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Felix Dörmann – Der köstliche Rudi und andere Geschichten

Erzählungen

Felix Dörmann, Der köstliche Rudi und andere Geschichten, Verlag Paul Knepler, Wien, 1906
Transkription von Christine Weber; wir bedanken uns.


Der köstliche Rudi.

Er hieß Rudi, war achtzehn Jahre alt und ein Dichter; er hatte eine unglaublich kleine Nase, eigentlich nur ein Knöpferl, hingegen viele blonde, gänzlich ungepflegte Haare; er war gezwungen, sich im Verlauf einer Minute mindestens dreimal den Zwicker zurechtzuschieben, weil er auf diesem Knöpferl absolut nicht halten wollte; sein Lieblingswort war »köstlich«. Alles was ihm Eindruck machte, wurde als köstlich erklärt, köstlich war für ihn der Superlativ und das überhaupt höchste . . .

Seit drei Tagen war der köstliche Rudi von ½ 6 – 6 Uhr nachmittags an seinem Zimmerfenster gestanden, von dem aus er die Stiege beobachten konnte. Rudi wartete, sehnsüchtig wie ein Verliebter; er wartete auf keine junge Dame, denn die hätte ihn nicht besuchen dürfen, weil er im Schoße seiner strengen Familie wohnte, Rudi wartete auf den Briefträger und auf die Auslandspost, die gewöhnlich zwischen ½ 6 und 6 einzutreffen pflegte.

Es war aber kein Geldbriefträger, den Rudi erwartete, es war eine Drucksache, auf die er lauerte, es war das erste Exemplar seiner Gedichte, welches endlich eintreffen mußte . . .

Endlich hielt er in den zitternden Händen das schmale, grüne Heft, sein Kind, sein Werk, seine erste Tat.

Wort für Wort, las er die 96 Seiten durch. Er fand sein Heft köstlich.

Ein Freudenrausch kam über ihn, eine gewaltige Siegerstimmung.

Er fühlte, heute ist es nichts mit dem Jus, heute gehör' ich der Welt und dem Leben an, der Liebe, den Freunden und dem Kaffeehaus – und er stürmte durchs Speisezimmer hinüber, wo er seine gute Mama zu finden hoffte, er wollte ihr das Buch zeigen – in Glanz und Herrlichkeit als wirklich gedruckter Dichter vor ihr stehen und sie dann in aller Liebe und Herzlichkeit bitten, ihm doch fünf Gulden zu pumpen, die er ihr vom nächsten Stundengeld zurückstellen wollte.

Aber die Mama war ausgegangen. Ein Tropfen Wermut fiel in seinen Freudenrausch, er hatte ja nur 2 Kronen in der Tasche.

Kann man mit 2 Kronen etwas »Köstliches« erleben? Zwei Kronen sind wenig, sehr wenig, verflucht wenig Geld! Rudi dachte einen Moment lang, das Dienstmädchen anzupumpen, aber er verwarf diesen Gedanken als nicht vornehm genug – überdies, er war mit ihr bös geworden. Vielleicht find' ich im Café jemanden, der Geld hat, dachte Rudi, ich kann nicht da sitzen und warten, wer weiß, wann die Mama kommt – und er jagte davon, in der Brusttasche fühlte er die Gedichte, in der Westentasche seine Kronen.

Wie ein Schulbub sprang er über die Treppen drei, vier Stufen auf einmal und sang dabei nach eigener Melodie:


O Königin, das Leben,
Das Leben ist so schön,
Nur muß man,
Nur muß man
Das Leben auch verstöh'n.


Und wie ein Windstoß war er beim Haustor hinausgestoben und stand auf der Straße; drei Häuser entlang und schon war er der dunklen Seitengasse entronnen und stand in der Mariahilferstraße, wo sie am hellsten und am lautesten war.

O Königin das Leben . . .

Er fühlte Kraft in den Augen, Kraft in der Seele, Kraft in den Adern, seine kleine, gedrungene Figur dehnte und streckte sich, daß die Gelenke nur so krachten; er kam sich vor wie ein siegreicher Held, der durch die jubelnden Massen mit stolzen Neigen des Hauptes langsam dahinritt! »Ich habe mein Werk in die Welt hinausgeschleudert, meine Tat getan, die Wirkung kann nicht fehlen.«

Und in seinem überströmenden Glück, jung und übermütig, nickte er wildfremden Menschen herzliche Grüße zu und jedes hübsche Mädel, das ihm entgegen kam, sah er fest an, mit herausfordernden Blicken, als wenn er ihr zurufen wollte: Na, was sagst du zu mir, bin ich nicht ein fescher Kerl! Gefall' ich dir vielleicht nicht! – und wenn du erst wüßtest, wer ich bin! Ein Dichter bin ich, verstanden! Weißt du, was das heißt? Und er malte sich das aus, wie schön das wäre, wenn die wirklichen noch öffentlich gekrönt würden wie der selige Petrarka seinerzeit am Kapitol – das wäre einfach köstlich. Er würde zu dieser Krönung den Rathausplatz vorschlagen, dort wäre Platz für huldigendes Volk – und die Damen von hohem Balkone.

Eine blonde würde er sich aussuchen, um sich von ihr den Kranz reichen zu lassen.

Herrgott dann würden ihm die Weiber zufliegen. Überhaupt, er hatte Weiber so nötig, um in Stimmung zu kommen, ohne Weiber war nichts los in ihm, er brauchte das. Besonders heute wäre das nötig gewesen. Er hatte so das Gefühl, wenn die Mama zu Hause gewesen wäre und ihm die fünf Gulden gepumpt hätte, er hätte sich so eine süße Person erobert; irgend ein blondes, schlankes Ding – und in ihren Armen hätte er dann ein herrliches Gedicht schreiben können: Die Nacht des Siegers – übrigens er wird noch einmal nach Hause gehen zum Abendessen kommt die liebe Mama sicher – und dann wird eben die Ausfahrt ins Leben von neuem beginnen. Allerdings die Stimmung der ersten Stunde kehrt nicht wieder . . .

Und wie er noch überlegt, ob er gleich umkehren soll oder doch zuerst ins Café gehen, um den Freunden sein grünes Heft zu zeigen, steht auf einmal ein junges Mädchen vor ihm – einen Lorbeerkranz hatte sie allerdings nicht in den Händen, aber sonst sah sie so ziemlich dem beanspruchten Ideal ähnlich.

Rudi sah sofort die Notwendigkeit ein, ihre Bekanntschaft zu machen, und drehte auf der Stelle um; er hoffte sie an einer etwas weniger belebten Straßenecke ansprechen zu können.

Die junge Dame hatte wohl gemerkt, welchen Eindruck sie gemacht hatte, sie hatte den hübschen, wohlfrisierten Kopf leicht nach rückwärts gewandt, nicht plump, sondern wirklich graziös und eilte jetzt mit etwas beschleunigtem Tempo weiter.

Rudi folgte beharrlich; das Nachsteigfieber hatte ihn ergriffen, er witterte bereits köstlichste Erlebnisse.

Gott sei Dank, sie bog in eine Nebengasse ein. Drei Riesenschritte und Rudi hatte sie erreicht.

»Wenn Fräulein gestatten würden – ich bin nämlich Künstler und dieser blonde köstliche Kopf –«

»Was wollen S' denn von mir?«

»Wenn Sie erlauben – ich möcht' Sie begleiten –«

»I wohn' aber weit, ich geh' da nur zu einer Freundin und – dann – da können S' net mitkommen die hat ein' Freund bei sich.«

»Sie werden ja nicht ewig oben bleiben –«

»A na, das net, warten S' halt. – –«

Und sie verschwand in einem Haustor.

Sie blieb wirklich nicht lange.

»Sie haben wirklich g'wart, na so was!«

»Na jetzt kommen S' halt,« und sie hängte sich zutraulich ein. Er wußte nicht recht, sollte er stolz oder unglücklich sein, wegen dieser offenkundigen Vertraulichkeit, es waren halt so viel Leute auf den Straßen, na, Gott sei Dank, dauerte es aber nicht zu lang, so lenkte sie schon in die dunkleren Gassen des Neubaus ein.

Rudi strömte sein Entzücken in hellen klingenden Worten aus, das Abenteuer war wirklich zu schön, er konnte gar nicht genug Ausdrücke finden und seine einzige Rettung waren feurige Händedrücke und verliebte Blicke.

»Nein, sein Sie aber ein närrischer Kerl, was Sie alles zusammenreden können, ganz schwindlig wird ma, wenn man Ihnen zuhört.«

Ach Fräulein – wenn Sie nur recht weit wohnen würden! So schreiten mit Ihnen, leicht und selig, hintanzen beinah wie ausgelassene Götter durch die dunklen Gassen der Vorstadt.

»Na, mir haben nimmer weit, wir sind gleich da.«

» Gleich da« – Herr Gott und ich kann sie nicht auffordern, mit mir beisammen zu bleiben, eckelhaft ist das, grollte Rudi innerlich – »Gleich da und wo find ich Sie – dich wieder, du süße, blonde Person du – du weißt ja nicht, wie entzückend ich dich finde –

»Na, Sie können ja mitkommen, hinauf zu mir. –«

»Mitkommen« – dem Rudi schwindelt, das Glück lächelt, ein Verhältnis, bei dem sie die Wohnung hat, keine Scherereien mehr, keine Hoteltaxen – o Glück – o Glück, an einem Tage das grüne Heft und dieses Mädchen – zu viel, zu viel!

»Na, kommen S' mit?«

»Ja, wenn du erlaubst natürlich.«

Sie stiegen eine enge Wendeltreppe empor, sie mußte ihm die Hand reichen, damit er nicht fiele, endlich waren sie oben und standen in einer schmutzigen Flur, die mit ausgetretenen Ziegelsteinen gepflastert war; eine Petroleumlampe raucht rot und trübe.

Das Ideal wohnte traurig. –

An einer Holztüre war eine Visitenkarte angenagelt, auf der stand: »Fini«. Nichts, als Fini. Der Vorname und weiter nichts. Das bemerkte sogar der Rudi und es schien ihm bedenklich, aber zum umkehren war es zu spät – und dann – sie war so jung und süß – – und er so furchtbar bei Stimmung! Wenn schon, was lag daran – freilich, eines fiel ihm noch schwer auf die Seele – o Gott, wie wird das Ende sein, wenn sie plötzlich – ah, nicht daran denken, es wird schon gut ausgehen – und wer weiß, vielleicht irrt er sich, vielleicht ist sie gar nicht »das« und auch nicht » so« – vielleicht gefällt er ihr wirklich. Liebe ist viel verbreiteter als man annimmt, man merkt das manchmal sehr erfolgreich. – Sie hatte Licht gemacht. Besonders liebreizend sah es nicht aus. Am Tisch Brennzeug und Geschirr und ein zerbrochener Toilettespiegel. Ein Lederdivan, ein Bett, das nicht geordnet war – viel japanischer Trödel.

»Du darfst dich net umschaun, weißt, i bin gestern so spät z'Haus kommen, i hob lang gschlafen heut, i wer gleich Ordnung machen – setz di daweil nieder« – und sie streifte einen Pack Kleider von einem Sessel.

»Gelt, das hättest dir net denkt, daß i eine solche bin! Weißt, i bin a ein besseres Mädel, die was sich benehmen kann. Mein Vater war Lehrer in Ottakring! Na, geh, Büberl, mach dir's bequem – Was bist denn so stad – gfall' i dir vielleicht nimmer – und sie pflanzte sich dicht vor ihm auf . . . schau mi do an –«

Und er sah sie an, zwei Sekunden, drei Sekunden, und da wurde er ganz rot im Gesicht und wie sie das bemerkte, lächelte sie leise, halb befriedigt, halb verächtlich – –

Dann stülpte sie einen roten Schirm über die Lampe . . . Rudi war sehr bei Stimmung. Später fingen sie auch zu reden an. Sie war ganz gescheit. Rudi wurde immer entzückter. Er kämpfte lange, dann erhob er sich plötzlich und sagte, na warte, wenn du so bist und so gern ins Theater gehst und überhaupt so für Poesie schwärmst – ich hab mir da unterwegs ein herrliches Buch gekauft: Da sind die überhaupt schönsten Gedichte, die seit zehn Jahren geschrieben wurden. Ich werde dir was vorlesen!

Und er begann in heller Begeisterung. Bei jedem Gedicht wurde er begeisterter, aber sie auch; sie konnte nicht genug bekommen; manche Gedichte mußte er zweimal lesen. Vom Inhalt verstand sie zwar nicht viel, aber das Klingen und Rauschen dieser Verse tat ihr so wohl – Rudi strahlte vor Glück. Das war Erfolg, das war Wirkung, beim Volk allein ist Verständnis zu finden – Rudi suchte einen passenden Übergang er hätte ihr gern gesagt, du, das Köstlichste und das Beste weißt du nicht – das Buch ist von mir, ich hab das alles geschrieben – – aber hätte er dann das Buch so begeistert loben können wie bisher? Und es machte ihm soviel Freude, alle seine Superlative über sich und sein Werk auszustreuen und seine eigene Begeisterung und die seiner Gefährtin höher und höher zu schrauben. –

Und dann – ganz heimlich war ihm ein Gedanke gekommen, er hatte ihn abgeschüttelt, aber er war wieder gekommen – und saugte sich fest und breitete sich aus und lächelte überlegen – dieser verruchte glänzende Gedanke. Mitten in sein Glück hinein schreckte ihn der Gedanke an das Ende. Wenn sie auch jetzt sehr lieb war, was für ein Gesicht wird sie machen – wenn er beim fortgehen soviel wie nichts für sie findet.

Und plötzlich zwang ihn der treuflische Gedanke zum Reden und er begann.

»Siehst du, als ich mit dir gegangen bin, hab ich dich für was ganz anders gehalten und du bist auch anders und wir haben herrliche Stunden mitsammen verlebt, wir dürfen nicht so auseinander gehn. – So banal, wie jeder andere von dir weggeht will ich nicht weggehn – schau, dieses grüne Heft das ich heute mit unsäglicher Mühe entdeckt habe, dieses herrliche Buch – dieses kostbare Werk – ich schenke es dir zur Erinnerung; bist du einmal sehr in Not, so kannst du es verkaufen, aber je länger du wartest, desto kostbarer wird es.«

»Aber das ist ja viel zu viel, hättest mir ja nur eine Kleinigkeit zu schenken gebraucht, ich bin ja net so happig auf Reichtümer. –«

»Liebes Kind, ich kann nicht anders – ich seh, wie dein Herz an diesem köstlichen Buch hängt – behalt du's also – – hier –«

Es gab einen rührenden Abschied.

Als er vor dem Haustor stand, überlegte er eine kleine Weile dann entschloß er sich: Mit zwei Kronen kann man ins Winterbierhaus gehn und noch ins Café. Also werde ich meine Mutter erst morgen anpumpen.



Renommée

Er war noch in der Handels-Akademie, als die Gerüchte schon in Umlauf gerieten. Er schrieb fortwährend, viele Seiten, viele Bogen; er erhielt große und kleine Briefe in unendlicher Anzahl. Er hatte auch eine sehr hübsche Manier, so bei Gelegenheit, wenn von einem berühmten Mann die Rede war, ganz leicht und gefällig und beinahe harmlos hinwerfen zu können: Der! Der? O das ist ein entzückender Mensch! Und was für Briefe er schreibt! Und wie viel! Woher er nur die Zeit nimmt! Wenn er sogar für mich Zeit übrig hat – es wird doch Menschen geben, die ihm noch wichtiger sind! Aber er kann Einen fördern! Ich verdanke ihm Alles! Was ich jemals werde, sein Verdienst wird es sein!«

Aber der junge Mann war keine ordinäre Pflanznatur, er war diskret und zeigte niemals einen dieser Briefe. Er nahm es als selbstverständlich an, daß man seinen Worten blinden Glauben schenkte. Ein klein wenig bedenklich war nur der Umstand, daß es so viele große Männer waren, denen er immer Alles dankte. Aber man war nicht so streng in der Handels-Akademie, man sah in ihm einen kommenden Mann und hielt ihn für einen Dichter. Man bestürmte ihn oft und oft, einem kleinen auserwählten Kreise Gelegenheit zu geben, die Schätze seiner Seele kennen zu lernen, aber schlicht und vornehm, wie's seine Art, wies er dieses Ansuchen als unzart und verfrüht zurück. Fragmente geben immer falsche Vorstellungen und man müsse beinahe selbst einer vom Fache sein, um auch im Torso das Werk genießen zu können. Aber er munterte die Enttäuschten auf -- sobald die Sachen nur gereift sein würden – würde er seine treuen Freunde und Anhänger nicht vor den Kopf stoßen. Seine Studien-Kollegen würden unbedingt die Ersten aus dem Publikum sein nach seinen großen Protektoren. Daß die vorausgehen müßten; sei doch selbstverständlich, das begriffen auch Alle und ergaben sich in Geduld! Nichtsdestoweniger gab es Einige, die mit geheimnisvollen Mienen umhergingen und dunkle Worte andeutend sprachen, mit verzückten Mienen und erklärten, wenn sie nur reden dürften und nicht gebunden wären durch tausend heilige Eide, dann könnten sie Dinge erzählen, Dinge . . . und sie verdrehten die Augen, wiegten die jungen Häupter wie Mohnköpfe im Winde und schnalzten selig mit den Zungen.

Und über das lauschende Auditorium lief es wie ein banger, süßer Schauer – das sind die »Auserwählten des Herrn«, die haben schon geschaut und genossen, aber auch unsere Zeit wird kommen. Auch für uns wird sich das Wunder enthüllen. Und die Auserwählten und das dumme Volk gingen einträchtig hin, und Alle erzählten, es lebt da Einer, der sprechen kann, wenn er erst so weit ist und sprechen will – da wird die Welt was erleben.

Einstweilen aber war der junge Mann noch im letzten Jahre der Handels-Akademie. Es war auch unter den Professoren bekannt geworden, welch eine geniale Natur sich unter der schlichten Hülle dieses jungen Mannes verberge, und in Folge dessen brachte man ihm auch aus dem Kreise seiner Lehrer viel Sympathie und Interesse entgegen. Man fand es außerordentlich anerkennungswert, daß der junge Mann, trotzdem er als ein so vielversprechendes Talent anzusehen war, seine Studien nicht vernachlässigte, beinahe immer vorbereitet war und nur ganz selten mit einem feinen Lächeln die Ausrede anderer zwingender Arbeiten hatte. Man rechnete es ihm außerordentlich hoch an, daß er so bescheiden blieb, so ernst und still arbeitete, sogar nicht vor der Zeit hervortrat, sich nicht als das frühreife und fertige Talent gab, sich Keinem aufdrängte mit seinen Arbeiten, sondern ganz im Gegenteil edelste, schamhafte Zurückhaltung übte. Auch dem Direktor kam es zu Ohren, was für eine Perle sich unter seinen Schülern verberge. Der Direktor war ein humaner Mann, ein liberaler Mann; er ließ sich den Jüngling eines Tages kommen. »Junger Freund,« begann der Direktor, »man hat mir viel Gutes von Ihnen erzählt, Sie sollen ein prächtiger Junge sein.«

Der Jüngling verbeugte sich tief errötend.

