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Adine Gemberg – Das heimliche Elend

Essay

aus: Neue deutsche Rundschau (Freie Bühne), VII. Jahrgang Erstes und zweites Quartal, S. Fischer Verlag, Berlin, 1896, S. 486-491

Wo sitzt das Elend? Bei den Arbeitern?

Zwei muthige Menschenfreunde gingen hin, um diese Frage zu lösen. Das war ein Unternehmen, als ob sie eine Entdeckungsreise nach einem fremden Welttheil gemacht hätten. Paul Göhre und Minna Wettstein-Adelt haben mit den Arbeitern gearbeitet, haben unter den gleichen Lebensbedingungen wie Jene gelebt und dann ihre Erfahrungen und Beobachtungen der Öffentlichkeit übergeben.

Der litterarische Erfolg dieser Unternehmungen war kaum nennenswerth. In Schriftstellerkreisen kennt man ja die Namen der beiden Verfasser und ihrer Bücher, aber im Publikum weiss man wenig davon.

Diese Beiden, die mit ihrer Person für einen Gedanken edelster praktischer Nächstenliebe eintraten, die eine Entdeckungsreise von unberechenbarer Tragweite gemacht hatten, mussten erwarten, dass das ganze deutsche Volk ihren Enthüllungen lauschen, das Ausland ihre Leistungen anerkennen würde.

Statt dessen blieben beide Schriften ungekauft, von weiteren und massgebenden Kreisen unbeachtet. Kurz vorher hatte Booth seinen dicken Band: »Durch das dunkelste England« veröffentlicht. Da war ein ähnliches Thema behandelt, und das Buch hatte einen Erfolg, wie ihn der deutsche Buchhandel kaum kennt. Nicht Tausende, sondern Hunderttausende von Exemplaren wurden verkauft, und gelesen wurde das Buch – gelesen – wie in Deutschland nie etwas gelesen wird. Die Presse war voll davon, auf den Kanzeln, auf den Bühnen sprach man darüber. Auch das deutsche Publikum kaufte dieses Buch über das Elend in England und liess die beiden Bücher über deutsches Elend liegen.

Das Buch des Generals der Heilsarmee ist mit einem gewissen Pathos geschrieben. In der salbungsvollen Form heuchlerischer Entrüstung bringt es die unsittlichsten Pikanterien – ja, das kann in anständigen deutschen und englischen Häusern gelesen werden! Der Greuel der Sünde wird freilich enthüllt, enthüllt bis zur Nacktheit, aber es wird doch immer betont, dass die Frommen, denen der Leser sich natürlich zurechnet, hoch über diesem Greuel stehen. –

Dagegen ist das Buch des Kandidaten Göhre trocken und ungeniessbar und die gutgemeinte Studie der Frau Wettstein steht litterarisch noch tiefer.

Aber der Stoff liegt in der Zeit. Das Interesse ist da, und wenn wir auch kein Sensationswerk darüber besitzen, wie die Engländer, so finden sich doch auch in Deutschland allerlei Broschüren, Zeitungsartikel, Studien und Berichte über die Lebensverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung. Unter normalen Verhältnissen, das heisst, wenn der verheiratete Mann regelmässig verdient, stellt sich die Jahreseinnahme eines Handarbeiters auf acht bis fünfzehnhundert Mark.

Müsste damit der Mann sich und seine Familie ernähren, so wäre das ja ein Elend. Man brauchte dann Hunger und Verzweiflung nicht weiter zu suchen, hier würden sie gegeben sein. Unter normalen Verhältnissen denkt aber keine Arbeiterfamilie daran, den Mann für alles sorgen zu lassen. Im Gegentheil, man findet es im Volk selbstverständlich, dass überall die Frau mit verdient; und spätestens von der Confirmation an auch die Kinder. Sehr oft verdienen die Kinder schon früher, zwölfjährige Mädchen übernehmen die Wartung kleiner Kinder, Knaben oft noch unter zwölf Jahren tragen Zeitungen aus und dergleichen mehr.

In einer Arbeiterfamilie, wenn Mann, Frau und Kinder verdienen, wohnt nun und nimmer das Elend. Die Frau tritt auch ohne jede Illusion in die Ehe. Sie hat in der Regel als Mädchen gedient und Geld erworben, es erscheint ihr selbstverständlich, dass sie das auch als Frau muss.

Wenn die Familie auch einmal Pech hat, so ist das allgemein menschlich und vorübergehend.

