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Adine Gemberg – Liebe.

Novelle

Aus: Wiener Rundschau, Zeitschrift für Cultur und Kunst, Herausgegeben von Constantin Christomanos und Felix Pappaport, III. Jahrgang, Nr. 1-27, 15. November 1898 - 3. December 1899, Wien, 1899



»Siehst Du meine Lippen dürsten, Geliebte?

»Ja – ich sehe Deine Lippen dürsten und ich empfinde Wonne« –

»So liebst Du mich? Wenn Du Wonne empfindest, Wonne –?«

Er bringt seinen schönen blonden, Kopf mit dem spitz geschnitten Künstler­vollbart ihrem blassen, nervösen Mignongesichtchen ganz nahe, so nahe, dass sie ihn nicht mehr genau sehen kann. Aber sie schiebt ihn zurück mit einem kalten, grausamen, herzlosen Lächeln.

»Ich empfinde Wonne, Dich so dürsten zu sehen und Dir nichts zu gewähren.«

»Nichts?«

»Nichts.«

»Du bist grausam, Minna.«

»Ja.« – Sie streckt und räkelt sich behaglich auf ihrem weichen, mit einem Tigerfell bedeckten Polstersopha. Pfauen­blaue Seidenkissen liegen verstreut auf dem tiefgoldgelben Fell. Sie liegt da, fast zu seinen Füssen, lässig, graziös in ihrer kinderhaften Magerkeit mit halbgelösten, schweren, dunklen Haaren, mit einem süssen, gedankenlosen Kindergesicht, in dem nur die Augen, die wissenden, bren­nenden Augen und die heissen Lippen von ihrem Frauenleben, von ihrem Frauenfühlen erzählen.

»Ja, das ist eigentlich der einzige Reiz, den die Liebe für mich hat: quälen, quälen und lachen über die Qualen der Opfer.«

»Quälst Du Deinen Mann auch so?« fragt er mit mühsam erzwungenem Spotte. Sie soll nicht sehen, dass er leidet. Der schlanke, jugendlich frische Mann nimmt alle Kraft zusammen, um es ihr nicht zu zeigen. So eine Katze, so eine wunder­schöne Katze, dieses Weib!

Er möchte sie peitschen und strafen, weil sie ihn leiden lässt. Aber er fühlt, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist.

Er hat vorläufig noch keine Macht über sie. Sie liebt ihn noch nicht.

Aber sie wird ihn lieben, und dann – dann wird er sie auch die unerhörte Qual der zum Spielzeug herabgewürdigten Leidenschaft fühlen lassen. Alles, was er jetzt duldet, soll sie auch dulden! Sie soll dürsten nach seinen Küssen, nach seiner Liebe, wie er jetzt nach ihrer Liebe dürstet; sie soll sich verzehren in brennender Qual, und er – er wird ihr dann nichts ge­währen, wird sich mit Wollust an dem Anblick ihrer Leiden ergötzen, er wird sich rächen – rächen für alles!

Wie zwei feindliche Klingen kreuzen sich die Blicke der beiden, leuchtend, funkelnd, aber nur eine Secunde.

Danach hat sie gesiegt.

Er beugt sich zu ihr, sinkt an ihrer Seite nieder und ist froh, dass er seine heissen Hände in ihre glatten, kühlen Seidenpolster einwühlen darf.

»Man verliert seinen Verstand, wenn man so liebt, wie ich Dich liebe, so heiss, so wild, so unglücklich,« flüstert er.

Sie greift nach ihrem Cigarettenetui und nimmt eine Cigarette, die sie langsam und umständlich anzündet.

Dabei richtet sie sich auf und stellt die Füsse auf den Teppich, schmale, magere Füsschen in schwarzen Seidenstrümpfen und ganz losen, kleinen Pantoffeln.

»Weisst Du, Gustav, das kann mein Mann auch, so einfach zärtlich sein, mich küssen und mir ein paar verrückte Worte sagen über seine Liebe, oder über meine Schönheit, oder so was.« –

Sie lacht wie ein Kind zu ihm auf. Sie spielt mit Streichhölzern und Cigaretten, wie ein kokettes, albernes Kind, und mit Menschenherzen spielt sie wie eine Sphinx.