»Herr Direktor sind sehr gütig.«

»Lieber Freund, ich bin kein Barbar – wenn mein Leben auch mehr in . . . in realistischen Bahnen . . . verläuft (er dachte dabei an seine Randminen) es ergibt sich Gelegenheit, man hat eine Anfrage an mich gerichtet, man braucht einen Menschen, der intelligent und pflichtreu ist. Sie haben mir Selbstbeherrschung bewiesen, indem Sie trotz Ihrer, wie man mir sagt, unleugbar hohen Begabung, trotz des künstlerischen Dranges Ihres inneren Menschen niemals die äußeren Pflichten versäumt haben und ein fleißiger und tüchtiger Schüler meiner Anstalt geblieben sind. Die Stellung ist nicht übermäßig anstrengend und verhältnismäßig gut dotiert; sobald Sie bei uns fertig sind, können Sie eintreten. Die Firma heißt . . .«

Und der Direktor nannte dem Jüngling alle wünschenswerten und nötigen Details.

Als er im Herbste eintrat und sich bei seinem Chef meldete, wurde er gar nicht geschäftsmäßig kühl, sondern ungewöhnlich nett empfangen. Der Chef war vom Direktor vollkommen informiert worden. »Ich freue mich einen tüchtigen Arbeiter gewonnen zu haben und außerdem noch einem jungen, vielversprechenden Talente die materielle Basis für seine sichere Entwicklung bieten zu können. Glückauf, junger Mann! » Der Jüngling erhielt auch eine Einladung in das Haus seines Chefs.

Natürlich leistete er ihr Folge und gewann auch dort in kürzester Zeit Boden und Sympathie. Es verkehrten so viele Leute in diesem Hause, auch recht bekannte Menschen; allen diesen Leuten wurde das junge Talent vorgestellt. Es waren auch jene Herren darunter, die in den Tagen seines handelsakademischen Daseins als die alleinigen Kenner seines Talents gegolten hatten, wenigstens in den Kreisen seiner damaligen Kollegen. Einer dieser Herren war es, der ihn eines Tages fragte: »Sagen Sie einmal, Sie sollen ja heimlich dichten? Was schreiben Sie denn eigentlich? Wahrscheinlich ein Drama. Ich habe viel Gutes von Ihnen gehört. Wie wird es denn heißen?

Der Jüngling schwieg, er wußte in tötlicher Verlegenheit im Augenblicke nicht, was er sagen sollte, er wurde rot bis zu den Schläfen.

Der große Mann sah ihn gütig an, tätschelte ihn freundlich auf die Schulter und meinte: »Na, na, nur nicht so verlegen – wie rot Sie werden, das ist viel bei einem jungen Mann heutzutage! Also Ihr Drama – Sie sind jung, folglich tief tragisch. Ich möchte wetten, Ihr Drama heißt: »Das jüngste Gericht« oder so ähnlich. Hab' ich es erraten?«

»Jawohl, so heißt es, ganz genau so. » Mehr brachte der Jüngling nicht heraus.

Der große Meister war sehr zufrieden. Wieder einmal hatte sich sein psychologischer Scharfblick aufs glänzendste bewährt, er war entzückt von sich selbst, aber auch von dem Jüngling, der ihm zu dem angenehmen Augenblick verholfen hatte. Er zog eine Visitkarte heraus und schrieb hastig: »empfiehlt Herrn Direktor N. »Das jüngste Gericht« und seinen Verfasser aufs wärmste.« Diese Karte gab er dem Jüngling und sagte ihm: »Wenn Sie meine Hilfe weiter brauchen sollten – ich stehe Ihnen zur Disposition.«

Dann wendete sich der große Meister zu den dekolletierten Damen und erzählte ihnen vom »Jüngsten Gericht« und seinem Scharfblick. Und alle waren entzückt vom großen Meister und fanden es rühmend, wie er dem jungen Talente aufgeholfen hatte. Die Geschichte verbreitete sich rasch in allen Salons und Kaffeehäusern, und der Theater-Feuilletonist eines bekannten Blattes war glücklich, einen so hübschen Stoff zu finden von einem jungen Talent und einem bewährten. Er wollte das junge Talent aufsuchen und ihn um die Inhaltsangabe des Stückes bitten, aber er kam nicht dazu, sondern dachte sich: »Das jüngste Gericht« – ein Stück für dieses Theater, das kann nur eine Ehetragödie sein, und so schrieb er den Inhalt, so wie er sich ihn vorstellte. Bis das Stück darankommt, ist mein Feuilleton ohnedies vergessen, also was liegt daran, ob der Inhalt genau ist oder nicht. Der junge Mensch soll froh sein . . .

So erfuhr der Jüngling im Laufe einer Woche sowohl den Titel, als auch den Inhalt seines Stückes. Er hatte die Empfehlungskarte wohlweislich noch nicht abgegeben; er wollte doch versuchen, jetzt wo er Titel und Inhalt wußte, ob es nicht möglich wäre, auch wirklich etwas zu schreiben, was seinen guten Ruf rechtfertigen könnte – da erhielt er von der Direktion des Theaters, in dem sein Stück aufgeführt werden sollte, einen Brief mit dem Ersuchen, sich in der Direktion einfinden zu wollen.

Hingehen kann doch nichts schaden! Dachte der Jüngling – na – und so ging er hin.

»Ich habe soviel von ihrem Stücke gehört, unser lieber Meister setzt sich ja für sie ein, so überaus warm, es soll eine ganz bedeutende Leistung sein, alle Blätter schreiben darüber – wollen Sie denn nicht Ernst machen und es uns zur Aufführung überlassen – haben Sie es vielleicht mit –? Nein? O wie schade. Wann kann ich es haben?

Noch nicht ganz fertig? – o bitte, sehen Sie dazu, wir wollen im Januar oder Februar damit herausrücken! Jedenfalls geben Sie mir ihre Hand darauf, daß Sie es uns überlassen. Wir brauchen ja nicht gleich einen Kontrakt machen, wir sind ja Männer, wir können uns auf einander verlassen – nicht wahr? O gewiß, gewiß –

Also ich betrachte das Stück als angenommen, im Januar kommen wir heraus damit.«

Mit einem herzlichen Händedrucke schieden Direktor und Autor. Der Direktor war vergnügt: es kann ein Schlager werden, ein Stück, von dem schon vorher so viel gesprochen wird . . .

Der Autor war nachdenklich – er überlegte, der Schluß seiner Gedankenketten war . . . Probieren schadet ja nichts. Warum denn nicht, schließlich – kann ich's sogar – man hat erlebt.

Und er kaufte Papier ein, noch am selben Abend – auch die Zeitung nahm er sich nach Hause, in der die Inhaltsangabe stand. Nach dem Nachtmahl begann er. Es war sehr schwer, er ging traurig zu Bett.

Am anderen Morgen konnte er bereits lesen: Die Direktion des Residenz-Theaters hat das Schauspiel »Das jüngste Gericht« drei Akte, von Albert Heller zur Aufführung angenommen und wird es noch in dieser Saison herausbringen. Also drei Akte hatte er zu schreiben. Er las die Notiz mit großer Freude in allen Blättern. Er las sie mit großer Freude auch in allen ausländischen Blättern, er las mit großer Freude sämtliche Gratulationsbriefe, die ihm zugingen, von Schulfreunden und Bekannten, er nahm die Händedrücke am Sonntag-Vormittags-Korso strahlend entgegen.

Endlich war er so weit: Jedermann kannte seinen Namen.

Nur das Stück fehlte noch, aber das wird schon kommen, über Nacht wie der Name, wenn nur erst der Name da ist, alles Andere wird sich finden. Er hatte ja noch Zeit; vorderhand genoß er seinen jungen Ruhm in vollen Zügen, flatterte von Jour zu Jour und war der interessante junge Autor, der demnächst aufgeführt wird. Er kam sogar in einige Ballkomitees hinein, wo man auf Namen von literarischem Klang Gewicht legte; auch ein Lorbeerkranz, der seinen Namen trug, brachte seinen Namen in die Öffentlichkeit; auch ein Leichenbegängnis tat seine Schuldigkeit: er wurde unter den Anwesenden bemerkt; Alles ging vortrefflich. Er avancierte sogar im Bureau, weil man einen so stadtbekannten Menschen doch nicht mit 100 fl. sitzen lassen konnte. Alles ging vortrefflich – nur das Dichten war sehr schwer! Der Direktor mußte zu seinem Bedauern eine Notiz versenden, daß wegen der vorgerückten Saison »Das jüngste Gericht« das mit so viel Spannung erwartete Drama des jungen, hochbegabten Dichters Albert Heller, auf die nächste Saison verschoben wird.

Auch diese Notiz ging durch alle Blätter. Und weil die Blätter im Sommer für Notizen dankbar sind, so wanderte Herr Heller und sein Drama mindestens einmal in der Woche durch zahllose Blätter, und der junge Dichter wurde hoch begabt, beliebt und gefeiert, je nach Bedarf und Raum.

Er wurde ein geschätzter Autor und gelangte im Verlauf weniger Monate zu einem geachteten Namen, den Jedermann kannte.

Im Herbst aber schrieb er an den Direktor des Residenz- Theaters:

»Mein lieber und hochverehrter Direktor! Sie erwarten mein »Jüngstes Gericht«. Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihren Erwartungen nicht entspreche. Ich will diese Jugendsünde nicht aufführen lassen, sie könnte mir am Ende meinen guten literarischen Namen ruinieren. Selbstverständlich steht das nächste Stück zu Ihrer Disposition. Es ist eine Komödie und heißt: »Ein gemachter Mann«.

Mit den besten Grüßen Ihr ergebener A. H.

PS. Ein Vorschuß wäre mir diesmal sehr erwünscht.



Ein undankbarer Mensch

Die ganze Familie lebte von dem alten Herrn; es war deshalb beinahe selbstverständlich, daß niemand in der Familie einen Willen oder eine Meinung hatte, ehe der alte Herr sich nicht klar und deutlich geäußert hatte, welchen Willen und welche Meinung er billigen könnte. Die Familie fand es längst nicht mehr mühevoll, so gänzlich nach der Richtschnur zu leben, die ihr von oben gewiesen wurde. Denken, Wollen, Meinen hatte man sich längst abgewöhnt – gerade wie das Arbeiten.

Der alte Herr war keine noble Natur, durchaus nicht; es tat ihm eigentlich leid um das viele Geld, das er für diese Menschen hinauswarf, aber schließlich ein Vergnügen muß der Mensch doch haben.

Und das einzige Vergnügen, das der alte Herr noch finden konnte war: Menschen zu gängeln, Menschen in seiner Hand zappeln zu lassen, zuzusehen, wie sie sich wendeten, drehten, zerrten und verfärbten, logen und schwuren, Meinungen hatten und wieder nicht hatten, beteuerten, niemals Gedanken gedacht zu haben, zu denen er sie erst Tags vorher gezwungen hatte – und Alles wegen zwei- oder dreitausend Gulden im Jahre.

Eines Tages kam ein wildfremder Mensch zu dem alten Herrn und sagte ihm: »Ich weiß, wie gütig Sie sich gegen Ihre Familie benehmen, wie viel Geld dort aufgeht, ich weiß auch, daß es Ihnen durchaus nicht ankommt, ob sie 40.000 oder 48.000 fl. im Jahre verbrauchen: helfen Sie mir, ich will mich durchsetzen. Ich will ein Jahr lang anständig gekleidet herumgehen, Bekanntschaften machen, gut und reichlich essen und den Kopf sorgenfrei haben, um ein paar Bilder so fertig zu kriegen, wie ich will. Mit dem ewig Gitsch malen, kommt man nicht weiter, und außerdem ruiniert man sich künstlerisch; ich möchte, daß Sie mir 5000 fl. leihen, das wird mir für Alles genügen, Sie haben in Ihrem Leben schon viel weniger sichere Geschäfte gemacht, ich bin überzeugt, daß Sie das Geld in drei Jahren herinnen – na, und wenn mich zufällig der Schlag trifft, schreiben Sie's aufs Verlust-Konto, spüren werden Sie den Verlust nicht.«

Der alte Herr sah sich den Menschen an, er gefiel ihm, die energische Rede hatte ihm auch gefallen, er fühlte, wie seine Marionetten-Passion erwachte, er wurde neugierig. Das war einmal ein anderer Mensch, als seine sonstigen Familienmitglieder, bei dem schien es doch der Mühe wert, den Kampf um die Oberhand aufzunehmen, das war wenigstens einmal ein interessanter Gegner, bei dem es Mühe kosten konnte, und von dem man nicht von vornherein überzeugt sein konnte, daß er sich duckt.

Der alte Herr beschloß, das amüsante Experiment zu machen und die Kunst zu unterstützen.

Aber so drei- bis fünftausend Gulden in die Hand nehmen, dazu konnte sich der alte Herr doch nicht entschließen. Er machte dem jungen Mann den Vorschlag, ihm monatlich einen Kredit bis zu dreihundert Gulden zu gewähren, so lange es eben nötig wäre, ein Jahr oder zwei. Der alte Herr hatte nämlich so das Gefühl, wenn der erst das Geld hat, fühlt er sich frei und unabhängig und tut, was er will, reist vielleicht fort, und ich sitze dann da und mit dem Zusehen,

Regieren, Anziehen und wieder locker lassen wird es dann vielleicht gar nichts. Ich will doch mir eine Freude machen und nicht ihm. Der Mensch, die Kunst und alle die Sachen sind mir sehr egal, ich will eine neue interessante Puppe haben, auch wenn sie teuer ist, und sonst nichts.

Und er machte dem jungen Mann seinen Vorschlag.

Der junge Mann war sehr enttäuscht, er zögerte sogar einen Moment den Vorschlag anzunehmen, der alte Herr machte so schlaue Augen, der junge Mann wittert etwas von der wahren Gesinnung seines zukünftigen Gönners und hatte am Halse so ein kitzliches Gefühl wie einer, der ein Lasso spürt, wie es sich fester und fester schnürt; aber schließlich sagte er doch ja und dankte und nahm an. Der alte Herr war unheimlich vergnügt, endlich hatte er wieder was zu tun.

Bereits am dritten Tage um 9 Uhr früh kam er ins Atelier des jungen Malers. Natürlich war der junge Mann noch nicht im Atelier, weil er kein Talent zum Frühaufstehen hatte und nie vor 11 Uhr an die Arbeit ging. Es war einmal so und nicht anders. Zwei Stunden hatte der alte Herr Zeit sich im Atelier umzusehen. Er tat es gründlich. Er entdeckte wilde Skizzen, die ihm gar nicht gefielen, er entdeckte auch ein paar Gitschsachen und ein paar Porträtstudien, die so treu waren wie die treueste Photographie und kein Detail vernachlässigten. Die Gitschbilder und die Porträtstudien machten ihm einen tiefen Eindruck, er erkannte mit einemmal, daß es doch etwas Schönes sei um die Kunst, und er wurde gerührt, wenn er an sich dachte und an seinen Edelmut, der kühn daran ging, einem jungen Genie die Bahnen zu öffnen. Er vergaß ganz im Moment darauf, warum er sich eigentlich mit dem jungen Mann eingelassen hatte, sein Sport wurde ihm gleichgültig.

Der junge Mann war nicht gerade entzückt, als er den alten Herrn im Atelier antraf, er kam in einer wundervollen Stimmung, ganz durchglüht von Arbeitsgier, und hatte gar keine Lust, zu reden.

Aber was half ihm das, er konnte doch den Menschen, der ihm versprochen hatte, so viel für ihn zu tun, nicht so ohneweiters hinauswerfen. Der alte Herr fand viele entzückte Worte für die Gitschbilder und die Porträtstudien. Den jungen Mann berührte das gar nicht angenehm! Er hatte gerade genug von all der Marktware, die er so lange schon emsig erzeugen mußte. Er brummte ein paar verächtliche Worte heraus und holte dann die Skizzen zu seinen Herzensarbeiten hervor.

Der alte Herr war peinlich erstaunt und berührt. »Diese Sachen wollen Sie ausführen, so verworrenes Zeug, wenn man solche Sachen machen kann, solche Porträts, wo jedes Detail lebendig ist, solche Porträts, die jedem Menschen gefallen müssen, der sie sieht, solche Porträts, an denen man reich werden kann, wenn man nur genug Aufträge bekommt und nicht gleich billig losschlagen muß, und für die man von Jahr zu Jahr mit der steigenden Berühmtheit bessere Preise erzielen kann. Junger Mann, Sie sind auf einem Irrwege, ich werde Sie auf den rechten Weg zurückbringen. Sie sind dafür geboren, Porträts zu malen, ich habe eine große Familie, sehr viele Bekannte, ich werde Ihnen Ihr Glück begründen. Ich habe geglaubt, Sie sind ein Anfänger, aber Sie sind ja ein fertiger Künstler, Sie brauchen mein Geld ja gar nicht, Sie brauchen nichts mehr zu lernen, in Ihrem Pinsel steckt ein Vermögen, das sag' ich Ihnen, der vom Geld was versteht. Und dieses Vermögen werde ich Ihnen flüssig machen helfen. Sie werden Aufträge bekommen, daß Sie auf Jahre hinaus versorgt sind, dafür lassen Sie mich sorgen – meine ganze Familie wird sich bei Ihnen malen lassen – auch werde ich Ihnen sitzen, man kennt mich, das wird Ihnen sehr viel nützen. In einem Jahre sind Sie ein gemachter Mann, der sein Schäfchen nur zu scheren braucht, um Wolle zu haben. Weg mit diesen verrückten Skizzen! Nach solchen Sachen fragt kein Mensch. Die interessieren Niemanden, die kauft Keiner, über die lachen höchstens die Menschen und machen ihre Witze. Sind Sie dazu da, daß die Leute über Sie lachen und ihre Witze machen? Wenn man so viel kann, hat man das nicht nötig.«

Der junge Mann hatte den alten Herrn ausreden lassen, dann sagte er ihm: »Leben habe ich von meiner Arbeit immer können, wenn ich Gitschbilder und Greißlerporträts weiter malen will, brauche ich keinen Menschen der mir hilft. Ich will aber eben was anderes. Ich will jetzt meine Bilder malen. Bilder, die vorderhand mir und vielleicht noch fünf anderen Menschen gefallen und über welche die große Mehrheit der Gebildeten schimpft. Bilder, die heute noch unverkäuflich sind. Bilder, die vielleicht nicht einmal gelingen, nicht einmal mir selber genügen. Bilder, die ich nicht mit dem Willen, sondern mit dem Instinkt, mit dem Talent male . . . Bilder, die vielleicht gar keine Bilder sind – sondern vielleicht erst welche werden.«

»Ja, aber entschuldigen Sie, was hat denn das für einen Zweck, wenn Sie solche Bilder malen, von denen Sie sagen, Sie wissen noch gar nicht, ob Sie sie malen, die Niemandem gefallen und die wahrscheinlich keiner kaufen wird. Bilder malt man doch nicht für sich, sondern für die anderen, ein Fabrikant behält doch seine Ware auch nicht auf Lager, sondern muß Absatz suchen und mit seinen Kunden rechnen.

