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Edmund Edel – Pumpstation

Aus dem Abreißkalender einer Zeugin

Edmund Edel, Pumpstation, Aus dem Abreißkalender einer Zeugin, Est-Est-Verlag G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg, 1911



Allen Berliner Schiebern
in Ehrfurcht und Bewunderung.



Einer meiner Freunde betreibt das rechtschaffene und nutzbringende Geschäft, Lumpen auszukochen Er handelt allen Müll und Abfall der Großstadt ein, um ihn in mächtigen Kesseln durchzusieben und daraus wieder neue Werte zu schaffen, die, da er Seife und Papier daraus macht, mit vollem Recht als Kulturwerte zu betrachten sind. Unter diesen auszukochenden Lumpen findet er manchmal die merkwürdigsten Ueberbleibsel menschlichen Tun und Denkens. Zwischen abgenagten Koteletteknochen und zerknautschten Damenhüten liegen Kasserollen von irgend einem Haushalt oder Hotel, die unvorsichtige Bedienteste mitsamt den Speiseresten in den Müllkasten warfen. Oder aufgepappt auf Apfeltorten stecken zierliche Lackstiefeletten und einstmals duftige Blumengrüße süßer Liebe. Der ganze Wirrwarr unseres Daseins drängt sich in diesen Bütten zusammen und ein sentimental veranlagter Lyriker könnte auf diesem Friedhof der Seelenlosen stundenlang ungereimte und gereimte Verse über die Vergänglichkeit alles Irdischen dichten – wenn er den nicht gerade appetitlichen Geruch dieser abgetragenen und abgegessenen Konvolute auf die Dauer auszuhalten imstande ist . . . .

Neulich klingelte mein Freund, der Lumpensammler en gros, bei mir an und bat mich zu sich.

In seinem Privatkontor übergab er mir eine große Pappschachtel, deren Ecken durchgestoßen waren, deren Deckel sich etwas gebogen hatte und die durch eines jener rosa-seidenen Bänder zusammen geschnürt war, wie wir Männer sie so gern durch die Batistblusen unserer Frauen schimmern sehen (Ehemänner sollen diese Seidenbänder sogar in Originalbesetzung in Augenschein nehmen dürfen).

Mein Freund, der industrielle Lumpensammler, knüpfte das Band auf und sagte:

»Wollen Sie der Menschheit ganzen Jammer als gedrängte Jahresübersicht, mein Lieber?«

Ich erschrak. Meiner Veranlagung nach bin ich nicht für Jammer im besonderen und vor allem nicht für Jammer der ganzen Menschheit. Mein Temperament neigt mehr zu der anderen Seite des Gefühlslebens (wobei der »Jammer« zwar nicht ausgeschlossen ist, aber doch erst am andern Morgen in die Erscheinung tritt, um gegen Abend wieder zu verschwinden).

»So schlimm ist es nicht,« sagte mein Freund. »Ich meine nur so – und dann bin ich jetzt nach der Lektüre des Inhalts dieser Schachtel (er wühlte mit den Fingern in den Briefen und Papieren) ein wenig ins Zitieren gekommen.«

Ich schaute ihn etwas überrascht an.

Er lachte.

»Seit ein paar Stunden nämlich lese ich in einem fort Zitate berühmter Dichter auf diesem Abreißkalender, den ich hier gefunden und da können Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen ebenfalls mit Goethe komme – – Aber Sie werden lachen,« fuhr er fort, »dieser Jammer ist eigentlich eine lustige Komödie mit einem Stich ins Tragische und einer richtigen daran hängenden Moral. – – Die Totengräber und die Müllkutscher sind unsere einzigen wahren Freunde: die einen begraben unsere Leiber. die anderen unsere Eitelkeiten . . . Diese Pappschachtel, die man dieser Tage in einem Müllkasten eines Hauses im Bayerischen Viertel gefunden, ist wie eine Grabstelle.«

»Aber es scheint, daß die Geister um Mitternacht einen lustigen Wackeltanz auf diesem Erbbegräbnis vollführen,« erwiderte ich und zog eine Puderquaste aus der Schachtel heraus, deren parfümierter Duft mir in die Nase zog und mich fast betäubte.

Mein Freund schüttete die ganze Pappschachtel auf den Tisch. Kunterbunt fiel der Inhalt heraus: ein langer weißer Handschuh, ein kleiner Kalender, ein blauseidenes Strumpfband, eine leere Zigarettenschachtel, Rechnungen, Briefe, eine Vorladung vom Gericht, Steuerquittungen, die Puderquaste, eine halbvolle Büchse mit Creme und dann ein großer, sehr elegant ausgestatteter Abreißkalender, dessen Blätter in der Art eines Tagebuches ganz dicht beschrieben waren. Mit einer ziemlich energischen Handschrift beschrieben.

»Nehmen Sie das Zeug mit, mein Lieber,« sagte mein Freund, »Sie sammeln doch Eindrücke und Motive. Ich kann aus diesen Lumpen nichts ordentliches mehr machen. Ich kenne ja sonst meine Lumpen aus meiner langjährigen Praxis, aber bei diesen« – er deutete wehmütig auf die Sachen aus der Pappschachtel – »ist Hopfen und Malz verloren.«

Darauf ging ich von dannen, legte mich zu Hause auf meinen Divan und las in den seltsamen Aufzeichnungen, die ich in der Pappschachtel aus dem Mülleimer fand . . .


*


1. Januar.


Mensch, bezahle deine Schulden!
Lang ist ja die Lebensbahn,
Und du mußt noch oftmals borgen,
Wie du es so oft getan.

H. Heine.


Ordnung muß sein. Und man kann nie wissen, wozu die Ordnung gut ist. Was man notiert hat, vergißt man nicht. Ich habe etwas übrig für die Ordentlichkeit. Immer alles hübsch sortiert und genau. Das ist mir noch so im Blut von früher, als ich Schreibmaschine tippte und die Briefe registrierte.

Ich habe mir diesen schönen Abreißkalender gekauft, auf dem ich mir von jetzt ab alles aufschreiben werde, was mir passiert. Unsereins weiß nie, was der nächste Tag (oder vielmehr die nächste Nacht) für Ueberraschungen bringen kann. Wir in unserem Sektleben!

Gestern zum Beispiel, am Sylvester, habe ich einen Prinzen kennen gelernt. Er sagt wenigstens, daß er einer wäre. Ich muß es ihm schon glauben, denn ich kann doch nicht jeden erst nach seinen Militärpapieren fragen, der mich einladet, mit ihm eine Pulle zu trinken und mich nachher nach Hause zu begleiten.

Was geht mich das überhaupt an, ob einer, der einen anständigen Frack trägt und seinen Verpflichtungen nachkommt, ein Prinz oder ein Bierbrauer ist. Auch Leute mit wollenen Socken und Jägerhemden sind Kavaliere, sobald sie die gefüllte Brieftasche öffnen. . . .


*


Ich bin noch furchtbar müde. Eben ist der Prinz weggegangen. Die Uhr ist bald fünf und ich habe noch nicht einmal gefrühstückt. Na, ich danke, das Jahr fängt gut an. – –


*


Ein netter Kerl, der kleine Prinz. (Ich glaube wirklich, daß er einer ist, er hat so was!) Im »Palais« hatte ich ihn noch nie gesehen. Er sagte, er käme vom Ausland und ich wäre in Berlin seine erste Liebe.

Er scheint übrigens zu wissen, wie man sich zu benehmen hat. Für meine Bemühungen hat er mich reichlich entlohnt. (Man sieht gleich, was ein echter Kavalier ist!)

Und lieb ist er. Er hat so hübsche treue Augen. Eigentlich habe ich ihn sogar gern. Obgleich es gegen mein Prinzip ist, Männern nach dem ersten trauten Beisammensein ein Stück meiner Seele zu geben. Wenn ich jeden netten Kerl immer gleich lieben sollte, würde ich wohl bald wieder an der Schreibmaschine sitzen und tippen müssen, anstatt hier in meiner schönen Wohnung in der Bozenerstraße in meinem zweimeterfünfzigbreiten weißen Empirebett zu liegen und zu meinem Vergnügen Notizen über einen Prinzen zu schreiben, der mich noch vor einer Stunde seine liebe, süße, kleine Didi genannt hat . . .


*


Nein, die sogenannte große Liebe sparen wir uns auf – vielleicht für später, mon Prince! Vorläufig stört sie das Geschäft. (Einmal hat die Liebe mir schon einen dummen Streich gespielt, damals, als mich ein Hundertfünfzigmark-Kommis in die Praxis einführte.)

Es ist ja ganz hübsch, ein bißchen verliebt zu sein. Das bringt sogar eine kleine Abwechselung in diesen ewigen Vergnügungsrummel, in dem wir »besseren Damen« (ich lächele, wenn ich diesen Ausdruck niederschreibe, aber ich bin klug genug, um mich nicht höher einzuschätzen, als ich bin) uns Nacht für Nacht herumtreiben. . . .


*


Der kleine Prinz will mich um 9 Uhr mit seinem Auto abholen. Ich muß nun doch endlich daran denken, aufzustehen und Toilette zu machen. Paula soll gleich an den Friseur telephonieren.


*


Ich finde Geschmack an diesen Aufzeichnungen. Es ist reizend, wenn man mit sich selbst plaudern kann. Man denkt ein wenig nach. Sonst komme ich beim besten Willen nicht dazu. Am Tage schlafe ich. Auch mittags empfange ich Besuche oder ich muß in den Kaiserhof oder wo sonst gerade was los ist und am Abend geht die »große Tour« los: Theater, Bar, Palais de Danse, Mascotte, Grünfeld, Nollendorf Bar. Wo soll man da zum Denken kommen! Und was die Gents und die Kavaliere mit einem sprechen, weiß man schon auswendig. Sie sind selber froh, wenn sie keine besonderen Gedanken zu produzieren brauchen.

Uebrigens Gents und Kavaliere. Man muß genau den Unterschied festlegen: Gent ist einer, der tip top ist in jeder Beziehung, vom Monokel bis zur tadellosen Schuhsohle, aber ohne Brieftasche; seine Generosität erreicht den Höhepunkt, wenn er ein paar Mark für das Auto stiftet. Kavalier aber ist jeder Mann, ohne Rücksicht auf Religion, Aeußeres, Charakter-, Unterwäsche und Stiefel, der seine Befähigung durch »blaue Lappen« oder mindestens einige »Pfunde« nachweist. . . .

Das Leben zwingt uns zu dieser wenig schönen und materiellen Auffassung. Was ist, ist. und der Schein trügt – solange er kein »blauer«.


*


Eben war Emmy hier. Sie platzt vor Neid. Gestern im Mascotte haben die anderen Frauen natürlich sofort über meine Neuerwerbung gesprochen. Sie gönnen mir den Prinzen nicht.

Ich habe Emmy die Hucke vollgelogen.

Ein ganzes Paket Banknoten zeigte ich ihr und tat so, als ob ich sie vom Prinzen bekommen hätte. (Es war meine Miete, die mir gestern nachmittag mein »Alter««, der Baumeister, gegeben hat.)

Jetzt läuft Emmy heute die ganze Nacht in allen Lokalen herum und erzählt von dem Millionenprinzen und mein Kurs steigt. . . . .


*


Wie entzückend dieser Abreißkalender ist! Lauter hübsche Verse und Sprüche. Man kann sich wirklich an diesen Dichtungen erbauen, das ist etwas anderes als diese ewigen Gassenhauer und Operettenlieder, die man nicht aus dem Ohr bekommt. – –

»Mensch, bezahle deine Schulden!« . . Famos! Eine feine Mahnung am 1. Januar. Ich werde mir die Sache überlegen und mit dem Prinzen darüber sprechen.


*


14. Januar.


Es blinken drei freundliche Sterne
Ins Dunkel des Lebens hinein;
Die Sterne, die funkeln so treulich,
Sie heißen: Lied, Liebe und Wein.

Th. Körner.


Ach Gott!

Wenn ich diese Verse lese, wird mir ganz weich ums Herz.

Die dumme Liebe!

Daß ich dagegen nicht gefeit bin. Komisch. Man denkt, man ist darüber erhaben und dann wird man davon gepackt wie ein Backfisch in kurzen Röcken.

»Sie heißen Lied, Liebe und Wein« – –

Der Dichter hat recht.

Ob er die Nachtlokale damit meint, mit ihrem ewigen Sektgesaufe und Musikgeplärre?


*


Ich liebe ihn wahnsinnig.

Und er ist wirklich ein Prinz.

In diesen letzten beiden Wochen sind wir nicht auseinandergekommen. Er liebt mich ebenso wie ich ihn. Daß er nicht gelogen hat, weiß ich vom Oberkellner aus dem Esplanade, wo wir täglich speisen.

Wenn wir kommen, tuscheln alle Leute und die Kellner wissen vor Eifer gar nicht, was sie alles mit uns anfangen sollen.

»Son Altesse le Prince«, flüstert ein Kellner zum andern. (Die Kellner sprechen alle französisch untereinander, damit sie sich von den Gästen unterscheiden.) Ich frische jetzt heimlich meine französischen Schulkenntnisse bei einer »Mademoiselle« auf, denn wir wollen im nächsten Monat nach der Riviera.