Ihre Augen brennen.

Eine dunkle Blutwelle röthet ganz plötzlich sein durchgeistigtes, helles Ge­sicht. »Erzähl' mir nicht von dem Manne, nur nicht von Deinem Manne! Du machst mich sonst rasend.«

Er drängt seinen Kopf neben sie, die wieder in ihre weichen Kissen zurück­gesunken ist. Seine weissen, zierlichen Zähne packen die blaue Seide. Er fühlt wohl, dass er sich unwürdig benimmt, dass er sich etwas vergibt.

Aber er kann nicht anders. Die Liebe zu dieser Frau hat ihn unsinnig, toll, rasend gemacht. Sie liegt ganz ruhig und saugt an ihrer Cigarette, die nach einer Minute etwa endlich brennt.

Manche Damen haben solche Dinger, die gar nicht anzuzünden sind. Es scheint, als ob die Fabrik ein Patent darauf ge­nommen hätte, Cigaretten herzustellen, die so langsam anbrennen, dass man ein Menschenschicksal entscheiden kann zwi­schen dem ersten Anreiben des Streich­holzes und der ersten, warmen, breiten, behaglichen Tabakswolke.

Unruhige, nervöse Personen brauchen eine Schachtel Streichhölzer zu jeder solchen Cigarette. Die Streichhölzer aber besteuert der Staat, und die Steuern dienen den Inter­essen des Heeres, wenigstens in Frankreich. Dort ist es demnach eine hochpatriotische Sache, »Streichhölzer zu rauchen«.

Minna ist aber keine Französin, wenn sie auch eine importierte Büchse echt französischer unbrauchbarer Wachsstreich­hölzer in Gebrauch hat.

Es kann ihr deshalb niemand übel nehmen, dass sie ärgerlich wird und – als endlich ihre Cigarette brennt, sich in schlechtester Laune befindet.

»Was willst Du eigentlich von mir, Gustav? Ich habe doch nun mal den Mann, habe von ihm das Kindchen.«

Er lacht schneidend auf.

»Die Margarin-Dynastie Brennecke ist also gesichert und einstweilen vor der Gefahr des Erlöschens bewahrt. Eine wahr­haft beruhigende Thatsache für alle Gut­gesinnten, für alle Vertreter wahrer Moral und Tugend.«

Minna ist ganz leicht erröthet bei dem rücksichtslosen Hohn auf den Beruf ihres Gatten. Etwas verlegen, wie ent­schuldigend klingt ihre Rede.

»Du weisst, dass ich diesen Mann geheiratet habe, weil es meine Eltern wünschten, weil die Verhältnisse sehr günstig waren, weil – – mein Gott, was soll ich noch sagen!« –

Sie hat sich aufgerichtet. Die schma­len, zarten Füsschen in ihren losen Pan­toffeln scharren etwas nervös auf dem Teppich.

Eine Plüschdecke gleitet bei ihrer Be­wegung vom Sopha herab.

Alles um Minna herum ist so weich, so warm, so ausgepolstert. Sie lebt in ihrem erheirateten Palast eines Börsen­fürsten, wie eine wilde Königin in dem Zelte eines siegreichen Häuptlings, der der Geliebten alles zu Füssen legt, was er erbeutet. Die Schätze fremder Länder, die Heiligthümer unterjochter Völker.

Gustav lacht über ihre Worte. Mit flammenden, begehrenden Blicken folgt er der süssen, verlegenen Unruhe ihres Wesens.

»Aber Minna, wir sind ja doch Freunde seit Jahr und Tag. Du kennst mich und kannst deshalb gar nicht daran zweifeln, dass ich Deine Heirat mit diesem reichen Margarin-Fabrikan­ten nicht nur billige, sondern geradezu bewundere. Wenn ich ein Mädchen gewesen wäre wie Du, würde ich genau ebenso gehandelt haben. Lebenslang würde ich es meinen Eltern gedankt haben, wenn sie mir eine so brillante Partie vermittelt hätten. Wie kommst Du eigentlich darauf, Dich mir gegenüber deshalb so gewissermassen – zu entschuldigen?«

Sie sieht ihn starr und enttäuscht an.