Er wird doch nichts Unverkäufliches mit Absicht produzieren und auch keine fehlerhaften Artikel, die er nicht absetzen kann. Warum wollen Sie denn wertlose Bilder malen, wenn Sie wertvolle herauskriegen können? Sie sind auf einem Irrweg, junger Mann, und haben verschrobene Ideen. Wenn man kein Vermögen hat, muß man nicht die Zeit mit Spielereien vergeuden, sondern tüchtig dazusehn, daß man es weiterbringt. Danken Sie ihrem Gott, daß Sie an mich geraten sind, ich werde Sie auf den rechten Weg bringen. Vor allem müssen Sie früher aufstehn und sich vornehmen, jeden Tag so und so weit zu kommen, heute male ich die Hand fertig, morgen zwei Ohren, was ungefähr ebensoviel ist; keinen Tag ohne sichtbares Zeichen der Tätigkeit verstreichen lassen, darauf kommt es hauptsächlich an.

Angezogen müssen Sie gut sein, wegen der Leute, Verkehren müssen Sie, aber keine unnütze Gesellschaft, wo man nur der Unterhaltung wegen hingeht. Sie dürfen in keine Gesellschaft geh'n, wo Sie nichts davon haben, irgend wer muß dort sein, der sich malen läßt oder Ihnen wenigstens irgend eine Bekanntschaft vermittelt oder sonst ein agrément gewährt. Selbstverständlich werde ich für Sie sorgen, so lange Ihr Einkommen sich nicht auf 300 fl. monatlich beläuft, denn so viel muß man haben, um als Junggeselle angenehm leben zu können. Und für eine passende Partie späterhin will ich auch sorgen. Aber ein anderes Leben müssen Sie anfangen. Ihre Freunde mit den verrückten Ideen und den unmöglichen Gewändern und Lebensgewohnheiten müssen Sie aufgeben. early to bed and early to rise muß es von jetzt an heißen – und Sie werden seh'n.« –

»Nichts werd' ich seh'n, ich danke schön, wenn Sie mir 5000 fl. geliehen hätten, wäre ich vielleicht ein großer Mann geworden, vielleicht auch nur ein glücklicher, ein Jahr lang, aber mit dem vorgezeichneten Marschplan werd' ich gar nichts, allein lassen müssen Sie mich und ohne Vormundschaft, ich selber muß wissen, was ich tun oder lassen darf!«

»Erlauben Sie, wenn ich für Sie in dieser Weise sorge werde ich wohl auch ein bischen dreinreden dürfen. Sie können mir nur danken, wenn ein Mensch in meinem Alter, mit meinem Verstand und meiner Erfahrung sich eines Menschen wie Sie sind, überhaupt annimmt, dankbar sollen Sie mir sein, daß ich so mit Ihnen spreche! . . .«

»Nein«, sagte der junge Mensch, »entschieden – nein, gar nicht!« Empört ging der alte Herr die lange Treppe hinunter. »Und auf so einen undankbaren Patron hab' ich zwei Stunden gewartet! Eine Existenz hab' ich ihm gründen wollen, eine passende Frau hätte ich ihm ausgesucht, Geld hab' ich in ihn hineinstecken wollen! Nur gut, daß ich ihn noch rechtzeitig durchschaut habe! Mit keinem Menschen soll man gut sein! Denn, was hat man schließlich davon? Ärger und Undank!



Der Jüngling.

Die Sängerin war natürlich nicht so jung, wie sie auf der Bühne aussah; sie hätte sogar schon seit einigen Jahren einen erwachsenen Sohn haben können; der Sohn hätte sogar älter sein können, als jener Jüngling, von dem ich erzählen will. Der Jüngling war aus der sogenannten guten Familie und streng gehalten; seine Mutter bedauerte lebhaft, daß es nicht mehr möglich war, ihm auch jetzt noch einen Hofmeister zu halten. Es war ihr ein peinlicher und trauriger Gedanke, ihn so ganz ohne schützende Aufsicht auf der Universität unter so viel fremden Menschen zu wissen. Was konnte ihm da nicht alles geschehen. Was die Theater anbelangt, so durfte der Jüngling natürlicherweise nur Stücke sehen, die Mama vorher gesehen hatte – und für gut und passend befunden. Der heimliche Sündentraum des Jünglings war die Josefstadt, aber dazu kam es nie; hingegen hatte er »Aida« bereits zwanzigmal gesehen. Die Oper schien der besorgten Mutter das Ungefährlichste außer den Klassikern. Es war ein Abschied von beinahe tragischem Anstrich, als die Mutter vom Vater gezwungen wurde, im Juni Wien zu verlassen und ihren Jüngling nicht mitnehmen durfte, weil die Universität noch nicht aus war. –

Für den Jüngling hingegen war dieser lang ersehnte Juni der große Monat, den er erwartet hatte, der Monat, wo er sich in den Strudel stürzen wollte, wo er am meisten strudelte! Endlich wollte er das Leben kennen lernen, sein großes Abenteuer haben, jenes Erlebnis, das wie ein Malstrom brausend in die Seele einbricht und sie so herrlich verwüstet, daß man endlich stolz sein darf auf die Ruinen seiner Seele. Man gebe mir mein großes Erlebnis – und die Welt wird sehen, was in mir steckt. Und dann wird auch meine Mama ein Einsehen haben müssen, denn so geht es nicht weiter, wenigstens nicht mehr lang. Und dann ging der Jüngling hin und brach ein Gesetz. Es gab nämlich für ihn verbotene und erlaubte Opern.

»Carmen« gehörte zu den verbotenen, denn die Mutter fürchtete den unendlichen Liebreiz dieser angenehm korrumpierten Musik, und dann, der Jüngling sollte nicht wissen, daß es so etwas gibt wie eine Carmen. Wie leicht entdeckt so ein Jüngling dann im Leben etwas Ähnliches. Der Jüngling wagte natürlich nicht, sich einen anständigen Sitz zu kaufen; er hätte ja gesehen werden können, und es gibt Leute, welche schwatzhaft und gehässig sind, wie leicht konnte seine Mutter benachrichtigt werden, und das hätte Folgen haben können. Abgesehen davon, daß ihr Karlsbad nichts genützt hätte, hätte er vielleicht die eine Oper mit dem Verluste seines halben Taschengeldes bezahlen müssen.

Er stieg also verstohlen und bescheiden und mit äußerst bangen Gefühlen zum Olymp empor.

Von dort aus sah er Carmen.

Schicksalswende.

Dieser Abend wurde für ihn entscheidend. Wie im Rausch irrte er zuerst einige Stunden in den Straßen spazieren, ans Nachtmahl vergaß er ganz, hingegen versuchte er zu dichten. Blaß und mit zitternden Beinen kam er im grauenden Morgenlicht nach Hause. –

Er liebte Carmen.

Nach ein paar Stunden elenden Schlafes erhob er sich und besah sich vorerst im Spiegel.

Er sah ein müdes, übernächtiges Gesicht. Er war zufrieden. Ich muß verliebt und sehr unglücklich sein, denn sonst kann man nicht so aussehen, so echt und unzweifelhaft, der große Moment ist wirklich da. Er fühlte, daß es tragisch in ihm aufging. Also eine Schauspielerin, eine Sängerin, eine aus wüster Welt war es, die sein Schicksal wurde! Er – der junge Mann aus guter Familie – und sie – er begann zu dichten:


Was kann meine Liebe dir gelten,
Ich glaube wahrhaftig nicht viel,
Wir kommen aus anderen Welten
Und suchen ein anderes Ziel . . .


Sollte er versuchen, ehrlich vorzugehen, ihr seine Hand anbieten; allerdings, sie müßte warten, bis er majorenn wird, dann bekommt er das väterliche Vermögen, den Pflichtteil muß er bekommen – oder soll er – es kam ihm ein Gedanke von unheimlicher Großartigkeit – heiraten wird er sie nicht, seinen Namen wird er ihr nicht geben, diese Rücksicht ist er gewissermaßen seiner guten, seiner ganz unglaublich guten Familie schuldig. Also heiraten, nein – aber zu einem war er entschlossen – er wird sich für sie ruinieren. Und sofort begann er sein Taschengeld zu zählen. Nicht bloß für vierzehn Tage, nein, für den ganzen Monat hatte er es diesmal vorausbekommen. Er verfügte über achtundzwanzig Gulden.

Der Opernportier, von dem er erfuhr, wo die Göttliche wohnte, gab ihm die Auskunft gratis. Die Post verlangte auch nur drei Kreuzer für den Brief, in welchem er ihr sein Herz und sein Vermögen – er dachte dabei nicht an die achtundzwanzig Gulden – zu Füßen legte. Hingegen, schon der Dienstmann, den er mit einem herrlichen Korb Veilchen zu ihr entsendete, kostete einen Gulden, denn die Göttliche wohnte weit im Cottage draußen. Für den Blumenkorb mußte er auch sofort fünfzehn Gulden erlegen, denn der Jüngling war noch jung und unerfahren und besaß noch wenig Routine. Die überaus wichtige Geschicklichkeit im Schuldenmachen war bei ihm noch äußerst gering entwickelt. Der Jüngling hatte den Huldigungsbrief mit seiner Adresse versehen und erhoffte sich eine Antwort. Einstweilen aber, bis die Göttliche zum Briefschreiben Zeit fand und ihn zu sich beschied, um ihn kennen zu lernen, schickte er ihr täglich seine Blumen. Freilich war er genötigt, den Korb jeden Tag etwas geringer zu wählen – denn, denn das Portemonnaie ließ sich die Schröpfungen nur widerwillig gefallen. Allerdings hatte er bereits nicht nur seine Gymnasial-Lehrbücher, die Klassiker und Prachtwerke verkauft, er hatte auch schon mit seinen juridischen Werken begonnen. Und noch immer kam kein Brief von ihr – da hielt er es endlich nicht länger aus, er schmückte sich mit der verführerischesten seiner Kravatten, nahm die gelbsten seiner Handschuhe und wanderte in den Cottage, wo sie wohnte.

Aber sie war in der Probe. Das zweitemal schlief sie noch, das drittemal war ihr Korrepetitor da, das viertemal liebe Freunde. Als er das fünftemal hinaus ging, hatte er Glück. Er begegnete ihr mit ihren Hunden; offenbar wollte sie spazieren gehen. Er beschloß, ihr zu folgen, um bei passender Gelegenheit sie anzusprechen. Er ging ihr nach. Eine Viertelstunde, zwei Viertelstunden, drei Viertelstunden, er folgte ihr, wie wenn er selbst einer ihrer Hunde wäre, einmal zurückbleibend, einmal näher kommend sein Mut sank und stieg wie eine Barometersäule. Die Göttliche wurde nervös, der junge Mensch, der ihr auf Schritt und Tritt folgte, machte sie rasend, und dabei stierte er sie immer so an mit weit offenen Augen. Sie versammelte ihre Hunde um sich und begann zu laufen. Und dabei jammerte sie heimlich: Meine Stimme, meine Stimme! Ich laufe, ich erhitze mich, ich werde mich verkühlen und heißer werden! Und der Direktor haßt mich ohnedies! Wenn nur kein kalter Wind kommt mit Staub, man ist ja nie sicher in dem entsetzlichen Wien. Wenn ich heiser werde läßt doch der Direktor sofort diese . . . Person auftreten. Wenn ich nur schon zu Hause wäre. Dieser Bursch ist mir unheimlich; vielleicht ist er verrückt! Was will er denn? Vielleicht ist er ein Anarchist! Oder von einer Kollegin bestellt! Sie wissen ja, wie leicht man mich nervös macht. Wenn ich nur schon zu Hause wäre!

Aber je mehr sie lief, desto mehr beeilte sich der Jüngling. Einen Schritt hinter ihr keuchte er heran. Endlich hatte sie ihr Haustor erreicht und sauste in den Flur. Sie durfte ihm nicht entwischen. Er sammelte die letzten Kräfte.

»Mein Fräulein!« begann er.

Sie läutete Sturm an ihrer Wohnungstür, die Hunde bellten und wiesen dem Jüngling knurrend die Zähne.

»Mein Fräulein . . .« er brachte nichts heraus in seiner Atemlosigkeit, »sagen Sie Ihren Hunden . . . daß ich Sie liebe, daß ich verrückt bin . . . wie toll vor Liebe . . .«

Die Tür war geöffnet worden, Carmen war samt den Hunden verschwunden, die Tür war krachend zugeflogen – er stand draußen. Am Guckloch glänzten ein Paar Augen, er wußte nicht, war das sie oder ihr Mädchen. Er kam sich auf einmal ungeheuer dumm vor, so vor der Tür draußen, er vergaß, wo er war, setzte sich auf die Treppenstufe, auf der er stand, nieder und begann zu weinen.

Dann ging er nach Hause, und schrieb ihr einen Brief, sehr lang, sehr ergreifend und sehr ernst, und erklärte ihr Alles, und teilte ihr mit, daß er sie am nächsten Tage aufsuchen werde. Sein Lebensglück und Unglück zugleich läge in ihrer Hand, sie möge ihn um Gotteswillen diesmal empfangen. So wie er sie liebe, hätte sie noch nie ein Mann geliebt.

Aber statt Carmen empfing den Jüngling am andern Tage blos das Stubenmädchen und teilte ihm mit, er möge sich nicht weiter bemühen und sich seine Liebe freundlichst abgewöhnen, es hätte gar keinen Sinn, ließ ihm die Gnädige sagen, sie wäre schon versorgt mit diesem Gefühl seit längerer Zeit. Und aus eigener Erfahrung fügte das freundliche Mädchen hinzu: »Sie sind doch viel zu jung für unsere Gnädige; in der Früh, wenn sie noch nicht ganz beisammen ist, da ist sie gar nicht mehr so schön. Sie passen viel eher zu Unsereinem.« Aber der Jüngling wollte nur die Taube, und hatte für den freundlichen Spatzen kein Verständnis.

Tiefbetrübt schlich er von dannen, und dichtete und war unglücklich, umschlich die Oper, wenn er glaubte, daß die Probe zu Ende gehen könnte. Alle seine Spaziergänge endigten im Cottage. Sein Bilderschatz hingegen wuchs noch immer: Was er auftreiben konnte an Bildern von »ihr«, stappelte er bei sich auf.

Am 15. Juni trat sie ihren Urlaub an; natürlich erfuhr er, wohin sie ging. So furchtbar weit weg ging sie – nach St. Moriz im Engadin. Wenn sie wenigstens nach Ischl oder Pörtschach gegangen wäre, dahin kann man doch zufällig kommen, aber gleich St. Moriz. O, er fürchtete sich so vor diesem Sommer. Mama wird fragen und Alles bemerken, sie wird sehen, wie schlecht er aussieht. Immer schlechter wird er aussehen. Er wird schlecht aussehen, miserabel elend will er werden. Er will beinahe sterben. Und wenn er beinahe tot ist, wird er seiner Mama Alles beichten, und Mama wird ihr schreiben und sie bitten, sie möge um Gotteswillen kommen – das Kind stirbt an seiner Liebe. Mitleid wird sie doch wenigstens für ihn empfinden können.

So verträumte er seine Tage und wartete erstens auf den Schluß der Vorlesungen, zweitens auf den Tag, wo er so krank sein würde, daß er seiner Mama und ihr telegraphieren kann.

Eines Tages aber las er plötzlich in den Blättern: Carmen, unsere gefeierte Opernsängerin, ist in St. Moriz bedenklich erkrankt.

Jetzt gab es für ihn kein Halten. Er wußte, was er tun mußte. Testierung hin, Testierung her – jetzt war Alles gleichgültig. Vorlesungen, Rücksichten, Papa, Mama, sie war krank, und er war nicht bei ihr. Er konnte nicht fragen, nicht pflegen, nichts – nichts – er hier – sie so weit – jetzt war der Moment gekommen, wo sie seine Liebe kennen lernen sollte. Er versetzte seine Uhr, er versetzte die persischen Teppiche seines Zimmers, und noch am selben Abend fuhr er aus Wien hinaus

Natürlich war Carmen bereits vollkommen gesund, als er nach langer Fahrt in St. Moriz eintraf. Ihr Unwohlsein war gerade groß genug gewesen, daß es zu einer Reklamenotiz für die Blätter ausgereicht hatte. Wer es etwa bisher nicht gewußt hat, daß Carmen in St. Moriz war, der wußte das jetzt. Als der Jüngling in das Hotel kam, wo sie wohnte, weilte sie eben auf einem Ausflug zum Morteratschgletscher, was sein bewegtes Gemüt einigermaßen beruhigte; andererseits stimmte ihn das wieder traurig, denn wenn sie wieder gesund war, dann war es doch wieder nichts mit der Pflege. Immerhin, vielleicht rührte sie die Tatsache, daß er auf die bloße Nachricht ihrer Erkrankung herbeigeeilt war. Jedenfalls bat er den Hotelsekretär, ihm den Platz bei der Tablé d'hôte an ihrer Seite zu geben, er wäre ein alter Bekannter der Dame aus Wien, und die Dame würde sich freuen. Der Sekretär erfüllte seine Bitte. Leider erschien Carmen nicht beim Diner, denn der Gletscher hatte sie müde gemacht. Der Jüngling blieb allein und hatte Zeit, nachzudenken. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm etwas schwül, und er erinnerte sich plötzlich an Mama und Papa, und er sendete eiligst ein langes Telegramm nach Karlsbad.