Ich als Madame la Princesse!

Didi de Lars aus Berlin als richtig ins Hotelbuch eingeschriebene Prinzessin!

Edith, wie wird dir?

Edith Schulze, Tochter des Sekretärs Friedrich Schulze, Geburt: Pestalozzistr. 47, Ausbildung in der städtischen Töchterschule zu Charlottenburg, Lehrmädchen und spätere Stenotypistin mit Stadtbahnabonnement dritter Klasse vom Savignyplatz bis Jannowitzbrücke. – – –

Wenn Vater das erlebt hätte! Seine Edith eine Prinzessin (wenn auch nur auf Reisen)!


*


Er gehört einem furchtbar alten Geschlecht an. Er hat die schönen feingliedrigen Aristokratenhände und ganz kleine Füße. Und er trägt wundervolles Schuhwerk.

Bei mir fängt der Mann beim Stiefel an. Ich habe nicht im mindesten irgendwelche besonderen Gedanken dabei. Aber der Schuh läßt auf den Charakter des Trägers schließen. Das ist meine Ansicht. Vielleicht ist sie nicht richtig und die Menschen, die mit ausgetretenen Stiefeln durchs Leben latschen, lächeln über mich. Ich weiß nur, ein tadellos blinkender Lackschuh muß die tadellos blinkende Seele seines Besitzers widerspiegeln.

Ich kann mir nicht denken, daß jemand sauber in feinen Geschäften sein kann, wenn Schmutz an seinen Füßen klebt.


*


Prinz Mimi ist von irgendwoher. (Ich habe vergessen, wie der Staat heißt, wo sein Papa und seine Mama regieren.) Er soll furchtbar reich sein, sagt der Oberkellner, und alle Kellner sagen es, und der Chauffeur nimmt immer, wenn wir ein- und aussteigen, die Mütze ab und murmelt: »Durchlaucht befehlen?«

Ich habe mich nicht weiter über ihn erkundigt. Das wäre auch gemein von mir. Wenn die Kellner und der Chauffeur ihn kennen, genügt mir das, und im übrigen habe ich mich nicht zu beklagen.

Und dann liebe ich ihn!

Den ganzen Tag, wenn er nicht bei mir ist, denke ich an meinen kleinen Mimi. Und wenn er in meinen Armen liegt, fühle ich so etwas, wie ich es seit den Zeiten des Hundertfünfzig Mark-Kommis nicht mehr gekannt habe.


*


Mein Baumeister ist ärgerlich. Heute telephonierte er, er wolle um 6 Uhr zu mir kommen.

»Hast du das Geld für die Miete richtig bekommen, Schatz?«

Diese Männer sind ekelhaft. Sie kennen nur Eigennutz. Zur wahren Aufopferung verstehen nur wir Frauen uns aufzuschwingen.

Muß dieser Schafskopf mein junges Liebesglück mit seiner Proletengegenwart stören, nur weil er das Recht dazu von den 500 Mark herleitet, die er mir geschickt?

Der »Alte« war schön wütend, als ich ihm sagte, daß ich ihn nicht empfangen könne, weil ich . . ., ich weiß nicht mehr, was ich ihm vorgeschwindelt habe.

Zum Teufel! Ich darf doch wohl auch einmal jemandem treu sein! So wie jedes andere Bürgermädchen. Ich will meinen kleinen Mimi nicht betrügen. Nein. ich will nicht! Ich habe ihn doch so lieb. – –


*


Wir leben in Saus und Braus. Huch, ist das ein Leben! Wir kommen gar nicht zur Besinnung. Die schöne schwarzlackierte Limusine mit dem fürstlichen Monogramm und der Krone auf dem Schlag saust mit uns den ganzen Tag in der Stadt umher, und nachts holt sie uns vom Theater oder Hotel ab oder sie hält vor dem »Palais« und das Publikum staunt uns an, wenn wir einsteigen.

In den Geschäften wissen sie gar nicht, wie sie uns bedienen sollen. Sie drängen dem Prinzen die Waren nur so auf. Wenn der Prinz mal nach einem Preis fragt, machen die Verkäufer (meistens bemühen sich die Inhaber selbst um Seine Durchlaucht) ein verlegenes Gesicht, als wenn sie sagen wollten: »Das gehört sich doch nicht, daß ein Prinz etwas von Preisen spricht, das ist doch peinlich.«

Vorgestern lieferte ihm ein Schuhmacher gleich acht Paar Stiefel mit einemmal, obgleich der Prinz nur zwei Paar bestellt hatte. Der Meister vom Pfriem (übrigens ein erstklassiger Gentleman mit Bügelfalte und weißer Weste) hielt es unter seiner Würde, nur zwei paar Stiefel für ein so auserwähltes Mitglied der menschlichen Gesellschaft anzufertigen. Solche »Sonderklassen«, wie Seine Durchlaucht, dürften am Tage nicht zweimal die Stiefel wechseln, sondern müßten diese Uebung mindestens viermal Vornehmen . . . Noblesse oblige.

Uebrigens verfüge ich selbst über eine Kollektion von 18 Paar Stiefeln, Schuhen und Stiefeletten. Deshalb verstehe ich den Schuhmacher Seiner Durchlaucht und begreife seine Fürsorge.


*


Ich war in der Wohnung des Prinzen. Er ist aus dem Hotel Esplanade ausgezogen, wo er zuerst wohnte, und hat eine Etage einer vornehmen Pension bezogen, sehr schick. Natürlich so fein wie ich ist er nicht eingerichtet.

Aber er muß sehr gelehrt sein. Ich entdeckte eine große Bibliothek und viele Kisten mit Büchern, von denen manche noch nicht einmal aufgemacht waren.

Der Prinz lächelte, als ich ihn darauf aufmerksam machte.

»Studienmaterial,« sagte er.

Ich bekomme eine große Hochachtung vor meinem Freund und Liebsten. Also nicht bloß ein Prinz ist er, sondern auch einer, der in den Büchern studiert?

Nun habe ich ihn noch mal so lieb, den kleinen, süßen Mimi!


*


2. Februar.

Nichts ist dauernd als der Wechsel,
Nichts beständig als der Tod.

Börne.


Merkwürdig! Die Dichter haben doch für alles im Leben eine Ausdrucksweise.

Und wie der Zufall spielt!

Gerade heute, wo ich mir wieder einmal etwas auf meinem Kalender notieren will, finde ich diesen Spruch, der mit den Ereignissen der letzten Nacht eigentlich im Widerspruch steht, aber immerhin, was den Wechsel anbetrifft, einen gewissen Zusammenhang hat.

Der Prinz hat mir nämlich einen auf zwei Monate gegeben. Einen Wechsel natürlich.

Aber es ist natürlich Unsinn, was solch ein Dichter behauptet, daß nichts so dauernd ist als ein Wechsel. Denn des Prinzen Wechsel dauert nicht ewig, sondern er wird bestimmt eingelöst – – hat er gesagt.

Er erhält eine vierteljährliche Apanage von 50 000 Mark, aber er muß bis zum 1. April warten, bis er wieder zu seiner Bank gehen kann . . .


*


Lächerlich und abgeschmackt sind diese in Verse gebrachten Weisheiten der Dichter. Was wissen die von Wechseln!

Ich erschrak ordentlich, als ich ausgerechnet am heutigen Tage diesen Spruch vor Augen bekam.

Ich will Mimi nichts davon sagen, damit er gar kein Mißtrauen schöpft.


*


Heute nacht kamen wir nach einer ziemlich wüsten Kneiperei nach Hause. Emmy und Lissi waren mit von der Partie gewesen, und der lange Baron Rabendorf und der dicke Graf Wolffenschlucht. Wir hatten eine sogenannte »tolle Zicke« gemacht, waren auf einem Maskenball gewesen und nachher in der Nollendorf-Bar, die wir vollständig aus den Kopf stellten. Mimi hatte alle Gäste männlichen und weiblichen Geschlechts eingeladen und regalierte sie mit Sekt. Mein Prinz war der bejubelte Mittelpunkt, die Weiber tanzten um ihn herum, man hob ihn begeistert in die Höhe und er hielt schließlich eine entzückende Ansprache »an sein Volk« ganz witzig, so daß ich ihn zur Belohnung vor aller Welt abküßte.

Als wir gegen Morgen in meine Wohnung kamen, knipste ich in allen Zimmern die elektrischen Birnen an und wir beide torkelten ein wenig durch die Wohnung. In meinem persischen Zimmer blieb der Prinz stehen und setzte sich dann auf den tiefen Diwan, der in einer Ecke unter einem Zeltdach von Teppichen steht (ich habe mir diesen Raum speziell für den Nachmittag einrichten lassen, in ganz weichen, gebrochenen Farben, mit abgetöntem Kristallüsten durch den das Licht wie in einer Mondscheinnacht flutet – ein Raum der Schwüle sozusagen). Ich selbst tänzelte in mein silbergraues Boudoir und suchte nach meinem Zigarettenkasten.

Auf dem Schreibtisch entdeckte ich einen Brief. Das Kuvert kannte ich. Und hinten stand ganz dezent der Name der Firma aufgedruckt. Mein Juwelier schrieb mir.

Den hatte ich in diesen letzten Wochen des Taumels ganz vergessen. Und meine Brillanten dazu. Was doch alles die Liebe macht!

Meine schönen blitzenden Brillanten konnte ich vergessen, eine Leidenschaft der andern opfern?

Bin ich nicht die Brillanten-Didi? Hat eine von den andern Frauen solche Steine wie ich? Hat der Prinz selbst nicht mir unzählige Male Komplimente über meinen Schmuck gemacht? (Neulich wollte er sogar meine großen Boutons mitnehmen, um sie einer Hofdame zu zeigen, bei der er zum Tee eingeladen war – aber ich kann mich nicht einmal für eine Stunde von meinen Brillanten trennen.)

Der Juwelier schrieb mir, daß die letzte Rate für das Kollier fällig wäre. Das Kollier könnte sonst nicht geliefert werden.


*


Wenn ich einen Wunsch habe, muß er sogleich erfüllt werden. Er muß. Es gibt für mich keine Hindernisse. Meine Wünsche liegen allerdings alle im Bereich der Möglichkeit. Ich habe noch von keinem verlangt, daß er mir zuliebe auf den Mond klettern und mir eine kinematographische Aufnahme von dem Leben der Mondbewohner machen soll. Aber wenn ich etwas haben will, dann stampfe ich mit meinem kleinen Füßchen auf den Boden (ich habe Nummer 35 und bin stolz darauf, daß ich selten in den großen Schuhgeschäften fertige Stiefel bekomme). Derjenige, der in der Nähe dieser kleinen Füßchen ist, hat entweder meinen Wunsch zu erfüllen oder sich schleunigst zu verduften, weil ich sonst Krampfanfälle in Verbindung mit Körperverletzung bekomme . . .

Der Juwelier kündigte mir die letzte Rate von 2000 Mark an. Das Geld hatte ich nicht, aber einen Prinzen und den glühenden Wunsch, morgen abend mit dem Brillantkollier die gesamte Frauenwelt jener Kreise zu verblüffen, deren Aufgabe es ist, das Leben der Leute, die sich langweilen, durch Kurzweil und Liebe für einige Augenblicke aufzulichten.

Ich mußte morgen das Kollier haben.


*


Mein Prinz schlief bereits. Ein seliges Lächeln lag auf seinem käseweißen Antlitz, der Mund stand weit offen und Schnarchtöne gurgelten in regelmäßigem Viervierteltakt aus dem Nachen heraus. Er war auf den Divan gefallen, so daß sein Oberkörper in den Kissen lag und seine Beine den Boden berührten. Das Oberhemd war zerknautscht, die weiße Weste heraufgerutscht, die Asche einer halbabgebrannten Zigarette war aus dem Frack zerstreut – ein Bild vollständiger Verwüstung und der Ruhe nach der Schlacht.

Der Brief und das Brillantkollier hatten mir meine Besinnung wiedergegeben. Ich war nüchtern, als wenn ich während der ganzen Nacht nur Apollinaris getrunken hätte.

»Mimi!« rufe ich laut.

Aber Mimi hört nichts und fühlt auch nichts, als ich ihn anfasse und rüttele.

Ich merke, wie mir das Blut in den Kopf steigt und die Wut mich packt.

»Mimi!«

Seine Durchlaucht schnarchen.

Ich hätte nie geglaubt, daß hochgeborene Menschen auf so gewöhnliche Art schnarchen können. (Wir in unserm Metier lernen allerdings selbst »Könige in Unterhosen« kennen – in unsern Schlafzimmern wird die »Würde« mit dem schmutzigen Wasser in den Eimer gegossen.)

»Mimi!«

Zum Donnerwetter!

Seine Durchlaucht geruhen gnädigst aufzuwachen. Langsam zwar.

Mimi wischt sich den Schlaf aus den Augen und schaut mich traumverloren an.

Was ich wollte. Ob wir uns nicht endlich zur Ruhe begeben könnten.

Gleich, sage ich. Aber erst sollte er mir die 2 Mille geben, damit ich morgen das Kollier bezahlen könnte.

»2 Mille?« fragt er.

»Habe ich nicht.«

»Wieso nicht?« erwidere ich indigniert.

