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Hedwig Dohm : Für Frieden und Völkerverständigung

Wider den Haß

Neues Frauenleben, 17.Jg., Nr.10, 1915, Wien

Ich hasse den Haß, würde ich sagen, wenn Nachstehendes nicht gerade eine absolute Absage an den Haß sein sollte, der während dieses Krieges so furchtbar epidemisch auftritt.

Die Apologeten des Hasses sagen: Der Haß ist ein starkes, undämmbares Gefühl und er ist ein vollberechtigtes. Über die Fischblütigen, die es nicht haben, zucken sie die Achsel; wer grobe Ausdrücke liebt, nennt sie kalte Hundeschnauzen.

Und sie sagen: Der Haß ist das Eisen im Blut, und zeugungsstark ist er wie die Liebe.

Ja -- das ist er, aber ich mißtraue seinen Geburten. Gewiß, der Haß ist ein Sporn, dem Gehaßten über den Kopf zu wachsen. Und ihr sagt: es gibt einen Haß, der heilig ist, der Haß, den die Vaterlandsliebe entband. Ja? Mir scheint, auch dieser Haß ist kein Funke von dem Feuer, das Prometheus für die Menschen vom Himmel holte.

Jemand schrieb: »Mütter gaben ihre Söhne freudig her, und sie konnten nicht mehr deutlich sagen: für das Vaterland oder aus Haß gegen England.« Madonnen sind diese freudigen Mütter wohl kaum.

Daß wir weder die Franzosen noch die Russen hassen, steht ja in allen Zeitungen, aber England! England! Nun -- kämpfen unsere Heere etwa lässiger, mit weniger Heldenmut gegen Frankreich und Rußland als gegen England? Wer wagt das zu behaupten? Es geht also auch ohne Haß. ...

Der Haß ist wie die Brennessel. Du kannst den Gehaßten nicht mit der Brennessel peitschen, ohne die eigene peitschende Hand zu verletzen. Der Hasser gleicht dem Skorpion, der sich den eigenen Stachel in den Leib sticht. Starke Hasser sind despotische Naturen! Legte ihnen ihre Zeit nicht Zügel an, sie würden, verspätete Neros, Brandfackeln in die Welt schleudern. Denn der Haß ist aktiv, er will die Tat. Die russischen Pogrome sind eine orgiastische Entladung solcher Haßbrunst. Die bloße Antipathie pflegt in ihren ablehnenden Äußerungen passiv zu bleiben.

Was hassen wir? Was uns Schmerz und Pein bereitet? Was uns in Elend, Gefahr und Verderbnis stürzt? Nicht bedingungslos. Wir hassen nicht die todbringenden Bazillen in unserem Körper, nicht die Lawine, die uns zu begraben, der Blitz, der uns zu töten droht. Wir hassen nicht die Feuersbrunst, die unser Haus zerstört, nicht die eisige Kälte noch die sengende Hitze. Wir wehren und schützen uns so viel als möglich gegen diese Überfälle feindlicher Naturmächte; wir hassen nur die Menschen, die uns absichtlich in Elend und Verderben stürzen. Wir wissen: die feindlichen Dinge in ihrem blinden Naturwalten sind unverantwortlich für ihre Wirkung, verantwortlich aber ist der Mensch für seine Handlungen. Und dann -- die Hauptsache -- die Dinge sind fühllos, gefeit gegen unseren Haß, und der Haß will wehtun, zerreißen, zermalmen. Ja, das will er. Sollen wir etwa ein Unrecht, das man uns zufügt, dulden oder auf ein Recht, das uns gebührt und das man uns weigert, verzichten?

Ich entgegne: Das sollen wir gewiß nicht. Wir Feministen wehren uns ja auch kräftig gegen die Antifeministen. Dem größten Antifeministen aber würde ich nicht das kleinste Leid anwünschen, höchstens ihn gern mit unseren Erfolgen ein wenig ducken und beschämen. Jede hartabwehrende Kritik, jede Polemik ist ein Kampf gegen Feindliches, nicht gegen Personen; es ist ein Kampf gegen Ideen, Anschauungen, die uns verderblich scheinen. Die Träger der Ideen kennen wir in der Regel garnicht. Wahrscheinlich sind's ehrenwerte Leute, alle, der eine oder der andere vielleicht zum Verlieben. Von Angesicht zu Angesicht möchten wir ihnen kein Härchen krümmen; aber auf ihre Meinungen und Ideen werfen wir Bomben, durchbohren sie mit den Pfeilen beißenden Witzes und würden sie vom Teufel holen lassen, wenn es einen gäbe.

