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Adine Gemberg – Aufzeichnungen einer Diakonissin.

Roman

S. Fischer, Verlag. 1896.



I.

Einsegnung – Profess! Nein, nicht Profess! ich habe ja kein Gelübde abgelegt, nur ein Versprechen. Ein Versprechen in Gottes Hand – ich kann davon dispensirt werden – es ist also kein Profess. Die Kirche hat die Macht zu lösen und zu binden, sie kann von einem Gelübde dispensiren – Gelübde, kirchliches Versprechen, wo liegt der. Unterschied? Giebt es überhaupt einen Unterschied?

Ich habe Gehorsam gelobt. »Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Ich fordere wenig, nur Deinen Willen.« . . . .

Ich habe Ihm meinen Willen gegeben. Ist mein »Ich« von meinem Willen zu trennen? Wenn ich aber mein »Ich« gab, so habe ich ein Gelübde gethan, bin Nonne – – – Nonne? – – –

nein – es war doch kein Profess. Ich bin keine Nonne, ich bin Diakonissin. Der Herr gab mir ein Amt, – aus den Händen seiner Diener hab' ich's empfangen. In Treue will ich's verwalten.

Will? Wie kommt mir das Wort in die Feder, ist denn mein Wille noch mein? Bin ich noch »Ich« – ohne Willen – was bin ich noch? Diakonissin! ja, mein Gott ja, ich bin jetzt Diakonissin! –


* * *


Bisher, während der drei Jahre meiner Lehr- und Probezeit, habe ich schwachsinnige Kinder unterrichtet und gepflegt. Die Langsamkeit ihres Geistes hat mich niemals ermüdet. Wie kann ein kranker Geist sich z. B. den Begriff der Zahlen aneignen, oder sich klar darüber werden, dass aus gewissen Lauten Wörter gebildet werden, dass diese Wörter sich mit Begriffen decken, mit Begriffen, die den Schwachsinnigen unverständlich an sich sind?

Ich habe mich meistens darauf beschränkt, den Geistigarmen die Hände zu falten und sie beten zu lehren. Ob sie ahnen können, was für einen Begriff das Wort »beten« einschliessen mag? Sie haben mir niemals einen bestimmten Beweis eines bewussten Betens gegeben.

Aber sie empfinden den abstracten Einfluss der Musik.

Früher einmal hat mir ein Kapellmeister gesagt, dass Millionen in meiner Kehle steckten.

Die Kirchenorgel und meine Stimme schweben, im Choral über unserem Gottesdienst. Was ich in Worten nicht sagen könnte, das schluchzt, das jubelt ein Ton aus meinem Herzen heraus. Worte können nur Begriffe darstellen. Für Begriffe ist kein Verständniss bei den Blödsinnigen gegeben. Aber Musik ist Gefühl.

Gefühle bewegen jede Seele, die überhaupt menschlich ist, selbst Seelen ohne Geist. Ganz Stumpfsinnige, denen das Leben nur aus Schlafen und Essen besteht, die nicht sprechen und nicht denken können, sie können fühlen, sie empfinden die Musik durch den Tastsinn der Seele.

Ich singe einfache, schlichte Lieder vor den schwachsinnigen Kindern, und dafür geben sie mir alles, was sie an Seele besitzen.

Ich lehre sie beten; für mich lernen sie das, nicht für Gott, den sie stammelnd nennen, ohne ihn mit irgend einem ihrer stumpfen Sinne ahnen zu können.

Ich bin ihr Gott – –

Grössenwahn! – wie darf ich das niederschreiben, wenn auch, ausser mir, niemand je diese Blätter liest oder sieht! – – – Gott – – ihr Gott – – Es handelt sich ja nur um Kretins, um Thiere, kaum höhere Thiere zu nennen – – aber ihr Gott – ich, wer bin ich?

Bin ich nicht Fleisch, und wenn ich singe, denke ich da an diese eklen, hässlichen, blödsinnigen Geschöpfe um mich her? Durchdringt mich nicht ein Gefühl von Wonne, von Stolz, von Lust und bebt durch meine Nerven und schauert durch meine Sinne?

Gott? Ein Gott ist in mir, und wenn ausser mir ein Gott wäre, der fühlte wie ich, und dessen Seele Musik wäre, wie meine Seele, würde ich dann etwas anderes begehren, als für ihn zu singen, für ihn zu beten, mit ihm, in ihm? – durch ihn? – – – dieses Sehnen und Bangen, wie dunkel das ist! – wie fern von Ruhe, von wunschloser Seelenruhe!    

Ruhe! – Ich bin jetzt Diakonissin, – Kirche, hast Du Deinen Dienern nicht Frieden verheissen? Ich harre des Herrn


* * *


Diese Schwachsinnigen flössen den meisten Menschen Ekel ein. Sie sind so unsagbar hässlich, so hülflos, schmutzig, gefrässig, zudringlich-zärtlich, oder trotzig-scheu. Fast alle boshaft. Keins unter all diesen Kindern hat eine normale Kopfform.

Wie verbogen sind diese Köpfe! Eckig, oben abgeplattet, spitz, bohnenförmig – –

Die Meisten, als hätten sie einen Fusstritt ins Gesicht bekommen. Triefende Augen, feuchte Nasen, hängende Lippen. –

Fast Alle athmen durch den Mund, rasselnd, schnaufend – – und ich lehre sie singen. Ich singe vor ihnen – für sie?

Nein, ich singe für mich selbst und für den Gott oder für den Menschen, dem meine Seele verwandt ist, und dessen Seele Musik athmet, dessen Leben Töne sind, Töne, die hoch über dem Irdischen schweben. Wie nun, wenn dieser Mensch mir in der Welt der Töne begegnen sollte und wäre ein Mann?

Bin ich nicht wunschlos? resigniert – erdentot – – und diesem Manne? – –

Mein Gott, was denn? Ich wäre ihm Schwester, fromme Schwester, wo bleibt da eine Frage?


* * *


Man bewundert meine Geduld. So viele Schwestern haben schon die Geduld verloren bei dem Unterrichten der schwachsinnigen Kinder. Sie strafen und schlagen, was ihnen natürlich nicht hilft, und werden dafür getadelt.

Wie kann man ein so ekelhaftes Geschöpf schlagen! Wie kann man es anrühren! Mein Widerwille dagegen ist ganz körperlich. Mit Schwester Clementine theile ich mich in ihre Pflege. Die Schwester wäscht sie, füttert sie, besorgt alle ihre körperlichen Bedürfnisse. Nur beaufsichtigen und lehren kann und mag sie nicht. Das habe ich übernommen. Man stellt meine Leistung viel höher, als die der Schwester Clementine. Die Oberin sagte neulich etwas von engelhafter Geduld.

Ich habe sehr wenig Macht über mein körperliches Empfinden. Alle meine Nerven sträuben sich gegen ein Berühren meiner Haut mit der Haut eines dieser Wesen.

Ich verabscheue sie. Und doch habe ich mit ihnen eine engelhafte Geduld – –

Eine ganze Woche habe ich gebraucht, um meine Klasse das Schreiben eines einzigen Buchstabens zu lehren. Jetzt schreiben die Kinder den Buchstaben alle. Mir wurde ein besonderes Lob dafür ertheilt, dass ich dabei nicht einmal gestraft habe, nicht einmal ungeduldig geworden bin.

Worüber hätte ich ungeduldig werden sollen?

Ob die Klasse eine Woche oder ein Jahr braucht, um einen Buchstaben zu lernen, kann mir doch gleichgültig sein. Wenn die Kinder den Buchstaben »a« begriffen haben, lehre ich sie eben den Buchstaben »b«. Es kann mir doch wirklich einerlei sein, mit welchem Buchstaben ich mich beschäftige.

»Selig sind, die da geistig arm sind« – – –

Selig – – also um das Höchste zu finden, genügt es, die Hände zu falten und gläubig zu stammeln! –

Weshalb sind wir denn aber nicht Alle schwachsinnig und geistig arm? Weshalb lebt in uns ein Zittern, ein Sehnen – ein Ahnen – – – und oft, gar zu oft ein wildes Kämpfen und Ringen?

Weshalb lebt in unserer Seele die Musik? In unserer Seele?

In meiner Seele! Seit drei Jahren bin ich nun Schwester, erst war ich Probeschwester und jetzt bin ich Diakonissin. Diese drei Jahre hat meine Seele in Tönen gelebt, aber allein, ganz allein. Ich habe auch nicht eine einzige andere Seele gefunden, die dieses Leben geahnt, geschweige denn getheilt hätte.

Ich darf mich ja auch nach einer solchen zweiten Seele nicht sehnen. Mein Wille ist nicht mehr mein, ich bin nicht mehr frei, nicht mehr Mensch – – – ich bin wunschlos – ich will wunschlos sein – – »Will« – – »Ich« – – vorbei, alles vorbei, nur das Leben nicht. Ich lebe und in der künftigen Woche werde ich meine Klasse den Buchstaben »b« lehren.


* * *


Man schickt Lehrschwestern hinaus in die Mission. Wie unsere Schwachsinnigen, so sollen die Heiden, die Negerkinder im Christenthum unterrichtet werden. In Anerkennung meiner stillen Geduld, meiner unerschütterlichen Sanftmuth und Seelenruhe haben die Oberen mich ausgewählt, um unter den Heiden zu lehren.

Wie eine grosse Ehre wurde mir das mitgetheilt. Gewissermassen nur zum Schein fragte man mich, ob ich mich stark genug fühle und bereit sei, dem Worte des Herrn Folge zu geben, das da lautet: Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker u. s. w.

Ich lehnte diese Zumuthung ab. Es steht ja geschrieben: »Eure Rede sei ja oder nein, was darüber ist, das ist vom Uebel.« Also antwortete ich, ein kurzes, festes, ruhiges »Nein.«

»Warum, Schwester Minna?«

Ich zögerte und sann. Eine Begründung meiner Willensäusserung wurde von mir erwartet: von mir, die ihren Willen dahingegeben hatte.

»Ich möchte meine schwachsinnigen Zöglinge nicht verlassen, ich habe mich nun einmal an sie gewöhnt.«

O – diese Liebe – diese heilige, erbarmende Liebe! Wie ehrlich, wie aufrichtig haben meine Mitschwestern mich angestaunt, mich bewundert!

Der Generalsuperintendent reichte mir vor Allen die Hand.

»Schwester Minna, Sie sind eine reine, fromme, treue Dienerin. Die Blöden um ihrer selbst willen zu lieben, vermag wohl der Mensch nicht. Aber Sie lieben sie um Gottes willen. Er wird Ihnen Ihre Liebe vergelten.«

Schwester Agathe geht zu den Missionären, und ich bleibe hier. –


* * *


Von allen Seiten werde ich jetzt nach meiner Liebe gefragt, man bewundert mich, man verehrt mich. Es ist doch nicht meine Schuld.

Ich habe gesagt, dass ich mich an meine Thätigkeit gewöhnt hätte. Das Wort »Liebe« ist nicht über meine Lippen gekommen. Man schiebt es mir unter, und ich muss es auf mich nehmen. Ich sehe keine Möglichkeit, dieser Lüge zu entrinnen.

Nein, ich liebe diese schwachsinnigen, unreinlichen, thierischen Wesen nicht – nicht um ihrer selbst willen und nicht um Gottes Willen. Ich ekle mich vor ihnen, und wenn ich bleibe, wenn ich nicht in die äussere Mission eintreten will, so hat meine Lehrthätigkeit damit wohl nur wenig zu schaffen.

Was suche ich denn – Ruhe, nur Ruhe?


* * *


Gestern ist Schwester Friederike gestorben. Sie war meine Probemeisterin während meiner Lehrzeit.

Vor ihrem Ende sprach sie den Wunsch aus, ihre ehemaligen Schülerinnen, so weit sie hier sind, noch einmal zu sehen. Wir wurden zu ihr geführt.

Jeder Einzelnen gab sie ein Mahnwort mit auf den Weg, ein Wort der Ermuthigung, der Belehrung. Bei Einigen war es sogar ein Wort mütterlicher Liebe. Die jungen Schwestern weinten und beteten.

Ich trat zuletzt an das Sterbebett. Die Kranke sah mit einer Art Ehrfurcht zu mir auf. »Schwester Minna« sagte sie leise. »Die heilige Ruhe der Entsagung, die göttliche Liebe des Erbarmens haben Sie früh gefunden. Ich habe immer danach gestrebt und gerungen. Ach, ich war nicht so geduldig und ergeben, wie Sie. Jetzt bin ich müde – totmüde, – die Ruhe ist mir nun endlich gewiss.«

Ich beugte mich über sie. »Erst jetzt finden Sie Ruhe, Schwester?«

»Im Leben ist keine Ruhe«, hauchte sie – »aber Liebe kann man hineinlegen – Liebe« – – –


* * *


Wir haben sie in den Sarg gebettet, und ich sitze neben ihr und sehe in das steinerne, harte Antlitz.

»Im Leben ist keine Ruhe« – – –

»Liebe kann man hineinlegen,« hat sie gesagt. In meinem Leben ist aber auch keine Liebe.

Ich kann die Blödsinnigen nicht lieben, wenn man auch sagt, dass mein Thun an ihnen Liebe sei.

Mein Herz weiss nichts von dieser Liebe und sehnt sich auch gar nicht nach Liebe.

Ruhe – im Leben ist keine Ruhe.

Aber im Tode ist Ruhe.

Meine Blicke brennen auf diesem kalten, gelben Gesicht, umsonst, ich stehe wie an einer verschlossenen Thür.

Im Sterben hat sie die Nähe des ewigen Geheimnisses gefühlt. Jetzt liegt ein eisiger, strenger Bann darüber.

Ich kann nicht so neben der Leiche sitzen, es erfasst mich wie ein Schwindel, ein rasendes Verlangen, ich weiss nicht wonach.

Ich fasse die kalten, wachsartigen Hände – ich löse die bläulichen, gefalteten Finger voneinander und dann reisse ich diesen harten, flachen, kalten Körper an mich fest, fest – – so nun halte ich dich, du ewige Ruhe – du heilige, stille Tote – nun enthülle mir dein strenges Geheimniss!

Nichts – –

Ein unangenehmes Gefühl schleicht sich durch meine Adern. Ich fühle den schweren, starren, kalten Körper, der den Formen meines Körpers widerstrebt. Es ist etwas feindliches in diesem passiven Widerstand des toten Leibes.

Wie schwer die alte Frau ist! Ich lasse sie zurück sinken und falte ihre starren, kalten Hände von neuem.

Sollte all mein Sehnen dem Tode gelten? Da ist der Tod – ich habe oft Gelegenheit, ihn kennen zu lernen. Ich will ihm sein Geheimniss ablauschen. Die Ruhe des Todes im Leben – –

Ich werde aufpassen. von jetzt ab – ich will nicht sterben, aber den Tod studiren, dann werde ich ruhig werden – – still ganz still – ganz frei von Sehnsucht.


* * *


Schwester Friederike ruht nun in der Erde. Bei der Totenfeier habe ich gesungen. Kein Auge in der ganzen Kapelle blieb trocken, nur meins – Die Sehnsucht brennt in mir und verzehrt meine Thränen.


* * *


Heute ist eins von den schwachsinnigen Kindern aus meiner Klasse gestorben.

Stumpf, wie ein Thier, war das Mädchen im Leben. Acht Jahre ist es über die Erde gekrochen, wie ein Hund. Es konnte nicht aufrecht gehen.

Im Tode wurde es ein Mensch. Mit klarem Blick sahen die einst so blöden Augen mich an. »Willst Du etwas, Mariechen?« fragte ich.

Das Kind zog meine Hand an seine erkaltenden Lippen. »Ich danke Dir, Du bist gut.«

Der erste zusammenhängende Satz in seinem ganzen Leben war über seine Lippen gekommen. Dann ein leises Schluchzen, ein kurzer Kampf. – –

Ja, der Tod ist interessant. –


* * *


Ich habe mich zur Krankenpflege gemeldet.

Alles wundert sich, dass ich – grade ich meine Schwachsinnigen verlasse. Ich glaube, man nimmt an, dass meine Anhänglichkeit an die Blöden nur ein Vorwand gewesen sei, mich den schweren Anforderungen des äusseren Missionsdienstes zu entziehen.

Also Furcht vor Afrika! –

Mag man doch glauben, «was man will! Wenn ich nur nicht mehr nöthig habe, für eine zärtliche Freundin dieser entsetzlichen Wesen zu gelten!

Auch die Kranken in unserem Lazarett sind nichts weniger als anziehend. Aber so ekelhaft, wie die Blödsinnigen, sind sie doch nicht. –

Man sieht mich übrigens mit Bedauern aus meiner bisherigen Thätigkeit scheiden. Ich soll eine vorzügliche Lehrerin sein.

Das wundert mich, denn als Kind war ich eine ungeduldige Schülerin.

Ich habe meine Nachfolgerin bereits in meine Klasse eingeführt. Schwester Klara ist Wittwe, ein müdes, verwittertes Geschöpf. Aber zur Arbeit ist sie frisch und willig.

Sie hörte meinem Unterricht zu mit stillem Lächeln:

»Wie konnten Sie das aushalten, Sie, so jung, so lebensfrisch, so blühend, Schwester Minna?«

»Warum sollte ich es nicht aushalten, Schwester Klara? Ich habe nun drei Jahre hier unterrichtet, es gehört nur ein wenig Geduld dazu.«

»Ein wenig Geduld und sehr viel Liebe.« – Sie seufzte. Als ich schwieg, fragte sie mich, wie alt ich sei.

»Einundzwanzig Jahre.«

Mein Gott, sie findet das jung. Jung? – – Bin ich denn eigentlich jung? Sehne ich mich nicht nach der Ruhe des Todes? – –

»Ich bin jung, Schwester Klara, aber müde, lebensmüde.«

Ein mildes Lächeln huschte wieder über das alte, welke Gesicht.

»Das ist kein Wunder, Kind – hier mussten Sie lebensmüde werden – bei diesem hoffnungslosen, eintönigen Unterricht. Es ist gut, dass Sie fortkommen.«

»Und Sie, Schwester Klara?«

»O ich, ich bin alt. Mein Leben ist ausgelebt, der arme Rest ist gut genug für diese unglücklichen Kinder.«

Ihr Leben ist ausgelebt. – Und meines? Habe ich nicht mein »Ich« aufgegeben und meinen Willen vor dem Altare geopfert! Kann vor mir noch Leben liegen?

»Mein Leben ist ausgelebt,« hat Schwester Klara gesagt.

Wie das räthselhaft klingt, für jemand, der das Leben nicht kennt, wie ich.

Aber es muss etwas Grauenhaftes sein, dieses Leben, das die Menschen so müde macht und so oft in Verzweiflung stürzt.

Alle meine Zöglinge treten, von geistiger Dämmerung umnachtet, hinaus in dieses kalte, lieblose Leben. Sie müssen arbeiten, um ihren Hunger zu stillen und um niemand zur Last zu fallen.

Wenn der Körper verbraucht ist, haben sie das Ziel des Lebens erreicht.

Dann kommt der Tod, und die Spanne Zeit, die ihm voranging, war das Leben – ein Menschenleben.


* * *


Schwester Klara bringt mir Theilnahme entgegen. Sie übernimmt meine Arbeit; da ist es ja eigentlich natürlich, dass sie sich für meine Methode interessirt.

Sie besitzt aber Menschenkenntniss. Es berührte mich doch eigen, als sie heute ganz plötzlich zu mir sagte: »Es ist nichts gegen Ihren Unterricht einzuwenden, liebe Schwester, nur macht mir das alles den Eindruck, als ob Sie doch keine wahre, herzinnige Liebe für die armen, blöden Kinder empfänden.«

Keine Liebe! Um dieser edlen, hochherzigen Liebe willen werde ich bewundert und verehrt, und nun kommt diese alte, schlichte Frau, sieht mit ihrem erfahrenen, ruhigen Blick mein Wirken an und zieht ganz kühl und kurz daraus das Facit: Die Liebe fehlt. –

Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht –

Sie nahm mein Schweigen für eine Zustimmung zu ihrer Ansicht. »Es ist ganz natürlich, dass Sie sich innerlich abgestossen fühlen,« begann sie wieder, »man muss schon anerkennen, dass Sie das äusserlich überwinden. Haben Sie selbst jüngere Geschwister?«

Die einfachste Pflicht der Höflichkeit zwang, mich, Schwester Klara meine persönlichen Verhältnisse mitzutheilen. – Ich sagte ihr, dass mein Vater, ein höherer Beamter, bald nach meiner Geburt gestorben sei.

Nun erkundigte sich die alte Schwester eingehend nach meiner Mutter und zeigte warme Theilnahme für deren einsames Loos. Wie sonderbar mir das vorkommt!

Meine Mutter starb, als ich sieben Jahre alt war. Niemand hat mir je von ihr erzählt, niemand hat bei mir irgend ein Gefühl für sie vorausgesetzt, oder erweckt. Schwester Klara bedauert mich um dieses Mangels willen, den ich nie empfunden habe.

»Wie arm und liebeleer muss Ihr Herz geblieben sein!« sagte sie zu mir.

Ich erzählte ihr von dem eintönigen Anstaltsleben, das ich seit meinem siebenten Jahre führe.

Mein Vormund, ein Geistlicher, hatte mich in eine Herrnhuterpension gebracht, wo ich blieb, bis ich erwachsen war. Dann nahm er mich so lange in sein Haus, bis ich mit 18 Jahren das erforderliche Lebensalter erreicht hatte, um Diakonissin werden zu können. In der Erziehungsanstalt hatte man mich schon auf diesen Beruf hingewiesen.

Wenn auch der Gedanke, mich der Kunst zu widmen, in mir zuweilen aufgetaucht war, so fand ich doch so wenig Verständniss dafür bei meiner Umgebung, besass selbst so gar keinen Begriff davon, was für äussere Lebensbedingungen ein solcher Entschluss mir bieten könne, dass dieser Plan niemals irgend welche feste Gestalt annahm.

»Als Diakonissin hast Du inneren Frieden und das Bewusstsein, ein nützlicher Mensch zu sein. Das Mutterhaus bietet Dir eine Heimath. Was willst Du eigentlich noch weiter?«

So hatte mir mein Vormund zugeredet. Ich wusste nicht, was ich »noch weiter wollte«, und so ward ich Diakonissin.

»Und nun? Sind Sie nun glücklich?«

Was diese Schwester Klara für Fragen stellt! Ob ich glücklich bin? Ich konnte darauf keine Antwort geben. Es sind doch wohl nur sehr wenige Menschen glücklich. Wie sollte ich gerade dazu kommen?

Ich empfinde aber in meiner Seele irgend eine dunkle heisse Sehnsucht. Die äusseren Verhältnisse haben diesem Gefühle eine düstre hoffnungslose Richtung gegeben. Ich sehne mich nach der Ruhe des Todes. – Wenn meine äusseren Lebensbedingungen andere wären, ob ich mich da vielleicht danach sehnen würde, glücklich zu sein?


* * *


Die Frage, die mir Schwester Klara gestellt hat, lässt mir keine Ruhe. Die Schwester hat sich jetzt in meine bisherigen Pflichten eingearbeitet, so dass ich morgen abreisen kann.

In den letzten Tagen war ich selbstverständlich viel mit ihr zusammen, um ihr zu zeigen, wie sie die körperlichen und geistigen Gebrechen der einzelnen Zöglinge beim Unterricht zu behandeln hat.

Sie erkannte alles sofort, bedurfte kaum meiner Anweisungen.

Die Kinder drängen sich an sie. Sie fühlen oder ahnen wenigstens die Nähe der Liebe.

»Lassen Sie sich doch nicht so viel anfassen!«

Ganz unwillkürlich entfuhr mir diese schroffe Aeusserung.

Das lächelnde, alte Gesicht wurde plötzlich sehr ernst. »Wenn man nicht lieben kann, so kann man auch nicht glücklich sein. Liebe ist Glück«, sagte sie. –

»Nun, wenn das Glück sein soll, diese Wesen zu lieben!« – Ich konnte es nicht ausdenken – diesen Schluss! Nein lieber tot sein, als Glück suchen in solcher Liebe.

»Es kommt nicht auf den Gegenstand an, sondern auf die That. Das Lieben an sich macht glücklich.«

Das welke Gesicht da vor mir, diese in Thränen erloschenen Augen schienen mir trotz aller Liebe von Glück nicht viel zu wissen.

So sah ich sie forschend an und fragte ganz kurz:

»Sind Sie glücklich, Schwester Klara?«

»Ich war's.«

Eine Welt von Sehnsucht, von verlorener Seligkeit zitterte in diesem Seufzer. Ein Licht aus einem andern Leben schimmerte eine Sekunde lang in diesem rückwärts schauenden Blick, der ein Paradies sah, in dem das Glück gewohnt hatte.

»Sie waren glücklich?« fragte ich beinahe scheu.

»Ja, mein armes Kind, ich war glücklich. Nur die Liebe des Herzens habe ich mir aus dem Schiffbruch gerettet, und die muss mir nun helfen, den Lebensweg zu Ende zu pilgern, bis ich an die Pforte der Heimath gelange, hinter der jetzt mein Glück wohnt.«

Sie erzählte mir dann eine einfache, alltägliche Lebensgeschichte.

Jahre lang hatte sie als arme Elementarlehrerin gearbeitet und sich eine kleine Aussteuer zusammengespart, bis ihr Verlobter, ein mittelloser Kandidat, eine Pfarrstelle erhielt, die es ihm bei den bescheidensten Ansprüchen möglich machte, zu heirathen.

Rasch nacheinander wurden dem jungen Paare fünf Kinder geschenkt. Die Kosten des Haushalts zwangen den schwächlichen Mann, Privatunterricht zu geben. Die Frau sparte und entbehrte, aber sie war dabei glücklich und dankte Gott alle Tage für ihr gesegnetes Loos.

Drei von den Kindern starben. Der Schmerz darüber brachte die Herzen der Eltern einander nur noch näher. Auch in der Zeit der Prüfungen waren sie glücklich.

Der arme, fromme, zufriedene Mann wurde krank und starb.

»Nun waren Sie aber doch nicht mehr glücklich, Schwester Klara?« fragte ich, ergriffen von der tiefen Wehmuth, die aus dem kurzen, schlichten Bericht der Wittwe sprach.

»Ich hatte noch zwei Kinder zum lieben«, antwortete sie einfach, »zwei muntere, gute, liebe Knaben von sechs und acht Jahren.«

»Gesunde Kinder?«

»Ja, geistig und körperlich gesunde Kinder. In einem unbeaufsichtigten Augenblick betraten sie das dünne Eis einer kleinen Teichfläche, brachen ein und ertranken.«

»O Gott, Schwester Klara!« –

»Ja – Kind, einen Augenblick habe ich da an Gottes Liebe gezweifelt,« sagte sie trübe, »aber die Erinnerung an den heiligen, felsenfesten Glauben meines Mannes richtete mich wieder auf.«

»Ich wäre mir nicht würdig erschienen, um ihn zu trauern, auf ein Wiedersehen mit ihm zu hoffen, wenn ich dem Gotte untreu geworden wäre, an den er geglaubt, und der mir das reiche Glück gegeben und genommen hatte. Mit dem Rest von Liebe, den mein Herz noch besitzt, bin ich Diakonissin geworden«, schloss sie ihre Erzählung.

Nach den Statuten darf man nicht älter als vierzig Jahre sein, wenn man als Schwester eintritt. Schwester Klara war etwas älter, aber man hatte um der besonderen Verhältnisse willen mit ihr eine Ausnahme gemacht. –

Sie, die kinderlose Mutter, widmet nun ihre Kräfte den hülfsbedürftigsten aller Kinder.

Mit keinem Worte hat sie bei der Erzählung ihrer Schicksale angedeutet, dass sie sich vielleicht danach sehnt, im Tode Ruhe zu finden. Sie glaubt sogar, dass sie ihr entschwundenes Glück nach diesem Leben wiederfinden wird. Und doch sprach sie den Wunsch nicht aus, dass sie sterben möchte.

Wie ein Pilger, der auf einer staubigen Landstrasse einem Ziele zustrebt, so betrachtet sie den Lebensweg, der sie zur Heimath führen soll.

Dass sie sich nach dem Ende des Weges sehnt, erscheint ihr so selbstverständlich, dass sie es überhaupt gar nicht erwähnt.


* * *


Heute war eine Art Abschiedsfeier von dieser Anstalt für mich. Der grösste Theil der Schwestern hatte sich dazu für einige Zeit frei zu machen gewusst. Mit den Zöglingen und den Vorständen waren Alle im Gebetsaal versammelt.

Man bat mich, ein Lied zu singen. Jede einzelne Schwester behauptete, meinen Gesang zu lieben und etwas mit meinem Weggange zu verlieren.

Ich sang: »Jerusalem, die du steinigest die Propheten und kreuzigest, den ich zu dir gesandt« – – –

Wie man mir dankte!

Was haben die Menschen davon –? Den Genuss des Singens habe ich doch allein! Das Hören ist viel weniger. Ob es mir wohl auch viel Vergnügen machen würde, zuzuhören, wenn jemand anders singt? –


* * *


Als ich nach der Abschiedsfeier in mein Stübchen zurückkehrte, folgte mir unser Anstaltsgeistlicher. Er bat mich um eine Unterredung von wenigen Minuten.

Ich begriff nicht, was der Pastor mir allein mitzutheilen haben könnte, aber da ich Schwester bin, und er Pastor ist, so war ich natürlich bereit, ihn anzuhören.

Er machte mir eine sehr weitläufige Schilderung von seinem Leben und von seinen persönlichen Verhältnissen. Dann fügte er hinzu, dass er mich liebe und bat mich, seine Frau zu werden.

Ich – eines Mannes Frau! Wenn ich hätte heirathen wollen, oder Sängerin werden, so hätte ich nicht ins Schwesternhaus zu gehen und schwachsinnige Kinder zu unterrichten brauchen.

Nun habe ich das aber gethan, bin eingesegnet, bekleide das Amt einer Diakonissin, und dieser Mann denkt, weil er eine Frau zu nehmen wünscht, die gut singen kann, ich würde nichts eiligeres thun, als meine Schwesternhaube ablegen und seine Wünsche erfüllen.

Ich sah ihn sehr erstaunt an, vielleicht ein wenig entrüstet und sagte wie damals, als ich zu den Heiden sollte, ganz kurz und kühl: »Nein, Herr Pastor.«

Er wurde leichenblass und fuhr zurück, als hätte man ihn ins Gesicht geschlagen.

»Aber ich liebe Sie, Schwester Minna, ich bete Sie an – fühlen Sie das denn nicht?«

»Nein, ich fühle es nicht.«

»Aber sind Sie denn ganz kalt, ganz tot im Herzen?«

»Ja, ich bin kalt.«

»Aber das ist unmöglich – Sie sind jung und gesund – Sie lieben einen Anderen?«

»Nein, Herr Pastor.«

»So werden Sie einen Anderen lieben – – – – oder – – oder – – Sie haben geliebt?«

»Ich habe niemals geliebt und ich werde nicht lieben. Ich bin tot im Herzen – erdentot –«

»Erdentot?«

»Ja.« –


* * *


Als er fort war, trat ich vor meinen kleinen Spiegel.

Weshalb begehrt dieser Mann mich zum Weibe?

Er kennt von mir nichts, als das äussere Aussehen und den Gesang.

Ja, wie sehe ich eigentlich aus? Lange, lange habe ich nicht mehr daran gedacht.

Ehe ich Schwester wurde, war ich ein klein wenig eitel, wie alle Mädchen. Nicht eitel genug, um mich für schön, zu halten. Ich wusste, dass ich gut gewachsen war, ich wusste auch, dass mein Gesicht frisch und blühend sei. Rothe Lippen, weisse Zähne, glänzende Augen und volles Haar. Aber alles ganz einfach und alltäglich, durchaus nichts besonderes.

Wenn ich mich ein bischen herausputzte, konnte ich sehr nett aussehen. »Appetitlich«, sagte mein alter Onkel.

Dann kam der Diakonissenscheitel und die steife hässliche Haube.

Ich erschrak, als ich mich zum ersten Male darin sah. Ich fand mich hässlich.

Es wurde mir zuerst ziemlich schwer, mich von aller mädchenhaften Eitelkeit ganz loszusagen. Allen jungen Schwestern wird das schwer.

Als ich mich aber dran gewöhnt hatte, gab mir der Gedanke, fortan hässlich auszusehen, eine gewisse ruhige Sicherheit.

Den meisten Sehwestern wird ihre Hässlichkeit schliesslich bequem, obgleich es zuerst für viele Frauennaturen ein harter Kampf ist, von nun an hässlich sein zu müssen.

Sonderbar, dass die Diakonie das fordert! Das Kloster fordert es nicht.

Dem Pastor war das nun aber einerlei. Vielleicht würde das Problem dieser Liebe mich interessiren, wenn dieser Mann mich interessirte, aber er ist mir gleichgültig – gleichgültig wie das Leben, das ich nicht kenne. –


* * *


Es ist mir persönlich vollkommen unbegreiflich, wie ein Mensch das Bedürfniss empfinden kann, über seine Empfindungen fremden Leuten Mittheilungen zu machen. Thatsächlich aber haben viele Menschen diesen Drang. Der Pastor ist nach der Unterredung, die er gestern mit mir gehabt hat, zu Schwester Klara gegangen, um ihr sein Herz auszuschütten.

Ob er sich nun vielleicht einbildet, die Schwester, die ich erst seit einigen Tagen kenne, wäre im Stande, mich umzustimmen?

»Ach, liebes Kind – wer kann denn wissen, ob nicht in jener Stunde das Glück an Ihnen vorbeigegangen ist! Vielleicht lächelt es Ihnen nie wieder.«

Mit diesen Worten hat mich Schwester Klara gewissermassen wegen meiner kurzen Abweisung diesem Manne gegenüber zur Rede gestellt.

»Haben Sie mir nicht gesagt, das Glück bestehe darin, zu lieben?«

»Gewiss, zu lieben und geliebt zu werden,« erklärte sie eifrig. »Ach, Sie glauben gar nicht, liebe Schwester, wie treu und innig dieser gute tüchtige Mann Sie liebt. Er ist ganz gebrochen durch Ihre Zurückweisung. An seiner Seite hätten Sie sicherlich gelernt, ihn zu lieben und dann wären Sie glücklich geworden.«

»Also erst heirathet man und dann lernt man lieben?« – Der Gedankengang der guten Schwester erschien mir doch in hohem Grade unklar.«

Sie schien das auch bei meiner Antwort zu empfinden, denn sie machte darauf nur noch einige allgemeine Bemerkungen, dass ich doch noch zu jung und zu unerfahren sei, um vollkommen klar über meine eigenen Gefühle sein zu können. Wunschlos und erdentot, wie ich zu sein glaubte, wäre ein Mädchen in meinem Alter nicht. Es käme eben in diesem Falle einzig und allein darauf an, dass der rechte Mann käme, der die Gefühle meines Herzens zu wecken verstände. –

Natürlich, der Pastor Ehlers war nicht dieser richtige Mann gewesen, das sieht Schwester Klara selbst ein. Sie gab es deshalb auch ziemlich rasch auf, mir zuzureden, ich möchte das Glück festhalten, das an mir vorübergegangen sei. Aber sie glaubt unerschütterlich fest, dass ein anderes Lebensglück mich noch erwartet, wenn nur erst der »Rechte« kommt. – Sonderbar, dass ein Mann für mich das Glück verkörpern soll! –



II.

Gestern Abend habe ich meinen kleinen Schwesternkoffer gepackt und bin abgereist. Mein Mutterhaus und die Erziehungsanstalt für schwachsinnige Kinder, in der ich bisher lebte und wirkte, liegt hinter mir. Eine Station auf meinem Wege. –

Meine Stelle dort ist ausgefüllt. Das Anstaltsleben fliegst gleichmässig still und eintönig weiter, ob ich da bin, oder nicht da bin.

Eine müde, dumpfe Resignation charakterisirt im Allgemeinen alle Bewohner des Hauses, das ich verlassen habe.

Man wird schwermüthig und traurig, wenn man für Geschöpfe leben muss, deren ganze Existenz ein Missgriff der Natur ist. Man erzieht sie doch schliesslich nur, damit sie nicht im Elend verkommen. Einen ethischen Werth hat die ganze Ausbildung, die sie erhalten, nicht.

Jetzt trete ich in die Krankenpflege ein. Diese Thätigkeit muss ich erst lernen. Ich bin deshalb als Gehülfin für eine ältere Schwester vorläufig der chirurgischen Frauenstation eines städtischen Krankenhauses zugewiesen.

Im Allgemeinen werde ich also von jetzt ab mit normalen erwachsenen Menschen zu thun haben.

Vielleicht weht eine frischere Luft durch die geistige Atmosphäre der neuen Station meines Lebensweges. Vielleicht werde ich im Gegentheil mehr Jammer und Erdenleid sehen, als bisher. Jedenfalls gehe ich der Zukunft ohne Aufregung entgegen.


* * *


»Willkommen in der neuen Heimath!« Mit den Worten ist mir meine jetzige Oberin, eine würdige alte Dame, gestern zum ersten Male begegnet.

»Möge der Herr Ihren Eingang und Ihren Ausgang segnen,« fügte sie hinzu, als ich mich über ihre Hand beugte, um sie zu küssen.

Die Anstalt, der ich jetzt angehöre, ist kein Diakonissen-Mutterhaus. Es befinden sich hier keine Novizen, oder wie die evangelische Kirche sagt: »Lehr- oder Probeschwestern«. Das städtische Krankenhaus hat auch keine eigentliche Oberin, das hat nur ein Mutterhaus, sondern nur eine leitende Schwester, die man »Schwester-Oberin« nennt. Die Oberin eines Mutterhauses führt den Titel »Frau Oberin«, die Oberin einer anderen Anstalt nicht, sie heisst einfach Schwester Oberin.