»Kein Geld mehr,« meint er lakonisch und resigniert.

»Pfui!« sage ich und fühle wie es in meinen Füßen zuckt.

So – jetzt geht es gleich los. Jetzt werde ich gleich mit den Füßen auf den Boden stampfen. Ich kenne mich.

Und ich machte eine furchtbare Szene. Mimi war ganz entsetzt. Halb noch betrunken, konnte er erst gar nicht begreifen, um was es sich handle.

Endlich hatte er es erfaßt.

»Ich werde dir einen Wechsel geben,« sagte er dann noch etwas lallend.

»Wenn dein Brillantenbonze das Papier mit meinem Namen bekommt, ist das so gut wie bares Geld.«

Mir leuchtete das sofort ein. Ich hatte noch Wechselformulare in meinem Schreibtisch, von der Zeit her, als ich meine Wohnungseinrichtung abzahlte.

Mit einem raschen Griff faßte ich den kleinen Mimi unter den Arm und schleppte ihn an den Schreibtisch.

»Famos,« sagte er und lachte. »Weißt du, Kindchen, ich werde den guten Mann auch noch mit einigen Mille in Nahrung setzen, wir schreiben gleich einen Wechsel auf 5 Mille aus, damit das Gelaufe nicht immer ist.«


*


Als ich heute mittag aufwachte, war mein erster Gedanke das Kollier. Der Juwelier Meyer nahm den Wechsel mit dem Namen des Prinzen mit Kußhand. Aber ich mußte ihn auch noch girieren.

Gott, was schadet das! Er ist doch ein Prinz und sein Papa und seine Mama regieren. Wenn ichs bloß behalten hätte, wo.

Aber ich werde Mimi heute abend danach fragen, damit ich die Adresse seiner Eltern habe . . . .

Heute abend!

Im »Palais« werden sie Augen machen, wenn ich mit dem Kollier ankomme. Die Brillantendidi schlägt alle Rekords. So ein Kollier und so einen Prinzen hat doch keine von den anderen aufzuweisen.


*


Ich habe es mir nicht verkneifen können, an Emmy zu telephonieren, daß sie herüberkomme, um sich den Schmuck anzusehen. Frau Bitterlich, meine frühere Wirtin, bei der ich die ersten Gehversuche auf dem schlüpfrigen Wege, den ich jetzt wandele, gemacht habe, war auch gerade bei mir, als Emmy kam.

Als Frau Bitterlich in die Küche gegangen war, sagte ich zu Emmy triumphierend, indem ich mir das Kollier um den Hals hielt:

»Solche Freunde habe ich – siehst du: das hat mir der Prinz am nachmittag mitgebracht, weil ich heute morgen Kopfschmerzen hatte. 'N feiner Kerl, was?«


*


5. März.


Mit Mädchen sich vertragen,
Mit Männern 'rumgeschlagen,
Und mehr Kredit als Geld:
So kommt man durch die Welt.

Goethe.


Ich hatte den Prinzen seit länger als zwei Wochen nicht mehr gesehen. Er war kurz nach unserem letzten Bummel abgereist, ich glaube nach Paris. Frau Wittmannski, die Inhaberin der Pension, bei der er wohnte, sagte mir am Telephon, der Prinz träfe in Paris einen Minister seines Papas, der ihm eine furchtbar reiche Braut vorstellen wollte. Natürlich eine richtige Prinzessin.

Schade! Ich hätte ihn so gerne noch ein bißchen länger für mich gehabt. Und dann freute ich mich schon so auf unsere Reise als Herr und Frau Prinz (so haben wir uns nämlich immer im Scherz tituliert) . . .

Aber nun ist er ja wieder da, der kleine Mimi. Nun kann ja alles wieder werden, wie im Januar, wo wir so glücklich waren.


*


Es ist jetzt halb vier Uhr morgens. Ich komme soeben von meinem gewöhnlichen Nachtausflug zu Hause. Allein. Gott sei Dank. Ich bin schon zufrieden, wenn ich die Spesen der Nacht durch einige »Schnorrgelder« herausbekomme. (Wie tief man sich erniedrigen muß, wenn man etwas verdienen will! Es ist eigentlich noch schlimmer, das »Lobepfund« zu betteln, als sich selbst zu verkaufen –).

Ich sitze vor meinem kleinen Schreibtisch und nehme wieder mal den lieben Abreißkalender zur Hand. Mimis Wiedererscheinen verdient verewigt zu werden. Alles andere, was ich inzwischen erlebt, ist nicht der Rede wert: Das ewige Einerlei des Lebens um die Liebe. Ein paar flüchtige Bekanntschaften, Agrarier auf Abwegen, deren Ehefrauen, die sie nach Berlin begleitet haben, treu-inniglich im Hotel schlafen, derweilen der Herr Gemahl mit unsereins schnell seinen Jahresbedarf in Sekt und Liebe deckt. Oder ein dummer Junge vom Kurfürstendamm, der kurz vor der Entmündigung steht. Oder ein betrunkener Amerikaner, der des Morgens mit dem Kellner Brüderschaft trinkt und bei dem man vorher die Erledigung der Geldformalitäten fordern muß, weil er nach dem Erwachen im nüchternen Zustand entsetzlich knauserig ist.

Man lernt so mit der Zeit seine Kundschaft kennen. Als ehemaliges Geschäftsmädel weiß ich genau, wie ich jeden zu bedienen habe . . . .

Ich kann noch nicht schlafen – – Wenn man einmal an die Nacht gewöhnt ist, geht es einem wie den Katzen, die auch am Tage die Augen nicht aufmachen können und dafür in der Nacht herumstreifen.


*


Mein »Alter«, der dicke Baumeister, ist wieder ganz verrückt nach mir. Ich hatte ihm einige Nachmittage gewidmet und bin sogar mit ihm in die Oper gefahren (er in einer Loge und ich in der anderen, so daß er mich sehen und beobachten konnte). Er ist überglücklich, daß ich ihm diese Gunst gewährt und gibt mir, was ich will.

Meinetwegen. Schön ist er nicht. Kultur hat er auch nicht. Wollene Unterjacken trägt er und seine Fingernägel zeigen manchmal bedenkliche Trauerränder. Que voulez-vous? Verdienen wird groß geschrieben. Und die Eskapade mit Mimi hat mir zwar ein paar Brillanten eingebracht, aber sonst keine Ueberschüsse.


*


Heute nachmittag um 5 Uhr klingelte es. Paula stürzt ganz aufgeregt zu mir ins persische Zimmer, wo ich auf dem Wonnedivan liege und einen Niccarterroman lese. (Ich schwärme für diese Geschichten. Ich weiß zwar, daß es sich für eine vornehme Frau nicht paßt, solchen Schund zu lesen, aber wenn ich allein bin, brauche ich mir nichts vorzumachen. Für meine Besuche liegen ein paar gut gebundene anständige Bücher aus dem Tisch – – Fred, der Entmündigte vom Kurfürstendamm, sagt: »Genau wie bei uns zu Hause.«).

Also Paula stürzt herein und ruft begeistert: »Fräulein! Der Prinz ist da!«

Auch Paula hat ihn sehr gerne. Erstens, weil er ein Prinz ist (so was wirkt immer auf das niedere Volk) und dann wegen der Trinkgelder.

»Mimi! – – –«

Wir fliegen uns entgegen. Stürmische Umarmung Aber dann geht er ein paar Schritte zurück und sagt:

»Didi, ich bin in einer merkwürdigen Situation.«

»Setze dich doch erst ein bißchen – So (ich mache ihm einen Platz neben mir auf dem Divan zurecht) – – hier, mein Liebling, komm'.«

»Nein, laß mich,« sagt er, »ich habe es sehr eilig, ich muß sofort wieder weg.«

Ich mache ein enttäuschtes Gesicht.

»Paula soll deinem Chauffeur wenigstens ein Glas Portwein herunterbringen.« (Das tat sie nämlich sonst immer).

Mimi schüttelte den Kopf.

»Habe das Auto in Paris gelassen – – – Hast du Geld, Didi?«

Die Frage kam etwas unerwartet. Und überrumpelt antwortete ich:

»Etwas, ja.«

»Kannst du mir schnell tausend Mark geben – in einigen Tagen hast du es wieder . . . . Oder besser, ich gebe dir zur Sicherheit einen Wechsel. Du sollst etwas verdienen, Kind. Ich schreibe: 1200 Mark. Willst du?

»Aber natürlich, Mimichen.«

Ich holte aus meinem Schreibtisch das Geld und gab es ihm, und er zog aus seiner Brieftasche ein Formular und schrieb den Wechsel aus.«

Er hatte übrigens noch ein paar solcher Dinger im Portefeuille, wie ich sehen konnte.


*


Als der Prinz gegangen war, kam ich zur Besinnung. Herrgott, das schöne Geld! Zehn hübsche blaue Scheine. Wenn ich sie nun nicht wiederbekomme?

Aber er ist doch ein Prinz und Prinzen haben Kredit. Und mich wird er doch nicht hereinlegen wollen, die ich ihn so geliebt habe und noch immer liebe. Ueberhaupt Geld von unsereins! Er ist doch ein Kavalier – – –

Ich habe mit Kavalieren noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Der dicke Graf Wolffenschlucht pumpt mich öfters an. Aber er zahlt immer pünktlich zurück. Er nennt mich seine liebe kleine Pumpstation. Gott, wenn der dicke Graf nichts weiter von mir haben will, als von Zeit zu Zeit einen oder mehrere Lappen! Aus Liebe macht er keinen Anspruch. Viele von den anderen Frauen sind schlimmer daran, als ich. Sie haben meistens jemanden, der beides verlangt: Liebe und Geld. Und beides geben diese Kerls nicht zurück.


*


Heute abend im Linden-Buffet hinten bei der Toni haben sie mich mit dem Prinzen aufgezogen. Er hätte mich wohl über. Und dann erzählten sie, er wäre zwar ein Prinz, aber einer aus einer Gegend, wo dreizehn aufs Dutzend gehen und wo sie Pellkartoffeln und Hering zum Mittagbrod essen müssen. Lissi sagte, sie hätte gehört, der Prinz hätte überhaupt kein Geld und borge alle Leute an. Und alle Schieber von Berlin kennen ihn.

Ich wurde wütend. (Innerlich erschrak ich heftig, aber ich ließ mir nichts merken).

Energisch protestierte ich gegen die Verläumdungen. Aber sie lachten mich aus.

Da sprang ich auf und schrie ihnen zu:

»Also, wenn Ihrs denn so genau wißt, heute nachmittag war Mimi erst bei mir und hat mir 12 Lappen geschenkt – so wahr ich Didi de Lars heiße!«


*


Ich hatte einen großen Triumph zu verzeichnen. Als ich den Mädels die Geschichte von den 12 Lappen vorgelogen, hörten sie sofort mit ihren Sticheleien auf und ich merkte, wie sie anstatt dessen vor Neid vergingen.

Meinen kleinen Mimi habe ich herausgestrichen. Aber, wenn das wahr sein sollte, was sie erzählen – – ich darf gar nicht daran denken . . . .

Ich glaube es nicht. Denn am 1. April bekommt er ja feine Revenüen und dann bezahlt er.


*


Ich werde morgen an den Baron Rabendorf telephonieren, der kennt den Prinzen schon lange. Und zu Frau Wittmannski will ich auch mal gehen, aber ich muß mir die Bitterlichen mitnehmen, die versteht zu reden.


*


15. März.


O glücklich! wer noch hoffen kann,
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.
Was man nicht weiß, das eben brauchte man,
Und was man weiß, kann man nicht brauchen.

Goethe.


Ich bin in eine nette Patsche geraten . . Das kommt davon, wenn man sich in irgend einen hergelaufenen Prinzen verliebt. Immer hatte ich es verstanden, bei allen den Versuchungen, die unsereins ausgesetzt ist, den Verstand zu behalten und das Herz schweigen zu lassen, wenn die Lippen küßten. Aber vor einem Prinzen ist mein armes Herz zu Kreuz gekrochen, dem konnte es nicht widerstehen. Jetzt muß es zwar nicht verbluten (Gott sei Dank, so hysterisch wie die Frauen aus der Gesellschaft sind wir nicht), aber es muß Reugeld zahlen.

Das ist sehr unangenehm. Geld ist die einzige Macht im Leben. Geld macht glücklich, frei, unabhängig und verscheucht die Sorgen. (Ich muß dies alles schon mal gelesen haben, vielleicht auch auf einem Kalender. Wenn man nämlich einmal einen Gedanken bei sich entdeckt und ihn niederschreibt, merkt man sofort, daß andere ihn schon vor einem gehabt haben. In unserem Bureau früher war es einfacher; da hatte man für alles eine feststehende Redensart. Man brauchte nur zu tippen: »Ihr sehr geschätztes« oder »Mit Gestrigem wurde uns« oder »Ihrer sehr geehrten Nachricht entgegensehend«.) – –

Ich komme vom Hundertsten ins Tausendste, wenn ich jetzt nachdenke und wenn ich hier schreibe. Aber es ist auch zu toll, was alles mit einem Mal auf mich einstürmt.

Mimi, Mimi! Gibt es denn noch eine Hoffnung?