Er erwachte spät, denn er war müde von der Fahrt. Hastig zog er sich an und eilte zum Kurhaus zur Musik. Er hatte die Überzeugung, dort muß ich sie treffen. Er hoffte und zitterte. Was wird sie sagen, wie wird sie's aufnehmen? Er sah sie zuerst, er erkannte sie von rückwärts. Abermals fand er nicht den Mut, sie anzureden, er folgte ihr unbemerkt. Dann entschloß er sich, der holden Gefahr die Stirn zu bieten, er wechselte die Richtung der Rundpromenade und schritt ihr entgegen – und grüßte. »Der Jüngling ist da!« schrie sie auf – »hier auch, bis nach St. Moriz verfolgt er mich, aber jetzt hat's ein Ende.« Und rasch entschlossen trat sie auf ihn zu. »Kommen Sie, gehen Sie dort hinüber, den Waldweg, ich folge Ihnen. Nein! Sie gehen voraus – hier will ich kein Aufsehen, vorwärts!«

Schwankend wie ein Rohr im Winde zwischen Furcht und Hoffnung, schritt er dem Waldwege entgegen. Sie folgte wirklich. »Nicht umschauen, weitergehen, sag' ich«. Er folgte wie ein Hunderl. »So jetzt ist es genug, jetzt können Sie stehen bleiben. Und jetzt geben Sie mir Antwort. Wieso kommen Sie her?«

»Ich habe gelesen, Sie wären krank, und da hab' – ich mir – gedacht – –«

»Und jetzt werden Sie mir überall nachlaufen und mich fortwährend belästigen und mich ansprechen?«

»Aber ich liebe Sie ja rasend.«

»Sie sind entweder sehr jung oder sehr unverschämt – wie alt sind Sie?«

»Neunzehn, aber bald Zwanzig.«

»Und ich bin bald Vierzig – verstanden, mein Jüngling?«

»Aber ich liebe Sie so rasend.«

»Das haben Sie schon einmal gesagt, aber Sie werden sich das abgewöhnen, und zu diesem Zwecke werden Sie meine Nähe fliehen und noch heute abreisen.«

»Abreisen?«

»Ja wohl, in einer Stunde geht die Post, die werden Sie benützen.«

»Aber –«

»Kein Aber, Sie werden folgen – Sie geben mir ihr Wort, Sie werden reisen, ich will Sie nicht wiedersehen. Sie sind aus einer anständigen Familie, Sie schauen so aus. Sie wissen also, daß man so ein Wort halten muß. Und somit Gott befohlen.«

Und damit ließ sie ihn stehen, seine göttliche Carmen.

Tiefbetrübt schlich der Jüngling von dannen, zurück in sein Hotel und packte seinen Reisekorb und verlangte die Rechnung. Als er sie aber bekam, wurde er blaß und blässer er zog seine Brieftasche heraus, er rechnete hin und rechnete her – er hatte entschieden zu wenig Geld. Er mußte nach hause telegraphieren. Ja, aber wenn Mama auch schickte, vor abends oder morgen früh konnte doch das Geld nicht eintreffen. Und er hat sein Wort gegeben, in einer Stunde abzureisen.

Es wurde ihm schwül und schlecht, und es tanzte ihm schwarz vor den Augen. Er hatte so das Gefühl, jetzt mußt du sterben. Aber er erholte sich. Und als er sich erholt hatte, setzte er sich zum Schreibtisch, nahm ein Hotelpapier und schrieb:


»Mein gnädiges Fräulein!

Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, daß ich in einer Stunde abreise, ich kann mein Wort nur halten – wenn – ich habe mich verrechnet, und erwarte erst morgen – verzeihen –«

Kurz, er schrieb die nackte Wahrheit. Er hatte die heimliche Hoffnung, wenn sie sieht, ich kann nicht reisen, vielleicht darf ich noch einen Tag bleiben, vielleicht wird noch alles gut . . .

Carmen aber schrieb nur:

»Mit größtem Vergnügen; beiliegend 100 Francs. Ihre Mama wird sie mir schon bei Gelegenheit retournieren.«



Die moderne Wohnung.

Eine mittelgroße Figur, in allen Gelenken biegsam, immer wippend, wie auf Sprungfedern gestellt, eine kecke Nase, die viel zu kurz geraten war, ein strohblonder Schnurrbart, Facon: Es ist erreicht – so sah er aus. Man hatte immer das Gefühl: ein Windhund kommt da herangesaust, und er wird mich ins Bein zwicken und nicht einmal Pardon sagen. Und wenn er zu reden begann, hatte man wieder das Gefühl: Eine Synthese von Apostel und Charlatan.

Er schwindelt manchmal, wenn der heilige Geist ihn gerade ihm Stich läßt, aber das ist hübsch, wenn er so schwindelt, er macht das elegant und sympathisch. Man bekommt ordentlich Lust, ihn zu bitten: Laß dich hinreißen, bleibe um Gotteswillen nicht bei der Stange, schieß' ruhig über's Ziel hinaus, dein Ernst ist unerträglich, bitte, werde paradox und heiter, sag' es mir wieder, daß ich ein Verbrecher bin, weil ich nach 6 Uhr einen Steh- Umlegkragen angetan hatte, sag' es mir wieder, daß mich der König von England niemals als seinesgleichen anerkennen wird, wenn ich nicht den untersten Knopf meiner Weste offen tragen und sofort von einem deutschen Schneider zu einem englischen Outfitter übergehen würde . . . sag' es mir mit Ernst und Würde, daß du mich verachtest, so lange meine Zimmertüren braun gestrichen sind und nicht blau oder rot oder weiß . . . mir kannst du alles sagen . . . ich tu' ja schließlich doch, was ich will, ich bin ja nicht Herr Salinger, und seine junge Frau ist nicht meine junge Frau, und ich bin leider nicht in Sorrent, sondern noch immer in Wien . . .

Der Herr Salinger und seine Frau waren die geborenen Opfer . . .

Der junge Mann war ahnungslos rosig und blühend in seiner intellektuellen Unschuld in ein modernes Café geraten. Da saß er nun mitten d'rin in einer andern Welt. Kein Mensch interessierte sich für seine lieben Korkstoppeln, von denen es sich so prächtig leben ließ.

Dreimal begann er: »Ich bin ein ganz einfacher Geschäftsmann und die Korkwaren . . .« aber weiter kam er nicht, immer wieder gewann die Sezession, das Studio oder Richard Wagner oder Gabriele d'Annunzio oder irgend ein anderes merkwürdiges Wort den Sieg über die Korkstoppeln.

Kein Mensch begriff die Wichtigkeit der Korkstoppeln, so daß Herr Salinger das Gefühl hatte: das sind dumme Menschen, das sind arme Menschen, das sind ungebildete Menschen, die muß ich erziehen und belehren, zu denen muß ich öfter kommen; Leute, die so viel und so hitzig reden, sind sehr brauchbar als freiwillige Agenten und Reklamemacher, denen muß ich Verständnis und Interesse für Korkstoppeln beibringen. Die müssen über Korkstoppeln meiner Firma gerade so viel und so laut und so öffentlich reden, wie über den Richard Wagner und den verfluchten Italiener mit dem unaussprechlichen Namen.

Herr Salinger beschloß, schlau vorzugehen. Er wollte die modernen Herren liebevoll einfädeln und dachte dementsprechend: Ich tue so, als ob ich auch modern werden wollte, und ganz heimlich und unbemerkt bring' ich ihnen die Korkstoppeln bei . . .

Und so wurde Herr Salinger, zu jener Zeit noch unvermählt, Stammgast bei den Modernen, die er zu zügeln und seinen Zwecken dienstbar zu machen suchte.

Aber es kam anders.

Herr Salinger hatte es selber nicht gewußt, daß unter seiner rauhen Korkstoppelhülle ein so weiches, empfängliches Herz geschlummert hatte.

Herr Salinger wurde modern.

Mit der Musik ging es an.

Da war ein junger Mann, der an einer großen Wagner-Passion litt, aber nur selten das Geld für die Oper übrig hatte. Der junge Mann begann den unschuldigen Herrn Salinger in Wagner einzuführen. Herr Salinger mußte vor allem die Textbücher lesen, dann eine ernsthafte Prüfung ablegen und beweisen, daß er sich in den Familien- und Liebesbeziehungen der Tetralogie gut auskenne; er mußte jeden zweiten Tag eine Stunde nehmen, für den bescheidenen Preis von einem Gulden allerdings. Zu dieser Stunde wurden ihm die Leitmotive eingeübt.

Dann erst durfte er endlich in die Oper. Aber nicht allein, sondern mit dem Musiker, der sich schon lange darauf gefreut hatte, Wagner endlich vom Parquet aus kennen zu lernen.

Die Literaturjünglinge des Kreises aber begannen, Herrn Salinger wieder in ihrem Sinne zu bilden. Alles, was sie gerne lesen wollten, mußte er kaufen. Aber länger als drei Tage erfreute er sich nur selten eines Buches, weil es dann gewöhnlich schon die Jünglinge brauchten. Teils zum lesen, teils zum verkaufen. Immerhin, irgend einer des Kreises hatte das Buch genau gelesen, und das genügte, die anderen zu informieren. Man bildete sich eben nach dem Prinzip der Arbeitsteilung.

Namen, die dem Herrn Salinger anfangs fremd und unheimlich geklungen hatten, wurden ihm nachgerade lieb, vertraut und geläufig.

Herr Salinger sprach auch schon von intimer Wirkung, von Milieu, von psychologischem Raffinement, er begann Hypokrisie und Spießertum zu hassen und freie, starke Individualitäten, lachende Sieger, zu lieben.

Wenn gerade Freikarten in Überfluß vorhanden waren, oder irgend einer von den kleinen Theaterreferenten dieses Kreises was Besseres vorhatte, durfte Herr Salinger sogar in Stellvertretung zur Premiére gehen. Nach seiner Erzählung wurde dann das Referat geschrieben.

Er bemerkte niemals, daß so ziemlich immer das Gegenteil dessen drinnen stand, was er erzählt hatte.

Jedenfalls war er am andern Morgen immer sehr stolz, wenn er sich lesen durfte. Manchmal kam auch diese oder jene kleine Schauspielerin in den Kreis. Und immer war es Herr Salinger, der sie nachhause bringen durfte.

Wer sonst hätte das Geld gehabt, den Wagen zu bezahlen?

Daß Herr Salinger auch für moderne Malerei in aller Eile ein inniges Verständnis und eine tiefe Liebe gewann, brauche ich kaum zu sagen, das ist ja selbstverständlich. Nur mit dem Kaufen sah es in diesem Falle bös aus. Bilder sind doch zu teuer.

Und zu höheren Summen verstieg sich Herr Salinger doch nicht.

Ein bischen Geschäftsmann war er ja doch noch geblieben. Er pflegte in solchen Fällen sich dann vorzurechnen: wie viel Stoppeln muß ich verkaufen, damit ich 200 fl. ausgeben kann . . . Meistens waren das so fürchterlich viel Stoppeln, daß aus dem Bilderkauf nichts wurde.

Bei zehn Gulden war die Grenze, bis dahin trug ihn die Kunstbegeisterung, weiter nicht; von zehn Gulden aufwärts wurde Herr Salinger kalt und berechnend. Immerhin der Kreis hatte ihn weit gebracht und viel aus ihm gemacht. Sogar sein Exterieur hatte sich zusehends verbessert. Das war allerdings das Hauptverdienst des jungen Windhundes.

Der Apostel der englischen Mode konnte seinem Outfitter nicht so viel schuldig bleiben und ihm gar keine Revanche bieten.

Herr Salinger war die Revanche. Herr Salinger zahlte bar und wurde der Stolz, der Elegant, das Ausstattungsobjekt des Kreises.

Alle wären mit ihm zufrieden gewesen, wenn nicht Eines gestört hätte: Herr Salinger war verlobt. Seit langer Zeit schon. Sie war nett, hübsch, lieb, gut bürgerlich – aber halt die große Frage brachte sie ins Rollen: Wird sie ihn dem Kreis, dem er so Vieles bedeutete, entfremden?

Wird sie auch zum Kreis passen?

Der Kreis hätte dem Herrn Salinger so gern eine andere Frau empfohlen, die schon bewährt war, von der man wußte, aber in der Beziehung war nichts zu machen mit Herrn Salinger, da hatte nicht einmal der amerikanische Windhund, der sein Intimster war, Einfluß.

Herr Salinger bestand darauf, seine bürgerliche Liebe zu heiraten.

Er behauptete allerdings, daß er bereits angefangen habe, sie modern zu machen. Aber Herr Salinger war doch noch selber so neu in der Branche – und überdies, man hat Beispiele, daß junge Damen vor der Hochzeit sehr willig und nachher sehr unwillig gewesen sind. Kurz, man fürchtete sehr um Salinger. Wie ein Aufschrei der Erlösung ging es durch den ganzen Kreis, als Herr Salinger eines Abends die Nachricht brachte: »Meine Braut hat eingewilligt, daß ich die Wohnungseinrichtung übernehme – natürlich werde ich mich modern einrichten.«

Also der Windhund hatte gesiegt, er war eben doch ein Draufgänger, ein Tatenmensch, ein Amerikaner.

Der Windhund wird dem Salinger die Wohnung einrichten, wird dem jungen Paar ein modernes Interieur schaffen, die junge Frau muß in dem Milieu unwillkürlich auch ganz modern werden. Herr Salinger wird dem Kreis erhalten bleiben, das stand fest.

Vielleicht gewinnt der Kreis sogar zu seinen modernen Empfindungen, Ansichten und Bedürfnissen endlich auch die passende Umgebung und den einzig möglichen Rahmen. Der ganze Kreis freute sich kindisch auf die moderne Wohnung.

Der Windhund zeichnete die Entwürfe für die Möbel, denn Architekt sein, war eigentlich sein Beruf.

Alle Skizzen und Pläne wurden im Café durchgesprochen, kritisiert und erörtert. Salinger durfte zu keinem großen Tischler, zu keiner ersten Firma gehen, die fabriksmäßig und schleuderisch arbeitet. O nein, er mußte dem Kleingewerbe aufhelfen und den künstlerisch arbeitenden Einzelmeister unterstützen.

Alle Augenblicke war irgend Einer bei dem Mann in der Werkstatt und sah zu, wachte und förderte und erstattete abends Bericht über die werdende Wohnungseinrichtung.

Herr Salinger durfte nichts allein einkaufen; man traute ihm nicht über den Weg; die Wohnung mußte tadellos werden; einer oder zwei aus dem Kreise gingen immer mit als Sachverständige und Experten und auch als Referenten des Stammtisches. Die Wohnungsausstattung des Herrn Salinger drängte alle andern abendlichen Gesprächsthemen in den Hintergrund.

Der ganze Kreis war fieberhaft bewegt. Man sprach monatelang nichts Anderes, als von diesem einen Thema.

Natürlich sprach man unter einander blos immer von unserer Wohnung, denn sie Alle liebten diese Wohnung wie ein eigenes Kind und betrachteten sie als ureigenste Schöpfung.

Bilder waren dem Herrn Salinger zu teuer, deshalb wurden hauptsächlich Stiche und Radierungen gewählt. Der Kreis prüfte streng und behielt nur das Beste.

Zweimal mußte Herr Salinger die Hochzeit verschieben, weil die Wohnung nicht fertig wurde, und vor der Vollendung erlaubte der Kreis nicht, daß sie bezogen wurde . . .

Endlich war das Kunstwerk, an dem außer den unzähligen Professionisten noch sieben Aestheten mitgearbeitet hatten, fertig.

Der amerikanische Windhund, dem das größte Verdienst zufiel, hatte darauf bestanden, daß zwei Tage lang, noch ehe sie bezogen wurde, die Wohnung der allgemeinen Besichtigung freigegeben wurde.

Es war die erste Wohnung, die der Windhund ganz nach seinem Geschmack hatte einrichten dürfen; was Wunder, daß er sie zeigen wollte, er wollte doch berühmt und reich werden, die Leute sollten ihn und seine Leistungsfähigkeit kennen lernen.

Aber auch die Aestheten, welche mitgeholfen hatten beim Wählen und Einrichten, hatten von dieser Wohnung so viel erzählt und gesagt, auch die Aestheten brachten ihre Bekannten mit.

Kurz, es gab einen feierlichen, schönen und stark besuchten Eröffnungstag. Der Erfolg war großartig, das Brautpaar wurde allseitig beglückwünscht und strahlte vor Stolz und Seligkeit.

Sie hatten so das Gefühl, wir stehen im Mittelpunkte der modernen Bewegung. Und weil die Wohnung gar so schön war, beschlossen sie, von der Hochzeitsreise abzusehen und ihre Flitterwochen in der eigenen Wohnung zu verbringen. Hundertundsiebenundachtzig Menschen hatten diese reizende, moderne, vorbildliche Wohnung besichtigt und waren entzückt gewesen.

Hundertundsiebenundachtzig Menschen zogen in ganz Wien herum als Propheten dieses Juwels, außerdem aber waren sechs Aestheten und ein junger ehrgeiziger Architekt an dieser Wohnung interessiert.

Daran hatte das junge Ehepaar vergessen, als es beschloß, die Flitterwochen in seiner Wohnung zu verleben. Um 8 Früh kamen die Leute, welche um 9 Uhr ins Bureau mußten, geführt vom Architekten, der bedauerte, ihnen nur den Salon und das Speisezimmer zeigen zu können, weil es noch zu früh sei; um 10 Uhr kamen die Professionisten, um ihren Kundschaften zu zeigen, was sie zu leisten im Stande sind; um 11 kamen die jungen Frauen, welche gerade Einkäufe machten und in der Nähe waren; um 12 Uhr kamen die Aestheten, ausgeschlafen und munter, im Begriffe, zum Frühstück zu gehen, und wollten nur einen raschen Blick auf ihre geliebte Wohnung werfen; um 1 Uhr kam eine bekannte Schauspielerin, welche viel von diesem entzückenden Heim gehört hatte und sich geradeso einrichten wollte; um 2 Uhr kam der Architekt nochmals mit einem Rat vom Ministerium und zwei berühmten Malern, kaum daß das junge Paar sich zwischen 3 und 4 Uhr ein bischen erholen konnte; um 4 Uhr kamen schon wieder Besuche von Bekannten und Unbekannten, welche so viel gehört hatten und nicht umhin konnten.

Gegen 6 Uhr rückten aber wieder die Ästheten ein, welche neuerdings kaffeehausmüde geworden waren und dieses behagliche Intérieur, das sie sich ganz nach eigenem Geschmack eingerichtet hatten, jedem anderen Aufenthalt vorzogen. Leider mußten sowohl die Aestheten als auch Herr und Frau Salinger um 7 Uhr die Wohnung verlassen, den zwischen 7 und 9 Uhr wollte ein sehr, sehr hoher Herr die Wohnung besichtigen, geführt vom Architekten, der dieses Wunderwerk geschaffen.

Leider war der hohe Herr etwas menschenscheu und hatte gebeten, daß sich die Hausleute einstweilen entfernen.

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Erst am fünften Tage schickten Herr Salinger und Frau dem jungen Architekten die Schlüssel der Wohnung und teilten allen ihren Verwandten und Bekannten ergebungsvoll mit, sie wären zur Erholung nach Sorrent gefahren – und die Wohnung wäre zu besichtigen gegen vorherige Meldung bei Herrn Soundso, Architekten, ober bei den Herren des Stammtisches in modernen Café.



Romeos Abschied.

Er war im richtigen Moment gekommen, als der richtige Mann an die richtige Stelle . . . Seine prachtvolle Erscheinung, das mächtige Organ, das Auftreten liebenswürdig und frech zugleich, alle diese Einzelheiten wirkten zusammen und machten ihm eine wirklich erste Stellung . . .

