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Adine Gemberg – Der dritte Bruder.

Novellen

Schuster & Loeffler Verlag, Berlin, 1898



Der dritte Bruder

Einleitung

Träumende Schönheit goldener Strahlen durchleuchtet den Morgen.

Ströme von Licht, Wolken herber, heimlich süßer Düfte atmet der Frühling. Hellblau leuchtet der stille, reine Himmel. In dem zarten, hellen Grün des ersten Laubes spielen goldene Lichter.

Tändelnd wiegt der Wind die schwankende, zitternde Wirrnis wehender Birkenzweige.

Ein holdes Durcheinander von Licht und Sonne, von Jugend und Duft, von Blätterrauschen und Vogelliedern.

Frühling, Frühling und Wonne!

Leben! –

Auf ihrem keuschen Lager ruht die junge Diakonissin, nachdem sie die Nacht im Dienste ihres Berufes durchwacht hat.

Ihre ganze Kammer ist in ein Meer von Licht getaucht.

Eine weiche Woge goldschimmernder Locken wallt über das weiße Kissen, auf dem ihr Kopf ruht.

Das ist unvorschriftsmäßig, selbst für die Stunde der Ruhe.

Das blonde Haar, das stets bis auf einen schmalen Streifen des Scheitels von der Schwesternhaube streng und korrekt verhüllt wird, soll auch im Bette glatt und fest geordnet sein. Es könnte eine Mitschwester, eine Vorgesetzte eintreten.

Wie – sollte sie wohl nicht Ärgernis an einer solchen Unordnung nehmen! –

Hin und her huschen vor dem geöffneten Fenster die Birkenzweige.

Die spielenden Lichter zittern auch in den langen, glänzenden Haaren der jungen Schwester.

Einen lebenden Goldschmuck weben sie um die weiße, von Locken jetzt ein wenig verhüllte Stirn.

In anmutigem Wechsel blitzen die grüngoldigen Lichter auf, bald hier, bald da.

Ein Goldschmuck, ein Diadem, eine Krone zaubert der Frühling dahin, wo von rechtswegen die weiße, gestärkte Haube ihren Platz hat.

Das ist außerordentlich unvorschriftsmäßig.

Lächelnd sind die frischen, weichen Lippen geöffnet. Zärtlich liebkost die duftende Frühlingluft die rauhen, hartgearbeiteten Hände auf der groben Bettdecke.

Tiefer, heiliger Ernst spricht aus den blauen Augen, die über das Bäumchen vor ihren Fenster hinweg in die Unendlichkeit des klaren, ewigen Himmels gerichtet sind. –

Im Himmel ruhen die Geheimnisse der Ewigkeit.

Das ist nur ein Gleichnis.

Aber die Unendlichkeit des Raumes, die Unendlichkeit der Zeit, die Ewigkeit liegt da in diesem Schweigen – da grade in der glasblauen, sonnendurchglühten Einförmigkeit des Himmels.

Die Ewigkeit!

Wir stehen in der Zeit mitten darin in der Ewigkeit, mitten darin in den Geheimnissen des sinnlichen und des übersinnlichen Daseins. Denn – – was ist Zeit?

Da ist das Licht, der Frühling, das Leben!

Warum ist das Wahrheit?

Ein Traum führt die Seele in die Gefilde eines anderen Lebens.

Warum ist das nicht ebenso gut Wahrheit? Etwas in unserem »Ich« verneint die Existenz dieser Welt. Der schlafende Leib, der geringste, unedelste Teil des Individuums weiß nichts von dem übersinnlichen Dasein des Traumlebens. Deshalb verneint das logische Denken den Traum.

Lächelnd leuchtet das Antlitz des Engels über dem Mädchen.

Der Engel der Träume neigt sich zu ihr.

»Gieb mir Deine Sehnsucht, Du Keusche!« –

Ein Seufzer zittert in ihrer Brust.

»Eine Sehnsucht – mein Glück nahm mir Dein Bruder, der Tod.

»Ich gebe Dir den Geliebten zurück, der Dein Glück war.«

»Ach, Deine Geschenke sind nur Täuschung. Vor dem Lichte der Wahrheit vermagst Du nichts.«

»Was ist Wahrheit?«

Mit einem Jubelschrei umfängt der geliebte verlorene Mann die treue, zärtliche Braut. Heiß drückt er sie an sein Herz. Mit zahllosen Küssen bedeckt er ihren lieblichen Mund. Er spielt wieder, wie einst, mit den Locken, die er so liebte – – so liebte –

Die ernsten, traurigen Augen der jungen Diakonissin lächeln in seligem Glück. »O wie reich – wie reich hast Du mich gemacht, Du gütiger Engel! – Ist auch dieses Glück nicht etwa nur Traum? Ist es Wahrheit?«

Was ist Wahrheit?

Der Vater, der einst so unerbittlich in trauriger Strenge sein Kind aus den Armen des totkranken Bräutigams riß, umarmt vor ihren Augen den Geliebten.

Wie bitter war das Gefühl, das sich in ihrem Herzen regte, damals, als der Vater starb und der Verlobte sich verzweifelnd von ihr wandte, weil er sein Ehrenwort gegeben hatte, ihr zu entsagen!

Aber in ihren Armen durfte er doch wenigstens sterben, denn sie war inzwischen Diakonissin geworden.

Ihr ganzes Glück und tausendmal mehr noch, als sie besessen hatte, gab ihr der Engel der Träume, der Engel des Schlafes an diesem Sonnentage zurück. Frühlingsfest! Jubelnde Liebe!

Die Sonne berührt leicht die geschlossenen Augenlider der Schlafenden.

Das Blut, das in den Lidern kreist, spiegelt sich undeutlich im Innern der Augen. So sieht sie einen halbroten Nebel, eine dicke Farbe, die alles verwischt. Sie weiß, daß sie träumt.

Auf der Grenze des Bewußtseins findet die Seele eine Kraft – eine jener Kräfte des Intellektes, die durch fortwährende Übung, durch Gewohnheit überragend entwickelt ist – das Gebet.

Sie betet im Halbschlaf:

»Gott, laß mich in dieser Seligkeit sterben!«

An den Engel wendet sie sich betend:

»Mein Freund, sende mir Deinen Bruder, den Tod! –«

Der Genius lächelt.

»Ist Dir meine Gabe nicht gut genug, Menschenkind?«

»Das, was Du mir als Traum, als ein gaukelndes Trugbild gewährst, wird Wahrheit, sobald die Gabe aus Deines Bruders, des Todes Hand kommt.«

O – was ist Wahrheit?

Das Antlitz des Engels verfinstert sich im Zorn.

»Wohl – Du glaubst, daß ich lüge. Hast Du irgend eine Gewißheit, daß mein Bruder nicht auch lügt?« –

»Der Tod ist Wahrheit. Der Tod erfüllt die Verheißungen des Glaubens.«

Leidenschaftlich schleudert sie ihm die Worte entgegen. Ihre ganze Seele klammert sich ja an diese Gewißheit, an diesen Glauben, daß der Tod dereinst erfüllen wird, was uns die Hoffnung verhieß.

Ein grauenhaftes Lächeln verzerrt die bleichen Lippen des Engels.

Eiskaltes Entsetzen packt das liebende Herz des sehnsuchtskranken Mädchens.

Wie ein Dämon umkrallt die Gewalt des Unsterblichen, der sich zu ihr herabläßt, der sich in seiner Erscheinung ihr offenbart, ihre Seele. Sie schläft nicht. Unter dem Einflusse des lähmenden Schreckens, der sie erfaßt hat, ist es unmöglich zu schlafen. – Der holde Engel der Träume kann nicht so lähmen, so mit Entsetzen und Grauen sein Opfer foltern.

Sie öffnet die Augen weit und starrt ihm ins Antlitz.

Der müde, weiche Zug, der dem Menschen so wohlthut in dem blühenden Antlitz des Morpheus, liegt nicht auf den bleichen Zügen dieses Dämons. Die Augen flackern so leidenschaftlich, sie brennen so kalt, daß in dem stillen Gemüt der Jungfrau das Grauen erwacht.

Wie gebannt ist sie unter der Macht des Fremden, den sie für ihren Freund, für ihren lieben, alten Bekannten, den Schlaf, halten konnte.

Zitternd sucht sie sich aus der Gewalt des Unheimlichen zu befreien.

Sie liegt, wie unter einem Albdruck. Wenn sie nur wach werden könnte! Nur Traum und Wirklichkeit, nur Leben und Tod zu unterscheiden vermöchte! Wieder ringt sich aus ihrer Seele ein betender Seufzer. –

»Wenn dieser der Tod ist, Vater im Himmel, so erlöse mich von ihm, denn sein Wesen ist Lüge – ich fühle, ich weiß, seine Macht ist Verderben. –

Der Dämon antwortet auf das Stammeln ihres Herzens:

»Ich bin nicht der Schlaf, für den Du mich hältst, und ich bin nicht des Schlafes Bruder, der Tod. Ich bin der dritte Bruder. Mein Reich ist weit, und meine Macht ist groß – ich werde Dich durch mein Reich führen. Es sind freundliche, stille Plätze da, wo mein Szepter regiert, aber es sind da auch Stätten des Grauens.«

»Wer Du auch sein mögest, Du, Du, der sich des Schlafes anderen Bruder nennt, – geh und verlaß mich – sende mir den stillen Freund der Unglücklichen, sende mir meinen Freund, den Tod!«

»Deinen Freund, – kennst Du ihn denn, meinen strengen Bruder, den Tod?«

»Was der Schlaf nur verspricht, was die süßesten Träume nur ahnen lassen, das hält der Gewaltige – das erfüllt dem sehnenden Herzen der Tod. –«

Ein schrilles Lachen schneidet ihr in gräßlichem Schmerz in die Seele.

»Ei – ei – Du kennst ihn ja ganz genau, den großen Lügner, das Gespenst des ewigen Nichts –«

»Wahrheit – Wahrheit« –

Ein qualvolles, schmerzliches Wimmern ist dieses Flehen: Wahrheit – Glauben! Was ist Wahrheit –?

»Der Tod wird mir die Wahrheit enthüllen« – »Der Tod – vielleicht – ––«

»Ein Glaube – o raube mir doch nicht mein Letztes! Laß mich – wer Du auch sein magst – geh!« –

»Nein, ich lasse Dich nicht. Du bist mein Opfer und mußt mir folgten durch das Reich, das ich Dir zweigen will.«

Mit eisernem Griff packt der Dämon das Mädchen.

Er faßt sie in seine Arme und preßt ihren blühenden Leib an sich. –

Da fallen die Reize ihrer Schönheit von ihr ab, wie tote Blätter im Herbststurm –

Rauh zaust er ihr Goldhaar. –

Da verwirren sich plötzlich die weichen Locken und bilden eine glanzlos-struppige Mähne –

Er küßt ihre schwellenden Kinderlippen. – Fahl und rissig öffnen sie sich zu einem tierischen Schrei. –

Er haucht auf ihre Augen –

Erloschen ist ihr Glanz wie der Schein der Sterne am Morgen. –

Sie windet sich ächzend unter der Mörderhand des Furchtbaren.

»Wer bist Du –? Deinen Namen will ich wenigstens wissen. –«

»Ach wirklich –! Mein Name ist gar nicht so unbekannt. Beliebter sind wohl meine beiden Brüder, der Schlaf und der Tod – aber auch ich, der dritte Bruder, besitze eine Macht, die täglich wächst – ich bin – – – –

Der Wahnsinn! –«



Ein Genuß

Ob die Wärterin Wort halten wird?

Sie hat einen in die Nervenheilanstalt eingeschmuggelten Bankschein mit verständnisinnigen Grinsen entgegengenommen.

Bisher war sie Stallmagd auf dem Gute des Herrn v. Bela. In der Stadt hat dann das kräftige Mädchen als Irrenpflegerin eine Stelle gefunden.

Das Trinkgeld, das ihr Frau v. Berndt, die Schwester ihres ehemaligen Herrn, heute gab, beträgt mehr als für sie ein Vierteljahreslohn in der Anstalt. – Ob sie nun Wort halten wird und dafür das Morphium heimlich beschaffen?

Jedenfalls wird sie es versuchen, davon ist die Kranke fest überzeugt. – Fernande v. Berndt wurde in der Heilanstalt interniert, um eine Entziehungskur durchzumachen – allerdings gegen ihren Willen.

Der Gatte der jungen Frau hatte darauf bestanden, weil ihm die Ärzte sagten, daß ein Fortschreiten ihres Morphinismus zum Wahnsinn, vielleicht zum Blödsinn und bald zum Tode führen würde.

Die Symptome für diesen Ausgang des Leidens waren vorhanden.

Anna, die ehemalige Magd ihres Bruders, hatte einige Stunden Wärterdienste bei ihr verrichtet, und diese Zeit hat die Kranke benutzt, um ein Rezept zu fälschen, wie sie das oft in früheren Zeiten gethan hat. Es handelt sich für sie ja jetzt nicht mehr darum, sich ein Genußmittel zu verschaffen. Nein – es ist ein Lebensbedürfnis, so unentbehrlich wie die Luft zum Atmen, dessen man sie beraubt, und das sie doch haben muß, um nicht in Folterqualen zu Grunde zu gehen.

Sie kennt nur zu gut die zitternde Marter des Wartens auf eine Botin in dieser Mission. – Sie sieht die mißtrauische Miene, mit der der Apotheker das Rezept prüft, seinem Chef vorlegt, es von diesem nachprüfen läßt, um es dann achselzuckend zurückzugeben. Es ist auch schon vorgekommen, daß die Botin, die nach einer halben Stunde zurückkam, um das Mittel abzuholen, den Bescheid erhielt, der Arzt, auf dessen Namen das Rezept laute, sei telephonisch befragt und wisse nichts von dieser Verordnung.

Aber nach vielleicht mehreren vergeblichen Versuchen glückt doch zuletzt fast immer der Einkauf. Selbst im schlimmsten Falle ist auch keine persönliche Bloßstellung zu erwarten, denn alle diese Rezepte lauten auf einen fingierten Namen.

Aber die Angst, die Vorstellung einer entehrenden Entdeckung ist und bleibt doch jedesmal dieselbe, und schlimmer noch als diese Angst ist der Gedanke an die Möglichkeit eines Mißerfolges.

Die Anna war das dümmste Stallmädchen, das die Mamsell bei Belas je unter sich gehabt hat. Nur ihre große Arbeitskraft und ihre stumpfe Gutmütigkeit hatten ihr schließlich ein leidliches Abgangszeugnis vom Gute verschafft. Wird sie dieselbe Raffiniertheit und Vorsicht in den Apotheken beweisen, die Frau v. Berndts frühere Lieferantin, eine Hebamme, der wegen Engelmacherei nach verbüßter Gefängnisstrafe die Konzession entzogen war, in solchen Fällen bewies?

Die Abstinenzqualen werden immer unerträglicher. Die Knochen des Kopfes scheinen auseinanderfallen zu wollen. Um das zu hindern, zwingt der Schmerz die Leidende, ihre Hände fest um die Schläfen zu spannen.

Auf ihrer Brust liegt ein Druck, der Atem und Herzschlag hemmt, und immer jagt dabei die Angst, die Todesangst durch die Gedanken, durch das fiebernde Hirn. Das Bewußtsein verschleiert sich nicht ganz, die Empfindung der Qual bleibt.

Fernande fühlt einen leichten Stich im Oberarm. Man hat ihr ein Atom Morphium gegeben. Vielleicht hat man sie auch betrogen, und es war nur Wasser. Eine Erleichterung empfindet sie nicht.

Fest bohrt sich der gemarterte Kopf in die Kissen ein. Das gelb gewordene, sonst so schöne Gesicht nimmt einen steinernen Zug der Verzweiflung, des Schmerzes an.

Sie liegt da und wartet. Worauf?

Nur auf das Weiterrücken der Stunde, auf das Ablaufen der Zeit. Schließlich führt doch die Zeit zum Ende, die Stunde zum Tode. Viele, viele Stunden vielleicht noch, aber eine führt doch zuletzt dahin.

Nach der Krankenhausordnung erlöschen zu einer bestimmten Stunde alle Lichter im Hause. Für das von Nachtwachen und Tagesarbeit erschöpfte Personal beginnt die Ruhe, für die Kranken eine neue Phase der Qual.

Nach einem wirkungslosen Schlafmittel soll auch Fernande unter der Obhut ihrer Wärterin, die seit Mittag Anna abgelöst hat, die Nacht verbringen.

Da tritt Anna, die von ihrem Sonntagsausgang zurückkommt, in die Thür. Freudig begrüßt die von Langeweile erschöpfte Aufpasserin die Kollegin, die vielleicht etwas erzählen wird.

Aber Anna scheint zum Schwatzen nicht aufgelegt zu sein. »Holen Sie herein, was Sie für die Nacht gebrauchen! Ich soll so lange hier bleiben« sagt sie kurz.

Die Oberwärterin revidiert in diesem Augenblicke.

»Lassen Sie nur ja die Kranke nicht allein!« mahnt sie beide Mädchen.

»Ich hole mir nur meine Sachen,« sagt die Wärterin Martha und verschwindet.

»Gut, daß die Alte jetzt durch ist, da bleibt Martha noch in der Küche,« bemerkt Anna.

Die Kranke fühlt in ihrer Hand ein kühles, eckiges Glas, ein kleines Etui. Das junge Mädchen zündet ein Wachsstreichholz an und richtet die schwache Frau etwas auf. Schon nach der ersten Dosis vermag diese sich leicht und rasch zu bewegen. Sie nimmt von dem kostbar seltenen Mittel was sie braucht, und schiebt dann alles in die Hand der Helferin. »Da, Anna, verstecken sie es, hier in meinem Zimmer wird ja alles gefunden! Und Dank, tausend Dank!«

Anna lächelt dumm und herzensgut. Was sie gethan hat, ist ihr höchst unklar.

Die Kranke achtet weder auf sie, noch auf die nach einiger Zeit zurückkehrende, zu ihrer Qual und Beaufsichtigung bis zum folgenden Mittag bestimmte andere Pflegerin. Alle vierundzwanzig Stunden wir die Aufsicht abgelöst, damit zwischen den Patienten und den Pflegern keine Vertraulichkeiten entstehen.

Martha, die früher »Mädchen für alles« war, zündet das Nachtlicht an, wirft einen prüfenden, aber recht verständnislosen Blick auf ihre Kranke und streckt sich dann auf ihre Matratze aus, um wie tot die Nacht durchzuschlafen.

Die gelben Strahlen der kleinen Ölflamme kriechen langsam an den dunklen Wänden hinauf. Mit schwachen, roten Lanzen bohrt das Licht nach allen Seiten um sich, aber es durchdringt das Dunkel nicht, das sich gestaltlos und wuchtend überall gegen den hilflosen Gegner vorschiebt.

Weiter nach oben verlaufen die Strahlen in ein grünes Flimmern mit gelbrotem Rand.

Fernandens Blicke folgen diesem Schein, und da, wo er zitternd erlischt, wandern sie allein weiter in die Sphäre von blendend hellem Blau, die sie über sich sieht.

Wie weiches Wasser rauscht dieses lichte, leuchtende Blau über sie weg. Fern, fern erlöschen die Strahlen der Sonne in zart verschwimmendem Rot. Sie liegt auf dem weichen Sande am Grunde des blauen Wassers. Der Abschied vom Licht des Lebens liegt weit hinter ihr.

Wie süß, wie einschläfernd das rauscht und gurgelt – o Gott, wie schön ist der Tod!

Genießen! Diese Wonne auskosten, genießen, als könnte sie enden! Aber sie kann ja nicht enden, denn das Nichts ist ewig, die Ruhe, die Seligkeit nach dem Tode ist ewig! Nur ein Gefühl von Befreiung lebt noch in den von Folterqualen erlösten Nerven.

Die schweren, regungslosen Glieder werden leicht. Die Flut trägt wohl die Tote empor im Spiele der Wellen.

Ein wonniges Schaukeln und Wiegen, ein konzentrierter Genuß erfüllt in ihr alles Leben. Wie leicht atmen sich die sie umschwebenden, balsamischen Lüfte! Rosen- oder Fliederduft, mit dem herben Dunste der frischen Wassertiefe gemischt, erquicken, erlösen. Die Augen sehen eine Symphonie zarter Lichtfarben, deren Anblick Genuß ist. Die Ruhe des willenlos treibenden Körpers löst jeden Wunsch.

»Alfred –«

Hat Fernande den Namen gesprochen, hat ihn das Wasser aus seiner Tiefe zurückgegeben? Wie der Wind durch die Luft braust mit einem gewaltigen Klingen von allen Seiten, so belebt plötzlich dieser Name das lichte Blau um sie her.

Zürnt sie denn nicht dem Treulosen, haßt sie nicht den Mann, der ihre Verachtung verdiente? Sonderbar, wie der Tod alle diese Gefühle in die Ferne rückt!

Wie klein ist die Schuld geworden in dem Abstand, der das Nicht-Sein vom Sein getrennt hat! Nur die Liebe vermag selbst diese Entfernung nicht zu verkleinern, denn die Liebe ist Lust.

Nur die Schlacken des Lebens, die Qual, den Jammer streift der Tod ab. Das weiche Wasser umspült nur das Schöne.

Auf dem weißen, kiesigen Grunde ruht neben ihr der Geliebte. Seine Arme halten sie, seine Lippen flüstern ihren Namen, so still, so innig in der Unschuld der irdischen Liebe. Wozu soll er ihr Schwüre leisten, wozu soll sie sich ihm verloben – sie lieben sich ja! Ja, im Tode – im Tode ist die Liebe so herrlich!

Ein pfeifender Windstoß fährt in das Wasser hinein und wühlt es auf bis zum Grunde. Das leuchtende Blau wird kalt und trübe. Die umschlingenden Arme des Geliebten sind nicht mehr da, und doch fühlt sich Fernande in der Tiefe des Wassers gefesselt wie mit eisernen Banden.

Lange grüne, giftgrüne Schilfstreifen haben sich schmeichelnd um ihre weichen Glieder gelegt. Wie sie aber versucht, sich zu befreien, schneiden sie ein in ihr weißes Fleisch wie lastende Ketten.

Der Schlamm des Grundes steigt auf, will sie umhüllen, erwürgen, begraben.

Tief, tief unten im Abgrund dieses Grabes sieht sie einen Mann, der ihr gleichgültig ist.

»Du bist mein – mein Eheweib!« sagt der Fremde.

Fern, ganz fern in den Erinnerungen des Erdenlebens liegt diese Wahrheit.

Ja – im Leben war sie wohl Harald v. Berndts Ehefrau, aber doch jetzt nicht mehr!

Die Ewigkeit gehört der Liebe. Die Ewigkeit und der Tod.

»Alfred – komm, laß uns sterben, da wir uns nicht im Leben gehören sollen!« flüstert sie heiß.

Spöttisch lacht er auf. »Aber ich bitte Dich, Fernande, unsere kleine alte Liebelei verpflichtet uns doch zu nichts! –«

»So liebst Du mich nicht mehr?«

»Ja, verlangst Du vielleicht, daß der pikante Reiz einer verbotenen Liebe vorhalten soll, bis wir alt und grau sind? Ich habe Dich beinah' ein Jahr geliebt –«

»Und nun?«

»Um Gottes willen, werde nicht sentimental! Man kann sich doch nicht lieben, bis man sich gegenseitig langweilig wird! Dein Mann – –«

Eine große, dunkle Wolke rauscht an dieser Erinnerung vorüber und löscht sie aus. Nur das Schöne gehört der Ewigkeit an. Leicht und frei hebt sich das körperlose Wesen, in den Äther empor – steigend, immer steigend.

Unter der selig Schwebenden entschwindet das Leben, die Erde.

Wie ein Sonnenball, glutrot durch schwarze Rauchwolken leuchtend, sieht sie über sich ein Ziel in unerreichbarer Ferne.

Das ist die Liebe, die Alfred ihr nicht geben wollte, die Liebe, nach der ihr ganzes Wesen gehungert und gedürstet hat, seit ihr Leben Bewußtsein ist.

Jetzt auf einmal scheint dieses Ziel ihr erreichbar. Da oben, hoch über dem Blau der dunkelglühende Punkt, von dem sie den Blick nicht lassen kann – das ist der Garten des Paradieses, das unbekannte Eden des Glückes. Der Stern flieht – es gilt, ihn erjagen – erjagen!

Wie brandende Wogen rauscht das Luftmeer, das sie pfeilschnell durchfliegt. Heulend pfeifen die Stürme vorüber. Wie Hohngelächter klingt ihr Brausen, aber der Stern der Liebe lockt aufwärts – aufwärts in schwindelnde, unabsehbare Weite.

Ein rasendes Luftgemisch bebt durch den Körper des lechzenden Weibes. Die ersten, brennenden Strahlen der dunklen, fernen Sonne haben sie berührt. Sie fliegt durch eine Wolke von Flammen. Sie hört das Prasseln des Feuers und fühlt die wild jauchzende Lust des fremden Elementes, das sie umgiebt.

In wildem Entzücken stürzt sie sich in die verzehrenden Gluten und genießt selbst den Schmerz dieser Flammenberührung mit wollüstiger Qual.

Aber der Stern über ihr erbleicht und entschwebt.

Sie fühlt sich plötzlich allein, ganz allein in einer blauen, weiten, eintönigen Unbegrenztheit. Das Leben liegt ihr so fern wie der Tod, so fern wie die verlorene Liebe.

Ein quälender Schmerz drängt von allen Seiten auf sie ein; sie sieht und begreift den Feind nicht, sie fühlt nur, wie er sie würgt und martert. Ein schrilles, grauenhaftes Gellen auf einem zitternd hohen Ton, ein Pfeifen, das wie ein Schreien klingt, begleitet diese quälende Empfindung.

Ist es dieser Ton, der ihr so wehthut, oder hat der Schmerz in dieser Gestalt seinen Höhepunkt überschritten?

Ganz deutlich fühlt sie, wie die Knochen ihres Kopfes wieder anfangen, sich langsam von einander zu lösen.

Sie fährt auf.

Die Illusion ist vorüber. Würgend packt der Morphiumhunger ihren Hals, jeder Herzschlag ist ein leichter, weher Stich. Der Atem ist kurz, die Hände sind zitternd in einander gerungen.

Durch die Ritzen der Fensterladen dringt das graue Licht des neuen Tages in das trostlose Einzelzimmer der Irrenanstalt.

Der Stationsarzt beugt sich bei seiner Morgenvisite über die leise, wimmernde Kranke. »Wie war die Nacht, gnädige Frau?«

Ihre Seele sucht noch das blaue Meer des Vergessens, die Flammen des Leidens, den Stern der Liebe. Vor ihren Ohren tönt noch das schrille Klingen und Brausen aus der Welt des Traumes. Sie erkennt vorläufig nicht, wer mir ihr spricht.

Die Frage nach der Nachtruhe wird etwas lauter wiederholt.

Jetzt begreift sie. – Richtig, sie hat für ihren Liebesgram, für ihren verwundeten Stolz Heilung gesucht im Trank des Vergessens. Den will ihr dieser Mann da vor ihr entziehen!

Sie haßt ihn.

– Aber mit der Selbstüberwindung der Wehrlosen giebt sie auf seine Frage doch eine Antwort: »Die Nacht war schwer, bitte, geben Sie mir jetzt Morphium!«

Er nickt gleichgültig und – giebt ihr Wasser.



Gedankensünde

Während der Nacht hat Grete das Neugeborene in ihrer Kammer gehabt, niemand hat etwas von der ganzen Sache gemerkt.

Die Kammer liegt unter dem Dach. Wie Watte deckt der Schnee das schräge Fenster an der Decke. Das bißchen Wasser im Kruge ist gefroren. Die heimlich mit nach oben genommene Küchenlampe schwält und blakt.

Die junge Mutter holt sich den Krug ans Bett, wärmt ihn mit ihrem Körper und stellt ihn dann neben sich. Mit einem Fetzen Zeug fährt sie hinein und wäscht langsam und mühselig das nackte Kind, das auf ihrer Bettdecke liegt.

Es ist ein hübsches, kräftiges Kind, ein Knabe.

Wenn er einen Vater hätte, wäre ja alles gut aber er hat keinen Vater.

Er erwacht bei der Berührung des feuchtkalten Lappens, aber er weint nicht. Nur mit großen, klaren Augen blickt er die an, die ihm das Leben gab.

Das Leben –?

Nein, sie wird ihm den Tod geben. Es ist ja garnicht anders denkbar. Nie dürfte sie es wagen, ihrem Vater, dem zum Proletarier gesunkenen Kleinbauern, dieses Kind zu bringen, ohne ein nachweisliches Eheversprechen von dessen Vater.

Sie aber hat gar nicht gewußt, woran sie war damals als er zur Reserve entlassen wurde und längst, bereits mit einer andern ging. Sie hat nie wieder von ihm gehört. Jetzt ist der Februar bald zu Ende, und da vor ihr liegt das Kind und sieht sie an.

Es ist ein ganz tierisches, unbewußtes Starren in diesem Blick. Die Sehlinie ist noch gar nicht konzentriert, aber davon weiß sie ja nichts, sie fühlt nur, daß dieser Blick sie quält – sie quälen wird ewig, in endloser Erinnerung.

Plötzlich fährt sie zusammen. Das scharfe minutenlange Schnarren der Weckuhr tönt durch die Kammer. Es ist fünf Uhr morgens; der Dienst des Tages fängt damit für sie an.

Stöhnend erhebt sie sich von ihrem dürftigen Bette. Als sie steht, wird ihr schwarz vor den Augen, alles dreht sich im Kreise. Die Kammer wirbelt um sie her, und aus diesen jagenden Kreisen lösen sich Lichtfunken, Flammen, Sterne – –

Nein, nicht Sterne, es sind die klaren, fragenden Augen in dem kleinen, roten Gesicht.

Der Schwindelanfall ist überstanden. Die Magd hält sich aufrecht, kleidet sich an, nimmt das in ein altes Tuch gewickelte Kind und steckt es warm und sorglich in ihr Bett.

Sie blickt dabei zufällig auf. Da liegt der Schnee wie Watte halb auf das Dachfenster geschoben.

Könnte sie die Sache nicht gleich zu Ende bringen, das Kind gar nicht erst wärmen, sondern es da hinaus legen, ihm ein weiches, eisiges Lager bereiten dort im Schoße des Todes? Der Schnee ist ja gar nicht so kalt, und das Kind schläft jetzt ein. Wozu soll es erst noch einmal erwachen?

Sie steht und sinnt. –

»Grete, Grete, faules Frauenzimmer, kommst Du wohl gleich herunter!«

Gellend dringt von der Treppe her eine scharfe Frauenstimme zu ihr herauf. Also jetzt nicht – später.

Sie ergreift die Lampe, tritt in ihre Holzpantoffeln, wickelt sich in ein großes, verhüllendes Tuch und geht aus der Kammer. Von draußen schließt sie ab und steckt den Schlüssel ein.

In der Küche steht die Wirtin, die für die Leute schon Kaffee gekocht hat und schimpft, weil eine der Mägde sich erfrecht, etwa zehn Minuten zu spät herunterzukommen.

Mürrisch schiebt sie ihr einen Napf Kaffee und zwei Schmalzbrote zu. Kein Blick fällt auf die etwas veränderte Gestalt des Mädchens. Grete hat überhaupt nur wenig Mühe gehabt, ihr Geheimnis zu wahren, denn im Stall, noch dazu im Winter, gehören dazu nur wenig Toilettenkünste.

Der heiße Kaffee giebt ihr etwas Frische und Kraft. Nur der Rücken ist ihr noch wie zerschlagen und als sie aufsteht, wanken unter ihr die Kniee.

Sie nimmt ihr Brot mit in den Stall, denn die Wirtin treibt zur Arbeit und kann sich noch gar nicht fassen über die Trödelei der Dienstboten überhaupt und der Grete heute ganz besonders.

Im Stall ist sie endlich allein. Denn die etwas vor der Stadt liegende Gastwirtschaft, in der meistens Soldaten und Marktbauern verkehren, hat keinen großen Viehstand. Eine Magd reicht dafür aus.

Ohne zu denken, verrichtet sie ihre grobe, schwere Arbeit. Sonst pflegt sie die Kühe vor dem Melken mit der Hand zu liebkosen, spricht wohl auch einmal ein freundliches Wort mit dem einen oder dem anderen Tier.

Heute stößt sie die sich ihr zuwendenden Köpfe brutal zurück. Nach einer Stunde zittern ihr die Arme und Finger. Sie sieht grüngelb aus im Gesicht, aber niemand merkt es.

Sie sieht die Wirtin am Butterfaß stehen. Das Buttern dauert stets ziemlich lange, und die Frau bekümmert sich währenddessen um weiter nichts. Das wissen beide Mägde.

Das Hausmädchen scheuert die Gaststube; sie bemerkt es nicht, wie Grete sich, mit den klappernden Holzschuhen in der Hand, vorsichtig die Treppe hinaufschleicht.

In aller Eile räumt sie oben die Kammer auf. Der Wind pfeift eisig durch die Ritzen des Dachfensters, und der Schnee hat unter dem kalkigen Lichte des frühen Tages das Aussehen von weicher Watte, das ihm die rote, warme Flamme der Lampe verliehen hatte, gänzlich verloren.

Der kleine Junge ist jetzt grade vier Stunden alt. Als sie ihn aufnimmt, wimmert er leise und schreit dann laut hinaus.