*


»Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen« lese ich eben. Vielleicht ist es wirklich alles nicht wahr oder wenigstens nicht so schlimm, als ich es erfahren habe.


*


In zwei Wochen ist der Wechsel von 5000 Mark beim Juwelier Meyer fällig. Wenn der Prinz geschwindelt haben sollte und seine Apanage nur in Heringen und Pellkartoffeln besteht, wie die Frauen im Linden-Buffet sagen, dann bin ich ruiniert. Wo soll ich die 5 Mille herbekommen?

Meyer läßt mir meinen Schmuck pfänden und meine schöne Wohnung.

Ach Gott, ach Gott!

Für die überbleibenden 3000 Mark hat der Prinz bei Meyer einen wundervollen Ring gekauft. Er zeigte ihn mir damals. Ich wollte ihn so gern haben. aber er sagte, er müßte damit einer Hofdame seiner Mutter ein Vielliebchengeschenk machen.

Aber Jaenicke hat den Pfandschein über den Ring. Er will ihn mir nicht geben, weil er selber dafür gezahlt hätte und ich ihn auslösen müßte. Dazu habe ich aber noch Zeit, wenn es wirklich so weit kommen sollte, was ich immer noch nicht glauben kann.


*


Ich bin neulich bei Frau Wittmannski in Mimis Pension gewesen. Die Bitterlich hatte sich anständig angezogen, ganz in schwarz, mit ihrem Witwenschleier, den sie immer Sonntags trägt, obgleich ihr Mann schon über drei Jahre tot ist. Aber sie sieht darin nach etwas aus und deshalb behält sie nun ein für alle Mal das Trauergewand.

Die Wittmannski war zuerst sehr förmlich und zugeknöpft und wollte nicht recht mit der Sprache heraus. Sie schien sich nicht aushorchen lassen zu wollen. Und ich war vielleicht auch zu diplomatisch und von hintenherum.

Wir saßen wie die Oelgötzen in einem sehr feinen Salon um einen Tisch und die Bitterlich steckte wie ein Haufen Unglück in dem tiefen Klubsessel, für den ihre Figur und ihre Sitzweise nicht paßten. Die Wittmannski hatte uns in diesen Salon geführt, der gerade nicht vermietet war und wollte uns ein wenig mit Feinheit blenden.

Hin und her sprachen wir und konnten nicht zu Rande kommen. Plötzlich sprang die Wittmannski auf:

»Entschuldigen Sie einen Augenblick, ich muß mal in die Küche, das Gulasch brennt mir an.«

Es war kurz vor dem Abendbrot.

Die Wittmannski ließ die Türe auf und nun zog der liebliche Duft aus der Küche bis in unsere Nasen.

Das Gulasch war die Brücke, auf der wir uns fanden.

Als die Wittmannski wieder hereinkam, erkundigte sich die Bitterlich teilnahmsvoll, ob das Fleisch schon angebrannt gewesen wäre. Diese Teilnahme tat der Wittmannski wohl und die Vertrautheit zwischen diesen beiden Wirtschaftsmatronen war sofort hergestellt. Die Diskussion sprang von dem Prinzen auf die Art der Zubereitung von Gulasch über.

Nach einigen Minuten war die Bitterlich mit der Wittmannski in die Küche gegangen, hatte resolut den würdigen Witwenschleier abgenommen und rührte in einem Kupferkessel, in dem das Gulasch schmorte. Sie hatte ein ganz besonderes Rezept für dieses Götterfleisch, denn ihr Seeliger war ein Kellner gewesen, dessen Wiege beinahe in der Pußta gestanden hatte. Er war aber, glaube ich, nur aus Brünn.

Ich blieb inzwischen allein im Salon.

Nach einer Weile rief die Bitterlich über den Korridor:

»Fräulein, kommen Sie mal und kosten Sie.« Und Frau Wittmannski erschien selbst im Türrahmen und sagte:

»Wenn Sie 'n Happen mitessen wollen – – Aber Sie müssen schon vorlieb nehmen mit dem, was's gibt.«

Ich ging nun ebenfalls in die Küche.

Der Küchentisch wurde schnell abgeräumt und wir saßen jetzt sehr gemütlich beieinander und ließen uns das Gulasch schmecken, das die volle und ungeteilte Bewunderung von Frau Wittmannski hatte.

Meinen Sealmantel hatte ich an den Handtuchhalter gehängt und meinen Muff, die Goldtasche und die Handschuhe in das offene Küchenspind gesteckt.

Die Bitterlich kaute mit Wohlbehagen und alle Augenblicke wischte sie sich mit der äußeren Handfläche den Mund ab. (Ich mißbillige diese Unkultur, aber das Milieu entschuldigt. Im Adlon würde ich entsetzt sein, wenn mein Kavalier mit der falschen Gabel einen Gang essen würde, aber in der Küche paßt auch keiner auf einen auf, wie bei Adlon.)

Mit einem Male legt die Bitterlich die Gabel weg und sagt zur Wittmannski: »Na, wie is det nu mit den Prinzen, hat er Jeld oder hat er keins?«

Erst zuckte die Bitterlich mit den Schultern.

Aber die Bitterlich fuhr fort:

»Mir brauchen Se nischt vorzumachen, ick weeß Bescheid.«

»Nein,« sagte die Wittmannski endlich, »Geld hat er keins, aber er wird heiraten.«

»Sehr reich heiraten, in allernächster Zeit,« fügte sie hinzu.

Und nun erzählte sie.

(Die Bitterlich hatte eine Flasche Gilka entdeckt und goß ein großes Glas damit voll, das sie herumreichte.) . . .

Das mit dem Prinzen ist der reine Roman.


*


Jaenicke hatte ihn entdeckt und ihn der Wittmannski zugeführt. Jaenicke wohnt auch in der Pension und ist Agent. Er ist einer, der alles macht, was zu machen ist, wovon er aber nicht allein leben kann, und der deshalb noch Sachen macht, die nicht zu machen sind. Jaenicke ist, gelinde gesagt, ein »Schieber«.

Der Prinz ist seit Ende Dezember in Berlin und versucht, einen großen Coup zu landen, sagte die Wittmannski. Für solche Leute ist das leicht, meinte sie beschwichtigend, als ich auffahren wollte. Jaenicke hatte den Prinzen in einer Bar kennen gelernt, er wurde ihm von seinem Freund Cohn vorgestellt, der in »Lombard arbeitet«. (Die Wittmannski mußte mir erst diese Art der Arbeit erklären: man verkauft irgend etwas, Bücher oder Automobile oder Brillanten oder Möbel, streicht die Provision dafür ein und beleiht die Sachen ein paar Tage später wieder. Ich kann eigentlich nichts dabei finden. Geschäft ist Geschäft.)

Cohn war über den Prinzen genau orientiert, aber er versuchte ihn zu »gründen«. Dazu brauchte er Jaenicke. Die beiden haben aus Mimi eine richtige Aktiengesellschaft gemacht, Stammeinlage: reiche Heirat.

Frau Wittmannski zeigte uns den Provisionsschein, den sie vom Prinzen erhalten hat. Und in Paris wäre es beinahe schon so weit gewesen. Es hat ihn aber ein Herzog ausgestochen, der noch mehr Schulden hatte wie er und das imponierte dem zukünftigen Schwiegervater, einen amerikanischen Schweinezüchter.


*


Am meisten tut es mir um Mimi leid, daß er jetzt immer mit den gewöhnlichen Autodroschken fahren muß. Sein eigenes ist versetzt. Für einen Prinzen muß es schrecklich sein, in einem Wagen zu sitzen, wo kurz vorher vielleicht ein jüdischer Bankdirektor auf den Boden gespuckt hat.

Armer Mimi!


*


Jaenicke kam auch noch in die Küche. Er sieht eigentlich scheußlich aus. Hager, mit eingefallenen Backen, kurz geschorenes Haar. Sein Blick hat etwas unstetes, lauerndes. Seine Kleidung muß aus dem »Gentleman« oder »Old England« stammen: der Friedrichstraßenkavalier, fertig zum Gebrauch, direkt aus dem Schaufenster lieferbar.

Mir sind solche Leute unsympathisch. So was hält man sich vom Leibe, so lange man noch jung ist und heiratet es höchstens, wenn man so weit ist, daß man zwar etwas Kredit auf der Bank hat, aber keinen mehr aus dem Liebesmarkt.

Trotz allem befreundete ich mich mit Jae­nicke. Er ist unser Bundesgenosse. Ueber den Prinzen und seine Wechsel beschwichtigte er mich. Er hätte eine große Sache in Aussicht: eine Millionenbraut. Diesmal würde die Geschichte klappen. Cohn garantiere dafür. Uebrigens wäre die Braut eine entfernte Verwandte von Cohn, aber aus der reichen Linie der Familie Cohn.


*


Die Bitterlich war nach dem vierten Glas Gilka zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Prinz in gar keinen besseren Händen sein könnte als bei der Wittmannski und bei Jae­nicke Und sie trank dem ehrenwerten Herrn Jaenicke mit dem fünften Glas Gilka zu, indem sie ihn neckte:

»Prosit, Herr Haushofmeister Seiner Durchlaucht! Wenn't so weiter jeht, werd'n Se noch Finanzminister bei'n Prinzen sein' Vater.«

Mir klopfte sie auf die Schenkel:

»Lassen Se man, Fräuleinchen, die paar Kröten kriegen Se immerzu wieder, davor lass' ick mir die Hand abhacken, wat, Herr Jaenicke?«


*


4. April.


Was du ererbt von deinen Vätern hast.
Erwirb es, um es zu besitzen.

Goethe.


Der Goethe muß sich auf alles verstanden haben. Immer, wenn ich den Kalender aufmache, um mir etwas zu notieren, stoße ich auf irgendeinen Spruch oder Vers von ihm. – – Als ob er den Prinzen verulken wollte.

»Was du ererbt von deinen Vätern hast . . .« Nicht einen Pfennig erbt er. Sie sind vollständig pleite bei ihm zu Hause. Ich habe es endlich durch eine Auskunft erfahren, die Meyer eingeholt hat. Leider zu spät.

Die Wechsel sind natürlich nicht eingelöst worden. Ich bin wütend. Auf die Liebe pfeife ich. So 'ne Gemeinheit, ein armes Mädchen um ihre Groschen zu bringen.

Den Grafen Wolffenschlucht habe ich heute auch herausgeworfen. Er wollte wieder Geld. Dabei hängt er noch bei mir mit sieben Lappen.

Was denken sich denn diese hochgeborenen Jünglinge auf Lack? Bin ich denn wirklich nichts weiter als eine Pumpstation?


*


Na warte, mein hochverehrter Herr Prinz, das werden wir Seiner Durchlaucht anstreichen. Abgesehen davon, daß man vor lauter Sorgen jetzt nicht schlafen kann, geht das Geschäft auch noch schlecht. Mein Baumeister ist bankrott und ich darf leider nicht mit meinen Forderungen in die Masse gehen.

Wie bekomme ich bloß das Geld zusammen?


*


Heute nachmittag war große Generalversammlung bei mir. Jaenicke, Cohn, Frau Wittmannski und ein sehr distinguiert aussehender alter Herr, der ungenannt sein wollte. Es soll ein hohes Tier sein, er ist ein alter Militär, aber a. D., und besorgt allerlei Dinge, wo gewöhnliche Menschen, wie Cohn oder Jaenicke, nicht herankommen: Orden, Titel, ganz feine Heiraten. Man will Mimi sanieren.

Cohn sagte, indem er die Versammlung meinte, wir wären die reine Sanitätswache. Der Biedermann Cohn mit seinem Fetthals, der ihm hinten über den Stehkragen klappt, ist der Arrangeur des Ganzen. Er hat immer die Hände in den Hosentaschen und steckt seinen kleinen Bauch hinaus. Dazu qualmt er in einemfort ganz große Zigarren, die in gar keinem Verhältnis zu seinem kleinen, dickwulstigen Mund stehen.

Der alte Herr, der Militär mit dem Inkognito, scheint eine geheime Mission zu haben. Er spricht etwas von den Wünschen des alten Herzogs und dergleichen, was ich nicht verstehe.

Um Gottes willen, man wird mich doch nicht in eine politische Intrigue verwickeln wollen?

Ich sage leise zu Cohn ins Ohr, daß ich mich dafür bedanke, wenn mein Name in die Oeffentlichkeit geschleppt würde.

»Nee,« antwortet er, »aber nach Sibirien werden Sie geschleppt.«

Dann lacht er ganz laut.

»Haben Sie man keine Angst, teuerste Prinzessin Didi, Ihnen passiert nichts. Wir müssen bloß jetzt Betriebskapital für den Prinzen aufnehmen, damit er die reiche Braut heiraten kann, die wir (er verneigte sich vor dem »hohen Tier«) für ihn ausbaldowert haben.«

»Haben Sie nichts mehr, Didi?« fragte Jae­nicke.

Ich zuckte mit den Achseln.

»Das Geld ist sicher,« fügte Cohn hinzu.

»Ich verbürge mich««

»Ihre Bürgschaft?« sagte ich spöttisch. »Sie haben doch nichts.«

»Gewiß hat er was,« meinte Jaenicke, »ein Attest vom Irrenarzt hat er, damit sie ihm nichts tun können.«

Cohn fuhr wütend auf.