Länger als zwanzig Jahre konnte er sich halten, weil kein Besserer kam, oder auch vielleicht, weil er keinen Besseren hochkommen ließ. Er hatte viel Einfluß bei der Direktion, weil er gute Häuser machte, eine gesellschaftliche Position besaß, und weil der Direktor an ihn als seinen Glückstern glaubte. Bei jeder Kontrakts-Erneuerung wurde auch seine Gage verbessert, er hatte ein stattliches Einkommen und konnte mehr ausgeben als ein Minister, weil ihm die Gastspiele beinahe ebensoviel eintrugen, wie seine reguläre Gage. So stand er jahrelang auf der Höhe seines Lebens, und die Zeit schien spurlos an ihm vorüberzugehen. Er behielt die große Gage, die großen Rollen, den großen Ruf, und immer noch verliebte sich die gerade flügge werdende Mädchen-Generation in seinen Romeo, sogar der Absatz seiner Photographien ließ nichts zu wünschen übrig.

Romeo war zu Beginn seiner Laufbahn ein ganz vernünftiger Mensch gewesen und hatte es gewußt, daß er kein Genie war, sondern eine angenehme Utilität; er hatte damals ganz genau gefühlt, wie weit es bei ihm ginge, wo die Grenzen seines Talentes lagen; er wußte damals, daß er viele Dinge ganz äußerlich machen mußte; er kannte seine Defekte und seine toten Punkte anfangs ganz genau; er wußte, daß er sich den Anschein einer gewissen genialen Schlamperei zulegen mußte, weil man ihm sonst darauf gekommen wäre, daß er wohl andeuten, aber niemals ausführen kann.

Aber die Helligkeit seiner Selbsterkenntnis war ihm mit der Zeit abhanden gekommen. Er hatte sich in einen angenehmen Dusel hineingelebt und glaubte nachgerade alle die Flausen, die er den anderen vormachte, selber. Er war auch für sich ein genialer Schauspieler geworden. Das war kein großes Wunder; er war ein ganz vernünftiger Mensch, aber auch als Intelligenz nicht hervorragend; warum hätte er es nicht glauben sollen: er sah, wie ihm das Publikum willig folgte und gerade Darbietungen bejubelte, die er für seine schwächsten hielt, warum sollte er gerade Recht haben, und so Viele Unrecht – und die Kritik war zufällig auch nicht danach angetan, ihm Zügel anzulegen – und so schritt sein Prozeß der Selbstvergötterung immer weiter fort . . .

Er hatte absolut nicht das Gefühl, es könnte einmal anders werden, er könnte vielleicht den Boden verlieren, er fühlte sich so unbedingt als Herr der Gegenwart und der Zukunft, daß er von seiner großen Gage wie von einer absolut sicheren Kapitalsrente lebte, als ein großer Herr, der es sich gut gehen läßt und nicht zu sparen braucht.

Alles um ihn änderte sich, Collegen kamen und gingen, starben, wurden pensioniert – er stand immer noch . . .

Sogar ein neuer Direktor kam.

Romeo war sehr herablassend, er versprach, ihn zu unterstützen und ihm keine Repertoire-Schwierigkeiten zu machen. Der neue Direktor hätte es gerne gesehen, wenn sein männlicher Star nicht gleich im ersten Monate seines Amtsantrittes auf Urlaub gegangen wäre, er hätte gern ein paar Prachtvorstellungen gehabt und konnte sich nicht leicht entschließen, darauf zu verzichten. Romeo war gnädig und vertröstete seinen Direktor auf die Zeiten der Wiederkunft und reiste ab.

Diese vier Wochen Urlaub waren die Zeit der grünenden Hoffnung für alle die Heldenjünglinge, welche am Theater unterdrückt und mit Wartegebühren dasaßen und heimlich grollend zum großen Romeo aufsahen. Jetzt war ihre Zeit gekommen, und Jeder fühlte: jetzt oder nie, und bestürmte den Direktor, einen Versuch zu wagen . . .

Und der Direktor wagte wirklich; der Versuch gelang – und ein neuer Romeo lebte. Der alte Romeo auf Reisen lächelte blos: er brauchte ja blos zu kommen, und Alles war wie früher; er kannte seine Macht. Der junge Mann mag ja ganz brav gewesen sein; aber was war er gegen ihn, den gefeierten Liebling! Kommt ein talentierter Anfänger einem reifen Künstler gegenüber in Betracht? Gewiß nicht. Weiß Gott, welcher Machination der junge Mann den Erfolg verdankte. Er wird die Cliquenwirtschaft schon aufdecken und mit ruhiger Sicherheit seinen alten Platz einnehmen.

Und er kam zurück und wählte sich den Romeo als erste Rolle nach dem Urlaub; er wollte es den Leuten zeigen, diesem undankbaren Publikum, das imstande war, noch einen Gott neben ihm anzubeten . . .

Er hatte das Haus nicht gefüllt, das sah er durch das Guckloch im Vorhang, allerdings, es war Karneval und in der Oper eine Premiére, nichtsdestoweniger war ihm die Stimmung verdorben – übrigens, er hat schon so oft ohne Stimmung gespielt, und wer weiß, vielleicht spielt er sich sogar noch in Stimmung, jedenfalls die da drunten werden nichts merken, die haben nie etwas gemerkt, und von der Kritik ist nur die zweite Garnitur da, die werden ihm nichts tun, die trauen sich ja gar nicht, abgesehen davon, daß sie noch weniger versteh'n, als die erste Garnitur! Überhaupt Kritiker! Wenn die nur nicht ins Theater kämen. Wozu ist das nötig? Es soll jemand kommen und erzählen, Romeo spielte, das Publikum raste, der Vorhang mußte so und so oftmal aufgezogen werden. Das wäre doch genug! Mehr will niemand wissen . . . Der Beifall, der ihn empfing, war schwach und nicht gerade ermutigend.

Er hatte auf einmal das Gefühl, ich bin in einer fremden Stadt, da unten sitzen skeptische Menschen, lauter geborene Feinde, die erst bewältigt werden müssen. Wie ein Eishauch kam es von da unten zu ihm herauf.

Seine Sorglosigkeit war plötzlich wie weggeblasen, er hatte auf einmal das Gefühl: du mußt dich anstrengen heute, heute darfst du nicht andeuten und so beiläufig spielen wie sonst, heute mußt du deine ganze Persönlichkeit einsetzen, um die da drunten zu erobern.

Und so begann er sich hineinzulegen, alle Reserven herbeizuziehen, aber die da drunten rührten sich nicht. Jenes gewisse Fluidum zwischen Schauspieler und Publikum wollte sich nicht einstellen. Eine rasende Wut ergriff ihn, er begann zu schreien mit gepreßter Kehle, er hätte die da drunten erwürgen können – alle Genialität war wie weggewischt, er arbeitete schwer, bald jagte er den Text, bald schrie er wieder, jede Sicherheit war verloren, er hatte auf einmal ein entsetzliches Angstgefühl bekommen: ich wirke nicht mehr, ich bin verloren. Gar keiner Überlegung war er mehr fähig, wie ein gehetztes Wild jagte er durch das Stück, von Disposition, Charakteristik war keine Rede; und er wollte das gut machen durch Temperament, aber er hatte ja niemals viel davon besessen, und so wurde er von Szene zu Szene unechter und falscher in Ton und Gebärde, und auf einmal bemerkte er, daß er in seinen alten Sprachfehler verfallen war, der ihn einstmals zu Beginn seiner Karriere so gestört hatte und den zu überwinden ihn die heißeste Mühe gekostet hatte. Und jetzt wagte er kaum mehr ein Wort zu sprechen, weil er Angst hatte, und immer mehr kam er aus dem Spiel heraus, weil er unablässig beschäftigt war, sich selbst zu beobachten und auf den Fehler hin zu prüfen. Er verfehlte dreimal nach einander das Stichwort und verhedderte sich, und es kamen entsetzliche Kunstpausen, die sogar das Publikum bemerkte. Am andern Morgen mußte er zum erstenmale nach mehr als zwanzig Jahren wieder Kritiken lesen, wie zu Zeiten seiner Anfängerschaft. Freilich der Ton war anders, man hatte Respekt vor seinem Namen, aber das, was zwischen den Zeilen stand . . . Die Leute entdeckten auf einmal, daß er ein glänzender Vertreter einer vergangenen Kunstepoche wäre, daß seine feierliche, weitausgreifende und umständliche Art nicht mehr den modernen Bedürfnissen und der modernen Ausdrucksweise entspräche. Der neue Romeo hatte ihm den Boden abgewonnen . . . hatte den Leuten neue Begriffe, neue Vorstellungen von seelischen Ausdrucksformen gegeben.

Alles das kam ihm zwar nur sehr unklar zum Bewußtsein, er hatte nur so das dunkle Gefühl, ich muß modern werden, anders spielen als bisher, sonst bin ich verloren. Und mit verzweifelter Anstrengung versuchte er jetzt modern zu werden.

Und das gab ihm den Rest.

Jede Sicherheit ging ihm verloren, er war nicht mehr das Eine und nicht mehr das Andere, er wußte nicht mehr ein noch aus, es war ein haltloses Irren und Verirren – Suchen und Verfehlen.

Man fand jetzt und sah auf einmal, daß er alt war, man sah, was er nicht konnte, man vergaß auf einmal, was er trotz alledem gekonnt hatte und noch immer vielleicht ausüben hätte können, wenn man nicht so auf ihn losgeschlagen hätte. Aber die Leute waren grausam und bestialisch, sie rächten sich dafür, daß sie ihn früher so maßlos überschätzt hatten und mißhandelten ihn jetzt und versuchten ihn zu demütigen. Wie Menagerie-Löwen benahmen sie sich, welche an ihrem Bändiger Rache nehmen für die Bändigung, sobald sie entdecken, daß sie stärker sind; sein Talent, seine Künstlerschaft wurde zerfleischt und in den Staub getreten, alle gemeinen und kleinlichen Instinkte wurden gegen ihn lebendig . . .

Und er kämpfte für seine Stellung weiter, wenn er sich stark fühlte, in schwachen Momenten scheute er nicht zurück, um seine Stellung zu betteln.

Trotz aller Demütigungen liebte er seinen Beruf noch immer. Er konnte nicht entsagen und in die Stille und Verborgenheit zurücksinken – und dann, wovon hätte er gelebt, von der jämmerlichen Pension? Jämmerlich im Vergleich zu seiner Gage und zu seinen Ansprüchen. Er mußte sich halten um jeden Preis. Zwei Jahre lief noch sein Kontrakt, er mußte erneuert werden.

Zwei Jahre dauerte der Kampf, die Direktion siegte. Romeo war ein alter Mann geworden, mürb und gebrochen, verbittert und gehässig.

Er fand jetzt nicht mehr, er müsse anders werden und sich den Forderungen der Zeit anbequemen; er fand jetzt, die Zeit ist auf einen Irrweg geraten, eine Afterkunst siegt, und der wahre Künstler muß in der Verbannung warten, bis seine Zeit wieder kommt. Wie ein König ging er ins Exil – aufs Land, um dort seine bescheidene Pension zu verzehren und seinen Tag zu erwarten. Und daß er kommen wird daran glaubt er. Und er will in der Übung bleiben und auf der Höhe seiner Kunst, und so spielt er täglich in seinem einsamen Zimmer die alten großen Rollen wieder.



Erster und Zweiter.

Er war nicht nur ein genialer Mensch, er war auch ehrgeizig und lebensfreudig. Es genügte ihm nicht, seine entzückenden Melodien in die Welt hinauszusenden; es genügte ihm nicht, daß er im Laufe von fünfzehn Jahren zuerst wohlhabend, dann sogar reich wurde, es genügte ihm nicht, daß er unter den Ersten genannt wurde, er wollte der Erste sein.

Aber da war eben der andere da. Und das war eben sein persönliches Unglück.

Dieser andere war eben fünf Jahre älter als er, war fünf Jahre vor ihm dagewesen, hatte fünf Jahre vorher seinen ersten großen Erfolg gehabt, der unauslöschlich in allen Menschen lebte. Der andere war vor fünf Jahren schon zum Ersten proklamiert worden, und für ihn blieb nur der zweite Platz mehr übrig. Und noch etwas kam dazu: Der andere hatte einen ererbten berühmten Namen von seinem Großvater her, der andere hatte Traditionen und eine weitverzweigte, begeisterte Familie, die eifersüchtig über den Ruhm ihres stolzen »Ersten« wachte – und er, der Jüngere, war für sie der Feind, der Eindringling, der Rivale, der Usurpator, den man nicht aufkommen lassen durfte, um keinen Preis.

Die Familie bekam viel zu tun, der Usurpator hielt sie ordentlich in Atem. Er schien unerschöpflich, jedes Jahr kam er mit einer großen Arbeit und dazwischen fielen die Kleinigkeiten nur so eine nach der andern, wie ein lauer, samenschwerer Frühlingsregen in großen Tropfen. Der Erste, der eigentlich ein bischen faul war, mußte sich, von der Familie bestürmt und mit gewissem schweren Herzen entschließen, seine Behaglichkeit aufzugeben und fleißig zu werden. Nur so war es möglich, der beständig anstürmenden genialen Kraft des Zweiten zu begegnen. Ja, wenn die Familienverbindungen und der ererbte große Name mit seinem alten Glanz nicht gewesen wären, wer weiß, ob das alles genützt hätte! Indessen die Familie Mauern und Wälle baute, Minen und Fußangeln legte, schweres und leichtes Geschütz armierte, Lanzknechte und Scharfschützen aussendete – kämpfte der Zweite beinahe unbekümmert mit lachendem Gesicht weiter. Er hatte so das Gefühl, die können mir ja alle mitsammen doch nichts tun, und ich komme schon noch an meinen Platz, wenn's heut' nicht ist, so ist es morgen, und wenn's mit dem Werk nicht ist, dann ist's eben mit dem nächsten. Als ob es bei mir auf eine Arbeit ankäme! Ich bin ja kein feiner subtiler Sohn eines alten Geschlechtes, der die hochkultivierten Fähigkeiten seiner Kaste mit überlegenem Kunstverstand kreuzt, verschlingt, ästelt und wieder löst auf verblüffende Art; ich bin ein ganz gemeiner Kerl, der eine Kraft und unglaublich viel Einfälle hat, der verschwenden darf, ohne arm werden zu können. Hätten wir's nicht, so täten wir's nicht! Gott sei Dank, daß wir es haben. Und wieder ging es an die Arbeit und wieder kam ein Werk.

Aber während er seine ganzen Kräfte unbekümmert um die Außenwelt nur auf das eine, notwendige versammelte, ein einsamer Kämpfer um das Alleinseligmachende, bereitete die Familie des andern bereits die Welt mit Paukenschlägen und Schalmeien, mit großen und kleinen Künsten auf das Werk des anderen vor – und immer war der Kranz bereits vergeben, ehe er überhaupt die Hand noch recht danach ausgestreckt hatte.

Fünfzehn Jahre kämpfte er; fröhlich im Anfang, immer hoffnungsloser, wütender und verzweifelnder später.

Er war ein Mensch, zur Aufrichtigkeit geboren; er besaß nicht die Fähigkeit der kunstgerechten und geschickten Lüge, er war diesem Guerillakriege, diesem Dolch- und Nadelspitzenkampfe nicht gewachsen. Ein fröhlicher Siegfried und ein geborener heiterer König, sehnte er sich namenlos nach seinem leuchtenden Tron, zu dem er immer nicht vorschreiten konnte, weil ihm gerade der Weg versperrt war und weil er viel zu ungeschickt, viel zu ungeduldig und viel zu genial war, um den krummen zu finden.

Nach fünfzehn Jahren gab er es auf!

Er war ein reicher Mann geworden, und mit einer verächtlichen Handbewegung, die ihm sehr schwer fiel, gab er alles auf – und wurde wieder ein Bauer. König oder Bauer – wenn's mit dem König nicht ging, mit dem Bauer ging es gewiß . . .

Und er verbauerte mit Genuß . . .

Die Familie des Ersten triumphierte. Jetzt war nichts mehr zu befürchten, keine Niederlage, keine Geschmacksrevolution, keine Degradierung – der Familien-Abgott tronte unbestritten in einsamer Höhe, als Erster und Einziger.

Der Rivale, der ihn beinahe erreicht hatte, geriet in langsame Vergessenheit, der Erste wurde wieder faul. Jetzt konnte er sich den Luxus ungestraft gestatten, es gab ja keine Konkurrenz mehr; wann immer ein Werk erschien, kam es zurecht und fand seine aufmerksame Würdigung. Kein blendendes Feuerwerk verdunkelte mehr mit seinem frechen, ephemeren Glanz die ewigen Sterne.

Die ewigen Sterne durften sich schon manchmal unbeschadet ihres Rufes in Schleier hüllen und eine zeitlang friedlich und verborgen von der Arbeit des Glänzens erholen. Aber für den späten Abkömmling einer so alten Rasse waren fünfzehn Jahre eines anstrengenden Konkurrenzkampfes doch zu viel gewesen.

Der zarte Körper war der Energie des Intellektes nicht gewachsen.

Der Abgott seiner Familie, der erste Künstler seines Landes, der Träger eines so alten hochberühmten Namens starb noch in verhältnismäßig frühen Jahren. Nach vielen Wochen erst erfuhr der Bauer, der ehemals ein gefeierter Mann gewesen war, die Nachricht von dem Tode des Ersten.

Bestürzt ließ er das Schwein, das er gerade schlachten wollte, am Leben und wanderte in die Wälder.

Ein Sturm war aufgewacht in ihm. Er hatte so das Gefühl, jetzt ist meine Zeit gekommen, der Tod selbst war mit mir im Bunde und führt mich an meinen Platz. Jetzt gehört die Welt mir, jetzt bin ich der Herr meiner Welt, mein Reich erwartet mich, jetzt muß ich kommen, alle Augen sind auf mich gerichtet.

Aber ich will nicht mit leeren Händen kommen, ich will einen Schatz mitbringen, so groß wie keinen, das Werk, das alles überragt, was ich bisher geschaffen, mein letztes und mein bestes Wort will ich sprechen.

Jetzt werden die Leute auch nicht mehr geblendet sein, jetzt werden sie wissen, was ich ihnen biete, jetzt werden sie mich und mein Werk nicht mehr unterschätzen und nach Katzengold greifen statt nach Edelmetall, jetzt werden sie unterscheiden gelernt haben was der Emporgetriebene und was der Emporgestiegene ist, jetzt wird die Mitwelt bereits zur Nachwelt geworden sein und mich jubelnd empfangen und mir alles abbitten, was sie an mir gesündigt hat – ich höre ihr Hosiannah. – Und mit geschlossenen Augen und einem seligen Lächeln saß er auf einem alten Baumstrunk mitten im Walde und erlebte den stolzesten Triumph seines Lebens.

Mit schwankendem Schritte, wankend unter der Last eines Glückes, das sich schwer und schwerer auf seine Schultern senkte, kam er nach Hause. Im Fieber durchwachte er die Nacht. Ein Wirbel von Gedanken, Gestalten und Gefühlen fegte durch seinen Kopf. Vorüber! Weiter fort! Was immer auch kam, gefiel ihm nicht. Alles erschien ihm zu schwach, zu blaß, zu alt.