Alle hier arbeitenden Schwestern sind bereits eingesegnete Diakonissinnen. Ausserdem haben wir vier Johanniterinnen im Hause. Unsere älteste Schwester wird »Oberschwester« genannt. Sie ist älter, wie die Schwester Oberin, kann aber keine leitende Stellung einnehmen, weil ihre Schulbildung sie nicht berechtigt, das Examen abzulegen, das die verantwortliche Leiterin des Pflegepersonals einer grossen Anstalt zu bestehen hat. Es giebt ja auch ziemlich ungebildete Diakonissinnen aus niederen Ständen. Zu diesen gehört die Oberschwester Hedwig.

Wir haben hier im Hause sechs Stationen. Jede Station besteht aus einem Saale und mehreren Krankenzimmern. Für je zwanzig bis dreissig Kranke, die zusammen eine Station bilden, sind ein- oder zwei Diakonissinnen angestellt. Junge, unerfahrene Schwestern werden gewöhnlich einer älteren Stationsschwester als Gehülfinnen beigegeben. In dieser Weise bin auch ich eingestellt, als ein kleinem Rad in dem grossen Räderwerk einer sehr exact arbeitenden Maschine. Man verlangt nichts anderes von mir, als dass ich meine Pflicht thue.


* * *


Im Menschenherzen muss doch so etwas wie das Bedürfniss nach einer Heimath wohnen. In meinem bisherigen Wirkungskreise habe ich niemals das Gefühl gehabt, mich in einer Heimath zu befinden, trotzdem fast alle Schwestern das Mutterhaus als eine solche ansehen.

Und doch, hier – in dieser fremden, ganz fremden Umgebung berührt es mich heimathlich, wenn ich Abends diese Blätter aus meinem Koffer nehme und darin lese.

In stillen Stunden, wenn ich ganz allein mit mir selbst war, wenn die Wahrheit gegen mich selbst mir ein Bedürfniss wurde – dann hab ich diese losen Blätter beschrieben.

Andere verschwatzen solche Stunden in sogenannten Herzensergüssen mit Freundinnen. Mir ist das nicht gegeben. Ich kann nur, was ich fühle, singen, oder, was ich denke, niederschreiben. Zuweilen, von Zeit zu Zeit. – Diese Blätter, die meine Gedanken enthalten, sind meiner Seele eine Heimath geworden.


* * *


Wenn zwei Schwestern eine Station versehen, so bewohnen sie ein gemeinsames Schlafzimmer. Sehr oft kommt es allerdings nicht vor, dass sie sich gleichzeitig darin aufhalten, denn jede hat einige Nächte in der Woche zu wachen. Ich theile mein Zimmer mit Schwester Luise. Sie ist nur wenig älter wie ich, ist aber von Anfang an Pflegerin gewesen und versteht daher, den Anforderungen dieses Berufes zu genügen.

Mir wird vorläufig unverhältnissmässig viel Hausarbeit aufgepackt. Auch die Schwester-Köchin betrachtet mich als eine willkommene Helferin und beschäftigt mich, so oft wie sie glaubt, dass ich freie Zeit habe.

Mir selbst ist es im Grunde genommen gleichgültig, ob ich Erbsen verlese, oder Instrumente putze, oder auch Schuhe wichse. Diakonissenarbeit ist das ja alles.

Ich bin schon zufrieden, wenn mir ein wenig freie Zeit bleibt, um zu singen. In den acht Tagen, die ich bis jetzt hier bin, habe ich aber dazu noch keine Zeit finden können. Das fehlt mir. Es ist das einzige Entbehren, das ich mir überhaupt denken kann.

Mittags haben wir eine Stunde freie Zeit. Ich mag aber nicht gern unmittelbar nach dem Essen singen, so benutze ich diese Stunde meistens zum lesen.

Schwester Luise, die körperlich nicht sehr kräftig ist, ist immer ermüdet um diese Zeit. Sobald sie Mittags in unsere Stube kommt, legt sie sich nieder und schläft ein, so dass ich sie wecken muss, wenn die freie Zeit zu Ende ist. So geht es übrigens sehr vielen Schwestern. – Auf diese Weise habe ich noch keine Gelegenheit gehabt, meine unmittelbare Gefährtin, deren Umgang für mich am nächsten liegen würde, kennen zu lernen.

In der Weihnachtswoche, wenn sie am meisten freie Zeit hat, nimmt Schwester Luise jedes Jahr ihre Bibel, fährt mit einer langen Nadel zwischen die Blätter und sucht sich einen Spruch.

Den so gefundenen Vers schreibt sie auf einen schmalen Papierstreifen. Das wiederholt sie 365 mal, rollt darauf jeden einzelnen Papierstreifen zusammen, dass er etwa die Form eines Bleistiftes hat und steckt alle diese Rollen in eine Vase.

Jeden Morgen zieht sie nun das ganze Jahr hindurch einen Papierstreifen aus dem Behälter heraus und betrachtet dann den darauf geschriebenen Spruch gewissermassen als Motto des Tages.

Fast alle Diakonissinnen, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, treiben eine ähnliche Tombala mit biblischen Sentenzen. Manche kaufen, die mit Sprüchen bedruckten Papierstreifen auch fertig.

Ich habe das immer als eine müssige Spielerei angesehen und mich niemals daran betheiligt.

Jetzt legt mir Schwester Luise jeden Morgen ihren Spruch vor. Ich nehme also nun indirekt an dieser Sitte theil. –

Es giebt sehr schöne Sprüche in der Schrift, aber doch auch Stellen, die mindestens einen gleichgültigen Inhalt haben.

Freilich, als fromme Schwester habe ich eigentlich kein Recht zu solcher Kritik. Es ist doch eine eigene Sache um die menschliche Freiheit! –


* * *


Das war ein stilles, beschauliches Dahinleben, das ich in der letzten Zeit geführt habe. Programmmässig war jede Stunde des Tages besetzt. Ein echtes, rechtes Diakonissenleben. Ein Klosterleben vielleicht – – –

Nun aber ist ein Dämon gekommen und hat hohnlachend mit einem einzigen Faustschlage das ganze Gebäude unserer friedlichen Krankenhausordnung zerschmettert.

Der Tod! Ein Gott – – nein, ich kann in diesen Gräueln den Gott nicht finden, zu dem ich die Blöden beten lehrte.

Zwei Eisenbahnzüge sind aufeinandergefahren. Man bringt uns Verwundete, Tote, Sterbende ins Haus. Wir haben die Särge hingeschickt, um Leichentheile aufzunehmen. Diese Särge kommen nun zu uns zurück – kein einziger leer.

»Man möchte an Gottes Liebe verzagen, wenn man sieht, wie er das zulässt,« sagte eine unserer Jüngsten, Schwester Henriette, zu mir.

»Empfinden Sie Mitleid mit den Verunglückten?« fragte ich dagegen.

»Aber selbstverständlich, Schwester Minna, meine ganze Seele geht auf im Mitleid.«

Ich konnte ihr nicht antworten.

Wenn ich gesagt hätte, dass ich kein Mitleid empfinde, so würde sie mich ja für ein Ungeheuer halten.

Mitleid ist ein Ausfluss der Liebe – schon Schwester Klara hat mir gesagt, dass es mir an Liebe gebricht. – Sollte auf mich das Wort der Schrift anzuwenden sein von dem tönenden Erz? –

Ich bin mir selbst noch nicht klar über das, was ich jetzt empfinde, aber mir ist es, als ob sich der Schleier, der uns die Geheimnisse des Jenseits verhüllt, ein wenig höbe diesem Sterben, diesem massenhaften, hülflosen, elenden Sterben gegenüber.

Was für ein wilder Jammer, was für ein Sichwehren und -sträuben gegen den Tod sehe ich um mich her! Aber in dieser rasenden Verzweiflung der Menschen sieht man doch Wahrheit. – Keiner heuchelt, jeder zeigt sich, wie er in Wirklichkeit ist. Die Seelen vor mir sind nackt – ich kann sie studiren. Ich sehe, was der Mensch ist, und was an ihm ist. Im Sterben heuchelt auch nicht Einer. Jede Maske fällt.

Weiches, weisses Fleisch, und darüber strömt das heisse, rothe Blut hin, Knochensplitter starren aus den Todeswunden. Die Gehirnmasse dringt schleimig und hell aus gebrochenen Schädelspalten in meine Hand.

Die Augen der Sterbenden bohren sich in das Gesicht der über sie gebeugten Pflegerinnen, und auf dem Grund all dieser Augen das letzte Geheimniss – – –


* * *


(Später, denselben Tag.)

Man bringt ein Mädchen. Vielleicht tot –, vielleicht nur bewusstlos. Ich schneide ihr die Kleider, die sie trägt, vom Körper herunter. Dabei fühle ich wohl, dass meine Scheere durch feine, parfümirte Seide reisst; kostbare Spitzen hängen in Fetzen um den toten Körper herum.

Das feine, weisse Handgelenk umschliesst ein schmaler Goldreif, mit grossen, klaren Brillanten besetzt. Eine Brosche von Brillanten ist in das Fleisch der Kehle hineingetrieben und bildet dort eine blutunterlaufene Geschwulst. Ich löse die Brosche und die Zeugfetzen ab. Nun liegt der Körper nackt vor mir da.

Ich sehe, dass das Mädchen tot ist. Sie war jung, vielleicht so alt wie ich. Eine abgebrochene Eisen-Stange hat ihr den Leib aufgerissen.

Was für ein grauenhafter Anblick ist dieses im wildesten Schmerze erstarrte Gesicht! Die Augen sind aufgerissen und so verdreht, dass man fast nur das Weisse sieht. Unmöglich, sie zu schliessen, die Lider sind starr.

Auch der Mund steht offen. Ich schiebe ihr eine Rolle unter das Kinn. Eigentlich habe ich jetzt keine Zeit für die Toten. – Ist einmal festgestellt, dass sie tot ist–, habe ich nichts mehr zu thun, als ein Tuch über die Leiche zu decken und mich den Lebenden zuzuwenden.

Es fällt Allen auf, dass die Toten, die diese Katastrophe uns zugeführt hat, nicht so gelb und grünlich aussehen, wie andere Leichen. Sie haben Alle etwas milchartig Weisses, das durch die Haut scheint.

Das ist chemisch kaum zu erklären, kommt aber oft vor bei Menschen, die unter dem Eindrucke eines grossen Schreckens gestorben sind, – denen gewissermassen plötzlich das Blut erstarrte.

Die meisten Verletzungen sind Schädelbrüche und abgequetschte Glieder. Auch einige Verbrennungen liegen vor. Da ist ein halber Körper – wahrscheinlich jemand vom Zugpersonal, der ist vom Dampfkessel überbrüht und mit einer dicken rothen Kruste bedeckt – vollständig aufgequollen – – – – Menschen        – – –


* * *


Wir haben die ganze Nacht durch gearbeitet. Vierzig Tote liegen in einem grossen Saale. Davon sind sechs unter unseren Händen gestorben. Die Zahl der Leicht- und Schwer-Verwundeten steht noch nicht fest, da Viele in Privathäusern, verpflegt werden.

Das ist nun eine Eisenbahnkatastrophe. Man macht viel Aufhebens davon.

Schwester Hedwig, die den Krieg 70 mitgemacht hat, zuckt still die Achseln darüber.

»Was wollt ihr? Noch nicht hundert Opfer, und gleich Hülfe zur Hand – bei Mars la tour waren es Tausende, und Viele verkamen, weil die Hülfe nicht ausreichte. Wenn man dabei war, wenn man das mit angesehn hat, kann man sich hier nicht aufregen.«

Damit hat sie nun die Parole ausgegeben, dass man sich nicht aufregen soll. Man bemüht sich, ihrem Rathe zu folgen.

Geräuschlos arbeiten die Schwestern.

Ich kann noch nicht pflegen. So wurde mir die Aufgabe, den Operationssaal mit Hülfe von zwei Hausdienern zu reinigen und die Instrumente zu desinficiren und zu putzen. Ich betrete den Saal – – – – –

Ströme von Blut – – ein betäubender Geruch von Aether und Chloroform.

Ich stecke meinen Rock auf, nehme einen Scheuerbesen in die Hand, – weise dem mir zur Hülfe beigegebenen Manne seine Arbeit an und arbeite – arbeite – – –

Gut, dass ich nicht Zeit habe zu träumen. –

Es liegt mir wie ein körperlicher Druck im Halse, – auf der Brust, – ich bin fast einen Monat hier und habe noch keinen einzigen Ton gesungen.

Ich muss jetzt singen. All diese Erregung, diese schauernden Räthsel, die meine Seele erfüllen und beengen, ringen nach aussen.

Es giebt nichts, wovon ich in Tönen nicht meine Seele zu befreien vermöchte, und wenn ich das nicht darf, so ist mir's, als müsste ich ersticken.

Aber singen – hier – in dieser Umgebung, in dieser verpesteten Luft, bei dieser Arbeit – – – – ich kann doch nicht riskiren, dass man mich für wahnsinnig hält.

So beiss' ich die Zähne zusammen, kniee auf der Diele nieder und wasche die Blutflecken aus den weissen Brettern. – – –


(Nachts.)

Ich muss irgend etwas anfangen, um diese wahnsinnige Aufregung los zu werden. Die Bilder des Todes folgen mir bis in meine Träume nach. Ich höre das Wimmern und Schreien der Amputirten, das alle Gänge des ganzen Hauses erfüllt. Wenn man den Kranken doch mehr Narkotika gäbe, dass sie wenigstens ruhig wären!

Aber unser Chefarzt ist grundsätzlich dagegen. »An den Schmerzen selbst sterben die Menschen nicht,« sagt er.

Ganz recht. Wenn das Blut nicht fliessen kann, und die Wunden desinfizirt werden, so sterben die Menschen nicht, mögen die Qualen noch so gross sein.

Schmerzen können ertragen werden.

Ja – er hat recht, sie werden ertragen, und wenn man kein Mitleid empfindet, so hat man auch gar keinen Grund, sich irgendwie aufzuregen, wenn das Schreien derjenigen, die da glauben, sie hielten's nicht aus – durch die Nacht dringt.

Mitleid? – –

Nein, ich weiss und fühle, dass es kein Mitleid ist, das mich quält. Meine musikalischen Nerven leiden unter diesem Heulen und Stöhnen, unter diesen gellenden Frauenstimmen, unter diesem heiseren Wimmern der Männer und dem Weinen der Kinder.

Nur Musik kann die gestörte Harmonie meiner Nerven retten. Ich muss Musik haben – ich halt' es einfach nicht länger aus.


* * *


(Am folgenden Morgen.)

Ah – das war gut! Ich bin leise durch die langen, halbdunklen Korridore geglitten, nach dem Betsaal. Da lagen die Toten. Alle, Alle, aber ich konnte nicht anders, ich ging zwischen ihnen durch, suchte und fand den Schlüssel des Harmoniums und dann – – – dann hab' ich alles um mich her vergessen.

Leise, ganz leise habe ich erst den Psalm gespielt, nach dem meine Seele hungerte: »An den Wassern Babylons«. Dann sang ich die Worte – – leise, leise, um niemand zu wecken. –

Aber mit halber Stimme kann ich nicht singen. Es dauerte nicht lange mit meiner Selbstbeherrschung. Fast ein Monat Entbehrung – das war zu viel. Die Lieder in meinem Herzen, die mussten heraus. Unsere Gesangbuchverse genügten mir nur kurze, ganz kurze Zeit. – Nächtliche Stille – ein Harmonium unter meinen Händen – kein lebender Mensch um mich her, die Versuchung war zu gross. Ich konnte nicht widerstehen.

Laut und jubelnd wie Orgelton, schlug meine Stimme von den Wänden des Betsaals zurück, in den süssen, weichen Melodieen von Pergoleses Stabat mater.

Ich hörte, wie Schwester Hedwig, die den Krieg mitgemacht hat, hinter mir eintrat.

Sie mochte sich vielleicht wundern über mein nächtliches Singen – hier unter all den Toten, aber sie blieb mitten im Saal stehen und schwieg. Ich war ihr dankbar und sang ruhig und sicher das Oratorium zu Ende.

Der die Anstalt leitende Professor erschien jetzt mit einer Lampe in der Hand.

»Um Gottes Willen, Schwester Minna, weshalb singen Sie denn, mitten in der Nacht – hier unter all diesen Toten? – – Ist Ihnen denn das nicht unangenehm?«

»Ich muss singen – entschuldigen Sie bitte, ich kann sonst all dies Schreckliche nicht aushalten.«

»Aber warum singen Sie denn nicht am Tage?« fragte Schwester Hedwig.

»Ich weiss nicht.«

Der herzlose, alte Mann, den alle Schmerzen seiner Kranken kalt lassen, trat plötzlich auf mich zu. Er drückte mir die Hände – warm wie ein Vater. In seinen Augen standen Thränen.

»Sie haben eine Künstlerseele, Schwester Minna«, sagte er – »gehn Sie hin und singen Sie vor den Lebenden, nicht vor den Toten. Es ist so viel Elend in der Welt. Wem es aber gegeben ist, durch seine Kunst die Menschen zu erfreuen, der sollte Andern das Elend überlassen. Sie sind hier nicht am rechten Ort, Schwester – werden Sie Künstlerin. Das heisst, Künstlerin sind Sie ja. Ich meine nur – leben Sie Ihrer Kunst.«

»Das ist eine durchaus unchristliche Ansicht, Herr Geheimrath« bemerkte Schwester Hedwig.

»Die Kunst ist ein Werkzeug des Teufels und zieht den Menschen vom Heil seiner Seele ab. Nur als fromme Schwester ist ein Mädchen mit einem so gefährlichen Talente sicher vor den Fängen des Satans.

Er geht um und sieht, welchen er verschlinge.«

Der alte Geheimrath wurde ordentlich heftig.

»Ach was, Oberschwester, jede Gans kann unseren Operationssaal scheuern, was ich diese gottbegnadete Künstlerin heute thun sah. Eine Sängerin ist zum Singen auf der Welt und nicht, um ihre Jugend hier bei uns zu vertrauern.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme, Herr Geheimrath«, sagte ich entschiedenen Tons. »Im Uebrigen habe ich den Schwesternberuf freiwillig erwählt und fühle seit drei Jahren keine Neigung, ihn wieder aufzugeben.«

»Askese – Romantik – wahrscheinlich steckt ein gebrochenes Herzchen dahinter. Den Bengel, der das verschuldet hat, sollte doch gleich der Teufel lothweise holen«, brummte der alte Mann und entfernte sich wüthend.

Ich blieb mit Schwester Hedwig allein.

Sie begann beinahe zaghaft: »Hat wirklich eine irdische Liebe – –«

Ich lachte laut auf.

»Nein, Schwester Hedwig, nichts dergleichen. Ich habe niemals geliebt und werde nicht lieben. Sie haben an mir eine fromme Schwester, wie jede Andere. Nur das bischen Gesang – das kommt zuweilen so über mich, ich kanns nicht lassen.«

»Nun wohl – so singen Sie, so oft Sie wollen, zur Ehre Gottes.«

Ich bedankte mich für die Erlaubniss. –


* * *


Die edle Oberschwester Hedwig hat mir den Auftrag ertheilt, die Corridorfenster im ersten Stockwerk zu putzen. Es geht doch nichts über eine mütterliche Fürsorge.

Sie hasst in mir die Künstlerin, ich fühle das wohl. Warum nur soll die Kunst der Kirche nicht dienen können? Wo etwas von Kunst ist, wittert der Protestantismus Gefahr. Trotzdem hat diese unkünstlerische Confession nun schon Jahrhunderte überdauert. Wie unkünstlerisch müssen die Menschen beanlagt sein, die unter dieser Flagge leben konnten und können!


* * *


Heute ist der vierte Tag seit dem Eisenbahnunfall.

Die Toten sind alle rekognoszirt und abgeholt. Eine einzige Leiche liegt noch in unserer Kapelle. Es ist die eines schönen, jungen Mädchens. Trotz aller Zeitungsaufrufe ist noch niemand gekommen, um die Identität dieser Toten festzustellen, deren zerrissener Leichnam so elegant gekleidet, mit wertvollen Steinen geschmückt, bei uns eingeliefert ward.

Man hat ihren Gepäckschein, ihre Koffer, ihr Geld gefunden. Ihr Name wurde noch nicht ermittelt. Die Schmucksachen, die die Koffer enthielten, repräsentiren einen grossen Werth.

Der Fall ist räthselhaft. Morgen müssen wir den Sarg schliessen, denn wir haben weiches, warmes Märzwetter. – Die Leiche hält sich nicht länger.


* * *


Heute ist sie schlaff. Ein Zeichen der rasch fortschreitenden Verwesung. Es ist mir gelungen, die Lider über die Augen herabzuschieben, denn die Augen sind eingesunken.

Diese fremde Tote ist schön.

Goldrothes Haar, eine schlanke, leichte Gestalt und eine Haut wie schimmernder Marmor. Sie war vielleicht im Leben viel bewundert und viel geliebt.

Nun liegt sie in einem ärmlichen, schmalen Sarge in unserer schlichten Kapelle. Düstere Schwestergestalten gehen gleichgültig um sie herum. Vorschriftsmässige Gebete werden bei ihr abgehalten.

Kein Schmerz um ihren Tod, keine Thräne über ihren Untergang.

Sie hat eine kleine, grade, vornehme Nase und so zarte Lippen – – ein Räthsel, dass niemand sie sucht – – sollte niemand sie lieben?


* * *


(Später.)

Vor einigen Stunden ist ein Telegramm von einem jungen Offizier gekommen mit der Bitte, die Leiche der Unbekannten noch nicht zu begraben; er eilt hierher, um sie zu recognosciren.

Vielleicht genügt es, wenn er die Kleidung sieht. Die Leiche selbst wird jetzt unkenntlich – sie schwillt an, und die grün-blauen Totenflecke werden schwärzlich. – Karbol – man kann ihr ohne das Mittel nicht mehr nahen. Um sechs Uhr wird sie jedenfalls begraben, jetzt ist es vier.


* * *


Abends.

Um halb sechs Uhr kam er an. Ausser sich, zitternd, kaum im Stande sich zu beherrschen. Es ist ein junger Husarenlieutenant, Graf Bogen. Er stellte sich der Oberin vor – – als ein Bekannter unserer Toten.

Nun, für einen Bekannten benahm er sich ziemlich auffallend. Ich erhielt den Auftrag, ihm ihre Sachen zu zeigen.

Er folgte mir in das Wartezimmer. Dort übergab ich ihm das Brillantarmband und die Brosche, sowie einige Fetzen ihrer Kleidung.

Er beherrschte sich äusserlich. Die Schmucksachen kenne er nicht so genau, um etwas bestimmtes daraufhin aussagen zu können, meinte er. Ich beschrieb ihm darauf die Erscheinung, so gut ich's konnte.

Er verlangte zu wissen, auf welche Weise sie verwundet sei.

Mit der Objectivität der Diakonissin gab ich ihm Auskunft.

Er schrie auf und taumelte. »Schweigen Sie – erbarmen Sie sich – mein Gott, wie kann man über so etwas sprechen, dafür Ausdrücke finden – – entschuldigen Sie    – – aber eine Dame – –«

»Ich bin keine Dame, Herr Lieutenant, ich bin eine Schwester.«

»Ja, das merke ich. Bitte, führen Sie mich zu der Leiche.«

»Es geht eigentlich nicht mehr gut. Wenn Sie Ihrer Sache ohne das sicher waren, so würde es besser sein.«

Er trat auf mich zu und fasste hart nach meiner Hand. Wie heiss und trocken seine Hand war! »Sie war meine Geliebte,« sagte er leise.

»Ihre Braut?«

»Kein, meine Geliebte. Ein kleiner Singvogel – wissen Sie – so was heirathet man nicht. Aber diese Lilli Monta, so hiess sie, war so süss, so pikant, dass man beinah eine Dummheit für sie hätte machen können.

Jahre lang hat man sich mit ihr rumgezogen, mal gezankt und dann wieder versöhnt. Wenn man sich gut war, gab man ihr glänzendes Spielzeug, so was« – er zeigte auf die Schmucksachen –

»Aber heirathen wollten Sie sie nicht?« Ich war innerlich zornig über diesen Mann, der von einer Sängerin sprach, wie von einem Wesen, das, unter ihm stand.

»Nein, aber meine beste Jugendliebe hat ihr gehört. Glauben Sie mir, der Gedanke an ihren Tod zeigt mir, dass ich sie doch sehr, sehr lieb gehabt habe. Und nun bitte – Schwester – ich muss meinem kleinen, lustigen Kameraden einen Abschiedskuss geben.«

»Bedenken Sie, dass sie vier mal vierundzwanzig Stunden tot ist – die Leiche ist schon verändert.«

Er sah mich bitterbös an mit seinen hübschen, braunen Augen. »Wer mir gesagt hätte, dass ich um den letzten Kuss auf Lillis Lippen mit einer frommen Schwester parlamentiren müsste! Sie – Sie – sind Sie denn so alt? Haben Sie denn kein weibliches Herz in der Brust? Können Sie denn gar nicht ahnen und sich nicht denken, was das heisst: Jugendfeuer, Leidenschaft, Liebe? müssen Sie denn wie ein Schatten der Unterwelt zwischen mir und ihr stehen? O Lilli – Lilli – wenn sie meine Nähe ahnte, sie bräche den Sargdeckel auf – sie schmückte sich noch im Tode für mich.«

Schmücken – – – Schwester Hedwig hatte das rothe Gelock zu einem strengen Diakonissenscheitel aneinandergeklebt. Glatt lag es an den eingesunkenen, blauschwarzen Schläfen.

Den üppigen, zarten Leib verhüllte ein grobes, steifes, hartes Sterbehemd. Nicht einmal eine Blüthe – – – nichts, nichts, was Schmuck heisst, verschönte die Tote. Ich dachte an alles das und empfand im Voraus das Grauen und Entsetzen, das dem naiv liebenden Herzen des lebensfrohen Mannes bevorstand.

Deshalb machte ich einen letzten Versuch. »Bewahren Sie das Bild, das in Ihrer Erinnerung lebt.« –

Es ist nichts anzufangen mit dem eigensinnigen Menschen. Er behauptet, seine Lilli wäre im Tode noch lebendiger, wie eine lebende Diakonissin. Ich fühle, dass er mich reizen oder ärgern will, um seinen Wunsch durchzusetzen.

Nun gut, er soll Lilli Monta im Tode sehn. –

Athemlos hilft er mir die Schrauben des Sargdeckels lösen. Ich empfinde eine Art grausamer Neugierde auf den Anblick seiner Qual.

Diese gewöhnliche, gedunsene Tote mit spitzer Nase und klebenden, stumpfem Haar hat in seiner Phantasie mehr Leben, mehr Reiz wie ich, die einundzwanzigjährige Jungfrau.

Er hat das Weib in mir beleidigt, die Sängerin in ihrer Kunstgenossin gekränkt. – Ich freue mich auf seine Strafe – das heißt, die Bestie, die versteckte Grausamkeit in meiner Seele, freut sich darauf.

Langsam löst sich die letzte Schraube, die nur leicht und provisorisch eingesetzt war. Ich hebe den Sargdeckel auf. –

»Bitte« – die Leiche liegt vor uns.

Er wird weiss bis in die Lippen. Nur eine Secunde starrt er sie an, dann wendet er sich ab. »Das ist nicht Lilli Monta.«

Ich wische die Verwesungsspuren von ihrem Gesicht. Enttäuschung – Unbehagen – – – das empfinden wir wohl Beide.

Schwester Hedwig tritt ein mit einer sehr eleganten Dame.

Die Dame stürzt auf die Leiche zu, schreit auf und bricht in hysterisches Schluchzen aus.

Schwester Hedwig und ich stehen schweigend daneben. Graf Bogen reisst nervös an seinem Schnurrbart. Dann tritt er langsam wieder an den Sarg und sieht auf die Tote. –

»Es ist Lilly Monta – meine intimste Freundin,« erklärt die Dame – augenscheinlich eine Schauspielerin. »Ach, wie Sie mir leid thun, lieber Graf, dass Ihr hübsches Verhältniss ein solches Ende finden muss! – Aber das ist eigentlich kein Anblick für Sie – könnte man den Sarg nicht schliessen?«

»Es ist nicht Lilly«, wiederholt er eigensinnig, mit einem Blick voll Entsetzen und Todesangst.

»Wie denn nicht!« – behauptet die Fremde. »Ich bin ja gekommen, um sie zu recognosciren. Freilich ist's Lilly – allerdings – entsetzlich verändert.«

Ich trete neben ihn und sehe ihn an.

»Sind Sie nun zufrieden, Herr Graf?«

»Hier, an diesem Sarge, möchte ich fast sagen, Sie – die Sie die Liebe nicht kennen, sind glücklicher, als wir Kinder der Welt,« antwortet er, merkwürdig kalt.

»Haben Sie Abschied genommen?«

Er tritt zurück, ohne zu sprechen.

Der Sarg wird geschlossen. Eine kurze Ansprache. Ein einfaches Begräbniss.

Der Lieutenant ist wie gebeugt unter den Schauern des Todes.

»Gönnen Sie Ihrer Braut die himmlische Ruhe«, sagte unsere Oberin beim Abschied zu ihm.

»Sie hat sich danach nicht gesehnt, gnädige Frau. Sie gehörte dem Leben an.«

»Ja das Leben ist vergänglich. Wohl dem, der bei Zeiten für die Ewigkeit sorgt und seine Seele vom irdischen Tand löst.«

Er verbeugte sich und ging.

Was hätte er dieser Redensart gegenüber sonst thun können!

Sie gehörte dem Leben an – –

Es giebt also Menschen, die nicht nur keine Sehnsucht nach der ewigen Ruhe empfinden, sondern sogar mit Grauen, mit Abscheu an alles denken, was mit dem Tode zusammenhängt.

Diese Weltkinder fühlen sich wohl nicht als Pilger, die einer ersehnten Heimath zuwandern – erdentot – wie wir Diakonissen!

Wenn sie Recht hätten, wenn diese erhoffte und ersehnte Heimath ein Traum wäre? Wenn nur eines sicher wäre nach dem Tode – die Ruhe? »Im Leben ist keine Ruhe, aber Liebe kann man hineinlegen,« hat Schwester Friederike, meine alte Probemeisterin, gesagt, als sie starb.

Lilli Monta gehörte dem Leben und der Liebe an. Ich dagegen – ich kenne die Liebe nicht. Einen Schatten aus der Unterwelt hat der junge, liebende Mann mich genannt.

Graf Bogen hat die Sängerin geliebt, er hatte keine Veranlassung, mir das zu sagen, wenn es nicht der Fall gewesen wäre, wenn er es nicht selbst geglaubt hätte. Er empfand den lebhaften Wunsch, sie noch einmal zu küssen, ehe er Abschied von ihr nahm.

Die Erfüllung seines Wunsches hat ihm Schwierigkeiten bereitet – endlich stand er neben der Leiche – – und wandte sich schaudernd ab.

Was hat er denn nun an ihr geliebt? Den Körper, den der Tod verändern konnte, nichts weiter. Und ein Mann – ein Mann, der das für uns fühlt, soll das Ideal unseres Frauenlebens sein – das Ziel unserer Wünsche!

Schwester Klara hat mir auch von dem Leiden und Sterben ihres Mannes erzählt. Ob der Tod ihn verändert hat oder nicht, das hat sie gar nicht bemerkt. Für sie war dieser Körper im Sarge der geliebte Gatte, bis man ihn aus ihren Armen riss, um ihn in die Erde zu betten. Dann noch übertrug sie einen Theil ihrer Liebe auf das Stück Land, in das der Sarg eingesenkt war. Die Blumen, die auf dem Grabhügel wuchsen, waren für sie Grüsse des Toten.

Liebe – –

Es giebt also doch wohl verschiedene Gefühle, die man unter diesem Namen zusammenfasst.

Jede Art von irdischer Liebe aber bringt Unruhe und Schmerz, selbst wenn sie noch so rein ist, wie Schwester Klaras Liebe war. Es ist eben dem Menschen ein Ziel gesetzt.

Schwester Hedwig und Schwester Luise behaupten, dass das Aufgehen in Gott allein wunschlos mache und die einzige Möglichkeit gewähre, vor dem Tode Ruhe zu finden. Eine echte Diakonissin aber sollte diese Ruhe in Gott und in ihr die himmlische Liebe besitzen. Ist dass nun eine Unwahrheit, – – oder bin ich vielleicht keine echte rechte Diakonissin, wie sie sein soll? In der strengsten Pflichterfüllung kann ich's vielleicht werden – nur nicht denken und um Gottes willen nicht fühlen?



III.

Ich bin nun ein Jahr im Dienste der Krankenpflege. Meine Vorgesetzten sind mit meiner Arbeitsleistung zufrieden, wie sie es früher mit meiner Lehrthätigkeit waren.

Aeusserlich erlebe ich nichts, als dass zuweilen ein neues Lied, eine neue Melodie durch den Ankauf von Notenblättern in mein Leben tritt und mich innerlich reicher macht. In mir und um mich her herrscht Ruhe, Lazarett-Ruhe.

Vorbei und fast vergessen sind die Tage der Unruhe und des Schreckens, die mit jener Eisenbahnkatastrophe in unser stilles Haus hereinbrachen. Es liegen noch einige von den damals Verwundeten bei uns. Auf den Gräbern der Opfer sind wohl längst die Kränze verwittert, die damals bei uns einliefen.

Es waren Kisten und Körbe voll Kränze. Stille, schwache, weisse Blüthen auf dünnen Drähten und dazwischen viel harte, kalte, grüne Blätter, steife Blätter von Lorbeern und Rhododendron. Auch für Lili Montas Sarg kamen schliesslich noch Blumen und Palmen in grosser Zahl. Vorbei – vergessen –

Die Zeitungen brachten damals vielfache Berichte über den Gegenstand. Schilderungen aus unseren Anstaltsräumen und von dem, was darin vorging, kamen durch die Blätter an die Oeffentlichkeit.

Inzwischen sind wieder andere Unfälle, andere Ereignisse geschehen, die das Interesse des Publikums in Anspruch nehmen.


* * *


Nacht.

Ich habe Wache. Es heult ein Sturmwind um unsere Anstalt. Die Kronen der alten Bäume im Garten rauschen und bewegen sich. Mir ist es zuweilen, als läge etwas wie Musik in diesen eigentümlichen Tönen, die das Leben der Natur begleiten.

Ich selbst weiss sehr wenig von diesem Leben, das da draussen im Freien mir so nah und doch so ferne vor sich geht. Zuweilen prasselt der Regen gegen die grossen Scheiben unserer Fenster, dann wieder jagt der Wind Staubwolken dagegen. Alle Bewohner unserer Anstalt leben, wie ich, fortwährend in einer mässig temperirten Atmosphäre. Ich empfinde kaum den Wechsel der Jahreszeiten. Meine Kleidung ist Sommer und Winter dieselbe. Die Thermometer in unseren Sälen sinken fast nie unter 14 Grad, und es kommt kaum vor, dass sie über 20 steigen.

Wind, Schnee, Regen, Staub! – Ich weiss eigentlich nicht, weshalb ich darüber Betrachtungen anstelle, als ob es ein Vergnügen wäre, auf der Strasse herumzulaufen, oder ein Entbehren, es nicht zu thun!


* * *


Die Krankenpflege habe ich nun im Laufe dieses Jahres gelernt und ich glaube, das Lob, das mir zuweilen ausgesprochen wird, ist wenigstens nicht ganz unverdient. Die Aerzte haben mich auch gern bei Operationen. Ich verstehe ihre Absichten und reiche ihnen im richtigen Augenblick das richtige Instrument, ohne dass sie besonders danach zu verlangen brauchen. Ebenso können sie mir die Chloroformnarkose allein überlassen. Ich brauche die Pulsschläge eines Menschen nicht mit der Uhr in der Hand zu zählen. Meine Nerven haben eine so feine Empfindung, dass ich es in meinem Blutstrom fühle, wenn der andere Blutstrom, den ich beobachte, unter meiner Hand ermattet.

Zuweilen ist mir, als ergriffe auch mich etwas wie Ohnmacht, wie süsses hinsterbendes Ermatten, wenn eine solche Narkose lange dauert. – Ich fühle, wie der Herzschlag stiller und stiller wird. Das Blut, das eben noch von einem Menschenherzen durch ein Menschenhirn gejagt wurde, liegt da vor mir, kalt, geronnen, ein Schmutzfleck, der die Diele besudelt. – Das Weib aber, aus dessen zerschnittenen Adern das Blut ausströmt, das lebt. – Leise, zuckend fühle ich den Rest des Blutes unter meiner Hand durchkriechen.

Diese Frauenoperationen haben Wochenlange unsagbare Schmerzen zur Folge. Ich weiss das genau, wenn ich einer Kranken die Chloroform-Maske auflege, und doch sage ich jedesmal: »Haben Sie nur keine Angst, nach der Operation sind die Schmerzen vorbei.«

Man nennt das eine fromme Lüge, vom Mitleid diktirt. Wie nun, wenn man kein Mitleid empfindet? Da bleibt nur die Lüge zurück. – Ich werde ein Experiment machen, ich will das nächste Mal nicht lügen.


* * *


Heute ist eine junge Frau auf meine Station gebracht, die am Krebs leidet. Morgen sollen die von der Krankheit ergriffenen Organe auf operativem Wege entfernt werden.

Die junge Dame ist die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns. Sie erhält ein besonderes Zimmer im Krankenhause und hat eine Gesellschafterin zu ihrer Bedienung bei sich. Sie ist hübsch, hat jedoch ein von den schweren Leiden der letzten Jahre verklärtes, durchgeistigtes Antlitz. Die grossen, grauen Augen sind von räthselhafter Tiefe und Innigkeit.

Kurz vor der Operation ging ich zu ihr, um ihr eine Morphiuminjection zu machen, damit sie ihre Angst ein wenig vergessen sollte. Bei sehr schweren Operationen geschieht das immer.

Sie sagte mir, dass sie eigentlich keine Angst empfände und nur Gott bitte, ihr das Leben zu lassen, damit sie nicht von ihrem Manne fort müsste.