»Ich verbitte mir das, Herr . . .«

»Na, na, man gemütlich,« sagte die Wittmannski, »wir sind doch unter uns, da kann man doch Spaß verstehen.«

Ich ließ von Paula eine Flasche Sekt aufmachen, damit die Stimmung ein bißchen netter würde.

»Ja, Geld müssen wir doch haben,« sagte der alte Militär. Darüber waren sich alle klar. Aber woher?


*


Mitten in unseren Beratungen platzte der Prinz hinein. Elegant, sicher, wie immer frisch und rosig anzuschauen. (Er ist doch ein lieber Kerl!)

In der Pension hatte er gehört, daß Frau Wittmannski und Jaenicke zu mir gegangen seien.

Ueber die Wechsel schwieg er zuerst. Als ich ihn beiseite nahm und ihn danach fragte, küßte er mich und sagte dann lächelnd:

»Laß doch, Kind, in sechs Wochen ist die Geschichte geregelt. Morgen bin ich bereits bei meinen zukünftigen Schwiegereltern eingeladen, und dieses Mal geht die Sache mit der vierten Geschwindigkeit.«

Drinnen im Eßzimmer berieten die andern immer noch, wie sie das Betriebskapital für Seiner Durchlaucht Brautpaar aufnehmen sollten.

Plötzlich sprang Cohn auf.

»Ich hab's, ich hab's! Wir kaufen Merkers Rennstall, der seit gestern offeriert wird. Durchlaucht bezahlen mit Wechseln und dann verschieben wir die Rösser für bares Geld weiter. – –  – Einverstanden, Durchlaucht?«

»Ist das nicht Betrug, Verehrter?« fragte zweifelnd der Prinz.

»Warum? Wieso? Wenn Sie heiraten, bezahlen Sie doch. Und ein Prinz wird doch wohl noch anständig heiraten können, Ihr Name ist doch Ihr einziges Erbe, und das müssen Sie diskontieren. Und Merker, der Rennstallbesitzer,« fuhr er fort, »hat den Adelstick«. Der fühlt sich geschmeichelt, wenn er mit einer richtigen Durchlaucht zusammen auf einem Papier steht. Sollen Sie mal sehen. Der ist klotzig reich außerdem und kann was loslassen.«

Es wurde noch eine Flasche aufgemacht. Die Stimmung war ungeheuer fidel und wir schwelgten alle in den schönsten Hoffnungen.


*


Als sie gehen wollten, hielt ich Mimi zurück. Ich wollte wieder einmal eine Stunde des Glücks erleben.

Mein Haß war verschwunden, meine Wut verraucht, ich küßte meinen Prinzen und drückte ihn nun wieder leidenschaftlich an mich.

»Mein lieber, süßer Mimi, warum hat dein Papa bloß nicht genügend Geld! . . .«


*


Mimi wurde am andern Morgen von Cohn antelephoniert. (Mein Apparat steht auf dem Nachttisch – natürlich, damit man den Tag über nicht erst lange zu gehen hat, wenn es läutet.) Cohn hatte mit Herrn Merker ein Rendezvous im Bristol zum Frühstück verabredet. Sie wollten dann nach Hoppegarten heraus, wo die Pferde stehen.

»Ansehen muß ich mir doch anstandshalber die Viecher, bevor ich sie kaufe. Cohn sagt, das macht einen besseren Eindruck und ist vertrauenswürdiger,« meinte der Prinz lächelnd.

Wie selbstverständlich und gewandt er an die schwierigsten Unternehmungen geht! Wenn der einmal älter wird, kann ein großartiger Manager aus ihm werden. Ueberhaupt heutzutage, wo die höchsten Aristokraten Geschäfte machen – – –


*


27. Mai.


An nichts Geliebtes mußt du dein Gemüt
Also verpfänden, daß dich sein Verlust
Untröstbar machte.

Herder.


Meyer ist ein Schuft. Er hat den Wechsel bei mir eingeklagt und heute ist der Versteigerungstermin für mein schönes Kollier angesetzt . . . .

Jetzt. wo ich dies schreibe. gehört es mir schon nicht mehr. Wenn ich bloß wüßte, wer es gekauft hat. Ich bin außer mir. Ich zittere vor Wut, daß es so weit kommen mußte . . .

Was habe ich alles in den letzten Wochen erlebt!

Man könnte am Schicksal verzweifeln.

Einen leibhaftigen Gerichtsvollzieher hat mir der verdammte Meyer ins Haus geschickt.

Zum ersten Male in meinem Leben habe ich dieses Fabelwesen vor's Gesicht bekommen.

Die Bitterlich war gerade bei mir und wollte ihn im Korridor abfertigen. Aber er trat ungeniert ins Eßzimmer, wo ich in einem wenig bekleideten Zustande damit beschäftigt war, einen Teller Bohnen mit Hammelfleisch zu löffeln. (Mittags muß ich immer etwas Derberes zu mir nehmen, so wie es meine Mutter gekocht, damit ich die ewigen Kinkerlitzchen, die mir des Abends in den feinen Restaurants vorgesetzt werden, verdauen kann).

Ich raffe meinen dünnen seidenen Schlafrock zusammen, aber der Herr Gerichtsvollzieher schien bereits einen tieferen Einblick getan zu haben.

Er schmunzelte.

Darauf klappte er seine Mappe auseinander und wollte Geld.

Ich versuchte nun alle meine Künste. (Ich stand auf und ging ganz dicht an ihn heran und wollte ihn mit meiner Liebenswürdigkeit einwickeln – – – Der Mann war nicht bestechlich. (. . . . So'n Dummkopf)

Und dann nahm er das Kollier mit – –


*


Eine ganze Zeitlang bin ich nicht an die Orte gegangen, wo ich die anderen Frauen hätte treffen können. Ich hätte mich totgeschämt über die Sticheleien.

Und der Prinz lebt inzwischen einen guten Tag. Cohn gibt mir täglich Bericht, mal durchs Telephon, mal persönlich. Er kommt öfters zu mir, er scheint etwas für mich zu empfinden . . . .

Neulich habe ich ihm einen »Lohn« in Aussicht gestellt, sobald ich mein Kollier oder die 5 Mille wieder habe. Er wollte aber gleich eine Acontozahlung und drängelte sich an mich heran. Nein, Herr Cohn, vorläufig sind wir noch nicht so weit. Leute Ihres Standes müssen warten, bis die Herrschaften abgegessen haben. – Mit dem Prinzen bin ich noch nicht fertig. Auch noch nicht mit meiner Liebe zu ihm.


*


Sie haben den Prinzen in die Familie Stußfeld einführen lassen. Graf Wolffenschlucht hat ihn auf einem Wohltätigkeitstee im Abgeordnetenhause der Frau Kommerzienrat Stußfeld vorgestellt. Wolffenschlucht verkehrt in allen Familien von Berlin W. (ohne Unterschied der Religion), wo es anständig zu essen, billig zu lieben und tüchtig zu pumpen gibt.

Frau Stußfeld soll von dem Prinzen begeistert sein. Cohn nennt sie seine Kusine. Na, diese Mesopotamier sollen ja alle untereinander verwandt sein. Also möglich ist es schon, was Cohn behauptet. Jedenfalls scheinen Stußfelds auf die Verwandtschaft mit Cohn keinen Wert zu legen.

Als mir Cohn seine Kusine schilderte, bog ich mich vor Lachen. Das muß eine schöne Bolle sein. (Ich weiß, daß »Bolle« kein Schriftdeutsch ist, aber schließlich schreibe ich doch diese Notizen für mich und nicht für die Literaturgeschichte).

Frau Stußfeld hat den Aristokratenkoller, sagt Cohn. Ihre Stammesgenossen sind ihr nicht fein genug. Sie muß bei ihren Diners immer 'n Baron oder 'n Grafen als Tafeldekoration haben. Sogenannter garantiert echt silberner Aufsatz. Es ist ihr gleichgültig, ob das Silber innen hohl ist. Wenn es nur Silber ist. (Cohn meint damit, wenn es nur Adel ist). Sie umgibt sich zu gerne mit Aristokratie. Selbst ihre Dienstboten nimmt sie am liebsten aus dem polnischen verarmten Adel. Den »Gotha« hat sie auswendig gelernt. Und sprechen tut sie nur von Königinnen, Fürstinnen, Prinzessinnen – – In einem Badeort hat sie mal mit einem italienischen Herzog im Hotel auf derselben Etage gewohnt und nachgewiesenerweise (authentisch, sagt Cohn) dasselbe Kloset benützt. Seit der Zeit erzählt sie jedem von den intimen Beziehungen zu ihrem Freund, dem guten Herzog.

Ueber Prinz Mimi ist sie außer sich vor Stolz. Eigentlich war Graf Wolffenschlucht bereits als Schwiegersohn in Aussicht genommen. Aber Frau Stußfeld hat den dicken Grafen sofort kaltgestellt, als mein kleiner Mimi mit einem Zacken mehr in der Krone auftauchte. Wolffenschlucht hat verzichtet. (Ich glaube nach Zahlung einer Abfindungssumme.)


*


Fräulein Lotte Stußfeld soll ein kleiner schwarzer Daibel sein, sagt Cohn. Mit mir, der schlanken Blondine, bei der auch sonst »alles da« ist, nicht in einem Atem zu nennen. Wenn Mimi das Mädel geheiratet hat, wird er sich noch oft nach meinen Fleischtöpfen zurücksehnen. (Stehen ihm übrigens jederzeit wieder zur Verfügung, dem lieben Kerl –, aber erst mal die alten Schulden begleichen!)

Der alte Stußfeld ist reich. Börse natürlich. Cohn meint, wenn es nach dem Alten ginge, würde er auch dort ein- und ausgehen. Der Alte will von dem ganzen Adelsmumpitz nichts wissen und möchte am liebsten mit ihm Freitag abends Hecht mit Klößen essen. (Leibgericht der Juden, sagt Cohn) – – Lotte bekommt 2 Millionen als Mitgift, und dafür wollen die Stußfelds etwas ganz Besonderes haben.

Mimi ist ja so was ganz Besonderes. Aber wegen der Schwiegermutter bedaure ich ihn schon im voraus.


*


Eben lese ich noch diesen Vers – – – Gut, ich werde mich zu trösten wissen. Ich kenne einen Mann, der mir schon längst nachläuft und mich lieben will – – – – Wenn er genug Pinke hat, soll ihm geholfen werden.


*


18. Juni.


Seht, wir Wilden sind doch bess're Menschen.

Seume


So eine Frechheit!

Ich bin empört. Alles hätte ich erduldet – – nur das nicht!

Arm ich habe mich gerächt. O Mussuf, mein Geliebter! Erst hat mir der Prinz mein Herz gestohlen, dann mein Geld und zum Schluß meine Brillanten.

Ich möchte heulen vor Wut!

Der Prinz hat die Unverfrorenheit gehabt, seiner Braut mein Kollier zu schenken! Und mit dieser mageren Ziege im Grünewald bei Heßler sich mir gegenüberzusetzen, so daß ich es auch ordentlich beschauen konnte. (Vielleicht dachte er, Wiedersehen macht Freude – aber so ein Wiedersehen?) . . .

Ich hatte inzwischen die Offerte angenommen. (Mein früherer Korrespondenzton aus dem Bureau fließt mir manchmal, ohne daß ich es will, aus der Feder.) Ein ziemlich ekelhafter Gentleman bot mir seine monatliche Liebe an, und ich war froh, daß ich endlich aus der Misere herauskam. Mein »Neuer« scheint nicht unbemittelt zu sein. Er ist Rittergutsbesitzer und läßt Pferde laufen. Sportonkel. Riecht ein bißchen nach dem Stall. Sieht soweit ganz gut aus, bis auf den scheußlichen roten Kopf mit den gelben, struppigen Haaren. Als er mir am dritten Tage unseres Zusammenseins seinen Namen nannte (Kavaliere fragt man nicht nach Stand und Geschlecht, wenn sie es nicht von selbst tun), platze ich laut los vor Lachen: es war Merker, der Rennstallbesitzer, mit dem der Prinz und seine Herren Vermittler das große Pferdedings geschoben haben.

Aber ich verriet mich mit keiner Silbe. Fiel mir nicht ein. Wozu die Sache gefährden, denn die Heirat des Prinzen ist sicher.

Mit meiner neuen Akquisition führte ich ein ziemlich zurückgezogenes Leben. Ganz der Saison angemessen: Vormittags Dogcart im Tiergarten. Abends Autofahrt nach Potsdam oder höchstens Zoo-Terrasse und ein paarmal Lunapark. Aber natürlich waren wir auf allen Rennen.

Vorgestern sitzen wir nach dem Nennen bei Heßler im Grunewaldpavillon, als die Familie Stußfeld an uns vorüberzieht: erst Frau Stußfeld persönlich – Fregatte in voller Takelage –, dann die munter hüpfende Ziege Fräulein Lotte im neckischen und überlauten Gemecker mit meinem Prinzen, der etwas gedrückt, aber elegant und tiptop neben seiner Braut geht. Ganz zum Schluß nachtrabend Herr Kommerzienrat mit seinem ewig süßen Lächeln um den dicken Schnurrbart, gleichgültig über die Menschen blickend. Es sah aus, als wenn ihn seine Frau an einer unsichtbaren Leine führe, wie einen Schoßhund.