»Ist es Dir gleichgiltig, die Frau, die Du liebst, in diesem oder jenem Arm zu wissen? – Sind meine Küsse nach Deinem Gefühl eine Sache, die man öffentlich verhandeln, vertheilen kann, wie die Actien eines industriellen Unternehmens, meinetwegen einer – Margarin-Fabrik? Glaubst Du, dass dieser Mann – dieser – ach, ich kann nicht sagen, was ich für ihn empfinde, aber glaubst Du, dass mein Gatte irgend etwas ahnt von der Sehn­sucht, von dieser wilden Sehnsucht, von dem Verlangen, das mein Herz ver­zehrt?« –

»Das wäre eigentlich ein bisschen viel verlangt, wenn er das auch noch ahnen sollte – Du –.« Sie sieht ihn wieder so seltsam an, begehrend, träumend, wie lechzend nach seiner Liebe.

Wenn er jetzt sentimental wird, wirft sie ihm die Sclavenkette um den Nacken, beugt ihn nieder unter ihr eigensinniges launisches Scepter.

Er beherrscht sich deshalb und sagt mit einem Spott, der gegen seinen Willen einen scharfen Ton annimmt:

»Ja, es mag nicht so leicht sein, als unverstandene Frau zu leben.«

»Unverstanden? O da kennst Du mich gar nicht, an mir ist nicht so viel zu verstehen. Aber in dem Manne möchte ich ein Räthsel lösen – dann könnt' ich ihn vielleicht lieben.«

Das hatte er nicht erwartet. Diese Er­kenntnis ihres eigenen geistigen Stand­punktes.

»Hältst Du Dich also nicht für ein kleines verkanntes Genie, Minna?«

Sie wirft mit einer unendlich anmuthigen Bewegung die schlanken, über­zarten Arme über dem Kopf zusammen und legt das Gesichtchen darauf.

Die dunkellockigen Haare lösen sich ganz aus der Frisur und fallen weich über den weissen Kaschmir ihres Hauskleides.

»Mit solchem Spotte kommst Du mir nicht näher, Gustav. Deshalb habe ich Dir nicht die Jugendfreundschaft gewahrt. Ich erwarte etwas anderes von Dir –«

»Liebe?«

In hellem Zorn springt sie auf. »Ob denn Ihr Männer weiter nichts für uns Frauen bieten mögt als Liebe – immer dasselbe – immer nur Liebe, die von allen Seiten an mich herandrängt und die ich so nicht mag, so nicht verstehe –«

Er ist ganz verblüfft.

»Ja mein Gott, was willst Du denn eigentlich vom Manne, was erwartest Du denn?«

»Genie.«

»Na – erlaube mal – es kann doch nicht jeder –«

»Natürlich nicht jeder. Lieben könnt Ihr alle, lieben wollt Ihr alle, aber es ist immer dasselbe, und ich finde das, was ich bis jetzt davon kenne, gerade lang­weilig genug.«

»So – langweilig? Ja, wenn ich nur wüsste, was Du eigentlich meinst.«

»Das will ich Dir sagen: Sieh, ich habe in der Schule nichts gelernt, das weiss ich und ich kann auch nicht logisch denken.«

»Aber das ist ja gerade das Ent­zückende an Dir. Damit bezauberst Du alle Männer. Geist haben wir im eigenen Geschlecht, aber diese holde, unberechen­bar naive Kindlichkeit bei so viel Schön­heit, wie Du sie –«

»Herrgott, nun werde nicht auch noch fad! Das da weiss ich nämlich alles.«

»So mag ich Dich, Kleine, sag mir nochmal, ich sei fad« – er lacht.

Aber sie sieht ihn mit den grossen Kinderaugen sehr ernst an und sagt ganz langsam: »Ich sehne mich nach dem Märchenzauber neuer grosser Gedanken. Ich möchte zu einem Manne aufblicken, dessen geistvolle Rede mir Welten er­schlösse, Geisteswelten, die mir so fremd sind, so fern. – Ich möchte einen Mann lieben, der ein Titan wäre im höchsten Wissen, einen Fürsten aus dem Reiche der Geister – mit einem Worte: einen Dichter.«

Er sieht sie ganz entsetzt an und rennt dann wild in dem niedlichen Zimmer umher.