Ich sah mir Herrn Hollmann daraufhin genauer an. Er ist ein grosser, blonder, breitschultrig-schöner Mann. »Ich bin die Gesundheit in Person,« sagte er, als er meinen forschenden Blick bemerkte, »und muss doch seit Monaten mit Aerzten, Wärterinnen und lauter Krankheitssachen umgehen.«

»Armer Mann – armer – armer, süsser Mann,« flüsterte sie.

Mit einem fast kindlich bittenden Blick sah er zu mir auf. Sein grosser, männlicher Kopf ruhte dabei auf der zarten Brust der totkranken Frau.

»Nicht wahr, Schwester, nach der Operation wird mein armes Elschen keine Schmerzen mehr haben?«

Die Lüge – die fromme Lüge drängte sich wieder an mich heran. Was für eine Verpflichtung habe ich nun wohl, diese fremden Menschen zu belügen!

Ich zuckte gleichgültig die Achseln. »Man wird Ihrer Frau Gemahlin selbstverständlich alle Mittel geben, die irgendwie geeignet sind, ihr Erleichterung zu gewähren,« sagte ich.

»Ach, liebe Schwester, ich kenne ja diese Mittel, Morphium, Cocain und wie sie alle heissen. Bis zum Uebermasse habe ich davon Gebrauch gemacht. Sie können mir nicht helfen, wenn es wirklich grosse Leiden sein sollten, die mich erwarten.« Die Kranke schluchzte, als sie diese klagenden Worte sprach.

Sollte ich sie nun mit den hergebrachten, allgemein angewandten Lügen zu beruhigen suchen? Und diesem Manne, sollte ich ihm eine weichlich sentimentale Unwahrheit bieten, nur weil er vielleicht nicht die sittliche Kraft besitzt, die Wahrheit zu ertragen? Und weiss ich es denn? – ich kenne ihn ja gar nicht. Die Voraussetzung erschien mir plötzlich wie eine Beleidigung dieses Mannes.

»Bitte sorgen Sie dafür, dass die Kranke sich nicht aufregt, Herr Hollmann,« sagte ich, anstatt auf den Gedankengang der Frau einzugehen. Darauf verliess ich das Zimmer.

Als ich hinausging, folgte mir Hollmann.

»Ich bitte Sie, Schwester, sagen Sie mir die volle Wahrheit, was wissen Sie von dem, was meine Frau durchmachen wird?«

»Wollen Sie wirklich die Wahrheit hören?«

»Ja,« antwortete er fest. Jeder Zug seines Gesichts drückte Spannung aus, Seelenqual, Todesangst. –

Was für eine schwächliche Moral kann von mir fordern, diesen Mann zu täuschen, diesen starken, kerngesunden Mann, der da vor mir steht und um Wahrheit bittet?

Auf seine Nerven glaubte ich keine Rücksicht nehmen zu müssen.

So schilderte ich ihm denn kurz, kalt und sachlich den Verlauf dieser tief eingreifenden Frauenoperationen und erwähnte auch die fast immer darauf folgenden Leiden.

Der Erfolg meiner Worte war fast genau derselbe wie damals, als ich dem Grafen Bogen sagte, in welcher Weise Lilli Monta verwundet war.

Er prallte bei meiner Schilderung zurück, und sein Gesicht wurde ganz bleich vor Entsetzen. Ein nervöses Zittern durchlief diesen Körper, der selbst den Schmerz nicht kannte, bei dem Gedanken an den Schmerz eines andern Wesens.

»Schwester – ich – ich kann's nicht hören,« stammelte er.

»Sie haben mich doch um die Wahrheit gebeten.«

»Ja, ja, ich danke Ihnen.« Ein paar zitternde, fieberglühende Lippen berührten meine Hand. Auf dem schwarzen Aermel meines Kleides schimmerte eine klare Thräne.

Der grosse, blonde Mann stürzte von mir weg, kniete an dem Bette der kranken, jungen Frau nieder und umklammerte das Holz der Bettstelle mit aller Kraft seiner Arme.

Ich sah, dass er mit den Zähnen fest in die Decken hineinbiss, – er wollte augenscheinlich seine Verzweiflung nicht zeigen.

Ich ging ihm leise nach. »Herr Hollmann, Sie dürfen die Kranke jetzt nicht aufregen.

Er antwortete nicht. Ihre zitternde, durchsichtige Hand spielte leise beschwichtigend mit seinen harten, blonden Haaren.

Unser erster Assistenzarzt kam zu uns herein und bat Herrn Hollmann sich zu entfernen.

Mit einem Ruck stand er auf.

»Sei tapfer, Elschen.«

Ein Kuss auf ihren blonden Scheitel – mit schweren, festen Schritten ging er hinaus.

Als ich ihn nach zwei Stunden wiedersah, war sein frisches Gesicht um Jahre gealtert. Er muss übermenschlich gelitten haben, solange er sein Lieb unter den Messern wusste. Und er wusste ja alles. Ich hatte nicht das Mitleid gehabt, ihn zu belügen, wie ich das sonst immer thue.

Als ich die leichte Gestalt der Frau auf den Operationstisch hob, schlang sie die Arme um meinen Hals und flüsterte mir ins Ohr: »Mir ist, als ginge ich zur Hinrichtung – mein Mann, mein armer Mann!«

In ihrem Jammer denkt sie an ihn, und er, der eigentlich doch überhaupt nicht leidet, er empfindet die Qualen eines Martyriums!

Das nennen die Menschen Liebe.

Ein Mädchen ahnt das nicht, wenn sie sich zur Ehe entschliesst, sie hat überhaupt keine Vorstellung von Liebe, Ehe-Pflichten – sie betritt wie ein Blinder eine Brücke ohne Geländer.

Als Schwester sieht man zuweilen die Liebe bei Anderen. Ich habe gewählt, folglich habe ich kein Recht, über diese Fragen nachzudenken.

Die Operation bei Frau Hollmann war vergeblich, es war zu spät, ihre Leiden seitdem sind furchtbar. Unser alter Professor fleht sie förmlich an, sich durch Klagen und Jammern Erleichterung zu verschaffen. Diesen Aufforderungen gegenüber bringt sie sogar ein Lächeln zu Stande.

Sie klagt nicht, um ihrem Manne keinen Kummer zu machen, und er zwingt sich zu einer Art Heiterkeit, um ihr Leiden nicht zu erschweren. Sie schläft niemals. – Fromme Lügen – Liebe? nein, ich verstehe das nicht.


* * *


Zufällig haben Hollmanns mich gestern singen hören. Die Kranke hat gesagt, meine Stimme sei die einzige Medicin, die ihr noch wohl thun könne.

Nun quälen mich der Professor und die Oberin, täglich vor der Kranken zu singen. Der junge Mann bat mich heute um »das Opfer« eines weltlichen Liedes.

Um der Kranken eine letzte Freude zu machen, ist ein Klavier in ihr Zimmer gestellt, und ich kann da nun singen.

Heute bat sie mich um das Schubertsche Lied: Kennst du das Land, wo die Citronen blühn . . .

Ich erinnerte mich an das Lied, Hollmann besorgte mir die Noten dazu, ich übte ein wenig in meinem Zimmer und sang es ihr dann vor.

Als der Gesang zu Ende war, legte unser Professor mir die Hand auf die Schulter. »Ihr Lied ist der Engel, auf dessen Schwingen diese Seele dem Himmel zuschwebt.«

Ich begriff diesen bilderreichen Ausdruck nicht gleich.

Das passt so wenig zu unserem trockenen »Alten«.

Das Schluchzen, das Hollmanns mächtigen Körper durchbebte, zeigte mir erst, was der Professor gemeint hatte. Frau Else war während meines Gesanges gestorben.

Ruhe – hier sehe ich sie wirklich, die heilige Ruhe der Ewigkeit. –

Unerreichbar für alles, was lebt.

Ich erinnere mich an das letzte Wort meiner alten Probemeisterin.

»Ruhe ist nicht im Leben, aber Liebe kann darin sein.«

Frau Hollmanns Leichenrede hatte den Text: »Die Liebe höret nimmer auf.« – Und ich? – Nun, ich kenne die Liebe wenigstens aus der Ferne. –


* * *


Bei einer alleinstehenden alten Dame ist eingebrochen. Als die Diebe glauben mochten, ihren Raub in Sicherheit bringen zu können, wachte die alte Dame auf. Die Folge davon war ein Ueberfallen ihrer Person. Augenscheinlich in der Absicht, sie nicht zu töten, hat der Verbrecher mit einem Holzhammer oder sonst einem stumpfen Werkzeug ihr auf den Kopf geschlagen. Bei dem Bemühen, ihr einen Knebel in den Mund zu schieben, sind die Knochen des Unterkiefers zerbrochen.

Man muss furchtbar roh mit der hülflosen Alten umgegangen sein, denn ihre Dienerin fand sie am nächsten Morgen mit zur Bewegungslosigkeit zusammengeschnürten Gliedern, blau im Gesicht in Folge des erstickenden Knebels, aber doch noch lebend. Als sie hier eingeliefert wurde, musste das spärliche graue Haar abgeschnitten werden, damit man die Verletzungen des Kopfes besser erkennen konnte.

Mit den kümmerlichen Haarresten auf dem formlos verbeulten Kopfe, mit dem zerkratzten und zerschlagenen Gesichte, hülflos durch einen Arm- und mehrere Rippenbrüche, gewährt sie einen sehr abstossenden Anblick.

Aber das stört weder mich, noch sonst Jemanden im Hause. An das Hässliche sind wir hier ja Alle gewöhnt; das, was an dieser Kranken die Anderen nur belästigt, mich aber fast zur Verzweiflung treibt, ist das Tag und Nacht von ihren Lippen kommende Wimmern und Schreien.

Augenscheinlich hat der Verstand der Unglücklichen in jenen entsetzlichen Augenblicken, als sie unter den Händen der Mörder war, gelitten. Sie scheint fortwährend die Rückkehr der damals Entflohenen zu erwarten und fleht zitternd vor Angst und Entsetzen fortwährend, sie doch nur nicht zu töten.

Durch dieses Tag und Nacht währende Schreien und Sprechen ist ihre Stimme vollständig heiser geworden. Die leise quiekenden, unreinen Töne aber, die sie nun ausstösst, sind geradezu eine Folter für musikalische Nerven.

Doctor Klaus, der Arzt der Frauenstation, thut wenig dazu. »Sie wird sich schon beruhigen«, meint er.

Gewiss, ich glaube das auch, aber bis dahin ist es für mich unerträglich. Diese Pflege erfordert die schwerste Ueberwindung, die mein Beruf mir bis jetzt auferlegt hat. Es muss Tag und Nacht Jemand um die Kranke, in ihrer nächsten Nähe sein.

Nun steht die Dame allein und ist reich. Sie wird also voraussichtlich ein armes junges Mädchen miethen, das immer bei ihr sein, ihre Angstausbrüche, ihre Klagen hören, ihre entsetzlichen Erscheinungen sehen muss und, wenn es nicht sehr gute Nerven hat, davon schliesslich ebenfalls nervös werden wird.

Hat nun ein so altes, halberloschenes Leben das Recht, ein junges, daseinsberechtigtes Menschenkind mit in seinen Jammer hineinzuzerren?

Schliesslich wird eine Gesellschafterin aber diese Stelle freiwillig übernehmen und kann sie auch wieder aufgeben.

Der Einbrecher aber, wenn man ihn findet, wird jedenfalls nicht so schwer bestraft werden, als wenn er ein Beil genommen hätte, um der unnützen Alten mit einem kurzen, festen Schlage den Schädel zu zertrümmern. –

Ich muss jetzt zu ihr. Schon auf dem Corridor horche ich unwillkürlich, und wenn ich dann kurz vor der Thür die heiseren Angsttöne wirklich vernehme, geht mirs wie ein Messer durch alle Nerven.


* * *


Heut hat mir die Macht der Musik zum ersten Mal ihre Wirkung versagt. Ich versuchte es, das durch Mörderhände gegangene armselige, verängstigte, alte Weib in Schlummer zu singen; »Jesus meine Zuversicht – –« ein Lied mit ansprechender, leicht fasslicher Melodie – – – umsonst – sie wimmerte, während ich sang – thierische, hässliche Töne – Angstgeheul.

Ich versuchte es noch einmal. Vielleicht war sie für etwas Weltliches, ganz Leichtes eher zugänglich: »Sah ein Knab ein Röslein steh'n – –«

Umsonst – sie flehte mich an, zu schweigen, damit sie horchen könne, ob niemand einbricht. Welche Qual dieses Dasein! – – –

Ein Beilhieb wäre Wohlthat gewesen.

Wie verächtlich erscheint mir dieser feige, erbärmliche Dieb. Vor einem energischen Mörder, der sein Opfer wenigstens totschlägt, kann ich Achtung empfinden, seit ich dies Weib sehe und winseln höre.

Man sollte solch einen muthigen Mann nicht zum Tode verurtheilen, wenn man eine feige Bestie, die nur schlägt, um zu betäuben, am Leben lässt. – Pfui – – es giebt doch kein Thier, das so tief sinken kann wie der Mensch.


* * *


Die Oberin findet, dass ich für eine Diakonissin nicht fromm genug bin. Ich sah sie fragend an.

»Hab ich irgend etwas versäumt?«

»Nein, Schwester Minna. Wenn die guten Werke uns selig machten, so wären Sie vielleicht die Erste unter uns. Aber ich habe zuweilen den Eindruck, als thäten Sie nichts so recht aus vollem Herzen heraus. Wer den reichen Schatz des Glaubens besitzt, kann auch geben, geben mit vollen Händen. Sie geben aber nicht. Niemals weisen Sie kranke oder traurige Menschen hin auf das ewige Heil.«

»Sie wissen, Schwester Oberin, dass es mir nicht gegeben ist, viel Worte zu machen, ich bin schweigsamer Natur.«

»Ich wollte Sie nicht kränken, Schwester Minna.«


* * *


Nicht fromm genug – ich denke nun doch darüber nach. Irgend ein Unterschied besteht zwischen mir und den anderen Schwestern, ein Unterschied des Wesens, der sich sogar dem äusserlichen Beobachter bemerkbar macht, wie mir die Aeusserung der Schwester Oberin beweist. Ich thue, was ich kann, um den Anforderungen des Berufes zu genügen, und doch fehlt mir irgend etwas zu dem Wesen einer Diakonissin. Als ich vor fast zwei Jahren Schwester Klara in den Unterricht der Schwachsinnigen einführte, hat sie zu mir gesagt: »Sie haben nicht genug Liebe, Schwester Minna.«

Jetzt sagt man mir, dass ich nicht genug Glauben besitze. Meine äussere Thätigkeit erkennt man gern an, hier wie dort, aber man verlangt, dass auch mein Herz daran theil haben soll. Es soll geben, mein Herz, Glauben, Liebe, Trost – einerlei, wie man es nennen will, aber geben – mein Herz soll geben – –

Um geben zu können, muss man besitzen. Was aber besitze ich denn? Niemand hat mir die Güter und Schätze des Herzens gereicht, so dass ich von ihnen mittheilen könnte.

Arbeit, äussere Ehrenstellung hat mir die Kirche gewährt, den inneren Frieden und die heilige Ruhe, die sie verheisst, erwarte ich bis jetzt vergeblich.

Ein festes Dogma, an das meine schwankende Seele sich halten könnte, ist gegeben. Darauf soll ich Andere hinweisen. Wer im Stande ist, Halt und Erbauung aus diesem Dogma zu schöpfen, wer daran glauben kann – –

Herr Gott, das ist's ja eben, wenn ich glaubte, wenn dieses einfache: Es steht geschrieben – mir ein Beweis wäre, dass es eine über allen Zweifel emporgerückte Wahrheit giebt – – –

Wenn die anderen Schwestern irgend einer Aeusserung der Patienten begegnen, die sie für Unrecht halten, so suchen sie einen Spruch auf und weisen darauf hin: »Es steht geschrieben« –

Das hat Beweiskraft.

Ja, es steht manches geschrieben, aber wenn es nun doch nicht wahr ist! Ein solcher Zweifel ist bei einer Schwester unerhört.

Wenn man glauben kann, dann kann man vielleicht auch lieben, kann bekehren und dann hat man Ruhe. Und Ruhe ist Glück.

Ich will mich anklammern an den Glauben, will nicht mehr rechts und links sehen. – Dazu bin ich Diakonissin – ich muss an meine Einsegnung denken, muss das Schwesternkleid ansehen, das ich trage. Da draussen giebt es für mich nichts, keine Welt, keine Freiheit, kein Denken, nichts – glauben – glauben, nur das eine, nur glauben.


* * *


Mit grossem Eifer habe ich heute früh in Schwester Luisens Spruch-Becher gegriffen, noch ehe sie selbst dazu kam. Der Spruch, den ich ziehe, soll mir ein Motto für diesen Tag sein, mir wie allen Schwestern. So nahm ich mir's vor.

1. Petri 4,6: »Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, auf dass sie gerichtet, werden nach dem Menschen am Fleisch, aber im Geist Gottes leben. Es ist aber nahe kommen das Ende aller Dinge.«

Was soll ich damit anfangen? –

Streng genommen weist diese Predigt auf die guten Werke hin, nach denen wir gerichtet werden im Fleisch. Von Liebe kein Wort.

Ob ich einen andern Zettel aufrolle?

Nein, wenn man glaubt, giebt es keinen Zufall. Ich habe anzunehmen, dass dieser Vers nur für diesen Tag bestimmt ist, weiter nichts.

Schwester Henriette hat mir diese Theorie vorgetragen. Sie glaubt ernstlich daran. Schwester Henriette ist eine unserer jüngsten, aber zugleich, eine der eifrigsten Schwestern.

Sie hat mich zuweilen in meinen Aufzeichnungen blättern sehen und, erröthend wie ein Kind, hat sie mir heute gestanden, dass sie auch so etwas wie ein Tagebuch, schreibt.

Ich wusste nicht recht, was ich zu dem Geständniss sagen sollte. So bemerkte ich nur eben, so etwas konnte eine Freundin ersetzen.

Mit verschöntem, glückstrahlenden Antlitz brachte mir die junge Schwester darauf ein schön, gebundenes Buch. Auf dem Deckel stand »Poesie«.

»Aber Schwester, was man für sich selbst schreibt, das ist doch nicht für fremde Augen.« Ich wehrte ihr Tagebuch ganz energisch ab. Herrgott, wenn ich denken sollte, es könnte eine der Schwestern jemals meine Aufzeichnungen lesen!

Schwester Henriette aber schien meine Ablehnung zu beleidigen. So nahm ich zögernd das Buch. Mir ist zu Muthe, als beginge ich einen Einbruch in eine fremde Seele, ich mag es nicht öffnen.


* * *


Ich habe Schwester Henriettens »Stille Gedanken einer frommen Schwester« gelesen. Nein – das war allerdings kein Einbruch in eine fremde Seele. Worte – Worte. – Ich begreife nicht, was für ein Bedürfniss es sein kann, solche Sachen niederzuschreiben. Da es aber einen Blick in eine Diakonissenseele bedeutet, so will ich zum Andenken daran einiges abschreiben. Ich thue vielleicht nie im Leben wieder einen Blick in eine . . . Schwesternseele. . . .

»Am 5. Juni.«

Matth. 18; 3: »Es sei denn, dass ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.«

Heute ist der Geburtstag meiner Mutter. O Mutter! Du siehst nun wohl herab auf mich. Dein Geist hat meine suchenden Hände geleitet, dass ich heute an deinem Geburtstage in der Bibel gerade diesen Spruch aufschlagen musste! Du bist im Himmelreich, Mutter! Ich möchte auch im Himmelreich sein. Aber ich muss mich umkehren und werden wie ein Kind.

Ja – das ist wahr. Als ich ein Kind war, da hast du mich beten gelehrt, da war ich fromm und rein und ohne Schuld.

Mutter, liebe Mutter, bete für dein Kind, das sich nach dir und dem Himmelreich sehnt!«


* * *


Bei solchen Gesinnungen hält es nun Schwester Henriette noch für nöthig, umzukehren und zu werden wie ein Kind! Und in diesem Tone geht's weiter, immer weiter durch den ganzen Band. Ich habe nichts von Allem verstanden.


* * *


Ich lese weiter und weiter. Eine wahre Sucht nach Kritik überfällt mich, wenn ich das braune Buch ansehe mit der läppischen Aufschrift »Poesie«. Eigentlich hat diese Aufschrift sogar eine gewisse Berechtigung, denn es sind Verse genug in diesen Blättern enthalten. Sollte es eine Art Autoreneitelkeit sein, die Schwester Henriette veranlasst, diese Blätter in fremde Hände zu legen? Es finden sich da zuckersüsse Reime, wie: tragen – entsagen – von Herzen, mit Schmerzen – ich weine – alleine – Gebete – erflehte u. s. w.

Woher nehme ich das Recht, mich darüber zu erzürnen? Wenn etwas fest steht, so ist es doch jedenfalls die Thatsache, dass ich für meine Person keine besseren Verse machen kann, wie Schwester Henriette.

Oder sollte es vielleicht ein Verdienst sein, überhaupt keine Verse zu machen? –


* * *


Ich habe Schwester Henriette ihr Tagebuch zurückgegeben. Es regt mich auf. Diese Zuversicht, dass Gott und alle möglichen abgeschiedenen Geister fortwährend um uns her sind! Diese naive Annahme, dass man bei jeder Kleinigkeit direkt Gott fragen oder bitten könne! – Dieser Glaube, dass eine unsichtbare Macht unsere Hand leitet, die in der Bibel blättert, um einen Spruch zu suchen!

Und dieser Glaube macht glücklich! Ich sehe, dass er fast alle meine Gefährtinnen erfüllt, und Alle sind zufrieden und froh.

Ist es nicht vermessen, sein kleines Ich so in den Mittelpunkt der ewigen Geheimnisse zu setzen?

»Es fällt kein Haar von Eurem Haupte, ohne den Willen Eures Vaters im Himmel.«

Darum bekümmert er sich also, und Seelen – unsterbliche Seelen gehen unter in Wahnsinn und Nacht!

Wenn ich glauben könnte, wie Schwester Henriette, ob ich dann die Ruhe fände, nach der ich mich sehne?

Ich möchte mit ihr darüber sprechen, ich will sie um Rath fragen, wie ich es anfangen soll, um zu werden wie sie und wie die andern Schwestern.

Nein, – ich kann mich Schwester Henriette nicht anvertrauen. Es ist mir überhaupt unmöglich, einem anderen Menschen einen Einblick in meine Seele zu gewähren. Ich weiss, dass unser Pastor mir das übelnimmt. Er hält das für geistigen Hochmuth. O – wenn er ahnte, wie weit ich innerlich von allem Hochmuth entfernt bin –, wie ich ringe, und leide! – Ja, das fühle ich nun doch mit der Zeit. Ich leide unter dieser hoffnungslosen Sehnsucht nach Ruhe, Glück, Glauben – ich weiss jetzt selbst nicht mehr recht, was mir eigentlich fehlt – alles – wahrscheinlich alles!


* * *


Heute hat mich unsere Oberin gefragt, ob ich mich wohl stark genug fühlen würde, um den Dienst in einer Irrenanstalt zu übernehmen.

Ich habe ihr keine entscheidende Antwort geben können. – Ueber den Wahnsinn habe ich noch niemals nachgedacht. Ist es möglich, dass der Leib gesund bleibt und die Seele krank wird?

Ja, ich kann mir das denken. Die Seele sucht irgend etwas, findet es nicht, sucht – sucht, stösst an, reibt sich wund – –

Zuletzt wird sie krank.

Aber man kann doch die Seele nicht pflegen. Was soll ich in einer Irrenanstalt? Verbände zu machen, hab' ich gelernt. Die Antiseptik hat keine Geheimnisse für mich, – aber die Seele – die Seele –


* * *


Ich habe die Aufforderung, in die Irrenpflege einzutreten, abgelehnt. Ich bin froh, dass ich die Handgriffe der chirurgischen Hülfeleistung in den letzten zwei Jahren gelernt habe. Es könnte vielleicht einen gewissen Reiz haben, den Irrsinn zu studiren, aber für mich liegt eine tiefe Gefahr darin. Vielleicht ist's besser, ich verzichte auf diese Erkenntniss.



IV.

Man hat mich aus den Frauensälen nach der Männerabtheilung des Krankenhauses geschickt.

»Sie sind nun nicht mehr ganz jung, liebe Schwester« – so begann die Oberin ihre Rede an mich – »im Herrn sind Sie bewährt seit fünf Jahren, ausser Ihnen stehen mir nur ganz junge Anfängerinnen zur Verfügung« – – na, kurz und gut, mein Posten auf der Frauenstation ist einer Jüngeren übertragen worden, und ich – in meiner Eigenschaft als alte Jungfer, habe nun Männer zu pflegen.

Mein Zusammenwohnen mit Schwester Luise hat durch den Eintritt in meine neue Thätigkeit sein Ende gefunden. Schwester Elisabeth, die uns, eben neu eingesegnet, vom Mutterhause zugeschickt wurde, nimmt meine Stelle auf der zweiten Frauenstation ein und wird künftighin Schwester Luisens Gehülfin.

Ich selbst werde von nun an im Erdgeschoss wohnen, zunächst zusammen mit Schwester Dora, die etwa in meinem Alter ist.

Die Oberin hat sich schon wiederholt an unser Mutterhaus gewendet, um wenigstens für die Männerstation einige ältere Pflegeschwestern zu erhalten, aber man vertröstet sie von einem Quartal auf das andere.

Die Gemeinde-Diakonie kann nur von älteren, erfahrenen Schwestern ausgeübt werden. Ein Mädchen in der ersten Hälfte der Zwanzig kann den exponirten Posten einer allein lebenden Armenpflegerin nicht ausfüllen. So entzieht dieser Beruf der Krankenpflege in Spitälern einen grossen Theil der besten, erprobtesten Arbeitskräfte.

Das ist aber nicht zu ändern, und bei dem geringen Zudrange von Frauen zu dem Beruf der Diakonissin überhaupt, müssen die grössten Anstalten froh sein, wenn ihnen nur eine genügende Anzahl ganz junger Schwestern zur Verfügung steht, um alle Stationen besetzen zu können.

Schwester Henriette hat im Kindersaal überhaupt keine Diakonissin zur Hülfe, sondern muss sich mit einer Johanniterin begnügen.

Es thut mir leid, mich von Schwester Luise trennen zu müssen, sie störte mich nie. In der vorigen Anstalt, wo ich früher arbeitete, hatte ich eine Zimmergefährtin, deren Schwatzhaftigkeit mir oft im höchsten Grade lästig war. Noch jetzt ist die Erinnerung an diese Schwester Selma mir unangenehm.

So oft sie mich hatte singen hören, brach sie in laute Bewunderung aus. »Ach Schwester Minna, wenn ich wäre wie Sie, ich ginge zur Bühne, ich würde eine grosse Sängerin und würde mich berauschen in der Anerkennung meiner Kunst durch die Menschen. –«

Unerträglich oft hat sie mir das wiederholt. Um sie los zu werden, sagte ich einmal zu ihr: »Was hülfe es mir, wenn ich alle Herrlichkeiten dieser Welt besässe und nähme doch Schaden an meiner Seele?«

Da liess sie von mir ab. »Ach Schwester Minna, Sie sind eine Heilige,« seufzte sie.

Das hatte ich nicht beabsichtigt – aber schliesslich nahm sie sich doch mir gegenüber von da ab zusammen. Sie wurde zurückhaltender, und wenn sie mir von allen möglichen Dingen vorschwatzte, die mir ganz gleichgültig waren, so gab sie sich Mühe, dabei stets den Ton einer gewissen conventionellen Frömmigkeit festzuhalten.

Wo sich aber diese äusserliche Frömmigkeit zur Tendenz erhebt, da legt sich ein Hauch eisiger Kälte über jedes Seelenleben.

Wie ein Reif, der alles bis ins innerste Mark erstarren lässt, und doch eine gewisse kalte Verklärung gewährt, so wirkt dieser confessionelle Protestantismus in seiner äusseren Bethätigung.

Es fehlt jede Wärme, jede Leidenschaft. Mag der Glaube an Heilige, an wunderthätige Reliquien u. dergl. dem Verstande unfassbar sein, er befriedigt aber doch wenigstens das arme, sehnende, sündige Menschenherz.

Die logische Correktheit unserer Confession aber schneidet wie Frost in die Wunden der Seele. –


* * *


Ich bin nun vierundzwanzig Jahre alt. Ebenso gut könnte ich fünfzig oder mehr Jahre zählen. Für meine Lebensweise ist das ganz einerlei. Gleichförmig – gleichförmig reiht sich ein Tag an den andern. Morgenandacht, Tagesarbeit, Abendgebet, Nachtwache oder tiefer, traumloser Schlaf körperlicher Ermüdung. Um mich her Krankheit, Tod und – – – Religion.

Für mich ist der Glaube Gefühlssache, meine Umgebung aber bringt es fertig, diese Gefühle in Schablonen zu pressen. Das nennt man Dogmen. Wenn man eins von diesen Dogmen nicht glaubt, so ist das, als zöge man einen Grundpfeiler unter einem Gebäude heraus. Der ganze Bau stürzt zusammen. Darauf verlässt man sich nun für Zeit und Ewigkeit. –


* * *


Eigentlich sieht man als fromme Schwester die Welt durch ein bemaltes Kirchenfenster, auf dem die heilige Geschichte abgebildet ist. – Diese Scheidewand, die uns von Welt und Leben trennt, ist nur dünn, gewissermassen illusorisch – aber sie ist luftdicht. Die frische, scharfe Luft des forschenden Denkens wird durch die Glasscheibe fern gehalten. Auch das Licht der Wahrheit wird mild und kirchlich abgetönt durch die heilige Malerei, die den Sonnenstrahl auf seinem Wege zu unseren Herzen aufhält und verändert.

Wie der Himmel aussehen mag, und die Freiheit des persönlichen Sichauslebens?

Die Seele, die nach oben strebt, stösst überall an einen, mit Heiligenbildern und künstlichen Sternen geschmückten, Plafond. In dem tiefen, stillen Frieden der Kirche kann sie nicht fliegen, gekalkte Säulen versperren den Weg. –

Armenpflege, Volkserziehung, Krüppelpflege, Mission, Gottesdienst, Hausordnung – – genug, übergenug, um einem Menschenleben Inhalt zu geben.

Ein Leben ist ja auch, Gott sei Dank, nicht so sehr lang. – Ob der Tod, der heilige, wahre Engel des Herrn, wohl die bunte Fensterscheibe durchbrechen wird und auch der Schwester zeigen, wie die Welt in Wahrheit aussieht? –

Ist das Leiden, an dem ich vielleicht kranke, Sehnsucht nach Erkenntniss? Ob es einen Menschen geben mag, der mir etwas neues sagen könnte, etwas, das meinem Geiste fremd ist – eine Religion oder auch eine Philosophie, die mir neue Bahnen erschliesst, die meine Seele sucht und ahnt, aber nicht kennt? –

Ich bin es müde, zu den gewöhnlichen Sternen emporzublicken, die an dem gewöhnlichen Himmel stehen. Alle Menschen sehen diese Sterne, und jeder kann sich dabei denken, was er will. – Ist denn niemand da, der einen neuen Himmel entdeckt und diesen neuen Himmel mit neuen Welten bevölkert? Am Firmament der Wahrheit ist es dunkel geworden im Laufe der Jahrhunderte. Ein neuer Erlöser müsste kommen und neue Sonnen entdecken.


* * *


Mein ehemaliger Stationschef, der Frauenarzt Doktor Klaus, hat mich heute in meinen neuen Arbeitsräumen besucht.

Das war wohl eigentlich eine Artigkeit von ihm. Man erweist aber frommen Schwestern keine Aufmerksamkeiten. Mögen wir, wo immer herstammen, wir sind keine Damen mehr im gesellschaftlichen Sinne des Wortes. Wären wir das noch, so würden gewisse Situationen für uns den Aerzten gegenüber unmöglich, unhaltbar werden.

Als der junge Mann merkte, dass ich von ihm etwas wie eine Motivirung seines Kommens erwartete, fing er an, mir zuzureden, ich möchte doch im nächsten Sommer einen Erholungsurlaub annehmen.

Seit fünf Jahren bin ich im Dienst. Erst war ich drei Jahre lang bei den Schwachsinnigen und dann zwei Jahre hier an der Frauenstation. Doktor Klaus, mit dem ich viel gearbeitet habe, ist mir stets sehr taktvoll und liebenswürdig begegnet. Ich unterhalte mich sogar gern mit ihm. In seinem Berufe halte ich ihn für sehr tüchtig, aber ich glaube, er ist im Uebrigen ein prosaischer Mensch, dem die ewigen Fragen des geistigen Lebens ganz gleichgültig sind. Auch sein Interesse für Musik scheint nur oberflächlich zu sein.

Auf seinen freundlichen Vorschlag, mich für den Sommer ein paar Wochen frei zu machen, habe ich ihm geantwortet, dass ich nicht recht weiss, wozu das sein sollte, da ich doch vollständig gesund bin.

Er setzte mir darauf auseinander, wie es jedem Menschen nothwendig sei, zuweilen aus dem gewöhnlichen Gange des Alltaglebens herauszukommen, und dass es sich stets räche, wenn man das nicht thäte. Auf mein fragendes Lächeln antwortete er direkt: »Sie werden nervös, Schwester Minna, Sie müssen mal ausspannen, sonst werden Sie ganz entschieden nervös.« –

Vielleicht bin ich nervös, vielleicht lässt sich alles das, was mich quält und bedrückt, durch Ruhe und ozonhaltige Luft beseitigen. Ich weiss wirklich nicht, was ich zunächst thun werde. Beinah enthält der Gedanke an ein Ausruhen eine Versuchung für mich. Ich möchte so gern etwas mehr Zeit für meine musikalischen Liebhabereien gewinnen, ich vergesse die Begleitungen zu meinen Liedern.

Schliesslich bin ich den guten Doktor damit los geworden, dass ich sagte, ich wollte mich nur erst einarbeiten auf meiner neuen Station, dann würde ich ja sehen, was ich thun soll.

Schon auf der Frauenstation kam ich selten genug ans Klavier; seit ich Männer pflege, ist meine Zeit fast noch knapper geworden. Abgesehen davon, bin ich lieber auf der Männerstation. Es ist ruhiger da, man hört weniger Klagen, trotzdem ich finde, dass die Männer empfindlicher sind und weniger passiven Leidensmuth besitzen, wie die Frauen. Aber trotzdem sie nicht so viel aushalten können, machen sie weniger Worte über ihre Leiden, das zieht mich an.

Was für ein gutmüthiger Mensch muss aber dieser Frauenarzt sein, dass er überhaupt daran denkt, ein Wesen wie ich, in dem Andere doch einzig die stille Arbeitsmaschine sehen, könnte das Bedürfnis nach Erholung empfinden.

So lange ich lebe, hat sich niemals ein Mensch mit mir beschäftigt; es ist nun doch ein eigenes Gefühl für mich, zu wissen, dass jemand in freundlicher Fürsorge meiner gedenkt, wenn auch der Betreffende selbst mir höchst uninteressant ist. –


* * *


Auf meiner neuen Station befindet sich ein Pastor, der an Kehlkopfschwindsucht leidet. Er kann nicht mehr predigen und geht seinem Ende hier bei uns mit Fassung entgegen.

In seinem Zimmer steht ein Kruzifix, und wenn man zu ihm hereinkommt, steht er da und sieht die Schnitzerei an.

Der Heiland, zu dem wir beten, sieht mich in diesem Bilde an. Nägel sind durch die knorpelige, nervendurchzogene Mitte der Hände geschlagen. Die Last des Körpers zieht an diesen Wunden. Durch die sehnigen, mageren Füsse bohrt sich ein dolchartiger Nagel. Etwas wie herabtropfendes Blut ist in der Coloratur des Holzes angedeutet.

Das Antlitz des Erlösers ist nach oben gerichtet – verzerrt von Schmerzen. Aber dieser Schmerz ist hier nur körperlich aufgefasst. Der Mund ist halbgeöffnet, wie zu einem Schrei der Verzweiflung. Je mehr ich das Kruzifix ansehe, um so mehr verstehe ich diesen Schmerz des Gefolterten.

Wozu werden solche Bilder gemacht? – Ob ein totkranker Mensch, wie dieser Geistliche, darin Trost und Erbauung finden mag?

Er hatte vorhin einen Erstickungsanfall. Das überfällt ihn sehr oft, und schliesslich wird er in einem solchen Anfall zu Grunde gehen.

Ich konnte ihm sehr wenig Erleichterung gewähren. Trotzdem dankte er mir innig, als er müde und erschöpft, schwach athmend, wieder ohne Todesangst dalag.

Dann verlangte er nach seinem Kruzifix. Ich reichte es ihm hin. Nachdem er lange schweigend darauf nieder gesehen hatte, fragte er mich, ob es mir lieb sein würde, dieses Kunstwerk nach seinem Tode zu besitzen.

Er meinte, seine Verwandten wären nicht gebildet genug, um den Kunstwerth der Schnitzarbeit würdigen zu können.

»Trauen Sie denn einer Diakonissin künstlerisches Verständniss zu, Herr Pastor,« fragte ich erstaunt.

»Nicht jeder Diakonissin, aber Ihnen, Schwester Minna. Aus Ihrem Gesänge spricht eine reine, keusche Auffassung der abstraktesten aller Künste, der Musik. Ich weiss, dass Sie eine Künstlerseele besitzen. In Tönen hat diese Künstlerseele sich mir offenbart – auch der Bilderschnitzer, der dies hier gemacht hat, muss ein Künstler sein.«

»Finden Sie nicht, dass er den körperlichen Schmerz etwas zu sehr betont hat? ich meine, ist Ihnen die Auffassung der Christusgestalt nicht zu irdisch, zu menschlich?« fragte ich.