Sie setzen sich uns gegenüber. Der Prinz blickt einen Augenblick zu mir hin, ohne jede Verlegenheit. (Na warte!) Lotte trug eine prachtvolle Pariser Toilette, in die sie aber gar nicht hineinpaßte. (Unsereins hat mehr Geschmack und Takt und weiß, was man auf dem Rennen anzuziehen hat) Um den Hals blitzte mein Kollier! (Was sagt ein Mensch dazu?)

Ich erkannte es sofort an der Fassung . . .

Dem guten Merker verging der Appetit über meiner Laune. – – Was geht mich Merker an, der soll froh sein, wenn ich in seiner Gegenwart überhaupt etwas fühle (und wenn es auch Kopfkolik oder Magenschmerzen sind).


*


Am andern Tage telephonierte ich mit Cohn, ob er etwas über das Kollier wüßte. Cohn lachte am Apparat: das Kollier hatte Meyer bei der Versteigerung billig zurückgekauft und es dem Prinzen für seine Braut als Geschenk angehängt. Meyer gibt ihm auf die Heirat hin Kredit. Er hat jetzt wieder eine großartige Auskunft aus einem Auskunftsinstitut über den Prinzen erhalten.

»So – mit einem Mal?« frage ich. »Früher war doch die Auskunft miserabel.«

»Wir haben sie richtiggestellt,« ruft Cohn zurück, »ich mit Jaenicke. Wir haben den Rechercheur zu dem »hohen Tier« geschickt, du weißt doch, Didi, dem Alten mit dem Ordensband.«

»Verbrecher seid ihr!« schrei ich durch den Apparat. – – –

Aber die Verbindung war unterbrochen. Oder Cohn war beleidigt und hatte abgehängt. Er hält sich für einen durchaus ehrlichen Makler, sagt er gewöhnlich, wenn ich ihm ein bißchen das Zuchthaus ausmale. Die Hauptsache ist, daß er so eine gute Meinung von sich hat.


*


Aber ich habe mich gerächt. Ich habe mich wieder verliebt. Nicht in Merker. Das fehlte noch. Der Strohkopf darf zahlen, so viel er will. Er darf mich sogar auch lieben, so viel er will. Nur von mir soll er weiter keine Gegenleistung verlangen als das Bewußtsein, eine schicke Freundin zu haben. (Ich glaube, das genügt ihm.)

Uebrigens ist er immer noch angenehmer wie mein verflossener Baumeister, der zu viel Philister war und mich am liebsten geheiratet hätte (er war Witwer). Ich danke: Didi de Lars eine Frau Baumeister mit Strickstrumpf und Opernhausabonnement! –

Ich bin wieder einmal glücklich!

Gott sei Dank!

Ich habe den Schmerz über die Treulosigkeit des Prinzen überwunden (nur das Kollier kann ich ihm noch nicht vergessen).

Ich liebe!

Wenn eine Frau liebt, so erfüllt sie ihren Lebenszweck. (Die Liebe ist für unsereins ein Hilfsmittel, um über die Schmierigkeit unseres Berufes hinwegzukommen.)

Vorgestern, am selben Tage, als ich den Prinzen mit seiner Braut und meinem Kollier gesehen, war ich abends im Lunapark, und da habe ich mich über Hals und Kopf in einen von den braunen Afrikanern verliebt.

Nein wirklich, diese Wilden sind doch bessere Leute!

Mussuf heißt er. Das ist ein Bursch! Gewachsen wie eine Tanne und biegsam wie ein Rohr. Wir verstehen uns nur durch die Sprache unserer Augen.

Gestern nachmittag, als er bei mir im persischen Zimmer war (ganz heimatlich mutete es ihn bei mir zwischen den orientalischen Teppichen und Messingtöpfen an), wußte der Schlingel sich ausgezeichnet verständlich zu machen.

Wenn ich an diese Stunde der tollen Leidenschaft denke! . . .

Mussuf kommt von jetzt ab jeden Tag zu mir. Ich brauche ihn. Er rüttelt mich auf. In dieser seltsamen Liebe, die frei ist von jedem Eigennutz, und dadurch, daß das gesprochene Wort nicht den Zauber stören kann, will ich das Andenken an Mimi töten.


*


10. August.


Ich sag' es dir: ein Kerl, der spekuliert,
Ist wie ein Tier auf dürrer Heide,
Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt,
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.

Goethe.


Mein Leben ist eine ewig sich erneuernde Enttäuschung. Aber wer hat daran schuld? Ich selbst und mein Vertrauen auf die Menschheit. (Gehören übrigens die Schwarzen auch zur Menschheit oder sind das nicht schon ein bißchen Affentiere?) Ich lasse mich immer und immer wieder von jedem Ersten und Besten hereinlegen.

Prinz Mimi und Mussuf, Gras Wolffenschlucht, Cohn und die andern sind das gleiche Kaliber. Alle wollen sie meinen Körper und mein Geld.

Pfui Teufel! Ist das eine Bande!

Bei Mussuf, diesem harmlosen Jüngling mit dem Fetthaar und dem durchdringenden Hautgeruch (ich mußte ihn jedesmal erst in die Badewanne stecken und mit Eau de Cologne abspritzen), hätte ich die Gemeinheit nicht vermutet . . .

Allmählich lernte er Deutsch sprechen. Aber nur gerade so viel, um mich anpumpen zu können. Ich habe ihm täglich Geld gegeben. Dann einige Ringe geschenkt. Habe ihn bei Peek & Cloppenburg ausgestattet, und seine Zärtlichkeiten wuchsen im Verhältnis zu meinen pekuniären Darbietungen.

Aber seit ein paar Tagen ist der Schlingel weggeblieben.

Ich saß jeden Nachmittag in meiner Wohnung und wartete.

Man denke: ich, Didi de Lars, der die Männer die blauen Lappen nur so nachwerfen, saß einsam und verlassen in dem von der Sommerhitze durchbrüteten Berlin und wartete auf einen schwarzen Kuli, der mich versetzte.

Abends im Lunapark wich mir der Schlingel aus. Vor zwei Tagen endlich habe ich ihn festgehalten. Aber er machte in seinem gräßlichen arabischen Kauderwelsch einen solchen Krach, daß ich schon weggehen wollte, als Emmy dazukam und höhnisch grinste. Ich wurde rabiat und verlangte eine Aussprache mit Mussuf. (Aussprache ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, eher Ausgleich in Gestalt eines Goldstücks.)

Doch Mussuf schrie unaufhörlich und lief mit einem Mal zu Emmy hin und streichelte ihr liebevoll die Backen. Zu mir sagte er, den Kopf schüttelnd:

»Mussuf nicht Didi, neues Harêm,« und zeigte dabei auf Emmy, die stolz mit ihm davongehen wollte.

Ich konnte mich nicht mehr halten und habe ihr mit meiner großen Schabrackentasche eins tüchtig ins Gesicht gewischt.

So'n Frauenzimmer! . . .

Das Ende vom Liede war, daß man mich aus dem Lunapark gewiesen hat.

»Nu wenn schon,« sagt Cohn am Telephon, als ich ihm die Geschichte erzählte.

Cohn wollte gleich zu mir kommen, um sich als Ersatz anzubieten. Er ist der richtige Gelegenheitsmacher.


*


Ein Unglück kommt selten allein.

Gestern bimmelte das Telephon bei mir in einem fort. Und dabei war es eine Hitze, daß man ersticken konnte. Wegen dieses schwarzen Lumpen habe ich den ganzen schönen Sommer in Berlin zugebracht und Merkerchen, den Strohkopf, zu meiner Erholung auf Reisen geschickt. Ich soll ihn dieser Tage in Ostende treffen – – Die Sache mit dem Prinzen wird brenzlich.

In der B. Z. stand gestern eine interessante Notiz. Fettgedruckte Ueberschrift: »Zahlungsschwierigkeiten von Meyer Stußfeld.«

Ich glaubte, ich lese nicht recht.

Aber kaum hatte ich zu Ende gelesen, als es das erstemal am Telephon läutete.

Cohn fragte:

»Hast du in der B. Z. gelesen, Didi? – – Um Gotteswillen, was machen wir bloß? So schnell kriegen wir doch keine neue Braut für den Prinzen?«

»Wann sind denn die Sachen fällig?«

»In der allernächsten Zeit,« wimmerte Cohn, der seine Spekulation über den Haufen geworfen sah.

Der alte Stußfeld hatte auch falsch spekuliert. Die große Amerikapleite schnürte ihm den Hals zu.


*


Gestern nachmittag war wieder große Generalversammlung bei mir. Jaenicke, die Wittmannski, die Bitterlich und Cohn. Das »hohe Tier« war verreist. Sie sagten, er wäre in das Herzogtum von Mimis Papa gereist, für das er die Generalagentur in Orden und Titeln hätte.

Großes Heulen und Zähneklappern herrschte in meinem Eßzimmer. Frau Wittmannski jammerte über die Miete, die sie vom Prinzen zu erhalten hätte und über das viele bare Geld, das sie ihm geliehen. Und Frau Bitterlich schimpfte, sie hätte ihm ihr Sparkassenbuch gegeben. Paula, mein Mädchen, kam auch herein, totenblaß, und sagte, der Prinz wäre ihr 85 Mark schuldig, die sie ihm läpperweise geborgt. Und ihr Schatz, der Droschkenchauffeur, der ihn die letzte Zeit, wo er zum Fräulein gekommen wäre, gefahren hätte, bekäme auch noch die Fahrten bezahlt.

Und Stußfelds sind pleite!

Jaenicke holte aus seiner schmierigen Brieftasche einen Provisionsschein heraus und meinte: »Die Provision von 50000 Mark muß er mir doch zahlen, wenn er heiratet.«

Aber Cohn, dem es auch nicht gerade zum Lachen zumute war, sagte:

»Chammer! Lassen Sie sich den Schein photographieren und in 'n Goldrahmen einfassen. Und bitten Sie den Prinzen um seine eigenhändige Unterschrift. Dann können Sie das Kunstwerk vielleicht noch für 3,50 Mark ans Museum verkaufen.«

Die Stimmung war sehr gedrückt. Alle sprachen durcheinander und keiner wußte sich einen Rat.

Ich als einzige hatte so eine Art Galgenhumor. Mir war die Sache im übrigen gleichgültig. Mein Kollier ist zwar futsch. Gut. Merker wird mir ein neues kaufen müssen. Und der Wechsel von 1200 Mark, den ich an Meyer auch weitergegeben hatte, ist prompt von mir eingelöst worden. Mit Merkers Geld.

Ich war also eigentlich gar nicht mehr an der Geschichte beteiligt.

Nach einer Weile bat ich die »Generalversammlung« sich aufzulösen, da ich mich für den Abend umziehen wollte.

Ich habe nun lange genug meine Zeit mit Liebe, Prinzen, Afrikanern und Geldtransaktionen zugebracht. Jetzt will ich auch mal wieder was vom Leben haben – – –

Heute nacht wird gebummelt!

Und morgen fahre ich zu Merkerchen nach Ostende.


*


25. August.


Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden.
Dann überlaßt ihr ihn der Pein;
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Goethe.


Immer wenn ich mir etwas auf den Kalender notieren will, stoße ich auf einen Vers, der den Nagel auf den Kopf trifft. Aber es wird wohl ein Druckfehler sein. Es muß doch heißen: »Denn alle Schulden rächen sich auf Erden« . . .

Armer Mimi!

Aber er tut mir doch nicht leid (zwar habe ich in meinem tiefsten Herzen immer noch etwas für ihn übrig – – er war so ein lieber Kerl!) – – –


*


Ich bin sofort mit dem Nordexpreß nach Berlin zurückgefahren. Merker mit, der einer der am meisten Geschädigten ist.

Das kann ich mir doch nicht gefallen lassen!

Ich werde wie ein Stück Schmutz durch die Zeitungen gezogen. Das hat man für seine Gutmütigkeit. Aber ich habe veranlaßt, sofort die Anzeige wegen Betrugs gegen Mimi zu machen.

Er sitzt schon hinter Schloß und Riegel.


*


Nach Ostende schickte mir Cohn die Berliner Zeitungen nach, in denen eine ganze Litanei rot angestrichen war: »Eine Kokotte der Ruin eines Prinzen!«

Ich muß sagen, der Titel ist nicht schlecht.

Aber der Inhalt!

Woher die Tintenkulis das alles haben?

Und kein Wort ist wahr.

Ich soll der Ruin des Prinzen Mimi von Rastaquêra gewesen sein?

Man könnte lachen – – –

Ich wollte sofort an die Zeitungen eine Berichtigung schicken, habe es mir aber überlegt. Unsereinem glauben sie ja doch nicht.

In der Zeitung steht, daß der junge Prinz von Rastaquêra in die Hände einer berüchtigten Halbwelterin gefallen wäre, die, nachdem sie ihn vollständig ausgezogen hätte, mit dem Raub ins Ausland geflüchtet wäre. Unter anderem handelt es sich um einen kostbaren Brillantenschmuck, den sie dem Prinzen entwendet. Man hätte schon ihre Spur, und es würde ein Steckbrief hinter ihr losgelassen.