Ja, Kuckuck noch einmal, mit diesen Ansprüchen kann sie nur ihn meinen, ihn, der seines Zeichens Redacteur ist. Sie scheint diesen Beruf für etwas Ähnliches zu halten wie den eines Dichters.

Ganz unmöglich, ihr begreiflich zu machen, dass man zur Abfassung eines Leitartikels und zur Zusammenstellung von Telegrammen keiner dichterischen Inspiration bedarf. Märchenzauber neuer Gedanken – ach, eine schöne Geliebte kann doch recht unbequeme Forderungen stellen!

Und doch erregt ihre Schönheit in diesem Augenblick mehr wie je seine Leidenschaft. Ihre Jugend von kaum zwanzig Jahren, die durch ihre Mutter­würde, durch ein gewisses freies Frauen­thum bei aller Kindlichkeit ihre Erschei­nung so über alle Massen anziehend, be­strickend macht, wirkt auf alle seine Sinne.

Was gäbe er wohl darum, wenn er jetzt so ohne weiters das Ideal vom »Märchenzauber neuer Gedanken« für sie zu ver­wirklichen vermöchte? Sie ist doch zu reizend, thatsächlich wonnig!

Ihre Augen haben sehr lange schwarze Wimpern, die feinen Brauen setzen sich in ein paar kleinen, netten Härchen ein­ander gegenüber fort, so dass sie sich schliesslich über dem süssen, drolligen Näschen zusammenfinden. Das gibt dem pikanten Gesichtchen so etwas Interessantes, so etwas Düsteres. Ja, »die Leute mit zusammengewachsenen Brauen sterben von Mörderhand« – das ist ein Volksaber­glaube, so dumm wie jeder andere, aber Gustav kennt ihn, und seine süsse, kleine, dumme Minna kennt ihn auch.

Manchmal macht sie sich interessant damit, heuchelt Todesahnungen, Gleichgiltigkeit gegen das Ende und liebt doch das Leben, so heiss – so heiss –

Wenn sie nur nicht die Schrulle hätte, nur von einem geistvollen, sehr geist­vollen Mann geliebt sein zu wollen!

Eine sehr unbequeme Laune bei einer so hübschen Frau!

Gustav Wendlandt ist im Kreise seiner Collegen als feiner, geistreicher Kopf be­kannt und beliebt; aber es geht ihm seltsam. So oft er in das blaugelbe Gemach mit dem Tigerfell tritt, ist es, als ob hinter seiner Stirn ein Licht ausgelöscht würde.

Dunkelblaue, sonderbare Ornamente ziehen sich durch die schwere, gelbe Seide der Vorhänge. Die Sonne glüht hindurch und wirft einen warmen, gelben Goldton über das tiefbrünette Gesichtchen. Kalt und hart unterbrechen die blauen Farben­töne diese Glut in bizarrem Contrast.

Wie oft hat er diese Betrachtungen nun schon angestellt! Es ist wirklich nicht geistreich, immer wieder darüber nachzudenken!

»Ach Minna – küsse mich! Lege nur ein einzigesmal Deine Arme um meinen Nacken, lass mich die Glut fühlen, die das brennende Roth Deiner Lippen mich ahnen lässt. Lass mich dem Klopfen Deines Herzens lauschen! An Deinem zarten Halse pochen die heissen Pulse Deines Lebens. Mir ist, als ob dieser Herzenston die Glocke Deiner Seele sei, die mir ein Ave Maria läutet. Ein Segensgruss, ein Weiheton für unsere junge, heilige Liebe ist mir Dein Herzschlag.« –

Sie duldet, dass seine Lippen die Stelle streifen, die an ihrem zarten Halse auf und ab zittert unter den Wogen des ganz in Erwartung fiebernden Blutes.

Die Liebe – wird die Liebe ihr nun ein Mysterium enthüllen, einen ungeahn­ten Genuss, so gross, so süss, wie ihn die Ehe gar nicht kennt?