Der Kranke sah mich prüfend an. Es klang etwas wie Enttäuschung aus dem Ton seiner Antwort. »Für eine grobe Auffassung ist das hier allerdings zu realistisch. Mir aber wird der Erlöser gerade durch dieses körperliche Leiden menschlich näher gerückt. Er hat für uns gelitten, und wir . . . wir müssen es als Gnade ansehen, sein Kreuz tragen zu dürfen und zu leiden, wie er.

In den schwersten Augenblicken meiner Krankheit sage ich mir, dass all mein Elend nichts ist, mit diesem Schmerz hier verglichen.«

»Wirkt der Anblick dieses Schmerzes nicht abstossend auf Sie?«

»Nein Schwester, gewiss nicht, er wirkt erhebend, ich sehe eben darin nur ein Symbol. – Es ist der ganze Jammer des Daseins, der doch nun einmal überwunden werden muss, konzentrirt in ein einziges Gefühl.«

Ich verstand diese Bemerkung. Der Jammer des Daseins tritt mir täglich so greifbar nahe, dass ich diesen Gedanken verstehen musste.

Tief, tief in meinem Herzen aber lebt die Sehnsucht nach etwas ganz Anderem. Wesshalb muss denn das Leben von dieser entsetzlich trostlosen Seite aufgefasst werden? Sollte es denn wirklich auf Erden nichts geben, was Glück, Lust, Wonne verschafft? – Der Kunst und der Liebe zu leben, müsste das nicht schon Seligkeit sein hienieden?

Ich denke an Lilli Monta – – und während ich das denke, spricht der Kranke leise und eintönig weiter, um mir den Begriff der Sühne zu erklären. Er spricht von der Ueberwindung der körperlichen Neigungen und der seelischen Lüste durch das göttliche Vorbild des Gekreuzigten. Alles, was er sagt, ist richtig und gut, aber schliesslich steht das alles doch in jedem besseren theologischen Werke. Er hat keine neuen Gedanken. –

Lilli Monta, das Kind der Liebe und der irdischen Lust, steigt auf in meinen Gedanken. Ich sehe ihr grässliches Ende. War das vielleicht eine Sühne, weil sie den Jammer des Erdenlebens vergass?

Wie im Traume spreche ich den Gedanken aus. »Ach Herr Pastor, ich fürchte, dass ich mich zu wenig mit religiösen Gedanken beschäftige und zu wenig mit dem Jammer des Daseins. Das Leben und das Glück interessirt mich zu sehr, die Sehnsucht nach der Kunst beherrscht meine Gefühle. Ich komme nicht zur Ruhe.«

»Es giebt kein wahres Glück auf der Erde. Aber wenn Sie sich nach der Ruhe in Gott sehnen – die finden Sie, sobald Sie fühlen, dass das irdische Leben Sie loslässt.«

»Also im Tode?«

»Schon in der Vorbereitung darauf. Sie können die Ruhe in Gott jeden Tag finden, wenn Sie das ganze Leben als eine Vorbereitung auf die Ewigkeit ansehen.« –


* * *


Wie bin ich eigentlich dazu gekommen, ein so intimes Gespräch mit diesem Fremden zu führen? Ich thue das doch sonst nie, keinen Menschen lasse ich in meine Seele blicken. Ich habe kein Verständniss für den Begriff der Freundschaft und auch kein Bedürfniss danach.

Trotzdem spreche ich offen mit diesem sterbenden Manne.

Vielleicht ist es die Nähe der Ewigkeit, die mich zu ihm hinzieht. Ich liebe den Tod, der diesen Mann schon in seinem Banne hält. Er selbst liebt den Tod auch, und wenn ich bei ihm bin, ist's, als wären drei gute Freunde zusammen. Der kranke Mann, ich, das lebensstarke gesunde Mädchen, und Er – der stille, heilige, unsichtbare Engel des Herrn. –


* * *


Der Pastor will wissen, warum ich nicht Künstlerin geworden bin. Ich habe natürlich vor dieser Frage gestanden, aber an meinem scheuen, ungelenken Wesen musste diese Versuchung vorübergehen. Ich kann wohl singen, um irgend jemand gefällig zu sein, aber im allgemeinen singe ich doch nur, um innere Kämpfe zu überwinden, um irgend einer Stimmung meines Gemüthes künstlerisch nachzukommen. Ich kann mir nicht denken, dass ich zu jeder beliebigen Zeit singen sollte, um damit Geld zu verdienen.

Andrerseits gehöre ich zu denjenigen Waisen, die darauf angewiesen sind, sich ihren Unterhalt zu erwerben.

So war dieser Gedanke, als Sängerin zu leben, für mich eigentlich von vornherein ausgeschlossen. Mein Vormund sprach mir dann von der Diakonie. Ich hatte keine grosse Begeisterung für den Beruf, aber auch nichts dagegen.

Es hat für ein alleinstehendes Mädchen etwas Anziehendes, zu denken, dass man irgendwo willkommen ist, in keinem Falle nur aus Mitleid etwa halb geduldet. Ein heimathloses Mädchen in einer Familien Stellung kann durch eine Kündigung jeden Augenblick wieder vollständig heimathlos werden.

Eine Diakonissin braucht sich nirgends aufzudrängen und gehört als Tochter dem Mutterhause lebenslänglich an.

Frieden – Arbeit – Heimath – Ruhe. – Warum soll man schliesslich nicht lieber Schwester werden, als irgend etwas anderes?


* * *


Vorhin hab' ich geglaubt, mein armer Pastor würde in seinem Erstickungsanfall sterben. In seiner Noth und Angst deutete er auf ein Notenblatt, das neben ihm lag. Ich verstand ihn.

»Soll ich singen?«

Er nickte.

Ich sang ängstlich, mir war's, als stünde der Tod neben mir. Aber mein Lied sollte dem armen Dulder nicht zum Scheidegruss werden.

Mit leisem Seufzer brach der asthmatische Anfall ab. Die schwache Lunge dehnte sich – athmete – körperliches Behagen und innere Freudigkeit malten sich auf dem müden, bleichen Gesicht des Kranken.

Ich trat zu ihm, um ihm die Kissen zu glätten und ihm eine bequeme Lage zu geben. Mit zitternden Händen suchte er nach meiner Hand und zog sie an seine heissen, trockenen Lippen.

»Schwester – warum hab' ich Sie nicht früher kennen gelernt! Ich brauchte dann nicht einsam unter Fremden zu sterben. – Vielleicht ein Heim – ein geliebtes Weib« – – –

Ich war unangenehm berührt. Selbst in diesem sterbenden Körper regte sich noch der Mann. Er sah in mir nicht die fromme Schwester, sondern das Weib.

Nun ist das schon der zweite Pastor, der mir von Liebe spricht. – Wenn diese Männer wüssten, wie wenig meine Gesinnungen dem Wesen einer Pfarrfrau entsprechen! –


* * *


Ein paar Tage habe ich es vermieden, den Pastor allein zu bedienen. Heute früh sagte mir der Arzt, dass er im Sterben läge. Ich zögere, zu ihm zu gehen.

Das Sterben der Menschen hat seinen geheimnissvollen Reiz für mich noch nicht verloren. Ich denke immer noch, in dem einen oder dem andern Todesseufzer müsste sich eine Ahnung des ewigen Geheimnisses einmal vor mir entschleiern. Aber dieser Mann gerade mit seinem festen Buchstabenglauben! – – –

Und dann diese Athemnoth! Man empfindet selbst unwillkürlich etwas wie Beklemmung, wenn man einen Menschen mit aller Kraft seines Körpers nach Luft ringen sieht.

Bei einer bestimmten Stelle in den Athmungsorganen kommt die Luft nicht weiter. Die Lunge verschmachtet, streckt sich, alle Muskeln arbeiten, alle Nerven zittern, der Angstschweiss bricht aus, die Pulse fliegen – die Luft geht nicht weiter.

Der Blutstrom stockt, die Haut wird blau, die Augen quellen aus ihren Höhlen, die Qual des furchtbarsten Schmerzes zuckt durch jede Faser des ringenden Leibes, alles umsonst, die Luft geht nicht weiter. – – –

Es giebt kaum einen unangenehmeren Anblick. Die grössten Wunden berühren nicht so peinlich, wie diese hülflose Qual des Mangels an Athem. Ich möchte am liebsten ablehnen und den Wunsch des Sterbenden, mich noch einmal zu sehen, unerfüllt lassen. Aber der Stationsarzt Dr. Ebel steht vor mir und sieht mich sehr erstaunt an. Ich kann mich der Pflicht, die mich an dieses Sterbebett ruft, nicht entziehen. Der Tod von Frau Hollmann steht vor meiner Erinnerung. Wenn der Pastor mich um ein Lied bitten sollte, müsst' ich's dem Sterbenden abschlagen. Es ist mir unmöglich – ich kann jetzt nicht singen. Sonderbar – als ob das Asthma ansteckte! Ich habe die Empfindung eines Druckes auf der Brust und im Halse. Wenn er mich nur nicht um ein Lied bittet! –

Nein, dazu ist's hier schon zu spät. Die Glieder sind schon kalt, der Herzschlag stockt, die Seele ist nur noch lose mit ihrer Hülle verbunden, Sie steht im Begriff, das irdische Band von sich abzustreifen, schwebt einen Augenblick zwischen zwei Welten. –

Was mag ein Mensch fühlen in diesem verhängnissvollen Momente zwischen Sein und Nichtsein? Ob wohl dieser Augenblick schwer sein mag oder süss, ob Wille und Gedanken dem Geiste jetzt noch gehorchen?

Bei den meisten Menschen ist dieser Uebergang durch körperliche Ohnmacht so stark getrübt, dass der ganze Vorgang des Sterbens dadurch aus der geistigen Sphäre in die leibliche Welt herabgedrückt wird.

Da heisst es dann ganz einfach: Staub bist Du, Staub wirst Du werden. Ein letztes intensives Leiden ist das Ende des Staubes.

Der Verfall des Irdischen ist körperlich ein schmerzhafter Moment. Wenige Menschen aber sind seelisch so hoch organisirt, dass sich über ihr Gefühlsleben in diesen interessanten Sekunden Beobachtungen anstellen lassen.

Dieser sterbende Mann ist darin eine seltene Ausnahme. Sein Geist scheint stark genug zu sein, um mit seinem Willen das irdische Theil zu zwingen, solange ihm etwas Irdisches überhaupt noch anhaftet.

Die letzte Todesnoth ist vorüber – der sogenannte Lungenschlag erfolgt. Noch einen Augenblick kehrt das Bewusstsein des Lebens und Sterbens zurück.

Mit grossen, glückstrahlenden Augen erkennt mich der Kranke. Er berührt mich nicht, aber wie eine klammernde Umarmung hält mich der Blick und zieht mich zu sich heran.

Ich beuge meinen Kopf herab, um zu hören, was die Lippen murmeln. Wie ein Seufzer aus der Ferne dringt's an mein Ohr:

»Schwester Minna, ich . . . ich liebe Dich.«

Mir ist's, als streckte sich eine Totenhand aus einem Sarg, um mich verlangend an sich zu reissen.

Der erste Mensch, den ich mit voller seelischer Klarheit sterben sehe, empfindet im Tode noch diesen irdischen, dunklen, menschlichen Taumel der Sinne – Liebe! Die bangen Augen sehen mir bis ins Herz. Er sieht, wie ich trotz aller Selbstbeherrschung leise abweisend die Lippen aufeinanderpresse. Wenn ich ihn liebte, so würde ich jetzt einen Blick, einen Laut als Antwort auf seine Erklärung finden – –

Nichts.

Die brechenden Augen lassen mich langsam los. Ich fühle, wie der Blick, auf mich gerichtet, erlischt, stirbt, kalt wird wie ein Hauch, der eine Leiche umgiebt.

Mit fester Hand drücke ich die Lider über die Augen des Toten und falte seine Hände.


* * *


Es ist Mai.

Ich habe einen kurzen Entschluss gefasst und den mir angebotenen Ferienurlaub angenommen. Im nächsten Monat werde ich abreisen, um mich nach officieller Angabe von den gehabten Anstrengungen zu erholen. Dabei bin ich körperlich vollkommen gesund. Aber meine Nerven, – nein, meine Seele ist müde geworden.

Die Demuth, dieser Alp, der auf der frommen Schwester liegt, hat mich zu Boden geworfen und meine Seele verwundet.

Das »Ich« aufgeben – keine eigene Ansicht aussprechen. Ich habe geglaubt, damit könne der vorschriftsmassigen Demuth genug gethan werden. Ich habe mich leider geirrt. Mehr, viel mehr legt die Demuth uns auf. Wenn man voll und ganz seine Pflicht gethan hat und man will sich des Vollbrachten freuen, so heisst es: Danke in Demuth dem, dessen schwaches Werkzeug Du warst. Nicht Dein ist die Ehre.

Mein Gott, man verlangt ja gar nicht nach Ehre, nach Anerkennung – aber dieses Niedertreten einer berechtigten Empfindung. Kann wirklich das Christenthum, die Lehre von der Liebe, das fordern?

Wenn der Geistliche fragt, ob man ihm dann nichts, gar nichts anzuvertrauen habe, und man weist ihn zurück – ja, da heisst es dann gleich: die liebe Schwester könnte wohl demüthiger sein! Bei jeder Aufgabe, bei jeder Anerkennung wird dieser moralische Druck auf weiche weibliche Seelen geübt. Ist es da zu verwundern, wenn eine solche Seele schliesslich weh und müde wird?

Demüthig sollt Ihr sein! – Wie ein Blätterrauschen, das durch den herbstlichen Wald geht, wie das Brausen des Meeres, das, von allen Seiten zugleich kommend, alles übertönt, alles beherrscht, so umgiebt dieser Klang, diese Forderung der Demuth das Leben der Schwester. Die Individualität geht unter – stirbt – ja das ist es – sie soll sterben – muss sterben. Das lebende Menschenherz würde sich aufbäumen gegen diese Fessel – deshalb darf es nicht leben.

Langsam stirbt es hin, und dieses Sterben thut weh. Es führt zur Ruhe der Seele in Gott. Deshalb muss es durchgemacht werden. – Fünf Jahre, und ich fühle, dass ich noch nicht ausgekämpft habe.


* * *


Ich beobachte die anderen Schwestern. Es scheint doch menschlich zu sein, dieses Kämpfen gegen den Untergang des eigenen »Ich«. Da ist z. B. die Eintheilung der Zeit. Von uns hat niemand das Recht, für seine Person darüber zu verfügen, dafür ist die Hausordnung da. Ich bin das von den Herrnhutern her, die mich erzogen haben, nicht anders gewöhnt und füge mich schweigend. Aber da sind Andere, denen wird gerade diese Sache sehr schwer. Der eigene Wille – diese oder jene Ansicht bricht nach aussen durch. Es fällt ein Wort, hie und da – – – ach ja, die liebe Schwester könnte wohl demüthiger sein!

Es macht wirklich müde dieses Wort, dieser ewige Wiederhall, demüthig – liebe Schwester, Du musst demüthig sein – – demüthig


* * *


Schwester Dora hat in all ihrer Unschuld für manche Dinge mehr Verständniss, wie ich. Wir haben da einen Patienten, der halsleidend ist. Er raucht viel und trinkt. – Liebe, Alkohol, Tabak. – Nein, ich verstehe gar nichts davon.

Sollte mir als Diakonissin aber von Rechtes wegen etwas Menschliches dauernd fremd bleiben?

»Ja, der Branntwein, das ist eine Pest, leider kennt man das ja.«

So seufzt Schwester Dora. Und ich – – – ich kenne das nicht.

Ich versuche, diesen Menschen kennen zu lernen. Er mag ja sehr widerwärtig sein. Aber gerade ich, als fromme Schwester, ich darf nicht in kirchlichem Hochmuth die Augen zudrücken, wenn das Leben an mich herantritt in einer für mich neuen Form.

Es schmeichelt dem Manne augenscheinlich, dass ich mich mit ihm unterhalte. Er erzählt mir von sich.

Er ist Klempner – ausserdem Socialdemokrat, das hält er für die Hauptsache.

Ausser dem Halsleiden hat er einen Knöchelbruch am Fusse. Ich werde wohl längere Zeit Gelegenheit haben, ihn zu beobachten.

Schade – er scheint ein unbedeutender Mensch zu sein. Ich hätte ganz gern mal einen überzeugten Socialdemokraten kennen gelernt.


* * *


Ich habe mir nun von dem Klempner Brauns erzählen lassen, wie er zu seinem Knöchelbruche gekommen ist. Er hat den Schaden an einer Dachrinne repariren sollen, hat einen verhängnisvollen Fehltritt gethan und wäre unfehlbar zerschmettert in die Tiefe gestürzt, wenn er nicht angeseilt gewesen wäre.

Es mag ja ein furchtbarer Moment gewesen sein, wie er da an der Schlinge eines Strickes über dem grauenhaften Abgrunde hing. Ich glaube ihm gern, dass er in diesen Minuten den stechenden Schmerz in seinem gebrochenen Fusse nicht gefühlt hat; aber die Art, wie er diese Sache erzählt, hat für mich etwas sehr Abstossendes.

Zunächst rückt er die ganze Geschichte in die Beleuchtung des Klassenhasses. Damit dem reichen Bürger nicht durch die schadhafte Dachrinne das Wasser ins Haus dringen könne, müsse ein armer Mann Leib und Leben riskiren und für einen Hungerlohn diese lebensgefährliche Arbeit verrichten. Auf diese Betrachtung folgte eine wüste Schimpferei über die Reichen.

Ich verstand die Logik dieser Anklage nicht. Wenn der reiche Mann seine Dachrinne selbst ausbessern würde, so verlöre doch der Klempner den Arbeitslohn, dessen er zum Leben bedarf.

Ausserdem scheint mir die Angabe, dass der Reiche prasse, während der Arbeiter entbehren müsse, auch nicht ganz richtig zu sein. Wenn dem Arbeiter seine Einnahmen gestatten, sich dem Genusse des Trinkens bis zum Zerstören der Gesundheit hinzugeben, so kann es ihm doch nicht ganz, schlecht gehen.

Auf diese Einwendungen meinerseits erhielt ich eine Belehrung über die Ziele der Sozialdemokratie, die mir ausschliesslich ein zusammenhangloses Echo unverstandener Vorträge zu sein schien.

Eine grosse persönliche Eitelkeit, die sogar den erlittenen Unfall zu einer Art Heldenthat aufzubauschen weiss, herrscht in all diesen wirren Reden vor.

Ich hielt es für das Richtigste, diesen »Geistig-Armen« auf das praktische Christenthum hinzuweisen.

Aber da kam ich schön an.

»Es giebt keinen Gott, und all den Unsinn von Himmel und Hölle haben die Kapitalisten und die Pfaffen sich ausgedacht, damit wir Armen uns williger schinden und aussaugen lassen.« –

Nein – das ist geschmacklos. Solchen Elementar-Unterricht zu ertheilen, hat keinen Reiz für mich. Ich werde mich nicht mehr mit diesem Menschen beschäftigen. –


* * *


Mein socialdemokratischer Klempner liegt nun etwa sechs Wochen auf meiner Station; da ich ihn ignorire, hat er wohl recht viel Langeweile gehabt. In der allerletzten Zeit aber ist eine so grosse Veränderung mit ihm vor sich gegangen, dass viele von den Schwestern sich jetzt für ihn interessiren. – Der Stadtmissionar vertheilt bei uns Traktate. Brauns, der Umstürzler, wies natürlich diese zahme Litteratur mit Verachtung von sich. Etwas anderes zum Lesen bekam er aber bei uns nicht in die Hand. So hat ihn wohl schliesslich die Langeweile bezwungen. Er las, weil er eben garnichts anderes hatte, die kleinen Hefte des Missionars; zunächst natürlich im Vollgefühl geistiger Überlegenheit, las und las – – – und nach kurzer Zeit war er bekehrt.

Solche auffallend leichte und rasche Bekehrungen gerade durch Traktat-Lektüre habe ich schon öfter beobachtet. Es handelt sich da gewöhnlich um schwache Charaktere, die im Unglauben ebenso wenig fest standen, wie nach ihrer Bekehrung im Glauben.

Unser Klempner braucht Anlehnung. Bisher gewährte ihm das die Partei, und jetzt die Kirche.

Wenn er mich bittet, ihm vorzulesen, schicke ich ihm übrigens eine andere Schwester.

Von religiösen Schriften verlange ich litterarischen Wert, künstlerische Schönheit oder leidenschaftliche Hingabe an den Glauben. Bietet eine Schrift mir das nicht, so kommt eine ganz unchristliche Spottlust über mich. Deshalb kann ich Brauns nicht vorlesen.

Ich liebe die Bibel, die Nachfolge Christi, auch wohl die geistvollen Predigten von Ahlfeld.

Traktate oder Palmblätterlyrik kommen mir vor wie eine Parodie auf die Religion. Der Glaube ist das einzige Ewige, was wir haben. In meinen Augen ist es eine Sünde gegen den heiligen Geist, mit talentloser, lauwarmer Schreiberei und mit schlechten Gedichten unseren hohen, heiligen Glauben zu besudeln.

Ich kann mich deshalb über die Bekehrung unseres Socialdemokraten nicht freuen. Zu den vielen konfusen Ideen, die sein schwaches Hirn erfüllen, ist durch den Kreis der religiösen Begriffe ein neues Element hinzugekommen.

Er vergleicht nun die politischen und socialen Ansichten, denen er bisher anhing, mit den Grundsätzen, die er durch die innere Mission kennen gelernt hat, und die ich nur mit dem Wort »christliche Dogmatik« bezeichnen kann. Mit dem, was ich »Glauben« nenne, haben diese festgefügten Begriffe nichts zu thun.

Dieser arme Schwachkopf aber hatte die socialistische Lehre nur verworren erfasst. Die heiligen Tiefen der Religion sind ihm natürlich noch viel unklarer geblieben. Von beiden Weltanschauungen hat er sich nur die äusseren Formen aneignen können.

Kann ihn dieser Zwiespalt nun glücklich machen? Muss seine Seele nicht wund und müde werden zwischen den Widersprüchen, zu deren Überwindung ihre Kraft nicht ausreicht?

Ich kann mir nicht denken, dass es ein gutes, segensreiches Werk ist, einen solchen armen, thörichten Menschen zu bekehren.

Mit der Zeit wäre er vielleicht ein zielbewusster, strammer Socialdemokrat geworden und hätte sich glücklich fühlen können in einem Streben, dessen Ziel ihm klar gewesen wäre.

Damit würde er vielleicht menschlich höher stehen, als er so steht in seiner Eigenschaft als Bekehrter.

Die Ziele des Christenthums wird er ohne Führer nicht finden – er wird unglücklich, seelisch zerrissen an dem Conflicte zu Grunde gehen, in den die edlen, liebevollen Bestrebungen der Mission ihn hineingezerrt haben.

Nach strengem Bibelglauben müsste ich annehmen, dass der gute Hirte Mittel und Wege finden wird, das verirrte Schäflein zu retten, zumal da es ihn augenblicklich sucht.

Vielleicht aber findet die »Partei«, von der er so viel gesprochen hat, auch Mittel und Wege, ihn zurückzugewinnen.

Menschlich achtbar aber steht ein Mann in meinen Augen nur da, wenn er genau weiss, was er will. Selbst ein Socialdemokrat, der nicht zu bekehren ist. –

Ein Faust, um den sich die Mächte von Himmel und Hölle streiten, wirkt nicht sympathisch, wenn er durch einen geistig unbedeutenden Menschen verkörpert wird. Wie viel mehr unbedeutende Menschen giebt es aber, als Faust-Charaktere! – –


* * *


An einem bestimmten Tage in der Woche ist es unseren Patienten gestattet, Besuche zu empfangen.

Zu dem Klempner Brauns kam ziemlich regelmässig ein junges Mädchen, eine Kellnerin, seine Braut.

Ich habe niemals auf sie geachtet. Wohl habe ich bemerkt, dass die Barbara, so heisst das Mädchen, ihrem Bräutigam allerlei Nahrungsmittel mitbringt, die unsere Hausordnung eigentlich verbietet; aber ich habe die Augen zugedrückt und die Verliebten gewähren lassen, weil ich weiss, dass der junge Mann von diesen kleinen Genüssen keinen Nachtheil hat. Er ist ja eigentlich gar nicht krank, nur der complicirte Knöchelbruch zwingt ihn zum Liegen; sein Halsleiden ist hier sehr rasch beseitigt. –

Ab und zu hat er mir von seinem Liebesverhältniss erzählt; ich sah daraus, dass er sehr an dem Mädchen hängt.

Nun ist er fromm geworden und versucht, auch das Mädchen zu seiner neuen Richtung zu bekehren.

Erst hielt sie wohl den ungewohnten Ton, den er ihr gegenüber anschlug, für Scherz. Als er davon sprach, dass er sie heirathen wolle, um ihrem Verhältniss eine sittliche Grundlage zu geben, erklärte sie ihn für einen »albernen Fatzke« und wollte davonlaufen.

Nun rief der bedrängte Bekehrer mich zu seiner Unterstützung herbei und bat mich, der Barbara ins Gewissen zu reden.

Das Mädchen sah mich herausfordernd an, die rothen Hände in die Hüften gestemmt. Sie hat ein hübsches, frisches Gesicht, das aber nicht angenehm berührt, weil ein frecher Ausdruck darin liegt.

»Aus mir machen Sie keine Betschwester, wenn Sie auch den Dummerjahn da rumgekriegt haben.« Damit trat sie mir entgegen.

»Sie haben sich hier anständig zu betragen, Fräulein. Wenn Sie sich Ungezogenheiten erlauben wird Ihnen der Zutritt zu den Anstaltsräumen untersagt. Weiter habe ich Ihnen nichts mitzutheilen.«

Das Mädchen war sichtlich verblüfft, als sie von mir diese Antwort erhielt. Sie lenkte ein und überstürzte sich in einer zusammenhanglosen Erzählung ihres Verhältnisses zu dem Klempner.

Ich konnte daraus entnehmen, dass sie mit ihm zusammen gelebt hat, ohne etwas Unerhörtes darin zu finden.

Alle ihre Freundinnen führen einen derartigen Lebenswandel. Jede lebt mit irgend einem jungen Manne in freier Liebe vereinigt, so lange wie es beiden Theilen gefällt, vielleicht so lange wie der Mann Geld hergiebt – hergeben kann. Dann trennt man sich, häufig ganz friedlich.

Schwester Hedwig war herbeigekommen und hörte dem Berichte des leichtsinnigen Mädchens zu.

Alle Strafen der Hölle schienen ihr für diese Gräuel nicht auszureichen.

Der bekehrte, reuige Sünder hörte mit zerknirschter Miene die Entrüstungsrede der frommen Oberschwester an.

Barbara lachte der Diakonissin ins Gesicht.

Es kam darauf zu einem glatten Bruch zwischen, dem bisherigen Brautpaar.

»Na, wenn man hier auf Erden gar nichts hat, ist es ja am Ende ganz gut, wenn man wenigstens drüben abonnirt ist,« das waren ihre Abschiedsworte an uns Schwestern. Dann wandte sie sich noch einmal dem bisherigen Geliebten zu. Er ist jetzt ausser Bett; so konnten ihre Blicke ihn von oben bis unten messen.

»Schafskopf«, sagte sie nachdrücklich und langsam, dann ging sie ihrer Wege.

Draussen erzählte sie einer Wärterin, sie hätte schon längst die allergrössten Opfer gebracht, so Woche für Woche den kranken Schatz zu besuchen. Man hätte ihr Anträge genug gemacht, sie aber hätte auf jedes Vergnügen verzichtet. Das wäre nun der Dank, den sie davon hätte, aber daran wären eben die Nonnen, die Betschwestern, schuld.

Nun, ich nehme es ihr nicht übel, wenn sie uns Diakonissen für Nonnen hält. Aber kennen lernen hätte ich das Mädchen wohl mögen. Sie ist keine Dirne, weder sie, noch ihre Freundinnen. Sie geben ihre Gunst nur, wenn sie lieben. Ist das aber einmal der Fall, so kennen sie keine Fessel, kein Gesetz. Leben und leben lassen – über den morgenden Tag denken Sie nicht hinaus.

Die Kirche hat nur ein bedingungsloses Verdammungsurtheil für diese Leichtsinnigen, für diese Kinder der Welt und des Fleisches. Wie sie vor der Diakonissenmoral dastehen, das habe ich von Schwester Hedwig gehört.

Mit brennend rothem Gesicht stand sie vor der Kellnerin und rief: »O, es muss ja Aergerniss sein in der Welt, aber wehe dem, durch den das Aergerniss kommt.«

Kirchlich besteht also darüber kein Zweifel – aber menschlich, menschlich – – –

Diese Barbara ist ein Mädchen, ein Mädchen wie ich, wie Schwester Henriette, Schwester Dora, oder gar wie die zürnende Oberschwester Hedwig.

Für uns aber ist dieses Mädchen, ihr Leben, ihr Denken, ihr Fühlen ein Räthsel. Wie kann ich mit der Sicherheit, wie Schwester Hedwig, über eine Sache urtheilen, die ich auch nicht im Entferntesten kenne!

Ja, wenn ich eine rothe Blouse anziehen könnte, meine Stirn mit Locken bedecken, und Abends hinausgehen in ein Wirthshaus, mit Männern verkehren, Mädchen kennen lernen, dann hätte ich wenigstens einen Begriff von dem, was das ist, solch ein sittlich verwahrlostes Wesen. »Die Eine oder die Andere sehnt sich vielleicht nach einem ehrbaren Leben,« meint Schwester Dora.

Ich kann mir das nicht recht denken, sie sind doch frei – frei –

Schwester Dora und ich, wir haben ja keine Ahnung von dem, was dieses Wort in sich schliesst. Moralische und persönliche Freiheit.


* * *


Der Bruch mit dem einstmals geliebten Mädchen scheint die eben erst errungene Frömmigkeit unseres ehemaligen Politikers ernstlich auf die Probe zu stellen.

Als ich heute während der Nachtwache zufällig in seine Nähe kam, hörte ich ihn herzbrechend schluchzen.

Ich trat an sein Bett und fragte ihn, ob denn solch ein Liebesverhältniss eine so wichtige Sache sei, dass wirklich ein vernünftiger Mensch Tag und Nacht daran herumdenken könne.

Er seufzte tief: »Ach, Schwester Minna, meinte er schliesslich, Sie können das wohl nicht verstehen, Sie haben eben Ihr ganzes Herz an den lieben Gott gehängt. Unsereins aber, der braucht sein bischen Erdenglück.«

»Unsereins?« fragte ich. »Gehören Sie denn nicht auch zu uns, die wir unser Herz an den lieben Gott hängen?«

Er wurde verlegen bei dieser Ermahnung. »Ach ja, das Reich Gottes fordert Schweres von uns«, meinte er dann.

Es that mir nachher leid, dass ich nicht auf seine wahren Gefühle eingegangen war, anstatt ihn an die Rolle zu erinnern, die er hier, allerdings freiwillig, spielte.

Diese Rolle als Bekehrter bringt ihm hier im Hause eine sehr gute Behandlung ein, was ohne Zweifel seiner Eitelkeit schmeichelt, aber sein armes Herz weiss nichts davon.

Das sehnt und grämt sich nach der Geliebten die er verleugnen musste.

Er schläft ein und im Traume noch nennt er jammernd ihren Namen.

Hat zwischen diesen Beiden überhaupt je ein inneres Band bestanden? Beweist nicht gerade ihre Liebe, dass ihr ganzes Fühlen auf ihren körperlichen Dispositionen beruht?

Sie haben sich zusammen ämüsirt und in einer vielleicht gemeinsamen Zukunft hätten sie zusammen gearbeitet, gestrebt – ein Alltagsdasein ohne innere Interessen dahingelebt.

Nun ist dieses lockere Band zerrissen. Den Körper des Mädchens wird eines Anderen Arm umfangen, und der Körper des Mannes sehnt sich nach ihr.

Ja der Körper! nichts anderes! –

Dieser Mann ist allerdings ungebildeter, wie die beiden Pastoren, die in meiner Liebe ihr Erdenglück suchten.

Aber das, was er an dem genusssüchtigen Mädchen verloren hat, das ist doch im Grunde genommen dasselbe, was ich dem Pastor Ehlers im Mutterhause abschlug, dasselbe, was jenem Sterbenden in der letzten Sekunde die Seele bewegte.

Das Band der Liebe zwischen Mann und Weib.

Stöhnend wälzt sich der Schlummernde auf seinem Lager. Der Abschied von seinen politischen Ueberzeugungen, von seiner Partei ist ihm nicht so schwer geworden. Es trat ja etwas anderes an die Stelle. Aber dieser Abschied –

Der körperliche Abschied vom Weibe.

Das wird ihm schwer.


* * *


Sonderbar, dass mein früherer Stationschef aus den Frauensälen immer noch zu mir kommt, wenn sich drüben etwas ereignet, was ihn aufregt!

Heute hat er einen schweren Aerger gehabt. Er wird nicht damit fertig, sondern kommt zu mir, spricht sich aus und ist dann wieder vergnügt und zufrieden.

Schon seit längerer Zeit muss er eine hysterische Kranke behandeln, deren Leiden er für sehr unerheblich hält und die er am liebsten entlassen würde. Die Kranke aber, eine wohlhabende, kinderlose Wittwe, die eigentlich nur der Pflege ihres Körpers lebt, hält sich für schwer krank und geht nicht aus dem Krankenhause.

Einmal war sie im Bett geblieben, während Doctor Klaus ihr verordnet hatte, einen Spaziergang zu machen. Er war darauf hin rücksichtslos grob gegen sie geworden. Frau Kunert aber, in dem Glauben, der Doctor und alle anderen Menschen hätten die Absicht, sie zu peinigen und zu quälen, beschloss, ihrem traurigen Dasein ein Ende zu machen.

Sie wählte dazu ein sehr ungewöhnliches Mittel, über dessen Wirkung sie in ihrer Exaltation wohl kaum nachgedacht hat. Sie hat nämlich eine Höllensteinlösung getrunken.

Natürlich ist sie daran durchaus nicht gestorben, wohl aber hat sie sich Magen, Zunge, Speiseröhre, Lippen und alle inneren Schleimhäute des Mundes entsetzlich verbrannt. Das Zahnfleisch hängt in weissen Fetzen auf die schwarzen, aufgebrochenen Lippen herab.

Sie ist jetzt thatsächlich schwer krank und leidet entsetzliche Schmerzen.

Trotzdem vermag Doctor Klaus sich nur halb zu überwinden. Er behandelt diese, geradezu nach Mitleid hungernde, Person mit der knappsten, nur sachlichen Theilnahme.

Heute hat nun diese Wittwe Kunert die Kraft gefunden, ihm eine verzweiflungsvolle Scene zu machen. Schliesslich hat sie ihn gebeten, sie in ein anderes Krankenhaus bringen zu lassen.

Die Frau steht allein im Leben. Sie gehört zu den überflüssigen Existenzen, fühlt sich unbefriedigt, wünscht geliebt zu sein, oder zu sterben. In erregten Momenten rindet sie zu Letzterem beinah den Muth.

Ganz vom praktischen Standpunkt aus glaube ich, dass es das Beste für sie wäre, wenn sie fromm würde. Schade, dass augenblicklich keine von unseren Schwestern etwas wie Bekehrungstalent besitzt! Ich selbst habe das auch nie besessen, aber es ist eine sehr schätzenswerthe Gabe für eine Diakonissin.

Doctor Klaus ist fest entschlossen, die rabiate Person, so krank wie sie ist, fortbringen zu lassen.

Sie hat ein Morphiumrecept gefälscht. Während ihr eine zweiprocentige Lösung bewilligt ist, hat sie durch Verändern der Zahl sich eine vierprocentige verschafft.

Ich hatte grosse Mühe, den guten Doctor wieder versöhnlich zu stimmen und zu beruhigen.

»Es ist doch eigentlich nur eine Prinzipienfrage«, stelle ich ihm vor. »Sie wollen der Frau das stärkere Medicament nicht gewähren und ärgern sich, dass sie es sich dennoch verschafft hat. Weshalb gönnen Sie es ihr nicht?«

»Gönnen? – Aber Schwester Minna, wenn es ihr nun schadet!«

»Ach was, Sie wissen sehr gut, dass es ihr nicht schadet, wenn Sie aufpassen. Dahingegen möchte ich wohl wissen, was Sie davon haben, diese Schmerzen, die Sie lindern könnten, nicht zu lindern.«

»Sie sind mitleidig, Schwester Minna. Das kommt Ihnen, als Diakonissin, zu.«

Mitleidig – wie oft habe ich über diesen Begriff nachgedacht – wie lange bin ich mir klar darüber, dass ich nicht im Sinne der Diakonie, nicht im christlichen Sinne mitleidig bin!

»Nein, Herr Doctor, mit solchen Gemeinplätzen weichen Sie mir nicht aus. Hier ist eine Kranke, die schwer leidet; es giebt ein erreichbares Mittel, ihre Schmerzen zu lindern. Es ist nicht eine Forderung des Mitleids, sondern ganz einfach eine Forderung der Gerechtigkeit, dass man ihr das Mittel gewährt.«

»Na, meinetwegen – Sie haben mal wieder gesiegt, Schwester Minna; aber eine so unlogische Person, wie die Kunert, ist gar kein so logisches Erbarmen werth, wie Sie ihr's gewähren.«

»Ich werde morgen nachfragen, ob Sie Wort halten. Uebrigens sehe ich doch wieder einmal, dass bei der Gewährung von Morphium die Aerzte es lieben, sich als eine Art Vorsehung zu fühlen, zu der man beten muss. Die artigen, frommen Beter bekommen das süsse Gift, und die hysterischen, zänkischen Kranken, die der Vorsehung Aerger bereiten, die werden auf knappe Kost gesetzt.«

»Nein, nein, Schwester, unsere festesten Grundsätze.« – »Wirklich? Alle Hochachtung!«


* * *


Morgen steht meine Abreise nach dem Ferienhause unserer Anstalt bevor. – Sonderbar, ich hätte nicht geglaubt, dass ich schliesslich diese Reise, die ich so oft abgelehnt habe, noch so gern antreten würde, wie es nun geschieht! Ich fliehe beinah aus unserer Anstalt, in der ich gestern einen höchst peinlichen Eindruck empfangen habe.