Das Herz bleibt ihr fast stehen vor Schrecken. Sie erinnert sich, daß niemand jetzt auf dem Boden ist, daß niemand das Schreien hört, aber doch steht sie wie erstarrt. Der Schweiß bricht ihr am ganzen Körper hervor, trotz der grimmigen Kälte.

Da fühlt sie plötzlich in all ihrer Todesangst ein süßes, leises Ziehen, ein schmerzlich, wonniges Leben, irgend einen Vorgang in ihrem Innern, den sie nicht begreift.

Ein Naturtrieb, gegen den sich nicht ankämpfen läßt, zwingt sie, ihr Tuch abzuwerfen und dem Kleinen zu trinken zu geben.

Er schläft rasch wieder ein, und sie schmiegt ihren Körper um ihn, wie ein Tier um sein Junges. Dabei starrt sie immer hinauf zu dem Schneerande auf ihrem Fenster.

Die Mittagssonne hat schon so viel Kraft im Februar. Wenn sie das Kind da hinausschiebt und der Schnee taut dann vielleicht ab – – nein – –

Sie glaubt plötzlich das eisige Prickeln der Schneeflocken wie glühende Nadelstiche über den ganzen Körper zu fühlen. Wie wird er wimmern, wenn der zarte, kleine Leib eingekrallt wird von den harten, scharfkantigen Sternen des gefrorenen Schnees.

Die Qual, die sie dem Kinde zugedacht hat, empfindet sie selbst und sie windet sich unter dieser Qual und zwingt sich, den Blick von dieser graublauen, formlosen wuchtenden Schneemasse abzuwenden.

Leise fächelt des Kindes Atem die Brust des Weibes.

Er darf nicht atmen. Sie kann ihn doch nicht hier in der Dachkammer heimlich aufziehen. Jede Stunde kann ja die Entdeckung bringen.

Dort steht ihr Holzkoffer. – Das, was sie jetzt thun will, hat schon manches arme Mädchen vor ihr gethan. Das Kind einbetten in diesen Koffer, ihm ein Kissen auf den Mund legen und die Truhe verschließen. Wenn Sie dann wieder herauf kommt, nimmt sie die kleine Leiche heraus. –

Sie schließt mit fester Hand ihren Koffer auf. Da liegt der Kleiderstoff, den ihr die Wirtin Weihnachten schenkte, daneben eine grobe Häkelarbeit, die sie nie beenden wird, dann ihr bißchen Wäsche – ja es ist unter dem gewölbten Deckel wohl noch Platz für das Verbrechen.

Aber das Kind ist vielleicht schon tot – es liegt ihr so sonderbar ruhig im Arm. Erschrocken und doch selig zitternd bei diesem Gedanken, sieht sie es aufmerksam an.

Ein unbewußtes Zucken spielt um den kleinen Mund, und die Augen öffnen sich ein wenig.

Sie hält dieses Muskelspiel für ein Lächeln, mit dem das Kind sie als Mutter begrüßt und aufschluchzend preßt sie zum ersten Mal ihre Lippen auf das weise kleine Gesicht.

Der Kofferdeckel bleibt offen, aber das Kind legt sie wieder auf sein altes Schlummerplätzchen in ihrem Bett. Hastig, ohne auch nur zurückzublicken, ergreift sie dann wieder ihr Tuch und verschließt von außen die Kammer.

In diesem Augenblicke hat sie die Empfindung, als ließe sie einen Schatz hinter sich, ein Eigentum, das ihr, nur ihr allein gehört, von dem niemand weiß. – Ach, diese große, große Seligkeit einer einmaligen Minute!

Und während sie leise wieder an ihre Arbeit zurückkehrt, liegt es noch wie ein verklärter Schimmer in ihren Augen, über ihrem armen, groben Gesicht.

Sie hat die Wonne der Mutterliebe geahnt; sie war einmal rein menschlich froh, heilig beglückt inmitten ihres zerbrochenen Lebens.

Sie war unschuldig selig in ihrer tiefsten Schuld.

Die Arbeit geht jetzt etwas leichter; ihr ist, als hätte sie geruht, sich erquickt; sie fühlt nicht mehr, daß sie jetzt auch körperlich leidet.

Die Leute werden zum Essen gerufen. Schweigend, wie alle andern, nimmt Grete ihren Napf in

Empfang. Die schwere Arbeit hat sie hungrig gemacht.

Im Laufe des Tages geht sie nicht mehr in ihre Kammer hinauf. Die weiche Stimmung ist rasch vorüber gegangen. Noch einmal durchdenkt sie alle Möglichkeiten, wie sie ihr Kind wohl retten könnte. Das Elternhaus ist ausgeschlossen aus diesem Sinnen.

Sie kennt aber eine Frau in der Stadt; die verlangt nur etwas von ihrem Monatslohn und zieht solche Kinder auf – aber die Leute sagen, sie ließe die Kinder verhungern, in Schmutz und Ungeziefer verkommen, und sie weiß, daß es wahr ist. Alle, alle sterben unter den Händen dieser Person.

Das arme Dorfmädchen hat wohl eine Ahnung von der Existenz großer Wohltätigkeits-Anstalten, aber sie sagt sich selbst, daß diese für ihr heimlich geborenes Kind der Schande sich nicht aufthun werden.

Sie ahnt nicht, daß die Militärbehörde ihr die Adresse ihres ehemaligen Geliebten geben kann, und daß das Gericht ihn zwingen wird, ihr den Lebensunterhalt des Kindes zu bezahlen, wenn sie sich meldet.

Nein, sie wird sich gewiß nicht melden, sie ist ja schuldig und muß das Los der Gefallenen tragen. Ihre Gedanken kreisen immer wieder um die Gestalt der Engelmacherin, der sie ja alles, alles geben würde, was sie sich selbst abdarben kann, wenn sie ihr nur das Kind nicht tötet.

Das Kind, das ihr entgegenlächelt, wenn sie es küßt!

Sie sieht das lächelnde, rosige Wesen vor sich, mit Schwären bedeckt, von Ungeziefer gepeinigt, im Schmutz liegen, langsam verhungernd.

Danach wird die Frau sie zu sich bestellen, ihr das kleine Gerippe zeigen und ihr gratulieren, daß sie das nun los sei.

Sie hat ja in ihrer Art auch Lebenskenntnis, sie weiß ganz genau, daß es so kommen wird, nur so kommen kann.

Sinnend sitzt sie in einer Stallecke auf einem Holzschemel, unbekümmert darum, ob die Wirtin vielleicht kommen und sie wegen ihrer Trägheit grob anfahren wird.

In glühender Qual ist sie zu dem Entschlusse gekommen, das Kind zu töten, so rasch und schmerzlos wie möglich. Es selbst zu töten. Dabei sorgt sie sich liebend darüber, daß es jetzt vielleicht hungert und friert, vielleicht weinend nach ihr verlangt.

Ja, sie wird zu ihm gehen und wird es töten. Hätte sie es nur schnell in den Koffer geschlossen, so wäre jetzt alles vorüber, und es litte nicht mehr.

Sie denkt das nicht, aber sie fühlt es. Ihr ist, als läge sie selbst in einem Sarge und müßte darin ersticken. Schlaff sinkt ihr Kopf gegen die Steinwand hintenüber. Sie fühlt nur die Atemnot, die Glut, die Todesangst des Erstickens. Dieses Wesen, das gestern noch körperlich eins mit ihr war, wird in dieser seelischen Zwangsvorstellung wieder mit ihr eins, und sie ahnt nicht, daß es der Naturtrieb, der Instinkt der Zusammengehörigkeit ist, unter dem sie jetzt anstatt des Kindes leiden muß.

Ihre Mutterschmerzen treten in eine neue Phase. Fiebernd jagt ihr das Blut durch die Adern, ihr Kopf brennt in rasendem Schmerz, ihre Lippen öffnen sich halb, trocken und spröde in der Glut der wahnsinnigen Vorstellung, die sie martert.

Ein Messer, ein spitzes Dolchmesser senkt sich langsam ein, erst von Schläfe zu Schläfe, und dann von oben, tief ins Gehirn. –

Ja – natürlich ein Messer!

Sie hat ja doch das scharfe, spitze Schlachtmesser, das sie so oft, ohne etwas dabei zu empfinden, in das Hirn der Schlachtgänse und Puter gestoßen und einmal darin umgedreht hat. Dabei war stets etwas dunkles, zähes Blut über ihre Hand geflossen. Das Tier zwischen ihren Knien hatte ein paar mal gezuckt, und dann warf sie es der andern Magd hin, die es warm noch zu rupfen hatte.

Jetzt sieht sie das blutige Messer, das ihre Hand so oft geführt, fortwährend vor sich. Ihr ist, als hielte ein Ungetüm sie umklammert und zöge das Messer langsam aus ihrem eigenen Hirn heraus, es wieder und wieder darin umdrehend.

Das Hausmädchen betritt den Stall, um Grete zum Kaffee zu rufen. Sie sieht sie totenbleich mit halbgebrochenen Augen dasitzen, schlaff gegen die Wand gelehnt.

Kräftig faßt sie die nach ihrer Meinung Schlafende an beiden Schultern, um sie wachzurütteln. Grete hat dabei das Gefühl, als preßte das unsichtbare Ungetüm sie jetzt in ihrem letzten Krampfe zusammen. Sie wimmerte leise.

Dann taumelte sie auf, und das Bewußtsein kehrt ihr zurück.

Sie folgt dem anderen Mädchen über den Hof und dabei überlegt sie sich klar und bewußt, daß das Schlachtmesser scharf und groß genug sei, um auch einem Kinde den Hals damit zu durchschneiden.

Diese Vorstellung bringt sie zu einem Entschluß. Das in der Küche herrschende Halbdunkel verbirgt Allen, die darin Kaffee trinken, das bleiche, verstörte Gesicht der Magd, auf die überhaupt gewöhnlich keiner achtet. Sie trinkt gierig mit heißen Fieberlippen ihren Kaffee, rührt aber kein Brot an und bleibt still in ihrer Herdecke sitzen.

Die Frau sagt nichts dazu, denn bis zum Abendmelken hat Grete nicht viel Arbeit und kann sich bei dem kalten Wetter am Ende mal durchwärmen in der Küche.

Ein auswärtiger Fuhrmann, der früh hier ausgespannt hat, kommt jetzt auch aus der Wirtschaftsstube und verlangt sein Geschirr.

Die Frau geht mit ihm über den Hof, weil der Wirt grade nicht da ist. Beide schimpfen über den Schnee und das Wetter jetzt noch im Februar.

Mühsam erhebt sich Grete von ihrem Herdplatz. Den Blick nur stier auf ihr Ziel gerichtet, geht sie an den Küchenschrank, zieht einen Auszug auf und sucht ihr Messer.

Sie birgt es in ihrem Tuche und steigt, ohne ein Licht mitzunehmen, wie eine schleichende Mörderin, wie ein Raubtier, die schon völlig dunklen Treppen hinauf zu ihrem Kinde.

Schon vor ihrer Thür hört sie sein wimmerndes Schreien.

Wie ist es nur möglich, daß außer ihr das heute noch niemand gehört hat? Ganz flüchtig kommt ihr der Gedanke, aber sie kann ihn nicht ausdenken, sich keine Erklärung geben. Sie kann jetzt überhaupt nicht denken, weil der wütende Kopfschmerz sie immer noch foltert. Sie sieht vor ihren Augen ein Meer von Blut. – –

In ihrer Kammer dämmert es noch. Sie erkennt deutlich die kleinen, ruckweise hin- und herfahrenden Glieder des mit all seiner Kraft schreienden Knaben. Die Augen sind zugedrückt, so daß sie davon nichts sieht. Tief über das Bett gebeugt, weidet sie sich, alles vergessend, an dem Anblick des Kindes. Drängend, wollüstig, schmerzbebend flammt in ihr die Liebe, diese tierische, echte, heiße Liebe des Naturgeschöpfes zu seinem Jungen empor. Sie möchte das Kleine an sich reißen, es an die Mutterbrust betten, mit ihm fliehen und es schützen.

Das Kind schreit gellend laut. Wieder ist es Grete, als finge das Messer in ihrem Kopf an sich zu drehen und bei jedem Laut dreht es sich wilder, zerfleischt sie, macht sie rasend vor Verzweiflung und Schmerz.

Wenn doch nur der Knabe nicht schreien wollte! Er darf ja nicht schreien!

Mit ihren harten, groben Arbeitshänden umspannt sie den kleinen Hals, der das Schreien ausstößt. Der marternde Ton hört sofort auf – ein gurgelndes, kaum hörbares Zischen – ein letztes Zucken der schwachen Glieder. –

Wie wahnsinnig, mit ganzer Kraft preßt sie noch minutenlang den kleinen Hals zusammen. Wie zart und dünn er doch ist! Er wird so leicht zu durchschneiden sein, wie der eines Hähnchens. Es werden wohl auch nur ein paar rote, zähe Blutstropfen dabei über ihre Hand rinnen.

Während sich ihre Phantasie damit beschäftigt, wie sie das Kind töten will, haben ihre Hände ganz unbewußt die That längst vollbracht.

Als sie das Kind losläßt, weil es nun nicht mehr schreit, liegt die kleine Leiche schon beinah starr vor ihr.

Das Messer liegt auf der Erde.

Mit zitternder Hand zündet sie die Stall-Laterne an, die in ihrer Kammer hängt.

Sie leuchtet damit in das schwärzlich blaue Antlitz des kleinen Toten.

Herr Gott – hat sie ihn etwa in Zorn und Angst erwürgt? Das kann ja nicht sein!

Wie sie ihn so sieht, vergißt sie, daß sie gekommen war, um ihn zu morden. Fürchterlich rüttelt der Zwiespalt der Gefühle an ihrer Seele – an ihren Nerven.

Längst hat sie ihr Tuch von sich geworfen. In der einzigen Hoffnung, ihrem Kinde helfen zu können, reicht sie dem Toten das Einzige, was sie für den Lebenden besaß, ihre Brust.

Wieder ist ihr, als durchrieselte sie ein seliger Schauer, als sie die Berührung der kleinen, jetzt so schleimig feuchten Lippen fühlt.

Aber diese Lippen sind reglos. Ein Hauch des Todes geht von ihnen aus, lähmt fast das Mutterherz und zeigt der Mörderin, was sie gethan hat.

Mit stierem Entsetzen erkennt sie es langsam, nur nicht ganz klar, nicht ganz intensiv. Ihr Kopf scheint ihr, wie zwischen Schraubstöcke gepreßt – sie kann nicht denken – nicht begreifen.

Endlich erhebt sie sich, noch immer zögernd, nimmt eine aus Hanf geflochtene Markttasche, die ihr gehört, thut das Kind hinein, legt darüber noch einen Rock und bindet die Tasche zu.

Ohne an irgend eine Vorsichtsmaßregel zu denken, schlägt sie nur ihr Tuch über das Ganze. Sorglos verläßt sie das Haus. In der Dunkelheit der Treppe und des Hausflurs wird sie auch wirklich nicht bemerkt.

Auf der Straße aber dämmert es kaum; die blendende Schneedecke auf den Feldern läßt es fast noch scheinen wie Tag. Ein seltsamer, dunkler Tag mit schwarzem Himmel und weißer Erde. –

Horch! schreit nicht wieder ein Kind laut und schrill unter der würgenden Hand seiner Mutter?

Entsetzt bleibt Grete stehn. – Nein, es sind nur die Nebelkrähen, die sich kreischend auf einem Baum niederlassen.

Atemlos jagt sie weiter. Fort aus der Nähe der Stadt durch einen tief verschneiten, einsamen Feldweg, fort immer nur fort bis dahin, wo der breite Fluß sich nachtschwarz und schweigend durch die weiße Schneelandschaft hinwälzt.

Sie hat nur einen Gedanken, nur eine Angst unterwegs: Die Ufer des Flußes können vereist sein.

Das sind sie auch, da wo er am Wiesenufer hinfließt; aber die Buhnen sind frei. –

Auf den Steinen der Buhne kauert sie nieder und öffnet ihre Tasche. Mit der zur unbewußten Natur der Armut gewordenen Sparsamkeit nimmt sie ihren Rock heraus, thut dann, in einem mehr mechanischen als überlegten Einblick auf ihren Zweck einige Steine hinein und legt diese langsam und vorsichtig auf den kleinen starren Körper. Einen Moment zögert sie, ob sie das Kind nicht noch einmal ansehen soll; es ist ja vielleicht doch nicht tot – es lebt vielleicht noch. –

Aber wie von selbst schließt sich die Tasche und gleitet sacht aus ihrer zitternden Hand in die Flut. –

Sie beugt sich vor und hört ein leises Wimmern aus der Tiefe. So war es also dennoch nicht tot!

Ein Rauschen, Brausen, Brüllen und Sturmessausen umtobt sie plötzlich. Ein Menschenleben, ein Mannesleben, das sie vernichtet hat, jagt in wildem wahnsinnigen Hasten vor ihren Blicken vorbei.

Sie sieht ihr Kind in seligem Spiel sie anlächeln; dann sieht sie den Knaben als Schüler, als besten aller Schüler. Sie sieht ihn als Soldat und dann als Bauern auf einem großen, reichen, blühenden Grundstück, das ihm gehört als Frucht seiner Lebensarbeit. Sie sieht ihn sterben als hochgeachteten Mann, beweint von ihr, seiner Mutter, von einem Weibe, von seinen Kindern.

Rings um sie her hört und sieht sie deutlich die weinenden Kinder. Sie sieht das offene Grab und den schwarzen Sarg. Plötzlich ist ihrs wieder, als läge sie selbst lebend darin und sollte ersticken – – Nein, nicht sie, ihr Kind, ihr Sohn, und es ist auch gar kein Sarg, es ist ein Koffer, die Truhe einer Magd. – –

Sie denkt jetzt an ihre Kammer, und es fällt ihr ein, daß sie die Stall-Laterne darin hat brennen lassen. Das leidet die Frau nicht.

Ängstlich wendet sie sich zurück. Kaum findet sie in der sinkenden Dämmerung den Heimweg. Der Schnee sieht jetzt nicht mehr weiß aus und der Himmel nicht mehr schwarz. Alles verschwimmt in einem auf- und absteigenden Grau.

Am Wirtshaus brennt schon die rote Lampe, wie allabendlich über der Thür. Aber sie achtet nicht darauf. Sie sieht nur immer die Kammer vor sich, in der sie die Laterne vergessen hat. Die Laterne muß da fort.

Alles, alles in ihr konzentriert sich auf diesen einen Punkt. – Richtig das steht die Laterne ja auch auf dem Tische, und das Stümpfchen Stearin brennt ruhig und gleichmäßig fort.

Mit zufriedenem Lächeln bläst sie es aus. Leise kichert sie vor sich hin. So – nun wird gewiß niemand etwas merken.

Mit dem erloschenen Lichte in der Hand tritt sie aus ihrer Kammerthür – halt – da – in der Kammer schreit ja wieder das Kind. Es will gewiß trinken.

Sie kehrt ruhig zurück, geht an ihr Bett und greift dahin, wo das Kind lag.

Das Bett ist leer.

Richtig – sie hat es ja auch in die Truhe geschlossen. Der Ton kommt aus der Truhe. Sie durchwühlt all ihre wenigen Sachen, sie wirft im Dunkeln alles um sich her – Aber das Kind schreit doch.

Sie faßt mit den eisigen, bebenden Händen nach ihrer brennenden Stirn. Der Ton kommt von oben. – Hatte sie denn das Kind nicht in den Schnee des Daches gelegt?

Sie steigt auf einen Stuhl und stößt das kaum noch in der Dämmerung erkennbare Fenster von unten her auf.

Große Schneeklumpen stürzen ihr entgegen, so daß sie erschrocken zurückfährt. Mühsam sucht sie sich zu erinnern. Endlich kommt sie darauf.

Das Kind im Schnee, das Kind im Bett, das Kind in der Truhe, das waren ihre ersten Kinder. Das Kind, an das sie jetzt denkt, liegt ja im Fluß.

Sie ist jetzt auch ruhiger, denn sie hört das Weinen nicht mehr.

Wie – hört sie nicht etwas anderes, einen gurgelnden, wimmernden Laut, der sofort unter Würgehänden verstummt?

Ganz genau hört sie das und nun weiß sie, daß sie eine Mörderin ist. Ein Kind hat sie ja auch erwürgt.

Stolpernd über ihre Sachen, tappt sie sich im Dunklen wieder bis zur Treppe.

Welches? Einerlei, es wird eins von ihren Kindern sein. Sie geht zurück und sucht von neuem. Leise, leise verfolgt sie ein schwacher Klagelaut, das Wimmern eines sterbenden Kindes.

Ein heftiger Stich fährt ihr durch die Brust. Jetzt sucht sie das Kind, dem ihre Nahrung gehört.

In der Kammer wird es Nacht.

Schimpfend und polternd kommt die Wirtin die Treppe herauf, mit einem Licht in der Hand. Sie sucht die ungetreue Magd, die ihren Dienst vernachlässigt hat.

In der offenen Kammerthür des Mädchens bleibt sie stehen, schweigend vor Schreck. – Die eisige Zugluft, die durch das geöffnete Dachfenster strömt, bringt ihre Lampe in Gefahr zu erlöschen. So hält sie sie hinter den Thürpfosten und blickt entsetzt in den halb nur erleuchteten Raum.

Zwischen all ihren Sachen, die wüst umhergeworfen sind, kniet Grete am Boden und spielt mit dem Geflügel-Schlachtmesser.

Durch das geöffnete Fenster jagt der Wind von Zeit zu Zeit ein feines, eisiges Schneegeriesel, alles deckend, in die Kammer hinein.

»Grete!«

Das Mädchen erkennt die Stimme der Hausfrau. Gelassen steht sie auf und kommt aus der Kammer. Sorgfältig schließt sie zu.

Dann tritt sie in den Schein der Lampe und läßt das Licht auf die spitze Klinge des Messers fallen. Ein irres Flackern ihrer Augen, ein fremdartiges Lächeln erschreckt die Wirtin.

Mit großer Geistesgegenwart nimmt sie das Messer an sich. Sie will die Unordnung tadeln, aus der Küche etwas auf den Boden zu schleppen; aber ein sonderbares Grauen schließt ihr den Mund.

»Komm mit nach unten, Grete!« sagt sie so ruhig, wie möglich.

Gretes Augen suchen das Messer, das die Frau hinter sich hält. Ein schleichender, wie kriechender Schritt – sie faßt zu; aber in demselben Moment saust das Messer hoch durch die Luft geschleudert, in das Treppenhaus hinein.

Da weint das Kind –

Ohne sich weiter um die Frau zu kümmern, schließt Grete wieder die Kammerthür auf. Die Wirtsfrau aber, von einer gräßlichen Ahnung gepackt, läuft, so schnell sie kann, die Lampe fest in der Hand, die Treppen herunter, um sich Hilfe zu holen.

Der Mann und der Ackerknecht folgen ihr kopfschüttelnd die enge Bodentreppe hinauf. Zur Vorsicht nehmen sie sich einen Strick mit.

Von weitem schon hören sie ein krachendes Poltern.

Der Wirt klopft stark an die Thür; aber drinnen kracht und poltert es weiter wie brechendes Holz. Die Thür ist übrigens nicht verschlossen. So stellt sich denn die Hausfrau mit der Lampe hinter die beiden Männer, die zugleich eintreten.

Eine Rasende stürzt ihnen entgegen und sucht den Knecht am Halse zu würgen.

Die Splitter der auseinandergerissenen Truhe liegen zwischen Wäsche und Kleidern, zwischen Schnee und Betten am Boden.

Grete wird nun überwältigt und gebunden. Der Knecht holt einen Arzt, der ein Fieber von fast tödtlicher Höhe feststellt.

Dieses Fieber ist für die Wirtsleute äußerst beruhigend. Im Fieber ist ja der Mensch nicht zurechnungsfähig! So geht denn die Frau ganz gutmütig mit dem anderen Mädchen nach der verwüsteten Kammer, um da wieder Ordnung zu schaffen.

In einem Krankenkorbe wird die Magd abgeholt und durch ärztliche Kunst körperlich ganz wieder hergestellt.

Jeder Arzt, jede Schwester und auch der Hausgeistliche fragen die Genesene freundlich und eindringlich nach dem Schicksal ihres Kindes.

Unermüdlich, fast mit denselben Worten giebt sie jedem darüber Auskunft.

»Ja, das erste Kind schob ich in den Schnee auf das Dach hinaus. Da ist es im Schlafe gestorben. Der Schnee war nicht sehr kalt. Das zweite ist in meinem Koffer erstickt, o – das war schrecklich – ich hatte es da hineingeschlossen, und es war so dunkel darin, so heiß, und dann denken Sie die Todesangst vor dem Ersticken, aber ich hatte das Kind lieb. Der Frau, bei der die Kinder verhungern müssen, wollte ich es doch nicht geben; nein, es ist besser so. – Dann – ich glaube, das war ein Mädchen, dem wollte ich den Hals durchschneiden, aber es schrie so furchtbar, und ich hatte solche Angst, die Frau möchte es hören da hab' ich's erwürgt.

Aber das Letzte, sehen Sie das Letzte, das ich von dem Soldaten hatte, das war ein Junge. Mein lieber Junge, der lebt noch. Immer sah er mich an, so klar und schon ganz vernünftig. Er konnte so freundlich lächeln. Ich habe ihn in meiner Tasche ins Wasser gelegt, aber unten im Wasser hat er geweint. Ich höre oft, wie er weint, aber ich weiß jetzt nicht mehr, wo das Wasser ist, sonst holte ich ihn wieder heraus.«

»Die arme Grete!« sagten die frommen Schwestern und beteten für sie.

»Die arme Grete!« sagte der Herr Doktor und brachte sie in eine Irren-Anstalt.

Da kann sie nun noch manches Jahr leben, denn sie war zwanzig, als sie eingeliefert wurde.

Die verschiedenen Mordpläne, die in den furchtbarsten Stunden ihres Daseins ihre Seele mit blutigen, tötlich schmerzenden Vorstellungen erfüllten, sind das Einzige, was sie mit hinübergenommen hat in ihr jetziges Büßerleben.

Die eine That, die sie fast bewußtlos beging, unterscheidet sie nicht mehr von den anderen Thaten, die sie nur träumte, nur in Gedanken ausführte. Die Kirche hat dafür das Wort »Gedankensünden.«

Es ist unmöglich, die arme Grete auf irgend ein anderes Gespräch zu bringen, wie auf das über ihre ermordeten Kinder.

Jedem, jedem, der sie anredet, erzählt sie dieselbe Geschichte monoton, wie etwas auswendig gelerntes, immer mit denselben Worten, täglich, täglich, Jahr aus Jahr ein. Nun schon seit fünf Jahren!

Wird sie niemals vergessen, wird die Zeit die Erinnerung auslöschen, mildern? – Nein, ihre Erinnerung ist überhaupt erloschen, ein für alle Mal.

Sie hat ihr ganzes Leben, ihre Eltern, ihren Geliebten, ihren Dienst, alles was sie je gekannt hat, vollständig vergessen. Sie erkennt weder die Wirtin, bei der sie diente, noch die Menschen, von denen sie jetzt umgeben ist. Sie sieht sie gar nicht.

Es giebt für sie nur noch eins. Das Gespenst des Todes, des Wahnsinnes, das von ihrem psychischen Leben vollständig Besitz ergriffen hat. Diese Macht wird niemals ihr Opfer loslassen, bis der Tod einst den gesunden, gut gepflegten Menschenleib von dieser zerissenen, zerstörten Seele erlöst.

Wenn sie nicht ihre Geschichte erzählt, sitzt sie schweigsam brütend da, stiert Stunden lang auf eine Stelle und sieht in endlos wiederkehrenden Hallucinationen stets wieder ihr Kind mit dem süßen Lächeln und den großen, schuldlosen Augen.

Viermal sieht sie es dann sterben und jede Qual, die sie ihm dabei zufügte, oder zufügen wollte, fühlt sie dann wieder mit.

Überall im Wachen und Schlafen hört sie es weinen.

Dann ringt sie wohl einmal, von namenloser Sehnsucht, Mutterliebe und Reue erfasst, die Hände und schreit lang und anhaltend auf, überwältigt von Jammer. –

Sie tobt nie und greift niemanden an, so daß man sie in der Anstalt zu den ruhigen, harmlosen, aber unheilbar Irren zählt.

Ein im Blödsinn erstarrtes Grauen, ein wie versteinert festgehaltenes, todbanges Entsetzen liegt stets auf ihrem schmal und wachsgelb gewordenen Gesicht. Die Augen blicken stier und ausdruckslos vor sich hin. Nie hört jemand sie ein Wort sprechen, das sich auf ihr Unglück, auf ihre Schande nicht bezieht.

Ist das die Hölle?

Im Volke spricht man von einer Mörder-Krankheit aber diesen Namen kennt die Wissenschaft nicht. Die lebenslange Todesmarter der armen Grete nennt man Erinnerungstäuschung. –



Gold

Im Münzamt waren die Beamten damit beschäftigt, neugeprägte Goldstücke in Rollen zu packen. Lange, der Münzinspektor, wog jede Rolle nach und schrieb dann darauf: »Fünfhundert Mark in Gold,« »Eintausend Mark in Gold,« u. s. w.

Man hörte nur das leise, ganz eigentümliche Klirren des Goldes, das Klappen der Wage, das Atmen der vier Männer, die hier bei einer ganz mechanischen, tötlich einförmigen Arbeit, von der ganzen Außenwelt isoliert, saßen.

Sie hielten den Nerv des Lebens in ihren Händen, und doch umgab sie selbst die Stille des Todes.

Nur ihre Vorgesetzten, nur die Beamten der Münze, die ihre Thätigkeit revidierten, hatten Zutritt zu dem mit allen möglichen Sicherheitsvorrichtungen versehenen Raum. Das ungezählte, ungewogene Gold wurde einer Maschine entnommen, in die es an der Prägestätte eingefüllt ward.

Der Inspektor Lange hatte heute bereits eine Million notiert, die von den Leuten verpackt, von ihm gewogen, gesiegelt und mit Aufschriften versehen war. Und immer noch klirrten die Doppelkronen aus dem Schlitze des Automaten hervor. Es hatte den Anschein, als rieselte hier ein Brunnen, ein Goldquell, der nimmer versiegen könne.

Und thatsächlich versiegte er ja auch nicht. Das Gold, das von dieser Stätte einmal ausgegangen war, kehrte zurück, und immer wieder formten die Zähler daraus die Rollen, die der Inspektor mit der Aufschrift ihres Wertes versah.

Eine Million! Wer würde sie besitzen und was würde sie ihrem Besitzer gewähren?

Ja, wenn diese Summe ihm gehört hätte! . . Lange sann nach – wenn sie ihm gehört hätte, dann hätte er wohl gewußt – –

Ja, man soll so etwas nicht denken!

Der Inspektor hatte einen Jahresgehalt von zwölfhundert Thalern, immerhin einen Tagesverdienst von zehn Mark, um den ihn mancher Ärmere gewiß beneidete. Aber er hatte eine große Familie, sechs Kinder, und vor einem Jahre war ihm im Krankenhause die Gattin gestorben.

Er wußte ganz genau, daß ihn zu Hause das Elend erwartete. Ihn, durch dessen Hände soeben eine Million in Gold geglitten war! Wie sonderbar das doch eingerichtet war, daß er an dieses Geld keine, aber gar keine Ansprüche hatte! Er konnte keine Rolle, er konnte nicht ein Stück verschwinden lassen. Jeder Möglichkeit war durch die Kontrolle der Menschen, durch die Genauigkeit der Maschinen vorgebeugt.

Wenn er aber das Gold hätte, dann sollte das einmal anders werden mit diesem elenden Leben!

Die älteste, zwanzigjährige Tochter war viel zu egoistisch, um die Stelle der Mutter zu vertreten, um Vater und Geschwistern das Haus zu versehen. Sie war zur Bühne gegangen. Ohne eine künstlerische Ausbildung erhalten zu haben, trieb sie sich in kleinen Städten bei wandernden Komödianten herum. Der Sohn hatte eine kleine Stelle als Kommis. All sein bißchen Verdienst verschlang der Radfahrsport, dem er auf Tod und Leben anhing. Er träumte davon, ein großer Rennfahrer zu werden, mit Weltrecords die Preise zu gewinnen, und hätte er nur erst das Gold, dann – ja dann –

»Mit einer elenden Maschine für zweihundert Mark kann man nichts, gar nichts erreichen,« versichert er dem Vater.

Lange steht am Fenster in seiner dürftigen Wohnung. Im Nebenzimmer poltern und schreien die vier schulpflichtigen Kinder, das Dienstmädchen besorgt irgend einen Einkauf und kommt nicht zurück.

Der kaum fünfzigjährige Mann steht in verfallener, gebückter Haltung wie ein Greis neben dem unreif in die Höhe geschlossenen Jüngling.

»Es ist mir schwer genug geworden, Dir das Rad zu geben, Otto. Sieh', die Wirtschaft kostet viel mehr als zu Mutters Zeiten.«

»Und die Kinder gehen schmutzig und zerrissen,« ergänzt Otto in verbissenem Ton. »Nur Geld kann uns helfen.«

»Ja, Geld – aber ich kann Dir nichts geben,« seufzt der Vater.