Der Arbeiter bekennt seine Verhältnisse und strebt danach, sie zu verbessern. Die Frau wird ihm, je weiter wir in die neue Cultur schreiten, desto mehr dabei helfen. Das ist nicht das wahre Elend.

Das wahre Elend ist stumm und heimlich. Wir haben es an anderer Stelle zu suchen, und es ist Zeit, dass man darauf den Finger legt.

In den Briefkasten und im Inseratentheil grosser, vielgelesener Familienzeitschriften giebt es eine stehende Rubrik, über die der Leser meistens gleichgültig hinwegsieht, die aber eine Ecke des Schleiers lüftet, der das Geheimniss des tiefsten Menschenleides verhüllt.

Diese Rubrik heisst: »Nebenerwerb.«

»Damen, die Leinwand verkaufen wollen, Thee verkaufen wollen, finden einen lohnenden Nebenerwerb,« heisst es da.

Den Thee- und Leinenhandel in allen Ehren, aber warum soll das ein Nebenerwerb sein? Warum müssen die Damen hinterrücks ihren Bekannten die Waaren aufschwatzen, anstatt sich in ein Geschäftslokal zu stellen und sie dort zu verkaufen?

Wie oft liest man anonyme Anfragen, in denen Damen edeltdenkende Menschen bitten, ihnen zu der Möglichkeit zu verhelfen, sich heimlich ein kleines Taschengeld zu verdienen! Vor ihren Bekannten halten sie mühsam den äusseren Schein aufrecht, als wenn sie nicht nötig hätten, zu arbeiten. Zu ihrem »Vergnügen« häkeln sie angeblich, nur ein bischen, und in Wahrheit sitzen sie die Nächte durch an der Arbeit, um 15 Pfennige für ein Meter zu erhalten. Das Häkeln von Spitzen bringt einen Erwerb von höchstens 3 Pfennig in der Stunde. Ein Gross, also 12 mal 12 Knöpfe mit Seide zu überhäkeln, wird von den Posamentiergeschäften mit 60 Pfennig bezahlt. Höheren Werth hat diese Arbeit nicht, weil sie auch von Maschinen verrichtet werden kann. Es ist unmöglich, an einem Tage von 12 Arbeitsstunden mehr wie 4 Dutzend, bei einfachem Muster vielleicht 6 Dutzend Knöpfe zu häkeln. Das ist somit ein Arbeitslohn von 30-40 Pfennig für einen Arbeitstag von 12 Stunden. Man braucht also nicht zu den schlesischen Webern zu gehen, um derartige Verhältnisse zu finden. Sie sind ganz alltäglich in den Familien vieler Beamten, Lehrer, Pastoren und namentlich bei gebildeten Wittwen. Keine von diesen Damen aber würde in ein fremdes Haus gehen, um z. B. Wäsche auszubessern und Kleidungsstücke zu verändern. Thäten sie das, so würden sie einen Tages-Verdienst von 1,50 Mk., in Berlin sogar 2 Mk. und ausserdem Verköstigung geniessen.

Dessen aber schämen sie sich und fertigen lieber Handarbeiten an, die für ihre Anstrengungen einen Hungerlohn einbringen und die eigentlich im Zuchthause hergestellt werden müssten. Nebenbei geniren sich diese Damen auch, die groben Arbeiten für ihre eigene Wirtschaft zu verrichten, und Wittwen, die oft eine Pension von nur 900 Mk. beziehen, halten sich eine »Aufwartung« die ihnen die Stiefel putzt, die Fussböden wäscht und dergleichen mehr. Das sind die Verhältnisse, die ich als das Elend, als das echte, wahre, tiefe, hoffnungslose Leid des Lebens ansehe, weil sie Zeugniss ablegen von einer Fesselung der Geister, die viel schwerer abzustreifen ist wie die leichten Banden, die vielfach noch die Frauen der Arbeiter hindern sich voll auszuleben, als gleichwerthige gleichberechtigte, und erwerbende Lebensgefährten der Männer.

Diese armen Damen, die heimlich arbeiten, weil sie es für eine Schande halten, offen zu arbeiten um Geld zu verdienen, sind deshalb so bejammernswerth, weil sie so hoffnungslos beschränkt sind. Giebt es etwas traurigeres, als wenn ein Mensch seine Zeit, seinen Fleiss so wenig achtet, dass er seine Arbeit vor der Welt verleugnet und sich in Folge dessen mit einem Hungerlohn begnügt? Ist da nicht das Gleichniss von den thörichten Jungfrauen zur traurigsten Lebenswahrheit geworden? Liegt so etwas nun an unseren öffentlichen Zuständen? Liegt es an der Rechtlosigkeit der Frauen? Liegt es an verkehrter Erziehung durch gebildete Eltern ?

