nerven
Zum wahnwitzwüsten Wirbeltanz verschärfen. – –


Ja, wenn Ihr kämt zu retten und zu heilen,
Ihr aber wollt Euch an der Qual begeilen,


Berauschen wollt Ihr Euch an Martertönen
Und Eurer Henker-Wollust wollt Ihr fröhnen.


O hütet Euch, ich bin ein Andrer worden,
Bin Keiner mehr vom zahmen Dulderorden;


Ich laß mich nicht auf Eure Folter schnüren,
Ich laß mich nicht durchstochern und durchspüren.


Fort, fort, hinweg, Ihr ahnt nicht, was Euch droht,
Vor meinen Augen flirrt es blutig rot.

Umsonst

Im sausenden Wettersturm,
Barhäuptig,
Bin ich hinangeklettert
An nebeltriefenden,
Feuchten Felsen,
Hinein in schauerliche Klüfte,
In des Hochgebirges
Grauenhafteste Einsamkeit
Hab' ich meiner Seele
Schäumenden Zorn,
Alle verbissenen,
Langverheuchelten Qualen gerufen;
Angeklammert an zackige Felsenbrüche,
Überhängend halb
Über den Abgrund,
Hab' ich todeslüstern
Hinunter gestarrt –
Und doch nicht Mut gefunden,
Loszulassen.
In starrendes Zwerggestrüpp
Schlug ich die fiebernde Stirn
Und vergrub meine Zähne
In knorrigem Wurzelwerk.
Aber weder der Schmerz, noch der Zorn,
Weder die Scham, noch die Reue
Tilgte meiner Gedanken
Krankhaft verzerrte,
Faulige Brut.

Rhythmen

Wär's nicht besser,
Tausendmal besser,
Statt langsam hinzusiechen,
Abzusterben Glied für Glied –
Dieses verschleuderte,
Sündenbesudelte,
Elende Dasein
Schnell zu enden?
Ich bin nichts und weiß nichts und kann nichts
Mein Leben war Wollust
Oder hie und da
Halbersticktes Geflacker
Kaum empfundner,
Schnell verrauchter Liebe.
Wem zu Gefallen
Weiterschleppen
Mein verkommenes,
Verfehltes Dasein?
Ja, wenn mein Herz und mein Hirn
Zu schweigen lernten,
Oder vergessen könnten,
Wenn das ungestüme Wollen
Meiner Seele
Zu nichts verflöge,
Wenn ich vermöchte
Still, genügsam, bescheiden zu werden,
Ja, dann vielleicht –
Aber so –
Mit Riesenwollen
Und Zwergenkönnen,
Mit lächelnden Lippen
Und brechendem Herzen.
Nein, o nein
Hinaus mit mir,
Schnell, schnell dorthin,
Wo die gefallenen Äser
Still vergraben werden …

Abgeschlossen im Dezember 1889.