»Das Rennrad kostet nur fünfhundert, Vater; es ist ein Gelegenheitskauf. Ich versichere Dich, in mir ist die Kraft zu einem großen Sportfahrer. Ich gebe Dir die Summe für das Rad zurück nach dem ersten Preise –«

»Papa, ich brauche eine Mark fünfzig zu einer Schulpartie,« unterbricht ein fünfzehnjähriger Knabe das Gespräch. Er sieht einen Schatten von Erleichterung und Freude über des vergrämten Vaters Züge huschen und bricht in ein Jubelgeheul aus, denn vor den Augen der durch die Thür ihm nachdrängenden Geschwister sieht er seine Bitte erfüllt.

»Morgen hat unsere Lehrerin Geburtstag, die Klasse macht ein Geschenk, ich brauche auch fünfzig Pfennig,« ruft ein zwölfjähriges Mädchen, die günstige Gelegenheit nutzend.

Befriedigt ziehen die Kinder ab. Lange streicht wie glättend, mit der mageren Hand über die müden, faltigen Züge seines Gesichtes.

»Da siehst Du, wo das Geld bleibt, Otto. Sie wollen alle essen, ich muß sie kleiden, erziehen, wir müssen leben, mein Sohn. Für Luxus habe ich nichts. Spare von Deinem Gehalt!«

»Ich lebe davon. Habe ich nicht schon dadurch ein Recht erworben, einmal etwas Außergewöhnliches von Dir zu verlangen? Du riskierst ja auch gar nichts dabei. Das Interesse für den Rennsport nimmt täglich zu, die Meisterpreise werden immer höher, und« – mit einem ganz eigentümlichen Blick fügt der junge unreife Mensch noch hinzu – »und ich komme dann vielleicht auch bald dahin, im Golde zu wühlen wie du.«

»Wie ich –?«

»Ja, aber das wird dann mein Gold sein, und ich werde nicht nötig haben, an den Anschaffungskosten für die nötigsten Dinge zu knausern.«

Mit einem höhnischen Auflachen wendet er sich ab, geht, wirft mit Heftigkeit die Thür hinter sich zu und verläßt die ungemütliche Wohnung des Vaters.

Das Dienstmädchen trägt ein äußerst mangelhaft zubereitetes Mittagessen auf. Darnach verlangt sie Geld für Nahrungsmittel, viel mehr, als je die Frau dafür ausgab.

Wenn doch erst die zwölfjährige Tochter so weit wäre, dafür zu sorgen! Aber ihr steckt die Frauenemanzipation im Kopf. So jung sie ist, drängt sie schon instinktiv fort aus den engen Verhältnissen, um sich eine freie, eigene Existenz zu schaffen.

In tief gedrückter Stimmung verläßt der Beamte das Haus, um sich wieder nach seinem Arbeitsraum in der Münze zu begeben.

Um ihn her klirrt das Gold. Es gleitet ihm durch die Hände. Er zählt und zählt. Hier – das würde Otto für sein Rennrad brauchen; diese tausend Mark würden ihm ermöglichen, sich für ein Jahr eine Hausdame zu nehmen, die ihm eine gemütliche Häuslichkeit schaffen könnte. Hier – diese Summe reicht zu einer Erholungsreise, um seine Nerven zu stärken.

Er hat seit fünf Jahren keinen Urlaub genommen, nicht ein einzigesmal ausgespannt, weil ihn ja doch zu einer Reise die Mittel fehlen. Jetzt plötzlich empfindet er das. Seine Nerven sind gespannt; ein Laut, eine Berührung schon schmerzt.

Wie nagend, quälend, aufdringlich ist dieser leise Ton, dieses unregelmäßige Klimpern und Klirren um ihn her! Man muß sich anstrengen, um es überhaupt zu hören. Jeder Versuch, es nicht zu hören, ist aber dennoch vergeblich. Man könnte wahnsinnig werden in dieser Monotonie!

Energisch rafft sich der Beamte zusammen und erfüllt seine Pflicht.

Aber der Gedanke hat ihn nun einmal. Bei jeder Ziffer, die er niederschreibt, berechnet er, was ihm die Summe, die sie bedeutet, sein könnte, wenn er sie hätte.

Horch – tönt diese leise, feine Stimme des Goldes nicht schmeichelnd, verlockend? Sind alle diese großen Werte wohl dazu bestimmt, ehrlich erworben zu werden?

»Blut und Thränen – Blut und Thränen!?«

Nein, das hat niemand gesagt, aber der alte Münzbeamte weiß es, die Erfahrung lehrt es, daß all dies neue Gold von Blut und Thränen benetzt werden wird, sobald es seinen Verkehrswert angetreten hat.

Wie, wenn es nun sein wäre und brächte ihm und seinen Kindern Glück und Zufriedenheit? Man soll so etwas nicht denken.

Der alte Mann kann aber nicht anders, seine Nerven peinigen ihn.

Die Sonne flimmert über die Goldschalen hin. Rote Flecken, Strahlen wie schimmernde Thränen spielen und irren auf dem gelben Metall.

Wie das in die Augen sticht, wie das zieht und reißt von Schläfe zu Schläfe schmerzend durch den Kopf, durch das Hirn! Ah – eine Erholung, eine Ruhezeit! Die kleinlichen, täglichen Sorgen reizen und peinigen den Inspektor in diesem Herbst mehr wie jemals im Leben. Er begreift, was ihm seine gute Auguste alles ferngehalten, was sie auf sich genommen hatte.

Wenn nur das leise Klirren des Goldes nicht wäre! Zwanzig Jahre hat er nicht darauf geachtet, jetzt fürchtet er sich davor. Es ist ihm, als klänge es ihm schon entgegen, sobald er seine Wohnung verläßt, und doch erschrickt er, wenn er sein Bureau betritt und der bis dahin eingebildete Ton nun in Wirklichkeit an sein Ohr dringt.

Bald glaubt er ihn überall zu hören, auch zu Hause, auch Nachts.

Namentlich Nachts steigt die nervöse Erregung oft bis zu einer Art Fieber. Seine treue Lebensgefährtin tritt dann zu ihm und redet ihm gut zu. Sie giebt ihm die Versicherung, daß ihm das Gold gehört, das ihn mit seinem leisen, schmeichelnden Tone verfolgt. Nur das – beileibe nicht das andere, aber dieses gehört ihm.

So – darüber braucht er nun nicht mehr nachzudenken. Er hat keine Verantwortung, denn die

Frau, deren liebevolle Seele den auf Erden zurückgebliebenen Gatten zu finden wußte, hat ihn beruhigt

Er sieht schlecht aus, und seine Kollegen raten ihm, einmal »auszuspannen«, sich krank zu melden.

Aber er ist doch eigentlich nicht krank. Sind denn die Leute krank, die Nachts nicht schlafen?

Otto ist ein Vierteljahr nicht gekommen, weil er das Rennrad nicht erhalten hat, um das er seinen Vater bat.

Am Allerseelentage begegnet er ihm am Grabe der Mutter.

»Du bist doch ein guter Junge, Otto. Komm nur morgen, Du sollst Dein Rad haben; Mutter will nicht, daß wir getrennt sind.«

»Ja, das ist gewiß nicht in Mutters Sinn, daß Du mich von Dir stößt und mich gar nicht mehr unterstützt.«

»Ich sollte wohl eine Erholungsreise machen, Otto.«

Ganz erschreckt blickt der junge Mann auf. Wie grau und verfallen sieht das Gesicht des Vaters aus! Wie tief sind die Augen in ihre Höhlen gesunken! Es kommt wohl nur von dieser Umschattung, daß sie so eigentümlich flackern und glänzen. Sollte der Vater krank sein? –

»Du solltest besser gepflegt werden, Vater!« stößt er hastig hervor. »Martha muß zu Dir kommen; sie hat zum Winter kein Engagement.«

»Martha ist ja so hübsch, sie wird schon noch ein Engagement finden.«

»Ach, Vater, sie hat nicht den Mut, es Dir zu sagen – Martha hat Unglück gehabt.«

»Wir haben alle Unglück, lieber Otto, aber jetzt wird es besser werden, es wird jetzt alles gut werden, so wie Mutter es haben will.«

Der Vater spricht sehr milde. Ein zerstreutes, abwesendes Lächeln liegt um seinen Mund. Otto ist ganz außer sich, denn augenscheinlich hat ihn der Vater in Bezug auf die in Schuld und Elend geratene Schwester gar nicht verstanden.

Wie hell und klar ist dieser Novembertag! Wie lockt die scheidende Sonne den müden, vergrämten Mann, ihr zu folgen dahin, wo sie jetzt ihre Herrschaft antreten wird, nach den südlichen Ländern!

Aber man soll so etwas nicht denken!

Das ist doch immer der Grundsatz des treuen Beamten gewesen. Auch jetzt giebt er ihm die Überlegung zurück. Wie könnte er denn reisen, da er doch gar nichts besitzt!

In der Nacht erklärt ihm seine Frau, daß er Gold nehmen dürfe zu Ottos Fahrrad. Otto würde sich sonst im Trotz vom Vater abwenden, vielleicht auf unehrliche Weise sich den Besitzt zu verschaffen suchen. Das Gold ist ein Schatz, auf dem zu diesem Zwecke der Segen der Mutter ruht.

Am anderen Tage steckt Lange, fast ohne jede Vorsicht, eine Geldrolle zu sich. Niemand achtet darauf, keiner der Zähler hat es bemerkt.

Auch nicht einen Schlag mehr thut sein Herz in dieser verhängnisvollen Minute. Er ist ganz ruhig, ganz überzeugt von seinem Rechte, diese Rolle zu nehmen. Es hat ja förmlich geklingelt, es hat sich rauschend und brausend zu ihm gedrängt, ganz so wie es ihm Auguste beschrieben hatte. Seit er es eingesteckt hat, ist alles um ihn her still. Das andere Gold schweigt, es gehört ihm nicht, es will nicht zu ihm.

Wie die Sonne lockt und die herbe, noch herbstliche Luft! Sehnsuchtsvoll richten sich die müden, heißen Augen in die Ferne.

Aber dieses Verlangen muß bekämpft werden. Die Kraft reicht auch dazu noch aus.

Wie könnte denn wohl der Inspektor jetzt daran denken, Erholungsurlaub zu nehmen! Er sieht die Unmöglichkeit klar vor sich.

Mit einem scheuen Blick nimmt Otto das Gold, dessen Ursprung er sofort erkennt, aus den Händen des Vaters. Wie sonderbar ruhig der Vater dabei ist! Herrgott, wenn er am Ende öfter

Es ist dem jungen Manne doch nicht gut bei dem Gedanken zu Mute.

Von Martha trifft in den nächsten Tagen ein verzweifelter Brief ein. Sie geht ins Wasser, wenn ihr der Vater nicht hilft.

Er wird die Mutter fragen.

In der Nacht sagt sie ihm, daß er dem Mädchen dreihundert Mark schicken soll.

In der Bank wird natürlich der Diebstahl bemerkt. Wenn auch das erstemal der Verdacht nicht auf den bewährten alten Beamten fallen konnte, so werden die Spuren, die zu ihm führen, jetzt doch viel deutlicher.

Die Direktion läßt ihn beobachten.

Das Gold klingt, singt, ja spricht jetzt täglich zu ihm. Dennoch kommt Lange gar nicht auf den Gedanken, daß er deshalb auf diese Schätze irgend ein Recht haben könnte. Seine Auguste verkehrt jetzt in der Nacht regelmäßig mit ihm. Sie hat ihm noch nie wieder geraten, Gold mitzunehmen. So besteht keine Versuchung für ihn, wenn auch der Wunsch nach einer Erholungsreise nur langsam zurückgedrängt ward.

Das Weihnachtsfest in der Wohnung des Inspektors verlief mehr als ärmlich, so daß am folgenden Tage das Dienstmädchen, das den Mann seit einem Jahre bestahl, in der ersten Wut kündigte.

Dann – an einem eisigen Januartage – kam Martha. Bleich, verblüht, vom Gram wie zerbrochen, schlich sie in die Wohnung des Vaters, die sie in jugendstarkem Trotz vor wenigen Jahren verließ.

In einem Tuch, wie ein Paket eingepackt, bringt sie ihr Kind.

Staunend stehen die jüngeren Geschwister um das kleine lebende Wunder herum. Ein Schwesterchen! Was wird der Vater sagen, wenn er nach Hause kommt!

Otto übernimmt es, dem kranken, gebeugten Manne die Nachricht zu übermitteln.

Zu seinem Erstaunen verzerrt sich das Antlitz des Alten nicht in Zorn oder Schreck. Er streicht sanft mit der Hand über das Haar seiner Tochter.

»Wie Gott will, Kind, wie Gott will!«

Bei diesem unerwarteten Verzeihen, vor dieser unbegreiflichen Güte kommt die Erschütterung des unglücklichen Mädchens mit fast elementarer Gewalt zum Ausbruch.

Sie wirft sich zu Boden, umklammert die Kniee des Vaters und bedeckt seine Hände mit Küssen.

So hat sie doch noch ein Heim, ein Dach über der Wiege ihres Kindes. Vorläufig wenigstens.

Bald darauf kehrt auch Otto stellenlos ins Elternhaus zurück. Der Prinzipal hat den jungen Kommis entlassen, weil dieser an nichts anderes mehr denkt, als an sein Rennrad, nichts im Kopfe hat, wie seine Vereinsangelegenheiten; denn natürlich ist der künftige Meisterfahrer zunächst Mitglied eines Radfahrervereines geworden.

Er ist auch gar nicht unglücklich über seine Stellenlosigkeit, die es ihm möglich macht, sich ausschließlich dem Trainieren und den Vorübungen für seinen ersten Sieg auf der Rennbahn zu widmen.

So hat denn nun der Münzbeamte seine sechs Kinder und noch dazu das Enkelchen im Hause.

Aber Martha hat nicht einmal so viel von der verstorbenen Mutter gelernt, um dem Vater auch nur das Wenige an Behaglichkeit schaffen zu können, wie das seit ihrer Ankunft entlassene unehrliche Dienstmädchen ihm bot.

Alles, was noch in der Wirtschaft ist, geht unter Marthas Händen zugrunde. Die Wäsche, einen Teil der Betten, Hausgerät, zuletzt sogar die besseren Kleidungsstücke bringt sie nach und nach ins Leihhaus.

Selten findet der rastlos arbeitende Vater, wenn er nach Hause kommt, ein gemütliches, geheiztes Zimmer, noch seltener giebt es eine genießbare Mahlzeit.

Die im Wachsen begriffenen Kinder, der in scharfer Winterluft eifrig radfahrende Otto machen ziemlich große Ansprüche in dieser Hinsicht. Täglich giebt es bei Tische zwischen den Geschwistern Zank und Geschrei. Lange selbst berührt oft kaum die mangelhaften Gerichte.

Immer faltiger wird sein abgezehrtes Antlitz, immer dürrer werden seine welken, stets zitternden Hände. Die hohe schlotterige Gestalt wird magerer, der Rücken beugt sich mehr und mehr, er sinkt fast zusammen. Die Augen flackern unruhig, die Haut ist trocken und heiß.

Nie hört man von ihm ein unfreundliches Wort, nie eine Klage.

Jeder Sinn für das, was um ihn vorgeht, scheint völlig erloschen.

Wieder sitzt er in seiner Zählstube, wiegt, siegelt und stempelt die Geldrollen, die von den Zählern zusammengestellt sind.

Von allen Seiten klingt und klappert das Geräusch der durch die Hände der Leute rinnenden Goldstücke.

Lange aber vergißt die Wertangabe auf seine Rollen zu schreiben. Er wiegt sie ab, ohne auf die Gewichtstücke zu achten, deren er sich bedient. Dazu hat er auch keine Zeit.

Er hört und sieht Dinge, wie er sie niemals erlebte.

Neben ihm steht seine Auguste, die treue, geliebte Gefährtin seiner längsten besten Lebensjahre. Es erscheint ihm nur sehr eigentümlich, daß sie von niemand bemerkt wird. Sie spricht auch kein Wort, nur ihre bleiche Hand deutet von Zeit zu Zeit auf irgend eine Rolle mit Gold.

Er öffnet dann die betreffende Rolle, läßt den Inhalt durch seine Finger gehen und lauscht auf den metallenen Klang des Goldes, der zu ihm in Worten spricht:

»Von Anbeginn, seit das Edelmetall im Bergestein lag, war es für Dich bestimmt, nimm es, denn Du bist der König des Goldes.«

Der Kaiser, dessen Profil den Doppelkronen aufgeprägt ist, flüstert es ihm zu. Sobald er zögert, wird die feine Stimme des Kaiserbildes lauter. Nimm es, nimm es doch, das Gold ist ja Dein!

Mit ruhigem, zufriedenem Lächeln füllt er jetzt seine Taschen, ja er steht auf, holt sich seinen Überzieher vom Haken an der Wand und bringt einige große, schwere Goldrollen auch dort unter.

Freundlich ruhen während dessen die Augen der Gattin auf ihm. Er nickte ihr zu.

Wie herrlich werden sie nun leben, da er König des Goldes geworden ist!

Lautlos verschwindet aus der Zählstube einer der Beamten, ohne daß es Lange bemerkt.

Als er die Münze verlassen will, erwartet ihn unten ein Wagen.

Drei Herren, ein Arzt, ein Polizeibeamter und einer seiner Vorgesetzten fordern ihn ganz unbefangen auf, mit ihnen nach Hause zu fahren.

Er ladet die liebenswürdigen Herren ein, in seine Wohnung zu kommen, um mit ihm ein Fest zu feiern.

Ein Fest?

Ja, seine Ernennung zum König des Goldes.

Des hochseligen Kaisers Wilhelms Majestät hat ihn heute persönlich dazu ernannt. Die Zähler der Münze sind Zeugen dafür. Es ist auch ein großes Glück, denn seine Tochter Martha verlangt einen Kinderwagen, weil sie das Kleine bei der großen Kälte sonst nicht an die Luft bringen kann.

Die drei Begleiter nehmen die Einladung des Goldkönigs an. Er wird gewiß die Gnade haben, ihnen zu Hause alle seine Schätze zu zeigen.

Als der Münzinspektor mit seinen drei Gästen die Treppe zu seiner Wohnung erstiegen hat, tönt ihnen von oben her heftiges Schreien und Lärmen entgegen. Dazwischen das Weinen größerer Kinder.

Erst ganz oben hört man das Wimmern des Säuglings.

Otto Lange hat auf der Rennbahn eine furchtbare Enttäuschung erlebt. Anstatt den Siegespreis zu gewinnen, ist er der letzte unter allen Fahrern geblieben.

In verzweifelter Wut hat er dann behauptet, der Sieg sei durch Betrügerei errungen. Auf eine scharfe Zurechtweisung eines Comitemitgliedes hat er mit einer Beleidigung geantwortet und den Skandal dadurch vollkommen gemacht, daß er seiner Entfernung aus dem Lokale Gewalt entgegensetzte.

So, in einem Zustande, der an Raserei grenzte, kam er in der väterlichen Wohnung an und ließ seine Wut durch Mißhandlungen an den Kinder aus.

Schmutzig, weinend, zerlumpt kauern die drei Jüngsten in den Ecken, das zwölfjährige Mädchen mit dem Kinde der Schwester im Arm.

In leidenschaftlichem Trotz, das Weinen verbeißend, wickelt der älteste Knabe einen Lappen um sein bei der Prügelei verletztes Handgelenk.

Trotz der scharfen Januarkälte ist das Zimmer nicht geheizt.

»Scher' Dich in die Küche und sorge für Essen!« schreit Otto die Schwester an, und als sie gehen will: »Übrigens kannst Du mal an meinen Herrn Schwager schreiben, ich brauche Geld.«

Höhnisch lacht er auf.

»Verkaufe Dein dummes Rad und arbeite wie andere Menschen,« antwortet sie.

»Wie andere Menschen? Na, wenigstens liege ich dem Vater nicht mit zwei Mäulern auf der Tasche.«

Der Eintritt des Vaters unterbricht diese Szene.

Hoheitsvoll, mit der Geberde eines Komödiantenkönigs steht er mitten in dieser Armut zwischen diesen frierenden, hungernden Kindern, zwischen den zankenden, herzlosen Geschwistern.

Mit einer großartigen Geste weist er hin auf die traurigen, ärmlichen Möbel, die Reste einer Einrichtung, für die kein Trödler mehr etwas geben wollte.

»Meine Kinder, mein Enkel, mein Haus, alles, was zu mir und zu meinem Hause gehört, versammle sich zum Feste!«

Entsetzt, als ahnten sie etwas Furchtbares, das nun kommen müsse, starren die Kinder zu dem Vater empor.

Die drei Fremden stehen, erschüttert von der Kontrastwirkung dieser Bettlerarmut und dieses Größenwahnsinns, im Rahmen der Thür.

Mißtrauisch und scheu betrachtet der stellenlose, mit Schulden des Leichtsinns belastete Kommis diese Herren. Trotzig begegnet ihnen der Blick des zweiten Sohnes.

Nur die erbärmliche Schauspielerin ahnt dunkel, daß das, was ihr aus ihres Vaters Augen entgegenflammt, der Wahnsinn ist, der helle Wahnsinn.

»Huldigt mir, dem König des Goldes!« donnert der Vater.

Schweigen –

»Auf eure Kniee, Schergen des Goldes!« Wild rollen die Augen des Irrsinnigen.

Instinktiv gehorchen die Kinder. Sie knien um den Vater herum; auch die junge Mutter, die jetzt selbst ihr Kind an die Brust drückt.

»Die Gnade meiner Majestät leuchtet über euch!«

Mit würdevoller Geberde greift der Irre in die Brusttasche seines Rockes, zieht eine Hand voll Doppelkronen hervor und legt sie auf den schmutzigen, roh gezimmerten Tisch, neben welchem

er steht.

Langsam, mit gemessenen Bewegungen zieht er aus seiner Tasche eine Goldrolle nach der andern, bricht sie auf und schüttet die Goldstücke auf den Tisch.

Ein ganzer Haufen Gold glänzt und gleißt endlich mit unendlich verlockender Pracht in all diese Armut hinein.

Unwillkürlich denken die Beamten, welche in der nächsten Minute diese Illusion zerstören müssen, wie glücklich diese armen, verlassenen Kinder gemacht werden könnten, wenn dieser Reichtum wirklich ihr Eigentum wäre. Dann aber thun sie unerbittlich ihre Pflicht.

Der Arzt stellt sich dem unglücklichen »König des Goldes« als Minister vor und ersucht Seine Majestät unterthänigst, einen Wagen vorfahren zu lassen, um in seiner Begleitung nach dem königlichen Schlosse zu fahre.

Der Polizeikommissär folgt dem hohen, gnädigst auf alles eingehenden Herrscher als Schatzmeister, den Schatz sogleich in einer Ledertasche bewahrend.

Nur der ehemalige Vorgesetzte Langes, der Bankdirektor, bleibt zurück.

Er teilt den erwachsenen Kindern mit, daß der Vater einer Anstalt zugeführt werde. Dann macht er die drei ältesten darauf aufmerksam, daß sie von nun an für sich selbst sorgen müssen. Nur den drei jüngsten Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren kann er die Fürsorge der Gemeinde­Armenverwaltung versprechen.



Kranke Liebe

Ob die traurige Geschichte, die mir das hübsche Mädchen erzählt hat, wahr sein mag?

Die Oberwärterin der Irren-Anstalt hat im Allgemeinen nur ein ungläubiges Lächeln, ein verächtliches Achselzucken für jede einzelne dieser Lebens- und Leidensgeschichten, die von den Kranken selbst mitgeteilt wird.

Übrigens würde die Oberwärterin, Frau Piniowsky, einer Geschichte, die ich selbst erzählen würde, vielleicht auch keine Glaubwürdigkeit zutrauen.

Ihr Urteil kann deshalb auch für mich nicht grade maßgebend sein.

Jedenfalls leben mehrere hundert Menschen hier unter einem Dache und wissen nicht, was sie sprechen, was die thun – vielleicht gar nicht, ob sie überhaupt existieren.

Ich aber frage mich, wer nun eigentlich tot ist, wenn man annehmen will, daß diese leben!

Immerhin aber sind Einzelne da, die mit deutlicher Qualempfindung leiden, die ihr unter dem Anstaltszwange paralysiertes Dasein empfinden. Vielleicht als eine Bürde – oder als eine Schickung die man tragen muß?

Ich selbst gehöre in diesem Augenblick zu diesen Unglücklichen, ebenso wie Ilse von Trautenau, das hübsche Mädchen mit der schlichten traurigen Geschichte.

Der Vater ist ein pensionierter Oberst. Ilse hat zwei Brüder, die Leutnants sind. – Unter großen Opfern geben die Eltern den Söhnen die vorschriftsmäßige Zulage. Für die Tochter bleibt nichts.

In der kleinen Hof- und Residenz-Stadt, in der die Familie lebt, spürt man noch nichts von dem frischen Luftzuge einer neuen Zeit, die auch dem Mädchen aus guter Familie die Waffen für den Kampf ums Dasein in die Hand giebt.

Ilses ältere, unschöne Schwester Agnes hat als Chanoinesse in einem adeligen Fräuleinstift eine Versorgung gefunden.

Nur mit einer Art mitleidigem Grauen spricht Ilse von dem inhaltleeren, zwecklosen Hinvegetieren in diesem Institut.

»Sehen Sie, liebe Frau Grote, alle dies Damen stehen jeden Morgen nur auf, um den Tag über miteinander zu plaudern, um zu essen, oft recht häßlich zu klatschen, hie und da einmal Schach oder Halma zu spielen. Lesen können sie nur wenig, denn sie haben dazu kein Geld; ebenso können sie an der Armenpflege auch nur indirekt teilnehmen, durch Verteilen fremder Spenden – ach, Frau Grote, warum halten nur alle Menschen diese Chanoinessen-Versorgung meiner Schwester für ein Glück?«

Ich lächele über Ilses lebhafte Frage.

»Aber ich bitte Sie, Fräulein Ilse. Es giebt doch nur so verschwindend wenig Hofdamen-Ämter. – Als Stiftsfräulein hat Ihr Fräulein Schwester niemals nötig, fremde Kinder zu erziehen, alten Damen als Gesellschafterin zu dienen – oder glauben Sie etwa, daß Fräulein Agnes von Trautenau zum Beispiel Handschuhe verkaufen möchte?«

»Ich würde lieber Handschuhe verkaufen« –

Trotzig wirft Ilse das hübsche Blondköpfchen in den Nacken. Ich aber lege meine Hand auf ihre rosigen Lippen.

»Um alles in der Welt, reden Sie wenigstens hier im Hause nicht so ungewöhnliche Sachen, liebes Kind! Unser Geheimrat würde Sie noch für recht erregt und exaltiert halten, wenn er solche Äußerung hörte.«

Aber Ilse achtet nicht auf mich.

»Ach, Handschuhe verkaufen! – An Offiziere, an Studenten, auch wohl an hübsche junge Kaufleute! Jeder Herr würde doch wünschen, daß ich ihm die Handschuhe anzöge, wenn ich Ladenmädchen wäre. Was für hübsche Sachen würde ich da über meine Schönheit zu hören bekommen!

Und täglich, stündlich Männerhände umfassen! Die Kraft, die Wärme der männlichen Berührung empfinden! Ach!« –

Sie seufzt.

Ein Zug von beinah unverhüllter Sinnlichkeit legt sich um die halb geöffneten Mädchenlippen. Sie schließt die Augen und träumt – träumt sicherlich von der sympathischen Berührung kraftvoller, jugendlicher Männer. –

Das ist ihre Manie.

Sie ist manisch – nur noch manisch, seit es der ärztlichen Kunst gelungen ist, sie von schwerer Tobsucht zu heilen.

Ganz gewiß ist solch eine Kranke kein angenehmer Umgang, aber hier ist sie noch eine der Erträglichsten. – Abgesehen von ihrer Manie ist sie ja ein ganz nettes und gut begabtes junges Mädchen.

Übrigens hat mir die Oberwärterin geraten, vorsichtig im Verkehr mit ihr zu sein.

Natürlich benehme ich mich möglichst zurückhaltend, dennoch läßt sich ein ziemlich regelmäßiger Verkehr kaum vermeiden, da wir Zimmernachbarinnen sind.


* * *


Ich habe es immer schrecklich – fast möchte ich sagen demütigend gefunden, daß die Menschenseele, die sich im Irrsinn ganz nackt und unverschleiert zeigt, verhältnismäßig so selten eine edle, wirklich reine Schönheit besitzt.

Die nackte Psyche ist häßlich.

Im Irrsinn fällt jede seelische Schranke, die Convenienz und Erziehung aufgerichtet haben. Die natürlichen Neigungen und Charakterzüge, ich möchte sagen: die Instinkte des Menschen treten in Erscheinung. Ach – was für eine Bestie lauert da im Grunde! Wie ist das Ebenbild Gottes im Lauf der Jahrtausende degeneriert!

Neigungen, Leidenschaften, die im tiefsten Innern sonst durch Selbstzucht und gesellschaftliche Lüge versteckt gehalten werden, brechen unverhüllt in all ihrer Häßlichkeit schamlos hervor! Namentlich der Hang zu wollüstiger Grausamkeit, Mißtrauen und Bosheit scheint im Menschenherzen viel öfter zu wohnen, als die gesellschaftliche Lüge uns auch nur ahnen läßt!

Lüge –?

Ich weiß nicht, weshalb ich die Vorstellung nicht los werde, daß alles Gute, Edle, Schöne, wie Mitleid, Frömmigkeit, Keuschheit der Menschennatur künstlich aufgezwängt ist. Es nützt mir gar nichts, gegen die Vorstellung anzukämpfen, daß eine Menschheit, die plötzlich die Kraft der Selbstbeherrschung verlöre, eine Summe der widerwärtigsten Laster darstellen würde.

Diese Vorstellung ist vielleicht das seelische Ergebnis eines Aufenthaltes unter Irren. Oder ist diese Vorstellung selbst krankhaft?

Es giebt ziemlich viele Patienten, die man erst eine geraume Zeit beobachten muß, bis man bemerkt, was für ein geistiger Defekt eigentlich bei ihnen vorliegt.

Andere wieder enthüllen während ihrer Anfälle solche Abgründe von Gemeinheit und Roheit, daß man nach einem Blick in diese Nacht zweifeln kann, ob auf Erden irgendwo wohl noch Licht ist.

Licht – Liebe! Alle Ideale der Jugend, die reinste Poesie des Menschenlebens verbindet man mit diesem Wort »Liebe.«

Und hier?

Ich bin wahrlich keine Schwärmerin, habe sehr früh, ohne Leidenschaft, nur mit einer warmen Zuneigung zum Manne geheiratet, und bin in der Ehe verhältnismäßig recht glücklich geworden. Aber ich war immer eine kalte Natur.

Die eigentliche Wonne der Liebe, das wahre Geheimnis der Leidenschaft hat sich mir niemals enthüllt.

Nun sehe ich hier ein Zerrbild davon.

Doktor Dlabka äußerte neulich, daß wenigstens bei sechzig Prozent der weiblichen Patienten die Liebe in die Krankengeschichte hineinspielt.

Er hat gewiß Recht.

Ich sehe und erkenne es täglich.

Und ich wundere mich über diese Macht, über diesen Fluch der Liebe. Sie ist das größte Geheimnis des Lebens.

Ihr Zerrbild aber ist das Quälendste, Peinigendste, was die Phantasie ersinnen kann. – Liebe? –

Ist das, was in den Nerven der süßen blonden Ilse wütet, ist diese Krankheit, diese Hysterie, diese perverse Manie nicht etwas ganz anderes? Hat dieser Dämon, dessen trauriges Zerstörungswerk ich da sehe, wirklich etwas mit dem gemein, was die Menschen Liebe nennen?

Dieses Fieber kranker Sinne. –

Und es ist doch Liebe. Eine Verirrung der Gefühle vielleicht, ein Zerrbild der Begriffe, aber dennoch Liebe – nichts weiter.

Ich selbst habe mich trotz aller Hochachtung, trotz aller Dankbarkeit und warmen Sympathie sehr schwer an meinen Mann gewöhnt. Einem Anderen, falls mir jemals mein Georg entrissen werden sollte, könnte ich mich gewiß niemals ganz geben. Dennoch ist das, was ich für meinen Mann empfinde, nicht Liebe, nicht das, was ich persönlich wenigstens unter Liebe verstehe, unter Liebe mir denke.

Nach fast zehnjähriger Ehe bin ich mir darüber vollkommen klar.

Diese liebliche Ilse findet dagegen an jedem Manne, sei er alt, häßlich, ungebildet, lasterhaft sogar, unter allen Umständen irgend einen Reiz.

Bei jedem einzelnen Manne, der in ihren Gesichtskreis tritt, erwägt sie die Möglichkeit ihn zu lieben und – indem sie sich mit dem Gedanken beschäftigt, liebt sie – begehrt sie den Mann, vielleicht den Mann an sich, den Mann ganz im Allgemeinen.

Ich frage mich, ob nicht vielleicht zahllose unbegehrte, uninteressante, ganz untergeordnete Mädchen von derselben Gier verzehrt werden. Solche Mädchen, auf die niemals ein Mensch achtet.

Sie haben in ihrem Leben nur einen Tag, an dem sie der Welt interessant sind. Das ist der Tag ihrer Verlobung.