Die in Halle erscheinende Saale-Zeitung bracht am 9. Januar 1894 eine kurze Mittheilung, die folgendermassen lautete: »In dem Hause Schulstrasse Nr. 2 fand man heute den 35 Jahre alten Kandidaten der Medizin Hermann B. und dessen 38 Jahre alte, unverheiratete Schwester, beide mit geöffneten Pulsadern, noch lebend vor. Sie wurden nach der Klinik gebracht. Eine andere Schwester war in Folge harter Entbehrungen an demselben Tage gestorben.« Weiter meldete die Saale-Zeitung: »Das vorhandene Vermögen war durch die Krankheit der eben verstorbenen Schwester aufgezehrt. So konnte der Bruder das Staatsexamen, in dem er sich gerade befand, nicht zu Ende führen und auch zum Erwerbe nichts beitragen. Die Geschwister hofften auf Hülfe von nahen Verwandten, die ihnen aber nicht zu theil wurde. Beide Schwestern stickten, strickten und häkelten vom frühen Morgen bis tief in die Nacht, erzielten aber damit so geringe Einnahmen, dass sie sich vor den empfindlichsten Nahrungssorgen nicht zu schützen vermochten. Man male sich die Lage der Geschwister aus, die trotz angestrengtester Arbeit, trotz eines Arbeitstages von 16 Stunden selbst ohne Sonntagsruhe, nicht einmal des Leibes Nothdurft befriedigen konnten, die hungerten und froren, ohne Aussicht auf Besserung ihrer Verhältnisse und dabei doch den äusseren Schein der Lebenshaltung der gebildeten Stände aufrecht erhielten.«

So die Saale-Zeitung. Ja, man male sich die Lage der Geschwister aus! Zwei Menschen im lebenskräftigsten Alter von 35 und 38 Jahren, die nur für eine sehr anspruchslose Kranke, sonst für keine Familienmitglieder Brot zu schaffen haben, müssen bei Verwandten betteln, und wenn die erhoffte Hülfe da ausbleibt, müssen sie untergehen und greifen deshalb zum Selbstmord.

Und diese Menschen waren nicht etwa arbeitsscheu, im Gegentheil, sie haben, die Frauen wenigstens, übermässig gearbeitet.

Und weshalb konnten sie sich keine sorglose Existenz erringen? Weil sie ihre eigene Thätigkeit nicht geachtet haben, weil sie heimlich arbeiteten. Wäre der Bruder als Krankenwärter, als Apothekergehilfe, als was immer offen und ehrlich zur Arbeit übergegangen, weil ihm die Mittel fehlten, noch über das 30. Jahr hinaus die Verzinsung des in geistigen Werthen angelegten Kapitals seiner Ausbildung abzuwarten, so hätte er nicht bei Verwandten zu betteln brauchen, hätte nicht das Brot essen müssen, das seine Schwestern sich mit gehäkelten Spitzen und ausgenähten Zacken verdienten, er hätte nichts anzunehmen brauchen von diesem Arbeitslohn von 3 Pfennigen für die Stunde. Und die Schwestern hätten, um sorglos leben zu können, nur in fremde Häuser zu gehen brauchen, zum Flicken, zum Plätten, Wöchnerinnen zu pflegen, oder um eine derartige Beschäftigung anzunehmen, die im Tagelohn bezahlt wird.

Aber dann wäre der Schein der höheren Stände verloren gegangen. Ist das nun ein Verbrechen, das die Eltern durch ihre verkehrte Erziehung begangen haben, oder ist es Wahnsinn, der sich in starren Prinzipien festgerannt hat? Jedenfalls ist es eine geistige Fessel, die die unglücklichen Geschwister so fest umklammerte, dass sie in den Tod gingen, weil sie das Vorurtheil nicht abzuschütteln vermochten, weil sie von dem Schein einer nicht existirenden Wohlhabenheit sich nicht trennen konnten.

Wann werden diese geistigen Fesseln gesprengt werden, die eine so grosse Anzahl Menschen umschlingen und namenlos elend machen? Wann wird der Grundsatz: »Arbeit schändet nicht« endlich eindringen in diese Kreise des Mittelstandes, der mit demselben Einkommen, wie der Fabrikarbeiter noch den äusseren Schein aufrecht zu halten strebt?