Mein alter Freund, Doctor Klaus, hat mir in aller Form einen Heirathsantrag gemacht. Nach seiner Behauptung liebt er mich seit zwei Jahren, und ich – ich habe das gar nicht gemerkt. Wie unbefangen habe ich mit ihm gesprochen über alles – alles auf der Frauenstation!

Ich erröthe jetzt bei dem Gedanken, dass er dabei in mir etwas anderes gesehen hat, wie seine Gehülfin. »Ein Mädchen, das man lieben muss«, hat er mich genannt.

Nein wirklich, das ist ausserordentlich unangenehm. Ich kann gar keinem Manne mehr unbefangen begegnen, seit ich diese Erfahrung gemacht habe. – Nun, morgen reise ich glücklicher Weise ab. Nach meiner Rückkehr werde ich Doctor Klaus nach Möglichkeit aus dem Wege gehen, und sollte er sich irgendwie taktlos benehmen, so kehre ich in mein Mutterhaus zurück. –

Noch zwölf Stunden, bis der Zug abgeht – ich habe förmliches Eisenbahnfieber. – .



V.

Im Ferienhause Abends.

Heute Mittag hat mich die erste gemeinsame Andachtsübung mit den neuen Hausgenossen vereinigt.

Fünf Schwestern, die den verschiedensten Zweigen der Diakonie angehören, sind hier, ausser dem Hausmann und seiner Frau, die die Wirthschaft besorgt. Drei der Schwestern befinden sich in der Reconvalescenz nach überstandenen Krankheiten. Zwei sind, wie ich, nur überarbeitet. Ein bischen müde, weiter nichts.

Unser Ferienhaus liegt eine Viertelstunde von einem kleinen Stahlbade entfernt, mitten im Walde an einer Wiese.

Wie ein Teppich, liegt diese Wiese vor unserer Thür.

Die Sonne scheint fast den ganzen Tag darauf, zahllose Insecten schwirren um die Blumen herum, mit denen der Grasteppich durchwebt ist.

Nach der gemeinschaftlichen Mahlzeit machten alle Hausbewohner einen Spaziergang. Man ging quer über die sonnige Wiese in den Hochwald hinein.

Schwester Marie, die neben mir ging, bückte sich, brach eine federartige Blüthe des Grases ab und hielt sie mir hin.

»Sehen Sie doch dieses feine Kunstwerk unseres Schöpfers an, liebe Schwester«, sagte sie; »ist es eigentlich auszudenken, dass seine Hand, die das Weltall erhält, all diese einzelnen zartem Halme gebildet hat, jedes Blatt wunderbar formt und färbt und ausserdem das Leben jedes noch so kleinen Thieres mit Liebe bewacht? Muss man sich nicht geborgen fühlen in eines solchen Vaters Händen?«

Ich nahm sinnend den Grashalm aus der Hand der Schwester und blickte schweigend über die Wiese hin.

Diese Bemerkung in ihrer trivialen Selbstverständlichkeit ist so ausserordentlich charakteristisch für eine Diakonissin.

Man kann sich doch an der Natur nur im Ganzem erfreuen und erquicken, man kann sie mit seinen Gedanken beleben, wenn man welche hat, oder man kann ihren Einfluss ablehnen, wenn man ihn nicht versteht.

Eine Diakonissin aber wird von dem allen nichts thun. Sie sucht sich aus der Fülle eine Kleinigkeit, ein Nichts und knüpft daran einen kleinen, löblichen Gedanken. Möchten doch die hiesigen Gefährtinnen derartige Betrachtungen für sich behalten! –


* * *


»Ich lebe und Ihr sollt auch leben!« Eingerahmt hängt dieser Spruch an der Wand meines Zimmers. – Ich lebe hier. – Stundenlang habe ich heute meine neuen Klavierstücke geübt, habe alte und neue Lieder gesungen.

Schwester Marie, die geneigt war, mich für ein still beschränktes Wesen zu halten, weil ich auf ihre gestrige, tiefsinnige Beredsamkeit nichts zu antworten wusste, fängt an, mich wieder zu achten.

Ich merke, dass Schwester Marie hier von allen Hausgenossen für besonders gebildet und klug gehalten wird.

Was mich anbelangt, so erkennt man gern an, dass ich eine hübsche Singstimme besitze und auch ganz nett Klavier spiele. Im Uebrigen wird ja niemand daran zweifeln, dass ich eine tüchtige Pflegerin bin, aber von meiner Unterhaltungsgabe und Intelligenz hält man nicht viel.

Desto besser, man belästigt mich infolgedessen nicht, und ich kann doch auch einmal leben, wie ich nach meinem innersten Wesen leben muss.

Ich singe, träume, schreibe – – – – –

Ich lebe und Ihr sollt auch leben! Ja, das ist schön.


* * *


Es ist für meine Bedürfnisse zu viel Licht in der Natur. Ich bin gewohnt, in geschlossenen Räumen zu leben, das Licht stört mich.

Ich stehe auf einer Anhöhe und sehe eine Reihe Häuser vor mir liegen. Kleine, dumpfe Kasten, von Fensterreihen nothdürftig erhellt. Wenn man so draussen steht, hat man das Gefühl, wie dunkel, wie eng, wie bedrückt muss es in diesen steinernen Behältern sein! Die können doch höchstens als Zufluchtsstätten bei Unwetter dienen.

Aber als Schwester kommt man aus den Häusermauern niemals heraus. Mich ergreift ein Unbehagen im Freien, wie es vielleicht den Vogel überkommen mag, der im Käfig geboren ist, im Käfig gelebt hat, und den man dann plötzlich fliegen lässt.

Ich weiss nicht, was ich mit der Natur anfangen soll. Die Luft, die meine Lunge zu athmen gewöhnt ist, riecht nach Karbol, nach Jodoform. Hier fehlt das alles.

Die Natur enthüllt mir das Geheimniss ihrer Reize nicht. Ich stehe mitten im Wald, elementares Leben umgiebt mich – aber ich, ich kann's nicht begreifen. –


* * *


Ich lese den Bericht eines Missionars, der unter den Heiden arbeitet.

Die Bekehrung der Heiden interessirt mich sehr wenig. Die ganzen Schilderungen dieser Colonie, in der die Schwarzen arbeiten, um die Bedürfnisse der Civilisation zu befriedigen und kennen zu lernen, sind mir sehr gleichgültig.

Aber die Schilderungen der Tropennatur!

Alles ist gross, Himmel, Meer, Vegetation und Fauna. Die Farbenpracht wirkt in dieser Beschreibung fast überladen. Durch alle Bewunderung der grossartigen Scenerie klingt aber die Sehnsucht des Verfassers hindurch nach dem herben Reiz des deutschen Waldes.

Ob ich diesen Reiz des Waldes entdecken werde, ehe mein Ferienurlaub zu Ende geht? –


* * *


Ganz früh, ehe die Sonne aufgeht, habe ich heute mein Zimmer verlassen. Ein graues, discretes Licht ruht über dieser Wiese, deren grelle Tagesbeleuchtung noch immer meine Augen stechend, fast feindlich berührt.

Zwischen den Bäumen am Wiesenrande hängen weisse Nebelfetzen, schleierartig geheimnissvoll.

Feucht und kühl schlägt mir die Morgenluft entgegen, so dass ich mich fröstelnd in ein warmes Tuch hülle.

Zwölf Grad Wärme, aber ich bin fünfzehn gewohnt. Was ich doch für ein weichliches Stubengeschöpf bin! –

Die nassen Buchsbaumbüsche, die die kleinen Beete im Hausgärtchen einfassen, schlagen an mein langes, schwarzes Schwesternkleid. Der Kies der Wege hebt sich grellgelb von diesen grünen Einfassungen ab. Diesen Farbencontrast von gelb und grün haben die Menschen künstlich in die Natur hinein gebracht.

Das sieht sehr ordentlich aus, allen Schwestern gefällt es, aber in dieser intimen, stillen Beleuchtung der Morgendämmerung sehe ich ganz genau, dass es hässlich ist.

Der dunkle Waldweg, der nicht so aufdringlich gelb scheint, berührt das Auge angenehmer. Er lockt mich fast, in den Wald einzutreten, um ohne das störende, ungewohnte Sonnenlicht die Natur erst überhaupt einmal näher anzusehen.

Ein Moosrosenbusch hängt über den Gartenweg. Rittersporn und Feuerlilien blühen daneben.

»Wir haben nur ganz altmodische Blumen,« hat die Hausmutter gesagt.

Es giebt also auch moderne und unmoderne Blumen! Ich breche mir eine der Moosrosen ab. Sie ist halb geöffnet. Weich legt sich der grüne moosige Kelch um die kräftig gefärbte rosa Blüthe. Sie riecht fast gar nicht. Das gefällt mir an ihr. All diese schwülen, schweren Düfte der anderen Blumen erinnern mich an Totenkränze.

Hyazinthen, Gardenien, Maiblumen mit stark riechenden Lorbeerblättern und gelben Rosen zusammengestellt, das ist das Material der Kränze, die bei uns abgegeben werden, wenn jemand auf der Bahre in unserer Kapelle liegt. Das sind moderne Blumen, Grabesblüthen. Ihr Duft erfüllt, mit dem Geruch von Wachskerzen zusammen, stets unsere Leichenhalle. –

Hier diese Moosrose mit ihrer frischen Farbe, fast ohne Duft, die sah ich nie in Totenkränzen, und ich, ich sehe ja doch selten andere Blumen, als solche.

Wie gelblich zart meine Hand ist, die diese lebende Blume hält, fast so weiss, wie mein junges, müdes Gesicht! Ich bin doch wohl ein wenig überarbeitet!

Die kleine, eiserne Gartenpforte fällt hinter mir zu. Sie ist grellroth angestrichen.

Ich gehe langsam den Wiesenweg entlang dem Walde zu.

Das Meer von Gräsern um mich her liegt ruhig, gebeugt unter dem nächtlichen Thau. Ein junger Mann, dessen Oberkörper nur ein blaues Hemd verhüllt, steht an einer Ecke der grossen Fläche. Er schwingt ein Sense und mäht das Gras.

Wie er mich kommen sieht, rückt er an seinem Hut und grüsst mich höflich.

»Guten Morgen, fromme Schwester.«

Ich nicke ihm zu und will weiter gehen, aber ich merke, dass er mir folgt.

So bleibe ich stehen und sehe ihn an.

»Nehmen Sie's man nicht übel, Schwester,« beginnt er verlegen, »aber Sie sind doch nun mal so früh aufgestanden. Meine Mutter ist so krank, sie kann gar nicht schlafen, möchten Sie nicht mal nach ihr sehen?«

Ich lasse mir die Adresse geben und verspreche zu kommen. »Dank auch schön, Schwester.«

Der Jüngling kehrt an seine Arbeit zurück. Reihenweise sinken die Gräser vor ihm nieder.

Offenbar denkt er, der mit der Natur zu leben gewohnt ist, sich gar nichts dabei. Wenn aber Schwester Marie etwas bei diesem Anblick empfinden sollte, so beweist sie höchstens damit, dass die Natur ihr fremd ist – fremd, wie mir. –

Ich gehe weiter. Die Stämme des Hochwaldes stehen um mich her. Hoch, hoch über mir vereinigen sich die Wipfel der Bäume.

Es ist noch beinahe Nacht unter ihrem Schatten. Eine Ahnung davon, dass der Wald die Sonne braucht, geht mir auf.

Wie soll das Moos zu meinen Füssen leben, wie sollen die zarten Waldblumen erblühen in dieser Nacht?

Wenn doch die Sonne käme! Eine leise Vogelstimme regt sich irgendwo – – – ich sehe den Vogel nicht – aber es liegt Musik in diesem Gruss, den die Natur dem Tage entgegenbringt.

Musik – für mich bedeutet das Leben.

Wieder eine Vogelstimme. Nicht mehr so fern, näher, bestimmter, zuversichtlicher.

Es muss Tag werden, das Licht wird kommen, es kommt, singt der Vogel.

Er denkt ganz gewiss daran, an das Licht, an das wärmende, strahlende – ob er auch an den Schöpfer denkt? – –

Eine kleine Glockenblume zittert vor meinen Füssen. Ich nehme sie auf und lege sie zu der Rose in meiner Hand.

Wie ein Hauch ist der Blüthenkelch. Zart, feucht, kühl, und diese Farbe! Ein helles, leichtes Lila, ein grauer Stiel, trübweisse Staubgefässe, eine so innige Verschmelzung der verschwiegensten Farben. Dabei von vollendeter Harmonie. Und kein aufdringlicher Duft, der an die Extracte des Parfümeurs erinnert, oder an Totenkränze!

Die kleine lila Blume schmiegt sich scheu und graziös an die zarte Moosrose in meiner Hand.

Ich habe einen Thymianstengel mit ausgerissen.

Ein dunkles rosa Sternchen in einer graubraunen Fülle von kleinen, spitzen Blättern. Unscheinbar, duftig, aber anmuthig. Ich füge den Thymian zu meinen anderen Blüthen und gehe weiter.

Licht! Licht! schluchzt der Vogel. Andere Vögel antworten. Das Leben erwacht im Walde.

Aber das Licht wird heute nicht erscheinen. Schwer tropft der Nachtthau von den Bäumen.

Die Thränen der Menschen sind heiss, die Thränen des Waldes dagegen sind eisig kalt, rein, klar, durchsichtig. Es wird nicht Tag werden heute, die Sonne wird sich nicht zeigen.

Die hohen Baumkronen theilen sich auseinander, ich sehe den Himmel, der mit einem kränklichen Hellblau herniederscheint.

Graue Wolken, in der Mitte dunkler als an den Rändern, jagen an dem hellen Himmel dahin. Ein rosa Schein kämpft irgendwo in der Ferne mit weissen Wasser dämpfen. Das Spiegelbild des aufsteigenden Regentages strahlt aus jeder Wolke herab.

Ein Schauern geht durch den erwachenden Wald.

Da ist ein Binsenhalm, schlank, dunkelgrün, glatt und rund. An der Spitze trägt er ein schwärzliches Blüthenbüschel. Ein Käfer kriecht aus dem Grase heraus. Ob ihn die schwarze Blume lockt?

Er umklammert den schwankenden Halm und klettert daran in die Höhe. Das geht so bis zur Mitte. Dann neigt sich die Binse unter der Last, und der Käfer kollert ins Moos.

Tapfer fängt er wieder an, zu klettern.

Ungefähr an derselben Stelle, wie zuerst, fällt er wieder herunter.

Die schwarze Blume schnellt wieder empor.

Ob das eine Art Dämon sein mag für das arme Insect? Unerreichbar, süss, dunkel, geheimnissvoll.–

Der Morgenwind schüttelt die Bäume. Die schlanken Birken lassen die Thautropfen aus ihren hängenden Zweigen fallen.

Ein architectonisches Meisterwerk ist jeder dieser Bäume. Schlank und frei strebt der helle Stamm nach oben. Die Krone setzt an. Tausend zarte, schwache Triebe tragen die zitternden, hellen, kleinen Blätter, aber die Kraft des Baumes reicht nicht zu diesen Trieben heran.

Sie hängen haltlos herab, ein liebliches Spielzeug der tändelnden Winde. Wie steif und selbstbewusst stehen dahinter die Tannen! wie fromme Schwestern, wie Schwester Hedwig, Schwester Klara, Schwester Marie. –

Der Wald fängt an, sich meinen Empfindungen anzupassen. Ich werde ihn verstehen lernen, wenn ihn nicht dieses heisse, wehe Sonnenlicht durchbrennt. Nein die Sonne – dafür fehlt mir noch das Verständniss. Ich liebe das Sonnenlicht nicht.

Leise und gleichförmig rauscht der Sommerregen herab.

Wohl ist's Tag geworden im Walde, aber ein Regentag, grau und trüb. Anheimelnd für eine Diakonissin!

Ich hebe den Saum meines klösterlichen Kleides auf, weil der Lehmboden des Waldes feucht und klebrig an allem hängt, was ihn berührt.

Von einem Eichenzweige rinnt eine ganze Traufe gesammelten Regens herab. Das Wasser trifft einen Walderdbeerstrauch.

Die kräftigen grünen Blätter schlagen auf und ab. Die Blüthen bleiben rein, trotz des umherspritzenden Lehms, der die Blätter hie und da trifft. Die Früchte locken dunkelroth, würzig duftend über den nassen Blättern empor.

An einer von den Erdbeeren nascht eine Schnecke.

Ich sammle einige der Früchte, um sie zu essen.

In meinem Leben hab' ich noch keine selbst gebrochene Frucht verzehrt.

Dabei erinnere ich mich, dass ich noch kein Frühstück genossen habe. Es wird auch bald Zeit sein zur Morgenandacht.

So gehe ich schnell den nassen, dämmernden Waldweg zurück. Die Dornen der Sträucher hängen sich an meine Kleider.

Ich reisse mich los, ich fühle wieder, dass ich doch eigentlich hier nur eine Fremde bin. Die grellrothe Gartenthür fällt hinter mir ins Schloss. Ich sehe noch mit einem raschen Blick, dass der junge Schnitter, den ich vorhin sprach, bald einen Morgen Gras abgemäht hat.

»Herrgott, Schwester Minna, wie kann man bei dem Wetter im Walde herumlaufen!« Damit begrüsst mich die Hausfrau.

Schwester Marie bringt mir heisse Milch, damit der verregnete Spaziergang mir nicht etwa eine Halsentzündung, oder auch nur Heiserkeit einbringt.

Nein so in den Regen zu gerathen! Das ganze Haus ist entsetzt.

In meinem Zimmer wechsle ich die nassen Kleider. Mein Blick fällt auf den Spruch an der Wand: Ich lebe und ihr sollt auch leben! –


* * *


Das Mähen der Sense rauscht zu mir herüber. Der Ton ist stärker wie, der leise sickernde Regen.

Das blaue Hemd des jungen Arbeiters ist vollständig durchnässt. Es klebt fest an dem jugendlich straffen, männlichen Körper. Ich sehe das Spiel der arbeitenden Muskeln und freue mich daran.

Der Mann ist gesund, durch und durch gesund. Es giebt keinen grösseren Genuss für Kliniker und Pflegerinnen, als solch ein Anblick von Jugendkraft, Mannheit, Gesundheit!

In meinen Augen ist dieser einfache Schnitter schön wie Apoll. Ich glaube übrigens, er ist wirklich schön, sonst würde ich mich nicht so an ihm freuen. Wie leicht ihm die schwere Arbeit von der Hand geht!

Jetzt richtet er sich auf, schüttelt den Regen von dem breiten Rande seines Hutes und arbeitet weiter. Sicherlich hat er keinen trockenen Faden am Leibe. Warum denkt die Hausfrau und keine der Schwestern daran, dass in diesem Regen der Mann sich erkälten könnte? Bei mir fürchtet man das doch!

Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass dieses kraftvolle Naturkind jemals elend und schwach auf meiner Männerstation eingeliefert werden könnte.

Gott sei Dank, neben all dem grauen Elend des täglichen Hospitallebens scheint es doch auch noch kerngesunde, lebensfrohe Menschenkinder zu geben. Dieses Blühen der Gesundheit muss wohl mit dem Blühen der Erde zusammenhängen.


* * *


Bei Tische habe ich den Schwestern von der Aufforderung Kenntniss gegeben, die der junge Mann heute früh an mich gerichtet hat, in dem kleinen, uns nahe gelegenen Badeorte seine kranke Mutter zu besuchen.

Schwester Marie ist Gemeindeschwester, freilich in einer grösseren Stadt, sie kennt also die ländlichen Verhältnisse auch nur wenig. Aber sie ist bereit, diesen Krankenbesuch mit mir zusammen zu machen, weil ich keine Erfahrung in ambulanter Pflege besitze.

Die Schwester erbietet sich sogar, allein zu gehen, weil ich, wie sie glaubt, die Erholung recht nöthig habe, aber ich fühle mich durch mein Versprechen gebunden.

So warten wir eine Pause in dem unablässig strömenden Landregen ab und machen uns dann auf den Weg.

Unterwegs erzählt mir Schwester Marie von ihren Erfahrungen als Gemeinde-Diakonissin.

Diese Schwestern, die der inneren Mission nahe stehen, üben die Krankenpflege in den Häusern der Armen selbst aus. Gleichzeitig versehen sie die von ihnen verpflegten, oder sonstige Gemeinde-Armen mit Unterstützungen aus ihnen zur Verfügung gestellten Fonds. Sie sind gewissermassen officielle Verwalterinnen von Armenkassen und anderen Unterstützungseinrichtungen.

Natürlich sind sie dafür verantwortlich, dass »Würdige Arme« die zu edlen Zwecken gesammelten Gelder erhalten. Sie müssen beständig befürchten, hintergangen und unberechtigt ausgebeutet zu werden. Die Folge davon ist ein häufig schroff hervortretendes Misstrauen als Grundzug ihres Wesens. Ist das überwunden und hat eine Gemeindeschwester die Überzeugung gewonnen, dass man sie nicht durch heuchlerisch zur Schau getragene Frömmigkeit hintergeht, so zeigt sich bei ihr oft eine Aufopferungsfähigkeit und ein Edelsinn, der wahrhaft massgebend für fromme Schwestern genannt werden darf.

Die gröbste Hausarbeit verrichtet die Gemeindeschwester, ohne ein Wort darüber zu verlieren, wenn sie eine kranke Frau vorfindet, der es auf ihrem Lager keine Ruhe lassen will, dass ihre Kinder, ihre Wäsche, ihre Wirthschaft, ihr Vieh zu Grunde gehen, weil sie ihren gewöhnlichen Pflichten nicht nachkommen kann. Die Schwester übernimmt dann einfach die Pflichten der Kranken.

An anderen Orten bringt sie gebeugten Seelen die Tröstungen des Glaubens, richtet zweifelnde Gemüther mit Geduld und Liebe wieder auf.

Eine echte, rechte Gemeindeschwester scheut sich nicht, für die Armen zu betteln.

Wenn sie in eine Wohnung kommt, wo es an Wäsche, an Betten, an Hausrath und Lebensmitteln fehlt, so geht sie zu Leuten, die von diesen Dingen reichlich besitzen und bittet, dass man den Darbenden gebe.

So kann sie wohl vermitteln zwischen den socialen Contrasten von Arm und Reich, kann Liebe säen und Segen ernten. Gleichzeitig aber wird sie auch oft schaudernd erkennen, wie viel Missbrauch mit öffentlichem Wohlthun und menschlicher Güte getrieben wird.

Eine Schwester von meinem Alter würde kaum im Stande sein, einen so verantwortungsschweren Posten einer ganzen Gemeinde gegenüber auszufüllen. Aber wenn ich einmal genug Menschenkenntniss besitzen werde, um Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, so kann ich mir kaum etwas Wünschenswertheres denken, als ein Amt als Gemeindeschwester zu erhalten.

Eben kommt die Hausmutter zu mir und bittet mich, zur Abendandacht einen Liedervers zu singen.

Ich hatte gar nicht die Absicht, zur Andacht zu kommen; nun kann ich diese Bitte nicht gut zurückweisen, schon um Schwester Mariens willen, die mich heute durch ihre Begleitung verpflichtet bat. Ich suche meine Noten heraus und schliesse meine Schreibmappe zu. –


* * *


Der Landregen dauert still und eintönig fort.

Die Moosrosen und Feuerlilien aber blühen auch unter diesem grauen Schleier lustig weiter. Die fünf feiernden Schwestern, die ausser mir hier sind, haben sich einige Pfund Garn kommen lassen und beabsichtigen, dem Ferienheim zum Andenken ein paar Bettdecken zu häkeln.

Ich werde aufgefordert, mich daran zu betheiligen.

Ich fühle, wie ich roth und blass werde; ich mag nicht häkeln – kann ich das so rund heraussagen? Soll ich vorschützen, dass ich mich zu angegriffen fühle? – Aber man weiss, dass ich gesund bin.

Schliesslich sagte ich, ich würde dem Stift eine andere Arbeit schenken. So brauche ich wenigstens nicht Stunden und Stunden zwischen den Anderen zu sitzen und ihre Gespräche zu hören und dabei Masche an Masche zu reihen.

Ich kann ein Fremdenbuch mit gemalten Initialen stiften, das ist auch eine hübsche Gabe. Jede Seite des kalenderartig eingerichteten Buches schmücke ich mit einem Spruch.

Ich bin schon dabei, die Zeichnungen zu entwerfen; Moosrosen, Thymian, ein paar zarte Glockenblumen und einige Ranken aus dem Walde sind meine Vorlagen. Die Anderen sitzen und häkeln, jede ein Quadrat.

Sie haben ausgerechnet, dass jede zweihundert ganz gleiche Quadrate anfertigen muss, wenn die Decken fertig werden sollen. Zu diesem Zwecke wünschen sie sich noch eine Reihe von Regentagen.

Mir kommt's manchmal vor, als hätten viele Diakonissen überhaupt verlernt, zu leben. Oder ist das vielleicht leben, wenn man seine freie Zeit benutzt, um baumwollene Decken zu häkeln, die jede Maschine viel schöner und billiger herstellt? –


* * *


Heute war ich allein bei der kranken Frau Grauborn, zu der ich vor ein paar Tagen in Begleitung von Schwester Marie ging.

Die Leute bezahlen einen Arzt. Meine Gefährtin ist nicht wieder hingegangen, weil man da eigentlich nichts zu thun findet.

Ich habe das Gefühl, dass die fromme Bäuerin sich freut, wenn die kirchlich gekleidete Diakonissin an ihr Krankenbett tritt. Die fromme Schwester an sich ist diesen guten, gläubigen Menschen eine angenehme Erscheinung.

Nun liegt mir nichts ferner, als etwa an einem solchen Krankenlager etwas wie Seelsorger spielen zu wollen, aber ich gehe gern zu Grauborns, weil ich da ein vollkommen harmonisches Familienleben sehe.

Das ist eine rein menschliche Sache, und mir ist's absolut fremd. Ich habe nie irgend eine Art von Familienleben kennen gelernt.

Ab und zu, wenn Eltern ihr schwachsinniges Kind, das mein Zögling war, flüchtig besuchten, hab' ich's herüberschimmern sehen, wie einen fernen Reflex.

Freundlich aber war die Vorstellung nicht, die ich auf diese Weise vom Familienleben gewann.

Nun lerne ich etwas ganz anderes kennen. Grauborns sind Landleute, die durch Gemüsebau und Milchwirthschaft so viel verdienen, dass sie den Ortsarmen häufig Gutes thun können. Der Vater besorgt mit zwei Söhnen und einem Knechte Acker und Vieh. Die Töchter arbeitet mit einer Magd zu Hause und pflegt die kranke Mutter.

Drei schulpflichtige Kinder, um deren Erziehung sich kein Mensch bekümmert, umgeben gleichfalls mit kleinen, kindlichen Aufmerksamkeiten die Kranke. Nie hört man im Hause ein lautes Wort, nie sieht man einen Gegenstand, der nicht einfach, sauber und in gutem Zustande ist.

Die kranke Mutter wird – man könnte fast das alte Bild hier gebrauchen – auf Händen getragen.

Die Frau leidet an Herzwassersucht. Es ist ihr qualvoll, liegen zu müssen; sie hat Beängstigungen und Athemnoth. Das Aufstehen verbieten die geschwollenen Glieder.

So hat sie wohl viel zu leiden, besonders in der Nacht; trotzdem klagt sie nicht, um ihre Familie nicht zu betrüben.

Es sitzen Nachbarinnen genug um das Bett herum, manche bringen kleine Kinder mit. Alle haben wohl den guten Willen, die Kranke zu erheitern und zu trösten.

Sie ist freundlich und dankbar gegen jeden, der kommt. Aber wenn von den »lieben frommen Schwestern« sie eine besucht, so ist ihr das ein Fest.

Sie hat mir das wiederholt gesagt, und ich verstehe jetzt, weshalb der Sohn mich um diese Besuche bat, als er unsere Wiese mähte.

Ich habe meinen Kranken in der Anstalt nie vorgelesen. Aber als diese Frau mich bat, nahm ich ein altes Predigtbuch, das ich in einem Wandschranke fand und las ihr vor.

Die Schulkinder liessen ihre Arbeiten ruhen und hörten zu. Die Tochter holte sich ihr Gemüse, das sie zum Markte putzen wollte und setzte sich still in eine Ecke damit. Ab und zu, sah einer der Männer ins Zimmer und ging vorsichtig leise wieder hinaus.

Die Leute waren so dankbar, und doch habe ich das Gefühl, dass ich so wenig für sie thue.

Die Regentage sind vorüber. Da ich jeden Tag ins Freie gehe, habe ich fast etwas wie Sehnsucht darnach empfunden, diese nassen Bäume wieder einmal trocken, diese herabgezogenen Pflanzen sich wieder aufrichten zu sehen. Die Rosen blätterten ab, ehe sie ganz erblüht waren. – Die baumwollenen, gehäkelten Quadrate haben sich unheimlich vermehrt. Wo man hinsieht, liegen sie auf Tischen und Stühlen.

Eine wenig malerische Decoration!

»Nun wird's heiss,« sagt unsere Hausfrau.

Es ist in jedem Jahre eine Zeit lang heiss, aber ich habe niemals darauf geachtet. In unseren grossen, luftigen Sälen merkt man es auch kaum.

Vorläufig spiegelt sich die Sonne noch in tausenden von Wassertropfen. Alle Pflanzen athmen eine herbe, frische Kühle aus. Am hellen Himmel jagen weissgraue, zerrissene Wolkenfetzen. Ab und zu rieselt noch ein Regenschauer herab.

Frau Grauborn wird unter der Hitze sehr leiden. Ich muss sorgen, dass Luftkissen, kühle Getränke und dergleichen kleine Erleichterungen rechtzeitig angeschafft werden. Der Arzt kommt selten hin, da der Fall ziemlich hoffnungslos ist.


* * *


Am 5. Juli.

Eine liebliche Ueberraschung brachte mir heute der junge Morgen.

Die weissen Lilien im Garten sind erblüht. Sie haben etwas Feierliches, jungfräulich Reines, diese stillen hohen Stengel mit den grossen, klaren Blumenkronen.

Wie Wachskerzen in einer Kapelle, wie Altarblumen stehen sie vor mir. Aber die Lilien blühen nur an einem sehr heissen Tage zum ersten Mal auf.

Flimmernd brütet wieder die Sonne über der breiten Wiese vor unserer Thür. Die ganze Fläche ist abgemäht, aber der Regen der letzten Zeit hat schon wieder frisches Grün aus den Gras wurzeln herausgelockt, so dass wir nicht den Anblick eines Stoppelfeldes haben.

Die gemeinsame Mittagsmahlzeit ist vorüber, und die meisten Schwestern haben sich zurückgezogen, um etwas zu ruhen, zu lesen, vielleicht auch zu – häkeln.

Ich habe, seit ich die Natur etwas näher kennen gelernt, den Wald noch nicht wieder im Sonnenschein gesehen.

So gehe ich jetzt über den Wiesenweg in ängstlicher, beinah scheuer, fremder Erwartung.

Wie ein Jubellied der Schöpfung klingen mir die Vogelstimmen entgegen. Weiter im Walde wird es stiller, als wenn die Vögel sich mehr am Rande aufhielten. Vielleicht lockt sie die Nähe der grossen Wiesen, wo sie zahllose Insecten finden.

Die Luft ist sehr warm unter den hohen Bäumen, fast schwül bedrückend. Der ganze Boden mit all seinem reichen Pflanzenleben strömt eine feuchte, duftige Wärme aus.

Dieser Erdgeruch, dieser schwere Athem der Farren und Moose, der herbe Hauch vom Harze der Tannen, das alles zusammen bildet den Duft des Waldes, den intimsten seiner Reize. Ich athme tief und sehnsuchtsvoll auf. Nun wird mir's klar, die belebte Natur – die Schönheit des Sommers.

Wie ein Geheimniss enthüllt sich's langsam, langsam vor meinen Blicken. Als ich fremd in dieses Leben der Erde hinaustrat, als ich nichts kannte, wie Menschenleben, Menschenleid, da blieb mir die Schönheit der Natur wie ein verschlossenes Buch.

Das Gefühl des Fremdseins dem freien Leben gegenüber verhinderte den Genuss, den heute mein Körper und meine Seele empfinden.

Meine Seele? – –

Eigentlich weiss ich das doch nicht genau. Diese weiche, feuchte Wärme hier im Walde berührt mich angenehm, der Duft befreit meine Brust von dem Druck, den die Stubenluft allmählich darauf gelegt hat.

Das Blätterdach dämpft die Sonnenstrahlen. Jedes einzelne Blatt lässt trotzdem das Licht durch. So entstehen grüne Schatten, heller hier, tiefer, dunkler an anderen Stellen. Dazwischen giebt es Lücken in den Wipfeln, und breite, goldene Strahlen dringen tief in das dämmernde Buschwerk hinein. Einzelne verlorene, helle Lichter huschen umher. Es ist, als ob das Licht selbst lebte und in Bewegung sei.

Da ist eine grüne, kleine Lichtung von Bäumen umstanden. Ich setze mich an den Wegrand und lehne den Rücken gegen den grauen Stamm einer Buche.

Die kleine Waldlichtung liegt vor mir, von Licht überfluthet, von Blumen durchblüht, Wärme ausstrahlend, lebend, lebend! Summend schwirren Insecten über die Gräser und Büsche hin, rothe Brombeeren leuchten zwischen stachligen Banken hervor. Oben, hoch oben rauschen die Kronen der Bäume. Wie traumverloren dringen einzelne Vogelstimmen zu mir herüber.

Eine kleine Eidechse kommt unter den Farren hervor, sieht um sich her, sonnt sich, verschwindet lautlos im Grase.

Ein glänzender Käfer sitzt träge auf dem Kelche einer blauen Scabiose. Mehrere Falter gaukeln über einem Strauch wilder Rosen. Und all dieses Leben erhält und verklärt die Sonne mit ihrer leuchtenden Wärme.

Wie konnte mich nur jemals die Sonne stören? Ich fürchte, ich fürchte, ich werde ein Heimweh nach Sommersonnenschein mit mir nehmen in mein Hospital.

Auf dem schwarzen Kleide liegen meine verschlungenen Hände und zwischen diesen schmalen Händen ruht ein schwerer Lilienstengel, rein, weiss, aber traurig.

Eine Kirchenblume.


* * *


Mein Urlaub ist abgelaufen. Man hatte mir eigentlich vier Wochen bewilligt, aber es sind mir nun ein paar Tage abgezogen, weil man mich dringend braucht. Auf meiner Station sind ein paar neue, sehr schwere Fälle.

Schwester Dora mit ihren beiden Johanniterinnen, die mich vertreten sollen, wird nicht fertig.

Namentlich fehlt es an Nachtwachen. Die Frauen, die dazu gemiethet sind, sind keine ausgebildeten Pflegerinnen. Es fehlt an nichts so, wie an tüchtigen Diakonissen.

Schliesslich wäre eine eingehende Begründung ihres Befehls nicht nöthig gewesen.

Die Oberin ruft mich auf meinen Posten zurück, und selbstverständlich habe ich hinzugehen.

Einmal habe ich mich noch ausgesungen, heute Abend. Gott weiss, wann ich dazu mal wieder gelange. Dann bin ich zum letzten Mal in den Vorgarten getreten, um Abschied zu nehmen von der Moosrose und von den Lilien. Glänzend scheinen die Sterne vom dunkelblauen Nachthimmel herab. Die Lilien strahlen im Sternenschimmer fast noch reiner und weisser wie am Tage. Sie leuchten formlich.

Ein frischer Nachthauch weht vom Walde herüber. Auf der grossen Wiese zirpen die Grillen. Mein kleiner Koffer ist gepackt. Morgen in aller Frühe habe ich abzureisen.



VI.

Am 10. Juli.

Ich bin wieder auf meiner Station. Schwester Dora hat mich mit Jubel begrüsst. Sie sieht überarbeitet aus. Ich werde Nachts in nächster Zeit oft für sie eintreten müssen.

Wir haben eine ganze Menge Typhuskranke auf der Station, da muss man immer zur Hand sein. Auch von unseren alten Patienten habe ich noch einige wieder vorgefunden.

In unserem Zimmer stand, als ich ankam, ein Lilienstrauss in einer schlanken Vase. Also auch hier giebt es Lilien. –

Ich wollte meiner Stubengefährtin dafür danken, aber Schwester Dora lehnte den Dank kurz ab. Sie scheint zu glauben, dass ich Doctor Klaus zu derartigen Aufmerksamkeiten ermuthige. Das brachte mich gegen ihn auf, so dass ich ihn sehr kalt begrüsste und seine mir gebotene Hand absichtlich übersehen habe.

Wie ein Licht erlosch die Freude, die mir aus seinen Augen entgegengeleuchtet hatte, als ich ankam. Erst als sein Gesicht traurig wurde, sah ich, wie er sich in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit verändert hat.

Es liegt etwas schmerzlich Müdes in dem früher so fröhlichen Antlitz. Er ist bleich und mager geworden und schweigsam, während er früher viel sprach.

Fragen des Professors, ob er sich krank fühle, verneint er energisch. So ist es also der Kummer darüber, dass ich seinen Antrag abgelehnt habe.

Ich empfinde diese Gewissheit wie eine Beleidigung. Wie kommt dieser Mann dazu, mir auf sein Leben einen Einfluss zuzutheilen? Ich will mit keinem Manne zu thun haben.

Schon die Gedanken, die sich liebend und begehrend mit dem Weibe beschäftigen, sind in meinen Augen eine Verletzung der Keuschheit. Ich fühle mich erniedrigt, wenn ich mir die Möglichkeit vorstelle, dass überhaupt ein sinnlicher Wunsch durch mich erregt werden könnte. Wie ein körperliches Unbehagen empfinde ich den unreinen Gedanken des Mannes, der sich nach meiner Liebe sehnt. Ich bin keusch – ich will nicht lernen, zu lieben.