Im ersten Moment stutzt jeder, der davon benachrichtigt wird. »Ach, dieses Mädchen! Nein was kann denn nur ein Mensch an der finden!«

Aber schließlich: Der Verlobte ist auch nicht gerade ein Ideal, er kann zufrieden sein, solch ein Mädchen zu bekommen!

Man findet doch einige ganz nette Seiten ihres Wesens heraus, man giebt zu, daß sie nicht geradezu häßlich ist, und – wenn die Partie, die sie macht, einigermaßen annehmbar ist, wird sie sogar beneidet.

Von anderen armen, farblosen Schattenexistenzen um das Glück der Liebe, nein um die Thatsache der Verlobung beneidet!

Man setzt Liebe, Liebe, – immer Liebe voraus da, wo das Mädchen mit Zittern und Zagen heimlich warb, geschickt entgegenkam, bangend hoffte, – wieder fürchtete bis zu der Stunde erlösender, beseligender Gewißheit.

Erwählt – verlobt, vom Glück des Lebens doch nicht ganz übergangen! Ach! Diese Befreiung, dieses Aufatmen, diese Wonne!

Fast unwillkürlich empfindet in der Stunde des Glückes das Menschenherz das Bedürfnis zu lieben. Deshalb liebt der größte Teil dieser Jungfrauen in dem tollen Taumel der Wonne des Erlöstseins.

Eine glückliche Braut!

Das ist Sprachgebrauch. Die Bedeutung dieses Ausdruckes liegt sehr tief.

Aber diejenigen, die trotz alles sehnsuchtsvollen Harrens, trotz aller Bereitwilligkeit zu lieben, doch nicht erwählt werden?

Vielleicht waren sie zu ungeschickt, vielleicht lagen auch ihre äußeren Lebensverhältnisse ungewöhnlich ungünstig.

Das ist ein so alltägliches Vorkommnis. – So tief tragisch bei den jetzigen Rechtsverhältnissen des Frauenlebens.

Die Liebe fragt nicht nach den Rechtsverhältnissen, kaum nach der Versorgung. Ich glaube, in dem erlösenden Taumel des Verlobtseins lieben diese Armen wirklich.

Wenn aber diese Erlösung ausbleibt, wenn das unschöne, unbegehrte Mädchen sich nicht bemühte, das Ziel zu erreichen – wenn sie vielleicht stolz wie eine Schönheit im stillen geglaubt hat, das Glück müsse zu ihr kommen, der Mann müsse werben –

Und der Mann wirbt dann nicht?

Ob da nicht vielleicht Viele, Viele heimlich von derselben Manie, von derselben Gier nach Glück beseelt sein mögen, wie Ilse von Trautenau?

Das träumen, was dieser Kranke ausspricht? Ihre keusche Abwehr eines kecken Wortes, einer taktlosen Zudringlichkeit ist vielleicht nichts weiter wie Lüge, wie Verstellung bei Geschöpfen, die nichts ersehnen als das, was sie mit geheuchelter Entrüstung zurückweisen müssen.

Ilses Krankheit ist vielleicht nur die Unfähigkeit zu heucheln. Sie mit ihrer glühenden, wilden Begehrlichkeit hat sich aufgerieben im Kampfe gegen die Wahrheit.

Ihrer Seele fehlt die Kraft sich zu verschleiern, sie zeigt sich nackt – und die nackte Psyche häßlich. –

Das ist das Ergebnis meiner Seelenstudien hier im Irrenhause.


* * *


Ilses Eltern konnten garnichts anderes thun, als die Tochter, deren Manie die Familie kompromittieren mußte, ins Irrenhaus bringen.

Heute ist sie zur Strafe von unserer ruhigen Damenstation, wo der Irrsinn äußerlich oft kaum zu bemerken ist, nach der unruhigen Station gebracht worden.

Sie hat es möglich gemacht, einen jungen Mann, der als Schlachtergeselle Fleisch in der Anstaltsküche ablieferte, in die Gartenabteilung des Frauenhauses zu locken.

Der junge Mensch, offenbar noch recht unerfahren, mochte wohl auch seine Eitelkeit durch das Entgegenkommen einer Dame geschmeichelt fühlen.

Da nun Ilse zudem sehr hübsch ist, so hat er ihr den Gefallen gethan, sie tüchtig abzuküssen, wobei er natürlich von einer Wärterin abgefaßt wurde. Die Aufsicht läßt hier nämlich durchaus nichts zu wünschen übrig und möchte für ein Zuchthaus auch ausreichend sein.

Fräulein Ilse befindet sich nun in einem Saale, in dem vierzehn irrsinnige Frauen, zum Teil bettlägerig, interniert sind.

Die Kranken dieser Station sind auf einen einzigen Raum angewiesen. Sie werden dort von mehreren Wärterinnen bewacht.

Es bietet sich ihnen keinerlei Abwechslung, keine Zerstreuung, – keine Arbeit. –

Neben jedem Bett steht ein Stuhl. Zwischen den beiden Bettreihen ein Tisch, an welchem die Wärterinnen und diejenigen Kranken, die aufstehen können, ihre Mahlzeiten einnehmen.

Irgend welche bestimmte Beschäftigungen werden in diesem Raume nicht vorgenommen. Die Kranken, denen man die Fähigkeit etwas zu nähen oder zu stricken zutraut, werden zu gewissen Stunden durch Wärterinnen nach einer besonders eingerichteten Arbeitsstube gebracht.

Die vier großen Fenster dieses Saales liegen dem Speisezimmer meiner Station gerade gegenüber. Ich sehe Ilse an dem schwarzgestrichenen Tische sitzen. Sie hat ihr schweres Haar gelöst und beugt den Kopf über ein Buch, das ihr wohl eine Wärterin zugesteckt haben mag.

Ein paar ganz stumpfe, blödsinnige Weiber drängen sich um sie und befühlen mit kindischer Neugier ihr Kleid, ihr wallendes Blondhaar.

Dieses Betasten ist genau so wie das Beriechen und Beschnuppern eines Tieres, das in einen Käfig zu anderen Tieren, die schon vorher darin waren, gesperrt ward.

Ilse hebt die blauen, verweinten Augen zu mir empor und nickt mir traurig zu.

– Wie lange wird ihre Strafhaft dauern?

Wann werden sich die Ärzte erbarmen und das junge Mädchen wieder unter andere Kranke bringen, mit denen sie sich wenigstens unterhalten kann?

Auf unserer Station wird doch etwas musiziert, es wird geplaudert, gelesen, im Garten werden sogar Bewegungsspiele, wie Tennis und Crokett, unternommen. Wenn man ausgehen dürfte und nicht auch sonst viele Beschränkungen der persönlichen Freiheit erlitte, könnte man an das Leben in einer Sommerfrische erinnert werden. Der absolute Herrenmangel schließt ja diesen Vergleich am wenigsten aus.

Die unruhige Station dagegen ist ein Aufenthalt ganz anderer Art. –

Von den Menschen, die dort interniert sind, ergehen sich Manche in wirren Reden und Schmähungen.

Dieses Schimpfen und Schreien ist bei Einzelnen Manie und hört gar nicht auf.

Sobald das Toben der Kranken in Thätlichkeiten übergeht, kommen sie auf die Tob-Station in die sogenannte Isolierbaracke, die – eigentlich zum Wohle der Unglücklichen – eine Art Zellengefängnis darstellt.

Die dauernd hier Untergebrachten empfinden wohl kaum, was sie entbehren. Aber ich frage mich, ob diese Räume eigentlich mit Recht als Arrestlokal für bestrafte Kranke anderer Art benutzt werden.

Diese Praxis findet sich jedoch in allen Irrenhäusern. Wer mal drin ist, wird mit anderem Maße gemessen, wie alle anderen Leute.

Ich finde sogar, der Aufenthalt auf der unruhigen Station selbst ist noch abwechslungsreich und beinahe freundlich gegen den in einem der zu derselben Station gehörigen Isolierzimmer. Dort sind nämlich die Kranken ganz allein. Sie sehen nur das Wartepersonal. Dieses besteht aus ganz ungebildeten Personen, die auch nichts von der Krankenpflege wissen.

Ich denke mir, für einen geistig etwas regsamen, vornehm gebildeten Menschen müßte solche Ausschließlichkeit und Abgeschlossenheit – hier würde ich am liebsten sagen: »Haft« zur Verzweiflung führen.

Die Schwerkranken, die diese Zellen bewohnen, sind kaum jemals im stande sich zu beschäftigen. Stumpf und starr liegen sie da und – – – leben!

Ja, man muß das wohl besonders betonen, damit es Einem klar bleibt, daß auch diese, nur noch körperliche Existenz noch »leben« heißt.

Wer ist tot, wenn diese leben?

Diese Frage drängt sich mir wieder auf. Man wird hier nicht damit fertig. Ich selbst bin durch ein körperliches Leiden nervenkrank geworden.

Mehrere Chloroformnarkosen, der Gebrauch verschiedener Schlafmittel haben meine Nerven zerrüttet.

Indessen ahnte von meinen Angehörigen wohl niemand, daß diese offizielle »Nervenheilanstalt«, der man mich übergab, ein ganz gewöhnliches Irrenhaus ist. –

Jetzt ist es aber unmöglich heraus zu kommen, denn Briefe, die Schilderungen dieses Milieus, oder Bitten um Abholung enthalten, werden nicht abgeschickt. – Irrenhaus! Ach, ob eine Schilderung dieses Internates salonfähig sein mag? Ob man zu Hause anständiger Weise davon erzählen kann?

Wie in einer Vision sah ich mich heute drüben interniert, aber nicht mit Ilse im Saal, sondern allein in einer der angrenzenden Sargkammern.

Dort ist in dieser Nacht eine alte Dame gestorben, die früher meine Zimmernachbarin war. Sie hatte so viele Schmerzen, daß sie uns hier auf der angenehmen Station, in der »Nervenvilla«, störte.

Es war sehr gut, daß man sie dort drüben unterbrachte. Ich selbst aber muß wohl schon ein

bißchen von der allgemeinen, in der Luft liegenden Verrücktheit angesteckt sein. Wie könnte ich mich sonst mit solchen Vorstellungen quälen!

Ich da drüben! Das ist denn doch der reine Unsinn!


* * *


Ilse ist heute, nach achttägiger Strafhaft unter den »Unruhigen« zu uns »Nervösen« zurückgekehrt.

Sie ist sehr bedrückt, in ihrem Wesen ganz verändert.

Sie sagte mir, daß sie ihre »Strafe« als eine seelische Mißhandlung empfunden hätte. Sie fühlt sich rechtlos – –

Ja du lieber Gott, wer soll ihr hier Recht verschaffen und gegen wen? Ihr Vergehen degradiert sie so, daß diese Strafe möglich wurde.

Ganz unbegreiflich ist es mir, daß sie sich nicht schämt, sondern in einer Weise über ihre Verirrung spricht, die man frivol nennen müßte, wenn sie eben nicht verrückt wäre.

Jedenfalls habe ich in unvorsichtiger Weise die Warnung der Oberwärterin mißachtet. Anstatt mich, wie jeder andere Mensch im Hause so sehr, wie es eben denkbar ist bei dem engen Zusammenleben auf der Station, zurückzuhalten, habe ich Ilse von Trautenau in lebhafter Weise bedauert.

Die Empörung, die ich über die Art ihrer Bestrafung empfinde, faßt sie so auf, als sympathisierte ich mit ihr selbst, womöglich mit ihrem albernen Liebesabenteuer mit dem Schlachterburschen.


* * *


Das kann ja recht nett werden! Ilse hat zu Doktor Dlabka gesagt, ich fände gar nichts dabei.

Da eine derartige Begriffsverwirrung durch meine Krankheit nicht erklärt werden kann und nicht dadurch bedingt wird, so sehe ich mich ganz einfach einer grundlosen Verdächtigung meiner moralischen Grundsätze gegenüber.

Wenn ich mir vorstelle, mein Mann mit seinen beinah pedantisch strengen Ansichten erführe eine solche, angeblich von mir gemachte Äußerung, so wäre er am Ende im stande, mich für thatsächlich irrsinnig zu halten und – –

Taucht doch dieses Gespenst richtig wieder in meinen Gedanken auf!

Ich da drüben! Mir ist, als könnte man mir diese lächerliche Angst von der Stirn, aus den Augen ablesen. Ich muß mich mehr an die anderen Kranken meiner Station anschließen. Eigentlich kein angenehmer Umgang! Wahrhaftig, ich möchte am liebsten mal wieder mit ein paar Herren plaudern, nachdem ich seit sechs Wochen ausschließlich weiblichen Umgang gehabt habe.

Aber nur vorsichtig – so etwas nicht merken lassen! Ich fühle ganz deutlich, daß meine Sympathie für diese Ilse falsch aufgefaßt wird. Ich habe mir dadurch geschadet.

Man sollte das kaum glauben.

In meinem Hause, in meiner persönlichen Lebensphäre würde kein Mensch wagen, auch nur mit einem Gedanken an meiner Sittenstrenge zu zweifeln.

Hier dagegen muß ich mich krampfhaft bemühen, meinen moralischen Ruf gegen ein geradezu unwürdiges Mißverständnis zu schützen.

Ich fühle aus dem Benehmen der Ärzte, so wie der Frau Piniowsky, daß man anfängt, mich für eine etwas leichtsinnige Dame zu halten, die für eine vom gesellschaftlichen und sittlichen Standpunkt gar nicht zu begreifende Verirrung ein frivoles verzeihendes Achselzucken hat.

Wenn ich mich aber gegen diese irrige Annahme auflehnte, würde man mich für aufgeregt, für nervös, überreizt halten, und an eine Entlassung als geheilt – das einzige Ziel, das ich unverrückt im Auge halte, wäre in absehbarer Zeit gar nicht zu denken.

Was für ein Unstern mußte mich nur hierher verschlagen!

Und dabei geht es mir noch ganz besonders gut in der Gefangenschaft der Villa.

Ich habe jetzt kaum noch den Mut, meinen Blick auf den vier Fenstern des gegenüberliegenden Krankensaales ruhen zu lassen. Mehrere unserer Damen empfinden sogar ein Grauen davor. Von meinem Zimmer aus habe ich aber ein noch viel traurigeres Bild vor Augen.

Ich sehe da grade hinein in den Hofraum, der den Tobsüchtigen reserviert ist. Hinter diesem Hof ragt ein schlanker, kleiner Kapellenturm, den ein Kreuz ziert.

Die Totenhalle und dahinter der Seciersaal.

Ich sehe zwar den letzteren nicht, aber ich weiß, wo erliegt.

Ausmalen darf ich mir die Bilder nicht, die diese Räume bieten müssen.

Drängen solche Vorstellungen in mein Seelenleben ein, so wäre das am Ende noch schlimmer, wie diese fixe Idee, die nun schon anfängt quälend zu werden.

Diese mich peinigende Schrulle, mein Aufenthalt in dieser Anstalt könnte in einem der Isolierzimmer der unruhigen Station enden.

Ich glaube, ich werde hier immer nervöser.

Früher wäre solch ein Hirngespinnst höchstens wie ein Schatten vor meiner Phantasie vorübergehuscht. Jetzt setzt es sich fest.

Das kommt wohl von der eintönig stillen Gefangenschaft dieses Hauses. Seit sich bei meiner »Einlieferung« das Thor hinter mir geschlossen hat, habe ich die Anstalt noch nicht wieder von außen gesehen.

Ich muß alles aufbieten, um die Ärzte von meiner völligen Genesung zu überzeugen, wenn ich auch selbst fühle, daß ich sie täusche. Sonst sehe ich keinen Ausweg, der in die Freiheit, in das Leben zurückführen könnte.


* * *


Ilse behauptet, einmal mit ganzer Seele geliebt zu haben; von dem Manne aber, an dem sie Jahre hing, sei sie dann verlassen.

Ich weiß nicht, ob ich das glauben darf, da sie mir ihre Lebensgeschichte schon oft erzählt hat, ohne dies zu berühren.

Jedenfalls gefällt ihr selbst das neue Kapitel, denn sie läuft im Hause herum und erzählt jedem Einzelnen von dieser, fern in der Vergangenheit ruhenden verratenen Liebe.

Ilse beschäftigt sich niemals.

Wenn ich bisher geglaubt habe, sie lese, so merke ich jetzt, daß sie planlos im Buche blättert, nur hier und da einen Satz vor sich hinsprechend. Ich begreife gar nicht mehr, wie ich sie jemals habe hübsch finden können.

Sie hat wohl schönes, weiches Haar und ein regelmäßig geschnittenes Gesicht, aber der Ausdruck ist doch recht stumpf. Oft habe ich jetzt den Eindruck, als läge etwas Tierisches in ihrem Blick. Es ist ein naives Vorwärtsstarren, grad als richteten sich beide Augen nicht auf denselben Punkt.

Um den Mund mit den etwas zu vollen, schlaffen Lippen liegt ein Zug unersättlicher Gier, unstillbaren, ewigen Verlangens.

Vielleicht ist diese Geschichte aus ihrer Vergangenheit, die sie heute erzählt, wahr. Vielleicht ist Ilse eines jener gescheiterten unseligen Geschöpfe, die ihre Tugend gewahrt haben, um nach dieser Anstrengung in hysterischem Irrsinn zusammenzubrechen. Vielleich war sie gar nicht so deplaciert dort drüben unter den Wahnsinnigen, wie ich geglaubt habe.

Sie hat, ehe sie auf unsere Station kam, Monate lang drüben in einem der Einzelzimmer gelegen, aber so viel ich sie auch fragen mag – sie weiß mir aus dieser ganzen Zeit auch nicht von einer Stunde zu erzählen. Die Erinnerung fehlt. Ihr ganzes Erinnerungsleben scheint lückenhaft und unsicher zu sein.

Jedenfalls ist sie auch viel älter, wie ich im Anfang unserer Bekanntschaft geglaubt habe. Ich sah heute, als die Sonne ihr ins Gesicht schien, daß die Haut nicht mehr die erste Frische der Jugend besitzt. –


* * *


Ilse von Trautenau belästigt mich in unerträglicher Weise. Sobald die Wärterin, die bei uns sechs Kranke bedient, den Rücken dreht, schleicht sie in mein Zimmer sitzt da und starrt mich an. Es liegt ein Ausdruck ganz unverhohlener Sinnlichkeit in diesem Blick, der mich umklammert. Was will sie nur von mir? Ich fürchte mich zuweilen.


* * *


Um dem lästigen Anstarren der Kranken, deren Wahnsinn mir täglich klarer wird, zu entgehen, habe ich mir eine Beschäftigung eingerichtet, die mich ganz in Anspruch nimmt. Ich male Wandsprüche.

Über den Grad meiner Künstlerschaft mache ich mir durchaus keine Illusionen. Ich kann weiter nichts, als Blumen nach einer Vorlage kopieren. Für die Buchstaben benutze ich Schablonen.

Frau Piniowsky hat mir die Mal-Utensilien besorgt.

Dabei bemerkte sie mir, es sei eine große Vergünstigung, daß mir erlaubt würde, in den Räumen einer Staatsanstalt eine derartige Privat-Liebhaberei auszuüben.

Ich ergriff die Gelegenheit ihr zu sagen, daß ich keinen anderen Wunsch hege, als den, meine Thätigkeit möglichst bald außerhalb dieser Staats-Anstalt zu verlegen.

Sie zuckte die Achseln: »Das sagen Alle.«

»Aber ich kann doch den Schutz der Anstalt beanspruchen. Diese Ilse ist mir im höchsten Grade unangenehm, ja unheimlich. Ich verlange, von ihr getrennt zu werden.« –

»Sie haben sich das selbst zuzuschreiben, Frau Grote. Ich habe Sie gewarnt, sich keinen Zudringlichkeiten auszusetzen. Sie haben statt dessen die Kranke bedauert und gegen die Anstalt aufgehetzt. Sie hatte ihre Strafe verdient, und die Strafe war ganz richtig gewählt und bemessen. Sie aber, Frau Grote, haben sich damals eine Kritik unseres Verhaltens erlaubt, die natürlich dem Fräulein von Trautenau sehr angenehm war. Jetzt ist gar nichts zu machen. Ilse verhält sich ruhig und darf daher nicht isoliert werden.«

»Wird sie denn nicht bald entlassen?«

»Das glaube ich nicht. So viel ich weiß, ist sie unheilbar.«

»Also vielleicht auf Lebenszeit interniert?«

»Möglich.« –

In völlig gleichgültigem Ton gab mir die Oberwärterin diese Auskunft. Wäre ich selbst auf Lebenszeit interniert, so würde ihr das gewiß ebenso gleichgültig sein. Bei solchen Betrachtungen sollen sich nun meine Nerven erholen!

Im Hochsommer als Gefangene auf ein sonniges, ummauertes Stückchen Land und auf ein Zimmer angewiesen, das ich unfreiwillig mit einer, mir äußerst widerwärtigen Irren teilen muß! – Wie in aller Welt kann ich nur hierher!


* * *


»Herr, ich habe lieb die Stätte Deines Hauses und den Ort, da Deine Ehre wohnet.«

Diese Stelle aus dem 26. Psalm habe ich mit Hülfe meiner Buchstabenschablonen auf ein Stück graue Pappe gebracht und bemühe mich nun, ein Arrangement von blauen Clematis herum zu malen.

Hat denn niemand im ganzen Hause Sinn für Ironie?

Ich bin ganz zufällig an diese von Frau Piniowsky ausgewählte Vorlage geraten, aber mir ist's, als grinsten die bleichen Leidensköpfe der Irren mir zwischen den steifen Buchstaben entgegen. – Unter einer Stätte, die ich lieb haben soll, kann ich mir nur einen freundlichen Ort denken. Vielleicht ist dieser Standpunkt nicht christlich. Gott sollen wir uns ja als einen Freund der Leidenden denken, der die Stätte des Jammers und Elends durch den Segen seiner Nähe erleuchtet, aber ich kann es mir doch nicht geben, diese Stätte zu lieben.

Fort – nur fort und nichts mehr hören, von Stationssälen, Einzelzellen, Einzelzimmern, Extra­Wärterinnen oder Stationswärterinnen, nichts mehr sehen von Irrsinn, Jammer und zerbrochenem Leben!

Wenn ich mich jemals erholen soll, brauche ich für meine Reconvalescenz andere Eindrücke wie die, welche mich hier umgeben.

Ein Tollhaus! Gräßliche, blutige Satire des Daseins! Nein, nein ich bin nicht verzweifelt, nicht erregt, nur ein bißchen gereizt, etwas ungeduldig über diese fortwährende Belästigung durch Ilse.

Ich habe in meinem Zimmer keine Ruhe vor ihr.

Wenn ich male, sitzt sie da und sieht zu bei jedem Pinselstrich, wie ein Kind, das mit seinen Blicken der Beschäftigung eines Erwachsenen folgt – mit den ausdruckslosen, kalten Blicken der Schwachsinnigen. –


* * *


Heute habe ich Dr. Dlabka gefragt, ob sie eigentlich blödsinnig ist.

»Manisch« gab er mir zaudernd und widerwillig zur Antwort. »Wahrscheinlich macht sie eine Krise durch. Sie kann in Tobsucht und ewige Nach zurückkehren, sie kann in Stumpfsinn erlöschen, sie kann – aber das ist am wenigsten wahrscheinlich – sie kann genesen!« Was geht mich diese Person an! Ich fühle mich selbst leidend genug, um Rücksichtnahme beanspruchen zu können. Warum finden meine Wünsche hier kein Gehör?

Eine Dame, die bei Tisch neben mir sitzt, hat mich heute dringend gewarnt, nicht zu nörgeln oder zu räsonnieren, da das sehr unangenehme Folgen für die Art meiner Behandlung nach sich ziehen könne. – Mit ist's, als rückte das Bild der unruhigen Station, »Wachstation«, wie man hier der strengen Bewachung halber sagt, mir näher.


* * *


Sobald die Wärterin, die auf unserer Station sechs Kranke zu bedienen hat, den Rücken dreht, schleicht sich Ilse zu mir herein. Sie löst, sobald sie bei mir angelangt ist, ihr langes schweres Haar, kauert sich fröstelnd, trotz der Julihitze, in eine Sophaecke und starrt mich an. Ihre Hände zerren und zausen dabei in den Haaren herum. Sie reißt die einzelnen Haare ab, so daß die Strähnen schon anfangen, wirr und ungleichmäßig auszusehn. Alle Kranken auf der Tobstation laufen mit gelösten Haaren umher und zerren daran herum, selbst die ältesten Weiber haben diese Manie.

Natürlich ist diese Tracht streng verboten. Die Wärterinnen haben aber oft förmliche Kämpfe zu bestehen und müssen Gewalt anwenden, wenn sie kommen, um diese wilden Frauenhaare zu ordnen.

So aus dem Mantel ihrer langen Haare heraus, die fast ihr Gesicht verdecken, starrt sie mich an. Es liegt Gier, irgend ein sinnlich mächtiges Verlangen in diesem Blick der Kranken. Was will sie nur von mir? Ich fürchte mich immer öfter. .


* * *


Ich bin wieder kränker, wie in den ersten beiden Monaten meines hiesigen Aufenthaltes. Das körperliche Leiden, dessen Folgen mich hierhergebracht haben, tritt heftig und beängstigend auf. Ich brauche viel Hülfe und Pflege; deshalb habe ich jetzt eine Extra-Wärterin, deren sonst so lästige Anwesenheit mir eine namenlose Erleichterung gewährt, da ein für alle Mal das Alleinsein mit Ilse dadurch aufgehört hat. .


* * *


Es ist furchtbar heiß. Trotzdem ein Gewitter in der Nacht war, brennt die Sonne mit intensiver Kraft. Ein Aufenthalt in dem völlig schattenlosen, neu angelegten Garten der noch nicht lange erbauten Anstalt ist unmöglich. Jeder Insasse ist auf seine Stationsräume angewiesen.

Die Kranken sind teilweise sehr unruhig. Geheul und Geschrei dringt aus allen Fenstern des weiten Baues. Heute ist's mal wieder ein echter Narrenzwinger.

Aus der Isolierbaracke höre ich Lachen, Schreien, Schimpfen und dazwischen ein langgezogenes Geheul, wie von einem Hunde. Es ist ein siebenzehnjähriges Mädchen, das diese Töne hervorbringt. Was für eine Fülle von Poesie und Liebreiz liegt doch sonst in diesem Worte: »Ein Mädchen von siebzehn Jahren.« Hier wird alles zur Fratze.

In blaue, unsagbar häßliche Kittel gekleidet, mit aschfahlen Gesichtern und wirren Haaren rasen die irrsinnigen Weiber in ihrem Saale herum. –

Zwei haben eine alte Decke im Arm und tanzen damit umher, als wäre sie ein Mensch.

Plötzlich fangen sie an, sich um diese Decke zu zanken. Sie reißen sich gegenseitig nieder. Zwei Wärterinnen stürzen herbei und trennen sie, damit sie sich nicht erwürgen.

Ilse steht an meinem Fenster und lacht über diesen Anblick.

Ich bitte sie, mich allein zu lassen, weil dieses herzlose, alberne Lachen mich bei meiner Lektüre stört.

Sie kniet darauf neben meinem Sessel nieder, ergreift meine herabhängende linke Hand und preßt ihre Lippen darauf.

Diese weichen, wollüstigen Lippen saugen sich förmlich fest auf der zarten, empfindlichen Haut meines Handgelenkes.

Sie bleibt eigensinnig in dieser, für sie äußerst unbequemen Stellung.

Ich habe vielleicht hundert Seiten gelesen, seit sie so daliegt mit den Lippen auf meiner Hand. Nach und nach empfinde ich die Stelle, wie eine Wunde.

Doktor Dlabka tritt ein, um mir eine Visite zu machen.

Er bleibt im Rahmen der Thür stehen und richtet einen forschenden, strengen Blick auf die Gruppe, die wir bieten.

Mir ist wohl die Situation peinlich, aber ich mag mich nicht bemühen, um diesem mir unsympathischen Arzte das Unangenehme begreiflich zu machen.

Ich möchte ihm nicht danken.

Ilse fühlt schließlich den Blick, der auf ihr ruht.

Sie richtet sich auf, sieht blinzelnd feindselig zu dem Manne hinüber und geht.

»Gnädige Frau, wie ist es möglich, daß Sie die irre, perverse Liebe dieses Mädchens dulden! Nur weil ihrer Manie kein anderer Gegenstand erreichbar ist, wendet sie sich mit ihrer Anbetung an eine Frau. Empfinden Sie denn das nicht?«

So klar, wie es da der Arzt aussprach, war mir der Charakter dieser Zudringlichkeiten bis jetzt noch nicht gewesen.

Es empört mich aber, daß derselbe Mann, der mich sonst als Geisteskranke behandelte, von mir verlangte, ich sollte wir in dieser peinlichen Sache selbst zu helfen wissen.

Doktor Dlabka kontrollierte meine Korrespondenz, er verwaltete das Geld, das man mir einfach abgenommen hatte, so daß ich nicht den geringsten Einkauf ohne Genehmigung der Ärzte machen konnte, er hielt mich gefangen in den trostlosen Räumen der Anstalt unter Irren, bewacht und beaufsichtigt von Wärterinnen, die nicht einmal von der für meinen Zustand nötigen Krankenpflege eine Ahnung hatten, und er – verlangte, daß ich klar und objektiv den Zustand einer Geisteskranken erkennen und diesem Zustande entsprechend mein Verhalten einrichten sollte!

»Sie wissen, daß das Mitleid diese lästige Anhänglichkeit eingebracht hat. Ich habe mich oft genug beschwert, daß ich diese Irre, die ich anfangs falsch beurteilt habe, absolut nicht los werden kann.«

»Nun, ich sehe – was Sie thun, um sie los zu werden! – Solche Zärtlichkeiten, wie dieser Handkuß war, weiß man abzuwehren.«

»Warum schützt mich die Anstalt nicht vor solchen Zudringlichkeiten? Neulich ist mir das Mädchen bis in den Baderaum nachgelaufen. Dort brach sie in enthusiastische Bewunderung meines Körpers aus. Sie wollte mich durchaus küssen. Schließlich mußte die Wärterin Gewalt anwenden, um mich von ihr zu befreien.«

Gegen meinen Willen hatte ich mich hinreißen lassen, dem Arzte diese Erklärungen in heftigem, gereizten Tone entgegenzuschleudern. Bei der Erinnerung an den Vorgang schüttelte mich der Ekel.

Ein spöttisches Lächeln spielte um die schmalen geistvollen Lippen des Doktors. Das erregt mich noch mehr.

»Warum gewähren Sie mir nicht die Möglichkeit mich einzuschließen, um mich solchen krankhaften Belästigungen entziehen zu können? Warum gewähren Sie mir nicht einen Riegel an meiner Zimmerthür? Warum verfüge ich nicht wenigstens über eine Klingel, die es mir ermöglicht, eine Wärterin zu meiner Hülfe herbeikommen zu lassen?«

»Nun, Sie haben ja jetzt eine Extra-Wärterin.«

»Ja, aber deren fortwährende Anwesenheit ist höchst lästig für mich. Es würde völlig ausreichen und für mich viel angenehmer sein, wenn die Person sich in einem anderen Raume aufhielte und nur bei mir wäre, wenn ich ihrer wirklich bedarf.« –

Er machte eine ungeduldige Bewegung.

»Sie wissen sehr gut, daß Thürriegel, Klingeln und freies Kommando der Kranken über das Personal unserer Hausordnung entgegen läuft. Warum kritisieren Sie fortwährend? Weshalb lehnen Sie sich dagegen auf?«

»Begreifen Sie denn nicht, Herr Doktor, daß diese Irrenhausordnung einen geistig nicht erkrankten Menschen zur Verzweiflung bringen kann?«

»Über Ihren geistigen Zustand kann ich nicht mit Ihnen verhandeln, gnädige Frau. Jedenfalls war Ihr Verhalten dem Fräulein v. Trautenau gegenüber nicht normal.«

»Herr Doktor – Sie beleidigen mich, ich werde Ihren Chef, den Herrn Professor, um Schutz bitten« –

»Gegen mich, oder gegen Fräulein Ilse?«

Wie hämisch diese Frage klang! Der Mann weiß ganz genau, daß ich ihm gegenüber wehrlos bin.

Aber er betrachtet mich auch garnicht als eine Gegnerin, der er Achtung schuldet. Er behandelt mich wie eine Gefangene, nein schlimmer, wie eine Irre, die er gar nicht beleidigen kann, die von ihm völlig abhängig ist.

Diese Aufregung schadet mir – ich werde immer nervöser.

Ob wohl schon mal jemand, der krank herkam, hier gesund geworden sein mag?«


* * *


Es ist heute fast noch heißer wie gestern. Die Schwüle ist geradezu erdrückend.

Ich habe nach meinem Streit mit dem Stationsarzt eine schlaflose Nacht gehabt. Infolgedessen bin ich heute im Bett geblieben.

Es ist ja auch so gleichgültig, ob man den Tag mit zwecklosem Umhersitzen im Garten, auf der Veranda, in den Sälen zubringt, oder ob man liegen bleibt! Der Tag hat keinen Inhalt, er soll nur vorübergehen und er geht vorüber so – oder so.

Ich liege ohne Beschäftigung, den Kopf weit zurückgelehnt, das Nachthemd wegen der großen Hitze über der Brust etwas offen.