Man kann mit diesem Einkommen leben, wenn man es vernünftig anfängt und nebenbei auf den Schein verzichtet. Den Beweis dafür liefern die Subalternbeamten, die aus dem Unteroffizierstande hervorgehen.

Am Anfange eines jeden Quartals bringen die Regierungs-Kreisblätter ein Verzeichniss der innerhalb des Bezirkes jedes Armeekorps disponiblen Stellen für Militäranwärter, also für Leute, die 12 Jahre gedient haben.

Das sind Stellen als Schuldiener, als Land-Briefträger, als Gemeindediener, als Kassenbote, als Chausseeeinnehmer, als Polizeischreiber, als Aufseher u. s. w. Alle diese Stellen bieten ein, allerdings pensionsberechtigtes, Einkommen von 800 bis zwölfhundert Mark. Die Leute, die sich um diese Stellen bewerben, sind fast ausnahmslos verheiratet.

Also diese Lebensversorgung, die der Staat seinen tüchtigsten Dienern bietet, denn es werden nur Leute angestellt, die gute Atteste vorlegen können, verschafft den Angestellten eine Bezahlung, die niemals die Jahreseinnahme der am besten gestellten Arbeiter, wie Maurer, Steinmetzen, Bergwerkshäuer und dergleichen erreicht. Trotzdem ist immerfort die Rede von dem Elend und der Armuth der Arbeiter. Warum hört man aber nie eine Klage über das Elend der Subalternbeamten, die doch theilweise weniger einnehmen, wie die Arbeiter?

Diese Leute sind im Gegentheil zufrieden mit ihrem Loose und empfinden keinen Mangel, erstens weil sie durch zwölfjährige Schulung in der Armee eine peinliche Ordnung und Pünktlichkeit erlernt haben, die es ihnen leicht macht, ihre geringen Einnahmen in der vorteilhaftesten Weise einzutheilen und zu verwenden, und zweitens weil in diesem Stande die Tüchtigkeit der Frauen am grössten ist. Während die Arbeiterfrau sich oft auf fremde Hülfe verlässt, die ihr durch zahllose mildthätige Einrichtungen ja auch meistens gewährt wird, hält die Beamtenfrau sich dazu für zu gut. Dementsprechend nehmen auch diese Familien gesellschaftlich einen höheren Rang ein und gemessen überall Achtung. Die Frauen heirathen nur, wenn sie einen sicheren Erwerb haben, der oft bis zu einem eigenen kleinen Laden hinaufreicht. Manche arbeiten auf der Strickmaschine, Andere nähen für Mäntelgeschäfte, oder sie treiben etwas Gemüsebau und Hühnerzucht, unter allen Umständen rechnen sie aber von vornherein auf sich selbst.

Und dieses »Auf sich selbst rechnen« giebt der Frau ihre sociale Stellung und Bedeutung in diesen Kreisen. – Eine Stufe höher hinauf in der gesellschaftlichen Rangordnung kommen aber dann diejenigen Frauen, die unter dem Druck jener unseligen Geistesfessel schmachten, die man »Aufrechterhaltung des äusseren Scheins« nennt und die diesem Moloch das Blutopfer der heimlichen Arbeit darbringen.

In der ersten Oktobernummer der Zeitschrift »Fürs Haus« von vorigem Jahre steht ein kleiner Aufsatz unter der Überschrift »Es stimmt!« Darin veröffentlicht die Frau eines jungen Beamten, der mit einem Gehalt von 400 Thalern geheirathet hat, ihr Haushaltungsbüdget. Es giebt bekanntlich auch höhere Beamte, die das Anlagekapital einer vollen Gymnasialbildung mitbringen müssen, und die doch eine Reihe von Jahren mit diesem »Arbeiterverdienst« zufrieden sein müssen. Sie erhalten ja später mehr, aber zu allerletzt führt die Pensionirung sie doch wieder auf ein Geringes zurück. Auch Lehrer, die eine Seminarbildung erhalten haben, müssen mit ihrer Familie von einer ähnlichen Einnahme leben, und sehr viel mehr erhalten auch an kleinen Orten junge Philologen nicht. Die junge Beamtenfrau, die in der oben genannten Zeitschrift ihre Verhältnisse mittheilt, giebt an, dass von den 400 Thalern bei ihnen vier Menschen leben müssen, die Eltern und zwei Kinder. Bis die Familie noch mehr anwächst, erwarten sie Gehaltserhöhung. Da nun um des unseligen Scheines willen die Familien in diesen Ständen sehr viel mehr für Wohnung und Kleidung ausgeben, so müssen sie naturgemäss viel schlechter essen, wie eine Arbeiterfamilie, die mit derselben Einnahme in einer Stube wohnen würde. Sie können auch nicht von öffentlichen Wohlthätigkeitseinrichtungen, kaum vom Krankenhause Gebrauch machen, weil sie doch vornehmer sind, wie die Maurerfamilie, die etwa hundert Thaler mehr einnimmt wie sie. Mag die Bildung diese Vornehmheit rechtfertigen, die Scheu vor der Erwerbsthätigkeit der Frau rechtfertigt sie nicht.