Dieser geistreiche Mann, dieser Schrift­steller und Dichter wird gewiss auf eine ganz andere, auf eine geheimnisvolle, neue, ungeahnte Art und Weise zu lieben verstehen!

Er beugt sich über ihr Lager und schliesst den zarten, nervösen Frauen­körper fest in die Arme. Er legt seinen Kopf mit auf ihr Kissen und athmet in durstigem, heissem Begehren den Duft ihrer Haare, ihrer mattbraunen, klaren Haut. –

»Wie süss bist Du Minna – wie un­sagbar süss!« –

Er ist ganz betäubt von der Wonne, mit der ihn ihre Hingabe erfüllt. Den be­obachtenden, erwartenden, zuversichtlichen Blick der grossen Kinderaugen bemerkt er gar nicht in dem Rausch seines Glückes.

Minna aber erwartet, still und mit felsenfester Zuversicht das Unerhörte, Unbekannte, Unglaubliche – das Ideal – die Liebe.

Herr Brenneke, dem ihre Eltern vor Jahr und Tag mit festem, gutem Ver­trauen ihre einzige gaben, ist natürlich ein Ehrenmann. Nie hat Minna daran gezweifelt. Aber sie, das siebzehnjährige Kind, liebte den reifen, praktischen, lebens­klugen Mann nicht. Es erschien ihr schon so über alle Massen prosaisch, dass er Margarin-Fabrikant war.

Alle Freundinnen der jungen Braut waren mit ihr einig in der Überzeugung, dass die Liebe, die beseligende, wahre, poetisch-verklärte Liebe nur durch einen Maler, Dichter, Lieutenant oder sonst eine hochinteressante Persönlichkeit er­weckt werden könne.

Lächelnd vernahm Herr Brenneke den besorgten Bericht, den seine Schwieger­mutter ihm über diese Gefühle ihrer Tochter erstattete.

Er war sehr glücklich, dass Minna ihn nahm und gewährte ihr auch die Freiheit, andere Männer, namentlich ihren Jugendfreund Gustav Wendtland ganz un­befangen, ganz im Alltagsleben näher kennen zu lernen. Er meinte, sie würde sich auf diese Weise am allerschnellsten davon überzeugen, dass er so liebenswert sei wie irgend ein anderer.

Es wurde ein Kindchen geboren. Minna liebte es leidenschaftlicher, wie sie je als Kind ihre Puppen geliebt hatte. Sie ge­wann auch ihren unendlich geduldigen, nachsichtigen, gütigen Gatten lieber und lieber von Tag zu Tage.

Sie fühlte, ohne sich darüber klar zu sein, seine geistige Überlegenheit, seine reifere Erfahrung. Es war ihr unmöglich, irgend etwas zu denken oder zu thun, ohne ihn um Rath zu fragen.

Aber das war das Alltägliche, das Selbstverständliche, das war gewiss nicht die Liebe! Mit inbrünstiger Neugierde wartete sie auf das Wunder, auf das Unerhörte, Unbeschreibliche.

Natürlich die Liebe war eine verbotene Frucht für sie, die Gattin, die Mutter!

Sie war auch fest entschlossen dieser Himmelswonne zu entsagen. Nein, sie wollte nicht sündigen, nicht fallen. Nur die Erkenntnis gewinnen!

Wenn der Apfel vom verbotenen Baume in ihrer Hand glänzen würde, wollte sie nicht hineinbeissen, wie Eva damals –

I – Gott bewahre!

Sie wollte den Apfel nur ganz nahe sehen, vielleicht ihn fühlen, sich berauschen an seinem Duft, an seiner Farbe.

Jetzt war also der grosse Augen­blick da!

Sie sollte die Liebe des geistreichen, überlegenen Mannes, die Dichterliebe kennen lernen!

Ohne Nietzsche gelesen zu haben, hatte sie etwas vom »Übermenschen« läuten hören.

Deshalb war sie fest davon überzeugt, dass Gustav Wendlandt in der Stunde, in der er ihr das hohe Mysterium der Liebe enthüllen und zeigen würde, sich bei dieser Gelegenheit wie ein Übermensch benehmen müsse. Sie sollte also auch das nun kennen lernen.