Er dürstete nach Neuem, Niegefühltem, Niegeschautem, eine Welt mußte sich losringen aus ihm, eine unerhörte Welt. Er sang und schrie und deklamierte. Stundenlang ging es so weiter. Er ersehnte den Morgen – der die Ruhe nach dem Sturm, die Klarheit, das Ziel, die geordneten Gedanken bringen sollte, den Morgen seiner großen neuen Arbeit, nach so vielen stumpfen, stillen Jahren der Ergebung, der Entsagung und des Schweigens.

Endlich kam der Morgen.

Er war kalt und grau und regnerisch, ein sonnenloser Herbsttag, der vom Winter erzählt, kalte, höhnische Geschichten mit eisigen Pointen. Und langsam, aber unentrinnbar wie eine graue, nasse Nebelwolke sich an eine Bergspitze klammert, die noch eben im Abendrot geglüht, überschlich ihn eine grauenhafte Erkenntnis.

Der andere, der Erste, war viel zu spät gestorben. Er hatte längst nicht mehr die Kraft, den verwaisten Tron zu erklimmen. Diese fünfzehn Jahre schonungslosen Kampfes hatten dem andern das Leben und ihm das Talent gekostet.

Er war fertig – er wußte jetzt, daß aus seinem Kopfe nur mehr ein wüster Wirbel kommen könne, aber nie mehr das krystallhelle Werk. Zu neuen Taten war es zu spät. Was er bisher nicht bewiesen hatte, was er bis jetzt nicht erreicht hatte, von der Zukunft durfte er es nicht mehr erwarten.

Und er weinte wie ein König, der im Exil erfährt, daß der Usurpator verschieden ist und als Sterbender die Getreuen empfängt, die ihn in das Land zurückberufen, das er nie mehr betreten wird.



Ein gemachter Mann.

Als ich den kleinen Baron zum letzten Mal getroffen hatte, begnügte er sich sogar mit einer Krone, im Gegensatz zu früher, wo er mindestens zehn verlangt hatte. Dann entschwand er vollkommen meinen Blicken, was mir eigentlich leid tat, denn ich hatte ihn gern. Er war ein reizender Mensch, der zu allem Talent hatte – nur leider nicht zum arbeiten und verdienen. Er wäre ein entzückender Mäzen geworden, ein reizender Hausherr bei dem sich liebe Gäste unendlich wohl gefühlt hätten. Kein Mensch hätte es besser verstanden, Feste zu arrangieren und Geld mit Geschmack auszugeben, wenn er es gehabt hätte, kurz, er war der geborene Millionär – ohne Million.

Diesen tragischen Widerspruch seiner Natur und seiner Lage empfand keiner tiefer wie er – und er fand feine und kluge Worte über diesen lächerlichen Unverstand der Natur, die sein Wesen so gestaltet habe und zugleich die absolut notwendige Ergänzung versagt hätte. Immer wenn wir uns trafen, gingen wir, ohne weiter zu reden in die Bodega und dort erzählte er mir mit einer Art künstlerischem Stolz, wie er es machte, noch immer elegant auszusehen und sogar hie und da Geld zu besitzen. Und beim zweiten Glas Sherry warf ich ihm gewöhnlich das Hölzel, indem ich mit einem leichten Seufzer ausrief: »Ja, wenn Sie ein paar Millionen hätten, Sie verstünden sich das Leben einzuteilen.« Dieser Seufzer und dieser mein Ausruf erfüllten ihn jedesmal mit Stolz und Befriedigung, ein Lächeln glitt verklärend über sein mageres Gesicht und die müden Augen begannen zu glänzen, und schon sprach er den gewichtigen Satz, der seine Millionärsphantasien immer einleitete: »Wissen Sie, was ich zuerst täte?«

Und dieser liebe Mensch, den ich so gern von Zeit zu Zeit vor mir auftauchen sah . . . war plötzlich wie vom Erdboden weggefegt.

Beinahe hätte ich mich auf der Polizei nach ihm erkundigt, wenn meine Abneigung gegen alles, was nach Amt riecht, nicht so heftig gewesen wäre. Und so begann ich bereits ihn zu vergessen und mich nicht mehr über seine Abwesenheit zu wundern. Eines Abends aber als ich gerade speisen gehen wollte und den Ring bei der Oper kreuzte, trat er mir entgegen, rosig frisch, voll fröhlicher Laune, tadellos gekleidet. Ich hatte eine ehrliche Freude, er auch allem Anscheine nach.

»Ja, was war denn mit Ihnen, wo sind Sie denn gesteckt die ganze Zeit?«

Ja, ich habe ganz merkwürdige Sachen erlebt. Aber ich war so oft Ihr Gast, Sie müssen heute mein Gast sein . . . Ich werde mir nur erlauben, vorher nach Hause zu telephonieren, damit meine Frau nicht besorgt ist, ich habe nämlich eine Frau . . . seit ein paar Monaten.«

»Also daher weht der Wind, bitte, bitte . . .«

Er lief ins nächste Café, kam nach wenigen Minuten zurück und wir gingen ins Imperal.

»Also Sie sind allem Anscheine nach Millionär geworden.«

Er verneinte mit einem feinen Lächeln voll Philosophie und Resignation: »Alle Blütenträume reifen doch nicht. Ich kann mich zwar nicht beklagen, es geht mir gut, wir haben genug, aber es ist ein bescheidenes, bürgerliches Dasein. Und bei einer Flasche Haute--Sauterne erzählte er mir:

»Ich verdanke meine Rettung in den Hafen aus den ärgsten Nöten dieses Daseins heraus einzig und allein der Goldwährung und meiner Zerstreutheit.

Es war wie gewöhnlich bei mir tiefste Ebbe, und ein lieber Freund hatte mir mit einem Goldstück ausgeholfen. Dieses Goldstück steckte ich, wie ich es immer mit Metallgeld hielt, in meine Westentasche, wo sich zur Zeit nur noch ein Kreuzer aufhielt. Und da bei mir die gute Laune schon anfängt, wenn ich fünf Gulden in der Tasche habe, verwöhnt bin ich ja nicht, so schlenderte ich, es war Mittagszeit, über den Ring. In der Nähe des Stadtparkes war es, wo ein ehrwürdiger Greis, dessen blinde Augen hilflos in die Luft starrten, mein tiefstes Mitleid wachrief. Unwillkürlich mußte ich mir sagen, siehst du, der ist doch noch schlimmer daran als du, und ganz mechanisch griff ich in die Tasche, fühlte dort zwei Münzen, zwei Kreuzer, wie ich dachte, denn an Gold in der Westentasche ist man bei uns, wo das Gold doch verhältnismäßig selten im Verkehre ist, nicht gewöhnt und gab ihm meine bescheidene Gabe. Und weil ich in solchen Fällen immer in Verlegenheit komme und mich auch für den Betreffenden schäme, der gezwungen ist, etwas anzunehmen, so lief ich möglichst rasch davon, um aus der Gegend zu kommen. Ich war gut zehn Minuten gegangen und dachte gerade nach, wo ich für wenig Geld möglichst viel und gut essen könnte, als es mir plötzlich siedend durch den Kopf fuhr, mein Gott, du hast ja kein Papiergeld, sondern ein Goldstück gehabt und außerdem nur einen Kreuzer – und da du dem Bettler zwei Münzen gegeben hast . . . so muß unbedingt . . . Mein Arm war plötzlich wie aus Blei, kaum fand ich soviel Kraft, ihn zu heben, um mich von der traurigen Richtigkeit der Tatsachen zu überzeugen. In fiebernder Hast lief ich zum Standplatz des Bettlers zurück, er mußte ein Einsehen haben. Aber er war nicht da . . . ein altes Mütterlein nahm jetzt seinem Platz ein . . . Nach kurzem Zögern überwand ich meine Scheu und sprach sie an: Liebe Frau, wissen Sie nicht wo der Mann geblieben ist, der ehrwürdige Mann mit den blinden Augen ich habe ihm etwas sehr Dringendes mitzuteilen . . . Ich erfuhr, daß der blinde Mann nur von neun bis zwei den Platz besetzt hielte und dann erst wieder von sechs bis acht; die übrige Zeit gehöre ihr, dem Mütterchen, wofür sie so und so viel Platzmiete bezahle . . . Der ehrwürdige Greis sei nach Hause gebracht worden, um zu essen und zu ruhen . . . er wohne Favoriten, Laxenburgerstraße Nummer so und so viel. Und so wanderte ich gottergeben mit knurrendem Magen und zitternden Beinen in die Laxenburgerstraße hinaus, den Bettler zu bitten, mir wenigstens einen Teil meines Almosens zurückzugeben, damit ich mich sattessen könne.

Lange wanderte ich die Laxenburgerstraße hinauf, bis ich endlich ans Ziel kam. Es war ein bescheidenes Parterrehäuschen, aber trotzdem empfing ich von ihm einen äußerst sympathischen Eindruck. Ein Vorgärtchen war da, mit Blumen, zwei Strohfauteuils standen auch da, an den Fenstern glänzten weiße Vorhänge. Ich bekam die Empfindung, hier wohnen gute und glückliche Menschen, aber gewiß nicht mein alter Bettler, und die Auskunft, die ich bekommen hatte, war sicherlich falsch. Jedenfalls wollte ich fragen und nebstbei um ein Glas Wasser bitten, denn mir war elend zu Mute vor Hunger und Müdigkeit. Ich läutete.

Ein derbes, aber reines Dienstmädchen öffnete; ich fragte bescheiden: Wohnt hier vielleicht ein alter Mann namens Fahringer?

Die Antwort lautete: Jawohl aber der gnä' Herr schläft immer nach dem Mittagessen und darf nicht geweckt werden. Aber das gnä' Fräulein wär' zu Haus und die könnte vielleicht eine Post ausrichten. Ich ließ also das gnä' Fräulein bitten. Eine junge, sehr hübsche Dame kam, fragte mich artig, womit sie dienen könne. Ich fand es nicht fair, ihr zu sagen, weshalb ich gekommen sei, war auch meiner Sache durchaus nicht sicher, sowie vielmehr überzeugt, daß eine Verwechslung oder Namensgleichheit oder gar ein Scherz vorliege. Ich sagte also, ich hätte mit ihrem Papa geschäftlich und privat zu sprechen, und bat sie, warten zu dürfen.

Sie führte mich in den Garten, brachte mir selbst das gewünschte Glas Wasser, setzte sich zu mir in den niederen, weißen Strohfauteuil, erklärte mir die Blumenarten in den Rabatten, kurz, wir kamen so sehr ins Plaudern, daß ich auf meinen Hunger, auf meine Müdigkeit auf den Zweck selbst meines Kommens, auf alles einfach vergaß und mich ganz der Behaglichkeit dieser reizenden Stunde hingab. Ich war ordentlich unangenehm überrascht, als sich plötzlich die Glastür in den Vorgarten öffnete, und mein ehrwürdiger Bettler im Schlafrock vor mir stand. Diesmal nicht blind und das herrliche weiße Learhaar sauber zurückgestrichen. Diskret zog sich das liebe junge Mädchen bei seinem Auftreten zurück. Ich stellte mich dem Manne vor und brachte mein Anliegen begreiflicherweise nur stockend heraus, denn die Situation war nicht ohne Peinlichkeit. Aber ich muß gestehen, er half mir mit vollendeter Form nach den einleitenden Worten meinerseits darüber hinweg und lud mich in sein Arbeitszimmer. Die Sammelbüchse war noch nicht geöffnet, mein Geldstück lag gleich obenauf, mein bescheidenes Angebot, mich mit der Hälfte zu begnügen, weil geschenkt doch geschenkt sei, und nur eine momentane Brédouille mich gezwungen hätte den Irrtum richtigzustellen, wies er höflich aber bestimmt zurück. Und jetzt kam ein Zug von tiefster Menschlichkeit und echtester Herzensgüte; der alte Mann meinte nämlich: Es scheint ihnen momentan nicht gut zu gehen ich habe dafür Verständnis, denn auch ich habe in früheren Zeiten Schweres durchgemacht, ehe ich auf diesen angenehmen und erträgnisreichen Posten geraten bin. Allerdings, das Entscheidende war, daß mir ein älterer Kollege, der mich sehr liebte, dieses Häuschen testamentarisch vermachte. Also, mein lieber junger Mann, Sie sehen ja so blaß aus, es scheint, Sie haben heute wenig oder schlecht gespeist, Sie werden mir erlauben, Ihnen mit einem kleinen Imbis aufzuwarten. Und schon eilte er hinein und beschämt und glücklich fand ich nicht einmal die Kraft zu protestieren. Auch muß ich gestehen, reizte mich der Gedanke, einen Blick in das Innere des Hauses tun zu dürfen, und leise regte sich die Hoffnung, der reizenden jungen Dame noch einmal zu begegnen.

Es gab ein exquisites Mahl zu dreien. Vater und Tochter waren voll Güte und Herzlichkeit, voll zarter Aufmerksamkeit, voll Liebenswürdigkeit, Humor und Menschenkenntnis. Schon nach kurzer Zeit hatte ich die Empfindung, mit alten Freunden beisammen zu sein. Ich wurde zum Wiederkommen aufgefordert. Und ich kam oft wieder. Ich erfuhr die ganze, sehr merkwürdige Lebensgeschichte des alten Mannes, den ich als wahrhaften Charakter und Philosophen schätzen lernte, nebstbei, das darf ich ihnen wohl verraten, auch als einen echten Vollblutaristokraten, denn Fahringer war natürlich nur sein Geschäftsname. Kurz, um zu Ende zu kommen, das Mädchen und ich wurden ein Paar. Mein jetziger Schwiegervater, der der Verbindungen durchaus nicht entbehrt, bemüht sich übrigens mir eine Konzession für ein Bureau-, Häuser- und Realitätenverkehr zu verschaffen, weil er es für unmoralisch und unökonomisch findet, seine Kräfte in so jungen Jahren brach liegen zu lassen und nicht zu verwerten. Ich kann Ihnen sagen, fügte der junge Mann mit den Tönen einer ehrlichen Überzeugung hinzu, die mich auf das angenehmste berührte: ich bin durch meinen Schwiegervater wirklich ein besserer Mensch geworden. Und wenn Sie uns einmal Sonntag zum Speisen das Vergnügen machen wollen, so genügt eine pneumatische Karte, aber vor zwei Uhr gibt es nichts zu essen, denn bis zwei Uhr ist mein Schwiegervater im Geschäfte, das am Sonntag, besonders an schönen Tagen, wenn Ringstraßenkorso ist, sehr gut geht . . . Wenn Sie übrigens gleich mit ihm hinausfahren wollen – jeden Sonntag vergönnt er sich einen Einspänner, weil die Elektrische so überfüllt ist. Der Einspänner wartet auf ihn Ecke Lager- und Oetzeltgasse; ich werde meinen lieben alten Herren jedenfalls verständigen, damit er nicht erschrickt, wenn Sie auf ihn zutreten, denn ein bißchen nervös ist er doch. Er war vorigen Sommer an der Nordsee und das Klima war ihm zu rauh. Diesmal soll er den Sommer an der österreichischen Riviera verbringen und warme Meerbäder nehmen. Bitte reden Sie ihm auch zu. Der alte Mann ist ja so eifrig und so unermüdlich auf seinem Posten als ob er noch davon leben müßte. Ordentlich kämpfen muß man, daß er sich eine kleine Erholung gönnt.«



Das Erlebnis einer Nacht.

Es war in den ersten Tagen April des Jahres 1848. Feldmarschall Radetzky hatte nach fünftägigem Straßenkampfe Mailand der nationalen Revolutionspartei überlassen müssen und sich zurückgezogen, um die kaiserliche österreichische Armee am Mincio und um Verona zu konzentrieren.

Bereits am 4. befanden sich die beiden Armeekorps, die vorderhand sein Um und Auf waren und die ganze Armee vorstellen mußten, zwischen dem berühmten Viereck versammelt, das von den Festungen Peschiera, Verona, Mantua und Legnago gebildet wird, und hielten sich des Angriffes der heranziehenden piemontesischen Armee gewärtig. Die Lage der k. k. Armee und ihres greisen Führers, des 81jährigen Marschalls, war keineswegs beneidenswert.

Venedig und sein fruchtreiches Hinterland waren bereits verloren gegangen, die Verbindungen mit der Lombardei abgeschnitten, die Tiroler Straße, der einzige Weg, der die Armee noch mit den Erblanden verband, aufs äußerste bedroht.

Vorerst galt es Anstalten zu treffen, um das Festungsviereck, das die sichere Basis aller kommenden Operationen naturgemäß bieten mußte, so gut als möglich zu verproviantieren und durch fortifikatorische Arbeiten in einen besseren Verteidigungszustand zu versetzen.

Der Kommandierende von Mantua, General der Kavallerie von Gorzkowski, hatte schon vorher Umsicht, unterstützt von seinem Lokalgeniedirektor, große Tätigkeit entfaltet zwecks ordentlicher Verproviantierung trotz der geringen Mittel, die ihm zu Gebote standen.

Zur Sicherung der Verpflegung wurden die Bewohner aufgefordert, sich mit Nahrungsmittel zu versorgen oder die Stadt zu verlassen. Um die Truppen mit Geld zu versehen, wurde eine eigene Geldpräge etabliert, wozu vorgefundene und mit Beschlag belegte Silberbarren ein höchst erwünschtes Material abgaben.

Außerdem erhielt der Podestá, der, aus einer alten Familie stammend, absoluter Vertrauensmann aller Bürger war und infolgedessen die Verwaltung der städtischen Gelder in den Händen hatte, die Verständigung und das ausdrückliche Verbot, weitere Auszahlungen zu leisten, weil das Kommando sich genötigt sehen würde, zu einer Zwangsanleihe zu schreiten. Gleichzeitig mit dieser Mitteilung erhielt der Podestá die Aufforderung binnen drei Tagen seine Bücher in Ordnung zu bringen und dem Kommando abzuliefern. Um ihm jede Möglichkeit zu nehmen das Geld nach auswärts, eventuell zu Handen König Alberts zu versenden oder es eventuell bei italienisch gesinnten Bürgern in Sicherheit zu bringen, wurde die Podesteria unter Bewachung gestellt; überdies wurde über die Stadt der Belagerungszustand verhängt, Paßzwang und Leibesvisitation eingeführt, um die aufgeregte Bevölkerung besser in Zaum halten zu können. Das reichlich vorhandene Geld tat in der kleinen Besatzung seine fröhliche Wirkung.

Energie, Arbeitsfreude, unbändiger Tatendrang stiegen ins Ungemessene. Bei Soldaten und Offizieren entwickelte sich ein freudiger Übermut, der den kommenden Ereignissen mit brennender Ungeduld entgegensah.