Was würden die Leute sagen, wenn die Frau eines Privatdocenten, dessen Bücher kein Mensch kauft, ein Schneideratelier eröffnen würde? Ja, die Leute würden wahrscheinlich etwas sehr dummes darüber sagen, und deshalb ziehen es solche Frauen, wie auch die Verfasserin von: »Es stimmt!« vor, mit 33 Mark Wirtschaftsgeld im Monat die Nahrungsmittel für 4 Menschen zu beschaffen. Da etwa 3 Mark davon auf Getränke, wohl nur Kaffee – kommen, so bleibt eine Mark täglich für das Essen von 4 Personen übrig, also 25 Pfennig pro Kopf.

Trotzdem ist diese gebildete Familie froh, wenn sie ohne Schulden durchkommt. Erst dann, wenn sie Schulden beim Hauswirth, Schlächter, Bäcker u. s. w. hätten, würden sie sich im Elende fühlen. Bei 25 Pfennig für die tägliche Nahrung jedes Familienmitgliedes fühlen sie sich noch nicht darin, erheben keine Klage, keinen Streik. Sehr viele Frauen, die unter ähnlichen Verhältnissen leben, ohne zu verdienen, verlangen aber noch eine Bedienung, die für sie wäscht, scheuert und Stiefel putzt. Wenn dann das Gespenst der Schulden heraufzieht und den Ruin mit sich bringt, wenn der Mann sich sagt, dass jede spätere Gehaltsaufbesserung nur dazu dienen kann und wird, abzubezahlen, dass er nie wieder wird frei aufathmen können wie vorher, da er noch unverheirathet diese nagende Sorge, diese grässlichen Entbehrungen nicht kannte, dann ist es wohl nur menschlich, wenn er sich verzweifelt von seinem Heim abwendet, um im Wirtshause – auch noch Schulden zu machen.

Bei solcher Armut muss die Volkskraft und Gesundheit zu Grunde gehen. Wenn im Sommer die Kinder der Proletarier in die mit reichen Mitteln unterhaltenen Ferienheime am Seestrande oder im Walde gebracht werden, muss die Frau des Universitätsproletariers ihr Kind mit einem dürftigen Frühstück versehen, in die höhere Schule schicken, wo das körperlich so schwache Geschöpf seine geistige Aufmerksamheit fünf Stunden hintereinander auf die unerquicklichsten Gegenstände concentriren muss, eine Leistung zu der nur, wenn überhaupt ein Kind, ein sehr robust ernährtes befähigt sein kann.

In den Ferien kann dieses Kind im günstigsten Falle nur zu seinen Verwandten auf Besuch geschickt werden. Die wenigsten Familien haben aber eine Vorliebe für die Kinder armer Verwandten, die sich bei ihnen herausfüttern sollen, und so wird denn in der Regel das arme Geschöpf auch in den Ferien nichts anderes sehen, wie das Elend der Eltern. Fleissig aber wird es angehalten zu lernen, auf dass es studiren und dereinst wieder ein Bildungsproletarier werden möge.

Es giebt Pastoren und Lehrer mit 600 Thalern Gehalt, und manche Privatgelehrte, die von Vorträgen und Schriften leben, neiden ihnen noch diese regelmässige Einnahme, mit der man doch wenigstens seine Miethe bezahlen kann.

Die furchtbar schlechte Ernährung in diesen Kreisen ist aber nicht geeignet, die Kräfte zur Ausübung des Berufes zu erhalten, und bei der ersten ernsten Krankheit sterben diese überbürdeten Männer, diese vergrämten Frauen, diese halbverhungerten Kinder.