Das hätte ja nett werden können.

Ich stelle mir meinen Steckbrief vor:

Nase: hübsch,

Augen: noch hübscher,

Mund: am hübschesten,

Haare: blonde, aber eigene,

Figur: tadellos,

Besondere Merkmale: »Einfach Puppe.«


*


Ich bin heute früh angekommen und gleich zum Untersuchungsrichter gefahren.

Ein äußerst feiner Herr, der sehr zuvorkommend gegen mich war – ich weiß nicht, er kam mir so bekannt vor, als ob ich ihn schon irgendwo mal gesehen hätte.)

Mimi, der edle Prinz von Rastaquêra (aus der Zeitung weiß ich endlich seinen richtigen Namen), sitzt seit drei Tagen im Kittchen. Auf unsere Anzeige hin häuften sich die Geseires, wie Cohn sagt, der jetzt wieder oben auf ist und den »Geschädigten« spielt. (Ein betrogener Betrüger!)

Cohn hat übrigens die größte Zuversicht. Er meint, im Leben endigt alles mit einem Arrangement. Das »hohe Tier« mit dem Ordensband ist natürlich auch sofort zurückgekehrt, und nun beraten die drei: Jaenicke, Cohn und der alte Herr über die Möglichkeit, den Prinzen aus der Patsche zu holen und womöglich noch etwas dabei zu verdienen.


*


Merkerchen schimpft furchtbar. Er glaubt, ich hätte ihn auch hereinlegen wollen. Ich habe Tagelang damit zubringen müssen, ihn davon zu überzeugen, daß ich gar nichts von seiner Existenz geahnt hätte, als die Pferdeschiebung gemacht wurde. Ich muß jetzt alle mir zu Gebote stehenden Liebeskünste (Berufsliebeskünste natürlich) ihm gegenüber entfalten.

Ueberhaupt schimpfen sie alle.

Als sie erfahren hatten, daß ich wieder in Berlin bin, stürmten sie meine Wohnung. Die Bitterlich saß schon in der Küche, als ich von Moabit zurückkam. Sie hatte von der Wittmannski und Jaenicke eine Menge Dinge erfahren, die sie mir sofort vorsetzte.

Dann kam die Wittmannski, verstört und bleich. Und später Jaenicke, der »Haushofmeister Seiner Durchlaucht.«

Seine Durchlaucht haben in der Tat schön gewirtschaftet. Die ganze Zeit, die sie in Berlin zugebracht, hat sie nicht einen Pfennig Zuschuß gehabt, sondern nur auf Kredit gelebt.

Donnerwetter! Und die Pulle Sekt kostet in den Nachtlokalen 22 Mark!

Alle Bestellungen und Käufe, auch die, die wir zusammen gemacht haben, ist der Prinz schuldig geblieben.

Meinen Blaufuchs auch.

Die Lieferanten sind der Wittmannski das Haus eingelaufen, als die Nachricht über mich und den Prinzen in der Zeitung stand.

Was hat Mimi nicht alles auf Borg gekauft!

Von Stiefeln, Kleidern, Unterwäsche und den Dingen für den täglichen Gebrauch abgesehen, hat er alle Branchen abgeklappert: Goldsachen, Brillanten, Bücher (aha! daher die in Kisten verpackte Gelehrsamkeit), Möbel, Teppiche Bilder, Autos, Pferde . . . . selbst zwei Waggons pommerscher Gänse und 20 Ballen Uckermärker Tabak haben sie ihm angedreht. Natürlich hat er alles mit Hilfe von Jaenicke und Cohn am nächsten Tag sofort versetzt, wobei die beiden Biederleute das meiste bare Geld abgeschöpft haben.

Die ganze Gesellschaft schreit jetzt Zeter und Mordio und läuft zum Staatsanwalt.

Mich wollen sie zur Hauptzeugin machen . . . .


*


Ich muß mich über die Zeitungen schrecklich ärgern. Ueber unsereins fallen sie zu gerne her.

Am gemeinsten hat sich die »Käseglocke« benommen. Die entrüstet sich sittlich und spricht von dem Sumpf, in den unsere Jugend von den »Weibern« gezogen werde. Ein furchtbarer Salm. Paßt für die Synode als Eröffnungspredigt.

Das Blättchen hat's nötig – –

Cohn beruhigte mich und sagte, ich könnte von einer Käseglocke nichts anderes verlangen. Wenn man sie in die Höhe hebt, muß man sich die Nase zuhalten.


*


Heute nacht traf ich in der Nollendorfbar den Doktor mit der goldenen Brille, den sie »Eule« nennen. (Er schreibt auch für Zeitungen.) Er sagte mir, er wüßte die Quelle, aus der der Artikel über mich stammt.

Man sollte es nicht glauben! – – –

Frau Stußfeld (persönlich) hat den Blättern den Bären aufgebunden, um die Heirat mit dem Prinzen unmöglich zu machen.

Da die Stußfelds in Zahlungsschwierigkeiten sind (vielleicht sogar schon pleite), können sie sich einen armen Schwiegersohn nicht leisten.

So eine . . . . (na, ich will es lieber nicht ausschreiben, denn ich bin ein anständiger Charakter.)

Aber hat man Worte?


*


5. Oktober.


Wir haben nicht geweinet,
Wir seufzten nicht Weh und Ach.
Die Tränen und die Seufzer,
Die kamen hinten nach.

Heine.


Ich weine.

Die Tränen kullern mir über die Backen und ich kann mich gar nicht halten.

Paula kommt herein und tröstet mich.

Das gute Ding weiß, was ich leide.

Auch sie hat Mimi so gern gehabt.

Was ist das nur, daß ich ihn nicht vergessen kann!

Ich denke mit Schaudern an den schmutzigen Mussuf. Wie kam ich zu so einer Geschmacklosigkeit?

Mimi, mein Liebling!

Ganz naß wird das Papier, und es ist, als ob der Kalender mit mir heulen wollte.

Ich liebe ihn, meinen armen, kleinen Mimi! Mir graut's, wenn ich daran denke, daß er jetzt im Untersuchungsgefängnis sitzt und sich nicht bewegen kann, daß er nicht die kleinste Zerstreuung hat und eingesperrt ist, wie ein Vogel im Käfig.

Er, der so ein lustiger, lockerer Vogel war! – – –

Zuerst wollte ich nichts von ihm wissen. Konnte mir auch kein Mensch verdenken. Aber wenn ich des Abends ins »Palais« kam und allein an meinem Tisch saß und auf einen Kavalier wartete, mußte ich immerzu an Mimi denken, wie glücklich er jetzt wäre, wenn er mich mit seinen lustigen Augen anlachen könnte. Und tanzen konnte er!

Ich mag gar nicht mehr mit einem anderen tanzen – – –

Mimichen, du gutes liebes Mimichen! Und ich habe dich verraten!

Ich weine schon wieder . . . . Diese blödsinnige Sentimentalität wird mir noch schaden. Mein Teint leidet darunter, und ich bekomme ganz rote Augenränder!

Er hat mir aus dem Gefängnis einen Brief geschrieben. Einen reizenden Brief, in dem er mich für alles, was ich durch ihn erlitten hätte, um Entschuldigung bat. Und wie miserabel es ihm jetzt ergehe, schilderte er. Die Kost könnte er nicht vertragen.

Da bin ich sofort nach Moabit gefahren und habe ein paar hundert Mark für ihn eingezahlt, damit er sich selbst beköstigen könnte. Und eine Kiste Zigarren und Zigaretten habe ich mitgenommen und ein paar Bücher aus einer Kiste, die mal auf des Prinzen Bestellung bei mir abgeliefert worden war. (Nun erfüllen sie doch wenigstens ihren Zweck.) Und eine große Düte mit Pfannkuchen packte ich dazu. Bei Pfannkuchen haben wir uns am Silvester kennen gelernt. Die ißt der Prinz so gern. Damals hat er ein ganzes Dutzend davon heruntergeschlungen . . . .


*


Was soll ich bloß tun? Wenn ich gegen ihn aussage, reite ich ihn herein. Ich bereue schon meine ersten Aussagen vor dem Untersuchungsrichter – – –

Ich habe Cohn furchtbar abfahren lassen. Die ganze Bande soll der Teufel holen.

Merker hat sich von mir getrennt. Er ist ein Schlappschwanz und traut sich nicht mehr, sich mit mir zu zeigen.

Ich habe mich sehr anständig abfinden lassen. (Das Abgefundenwerden ist die Sehnsucht von unsereins. Manche meiner Kolleginnen beweisen solche Uebung darin, daß sie Villen besitzen und ein Bankkonto haben.)

Merker mußte bluten. Er kann's ja. Und es tut mir nicht weh. Nur ärgert es mich, daß wieder ausgerechnet Emmy meine Nachfolgerin bei ihm sein muß. – – – Da fällt mir ein, daß Emmy überhaupt zu viel von mir und dem Prinzen weiß. Wenn man sie nur nicht auch noch als Zeugin ladet! . . .


*


Ich könnte jetzt sehr gut als Rentiere von meinen Zinsen leben.

Wenn Mimi frei wäre, wüßte ich. was ich täte. In einigen Wochen ist die Verhandlung – – –

Ich habe Angst, sie werden ihn verknacken.


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Wenn ich ausgehe, nehme ich mir die Bitterlich als Begleitung mit. Sie sieht mit ihrem langen schwarzen Schleier aus wie die Witwe Steinheil. Ich selbst kleide mich auch ganz dunkel. Wir beide markieren Distinguiertheit, durchschossen mit Bürgertum. Eine neue Walze in meinem Leben.


*


Mimis Bild habe ich vor mir. Immerzu muß ich dem lieben Jungen in die treuen Augen blicken. Und wieder kullern die Tränen über meine Backen . . .


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10. November.


O! Nimm die Stunde wahr, eh' sie entschlüpft.
So selten kommt der Augenblick im Leben.
Der wahrhaft richtig ist und groß.

Schiller.


Stimmt!

So häufig kommt der Augenblick nicht im Leben, wo einem etwas Anständiges geboten wird.

Unsereins ist allerdings mehr vom Zufall abhängig als das gewöhnliche bürgerliche Menschenexemplar. Und uns bietet sich öfter eine Gelegenheit, die Komik des Lebens zu kosten oder vielleicht sogar bis auf die Höhen der Menschheit hinaufzuklettern. (Ich fange allmählich an, mich meinem neuen Stande gemäß zu bewegen, daher die feine Ausdrucksweise!)


*


Es bereitet sich etwas vor.

Keiner soll zwar davon vorläufig erfahren und Cohn spricht immer nur im Flüsterton zu mir, selbst wenn er allein bei mir im Zimmer ist. Er fürchtet, daß etwas in die Zeitung kommt. Ich bedanke mich übrigens auch dafür. Von der Druckerschwärze habe ich genug. Nur nicht wieder verewigt werden! . . .

Vor einer Woche erschien der alte Herr mit dem Ordensband bei mir, das »hohe Tier«. Er tat sehr wichtig und war von einer vollendeten Liebenswürdigkeit. Ganz alter Kavalier mit einem Schuß »Schwerenöter«.

Unsere Unterhaltung drehte sich um Mimi. Er bedauerte die Vorkommnisse. Es wäre doch schade um den jungen Mann – – na, und so weiter.

Endlich kam er mit der Sprache heraus.

Ob ich mich nicht mit meiner Zeugenaussage etwas anders einrichten könnte.

Hübsch? Was?

Also eine Art Beeinflussung mit Aussicht auf das Zuchthaus.

»Nein, mein Lieber,« antwortete ich, »so leid es mir tut, aber ehrlich bleibe ich, und vor Gott und den Richtern kann ich nur die Wahrheit sagen.«

Das »hohe Tier« zuckte mit den Achseln.

»Ja,« meinte der alte Herr, »dann wird Seine Durchlaucht wohl zwei Jahre brummen müssen – – Sie sind die Hauptbelastungszeugin . . .«

Um Gottes willen!

Mir wurde angst und bang.

»Gibt es gar keinen Ausweg?« fragte ich. Er wüßte nicht. Es wäre eine schreckliche Verkettung der Umstände. Die ganze Affäre sei aufgebauscht, aber die Presse und die öffentliche Meinung hätten sich darauf gestürzt wie auf ein gefundenes Fressen. Wenn der amerikanische Kurssturz nicht gekommen wäre und Stußfelds nicht plötzlich und unerwartet einen großen Teil ihrer Millionen verloren hätten, wäre alles anders gekommen. Seine Durchlaucht sei ja nur nach Berlin gekommen, um reich zu heiraten. Warum soll ein »Auserwählter« nicht reich heiraten?

»Hat denn Seine Durchlaucht gar nichts anderes gelernt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen?« fragte ich schüchtern.

Der alte Herr mit dem Ordensband schaute mich mild lächelnd an.

»Nein. meine Teure, junge Leute seines Standes haben es nicht nötig, zu »lernen«, wie Sie sich so reizend ausdrücken. In seinen Kreisen lernt man eben reich heiraten. Und das muß auch verstanden sein.«

»Na, Mimi – Pardon, Seine Durchlaucht – scheint es aber nicht verstanden zu haben,« erwiderte ich.