Wie immer, wenn ich allein bin, tritt Ilse ein.

»Gehen Sie, Ilse, ich fühle mich krank!« – Sie lächelt und tritt näher. Lange steht sie neben mir, betrachtet mich von oben bis unten. Dann fangen ihre Hände an, auf mir herumzutasten.

«Sie sind schön, Luise – berückend schön.« –

»Mein Gott, ich weiß! Es ist übrigens in der Praxis kein so unerhörtes Vergnügen, schön zu sein. Sie haben gar nicht nötig, mich zu beneiden.«

»Ich beneide Sie auch gar nicht.« – Ihre Hände streichen verlangend um meinen Hals, tasten weiter über Brust, Arme und Schultern. Sie sind heiß und zitternd wie die Hände eines Mannes, der noch nicht weiß, was er wagen darf. Diese Berührung ist mir fürchterlich. Ich fühle mich wie unter dem Banne ihres Wahnsinns.

»Gehn Sie Ilse!«

»Ja. – Ich werde nach der Abwaschküche gehen und mir ein Messer holen. Es giebt da Messer. Ihr Hals liegt jetzt so schön frei, wie selten, selten. – Wozu brauchen Sie so schön zu sein, daß es die Leute verrückt macht! Ich werde ihren weißen Hals durchschneiden. Ja Luise, einmal muß man ja doch sterben. Wozu wollen Sie denn alt und häßlich werden! – Lassen Sie mich Ihren Hals abschneiden – ja – ja – bitte – bitte – –«

Sie umklammert mich in wildem Verlangen, und ihre Augen flackern in Mordlust und Blutdurst vor den meinen. Plötzlich reißt sie sich in die Höhe und rennt hinaus, ehe ich mir überlegt habe, was ich ihr eigentlich antworten soll.

Scheußlich, daß man nun keine Klingel hat!

Man muß wahrhaftig aufstehen und sich anziehen, damit man sich Schutz und Hülfe gegen solche Anfälle der Mitpatienten verschafft! Übrigens ist es sehr unwahrscheinlich, daß man die aufgeregte Kranke mit einem Messer aus der Abwaschküche herausläßt. Höchstens, wenn sie es sich ganz heimlich aneignet, haben vielleicht die Spülmägde, die ja keine Wärterinnen sind, kein Arg daraus.

Wenn ihr das gelingt, ist es für mich furchtbar gefährlich, liegen zu bleiben. Also aufstehen!

Aber es ist so heiß und, das Irrenhausleben ist so zwecklos! Aufstehen – – Ich zögere.

Ilse kommt zurück, hoch über dem Kopf schwingt sie ein Messer, ihre Haare fliegen. Hinter ihr her stürzt meine Wärterin.

Ich schnelle empor, halte ihr ein Kissen entgegen, die Messerklinge wühlt sich in das Kissen ein und von hinten überwältigt die Wärterin die Irre.

»So, nun kommen Sie aber ins Isolierhaus, Sie Kröte,« keucht die Pflegerin, die aus mehreren Kratzwunden blutet.

Ilse giebt den Widerstand auf, wirfst sich auf die Kniee und fleht, sie von mir nicht zu trennen. Sie wolle mit mir leben, oder mit mir sterben.

»Werden Sie Herrn Doktor was sagen« forscht die Wärtern zweifelnd.

Wozu soll ich der armen, ungebildeten Person Scherereien machen! Vielleicht wird sie entlassen, weil auf die Station ein Messer gelangen konnte. Die Anstalt garantiert doch die Sicherheit der Einzelnen. Sie hält Leute genug zur Überwachung der Kranken.

»Wie konnten Sie mich wieder mit ihr allein lassen, Martha, Sie wissen, daß es nicht sein soll?«

»Ach, verzeihen Sie, gnädige Frau. Es soll nicht wieder vorkommen.«

Wir werden also über den Vorfall schweigen, Martha und ich. Nach wie vor wird Ilse ihre irre, versteckte Mordlust, ihre hysterische Sinnlichkeit an mir erregen – was liegt schließlich daran!

Wenn man bis hinter diese Mauern gekommen ist, bis an diese Grenze des Lebens, dann verschieben sich die Begriffe aller ethischen Werte.

Gefahr – Tod – Ach, es ist heiß und ich habe noch ein paar Stunden vor mir, in denen ich ruhen kann.


* * *


Die Wärterinnen passen furchtbar auf, daß Ilse mich nicht in ungehöriger Weise belästigen kann. Es genügt ihr, meine Kleider, meine Bücher, meine Kissen zu liebkosen und zu streicheln. Wenn man sie daran hindert, kauert sie sich in irgend eine Ecke zusammen und begnügt sich damit, mich anzustarren. Angenehm ist das grade nicht. Ich habe heute einen der jüngeren Ärzte, nicht Doktor Dlabka, gefragt, weshalb sie eigentlich nicht der, für unruhige Kranke ganz allgemein eingeführten Bettbehandlung unterworfen wird.

»Das würde ihr schaden,« erklärte mir der Arzt mit liebenswürdiger Freundlichkeit. »Ihre hysterische Trägheit darf in keiner Weise gefördert werden. Wir behandeln sie im Gegenteil mit kaltem Wasser und Heil-Gymnastik. Was denken Sie wohl, gnädige Frau? im Bett bliebe sie nur zu gern.« –

»So verordnen Sie das also wohl nur Leuten, die lieber umherlaufen möchten?« fragte ich lachend. Er zuckte die Achseln: »Aber das ist ganz individuell, entscheidet sich von Fall zu Fall u. f. w.« Das weiß ich alles.

Aber ich weiß nun auch, daß ich nicht mehr viel Aussicht habe, meinen Quälgeist loszuwerden.


* * *


Nun ist also doch geschehen, was ich lange habe kommen sehen.

Ilse hat meine Martha überlistet und ist bei mir eingedrungen, als ich einen Moment allein war.

Es war Abend; ich hatte mich entkleidet, um mich niederzulegen. Die Wärterin war nach der Hausapotheke hinübergegangen, um mein für diesen Abend von Doktor Dlabka bewilligtes Schlafpulver zu holen.

Ganz außer sich stürzte Ilse herein und, ohne jede Scheu, ohne jede Rücksicht zu nehmen, warf sie sich förmlich über mich und bedeckte mich mit Küssen.

»Gehen Sie oder ich werde Sie ohrfeigen,« stieß ich atemlos hervor.

»Ja bitte, ohrfeigen Sie mich,« lächelte sie und beugte sich ganz demütig nieder.

»Ach was, scheren Sie sich zum Kuckuck!«

»Nein, nein, bitte schlagen Sie mich!«

Ich riß mich los und wickelte mich in ein Tuch.

Sie fing an daran zu zerren: »Luise, warum soll ich Ihre schönen Glieder nicht sehen?«

»Weil sich das nicht schickt. Es ist eine Gemeinheit von Ihnen, mich in dieser Weise zu belästigen. Genügt Ihnen das?«

»Wie brutal Sie sind,« jammerte sie.

»Meinetwegen. Brutale Leute läßt man ja wohl in Ruhe!«

»Luise« –

»Was wollen Sie? Wer hat Ihnen erlaubt, mich Luise zu nennen? Ich heiße Frau Direktor Grote.«

»Ach, ich möchte ja nur wissen – Haben Sie gar keine Sehnsucht, mit der Männerseite des Hauses zu verkehren«

»Nein, durchaus nicht. – Was soll ich denn auch noch mit verrückten Männer? An verrückten Weibern hab' ich schon grade genug.« –

»Mit jedem Worte stoßen Sie mich zurück, mißhandeln Sie mich.«

»Aber so lassen Sie mich doch in Ruhe«

Wütend zog ich bei diesen Worten meine Schuhe an.

»Bitte treten Sie mich mit Ihren Füßen!«

»Nein.«

»Ich zwinge Sie dazu.«

»Ganz gewiß nicht.« –

Eine Umarmung – ein Berührung – da hatte sie's! Einen Fußtritt vor die Brust, denn sie kniete vor mir.

Lautlos stürzte sie hintenüber.

In diesem Augenblicke trat die Wärterin herein. Sie hat kein Wort gesprochen, nur die gräßliche Person hinaus gebracht.

Ich habe sie niemals wiedergesehen. –



Schweigen

In der Isolierzelle neben dem großen Saale der schweren Station sitzt die Wärterin Meta und häkelt.

Ihr Stuhl ist hinter dem Kopfende des Bettes, so daß sie ihre Patientin sieht, diese aber von der Anwesenheit der Wärterin nichts bemerkt.

Es regt die Kranke auf, den Handarbeiten, die das Mädchen sich vornimmt, zuzusehen. Andererseits konnte man von der gesunden, jungen Person nicht verlangen, daß auch sie in geistiger und körperlicher Unthätigkeit hindämmern sollte.

Alle drei Tage muß hier die Pflegerin abgelöst werden, nicht weil der Dienst anstrengend ist, sondern weil die Kranke nicht spricht und es auch nicht erträgt, wenn man auf sie einredet. In solchen Fällen wird sie unruhig, weint und hat nachher jedesmal eine schlechte Nacht.

Es ist daher den Wärterinnen anbefohlen, sich nicht nur absolut schweigsam zu verhalten, sondern auch noch jedes überflüssige Geräusch zu vermeiden. Dieses Schweigen ist für die kräftigen Mädchen ganz fürchterlich, der Dienst bei Minna ist deshalb auf der ganzen Frauenseite der Irrenanstalt als besonders schwer und lästig verrufen.

Die junge Frau wird natürlich durch den Stationsarzt behandelt, empfängt aber außerdem noch die Besuche eines Spezialisten. Da man ihr wegen ihrer kranken Nerven keinerlei narkotische Mittel giebt, leidet sie schwer. –

Sie ist unsagbar geduldig. Der Frauenarzt wundert sich, daß sie nie klagt. Er ist so sehr an jammernde, wimmernde Frauen gewöhnt, daß diese stille Kranke ihm beinah ein persönliches Interesse erweckt.

»Sie ist stumpfsinnig, völlig geistesschwach. Es fehlen einige Symptome der Paralyse, aber es wird dahin kommen,« versichert der Stationsarzt Doktor Dlabka dem Kollegen, der vor der psychiatrischen Klinik sein Rad besteigt, um sich nach dem Felde seiner eigenen Thätigkeit zu begeben.

»Der Gatte kann einem einfach leid thun. Solch ein Weib und so muß sie enden!«

»Hm – wissen Sie – unter uns: mit der Ehe hat es bei ihr eine eigene Bewandnis. Sie hat aus Liebe geheiratet, aber in einer märchenhaften, kaum glaublichen Unschuld. Als sie erkennen mußte, daß der Mensch doch schließlich weiter nichts ist, wie eine Mischung von Bestie und Gott, wurde sie krank.«

»Also irrsinnig aus verletztem Keuschheitsgefühl – irrsinnig aus Scham –«

»Nein. Eigentlich überhaupt nicht irrsinnig. Aber sie ist erstarrt, gewissermaßen versteinert im Entsetzen. Der Mann selbst, der sie anbetet, der sie liebt, gelangte zu der Erkenntnis, daß nur eine Trennung vielleicht diesen seltsamen Zustand ändern könne. Sie ist ihm fast unter den Händen gestorben aus Angst vor ihm.«

»Dann hat sie ihn also doch wohl von vorn herein verabscheut«

»Nein, nein! Sobald man seinen Namen nannte, weinte sie, als sie kam. Eine solche Enttäuschung konnte nur auf Liebe folgen. Es hat noch niemand ein Wort aus ihrem Munde gehört. Sie wäre verhungert, wenn wir sie nicht mit Gewalt ernährt hätten. Ich glaube, für den Zustand giebt es nur ein Wort: »Verzweiflung.«

»Jedenfalls eine höchst krankhafte Sensitivität. Übrigens muß man doch jetzt eigentlich den Mann benachrichtigen.« –

»Der Chef meint, es sei für beide Teile besser, wenn sie sich nicht wiedersehen. Erwarten Sie die Auflösung bald?«

»Es kann sehr schnell gehen. Die Krankheit greift rasch um sich. Ob sich bis zuletzt in ihrem Benehmen nichts ändern wird? – Ein paar bittere Stunden sind es doch schließlich für jeden Menschen, wenn es so weit ist.« –

»Hm – ja – Sie meinen also – –«

»Mein Gott Dlabka, Sie sind ja doch kein Angehöriger! Das Lied ist aus, wie man so sagt.«

»Ja – das Lied ist aus.« –

Ein Seufzer klang an den Beiden vorbei.

»Sonderbar – war das der Wind? «

»Nein, es klang, wie ein Seufzer.« –

Ein stilles, scheues Gefühl drängte sich auf. Die beiden Herren gaben sich zum Abschied die Hand. Beide fühlten einen eisigen Schauer durch ihre Glieder rieseln.

Beide suchten diese unbehagliche Empfindung energisch zu bekämpfen.

Der von auswärts herbeigekommene Arzt sauste auf seinem Rad in raschestem Tempo durch die Straßen. Der andere kehrte, ohne rechts oder links zu sehen, zu seinen Berufspflichten auf der Station zurück.

Der Novembersturm heult um das Haus. Seufzer? –

Nein – es war wohl kein todestrauriger Seufzer in diesem Brausen der Elemente.

Doktor Dlabka geht an Luise Grotes Thür vorüber. Halt – schwebt nicht der thränenschwere Seufzer hier in der Luft?

Seit zwei Monaten liegt Frau Grote auf dieser Station.

Doktor Dlabka will bei ihr eintreten, aber eine unerklärliche, zwingende Macht hält ihn zurück, zieht ihn weiter.

Jetzt steht er an Minnas Lager und sieht traurig auf das süße schmerzverzehrte Gesichten in den weißen Kissen herab.

Länger als ein halbes Jahr hat er sie täglich gesehen und noch nie ein Wort, noch nicht den leisesten Laut von ihren Lippen gehört.

In Schweigen gehüllt, ist sie ihm entgegen getreten. Im Schweigen ist sie ihm ein Rätsel geblieben.

Sein psychologisch so geübter Blick vermochte diese Hülle nicht zu durchdringen. Er ist sich ganz klar darüber, daß er sie gar nicht kennt. –

Sie unter all den Frauen, denen er auf dem Grund der Seele zu lesen glaubt und – liest, hat sich

ihm geistig völlig zu entziehen vermocht. Und sie beschäftigt seine Seele. Sie redet zu ihm in ihrem Schweigen. Sie quält ihn mit ihrem Geheimnis. –

Etwas Unfaßbares, ein Nichts eigentlich steht zwischen ihr und der ganzen Außenwelt: Das Schweigen – dieses Schweigen. –

Seit sie Frau ist, hat sie noch kein Wort gesprochen.

Mit Niemand gesprochen.

Die großen, blauen Kinderaugen leuchten dem eintretenden Manne ernst, beinah feierlich entgegen.

Es liegt Reinheit in diesem Blick, eine ideale Keuschheit, die vor der Ewigkeit stand hält. Hat sie ihm etwas mitzuteilen? Will sie sprechen?

Wieder rieselt es ihm durch die Nerven glühend, prickelnd – ahnungsschwer.

Und er sieht, wie zugleich der zarte Körper der jungen Frau erbebt, als glitte ein Frost darüber hin.

In der Majestät des Schweigens redet der Tod zu ihm und ihr. Kann es etwas Beredteres geben, als solches Schweigen?

Doktor Dlabka fühlt die Entscheidung. »Gehen Sie, ich bleibe bei der Kranken! Wenn man mich irgendwo im Hause braucht, soll man mich hier suchen.« –

Die Wärterin atmet auf und verschwindet.

Ihr ist es immer unheimlich in Minnas Nähe. Ihr und all den Anderen.

Sie fühlen da eine Macht, der sie nicht zu entrinnen wissen, eine Wucht, für die sie zu schwach sind. Sie wundern sich gar nicht, daß das liebliche junge Weib zu Grunde geht, zerdrückt wird von dem schweren Geheimnis.

Doktor Dlabka setzt sich zu Minna, nimmt ihre heiße, abgezehrte, kleine Hand und überläßt sich dieser starken, süßen, dunklen Stille, die immer um sie ist.

Nachtdunkel breitet das Schweigen seine Schwingen um Beide. Das Schweigen, das die meisten Menschen mehr fürchten wie das wildeste Toben des Donners, das Schweigen, vor dem sie fliehen, weil sie dieser Macht gegenüber in ihrer Schwäche zusammenbrechen.

Auch der Arzt erträgt es nicht lange.

»Was war das für ein Seufzer, der zwischen mir und meinem Kollegen schwebte, als wir von Ihnen sprachen, Minna?«

Sie lächelt zu ihm auf.

Es ist ein seltsames Lächeln. Kinderlippen, vom Schmerz leicht verzerrt, umspielt es. Kinderaugen voll Glut und Leben und Unschuld durchleuchtet es wie ein Blitz, wie ein Wort: Ich war bei euch, als Ihr von mir gesprochen habt.

Er wiederholt die Worte ihres Lächelns, die Worte, die nie gesprochen wurden: »Sie waren bei uns, Minna?«

Durch das große Schweigen ihres letzten Lebensjahres bricht ein Wort. »Das Lied ist aus.« –

Er fährt zusammen. Weist da nicht eine Geisterhand nach einer fremden Welt? Enthüllen sich ihm die Tiefen der Abgründe? Sendet das Reich des Schweigens ihm einen Boten?

Sie sandte ihm einen Seufzer. – Und er verstand noch nicht.

Es bedurfte noch jenes Wortes, das ihr Heiligtum entweihte, jenes Wort, das ihr Schweigen zerstörte. –

Die geheimnisvolle Macht ist nun von ihr gewichen. Nur ein sterbendes Menschenkind bleibt zurück. Ein in Qual vergehendes Weib.

Er legt sie in seine Arme und in seinen Armen ringt sie mit dem Tode.

Feierlich – grausig kehrt das Schweigen auf ihre Lippen zurück. Das Schweigen der Ewigkeit. –



Eine Wette

Nun mußt Du sterben!

Es giebt Fälle, die den anständigen Menschen zwingen, einen Revolver in die Hand zu nehmen – sich selbst zu richten.

Fritz Döring ist fünfundzwanzig Jahre alt, ein hübscher, flotter, eleganter Leutnant. Er weiß das Leben zu genießen. Er liebt seine kraftvolle, blühende Jugend – und er liebt die zarte, weiche Jugend seiner Braut. »Blüten des Lebens,« das war sein Los.

Blumen welken, verwehen.

Er beißt die Zähne zusammen. Seine Augen werden heiß. Ihm ist, als ob ihm die Kehle zugeschnürt würde, als würgte ihn jemand.

Aber es wird ihm diesen Dienst niemand leisten. Er muß selbst den Revolver nehmen und – – – Er stöhnt auf –

Ein Zucken, ein schmerzhafter Stich von Schläfe zu Schläfe, er hat ihn deutlich, sehr deutlich gefühlt, diesen kurzen, scharfen Schmerz, der das Hirn zerreißt – durchbohrt –

So wird es also sein, wenn die kleine, glatte, kalte Kugel hindurchjagt!

Gut treffen, nicht mit der Hand zucken! »Nur der ist ein guter Soldat, der gut schießt.« –

Unwillkürlich muß er lächeln bei dieser Erinnerung an den Feldwebel seiner Kompagnie. Der gute Mann liebt es, mit solchen positiven Behauptungen, gegen die sich so leicht nichts einwenden läßt, seine Untergebenen zu verblüffen.

Was er wohl sagen wird, wenn sie ihm heute Abend erzählen, daß der Herr Leutnant Döring tot ist

tot–

Heiße Thränen stürzen plötzlich aus seinen hübschen, blauen Augen.

Das Würgen im Halse hört auf. Er hat den Kampf gegen die natürliche Empfindung seines Herzens aufgegeben.

Offen und ehrlich trauert er vor sich selbst. Er beweint seine frohe, stolze, hoffende Jugend.

Im Angesichte des Todes, der ewigen, starren, unabänderlichen Wahrheit verzichtet er darauf, sich irgend einer Selbsttäuschung hinzugeben.

Das Leid um sein verlorenes Leben wird die Jugendblüte seiner Edith brechen. – Vielleicht gilt sein Jammer der Geliebten, der er so furchtbar weh thun muß –

Nein – tausendmal mein!

Die Lüge, die ihn tötet, soll in der Todesstunde wenigstens keine Macht mehr über ihn haben. Nein

er weint nicht um Edith, er weint um sich selbst, ganz einfach um sich selbst. Um sein junges, lachendes Leben, das um eines dummen Jungen-Streiches, um einer Narrheit willen weggeworfen werden muß. –

»Feigling, elender Feigling,« murmelt er vor sich hin.

Aber es hilft doch nichts.

Als Offizier weiß er, was er zu thun hat, was die Ehre verlangt.

Er kann sich nicht wegen Wechselfälschung zu so und so viel Monate Gefängnis verurteilen lassen. Er kann nicht mit dem schlichten, schimpflichen Abschied in der Tasche über das Weltmeer ziehen, wie andere verirrte Söhne.

Er nicht –

Er weiß auch ganz genau, daß sein Vater ihn lieber auf der Bahre sehen wird, als militärisch entehrt, bürgerlich verurteilt.

Der als Invalide schon seit dem großen Kriege pensionierte Hauptmann Döring hat auf dem Schlachtfelde beide Beine verloren. Nur das Gefühl des militärischen Patriotismus hat ihn aufrecht gehalten in der furchtbaren Existenz, die er seitdem führt. Sein ganzes Dasein ist eine Verkörperung des abstrakten Ehrbegriffes. Er mußte in dieser Auffassung aufgehen wenn sein Unglück ihn nicht zur Verzweiflung, sondern zu demütig-freudigem Stolze führen sollte.

Er hat diesen moralischen Halt der Ehre, der Vaterlandsliebe gefunden. Aber diese Begriffe sind ihm auch zum Dogma geworden. Sie sind verknöchert, einseitig, wie das ganze Wesen dieses Mannes.

Außer dem einen Lorbeerzweig bitteren, blutigen Ruhmes ist ihm das Leben alles schuldig geblieben.

Als er das Lazarett als Krüppel verließ, legte sein Weib ihm mit Thränen ihren jüngsten Knaben in die Arme.

Die Thränen der Frau sind selten versiegt in den sorgenvollen Jahren ihres späteren Daseins. Morgen wird sie nun die Nachricht bekommen, daß ihr Jüngster, auf den sie heimlich so stolz war, von ihr gegangen ist. –

Etwas wie Reue kommt über den leichtsinnigen jungen Mann bei diesem Gedanken. Aber die Hand faßte doch den Revolver fester – –

Es muß sein!

Er hat den Streich nun mal gemacht. Die Strafe ist furchtbar hart, aber die Strafe wird ihn auch entsühnen.

Seine Ehre wird wieder hergestellt sein.

Offen vor aller Welt darf nun seine Braut um ihn trauern.

Ediths Vater, der Oberst von Rauh, ist Fritz Dörings Regimentskommandeur. Er ist ein Altersgenosse und ehemaliger Kamerad seines Vaters.

Edith!

Ein toller Gedanke blitzt plötzlich in seinem Hirn auf. Er wird Edith bitten, bei ihm zu sein, wenn er sich tötet. Er hat noch eine halbe Stunde Zeit. Das genügt, um sie kommen zu lassen, wenn sie kommen will.

Sie soll sein wundes Haupt an ihre Brust legen und ihm die Augen zudrücken. Sie soll ihn küssen, während er stirbt.

Ob ihre Liebe ihm dieses Opfer bringen wird? Ob sie den Mut haben wird zu kommen, wenn er sie ruft?

Gelobt hat sie ihm tausendmal, alles für ihn zu thun – alles – Ob sie kommen wird?

Ein unvermählter Bruder seines Vaters, der reiche Apothekenbesitzer Gustav Döring protegierte seine Liebe und hatte ihm sein Verlöbnis mit der gänzlich mittellosen Baronesse von Rauh ebenso ermöglicht, wie die Offizierkarriere, die er ergriffen hatte.

Der Onkel bezahlte die vorschriftsmäßige Zulage für den Leutnant aus seiner Tasche. Außerdem hatte er sich notariell verpflichtet, dem jungen Paare lebenslänglich die für eine Offiziersehe gesetzlich erforderliche Rente zu gewähren. Das Kapital dagegen hatte er seinem Neffen erst nach seinem Tode in Aussicht gestellt. Testamentarisch war es ihm sicher. – So lange aber der Onkel noch lebte, sollte Fritz nur vierteljährlich die Zinsen beziehen.

Diese Großmut des Onkels entsprang indessen nicht etwa einer besonders zärtlichen Liebe zu dem Leutnant.

Der Apotheker hatte den Krieg als Krankenpfleger mitgemacht und die patriotische Begeisterung, die das Schicksal seines Bruders bei allen Leuten hervorrief, miterlebt. Diese Begeisterung hatte auch ihn ergriffen. Er war vollständig in die Anschauungsweise und in den Ideenkreis des Bruders mit hineingezogen.

Er bewunderte den Hauptmann als Helden und als Märtyrer. Für dessen Sohn interessierte er sich, seit dieser den Degen trug.

Er repräsentierte ihm die militärische Zukunft der Familie, die Ehre des Namens Döring.

Die Verlobung mit der Tochter des adligen Obersten schmeichelte nebenher noch seinem bürgerlichen Stolze. Es war ihm ein sehr angenehmer Gedanke, daß das Geld eines Gustav Döring dem Baron Rauh die Möglichkeit gewährte, seine Tochter standesgemäß zu verheiraten.

Ja – standesgemäß mit dem Sohne seines herrlichen Bruders, der auf dem Altar des Vaterlandes so viel geopfert hatte.

Und Gustav Döring wollte auch etwas opfern, aber nur in der pedantisch engherzigen Art und Weise, die seinem ganzen Wesen entsprach.

Nicht in freier Großmut, die da giebt, ohne zu zählen.

Im Gegenteil! Gustav Döring zählte sehr genau, was er gab.

Über die Verwendung, selbst der kleinsten Summen, mußte Fritz ihm peinlich genaue Abrechnung vorlegen. Der Onkel kritisierte jede Ausgabe und konnte sich aufregen über alles, was er für überflüssig hielt.

Ganz genau hatte der Onkel mit Hülfe seines unglücklichen Bruders festgestellt, wie viel der junge Mann brauchte: Für Wohnung, für Kasinobeiträge, für Vergnügen u. s. w

Das war sehr unangenehm; aber es mußte ertragen werden, und schließlich setzte sich die leichtlebige Natur des jungen Mannes auch darüber hinweg.

Er wußte, daß er sich dem Onkel und dessen Eigenheiten fügen mußte, sah er doch von Jugend auf, wie sich auch seine Eltern in dem Gedanken an die Zukunft ihrer Kinder in manche lächerliche und engherzige Schrulle des alten Junggesellen geschickten.

Sie hatten ihm die Lehre von des Onkels Edelsinn und Großherzigkeit von klein auf förmlich eingedrillt. Trotzdem saß dieser Glaubenssatz nicht sehr fest bei Fritz.

Es würden sich doch vielleicht Männer für die drei älteren Schwestern des jungen Offiziers gefunden haben, wenn irgend jemand gewußt hätte, ob der reiche Onkel beabsichtige, ihnen etwas zu hinterlassen.

Das wußte aber niemand.

Dabei zeigte der alte Herr ein so auffallend geringes Interesse für die drei Nichten, die fortwährend dazu angehalten wurden, sich um seine Gunst zu bemühen, daß niemand recht an eine wohlwollende Absicht für deren Zukunft glaubte.

Den Hauptmann hielt ein großes Zartgefühl, der Stolz des Armen, davon ab, den Bruder direkt nach dem, was ihm am Herzen lag, zu fragen, und dieser sagte nichts von selbst.

So verblühten die drei Mädchen, die niemals hübsch gewesen waren, vor der Zeit. Die furchtbar engen, dürftigen Verhältnisse lasteten auf ihnen. Sie wurden eckig, ungraziös, kleinlich. Alle drei fühlten sich so überflüssig im Leben. Sie kannten nur einen Stolz: Das Heldentum des Vaters.

Außerdem noch eine neidlose Freude an dem Glück und den Hoffnungen des einzigen Bruders.

Morgen würden sie die Nachricht erhalten, daß er – –

Er malte sich's aus.

Am leichtesten würde es Bertha tragen. Bertha war jetzt dreißig Jahr alt und seit zwei Jahren war sie Diakonissin. –

Ja, warum konnte er nicht so vernünftig sein, wie dieses leidenschaftslose, nüchterne Mädchen mit dem kühlen, gelassenen Wesen

Bertha hatte ihn niemals verstanden, er hatte in ihrer Nähe stets die Empfindungen eines gewissen Zwanges. –

Trotz dieser Verwandtenkreise, trotz dieser Lebensverhältnisse war Fritz Döring doch kein vernünftiger, sparsam rechnender, zurückhaltender Mensch geworden.

Man hätte das eigentlich wohl von ihm erwarten, ja von ihm fordern können.

»Das Leben im Kadettenkorps hat ihn verdorben. Er ist da unseren Verhältnissen entfremdet« – pflegte Bertha zu sagen, wenn der lustige junge Mann die Eltern zuweilen quälte, ihm aus kleinen Verlegenheiten zu helfen, die er dem Onkel nicht zu gestehen wagte.

Es wurde ihnen furchtbar schwer; aber schließlich halfen sie doch jedesmal, denn der Vater wollte nicht, daß sein Bruder sich über den Jungen ärgern sollte. Diese Rücksicht war man dem »Wohlthäter« schuldig.

Jedesmal handelte es sich um Repräsentationsausgaben, um unnütze Eitelkeiten und Prahlereien des jungen Mannes. Thatsächlich war ihm auch im Kadettenkorps eine etwas übertriebene

Wertschätzung des äußerlich standesgemäßen Auftretens beigebracht.

Nicht offiziell von den Vorgesetzten. – – – Gewiß nicht. – Die Aufscheidereien und der knabenhafte Übermut der jungen Kameraden hatte viel mehr dazu gethan.

Oft wurde er auch angestaunt und ihm in kindlich naiver Weise geschmeichelt, wegen des Heldentums seines Vaters.

Dieses Heldentum, dem die Dörings ihren Stolz und ihr Elend verdankten!

In phantastischen Knabenträumen sah er sich tausend Mal selbst im Gewühl der Schlacht dahinstürmen. Über Haufen zusammengeschossener Feinde, kühn die Brust dem Kugelregen preisgebend – vorwärts zu Sieg und Tod –

Ohne Heldentum war er jetzt ein Besiegter.

Er fiel, ja! – Aber nicht im Dienst seiner Ideale, nicht auf dem Felde der Ehre! Ruhmlos, kläglich – wenn er nicht so furchtbar tragisch gewesen wäre – lächerlich war beinah der Konflikt, dem er erlag.

Fritz Döring war eitel. Ein unbändiges Selbstbewußtsein, ein sieghafter Jungenstolz half ihm hinweg über all das Kleinliche, über alle die Widerwärtigkeiten seines täglichen Lebens.

Die Kameraden, die sein Verhältnis zu dem reichen Onkel nicht ganz genau kannten, glaubten, daß er kaum nötig habe, sich überhaupt irgend welche Beschränkungen seiner Liebhabereien aufzuerlegen.

Man sah seine Neigung zu Edith von Rauh. Die traurigen Verhältnisse der armen und vornehmen Familie waren bekannt.

Aber Fritz Döring war in der Lage, seine Verlobung mit der schönen mittellosen Baronesse mit allem Prunk zu feiern.

Dieser Neffe eines reichen, großmütigen Onkels war ein Pferdenarr. Er bildete sich sogar ein, ein Pferdekenner zu sein.

Nun hatte er nur, wie jeder andere Infanterist, als Fähnrich auf der Kriegsschule seine Reitstunden gehabt. Sonst hatte er gar keine Gelegenheit, sich Kenntnisse in Pferdeangelegenheiten zu verschaffen.

Wohl hielt er sich, wie die besser situierten Kameraden im Regiment es allgemein thaten, ein Pferd, ein höchst überflüssiges Reitpferd. Der Oberst von Rauh, der ein vernünftiger, sparsamer Hausvater war, bemühte sich seinen jungen Offizieren den Grundsatz einzuprägen, daß eigentlich ein Fahrrad in ihren Verhältnissen genau dieselben Dienste thäte.

Fritz Döhring aber hatte kein Rad. Sein Pferd, das der Onkel mal gelegentlich sehr billig gekauft hatte, wie die ganze Stadt wußte, war sein Luxus und sein größtes Vergnügen.

Mit wahrer Leidenschaft las er alle Bücher über Pferdezucht, die er sich irgendwie verschaffen konnte. Alles, was die Offiziere des in derselben Garnison liegenden Husaren Regimentes an einschlägiger Literatur besaßen, hatte er sich bereits ausgeliehen und durchstudiert.

Nur fehlte ihm leider jede Gelegenheit, seine Kenntnisse praktisch zu bereichern. Seine biedere Rosinante war kein Rassepferd und am allerwenigsten ein Renner.

Er aber pflegte vor jedem Rennen die startenden Pferde genau zu besichtigen und mit verblüffender Bestimmtheit die kommenden Ereignisse und Entscheidungen zu prophezeien. Die Kameraden neckten den sonst sehr beliebten, gutmütigen Leutnant in harmloser Weise mit dieser kleinen Schwäche. Fröhlich war der Spott mit dem sie ihm begegneten. Fröhlich und vertraulich nahm er die Neckereien und Späße seiner Freunde auf.