Ein Lebensfieber bemächtigte sich aller Gemüter und erhitzte das Blut.

Die Equitationsstunden der Mannschaft wurden eingestellt, um Reitkünste zu lernen war keine Zeit mehr übrig, wo jeden Tag Vorpostenmeldungen vom herannahenden Feind zu erwarten waren.

Im Kasernenhof standen große Schleifsteine, an denen die schweren Kavalleriesäbel geschliffen wurden. Es war ein beständiges Kommen, Gehen von Ordonnanzen und Adjutanten, inspizierenden Generalen, Lieferanten, Bittstellern, aus- und einrückenden Truppenteilen.

Tag und Nacht waren die Straßen und Kaffeehäuser von Menschen erfüllt, keiner hatte die Ruhe in seiner Wohnung zu bleiben; an Schlaf dachte überhaupt niemand, denn die Aufregung hielt alle Kräfte gespannt. Wer von den jüngeren Offizieren nicht gerade in Dienst stand oder von bleierner Müdigkeit angefallen worden war, durchwachte die Nacht bei Spiel, Gesang und hitzigen Debatten über Chancen, Erfolge, Verluste, Vorgesetzte und Untergebene im Kreise der Kameraden in berühmten Offizierscafés auf der Piazza.

Ein Gefühl war in allen: Leben, solang es noch Zeit ist, wer weiß was morgen kommt, sicher ist nur das Heute.

Es war bereits gegen 8 Uhr abends als der Ulanenleutnant von Radianski aus dem Spielzimmer des Offizierscafés auf der Piazza durch eine Ordonnanz plötzlich abberufen wurde. Er bedauerte den Zwischenfall und seine Kameraden auch, denn er war stark im Gewinn gewesen.

»Also auf Revanche, Kinder, ein anderesmal, vielleicht in der Nacht, wenn ich frei bin . . .«

Das gewonnene Geld hatte er als lustiger und gewohnter Spieler einfach mit der Faust zusammengerafft und in die Hosentaschen gestopft.

Der Dienstzettel, der ihm übergeben worden war, wies ihn an, sich sofort beim Vorsitzenden der Approviantierungskommission einzufinden.

Leutnant v. Radianski erfuhr, daß er bestimmt sei, eine Requisition auf San Girolamo zu leiten und mit zwei Zügen Ulanen und einer halben Kompagnie Jäger einer Wagenkolonne als Bedeckung zu dienen, da die Gefahr einer Überraschung durch eine feindliche Abteilung nicht ganz ausgeschlossen war.

Die Rechnung für die Lieferung an Mais, Mehl und Reis sollte er persönlich begleichen, da man die Lieferanten, mit welchem die Kommission den Handel geschlossen, als verdächtige Italiener nicht in die Festung lassen wollte, das Geld aber auch nicht der gänzlich unsicher gewordenen Post anvertrauen konnte. Zu diesen Zahlungszwecken erhielt er zweitausend Gulden eingehändigt.

Wagen und Gespanne, teils Ochsen, teils Pferde, hatten die Lieferanten zu stellen. Jedem Kutscher war ein Mann von den Jägern mit geladenem Gewehr beizugeben. Die Ausrückungsordre lautete auf 4 Uhr früh, denn die Morgenkühle sollte nach Möglichkeit ausgenützt werden.

Nachdenklich stieg der Leutnant die breiten Marmorstufen des alten düsteren Palazzo hinab, in dem jetzt die Kommission ihren Sitz aufgeschlagen hatte statt des alten Geschlechtes von einstmals; nachdenklich und unentschlossen stand er vor dem Riesentor, in dessen wuchtige, metallbeschlagene Flügel sie ein kleines Pförtchen geschnitten hatten; er wußte nicht recht, sollte er noch zu seiner Gesellschaft zurück oder nach Hause, oder in die Kaserne. Er entschied sich für die Kaserne.

Zuerst verständigte er seinen Diener und wies ihn an, alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen, dann begab er sich ins Mannschaftszimmer, instruierte seine Leute persönlich und beorderte den Wachtmeister, um halb 4 Uhr zum Ausrücken im Hof parat zu halten. Seine Ulanen begrüßten die Aussicht, für ein paar Stunden aus der Festung hinaus zu kommen, mit hellem Jubel; überdies lockte jede noch so geringe Aussicht auf einen Zusammenstoß als ein heiß erwünschtes Ziel.

Sie umdrängten ihren jungen geschmeidigen Leutnant mit fröhlichen Lauten, ihre braunen Gesichter glänzten. Auch der Leutnant war in allerbester Laune, vor allem deshalb, weil er und nicht sein Oberleutnant, der morose Bursche, das kleine Kommando erhalten hatte und weil heute überhaupt so ein Glückstag war, und er auch im »Landsknecht« so viel Glück gehabt hatte, so gab er jedem seiner Ulanen einen Silberzwanziger, damit sie im roten »Vino nostro« seine Gesundheit tränken. Und weil der Abend lau war und eine Schirokkoluft wehte, so fühlte er selber Durst und Hunger auch, machte kehrt und schritt über den hallenden Hof und durch die drängenden Volksmassen der abendlich belebten Straßen über den Korso zum Gasthof »Capello nero«, wo sich das Korps der jüngeren Offiziere zum Abendbrot meistens einzufinden pflegte.

Er fand die Korona auch bereits versammelt und wurde mit liebevollem Geschrei von der übermütigen Gesellschaft empfangen.

»Was hat's denn gegeben?«

»Hat der Alte was wollen?«

»Geht's los?«

»Hast du eine Patrouille zu führen bekommen?«

»Kommen wir vielleicht gar aus diesem verdammten Nest weg und ins Hauptquartier?«

So und ähnlich schwirrten die Fragen auf ihn los.

Und da Radianski unter seinen Kameraden auch den unsympatischen Oberleutnant bemerkte und er überdies keine Ursache und keinen Befehl hatte, über seine kleine Mission Schweigen zu beobachten, so gab er sie eben zum Besten, schon damit der Oberleutnant sich ärgert und sieht, daß er, der Leutnant, dem Oberleutnant vorgezogen wird. Radianskis Mitteilung wurde mit jubelndem Hallo aufgenommen, denn er war dank seiner Liebenswürdigkeit sehr beliebt, galt als schneidiger Reiter, Tänzer, guter Kamerad, überdies, wenn die anderen tanzen wollten, war er immer bereit, mit seinem Zigeunertalent auszuhelfen und ihnen stundenlang unermüdlich aufzuspielen einen Walzer nach dem andern, immer aus dem Gedächtnis. Noten konnte er überhaupt nicht lesen.

»Na, der Alte,« damit meinte er seinen Oberst, »weiß schon warum er gerade mich ausgesucht hat«, meinte er mit einem übermütigen herausfordernden Blick aus seinen kleinen dunklen Augen hinüber zum Oberleutnant.

Aber der Oberleutnant, schwerfällig und mißmutig wie immer, fand im Moment keine passende Antwort, wie überhaupt meistenteils und zum Dreinschlagen lag doch kein genügender Grund vor, so schwieg er notgedrungen und begnügte sich, grollend seinen Schnurrbart zu benagen.

Aber in den falschen, grünen Augen funkelte es giftig, und wenn ihm irgend ein Wort eingefallen wäre . . . aber es fiel ihm eben keines ein.

Wie bittere Tropfen von der Galle bis zu den Lippen vorgestoßen, bedrängten ihn immer wieder aufquellend die Fragen, warum hat der junge Mensch alle Sympathien, warum fliegen ihm alle Herzen zu, warum immer er, der junge Mensch, warum nicht er, der Oberleutnant. Warum war er auch diesmal wieder übergangen worden, ihm hätte der Auftrag gebührt.

Und der andere war bevorzugt worden! Nur weil er hübsch und liebenswürdig war und er nicht. O, wie er diese verdammte Weibertugend, die affenhafte Liebenswürdigkeit haßte. Liebenswürdigkeit ist Schwäche, ist Charakterlosigkeit. Etwas wie ein Haßgefühl stieg in ihm empor. Der junge Mensch da drüben mit dem koketten, dunklen Strich über der Oberlippe wird weiter kommen, immer höher steigen – und er wird aus einer schäbigen Garnison in die andere gepufft werden, nie ans Licht kommen, nie über den Rittmeister hinaus gelangen, wenn ihm nicht dieser Feldzug überhaupt das Licht ausblast.

Und – beendigte er seinen lautlosen Monolog – und mit mir wird sich jeder Mensch nur so lange beschäftigen als er gerade muß und nicht einen Augenblick länger. Nach mir fragen wird keiner, wenn ich nicht da bin, mich suchen, mir nachgehen, mir helfen – keiner. Und dieser junge Mensch, ich bin überzeugt, er kann anfangen was er will und wenn er bei einer Attacke in Gefangenheit gerät, so werden sie ihn heraushauen und mich sitzen lassen.

Von irgend einer Seite klang auf einmal ein kräftiges: »O nein, o das gibt's nicht! Schlafen geh'n? Jetzt, um diese Zeit! Warum denn überhaupt?«

Und viele Stimmen erhoben sich: »Dageblieben, Radianski!«

»Abfahren gibt es nicht!«

»Du bist ja kein schwächliches Mäderl, sondern ein fester Kerl, der was aushält, also, wenn du ohnedies um halb 4 auf Posten sein mußt, wozu ziehst du dich überhaupt erst aus und gehst schlafen. Überdies bist du uns noch Revanche von Nachmittag her schuldig! Ehrenvolle Aufträge und unser Geld davontragen, das ist zu viel! Wenigstens für einen Tag!«

Ein leichtes Lächeln der Zufriedenheit lief über die Züge des Oberleutnants und etwas wie der Blitz eines Einfalles oder auch einer Hoffnung glitt über sein Gesicht. Einen Moment sah er aus wie ein teuflisch grinsender Verführer, der mit verbindlicher Handbewegung und ergebener Verbeugung zu einer Sünde ganz gehorsamst einladet.

Mit einer Lebhaftigkeit, die an ihm selten zu beobachten war, unterstützte er den Redner von früher.

»Der Radianski wird uns das doch nicht antun! Wie säh' denn das aus! Das wär' wahrhaftig nicht kameradschaftlich von ihm. Er darf sich doch  nicht d'raufsetzen auf das gewonnene Geld.«

»Revanche! Zurück ins Café! Radianski muß mit!«

Erhitzt und fröhlich, strahlend vor Lebensfreude, glühend vom Weine, brachen die jungen Leute ins Kaffeehaus ein und stürmten nach der rückwärtigen Terrasse, die in den Garten hinausgebaut war. Die Cameriere flogen herum, die Bestellungen schwirrten wie Raketten auf: Eis! Schwarzer Kaffee! Asti! Mitten im lautesten Schwarm saß Radianski, dunkle Röte im Gesicht. Er vertrug eigentlich wenig. Er hatte sich entschlossen hier zu bleiben und den Morgen im Kreise seiner Kameraden zu erwarten. Überdies, er hatte Revanche zu geben.

Schon wurden die Spieltische aufgestellt und die Partien ausgeknobelt mit Würfel und Karten.

Die Nacht war schwül. Selten nur rauschte ein erquickender Lufthauch durch die Steineichen, welche die Terasse überdachten.

Die Offiziere lockerten die engen Kragen, die Worte wurden seltener, das Fieber ergriff die Gemüter. Nur Ansagen und Kartenworte geschäftsmäßig mit erzwungener Kehle hervorgestoßen unterbrachen die Stille oder das Klirren eines Glases.

Die Atemzüge der Spielenden gingen kürzer und lauter, Münzen klirrten, Papiergeld rauschte.

An jedem Tische spielten sie etwas anderes. Dort Landsknecht, hier Tarok, am dritten Maccao. Die Gruppe um Radianski hatte eine kleine Roulette aufgestellt und eine Bank etabliert.

Radianski setzte konsequent rouge impair. Anfangs war ihm das Glück günstig gewesen, und anstatt den anderen Revanche zu geben, nahm er ihnen fortgesetzt Geld ab. Aber er wollte doch endlich verlieren, verdoppelte die Einsätze und spielte weiter.

Zur Gruppe, in der sich Radianski befand, hatte sich auch der Oberleutnant als »Kibitz« gesellt und beobachtete das Spiel wie eine lauernde Katze.

Das Glück hatte sich gewendet! Radianski geriet ins Verlieren. Er gab Revanche, aber schon hatte ihn die Leidenschaft so stark umnebelt, daß er nicht mehr die Kraft fand, im richtigen Moment aufzuhören.

Die Augen des Oberleutnants leuchteten.

Noch einen zweiten Beobachter hatte die Spielergruppe.

Das war der greise Podestá Mantuas. Das olivenfarbene Gesicht auf die dürren Hände gestützt, sah er, die Lippen eng zusammengepreßt, daß sie wie ein dunkler Strich das Gesicht entzweischnitten, ohne Regung, die ernsthaften Augen prüfend auf den jungen Menschen gerichtet, der da blindwütend darauf losspielt.

Die Aufregung am Spieltisch wuchs von Minute zu Minute. Radianski hatte längst schon mehr getan als Revanche gegeben. Vergeblich suchten ihn seine Kameraden zu bewegen, sich vom Spiel zurückzuziehen. Es war rein eine Tollheit über ihn gekommen, es sauste und brauste in ihm, er wagte dem Glück noch in immer tolleren Sprüngen mit Einsätzen, die für seine Verhältnisse Wahnsinn waren, von denen kein Mensch wußte, woher er sie bezahlen konnte, wenn es dazu käme. Der Wein und die Aufregung des Spieles hatten ihm so zugesetzt, daß er jeden bedrohte, der ihm vom Aufhören sprach.

Mit mühsam unterdrückter Freude sah der Oberleutnant die absolute Unzurechnungsfähigkeit Radianskis und der übrigen Spieler, sah das Ende und den Ruin, mit dem dieses Spiel so oder so enden mußte. Seine Zeit war also gekommen, aber auch der alte Podestá verfolgte das Spiel mit gespanntestem Interesse. Er hatte ein Auge für Spieler und einen Blick dafür, was im Menschen vorgeht. Er sah den Oberleutnant und folgte seinen züngelnden Blicken, er sah den jungen Menschen, der um Beträge spielte, die für einen Leutnant enorm waren.

Eine gedankenvolle Furche grub sich zwischen seine Brauen und anstrengend sandte er seine klugen Augen in die Züge Radianskis. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Und jetzt warf er einen Tausender auf die Spielbank. Das hatte auf die anderen Eindruck gemacht, das schien offenbar, wie gelähmt waren sie einen Augenblick – aber der junge Mensch schrie sie heiser an: »Weiter, weiter, laß los, auf impair rougé.«

Als der Tausender auf den Tisch geflogen war, hatte auch der Oberleutnant einen Moment verblüfft gestutzt, aber dann war ein helles Lächeln der Genugtuung über seine Züge gefahren und jetzt dehnte er sich in lautlosem Triumph. So war es geschehen, was er erhofft und erwartet hatte, Wein, Stimmung, Leichtsinn, Leidenschaft – alle zusammen hatten das Werk vollendet. Unauffällig und geräuschlos verließ er die Gruppe und das Café, er dachte seine Vorbereitungen zu treffen und sich bereit zu halten.

Es war ihm klar, der junge Mensch, der da halbbetrunken spielte, verspielte Geld, das unmöglich ihm gehören konnte, denn er kannte seine Verhältnisse, sondern vermutlich – er hatte seine Vermutungen. Für alle Fälle wollte er sich bereit halten, an Radianskis statt die Requisition zu leiten, wenn die Nacht mit einer Katastrophe endigen sollte, was er erwartete.

Mit fliegendem Atem, die Augen weit vorgequollen, große Schweißtropfen auf der Stirne, kaum imstande zu reden, spielte der junge Mann sein letztes Spiel. Es galt alles – oder nichts, der Gewinn oder Verlust entschied über sein Leben und seine Ehre . . . Die furchtbare Situation hatte ihn halbwegs ermuntert; die Zähne auf die Unterlippe gepreßt, starrte er auf die surrende Scheibe und harrte durch qualvolle Sekunden, die sich endlos dehnten, seines Schicksals das die rollende Kugel entschied. Er verlor – und hatte nichts mehr zu verlieren . . .

Ein banges Schweigen senkte sich über den Tisch. Keiner fand ein Wort. Jeder hätte gern die Situation und Radianski gerettet, aber keiner wußte, wo anfassen. Das Schweigen wurde entsetzlicher von Sekunde zu Sekunde.

Radianski erhob sich schwerfällig.

Mit mühsam erkünstelter Festigkeit und mit einem Lachen, das unendlich peinvoll berührte, wandte er sich zu seinen Kameraden, die trotz der Nebel, welche der Weindunst um die Gemüter spann, mehr oder weniger deutlich seine Situation ahnten: »Ihr müßt mich einen Augenblick entschuldigen – ich habe momentan kein Geld mehr bei mir, aber wartet nur, ich will nur die paar Schritte nachhause machen; ich bin gleich wieder da, dann können wir weiter spielen – hoffentlich kreditiert ihr mir so lange?«

Wieder versuchte er, einen scherzhaften Ton anzuschlagen, aber er täuschte keinen mehr damit – das fühlte er selber. Auf einmal hatte er das Gefühl: Die wissen, was ich getan habe; er fühlte Vorwurf, Mitleid, Staunen, Verachtung aus ihren Blicken, er kam sich plötzlich nackt, elend, ehrlos vor und mit hastigem Griff erfaßte er Säbel und Czapka, zwang sich in eine stramme Haltung, die jeden Verdacht und jede Vermutung niederschlagen mußte, und mit leichtem Gruß verließ er das Lokal.

Die jungen Offiziere wurden gänzlich unsicher und wußten jetzt gar nicht was sie halten sollten.

Sie steckten die Köpfe zusammen und beratschlagten mit schweren Zungen.

»Soll man ihn weiterspielen lassen, wenn er wiederkommt? Damit er eventuell zurückgewinnt?«

»Ja, aber wenn er weiter verliert?«

»Ich geb' ihm Frist, so lang er will, mir braucht er nicht zu zahlen –«

»Wieviel kriegst du von ihm?«

»Zwölfhundert oder so was Ähnliches.«

»Teufel, das ist viel!«

»Wer hätte übrigens gedacht, daß der kleine Radianski so viel Moneten hat . . . Zweitausend hat er bar in der Tasche gehabt.«

»Er hat halt gefaßt!«

»Ja, aber wo?«

»Wenn nur – wenn nur – keine faule Geschichte draus wird, mir wär' leid . . .«

»So hättet ihr ihn nicht spielen lassen!«

»Du hast ja auch Revanche wollen!«

Und der Streit wurde hitziger – –

Von den anderen Tischen rief man Ruhe, und leiser, aber immer noch erregt erörterte man den Fall weiter und wartete auf ihn oder auf eine Nachricht . . .

Als Radianski gegangen war, war er nicht allein gegangen.