Voll banger, seliger Lust und Erwartung blickte sie zu ihm auf.

»Meine süsse Kleine, meine schöne Geliebte – Minna, Engel – nein, wie kann nur ein irdisches Weib so süss, so zum Verrücktwerden liebreizend sein!« – stammelte er.

»Wie duftet Dein Haar, Minna! – Sag, parfümierst Du es Dir mit Veilchen – im Badewasser vielleicht? – –«

Wirr, zusammenhanglos, ganz ohne besonderen Geist oder Witz stammelte der Journalist seine Liebesworte, einzig und allein nur bestrebt, sie zu küssen, ihren lieblichen Körper zu berühren.

Immer banger wurde der Ausdruck der grossen, wartenden Augen, immer ängstlicher, weinerlicher das Zucken um den süssen, kleinen Mund.

Langsam, langsam malte sich eine grosse, bange Enttäuschung auf dem erblassten Gesichtchen.

Thränen stiegen ihr in die Kehle. – Das, ja das war ganz genau so, wie die Zärtlichkeiten ihres Mannes. –

Genau so?

Nein, doch nicht!

Die lässige Haltung verschwand ganz plötzlich. Die wohllüstig gelösten Glieder strafften sich – sie wollte ja den Apfel vom Baum der Erkenntnis von sich schleudern!

Jetzt schien sie im Begriff, es zu thun. Rücksichtslos stiess sie plötzlich den jungen Mann zurück.

»Gehen Sie – das ist nicht die Liebe!« – stammelte sie ausser sich.

»Aber Minna, ich bete Dich an.« –

»Das ist nichts Besonderes! Paul–Wie, Paul? Fürchtest Du seinen Zorn? Bebst Du vor der Rache des beleidigten Tyrannen? Gegen eine Welt werde ich unsere Liebe vertheidigen.«

»Minna! –« zärtlich sucht er sie zu umschlingen.

»Minna, ich liebe Dich, sei mein!« –

Da lachte sie laut auf.

»Geh nun! Ich weiss jetzt, was ich wissen wollte.«

»Aber was denn?«

»Ich weiss jetzt, dass es Stunden gibt, in denen ein Liebhaber uns genau so gleichgiltig sein kann wie ein Gatte.« –

Wenn ein kalter Wasserguss plötzlich über ihn herabgebraust wäre, hätte er nicht entsetzter, nicht ernüchterter auf­fahren können, wie bei dieser unerwarteten Erklärung.

Er hatte eine Frau mit dem Gemüth eines Kindes, ein engelhaftes Kind mit dem Reiz voller Frauenschönheit in ihr zu sehen geglaubt.

Er liebte sie wirklich. Ihre Zärtlich­keit, ihre naive Herrschsucht, mit der sie ihn quälte, war ihm ein Heiligthum.

Nun stand sie vor ihm mit einem Ausspruch, wie er ihn frivoler, cynischer noch selten von einer Frau gehört hatte.

»Ein Liebhaber kann uns so gleich­gültig sein wie ein Gatte.«

War dieses Wort nicht charakteristisch für eine Weltdame ohne irgend welche Ideale, für ein Weib, dessen Gefühlsleben erstarrt war in Lüge und Schein?

Ihm war, als ob eine Heilige sich plötz­lich vor ihm enthüllt habe wie eine Dirne. Und er hatte an diese Heilige geglaubt!

Er fühlte, dass mit ihr sein letztes Ideal zusammenbrach.

»Ich weiss nicht, was ich verschuldet habe, gnädige Frau,« stiess er endlich fassungslos hervor.

Wieder benahm er sich in keiner Weise als Übermensch. Er liebte und litt, genau wie Paul Brenneke auch, wenn es ihr gefiel, ihn zu erhören oder ihn zurückzustossen, je nachdem.

Wendlandt mochte selbst fühlen, dass er keine glänzende Rolle spielte. Er empfahl sich hastig; kaum war er im Stande, im Vorzimmer ordnungsmässig Hut und Über­zieher anzulegen.