Seine Sachkenntnis war gering, und es ereignete sich selten, daß eine Vorhersage von ihm über den Verlauf eines Rennens eintraf.

Geschah es indessen doch ja einmal, so meinte er stets mit ruhiger Sicherheit: »Schade nur, daß ich nicht auf den Gaul gewettet habe!« –

Man lachte über diese – Kinderei. Aber am Ende, als Fritz der zukünftige Schwiegersohn des Regimentkommandeurs geworden war, nahm man ihn ernster.

Es wurde stillschweigend vorausgesetzt, daß er als angehender Ehemann mit den harmlosen Späßen und Aufschneidereien seiner Leutnantsjahre brechen würde. Er stand auch zum Premier.

Das Frühjahr brachte, wie alljährlich, die üblichen Rennen.

Fritz Döring erschien dabei, seine schöne Braut am Arme führend.

Jetzt wäre es unpassend, ja geradezu taktlos gewesen, wenn er sich, wie sonst bei den Rennen, hätte wichtig machen und seine Nase in alles hätte stecken mögen, ohne doch jemals auch nur den geringsten Einsatz einer Wette zu riskieren.

Er fühlte auch, daß sein Platz auf der Zuschauertribüne sei. Neben Edith saß er dort, bewundert, vielleicht hie und da beneidet sogar.

Edith war wunderschön an diesem lachenden Frühlingstage.

Tausend goldfunkelnde Sonnenlichter spielten in ihrem Haar. Warm leuchtete die Jugendfrische ihrer rosigen Wangen dem Lenz entgegen. Ihre Augen strahlten.

Wie eine Frühlingsblüte war das bräutliche, glückliche Kind. –

Mächtig regte sich bei Fritz die Eitelkeit. Er wünschte sehnlichst, seiner holden Braut als kraftvoller Sportsmann und Pferdekenner zu imponieren.

So gab er Edith in der Pause nach dem ersten Jokey-Reiten den Arm und führte sie nach dem Rasenrondel, auf dem die für das nächste Herrenreiten angemeldeten Pferde wartend umherstanden.

Einige von den Herren, meistens waren es Husarenoffiziere, standen bei ihren Tieren und beaufsichtigten deren Pflege durch ihre Reitknechte.

Edith glaubte auf dem Gesichte eines der Kavalleristen ein spöttisches Lächeln zu bemerken, als sie mit ihrem Verlobten an die Rennpferde herantrat.

Sie errötete heiß.

»Ach Fritz, laß uns doch nach der Tribüne zurückkehren«, flüsterte sie ängstlich. – »Hier sind ja, wie ich sehe, nur Leute, die direkt mit dem Rennen zu haben.« –

Fritz lächelte überlegen.

»Gewiß, mein Liebling,« sagte er. »Aber siehst Du dort wohl den Buchmacher? Bei ihm werden die Wetten notiert.«

Edith sah zu dem Buchmacher hinüber. Wie gleichgültig waren ihr diese Angelegenheiten! »Halten Sie eine Wette, Döring?«

Überrascht wandte das Brautpaar sich dem Herren zu, der diese Frage an sie gerichtet hatte.

Der junge Mann erschrak, aber niemals hätte er den Mut gehabt den Vorschlag des Husaren abzulehnen.

Er hätte sich damit vor der ganzen Reitergesellschaft und vor Edith blamiert. Das junge Mädchen blickte neugierig zu ihm auf.

»Ich wollte schon lange mal auf den Nepomuk des Grafen Dammberg wetten. Was meinen Sie dazu Baron, der Gaul ist doch gut, wie? –«

Der Baron lachte. »Hm, der Nepomuk ist in der Brust etwas leicht gebaut, aber der Graf ist auch kein schwerer Reiter. Ich halte die Wette auf Ilsenbergs Zerline.« –

»Wie Sie wollen.«

Die Herren gingen zum Buchmacher und ließen die Wette notieren.

Der Kavallerist schlug eine Summe vor, wie sie Fritz als halbjährliche Zulage von seinem Onkel erhielt.

Wieder fürchtete er sich lächerlich zu machen, wenn er den Vorschlag ablehnte.

Schließlich konnte ja auch der Nepomuk siegen, und Fritz hätte dann einen Gewinn gehabt, der ihm für die ganze Zeit, die er noch als Bräutigam in dem Hause seines Obersten verkehrte, ein reiches, vornehmes Auftreten sicherte.

Da wendete sich einer von Dörings Kameraden, der jüngere Sohn eines Grundbesitzers, ein bescheiden auftretender Mann, der auf dem Lande aufgewachsen war, an Edith:

»Mein gnädiges Fräulein, verzeihen Sie, wenn ich mich einmische; aber möchten Sie nicht Ihren Herrn Bräutigam veranlassen, auf diese Wette zu verzichten? Der Nepomuk kommt mir heute etwas matt vor; ich fürchte, der Gaul ist nicht gut disponiert« –

Edith erschrak. Sie kannte die Verhältnisse ihres Verlobten.

»Laß doch das Wetten, Fritz! Du weißt, Papa sucht immer zu verhindern, daß Ihr jungen Offiziere wettet.«

»Aber mein gnädiges Fräulein, solche Bagatelle! Worin besteht denn das Vergnügen auf den Rennplätzen, wenn man nicht mal mehr wetten soll,« meinte der Husar, der die Wette gegen Fritz angenommen hatte. Dann wandte er sich an den Warner. »Möchte auch wissen, bester Rhaden, warum Sie hier Unheil krächzen müssen! Wie viel unerwartete Chancen bietet manchmal das Terrain – wer will denn so etwas bestimmt vorher wissen!«

Der Baron v. Rhaden zuckte die Achseln. »Bedaure, Herr Kamerad, Ihnen muß ich auch Unheil

krächzen. Nich 'ne Pulle Sekt würde ich auf die Zerline halten.» »Nanu!«

Die anderen Herren kamen interessiert heran, und es entstand ein lebhaftes Gespräch, beinah eine Debatte über die Aussichten der noch bevorstehenden Rennen.

Fritz Döring sprach am meisten, lachte viel und benahm sich so laut, daß Edith wohl merkte, eine wie tiefe, innere Aufregung und Angst er hinter diesem unnatürlichen Benehmen zu verstecken sich bemühte.

Das Rennen entschied sich rasch.

Baron v. Rhaden behielt Recht in allem, was er in seiner stillen, anspruchslosen Art ausgesprochen hatte.

Mit einem traurigen Blick sah er auf Döring, der nun verpflichtet war, innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden Summen zu zahlen, die seine Verhältnisse weit überschritten, die er einfach nicht besaß. – Ob wohl der Onkel –?

Nein! Der Onkel Gustav Döring war ein alter Philister, der gar nicht begriff, daß die Verpflichtung, eine solche Wette einzulösen, eine Ehrensache sei und »nötig wie das liebe Leben,« wie er zu sagen pflegte.

Ja, wenn man überhaupt weiterleben wolle und konnte nach solcher Katastrophe! Fritz war so jung, so gesund _ und er lebte so gern!

Er liebte das schöne Mädchen, das er besitzen sollte, wenn die Manöver vorüber waren. An den Tod mochte der junge Mann gar nicht denken.

Sein Vater sah wohl ein, daß die Verpflichtung, diese Spielschuld, diese Ehrenschuld zu bezahlen, eine Lebensfrage für seinen Sohn war.

Er war außer sich über dessen Leichtsinn; aber dennoch übernahm er es, dem Apotheker die Sache klar zu machen. Es mußte ja sein. –

Der alte Geschäftsmann lachte erst; dann aber, als er den Ernst seines Bruders, die Verzweiflung seines Neffen sah, wurde er wütend. –

Nein – und abermals nein!

Für jeden vernünftigen Zweck war er bereit, alle Opfer zu bringen, die das Ansehen der Familie erforderte.

Er erklärte sich gern bereit, die Zulage für das junge Paar, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse es einmal verlangen sollten, zu verdoppeln – seinem bisherigen, notariell aufgenommenen Versprechen gegenüber zu verdoppeln – aber für Wetten, für »Dummheiten«, wie er sich ausdrückte, war sein sauer erworbenes Geld nicht da!

Er nahm es seinem Bruder schwer übel, daß der so bedrückt und sorgenvoll von ihm ging, als handelte es sich um eine wirkliche Gefahr für seinen Fritz. Lächerlich! –

Und der Onkel schien recht zu behalten, der Buchmacher wurde bezahlt. In dem Leben des

Leutnants aber trat keine tragische Katastrophe ein. –

Bis eines Tages der Geldmakler Baruch Cohn bei dem reichen Apotheker erschien und einen auf den Namen des alten Herrn lautenden gefälschten Wechsel präsentierte.

Der Onkel wurde so wütend, wie er in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen war.

Seine bürgerliche Ehre als anständiger, solider Geschäftsmann war besudelt. Er schämte sich plötzlich des Neffen, auf den er bis dahin so stolz gewesen war.

Feierlich schwor er ihm, daß er nichts thun würde, um die Ehe eines so ungeratenen Menschen mit der Tochter eines alten, ehrenhaften Adelsgeschlechts zu ermöglichen.

Im Grunde seines Herzens nahm er sich zwar vor, dem jungen Manne zu verzeihen und ihn in Gnaden wieder anzunehmen, sobald er ernstliche Reue zeigen und Besserung geloben würde.

Aber er verstand nicht, wie unnötig von seiner Seite dieser Vorsatz war. –

Ließ er es doch geschehen, daß der geschädigte Geldverleiher dem Obersten den gefälschten Wechsel präsentierte. –

Cohn hatte dem unglücklichen, jungen Offizier mitgeteilt, zu welcher Stunde er bei dessen Vorgesetzten diesen entscheidenden Schritt thun würde.

Es war halb elf Uhr. Um elf Uhr wollte der betrogene Geschäftsmann seine Anzeige bei dem Obersten, der sich bereit erklärt hatte, ihn um diese Zeit zu empfangen, machen.

Bis dahin durfte also Fritz Döring noch leben!

Dreißig Minuten! Nicht eine mehr! Und der Onkel hätte ihm helfen können und begriff nicht, daß seine edle Absicht, dem Schuldigen später zu verzeihen, wertlos war – völlig wertlos.

Der arme Invalide, Hauptmann Döring, ahnte das Furchtbare, genau wußte er es nicht.

Fritz hatte, um alle Formalitäten zu erfüllen, ein Abschiedsgesuch geschrieben. Besiegelt lag es neben den Briefen an seine Eltern, an seinen Onkel, an seine Braut.

Der junge Offizier saß vor dem Schreibtisch und hielt die Uhr in der Hand. Der Revolver lag neben ihm, –

Ja – noch dreißig Minuten!

Der Verurteilte hob den trüben Blick und sah in das Maiengrün der Bäume hinein. Ihm war, als sähe er die dunklen Flügel des Todes an der Sonne vorüberhuschen. Mit maßloser Bitterkeit dachte er an seinen sogenannten »Wohlthäter«. –

Ja Onkel Gustav wird nun viel Geld sparen, und meine Schwestern werden vielleicht gute Partieen, wenn er sich nicht etwa noch die Laune gestattet, sein Vermögen Fremden zu hinterlassen! Die Töchter seines Bruders waren ihm immer so auffallend gleichgütig gewesen.

Mechanisch spielt die Hand des jungen Mannes mit seinem Abschiedsbrief an den Onkel.

Das Schreiben enthielt eigentlich weiter nichts als die Bitte, doch zu Gunsten der Schwestern es

Verstorbenen testieren zu wollen.

Des »Verstorbenen und Begrabenen«! Ja, das würde er dann sein!

Ganz genau rechnete er sich die Stunde des Begräbnisses aus, die Stunde, in der die feuchten, schwarzen Erdschollen auf den Sarg des Selbstmörders niederfallen würden!

Und plötzlich flammt die Jugend, die Liebe, die ganze, bitter enttäuschte Hoffnung des Daseins in ihm empor!

Einmal – einmal noch die Geliebte umarmen! Ob sie wohl kommen würde, um ihn sterben zu sehen? Wird ihre Liebe das für ihn thun?

In wahnwitziger Hast warf er einen kurzen Brief an sie auf ein Blatt Papier, schloß, siegelte das Schreiben und rief dann seinen Burschen.

»Höre Konrad – da hast Du 'n Thaler – nun paß aber mal ordentlich auf, was ich Dir sage:

Nimm eine Droschke und fahre hinter die Ecke des Platzes, an dem der Herr Oberst wohnt. Laß dort den Wagen warten. Du stellst Dich in den Hausflur bei Herr Oberst und paßt auf, wann Baruch Cohn kommt. Sobald der bei Herrn Oberst im Zimmer ist, läßt Du Dich zum gnädigen Fräulein führen, Du sagst, den Brief hier müßtet Du ihr persönlich abgeben. Das thust Du und sagst dabei, daß die Droschke hinter der Ecke auf das gnädige Fräulein wartet. Sie wird dann in die Droschke hineinsteigen. Du bringst die Droschke hier vor das Haus und dann werden wir ja weiter sehen. Verstanden?«

»Zu Befehlen, Herr Leutnant.« –

Konrad ging.

Fünf Minuten nach elf Uhr – Cohn war etwas früher gekommen, als er erwartet wurde – hielt die geschlossene Droschke mit Konrad, der neben dem Kutscher auf dem Bock saß, vor der Wohnung des Leutnants Döring.

Der Offizier trat in Zivilkleidung aus dem Hause und stieg in den Wagen, dessen Fenstergardinen von innen zugezogen waren.

Konrad kletterte vom Bock herab und begab sich, einem Befehle seines Herren nachkommend, nach der Kaserne.

Der Kutscher fuhr so schnell, wie seine beiden Pferde laufen konnten aus der Stadt heraus. Auf der Landstraße, die zu einem nicht allzu fern gelegenen Walddorfe führte, mäßigte er erst das Tempo der Fahrt. Es war fast vier Uhr, als die müden, staubbedeckten Pferde vor dem Wirtshaus einer kleinen Sommerfrische hielten.

Der Leutnant sorgte dafür, daß der Mann und die Pferde ein gutes Nachtquartier erhielten. Da er sehr freigiebig war, bemühten sich ihrerseits die Wirtsleute ihm und seiner jungen »Gattin« das beste Zimmer im Hause so behaglich wie möglich zu machen.

»Bis morgen früh können wir wie Millionäre leben, meine Edith,« scherzte Fritz. »Ich habe alle meine Kapitalien flüssig gemacht, um wenigstens einen anständigen Abgang aus dieser Welt in Szene setzen zu können.« –

»Das ist ganz gut, Liebster,« sagte Edith leise und traurig. »Ich glaube, der Kutscher weiß wohl, daß ich Fräulein von Rauh bin. Trotzdem hat er mich auf dieser ganzen himmlisch schönen Reise »gnädige Frau« genannt.

»Reise – ja siehst Du mein Lieb, wer hätte das wohl gedacht, daß wir unsere Hochzeitsreise auf so romantische weise mit Wagen und Pferden machen würden! Als wären wir Zeitgenossen von Goethe! Ich habe beinah das Gefühl, als wäre ich Werther, ein moderner Werther in zweierlei Tuch, aber doch mit dem Leiden, mit dem alten, urewigen Werther-Leiden im Herzen.« –

Sie schlang die Arme um seinen Hals und legte den Kopf gegen seine Schulter. »Nein, Geliebter, nein, Du bist doch besser daran, wie dieser arme Werther. Der mußte allein in den Tod gehen. Wir aber, wir gehen zusammen hinüber. Hand in Hand niedergehn – Hand in Hand auferstehn –«

Sie sagte es beinah in Ekstase.

Die untergehende Sonne wob einen zitternden, fließenden Glanz um ihre Gestalt, so daß sie, die voll vom Licht überflutet am offenen Fenster stand, für ihn, der sie aus der dunklen Tiefe des kleinen Zimmers heraus betrachtete, wie in eine fließende Glorie gehüllt erschien. Ihre von Licht umgebene Gestalt schien zu leuchten, als wäre sie aus einer höheren Welt herabgestiegen.

»Wie ein auf Goldgrund gemaltes Heiligenbild, so siehst Du jetzt aus, Du meine Heilige, meine Göttin,« stammelte er.

Die Gewissheit, sie allein zu besitzen, das Gefühl, auf der Grenze zwischen zwei Welten das höchste Glück des Lebens gefunden zu haben, überwältigt ihn.

Er sank ihr zu Füßen und barg den blonden Kopf in ihrem dunklen Kleide.

Sie beugte sich schweigend über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Ihre dunklen Augen hatten einen tief leidenschaftlichen Glanz; die heißen Lippen brannten fieberrot in dem schmalen, durch die Erregung tief erblaßten Gesichte. Goldene Lichter spielten in ihren braunen Haaren – Sonnenlichter. –

»Weißt Du Liebster, wir müssen alles, was wir noch vom Leben erwartet haben, in diese wenigen Stunden zusammendrängen. Denke doch, daß Andere dreißig Jahre, fünfzig Jahre verheiratet sind. Alle diese Zeit brauchen sie, um aus ihrem Glück die Summe des Lebens zu ziehen.« –

»Aber dann, meine Edith, dann kommt der Tod und trennt die Gatten.«

»Uns soll er einen. Der Tod ist der Genius, der uns segnen wird.«

Sie erbebte in einem leichten Frösteln. Eng zog er sie an sich.

»Was ist Dir, mein Lieb?«

»Ich fühle die Nähe des Todes«

»Wie, Edith? sag das deutlicher, Süße.«

Sie schließt halb die Lider und mit einem starren Blick, der nichts sieht, blickt sie vor sich hin.

»Er ist hier – bei uns. Über seinem Haupte ruht ein Schleier. Die Dunkelheit dieses Zimmers, das selbst die Goldflut des Abendrotes nicht zu erleuchten vermag, ist der Schatten seiner Schwingen.

Ein eisiger Hauch umgiebt den Engel – den Engel des Herrn – –«

»Edith – Du phantasierst – die Aufregung hat Dich krank gemacht – –«

»Nein, glücklicher Weise nicht. So lange wir uns besitzen werden, so lange wird auch unser Glück ungetrübt sein. Irdische Unvollkommenheiten, wie Krankheit, Müdigkeit, Mißverstehen, oder gar Störungen von außen werden uns die kargen Stunden des Glückes nicht kürzen. Aber wir sind nicht allein – er ist immer da, der Schatten mit dem verschleierten Antlitz« –

»Ich sehe ihn nicht, Edith. –«

Entsetzt starrt sie in sein Gesicht.

»Fritz, fühlst Du Dich nicht im Angesichte des Todes – nicht an der Schwelle der Ewigkeit – wie ich – wie ich?«

»Ah – meinst Du, daß man an die Ewigkeit glauben muß, um die Nähe des Todes zu fassen, zu begreifen?«

»Glaubst Du nicht an die Ewigkeit?«

Ein tiefer Blick, der ihm bis ins Herz dringt, senkt sich in seine Augen. Er braucht ihr nicht zu antworten; denn sie fühlt seine Antwort, seine heiße, zärtliche Antwort, die ihr die Versicherung giebt, daß zwischen ihnen alles, alles gemeinschaftlich ist.

»Nichts trennt uns, geliebtes Weib, nichts. –«

Sie lächelt.

»Der Schatten drängt sich auch nicht zwischen uns, er schwebt nur über uns. Seine Nähe ist nicht drohend. Er wird uns liebend und weich umfangen. Nur Kälte geht von ihm aus, eine so tiefe durchschauernde Kälte.«

»Wird uns dieser Engel, den Du siehst und dessen Nähe ich ahne, in der Gemeinschaft unserer Seelen empfinde und ahne - wird er uns sein schönes, ernstes Antlitz niemals entschleiern?«

Er fragte es lächelnd. Sie empfindet sein Lächeln wie einen warmen Hauch, wie eine körperliche Liebkosung, wenn er sie auch in diesem Augenblicke nicht berührt. –

»So lange wir leben, ist er bei uns; aber wir sehen ihn nicht, weil ihn der Schleier verdeckt.

Einmal – zieht er den Schleier weg, und wir sehen sein Antlitz. – Wer es sah, schweigt – ewig –«

»Edith«

»Ja! – – Ich fürchte mich nicht.«

»Edith, laß mich die Schönheit der Erde sehen, ehe wir scheiden!«

»Die Schönheit der Erde?«

»Dich« – –

Sie empfindet nichts von Frivolität in seinem Verlangen, nichts von Schuld in ihrem Gewähren.

Feierlich ernst, als beginge sie eine heilige Handlung, legt sie all ihre Kleider ab und steht dann vor ihm – bebend in ihrer keuschen Jugend, schön in ihrer wunderbaren Reinheit.

Voll Andacht kniet er vor ihr und genießt mit den Augen der Liebe die Offenbarung des Heiligtums der ganzen Schöpfung: Die Jungfrau – –

»Edith – wem wirst Du gehören? « –

»Dem Engel, der sich auf uns herabsenkt.«

»Aber ich sehe ihn nicht.«

»Ich sehe ihn.«

»So lege Dich nieder.«

Sie zögert –

»Weib – Du sollst Dich niederlegen, damit Du sein wirst« –

Sie versteht ihn. Zitternd streckt sie die zarten Glieder auf die Polster des weitläufigen Ehebettes, das man ihnen gab.

»Da sieh« –

Er zeigt ihr den Revolver. Sie küßt die Waffe. Er macht das Zeichen des Kreuzes über die Schußmündung des Laufes und berührt leicht ihre Brust, um das Herz zu suchen.

»Der Schleier sinkt,« flüstert sie lächelnd. Dann schnellt sie doch auf und fällt leise wimmernd zurück. Denn der Schuß ging durch und durch. –

Der Mann küßt den Todesseufzer von ihren Lippen und begreift nun erst, was er that. »Ich habe sie getötet und wollte sie doch erst besitzen. –«

»Edith! Edith!« Es ist zu spät.

Sie hat das Gesicht des Engels gesehen, nach dessen Anblick man schweigt. Ein klein wenig Blut tritt zwischen ihre zarten halbgeöffneten Lippen.

Auf der Treppe hört man die Schritte heraufeilender Menschen, die der Schuß erschreckt hat.

Man poltert an seine Thür.

»Ja – einen Augenblick – ich öffne« –

Man wartet draußen, beruhigt sich etwas. Er hüllt in rasender Hast alles, was er findet, um den nackten, unberührten Körper der Braut; dann hören die draußen Wartenden noch einen zweiten Schuß. –

Und dieser zweite Schuß zerstört nicht, wie er wohl sollte, das Leben des unglücklichen jungen Mannes. Er zerstört nur seine Intelligenz.

»Nur wer gut schießt, ist ein guter Soldat. « –

Der alte Feldwebel würde den Kopf geschüttelt haben über diesen Schuß.

In aller Eile ward er abgefeuert gegen die Stirn. –

Die wundervolle Technik der modernen Chirurgie wußte die Kugel zu finden und nach ärztlicher Ansicht unschädlich zu machen.

Es waren nur einzelne Gehirnpartien verletzt, und der »Fall« wurde dadurch für die Psychiatrie hochinteressant.

Das Abschiedsgesuch, das noch der Leutnant Döring geschrieben hatte, wurde eingereicht und natürlich sofort genehmigt.

Der Apotheker kaufte in einer Anwandlung verzweifelter Reue seinen unglücklichen Neffen für dessen Lebenszeit in eine sehr gute Privat-Irrenanstalt ein. Dort brachte man ihn auf die Station für Idioten. –

Es war ganz unmöglich, es anders einzurichten, trotz aller Rücksicht, die man auf die beiden Familien – Döring und v. Rauh gewiß gern genommen hätte.

Fritz saß immer still und traurig in irgend einer Ecke, bis ihn jemand hervorzog, wozu meistens eine leichte Gewalt erforderlich war. –

»Vorsichtig – um Gotteswillen, – bewegen Sie sich doch nicht so hastig, Sie berühren ihn ja, Sie stoßen ihn an« –

»Wen?«

»Den verschleierten Engel.« –

Hie und da lachte wohl einer der jungen Ärzte oder Wärter. –

»Was sollen wir denn von dem verschleierten Engel fürchten, Herr Leutnant? Ja, wenn er sich noch demaskierte - -«

»Wir werden ihn sehen, wir Alle. Edith sah ihn« –

»Edith von Rauh – die Tote? –«

»Ja, die Tote. –«

»Aber wird denn nicht ein Tag kommen, an dem Sie und ich und wir Alle, Alle, wir Menschen von heute Tote sein werden?«

So fragte dann meistens der Kranke.

Ganz selbstverständlich konnten vernünftige Leute gar nichts anderes thun, als ihn auf der Idioten-Abteilung zu internieren. –



Der Freund

»Mein gnädiges Fräulein, der Kotillon beginnt, ich habe doch wohl die Ehre?«

»Das muß ein Mißverständnis sein, Herr Doktor,« antwortete an Stelle der jungen Dame ein Husarenoffizier, auf dessen Arm sich soeben die Hand des Mädchens gelegt hat.

»Ich bitte um Entschuldigung Herr Leutnant, aber ich kann meine Ansprüche beweisen.«

Lächelnd zieht Doktor Brunner seine Tanzkarte aus der Brusttasche seines Ballfrackes und präsentiert sie dem jungen Paar, das vorläufig nicht daran denkt sich loszulassen.

»Fräulein Schmieder« – ganz klar und leserlich steht der Name neben dem Kotillon. Es ist der einzige Name auf der ganzen, im Übrigen leeren Karte.

Fräulein Else Schmieder errötet und beißt mit ihren Niedlichen kleinen Zähnen in die Unterlippe.

»Ach, Sie haben gewiß Recht, Herr Doktor, ich erinnert mich, daß ich Ihnen den Kotillon gegeben hatte. Aber wissen Sie denn nicht mehr daß ich meine Tanzkarte in dem Augenblicke gar nicht finden konnte? Daran ist ganz allein die Schneiderin schuld, die mir die Taschen immer so versteckt anbringt – – –«

»Dieser Schneiderin muß ich allerdings sehr ernstlich grollen, denn durch ihre Schuld verliere ich, wie es mir scheint, den einzigen Tanz, an dem ich mich beteiligen wollte.« –

»O, das thut mir schrecklich leid, aber sehen Sie, Herr Leutnant von Krosigk hat seinen Namen sofort auf die wiedergefundene Karte gesetzt. Ich habe in dem Auenblick wirklich vergessen, daß ich den Tanz schon vergeben hatte,« – –

Höflich unterbricht Doktor Brunner die junge Dame bei dieser, für ihn nicht gerade sehr schmeichelhaften Entschuldigung:

»Das ist ja ganz selbstverständlich, mein gnädiges Fräulein. Wie kann ich denn verlangen, daß Sie grade mein Engagement im Gedächtnis behalten! Wenn auch mit Bedauern, trete ich zurück.«

Ein strahlendes Lächeln dankt ihm.

»O, ich habe eine Freundin, die hat den Kotillon noch frei,« versichert das reizende Mädchen in liebenswürdigstem Eifer.

Der Husar erbietet sich, den Arzt der Betreffenden sofort vorzustellen. Einstweilen läßt er deshalb jedoch Schön-Elschens Arm noch nicht aus seinem. – Dieses Opfer braucht er auch weiterhin nicht zu bringen, da Doktor Brunner darauf verzichtet, ein beliebiges Mauerblümchen an Stelle der schönen Tochter des Gastgebers zum Tanze zu führen.

Eigentlich war auch das Kotillon-Engagement für ihn nur ein Pflicht-Tanz, da der Geheime Medizinalrat Schmieder, der Chef des Krankenhauses ist, an dem er als Assistenzarzt arbeitet. Er fühlte sich verpflichtet, mit der Tochter seines Vorgesetzten zu tanzen. Ganz flüchtig bedauert er sogar, daß sie ihn abgewiesen hat.

Kichernd tuschelt Elschen hinter ihrem Fächer mit dem schönen, eleganten Offizier, dem sie schon am Tage vorher auf der Eisbahn den Cotillon zugesagt hat, ohne einer Unterstützung ihres Gedächtnisses durch die Tanzkarte zu bedürfen.

»Wissen Sie, diese kleine Lektion schadet dem Dr. Brunner gar nicht. Der Mensch muß die Frauen ja eigentlich verachten, und er selbst muß vor Eitelkeit umkommen, wenn er sieht, wie Alle ihm zu Füßen liegen und ihn anbeten.«

Der Leutnant ist ganz starr vor Erstaunen. Dann lacht er auf. »Ah – das soll wohl eine kleine Lektion für mich sein? Ich habe wohl zu wenig Respekt vor den Erfolgen des Herrn Zivilisten?«

»Nein, nein, Herr v. Krosigk. Dieser Doktor Brunner gilt bei all seinen Patientinnen für unwiderstehlich. Papa sagt, es wäre zuweilen lächerlich, ja geradezu widerlich, wie ihm die Kranken nachlaufen. Mindestens ein Dutzend Fälle unheilbarer, unglücklicher Liebe zu Doktor Brunner sind in chronischer Behandlung bei Papa – allerdings, das wissen Sie ja wohl, so ganz normal sind diese »Fälle« nicht.«

Der Husar legt den Arm um die schlanke Taille des Mädchens, walzt einmal mit ihr durch den Salon, schlägt die Hacken zusammen und setzt die unterbrochene Unterhaltung fort:

»Schöner Mann, der Herr Doktor Brunner! Gnädiges Fräulein haben eigentlich ganz recht, so seine Erfolge zu konstatieren.«

Der hübsche Leutnant seufzt, streicht mit melancholischer Miene seinen flotten Schnurrbart in die Höhe wie ein Kater und betrachtet dabei lächelnd den jungen Arzt durch sein Monokel.

Brunner ist eine durchaus anspruchslose Erscheinung.

Seine schmale, mittelgroße Gestalt erscheint etwas kleiner, wie sie ist, infolge seiner vornübergebeugten Haltung und der schmalen, hängenden Schultern.

Unwillkürlich regt sich in dem Offizier der Wunsch, diesen vernachlässigten Körper aufzurichten –, den Mann ein wenig zu drillen.

Der Doktor aber mag wohl militärfrei sein, denn die dicken, scharfgeschliffenen Brillengläser deuten auf einen hohen Grad von Kurzsichtigkeit.

Außerdem rauben sie den Matten, hellblauen Augen jeden Ausdruck.

Ein bescheidener, schlechtgepflegter Schnurrbart paßt zu dem fahlblonden, dünnen, ängstlich gescheitelten Haupthaar.

Die etwas zu kleine Nase giebt dem Gesicht etwas unsäglich Nüchternes, Alltägliches. Der junge Irrenarzt sieht wahrlich nicht wie ein lady-killer aus.

Leutnant v. Krosigk ist einen Augenblick geneigt zu glauben, daß die junge Dame sich einen Scherz erlaubt.

Indessen wäre das doch, zumal auf Kosten einer so absolut gleichgültigen Persönlichkeit, wie dieser Arzt, von Fräulein Schmieders Seite eine ganz überflüssige Geschmacklosigkeit. Ehe er das von ihr annimmt, hält es Herr v. Krosigk für richtiger, ihrer eigentümlichen Behauptung zu glauben.

Neidlos unterzieht er die äußere Erscheinung des Doktors einer kurzen Besichtigung. Dann bemerkt er lächelnd: »Thatsächlich, Gnädigste, für diesen Herrn wird geschwärmt – gleich massenhaft noch dazu? – Soll man sich da etwa den weiblichen Teil einer Irrenanstalt wie ein Pensionat vorstellen?«

»Ach – wie stellen Sie sich das vor?« – Die schelmische Frage bringt ihn durchaus nicht in Verlegenheit.

»Bis jetzt habe ich faktisch noch nicht darüber nachgedacht, gnä' Fräul'n – aber wissen Sie, durch die Literatur, Bühne, Malerei, Kunst – na überhaupt – das Irrenhaus ist auf dem besten Wege salonfähig zu werden. Man muß Stellung dazu nehmen.«

»Jetzt scherzen Sie, Herr v. Krosigk, aber Sie sollten das nicht. Papa findet es gräßlich, daß diese ernste Sache – um nicht zu sagen »dieses Elend« jetzt so, wie Sie ganz richtig bemerken, salonfähig, so zu sagen zu einer neuen Sensation des Unterhaltungsbedürfnisses gemacht wird.«

»Der Herr Geheimrat hat ohne Zweifel ganz recht, aber sagen Sie selbst, ob nicht diese verrückten oder – pardon! man sagt ja wohl diese »geistkranken« Damen ganz absonderliche Geschöpfe sein müssen, wenn sie gleich so cadreweise ins Zeug gehen, um die lieblichsten Regungen der Frauenseele an einen Mann zu adressieren, der äußerlich wenigstens zu nichts weniger berechtigt scheint, wie zu phänomenalen Erfolgen in galanten Sachen. –«

Elschen Schmieder blickt beglückt zu dem Sprechenden auf.

Alles was er sagt, findet sie geistreich. Ob das vielleicht bei ihr ein Prinzip ist, darüber hat sie noch ebenso wenig nachgedacht, wie der junge Offizier über den Irrsinn, oder über die Irren. –

Scherzend gehen die Beiden von diesem Gesprächsthema auf ein anderes über. Natürlich sind alle Dinge, die sie plaudernd berühren, salonfähig.