* * *


Doctor Klaus geht mit einer wahren Jammermiene umher. Na – abgesehen von meiner Person, was mag sich ein Mann überhaupt dabei denken, eine Schwester heirathen zu wollen?

Wie sollen wir aus dem Anstaltsleben heraus uns an ein Familienleben gewöhnen können? Für uns bedeutet jeder Stundenschlag eine Pflicht. Wie könnten wir wohl unsere Zeit jemals mit Besuchen, Spaziergängen, zwecklosen Vergnügungen, oder gar mit Toilettensorgen zu vertändeln lernen?

Frauenleben – unwillkürlich sehen wir ein bischen darauf herab. Und wir – sind wir denn überhaupt Frauen?

Haben wir nicht gelernt, in gewissen Dingen alle sogenannte Scheu abzulegen?

Würde man uns nicht unweiblich nennen da draussen in der Welt, wo die Frauen wenigstens nicht das Recht besitzen, eine jede Sache bei dem Namen zu nennen, der ihr zukommt?

Aber wir können heirathen – wir sind auf keinen Fall Nonnen. Es muss doch irgend einen Punkt geben, der uns an diesen Umstand erinnert. Es kommt ja auch zuweilen vor, dass eine Diakonissin heirathet. Für mich erscheint es mir einfach undenkbar.


* * *


Im November.

Es ist fast Winter geworden. Die Typhus-Epidemie ist erloschen. Wir haben augenblicklich eine gute, ruhige Zeit. Die Stationen sind nicht überfüllt. Das kann jeden Tag wieder anders werden, uns Allen aber – besonders Schwester Dora – ist diese vorübergehende Erholung von grossem Nutzen.

Gestern hatten wir auch Besuch und wurden deshalb in das Sprechzimmer der Oberin gerufen. Genau genommen galt der Besuch wohl in erster Linie mir. Schwester Agathe, mit der ich im Mutterhause zusammen war, ist aus Ostafrika zurückgekehrt und hat uns heute begrüsst. Sie ist jetzt nicht mehr Schwester, sie hat geheirathet.

Vor drei Jahren wollte man mich auf die Missionsstation schicken. Ich fühlte mich nicht eifrig genug im Glauben, um unter den Heiden zu wirken.

Es mag auch sein, dass die Ziele der äusseren Mission mir an und für sich zu wenig Interesse einflössten. – Jedenfalls zog ich es damals vor, Lehrerin bei den Schwachsinnigen zu bleiben und Schwester Agathe in die Ferne ziehen zu lassen.

Freilich wenn man die Sache so einfach auffasst – da hätte ich am Ende auch Missionsschwester werden können.

Schwester Agathe ist als Krankenpflegerin zu den Kranken gegangen, die von Europäern ärztlich behandelt wurden. Dann hat sie Handarbeitsunterricht an der Missionsschule ertheilt und für die Missionare gekocht.

Ihre Seele hat nicht daran gedacht, irgend einen Heiden dem Evangelium zu gewinnen. Nur vom praktischen Standpunkt aus hat sie ihre Aufgabe betrachtet.

Die Missionare scheinen diese Auffassung der frommen Schwester in jeder Weise gebilligt zu haben, denn einer der Laien-Brüder entschloss sich nach sehr kurzer Zeit, die Diakonissin zu heirathen.

Als seine Frau setzte Schwester Agathe ihre Missionsthätigkeit genau in derselben Weise fort, wie vorher. Sie sass nun heute bei uns und versicherte wiederholt, dass es »da draussen« ganz unmöglich sei, ohne den äusseren Halt eines Mannes seine weibliche Würde und seine Stellung zu wahren.

Sie begründete diese Behauptung sehr überzeugend und praktisch einfach. –

Ich konnte nicht umhin zu sagen, dass ich trotz der Annehmlichkeit eines männlichen Beschützers doch nicht ohne grosse Herzensneigung geheirathet haben würde.

Die rundliche, freundliche Frau Agathe Bauer lachte mich darauf ganz vergnügt aus.

»Ach Schwester Minna – Sie haben wohl noch solche Backfisch-Ideale von dem »Einen Einzigen«, dem man doch im Leben nicht begegnet? Wenn man freilich auf den warten will, kommt man nicht weit.« –

Was sollte ich sagen – diese Frau, die den ersten besten Mann geheirathet hatte, der sie brauchte, wie sie ihn – die lebte in einer anderen Welt, wie ich. Vielleicht in der Welt der Wirklichkeit, während ich überhaupt nicht lebe. – – – Vielleicht hat sie Recht – –

Sie sah mich genauer an, als ich so lange schwieg. – –

Plötzlich mochte ihr einfallen, dass ich vielleicht aus unglücklicher Liebe, um eines gebrochenen Herzens willen Schwester geworden sein könnte.

Sie glaubte vielleicht, sie hätte an eine Wunde gerührt und begann plötzlich in einem ganz anderen Tone mit mir zu reden. »Natürlich,« lenkte sie ein, »wenn der bewusste Einzige der Heiland ist, unser lieber Herr Jesus – –«

»Aber wir sind doch keine Bräute Christi«, Frau Bauer,« wandte ich lächelnd ein.

Sie wurde ganz eifrig: »Nun ja, aber man kann doch immerhin mehr oder weniger »fromme Schwester« sein. Das wollte ich sagen. In mir war wohl immer ein Stückchen Weltkind stecken geblieben. Deshalb ergriff ich damals auch mit Freuden die Gelegenheit, die weite, schöne Gotteswelt zu sehen und in den Kampf des Lebens hinauszuziehen.« –

»Kampf des Lebens, sagen Sie – in Afrika?«

»Nun, natürlich, Schwester Minna. Davon haben Sie ja hier in Ihren engen vier Pfählen überhaupt gar keine Ahnung. Da draussen fühlt man sich ganz als natürlicher, thätiger Mensch, als Weib – man lebt doch da wenigstens.«

»Man lebt da?« Ich sah sie erschrocken an. – Was hatte man mir geboten, und was hatte ich verschmäht? Leben – nicht mehr und nicht weniger – Alles – – Sie schien zu fühlen, dass ihr Bericht irgend etwas in mir erregte. Deshalb machte sie einen kurzen Uebergang, dass der Herr gar mancherlei Dienste gebrauche und begann, von dem zu erzählen, was sie »Leben« nannte. Wie sie ihren Mann kennen gelernt, und wie als Krone ihres Glückes vor einem Jahre ihr ein Sohn geschenkt worden sei. Herr Bauer ist Kaufmann. Seine Geschäfte veranlassen ihn, die Mission zu verlassen und wieder in Deutschland zu leben. –

Aber das wurde als unwesentlich nur so nebenbei erzählt. Den Mittelpunkt der Erzählung – wohl auch ihres Lebens bildete der Junge.

Nein, solch ein Junge! Kein Mensch würde das glauben – ein Jahr alt, und dabei sagt er nicht nur Papa und Mama, sondern die Namen seiner ganzen Umgebung.

Ich erfahre, in welcher originellen Weise er diese Namen verstümmelt. Er hat schon sechs Zähne und läuft an einer Hand. – So etwas ist überhaupt noch gar nicht dagewesen!

Leben – nein, da ist wieder etwas, was ich nicht verstehe. –


* * *


Schneegestöber – den ganzen Tag ist's heute nicht hell geworden. Ein eigentümlich verschleiertes Licht dringt von aussen herein. Eine süsse Lautlosigkeit scheint alles Leben zu umfangen. Wie zum Einschlafen – zum Sterben ist ein solcher Tag gemacht. –

Warum ist nur hier im Hause solch ein ruheloses Hin- und Herlaufen, solch eine verhaltene Erregung, die man überall fühlt, die überall die Stille dieses friedlichen Tages verscheucht?

Der Tod ist hier gewesen und hat ein Opfer genommen. Das ist nichts ungewöhnliches, der Tod ist uns Allen ein lieber, vertrauter Bekannter. Den heutigen Todesfall haben aber ungewöhnliche Umstände begleitet.

Es ist dem Professor, oder eigentlich seinem chirurgischen Assistenten, Doctor Ebel, ein Patient in der Chloroform-Narkose gestorben. – Ein alter Mann und ein Tag wie dieser – zum Sterben gemacht, warum nur wundern sich alle diese Leute?

Es heisst nun, man hätte hier gar nicht zu chloroformiren brauchen. Wenn aber ein erwachsener, vernünftiger Mensch ein stilles Einschlafen in der Narkose riskiren will, um einem körperlichen Schmerze zu entgehen, so finde ich, es braucht sich niemand aufzuregen, wenn einmal ein derartiges Unglück passirt. –

Es war zudem in diesem Falle alle erdenkliche Vorsicht angewendet worden. Der Professor selbst, der sich sonst um ganz leichte Operationen gar nicht bekümmert, war in einer Art ängstlicher Vorahnung dageblieben und hielt den Puls des Kranken.

Doctor Ebel operirte, und Schwester Dora goss Chloroform auf. Nach zwei, drei Athemzügen schon stockte der Herzschlag – – jede Hülfe kam zu spät.

Die Schneeflocken rieseln noch immer vom Himmel herab – eine Seele hat an diesem lautlosen Tage hier in meiner unmittelbaren Nähe diese stille, weiche, eingeschneite Erde verlassen. Mir ist, als ob ein Hauch dieser entflohenen Seele hier geblieben wäre – eine Ahnung der Ewigkeit umfängt mich – weich, drängend – namenlos sehnsuchtsvoll. –

Alle, Alle bedauern den armen, alten Mann. Ich kann's nicht – es mag ja nahe liegen – aber ich kann's nicht. Beneide ich ihn vielleicht?

Ruhe – der stille, weiche Tag ist jäh gestört. Hier im Hause ist die Ruhe unterbrochen. Zwei brave Männer sagen sich, dass sie ein Menschenleben vernichtet haben.

Du lieber Gott – ein einziges Menschenleben! Eine Schneeflocke, die auf eine warme Stelle nieder sinkt – sie schmilzt, sie vergeht – – – – Ein Menschenleben – –

Schwester Henriette, die Pflegerin auf der Kinderstation hat sich mit einem Lieutenant verlobt. Als ich früher ihre Tagebuchblätter las, hatte ich eigentlich den Eindruck, dass sie innerlich viel mehr Diakonissin sei, wie ich selbst. Es wehte der Geist streng kirchlicher Demuth und Zucht durch alles, was sie niedergeschrieben hatte.

Nun auf einmal hat sie sich auf ihre Weiblichkeit besonnen. Weshalb mag sie Schwester geworden sein, wenn sie den Beruf verlässt, um den ersten besten Mann zu nehmen, der sie heirathen will?

Ich glaube nicht, dass sie ihn liebt, ebensowenig wie Schwester Agathe den Missionar Bauer vor der Hochzeit geliebt haben kann, denn sie kennt ihn ja kaum.

Schwester Klara sagte mir damals, als ich einen Antrag ablehnte, weil ich den Mann nicht liebte, die Liebe käme im Laufe des Lebens, nach der Hochzeit. Sollte sie recht haben? Sie kannte wohl das Leben besser wie ich.

Schwester Henriette ist jedenfalls eine sehr glückliche Braut, sie hat überhaupt einen kindlich frohen Sinn.

Heute habe ich sie auf ihrer Station besucht. Dort werden gegen dreissig Kinder gepflegt, kranke, aber geistig normale Kinder.

Ich selbst habe mich niemals mit Kindern beschäftigt, ich interessire mich eigentlich nicht dafür. Nun hatte mich die begeisterte Schilderung, die Frau Bauer von ihrem Kinde gemacht hatte, auf den Gedanken gebracht, diese Kinder zu besuchen. »Tante!« Sobald sie mich sahen, nannten sie mich so; sie sind das gewöhnt der Diakonissentracht gegenüber.

Ganz von selbst brachten sie mir Vertrauen entgegen. Hier erfuhr ich, dass eine Festung eine klägliche Sache sei ohne Kavallerie, die aber leider fehlte; dort klagte mir ein zartes Kind, dass Puppenhüte eine gar so kurze Lebensdauer besässen. »Hilf und gieb!«

Ich füllte die kleinen Hände, sie sind ja so leicht zu füllen, und dachte an meine Schwachsinnigen zurück. Waren das überhaupt Kinder? Gespenster von Kindern. Eine trostlose Erinnerung für mein ganzes Leben. –

Kinderjubel, Kinderthränen – für mich etwas Fremdes, etwas Neues, aber es bringt mich nicht weiter.

Der Wald, der Sonnenschein, die Kindheit, die Kunst, die bräutliche Liebe, das alles birgt vielleicht einen Theil des Lebensräthsels in sich. Aber die Lösung ruht in der Hand des Todes.


* * *


Bald nachdem ich Schwester Henriette auf der Kinderstation besucht habe, hatte ich Gelegenheit, selbst dort thätig zu sein. Wir haben eine Diphteritis-Epidemie gehabt, und auf allen Kindersälen musste das Pflegepersonal verdoppelt werden. Ich habe manches kleine, kaum aufblühende Leben jäh enden sehen in diesen schweren Wochen. Viele Kinder wurden uns zu spät gebracht, als keine Rettung mehr möglich war. Nach einigen Wochen erlosch die Epidemie, und ich kehrte auf die Männerstation zurück. –

Der Verlobte von Schwester Henriette hat sich furchtbar geängstigt, während so grosse Anstrengungen und Gefahren an seine Braut heran traten. Ich finde auch, dass Schwester Henriette noch immer sehr angegriffen aussieht. An's Heirathen kann das junge Paar vorläufig noch nicht denken; sie müssen warten, bis er Hauptmann wird. Der Vater der Braut, ein alter pensionirter Oberstlieutenant, kommt zuweilen und sieht nach seiner Tochter. Henriette hat noch vier Schwestern, die Mutter ist tot. Da der Vater sehr entzückt von dem Leben bei uns ist, soll nach ihrer Hochzeit eine ihrer jüngeren Schwestern bei uns eintreten.

Im Allgemeinen ist es ein Ereigniss, wenn wir eine »Neue« bekommen. Der Schwesternberuf ist doch sehr wenig populär. Seit dem Besuch von Schwester Agathe, die aus der Mission kam, ist wieder ein Jahr vergangen. Aeusserlich hat sich hier in diesem Hause und also auch in meinem Leben nichts ereignet. Ich glaube, man kann in diesem eintönigen Wechsel der Tag- und Nacht-Arbeiten ganz still, ohne dass man es selbst merkt, alt werden. Eines Tages ist das Ziel des Lebens dann erreicht und damit das Leben zu Ende. Eine solche klösterliche Ereignisslosigkeit, eine so vollkommene äussere Buhe des Daseins ist aber gewiss nur für wenige, sehr wenige Menschen anziehend. Dennoch weiss ich nicht, warum man es »entsagen« nennt. Ich weiss nicht, auf was ich verzichte, welche Lebenshoffnungen ich als Diakonissin etwa aufgegeben hätte. Etwas anderes, als was hier das Leben bringt, kenne ich nicht.


* * *


Unsere Anstalt übernimmt ambulante Pflegestellen. Die Gemeindeschwestern reichen nicht aus, um den vielen Anforderungen zu entsprechen, die von Privaten an sie gestellt werden.

Reiche Leute, die gut bezahlen, haben überhaupt fast gar keine Aussicht mehr, auch in den schwersten Krankheitsfällen die Hülfe einer ausgebildeten Schwester zu erlangen. Sie müssen sich mit minderwerthigem Personal begnügen.

Nur die Armen, die an die Barmherzigkeit appelliren müssen, können in der schlimmsten Lage eine Gemeindeschwester bekommen.

Der Schwesternmangel ist aber so gross, dass die Armenärzte sich nicht mehr anders zu helfen wissen, als die Krankenhäuser um Aushülfe zu bitten.

Natürlich haben wir auch keine überflüssigen Arbeitskräfte. Der Schwesternmangel macht sich auch bei uns empfindlich bemerkbar. Trotzdem hat die Oberin versprochen, eine Aushülfe in sehr dringenden Fällen möglich zu machen. Auf meiner Station ist augenblicklich kein sehr schwerer Fall, so dass die Wärterinnen mich zeitweise vertreten können. Ich bin deshalb darauf gefasst, nächstens die Gemeindearbeit kennen zu lernen.


* * *


Die erste Nacht bei den Elenden in ihren Hütten! Bisher habe ich die Armen immer nur gesehen, wenn sie aus ihren persönlichen Verhältnissen heraus waren. Bei uns erhalten sie, wenn sie ankommen, gleichmässige, saubere Kleidung, weisse Betten u. s. w. Viele haben mir schon gesagt, dass sie sich vorkommen wie plötzlich reich gewordene Leute.

Als Gemeindeschwester aber sieht man das Elend bei sich zu Hause. Ungewaschen, ohne sauberes Bettzeug, ohne gute Spitalkost.

Man riecht die natürlichen Ausdünstungen des Pfuhls, in dem eine Anzahl Mitmenschen steckt, wie in einem Sumpfe.

Kein Karbol reinigt die Luft.

Man holte mich spät am Abend.

Ich fand einen menschlichen Wohnraum – eine Stube, ein Loch – ich weiss nicht, wie ich sagen soll. Ein qualmender Heerd, auf dem ein Rest Kaffee kochte und brodelte. In einer Ecke lag ein aufgeschichteter Haufe von Gemüsen und Früchten. Die Frau, zu der ich gerufen war, handelt mit grüner Waare.

Nun lag sie seit zehn Tagen am Typhus darnieder. Ihre Vorräthe verfaulten und verdarben die Luft. Niemand schien da zu sein, der sich durch diese Reste belästigt gefühlt hätte. Der faulige Geruch vermischte sich mit den Ausdünstungen der Kranken und dem Qualm einer trüb brennenden Petroleumlampe. Am Tage waren vierundzwanzig Grad Wärme im Schatten gewesen.

Es lag ein Gewitter in der Luft.

Schon der Gang an der Seite eines rasch ausschreitenden Mannes hatte mich ermüdet.

Der heisse Athem der Sommernacht umfing mich lähmend, wie die Vorahnung vor etwas Grässlichem. Ich komme ausserordentlich selten in's Freie und bin vielleicht deshalb besonders empfindlich gegen athmosphärische Einflüsse. Bei dem Eintritt in die Krankenstube schlägt mir eine Temperatur entgegen, die noch um mehrere Grade heisser ist, wie die Luft auf der Strasse.

Das einzige Fenster ist kaum einen Quadratfuss gross und mit Lappen verstopft. Wenn ich meinen Ekel überwinde und die schmierigen Fetzen beseitige, so habe ich im besten Falle die Ausdünstungen eines engen Hofes, der in seinen steinernen Wänden die Sonnenglut des ganzen Tages aufgespeichert hat.

In dem Raum, den ich betreten habe, stehen zwei entsetzliche Betten. In dem einen davon liegt ein altes Weib im wildesten Fieber-Delirium. Sie hat die schwere Federbettdecke abgeworfen. Nur noch einige Lumpen verhüllen den im Krampf verzerrten Leib einer menschlichen Ruine.

Selbst der Mann, der mich hergeführt hat, scheint etwas wie »Scheu« bei diesem Anblick zu empfinden. »Scham« wäre wohl zu viel gesagt.

Mit hastigem Griff wirft er das plumpe, schwere Deckbett auf den glühend heissen Körper der wimmernden Kranken.

Es ist ihr Sohn.

Das zweite Bett in der Kammer benutzt er mit noch einem Schlafburschen zusammen.

Für diese Nacht wollen die beiden Männer mir den Platz überlassen und auswärts bleiben.

Ich gab meinem Führer etwas Geld und beauftragte ihn, Eis zu holen, damit ich seiner Mutter die nöthigen, wohlthuenden, kalten Compressen machen konnte.

Was der verkommene Mensch mit dem Gelde gemacht hat, weiss ich nicht. Ich habe ihn nicht wiedergesehen, und die alte Frau ist gegen Morgen ohne Eis-Compressen gestorben.

Niemals habe ich die letzte Pflege bei Typhuskranken für eine besonders schwierige Aufgabe gehalten. Auch diese sterbende Alte hat mir meine Arbeit nicht durch irgend welche besondere Ansprüche erschwert.

Dennoch halte ich die Nacht in dieser Arme-Leute-Kammer für das Schwerste, was ich in meinem Berufe als Diakonissin bis jetzt erlebt habe. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich nichts anderes, als ein in fremde Verhältnisse gerathenes, hülfloses, junges Mädchen.

Wäre ich eine nahe Verwandte der Kranken gewesen, so hätte ich unmöglich mit mehr ängstlicher Spannung auf den Arzt warten können, als ich es in dieser Nacht that. –

Der Arzt kam übrigens nicht, was ich ihm bei ruhiger Ueberlegung gar nicht verdenken kann.

Die Sterbende wohnte in einem Stadttheil, in dem ein anständig gekleideter Mensch sich Nachts der äussersten Lebensgefahr aussetzte. An Hülfe, oder gar Erhaltung des Lebens war nicht mehr zu denken. Ueberdies wusste der Arzt mich dort.

Im allerletzten Stadium vor dem Ableben der Kranken hatte man ihn überhaupt erst geholt, so dass an einen Transport in irgend eine Anstalt nicht mehr zu denken war. Auch sonst war für ihn nichts mehr zu thun.

Gewiss soll man einen elenden, armen Menschen nicht hülflos und allein sterben lassen. Auf die beiden Männer, die mit ihr lebten, war als Pfleger nicht zu rechnen. Zudem wussten die Nachbarn, dass beide sich allnächtlich umherzutreiben pflegten, was mir übrigens erklärlich wurde bei diesem Heim; deshalb ward eine fromme Schwester geholt.

Zum ersten Mal, seit ich Pflegerin bin, habe ich mich an einem Krankenlager überflüssig gefühlt. –

Ich konnte der Kranken die einfachsten Erleichterungen nicht verschaffen, weil mir alle Hülfsmittel dazu fehlten. – Selbst einen Topf voll Wasser erlangte ich nur durch Vermittlung der Stubennachbarin.

Es giebt menschliche Existenzen, deren ganzes Leben ein Kampf um den täglichen Bissen Brot ist, den sie brauchen, um zu existiren. Kommt dann das Ende eines solchen Daseins, so schleppt das elende Geschöpf sich in einen Winkel und verlangt nichts weiter, als ungestört zu verenden.

In ihrem Schmutz, in ihrem Stumpfsinn, in der brütenden Hitze ihrer stinkenden Kammer hatte sich die Alte zusammengekauert, um zu sterben.

In der Gluth der letzten Fieberstunde war ihr ja das Glas Wasser, das ich ihr gab, vielleicht eine kleine Erquickung, aber den Tod hat's ihr nicht leichter gemacht.

Sie brauchte mich nicht. Es war ein scheues – ich möchte fast sagen, verschämtes Sterben.

Ein natürlicher Vorgang, der auf natürliche Weise ohne menschlichen Eingriff verlief. Es mögen wohl viele so enden, so verkommen, ihren letzten Seufzer so ungehört in ein Bündel schmieriger Lumpen aushauchen.

Mag sein, dass dieser letzte Seufzer in solchen Fällen ein Fluch auf Welt und Ewigkeit ist, oder ein Gebet ohne Worte, ein Dank an den Geber des Lebens dafür, dass das Leben nun überstanden ist.

Jedenfalls ist bei einem derartigen Sterben eine Pflegerin, ein Arzt, oder sonst ein hülfsbereiter Mensch so überflüssig, wie ein Geschenk an Geld oder Lebensmitteln es sein würde. Das Gras wird zu Heu ohne Menschenband, und das Fleisch wird zu Staub auch ohne Menschenhand. Das Elend ist die wahre Emanzipation. Es macht die Menschen unabhängig von fremder Hülfe.

Man scheut sich fast, einem solchen Sterben gegenüber an die Ewigkeit zu denken.

Ist die Geburt ein Moment des Ueberganges zwischen zwei Welten für eine werdende Seele?

Ist der Tod ein ebensolcher Uebergang für den vollendeten Geist? Ist er wirklich ein Heimgehen? Ist also dieses verkommene alte Weib heimgegangen und hat nun Theil an den Herrlichkeiten der Verheissung?

Ein Abglanz einer besseren Welt liegt jedenfalls nicht auf diesen zerfressenen Zügen.


* * *


Im vorigen Jahre lag auf meiner Station ein von Haus aus gebildeter, aber sehr heruntergekommener Mann. Doktor Hellwig war Schriftsteller gewesen, war aber durch das Laster der Trunksucht in seinen äusseren Verhältnissen so zerrüttet, dass er wie ein gewöhnlicher Armer bei uns eingeliefert wurde.

Seine Familie bezahlte die geringen Kosten des Aufenthaltes im Krankenhause, bekümmerte sich aber im Uebrigen nicht um den verkommenen Menschen. Ich habe viel über den Fall nachgedacht, der auch unsere Aerzte interessirte. Warum mag nun dieser Unglückliche getrunken haben bis zur Bewußtlosigkeit?

Bei der Aufnahme ins Krankenhaus fragt man jeden Kranken, woran seine Eltern oder Geschwister gestorben sind.

Nun gab dieser Mann an, sein Vater hätte sich erschossen, und seine Mutter sei in's Wasser gegangen. Weiter     die anderen Verwandten – erhängt, vergiftet – erschossen. Trunksucht und Selbstmordmanie in der Familie – und er selbst?

Nun, schliesslich wurde sein Zustand hier in der Anstalt etwas besser, und er musste als nothdürftig hergestellt entlassen werden, weil für ihn nicht mehr bezahlt wurde. Jetzt hat man ihn uns wiedergebracht, grässlich verwundet durch einen Selbstmordversuch, den er gemacht hat. Wieder liegt er auf meiner Station. Ich habe inzwischen wiederholt mit Alkoholisten zu thun gehabt, so dass ich mit Schwester Dora jetzt sagen kann: »Leider kennt man das ja!«

Uebrigens ist die Trunksucht bei diesem Mann das geringere Uebel. Er behauptet sogar, das Verlangen nach Alkohol beherrschen zu können und im vorigen Jahre hat er das auch bewiesen. Es war den Pflegerinnen verboten, ihm irgend welche Spirituosen zu geben. Ich glaube, wenn ihm das auch ein Entbehren war, so hat er doch nicht allzusehr darunter gelitten. – Dahingegen beherrschte ihn eine andere Manie, die nach meiner Ansicht einem viel tieferen Gemüthsleiden entsprang, wie die Trunksucht. –

Es war das ein immerwährender Gedanke an Selbstmord, an Selbstvernichtung, der ihn niemals verliess.

Seine Phantasie beschäftigte sich mit nichts anderem. Er dachte Tag und Nacht darüber nach und malte sich aus, wie er wohl auf die eine oder die andere Weise seinem Leben ein Ende machen könne, ohne dabei das klare Bewusstsein der Auflösung zu verlieren.

Ueber die Wirkung eines jeden Giftes war er genauer informirt, wie irgend ein Chemiker.

Er hatte seine Lieblingsgifte, an deren Wirkung er gern dachte, und wieder andere, wie Cyankali oder Strychnin, die er als gemeine, unwürdige Säfte bezeichnete.

In Verzückung konnte er gerathen, wenn er es sich ausmalte, sich den Genuss des Opiumrauchens jemals verschaffen zu können. Er hatte dieselben Hallucinationen, als wenn er wirklich in der Lage gewesen wäre, eine Opiumpfeife zu rauchen. Schliesslich steigerte sich das Verlangen nach diesem, ihm doch gänzlich unbekannten Vergnügen derartig, dass er glaubte, nur durch Alkoholbetäubung über den Jammer hinwegkommen zu können, dass ihm diese edle, einzig menschenwürdige Todesart unerreichbar sei.

Ab und zu durfte er in solchen Zuständen eine Flasche Wein trinken, was ihn dann ein wenig beruhigte.

Er besass einige Bücher über die Construction verschiedener Maschinen. Der Stationsarzt gestattete ihm ohne Bedenken die scheinbar so harmlose, trockene Lektüre dieser Werke.

Der Kranke aber wusste sich eine unnennbare Aufregung durch diese Bücher zu verschaffen. Er überlegte, auf welche Weise ein Menschenkörper wohl verstümmelt und in wieviel Minuten er getötet würde, wenn er in das Getriebe einer derartigen Maschine hineinkäme.

Voll Eifer, ganz theoretisch konnte er sich darüber aussprechen.

»Sehen Sie, Schwester Hedwig, da ist ein Dampfhammer von 200 Centnern Gewicht. Der saust nieder und schlägt aus Eisenrollen fingerdicke Platten. Wenn Sie Ihren Kopf darunter legen, wird er zermalmt, aber der Rumpf, namentlich das Rückenmark braucht doch noch etwa eine Viertelstunde, um bis in die letzte Nervenfaser abzusterben –«

»Aber, Herr Dr. Hellwig, was für ein gräuliches Geschwätz!« Er sieht die entsetzte Miene der frommen Oberschwester gar nicht und fährt ganz harmlos fort. – »Da sehen sie hier diese Sägemaschine. Wenn man sich an dem Hebebaum anbindet und mit den Füssen voran in die Maschinerie treiben lässt, so wird man in Scheiben geschnitten. Das hat im vorigen Jahre ein Holzknecht gethan – er mag etwa gelebt haben, bis die Säge die Herzarterien aufriss. –«

Schwester Hedwig schrie auf. »Solche Gedanken sind Sünde – unser Leben steht in Gottes Hand, wir haben gar nicht darüber zu verfügen. –«

Er lässt sie gar nicht aussprechen. Mit blödem Lächeln stiert er sie an. »Geben Sie mir Schnaps, damit ich diese Gedanken los werde, Schwester.« –

Voll Entsetzen bringt sie ihm Wein, denn Schnaps ist natürlich gar nicht im Hause.

Er trinkt dann, so viel er bekommen kann, und murmelt leise irgend etwas Unverständliches vor sich hin.

Ich erinnere mich, dass unser Geheimrath damals den Kranken in eine Irrenanstalt bringen lassen wollte. Die Familie, die wahrscheinlich die Kosten scheute, war aber so dringend dagegen, dass wir ihn behielten.

Schliesslich schien es, als ob die Angehörigen Recht behalten sollten. Die Selbstmordgedanken waren vielleicht doch nur eine Folge der Trunksucht gewesen, denn nachdem der unheimliche Mensch unter dem Anstaltszwange eine Zeitlang nüchtern gewesen war, sprach er nicht mehr davon. So wurde er entlassen.

Er hatte wohl absichtlich mit seinem Schweigen die Aerzte täuschen wollen, um seine grauenhaften Pläne in desto raffinierterer Weise schliesslich zur Ausführung bringen zu können.

Sobald er seine Freiheit wieder erlangt hatte, ergab er sich mehr wie je dem Trunke, durch den er jetzt fast ganz verthiert ist.

Täglich hat er das Getriebe einer Kreissäge auf die eingehendste Weise studirt und betrachtet und ist zuletzt, vielleicht mit voller Ueberlegung, vielleicht auch – berauscht, wie er war – durch einen unglücklichen Zufall, in das Getriebe gestürzt.

Das Werk wurde unglaublich rasch zum Stehen gebracht, so dass unser Patient mit dem Verluste eines Armes und Fusses davon kam.

Es ist entsetzlich, mit diesem Irrsinnigen zu verkehren.

Schwester Dora ist ganz ausser sich über diesen Charakter.

Was für einen Zweck hat es nun, Arbeit und Liebe aufzuwenden, um diesen Verlorenen zu heilen?

Er wird wieder trinken und wieder eine Todesgefahr aufsuchen. Er kann diesem Geschick nicht entrinnen. So viel habe ich im Laufe der Zeit vom Alkoholismus begriffen.

Aber was kann man denn eigentlich anderes thun, als ihn pflegen?

Die Consequenz aus seinen Thaten hätte man ziehen sollen und die Kreissäge nicht aufhalten. Noch eine Minute, und das Geschick, dem er doch nicht entrinnt, wäre erfüllt gewesen.

Eine grässliche Consequenz, eine blutige Logik – aber doch nicht grausam. Er hatte das Werk der Vernichtung angefangen. Man hat es nicht abgewendet, nur unterbrochen.

Ist es nun milder, ihn in zwei Hinrichtungen sterben zu lassen – statt auf einmal?



VII.

Zum ersten Male in meinem Leben fühle ich mich krank. Ich lebe unter Kranken, sehe Tod und Krankheit um mich her, aber doch bin ich, wie viele Schwestern, persönlich niemals davon berührt. Schon gestern empfand ich ein gewisses Unbehagen, das aber keine bestimmte Form hatte. Ich glaubte, es sei der schwere Eindruck, den meine erste Nachtwache in der Gemeindepflege auf mich gemacht hat, vielleicht auch die Rückkehr des unglücklichen Selbstmörders, dessen Wahnsinn mir von jeher ein so kaltes Grausen verursachte.

Ich wurde am Abend von Fieberfrost geschüttelt und in der Nacht von schweren Traumbildern gequält. Nun aber ist heller Morgen, und doch will das Fieber nicht weichen. Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen und kann mich vor Schwindel nicht aufrecht halten. Nie habe ich einen solchen Zustand kennen gelernt.

Sollte die Nacht am Sterbebette der Typhuskranken? – – – Ansteckung – –

Nein, nein, das existirt nicht für eine Diakonissin. Wenn wir einmal anfangen wollen, uns vor Ansteckung zu fürchten, so ist es mit der ganzen Ausübung unseres Berufes zu Ende.

Gottvertrauen? – Nein, ich glaube, damit kann man auch nicht über jede Krankheitsgefahr hinweg kommen. Freilich, viele Schwestern leben nach diesem Prinzip.

Eine unfassbare Angst schnürt mir das Herz zusammen, ich krieche förmlich in mich selbst, in meine eigene Seele, wie vor der Annäherung von etwas Unsagbarem, Grässlichen – selbst mein Tagebuch vermag mich nicht zu trösten. Aber ich will mich nicht krank melden. Ich glaube, vorläufig kann ich meinen Dienst noch versehen.


* * *


Gestern hab ich's durchgeführt, aber heute hab Doctor Ehlers, wie ein Schüttelfrost mich erfasste, als eine Thür aufging. Er untersuchte sofort meinen Puls und schickte mich ins Bett. Dr. Klaus hat mich zu behandeln.

Er umgiebt mich mit einer Sorgfalt und Fürsorge, die fast etwas Drückendes für mich hat. Alle Schwestern und Aerzte, selbst die Oberin und der Professor bemühen sich freundlich um mich.

Schwester Dora und Schwester Henriette haben mir unter Thränen und Küssen ihre Liebe und Anhänglichkeit versichert und mir dabei gesagt, dass diese ihre Gefühle von allen übrigen Hausgenossen getheilt werden, ich brauche sie nun blos zu erwidern.

Wie eigenthümlich, dass ich bei meinem stillen, spröden, fast herben Wesen mir eine solche Fülle von Zuneigung erworben habe!

Mein eigenes Herz, über dessen Empfindungen ich mir zu jeder Zeit klar geblieben bin, ist kalt und ruhig. Wenn ich von meinem Mutterhause aus morgen in eine andere Anstalt geschickt würde, so würde ich gehen, ohne irgend eine lebhaftere Regung von Schmerz oder Bedauern zu empfinden.

Man fürchtet natürlich Ansteckung bei mir. Thatsächlich scheint es sich auch um ein leichtes typhöses Fieber, nicht Typhus zu handeln. Ich fühle mich jedenfalls krank genug, aber ich glaube nicht, dass ich mich in Lebensgefahr befinde.

Der Verlobte von Schwester Henriette schickte mir heute einen Blumenstrauss mit seinen besten Wünschen für die Genesung »der besten Freundin seiner geliebten Braut.« Also das hat sie ihm erzählt. Ich möchte doch wissen, was Schwester Henriette eigentlich unter Freundschaft versteht!


* * *


Ich habe das Gefühl, als läge ein glühender Stein auf meinem Scheitel. Alles in mir brennt und schmerzt. Die letzten drei Nächte waren eine Qual für mich – sterben – ach das sind ja nur die Ueberspanntheiten meiner sogenannten Freundin, der kleinen Schwester Henriette, die sich einbildet, ich würde sterben, und die darüber Thränen vergiesst. – Der Mensch kann recht viel aushalten, wie oft habe ich das erfahren und gesehen! –

Gegen Morgen wird dieser grässliche Zustand übrigens besser. Ich finde dann gewöhnlich Ruhe und liege den Tag über still da, ohne irgend welche Beschäftigung. Dieses ruhige Daliegen ist etwas sehr angenehmes. Wenn eine Krankheit so verläuft, dass der Mensch täglich solche schmerzfreien Stunden durchlebt, in denen eine sanfte Müdigkeit jede Thätigkeit paralysirt, so kann ich eigentlich nicht finden, dass es eine sogenannte Prüfung oder ein grosses Unglück ist, krank zu sein.

Der Professor schilt, dass ich mich noch drei Tage hingequält habe, ehe ich die Arbeit niederlegte; aber diesen Fehler machen alle Diakonissen. Trotzdem wird es ja in jedem einzelnen Falle stets wieder gerügt. Es scheint nun doch festzustehen, dass ich mir eine Ansteckung in jener heissen, nicht desinficirten Kammer geholt habe, in der ich mich noch dazu so ausserordentlich überflüssig gefühlt habe. –


* * *


Unser alter Professor behauptet, ich hätte mich überarbeitet. Der Krankheitskeim hätte deshalb in meinem Körper einen guten Nährboden gefunden. Ich weiss nicht recht – –

Jedenfalls kann die Sache so nicht weiter gehen.» Ich habe seit sechs Wochen keinen Dienst mehr gethan und werde immer elender und schwächer. Nun sind noch schöne Herbsttage gekommen.

Ich lag heute in einem grossen Sessel in unserem Anstaltsgarten und sah die Sonnenstrahlen in den Baumzweigen spielen. Wie sonderbar, dass dieser Garten, diese Bäume bisher für mich nicht existirt haben! Wie wenig doch bei den meisten Diakonissen der Sinn für die Natur entwickelt ist! Ich mache auch keine Ausnahme. Mir war's sogar recht ungemüthlich im Garten. Die helle, ungewohnte Septembersonne belästigte mich. Die Luft kam mir scharf und kalt vor.