Der alte Podestá, der die ganze Entwicklung aufmerksam verfolgt hatte, hatte sich ebenfalls erhoben und war ihm unbemerkt mit leisen, gleitenden Schritten gefolgt.

Radianski war nicht weit gekommen. Die mühsam festgehaltene äußerliche Ruhe hatte ihn rasch genug verlassen.

Kaum dreißig Schritte vom Schauplatz, den er eben verlassen hatte, entfernt, mußte er sich an die Mauer eines Hauses lehnen, um nicht umsinken zu müssen. Halb besinnungslos stierte er stumpfsinnig vor sich hin; die Czapka war zu Boden gerollt; dumpfes Stöhnen glitt von seinen Lippen.

Mit scharfem Blicke hatte der greise Podestá die dunkle Gestalt erspäht und näherte sich dem Leutnant, so rasch er vermochte. Mit prüfendem Mustern blieb er vor ihm stehen, der ihn nicht einmal bemerkte. Wie bekräftigend nickte der Alte mit seinem eisgrauen Schädel, als wie wenn er sagen wollte: Alles stimmt, ich habe es mir so und nicht anders erwartet.

Aber er sah nicht böse und nicht vorwurfsvoll dabei aus, im Gegenteil, ein weicher und mitleidiger Ausdruck lag auf seinen verkniffenen Zügen. Der liebenswürdige Reiz des jungen Offiziers schien auch in dieser Stunde sogar nicht verloren gegangen zu sein.

Der Podestá trat dicht an den Leutnant heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Herr Leutnant . . . Herr Leutnant . . .«

Radianski schien ihn nicht zu hören, er sah an ihm vorbei, ins Leere, ganz ausgefüllt von einem Gefühl und einem Gedanken: Das Ende ist da, das ehrlose Ende! Alles, alles ist vorüber! Jetzt heißt es nach Hause gehen, den Revolver von der Wand nehmen, vor den Spiegel treten, am Gaumen ansetzen, ein Druck, ein Krach. Und alles, weil er besinnungslos gewesen war, wahnsinnig, verblendet, betrunken; er schlug mit der Faust vor seine Stirne und stöhnte: Aus, aus, aus! Leben – Liebe – Ehre . . . alles aus, weggewischt! Nichts mehr – Krieg, Reiterattake, Avancement, die Medaille, Pferde, nichts, nichts mehr für ihn, nur mehr für andere. Er muß schießen, nichts mehr als schießen; es gab nichts anderes für ihn als sterben.

Und wieder begann der Podestá: »Herr Leutnant, kommen Sie doch zur Besinnung, hören Sie mich doch wenigstens an.«

»Wer sind Sie, was wollen Sie von mir?«

»Herr Leutnant, ich habe Sie im Café beobachtet, und bin Ihnen nachgegangen, weil Sie mir gefallen haben und leid taten; wer ich bin, tut nichts zur Sache, wenn Sie mich nicht kennen, umso besser. Ich bin alt, mein Leben ist so gut wie abgeschlossen, aber Sie sind jung! Ich will nicht, daß Sie für den Leichtsinn einer einzigen unbedachten Nacht büßen. Vielleicht kann ich Sie noch retten; ich weiß, was Sie getan haben, oder ahne es wenigstens. Um wie viel handelt es sich?«

Der Podestá mußte seine Frage wiederholen, denn er bekam keine Antwort.

Fassungslos, mit ungläubigen Augen und bebenden Lippen, die nicht imstande waren, einen artikulierten Laut zu formen, starrte ihn Leutnant Radianski an.

Um wie viel es sich handelt, damit ich weiß, ob ich noch so viel besitze, um wenigstens Ihnen helfen zu können.«

»Zweitausend und noch zwölfhundert«, drückte er endlich tonlos heraus.

»Sie können immerhin noch von Glück sagen – viertausend besitz' ich noch, die können Sie haben; helfen Sie sich damit. Aber lassen Sie sich diesen Augenblick als Warnung dienen. Immer wird nicht jemand in der Nähe sein, der Ihnen hilft und dem es auf ein par tausend Gulden mehr oder weniger schon nicht mehr ankommt.«

»Den Überschuß können Sie behalten, aber versuchen Sie nicht vielleicht ein zweitesmal Ihr Glück.«

Der Leutnant wollte reden, danken, aber seine Erschütterung war zu groß, es kam nur zu einem unzusammenhängenden Stammeln, das der alte Mann liebenswürdig und rasch abschnitt.

»Schon gut, ich will Ihnen gerne alles glauben, was Sie mir jetzt da sagen wollen. Ich kann mir das ganz gut vorstellen, daß es sehr schön ist, gerettet zu werden, wenn man es gar nicht mehr erwarten durfte. Leider ereignet sich dieser Fall im allgemeinen selten; man muß es sich für gewöhnlich gefallen lassen, nicht nur seine Taten zu tun, sondern auch ihre Folgen zu tragen, die manchmal dumm und traurig sind.«

»Ich könnte Ihnen Diesbezügliches erzählen, aber Ort und Zeit sind für eine Lebensbeichte schlecht gewählt. Vielleicht werden Sie später Einiges begreifen. Nun, ich will Sie jetzt nicht länger langweilen und verwirren! Immerhin, es freut mich in so später Stunde, gewissermaßen ehe der Vorhang fällt, noch etwas getan zu haben, was Hand und Fuß gehabt hat. Adieu! Denken Sie an mich bei Gelegenheit, aber zuerst denken Sie an sich . . . Von der Begegnung mit mir werden Sie im eigenen Interesse ohnedies schweigen. Und noch eines: Sie sind jung und weich – hüten Sie sich auch vor Gewissensbissen und Sentimentalitäten am unrichtigen Orte. Der Schein ist alles! Wie wir den anderen vorkommen, darauf kommt's an. Was Sie innerlich sind, kümmert keinen. Die Unterschiede zwischen Schuft und Halbgott sind geringer als man denkt, und überhaupt nur in den Gehirnen der anderen vorhanden. Innerlich ist einer wie der andere. Adieu, junger Freund, seien Sie vernünftig und glücklich und lassen Sie das Spiel, Sie sind nicht kalt genug dazu. Ein Spieler muß immer bereit sein, zu verspielen und zu verschwinden, wenn er ausgespielt hat, ohne Schwäche und ohne Bedauern. Wer das Spiel liebt, darf das Leben nicht lieben und den Tod nicht fürchten, der ohne Ehren und ohne Trompetenfanfaren kommt.«

Ein freundliches Grinsen auf den hageren Zügen, wandte sich der alte Mann ab und verschwand mit langsamen Schritten in einer dunklen Seitengasse.

Radianski starrte ihm nach wie einer himmlischen Erscheinung. Er wäre ihm gern zu Füßen gestürzt, er hätte ihm gerne die Hände geküßt, aber er war wie gelähmt. Als sich der Sturm seines Innern beruhigt hatte, besah er sich beim Scheine der trüben Straßenlaternen das Geld, das er, zerknittert von seinem Weinkrampf, zwischen den Händen hielt. So war es wirklich wahr, keine Fiebertäuschung, keine trügerische Einbildung, die sich lösen mußte; er zählte – wenn man zählen kann, ist man doch bei Verstande, er zählte noch einmal, es waren viertausend Gulden. Er war gerettet, wirklich gerettet von einem fremden Menschen, den er nie vorher gesehen oder wenigstens nicht beachtet hatte. Einen Moment hatte er den Gedanken: es ist vielleicht eine Falle, in die er mich gelockt hat, aber dann wies er den Gedanken zurück; was kann ihm der fremde Mann Böses wollen, was könnte er mit ihm vorhaben! Es war einfach ein guter Mensch, dem er leid tat. Vielleicht war der alte Mann als junger Mensch in einer ähnlichen Situation gestanden und hatte sich die Empfindung lebendig erhalten. Vielleicht . . . er fühlte sich übrigens nicht mehr imstande, über alle Möglichkeiten und Motive dieser wunderlichen Güte nachzugrübeln, denn ein Glücksgefühl überströmte ihn, eine grenzenlose Dankbarkeit gegen das Schicksal, das ihm diesen Mann in den Weg gesandt hatte.

Mit raschem Griff raffte er die Czapka vom Boden auf, stülpte sie aufs Ohr, nachdem er das Geld noch in der Brusttasche sicher verwahrt hatte, und mit wiegenden Schritten eilte er von dannen in den leise grauenden Morgen hinein. Ein Blick auf die Uhr belehrte ihn, daß er noch eine volle Stunde Zeit habe, um sich hinstrecken zu können. Er wandte sich seiner Wohnung zu.

Als er bei der sprudelnden Fontäne vorüber kam, tauchte er die heißen Hände wohllüstig hinein und auch die Augen wusch er sich hell.

Und so gut tat ihm das, daß ihn jedes Müdigkeitsgefühl und jeder Schlaf verließ und jedes mahnende Gefühl an die durchwachte Nacht und an die schwere Stunde mit ihrer wunderbaren Rettungspointe.

Er hatte das Gefühl, die Sonne und den neuen Tag erwarten zu müssen.

Er bog vom Heimweg ab und wandte sich nach den öffentlichen Gärten. Die Helligkeit nahm mit südlicher Schnelligkeit zu. Strahlend wie über einem Meere, das sie vergoldet, hob sich die Sonne über den überschwemmten Boden, der auf weite Strecken hinaus jeden feindlichen Annäherungsversuch unmöglich machte. Mit hellem Geist bewunderte er die genialen Fortifikationsanlagen und sog mit weiten Lungen den kühlen Morgenwind ein, der über die Wasserfläche heranstrich. Die Rosen standen in voller Blüte und glänzten feucht und der italienische Frühling entfaltete seinen ganzen zauberhaften Reiz. Und er genoß den Frühling und sein junges Leben und die Kraft seiner Arme, zog den Pallasch und ließ ihn sausend die Luft zerschneiden und prüfte seine Schärfe und säbelte eingebildete Feinde jauchzend nieder und fühlte sich so selig und frei wie ein Genesender, der von einer Todeskrankheit auferstanden, nach Wochen dumpfer Zimmerhaft zum erstenmale wieder junge Frühlingslüfte atmen darf.

Endlich war es aber doch Zeit, nach Hause zu gehen. Sein Bursche war schon auf, und bereitete ihm das Frühstück. Aber das gewöhnliche Frühstück war ihm viel zu wenig. Er mußte Eier haben und Persuto und Honig. Er hatte einen Hunger, als ob er wochenlang nichts gegessen hätte. Mit mahlenden Kinnbacken noch steckte er 1200 Gulden, den Spielverlust, den er noch schuldig war, in ein Kouvert und wies den Burschen an, den Kameraden aufzusuchen, aber nicht zu Mittag, damit er seinen Schlaf nicht störe, dann begab er sich hinunter zu seinen Leuten, musterte noch Menschen und Pferde, fand alles in bester Ordnung, schwang sich in den Sattel und trabte mit seinen Ulanen beim Kasernentor hinaus. An der Porta Venezia erwarteten ihn die Kaiserjäger, die sich ihm anschlossen. Und gleichmäßig erklangen bald darauf auf der weißen Landstraße, die noch im kühlen Morgenschatten schlief, Marschritt und Pferdegetrappel, das sich in der Richtung auf San Girolamo weiter und weiter verlor.

Leutnant Radianski, die Karte am Sattel, dicht gefolgt vom Trompeter, hielt die Spitze und hing im Sattel, elegant und bequem, der geborene Reiter, eine Freude für jeden, der ihn sah.

Und Gewissensbisse spürte er gar keine, aber schon gar keine, nur eine kleine Nachdenklichkeit lag wie ein dunkles Wölkchen am fernsten untersten Rande seines Horizonts. Was die Kameraden sagen würden? Ob der alte Mann wohl reinen Mund halten würde? Einen Moment lang wurde er sehr ernst, er mußte an den Oberleutnant denken; wenn der den Zusammenhang der Dinge erriete . . . Radianskis hübsches Gesicht bekam einen brutalen Ausdruck: Jetzt lebte er einmal und wollte leben; wenn er vielleicht auch sich selbst gegenüber kaum eingestanden und ängstlich umgangen, ein unsicheres Gefühl hatte – die anderen hatten ihn nach wie vor für voll zu nehmen.

Sein Gesicht verzerrte sich bis zum zynischen Trotz: Er hatte gespielt, gut, verspielt, auch gut; wer konnte ihm beweisen, daß er nicht das Recht gehabt hatte, zu spielen! War er nicht mit den Worten aufgestanden, daß er nach Hause gehe, frische Münze zu holen? Freilich, der alte Mann hatte den Zusammenhang erraten, aber der hatte ihn schlapp gesehen, der konnte erraten, die Kameraden jedoch . . . übrigens – erraten soll jeder was er will, aber sagen, sagen . . . wird es keiner, und wenn es einer wagen sollte, der Oberleutnant vielleicht . . . wenn er nur den Schatten einer Verdächtigung, einer Anspielung empfinden sollte . . . Seine Faust umklammerte den Säbelgriff: er wird kämpfen um sein Leben und um seine Ehre.

Auf einmal begann er zu lachen, er kam sich ganz dumm vor mit seinen Wahngedanken, ganz übertrieben und komisch, er war doch sonst nicht so bedenklich; er hatte eine Dummheit gemacht, die Dummheit war ausgeglichen worden, und jetzt existierte sie einfach nicht mehr.

Radianski drückte seinem Gaul die Knie in die Rippen und flog fröhlich in kurzem Galopp seinen Leuten voraus! Er wollte ein gutes Gewissen haben um jeden Preis!

Indessen sich der Zug mit seinem Führer dem Orte der Bestimmung näherte, geriet Mantua in eine beispiellose Aufregung. Ein Gerücht flatterte auf, erst unbestimmt und ungläubig aufgenommen, schließlich immer bestimmter auftretend, bis es sich als Tatsache erwies.

Der greise Podestá Mantuas hatte sich beim ersten Morgengrauen erschossen, nachdem er, wie es sich herausstellte, die ganze Nacht noch im Café auf der Piazza verbracht hatte.

Im Verlauf des Tages wurden auch die Gründe bekannt, welche den alten Mann, der so viele Würden und Ämter auf seinem Haupt vereinigt hatte, zu dieser Tat bewogen hatte. Ein Brief, dem Kommandanten Mantuas zugedacht, gab die erwünschten Aufklärungen, die wie ein Blitzschlag wirkten.

Kein Mensch hatte den alten Podestá, der als einsamer Junggeselle lebte, wirklich gekannt und durchschaut. 

Er war anders gewesen, ganz anders gewesen, als seine Mitbürger meinten, die ihn als ihresgleichen geschätzt und angesprochen hatten.

Der alte Podestá hatte die Zwangsanleihe, welche die Militärbehörde in den nächsten Tagen bei der Stadt machen wollte, gefürchtet. Es wäre bei dieser Gelegenheit offenbar geworden, daß er das Vertrauen seiner Stadt seit Jahren getäuscht hatte und in den städtischen Kassen Unsummen fehlten, die er für sich gebraucht hatte. Der Podestá erklärte weiters, daß er zu alt und zu bequem sei, um in letzter Stunde zu flüchten; was aber den Tod anbelangt, so zöge er es vor, sich selber zu töten, statt standrechtlich justifiziert zu werden.

Als Leutnant Radianski am späten Nachmittag von seiner Requisition zurückkam, erfuhr er den Tod des Podestá. Er fiel ohnmächtig zusammen, als ihm zu Bewußtsein kam, wem er seine Rettung zu verdanken hatte.

Eine unendliche Fülle von Gedanken und Entschlüssen durchkreuzte in den nächsten Tagen das Gehirn des jungen Mannes. Er wußte nicht, ob er zu leben oder zu sterben hatte. Er wollte seinem Oberst bekennen und die Entscheidung ihm anheimstellen, aber er kannte ihn als einen beschränkten Kopf, der von Pferden mehr verstand als von Menschen. Schließlich schien es ihm aber doch als das Angemessenste, einstweilen weiter zu leben, weil er sich sagen mußte, daß in den schweren Tagen, die der Armee bevorstanden, jeder, auch der unbedeutendste Subalternofiizier von Wert und Bedeutung werden konnte. Er beschloß die Entscheidung über sein Schicksal bis zur Beendigung des Feldzuges aufzuschieben.

Wenige Tage nach diesem Vorfalle wurden die Kaiserulanen Mantuas zum Hauptquartier einberufen und durch Bayerndragoner ersetzt.

Auf diese Weise kam Leutnant Radianski zur aktiven Teilnahme an den Gefechten bei Mortara und zeichnete sich so sehr aus, daß ihn der Marschall zum Oberleutnant beförderte und er seiner Kaltblütigkeit wegen dem Generalstab als Adjutant zugeteilt wurde.

Aber er war nicht mehr derselbe wie vorher. Sein Gesicht war gelb und mager geworden, jede Freudigkeit war von ihm gewichen. Er lebte und arbeitete wie eine Maschine, tat seine Pflicht und mehr als seine Pflicht, aber scheinbar ohne jede innere Anteilnahme. In Momenten der Ruhe brütete er apathisch vor sich hin.

Auf seinen eigenen Wunsch wurde er jedoch wieder zur Schwardron zurückversetzt, weil er die Tätigkeit als Adjutant als seinem Wesen nicht entsprechend fand. Er vertrug eine Existenz nicht, die verhältnismäßig mühelos, ihn nur selten wirklich energisch in Anspruch nahm. Er wollte nicht so viel Zeit für sich und seine Gedanken übrig behalten.

Der Feldzug dieses Jahres entschied sich im Herbste vor den Toren Mailands zugunsten der Armee. Radianski beteiligte sich an der Verfolgung des bereits geschlagenen Feindes.

Er war wieder einmal seinen Ulanen weit voraus geritten, als er sich mitten plötzlich in einem deformierten Karree piemontesischer Schützen sah, als einziges und willkommenes Ziel für zahllose Kugeln. – Er fiel zu Tode getroffen. –

Es gewinnt beinahe den Anschein, als ob er nicht ohne Absicht sich so isoliert hatte; wie wenn er trotz seiner glänzenden Position nach außen, unmittelbar vor dem Rittmeister stehend, sich dennoch nicht würdig genug erachtete, den siegreichen Einzug des Marschalls in das wiedereroberte Mailand mitzumachen.

Ein angefangener Brief an seinen jüngeren Bruder, der damals noch zu Neustadt in der Theresianischen Militärakademie stand, deutet wenigstens entfernt darauf hin. Er beklagte sich in diesen Zeilen mit beweglichen Worten, kein Privatvermögen zu besitzen, welches ihm ermöglichen würde, einen Schaden endlich gut zu machen, der ihn seelisch bedrücke, obwohl ihn selbst nur indirekt ein Verschulden träfe und kein Gericht der Welt ihn verurteilen könne, als sein eigenes Gefühl, das im letzten Jahre, krankhaft gesteigert, ihm über kurz oder lang sein Schicksal bereiten werde.