Die Tochter des großen Psychiaters, Geheimrat Dr. Schmieder, ist nämlich eine sehr sorgfältig erzogene, kluge und interessante junge Dame.

Nebenbei eine brillante Partie.

Der von den Frauen so ungewöhnlich bevorzugte Doktor Brunner widmet indessen all diesen Thatsachen auch nicht einen einzigen Gedanken. Seine Kranken füllen nicht nur seine Zeit, sondern auch sein ganzes Fühlen und Denken aus. Ihnen gehört ausschließlich das Interesse des ernsten, stillen, gesellschaftlich etwas unbeholfenen Mannes.

Fräulein Schmieder hat ihm bewiesen, daß man ihm gegenüber kalt – kühl bis ans Herz hinan – bleiben kann. – – Gut – die junge Dame würde vielleicht recht unbefriedigt über das Ergebnis ihres Aufklärungsversuches sein, wenn sie ahnen könnte, wie absolut gleichgültig dem stillen Gelehrten sein Mißerfolg ihr gegenüber ist. –

Er wohnt als Assistenzarzt im Irrenhause selbst. Unzufrieden mit der Ermüdung, der er sich nach seiner Meinung überflüssiger Weise ausgesetzt hat, konstatiert er bei seiner Rückkehr, daß es zwischen zwölf und ein Uhr ist.

Eilig vertauscht er den Frack gegen einen einfachen Rock und unternimmt noch eine rasche Revision der seiner Obhut anvertrauten Frauenabteilung der großen Anstalt.

Auf einem der breiten, taghell beleuchteten Korridore kommt ihm eine mit weithin schimmernder, weißer Schürze bekleidete Wärterin entgegen.

Ihr Schritte hallen hart und dröhnend in dem hohen Raum. Rücksichtslos klirrt das Schlüsselbund an ihrem Gürtel.

»Frau Oberwärterin läßt Herrn Doktor bitten, noch nach Fräulein Helmke zu sehen. Das Fräulein kann wieder nicht schlafen.«

»Hat Herr Doktor Dlabka nichts verordnet?«

»Doch, ein Pulver. Aber die Kranke wollte es nicht einnehmen. Herr Doktor hat befohlen, daß wir sie nicht mit Gewalt dazu zwingen sollen.« –

»Es ist gut, Auguste. Ich komme.«

Er beendet seine Revision, ohne etwas Ungewöhnliches vorzufinden.

»Zuletzt kehrte er noch einmal nach der sogenannten »Nervenstation« erster und zweiter Klasse zurück.

Die meisten Damen dieser Station verfügen über ein eigenes Zimmer. Bei den schwerer Erkrankten schläft je eine Wärterin.

Ohne weitere Anmeldung betritt er das Zimmer von Fräulein Helmke. Grade dem Krankenbette gegenüber befindet sich eine Glasscheibe in der Thür, so daß das grelle elektrische Licht, das den Korridor erhellt, direkt das Gesicht der Schlafenden trifft.

Diese eigentümliche Einrichtung haben alle Einzelzimmer. In den Sälen beleuchten die Gasflammen ebenfalls ohne Vermittlung einer Fensterscheibe die Gesichter der Ruhenden. Klara Helmke sitzt in dem weißen Lichtquadrat, das über ihrem Bette liegt, aufrecht.

Immerhin ist es nicht so hell, daß man die welke Haut, die verblühte Schönheit der Dame genau erkennen könnte.

Es ist da nur ein allgemeiner Eindruck von einer weißen Gestalt, von einem schmalen Gesicht, das ungewöhnlich schönes, blondes Haar, schlicht über der Stirn gescheitelt, umgiebt.

Die mageren Hände sind fest ineinander gerungen; das lichte Haar flutet lang den Rücken herunter; die hellen, großen, fast wimperlosen Augen sind mit dem Ausdruck qualvoller Unruhe und Angst dem Lichte zugewendet.

Die Wärterin, der es, so lange die Kranke unruhig ist, nicht gestattet ist, sich zur Ruhe zu begeben, dreht bei dem Eintritte des Arztes hastig die elektrische Zimmerlampe auf.

Das harte, eisige Licht zeigt rücksichtslos den ganzen Verfall dieser Frauenschönheit, die jetzt mit zweiundvierzig Jahren noch sehr viel besser erhalten sein könnte, wenn die Krankheit nicht ihre verheerenden Spuren hinterlassen hätte.

Die Lippen des kleinen Mundes sind so schmal und blutlos, daß die Zähne fast wie in einem Totenschädel stehen. Die Augen starren aus förmlichen Säcken von Falten. Die Gesichtsfarbe ist krankhaft gelb, die Magerkeit geradezu beängstigend.

Bei dem Eintritt Brunners legt sich ein verzerrtes Lächeln über dieses Gesicht.

Warum haben Sie nicht das Pulver eingenommen, das Ihnen mein Kollege verordnet hat, Fräulein Helmke?«

»Wozu? Ich hätte doch auf Sie gewartet, Herr Doktor.« –

»Aber erlauben Sie mal, Fräulein, wenn Frau Piniowsky mich nicht ausdrücklich hätte rufen lassen, würde ich doch überhaupt nicht mehr gekommen sein. Wissen Sie denn nicht, wie viel Uhr es ist?«

»Ich wußte, daß Sie zu mir kommen würden, Herr Doktor und ich danke Ihnen.« – »O bitte, – aber ich wünsche, daß Sie jetzt schlafen.«

»Ja.« –

Sie legt sich gehorsam zurück und schließt die Augen. Er streicht ihr leicht mit zwei Fingern von der Stirn her über die Lider, kaum eine halbe Minute.

»So, nun schlafen Sie recht gut bis morgen früh um acht Uhr.«

Sie antwortet nicht mehr, da sie unter der von ihn gewendeten Hypnose in festen, traumlosen Schlaf versunken ist.

Das Licht wirft nach wie vor sein grelles Viereck unbarmherzig über das Kissen, auf dem das müde Haupt der Schlafenden ruht.

Alle Kissen im Hause sind so beleuchtet. Und nicht nur in dieser einen Anstalt. – In vielen Irrenhäusern bestehen solche Einrichtungen.

Ebenfalls ist es in vielen Anstalten – jedenfalls in allen öffentlichen Irrenhäusern Sitte, daß die Kranken, mit wenigen Ausnahmen, fast so früh aufstehen müssen, wie etwa das Personal einer landwirtschaftlichen Domäne.

Daneben werden unruhige Kranke mit Bettruhe behandelt.

Bei Fräulein Helmke war Beides versucht.

Befahl ihr Doktor Brunner, um eine bestimmte Zeit aufzustehen, so brauchte sie alsdann niemand zu wecken.

Suggerierte er ihr, sie sei müde und bedürfe der Ruhe, so gehorchte sie ihm ebenfalls in buchstäblicher Erfüllung seiner einzelnen Befehle.

Als er sie jetzt so ruhig und sicher unter seinem Einfluß einschlafen sah, kam ihm der Gedanke, sie müsse eine prächtige Somnambule sein und würde ihm gewiß als Medium dienen können, wenn er spiritistische Experimente, mit deren theoretischem Studium er sich in der letzten Zeit viel beschäftigt hatte, vornehmen würde.

Er hielt den Blick, während er dies dachte, fest auf ihre geschlossenen Lider gerichtet.

»Ja, mein Freund. Ich warte nur darauf, Dich an meinem Seelenleben teilnehmen zu lassen« – antwortete sie klar und ohne zu zögern auf seine Gedanken.

»Fräulein Helmke, wissen Sie, was ich denke?«

»Ja – aber Du sollst mich »Freundin« nennen.«

»Gott sein Dank, daß Du das wünschest. »Freundin« will ich Dich sehr gern nennen.«

Sie seufzte tief und schmerzlich.

»Du empfindest auch keine Freundschaft für mich. Du fürchtest nur meine Liebe. Du haßt, Du verabscheust meine Liebe.«

Er faßt sich rasch.

»Ich will Deine Liebe nicht. Ich will Deinen Gehorsam.«

»Ja, Herr.«

»Durch Deinen Gehorsam wirst Du gesund werden. Ich will Dich doch heilen, wie Christus diejenigen heilte, die ihn liebten und ihm dienten.«

»Ich werde für Dich sterben, Herr.« –

»Nein, nein –«

Sie murmelte etwas Unverständliches, drückte ihr Gesicht in das Kissen, küßte das Kissen und benetzte es mit den Thränen, die unter ihren geschlossenen Augenlidern hervorquollen.

Er empfand Mitleid mit der Seelenqual, die sie jetzt augenscheinlich empfand. Ob er sie wecken sollte? Ganz flüchtig glitt eine Erinnerung an das Fest, von dem er herkam, durch seine Gedanken. Er sah innerlich das Bild des schönen Mädchens, das ihn , der doch gar nicht daran dachte, sich ihr aufzudrängen, mit so abweisender, fast verletzender Kälte behandelt hatte.

Ob sie ihn wohl mit etwas mehr gesellschaftlicher Hochachtung behandeln würde, wenn sie sähe, wie bedingungslos ein Weib – eine Jungfrau wie sie selbst – ihm ergeben war? –

»In diesem Augenblicke verlobt sich das Mädchen, an das Du denkst, mein Freund. Der Soldat zieht sie hinter eine Gruppe von Pflanzen und küßt ihren roten Mund.«

Doktor Brunner erschrickt. Die Somnambule ächzt und wimmert zwischen ihren Worten. Ihre Stirn bedeckt sich mit kaltem Schweiß. Die Augen sinken in ihre Höhlen zurück. Die Lider nehmen eine bläuliche Farbe an, auch die Lippen.

Der Arzt erkennt, daß da vor ihm das Weib fürchterlich leidet. Er greift nach ihrem Puls und konstatiert einen fast tödlichen Schwächezustand. –

»Ich sterbe für Dich« –

»Nein, bitte liebe Freundin, wache jetzt auf.«

Er richtet sie etwas auf. Der Atem zeigt ihm, daß in ihrem Zustande eine Veränderung vor sich geht.

Eilig öffnet er die Korridorthür und ruft die Wärterin, die während der Vornahme einer Hypnose sich, ihrer Instruktion entsprechend, entfernt hatte.

Klara Helmke lächelt in unbeschreiblicher Glückseligkeit, als sie, aus ihrer Ohnmacht zu sich kommend, das Antlitz des von ihr heimlich angebeteten Mannes über sich geneigt sieht.

Seit sie in der Anstalt lebt, seit einem halben Jahre, erfüllt sie diese schwärmerische Neigung zu dem zehn Jahre jüngeren Manne, und diese Liebe starb auch nicht an ihrer völligen Hoffnungslosigkeit. Klara war ja so unglaublich bescheiden!

Nie hatte ein Mensch sich mit ihr beschäftigt, nie jemand sie beachtet. Überall, wo sie sich im Leben hingestellt sah, kam es nur auf ihre Hilfeleistungen, auf ihre kleine, aushelfende Arbeit an.

Eine volle Thätigkeitsaufgabe war ihr niemals gestellt worden. Sie hatte keine Gelegenheit gefunden, sich in der Arbeit auszuleben – in einer Arbeit, die ein Leben wert ist. Sie hatte ebenso wenig Gelegenheit gefunden, sich als Weib auszuleben in einem Gefühle, das ihr ganzes Wesen erfüllt und erfordert haben würde.

Als Gehilfin der Mutter hatte sie Jahre lang ihren Vater, der durch mehrere Schlaganfälle stumpfsinnig geworden war, pflegen helfen.

Als bald nach dem Tode des Greises auch die Mutter starb, war Klara zu ihrer einzigen Schwester, die an einen Geistlichen verheiratet war, übergesiedelt.

Dort hatte sie sich mehr als ein Jahrzehnt lang, so lange die Kinder klein waren, im Hause nützlich gemacht. Als aber der letzte Sohn des Pfarrhauses in die Stadt gebracht wurde, um dort die Jahre der Gymnasialzeit zu verleben, ging eine außerordentliche Veränderung mit Fräulein Klara vor.

Sie klagte, daß sie bei dem Ehepaar überflüssig sei und erklärte eine dienende Stelle in einem fremden Hause annehmen zu wollen.

Der Schwager sprach von der Dankbarkeit, die er ihr schulde, von den Schwierigkeiten, als älteres, durch Verwandtenliebe verwöhntes Fräulein sich noch in fremde Verhältnisse zu schicken, und so redete man es ihr denn endlich glücklich aus.

Danach wurde sie still. Schließlich ganz seltsam in ihrem Benehmen.

Der befreundete Hausarzt sprach von Hysterie, von Nervenleiden und kritischem Lebensalter.

Klara verfiel in Lach- und Weinkrämpfe, irrte Nachts durch Haus und Garten, die Dienstboten und Dorfleute erschreckend, und schließlich sah sich der Pastor genötigt, seine Schwägerin einer Anstalt anzuvertrauen.

Wenn man auch in der Lage war, ihr dort die zweite Verpflegungsklasse zu gewähren, so zwangen die Verhältnisse die Familie doch, eine staatliche Irrenanstalt zu wählen, da der Aufenthalt in einer Privat-Anstalt für Nervenleidende nicht zu erschwingen war.

Seit einem halben Jahre lebte sie hier, und in ihr Leben war Doktor Brunner getreten. Er brachte ihr, wie sie wenigstens glaubte, ein warmes, gütiges ganz persönliches Interesse entgegen.

Den Vorschriften des Hauses entsprechend, besuchte er sie täglich mehrmals.

Da es sich bei ihr, wie bei allen Kranken der Anstalt, um seelische Zustände handelte, betrachtete es der Arzt als seine Hauptaufgabe, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Er unterhielt sich deshalb oft ein Viertelstündchen ganz zwanglos mit ihr. Sie bemerke nicht, daß er sie dabei beobachtete, daß er es versuchte, ihre fixen Ideen zu ermitteln, ihre

Ansichten zu beeinflussen, im hygienischen Sinne zu beeinflussen.

Wenn er sie freundlich fragte, weshalb sie nicht schlafe, erzählte sie ihm von den Schattenstreifen, die vor ihren Blicken am mondhellen Nachthimmel dahinzuschweben pflegten, erzählte von den zartleuchtenden Gestalten der Verklärten, die, aus diesen Schatten auftauchend, zu ihr sprachen, die ihr winkten und ihr ein unfaßliches, ewiges, ganz unirdisches Glück verkündeten.

Liebe. –

Ihre Seele jauchzte den unbekannten Wonnen, die dieses Wort für sie enthielt, entgegen.

Liebe hatten ihr die Geister der Seligen verkündet. Nie würde sie einem Menschen das süße Geheimnis jemals vertraut haben. Sie fühlte sich ja den Menschen gegenüber so fremd, so einsam und kalt.

Diese unbestimmte, wonnige Glut lohte in ihr und verzehrte gegenstandslos ihre eigene Seele.

Mit hypnotischer Willensbeeinflussung hatte Doktor Brunner das tiefe Geheimnis dieses herb jungfräulichen Wesens ermittelt. Von der Stunde ihres Vertrauens an war seine Macht über sie ganz unbegrenzt.

Trotzdem beschäftigte er sich innerlich in keiner Weise mit ihr. Sie war ihm persönlich absolut gleichgültig. Ihre Hingebung benutzte er nur, um seinen ärztlichen Vorschriften Geltung zu verschaffen.

Zudem war sie nicht die Einzige, deren ganzes Denken und Fühlen dieser Mann ausfüllte.

Wohl war ihr Kultus für ihn der intensivste, der in seiner absoluten Anspruchslosigkeit reinste; aber es gab da Andere, die dem jungen Manne sehr viel heißer, sehr viel erwartungsvoller entgegenkamen.

Die Klausur des Anstaltslebens trennte alle diese, zum Teil blühend kräftigen Frauen und Mädchen von jedem Verkehr mit irgend einem Manne.

Die abgelegene Lage der Gebäude entzog ihnen auch den Anblick irgend welcher Männer, sogar aus der Ferne.

Geisteskranke haben oft stark ausgeprägte sinnliche Regungen, und dabei schließt der geistige Defekt ihres Zustandes jede Selbstbeherrschung aus.

Viele dieser Unglücklichen sind für eine lange Reihe von Jahren, für einen großen Bruchteil ihrer Lebenszeit in diese unnatürlichen, traurigen Verhältnisse in den Anstalten versetzt.

Wie ein Tröster, wie ein Heiland erscheint da ganz naturgemäß Vielen der Arzt, dem sie noch dazu in täglichem, freundlichsten Verkehr jede Regung ihres Herzens anvertrauen dürfen, und der für jedes Detail das geduldigste Entgegenkommen, das liebenswürdigste Interesse unterschiedslos gewährt.

Diese berufsmäßige Geduld, diese ganz unpersönliche, sachliche Freundlichkeit waren die einzigen, ganz positiven Eigenschaften, die Doktor Brunner auszeichneten.

Weder besaß er die »Siegfried-Schönheit«, die ihm trotz seiner scharfen Brille, um seiner blonden Haare willen so vielfach angedichtet wurde, noch verfügte er über den unergründlichen Reichtum an Geist, Witz, Edelsinn, den er nach der Meinung wieder Anderer vergeblich zu verbergen trachtete.

Ebenso wenig hatte aber auch der gute Herr die teuflische Absicht, grade seine schwierigsten Patientinnen zu seinem Privatvergnügen zu martern und zu peinigen.

Er wurde wild gehaßt von denen, die sich von ihm verfolgt glaubten. Es waren Irre – er wußte, daß er die extremsten Gefühle hervorbrachte.

Nach einigen Jahren der Praxis hörte er auf, sich über irgend etwas zu wundern. Und nun begegnete ihm eine Leidenschaft, deren Kraft seine eigene Seele zwang, mit der fremden Seele in Verbindung zu treten, ihr seine tiefsten, geheimsten Gedanken anzuvertrauen, Ihm graute bei der Vorstellung dieses seelischen Umganges, der sich nicht nur seinem Willen, sondern auch seinem Bewußtsein entzog.

Der Gedanke an die Somnambule peinigte ihn und raubte ihm für den Rest der Nacht den Schlaf.

Er wußte nicht, ober er das Weib, das ihn in dieser Weise in ihren Bann zwang, mehr fürchtete oder mehr haßte.

Er wußte nur, daß er sich ihr gegenüber nicht hinter seine gewohnte Autorität zurückziehen konnte, wie jeder Anderen gegenüber.

Sie wußte, daß er jetzt wach in seinem Bette lag und an sie denken mußte. Ihre wahnsinnige Liebe aber würde Flammen aus dieser Gewissheit schlagen.

»Ich weiß, Du haßt, Du verabscheust meine Liebe« – das waren ihre eigenen Worte. So hatte sie zu ihm gesprochen – sie, die in seiner Seele las, klarer wie in diesem Augenblick er selber.

Es erschien ihm fast wie ein Wink des Himmels, daß an dem Tage, der auf diese Entdeckung folgte, der Pastor Förster, Fräulein Helmkes Schwager, in der Anstalt erschien, um sich nach dem Befinden seiner Verwandten zu erkundigen.

Doktor Brunner versicherte dem Geistlichen, daß seine Schwägerin gar nicht mehr krank sei und zur Erholung während ihrer Rekonvalescenz im Hause ihrer Verwandten jedenfalls günstigere und freundlichere Eindrücke empfangen würde, wie in dem streng geschlossenen Anstaltsleben mit seinen traurigen Bildern von Menschenleid und Jammer.

Andrerseits rieten aber der Chef der Anstalt und der Oberarzt Doktor Dlabka, die Kranke noch in der Anstalt zu lassen.

Klara nahm die Mitteilung ihres Schwagers, daß er sie noch für ein weiteres halbes Jahr interniert habe, mit völliger Gleichgültigkeit auf.

So war denn Pastor Förster überzeugt, das Beste und Richtigste gethan zu haben.

Verzage nicht, liebe Schwägerin, der Herr, der alles wunderbar führt, wird weiter helfen! Du wirst dieses Haus der Leiden und Schmerzen als eine Genesene verlassen. Nur Mut, der Herr hilft allen, die an ihn glauben.« –

Klara reichte ihm mit einem sonderbaren Lächeln die Hand. Er verbeugte sich vor der Oberwärterin und folgte dann der Wärterin, die mit einem dicken Schlüsselbunde rasselnd vor ihm her ging, um ihm die Thore der Anstalt zu öffnen, ihn den Weg in die Freiheit zu führen, den in diesem Hause so viele vergeblich ersehnten.

Dieser eigentümlich verbarrikadierte Weg machte einen beängstigenden Eindruck auf den weich empfindenden Mann.

Er war froh, daß er sein geliebtes Weib vor dem trüben Anblick der inneren Räume eines Irrenhauses behütet und ihr diesen Gang abgenommen hatte.

Klara hatte sich garnicht nach der Schwester erkundigt, der es so herzlich schwer geworden war, auf den Besuch bei ihr zu verzichten. Klara war ihm überhaupt sehr leidend vorgekommen, und er wunderte sich im stillen über den Arzt, der ihm geraten hatte, sie mit nach Hause zu nehmen.

Indessen hatte Klara mit ungeduldiger Sehnsucht das Ende seines Besuches erwartet.

Sie hatte Doktor Brunner noch nicht gesehen und ohne eine Ahnung von der Unterredung zu haben, die sie mit ihm in hypnotisiertem Zustande geführt hatte, drängte ihr Liebe mit fast elementarer Gewalt ihm entgegen.

Kaum hatte der Pastor sie verlassen, so eilte sie nach der Blindenstation des Hauses, wo sich Brunner um diese Zeit aufzuhalten pflegte.

Übrigens genoß Fräulein Klara eine besondere Vergünstigung anderen Kranken gegenüber mit der Erlaubnis, die verschiedenen Stationen des Hauses besuchen zu dürfen.

Sie klopfte an eine verschlossene Thür. Eine Wärterin öffnete ihr von innen mit mürrischem, etwas spöttischem Gesicht.

Klara achtete nicht auf die Mienen dieser Person. Sie hatte nur Blick für eins, für Doktor Brunner, der freundlich plaudernd am Bette eines gelähmten blinden Mädchens saß.

Diese Kranke galt allgemein im Hause für fromm, war aber thatsächlich nur schwachsinnig und stumpf.

Ihre gottergebenen Reden und Sprüche wiederholte sie täglich, immer mit fast denselben Worten. Glücklich war sie, wenn jemand ihr geduldig zuhörte, ohne davonzulaufen.

Als Fräulein Helmke eintrat, erhob sich der Arzt, grüßte höflich und überließ ihr seinen bisherigen Platz, den sie freudig einnahm, bereit zu jedem Opfer, das ihr die Möglichkeit gewährte, in seiner Nähe zu sein.

Brunner trat an das Bett eines qualvoll im Veitstanz zuckenden blinden Kindes. Er holte aus seiner Rocktasche ein paar größere Glaskugeln und legte sie auf die Decke des armen Geschöpfes. Dann zeigte er dem Kinde, wie es mit den Kugeln spielen könnte, so lange, bis durch das Klappern des Glases und das angenehme Gefühl der Berührung des kühlen, glatten Gegenstandes ein behagliches Lächeln auf dem bleichen, kaum noch menschlichen Gesichte erschien. –

Er war augenscheinlich befriedigt darüber, daß er etwas ausfindig gemacht hatte, was diesem unglücklichen Geschöpfe etwas wie Freude bereitete.

Klara erbot sich, das ferne Spiel des Kindes mit den Kugeln zu beaufsichtigen. Er bedankte sich höflich, rief dann aber sofort die Wärterin herbei und beendete, mit ihr überall Anordnungen treffend, seine Visite auf dieser Station.

Die gelähmte Blinde, die es gemerkt hatte, daß ihre Zuhörerin sie verlassen hatte, rief Klara jammernd zurück, so daß diese ihre Hülfe zwischen zwei Pfleglingen zu teilen hatte, als Doktor Brunner den Saal verließ.

In diesem Augenblicke glitt ein behendes Wesen durch die Thür herein.

Eine heiße, nervös bebende Frauenhand griff nach den Glaskugeln auf dem Bette des Kindes. Rote schwellende Lippen preßten sich wieder und wieder auf das buntschimmernde Glas. Fräulein Klara fuhr mit einem altjüngferlichen Aufschrei in die Höhe.

Vielleicht hätte sie, wenn sie allein gewesen wäre, auch diese Glaskugeln geküßt. Als sie aber die wilde, verliebte Zärtlichkeit der Anderen sah, erwachte in ihr die Prüderie des alternden Mädchens.

In ihrer sittlichen Entrüstung vergaß sie ihre eigene Schwäche.

»Pfui, Frau Krause, wie kann man so seine weibliche Würde vergessen!« sagte sie.

Die junge Frau hob das häßliche, kleine Gesicht zu der stattlichen Dame empor, die so zürnend und tadelnd vor ihr stand.

»Wenn die Krämpfe kommen, dann hilft er mir immer. Er ist ja doch mein einziger Freund. Und seine Hand, seine Hand habe ich so lieb. Ich wollte, er schlüge mich damit so – so wie einen Hund.« –

Es war eine hündische, demütige und dabei sinnlich begehrliche Liebe, die aus den kleinen, funkelnden Augen der durch Jahre lange Krämpfe schwachsinnig Gewordenen sprach. Und auch diese nannte ihn ihren Freund!

Wohl war ihr Gehirn durch Jahre lange Krämpfe schwach geworden; aber liebende Sehnsucht, einen heißen, unbewußten Drang, der sich jetzt auf die Person ihres ärztlichen Wohlthäters richtete, vermochte die Unglückliche doch noch zu empfinden. Sie war nicht, wie Klara imstande, ihre Leidenschaften zu beherrschen, sie konnte sich nicht durch Arbeit und Lektüre zerstreuen. Sie war viel elender, viel heruntergekommener, in Klaras Augen maßlos verächtlich.

Im Allgemeinen interessierte sich Frau Krause nur für Essen und Trinken. Viele, viele andere Insassen der Anstalt teilten darin ihren Standpunkt. Nur wenn Doktor Brunner kam, erwachte ihre heftige, kindische Leidenschaft, die sich rückhaltslos vor allen Anderen preisgab. Trat man diesen Äußerungen mit allzu schroffer Strenge entgegen, so verfiel die Kranke gewöhnlich in Krämpfe. Man ließ sie deshalb gewähren, und sie begnügte sich auch meistens damit, die Gegenstände zu küssen, die der Arzt berührt hatte.

Dieser war inzwischen in einen anderen Saal eingetreten. Von dort erscholl jetzt heftiges Schreien und Fluchen. Eine Kranke, der er kalte Bäder verordnet hatte, überschüttete ihn im Zorn über diese sehr, sehr verhaßte Maßregel mit einer Flut von Beleidigungen und Schimpfwörtern.

Fräulein Klara wurde leichenblaß. – Als sie den gekränkten Mann aber gleich darauf mit vollständig ruhiger Miene aus dem Saal zurückkehren sah, war sie geneigt, einen Märtyrer in ihm zu erblicken. Er ging jetzt nach einer anderen Station.

Mit heimtückischem Grinsen näherte sich eine boshafte Kranke, die Fräulein Klaras ebenso wie Frau Krauses Liebe entdeckt hatte, diesen Beiden. In aller Wirrnis, die in ihrem Kopfe herrschte, war ihr doch klar, daß sie diesen Beiden weh thun konnte. Es war ihr einziges

Vergnügen, anderen Menschen weh zu thun. Sie haßte die Menschen.

»Die Alma hat den Schlüssel vom Medizinschrank stecken lassen, ich habe Gift, tödliches Gift gestohlen,« flüsterte sie.

»Was wollen Sie denn damit?« fragte Klara.

»Den Doktor Brunner umbringen. Mein Mann nämlich, der ist mir untreu und der bezahlt Doktor Brunner, damit er mich hier einsperrt. Was denken Sie denn, ich bin ja doch nicht verrückt! Das ist bloß der schlechte Mann und der Teufel von Doktor. Aber ich weiß, wo seine Kaffeekanne in der Küche steht, morgen muß er dran glauben, morgen beißt er ins Gras!« –

Frau Krause packt die böse Person am Halse; diese gab ihr einen Faustschlag. Zwei Wärterinnen kamen herbeigestürzt. Es gab einen unbeschreiblichen Tumult. Endlich entwand Frau Krause der Diebin das Pulver, das übrigens nur harmloses Phenacetin enthielt, und schluckte es in exaltiertester Aufregung herunter.

»Ich sterbe – ich sterbe für ihn« – jauchzte sie.

Klara begriff plötzlich, daß es die Eifersucht war, die sie rasend machte. Sie warf sich auf die Erde und schrie laut und anhaltend, ohne eigentlich zu wissen, was die damit bezweckte.

Die Blinden, die nicht begriffen, was vorging, gerieten in entsetzliche Aufregung. Der unter der Gleichmäßigkeit des Alltagslebens oft kaum bemerkbare Irrsinn der meisten Kranken brach hie und da durch. Zwei Frauen fingen an, mit Stühlen aufeinander loszuprügeln.

Frau Krause lag mit schäumenden Munde in wilden Krämpfen. Klara Helmke geberdete sich wie eine Rasende. –

Da endlich trat Doktor Brunner ein. In wenigen Minuten hatte er Ruhe und Ordnung wieder hergestellt.

Fräulein Helmke wurde bewußtlos nach ihrem Zimmer getragen und ins Bett gebracht. Von dieser Stunde an war sie sich über ihre Empfindungen klar, und auch Doktor Brunner

konnte nicht länger darüber im Zweifel bleiben.


* * *


Einmal saß Doktor Brunner auf der Veranda in lebhaftem Gespräch mit einer schönen, jungen Frau, mit der sich alle Ärzte gern unterhielten. Etwas abseits davon, mit leichten Handarbeiten beschäftigt, befanden sich zwei junge Mädchen, die ihrerseits durch Neckereien und Scherze die Aufmerksamkeit des jungen Arztes auf sich zu lenken versuchten.

Klara beobachtete diese Gruppe lange Zeit. Mit glühendem Schmerze gelangte sie zu der Überzeugung, daß ihr Freund im Begriffe stehe, in die Netze einer Koketten zu fallen.

Die junge Kranke, die thatsächlich etwas kokett war, dachte jedoch nicht im geringsten daran, sich für Doktor Brunner, den sie höchst interessant fand, zu begeistern.

Aber Klara, die nur immer den Kultus beobachtete, den so viele mit ihm trieben, kam gar nicht auf den Gedanken, daß es auch ein Weib geben könne, dem dieser Mann gleichgültig sei.

Sie hatte nie in ihrem Leben geliebt, und als jetzt der Frühlingssturm in ihren Herbst hineinbrauste, war sie unerfahren und thöricht wie die Jüngste.

Es war Doktor Brunner höchst peinlich und unangenehm zu bemerken, wie diese starke, jetzt nicht mehr wunschlose Liebe ihn seelisch umfaßte, ohne daß er etwas that, sie zu erregen, etwas thun konnte, um sie abzuweisen.

Die einzige Wonne dieser Leidenschaft waren ihre Qualen, brünstige, scharfe und doch unsagbar süße Leiden. Darunter an erster Stelle die Eifersucht auf den Freund – den Freund all der Vielen, die für ihn so verschiedenartig empfanden. – So quälte sich Fräulein Klara durch das Öde Alltagsleben des Irrenhauses dahin, von glühender Scham verzehrt bei dem Gedanken, daß irgend jemand etwas von ihren Empfindungen bemerken könne.

Doktor Brunner hatte dafür gesorgt, daß durch eine Verschiebung der Stationsverhältnisse die tägliche Behandlung von Fräulein Helmke an Doktor Dlakba überging.

So lebhaft es ihn auch interessiert haben würde, mit dieser hochsensitiven Somnambule spiritistische Versuche zu machen, so verzichtete er doch darauf, aus Rücksicht auf die Ruhe und das Wohlbefinden der Kranken, die er auch nicht wieder hypnotisierte, seit er wußte, wohin dieser Zustand gerade bei ihr führte.

Schließlich wurden dem leidenschaftslosen, nur seiner Wissenschaft lebenden Manne aber alle diese Rücksichten auf seine verschiedenen »Freundinnen« doch lästig.

Der Herbst verging, der Winter kam, und es war hie und da die Rede davon, das Fräulein Klara vielleicht das Weihnachtsfest im Hause ihrer Schwester , der Frau Pastorin, zubringen sollte.

Ihr Zustand schien leidlich normal und änderte sich auch nicht.

Doktor Brunner hatte sich empfohlen, um, wie sie glaubte, einen Weihnachtsurlaub anzutreten.

Bei der nächsten Visite sagte ihr jedoch der Direktor der Anstalt, daß Doktor Brunner einem Rufe als Oberarzt an eine andere Anstalt gefolgt sei, hier aber durch einen neuen Assistenten ersetzt werden würde.

Fräulein Klara verfiel nach dieser Mitteilung in Krämpfe.

Es war nun keine Rede mehr von einer Abreise zu Weihnachten. Im Gegenteil, die Verwandten wurden benachrichtigt, daß der Zustand der Kranken nicht einmal den Empfang eines Besuches von Seiten ihrer Angehörigen zulasse.

Als für das liebende Mädchen mit der Abreise des geliebten Freundes die Sonne untergegangen war, die ihre Umgebung für sie verklärte, war es ihr, als sähe sie jetzt die Anstalt zum ersten Mal.