Ich wurde ohnmächtig im Freien und fieberte am Abend stärker. Es ist mir wie ein ferner Traum, als hätte ich einmal in der Waldeinsamkeit eine glückliche, genussreiche Stunde durchlebt.

Trotz dieses Unbehagens, das ich nach dem Aufenthalte im Freien empfand, besteht der Professor darauf, dass dieser Versuch täglich wiederholt wird. Dieser Zwang regt mich auf.

Der Aufenthalt unter den stillen Bäumen erscheint mir wie ein Ausflug in das geräuschvolle Leben der Welt.

Mein einziges Sehnen ist Buhe, körperliche Ruhe, die leise und langsam ihren weichen Fittig auch um die Seele schmiegt.

Fünfundzwanzig Jahre habe ich gelebt. Jetzt bin ich krank und müde. Ich habe sieben Jahre ernst und ohne Unterbrechung gearbeitet. Warum gönnt man mir nun nicht die Ruhe, nach der ich mich sehne? Warum lässt man mich nicht sanft und still heimgehen?


* * *


Mein Charakter verändert sich unter dem Einfluss der physischen Schwäche. Ich kann es sogar beobachten, wie ich seelisch stiller und weicher werde unter dem schweren Druck dieses körperlichen Erschlaffens.

Weiblicher aber bin ich dadurch doch nicht geworden. Für die Liebe habe ich nach wie vor kein Verständniss. Im Gegentheil, meine herbe Jungfräulichkeit ist noch feinfühlender geworden, wie sonst.


* * *


October.

Nun habe ich mich doch allmählich an den regelmässigen Genuss der Luft gewöhnt. Die Schwäche hat in letzter Zeit nicht zugenommen. Zuweilen habe ich sogar Appetit und fühle keinen Widerwillen mehr gegen den Genuss von Wein und anderen Stärkungsmitteln.

Mein Verlangen nach Musik ist so gross, dass ich's nicht mehr bezwingen kann. Wenn ich jetzt sterbe, so glaube ich. nicht die Krankheit nimmt mich, sondern der Hunger nach Musik, der in allen meinen Nerven zehrt.

Wenn man kein Bedürfniss nach Genüssen fühlte, würde man die Schmerzen der Entbehrung nicht empfinden. In meinem Falle giebt es keine Möglichkeit, den Genuas zu verlangen, nach dem ich mich sehne, ich sollte also wohl vernünftiger Weise meine Sehnsucht, mein Bedürfnis darnach unterdrücken. Ob ich dann die Entbehrung nicht fühlen, nicht unter ihr leiden würde?


* * *


Ich werde immer weicher und unselbständiger durch dieses lange Leiden. Neulich habe ich mich entschlossen, dem Geheimrath meinen Seelenkummer anzuvertrauen.

Mit strahlenden Augen versprach er mir zu helfen. Ein grosses Kirchenconcert war vorigen Sontag im Dom. Es wurde ein Oratorium von mehreren hundert Menschenstimmen gesungen. Der Geheimrath hat sechs Schwestern Eintrittskarten dazu verschafft. Die guten Schwestern schoben meinen Fahrstuhl bis an die Kirchthür, und auf Schwester Dora's und Schwester Elisabeths jugendstarke Schultern gestützt, betrat ich den wohlbekannten Raum des Domes.

Hab' ich nicht mein ganzes Leben durch Kirchenfenster gesehen? –

Unser Professor setzte sich unmittelbar neben mich, seinen Liebling, wie er mich jetzt nennt. Die Oberin sass an der anderen Seite, die Schwestern um uns her.

In seliger Erwartung sass ich eine halbe Stunde lang da, zitternd am ganzen Körper, mit eiskalten Händen und brennenden Augen. Dann begann das Präludium auf der Orgel.

Ich schloss die Augen. Eine Stunde lang habe ich dann gelebt. Meine ganze Seele hat gejubelt, geklagt, gehofft und gedacht in Tönen – meine Seele ist Musik – ich bin Musik. – Das war die Matthäus-Passion! –

Ich glaube, mein ganzes Leben war nichts als der Weg, der mich zu dieser Stunde geführt hat. Diese Stunde war mein Leben, die Erfüllung meines Daseins.

Ich habe vielleicht bald ausgelebt und gehe heim. –

So bedingungslos, wie es das Dogma vorschreibt, glaube ich eigentlich nicht an die Ewigkeit und an das »Heimgehen«. – Aber ein Heiligthum giebt es doch wenigstens, das mir kein Zweifel und keine Erkenntniss entreissen kann, die Musik.

Das Leben ist es werth, durchgekämpft und durchlitten zu werden, um dieses einen Göttlichen willen, das über alles hinaushebt.

Vielleicht giebt es sonst keinen Gott – aber diesen giebt es: Töne, Harmonien – – Genuss – – nein, es ist unmöglich, wunschlos zu sein. – So lange es wirkliche Genüsse giebt, sehnt man sich auch nach ihnen.


* * *


Das Kirchenconcert hat mich wieder kränker gemacht. Ich kann nicht mehr in den Garten fahren.

Die Oberschwester Hedwig macht dem Professor und der Oberin bittere Vorwürfe, dass sie so unvorsichtig waren, mich diesem Rückfall der Krankheit auszusetzen.

»Gerade als ob wir solchen Zulauf von Schwestern hätten, dass wir eine unserer besten Arbeitskräfte so unnützerweise um der Laune einer Kranken willen aufs Spiel setzen können«, meint Schwester Hedwig.

Vom Nützlichkeitsstandpunkte aus hat sie recht. Ich hätte der Anstalt noch viel durch meine Arbeitskraft nützen können, während ich jetzt vielleicht das Opfer eines Genusses werde.

Uebrigens bin ich wohl auch in demselben Maasse ein Opfer meines Berufes. Ohne die eine Nacht in jenem Typhusloch wäre ich wahrscheinlich gesund geblieben. Wie sonderbar, dass mir noch nie ein Bedauern darüber gekommen ist, dass mein Schicksal diese Wendung genommen hat!

Ich frage mich, ob ich wohl eben so leicht vom Leben scheiden würde, wenn ich nicht Diakonissin geworden wäre, sondern Künstlerin?

Aber das ist eine müssige Frage. Mehr Glück hätte mir die Kunst als Beruf auch nicht gewähren können, wie sie mir so gewährt. Es fragt sich nur, ob das Glück der Endzweck eines menschlichen Daseins ist.

Ein Menschendasein! – Jenes Weib, deren Todeskrankheit in meinen Körper übergegangen ist, – die Kellnerin Barbara mit ihrem naiven Liebesleben, Lilli Monta, das Kind der Freude, Schwester Hedwig mit ihren puritanischen Grundsätzen – Was ist ein Menschenleben?

Kann man für einen so vielseitigen Begriff ein bestimmtes Moralprinzip aufstellen?


* * *


Schwester Henriette ist doch ein wahres Original von Unschuld und Sentimentalität! Sie ist gestern abgereist und wird noch vor Weihnachten heirathen.

Von allen Schwestern nahm sie ziemlich gefasst Abschied; als sie dann aber an mein Bett trat, geberdete sie sich ganz unvernünftig und verzweifelt. Sie bleibt dabei, wir wären intime Freundinnen gewesen. Sie will durchaus, ich soll nach ihrer Hochzeitsreise zu ihr ziehen, damit sie doch noch einen Menschen zu pflegen habe. Sie behauptet, ohne jemanden zu pflegen, könnte sie nicht existiren. Irgend einen kranken Menschen um sich zu haben, gehöre zu ihren Lebensbedürfnissen. – Ich denke, der Gatte wird ihren Gewohnheiten und Wünschen bald eine etwas andere Richtung geben. –


Anfang November.

Ich verlasse das Bett nicht mehr und habe seit etwa vier Monaten die Schwesterhaube abgelegt, zum Zeichen, dass ich nicht mehr arbeite. Mein braunes Haar umgiebt jetzt ein sehr bleiches Gesicht. Meine Augen sind gross und dunkel geworden. Ich betrachte mich zuweilen im Spiegel und bin zu der Entdeckung gelangt, dass ich eigentlich schön bin. –

Jetzt ist das einerlei. Für mich, als fromme Schwester, war's wohl immer gleichgültig. – Es giebt aber Frauen, für die es eine sehr wichtige Frage ist, wie sie aussehen. Wir Diakonissen verstehen das nicht. Darin bin ich jedenfalls das Urbild einer Diakonissin. –

Durch das Monate lange Liegen habe ich jetzt Gliederschmerzen und leide an Schlaflosigkeit. Ich bekomme seit kurzer Zeit regelmässig Morphium. – Daraus kann ich schliessen, dass der Professor mich aufgiebt. Sonst gewöhnte er mir das wohl nicht an. –

Doctor Klaus, der mir vor zwei Jahren einen Heirathsantrag machte, ist mir seitdem ein Freund geworden. – Er hat Takt genug gezeigt, niemals wieder auf diesen unglückseligen Gedanken zurückzukommen. – Seine Persönlichkeit war mir niemals unangenehm, nur dieser sinnlose Gedanke, dass er mich heirathen wollte, hatte ihn mir verleidet.

Jetzt haben wir beide die Verlegenheit überwunden, die eine Zeit lang die Folge seines abgewiesenen Antrags war. Um so besser, da er mich ärztlich behandelt. –

So lange ich meinen Dienst versah, habe ich niemals verstanden, was für ein Bedürfniss es sein kann, mit anderen Menschen zu sprechen, Gedanken auszutauschen – Freundschaften zu schliessen. –

Mir genügt meine Arbeit, die Musik und das einsame Nachdenken, das mich nach abgeschlossenem Tagewerk zuweilen veranlasst, die Eindrücke niederzuschreiben, die mein Schwesterleben mir brachte.

Jetzt bin ich selbstloser geworden. Nicht nur die Eindrücke, die ich empfange, interessiren mich, sondern auch die Erlebnisse und die Ansichten der Anderen. Das Bedürfniss, mich auszusprechen, liegt mir fern; aber ich habe es gern, wenn Andere sich mir gegenüber aussprechen.

Wenn ich dann wieder Stunden lang still liege, beschäftigen die Interessen und Gedanken, die Andere mir entgegengebracht haben, meinen Geist und auch zum Theil meine Gefühle. –

Doctor Klaus gehört dagegen zu den Menschen, die jede Seelenregung mittheilen müssen, die jemanden brauchen, der innerlich mit ihnen lebt und an allem theilnimmt, was sie betrifft.

Ich glaube, er wollte nur aus diesen Bedürfnissen heraus heirathen. Sonderbar, dass er es noch nicht gethan hat!

Vorläufig scheint ihm die Freundschaft einen Ersatz für die Ehe zu gewähren. Eine Männerfreundschaft würde ihm das nicht bieten können, auch eine arbeitende Frau könnte wohl kaum ihr eigenes Selbst so weit zurückstellen, um sich ihm genügend zu widmen.

Es trifft sich deshalb ganz gut, dass er Gelegenheit hat, mir Gesellschaft zu leisten und mir vorzutragen, was in ihm nach Ausdruck ringt. Es ist ihm ein solches Bedürfniss geworden, dass ich mich manchmal frage, was er thun wird, wenn er mich nicht mehr hat.

Ich will ihm den Gedanken suggeriren, dass er nach meinem Tode heirathen muss.


* * *


Die Sache ist eigentlich so einfach wie möglich. Er entwickelt seine Ideen vor mir, erzählt von seinem inneren und äusseren Leben und ist zufrieden, wenn alles klar und logisch, wie ein einfaches Rechenexempel, aufgeht. Er ist eben eine durch und durch ehrliche Natur. Eine solche Natur will verstanden und will geliebt sein. Ich verstehe ihn – – – – – – ja, ich verstehe diesen Mann – – –


* * *


Das Kruzifix, das mir der verstorbene Pastor hinterlassen hat, hängt an der Wand vor meinem Bette. Meine Augen treffen darauf, sobald ich sie öffne.

Abends, wenn die Fieberzeit kommt, ist mir's, als riefe das Bild meine Blicke zu sich. Zu meiner Fieberstunde gehört dieses Kunstwerk.

Vor meinen heissen, totmüden Augen fängt die Gestalt am Kreuze an zu leben, sie wächst und reckt sich zu schattenhafter Grösse empor.

Dieser geheimnisvolle Schatten legt sich über mein Lager und umfangt mich mit seinem Banne.

In wildem Schmerze zucken die Nerven des gefolterten Erlösers. Ich sehe diese Nervenqual, sie schreit in schrillen Tönen aus jedem Gliede, aus jedem Theile dieses lebenden und ewig sterbenden Leibes. –

– Ich sterbe für Dich – ewig, ewig. –

Die in Verzweiflung geöffneten Lippen rufen mir's zu. – Wird es uns nicht gelehrt von Klein auf bis an unser Ende? – Er starb für Dich, er litt am Kreuze für Dich, nun leide für ihn!

Der gesunde Sinn begreift das Leiden des Gekreuzigten nicht. Wenn der Körper aber selbst in der Auflösung begriffen ist – wenn der Mensch sich auf seinem Sterbebett windet –, dann versteht er's auf einmal. Ich leide – und Du – Du Erdenwurm, Du solltest nicht leiden?

Mich erfasst eine Wollust des Schmerzes. Ich breite meine Arme grade aus, lege einen Fuss auf den andern und bilde mir ein, ich wäre gekreuzigt. Ein wilder, süsser, unsagbarer Schmerz erfüllt meinen ganzen Sinn, jeder Nerv in mir zittert und leidet, ich stöhne leise und fühle, wie die Stacheln der Dornenkrone sich glühend in mein Hirn bohren.

Christus – ich fühle, was Du fühlst – ich, leide, was Du leidest, ich folge Dir nach – – ich bete Dich an, sei Du mein, sei Du mein, fühlst Du nicht, dass ich Dein bin? – – Ah! diese Wonne, zu leiden, zu sterben! Dieses heisse, stolze Gefühl, am Kreuze zu stehen, zu ihm zu gehören!

Der Gott, den das realistische Kunstwerk mit wildem Leben erfüllt, steigt zu mir herab aus himmlischer Höhe. Er erzählt mir von der Welt jenseits des Grabes, in die ich nun eintreten werde – er erinnert mich an diesen und jenen Toten, den ich sterben sah. Ich zerre an dem Schleier, der das ewige Geheimniss verhüllt, aber die blutenden, durchbohrten Hände halten den Schleier fest und wehren mich ab.

Warte – Deine Stunde wird kommen, noch nicht heute, noch nicht morgen – –

Am Tage ist nichts weiter da, als eine gut gearbeitete, sehr kunstvolle Holzschnitzerei.

Es vergeht selten ein Abend, an dem ich weniger als 39 Grad Fieber habe. Bei dem kleinsten Anlass, der oft kaum auffindbar ist, steigt die Temperatur über vierzig. Vielleicht erklärt das die religiöse Extase, die mich gerade Abends zuweilen erfasst. Diese heftigen Gefühle waren doch sonst meinem Wesen fremd. – Ist denn alles körperlich – wenn es selbst für diese Empfindungen eine materielle Erklärung giebt?


* * *


Doctor Klaus schliesst sich immer mehr an mich an. Stillschweigend betrachten die Hausgenossen mein Zimmer als sein Erholungsplätzchen, wo er seine freie Zeit zubringt. Man billigt damit schweigend die Freundschaft, die uns beide verbindet. Die meissten Schwestern wissen, dass er mich geliebt hat und finden es natürlich, dass aus dieser Empfindung mit der Zeit Freundschaft geworden ist.

Ob es möglich ist, dass aus Liebe Freundschaft werden kann? Ich bin darüber nicht ganz klar, ich weiss nicht, was er empfindet, aber das weiss ich, dass ich nach und nach gelernt habe, Theilnahme für ihn zu fühlen. Seine Nähe ist mir angenehm, beruhigend, aber ich empfinde keine Sehnsucht nach ihm, wenn er fern ist. Ich weiss, dass ich ihn nicht liebe, aber ich weiss jetzt auch, dass ich hätte lieben können, wenn mir derjenige begegnet wäre, der als ein unbestimmtes Ideal meiner Seele vorgeschwebt hat. Das Leben ist vorüber gegangen, und er ist mir nicht begegnet. –

Ich fragte Dr. Klaus heute, ob er auch glaubt, dass ich mich damals bei der Typhuspflege angesteckt hätte.

Er wurde sehr erregt bei meiner Frage. Kaum vermochte er mir zu antworten. Die Thatsache, dass man mich dorthin geschickt hat, empört ihn, so oft er daran denkt. »Nicht einen Tag Ihres Lebens wäre das Dasein jenes Weibes werth gewesen, selbst wenn es erhalten wäre,« grollte er.

»Leider war das Opfer meines Lebens vergeblich, ich kam zu spät hin.« Ich glaube, ich habe das in einem etwas schmerzlichen Tone gesagt. Ich hin mir ja auch selbst klar darüber, dass es eine klägliche Thatsache ist, wenn ein junges leistungsfähiges Menschendasein in dieser Weise geopfert, ich mochte beinah sagen: verschwendet wird.

»Warum gingen Sie hin – Sie hätten sich weigern sollen, ich habe das Loch gesehen, wo die Person starb, es war eine Art Grab.« –

»Aber Doctor – ich hätte mich weigern sollen? Wissen Sie denn nicht, dass ich überhaupt die Berechtigung, einen eigenen Willen zu äussern, aufgegeben habe, als ich mein Gelübde ablegte?«

»Ich bin ein Gegner von solchen Gelübden«, sagte er mit grosser Bestimmtheit.

Vielleicht hat er recht. Der Mensch sollte stolz darauf sein, dass die Gottheit ihm das Ger schenk eines eigenen Willens verliehen hat. Vielleicht ist es eine Art seelischen Selbstmordes, einen solchen Hauptbestandteil des inneren Menschen, wie der Wille ist, willkürlich zu unterdrücken, zu töten.

Wir schwiegen beide eine Weile.

»Lassen Sie uns das jetzt nicht erörtern, lieber Freund, ich fühle mich zu schwach dazu,« sagte ich endlich. –

Aber ich glaube, diese Aeusserung war von mir ein Vorwand. Ich fühlte mich ihm doch innerlich zu fremd, um ein intimes Gespräch über meine Angelegenheiten mit ihm zu führen. – Er griff ängstlich nach meinem Puls, wie ich das sagte. »Gott sei Dank, unser Gespräch hat Sie nicht angegriffen,

Sie sind fieberfrei«, sagte er. Wie ihn meine Aeusserung, meine Klage erschreckt hatte! Zart und behutsam, als sei sie zerbrechlich, legte er meine Hand auf die Decke zurück. Er schwieg, mit einem sonderbaren Ausdruck in den Augen. Woran denken Sie, Doctor?

Er fuhr auf. »Einmal, ein einziges Mal möchte ich Sie noch singen hören, Schwester Minna«! –

Singen – Ich habe durch meine bunte Glasscheibe einen milden Sommertag betrachtet. Ein dunkles Brett schiebt sich vor die freundliche Aussicht. Aus solchen schwarzen Brettern macht man Särge.


* * *


December.

Ganz feierlich erschien heute früh unser alter Geheimrath mit der Schwester Oberin in meinem Zimmer. Sie setzten sich zu beiden Seiten meines Bettes und schienen mir einstweilen einen längeren Besuch zugedacht zu haben.

Nach einigen einleitenden Worten fing die Oberin davon an, dass ich bei meinem Eintritt in die Krankenpflege mein kleines Privatvermögen der Anstalt zu einstweiligem Zinsgenusse überlassen hätte.

Es kam mir vor, als wollte die alte Dame mir nun Rechnung ablegen.

»Bitte Schwester-Oberin, bemühen Sie sich nicht«, sagte ich. »Von den Zinsen meiner achttausend Mark hätte ich doch niemals leben können. Ich habe diesen kleinen Besitz vollständig vergessen. Jetzt hoffe ich, es wird genügen, wenn ich vor Zeugen erkläre, dass ich unsere Anstalt zu meinem Erben ernenne.«

»Wie gut Sie sind, Schwester Minna,« sagte die alte Frau gerührt.

Mein Leben lang hat man mir immer edlere Motive untergeschoben, als eigentlich in Wirklichkeit meinen Handlungen zu Grunde lagen. Im Tode scheint das seine Fortsetzung zu finden.

»Mit fünfundzwanzig Jahren denkt man noch nicht daran, sein Testament zu machen, Schwester«, begann nun auch der Professor. »Ich bin fast siebenzig und habe meins erst ganz kürzlich gemacht.«

»Ja, weshalb sprechen Sie denn aber von meinem Gelde?« fragte ich verwundert.

»Nun, weil wir ausgerechnet haben, dass das Geld gerade ausreichen wird, um Sie gesund zu machen.«

Diese sonderbare Bemerkung regte mich nicht einmal mehr auf.

»Sie wissen, dass ich mir keine Illusionen mache, Herr Geheimrath« sagte ich ruhig. »Glauben Sie wirklich, dass ein Mensch es nicht fühlt, wenn er stirbt?« – An langwierigen Krankheiten aber stirbt man nicht plötzlich. Die Auflösung bereitet sich Monate lang vor, ehe mit dem letzten Herzschlag das Sterben zu Ende ist und die Verwesung beginnt. – Ich habe schon angefangen zu sterben. – Was der Tod aber einmal gefasst hat, giebt er nicht wieder her.

»Ja wenn Sie sterben wollen, können Sie das haben, Schwester. Ein junges Leben muss sich wehren gegen den Tod; glauben Sie mir, das hilft«. Der alte Mann war ganz eifrig geworden.

Ich sah ihn an. »Weshalb soll ich mich wehren, Herr Professor? Es ist ein süsses, weiches Gefühl, in den Armen des Todesengels zu ruhen. Er zieht mich zärtlich an seine Brust. So wie ich ihn sehe, ist er kein Knochenmann mit Sense und Hippe, vor dem man sich fürchten muss.«

»Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben«, murmelte unsere alte Oberin mit einem andächtigen Blicke auf mich.

»Ach was Sterben, dummes Zeug«, polterte der Professor. »Wenn man jung und stark ist, kann man den Tod überwinden, wievielmehr ein schleichendes Fieber, man muss nur wollen – ein lebensfrischer Wille gehört dazu.«

»Ich kann nicht mehr wollen.«

»Sie würden's wohl können, wenn Sie glücklich wären.«

Wie kann ich das wissen! Ich kenne das nicht, was man im Erdenleben Glück nennt. –

Die Vorschläge, die mir die Oberin und der Professor machten, liefen darauf hinaus, ich sollte zur Wiederherstellung meiner Gesundheit nach Italien reisen.

In Anerkennung meiner Verdienste, wollte man mir sogar eine der jüngeren Schwestern zur Begleitung mitgeben.

Ich dankte dem Arzte und der Vorsteherin aufrichtig für die Theilnahme, die sie mir mit ihrem wohlmeinenden Plane bewiesen. Den Gedanken, die Reise auszuführen, lehnte ich aber ab. »Es ist zu spät, ich kann nicht mehr reisen. Ich möchte wohl leben, aber wie schwach ich mich fühle, das kann ich Ihnen überhaupt gar nicht sagen.«

»Es thut mir leid, wenn ich Sie mit meiner Weigerung betrübe,« fügte ich noch hinzu, als ich sah, welche traurige Enttäuschung meine Antwort auf den Gesichtern der beiden guten Alten hervorrief.

Sie machten keinen Versuch, mich umzustimmen. Sie wissen beide zu gut aus der Erfahrung, dass man einen Kranken nicht retten kann, wenn der Wille zum Leben fehlt.

Unsere ehrwürdige Oberin drückte mit einem mütterlichen Segensworte ihre Lippen auf meine Stirn.

Der alte Professor hielt lange meine kalte Hand und zog sie endlich an seinen Mund.

Ich habe diese Höflichkeit gegen eine Dame noch niemals bei ihm gesehen.


* * *


Ich bin nun wohl officiell zum Tode verurtheilt.

Man lässt mich niemals mehr allein. Wenn eine Schwester die andere ablöst bei mir, so sehe ich oft die Hinausgehende weinen.

Die Aerzte geben keine Verordnungen mehr. Was ich wünsche, wird mir gewährt.

Früher theilte ich, wie alle andern Schwestern, mein Zimmer mit einer Genossin. Schon seit längerer Zeit schlafen jetzt zwei Schwestern bei mir.

Gewacht wird vorläufig noch nicht an meinem Bette. Das geschieht erst in den letzten Nächten des Sterbens.

Man spricht leise in meiner Nähe, als fürchte man, den Engel des Herrn bei seinem heiligen Werk zu stören.

Ich habe jetzt zuweilen Beklemmungen. Das Herz hat nicht mehr recht die Kraft, zu schlagen. Nun tritt aber auch an mich die Gefahr heran, die ich so oft bei andern beobachtet habe, dass ich mich zu viel mit mir selbst beschäftige, meinem Befinden eine zu grosse Aufmerksamkeit widme.



VIII.

Weihnachten.

Die Weihnachtsfeier hat mich niemals angenehm berührt mit ihrem kirchlichen Gepränge in dieser krankhaften Umgebung.

Heute war das anders. Ich hatte ein Gefühl von Rührung und Weichheit. Schliesslich musste ich doch daran denken, dass ich wohl zum letzten Male dabei bin. Etwas von der alten Sehnsucht nach den ewigen Geheimnissen ist wieder über mich gekommen. Noch habe ich die Ruhe nicht gefunden, von der ich träume. –


Januar.

Jetzt geniesse ich bald ein halbes Jahr lang die aufopferndste Pflege hier im Hause. Kein noch so hochgestellter Kranker kann sorgsamer bedient, rücksichtsvoller behandelt werden, wie ich, das arme, heimathlose Mädchen.

Das ist eine wundervolle Seite der Diakonie. Dieses ideale Familienleben, dieses Heim, das sie bietet.

Schwester Elisabeth, ein ähnlicher Charackter, wie ihre Amtsvorgängerin, Schwester Henriette, hängt mit leidenschaftlicher Liebe an mir.

Meine hülflose Hinfälligkeit macht mich in ihren Augen zu einer Dulderin. Gott weiss, weshalb alle die ganz jungen Schwestern mich für eine Art Heilige halten. – Einige von ihnen, die noch nicht lange hier sind, haben mich nicht einmal mehr als Sängerin kennen gelernt; was die also an mir finden, ist gar nicht zu verstehen.


* * *


Heute ist mir eine ganz sonderbare Ahnung gekommen.

Schwester Elisabeth kämmte mein langes, schweres Haar, während ein anderes junges Mädchen, Schwester Hermine, mich dabei aufrichtete und stützte.

Ich bemerkte, dass die beiden jungen Dinger heimlich meine Haare küssten. Als ich sie erstaunt ansah, wurden sie roth, und Elisabeth flüsterte: »Ach Schwester Minna, Sie sind so wunderbar schön, so überirdisch – wir schwärmen Alle für Sie.«

Also das ist's! Eine Art jugendlicher Ueberspanntheit. Die Schwärmerei des Herzens, die sich bei anderen, eben dem Backfischalter entwachsenen Mädchen auf junge Männer richtet, nimmt hier eine mehr durchgeistigte Richtung an und webt eine Art Glorie um die Erscheinung der sterbenden Genossin.

Dazu kommt, dass einige der jungen Schwestern glauben, ich hätte viele Schmerzen, die ich mit Hülfe der Religion zu überwinden wüsste.

Meine grosse Frömmigkeit ist überhaupt ein Dogma für das ganze Haus.

Die Oberin hat mir feierlich abgebeten, dass sie mich vor Jahren einmal für nicht fromm genug hielt.

Ich fragte sie, weshalb sie denn jetzt anderer Ansicht sei, da ich doch jetzt eben so wenig über religiöse Dinge spräche, wie damals.

»Worte beweisen nicht viel, liebe Schwester,« antwortete sie mir. »Aber jetzt sehe ich Sie ein halbes Jahr lang schwer krank, Sie gehen mit vollem Bewusstsein einem seeligen Ende entgegen, und doch habe ich niemals ein Wort der Klage aus Ihrem Munde gehört.« –

»Worüber sollte ich klagen?« fragte ich. Die Frage war ganz aufrichtig gemeint, aber sie scheint wieder in irgend einem erhabenen Sinne gedeutet zu werden.

»Dankt Gott für dieses Vorbild, Kinder,« sagte die Oberin zu den anderen Schwestern, die so wie so schon alle mit scheuer Ehrfurcht zu mir aufblicken.


* * *


Unter unseren »Neuen« befindet sich wieder eine Sängerin. Schwester Christine soll in musikalischer Hinsicht dem Hause das sein, was ich ihm einst war. Ich habe den Geheimrath gefragt, ob sie mir vorsingen darf.

Er meinte, ich würde enttäuscht sein, erlaubte es aber doch.

Mehrere Schwestern brachten die etwas Befangene zu mir, der musikalischen Autorität. Schwester Christine ist gross und kräftig gebaut. Warum sollte in dieser breiten Brust nicht eine grosse Singstimme sein?

Ich bitte sie um das stabat mater von Pergolesi, das ich selbst früher so gern sang.

Sie singt es herunter mit bemerkenswerter Kraft, aber kalt und unmusikalisch. Zuweilen singt sie sogar falsch.

Eine wüthende, verzehrende Sehnsucht nach eigenem Singen überkommt mich. – Was ist denn geschehen, dass ich das verloren habe? Noch lebe ich doch und kann nicht mehr singen – – – – das wird mir nun auf einmal klar – – die Musik – ein furchtbares Abschiedsweh ergreift mich, zum ersten Male breche ich in leidenschaftliches Weinen aus.


* * *


Die guten Schwestern waren zu Tode erschrocken, als sie sahen, wie schmerzlich die Musik mich erregte. Sie liefen gleich zu dem Professor.

Mein alter Freund kam ganz athemlos an und brachte Doctor Klaus mit. Die Herren schalten zunächst über den allzulangen Gesang der guten Schwester Christine.

Dann erhielt ich Morphium, damit ich mich beruhigen sollte.

Ich kann mich aber nicht beruhigen und habe nun natürlich wieder Fieber. Ich sehe in Folge dessen verstörte, ängstliche Mienen um mich her. –

Im Angesichte meines Todes mache ich die Entdeckung, dass alle diese Menschen, mit denen ich Jahre lang gleichgültig zusammenlebte, mich lieben. – –

Mich – Herrgott – was an mir ist denn zum lieben?


* * *


So klar, wie mir's früher war, dass ich kein Mitleid zu empfinden vermochte, keins fühlen wollte, so klar ist es mir jetzt, dass ich diese Empfindung kennen gelernt habe. Wenn ich Andere leiden sehe, namentlich seelisch leiden, so strömt dieses warme, weiche Gefühl aus meinem Herzen, giebt mir sanfte Worte, lässt mich für fremdes Leid Trostgründe Sachen – ja warum soll ich mich länger gegen diese Erkenntniss wehren – ich bin mitleidig geworden – mitleidig, wie alle anderen frommen Schwestern. Anderen erscheint diese Empfindung durchaus natürlich und einfach, aber ich halte sie dafür nicht.

Ich habe an mir selbst beobachtet, dass die eigene Hülflosigkeit das Verständniss für fremde Hülflosigkeit erzeugt.

Ich nütze jetzt keinem Menschen, erfreue auch niemanden wie früher durch meinen Gesang, und trotzdem überschüttet man mich mit Freundlichkeit und Rücksichtnahme.

Die Folge ist eine gewisse Zuneigung, die allmählich mein sprödes Gemüth meiner Umgebung entgegenbringt.

Aber das ist vielleicht nur Dankbarkeit. Ich empfinde aber ausserdem noch mit denen, die ich leiden sehe, Mitleid – – ich kann das jetzt noch nicht genau analysiren – vielleicht später. Das Gefühl ist mir noch zu fremd, aber es ist mir interessant, und ich beobachte es genau.


* * *


Ich habe Jahre lang mit dem Gedanken an den Tod gespielt, nun rächt sich das. Man darf nicht ungestraft nach einem Gebiete drängen, das uns verschlossen ist.

Als meine alte Probemeisterin im Sarge lag, habe ich ihren starren Leib an meinen weichen, warmen Körper gedrückt, um dadurch die äussere Form des Todes kennen zu lernen.

Jetzt habe ich zuweilen, wenn das Fieber kommt, die Empfindung jener Augenblicke in allen meinen Gliedern. – Etwas Hartes, Kaltes, Fremdes drängt sich an mich, kriecht in meine Adern und macht meinen Körper so steif und kalt, wie die Leiche war, die ich damals in meine Arme riss.

Das sind Fieberphantasien. Ich sage mir das manchmal sogar mitten im Delirium, aber darum wirkt die Erinnerung nicht weniger qualvoll. –

Wer noch dem Tode selbst unterthan ist, wer als sterblicher Mensch noch im Leben steht, der sollte dem Tode ausweichen, anstatt ihn zu suchen. Sein Geheimniss enthüllt er doch erst dem, der ihm angehört.

Ich habe geglaubt, man könnte den Tod lieben. Aber auch das ist ein Irrthum – er lässt sich nicht lieben. Der Engel des Herrn ist spröde und keusch; eine sinnlich weiche Annäherung duldet er nicht. Er will nicht lieben und nicht geliebt werden, er will herrschen.

Er fordert ganze Hingabe und rächt sich fürchterlich an denen, die ihn entweihten.

Wie mancher Selbstmörder greift leichtsinnig nach der Waffe und bietet so dem Tode einen Körper, der noch nicht ausgelebt hat. Mit furchtbarer Härte packt der dann solch einen Leib, schüttelt ihn in entsetzlichen Schauern und stösst ihn entweder ins Leben zurück oder zerrt ihn ins Grab ohne Erbarmen, ohne Gnade gegen den zu spät zum Bewusstsein gelangten Trieb des Lebens. Aber langsam, grässlich langsam. Als fromme Schwester hat man zuweilen Gelegenheit, das mit anzusehen.


* * *


Auf einer Bank in einem öffentlichen Parke hatte die Polizei einen Selbstmörder gefunden. Neben ihm lag ein Revolver. Der Mann hatte sich in die Schläfe geschossen, die Kugel war hinter den Augen durchgegangen und im Schädel stecken geblieben. Beide Augen waren verloren. Als er zu uns gebracht wurde, hing das eine Auge, von dem Schuss aus seiner Höhle gerissen, auf der Backe des jungen Mannes. Das andere Auge lag als blutige, breiartige Masse unter dem aufgequollenen Lide. Beide Augen wurden glatt exterpirt, und ich legte Verbandstoffe in die leeren Schädelhöhlen.

Als der Verwundete nach den ersten Hülfeleistungen zum Bewusstsein erwachte, verlangte er nach dem heiligen Abendmahl; vielleicht dachte er, das könnte ihm helfen. –

Der körperliche Schmerz hatte diesen Menschen ganz rasend gemacht. Als man ihm die Hostie reichte, stiess er sie von sich.

Nachdem der Geistliche sich vergeblich bemüht hatte, die Gedanken des Unglücklichen wieder auf religiöse Dinge zurückzuleiten, liess er mich mit ihm allein.

Nun sprang der Verwundete aus dem Bette, fiel vor mir nieder, umklammerte meine Kniee und flehte mich an, ihn zu vergiften. Nach meiner Weigerung erging er sich in grässlichen Flüchen und bat Gott, mich wegen meiner Hartherzigkeit unter ähnlichen Qualen enden zu lassen, wie er sie jetzt leide.

Natürlich hinderten mich diese Ausbrüche nicht, an dem Kranken meine Pflicht als Pflegerin zu thun. Als seine Schmerzen sich unter der Wirkung von Morphium verminderten, bat er mich um Verzeihung wegen seines wilden Benehmens.

Am anderen Tage bat er, mir seine Leidensgeschichte erzählen zu dürfen.

Es war eine wirre, unsittliche Erzählung von vergeudeter Jugendkraft und zerstörtem Glauben.

Der junge Mann war Student der Rechte und verfügte über einen bedeutenden Wechsel. Er verbrachte seine Nächte in den Armen liederlicher Mädchen, seine Tage in der Kneipe. Seinen Geist verwirrte er durch Lectüre über Spiritismus, über theologische Fragen, über Philosophie. –

Er las und las, dachte über nichts nach und las wieder neues. Die tiefsten Gedanken, in denen grosse Männer ihre Lebensweisheit niedergelegt hatten, verschlang er mit derselben oberflächlichen Hast, wie einen spannenden Roman.

Als er zu faul geworden war, um noch zu lesen, nahm er ein Mädchen zu sich, das ganz ohne Schulbildung war und ihn durch ihre naive Gemeinheit amüsirte.

»Nichts ist wahr – alles ist erlaubt,« das war der einzige Wahlspruch, den er als Facit aus allen Büchern zog, die er gelesen, aus allen Schmutzereien, die er erlebt hatte.

Schliesslich überwältigte ihn der Ekel. Er griff zum Revolver, lag nun da und winselte von seinem Kinderglauben, von seiner Geliebten, vor allen Dingen aber von seinen Schmerzen.

Dieser Mensch war mir ausserordentlich widerwärtig. – Nach einigen Tagen verlangte er wieder nach dem Sacrament des Altars. Er erhielt es diesmal.

Nach der Communion sagte der Pastor zu ihm: Danken Sie Gott, dass Sie noch leben. Sie waren noch gar nicht würdig, zu sterben.

Darin gab ich dem Geistlichen recht. Dieser Mensch war nicht werth, in den geweihten Frieden des Todes einzugehen.

Er selbst sagte mir beim Abschied aus der Anstalt, dass er nach dem Tode zwar durchaus keine Sehnsucht empfände, dass er nur ganz einfach nicht mehr leben wolle.