Die Wittwenpensionen in Preussen halten sich, abgesehen von den höchsten Offizier- und Beamtenstellen unter vierhundert Thaler. Der Durchschnitt der Wittwenpensionen wird sich auf dreihundert stellen. Das sind die Lehrer-, Prediger-, Post-, Steuer-, Forstbeamten-, Offiziers-Wittwen. Andere, die Wittwen der ehemaligen Unteroffiziere, beziehen zwischen zwei und vierhundert Mark.

Soll man im Hinblick auf diese Verhältnisse noch ferner das Elend im Proletariat suchen, im Arbeiterstande allein? Ich will nicht behaupten, dass die Gebildeten ihre Armuth bitterer empfänden, wie die Ungebildeten, aber mindestens empfinden sie die Härten der Entbehrung doch ebenso schwer. Freilich klagen sie nicht so viel, weil sie sich ihres Unglücks schämen, das doch unverschuldet ist.

Ein entgegengesetztes Bild: unsere Dienstmädchen, die für sich das Elend mit kräftiger Hand zurückgedrängt haben, die sich eine nicht nur menschenwürdige, sondern oft sogar angenehme Stellung errungen haben und sie sich nicht mehr werden entreissen lassen, – und diese sollten später als Arbeiterfrauen dem grauen Gespenst der Noth verfallen, die sollten untergehen, ihre Kinder Hunger leiden, ihre Männer im Kampfe um die Existenz unterliegen sehen?

Nimmermehr! Die Existenz der Arbeiter weit, des Proletariats ist gesichert durch die Energie der Frauen, durch ihre Lust und Liebe zur Arbeit, durch ihre Bildung und ihr Verständniss, ebenso wie bei den niederen Beamten. Und da, wo in diesen Kreisen das Weib noch nicht gesiegt hat, da wird es siegen, denn auf ihm ruht die Lösung der socialen Frage, und dessen ist die Arbeiterfrau sich bewusst. In diesem Bewusstsein strebt sie nach dem politischen Wahlrechte, das ihre Partei über alle Andern erheben, ihren Sieg sichern würde. Nur eine schwache Fessel hemmt noch den Sieg der Arbeiterfrau, indem sie ihr den Erwerb erschwert, das ist die Hausküche und die Kinderwartung. Ist das einmal geordnet, so wird man in diesen Kreisen das Elend nicht mehr kennen.

Viel, viel schwerer aber stellt sich die Erlösung jenes anderen Proletariates aus den Banden des Elendes dar. Wenn auch in Arbeiter- oder Unteroffizierkreisen ein Einkommen von etwa 1000 Mark ausreichend sein mag, namentlich dann, wenn es durch die Arbeit der Frau sich verdoppelt, so ist doch dieselbe Summe für die Wittwe eines Geistlichen, Beamten, Offiziers oder Lehrers sehr, sehr viel geringer. Sie will doch ihre Kinder standesgemäss erziehen, sie will selbst standesgemäss leben, sie trägt die geistige Fessel des äusseren Scheins.

So lange es Damen geben wird, die Spitzen häkeln für 15 Pfg. das Meter, die Knöpfe überziehen für 60 Pfg. das Gross, die mit einem Worte eine heimliche Arbeit für 2 bis 3 Pfg. Stundenlohn verrichten, und die nebenbei heimlich unter der Hand Leinen, Thee oder andere Artikel verkaufen, so lange giebt es ein Proletariat, das nicht nur viel ärmer, sondern auch viel unglücklicher ist, wie der Arbeiterstand.

Nur in der Hand der Frau liegt die Lösung dieses Theiles der socialen Frage. Die Frauen der unteren Schichten aber haben bereits einen bedeutenden Vorsprang. Wann werden sich die Frauen des gebildeten, ja des gelehrten Proletariats aufraffen, um ihnen nachzufolgen? Wenn sie die geistige Fessel des äusseren Scheins, des Standesvorurtheils aber erst abstreifen, werden sie die Anderen überflügeln.

Der Fall der drei Geschwister in Halle ist ein sociales Verbrechen, ein Schandfleck unserer Zeit. Und ein ähnliches Verbrechen begehen alle diejenigen, die um des äusseren Scheins willen heimlich für Hungerlöhne arbeiten. Schämen sollten sich diese Damen vor den Arbeiterfrauen, denen sie als leuchtendes Vorbild vorangehen sollten. Die gebildeten Frauen müssen zuerst das Elend überwinden, damit an ihrem Beispiel die Anderen erkennen, welche sociale Aufgabe ihrer wartet.

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