Das furchtbare Elend der Blinden, der unheilbar und hoffnungslos am Veitstanz Erkrankten, der Jammer der Schwachsinnigen, die grauenhafte Angst der Tobsüchtigen drang auf sie ein wie eine Erkenntnis. Ihr war, als sei sie plötzlich aus dem Paradiese in das Land der Schatten versetzt. Selbst die kleinen Freundlichkeiten und Vorzüge ihres eigenen Aufenthaltes auf der sogenannten »Nervenstation« erschienen ihr in Schrecken verwandelt.

Ihr ganzes, sonst so gelassenes Wesen geriet in den wildesten Aufruhr. Nur eine Sehnsucht durchwühlte sie quälend, peinigend: – fort – fort aus dieser Umgebung – fort an eine friedliche Stätte im Leben, wo es Arbeit und Vergessen, wo es Erlösung für sie gäbe!

Ihren Bitten gegenüber blieben die Ärzte taub. An solche Bitten sind sie gewöhnt, sie sind abgestumpft dagegen.

Immer erregter, immer exaltierter wurde ihr Flehen. Wenn sie den Direktor nur von weitem sah, warf sie sich auf die Kniee und rutschte bettelnd vor ihm herum.

»Ich werde hier wahnsinnig, ich fühle, daß ich in diesem Hause verrückt werde – erbarmen Sie sich – lassen Sie mich fort!«

Die Irrenärzte zuckten die Achsel. Diese Erregung war gerade der richtige Zustand, um eine Patientin, die schon viel besser gewesen war, zu entlassen! Das fehlte gerade!

Nun fing sie an, Jammerbriefe an ihren Schwager zu schreiben. Als Magd wollte sie ihm, wollte sie jedem dienen, der sie aus dieser furchtbaren Gefangenschaft befreien würde, wiederholte sie wieder und wieder.

Der Pastor antwortete nicht, denn niemals erhielt er einen dieser Briefe, da in der Anstalt Briefkontrolle war.

Schließlich irrte das vorher so arbeitsfrohe Mädchen wie eine Irrsinnige umher, ohne im stande zu sein, sich irgendwie zu beschäftigen. Sie sprach von nichts mehr, als von ihrem Wunsche, die Anstalt zu verlassen, gerade wie eine Kranke mit fixer Idee.

Als die Frühlingswinde die Luft weich und ungesund machten, erlag der Körper dieser aufreibenden Seelenqual. Klara verfiel in Tobsucht, so daß sie nach der unruhigen Station gebracht werden mußte.

In der Osterzeit, etwa ein Jahr nach ihrer Einlieferung erschien in treu sorgender verwandtschaftlicher Liebe zum zweiten Male der Pastor in der Anstalt.

Er war erschüttert über den Bericht der Ärzte. Wer hätte das gedacht, daß in der tiefen Nerven-Depression, die ihn zum Aufsuchen der Heilanstalt veranlaßt hatte, der Keim einer so schweren Gemütskrankheit verborgen lag!

Wie wäre das erst geworden, wenn sie die Kranke zu Hause behalten hätten!

Wieder schloß sich hinter dem Geistlichen das schwere Hauptportal der Anstalt. Er hatte seine Pflicht gethan, ein pekuniäres Opfer gebracht und die Schwägerin für längere Zeit interniert, allerdings jetzt in einer niederen Pflegeklasse. Sie empfand den Unterschied ja auch nicht mehr!

»Welch ein Glück, daß die arme Klara wenigstens rechtzeitig in eine Heil-Anstalt gekommen ist!« sagte die Frau Pastorin weinend bei dem Bericht ihres Gatten, den sie diesmal jenseits des verhängnisvollen Portals erwartet hatte.

»Ja, liebes Weib,« antwortete er, was Menschen thun können, das ist für Deine Schwester geschehen. Legen wir alles Übrige glaubensvoll und vertrauend in die Hände des Herrn!«



Ein Engel

»Keine Stunde arbeiten wir mehr für den Hungerlohn! Nieder mit den Blutsaugern, die sich von unserem Schweiße mästen! Gewinnanteil, Gemeinsamer Besitz der Maschinen und Rohstoffe!« – –

So tönten die Schlagworte der Arbeiterführer durch die erregte Masse.

Hunderte von Streikenden waren versammelt und bildeten ein sich drängendes, schiebendes, kompaktes Menschengewühl ganz in der Nähe der von ihnen verlassenen Fabriken.

Bleiche Frauen, kümmerliche, schwache, schlecht genährte Kinder drängen sich zwischen die Männer und Jünglinge. Halbwüchsige Knaben waren die lautesten Schreier.

»Nein, wir arbeiten nicht mehr für unsere Bedrücker! Nieder mit ihnen hoch die Anarchie!«

In die enge Fabrikgasse kroch die graue Dämmerung. Die Schatten der Häuser lagen schwarz über der dunklen, beweglichen Masse elender Menschen.

In farblose Lumpen waren sie gehüllt; keine lichte warme Farbe schmückte die Jugend unter ihnen. Es war wie eine Uniform des Elends, alles grau-braun und dazwischen nichts Helles, wie nur die breiten, bleichen Gesichter, vom Schnaps gedunsen und vom Elend tief dunkel gezeichnet.

Eine Leidenschaft hatte alle diese Menschen wie eine Massensuggestion ergriffen. Der Einzelne hatte keine besonderen Wünsche; er heulte nur nach, was der Chor ihm vorheulte: »Geld oder Blut, Erlösung oder Revolution«

Ein junger Mann mit breitem Schädel, mit niedriger, weit über die Augen hervortretender Stirn führte das Wort. Der Mund mit den kräftigen Zähnen, der vortretende Unterkiefer, die mächtigen Backenknochen gaben ihm etwas Tierisches. Seine rot brennenden, im Rausch funkelnden Augen sprühten wahnsinnige, gedankenlose Leidenschaft. Er wußte nicht, was er that, und doch folgten ihm Tausende, die noch weniger als er wußten, was sie wollten, was sie begingen.

Wie Rasende folgten ihm die von seiner Leidenschaft hypnotisierten Weiber, nachbrüllend, was er mit einförmig heiserer Stimme in die Massen hineinschrie.

»Nieder mit den Reichen! Feuer auf ihre Dächer!«

Da tauchte neben ihm etwas Weißes, Undeutliches auf , und eine helle, weiche Mädchenstimme rief, freilich nur den Nächststehenden verständlich: »Folget mir nach ich führe Euch alle zum Glück!«

Sie war auf den Prellstein eines Hause gestiegen; ihre weißen zarten Hände stützten sich fest auf die breiten Schultern des vor ihr stehenden Arbeiters. Die langen, blonden Haare, die ihr Gesicht wie ein Heiligenschein umgaben, fielen bis auf den Kopf des tiefer stehenden Mannes. Und sie war weiß, ganz weiß gekleidet wie eine Lilie.

»Weg da, Fräulein, Sie gehören nicht zu uns!« knurrte der junge Mensch, der die Leute anführte zu ihr empor.

Durch die dunkle Dämmerung leuchteten ihre Augen ihm entgegen wie Sonnen: »Wo zwei oder drei von Euch versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter Euch.«

Was sollte das sein? Die Leute verstanden sie nicht und sahen neugierig zu ihr auf. Sie ahnten, daß ihrem Führer hier ein Gegner gegenüberstand; sie sahen, wie er unsicher schwieg und sie lauerten auf den Kampf.

Eine ganz kurze Minute herrschte ringsum atemlose Stille. Livia sah den Engel des Herrn über dieser Schaar irrender Seele schweben, und der Engel lächelte auf sie herab.

In flammender Extase breitete sie die Arme weit aus, als wollte sie Alle um sich her fassen und mit sich erheben. Dann sprach sie, ohne selbst zu denken, die Worte nach, die über ihr schwebten, die Worte des Engels, die sie nur allein hörte:

»Ihr leidet, meine Lieben, und Ihr klagt, weil Ihr leidet! Warum jauchzt Ihr nicht und dankt dem, der Euch diese Leiden zu Eurem ewigen Heil auferlegt? Wohl, Ihr seid arm! Wißt Ihr nicht, daß Euer Erlöser ärmer war als Ihr, – seid Ihr wert, ein besseres Leben zu führen als der Herr, der allen Armen ewige Reichtümer bewahrt in jener Welt? Und Ihr seid krank! Etliche unter Euch leiden Schmerzen. Denkt an die Schmerzen, die der Gekreuzigte für Euch litt, und an die Herrlichkeit, zu der er dann einging, an diese Herrlichkeit, zu der auch Ihr berufen seid!

Er, der Herrliche, der König der Himmel litt für Euch, und Ihr elenden Geschöpfe, Ihr wollt nicht leiden für ihn?

Nieder – nieder, werfet Euch auf Euer Angesicht und danket Gott, der Euch wert hält, für ihn zu leiden! Eure Erdenleiden sind das Blutopfer, das der strenge Gott haben will, – opfert Euch, laßt Euch zermalmen für ihn, leidet mit Wonne und Jauchzen! Bringt Euer Blut, Euren Schweiß, bringt Eure Kinder, bringt Eure Leben dar am Altare des Herrn! Wie – Ihr wollt murren?

Feuer wollt Ihr an die Häuser der Reichen legen? Wartet doch, wartet die kurze Spanne des Lebens, und dann werdet Ihr sehen, wie die Hölle nicht Feuer an ihre Häuser, sondern Feuer an ihre Gebeine legen wird, denn sie, die Euch, ihre Brüder, darben ließen, werden nicht ins Himmelreich kommen!«

»Aber sie haben jetzt den Himmel auf der Erde!« rief eine lachende, kreischende Frauenstimme dazwischen.

Ein drohendes Gemurmel erhob sich. Einzelne lachten, aber eine gefährliche Haltung nahm niemand an gegen dieses junge Geschöpf, das unbemerkt zwischen die Leute geglitten war.

Wenn Fritz Schulte das Zeichen gegeben hätte, würden vielleicht die Weiber sie niedergerissen haben; aber der junge Führer starrte wie gebannt auf die hin, die ihn überhaupt nicht sah.

»Lassen Sie es gut sein, Fräulein, mit so was ist uns nicht zu helfen!« sage endlich der ältere Mann, gegen dessen Schulter sie lehnte.

Da griff sie in ihre Kleidertasche und holte eine Hand voll Geldstücke heraus. »Bitte«, sagte sie ganz verlegen und reichte dem erstaunten Manne ein Goldstück.

Er nahm es kopfschüttelnd an. »Fräulein, Fräulein, was soll das heißen?«

»Wißt Ihr denn nicht, daß geschrieben steht, nur der Reiche, der seine Habe den Armen giebt, soll ins Himmelreich eingehen? –«

Bei diesen Worten fing sie an, ihr Geld auszuteilen. Wahllos drückte sie eine Münze in jede

Hand, die sich ihr entgegenstreckte.

Ein lebensgefährliches Gedränge entstand. Mehrere Personen wurden zu Boden gerissen. Die Nachdrängenden traten auf die gefallenen Körper, weit sich vorlehnend, um die gierigen Hände mit Geld füllen zu lassen. Stöhnen, Wimmern, Schreien und Schimpfen erfüllte die Lust.

»Ich habe nichts mehr!« sagte Livia freundlich.

»O bitte, bitte, Fräulein, mein Mann ist im Gefängnis, und ich habe vier Kinder"« jammerte die Frau, die zuerst die Rede der jungen Schwärmerin unterbrochen hatte.

»Gott wird ihnen helfen, wenn Sie zu ihm beten,« antwortete das junge Mädchen mit großer Bestimmtheit.

»Sollten wir uns das gefallen lassen? sie hält uns zum Narren!« schrie das Weib los. »Da kommt schon ein Schutzmann!«

»Natürlich, den Reichen steht die Polizei immer bei!«

Das Weib, das vergeblich gebettelt hatte, packte mit wütendem Griff nach der zarten Schulter des jetzt ängstlich schweigenden Mädchens.

Da trat Fritz Schulte, rücksichtslos sich durchschiebend, zu ihr heran. Er legte Geld aus seiner eigenen Tasche in die drohende Faust der Megäre und stieß die verwundert Dastehende dann brutal rückwärts in den Menschenhaufen hinein.

»Morgen Abend acht Uhr beim alten Freunde!« schrie er über die Menge hinweg.

»Platz da! Aus einander!« donnerten die Stimmen der Schutzleute.

Der Menschenauflauf wurde zerstreut; es setzte eine Anzahl Hiebe mit flacher Klinge. In Ganzen fügten sich aber die Streikenden doch gutwillig der Obrigkeit. Sie gingen aus einander in der Gewißheit, am folgenden Tage ihre Versammlung halten zu können.

Vorläufig wußte ja die Polizei noch nicht, welches Lokal dem »alten Freunde« gehörte.

Livia blieb ganz allein zurück. Selig lächelnd, lehnte sie an der schwarzen, rußigen Mauer der Fabrik. Ihre leuchtenden Augen suchten die Erscheinung des Engels in dem Dunkel der elenden Gasse, aber sie sah ihn nicht mehr.

In stillem Gebet falteten sich die zarten Hände über dem weißen Spitzenbesatz ihres Kleides. Sie betete für die Seelen der Armen, die nicht leiden wollten, um auf diese Weise geläutert zu Gott einzugehen.

Ein Schutzmann trat auf sie zu. »Kommen Sie, Fräulein, ich will Sie nach einer Droschke begleiten!«

»Ich danke Ihnen lieber Herr, bitte lassen Sie mich zu meinem Bruder gehen!« sagte sie freundlich.

»Wohnt der Herr Bruder hier in der Nähe?« fragte der Beamte erstaunt. »Ja, dieses ist meines Bruders Haus.«

»Na, wenn ihm die Fabrik gehört, werden Sie ja hier Bescheid wissen,« meinte der Polizist.

Er entfernte sich aber doch zögernd, denn es war ihm nicht bekannt, daß einer der Fabrikanten in dieser Gegend wohnte.

Als er dann aber sah, daß Livia ruhig und sicher in die verrufene, schmutzige Gasse hineinging, glaubte er, sich bezüglich ihres Standes am Ende doch geirrt zu haben, und ging seiner Wege.

In das Thor eines großen Hauses, das ihr völlig unbekannt war, trat Livia ein. Sie durchschritt die Einfahrt des Vorderhauses und gelangte in einen Gang, der nur von einer einzigen Gaslaterne sehr notdürftig beleuchtet war.

Rechts und links waren Thüren; eine Gosse mit schmutzigem Wasser lief in der Mitte des Ganges entlang. In eine etwas offen stehende Hausthür trat sie ein, tappte eine von Schmutz klebrige, schmale Treppe, die in völliger Finsternis lag, empor und ging dann auf eine Stubenthür zu, durch deren Ritzen Licht schimmerte.

In der Stube, die sie betrat, saßen drei Männer, eine Frau und mehrere Kinder um einen Tisch, auf dem eine Anzahl Bierflaschen stand. Jeder hatte ein Stück Wurst in der Hand und schnitt sich Brot dazu ab. Ein halbes Brot lag neben dem Bier.

Alle fuhren von ihren Sitzen auf und starrten die Arme an, die so unerwartet zwischen sie trat.

Sie reichte jedem der Männer die Hand und wandte sich dann an die Frau: »Liebe Schwester, es wird Nacht, ich bin arm und obdachlos, wollen Sie mich bis morgen früh aufnehmen? fragte sie.

Ja, wenn Sie ordentlich bezahlen wollen,« – war die zögernde Antwort. »Nein, ich bin arm, ich kann nicht bezahlen.«

»Ja, dann habe sich schon die zwei Schlafburschen,« meinte die Frau, auf zwei von den Männern deutend.

»Na, ich gebe mein Bett mal her, das Mädel ist ja ganz hübsch!« lachte der Eine.

Der Schlafwirt machte darauf einen gemeinen Witz, während Livia, ohne zu wissen, weshalb die andern lachten, sich mit an den Tisch setzte und die Frau um etwas Brot bat.

Sie aß das trockene Brot und fing darauf an, den Leuten von Christus und den Herrlichkeiten des Himmelreiches zu erzählen. Eine Weile hörten die Leute schweigend zu. Die Augen der Kinder hingen sogar verklärt und beglückt an den Lippen dieses seltsamen Wesens, von dessen Worten sie nichts begriffen. Nur dunkel fühlten sie, daß Besseres als das Alltagsleben, das sie kannten, ihnen da entgegentrat. Endlich stand aber die Arbeiterfrau auf, strich sich energisch die Schürze glatt und sagte zu ihrem Manne: »Du, dieses Fräulein ist jedenfalls verrückt. Sie wird wohl aus einem Tollhause weggelaufen sein. Wir müssen sie auf der Polizei abliefern.«

»Ich will die Polizei nicht auf dem Halse haben. Wer sich die holt, ist ja wohl selbst verrückt,« antwortete er.

»Alter Waschlappen, Du fürchtest Dich ja immer« entgegnete die Gattin.

Die Schlafburschen lachten. Die Frau aber, die nun einmal fürchtete, durch die Aufnahme des jungen Mädchens in Ungelegenheiten zu kommen, faßte ihren Gast rasch entschlossen um die Schultern und schob das willig nachgebende Mädchen zur Thür hinaus.

Livia vermochte ihrer Führerin kaum zu folgen, glaubte jedoch, daß Gott wünsche, sie sollte diesem Weibe gehorchen.

Die Frau, die sonst jedem Polizeibureau weit aus dem Wege ging, rechnete auf eine reiche Belohnung, wenn sie der Familie die weggelaufene Tochter zurückbrächte, und sah sich auch in dieser Hinsicht nicht getäuscht.

Es wurden ihr sofort fünfzig Mark überreicht, die Livias reicher Vater in seiner Todesangst auf jedem einzelnen Revier für alle Fälle deponiert hatte.

Ein Schutzmann brachte in einer geschlossenen Droschke die junge Dame zu ihren verzweifelten Eltern, die schon an einen Mord oder Selbstmord glaubten, zurück.

Mit strahlendem Lächeln begrüßten sie die Tochter. »Ich war bei meinen armen Brüdern, die Gott leiden läßt, weil er sie lieb hat.«

Eine andere Erklärung ihres Verschwindens war nicht zu erlangen. Der Hausarzt konstatierte religiösen Wahnsinn.

Freundlich und glücklich trat Livia am anderen Tage in den Krankensaal der Provinzialirrenanstalt.

Wie ein Engel bewegt sich die leichte, verklärte Gestalt zwischen den Betten der Kranken, zwischen den traurigen Erscheinungen der Irren.

Sie ist glückselig, daß Gott selbst sie zu den Armen geführt hat, die er hier auf Erden zum Leiden bestimmte.

Jedem erzählte sie von der himmlischen Gnade, die ihn im Jenseits erwartet, von dem Lohn, der dort an Stelle der zeitlichen Leiden dem Pilger bestimmt ist. Wenn sie allein im Gebet in ihrer Zelle kniet, erscheint ihr zuweilen der Engel, der sie von da ab, wie sie glaubt, bis zu ihrem dereinstigen Heimgang in das Himmelreich führen wird.

Sie sieht den Engel, sie spricht zu ihm, und er antwortet. Das Leid der Einzelnen, mit denen der Tag sie in Berührung bringt, vertraut sie dem himmlischen Freunde, und er giebt ihr die Worte des Trostes ein, die sie den Unglücklichen dann übermittelt, froh und stolz, ein Werkzeug solcher seligen Botschaft zu sein.

Die Familie trauert um die verlorene Tochter. Alle Bekannten bedauern die Eltern um dieses unglücklichen, geisteskranken Kindes willen.

Livia aber wandelt wie eine Heilige in glückseliger Reinheit, Schönheit und Liebe durch das Leben, das ihr im Irrenhause seine entsetzliche Nachtseite zeigt. Sie sieht von dieser Finsternis nichts, denn über ihr leuchtet ein Stern.

Ist dieser Stern nun ein Wahn?



Die Offenbarung Johannis

»Fürchte Dich vor keinem, das Du leiden wirst! Siehe der Teufel wird etliche von Euch ins Gefängnis werfen, auf daß Ihr versucht werdet und werdet Trübsal haben zehn Tage! Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Leben geben« –

Es steht geschrieben, daß Ihr Trübsal haben werdet, zehn Tage. –

Der junge Künstler war an dem Wollen zu seinen Werken zu Grunde gegangen. Er hatte die Offenbarung Johannis in einem Cyklus von Gemälden darstellen wollen. Die Wucht des Stoffes, das Übermaß von dessen Größe hatte ihn erdrückt. –

Der Teufel hatte ihn dem Bruder des Todes und des Schlafes, dem stillen Wahnsinn, zugeführt

Dem dritten Bruder. – Und werdet Trübsal haben zehn Tage.«

Es sind aber vor dem Angesichte Gottes tausend Jahre, wie ein Tag.

Er lag in einem der Männersäle des Hauses. Von seinem Bett aus konnte er ein Stück Himmel sehen.

Das leuchtete zu ihm herab.

Die Thurmspitze der Kirchhofskapelle ragte in dieses Stückchen Himmel hinein.

Auf der Spitze des Thurmes befand sich ein schwarzes, gußeisernes Kreuz.

Wenn der junge Mann sich aufgerichtet hätte, so würde er ein wenig von dem Garten gesehen haben, der die Anstalt umgab: ein paar Birken, deren Zweige licht schimmernd, im Winde leicht schwebend, lockend und gaukelnd vom Irren-Friedhof herübergrüßten.

Aber er richtete sich nicht auf.

Ruhend, leidend sah er alles, was in den reichsten Schöpferstunden seines Lebens ihm je in unfaßbarem Traum vorgeschwebt hatte.

Es steht geschrieben bei Johannes: »Ich sah die wilden Wellen des Meeres ihre Schande ausschäumen, irrige Sterne, welchen behalten ist das Dunkel der Finsternis in Ewigkeit.«

Er sah die Sterne der ewigen Finsternis. Die Wellen der Schande wogten vor seinen Blicken auf, bäumten sich wild in unermeßlicher Qual ewigen Fluches empor und rauschten über ihn dahin.

Er hörte das Brausen dieser kalten, lichtlosen verzweifelten Brandung eines Meeres von Blut und Thränen. – Blut und Thränen!–

Er sah das, und davor stand das Kreuz. Vor seinen Augen war das Kreuz erhöht. Es stand zwischen dem gewaltigen, himmlischen Panorama der Offenbarung und der Atmosphäre der Erde.

Wolken! –

Waren es zehn Tage, seit er hier lag, zehn Tage, wie die Schrift sagt, oder nach Menschenmaß gemessen vielleicht zehn Jahre?

Er wußte es nicht. Er dachte niemals darüber nach. Die Wolken zogen an dem Kreuze vorüber; sie verhüllten es zuweilen, ließen es je nachdem aufflammen in Purpur und Blut, und in diesen Wolken lag für ihn eine Welt. –

Mehr! –

Das Geheimnis der Offenbarung, eine greifbare, sichtbare Darstellung all der mystischen Rätsel und Gleichnisse, aus denen sie besteht.

Diese Rätsel, die er künstlerisch hatte lösen und verklärend schildern wollen, sie kamen jetzt zu ihm, ihn von allen Wehen und Schmerzen des Schaffens erlösend.

Vor ihm hatte ja längst ein Maler die Gleichnisse und Bilder, die in seiner Verzückung der Evangelist giebt, mit dem Zeichenstift festzuhalten versucht. Der Kranke kannte natürlich die Holbein'schen Blätter.

Ach – wie hatte er sie einst gehaßt, diese irdisch stammelnden Äußerungen eines Nichtverstehenden!

Der Mensch, der im Fleische nur irdisch lebt, kann nicht erkennen, was zwischen den Welten liegt. Wiedergeben aber, was das Auge nie sah – nein, er hatte längst aufgehört, das auf schlichtem Buchstabenglauben begründete Werk des alten Meisters zu hassen. Das Werk eines Lebenden –

Die Offenbarung konnte ein Lebender nicht dichten, noch weniger aber im Bilde gestalten.

»Ich war tot und siehe ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes.« –

Ja – ich war tot.

Leise sprachen es die blassen Lippen des kranken Jünglings aus – oft – oft – Mild legte sich die Hand des dritten Bruders auf sein Herz.

Diese Hand des Wahnsinns, die mit Tigerkrallen so manches andere Herz zerfleischt, waltete hier gütig und weich.

Der junge Maler glaubte, er sei vor langer Zeit einmal gestorben; deshalb achtete er auf nichts, was ihn umgab. Er kannte die Kranken nicht, die in einem Raum mit ihm lagen, er haßte nicht die Wärter wie so viele Andere, er lehnte jede ärztliche Frage, jede Behandlung ab. Die Wolken, die am Firmament über ihm dahinglitten, waren allein seine Welt.

Sie entschleierten ihm die Geheimnisse der sieben Sterne und der sieben Leuchter. Er sah in ihnen die goldenen Straßen der himmlischen Stadt. Sie bedeuteten für ihn den Thron Gottes, den Fußschemel seiner Herrlichkeit, von denen die Offenbarung Johannis erzählt. –

Und auch Johannes war tot, als er die Offenbarung schrieb. Holbein konnte ihre Gestalten nicht darstellen, weil er lebte.

Muß der Körper zerfallen, wenn ihn die Seele verläßt?

Vielleicht; aber es ist denkbar, daß eine Seele, frei von irdischen Fesseln, nach dem Todes des Leibes auf Erden zurückbleibt, weil das Lebenswerk, das ihr gesetzt war, nicht erfüllt ward.

Ihm war die Lebensaufgabe geworden, die Offenbarung Johannis in einem Cyklus gewaltiger Bilder irdisch zu gestalten, für das Unbegreifliche, Unfaßbare eine Form zu finden, die den Mitteln irdischer Wiedergabe entsprach.

Vielleicht Musik – er dachte daran; aber ihm war das nicht gegeben. Er konnte schließlich nicht über die Grenzen seiner Kunst hinaus; aber auch in deren Rahmen scheiterte er.

In einer wilden, unverständlichen Symbolik verlor sich sein Streben.

Die Menschen, die seine fratzenhaften Gebilde sahen, das verzweifelte Ringen seiner Seele nicht verstanden, zuckten die Achseln.

Manche lachten über ihn.

Dann fiel der Kämpfer.

Er starb in Verzweiflung. Der Jammer seiner Unzulänglichkeit würgte ihn, quälte ihn, bis er zusammenbrach.

Aber über den Tod hinaus folgte ihm das Verhängnis.

Dieser Fluch, der ihn verurteilte, das Schicksalsbuch der Offenbarung im Bilde zu verkünden.

Qualvoll rang die ruhelose Seele mit dieser furchtbaren Pflicht.

– – – – – – – – – – – – –

Die Wolken ballten sich zu wuchtigen drohenden Massen. Ihre Ränder hoben sich scharf und grell von einander ab. Sie schoben sich rollend und jagend, sturmgepeitscht hoch auf sich türmend zu Bergen –

Da geschah es – –

Der suchenden Seele ward die Verkündigung. Ein zackiger Blitz brach die Wolkenwand auseinander, und in diesem Blitz flammte das Kreuz auf, drohend und zugleich befreiend. –

Das Kreuz im Mittelpunkt der Wunderwelt, die nie ein Lebender sah, und die auch kein Lebender je hatte schildern können.

Es reihte sich ihm nun Bild an Bild.

Die Offenbarung Johannis wurde ihm klar. Sie wurde Ereignis für ihn. Er griff nach Leinwand und Pinsel. Aber siehe – er war tot!

Es war der Seele, deren Verhängnis sich endlich erfüllt hatte, nicht mehr gegeben, mit irdischen Mitteln zu schaffen.

Er ahnte nicht, daß eine tödliche Rückenmarkslähmung seine Hand gebannt hielt, so daß sie das Werkzeug, dessen er bedurfte, nicht mehr zu führen vermochte.

In leidenschaftlichem Schmerz rang er sich durch zu der Erkenntnis, daß zwischen ihm, dem Toten und der Welt, zu der er sprechen sollte, ein Bindeglied fehle.

Das Grab umschließt wohl nicht alle Toten. Es giebt Seelen, die – bis zu einer gewissen Grenze, bis zu einem bestimmten Grade mit dem Leben verbunden bleiben. Wie Johannes. –

Wenn der Evangelist ein Mittel gefunden hatte, seine Kunde aus der Welt jenseits des Lebens, in irdischer Form mitzuteilen, so war das wohl eine besondere Gnade.

Eine Willensäußerung des ewigen Lebenden!

Schließlich lag es in der Hand Gottes, diese Gnade zu gewähren, oder zu versagen.

In dieser Überzeugung gelangte die schmerzgefolterte Künstlerseele zur Ruhe.

»Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir auch dem Herrn – «

Er lag im Männersaale der Irrenanstalt. Still, körperlich regungslos, versunken in den Anblick des Spieles der Wolken.

Bild auf Bild entrollte sich ihm auf dem ewigen Hintergrunde des Äthers. Weithin schimmernd, von Wolken umzogen, ragt das Kreuz.

Es ist der Mittelpunkt des All. –

Regen –

Eine Schar grauer Gespenster eilt, hastig jagend, geheimnisvoll rauschend und flüsternd über die Haide.

Nasse, wehende Schleier flattern hie und da in Fetzen um die fliehenden Gestalten. Sie ziehen die Hüllen fester um sich; denn der Sturm packt sie und jagt sie auseinander.

Die grauen Regenwolken sausen über das Weltmeer –

»Die Meere werden ihre Toten wiedergeben –«

Halten sie Zwiesprache mit den Gespenstern der Regenwolken?

Ach, diese Toten, deren Seelen, zwischen zwei Welten schwebend, auf den Tag des Gerichtes warten!

Der Mann, der im Geiste den Weg vor sich sieht, den die am Himmel schnell hinjagenden Regenwolken zurückgelegt haben mögen, schaudert bei dem Gedanken an all die zahllosen Seelen, die gleich ihm zwischen Tod und Leben die Weiten des Wasser erfüllen.

Diese wartenden Seelen!

»Siehe, ich harre des Herrn!«

Er seufzt leise diese Worte, auf die niemand achtet.

Im Hause weiß ja jeder, daß der Maler nicht zu Anderen spricht, nie auf Rede und Gegenrede eingehen würde.

Nebel –

Der Himmel ist weiß. Ein ganz eigentümlich undurchsichtiges Weiß, das allen Gegenständen die Körperlichkeit raubt, alle Konturen auslöscht.

Das Kreuz auf der Turmspitze schwebt wie ein Schatten stumpf und dunkel in der gestaltlosen Nebelmasse, die alles erfüllt.

Ein paar Krähen drängen sich auf den Armen des Kreuzes.

Lautlos schlagen sie die Flügel auf und nieder.

Schatten! –

Es sind vielleicht nur Schatten, die die Erde erfüllen.

Vielleicht ist die Erde eine Station des Ueberganges für Wesen, die auf einem anderen Sterne gelebt haben und einem neuen Leben entgegenharren, als irdische Schatten.

Aber nein doch, nein, von solchen Vermutungen weiß die Schrift nichts.

Unverrückbar fest steht das Kreuz im wallenden Nebel.

Die Krähen fliegen, schattenhaft leise schwebend, irgend einem nicht sichtbaren Ziele zu. Sie verschwinden, als hätte die weiße, dicke Luft sie verschlungen.

Glockenläuten erfüllt den Sommerabend. Wie in Gold und Purpur ist der Himmel getaucht. Streifen von klarem, warmen Grün verlieren sich in zart rötlichem Lila.

Die in der Ferne verschwimmenden Wolken sind wie Farbenträume ewiger Schönheit.

»Siehe, der Herr kommt mit vielen Tausend Heiligen!« –

Selig lächelnd sieht der Kranke den feierlichen Zug herannahen.

Die Töne des Glockenspiels tragen die Seelen der Verklärten.

Sie halten Lilien in den Händen, und ihre Gewänder sind mit Rosen bekränzt.

Ihnen voran, vom Sonnenlicht funkelnd vergoldet, schwebt das Kreuz.

»Halte, was Du hast, damit niemand Deine Krone nehme!« –



Der Irren-Friedhof

Weiß und schimmernd decken Flocken
Weite, stille Einsamkeiten.
Weich und müde ruht die Erde
Unter diesem kalten, keuschen,
Weißem, stillen Schneegefunkel.

Tief verschneit steht die Kapelle
Zwischen flachen, weichen Hügeln,
Die, wie kleine, leichte Wellen
Schwach sich hebend, schwach nur senkend,
Stille Gräber-Reihen bilden.

Schneebedeckte, kalte Steine
Ohne Inschrift zeigen schweigend
Die bescheid'ne Ruhestätte
Jedes stillen, müden Toten,
Den die weiche Erde aufnahm.

Zweimal starben diese Toten.
Lichtlos, wie ein kurzer Schnee-Tag.
Lautlos, schattenhaft entgleitend,
Schwand der Geist. Die tote Seele
Blieb dem qualvoll kranken Leibe,

Bis die heil'ge Sterbestunde,
Mild erlösend, weich verschleiernd,
In die tiefe Nacht des Wahnsinns
Einen Lichtstrahl Gottes senkte,
Leuchtend durch die Ewigkeiten.

Zweimal starben diese Toten.
Aus dem Schatten ihrer Gräber
Ragt das Turmkreuz der Kapelle
Feierlich der Nacht entgegen.
Still erlischt der weiße Schnee-Tag.