»Nicht leben und am liebsten auch nicht sterben – – begreifen Sie, was mir eigentlich vorschwebt, Schwester?« Halb spöttisch antwortete ich ihm: »Gewiss, gehen Sie doch ins Kloster«. –

»Ich habe auch schon daran gedacht, aber so ohne Augenlicht – nein, es ist nicht mehr der Mühe werth.«

Das Unangenehmste bei dem schwankenden Gesellen war noch, dass er sich für geistreich hielt.

In guten Stunden brachte er es ja auch bis zu einer gewissen cynischen Frechheit. Es entschlüpfte ihm hie und da eine Bemerkung, die einen geistvollen Gedanken in geschmakloser Form ausdrückte.

Aber das waren eben die guten Stunden. Dagegen wenn es ihm schlecht ging, zeigte er wenig Selbstbeherrschung, und eine erbärmlich haltlose Seele jammerte nach dem Gotte, gegen den sein ganzes Leben eine einzige Beleidigung war. –

Er hat furchtbare Schmerzen aushalten müssen. Wenige Menschen habe ich jemals so grauenhaft leiden sehen. Als ihn die Anstalt entliess, suchte er den ersten Schienenstrang auf, der über seinen Weg lief und liess sich von einem Eisenbahnzuge zermalmen.

Abgesehen von seinem Ende, habe ich weder vor noch nach seinem Tode Mitleid mit diesem Menschen gefühlt.

Selbst das neugierige Interesse, das mir sonst alles, was mit dem Tode zusammenhängt, einflösste, ging hier unter in dem instinctiven Abscheu vor einem so unmoralischen, dabei unmännlichen Manne.

Ob ich jetzt Mitleid empfinden würde, wenn ein Mensch wie dieser, meiner Pflege überwiesen würde? Ich habe mich gerade nach dieser Richtung hin sehr verändert.


* * *


Das Bild jenes Studenten, das nun schon seit Jahren aus meiner Erinnerung gelöscht war, hat mich verfolgt, bis ich den Eindruck, den ich damals empfing, niederschrieb. Nun bin ich's los.


* * *


Sehr oft habe ich beobachtet, dass bei Sterbenden die Bilder des ganzen vergangenen Lebens noch einmal vorüberziehen – fern – nebelhaft, oft auch mit quälender Deutlichkeit.

Jetzt erlebe ich das an mir selbst. Besonders Nachts. – Schlafmittel wirken nicht mehr, ich mag nehmen, was ich will. Nun liege ich da in den langen, stillen Nächten; Schwester Elisabeth und Schwester Dora schlafen fest. Das Gas brennt dunkel und unsicher hinter meinem Bette, ich sehe nicht die Flamme, nur den Schein davon, und die Bilder ziehen vorüber.

Sonderbar, dass in dieser Athmosphäre jungfräulicher Reinheit und Unberührtheit, in diesem Heiligthum von drei der Kirche angehörenden Mädchen solche Bilder auftauchen können, wie dieser Student, an den ich gestern dachte, und andere so unrein, so von Erdenschmutz und Elend besudelte Gestalten! Dann wieder andere, die in unerschütterlichem Glauben litten und starben. – Wie sie durch die Station der Diakonissin gingen, so gehen sie jetzt durch diese Gedankenwelt, durch diese Nebelbilder, die der Griffel des Todesengels malt und verwischt. –

Bei allen anderen Sterbenden sind es aber die Bilder des eigenen Lebens, die in dieser Weise vorüberziehen. Die eigene Persönlichkeit, die eigene Gestalt bildet immer und überall den Mittelpunkt des Traumlebens vor dem Tode. Kurz zusammengefasst durchlebt der Mensch sein Leben noch einmal in der Erinnerung, ehe er stirbt, und dann heisst es ganz einfach: Nun zieh' die Summe!

Sehr oft ist das Resultat so kläglich, dass die Sterbenden um jeden Preis noch einmal leben, wenigstens noch einige Jahre ihrem Dasein hinzufügen möchten, um zu einem besseren Abschluss zu gelangen. Aber die Naturgesetze der Auflösung unterbrechen ihr Werk nicht.

Wenn der Anfang des Sterbens da ist, kommt das Ende des Sterbens und dann die Verwesung.

Das ist ein ganz irdischer, wissenschaftlich erklärter, nachweislicher, chemischer Prozess, der, nachdem er einmal eingeleitet ist, von der Natur zu Ende geführt wird. Da heisst es dann: »Der Engel des Herrn ist unerbittlich.«

Der Engel des Herrn, der Todesengel aber hat mit der ganzen Geschichte weiter nichts zu thun, als dass er die Lebensbilder malt, aus denen der Sterbende die Summe seines Daseins zu ziehen hat.

Hohnlachend reisst er den Verzweifelnden hinweg, der noch gutmachen, noch ändern, noch ausgleichen möchte.

Kalt und starr geleitet er den Gerechten, der mit Wohlgefallen und Befriedigung auf das kleine, gute Werk blickt, dessen Spur schon wenige Jahre des Weltlebens auslöschen werden.

Tröstend und freundlich umarmt der heilige Engel den erdenmüden Sünder, der sich nach ihm gesehnt hat. –

Ja die Bilder des eigenen Lebens! Die eigene Gestalt, das »Ich« ist der Mittelpunkt des letzten Erinnerungslebens.

Wenn ich aber die müden, fieberheissen Blicke auf diese Bilder richte, die vor mir vorbeiziehen, so steht immer eine fremde Persönlichkeit, ein anderer Mensch, der mich nichts angeht, im Vordergrunde. – Ich selbst stehe bei Seite.

Kurze Episoden, sehr oft die letzten Lebenstage anderer Leute sind die Erinnerungen meines Lebens.

Ich selbst habe nichts erlebt.

Nichts – – gar nichts.

An Gott habe ich meinen Willen, mein Ich gegeben bei der Einsegnung als fromme Schwester.

So habe ich kein eigenes Leben gelebt.

Vielleicht aber wäre das gerade mein Lohn. Ist denn Leben ein Glück?

Ich kann's ja nicht wissen – ich habe die Welt nur durch ein Kirchenfenster gesehen, oder am Krankenbett.

Ein Stück Leben mag das ja auch sein, aber nichts ganzes, kein eigenes Leben.

Mein Gesang hat kranke und müde Menschen erfreut, mir selbst hat er weder Ruhm noch Ehre erworben. Meine Schönheit hat die Schwesterntracht den Blicken der Menschen entzogen. Sie hat mir keine Beachtung, keine Liebe, kein Lebensglück gebracht. – Das junge Mädchen damals, Lilli Monta, die war Sängerin, die war schön, – wie ich – wie ich – –

Geliebt und gelebt, das war die Summe, die ihr Leben ergab, als es zu Ende war.

Mein Leben ist nun auch zu Ende, aber ich habe nicht geliebt und nicht gelebt, trotzdem ich als Künstlerin und als schönes Weib geboren ward, wie sie – wie Lilli Monta. –

Das ist die Summe, die ich ziehe – jetzt auf dem Sterbebette.

Wenn der Engel des Herrn barmherzig wäre und mir noch eine Spanne Zeit liesse! – – –

Ja das – der Engel des Herrn – –

Die Zeit war da, sie ist verpasst, das Sterben hat angefangen, nun geht's zu Ende. Ich muss mich fügen.


* * *


Ich glaube, die Jugend in mir lehnt sich auf gegen diese Einrichtung.

Ein altes, verkommenes Weib in einem verpesteten Winkel verendet – denn sterben war's kaum zu nennen – – – man schickt ein junges, blühendes Leben zu ihr hin, und die Mikroben, die Miasmen der Luft stürzen sich auf dies wehrlose Opfer, um es zu vernichten – zu verzehren. Dazu war ich nun ausersehen, dafür musste ich geboren werden! Eine Anstaltsjugend – in einem grossen Herrnhuterpensionat – nein das ist keine Erinnerung, das war auch kein Leben. Dann ein Jahr in dem ländlichen Pfarrhause meines Vormundes – war das Leben?

Zuletzt sieben Jahre Diakonissin, dann ein Krankenlager von einem halben Jahre und darauf der Tod. –

Warum wundere ich mich, dass keine Bilder vor mir vorüberziehen, deren Mittelpunkt ich selbst bin?

Lebensbilder sind das, und ich – ich habe ja gar nicht gelebt.

Ich stand neben dem Leben, in einem dunklen Winkel, im Spital.

Ich erinnere mich an eine Woche, in der ich meiner Klasse von Schwachsinnigen den Buchstaben und den Laut »sch« zu lehren hatte. – Wie diese hässlichen Kinder lachten und husteten und spuckten bei dieser Übung!

Warum will dieses Bild nicht weg? Es war so widerwärtig, so öde – – mein Leben – – ja ich kann nichts dagegen thun, vor meinen sterbenden Blicken zieht mein Leben vorbei.



IX.

Meine Aufzeichnungen haben eine Woche geruht. Ich sehnte mich oft danach, den einen  oder anderen Gedanken meiner stillen Freundin, der Schreibmappe, anzuvertrauen, aber ich war zu matt dazu.

So ganz ohne Kampf, ohne Widerstreben stirbt der Körper auch an einem schleichenden typhösen Fieber nicht.

Ich habe die letzte Woche schwer gelitten. Eine unsagbare Unruhe zuckte mir in Blut und Nerven. Es war wie ein letzter Kampf der Lebenskraft gegen dieses langsame, tückische Gift, das mir durch die Adern schleicht. Das Gift aber hat schliesslich gesiegt.

Am quälendsten für mich war in der letzten Zeit die Schlaflosigkeit. Dazu kamen Kopfschmerzen und Brustbeklemmungen. –

Unter der unmittelbaren Wirkung gewisser Medicamente fühle ich mich frisch genug, um noch zuweilen zu schreiben. Das muss mir ja die Musik ersetzen, deshalb lässt man mich auch darin gewähren. –

Schwester Christine ist ein liebes, gutmüthiges Mädchen, aber singen möchte ich sie nie wieder hören. Sie denkt auch selbst nicht daran, weil sie wie alle Anderen glaubt, ihr Gesang hätte mich zu sehr ergriffen und mir deshalb geschadet. Nur der Geheimrath scheint zu ahnen, was ich in Wirklichkeit damals empfand.


* * *


Schwäche – bisher habe ich unter Schlaflosigkeit gelitten. Jetzt liege ich Tag und Nacht in einem an Bewustlosigkeit streifenden Halbschlaf. Ich schlafe dabei niemals ganz ein und nur wenige Stunden bin ich wach. Nie länger, als eine ganze Stunde auf einmal. Schon nach vierzig, fünfzig Minuten geht das Bewusstsein in leise Dämmerung über. Ich frage Doktor Klaus, was das ist. Er sieht mich traurig – sehr traurig an und sagt: »Schwäche.«

Ich frage den Professor. Er zuckt die Achseln: »Schwäche.« –


* * *


Schwester Christine hat mir heute ihr Herz ausgeschüttet. Sie fühlt sich unglücklich als Diakonissin. Sie möchte Sängerin werden.

Ich fragte sie, ob sie wohl jemals zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Rolle singen könne, weil sie durch Contract, gegen Bezahlung dazu verpflichtet sei. »O, ja,« antwortete sie, ich kann zu jeder Zeit, unter allen Umständen singen. – Ich fühl's, ich muss deshalb auch dem Rufe in meiner Brust folgen. Ich bin eine Künstlerseele.«

Ich sehe sie träumend an.

»Verstehen Sie mich, Schwester Minna? Begreifen Sie nicht, dass die Kunst ein Recht hat, die Person einer Künstlerin zu fordern? Kann man überhaupt eine echte, rechte Diakonissin sein, wenn man im Herzen Künstlerin ist?«

»Ich weiss es nicht« sagte ich leise.

»Was würden Sie thun?« fragte sie dagegen.

»Das haben Sie ja gesehen – ich bin Schwester geblieben.«

»Sie rathen mir also ab? Sie finden es natürlich frömmer, wenn man Schwester bleibt! Aber sehen Sie, ich kann mich nicht in diese konventionelle Frömmigkeit finden. Ich bin gar nicht immer dazu aufgelegt.«

»Aber zum Singen?«

»Ja, dazu immer.«

Sie dachte wohl, sie müsste mir noch genauer erklären, was ihr an dieser »konventionellen Frömmigkeit« schwer falle.

So erzählte sie von ihrer Station.

Es war da ein Mädchen gestorben, und die Eltern kamen, sich danach zu erkundigen. Sie hatte gerade mit den Johanniterschwestern im Unterrichtszimmer gelacht und gescherzt, war voll guter Laune und Unsinn. Nun sollte sie den Eltern den Todesbericht der Tochter geben.

»Sie erzählte mir, wie sie mit Mühe eine feierliche, ernste Miene angenommen habe und mit den Worten: »Gottes Wege sind dunkel, aber sie führen stets zum ewigen Heils den Leuten entgegetreten sei.

»Sehen sie, Schwester Minna, da kam ich mir vor wie eine Komödiantin.«

»Und nun wollen Sie deshalb eine wirkliche Komödiantin werden?«

Sie zuckte die Achseln. »Natürlich – Sie verachten die Kunst. Ich hätte mir das denken können. Hier in der Anstalt werde ich wohl auch niemand finden, der mich versteht.« –

Sie ging. Also ich verachte die Kunst! Ach –

Wenn ich doch nicht so müde wäre – so fürchterlich müde! Es bewegt sich alles vor meinen Blicken. Halbschlaf – Halbes Denken – Halbes Leben!


* * *


5. Februar.

Riviera-Rosen!

Heute ist mein Geburtstag. Habe wohl mein letztes Lebensjahr vollendet. Sechs und zwanzig Jahre bin ich alt geworden.

Auf irgend eine Weise muss Doctor Klaus das in Erfahrung gebracht haben, denn schweigend legte er mir heute früh die Rosen auf meine Decke. –

Es giebt also jetzt einen Ort auf Erden, an dem die Rosen blühen. Gar nicht so sehr weit von hier, in einigen Eisenbahnstunden erreichbar.

Dort könnte ich vielleicht auf einer sonnigen Terrasse ruhen und Frühlingsluft athmen. Dieselbe Erde, dasselbe Leben! Rosen-Duft, – –

Aber ich sehe durch eine halbgefrorene Fensterscheibe in zerrinnenden Schnee und endlosen Schmutz. Wie kalt und gleichgültig mich das ansteht – mein Lehen – – ach, ich bin müde. Vielleicht kommt die so lange ersehnte Ruhe nun bald.


* * *


Der Austritt von Schwester Christine macht viel Aufsehen in der Anstalt. – Oberschwester Hedwig ist der Ansicht, dass jedes junge Mädchen, das sich der Kunst und, wie in diesem Falle, gerade der Bühne widmet, so ziemlich ohne Umweg der Hölle entgegengeht.

Es macht dabei in ihren Augen keinen Unterschied, ob die Betreffende vorher Diakonissin war, oder irgend etwas anderes.

Die Sache an sich erscheint ihr so verwerflich, dass es dabei keine Rangunterschiede in der Verdammniss mehr giebt.

Das Einzige, was sie für das verirrte Schaf noch thut, ist, dass sie mich gebeten hat, die Unglückliche in meine Gebete einzuschliessen.

Gerade als ob ich eine Heilige wäre, die für eine Sünderin Fürbitte thun kann! Ich achte dabei genau auf mich. Niemals führe ich einen Bibelvers im Munde, was bei uns etwas so gewöhnliches ist. Niemals erwähne ich auch nur mit einer Sylbe das Leben nach dem Tode.

Alle im Hause glauben so fest daran – ich fände vielleicht jemanden, der mich zu überzeugen vermöchte, aber ich kann nicht – – ich warte lieber, bis das ewige Geheimniss sich vor mir selbst enthüllt – einmal werde ich es ja doch erfahren. Wissen. –


* * *


Ich zweifle an Allem – und dabei gelte ich für unwandelbar fromm, ganz ohne mein Zuthun. – »Nichts ist wahr.« – – Nein, man würde in's Bodenlose sinken, wenn man darauf Consequenzen weiter ausbauen wollte. Wenn man Dinge berührt, die an der Grenze des Verstandes liegen, könnte der Verstand ebenso wie der Glaube zu Grunde gehen.


* * *


Unsere Oberin steht in Bezug auf Schwester Christine dem Standpunkte der Schwester Hedwig ziemlich nahe.

Sie findet es besonders schlimm, dass eine fromme Schwester in dieser Weise sich selbst und ihrem Gotte untreu werden kann.

Von mir hat sich die Sünderin gar nicht verabschiedet. Ich habe ihr ja auch gezeigt, dass ich die Kunst nicht verstehe.

Der Geheimrath fragte mich heute, ob man mich mit dieser Sache viel belästige.

Ich sagte, dass allerdings so ziemlich jede Schwester mir ihre Privatmeinung darüber anvertraut hätte.

»Na – und Sie, Schwester Minna?«

»Ich missbillige den Schritt auch, weil ich Schwester Christine gar nicht für eine Künstlerin halte.«

Es war das erste Mal, dass ich meine Meinung aussprach. Es hatte mich noch niemand danach gefragt, weil jeder schweigend annahm, dass ich seine Ansicht theile.

Der Geheimrath drückte mir warm die Hand.

»Na endlich doch mal ein Mensch, der die Wirklichkeit sieht und nicht vor lauter religiösem Eifer vergisst, was eigentlich vorliegt. –

Diese dumme Gans wird bei der Bühne bald in eine sehr tiefe Sphäre sinken – eine Person, die ganz unmusikalisch ist. – Herr Gott im Himmel!« So eifert der alte Herr.

»Nun sie hat doch immerhin Klang in der Stimme,« bemerkte ich.

»Eine Orgel hat auch Klang, aber man muss sie spielen können. Ein unmusikalischer Mensch kann mit der grössten Stimme nichts machen.«

Ich sprach mich nicht aus. Was geht es mich schliesslich an, ob es eine schlechte Sängerin mehr giebt da draussen in der Welt, die ich nicht kenne.

Nach einer stummen Pause begann der Geheimrath von Neuem:

»Wissen Sie noch damals – als Sie in der Nacht das requiem sangen – Schwester Minna – als ich Sie zum ersten Mal hörte?«

Ich nickte in freudiger Erinnerung. Alles, was mit der Musik zusammenhängt, berührt mich angenehm.

»Wären Sie damals meinem Rathe gefolgt, ausgetreten – Sängerin geworden, Sie hätten sich niemals diese giftige, tötliche Ansteckung geholt – Sie lebten jetzt – in der Kunst – Sie wären jung, froh, gefeiert, gesund – – eine Welt läge zu Ihren Füssen.« – – – – – –

Er unterdrückte den Nachsatz – »Und nun!« Aber seine Blicke sprachen ihn mit voller Deutlichkeit aus.

»Wenn ich die geeignete Persönlichkeit dazu gewesen wäre, eine Rolle in der Welt, in der Kunst, im Leben zu spielen – so wäre ich nicht als Lehrschwester bei schwachsinnigen Kindern eingetreten, Herr Professor.«

»Ach was! – Das war die Folge einer verschrobenen Erziehung, man hätte Sie herausreissen müssen aus dem Quäkerthum, in dem Sie aufgewachsen sind. Statt dessen hat man Ihre Künstlerseele an's Kreuz genagelt. – Nur deshalb hat Ihr junger Körper so wenig Widerstandskraft gegen die Krankheit. Dass Sie's nur wissen! Wären Sie ein Stern geworden, der Sie werden mussten, es wäre anders gekommen.«

»Ein Stern muss kämpfen, um zu Glanz und Ansehen zu gelangen. Ich aber habe mich nach Ruhe gesehnt, schon in der Knospenzeit.«

»Natürlich, der Körper wird müde, stumpf, gleichgültig, wenn die Seele nicht lebensfroh ist. Nur wenn sie sangen, habe ich sie leben sehen. Sonst waren Sie immer nur eine tote Maschine.«

»Und doch hat diese tote Maschine sich die Zuneigung so vieler Menschen errungen – –«

»Auch meine Zuneigung, Schwester Minna. – Seit fünf Jahren, wenn ich Sie ansehe, sage ich mir jedesmal – es ist ein Jammer um dieses Menschenkind. Ein wahrer Jammer!«


* * *


Das Kruzifix über meinem Bette hat nun eine ganz andere Bedeutung für mich gewonnen. – Es ist ein Bild meiner Seele. Die Kunst, alles was gross, heilig, unsterblich in mir war, ist gekreuzigt und hat sich langsam zu Tode gerungen in all dieser Zeit. – Zum letzten Mal hat die Flamme des Lebens hell in meiner Seele gestrahlt, als ich im Dom die Matthäus-Passion hören durfte. Von da an habe ich nicht mehr gelebt. –


* * *


20. Februar.

Doktor Klaus hat mir nun die letzte Enttäuschung bereitet, die das Leben, wie ich es mir selbst gewählt und eingerichtet habe, mir noch bringen konnte. Meine Freundschaft ist ihm eine Qual. Selbst der dem Tode nahen Freundin gegenüber bleibt er der Mann. Er sieht nichts in mir, als das von ihm begehrte und geliebte Weib.

Heute früh trat er hastig und, wie mir schien, erregt bei mir ein. Er packte allerlei, mir sehr wohlbekannte Instrumente aus. »Ja, um Gottes Willen Doktor, was haben Sie denn vor?«

»Ich will Sie retten« – er brachte es kaum zwischen den zusammengebissenen Zähnen heraus.

»Aber daran denkt doch kein Mensch mehr.« – Ich suchte ihn abzuwehren – erstaunt – erschrocken – er liess sich aber nicht irre machen.

Ohne meine Einwendungen zu beachten, untersuchte er meinen Körper so sachlich, so gründlich, wie ich ihn sehr oft Andere habe untersuchen sehen. Er sprach kein Wort dabei, was nicht nöthig gewesen wäre.

»Bitte, tief Athem holen – so, danke – etwas aufrichten, geht es nicht? – soll ich Schwester Dora – –«

»Nein, danke« – er half, und es ging.

Als er fertig war, packte er seine Sachen zusammen, sprach aber noch immer kein Wort.

Auf meinen fragenden Blick gab er mir dann eine Antwort: »Sie müssen jetzt ausruhen, es hat Sie angegriffen – wir plaudern später.«

Er dankte mir noch einmal kurz – sanft und weich; wie eine liebende Schwester oder Mutter bettete er mich in die Kissen – schwieg, schwieg und ging schnell hinaus.


* * *


Das Schweigen nach der ärztlichen Untersuchung hätte mir zu denken geben können. – Vielleicht war's gut für mich, dass ich nicht mehr viel und vor allem nicht mehr anhaltend zu denken vermag.

Eine ziemlich feste Ueberzeugung, dass jede Hoffnung auf die Bettung, die er angedeutet hatte, ausgeschlossen sei, erfüllte mich.

Der Gedanke an den Tod – der ewige Kreislauf – ich wurde sehr schnell müde und lag wieder still, halb schlafend – das ist Ruhe, dieses halb – bewusstlose Träumen, süsse, erlösende Ruhe und doch auch nur körperlich – die Seele leidet nicht dabei, geniesst aber auch nichts. – Ob das anders werden wird in der ewigen Buhe? Ob die Seele da – – –

Wenn mir doch bei solchen Gedanken nicht immer der ferne verklungene Satz einfiele: Nichts ist wahr – – – nichts ist wahr – –


* * *


Erst gegen Abend kam Doctor Klaus zu mir zurück.

»Nun, lieber Freund, haben Sie noch Hoffnung, mich zu retten?«

Er setzte sich zu mir auf einen niedrigen, kleinen Stuhl, den er sehr liebt, und der seinen Kopf mir sehr nahe bringt.

»Eigentlich, theoretisch möchte ich Ihre Frage beinah bejahen,« fing er an. »Eine organische Veränderung, die das Weiterleben ausschliesst, liegt nicht vor, höchstens das Herz –«

»Aber weshalb machen Sie denn so viel Einleitungen? Das Fieber hat meine Lebenskraft zerstört – vielleicht im nächsten Monat, wenn die erste Frühlingsluft weht, wird diese halbe Bewusstlosigkeit, in der ich jetzt so oft liege, einmal in den Tod übergehen. Oder zweifeln Sie vielleicht daran?«

Während ich sprach, hatte ich einen krampfhaften Druck seiner Hand, die meine Hand umschloss, empfunden.

»Wenn Sie nach der Reviera führen« – sagte er leise.

»Aber lieber Freund, wie soll ich hinkommen?« entgegnete ich mit einem Versuche zu lächeln.

»Denken Sie doch an die rauhe Jahreszeit, an die lange Eisenbahnfahrt – schon das Ankleiden, die Fahrt nach dem Bahnhofe, das Einsteigen in den Zug – – – wirklich, es ist unmöglich, es geht nicht mehr.« –

Er gab aber nicht so schnell nach. »So? glauben Sie denn wirklich, dass Sie die erste Kranke wären, die, ohne sich selbst bewegen zu können, nach einem Kurorte transportirt würde?«

Ich weiss nicht recht, was mir an dem Ausdruck missfiel. Aber jedenfalls berührte er mich unangenehm.

»Ich habe diesen »Transport« schon vor Weihnachten abgelehnt, als der Geheimrath mir den Vorschlag machte,« erwiderte ich.

»Sie sollten damals mit Schwester Elisabeth reisen, nicht wahr?«

»Ja – wenn sie nicht gern mit mir gegangen wäre, natürlich mit einer andern Schwester.«

»Ich begreife, dass Sie das nicht wollten,« meinte er.

»Ich habe eigentlich jetzt manchmal Momente, wo ich's nicht begreife.«

Ein leises, halbes Zugeständniss, aber es erregte die lebhaftesten Hoffnungen bei ihm.

»So möchten Sie doch noch leben? O bitte, bitte, sagen Sie doch, dass Sie leben möchten,« flehte er.

»Aber es ist ja unmöglich, lassen Sie mich!« Ich erschrak vor seiner Heftigkeit, er hatte seinen Arm so unter mein Kissen geschoben, dass ich fast an seiner Brust lag.

»Nein, ich lasse Sie nun nicht mehr,« flüsterte er heiss. »Minna, wenn Sie mir das Recht gäben, mit Ihnen zu reisen! Der Anstaltsgeistliche kann uns trauen, hier in aller Eile an Ihrem Bette. Wir brauchen Schwester Elisabeth nicht. Mit einer einfachen Krankenwärterin bringe ich Dich hin nach dem Süden und lebe da für Dich und pflege Dich, und Du und Du?« – –

»Nun, was denn – ich? Ich würde im Süden sterben, wie ich hier sterbe. Es ist zu spät – begreifen Sie doch, dass ich das fühle.«

»Sterben« – ein Schluchzen brach seine Stimme. Sein ganzer Körper bebte. »Nun, mein Gott ja, wenn's denn sein muss, aber ich – ich bleibe doch nicht so jammervoll einsam und trostlos zurück, wenn ich mein Lieb wenigstens noch mein Eigen genannt hätte, wenn auch vielleicht nur auf Wochen oder Monate.« – –

»Nein, nein – die Zeit ist viel kürzer.« – Ich konnte weiter nichts sagen – zwischen zwei Küssen, die mich beinah erstickten.

»Hier – ja hier handelt sich's vielleicht kaum noch um Wochen – eine kurze Reihe von Tagen, noch abgekürzt durch die immer länger werdenden Pausen der Bewußtlosigkeit – – aber dort im Süden, unter meiner Pflege Tag und Nacht, – – an der frischen Luft – in der Sonne – Herrgott – ich kann's gar nicht ausdenken, wenn Du Dich erholtest – zurückkehrtest, um zu leben, um mein zu sein.« – – – –

»Sie glauben, dass ich im Falle einer Genesung mein Amt niederlegen würde, um Ihre Frau zu sein, Herr Doktor Klaus?«

»Nun natürlich – was denn sonst? Nie, niemals wieder lasse ich Dich Krankenhausluft athmen. O, ich werde mein Glück schon zu hüten wissen.«

Als ich abweisend schwieg, strich er schüchtern über meine Stirn. »Auch die Musik wird eine Stätte haben in unserm Heim, einen Platz in unserm Leben,« sagte er leise.

Wirklich, einen Platz in unserem Leben – – – – Die Musik, die mein Leben ist! Aber ich hatte nun genug geträumt. Ich musste mich auf mich selbst besinnen und ihm energisch und kurz sagen, dass er sich keine Illusionen machen dürfte, da ich nichts anderes, wie Freundschaft, für ihn empfände.

Er war sehr niedergeschlagen bei meiner Abweisung. Dabei kann ich ihn nicht mal bedauern. Wozu muss so ein Mann immer an Besitz denken, an Genuss als Eigenthümer des Weibes? Wirklich – geschmacklos! –


* * *


Heute hat Doktor Klaus mich gebeten, trotz seines Gefühlsausbruches noch ferner seine freie Zeit bei mir zubringen zu dürfen. Mir fiel dabei wieder ein, dass ich ihn hatte veranlassen wollen, zu heirathen, wenn ich nicht mehr bei ihm sein würde.

Ich kam heute darauf zurück.

»Nie, nie,« sagte er, »ich werde meiner einzigen Liebe nachtrauern, so lange ich lebe.«

Ich habe mir früher gewünscht, geliebt zu werden. Jetzt bin ich geliebt, mit leidenschaftlicher Hingabe geliebt. Glücklich aber macht mich das durchaus nicht. Ich kann die Liebe nicht verstehen. –


* * *


Es geht mir jetzt, wie einstmals Schwester Henriette, die mir ihr Tagebuch zeigte. Ich blättere in der heiligen Schrift, suche, suche, denke nach – aber ich finde niemals eine so glatte, klare Anknüpfung, wie damals die junge, kindliche Seele. Es steht geschrieben im 88. Psalm: »Wirst du unter den Toten Wunder thun? oder werden die Verstorbenen aufstehen und dir danken? Wird man in Gräbern erzählen deine Güte und deine Treue im Verderben?«

In Gräbern erzählen tot – – sein, nichts empfinden, kalt, unbeweglich, starr daliegen und verwesen, das hab' ich mir immer gedacht – immer denken können, aber »in Gräbern erzählen!« –


* * *


Weiter steht geschrieben: Paulus 2 Cor. 15, 51. »Siehe, ich sage Euch ein Geheimniss: Wir werden nicht Alle einschlafen, wir werden aber Alle verwandelt werden. –«

Wenn jemand ein Geheimniss sagen kann, das sich auf diese ewigen Dinge bezieht, auf die Auferstehung und das Leben nach dem Tode, so muss dieser Mann doch ein Heiliger gewesen sein, oder ein Vertrauter Christi, oder – – – ein Phantast.

Sollte aber das Wort eines Phantasten, das nicht auf Wahrheit und Wirklichkeit gegründet ist, zwei Jahrtausende überdauern und noch heute als Dogma bestehen können?

Das anzunehmen, wäre doch eine Herabsetzung des menschlichen Verstandes, der geistigen Würde, die den Menschen tief stellen würde, tief wie das Thier.

Was giebt dem Verstande zu solchen Zweifeln ein Recht?

Das Wort, das Jahrtausende überdauern konnte, das noch heute den Trost und den Halt der ganzen Christenheit bildet, kann kein leerer Schall sein, kein Nichts, wie irgend eine wissenschaftliche Hypothese, die auftaucht, um nach wenigen Jahren, spätestens nach einigen Jahrhunderten zu verschwinden.

Die Worte des Christenglaubens sind ewig, folglich sind sie wahr. – Einmal aber diese Wahrheit angenommen, fügt sich Satz an Satz, logisch entwickelt sich der Aufbau der Gedanken, der Kirchen glaube mit allen seinen Consequenzen ersteht.

»Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach.« Mit dem Eintritt in den dienenden Stand der Diakonissen habe ich dieses Kreuz auf mich genommen. Ich brauche Ihm jetzt nur noch nachzufolgen, um theil zu haben an den Segnungen der Verheissung.

Die guten Werke machen nicht selig. – Ich habe das Kreuz getragen, aber ich bin meinen eigenen Weg damit gegangen. Jetzt ist der Weg zu Ende. Sollte ich mich verirrt haben und in eine Wüste gerathen sein? –


* * *


Heute habe ich das heilige Abendmahl empfangen. Die Oberin schliesst daraus, dass ich mich mit dem Gedanken an ein nahes Ende vertraut gemacht habe. Infolge dessen spricht man jetzt ganz unbefangen davon zu mir. Es ist wunderbar, wie felsenfest die Ueberzeugung an ein besseres Jenseits in all diesen Herzen lebt. Ich frage Schwester Dora, wie sie sich etwa dieses bessere Jenseits vorstellt, für mich z. B.

»Sie werden all Ihre Lieben wiedersehen, Schwester Minna, in Ewigkeit mit ihnen vereinigt bleiben.«

»Aber ich habe keine Lieben,« antwortete ich.

»Haben Sie in ihrem ganzen Leben niemals irgend einen Menschen lieb gehabt?«

»Nein, niemals, Schwester Dora.«

Sie sieht mich traurig an. »O – dann, dann werden Sie dort diejenige Liebe und das Glück finden, von dem sie nur hienieden geträumt haben, wenn es Ihnen auch körperlich niemals genaht ist.« Ich denke darüber nach. Der Gedanke ist schön.

Wenn ich dort im Jenseits eine Seele fände, in der ein gleicher Traum das Ideal des Schönen zu einer verklärten Wirklichkeit werden liesse, in Tönen, in reinen, unirdisch erhabenen, ewigen Harmonien von unendlicher Schönheit – wäre das nicht eine Befriedigung und werth, deshalb gelebt zu haben und gestorben zu sein?

Wenn die hier nur geträumten Ideale dort zum Ereigniss würden – –

Schwester Dora unterbricht mein Sinnen. »Nein, Schwester Minna, ich glaube das, was ich mir da vorhin ausgedacht habe, war doch recht irdisch und kindlich. Das grösste und einzige Glück, das uns im Jenseits erwartet, das Ziel und der Zweck unseres irdischen und ewigen Lebens, ist die Vereinigung mit unserem Herrn Jesus, nach dem wir uns im Leben sehnen, und den wir im Tode besitzen werden. Das ist die Seligkeit.«

»Sagen Sie mal, Schwester Dora, ist es Ihnen noch niemals eingefallen, dass das Alles vielleicht nicht wahr ist und jenseits des Grabes nichts sein könnte, keine Gottheit, kein Leben, keine Vergeltung – ganz einfach nichts?« »Nein, Schwester Minna, in diesem Falle wäre ja mein ganzes Leben, mein Hoffen, mein Glauben und schliesslich auch meine ganze Arbeit verloren. Weshalb sollte ich also wohl so etwas denken?«

»Man kann doch nichts dafür, wenn solche Gedanken kommen.«

Sie sieht mich ängstlich an. »Das sind Fieberphantasien, liebe Schwester. Beten Sie, dann werden Sie Ruhe finden.«

Nun, ich denke, Ruhe finde ich nun auf jeden Fall, und zwar bald.


* * *


Anfang März.

Heute war Doktor Klaus besonders weich gegen mich. »Ich werde Sie in der letzten Angst nicht verlassen,« flüsterte er mir zu und wagte einen leisen, leichten Kuss auf meine Wange.

In meiner letzten Angst? – Ja, habe ich denn Angst, Todesangst? Sollte es keinen Menschen geben, der frei davon bleibt? – Wenn der Vorgang des Sterbens doch kein seelischer Act, sondern rein körperlich ist, so ist er dem Arzte klar, und niemand kann entrinnen. Er erwartet also Angst – auch bei mir.

Was für eine Fessel doch dieser Körper ist! Wie frei, wie leicht – wie erlöst muss die Seele werden, die ihn abgestreift hat! –


* * *


Was für tiefe Gedanken hat doch der Apostel Paulus gehabt! Wie gross und stolz tönen seine Worte durch die Jahrtausende! Im 5ten Cap. schreibt er an die Chorinther V. 3: »Wisset ihr nicht, dass wir über die Engel richten werden? Wieviel mehr über die zeitlichen Güter?«

Ueber die Engel richten! – In den Jahrhunderten, die dahinzogen, seit das geschrieben ward, kam kein zweites, so stolzes, selbstbewusstes Wort aus Menschenmund. Wie ein Gott musste sich doch der fühlen – der erwartete, über die Engel zum Richter gesetzt zu werden!

Und dieses Evangelium, das diesem Manne gut genug war, auf das er starb, an das er glaubte, das ihm seine Kraft und seinen Götterstolz gab, sollte das mir nicht genügen?

Paulus mit Dir – – über die Engel zu richten – – –


* * *


Die erste Nachtwache an meinem Bette. Der Professor lief heute in grosser Unruhe aus und ein. Gegen Abend sagte er mir, dass er mich lieb hätte wie eine Tochter, gerade weil ich nicht so in mir gefestigt, so buchstabenfromm sei, wie die Andern.

»Und die Musik, Herr Professor,« fragte ich, »die Musik – ja Kind, die verliert am meisten an Ihnen, aber wir Andern wir auch – genug, gerade genug.«

Er schien sehr gerührt zu sein und ging. Die Liebe drängt von allen Seiten an mich heran, die Schwestern streiten sich um die Nachtwache.


* * *


Trotz der Nachtwache, der officiellen Erklärung, dass es jeden Augenblick zu Ende sein kann, fühle ich mich heute nicht kränker, als sonst. Aber die Andern umgeben mich mit ihrer Liebe und möchten mich über den Tod hinausfuhren und geleiten zu dem, was sie Himmel, Seligkeit nennen. Ich aber, ich – – glaube, ich habe es gelernt, die Liebe zu verstehen.


* * *


In der vorigen Nacht hat sich Doktor Klaus an der Nachtwache betheiligt. Der Professor kam auch einige Male und sah nach mir. Die Oberin bedient mich heute selbst. So sterbe ich ja wohl in allen Ehren als fromme Schwester.

Aber die Feder sinkt mir nun doch aus der Hand. Die Ruhe kommt, und das Geheimniss der Ewigkeit beginnt, sich zu entschleiern. Ob es etwas anderes bergen mag, als das Nichts – das grässliche, hoffnungslose, todestraurige, endlose – Nichts?    Ach, man muss glauben!