Minna kroch wieder zusammen auf ihrem Kissensopha, rauchte nachdenklich ihre Cigarette zu Ende und erwog wieder einmal das Problem, das sie schon so oft beschäftigt hatte: Existiert das, was man Liebe nennt? Und wenn es existiert, wie soll man es geniessen?

Paul Brenneke trat leise bei ihr ein. Er war in tadellosem Strassenanzuge. Er wusste, dass Minna Wert darauf legt und deshalb opferte er ihr oft genug seine Bequemlichkeit, wenn er aus dem Geschäft kam und sich vielleicht ganz gerne etwas hätte gehen lassen.

»Hat Herr Wendlandt Dich gut unter­halten, Kind?« fragte er freundlich.

»Nein, er hat mich gelangweilt,« ant­wortete sie verdriesslich.

»Du bist noch im Hauskleid, Minna? Fühlst Du Dich vielleicht nicht wohl?«

»Und wenn das wäre? –«

Bei ihrer nachlässigen Frage springt er ganz erschrocken auf.

»Liebling, verschweige mir nichts! Wenn Dir auch nur das Geringste fehlt, will ich alles thun, was ich für Dich thun kann.« – –

– – Wieder fühlt sie diese kalte, grausame Neugierde, die sie so oft drängt, die Menschen zu quälen, um sie dann, wie ein Vivisector sein Opfer, zu be­obachten.

»Würdest Du wachen, wenn ich z. B. Fieber hätte und während der Nacht einer Pflege bedürfte?«

»Aber selbstverständlich, Du mein Glück, mein süsses, holdes, kleines Weibchen!«

Er küsst ihre Hände und sieht sie ganz besorgt an, denn die kleinen Hände sind heiss und seltsam trocken.

Wie er sich über sie beugt, sieht sie ganz genau, wie die beginnende Glatze sich kreisförmig in seinem dünnen Haar abzeichnet.

Wie schade, dass er diese Glatze hat und eine so kurze, fette Gestalt! Er be­sitzt wahrlich nicht die Erscheinung eines Liebhabers. Nur eins hat er, was zu einem Liebhaber gehört, die Liebe, die treue, ehrliche, echte Liebe.

»Aber wie Du redest, Paul, Du hast doch soundsoviele Comptoirstunden hinter Dir. Du bist müde und schläfst jede Nacht sehr gut. Du würdest schlafen, wenn ich im Sterben läge.«

»Nein Kind, ganz gewiss nicht.« –

»Nicht?«

»Nein, weil ich Dich liebe.« –

»Ah, Du liebst mich?«

Sie richtet sich auf und in ihren Augen leuchtet dieselbe Spannung, dieselbe Neu­gierde, wie vorher bei den Erklärungen des eleganten, jungen Schriftstellers.

Mit heimlicher Seligkeit fühlt es der Mann. Er fühlt auch, dass sie in diesem Augenblicke die Mängel seiner äusseren Schönheit, die sie sonst so empfindlich stören, nicht bemerkt.

»Ich will Dich nicht mit den Er­klärungen meiner Liebe belästigen, Minna; ich habe Dir das nun mal versprochen,« sagt er traurig, fast schüchtern.

Aber sie legt einen Arm um seinen Nacken.

»Gibt es denn wirklich Liebe? Solche Liebe, wie die Dichter besingen, solche Liebe, wie die Religion vorschreibt?« –

»Die Liebe, die Berge versetzt, die Liebe, die alles duldet, alles verzeiht, alles trägt – ja Kind, diese Liebe gibt es – –«

»Wo Paul – wo?«

Sie fragt nicht mehr in Neugier, nein in Spannung, in athemloser Spannung.

»Wo ist diese Liebe, Paul?«

»Hier.« Er deutet auf sein Herz; seine treuen Augen leuchten.

Sie begreift. –

»Paul – Paul – hast Du mich denn wirklich lieb?«

»Über alles!«

Weiter sagt er nichts. Aber sie er­wartet auch auf einmal nichts weiter.

Ganz still legt sie ihren schönen dunkeln Kopf an seine Schulter und hört zu, wie er ihr leise und innig das er­zählt, was er unter Liebe versteht. –

Liebe –