»Das ist es ja eben – leider,« sagte der alte Herr.

Plötzlich, ganz unvermittelt, fragte er mich:

»Wollen Sie heiraten, meine Gnädigste?«

(Er sagte »meine Gnädigste«, und das fiel mir auf.)

Ich war im Augenblick überrascht.

Ohne auf meine Antwort zu warten, fuhr er fort:

»Sie könnten Gräfin werden – –. Nein, nein, es kostet Sie nichts,« sagte er, als er meinen Schrecken sah, »für Sie würde ich es umsonst tun, und den Grafen liefere ich auch gratis.«

Ich zweifelte.

»In drei Wochen sind Sie Frau Gräfin, wenn Sie wollen! – – Ueberlegen Sie sich die Geschichte, meine sehr verehrte Gnädigste.«

Er erhob sich, machte mir eine tadellose Verbeugung, nahm seinen Zylinder, den er auf einen Stuhl gestellt hatte, und küßte mir die Hand.

Dann ging er stramm aufgerichtet an die Tür, grüßte noch einmal mit einem vielsagenden Blick und verschwand.

Wirklich ganz »alter Kavalier«.


*


Und ich saß da und wußte nicht aus noch ein: schließlich kommt man doch nicht alle Tage in die Verlegenheit, Gräfin werden zu können. Das muß doch überlegt sein.

Keinen Pfennig Geld soll mich die Geschichte kosten?

Ich weiß doch, daß die Heiratsbarone und Grafen ziemlich teuer sind und mindestens ein paar »Braune« schlucken wollen.

Die Bitterlich sagte, ich sollte mich vorsehen, dahinter stecke etwas.

Ach was, die alte Portierseele wittert überall Unrat. (Wenn sie es nur bei ihrem Sparkassenbuch auch getan hätte!)

Paula war entzückt, als sie hörte, daß ich Gräfin würde. Sie will sich dann zur Kammerzofe ernennen lassen . . .

Ich male mir das übrigens sehr schön aus: Gräfin, mit 'ner Krone überall, selbst auf dem Nachthemd eingestickt. Und alle Leute katzbuckeln vor einem. Vor lauter Ehrfurcht trauen sie sich dann gar nicht, zu einem aufzublicken.

Und die Vornehmheit!

Es ist doch etwas Schönes um die Vornehmheit. Ich habe von jeher viel für das Höhere und Vornehme übrig gehabt. – –

Also Edith Schulze aus der Pestalozzistraße, das frühere Tippmädel mit dem Stadtbahnabonnement dritter Klasse Savignyplatz–Jannowitzbrücke, wird Gräfin!

Richtiggehende Gräfin!

Emmy trifft der Schlag, wenn sie das erfährt . . .

Soll ich zugreifen?

Warum nicht?

Ich muß aber erst bei Cohn anfragen, der weiß in allem Bescheid. (Jetzt kann ich noch mit ihm verkehren, später, als Gräfin, werde ich ihn mir abwimmeln. Kein Umgang für eine Aristokratin.)


*


Wenn ich nur wüßte, wer mein Zukünftiger ist. Und ob ich womöglich mit ihm zusammenleben muß. (Das wäre noch schöner!)

Der »alte Herr« hat sich nicht mehr blicken lassen.

Ich sitze wie auf Kohlen und warte auf ihn.

Cohn macht faule Witze und neckt mich. Heute sagt er mir am Telephon, er könnte auf der Pfandkammer in der Schönhauser Allee billig eine Ahnengalerie aufkaufen. Ob ich sie haben wollte? So ein Frechdachs!


*


15. November.


Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger –
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt.

Schiller.


Graf Wolffenschlucht – ein Löwe!

Wenn die Sache nicht ernst wäre, müßte ich laut lachen.

Ich werde Gräfin Wolffenschlucht. Das ist abgemacht und unterschrieben, und ich habe sogar schon dreihundert Mark darauf angezahlt. (Eigentlich sollte ich umsonst in den Grafenstand erhoben werden. aber der liebe dicke Bobby – das ist mein Zukünftiger und schon längst Gekannte – leidet an chronischem Portemonnaieschwund; da er mir sowieso noch sieben Blaue schuldig ist, habe ich den Tausender vollgemacht.)


*


Der dicke Graf Bobby wird mein Mann.  Wenn Mimi das erfährt, wird er schreien vor Vergnügen. Oder weinen. Ich weiß nicht, was er davon denken mag. Aber ich tue es ja nur seinetwegen.


*


Der »alte Herr« war wieder bei mir. Diesmal käme er in geheimer Mission von Sr. Hoheit dem Herzog von Rastaquêra, dem Vater des Prinzen. Man wolle mir in der Residenz ein Schloß zur Verfügung stellen und meinem zukünftigen Gemahl eine hohe Stellung bei Hofe geben. (Man wird ihn doch nicht zum Finanzminister machen wollen – das fehlte noch: Bobby und Finanzen!)

Aber ich müßte mindestens in 8 Tagen abreisen. Und alle Brücken abbrechen.

Als er mir dies sagte, wußte ich noch nicht, wem ich die Ehre haben werde, meine Hand fürs Leben zu reichen.

Der »alte Herr« fragte mich noch einmal, und zwar sehr bestimmt::

»Wollen Sie, mein Fräulein?«

Ich nickte.

»Gut, ich habe den Grafen gleich mitgebracht,« sagte der »alte Herr«.

»Welchen Grafen?«

»Den Sie heiraten sollen!«

»Ach so –,« sagte ich zerstreut.

Der »alte Herr« ging auf die Diele, um den mitgebrachten Grafen hereinzuholen. Ich war neugierig, was für ein Individuum zum Vorschein kommen würde.

Nach einigen Minuten kam der »alte Herr« zurück, ärgerlich mit dem Kopfe schüttelnd:

»Ich finde ihn nicht – er wird doch nicht weggegangen sein?«

In diesem Augenblick höre ich im persischen Zimmer nebenan ein Geräusch; ich öffne die Tür und sehe Wolffenschlucht, auf dem Diwan liegend, mit Behagen eine von meinen Manolis rauchend.

»Bobby, was machst du denn hier?« frage ich erstaunt.

»Die Herrschaften kennen sich,« meinte der »alte Herr« verbindlich, »na, dann brauche ich ja nicht erst vorzustellen . . .«

Und dann verlobten wir uns.

Ich unterschrieb gleich einen Vertrag.

Wir feierten das große Ereignis mit einigen Cordial Medocs und Bobby pumpte mich, wie gesagt, um drei Lappen an, die ich ihm als Vorschuß auf unsere eheliche Seligkeit mit Vergnügen gab.


*


Am 27. dieses Monats ist die Verhandlung gegen Mimi.

Neulich habe ich eine Vorladung von der Staatsanwaltschaft bekommen.

Gräßlich, so ein Zettel!

Und hinten drauf das schwarze Etikett.

Man bekommt ordentlich Angst, wenn man das Papier in den Händen hat.

Wie das klingt:

»In der Strafsache gegen den Prinzen von Rastaquêra
wegen Betruges pp. . . .«

Mein Mimi ein Betrüger!

(Na, ein bißchen nahe daran ist er wohl, aber das ist die Sache des Gerichts und nicht die meine.)


*


Gott sei Dank, daß ich nun nicht während der Verhandlung in Berlin zu sein brauche. Mein Graf macht mit mir auf meine Kosten eine Hochzeitsreise. Wir fahren erst nach England, um uns trauen zu lassen, und dann nach Aegypten. In zwei Monaten sollen wir auf unserm Schloß in Rastaquêra eintreffen, das für uns erst neu eingerichtet wird . . .

Ich komme mir schon furchtbar geschwollen vor. Paula übt sich bereits und nennt mich schon »Frau Gräfin«. Die Bitterlich muß aber von jetzt ab in der Küche bleiben, sie könnte mich kompromittieren.

Um 9 Uhr früh hätte ich in Moabit als Zeugin austreten sollen – –. Mitten in der Nacht! Weiß denn der Gerichtshof gar nicht, daß unsereins ausschlafen muß? . . .

Schon deshalb bin ich froh, daß ich nicht hingehen muß.


*


25. November.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
–      –      –      –      –      –      –
Unser Schuldbuch sei vernichtet!

Schiller.


Es ist alles gepackt. Meine Wohnung ist leer. Cohn hat die Möbel verkauft.

Ich sitze in der Küche bei Paula, die ich mitnehme, und schreibe rasch noch diese paar Notizen in meinen geliebten Kalender. Er war mir durch das ganze Jahr der einzige Freund, dem ich mich anvertrauen konnte.

Neben mir steht meine Handtasche, in die ich den Abreißkalender einpacken will. – Es sieht furchtbar um mich herum aus. Ueberall stehen Kisten und Kasten. Um mich auf den Stuhl zu setzen, mußte ich eine alte Pappschachtel herunternehmen, die lange in meinem Schlafzimmer gestanden hatte. Herrgott, was sind da für Lumpen darin: Handschuhe, Strumpfbänder, alte Rechnungen, Puder, Creme . . .

In einer Stunde reisen wir.

Und in ein paar Tagen bin ich Frau Gräfin. Emmy bekommt als erste meine Vermählungsanzeige. Rache muß sein.


*


Uebermorgen ist die Verhandlung.

Sie werden ihm nicht viel anhaben können, wenn ich nicht komme und aussage. Wenn er wirklich ein paar Monate erhält, schadet es nichts.

Ich werde jetzt die Geschicke Seiner Durchlaucht in die Hand nehmen. Mit dem »alten Herrn« habe ich die Sache beraten.

Wir machen aus der Ordens- und Titelvermittlung ein richtiges modernes Unternehmen. Orden und Titel sollen die einzigen Landesprodukte sein, die das Herzogtum Rastaquêra exportiert.

Aber es muß Zug in die Geschichte kommen. Ich werde in meinem Schloß ein Büro einrichten, genau nach dem Muster von meinem früheren Geschäft, wo ich getippt habe. Ich freue mich schon darauf. Es wird ein ordentliches Büro werden mit Schreibmaschinen, Buchhaltern, Expedienten, Hausdienern.

Bobby soll Repräsentant werden und für das Haus reisen.

Der »alte Herr« behält die Generalagentur für Deutschland.

Außerdem werden wir eine Abteilung für reiche Heiraten angliedern. Wenn wir im Herzogtum nicht genug Prinzen und Grafen haben, werden die Chauffeure herangezogen, die der alte Herzog von Fall zu Fall zu Prinzen oder Grafen ernennen muß.

Cohn schicke ich nach Amerika, um für uns die Dollarprinzessinnen zu akquirieren, Jae­nicke wird Subdirektor unserer Berliner Filiale. (Der »alte Herr« ist schon zu klapperig) . . . .

Ich werde Schwung in die Sache bringen.


*


Wenn Mimi seine Strafe abgesessen hat, wird er sofort anständig verheiratet. Aber von mir. Cohn hat schon nach Chicago telegraphiert wegen einer defekten Bierprinzessin. (In Berlin wird es wohl etwas schwer fallen, den Prinzen jetzt unterzubringen, da ihn die Stußfelds zu sehr kompromittiert haben. Die Berliner Gesellschaft will mit keinem etwas zu tun haben, der bei Stußfelds verkehrt hat.)


*


Das Leben liegt vor mir.

Ein Leben voller Arbeit!

Und wer weiß, was die Zukunft noch alles bringen kann.

Mimi hol ich mir nach Rastaquêra. Natürlich erst, wenn er gut versorgt ist. Und seine eventuelle Frau Gemahlin werde ich schon bei Gelegenheit wieder an die Luft setzen.

(Ich will doch auch eine Abteilung für Ehescheidung in meinem Geschäft einrichten.)

Und dann – – –

Edith Schulze als Herzogin von Rastaquêra!


*


Cohn war eben hier und brachte mir eine Bonboniere für die Reise. Es ist nett von ihm.

Aber er sagte, wenn ich mich mal in Rastaquêra langweilen sollte, brauchte ich nur an ihn zu telegraphieren, er käme sofort – – und bezahle die höchsten Preise . . . .

Ausgerechnet Cohn!  – – –


*


Lebe wohl, Berlin!

Ich habe genug von dir.

– – – – Bobby kommt diesen Augenblick und holt mich ab.

Schnell die Tasche zugeklappt.

Paula sagt:

»Frau Gräfin, das Auto wartet – –«

Wie das klingt: »Frau Gräfin . . . .

–     –     –     –     –     –     –     –


*


Armer Abreißkalender!

Bedauernswerte, gnädigste Gräfin! Warum mußten Sie in der Eile der Abreise den treuen, papierenen Freund in die schmutzige Pappschachtel zu den alten Lumpen werfen, anstatt ihn in die Reisetasche zu packen. Nun erfährt doch die böse Welt von allen den Ränken und Schlichen, von allem Ihrem Lieben und Hassen und von all dem sonderbaren Betrieb um den netten kleinen Prinzen Mimi herum.

Und wenn die böse Druckerschwärze Ihnen weh tun sollte, so machen Sie sich nichts daraus, teuerste Didi de Lars, ehemalige Edith Schulze, jetzige Frau Gräfin, präsumtive Frau Herzogin – – – Die Welt lacht so gern und vergißt so schnell.