Ist das Haß? Es ist in seinem feurigsten Vorwärtswollen, Revolutionismus, einer zu langsamen Evolution Helfer und Sporn.

Und wieder fragst du, erstaunt und unwillig: Was böse und schlecht, was niedrig und gemein ist, ich sollte es nicht hassen? Ist solcher Haß nicht eine ethische Forderung?

Nein.

Den Verleumder, der meine Ehre besudelt, vielleicht meine Existenz vernichtet, ich soll ihn nicht hassen?

Nein.

Sogestattest du doch wohl, daß ich den Mörder hasse, der ein geliebtes Wesen mir würgte?

Nein.

Du hast nur eine falsche Vorstellung von dem Entmenschten, der dies tat. Er ist kein Mensch, ist nur als Mensch verkleidet. Ein wildes Tier. Ob eine Lawine dir das geliebte Wesen begräbt, ein Blitz es tötet oder eine Bestie es zerreißt -- der Unterschied ist gering. Und du willst die weißen Rosen auf dem Grabe des Geliebten mit dem Blute der Bestie -- denn in Gedanken tötest du sie - begießen? Neben das Kreuz einen Galgen setzen? Wo in tiefstem Herzeleid deine Augen blind von unversiegbaren Tränen sind, wie sollten sie den Mörder sehen? Niobe löste sich in einen Tränenquell auf, aber sie dürstete nicht nach Apollos Blut.

Nicht nur für eine höhere, auch für eine einfach praktische Lebenskunst ist das Haß- und Racheprinzip: »à corsaire -- corsaire et demi« unverwertbar. Frage dich: was und wem nützt dein Haß? Was und wen bessert er? Hilft er mir? Mehrt er das Gute in der Welt? Man lebt nicht vom Leid anderer. Jeder Tag, jede Minute, die du dem Hasse gibst, nimmst du einer reineren Kraft der Seele, nimmst du der Freude am Leben. Willst du schön und gut bleiben, meide den Haß. Wer zerpflückte die Rosen, um ihre Dornen in der Hand zu behalten? Der Haß gegen den Verleumder wäscht deine Ehre nicht rein. Nicht nur gegen den Gesang der Sirenen, auch gegen das Zischen der Schlangen verstopfe dein Ohr. Begegne der Verleumdung durch eine unantastbare Lebensführung. Die Welt ist nicht blind, sie wird dir allmählich gerecht werden.

Glaubst du wirklich, daß unser Haß zumeist dem gilt, was schlecht und gemein in unserer Kulturwelt ist? Blick' um dich, blick' in das politische Getriebe, blick' in das Familienleben! Wie brav wird da überall gehaßt!

Und warum? Nicht am häufigsten auf Grund entgegengesetzter Meinungen? Sei, wie ich bin, oder sei gar nicht!

Werden wir Deutschen etwa von den fremden Nationen gehaßt, weil wir die »Apachen« unter den Völkern sind? Nein. Nur so -- weil wir anders sind als sie. Und anders zu sein scheint wie für einzelne, so auch für ein Volk die Klippe, an der Urteilskraft und Gerechtigkeit scheitern.

Die destillierteste, absoluteste Haßart ist der Menschenhaß. Ein Haß, der nicht einzelne, nicht Völker, der die ganze Menschheit einbezieht; ein Haß, der logischerweise in Selbsthaß und schließlich als eine Erlösung von dem Unglück, Auch-Mensch zu sein, in Selbstmord enden müßte.

Ihr guten Hasser seid noch jung! Von der Kürze des Lebens wißt ihr noch nichts. Seid ihr aber alt geworden, ganz alt, dann werdet ihr in schwermütigem Staunen fragen: Wie? Das war das Leben? Dieser kurze Traum?

Und ist das Leben ein Traum, so gib, o Gott, daß wir schön träumen!

* * * * *

*) Diese Worte schrieb die greise Schriftstellerin Hedwig Dohm, eine der ersten mutigsten Vorkämpferinnen der Frauenbewegung, in der »Frankfurter Zeitung«.

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